Czytaj książkę: «Corona in Deutschland»

Perspektiven auf Gesellschaft und Politik
Stefan Iskan (Hrsg.)
Dieses Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwendung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechts ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und für die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.
Die Wiedergabe von Warenbezeichnungen, Handelsnamen und sonstigen Kennzeichen in diesem Buch berechtigt nicht zu der Annahme, dass diese von jedermann frei benutzt werden dürfen. Vielmehr kann es sich auch dann um eingetragene Warenzeichen oder sonstige geschützte Kennzeichen handeln, wenn sie nicht eigens als solche gekennzeichnet sind.
Es konnten nicht alle Rechtsinhaber von Abbildungen ermittelt werden. Sollte dem Verlag gegenüber der Nachweis der Rechtsinhaberschaft geführt werden, wird das branchenübliche Honorar nachträglich gezahlt.
1. Auflage 2020
Alle Rechte vorbehalten
© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
Print:
ISBN 978-3-17-039608-1
E-Book-Formate:
pdf: ISBN 978-3-17-039609-8
epub: ISBN 978-3-17-039610-4
mobi: ISBN 978-3-17-039611-1
Für den Inhalt abgedruckter oder verlinkter Websites ist ausschließlich der jeweilige Betreiber verantwortlich. Die W. Kohlhammer GmbH hat keinen Einfluss auf die verknüpften Seiten und übernimmt hierfür keinerlei Haftung.
Inhalt
1 Vorwort
2 »Es ist ernst. Nehmen Sie es auch ernst!«
3 Stefan Iskan
4 Überlegungen zu Corona aus historischer Perspektive
5 David Engels
6 Corona: Medizinische, epidemiologische und Public-health-Aspekte
7 Timo Ulrichs
8 »The Great Lockdown«: Von der globalen Gesundheitskrise in die Rezession
9 Stefan Iskan und Pelin Iskan
10 Corona als Beschleuniger der Digitalisierung und Automatisierung
11 Stefan Iskan und Robert Kölbl
12 Corona und Politik: Krisenmanagement, Wutbewegungen und Super-Wahljahr 2021
13 Karl-Rudolf Korte
14 Die Corona-Krise als Medienereignis
15 Tanjev Schultz
16 Konsequenzen und Perspektiven aus der Corona-Krise
17 Stefan Iskan
Vorwort
Ich selbst bin kein Mediziner und auch kein Virologe. Doch die Bilder, die aus Wuhan und später auch aus Italien und dem Elsass zu uns kamen, haben nichts Gutes erahnen lassen. Ich bin Logistiker. Und damit beschäftige ich mich tagtäglich. Einer Funktion, die im militärischen, wirtschaftlichen und zivilen Bereich höchst systemrelevant ist und deren Bedeutung für die allermeisten Menschen wohl erst so richtig in der gegenwärtigen Corona-Krise bewusst geworden sein dürfte. Als Architekten der internationalen Waren- und Personenströme stehen wir Logistiker an der Front der Globalisierung. Täglich müssen wir maximal dynamisch auf unvorhergesehene Ereignisse reagieren. Die Menschen, die weltweit in dieser Branche arbeiten, sind wie Fühler. Fühler, die selbst in den entlegensten Regionen dieser Welt Informationen frühzeitig wahrnehmen und weiter transportieren können.
Von daher waren es auch meine vormaligen Logistik-Kollegen in China, die sehr frühzeitig als eine Art Indikator für ein Szenario-Geschehen in Europa dienen konnten. Manche von ihnen waren nach einer Geschäftsreise in Deutschland »einfach nur froh«, wieder zurück nach China fliegen zu dürfen. Das war im Februar kurz vor der großen »Ischgl Aprés-Ski Party«. Jenem »Hotspot«, über den derzeit sehr intensiv im Rahmen einer Antikörper-Studie zur Validierung der Verbreitung der Coronavirus-Infektion diskutiert wird (vgl. Medizinische Universität Innsbruck online 2020). Die »wachsame Gelassenheit« in diesem Zeitraum hatte die Kollegen beunruhigt (vgl. ZDF online 2020). Das rigoros wirkende Vorgehen der chinesischen Behörden hatte unter ihnen ein Gefühl hervorgebracht: ein Gefühl, im »Land der Arbeit« dann doch sicherer aufgehoben zu sein als in ihrer ursprünglichen Heimat selbst. Vermeintlich geschützter als im »Europa der offenen Grenzen« (vgl. Auswärtiges Amt online 2020). Zurückgelassen wurde ich mit einem freundschaftlichen Rat, mein Umfeld vorzubereiten. Vorzubereiten auf das, was uns in Europa in den kommenden Wochen bevorstehen würde. 14 Tage hatten sie mir gegeben. Dann würden sie »chinesische Verhältnisse« auf europäischem Boden erwarten. Und so folgte kurz darauf auch der Exportstopp von Atemmasken und Schutzkleidung durch den Krisenstab der Bundesregierung am 4. März 2020 (vgl. Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle online 2020).
Frühzeitig standen also Hinweise zur Verfügung, dass wir möglicherweise auf eine »ernste Lage« hinzulaufen. Entsprechend hatte ich ab Mitte Februar begonnen Vorkehrungen zu treffen. Das war insbesondere dann der Fall, als aus Italien die Meldung kann, dass am 23. Februar 2020 Norditalien abgeriegelt werden würde. Ich glaube sagen zu dürfen, dass viele Partner und Verantwortliche zum damaligen Zeitpunkt noch nicht verstehen konnten, weshalb ich folglich anfing, mich selbst in eine Art »häusliche Quarantäne Light« zu stecken sowie sämtliche größere Veranstaltungsplanungen kategorisch für 2020 abzusagen und bis auf weiteres auf Herbst 2021 zu vertagen. Der (Leidens-)Druck meiner geschätzten Veranstalter und Medienpartner infolge dessen war nicht zu überhören.
Was Viren und Bakterien anstellen können und wie schwer es werden kann, einen einmal angegriffenen Körper wieder unter Kontrolle zu bringen, das konnte ich auch in meinem Umfeld beobachten. Im Februar bin ich daher zum »Social Distancing« übergegangen. Damals noch zur Verwunderung vieler, denen ich gar den Handschlag verweigerte. Die einen schmunzelten, die anderen haben es für sich pro-aktiv übernommen. Meine Überlegungen und Implikationen für die anstehenden Monate und eine mögliche Entwicklung bis in den Herbst 2021 hinein hatte ich in meinem Wirkungskreis geteilt.
Die einen sagten: »Das ist doch völlig überzogen. Da hat einer einfach nur eine Fledermaus gegessen«. Mit großem Gelächter haben sie das Thema, trotz der immer stärker werdenden Medien-Berichterstattung, weggewischt. Auch Verantwortliche. Erst kurz vor zwölf, als die persönlichen Einschlagserlebnisse immer näherkamen, wurde reagiert. Sei es, weil auf ihren Baustellen Vormaterialen anfingen zu fehlen oder Handwerker plötzlich nicht mehr erschienen. Oder in den Unternehmen Produktionsmaterial einfach nicht mehr ankam und sich nach dem Faschings-Skifahren in Tirol die ersten Führungskräfte abgemeldet hatten. Reagiert wurde anschließend. Und zwar zunehmend nervös. Und hastig.
Heute, Ende Juli 2020, stehen wir in Mitten einer historischen Gesundheitskrise mit vielfältigen »Parallel-Krisen«. Von daher ist es nicht trivial, ja sogar überaus ambitioniert, ein Buch über die Corona-Krise inmitten der Pandemie verfassen zu wollen. Vor allem auch deswegen, weil man mögliche Folgerungen regelrecht aus dem laufenden Tagesgeschehen heraus abzuleiten und unter Umständen immer wieder zu korrigieren hat. Jede mögliche Interpretation und Einschätzung kann sich am nächsten Tag schon wieder anders darstellen. Es bedarf also durchaus einer gewissen Portion »Mut«. »Mut« auf Seiten des Verlages und Lektorats. Aber auch »Mut« auf Seiten der Herausgeber und Autoren, ein solches Buchprojekt überhaupt anpacken zu wollen.
Was als formloses Brainstorming mit Dr. Peter Kritzinger, unserem Lektor, begann, mündete nur kurz darauf in ein spannendes Buchprojekt. Spannend zum einen, weil uns nicht viel Zeit blieb, Mitstreiter zu gewinnen. Spannend zum anderen aber auch, weil wir ein Konzept verfolgten, in welchem die Corona-Pandemie vorläufig aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchtet werden sollte: Geschichte, Medizin, Wirtschaft, Technologie, Politologie und Journalismus.
In Zeiten der Corona-Pandemie werden von vielen Stellen immer wieder die Dimensionen »Solidarität« und »Gemeinschaft« betont. Und auch ein solches Buchprojekt unter »verschärften« Umständen ist nicht zuletzt das Ergebnis erfolgreicher Teamspieler. So danke ich zunächst dem Kohlhammer Verlag, allen voran Dr. Peter Kritzinger, für eben jenen »Mut«. Den »Mut«, ein solches Projekt in dieser ambitionierten Zeitleiste zu realisieren. Auch auf die Gefahr hin, dass einige unserer Erkenntnisse womöglich nach Erscheinen des Buches wieder einer Auffrischung bedürfen. Aber auch den engagierten Mitstreitern bin ich für ihren gezeigten »Mut« zu Dank verpflichtet. Ihren »Mut«, Überlegungen und Urteile abzugeben unter dem zum Schreibzeitpunkt verfügbaren und auch einschätzbaren Kenntnisrahmen. Namentlich sind dies David Engels, Timo Ulrichs, Karl-Rudolf Korte, Tanjev Schultz, Robert Kölbl und Pelin Iskan.
Unser vorderstes Anliegen ist es, einem breiten Publikum in klaren und verständlichen Worten die Zusammenhänge und mögliche Folgen der aktuellen Corona-Krise für Wirtschaft, Gesellschaft und Politik zu vermitteln. Sie, liebe Leser, sollten sich bewusst machen, dass Krisen auch immer einen Schatz an Chancen für das eigene Leben mit sich führen. Bleiben Sie bei bester Gesundheit und Zuversicht.
| Juli 2020 | Stefan Iskan |
Literatur
Auswärtiges Amt online (2020): Grenzen in Europa öffnen – aber dem Virus weiter Grenzen setzen. https://www.auswaertiges-amt.de/de/aussenpolitik/europa/europaeischer-nachbarschaftsdialog/2352028. [Zugriff am 24.6. 2020].
Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle online (2020): Exportverbot für medizinische Schutzausrüstung. https://www.bafa.de/SharedDocs/Kurz meldungen/DE/Aussenwirtschaft/Ausfuhrkontrolle/20200304_coronavirus_ schutzausruestung.html. [Zugriff am 24.6.2020].
Medizinische Universität Innsbruck online (2020): Antikörper-Studie in Ischgl: Neue Forschungsergebnisse zur SARS-CoV2 Infektionen. https://www.i-med.ac.at/mypoint/news/744964.html. [Zugriff am 27.6.2020].
ZDF online (2020): Coronavirus in Deutschland: Spahn ruft zur Gelassenheit auf. https://www.zdf.de/nachrichten/politik/coronavirus-spahn-robert-ko ch-institut-wieler-100.html. [Zugriff am 24.6.2020].
»Es ist ernst. Nehmen Sie es auch ernst!«
Stefan Iskan
Es sind Zeiten, die sich wohl kaum einer von uns hat vorstellen können. Zeiten, wie man sie allenfalls aus einem Hollywood-Blockbuster kannte. Nicht wenige sprechen sogar von einem »Albtraum« in Dauerschleife. Was lokal im chinesischen Wuhan begann, ist zu einem Jahrhundertereignis geworden: die Corona-Pandemie. Weltweit kämpfen Staaten zeitgleich gegen die Ausbreitung des Coronavirus. Allein oder allenfalls in Verbünden. Und ein Ende oder gar die aus der Pandemie resultierenden Folgen sind noch keineswegs in Gänze absehbar. Deutschland, Europa und die gesamte Weltgemeinschaft sind auf einen harten Prüfstand gestellt. Alle gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Bereiche werden seit Monaten maximal gefordert: das Gesundheits-, Wirtschafts-, Sozial- und Bildungssystem.
Seit der Gründung der Bundesrepublik Deutschland 1949 hat keine Krise zeitgleich alle Bürger betroffen. Und wohl kaum jemand hat bereits am 7. Januar 2020 geahnt, was in den kommenden Monaten auf jeden einzelnen von uns zukommen würde. An jenem Tag gelang es der World Health Organization (WHO) zufolge chinesischen Behörden den Erreger 2019-nCoV zu identifizieren (WHO online 2020a): das neuartige Coronavirus, das als Ursache für die gemeldeten Fälle von Lungenentzündung mit bislang unbekannter Ursache ausgemacht wurde. Jene Fälle wurden seit Dezember 2019 aus der chinesischen elf Millionen-Stadt Wuhan, der Hauptstadt der zentralchinesischen Provinz Hubei, gemeldet. Es sollten weitere zwei Monate folgen, bis die Menschen realisierten: 2020 wird ein komplett »anderes« Jahr.
Am 18. März 2020 richtete Bundeskanzlerin Angela Merkel schließlich in ihrer historischen Fernsehansprache zur Corona-Pandemie einen eindringlichen Appell an alle Bürgerinnen und Bürger (Bundesregierung online 2020a):
»Es ist ernst. Nehmen Sie es auch ernst. Seit der Deutschen Einheit, nein, seit dem Zweiten Weltkrieg gab es keine Herausforderung an unser Land mehr, bei der es so sehr auf unser gemeinsames solidarisches Handeln ankommt.«
Und wer bis dahin die Tragweite der Herausforderung noch nicht erkannt hatte, dem dürfte sie wohl spätestens am 23. März 2020 klar geworden sein. An jenem Tag trat die von Bund und Ländern beschlossene Kontaktsperre in Kraft (vgl. Bundesregierung online 2020b). Heute, vier Monate nach der Ansprache der Frau Bundeskanzlerin, formulieren Politiker wie Bayerns Ministerpräsident Markus Söder: »Wir haben echt verdammtes Glück gehabt!« (vgl. Bayerische Rundfunk online 2020a). Denn aus medizinischen Gesichtspunkten scheint Deutschland in der ersten Welle verhältnismäßig noch mit einem »blauen Auge davongekommen« zu sein. Freilich: Der Verlust eines jeden einzelnen Menschen schmerzt! Doch verglichen mit den Todesfallzahlen, wie sie etwa aus den USA, Brasilien, Großbritannien, Italien, Spanien oder auch Mexiko verstärkt berichtet werden, sah das Virus in der ersten Welle in Deutschland noch verhältnismäßig beherrschbar aus. Allerdings stehen wir aktuell noch vor vielen Unbekannten mit ungewissem Ausgang: ökonomisch, sozial, politisch. Vor allen Dingen aber medizinisch. Und das auf unbestimmte Zeit.
Am 23. Januar 2020 betonte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn in den Tagesthemen der ARD unter Bezugnahme des damaligen aktuellen Kenntnisstands des Robert-Koch-Instituts (RKI), dass bei der neuen Lungenkrankheit das Infektionsgeschehen im Vergleich zur Grippe milder sei (vgl. Tagesschau online 2020a und 2020b). Am 26. Februar sah Jens Spahn schließlich die Bundesrepublik Deutschland am Beginn einer Epidemie und bat seine Ministerkollegen aus den Ländern, ihre Pandemiepläne entsprechend zu aktualisieren und gegebenenfalls auch in Kraft zu setzen (vgl. Tagesschau online 2020a und Tagesschau online 2020c). In den Tagesthemen führte der Bundesgesundheitsminister aus, dass man nicht »das gesamte öffentliche Leben in Deutschland, Europa und der Welt beenden« könne (vgl. Tagesschau online 2020a). Der weitere Geschichtsverlauf ist bekannt: Es folgte ein beispielloser Lockdown des öffentlichen Lebens und auch der Wirtschaft – weltweit und nahezu zeitglich. Seither ist eine regelrechte »Aufmerksamkeitsökonomie« unter Virologen und »Crash-Propheten« entbrannt.
In den folgenden 14 Tagen folgte der Exportstopp medizinischer Schutzausrüstung durch den Krisenstab der Bundesregierung (4. März). Der Appell an Veranstalter, Großevents mit mehr als 1 000 Teilnehmern abzusagen und die Warnung vor Reisen nach Italien (10. März). Deutschlands Leitindustrie, die Automobilindustrie, wurde systematisch und regelrecht kontrolliert heruntergefahren. Das war insbesondere in der Woche vom 16. bis zum 21. März gut zu beobachten. Die letzten Fließbänder wurden am

Abb. 1: Der Zeitstrahl zeigt in komprimierter Form ausgewählte Ereignisentwicklungen von Januar bis Juni 2020. Aufgrund der Komplexität und teilweise weltweit synchron erfolgten Geschehnisse kann an dieser Stelle keine vollumfängliche Darstellung gewählt werden (vgl. Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle online 2020, Bundesgesundheitsministerium online 2020, New York Times online 2020, Tagesschau online 2020d, Tagesschau online 2020e und Tagesschau online 2020f). Quelle: Eigene Darstellung.
Samstag gestoppt. Am Montag darauf trat schließlich die von Bund und Ländern beschlossene Kontaktsperre in Kraft (23. März).
Gerade diese Bilder dürften viele Menschen noch vor Augen haben: Weil die örtlichen Friedhöfe in Bergamo überfüllt waren, transportierte die italienische Armee Corona-Tote ab (vgl. Bayerischer Rundfunk online 2020b und Südtirol News online 2020). Nach Ausbruch des Coronavirus und des damit verbundenen Ausnahmezustandes sind in Norditalien die Versorgungsketten der Supermärkte und damit der Bevölkerung punktuell zusammengebrochen. Bürgerkriegsähnliche Zustände, die in den hiesigen Medien nicht transportiert wurden, waren die Folge. Inzwischen ist die italienische Volkswirtschaft wie die gesamte Weltwirtschaft von den Folgen der Pandemie stark getroffen (vgl. Germany Trade and Invest online 2020). Nicht wenige Ökonomen erwarten, dass die Weltwirtschaft auf die schwerste Rezession seit der »Great Depression« von 1929 zusteuert. Einem »Schreckens-Zustand«, dem sich alle Regierungen und Notenbanken seit Beginn der Corona-Krise mit aller Kraft entgegenstemmen.
Wie in Italien waren beispielsweise auch im Elsass die Notaufnahmen in den Krankenhäusern so sehr überlastet, so dass eine Triage wie unter Kriegszuständen erforderlich war. Als Triage wird dabei in der Notaufnahme die Methodik beschrieben, anhand derer Notfallpatienten in sehr kurzer Zeit nach Behandlungsdringlichkeit priorisiert und verfügbaren Behandlungsressourcen zugeordnet werden (vgl. Christ u. a. 2010, S. 892). Berichte machten die Runde, wonach älteren Notfallpatienten Beatmungsgeräte zugunsten jüngerer COVID-19-Erkrankter weggenommen und diese Menschen damit ihrem Schicksal überlassen wurden. Es fällt schwer, sich auszumalen, welchen physischen vor allem aber auch psychischen Belastungen das medizinische Personal in diesen Situationen ausgesetzt war.
Zeitgleich war vielerorts in Deutschland zu hören: »Dieses Virus ist doch ein Witz. Viel schlimmer wiegt, dass mein Lieblings-Golf-Club gerade schließt. Und was soll ich jetzt machen?« Oder: »Das Coronavirus tötet nur alte Menschen und die werden sowieso sterben. Das entlastet endlich unsere Rentenkassen« (sinngemäß und Wortlaut nach diversen Foreneinträgen und Berichten im Internet wie etwa Refinery29 online 2020).
Heute wissen wir: Eine Coronavirus-Infektion kann jeden treffen. Allerdings gibt es altersabhängig unterschiedliche Wahrscheinlichkeiten, im Anschluss daran auch eine COVID-19-Erkrankung zu entwickeln. Und auch der Verlauf von COVID-19 und mögliche Komplikationen sind von Risiken abhängig. Dazu zählen neben dem Alter auch bestimmte Vorerkrankungen. Es muss also zwingend zwischen Infektion und Erkrankung unterschieden werden (siehe hierzu auch Timo Ulrichs in diesem Buch).
Zu Beginn der Corona-Krise fanden Politiker drastische, ja sogar martialische Worte. Nicht selten wurde der Krieg als Vergleich bemüht. Ein »Krieg gegen das Coronavirus«, wie es etwa Frankreichs Staatspräsident Emmanuel Macron angesichts der damaligen Lage in seinem Land formulierte (vgl. Deutschlandfunk online 2020). Und Papst Franziskus sah die Europäische Union angesichts des Coronavirus gar vor »einer epochalen Herausforderung, von der nicht nur ihre Zukunft, sondern die der ganzen Welt abhängt«, (vgl. Domradio online 2020).
Den Worten folgten Taten: Länderübergreifend wurden Maßnahmen und Einschränkungen ergriffen, die in der Tat an »Kriegszeiten« erinnern können. In den USA hatte Präsident Donald Trump das »Defense Production Act« aktiviert (vgl. The White House online 2020). Das Gesetz, das es dem Staat erlaubt, dringend benötigte Produkte von Unternehmen fertigen zu lassen. Und auch in Deutschland hat man zu Beginn der Pandemie immer wieder aus dem Konzern-Umfeld erfahren, dass die Produktion etwa von Beatmungsgeräten, Schutzausrüstung oder Desinfektionsmittel geprüft werden würde.
Militär-bezogene Themen standen auch außerhalb von »Kriegsregionen« zu Beginn der Corona-Pandemie in Deutschland im Blick. Am 4. März 2020 legte das Verteidigungsministerium den ersten Bericht über extremistische Verdachtsfälle in der Bundeswehr vor. Im Blickpunkt stehen hier staatsfeindliche Einstellungen, wie etwa Reichsbürgertum oder auch Rechts- und Linksterrorismus (vgl. Bundesministerium für Verteidigung online 2020). Im gleichen Zuge wurde und wird bis heute immer wieder von rechtsextremen Verdachtsfällen im Kommando Spezialkräfte der Bundeswehr (KSK) in Calw berichtet, denen der Militärische Abschirmdienst MAD entsprechend nachgeht (vgl. Bundeswehr online 2020a und Deutscher BundeswehrVerband online 2020). Am 19. März 2020 und damit kurz vor dem Lockdown hatte Bundesinnenminister Horst Seehofer zudem im Zuge einer Razzia in zehn Bundesländern erstmals bundesweit eine Reichsbürger-Gruppierung verboten (vgl. ZDF online 2020). Diese Themen sind deswegen von Relevanz, da sich im Zuge der Lockerungen seit etwa Mai unterschiedliche Demonstrationsströmungen gegen die eingeschlagene »Corona-Politik« gebildet haben. Während einige beispielsweise gegen eine Impfpflicht protestieren, werden laut Verfassungsschutz und Bundeskriminalamt auch Veranstaltungen wahrgenommen, die von Rechtsextremisten unterwandert werden sollen (vgl. Welt online 2020).
Die Verunsicherung unter den Menschen ist groß. Und sie war es vor dem Lockdown auch – jedoch möglicherweise aus einem anderen Grund. Lange Güterzüge mit militärischem Gerät, wie etwa Panzern, waren kurz vor dem Lockdown zu sehen. Darunter auch Panzerkolonnen in der Nähe des damals heruntergefahrenen Stuttgarter Flughafens. Einige vermuteten in den sozialen Netzwerken, dass die Panzer im Zusammenhang mit dem bevorstehenden Lockdown und damit der Absicherung »systemrelevanter Infrastruktur, Medienhäuser und Fabriken« zusammenhängen würden. Es sollte sich später herausstellen, dass diese noch logistische Ausläufer der am 13. März 2020 eingestellten NATO-Übung »Defender Europe 2020« waren. Jene Übung, welche durchaus auch abseits der großen Berichterstattung die größte Truppenverlagerung der USA nach Europa seit 25 Jahren sein sollte. Als logistische Drehscheibe war Deutschland in dieser Übung im Zentrum gestanden (vgl. Bundeswehr online 2020b).
Der Aspekt der bereits im Vorwort angerissenen »Systemrelevanz« der Logistik kam aber auch an anderen Stellen zum Vorschein. Etwa in Form abgerissener Lieferketten in der Industrie kurz vor dem Lockdown. In der Absicherung der Versorgung von Supermärkten. Im massiven Umrüsten von Passagierflugzeugen zu »reinen« Frachtmaschinen, um weltweit Fertigungsanlagen, Beatmungsgeräte und Schutzausrüstung für die Corona-Pandemie verfrachten zu können. Meldungen von verschwundenen, konfiszierten und von Regierungen dringend erwarteten Sendungen mit Schutzausrüstung machten die Runde (vgl. Tagesschau online 2020g). An der deutschpolnischen Grenze staute sich im Zuge der Grenzschließungen vor dem Lockdown die Lkw-Abfertigung auf bis zu 60 km (vgl. Deutsche-Verkehrs-Zeitung online 2020). Bilder, wie wir sie sonst nur aus krisen-geplagten Regionen dieser Welt kennen dürften.
Aber auch in anderer Hinsicht zeigte sich die »Systemrelevanz« der Logistik: um etwa »gestrandete« Deutsche zurückzuholen, hatte das Auswärtige Amt im März ein beispielloses Rückholprogramm gestartet. Bis zum 24. April 2020 wurden rund 240 000 Bürgerinnen und Bürger eingeflogen. Mitte Juni machten in diesem Zusammenhand dann Meldungen die Runde, wonach das Auswärtige Amt nachträglich die Kosten weiterbelasten würde (vgl. Tagesschau online 2020h). Und während in Deutschland die Menschen zu Beginn der Pandemie damit beschäftigt waren, vordergründig Toilettenpapier, Nudeln, Konserven und Mehl zu »hamstern«, haben sich die Bürger in anderen Staaten, wie etwa den USA und Ungarn, weiter mit Waffen eingedeckt – aus Angst vor Unruhen (vgl. NTV online 2020).
Auch weitere negative Schlagzeilen machten die Runde. So etwa ein Sportartikelhersteller, der vorgeprescht war, als die Bundesregierung über etwaige Neuregelungen in der Corona-Krise, allen voran zur Miete und zum Verbraucherschutz ab April, informierte (Bundesregierung online 2020c). Manches Großunternehmen, wie etwa der Sportartikelhersteller, konnte es in der Folge kaum abwarten, zu verkünden, dass man die Miete für geschlossene Läden ab April nicht mehr bezahlen würde. Erst der öffentliche Druck sorgte für eine Klarstellung der Sachlage bzw. ein Umdenken (vgl. Absatzwirtschaft online 2020).
Und heute? Heute lassen sich Unternehmen finden, die in Büros »zum Schein« desinfektionsähnliche Produkte aufstellen, um »formal« etwaige Hygieneauflagen zu erfüllen und gleichzeitig Kosten zu sparen. Viele ihrer Mitarbeiter befinden sich trotz Lockerungen noch immer im »auf einmal möglich gewordenen« digitalen Homeoffice. Aber auch Verdachtsfälle kommen auf, in denen Unternehmen zwar für ihre Mitarbeiter Kurzarbeitergeld anmelden, diese jedoch voll durcharbeiten lassen.
Und die Börsen? Im März noch herrschte eine regelrechte »Weltuntergangsstimmung« an den Finanzmärkten. In Folge des »Doppelschlags« vom 9. März und 12. März 2020 erlebte der deutsche Leitindex DAX den schnellsten Tagesverlust in seiner Geschichte. Grund war die sich zuspitzende Corona-Krise und ein »Preiskrieg« am Ölmarkt. Alles, was schnell den »Cash-Bestand« erhöhte, wurde schließlich hektisch verkauft. Aktien. Edelmetalle. Rohstoffe. Doch wer glaubte, die Börse würde angesichts der abgestürzten Realwirtschaft im Tal der Tränen verharren, der staunte nicht schlecht als ab Mitte Mai eine »neue« Rallye an den Finanzmärkten zu beobachten war.
Seither kennt die Börse weitgehend wieder nur eine Richtung: und zwar nach oben. Hoffnung und Optimismus in den Kursen, wie es professionelle Marktbeobachter immer wieder bezeichnen, scheinen überhandzunehmen. Und das obwohl es gegenwärtig kaum positive Lichtblicke aus der Realwirtschaft zu vermelden gibt. Ja sogar das Infektionsgeschehen scheint in Deutschland Richtung Ende Juni wieder deutlich zuzunehmen. Vor einer möglichen zweiten Welle wurde von Seiten der Virologen schon länger gewarnt. Einzelne Städte und Regionen werden wieder in einen lokalen bzw. regionalen »Lockdown Light« überführt (vgl. Tagesschau online 2020h). Und Unternehmensvertreter befürchten: Sollte es zu einer zweiten Welle mit einem zweiten harten »Lockdown« kommen, dann könnte es in der Wirtschaft »erst so richtig hässlich« werden.
Vor dem Hintergrund dieser skizzierten Situationsbeschreibung stellt sich nun die Frage, wie sich Deutschland inmitten der großen

Abb. 2: Die »Corona-Pandemie« als interdisziplinäres Themenfeld: Aufbau des Buches. Quelle: Eigene Darstellung.
Pandemie entwickelt. Und vor allen Dingen, welche Perspektiven sich hieraus für Wirtschaft, Gesellschaft und Politik für die bevorstehende Zeit ergeben.
Folgende Fragestellungen sind daher für die nachfolgenden Beiträge leitend:
Historisch: Gab es in der Geschichte bereits vergleichbare Phänomene? Und was können wir aus historischen Vergleichen lernen? Medizinisch: Wie schnell bzw. lässt sich der Coronavirus in den Griff kriegen? Was wissen wir und welche Maßnahmen sind überhaupt sinnvoll? Ökonomisch: Wie ist es um die Wirtschaft bestellt und welche Szenarien liegen dem Weg aus der Corona-Krise zugrunde? Technologisch: Wie wirken sich die Folgen des Coronavirus auf die technische Infrastruktur und die weitere digitale Transformation aus? Und führt die Corona-Krise zu einer Beschleunigung in der Digitalisierung und Automatisierung? Politisch: Was kann und muss die Politik in Zeiten zunehmender gesellschaftlicher Spaltung und Radikalisierung unternehmen? Und zuletzt medial: Welche Rolle kommt der Berichterstattung in der Corona-Krise zu? Wie sehr ist die sachliche Berichterstattung von »Framing« geprägt? Die Struktur des Buches wird in Abb. 2 bildhaft widergegeben.
Literatur
Absatzwirtschaft online (2020): Corona-Krise: Adidas entschuldigt sich und zahlt jetzt doch Miete. https://www.absatzwirtschaft.de/adidas-entschuldigt-sich-und-zahlt-jetzt-doch-miete-171347/. [Zugriff am 24.06.2020].
Bayerischer Rundfunk online (2020a): Söder verteidigt seinen Anti-Corona-Kurs – Kritik der Opposition. https://www.br.de/nachrichten/bayern/soe der-verteidigt-seinen-anti-corona-kurs-kritik-der-opposition,S2QuOe0. [Zugriff am 23.06.2020].
Bayerischer Rundfunk online (2020b): Archiv: die gesammelten Fakes zu Corona. https://www.br.de/nachrichten/wissen/die-gesammelten-fakes-desinformation-zu-corona,RuuURMo, [Zugriff am 24.06.2020].
Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle online (2020): Exportverbot für medizinische Schutzausrüstung. https://www.bafa.de/SharedDocs/Kurz meldungen/DE/Aussenwirtschaft/Ausfuhrkontrolle/20200304_coronavirus_ schutzausruestung.html. [Zugriff am 24.06.2020].
Bundesgesundheitsministerium online (2020): Coronavirus SARS-CoV-2: Chronik der bisherigen Maßnahmen. https://www.bundesgesundheitsminister ium.de/coronavirus/chronik-coronavirus.html. [Zugriff am 24.06.2020].
Bundesministerium für Verteidigung online (2020): Null Toleranz für Extremisten in der Bundeswehr. https://www.bmvg.de/de/aktuelles/null-toleranz-extremisten-bundeswehr-201168. [Zugriff am 27.06.2020].
Bundesregierung online (2020a): Fernsehansprache von Bundeskanzlerin Angela Merkel. Presse- und Informationsamt der Bundesregierung. Pressemitteilung 100. 18. März 2020: https://www.bundesregierung.de/breg-de/aktu elles/fernsehansprache-von-bundeskanzlerin-angela-merkel-1732134. [Zugriff am 16.06.2020].
Bundesregierung online (2020b): Besprechung der Kanzlerin mit den Regierungschefinnen und Regierungschefs der Länder. https://www.bundesreg ierung.de/breg-de/themen/coronavirus/besprechung-der-bundeskanzlerin -mit-den-regierungschefinnen-und-regierungschefs-der-laender-1733248. [Zugriff am 24.06.2020].
Bundesregierung online (2020c): Neuregelungen in der Corona-Krise: Informationen zu Miete- und Verbraucherschutz. https://www.bundesregierung.de/breg-de/themen/coronavirus/corona-informationen-miete-verbraucher schutz-1734914. [Zugriff am 24.06.2020].
Bundeswehr online (2020a): Der Militärische Abschirmdienst. https://www.bundeswehr.de/de/organisation/weitere-bmvg-dienststellen/mad-bundesamt-fuer-den-militaerischen-abschirmdienst. [Zugriff am 27.06.2020].
Bundeswehr online (2020b): DEFENDER-EUROPE 20: Rückverlegung US-Material. https://www.bundeswehr.de/de/defender-europe-20-rueckverlegung-us-material-244184. [Zugriff am 27.06.2020].
Christ, M.; u. a. 2010): Triage in der Notaufnahme: Moderne, evidenzbasierte Ersteinschätzung der Behandlungsdringlichkeit. In: Deutsches Ärzteblatt 2010, 107(50), S. 892-898.
Deutsche-Verkehrs-Zeitung online (2020): Die Chronologie der Corona-Ereignisse. https://www.dvz.de/rubriken/land/detail/news/die-chronologie-der-corona-ereignisse.html. [Zugriff am 24.06.2020].
Deutscher BundeswehrVerband online (2020): KSK-Kommandeur: Kein Platz für. rechtsextreme Verfehlungen. https://www.dbwv.de/aktuelle-themen/newsbeitrag/news/ksk-kommandeur-kein-platz-fuer-rechtsextreme-verfehl ungen/. Zugriff am 27.06.2020].
Deutschlandfunk online (2020): Ausnahmezustand in Frankreich »Der Krieg gegen das Coronavirus steht im Vordergrund«. https://www.deutschland funk.de/ausnahmezustand-in-frankreich-der-krieg-gegen-das.694.de.html?dram:article_id=473536. [Zugriff am 24.06.2020].
Domradio online (2020): Pabst mahnt Zusammenhalt in Europa an: Epochale Herausforderung. https://www.domradio.de/themen/papst-franziskus/2020-04-22/epochale-herausforderung-papst-mahnt-zusammenhalt-europas. [Zugriff am 24.06.2020].
Germany Trade and Invest online (2020): Update: Corona – Wirtschaft in Krisenzeiten. https://www.gtai.de/gtai-de/trade/wirtschaftsumfeld/bericht-w irtschaftsumfeld/italien/update-corona-wirtschaft-in-krisenzeiten-230356. [Zugriff am 24.06.2020].
New York Times online (2020): How the Coronavirus Pandemic Unfolded: a Timeline. https://www.nytimes.com/article/coronavirus-timeline.html. [Zugriff am 22.06.2020].
NTV online (2020): Waffenkäufe in Ungarn boomen wegen Coronakrise. https://www.n-tv.de/der_tag/Waffenkaeufe-in-Ungarn-boomen-wegen-Coronakrise-article21662776.html. [Zugriff am 24.06.2020].
Refinery online (2020): Corona: Warum ist es vielen egal, wenn alte Menschen sterben? https://www.refinery29.com/de-de/corona-virus-vernachlaessigung-alter-menschen-todesopfer. [Zugriff am 24.06.2020].
Südtirol News online (2020): Erschütternd: Militärkonvoi bringt Tote aus Bergamo weg. https://www.suedtirolnews.it/italien/erschuetternd-militaerkonvoi-bringt-tote-aus-bergamo-weg. [Zugriff am 24.06.2020].
Tagesschau online (2020a): Maßnahmen gegen Corona: Wann hat Spahn was gesagt. https://www.tagesschau.de/faktenfinder/spahn-corona-113.html. [Zugriff am 18.06.2020].
Tagesschau online (2020b): »Wachsam, aber mit kühlem Kopf«. https://www.tagesschau.de/inland/spahn-coronavirus-101.html. [Zugriff am 24.06.2020].
Tagesschau online (2020c): Gesundheitsminister Spahn rechnet mit Coronavirus-Epidemie in Deutschland. https://www.tagesschau.de/multimedia/vide o/video-666925.html. [Zugriff am 24.06.2020].
Tagesschau online (2020d): Coronavirus-Krisenstab: Exportstopp für Atemschutzmasken. https://www.tagesschau.de/inland/corona-atemschutzmasken-101.html. [Zugriff am 24.06.2020].
Tagesschau online (2020e): Chronik zur Coronakrise: Ein Virus verändert die Welt. https://www.tagesschau.de/faktenfinder/hintergrund/corona-chroni k-pandemie-103.html. [Zugriff am 24.06.2020].
Tagesschau online (2020f): Chronik zum Coronavirus: Der Ausbruch einer Pandemie. https://www.tagesschau.de/faktenfinder/hintergrund/corona-chro nik-pandemie-101.html. [Zugriff am 24.06.2020].
Tagesschau online (2020g): US-Botschaft attackiert Deutschland. https://www.tagesschau.de/ausland/usa-schutzmasken-101.html. [Zugriff am 27.06.2020].
Tagessschau online (2020h): Corona-Rückholaktion: Auswärtiges Amt verschickt bald Rechnungen. https://www.tagesschau.de/inland/rechnung-ru eckholaktion-101.html. [Zugriff am 24.06.2020].
The White House online (2020): Memorandum on Order Under the Defense Procution Act Regarding 3M Company. https://www.whitehouse.gov/presi dential-actions/memorandum-order-defense-production-act-regarding-3m-company/. [Zugriff am 24.06.2020].
WHO-Regionalbüro für Europa online (2020a): Pandemie der Coronavirus-Krankheit (COVID-19). https://www.euro.who.int/de/health-topics/health-emergencies/coronavirus-covid-19/novel-coronavirus-2019-ncov. [Zugriff am 24.06.2020].
WHO-Regionalbüro für Europa online (2020b): Ausbruch des Neuartigen Coronavirus in China – Was bedeutet das für Europa. 24. Januar 2020. https://www.euro.whosdffs.int/de/health-topics/health-emergencies/internationa l-health-regulations/news/news/2020/2/novel-coronavirus-outbreak-in-ch ina-what-does-it-mean-for-europe [Zugriff am 17.06.2020].
Welt online (2020): Corona-Demonstrationen: Rechtsextreme sehen ihre Chance. https://www.welt.de/print/die_welt/article208048641/Corona-Demonst rationen-Rechtsextreme-sehen-ihre-Chance.html. [Zugriff am 27.06.2020].
ZDF online (2020): Razzien in zehn Ländern: Seehofer verbietet erstmals Reichsbürger-Gruppierung. https://www.zdf.de/nachrichten/politik/seeho fer-verbot-reichsbuerger-gruppe-100.html. [Zugriff am 27.06.2020].
Überlegungen zu Corona aus historischer Perspektive
David Engels
Die Einschätzung der Corona-Covid-19-Pandemie fällt nicht einfach: Die Zahlen ändern sich laufend, und mit ihnen die Einschätzungen, die den Maßnahmen zugrunde gelegt werden. In dieser von Ungewissheit und Unsicherheit bestimmten Situation lohnt sich ein Blick in die Vergangenheit: Gab es in der Vergangenheit bereits vergleichbare Pandemien? Und wenn ja: Lassen sich aus dem Verhalten der Zeitgenossen möglicherweise Erkenntnisse für die Menschheit in der gegenwärtigen Situation ableiten?
Zwar ist die Möglichkeit, Erkenntnisse in systematischer Weise aus der Vergangenheit in die Gegenwart oder gar Zukunft zu übertragen, in der Geschichtswissenschaft umstrittener denn je. Zu sehr hat sich das Paradigma von Fortschritt und offener Zukunft durchgesetzt, wonach die Zukunft von so zahlreichen Parametern abhängt, dass selbst vage Extrapolationen auf Basis unserer sonstigen Fallbeispiele fragwürdig scheinen. Doch es bleibt die Tatsache bestehen, dass Pandemien mit allen sich daraus ergebenden Konsequenzen nichts fundamental »Neues« sind. Vielmehr durchziehen Pandemien die Geschichte der Menschheit gleichsam wie ein roter Faden und weisen einen typischen historischen Formenschatz auf. Inwieweit uns die Betrachtung dieser Fälle helfen kann, unsere eigene Situation zu meistern, muss sich natürlich erst zeigen. Bis dahin scheint es jedenfalls ein lohnendes Unterfangen, die vergleichbare historische Ereignisse und die Reaktionen der Zeitgenossen zu betrachten.
Seuchen und Globalisierung
In den Medien wurde die Covid-19-Pandemie wiederholt mit der Spanischen Grippe verglichen. Zwischen 1918 und 1920 wütete sie in mehreren Wellen, wobei weltweit etwa 500 Millionen Menschen infiziert waren. Sie forderte 27–50 Millionen Opfer; besonders betroffen waren 20–40jährige Menschen.
Doch auch in der Antike und im Mittelalter waren schwere, manchmal sogar über ganze Kontinente hinweg grassierende Seuchen geläufige Erscheinungen. Zu nennen wären hier etwa die berühmte »Pest«, welche in Athen zu Beginn des Peloponnesischen Kriegs (430–426 v. Chr.) wütete, oder die »Antoninische Pest«, welche das Römische Reich von 165–190 n. Chr. heimsuchte. Welcher Erreger das Sterben in Athen verursacht hat, lässt sich bis heute nicht mit Sicherheit sagen; möglicherweise handelte es sich um Typhus. Jedenfalls aber raffte die Seuche ein Viertel der Bevölkerung Athens dahin – unter anderem den berühmten Staatsmann Perikles. Bei der Antoninischen Pest dürfte es sich wohl um eine Art von Pocken gehandelt haben, welcher 7–10 Millionen Menschen zum Opfer fielen – rund 5–10 % der Gesamtbevölkerung des Römischen Reiches.
Einen hohen Blutzoll forderte auch die Justinianische Beulenpest, welche sich seit 541 n. Chr. von Ägypten aus über den ganzen Mittelmeerraum ausbreitete. In den folgenden zwei Jahrhunderten brach sie wiederholt sporadisch aus, wobei ihr über ein Viertel der 25 Millionen zählenden Bevölkerung des byzantinischen Reichs zum Opfer fiel.
Am bekanntesten ist heute jedoch zweifellos die als »Schwarzer Tod« bekannte spätmittelalterliche Pestepidemie, welche aus Zentralasien eingeschleppt worden war. In der Zeit von 1346 bis 1353 fielen ihr etwa 25 Millionen Menschen zum Opfer – also rund ein Drittel der Bevölkerung Europas. Der »Schwarze Tod« flackerte auch in den Folgejahren immer wieder lokal auf. Um 1400 waren von der Seuche etwa vor allem Kinder und Jugendliche betroffen, 1665/1666 wütete sie in Südengland und zwischen 1708–1714 in Nord- und Osteuropa.
Schließlich muss an die Pockenepidemie erinnert werden, welche von den europäischen Eroberern nach Amerika eingeschleppt wurde und sich seit 1518 unter den Ureinwohnern verbreitete, von denen etwa ein Viertel der Krankheit zum Opfer fielen, während die Europäer bereits weitgehend resistent waren.
Vor diesem Hintergrund scheint die gegenwärtige Pandemie dann doch glücklicherweise eher eingeschränkten Ausmaßes, vergleicht man die bislang weltweit 15,8 Millionen Infizierten und »nur« ca. 640 000 Toten mit den grausigen Zahlen der Vormoderne, wobei zudem überwiegend ältere Menschen mit Vorerkrankungen anfällig scheinen und nicht, wie bei früheren Seuchen, Angehörigen aller Altersklassen (Stand 26. Juli 2020, WHO World Health Organization online 2020). Freilich, auch unsere technischen Mittel bei der Bekämpfung von Krankheiten sind ausgefeilter als je zuvor; doch selbst in Staaten mit nur rudimentärem Gesundheitssystem scheint ein Massensterben, wie man es bei anderen Seuchen in der Geschichte kannte, auszubleiben. Allerdings bleibt unser Wissen über die langfristigen Folgen der Erkrankung oder eine mögliche »zweite Welle« doch noch sehr ungenügend.
Aber nicht der nackte Vergleich der Zahlen soll im Zentrum unserer Überlegungen stehen, sondern vielmehr die formalen und psychologischen Aspekte der durch die Pandemie ausgelösten Kontingenzerfahrung, die zu allen Zeiten und Orten recht ähnlich auszufallen scheint. Dies gilt umso mehr, als Medien und Politik der quantitativ doch recht begrenzten Pandemie eine solche Bedeutung eingeräumt haben, dass die Reaktion vieler Menschen jenseits ihrer tatsächlichen realen Bedrohung extrem ausfallen können.
Als Voraussetzung für die Pandemie wurde in den Medien angesichts des Ursprungs der Covid-19-Seuche im chinesischen Wuhan häufig die Globalisierung angeführt: Die gewaltig angestiegene internationale Mobilität liefere die denkbar günstigsten Voraussetzungen für die Verbreitung viraler Erkrankungen. Dieses Narrativ ist von Globalisierungsgegnern bereitwillig aufgegriffen worden, um die Bedeutung von Grenzen und weitgehend in sich abgeschlossenen Lebens- und Wirtschaftsräumen zu betonen. Eine solche Verquickung von Globalisierung und Krankheitsanfälligkeit ist in jüngerer Zeit auch in der Forschung zur römischen Geschichte hergestellt worden, hat man doch einen unbestrittenen Zusammenhang zwischen der raschen Ausbreitung und sporadischen Wiederkehr der Antoninischen und Justininanischen Pest sowie der gut ausgebauten Verkehrsinfrastruktur des Römischen Reichs nachgewiesen.
Nun ist zweifellos richtig, dass die Erleichterung und Beschleunigung der internationalen Mobilität wichtige Gründe dafür sind, dass aus lokalen Krankheitsherden innerhalb kürzester Zeit Epidemien oder gar Pandemien werden können. In früheren Zeiten waren hierfür Wochen und Monate notwendig, wie etwa die schrittweise Ausbreitung des »Schwarzen Todes« von Zentralasien bis hin zu den Britischen Inseln zeigt. Doch demonstriert gerade dieses Beispiel auch, dass selbst in Zeiten räumlich noch weitgehend autarker Subsistenzwirtschaft, also einer aufs nackte Überleben ausgerichteter Wirtschaftsform, und begrenzter interkontinentaler Kontakte das Risiko für globale Seuchen mitnichten ausgeschlossen war. Denn es reichte offensichtlich eine einzige, punktuelle Kontaktaufnahme zwischen zwei ansonsten voneinander weitgehend getrennten Räumen, um eine vollständige Durchseuchung zu übertragen.
Als besonders fatal konnte sich eine geringe Durchseuchung des Zielgebiets erweisen. Dies wird am Beispiel der Pockenepidemien in Amerika ersichtlich, wo die Ureinwohner bis zur europäischen Eroberung noch nie mit jener Krankheit konfrontiert worden waren und einen historisch einmalig hohen Blutzoll für die »Verschmelzung zweier Welten« entrichten mussten. Ähnlich verhält es sich mit der Antoninischen Pest, als durch den Kontakt römischer Legionäre mit dem parthischen Reich unbekannte Krankheitserreger in das römische Imperium gelangten, oder auch der Justinianischen Pest, bei der Erreger aus Indien oder dem subsaharischen Bereich über Ägypten eingeschleppt wurden. Bei allen diesen Beispielen fanden Erreger ideale Voraussetzungen in einem neuen, bis dato noch nicht oder kaum durchseuchten Habitat.
Nun treten die tatsächlichen medizinischen oder infrastrukturellen Fragen für viele unmittelbar von Seuchen betroffenen Menschen hinter subjektiven Erklärungsmodellen zurück. Zwar ist die Bemühung, zu einer objektiven Beschreibung und Analyse des jeweiligen biologischen Phänomens zu gelangen, von unbestrittener Bedeutung. Doch genauso gilt es, den psychologischen Aspekt nicht zu vernachlässigen: Bis heute tritt die rein abstrakte Frage nach dem »Wie?« einer tödlichen Gefahr vielfach hinter der persönlichen Frage »Warum?« zurück. Die Antwort auf diese Frage bedient insofern ganz andere historische Verständnisebenen. Sie führt nicht in den wissenschaftlichen, sondern vielmehr philosophischen, ja moralischen Bereich. Dies zeigt etwa die Tendenz, Ursachen für Seuchen nicht in schwer vorauszubestimmenden medizinischen Phänomenen zu suchen, sondern etwa in der sittlichen Fehlerhaftigkeit – d. h., der »Schuld« – des Menschen selbst. Die Reflexion über die Schuld kann dabei zwei Gestalten annehmen, die beide so alt sind wie die Menschheit selbst.
Die Seuche als Strafe
Die erste Denkfigur begreift die Krankheit als eine »göttliche Strafe« für menschliche Verfehlungen. Daher gilt es, durch genaue Gewissensprüfung die Verfehlung zu eruieren, damit entsprechende Entsühnungsmaßnahmen die göttliche Vergebung sichern können. Die Überlieferung der alten Kulturen – von den Annalen des alten Sumer (= Kultur von ca. 6. Jahrtausend v. Chr. – 2. Jahrtausend v. Chr. im heutigen Iran) über die sieben ägyptischen Plagen bis hin zu den Vorzeichenkatalogen der römischen Republik – ist voll von entsprechenden Überlegungen, in denen Seuchen, Naturkatastrophen oder bedrohliche Vorzeichen als Strafen der Götter gedeutet wurden.
Durch Opfer, Prozessionen, Tempelbauten oder Herrschaftswechsel mussten die Vergehen gesühnt werden, bis das jeweilige Unheil abgewendet und die Götter als versöhnt gelten konnten. Bereits der Gründungstext der griechischen Literatur, die homerische Ilias (7. Jahrhundert v. Chr.), setzt mit der Beschreibung einer Seuche ein: Apollon bestraft das griechische Heer für die Verfehlungen seines Großkönigs Agamemnon. Dieses Denkmodell sollte bis in die christliche und mittelalterliche Literatur Bestand haben, als Seuchen ebenfalls als Strafen Gottes für menschliche Verfehlungen interpretiert wurden und oft zum Auslöser weitreichender religiöser Reformen werden konnten.
Interessant ist dabei, dass schon in der Antike eine Verlagerung der Argumentation vom Bereich individueller moralischer Verfehlungen hin zu einem kollektiven politischen Versagen zu bemerken ist. In Athen etwa suggeriert die berühmte Beschreibung der Pest durch Thukydides (Historiker aus dem 5./4. Jahrhundert v. Chr.), welche den Höhepunkt athenischer Selbstglorifizierung markiert, dass man die damalige Seuche als eine Strafe für die Hybris der eigenen politischen Handlungen wahrnahm. Die radikaldemokratische Politik und der Ausbau des athenischen Bündnissystems wurden von den Kritikern als skrupellose Maschinerie angesehen, die nur dazu diente, die eigene Macht auf Kosten anderer auszubauen. Und auch in Rom wurde die Antoninische Pest als Strafe der Götter für die römische Plünderung des Apollon-Tempels von Ktesiphon (= Hauptstadt des Partherreichs) angesehen.
Es ist also kaum verwunderlich, dass auch heute inmitten der Coronavirus-Krise allenthalben die Frage nach dem moralisierenden »Warum?« diskutiert wird. Zwar bleibt das Element der unmittelbaren göttlichen Strafe für individuelle sittliche Verfehlungen auf kleinere religiöse Zirkel beschränkt. Zu nennen sind etwa der auch im Westen einflußreiche radikal-muslimische Diskurs vom Coronavirus als der Strafe Allahs für die Sünden der abendländischen »Kreuzfahrernationen« oder die Uiguren-Verfolgungen der chinesischen »Polytheisten«.
Im Westen begegnet man dagegen zunehmend dem Denkmuster, wir hätten es hier mit einer Reaktion der Natur auf die schier groteske Überheblichkeit des modernen Menschen zu tun, der irrigerweise glaubt, die gesamte Schöpfung beherrschen zu können. Die Seuche selbst erscheint dabei als nahezu beliebiger Auslöser einer Krise, die sich bereits seit Jahren, ja Jahrzehnten vorbereitet hat. Folglich wird in politischen Kreisen und in den Leitmedien die Frage nach der »post-Corona-Welt« regelmäßig mit der Forderung einer »neuen Normalität« verknüpft. Diese müsse sich irgendwie durch größeren Respekt für Mitmenschen und Umwelt kennzeichnen. Dieser lobenswerte Vorsatz bedient sich der impliziten psychologischen Verknüpfung zwischen Pandemie und einer (wie auch immer gearteten) kollektiven Verfehlung. Das Narrativ der »Strafe« wird von der Seuche bedient. Es bezeichnend, dass gegenwärtig vor allem der ökologische Diskurs den Platz der vorher religiösen Argumentation übernommen hat.
Die Suche nach dem Sündenbock
Während das Motiv der Seuche als Strafe für die eigene Sünde die Schuld beim Individuum sucht, kann die Verantwortung auch auf andere übertragen werden. Dies hat zur Folge, dass der eigene Lebenswandel nicht in Frage gestellt werden muss. Obendrein birgt dies die Möglichkeit, durch Verfolgung bzw. Austreibung die Seuche selbst zu beseitigen.
Auch diese Denkfigur begleitet die Menschheit seit Jahrtausenden. Erinnert sei an die biblische Tradition, der zufolge am jährlichen Jom Kippur (= dem jüdischen Versöhnungstag) der Hohepriester die kollektiven Sünden Israels öffentlich vor dem Volk bekanntmachte. Dabei wurde ein Ziegenbock unter der Aufsicht eines Priesters in die Wildnis getrieben, wo ihn die Strafe Gottes heimsuchen konnte. Bezeichnenderweise wurden die Tiere später von einer hohen Klippe außerhalb Jerusalems gestürzt, um eine versehentliche Rückkehr in die Stadt auszuschließen. Die nicht nur im Alten Orient weitverbreitete Sitte, die eigene (kollektive oder individuelle) Schuld symbolisch einem anderen Lebewesen aufzulasten, ist eng mit dem Opfergedanken und somit letztlich auch der Selbstopferung Christi verbunden. Während hierbei aber die Übertragung von der eigenen zur Schuld des anderen symbolischer Art blieb, lag in Gesellschaften, welche Seuchen und sonstige Katastrophen vor allem moralisch deuteten, der Reflex nahe, die Schuld auch konkret bei anderen zu vermuten. Hierbei boten sich mehrere Möglichkeiten an.
Zum einen ließen sich ohnehin bereits gesellschaftlich ausgeschlossene bzw. marginale Gruppen als »Schuldige« ausmachen. In der Antike können etwa die Christen als Beispiel angeführt werden, welche nach dem Neronischen Brand Roms der Täterschaft beschuldigt und im Zirkus den wilden Tieren vorgeworfen wurden. Dabei wird im Bericht des Tacitus nur wenig Unterschied zwischen der unmittelbaren Täterschaft und einer mittelbaren Schuld gemacht. Auch die Antoninische Pest darf man möglicherweise mit Christenverfolgungen in Beziehung setzen. Aber am offensichtlichsten wird die Schuldzuweisung an eine Randgruppe bei den mittelalterlichen Pestausbrüchen, welche geradezu routiniert den Juden angelastet wurden und regelmäßig zu grässlichen Pogromen führten.
Auch hier sind die Parallelen zur Gegenwart offensichtlich. In Somalia, Uganda und Burkina Faso wird Berichten von Organisationen wie »Open Doors« zufolge christlichen Minderheiten explizit die Schuld an der Corona-Krise zugeschoben. Gleichzeitig wird dies zum Anlass genommen, die jeweilige Minderheit zu verfolgen. Durchaus vergleichbare Denkstrukturen zeigten sich aber auch in verschiedenen europäischen Ländern, als es zu Aggressionen gegen Chinesen kam, denen die Schuld an der Einschleppung der Pandemie nach Europa gegeben wurde. Ansätze einer »Tribalisierung« der Krisenbewältigung ließen sich ebenfalls nachweisen, als es etwa in Frankreich aus innen- und sicherheitspolitischen Gründen zu der Entscheidung kam, die Durchsetzung der Quarantäneregeln in den »Problemvierteln« der Großstädte nicht in demselben Maße zu prüfen wie anderswo im Land – ein Entschluss, der bis heute für böses Blut sorgt.
Zum anderen konnten Seuchen aber auch einzelnen Individuen angelastet werden, welchen eine unmittelbare persönliche Schuld an der Verbreitung der Krankheit zugeschrieben wurde. So kursierte während der Antoninischen Pest das Gerücht, einzelne Personen bemühten sich, aus der Situation Vorteile zu ziehen, indem sie Menschen heimlich mit kleinen, in Seuchenerreger getunkten Nadeln stachen, um so die Krankheit zu übertragen und von ihrem Tod (in welcher Weise auch immer) zu profitieren. Dass solche Berichte nicht immer ganz aus der Luft gegriffen sein müssen, zeigt etwa ein aus einem völlig anderen Kontext stammender Briefwechsel vom Juni 1763. Demnach hatten die Europäer einer Delegation der Lenni-Lenape-Indianer bewusst zwei Decken und ein Taschentuch aus dem Hospital des belagerten Fort Pitt gegeben, wo die Pocken wüteten.
Auch hier liegen die Parallelen zur Gegenwart und den verschiedensten, überall in Medien und Internet kursierenden Theorien nahe, welche die Schuld am Covid-19-Ausbruch wahlweise amerikanischen, chinesischen, russischen Geheimdiensten oder einflussreichen Persönlichkeiten wie etwa Bill Gates zuschreiben. Alle diejenigen, die in irgendeiner Weise als »Gewinner« der Krise angesehen werden können, werden aufgrund psychologischer Verkürzung auch als Verursacher betrachtet. Damit geht eine oft bedenkliche Personalisierung der Pandemieursachen einher. Damit ist jedoch nicht ausgeschlossen, dass einzelne Staaten, Gruppen oder Individuen bewusst Kapital aus der Krise schlagen können und auch den Verlauf zu beeinflussen trachten.
Der Kampf gegen die Seuche
Neben der Entsühnung der eigenen Sünden und der Ausweisung von Sündenböcken standen aber auch in der Vergangenheit bereits andere, aus einer materialistischen Perspektive »rationellere« Mittel zur Bekämpfung einer Seuche zur Verfügung.
Die Abriegelung des eigenen Herrschaftsgebietes war eine erste, logische Maßnahme, um Kontakt mit von der Krankheit betroffenen Territorien zu verhindern. Diese altbewährte Taktik wurde beispielsweise bereits von Marc Aurel angewandt, der versuchte, Italien während der Antoninischen Pest abzuriegeln. Und auch König Kasimir III. (1310–1370) verordnete vor dem Hintergrund des »Schwarzen Todes« die Grenzschließung Polens: Seiner Maßnahme verdankte das Land, weitgehend unbeschadet der Pest entgangen zu sein. Wahrscheinlich erklärt diese historische Erfahrung die schnelle und harte polnische Grenzschließung im Jahre 2020. Und in der Tat scheint auch diese Maßnahme von ähnlichem Erfolg gekrönt zu sein, denn in Polen sind die Zahlen von Covid-19-Erkrankungen (bislang) auffällig niedrig.
Neben der Isolierung der Krankheit durch Schließung der Grenzen wurde in der Vergangenheit gleichzeitig oft auch eine Isolierung der Kranken selbst veranlasst. Diese wurden in eigens errichtete Krankenhäuser oder Quarantäneanlagen gesperrt Man denke etwa an den Tempel des Heilgottes Aesculap auf der Tiberinsel in Rom mit angeschlossener medizinischer Anlage oder an die unter Marc Aurel belegten Quarantäne-Lager mit ausgedehnten Thermalbereichen für die von der Antoninischen Pest befallenen Truppen. Diese Anlagen wurden aus Anlass einer grassierenden Seuche errichtet und stellen offensichtliche Vorläufer der in Wuhan wie auch anderswo eigens errichteten Coronavirus-Krankenhäuser dar.
Seuchen stellten aber auch seit jeher ein großes Risiko für das jeweilige Wirtschaftsleben dar. Versuche der Wirtschaftssteuerung im Kontext von Katastrophen findet man etwa, als nach dem Ausbruch des Vesuvs 79 n. Chr. ein Stadtbrand und schließlich eine schwere Seuche ausbrach. Titus, der damals regierende Kaiser, reagierte in dieser Situation überaus offensiv und entschied, dass das Vermögen der beim Ausbruch des Vesuvs ohne Erben Umgekommenen zur Wiederherstellung der heimgesuchten Städte eingezogen werden sollte, verkaufte nach dem Brand von Rom eigenes Gut, um öffentliche Gebäude wiederherzustellen und »ließ kein Mittel der Religion und Arzneiwissenschaft unversucht, indem er alle Arten von Sühneopfern und Heilmitteln anwandte«, wie Sueton (Historiker 2. Jahrhundert n. Chr.) schrieb.
Nachdem die Antoninische Pest den damals schwunghaften Handel mit dem Süden Indiens fast ganz zum Erliegen gebracht hatte und die eben aufgenommenen Beziehungen zum chinesischen Reich zu einem vorzeitigen Ende gekommen waren, brach eine schwere Wirtschaftskrise im Römischen Reich an, von deren Folgen es sich nie mehr ganz erholen sollte. Kurze Zeit später, 250–271 n. Chr., brach die Seuche in Gestalt der Cyprianischen Pest nämlich erneut aus. Dabei lassen sich klare Interdependenzen zwischen den Pestepidemien, hieraus folgenden Inflationen, der Verringerung des Silbergehalts in der römischen Münzprägung zur Deckung der gestiegenen Kosten und schließlich der Hortung höherwertiger älterer Prägungen durch die Bürger beobachten. Vor dem Hintergrund dieses Teufelskreises vermochte das römische Reich dem gleichzeitig stetig steigenden Druck auf die Außengrenzen nur durch zwangsstaatliche Maßnahmen zu begegnen. Im Jahr 301 n. Chr. erließ Kaiser Diokletian ein Höchstpreisdikt, welches die damals grassierende Inflation zu bremsen suchte, indem für jedes Produkt ein Höchstpreis festgelegt wurde. Diese und ähnliche Maßnahmen trachteten die bis dato freie durch eine zunehmend staatsgesteuerte Wirtschaft abzulösen.
Auch hier lassen sich zumindest formal kaum Unterschiede zur Bandbreite der gegenwärtigen Maßnahmen erkennen: Sondersteuern, Zusammenbruch von internationalen Lieferketten, Inflation, direkte und indirekte Geldschöpfung, künstliche Preisfixierung, der Versuch, private Großzügigkeit öffentlichkeitswirksam zu inszenieren – blickt man in die Geschichte, findet sich wenig Neues unter der Sonne.
Die Konsequenzen
Inwieweit lassen sich nun aus den oben beschriebenen Parallelen »Lehren« für die Gegenwart ziehen? Es ist sicherlich noch zu früh, langfristige Prognosen wagen zu können, zumal die Schwere der Covid-19-Seuche doch kaum mit derjenigen der oben aufgezählten Beispiele verglichen werden kann. Trotzdem wollen wir, gestützt auf historische Vorbilder, einige allgemeine Überlegungen wagen.
Im Bereich der Wirtschaft ist es vor allem der Umgang des Römischen Reichs mit den Kollateralschäden der Pest, welcher interessante Perspektiven eröffnet. So erinnert die Interaktion zwischen Seuche, Wirtschaftskrise und Staatsinterventionismus an aktuelle Bemühungen. Dabei zeigt sich, dass »Ausnahmegesetze« seit jeher die Gefahr bergen, sich zu dauerhaften Zuständen zu verfestigen. So dauern »vorübergehend« eingesetzte Maßnahmen zur Bekämpfung der Eurokrise ab 2010 (etwa Bankenrettung, Geldschöpfung und Niedrig- bzw. gar Negativzinsen) bis heute an. Daran ist zu erkennen, dass zwar die akuten Symptome, nicht aber die eigentlichen Ursachen der Krise bekämpft wurden. Daher ist die europäische Wirtschaft gefährdeter denn je, da sie den Kampf mit der anstehenden Corona-Krise in bereits angeschlagenem Zustand aufnimmt.
Die durch die monatelange Quarantäne der gesamten europäischen Bevölkerung anfallenden wirtschaftlichen Verluste sollen nunmehr durch weitere Aufnahme von Schulden ausgeglichen werden – genauso, wie im römischen Reich durch die Verschlechterung der Münzen. Und wie damals wird die Rückzahlung der Schulden direkt oder indirekt vergesellschaftet – sei es durch höhere Steuern, sei es durch niedrigere Zinsen, sei es durch Preissteigerungen. Und wie in der Antike wird ein Höchstpreisedikt kaum helfen, da es sich durch Schwarzmarkt, Edelmetallhortung und andere Tausch- und Wertbewahrungssysteme umgehen lässt.
Allerdings dürften zwangsstaatliche Maßnahmen mittelfristig massive politische Folgen haben, da davon auszugehen ist, dass das Vertrauen der Bevölkerung in ihre politische Elite in dem Maße sinkt, wie offenbar wird, dass die Bewältigung der Krise größtenteils auf den Rücken der Mittelschicht abgewälzt wurde, wobei die Maßnahmen gleichzeitig einen zunehmenden Verlust der persönlichen Freiheiten nach sich ziehen. Als Folge dürfte die Attraktivität populistischer Versprechungen in den nächsten Monaten und Jahren noch steigen – und damit wird auch der innere Zusammenhalt einer ohnehin polarisierten Gesellschaft weiter geschwächt werden.
Doch auch die psychologischen Auswirkungen der Krise wird man nicht vernachlässigen dürfen. Schon in den historischen Gesellschaften sieht man hier eine doppelte Entwicklung. Zum einen bewirkt das Gefühl der hilflosen Auslieferung an das Schicksal eine gewisse Enthemmung, welche etwa aus den von der Pest betroffenen Gesellschaften des Mittelalters gut überliefert ist. Wer den Eindruck hat, nichts mehr zu verlieren zu haben, schert sich nicht um soziale Konventionen und begeht Handlungen, welche für die Kohäsion einer Gesellschaft fatal sind. »Coronaparties« sind möglicherweise nur erste Symptome einer solchen Enthemmung, die sich in den nächsten Jahren durchaus auch auf andere Felder (etwa Politik) übertragen könnten.
Zum anderen finden wir auch die entgegengesetzte Entwicklung. Denn die Erfahrung von Tod und Krankheit kann auch den Wunsch zu Umkehr, Buße und strenger Sittlichkeit zur Folge haben. Dies lehrt uns die mittelalterliche Bewegung der Flagellanten (= Geißler). Diese Umkehrbewegung bezog ihre Kraft aus dem offensichtlichen Versagen der etablierten Institutionen – allen voran der Kirche. Von ihr profitierten eher die »alternativen« geistigen Bewegungen, wie die zahlreichen spätmittelalterlichen reformatorischen Gruppen. Auch heute könnte das Verhalten der Kirche in der Krise zu einer Radikalisierung der Positionen und Abspaltungen mit nachhaltigen Folgen führen.
Auch im Bereich technischer Transformation kann sich die Krise niederschlagen. Im Mittelalter führte etwa der enorme demographische Aderlass zur Motivation, fehlende menschliche Arbeitskraft durch technische Hilfsmittel zu ersetzen. Zu nennen sind nicht nur die vermehrte Anwendung von Wasser- und Windmühlen, sondern auch die Entwicklung des Buchdrucks als Ersatz für die fehlenden Kopisten. Zwar sind die demographischen Verluste im modernen Europa nicht ansatzweise mit denen der »Schwarzen Pest« vergleichbar, doch indirekt zeigt sich jetzt schon, dass die Covid-19-Pandemie mit den daraus resultierenden Kontaktbeschränkungen einen wahren Dammbruch im Bereich der Digitalisierung und Robotisierung darstellt. Die monatelangen, quarantänebedingten Kontaktbeschränkungen haben zur systematischen Anwendung von Technologien geführt, die schon vor der Krise vorhanden waren. Dabei stehen wir sicherlich erst am Anfang einer Entwicklung, welche nicht nur Arbeitstechniken betrifft, sondern auch bedenklichere Bereiche wie die digitale Überwachungstechnik, die sich aus dem Wunsch eines besseren »Tracing« der Menschen und ihrer Kontakte mit potentiell vom Virus betroffenen Mitbürgern ergeben könnten. Dies könnte gerade für die Verfechter des Transhumanismus mit ihrer positiven Haltung gegenüber einer »Verbesserung« des Menschen ein willkommenes Einfallstor bieten, etwa durch eine Banalisierung hochproblematischer Techniken wie Chipimplantate oder Nanopartikelimpfung.
Ursachen, Verlauf und Konsequenzen der Covid-19-Krise stellen also aus der Perspektive der historischen Komparatistik keine wirkliche Ausnahme in der Weltgeschichte dar, sondern weisen vielmehr zahlreiche Züge auf, die wir auch aus anderen Zeiten und Zivilisationen kennen. Ob sich die bekannten Muster und Reflexe mittel- oder langfristig positiv oder negativ auf die betroffenen Gebiete auswirken werden, muss die Zukunft zeigen. Schon jetzt aber lässt sich sagen, dass das wichtigste Alleinstellungsmerkmal der Coronavirus-Pandemie im welthistorischen Vergleich mit so desaströsen Seuchen wie der Antoninischen Pest, dem »Schwarzen Tod« oder der Spanischen Grippe sicherlich darin liegt, dass es bislang wohl kaum eine Seuche gegeben hat, deren kurzfristig zu erwartenden, überaus bedenklichen Auswirkungen in einem solchen Missverhältnis zu ihrem (bislang) insgesamt doch recht beschränkten Ausmaß gestanden haben.
Literatur
WHO World Health Organization (online 2020): WHO Coronavirus Disease (COVID-19) Dashboard: Data Last Updated July 26th, 2020: https://covid19.who.int/ (Zugriff am 26.07.2020).
Corona: Medizinische, epidemiologische und Public-health-Aspekte
Timo Ulrichs
Die Coronapandemie ist ein Ereignis, das von vielen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, die sich mit globaler Gesundheit beschäftigen, stets befürchtet wurde: eine Pandemie, ausgelöst durch einen zuvor weitgehend unbekannten Erreger, gegen den keinerlei Immunität in der Weltbevölkerung vorhanden ist. »The big one« wurde allerdings immer aus der Ecke der Influenzaviren befürchtet, denn immerhin gab es im 20. Jahrhundert bereits drei größere durch Influenzaviren ausgelöste Pandemien, die Spanische Grippe 1918/19, die Asiatische Grippe 1957 und die Hongkong-Grippe 1968 (Spinney 2020; vgl. den Beitrag von David Engels). Als sich ein neues Influenzavirus 2009 im mexikanisch-US-amerikanischen Grenzgebiet ausbreitete und auch noch über dieselben Oberflächenantigene verfügte wie weiland das Virus der Spanischen Grippe, wurde dies bereits als eine neue große Grippepandemie angesehen. Diese »Neue Influenza H1N1« oder schlicht »Schweinegrippe« genannte Pandemie verlief allerdings sehr milde und hatte sogar eine geringere Letalität als eine durchschnittliche saisonale Influenza in Europa. Die Maßnahmen in Erwartung einer schlimmen Pandemie wurden damals ergriffen, immer auf der Basis der jeweils verfügbaren Daten, und am Ende erwiesen sich viele dieser Maßnahmen als Überreaktion, und Deutschland musste Jahre später die angeschafften Impfstoffdosen gegen die Schweinegrippe vernichten lassen, weil sie 2009/10 nicht benötigt wurden. Der Ausgang der Schweinegrippe war glücklich und hat uns mit dem trügerischen Sicherheitsgefühl zurückgelassen, gegen weitere Ereignisse dieser Art gut vorbereitet zu sein. Ein Pandemieszenario mit einer detaillierten Risikoanalyse im Bevölkerungsschutz und mit der Annahme eines SARS-ähnlichen Coronavirus aus den Jahren 2012/13 wurde im Nachgang zur Schweinegrippe erstellt und dem Deutschen Bundestag vorgelegt, dort aber lediglich zur Kenntnis genommen (Drucksache 17/12051 des Deutschen Bundestags vom 03.01.2013). Heute wissen wir, dass viele Vorschläge aus dem Pandemieszenario hilfreich gewesen wären, um bereits in der Anfangsphase bei der Bekämpfung des Virus effektiver zu sein.
Auch in der Coronapandemie ist die Datenlage in den verschiedenen Phasen der Virusausbreitung eher dünn, und viele Entscheidungen mussten und müssen getroffen werden ohne genaue Kenntnis der Zusammenhänge und v. a. ohne Möglichkeit, die weitere Entwicklung abschätzen zu können. Im folgenden Kapitel werden die vorliegenden Erkenntnisse zu SARS-CoV2 und der Erkrankung Covid-19 zusammengestellt und aus medizinischer, gesundheitswissenschaftlicher und epidemiologischer Sicht beurteilt. Es kann sehr gut sein, dass diese Beurteilung in der Zeit nach der Pandemie revidiert werden muss, sie basiert auf der gegenwärtig verfügbaren Faktenlage mitten in der Pandemie (Mai 2020). Es handelt sich bei dieser Zusammenstellung also um eine Einschätzung der Coronapandemie mitten in derselben für die Zeit danach.
Woher kommt das neue Coronavirus eigentlich?
Um die Dynamik der Virusausbreitung und des Pandemiegeschehens insgesamt richtig einschätzen zu können, sind neben aktuellen epidemiologischen Zahlen auch Erkenntnisse über den Ursprung des neuen Coronavirus’ wichtig. Dazu gibt es verschiedene Theorien. Ein Lebendtiermarkt im chinesischen Wuhan wurde in der Anfangsphase der Pandemie verdächtigt, Ort der ersten Übertragung vom Tier auf den Menschen gewesen zu sein und danach von Mensch zu Mensch. Ein enger räumlicher Kontakt zwischen Wildtieren und Menschen kann in der Tat einen Übergang von bisher unbekannten Erregern auf den Menschen (sogenannte Zoonosen) befördern. Genetische Analysen der Virusisolate aus chinesischen Covid-19-Patienten ergaben jedoch, dass der Ort eines solchen zoonotischen Übergangs in chinesischen Nachbarprovinzen, in denen Zibetkatzen und Marderhunde gezüchtet werden, anzunehmen ist. Auch hier besteht ein enger räumlicher Kontakt, der ein Überspringen von Erregern begünstigt (Xia 2020). Weil die ersten Berichte über Covid-19 jedoch aus Wuhan kamen, und sich dort auch ein virologisches Forschungslabor befindet, in dem Coronaviren aus dem Tierreservoir, besonders von Fledermäusen, untersucht werden, kam schon bald der Verdacht auf, das neue Coronavirus sei durch einen Unfall oder gar absichtlich aus diesem Labor freigesetzt worden. Die Untersuchungen des Genoms des neuen Coronavirus SARS-CoV2 ergeben jedoch keinen Anhalt für eine molekularbiologische Manipulation, und es ist auch angesichts der Virusausbreitung und der Sicherheitsstandards in virologischen Forschungslaboren nicht logisch anzunehmen, chinesische Wissenschaftler oder Politiker wären am Ursprung dieser Ausbreitung ursächlich beteiligt gewesen, absichtlich oder unabsichtlich.
Höchstwahrscheinlich ist hingegen ein Übergang vom Tier auf den Menschen und eine rasche Ausbreitung in der menschlichen Population, weil in dieser bisher keinerlei Immunität vorlag. Diese Übergänge bisher unbekannter Erreger bzw. ihre massive Ausbreitung im Menschen traten in den letzten Jahren häufiger auf, und es ist naheliegend anzunehmen, dass die Zerstörung der Lebensräume derjenigen Tiere ursächlich dafür ist, die bisher den Erregern als Reservoir dienten. Ein gutes Beispiel dafür ist das Auftreten des Ebolavirus’ in Westafrika in den Jahren 2014 bis 2016. Bis dahin gab es immer wieder Ausbrüche dieses Virus im Inneren des Kongo. Das verursachte hämorrhagische Fieber hat eine hohe Letalität, und meistens hat sich der regionale Ebolaausbruch selbst ausgelöscht, indem alle Infizierten und Erkrankten schnell verstorben waren und das Virus nicht weitertragen konnten. Umso mehr war die WHO überrascht, als Ebola in Westafrika auftrat und sich in der Grenzregion von Guinea, Sierra Leone und Liberia rasch ausbreiten konnte. Wie wir heute wissen, wurde die dem Ebolavirus als Reservoir dienende Fruchtfledermaus durch Bergbau und Industrieansiedlung in Regenwaldgebieten des Kongo von dort vertrieben und ist nach Nordwesten ausgewichen. Nur mit Mühe und unter Einsatz vieler Ressourcen und internationaler Kooperation gelang es 2016, den Ebolaausbruch einzudämmen. Es ist anzunehmen, dass außer Ebola und SARS-CoV2 noch viel mehr Erreger im Tierreservoir vorhanden sind, die sich pandemieartig ausbreiten könnten (Han 2015), und eine Lehre aus Ebolaausbruch und Coronapandemie sollte sein,
a) Zoonosen besser zu untersuchen und präventive Strategien zu entwickeln, einen Übergang dieser Erreger auf den Menschen zu verhindern oder zu minimieren (Onehealth-Ansatz), sowie
b) die Lebensräume von Wildtieren zu erhalten bzw. zu schonen.
Darmowy fragment się skończył.