Czytaj książkę: «Die Fahrt der Steampunk Queen»
Die Fahrt der Steampunk Queen
Ein Roman in Episoden
Marianne Labisch + Gerd Scherm (Hrsg.)
Außer der Reihe 57
Marianne Labisch + Gerd Scherm (Hrsg.)
DIE FAHRT DER STEAMPUNK QUEEN
Ein Roman in Episoden
Außer der Reihe 57
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der
Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im
Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
© dieser Ausgabe: März 2021
p.machinery Michael Haitel
Titelbild & Illustrationen: Gerd Scherm
Layout & Umschlaggestaltung: global:epropaganda Michael Haitel
Lektorat: Marianne Labisch, Gerd Scherm
Korrektorat: Michael Haitel
Herstellung: global:epropaganda Michael Haitel
Verlag: p.machinery Michael Haitel
Norderweg 31, 25887 Winnert
www.pmachinery.de
für den Science Fiction Club Deutschland e. V., www.sfcd.eu
ISBN der Printausgabe: 978 3 95765 238 6
ISBN dieses E-Books: 978 3 95765 858 6

In memoriam Susanne Haberland
†01.04.2016
Marianne Labisch: Vorwort
Ich kannte Susanne Haberland schon fünf Jahre als nette Kollegin im Forum der Geschichtenweber, bevor sie sich 2015 bei mir per Mail meldete und mich fragte, ob ich sie in ihrem letzten Lebensjahr begleiten wollte. Wir waren bis dahin immer gut miteinander ausgekommen, aber von ihrer Krebserkrankung wusste ich nichts und war folgerichtig erst mal geschockt und erstaunt. Warum hatte sie mir davon noch nichts erzählt?
Susanne hatte ihre ganz eigene Art mit der Krankheit umzugehen und sie suchte sich ihre Begleiter ganz gezielt aus. Sie wandte sich an Personen, von denen sie glaubte, sie täten ihr gut. Selbstverständlich sagte ich spontan zu und sie erzählte mir, dass sich etliche vermeintliche Freunde von ihr abgewandt hatten, als sie von der Diagnose erfuhren. Auch einige Verlage wollten nichts mehr von ihr wissen und manch einer erklärte ihr sogar, dass posthum nichts von ihr veröffentlicht würde. Umso mehr habe ich mich darüber gefreut, dass die O’Connell Press Susannes Roman nach ihrem Ableben veröffentlichte. Ebenso handhabte es die p.machinery. Zu beiden Verlagen hatte Susanne auch ein sehr nettes Verhältnis.
Ich wusste also, wie diese Geschichte enden würde, und war gewappnet, Trost zu spenden, Beistand zu leisten, sie aufzufangen, wenn sie am Boden lag. Aber all das war nicht nötig. Susanne hat ihr Schicksal angenommen und nicht damit gehadert. Sie hat sich das Lachen auch vom Tod nicht verbieten lassen, ganz im Gegenteil: Oft hat sie gescherzt, dass der Gevatter schon in der Tür stünde, sie ihn aber noch hinhalten müsste, weil sie unbedingt noch eine Geschichte, einen Roman oder ein anderes Vorhaben beenden wollte. Obwohl sie keine gute Prognose hatte, stürzte sie sich in die Arbeit und schloss immer neue Verträge ab. Ich hatte den Eindruck, als wollte sie gegen den Tod anschreiben.
Sie hat auch in den schlimmsten Situationen, als zum Beispiel eine lebensverlängernde Maßnahme scheiterte, nie gejammert, geweint oder gezürnt.
Es hat Situationen gegeben, die sie geärgert haben, aber dann ärgerte sie sich meistens mehr über ihre fehlende Schlagfertigkeit, als über die Begebenheit selbst. Ich habe sie bewundert. Sie war so stark und selbst ganz am Schluss hat sie immer noch kein großes Aufhebens von sich gemacht, sondern uns nur kurz mitgeteilt, dass sie das Wochenende nicht mehr erleben wird und hat auf Wiedersehen gesagt. Nach dieser Mail haben wir sie nicht mehr erreicht und kurz darauf erfahren, dass sie friedlich eingeschlafen war.
Susanne liebte den Steampunk über alles und fast alle ihre Pseudonyme ebenfalls. Sie hatte Fantasie und hauchte ihren Figuren Leben ein. Auch ihren feinen Sinn für Humor konnte man in ihren Geschichten entdecken. Ich mochte ihre Geschichten und Romane sehr. Als sie gestorben war, nahm ich mir vor, ihr zu Ehren mal eine Anthologie herauszugeben. Dann kam ein Projekt nach dem anderen und meine »Steampunk Queen« – den Namen hatte ich sofort parat – geriet erst einmal wieder in Vergessenheit.
Bis, ja, bis ich die Anthologie »Sternentod – Inspiration Two Steps from Hell«, von Frederic Brake herausgegeben, in Händen hielt, die 2019 erschienen ist. Darin war Susannes letzte Geschichte enthalten, die ich noch lektorieren durfte. Das Buch war Susanne gewidmet und ich entdeckte, dass sich ihr Todestag am 01. April 2021 zum fünften Mal jähren wird.
Das war der perfekte Anlass, mein Vorhaben in die Tat umzusetzen. Ich sprach einige Autoren an, die Susanne gekannt hatten und bekam ein paar Zusagen, die aber nicht für eine Anthologie ausgereicht hätten, daher wandte ich mich an andere Autoren, von denen ich vermutete, dass sie Steampunk verfassen konnten und andere, von denen ich wusste, dass sie es konnten und so bekam ich eine nette Mannschaft zusammen.
Weil Gerd Scherm so viele schöne Illustrationen beigesteuert hat, und wir beide sehr harmonisch und produktiv zusammenarbeiten und nun schon öfter gemeinsam Anthologien herausgegeben haben, fragte ich ihn, ob er auch hier als Mitherausgeber fungieren wollte. Er wollte nicht nur, sondern war gleich Feuer und Flamme und hat erst mal die ganze Crew und das Schiff visualisiert und die Reiseroute zusammengestellt. Für die Visualisierung haben wir einen neuen Weg gewählt, denn die Besatzung musste ja in allen Geschichten gleich aussehen. Wir haben uns an lebenden und toten Schauspielern ebenso wie an unbekannten Personen orientiert.
Die Besatzungsliste und die anderen »Darsteller« finden Sie am Ende des Buches. Durch die gute Zusammenarbeit mit den Autoren und meinem Mitherausgeber ist statt der geplanten Anthologie ein Episodenroman entstanden.
Nun hoffe ich, dass unsere kleine Hommage an Susanne Haberland und ihr Werk Ihnen gefällt.
Leinen los! Auf geht die Fahrt. Ahoi!
Ihre
Marianne Labisch


Gerd Scherm: Die Vorgeschichte zur Fahrt der Steampunk Queen
Im Jahr 1900 wendete sich im Burenkrieg das Blatt. Sechzigtausend Mann Verstärkung trafen in Südafrika ein und die Truppen unter dem Kommando von Feldmarschall Lord Roberts eilten nun von Sieg zu Sieg. Der südafrikanische Präsident Paul Krüger hatte das Land fluchtartig verlassen, nicht ohne vorher die Goldvorräte des Burenstaats Transvaal verstecken zu lassen. Natürlich hatte sich der Exodus des Goldes aus den Banktresoren in die Weiten des Landes herumgesprochen. Nicht nur Glücksritter machten sich auf die Suche, sondern auch Einheiten der britischen Streifkräfte.
Eine solche Einheit unterstand Major Lord Summer. Man hatte ihm zugetragen, dass eine vollends ausgebeutete Mine als Versteck dienen sollte. Nach dem Motto: »Wo nichts mehr zu holen ist, wird keiner suchen.«
So machte sich der Major mit einem Trupp Soldaten zu dem Ort auf, dessen Name und Lage in keinem heute noch existierenden Dokument verzeichnet wurde.
Lord Summer und seine Leute fanden die Mine vor, wie man sie ihnen beschrieben hatte: verlassen, leer, ohne eine Spur von Gold – weder im Gestein, noch in Kisten versteckt. Sie waren gerade dabei, die Mine zu verlassen, als der Major nach oben an die Decke schaute. Was er sah, ließ ihm den Atem stocken. Unter dem Felsengewölbe hingen Dutzende, wenn nicht Hunderte Steine – kugelrunde Steine. Er rieb sich die Augen und schaute wieder nach oben. Dann forderte er seinen Adjutanten Captain Cavendish auf, ebenfalls zur Decke zu blicken.
Nachdem Lord Summer sicher war, keiner Halluzination zum Opfer gefallen zu sein, befahl er seinen Männern über eines der Gerüste nach oben zu klettern und zu schauen, wie die Steine dort befestigt waren. In der Höhe stellte ein altgedienter Soldat zu seiner Überraschung fest, dass die Steine anscheinend nicht aus dem Fels wuchsen, sondern an ihm klebten. Er griff nach einer etwa faustgroßen Kugel und konnte diese gegen einen gewissen Widerstand vom Gestein lösen. Nach seiner späteren Beschreibung fühlte es sich an, als wenn man einen Magnet von einem anderen löst.
Lord Summer erkannte blitzschnell, welch ungeheures Potenzial in diesen schwebenden Steinen lag. Vielleicht waren diese unscheinbaren Kugeln sogar wertvoller als Gold.
In den nächsten Jahren ließ er von speziell ausgesuchten Männern, denen er durch hohes Handgeld vertraute, Steine abbauen und heimlich nach Schottland transportieren, wo seine Familie ein Landgut besaß.
1904 kam es in der ehemaligen Mine aus ungeklärten Gründen zu einer Explosion, die drei Männer das Leben kostete. Dabei wurde der Eingang völlig verschüttet.
Jahre später, Lord Summer war inzwischen Brigadier und arbeitete beim britischen Geheimdienst Secret Service, lernte dieser den Schiffsbauingenieur Gordon MacKeldey kennen. Die beiden verstanden sich auf Anhieb. Der Lord hatte seit seiner Jugend eine große Liebe zu Schiffen, aber die Familientradition verhinderte seinen Eintritt in die Navy und er musste bei der Army dienen. Er fasste Vertrauen zu dem Schotten und erzählte von den schwebenden Steinen. MacKeldey erkannte sofort die Möglichkeiten für den Schiffsbau und die Chance, auf dem Wasser zu gleiten.
Zusammen mit dem bei ihm angestellten Maschinenbauingenieur Georg Gruber, einem deutschen Auswanderer, entwickelten sie die Möglichkeit, wie man mithilfe von Magneten die Steigfähigkeit der Steine erhöhen oder verringern kann. Damit war die neue Auftriebshilfe für Schiffe erfunden.
Man begann, von einer neuen Generation von Schiffen zu träumen. Aber es war klar, dass man nur mit einem Prototyp die solventen Investoren gewinnen konnte. Allein die Freilegung der verschütteten Mine würde ein Vermögen kosten.
Seit Lord Summer die Abenteuer des Tom Sawyer von Mark Twain gelesen hatte, wünschte er sich nichts sehnlicher, als einen Mississippidampfer zu besitzen. Und wie es der Zufall oder das Schicksal bestimmte, war MacKeldey bereit, sein Huckleberry Finn zu sein. Die Welt würde staunen, einen solchen Dampfer auf den Meeren zu sehen.
1914 kam der große Krieg und Brigadier Lord Summer war mehr in London beim Secret Service als in Schottland.
So probierten und tüftelten Gordon MacKeldey und Georg Gruber allein wie zwei Verschwörer in einer verlassenen Werft in Greenock an der Umsetzung der Auftriebsmaschine für das Schiff. Erst als sie diese fertig hatten, begann man mit normalen Arbeitern den Bau des Schiffs, das nach Wunsch von Lord Summer Steampunk Queen heißen sollte.
Nach Kriegsende ließ sich der Lord beurlauben und zog auf das schottische Landgut seiner Familie. Seine Frau Beth war inzwischen schwer rheumakrank und dadurch opiumsüchtig geworden. Dennoch besuchte er mehrmals wöchentlich die Werft in Greenock.
Seine Tochter Gravity, die inzwischen freie Mitarbeiterin des Secret Service geworden war, teilte seine Begeisterung für das Schiff. Allerdings hasste sie ihren Vornamen und nannte sich nach diesem befragt stets Vity.
Vity zeigte sich als äußerst talentiert und kreativ und trug mit ungewöhnlichen Ideen zur Entwicklung der Steampunk Queen bei. Sie machte den Vorschlag der ausfahrbaren seitlichen Stabilisatoren, die den von ihr so genannten »Seeroseneffekt« bewirken, das sanfte Schwimmen auf einer bewegten Wasserfläche.
Wegen der Krisensituation nach dem großen Krieg und der Spanischen Grippe wurde Lord Summer aufgrund des zunehmenden Personalmangels in die Zentrale nach London berufen. Doch leider erkrankte auch er und verstarb im Februar 1919.
Da die Frau des Brigadiers schwer leidend war, erbte seine Tochter Gravity direkt Titel und Vermögen. Die Witwe wurde von da an Lady Mum genannt. Es wird vermutet, dass das britische Königshaus sich später an dieser Bezeichnung orientierte.
Der Bau der Steampunk Queen in der Werft in Greenock machte gute Fortschritte.
Am 30. März 1920 geschah allerdings ein Unglück, bei dem ein Mann zu Tode kam. Dennoch konnte die Steampunk Queen noch 1920 unbemerkt von der Öffentlichkeit vom Stapel laufen.
Man hatte den Plan, eine lange Testfahrt von Schottland entlang der Küste von England und Wales bis zur Insel Jersey zu machen. Ihre pflegebedürftige Mutter nahm die Lady samt deren persönlicher Pflegerin Schwester Ann mit an Bord.
Alles auf dem Schiff funktionierte bestens, der Auftrieb leistete still und geräuschlos seine Dienste, die beiden Dampfmaschinen stampften zuverlässig. Die Ausstattung der Steampunk Queen war »state of the art«, die erste Klasse strahlte in purem Luxus und die zweite Klasse wäre auf vielen anderen Schiffen als erste akzeptiert worden. Für die weniger Betuchten wurde eine schlicht ausgestattete dritte Klasse angeboten. Auch junge Forscher sollten laut dem Vermächtnis des Lords die Chance haben, mit der Steampunk Queen zu reisen.
Man beschloss die Fahrt fortzusetzen und steuerte das französische Brest an. Es ging dem an Schwindsucht erkrankten Gordon MacKeldey zusehends schlechter und er verstarb im dortigen Krankenhaus. Georg Gruber übernahm, nach außen als Maschinist getarnt, die technische Leitung des Schiffs.
In Brest ergänzte die Eignerin Lady Summer die Mannschaft und heuerte unter anderem den Chefkoch Jean-Baptiste Grande an, den sie von früheren Aufenthalten als Secret-Service-Agentin in Paris kannte.
Auf Anraten von Gruber setzte man die Testfahrt fort und fuhr weiter südlich nach La Rochelle. Von hier aus startete Lady Summer mit dem neuartigen Bildtelegrafen für eine Kreuzfahrt 1921 die Anzeigenwerbung in den großen Zeitungen europäischer Metropolen und in New York.
Bereits bei Erreichen des ersten spanischen Hafens Bilbao war die gesamte Reise ausgebucht. Während der ganzen Fahrt um die iberische Halbinsel bis nach Marseille arbeiteten alle Maschinen einwandfrei und selbst stärkerer Wind konnte dem Schiff nichts anhaben. Dennoch hatte Lady Summer, um jegliches Risiko zu vermeiden, das Kommando ausgegeben, dass während der Sturmsaison im Mittelmeer im September und Oktober das Schiff im Hafen bleiben musste.

Rainer Schorm: Der Geist des Alan Stevenson
28. März 1920, Palmsonntag
Greenock/Grianaig:
Werft »Scotts Shipbuilding
and Engineering Company«
19:13 Uhr
Lady Summer mochte ihr Büro nicht. Zwar war sie dankbar, dass ihr Scotts, die Inhaber einer der Werften von Greenock, die Räumlichkeit zur Verfügung stellten, aber das Warten auf den Stapellauf der Queen zehrte an ihren Nerven. Die Ingenieure hatten die beeindruckende Maschine beinahe komplett installiert, aber je näher der Stapellauf rückte, desto unruhiger fühlte sie sich.
Das Büro erlaubte keine direkte Sicht auf das Boot – das mochte der Grund für ihre Unzufriedenheit sein. Draußen war es bereits dunkel. Sie hörte den Regen aufs Dach der großen Halle prasseln, in der die Queen lag, eher an einen gestrandeten Wal erinnernd, als an das stolze Boot, das sie bald sein würde.
Es klopfte.
»Herein!«, sagte Lady Summer resolut. Sie wusste, dass sie in dieser Umgebung, keine Schwäche zeigen durfte. Handwerker, Ingenieure und Bootsbauer überhaupt, praktizierten ausgeprägtes Revierverhalten. Dass sie hier residierte, war für viele eine Zumutung; neue Zeit hin oder her.
Ein Mann trat ein.
Wenigstens ist er pünktlich!, dachte sie.
Der Ultraspeed-Telegraf hatte sie vor etwa drei Stunden beim Tee gestört. Der Mann, ein gewisser Alan Stevenson, hatte dringend um einen Termin gebeten, ansonsten aber kaum etwas verraten. Der Ingenieur stammte aus einer Familie von Leuchtturmbauern, die einen guten Ruf besaß. Er selbst sah kein bisschen danach aus.
Lady Summer musterte ihn kritisch. Er war klein, untersetzt und zeigte eine gewisse Pausbäckigkeit. Der üppige Schnauzbart kompensierte das nicht. Die kurzen Haare glänzten geölt, bedeckten den Kopf graubraun und dicht.
Ihr fiel das bläuliche Halstuch auf, über und über bedeckt mit technischen Zeichen.
Nichts vom automatischen Webstuhl!, dachte sie. Das ist teure Handarbeit. Also kein Bittsteller im herkömmlichen Sinn.
»Alan Stevenson«, stellte sich der Besucher vor, verbeugte sich militärisch knapp, dass Lady Summer unwillkürlich erwartete, er werde die Hacken zusammenschlagen. Dabei wirkte er ansonsten nicht wie ein Soldat.
»Sie telegrafierten, Sie hätten einen interessanten Vorschlag«, sagte sie und kam damit sofort zum Kern der Sache.
Stevenson stutzte, dann lächelte er zufrieden. »Sie sagen es, Lady Summer. Wenn Sie sich diese Pläne ansehen wollen … ich bin sicher, sie werden begeistert sein.«
Lady Summer hob kurz zustimmend die Hand. Sofort begann Alan Stevenson mit unglaublicher Geschwindigkeit, mehrere Blaupausen aus einer mitgebrachten Kartonrolle zu ziehen und an ein großes Klemmbrett zu heften, das an der linken Seite des Büros auf einem Dreibein stand. Lady Summer hatte im Lauf der Zeit, und während die Arbeiten an der Queen fortschritten, ein Gespür für technische Feinheiten entwickelt, wie sie sich selbst das niemals zugetraut hatte. Sie hatte viel gelernt. Sie bemerkte also sehr schnell, wie außergewöhnlich das Konzept war, das der Ingenieur ihr präsentierte.
»Es ist ein fortschrittliches Navigationssystem, wenn Sie so wollen«, sagte Stevenson.
»Es ist … elektrisch?«, fragte Lady Summer fasziniert. »Ist das richtig?«
Stevenson nickte beinahe euphorisch. »Sie haben das Prinzip verstanden? Das ist großartig. See- und Küstenkarten könnten überflüssig werden, stellen Sie sich das vor.«
Lady Summer betrachtete intensiv die Konstruktion, die Stevenson ihr präsentierte. Im Zentrum eines komplexen Netzwerks elektrischer Leitungen, die sich aus vier Stromabnehmern oder Blitzableitern speisten, saß eine Glasbirne, in der wohl ein Vakuum herrschte. Darin formten unzählige haarfeine Drähte ein derart kompliziertes Geflecht, dass sie nicht einmal im Ansatz ahnte, wie man so etwas herstellen konnte.
»James Brown Lindsay brachte mich auf die Idee«, sagte Stevenson. »Ich habe seine Aufzeichnungen aus dem Jahre 1835 intensiv studiert.«
Lady Summer erinnerte sich sehr diffus.
»Ein schottischer Ingenieur, nicht?«, fragte sie. »Aber das eigenartige Geflecht …«
»Sie haben von Santiago Felipe Ramón y Cajal gehört, nehme ich an?«, fragte Stevenson. Er hatte ihren etwas ratlosen Blick offenbar bemerkt.
Der Name kam Lady Summer tatsächlich bekannt vor, aber sie wusste ihn nicht zuzuordnen.
Stevenson lächelte nachsichtig. »Ein spanischer Arzt, der sich mit dem Aufbau des menschlichen Gehirns aus Nervenzellen beschäftigte. Er färbte die Einzelzellen mit einer Silbernitrat-Lösung ein und konnte so die Struktur entschlüsseln. Ein sehr renommierter Mann, der völlig zurecht den Nobelpreis für Medizin erhielt. Das war 1906. Seit 1909 ist er Mitglied mehrerer Akademien der Wissenschaften, darunter Göttingen und Paris. Dieses Jahr steht seine Aufnahme in die National Academy of Sciences an. Seine Arbeit ist für mich die reinste Inspiration. Mein System basiert auf der Ähnlichkeit der neu entdeckten Nervenzellen, die man im menschlichen Gehirn entdeckt hat – und der Art ihrer Vernetzung. Dieses System imitiert die Gedankentätigkeit. Für den Steuermann ist das ein enormer Vorteil. Er benötigt keine gedruckten oder gezeichneten Karten mehr.«
Lady Summer dachte nach. Noch blieb genug Zeit, obwohl der Stapellauf näher rückte. »Wie lange würde die Installation dauern?«, fragte sie deshalb.
»Einen, maximal zwei Tage«, sagte Stevenson erwartungsvoll.
Lady Summer zögerte kurz, dann entschied sie sich. »Gut. Ich werde Kapitän Van Royen und den Steuermann kontaktieren. Stimmen die zu, dann können Sie Ihr Projekt starten. Welche Kosten kämen in diesem Fall auf mich zu?«
Stevenson strahlte. »Lediglich der Materialwert für die vier Stromabnehmer. Die übrigen Teile der Konstruktion wurden auf meine Kosten bereits hergestellt. Es geht mir lediglich darum, das System zu testen.«
»Das ist ausgezeichnet«, sagte Lady Summer. »Wo kann ich Sie telegrafisch erreichen?«
Zufrieden hatte Stevenson bereits damit begonnen, die Pläne wieder zusammenzurollen, bis auf eine deutlich kleinere Kopie.
»Zeigen Sie die Blaupause ihrem Steuermann und am besten auch gleich dem Maschinisten«, sagte er. »Ich logiere im Tontine an der Union Street. Dort erreichen Sie mich jederzeit.«
Er nickte Lady Summer freundlich zu und verließ das Büro ohne weiteres Wort.
Lady Summer nahm Verbindung mit Kapitän Klaas van Royen und Steuermann Jan de Breukelen auf. Sie trafen sich am nächsten Morgen. Die Arbeiten an der Queen gingen weiter, und da sich bisher keine Schwierigkeiten andeuteten, waren beide Männer bereit, dem Experiment zuzustimmen. De Breukelen zeigte sich skeptischer als der Kapitän, aber seine Vorbehalte bezogen sich nicht auf Stevensons Konstruktion.
»Der Maschinist Gruber wird sich dem nicht in den Weg stellen«, sagte er. »Seine Maschinen sind von all dem nicht betroffen. Er freut sich über seine schrägliegende Zweifachexpansionsdampfmaschine und die exzentergesteuerten Radschaufeln ein Loch in den Bauch. Darin verschwindet momentan jede Menge Whisky aus der lokalen Destillerie. Wenn er beim Stapellauf nüchtern ist, werden wir mit ihm keine weiteren Probleme haben. Er kann von Glück sagen, dass vor fünf Jahren, als die Greenock Distillery geschlossen werden sollte, diese Franzosen alles aufgekauft haben. Ganz schöner Sprung, vom Cognac zum Single Malt. Ich habe den Eindruck, er will das auch die nächsten fünf Jahre lang weiter feiern. Wie gesagt: Er ist unkompliziert, wenn uns sein verdammter Husten nicht noch einen Strich durch die Rechnung macht. Klingt sehr nach Schwindsucht.«
Er unterbrach sich kurz und räusperte sich leise. »Anders ist das mit den Heizern. Das ist ein abergläubisches Pack. Wenn etwas nicht mit Kohle befeuert wird, kommt es vom Teufel.«
»Auf unseren Sicherheitschef Mister Camford müssen wir noch mindestens sechs Wochen verzichten«, sagte Kapitän van Royen. »Einige seiner Leute sichern die Werft, vor allem, was die Spionage betrifft, aber er selbst hat vor dem Stapellauf nichts zu tun.«
Lady Summer glaubte, eine leichte Nervosität zu spüren, aber das mochte Einbildung sein. Van Royen trug seine Gefühle nie zur Schau. Seine Selbstbeherrschung war sprichwörtlich.
»Während das System installiert wird, sind sicher keine besonderen Sicherheitsmaßnahmen nötig«, sagte sie und zog ein altes Zigarettenetui aus Sterlingsilber hervor. Sie nahm eine Gitanes Maïs heraus und zündete sie an.
Van Royen runzelte die Stirn. »Französische Zigaretten?«
»Ich bekomme sie in der Destillerie«¸ sagte Summer lächelnd. »Unser Maschinist schätzt den dortigen Whisky, ich pflege ein anderes Laster.« Sie nahm einen tiefen Zug und der warme Duft verglühender Maisblätter mischte sich mit dem des Tabaks. »Ich rauche sie seit etwa zehn Jahren, seit es sie gibt. Nicht ausschließlich, man bekommt sie nicht überall.«
Van Royen hustete. »Laster hält man sich, um sie zu kultivieren. Aber das ist harter Tobak.«
»Sie sagen es, Kapitän«, murmelte Lady Summer.
De Breukelen holte tief Luft, als wolle er aktiv mitrauchen. »Wenn ich Sie also richtig verstanden habe, werden sie diesem …. Stevenson die Erlaubnis geben, ja?«
»Ich denke, genau das werde ich tun«, sagte Lady Summer und drückte die Zigarette aus. »Wir leben in einer aufstrebenden, technischen Welt. Stellen Sie sich vor, welche Möglichkeiten sein Navigationssystem bietet. Wir haben einen Fuß in der Tür, diesen Vorteil sollten wir nicht leichtfertig verspielen.«
Die beiden Männer standen auf und verabschiedeten sich. Lady Summer blieb in ihrem Stuhl sitzen, starrte noch eine ganze Weile auf den kleinen Plan, den ihr Stevenson überreicht hatte.
Erst eine halbe Stunde später verließ sie ihr Büro. Neben der Werft gab es eine Nebenstelle des Ultraspeed-Telegrafen. Sie schickte Stevenson eine Depesche. Am nächsten Morgen bereits würde er mit seiner Arbeit beginnen können.
30. März 1920
Greenock/Grianaig: Werft »Cartsburn and Cartsdyke«
15:07 Uhr
Bereits am Nachmittag des nächsten Tages begann Alan Stevenson mit der Arbeit an seiner neuartigen Konstruktion. Das Baudock dröhnte vom Hämmern und anderen Geräuschen der Handwerker und Schiffsbauer. Die Stapellegung lag bereits einige Zeit zurück, die Queen befand sich im letzten Ausbaustadium. Die Maschinen präsentierten sich arbeitsbereit und warteten nur auf die Montage der beiden Schaufelräder. Vor einer halben Stunde hatte man das bewegliche Dach zurückgefahren und zwei gewaltige Kräne hievten die kompletten Schaufelräder ins Dock hinein.
Über Greenock braute sich ein Gewitter zusammen. Erste Blitze flackerten auf. De Breukelen sorgte sich ein wenig, denn die Kräne bildeten für die Entladungen selbstverständlich ein Ziel. Aber Lady Summers Anweisung war deutlich: Keine unnötigen Verzögerungen.
Das Ausdocken näherte sich unaufhaltsam. Als Jungfernfahrt würde die Queen den Weg die ostenglische Küste entlang nach Süden nehmen, um dann Brest anzusteuern.
Stevenson arbeitete konzentriert und zumeist wortlos. Steuermann de Breukelen hielt sich länger auf der Brücke auf, als er das üblicherweise tat. Seine Einstellung »misstrauisch« zu nennen, wäre übertrieben gewesen. Es war eine gesunde Skepsis etwas Neuem gegenüber. Dabei faszinierte ihn die Arbeit des Ingenieurs. Van Royen hatte sich nur kurz sehen lassen. Als er registrierte, dass sein Steuermann ein waches Auge auf Stevenson hatte, verließ er die Brücke.
Was de Breukelen auffiel, war die betont unauffälligen und häufigen Besuche der Heizer. Besonders Ivan Koslov warf immer wieder starre Blicke auf die eigenartige Konstruktion. Ihm schmeckte nichts, was sich jenseits seiner Dampfmaschinen abspielte. Kolben, Kessel, Schieber, Ventile und Übersetzungen – das war sein Zuhause. Dass das System ohne Dampfdruck und Turbinen arbeiten sollte, beunruhigte ihn sichtlich.
»Kannich sein, Mister de Breukelen, Sir. Das is unmöglich. Kein Dampf, keine Ventile … nichts davon. Kann gar nich sein.«
Sein eigenartiger, russischer Akzent verstärkte den Eindruck, er litte an einem Katarrh.
Stevenson lächelte versonnen. Er schien diese Vorbehalte zu kennen.
»Es ist Elektrizität, Mister Koslov«, sagte er. »Nichts, was Ihnen gefährlich werden könnte. Sie brauchen keine Angst zu haben.«
Koslov zog die dicken schwarzen Brauen zusammen und stieß scharf die Luft aus.
»Ich hab keine Angst vor gar nichts, verstanden?«
De Breukelen gab dem Heizer mit einem deutlichen Wink zu verstehen, dass er auf der Brücke nur dann geduldet wurde, wenn er dort zu arbeiten hatte. Für einen Heizer stellte das die absolute Ausnahme dar, ihr Bereich war der Maschinenraum. Koslov räumte mürrisch das Feld.
»Sie können froh sein, dass sie sich nicht im Maschinenraum mit Heizern und den Maschinisten herumschlagen müssen«, sagte er. »Hier haben Sie’s nur mit mir zu tun – ich bin nicht annähernd so abergläubisch. Aber mich sollten Sie überzeugen. Ich muss mit Ihrem … Konstrukt arbeiten.«
»Ich verspreche Ihnen, Sie werden begeistert sein«, sagte Stevenson, ohne den Steuermann anzusehen.
Die vier »Blitzableiter«, wie de Breukelen die Spannungsabnehmer an den vier höchstgelegenen Stellen der Queen nannte, hatte Stevenson zuerst installiert. Nun stand er vor einem breiten, bleiern glänzenden Gewinde und zog eine Abdeckplane von einer recht großen Kiste, auf der in blutigem Rot das Wort Fragile! prangte.
De Breukelen runzelte verblüfft die Stirn.
Stevenson hob einen großen Glasballon aus der dicken Polsterung und setzte ihn auf das Gewinde. Im Inneren war ein verwirrend komplexes Geflecht aus Metallfäden erkennbar, wie de Breukelen es nie zuvor gesehen hatte. Es sah aus, als habe man die Netze von mindestens zwanzig Spinnen ineinandergeschoben.
Stevenson bemerkte de Breukelens Faszination.
»Im Inneren des Glasballons herrscht ein absolutes Vakuum. Die Herstellung war eine Herausforderung der ganz besonderen Art. Es ist ein spezielles Borosilikatglas, das ich in einer verruchten Glasbläserei in Böhmen habe fertigen lassen. Die rote Farbe kommt von den verwendeten Kupferoxiden, die einzelnen violetten Schlieren stammen von selektiv beigefügtem Mangan.«
»Und diese … Fäden?«, erkundigte sich de Breukelen. Er trat näher und beugte sich vor.
»Feinste Wolframfäden!«, sagte Alan Stevenson. »Sie kennen das Metall, nehme ich an? Seine Dichte ist beinahe so hoch wie die von Gold und es schmilzt bei 3411 Grad Celsius. Das ist der höchste bekannte Schmelzpunkt überhaupt. Es siedet bei grandiosen 5930 Grad. Für diese Funktion ist es wie gemacht. Es ist als Kontaktdurchführung in das Borosilikatglas direkt eingeschmolzen. Die Glas-Metall-Verbindung ist extrem dicht. Der vakuumierte Innenbereich ist kleiner als man denkt, das Glas dafür umso dicker. Können Sie sich vorstellen, wie schwierig es war, das Neuronat darin zu etablieren?«
»Was, bei allen besoffenen Klabautermännern, ist ein Neuronat?«, fragte der Steuermann verblüfft.
»Ich habe Lady Summer von Santiago Felipe Ramón y Cajal berichtet«, sagte Alan Stevenson. »Der Arzt hat die Struktur der Nervenzellen im menschlichen Gehirn entschlüsselt. Die Wolframfäden bilden dieses unglaublich komplizierte Netzwerk nach. Wussten Sie, dass im Gehirn etwa hundert Milliarden dieser Zellen existieren? Es gibt erste wissenschaftliche Vermutungen, dass das der Anzahl der Sterne in der Milchstraße entsprechen könnte. Eine geradezu monströse Zahl, nicht?
Mein System bildet diese Komplexität nach. Es wird künstliche Erinnerung möglich machen. Sie können alles einspeisen, was sie wollen: Karten, Entfernungen, Koordinaten – was sie eben benötigen. Der Denkballon wird es reproduzieren. Sie müssen das entsprechende Material zwischen diese drei magnetisierten Pole legen.«
»Weshalb drei?«, wunderte sich de Breukelen. »Magnete besitzen nur zwei Pole.«
Stevenson lächelte anerkennend. »Gut mitgedacht. Aber wir benötigen drei Pole, um Dreidimensionalität zu erzeugen. Das funktioniert sogar bei gedruckten Karten, wenn auch nicht optimal. Sie werden durch ein dreidimensionales Modell der Umgebung steuern können.«
De Breukelen war beeindruckt. Sollte Stevenson recht behalten, war dies revolutionär.
»Ein Denkballon!«, murmelte er andächtig. »Künstliches Denken. Kein Wunder, dass Lady Summer Ihnen die Erlaubnis gab. Wir sind stolz auf die Queen. Sie besitzt Zweifachexpansionsdampfmaschinen und die wunderbarsten, exzentergesteuerten Radschaufeln. Rohrpost in jeder Kabine … aber das!«
Stevenson legte einen rot gefärbten Kippschalter um.
»Wollen Sie es testen?«
De Breukelen reichte ihm eine Karte des Seegebietes um Greenock bis hinunter zum Firth of Clyde.
Stevenson lächelte. »So vorsichtig? Die Kapazität reicht für sehr viel mehr …«
De Breukelen hob entschuldigend beide Hände. »Überzeugen Sie mich, dann werde ich Ihrem Denkballon mehr zu futtern geben, als er verdauen kann.«
Vorsichtig legte Stevenson die Karte in die Mitte der drei Pole zwischen eine Eisen- und eine Kupferplatte, etwa fünf Zentimeter darüber. Sie waren über eine Zahnradschiene in der Höhe verstellbar. Es knisterte, dann zuckten bläuliche Elmsfeuer über die Platte und über die Karte.
In diesem Augenblick kam es zur Katastrophe. Ein Blitz fuhr aus den Gewitterwolken in die Halle hinab und schlug in die vier Spannungsabnehmer. Weißes Licht und Donner tobten sich gleichzeitig aus. Die Kabel leiteten den Strom ins Schiff. Zehn Millionen Volt und hunderttausend Ampere – eine Hölle aus Energie. Hölzernes Bersten und metallisches Kreischen drang durch den Lärm der Werft. Dazu etwas wie ein Schrei.
Hoffentlich sind die Schaufelräder unbeschädigt!, schoss es de Breukelen durch den Kopf. Geblendet taumelte er zurück und klammerte sich dann krampfhaft ans Steuerruder. Es stank. Ozon lag in der Luft. Zerschmetterte Sauerstoffmoleküle, die sich zu ihren abartigen Dreierkonstellationen verbanden. Rauch von brennendem Holz und der erstickende Geruch von glühendem Metall mischten sich darunter.
De Breukelen rang nach Luft. Er hustete. Seine Haut, besonders die Fingerspitzen kribbelten widerwärtig.
Nur langsam kehrte das normale Bild der Welt zurück. Der Steuermann blinzelte.
Alan Stevenson war verschwunden. Aufgelöst. Verkocht. Vaporisiert.
Der Glasballon hatte sich dunkel verfärbt, als habe sich von innen Ruß an die Hülle angelagert, schwarz wie das Innere eines Krematoriums.
Die einzige Spur von Stevenson war ein undeutlicher, grünlicher Schatten auf der Eisenplatte: ein Handabdruck.
29. April 1920
Cairngaan, Wigtownshire, nördlich des Mull of Galloway
15:07 Uhr
Das Schiff stampfte und rollte. Wellen und Brecher schlugen gegen den Rumpf. Gischt spritzte und in den wilden, heulenden Böen ging jedes Wort unter.
Sie hält sich gut!, dachte de Breukelen beeindruckt. Raddampfer wie die Queen waren naturgemäß sehr viel stabiler und leistungsfähiger als die historischen Vorgänger, aber Hochseeschiffe waren sie nicht. De Breukelen hatte von einem französischen Schiffsbauer gehört, der das ändern wollte, aber die Robur würde erst in einigen Jahren gebaut werden können. Noch beschäftigte man sich in Saint-Nazair, in den Chantiers de l'Atlantique, den Atlantikwerften, mit den enormen Schwierigkeiten der Rumpfkonstruktion. Ob man dann allerdings einen Transatlantikverkehr würde aufbauen können, wie man seit der Ankunft von John Scott hoffte, bezweifelte er. Scott war von Greenock nach Saint-Nazair gegangen und hatte das Ingenieurswissen mitgenommen.
Es bleibt spannend … aber auf jeden Fall sind die Franzosen im Hintertreffen, dachte er zufrieden. Hätten vielleicht bei ihrem Cognac bleiben sollen.
Gordon MacKeldeys Schwindsucht hatte sich verschlimmert, nachdem ein Brecher den Mann durchnässt hatte. Das eiskalte Wasser des Firth of Clyde war Gift für ihn. De Breukelen gab ihm noch einige Wochen, maximal ein Vierteljahr. Dass der Tod MacKeldeys Namen ausgesprochen hatte, wusste jeder, der ihn ansah.
»Muir Éireann … zum Teufel damit!«, knurrte De Breukelen verbittert. »Kann was Gutes dabei rauskommen, wenn die verdammten Iren mit drinstecken? Irische See … ich lach mich tot! Aber für das verdammte Sauwetter wär's eine Erklärung.«
Es war kurz nach drei Uhr nachmittags, aber so dunkel, wie zur Mitternacht. Ein Blitz zuckte weißviolett quer über den Himmel und beleuchtete die Küste, die für De Breukelens Geschmack viel zu nahe kam. Sie standen auf der Höhe von Wigtownshire, am Leuchtturm von Cairngaan, genauer gesagt des Mull of Galloway.
Außer dem Leuchtturm gab es dort nichts zu sehen und in diesem Moment machte das Leuchtfeuer keine Ausnahme. Mehr als ein müdes Flackern drang nicht durch Nebel, Wolken und Regen.
De Breukelen fluchte wie ein Rohrspatz. Er konnte sich vorstellen, wie Lady Summer und ihre Mutter, deren Gesundheit ohnehin angegriffen war, in ihrer Kabine durchgerüttelt wurden. Die Eignerin hatte sie gegen die Empfehlung des Kapitäns an Bord gebracht, zusammen mit ihrer eigenen Krankenschwester. Einem aparten, dunkelhaarigen Ding namens Ann, das bereits eine halbe Stunde nach dem Auslaufen intensive Bekanntschaft mit der Reling gepflegt hatte. De Breukelen hatte sich zwar amüsiert, aber doch Mitleid mit ihr gehabt. Grün stand der Schwester nicht besonders.
»Immerhin haben die Fische ein wenig profitiert«¸ murmelte De Breukelen. »Jedem das seine …«
Die Queen kämpfte sich mit ihren beinahe siebenunddreißig Metern Länge durch eine wüste Strömung.
Hältst dich gut, Kleine!, dachte der Steuermann.
Die Meldungen aus dem Maschinenraum waren beruhigend. Die beiden Dampfmaschinen taten ihren Dienst ohne Wenn und Aber. Allerdings ging das Zischen der Ventile im Lärm des Unwetters unter.
»Das wär’ etwas für den Cousin dieses versponnenen Ingenieurs gewesen. Ein richtiges Abenteuer«, sagte er leise. Er dachte häufig an den Unglücklichen, der den Unfall mit seinem Leben bezahlt hatte. Später hatte er erfahren, dass Alan Stevenson tatsächlich mit dem bekannten Schriftsteller Robert Louis Stevenson verwandt gewesen war. Auch er war jung gestorben: mit nur vierundvierzig Jahren … ausgerechnet an der Schwindsucht.
Kein gutes Omen!, schoss es ihm durch den Kopf, denn dass MacKeldey den Sommer noch erleben würde, glaubte keiner.
Der Steward brachte ihm einen starken Kaffee und goss, so gut er konnte, einen üppigen Schuss Whisky dazu. Er kannte De Breukelen lange genug.
»Wie sieht’s aus auf meinem Schiff?«, fragte Kapitän Van Royen, als er die Brücke betrat. Wasser rann von dem dicken Wachstuchmantel zu Boden und bildete eine Pfütze.
Montgomery Cliff rieb sich den kurzen, dunklen Bart und packte die Flasche in eine Tasche. Der Steward blieb diskret, so gut er konnte. »Kunigunde hat einige Kunden«, sagte er. »Die Lady allerdings hält sich ausgezeichnet.«
Van Royen lächelte schmal und zog die Mütze ab, die trotz des Wachstuchs klitschnass war. »Unsere Krankenschwester tut ohne Frage ihr Bestes«, sagte er. »Unser Doc hingegen wird hauptsächlich sich selbst kurieren, denke ich.«
Jetzt grinste der Chefsteward. »Das kann man so sagen. Aber ich fürchte, sein Spezialvorrat an Absinth wird unter diesen Umständen nicht lange halten … Er hat noch vor dem Ausdocken eine Lieferung aus Val-de-Travers, Neuchâtel an Bord schaffen lassen. Diese Fee ist besonders grün …«
»Prost!«, kommentierte De Breukelen trocken.
»Unser Maschinist macht sich auf jeden Fall keine Sorgen«, sagte Montgomery Cliff. »Wie er so schön sagte, schnurren seine zwei Lieblinge wie zufriedene Kätzchen.«
»Gute Nachricht«, sagte Van Royen und griff nach De Breukelens Becher. Der verzog das Gesicht, als der Kapitän einen großen Schluck nahm und dann die Stirn runzelte. »Ich hoffe, sie haben die Sauferei im Griff, De Breukelen. Wir sind in Ihren Händen.«
Der Steuermann winkte ab.
Ein Blitz fuhr in die Blitzableiter. Man hatte Stevensons Konstruktion nicht abgebaut, dafür war keine Zeit geblieben. Der Blitzschlag, der den Ingenieur getötet hatte, hatte auch Schäden an der Queen verursacht, deren Behebung sehr viel dringlicher gewesen war. Jetzt war De Breukelen froh darüber.
Mit einem Mal war es hell auf der Brücke. Ein rötlicher Schein drang aus dem geschwärzten Glasballon.
Der Steward ließ die Kaffeekanne fallen.
»Was zum Henker …«, keuchte Van Royen.
De Breukelen ließ das Steuerruder nicht los, obwohl ihm danach war.
Der rote Schein intensivierte sich, bis er die Farbe von arteriellem Blut angenommen hatte.
»Sehen Sie …«, stotterte der Steward und deutete auf den Glasballon. Die haarfeinen Wolframdrähte glühten, aber das war nicht das Schlimmste. Im Innern des Ballons formte sich ein Gesicht. Ein pausbäckiges, schreiendes Gesicht.
»Stevenson!«, entfuhr es De Breukelen. »Seine Maschine hat ihn gespeichert …«
Dann zerbarst das Glas und überschüttete die drei Männer mit spitzen, scharfen Scherben. De Breukelen fühlte etwas Warmes von seiner Stirn laufen. Ein Brecher zwang ihn, sich auf die Steuerung des Schiffes zu konzentrieren.
Van Royen schickte Cliff nach unten, zu Doktor Gunter von Stolzenfels. De Breukelen hoffte, dass der Arzt nicht zu betrunken sein würde. Die Scherbe, die in Cliffs Wange steckte, sah nicht gut aus.
»Das war tatsächlich Stevenson, oder?«, fragte Van Royen dann mit rauer Stimme. »Sie haben ihn ebenfalls gesehen?«
De Breukelen nickte verbissen. »Eindeutig.«
»Ist er … jetzt tot? Endgültig?« Van Royen hatte sich verkrampft. Der Vorfall musste den beherrschten Mann enorm verunsichern. Aber De Breukelen war ehrlich genug zuzugeben, dass es ihm kein bisschen besser ging.
»Ich weiß es nicht«, sagte er. Er deutete auf ein leichtes, rötliches Flackern, das über einige Metallbeschläge huschte. »Aber mein Gefühl sagt mir, dass das nicht das Letzte war, was wir von Mister Stevenson gesehen haben.«
Als die Queen einige Tage später Brest erreichte, wusste es bereits jeder an Bord. Die Steampunk Queen hatte ein neues Besatzungsmitglied. Den Geist des unglücklichen Alan Stevenson …


Christian Künne: Thalassas salzige Tränen
Eines Nachts starb das Meer
von einem Ufer zum andern,
sich faltend, schrumpfend,
ein Mantel, den man fortnimmt.
Der Tod des Meeres, Gabriela Mistral
19. Mai
Marseille im Rücken nehme ich die Steampunk Queen in Augenschein, suche nach den Schatten zwischen den Decks und betrachte die verzerrten Bildnisse der Schaufelräder auf dem Schiffsrumpf, die durch das Licht der Hafenlaternen erzeugt werden. Groteske Mäuler mit spitzen Zähnen.
Das Rasseln der Industrieanlagen ergänzt das Bild, es fehlen nur die aufsteigenden Rauchschwaden. Die Kessel der Steampunk Queen scheinen noch nicht voll angeheizt zu sein, das Dröhnen der Dampfmaschinen ist abwesend. So bleiben nur die Schattenbilder und der Trug des Schiffs. Mein Zuhause für die nächsten Tage, unfreiwillig, aber notwendig.
Ich nehme meinen Koffer in die Hand und mache mich auf den Weg zur Gangway. Unten wartet ein Mitglied der Mannschaft, wünscht: »Bon soir!«
Ich nicke nur und reiche ihm meine Fahrkarte. Auf Nachfragen nenne ich ihm einen Namen für die Passagierliste: »Kelvin Potamoi.« Er spielt keine Rolle, ich nutze ihn nur für die Kreuzfahrt.
»Die Begrüßung der Passagiere hat erst vor wenigen Minuten begonnen.« Mit einem Lächeln gibt er mir meine Fahrkarte zurück.
Ich nicke wieder und spreche dann doch ein paar Wörter, als er einen Kabinenjungen herbeiwinken will. »Danke, mit dem Koffer werde ich allein fertig.« Dann laufe ich die Gangway hinauf an Deck der Steampunk Queen.
Das Begrüßungszeremoniell interessiert mich nicht, so wende ich mich gleich ins Innere des Schiffs und suche nach meiner Kabine. Die Beschilderung ist verständlich und der Teppich auf den Fluren verschluckt meine Schritte.
So finde ich schnell und unauffällig meine Kabine, öffne die Tür und trete in das geräumigste Zimmer einer zweiten Klasse, das ich je gesehen habe. Doch die moderne und verspielte Einrichtung kann nur für einen Augenblick meine Aufmerksamkeit auf sich lenken.
Ich werfe den Koffer auf das Bett und schlüpfe aus meinem Mantel, der neben dem Koffer landet. Mit einem leichten Seufzen balle und öffne ich die Fäuste. Fast scheint mir, als würde Dampf aus ihnen entweichen. Doch das ist nur Einbildung. Das Zischen rührt woanders her.
Ich knie mich vors Bett und ziehe den Koffer heran, lasse die Verschlüsse aufklappen. Ich öffne den Koffer und hebe vorsichtig den mechanischen Würfel heraus. Er ist kaum größer als meine Faust, aber schwer. Fein gearbeitete Platten zeichnen sich unter den Verzierungen ab, ein komplexer Schließmechanismus hält den Würfel in seiner Form.
»Hallo, Thalassa«, flüstere ich.
Der Würfel ist mehr als ein mechanisches Kunstwerk. Er ist ein Behältnis. Vielleicht eher ein Gefängnis. Dort drin ist das Meer selbst. Die mediterrane See, ihr Geist, ihre Seele. Thalassa.
Zwischen den feinen Platten des Würfels quillt ein Tropfen hervor. Es ist eine ihrer salzigen Tränen. Mit dem Daumen streiche ich sie weg und führe ihn zu den Lippen. Koste die Träne. Schließe die Augen bei diesem salzigen Geschmack. Schließe die Augen, um ihre Bilder in mich aufzunehmen.
20. Mai
Ich war für wenige Minuten an Deck, doch wurde von der Geschwätzigkeit einer älteren Dame ins Innere verjagt. Die Sonne verursachte ohnehin Kopfschmerzen und von der Reling aufs Meer zu blicken, war nicht sonderlich erbauend.
Mir ist jedoch klar geworden, dass ich mich hier an Bord der Steampunk Queen unauffällig einfügen kann. Meine verschrobene Persönlichkeit und meine Unkenntnis sozialer Gepflogenheiten fallen hier nicht ins Gewicht. Ein Blick auf die Passagiere und die Mannschaft hat mir diese Erkenntnis gebracht.
Am Morgen ist die Leiche der Schiffseignerin von Bord gebracht worden. Der erste Tod, bevor die Überfahrt überhaupt beginnt. Zu kümmern scheint das keinen. An Bord wird ausschweifend die Freizeit genossen und einige der Passagiere unternehmen einen Ausflug zur Île d’If in die alte Gefängnisanlage.
Ich nehme den Würfel zur Hand, wische die hervorquellende Träne ab und koste ihren Geschmack. Ein Gefängnis für das Meer. Ja, ein Gefängnis, so muss ich es wohl nennen.
Ich habe sie eingesperrt. Es war eine lange Suche, bis ich sie fand. Thalassa mir nach all den Mühen in die Falle ging. Nicht weit von hier, in der Stadt Marseille, im Delta der Rhone stieg sie aus einem der Etang der Camargue, der Marschlandschaft zum Mittelmeer. Halb durchsichtig, den gehörnten Kopf stolz erhoben, angstfrei auf mich blickend. Und dann war da der Würfel, entfaltet zu ihren Füßen, auf den sie trat, der sich schloss, sie in sich aufnahm und einsperrte. Die unbestechliche Mechanik arbeitete wie vorgesehen.
Jetzt ist sie hier, meine Thalassa, und reist einmal über das Meer, über sich selbst. Von Nord nach Süd, von West nach Ost. Der Weg, um sie zu bändigen. Mich ihrer Macht zu bedienen.
Ich höre das Ausflugsboot, diesen leicht stotternden Dampfmotor. Die Ausflügler haben die Gefängnisinsel verlassen und kehren zurück.
»Du musst nicht auf einem kargen Felsen ausharren«, flüstere ich und weiß, dass ihr Dasein in dieser Kabine, in diesem Würfel, so nah dem Meer, wenige Meter über der Oberfläche, vergleichbar mit einem Ausharren auf der Felseninsel ist. Ein lichtloser Kerker, das Geräusch schlagender Wellen.
21. Mai
Wir erreichen Genua und ich blicke aus dem Bullauge auf die historienreiche italienische Stadt. Demonstranten brüllen uns lautstark ihre Parolen entgegen. Es liegt der widerliche Gestank eines politischen Umsturzes in der Luft.
Die Regeln ändern sich, der Rahmen ändert sich. »Das gilt auch für dich.« Ich habe den Würfel in der Hand und stelle mir Thalassa vor, ihre ungreifbare Form, nun eingeschlossen. Nur ihre Tränen treten hervor, langsam, aber stetig. Ich trinke sie, jede einzelne, und die Bilder gehen mir nicht mehr aus dem Kopf. Und mehr noch.
Das Bullauge ist geschlossen, und doch nehme ich jedes einzelne Wort der Faschisten dort im Hafen wahr. Ich rieche den Rauch, der auf und über der Stadt liegt, höre die Dampfwagen, wie sie durch die Straßen stampfen.
Das Schiff selbst hat sich verändert, auch hier gibt es neue Regeln, eine neue Situation. Diebe, die durch die Flure schleichen, Spione und Mörder, Ermittler und solche, die sich dafür halten. Ich höre sie alle in der Nacht, neben dem Rauschen der Postzylinder in den Rohren, das Stampfen der Kolben der Maschinen, das Zischen entweichenden Dampfs. Und das Umpflügen des Meeres durch die Schaufelräder, rhythmisch, aber nicht weniger aufwühlend.
Es ändert sich alles, im Kleinen wie im Großen. Draußen sind die italienischen Faschisten und greifen alsbald nach der Macht. Auf dem Schiff wird der Dekadenz gefrönt, auf den Tod angestoßen und deutlich gemacht, dass auch hier auf der Steampunk Queen etwas unter der Oberfläche brodelt. Es schreit nach Umsturz. Die Dampftechnik schützt nicht, sie blendet.
»Altes vergeht«, flüstere ich dem Würfel zu und Thalassa vergießt eine weitere Träne. Mein Umsturz wird kommen, der der anderen wird dagegen klein sein.
22. Mai
Eine weitere italienische Stadt ist erreicht. Faschistische Demonstranten bleiben uns in Neapel erspart. Ich bleibe an Bord, bleibe in meiner Kabine an der Seite Thalassas, und doch erkenne ich mit einem Blick, wie anders Neapel im Vergleich zu Genua ist.
Die Stadt hängt Jahrzehnte hinterher, der Fortschritt hat kaum Einzug gehalten. Da verwundert es nicht, dass heute ein Ausflug nach Pompeji geplant ist. Dort ist das Alte konserviert, frühere Leben, eingeschlossen in Asche.
»Das Alte vergeht«, wiederhole ich. Aber es verschwindet nie vollständig.
Ich nehme den Würfel und betrachte ihn von allen Seiten. Er ist für die Ewigkeit konstruiert. Thalassa wird in ihm konserviert. Doch im Gegensatz zu den veraschten Bewohnern Pompejis ist Thalassa noch sehr lebendig. Sie kann um ihr Schicksal weinen.
Ich warte mittlerweile auf jede Träne, die zwischen den Platten hervorquillt, kann es nicht mehr erwarten, sie auf der Zunge zu schmecken. Ihr Bild steht klar vor meinen Augen. Sie ist nicht länger durchsichtig, sondern hat eine klare Kontur. Ihre Form zeichnet sich gegen die anderen Elemente ab. Sie steht vor dem Himmel, sie steht vor der Erde, sie steht vor dem Feuer.
Sie steht vor dem Feuer.
25. Mai
Die Passagiere und die Mannschaft nehmen mich nicht mehr wahr. Sie sehen mich nicht, wenn ich mich zwischen ihnen bewege. Sie hören meine Worte nicht, doch ich spreche sowieso wenig. Ich fließe unsichtbar wie teilnahmslos zwischen ihnen, in den wenigen Momenten, wenn ich meine Kabine verlasse.
Nur der mechanische Mann sieht mich noch, blickt mich mal traurig, mal gehetzt an. Aber wir sprechen nicht, halten nicht voreinander inne.
Wir liegen vor Tunis, Nordafrika, und einige der Passagiere haben sich zu den Ausgrabungsstätten von Karthago aufgemacht. Die mythische Stadt, hingeschlachtet und verschlissen.
Eine Sagenstadt. Und an Bord der Steampunk Queen Sagengestalten. Thalassa in ihrem Würfel ist dagegen normal. Die Technik hat die Magie abgelöst, aber das Sagenhafte ist geblieben.
Das Schiff schwebt über dem Wasser, die Dampftechnik lässt uns immer schneller die Welt erobern und sogar künstliches Leben erschaffen. Der mechanische Mann lässt mich darüber nachdenken, wie echt ich selbst eigentlich noch bin.
Ich scheine mich in der Realität zu verzerren. Thalassa, die Sagengestalt, gefangen in der sagenhaften Technik des Würfels. Es ist eine Veränderung, eine Umkehrung gar.
Ich nehme es an, dieses Opfer, jetzt nach der ersten Nord-Süd-Passage. Seit heute weine ich selbst.
28. Mai
Wo, Malta, ist deine stählerne Zunge? Du bist unter fremder Herrschaft in die Bedeutungslosigkeit versunken. Es legt sich eine Traurigkeit auf mein Gemüt, die umso schwerer wiegt, als ich den Motor des Ausflugsboots vernehme.
»Wie bedeutungsvoll wirst du noch sein«, flüstere ich und streichle den Würfel. Wir weinen gemeinsam, Thalassa und ich. Nur ich allein schmecke beide Tränen.
Ich bin noch ausgezehrter als zuvor, entrücke dieser Realität weiter. Glaube ich, kann es aber nicht mit Bestimmtheit sagen. Ich fühle die Bewegungen des Meeres durch den Schiffsrumpf, das Zittern des Wassers, ausgelöst von den Dampfmaschinen, die die Steampunk Queen vorwärts schieben. Das alles spüre ich überdeutlich.
Vor einigen Tagen habe ich den Apparat gesehen, der Bilder einer parallelen Welt zeigt. Die Magie benötigen wir nicht mehr, es wird deutlicher und deutlicher. Dabei spreche ich mich für sie aus, nun, da sie langsam und stetig in mich einsickert.
Malta, ich sehe eine andere Realität ohne diesen Apparat, wo du deine stählerne Zunge gespitzt hast, dein stählerner Arm weit reicht und gewaltige Dampfmaschinen deine Inseln durch das Meer schieben. Oder ist es Trug?
»Thalassa, sag mir, wie bewegen sich die Inseln auf dir?«, flüstere ich und falle in einen unruhigen Schlaf.
1. Juni
Meine Gedanken wandern ein Labyrinth hinab, haben keinen Faden, der sie wieder hinausführt. Die Steampunk Queen liegt wieder in einem Hafen, auf Kreta, denke ich. Ich höre die Dampfmaschinen einer Stadt, die Dampfmaschinen der Schiffe, alles trägt sich fort durch das Meer, weiter über den Schiffsrumpf in meine an die Wände gepressten Hände.
Da, Zahnräder, die ineinandergreifen. Ist der mechanische Mann noch an Bord? Oder ist es der Schachapparat? Der Projektor, der Bilder einer anderen Welt zeigt? Ist es das Schiff selbst, das große Uhrwerk, das es am Leben hält? Die Dampfgrammofone, die mechanische Musik spielen?
Ich nehme den Würfel, flüstere sinnfreie Worte zu Thalassa. Feine Mechanik verschließt das Innere. Die Platten liegen artig aneinander. Eine Träne quillt hervor. Sie hat den Weg hinausgefunden. Ich nehme sie auf die Fingerspitze und diese in den Mund. Es schmeckt salzig. Ein blauer Abgrund in der Mitte des Labyrinths.
3. Juni
Wir ankern vor einem kleinen Küstenort. Zypern, denke ich. Durcheinanderredende Menschen, ein stotternder Dampfmotor. Das Ausflugsboot startet. Ich liege auf dem Bett, halte den Würfel an meine Brust und stütze mich auf den einen klaren Gedanken, der mir bleibt. Ich bin noch hier.
Die West-Ost-Querung ist beendet. Es bleibt nur noch eine Station übrig. »Thalassa, bald ist es vorbei.« Ich weiß nicht mehr, was das bedeutet.
Ich sehe eine Figur, die den Schaumkronen der Wellen entsteigt. Sie öffnet sich und lächelt freundlich. Ist sie es? Sie sieht so anders aus. Nein, nein, die Tochter entsteigt hier dem Meer. Aphrodites Lächeln wandelt sich zur Anklage. Ihre Augen sagen, dass es nun keine Liebe für mich mehr geben wird.
Meine Finger liegen auf der Schließmechanik des Würfels und ich kann sie gerade noch davon abhalten, sie zu betätigen. Ich kann Thalassa nicht freilassen. Trotz aller Anklagen.
Nein, nicht mehr lang. Morgen, morgen gehe ich wieder an Land, verlasse dieses verdammte Schiff. Was wollte ich?
4. Juni
Es ist Abend und ich geh kurz nach dem Anlegen von Bord. Verlasse die Steampunk Queen, werfe einen letzten Blick auf die Schaufelräder, auf die Schornsteine und spüre dem Vibrieren der Dampfmaschinen nach. Ich bin erholter als in den letzten Tagen.
Das Meer ist gequert und ich beeile mich, mit schnellen Schritten den Hafen von Alexandria zu verlassen und einen ruhigen Abschnitt am Meer zu suchen.
Alexandria, früherer Leuchtturm des Wissens, vergangen, hinfortgespült. Wie mein Wissen fortgespült wurde, zuerst in Tränen angereichert, dann von ihnen erstickt.
Die Tränen sind versiegt. Der Würfel liegt schwer in meiner Hand. Ich glaube, es ist alles auf mich übergegangen. Aber nun will ich es nicht mehr. Es ist nicht das, was es sein sollte. Ich kann das Meer nicht aufnehmen. Ich will es nicht.
Ich will den Würfel öffnen. Mit einem Handgriff ist der Schließmechanismus gelöst und der Würfel faltet sich auseinander. Das enthaltene Wasser beginnt, eine Form zu bilden, richtet sich auf, zeigt Konturen, ein Gesicht und schließlich steht Thalassa vor mir.
»Verzeih«, flüstere ich und weiß, dass es kein Verzeihen geben wird, kein Verzeihen geben kann.
Sie tritt einen Schritt zurück. Ich trete einen Schritt vor. Der Würfel faltet sich. Blaue Unendlichkeit.

Ansgar Sadeghi: Ohne Volldampf in die Zukunft
Anna stand an Bord der Steampunk Queen und blickte auf die demonstrierenden Faschisten im Hafen in Genua. Einer von ihnen schaute ihr direkt ins Gesicht und machte eine obszöne Geste. Anna kannte so etwas. Wie fast alle Frauen. Und wie für fast alle Frauen mit dunkelbrauner Haut gehörte der Hass von Faschisten und Rassisten für sie zum Alltag.
»Was für ein Pack«, sagte Anna.
»Widerlich«, pflichtete Odilius ihr bei. Der Androide begleitete sie auf der Reise. Lady Summer hatte sich gefreut, beide an Bord zu begrüßen. Odilius reiste als zahlender Gast. Anna verdiente sich Kabine und Honorar als Sängerin in den Abendshows. Der plötzliche Tod von Lady Summer hatte beide schockiert.
»Darf ich einen Augenblick um Ihre Aufmerksamkeit bitten?« Die Stimme gehörte Robert Camford, dem Sicherheitschef des Schiffs. Gut sah er aus, fand Anna, ein adretter Mann in Uniform, mit markantem Kinn und wachen Augen, denen – so schien es zumindest – nichts entging.
»Wie sie sehen, herrscht in Genua aktuell eine angespannte Situation. Wir haben uns deshalb entschlossen, den heutigen Ausflug ausfallen zu lassen. Ich möchte mich hiermit im Namen der gesamten Mannschaft dafür entschuldigen und hoffe, dass Sie uns die Planänderung vergeben.«
»Wie könnte man einer so charmant vorgetragenen Bitte um Vergebung widerstehen«, antwortete Anna. Einige schmunzelten. Niemand widersprach.
»Vielen Dank für das Verständnis«, erwiderte Camford und nickte Anna freundlich zu.
»Ich hoffe sehr, diese Faschistenbrut breitet sich nicht noch weiter aus«, sagte jemand neben Anna und gewann ihre Aufmerksamkeit. Noch ein schöner Mann, dachte sie. Einer mit wilder Mähne und sympathischem Lächeln.
»Gestatten, Heinrich Kaltbach, Archäologe auf Erholungsreise«, stellte sich der Mann Anna vor. Ihm gefiel die kleine Frau mit der großen Persönlichkeit.
»Es freut mich, Sie kennenzulernen, Heinrich Kaltbach, Archäologe auf Erholungsreise«, erwiderte Anna lächelnd. Odilius kannte dieses Lächeln. Anna mochte den Mann. Der Androide spürte einen Stich im künstlichen Herzen.
Den weiteren Tag verbrachten Anna und er in seiner Kabine über den Plänen ihres Projekts. Abends absolvierte Anna ihren zweiten Auftritt auf der Reise. Ihre Stimme klang mal verführerisch, mal traurig, mal fröhlich. Sie eröffnete Anna Chancen, hatte sie aus den USA nach Frankreich und in die Schweiz gebracht, bevor Berlin ihre Heimat wurde. Ihr Gesang führte sie aus der Armut ihrer Kindheit in eine Welt voll Macht und Reichtum. Sie blieb hier Teil des Personals, aber sie genoss Privilegien. Mit sechsunddreißig träumte sie nicht mehr von weltweitem Ruhm als Gesangsstar. Aber diverse Shows buchten sie regelmäßig und sie genoss die Gunst treuer Fans.
Nach dem letzten Lied und Applaus nahm Anna am Tisch bei Odilius Platz. Heinrich Kaltbach setzte sich später auf den Stuhl neben ihr. Anschließend prüften Anna und er mit Worten, Gesten und Neckereien ihre Wirkung aufeinander. Sie war groß. Und beide hatten ihren Spaß. Noch später gesellte sich ein weiterer Mann an den Tisch, ein kantiger Mensch mit buschigen Augenbrauen. Anna empfand sie als das faszinierendste Merkmal eines ansonsten uninteressanten Äußeren.
»Sind sie doch dieser Erfinder, der die Kohleindustrie vernichten will«, provozierte er mit Blick auf Odilius.
»Sie irren sich«, erwiderte der Androide, »ich vernichte nicht. Ich baue Maschinen.«
»Ja«, schnaubte der Mann verächtlich, »Sie wollen Maschinen bauen, die fast keine Kohle mehr benötigen. Viele werden ihre Arbeit verlieren. Die Welt ist gut, wie sie ist. Sie braucht keine Verrückten wie Sie.«
Odilius setzte zu einer Antwort an, aber Anna kam ihm zuvor. »Doch, genau die braucht sie. Nicht Menschen wie Sie, die Stillstand bevorzugen.«
»Was versteht jemand wie Sie davon?«, erwiderte der Mann erbost und versuchte, seinen Ärger mit Scotch herunterzuspülen.
Anna wartete ruhig das Ende der theatralischen Geste ab. »Wen meinen Sie mit ›jemand wie Sie‹?«, fragte sie. »Mich als Person? Alle Menschen mit schwarzer Hautfarbe? Sängerinnen? Haben Sie etwas gegen Frauen oder gegen Frauen mit dunkler Haut?«
Einen Augenblick lang sah es so aus, als wollte er sie schlagen.»Geben Sie gut auf sich acht«, giftete er. »Irgendwann fliegen Ihnen solche Worte um die Ohren.«
»Das glaube ich nicht«, erwiderte Anna gelassen.
»Sie sollten sich schämen, eine Lady derart zu bedrohen«, entrüstete sich Odilius.
»Lady? Wohl kaum!«
Ein Hieb, den Anna äußerlich unbeeindruckt mit Ignoranz parierte. Aber er verletzte sie. Nicht sehr, doch spürbar.
»Jetzt reicht es aber!«, rief Heinrich Kaltbach, sprang wütend von seinem Stuhl auf und näherte sich dem Gesicht des Mannes bis auf wenige Zentimeter. »Sie gehen jetzt besser!«
Einen Moment lang drohte ein gewaltsamer Ausbruch. Dann entfernte sich der Mann. Schweigend.
»Danke, ihr zwei.« Anna sah Odilius und Heinrich nacheinander an, aber nur beim Archäologen glänzten ihre Augen. Odilius wusste das zu deuten.
Odilius Terstedt galt als kleiner Erfinder, der möglicherweise an einer interessanten Sache arbeitete. In Berlin kannten ihn einige, im übrigen Deutschland wenige, außerhalb Deutschlands noch weniger Menschen. Odilius war ein von Professor Egidius Daniel konstruierter Android. Egidius Daniel, zeit seines Lebens ein reicher Exzentriker, Genie, ein geehrter Gelehrter und Humanist, liebte es, künstliche Wesen zu bauen: mechanische Vögel, Katzen, Hunde mit eigener Persönlichkeit.
Odilius war sein Meisterwerk. Ein künstlicher Mensch mit Bernsteinaugen und einem Gesicht, dem man das Künstliche nicht sofort anmerkte. Sein Androide konnte nichts, was Geschäftemacher an solchen Geschöpfen schätzen. Er kämpfte nicht wie ein Kriegsroboter, arbeitete nicht schnell wie ein Fabrikandroid oder erfüllte Wünsche wie ein serviler Maschinenbutler. Odilius konstruierte gerne, allzu oft jedoch ohne Interesse an der Entwicklung verwertbarer Maschinen. Egidius Daniel hatte ihm einen Sinn für Schönheit verliehen, Freude an Musik, Poesie und Philosophie, an der Vielfalt der Farben und Formen. Und so beherrschte Odilius nicht nur Logik, Mathematik und Mechanik. Er las Novellen, bestaunte die Gemälde alter Meister und die Kunst junger Dadaisten in Museen und Galerien, liebte die Natur, Vögel, Bäume und Blumen, hörte Jazz und Blues ebenso wie klassische Musik. Professor Daniel liebte seinen Androiden. Und Odilius Terstedt liebte Professor Daniel. Dieser Mensch war wie ein Vater für ihn.
Nach dem Tod des Professors trauerte Odilius lange. Er besaß ein ausgeprägtes Gefühlsleben mit Trauer, purer Freude, Melancholie. Er fühlte sich als Mensch, obwohl ihm einiges fehlte, etwa ein Geruchssinn oder Sexualorgane. Ihn faszinierte die Menschheit. Zugleich fürchtete er sie. Menschen waren oft respektlos und verletzend. Die meisten betrachteten Androiden als Spielzeug, minderwertige Arbeitssklaven oder kalte Rechenmaschinen auf künstlichen Beinen. Zugleich fürchteten einige, dass die Kunstmenschen sich erheben könnten, um zu herrschen. Menschen waren oft widersprüchlich, fand Odilius. Nicht zuletzt aus diesem Grund hielt er manches vor ihnen geheim.
Außer Anna wusste niemand, dass Odilius Gedanken lesen konnte. Zumindest manchmal. Er verfügte nicht bewusst über diese Gabe. Sie überfiel ihn bisweilen. Dann öffneten sich Gedanken einzelner Menschen für ihn wie die Seiten eines Buchs, während andere Köpfe ihm verschlossen blieben. Darüber hinaus beherrschte Odilius bisweilen die Kommunikation mit einfachen Maschinen, die keine Ähnlichkeit mit einer humanen Lebensform aufwiesen. Er entdeckte verborgene Defekte in Automobilen schneller als jeder Mensch. Er empfing Informationen von großen Dampfmaschinen und kleinen Grammofonen. Und in einigen Maschinen erspürte er gar eine Art von Leben, wo Menschen nur totes Metall sahen. Gern hätte Odilius diese Gaben weiterentwickelt. Der Wunsch war fast so groß wie der, ein echter Mensch zu sein, einer aus Fleisch und Blut, mit Sehnen und Adern.
Von Professor Daniels Geschöpfen blieben nach seinem Tod nur Odilius und Piep übrig, ein kleiner mechanischer Vogel. Odilius gehörte zu den Erben des Professors und erhielt einen Anteil, der ihm eine sorgenfreie, weitgehend selbstbestimmte Existenz sicherte. Die einzige Auflage war, sich um Piep zu kümmern, was Odilius gerne tat. Er mochte Piep. Der Metallvogel saß oft auf seiner Schulter, flog manchmal vor ihm her und blieb meistens in seiner Nähe. Er konnte einfache Melodien singen, aber nicht viel mehr.
Odilius wohnte in Berlin. Er besaß eine Wohnung in einem nicht vornehmen, aber auch nicht heruntergekommenen Teil der Stadt. Gern trug er aktuelle Mode, etwa die beliebten dreiknöpfigen Sakkoanzüge. In Berlins Kulturszene fühlte er sich zu Hause, spielte bisweilen Kontrabass in Clubs, aber nicht sehr gut. Im Gegensatz zu anderen Androiden trug Odilius eine kleine Herkzwergmaschine in sich: klein wie ein winziger Zwerg, der kaum etwas isst, und stark wie Herkules. Egidius Daniel hatte ihr den Namen verliehen: »Herk« für Herkules und »Zwerg« für Zwerg. Herkzwerg: Odilius gefiel das. Es klang wie ein einfacher, aber guter Rhythmus, wenn man es richtig sprach. Die Herkzwergmaschine benötigte täglich nur ein einziges Stück glühende Kohle. Der Androide erhitzte es jeden Morgen in einem Spezialgerät und setzte es mit einer Zange über eine Klappe in die Brust ein. Dampf stieß er durch die Nase aus. In Gesellschaft sammelte er ihn und entdampfte sich nur stündlich. Das reichte. Die Maschine besaß Potenzial. In vergrößerter, weiterentwickelter Form könnte sie vielleicht irgendwann Flugzeuge, Schiffe, riesige Turbinen betreiben und dabei kaum Brennstoff benötigen.
Odilius besaß unvollständige Pläne für die Maschine in seinem Korpus. Egidius Daniel hatte sie ihm gegeben. Das verheimlichte Odilius den meisten. Er misstraute denen, die nach den Dokumenten fragten. Es waren keine Freunde, fand er, nicht einmal gute Menschen. Sie waren gierig. Einige hätten den Androiden gern zerlegt, um seine Anatomie zu entschlüsseln und die Maschine zu bergen. Andere fürchteten, dass eine weiterentwickelte Herkzwergmaschine irgendwann das Ende guter Geschäfte mit Kohle einläuten würde. Sie wollten weitere Forschungen verhindern.
Odilius hatte immer vor, weiter am Herkzwergantrieb zu arbeiten. Aber erst mit Anna, die er in einem Schweizer Varieté kennengelernt hatte, setzte er dieses Vorhaben um. Anna. Eine schöne Frau, klug, impulsiv, gesegnet mit einer faszinierenden Doppelbegabung. Sie überzeugte ebenso mit ihrem Gesang wie mit dem kühlen Verstand einer Ingenieurin. Gefördert wurde aber nur eines der beiden Talente. Die Hobbyingenieurin kümmerte sich mühsam selbst um Bildung. Sie las Bücher über Physik, Ingenieurskunst, Mechanik. Sie konstruierte kleinere Maschinen und entwarf Skizzen für größere. Anna und Odilius hatten mit der gemeinsamen Arbeit am Antrieb bereits in der Schweiz begonnen. Ab 1920 führten sie sie in Berlin fort.
Anna war voller Ideen. Ein Glücksfall. Bereits im ersten Jahr der Zusammenarbeit hatte Odilius kleine kommerzielle Erfolge mit funktionierenden Erfindungen verbucht. Viele basierten auf leistungsschwachen Versionen der Herkzwergmaschine: etwa ein dampfbetriebener Lockenstab und eine ebenso dampfgetriebene Trommelmaschine für Jazzmusiker. Aber solche Kleinigkeiten befriedigten Anna und Odilius nicht lang. Und so arbeiteten beide wie besessen, um leistungsstärkere Varianten für große Apparaturen und Fahrzeuge zu bauen. Vielleicht irgendwann mit Erfolg.
»Ich ziehe mich jetzt zurück«, sagte Odilius nach dem Streit am Abend zu Anna, Heinrich und den anderen am Tisch.
»Jetzt schon?«, fragte Anna erstaunt.
»Ja. Ich möchte alleine sein«, erwiderte Odilius.
Als er aufstand, lief Anna hinter ihm her. Auf dem Flur holte sie ihn ein. »Was ist los mit dir?«, fragte sie.
»Du bist verliebt. Nicht wahr?«
»Was?«
»In den Archäologen. Diesen Kaltbach.«
»Unsinn.«
»Anna. Ich sehe es, wenn eine Frau verliebt ist. Besonders, wenn ich sie so gut kenne wie dich.«
»Entschuldige bitte«, antwortete Anna giftig. »Aber mir ist gerade nicht danach, mit dir zu diskutieren, in wen ich verliebt bin.«
»Ich möchte, dass es dir gut geht.«
»Mir geht es gut«, sagte Anna kühl.
Odilius nickte. »Dann ist alles in Ordnung«, erwiderte er mit beleidigtem Unterton und ging, während sich Piep auf seiner Schulter mit dem Schnabel putzte, obwohl es nichts zu putzen gab.
Odilius begab sich mit Piep an Deck. Dort erwartete ihn eine Nacht mit einem Himmel voller Sterne. Reizvoll für Glückliche. Odilius empfand ihn als kalt. Irgendwann glaubte er, jemand beobachtete ihn. Vor einigen Monaten hatte er erstmals eine Drohung erhalten. Anonym. Er solle seine Forschungen aufgeben. Ansonsten werde man ihm die Gliedmaßen brechen, seinen Brustkorb öffnen, mit Benzin füllen und anzünden. Damals prallten die grässlichen Worte am Androiden ab. Mit Anna fühlte er sich fast unverwundbar. Aber jetzt gab es zu viele Schatten auf dem Schiff. Odilius war froh, als er die Türe seiner Kabine hinter sich schloss.
Natürlich schlief Anna in jener Nacht mit Heinrich Kaltbach. Sie liebte ihre Freiheit, die sexuelle eingeschlossen. Und sie hatte bereits vor der Reise viele Gelegenheiten genutzt, sie auszuleben. Berlins Kunstszene war dafür ein gutes Umfeld. Die Stadt befand sich nach Jahren des Krieges und der Unruhen in Aufbruchsstimmung. Anna genoss die Abkehr von bürgerlichen Zwängen, aber sie spürte zugleich wachsenden Hass auf vieles, was sie liebte. Ihre Welt, ihre Ansichten und Freiheiten waren den Faschisten so zuwider wie die Faschisten ihr.
In Annas aktueller Stimmung mischten sich Lebenslust, Sorge und Trauer. Lady Summers Tod setzte ihr zu. Sie hatte eine gute Bekannte verloren, eine bewundernswerte Frau. Zudem erschütterte der plötzliche Tod der Lady Annas Glauben, dass die Steampunk Queen ein Stück heiler Welt in stürmischen Zeiten sei. Dennoch trübte das Annas Freude auf die Reise nicht völlig. Sie begeisterte sich für die Auftriebstechnik des Schiffes. Sie sehnte sich nach Meer, Stränden, fremden Speisen und Kulturen. Viele Menschen an Bord empfand sie als spannend.
Zwar gab es reiche Langweiler, aber auch ebenso reiche, gebildete Mäzene, diverse Erfinder und Freigeister beiderlei Geschlechts, witzige Kellner sowie nette Arbeiter in der Crew: voll Herzlichkeit und rauer Geschichten. Geschichten gab es sehr viele an Bord. Lady Summers Tod heizte die Gerüchteküche an. Als sehr abstrus empfand Anna die Theorie einer Frau, die mit lauter Stimme davon sprach, dass die Steampunk Queen vom Teufel besessen sei. »Auf dem Schiff befinden sich sechundsechzig Passagiere«, erläuterte sie. »Die Besatzung besteht aus vierundzwanzig Menschen. Quersumme: sechs. Das ergibt drei Mal die Sechs, die Zahl Satans«, schloss sie messerscharf.
Einige übernahmen die verrückte Erzählung, aber es waren nicht viele. Und so vollführte niemand einen Exorzismus an Bord. Andere Theorien entfalteten eine gefährlichere Dynamik. Sie verurteilten bei dünner Faktenlage ganze Menschengruppen. Die Türken seien schuld am Tod der Lady, hieß es. Andere verdächtigten Chinesen, Illuminaten, kommunistische Weltverbesserer, Flapper, politisch agierende Feministinnen sowie … die Juden. Immer wieder. Besonders hasserfüllte Urteile galten den Juden. Und Anna fragte sich, was diese Hassenden wohl tun würden, wenn sie es nur könnten.
Heinrich Kaltbach gab ihr in diesen Momenten Halt. Sie war froh, den Mann an ihrer Seite zu haben. Odilius empfand sie als Freund. Ein Android ohne Sexualität. Anna wusste, dass er sie liebte. Allerdings war sie davon ausgegangen, dass die Dinge geklärt seien. Ein Irrtum. Heinrich Kaltbach könnte viel mehr als ein Freund sein: Geliebter, Liebhaber, Seelenverwandter wie Odilius, aber auf andere Art. Und so bedeutete die Nacht mit ihm für Anna mehr als erfüllte Sexualität.
Gemeinsam verließen Heinrich und sie ihre Kabine am nächsten Morgen als Paar. Odilius gratulierte, aber Anna bemerkte seinen Schmerz, als sie Arm in Arm mit Heinrich zum Frühstück erschien. Der Androide verabschiedete sich schnell.
»Wir sollten mehr Abstand voneinander halten«, sagte er später zu ihr.
Sie verstand. Und nickte. »Aber wir sind Freunde und arbeiten weiter zusammen?«
»Natürlich«, erwiderte Odilius. »Wir bleiben Freunde. Wir arbeiten an der Maschine.«
Anna lächelte. Odilius versuchte es ebenfalls. Es misslang.
Neapel wirkte auf Anna wie ein schöner Traum. Den auch hier Fuß fassenden Faschismus bemerkte sie nicht. Ein Ausflug brachte Heinrich und sie zum Vesuv und nach Pompeji. Sie scherzten. Sie lachten miteinander. Sie berührten sich. Wie schön. Anna vergaß für eine Weile alles, was ihr Leben erschwerte. Odilius hätte es zerrissen, wenn er sie und Heinrich gesehen hätte. Wie gut, dass er mit Piep in der Stadt geblieben war.
Odilius schaute sich Neapel an: das mächtige Castel Nuovo am Hafen, die Kathedrale der Stadt und den prachtvollen Palazzo Reale. Zu anderer Zeit hätte er all das genossen: die herausragende Architektur, Zeugnisse großer Geschichte, das pulsierende städtische Leben. Jetzt ließ es ihn nahezu kalt. Auch die Probleme mit der Forschung am Antrieb: uninteressant. Morddrohungen? Egal! Fast jedenfalls. Die Eifersucht quälte ihn. Das Schlimmste dabei: Er hätte Heinrich Kaltbach gern gehasst, aber er konnte es nicht. Wäre der Archäologe ein Angeber oder arroganter Snob gewesen, hätte Odilius Anna vor ihm gewarnt.
Aber Heinrich Kaltbach wirkte sympathisch, ein gut aussehender Mann. Odilius hätte ihn selbst unter anderen Umständen gerne als Freund gehabt. Er interessierte sich für Annas Musik und ihre Liebe zur Technik. Er bewunderte ihre Doppelbegabung. Sie lachte häufig in seiner Nähe. Odilius spürte ihre Freude und Zuversicht. Anna war glücklich. Odilius nicht. Mehr denn je fühlte er sich als unvollkommener Kunstmensch. Er liebte, ohne geliebt zu werden. Aber was wäre Liebe, wenn man geliebten Menschen nicht Glück gönnte, selbst wenn es einen traurig stimmte?
In Tunis kamen neue Reisende an Bord. Kurz streifte der Blick eines Mannes Odilius. Auf den Androiden wirkte es, als würde der Mensch ihn erkennen. Der Mann brachte diverse Geräte an Bord. Odilius sah eine Kamera, aber ansonsten nichts, was er einordnen konnte. Auf das offizielle Ausflugsprogramm verzichtete der Androide. Stattdessen erkundete er alleine die Reiseziele. An Bord lag er in der Sonne, pflegte Unterhaltungen und hatte eigentümliche Begegnungen. Insbesondere eine.
Irgendetwas zog ihn zu einem Hilfsmaschinisten namens Paul. Er war etwas Besonderes, das spürte Odilius, ein Mensch mit einem Splitter im Hirn, mit Schmerz in der Seele und dem Potenzial, Großes zu vollbringen. Jemand wie Anna. Fast.
Odilius las viel. Aus der Glasvitrine mit Leihbüchern lieh er ein Buch mit dem Titel »Ein Pfau am Nil« aus. Tedine Sanss hieß die Autorin. »Die Geschichte ist spannend«, erzählte ihm die Frau vom Schiffspersonal. »Mir kommt es vor, als sei das Buch eins aus der Zukunft.« Odilius las es und liebte es.
Vor der Ankunft der Steampunk Queen in Valletta traf der Androide abends auf Anna.
»Heinrich möchte uns beim Antrieb unterstützen», sagte sie erfreut. »Er kennt wichtige Leute an der Berliner Universität. Vielleicht bekommen wir Ausrüstung. Weitere Hilfe.«
»Du hast ihm von unseren Forschungen erzählt?«, fragte Odilius entrüstet.
»Ja. Habe ich. Und ihm zwei Blätter gezeigt, an denen ich gerade arbeite. Ich vertraue ihm.«
»Einfach so, ja? Du kennst ihn erst kurze Zeit.«
»Na und?«
»Wir müssen aufpassen! Wir haben Feinde.«
»Ja. Aber nicht Heinrich. Er ist auf unserer Seite.«
»Anna. Es sind UNSERE Forschungen. Und du erzählst einem Fremden davon.«
»Er ist kein Fremder für mich, Odilius. Und das weißt du. Übrigens möchte er, dass ich nach der Reise noch mit ihm in Alexandria bleibe.«
»Ach!«, erwiderte Odilius ironisch, »wie schön. Und was ist mit unseren Forschungen? Wie soll das weitergehen?«
»Wir machen weiter, sobald ich zurückkomme. Ich vernachlässige das nicht. Auch unsere Freundschaft nicht. Aber du hast mir nicht zu sagen, was ich zu tun habe!«
Ein Nadelstich. Noch einer.
»Ich werde euch Professor Daniels Aufzeichnungen nicht zur Verfügung stellen«, sagte Odilius.
»Dann muss es ohne gehen», erwiderte Anna. »Es ist eine große Chance. Die Arbeit wird schwieriger ohne die Unterlagen, aber ich habe vieles im Kopf.«
Wieder ein Nadelstich.
»Natürlich«, erwiderte Odilius und schluckte die erneute Demütigung wie eine Portion Schneckenschleim. »Schließlich sind es ja deine Forschungen.«
»Du redest schon wieder Unsinn.«
»Tue ich das?«, fragte Odilius. »Du bist nicht meine Assistentin, Anna. Das wissen wir beide. Ich bin der Assistent. Und wir geben vor, dass die Erfindungen meine sind, weil du dich bisher nicht aus der Deckung getraut hast.«
»Oh. Ich war also feige?«
»Ja, warst du!«, giftete Odilius.
»Das muss ich mir von dir nicht sagen lassen. – Du bist ein männlicher weißer Androide«, fuhr Anna wütend fort, »Was weißt du davon, wie man als Frau mit dunkler Haut durchs Leben geht? Was weißt du vom Mut, sich Menschen zu stellen, die immer noch denken, dass Frauen an den Herd und ins Bett gehören und Schwarze in die Wildnis?«
»Immerhin bin ich es, dem mit Mord gedroht wird, Anna. Nicht du.«
»Trotzdem hast du es einfacher, als ich es jemals haben werde.«
»Ach ja? Ich bin Androide und fühle wie ein Mensch, Anna. Und ich liebe wie ein Mann, ohne das ausleben zu können«, erwiderte Odilius. »Sag mir nicht, dass ich es einfach habe.«
»Einfacher habe ich gesagt, nicht einfach!«
»Vielleicht«, sagte Odilius, »aber trotzdem, An-na … du … egal …« Dann fiel ihm nichts mehr ein.
»Piep«, ergänzte Piep auf Odilius Schulter, bevor beide fortgingen.
Am Samstagmorgen fühlte Odilius sich erneut beobachtet: während des Frühstücks, an Deck des Schiffs, im Hafen von Valletta. Es waren stets Momente mit wechselnden Verdächtigen. Odilius misstraute dem Mann, der mit seinen Geräten an Bord gekommen war. Er misstraute einer Frau mit komischem Hut, einem älteren Adligen mit Gehstock, einem Mann mit einem auffälligen Arbeitermantel sowie diversen weiteren Gestalten. Alles Verdächtige aus Odilius Sicht. Manch einer hätte dem Androiden zumindest temporäre Paranoia unterstellt. Auch Anna.
»Jemand hat meine Kabine durchsucht. Die Skizzen vom Antrieb lagen anders im Schrank als zuvor«, erzählte er ihr.
»Bist du sicher?«
»Nicht völlig.«
»Mach dich nicht verrückt, Odilius«, sagte Anna. »Mach dir nicht immer so viele Sorgen.« Sie legte ihm die Hand auf die Schulter. Es sollte beruhigend wirken. Dann ließ sie ihn stehen und Odilius traf eine Entscheidung.
Am 30. Mai geschah etwas Merkwürdiges. Zwei Passagiere verschwanden aus ihren Kabinen und erneut kochte die Gerüchteküche. Einige berichteten von einem eigenartigen Leuchten, andere von einer Hitzewelle und irgendwer redete von Tentakeln. Niemand glaubte ihm.
Verlässlichere Auskünfte hätten diejenigen geben können, die die Kabine betreten hatten. Heinrich Kaltbach hatte sie als Erster erreicht. Da war ein Raum voll mit unbekannten Geräten, verbunden mit einem Artefakt. Schwärze bedeckte einen Teil der Kabinenwand und auf dem Tisch lag eine Zeichnung, die Heinrich sofort einsteckte. Schnell kamen weitere Menschen hinzu. Einer berührte das Artefakt und es zerfiel zu Staub.
Später zeigte Heinrich Anna die Zeichnung. Es war die Kopie einer technischen Skizze mit einem wichtigen Detail jenes Antriebs, an dem Anna mit Odilius arbeitete. Scheinbar hatte jemand mithilfe der Zeichnung etwas gebaut. Aber wer? Und was? Und warum?
»Ich muss mit Odilius sprechen«, rief Anna. Heinrich nickte.
Odilius erschrak ebenso wie sie. »Ich habe es dir gesagt«, rief er. »Jemand war in meiner Kabine.«
»Wir müssen jetzt zusammenhalten«, appellierte Anna, »du, Heinrich und ich.«
»Du verlangst viel, Anna«, entgegnete Odilius. Piep auf seiner Schulter sagte erneut »Piep« und trällerte eine kurze, traurige Melodie.
»Es muss sein«, fuhr Anna fort, »wir schaffen es nur gemeinsam.«
Odilius nickte. »Gut«, sagte er nur, »gut.«
Der erste Juni: Auf Kreta nahm Odilius am Ausflug zum Palast von Knossos teil, während Anna und Heinrich an Bord blieben. Sir Arthur John Evans führte die Reisegruppe durch die Ausgrabungsstätte. Odilius spielte den glücklichen Androiden, was ihm erstaunlich gut gelang. Er scherzte und unterhielt sich angeregt, unterdrückte dabei seinen Schmerz. Beim Ausflug sah er den Mann im Arbeitermantel wieder. Irgendwer hatte ihm erzählt, dieser Mensch suche jemanden namens Peter. Aber auch das war vielleicht nur ein Gerücht. Der Blick des Mannes verriet Widerwillen. Hasste er Androiden? Wieder etwas Rätselhaftes. Es gab so viel davon auf dieser Reise. Rätselhaftes, Schreckliches, Dramatisches: ein Überfall, eine knappe Rettung des Hilfsmaschinisten namens Paul, in die Odilius involviert war, ein toter Heizer und die seltsame Geschichte über die Verschwundenen … Die Reise der Steampunk Queen stand aus Sicht von Odilius unter keinem guten Stern.
An der Küste vor Zypern ließen sich Heinrich und Anna zum Aphroditefelsen fahren. Odilius und Piep gingen ebenfalls von Bord: als Teil einer Gruppe, die sich Paphos ansehen wollte. Später kehrten alle zurück zum Schiff: bis auf den Androiden und den Vogel. Ein junger Mann in gestreiftem Hemd, mit festen Schuhen und einem Knickerbocker übergab Anna den Brief. Er stammte von Odilius. Anna las ihn in den nächsten Tagen mehrfach. Den Inhalt hielt sie geheim, selbst vor Heinrich. Der erwies sich als einfühlsam genug, sie nicht weiter zu fragen.
Im Brief stand:
Meine liebe Anna,
wenn du diesen Brief liest, weißt du, dass ich auf Zypern geblieben bin. Suche mich bitte nicht! In den letzten Tagen habe ich viel nachgedacht, über uns, meine Rolle als Erfinder, der ich nie war, über Heinrich und dich. Natürlich erhaltet ihr ausnahmslos alle Aufzeichnungen von mir. Alle Originale befinden sich im Safe in meiner Berliner Wohnung. Einen Wohnungsschlüssel hast du ja. Der Safeschlüssel verbirgt sich hinter meinem Heiligtum. Ich denke, du weißt Bescheid. Lass dir nicht zu viel Zeit. Jemand hat versucht, bei mir einzubrechen, schrieben Freunde. Unsere Gegner schlafen nicht.
Manche hassen Frauen, die ihre Rechte einfordern. Oder dunkle Haut. Oder beides. Wieder andere missgönnen dir deine Talente oder möchten verhindern, dass eine neue Maschine vertraute Welten sterben lässt, in der Heizer Tonnen von Kohle in feurige Schlünde schaufeln. Du brauchst mich nicht, Anna. Du bist stark genug, auf dich aufzupassen. Und du hast mit Heinrich jemanden, der dich besser unterstützt, als ich es jemals gekonnt habe.
Ganz los wirst du Piep und mich aber nicht. Ich habe Freunde in Berlin, die euch helfen. Du wirst sie nicht sehen. Aber sie arbeiten für euch. Betrachte sie als deine Schutzengel. Vielleicht finden sie heraus, wer den Antrieb verhindern möchte und vor Morddrohungen nicht zurückschreckt. Ich glaube, ich habe diese Drohungen lange unterschätzt. Piep und ich werden regelmäßig informiert. Wir selbst würden aber nur eingreifen, wenn die Umstände es erfordern. Wir bleiben eine Weile fort. Vielleicht sehr lange. Ich muss schauen, welcher Platz mir auf dieser Welt bleibt. Ich bin kein Erfinder, bin kein Mensch, aber etwas Ähnliches, gebaut aus Kunststoff und Metall. Möglicherweise finde ich ja heraus, ob Blumen wachsen, wenn Metall und Kunststoff träumen. Vielleicht sehen wir uns eines Tages wieder. Du bist eine faszinierende Frau und warst einer der Hauptgründe, warum ich mit meiner Existenz als Android gehadert habe.
Beweise der Welt, was du kannst, Anna. Nutze deine neuen Möglichkeiten. Du bist eine gute Sängerin. Jetzt zeige allen, wie gut du als Konstrukteurin und Forscherin bist. Dir gebührt der kleine Ruhm, den ich bisher für uns erhalten habe. Dir wird der große gebühren, wenn der weiterentwickelte Antrieb eines Tages funktioniert. Ich glaube fest daran, dass dieser Tag kommen wird. Und es wird dein Tag sein. Viel Gutes wünschen dir (und Heinrich)
Odilius und Piep
PS: Sollte dich künftig irgendwer wegen deiner Hautfarbe, deiner Weiblichkeit oder aus einem anderen Grund beleidigen, tritt ihm dorthin, wo es besonders schmerzt. Betrachte dies bitte nicht als Aufruf zur Gewalt. Ich habe diesen Satz nie geschrieben.
Anna weinte, als sie den Brief erstmals las. Ein wenig hasste sie sich dafür, aber wirklich nur ein wenig. Was Odilius mit Heiligtum meinte, wusste sie sofort: das eingerahmte Foto, das ihn mit Egidius Daniel zeigte. Auf ihm saßen beide in einem Garten, vertieft in ein anregendes Gespräch. Die Szene gehörte zu den intensivsten Erinnerungen von Odilius an seinen Vater.
»Ich kann nicht mit dir in Alexandria bleiben«, sagte Anna zu Heinrich, als die Steampunk Queen auf die Stadt zusteuerte. »Ich muss zurück nach Berlin. Es ist wichtig. Leider«, fügte sie traurig hinzu.
Heinrich schaute sie eine Weile lang wortlos an. »Nein«, erwiderte er schließlich. »DU gehst nicht zurück nach Berlin.«
Anna hob die Augenbrauen, öffnete leicht den Mund, streckte die Hände ein wenig von sich, als wollte sie etwas wegschieben.
»WIR gehen nach Berlin. Falls du mich an deiner Seite duldest!«, fuhr er fort.
Anna entspannte sich. Lächelte. »Du fragst nicht ernsthaft, ob ich deine Begleitung akzeptiere?«
»Doch. Man weiß bei dir nie genau, was du möchtest«, erwiderte Heinrich und Annas Lächeln mündete in ein kurzes, aber erleichtertes Lachen.
»Herr Kaltbach«, sagte sie auf spaßige Art betont förmlich, »es wäre mir eine große Freude, wenn Sie mich nach Berlin begleiten würden.«
Darmowy fragment się skończył.