Czytaj książkę: «Franz Grillparzer»

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Birthe Hoffmann / Brigitte Prutti

Franz Grillparzer

Neue Lektüren und Perspektiven

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Umschlagabbildung: Anselm Kiefer, Des Meeres und der Liebe Wellen, 2011, Mixed media and gynaecological instrument on photographic paper, 42 1/8 x 128 3/4 x 3 15/16 in. (107 x 327 x 10 cm), © Anselm Kiefer. Photo © White Cube (Charles Duprat)

DOI: https://www.doi.org/10.24053/9783772057267

© 2022 • Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KG

Dischingerweg 5 • D-72070 Tübingen

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ISBN 978-3-7720-5726-7 (Print)

ISBN 978-3-7720-0176-5 (ePub)

Inhalt

  Einleitung

  Was tun mit dem Klassiker? Franz Grillparzer im Literaturmuseum der Österreichischen Nationalbibliothek Literatur

  „Wir haben’s gut gemeint, doch kam es übel“ – Geschichte als Groteske in Büchners Dantons Tod und Grillparzers Bruderzwist in Habsburg Dantons Tod als Metatheater der Geschichte Die Dialektik von Ordnung und Chaos in Ein Bruderzwist in Habsburg Lukrezia/Lukretia – zwischen libidinösen und revolutionären Energien „Aus eignem Schoß ringt los sich der Barbar“ – Die Inversion der Humanität Alles Ständische und Stehende verdampft, alles Heilige wird entweiht Literatur

 Touching Matters: Unstable Epistemologies in Grillparzer’s Kloster bei SendomirUncertain TimesCertainties UnsettledFraming UncertaintyGothic IntimaciesFraming and TransgressionGender and Knowledge: You Can Look, But Can You Touch?Creation and Procreation: Generating DoubtThe Secret WithinStaging RevelationSacrifice and VictimhoodFraming MasculinitiesCodaBibliography

 Sich am Tod versehen: Auf Abwegen zwischen Grillparzers Selbstbiographie und der Medea-TrilogieIIIIIILiteraturPrimärliteratur

 Hell und Dunkel in Grillparzers Goldenem Vließ: Schattierungen eines schillernden MotivsDramaturgie von Licht und Schatten: Zur bühnengerechten Symbolik eines raumzeitlichen WechselspielsMedea in Kolchis: Nachtgespenst und Lichtgestalt – Die Hauptfigur als Verkörperung einer strukturstiftenden und sinngebenden PolaritätMedea in Korinth: Schattendasein und paradoxe Wiedergeburt einer aufgeklärten Königin der NachtLiteraturPrimärliteratur

 Vom Ehedrama zum ‚Kampf der Kulturen‘: Grillparzers Trilogie Das goldene Vließ als Kritik an Essentialismus und EthnozentrismusKulturelle Denk- und Wahrnehmungsformen des FremdenDie kritische Dimension der TrilogieMedea als tragisches Opfer im ‚Kampf der Kulturen‘ – und die AlternativszenarienLiteraturPrimärliteratur

 „Die Welt, sie fühlt die Ordnung als Bedürfnis“: Grillparzers Ästhetik des Unverfügbaren im Kontext des FrührealismusSchwierige EpochenzuordnungUnverfügbare WirklichkeitPostidealistisches Subjekt„Der Teufel hole alle Theorien.“„Die Welt, sie fühlt die Ordnung als Bedürfnis“LiteraturPrimärliteratur

 Grillparzer von Frankreich aus betrachtet: Platz in der Literaturgeschichte, Aufführungen, ÜbersetzungenGrillparzer in der französischen Literaturgeschichte und GermanistikGrillparzer auf den französischen BühnenGrillparzer in französischer ÜbersetzungLiteraturÜbersetzungen von Grillparzers Dramen ins Französische

 Medea nach Grillparzer: Zur Semiotik des Pathologischen in den Inszenierungen Mateja Koležniks und Aribert ReimannsSemiotik des PathologischenGrillparzers Medea: Pathologische Manifestation & Neuerung eines klassischen StoffesAribert Reimann: Medea. Eine Oper in 4 Bildern.Mateja Koležnik: Medea, von Franz GrillparzerMedea nach GrillparzerLiteraturPrimärliteratur

 Die Autorinnen und AutorenKurzbiographienAdressen

Einleitung

Das Werk Franz Grillparzers ist ein bemerkenswerter Fall verhinderter Rezeption, deren Ursachen sicher zum Teil in seiner Vereinnahmung für identitätspolitische Zwecke liegen. Der Status eines österreichischen Klassikers, mit dem impliziten oder expliziten Auftrag von Identitäts- und Sinnstiftung durch die vielen Krisen der Monarchie und der beiden österreichischen Republiken, scheint seinem Werk und seiner Wirkung eher abträglich gewesen zu sein. Bis in die 1990er Jahre hinein lässt sich in der Grillparzerforschung das Bild des Dramatikers als konservativer Verteidiger einer monarchischen Ordnung und einer quietistischen Weltsicht barocker Provenienz verfolgen, der von Anfang an auf verlorenem Posten steht. Der oft vereinfachte Befund einer Kritik an nationalistischen Strömungen in den Texten Grillparzers wurde in dieser Forschungstradition mit der These verbunden, Grillparzer hätte eine Kritik des neuzeitlichen Subjektivismus im weitesten Sinne geäußert. Ideengeschichtlich wurde Grillparzer somit als ein Verfechter einerseits überzeitlicher, humanistischer Werte, andererseits als der genaue Gegensatz zum deutschen Idealismus und zur protestantisch-preußischen Denkart stilisiert. Eine solche Lesart, die nach stabilisierbaren Philosophemen und ideologischen Positionen sucht, lässt sich aber nur unter Ausblendung einer Vielzahl von Textperspektiven durchführen, die dieser Eindeutigkeit widersprechen. Die dadurch hervorgerufenen Herausforderungen an die Leser:innen bzw. Zuschauer:innen dürften eine weitere Ursache seiner erschwerten Rezeption und seiner relativen Unbekanntheit sein. Sie sind aber zugleich ein Grund, weshalb man ihn heute wieder lesen sollte: Im Widerspruchsvollen, Ambivalenten und Paradoxen seines Schreibens scheint etwas einzigartig Reales auf. Grillparzers Figuren sind keine Charaktere, die irgendetwas repräsentieren sollen. Sie sind in ihrem Wesen unkoordiniert: Zwischen Denken, Sprechen und Handeln tun sich Abgründe auf. Sie sehnen sich nach Ordnung und Sinn, aber jede Ordnung ist zugleich grausam und kann schnell ins Chaos umschlagen – den Sinn muss jeder für sich selbst zurechtbasteln. Der Prozess der Geschichte, in den jeder unentrinnbar eingebettet ist, rollt unaufhaltsam über das Streben der Menschen hinweg – und doch trägt jeder eine persönliche Verantwortung für seine Taten. Für unser heutiges Geschichtsverständnis ist diese paradoxe Auffassung der Rolle des Subjekts in historischen Prozessen und Konstellationen, die weder das Subjekt aus der Verantwortung entlässt, noch idealistisch als autonom begreift, äußerst relevant.

Die für die Leser:innen besonders anspruchsvolle Verarbeitung historischer Stoffe in vielen von Grillparzers Dramen mag auch manchen Regisseur abgeschreckt haben, seine Kräfte an dem großen Dramatiker zu erproben, muss doch hinter dem Gewand des Historischen die zukunftsträchtige Analyse geschichtlicher Prozesse erst hervorgeholt werden. Ausgerechnet Thomas Mann, ein in vieler Hinsicht von Grillparzer weit entfernter Autor, hat vor 100 Jahren instinktiv ein untrügliches Gespür für die doppelbödige Sprache Grillparzers gezeigt. In seiner Huldigung für Grillparzer, zum fünfzigsten Todestag am 22. Januar 1922 in der Neuen Freien Presse veröffentlicht, heißt es:

Es gibt Plauderei, die heimlich Hochgesang, gibt das Pasquill, das in der Tiefe Verherrlichung ist, Feierlichkeit, unter der es kichert. Einen ähnlichen, man darf sagen: romantischen Zwiespalt empfand ich in Grillparzers Dichtung von jeher, einen solchen der Form und des Geistes. Jene mag man klassizistisch, ja bei kritisch-negativer Gesinnung epigonenhaft nennen; dieser ist dem Gefühl so menschlich-nahe, so zart-modern-lebendig, so durchdringend persönlich, daß das bei allem Zauber des Verses leicht museale Kleid des Jambendramas beinahe wie Ironie wirkt – auf mich, ich kann es nicht anders sagen.

Man hört den Vergleich mit Schiller und Goethe noch heraus, wenn auch mit Sinn für den Gewinn, der mit der Differenz zur Weimarer Klassik einhergeht. Wie einige Beiträge zu diesem Band demonstrieren, ist der Bruch Grillparzers mit der idealistischen Tragödienästhetik der Goethezeit weitaus radikaler, als die teils noch klassizistische Form auf den ersten Blick vermuten lässt. Die illusionslose Beobachtung der Entwicklungen seiner Zeit, die er auch in die Zukunft extrapolierte, machte ihn in ästhetischer und politischer Hinsicht zu einem Ungleichzeitigen. Nur wenige seiner Zeitgenossen – wie etwa Georg Büchner und davor schon Heinrich von Kleist – waren bereit, die idealistische Art der Kontingenzbewältigung zu verabschieden, um so tief in den Abgrund der Dialektik von Ordnung und Barbarei zu blicken.

Viele neue Ansätze in der Literaturwissenschaft der letzten Jahrzehnte kommen den Herausforderungen durch das Doppelbödig-Bruchhafte in den Texten Grillparzers und einer Neubewertung seines Œuvres im Lichte aktueller Fragestellungen sehr entgegen. Die Implikationen der in der Forschung schon früh anerkannten Komplexität der Psychologie und Figurengestaltung, sowie die Aufwertung des Sinnlichen bei Grillparzer kann heute noch differenzierter beschrieben werden, u.a. durch affekttheoretische Ansätze und ein phänomenologisch geprägtes Interesse für das Nebeneinander verschiedener Wahrnehmungsformen.

Die Erweiterung der Hermeneutik durch Rezeptions- und Wirkungsästhetik hat den Blick für die vielen Leerstellen geschärft, die oft gegen die Selbstdarstellung der Figuren im Sinnhorizont der Leser:innen in Betracht gezogen werden müssen. Provozierend ist auch die Heterogenität der sprachlichen und dramatischen Register, darunter das Ineinander-Hinübergleiten bzw. Kippen von Tragik und Komik, Grauen und Groteske in den Texten Grillparzers, das in manchen Aspekten bereits auf die Dramatik nach 1945 vorausweist.

Auch Anregungen durch den Poststrukturalismus und die Dekonstruktion sind vielversprechend, um Grillparzers Analyse von Mechanismen der Macht, der Sprache und Identitätskonstruktionen unterschiedlicher Art herauszuarbeiten. Dies beinhaltet die Konstruktion von Gender, die bei Grillparzer an der kritischen Dekonstruktion von problematischen Männlichkeitskonstruktionen und der Gestaltung von Figuren jenseits der typischen Weiblichkeits- und Männlichkeitsdiskurse sichtbar wird. Nicht zuletzt trifft dies aber auch auf die Dekonstruktion von Alteritäts- und Nationalitätsdiskursen zu, wofür Grillparzer als Beobachter der komplexen Dynamiken im spannungsvollen transkulturellen Kontext der Habsburger Monarchie besondere Voraussetzungen hatte. Die durch poststrukturalistische Ansätze angeregten neuen Möglichkeiten der Aktualisierung seines Œuvres scheinen aber im Fall Grillparzers bei weitem noch nicht erschöpft zu sein.

Der vorliegende Sammelband verfolgt das Ziel, neue ertragreiche Wege der Analyse von Grillparzers Werk zu zeigen. Er enthält acht literaturwissenschaftliche Beiträge aus der internationalen Forschung und einen einleitenden Essay vom Direktor des österreichischen Literaturmuseums zur Praxis der Literaturvermittlung im 21. Jahrhundert am Beispiel Franz Grillparzers. Sein Anliegen geht weit über den Wunsch hinaus, einen großen europäischen Autor österreichischer Prägung anlässlich seines 150. Todesjahres zu würdigen. Er gibt einen Einblick in aktuelle Lektüren und Perspektiven, die das große, noch nicht eingelöste Potenzial dieses Autors neu zu entfalten suchen.

Wie kann man Grillparzer heute einem Publikum ohne literarische Vorkenntnisse vermitteln und zur Lektüre des scheinbar toten Klassikers anregen? – Darüber reflektiert Bernhard Fetz im ersten Beitrag dieses Bandes. Seine Bestandsaufnahme fällt zunächst negativ aus: es fehlt noch an einer modernen textkritischen Ausgabe des Werkes und einer entsprechenden Leseausgabe; der Missbrauch seiner Texte als Schullektüre zu identitätspolitischen Zwecken in den ersten Jahrzehnten der Zweiten Republik ist im österreichisches Bildungssystem noch nicht durch ein neues, offeneres und europäisch ausgerichtetes Interesse an Literatur ersetzt worden. Als Direktor des Literaturmuseums der Österreichischen Nationalbibliothek hat Fetz diese Ausgangssituation aber auch als Chance gesehen, neue Wege zu Grillparzer anzubieten. Sein Beitrag gibt einen anregenden Einblick in die Prinzipien hinter der Dauerausstellung im Wiener Grillparzerhaus, die im Falle des ‚Hausherrn‘ Grillparzers ihren natürlichen Ausgangspunkt im denkmalgeschützten Arbeitszimmer des Beamten Grillparzers nimmt. Von hier aus entfaltet sich eine multimediale Vermittlung des Autors, seines Werks und seines historischen Kontexts mit Hilfe von Comics, Touch-Screens, Hörstationen mit kommentierenden Nacherzählungen zentraler Werke durch zeitgenössische Autor:innen und Künstler. Über die Beschreibung der konkreten Ausstellung hinaus bietet der Beitrag von Fetz interessante Reflexionen zur zeitgemäßen Vermittlung auratischer Museumsgegenstände und zum Spannungsfeld zwischen Konstruktion und erneuter Infragestellung von literarischen Kanons. Als Kenner des grillparzerschen Werks deutet Fetz nicht zuletzt auch auf die vielen Anknüpfungspunkte für unsere Gegenwart hin, so z.B. seine subtilen Analysen von Machtmechanismen und Genderkonstruktionen.

Die Reihe der Textinterpretationen wird von Birthe Hoffmann eingeleitet, die für eine Neubewertung der Geschichtsdramatik Grillparzers im Lichte seiner postidealistischen Dramaturgie plädiert. Mit ihrer Lektüre des um 1850 verfassten, aber erst 1872 posthum uraufgeführten Geschichtsdramas Ein Bruderzwist in Habsburg, verfolgt sie die für Grillparzer zentrale Problematik des Perspektivismus und der Unauslotbarkeit menschlicher Handlungen, die hier mit der geschichtsphilosophischen Reflexion eng verbunden ist. So wird gezeigt, wie dieses Drama auf der Folie der Krise des Habsburgischen Reiches vor dem Ausbruch des Dreißigjährigen Krieges geschichtliche Prozesse nach der Französischen Revolution reflektiert. Eingeleitet wird die Lektüre mit einem Vergleich mit Georg Büchners Dantons Tod, wodurch überraschende Affinitäten zwischen dem revolutionären Büchner und dem politisch eher konservativen Grillparzer aufgezeigt werden können im Hinblick auf Personengestaltung, Anthropologie und Dramaturgie. Anknüpfend an Helmut J. Schneiders Analyse der Differenzen der postidealistischen Tragödienästhetik Büchners zum Geschichtsdrama der Goethezeit kann somit auch Grillparzers Verabschiedung des Idealismus verdeutlicht werden. Beide Autoren reflektieren Dynamiken politischer Krisen, in denen die Idee des gesellschaftlich Guten in ein barbarisches Massentöten umschlägt, bei denen die Opfer jeden idealen Sinn verloren haben. Bei beiden Dramatikern entfesseln sich die Kräfte geschichtlicher Prozesse von denen, die in diese eingreifen wollten – gleichzeitig fokussieren sie auf die polyphone, gleichsam transpersonale Auseinandersetzung der Figuren mit den nun problematisch gewordenen Begriffen wie Recht, Wahrheit, Ethik und individuelle Verantwortung. Wie bei Büchner geht das geschichtliche Chaos bei Grillparzer vom unkoordinierten Wesen des Menschen aus, dem somit Autonomie, Freiheit und Selbsterkenntnis aberkannt wird. Das eindrucksvollste Beispiel dieser Problematik wird in Ein Bruderzwist in Habsburg in der psychisch extrem komplexen und labilen Figur Rudolfs II. gegeben. In ihm fallen Idee und Praxis auseinander, die Trennung von Mensch und Kaiserrolle bricht zusammen, als das Chaos des kommenden Krieges durch die Affekte Rudolfs beschleunigt wird. Die Idee einer humanen, alle Gegensätze überbrückenden Ordnung wird ebenfalls von Rudolf selbst vernichtet, als er – der gerade das Recht verbürgen sollte – seinen illegitimen Sohn Don Cäsar auf willkürliche und barbarische Weise verurteilt und ohne Gerichtsverfahren sterben lässt. Einzige Alternative zum paternalistischen Herrschaftskonzept der Habsburger bildet daher nur die vertragliche Sicherung von Bürgerrechten, die von den böhmischen Ständen und Bischof Klesel gefordert wird – eine heimliche Konzession des Juristen Grillparzers an die liberalen Kräfte seiner Zeit. Der unheimliche Schluss dieses wohl schwärzesten Stückes von Grillparzer mit seiner grotesken Mischung aus Tragik und Komik bezeugt, dass die Zukunft eher den Säuberungsideologen und Weltmetzgern gehörte.

In den beiden nächsten Textlektüren des Bandes stehen zwei Prosagattungen im Mittelpunkt, denen der Dramatiker Grillparzer eher abgeneigt war und die er doch auf brillante und originelle Weise zu prägen verstand: das autobiographische Schreiben und die Novelle. In beiden schlägt sein besonderer Sinn für Dramatik durch, und in beiden betreten wir – in den Worten Imke Meyers – „epistemologisch instabiles Terrain“ und werden gezwungen, uns mit der Unverfügbarkeit der Wahrheit über menschliche Handlungen auseinanderzusetzen.

Imke Meyer zeigt, wie Grillparzer in seiner ersten und im Vergleich zum Armen Spielmann weit weniger bekannten Novelle Das Kloster bei Sendomir (1827) in den Gewändern des schauerromantischen Repertoires die Leser:innen einer komplex vermittelten Geschichte über Familienverfall, Betrug, Mord, Schuld und Sühne aussetzt, die sich am Ende – durch die bisher verborgene Doppelidentität des Binnenerzählers – wie ein Bumerang gegen die Glaubwürdigkeit des Erzählten kehrt. Meyer nimmt die Herausforderung durch diese schockartige Destabilisierung des Narrativs auf und liest die Novelle neu als die Inszenierung einer Wahrheitskonstruktion durch den Binnenerzähler, die mit Hilfe eines Frauenopfers fragile und fragwürdige Männlichkeitskonstrukte einer homosozial-paternalistischen Welt stabilisieren soll. In ihrem eingehenden und zugleich kultur- und ideengeschichtlich tief eingebetteten close reading deckt Meyer auf, wie in der Novelle durch das Fehlen einer eindeutigen Wissensgrundlage und die subjektiv-affektive Prägung der Wahrnehmung auf mehreren Ebenen ein Kampf zwischen zwei Epistemen stattfindet, der die Novelle in den ideengeschichtlichen Auseinandersetzungen der Spätaufklärung und des beginnenden 19. Jahrhunderts verortet. Die Fronten in der Novelle gehen somit zwischen einer männlich konnotierten, visuellen Wahrnehmung, die in der Aufklärung mit dem Primat rationaler Erkenntnis verbunden ist, und einer weiblich bzw. tierisch konnotierten, haptischen Erkenntnis, die neben der rationalen koexistiert und die distanzierte Wahrnehmung herausfordert. In der erfolglosen Suche der Leser:innen nach einer sicheren Beurteilung der in der Novelle verhandelten Zusammenhänge und Schuldfragen wird der Zusammenhang von visueller Wahrnehmung, haptischer Erfahrung und Sinnkonstruktion beleuchtet und reflektiert. So ist Grillparzers Handhabung von Konventionen der Schauernovelle äußerst modern: Weder kann der Erzähler die Wahrheit des Erzählten verbürgen, noch kann der Rahmen das Unerhörte des Inhalts aufheben und eingrenzen, sondern wird immer wieder gesprengt und lässt die Leser:innen auf instabilem Terrain zurück.

Die Unausdeutbarkeit von Schuldfragen und kausalen Zusammenhängen steht im Beitrag Eva Geulens ebenfalls im Mittelpunkt. Ihre Suche nach Zusammenhängen zwischen der Selbstbiographie und der Dramentrilogie Das goldene Vließ fängt mit der Charakterisierung der Besonderheiten jenes oft gelobten autobiographischen Fragments an, das erst posthum unter dem Titel Selbstbiographie an die Öffentlichkeit gelangte. Durch ihre Auseinandersetzung mit Grillparzers verschleiernd-verschweigender Darstellung familiärer Verhältnisse, die zugleich bizarre Züge aufweist, greift Geulen zwei zentrale Merkmale von Grillparzers Schreiben auf, die auch auf seine Dramatik zutreffen: Einerseits die grotesk-unheimliche Mischung bzw. Überblendung von Tragik, Grauen und Komik, andererseits die Verschleierung vom Agens, was eindeutige Schuldzuschreibungen und Rekonstruktionen eines Kausalnexus erschwert. Ausgehend vom grotesken Bild der hinter ihrem Bett in stehender Todesstarre aufgefundenen Mutter, welches in der Forschung meist übergangen wurde, nimmt Geulen über den ‚Abweg‘ der persönlichen Lektüre, bei der diese Stelle unvergesslich mit der scheintoten Madame Sauerbrot bei Wilhelm Busch verschmilzt, die Leser:innen mit auf die Suche nach möglichen Spuren der in der Selbstbiographie dargestellten Ereignisse in der Vließ-Trilogie, deren Entstehungsprozess vom Tod der Mutter eine Zeitlang unterbrochen wurde. Bei dieser Suche geht es aber nicht um eine biographische Lesart der Tragödie, sondern eher um die Analyse von strukturellen Gemeinsamkeiten. Auf diesem Weg werden die auch in der Dramentrilogie ins Dunkel gehüllten Todesarten und -ursachen (insbesondere der Pelias-Figur) deutlich. Die dadurch erreichte Verkomplizierung der Schuld- und Rachefragen wird nicht nur als Versuch betrachtet, sich deutlich von älteren Vorlagen abzuwenden – nach Geulen könnte die Entdramatisierung der Tode und Todesarten in der Dramentrilogie, die keinen dramatischen Knoten mehr binden können, auch als ‚realistische‘ Wendung des Dramas gesehen werden.

Daran anschließend widmen sich die beiden folgenden Beiträge von Gilles Darras und Fabiola Valeri ganz der Lektüre von Grillparzers Vließ-Trilogie, die in den letzten Jahren immer stärker ins Zentrum des internationalen Forschungsinteresses gerückt ist und wegen der Brisanz ihrer Themen auch auf den deutschsprachigen Bühnen neuerdings häufig zu sehen war. Ihre Aktualität in der Forschung und auf dem Theater unterstreicht die Relevanz von Grillparzers Dramatik für die Auseinandersetzung mit kulturellen Differenzen und Konflikten in der globalisierten Gesellschaft des 21. Jahrhunderts.

Gilles Darras unternimmt eine Erörterung der zentralen Hell-Dunkel-Motivik im Goldenen Vließ und bespricht ihre Funktion im Rahmen von Grillparzers symbolischer Dramaturgie. Seine Lektüre des Dramentextes und der szenischen Konfiguration demonstriert die enge Verschränkung von Ästhetik und Psychologie in der „bahnbrechende[n] Bearbeitung des Medea-Mythos“ in der Trilogie mit ihrem Wechselspiel von Licht und Schatten und der Polarität von Tag und Nacht. Bei Grillparzer ist diese konstitutive Polarität seiner These zufolge am nachdrücklichsten in der schillernden Medea-Figur selbst verkörpert, die sich allen essentialistischen Identitätszuschreibungen und jeder hermeneutischen Vereindeutigung entzieht. Als eine radikal transgressive und transkulturelle Figur demontiert sie die Xenophobie und den Manichäismus in der Selbst- und Fremdwahrnehmung der anderen Kolcher sowie der Griechen. Darras unterstreicht die konstitutive Ambivalenz und die kritische Dimension von Grillparzers Medea mit seiner Bezeichnung für sie als aufgeklärte Königin der Nacht, und er rückt sie in die Schwesternschaft einer mehrfachen Nähe zu anderen mythischen Gestalten im modernen deutschsprachigen Drama zwischen Weimarer Klassik und Wiener Moderne, nämlich Goethes Iphigenie, Kleists Penthesilea and Hofmannsthals Elektra. Neue Einsichten bringt auch seine tiefenpsychologische Lektüre der traumatischen Höhlenszene in den Argonauten und die Diskussion ihrer Wiederkehr in den Bildern der Medea.

Konzentriert sich Gilles Darras in seiner präzisen Lektüre auf wichtige leitmotivische Verknüpfungen in der Dramaturgie und Bildersprache der Vließ-Trilogie, so rückt Fabiola Valeri in ihrem diskurskritischen Beitrag die interkulturelle Konfliktkonstellation und die zeitgenössischen Alteritätsdiskurse in den Blick, die in Grillparzers moderner Adaption des Argonauten- und Medea-Mythos ästhetisch verhandelt werden. Sie tut dies aus der Perspektive der interkulturellen Literaturwissenschaft, deren Theoriegeschichte und dynamisch-hybriden Kulturbegriff die Einleitung zu ihrem Aufsatz knapp referiert. Das Kulturkontakt-Szenario in Grillparzers Trilogie betrachtet sie parallel zu anderen neueren Deutungen unter dem Vorzeichen der scheiternden Interkulturalität, sieht darin aber keinen geschichtsphilosophischen Pessimismus oder eine resignative Kulturkritik ihres Verfassers am Werk, sondern ein innerdramatisches Versagen auf der Figurenebene, das Grillparzer in seiner Trilogie mit dramaturgischen Mitteln kritisch exponiert und transzendiert. Das Augenmerk in ihrem ersten Analyseschritt liegt auf den kulturell geprägten Mustern der Selbst- und Fremdwahrnehmung auf Seiten von Grillparzers Figuren, die in ihren essentialistischen und ethnozentrischen Denk- und Wahrnehmungsmustern geläufige zeitgenössische Diskursmuster um 1800 von eigen versus fremd repräsentieren und reproduzieren. Es ist ein heterogener Mix aus diskursiven Versatzstücken der Winckelmannschen Ethno-Ästhetik, von kolonialen Topoi der Reiseliteratur und geschichtsphilosophischen Theoremen, deren sich die Dramenfiguren hier bei Grillparzer bedienen, um das jeweils Andere bzw. die Anderen zu stigmatisieren und die eigene kulturelle Überlegenheit zu behaupten. In ihrem zweiten Analyseschritt demonstriert Valeri, wie Grillparzers Trilogie die ethnozentrische Perspektive seiner Figuren auf vielfache Weise destabilisiert und dekonstruiert, nicht zuletzt durch die zahlreichen transkulturellen Parallelen und die Transgressionsfiguren auf beiden Seiten. Was im Umfeld des erstarkenden Nationalismus in der post-napoleonischen Ära fast wie eine literarische Antizipation der plakativen politikwissenschaftlichen These vom „Kampf der Kulturen“ im Sinn von Samuel P. Huntington erscheinen könnte, ist de facto die hellsichtig vorwegnehmende Kritik eines solchen antagonistischen Denkens in der markanten dramatischen Auseinandersetzung mit Alteritätsdiskursen um 1800.

Antonio Roselli erörtert in seinem Aufsatz zentrale Aspekte von Grillparzers Ästhetik im Kontext des Frührealismus, den er mit Ulrich Fülleborn und Monika Ritzer als eine von Grillparzer und wichtigen Vormärz-Autoren wie Grabbe, Büchner und Heine geteilte „gemeinsame Problemlage“ beschreibt, was das krisenhafte Verhältnis zur Wirklichkeit anbelangt. Der Begriff verzeichnet die stilistische Pluralität ihrer Literatur als Pendant dieses Krisenbewusstseins angesichts der Unverfügbarkeit der Wirklichkeit, nicht als ästhetischen Mangel, und er vermeidet die geläufigen Schwierigkeiten in der Zuordnung von Grillparzers Werk im Rahmen geschlossener Epochenkategorien. Entstehungsphasen, Veröffentlichungs- und Aufführungsdaten fallen bei Grillparzer häufig weit auseinander, wie Roselli in seiner Einleitung am Beispiel von Libussa erinnert. Er erläutert die an den Veränderungen der Zeitsemantik orientierte historische Typologie der Wirklichkeitsbegriffe bei Hans Blumenberg, dessen vierter von vier Wirklichkeitsbegriffen ebenfalls auf die schiere Faktizität (das „factum brutum“) einer unverfügbaren Realität zielt, und mit Bezug auf Fülleborn, der sie mit Blick auf die Zeitgestaltung in Grillparzers Dramen beschrieben hat. Unverfügbar wird im Zuge des äußeren Begründungsdefizits und der gesteigerten Kontingenzerfahrung nach 1800 auch das Subjekt für sich selbst, wie Roselli im folgenden Abschnitt seines Beitrags expliziert, der zur Beschreibung dieser Tatsache auf den Begriff der negativen Anthropologie und der postidealistischen Subjektivität rekurriert. Seine weiteren Ausführungen gelten den ästhetischen Implikationen zu diesem Krisenbefund in Grillparzers unsystematischer und antisystematischer Ästhetik und seiner Kritik des Systemdenkens generell sowie der Problematik der Ordnungsvorstellungen in seinem Œuvre. Er zeigt, was die ästhetische Evidenzerfahrung bei Grillparzer ausmacht, und illuminiert das zentrale Bild von der „Körperlichkeit der Poesie“ und den sprachlich geschaffenen Erfahrungsraum, den dieses Bild eröffnet.

Die beiden Beiträge von Marc Lacheny und Barbara Bollig zur internationalen Grillparzer-Rezeption in Frankreich und zur neueren Adaption seiner Stücke auf deutschsprachigen Bühnen im 21. Jahrhundert unterstreichen abschließend noch einmal den Gegenwartsbezug des ganzen Bandes.

Marc Lacheny präsentiert einen Aufriss zur französischen Grillparzer-Rezeption in der Literaturwissenschaft und im Theater sowie zu den Übersetzungen seines Œuvres. Der historische Befund ist eher dürftig, wie sein informativer Überblick zeigt, denn Grillparzer war in der Vergangenheit weder in den französischen Literaturgeschichten noch auf dem Theater besonders häufig vertreten, und wenn dann in einigen wenigen Inszenierungen und Gastspielen in deutscher Sprache. Die französische Germanistik hat ihn in erster Linie als exemplarischen Österreicher betrachtet, mit Blick auf das literarische Vorbild von Weimar und als literarischen Erben einer barocken Tradition – am wirkungsvollsten und nachhaltigsten im einflussreichen Werk von Roger Bauer. Das gemeinsame Ziel trotz methodologischer Differenzen war die Bestimmung der kulturellen Besonderheiten der österreichischen Literatur. Weitere Impulse für die französische Forschung haben die verschiedenen Grillparzer-Jubiläen und Gedenktage geboten; die aufregendsten Entwicklungen aber sind neueren und neuesten Datums und umfassen eine jüngere Generation von Austriazist:innen, zu denen neben Jacques Lajarrige und Éric Leroy du Cardonnoy auch der Verfasser des vorliegenden Beitrags zählt. Ein Mittelpunkt der neueren französischen Forschung und Literaturvermittlung betrifft Grillparzers Goldenes Vließ. Es war Gegenstand von mehreren Tagungen und einigen wichtigen Veröffentlichungen, wie Lacheny dokumentiert. Im Herbst 2017 erschien auch die mit dem renommierten Prix-Nerval-Goethe ausgezeichnete französische Übersetzung von Grillparzers antiken Dramen von Gilles Darras, die die Möglichkeiten einer breiteren Rezeption Grillparzers auf französischen Bühnen eröffnet.

Lacheny konstatiert eine „Grillparzer-Renaissance“ in der französischen Forschung mit dem Hinweis auf weitere wichtige Projekte und Übersetzungen. Die Zeichen stehen gut für den großen Unbekannten, von dem Jean-Louis Bandet noch 1972 sagen konnte, dass sogar das gebildete französische Publikum nicht einmal seinen Namen kenne. Mit einem großen internationalen Publikum für Grillparzer ist wohl auch im 21. Jahrhundert nicht zu rechnen, aber aufmerksame Romanleser:innen müssten mindestens schon seinen Namen kennen seit Mathias Énards Roman Boussole (frz. 2015; engl. Compass 2017; dt. Kompass 2018), der seinen fiktiven Wiener Musikologen Franz Ritter mit Grillparzers Reisetagebüchern im Gepäck nach Istanbul schickt. In Kürze können interessierte Leser:innen auch mit der französischen Übersetzung von Grillparzers Reisetagebüchern unterwegs sein.

Barbara Bollig rückt zwei hoch aktuelle und sehr unterschiedliche Inszenierungen des Medea-Mythos aus dem Jahr 2019 ins Zentrum der Überlegungen in ihrem Beitrag, nämlich die Aufführung von Aribert Reimanns Medea-Oper am Aalto-Musiktheater Essen und das Medea-Schauspiel von Mateja Koležnik am Staatstheater Stuttgart. Beiden Umsetzungen des Stoffes im zeitgenössischen deutschen Musik- und Sprechtheater gemeinsam ist die Tatsache, dass sie Grillparzers Version des Medea-Mythos in seiner Vließ-Trilogie als dramentextuelle Grundlage für ihre Adaptionen benutzen. In ihrer eingehenden Analyse der theatralischen Zeichenrepertoires von beiden Aufführungen zeigt Bollig, wie diese Inszenierungen nach Grillparzer funktionieren und welche interpretativen Schwerpunkte sie jeweils setzen als moderne Globalisierungs- und Psychodramen mit dem titelgebenden goldenen Widderfell in einer zentralen Rolle (Reimann) und der visuell verkörperten weiblichen Psyche in Form eines halb durchsichtigen Milchglaskastens auf der Bühne (Koležnik). Die mythische Medea ist die exemplarisch schlechte Mutter, anhand derer bis in die Gegenwart hinein divergente Mutterschaftsvorstellungen und Mutterschaftspathologien stets neu wieder verhandelt werden. Bollig lokalisiert die besondere Attraktivität von Grillparzers moderner dramatischer Bearbeitung des klassischen Stoffes für die künstlerische Weiter-Arbeit am Mythos im 21. Jahrhundert bei Reimann und Koležnik in der komplexen weiblichen Figurenpsychologie und -pathologie, die die kausal-genetischen Voraussetzungen und Umstände des Kindermordes in den Blick rückt. Die aktuellen Bearbeitungen bezeugen die gesellschaftspolitische und ästhetische Relevanz des Themas, und Bollig öffnet ihre Diskussion zur Aneignung des Medea-Mythos nach Grillparzer für grundsätzliche Fragen zur Relation von Literatur und Psychopathologie.

Der vorliegende Band ist unter außerordentlichen Bedingungen zustande gekommen. Die Pandemie hat auch für Geisteswissenschaftler:innen zu wesentlich erschwerten Arbeitsbedingungen geführt, und einige Beiträge mussten trotz des großen Interesses für dieses Buch abgesagt werden. Wir sind den Autor:innen dieses Buches dankbar, dass sie trotz der widrigen Umstände zum Gelingen dieses Bandes beigetragen haben. Wir danken dem Institut für Englisch, Germanistik und Romanistik an der Universität Kopenhagen und dem Department of German Studies an der University of Washington, Seattle, für ihre finanzielle Unterstützung dieses Bandes, sowie Nanke Nicolaisen für ihre fachkundige Hilfe beim Redigieren und Formatieren der Manuskripte. Tillmann Bub vom Narr Francke Attempto Verlag danken wir für sein Interesse an dem Projekt und die gute Zusammenarbeit.

Brigitte Prutti und Birthe Hoffmann

Was tun mit dem Klassiker? Franz Grillparzer im Literaturmuseum der Österreichischen Nationalbibliothek

Bernhard Fetz

Der österreichische Klassiker Franz Grillparzer steht auf tönernen Füßen; weder gibt es eine fundierte Leseausgabe (oder philologisch abgesicherte Studienausgabe), noch steht der Autor bei Germanist:innen hoch im Kurs. In den Schulen ist Grillparzer, im Gegensatz zur Vereinnahmung als Vertreter einer positiven Österreich-Ideologie in den 1950er Jahren, so gut wie nicht existent. Dieses Schicksal teilt er mit einem Großmeister der (österreichischen) Erzählkunst im 19. Jahrhundert, dessen dickleibige Romane ebenso wie seine Erzählungen ebenfalls kaum mehr eine Rolle im Schulunterricht spielen. Doch ist Adalbert Stifter unter Literatur- und Kulturwissenschaftler:innen, so hat es zumindest den Anschein, beliebter als Grillparzer; der Gegensatz von Regionalität und Urbanität, Stifters Interesse für Umweltphänomene wie extreme Wetterereignisse, seine Verteidigung des Alten, der gefährdeten Bauwerke und handwerklichen Techniken, gegen die Zumutungen der industriellen Moderne, schließlich sein Interesse für Landschaftspflege und Gartenbau – all das macht Stifter zum scheinbar aktuelleren Autor.

Aber was hätte Grillparzer nicht alles aufzubieten! Im Zentrum seines Werks stehen Praktiken der Machtgewinnung, der Machterhaltung, der Subversion von Macht und der Aufgabe von Machtansprüchen. Zwischen Ottokar, dem Berserker, und dem armen Spielmann als Personifikation eines erfolglosen Menschen, dessen Existenz auf fast nichts gebaut ist, entwickelt Grillparzer seine literarische Bearbeitung von Machtverhältnissen. Der gewitzte, sprachgewandte Leon in „Weh dem, der lügt!“ misst den – sprachlichen – Handlungsspielraum desjenigen aus, der das Gute tun möchte und verspricht, zu dessen Erreichung auf jegliche (Not-)Lüge zu verzichten. Zentral ist auch der Kampf der Geschlechter, Medea, Libussa, die weichende Königin Margarete im „Ottokar“, sie sind moderne Figuren. Und trotzdem: Die Zeit des Klassikers Grillparzer scheint vorbei zu sein. „Grillparzer ist heute so out, wie er noch nie war“, konstatierte die Literaturkritikerin Daniela Strigl im Jahr 2016.1

Die Klage über das Verschwinden verbindlicher Lektürelisten in den Schulen (zumindest in Österreich)2 verdeckt die Tatsache, dass Kanons nur mehr als fluide, nicht selten identitätspolitisch missbrauchte Instrumentarien existieren. Sie sind keine Richtschnur mehr für (höhere) Bildung. Das kann man auch als die Gewinnung von Freiraum sehen, als Utopie eines neuen Bildungsideals, das im Austausch zwischen Lehrer:innen, Schüler:innen, Schulbehörden immer neue Listen entstehen lässt. Die Wirklichkeit sieht natürlich anders aus, anstelle frei verhandelter Lektüre-Listen, anstelle von Lust an literarischen Entdeckungen, an die Stelle einer notwendigen Erweiterung der nationalen, europäischen Kanons tritt nicht selten einfach die Einübung in Textsorten und kodifizierte Sprachpraxen als Vorbereitung für das Berufsleben.

Was bedeutet das alles für ein Literaturmuseum, das sich zwar der österreichischen Literatur vom Ausgang des 18. Jahrhunderts bis in die Gegenwart widmet, sich jedoch als europäisches Projekt versteht und von der Überzeugung getragen ist, dass Literatur immer auch Weltliteratur in einem mehrfachen Sinne ist? Die Kanon-Frage begleitete die Diskussionen der Kurator:innen von Beginn der Planungen an, wie könnte es auch anders sein. Die chronologisch-thematische Grundstruktur der Dauerausstellung folgt manchmal mehr, manchmal weniger kanonisierten Werken und Autor:innen. Sie legt dabei Schwerpunkte, die Platz auch für unbekanntere Positionen und Autor:innen lassen. Der Verfestigung kanonischer Tendenzen arbeitet die Fülle an Material, die Fülle an Bildern, Tönen, Mikrogeschichten und Objekten entgegen. Fast zu jedem Objekt lassen sich Geschichten erzählen, sei es eine zerrissene Arbeitshose Thomas Bernhards3 oder ein ethnologisches Fundstück aus dem 19. Jahrhundert (heimgebracht von der Weltreisenden und Reiseschriftstellerin Ida Pfeiffer). Die Regalstruktur des ehemaligen k.k. Hofkammerarchivs in der Wiener Johannesgasse bewirkt, dass sich eine festgefügte (Kanon-)struktur der Gestaltung geradezu aufdrängt, diese jedoch in der Abfolge und großen Zahl an Regalfächern gleich wieder zum Verschwinden bringt.

Es geht nicht nur um Grillparzer und sein Schattendasein als Klassiker, es geht um das Verschwinden von Lektürekompetenzen überhaupt und die oft konstatierte, kommentierte, beklagte Tatsache, dass von einem Lektürefundament weder bei den Abgänger:innen von höheren Schulen noch bei Germanistikstudent:innen ausgegangen werden kann. Wie die Mehrzahl der Museumsbesucher:innen verfügen auch sie über Vorkenntnisse, die sich Zufällen, Bildungsreminiszenzen, persönlichen Interessen, Peer Groups und sehr unterschiedlich intensiv betriebenen Studien verdanken können. Größte Belesenheit und große Ahnungslosigkeit liegen nahe beieinander. Damit geht eine Erfahrung von Lehrer:innen und Museumspädagog:innen einher, die frühere Vermittler:innen in dieser Form nicht machen konnten: dass nämlich die Artefakte alle gleich sind; dass, in unserem Falle, Robert Musils „Mann ohne Eigenschaften“ ein ebenso ferner Planet ist wie Handkes „Langsame Heimkehr“, oder wie es Grillparzers Dramen und Lustspiele sind. Deshalb kann sich die Lust am Text im besten Fall an jedem beliebigen Objekt im Museum entzünden, kann sich das Interesse an der Materialität von Literatur, an Handschriften und Stimmen, frei von bestimmten Erwartungen an jedem Punkt der Ausstellung festsetzen. Allerdings: Das freie Schweifen, das unvoreingenommene Entdecken folgt den Spuren, die andere, die die Kurator:innen und Gestalter:innen gelegt haben. Was heißt das nun für Grillparzer?

Ohne ihn gäbe es wahrscheinlich kein Literaturmuseum der Österreichischen Nationalbibliothek an dieser Stelle, ist doch das denkmalgeschützte Arbeitszimmer des habsburgischen Beamten Teil der Ausstellung. 1811 versuchte Grillparzer erstmals, eine Stelle in der k.k. Hofbibliothek zu erlangen; der Wunschtraum, Bibliothekar zu werden, scheiterte aber. 1815 trat er bei der Hofkammer, dem späteren Finanzministerium, in den Staatsdienst und erhielt 1832 die Stelle eines Hofkammerarchivdirektors. Im Revolutionsjahr 1848 erfolgte der Umzug in ein neues Archivgebäude, das heutige „Grillparzerhaus“. (Dessen Anmutung, von außen betrachtet, eher ein biedermeierliches Palais vermuten ließe, als einen Zweckbau für die Aufbewahrung von Akten). Mit seiner ebenfalls denkmalgeschützten Regalstruktur zählt es zu den ältesten europäischen Verwaltungsarchiven. Dieser Ort drückt an sich schon das zwiespältige Verhältnis des für eine aufgeklärte monarchische Ordnung eintretenden Dichters zur Realverfassung des Habsburgerstaates aus.

Im Zentrum des Grillparzer gewidmeten Bereichs steht das Arbeitszimmer, dessen auffälligstes Möbelstück ein Stehpult ist, an dem Grillparzer mit ziemlicher Sicherheit auch an seinen literarischen Texten gearbeitet hat. Auch ohne inszenatorische Eingriffe (lediglich die Schriftstücke auf dem Schreibtisch und die Bücher auf dem Bücherbord im Hintergrund sind Zutaten der Kurator:innen) wirkt das Zimmer als habsburgisches „Büro“; karg und ohne jegliches Zeichen von Extravaganz symbolisiert es die Zweckmäßigkeit der Verwaltung. Das Kruzifix, angebracht über dem Stehpult, gemahnt an die Staat und Verwaltung überwölbende göttliche Ordnung. In der Gangflucht außerhalb des Zimmers inszeniert die Ausstellung Grillparzers Doppelleben als Beamter und Schriftsteller. Wie an vielen Stellen wird auch hier das historische Setting durchbrochen – durch das Thema gestalterisch wie inhaltlich umspielende, erläuternde, ironisierende Elemente.

Grillparzers Selbstzweifel als Schriftsteller, seine Befürchtung gar, sowohl „zur dramatischen Poesie“ als auch zum „Lustspiel“ „wenig Anlage“ zu besitzen, wurde vom Comiczeichner und Illustrator Nicolas Mahler zum Ausgangspunkt für ein Grillparzer-Comic genommen; es ist auf einem Touchscreen, der sich unmittelbar vor dem Zimmer befindet, zu lesen und zu betrachten. Grillparzer sitzt auf einem Hocker vor seinem Schreibpult, wie es der tatsächliche Grillparzer ein paar Meter weiter tatsächlich tat, und schreibt mit vertrocknender „Dinte“ Sätze, die alle wie erfunden klingen, aber allesamt den Tagebüchern des Autors entnommen sind. „Wieder was zu schreiben! Ja! Aber was?“, so lautet die Eingangsfrage des ersten Bildes. Das letzte zeigt das Schreibpult ohne den Schriftsteller, am Boden liegen Blätter herum. Wollte doch Grillparzer „eine Tragödie in GEDANKEN schreiben können“. „Es würde ein Meisterwerk werden!“ und ohne den Körper des Dichters auskommen, der in den strichlierten Umrissen der Zeichnung verschwindet.

Daneben befindet sich eine Hörstation, die kommentierende Nacherzählungen von Grillparzer-Texten durch Autor:innen und Literaturwissenschaftler:innen bietet.4 Der Autor Clemens Setz erzählt die Geschichte des armen Spielmanns auf so anrührende Weise, dass einem das Schicksal der Figur zu Herzen gehen muss. Die Autorin Anna Kim widmet sich dem Schicksalsdrama „Die Ahnfrau“, ein Genre, das wohl nur mehr über den Umweg aktueller Populärkultur, Kim vergleicht es mit den Hollywood-Blockbustern unserer Tage, vermittelbar ist. Die Hörstationen wollen auch Anregungen sein, wie mit alten Texten umgegangen werden könnte, indem sie zum Beispiel ganz einfach nacherzählend kommentiert werden. Wobei sich zeigt, dass das Nacherzählen eine gar nicht einfache und höchst subjektive Kunst ist und dabei Erkenntnisse lebendiger vermitteln kann, als dies ein akademischer Aufsatz in der Regel tut. Konstanze Fliedl weist in ihrem Beitrag zu „Weh dem, der lügt!“ darauf hin, dass Wahrheit und Lüge immer kontextabhängig sind, die Wahrheit manchmal nicht ernst genommen wird, weil sie als Scherz aufgefasst wird, was die Hauptfigur, der den anderen sprachlich überlegene Leon ausnützt. Wahre Sachverhalte lassen sich in der verbalen Kommunikation so zurechtbiegen, dass sie zwischen Wahrheit und Lüge changieren, was Leon meisterhaft beherrscht. Er lügt, auch wenn er tatsächlich die Wahrheit sagt, stellt Konstanze Fliedl fest. Der moralfeste Wahrheitsfanatiker Bischof Gregor muss schließlich konzedieren, dass der Anspruch die besten Absichten zerstören kann. Aus diesem Diskurs ließe sich jedenfalls ein Gespräch über Wahrheit und Lüge entwickeln, das im Zeitalter von Social Media notwendiger ist denn je.

Das Hindernis solcher Versuche, den Klassiker als gegenwärtige Figur zu zeigen, liegt gleichwohl in der Sprache. Für viele ist die versgebundene Theatersprache des 18. und 19. Jahrhunderts schlicht nicht mehr zugänglich, zumal, wenn sie als (Schul-)Lektüre verordnet ist. Welche Kluft zwischen einer historischen und einer gegenwärtigen Inszenierung liegen kann, zeigen zwei Ausschnitte von Grillparzer-Aufführungen, die auf zwei nebeneinander platzierten Monitoren im Literaturmuseum zu sehen sind: Einmal eine Aufführung von „Ein Bruderzwist in Habsburg“ am Wiener Burgtheater aus dem Jahr 1963 mit der österreichischen Schauspieler-Ikone Attila Hörbiger als zögernder Kaiser Rudolf II, der den Bürgerkrieg nicht verhindern kann. Augenscheinlich ist, wie fremd, antiquiert, kostümiert die ältere Aufführung auf viele heutige Zuseher:innen wirken muss. Dass Attila Hörbiger als NSDAP-Mitglied gemeinsam mit seiner zweiten Frau Paula Wessely in üblen NS-Propagandafilmen mitwirkte, fügt der Aufführungsgeschichte der Grillparzerschen Stücke noch einen Aspekt hinzu; 1955 war das Burgtheater mit „König Ottokars Glück und Ende“ feierlich wiedereröffnet worden, Attila Hörbiger verkörperte den guten Österreicher Rudolf von Habsburg. Welcher Abstand zwischen solchen Weihestunden kultureller Selbstbehauptung nach dem Krieg und jüngeren Inszenierungen liegt, zeigt eine Inszenierung des heutigen Burgtheaterdirektors Martin Kušej von „König Ottokars Glück und Ende“ von 2005, gespielt ebenfalls am Burgtheater. Michael Maertens in der Rolle Rudolf von Habsburgs paniert und brät zwei Wiener Schnitzel, bevor er eine Brandrede an sein Volk hält, in der er Freiheit, Zusammenhalt und eine neue Zeit beschwört. Der Grillparzersche Text ist angereichert um eine zeitgenössische Freiheits-Rhetorik, die mit ihren verbrauchten Schlagworten zwiespältig klingt.

Eine Überlegung bei der Konzeption der Ausstellung war es, regelmäßig Kontrapunkte dieser Art zu setzen, um die historischen und ästhetischen Verbindungslinien gleichermaßen sichtbar zu machen wie die Differenzen. Das Kapitel zu Franz Grillparzer bietet über den unmittelbaren Schauwert Material an, das von Lehrer:innen und Vermittler:innen genutzt werden kann: Material zur Praxis der Zensur etwa, deren Opfer Grillparzer selbst war, die er aber, das zeigt ein exemplarischer Fall in der Ausstellung, selbst befürwortete, wenn es darum ging, einem Leser Einsicht in für das Haus Habsburg auch unangenehme Akten zu gewähren.5 Grillparzers Haltung zur Zensur war durchaus vielschichtig, wie etwa seinem Aufsatz „Ueber die Aufhebung der Zensur“ von 1844 zu entnehmen ist. Die Idealvorstellung einer die Wahrheit befördernden und die Lüge verhindernden Zensur ist in der Realität nicht durchführbar, weshalb es trotz auch einiger positiver Argumente besser wäre, sie abzuschaffen. Das zitierte Beispiel eines umständlichen Aktenlaufes, mit dem Ziel den freien Archivzugang zumindest zu erschweren, eignet sich als Ausgangspunkt für weiterführende Diskussionen, um den wenig animierenden Begriff der „Didaktisierung“ zu vermeiden.

Zum Schluss seien zwei Szenen, zwei Textstellen angeführt, die ausgehend von der Ausstellung dazu beitragen könnten, den toten Klassiker äußerst lebendig erscheinen zu lassen:

In seiner posthum veröffentlichten „Selbstbiographie“ beschreibt Grillparzer eine zur Perfektion getriebene Habsburgische Machtpolitik, die sich im genau abgestuften Gefüge zwischen Beamten, Zensoren und Kaiserhaus, Intellektuellen und Theaterleuten entrollt. Demütigungen, Literaturfeindlichkeit, Zensur, innere Emigration sind die Stichwörter. Verbote erscheinen, als ob sie gar keine wären. Arno Dusini hat in seinem Nachwort zur Neuausgabe der „Selbstbiographie“ auf einen wichtigen Punkt hingewiesen, auf das Modell Goethe, das die Autobiographie des Schriftstellers als Projekt fasst, in dem es um ein Aushandeln von widerstreitenden Interessen und Konflikten geht. Demgegenüber gehe es bei Grillparzer um die Darstellung der Ohnmacht, um „Vernichtung“ und Verhinderung; also um eine grundlegende Störung des öffentlichen Raumes.6 Grillparzer schildert die Geschichte der Verhinderung seines Stücks „König Ottokars Glück und Ende“, das nach der Einreichung bei der Zensurbehörde für zwei Jahre einfach verschwand, als kakanisches Schauspiel. „Die Darstellung der Komplizenschaft von Tyrannei und Intimität, die Grillparzer mit dieser Erinnerung an Friedrich von Gentz vorlegt, ist einzigartig“, schreibt Arno Dusini über diese Szene.7 Grillparzer macht sich auf zu Hofrat Gentz, bei dem das Manuskript des Stückes vermutet wird, der Abschnitt aus der „Selbstbiographie“ sei kurz zitiert:

Noch erinnere ich mich des widerlichen Eindrucks, den die Wohnung des Mannes auf mich machte. Der Fußboden des Wart=Salons war mit gefütterten Teppichen belegt, so daß man bei jedem Schritte wie in einen Sumpf einsank und eine Art Seekrankheit bekam. Auf allen Tischen und Kommoden standen Glasglocken mit eingemachten Früchten zum augenblicklichen Naschen für den sybaritischen Hausherrn, im Schlafzimmer endlich lag er selbst auf einem schneeweißen Bette im grauseidenen Schlafrocke. Rings herum Invenzionen und Bequemlichkeiten. Da waren bewegliche Arme, die Dinte und Feder beim Bedarf näher brachten, ein Schreibpult das sich von selbst hin und her schob, ich glaube daß selbst der Nachttopf allenfalls durch den Druck einer Feder sich zum Gebrauch darreichte. Gentz empfieng mich kalt aber höflich. Er hatte mein Stück allerdings empfangen und gelesen aber bereits wieder abgegeben. Ich gieng. Neuer Kreislauf, neue Ungewißheit, zuletzt Verschwinden aller weitern Spur.8

Die Pointe dieser Szene ist, dass ein Grillparzer freundlich gesinnter anderer Hofrat den Autor bei einer späteren, zufälligen Begegnung aufklärt. Er selbst sei es gewesen, so der freundliche Herr, der das Stück die ganze Zeit zurückgehalten habe. Gefährliches habe er zwar nicht gefunden, „aber ich dachte mir: man kann doch nicht wissen–!“9

Die zweite Textstelle stammt aus den Tagbüchern und ist in der Ausstellung auf einer der Original-Archivleitern inszeniert. Zwar ereignete sich der von Grillparzer geschilderte Fall von der Leiter noch im Vorgängerbau, aber er hätte ebenso gut beim Hantieren mit den Akten im Neubau von 1848 stattfinden können. An diesem Zitat kann gezeigt werden, und dies ist bei Führungen erprobt, in welchem Verhältnis die Wirklichkeit, der tatsächliche Fall, zu seiner literarisierten Beschreibung steht, in welchem Verhältnis auch die Realzeit des freien Falls zur Lesezeit steht:

Gestern Mittags, wo ich allein im Archiv war, und ein Dokument aus einem Faszikel in der obersten Reihe der Akten fast am Plafond herausnehmen wollte, fiel ich, von der Schwere des beinahe fünfzig Pfund schweren, über meinem Kopf stehenden Faszikels aus dem Gleichgewichte gebracht, von der obersten Sprosse der Leiter und stürzte die ganze Höhe des Archivsaales, also doch mindestens fünf Klafter hoch herunter, ohne mich, was einem Wunder gleicht, außer einigen Hautabschiebungen und Quetschungen, sonst irgend bedeutend zu beschädigen. Beim Falle und während desselben stellte ich die ruhigsten Betrachtungen an. Ich ließ den Aktenbündel los und dachte oder sagte vielmehr schon im Falle zu mir selbst: Nun, das kann gut werden! Darauf erinnerte ich mich der Höhe, die ich hinangestiegen, und die ich daher auch wieder herabfallen mußte. Währenddes fiel ich immer. Endlich nahm ich mir vor, mich ja doch so zu halten, daß ich auf die Füße zu stehen käme. Ich machte daher während des Herabsturzes, ohne daß ich begreife, wie es möglich ist, die Bewegung eines der springt und kam in dieser Stellung auch wirklich mit einer heftigen Erschütterung zusammengekauert auf die Fußballen zu stehen. Ich konnte verloren sein, und faßte auch nicht, wodurch mir’s erspart wurde!

Tagebucheintrag vom 7. April 1832

Zitate wie dieses sind optisch deutlich hervorgehoben; sie werden im Museum zu „Objekten“, die im Grillparzer-Kapitel mit dem sie umgebenden Raum in Beziehung stehen. (Das Bekenntnis zum Raum und davon ausgehend zur Integration szenografischer und multimedialer Elemente war eine der wichtigsten Prämissen bei der Umsetzung des Museums.) Wenn der Beamte und Dichter sich über die ihm unterstellten Archivare beklagt, wenn er fürchtet, vor lauter Amt seine Begabung zur Poesie und Dramatik zu verlieren, dann wird den Besucher:innen mit Blick auf die Arbeitsumgebung des Archivdirektors anderes oder mehr deutlich als bei der Buch-Lektüre.

Die erwartbaren Objekte, Handschriften und auch Zeichnungen Grillparzers, illustrieren nochmals die Spannung zwischen dem Beamten und dem Dichter. Zu sehen ist etwa das Urlaubsgesuch, das Grillparzer stellt, als er 1826 beabsichtigt, eine Deutschland-Reise zu unternehmen und bei dieser Gelegenheit neben deutschen Geistesgrößen wie Tieck oder Hegel auch Goethe in Weimar zu besuchen. Am 3. Juni 1826 bittet der damalige Hofkonzipist untertänigst um Urlaub:

Der Unterzeichnete wagt es zu bitten, den im verfloßenen Herbste zu einer Reise nach Paris erhaltenen 8wochentlichen Urlaub, an dessen Benützung ihn damals die vorgerückte Jahreszeit hinderte, gegenwärtig zu einer Reise nach Dresden, Weimar und Berlin benützen zu dürfen.10

Der Urlaub wird gewährt und es kommt schließlich zur erhofften und mit Nervosität erwarteten Zusammenkunft mit Goethe:

Als es aber zu Tische gieng und der Mann, der mir die Verkörperung der deutschen Poesie, der mir in der Entfernung und dem unermeßlichen Abstande beinahe zu einer mythischen Person geworden war, meine Hand ergriff um mich in’s Speisezimmer zu führen, da kam einmal wieder der Knabe in mir zum Vorschein, und ich brach in Thränen aus.11

Der Dramatiker Grillparzer ist in der Handschrift der „Libussa“ präsent. Das zwischen 1825 und 1848 entstandene Stück reicht in die „älteste Geschichte Böhmens“ zurück und endet mit der Gründung der Stadt Prag. Mit ihr vollzieht sich der Wandel von einem naturhaften Urzustand friedlichen Zusammenlebens zu einer städtischen Kultur. Libussas große Schlussrede ist eine Vision, die den Gang der Menschheitsgeschichte voraussagt. Am Ende steht die Zweckrationalität eines männlich dominierten Zeitalters. Auch die Wahl dieses Stückes und dieses großen Monologes aus dem umfangreichen Nachlass Grillparzers möchte dazu anregen, den Klassiker weiter zu denken.

Dem emphatischen Anspruch auf lebendige Wahrheit über den Tod hinaus, wie sie der scharfsinnige Publizist und Schriftsteller Ferdinand Kürnberger in einem Nachruf auf Franz Grillparzer vertritt, steht die Auratisierung von Archiv-Objekten gegenüber; was als Vitrinenschatz konserviert wird, dem scheint der Stachel literarischer Widerständigkeit gezogen. Die literarische Überlieferung verkommt zum Schatzkästchen, was Kürnberger voraussah: „Ein schönes Wort: literarische Schätze, für: Blitz, Donner, Hagel, Teufel und Teufelsschwanz! […] Und das ist die Lebensmaske Grillparzers: ausgesandt als ein flammendes Gewitter, um die Luft Österreichs zu reinigen, zieht er über Österreich hin als ein naßgraues Wölkchen, am Rande mit etwas Abendpurpur umsäumt. Und das Wölkchen geht unter!“12

Die „Schätze“ in den Bibliotheken, Archiven und Museen sind zwiespältige Geschenke an die Nachwelt: Sie können Blitz und Donner aussenden, und sie können im milden Sonnenschein zu Museumsstücken einer Repräsentations-Kultur werden. Im Klassiker Grillparzer steckt der Zweifler, der selbstironische Biograph seiner selbst, der mit Sprachwitz ausgestattete Analytiker von Machtverhältnissen. Seine Gegenwärtigkeit steckt in den Texten; es ist nicht leicht, dies zu vermitteln. Gäbe es ein Motto, das der Ausstellung im Literaturmuseums vorangestellt werden könnte, dann würde es ungefähr wie folgt lauten: Die Lust an der Literatur soll sich ihre eigenen Wege suchen. Diese Wege führen alle vom Schauen und Hören zum Lesen und Nachdenken – und wieder zurück.13

Literatur

Dusini, Arno (2017). Zensur und Diskretion. Zu Franz Grillparzers Selbstbiographie. In: Dusini, Arno/Kaufmann, Kira/Reinstadler, Felix (Hrsg.) Franz Grillparzer: Selbstbiographie. Salzburg und Wien: Jung und Jung, 223–242 (= Österreichs Eigensinn. Eine Bibliothek. Hrsg. von Bernhard Fetz).

Fetz, Bernhard (2021). Der Dichter mit der Kettensäge. Thomas Bernhards zerfetzte Arbeitshose. In: Kaukoreit, Volker/Gausterer, Tanja/Inguglia-Höfle, Arnhilt/Atze, Marcel (Hrsg.) Pässe, Reisekoffer und andere „Asservate“. Archivalische Erinnerungen ans Leben. Wien: Praesens Verlag, 242–246. (= Sichtungen. Archiv. Bibliothek. Literaturwissenschaft. 18./19. Jahrgang).

Fetz, Bernhard (2015). Das Literaturmuseum. 101 Objekte und Geschichten. Salzburg und Wien: Jung und Jung.

Grillparzer Franz (2017). Selbstbiographie. Hg. von Dusini, Arno/Kaufmann, Kira/Reinstadler, Felix. Salzburg und Wien: Jung und Jung, 223–242 (= Österreichs Eigensinn. Eine Bibliothek. Hrsg. von Bernhard Fetz).

Grillparzer, Franz: Ansuchen um Urlaub, 3. Juni 1826. Österreichisches Staatsarchiv, Allgemeines Verwaltungsarchiv/Finanz- und Hofkammerarchiv, Finanzarchiv Präsidialakten.

Kürnberger, Ferdinand (1967). Feuilletons. Ausgewählt und eingeleitet von Karl Riha. Frankfurt am Main: Insel Verlag, 109–113.

Strigl, Daniela (2016). „Und die Größe ist gefährlich“. Über den schwierigen Umgang mit einem Klassiker. In: Fetz, Bernhard/Hansel, Michael/Schweiger, Hannes (Hrsg.) Franz Grillparzer. Ein Klassiker für die Gegenwart. Wien: Zsolnay Verlag, 9–23.

„Wir haben’s gut gemeint, doch kam es übel“ – Geschichte als Groteske in Büchners Dantons Tod und Grillparzers Bruderzwist in Habsburg

Birthe Hoffmann

Ausgehend von einer Aufdeckung überraschender Affinitäten zwischen Büchners Dantons Tod und der ebenfalls deutlich postidealistischen Geschichtsdramatik Grillparzers, wird in Ein Bruderzwist in Habsburg Grillparzers Reflexion geschichtlicher Prozesse nach der Französischen Revolution angesichts des gespaltenen, unkoordinierten Charakters des metaphysisch heimatlosen Subjekts herausgearbeitet. In Grillparzers nüchterner Analyse der Dialektik von Ordnung und Chaos wird die Autonomie der Dramenfiguren aufgelöst zugunsten einer polyphonen, transpersonalen Reflexion von Fragen der Identität, Recht, Wahrheit, Erkenntnis und persönlicher Verantwortung angesichts einer allumfassenden Krise. Die widersprüchliche und offene Dramenstruktur erlaubt dem Zuschauer somit keinerlei Fixpunkte, und statt als tragisches Sinnangebot des individuellen Opfers an eine ideale Ordnung, erscheint der geopferte und vom Vater verneinte Menschensohn Don Cäsar lediglich als Stellvertreter künftigen Massentötens im Namen der Ordnung – ein Scheitern der Humanität, das nur noch mit einer grotesken Mischung aus Grauen und Lachen in die Zukunft blicken lässt.

Die Französische Revolution ist das Paradigma der Dialektik der Aufklärung, der Idee der Machbarkeit von Geschichte im Namen der Emanzipation, die sich vom Menschen als handelndes Subjekt verselbständigt und in totalitären Terror umschlägt. Sie markiert eine Schwelle in einem Modernisierungsprozess, der alle Aspekte des individuellen und gesellschaftlichen Lebens umfasst, und löst somit nicht nur eine Krise monarchischer und republikanischer Gesellschaftskonzepte aus, sondern fügt sich zu den Erschütterungen erkenntnistheoretischer und metaphysischer Art, bei denen „Immanuel Kant, der große Zerstörer im Reiche der Gedanken, an Terrorismus den Maximilian Robespierre weit übertraf“, wie Heinrich Heine 1834 bemerkte.1 Diese Krise koinzidiert außerdem mit dem dialektischen Umschlag der Anthropologie der Aufklärung, die nun der ‚dunklen‘ Seite des Menschen zunehmend Platz einräumen muss.

Indem aber Autonomie, Freiheit und Selbsterkenntnis des Individuums in Frage gestellt wird, wird auch das handlungsmächtige, mit sich selbst identische Subjekt als Voraussetzung des klassischen Tragödienkonzepts, wie es seit Lessing in Deutschland entwickelt worden war, zunehmend fragwürdig. Die ästhetischen Konsequenzen dieser Krise wurde in den Geschichtstragödien Goethes und Schillers, deren idealistische Sinnangebote dem bürgerlichen Publikum des 19. Jahrhunderts die zunehmende Erfahrung von Kontingenz überbrücken halfen, erst ansatzweise gezogen.2 Dieser Beitrag soll zeigen, dass Grillparzer – wie sein Zeitgenosse Büchner – im Hinblick auf Personengestaltung, Sprache und Dramaturgie eine deutlich postidealistische Dramenästhetik entwickelt hat. Zwischen dem revolutionären Büchner und dem konservativen Grillparzer können überraschende Affinitäten beobachtet werden in Bezug auf die dramaturgische Umsetzung ihrer Reflexionen über die Dialektik von Chaos und Ordnung, Freiheit und Ohnmacht des Individuums in politischen Krisen, in denen auch Begriffe wie Recht, Wahrheit, Ethik und individuelle Verantwortung zum Problem werden.

Wie Helmut J. Schneider dargelegt hat, hat Büchner in Dantons Tod (1835) – in direkter Anspielung auf Goethes Egmont – den ästhetischen Bruch mit der klassischen Tragödie der Goethezeit vollzogen, die „den tragischen Tod als Opfer an eine ideale Ordnung in geschichtsphilosophischer Perspektive (Familie, Menschheit, Gesellschaft, Nation)“3 verstand. Dass der König in der modernen, demokratischen Tötungsmaschine seinen Kopf verliert, ist auch ideengeschichtlich ein Schnitt, der nicht mehr rückgängig zu machen ist:

Der König des Ancien Régime hatte dem Staat eine lebendige und überdauernde Gestalt gegeben; weit mehr als bloß eine politische Herrschaftsform nach Art der ihr folgenden, repräsentierte das Königtum – selbst in seiner durch das aufgeklärte Jahrhundert geschmälerten Geltung – eine kosmische Ordnung, in der der Mensch sich wiedererkennen und aufgehoben fühlen konnte. Dieser mythischen Ordnung stellte die Republik in einem gewalttätigen Schnitt die rationale Herrschaft des Gesetzes und der anonymen Institution entgegen. Sie setzte den Einzelnen in die Freiheit zur autonomen Selbstentfaltung – die politische Bedingung für das ‚moderne Individuum‘ – doch entzog sie ihm andererseits die Repräsentanz in einem übergeordneten gesellschaftlichen Gefüge. Umgekehrt verlor das staatlich-politische Handeln seine konkrete – personale Gestalt.4

Büchner habe „dem Königsmord der Revolution den Todesstoß gegen die klassische Dramaturgie hinzugefügt“, […] jenen „Darstellungsmodus historischen Geschehens, das in handlungsmächtigen und repräsentativen Individuen verkörpert und für die Zuschauer zum Leben gebracht wird.“5 Im Folgenden sollen zunächst die wichtigsten Konsequenzen dieses Schnitts für die Dramenstruktur und Personengestaltung in Dantons Tod dargelegt werden, um anschließend die ungleichzeitige Modernität von Ein Bruderzwist in Habsburg deutlicher herausstellen zu können.6 Somit soll gezeigt werden, wie das um 1848 vollendete, 1872 posthum uraufgeführte Stück Grillparzers aus rezeptionsästhetischer Sicht Herausforderungen darstellt, die die Rezeption des Stückes bis ins späte 20. Jahrhundert erschwert haben7 und es an manchen Stellen in die Nähe des absurden Theaters nach 1945 rücken. Der Status als Klassiker, der Büchners Dantons Tod erst im 20. Jahrhundert zuteilwurde, sollte im Falle Grillparzers entsprechend revidiert werden: Nicht im Sinne des identitätsstiftenden Klassikerkults des Bürgertums im 19. und 20. Jahrhundert, der in unterschiedlichen politischen Konstellationen und geschichtlichen Kontexten immer wieder zur Stabilisierung nationaler Identität(en) eingesetzt wurde, sondern als Klassiker gemessen an der Fähigkeit des Werks, dank seiner Komplexität und Gestaltungskraft immer wieder neue Perspektiven für die Gegenwart zu eröffnen.

Dantons Tod als Metatheater der Geschichte

Wie Grillparzers Bruderzwist schildert Dantons Tod einen politischen Ausnahmezustand, in dem es „im strengen Sinne des Wortes keinen Souverän“ gibt, wie es Harro Müller in einer neueren Studie formuliert.1 Das Drama behandelt einen Höhepunkt des jakobinischen Terrors und der Säuberungen unter den Revolutionären, zwischen der Hinrichtung des radikalen Atheisten Héberts am 24. März 1794 und der Hinrichtung Dantons am 5. April. Während der hungernde Volkskörper weiterhin nur mit Köpfen gesättigt werden kann, entzündet sich ein neuer Konflikt unter den Revolutionären um die Frage, wie sich die Revolution zur Republik weiterentwickeln soll. Der Wunsch der Dantonisten, durch Begnadigungen und eine Verfassung eine rechtsstaatliche Ordnung zum Schutz des Individuums zu etablieren, kollidiert mit den Anhängern des Terrorregimes Robespierres, das keinen Pluralismus verträgt. Denn die Zivilreligion der Jakobiner sakralisiert die soziale Vernunft, die im abstrakten Sinne alle gleichmacht – wer sich aber von ihrem Allgemeinwillen verselbständigt, wird zum Vertreter des Bösen, das vernichtet werden muss. „In einer Republik sind nur Republikaner Bürger; Royalisten und Fremde sind Feinde“, wie es in einer der vielen rhetorischen Phrasen Robespierres heißt; im „Despotismus der Freiheit gegen die Tyrannei“ sind Begriffe dehnbar und können je nach Zweck in neuen Bedeutungen eingesetzt werden – Gleichheit bedeutet nun Gleichschaltung, Brüderlichkeit gilt nur solange sie nicht durch die Freund/Feind-Dichotomie aufgehoben wird.2

Mit der rationalen Logik des Entweder/Oder, die auch die der Guillotine ist, stilisiert Robespierre nun die Revolution als einen Kampf der „Tugend“ gegen das „Laster“, um die Dantonisten zu treffen, deren hedonistische Lebensweise er als aristokratischen Verrat am hungernden Volk und den Tugenden der Republik darstellt. Büchner macht aber in diesem Stück die pragmatische Funktion der Sprache als Machtmittel in einer Weise sichtbar, die sie allmählich von den dargestellten Figuren löst und die aufgestellten Dichotomien dekonstruiert. Dies geschieht zunächst durch Danton, der schon von Anfang an die Situation wie ein bereits Gestorbener betrachtet und von Erinnerungen und Reflexionen über das Dilemma politischen Handelns geplagt ist. Auf jede Aufforderung zum Handeln reagiert er mit einem Sprung zu einem anderen Reflexionsniveau, das die Handlungsebene entfremdet. Als Camille am Anfang des 2. Aktes an Danton mit „Rasch, Danton, wir haben keine Zeit zu verlieren!“ appelliert, antwortet er, indem er sich ankleidet:

Aber die Zeit verliert uns. Das ist sehr langweilig, immer das Hemd zuerst und dann morgens wieder herauszukriechen und einen Fuß immer so vor den andern zu setzen; da ist gar kein Absehen, wie es anders werden soll. Das ist sehr traurig, und dass Millionen schon so gemacht haben, und dass Millionen es wieder so machen werden, und dass wir obendrein aus zwei Hälften bestehen, die beide das nämliche tun, so dass alles doppelt geschieht – das ist sehr traurig.3

Wie aus dieser und vielen ähnlichen Aussagen Dantons zu verstehen ist, hat für ihn jedes Handeln seinen Sinn verloren, nicht nur angesichts des endlosen willkürlichen Tötens und der Gewissheit, dass er bald sterben wird, sondern auch aus einer Metaperspektive, der jede Handlung als eine Wiederholung bestimmter Handlungsmuster erscheint. Die Spaltung, die Danton auf dieser Reflexionsebene erfährt, entspricht der im Drama allgegenwärtigen und in der Forschung immer wieder beobachteten Theatermetaphorik4, die die Autonomie des Individuums in Frage stellt, in der Politik wie im privaten Bereich. Ein Aspekt dieser Spaltungsthematik ist das Problem der Undurchschaubarkeit des Menschen – weder kennt er sich selbst bzw. ist er mit sich selbst identisch, noch kann er mit Sicherheit das Gesicht des Mitmenschen von seiner Maske unterscheiden. Schon in der ersten Szene des Dramas wird dies zum Thema: Eine Dame am Spieltisch beobachtend, die „ihrem Mann immer das cœur und anderen Leuten das carreau“5 hinhält, spricht Danton zu seiner Frau Julie über die Einsamkeit, die aus dieser Undurchschaubarkeit des Anderen resultiert: „Einander kennen? Wir müssten uns die Schädeldecken aufbrechen und die Gedanken einander aus den Hirnfasern zerren.“6

Als eine von vielen Parallelszenen, in denen mehrere Gesprächsfäden und Stillagen gleichzeitig nebeneinander ablaufen oder in knapper Folge einander abwechseln – hier existenzieller Ernst und Frivolität des Spiels, unterbrochen von der politischen Rhetorik der Dantonisten und die verfremdende Antwort Dantons – zeigt schon die erste Szene auch dramaturgisch die Verwandtschaft mit Grillparzer, der ebenfalls durch die Gleichzeitigkeit von kontrastierenden Abläufen im Vordergrund und Hintergrund und das Nebeneinander äußerst heterogener oder einander widersprechender Handlungen eine extrem offene Textstruktur erzeugt, deren Sinnperspektiven in hohem Masse vom Rezipienten selbst formuliert werden müssen. Aufgrund der unidealistischen Anthropologie des unkoordinierten Menschen bei Büchner und Grillparzer kann die angebotene Sinnperspektive, wenn sie möglichst viele Textperspektiven integrieren soll, nur eine widersprüchliche, ambivalente sein und muss die Selbstdarstellung der Figuren transzendieren.

In Dantons Tod bestimmt die dramatische, kausal-finale Handlungsdynamik von Spiel und Gegenspiel in relativ geringem Grad die Struktur des Dramas, vielmehr scheint sie durch eine additive Struktur von Tableaus ersetzt zu sein, in der jede Szene eine Variation und Vertiefung der Reflexion über die gleiche Grundsituation darstellt. Auf dieser Ebene geht es vor allem um innere Konflikte, die über die persönlichen Kontroversen und Schicksale hinausgehen: Sie betreffen die Möglichkeiten und das Dilemma geschichtlichen Handelns, die individuelle Verantwortung in der Dynamik geschichtlicher Prozesse, die Unterscheidung von Wahrheit und Lüge und den Sinn menschlichen Leidens. Durch die Abfolge von Szenen werden eine Reihe von Ähnlichkeiten zwischen Danton und Robespierre sichtbar, die ihre Gegnerschaft überlagert. Diese Dekonstruktion, die auf der Ebene des impliziten Lesers durch diesen Parallelismus im Gegensatz erfolgt, wird schon in der privaten Begegnung von Danton und Robespierre im 1. Akt explizit von Danton eingeleitet, als er Robespierres Unterscheidung von Tugend und Laster in Frage stellt:

Es gibt nur Epicuräer, und zwar grobe und feine, Christus war der feinste; das ist der einzige Unterschied, den ich zwischen den Menschen herausbringen kann. Jeder handelt seiner Natur gemäß, d.h. er tut, was ihm wohltut.7

Während Danton im Laufe dieses Gesprächs von der Unerschütterlichkeit Robespierres und der Irreversibilität des tödlichen Konflikts überzeugt wird, zeigt das Drama die Verwandtschaft mit Danton, sobald Robespierre allein ist: Beide sind sie einsam, von ihrem Gewissen geplagt8, d.h. von Handlungen, die ihnen das Muss der Revolution aufgezwungen hat, und beide verbinden sie die Revolution mit der unerfüllbaren Sehnsucht des Menschen nach Erlösung. Allein bekennt Robespierre sich in I, 6. zum Bild eines verkehrten Messias, mit dem ihn Camille Desmoulins denunziert hat:

Jawohl, Blutmessias, der opfert und nicht geopfert wird. […] Er hatte die Wollust des Schmerzes, und ich habe die Qual des Henkers. […] Wahrlich, der Menschensohn wird in uns allen gekreuzigt, wir ringen alle im Gethsemanegarten im blutigen Schweiß, aber es erlöst keiner den andern mit seinen Wunden.“9

Eine ähnliche Einsicht drückt Danton in der folgenden Szene aus, als er beklagt: „[…] es fehlt uns etwas, ich habe keinen Namen dafür – aber wir werden es einander nicht aus den Eingeweiden herauswühlen, was sollen wir uns drum die Leiber aufbrechen? Geht, wir sind elende Alchymisten.10

Die Sekundierung solcher Formulierungen durch den Freund Camille – „ein starkes Echo“11 – trägt ebenfalls zum transpersonalen Charakter der Sprache in diesem Stück bei. Die Figuren – zumindest die nuancierten unter ihnen – sind somit keine Repräsentanten bestimmter ideologischer Positionen, sondern können durch die Sprache, der sie sich oft als Zitat oder Maske bedienen, in diese Positionen hinein- und herausgehen, um im nächsten Augenblick wie mit einer Stimme an einer gemeinsamen Reflexion teilzunehmen.

Der Prozess der Geschichte als Welttheater wird aber vor allem von Danton reflektiert, der in der Vorstellung von den Akteuren der Revolution als „Puppen […], von unbekannten Gewalten am Draht gezogen“12 vor seinem geplagten Gewissen zu fliehen versucht. Unter den Rollen, die es auf der Bühne der Geschichte gibt, ist aus seiner Sicht die des Opfers vorzuziehen: „Der Mann am Kreuze hat sich’s bequem gemacht: es muss ja Ärgernis kommen, doch wehe dem, durch welchen Ärgernis kommt.“13

Die Reflexionen Dantons und Robespierres über die Frage individueller Verantwortung, die sie trotz der Spaltung in Rolle und Spieler nicht loswerden, befinden sich in der Mitte zwischen zwei Extremen im Drama: Auf der einen Seite steht die Rhetorik St. Justs in seiner großen Rede vor dem Nationalkonvent in II, 7, die die Bewegungen des „Weltgeistes“ aus der abstrakten Höhe der Ideen als eine Naturkraft stilisiert, in dessen Strom Millionen von Menschen untergehen müssen auf dem langsamen Weg zum Fortschritt der Menschheit. In der kalten Logik der – im Gegensatz zu Danton und Robespierre – ganz flachen Figur St. Justs, die wie eine unheimliche Verkörperung hegelscher Dialektik wirkt, wird das Individuum austauschbar und verdinglicht als eines von unzähligen Leibern, die als Mittel zum Zweck geopfert werden müssen. Am anderen Ende des Spektrums möglicher Antworten auf dieses Problem stehen die Frauen Dantons und Camilles, Julie und Lucile, die sich angesichts der Hinrichtung ihrer Männer freiwillig aufopfern. Lucile, halb wahnsinnig, formuliert dabei den absoluten Gegensatz zur Rechtfertigung der Opfer der Geschichte durch St. Just:

Sterben – Sterben –! Es darf ja alles leben, alles, die kleine Mücke da, der Vogel. Warum denn er nicht? Der Strom des Lebens müsste stocken, wenn nur der eine Tropfen verschüttet würde. Die Erde müsste eine Wunde bekommen von dem Streich.14

Wie Schneider gezeigt hat, ist die Selbstaufopferung Luciles durch den Ausruf „Es lebe der König“ am Ende des Stücks ein intertextueller Kommentar zu Goethes Egmont und somit ein Gegenstück zur Selbsttötung Klärchens, denn:

[…] wie Egmont verkörpert auch Klärchen selbst das Volk – wenn nicht das reale und gegenwärtige, so das ideale und zukünftige. Daher können die Liebenden im Tod triumphieren, einem Tod, den Klärchen als Opfer für den Geliebten und Egmont zuletzt als Opfer für die Freiheit begreift.15

Die Selbstaufopferungen der Frauen in Dantons Tod stellen als die einzigen autonomen Handlungen im Drama den Gegensatz zur Darstellung des Menschen als Marionette dar, unterstützen aber mit ihrem im idealistischen Sinne sinnlosen Tod den „Einspruch gegen die Idealisierung des Todes in der klassischen Geschichtstragödie und deren der einzelnen – stets körperlichen – Existenz übergestülpten Bedeutungskonstruktion“.16

Auch in Büchners Umfunktionalisierung der barocken Metapher des Welttheaters wird die Abkehr von der Geschichtstragödie der Goethezeit deutlich. Wenn das Leben und die Geschichte als Theater dargestellt wird und Geschichtsdramatik sich dadurch zum Metatheater entwickelt, gelingt jene Verschmelzung von fiktivem Charakter und Idee nicht mehr, auf die die idealistische Tragödie abzielt, da der ‚Charakter‘ schon mehrfach in sich gespalten ist in Rolle und undurchschaubares, nicht-identisches Selbst.17 Der emphatische Opfertod der Tragödie ist durch das nicht enden wollende Sterben ersetzt, dem kein Sinn mehr verliehen werden kann. Robespierre und Danton werden ihr Schicksal teilen – vor der Guillotine sind alle gleich –, denn während Danton auf seine Hinrichtung wartet, sind schon neue Kräfte am Werk, die Robespierre aus dem Weg räumen wollen, und hinter ihnen lauert im Horizont der (für den Zuschauer historischen) Zukunft das Massenschlachten Napoleons18. Wie noch zu zeigen ist, wird im Bruderzwist in Habsburg parallel dazu ebenfalls Spiel und Gegenspiel von zwei Gegnern durch eine Vielzahl von Kontrahenten ersetzt – in beiden Fällen übernimmt eine neue Gruppierung die Macht der Zukunft und das Chaos wird durch Menschenopfer nicht gebannt, sondern beschleunigt.

In Dantons Tod wird St. Justs zynische Darstellung vom Sinn der Menschenopfer in der großen Skala des modernen Massentötens ab dem 3. Akt von den Stimmen der Sterbenden übertönt, die in der Conciergerie mit metaphysischen Fragen und der nackten Todesangst ringen. Als sie kurz vor ihrer Hinrichtung (IV, 5) ihr Klagelied und ihre unbeantworteten Fragen nach dem Sinn des Leidens wie der Chor in der antiken Tragödie erheben, erhebt sich nicht eine mit ihrem Tode siegende Idee, sondern allenfalls das Problem des Nihilismus. Dantons Tod lässt die christliche und idealistische Verbrämung der Tragödie hinter sich zurück, um im Rückgriff auf die Anfänge in der Antike eine Tragödie der Moderne zu schaffen. In einer Welt, die „das Chaos“19 ist, mischt sich das Tragische mit dem Lachen zu einer grotesken Fratze. Wie sich die Dantonisten angesichts des Todes das Lachen der antiken Götter über das Leiden der Menschen vorstellen, hat das Lachen in diesem Stück von Anfang an das Thema des sinnlosen Leidens begleitet. Für Danton – ein Halbgott der Revolution am „ausglühenden Olymp“20, dessen „Wohnung bald im Nichts“ und dessen „Name im Pantheon der Geschichte“21 ist – hat alles einen tragikomischen Zug bekommen22:

Ich begreife nicht, warum die Leute nicht auf der Gasse stehenbleiben und einander ins Gesicht lachen. Ich meine, sie müssten zu den Fenstern und zu den Gräbern heraus lachen, und der Himmel müsse bersten, und die Erde müsse sich wälzen vor Lachen.23

Komische Elemente liefert auch der Theatersouffleur Simon, der durch Zitate das Pathos des idealistischen Dramas24 und der jakobinischen ‚Römer‘ parodiert.25 Das Lachen kann bekanntlich als Ventil des Unbehagens funktionieren, wenn Grenzen des Angemessenen oder Fassbaren überschritten werden. Durch die Vermischung mit Elementen der Komödie wird das Tragische somit nicht gemildert, sondern verfremdend zum Absurden oder Grotesken gesteigert – ein Effekt, der in Grillparzers Ein Bruderzwist in Habsburg noch deutlicher wird.

Die Dialektik von Ordnung und Chaos in Ein Bruderzwist in Habsburg

Schon mit König Ottokars Glück und Ende hatte Grillparzer einen Stoff aus der Geschichte der Habsburger bearbeitet, um die Folgen der Französischen Revolution und Fragen der Legitimität der Macht zu reflektieren. Durch die offensichtlichen Ähnlichkeiten des böhmischen König Ottokars mit Napoleon und die zwiespältigen, teilweise anachronistischen Züge Rudolf von Habsburgs vermochte Grillparzer den scheinbar patriotischen Stoff der Gründung der Hausmacht der Habsburger für eine höchst zweideutige Deutungsperspektive transparent zu machen. Denn aus dem Untergang Napoleons ging das ‚System Metternich‘ hervor, und durch den allmählichen Rollenwechsel und Parallelismus im Gegensatz zwischen Ottokar und Rudolf wird sichtbar, dass der am Anfang wie eine Heiligenfigur sich christlich-demütig gebärdende Rudolf allmählich die Rolle des Tyrannen in neuer, tückisch PR-gerechter Aufmachung übernimmt, während Ottokar als Sündenbock getötet wird.1 So funktioniert das Opfer im Zentrum der Gründungszeremonie nur oberflächlich als Vanitas-Motiv, mit dem Rudolf seine Nachkommen vor der „Versuchung“ (V. 2969) warnt – der tote Menschensohn, der gegen Ende eine humanistische Kritik der Gewalt formuliert, und nun in den Armen seines Kanzlers den Topos der Pietá darstellt, erinnert zugleich an die Gewalt, Ausgrenzung und Menschenopfer, auf die auch diese neue Ordnung baut.2 So kann auch Rudolfs Verhüllung der Leiche mit dem Kaisermantel (V. 2957ff.) als eine Bestätigung dieses Sachverhalts gesehen werden, hinter der pietätvollen Geste der Würdigung.

In dem um mehr als 25 Jahre später, nach 1848 fertiggestellten Trauerspiel Ein Bruderzwist in Habsburg ist Grillparzers Blick auf die Dynamik der Geschichte radikalisiert worden. Auch hier wird die ideologische Legitimierung des Herrschaftskonzepts der Habsburger – „nicht ich, nur Gott“3 – als paternalistische Maske sichtbar, hinter der das harte Gesicht der Gewalt zum Vorschein kommt. In diesem Stück wird aber besonders deutlich, wie genau jene Seite dieses Herrschaftskonzepts, die von der Kaiserrolle als dessen akzidentieller Aspekt ausgeblendet werden sollte, sich auf verhängnisvolle Weise durchsetzt: das Ich. Die Spaltung zwischen Rolle und Spieler bleibt bei Grillparzer zwar erhalten im Prozess der Geschichte, der sich wie ein wildes Pferd von seinem Reiter nicht zügeln lässt, aber die Dynamik geht eindeutig von dem unkoordinierten Wesen des Menschen aus. Die fehlende Autonomie des Subjekts, das weder eigene Impulse noch das intersubjektive Geschehen zu steuern vermag, befreit es somit keineswegs von der persönlichen Verantwortung. Um dies zu erblicken, muss man sich allerdings von der Rhetorik und dem Selbstbild der Figuren befreien – dies gilt nicht zuletzt für Rudolf II, der bald als Stellvertreter Gottes, bald als „schwacher, unbegabter Mann“ (V. 351) argumentiert, um sich bei seiner Machtausübung zu entlasten.

Grillparzer hat Begebenheiten im Jahrzehnt vor dem Ausbruch des Dreißigjährigen Krieges zu einer explosiven Mischung verdichtet: Das Drama präsentiert eine Krise in der Geschichte des Habsburgischen Reiches, das von innen durch die Glaubensspaltung bedroht ist und von außen durch den Krieg mit den Türken. Es ist aber auch eine Krise der Herrschaft, wie im 1. Akt demonstriert wird: Rudolf hat sich im Inneren der kaiserlichen Burg in Prag vor der Welt eingesperrt, während Depeschen aus aller Welt sich auf seinem Schreibtisch häufen und Verwandte des Kaisers – sein illegitimer Sohn Don Cäsar, sein Bruder Matthias mit Bischof Klesel und die Neffen Ferdinand und Leopold der Reihe nach mit dringenden Angelegenheiten an sein Ohr und Herz zu gelangen versuchen. So wird offenbar, dass es in der prekären Lage des Reiches de facto keinen Souverän gibt, nicht nur, weil Rudolf sich einbildet, durch absolutes und abstraktes Sein, durch quietistische Weltabgewandtheit und Handlungsabstinenz die zentrifugalen Kräfte des Reiches in Bann halten zu können, sondern auch weil er als Inhaber der Macht eine extreme psychische Labilität aufweist, die allein schon seine selbst erteilte Rolle als stabilisierende Mitte in Frage stellt.

Auch sprachlich bewegt sich Rudolf allein in diesem Akt von einem Extrem zum anderen, von sprachlosen Gesten und einem kindisch-pathologisch anmutenden, affektbetonten Sprachminimalismus zum rhetorisch strukturierten, poetischen Monolog. Was die Sprache des Dramas betrifft, mag Grillparzer, noch den fünffüßigen Jamben der Goethezeit gehorchend, im Ton dem Idealismus näherstehen als Büchner. Dafür übertrifft er aber Büchner in der psychologischen Komplexität und Widersprüchlichkeit seiner Figurenkonzeption, am eindrucksvollsten in der Figur Rudolfs, ein Verwandter des armen Spielmanns Jakob. Wie für Jakob fällt für Rudolf Theorie und Praxis auseinander, auch er grenzt sich von der Welt ab, um eine Verbindung mit dem Absoluten herzustellen, scheitert dafür aber mit seinen Handlungen auf der horizontalen Ebene der Realität. Weniger liebenswürdig, weil mit kaiserlicher Macht und Härte ausgestattet, die bei der Ausübung umso verheerendere Wirkungen haben kann, darf Rudolf aber bei dem Leser ebenso wenig wie Jakob darauf hoffen, nur nach seinen „Absichten“ beurteilt zu werden, und nicht auch nach seinen „Werken“.4 Welche Auffassung soll sich denn der Leser oder Zuschauer schon nach dem 1. Akt von Kaiser Rudolf bilden, nachdem er auf unvermittelte Weise abwechselnd als Kunstliebhaber, als Misanthrop, als paranoischer, unberechenbarer, sich wie ein Kind benehmender alter Mann erscheint, als jemand, der in einer imaginären Welt lebt und wenige Augenblicke danach über die politische Lage durchaus im Bilde ist, als Vater von alttestamentlicher Härte und als liebender Onkel, als potentieller Mörder und als Humanist?

Lukrezia/Lukretia – zwischen libidinösen und revolutionären Energien

Als Zuschauer werden wir vor den Widerspruch gestellt, dass die Figur Rudolfs, die uns die Gesetze willkürlichen Waltens anschaulich vorführt, zugleich jene Instanz ist, die das „Recht“ verbürgen soll. Über eben dieses Recht herrscht von Anfang an Unsicherheit, was zunächst durch die Don-Cäsar-Handlung exponiert wird, mit der das Drama ansetzt. Das Dilemma Don Cäsars besteht aus zwei miteinander verbundenen Problemen: Sein Freund, Feldmarschall Rußworm, der den Nebenbuhler Don Cäsars, Belgijoso, im Streit erschlagen hat, ist verhaftet worden, nach der Auffassung Don Cäsars „ohne Fug und Recht“, wogegen sich die Gerichtsperson auf „Recht und Urteil wie’s der Richter sprach“ beruft (V. 4f.). Lukrezia, die im schwarzen Trauerkleid mit ihrem Vater auftritt, hat in den Augen Don Cäsars die Annäherungen Belgijosos erwidert und wird der Heuchelei bezichtigt. Ohne aber auf diese Anklage einzugehen, wendet sich ihr Vater, der Bürger Prokop, zur Gerichtsperson: „Ist es gestattet Herr, auf offner Straße / Ehrbare Mädchen zu beschimpfen also?“ (V. 54f.) Man wird aber im Text vergeblich nach einem festen Anhaltspunkt suchen, nach dem entschieden werden könnte, ob Lukrezia ein ehrbares Mädchen oder eine Heuchlerin, ob hier Recht oder Unrecht geschehen ist.

Mit dem römischen Lukretia-Stoff, auf den hier – wie in Dantons Tod – angespielt wird, wird nicht nur das Thema der Heuchelei eröffnet, wie in der ersten Szene bei Büchner, sondern auch das Thema der Revolution und der sozialen Spannungen zwischen Adligen und Bürgern, das in Ein Bruderzwist in Habsburg sich wie ein roter Faden zieht und den Bezug zur Gegenwart Grillparzers herstellt. Die Energie der Auflehnung gegen die willkürliche Machtausübung der Aristokratie, die das Bürgertum in Lessings Emilia Galotti auf zugespitzte Weise im Akt des Selbstmords nach innen kehrt, ist bei Bücher in revolutionäre Energie umgewandelt, die jedoch vor den revolutionären Bürgern selbst keinen Halt macht.1 Bei Grillparzer wird der Lukretia-Stoff in einer Art Umkehrung thematisiert: War bei Lessing die Integrität der Bürgerstocher Emilia schon von ihr selbst in Frage gestellt, und ihr Selbstmord – durch die Hand ihres Vaters – damit begründet, dass sie sich ihre Verführbarkeit eingesteht und daher für ihre Handlungen nicht mehr verbürgen kann, treibt bei Grillparzer die opake Selbstgerechtigkeit Lukrezias Don Cäsar zur Wahnsinnstat – an Lukrezia und an sich selbst. Als der von seiner Haft entflohene Don Cäsar Lukrezia am Anfang des 4. Aufzugs aufsucht, während ihr Vater in der Stadt zur Wehr der Prager Bürger gegen das von Rudolf genehmigte Passauer Heer ruft, geht es ihm nicht um Verführung, sondern um die

[…] einzge Leidenschaft der Wunsch: zu wissen.

Lasst mich erkennen Euch, nur deshalb kam ich;

Zu wissen was Ihr seid, nicht was Ihr scheint.

Denn wie’s nur eine Tugend gibt: die Wahrheit,

Gibt’s auch ein Laster nur: die Heuchelei. (V. 1914ff.)

Als Lukrezia in das Seitengemach flüchtet, in dem sich das von einer Kerze beschienene Bild Belgijosos befindet, schießt er seine Pistole nicht gegen Lukrezia, sondern „in der Richtung der offenen Türe ab“, gleichsam als könne er damit als letzten Ausweg den erfahrenen Riss überbrücken, der in der Zweiteilung des Raumes symbolisiert ist. Indem er im starken Affekt Lukrezia tötet, wird aber der Riss nur noch verstärkt.

Die Spaltung, die er durch die Heuchelei erfährt, ist vom Anfang des Stückes eng mit seiner Beziehung zum Vater verknüpft. In diesem Stück äußert sich die Spaltung nicht nur in den inneren Widersprüchen des Subjekts und in der Unlesbarkeit des Anderen, die in Dantons Tod mit dem Masken-Motiv verbunden war – die Verkennung des Anderen ist hier ebenso sehr den Projektionen des Betrachters geschuldet. Lukrezia und Don Cäsar sehen in einander längst nicht mehr das Individuum, sondern den Repräsentanten des Bösen. Lukrezias Reaktion, als sie Don Cäsar erblickt, „O Gott, so schaut das Unglück!“, beantwortet er mit: „Erschreckt nicht, holde Maid! Ich bin es selbst; / Und bins auch nicht.“ (V. 1882ff.). Wie das Folgende zeigt, sieht auch er Lukrezia nicht so sehr als eine Frau, die er liebt, sondern als Vertreterin der Einsichten, die ihn bedrücken und die mit seiner Situation als Bastard, der von seinem Vater verleugnet wird, zusammenhängen. Aus seiner Darstellung der Anzeige Belgijosos geht hervor, daß der Verlust der Vaterliebe dem Verlust Lukrezias vorausging:

Im wilden Toben war er mein Genoß.

Doch ging er hin und zeigt’ es heimlich an

Und brachte mich um meines Vaters Liebe.

[…]

Zu gleicher Zeit betrat er euer Haus.“ (V. 1945ff.)

Nachdem sich Don Cäsars Bild von Lukrezias „Reinheit, Unschuld, Tugend“ (V. 1925) in Schein verwandelt hat, versucht er zunächst den Riss zu schließen, indem er ihr ein Geständnis ihrer Liebe zum toten Belgijoso abfordert. Lukrezia kommentiert dies mit Worten, die ein allgemeines Problem im Drama formulieren: „Wie ohne Grund ihr mich zu hoch gestellt, / So stellt ihr mich zu tief nun ohne Grund.“ (V. 1936f.). Denn ebenso unerklärlich scheint die Abkehr Rudolfs von Don Cäsar im 1. Akt (nachdem er ihn mit den Worten Klesels V. 174 „sehr geliebt“ hat), und die im Folgenden demonstrierte Übertragung seiner Liebe auf Leopold. Rudolf beginnt im 1. Akt erst nach dem Auftritt Don Cäsars sich mit der Außenwelt zu befassen, und bricht das Schweigen mit einem jähen Ausdruck seines Zorns auf die Bitte Don Cäsars, Rußworm Gerechtigkeit widerfahren zu lassen:

„Er stirbt! – Und du mit ihm,

Wagst ferner dus ein Wort für ihn zu sprechen. –

Entarteter! Ich kenne deine Wege.

Du schwärmst zu Nacht mit ausgelaßnen Leuten,

Stellst nach den Kindern ehrbar stiller Bürger,

Hältst dich zu Meutern, Lutheranern.“ (V. 270ff.)

An allem, was er hier Don Cäsar vorwirft, macht sich aber auch er selbst oder aber machen sich Personen, deren Handlungen er billigt, irgendwann schuldig. So ist der nächste Vertraute Rudolfs, sein Freund Julius von Braunschweig, ein Lutheraner; das nächtlich ausgelassene Schwärmen wird auch dem Neffen Leopold nachgesagt, doch in seinem Falle nimmt Rudolf dies als Beweis dafür, daß er „ein Mensch“ ist (V. 515). Als Leopold im 2. Akt Lukrezia vor Don Cäsar rettet, macht er ihr zugleich ohne ihre Billigung den Hof.2 Man darf außerdem vermuten, daß die Mutter Don Cäsars ebenfalls ein „Kind ehrbar stiller Bürger“ war, dem Rudolf seinerzeit nachgestellt hat. Rudolf belegt aber die Identität Don Cäsars als die seines Sohnes mit einem Tabu, dessen Verletzung mit „ewige[m] Gefängnis, / Entfernt vom Strahl des gottgegebnen Lichts“ (V. 295f.) bestraft werden soll. Diese Drohung ist Ausdruck einer Verkoppelung von väterlicher bzw. kaiserlicher und göttlicher Macht, die Rudolf immer wieder herstellt. Etwas Ähnliches macht sich in seinem Blick auf Don Cäsar bemerkbar. Denn wie er sich selbst mit Gott verbindet, so sieht er in Don Cäsar plötzlich ein Teufelsgesicht: „Und also steht er da, hohnlachend, trotzend, / Wie einst der Teufel vor des Menschen Sohn.“ (V. 298f.).

Don Cäsar muss es ertragen, dass der dämonisierende Blick seines leiblichen Vaters ihn zum „frechen Sohn der Zeit“ stilisiert, ein Symbol der geschichtlichen Dynamik, die er als Kaiser zugegebenermaßen nicht beherrscht, während er den Neffen Leopold adoptiert, der sich als der wahre Versucher entpuppt3. Indem dieser in der Peripetie des Dramas dem psychisch destabilisierten Rudolf mit dem Argument der Liebe4 die schriftliche Genehmigung zur Einsetzung des Passauer Heeres zum Schutz Rudolfs abringt, übernimmt Rudolf aber in der Logik der Handlung die Vaterschaft jener zentrifugalen Kräfte der Zeit, die er stellvertretend in Don Cäsar bändigen wollte.5

Dieser Zusammenhang wird im Drama auch bildlich durch das Motiv des Pferdes reflektiert. Von Leopold heißt es im 1. Akt: „Im Schloßhof tummelt er das türksche Roß, / Das ihr gekauft und das Don Cäsar schulte.“ (V. 509f.) Im 4. Akt taucht das Motiv in übertragener Bedeutung auf, das eingetretene (und von Leopold beschleunigte) Chaos reflektierend. Hier tritt Graf Thurn als der neue, vorläufige Herrscher im Hradschin auf, der Rudolf unter Aufsicht gestellt und den Zugang zu Rudolfs Laboratorium zugemauert hat. Auf den Einwand Graf Schlicks, dass die Maßnahmen gegen Rudolf doch weiter gingen, „als die Absicht war“, antwortet Thurn:

Die Absicht, Freund, ist ein vorsichtger Reiter

Auf einem Renner feurig, der die Tat,

Den spornt er an zu hastigem Vollzug.

Hat er das Ziel erreicht, zieht er die Zügel

Und meint, nun wärs genug. Allein das Tier,

Von seiner edlen Art dahingerissen

Und von dem Wurf des Laufes und der Kraft,

Es stürmt noch fort durch Feld und Busch und Korn,

Bis endlich das Gebiß die Glut besiegt.

Da kehrt man denn zurück.

SCHLICK. Wenns dann noch möglich. (V. 2211ff.)

Damit sind menschliche Absichten und Taten keineswegs als ohne Bedeutung für geschichtliche Ereignisse dargestellt, denn, wie Thurn abschließend bemerkt: „All, was geschehn, das hast du auch gewollt“ (V. 2222)6 – aber sie stehen nur am Anfang eines irreversiblen Prozesses. Ganz parallel dazu taucht das Motiv des zügellosen Pferdes im Alptraum Dantons auf, der von der Ohnmacht dem Weltgeschehen gegenüber handelt: „Unter mir keuchte die Erdkugel in ihrem Schwung; ich hatte sie wie ein wildes Ross gepackt, mit riesigen Gliedern wühlt‘ ich in ihren Mähnen und presst’ ich ihre Rippen, das Haupt abwärts gewandt, die Haare flatternd über dem Abgrund; so ward ich geschleift.“7

„Aus eignem Schoß ringt los sich der Barbar“ – Die Inversion der Humanität

In der Metaphorik des Pferdes wird implizit Rudolfs Verschiebung bzw. Projektion unlösbarer Probleme auf seinen Sohn deutlich, den er zum Sündenbock einer nicht mehr beherrschbaren Entwicklung machen will: „Der freche Sohn der Zeit. – Die Zeit ist schlimm, / Die solche Kinder nährt, und braucht des Zügels. / Der Lenker findet sich, wohl auch der Zaum.“ (V. 1345ff.). Die Logik des Bildbereichs weiterführend, könnte man daraus folgern, dass Rudolf auch in Bezug auf die Probleme der Zeit die Vaterschaft besitzt. Diese Vaterschaft wird aber sowohl der Zeit als auch seinem Sohn gegenüber verleugnet, so wie er sich weigert, die Rolle des „Meisters“1 auf sich zu nehmen, weil sich lieber er als „Schüler“ der Weisheit des Alls versteht. Aber der Versuch, den Sohn als Gegner zu entäußern und ihn als die Verkörperung des Bösen zu dämonisieren, wird auch durch eine Reihe anderer Strategien im Text dekonstruiert, die den Parallelismus im Gegensatz zwischen den beiden etablieren und somit eine supplementäre Logik der gegenseitigen Abhängigkeit aufdecken.2 Überhaupt dient die Don-Cäsar-Handlung als Vehikel der Dekonstruktion des von Rudolf präsentierten Herrscherkonzepts. Der von Grillparzer erfundene illegitime Sohn ist sozusagen in die Welt gebracht, um die Legitimität der paternalistischen Machtausübung in Frage zu stellen und um die Schwächen in Rudolfs Idee eines Staates aufzuzeigen, der auf der ewigen Ordnung der Natur beruht. Zu dieser gehört die sich durch Generationen reproduzierende Ordnung der Familie, die „heilgen Bande, / Die unbewusst, zugleich mit der Geburt, / Erweislos, weil sie selber der Erweis.“ (V. 1617ff.)

Rudolf entfaltet seine im Naturrecht begründete, absolutistische Staatsideologie in langen Monologen, die immer wieder die Aufmerksamkeit der Interpreten auf sich gezogen haben und oft als das konservative Vermächtnis Grillparzers gelesen wurden, die aber schon als Selbst- und Weltauslegungen keiner stringenten Logik folgt. Vor Erzherzog Ferdinand im 1. Akt spricht er von Don Cäsar als „Schüler“ einer Zeit, dem „Achtung für der Väter Sitte“ (V. 328) verloren gegangen ist, bzw. als einem von den „Keime[n] […] der Verkehrtheit“ angesteckten, die „ihm geliehn so wildverworrne Welt.“ (V. 343f.) Der in seiner Denkweise ganz anders geartete Ferdinand greift diese Metapher mit der Aufforderung auf: „Die Zeit bedarf des Arztes und ihr seids“, worauf Rudolf sofort diese einfache Gegenüberstellung unterläuft: „Ein wackrer Arzt, der selber Heilung braucht!“ (V. 356f.) Für Ferdinand besteht, ja muss eine Übereinstimmung bestehen zwischen Gesinnung, Wort und Handlung, sowie zwischen Status, Autorität und Macht. Diese Einheit wird aber sowohl durch Rudolf als auch vom Drama als Ganzem in Frage gestellt. Nur aber durch das Extreme seines Charakters unterscheidet sich Rudolf von den übrigen Figuren, die wie er zusammengesetzt und unkoordiniert sind und in mancher Hinsicht ebenso blind sein können, wie sie in anderer Hinsicht weit- und klarsichtig sind. Es gilt somit für alle zentralen Figuren, dass ihre Aussagen manchmal auf die tatsächliche Lage im Drama zutreffen und daher Anspruch auf allgemeine Geltung erheben können, manchmal aber auch in ihrer Subjektivität isoliert dastehen. So drückt Rudolf eine Wahrheit des Dramas aus, wenn er Ferdinand gegenüber den Unterschied im Lauf der Sterne vom Lauf der Menschenwelt erklärt: „Dort oben wohnt die Ordnung, dort ihr Haus, / Hier unten eitle Willkür und Verwirrung“. (V. 428f.) Diese Einsicht entspricht dem unheilvollen Mangel an Rationalität und Durchsichtigkeit im Stück, der nicht zuletzt an Rudolf selbst exponiert wird. Andererseits erscheint Konsequenz und Logik, wenn sie in den Säuberungsmaßnahmen des Religionsfanatikers Ferdinands – der St. Just der Gegenreformation – auftritt, als ein Schreckgespenst der Zukunft. Rudolfs Einwand Ferdinand gegenüber, dass der „vielverschlungene Knoten der Verwirrung“ nicht mit einem Streich gelöst werden kann, und sein Erschrecken über die unmenschliche Vertreibung von zwanzigtausend Protestanten „an einem Tag“, mit dem Ferdinand in der Steiermark, in Krain und Kärnten „ausgetilgt den Keim der Ketzerei“ (V. 476f.), zeigt Rudolf als den Humanisten, der sich v.a. in der Optik des Fernen, Visionären und Allgemeinen um das Ganze bemüht – mit einem Blick der Inklusion. Das Tragische besteht aber in diesem Stück darin, dass die Idee des Humanen und gesellschaftlich Guten in eine inhumane Barbarei umschlägt – wie in Dantons Tod. Rudolfs Aufopferung seines Sohns entbehrt dabei den tragischen Sinn, den das Opfer in der klassischen Tragödie der Goethezeit innehatte.3 Der Tod Don Cäsars hat mit dem ausbrechenden politischen Chaos nichts zu tun, das natürlich durch sein Opfer auch nicht gebannt wird. Im Zusammenhang des Stücks wird Don Cäsar in einem der Perspektive Rudolfs ganz entgegengesetzten Sinne zu einem Stellvertreter der vielen Menschen, die im Namen der Ordnung umgebracht werden. Wie in Dantons Tod wird der tragische Konflikt nicht durch den Tod Don Cäsars oder Rudolfs beendet, sondern eher beschleunigt bzw. mündet im Bewusstsein des historisch versierten Zuschauers in einen furchtbaren, langjährigen Krieg.

Im Vordergrund von Grillparzers komplexer dramatischer Reflexion geschichtlicher Erfahrungen im Hinblick auf eine bedrängte Gegenwart und die Alpträume der Zukunft steht aber die Auseinandersetzung mit dem Absolutismus à la Habsburg angesichts der Forderungen nach Demokratie und Bürgerrechten in der Folge der Französischen Revolution. Die allbekannte Ambivalenz Grillparzers in dieser Frage stimmt mit der offenen Struktur dieses Dramas und der polyphonen und zugleich transpersonalen Reflexion überein, vor allem aber mit der Tatsache, dass das Habsburgische System durch die extrem heterogene Figur Rudolfs sowohl von innen, durch die vielen Selbstwidersprüche, als auch von außen, durch die Forderungen von schriftlichen Verträgen zur Sicherung individueller Rechte und des kollektiven Friedens, in Frage gestellt wird. Die Indignation Rudolfs über die Forderung der böhmischen Stände nach einer verträglichen Sicherung jener „Freiheit der Meinung und der Glaubensübung“ (V. 1530), die er ihnen de facto zugebilligt hat, setzt die „Schrift“, die „toten Züge einer toten Hand“ dem „lebendig warmen Wort“ gegenüber, das „von dem Mund der Liebe fortgepflanzt, / Empfangen wird vom liebedurst’gen Ohr“ (V. 1653ff.). Dass die Böhmen aber von Rudolf auf diese Weise „der Neigung Pfänder“ fordern, wird angesichts der Entwicklung der Ereignisse nur allzu verständlich. Der Jurist Grillparzer zeigt sich hier, wenn nicht als ideologischer Bannerträger ihrer Forderungen, dann doch indirekt als ihr Anwalt, indem er das „erweislose“ ‚Gesetz‘ Rudolfs, das sich der Logik und der Überprüfung durch eine Erwägung von Sachverhalten entzieht, eine Art Selbstmord begehen lässt. Die duldsame Vaterliebe des Kaisers, die jeden Augenblick in ihr Gegenteil umschlagen kann, erweist sich als Alternative zum positiven Recht ungeeignet. „Zieht nicht vor das Gericht die heilgen Bande“ lautete die Warnung Rudolfs (V. 1617) – eben das tut das Drama aber, indem es die allzu menschlichen Schwächen analysiert, die die Rollen in der Familie und im politischen Feld durcheinanderbringen. Rudolfs privater, jeder rechtlichen Begründung entbehrender Racheakt an seinem illegitimen Sohn – seinem supplementären Stellvertreter – dient dabei dazu, den ‚Selbstmord‘ der Theorien Rudolfs durch seine Inversion in einen rachsüchtigen Barbaren anschaulich vorzuführen.

Im 3. Akt hatte Rudolf seine Theorie einer humanen Ordnung mit dem Bild der Familie vorgeführt, die im Gegensatz zu Ferdinands Idee der Reinheit des Glaubens und des Staates auf Liebe baut, die aber mit Ambivalenz einhergeht:

Du ehrst den Vater – aber er ist hart;

Du liebst die Mutter – die beschränkt und schwach,

Der Bruder ist der nächste dir der Menschen,

Wie sehr entfernt in Worten und in Tat;

Und wenn das Herz dich zu dem Weibe zieht,

So fragst du nicht ob sie der Frauen Beste,

Das Mal auf ihrem Hals wird dir zum Reiz,

Ein Fehler ihrer Zunge scheint Musik,

Und das: ich weiß nicht was, das dich entzückt,

Ist ein: ich weiß nicht was für alle andern;

Du liebst, du hoffst, du glaubst. Ist doch der Glaube

Nur das Gefühl der Eintracht mit dir selbst,

Das Zeugnis, daß du Mensch nach beiden Seiten:

Als einzeln schwach, und stark als Teil des All.

Daß deine Väter glaubten, was du selbst,

Und deine Kinder künftig treten gleiche Pfade

Das ist die Brücke, die aus Menschenherzen

Den unerforschten Abgrund überbaut,

Von dem kein Senkblei noch erforscht die Tiefe.

O Prüfe nicht die Stützen, beßre nicht!

Dein Menschenwerk zerstört den geistgen Halt

Und deine Enkel lachen einst der Trümmer

In denen deine Weisheit modernd liegt. (V. 1621ff.)

Isoliert betrachtet klingt dies wie eine konservative Utopie des friedlichen Zusammenlebens im heterogenen Vielvölkerreich der Habsburger Monarchie, in der Zusammengehörigkeit, Liebe und Respekt durch nichts Bestimmtes legitimiert und daher nicht theoretisierbar sind, in dem es aber zugleich Raum für entgegengesetzte Gefühle und Eigenschaften gibt. In seinen Monologen ist diese gekoppelt mit einer Theorie des Rechts, mit erkenntnistheoretischen und metaphysischen Aspekten, kurz: sie gehen aufs Ganze. Don Cäsar ist der einzige, der gedanklich einen vergleichbaren Anspruch und ähnliche Spannweite aufweist – schon die Länge und die poetischen Qualitäten seines Monologes Lukrezia gegenüber (V. 1882ff.) machen ihn mit denen Rudolfs vergleichbar. Bei genauerem Hinsehen sind aber alle Elemente seiner Rede in Relation zu Rudolf zu verstehen, als Parallelität, Gegensatz oder Konsequenz. Im Gegensatz zu Rudolfs göttlicher Ganzheitsperspektive, aus der scheinbar die Perspektive des Ichs verschwunden ist, ist der Monolog Don Cäsars der Versuch, die Situation aus der Perspektive des suchenden, verzweifelten Ichs darzustellen:

Was ist es auch: ein Weib? Halb Spiel, halb Tücke,

Ein Etwas, das ein Etwas und ein Nichts,

Je demnach ich mirs denke, ich, nur ich.

Und Recht und Unrecht, Wesen, Wirklichkeit,

Das ganze Spiel der buntbewegten Welt,

Liegt eingehüllt in des Gehirnes Räumen,

Das sie erzeugt und aufhebt, wie es will.

Ich plagte mich mit wirren Glaubenszweifeln,

Ich pochte forschend an des Fremden Tür,

Gelesen hab ich und gehört, verglichen,

Und fand sie beide haltlos, beide leer.

Vertilgt die Bilder solchen Schattenspiels,

Blieb nur das Licht zurück, des Gauklers Lampe,

Das sie als Wesen an die Wände malt,

Als einzge Leidenschaft der Wunsch: zu wissen. (V. 1900ff.)

In der Metaphorik von Licht und Dunkelheit wird deutlich, dass das Problem der Liebe auf alle Seinsbereiche ausgedehnt worden ist und somit Identität, Recht, Wahrheit und Erkenntnis umfasst – wie in den Monologen Rudolfs. Während aber für Rudolf im Dunklen die Sterne aufleuchten als Zeichen jener Ordnung, von der die Menschen abgefallen sind, ist Wissen und Glaube für Don Cäsar nicht mehr erreichbar, sondern löst sich im Nichts auf. Das Licht rührt in seinen Bildern vom Bewusstsein, von der Lebensenergie und Leidenschaft des Menschen her, die er nunmehr als „den letzten Schimmer dieses Daseins“ erfährt, der „noch ins Dunkel strahlt, das Leben heißt“ (V. 1887f.) – „Der Schatten nur des Wesens, das ich war.“ (V. 1886). Durch die Anspielung auf Platons Höhlengleichnis reflektieren diese Bilder, dass Don Cäsar auf seiner Suche nach dem Licht nicht zur Idee des Guten vorgedrungen ist, wie Rudolf es sich einbildet, sondern desillusioniert in die Schattenhöhle der menschlichen Existenz zurückgekehrt ist, wo er nun von den anderen als störend aufgefasst wird. Wie sich die Gefangenen in Dantons Tod vor dem Sterben angesichts der leeren Transzendenz das Lachen der Götter vorstellen, sieht Don Cäsar, oft genug selbst als Teufel an die Wand gemalt, nun noch „des Gauklers Lampe / Das sie [die Bilder] als Wesen an die Wände malt“.

Wem Gott zum Gaukler wird, erscheint die Welt als kontingent, wenn nicht absurd. Als das Stück voranschreitet, wird aber der Kontrast zwischen der erhabenen Pose Rudolfs und seiner Ohnmacht und willkürlichen Handlungen auch für den Zuschauer zum Problem, wie der arme Spielmann Jakob, der wie eine Kippfigur zugleich erhaben und lächerlich erscheint – denn wie soll man aus diesem Sowohl-als-auch einen Sinn bilden, an dem man sich erbauen könnte oder eine erhebende Katharsis durchleben? Rudolf als Kippfigur, die man mit der Selbstcharakteristik Don Cäsars als „Ein Zerrbild zwischen Niedrigkeit und Größe“ (V. 1893) beschreiben könnte, nähert sich eher dem Eindruck des Grotesken: Zu krass ist bei Rudolf der Unterschied zwischen Theorie und Praxis, zwischen der hellen und der dunklen Seite, als dass sein Fall im 4. Akt als tragisch gelten könnte.

Hinzu kommt, dass Rudolf kaum mehr als eine selbständige Figur zu betrachten ist, sondern in Don Cäsar seine Schattenseite besitzt. Zeigte sich dieser am Anfang des 4. Aktes in der Lukrezia-Szene als ein Gefangener des Nihilismus, ist er wenig später ein Gefangener seines Vaters, was sowohl konkret als auch symbolisch zu verstehen ist. In dieser Szene (V. 2225ff.) bleibt er im Verborgenen unsichtbar, während sein Schicksal im Gespräch zwischen Julius und Rudolf entschieden wird. Don Cäsars Funktion als supplementärer Stellvertreter entsprechend, stirbt er in einer zweideutigen Weise, die zugleich als Mord und Selbstmord gesehen werden kann. Denn dieser stirbt einerseits, weil er den Verband der Ärzte, die ihm seine Ader zur Heilung seines Wahnsinns geöffnet hatten, eigenhändig abreißt, einen Richter fordernd, andererseits, weil Rudolf ihm – als Richtspruch – einen Arzt verweigert, und dabei den Quasiselbstmord in einen Quasimord verkehrt. Rudolf, nun in der Tat selbst in Haft, ist wieder zu dem im 1. Akt vorgeführten Zustand von Wortkargheit, gepaart mit psychischer Labilität und starken Affekten zurückgekehrt und spielt nun zugleich den Arzt, der wie Ferdinand durch Töten heilen will, und den Richter, während sein Freund Julius zugleich als Übersetzer seiner Gedanken und als Anwalt Don Cäsars auftritt. Der Ruf des verzweifelten und lebensmüden Don Cäsars „nach einem Richter, um Gericht“ (V. 2171) ist Ausdruck seines Wunsches nach einer Art Objektivierung und verbindlicher Anerkennung, was ihn mit dem politischen Strang der Handlung verbindet, wo die böhmischen Stände und Bischof Klesel auf schriftlichen Verträgen bestehen. Vergebens plädiert Julius für das objektivierbare, weltliche Recht Don Cäsars:

Von einem Augenblick hängt ab sein Leben,

Und nicht sein Leben nur, sein Ruf, sein Wert.

[…]

Daß nicht wie ein verzehrend, reißend Tier,

Daß wie ein Mensch er aus dem Leben scheide,

Wenn nicht gereinigt, doch entschuldigt mindstens.

Ihm werde Spruch und Recht. (V. 2178ff.)

Indem aber Rudolf den Schlüssel zum Turm Don Cäsars in den Brunnen wirft, bevor ihm dies gewährt werden kann, stürzt auch Rudolf und sein großes Theoriegebäude in die Tiefe und zerstört jene „Brücke, die aus Menschenherzen / Den unerforschten Abgrund überbaut, / Von dem kein Senkblei noch erforscht die Tiefe.“ (V. 1637ff.). Die Raumgestaltung verdeutlicht, wie Rudolfs Urteil schließlich ihn selbst im Kern trifft und die ‚heil’gen Bande‘ zwischen Menschen zerreißt, die in seiner eigenen Theorie die Menschheit vor der Zerstörung von Innen, vor dem kollektiven Selbstmord schützt. Auch durch die Parallelität mit den leidenden Tieren im Käfig, die nur von Rudolf gefüttert werden wollen4, wird auf subtile Weise der Rechtsbegriff Rudolfs kommentiert, mit dem er im 3. Akt (V. 1257ff.) zugleich den Menschen ex negativo bestimmt hatte. Denn das einzige Recht, das er Don Cäsar zugesteht, ist das Recht zu hungern und zu leiden, und indem er ihn wie „verzehrend, reißend Tier“ sterben lässt, dementiert er auch seine eigene Menschlichkeit. Damit zeigt er auch das Problematische an seiner Doppelrolle auf, denn entgegen seinem Motto „Nicht ich, nur Gott“ demonstriert diese Szene den Kurzschluss zwischen der Rolle und dem allzu menschlichen Rolleninhaber, deutlich in der Geste des Hinabwerfens: „Er ist gerichtet / Von mir, von seinem Kaiser, seinem – (mit zitternder, von Weinen erstickter Stimme) Herrn!“ (V. 2186f.)

Grotesk ist diese Szene durch die dem Leser zugemuteten Kontraste, die nur noch Unbehagen und eine besondere Art von Grauen erwecken können. Hatte Rudolf vorhin gewarnt, dass jeder Versuch, die gottgegebene Ordnung durch „Menschenwerk“ zu bessern in Zukunft ausgelacht werden würde („Und deine Enkel lachen einst der Trümmer / In denen deine Weisheit modernd liegt“), gibt es beim Zusammenbruch der Weisheit Rudolfs nichts zu lachen, im Gegenteil – das Unpassende, Sinnlose verstärkt nur das Tragische an der Veranlagung des Menschen, der das Böse übt, wenn er auch das Gute will, und dessen Abgründe offenbar unermesslich sind.

Alles Ständische und Stehende verdampft, alles Heilige wird entweiht

Parallel mit der Lukrezia/Don Cäsar-Handlung und diese immer wieder durchkreuzend wird im politischen Handlungsstrang die kollektive Krise auf die gleiche polyphone, transpersonale Weise reflektiert. Die Bezüge zur Situation um 1848 und die mit der Französischen Revolution aufgeworfenen Fragen sind hier überall gegenwärtig, so auch im kaiserlichen Lager im 2. Akt, wo es nicht nur um die Frage geht, wer im Notstand des Reiches die Führung übernehmen soll, sondern um die Infragestellung aller Hierarchien. Die Verletzung der familiären Hierarchie unter den Habsburgern durch die Wahl Matthias’ zum neuen Staatsoberhaupt ist nicht der einzige ‚Bruderzwist‘ in diesem Stück und wird in diesem Akt beinahe durch das Thema der sozialen Spannungen in den Hintergrund gedrängt. Die Soldaten wagen es, gegen den Befehl ihres Hauptmanns zu argumentieren, weil in diesem Chaos alle Koordinaten sinnvollen Handelns fehlen. Was im Standesdenken nur als Insubordination gesehen werden kann, ist aus der Perspektive der Soldaten eine Frage der Vernunft und der besseren Argumente angesichts der konkreten Probleme: „Hauptmann: ’So meisterst du, ein Knecht, den Heeresfürsten?‘/ / Fahnenträger: ’Ob zehnmal Herr und zwanzigmale Knecht, / Wenn einer irrt, hat doch der andre recht.‘“ (V. 533ff.). Auch der Versuch des Hauptmanns, den Protestanten die Schuld für die bedrängte Lage zu geben, wird schlicht als Lüge abgewiesen und mit dem Schlagwort der Brüderlichkeit ersetzt, die im Lager die konfessionellen Unterschiede verwischt. In diesem Akt wird aber deutlich, dass die Begriffe Bruder und Brüderlichkeit immer durch die Exklusion anderer definiert sind. Im Lager sind alle Brüder – gegen die Türken, geraten aber schnell in einen Streit, wenn es zum Teilen der Beute kommt – in diesem Falle einer Türkin. Und jenseits der Brüderlichkeit im Lager gehören die Lagerbrüder weiterhin unterschiedlichen und potentiell verfeindeten sozialen und konfessionellen Gruppierungen an. Die Beziehung unter den Brüdern vom Geschlecht der Habsburger, Leopold und Ferdinand, sowie Rudolf, Matthias und Max schwankt zwischen Solidarität, Abscheu und Verrat. Diese Zwiespältigkeit der Brüderlichkeit mag den Umstand erklären, dass sowohl Ferdinand und Leopold als auch die Lagerbrüder einander mit der Doppelbezeichnung „Freund und Bruder“ bezeichnen (V. 624 und 1135), die Einigkeit in der Ambivalenz versichernd. In dieser Weise macht Grillparzer die Dynamik von kollektiven Identitäten und politischen Verbänden zum Thema und Problem, statt diese einfach als Spieler im geschichtlichen Konflikt vorauszusetzen. In Bezug auf die Situation um 1848 und weit darüber hinaus hat Grillparzer Rudolf in der Tat ein wahres Wort in den Mund gelegt, wenn er im 3. Akt vor den Sprechern der böhmischen Stände sich über den Begriff des ‚Volkes‘ empört: „Das Volk! Das sind die vielen leeren Nullen, / Die gern sich beisetzt, wer sich fühlt als Zahl, / Doch wegstreicht, kommts zum Teilen in der Rechnung.“ (V. 1536ff.).

Einer der wichtigsten Akteure im politischen Konflikt und eine interessante Figur im Hinblick auf die Gegenwart Grillparzers ist der intelligente Emporkömmling Klesel, der sich vom Bäckerssohn zum Bischof von Wien und unentbehrlichen Kanzler Matthias’ hochgearbeitet hat. Als juristisch versierter ‚Federpfuscher‘, der mit der Feder kämpft und den demütigenden Hochmut und die Inkompetenz des oberen Standes ertragen muss, hat Grillparzer gute Voraussetzungen gehabt, diese Figur mit hoher Komplexität zu gestalten.1 Scheinbar seinem Herrn Matthias mit großer Liebe dienend und zugleich mit einem starken persönlichen Ehrgeiz ausgestattet, bleibt Klesel eine opake Figur, die auch stets eine Maske tragen muss, um sich durchzusetzen. Er zeigt sich aber in diesem Spiel durch Klugheit, Nüchternheit und Improvisationstalent den Habsburgern weit überlegen und bekommt zunächst, was er haben wollte: den Frieden mit den Türken und eine Vollmacht für Matthias, der sich allerdings seinerseits für diese Macht zu schwach fühlt. Als Fürsprecher der vertraglichen Schlichtung von politischen und konfessionellen Konflikten ist Klesel der ideologische Gegner von sowohl Rudolf als auch Ferdinand und wird von beiden sehr gefürchtet. Im 5. Akt ebnet Ferdinand daher seiner eigenen blutigen Nachfolgerschaft den Weg, indem er Klesel in Abwesenheit Matthias’ verhaften und entführen lässt. Dies gibt aber Klesel die Gelegenheit, im heftigen Wortduell noch einmal seine Haltung Ferdinand gegenüber deutlich zu machen, darunter sein Plädoyer für eine prinzipielle Trennung von Wissen und Glauben (V. 2492ff.).2

Klesel, der seine Verhaftung als soziale Demütigung empfindet, wünscht sich einen Rächer herbei, der sich „dienend […] zum Herrn aufgedrungen“ haben wird, und dieser wird dann auch prompt als „Herr Oberst Wallenstein“ gemeldet. Wie die Zitate des Souffleurs Simon und die Selbstaufopferung Julies in Dantons Tod die Abkehr von der klassischen Geschichtstragödie reflektieren, ist es schwer, in diesem fast saloppen Auftritt Wallensteins am Ende des Trauerspiels nicht einen Kommentar Grillparzers zur Geschichtsdramatik Schillers zu sehen. Diese Figur und der mit ihr verbundene historische Stoff, denen Schiller mit gehörigem Pathos eine ganze Trilogie widmete, wird bei Grillparzer mit Elementen der Komödie eingesetzt, die mit einem unheimlichen Verfremdungseffekt tradierte Gattungsnormen verletzt.3 So wird z.B. im Munde Wallensteins der Prager Fenstersturz, der immer als das Fanal des dreißigjährigen Krieges galt, zum Witz:

Der Mathes Thurn ließ eben, als ich abging,

Nach einer alten Landessitte, sagt er,

Sie aus den Fenstern werfen am Hradschin,

Im vollen Landtag und im besten Sprechen.

Doch sind sie unverletzt, seid unbesorgt.

Sie haben noch gar höflich sich entschuldigt,

Weil nach dem Rang sie nicht zu liegen kamen,

Zuoberst, weil zuletzt, der Sekretär.

Betrachtet Böhmen drum als feindlich Land.

WALLENSTEIN. Nun, um so besser denn! (V. 2721ff.).

Die Bemerkung Wallensteins: „Der Krieg ist gut, und währt’ er dreißig Jahr“, die Heinz Politzer als an der Grenze zum Geschmacklosen eingestuft hat, wird am Ende im Chor wieder zum Besten gegeben:

FERDINAND. Es geht in Krieg, seid froh, Herr Wallenstein.

WALLENSTEIN. Ich bins.

MEHRERE. Wir auch, und währt es dreißig Jahr.

– Ja wärens dreißig – Dreißig! – Um so besser.

indem sie Wallenstein die Hand schütteln, alle ab (V. 2895ff.).4

Wallenstein erscheint hier als der Herr der Zukunft, der auch die Hierarchien der Herrschaft herausfordern wird – aber wie das Publikum weiß, ist auch dieser Weltmetzger schon dem gewaltsamen Tode geweiht. Die schnelle Abfolge der Machthaber, die sinnlose Reihe und das schiere Ausmaß der Menschenopfer, das Fehlen eines gemeinsamen – idealen oder objektiven – Bodens der vielen streitenden Meinungen außer der brutalen Realität der Macht und des Todes, das unkoordinierte, dezentrierte Wesen des Menschen – wie Dantons Tod zeugt auch Ein Bruderzwist in Habsburg von einer Ernüchterung der Anthropologie und eine Anpassung der Rolle der Kunst an die Bedingungen der Moderne, die ihrer Zeit weit voraus ist. In seiner Zeitdiagnose ist Grillparzer, obwohl vom Materialismus weiter entfernt als Büchner, mit seinem pessimistischen Humanismus auf der Höhe seines Zeitgenossen Karl Marx, dessen Diagnose – „Alles Ständische und Stehende verdampft, alles Heilige wird entweiht“5 – er offensichtlich teilte, wenn auch nicht die damit verbundene Utopie.

Büchners und Grillparzers dramatische Reflexionen über diese Situation bringen sie mit ihrer verfremdenden Mischung aus tragischen Konflikten, Slapstick und einem bösen Lachen in die Nähe der Ästhetik des Absurden und des Grotesken, die nach 1945 im europäischen Theater Konjunktur hatte. Aber im Gegensatz zu Dürrenmatt, der bereit war, die Frage der individuellen Schuld durch den Begriff der Kollektivschuld zu ersetzen,6 wird trotz dem Einblick in die unbeherrschbare Dynamik der Geschichte eine solche kollektive Absolution von der persönlichen Verantwortung weder bei Büchner noch bei Grillparzer erteilt. Im Gegensatz zu Rudolf, der am Ende des 4. Akts sich selbst und seinem Haus verzeiht – „Sollt ich euch strenger richten als mich selbst? / Wir haben’s gut gemeint, doch kam es übel.“ (V. 2284f.) – bekommt die verzweifelte Geste Matthias’, die von Militärmusik und Vivatrufen in der Ferne begleitet wird, das letzte Wort. Im Moment seiner Ernennung zum Kaiser kniet er, von inneren Bildern geplagt, „wiederholt die Brust schlagend: Mea culpa, mea culpa, / Mea maxima culpa“.

Literatur

Büchner, Georg (1988). Dantons Tod. In: Werke und Briefe. Hrsg. v. Pörnbacher, Karl/Schaub, Gerhard/Simm, Hans-Joachim/Ziegler, Edda. München: dtv.

Dürrenmatt, Friedrich (1966). Theater-Schriften und Reden. Zürich: Arche.

Fortmann, Patrick (2013). Autopsie von Revolution und Restauration. Georg Büchner und die politische Imagination (=Rombach Wissenschaften – Reihe Litterae 47). Freiburg i.Br./Berlin/Wien: Rombach.

Geulen, Eva (2006). Das Geheimnis der Mischung: Grillparzers ‚Jüdin von Toledo‘. In: Dörr, Volker V./Schneider, Helmut J. (Hrsg.) Die deutsche Tragödie. Neue Lektüren einer Gattung im europäischen Kontext. Bielefeld: Aisthesis, 157–173.

Grillparzer, Franz (1960–1965). Sämtliche Werke. Hrsg. v. Frank, Peter/Pörnbacher, Karl. München: Hanser I–IV.

Heine, Heinrich (1979). Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland. In: Historisch-kritische Gesamtausgabe der Werke, Hrsg. v. Windfuhr, Manfred. Hamburg: Hoffmann und Campe, 8/I.

Hoffmann, Birthe (1999). Opfer der Humanität. Zur Anthropologie Franz Grillparzers. Wiesbaden: Deutscher Universitäts-Verlag.

Hoffmann, Birthe (2002). König Ottokar und kein Ende. Zur Anthropologie Franz Grillparzers. In: Jahrbuch der Grillparzer-Gesellschaft, 3. Folge, Band 20, 188–220.

Lessing, Gotthold Ephraim (1996). Emilia Galotti. In: Werke. Hrsg. v. Göpfert, Herbert Georg. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, II.

Marx, Karl (1971). Das kommunistische Manifest. In: Werke. Schriften in sechs Bänden. Hrsg. v. Lieber, Hans-Joachim/Furth, Peter. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, II.

Müller, Harro (2015). Dantons Tod: Eine Relektüre. In: Fortmann; Patrick B./Helfer, Martha B. (Hrsg.) Commitment and Compassion. Essays on Georg Büchner, (= Amsterdamer Beiträge zur neueren Germanistik 81). Amsterdam: Rodopi, 47–63.

Politzer, Heinz (1967). Grillparzers Bruderzwist – Ein Vater-Sohn-Konflikt in Habsburg. In: Schwarz, Egon/Hannum, Hunter G./Lohner, Edgar (Hrsg.) Festschrift für Bernhard Blume. Göttingen: Vandenhoeck, 173–194.

Reeve, William C. (1995). The Federfuchser/Penpusher from Lessing to Grillparzer: A Study Focused on Grillparzer’s „Ein Bruderzwist in Habsburg“. Carleton University Press.

Schneider, Helmut J. (2011). Genealogie und Menschheitsfamilie. Dramaturgie der Humanität von Lessing bis Büchner. Berlin: Berlin University Press.

Schneider, Helmut J. (2006). Tragödie und Guillotine. ‚Dantons Tod‘: Büchners Schnitt durch den klassischen Bühnenkörper. In: Dörr, Volker V./Schneider, Helmut J. (Hrsg.) Die deutsche Tragödie. Neue Lektüren einer Gattung im europäischen Kontext. Bielefeld: Aisthesis, 127–156.

Touching Matters: Unstable Epistemologies in Grillparzer’s Kloster bei Sendomir

Imke Meyer

Bekanntermaßen verstand Grillparzer sich in erster Linie als Dramatiker und war dem Verfassen von Prosatexten abgeneigt. Gerade dieser Umstand aber mag dazu beigetragen haben, dass Grillparzer in der ersten seiner beiden Novellen, Das Kloster bei Sendomir (1827), sich unbefangen aus dem vorhandenen Reservoir generischer und schauerromantischer Konventionen bedient, um ein epistemologisch instabiles Terrain zu erkunden, auf dem letzten Endes weder eine haptische noch eine visuelle Wahrnehmung verlässliche Erkenntnisse über die Einrichtung der Welt liefern können. Das prosaische Sujet eines Ehebruchs wird episch inszeniert, und der dramatische Höhepunkt der Binnenerzählung vermittelt zugleich Einsichten in die Unauslotbarkeit von sinnlicher Wahrnehmung und in die Männlichkeitskonstrukte der homosozial-patriarchalen Schauplätze des Textes, die am Ende zu ihrem Erhalt ein Frauenopfer fordern.

Franz Grillparzer considered himself first and foremost a playwright and viewed his two narrative texts, Das Kloster bei Sendomir (1827) and Der arme Spielmann (1848), quite literally as prosaic in comparison to his dramatic output. In 1847, Grillparzer responded to publisher Gustav Heckenast’s plea to follow up the publication of Der arme Spielmann with another novella for Heckenast’s almanac Iris by pointing out that „Erzählungen überhaupt nicht mein Fach sind.”1 In 1837, Grillparzer had noted: „Die Novelle ist das Herabneigen der Poesie zur Prosa, der Roman das Hinaufstreben der Prosa zur Poesie“ (SW 3: 291). In 1822, the same year in which he first composed an outline of the Sendomir sujet in his diary (SW 3: 207–208), Grillparzer remarked:

Poesie und Prosa sind von einander unterschieden wie Essen und Trinken. Man muß vom Wein nicht fordern, daß er auch den Hunger stillen soll, und wer, um das zu erreichen, ekelhaft Brot in seinen Wein brockt, mag das Schweinefutter selbst ausfressen. (SW 3: 289)

When Joseph Schreyvogel prompted Grillparzer to turn his original Sendomir sketch into a piece suitable for publication in the 1828 volume of Schreyvogel’s yearbook Aglaja,2 the context and audience expectations linked to such an almanac certainly called for a narrative text.3 While Grillparzer would continue to fret for decades that „[e]s ärgert mich, wenn ein guter Dramatiker in Prosa schreibt,“ he could at least steer clear of a potentially „ekelhaft“ pollution of the poetic language of drama with prose in a situation that forced his hand to write within generic parameters that were a priori prosaic.

It may well be that Grillparzer’s entry into the prosaic realm relieved him of any concerns about generic purity. Sendomir introduces its readers to a spellbinding admixture of narrative and dramatic dialogue; a mash-up of a love story and a crime-and-detection case; a Gothic family plot of betrayal and murder; a melodrama of guilt and atonement;4 and a story of failed redemption. The contested terrain of the generically hybrid text that is Das Kloster bei Sendomir may well reflect Grillparzer’s conflicted relationship to prose fiction.5 It may, in fact, not be an accident that Grillparzer chooses a prose text to mobilize multiple genres and motifs to stage a crisis of epistemology that in the end remains unresolved.

Grillparzer’s text, I contend, presents us with scenes of a struggle between the epistemological primacy of touch on the one hand and vision on the other. This struggle is neither resolved in the text, nor can it even be contained by the novella’s frame narrative – rather, as I will show, the epistemological battle between touch and vision repeatedly bursts through this frame, only to enter a terrain that itself bears the scars of this struggle.

Uncertain Times

The text’s fractured form finds its correspondence in its unstable temporality. As the title implies, the narrative is set in a monastery near the Polish town of Sandomierz. In the novella’s frame narrative, two knights, „Boten des deutschen Kaisers“ (SW 3: 119), are en route to the court of Johann Sobiesky, the Polish king who supported Leopold I, ruler of the Holy Roman Empire from 1658 until 1705, in his conflict with the Turks. Sobiesky was instrumental in beating back the Turkish troops in the famous 1683 Kahlenberg battle, which ended the last siege of Vienna. We can thus assume that the text’s frame narrative is set roughly around 1683, the time of Sobieski’s alliance with Leopold I.1 When the knights take up lodgings for the night at the monastery, the monk who later relates to them the framed narrative about the monastery’s origins states „‚Drei Jahre steht dies Kloster. Dreißig Jahre!‘“ (SW 3: 121) The monk’s uncertainty about the monastery’s age is all the more odd as we find out at the end of the narrative that it is he who founded the monastery. The events within the Binnenerzählung take up anywhere between three and five years. If we now want to know when these events took place, we need to count back from the approximate time the frame narrative takes place – 1683. But how many years? Three to five years, plus either three or thirty years, depending on when the monastery was actually built? The events the monk relates in the framed narrative could have then taken place as far back as the end of the Thirty Years’ War, around 1648, or roughly thirty years later.

The temporal instability created by the text’s simultaneously underdetermined and overcoded time references, taken together with the historical horizon within which the text was written, gesture both towards the dawn and towards the dusk of the Enlightenment: towards the Frühaufklärung, in the wake of the end of the Thirty Years’ War, the Peace of Westphalia, and the death of Descartes in 1650; and towards the Spätaufklärung, in the wake of the French Revolution, the death of Austria’s enlightened absolutist ruler Joseph II, Napoleon’s rise and fall, the end of the Holy Roman Empire, the new world order established at the Congress of Vienna, and the rise of Metternich’s repressive regime. It is roughly within this time frame that the struggle between the epistemological dominance of touch on the one hand and sight on the other plays out on the field of Western philosophy and science; and it is the crisis that results from this struggle that is, I maintain, of central import in Grillparzer’s Kloster bei Sendomir.

Certainties Unsettled

As the Enlightenment dawned, an epistemology in which knowledge could be gained through touch was increasingly marginalized and associated with the Middle Ages, now supposedly „an age when people groped about blindly.”1 The „Dark Ages“ were to be vanquished by a culture of light – as Foucault reminds us, one of the „great mythical experiences on which the philosophy of the eighteenth century had wished to base its beginning“ was the topos of „the man born blind restored to light.”2 The roots of this topos go back, of course, to Descartes. Foucault elaborates:

For Descartes and Malebranche, to see was to perceive (even in the most concrete types of experience, such as Descartes’s practice of anatomy, or Malebranche’s microscopic observations); but, without stripping perception of its sensitive body, it was a matter of rendering it transparent for the exercise of the mind: light, anterior to every gaze, was the element of ideality – the unassignable place of origin where things were adequate to their essence – and the form by which things reached it through the geometry of bodies; according to them, the act of seeing, having attained perfection, was absorbed back into the unbending, unending figure of light.3

As Foucault points out, though, a concept of perception through sight that takes place in a light both anterior and exterior to the observer is replaced already towards the end of the 18th century by a concept that locates the power to see truth no longer in the light that previously surrounded objects of perception but rather in the gaze of the observer:

At the end of the eighteenth century, however, seeing consists in leaving to experience its greatest corporal opacity; the solidity, the obscurity, the density of things closed in upon themselves, have powers of truth that they owe not to light, but to the slowness of the gaze that passes over them, around them, and gradually into them, bringing them nothing more than its own light. The residence of truth in the dark centre of things is linked, paradoxically, to this sovereign power of the empirical gaze that turns their darkness into light.4

If we read the rise of an epistemology of sight with Foucault, we must remind ourselves that such an epistemology is neither homogenous in itself, nor did it remain stable over time.5 Moreover, the distance associated with an epistemology of sight did not simply replace the proximity associated with an epistemology of touch. Rather, as Constance Classen reminds us, cultural practices associated with touch and sight coexisted far into the 19th century:

There can be no straightforward narrative of a decline in the cultural importance of touch accompanied by a corresponding rise in the cultural importance of sight. The sensory patterns of history are too complex. Older tactile practices long coexisted with the new emphasis on more disembodied modes of social interaction and religious practice.6

The European Enlightenment’s fraught terrain, marked by differing and shifting ways of finding and ascertaining truth, finds its Austrian manifestation in Grillparzer’s Vienna. Günter Schnitzler examines the tensions that prevail in Metternich’s Austria between the legacy of Joseph II. and Baroque Catholicism, between late-Enlightenment liberalism and conservatism:

Alle […] aufklärerischen und liberalen Tendenzen gehen […] eine im Grunde „unmögliche“ Verbindung mit dem geistigen und kulturellen Erbe der Donaumonarchie ein: die barock-katholische Welt bleibt in der Spätaufklarung Österreichs ebenso anwesend wie die Innerlichkeit und auch der Irrationalismus, der das direkte Eingreifen unbeherrschbarer Mächte möglich scheinen läßt; so werden noch die Wunder durch die Kirche nicht als Glaubensangelegenheiten, sondern auch in der Theorie und der Beweisbarkeit anerkannt. Das Barock-Gegenreformatorische erhält sich in gleicher Weise wie die religiöse und kulturelle Überlieferung bis hin zur habsburgnahen spanischen Welt, und zugleich rezipieren die Spätaufklärer der Grillparzer-Zeit die Texte von Leibniz, Wolff und vor allem von Kant.7

Grillparzer, an outspoken critic of Metternich8 and of the stifling effects his bureaucratic absolutism and censorship had on Austrian intellectual life, and an avid reader of Voltaire, Montesquieu, Diderot, and particularly Kant, nevertheless saw limits to the benefits enlightened reason could bestow upon humankind. Günter Schnitzler outlines Grillparzer’s skepticism towards the Enlightenment:

Grillparzer [erhob] fortwährend […] Vorwürfe vornehmlich gegen eine Aufklärung, deren Rationalismus zudem mit einem Erkenntnis- und Zukunftsoptimismus gepaart ist. Der skeptisch-desillusionistischen Haltung des österreichischen Spätaufklärers steht dies doch recht fern: Grillparzer hegte im Bereich der Ethik erhebliche Zweifel an einer beständigen Entwicklung zum „besseren Menschen“, wie es vor allem in rationalistischen Systemen propagiert wurde; aber auch in der Erkenntnistheorie zweifelte er – trotz der intensiven Kantstudien – an einer angemessenen, theoretisch fundierten Möglichkeit, Erfahrungswirklichkeiten zu fassen […].9

Just as Grillparzer was critical of narratives of progress and felt dubious about the possibility of epistemological certainty, Das Kloster bei Sendomir reflects a world in which stability, insight, and human perfectibility are unobtainable. Set in 17th-century Poland, a country that in the 18th century would suffer three partitions at the hands of the Habsburg Empire, Prussia, and Russia, and in the city of Sandomierz, which, in Grillparzer’s lifetime, was ruled alternately by Austria and Russia, Grillparzer embeds his story in a topography whose stability, as Grillparzer’s readers know, exists on borrowed time10 and whose state will soon, beyond the frame of the story, be as fractured and torn as Vienna’s intellectual landscape in Metternich’s Austria. It is, then, on this fraught terrain that we encounter Grillparzer’s protagonist, an emotionally unstable monk who relates the story of the monastery’s origins and who turns out to be identical to the hero of the framed narrative he presents, the Graf Starschensky.

Framing Uncertainty

The epistemological uncertainty that marks Grillparzer’s text announces itself already in its subtitle: „Nach einer als wahr überlieferten Begebenheit.“ The formulation sidesteps a more direct statement – such as „Nach einer wahren Begebenheit” – an element typical of the novella genre, of course. Instead, the phrasing makes plain that the title’s implied narrator is not willing or able to vouch for the truth value of the text’s events. Rather, the responsibility for the truth – or lack thereof – of the events is delegated to the anonymous forces of Überlieferung.1

The subtitle gives way to a narrative that we will soon identify as the novella’s frame. A broad vision of the Sendomir province’s landscape narrows into a close-up description of „zwei Reiter“ approaching the eponymous monastery:

Die Kleidung der späten Gäste bezeichnete die Fremden. Breitgedrückte, befiederte Hüte, das Elenkoller vom dunklen Brustharnisch gedrückt, die straffanliegenden Unterkleider und hohen Stulpenstiefel erlaubten nicht, [die Reiter] für eingeborne Polen zu halten. Und so war es auch. Als Boten des deutschen Kaisers zogen sie, selbst Deutsche, an den Hof des kriegerischen Johann Sobiesky, und, vom Abend überrascht, suchten sie Nachtlager in dem vor ihnen liegenden Kloster. (SW 3: 119 [my italics])

Here, the representation of textiles in particular evokes affect through an emphasis on their haptic qualities. The narrative reflects on the nexus of vision, touch, and the textual construction of meaning. Having been prompted by Schreyvogel to turn his Sendomir sketch into a prose story, Grillparzer seems to probe the notion of Stoff in all of its senses – sujet, matter, substance, textile. Though the Bezeichnung the visual appearance of the textiles accomplishes in the passage above is one of exclusion and circumscription, the text here nevertheless invites the reader to imagine a tactile relationship with the characters in the text: terms like „gedrückt“ and „straffanliegend“ suggest intimacy as the textiles literally touch and press against the bodies of the characters. The visual assessment of the characters we are allowed to perform, along with the invitation to slip into their skin and imagine the feel of their clothes on their bodies, ultimately yields only negative insights, though: the „Reiter“ must be Fremde; and their appearance excludes the possibility that they could be „eingeborne Polen.“ Further insight can only be granted by a narrator who we thought was sharing all of his knowledge all along, but who instead apparently toyed with us and now asserts his omniscience belatedly with the pronouncement „Und so war es auch.”2

The epistemological uncertainty that pervades the narrative frame is evident as the two imperial messengers approach the monastery to ask for shelter for the night. A „Pförtner“ invites them in, but he states that the abbot will not be able to welcome them as evening prayers are already in progress. The narrator continues:

Die Angabe des etwas mißtrauisch blickenden Mannes ward durch den eintönigen Zusammenklang halb sprechend, halb singend erhobener Stimmen bekräftigt, die, aus dämpfender Ferne durch die hallenden Gewölbe sich hinwindend, den Chorgesang einer geistlichen Gemeine deutlich genug bezeichneten. (SW 3: 119 [my emphases])

It is the gatekeeper whose gaze is described as „mißtrauisch,“ but his attitude of mistrust curiously seems to be transferred both to the „Fremden“ themselves and to us as readers. The gatekeeper’s „Angabe” – possibly just a neutral statement – morphs under his mistrustful gaze into a mere claim that needs to be „bekräftigt.“ This Bekräftigung, though, is in turn weakened by the paradoxical auditory sensation of an „eintönige[r] Zusammenklang“ of voices that are „halb sprechend, halb singend” – hovering, as it were, between the realms of the prosaic and the poetic. To make matters worse, the voices are perceived only in a muffled manner, „aus dämpfender Ferne,“ and distorted through „hallende Gewölbe.“ All of these qualifiers result in a signification that is merely „deutlich genug,“ but not necessarily beyond doubt. The narrator seems to imply here that we as readers may have to settle for a truth value that is just about good enough – “deutlich genug” – and that ultimate knowledge, whether sought with touch, vision, or even hearing, remains obscured in a world in which our sensual perception is imperfect.

The passage quoted above can also point us to another one of Grillparzer’s poetological observations: „Der wesentliche Unterschied der Novelle vom Drama besteht darin, daß die Novelle eine gedachte Möglichkeit, das Drama aber eine gedachte Wirklichkeit ist.“ (SW 3: 292) As Katherine Arens puts it in her gloss on Grillparzer’s statement, the novella genre, then, „has probability rather than realism on its side.”3 In a literary space in which realism is not the coin of the realm, we have to settle for the possible and the probable – that which is „deutlich genug.“

From the „deutlich genug“ signification in the acoustic realm, the messengers now move into an architectural space that aims to signify through „absichtliche […] Genauigkeit“:

Die beiden Fremden traten in das angewiesene Gemach, welches, obgleich, wie das ganze Kloster, offenbar erst seit kurzem erbaut, doch altertümliche Spitzformen mit absichtlicher Genauigkeit nachahmte. (SW 3: 119 [my italics])

Paradoxically, the „absichtliche Genauigkeit“ of the stylistic imitation both conceals and reveals the artificiality and inauthenticity of the monastery’s architecture. Additionally, the faux-Gothic style points us back towards the Middle Ages and simultaneously forward, beyond the text’s diegetic era of the 17th century’s Ottoman wars, and towards the time of Grillparzer’s writing of the text and Romanticism’s Gothic revival.4 Beyond the fact that here we once again encounter an unstable temporality, the pseudo-Gothic monastery is, of course, a trope that signals to us that we are about to enter Schauerromantik terrain.

Gothic Intimacies

True to Schauerromantik conventions, the text soon introduces us to „eine seltsame Menschengestalt“ wrapped in „ein abgetragenes, an mehreren Stellen geflicktes Mönchskleid, das sonderbar genug gegen den derben, gedrungenen Körperbau abstach“ (SW 3: 120).1 The prolonged touch between body and clothing captured in the term „abgetragen“ draws us into a degree of intimacy with the monk from which we instinctively recoil. We experience relief from this discomfort through the distancing effect produced by the visual Abstechen of the robe from the „derben, gedrungenen Körperbau.“ The detailed description of the monk’s appearance ends with a passage focused on his gaze:

Das Auge, klösterlich gesenkt, hob sich nur selten; wenn es aber aufging, traf es wie ein Wetterschlag, so grauenhaft funkelten die schwarzen Sterne aus den aschfahlen Wangen, und man fühlte sich erleichtert, wenn die breiten Lider sie wieder bedeckten. (SW 3: 120)

The unsettling intensity of the monk’s gaze shields it from legibility, and the onlookers feel themselves repelled and distanced, much like observers of an eerie night sky, as they encounter the „schwarzen Sterne.“ At the same time, the emancipation from touch and thus from proximity to and physical intimacy with strangers that a modern epistemology of sight seemed to guarantee is also negated here. Rather, the distance of the gaze is replaced with a disquieting reintroduction of proximity via an eye that seems to touch those it encounters: „Die dunklen Augen des Mönchs hoben sich bei dieser Rede [des einen Fremden] und hafteten mit einer Art grimmigen Ausdruckes auf dem Sprechenden“ (SW 3: 121 [my italics]). The unsettling combination of vision and figurative touch, of distance and proximity in the monk’s gaze is accompanied by a touch that is out of proportion to the environment to which it relates. When the Fremden suggest that a „gottgeliebter Mann“ must have built the monastery, the monk responds with a „schmetterndes Hohngelächter,“ and „[d]ie Stuhllehne, auf die er sich gestützt hatte, brach krachend zusammen“ (SW 3: 121–122). Here, touch once again conveys affect, but rather because touch turns destructive, revealing the force of barely contained rage. The breaking of the chair, a structure used to support the human frame, also foreshadows the instability of the narrative scaffolding, i.e., of the frame that will support the monk’s story.

It bears mention that the communicative situation that prompts the monk’s telling of his story is not altogether typical of the way in which Binnenerzählungen within novellas are usually set up in the frame. Whereas it frequently is the desire of the characters in the frame to be distracted from their present situation that prompts the narration of the framed narrative, in the case of Grillparzer’s novella, the Fremden actually are perfectly content to talk amongst themselves. They are engrossed „im eifrigen Gespräch; vielleicht vom Zweck ihrer Reise, offenbar von Wichtigem“ (SW 3: 120). They are not at all eager to be transported away from their usual business or from the attention they pay to each other by a tale presented to them by another party. Rather, they resist going along with the reader’s generic expectation that they will welcome the company of another person who might be expected to distract them with a story, and it is rather „ungern“ that the Fremden „unterbrechen […]“ their conversation (SW 3: 120) as the monk enters unbidden to light a fire the visitors insist they don’t need. The monk, we might say, forces his way into the discursive space to open up the possibility of the telling of what will turn out to be his confessional tale. The dual impulse of aggression and servility that marks the monk’s entry into the text will continue to characterize his behavior throughout the novella.

The monk finally begins to relate the story of the monastery’s founding, and as mentioned above, only at the closing of the narrative frame at the end of the novella will it be revealed that Starschensky, the framed story’s protagonist, is not only the monastery’s founder, but also in fact the monk. As numerous scholars of Grillparzer’s text have observed, the fact that the monk chooses not to relate a first-person narrative but rather reports about himself in the third person affords him heightened interpretive powers over the story’s characters, in particular over Elga, his/Starschensky’s love interest and, later, his wife.2 The assumption of absolute interpretive power over Elga repeats on a symbolic level the monk’s/Starschensky’s bloody murder of Elga, whom Starschensky had suspected of adultery.3 The murder represents both the climax of the monk’s/Starschensky’s story, and the culmination of the epistemological crisis at the heart of Grillparzer’s text.

Framing and Transgression

The severity of this epistemological crisis is mirrored not just in the events recounted in the monk’s story and in its murderous climax, but also in the uncontainable nature of this crisis. It is not only the case that the frame for the monk’s story is itself shot through with markers of this crisis.1 What is more, this frame cannot hold the framed story in2 – the monk’s story cannot be sublated, and the frame repeatedly cracks.3 What Henry Remak has identified as „die klassische Funktion des Rahmens“ in the novella, namely to stabilize „[das] Einmalig-Unerhörte […] der berichteten Begebenheit“ and to keep in check „[das] Sprengende […] des Inhalts“ of the narrative,4 is precisely the kind of work that the frame in Grillparzer’s text refuses to do. Georg Simmel, in his 1902 essay on the aesthetic function of the frame in painting, observed that the „Grenzen“ of a work of art mark „jene[n] unbedingetn Abschluß, der die Gleichgültigkeit und Abwehr nach außen und den vereinheitlichenden Zusammenschluß [die Einheit aus Einzelheiten im Kunstwerk] nach innen in einem Akte ausübt.“ Simmel goes on to ascribe to the frame that is added to the work of art a function that both symbolizes and enhances its existing boundary:

Was der Rahmen dem Kunstwerk leistet, ist, daß er diese Doppelfunktion seiner Grenze symbolisiert und verstärkt. Er schließt alle Umgebung und also auch den Betrachter vom Kunstwerk aus und hilft dadurch, es in die Distanz zu stellen, in der allein es ästhetisch genießbar wird.5

The possibility of aesthetic distance is what Grillparzer’s monk denies both to the two travelers listening to him and to us as readers. Early on in the framed narrative, the monk characterizes Starschensky (i.e., himself) as someone who enjoys „ein über alles gehendes Behagen am Besitz seiner selbst“ and as an individual for whom „Abwesenheit von Unlust“ is „Lust“ (SW 3: 123).6 The monk/Starschensky then interrupts the narrative and turns to his listeners: „Habt Ihr noch Wein übrig? Gebt mir einen Becher! Der Graf [Starschensky] war so schlimm nicht.“ (SW 3: 123) A short time later, immediately after he describes the looks of Elga, his future wife, the monk/Starschensky turns to his listeners, who, as he had ascertained earlier, have no relations with women, and references his sexual excitement: „Nicht wahr, davon wißt Ihr nichts, Malteser? Ja, ja, bei dem alten Mönch rappelts einmal wieder! Laßt uns noch eins trinken!“ (SW 3: 124) Here, the cracks in the boundary that was supposed to separate the framed narrative from the frame narrative force both the intra-diegetic listeners and the extra-diegetic readers into an uncomfortable intimacy with an inebriated and sexually titillated monk.7

The dialectic of „Distanz und Einheit, Antithese gegen uns und Synthese in sich”8 that Georg Simmel believes is guaranteed by the aesthetic distance a frame can provide between an artwork and its beholder is impossible to achieve in Grillparzer’s text. „[J]ene inselhafte Stellung, deren das Kunstwerk der Außenwelt gegenüber bedarf“ can only be maintained by an intact frame:

Deshalb darf der Rahmen nirgends durch seine Konfiguration eine Lücke oder Brücke bieten, an der sozusagen die Welt hinein könnte oder an der es in die Welt hinaus könnte.9

Grillparzer’s text, through its cracked frame, undercuts any possibility of aesthetic distance between listener and storyteller, between reader and narrator; and a resolution, containment, and dialectical sublation of the epistemological crisis at the text’s heart is foreclosed.

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432 str. 4 ilustracji
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9783772001765
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