Czytaj książkę: «Dein Herz lebe auf!»
FRANZ-JOSEF BODE
(HRSG.)
Dein Herz
lebe auf!
Tröstende Bibeltexte
erschlossen für
schwere Zeiten

1. Auflage 2020
© Katholische Bibelanstalt GmbH, Stuttgart, 2020
Alle Rechte vorbehalten.
Für die Texte der Einheitsübersetzung der Heiligen Schrift vollständig durchgesehene und überarbeitete Ausgabe
© Katholische Bibelanstalt GmbH, Stuttgart 2016
Alle Rechte vorbehalten.
Umschlaggestaltung: Matthias Bumiller, Finken & Bumiller, Stuttgart
Umschlagsmotiv: Nathalie Wolff, Paris
Satz: Matthias Bumiller, Finken & Bumiller, Stuttgart
Hersteller gemäß ProdSG:
Druck und Bindung: Finidr s.r.o., Lípová 1965, 737 01 Český Těšín, Czech Republic
Verlag: Katholische Bibelanstalt GmbH, Deckerstr. 39, 70372 Stuttgart
ISBN 978-3-920609-93-5
eISBN 978-3-920609-94-2
Inhaltsverzeichnis
Vorwort des Herausgebers
Auf das Bleiben kommt es an
STEPHAN ACKERMANN
Dienen ist systemrelevant – das Beispiel Jesu
GEORG BÄTZING
Wie gut, dass es diesen Thomas gibt
FRANZ-JOSEF BODE
Die Frage nach dem Sinn unseres Daseins
STEPHAN BURGER
Der Herr ist nahe
HELMUT DIESER
Wachet und betet
GERHARD FEIGE
Siehe, ich bin mit euch alle Tage bis zum Ende der Welt
GEBHARD FÜRST
Birg in deinen Wunden mich
FELIX GENN
Ostern: Hoffnung aus der Erschütterung
GREGOR MARIA HANKE
Wächter, wie lange noch dauert die Nacht?
STEFAN HEßE
Loblieder in der Mitte der Nacht
WOLFGANG IPOLT
In der Gemeinschaft mit Gott verbunden
HEINER KOCH
Gottes Geschichte mit mir geht weiter. Er bleibt treu.
PETER KOHLGRAF
Habt Vertrauen!
REINHARD MARX
Von Bäumen und Menschen
BERTRAM MEIER
Wer im Schutz des Höchsten wohnt
ULRICH NEYMEYR
Corona und die Grabeshöhlen der Menschheit
STEFAN OSTER
Von lähmender Angst zu gläubiger Freiheit
FRANZ-JOSEF OVERBECK
Bleibe bei uns, denn es wird Abend
LUDWIG SCHICK
Auf nach Galiläa
HEINRICH TIMMEREVERS
Dass aus der Quarantäne eine wahre Quadragese werde
RUDOLF VODERHOLZER
Du hast mein Klagen in Tanzen verwandelt
KARL-HEINZ WIESEMANN
Wunderbar geschenkt: Licht und Leben. Mit der Schöpfungshoffnung dem Chaos trotzen!
HEINER WILMER
Verzeichnis der Bibelstellen
Vorwort des Herausgebers
Zurzeit ist es wirklich nicht leicht, aufrichtende und tröstende Worte zu finden, die nichts dramatisieren und nichts beschönigen. Die Coronakrise ist in aller Munde, und doch kommen einem angesichts von so unendlich viel Not, Krankheit und Tod – in der eigenen Familie und weltweit – Worte der Zuversicht nur schwer über die Lippen.
Worte gut geerdeter Hoffnung bieten uns die Schriften der Bibel. Sie beschreiben tiefe Erfahrungen der Menschen mit Gott durch die Jahrtausende und auch Erfahrungen Gottes mit seinen Menschen. Es sind durch Höhen und Tiefen des Lebens gereifte Worte, an denen wir uns in Gottesdienst und Besinnung orientieren können.
Da ist es ein besonderes Geschenk, dass viele deutsche Bischöfe in diesem Buch versuchen, tröstende Bibeltexte für die aktuell so herausfordernde Zeit und darüber hinaus zu erschließen. Wir wollen und dürfen nicht schweigen von der Hoffnung, die uns Christen erfüllt (vgl. 1 Petr 3,15). Mögen diese Texte vielen zu „Quelle und Brot in Wüstennot“ werden, wie es im Lied heißt (GL 453).
Von Herzen danke ich meinen Mitbrüdern und dem Verlag für die zügige Bereitung dieses Buches.
BISCHOF FRANZ-JOSEF BODE
VORSITZENDER DER PASTORALKOMMISSION
DER DEUTSCHEN BISCHOFSKONFERENZ
Auf das Bleiben kommt es an
BISCHOF DR. STEPHAN ACKERMANN
1 Ich bin der wahre Weinstock und mein Vater ist der Winzer. 2 Jede Rebe an mir, die keine Frucht bringt, schneidet er ab und jede Rebe, die Frucht bringt, reinigt er, damit sie mehr Frucht bringt. 3 Ihr seid schon rein kraft des Wortes, das ich zu euch gesagt habe. 4 Bleibt in mir und ich bleibe in euch. Wie die Rebe aus sich keine Frucht bringen kann, sondern nur, wenn sie am Weinstock bleibt, so auch ihr, wenn ihr nicht in mir bleibt. 5 Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und in wem ich bleibe, der bringt reiche Frucht; denn getrennt von mir könnt ihr nichts vollbringen. 6 Wer nicht in mir bleibt, wird wie die Rebe weggeworfen und er verdorrt. Man sammelt die Reben, wirft sie ins Feuer und sie verbrennen. 7 Wenn ihr in mir bleibt und meine Worte in euch bleiben, dann bittet um alles, was ihr wollt: Ihr werdet es erhalten. 8 Mein Vater wird dadurch verherrlicht, dass ihr reiche Frucht bringt und meine Jünger werdet. 9 Wie mich der Vater geliebt hat, so habe auch ich euch geliebt. Bleibt in meiner Liebe! 10 Wenn ihr meine Gebote haltet, werdet ihr in meiner Liebe bleiben, so wie ich die Gebote meines Vaters gehalten habe und in seiner Liebe bleibe. 11 Dies habe ich euch gesagt, damit meine Freude in euch ist und damit eure Freude vollkommen wird. 12 Das ist mein Gebot, dass ihr einander liebt, so wie ich euch geliebt habe. 13 Es gibt keine größere Liebe, als wenn einer sein Leben für seine Freunde hingibt. 14 Ihr seid meine Freunde, wenn ihr tut, was ich euch auftrage. 15 Ich nenne euch nicht mehr Knechte; denn der Knecht weiß nicht, was sein Herr tut. Vielmehr habe ich euch Freunde genannt; denn ich habe euch alles mitgeteilt, was ich von meinem Vater gehört habe. 16 Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt und dazu bestimmt, dass ihr euch aufmacht und Frucht bringt und dass eure Frucht bleibt. Dann wird euch der Vater alles geben, um was ihr ihn in meinem Namen bittet. 17 Dies trage ich euch auf, dass ihr einander liebt.Joh 15,1–17
Schon oft habe ich über diese Verse meditiert, die mir über Jahre zum Teil dunkel und verschlossen vorkamen. Heute gehören gerade die eher sperrigen Passagen zu meinen Trostworten für schwere Zeiten.
Die Verse gehören zu den sogenannten Abschiedsreden Jesu im vierten Evangelium. Nach dem Zeugnis des Evangelisten spricht Jesus diese Worte im Abendmahlssaal nur wenige Stunden, bevor er aus dem eigenen Kreis verraten wird und seine Leidensgeschichte beginnt. Auch wenn der Text als solcher natürlich erst nach Ostern niedergelegt wurde und in ihn schon die Erfahrung eingeflossen ist, dass Jesus auferstanden ist und lebt, so atmen die Worte dennoch die Schwere der ursprünglichen Situation, die geprägt ist von den großen Themen Freundschaft, Liebe, Verrat, Abschied und Auftrag. Insofern eignet sich der Text unbedingt als biblischer „Notproviant“ für schwere Stunden.
Aus den dichten Versen möchte ich nur drei Schlüsselworte herausgreifen, an die ich – manchmal unwillkürlich – immer wieder denken muss. Ich beginne am Schluss:
Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt … (Vers 16).
Diese Worte klingen aufs erste Hören nicht gerade wie ein wohltuendes Trostwort. Sie klingen autoritär und belehrend, gerade so, als ob Jesus an diesem letzten Abend seinen Jüngern noch einmal sagen wollte, wer der eigentliche Chef ist. Gerade für uns Heutige, die wir in einer so freiheitsliebenden Welt leben, wirken die Worte Jesu befremdlich. Wir wollen nicht einfach das Vorbestimmte und Vorgestanzte wählen. Andererseits spüren wir, dass die Freiheit nicht selten umkippt; sie wird ein Zwang zum Wählen. Dann ist sie eine Belastung und wir erkennen: Ich werde nicht automatisch glücklicher, je mehr ich wählen darf. Nein, das tiefste Glück besteht darin, erwählt zu werden. Ob nicht die Depression vieler Zeitgenossen ihren Grund darin hat, dass sie sich zwar vor viele Wahlmöglichkeiten gestellt sehen, aber nicht erleben, dass sie erwählt werden, das heißt, dass jemand sich für sie interessiert und sie erwählt als Lebenspartner/-in, als Freund/-in, als Ratgeber/-in oder schlicht als Arbeitnehmer/-in …
Wenn Jesus sagt: Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt, dann beschreibt er damit das eigentliche Glück eines jeden Jüngers, eines/-r jeden Getauften, letztlich eines jeden Menschen. Es besteht in der Erfahrung: Da ist einer, der mich sieht, der mich kennt, der mich will. Entspricht diese Schrittfolge, Gewählt-Werden – Selbst-Wählen, nicht auch der konkreten Geschichte unseres persönlichen Glaubens? Lange bevor wir uns bewusst für den Glauben entscheiden konnten, kamen der Glaube und die Botschaft und damit Jesus Christus selbst auf uns zu. Wann immer ein Mensch den Glauben wählt, ist diese Wahl letztlich „nur“ Antwort und Reaktion auf Gottes Wahl.
Für mich haben die Worte Jesu deshalb etwas sehr Entlastendes, gerade auch in den Zeiten, in denen mich Zweifel befällt, ob die Botschaft des Glaubens tatsächlich so stark und so wahr ist, wie wir es mit der ganzen Kirche bekennen. Dann denke ich an Jesu Satz „Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt.“ Er sagt mir: Jesus selbst übernimmt die Verantwortung für die Wahrheit seiner Worte. Ich habe mir sie nicht selbst ausgedacht. Sie sind nicht das Ergebnis meines Nachdenkens. Es sind seine Worte. Deshalb kann ich mich ihnen anvertrauen.
Bleibt noch die Frage, ob ich diese Worte überhaupt als Worte Jesu auf mich anwenden darf? Hat Jesus sie im Abendmahlssaal nicht zu den Zwölf, also zum engsten Jüngerkreis gesprochen? Was berechtigt dazu, diese Worte auf alle Christen hin auszudehnen? Es ist Jesus selbst. Erinnern wir uns nur, wie er den Menschen begegnet, mit denen er zusammentrifft. Er hat nicht nur einen Blick für diejenigen, die er in die unmittelbare Nachfolge berufen will. Er sieht voll Liebe auch diejenigen, die sich nicht trauen, sich ihm vorzustellen: Zachäus (Lk 19,1–6), die an Blutfluss erkrankte Frau (Mk 5,25–34), die Kinder, die nicht zu ihm vorgelassen werden (Mk 10,13–16), den Gelähmten, der die Hoffnung auf Heilung längst aufgegeben hat (Joh 5,2–8) … Sie alle lässt er durch die Art, wie er mit ihnen umgeht, wissen: Du bist nicht irgendwer, sondern du bist eine geliebte Tochter, ein geliebter Sohn Gottes.
Jede Rebe an mir, die keine Frucht bringt, schneidet er [mein Vater, der Winzer,] ab und jede Rebe, die Frucht bringt, reinigt er, damit sie mehr Frucht bringt. (Vers 2)
Auch diese Sätze klingen herb und schmerzhaft, selbst für die Reben, die nach Jesu Verständnis Frucht bringen. Denn so gut es der Winzer auch mit dem Weinstock meinen mag: Reinigung heißt nicht Streicheln. Reinigung meint Bearbeitung, Hochbinden (nicht selten in eine Richtung, in die die Reben von selbst nicht wachsen würden) und Beschneiden. Damit ist der Schmerz offen angekündigt. Wundern wir uns also nicht, wenn uns der Glaube nicht vor Schmerz bewahrt, ja vielleicht sogar dazu führt, dass wir manches in unserem Leben noch schmerzlicher wahrnehmen als Menschen, die nicht gläubig sind, oder solche, die sich über so manches in unserer Welt weniger Gedanken machen.
Ein Exerzitienbegleiter hat mir einmal die Anregung gegeben, die schmerzlichen, die schwierigen Phasen des Lebens als Phasen der Reinigung und des Wachstums zu sehen. Nach dieser Lesart wäre dann in Schwierigkeiten und im Schmerz Gottes harte, aber positive Botschaft enthalten: „Du bist kein toter, vertrockneter Zweig. Du bist lebendig. Mit dir kann ich etwas anfangen. Bei dir ist noch mehr drin! Deshalb reinige ich dich.“
Gott, dem Winzer, und Jesus, dem Weinstock, geht es eben nicht darum, dass wir, die Reben, nur eine kurze Blütezeit erleben. „Ich will, dass ihr Frucht bringt und dass eure Frucht bleibt“, sagt Jesus zu den Jüngern. Damit aus einer Blüte Frucht wächst, braucht es aber nicht nur Sonnentage. Es braucht auch die Kühle der Nacht. Es braucht Trockenheit und Regen. Reifung, auch menschliche Reifung, geschieht durch verschiedene Lebensumstände hindurch.
So verstehen wir die bildliche Rede. Sie gilt übrigens nicht nur für den Glauben. Sie gilt für das menschliche Leben insgesamt. Oder würden wir jemanden als einen reifen Menschen bezeichnen, von dem wir wüssten, dass er nie mit Schwierigkeiten zu kämpfen hatte, immer auf der Sonnenseite des Lebens gehen durfte, nie Zweifel empfunden hat, nie in menschliche Abgründe – eigene und fremde – geschaut hat, keine Angst kennt und keine Dunkelheiten …? Nur ein Leben, das durch Höhen und Tiefen hindurch gereift ist, wird Frucht bringen, und zwar die Frucht, von der Jesus spricht: Sie ist kein schneller, oberflächlicher Erfolg, sondern Frucht, die bleibt. Papst Benedikt XVI. hat in der Messe zur Papstwahl 2005 wunderbar ausgedrückt, worin diese Frucht konkret besteht: „Das einzige, was ewig bleibt, ist die menschliche Seele, der von Gott für die Ewigkeit erschaffene Mensch. Die Frucht, die bleibt, ist daher das, was wir in die menschlichen Seelen gesät haben – die Liebe, die Erkenntnis; die Geste, die das Herz zu berühren vermag; das Wort, das die Seele der Freude des Herrn öffnet.“
Bleibt in mir, und ich bleibe in euch. – Wer in mir bleibt und in wem ich bleibe, der bringt reiche Frucht. – Bleibt in meiner Liebe! (Vers 4.5.9)
In acht Versen spricht Jesus neunmal vom Bleiben! Wie ein Refrain zieht sich dieses Wort durch seine Rede hindurch. Immer wieder: Bleiben. Sooft ich den Text lese und meditiere, hat diese Aufforderung aus dem Mund Jesu auf mich eine beruhigende Wirkung. Denn sie klingt so wohltuend einfach: Der Herr fordert nicht zu irgendwelcher Aktivität auf, erst recht nicht zu irgendwelchen Großtaten. Ich muss nach seinem Willen nicht mehr tun als bleiben …
Natürlich ist dieses Bleiben kein Synonym für Trägheit. Es ist auch kein Ausdruck von Sturheit oder Trotz („Jetzt bleibe ich erst recht!“), und es ist keine Ausrede für Unbeweglichkeit. Vielmehr meint dieses Bleiben ein Sich-Festmachen in, ein Sich-Festhalten an Jesus. Schon dieses bloße Bleiben kann Kraft kosten. In jedem Fall braucht es eine Entscheidung, manchmal in einem bewussten Akt. In der Regel aber meint das Bleiben die Treue in der Alltäglichkeit eines gläubigen Lebens.
Dabei hilft es, sich zu erinnern, dass Jesus nicht gesagt hat: „Bleibt in eurer Liebe zu mir!“ Auch hat er nicht abstrakt gesagt: „Glaubt an die Macht der Liebe und bleibt in ihr!“ Nein, er sagt: „Bleibt in meiner Liebe!“ Mit anderen Worten: „Bleibt in der Liebe, die ich zu euch habe. Glaubt fest daran, dass diese Liebe da ist und dass sie gilt, auch wenn ihr es momentan nicht spürt und es euch schwerfällt, daran zu glauben. Bleibt und glaubt, auch dann, wenn eure eigene Liebe schwankt, zu verschwinden droht oder erkaltet.“
GEBET
Herr, du hast zu deinen Jüngern gesagt: Ich bin der Weinstock, ihr seid die Rebzweige.
Lass mich mit dir verbunden bleiben, damit du in mir bist und ich in dir.
Was auch geschehen mag, lass nicht zu, dass ich jemals von dir getrennt werde,
und bringe du in mir Frucht, die bleibt. Amen.
DR. STEPHAN ACKERMANN
BISCHOF VON TRIER
Dienen ist systemrelevant – das Beispiel Jesu
BISCHOF DR. GEORG BÄTZING
1 Der HERR sprach zu Mose und Aaron im Land Ägypten: 2 Dieser Monat soll die Reihe eurer Monate eröffnen, er soll euch als der Erste unter den Monaten des Jahres gelten. 3 Sagt der ganzen Gemeinde Israel: Am Zehnten dieses Monats soll jeder ein Lamm für seine Familie holen, ein Lamm für jedes Haus. 4 Ist die Hausgemeinschaft für ein Lamm zu klein, so nehme er es zusammen mit dem Nachbarn, der seinem Haus am nächsten wohnt, nach der Anzahl der Personen. Bei der Aufteilung des Lammes müsst ihr berücksichtigen, wie viel der Einzelne essen kann. 5 Nur ein fehlerfreies, männliches, einjähriges Lamm darf es sein, das Junge eines Schafes oder einer Ziege müsst ihr nehmen. 6 Ihr sollt es bis zum vierzehnten Tag dieses Monats aufbewahren. In der Abenddämmerung soll die ganze versammelte Gemeinde Israel es schlachten. 7 Man nehme etwas von dem Blut und bestreiche damit die beiden Türpfosten und den Türsturz an den Häusern, in denen man es essen will. 8 Noch in der gleichen Nacht soll man das Fleisch essen. Über dem Feuer gebraten und zusammen mit ungesäuertem Brot und Bitterkräutern soll man es essen.
11 So aber sollt ihr es essen: eure Hüften gegürtet, Schuhe an euren Füßen und euren Stab in eurer Hand. Esst es hastig! Es ist ein Pessach für den HERRN. 12 In dieser Nacht gehe ich durch das Land Ägypten und erschlage im Land Ägypten jede Erstgeburt bei Mensch und Vieh. Über alle Götter Ägyptens halte ich Gericht, ich, der HERR. 13 Das Blut an den Häusern, in denen ihr wohnt, soll für euch ein Zeichen sein. Wenn ich das Blut sehe, werde ich an euch vorübergehen und das vernichtende Unheil wird euch nicht treffen, wenn ich das Land Ägypten schlage. 14 Diesen Tag sollt ihr als Gedenktag begehen. Feiert ihn als Fest für den HERRn! Für eure kommenden Generationen wird es eine ewige Satzung sein, das Fest zu feiern!Ex 12,1–8.11–14
1 Es war vor dem Paschafest. Jesus wusste, dass seine Stunde gekommen war, um aus dieser Welt zum Vater hinüberzugehen. Da er die Seinen liebte, die in der Welt waren, liebte er sie bis zur Vollendung. 2 Es fand ein Mahl statt und der Teufel hatte Judas, dem Sohn des Simon Iskariot, schon ins Herz gegeben, ihn auszuliefern. 3 Jesus, der wusste, dass ihm der Vater alles in die Hand gegeben hatte und dass er von Gott gekommen war und zu Gott zurückkehrte, 4 stand vom Mahl auf, legte sein Gewand ab und umgürtete sich mit einem Leinentuch. 5 Dann goss er Wasser in eine Schüssel und begann, den Jüngern die Füße zu waschen und mit dem Leinentuch abzutrocknen, mit dem er umgürtet war. 6 Als er zu Simon Petrus kam, sagte dieser zu ihm: Du, Herr, willst mir die Füße waschen? 7 Jesus sagte zu ihm: Was ich tue, verstehst du jetzt noch nicht; doch später wirst du es begreifen. 8 Petrus entgegnete ihm: Niemals sollst du mir die Füße waschen! Jesus erwiderte ihm: Wenn ich dich nicht wasche, hast du keinen Anteil an mir. 9 Da sagte Simon Petrus zu ihm: Herr, dann nicht nur meine Füße, sondern auch die Hände und das Haupt. 10 Jesus sagte zu ihm: Wer vom Bad kommt, ist ganz rein und braucht sich nur noch die Füße zu waschen. Auch ihr seid rein, aber nicht alle. 11 Er wusste nämlich, wer ihn ausliefern würde; darum sagte er: Ihr seid nicht alle rein. 12 Als er ihnen die Füße gewaschen, sein Gewand wieder angelegt und Platz genommen hatte, sagte er zu ihnen: Begreift ihr, was ich an euch getan habe? 13 Ihr sagt zu mir Meister und Herr und ihr nennt mich mit Recht so; denn ich bin es. 14 Wenn nun ich, der Herr und Meister, euch die Füße gewaschen habe, dann müsst auch ihr einander die Füße waschen. 15 Ich habe euch ein Beispiel gegeben, damit auch ihr so handelt, wie ich an euch gehandelt habe.Joh 13,1–15
Jesus zieht sich mit seinen Freunden in die Hausgemeinschaft zurück. Noch heute feiern die jüdischen Familien Pessach zu Hause am Tisch. In diesem Jahr ging es am Gründonnerstag, an dem die hier herangezogenen Texte vorgesehen sind, vielen so. Zuhause bleiben. Da bekommt das Essen miteinander am Tisch Bedeutung. Den Tisch herrichten, für die Gaben danken, einander wahrnehmen und zuhören, Zeit haben. Das biblische Bild dieses Abends ist eine gewöhnliche Szene. Vor dem Essen Hände waschen, und in der jüdischen Kultur Füße waschen. Knechtsarbeit. Wer dient und wer bedient, das ist festgelegt, Statusfrage. Jesus verstört, denn er dreht die Verhältnisse um. Ein Beispiel, damit auch wir so handeln. Wer macht bei uns eigentlich die Drecksarbeit? Wer dient – und was verdient er und sie? Ganz neue Perspektiven tun sich in dieser Krisenzeit auf, wer und was die „systemrelevanten“ Bereiche des gesellschaftlichen Lebens sind. Hoffentlich vergessen wir es nicht und verändern etwas im Bewerten von Dienst und Verdienst. Viele Menschen haben in den letzten Wochen die Gottesdienste zu Hause gefeiert: Hausgottesdienste im privaten Kreis oder Teilnahme an einem Gottesdienst dank der Technik. Über Wochen haben wir dieses Opfer gebracht. Wir verzichten auf einen Großteil unserer Freiheitsrechte, nicht zuletzt auf das Grundrecht einer freien Religionsausübung. Wir opfern zentrale Elemente einer freiheitlichen Gesellschaft – und nehmen die existentiellen, psychologischen, wirtschaftlichen und politischen Konsequenzen in Kauf, nein mehr noch: Wir übernehmen die Folgen der sozialen Abschottung solidarisch und wissen, dass dies unsere Gesellschaft einschneidend verändern und über einen längeren Zeitraum belasten wird. Und wir tun das, um Leben zu retten und vor allem die Schwachen und Verwundbaren zu schützen. Ehrlich gesagt hätte ich mir noch vor wenigen Monaten nicht träumen lassen, dass so etwas möglich ist; und dass die übergroße Mehrzahl der Bevölkerung dem innerlich zustimmt. Bei aller berechtigten Kritik an den harten Maßnahmen macht mich dieses Ausmaß an gelebter Solidarität dankbar und zuversichtlich.
In dieser so besonderen Situation passt die Erzählung des jüdischen Pessachfestes, das auch die Wurzel unseres christlichen Osterfestes bildet. In gehörigem zeitlichem Abstand reflektiert dieser Abschnitt aus dem Buch Exodus den geschichtlichen Ursprung dieses Festes als Übergang eines Volkes aus der Sklaverei in die Freiheit. Und der Abschnitt legt die Regeln fest, wie dieser Wendepunkt in der Geschichte Israels mit einer jährlichen Festfeier markiert werden soll. Ganz genau ist der Ursprung nach so langer Zeit nicht mehr zu fassen, aber die tragenden Elemente bleiben greifbar: Es geht um Leben und Tod, um Freiheit oder Untergang, Zukunft oder Verderben. Eine Krise ungekannten Ausmaßes herrscht in Ägypten. Viel später wird man sie aus der Perspektive des Gottesvolkes als Heil für Israel und Gericht über Ägypten deuten. Und das vollzieht sich im Vorüberschreiten des Herrn, im Pessach Gottes. Was in dieser existentiellen Krise offenbar hilft, ist die soziale Abschottung, jede Familie für sich, höchstens noch die nächsten Nachbarn dazu. Die Türen sind geschlossen. Opfer sind nötig. Etwas davon sieht man den Häusern äußerlich an. Die Haltung drinnen ist aufgewühlt, angespannt, ernst, nicht heiter oder gar fröhlich.
Wie sehr ähnelt das unserer jetzigen Ausnahmesituation. Das Gottesvolk Israel hat aus dieser Lage später einen Gedenktag kreiert und feiert ihn bis heute als ein Fest für den Herrn. Denn er hat sich als Freund des Lebens gezeigt, der den Tod nicht will. Das wird die grundlegende Erfahrung Israels bleiben, auch in den vielen kommenden Zumutungen der Geschichte.
Ob wir wohl auch einmal einen Gedenktag feiern werden, wenn wir diese weltweite Pandemie einigermaßen überstanden haben? Und ob wir Gläubige dieser Welt daraus ein Fest für Gott machen, weil wir ihn als Freund des Lebens erfahren haben?
Bis dahin müssen wir aber wohl noch eine Weile aushalten, bis die Krise zu Ende ist. Das Nachdenken wird einsetzen über alles, was sich ereignet hat. Wir werden fragen, welche Lehren wir aus dieser Zeit ziehen und was wir in Zukunft ändern wollen. Das aber braucht Zeit und Tiefgründigkeit und Ehrlichkeit, die jetzt noch nicht wirklich gelingen kann, weil sie mit demütigen Einsichten verbunden ist. Jetzt, in der Phase des Kampfes gegen ein ungehemmtes Vordringen des Virus ist das noch gar nicht möglich. Im Gegenteil erleben wir doch, wie sich Wissen und Erkenntnis jeden Tag vergrößern und wie sich vor allem die Herausforderungen mit jedem Tag verändern. Es zeigt sich, wie begrenzt wir Menschen mit all unseren Plänen, Forschungen und unseren Vorsorgen wirklich sind – und wie ausgesetzt den unbändigen Kräften der Natur, die als gute Schöpfung unsere Heimat und zugleich in ihrer Zwiespältigkeit die größte Bedrohung jenes kostbaren Gutes ist, das wir Leben nennen.
Niemand von uns weiß, wie es für sie und ihn persönlich ausgeht, ob wir ein gutes oder ein tragisches Ende nehmen werden. Mit allen Menschen teilen wir diese Ungewissheit und die Zumutung, diese Spannung auszuhalten und in positive Lebensenergie umzumünzen. Als gläubige Menschen wissen wir uns gehalten, und das gibt uns Kraft. Darum feiern wir Gottesdienste und begehen wir die christlichen Feiertage und brauchen sie gerade in dieser Ausnahmesituation. Denn so vergewissern wir uns: Letztlich trägt uns einer, der uns liebt, der nicht Kosten und Nutzen kühl kalkuliert und schon gar nicht willkürlich Schicksal spielt, sondern mit Herzblut bis zur Hingabe seines Lebens dafür einsteht, dass wir leben werden.
Hat Jesus gewusst, was ihn sein Einsatz aus Liebe kosten würde? Wenn das Johannesevangelium davon spricht, dass Jesus „wusste, dass seine Stunde gekommen war, um aus dieser Welt zum Vater hinüberzugehen“ (Joh 13,1), dann bedeutet das: Ja, Jesus kannte den Preis seiner unbedingten Liebe zu uns. Er war bereit, das Opfer zu bringen, durch das bei diesem Übergang, bei diesem Pascha die Gotteserfahrung als eindeutig bestätigt würde: Gott ist ein Freund des Lebens, er will nicht den Tod. Aber dieses „Wissen“ bedeutete keineswegs, dass es Jesus auch nur einen Deut leichter gefallen wäre als irgendjemand sonst, sein Leben zu riskieren im Einsatz für andere. Diese Bereitschaft des Herrn ist es, die wir dankbar, doch auch mit innerer Erschütterung bestaunen. So weit reicht seine Liebe. Jesus hat uns ein Beispiel gegeben. Darum sollten wir dankbar an all diejenigen denken, die sich so beispielhaft einsetzen an der Seite der Kranken und Schwachen und dabei viel riskieren. Ich finde, auch das ist staunenswert, ein Beispiel, damit auch wir so handeln, sagt Jesus.
DR. GEORG BÄTZING
BISCHOF VON LIMBURG
VORSITZENDER DER DEUTSCHEN
BISCHOFSKONFERENZ
Wie gut, dass es diesen Thomas gibt
BISCHOF DR. FRANZ-JOSEF BODE
19 Am Abend dieses ersten Tages der Woche, als die Jünger aus Furcht vor den Juden bei verschlossenen Türen beisammen waren, kam Jesus, trat in ihre Mitte und sagte zu ihnen: Friede sei mit euch! 20 Nach diesen Worten zeigte er ihnen seine Hände und seine Seite. Da freuten sich die Jünger, als sie den Herrn sahen. 21 Jesus sagte noch einmal zu ihnen: Friede sei mit euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch. 22 Nachdem er das gesagt hatte, hauchte er sie an und sagte zu ihnen: Empfangt den Heiligen Geist! 23 Denen ihr die Sünden erlasst, denen sind sie erlassen; denen ihr sie behaltet, sind sie behalten.
EINE WEITERE ERSCHEINUNG JESU UND DER GLAUBE DES THOMAS
24 Thomas, der Didymus genannt wurde, einer der Zwölf, war nicht bei ihnen, als Jesus kam. 25 Die anderen Jünger sagten zu ihm: Wir haben den Herrn gesehen. Er entgegnete ihnen: Wenn ich nicht das Mal der Nägel an seinen Händen sehe und wenn ich meinen Finger nicht in das Mal der Nägel und meine Hand nicht in seine Seite lege, glaube ich nicht. 26 Acht Tage darauf waren seine Jünger wieder drinnen versammelt und Thomas war dabei. Da kam Jesus bei verschlossenen Türen, trat in ihre Mitte und sagte: Friede sei mit euch! 27 Dann sagte er zu Thomas: Streck deinen Finger hierher aus und sieh meine Hände! Streck deine Hand aus und leg sie in meine Seite und sei nicht ungläubig, sondern gläubig! 28 Thomas antwortete und sagte zu ihm: Mein Herr und mein Gott! 29 Jesus sagte zu ihm: Weil du mich gesehen hast, glaubst du. Selig sind, die nicht sehen und doch glauben.Joh 20,19–29
Am Abend dieses ersten Tages der Woche, als die Jünger aus Furcht vor den Juden bei verschlossenen Türen beisammen waren, kam Jesus, trat in ihre Mitte und sagte zu ihnen: Friede sei mit euch! Nach diesen Worten zeigte er ihnen seine Hände und seine Seite. Da freuten sich die Jünger, als sie den Herrn sahen. Jesus sagte noch einmal zu ihnen: Friede sei mit euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch. Nachdem er das gesagt hatte, hauchte er sie an und sagte zu ihnen: Empfangt den Heiligen Geist! Denen ihr die Sünden erlasst, denen sind sie erlassen; denen ihr sie behaltet, sind sie behalten.
Bei verschlossenen Türen kam Jesus in ihre Mitte. Für den Auferstandenen gibt es keine räumlichen Grenzen. Gott sei Dank, denn so ist er auch in diesen Zeiten jederzeit in unserer Mitte und in unseren Herzen zu entdecken.
Seine erste Botschaft ist der Friede. Ein Friede, der nicht nur ein konfliktfrei-nettes Gefühl ist, sondern ein Friede, der aus Wunden und aus der Annahme von Kreuzwegen kommt. Er zeigt ihnen seine Wunden, und daran erkennen sie ihn. Sie freuen sich, dass sie ihn sehen.
Hier spricht einer auch uns Frieden zu, der Wunden und Schmerz, Leid und Tod kennt, der kein Phantast ist und kein Illusionär. Und gerade weil es so ist, wiederholt er: „Der Friede sei mit euch!“ Er weiß, wie schwer wir uns mit dem Frieden tun, vor allem dann, wenn die zusammenschweißende Angst, der Burgfrieden, wieder vorbei ist. – Alles wie im richtigen Leben.
Und dann geschieht etwas, das ich bei Firmungen oft das kleine Pfingsten nenne – ohne Sturm, Getöse, Sensation und wunderliche Verständigung. Hier geschieht Sendung des Geistes durch Nähe, durch Hauch, durch Auftrag zur Vergebung.
Geist-Sendung – viel alltäglicher als durch Sturm und Feuer, und doch nicht weniger Zusage an die kleine, verängstigte Schar, und doch nicht weniger Herausforderung zum Handeln und zur konkreten Vergebung: Wo ihr vergebt, da geschieht sie, wo ihr sie verweigert, da geschieht sie nicht – und es heilt nichts, möchte ich ergänzen.
Ostern und Pfingsten an einem Abend. Neues Leben ist neue Sendung. Auch heute in diesen Zeiten.
Lesen wir weiter das Evangelium:
Thomas, der Didymus genannt wurde, einer der Zwölf, war nicht bei ihnen, als Jesus kam. Die anderen Jünger sagten zu ihm: Wir haben den Herrn gesehen. Er entgegnete ihnen: Wenn ich nicht das Mal der Nägel an seinen Händen sehe und wenn ich meinen Finger nicht in das Mal der Nägel und meine Hand nicht in seine Seite lege, glaube ich nicht.
Wie immer im richtigen Leben: Einer hat mal wieder das Entscheidende verpasst. Thomas, der Nach-frager, der Nach-denkliche, der Skeptiker. „Wir haben den Herrn gesehen“ kann heißen: Wir haben ihn gesehen, und du warst nicht dabei. Das wäre die etwas arrogante, besserwisserische Variante: „Ja, wir! Aber du?“ Vorwurf und Geringschätzung stecken darin. Eine große Versuchung für alle, die sich ihrer Beziehung zu Jesus allzu sicher sind und die Skeptiker geringachten.
Es kann aber auch heißen: „Wir haben den Herrn gesehen und freuen uns. Er lebt! Freu dich mich uns! Er lebt!“ Nichts von Vorwurf und Moral, sondern alles Zeugnis und Freude. So wünschen wir uns Kirche: „Wir haben den Herrn gesehen!“, und nicht: „Wo warst du letzten Sonntag?“
Thomas aber will nicht nur hören, er will selbst sehen und berühren, ganz in der Linie, wie er auch sonst nachfragt und hinterfragt, „ein tastender Zweifler und ein bisschen wie ein Nachsitzer“1. Gut, dass es sie gibt, diese Leute wie Thomas, die sich nicht zu schnell zufrieden geben mit den Beteuerungen, ja vielleicht nur Behauptungen anderer, sondern die Glaubwürdigkeit der Zeugen auch noch einmal überprüfen. Wie sehr brauchen wir diesen Nachsitzer, diesen Skeptiker auch in unseren derzeitigen Krisen, die uns herausfordern, nicht zu schnell den Namen Gottes auf den Lippen zu führen, sondern die Fragen, das Suchen, die Zweifel der Menschen zuzulassen und sich ihnen wirklich zu stellen.
Acht Tage darauf waren seine Jünger wieder drinnen versammelt und Thomas war dabei. Da kam Jesus bei verschlossenen Türen, trat in ihre Mitte und sagte: Friede sei mit euch! Dann sagte er zu Thomas: Streck deinen Finger hierher aus und sieh meine Hände! Streck deine Hand aus und leg sie in meine Seite und sei nicht ungläubig, sondern gläubig! Thomas antwortete und sagte zu ihm: Mein Herr und mein Gott! Jesus sagte zu ihm: Weil du mich gesehen hast, glaubst du. Selig sind, die nicht sehen und doch glauben.
„Thomas, streck deine Hand aus und leg sie in meine Seite.“ Tausendfach ist diese innige Begegnung von Jesus und Thomas, diese berührende Beziehung in der Kunst dargestellt. Der gleiche Vorgang wie acht Tage vorher. Jesus kommt noch einmal. – „Noch einmal“ ist ein sehr österliches Wort. Jesus kommt immer noch einmal, weil die Apostel und wir alle so schwer begreifen.
Jetzt kommt er sozusagen extra für Thomas, den Nachsitzer. Und er lässt die Berührung zu, er lässt die Suche nach dem ‚Be-greifen‘ zu, er lässt sich berühren und anfassen, da er weiß, wie sehr die Menschen auf die Wahrnehmung mit allen Sinnen angewiesen sind. Wie sehr vermissen wir alle zur Zeit dieses spürbare Tasten, Berühren, Anfassen und Umarmen?!
Freilich bleibt er nicht dabei, denn Glaube ist mehr als Begreifen und Anfassen. Glaube ist mehr als Berühren mit den Händen. Er ist Berühren mit dem Herzen. Glaube ist mehr als Sehen mit den Augen des Leibes. Er ist Sehen mit den Augen des Herzens: eben Wahrnehmen in der Tiefe des Begriffes.
„Sei nicht ungläubig, sondern gläubig. Selig die nicht sehen und doch glauben.“ Was das bedeutet, lehrt uns diese Krisenzeit ganz besonders, in der uns das Berühren und Anfassen weithin genommen ist und in der das Vertrauen, die geistige und geistliche Dimension der Beziehung so not-wendig ist: ganz konkret in dem Nichtempfang der sakramentalen Kommunion, in der Verhinderung physischer Nähe und Gemeinschaft, aber auch in dem Nichtdurchblicken der gegenwärtigen Situation, die wir noch längst nicht begriffen haben, in der wir nicht überblicken, was das für uns alle bedeutet, welchen Sinn das alles hat. Und erst recht ist in der Tiefe nicht klar, was Gott uns darin zeigen will. Denn jede Wirklichkeit ist ein Anlass, neu nach dem Willen Gottes zu fragen. „Gott umarmt uns durch die Wirklichkeit“, sagen heutige geistliche Meister.
„Selig, die nicht sehen und doch glauben.“ Dieser Satz ist der Schlusssatz des ursprünglichen Johannesevangeliums. Jedenfalls spricht vieles dafür. Am Anfang des Johannesevangeliums stand die Einladung an die Jünger: „Kommt und seht.“ Die ersten Jünger sollten sehen und erfahren, wo Jesus wohnt, wie er lebt und wirkt. Am Ende steht die Vertiefung dieser Einladung. Denn auch wenn wir nicht sehen und durchblicken, wenn wir nicht alles klären und erklären, begreifen, deuten und definieren können, bleiben die innere Gewissheit des Glaubens, die begründete Hoffnung und die Wahrheit und Macht der Liebe.
Es bleibt eine Annäherung an die Wirklichkeit im Glauben. „Nicht durchschauen, einfach nur anschauen“2, so beschreibt es der geistliche Dichter Andreas Knapp – und ich möchte ergänzen: nicht nur bitten, einfach nur anbeten wie Thomas: Mein Herr und mein Gott! – „So werden wir wirklich wir.“
Gut, dass es diesen Thomas gibt!
DR. FRANZ-JOSEF BODE
BISCHOF VON OSNABRÜCK
Die Frage nach dem Sinn unseres Daseins
ERZBISCHOF STEPHAN BURGER
1 Danach offenbarte sich Jesus den Jüngern noch einmal, am See von Tiberias, und er offenbarte sich in folgender Weise. 2 Simon Petrus, Thomas, genannt Didymus, Natanaël aus Kana in Galiläa, die Söhne des Zebedäus und zwei andere von seinen Jüngern waren zusammen. 3 Simon Petrus sagte zu ihnen: Ich gehe fischen. Sie sagten zu ihm: Wir kommen auch mit. Sie gingen hinaus und stiegen in das Boot. Aber in dieser Nacht fingen sie nichts. 4 Als es schon Morgen wurde, stand Jesus am Ufer. Doch die Jünger wussten nicht, dass es Jesus war. 5 Jesus sagte zu ihnen: Meine Kinder, habt ihr keinen Fisch zu essen? Sie antworteten ihm: Nein. 6 Er aber sagte zu ihnen: Werft das Netz auf der rechten Seite des Bootes aus und ihr werdet etwas finden. Sie warfen das Netz aus und konnten es nicht wieder einholen, so voller Fische war es. 7 Da sagte der Jünger, den Jesus liebte, zu Petrus: Es ist der Herr! Als Simon Petrus hörte, dass es der Herr sei, gürtete er sich das Obergewand um, weil er nackt war, und sprang in den See. 8 Dann kamen die anderen Jünger mit dem Boot – sie waren nämlich nicht weit vom Land entfernt, nur etwa zweihundert Ellen – und zogen das Netz mit den Fischen hinter sich her. 9 Als sie an Land gingen, sahen sie am Boden ein Kohlenfeuer und darauf Fisch und Brot liegen. 10 Jesus sagte zu ihnen: Bringt von den Fischen, die ihr gerade gefangen habt! 11 Da stieg Simon Petrus ans Ufer und zog das Netz an Land. Es war mit hundertdreiundfünfzig großen Fischen gefüllt, und obwohl es so viele waren, zerriss das Netz nicht. 12 Jesus sagte zu ihnen: Kommt her und esst! Keiner von den Jüngern wagte ihn zu befragen: Wer bist du? Denn sie wussten, dass es der Herr war. 13 Jesus trat heran, nahm das Brot und gab es ihnen, ebenso den Fisch. 14 Dies war schon das dritte Mal, dass Jesus sich den Jüngern offenbarte, seit er von den Toten auferstanden war.Joh 21,1–14
Ende März 2020 schrieb die italienische Schriftstellerin Francesca Medandri eine Botschaft an die Menschen in Deutschland. Medandri, die in Italien schon seit einigen Wochen mit den Folgen der Corona-Pandemie konfrontiert war, will die Menschen aus Deutschland auf das vorbereiten, was da noch kommen wird. „Ich schreibe euch aus Italien, also aus eurer Zukunft. […] Ihr werdet ‚Die Pest‘ von Camus aus dem Regal ziehen, um dann festzustellen, dass ihr nicht wirklich Lust habt, das Buch zu lesen.“, so Medandri. Und in der Tat war dieses Werk des algerischen Existenzialisten Albert Camus auch in Deutschland in den vergangenen Wochen oft vergriffen. Viele Menschen wollten sich insbesondere dieser Lektüre widmen. Ich habe mich gefragt, warum? Warum will man sich angesichts einer derart neuen und großen Herausforderung, wie der Corona-Pandemie noch zusätzlich mit dieser schweren Kost belasten? Natürlich liegt es nahe, dass man das eigene Erleben einer Pandemie mit vergangenen Epidemien und Pandemien vergleicht. Als Narrativ bietet sich da „Die Pest“ sicherlich an. Aber die Suchbewegung hinter dem einfachen Vergleich gefährlicher Krankheiten ist meiner Ansicht nach eine andere, eine tiefere, eine zutiefst mit dem menschlichen Dasein verbundene. Und dieser hat sich der besagte Autor Camus in seinen Werken gewidmet. Es ist die Frage nach dem Sinn unseres Daseins. Wer bin ich und warum bin ich? Hat meine Existenz in dieser Welt einen Sinn? Wenn ja, wofür? Und hat das Leben an sich einen Sinn? Auf was gründet diese Welt und worauf ist sie ausgerichtet? Welche Rolle habe ich in dieser Welt? Und gibt es diesen höheren Plan überhaupt, wenn alles Leben doch letztlich mit dem Tod endet?
Camus lässt Dr. Bernard Rieux, die Hauptfigur aus „Die Pest“ auf die Frage, ob es einen Sinn im Dasein gibt, mit einem klaren Nein beantworten. Für ihn ist die Realität des Todes der entscheidende Grund, warum das Dasein absurd ist: Vom Tod her gewinnt alles Tun und Handeln eine Sinnlosigkeit. Für Camus kann der Mensch trotzdem glücklich sein, weil er sein Leben aus diesem klaren Bewusstsein heraus selbst in die Hand nehmen und gestalten kann, ohne auf das Eingreifen einer guten Macht oder das Zulaufen auf ein „Happy End“ warten zu müssen.
Viele Gedanken, die Camus in seinen Werken entwickelt, kann ich gut nachvollziehen. Er blickt in die Tiefen und Dunkelheiten, in die Momente von Trauer und Verzweiflung, die jeder Mensch kennt. Da kann man schon manchmal am Sinn des Lebens zweifeln. Da kann man auch die Hoffnung verlieren.
Gerade aktuell, in den vergangenen Wochen und Monaten bis hinein in die Gegenwart, sehen wir uns mit genau dieser Situation und diesen Fragen konfrontiert. Wir greifen zu Werken, wie „Die Pest“, weil wir selbst diese Sinnfragen stellen. Da sind die Ärztinnen und Ärzte, die Pflegekräfte, die direkt mit der Krankheit Covid 19 und den Folgen konfrontiert werden. Sie sehen schwerkranke Menschen, sterbende Menschen, die sich nicht mehr verabschieden dürfen. Und sie kämpfen gegen diese Krankheit – manchmal mit Erfolg, manchmal bis zum Ende und ohne Erfolg. Da kommen die Fragen nach der Sinnhaftigkeit des eigenen Tuns auf. Da denkt man anders über die Existenz und den Wert des Lebens nach. Und da breitet sich manchmal auch Hoffnungslosigkeit aus. Gleichfalls sind da all die anderen Menschen in dieser Gesellschaft, die sich mit den Folgen von Corona konfrontiert sehen: Angehörige, die einen lieben Menschen verlieren. Oder wenn der Beruf nicht mehr ausgeübt werden kann. Da bleiben Angst und Leere zurück. Wenn Kontaktverbote ausgerufen werden, machen sich Isolation und Einsamkeit breit. Wenn die Gestaltungsfreiheit über das Leben wegfällt, weil das gesellschaftliche Leben auf ein Minimum reduziert werden muss, schleicht sich irgendwann die Frage ein, welchen Sinn die eigene Existenz dann noch hat. Ist das noch Leben?
Während Camus die Fragen dahingehend obsolet macht, indem er dem Dasein generell die Sinnhaftigkeit abspricht und die Menschen damit aufruft, ihr Leben gerade trotz der Sinnlosigkeit so positiv und selbstmächtig wie möglich zu gestalten, möchte ich eine andere Lektüre und Perspektive anbieten. Gerade weil die Corona-Pandemie weltweit gezeigt hat, dass wir Menschen nicht unser Leben in der Hand haben, den Plan fürs Leben nicht eigenmächtig schmieden können.
Am Ende des Johannesevangeliums offenbart sich der Auferstandene am See von Tiberias nochmals seinen Jüngern (Joh 21,1–14). Diese Begegnung ist gleichermaßen eingebettet in die existentielle Erfahrung von Scheitern, von Tod und Verzweiflung. Die Jünger, die einst ihre Heimat für Jesus verlassen hatten, sind zurück in Tiberias. Hatten sie sich nicht einen größeren Sinn, eine Befreiung von der Hoffnungslosigkeit, der Angst, der Unterdrückung erhofft? War nicht all das Inhalt der Predigt Jesu? Ihre Hoffnung auf diesen Jesus ist geradezu zerschellt. Jesus, der den Sieg des Guten über das Böse, die Überwindung des Todes versprochen hatte, ist selbst dem Tod erlegen. Dieser allmächtige Vater Gott konnte offenbar nicht siegen, seinen Sohn nicht vor dem Tod bewahren. Oder schlimmer noch: War nicht sogar der, der am Pfahl hängt, selbst von Gott verflucht? Welch größere Hoffnungslosigkeit kann es geben? Wie müssen sich die Jünger wohl gefühlt haben, nachdem dieser große Traum zerplatzt war? Das sinnhafte Fundament ihres Daseins wurde ihnen radikal entzogen. Aber sie scheinen sich, wiewohl stoisch und resigniert, dieser Absurdität zu fügen. Sie kehren zu ihrem Leben als Fischer zurück. Aber selbst diese Rückkehr hält weiteres Scheitern bereit. Die Jünger fallen nicht nur hin, sie fallen sogar noch tiefer als sie begonnen hatten. Nach ihrer Rückkehr vermögen sie nicht einmal mehr einen einzigen Fisch zu fangen. Und das, obwohl sie die ganze Nacht auf dem See verbracht hatten. Ihre Routine, ihr berufliches Können, alles vergeblich. Nicht einmal mehr für ihren Lebensunterhalt können sie sorgen. Frustration, Verzweiflung, Trauer, Einsamkeit, Hilflosigkeit und Sinnlosigkeit – dies müssen die Gefühle der Jünger an diesem frühen Morgen gewesen sein.
Und dann steht da einer am Ufer, noch unerkannt. Er fordert die Jünger auf, es noch einmal zu versuchen, das Netz erneut auszuwerfen. Eigentlich fordert Jesus hier ein absolut sinnloses Unterfangen. Am helllichten Tag sind im See keine Fische zu fangen, sie tauchen in die Tiefen ab. Aber aller Erfahrung zum Trotz, die Jünger folgen seinem Rat und das Unvorstellbare geschieht: Das Netz ist voller Fische.
Während man zunächst meinen könnte, hier von einer weiteren Wundergeschichte Jesu zu erfahren, sollte man einen zweiten Blick wagen. Es geht in dieser Begegnung weniger darum, dass Jesus die Gesetzmäßigkeiten auf dieser Welt aushebelt und das Unmögliche möglich macht. Es geht vielmehr darum, dass dieser Jesus mit seinem Erscheinen und Wirken die absolute Sinn- und Hoffnungslosigkeit mit Sinn und Hoffnung durchbricht.
In der Szene am See Genezareth weist er über eine banale Alltagssituation, den bleiernen Berufsalltag, zu dem seine Jünger nach dem großen Scheitern zurückgekehrt sind, hinaus. In diesem Durchbrechen der geradezu depressiven Verzweiflung durch ein „kleines Wunder“ gibt er einen Ausblick auf einen noch viel größeren Sinn, auf eine befreiende Hoffnung. Wenn Jesus es schafft, diese Hoffnungslosigkeit zu überwinden, gilt das dann nicht auch für die Sinnlosigkeit des Todes?
Auch die Jünger ahnen in dieser Szene, dass es sich um mehr handelt als um einen wunderbaren Fischfang. Denn der Jünger, den Jesus liebte, erkennt Jesus als den Auferstandenen, und begreift, dass dieses Wunder, das sie aus ihrer Verzweiflung herausholte, nur der Anfang, das Zeichen für etwas noch Größeres ist. Es ist das Zeichen für das verheißene Leben, für die zugesagte Erlösung aus allen stets wiederkehrenden Hoffnungs- und Sinnlosigkeiten. Deram Kreuz Getötete erweist sich als der, der dem Leben dient, erweist sich als lebendig! Gott erweist sich als Gott des Lebens!
Und diese Erfahrungen machen auch wir in unserem Leben, in unserem Alltag immer wieder. Da blitzt an grauen Tagen auf einmal Hoffnung durch. Da reißen uns Begegnungen und Gesten aus der Sinnlosigkeit. Auf trostlose Tage, in denen wir mutlos sind, folgen wegen kleiner Begebenheiten plötzlich Motivation, Kraft und Lebensfreude. Da sehen wir selbst in Krisen wie der jetzigen Pandemie, dass es neben Verzweiflung, Angst und Isolation sehr viel stärkere und positive Mächte gibt, weil Menschen auf einmal mehr Rücksicht nehmen, mehr Solidarität zeigen, einfühlsam reagieren oder sich liebevoll sorgen. Menschen sind auf einmal zu sehr viel Gutem fähig – über alle Eigeninteressen hinweg. Selbst in der gefühlt größten Absurdität, im Scheitern, gibt es diese Erfahrungen, die uns ahnen lassen: Es gibt einen Sinn, es gibt das Gute, es gibt Gott, der unser Leben will, weit über unsere durchlittenen Nächte hinaus. Dafür steht der frühe Morgen, der über den irdischen Horizont hinausweist.
Und so würde ich Camus einerseits Recht geben mit seiner Behauptung, dass das Leben manchmal absurd ist, dass es beizeiten sinnlos erscheinen kann. Aber weil ich auch in den Situationen und Erfahrungen der Sinnlosigkeit immer wieder die kleinen göttlichen Zeichen erkenne, kann ich darauf hoffen, darauf vertrauen und daran glauben, dass es diesen Gott gibt, diesen Gott des Lebens und der Liebe, der uns zu sich ruft. Es ist dieser Gott, der der ganzen Welt, dem Dasein – auch in Krisen – einen Sinn zu geben vermag. Denn es ist dieser Gott, bei dem es letztendlich keine Verzweiflung, keine Hoffnungslosigkeit gibt, weil er sie überwindet. Und es ist dieser Gott, der uns befähigt und befreit hat, daran mitzuwirken. Wir müssen folglich nicht daran verzagen, dass wir immer wieder hinfallen. Vielmehr können wir uns einüben, die göttlichen Zeichen, die kleinen Hoffnungsmomente intensiver wahrzunehmen. Wir können im Vertrauen darauf, dass der Sinn in Gott begründet und bewahrt ist, immer wieder aufs Neue aufstehen und uns gegenseitig darin unterstützen. So geben wir der Welt selbst, auch in Corona-Krisenzeiten, jeden Tag ein wenig mehr Sinn, Freude und Leben.
STEPHAN BURGER
ERZBISCHOF VON FREIBURG
1Wolfgang Metz: Brannte uns nicht das Herz? Gedichte, Würzburg 2017, S. 53.
2Annäherung an die Wirklichkeit, in: Andreas Knapp: Weiter als der Horizont, Gedichte über alles hinaus, Würzburg 2002, S. 59.
Darmowy fragment się skończył.