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Camerarius Polyhistor
Wissensvermittlung im deutschen Humanismus
Thomas Baier
Narr Francke Attempto Verlag Tübingen
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© 2017 • Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KG
Dischingerweg 5 • D-72070 Tübingen
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E-Book-Produktion: pagina GmbH, Tübingen
ePub-ISBN 978-3-8233-0037-3
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Inhalt
Vorwort
Opera Camerarii. Eine semantische Datenbank zu den gedruckten Werken von Joachim Camerarius d.Ä. (1500–1574)Die Ausgangslage: Stand der Forschung und ErschließungDas Projekt „Opera Camerarii“LiteraturverzeichnisPrimärliteraturSekundärliteratur
Camerarius als PädagogeDie Capita pietatis et religionis Christianae versibus Graecis comprehensa ad institutionem puerilem des Joachim Camerarius (1545) und ihre kürzere Erstfassung in Melanchthons Institutio puerilis literarum Graecarum (1525)Die Capita sacrosanctae fidei, ihr Verhältnis zu den CPERC und die AutorenfrageOrt und ZeitPublikationszusammenhang und zweisprachige AusgabeGliederungProömSprache in den CPERCIntertextualität in der CPERCAspekte literarischer GestaltungZur konfessionellen Prägung der CPERCMögliche Verwendung der CPERC im UnterrichtAnhangLiteraturverzeichnisForming an Oratio de studio bonarum literarum atque artium: Joachim Camerarius’ Conspicuous Chapter in the History of European Classical ScholarshipBibliographyDas Bildungsprogramm des CamerariusEinleitungSimon GrynaeusCamerarius’ humanistisches ProgrammCamerarius als ÜbersetzerDe imitationeDas MedizinglossarCamerarius und PlatonLiteraturverzeichnisDer Libellus gnomologicus des Joachim Camerarius (1569): Bemerkungen zur Entstehungs- und Textgeschichte sowie zur pädagogischen IntentionEinleitungBeschreibung des WerkesDer Buchdrucker Ernst VögelinDie Entstehungsgeschichte des Libellus gnomologicusInhalt des Libellus gnomologicusDer Widmungsempfänger Georg Mehl von Strehlitz und die Respublica litterariaPalladius und sein Werk über die BrahmanenCamerarius’ Libellus gnomologicus: mögliche Intention(en)Zusammenfassung und AusblickAnhangLiteraturverzeichnis
Camerarius als Gräzist und ÜbersetzerJoachim Camerarius als Defensor Herodoti: Die Widerlegung Plutarchs und der Zweck der GeschichteI. Herodots Ruf vor Camerarius’ WirkenII. Camerarius und HerodotIII. Camerarius’ Verteidigung von Herodots FrömmigkeitIV. SchlussbetrachtungLiteraturverzeichnisCamerarius and SophoclesTexts under considerationCamerarius as an under-appreciated scholarQuotations, or sententiaeAristotle & CamerariusAristotelian moral characterConclusionBibliographyJoachim Camerarius and Xenophon’s CyropaediaDating Camerarius’ work on the CyropaediaCamerarius’ reputation as an expert on XenophonRevisions to the original translation and commentaryCamerarius’ influence on school curriculaConclusionBibliographyJoachim Camerarius e la traduzione latina del Περὶ ἱππικῆς (De re equestri) di Senofonte (1539)1. Camerarius e l’ippologia2. Delectamur equis, et suave vehi esse putamus: la passione di Camerarius per i cavalli3. Il De re equestri: alcuni esempi di traduzioneBibliografia
Camerarius und DivinationDe ostentis. Zur Verhandlung von Vorzeichen in den Werken des Joachim CamerariusAnhangLiteraturverzeichnisCamerarius’ griechische Dichtung zur Sonnenfinsternis von 1539. Edition, Übersetzung, sprachlicher KommentarTextÜbersetzungSimilienAnmerkungenDruckeHilfsmittelModerne EditionenDe generibus divinationum Camerarius und der zeitgenössische Diskurs über die Formen der MantikI. Der Widmungsbrief an Heinrich Rantzau (Bl. A2r–B4r)II. Aufbau der Schrift und programmatische AussagenIII. Inhalt des Commentarius, Einteilung der Genera und Vergleich mit dem Kommentar PeucersIII. 1. Die Einteilung der Klassen der Divination bei Cicero und PeucerIII. 2. Definition und Unterteilung der Divination bei CamerariusFazitAnhang: Joachim Camerarius an Heinrich Rantzau, 11.5.1572 (Schleswig, LASH, Abt. 127.21, Ms. 293, S. 45–47, Original mit eigenhändiger Unterschrift; in gekürzter Form abgedruckt in Camerarius 1583, 111–113)Literaturverzeichnis
BriefeImagines amicorum Die Briefausgaben des Joachim Camerarius als literarisch gestaltete WerkeIIIIIIAusblickLiteraturverzeichnisMelanchthons Briefe an Joachim Camerarius – eine Relektüre im Horizont ihrer NeueditionI. Camerarius’ Edition von 1569 und die beiden Chigi-Kodizes J VIII 293 und 294II. Redaktionelle Eingriffe: ein Traumbild, Chiromantie und ein unliebsamer SchwiegersohnLiteraturverzeichnis
Camerarius und das FremdeCamerarius und die TürkenfrageOratio senatoria (1542)De clade accepta (1541)LiteraturverzeichnisJoachim Camerarius on Witches, Witchcraft, and Criminal Responsibility, Or, How to Philologize with a Witches’ Hammer1. Late one restless night…2. The freakout3. Adrianus Albinus4. Pandemonium in Perleberg5. Witches in Camerarius’ Neck of the Woods6. New Worlds, Near and Far: Pico’s Strix (1523)7. Should we demonize Camerarius? Some modern parallels8. AppendixBibliography
Sachregister
Vorwort
Joachim Camerarius d.Ä. ist bei Klassischen Philologen vor allem als PlautusPlautus-Herausgeber und als SophoklesSophokles-Kommentator bekannt und geschätzt. Doch war Camerarius nicht nur Philologe, sondern er, der das Wissen seiner Zeit überblickte, verstand sich einerseits als Vermittler von Bekanntem, andererseits als Anreger und Ermunterer, die Quellen der antiken Überlieferung nach Unbekanntem zu durchsuchen und im damals neuen Medium des Drucks zu erschließen. Der vorliegende Sammelband gibt davon einen Eindruck. Die meisten Aufsätze sind erweiterte Fassungen von Vorträgen, die anlässlich des 17. Symposiums der Reihe NeoLatina an der Universität Würzburg gehalten wurden (2.–4. Juli 2015). Das Colloquium gab den Anstoß zu einem größeren Projekt, mit dem das Ziel verfolgt wird, das Gesamtwerk des Camerarius bibliographisch und in groben Zügen inhaltlich zu erfassen. Der erste Beitrag enthält eine kurze Projektskizze der im Entstehen begriffenen Werkbibliographie. Die übrigen Studien widmen sich der Frage der Wissensvermittlung im deutschen Humanismus. Camerarius ist ein Polyhistor, der auf allen Wissensgebieten seiner Zeit tätig war. Er gab griechische und lateinische Autoren heraus und kommentierte sie, er verfasste eigene Dichtungen, er publizierte fakultätsübergreifend auf den Gebieten der Philosophie, der Theologie und der Medizin. Sein Werk enthält Schriften zur Historiographie und Biographie, zu Mathematik und Astronomie/Astrologie, zu Prodigien und Mantik. Camerarius legte umfangreiche Arbeiten zu Rhetorik, Grammatik und Lexikographie vor und fertigte eine lateinische Übersetzung der kunsttheoretischen Schriften des von ihm hochgeschätzten Albrecht DürerDürer, Albrecht an. Schließlich hat er ein gewaltiges Briefcorpus hinterlassen. Nicht zuletzt dieses erweist ihn, modern gesprochen, als einen ‚Netzwerker‘ und ‚Wissenschaftsmanager‘. Mit den hier vorgelegten Studien wird eine Schneise in das breite Œuvre des Humanisten geschlagen und der Versuch unternommen, sein wissenschaftliches Antlitz abzubilden. Das Zeitalter der Digitalisierung hat den Zugang zu den gedruckten Werken des 16. Jahrhunderts erleichtert. Es ist nunmehr an der Zeit, diesen immensen Fundus für die Frühneuzeitforschung weiter nutzbar zu machen.
Das Würzburger Symposion wurde durch die großzügige Unterstützung der Fritz Thyssen-Stiftung für Wissenschaftsförderung ermöglicht. Die Stiftung Pegasus Limited, St. Gallen, hat einen namhaften Druckkostenzuschuss gewährt. Beiden Förderinstitutionen schuldet der Herausgeber größten Dank.
Die Herstellung der Druckvorlage hat Dr. Tobias Dänzer übernommen. Ihm sei an dieser Stelle für seine Sorgfalt gedankt. Dank gebührt schließlich dem Narr Francke Attempto-Verlag und seinem Lektor Tillmann Bub, der die Reihe in bewährter Manier betreut.
Würzburg, im September 2017 Thomas Baier
Opera Camerarii. Eine semantische Datenbank zu den gedruckten Werken von Joachim Camerarius d.Ä. (1500–1574)
Thomas Baier, Marion Gindhart, Joachim Hamm, Sabine Schlegelmilch, Ulrich Schlegelmilch (Würzburg)
Joachim Camerarius d.Ä. gilt als „einer der vielseitigsten und einflußreichsten Gelehrten des deutschen Protestantismus des 16. Jahrhunderts“, der seinem Freund Philipp MelanchthonMelanchthon, Philipp mit allem Recht an die Seite gestellt werden kann.1 Seinem außerordentlich umfangreichen und breiten Œuvre widmet sich das Projekt „Opera Camerarii“, das am 1.1.2017 an der Universität Würzburg die Arbeit aufgenommen hat und von der Deutschen Forschungsgemeinschaft für drei Jahre gefördert wird. Die beteiligten Wissenschaftler aus der Klassischen Philologie, Germanistik und Frühneuzeitforschung, der Medizingeschichte und den Digital Humanities2 werden die gedruckten Werke des Camerarius sichten und in einer semantischen Datenbank erschließen. Ziel ist dabei nicht nur, diese Werke erstmals vollständig zu verzeichnen und zu erfassen, sondern vielmehr auch, die diversen Konstellationen und Denkräume zu eruieren, die ein solches Gesamtwerk ermöglicht haben. Mit Hilfe einer differenzierten Datenbankstruktur und der Vergabe definierter Attribute lassen sich die Entstehungs- und Wirkungskontexte, in denen die Opera Camerarii zu verorten sind, abbilden und für weitere konstellationsanalytische Forschungen nutzen.
Die Ausgangslage: Stand der Forschung und Erschließung
Ungeachtet seiner Wertschätzung als „hervorragendster deutscher Philologe des 16. Jahrhunderts“ nach ErasmusErasmus von Rotterdam, Desiderius von Rotterdam1Stählin, Friedrich hat Joachim Camerarius d.Ä. in der Forschung nicht die entsprechende Aufmerksamkeit gefunden. Eine aus den Quellen gearbeitete Gesamtdarstellung seiner Vita, die über die Leichenrede seines Leipziger Kollegen FreyhubFreyhub, Andreas (1574) und über die neueren (Kurz)biographien2 hinausginge, fehlt bis heute.3 Ähnlich lückenhaft ist der Forschungsstand zu seinem Œuvre, das sich auf über 880 Drucke (bis zum Jahr 1700, mit Neuausgaben) in lateinischer bzw. griechischer Sprache verteilt und durch seine Vielfalt beeindruckt: Camerarius besorgte Editionen und Kommentierungen vor allem antiker Autoren, er übersetzte aus dem Griechischen und Deutschen ins Lateinische, er schrieb Lehrbücher für den Sprach- und Rhetorikunterricht sowie pädagogische Abhandlungen, verfasste ein breites Spektrum an griechischen und lateinischen Dichtungen und ist Autor naturkundlicher, theologischer (insbesondere katechetischer), (kirchen-)historischer und biographischer Schriften. Als Beiträger ist er an zahlreichen Publikationen Dritter beteiligt, zudem ist von ihm ein großes, nur teilweise gedrucktes Briefcorpus erhalten.
Obwohl die Forschung seit jeher die Bedeutung des Camerarius als Philologe, als Polyhistor sowie als Schul- und Universitätsreformer4 erkannt hat, setzt sie sich mit seinem Gesamtwerk bisher nur selektiv auseinander.5 So liegen zu seiner Tätigkeit als Herausgeber, Kommentator und Übersetzer mehrere Einzelstudien, aber keine umfassende Darstellung vor: Beachtung gefunden haben u.a. die PlautusPlautus-Editionen,6 seine DürerDürer, Albrecht-Schriften und -Übersetzungen7 oder der SophoklesSophokles-Kommentar,8 daneben auch die vielfach aufgelegte Sammlung der Fabulae AesopAesopicae,9 die Interpretationen zu HomerHomer,10 die lexikalisch-terminologischen Hilfsmittel11 oder die Lehrbücher zur griechischen und lateinischen Sprache12. Aus der Vielzahl an Dichtungen hat das kleine Corpus der Eklogen eine überproportionale Aufmerksamkeit erfahren.13 Von weiteren Einzelstudien (etwa zu den NoricaCamerarius d.Ä., JoachimNorica sive de ostentis)14 abgesehen, ist der Großteil der Werke kaum ansatzweise untersucht. Ein Gesamtprofil zeichnet sich nur umrisshaft ab.
Vor diesem Horizont hat die neuere Forschung versucht, das unwegsame Terrain zu vermessen und Wege zu seiner Erschließung aufzuzeigen. Nach der Pionierarbeit von Frank Baron, dessen Sammelband wesentliche Impulse setzte,15 haben Rainer Kößling und Günther Wartenberg mit der Leipziger Tagung im Jubiläumsjahr 2000 die aktuelle Forschung gebündelt und neue Perspektiven eröffnet.16 Jüngste Publikationen gelten der Stellung des Camerarius in der Leipziger Universitätsgeschichte;17 neuere Lexikonartikel fassen den Forschungsstand zusammen und benennen Desiderate.18 Den Blick auf Camerarius’ Werkvielfalt jenseits der bekannten ‚Meilensteine‘ richtete schließlich die Würzburger Tagung „Camerarius Polyhistor“, welche 2015 die internationale Camerarius-Forschung zusammengeführt hat.
Trotz dieser intensivierten Bemühungen steht die Forschung weiterhin vor pragmatischen Schwierigkeiten: Sie sieht sich mit einem außergewöhnlich umfänglichen, thematisch vielfältigen und sprachlich nicht leicht zugänglichen Œuvre konfrontiert, und es mangelt an grundlegenden heuristischen Vorarbeiten.
Die editorische Erschließung der Camerarius-Schriften ist rudimentär. Neben einzelnen Faksimilia19 und Teilveröffentlichungen20 liegen neuere Ausgaben lediglich zu den drei großen Biographien,21 zu den Eklogen,22 zur Geschichte der Böhmischen Brüder23 und zu einem kleinen Teil des Briefwechsels24 vor. Zumindest sind dank der jüngsten Digitalisierungsprojekte inzwischen gut 90 % der relevanten Drucke als Scans verfügbar. Am schwersten aber wiegt, dass bis heute kein vollständiges Schriftenverzeichnis von Joachim Camerarius existiert, obwohl man sich schon früh um ein solches bemüht hat.25 Auf der Grundlage eines avitorum scriptorum catalogus aus dem Besitz der Camerarii hatte Georg SummerSummer, Georg 1646 eine chronologische Übersicht über die Werke des Joachim Camerarius publiziert.26Summer, Georg Sie wurde von Johann Albert FabriciusFabricius, Johann Albert für die Bibliotheca Graeca ausgewertet, korrigiert und ergänzt,27 und dieses Verzeichnis wurde seinerseits durch August Wilhelm ErnestiErnesti, August Wilhelm (Leipzig 1782/86) fortgeführt.28Ernesti, August Wilhelm Im 20. Jahrhundert kamen mit dem Index Aureliensis und Frank Barons Liste der Erstdrucke zwei Schriftenverzeichnisse hinzu.29 Gegenüber diesen Aufstellungen, die v.a. bibliographische Daten aus zweiter Hand kompilieren, bietet das alphabetische Corpus der Camerarius-Drucke im VD16 einen breiteren Überblick,30 ist aber ebenfalls weder fehlerfrei noch vollständig.
Demgegenüber übertreffen die Online-Versionen von VD16 und VD17 (http://www.vd16.de und http://www.vd17.de) alle vorgängigen Bibliographien an Umfang. Aktuell sind dort insgesamt 863 Drucke verzeichnet, an denen Joachim Camerarius d.Ä. als Verfasser, Beiträger oder Bearbeiter beteiligt war. Allerdings beschränken sich VD16/17 auf Drucke aus dem deutschen Sprachbereich und verweisen nur auf Digitalisate deutschsprachiger Bibliotheken. Es wird zwar die Art von Camerarius’ Beteiligung an den Drucken genannt, aber nicht, worin seine Beiträgerschaft genau besteht. Wie viele und welche Werke Camerarius verfasst hat, lässt sich bisher also nur annäherungsweise feststellen.
Das Projekt „Opera Camerarii“
Hier setzt das Projekt „Opera Camerarii“ an: Es hat zum Ziel, ein datenbankgestütztes, vollständiges Verzeichnis von Camerarius’ Werken zu liefern, das die Drucküberlieferung bis ins 17. Jahrhundert berücksichtigt. Die Drucke und die in ihnen enthaltenen Opera Camerarii werden als Datensätze bibliographisch und prosopographisch erfasst. Die Werke erhalten eine inhaltliche Kurzbeschreibung (mit Verschlagwortung), die auch Aspekte ihrer Entstehung, ihrer Funktion und Wirkung berücksichtigt. Zu den Werken zählen dabei alle von Camerarius verfassten (auch unselbständig überlieferten) Texte, einschließlich der von ihm verantworteten Kommentare, Übersetzungen und Editionen, die durch ihre paratextuelle Ausstattung Werkcharakter gewinnen. Auch der Briefwechsel gehört dazu. Er stellt mit über 3000 Exemplaren eine der größten Humanistenkorrespondenzen im deutschsprachigen Raum dar und gewährt umfängliche Einblicke in gelehrte Netzwerke des 16. Jahrhunderts.1 Das bisher nur punktuell analysierte Corpus2 liegt zum einen in insgesamt sieben teils posthum gedruckten Sammelausgaben vor, deren Auswahl Camerarius selbst oder seine Nachfahren vorgenommen haben.3 Zum anderen existieren handschriftliche Briefbestände, insbesondere in der Collectio Camerariana (UB Erlangen, Sammlung Trew; BSB München), die sich teilweise mit den gedruckten Sammlungen überschneiden, deren Zahl aber weit über diese hinausgeht. Ihre Erschließung würde eine eigene hochkomplexe Forschungsaufgabe darstellen.4 Daher konzentriert sich das Projekt „Opera Camerarii“ zunächst auf die im Druck publizierten rund 1500 Briefe zuzüglich der in den anderen Teilen des Œuvres paratextuell überlieferten Widmungsbriefe. Die Briefe enthalten zum einen Informationen zur Genese und Rezeption von Werken des Camerarius;5 zum anderen sind sie für das self-fashioning humanistischer Persönlichkeiten besonders aufschlussreich: Denn Camerarius hat in seinen gedruckten Sammlungen immer wieder handschriftliche Briefe – sowohl seine eigenen als auch diejenigen seiner Briefpartner – überarbeitet, neugedeutet und umgeschrieben, so dass er bisweilen als redaktioneller Bearbeiter des eigenen Briefwechsels hervortritt.6 Die Verzeichnung und der Vergleich der gedruckten Briefe mit erhaltenen handschriftlichen Vorlagen (ca. 200 Briefe), die im Projekt angestrebt werden, versprechen neue Einblicke in die Konstruktion des Selbstbildes, das Camerarius von sich und den gelehrten Freundeskreisen entwarf. Der wichtige Briefwechsel zwischen Camerarius und MelanchthonMelanchthon, Philipp wird an der Heidelberger Akademie der Wissenschaften im Projekt „MelanchthonsMelanchthon, Philipp Briefwechsel“ (MBW) erschlossen.7
Die Erfassung der Werke verfolgt das Ziel, das „Phänomen Camerarius“ in seiner zeitgeschichtlichen Verortung zu erklären und sich dabei von der traditionellen ‚Heroengeschichte‘, von dem individuenzentrierten Ansatz der Literaturgeschichte und von dem bisweilen zu sehr auf ‚Höhenkamm‘-Literatur verengten Blick der Humanismusforschung abzuheben. Camerarius ist kein autark-monolithischer Gelehrter. Seine Werke und die ihnen zugrundeliegenden Denkprozesse und Anliegen sind vielmehr geprägt von bestimmten personellen, diskursiven und historisch-kulturellen Konstellationen, in denen sie entstanden sind und in die sie hineinwirken.8 Die Erfassung und Analyse des umfänglichen Datenmaterials und die sukzessive und systematische Verknüpfung neu gewonnener Erkenntnisse sollen etwa Aufschlüsse darüber geben, welche Konstellationen zum Zustandekommen seines vielfältigen Œuvres beitrugen; welche thematisch-diskursiven und methodischen Schwerpunktsetzungen und Entwicklungen erkennbar sind; welche Formen von Autorschaft dabei begegnen, wie sich Camerarius als Humanist präsentiert und welchen Wirkungsradius seine Schriften besaßen.
Die im Projekt verwendete Open-Source-Software „Semantic MediaWiki“ (SMW) eignet sich für diese Zwecke besonders. Sie erlaubt es nicht nur, alle werkrelevanten Informationen kleinteilig zu erfassen, zu strukturieren, miteinander zu verknüpfen und mit diversen Filtern abfragbar zu machen. Sie ermöglicht es vielmehr auch, die Datensätze mit definierten Attributen auszustatten und mit Hilfe dieser semantischen Struktur übergeordnete Zusammenhänge abzubilden. So lassen sich etwa für historische Personen Attribute vergeben (z.B. Widmungsempfänger, Brief- und Gesprächspartner, Schüler des Camerarius usw.), die das Wiki auf den jeweiligen Personenseiten nach Kategorien geordnet zusammenführt und mit entsprechenden Werklisten verknüpft (z.B.N.N. ist Widmungsempfänger folgender Werke; N.N. wird als Schüler des Camerarius in folgenden Werken genannt etc.).
Diese Aufbereitungsmöglichkeiten der Daten werden helfen, die Gelehrtenzirkel, in denen sich Camerarius bewegte und mit denen er sich austauschte, als epistemische Kultur-, Aktivitäts- und Kreativitätszentren genauer zu fassen. Die inhaltliche Erschließung wird es ermöglichen, das breite Œuvre in Genese, Funktion und Wirkung zu überblicken und die programmatische Selbstverortung und -stilisierung des Gelehrten in der res publica litteraria zu bestimmen. Die Ergebnisse des Projekts werden über den Server der Universitätsbibliothek Würzburg in Form eines CamerariusWiki dauerhaft zugänglich gemacht.
Literaturverzeichnis
Die Literatur bis 2010 ist bei Hamm 2011 aufgeführt. Ein aktualisiertes Literaturverzeichnis wurde als Vorarbeit für das geplante Projekt erstellt und ist im Camerarius-Wiki abrufbar. Im Folgenden werden nur die im obenstehenden Text zitierten Publikationen genannt.
Primärliteratur
Camerarius, Joachim: Historica narratio de Fratrum Orthodoxorum ecclesiis in Bohemia, Moravia et Polonia, Heidelberg 1605, in: Quellen zur Geschichtsschreibung der Böhmischen Brüder. Zwei Darstellungen von Comenius und Camerarius. Mit einem Vorwort von Erich Beyreuther […], Hildesheim 1980.
Camerarius, Joachim: Narratio de Helio Eobano Hesso – Das Leben des Dichters Helius Eobanus Hessus. Lateinisch und deutsch. Mit der Übersetzung von Georg Burkard, herausgegeben und erläutert von dems. und Wilhelm Kühlmann, Heidelberg 2003.
Camerarius, Joachim: Eclogae / Die Eklogen. Mit Übersetzung und Kommentar herausgegeben von Lothar Mundt unter Mitwirkung von Eckart Schäfer und Christian Orth, Tübingen 2004, IX–XXI.
Camerarius, Joachim: Georg, der Gottselige, Fürst zu Anhalt, herausgegeben von Wilhelm Schubert, Zerbst 1853.
Camerarius, Joachim: Praecepta morum ac vitae accommodata aetati puerili, Leipzig 1544 [vielmehr 1576]. Nachdruck herausgegeben von Anton F.W. Sommer, Wien 2006.
Camerarius, Joachim: Opuscula quaedam moralia, Frankfurt a.M. 1533 [vielmehr 1583]. Nachdruck herausgegeben von Anton F.W. Sommer, Wien 2006.
Camerarius, Joachim: Epistolae familiares, Frankfurt a.M. 1583. Nachdruck herausgegeben von Anton F.W. Sommer, 2 Bde., Wien 2006.
Camerarius, Joachim: De H. Eobano Hesso narratio, in: Harry Vredeveld (Hg.): The Poetic Works of Helius Eobanus Hessus, Bd. 1, Tempe (AZ) 2004, 1–92.
Camerarius, Joachim: Das Leben Philipp Melanchthons. Übersetzt von Volker Werner. Mit einer Einführung und Anmerkungen versehen von Heinz Scheible, Leipzig 2010.
Woitkowitz, Torsten: Die Briefe von Joachim Camerarius d.Ä. an Christoph von Karlowitz bis zum Jahr 1553. Edition, Übersetzung und Kommentar, Stuttgart 2003 (Quellen und Forschungen zur sächsischen Geschichte 24).
Sekundärliteratur
Baron, Frank (Hg.): Joachim Camerarius (1500–1574). Beiträge zur Geschichte des Humanismus im Zeitalter der Reformation, München 1978 (Humanistische Bibliothek, Abhandlungen 24).
Burkard, Thorsten: Interpunktion und Akzentsetzung in lateinischen Texten des 16. und 17. Jahrhunderts. Ein kurzer Überblick nebst einer Edition von Leonhard Culmanns De Orthographia, des Tractatus de Orthographia von Joachim Camerarius und der Interpungendi Ratio des Aldus Manutius, Neulateinisches Jahrbuch 5, 2003, 5–58.
Deufert, Marcus: Textgeschichte und Rezeption der plautinischen Komödien im Altertum, Berlin/New York 2002 (Untersuchungen zur antiken Literatur und Geschichte 62).
Döpp, Siegmar: „Sehr schön und erfreulich“ (Goethe). Zu einem lateinischen Gedicht des Joachim Camerarius über Plombières, Daphnis 45, 2017, 304–326.
Ellinger, Georg: Die neulateinische Lyrik Deutschlands in der ersten Hälfte des sechzehnten Jahrhunderts, Berlin 1929.
Ernesti, August Wilhelm: Supplementum primum catalogi scriptorum Camerarianorum Fabriciani, Leipzig 1782.
Ernesti, August Wilhelm: Supplementum secundum catalogi scriptorum Camerarianorum Fabriciani, Leipzig 1786.
Fabricius, Johann Albert: Bibliothecae Graecae volumen tertium decimum […], Hamburg 1726.
Freyhub, Andreas: Oratio in funere […] Joachimi Camerarii Pabebergensis […] habita, Leipzig 1574.
Halm, Karl: Über die handschriftliche Sammlung der Camerarii und ihre Schicksale, München 1873.
Hamm, Joachim: Servilia bella. Bilder vom deutschen Bauernkrieg in neulateinischen Dichtungen des 16. Jahrhunderts, Wiesbaden 2001 (Imagines medii aevi 7).
Hamm, Joachim: Joachim Camerarius d.Ä., in: Wilhelm Kühlmann/Jan-Dirk Müller (Hgg.): Frühe Neuzeit in Deutschland 1520–1620. Literaturwissenschaftliches Verfasserlexikon (VL 16), Bd. 1, Berlin/New York 2011, 425–438.
Hamm, Joachim: Traum und Zeitklage. Dürers „Traumgesicht“, Eobans Bellum servile Germaniae und der Bauernkrieg in Franken, in: Franz Fuchs/Ulrich Wagner (Hgg.): Bauernkrieg in Franken. Würzburg 2016 (Publikationen aus dem Kolleg „Mittelalter und Frühe Neuzeit“ 2), 329–354.
Hess, Daniel/Eser, Thomas (Hgg.): Der frühe Dürer. Ausstellung im Germanischen Nationalmuseum 24.5.–2.9.2012, Nürnberg 2012.
Huber-Rebenich, Gerlinde: Officium amicitiae. Beobachtungen zu den Kriterien frühneuzeitlicher Briefsammlungen am Beispiel der von Joachim Camerarius herausgegebenen Hessus-Korrespondenz, in: Boris Körkel/Tino Licht/Jolanta Wiendlocha (Hgg.): Mentis amore ligati: Lateinische Freundschaftsdichtung und Dichterfreundschaft in Mittelalter und Neuzeit. Festgabe für Reinhard Düchting zum 65. Geburtstag, Heidelberg 2001, 145–156.
Huber-Rebenich, Gerlinde: Zur Wahrnehmung der bildenden Kunst durch Literaten im Umfeld Dürers. Eobanus Hessus im Vergleich mit Joachim Camerarius, in: Bodo Guthmüller (Hg.): Künstler und Literat. Schrift- und Buchkultur in der europäischen Renaissance, Wiesbaden 2006 (Wolfenbütteler Abhandlungen zur Renaissanceforschung 24), 75–96.
Hubrath, Margarete: Die volkssprachliche Rezeption von Joachim Camerarius’ Ludus septem sapientum, in: Rainer Kößling/Günther Wartenberg (Hgg.): Joachim Camerarius, Tübingen 2003 (Leipziger Studien zur klassischen Philologie 1), 249–262.
Index Aureliensis. Catalogus librorum sedecimo saeculo impressorum, Baden-Baden 1962–.
Kipf, Klaus: Cluoge geschichten. Humanistische Fazetienliteratur im deutschen Sprachraum, Stuttgart 2010 (Literaturen und Künste der Vormoderne 2).
Kößling, Rainer: Joachim Camerarius’ lateinisch-griechischer Wortschatz der menschlichen Körperteile, in: Irmhild Barz (Hg.): Sprachgeschichte als Textsortengeschichte. Festschrift zum 65. Geburtstag von Gotthard Lerchner, Frankfurt a.M. 2000, 61–72.
Kößling, Rainer/Wartenberg, Günther (Hgg.): Joachim Camerarius, Tübingen 2003 (Leipziger Studien zur klassischen Philologie 1).
Kößling, Rainer: Joachim Camerarius (1500–1574), in: Gerald Wiemers (Hg.): Leipziger Lebensbilder. Der Stadt Leipzig zu ihrer Ersterwähnung vor 1000 Jahren (1015–2015), Leipzig/Stuttgart 2015 (Quellen und Forschungen zur sächsischen Geschichte 39), 85–105.
Kramarczyk, Andrea: Der Arzt Johannes Naevius (1499–1574), ein Freund des Joachim Camerarius, in: Rainer Kößling/Günther Wartenberg (Hgg.): Joachim Camerarius, Tübingen 2003 (Leipziger Studien zur klassischen Philologie 1), 337–351.
Kunkler, Stephan: Zwischen Humanismus und Reformation. Der Humanist Joachim Camerarius (1500–1574) im Wechselspiel von pädagogischem Pathos und theologischem Ethos, Hildesheim 2000 (Theologische Texte und Studien 8).
Ludwig, Walther: Opuscula aliquot elegantissima des Joachim Camerarius und die Tradition des Arat, in: Rainer Kößling/Günther Wartenberg (Hgg.): Joachim Camerarius, Tübingen 2003 (Leipziger Studien zur klassischen Philologie 1), 97–132. (= Ludwig 2003a)
Ludwig, Walther: Pontani amatores: Joachim Camerarius und Eobanus Hessus in Nürnberg, in: Thomas Baier (Hg.): Pontano und Catull, Tübingen 2003 (NeoLatina 4), 11–45. (= Ludwig 2003b)
Lurje, Michael: Die Suche nach der Schuld. Sophokles’ Oedipus Rex, Aristoteles’ Poetik und das Tragödienverständnis der Neuzeit, München/Leipzig 2004 (Beiträge zur Altertumskunde 209).
Mulsow, Martin/Stamm, Marcelo (Hgg.): Konstellationsforschung, Frankfurt a.M. 2005 (Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft 1736).
Mundt, Lothar: Die sizilischen Musen in Wittenberg. Zur religiösen Funktionalisierung der neulateinischen Bukolik im deutschen Protestantismus des 16. Jahrhunderts, in: Walther Ludwig (Hg.): Die Musen im Reformationszeitalter, Leipzig 2001 (Schriften der Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt 1), 265–288.
Mundt, Lothar: Einleitung, in: Camerarius, Joachim: Eclogae / Die Eklogen. Mit Übersetzung und Kommentar, herausgegeben von Lothar Mundt unter Mitwirkung von Eckart Schäfer und Christian Orth, Tübingen 2004 (NeoLatina 6), IX–XXI.
Mundt, Lothar: Camerarius, Joachim, in: Wilhelm Kühlmann (Hg.): Killy Literaturlexikon. Autoren und Werke des deutschsprachigen Kulturraums. 2., vollständig überarbeitete Ausgabe, Bd. 2, Berlin/New York 2008, 337–341.
Parshall, Peter: Camerarius on Dürer. Humanist biography as art criticism, in: Frank Baron (Hg.): Joachim Camerarius (1500–1574). Beiträge zur Geschichte des Humanismus im Zeitalter der Reformation, München 1978 (Humanistische Bibliothek, Abhandlungen 24), 11–29.
Pialek, Ilse: Joachim Camerarius und seine Eklogendichtung, Diss. (masch.) Wien 1970.
Prete, Sesto: Camerarius on Plautus, in: Frank Baron (Hg.): Joachim Camerarius (1500–1574). Beiträge zur Geschichte des Humanismus im Zeitalter der Reformation, München 1978 (Humanistische Bibliothek, Abhandlungen 24), 223–230.
Ritschl, Friedrich: Über die Kritik des Plautus, in: Ders.: Opuscula philologica, Bd. 2, Leipzig 1868, 1–165.
Ritschl, Friedrich: Bio-bibliographisches zu Camerarius’ Plautus-Studien, in: Ders.: Opuscula philologica, Bd. 3, Leipzig 1877, 67–119.
Ritschl, Friedrich: Veit Werler als Leipziger Docent und die Leipziger Plautusstudien im Anfang des sechzehnten Jahrhunderts, in: Ders.: Opuscula philologica, Bd. 5, Leipzig 1879, 40–92.
Rudersdorf, Manfred: Die strukturbildende Kraft des patriarchalischen Fürstenstaates im 16. Jahrhundert. Zum allgemeinhistorischen Hintergrund des Wirkens von Joachim Camerarius an der Leipziger Universität, in: Rainer Kößling/Günther Wartenberg (Hgg.): Joachim Camerarius, Tübingen 2003 (Leipziger Studien zur klassischen Philologie 1), 21–42.
Rudersdorf, Manfred: Konkurrenz- und Modellanstalt. Caspar Borner und Joachim Camerarius als Akteure des Wandels im albertinischen Leipzig (1539/41), in: Matthias Asche/Heiner Lück/Manfred Rudersdorf (Hgg.): Die Leucorea zur Zeit des späten Melanchthon. Institutionen und Formen gelehrter Bildung um 1550, Leipzig 2015 (Leucorea-Studien zur Geschichte der Reformation und der Lutherischen Orthodoxie 26), 209–231.
Schäfer, Eckart: Bukolik und Bauernkrieg. Joachim Camerarius als Dichter, in: Frank Baron (Hg.): Joachim Camerarius (1500–1574). Beiträge zur Geschichte des Humanismus im Zeitalter der Reformation, München 1978 (Humanistische Bibliothek, Abhandlungen 24), 121–151.
Schäfer, Eckart: Camerarius – Anonymität und Engagement, in: Kößling, Rainer/Wartenberg, Günther (Hgg.): Joachim Camerarius, Tübingen 2003 (Leipziger Studien zur klassischen Philologie 1), 133–174.
Schäfer, Eckart: Plautus-Philologie im Zeichen des Camerarius, in: Rolf Hartkamp/Florian Hurka (Hgg.): Studien zu Plautus’ Cistellaria, Tübingen 2004 (ScriptOralia, Reihe A, Altertumswissenschaftliche Reihe 35), 437–475.
Scheible, Heinz: Überlieferung und Editionen der Briefe Melanchthons, Heidelberger Jahrbücher 12, 1968, 135–161.
Schmitt, Gisela: Alte und Neue Welt. Die Beziehungen des Joachim Camerarius zum Konquistador Philipp von Hutten, in: Rainer Kößling/Günther Wartenberg (Hgg.): Joachim Camerarius, Tübingen 2003 (Leipziger Studien zur klassischen Philologie 1), 303–336.
Sier, Kurt: Camerarius als Interpret Homers, in: Rainer Kößling/Günther Wartenberg (Hgg.): Joachim Camerarius, Tübingen 2003 (Leipziger Studien zur klassischen Philologie 1), 207–233.
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Camerarius als Pädagoge
Die Capita pietatis et religionis Christianae versibus Graecis comprehensa ad institutionem puerilem des Joachim Camerarius (1545) und ihre kürzere Erstfassung in Melanchthons Institutio puerilis literarum Graecarum (1525)*
Jochen Walter (Mainz)
Von den Früchten der althumanistischen Schul- und Geistesbildung ist keine so tief im Preise gesunken, als die Kunst, in den Sprachen und den Versmassen der Alten zierliche Gedichte zu schaffen. Wo würde sie auf deutschen Gymnasien überhaupt noch gepflegt! Wie selten, dass ein Gelehrter sich noch mit einem lateinischen Carmen oder einem griechischen Epigramme in die Öffentlichkeit wagt! Und wenn es geschieht, selbst wenn es mit unverkennbarem Geschick geschieht, – was ist der Lohn und der Dank, der solchem Beginnen gezollt wird? Vielleicht dass der eine die Leistung lobt und bewundert, ein anderer sie sogar liest und sich daran erfreut; aber im grossen und ganzen steht unsere Zeit der alten ars versificandi teilnahmslos, meist sogar ablehnend und geringschätzend gegenüber.1Koldewey, Friedrich
Mit diesen Worten hat Friedrich KoldeweyKoldewey, Friedrich vor über 100 Jahren in der Einleitung zu seiner Ausgabe einer Auswahl von Jugendgedichten des Camerarius-Schülers Johannes Caselius bereits die damalige Distanz zur ars versificandi zum Ausdruck gebracht, und diese Distanz dürfte sich seitdem kaum verringert haben. Umso reizvoller erscheint die Auseinandersetzung mit den Capita pietatisCamerarius d.Ä., JoachimCapita pietatis et religionis Christianae versibus Graecis comprehensa ad institutionem puerilem et religionis Christianae versibus Graecis comprehensa ad institutionem puerilem (im Folgenden: CPERCCamerarius d.Ä., JoachimCapita pietatis et religionis Christianae versibus Graecis comprehensa ad institutionem puerilem), die, wie der Titel schon andeutet, katechetische Inhalte in neualtgriechischen2 Hexametern abhandeln3 und in zahlreichen Auflagen erschienen sind.4
Im Laufe der Arbeit an diesem Beitrag hat sich herausgestellt, dass – von der bisherigen Forschung unbemerkt5Camerarius d.Ä., JoachimCapita pietatis et religionis Christianae versibus Graecis comprehensa ad institutionem puerilem – mit den Capita sacrosanctae fidei (im Folgenden: CSF) aus dem Jahre 1525 ein deutlich kürzeres, bisher Philipp MelanchthonMelanchthon, Philipp zugeschriebenes Gedicht vorliegt,6 dessen Wortlaut über weite Strecken mit dem der CPERCCamerarius d.Ä., JoachimCapita pietatis et religionis Christianae versibus Graecis comprehensa ad institutionem puerilem identisch ist. Das Verhältnis zwischen beiden Texten ist daher zunächst zu erörtern. Es folgt eine kurze Verortung dieses Gedichtes in Zeit und Raum und ein kurzer Blick auf den unmittelbaren Publikationszusammenhang im VD16 C 355 sowie auf die lateinische Übersetzung der CPERCCamerarius d.Ä., JoachimCapita pietatis et religionis Christianae versibus Graecis comprehensa ad institutionem puerilem in der ein Jahr später von Camerarius publizierten griechisch-lateinischen Ausgabe (VD16 C 356). Nach einer Gliederung des Textes und Übersicht über seinen Gehalt werden – ausgehend vom Proöm (1–13) – die sprachliche Gestaltung des Gedichtes und intertextuelle Bezüge, die es eröffnet, behandelt. Des Weiteren werden Aspekte literarischer Gestaltung und die Frage nach dem Ausmaß konfessioneller Prägung erörtert. Am Schluss werden Überlegungen zu der möglichen Verwendung der CPERCCamerarius d.Ä., JoachimCapita pietatis et religionis Christianae versibus Graecis comprehensa ad institutionem puerilem im Unterricht angestellt. Als Anhang ist diesem Beitrag außerdem ein synoptischer Lesetext von CSF und CPERCCamerarius d.Ä., JoachimCapita pietatis et religionis Christianae versibus Graecis comprehensa ad institutionem puerilem beigefügt.7Camerarius d.Ä., JoachimCapita pietatis et religionis Christianae versibus Graecis comprehensa ad institutionem puerilemCamerarius d.Ä., JoachimCapita pietatis et religionis Christianae versibus Graecis comprehensa ad institutionem puerilem Unterstreichungen in der linken Spalte (CSF) markieren Stellen, an denen der Text eines eindeutig einem Vers in den CPERCCamerarius d.Ä., JoachimCapita pietatis et religionis Christianae versibus Graecis comprehensa ad institutionem puerilem zuordenbaren Verses von den CPERCCamerarius d.Ä., JoachimCapita pietatis et religionis Christianae versibus Graecis comprehensa ad institutionem puerilem abweicht.8Camerarius d.Ä., JoachimCapita pietatis et religionis Christianae versibus Graecis comprehensa ad institutionem puerilemCamerarius d.Ä., JoachimCapita pietatis et religionis Christianae versibus Graecis comprehensa ad institutionem puerilemCamerarius d.Ä., JoachimCapita pietatis et religionis Christianae versibus Graecis comprehensa ad institutionem puerilem
Die Capita sacrosanctae fidei, ihr Verhältnis zu den CPERCCamerarius d.Ä., JoachimCapita pietatis et religionis Christianae versibus Graecis comprehensa ad institutionem puerilem und die Autorenfrage
Im Jahr 1525 erschien ein Druck mit dem Titel Institutio puerilis literarum graecarum Philippi Melanchthonis.1Melanchthon, PhilippMelanchthon, PhilippVarennius, JohannesFabricius, GeorgPosselius, JohannesMelanchthon, PhilippMelanchthon, PhilippHomerHesiodSophoklesEuripidesPlatonDemosthenesHerodotMelanchthon, PhilippCamerarius d.Ä., JoachimCapita pietatis et religionis Christianae versibus Graecis comprehensa ad institutionem puerilemMelanchthon, PhilippMelanchthon, Philipp In dieser Schrift ist ein Gedicht in altgriechischer Sprache mit dem Titel Capita sacrosanctae fidei (im Folgenden: CSF) abgedruckt. Offenbar ist es der Forschung verborgen geblieben, dass dieses Gedicht mit den CPERCCamerarius d.Ä., JoachimCapita pietatis et religionis Christianae versibus Graecis comprehensa ad institutionem puerilem so große Übereinstimmungen aufweist, dass es schwerfällt, in den CSF nicht eine frühere und kürzere Version der CPERCCamerarius d.Ä., JoachimCapita pietatis et religionis Christianae versibus Graecis comprehensa ad institutionem puerilem zu erblicken. Ein Großteil der Verse beider Gedichte ist exakt gleichlautend. Allerdings stehen den 222 Versen der CPERCCamerarius d.Ä., JoachimCapita pietatis et religionis Christianae versibus Graecis comprehensa ad institutionem puerilem lediglich 131 Verse der CSF gegenüber. Die Verse 1–5. 7 von CSF und CPERC Camerarius d.Ä., JoachimCapita pietatis et religionis Christianae versibus Graecis comprehensa ad institutionem puerilem entsprechen einander, ebenso die Verse CSF 8–31 und CPERCCamerarius d.Ä., JoachimCapita pietatis et religionis Christianae versibus Graecis comprehensa ad institutionem puerilem 10–33 und die Verse CSF 32–131 und CPERCCamerarius d.Ä., JoachimCapita pietatis et religionis Christianae versibus Graecis comprehensa ad institutionem puerilem 80–179. Vers 6 der CSF entspricht Vers 8 der CPERCCamerarius d.Ä., JoachimCapita pietatis et religionis Christianae versibus Graecis comprehensa ad institutionem puerilem. Unter den angesprochenen sich entsprechenden Versen sind die meisten identisch, andere (insgesamt 40, also 30,5 %) weisen Abweichungen unterschiedlichen Ausmaßes auf: Einige Abweichungen beschränken sich auf einen einzigen Buchstaben,2Camerarius d.Ä., JoachimCapita pietatis et religionis Christianae versibus Graecis comprehensa ad institutionem puerilem in seltenen Fällen können sie aber auch den Großteil des Verses betreffen.3Camerarius d.Ä., JoachimCapita pietatis et religionis Christianae versibus Graecis comprehensa ad institutionem puerilemCamerarius d.Ä., JoachimCapita pietatis et religionis Christianae versibus Graecis comprehensa ad institutionem puerilem Dieser Befund ist kaum durch Zufall zu erklären. Vielmehr ist davon auszugehen, dass dem Verfasser der CPERCCamerarius d.Ä., JoachimCapita pietatis et religionis Christianae versibus Graecis comprehensa ad institutionem puerilem die CSF vorlagen und er sie sowohl überarbeitet als auch bedeutend erweitert hat. Er hat dabei CSF 6 an seinem Platz durch einen vollständig anderen Vers ersetzt, hinter CSF 7 aber eine abgewandelte Version von CSF 6 und danach einen weiteren neuen Vers eingefügt. Ansonsten bestehen seine Erweiterungen aus zwei großen Versblöcken: Hinter CSF 31 sind 46 Verse neu verfasst und eingefügt worden (= CPERCCamerarius d.Ä., JoachimCapita pietatis et religionis Christianae versibus Graecis comprehensa ad institutionem puerilem 34–79). Am Schluss der CSF ist ein Block von 43 Versen hinzugefügt worden (= CPERCCamerarius d.Ä., JoachimCapita pietatis et religionis Christianae versibus Graecis comprehensa ad institutionem puerilem 180–222).
Damit stellt sich die Autorenfrage: Ist es angesichts dieser extrem engen Beziehung zwischen den beiden Werken angemessen, weiterhin die CSF MelanchthonMelanchthon, Philipp zuzuschreiben und die CPERCCamerarius d.Ä., JoachimCapita pietatis et religionis Christianae versibus Graecis comprehensa ad institutionem puerilem Camerarius dem Älteren? Oder sollten beide Schriften einem einzigen Verfasser, MelanchthonMelanchthon, Philipp oder Camerarius, zugeschrieben werden? Grundlage für die Zuschreibung der CSF an MelanchthonMelanchthon, Philipp ist die Tatsache, dass die CSF in der Publikation mit dem Titel Institutio puerilis literarum graecarum Philippi Melanchthonis abgedruckt sind. Auf den Seiten selbst, auf denen die CSF abgedruckt werden, findet sich allerdings keinerlei Hinweis auf MelanchthonMelanchthon, Philipp. Dagegen finden sich für die Zuweisung der CPERCCamerarius d.Ä., JoachimCapita pietatis et religionis Christianae versibus Graecis comprehensa ad institutionem puerilem an Camerarius gleich mehrere und gewichtigere Anhaltspunkte: Nicht nur steht in der Ausgabe von 1545 unter dem Gedicht Ἰοαχεῖμος Καμεράριος,4 auch MelanchthonMelanchthon, Philipp selbst zitiert in einem auf den neunten Februar 1545 datierten Brief an Joachim Camerarius CPERCCamerarius d.Ä., JoachimCapita pietatis et religionis Christianae versibus Graecis comprehensa ad institutionem puerilem 20 und fasst diesen Vers explizit als Teil eines Gedichtes des Camerarius auf.5Melanchthon, PhilippCamerarius d.Ä., JoachimCapita pietatis et religionis Christianae versibus Graecis comprehensa ad institutionem puerilemMelanchthon, PhilippCamerarius d.Ä., JoachimCapita pietatis et religionis Christianae versibus Graecis comprehensa ad institutionem puerilemMelanchthon, PhilippCamerarius d.Ä., JoachimCapita pietatis et religionis Christianae versibus Graecis comprehensa ad institutionem puerilem Angesichts dieses Zeugnisses von MelanchthonsMelanchthon, Philipp eigener Hand wird man die CPERCCamerarius d.Ä., JoachimCapita pietatis et religionis Christianae versibus Graecis comprehensa ad institutionem puerilem weiter dem Camerarius zuerkennen.
Wollte man MelanchthonMelanchthon, Philipp trotz dieser gewichtigen Indizien die Verfasserschaft der CSF belassen, müsste man zu einer der beiden folgenden Spekulationen seine Zuflucht nehmen: Entweder hätte MelanchthonMelanchthon, Philipp die CPERCCamerarius d.Ä., JoachimCapita pietatis et religionis Christianae versibus Graecis comprehensa ad institutionem puerilem als völlig eigenständiges Werk des Camerarius auffassen müssen – ungeachtet der Tatsache, dass die CPERCCamerarius d.Ä., JoachimCapita pietatis et religionis Christianae versibus Graecis comprehensa ad institutionem puerilem in 91 Versen, also immerhin ca. 41 % der Verse, vollständig und in 40 weiteren Versen, also ca. 18 %, mehr oder weniger weitgehend mit den CSF übereinstimmen. Oder MelanchthonMelanchthon, Philipp hätte seinem Freund Camerarius sozusagen sein geistiges Eigentum an den CSF übertragen müssen.
Gut vorstellbar ist, dass bereits die CSF aus Camerarius’ Feder geflossen sind, zumal, wenn man berücksichtigt, dass auch die meisten anderen in der Institutio puerilis literarum graecarum Philippi Melanchthonis abgedruckten Texte (z.B. Bergpredigt, HomerHomer) von MelanchthonMelanchthon, Philipp selbst zwar ausgewählt, aber sicher nicht verfasst worden sind. Außerdem sei in Erinnerung gerufen, dass Camerarius zur Institutio puerilis literarum graecarum auch schon ein Einleitungsepigramm beigesteuert hatte. Möglicherweise sind die Capita sacrosanctae fidei also nicht von MelanchthonMelanchthon, Philipp, sondern von Camerarius selbst verfasst.
Ort und Zeit
Die CPERCCamerarius d.Ä., JoachimCapita pietatis et religionis Christianae versibus Graecis comprehensa ad institutionem puerilem wurden im Jahre 1545 in Leipzig veröffentlicht. In diesem Jahr konnten die Anhänger der Reformation auf fast 30 Jahre einer Erfolgsgeschichte zurückblicken, die manchem Zeitgenossen gar den Eindruck eines unaufhaltsamen Siegeszuges vermitteln mochte. In der bequemen Perspektive des zeitlichen Rückblicks stellt sich das Jahr 1545 dagegen vielmehr als ein Jahr des Noch-nicht dar: Noch nicht hatte der Schmalkaldische Krieg 1546/1547 die Fähigkeit des Kaisers unter Beweis gestellt, die Protestanten militärisch in die Schranken zu verweisen. Noch nicht war katholischerseits die Gegenreformation als übergreifende und konzertierte Aktion, die Erfolge der Reformation zunichte zu machen, ins Leben gerufen worden, obwohl es an Widerstand gegen die Reformation in den vergangenen Jahrzehnten nicht gefehlt hatte. Das Konzil von Trient, dessen Beschlüsse eine wichtige Grundlage für die Gegenreformation waren, begann erst am 13. Dezember des Jahres 1545, im selben Jahr also, in dem die CPERCCamerarius d.Ä., JoachimCapita pietatis et religionis Christianae versibus Graecis comprehensa ad institutionem puerilem erschienen.1Melanchthon, Philipp
Die aufstrebende Handelsstadt Leipzig sollte nicht nur vom Schmalkaldischen Krieg unmittelbar betroffen werden – sie wurde 1547 belagert –, sie hatte schon in den ersten Jahrzehnten der Reformation durchaus eine nennenswerte Rolle gespielt: So wurden in Leipzig, das seit Beginn des 16. Jahrhunderts eines der bedeutendsten Zentren des Buchdrucks war,2 LuthersLuther, Martin 95 Thesen schon Ende 1517 auf Latein publiziert, und in den folgenden vier Jahren verließen ganze 156 LutherLuther, Martin-Drucke die Leipziger Pressen.3 Die Leipziger Disputation unter Beteiligung von LutherLuther, Martin, Karlstadt, MelanchthonMelanchthon, Philipp auf reformatorischer und Eck auf katholischer Seite fand im Jahr 1519 statt. In den folgenden Jahren wurde die Reformation allerdings unter Herzog GeorgGeorg (Herzog von Sachsen) mit zunehmender Intensität bekämpft. Nach dem Tod Herzog Georgs im Jahre 1539 fiel das Herzogtum an seinen Bruder HeinrichHeinrich (Herzog von Sachsen). Am 25. Mai desselben Jahres, also gerade einmal sechs Jahre vor Publikation der CPERCCamerarius d.Ä., JoachimCapita pietatis et religionis Christianae versibus Graecis comprehensa ad institutionem puerilem, wurde in Leipzig die Reformation feierlich eingeführt.4 Was oben allgemein festgestellt worden ist, lässt sich also in gesteigerter Weise auch für Leipzig festhalten: Der Eindruck des Siegeszuges der Reformation war noch frisch, eine – aus protestantischer Sicht – herbe Wendung der Ereignisse stand zwar unmittelbar bevor, war aber so wohl kaum vorauszusehen.
Im Jahre 1541, also gerade einmal zwei Jahre nach Einführung der Reformation dortselbst, trat Joachim Camerarius5 aus Tübingen kommend seine Professur in Leipzig an, nachdem seine Berufung schon seit 1539 von MelanchthonMelanchthon, Philipp und anderen nachdrücklich betrieben worden war. Sein Lehrstuhl war mit 300 Gulden dotiert und damit der bestbezahlte an der Leipziger Universität.6 Leipzig war Camerarius nicht unbekannt, hatte er dort doch von 1513 bis 1518 studiert.7Cicero In den auf seine Berufung folgenden Jahren war Camerarius zum großen Teil mit der Neuausrichtung der Leipziger Universität befasst.8Borner, CasparMoritz (Herzog von Sachsen)
Publikationszusammenhang und zweisprachige Ausgabe
Die CPERCCamerarius d.Ä., JoachimCapita pietatis et religionis Christianae versibus Graecis comprehensa ad institutionem puerilem (A2r–A6r) sind nicht allein publiziert worden; vielmehr folgen verschiedene andere Texte, die teils auf Latein, teils auf Altgriechisch, teils auf Deutsch, teils in Prosa, teils in Versen verfasst sind. Zunächst schließen sich zwei in Anlehnung an das 20. Kapitel der Apostelgeschichte fingierte Briefpaare an: Der jeweils erste Brief gibt vor, ein Brief des Apostels PaulusPaulus (Apostel) an die Epheser zu sein; der jeweils zweite stellt die Antwort der Epheser dar. Das erste Briefpaar (A6v–B1r und B1r–B4v) ist in griechischer Prosa verfasst, das zweite (B4v–B7r und B7v–C2r) in lateinischen Versen (elegischen Distichen). Es folgt Martin LuthersLuther, Martin „Vermanung zu zucht vnd ehren vnd der bus, ein summarien des buchs Salomonis“ (C2v–C3r) in 24 deutschen Versen, danach ebenfalls sich auf Salomon berufende Ermahnungen wider das Verharren in der Sünde in 44 lateinischen Jamben (C3r–C3v) und in 55 griechischen Jamben (C4r–C5r). Anschließend ist ein in lateinischen Hexametern abgefasstes Gebet des Johann StigelStigel, Johann abgedruckt (C5r–C8v). Es folgen zwei griechische Briefe des Kirchenvaters BasiliosBasilius (Kirchenvater) (die Briefe 140 [D1r–D2r] und 97 [D2v–D3r]), zwei lateinische Gedichte des spätantiken Dichters AusoniusAusonius (Ephemeris 3 [D3v–D4v] und Ad nepotem Ausonium [D5r–D6v]) und zwei griechische Epigramme des Camerarius (D7r–D7v).1Luther, MartinStigel, JohannAusoniusCamerarius d.Ä., JoachimCapita pietatis et religionis Christianae versibus Graecis comprehensa ad institutionem puerilem Offenbar handelt es sich um eine Art Lesebuch für den Latein- und Griechischunterricht.
Im Jahr 1546, nur ein Jahr nach dem Erstdruck der CPERCCamerarius d.Ä., JoachimCapita pietatis et religionis Christianae versibus Graecis comprehensa ad institutionem puerilem, brachte Camerarius eine altgriechisch-lateinische zweisprachige Ausgabe des Werkes heraus.2Georg (Herzog von Sachsen) Dem altgriechischen Text auf dem Verso steht jeweils der lateinische Text auf dem Recto gegenüber. Die lateinische Übersetzung ist ausgangssprachenorientiert und versucht, bis in die Wortstellung hinein den griechischen Text abzubilden. An einigen Stellen ist die angebotene Übersetzung allerdings auffällig. So geht Camerarius offenbar recht frei bei der Wiedergabe der Demonstrativpronomina ὅδε und κεῖνος vor.3 Partizipien von εἶναι werden mehrmals mit ipse übersetzt.4Camerarius d.Ä., JoachimCapita pietatis et religionis Christianae versibus Graecis comprehensa ad institutionem puerilem Bemerkenswert ist auch die Form vincivit (101. 103, jeweils statt vinxit). In einigen Versen sind einzelne Worte falsch bezogen.5 Auffällig ist außerdem die Übersetzung von ὅτταν mit si (140, statt cum).
Gliederung
Die CPERCCamerarius d.Ä., JoachimCapita pietatis et religionis Christianae versibus Graecis comprehensa ad institutionem puerilem umfassen insgesamt 222 in Altgriechisch abgefasste Hexameter. Es ist sicher kein Zufall, dass die genau in der Mitte des Gedichtes befindlichen sechs Verse 109–114 den Umschwung von völliger Hoffnungslosigkeit nach der Kreuzigung Christi zu Auferstehung und Herrschaft Christi behandeln. Diese sechs Verse gehören wiederum zu einer größeren Partie von 34 Versen (83–116), in denen Jesus Christus, insbesondere seine Geburt, sein Tod und sein Sieg über den Tod behandelt werden. Um dieses Zentrum herum gruppieren sich die übrigen Teile der CPERCCamerarius d.Ä., JoachimCapita pietatis et religionis Christianae versibus Graecis comprehensa ad institutionem puerilem: Es folgt unmittelbar eine große Versgruppe mit 39 Versen (117–155), in denen es um die Ausrichtung des Lebens auf Jesus Christus geht, wobei insbesondere einerseits die Gefährdung des menschlichen Lebens, andererseits der wirksame Beistand Gottes betont werden. Die erste Hälfte des Gedichtes ist nach dem Proöm (1–13) insofern gewissermaßen chronologisch angelegt, als zunächst die Schöpfung (14–42) und dann die Zehn Gebote (43–69) behandelt werden. Der nächste Abschnitt (70–82) thematisiert die Sündhaftigkeit des Menschen, aber auch die Möglichkeit zur Vergebung der Sünde und die Existenz von Hoffnung, womit zu dem anschließenden zentralen, Jesus Christus betreffenden Abschnitt übergeleitet wird. In der zweiten Hälfte des Gedichtes schließt sich an den schon genannten Abschnitt über die Ausrichtung des Lebens auf Jesus Christus ein Abschnitt über die Eschatologie an (156–179). Es folgt die Behandlung der Kirche (180–199), ein Abschnitt über das Gebet, der fast vollständig von einer altgriechischen Fassung des Vaterunser eingenommen wird (200–212) und der Schluss (213–222), der in den letzten beiden Versen in einer Apostrophe an Jesus Christus kulminiert.
Allerdings finden sich kaum eindeutige und unmissverständliche Markierungen, dass ein Abschnitt abgeschlossen ist und jetzt ein neuer beginnt. Vielmehr sind die Übergänge zwischen den einzelnen Teilen des Gedichtes eher fließend gestaltet.
Proöm
Um einen Eindruck von dem Gehalt der CPERCCamerarius d.Ä., JoachimCapita pietatis et religionis Christianae versibus Graecis comprehensa ad institutionem puerilem zu vermitteln, sei hier das Proöm vorgestellt, das auch den Ausgangspunkt für Beobachtungen zu Sprache und Intertextualität der CPERCCamerarius d.Ä., JoachimCapita pietatis et religionis Christianae versibus Graecis comprehensa ad institutionem puerilem bilden wird:
Δεῦτε φίλοι παῖδες θείων ἀδαήμονες ἔργων,
ὧν τε κακαῖς ἀπάταις κόσμου φρένες ἠερέθονται.
Αἰεὶ γὰρ θνητοῖς θυμῷ φίλον αἴσυλα ῥέζειν,
τῶν δ’ ἄπ’ ἐπουρανίων μάθετ’ ἄσματα θέσκελα μύθων
ὔμμε γάρ ἐστι μάλιστα δέον ταῦτ’ εἰδέν’ ἅπαντα 5
πρωθήβους θ’ ἁπαλούς θ’, οὓς οὔπω ὀνείδε’ ὄνοσσαν
οὕς τε θεὸς φιλέει, καὶ κήδεται ἔξοχα ἄλλων,
τοῖσι δ’ ἔνι ζωὴν εὑρήσε<σθ’> ἄφθιτον αἰεί,
ἄφθιτον ἀθάνατον, μεγάλου δώρημα θεοῖο.
τὸν δ’ ἄρ’ ἀμειβόμενοι σφετέρῳ τάδε θέσθ’ ἐνὶ θυμῷ, 10
πατρὸς ἐφημοσύνῃ θείας γνωρίσματα βουλῆς,
ἧς τε ἄπ’ ἐκγεγάασθ’ ὑμέων φίλα τέκνα γονήων
ἧς τε ἄπ’ ἐν ζωοῖσιν, ἀρούρης καρπὸν ἔδεσθε.
Hierher, liebe Kinder, unkundig der göttlichen Werke,
deren Sinn von den schlimmen Täuschungen der Welt wie eine Flagge im Wind hin und her geschlagen wird!
Immer nämlich ist es den Sterblichen lieb im Herzen, Gottloses zu begehen.
Lernt also aus diesem Text die göttlichen Lieder der aus dem Himmelsbereich herrührenden Worte!
(5) Ihr müsst das alles nämlich ganz besonders wissen,
da ihr gerade erst mannbar und noch zart seid, [ihr], welche noch nicht schändliche Taten beschuldigt haben,
und welche Gott liebt, und um welche er sich mehr als um andere kümmert,
in diesen [göttlichen Liedern] aber werdet ihr für euch das immer unvergängliche Leben finden,
das unvergängliche, unsterbliche, und das Geschenk des großen Gottes.
(10) Legt, indem ihr also auf diesen reagiert, das Folgende in euer Gemüt,
die durch das Gebot des Vaters vermittelten Kennzeichen des göttlichen Willens,
durch den ihr auf die Welt gekommen seid als liebe Kinder eurer Eltern
durch den ihr unter den Lebenden weilend die Frucht des Ackers esst.
Adressaten der capita sind ganz explizit παῖδες, also Kinder (so auch an anderen Stellen des Gedichtes). Der griechische Titel der CPERCCamerarius d.Ä., JoachimCapita pietatis et religionis Christianae versibus Graecis comprehensa ad institutionem puerilem lautet sogar ΚΕΦΑΛΑΙΑ ΧΡΙΣΤΙΑΝΙΣΜΟΥ προσφωνηθέντα τοῖς παιδίοις. Παιδίον aber deutet als Deminutiv auf jüngere Kinder hin. Dazu passt auch die Angabe, dass die Kinder „unkundig der göttlichen Werke“ (1) seien. Andererseits werden sie aber auch als „gerade erst mannbar“ angesprochen (6). Hier werden wir mit einem Spannungsverhältnis konfrontiert: Wenn die Kinder „gerade erst mannbar“ sind, handelt es sich offenbar um Jugendliche.1 Da ist es nun aber bemerkenswert, dass diese als παῖδες (Kinder) bzw. sogar als παιδία (kleine Kinder) bezeichnet werden und in ihrem ja nicht mehr völlig kurzen Leben noch „unkundig der göttlichen Werke“ sein sollen. Das ist umso erstaunlicher, als die genannten Adressaten in den capita pietatis kaum Glaubensinhalte gefunden haben dürften, die ihnen völlig neu waren.2Camerarius d.Ä., JoachimCapita pietatis et religionis Christianae versibus Graecis comprehensa ad institutionem puerilemCamerarius d.Ä., JoachimCapita pietatis et religionis Christianae versibus Graecis comprehensa ad institutionem puerilem
Weitere Beobachtungen lassen sich machen: Charakteristisch für die gesamten capita pietatis ist, dass die Adressaten direkt angesprochen werden und Ziel nachdrücklicher Appelle sind. Es gibt allerdings keine Abfolge von Fragen und Antworten, wie sie für die Gattung des Katechismus typisch ist. Mehrmals wird in den capita pietatis einerseits die Sündhaftigkeit des Menschen, andererseits die Reziprozität in der Zuwendung Gottes zum Menschen und umgekehrt betont.
Sprache in den CPERCCamerarius d.Ä., JoachimCapita pietatis et religionis Christianae versibus Graecis comprehensa ad institutionem puerilem
Die Wahl der altgriechischen Sprache ist sicherlich nicht als zufällig zu erachten, sondern verleiht dem Text ein elitäres Gepräge. Die Herausforderungen, mit denen der altgriechische Text die Leser konfrontiert, dürften den in Frage kommenden Rezipientenkreis stark eingeschränkt haben.1 Vor diesem Hintergrund kann es kaum verwundern, dass die CPERCCamerarius d.Ä., JoachimCapita pietatis et religionis Christianae versibus Graecis comprehensa ad institutionem puerilem – wie bereits erwähnt – nur ein Jahr nach der Erstpublikation erneut, und zwar diesmal mit gegenüber abgedruckter lateinischer Übersetzung, veröffentlicht worden sind.
Die Sprache der CPERCCamerarius d.Ä., JoachimCapita pietatis et religionis Christianae versibus Graecis comprehensa ad institutionem puerilem entspricht nämlich keineswegs dem ‚gewöhnlichen‘ Altgriechisch, sondern ist sehr weitgehend durch die homerische Dichtersprache geprägt. Bereits die ersten beiden Wörter des Gedichtes δεῦτε φίλοι finden sich auch bei HomerHomer am Beginn des Hexameters, wenn auch in deutlich anderem Zusammenhang:2HomerHomerIl.HomerOd. Allein schon im Proöm (1–13) lässt sich eine Fülle von Anlehnungen an und Zitaten aus den homerischenHomer Epen benennen.3HomerOd.HomerHomerIl.HomerCamerarius d.Ä., JoachimCapita pietatis et religionis Christianae versibus Graecis comprehensa ad institutionem puerilemHomerHomerIl.HomerOd.Camerarius d.Ä., JoachimCapita pietatis et religionis Christianae versibus Graecis comprehensa ad institutionem puerilemHomerHomerIl.Camerarius d.Ä., JoachimCapita pietatis et religionis Christianae versibus Graecis comprehensa ad institutionem puerilemHomerHomerIl.HomerOd.Camerarius d.Ä., JoachimCapita pietatis et religionis Christianae versibus Graecis comprehensa ad institutionem puerilemCamerarius d.Ä., JoachimCapita pietatis et religionis Christianae versibus Graecis comprehensa ad institutionem puerilemHomerHomerOd.Camerarius d.Ä., JoachimCapita pietatis et religionis Christianae versibus Graecis comprehensa ad institutionem puerilemHomerHomerIl.Camerarius d.Ä., JoachimCapita pietatis et religionis Christianae versibus Graecis comprehensa ad institutionem puerilemHomerHomerIl.HomerHomerIl. Im Ausgang von Vers 7 scheinen dagegen eher die Argonautica des Apollonios RhodiosApollonios Rhodios Pate gestanden zu haben,4Apollonios RhodiosHomerHomerOd.Apollonios Rhodios ebenso am Beginn von Vers 11.5Apollonios RhodiosApollonios Rhodios Die griechische Dichtersprache schlägt sich auch darüber hinaus in der Morphologie6 und Syntax7 nieder. Andererseits findet sich aber auch ein äußerst unepisches Wort wie γνωρίσματα (11). Anspruchsvoll ist auch die Verwendung des Iterativ-Infixes -σκ- in Vers 91 (καλέσασκεν).
Nimmt man nun über das Proöm hinaus auch die restlichen CPERCCamerarius d.Ä., JoachimCapita pietatis et religionis Christianae versibus Graecis comprehensa ad institutionem puerilem in den Blick, so stellt man fest, dass der Leser – offenbar absichtsvoll – vereinzelt auch mit solchen sprachlichen Phänomenen konfrontiert wird, die nicht für die homerische Dichtersprache, sondern gerade für die nichthomerische Dichtersprache charakteristisch sind. So gehört das griechische Wort für „gerade erst mannbar“ in den CPERCCamerarius d.Ä., JoachimCapita pietatis et religionis Christianae versibus Graecis comprehensa ad institutionem puerilem (6) nicht zur a-Deklination (πρωθήβης), sondern zur o-Deklination (πρώθηβος). Der laut Thesaurus Linguae Graecae (TLG) einzige Beleg für die Zugehörigkeit zur o-Deklination findet sich bei dem Lyriker BakchylidesBakchylides (Dithyramben 4, 57). Dem stehen Dutzende Belege für die Zugehörigkeit zur a-Deklination gegenüber, darunter auch drei aus den homerischenHomer Epen. Ein anderes instruktives Beispiel bietet CPERCCamerarius d.Ä., JoachimCapita pietatis et religionis Christianae versibus Graecis comprehensa ad institutionem puerilem 128: Dort verwendet Camerarius als Personalpronomen der zweiten Person τύ statt σύ. Tύ gehört der nichthomerischen Dichtersprache an (besonders der Bukolik), kommt im Attischen, im Koiné-Griechisch oder in der homerischenHomer Dichtersprache aber nicht vor. In beiden Fällen ist offenbar in absichtsvoller Weise eine wesentlich seltenere und in den homerischenHomer Epen nicht belegte Form gewählt worden, um den Leser mit nichthomerischer Dichtersprache zu konfrontieren.
Darüber hinaus finden sich sogar im Proöm selbst Formen, die auch für den im Griechischen bewanderten Leser durchaus eine Herausforderung darstellen: Die aktivische Form ὄνοσσαν (6) soll offenkundig dem medialen Deponens ὄνομαι zugeordnet werden.8Aristoteles Einen Eindruck von der Schwierigkeit des hier vorliegenden Altgriechischen vermittelt auch die Tatsache, dass die CPERCCamerarius d.Ä., JoachimCapita pietatis et religionis Christianae versibus Graecis comprehensa ad institutionem puerilem, obwohl sie nur 222 Verse umfassen, gleich mehrere Vokabeln enthalten, die nicht im Liddell-Scott-Jones, teilweise nicht einmal im Thesaurus Linguae Graecae erfasst sind.9Camerarius d.Ä., JoachimCapita pietatis et religionis Christianae versibus Graecis comprehensa ad institutionem puerilem Dagegen dürfte bei εὑρήσεται (8) ein Druckfehler vorliegen, der offenbar auch in späteren Ausgaben nicht korrigiert worden ist. In der von Camerarius selbst besorgten lateinischen Übersetzung in der zweisprachigen Ausgabe von 1546 findet sich an dieser Stelle invenietis. Auf dieser Grundlage bietet es sich an, εὑρήσεται in εὑρήσεσθε „ihr werdet für euch finden“ zu korrigieren.10
Intertextualität in der CPERCCamerarius d.Ä., JoachimCapita pietatis et religionis Christianae versibus Graecis comprehensa ad institutionem puerilem
Über die erhobenen sprachlichen Befunde hinaus lassen sich auch einige bemerkenswerte Beobachtungen hinsichtlich der intertextuellen Beziehungen der CPERCCamerarius d.Ä., JoachimCapita pietatis et religionis Christianae versibus Graecis comprehensa ad institutionem puerilem zu antiken Prätexten anstellen. Im Folgenden sollen nur einige wenige Stellen1Camerarius d.Ä., JoachimCapita pietatis et religionis Christianae versibus Graecis comprehensa ad institutionem puerilemCamerarius d.Ä., JoachimCapita pietatis et religionis Christianae versibus Graecis comprehensa ad institutionem puerilemCamerarius d.Ä., JoachimCapita pietatis et religionis Christianae versibus Graecis comprehensa ad institutionem puerilem etwas näher in den Blick genommen werden, eine systematische Aufarbeitung der intertextuellen Bezüge muss einer zukünftigen Arbeit vorbehalten bleiben.
Dass ein katechetischer Text biblische Prätexte aufruft, kann schwerlich verwundern und ist im Falle der Zehn Gebote (43–68) und des Vaterunser (202–212) auch offensichtlich. Andere biblische Prätexte sind dagegen dem durchschnittlichen Leser heute vielleicht weniger präsent. Hier seien nur wenige Beispiele genannt: Die Verse 134–137 stehen in Zusammenhang mit dem Neuen Testament (Mt 6,26;2 10,29. 31),3 ebenso Vers 152 (Mt 10,30; Lk 12,7). Auch die Ermunterung, sich nicht zu fürchten (130), findet sich in den genannten biblischen Prätexten oder ihrer unmittelbaren Umgebung.4 Vers 218 dürfte auf 1 Tim 2,5 zurückgreifen.
In CPERCCamerarius d.Ä., JoachimCapita pietatis et religionis Christianae versibus Graecis comprehensa ad institutionem puerilem 32 wird über Gott ausgesagt: „Nicht verderblich ist er, mein Kind, sondern barmherzig.“ Das griechische Wort für „verderblich“, δηλήμων, das bei Camerarius eine Eigenschaft bezeichnet, die (dem christlichen) Gott dezidiert nicht zukomme, ordnet dagegen in der Ilias kein geringerer als Apoll den Göttern zu, die nichts gegen die Misshandlung des Leichnams des Hektor durch Achill unternehmen.5HomerHomerIl.
Schon etwas komplexer ist der Fall in CPERCCamerarius d.Ä., JoachimCapita pietatis et religionis Christianae versibus Graecis comprehensa ad institutionem puerilem 20–22: Camerarius hebt hervor, dass Gott nach der Schöpfung der Welt die Sorge um und Herrschaft über die Welt in keiner Weise aufgegeben oder delegiert habe „wie einer, der ein Schiff auf dem Meer gedankenlos betrachtet von der himmlischen Schwelle“. Der Schluss des Verses 21 νῆ’ ὡς ἐνὶ πόντῳ findet eine fast genaue Entsprechung in dem Schluss von Hom. OdHomerOd.. 23, 234 νῆ’ ἐνὶ πόντῳ. Dort wird die Freude des glücklich mit seiner Gattin Penelope vereinten Odysseus mit der Freude von Schiffbrüchigen, die an Land gelangen, verglichen. Das Schiff (νῆ’ = νῆα = attisch ναῦν) wird freilich bei HomerHomer nicht wie bei Camerarius betrachtet (und, wie der Kontext deutlich macht, geleitet), sondern (von Poseidon) zerstört. Der fürsorglichen Herrschaft Gottes bei Camerarius steht also die zerstörerische Einwirkung Poseidons bei Homer gegenüber. Der Halbvers ἀπὸ βηλοῦ θεσπεσίοιο (CPERCCamerarius d.Ä., JoachimCapita pietatis et religionis Christianae versibus Graecis comprehensa ad institutionem puerilem 22) bildet ebenso den Schluss eines Hexameters in Hom. IlHomerIl.. 1, 591. Dort ist der Zusammenhang freilich ein deutlich anderer: Zeus schleudert Hephaistos „von der himmlischen Schwelle“. Auch hier ist von gewalttätigem Verhalten einer heidnischen Gottheit die Rede. Beide homerischenHomer Prätexte ließen sich einem Diskurs zuordnen, der die ‚Despotie‘ heidnischer Gottheiten der fürsorglichen Herrschaft (des christlichen) Gottes gegenüberstellt. Dieser Diskurs wird freilich explizit nirgends in den CPERCCamerarius d.Ä., JoachimCapita pietatis et religionis Christianae versibus Graecis comprehensa ad institutionem puerilem thematisiert.
Camerarius scheint aber auch auf lateinische Prätexte anzuspielen. Diese These lässt sich durch die sich unmittelbar anschließenden Verse 23–25 belegen: Das Bild des politisch Verantwortlichen als Steuermann war bereits in der klassischen Antike etabliert und der Übergang vom Staats- zum Weltenlenker naheliegend. Besonderes Augenmerk verdient nun aber die von Camerarius Gott ausdrücklich zuerkannte Fähigkeit, während seiner Steuerungstätigkeit nicht einzuschlafen. Nun kann schon im Alten Ägypten der schlafende Gott negativ, nämlich im Zusammenhang mit fehlendem Weltregiment und daraus resultierender Ungerechtigkeit, gewertet werden.6 Viel näher liegt es aber, hier einen Rekurs auf die Palinurus-Episode im fünften Buch der Aeneis VergilsVergil zu sehen.7 Dort wird der Steuermann Palinurus nämlich tatsächlich, während er das Schiff steuert, vom Schlaf übermannt und stürzt ins Meer in sein Verderben (5, 833–871). Wiederum wird ein Kontrast markiert zwischen dem ohnmächtigen Menschen, der von dem als Gottheit personifizierten Schlaf überwältigt wird, und dem allmächtigen (christlichen) Gott.
Aspekte literarischer Gestaltung
Die Orientierung an der antiken Dichtung zeigt sich nicht nur auf dem Gebiet von Lexik, Morphologie und Intertextualität: So finden wir beispielsweise Gott zeusgleich mit einem Blitz ausgestattet (167: χερσὶ κεραυνὸν ἔχων).1 In den Versen 134–140 wird die Abhängigkeit des menschlichen Lebens von göttlichem Wohlwollen durch einen Hinweis auf die göttliche Fürsorge für Vögel, in den Versen 141–149 durch den Hinweis auf Pracht und Vergänglichkeit von Blumen illustriert.2HomerHomerIl. In beiden Fällen werden sogar Kataloge en miniature geboten (136: vier Vogelarten; 143–144: vier Blumenarten). Die absichtsvoll disponierende Hand des Dichters hat auch in Abschnitt 2 (Schöpfung der Welt) ihre Spuren hinterlassen: So werden in den Versen 14–15 die Bereiche Erde, Himmel und Wasser genannt.3Camerarius d.Ä., JoachimCapita pietatis et religionis Christianae versibus Graecis comprehensa ad institutionem puerilem Die Reihenfolge dieser Benennung wird in den Versen 16–17, in denen die Bewohner der jeweiligen Bereiche genannt werden, aufrechterhalten.4Camerarius d.Ä., JoachimCapita pietatis et religionis Christianae versibus Graecis comprehensa ad institutionem puerilem Die genannten drei Bereiche werden in den Versen 21–30 wiederum aufgeführt, diesmal jedoch in der genau umgekehrten Reihenfolge und mit der Modifikation, dass der nun an erster Stelle stehende Bereich des Meeres nunmehr auf einer Metaebene im Rahmen eines Gleichnisses (Gott als Steuermann der Welt) thematisiert wird.5Camerarius d.Ä., JoachimCapita pietatis et religionis Christianae versibus Graecis comprehensa ad institutionem puerilemCamerarius d.Ä., JoachimCapita pietatis et religionis Christianae versibus Graecis comprehensa ad institutionem puerilemCamerarius d.Ä., JoachimCapita pietatis et religionis Christianae versibus Graecis comprehensa ad institutionem puerilem
Die literarische Gestaltung zeigt sich auch an der Gestaltung des Übergangs von dem Abschnitt über die Ausrichtung des gefährdeten menschlichen Lebens auf Gott (117–155) zu dem Abschnitt über die Eschatologie (156–179). Gliedert man den Text in kleinere Sinneinheiten auf, so ergeben sich nach den Versen 117–131, welche die Ausrichtung des gefährdeten menschlichen Lebens auf Gott allgemein in den Blick nehmen, sechs Klein(st)abschnitte: Diese thematisieren den von Gott gewährten Schutz (132–133), die Schutzbedürftigkeit des irdischen Lebens (134–141), die Vergänglichkeit der irdischen Pracht (142–151), den von Gott gewährten Schutz im Diesseits (152–155), den von Gott gewährten Schutz im Jenseits (156–158) und schließlich die Auferstehung der Toten und das Jüngste Gericht (159–179). Der Übergang zwischen den Versen 155 und 156 markiert freilich nicht nur den Übergang vom Kleinabschnitt über göttlichen Schutz im Diesseits zum Kleinabschnitt über göttlichen Schutz im Jenseits, sondern auch überhaupt den Übergang des Großabschnitts über die Ausrichtung des gefährdeten menschlichen Lebens auf Gott (117–155) zum Großabschnitt über Eschatologie (156–179). Der Übergang ist aber nicht etwa als abrupter Abbruch des einen und Anfang eines anderen Themas gestaltet. Vielmehr gehören die Kleinabschnitte über den göttlichen Schutz im Diesseits (152–155) und im Jenseits (156–158) aus einem anderen Blickwinkel betrachtet thematisch durchaus zusammen und lassen sich gemeinsam einem chiastischen Schema zuordnen: In diesem Schema rahmt das Thema des göttlichen Schutzes (132–133 und 152–158) zwei Kleinabschnitte, welche die Gefährdung des irdischen Daseins thematisieren (134–141 und 142–151). Wir sehen hier ein Muster von sich gegenseitig überlappenden Strukturen.
Zur konfessionellen Prägung der CPERCCamerarius d.Ä., JoachimCapita pietatis et religionis Christianae versibus Graecis comprehensa ad institutionem puerilem
Die CPERCCamerarius d.Ä., JoachimCapita pietatis et religionis Christianae versibus Graecis comprehensa ad institutionem puerilem lassen sich schwerlich als Propagandaschrift für die Reformation auffassen; sie sind frei von konfessioneller Polemik. Aber es lassen sich durchaus einige Stellen finden, die bei Katholiken Anstoß erregt haben könnten: So finden wir in Vers 93 das Epitheton θειότοκος („gottgeboren“) in Bezug auf Jesus Christus. Von dem ganz ähnlich klingenden Begriff θεοτόκος, der Maria als „Gottesgebärerin“ oder „Mutter Gottes“ bezeichnet, wird dagegen in dem Gedicht keinerlei Gebrauch gemacht, obwohl von Maria kurz zuvor (86–87. 89. 91) die Rede gewesen ist. Dies ist besonders aufschlussreich angesichts der Tatsache, dass das Wort θεοτόκος im Griechischen durchaus etabliert ist, und zwar ausschließlich zur Bezeichnung von Maria als Mutter Gottes,1 wohingegen das Wort θειότοκος im antiken Griechisch nicht vorzukommen scheint und möglicherweise von Camerarius eigens gebildet worden ist. Der Schluss liegt nahe, dass die Verwendung des Wortes θειότοκος pointiert die Ablehnung der katholischen Marienverehrung widerspiegelt.2Camerarius d.Ä., JoachimCapita pietatis et religionis Christianae versibus Graecis comprehensa ad institutionem puerilem
Einschlägig scheint auch die Aussage der Verse 119–120, dass niemand Gott durch seine sterblichen Werke gefalle ([…] βροτέων γὰρ ἀπ’ ἥνδανεν ἔργων/ οὐδείς πω κτίστῃ πάντων, ὅσα δῆτ’ ἐγένοντο). Dies lässt sich dem reformatorischen Gedanken zuordnen, dass der Mensch nicht durch seine Taten, sondern allein durch den Glauben (sola fide) zum Heil gelange.3 Konfessionell bedingt dürfte des Weiteren auch die Tatsache sein, dass die CPERCCamerarius d.Ä., JoachimCapita pietatis et religionis Christianae versibus Graecis comprehensa ad institutionem puerilem nicht sieben, sondern drei Sakramente erwähnen: 184–185 ἱρά […] σημεῖα εὐνοίας πατρός; 188 πρῶτον, 191 δεύτερον, 193 τρίτον), und zwar Taufe (188–190), Schlüsselgewalt (191–192) und Abendmahl (193–196). Die Buße wird im Anschluss an das Abendmahl in drei Versen (197–199) abgehandelt und scheint auf den ersten Blick etwas unglücklich von der Schlüsselgewalt getrennt.4 Schließlich lässt sich auch die Betonung der Rolle Jesu Christi als μοῦνος μεσσευτής (218) im Sinne einer deutlichen Abgrenzung gegenüber der katholischen Heiligenverehrung lesen.5Camerarius d.Ä., JoachimCapita pietatis et religionis Christianae versibus Graecis comprehensa ad institutionem puerilem
Mögliche Verwendung der CPERCCamerarius d.Ä., JoachimCapita pietatis et religionis Christianae versibus Graecis comprehensa ad institutionem puerilem im Unterricht
Die Beobachtungen zur sprachlichen Gestalt und intertextuellen Faktur der CPERCCamerarius d.Ä., JoachimCapita pietatis et religionis Christianae versibus Graecis comprehensa ad institutionem puerilem wie auch die Anfertigung und Publikation einer griechisch-lateinischen Ausgabe nur ein Jahr nach der Publikation der griechischen CPERCCamerarius d.Ä., JoachimCapita pietatis et religionis Christianae versibus Graecis comprehensa ad institutionem puerilem sprechen dafür, dass es sich bei den CPERCCamerarius d.Ä., JoachimCapita pietatis et religionis Christianae versibus Graecis comprehensa ad institutionem puerilem um einen sprachlich äußerst anspruchsvollen Text handelte, der von Griechischlernenden kaum ohne intensive Unterstützung durch einen Dozenten bewältigt werden konnte.1 Außerdem sei an die recht häufigen Ligaturen, die oft chaotisch anmutende Handhabung der diakritischen Zeichen2 und die häufig unzureichende Markierung von Wortgrenzen erinnert.3 Selbst wenn man die Elisionen, bei denen nicht selten bedeutungstragende Vokale verschluckt werden, beiseite lässt, sind die Voraussetzungen für ein zügiges Textverständnis ungünstig. Das durch die Schwierigkeit des Textes (nicht seines Inhalts) unumgängliche close reading eröffnet umgekehrt dem Dozenten immer wieder die Möglichkeit, Besonderheiten des Textes als Ausgangspunkt für weiterreichende Ausführungen zu nehmen – etwa zu Fragen der Morphologie, Syntax und Metrik in der homerischenHomer und nichthomerischen Dichtersprache, aber auch in Bezug auf zahlreiche antike Prätexte.
Dieses Bestreben, die Lernenden nicht durch Vorentlastungen, sondern im Gegenteil durch besondere Herausforderungen anzuspornen, scheint auch durch den Vers 69 illustriert zu werden: Πάντων γὰρ πρώτιστα κακῶν ἐπιθυμίη ἐστι. Bei nur oberflächlicher Lektüre kann der Leser leicht dem Irrtum verfallen, in πρώτιστα einen mit ἐπιθυμίη kongruierenden Nominativ Singular Femininum zu sehen.4 Jedoch müsste der Nominativ Singular Femininum πρωτίστη lauten, und selbst wenn der ursprünglich lange a-Laut nicht in ein η umgeformt werden sollte, bliebe doch die Länge des α. Dagegen ist durch die Metrik des Hexameters klar, dass hier das auslautende α von πρώτιστα eine Kürze darstellt. Πρώτιστα muss also Nominativ Plural Neutrum sein, die Übersetzung muss dann in die Richtung von „Die Begierde ist nämlich (der unmittelbare Anfangsbereich, oder freier:) das Einfallstor zu allen Übeln“ gehen. Im Übrigen entspricht Vers 69 vollständig einem Hexameter des hellenistischen Philosophen Timon.5 Vor diesem Hintergrund ist es nicht erstaunlich, dass die Eisenacher Schulordnung von 1555 die Behandlung der CPERCCamerarius d.Ä., JoachimCapita pietatis et religionis Christianae versibus Graecis comprehensa ad institutionem puerilem in der ersten, das heißt obersten Klasse vorsieht.6Camerarius d.Ä., JoachimCapita pietatis et religionis Christianae versibus Graecis comprehensa ad institutionem puerilem
Wie ist dieser komplexe Befund nun zu bewerten? Zunächst einmal scheint es sehr wahrscheinlich, dass die Erarbeitung des Textes der CPERCCamerarius d.Ä., JoachimCapita pietatis et religionis Christianae versibus Graecis comprehensa ad institutionem puerilem die aktive Unterstützung eines kundigen Lehrers erforderte, der die jeweiligen Phänomene in ihrer Beispielhaftigkeit für die altgriechische Dichtung zu erläutern wusste. Darüber hinaus fällt auf, dass die außerordentlich hohe Anforderungen stellende sprachliche Gestaltung zu dem theologisch in vielerlei Hinsicht häufig eher oberflächlich anmutenden Gehalt in einem Missverhältnis zu stehen scheint. Für einen Katechismus wird überraschend viel nur erwähnt oder auch nur umschrieben, wenig wird erklärt.7Melanchthon, PhilippCamerarius d.Ä., JoachimCapita pietatis et religionis Christianae versibus Graecis comprehensa ad institutionem puerilem Die in den CPERCCamerarius d.Ä., JoachimCapita pietatis et religionis Christianae versibus Graecis comprehensa ad institutionem puerilem vorgestellten Theologumena dürften Schülern in dem Alter, in dem sie solches Griechisch zu übersetzen vermochten, in ihrer ganz überwiegenden Mehrzahl längst bekannt gewesen sein. Daher spricht vieles dafür, dass der eigentliche oder zumindest vorrangige Zweck der CPERCCamerarius d.Ä., JoachimCapita pietatis et religionis Christianae versibus Graecis comprehensa ad institutionem puerilem nichts anderes ist als die Einführung der Schüler in die altgriechische Dichtersprache in möglichst vielen ihrer Facetten. Dass der religiöse Inhalt den Schülern weitestgehend bekannt gewesen sein dürfte, dürfte es ihnen erleichtert haben, sich auf die sprachlichen und dichterischen Aspekte der CPERCCamerarius d.Ä., JoachimCapita pietatis et religionis Christianae versibus Graecis comprehensa ad institutionem puerilem zu konzentrieren. Andererseits brachte der Gehalt der CPERCCamerarius d.Ä., JoachimCapita pietatis et religionis Christianae versibus Graecis comprehensa ad institutionem puerilem auch eine implizite Wiederholung grundlegender christlicher Theologumena mit sich, durch die sicherlich der Glaube der jungen Menschen gestärkt werden sollte. Die CPERCCamerarius d.Ä., JoachimCapita pietatis et religionis Christianae versibus Graecis comprehensa ad institutionem puerilem lassen sich sicherlich auch als Beispiel für die Indienstnahme der (alt)griechischen Sprache zugunsten des (protestantischen) Christentums werten. Der aus der Begegnung mit dem Text resultierende Erkenntniszuwachs dürfte aber in fast allen Fällen im philologischen Bereich deutlich größer ausgefallen sein als im theologischen Bereich. Wenngleich daher in den CPERCCamerarius d.Ä., JoachimCapita pietatis et religionis Christianae versibus Graecis comprehensa ad institutionem puerilem sowohl philologisch-didaktische als auch religiöse Ziele verfolgt werden, scheint die philologisch-didaktische Zielsetzung im Vordergrund zu stehen.8Melanchthon, Philipp
Anhang
| Capita sacrosanctae fidei 1525 | ΚΕΦΑΛΑΙΑ ΧΡΙΣΤΙΑΝΙΣΜΟΥ | ||
| προσφωνηθέντα τοῖς παιδίοις | |||
| Δεῦτε φίλοι παῖδες θείων ἀδαήμονες ἔργων, | Δεῦτε φίλοι παῖδες θείων ἀδαήμονες ἔργων, | ||
| ὧν τε κακῇς ἀπάτῇς κοσμοῦ φρένες ἠερέδονται. | ὧν τε κακαῖς ἀπάταις κόσμου φρένες ἠερέθονται. | ||
| αἰεὶ γὰρ θνητοῖς θυμῷ φίλον αἴσυλα ῥέζειν, | αἰεὶ γὰρ θνητοῖς θυμῷ φίλον αἴσυλα ῥέζειν, | ||
| τῶν δ’ ἀπὸ οὐρανίων μάθετ’ ἄσματα θέσκελα μύθων· | τῶν δ’ ἄπ’ ἐπουρανίων μάθετ’ ἄσματα θέσκελα μύθων· | ||
| 5 | ὔμμε γάρ ἐστι μάλιστα δέον ταῦτ’ εἰδέν’ ἅπαντα | 5 | ὔμμε γάρ ἐστι μάλιστα δέον ταῦτ’ εἰδέν’ ἅπαντα |
| οἷσιν ἔνι ζωὴν εὑρήσετε αἰὲν ἐοῦσαν, | πρωθήβους θ’ ἁπαλούς θ’, οὓς οὔπω ὀνείδε’ ὄνοσσαν | ||
| οὕς τε θεὸς φιλέει, καὶ κήδεται ἔξοχα ἄλλων | οὕς τε θεὸς φιλέει, καὶ κήδεται ἔξοχα ἄλλων, | ||
| τοῖσι δ’ ἔνι ζωὴν εὑρήσε<σθ’> ἄφθιτον αἰεί, | |||
| ἄφθιτον ἀθάνατον, μεγάλου δώρημα θεοῖο. | |||
| τὸν δ’ ἄρ’ ἀμειβόμενοι σφετέρῳ τάδε θέσθ’ ἐνὶ θυμῷ, | 10 | τὸν δ’ ἄρ’ ἀμειβόμενοι σφετέρῳ τάδε θέσθ’ ἐνὶ θυμῷ, | |
| πατρὸς ἐφημοσύνῃ θείας γνωρίσματα βουλῆς | πατρὸς ἐφημοσύνῃ θείας γνωρίσματα βουλῆς, | ||
| 10 | ἧς τε ἄπ’ ἐκγεγάασθ’ ὑμέων φίλα τέκνα γονήων | ἧς τε ἄπ’ ἐκγεγάασθ’ ὑμέων φίλα τέκνα γονήων | |
| ἧς τε ἄπ’ ἐν ζωοῖσιν ἀρούρης καρπὸν ἔδεσθε. | ἧς τε ἄπ’ ἐν ζωοῖσιν ἀρούρης καρπὸν ἔδεσθε. | ||
| πρῶτον δ’ οὖν γαῖάν τε καὶ οὐρανὸν εὐρὺν ὕπερθεν | πρῶτον δὴ γαῖάν τε καὶ οὐρανὸν εὐρὺν ὕπερθεν | ||
| τούς τε κατειβομένους ποταμοὺς καὶ κῦμα θαλάσσης | 15 | τούς τε κατειβομένους ποταμοὺς καὶ κῦμα θαλάσσης | |
| ἀνθρώπων τε γένος καὶ θηρία γαῖαν ἔχοντες | ἀνθρώπων τε γένος καὶ θηρία γαῖαν ἔχοντα | ||
| 15 | αἰθέρος οἰωνούς τε καὶ ὕδατος ἰχθύες ἐντὸς | αἰθέρος οἰωνούς τε καὶ ὕδατος ἰχθύας ἐντὸς | |
| ᾧ ἔπε’ ἀϊδίῳ θεός ἐστιν ὁ πάντα τελέσσας. | ᾧ ἔπε’ ἀϊδίῳ θεός ἐστιν ὁ πάντα τελέσσας. | ||
| καὶ νῦν ποιηθέντα μόνος τάδε πάντα διοικεῖ, | καὶ νῦν ποιηθέντα μόνος τάδε πάντα διοικεῖ, | ||
| οὐδ’ αὕτως τε ἐᾷ χωρεῖν εἰκῇ τε φέρεσθαι | 20 | οὐδ’ αὕτως τε ἐᾷ χωρεῖν εἰκῇ τε φέρεσθαι | |
| ἢ ἄλλους τινὰς ἰθύνειν, νῆ’ ὡς ἐνὶ πόντῳ | ἢ ἄλλους τινὰς ἰθύνειν, νῆ’ ὡς ἐνὶ πόντῳ | ||
| 20 | μαψιδίως ἐφορῶν ἀπὸ βηλοῦ θεσπεσίοιο. | μαψιδίως ἐφορῶν ἀπὸ βηλοῦ θεσπεσίοιο. | |
| αὐτὸς δ’ αἰὲν ἐφεστήκει, αὐτός τε κυβερνᾷ | αὐτὸς δ’ αἰὲν ἐφεστήκει, αὐτός τε κυβερνᾷ | ||
| οἴακα χερσὶν ἔχων, οὐδὲ γλυκὺν ὄμμασιν ὕπνον | οἴακα χερσὶν ἔχων, οὐδὲ γλυκὺν ὄμμασιν ὕπνον | ||
| δεξάμενός ποτ’ ἀπειρηκώς, δύναται γὰρ ἅπαντα. | 25 | δεξάμενός ποτ’ ἀπειρηκώς, δύναται γὰρ ἅπαντα. | |
| οὐδ’ ἄρα χαλκείου πτύχες οὐρανοῦ ἐννέα πᾶσαι | οὐδ’ ἄρα χαλκείου πτύχες οὐρανοῦ ἐννέα πᾶσαι | ||
| 25 | ἣν ὁδὸν ἐξάνυον προκυλινδόμεν’ ἔνθα καὶ ἔνθα, | ἣν ὁδὸν ἐξάνυον προκυλινδόμεν’ ἔνθα καὶ ἔνθα, | |
| εἰ μὴ ὁ τοῦ τε νόος καί χεὶρ κρατέρ’ ἦγε ποιητοῦ. | εἰ μὴ ὁ τοῦ τε νόος καί χεὶρ κρατέρ’ ἦγε ποιητοῦ. | ||
| οὐδ’ ἐνὶ γῆς ἐρατοῖς ἄνθη καὶ λήια κόλποις | οὐδ’ ἐνὶ γῆς ἐρατοῖς ἄνθη καὶ λήια κόλποις | ||
| θῆλεν ἂν ἐμμαπέως, εἰ μὴ θεὸς ἦν ὁ φυτεύσας, | 30 | θῆλεν ἂν ἐμμαπέως, εἰ μὴ θεὸς ἦν ὁ φυτεύσας, | |
| ἀλλ’ ὅδε πάντα κρατῶν θεὸς ἄμβροτα μήδεα εἰδὼς | ἀλλ’ ὅδε πάντα κρατῶν θεὸς ἄμβροτα μήδεα εἰδὼς | ||
| 30 | οὐ δηλήμων ἐστί, φίλον τέκος, ἀλλ’ ἐλεήμων, | οὐ δηλήμων ἐστί, φίλον τέκος, ἀλλ’ ἐλεήμων, | |
| οὐ<κ> ὀλετήρ, οὐκ ὠμηστής, πιστὸς δὲ καὶ ἐσθλός. | οὐ<κ> ὀλετήρ, οὐκ ὠμηστής, πιστὸς δὲ καὶ ἐσθλός. | ||
| ὃς γένος ἀνθρώπων ὄφιος ψεύδεσσι πεποιθὸς | |||
| 35 | ῥήμασι καὶ σφετέρῃσιν ἀτασθαλίῃσιν ὀλωλὸς | ||
| εἰς βίον ἐξ ὀλέθροιο κατ’ αὖθ’ ὤρθωσ’ ἐλεηθείς, | |||
| οὐδ’ ἠνέσχετ’ ἰδὼν ἐφθαρμένον ἔργον ἑαυτοῦ | |||
| πλάσματος ἀγχιθέοιο, τὸ κείνου χεῖρες ἔκαμνον | |||
| ἔμμεναι ἀθανάτου θεοῦ εἰκόνα, καὶ νόμον ἄλλον | |||
| 40 | μηδέν’ ἔχειν ἢ ῥήμαθ’ ἑοῦ κτίστεω ὑπακούειν, | ||
| ὥστε μόν’ αὖτ’ ἔρδειν καὶ μήδεσθαι φρεσὶν ᾗσιν, | |||
| ὅσσα πατὴρ ἐθέλει καὶ βούλεται ἠδ’ ἐκέλευσε. | |||
| τῶν καὶ ἐνὶ κραδίῃ ξύγγραμμα πάροιθεν ἔθηκεν | |||
| καὶ τόδ’ ἀμαυρωθὲν πρὸς ἀπειθείας βροτολοιγοῦ | |||
| 45 | αὖθ’ ἀναπλαξὶ νέωσε δυοῖν, ὀνύχεσσι χαράξας | ||
| κεῖν᾿ ἰδίαις προτέροιο νόου ψηφίσματα, μή τις | |||
| ἀγνοίῃ φαίη πρᾶξαι τόδε, τοῦδ’ ἀμελῆσαι. | |||
| τούτων δὴ κεφάλαια κατὰ στόματος προφέρεσθαι | |||
| πόλλακι χρὴ τοὺς παῖδας, ἀπὸ φρενὸς ὧδε λέγοντας. | |||
| 50 | παντοκράτωρ θεὸς οὐράνιος προλέγει τάδε πᾶσι. | ||
| αὐτὸς ἐγὼ θεός εἰμι μόνος, καὶ ἀπεκτὸς ἐμεῖο | |||
| οὐδείς ἐστι θεός, σὺ δ’ ἐμοὶ μέμνησο λατρεῦσαι | |||
| μούνῳ, μὴ δὲ παρὲξ θεῖον τοῦδ’ ἄλλο σέβισσε. | |||
| κύριός εἰμι σέθεν. μὴ τοὔνομα βάζε ματαίως | |||
| 55 | μὰψ ἐπὶ χείλεσ’ ἑλὼν ἐμὸν οὔνομα αἰὲν ἄχραντον. | ||
| σάββαθ’ ἑορτάζειν ἁγναῖς μνήσθητι χέρεσσι, | |||
| καὶ καθαρᾷ μᾶλλον τηρῶν φρενὶ ἱερὸν ἦμαρ, | |||
| εὐδαίμων δ’ ἐπὶ γῆς ἵν’ ἔῃς πολλούς τ’ ἐνιαυτούς | |||
| ζώῃς μακρόβιος, πεφύλαξο τοκῆας ἀτιμᾶν, | |||
| 60 | ἀλλ’ αἰὲν περὶ κῆρι τίειν σπούδασσον, ὅπως καὶ | ||
| εὖ σέο τῶν παίδων πατέρ’ ὀψιγόνων σέ τις ἔρδῃ. | |||
| μὴ φόνον ἐργάζῃ. μοιχείας ἁγνὸς ἔησθα. | |||
| μὴ κλέψῃς. μὴ μαρτυρίαν ψεύδεσσ’ ἐπένεγκον. | |||
| μὴ τοῦ πλησίον ἱμείρῃ<ς> ποτὲ σεῖο γυναικὸς | |||
| 65 | ὄμμασι κιβδήλοισιν ὁρῶν καὶ ἐπίφρονι θυμῷ | ||
| ἐγκισσῶν, μήδ’ αὖτ’ ἐθέλῃς πάντων τι γενέσθαι | |||
| σοὶ κείνων, θεὸς ὅσσα τεῷ ποτ’ ἔδωκε πολίτῃ· | |||
| οὐ δόμον, οὐκ ἀγρούς, βοῦν, παιδίσκην, θεράποντα. | |||
| πάντων γὰρ πρώτιστα κακῶν ἐπιθυμίη ἐστί. | |||
| 70 | καὶ κατὰ δὴ τάδε τηρηθέντα κριτὴς θεὸς ἔσται | ||
| ἡμεῖς δ’ οἱ τάλανες κενεοφροσύνῃσι νόοιο | |||
| τυφλοὶ καὶ χωλοὶ μήτ’ εἰς καλὸν αὔτ’ ἀτενίσσαι | |||
| μήτε τρέχειν δυνάμεσθ’ ἀρετῆς ὁδὸν ὀρθοκέλευθον. | |||
| ἀλλ’ ἡμῖν εὖ βούλεθ’ ὁμῶς ὅδε καίπερ ἀλιτροῖς, | |||
| 75 | εἰ μὲν ἀποστρεφόμεσθα κακοῦ μετὰ δ’ αὖ μελόμεσθα | ||
| ὅττι θεοῦ πρότερον σαρκὸς τιθέμεσθα θέλημα, | |||
| συγγνώμην τ’, ἀγαθὸς μεταποιεῖται νοέουσι. | |||
| οὐ γάρ φησι βροτῶν ἐθέλειν μόρον, ἀλλ’ ἵνα πάντες | |||
| ἀϊδίου μετέχωσι βίου ζώοντες ἄμεινον. | |||
| ταῦτ’ ἄρα τοι ξύνες ἠδὲ τεῷ ἐνὶ κάτθεο θυμῷ, | 80 | ταῦτ’ ἄρα τοι ξύνες ἠδὲ τεῷ ἐνὶ κάτθεο θυμῷ, | |
| μηδέ τ’ ἄχος μελέτω σῇσι_φρεσί μηδέ τι τάρβος, | μηδέ τ’ ἄχος μελέτω σῇσιν φρεσί μηδέ τι τάρβος, | ||
| ἔλπεο δ’ ἐκφυγέειν τε κακὸν καὶ βέλτιον εὑρεῖν. | ἔλπεο δ’ ἐκφυγέειν τε κακὸν καὶ βέλτιον εὑρεῖν. | ||
| 35 | τῶν καὶ ἑὸν φίλον υἱὸν ἀπ’ οὐλύμποιο καρήνων | τῶν καὶ ἑὸν φίλον υἱὸν ἀπ’ οὐλύμποιο καρήνων | |
| σοὶ ἀγαθὰ φρονέων προέηκεν μάρτυρα εἶναι, | σοὶ ἀγαθὰ φρονέων προέηκεν μάρτυρα εἶναι, | ||
| ὃς καὶ σ’ οὐ κακὸν ὀσσόμενος πατρὶ δ’ ἧκε πιθήσας | 85 | ὃς καὶ σ’ οὐ κακὸν ὀσσόμενος πατρὶ δ’ ἧκε πιθήσας | |
| παρθενικῆς ἱερὴν κατὰ γαστέρ’ ἀμύμονος ἐσδύς. | παρθενικῆς ἱερὴν κατὰ γαστέρ’ ἀμύμονος ἐσδύς. | ||
| ἥδ’ ὑποκυσσαμένη τέκεν ἀθανάτου θεοῦ υἱόν. | ἥδ’ ὑποκυσσαμένη τέκεν ἀθανάτου θεοῦ υἱόν. | ||
| 40 | πνεύματος ἐξ ἁγίου πατρὸς μεγάλου ἰότητι | πνεύματος ἐξ ἁγίου πατρὸς μεγάλου ἰότητι | |
| οὐδέ τιν’ ᾗ θέμις ἐστὶ βροτῶν ποτε ἀνδρὶ μιγεῖσα, | οὐδέ τιν’ ᾗ θέμις ἐστὶ βροτῶν ποτε ἀνδρὶ μιγεῖσα, | ||
| ἀλλ’ ἐπεὶ οὖν πρὸ φόωσδ’ ἦγεν θεὸς ὃν φίλον υἱόν, | 90 | ἀλλ’ ἐπεὶ οὖν πρὸ φόωσδ’ ἦγεν θεὸς ὃν φίλον υἱόν, | |
| μήτηρ μὲν καλέσασκεν ἰησοῦν πατρὸς ἐφετμῇ | μήτηρ μὲν καλέσασκεν ἰησοῦν πατρὸς ἐφετμῇ | ||
| τὸν πάντων σωτῆρα βροτῶν, τὸν χριστὸν ἀληθῆ. | τὸν πάντων σωτῆρα βροτῶν, τὸν χριστὸν ἀληθῆ. | ||
| 45 | ὣς ἄρα θειότοκος γόνος ἑβραίων ἐπὶ γαῖαν | ὣς ἄρα θειότοκος γόνος ἑβραίων ἐπὶ γαῖαν | |
| θνητὸν ἔχων δέμας ἠδὲ φυὴν ἄλλ’ ὥσπερ οἱ ἡμεῖς | θνητὸν ἔχων δέμας ἠδὲ φυὴν ἄλλ’ ὥσπερ οἱ ἡμεῖς | ||
| ἀγγελιῶν πατρὸς μεμνημένος αἰὲν ἐφοίτα, | 95 | ἀγγελιῶν πατρὸς μεμνημένος αἰὲν ἐφοίτα, | |
| ἀρνύμενος ψυχὰς μερόπων ζωῆς τε χατίζων | ἀρνύμενος ψυχὰς μερόπων ζωῆς τε χατίζων | ||
| ἡμετέρας, ἔχε γὰρ θάνατος καὶ μοῖρα κραταίη. | ἡμετέρας, ἔχε γὰρ θάνατος καὶ μοῖρα κραταίη. | ||
| 50 | τῷ καὶ ἵνα ῥύσῃ, ὑπεμείνατο κῆρα μέλαιναν, | τῷ καὶ ἵνα ῥύσῃ, ὑπεμείνατο κῆρα μέλαιναν, | |
| σταυρωθείς τε ἑὸν βίον ὤλεσεν, ὥστε σαῶσαι | σταυρωθείς τε ἑὸν βίον ὤλεσεν, ὥστε σαῶσαι | ||
| ἀνθρώπων θνητὸν δειλῶν γένος ἐξ ἀΐδαο. | 100 | ἀνθρώπων θνητῶν δειλῶν γένος ἐξ ἀΐδαο. | |
| οἷ καταβησόμενος δῆσ’ αὐτὸν καὶ θεραπόντα | οἷ καταβησάμενος δῆσ’ αὐτὸν καὶ θεραπόντα | ||
| ἀργαλέον μόρον ὄντ’ ἐχθρὸν πάντεσσι βροτοῖσι. | ἀργαλέον μόρον ὄντ’ ἐχθρὸν πάντεσσι βροτοῖσι. | ||
| 55 | δῆσε δ’ ἐν ἀρρήκτοις δεσμοῖς τά τε τεύχε’ ἐσύλα, | δῆσε δ’ ἐν ἀρρήκτοις δεσμοῖς τά τε τεύχε’ ἐσύλα, | |
| καὶ ξίφε’ ἠδ’ ἰοὺς στιβαρῇς κατέαξε χέρεσσι, | καὶ ξίφε’ ἠδ’ ἰοὺς στιβαρῇς κατέαξε χέρεσσι, | ||
| τὰς τ᾿ ἀνόμους πράξεις ἀσεβῆ καὶ ἀτάσθαλα ἔργα | 105 | τὰς τ᾿ ἀνόμους πράξεις ἀσεβῶν θ’ ὁρμήματα ἔργων, | |
| τοῖς πάρος ἀνθρώπων ἀκορέστως φῦλ’ ὀλέκοντο. | οἷς πάρος ἀνθρώπων ἀκορέστως φῦλ’ ὀλέκοντο. | ||
| οὕτως ἀνθρώπων τε φονεὺς καὶ δεῖμ’ ἀϊδωνεὺς | οὕτως ἀνθρώπων τε φονεὺς καὶ δεῖμ’ ἀϊδωνεὺς | ||
| 60 | καὶ θάνατος πρὸς τοῦδε δάμη βίῃ ἀμεγάρτω. | καὶ θάνατος πρὸς τοῦδε δάμη βίῃ ἀμεγάρτω. | |
| αὐτοῦ δ’ ὅττι τάφῳ ἔνι νεκροῦ σῶμα τριταίου | αὐτοῦ δ’ ὅττε τάφῳ ἔνι νεκροῦ σῶμα τριταίου | ||
| κρύπτ’ ἐχθροῖς μέγα χάρμα, φίλοισι δὲ πένθος ἄλαστον | 110 | κρύπτ’ ἐχθροῖς μέγα χάρμα, φίλοισι δὲ πένθος ἄλαστον | |
| ἀμφότεροι γὰρ ἔφαν τόνδ’ οὔπω ἐσμὲν ἰδῆσαι, | ἀμφότεροι γὰρ ἔφαν τόνδ’ οὐκέτ’ ἐς αἰὲν ἰδῆσαι, | ||
| ἐκ τότ’ ἄρ’ οὖν θανάτου πυλέων, στυγνοῦ τ’ ἀχέροντος | ἐκ τότ’ ἄρ’ οὖν θανάτου πυλέων, στυγνοῦ τ’ ἀχέροντος | ||
| 65 | ζωὸς ἀνέστη ἐὼν καὶ γὰρ θεὸς αὐτὸν ἔγειρε, | ζωὸς ἀνέστη ἐὼν καὶ γὰρ θεὸς αὐτὸν ἔγειρε, | |
| ἡμῶν θ’ ἡγεῖσθαι, χ’ ἡμῖν βασιλεύεμεν αἰεί. | ἡμῶν θ’ ἡγεῖσθαι, χ’ ἡμῖν βασιλεύεμεν αἰεί. | ||
| τῷ καὶ ἀπ’ αἰθερίων ᾧ πατρὶ παρήμενος ἑδρῶν | 115 | τῷ καὶ ἀπ’ αἰθερίας ᾧ πατρὶ παρήμενος ἕδρας | |
| πάντα κατασκοπιᾷ τε καὶ αὐτῷ πάντα μέμηλε. | πάντα κατασκοπιᾷ τε καὶ αὐτῷ πάντα μέμηλε. | ||
| ἤτοι γοῦν, φίλε παῖ, οὕτω σ’ ἀγαπῶντα δίωκε, | τοῦτον γοῦν, φίλε παῖ, τόσσον σ’ ἀγαπῶντα δίωκε, | ||
| 70 | ἠδ’ ἐφέπου καλέοντι. σὲ δ’ αὖ ὅδε πάντα διδάξει | ἠδ’ ἐφέπου καλέοντι. σὲ δ’ αὖ ὅδε πάντα διδάξει | |
| ἅττα σὲ χρὴ πράττειν, σφετέρων γὰρ ἀπ’ ἥνδανεν ἔργων | ἅττα σὲ χρὴ πράττειν, βροτέων γὰρ ἀπ’ ἥνδανεν ἔργων | ||
| οὐδείς πω κτίστῃ πάντων ἀγαθῶν τε κακῶν τε | 120 | οὐδείς πω κτίστῃ πάντων, ὅσα δῆτ’ ἐγένοντο | |
| ἀλλ’ ὅδ’, τούς γ’ ἐθέλει, καὶ ἐφέλκει καὶ μεταπλάττει, | ἀλλ’ ὅδ’ ἑοῖ πισύνους καὶ ἐφέλκει καὶ μεταπλάττει, | ||
| εἰς κραδίην ὃν πνεῦμα βαλὼν θεῖόν θ’ ἁγιόν τε. | εἰς κραδίην ὃν πνεῦμα βαλὼν θεῖόν θ’ ἁγιόν τε. | ||
| 75 | τοῦδ’ ἄπο θαρσυνόμεσθα μένος τ᾿ ἔχομεν φρεσὶ ἠῢ | τοῦδ’ ἄπο θαρσυνόμεσθα μένος τ᾿ ἔχομεν φρεσὶν ἠῢ | |
| ἠδ’ αὐτὸν τολμῶμεν ἁμαρτωλοί περ ἐόντες | ἠδ’ αὐτὸν τολμῶμεν ἁμαρτωλοί περ ἐόντες | ||
| ἡμέτερων πατέρα κράξαντες τέκνα καλέσσαι | 125 | ἡμέτερον πατέρα κράξαντες τέκνα καλέσσαι | |
| αὐτοῦ γὰρ τ’ ἐσμὲν λαός τ’ ἔθνος τ’ ἀγαπητόν, | αὐτοῦ γὰρ τ’ ἐσμὲν λαός τ’ ἔθνος τ’ ἀγαπητόν, | ||
| αὐτὸς ὃς εἰς ἀγέλην πρόβατ’, εἴς θ’ ἓν πῶϋ ἔκλεισεν. | αὐτὸς ὃς εἰς ἀγέλην πρόβατ’, εἴς θ’ ἓν πῶϋ ἔκλεισεν. | ||
| 80 | τὺ μόνον αὐτοῦ μεῖνον, ἀκουσάμενος θεοῦ ὄσσαν | τὺ μόνον αὐτοῦ μεῖνον, ἀκουσάμενος θεοῦ ὄσσαν | |
| οὐδ’ ἅλιον τοῦδ’ ἔσσετ’ ἔπος ποτέ γ’ ὅττι κεν εἴπῃ. | οὐδ’ ἅλιον τοῦδ’ ἔσσετ’ ἔπος ποτέ γ’ ὅττι κεν εἴπῃ. | ||
| ἐξ ἄρα σοῦ βάλε πάντα φόβον, καὶ τάρβεα θυμοῦ | 130 | ἐξ ἄρα σοῦ βάλε πάντα φόβον, καὶ τάρβεα θυμοῦ | |
| καὶ μοῦνον πίστευε λόγῳ, θεὸς ὅντιν’ ἐνίσπῃ. | καὶ μούνῳ πίστευε λόγῳ, θεὸς ὅντιν’ ἐνίσπῃ. | ||
| κεῖνος δ’ οὐ μὲν ἄνευθεν ἐών, ἀλλ’ ἄγχι παραστὰς | κεῖνος δ’ οὐ μὲν ἄνευθε μένων, ἀλλ’ ἄγχι παραστὰς | ||
| 85 | παντόσ’, ὅπου φύλακός κε δέῃ σεῦ κήδε’ ἀπωθεῖ. | παντόσ’, ὅπου φύλακός γε δέῃ σεῦ κήδε’ ἀπωθεῖ. | |
| ὃς γὰρ καὶ πετεινὰ δι’ ἠέρος αὐγαλέοιο | ὃς δὴ καὶ πετεεινὰ δι’ αὐγαλέοιο νομεύων | ||
| σμικρὰ ἥτ’ ἔνθα καὶ ἔνθα ποτώμενα αἰὲν ἀλᾶται, | 135 | ἠέρος ἔνθα καὶ ἔνθα ποτώμενα ὧδε κυβερνᾷ | |
| στρουθία τε ψάρους τε κολοιούς τε κόρακάς τε | ὥστε τροφὴν εὑρεῖν, καὶ νήπια τέκν’ ἀτιτάλλειν, | ||
| ὥστε τροφὴν εὑρεῖν, παρέχει, καὶ τέκν’ ἀτιτάλλειν, | στρουθία τε ψάρους τε κολοιούς τε κόρακάς τε. | ||
| 90 | μήδε τις ἰξευτὴς μάλα περ πεπνυμένος ἐλθὼν | μήδε τις ἰξευτὴς μάλα περ πεπνυμένος ἐλθὼν | |
| τοῦ γε θεοῦ ἀέκοντος ἀπ’ αἰθέρος εἶχε κατασπᾶν | τοῦ γε θεοῦ ἀέκοντος ἀπ’ αἰθέρος εἶχε κατασπᾶν | ||
| τῶνδ’ ἓν ἀτιμότατον θεὸς ἣν χεῖρ’ ὅτταν ὑπέρσχῃ | 140 | τῶνδ’ ἓν ἀτιμότατον θεὸς ἣν χεῖρ’ ὅτταν ὑπέρσχῃ | |
| ἀλλ’ ὅ γ’ ὑμᾶς φιλέει, ἐλθεῖν τε πρὸς αὑτὸν ἀνώγει. | ἀλλ’ ὅ γ’ ὑμᾶς φιλέει, ἐλθεῖν τε πρὸς αὑτὸν ἀνώγει. | ||
| ἢν ἰδὲ καὶ ὅσσοις λειμῶνες τηλεθόωσι | ἢν ἰδὲ καὶ ὅσσοις λειμῶνες τηλεθόωσι | ||
| 95 | καλοὶ μυδαλέοι θέρεος ζαθεῇ ὑπὸ αἴγλῃ | καλοὶ μυδαλέοι θέρεος ζαθεῇ ὑπὸ αἴγλῃ | |
| ἄνθεσι, τοῖς τε ἰοῖς καὶ εὐόδμοισι σελίνοις, | ἄνθεσι, τοῖς τε ἰοῖς καὶ πορφυρέοισι ῥόδοισι, | ||
| καὶ μαλάχαις τε ῥόδοις τε καὶ εὐθαλεῖ οὔλῳ ἀνήθῳ. | 145 | καὶ λευκοῖσι κρίνοισι καὶ ἱμερόεσσ’ ὑακίνθοις. | |
| τίς δ’ ἄρα πω βασιλεύς, ὃς ἐν ἀνθρώποισι κέκαστο | τίς δ’ ἄρα πω βασιλεύς, ὃς ἐν ἀνθρώποισι κέκαστο | ||
| πλούτῳ καὶ δυνάμει, τοῖσιν γανόωσιν ἄνακτες | πλούτῳ καὶ δυνάμει, τοῖς περ γανόωσιν ἄνακτες | ||
| 100 | τῶν δ’ ἕν’ ἴσην ἑσθῆτ’ ἐπιείμενος ἐν θρόνῳ ἦσθο [sic!]; | τῶν δ’ ἕν’ ἴσην ἑσθῆτ’ ἐπιείμενος ἐν θρόνῳ ἦστο; | |
| καὶ τάδε που θέρεος γαίης φθίνοντος ἀν’ οὖδας | καὶ τάδε που θέρεος γαίης φθίνοντος ἀν’ οὖδας | ||
| πάντα μαραίνονται, τά γε μὴ βροτοὶ ἔφθαν ἄραντες. | 150 | πάντα μαραίνονται, τά γε μὴ βροτοὶ ἔφθαν ἄραντες. | |
| ὣς τάδε φῦλλα θεὸς κοσμεῖ ἀμενηνὰ ἐόντα. | ὣς μὲν φῦλλα θεὸς κοσμεῖ τάδ’ ἐόντ’ ἀμενηνά. | ||
| τῆς δ’ ἔτι σεῖο τριχῶν κεφαλῆς θεὸς οἶδεν ἀριθμὸν | τῆς δέ τε σεῖο τριχῶν κεφαλῆς θεὸς οἶδεν ἀριθμὸν | ||
| 105 | καί σοι ἀεὶ παρμέμβλωκεν νύκτας τε καὶ ἦμαρ. | καί σοι ἀεὶ παρμέμβλωκεν νύκτας τε καὶ ἦμαρ. | |
| τίπτ’ οὖν ἠὲ μόρον κακὸν ἠέ τι ἄλλο δέδοικας; | τίπτ’ οὖν ἠὲ μόρον κακὸν ἠέ τι ἄλλο δέδοικας; | ||
| τοιοῦτον πάσαις ἐνὶ πομπὸν ὁδοῖσι κιχήσας. | 155 | τοιοῦτον πάσαις ἐνὶ πομπὸν ὁδοῖσι κιχήσας. | |
| θάρσεο. ζήσεις γὰρ καὶ εἰν ἀΐδαο δόμοισιν. | θάρσει. ζήσεις γὰρ καὶ εἰν ἀΐδαο δόμοισιν. | ||
| οὐδὲ μελαγχλαίνου πεδάαν κῆρες θανάτοιο | οὐδὲ μελαγχλαίνου πεδάαν κῆρες θανάτοιο | ||
| 110 | τοσσοῦτόν σε δυνήσονθ’ ὡς μὴ δεσμὸν ἀλύξαι. | τοσσοῦτόν σε δυνήσονθ’ ὡς μὴ δεσμὸν ἀλύξαι. | |
| ἦ τοι γὰρ χρόνος ἔσθ’, ὅθ’ ἑὴν ἐς σάρκα ἕκαστος | ἦ τοι γὰρ χρόνος ἔσθ’, ὅθ’ ἑὴν ἐς σάρκα ἕκαστος | ||
| δύσσεται ἐκ νεκρῶν, ζωὸς κακὸς ἠδὲ καὶ ἐσθλός. | 160 | δύσσεται ἐκ νεκρῶν, ζωὸς κακὸς ἠδὲ καὶ ἐσθλός. | |
| ἔσθλ’ ἵν’ ἐγερθέντες βίον ἄφθορον αἰὲν ἔχωσι, | ἔσθλ’ ἵν’ ἐγερθέντες βίον ἄφθορον αἰὲν ἔχωσι, | ||
| νικηταὶ κόσμου τ’ ἀΐδος τ’ ἐρέβευς τε μόρου τε, | νικηταὶ κόσμου τ’ ἀΐδος τ’ ἐρέβευς τε μόρου τε, | ||
| 115 | οὐκ οἶοι, διὰ δὲ χριστὸν θεοῦ υἱὸν ἰησοῦν. | οὐκ οἶοι, διὰ δὲ χριστὸν θεοῦ υἱὸν ἰησοῦν. | |
| τοὺς δὲ κακοὺς νὺξ κυκλώσει, ἔρεβός τε σκότος τε. | τοὺς δὲ κακοὺς νὺξ κυκλώσει, ἔρεβός τε σκότος τε. | ||
| αὐτὸς δ’, ὦ φίλοι, αὖ τε κρινεῖ οὕτως ὁ φιλήσας | 165 | αὐτὸς δ’, ὦ φίλοι, αὖ τε κρινεῖ οὕτως ὁ φιλήσας | |
| αἰθέρος ἐκ προφανεὶς νεφέων πυρόεντος ὁμίχλης | αἰθέρος ἐκ προφανεὶς νεφέων πυρόεντος ὁμίχλης | ||
| χερσὶ κεραυνὸν ἔχων, σὺν πλήθει οὐρανιώνων. | χερσὶ κεραυνὸν ἔχων, σὺν πλήθει οὐρανιώνων. | ||
| 120 | ἔνθα διακριθέντες ἑὸν ποτὶ δῶμα κατάξει | ἔνθα διακριθέντας ἑὸν ποτὶ δῶμα κατάξει | |
| αὑτῷ πιστεύσαντας, ἑῷ τ’ ἔπει ἐμβατέοντας, | αὑτῷ πιστεύσαντας, ἑῷ τ’ ἔπει ἐμβεβαῶτας, | ||
| δειδίσσων ἐχθρούς, κακίαν τ’ ἀπὸ πᾶσαν ἀμύνων. | 170 | δειδίσσων ἐχθρούς, κακίαν τ’ ἀπὸ πᾶσαν ἀμύνων. | |
| τῶνδε μέτ’ οὐ τέλος οὐδὲ χαρᾶς ἔστ’ οὐδὲ πόνοιο. | τῶνδε μέτ’ οὐ τέλος οὐδὲ χαρᾶς ἔστ’ οὐδὲ πόνοιο. | ||
| οἱ δ’ ἀγάθ’ ἕξουσιν τιμὴν καὶ δόξαν ὀπίσσω | οἱ δ’ ἀγάθ’ ἕξουσιν τιμὴν καὶ δόξαν ὀπίσσω | ||
| 125 | ὅττ’ εὐεργεσίῃσι γέρας καὶ κῦδος ὀπηδεῖ. | ὅττ’ εὐεργεσίῃσι γέρας καὶ κῦδος ὀπηδεῖ. | |
| οἱ δ’ ἀσεβεῖς κλαύσουσι κακῶν ἕνεχ’ ὅσσα ἔωργαν. | οἱ δ’ ἀσεβεῖς κλαύσουσι κακῶν ἕνεχ’ ὅσσα ἔωργαν. | ||
| οὐδ’ ἔτι παυσωλὴ ἀχέων ἔσετ’, οὐδ’ ἀλεωρή. | 175 | οὐδ’ ἔτι παυσωλὴ ἀχέων ἔσετ’, οὐδ’ ἀλεωρή. | |
| ταῦτ’ ἐνὶ βάλλεο φρεσσὶ τεῇς καὶ μήποτε λήθη | ταῦτ’ ἐνὶ βάλλεο φρεσσί τε ᾗς καὶ μήποτε λήθη | ||
| σεῦ ἄπο αἱρείτω, μηδ’ αὖ περὶ τῶνδ’ ἀπορήσεις. | σεῦ ἄπο αἱρείτω, μηδ’ αὖ περὶ τῶνδ’ ἀπορήσεις. | ||
| 130 | μῦσος γὰρ δεινόν, ψεῦδος φάσκειν θεοῦ αὐδήν. | μῦσος γὰρ χαλεπόν, ψεῦδος φάσκειν θεοῦ αὐδήν. | |
| τοῦτό γε μὴν ἔσετ’ οὔθ’ ἅλιόν γ’ ἔπος, οὐδ’ ἀτέλεστον. | τοῦτό γε μὴν ἔσετ’ οὔθ’ ἅλιόν γ’ ἔπος, οὔτ’ ἀτέλεστον. | ||
| 180 | ἐν δ’ ἄρα τῷδε βίῳ θείου μένετ’ ἐντὸς ὁμίλου | ||
| FINIS | ἔνθα λόγος θεοῦ οὐράνιος κηρύσσεται αἰὲν | ||
| ἀψευδής, ἀμετάβλητος, θεὸς αὐτὸς ἰησοῦς | |||
| ἤτ’ αὐτοῦ διδαχὴ στομάτων σωτήριος ἠχεῖ | |||
| πρεσβυτέρων ἄπο καὶ μετὰ λαοῖς ἱρὰ δίδονται | |||
| 185 | σημεῖ’ εὐνοίας πατέρος βασιλῆος ἀνάρχου, | ||
| αὐτοῦ θ’ υἱέος ἐκ γενετῆρος ἀειγενέταο. | |||
| ἀΐδιον διὰ πνεῦμ’ ἅγιον πιστῶν παράκλητον. | |||
| πρῶτον μὲν γνώσῃ παλινόρσου λοῦτρα βίοιο, | |||
| καὶ γένεσιν θνητοῖσιν ἄνωθε φορούμενον ὕδωρ | |||
| 190 | νάματος ἀγλαοποιοῦ, ἁμαρτονίβοιο, διαυγοῦς. | ||
| δεύτερον αὖ δύναμιν κλειδοῦχον, τῇ ἔπι κεῖται | |||
| ἀνθρώποισιν ὄλυμπον ἀνοίγειν ἠδ’ ἀποκλεῖσαι. | |||
| καὶ τρίτον οὐράνιον δεῖπνον, τῷ κύριος αὐτὸς | |||
| ἑστιάων τε τροφή τε πάρεστι, διδοῖ γὰρ ἔδεσθαι | |||
| 195 | σῶμ’ ἴδιον (μέγα θαῦμα βεβήλοις) αἷμά τε πίνειν | ||
| τοῖς ἐπὶ ταῦτ’ ἀχθεῖσιν ἐν ἐκκλήτῳ συνομίλῳ. | |||
| ἔνθα μέν, ὅστις ἁμαρτήσεις κατὰ δάκρυα λείβων | |||
| ἐκ κραδίης θρήνοισι κατεῖπεν, τόνδ’ ἀπολῦσαν | |||
| ῥῆμα θεοῦ πιστῶν αὖθις κοινωνὸν ἔθηκεν. | |||
| 200 | ἔνθα δὲ πᾶς τις ποιεῖτ’ εὐχὰς ἠδὲ δεήσεις, | ||
| κύριος ὡς ἐκέλευσε καὶ ἐξεδίδαξε μαθητάς, | |||
| ὥστε προσεύχεσθ’ ὧδε. πατὴρ ὦ ὢν ἐν ὀλύμπῳ | |||
| τοὔνομα σεῖ’ ἁγιασθήτω, πάτερ ἡμέτερ’, αἰεί. | |||
| ἐρχέσθω σέθεν ἀρχέβιος βασίλει’ ἀπέραντος. | |||
| 205 | καὶ τὸ θέλημα γενηθήτω τεόν, ὡς ἐν ὀλύμπῳ | ||
| οὕτω καὶ γαίης ἔπι πανταχοῦ. ἄρτον ἐπ’ ἦμαρ | |||
| βόσκων σῆς ἀγέλην πάρεχ’ ἡμῖν ἄφθονον αὐλῆς. | |||
| πάντως δ’ ἡμετέρας ἄφες, ὦ πάτερ ἤπι’, ὀφειλὰς | |||
| καὶ γὰρ ἰδοὺ τόδε ποιοῦμεν πρὸς τοὺς πέλας ἡμεῖς. | |||
| 210 | μηδ’ ἡμᾶς πείραζε κακοῖς μογεροὺς πρὶν ἐόντας, | ||
| ῥῦσον δ’ ἐκ καμάτων θ’ ἡμᾶς ἐκ τοῦ τε πονηροῦ, | |||
| ὦ πάτερ, ὦ βασιλεῦ, ἔνδοξ’ ἀρετῇ δυνάμει τε. | |||
| οὕτως οὖν τις ἐπιστρωφάσθω. Τῷ δ’ ἄρ’ ἔπειτα | |||
| ὄλβος ἀπειρέσιος ζωή τ’ αἰώνιος ἔσται, | |||
| 215 | οὐδὲ βλαβήν τι δύναιτο κακόν ποτ’ ἐνέγκεμεν οὐδέν, | ||
| ἵλεω<ν> εὑρόντ’ αἰῶνος, κόσμοιο θ’ ἅπαντος | |||
| κύριον, ἀρχηγόν, βασιλῆα, δι’ υἱέος, ὅνπερ | |||
| μεσσευτὴν ἔχομεν πρὸς ἐκεῖνον μοῦνον, ἰησοῦν | |||
| ἐλθόντ’ εἰς χθόνα θνητόν, ἀπ’ ἀθανάτοιο γενέθλης | |||
| 220 | εἵνεχ’ ἁμαρτωλῶν, ἵνα τοι σώσειεν ἀλιτρούς. | ||
| χαῖρε θε’ ἄμβροτε χριστέ, βροτῶν μόνε σῶτερ, ἰησοῦ, | |||
| χαῖρε καὶ ἡμετέρας εὔνους ἀπόπαυε μερίμνας. | |||
| Ἰοαχεῖμος Καμεράριος |
Literaturverzeichnis
Quellen, Textausgaben und Übersetzungen
Athenaeus, The Deipnosophists, with an English translation by Charles Burton Gulick, in seven volumes, vol. IV, Cambridge/Massachusetts – London 1961.
Athenaios. Das Gelehrtenmahl Buch VII–X. Eingeleitet und übersetzt von Claus Friedrich, kommentiert von Thomas Nothers, Stuttgart 1999 (Bibliothek der Griechischen Literatur. 51).
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Camerarius, Joachim (d.Ä.): CAPITA PIE//TATIS ET RELIGIONIS // CHRISTIANAE VERSIBVS // Graecis comprehensa ad in-//stitutionem puerilem,// cum interpreta//tione Lati//na.// VERI EPISCOPI SOLICITV-//do … indi=//cata de cap. XX. act. apost.// Υποθῆκαι Salomonis […] // de Teutonicis uersibus translatae // in Graecos & Latinos,// A IOACH. CAMER.PAB.// PRECES CHRISTIANAE EX=//positae uersibus heroicis a // Ioan.Stigelio.// LIPSIAE // IN OFFICINA VALEN=//TINI PAPAE.// ANNO // M.D.XLVI. (Leipzig, Valentin Bapst d.Ä. 1546) [VD16 C 356].
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Forming an Oratio de studio bonarum literarum atque artium: Joachim Camerarius’ Conspicuous Chapter in the History of European Classical Scholarship
Nicholas A.E. Kalospyros (Athen)
Of the three criteria for a scholar to be included in the History of Classical Scholarship, according to Calder and Briggs:1 i) scholars who were innovative and exerted considerable influence upon their epoch and the forthcoming generations; ii) persons whose lives amounted to more than just bibliographies, which means that the evidence must point to something specific or rather specifically unusual about them; and iii) scholars for whom worthy biographies are available; with the exception of the third criterion – that one may substitute it with collective volumes and chronological introductions – the former two are still available in the case of Joachim Camerarius (12 Apr. 1500, Bamberg – 17 Apr. 1574, Leipzig). Besides, the history of classical scholarship is part of Rezeption, the way in which successive generations have received or reached to the heritage of ancient Greece and Rome. It is certainly not a matter of books about books, not even a collection of summarized biographies in the form of essays about the history of scholarship. It is the experience of Altertumswissenschaft. Therefore, in terms of the history of scholarship, the achievements of Joachim Camerarius, the universal scholar, consist also in the development by him of explanations of the world, that combine Christian religious viewpoints with rational as worldly ones in the vast parameters of philological knowledge.
Although my paper’s ambitions were originally limited to the perspective of locating Camerarius’ documented position in the history of German classical scholarship, afterwards the thought occurred to me that it would be more fruitful not to dislocate cultural data from the history of scholarship, such as our scholar’s pedagogical doctrines, manifested in his Oratio de studio bonarum literarum atque artium et linguae Graecae ac LatinaeCamerarius d.Ä., JoachimOratio de studio bonarum literarum atque artium et linguae Graecae ac Latinae. An attentive reader may find in this Oratio de studio bonarum literarum atque artium et linguae Graecae ac LatinaeCamerarius d.Ä., JoachimOratio de studio bonarum literarum atque artium et linguae Graecae ac Latinae, pronuntiata in Academia Lipsica à Ioachimo Camerario Pab.[ergensi] Idib.[us] Novembr.[is] Anni XLI, published in 1542 (Excusum Lipsiae, apud Iacobum Berualdum, anno MDXLII), a philological manifesto of learning and teaching classical thought, whereby humanity stands up as an argument for learning.2 This OratioCamerarius d.Ä., JoachimOratio de studio bonarum literarum atque artium et linguae Graecae ac Latinae exceeds the typographical expectations of a simple booklet about 40 pages. As usually for humanistic books, Greek and Latin poetical composition embraces the text of OratioCamerarius d.Ä., JoachimOratio de studio bonarum literarum atque artium et linguae Graecae ac Latinae: in pp. A2r–v we find a Latin poem pronounced ad Andraem et Egidium Morchios fratres […] Doctoris elegidion, dedicatorium orationis and in p. clv another poem De morte Simonis Grynei ἐπικήδειον marks the end of the book.
The author’s invocation to Deum patrem clementissimi Domini nostri Jesu Christi marks the opening of the booklet; such an invocation is certainly moved by the theological imperative that every intellectual good is proclaimed to God, the source of goodness and wisdom. Then, a rhetorical attempt to raise to God the blessings of study follows an optimistic yearning for philological science; beyond devoting his own life to studying at least splendidly his doctrina, the feeling that it was not in vain prevails.3 In Camerarius’ OratioCamerarius d.Ä., JoachimOratio de studio bonarum literarum atque artium et linguae Graecae ac Latinae we may find various termini technici usual for humanity scholars’ texts, such as disciplinarum dignitas, praestantia, doctrina, eruditio, humanitas, naturae excellentia, ingeniae et liberalis nomen. His treatise, written in a phenomenical Ciceronian style reminding us of that of Pro Archia poetaCiceroArch., exhortates enthusiasm for those who neither understood nor learned, nor would be able to perceive these courses of classical learning, but who will follow that step with great pleasure.4 In it there are quotations of CiceroCicero, MartialMartial, Plato’s RespublicaPlatonResp., Apostle PaulPaulus (Apostel), PindarPindar, DemosthenesDemosthenes and CallimachusKallimachos. His vocabulary is relatively pure from medievalisms and imitates ordinary classical style in the Humanistic era. We have to bear in mind that, although at the previous century students in conservative university curricula were usually required to limit their active vocabulary in prose to words employed by CaesarCaesar, Gaius Iulius, Cicero, and LivyLivius, and this standard provided a certain academic discipline, it is seldom sought in an age in which positivistic notions of scholarship have become so prevalent that a man may be accounted a distinguished scholar of Latin without having produced ten lines of original composition in that language. But when Latin is used as an instrument of communication, as it was in humanistic era, it becomes obvious that classical clarity cannot always be attained in the discussion of post-Classical subjects without the use of post-Classical words: for instance editio, versio, typotheta etc. Beyond Camerarius’ great qualification as an eminent writer in Latin language and Ciceronian style, we may again underline the failure of Humanism to establish a literary tradition of its own. Many scholars, by ignoring their own precursors, glanced at their contemporaries and meditated the ancients. Camerarius’ was a conflated style, formed, it would seem, almost entirely by subjective standards, whenever he imitated what pleased him mostly. Anyway, a display of polymatheia and an adhortatio to adolescent pupils to insist on the study of both classical languages but with dignity and pleasure, distill the hardship of literary studies. The most stimulating issue concerning Camerarius’ OratioCamerarius d.Ä., JoachimOratio de studio bonarum literarum atque artium et linguae Graecae ac Latinae is the pending ideological and philological argument aspiring to override pedagogical and aesthetic notions of virtue: the anthem of active Humanism and irreversible optimistic study of classical literature. The whole speech seems addressed to those that were nurturing preparatory schools as entrance to the university tuition, so that they might improve learning through philological acquaintance. It is known that under the names of Lyceum or Gymnasium those German schools gave a more complete knowledge of the two classical languages and perhaps a new thrust to philosophy. The new treatments expanded on many of Erasmus Erasmus von Rotterdam, Desiderius’ ideas and transposed them into different contexts with theological presuppositions. Again for Camerarius the study of classical texts in an academic sense could in no way be separate from their study for reasons of aesthetic appreciation and particularly moral instruction.
This moral signification of classical knowledge enables the transition to the second part of my paper, which could be phrased in the form of a twofold rhetorical question: Should we estimate the biographical events of Camerarius’ life and ascribe him an eminent position in the history of German classical scholarship or render his achievements in a brief note tractable in the pages of a biographical lexicon meant to describe the Humanistic movement?
If encyclopedically lemmatized, Camerarius (actually Joachim Kammermeister) is known as a German Humanist and poet, who came from the family of the Bamberg aldermen Liebhard, but he was generally called Kammermeister, since previous members of his family had held the office of chamberlain (camerarius) to the bishops of Bamberg. He quickly developed a particular interest in Greek, which he studied at Leipzig with the Englishman Richard CrokeCroke, Richard (1489–1558) and the German Petrus MosellanusMosellanus, Petrus (1493–1524), and also at Erfurt and Wittenberg, where he became intimate with Philipp MelanchthonMelanchthon, Philipp (1497–1560), who remained a lifelong friend. He began studies in Leipzig in 1513 (facultas artium), in Erfurt in 1518 (magister artium 1521) and in Wittenberg in 1521, where he enjoyed a close friendship with MelanchthonMelanchthon, Philipp and, thus, became a follower and pioneer of the Reformation. In 1526 he went into Prussia, and in the year following was nominated by Melanchthon to fill the office of Greek and Latin professor at the newly-founded college (Egidiengymnasium) in Nuremberg.5 He became professor of rhetoric in 1522, although he often spent long periods in Bamberg and travelling, in 1524 with MelanchthonMelanchthon, Philipp to Bretten and as LutherLuther, Martin’s emissary to ErasmusErasmus von Rotterdam, Desiderius in Basel. In 1525 he became professor of Greek in Wittenberg, in 1526 rector in Nuremberg, in 1535 professor of Greek at Tübingen, and in 1541 at Leipzig, chiefly teaching Greek and Latin. He evinced an extraordinary passion for that language, and in 1524 put forth his first work, a Latin translation of one of the orations of DemosthenesDemosthenes. Apart from playing an important part in the Reformation movement, his advice was frequently sought by leading men in the economic and scholarly circles of Leipzig in the 16th century. Camerarius’ biography should be treated with respect to that perfect balance between Humanistic teaching and protestant liberalistic views of reorganizing Humanistic discussions about religion and knowledge.6 After being sent as deputy for Nuremberg to the diet of Augsburg, where he helped MelanchthonMelanchthon, Philipp in drawing up the Augsburg Confession, he was commissioned by Duke Ulrich of WürttembergUlrich (Herzog von Württemberg) in 1535 to reorganize the university of Tübingen and raise the quality of education there, while avoiding the mainstream of the controversies swirling around Württemberg between Reformed and Lutheran fractions, since he was not a major Protestant dogmatician7; in 1541 he rendered a similar service at Leipzig,8 where the remainder of his life was chiefly spent.9 Camerarius was a close friend and student of MelanchthonMelanchthon, Philipp,10 and was in contact at various times with the circle of classical scholars that included Conrad Mutianus RufusMutianus Rufus, Konrad, Crotus RuveanusRubeanus, Crotus, and Eobanus HessusHessus, Helius Eobanus.11Humelius, Johannes He also maintained a sporadic epistolary friendship with Desiderius ErasmusErasmus von Rotterdam, Desiderius after their meeting in Basel in the summer of 1524,12 but this friendship seems to have been strained but not broken by a conflict between the two in 1535 stemming from a letter (now lost) that ErasmusErasmus von Rotterdam, Desiderius wrote to Eobanus HessusHessus, Helius Eobanus in which he severely criticized Camerarius’ editions of the works of Greek astrologers.13 He produced the first printed Greek edition of Ptolemy’s astrology text, the TetrabiblosPtolemaeus, ClaudiusTetrabiblos, in 1535. It was printed in a quarto format by the publisher FrobenFroben, Johann at Nuremberg along with Camerarius’ translation to Latin of Books I, II and portions of Books III and IV, accompanied with his notes on the first two books, the Greek text of the Centiloquium (Καρπός) and a Latin translation from Iovianus PontanusPontano, Giovanni. An avid believer in astrology, he followed it with a second edition of the TetrabiblosPtolemaeus, ClaudiusTetrabiblos in Greek in 1553, with an accompanying Latin translation by MelanchthonMelanchthon, Philipp and the Centiloquium (Καρπός) in Latin and Greek. This was printed in Basel, Switzerland in octavo format by Johannes OporinusOporinus, Johannes. During his lifetime Camerarius published widely on a range of subjects, including editions of HomerHomer, SophoclesSophokles, CiceroCicero, and PlautusPlautus; a recent estimate of his output puts the number of books published under his name at “at least 183”, not including minor revisions of works and reprintings.14 He bequeathed his pupils the seal of scholarship and his contemporaries admired his manifold Humanistic activities. For example, the French eminent scholar Adrianus TurnebusTurnebus, Adrianus (1512–1565) seems to have thought highly of Camerarius and their correspondence is an attested evidence of scholarly intercourse between France and Germany; adjusting to StählinStählin, Friedrich’s observation that the progressive influence of the new scholarship in France upon scholarship in Germany and in other countries was a decisive fact. Rudolf Pfeiffer extended this observation by presenting two exemplary cases about MelanchthonMelanchthon, Philipp’s pupils and friends, and more specifically those of Camerarius and of Hieronymus WolfWolf, Hieronymus,15 both teachers of distinction and heads of the newly founded Protestant schools in Nuremberg and Augsburg respectively; both scholars superior to MelanchthonMelanchthon, Philipp, and both great editors. Surprisingly the histories of classical scholarship do not provide the readers with a certain evaluation of Camerarius’ philological greatness: Wilamowitz mentions Camerarius’ friendship with MelanchthonMelanchthon, Philipp,16 Conrad Bursian Camerarius’ major works and John Edwin Sandys offers a short cv along with the mentioning of Camerarius’ major works.17 But Camerarius was the most important German philologist of the 16th century. His first editions are still important today, as are his editions based on manuscript material much improved in comparison to others’ earlier attempts. His editio princeps of Ptolemy’s QuadripartitumCamerarius d.Ä., JoachimPtolemaei Quadripartitum (Nuremberg 1535) and the Μεγάλη σύνταξις, the Almagest (Basel 1538) are still essential, appearing in modern editions with the abbreviation ‘c’. Camerarius possessed a very wide knowledge of the ancient world, akin to the learned encyclopedism of the 17th century, but still more cultured and sympathetically humane. All his extant manuscripts and letters, the “Cameriana”, are located in the Bavarian State Library.
In school education Camerarius recommends that classical literature should be used as a warning example by which pupils can learn a proper method of translation. Just as many early Humanists despised the ad verbum method and execrated the version of Leontius PilatusPilato, Leonzio, a persistent strain in Humanism continued to look askance at versiones composed on the ad verbum principle. On their first printing in 1537, the versions of Divus had been immediately criticised by Camerarius, in the preface to his own explication of the first book of the IliadHomerIl., published in 1538, to which he appended a translation in Latin hexameters (Commentarius Explicationis primi libri Iliados HomeriCamerarius d.Ä., JoachimCommentarius explicationis primi libri Iliados Homeri, loachimi Camerarii […] Eiusdem libri primi Iliados conversio in Latinos versus, eodem auctore etc., Argentorati 1538). Even if the translator coins good Latin words, Camerarius disapproves of diverging from the laws of Latin syntax and grammar. The ad verbum versions corrupt both the matter and manner of the original as well as obscuring and degrading them and so should be avoided.18 Camerarius’ acumen enabled him to induce further discussion concerning the authorship of ancient poetry with the blend of poetry. For example, an examination of the Lament for Adonis’ linguistic and prosodic signals, as well as what might be called its conscious signals, provides ample evidence to uphold Joachim Camerarius’ original hypothesis of 1530 that Bion of SmyrnaBion von Smyrna authored the poem.19 After all, Camerarius exerted his wonderful erudition almost in every aspect of philological curriculum, from orthography20Camerarius d.Ä., JoachimDe orthographia to interpretation; the latter setting his major contribution to encompassing philology with Christian morality. Should the history of interpretation be envisioned as intellectual history, about the ways in which ancient texts were interpreted and discussed in Reformation Europe and under sober theological consideration or liberal theology, and the prominent role such ancient texts and the debates on them played in the intellectual history of Europe, Camerarius’ contribution could be conceived within this very frame of intimate personal scholarship. Therefore, we may ascribe the commentary method the Dutch Humanist and jurist Hugo GrotiusGrotius, HugoAnnotationes in Libros Evangeliorum (1583–1645) applied in his Annotationes in Libros Evangeliorum (Amsterdam 1641) to Camerarius’ Commentarius in Novum FoedusCamerarius d.Ä., JoachimCommentarius in Novum Foedus which was published at first in 1572, thus continuing FlaciusFlacius Illyricus, Matthias’ grammatical approach.21 In this work, Camerarius argued that the writings of the New Testament must be interpreted from the perspective of its authors and within the understanding of their world; otherwise, it would be impossible to grasp the meaning of the text as each New Testament writer intended it. By insisting on the knowledge of the context of the Biblical authors and not the opinions of early Church Fathers, as providing the key for interpreting the New Testament, Camerarius founded the historical-critical method22 to interpreting the Bible for modern Protestant commentaries.
His sense about textual sources as resources of interpretation drove him to write an influential commentary on the Theban plays of SophoclesSophokles (1534) as an introduction to his commentary on Oedipus TyrannusSophoklesO.T., reprinted in Henri EstienneEstienne, Henri’s 1568 edition and elsewhere, at a time when few readers in early modern Europe were able to read Sophocles in the original Greek. In a time when AristotleAristoteles’s PoeticsAristotelesPoet. were regarded either obscure or scarcely comprehensible, and fourteen years before Francesco RobortelloRobortello, Francesco’s commentary on Aristotle’s PoeticsAristotelesPoet. appeared (1548) – establishing AristotleAristoteles as authentia on that issue – and just before MelanchthonMelanchthon, Philipp’s Christianization of Greek tragedy through which Protestant Humanists marked a pivotal moment in the history of interpretation of Greek tragedy, Camerarius performed the Aristotelization of Sophoclean tragedy,23 in a way of conciliating AristotleAristoteles’s normative theory of tragedy in his PoeticsAristotelesPoet. and attempts to make sense of Sophoclean drama. Camerarius defines tragedy as a moral lesson, that is an imitation of momentous events entailing an unexpected and undeserved change of the tragic hero’s fortune from bad to good, around περιπέτεια, but categorically rejecting the workings of divine justice against the wicked being punished upon what they deserve, because in such cases the spectators or the readers could neither feel nor have pity, elements that in AristotleAristoteles’s concept of ἁμαρτία must result as the emotional effect of tragedy from its plot structure. When Camerarius began in his influential work what Michael Lurie has called the “Aristotelization of Greek tragedy”,24 the interpretation of the plays according to contemporary understanding of the PoeticsAristotelesPoet., he merely understood tragedy presenting a virtuous person suffering an undeserved fate that arouses in the spectators pity and fear. By reflecting this Aristotelian conception of Greek tragedy, Camerarius sees AntigoneSophoklesAnt. as the virtous protagonist unjustly destroyed; even Oedipus, a morally good being, commits crimes unknowingly, as an outcome of ignorance.25SophoklesAnt. After all, these moral insights into tragedy reflect Humanist receptions of Greek tragedy,26Stählin, Friedrich especially in the seminal works of Camerarius and MelanchthonMelanchthon, Philipp.
The extant and thematic range of Camerarius’ writings are typical of a scholar of German Humanism in the 16th century, in that he left a prodigious oeuvre both of quantity and of thematic usage; unfortunately, there is still no modern complete edition, nor is there a comprehensive and chronologically reliable bibliography, so as to reinforce his eminent position in German classical scholarship. The number of books printed under his name are at least 183 – translations from Greek to Latin and an almost equally large number of commentaries on Greek and Latin authors, and original works on historical and antiquarian topics –, not to mention minor revisions of works or re-printings; besides, poems in Greek and Latin which attest his excellent knowledge of both classical languages and literary style. In that considerable body of Latin verse, published in vol. II of the Delitiae poetarum Germanorum (1612), we can read two eclogues appearing among the pastorals, literary in inspiration but not wholly derivative in content, and eighteen Latin and two Greek pastorals in Libellus continens eclogasCamerarius d.Ä., JoachimEclogae (Leipzig 1568).27 His pastorals are interesting as a philological project in which he combined various elements from VirgilVergil to present a new bucolic situation that creates new myths, so as to add a new motif to the classical repertoire; for instance, in the attractive second of his eclogues Dirae, seu Lupus, a poem of 112 hexameters with a few elisions.28 Well-known are also the translation into Latin of two of his friend Albrecht DürerDürer, Albrecht’s (1471–1528) vernacular works on art expressing the German Renaissance and his composed Epistularum familiarum libri VI, Epistularum familiarum libri V and Epistulae posteriores, published as a corpus of five volumes at Frankfurt in 1583 and 1595. The influence on Camerarius from such poets as TheocritusTheokrit, BionBion von Smyrna and MoschusMoschus, and Camerarius’ role in reconnecting 16th-century bucolic verse with the Greek origin of the genre, attribute much to the evaluation of his poetic personality, which lies beyond his philological oeuvre including biographies of celebrated contemporaries, e.g. Helius Eobanus HessusHessus, Helius Eobanus, Philipp MelanchthonMelanchthon, Philipp, George of Anhalt and Albrecht DürerDürer, Albrecht, ecclesiastical history, theological treatises, works of pedagogy and natural science, and a substantial correspondence with contemporary Humanists.
The most extensive, however, are his philological works, obviously intended for use in university tuition, as can be seen not only in the manuals of style, rhetoric and grammar, but also in the forewords to his many commented editions of Greek and Latin texts, from HomerHomer to Christian late antiquity. These editions formed the core of Camerarius’ philological activity and form the qualitative arguments upon which he might be considered the most important Humanist after ErasmusErasmus von Rotterdam, Desiderius. His primary activity was that of a critic, editor, and commentator; he edited and annotated, among others, the following: DemosthenesDemosthenes (1524, 1547), TheocritusTheokrit (1530, 1545), Dio ChrysostomDion Chrysostomos (1531), SophoclesSophokles (1534, 1556), MacrobiusMacrobius (1535), CiceroCicero (1538, 1540, 1542, 1543, 1550, 1552, 1562, 1570), Homer (1538, 1540, 1541, 1551), QuintilianQuintilian (1532, 1538, 1542, 1546, 1549), AesopAesop (1538, 1539, 1571), PlautusPlautus (1538, 1558, 1566), XenophonXenophon (1539, 1543, 1545, 1553, 1561, 1572), ThucydidesThukydides (1540, 1565), HerodotusHerodot (1541, 1557), EuclidEuklid (1549, 1577), VergilVergil (1556), PlutarchPlutarch (1576). His editions of AristotleAristoteles appeared mostly after his death; three opera aristotelica edited by him are Explicatio librorum Ethicorum ad Nicomachum (Frankfurt 1570), Politicorum et Oeconomicorum interpretationes (Frankfurt 1581), and Oeconomica scripta, quae extant titulo Aristotelis in sermonem Latinum conversa et explicata, adiunctaque eis interpretation Oeconomici libri Xenophontis (Leipzig 1564). As it can be seen, works on Greek authors predominate; it should nowadays be generally accepted that Camerarius effectively founded the study of Greek in Germany.
Camerarius’ philological logic, applied in his commentary on book one of the IliadHomerIl. (1538), has been called “the first attempt to write a true commentary” on the work of HomerHomer in the early modern period.29 His practical aim in writing the commentary seems to have been to make the first book of the IliadHomerIl. accessible not only to his students,30 but also available to readers on several varying levels of sophistication as well, since it would have been difficult for all of his prospective readers to have a thorough background in Greek, and therefore he occasionally provides glosses for lines that a reader familiar with Greek would have no particular trouble with. The Basle editions of the IliadHomerIl. and the OdysseyHomerOd. μετὰ τῆς ἐξηγήσιος (“with the explanation”) which he edited together with Jacob MicyllusMicyllus, Jakob (1541 and 1551, respectively), are remarkable contributions to the essential exegetical apparatus handed down from antiquity (namely the D-scholia). Camerarius also produced a commentary on IliadHomerIl. A and B (Straßburg 1538 and 1540, respectively), in which he offered a pedantic elementary grammatical and syntactical analysis of the text, together with some references to later authors and some antiquarian details, but with very little emphasis on Platonic or Stoic allegory, which he mostly dismissed with utter scepticism. It is noteworthy that in pp. 35–39 of his commentary under the heading De interpretibus Homericis he compiled the first modern list of Homeric exegetes. Though he aimed not at showing off a vast amount of learning towards his colleagues, but rather at determining the moral tenets of the Greek world, all represented in Homer’s epics, his obvious purpose of learning the Greek language is expanded in the promotion of their thought so that it would enhance both the cultural and the moral level of his pupils. This constant and enduring conflict between philology and allegory, between a “textual” and a “moralistic” approach, has been infused in Camerarius’ thought through a commentary viewed not only as a work of scholarship aimed at fellow cultivators of optimae litterae, but also as a multifaceted resource in fact available to readers on several varying levels of sophistication. Although original textual criticism, which is an important feature of Renaissance commentaries on other works, seems to be a noteworthy omission, it is true that Camerarius acknowledged the unique manuscript tradition of the Homeric epic poems in terms of their undisputable reliability in the classical world, which is a philological situation quite different from the one his contemporaries faced when writing commentaries on other classical texts rescued from obscurity. Beyond that, however, Camerarius also displayed a genuine interest in earlier commentators at the fortune of Homer’s poetry among Greeks and Romans, by emphasizing on Homer’s eloquence. His commentary aims at providing the reader with a taste both of the peculiarities a particular Renaissance scholar’s approach to an ancient text would have coped with, and of the culture of classical scholarship within which scholars were studying it. Due to the fact that for him the study of ancient classical texts in an academic sense is in no way separate from the study of them for reasons of aesthetic appreciation and particularly moral instruction, Camerarius tried to exercise the role of translation in perceiving both ideology and rhetorical scope of classical literature; by including two different translations into Latin in the commentary and by proposing in his preface to the line-by-line commentary that the first book of the IliadHomerIl. would have been useful not only in rhetorical or legal settings but also as an exemplum vitae, he managed to draw regularly in the course of his commentary the reader’s attention to passages which he deems artistically noteworthy. Such a commentary could not have been complete, unless laced with passages from other ancient sources, intended as a tool for understanding the text itself and simultaneously as a resource for seeking instruction from authors outside of Homer, especially VirgilVergil. Probably, VirgilVergil could also provide us with an equally useful set of examples for human instruction and education to those found in the IliadHomerIl..31HomerVergil The content of the commentary ranges widely, from etymological observations, grammatical and syntactical explanations to metrical analysis, paraphrasing and background ideological information.32
Eloquence dressing an elegant and flawless style is always admirable; this was the reason for admiring HerodotusHerodot and setting forth in 1541 an edition, based on a codex that had belonged to Richard CrokeCroke, Richard, Camerarius’s teacher of Greek in Leipzig in the 1510s. Apart from regarding this edition as pointing to a historicization of the father of history metaphor,33 coloured by his esteem for a father figure from his student years,34 Camerarius’ preference for HerodotusHerodot seemed to arouse for HerodotusHerodot’ exemplary figures which overwhelm many historical inaccuracies in the Histories. Camerarius identified the Herodotean historical methodology not with mere rhetorical refinery, but he embroidered it in particular with moral instruction:35 he could admire the ancient historiographer for the latter’s decision not to satisfy a desire for knowledge, but also to provide instruction and to obtain moral edification through enlivening his narratives which included fables or mythic elements. These personified exempla virtutis found in HerodotusHerodot opened the way for seeking much of the same in other Greek historians, such as ThucydidesThukydides or LivyLivius.36Livius How else could a protégé and close friend of MelanchthonMelanchthon, Philipp not agree with the Lutheran reformer that the main purpose of the study of history was to offer moral examples? Therefore, his biography about MelanchthonMelanchthon, Philipp (De Philippi Melanchtonis ortu, totius vitae curriculo et morte […] narratio diligens et accurate Ioachimi Camerarii, Leiden 1566)37 testifies to this belief in so far as it focused in particular on the exemplary virtues of its protagonist.38 It was finally as an exemplar of eloquence and morality in style and spirit that HerodotusHerodot was described by Camerarius in his 1541 edition of the Histories as “in all respects the chief writer of history”.39
The summit of his oeuvre, however, was the first complete printed edition of the comedies of PlautusPlautus, adiectis […] argumentis et adnotationibus, first published in 1552 at Basel, which ushered in a new phase in the history of early modern Plautian philology. Whereas all previous editions had been based on late and haphazardly distorted Humanist manuscripts, Camerarius was the first to draw on two medieval texts, one of which, the Palatini B still called the Codex vetus Camerarii,40 is a manuscript of German provenance dating from the 10th century, and offers the oldest and by far the most reliable textual basis for the entire Plautian corpus. Admittedly, the degree to which he used that manuscript is variable from play to play. He did achieve the first reasonably reliable division of lines throughout the text, cleansed the text of its many Humanist accretions, and broke with the vulgate of the day in hundreds of passages. The other manuscript is C (Codex alter Camerarii decurtatus). To this day, no philologist has more generally accepted conjectures in the Plautus texts than Camerarius and no significant improvement in the state of the text he achieved was made until Friedrich Ritschl, working over 300 years later.41
Being a follower of elegance in style he insistently tried to combine it with allegorical composition and allegorical interpretation as basic exercises to foster mental agility. Thus, for AphthoniusAphthonios’ progymnasmata that we find almost every day in the schoolrooms of Lutheran Germany, making the same easy transitions between rhetoric and fictional narration, the new translator J. Camerarius did not only append some notes on the exercises but using the fable of Apollo and Daphne he accused AphthoniusAphthonios of self-contradiction when blaming the authors of poetic fiction for going against what is normal and natural. Those exercises indeed have excellent pedigree as paradigms for linguistic expression and analysis, encourage and generate intellectual pleasure, because they totally rhetoricize allegory42 as a means of instruction in reading classical poetry, and thence the writing and reading of poetry by adults; perhaps this chapter of education nearly began with another Elementa rhetoricae (Basle: J. OporinusOporinus, Johannes 1545) on the subject of rhetoric43 published at first in 1540 by Joachim Camerarius;44 a typical rhetorical work of him that reflects Camerarius’ integration of Humanism with Protestantism insofar as he placed in it the traditions of the ancient rhetorical manuals and medieval homiletics and added to this a theory of didactic texts. In his Elementa he allowed rhetorical narration and strategies for reading to develop along more interesting ways than MelanchthonMelanchthon, Philipp’s narrow way, but he kept allegory securely demystified. In Joachim Camerarius’ expression, rhetoric becomes an instrument both of speaking and writing coherently and persuasively and of deriving critical evaluations of Scripture and profane texts. Of course, MelanchthonMelanchthon, Philipp’s pedagogy had a tremendous impact on the development of Protestant education, although his successors soon narrowed his program by adopting a more rigorous Ciceronianism45, and Camerarius, his friend and biographer, was, like MelanchthonMelanchthon, Philipp, a moderate Ciceronian. For Camerarius, CiceroCicero first demonstrated the full powers of the Latin language and remains the timeless and unsurpassable standard. Furthermore, in the Disputatio de imitatione that Camerarius included in his commentary on Cicero’s Tusculan DisputationsCiceroTusc., he responds to ErasmusErasmus von Rotterdam, DesideriusCiceronianus’ Ciceronianus (1528),46 i.e. a treatise attacking the style of scholarly Latin written during the early 16th century, which style attempted to adherently imitate Cicero’s Latin.
Camerarius included letter-writing in his Elementa, a textbook that adapted the ancient progymnasmata in a graded series of exercises: narratio (fabula and historia), expositio and descriptio, chreia, sententia, ethologia, epistola, comparatio, paraphrasis, imitatio, aetiologia, aenigma, loci communes, probatio and reprehensio, laudatio and vituperatio. His illustration of most of these exercises, for instance his famous description of Albrecht DürerDürer, Albrecht’s “Melencolia I” as an example of expositio and descriptio (ecphrasis), suggest that he encouraged original composition.47 Camerarius edited a Greek text of TheonTheon, Ailios’s progymnasmata adorned with model themes from Libanius together with a Latin translation of the exercises and the themes in 1540; TheonTheon, Ailios commenting briefly on letter-writing. If we consider the axiom that intellectual history is not the story of personal genius, great ideas, or chains of influence, but only a project of applied scepticism,48 rhetorical projects in the Confessional Age were elaborated and schematized upon the classical canon, supplemented at times by select Church fathers and the leading Humanists of the preceding generations. When Camerarius assures his readers that rhetoric must be taught to schoolboys “so that we can defend against the ignorance and rudeness of our age and repel nonsensical barbarisms”,49 the more overtly political function of oratory in fostering obedience to the law or modifying the behaviour of the masses (in moderanda plebe) cannot be really excluded from the purpose of preparing textbooks on rhetoric larded with rules for correct usage and designed to raise neo-Latin to the Italian standard.50 But Camerarius’ notion of rhetoric did not entail any sort of scepticism, for it enhanced upper moral and pedagogic intentions such as those of hagiographic writing. Hagiography was practised particularly intensely throughout the Middle Ages and it was closely linked to the medieval concept of sainthood and to the ritual of the cult of the saints. These Lives were generally brief, quite unlike some luxuriant Humanist biographies such as ErasmusErasmus von Rotterdam, Desiderius’ Life of Jerome or Camerarius’ Life of MelanchthonMelanchthon, Philipp.51Melanchthon, Philipp The later sixteenth-century Lives of the reformers, regardless of whether they were friendly or hostile, helped create an image or images of the Reformation which survived into the twentieth century and beyond, although the original accounts remain for the most part forgotten and neglected. Moreover, rhetoric could disclose the meanings of enigma and apocalypse,52 which might “exercise the intelligence” according to Poole recapitulating the vices of style presented by George Puttenham in his Arte of English PoesiePuttenham, GeorgeArte of English Poesie (1589).53 In the case of the application of rhetorical analysis to Biblical text this point is always crucial, mainly for a Protestant scholar that adjusted himself to a historically orientated interpretation of the sacred texts.
If the 15th century had rediscovered antiquity, then the 16th was slowly deciphering it. The spirit of the Revival of Learning, so called, ordered that the position of classical philology was originally and essentially ancillary, so that ancient authors were to be rescued and brought back into the effective service of humane studies. Although in the stylized prefaces of the early editors of the text, who seem to prefer to discuss rather anything than the text of the author and its sources, one commonplace is recurring again and again: the idea, expressed in images of polishing the rust engendered by centuries of slothful neglect, that the editor’s task should restore the author to its pristine splendour, Camerarius’ teaching and editing career has been an excellent exception. Whilst he adjusted his vast knowledge of Altertumswissenschaft – forgive my conscious anachronism in favour of expression – to his liberal theological view and Humanistic methods of pedagogy, he left behind him more than an admonition of science and research.54 Only a few could then be aware of his innovative genious in Greek studies; the Wechsel’s house refusal to publish his Greek letters in 1577 is an indication of the lack of highly competent Hellenists in the republic of letters.55 To conclude with, Camerarius is a conspicuous figure in the Revival of Letters and the Reformation in Germany;56 perhaps its suitable avatar.
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Das Bildungsprogramm des Camerarius
Thomas Baier (Würzburg)
Wolfgang Kullmann nonagenario
Einleitung
Ein Blick in das Werkverzeichnis des Joachim Camerarius1 zeigt, dass Erstausgaben, Kommentare und Übersetzungen einen erheblichen Teil seines Schaffens ausmachen. Es ging dem Bamberger Gelehrten offenkundig darum, die Textgrundlage für wissenschaftliche Studien herzustellen. Allerdings wird nicht immer auf Anhieb deutlich, welchen Anteil Camerarius an den jeweils unter seinem Namen verzeichneten Drucken eigentlich hatte. Oft gab er etwa vorhandene Übersetzungen heraus und ergänzte sie, wenn sie unvollständig waren. Mitunter steuerte er Vorworte zu Erstausgaben bei. Aus Briefen wird deutlich, dass er als Anreger von Übersetzungen und Ausgaben tätig war. Er verstand sich offenbar als Teilnehmer eines Unternehmens, an dem damals führende Gelehrte, vor allem Gräzisten wie etwa MelanchthonMelanchthon, Philipp, beteiligt waren. Ziel dieses ‚Langzeitprojekts‘ war die Erschließung der griechischen Literatur für den deutschen Humanismus.
Im Folgenden soll eine eher untypische Übersetzungsleistung des Camerarius gewürdigt werden, nämlich sein Glossar menschlicher Körperteile. Dieses medizinische Fachlexikon erschien 1551 in Camerarius’ Leipziger Zeit. Gleichzeitig kamen unter seiner Beteiligung die umfangreiche XenophonXenophon-Übertragung2 sowie einige pädagogische3Bapst, ValentinOporinus, Johannes und rhetorische4 Schriften heraus, die wenigstens im weiteren Sinn dem Umkreis der Übersetzertätigkeit zuzurechnen sind.
Das lateinisch-griechische Glossar medizinischer Begriffe, also gleichsam ein cursus linguae medicinalis, gehört in diesen großen Rahmen, nimmt aber aufgrund seiner Thematik, seines langen Entstehungsprozesses und seiner umfangreichen Einleitung eine Sonderstellung ein.
Das in Basel gedruckte zweisprachige Werk wurde bereits im Rahmen des Projekts „Griechischer Geist aus Basler Pressen“5 bibliographisch erfasst. Im Jahr 2000 widmete ihm R. Kößling einen Festschriftaufsatz, in dem er das Werk als „Zeugnis renaissancehumanistischer Sprachkultur und Bildungsvermittlung“ würdigte.6
Die Schrift hat einen recht sperrigen, aber dafür aussagekräftigen Titel: „Aufzeichnungen in beiden Sprachen [also Griechisch und Latein], in welchen sich ein handhabbares Glossar mit den Benennungen aller Teile des menschlichen Körpers befindet, […], wobei auch die Benennungen der mit jedem Körperteil verbundenen Anwendungen und, was sonst noch dazugehört, beigefügt sind, und zwar meist unter Gegenüberstellung von lateinischen und griechischen Wörtern“.7Camerarius d.Ä., JoachimCommentarii utriusque linguaeHerwagen d.Ä., Johann
Das Glossar dürfte ein besonderes Herzensanliegen des Camerarius gewesen sein. Womöglich handelte es sich sogar um seine Leipziger ‚Lebensaufgabe‘. Nachdem der gebürtige Bamberger sich im Alter von 16 Jahren in Leipzig immatrikuliert und dort seine ersten Studien absolviert hatte, kehrte er nach Stationen in Wittenberg, Nürnberg und Tübingen 1541 als Ordinarius an seine alte Alma Mater zurück. Zu diesem Zeitpunkt war er bereits ein angesehener Editor und Übersetzer, daneben auch Dichter. In Leipzig scheint sich Camerarius nichts weniger vorgenommen zu haben als eine Grundlegung der Wissenschaft aus dem Geist philologischer Forschung.8 Er ging dabei von der Annahme aus, dass Wissen sich ausschließlich über Sprache kommuniziert und die erste Voraussetzung von Wissenschaft somit die Ausdrucksfähigkeit ist. Insofern sind auch seine medizinischen Studien zunächst einmal philologische Studien. Es ging ihm darum, Latein als Wissenschaftssprache zu erhalten oder, wo nötig, wiederzubeleben.
Offenbar war man in Humanistenkreisen der Meinung, dass es um die Pflege der alten Sprachen an den Hochschulen nicht besonders gut bestellt sei. 1538 beklagt Simon GrynaeusGrynaeus, Simon (1493–1541) in einem Brief an Camerarius die desertio optimarum artium et studiorum humanitatis.9 Eben jener GrynaeusGrynaeus, Simon, selbst Gräzist und Theologe, außerdem Professor zunächst in Heidelberg, später in Basel, scheint Camerarius auch zur Abfassung des Glossars gedrängt zu haben. In der Widmungsepistel hebt Camerarius nämlich hervor, dass er schon lange an einer Sammlung medizinischer Begriffe arbeite und von Freunden zu deren Veröffentlichung ermuntert worden sei. Inter hos instare mihi adsiduo, et urgere me vehementer, sapientia et doctrina excellens vir, Simo GrynaeusGrynaeus, Simon. Der Duktus des Widmungsschreibens erweckt den Eindruck, als sei hier ein lange gehegtes Vorhaben endlich umgesetzt worden, und die warmherzige Erwähnung des zum Veröffentlichungszeitpunkt bereits zehn Jahre verstorbenen GrynaeusGrynaeus, Simon ist weit mehr als bloß ein höfliches Gedenken. Kößling verweist auf Camerarius’ hochschulpolitisches Wirken in Leipzig und sein Rektorat in den Sommersemestern 1544 und 1546, welches der zügigeren Fertigstellung der Schrift im Wege gestanden haben mag.10 Im Jahr 1551 erschien die Schrift schließlich bei Johann Herwagen d.Ä.Herwagen d.Ä., Johann in Basel.
Dem eigentlichen Glossar geht eine ausführliche Widmungsrede voraus, in der die Bedeutung der Wissenschaftssprachen Griechisch und Latein herausgestellt wird. Sie ist adressiert ad Nobilem Ordinis equestris in Misnia adolescentem Bolgangum Theoderici F. Vuerterensem, den Diplomaten und Juristen Wolfgang von Werthern (1519–1583).11 Dieser war wie Camerarius selbst ein Schüler von Georg FabriciusFabricius, Georg und offenbar ein gelehrter, bildungsbeflissener Mann. Das ausführliche Widmungsschreiben umfasst die Seiten a2r bis b3v. Ihm folgt der Abdruck eines kurzen Briefes des Simon GrynaeusGrynaeus, Simon (b4r).
Das Glossar selbst erstreckt sich über die Seiten a1r bis h2v. Die Seiten sind in zwei Kolumnen à 53 Zeilen angeordnet. Die Spalten sind von 1 bis 498 durchnummeriert.12
Simon GrynaeusGrynaeus, Simon
Der Widmungsbrief fällt in seiner Ausführlichkeit und vor allem, was seinen grundsätzlichen Zugriff auf Bildungsfragen angeht, aus dem Schema des Üblichen heraus. Das Verfassen von Vorworten erfolgte – damals vermutlich nicht anders als heute – in letzter Sekunde und meist wohl recht rasch und mit leichter Hand. Der erwähnte Simon GrynaeusGrynaeus, Simon, der postum als Spiritus Rector dieser Schrift genannt wird, bezeichnete sich einmal selbst in einem Brief an Camerarius als berüchtigten Vorwortschreiber. In dem nämlichen Brief, datiert auf einen 1. August, abgefasst in Basel und an den seinerzeit in Tübingen lehrenden Camerarius gerichtet, kündigt GrynaeusGrynaeus, Simon das baldige Erscheinen der Übersetzungen von PtolemaeusPtolemaeus, Claudius und TheonTheon von Alexandria an, und zwar his nundinis, auf der bevorstehenden Messe. Damit ist, wie Heinz Scheible gezeigt hat1 und wie sich aus dem Erscheinungsdatum der Ptolemaeus-Übersetzung ergibt, die Frankfurter Herbstmesse des Jahres 1538 gemeint. Während Camerarius sein Vorwort schon geliefert hatte, stand dasjenige des GrynaeusGrynaeus, Simon noch aus:
Tua praefatio sic ut voluisti legetur. De mea etiam delibero, et quid et cui. Infamis praefando sum, adeo me typographi ad quidvis, id est ad hos usus natum scriptorem utuntur.2
Dein Vorwort wird so zu lesen sein, wie du es wolltest. Über meines denke ich noch nach, sowohl über den Inhalt als auch über den Adressaten. Ich bin berühmt-berüchtigt im Vorwortschreiben, sosehr missbrauchen mich die Drucker als einen Schreiber, der für alles Mögliche, besonders für solche Zwecke geboren ist.
Das nur wenige Zeilen umfassende Schreiben ist erstens ein eindrucksvoller Beleg für GrynaeusGrynaeus, Simon’ nahezu unleserliche Schrift, über deren Zumutungen auch zeitgenössische Drucker regelmäßig Klage führten und die sogar ErasmusErasmus von Rotterdam, Desiderius von Rotterdam zu mildem Spott veranlasste.3 Zweitens dokumentiert es seinen kolloquialen Umgangston in Privatbriefen, der selbst vor falschem Latein nicht gefeit war – etwa wenn uti einen Akkusativ regiert. Drittens wird hier die Praxis offenkundig, Vorworte sozusagen „auf den letzten Drücker“ und ohne besonderen Anspruch niederzuschreiben. Umso auffälliger ist die lange Abhandlung, die dem Medizin-Glossar voransteht. In welchem Zusammenhang steht sie also, wie ist sie zu bewerten?
Ein erster Schlüssel könnte ein undatierter Brief des erwähnten GrynaeusGrynaeus, Simon sein, den Camerarius an sein Vorwort anhängt (ohne Paginierung). Er lautet in auszugsweiser Übersetzung folgendermaßen:
Simon GrynaeusGrynaeus, Simon grüßt Joachim Camerarius
[…] Was das Lexikon angeht, so erfolgte es auf meinen Rat hin; hatte ich doch gehört, dass du einige Notizen gesammelt hattest. Sorge dafür, dass du mehr als genug Kraft und Muße hast, damit du uns immer wieder eine Frucht deiner einzigartigen Begabung und Sorgfalt zuteilwerden lässt. Leb wohl und sei mir gewogen. Eine Krankheit hielt uns zum Herbstanfang leicht im Griff, jetzt hat sie geradewegs eine Pause eingelegt. Der Herr möge uns vor der Krankheit der Hoffart (impietas) schützen. Sei nochmals gegrüßt, mit deiner Familie.
Dieser Brief ist in zwar kolloquialem, aber tadellosem Latein abgefasst, was jedoch nichts besagt. Scheible konnte aus dem Vergleich von handschriftlich erhaltenen Briefen des GrynaeusGrynaeus, Simon an Camerarius mit solchen, die der Adressat nachträglich in seine gedruckten Briefsammlungen aufnahm, zeigen, dass der Bamberger Schulmeister mitunter seiner Profession erlag und korrigierend oder wenigstens glättend eingriff.4 Wir müssen bei gedruckt vorliegenden Briefen in Camerarius’ Briefsammlungen davon ausgehen, dass sie uns in überarbeiteter Form vorliegen. Die Erschließung der gedruckten Camerarius-Briefe wird darüber näheren Aufschluss geben. Es zählte für Camerarius offenbar der dokumentarische Wert, wie er ihn verstand, nicht aber das Monument.
Weshalb ist Simon GrynaeusGrynaeus, Simon in diesem Zusammenhang so interessant? GrynaeusGrynaeus, Simon starb 1541, im Jahr von Camerarius’ Berufung nach Leipzig, an einer Epidemie, hat also die Publikation des Glossars nicht mehr miterlebt. Mit Camerarius hatte ihn jedoch eine in das Jahr 1524 zurückgehende Freundschaft verbunden. In diesem Jahr war GrynaeusGrynaeus, Simon seinem einstigen Schulkameraden MelanchthonMelanchthon, Philipp nach Wittenberg gefolgt, wo letzterer eine Griechischprofessur bekleidete. MelanchthonMelanchthon, Philipp widmete ihm eine programmatische Schrift über humanistische Bildung, das Encomium eloquentiae.5 In Wittenberg lehrte zu derselben Zeit aber auch Camerarius. Zwischen ihm und GrynaeusGrynaeus, Simon entwickelte sich eine tiefe Freundschaft. Beide pflegten schließlich enge Kontakte zu ErasmusErasmus von Rotterdam, Desiderius in Basel, die ihrerseits in die Edition und Übersetzung antiker Autoren mündeten, so etwa die Erstausgabe der Bücher 41–45 des T. LiviusLivius.6 Die Jahre zwischen 1524 und Erasmus’ Tod im Jahr 1536 dürften also der Auslöser für das humanistische Programm des Camerarius gewesen sein. Er war Teil dessen, was man heute als ein wissenschaftliches Netzwerk bezeichnen würde.
Camerarius’ humanistisches Programm
Als humanistischen Entwurf im Sinne von GrynaeusGrynaeus, Simon und ErasmusErasmus von Rotterdam, Desiderius wird man wohl auch den Einleitungsbrief des Camerarius zu lesen haben. GrynaeusGrynaeus, Simon ist, wie gesagt, als Anreger des Werks erwähnt. Doch auch auf ErasmusErasmus von Rotterdam, Desiderius beruft sich Camerarius ausdrücklich, und zwar auf dessen Antibarbari – inter quos et ErasmusErasmus von Rotterdam, Desiderius Roterdamus contra barbaros quaedam conscripsit – gemeint sind die Adagia, die sich einerseits als Sprichwortsammlung verstehen, andererseits aber auch gegen Sprachbarbarei gerichtet sind, also den „bon usage“ verfechten. Camerarius geht sogar so weit und inszeniert sich als alter ErasmusErasmus von Rotterdam, Desiderius, indem er selbst eine Art Adagium zur Bekräftigung seiner Ausführungen vorlegt (α3r):
Surdastro litem surdaster moverat alter,
Hisque aderat iudex, surdus utroque magis.
Infit hic, Aediculae mihi quintum pensio mensem
Debetur: Traxi noctu ait ille, molam.
Aspicit hos iudex, et, Quid contenditis? inquit,
Est genetrix vobis, praestet uterque cibum.
Ein Tauber hatte mit einem Tauben Streit angezettelt, diesen stand ein Richter bei, der beide an Taubheit noch einmal übertraf. Der erste hob an: „Mir wird schon den fünften Monat die Miete für das Haus geschuldet“: Jener sprach: „Ich habe des Nachts die Mühle bedient.“ Der Richter blickte sie an und sagte: „Was streitet ihr? Ihr habt eine Mutter, beide sollen ihr Speis und Trank geben.“
Es handelt sich um die Übersetzung eines Epigramms beziehungsweise einer Facetie aus der Anthologia Palatina (11, 251), die im griechischen Original folgendermaßen lautet:
Δυσκώφῳ δύσκωφος ἐκρίνετο, καὶ πολὺ μᾶλλον
ἦν ὁ κριτὴς τούτων τῶν δύο κωφότερος.
ὧν ὁ μὲν ἀντέλεγεν τὸ ἐνοίκιον αὐτὸν ὀφείλειν
μηνῶν πένθ’, ὁ δ’ ἔφη νυκτὸς ἀληλεκέναι.
ἐμβλέψας δ’ αὐτοῖς ὁ κριτὴς λέγει· „Ἐς τί μάχεσθε;
μήτηρ ἔσθ’ ὑμῶν· ἀμφότεροι τρέφετε.“
Jüngst prozessierte ein Tauber mit einem Tauben, doch fanden
sie einen Richter, der viel tauber als beide noch war.
Klagte der eine, ihm schulde sein Gegner fünf Monate Miete,
sagte der andre, des Nachts laufe sein Mühlenbetrieb.
Ernst sah der Richter sie an; dann sprach er: „Was zankt ihr? Sie ist nun
mal eure Mutter, ihr sorgt beide daher auch für sie.“1
Das Nikarchos zugeschriebene griechische Epigramm setzt ein unsinniges Aneinandervorbeireden in Szene. Eine jüngere Arbeit bemerkt dazu: „Im Epigramm wird der absurde dreifache Zusammenfall derselben Defizienz sukzessive akkumulierend durch dreimalige Wiederholung derselben Adj. anhand jeder einzelnen der beteiligten Personen betont. Der Effekt dieses Vorgehens ist, dass sich die Abnormität der Situation immer noch mehr erhöht und als Verdreifachung des Übels besonders deutlich eingehämmert wird.“2 Möglicherweise soll auch der Gleichklang der ersten Silbe von μηνῶν und μήτηρ an den Tonstellen der letzten beiden Pentameter das Missverständnis erklärlich machen. Camerarius hat in seiner Übersetzung die entscheidenden Wörter ebenfalls an die Tonstellen gesetzt: mensem, molam, cibum, jeweils an den Versenden. Hört man statt mensem das Wort mensam – was ja durch die Nasalierung leicht zu verwechseln ist, so könnte das Wortfeld „Essen“ den Irrtum des tauben Richters befördert haben.
Camerarius’ Übersetzung ist jedenfalls sehr gekonnt, da sie das Versmaß einhält, genauso lang wie das Original ist und sowohl zielsprachen- wie ausgangssprachenorientiert ist. Es existiert bereits eine ältere Übersetzung des Thomas Morus, die dieser als junger Mann angefertigt hat. Sie wird von ErasmusErasmus von Rotterdam, Desiderius in den Adagia zitiert (Nr. 2383, III, IV, 83):
Lis agitur, surdusque reus, surdus fuit actor,
Ipse tamen iudex surdus utroque magis.
Pro aedibus hic petit aes quinto iam mense peracto;
Ille refert: Tota nocte mihi acta mola est.
Aspicit hos iudex et: Quid contenditis, inquit,
An non utrique est mater? utrique alite.3
ErasmusErasmus von Rotterdam, Desiderius hatte das Sprichwort Surdaster cum surdastro litigabat zur Erläuterung angeführt: Cum res agitur inter undequaque ridiculos ac stultos.
Camerarius verwendet das Bild von der sinnfreien Kommunikation unter Schwerhörigen, um zu demonstrieren, welche Folgen das Fehlen einer gemeinsamen Fachsprache hat. Er bezeichnet die Unmöglichkeit der Verständigung als Inbegriff von barbaries. Dazu führt er aus, Barbarei bestehe in der Missachtung der natürlichen Anlage beziehungsweise Bestimmung des Menschen, und diese erfülle sich ihrerseits in der Denk-, Urteils- und Ausdrucksfähigkeit: Naturae barbaries intellegitur violatio aut neglectio eius, quod generi humano quasi ius quoddam illa sancivit, cogitandi prudenter, & eloquendi diserte, cum honestate et decoro (2). Dies, so Camerarius, entspreche der hominum forma ac species (2). Doch was versteht Camerarius unter einer angemessenen Ausdrucksfähigkeit? Es handelt sich um eine an antiken Vorbildern geschulte Sprache, die sich aber dennoch modernen Erfordernissen anpasst. Camerarius nimmt letztlich auf eine Debatte seiner Zeit Bezug, die, von PoggioBracciolini, Poggio Bracciolini angefacht, die Gemüter ungefähr ein Jahrhundert lang erhitzt hatte, nämlich die Frage des Ciceronianismus. Ganz offenkundig tritt Camerarius auch hier in die Fußstapfen des ErasmusErasmus von Rotterdam, Desiderius;4Erasmus von Rotterdam, Desiderius dieser war bekanntlich im Ciceronianus für eine gemäßigte, den Umständen angepasste CiceroCicero-Nachfolge eingetreten. Das aptum wurde zur entscheidenden Kategorie; der „bon usage“ bestimmte sich nicht nur durch die Tradition, sondern vor allem von der Funktion her. Dieselbe Haltung lässt auch Camerarius durchblicken. Nicht nur im Ton, sondern auch im Inhalt gibt er sich als ein zweiter ErasmusErasmus von Rotterdam, Desiderius.
Camerarius als Übersetzer
Camerarius sah das Übersetzen durchaus als Teil eines pädagogischen Programms.1Poliziano, Angelo Eine der allerersten Publikationen, die der zu diesem Zeitpunkt Dreiundzwanzigjährige unter dem Namen Anastasius2 Quaestor veröffentlicht hatte, trägt den Titel Bonis iuuvenibusCamerarius d.Ä., JoachimBonis iuuvenibus εὖ πράττειν.3Melanchthon, PhilippMelanchthon, Philipp Es handelt sich dabei um eine Art Vorwort zu Camerarius’ eigener Lukianübersetzung.4 Darin vertritt er die Auffassung:
Ego vero non aliam rem existimo magis adulescentum ingenia posse excitare et alere eruditionem, quam stylum. Ille vero vertendis alienis rectissime exercetur, ubi et intra praefinitos terminos consistere, et non pro suo arbitrio fluctuare, sed velut in auctoris quem propositum habet vestigiis manentem sequi oportet, quibus dum inhaeret, saepe dubitat, multa quaerit, diligenter dispicit omnia, nonnumquam desperat, mox recepto animo pergit facere quod instituit, quae omnia mirifice mentem acuunt, et artem iuvant, quam nimis sero nunc fere attingamus: ut nisi certa ratione gubernetur, et omnibus viribus urgeatur, frustra sit laboratum.
Ich bin aber der Ansicht, dass keine andere Sache den Geist der jungen Leute so anstachelt und ihre Erziehung so nähren kann wie das Stilempfinden. Dieses schult man wiederum am besten durch das Übersetzen aus der Fremdsprache. Dort ist es nämlich nötig, innerhalb festgelegter Grenzen zu bleiben und sich nicht nach eigener Willkür treiben zu lassen, sondern auf den Spuren des Autors, den man sich vorgenommen hat, zu verharren. Während [der adulescens] sich [in das Übersetzen] vertieft, gerät er oft in Zweifel, hinterfragt vieles, untersucht alles sorgfältig, verzweifelt mitunter, setzt das Begonnene aber bald fort, wenn er wieder Mut gefasst hat. All das schärft auf wundersame Weise den Verstand und hilft derjenigen Fertigkeit, der wir uns jetzt allzu spät zuwenden wollen. So gilt, dass die Mühe vergeblich war, wenn das Vorgehen [sc. ars] nicht mit verlässlicher Methode gelenkt und aller Kraft vorangetrieben wird.
Man merkt den Zeilen nicht nur die Begeisterung am Umgang mit antiken Texten an, sondern aus ihnen spricht auch bereits die methodische Strenge, die Camerarius später als Herausgeber auszeichnen wird und die in seinem „Meisterstück“, der PlautusPlautus-Gesamtausgabe von 1552, zum Ausdruck kommen sollte.5Plautus Seine erste wissenschaftliche Beschäftigung mit Plautus reichte vermutlich in die Wittenberger Zeit zurück, wo er 1525, also kurz vor der Abfassung von Bonis iuvenibus, von seinem ehemaligen Leipziger Lehrer Veit Werler6 leihweise eine Plautus-Handschrift erhielt.7Plautus Es scheint die Zeit gewesen zu sein, in der Camerarius begann, die stilistischen Eigentümlichkeiten verschiedener Autoren zu untersuchen und zu würdigen. Die kleine Erziehungsschrift Bonis iuuvenibus εὖ πράττειν markiert gewissermaßen den Beginn seiner philologisch-pädagogischen Karriere. Der Schrift präludiert eine Abhandlung Melanchthons über die Notwendigkeit rhetorischer Kenntnisse für jede Art des Studiums: De studio artium dicendiMelanchthon, PhilippDe studio artium dicendi.8 Darin lobt der Humanist den Nutzen der Beredsamkeit und wägt wie QuintilianQuintilian im zehnten Buch der Institutio oratoria die Vorzüge der Dichterlektüre für die Ausbildung des Redners. Es wird jedenfalls schon aus dem Frühwerk des Camerarius deutlich, dass der Technik des Übersetzens im Ausbilden philologischer Fähigkeiten eine wesentliche Rolle zufällt.
De imitationeCamerarius d.Ä., JoachimDe imitatione
Im Jahr 1538 – Camerarius war inzwischen nach einer eindrucksvollen peregrinatio academica zum Rektor der Universität Tübingen1 gewählt worden – erschien die kleine Schrift De imitationeCamerarius d.Ä., JoachimDe imitatione. Eigentlich gehört das Werk in den Kontext eines Kommentars zu Ciceros Tusculanen. Jedoch geriet der Kommentar gleichsam unter der Hand zu einer eigenen disputatio über das Prinzip der Nachahmung, wobei Camerarius seine eigene Auffassung in Auseinandersetzung mit derjenigen der führenden Humanisten entwickelt.2Bembo, PietroPoliziano, AngeloErasmus von Rotterdam, Desiderius Der Form nach handelt es sich um einen Brief an Daniel StibarStibar, Daniel, der immer wieder angeredet wird und als fiktiver Dialogpartner Gegenrede hält. Der eigentliche Traktat beginnt mit einem Bekenntnis zu CiceroCicero als idealem Stilvorbild.3 Camerarius greift also das Thema des zehn Jahre früher erschienenen Erasmianischen CiceronianusErasmus von Rotterdam, DesideriusCiceronianus auf. Er beantwortet die Frage, ob man Cicero nachahmen soll oder nicht, mit einem klaren Ja, setzt sich also vordergründig in Opposition zu ErasmusErasmus von Rotterdam, Desiderius. Im Unterschied zu diesem behandelt Camerarius das Thema aber nicht als satirischen Dialog, sondern führt es auf seine philosophischen Grundlagen zurück. Er entwickelt auf rund 150 Seiten eine Theorie der Nachahmung und deren Bedeutung für die Kulturentwicklung.4 Seine differenzierte Haltung ist meilenweit von der törichten Beflissenheit des von ErasmusErasmus von Rotterdam, Desiderius als Karikatur gestalteten Nosoponus entfernt, in dessen Argumentation Imitatio auf ein Affentalent reduziert wird, er selbst sich als simia Ciceronis entblößt. Schulmeister, der Camerarius ist, begreift er die Imitatio als Teil der Stilübung, also als Aufgabe des Grammaticus (p. 23).5 Die theologische Problematik, die mit der Verwendung des heidnischen Lateins verbunden ist – das zentrale Thema des ErasmusErasmus von Rotterdam, Desiderius – klammert der Bamberger Humanist völlig aus.6QuintilianQuintilianinst. Stattdessen differenziert er sehr genau, worauf sich die Nachahmung eines Autors bezieht, nämlich auf Stil, Gattung oder Inhalt (p. 24). Wo er auf ErasmusErasmus von Rotterdam, Desiderius zu sprechen kommt, äußert er sich bestimmt, aber versöhnlich (p. 137). Er weist darauf hin, dass Imitatio ohnehin immer nur Ähnlichkeit erstrebt, niemals eine identische Kopie; diese sei weder möglich noch sinnvoll (p. 136).7Erasmus von Rotterdam, DesideriusCiceronianus
In Anlehnung an AristotelesAristoteles und an QuintilianQuintilian hatte der Humanist die wesentlichen philosophischen Grundlagen dessen entwickelt, was er in der Praefatio zum Medizinglossar wieder aufgreifen wird. Eine Leitthese der Imitationsschrift war, dass letztlich alles durch Nachahmung erlernt werde, Fähigkeiten nicht durch Geburt vererbt würden: Quis est enim peritus ullius rei natus, non factus? (p. 20). Der Mensch wird als ein der Erziehung bedürftiges Wesen aufgefasst, dem nichts von Natur gegeben ist, das vielmehr alles erlernen muss. Doch ist das Lernen durch Nachahmung seinerseits ein natürlicher Vorgang.8Camerarius d.Ä., JoachimCommentarii in Ciceronis Tusculanam primamQuintilianQuintilianinst.Cranach, LucasDürer, AlbrechtCranach, LucasDürer, AlbrechtCiceroQuintilian Camerarius’ offensichtlich an Aristoteles (PoetikAristotelesPoet., cap. 4) angelehnte Definition der Imitatio hebt auf die voluptas (ἡδονή) ab, die sich beim Wiedererkennen einstelle.9AristotelesAristotelesPoet.
Das Medizinglossar
In der Praefatio zum Medizinglossar1Camerarius d.Ä., JoachimCommentarii utriusque linguae wird die Imitatio-Frage auf eine nachgerade literarische Weise wieder aufgegriffen. Camerarius inszeniert sie als einen Dialog, indem er einen fiktiven Gesprächspartner einführt. Die Quintessenz aus dem Gespräch lautet, dass Sachverhalte (res) nur durch Sprache zu vermitteln seien, Sprache aber auf Imitatio beruhe, die ihrerseits Voraussetzung gegenseitigen Verstehens sei und auf gemeinsame ‚usancen‘ angewiesen sei: Nulla autem certe est ansa, qua apprehendi possit vera & certa sententia, & animi conceptio, & cogitationis inventum, nisi orationis (α4r). Nachahmung erscheint als eine Grundtatsache jeder Kulturentstehung.
Hinter dieser Argumentation, die Neuerung auf den Spuren der Tradition zulässt, steckt offensichtlich QuintilianQuintilian, auch wenn Camerarius ihn nicht explizit zitiert.2QuintilianPico della MirandolaDe hominis dignitate Der Autor der Institutio oratoria war seit rund hundert Jahren wieder bekannt. PoggioBracciolini, Poggio hatte einen Codex im Kloster St. Gallen entdeckt. Seitdem avancierte Quintilian zum maßgeblichen Schulautor. Camerarius selbst hatte 1527 seine erste Quintilian-Ausgabe besorgt und bei Johann Setzer in Hagenau drucken lassen.3Camerarius d.Ä., JoachimQuintiliani Oratoriarum institutionum liber decimus Zahlreiche Neuauflagen folgten. Schon Quintilian wusste, dass eine Sprache, die sich nur am Beispiel der Altvorderen orientiert, auf die Dauer sterben musste. Deshalb plädierte er für eine behutsame, aber am Geist der Vorfahren orientierte Weiterentwicklung der Sprache (inst. or. 10, 2). Nur wurde dies von vielen, die ihn rezipiert haben, nicht erkannt. Auf die großen Autoren seiner Zeit wie etwa TacitusTacitus und die Schriftsteller der nachfolgenden Jahrhunderte hatte Quintilian praktisch überhaupt keinen Einfluss. Dennoch konnte er sich mit seinen Standards durchsetzen, da seine Institutio oratoria sich als Schulbuch etablierte und den Abschluss des Rhetoren-Unterrichts bildete. Der Schulmeister Quintilian wurde zum Schulbuchautor; er wirkte aber eher auf der lebensabgewandten Seite des Unterrichts. Der Ciceronianismus setzte sich als Ideal der Schulprosa durch und behauptet diesen Rang bis heute in den universitären Stilübungen. Wir beobachten in der Geschichte des Lateins daher den erstaunlichen Umstand, dass das gelehrte und das in Schrift- und Alltagssprache verwendete Latein immer weiter auseinanderdrifteten. Man lernte das Latein der Schule, sprach und schrieb aber dasjenige des „Lebens“. Die Kontroverse, die ErasmusErasmus von Rotterdam, Desiderius und später Camerarius auszufechten hatten, wurzelt in dieser historischen Entwicklung.
Camerarius und PlatonPlaton
Nachahmung gibt es freilich im Positiven wie im Negativen, man ahmt gute und schlechte Beispiele, vitia und virtutes, nach. Deshalb komme es, so Camerarius, auf das pädagogische Vorbild an. Das gilt aber nicht nur in Fragen der Moral, sondern auch in Fragen des Ausdrucks und des Stils.
Mit dieser Feststellung bezieht sich Camerarius nun auf eine Debatte, die von CiceroCicero ins Zentrum gerückt wurde, nämlich das Auseinandertreten von Philosophie und Rhetorik. Gleich zu Beginn zitiert er Cicero, der seine Überlegungen zum Verhältnis von Form und Argument mit den Worten beginnen lässt: cum controversia aut de re aut de nomine esse soleat. (α2v)1Cicerofin. Daran schließt er eine lange Erörterung über das Verhältnis von res und verba an. Er schlägt sich unmissverständlich auf die Seite derer, die einen engen Zusammenhang zwischen Inhalt und Ausdruck sehen. Er wendet sich einerseits gegen manierierte Wortkünstler, bei denen die Form wichtiger ist als der Gehalt. Solche nennt er circulatores und praestigiatores (α4v). Viel ausführlicher zieht er aber gegen das andere Extrem zu Felde, nämlich die Verächter jedweder Rhetorik. Unter ihnen nennt er PlatonPlaton und GalenGalen. Aus dem SophistesPlatonSoph. zitiert er die Worte: ἀμελῶμεν ὀνομάτων und zieht sie als Beweis für PlatonsPlaton ablehnende Haltung gegenüber der Rhetorik heran. In dem genannten Platon-Dialog geht es um die Bestimmung des Sophisten und die Frage, in welchen Erscheinungen er auftritt. Der eleatische Fremde, einer der Gesprächspartner, schlägt vor, das Problem über einen Anglervergleich zu lösen und ergeht sich dabei in kleinteiligen Unterscheidungen, bis ihn Theaetet zur Ordnung ruft (220 d 4): Ἀμελῶμεν τοῦ ὀνόματος, ἀρκεῖ γὰρ καὶ τοῦτο. Camerarius zitiert wohl aus dem Gedächtnis, nicht ganz wortgetreu, aber im Wesentlichen sinngemäß, wobei er in diesem Fall die Partei des Xenos bei Platon ergreift. Kurz zuvor hatte er noch klargestellt, welchen Wert eine präzise Begrifflichkeit hat; sie allein erlaube das evidenter ac plane edisserere (α2v). Wo sie fehle, breite sich Dunkelheit, Schwanken und Unsicherheit aus. Ja, mehr noch, Unkenntnis der griechischen Sprache, in der die Wissenschaften nun einmal tradiert seien, ziehe impietas, superstitio und nocentissimi errores nach sich. In nachgerade reformatorischem Furor setzt er hinzu: Haec multos deos introduxit, haec disciplinam dissolvit, tyrannides stabilivit, flagitium & dedecus commendavit, virtuti & laudi infamiam addidit. (α2v). PlatonsPlaton Skepsis gegenüber der Rhetorik teilt er ausdrücklich nicht.
Noch deutlicher habe GalenGalen gegen die Rhetoren polemisiert: ἀκριβολογίαν τε καὶ μικρολογίαν καὶ λεπτολογίαν vocabulorum habe dieser die verspielte Suche nach Wörtern, exquisitio et aucupatio, genannt und als abgeschmackt und lächerlich, ἐπίτριπτον καὶ καταγέλαστον, abgetan (α3v). Eine Überprüfung des Galen-Textes hat allerdings ergeben, dass das vermeintliche Zitat keines ist und Camerarius die Position des griechischen Arztes polemisch zuspitzt. Galen hatte sich in der Schrift über die Gliedmaßen (Περὶ ἄρθρων ὑπόμνημα) lediglich auf Hippokrates berufen, der seinerseits einen Widerwillen gegen Wortklauberei gehegt habe. An der Galenstelle (18/1, 686 Kühn), die Camerarius offenkundig aus dem Gedächtnis zitiert und dazu auch noch sehr frei um Synonyme erweitert und recht blumig ausmalt, geht es um zwei Arten der Hermeneutik: Hippokrates bezeichnet diese beiden Vorgehensweisen als μικρολογία einerseits und als συνήθεια andererseits. Erstere diffamiert er als Herumreiten auf Begriffen, was typisch für Leute sei, die weder reden könnten noch über δύναμις ἑρμηνευτική verfügten. Wer dagegen eine ἐνέργεια τῆς ἑρμηνείας besitze, der blicke nicht auf einzelne Wörter, τοῖς κατὰ μέρος ὀνόμασιν, sondern auf den Fluss der Worte nach allgemeingriechischem Verständnis: ἐπιῤῥέουσιν αὐτοῖς χρῶνται κατὰ τὴν τῶν Ἑλλήνων συνήθειαν.2 Camerarius sieht in Galens Worten eine Verächtlichmachung der Rhetorik, die dieser für entbehrlich gehalten habe.3 Er macht sich dagegen zum Anwalt der Genauigkeit, die einem nebulösen Globalverständnis überlegen sei. Er nähert sich der Medizin zunächst mit dem Blick des akribischen Philologen. Das entspricht freilich auch dem Ziel seiner Schrift, in der es ja um genaue medizinische Bezeichnungen geht.
Wie angedeutet, steht diese Polemik insofern in der Tradition des Ciceronianismus-Streits, als es auch hier um den rechten Sprachgebrauch geht. Doch haucht Camerarius der mittlerweile fruchtlos gewordenen Debatte noch einmal frisches Leben ein, indem er nicht mehr von den Vorbildern beziehungsweise Autoritäten her denkt, sondern den Zweck der Sprache in den Blick nimmt. Ihm ist nämlich klar, und er sagt das auch ausdrücklich, dass jede Kommunikation natürlich συνήθεια beziehungsweise usus oder consuetudo zur Voraussetzung hat. Für eine Fachsprache reicht das gewachsene Sprachgefühl aber nicht aus. Der Sprachgebrauch sondere die wirklich Gebildeten von den pueri, aut ineruditi & semidocti, wobei er noch anfügt, dass der Status des puer sowohl eine Frage des Alters als auch des Intellekts sein könne: Nihil enim refert […] aetate an ingenio aliquis puer sit (α3v). Er nähert sich durch den Blick auf die Funktion der Sprache einem zwar konservativen, aber keineswegs starren Imitatio-Modell an, das demjenigen QuintiliansQuintilian ähnelt.4
Ist Camerarius am Ende ein Antiplatoniker? Das kann man ihm ganz gewiss nicht unterstellen, im Gegenteil: Die meisten PlatonPlaton-Zitate werden zustimmend angeführt, und er teilt mit Platon die Skepsis gegenüber sophistischer Rhetorik. Die oben zitierten Gefahren, die Camerarius von Griechisch-Unkundigen ausgehen sah, entsprechen dem, was Platon den Sophisten unterstellte. Der Unterschied ist, dass die einen Verwirrung stiften aufgrund ihrer Unkenntnis, die anderen aufgrund ihrer rhetorischen Brillanz. Camerarius hat den Grundkonflikt zwischen Platon und GorgiasGorgias im Blick, also die Alternative zwischen rhetorischer Reinheit und Ausschmückung. Die rednerische Ausgestaltung um ihrer selbst willen führt danach eher zu Verdunkelung als zu Klarheit, das rhetorische Ornament droht den eigentlichen Kern zu überwuchern. Insofern ist auch Camerarius der Vertreter eines konservativen Stils, mit antiken Kategorien würde man sagen: er ist Attizist.
Diese Einstellung begründet er, in einer medizinischen Schrift passend, damit, dass eine vernachlässigte Sprache nicht nur Verwirrung beim Gegenüber stifte, sondern auch der geistigen Gesundheit schade, hinterlasse doch die Art zu sprechen einen Abdruck in der Seele. Dieser platonische Gedanke wird durch ein Zitat aus dem PhaedoPlatonPhaed. (115 e 6) unterstrichen (α4v): εὖ γὰρ ἴσθι, ἦ δ’ ὅς, ὦ ἄριστε Κρίτων, τὸ μὴ καλῶς λέγειν οὐ μόνον εἰς αὐτὸ τοῦτο πλημμελές, ἀλλὰ καὶ κακόν τι ἐμποιεῖ ταῖς ψυχαῖς. („Wisse genau, sagte er, bester Kriton, dass nicht schön zu reden nicht nur an sich fehlerhaft ist, sondern auch der Seele etwas Schlechtes einprägt.“)
Camerarius scheint die Auffassung zu vertreten, dass der Mensch Sprache und Sprachstil von anderen übernimmt, sie aber zu seinen macht, sich danach gleichsam formt. Denselben Gedanken hatte er in De imitationeCamerarius d.Ä., JoachimDe imitatione zum Ausdruck gebracht: „Jeder pflegt das, was er nach den Beispielen anderer gemacht hat, als das Seine hervorzuheben und zu bewahren“.5 „Der Mensch kommt zum Eigenen durch Fremdes.“6
Indem Camerarius die sprachliche Gestaltung nicht nur unter dem Aspekt der Kommunikation, sondern auch unter dem der Selbsterziehung und Selbstbeeinflussung deutet, hat er die mitunter verspielte, um nicht zu sagen geistreichelnde Debatte um die richtige Antikennachfolge auf eine neue Stufe gehoben. Er hat ihr nicht nur eine philosophische, sondern auch eine psychologische und damit medizinische Wendung verliehen.
Literaturverzeichnis
Baier, Thomas: Poliziano als Übersetzer, in: Thomas Baier/Tobias Dänzer/Ferdinand Stürner (Hgg.): Angelo Poliziano. Dichter und Gelehrter (NeoLatina 24), Tübingen 2015, 243–257 (= Baier 2015a).
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Der Libellus gnomologicusCamerarius d.Ä., JoachimLibellus gnomologicus des Joachim Camerarius (1569): Bemerkungen zur Entstehungs- und Textgeschichte sowie zur pädagogischen Intention
Marc Steinmann (Gießen)
Brittae, luci quondam meae,
cuius amorem repente amisi
Einleitung
Die Klage, daß es bis heute keine befriedigende Gesamtdarstellung der Vita des Polyhistors Joachim Camerarius gebe, gehört seit etlichen Jahrzehnten zu den Gemeinplätzen der Camerarius-Forschung. Kurzbiographien und Abrisse gibt es manche, doch umfassendere Studien sind hauptsächlich erst in diesem Jahrhundert entstanden.1 Auch eine abschließende Werkübersicht seiner selbständig oder als Beigaben zu Werken anderer erschienenen Arbeiten bleibt ein Desiderat. „Editorisch ist das Werk von Camerarius so gut wie unerschlossen.“2Fabricius, Johann Albert Der Hauptgrund hierfür dürfte, wie Mundt richtig betont,3 die Ehrfurcht gebietende Weite von Camerarius’ Gesichts- und Arbeitskreis sein, und zwar nicht nur auf dem engeren philologischen Felde – wie wir es heute verstehen –,4 sondern auch im weiteren geisteswissenschaftlichen sowie im naturwissenschaftlichen5 und (religions)politischen Bereich.6Melanchthon, PhilippStählin, Friedrich
„Es gibt überhaupt kaum eine Wissenschaft, die ihm fremd gewesen wäre“, bringt es Friedrich StählinStählin, Friedrich auf den Punkt.7 Camerarius’ quasi Omniskienz hatte bereits Andreas FreihubFreyhub, AndreasOratio in funere Joachimi Camerarii in seiner Leichenrede herausgestellt, wenn er den Verblichenen einen Mann nennt, von dem totum […] bonarum et liberalium artium orbem […] percursum et absolutum esse [„das gesamte Spektrum der guten und freien Künste (d.h. der Wissenschaften) durchdrungen und gemeistert worden sei“8] und der in den klassischen Sprachen soviel geleistet habe, quantum vix sperari ab ullo alio posse videatur [„wie es von irgendeinem anderen kaum – wie es scheint – erhofft werden kann“].9Freyhub, AndreasOratio in funere Joachimi Camerarii Camerarius habe zudem so viele und so bedeutende Werke und Kommentare verfaßt, daß omnis posteritas egregie et utiliter instrui poterit et informari [„die gesamte Nachwelt aufs trefflichste und nütztlichste wird belehrt und informiert werden können“].10Freyhub, AndreasOratio in funere Joachimi Camerarii Mag dieses Lob topologisch überhöht und allzu zuversichtlich gewesen sein, so ist im 19. und 20. Jh. allerdings nahezu das Gegenteil von Freihubs Vision eingetreten: Camerarius und sein Werk sind zunehmend obsolet geworden und heute nur noch wenigen Spezialisten bekannt.11Stählin, Friedrich
Um den Schleier dieses Vergessens wenigstens etwas zu lüften, soll im folgenden ein Werk aus der letzten Schaffensphase des Camerarius vorgestellt und untersucht werden, der Libellus gnomologicusCamerarius d.Ä., JoachimLibellus gnomologicus. Daß dabei derjenige Teil dieser Sammelschrift, der das PalladiusPalladius von Helenopolis, dem Bischof von Helenopolis, zugeschriebene griechische Werk De gentibus Indiae et BragmanibusPalladius von HelenopolisDe gentibus Indiae et Bragmanibus enthält, etwas ausführlicher behandelt werden wird als die übrigen Teile, sei dadurch gerechtfertigt, daß einerseits der erste Teil, eine Sentenzensammlung, recht disparat wirkt12 und daß wir andererseits Joachim Camerarius die Editio princeps der Schrift des PalladiusPalladius von Helenopolis verdanken. Allerdings handelt es sich, wie damals weithin üblich, um einen diplomatischen Abdruck einer einzigen Handschrift, die Camerarius jedoch – und da sind wir wieder bei seinen oben angeführten lobenden Attributen – nicht nur in lucem edidit, sondern auch ins Lateinische übersetzt, ihr exegetische Anmerkungen beigegeben und in der Praefatio in einen größeren translationstheoretischen und pädagogischen Zusammenhang gestellt hat.
Im Rahmen eines Aufsatzes können freilich nur einige Schlaglichter auf dieses in der Forschung bisher anscheinend überhaupt noch nicht behandelte Werk geworfen werden.13Palladius von HelenopolisPalladius von Helenopolis Dafür soll es quasi schichtweise von außen nach innen inspiziert werden. Beginnen wir also mit dem Äußeren, der physischen Werkanalyse.
Beschreibung des Werkes
Der Libellus gnomologicusCamerarius d.Ä., JoachimLibellus gnomologicus ist eine Ausgabe in Klein-Oktav1Camerarius d.Ä., JoachimLibellus gnomologicus und umfaßt außer der Titelseite und deren leerer Rückseite 309 arabisch numerierte Seiten mit zusätzlicher Zählung A2–8, B–V1–8, X1–4.2 Erstaunlich ist, daß es weder eine Angabe des Druckers noch des Jahres gibt – nicht auf der Titelseite und auch nicht als Kolophon. Nun ist das Titelblatt des Münchener Exemplars unter dem Privileghinweis beschnitten und mit etwas hellerem Papier hinterlegt.3 Anfragen bei weiteren Bibliotheken, bei der SLUB Dresden, der Stadtbibliothek Trier und der HAB Wolfenbüttel, die sogar über zwei Exemplare des relativ seltenen Werkes4 verfügt, ergaben jedoch, daß auch intakte Titelblätter dieser Informationen ermangeln. Die Angabe sine anno, die u.a. in der Bibliographie von Baron und Shaw auftaucht,5Fabricius, Johann Albert ist also auf den ersten Blick korrekt. Allerdings sind wir in der glücklichen Lage, daß auf der ersten Seite der Handschrift, die Camerarius’ PalladiusPalladius von Helenopolis-Text zugrundelag, sich ein Vermerk befindet, der den Leipziger Druck indirekt sehr genau datiert: Camerarius imprimi curavit 1569 Mense Maij. Transmisit 16 Junii [„Camerarius hat für den Druck gesorgt im Mai 1569. Er hat es übersandt (d.h. zurückgeschickt) am 16. Juni“].6Sambucus, Johannes Es ist die Notiz des Besitzers Johannes SambucusSambucus, Johannes – zu ihm später mehr. Daß das Erscheinungsjahr im Buch selbst fehlt, ist auch deshalb merkwürdig, da das kaiserliche Privileg ja auf fünf Jahre gewährt wird.7Maximilian II. (HRR)
Auch der Drucker kann nur indirekt erschlossen werden. Zwar gab es in Leipzig im Jahre 1569 mehrere Offizinen,8Bärwald, JakobRambau, HansVögelin, ErnstRichter, Andreas doch das Emblem auf der Titelseite weist eindeutig die Druckwerkstatt des Ernst VögelinVögelin, Ernst aus (vgl. Anhang, Abb. 1): In einem quasi rechteckigen Signet sehen wir in den vier Ecken die Symbole der Evangelisten auf einem großen ovalen Rollwerkrahmen, am oberen Rand des Rahmens die Taube des Heiligen Geistes, darüber in einem Feuerkranz in einer Strahlen-Mandorla das hebräische Jahwe-Tetragramm. Innerhalb des Rahmens ist in der oberen Hälfte des Ovals der Gekreuzigte mit der Inschrift INRI über seinem Haupte zu sehen, umgeben von Wolken. Auffällig ist das horizontal weit ausladende Lendentuch, das wie eine Fahne im Winde weht – wohl ein Bezug zur Siegesfahne des Auferstandenen.9Cranach, LucasCranach, LucasLuther, MartinCranach, LucasCranach, LucasCranach, LucasCranach, LucasMelanchthon, PhilippMelanchthon, PhilippStigel, JohannMelanchthon, PhilippMelanchthon, PhilippStigel, JohannCranach, Lucas Der Fuß des Kreuzes steht auf der von zwei Cheruben bewachten Bundeslade, die wiederum auf der Weltkugel ruht, gleichzeitig aber den Tod (symbolisiert durch das Gerippe) und den Teufel (symbolisiert durch die Schlange) niederdrückt. Das Druckeremblem in dieser Ausführung hat VögelinVögelin, Ernst offenbar von ca. Anfang 1564 an verwendet.10 Seine Erben haben es bis in die 1590er Jahre unverändert weiter im Gebrauch, später dann in einer architektonisch-figürlichen, barocken Komposition erheblich erweitert.
Der Buchdrucker Ernst VögelinVögelin, Ernst
Wie es in Leipzig insgesamt einen besonders intensiven und gegenseitige Früchte bringenden Zusammenhang zwischen Buchdruck und Humanismus respektive Universität gab,1 so verband Camerarius auch im besonderen „allezeit rege wissenschaftliche und freundschaftliche Beziehungen“2Erasmus von Rotterdam, Desiderius mit dem Buchdrucker Ernst VögelinVögelin, Ernst – wie auch schon mit dessen Vorgänger Valentin BapstBapst, Valentin –, weshalb hier kurz darauf eingegangen sei.3
Der Konstanzer Ernst VögelinVögelin, Ernst (10.08.1529–20.09.1589) ließ sich im Frühjahr 1550 in Leipzig immatrikulieren und wurde im Sommersemester Baccalaureus Artium, im folgenden Wintersemester Magister Artium und im Oktober 1555 Baccalaureus Theologiae. Camerarius, bei dem VögelinVögelin, Ernst zeitweilig die Stelle eines Hauslehrers innehatte, führte Vögelin wohl in das Verlagsgeschäft des Leipziger Druckers Valentin BapstBapst, Valentin (Papst, Papa) ein, welchen Vögelin danach anscheinend als Korrektor und gelehrter Beistand unterstützte. Nach Bapst frühem Tode Anfang 1556 übernahm VögelinVögelin, Ernst die Leitung des Geschäftes – Bapsts Söhne waren noch zu jung – und heiratete im Juni 1557 Bapsts Tochter Anna. Unter eigener Firmierung scheint VögelinVögelin, Ernst allerdings erst ab 1560 gedruckt zu haben, und zwar MelanchthonsMelanchthon, Philipp Corpus doctrinae Christianae (VD16 M 2883).4Ernesti, August Wilhelm
Anfang 1559 erhielt Ernst VögelinVögelin, Ernst das Leipziger Bürgerrecht. Später unternahm dieser „gebildete, weltoffene tiefreligöse Mann“, der „allem Anschein nach weltlichen Prunk und Lebensfreude nicht“ verschmähte,5 größere Auslandsreisen, u.a. nach Italien (1567) und Frankreich. Im Juni 1576 wurde Vögelin wegen Kryptocalvinismus angeklagt und floh in die Kurpfalz. Er starb 1589, ohne wieder selbst Bücher gedruckt zu haben. Seine Leipziger Offizin wurde von verschiedenen Druckern weitergeführt, den Verlagsbuchhandel übernahmen zeitweilig einige seiner Söhne.
Vögelin hat – was aufgrund der engen Bande der beiden Männer kaum verwundert – ab 1561 bis zu Camerarius’ Tode nahezu alle seine Schriften gedruckt, so auch Mitte 1569 den Libellus gnomologicusCamerarius d.Ä., JoachimLibellus gnomologicus. Betrachten wir – bevor dessen Inhalt vorgestellt werden soll – aber zunächst die Genesis dieses Werkes, soweit sie sich rekonstruieren läßt.
Die Entstehungsgeschichte des Libellus gnomologicusCamerarius d.Ä., JoachimLibellus gnomologicus
Der durch die Türkenkriege verschuldete Kaiser Maximilian II.Maximilian II. (HRR) gewährte den nieder- und oberösterreichischen Herren- und Ritterständen am 18. August 1568 im Gegenzug für ihre Geldzahlungen (bzw. eine Steuerbewilligung) die freie Religionsausübung nach der Confessio Augustana (= Augsburger Bekenntnis von 1530).1 Gleichzeitig sollte diese vorläufige Konzession durch eine Kirchenordnung institutionalisiert werden, zu deren Ausarbeitung „zwölf fromme und angesehene Lehrer, und zwar sechse von dem Kayser, und sechse von den Ständen, worunter zwey aus den Sächsischen Kirchen, ernannt und berufen werden sollten.“2 Als sächsische Vertreter waren David ChytraeusChytraeus, David aus Rostock3Maximilian II. (HRR)Chytraeus, DavidChytraeus, DavidChytraeus, David und Joachim Camerarius aus Leipzig4 auserwählt worden. Trotz großer Bedenken, hauptsächlich wegen seines fortgeschrittenen Alters und seiner Gesundheit,5Griespek, FlorianKarlowitz, Christoph vonCracow, Georg machte sich Camerarius am 18. August 1568, also dem Tage der Konzessionserteilung durch Maximilian II.Maximilian II. (HRR), von Leipzig aus auf den Weg6Cracow, Georg über Prag7Karlowitz, Christoph vonGriespek, FlorianKarlowitz, Christoph von nach Wien. Dort traf er zusammen mit dem sächsischen Rat Christoph von KarlowitzKarlowitz, Christoph von8Karlowitz, Christoph von am 08. September ein9Cracow, GeorgZwinger d.Ä., TheodorKrafftheim, Johannes Crato von und wohnte wohl die meiste Zeit seines Aufenthaltes beim kaiserlichen Leibarzt Johannes CratoKrafftheim, Johannes Crato von von KrafftheimKrafftheim, Johannes Crato von.10Wolf, HieronymusKrafftheim, Johannes Crato von Allein die Ankunft von ChytraeusChytraeus, David verzögerte sich immer weiter und das Warten und Nichtstun fiel Camerarius zunehmend schwer.11Wolf, HieronymusKarlowitz, Christoph von Schließlich wurde ihm auf seine Bitte hin erlaubt, nach Leipzig zurückzukehren, wo er am 14. Dezember 1568 über Dresden und Meißen wieder eintraf.12Karlowitz, Christoph vonSambucus, Johannes
Immerhin war es Camerarius infolge der politischen Untätigkeit in Wien möglich, private Kontakte zu pflegen. Daher ist es kaum verwunderlich, daß er unter anderem dem gebürtigen Ungarn Johannes SambucusSambucus, Johannes (János Zsámboky, 25.07.1531–13.06.1584),13Sambucus, Johannes der für seine Handschriften- und Büchersammlung in ganz Europa berühmt war,14Edeling, JoachimSambucus, JohannesEdeling, JoachimSambucus, JohannesEdeling, JoachimPosselius, JohannesChytraeus, DavidEdeling, JoachimHodoeporiconSambucus, Johannes Besuche abstattete. Mit ihm stand Camerarius – wie mit unendlich vielen anderen Humanisten und wie es in der Respublica litteraria allgemein üblich war – in Briefkontakt.15Sambucus, JohannesSambucus, JohannesSambucus, JohannesSambucus, JohannesSambucus, JohannesSambucus, Johannes SambucusSambucus, Johannes, zu jener Zeit wohl schon kaiserlicher Hofrat (Consiliarius Caesaris), vermerkt bereits kurz nach Camerarius’ Ankunft in Wien erfreut in seinem Tagebuche (Codex Vindobon. lat. 9039, fol. 5a) unter dem 21. September 1568: […] dominica precedente Camerarius cum filio et CratoKrafftheim, Johannes Crato von apud me, bono animo [„letzten Sonntag Camerarius mit seinem Sohn und CratoKrafftheim, Johannes Crato von bei mir, guter Stimmung“].16 Während einem dieser Treffen muß Camerarius auch auf SambucusSambucus, Johannes’ Manuskript der PalladiusPalladius von Helenopolis-Schrift aufmerksam geworden sein und sie sich für eine künftige Edition ausbedungen haben. Dieses Vorgehen war für SambucusSambucus, Johannes nicht ungewöhnlich. Viele seiner Handschriften stellte er anderen Humanisten für deren Editionen zur Verfügung, wurde doch durch einen entsprechenden Hinweis in der gedruckten Ausgabe schließlich auch sein eigener Ruhm gemehrt.17Camerarius d.Ä., JoachimLibellus gnomologicusSambucus, JohannesSambucus, Johannes
Wie wir aus einem griechisch abgefaßten Briefe des Camerarius an SambucusSambucus, Johannes, der leider undatiert, aber wahrscheinlich (kurz) nach Camerarius’ Rückkehr nach Leipzig verfaßt worden ist,18Sambucus, Johannes erfahren, hat Camerarius wohl mehrere Schriften aus SambucusSambucus, Johannes’ Wiener Sammlung ausgeliehen:
νυνὶ μὲν οῦν ἅς διαψιλῶς θ’ ἅμα καὶ φιλοφρόνως ἱσταθεὶς παρά σοι βίβλους ἐκομισάμην ἀπιών, ἐκείνας μεταχειριζόμενος διερχομαί τε καὶ ἐνδιατρίβων αυτοῖς ἡδέως ψυχαγωγοῦμαι. […] ἔπεμψα δέ σοι νῦν τῶν ἡμετέρων ἐκπονήσεὼ τι, περὶ ὧν πρώην εἴπομεν, οὐ μὲν ἀσπουδεί γε, δέδια δὲ ὡς οὐχ ὁμοίος ἐμμούσως τε καὶ ἐμμελῶς συντεθέν. =19 Iam vero quos abs te lauto et benigno acceptus convivio mecum abstuli libros, illos versans manibus percurro, et in illis commorans suaviter oblector. […] Misi vero tibi iam nostrarum elaborationum quidpiam, de quibus nuper loquebamur: non quidem sine diligentia studii cuiusdam; metuo autem ut pari eruditione et elegantia id compositum sit.20Sambucus, JohannesSambucus, JohannesPalladius von Helenopolis
Schon aber überfliege ich, in meinen Händen wendend, die Bücher, die ich – von Dir mit einem köstlichen und reichhaltigen Gastmahle empfangen – mit mir genommen habe, und mich in sie vertiefend werde ich angenehm erfreut. […] Ich habe Dir bereits etwas von unseren Ausarbeitungen geschickt, worüber wir neulich sprachen. Zwar entbehrt es nicht der Sorgfalt eines gewissen Bemühens, ich fürchte jedoch, daß es nicht mit ebensolcher Gelehrtheit und Eleganz verfaßt ist.
Eindeutig Bezug nimmt Camerarius auf seinen Wiener Aufenthalt und SambucusSambucus, Johannes’ Bücher dann in einem Brief vom 4. Januar 1569: Reversi sumus huc, Christo gratia, salvi et incolumes […]. Nunc ea, quorum nobis usus abs te benigne concessus est, tractabamus, si quid edi forte posset [„Wir sind hierher, Christus sei Dank, wohlbehalten und heil zurückgekehrt. Jetzt wollten wir jene ‹Schriften›, deren Benutzung Du uns gütig erlaubt hast, durcharbeiten, ob ‹davon› etwas ediert werden könnte“].21
Camerarius hat schließlich im Frühjahr 1569 seine in den Libellus gnomologicusCamerarius d.Ä., JoachimLibellus gnomologicus eingearbeitete Edition des Palladiustextes samt Übersetzung, Vorwort und Anmerkungen der Vögelinschen Offizin zum Druck übergeben22Camerarius d.Ä., JoachimLibellus gnomologicusCamerarius d.Ä., JoachimLibellus gnomologicusCamerarius d.J., Joachim und die Handschrift (es handelt sich heute um die ersten elf Seiten des Codex Vindobonensis, Historici Graeci 12123) Mitte Juni 1569 nach Wien zurückgeschickt – wie aus dem bereits erwähnten eigenhändigen Vermerk des SambucusSambucus, Johannes ersichtlich ist.24
Der Libellus gnomologicusCamerarius d.Ä., JoachimLibellus gnomologicus muß spätestens in den ersten Junitagen gedruckt vorgelegen haben, denn bereits am 06.06.1569 bedankt sich Andreas DudithDudith, Andreas in einem Brief aus Krakau an Camerarius für die Übersendung des Libellus25Camerarius d.Ä., JoachimLibellus gnomologicusPraetorius, JohannesDudith, AndreasDudith, AndreasPraetorius, JohannesPraetorius, JohannesDudith, Andreas und nimmt Camerarius’ Lob des SambucusSambucus, Johannes in der Praefatio zum Anlaß für einige (enttäuschte) Bemerkungen über SambucusSambucus, Johannes und dessen Büchersammlung.26Dudith, AndreasSambucus, JohannesSambucus, JohannesDudith, AndreasCamerarius d.J., Joachim Mithilfe eines weiteren Briefes des Andreas DudithDudith, Andreas an Joachim Camerarius kann auch der terminus ad quem für den Druck des Libellus vielleicht präziser bestimmt werden als durch SambucusSambucus, Johannes’ Notiz auf der Wiener Handschrift, die ja nur den Monat Mai nennt. Am 15. Mai 1569 nämlich schreibt DudithDudith, Andreas an Camerarius, daß er Johannes PraetoriusPraetorius, Johannes im Laufe der Woche in Krakau erwartet hätte, nun aber annehmen müsse, daß dieser erst später komme: Suavissimis litteris excellentiae tuae ante respondere constitueram, quam PraetoriusPraetorius, Johannes adesset [„Ich hatte beschlossen, auf den überaus netten Brief Deiner Exzellenz eher zu antworten, als PraetoriusPraetorius, Johannes hier wäre“].27Dudith, Andreas Wir wissen leider nicht, was PraetoriusPraetorius, Johannes aufgehalten hat. Vielleicht aber sollte er DudithDudith, Andreas unbedingt des Camerarius jüngstes Werk mitbringen können, das demzufolge etwa Mitte Mai frisch aus der Presse gekommen sein könnte. Doch das muß leider eine Vermutung bleiben, und deshalb wenden wir uns nun stichhaltigeren Dingen zu, nämlich dem
Inhalt des Libellus gnomologicusCamerarius d.Ä., JoachimLibellus gnomologicus
Der Inhalt des Libellus gliedert sich wie folgt: Auf ein lateinisches Proœmium (S. 1–24) mit der Zueignung1 an Georg Mehl von StrelitzMehl von Strehlitz, Georg, den Prokanzler des Königreiches Böhmen, folgt eine moralische Blütenlese (griech. S. 33–108, lat. Übers. S. 165–228), d.h. kurze Exzerpte in Form von Sentenzen bzw. Gnomen (daher häufig nur ein Satz) aus PlatonPlaton, IsokratesIsokrates, AeschinesAeschines, DemosthenesDemosthenes, HerodotHerodot, ThukydidesThukydides, XenophonXenophon, AristotelesAristoteles, PolybiusPolybius, PlutarchPlutarch und anderen. Diesem Florilegium stellt Camerarius als Einleitung eine Συνόπσις = Summula considerationis (griech. S. 25–33, lat. S. 157–165) voran. Eine kleine Ganzschrift schließt diesen ersten Teil des Libellus gnomologicusCamerarius d.Ä., JoachimLibellus gnomologicus ab, nämlich die Ἔκθεσις κεφαλαίων παραινετικῶν (lateinisch üblicherweise Expositio capitum admonitoriorum nach der Übersetzung in der Erstausgabe von 1509, in Camerarius’ Übersetzung hingegen Exposita capita praeceptionum) des Agapetus DiaconusAgapetus DiaconusExpositio capitum admonitoriorum an Kaiser JustinianJustinian (Kaiser) (griech. S. 87–108, lat. Übers. S. 229–251).2Sambucus, JohannesCamerarius d.Ä., JoachimLibellus gnomologicus Camerarius läßt sowohl im griechischen Text als auch in seiner lateinischen Übersetzung die Numerierung der 72 Paragraphen fort, deren Zahl von Agapetus wohl bewußt in Anlehnung an die 72 Septuaginta-Übersetzer und die 71 sog. „Goldenen Verse des PythagorasPythagoras“ gewählt worden war.3 Es ist anzunehmen, daß Camerarius hierin seiner Vorlage folgt, über die wir leider nichts Genaueres wissen, als daß sie wahrscheinlich eine gedruckte Ausgabe aus SambucusSambucus, Johannes’ Bibliothek war.4Sambucus, JohannesPalladius von HelenopolisPalladius von HelenopolisCamerarius d.Ä., JoachimLibellus gnomologicus
An die Ἔκθεσις schließen sich kurze einleitende Bemerkungen zu PalladiusPalladius von Helenopolis und seinem Werk an (griech. S. 109–110, lat. Übers. S. 252–253), worauf dieses selbst mit dem Titel Ἐπιστολή Παλλαδίου folgt (griech. S. 110–149, lat. Übers. S. 253–294). Die im Anschluß gegebenen Auszüge aus PlutarchPlutarch (griech. S. 150–152, lat. Übers. S. 295–297) und aus ArriansArrian siebtem Buche (griech. S. 153–155, lat. Übers. S. 297–300) sollen durch den anerkannten Status ihrer Autoren das Thema „Brahmanen“ weiter erhellen und gleichzeitig offenbar auch sanktionieren.
Auf den Seiten 301–309 fügt Camerarius lateinische Anmerkungen exegetischen und textkritischen Charakters bei, die sich außer einer kurzen Ergänzung einer Übersetzung zu HerodotHerodot, die auf Seite 1925 versehentlich ausgelassen worden war, auf den Text von AgapetusAgapetus Diaconus (S. 301–302) und zum allergrößten Teil auf den von PalladiusPalladius von Helenopolis konzentrieren (S. 302–309). Den Notizen zu PalladiusPalladius von Helenopolis wiederum flicht Camerarius zusätzlich noch seine Übersetzung eines dem indischen Brahmanen Calanus6 zugeschriebenen Briefes ein (S. 308), der uns bei Philon von AlexandriaPhilon von Alexandria überliefert ist (Quod omnis probus liber sit 96,7Philon von Alexandria vgl. eine lateinische Fassung bei Ambrosius, EpistulaAmbrosius (Bischof von Mailand)Epistulae 37, 34–35).
Diese im Libellus gnomologicusCamerarius d.Ä., JoachimLibellus gnomologicus versammelte bunte Mischung einer Gnomensammlung, der Ἔκθεσις des Agapetus und der Schrift des PalladiusPalladius von Helenopolis werde – davon zeigt sich Joachim Camerarius im Prooemium überzeugt (S. 23) – nonnihil voluptatis tibi allaturam, neque non aliquid praeclarae cogitationis subiecturam esse [„Dir etliches Vergnügen bereiten und zudem einiges an vortrefflichem Denken nahebringen“]. Mit dem Personalpronomen tibi ist jedoch nicht der besonders aus Vorworten des 18. und 19. Jahrhunderts bekannte „geneigte Leser“ gemeint, sondern ein ranghoher Politiker des 16. Jahrhunderts, der nun vorgestellt werden soll.
Der Widmungsempfänger Georg Mehl von StrehlitzMehl von Strehlitz, Georg und die Respublica litteraria
Georg(ius) Mehl von StrehlitzMehl von Strehlitz, Georg bzw. Strölitz (Jiří Mehl ze Střelic, ca. 1515/20–24.01.1589) wurde in Breslau als Sohn des dortigen Ratsherrn Balthasar Mehl (?–03.03.1545, „prius Reip. Wratisl. Senator, deinde Consiliarius Cæsareus“1) geboren. Sein Geburtsdatum ist unbekannt, da er aber als Präbendar am Breslauer Dom ein Mindestalter von 14 Jahren haben mußte und er die Präbende zwischen 1531 und 1535 erhalten hat,2 kann er folglich spätestens zwischen 1517 und 1521, eher noch etwas davor, das Licht der Welt erblickt haben. Die Breslauer Domherren mußten, mit Ausnahme von Fürsten und Grafen, gemäß dem sog. Triennalstatut von 1436 ein mindestens dreijähriges Universitätsstudium absolvieren,3 und so sehen wir Georg Mehl von StrehlitzMehl von Strehlitz, Georg an den Universitäten Ingolstadt (dort im April 1537 immatrikuliert, am 01.01.1538 Magister Artium) und Bologna (dort am 24.11.1545 Doctor Juris utriusque).4 Wohl gleich nach dem Studium tritt er in königlichen und kaiserlichen Dienst („prius Camerae Silesiae Fiscalis, deinde III. Impp. Roman. Consiliarius“5) und resigniert die Dompfründe vor dem 31.10.1549 seinem Bruder Nikolaus.6 Am 19.03.1558 wird er in den böhmischen Ritterstand erhoben,7 und von 1562 bis zu seinem Tode am 24. Januar 15898 ist er Vizekanzler von Böhmen (vgl. Anhang, Abb. 2).9
Unter anderem auf Georg Mehl von StrehlitzMehl von Strehlitz, Georg’ Empfehlung hin wurde der berühmte Breslauer Stadtarzt Johannes Crato von KrafftheimKrafftheim, Johannes Crato von im Herbst 1560 zum kaiserlichen Leibarzt Ferdinands I. ernannt.10 Als Caspar PeucerPeucer, Caspar im März 1570 Briefe seines Oheims und Schwiegervaters MelanchthonMelanchthon, Philipp herausgab, widmete er diesen Alter libellus epistolarum Philippi Melanthonis (Witebergae: Schleich & Schöne) dem Georg Mehl von StrehlitzMehl von Strehlitz, Georg mit überschwenglichen Worten (A5v–A6v):
[…] cum patronum quaererem […], qui […] excelleret sapientia, doctrina, virtutum laude, dignitate et autoritate, venerunt mihi in mentem[,] Magnifice Domine Procancellarie, patrone dignissime, ornamenta eximiae sapientiae et virtutum, quibus magnificentia tua eminet eo in loco, in quo est imperium orbis Christiani […]. Tuo itaque patrocinio et editionem hanc et me commendo, reverenter orans, ut […] conferas haec divina adminicula […] ad fovendos ac tuendos viros bonos, quibus in hac tristi et fatali collabentium literarum ruina, quantum de his adhuc consistit, fulcire atque conservare curae est […].
Als ich einen Patron suchte, der sich auszeichnet durch Weisheit, Gelehrsamkeit, Lob der Tugenden, Würde und Ansehen, da fielen mir, hochherziger Herr Prokanzler, würdigster Patron, die Zierden außergewöhnlicher Weisheit und Tugenden ein, durch die Deine Durchlaucht sich an dem Ort, wo das Christentum herrscht, auszeichnet. Deinem Patronat vertraue ich also diese Edition wie auch mich an mit der ehrfürchtigen Bitte, daß Du diese göttlichen Stützen zur Förderung und zum Schutze rechtschaffener Männer einsetzt, die sich in diesem traurigen und verderblichen Zusammenbruch der verfallenden Wissenschaften darum kümmern, was auch immer davon noch übrig ist, aufrechtzuerhalten und zu bewahren.
Kaum weniger pathetisch-enthusiastisch ist ein Jahr früher Joachim Camerarius’ Widmung an Georg Mehl von StrehlitzMehl von Strehlitz, Georg im Libellus gnomologicusCamerarius d.Ä., JoachimLibellus gnomologicus ausgefallen, doch dafür gelingt es ihm, sich in geschickter Weise in einem Netzwerk von ranghohen Personen der Respublica litteraria zu präsentieren und damit gleichzeitig sich und sein Werk zu legitimieren und zu empfehlen.
Den als böhmischer Vizekanzler gesellschaftlich über ihm stehenden Georg Mehl von StrehlitzMehl von Strehlitz, Georg als seinen Widmungsempfänger bindet Camerarius hauptsächlich über die gemeinsamen Bildungsinteressen ein, wenn er in dem die eigentliche Dedikation enthaltenden Teil seines Prooemiums (S. 20–24) einleitend sagt: Nam te et studia humanitatis atque eruditae doctrinae colere, et his deditos singulari eximii favoris benevolentia complecti, est mihi exploratum [„Denn ich weiß, daß Du sowohl das Bemühen um die Humanitas und die gelehrte Wissenschaft pflegst als auch die ihnen Ergebenen mit einzigartigem Wohlwollen von herausragender Gunst umschirmst“] (S. 21).11 Es folgt eine laudatio auf Georg Mehl in Form einer praeteritio, denn Camerarius will sich weiterer Lobpreisungen der virtutes illustres des Dedikationsempfängers, quae omnium consentiente praedicatione celebrantur [„die mit dem Lobspruch aller übereinstimmend gefeiert werden“], enthalten. Ihm genüge es – und damit kommt er auf das gemeinsame Interesse für die studia humanitatis, denen er sich a prima pueritia ad hoc usque senectus tempus [„von frühester Kindheit bis zu diesem Greisenalter“] gewidmet habe –, ihm genüge es völlig, quod te principem quoque habemus bonarum litterarum et artium [„daß wir Dich als Fürsten der guten Wissenschaften und Künste haben“] (ebd.).
Dann folgt Camerarius’ deliberatio, warum er dieses Werk gerade Mehl von StrehlitzMehl von Strehlitz, Georg, „Magnificentiae tuae“, widmen wolle. Darin hätten ihn nicht nur litterae tuae, me absente, allatas ab illo, qui equi abs te munus adduxit, et meis hic tradidit [„Dein Brief, in meiner Abwesenheit von demjenigen überbracht, der ‹auch› ein Pferd12Camerarius d.Ä., JoachimDe tractandis equisCamerarius d.Ä., JoachimDe tractandis equisBapst, ValentinKarlowitz, Christoph von als Geschenk von Dir herführte und den Meinen hier ‹in Leipzig› übergab“] bestärkt, sondern vor allem auch das Zureden des dignitate, virtute et doctrina praestantiss. V.D. Iohannes CratoKrafftheim, Johannes Crato von [„durch Würde, Tugend und Gelehrsamkeit herausragenden gelehrten Herrn Johannes CratoKrafftheim, Johannes Crato von“]. Bevor Camerarius dann am Schluß seiner Dedikation Wert und Nutzen seines Libellus gnomologicusCamerarius d.Ä., JoachimLibellus gnomologicus darlegt,13 betont er noch, wie sehr CratoKrafftheim, Johannes Crato von von „Magnificentia tua“ geschätzt werde und welch festes Freundschaftsband zwischen beiden bestehe. Das habe er jüngst in Wien selbst erfahren, als er Cratos Gast sein durfte. Damit reiht sich Camerarius in diesen Freundschaftsbund quasi ein, und indem kurz später erneut SambucusSambucus, Johannes und dessen wertvolle Bibliothek erwähnt werden, wird nachdrücklich die Bedeutung des humanistischen Freundschaftskultes herausgestellt.14Camerarius d.Ä., JoachimLibellus gnomologicusWolf, Hieronymus
Der Libellus gnomologicusCamerarius d.Ä., JoachimLibellus gnomologicus also bzw. die Lektüre seines Inhaltes werde – wie bereits oben angeführt – Georg von Mehl, aber auch Camerarius’ Freunden und allen interessierten übrigen Lesern nonnihil voluptatis […] allaturam, neque non aliquid praeclarae cogitationis subiecturam esse (S. 23). Doch bevor diese voluptas und cogitatio genauer betrachtet werden, zunächst noch die wichtigsten Punkte über PalladiusPalladius von Helenopolis’ Brahmanen-Opus.
PalladiusPalladius von Helenopolis und sein Werk über die Brahmanen
Die ziemlich verworrene und bisher erst in Ansätzen geklärte Entstehungs- und Überlieferungsgeschichte der PalladiusPalladius von Helenopolis, dem Bischof von Helenopolis, in früherer Zeit zumeist ab-, heute jedoch bisweilen zugesprochenen Schrift über die Völker Indiens und die Brahmenen (Περὶ τῶν τῆς Ἰνδίας ἐθνῶν καὶ τῶν Βραγμάνων = De gentibus Indiae et BragmanibusPalladius von HelenopolisDe gentibus Indiae et Bragmanibus) habe ich andernorts bereits ausführlicher darzustellen versucht.1 Hier seien deshalb nur die Kernpunkte genannt:
Gespeist aus Alexanders des Großen Begegnung mit den indischen Brahmanen (Γυμνοσοφισταί = nudi sapientes [„nackte Weise“]) bei Taxila entstanden – neben den meist kurzen Erwähnungen bei den Alexanderhistorikern, aber beeinflußt von diesen – bald eigenständige kleinere Schriften zu jenem Thema. Früheste erhaltene Zeugnisse sind ein Berliner Papyrus (wohl vom Beginn des ersten Jahrhunderts v. Chr.) und ein Genfer Papyrus (aus dem zweiten Jahrhundert n. Chr.), die beide verschiedenen Überlieferungssträngen bzw. Traditionen angehören (jener den sog. Halsrätseln, dieser dem philosophischen Zwiegespräch), deren Wege sich jedoch bisweilen auch berühren und kreuzen. Der Genfer Papyrus enthält in nuce Alexanders Unterredung mit dem Brahmanen Dandamis (in den späteren lateinischen Fassungen wird daraus Dindimus rex), die sich dann in elaborierter Form letztlich als Interpolation in der Fassung α des griechischen Alexanderromans, und zwar im dritten Buche als Kapitel 7–16 findet. Die anderen griechischen Rezensionen des Romans (β, γ, *δ, ε, λ)2 weisen diesen Einschub so nicht auf.
Als eigenständige Schrift läuft der Text unter dem Namen des PalladiusPalladius von Helenopolis um, häufig als Annex zu dessen Historia Lausiaca. Eine dem Hl. AmbrosiusAmbrosius (Bischof von Mailand) zugeschriebene lateinische Version3 sowie andere lateinische Fassungen basieren laut J.D.M. Derrett auf einer älteren griechischen Versio Ornatior,4 wogegen der PalladiusPalladius von Helenopolis-Text der SambucusSambucus, Johannes-Handschrift, den Camerarius in seinem Libellus gnomologicusCamerarius d.Ä., JoachimLibellus gnomologicus veröffentlicht hat, zur sog. Versio Ornatior et Interpolata gehört, einer – wie der Name sagt – interpolierten jüngeren Fassung. Von der Beliebtheit dieser Texte im Mittelalter zeugen ihre zahlreichen Handschriften, deren Filiation im lateinischen Bereich noch so gut wie gar nicht, im griechischen nur ansatzweise untersucht und geklärt ist. Ein großes Hindernis hierbei stellt nicht zuletzt die große Zahl der Textvarianten dar – eher muß man meist schon von Textrezensionen sprechen.5Palladius von Helenopolis
Was für das große Interesse an den Brahmanen im Literaturbetrieb des Mittelalters gilt, trifft nicht weniger auf die Kenntnisse über sie in der frühen Neuzeit zu. Durch die zahlreichen lateinischen und volkssprachlichen Fassungen des legendären Alexanderromans, aber auch durch Enzyklopädien und ethnographische Literatur6Vinzenz von BeauvaisSpeculum historialeMünster, SebastianCosmographiaBohemus, JohannesMores, leges et ritus omniumVitrys, Jacques deHistoria Orientalis darf ihr weiter Bekanntheitheitsgrad, zumal in Humanistenkreisen, als gegeben gelten. Wenn Camerarius dann vor diesem Hintergrund in der Bibliothek seines Freundes SambucusSambucus, Johannes auf eine bisher unbekannte Schrift zu diesem Themenkomplex stieß, so mußte daraus fast zwangsläufig eine Publikation erwachsen. Was allerdings aus heutiger Sicht besonders verwundert, ist die Tatsache, daß Camerarius im Libellus gnomologicusCamerarius d.Ä., JoachimLibellus gnomologicus darauf nicht nur in keiner Weise hinweist, sondern sogar den Namen des Autors – zumindest auf der Titelseite – unterdrückt.7 Ganz anders ist da knapp 100 Jahre später Edward ByssheBysshe, Edward verfahren, der sich an exponierter Stelle in der Titelei seiner vermeintlichen Editio princeps des PalladiusPalladius von Helenopolis-Traktates rühmt. Man darf wohl annehmen, daß ihm Camerarius’ Ausgabe des PalladiusPalladius von Helenopolis eben aufgrund des dort fehlenden Autornamens entgangen war.8Bysshe, EdwardBysshe, EdwardPalladius von HelenopolisSambucus, JohannesPalladius von Helenopolis Wie dem auch sei – wenn Camerarius’ primäres Ziel offenbar nicht darin bestand, den Ruhm als erster Herausgeber des PalladiusPalladius von Helenopolis zu ernten, stellt sich die Frage, was er mit der Veröffentlichung bezweckte.
Camerarius’ Libellus gnomologicusCamerarius d.Ä., JoachimLibellus gnomologicus: mögliche Intention(en)
Den eindeutigsten Hinweis auf die Absicht, die Joachim Camerarius mit seinem Werk verfolgte, liefert die Formulierung des Titels, die den Libellus gnomologicusCamerarius d.Ä., JoachimLibellus gnomologicus in einem erklärenden Zusatz unzweifelhaft als pädagogische Schrift ausweist: bonarum utiliumque sententiarum generalem expositionem Graecam Latinamque continens, ad puerilem […] institutionem accomodatus [„eine allgemeine griechische und lateinische Darstellung guter und nützlicher Sentenzen enthaltend, zur Erziehung der Knaben eingerichtet“] (meine Hervorhebung). Gleichwohl – so heißt es im Zusatz unmittelbar darauf – könne diese Sentenzensammlung tamen adulterioribus quoque opportunus esse [„aber auch für Ältere vorteilhaft sein“]. Frei übersetzt lautet der Untertitel des Buches also „Gute und nützliche Sinnsprüche zur Erbauung von Jung und Alt“.
Daß die Capita admonitoriaAgapetus DiaconusExpositio capitum admonitoriorum des Agapetus darunterfallen, leuchtet ein, wurden diese 72 „Lebensregeln“ doch bereits kurz nach ihrer renascentalen Erstausgabe Gnomensammlungen und Ratgeber-Literatur umfangreicherer Art beigegeben.1Mosellanus, PetrusMosellanus, PetrusMosellanus, PetrusCroke, Richard Dazu fügen sich auch Camerarius’ (philosophische) Exzerpte aus den klassischen griechischen Autoren, die offenbar qua Alter und Autorität keiner weiteren Legitimation bedurften, denn nur über AgapetusAgapetus Diaconus und PalladiusPalladius von Helenopolis läßt sich Camerarius im Prooemium weiter aus (S. 20):2Sambucus, Johannes Des Agapetus sententiae seien bonae et prudentes [„gut und klug“], verbisque, ut illa aetate, non malis, et constructione horum nequaquam culpanda, expositae [„vorgebracht mit nicht üblen Worten, gemäß jener (Entstehungs‑)Zeit, und durchaus nicht zu tadelnder Anordnung derselben“]. Und über PalladiusPalladius von Helenopolis heißt es daran anschließend, jedoch ohne Nennung seines Namens (ebd.):
Quibus additae quasi epistolae (quicunque sane earum autor est, antiquitatis certe gravitas atque sapientia in illis non elucet, et oratio est communi quodam quasi filo pertexta) et ipsae utilibus commonefactionibus officii, et delictorum libera repræhensione, et varietate salutarium praeceptionum sunt refertae.
Diesen beigefügt ist eine Art Brief (wer auch immer sein Autor ist, die Würde und Weisheit der Antike leuchtet aus ihm jedenfalls nicht hervor, und der Redeteppich ist sozusagen mit recht gemeinem Faden gewoben), und der ist vollgestopft mit nützlichen Ermahnungen zur Pflicht, mit einem offenen Tadel der Verfehlungen und einer Vielzahl heilbringender Vorschriften.
Was den gesamten Libellus gnomologicusCamerarius d.Ä., JoachimLibellus gnomologicus anbelangt, sagt Camerarius mit der Geste der Bescheidenheit (S. 13–14): [S]pero aliquid operae navatum esse studio nostro. Nam et puerili institutioni hic servire poterit et multa alia adiumenta attulisse me confido [„Ich hoffe, daß wir uns mit unserem pädagogischen Werk einigermaßen erfolgreich bemüht haben. Denn dieses Buch wird der Knabenerziehung dienen können, und ich hoffe zuversichtlich, auch etliche andere Hilfen beigebracht zu haben“].3
Nach einigen daran anschließenden Überlegungen, daß fleißige und praecepta […] mandantes memoriae [„sich die Vorschriften einprägende“] Schüler es zu etwas bringen werden, die übrigen aber auch per magistrorum diligentiam [„durch die Umsicht der Lehrer“] infolge ihrer Nachlässigkeit und Beschränktheit nicht ad frugem perveniant [„an die Frucht (d.h. zum Ziel) gelangen“] (S. 14), schließt Camerarius diesen Unterabschnitt mit folgender Sentenz (S. 16):
[…] hoc teneamus: praecepta doctrinae ad honestatem probitatemque vitae ac morum plurimum conferre: Quibus bonae et rectae naturae meliores, malae atque pravae minus perversae reddantur.
Laßt uns dies festhalten: Die Vorschriften der Gelehrsamkeit tragen viel zur Ehrenhaftigkeit und Anständigkeit des Lebens und der Sitten bei. Durch sie werden gute und rechtschaffene Anlagen besser, schlechte und verkehrte ‹immerhin› weniger übel.
Dieser Leitsatz, der auch über dem Libellus gnomologicusCamerarius d.Ä., JoachimLibellus gnomologicus insgesamt stehen könnte, deckt sich mit dem Schwerpunkt von Camerarius’ ganzem Wirken, das „auf die Erlangung eines sittlich-kulturellen Fortschritts“ und „eine Vertiefung des evangelischen Glaubens“ abzielte.4 Insofern paßt auch der PalladiusPalladius von Helenopolis-Traktat, der sich zunächst rein äußerlich als kontinuierlicher Prosatext vom ersten Teil des Libellus gnomologicusCamerarius d.Ä., JoachimLibellus gnomologicus – den meist kurzen Exzerpten aus den griechischen Schriftstellern und den absatzweisen Capitula des AgapetusAgapetus DiaconusExpositio capitum admonitoriorum – unterscheidet, bestens in das Gesamtbild, denn vor allem in der älteren Forschung wurde seine inhaltliche Nähe zur christlichen Religion stets betont. So hatte Isaac CasaubonCasaubon, Isaac (18.02.1559–01.07.1614) konstatiert:
Est vero observandum, totam hanc Philosophiam cum religione Christiana fere consentire: habes ibi animae immortalitatem, habes futurum judicium, & poenas malorum & id genus alia θεωρηματα.5Wolf, HieronymusWolf, HieronymusCasaubon, IsaacPalladius von HelenopolisPalladius von Helenopolis
Es kann aber festgestellt werden, daß diese ganze Philosophie fast mit der christlichen Religion übereinstimmt: Du hast dort die Unsterblichkeit der Seele, das künftige Gericht sowie Strafen für Schlechtigkeiten und dieser Art andere Betrachtungen.
Vor diesem Hintergrund wird vielleicht auch verständlich, daß Camerarius im Libellus gnomologicusCamerarius d.Ä., JoachimLibellus gnomologicus den griechischen Text und seine lateinische Übersetzung nicht parallel hat drucken lassen. Wenn es ihm nämlich hauptsächlich auf die Verbesserung der mores und der honestas und probitas vitae ankam, ist die Anordnung des griechischen und lateinischen Textes zumindest unerheblich, der lineare Abdruck hintereinander vielleicht sogar eher förderlich, da Augen und Geist so nicht nach rechts oder links abirren können.
Zusammenfassung und Ausblick
Abschließend sollen die nicht wenigen Einzelergebnisse, die bei den zu diesem bisher (fast) unerforschten Werk des Joachim Camerarius notwendigen Untersuchungen und Fragen zutage gekommen sind, zusammengefaßt werden.
Der ohne Jahr und Angabe des Druckers erschienene Libellus gnomologicusCamerarius d.Ä., JoachimLibellus gnomologicus konnte über das Druckeremblem eindeutig der Offizin von Ernst VögelinVögelin, Ernst zugordnet werden und sein Veröffentlichungsdatum, für das uns die indirekten Zeugnisse von Johannes SambucusSambucus, Johannes’ Notiz auf der PalladiusPalladius von Helenopolis-Handschrift sowie ein Brief des Andreas DudithDudith, Andreas an Camerarius vorliegen, auf etwa Mitte Mai bis maximal die ersten Junitage 1569 eingegrenzt werden.
Seinen Ursprung hat das Werk als Neben- oder quasi Ersatzfrucht aus Camerarius’ in religionspolitischer Hinsicht ergebnislosem Wien-Aufenthalt von September bis November 1568. Von dort nahm er aus der Bibliothek seines Freundes SambucusSambucus, Johannes eine Agapetus-Ausgabe und eine PalladiusPalladius von Helenopolis-Handschrift mit zurück nach Leipzig. Diese beiden ihm wegen ihres sittlich-erbaulich-religiösen Inhaltes gut zusammenzupassen dünkenden Texte ergänzte er eingangs mit inhaltlich ähnlichen Sentenzen aus griechischen Klassikern, um alles zusammen mit seiner eigenen lateinischen Übersetzung herauszugeben – ad institutionem puerilem.
Eingebettet ist der Libellus in ein humanistisches Netzwerk mit folgenden Hauptakteuren: Joachim Camerarius als Herausgeber und Übersetzer (Leipzig), Johannes SambucusSambucus, Johannes als Handschriftenbesitzer (Wien), Johannes CratoKrafftheim, Johannes Crato von von KrafftheimKrafftheim, Johannes Crato von als Gastgeber des Camerarius (Wien), Ernst VögelinVögelin, Ernst als Drucker (Leipzig), Georg Mehl von StrehlitzMehl von Strehlitz, Georg als Widmungsempfänger (Böhmen), Andreas DudithDudith, Andreas als einer der ersten Leser (Krakau).
Was in den vorangegangenen Überlegungen nicht untersucht werden konnte und noch eingehenderer Klärung bedarf, ist z.B. die Stellung des Libellus gnomologicusCamerarius d.Ä., JoachimLibellus gnomologicus im Kreise von Camerarius’ übrigen pädagogischen Schriften. Zu Beginn seines Prooemiums stellt Camerarius auch einige Gedanken zur Übersetzungspraxis vor. Es könnte folglich überprüft werden, ob bzw. inwiefern er dort formulierte Maximen bei den Übersetzungen im Libellus selbst befolgt hat. Schließlich ist vielleicht auch ein Vergleich der lateinischen PalladiusPalladius von Helenopolis-Übersetzungen von Camerarius und ByssheBysshe, Edward aufschlußreich, denn Johann Christopher WolfWolf, Johann Christopher z.B. meinte, daß Camerarius’ versio Latina Bissæanæ & elegantiæ & diligentiæ nomine videtur præferenda [„lateinische Fassung derjenigen von ByssheBysshe, Edward sowohl hinsichtlich der Eleganz als auch der Sorgfältigkeit vorzuziehen zu sein scheint“].1Wolf, Johann Christopher Ob es sich bei diesem Urteil um ein zeittypisches Eulogium handelt oder nicht (immerhin benutzt WolfWolf, Johann Christopher ja ein relativierendes videtur), muß einstweilen ungeklärt bleiben. Camerarius’ ehemalige Strahlkraft jedenfalls wird durch Wolfs Aussage augenfällig unterstrichen.
Eingangs der vorliegenden Abhandlung ist darauf hingewiesen worden, daß dieser strahlende Glanz von Joachim Camerarius’ Namen und Werk zwischenzeitlich stumpf geworden war und zu verblassen drohte. Mögen daher die durch die Untersuchung des Libellus gnomologicusCamerarius d.Ä., JoachimLibellus gnomologicus hier gewonnenen vielfältigen Details und Einsichten dazu beitragen, daß die zahlreichen Facetten des Polyhistors Camerarius wieder ein wenig mehr funkeln und ausstrahlen!
Anhang

Abb. 1: Bayerische Staatsbibliothek München, A.gr.c.102, Bl. ‹A1r›, <urn:nbn:de:bvb:12-bsb10994803–3>

Abb. 2: Bayerische Staatsbibliothek München, A.gr.c.102, Bl. A2r (obere 3/8 der Seite), <urn:nbn:de:bvb:12-bsb10994803–3>
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Camerarius als Gräzist und Übersetzer
Joachim Camerarius als Defensor Herodoti: Die Widerlegung Plutarchs und der Zweck der Geschichte*
Anthony Ellis (Bern)
Für die nachfolgende herodoteische Wissenschaft gilt Joachim Camerarius zusammen mit Henri EstienneEstienne, Henri als einer der wirkmächtigsten Wissenschaftler des sechzehnten Jahrhunderts. Der Einfluss von Camerarius’ Vorwort zu seiner griechischen Herodot-AusgabeCamerarius d.Ä., JoachimProoemium in Historias Herodoti, die im Jahr 1541 erschien, sowie die Apologia pro HerodotoEstienne, HenriApologia pro Herodoto des EstienneEstienne, Henri wirkten bis ins frühe 19. Jh. auf die Rezeption HerodotsHerodot ein.1HerodotHistoriaeHerodotHistoriaeEstienne, HenriEstienne, HenriEstienne, PaulusHerodot Arnaldo Momigliano legte dar, dass beide Werke einen wesentlichen Beitrag leisteten, HerodotsHerodot schlechten Ruf zu verbessern.2 Doch während die Forschung Estiennes Apologia große Beachtung geschenkt hat, ist Camerarius’ ProoemiumCamerarius d.Ä., JoachimProoemium in Historias Herodoti, das in mehreren Aspekten der Apologia vorgreift, nur wenig untersucht worden. In meinem Beitrag soll Camerarius’ Beitrag zur Verbesserung der Reputation HerodotsHerodot und die darin ausgedrückte Geschichtsauffassung untersucht werden.
I. HerodotsHerodot Ruf vor Camerarius’ Wirken
Zunächst werfen wir einen kurzen Blick auf den Ruf HerodotsHerodot in der Renaissance, um den ursprünglichen Kontext des Werks Camerarius’ zu verstehen. Bekanntlich war die Zuverlässigkeit HerodotsHerodot schon in der Antike stark umstritten. Zu seinen Kritikern, deren Abhandlungen gar nicht oder nicht vollständig auf uns gekommen sind, zählen unter anderem Ctesias, Manetho, Valerius Pollio, Aelius Harpocration und Libanios. Das Urteil Ciceros erfasst gänzlich den zwiespältigen Ruf HerodotsHerodot: et apud Herodotum patrem historiae et apud Theopompum sunt innumerabiles fabulae (legCiceroleg..1, 5).1HerodotHerodot
In Renaissance und früher Neuzeit jedoch war die einzige Schmähschrift gegen HerodotHerodot eine kleine unter Plutarchs Namen überlieferte Abhandlung: De Herodoti malignitatePlutarchHerod. (oder Über Herodots Böswilligkeit). Hier verurteilte PlutarchPlutarch HerodotsHerodot angebliche Schwächen und Fehler, unter anderem seine Böswilligkeit, Betrügerei und Pietätlosigkeit. Plutarch war zu HerodotsHerodot Unglück einer der beliebtesten griechischen Autoren im 16. Jh. und bis ins 17. Jh. wurden Plutarchs Vitae zwei- bis viermal so häufig gedruckt wie HerodotsHerodot HistoriaeHerodotHistoriae.2 Die Autorität Plutarchs lastete schwer auf HerodotsHerodot Reputation.3PlutarchHerod.HerodotHistoriaeHerodot Der Pater Historiae brauchte daher – zumindest aus Sicht seiner Herausgeber – einen Verteidiger gegen Plutarchs beunruhigende Anklagen. Wenngleich nicht der erste Humanist, der eine Verteidigung HerodotsHerodot formuliert hat, so war Camerarius doch der erste Autor einer sorgfältigen Verteidigung, die ein breites Publikum erreichte.
Unter den wenigen erhaltenen Texten früher italienischer Humanisten, die HerodotHerodot explizit behandeln, gibt es keinen detaillierten Versuch, Herodot gegen seinen Ankläger PlutarchPlutarch zu verteidigen. Zwar kennt Guarino von Verona (1374–1460) HerodotsHerodot Werk wohl schon in den Jahren 1414/15 und rühmt den griechischen Autor in einem 1427 geschriebenen Brief an Panormita (Antonio BeccadelliBeccadelli, Antonio (Panormita)) überschwänglich, doch findet dessen beschädigter Ruf als Historiker hier keinerlei Erwähnung.4 Ähnlich ist die Lage bei Matteo Maria BoiardoBoiardo, Matteo Maria (gest. 1494), der die erste italienische Übersetzung der HistoriaeHerodotHistoriae HerodotsHerodot – mit einem Ercole d’Este (Herzog von Ferrara) gewidmeten Vorwort – schrieb, die erst lange nach seinem Tod gedruckt wurde (1533, Vendig: Giovanni Antonio di Nicolini di Sabbio).5Boiardo, Matteo MariaHerodot Für BoiardoBoiardo, Matteo Maria ist Herodot der Principe e padre unter den Historikern und seine asiatische Herkunft unterstütze die Glaubwürdigkeit seiner Erzählungen. Von den Angriffen Plutarchs und den von CiceroCicero erwähnten herodoteischen fabulae ist jedoch nirgendwo die Rede. HerodotsHerodot Tendenz, fiktive Geschichte zu erzählen, wird in einem kurzen Satz von Giovanni Giovano PontanoPontano, Giovanni (1426–1503) anerkannt. In einem Brief vom 1. Januar 1460 an Pere Salvador Valls und Joan Ferrer gibt Pontano der Zeit (anstatt dem Historiker selbst) die Schuld an seiner Ungenauigkeit.6Valla, Lorenzo Ein 1463 verfasstes Vorwort zu Herodot von Mattia PalmieriPalmieri, Mattia (gest. 1483), der die HistoriaeHerodotHistoriae auf Latein übersetzte, wurde nie gedruckt und verbleibt noch immer Manuskript.7 In diesen so unbekannten Schriften fand Herodot keinen Verteidiger, der seinen guten Ruf in der republica litteraria hätte wiederherstellen können.
Lorenzo VallaValla, Lorenzo, der erste Übersetzer der gesamten HistoriaeHerodotHistoriae, verfasste vermutlich aufgrund seines Todes im Jahre 1457 kein Vorwort zu seiner berühmten lateinischen Übersetzung, die zum Zeitpunkt seines Todes noch nicht gänzlich vollendet war.8 Die Übersetzung wurde erstmals im Jahre 1474 veröffentlicht und war bis zu Aldus ManutiusManutius, Aldus’ editio princeps des griechischen Textes (1502) die einzige gedruckte Version des Textes HerodotsHerodot.9Valla, LorenzoValla, LorenzoGesta Ferdinandi regis AragonumHerodot Die kurzen Widmungsbriefe der ersten drei gedruckten Ausgaben von VallasValla, Lorenzo Übersetzung zeigen keine Spuren von HerodotHerodot-Kritik, weder der von PlutarchPlutarch noch von anderen. Benedictus BrognolusBrognolus, Benedictus’ siebenseitiger Widmungsbrief an Nicolaus DonatusDonatus, Nicolaus, der am Anfang der editio princeps von VallasValla, Lorenzo Übersetzung (Jacobus RubeusRubeus, Nicolaus: Venedig 1474) steht, konzentriert sich darauf, Donatus zu loben und für das größere Vorhaben zu werben, die literarischen Reste der Antike zu konservieren. Herodot wird erstmals auf der vorletzten Seite erwähnt, auf der ihn BrognolusBrognolus, Benedictus ‚Vater der Geschichte’ nennt, bevor er HerodotsHerodot Süße, Sanftheit und Beredtheit erwähnt10Brognolus, BenedictusHerodot und damit auf die Topoi der Antike zurückgreift.11QuintilianHerodotValla, LorenzoManutius, AldusThukydidesHerodotHerodotMelanchthon, Philipp Die zweite Ausgabe des VallaValla, Lorenzo-Textes (Pannartz: Rom 1475) enthält, abgesehen vom Text selbst, nur ein kleines lateinischen Epigramm. Die dritte VallaValla, Lorenzo-Ausgabe (Johannes & Gregorius de Gregoriis: Venedig 1494) umfasst einen Widmungsbrief vom Herausgeber des Textes, Antonius MancinellusMancinellus, Antonius, an Nicolaus RubeusRubeus, Nicolaus, in dem Herodot nicht einmal erwähnt wird.
Mit dem 1502 veröffentlichten Vorwort von Aldus ManutiusManutius, Aldus zu seiner editio princeps des griechischen Textes der HistoriaeHerodotHistoriae wurde zum ersten Mal ein Text gedruckt, der auf HerodotsHerodot Kritiker – d.h. vor allem auf PlutarchPlutarch – zu antworten suchte und breite Bekanntheit erlangte. In zwei Sätzen setzt sich Aldus mit den Verunglimpfungen HerodotsHerodot auseinander: Derjenige, der die HistoriaeHerodotHistoriae genau lese, bemerke unschwer, dass sich HerodotHerodot immer rechtfertigt, wenn er etwas Unglaubwürdiges schreibt, entweder durch eine Quellenangabe oder indem er sagt, dass er selbst dem aufgezeichneten Bericht nicht glaubt:12Manutius, Aldus
[…] cum accurate musas ipsas perlegeris, facile cognosces, nam quoties indignum quid creditu scribit HerodotusHerodot, se ferè semper excusat, vel οὕτω λέγουσι dicens, uel ὡς ἀκήκοα, vel ὅπερ ἐμοὶ οὐ πιστὸν, vel ἅ γ᾽ἐμοὶ ἄπιστα et id genus quid aliud.
[…] wenn man [Herodots] Musen mit Genauigkeit liest, erkennt man dies leicht, denn jedes Mal, wenn HerodotHerodot etwas Unglaubwürdiges schreibt, verteidigt er sich, indem er sagt „so sagen sie“ oder „so habe ich gehört“ oder „was mir unglaubwürdig scheint“ oder „welchem ich nicht glaube“ oder etwas anderes dieser Art.
Überraschenderweise bestreitet Aldus den Großteil seiner Beweisführung über HerodotsHerodot Zuverlässigkeit unter Rekurs auf eine Analogie zu den Kretern, die ebenfalls einen unverdienten schlechten Ruf als Lügner hätten.13 Solche kurze Bemerkungen von Aldus ManutiusManutius, Aldus und seinen Vorgängern genügten jedoch nicht, HerodotsHerodot guten Namen wiederherzustellen. Viele Humanisten, darunter Rudolph Agricola (gest. 1485), ErasmusErasmus von Rotterdam, Desiderius (1466–1536), Guillaume BudéBudé, Guillaume (1467–1540) und Adrien TurnebusTurnebus, Adrianus (1512–1565), sind dem Urteil von HerodotsHerodot Kritikern gefolgt, nicht dem seiner Verteidiger.14HerodotBudé, GuillaumeErasmus von Rotterdam, DesideriusTurnebus, AdrianusVives, Juan Luis Die knappste Formulierung stammt wohl vom Spanier Juan Luis VivesVives, Juan Luis, der 1531 im Zuge seiner Abhandlung über die Unzuverlässigkeit der griechischen Historiker HerodotHerodot Pater mendaciorum („Vater der Lügen“) statt Pater historiae titulierte.15Vives, Juan LuisHerodotHomerHesiodHerodot
II. Camerarius und HerodotHerodot
Wenden wir uns Camerarius’ Werk über HerodotHerodot zu, d.h. seiner 1541 erschienenen Ausgabe der HistoriaeHerodotHistoriae samt einführendem Vorwort. Trotz der einmaligen Existenz eines von Camerarius annotierten Herodot-Exemplars (vgl. unten) und trotz der hohen Wahrscheinlichkeit, dass Camerarius über Herodot Vorlesungen gehalten hat, muss unsere Einschätzung seiner Herodotstudien nahezu ausschließlich auf der Grundlage des im Jahre 1541 veröffentlichten ProoemiumCamerarius d.Ä., JoachimProoemium in Historias Herodoti erfolgen. Wir haben keine Spur des Herodot-Exemplars, das Camerarius in diesem Vorwort erwähnt.1 Möglicherweise wurde das Buch zusammen mit vielen anderen Büchern der Bibliothek der Camerarius-Familie während der Einäscherung der Stadt Heidelberg durch französische Truppen im Jahre 1693 zerstört.2
Meines Wissens gibt es keinen sicheren Beweis dafür, dass Camerarius an den Universitäten Wittenberg, Tübingen oder Leipzig je über HerodotHerodot las. Die akademischen Aufzeichnungen der Universität Leipzig, an der Camerarius von 1541 (kurz nach der Veröffentlichung seiner Herodot-Ausgabe) bis zu seinem Tode im Jahr 1574 lehrte, sind äußerst spärlich. In der Regel beweisen sie, dass Camerarius utriusque linguae („beide Sprachen“, d.h. Griechisch und Latein) lehrte; die antiken Autoren, die gelesen wurden, werden selten genannt. Ab und an fällt ein Name (z.B. HomerHomer oder Xenophons KyropädieXenophonCyr.), der HerodotsHerodot aber ist nicht zu finden.3 In Tübingen ergibt sich dasselbe Bild. Während Camerarius dem Leser in seinem Homer-Kommentar mitteilt, dass das Buch auf seiner Homer-Vorlesung aus dem Jahr 1537 basiert,4 bietet Camerarius keine vergleichbare Ätiologie in seinem Vorwort zu Herodot. In seinen Kommentaren zu IliasCamerarius d.Ä., JoachimCommentarius explicationis primi libri Iliados Homeri 1 (1538) und IliasCamerarius d.Ä., JoachimIn Homeri Iliados librum secundum 2 (1540) bezog sich Camerarius mehrmals auf Herodot, auch in Zusammenhängen, in denen man es nicht erwartet hätte.5Herodot Dies ist aber kein sicheres Anzeichen dafür, dass Camerarius damals Herodot lehrte: Plausibel ist, dass sich Camerarius bereits mit der Herodot-Ausgabe beschäftigte, die im Jahr darauf erscheinen sollte.
Nun zu den vorhandenen Belegen: Ich beginne mit einem biographischen Hinweis. Am Anfang seines ProoemiumCamerarius d.Ä., JoachimProoemium in Historias Herodoti schreibt Camerarius, dass er HerodotHerodot zuerst in privatem Rahmen, und zwar in Leipzig im Haus des englischen Gräzisten Richard CrokeCroke, Richard (ca. 1489–1558), gelesen habe. CrokeCroke, Richard scheint vom Sommersemester 1515 bis 1517 (d.h. während des Großteils der Studienzeit des Camerarius in Leipzig)6Croke, RichardPlutarchHerodotCroke, RichardCroke, Richard Deutschlands erster bezahlter Professor für Griechisch gewesen zu sein. Der Professor habe, sagt Camerarius, zusammen mit den Studenten das erste Buch HerodotsHerodot (und Teile des zweiten) gelesen; nach Abschluss des Kurses sei Camerarius so verliebt in die Süße und Eleganz HerodotsHerodot gewesen (erneut der Topos aus QuintilianQuintilian), dass er allein mit der Herodot-Lektüre fortgefahren habe. Dabei habe er von seinem Lehrer, vermutlich Georg HeldHeld, Georg, ein Herodot-Exemplar bekommen, das mit zahlreichen Marginalien versehen gewesen sei. Mit typischer Bescheidenheit erzählt Camerarius die Geschichte auf folgende Weise:
Cumque Crocus statuisset domi suae quibusdam privata opera Herodoti historias explicare, nos etiam tum ad hunc autorem cognoscendum à Magistro sumus missi. Etsi autem Crocus vix pervenit ad secundum illius autoris librum enarratione sua, ego tamen captus dulcedine et elegantia atque etiam facilitate scriptorum, cum celeriter diversitatem quandam sermonis, quam διάλεκτον vocant, percepissem, ita postea semper in illo legendo haesi atque perseveravi, ut qualemcunque (sentio enim quàm exigua haec sit.) facultatem Graecae linguae consecuti sumus, eam magna ex parte Herodoti lectione acceptam referre debeamus. Itaque et nunc eum quorum usus fui acceptum à Magistro Herodoti codicem, tactatum versatumque a me plurimum, omnibus in pagellis notatiunculis et scriptura nostra insignem, inter alios omnes et diligo maximè, et, quoties forte aspexi, non unquam ferè temperare mihi possum, quin aperiam et in eo aliquid legem.7
Hieraus lässt sich folgern, dass Camerarius HerodotHerodot erstmals in Leipzig zwischen September 1515 (als er nach einem Krankenaufenthalt in Bamberg nach Leipzig zurückkehrte) und Ostern 1517 (als er, neuerlich erkrankt, für etwa fünf Monate nach Hause ging und CrokeCroke, Richard während seiner Abwesenheit an die Universität Cambridge wechselte) las.8 Camerarius’ späterer Biograph Melchior AdamAdam, Melchior beschreibt ein Vorkommnis des Jahres 1516, wobei Camerarius aufgrund von Unruhen in Leipzig sein Herodot-Exemplar sub veste („unter seiner Kleidung“) getragen habe, um es zu schützen, sollten die Spannungen in Gewalt übergehen (hier scheint AdamAdam, Melchior eine frühere Erzählung des Sohnes Joachim Camerarius d.J.Camerarius d.J., Joachim ausgearbeitet zu haben).9 Erst etwa 25 Jahre später wurde Camerarius’ erstes und einziges Werk über Herodot veröffentlicht: Im März 1541, ein halbes Jahr vor seinem Wechsel von der Universität Tübingen an die Universität Leipzig, wurde die Herodot-Ausgabe in Basel bei Johann HerwagenHerwagen d.Ä., Johann gedruckt. Für die Zwischenzeit gibt es kaum einen Hinweis darauf, dass sich Camerarius mit Herodot beschäftigte.10Melanchthon, PhilippMelanchthon, PhilippMelanchthon, PhilippHerodotHerodotIsokratesMelanchthon, Philipp
Nun zum Vorwort. Früh im ProoemiumCamerarius d.Ä., JoachimProoemium in Historias Herodoti nennt Camerarius sein Ziel: Er wolle den Kritikern, die gegen HerodotHerodot schreiben, „antworten“. Trotz der Tatsache, dass er am Anfang keinen Kritiker nennt, wird die Gestalt Plutarchs sogleich greifbar – hinter Camerarius’ Paraphrase ist der Vorwurf gegen Herodot: malignitatis crimen („der Frevel der Böswilligkeit“) leicht erkennbar.
Camerarius’ Verteidigungsrede beschreibt HerodotsHerodot Werk mit folgenden Worten:11
Narrationes sunt disertae: Indicationes expressae et speciosae: Explicationes accuratae & evidentes: […] Accurata compertorum relatio, dubiorum coniectura fugax, fabulosorum verecunda commemoratio. Mira ubique simplicitas, et eximius quidam candor.
Die Erzählungen sind wortgewandt, die Einschätzungen klar und schön, die Berichte genau und deutlich […] [Er bietet] einen genauen Bericht dessen was er gelernt hat, vermeidet Spekulation über zweifelhafte Dinge und erzählt Märchenhaftes mit Schamgefühl. Überall ausgezeichnete Einfachheit und außerordentliche Freimütigkeit.
Nachdem Camerarius mehrere Eigenschaften HerodotsHerodot aufgeführt hat – darunter Genauigkeit, Schlichtheit und Aufrichtigkeit – thematisiert er Plutarchs wichtigste Anklage: HerodotsHerodot Verlogenheit. Dass Aldus ManutiusManutius, Aldus schon darüber geschrieben hat, bemerkt Camerarius als erstes.
Ich möchte mich hier auf diejenigen Argumente konzentrieren, die Camerarius bezüglich HerodotsHerodot „sagenhafter Geschichtchen“ (fabulosas narratiunculas) vorbringt. Dass er dies thematisiert, hat seinen wahrscheinlichsten Grund darin, dass er die von CiceroCicero erwähnten fabulae HerodotsHerodot im Hinterkopf hat. Camerarius behauptet, dass HerodotHerodot für viele der unglaubwürdigen Aspekte seines Werkes nicht kritisiert, sondern gelobt werden solle, weil sie nicht nur charmant geschrieben seien, sondern dem Leser auch Belehrung und Beratung für das Leben brächten.12 Damit allerdings niemand irregeführt werde, führe Herodot – so Camerarius – fast immer relativierende Äußerungen an, z.B. „so sagen sie“, „so habe ich gehört“ oder „was mir unwahrscheinlich scheint“.13 Die Nähe zu Aldus’ Vorwort ist erkennbar (vgl. oben Anm. 14). Hier ist zu bemerken, dass Camerarius offensichtlich aus apologetischen Gründen etwas zu weit geht. In Teilen seines Werkes achtet Herodot sehr stark auf seine Quellen und gibt oft ehrlich die Grenzen seines Wissens zu. Die Mehrheit der von Camerarius zitierten Beispiele („so sagen sie“ usw.) stammen aus Passagen, wo Herodot sich öffentlich als Forscher darstellt, dessen Wissen auf das beschränkt ist, was er sieht, hört und davon ableitet. Diese erzählerische Tendenz findet sich jedoch in der Regel nicht in den vielen Abschnitten der HistoriaeHerodotHistoriae, wo sich Herodot als allwissender Erzähler darstellt, der seine Geschichten mimetisch, ohne Quellenangabe und ohne Hinweis auf ihre sagenhafte und fiktive Natur erzählt.14Herodot
In diesem Zusammenhang führt Camerarius einen wichtigen herodoteischen Satz an, der besagt, dass es die Aufgabe des Historiker sei, was gesagt werde zu überliefern, jedoch nicht alles, was er überliefere, zu glauben (Hdt. 7, 152). Camerarius gibt folgende Übersetzung: Ego, inquit, quae fando cognovi exponere narratione mea debeo omnia, credere autem esse vera omnia, non debeo.15 Diese Aussage wurde ebenfalls von späteren Humanisten betont: von Henri EstienneEstienne, Henri in seiner Apologia pro HerodotoEstienne, HenriApologia pro Herodoto (die im Jahr 1566 erschien)16Estienne, Henri und von David ChytraeusChytraeus, DavidDe lectione historiarum recte instituenda (der 1541 bei Camerarius in Tübingen studierte) in seiner De lectione historiarum recte instituendaChytraeus, DavidDe lectione historiarum recte instituenda.17Chytraeus, David Jahrzehnte später schreibt Joseph ScaligerScaliger, Joseph diesen Satz auf das Titelblatt seines HerodotHerodot-Exemplars.18Herodot
Der Ruf HerodotsHerodot wird danach durch einen Vergleich mit dem zweiten großen griechischen Historiker ThukydidesThukydides aufgebessert, dessen Geschichte des Peloponnesischen Krieges Camerarius kurz zuvor im Jahr 1540 herausgegeben hatte.19 Thukydides habe wie HerodotHerodot Reden erfunden und in seine Geschichten eingesetzt. Auf keinen Fall dürfe man glauben, dass die Reden wirklich so gehalten wurden, wie Thukydides sie dargestellt hat. Das sei allerdings kein Nachteil. Camerarius bringt sein Argument in einem Frauenvergleich zum Ausdruck: Geschichte solle nicht schmucklos und nackt sein, sondern verziert, bekleidet und vollkommen:
Itaque non inornatam, non nudam, non contractam, sed splendidam, vestitam, explicatam, dummodo integram, et, ut ita dicam, probam et incorruptam decet esse historiam.20
Später im Prooemium verteidigt Camerarius das Sagenhafte in HerodotsHerodot HistoriaeHerodotHistoriae noch ausdrücklicher: Das Ziel der Geschichte liege nicht nur darin, unser Wissen um die Realien zu vermehren, sondern auch darin, unsere Seele oder unseren Geist (animus) auszubilden (non solum delectationem cognitionis, sed instructionem etiam animorum), damit Geschichte dem Leser sowohl Freude als auch Nützlichkeit (voluptas et utilitas) bringe. Wenn etwa HerodotsHerodot fiktive fabulae nützliche Warnungen und vieles Wertvolles enthalten, so sollen wir ihn dafür schätzen, nicht kritisieren.
Als Beispiel führt Camerarius die Geschichte des Lyderkönigs Candaules an, der von seinem Speerträger Gyges ermordet wird. Niemand, schreibt Camerarius, zweifle daran, dass die Realien der Wahrheit entsprächen. Die Details der Erzählung wiederum seien für HerodotHerodot gar nicht erkennbar, etwa dass Candaules so sehr in seine Frau verliebt gewesen sei, dass er sie, als sie nackt war, heimlich dem Gyges gezeigt habe, um ihn zu überzeugen, dass er, Candaules, die schönste Frau auf der Welt habe, oder dass die Königin, nachdem sie den Komplott entdeckt hatte, Gyges gezwungen habe, entweder gleich zu sterben oder seinen König Candaules zu töten. Die genauen Einzelheiten der Geschichte, die sich im Geheimen und unter Menschen zugetragen hat, die Jahrhunderte vor Herodot in einem weit entfernten Land lebten, dürften erfunden sein, so Camerarius, aber sie enthielten doch viele ausgezeichnete Sprüche oder sententiae und zeigten die Gefahren einer pervertierten Seele auf.21
Dieses Vorgehen ist eine ingeniöse Methode der Verteidigung. In Antike und Renaissance war Wahrheit (d.h. Fakten, nicht die Erzeugnisse der Phantasie) eine wesentliche Eigenschaft der Geschichtsschreibung, zumindest in der Theorie; freie Erfindung der Ereignisse hingegen entspricht der Rolle des Historikers nicht.22Ciceroorat. In der Renaissance hat man der Gewohnheit antiker Autoren, Reden zu erfinden, große Aufmerksamkeit beigemessen und über das Für und Wider argumentiert. In dieser Debatte waren die Stimmen, die für erfundene Reden eintraten (aufgrund der rhetorischen Natur und der pädagogischen Aufgabe der Geschichte) weit zahlreicher als die, welche die Reden kritisierten.23 Durch seinen Appell für eine ausgedehnte Praxis dieses Prinzips – dem sowohl von zeitgenössischen Geschichtstheoretikern als auch von ThukydidesThukydides selbst (an dessen Zuverlässigkeit es nie Zweifel gegeben hatte) Folge geleistet wurde – sprach sich Camerarius auch für eine Verteidigung des herodoteischen Bestrebens aus, ausführlich von Ereignissen, die in grauer Vorzeit lagen und von denen er keine detaillierten Erkenntnisse gehabt haben konnte, zu berichten. Durch seine Betonung der pädagogischen Funktion der Geschichte gelang es Camerarius, HerodotsHerodot Laster in Tugend zu verwandeln. Die Idee, dass der moralische Unterricht wichtiger sei als die wissenschaftliche Äquivokation, verbindet Camerarius eng mit seinem Freund und ehemaligen Fachkollegen in Wittenberg (und früheren Kommilitonen an der Universität Heidelberg) Philipp MelanchthonMelanchthon, PhilippChronicon Carionis, dessen Chronicon Carionis stark von einem ähnlich moralisierenden Blickwinkel geprägt ist.24
Diese Auffassung hat Camerarius nicht nur willkürlich aus apologetischen Gründen vertreten. Eine ähnliche Beweisführung findet sich in Camerarius’ posthum veröffentlichter Historica narratio de fratrum orthodoxorum ecclesiis in Bohemia, Moravia, & PoloniaCamerarius d.Ä., JoachimHistorica narratio de fratrum orthodoxorum ecclesiis (Heidelberg 1605). Hier sieht Camerarius offenbar eine enge Verbindung zwischen Werken, die als Geschichte (historia) bezeichnet werden können, und solchen, die zu anderen Gattungen (genus) gehören.25 Hinter dieser Unterscheidung liegt möglicherweise AristotelesAristoteles’ Erörterung über den Unterscheid zwischen Geschichte (historia) und Dichtung (poiesis), der zum allgemeinen Fundus der Geschichtstheoretiker der Renaissance gehörte.26 In seiner PoetikAristotelesPoet. behauptet Aristoteles, es sei Aufgabe der Geschichtsschreibung, zu berichten, was geschehen ist (τὰ γενόμενα), während es Aufgabe der Dichtung sei, zu sagen, was geschehen könnte (οἷα ἂν γένοιτο). Damit ist Dichtung „philosophischer und schwerwiegender als Geschichtsschreibung, weil Dichtung mehr vom Allgemeinen, Geschichtsschreibung hingegen vom Besonderen spricht“.27AristotelesPoet. Die PoetikAristotelesPoet. war Camerarius gut bekannt. In seinem Argumentum Fabulae, das Camerarius seinem 1534 veröffentlichten Kommentar zum Oedypus TyrannusCamerarius d.Ä., JoachimCommentarii Thebaidos fabularum Sophoclis als Vorwort voranstellte, stützte er sich bei der Erörterung des Tragödienbegriffs auf die aristotelischen Ideen von Furcht und Mitleid (metus et misericordia) und die Vorstellung der hamartia.28 Während Aristoteles HerodotsHerodot Werk als reine historia bezeichnet hatte (d.h. ein Werk, welches sich ausschließlich damit beschäftigt, „was geschehen ist“), gibt Camerarius zu – vermutlich aufgrund Ciceros Äußerungen über HerodotHerodot sowie Camerarius’ Kenntnis des Werks –, dass Herodot auch fabulae miteinbezogen habe, die wenig oder überhaupt nicht auf sachlicher Basis beruhen. Nach Camerarius’ und Aristoteles’ Definition von Tragödie gelten solche schöpferischen Erzählungen nicht als Geschichte. Anstatt HerodotsHerodot HistoriaeHerodotHistoriae als teilweise „unhistorisch“ zu bezeichnen, versucht Camerarius im ProoemiumCamerarius d.Ä., JoachimProoemium in Historias Herodoti jedoch mehrfach zu beweisen, dass Erzählungen, die in der Tat gar nicht historisch sind, immerhin eine nützliche pädagogische Rolle in der Geschichtsschreibung spielen können, und zwar so lange sie richtig komponiert sind (eine wichtige Bedingung).29Herodot Camerarius baut somit eine Verteidigung der dichterischen oder sagenhaften Elemente der Geschichtsschreibung wider die Theoretiker des 15. und 16. Jahrhunderts auf.
In der Historica narratioCamerarius d.Ä., JoachimHistorica narratio de fratrum orthodoxorum ecclesiis bemerkt Camerarius, dass viele bedeutsame Werke gar nicht historisch sind, wobei er als Beispiel Xenophons KyropädieXenophonCyr. anführt, deren fiktive Natur von CiceroCicero in einem oft zitierten Satz bestätigt worden sei: Die KyropädieXenophonCyr. wurde non ad historiae fidem scriptus, sed ad effigiem justi imperi („nicht als historische Wahrheit geschrieben, sondern als Abbild eines gerechten Reiches“).30CiceroQ. fr.Bracciolini, PoggioChytraeus, DavidCicero Im Gegensatz zum explizit apologetischen Prooemium zu HerodotHerodot vermeidet Camerarius die explizite Aussage, dass vieles in HerodotsHerodot Werk nicht historisch ist. Camerarius deutet, wie oben erwähnt, vielmehr an, dass Herodot sehr wohl eine kritische Haltung seinen Quellen gegenüber gehabt habe.
Tatsächlich kommt HerodotsHerodot Geschichtsschreibungspraxis Camerarius’ eigener Geschichtskonzeption erheblich näher als der des AristotelesAristoteles, die alles, was auf allgemeine Wahrheit zielt, der Dichtung zuordnet. Wie Stephan Kunkler treffend bemerkt hat, behauptet Camerarius, dass auch die christliche Wahrheit einen wichtigen Platz in der Geschichte habe und dass die beste Art und Weise, diese Wahrheit auszusprechen, nicht immer die der sorgfältigen Wiedergabe sachlicher Einzelheiten sei.31XenophonCyr.
Zurück zum 1541 veröffentlichen Vorwort: Nachdem er die Frage der Zuverlässigkeit HerodotsHerodot ausführlich diskutiert hat,32HerodotHomerHerodotHomerHesiod nennt Camerarius zum ersten Mal PlutarchPlutarch, wobei er sagt, dass er gegen Plutarch und für HerodotHerodot (pro Herodoto) schreiben werde. Er beginnt in respektvollem Ton,33 aber das ad hominem kommt schnell: Als Plutarch Herodot der Böswilligkeit bezichtigte, habe er seine eigene Böswilligkeit zu erkennen gegeben. Plutarchs Parteilichkeit wird angeführt: Plutarch schreibe nicht aus Liebe zur Wahrheit, sondern aus Rachlust (non veritatis sed ultionis cupiditas), weil Herodot Plutarchs Landsmänner, die Böotier, als Verräter im Perserkrieg dargestellt habe.34 Eben dieser Punkt wird von Isaac CasaubonCasaubon, Isaac am Anfang seiner Herodot-Vorlesungen in Paris im Winter 1601/2 wiederholt werden.35Casaubon, Isaac CasaubonCasaubon, Isaac las sicherlich Camerarius’ Prooemium, wie man aus den Marginalien seines Herodot-Exemplars ersehen kann.36Casaubon, IsaacHerodot Hier sieht man einmal mehr, wie Camerarius’ Verteidigung für HerodotsHerodot spätere Verteidiger einschlägig war.
III. Camerarius’ Verteidigung von HerodotsHerodot Frömmigkeit
Ein weiterer Aspekt, den Camerarius im Prooemium thematisiert, ist Plutarchs Vorwurf der Pietätlosigkeit HerodotsHerodot: PlutarchPlutarch hatte kurz dargelegt, dass HerodotHerodot blasphêmia in den Mund eines großartigen Mannes gelegt habe, indem er Solon von Athen sagen ließ, dass das Göttliche (τὸ θεῖον) phthoneros sei (phthoneros wird normalerweise mit „neidisch“, „eifersüchtig“ oder invidiosus übersetzt):1PlutarchPlutarchHerod.
τοῖς δὲ θεοῖς λοιδορούμενος ἐν τῷ Σόλωνος προσωπείῳ ταῦτ' εἴρηκεν· „ὦ Κροῖσε, ἐπιστάμενόν με τὸ θεῖον πᾶν ἐὸν φθονερόν τε καὶ ταραχῶδες ἐπειρωτᾷς ἀνθρωπηίων πραγμάτων πέρι“· ἃ γὰρ αὐτὸς ἐφρόνει περὶ τῶν θεῶν τῷ Σόλωνι προστριβόμενος κακοήθειαν τῇ βλασφημίᾳ προστίθησι.
HerodotHerodot, die Götter beschimpfend, sagt durch die Person des Solon das Folgende: „Kroisos, du befragst mich zum menschlichen Glück, der ich wisse, dass das Göttliche ganz neidisch (phthoneros) und verworren sei“. Herodot lässt Solon darlegen, was er selbst über die Götter denkt, wobei er seiner Böswilligkeit Pietätlosigkeit hinzufügt.
Dies war eine besonders schwerwiegende Anklage in humanistischer Zeit,2 weil es nicht nur Platoniker wie PlutarchPlutarch waren, die die Vorstellung des φθόνος θεῶν als Frevel beurteilten,3PlatonAristotelesOrigenescontr. Cels.PlotinProklosPlutarch sondern auch Christen. Von den Kirchenvätern bis zu Thomas von AquinThomas von Aquin folgten christliche Autoren PlatonPlaton hierin wie in vielem anderem und machten deutlich, dass der Affekt des phthonos mit dem christlichen Gott, der die Menschen liebe, unvereinbar sei.4Theophilus (Bischof von Antiochia)Ad AutolycumIrenaeus von Lyonadv. haer.Athanasiuscontr. gent.Clemens von Alexandriastrom.
Dass HerodotHerodot von christlicher Seite so explizit der Gotteslästerung beschuldigt wurde, konnte der Theologe und Reformator Camerarius freilich nicht ignorieren. Er bemühte sich daher um eine akzeptable Lösung, indem er Solons Rede über die Vergänglichkeit der menschlichen Dinge als „hervorragendes Urteil“ (praeclara sententia) verstand und Plutarchs Angriff gegen den phthonos der Götter als Überreaktion charakterisierte, die aus Plutarchs mit christlichem Glauben unvereinbarer Ansicht resultiere, dass die Götter keine Gefühle hätten. Die theologischen Ideen, die Plutarchs Angriff auf Herodot motivierten – so impliziert es Camerarius –, stünden im Gegensatz zum christlichen Ansatz, Gott stets auf eine menschliche Art und Weise zu beschreiben. Mit diesem Argument vereinnahmt Camerarius Herodot für den christlichen Glauben und stellt ihn gegen Plutarchs angeblich unchristlichen Glauben an die apatheia theôn („die Gefühllosigkeit der Götter“). Die Tatsache, dass sich Plutarchs Vorwurf auf eine zentrale Lehre der christlichen Theologie bezieht, übergeht Camerarius kommentarlos. Damit schafft er überaus tendenziös eine Kluft zwischen PlutarchPlutarch und dem christlichen Sprechen über Gott und stellt Herodot auf die Seite der Christen. Später bemerkt Camerarius, dass XenophonXenophon, ein Muster griechischer Frömmigkeit, ähnliche Ideen wie HerodotsHerodot Solon in seinen HellenicaXenophonHel. äußere, so z.B. „Gott liebt es, die Großen klein und die Kleinen groß zu machen.“5HerodotXenophon In dieser Redewendung könnten Camerarius und seine Leser möglicherweise biblische Beiklänge gehört haben, so etwa eine Stelle des Lukas-Evangeliums, die Verse der Psalmen wiedergeben, die LutherLuther, Martin mit den folgenden Worter übersetzt hatte: „Er stösset die Gewaltigen vom stuel / Vnd erhebt die Elenden. / Die Hungerigen füllet er mit Güttern / Vnd lesst die Reichen leer“.6Luther, Martin Es ist evident, dass Camerarius hier auf die Klage der blasphêmia zu antworten sucht. Sein Gegenargument ist ausgeklügelt und für denjenigen, der wenig über den platonischen und christlichen Hintergrund weiß, einleuchtend. Die theologischen Probleme gehen jedoch viel tiefer; das Thema sollte in den folgenden Jahrhunderten wieder relevant werden.
Camerarius’ Ansichten zum Thema wurden von anderen lutherischen Gelehrten wiederholt. David ChytraeusChytraeus, David z.B., der mit Camerarius in Tübingen im Jahr 1539 (bis Camerarius’ Abfahrt für Leipzig) und später mit MelanchthonMelanchthon, Philipp in Wittenberg (ab 1544) studierte7Chytraeus, DavidHerodotChytraeus, DavidMelanchthon, PhilippChytraeus, DavidChytraeus, DavidCamerarius d.Ä., JoachimProoemium in Historias HerodotiChytraeus, DavidChytraeus, DavidChytraeus, David und als Professor in Rostock mehrere Vorlesungen, Kommentare und Bücher über HerodotHerodot schrieb, übernimmt Camerarius’ Argumente über den φθόνος θεῶν in seinem Kommentar zum ersten Buch HerodotsHerodot.8Chytraeus, David
Das Problem der Frömmigkeit HerodotsHerodot war auch für spätere Humanisten virulent: Henri EstienneEstienne, Henri hat in seiner Apologia pro HerodotoEstienne, HenriApologia pro Herodoto mehrere Seiten über HerodotsHerodot quasi-christlichen Glauben geschrieben; er erwähnt jedoch weder den phthonos theôn noch die Verteidigung des Camerarius. Isaac CasaubonCasaubon, Isaac unterstrich Camerarius’ Argument über den phthonos theôn in seinem eigenen HerodotHerodot Exemplar,9 erwähnte ihn in seinen Herodot-Vorlesungen in Paris 1601/2 aber nicht. Hier waren die Äußerungen des Camerarius offenbar bekannt, genügten dem Anspruch der Calvinistischen Humanisten aber wohl nicht.
IV. Schlussbetrachtung
Es ist insgesamt bemerkenswert, dass sich im ProoemiumCamerarius d.Ä., JoachimProoemium in Historias Herodoti kaum HerodotHerodot-Deutungen nachweisen lassen, die schon bei Philipp MelanchthonMelanchthon, Philipp und später bei David ChytraeusChytraeus, David zu finden sind. MelanchthonMelanchthon, Philipp, der Zeit seines Lebens mit Camerarius befreundet war, und ChytraeusChytraeus, David haben in ihren Herodotstudien ausführlich aufzuzeigen versucht, wie griechische Literatur und Geschichte mit der moralischen Lehre des biblischen Dekalogs übereinstimmt, wie die Ereignisse, die Herodot berichtet, biblische Weissagungen bestätigen und wie viele Berührungspunkte (grammatikalisch wie sachlich) mit dem Alten und Neuen Testamenten bestehen. Diese Betrachtung HerodotsHerodot wird am prominentesten von David ChytraeusChytraeus, David vertreten, doch geht sie nachweislich zurück auf Philipp MelanchthonsMelanchthon, Philipp moralische und pädagogische Deutung der griechischen Literatur.1 Trotz der engen persönlichen, theologischen und literarischen Vertrautheit, die es zwischen MelanchthonMelanchthon, Philipp und Camerarius von 1521 fast vier Jahrzehnte lang (bis zum Tode MelanchthonsMelanchthon, Philipp 1560) gab, ist Camerarius MelanchthonMelanchthon, Philipp nicht darin gefolgt, Herodot mit dem moralischen und sachlichen Gehalt der Bibel explizit in Beziehung zu setzen.2HomerMelanchthon, PhilippMelanchthon, Philipp
Camerarius hat, wie wir gesehen haben, im 16. Jahrhundert das Projekt der Verteidigung HerodotsHerodot angestoßen und damit die Grundlagen des Diskurses gelegt, den Henri EstienneEstienne, Henri im Jahr 1566 weiterentwickelte. Sein ProoemiumCamerarius d.Ä., JoachimProoemium in Historias Herodoti fand große Verbreitung und wurde vielfach zitiert, schon weil es in jeder wissenschaftlichen Herodot-Edition mehr als 200 Jahre lang immer wieder abgedruckt wurde. Wenn seine Antworten auch nicht jeden überzeugt haben, so haben sie die Debatte doch mehr als ein Jahrhundert lang bestimmt.
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Camerarius and Sophocles
Cressida Ryan (Oxford)
Joachim Camerarius’ work on SophoclesSophokles may not be as unknown as his work on other authors, but, even within the realm of Sophoclean scholarship, his contribution remains under-discussed.1 Michael Lurje laments that the history of interpretation has been ignored in work on classical reception, sitting uncomfortably forgotten between textual criticism, the history of scholarship, the classical tradition and classical reception.2 In this article I begin to bridge these gaps by suggesting ways in which Camerarius’ work on SophoclesSophokles offers a window into understanding the cultural milieu in which he was working. This is the first step in a larger project setting his work on Greek tragedy within its European context, and what is presented here is necessarily limited, but suggests some new ways to appreciate sixteenth-century scholarship.
The first part of this article examines some of the paratextual elements of Camerarius’ work on Sophocles. In the second part I use his commentary on Oedipus at ColonusSophoklesO.C. (henceforth OC) and translation of AjaxSophoklesAi. to discuss his approach to Greek tragedy in more detail. I concentrate on the OC in order to demonstrate how Camerarius’ work shows the increasing importance of this lesser-studied play to the history of the Sophoclean scholarship. I include the AjaxSophoklesAi. because it is one of the two plays he translated into Latin, and raises some of themes of this article most clearly, particularly concerning tragedy’s supposed potential Christian moral compass.3SophoklesEl.
Texts under consideration
Before discussing the texts further, I first introduce Camerarius’ Sophoclean scholarship and summarise its (lack of) impact on modern editions. The editio princeps of SophoclesSophokles was Aldus ManutiusManutius, Aldus’ 1502 Venetian edition. This marked a major step forward in the dissemination of the text of SophoclesSophokles, but perhaps not in the development of what text was disseminated.1SophoklesManutius, Aldus The often disparaging comments reveal, in part, the tendency to view sixteenth-century volumes in the light of modern critical editions, and with an eye to recovering some kind of original text, rather than as products of their times displaying a contextual scholarship beyond textual preservation. Camerarius’ three published engagements with SophoclesSophokles demonstrate a more nuanced interaction with the text, its translation, and literary theory.
Camerarius published two main volumes dealing with SophoclesSophokles, straddling what is perceived of as a major sixteenth-century development in Sophoclean textual studies, that is, TurnebusTurnebus, Adrianus’ use of the Triclinian recension (Paris gr. 2711) in his 1552/53 edition.2 To this end, his work on SophoclesSophokles is particularly interesting in demonstrating the effect of increasing manuscript studies on the development of a text. Given his own rapidly changing intellectual and religious climate, his thirty year involvement with the text of SophoclesSophokles may also provide a way of understanding the history of ideas in sixteenth-century Germany. This article begins to examine some of the ways such an understanding might be construed.
Camerarius’ first Sophoclean text is his 1534 Σοφοκλέους τραγῳδίαι ἑπτὰ. Sophoclis tragoediæ septem cum commentarijs interpretationum argumenti Thebaidos fabularum Sophoclis, authore I. CamerarioCamerarius d.Ä., JoachimCommentarii Thebaidos fabularum Sophoclis. The volume includes the epigrams and hypotheses common to Greek texts of SophoclesSophokles, and then an unannotated text of the seven extant plays, followed by a commentary on the Theban plays.3Burton, JohnPentalogia
His next, in 1556, was a commentary: Commentatio explicationum omnium tragœdiarum SophoclisCamerarius d.Ä., JoachimCommentatio explicationum omnium tragœdiarum Sophoclis, cum exemplo duplicis conuersionis, I. Camerarii. This includes Latin translations of AjaxSophoklesAi. and ElectraSophoklesEl., but no Greek text. There is a prefatory epistola outlining some of his thoughts on SophoclesSophokles and the volume he is writing.4
Finally, his commentary and translations were included in Stephanus’ 1568 edition: ΣΟΦΟΚΛΟΕΥΣ ΑἹ ἙΠΤᾺ ΤΡΑΓῼΔΊΑΙ – Sophoclis tragoediae septem, una cum omnibus Graecis scholiis, & cum Latinis Ioach. Camerarij. Annotationes Henrici Stephani in Sophoclem & Euripidem, seorsum excusae, simul prodeunt.5Sophokles The translations are line for line renditions of the Sophoclean text. To this extent, they follow the school of ad verbum translation, rather than being more literary reappropriations.6SophoklesEl. As I have argued elsewhere, however, such clear distinctions are not always helpful, and much of the second part of this article is devoted to discussing how the differences in what is generally a close and carefully worked translation can give us an insight into its overall tenor.7
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