Czytaj książkę: «Briefe aus der Ferne»

Czcionka:

Frigga Haug (Hg.)

Briefe aus der Ferne

Anforderungen an ein feministisches Projekt heute

Argument

Argument Sonderband Neue Folge AS 304

Übersetzungen von Ulrike Behrens,

Daniel Fastner, Sylvester Fraundorf, Frigga Haug,

Iris Konopik, Else Laudan, Christine Lehmann,

Anja Lieb, Sabine Plonz, Sabine Zürn

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Satz: Iris Konopik

1. digitale Auflage: Zeilenwert GmbH 2013

ISBN 9783867549523

Erste Auflage 2010

Inhalt

Cover

Titel

Impressum

Frigga Haug: Einleitung

Die Briefe

Mari Paz Balibrea

Linker Feminismus heute

Abigail Bray

Toni Brinkmann

Wie könnte eine linke feministische Bildungspolitik aussehen?

Christel Buchinger

Fragen an ein linkes feministisches Projekt

Judith Butler

In Prozesse der Prekarisierung eingreifen

Gabriela Cañas

Von Klamotten und Silikon

Cynthia Cockburn

Die feministische Agenda in die Linke tragen – geht das?

Bronwyn Davies und Susanne Gannon

Feminismus und Poststrukturalismus

Gabriele Dietrich

Bündnisse für eine Gesellschaft des Lebens

Hester Eisenstein

Judith Ezekiel

Linker Feminismus und ein Feminismus für die Linke: eine franko-amerikanische Sicht

Rose Baaba Folson

»Ohne Frauen ist kein Programm zu machen«

Harriet Fraad

Eine marxistisch-feministische politische Plattform

Montserrat Galcerán

Was kann linker Feminismus heute bedeuten?

Ingrid Galster

Thesen zu einem linken feministischen Projekt heute

Lena Gunnarsson

Bereit für die Liebe?

Frigga Haug

Feminismus – wer versteht was darunter und was bedeutet er uns?

Rosemary Hennessy

Maria Joó

Nach der Befreiung der Frau. Butler oder Beauvoir in der postsozialistischen Situation?

Larissa Krainer

Praktischer Feminismus – feministische Praxis

Birge Krondorfer

Eine gute Partie?

Jo Labanyi

Die Ethik der Rechte durch eine Ethik der Sorge ersetzen

Christine Lehmann

Überlegungen zu einem modernen Feminismus

Elisabeth List

Links oder sozialistisch?

Isabel Loureiro

Susanne Maurer

»Soziale Phantasie« – Feminismus und Herrschaftskritik heute

Sara Mills

Liv Mjelde

Neue Herausforderungen und neue Anforderungen an die Geschlechterfrage

Maxine Molyneux

Gisela Notz

Zukunft und Visionen für eine feministische Arbeitspolitik

Claudia Pinl

Was heißt feministische Politik heute?

Nora Räthzel

Maria da Consolação Rocha

Die Auswirkungen der neoliberalen Politik auf das Leben der brasilianischen Arbeiterinnen seit den 1990er Jahren

María Ruido und Virginia Villaplana

Notizen zur Debatte um Beziehungen zwischen Kunst und Politik

Helke Sander

Birgit Sauer

Femifest. Ein feministisches Manifest?

Antje Schuhmann

Nation, Staat, Partei: Leerstellen feministischer Veränderung?

Sarah Schulman

Terri Seddon

An einer »Politik des Wir« arbeiten

Lynne Segal

Erneuerungen des Feminismus

Ruth Seifert

Geschlecht und Klasse und der »liberale Friede« in der Nachkriegsrekonstruktion

Gayatri Chakravorty Spivak

Sybille Stamm

Anforderungen an ein linkes feministisches Projekt und die Frage nach dem richtigen Zeitpunkt

Janna Thompson

Gedanken zu einer feministischen Politik

Renate Ullrich

Neuer Feminismus?

Christa Wichterich

Das Projekt linker Feminismus im 21. Jahrhundert. Eine Skizze

Nira Yuval-Davis

Toni Brinkmann: Erste Eindrücke

Frigga Haug: Kein Abschluss

Frigga Haug: Anhang

Fußnoten

Veröffentlichungen von Frigga Haug bei Argument

Einleitung
Gespräch mit Lenin

Warum sollte man ein Buch mit internationalen Stimmen zu einem aktuellen linken feministischen Projekt ausgerechnet mit Lenin beginnen? Soweit man heute überhaupt noch von ihm weiß, so, dass er mit Gewalt und Terror zusammenzudenken ist. Man mag sich noch an seine umstürzende Rolle in der russischen Revolution erinnern, aber auch da wohl kaum an eine besondere Verbindung zur Frauenfrage. Lenin soll zwar gesagt haben, die »Köchin soll den Staat regieren«1, aber genügt dies, dass wir unser Buch über den internationalen politischen Feminismus mit Gedanken über ihn eröffnen?

Zunächst faszinierte mich der Titel »Briefe aus der Ferne«, wie einige seiner Texte zusammenfassend heißen. Ich wollte ihn unbedingt für unser internationales Projekt übernehmen, um so auch den Briefcharakter, den die Texte zumeist haben, hervorzuheben und das Echo einer unklaren Sehnsucht anklingen zu lassen. Da dies aber von Lenin entwendet war, musste ich es extra begründen und machte mich also daran, seine Briefe zu lesen, immer auch mit der Möglichkeit, von meinem Vorhaben abzulassen. Hier aber fand ich Unerwartetes, das die Titelwahl ganz anders fundiert und unsere fertigen Vorurteile herausfordert.

»Wunder gibt es weder in der Natur noch in der Geschichte, aber jede schroffe Wendung der Geschichte, darunter auch jede Revolution, offenbart einen solchen Reichtum an Inhalt, entfaltet so unerwartet eigenartige Kombinationen der Kampfformen und der Kräfteverhältnisse der Kämpfenden, dass dem spießbürgerlichen Verstand vieles als Wunder erscheinen muss.« (7) So schrieb Lenin im März 1917 aus dem Schweizer Exil in ein Russland, in dem soeben eine Revolution ausgebrochen war. Er durchforschte fieberhaft die internationalen Zeitungen, suchte nach Nachrichten über die Vorgänge in Russland, entwarf Ratschläge, ja Anweisungen, die er Briefe aus der Ferne nannte2. Sie mussten »diese verfluchte Ferne« (35) überbrücken, in der er nicht vor Ort der Geschehnisse sein konnte.

Wiewohl unsere Briefe aus der Ferne weder in einer revolutionären Situation geschrieben sind, noch die Schreibenden unbedingt vor Ort sein wollen, geht es auch in unserem Projekt um Ratschläge, diesmal für die Neuaufnahme des feministischen Projekts in Deutschland in einer Gestalt, die allgemein politisch eingreifen will. Dafür sucht es internatio­nalen Rückhalt. Aus je anderer Lage schreiben Frauen aus vielen Teilen der Welt, wie von ihrem Standpunkt betrachtet diese Neuaufnahme heute aussehen müsste. Dass sie sich aufgerufen fühlen und Antwort geben, ist in hohem Maße erstaunlich. Zeugt es doch von ­einem feministischen Internationalismus, wie er seit Abklingen der zweiten Frauen­bewegung kaum mehr möglich schien.

Jetzt zur Lenin-Lektüre: Er hat in seinen drei Briefen immer wieder darauf bestanden, dass alle, Frauen und Männer gleichermaßen und »gleichberechtigt«, in den Prozess der Übernahme der Aufgaben des Staates einzubeziehen seien. »Denn ohne die Frauen zum öffentlichen Dienst, zur Miliz, zum politischen Leben heranzuziehen, ohne die ­Frauen aus ihrer abstumpfenden Haus- und Küchenatmosphäre herauszureißen, kann keine wirkliche Freiheit gewährleistet werden, kann nicht einmal die Demokratie, vom Sozialismus ganz zu schweigen, aufgebaut werden.« (43)

Die Sätze verblüffen auf mehrfache Weise. Man erwartet revolutionäre Radikalität und erfährt sie auf der Seite einer neuen Geschlechter­gerechtigkeit und wundert sich, dass zu so was Kraft und Zeit war, ja dass es zu den dringlichen existenziellen Aufgaben einer neuen Gesellschaft gehören sollte.

Springen wir in die Gegenwart und sehen, dass nicht nur die sozialistische Planwirtschaft, ein Ergebnis der Revolution von 1917, die im März ihre erste Etappe durchschritt, scheiterte, sondern von einem feministischen Standpunkt auch, dass die Einbeziehung des weiblichen Geschlechts als Menschen auf allen Ebenen von Staat und Wirtschaft immer noch ungewisse Zukunft ist.

Tenor der drei Lenin-Briefe ist, die Trennung von Politik und Ökonomie aufzuheben. Als Politik zu begreifen, sich für die Wirtschaft verantwortlich zu fühlen und so zu handeln und vor allem, dies beim Machen zu lernen. Lenin ist in dieser Hinsicht offenbar ein Anhänger des Learning by doing. Demokratie ist für ihn »eine wirkliche Erziehung der Massen zur Teilnahme an allen Staatsgeschäften« (43). Dafür entwirft er ein Modell, das mit dem »demokratischen Instinkt jedes Arbeiters, jedes Bauern, jedes werktätigen und ausgebeuteten Menschen« (41) rechnet: Wenn ein jeder und eine jede zwei Tage im Monat sich der politischen Arbeit widmen würde, müsste dies als normaler Arbeitstag mit entsprechendem »üblichen Lohn« gelten. Die unmittelbare Folge wäre ein riesiges Heer an politisch Verantwortlichen.

Rosa Luxemburg, die von der russischen Revolution im Oktober 1917 begeistert war und ebenso aufgeregt im Exil des Gefängnisses die Nachrichten verfolgte wie Lenin die erste Etappe im März in Zürich, kritisiert in der Folge aufs Heftigste, dass eben die Vorschläge aus dem dritten der drei Briefe, die Einbeziehung der Massen beim Aufbau des Sozialismus, nicht befolgt wurden. Sie wendet sich gegen die Zentralisierung der Regierung anstelle der vielfältigen Einmischung des Volkes und vor allem gegen die Abschaffung gerade derjenigen Formen aus der bürgerlichen Gesellschaft, die zu den Kampfbedingungen gehört hatten:

Lenin und Trotzki haben anstelle der aus allgemeinen Volkswahlen hervorgegangenen Vertretungskörperschaften die Sowjets als die einzige wahre Vertretung der arbeitenden Massen hingestellt. Aber mit dem Erdrücken des politischen Lebens im ganzen Lande muss auch das Leben in den Sowjets immer mehr erlahmen. Ohne allgemeine Wahlen, ungehemmte Presse- und Versammlungsfreiheit, freien Meinungskampf erstirbt das Leben in jeder öffentlichen Institution, wird zum Scheinleben, in der die Bürokratie allein das tätige Element bleibt. (GW 4, 362)

Wir wissen, dass die Pläne Lenins vom Frühjahr 1917 niemals Wirklichkeit wurden. Aber die Spaltung in Sozialismus ohne Demokratie und Demokratie ohne Sozialismus hat beide beschädigt, den Sozialismus im Osten ebenso wie die Demokratie im Westen. Und in jedem Fall bleibt die Beteiligung der Frauen ein ebenso unerledigtes Projekt wie der Sozialismus überhaupt.

So energisch sich der Kapitalismus gegen Revolution und mit Reform durchsetzte, so sehr sind seine Grundlagen in den zwei Jahren der Weltwirtschaftskrise am Ende des ersten Jahrzehnts des dritten Jahrtausends erschüttert. Wieder einmal erscheinen die Frauenfragen gemessen an der Ungeheuerlichkeit von weltweiter Armut, von Hunger, Arbeitslosigkeit, Klimakatastrophe und Krieg als zweitrangig und später anzugehen. Die Krise des Kapitalismus trifft auf eine Linke, die lange schon nicht mehr an die Möglichkeit dachte, dass die marxschen Analysen zum Kapitalismus zutreffend seien und also eine alternative Gesellschaft auf der Tagesordnung stehe. Zersplittert, miteinander verfeindet, aufgerieben und mutlos geworden, sammeln sich dennoch spät jetzt allenthalben Gegenkräfte. Was aber tun die Frauen? Eher noch effektiver als die Arbeiterklasse sind Feministinnen delegitimiert. Sie selbst haben sich den entscheidenden Tritt versetzt, politisch korrekt zunächst sich als Frauen, dann überhaupt, indem sie jedes kollektive Subjekt aus der Geschichte zu streichen empfahlen. »Feminismus ist tot«, war zwar der triumphale Schlussstrich unter eine große internationale Bewegung von rechts und aus dem Mainstream, er traf zugleich auf einen Feminismus, der sich längst aufgegeben hatte.3

Ziehen wir noch ein letztes Mal die leninschen Briefe zu Rate. Bei der Analyse der vielfältig überdeterminierten Situation, in der die »­erste Etappe« der Revolution in Russland wirklich wurde, schärft er wiederholt ein, dass es wesentlich sei, »alle politischen Richtungen und Aktions­methoden« (9) zu studieren; benennt den Betrug und die Entzweiung der Arbeiter, den Hunger und schärft ein, zu erkennen, dass sich völlig verschiedene Ströme, »völlig ungleichartige Klasseninteressen, völlig entgegengesetzte politische und soziale Bestrebungen vereinigten« (13). Jetzt gelte es, klare, von allen verstandene und gewollte einfache Losungen zu finden, die nicht von oben, von außen vorzustellen seien, sondern aus dem vielfältigen Begehren der Unterdrückten kamen: Frieden, Brot und Freiheit.

Das Projekt der Frauenbefreiung

Unsere Situation ist eine andere. Sie ist weniger dramatisch und verlangt doch zugleich großen Mut. Allen Lehren widersprechend, dass es ein Kollektiv-Subjekt Frauen nicht gebe, dass die divergierenden und entgegengesetzten Interessen größer seien als die gemeinsamen, gilt es, das Projekt der Frauenbefreiung neu zu eröffnen. Es ist der Schlüssel für eine alternative Gesellschaft. Bei diesem Aufbruch sind wir nicht allein. Schon gibt es Stimmen, die den Verlust des politischen Subjekts beklagen und zum neuerlichen Aufbruch mahnen.4

In der Regierungspolitik zur Weltwirtschaftskrise wird überaus deutlich, dass diese Gesellschaft nicht vom Standpunkt ihrer Reproduktion gefasst wird, sondern stur und hilflos vom Versuch, alles genau so wiederherzustellen, wie es war – mit Überakkumulation von Gütern und von Kapital, mit Krieg –, und dabei Hunger, wachsende Arbeitslosigkeit und Angst in Kauf nehmend. Vom Reproduktionsstandpunkt sieht man ohne Weiteres, dass die Ressourcen verbraucht werden, dass es für die meisten heißt, den Gürtel, der nicht sonderlich weit war, sehr viel enger zu schnallen, und dass niemand so recht zu wissen scheint, wie alle in diese schwere Lage kamen. Die krisenhafte Entwicklung geht so schnell, dass es sogar schwerfällt, die Verwandlung der eigenen Wünsche zu erinnern. Noch vor wenigen Jahrzehnten ging es um die Verkürzung der Arbeitszeit und Humanisierung der Arbeitswelt; aus der Frauenbewegung kamen die Forderungen nach Anerkennung von Hausarbeit als Arbeit. Dann kam mit dem Neoliberalismus als neue Lösung aller Pro­bleme die vollständige Selbstbestimmung eines jeden als Fortschritt. Die Losung, ein jeder und eine jede könnten Unternehmer sein, und sei es nur ihrer eigenen Arbeitskraft, bleibt eine zynische Verbrämung der Verwandlung so vieler in neue Sklaven und Sklavinnen der Banken, deren Kredite ein neues Leben versprachen: Eigentumswohnungen und Glück durch Konsum. Und jetzt in der Weltwirtschaftskrise geraten die einzelnen Momente täglichen Lebens aus den Fugen. Schon geht es nurmehr darum, überhaupt einen Arbeitsplatz zu haben, egal welcher Qualität. Der Klassenkampf scheint stillgestellt und ebenso der Konflikt mit dem ›Feind im eigenen Bett‹. Dramatisch gehen die Scheidungsraten nach unten. Da man nicht weiß, wie viel schlechter alles wird, scheint es sicherer, vorerst zusammenzubleiben, wie zerstritten auch immer. Die versprengten Einzelnen ducken sich, um vielleicht davonzukommen.

Die Vier-in-einem-Perspektive

Aber dies ist der Moment, sich aufzurichten und die Fragen noch einmal neu zu durchdenken.

Vom Standpunkt der Reproduktion der Gesellschaft gewinnen die einzelnen Bereiche des Lebens eine andere Bedeutung. An oberste Stelle rückt das Leben selbst als Zweck und Ziel und also das Verlangen, dass es gut sei. Alle Arbeit, die hierfür direkt geleistet wird, ist selbstverständlich Arbeit, gehört aufgewertet und als soziale Befähigung für alle Geschlechter5 zugänglich gemacht. Sie braucht Raum und Zeit. So wird ein feministisches Projekt einer Linken heute nicht bei der Gleichstellung der Geschlechter in der schlecht verwalteten und barbarischen Gesellschaft beginnen, sondern bei der Arbeit und ihrer Verteilung. Dafür müssen wir als Erstes gegen den bornierten Blick streiten, der nur das als Arbeit zählt, was heute in der Form der Lohnarbeit geregelt ist. Alle Arbeit in der Gesellschaft gehört besichtigt und ihre Verteilung gerecht angegangen. Dafür brauchen wir einen anderen Arbeitsbegriff und eine andere Vorstellung von Gerechtigkeit, die nicht mehr bloße Tauschgerechtigkeit wäre, sondern orientiert ist an ihrem Gegensatz, dass keinem Unrecht geschehe. Besichtigen wir die Gesamtgesellschaft, so gibt es überall Aufgaben im Überfluss, von deren Erfüllung nur ein Teil bezahlt wird und vieles überhaupt ungetan bleibt, weil keine Zeit und keine Kraft vorhanden und weil andere Ziele dominant sind. Das gilt wohl für viele Fragen des Umgangs mit Natur, der menschlichen wie der, die zu unseren Lebensbedingungen zählt. Eine gerechte Verteilung der Arbeit beträfe die Verteilung der Arbeit an den Mitteln des Lebens, die in der heutigen Form der Lohnarbeit ein zum guten Leben ausreichendes Einkommen erbringen muss; dann der Menschheitsarbeit, sich des neuen, des kranken, des alten Lebens und seiner selbst sorgend anzunehmen, heute Reproduktions- oder auch Sorgearbeit, manchmal Familienarbeit geheißen. Beides sind Menschenrechte. Als Menschenrecht soll auch gelten, die eigenen Anlagen zu entfalten. Dies ist sowohl eine Notwendigkeit wegen der schnell sich ändernden Erfordernisse des Lernens, aber auch eine sinnhafte Aufgabe, als schöpferischer Mensch sein Leben als Kunstwerk zu begreifen. Schließlich bleibt die Arbeit der politischen Gestaltung von Gesellschaft im Großen, die wir Politik nennen. Uneingelöst ist in der Abgabe des Politischen an eine spezielle Berufsgruppe mit nachfolgender politischer Entmündigung der Bürger das menschliche Bedürfnis, seine Lebens- und Arbeitsbedingungen zu gestalten. – Dass Politik ein Bedürfnis auch nach Lebenssinn ist, zeigt die wachsende Zahl von »­ehrenamtlich« Tätigen, die sich – fast jeder Zweite in Deutschland – unentgeltlich der Gemeinwesenarbeit verpflichten.

Eine politische Utopie für die Neuordnung der Bereiche des Lebens, die zugleich Anleitung zum alltäglichen politischen Handeln ist, ist die Vier-in-einem-Perspektive.6 Suchen wir daraus die »klare Losung« für politisches Handeln, so wäre es: Das geteilte Leben muss in ein ganzes Leben zusammengebracht werden. Eine gerechte Teilung der gesellschaftlichen Gesamtarbeit und Demokratie jetzt! Es muss um die Verfügung über Zeit gestritten werden. Dafür braucht es eine radikale Verkürzung der Erwerbsarbeitszeit tendenziell auf ein Viertel des alltäglich tätigen Lebens und einen guten Arbeitsplatz als Menschenrecht wie ebenso die Teilhabe aller an der Arbeit für Mensch und Natur in einem weiteren Viertel. Zeit und Raum für Entwicklung als Menschenwürde und politische Beteiligung von allen. Alle anderen hier nicht diskutierten Bereiche lassen sich in dieser Verknüpfung anordnen.

Die neue Linke

Auf der einen Seite scheint die Lage der Frauen in Deutschland schlecht, und nur wenige sind gewillt, sich ihrer gesondert anzunehmen. Die beste Losung scheint die der modernisierten CDU, die Vereinbarkeit von Beruf und Familie als die Verhängung von Dauerstress über das weibliche Volk verstärkt voranzutreiben. Auf der anderen Seite geschah es 2007 fast wie ein Wunder, dass sich die vielen versprengten Linken und die Gebliebenen aus dem aufgegebenen Sozialismus mit den von der Sozialdemokratie enttäuschten Gewerkschaftern zusammenschlossen zu einer neuen Linken. Das Projekt schreitet, wie zu erwarten behindert durch innere Zerwürfnisse und durch Medienblockaden oder -­kampagnen, dennoch voran. Als Hauptprogrammatik hat es einige Lehren aus den sozialen Bewegungen aufgenommen. So, dass sich die neue Partei als sozial, als ökologisch und als feministisch begreift.

Die Partei wächst nicht sprunghaft, jedoch stetig. Der nach außen verkündete Feminismus erschöpft sich bislang in der Quote, die einzuhalten schwierig ist, wenn die weiblichen Mitglieder nicht entsprechend nachwachsen. Es ist zu wenig, wenn die Kultur und die Programmatik den Feminismus nicht grundlegend einbeziehen, so dass linke Frauen sie als ihre Partei erkennen, in die sie sich einmischen wollen.

Das Programm der neuen Linken so auf eine alternative Gesellschaft zu orientieren, dass sie gleichwohl auch innerhalb der alten Gesellschaft handlungsfähig bleibt, dazu dient das Projekt der Vier-in-einem-Per­spektive. Es kann bei der Diskussion des neuen Programms, die bis zum Jahr 2011 abgeschlossen sein wird, hilfreich sein. Dieser Prozess hat begonnen.

Briefe aus der Ferne. Eine internationale Umfrage

Es geht im folgenden Buch um 47 Texte aus 13 Ländern auf sechs Erdteilen, sehr unterschiedlich in Umfang und Detailliertheit, von feministischen Wissenschaftlerinnen und Aktivistinnen, die sich politisch ­äußern. Alle hatten die Frage, wie sie sich ein linkes feministisches Projekt heute vorstellen, und eine Kurzfassung des Projekts der Vier-in-einem-Perspektive bekommen. Alle Briefe beziehen sich auf ein ebenso mögliches wie notwendiges linkes Projekt heute: So sprechen sie, verteilt über den Globus, von einem gemeinsamen Fluchtpunkt. Sie sind sich aus der Ferne nah, wie wir uns aus der Nähe fern. Dies ist zugleich das Eigentümliche und Optimistische an den Nachrichten von überall, dass es dieses kollektive feministische Projekt international schon gibt. Es muss sich nur weiter selbst finden.7

Das vorliegende Buch ist erst ein Anfang. Das Projekt hat kein Ende: Die meisten Autorinnen arbeiten weiter und schicken weitere Texte.8 Erste Lehren aus der Umfrage sind:

In der globalisierten Welt müssen die Fragen auch vor dem Hintergrund der transnationalen Kapitale gestellt werden, die wiederum die Frauenschicksale in aller Welt mit sich reißen, so wie eben jetzt in der Weltwirtschaftskrise. Sozialismus (fast alle in der Umfrage sprechen von Sozialismus) ist als besseres Leben zu begreifen. Politik ist auf verschiedenen Ebenen anzupacken – von unten als ›Graswurzel-Politik‹ und feministisch-sozialistisch zugleich. Der Kampf um den Wohlfahrtsstaat muss als Kampf gegen seinen Abbau in den westlichen kapitalistischen Ländern zugleich mit dem Kampf für seinen Aufbau in den Dritt-Welt-Ländern verknüpft werden.

Gegen sexistische Gewalt ist bis in die Kommunikationsstrukturen hinein zu streiten – dafür müssen wir eine Sprache finden, die uns für den Umbau fehlt. Die Gewalt besteht in jedem Land der Welt fort und nimmt viele Formen an, von Vergewaltigung als Waffe im Krieg über häuslichen Missbrauch bis zum Ausschluss von Frauen und Mädchen von Gesundheitsfürsorge, Wahlfreiheit, Bildung und öffentlichem ­Leben, ein Ausschluss, der ihre Chancen weiter beschränkt und ihnen die Möglichkeit nimmt, ihre Rechte einzufordern.

Die außergewöhnlich große Rolle, die der gesamte Reproduktionssektor für die Erhaltung des Systems, für die Art der Erwerbsarbeit, für die Lebensweise spielt, gilt es zu erforschen und zu begreifen. Dies umfasst den Umgang mit Natur und verbietet eine Beschränkung auf den bloß gewerkschaftlichen Kampf, bzw. fordert seine Politisierung und Erweiterung. Wir streiten für eine Welt, in der Individuen beiderlei Geschlechts aufrecht leben können. Daher ist die Frage der Familienpolitik zentral für ein linkes Projekt. In ihr stellt sich die Hegemoniefrage. Es ist die Masse der Frauen betroffen. Gegen die konservative Rechte ist zu streiten, die sich Familienpolitik auf Kosten von Frauen und Familien zunutze macht. Es muss für die Erkenntnis gearbeitet werden, dass Umwelt- und andere soziale Probleme – etwa der Ausbau des Militärs – auch Familienprobleme sind. Wir wollen zur Frage ermutigen, welche Art von Welt wir für unsere Kinder wollen, und wir wollen zum Kampf für diese Welt antreten.

Wichtige Dimensionen und Kämpfe gelten der Frage von Selbstveränderung, der Wiederentdeckung des eignen Standpunktes und der Herstellung einer ›Politik des Wir‹, also kollektiver Handlungsfähigkeit. Gegen die neoliberale Vereinzelung brauchen wir bewusste Zusammenschlüsse. Gegen die Gefangennahme der Begriffe in die neoliberale Agenda wollen wir auch Sprachpolitik entwickeln. Aus den täglichen Grenzüberschreitungen können wir alternative Erfahrungen schöpfen.

Ein Hauptergebnis aus dieser internationalen Umfrage ist auch eine Lehre und ein Wegweiser: Ein möglicher Einschluss feministischer ­Dimensionen in ein linkes Programm wird weltweit als aufregend diskutiert. Diese Diskussion ist daher für sich selbst schon ein Politikum. Sie verändert das Klima um die Partei, gibt Feministinnen Auftrieb. Dass die Diskussion nicht abgeschlossen ist, dass keine Rezepte herauskommen, kann uns nicht entmutigen, sondern an die Arbeit setzen. Wie zum Beispiel nimmt man die notwendige Globalität eines aktuellen Feminismus in ein Programm? Oder die Notwendigkeit, gegen Gewalt und gegen alltäglichen Sexismus einzuschreiten? Wir brauchen eine Diskussionskultur, die es erlaubt, alle Fragen öffentlich zu erarbeiten und im internationalen Rahmen weiter zu bewegen. Dies ist selbst das Politische, das wir feministisch ins Programm bringen. Wir wollen nicht fertige Antworten auf einzelne nationale Punkte. Wir lernen aus dem Internationalismus der Arbeiterbewegung, der selbst eine große Kraft ist. Dies ist das Format, das wir anzielen. Es braucht Strukturen, in denen diese Diskussionen geführt werden können, Räume. Linker Feminismus ist ein Projekt, das von uns stets neu lebendig geschaffen wird, wozu wir beweglich dialektisch denken lernen müssen, alles stets in Veränderung begreifen und gerade dadurch handlungsfähiger werden.

Frigga Haug, Los Quemados, 1. September 2010

Mari Paz Balibrea
London, Großbritannien und Murcia, Spanien

Dr. María José Balibrea Enriquez, Professorin für spanische Literatur und Kulturwissenschaft am Institut für Spanisch, Portugiesisch und Lateinamerika-Studien der University of London.

Veröffentlichung: Tiempo de exilio: una mirada critica a la modernidad espanola desde el pensiamiento republicano en el exilio, Montesinos 2007.

Linker Feminismus heute

Einige grundsätzliche Voraussetzungen des linken Feminismus, wie ich ihn verstehe:

• Linker Feminismus zielt auf strukturelle Veränderungen. Es geht darum, die Strukturen oder den Status quo der Frauenunterdrückung in der jeweiligen Gesellschaft zu erkennen und diese Strukturen entsprechend zu verändern, welche Form sie im jeweiligen Kontext auch immer annehmen. Weiter geht es darum, die erreichten Veränderungen zu erhalten und weiter voranzutreiben. Linker Feminismus ist daher eine »tiefgreifende« gesellschaftliche und politische Bewegung, nicht eine »oberflächliche« oder konjunkturelle.

• Links-feministische Projekte sind einschließend, nicht ausschließend. Mit anderen Worten: Sie erkennen an, dass Unterdrückung komplex und niemals auf die Unterwerfung entlang einer Kategorie (in diesem Fall Geschlecht) beschränkt ist. Daher zielen sie darauf ab, ihre Kämpfe mit denen anderer zu verknüpfen (nicht, sie ihnen unterzuordnen), um eine Veränderung hin zu mehr Gerechtigkeit für alle Unterdrückten, nicht nur für Frauen, zu bewirken.

• Die Ausgangsbedingungen für einen linken Feminismus hängen stark davon ab, über welchen Teil der Welt wir reden und wie es um Identitätsmerkmale wie Klasse, Ethnie und Religion von Frauen steht. Manche Frauen müssen noch für die Anerkennung grundlegender Gleichheitsrechte kämpfen, während andere Frauen seit Jahrzehnten zumindest nominell die institutionelle und gesellschaftliche Zuerkennung dieser Grundrechte genießen. So werden zum Beispiel ein Opferdiskurs und die Ablehnung von Lebensweisen als »falsches Bewusstsein«, wie sie für die erste Welle der Frauenbewegung charakteristisch waren, im aufgeklärten Kontext der sogenannten ›Ersten Welt‹ wahrscheinlich kontraproduktiv wirken, insbesondere bei den jungen Generationen, die unter Bedingungen von Gleichheit und Wahlmöglichkeit aufgewachsen sind, die für sie selbstverständlich und in ihrem Leben sehr real sind. Einen negativen Effekt könnte so ein feministischer Diskurs auch deshalb haben, weil er einer reaktionären puritanischen Politik in die Hände spielt, die Frauen weiterhin unterjochen möchte statt sie zu befreien. In anderen Zusammenhängen jedoch ist das Benennen der Viktimisierung von Frauen absolut notwendig, auch innerhalb jener im Kern aufgeklärten Länder: in der Arbeitswelt nämlich, im privaten Raum oder in der Lebenswelt marginalisierter, gefährdeter Bevölkerungsgruppen. So viel Differenziertheit und Aufmerksamkeit in der Analyse sind absolut notwendig für eine links-feministische Agenda, wenn sie Frauen auf breiter Front ansprechen will und nicht nur die üblichen weißen Mittelschichtsfrauen, die dem westlichen Feminismus den Weg bereitet haben.

• Angesichts der Unmöglichkeit eines einzigen linken Feminismus, der für alle Frauen sprechen könnte, muss jedes realistische Konzept, das Feminismus als globales Projekt entwirft, in erster Linie als Rahmenpolitik gedacht werden. Diese Politik wird nur in dem Maße funktio­nieren, wie sie einen Dialog der Stimmen aus verschiedenen Ecken des feministischen Spektrums anstößt und in Gang hält.

• Darüber hinaus braucht es dringend eine eingrenzende Bestimmung dessen, was einen linken Feminismus ausmacht. Das zu versäumen würde dem Relativismus in die Hände spielen und unter der Prämisse, Differenz zu respektieren, jegliche Frauenpolitik als feministisch und progressiv anerkennen.

• Genauso ist zu begründen, warum es sinnvoll ist, von einem einzigen linken Feminismus statt einer Mehrzahl linker Feminismen zu sprechen. Linker Feminismus ist das Ergebnis einer globalisierten Welt, in der Handlungen nicht nur lokal, sondern über den ganzen Planeten hinweg Wirkung zeigen. Von einem linken Feminismus zu sprechen wurzelt in der Überzeugung, dass wir eine globale Koordinierung links-feministischer Forderungen anstreben müssen, die für alle Beteiligten vorteilhaft ist. Mit anderen Worten: Linker Feminismus steht dafür, dass die Bedürfnisse und Wünsche aller Beteiligten in die Diskussionen über das gemeinsame feministische Programm immer mit einbezogen werden. Linker Feminismus hält sich von den Täuschungen des liberalen Pluralismus fern, der zwar behauptet, die Positionen aller zu respektieren, dadurch aber alle zu Vereinzelung, Egoismus und Gleichgültigkeit gegenüber den Bedürfnissen anderer verdammt. Mit dem Vorschlag, linken Feminismus als Rahmen zu begreifen (und nicht als Versuch, eine bestimmte Politik auf Kosten anderer durchzusetzen), möchten wir in allen ein Gefühl von »Teilhabe« an diesem Begriff erzeugen. Gemeinsam gerät uns die Präsenz der vielen nicht aus dem Blick.

Als Spanierin möchte ich auf folgende besonderen Notwendigkeiten in Spanien hinweisen:

• Eine Vertiefung der Gleichheit und Achtung von Frauen. Juristisch und politisch wurde in dieser Hinsicht viel erreicht, besonders in den vergangenen fünf Jahren unter der sozialdemokratischen Regierung von Rodríguez Zapatero. Doch vieles bleibt zu tun. Wirkliche Gleichheit kann paradoxerweise nur bei gleichzeitiger Anerkennung von Verschiedenheit entstehen. Der biologische Unterschied der Frau, ihre Fähigkeit, Kinder zu bekommen, dient in Spanien nach wie vor dazu, die Diskriminierung von Frauen in der Arbeitswelt zu rechtfertigen. Diese weit verbreitete Praxis wird durch die gesetzlich geförderte neoliberale Einstellungspraxis unterstützt. In der Tat bleibt Mutterschaft der die Frauendiskriminierung strukturierende Faktor. Sexistische Praktiken gegen Frauen im gebärfähigen Alter reichen von unverhohlener Kündigung schwangerer Frauen in prekären ­Arbeitsverhältnissen bis zur subtileren Form der fehlenden Anerkennung der familiären Pflichten von Frauen. Dies entscheidet immer noch vollkommen, und zwar in negativer Richtung, über die Berufskarrieren von Frauen, die sich außerstande sehen, den von Männern geschaffenen und auf Männer zugeschnittenen Standards für ­Arbeitszeiten und -plätze zu genügen, es sei denn, sie verzichten auf andere Lebensinhalte. Weitere Gesetze und eine andere Wirtschaftsweise sind nötig, um die Rechte von Frauen am Arbeitsplatz effektiv und im vollen Sinne zu verteidigen und sie nicht dafür zu bestrafen, dass sie Zeit für reproduktive, soziale und gemeinschaftliche Aufgaben aufwenden. Dies sind wesentliche Tätigkeiten für die Aufrechterhaltung und das Wohlergehen jeder Gesellschaft, und sie sollten weder direkt noch indirekt unter Ausbeutungsbedingungen ausgeübt werden. Geschieht das doch, hat dies nicht nur Nachteile für Frauen, sondern bedauerliche Konsequenzen für das Gesellschaftsgefüge als Ganzes.

• In unserer nach wie vor von Sexismus durchdrungenen Gesellschaft ist es notwendig, zu Gleichberechtigung und Respekt für Unterschiede zu erziehen. Ein gravierendes Zeichen für diese Erfordernis ist die Gewalt gegen Frauen. 2008 wurden mindestens 70 Frauen von meist aus ihrem sozialen Umfeld stammenden Männern umgebracht. Kürzlich sind neue Gesetze erlassen und neue Mittel der Strafverfolgung geschaffen worden, um derlei Gewalttaten zu bestrafen, zu verhindern und potenzielle Opfer zu schützen. Es handelt sich hier jedoch nicht nur um ein rechtliches Problem, sondern um ein Problem, das die gesamte Gesellschaft betrifft. Ein linker Feminismus, geübt in der Analyse von Sexismus in Alltagspraxen, kann auf allen Ebenen wesentlich dazu beitragen, Aufklärung und kritisches Bewusstsein zu fördern.

Abigail Bray
Perth, Australien

Dr. Abigail Bray, Forschungsassistentin an der University of Western Australia in Perth; 2006–2009 Leitung ­eines Gemeinschaftsprojekts zwischen den Women’s Studies und dem »Centre for the Vulnerable Child« zum Thema sexueller Missbrauch von Kindern.

Veröffentlichung: »Governing the Gaze: Child Sexual Abuse, Moral Panics and the Post-feminist Blind Spot«, in: Feminist Media Studies, 9:2, 2009, S. 173–191.

Liebe Frigga,

es tut mir leid, dass ich so spät erst antworte. Es ist schwer zu sagen, was ein feministisches Projekt wäre, ohne einfach nur die schon in der Vergangenheit verfolgten Anliegen zu wiederholen. Deine Idee vom vierstündigen (Erwerbs-) Arbeitstag ist ausgezeichnet und berücksichtigt, dass Arbeit sich in der post-fordistischen Wirtschaft weiterhin radikal verändern wird.

Mit der Intensivierung der barbarischen Formen des patriarchalen Kapitalismus muss die Abwertung der Schwächsten, der proletarischen Frauen, Kinder und Jugendlichen als eine sozioökonomische Realität der Gegenwart angesprochen werden, was Lösungen verlangt, die die spezifischen Formen von Ungerechtigkeit, die ihnen von oben auferlegt werden, erkennen.

1921 vermerkte Lenin, dass »die weibliche Bevölkerung im Kapitalismus doppelt unterdrückt ist«. Unter den Bedingungen des barbarischen Kapitalismus ist das Schicksal proletarischer Frauen, Jugendlicher und Kinder ineinander verwoben, da ihre Unterdrückung aus einem ökonomischen System herrührt, welches Mütter, werdende Mütter und ihre Kinder herabsetzt und zugleich Familienwerte gefühlvoll anruft und Arbeitern ein Eigenheim anbietet als Hafen, in dem sie sich vom Stress eines unbarmherzigen ökonomischen Wettbewerbs erholen sollen. Die Hausarbeit, die Frauen verrichten (wie saubermachen, kochen, die komplexe Arbeit der Sorge für die Kinder, die emotionale und sexuelle Arbeit in den Geschlechterbeziehungen) bleiben für die kapitalistische Buchhaltung unsichtbar. Und doch wird aus dieser unsichtbaren Arbeit großer Profit gezogen. Solche unsichtbaren Arbeitsbeziehungen innerhalb des Hauses bringen nicht nur die Körper der zukünftigen Arbeiter hervor, die selbst profitlich ausgebeutet werden. Strom, Ernährung, Kleidung, Reinigungsmittel und -maschinen, Küchengeräte und Unterhaltungstechnologie, um nur einige Konsumtionsbereiche zu nennen, sind erforderlich, um einen privaten Raum aufrechtzuerhalten, in dem Frauenarbeit fortgesetzt ausgebeutet und unsichtbar gemacht wird. Um ihre unbezahlte Hausarbeit fortzuführen, muss sie eine endlose Vielfalt von stets auf den neuesten Stand gebrachten Waren kaufen. In dieser Hinsicht ist sie einzigartig: Von keiner anderen Arbeiterklasse wird erwartet, dass sie Werkzeuge für eine Arbeit kaufen, für die sie nicht bezahlt wird, und sich zu schämen, wenn sie sich nicht die besten Arbeitsmittel leisten können, die beste Waschmaschine, den modernsten Herd, die neusten Reinigungsmittel.

Diese Abwertung ihrer Arbeit wird durch die neoliberalen ­Ideologien der freien Wahl und der Selbstermächtigung verstärkt, welche Frauen ­demütigen, die nicht in der Lage sind, die Doppelschicht von außerhäuslicher und innerhäuslicher Arbeit zu leisten und von Verzweiflung und Erschöpfung übermannt werden. Sie wird als unordentlich und unorganisiert stigmatisiert, geschmäht, die Gesundheit ihrer Familie aufs Spiel zu setzen. Mehr noch, sie muss, um ihr Recht auf eine Doppelschicht zu behalten, um eine verlässliche Arbeiterin, Partnerin und Mutter zu sein, an ihrer eigenen Unterdrückung mitwirken, indem sie große Mengen von Waren kauft, die sie schöner zu machen versprechen, gesünder und sexuell reizvoller. Der Kapitalismus profitiert aus der Unterdrückung von Frauen, indem er verlangt, dass sie die Werkzeuge für ihre unbezahlte Arbeit kaufen, und dann noch verlangt, dass sie ihre eigene Verdinglichung aufrechterhalten, indem sie Produkte konsumieren, die gemacht sind, um die Zeichen dieser Herabwürdigung an Körper und Geist zu verbergen.

Außerhalb dieser Einhegung ist die Frau einem System ausgeliefert, das sie in diese Gefangennahme treibt, das romantische Liebe verspricht, Sicherheit und Mutterschaft, oder ihren Widerstand in Versagen umbenennt.

Die Furien der kapitalistischen Elemente werden auf sie losgelassen durch ein Wohlfahrtssystem, das ihre Sexualität und Würde demütigt durch ein männlich dominiertes und vom Profit getriebenes Erziehungs- und Gesundheitssystem und einen ausbeuterischen Arbeitsplatz. Sie weiß, dass das optimistische Lächeln neoliberaler Selbstverbesserungs-Politik die stets gegenwärtige Drohung sozialen Ausschlusses und der Armut maskieren soll, ebenso wie jede Hochglanzanzeige für Gesichtscreme von der Aussicht auf Hässlichkeit überschattet ist. Aber sie kann mit diesem aufkommenden Klassenbewusstsein sehr wenig ausrichten, da sie von anderen Frauen durch unentwegte Arbeit abgeschnitten ist. Wenn sie durch Unterhaltung zu entkommen sucht, wird sie wiederum von Erzählungen bombardiert, die ihr eintrichtern, dass die Geschlechterverhältnisse des Kapitalismus eine unveränderbare Lebenstatsache sind, natürlich und von Anfang an. Es ist daher bloß natürlich, dass sie für die Arbeitsmittel wie Waschmaschine, Staubsauger, Reinigungsmittel, Mopp, Schwamm, Herd, Kühlschrank bezahlen sollte, um umsonst zu arbeiten. Freiheit heißt, jemand anderen zu haben, der diese Arbeitsmittel bezahlt, oder eine andere Arbeiterin zu bezahlen, die mit ihnen arbeitet.

Kulturell lebt sie unter der Bedrohung durch männliche Gewalt, die es zur Gefahr macht, nachts allein auf die Straße zu gehen, die sie zu Hause erwartet und ihre Kinder sich ducken lässt. Es wird ihr versichert, dass Männergewalt gegen Frauen von neoliberalen kapitalistischen Regierungen nicht geduldet wird, und doch begegnet ihr ein Rechtssystem, das sie demütigt, weil sie keine Gegenwehr gezeigt hat, und ein soziales Urteil, das ihr bedeutet, »Ausschuss« zu sein, wenn sie sich als verletzt identifiziert. In ein Frauenhaus gegangen zu sein, in eine Notaufnahme im Krankenhaus, die Polizei um Schutz gerufen zu haben, vor Gericht gegangen zu sein, um Gerechtigkeit zu finden, heißt soziale Isolation und Stigma einzuladen. Sie wird eine Last für die Wirtschaft und eine Ausgestoßene, selbst wenn verschiedene profitgetriebene Systeme noch von ihrem Leid gewinnen.

Man sagt ihr, dass das Glück ihrer Kinder in ihrer Verantwortung liegt, ebenso wie die Bedingungen ihres Lebens, und ihre wachsende politische Erkenntnis des Systems, welches sie unterdrückt, wird durch die hegemoniale Demütigung zum Schweigen gebracht, ihr beginnendes Gewahrwerden sei ein »bloßes Opferbewusstsein«. Erst wenn die materiellen Bedingungen des Lebens proletarischer Frauen und Kinder geändert sind, sind sie frei, in Würde zu leben. Ein sozialistischer Feminismus könnte damit beginnen, auf die emotionalen, psychologischen und physischen Zerstörungen des Lebens von Frauen und Kindern aufmerksam zu machen, die durch ein männlich dominiertes profitgetriebenes System, das auf der unsichtbaren Sklaverei des Heims basiert, verursacht werden. Wenn das Ausmaß des Leides anerkannt ist, lässt sich ein sozialistischer Feminismus nicht länger als naive und idealistische Forderung des Unmöglichen abtun, sondern kann verstanden werden als notwendige Umwälzung eines Systems, das menschliches Leben beschädigt.

Mögliche Forderungen könnten sein:

• Rentenalter für Frauen mit 55

• Geringere Steuern für arbeitende Mütter und Jugendliche bis zu ­einer vernünftigen Schwelle

• Verlängerung des Mutterschaftsurlaubs

• Nationalisierung der Banken. Banken und Unternehmen sollten einen Prozentsatz ihrer Gewinne an den Staat geben zur Förderung der Gesundheit und des Wohlbefindens von Frauen, Kindern, Jugendlichen.

• Staatliche Krankenhäuser für Frauen und Kinder, wo sie umsonst behandelt werden.

• Die Umverteilung eines Prozentsatzes der obszönen und antigesellschaftlichen Militärhaushalte in Projekte, die für das Wohlbefinden von Frauen und Kindern sorgen. Die Schaffung eines »gesellschaftlichen Friedensfonds« anstelle des Geldes, das für Waffen und Massenvernichtung ausgegeben wird. Vollständige Transparenz über die globalen Unternehmen, die am militärisch-industriellen Komplex beteiligt sind, und ihre Verbindungen zum Staat. Vollständige Aufklärung über den Militärhaushalt und Eröffnung eines breiteren gesellschaftlichen Dialogs über die Notwendigkeit solcher Ausgaben. Öffentliche Gespräche über die Kosten des Militärhaushalts für die Steuerzahler.

• Hausarbeit soll als Teil der Wirtschaft anerkannt werden und nicht länger die unsichtbare Arbeit einer Sklavenklasse von Frauen sein. Haushaltsreiniger, die die häusliche Umwelt, die Arbeiterinnen im Haus und in der weiteren Umgebung vergiften, sollten einer »Erdsteuer« unterworfen werden.

• Mehr Lohn für Reinigungs- und alle Arbeiterinnen in Haushalten

• Regulierung des zweiten Arbeitsmarkts, um die erniedrigende Ausbeutung zu beenden, die die gelegentliche Kurzzeitbeschäftigung begleitet, die viele Frauen erdulden. Aufbau starker Gewerkschaften innerhalb des zweiten Arbeitsmarkts.

• Vermehrte Sozialhilfe für alleinerziehende Mütter und Jugendliche. Schluss mit den Entwürdigungsritualen der Sozialhilfe, die die sozial Verletzlichsten und ihre Kinder beschämen und demütigen. Frauen sollten vom Staat nicht länger dafür bestraft werden, dass sie sich weigern, unterdrückerische heterosexuelle Beziehungen zu ertragen.

• Der Stigmatisierung alleinerziehender Mütter und ihrer Kinder sollte in einer groß angelegten Kampagne begegnet und soziale Achtung und die Pflicht der Sorge für diese Bürgerinnen aufgebaut werden. Mütter sollten frei sein, zerstörerische Ehen und Beziehungen zu verlassen, ohne sozioökonomische Unterdrückung zu fürchten.

• Höhere Löhne für die Jugend

• Familienzentrierter Arbeitsplatz. Es ist demütigend zu fordern, Frauen sollten arbeiten und traditioneller Kinderfürsorge nachkommen, ohne den Schultag oder den Arbeitstag zu verändern. Die strukturelle Diskriminierung arbeitender Mütter, die verlangt, dass sie entweder ihr Einkommen oder ihre Kinder opfern, muss ein Ende haben. Es braucht die Anerkennung der Mütter- und Elternarbeit als lebenswichtige Grundlage sozialen Zusammenhalts und der Wirtschaft und die dafür angemessene Politik.

• Die Arbeitszeit muss so restrukturiert werden, dass sie die Anwesenheit von Kindern im Arbeiterleben widerspiegelt. Kostenlose Krippen an allen Arbeitsplätzen für alle Arbeitenden. Kostenlose Horte für alle arbeitenden Eltern.

• Mehr Lohn für alle Arbeitenden mit Kindern und Jugendlichen von der Krippe und Vorschule bis zu den höheren Erziehungseinrichtungen.

• Kostenlose Schulen und Abschaffung aller Eliteschulen, die Vorurteile und Klassenhass vertiefen und die Kinder der sozial und ökonomisch Schwachen demütigen. Alle Kinder sollten Zugang zu den gleichen Unterrichtstechnologien, Informationen und Versorgungsmöglichkeiten haben, unabhängig vom Reichtum der Eltern.

• Staatlich geförderte Therapie für die sozial Schwachen. Solche Therapie sollte darauf gerichtet sein, die soziale Ausschließung auszumerzen, die zu Verletzbarkeit und Leid führt, und nicht bloß eine Empfehlung für die Vermarktung von Leiden für die großen Pharma­industrien sein. Es muss um die Schaffung pragmatischer Lösungen für das Leiden gehen, die auf soziale Einschließung und Wohlbefinden durch nicht-ausbeuterische Produktivität und vermehrtes Mitgefühl in der Gemeinschaft zielen.

• Pornographie muss höher besteuert werden. Schwere Strafen für die Herstellung und Verbreitung von Material zu Kindesmissbrauch im Netz, für die Abnehmer und die Internet-Unternehmen, die Komplizen in der Verbreitung solcher Verbrechensbilder sind. Kindern, die durch die Kinder-Pornographie-Industrie ausgebeutet wurden, sollte ein bedeutender Schadensersatz gewährt werden. Bessere finanzielle Ausstattung einer zentralisierten EU-Strafverfolgungsbehörde, die die Herstellung und Verbreitung von Kindesmissbrauch darstellendem Material bekämpft.

• Die Vergesellschaftung des Rechtssystems, so dass private Rechtsunternehmen durch staatliche Rechtsdienstleistungen ersetzt werden. Allen Bürgern sollten Zugang zu kostenloser Rechtsberatung und gleichen Rechtsquellen gewährt werden. Die Ausmerzung von Frauenfeindlichkeit im Rechtssystem. Die Ausmerzung des Provokations­vorwurfs vonseiten der Verteidigung in der Rechtsprechung über sexuelle Übergriffe.

• Die Bildung von Arbeitskollektiven, in denen der Besitz in den Gemeinschaften geteilt wird, so z. B. Wohnungen, Kindergärten, Schulen, Universitäten. Die aktive Förderung sozialen Zusammenhalts durch die Kollektivierung von Fähigkeiten, Wissen und Ressourcen in den Gemeinschaften. Schaffung eines Gutscheinsystems in den Kommunen, so dass die Arbeitenden Arbeit und Produkte austauschen können.

• Würdige Altenheime. Die Beseitigung der blutsaugerischen kapitalistischen Ausbeutung der Alten durch private Altenheime. Denn die soziale Ausschließung der Alten und Schwachen muss durch Überbrückung der Generationenkluft und den Aufbau von Achtung und Wissensvermittlung über die Generationengrenzen hinweg überwunden werden.

• Lohnerhöhung für alle Krankenschwestern und pflegenden Berufe.

• Die Beseitigung aller privaten Frauenhäuser. Staatliche Frauenhäuser sollten angemessene Gelder bekommen und ihre Arbeitenden einen würdigen Lohn. Frauenhäuser sollten eine moderne Ausstattung und angemessene Sicherheitsstandards haben. Scham und Geheimhaltung über Gewalt gegen Frauen sollte abgebaut werden, indem die Schutzsuchenden in die Gemeinschaft aufgenommen werden und eine Bildung geschieht, die Gewalt gegen Frauen verhüten will.

• Die rechtliche Anerkennung von häuslicher Gewalt sollte emotionalen und psychologischen Missbrauch einbeziehen. Die Stärkung von einstweiligen Verfügungen bei Gewalttaten. Geldstrafen für Männer, die wegen Gewalt gegen Frauen und Kinder verurteilt sind; das Geld sollte den Frauen und Kindern gegeben werden, denen sie etwas zuleide getan haben.

• Steuererhöhungen für alle Unterhaltungsformen, die Formen barbarischer Gewalt zelebrieren. Die Überwachung von Unterhaltung, die Rassen- und Geschlechterhass feiert.

• Männer sollen bei der Ausmerzung von Gewalt gegen Frauen durch andere Männer eigeninitiativ eine Führungsrolle übernehmen.

• Geistige und körperliche Arbeit von Frauen soll gleicher Status und gleiche Bezahlung gewährt werden. Der sozialen Herabsetzung weiblicher Handarbeiter soll ein Ende gesetzt werden.

• An allen Universitäten sollten kostenlose Kinderbetreuungseinrichtungen für Angestellte und Studierende angeboten werden. Tatsächlich sollte an allen Arbeitsplätzen anerkannt werden, dass die Arbeitenden Eltern sind. Erzieherinnen und Lehrerinnen sollten eine angemessene Bezahlung erhalten, die ihre Arbeit sowie die von ihnen Betreuten und Unterrichteten nicht herabwürdigt und herabsetzt. Frauenhäuser sollten angemessen finanziert werden. Sexuelle, physische und psychische Gewalt gegen Frauen und Kinder sollte offen angesprochen werden als anhaltende Form der Unterdrückung, die die zukünftige Produktivität der Gesellschaft zerstört.

• Die Kommerzialisierung und Sexualisierung von Kindern durch Unternehmen sollte strengen ethischen Richtlinien unterworfen werden, die u. a. die Darbietung von Mädchenkörpern zu Werbezwecken unter Zensur stellen.

• Ebenfalls untersucht werden müsste die Psychiatrisierung sozialer Ungleichheit. Derzeit erfinden große Pharmakonzerne und pharmazeutische Unternehmen neue Formen psychischer Störungen und behandeln immer mehr Frauen und Kinder. Die wirtschaftliche Ausbeutung der Not von Frauen durch Pharmaunternehmen sollte als politisches Thema in den Blick genommen werden. In Amerika haben sich zahlreiche Gruppen gegen die Allgegenwart der Psychiatrie in Schulen, gegen die Diagnostizierwut bei Kindern und die schädlichen Wirkungen von Medikamenten gewandt. Die Bildung starker Gemeinschaften, die Arbeit gegen Isolierung und Entfremdung sowie die Stärkung von Erwerbstätigen und Müttern – anstelle ihrer Medikalisierung – ist der gesündere Weg zur Bekämpfung der sogenannten psychischen Epidemien.

• Kostenlose Bildung und Gesundheitsvorsorge für alle Kinder wird nicht nur zu psychischer Gesundheit und zum Glück der zukünftigen Generation beitragen, sondern auch die wirtschaftliche Belastung benachteiligter Eltern mindern. Der Ersatz von Fast Food und Automaten in den Schulen durch kostenlose gesunde Mahlzeiten ist ein Beispiel für eine wichtige Verschiebung der sozialen Wertigkeiten. Die Erhöhung der Mindestlöhne wird sich positiv auf jüngere Arbeiterinnen auswirken. Die Rechte arbeitender Kinder müssen verteidigt werden.

Insgesamt sehe ich ein linkes feministisches Projekt als eine Radikalisierung von familiären Werten, die das politische Gewicht des Kinder­themas heute anerkennt und versteht, dass eine Verknüpfung von ­Kinder- und feministischen Themen keine rein strategische ist, sondern die Basis für eine gute und nachhaltige Gesellschaft bildet, die sich auf Modelle der Gegenseitigkeit und Partnerschaft zwischen Frauen und Männern gründet.

Ich hoffe, eure Partei ist erfolgreich.

Beste Grüße

Abigail Bray

Toni Brinkmann
Bremen, Deutschland

Toni Brinkmann war die letzten sechseinhalb Jahre vor der Rente Referentin im niedersächsischen Frauenministerium mit verschiedenen Arbeitsgebieten. Vorher Jurastudium nach langer Familienphase; dann zunächst Mitarbeiterin an der Bremer und der Münchner Universität mit den Schwerpunkten Strafvollzug, Kriminologie, Jugendrecht und Kinderrechte.

Wie könnte eine linke feministische Bildungspolitik aussehen?

Es ist noch gar nicht so lange her, dass Feministinnen beklagten, Mädchen in den Schulen würden benachteiligt. Mädchen wurden weniger gefördert, machten seltener Abitur und studierten – wenn überhaupt – überwiegend »weiche« Fächer. Sie heiraten ja doch, hieß es. Inzwischen machen Mädchen durchschnittlich höhere und bessere Abschlüsse als Jungen – und schon wird der Ruf nach besonderer Förderung für Jungen laut. Würde es feministischen Ansprüchen genügen, den Vorsprung zu halten – oder sehen wir auch in diesem gesellschaftlichen Bereich die Notwendigkeit eines radikaleren linken feministischen Denkansatzes?

Ein Blick zurück

Schon 1874 schrieb Eduard Sack, ein engagierter Lehrer, in seinem Pamphlet »Unsere Schulen im Dienste gegen die Freiheit«:

Es ist geschichtlich festgestellt, was vorurtheilslos angesehen, auf der flachen Hand liegt, daß keine herrschende, auf irgend welche Vorrechte sich stützende Partei eine Bildung gutheißen und wollen kann, welche das eigene Denken zum Zweck hat, deren höchster Triumph die weiteste Entwicklung jener großen Fähigkeit ist, deren man zum selbständigen Urtheil und zum Handeln nach dem eigenen Willen bedarf. Niemals hat es eine Priesterschaft gegeben, niemals einen Adel, niemals ein Patrizierthum oder eine Bourgeoisie, niemals eine Gelehrtenkaste, niemals einen Fürsten, die eine solche Bildung gutgeheißen und gewollt hätten. (Sack 1878: 83)

In den 1960er Jahren entwickelte sich eine lebhafte Bildungsdiskussion. Vieles wurde geschrieben, nichts auf Dauer umgesetzt. Der Befreiungs-Pädagoge Paolo Freire bestätigte Sacks Erkenntnis:

Diejenigen, die die Macht in einer Gesellschaft innehaben, bestimmen die Zielsetzungen und Inhalte von Erziehung, und nicht die Philosophen. Darum kann man nicht die Erziehung gegen die Machthaber ausrichten. (Freire 1981: 110)

Seit mindestens 150 Jahren gehen in Deutschland praktisch alle Kinder viele Jahre lang zur Schule. Doch gibt es noch immer sogenannte bildungsferne Schichten, eine tiefe soziale Spaltung der Gesellschaft und rund 4 Mio. Analphabeten. Bis heute blieb trotz aller gegenteiligen Erfahrungen die Hoffnung auf soziale Gerechtigkeit durch staatliche Beschulung lebendig, insbesondere bei Linken.

Wie lange muss die Schule noch versagen, bis wir uns zu fragen beginnen, ob sie nicht entweder das falsche Mittel zur Erreichung sozialer Gerechtigkeit ist oder ganz andere Ziele verfolgt? Bis wir darauf zurückkommen, was Everett Reimer und Ivan Illich in den 1970er Jahren schrieben: dass die Schulpflicht hilft, den sozialen Frieden aufrechtzuerhalten; dass sie Aufstiegschancen suggeriert und dafür sorgt, dass diejenigen, die in der Schule (und folglich im Leben) nicht erfolgreich sind, sich selbst die Schuld dafür geben, weil sie versagt und ihre Chance nicht genutzt haben? Und begreifen, dass – wie Illich schreibt – die Schulen eine Milderung des subversiven Potenzials bewirken: »bleibt nämlich die Bildung auf Schulen beschränkt, so werden zu ihren höheren Stufen nur diejenigen zugelassen, die man auf den unteren Stufen zur Fügsamkeit erzogen hat« (Illich 1977: 30).

Zwar erhöhten sich in Deutschland seit der 1964 von Picht ausgerufenen Bildungskatastrophe die Abiturientenquoten auf über 30 %, aber die Schere zwischen Arm und Reich ist heute weiter geöffnet als damals. Nach wie vor spiegelt die Staatsschule die hierarchische Pyramide der Gesellschaft und lehrt implizit den »Wert« Hierarchie (Coleman, zit. n. Reimer 1972: 38, Anm. 4). Das Fortkommen der Einzelnen muss stets zu Lasten anderer gehen. Die Anzahl der Plätze in der Pyramidenspitze hängt ja nicht von der Anzahl und Qualität der Schulabschlüsse ab. Wenn alle Abitur machten, würden andere Hürden bzw. Auswahlkriterien erfunden. Schon heute sind ja viele Akademiker und gutausgebildete Menschen gezwungen, im Niedriglohnsektor zu arbeiten, »natürlich« überwiegend Frauen.

Linke propagieren eine immer frühere und intensivere Förderung in Institutionen. Doch die Menschen sind nicht arm, weil sie ungebildet sind, sondern sie bleiben (oft) ungebildet, weil sie arm sind. Wie Uri Bronfenbrenner halte ich es für

sehr wohl möglich, dass für Kinder, die in den elendesten Verhältnissen leben, die bei weitem wirksamste Technik, wesentliches und anhaltendes Wachstum sowohl der IQ-Werte, aber auch anderer, noch wichtigerer Bereiche der Entwicklung zu erreichen, darin besteht, dafür zu sorgen, dass die Familie ärztlich versorgt ist und ausreichende Ernährung hat, dass sie gut untergebracht ist und eine angemessene Arbeit hat (Bronfenbrenner 1982: 130).

Wäre, frage ich mich, die »Verblödung unserer Republik« (Thomas Wieczorek) oder »Meinungsmache« (Albrecht Müller) in diesem Ausmaß möglich, wenn wir nicht alle durch unser Schulsystem indoktriniert worden wären?

Schon Illich wunderte sich:

Dennoch ist es überraschend, wie schwer es dem schulgebildeten Geist fällt zu erkennen, wie unerbittlich Schulen ihre vermeintliche Notwendigkeit und damit zugleich die angebliche Unvermeidbarkeit des Systems eintrichtern, das sie unterstützen. Die Schulen lehren das Kind, das politische System zu akzeptieren, das sein Lehrer repräsentiert, obwohl behauptet wird, der Unterricht sei unpolitisch. (Illich 1972: 34)

Für mich ist danach klar: Von der Staatsschule können sich weder Feministinnen noch Sozialist/innen etwas erhoffen. Vielleicht wäre das anders, wenn wir die Herrschenden wären – doch dass wir es je werden, davor steht die Staatsschule, die die bestehenden Verhältnisse als »Natur« lehrt.

Was also dann?

Feministinnen sind gegen Unterdrückung und Hierarchie – wollen wir denn überhaupt den Aufstieg der einen um den Preis des Abstiegs der anderen oder nicht vielmehr eine möglichst egalitäre Gesellschaft, in der jede und jeder gleich wertgeschätzt wird und sich voll entfalten kann – voll, nicht nur in den staatlich verordneten Schulfächern? Nicht nur die Stellung der Frauen ist desto besser, je egalitärer eine Gesellschaft ist: Alle Bürger/innen – arme wie reiche – sind im Schnitt physisch und psychisch gesünder, glücklicher und engagierter (Wilkinson/Pickett 2009).

Feministinnen schätzen Vielfalt. Deshalb brauchen wir nicht Chancengleichheit, sondern Chancenvielfalt; nicht eine Messlatte für alle, sondern echte Bildung, die nicht messbar ist. Es geht uns nicht um Humanressourcen für die Wirtschaft, sondern um selbstbestimmte Menschen, die fähig sind, Kultur und Gesellschaft zu gestalten. Bildung muss wieder als Selbstzweck begriffen und von der Anhäufung vorgegebenen Wissens unterschieden werden. Nicht immer früheren Drill, sondern mehr Muße (schola bedeutete einst Muße) brauchen die Kinder – wie alle.

Feministinnen wollen eine demokratische Gesellschaft, und das bedeutet für uns, dass wir unsere Lebensumstände im Kleinen wie im Großen selbst gestalten. Um diese Erfahrung zu machen, müssen Kinder so früh wie möglich an dieser Gestaltung beteiligt sein. Das ist nur möglich in demokratischen Kindergärten und Schulen, in denen sie autonom bestimmen können, wann sie was auf welche Weise und mit wem tun und lernen, in denen sie sich ihre Regeln selbst geben und die nicht abgeschlossen vom Leben der Erwachsenen, sondern in ihr Lebensumfeld integriert sind.

Feministinnen wollen angesichts des Hungers in der Welt, des drohenden Klimawandels, der ökologischen und der kapitalistischen Krise kürzer arbeiten, weniger und sinnvoller produzieren und konsumieren, dafür mehr gestalten, mehr selbst tun, mehr Muße, mehr Leben ohne Entfremdung. Auf dem Wege dahin können Kinder sich ihren Platz in der Gesellschaft zurückerobern, wenn sie nicht in Institutionen weggesperrt werden.

Feministinnen könnten eine Lernkultur propagieren, wie sie im 19. Jahrhundert in den Arbeiterbildungsvereinen oder heute in demokratischen Schulen oder wo immer Menschen sich gleichberechtigt zusammentun, um zu lernen, gepflegt wurde und wird. Wir wollen die Gesellschaft wieder für die Lernenden – seien sie Kinder oder Erwachsene – öffnen.

In ein nicht-entfremdetes, egalitäres Leben passen selbstverwaltete, kleine Schulen in Nachbarschaften, die vom persönlichen Engagement aller Beteiligten getragen sind. In den Niederlanden sind 70 % der Schulen klein und privat, dabei voll vom Staat finanziert.

Im gelobten Finnland haben von den rund 3180 Gesamtschulen tausend weniger als 50 und ebenfalls tausend zwischen 100 und 300 Schüler/innen. Linke müssen lernen, zwischen Eliteschulen, die ohnehin nicht zu verhindern sind, und selbstorganisierten Nachbarschafts- oder Bürgerschulen zu unterscheiden. Die berechtigte Furcht vor Privatisierung à la Bertelsmann darf uns nicht in die Arme des Staates treiben, in dessen Bildungssystem Bertelsmann längst massiv mitmischt.

»An die Stelle der alten Bürgerlichen Gesellschaft mit ihren Klassen und Klassengegensätzen tritt eine Assoziation, worin die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung für die freie Entwicklung aller ist«, schreibt Karl Marx. Daraus möchte ich machen: die freie Entwicklung einer und eines jeden »von Anfang an«.

Literatur

Bronfenbrenner, Uri (1982): Wie wirksam ist kompensatorische Erziehung, Frankfurt/M.

Freire, Paolo (1981): Der Lehrer ist Politiker und Künstler, Reinbek.

Illich, Ivan (1977): Schulen helfen nicht, 4. Aufl. Reinbek.

Reimer, Everett (1972): Schafft die Schule ab, Reinbek.

Sack, Eduard (1878): Unsere Schulen im Dienste gegen die Freiheit, 2. Aufl., Braunschweig.

Wilkinson, Richard, u. Kate Pickett (2009): Gleichheit ist Glück, Zweitausendeins.

Christel Buchinger
Gries (Pfalz), Deutschland

Christel Buchinger, Diplom-Biologin, aktiv in der feministischen Bundesfrauenarbeitsgemeinschaft LISA der Partei DIE LINKE, in den Bereichen Feminismus und Mentoring tätig.

Veröffentlichung: Humankapital, ein Plädoyer für die ernsthafte ­Beschäftigung mit einem Phänomen, www.westpfalz-journal.de/Seiten/100politikallgemein­seiten/Buchinger/humankapital.htm.

Fragen an ein linkes feministisches Projekt

Feministinnen oder auch einfach Frauen, die heute in der alten BRD auf Gruppen-, Kreis- oder Landesebene der Partei DIE LINKE Politik machen wollen, sind überrascht über die überall anzutreffende Frauenfeindlichkeit, den offenen Sexismus und Antifeminismus.9 Die Erlebnisse, die wir einander berichten, gleichen sich. Wir erleben eine politische Kultur, die auf Großspurigkeit, Lautstärke und Aggressivität gründet, wir erleben persönliche Anmache, Beleidigungen und Versuche, uns lächerlich zu machen, wir erleben ständiges Übergangenwerden, Unterbrechungen unserer Rede, Abwertungen und das ganze Arsenal von Handlungen und Haltungen, die seit 100 Jahren von Feministinnen angeklagt werden. Die Angriffe sind umso dreister und aggressiver, je mehr es um die Themen Gleichberechtigung, Feminismus, Gender, Quote und allgemein »Frauen­themen« geht. Solche Verhaltensweisen gegenüber Menschen anderer Hautfarbe oder Türken würde sofort den Vorwurf des offenen Rassismus hervorrufen. Gegenüber Frauen ist das alles möglich und wird weithin auch von jenen geduldet, die nicht aktiv an diesem Klima mitwirken.

Nun finden Frauen für diese Verhaltensweisen vielfältige Erklärungen. Sie gelten als Charakterschwächen (»sind halt Machos«), als Ausdruck von Bildungslücken (»er hat es noch nicht verstanden«) und persönlichen Handicaps (»lernresistent« oder drastischer »zu blöd«). Gesehen wird auch, dass sich in einer Partei, in der Mann wegen der Quote an Frauen schlecht vorbeikommt, der Konkurrenzkampf mit all seinen männlichen Schönheiten auch gegen Frauen richtet und oft mit besonderer Wut, denn die Quote wird als Hindernis für das verdiente Fortkommen gesehen.10 Mit der Mutmaßung, solches Verhalten sei insofern interessengeleitet, kommen wir der Wahrheit aber schon nahe. Denn es handelt sich tatsächlich, das ist meine These, um ein Handeln und um Haltungen, die eigenen Gruppeninteressen dienen, wenn auch nicht (nur) denen um Fortkommen innerhalb der Linken.

Um dies zu erklären, muss ich etwas weiter ausholen. Eine verbreitete Erklärung für die Zerstörung des Sozialstaats ist die sogenannte »neoliberale Revolution«. Dabei wird unterstellt, der Sozialstaat hätte bis heute überlebt, wenn diese nicht stattgefunden hätte, man müsse also zur Rettung und Wiederherstellung des Sozialstaats nur die Neoliberalen zurückkämpfen. Dies ist der Gründungskonsens der Partei DIE LINKE. Die Krise des Sozialstaats ist aber nicht nur politischer Willkür gezollt, sondern eine objektive Entwicklung.

Aus den sozialen Kämpfen und Revolutionen zu Beginn des 20. Jahrhunderts sind die Zwillingsbrüder Sozialismus und fordistischer Sozialstaat11 hervorgegangen – der eine als Ergebnis der russischen und folgenden Revolutionen, der andere als Versuch, Revolutionen zu verhindern. Mit dem fordistischen Wohlfahrtsstaat modernisierte sich der Kapitalismus selbst. Grundlage war ein recht lange tragfähiger Klassenkompromiss zwischen den stärksten Gruppen des Kapitals – Rüstungs-, Metall-, Fahrzeug-, Elektro-, Energie- und Chemieindustrie – und den dort beschäftigten (männlichen) Arbeitern. Dieser Klassenkompromiss wurde Grundlage der Sozialpolitik. An den Löhnen dieser Kerngruppe des Proletariats orientierten sich die Einkommen aller abhängig Beschäftigten – in der Regel mit Abschlägen.

Der Kompromiss war für beide Seiten vorteilhaft. Er versprach durch höhere Löhne, durch die Massenkaufkraft der schnell wachsenden Bevölkerung die Ausweitung der kapitalistischen Konsumgüterproduk­tion. Die Beschäftigten erlebten einen Wohlstand, wie ihn der konkurrierende Sozialismus zu bieten nicht in der Lage war. Der soziale Friede war gesichert. Der Lohn versprach, die Familie zu ernähren, und vergrößerte dadurch die Abhängigkeit vom sicheren Arbeitsplatz.

Die Familie, als Keimzelle des Staates definiert, war ausersehen, Diszi­plinierungs- und Bildungsaufgaben wahrzunehmen, flankiert durch Schule, Kirche und Militär sowie Vereine und Wohlfahrtsorganisationen. Die Familienarbeit wurde den Frauen zugewiesen. Das fordistische Familienmodell sah jene strikte Trennung der Geschlechterrollen vor, wie sie im Westen Deutschlands dem Idealbild der kleinbürgerlichen Kleinfamilie der fünfziger Jahre entsprach. Da die Familienväter die einzige ökonomische Stütze der Familie waren, war die Sicherung der Vollbeschäftigung, der Vollerwerbstätigkeit und der möglichst ununterbrochenen Erwerbsbiografien notwendig. Frauen verdienten allenfalls hinzu, ihre Löhne waren deutlich geringer, die Sicherheit ihrer Arbeitsplätze und ihre Ausbildung nachrangig, ihre Vollbeschäftigung unerwünscht. Sie übernahmen die Rolle der industriellen Reservearmee nahezu alleine.

Was wir heute an Abbau sozialer Dienste und Sicherheiten erleben, ist die Demontage, die Zerstörung dieses fordistischen Wohlfahrtsstaates, ist die Aufkündigung des Klassenkompromisses durch die Kapitalseite. Die Gründe dafür sind vielfältig. Die vielleicht wichtigsten:

1. Als Gegenkonzept zum Sozialismus wird der Wohlfahrtsstaat nicht mehr gebraucht. Die entfesselten Finanzmärkte gieren nach Geld, das dem Sozial- oder Wohlfahrtsstaat entzogen wird. Der Wohlfahrtsstaat muss ausgenommen werden, weil in ihm viel Geld gebunden ist, Geld, das auf den Finanzmärkten Zinsen und Zinseszinsen verspricht. Das ist der Hintergrund der Privatisierung von Altersversorgung, Gesundheitswesen, öffentlichem Wohnungseigentum, Bildung, Wasser, Bahn, Post, Telekommunikation, Strom, Gas etc. Die viel diskutierte Umverteilung von unten nach oben hat nur einen Zweck: die oben mit frischem Geld zu versorgen.

2. Aber es gibt auch eine Krise des Sozialstaats. Er erodiert von innen. Die Automation und die Informations- und Kommunikationstechnologien haben menschliche Produktionsarbeit in den fortgeschrittenen kapitalistischen Ländern in nie da gewesenem Umfang unnötig gemacht. Weil es dem Kapitalismus nicht gelingen kann und er kein Interesse daran hat, die verbleibende Arbeit gleichmäßig zu verteilen, wurde die Massenarbeitslosigkeit ein unlösbares Problem.

3. Die Zahl der Träger des Klassenkompromisses auf Seiten der Arbeit und damit ihr politisches Gewicht in Gestalt der Gewerkschaften sinkt durch die galoppierende Rationalisierung. Die soziale Basis schrumpft. Dies wird dadurch verstärkt, dass sich die Tätigkeiten der Menschen aus der unmittelbaren Produktion in die Bereiche der Entwicklung und Steuerung, hin zum Überwachen, Vorbereiten, Planen, Verkaufen, Transportieren … verlagern, in sogenannte Dienstleistungstätigkeiten. Viele dieser produktionsnahen Dienstleistungen werden »outgesourct«.

4. Des Weiteren empfanden Emanzipationsbestrebungen vor allem von Frauen, aber auch von Jugendlichen, Homosexuellen und Transidenten den fordistischen Wohlfahrtsstaat als Gefängnis und setzten die Überwindung der Unterordnung und der Rollenzuweisungen auf die Tagesordnung. Frauen sind massenhaft auf den Arbeitsmarkt gedrängt. Der gegenwärtige Demografieknick, über den so ausgiebig gejammert wird, ist Ausdruck der Krise des fordistischen Systems, der Überlebtheit der Ernährerfamilie.

5. Die chronische Unterbezahlung der weiblichen Erwerbsarbeit war zwar immer Grund für linke Kritik, aber Linke und Gewerkschaften haben nie Strategien und Kampfkraft für ihre Überwindung entwickelt. So weckt sie neoliberale Begehrlichkeiten. Denn Frauen bringen nicht nur neue und interessante Kompetenzen und Persönlichkeitsmerkmale mit auf den Arbeitsmarkt, sondern auch den Gender-Lohnabschlag.

6. Und zuletzt wird die Endlichkeit der Ressourcen und die Energieknappheit das zentrale Moment des Fordismus, den Massenkonsum, in Frage stellen. Der Linken insgesamt fehlt diese Analyse, sie nimmt sie nicht zur Kenntnis, sie ignoriert sie. Und das ist kein Zufall. Wichtige soziale Basis der neuen Partei DIE LINKE (nicht unbedingt der alten PDS), eingebracht vor allem durch die WASG, sind gerade die Träger des fordistischen Klassenkompromisses auf der Seite der Arbeit. Sie hatten Vorteile nicht nur durch ihre höheren Löhne, sondern auch durch die Bequemlichkeiten einer Versorgerehe, die die finanzielle Versorgung zwar ihnen auferlegte, die praktische aber ihren Ehefrauen. Ihr Teil war die finanzielle Unabhängigkeit, der ihrer Frauen die Abhängigkeit. Ihnen wurde eine Machtposition in der Familie zuteil, Grundlage für jene Verachtung, die einige den Frauen entgegenbringen. Sie hatten Freiraum für Engagement in der Gesellschaft, der Politik, dem Verein, denn sie waren von Familienpflichten weitgehend freigestellt. All diese Vorteile wollen sie keinesfalls aufgeben, all diese Vorteile verteidigen sie auch mit ihrem Kampf gegen die Rente mit 67, der sich um Altersarmut von Frauen ja gar nicht kümmert. Jener westdeutsche Aufstand, der sich in der WASG-Gründung manifestierte, fußte auf einem Verarmungsschub der männlichen Arbeiter. Arme Frauen, arme Mütter, arme Witwen haben jahrzehntelang nicht ausgereicht. Erst der in die Hartz-IV-Armut abrutschende, 30 Jahre lang malochende Arbeiter machte ein Gerechtigkeitsproblem sichtbar, nicht die sich zwischen Arbeit, Kindererziehung und Geldmangel aufreibende, schon immer arme alleinerziehende Frau.

Das Festhalten der Partei DIE LINKE an der Verteidigung des fordistischen Klassenkompromisses, das Festhalten an der Nicht-Analyse, die Verweigerung einer Strategie, die sowohl den Neoliberalismus als auch den alten Wohlfahrtsstaat überwindet, bietet jenen Kräften eine Basis, die in den Gruppen, im Kreisverband und im Land ihren alten »Herr-im-Hause-Standpunkt« vertreten, den ihnen der alte Wohlfahrtsstaat zubilligte. Dieser »Herr-im-Hause-Standpunkt« gebiert immer wieder neu antiemanzipatorische Positionen und Verhaltensweisen. Er ist Emanzipation insgesamt abgeneigt. Er ist der Schöpfer aller autoritären Wege der Arbeiterbewegung seit ihrem Bestehen.12

Das Festhalten am fordistischen Klassenkompromiss, den die Kapitalseite längst aufgekündigt hat und den auch die eigene Ehefrau kritisiert, erklärt auch die Gleichgültigkeit gegenüber den schlechten Ergebnissen der Partei DIE LINKE bei den Wählerinnen. Es erklärt, warum bei allen Programmentwürfen mit Mühe und Not noch die feministische Petersilie untergebracht werden kann, aber eine durchgehende Berücksichtigung der Geschlechterverhältnisse in der Programmatik nicht nur nicht verstanden, sondern eben auch abgelehnt wird. Es erklärt, warum das Erziehungsgehalt, das Christa Müller in die Diskussion brachte, als sozialer Fortschritt gesehen werden kann, aber der emanzipatorische Rückschritt nicht. Es erklärt, warum dies auch von Oskar Lafontaine so gesehen wird. Sein Populismus ist Interessenvertretung. Insofern haben wir es mit einer Linken zu tun, die, wenn sie nicht lernt, feministisch zu werden, nicht links wird.

Judith Butler
Berkeley, USA

Dr. Judith Butler, Professorin für Rhetorik und vergleichende Literaturwissenschaft an der European Graduate School in Saas-Fee, Schweiz, und an der University of California, Berkeley, USA.

Literaturhinweise: Das Unbehagen der Geschlechter, Frank­furt/M. 2003; Die Macht der Geschlechternormen und die Grenzen des Menschlichen, Frankfurt/M. 2009; Raster des Krieges, Frankfurt/M. 2010.

In Prozesse der Prekarisierung13 eingreifen

Das Linkssein ist immer das, was neu zu durchdenken ist. Demnach ist das neue Durchdenken Teil dessen, was es heißt, links und in der Linken zu sein. Ich denke dazu: Es ist zwingend erforderlich, die Prozesse der Minderheitenbildung im Licht der gegenwärtigen Kriege in Afghanistan und im Irak und der israelischen Angriffe auf die palästinensische Bevölkerung neu zu durchdenken und zu verstehen, wie diese Kriege die politische Diskussion über Einwanderung, den Status des Rechts, die Moral der Folter sowie über Sexualpolitiken und auch den Feminismus in Europa und den USA strukturieren. Dabei gehe ich davon aus, dass Denkmuster weithin akzeptiert worden sind, die Minderheiten gegeneinander ausspielen und die in der Linken das Gefühl einer Ausweglosigkeit erzeugen. Ich behaupte, dass die Linke dadurch gestärkt wird, dass sie ihre kritische Aufmerksamkeit auf den Staat, insbesondere auf staatlichen Zwang richtet und auf die Macht staatlicher und nichtstaatlicher Institutionen, über Fragen der Staatsbürgerschaft zu entscheiden und damit darüber, welche Art Leben als berechtigt zu betrachten ist und welche nicht.

Dazu gehört das Begreifen, weshalb und in welcher Weise bestimmte Teile der Bevölkerung in Bedingungen ernster Prekarität geworfen werden, und die Suche nach Analysen und Bündnissen, die uns über die gewohnten Konzepte von Multikulturalismus und Identitätspolitik hinausbringen. Ich möchte des Weiteren behaupten, dass Bündnisse, um lebendig, einschließend und zielgerichtet zu bleiben, innere Antagonismen, den offenen Streit über Glauben und Praxis bejahen können müssen. Das wird meines Erachtens möglich, wenn die Linke sich auf staatliche Gewalt, staatlichen Zwang und die verschiedenen Formen radikal ungleicher Verteilung der Prekarität auf unterschiedliche Teile der Bevölkerung konzentriert. Minderheitenbildung ist ein Prozess, der auf sehr spezielle Weisen funktioniert, aber er bringt Bedingungen für Bündnisse hervor, insbesondere wenn überkommene Bezugssysteme im Dienst einer Kritik zunichtegemacht werden, die sich auf die Verknüpfung der gegenwärtigen Kriege mit den selbstverständlichen politischen Denkformen konzentriert.

Über Bündnisse nachzudenken ist nicht einfach, und Bündnisse selbst sind nichts Einfaches. Manche glauben, wir müssten lediglich den Diskurs über Rechte stärken und Verbands- und Gruppenrechte durchsetzen. Einige haben für Verbandsrechte lokaler religiöser Gemeinschaften plädiert, mit der Begründung, dass der Entzug solcher Rechte zur Entmündigung solcher Gemeinschaften führe oder sogar zu ihrer Entwurzelung (Woodhead 2008). Natürlich müsste ein solches Projekt in der Lage sein, Gemeinschaften örtlich festzulegen, und sie als stabile und selbständige Einheiten behandeln, was zu komplizierten Entscheidungen darüber führen würde, wie sich Gruppenzugehörigkeit bestimmt. Der Vorteil eines solchen Ansatzes ist zwar, dass er einen gewissen Individualismus durch die Vorstellung von Gruppenrechten ergänzt, die Beschränkung liegt aber darin, dass die »Gruppe« oder die »Gemeinschaft« als einheitliches Subjekt wirkt, wo doch gerade jetzt neue gesellschaftliche Formationen erfordern, dass wir über solche mutmaßlichen Einheiten hinaus oder gegen sie denken.

Die Strategie, ein Bündniskonzept von Staatsbürgerschaft wie auch von Verbandsrechten zu entwickeln, mag der Ausweitung bestehender demokratischer Normen hin zu mehr Inklusion und zur Überwindung von Pattsituationen zwischen individuellen und religiösen Ansprüchen und Rechten dienen. Zweifellos bergen solche Strategien Stärken und Versprechen. Ich möchte nur auf das Spannungsverhältnis aufmerksam machen zwischen einer Ausweitung bestehender normativer Begriffe von »Bürger«, »Anerkennung« und »Rechten« einerseits, um die gegenwärtige Ausweglosigkeit zu fassen und zu überwinden, und andererseits dem Ruf nach einem alternativen Vokabular, der in der Überzeugung gründet, dass die normativen Diskurse aus Liberalismus und Multikulturalismus gleichermaßen untauglich sind, um neue Subjektbildungen und neue Formen sozialer und politischer Antagonismen zu erfassen.

Obwohl ich die Bedeutung sozialer und kultureller Konflikte in der gegenwärtigen Politik nicht unterschätzen möchte, will ich »Ausweglosigkeit« nicht als unumgängliche Struktureigenschaft von Multikulturalismus ansehen, wie verbreitet diese Deutung einer »Pattsituation« zum Beispiel zwischen religiösen und sexuellen Minderheiten auch ist. Es gibt zahlreiche religiöse Schwulen- und Lesbengruppen, von denen einige für Teile der Homoehen-Kampagnen in den USA verantwortlich waren. Es gibt Koalitionen zwischen »Queeren« und »illegalen Einwanderern« oder sans papiers in den USA und Europa, die zusammenarbeiten, ohne im Vorfeld ihrer Bündnisbemühungen in Konflikt über sexuelle Identität und religiösen Glauben zu geraten. Es gibt zahlreiche Netzwerke von muslimischen Lesben und Schwulen (etwa im Club SO36 in Berlin-Kreuzberg), die zeigen, dass der Gegensatz kein notwendiger ist.14 Wenn wir bedenken, welch negativen Einfluss der Status der HIV-Infizierung auf die Möglichkeit von Individuen hat, zu migrieren oder angemessene Gesundheitsversorgung zu bekommen, wird deutlich, wie unter dem Dach der Einwanderungspolitik Gemeinschaften, die für Rechte kämpfen und durch Zusammenschluss von Identitäten gekennzeichnet sind, gebildet werden können. Wenn die Begriffe Multikulturalismus und Anerkennungspolitik entweder die Reduktion des Subjekts auf eine einzige definierende Eigenschaft oder die Konstruk­tion eines mehrschichtig bestimmten Subjekts verlangen, dann sind wir noch nicht in der Lage, uns der Herausforderung der kulturellen Metaphysik zu stellen, die sich durch die Bildung neuer globaler Netzwerke und Institutionen ergibt und die verschiedene dynamische Bestimmungen gleichzeitig durchkreuzt und anregt.

Wenn solche Netzwerke Grundlage politischer Bündnisse sind, sind sie weniger durch »Identität« oder allgemein akzeptierte Anerkennungsformen zusammengehalten als durch Formen politischer Opposition gegen staatliche oder andere Regulierungspolitik, die dazu führt, dass Menschen ausgeschlossen oder ausgestoßen werden, teilweise oder vollständig ihre Staatsbürgerschaft verlieren, untergeordnet oder erniedrigt werden und dergleichen. In diesem Sinne beruhen Bündnisse nicht notwendigerweise auf Subjektpositionen oder darauf, Unterschiede zwischen Subjektpositionen zu versöhnen; tatsächlich können sie auf sich zeitweilig überschneidende Ziele gegründet werden und können – müssen vielleicht – aktive Antagonismen darüber enthalten, was sie sein wollen und wie sie das am besten erreichen. Sie sind bewegliche Felder von Differenzen in dem Sinn, dass »durch andere bewirkt zu sein« und »auf andere einzuwirken« Teil der sozialen Ontologie des Subjekts ist, so dass »das Subjekt« weniger eine klar umrissene Substanz als eine aktive und veränderliche Menge von Wechselbeziehungen ist.

Ich bin keineswegs überzeugt, dass es einen »vereinigenden« Begriff gibt, der alle Formen der Enteignung abdeckt, die Minderheitenpolitiken verbinden, noch dass man einen solchen für die strategischen Zwecke politischer Bündnisbildung braucht. Aber es ist notwendig, dass alle, die an einem solchen Bündnis mitarbeiten, sich aktiv daran beteiligen, die Kategorie »Minderheit« zu durchdenken, wo sie die Grenzen durchkreuzt, die Staatsbürger vom Nichtstaatsbürger trennen. Durch den Fokus auf Staat und Regulierungsmächte und darauf, wie sie die Debatte inszenieren und die Begriffe für politische Ausweglosigkeiten fertigen, überschreiten wir den Denkrahmen, der binäre Gegensätze unterstellt oder aus einer komplexen Formation einen »Konflikt« derart gewinnt, dass die Inszenierungs- und Zwangsdimensionen normativer Rahmen verdeckt werden. Indem die Machtfrage ins Zentrum der Debatte gerückt wird, müssen sich die Begriffe ändern und dabei politisch reak­tionsfähig werden.

Wie inszenieren also Machtformen, einschließlich der Staatsmacht, das Feld binärer Gegensätze, das zwei getrennte, durch einzelne oder mehrere Eigenschaften bestimmte und sich gegenseitig ausschließende Subjekte erfordern? Solche Subjekte als gegeben zu unterstellen heißt, die kritische Aufmerksamkeit von den Operationen der Macht selbst, einschließlich der »Inszenierungseffekte« der Macht in der und auf die Subjektbildung, wegzulenken. Folglich warne ich vor den Erzählungen einer Fortschrittsgeschichte, in denen der binäre Konflikt entweder durch umfassendere und einschließende liberale fortschrittliche Bezugsrahmen überwunden wird oder die Fortschrittsillusion selbst zum definierenden Element des Kampfs zur Verteidigung des Liberalismus wird. Im ersten Fall entwickeln wir einschließendere Bezugsrahmen, um den Antagonismus aufzulösen. Im zweiten Fall behaupten wir, dass die säkulare und fortschrittliche Alternative das sine qua non liberaler Demokratie ist, und erklären allen Bemühungen, die Notwendigkeit, Zulänglichkeit und den Wert dieses Rahmens zu überdenken und in Frage zu stellen, den Krieg. Die erste Erzählung charakterisiert dialektische, pragmatistische und fortschrittliche Auffassungen von Geschichte; die zweite macht das »Fortschrittliche« zum einen Pol eines Konflikts und erklärt jedes nichtsäkulare und antifortschrittliche Vokabular zur Bedrohung für den Liberalismus, einschließlich aller Bemühungen, ein anderes Vokabular zu entdecken oder zu entwickeln, mit dem über neu entstehende Subjekte und wirkungsvolle Sprachen, Medien und Ausdrucksweisen für politische Rechte nachgedacht werden kann.

Ich stelle mir gewiss kein »nahtloses« Bündnis von religiösen und sexuellen Minderheiten vor. Es gibt solche Bündnisse, also ist es sinnvoll zu fragen, wie sie gebildet sind. Und es ist auch sinnvoll anzunehmen, dass der Antagonismus durchaus eine bleibende Eigenschaft solcher Bündnisse sein kann. Vielleicht schließen Bündnisse gewisse Brüche, Misserfolge, fortbestehende Antagonismen ein. Und wenn ich »einschließen« sage, meine ich damit nicht, dass das Bündnis solche ­Antagonismen kittet oder auflöst. Im Gegenteil möchte ich mit Laclau und ­Mouffe (1991) daran festhalten, dass der Antagonismus das Bündnis offen hält und die Idee einer Versöhnung als Ziel aufhebt. Was ein Bündnis zusammenhalten kann, ist eine andere Frage, als was es beweglich hält. Und was es beweglich hält, ist meines Erachtens der dauernde Fokus auf die Machtformationen, die über die scharfe Identitätsdefinition der am Bündnis Beteiligten hinausgehen. In diesem Fall müsste sich das Bündnis auf Zwangsmittel des Staates (von Einwanderungstests bis zur direkten Folter) und die Anrufungen (und Simplifizierungen) von Subjekt, Natur, Kultur und Religion konzentrieren, die den ontologischen Horizont hervorbringen, in dem staatlicher Zwang notwendig und gerechtfertigt erscheint.

Die Staatsmacht agiert innerhalb eines ontologischen Horizonts, der mit Macht gesättigt ist, die der Staatsmacht vorausgeht und sie übersteigt. Folglich können wir Macht nicht richtig verstehen, wenn wir immer den Staat im Zentrum ihres Wirkens sehen. Der Staat greift auf nichtstaatliche Machtoperationen zurück und kann selbst nicht ohne diese Machtreserve funktionieren, die nicht durch ihn organisiert wird. Hinzu kommt – und das ist nicht sonderlich neu –, dass der Staat gewisse Machtoperationen gleichzeitig produziert und voraussetzt, die hauptsächlich durch Schaffung einer Reihe »ontologischer Gegebenheiten« wirken. Zu diesen Gegebenheiten gehören ebendie Vorstellungen von Subjekt, Kultur, Identität und Religion, die innerhalb besonderer normativer Bezugsrahmen unbestritten bleiben und auch nicht bestritten werden können. Wenn wir also in diesem Zusammenhang von »Bezugsrahmen« sprechen, reden wir nicht bloß über theoretische Perspektiven, die wir in die Politikanalyse bringen, sondern über Sinnverständnisweisen, die für das Funktionieren des Staats förderlich sind und damit selbst Machtausübung darstellen, auch wenn sie den spezifischen Bereich der Staatsmacht überschreiten.

Vielleicht wird die »Ausweglosigkeit« am besten wahrnehmbar, wenn sie nicht zwischen dem Subjekt einer sexuellen und dem einer religiösen Minderheit auftritt, sondern zwischen einem normativen Bezugsrahmen, der solche in gegenseitigem Widerstreit befindliche Subjekte erfordert und produziert, und einer kritischen Perspektive, die in Frage stellt, dass und wie solche Subjekte außerhalb dieses mutmaßlichen Antagonismus – oder in anderem Verhältnis dazu – existieren. Das hieße dann zu bedenken, inwiefern dieser Bezugsrahmen eine Weigerung voraussetzt und hervorruft, die Komplexität der historischen Entstehung religiöser/sexueller Bevölkerungen und Subjektbildungen zu verstehen, die nicht auf eine der Identitätsformen reduzierbar sind. Einerseits kann man sagen, dass solche Reduktionen, wie verfälschend auch immer, notwendig sind, weil sie normative Urteile in einem festgelegten und als Wissen verfügbaren Bezugsrahmen ermöglichen. Das Verlangen nach epistemologischer Gewissheit und sicherem Urteil bringt so eine Reihe ontologischer Verbindlichkeiten hervor, die wahr oder falsch sein mögen, die aber für notwendig erachtet werden, um an bestehenden epistemologischen und ethischen Normen festzuhalten. Andererseits richten die Praxis der Kritik und die Praxis der Bereitstellung adäquateren historischen Wissens ihr Augenmerk auf die von den normativen Bezugsrahmen erzeugte normative Gewalt und bieten damit eine alternative Bedeutung der Normativität selbst – eine, die weniger auf vorgefertigten Urteilen als auf einer Art vergleichendem auswertendem Schließen beruht, zu dem man durch die Praxis des kritischen Verstehens gelangt.

Trotzdem muss jedes kritische Verstehen sich auf das Prekärsein des Lebens einstellen, daher möchte ich zur Vorstellung der »Prekarität« als einem nachdrücklich nicht-identitären Begriff zurückkehren, der linke Politik stützt. Wenn wir das Prekärsein des Lebens als Ausgangspunkt nehmen, gibt es kein Leben ohne Bedarf an Obdach und Nahrung, kein Leben ohne Abhängigkeit von größeren Netzwerken von Gemeinschaft und Arbeit, kein Leben, das Verletzlichkeit und Sterblichkeit überwindet. Wir könnten dann einige der kulturellen Folgen militärischer Macht heute als Versuch analysieren, das Prekärsein für andere zu maximieren, während das Prekärsein der betreffenden Macht minimiert wird. Diese ungleiche Verteilung der Prekarität ist zugleich eine materielle Frage und eine der Wahrnehmung, denn jenen, deren Leben nicht als potenziell betrauerbar und dementsprechend wertvoll »betrachtet« wird, wird die Last des Verhungerns, der Unterbeschäftigung, der gesetzlichen Entrechtung und des ungleich größeren Risikos von Gewalt und Tod aufgebürdet.

Diese allgemeine Bedingung von Prekärsein und Abhängigkeit wird in bestimmten politischen Formationen ausgebeutet und in Abrede gestellt. Kein noch so großer Wille oder Reichtum kann die Möglichkeit ausschließen, dass ein lebender Körper krank wird oder einen Unfall hat, auch wenn beide im Dienste einer solchen Illusion mobilisiert werden können. Diese Gefahren gehören zur Vorstellung des als endlich und prekär angesehenen körperlichen Lebens selbst; sie implizieren, dass der Körper immer dem Gemeinwesen und der Umwelt überantwortet ist, die seine individuelle Autonomie begrenzen. Aus der von allen geteilten Bedingung des Prekärseins folgt, dass der Körper konstitutiv gesellschaftlich und in wechselseitiger Abhängigkeit ist. Und doch versuchen die gegenwärtigen Kriege, genau diese unumkehrbare wechselseitige Abhängigkeit zu leugnen. Die Logik und Praxis ungezügelter politischer Herrschaft – wie wir sie unter dem Bush-Regime erlebten – strebt nach der Herstellung eines nationalen Subjekts, das sich selbst als undurchdringlich, unabhängig betrachtet, seine eigenen Verfassungsrechte aussetzt und die Souveränität anderer Nationen missachtet. Erinnern wir uns, dass die von den USA errichteten und unterhaltenen Kriegsgefängnisse Orte sind, wo kein legitimes Recht herrscht, wo Staatsbürgerrechte und internationaler Schutz ausgesetzt sind. Die Begründungen für diese Kriege waren ebenso außerrechtlich und haben endlose Verwirrung darüber gestiftet, ob diese Kriege dem Terror, der Tyrannei oder dem Islam selbst gelten. Mit dem Ergebnis, dass die Produktion des »islamischen Extremisten« als Repräsentant des Islam nicht nur als Teil jener Ideologie fungiert, die die Fortführung des Krieges begründet, sondern auch als Gespenst in der Einwanderungspolitik wiederkehrt, die, besonders in Frankreich und den Niederlanden, strenge Richtlinien der Loyalität und »kulturellen Integration« geltend macht. Die Einwanderungspolitik bildet die heimische Entsprechung dieser aktuellen Kriege, so dass Europa verstanden wird als mit der Verteidigung seiner Grenzen gegen mögliche Invasoren befasst, gegen Verunreinigung nicht nur in der Zukunft, sondern gegen die kulturelle und »rassische« (racial) Komplexität seiner gegenwärtigen Bevölkerung.

Und doch macht die offizielle Begründung, die für solche Kriege gegeben wird, oftmals unzulässigen Gebrauch von fortschrittlicher Politik. Im Krieg gegen Afghanistan gab es unzulässige Beschwörungen von »Feminismus«, als die USA für sich in Anspruch nahmen, afghanische Frauen aus ihrer Unterdrückung zu befreien. Dass jüngst Ayaan ­Hirsi Ali gefeiert wird, stellt eine ähnliche Bemühung dar, Feminismus als antiislamisch zu definieren und den »Westen« als sicheren Hafen für Frauen zu feiern. Ähnlich behaupteten die niederländischen Staatsbürgerschaftstests, die Verteidigung von Homosexuellenrechten sei Zeichen ihrer Modernität. In diesen Fällen werden sowohl Feminismus als auch fortschrittliche Sexualpolitiken dazu instrumentalisiert, religiöse und ethnische Minderheiten zu dämonisieren und herabzusetzen. Im Ergebnis können wir erkennen, wie der Staat in der Kriegsrhetorik und in der Einwanderungs­politik versucht, sexuelle Minderheiten und Frauen von neuen und jüngeren religiösen Minderheiten zu trennen. Mit anderen Worten: Der Staat versucht die Möglichkeit eines Bündnisses, das aus sich überschneidenden Prozessen der Minderheitenbildung entstehen kann, zu untergraben. Diese Fassung der gegenwärtigen Situation übersieht, dass diese verschiedenen Identitäten einander bereits kreuzen und wichtige Bindungen unterhalten: Es gibt muslimische feministische Bewegungen, arabische Schwulenorganisa­tionen und -bars und verschiedene Formen der Bündnispolitik, in denen eine Reihe von Leuten aus all diesen Gruppen zusammenarbeiten, um sich gegen Diskriminierung, gesetzliche Entrechtung, Polizeischikane und staatlichen Zwang zu wehren.

Ich möchte mit zwei Punkten schließen. Erstens: Ein neues Verständnis der Linken bleibt nicht bei einer neuen und komplexen Reflexion über Prozesse der Minderheitenbildung stehen, die die Entstehung und Auslöschung verschiedener Gruppen beeinflussen. Zweitens: Wir müssen die wichtige Frage der Prekarität einbeziehen. Diejenigen, deren Leben Hunger, Obdachlosigkeit, Armut, gesetzlicher und politischer Entrechtung und mangelnder Gesundheitsversorgung ausgesetzt ist, bilden prekäre Bevölkerungen, solche, deren Leben extremen Bedingungen von Prekarität unterworfen ist. Wir könnten zwar sagen, dass jedes Leben prekäres Leben ist, dennoch bleibt wahr, dass manches Leben in die Prekarität gestoßen, nicht als schützenswert, nicht als wertvoll angesehen wird, ja nicht einmal als betrauernswert, wenn es verloren wird. Das nicht betrauerbare Leben ist das Leben, das nie als Leben angesehen wurde, und somit auch das unlebbare Leben. Wir müssen die konventionellen Modelle des Multikulturalismus überschreiten, um zu verstehen, wie Prekarität ungleich verteilt ist.

Der Widerstand gegen die ungleiche Verteilung der Prekarität ist ein wichtiger Punkt für jedes zukünftige Bündnis. Entsprechend müssen sich Bündnisse und Allianzen weiter dem Kampf sowohl gegen Rassismus als auch gegen Homophobie verpflichten, sowohl gegen einwanderungsfeindliche Politik als auch gegen mannigfaltige Formen von Frauenfeindlichkeit. Eine starke Bewegung auf der Linken muss Bündnisse mit religiösen und sexuellen Minderheiten gleichermaßen suchen und aufrechterhalten und sich auf die Kritik von staatlichem Zwang und staatlicher Gewalt konzentrieren. Diese letztgenannte Kritik würde auch zu einem Argument gegen die gegenwärtigen Diskurszwänge im politischen Denken, die Minderheitenpositionen und -interessen polarisieren.

Ich will nicht behaupten, dass Bündnisse immer glücklich sind oder immer funktionieren. Ich denke vielmehr, dass es Antagonismen gibt, die zum Bündnis dazugehören, und dass der Antagonismus Bündnisse offen, selbstkritisch und dynamisch hält. Die Frage ist, wie man im Rahmen von Bündnissen Antagonismen aufrechterhalten kann, und das bedeutet, den temporären und unbeständigen Charakter dieser sozialen Form zu akzeptieren. Wie denken wir über einen Kampf, in dem Subjekte durch die politischen Ziele des Kampfes und durch ihre Zusammenarbeit verändert werden? Wird das Subjekt auf diese Weise zum Gemeinwesen? Und wie denken wir über diese Transformation selbst als Ziel der Bewegung selbst? Ein Grund für die Unmöglichkeit, das Subjekt als Grundlage für Politik zu nehmen, besteht darin, dass es ständig im Prozess der Formung ist. Es wird nicht nur von und durch Macht geformt, sondern auch im Verhältnis zu anderen Subjektformierungen. Das Subjekt wird etwas anderes kraft seiner politischen Aktivität, was bedeutet, dass das Subjekt kein fester Ausgangspunkt ist. Und es strebt auch nicht einfach oder immer danach, zu sich zurückzukehren. Was, wenn es keine Rückkehr zum früheren Selbst gibt? Was, wenn wir alle als Folge neuer politischer Herausforderungen, denen wir begegnen, Veränderungen durchmachen müssen? Das Subjekt, das in ein Bündnis eintritt, ist dann nicht dasselbe wie das Subjekt, das durch das Bündnis transformiert wurde. Und die politische Praxis transformiert das Subjekt der Politik. Das bedeutet auch, dass dort nicht die erhoffte Ordnung erneuert wird, sondern lediglich die Aufgabe, in neuer Unordnung ­einen Sinn zu finden, der uns mehr oder weniger zusammenhält.

Literatur

Laclau, Ernesto, u. Chantal Mouffe (1991): Hegemonie und Radikale Demokratie. Zur Dekonstruktion des Marxismus. Wien.

Woodhead, Linda (2008): »Secular Privilege, Religious Disadvantage«, in: British Journal of Sociology 59.1, S. 53–58

Gabriela Cañas
Madrid, Spanien

Gabriela Cañas ist als Journalistin auf gesellschafts­politische Themen spezialisiert; seit 1981 gehört sie zur Redaktion der spanischen Tageszeitung El País; 2002 wurde sie mit dem Journalistinnenpreis des Red Europea de Mujeres Periodistas (Verband europäischer Journalistinnen) ausgezeichnet.

Von Klamotten und Silikon15

Körperkult setzt sich durch, und Frauen übernehmen die Rolle des Hypersexualisierten (des Sexsymbols), die man von ihnen erwartet angesichts der Schwierigkeiten, sich in einer durch das Gewicht von Geld und männlichen Werten aus dem Gleichgewicht geratenen Gesellschaft zu behaupten.

Es ist schade, dass Frauen sich nicht wie die Männer eine kleine Auswahl an Uniformen zugelegt haben, um jegliche ideologische Last zu vermeiden, die immer noch auf weiblicher Kleidung liegt. Die Sache ist von derartiger Tragweite, dass der Versuch, ein weibliches Kleidungsstück, den Ganzkörperschleier, zu verbieten in den letzten Monaten eine lange und erbitterte Debatte ausgelöst hat, an der Männer genauso teilgenommen haben wie Frauen (ein Phänomen, das es extra zu untersuchen gälte).

In dieser aufgeheizten und leidenschaftlichen Debatte wurden zwei Auffassungen vertreten: die Verteidigung der Würde der Frau und die Ungereimtheiten der westlichen Gesellschaft und Kultur, die geneigt ist, diejenige zu verfolgen, die sich übertrieben bedeckt, und diejenige zu tolerieren, die genau das Gegenteil tut.

Zur Würde der Frau haben sich auch die radikalsten Imane zu Wort gemeldet, um für die freie Wahl (?), den Schleier zu tragen, einzutreten. Die westlichen Ungereimtheiten sind dabei jedoch mit einem Schleier bedeckt worden, der noch undurchdringlicher ist als die Burka. Die Burka ist nicht die entscheidende Frage, aber vielleicht eine grobe Falle zur Ablenkung von der eigentlichen Frage. Vielleicht ist es aber auch nur so, dass viele von uns verblüfft all die Einzelheiten des öffentlichen Auftretens und Verhaltens von Frauen beobachten, die uns einen Hinweis darauf geben, dass wir uns in einer gewissen Lähmung befinden, was den Kampf für die Frauenbefreiung betrifft.

Beispiele gibt es viele, und alle zeigen, dass die westliche Frau offensichtlich Sklavin ihres Körpers und des von ihr geforderten hypersexualisierten Stereotyps ist. Diese Sklaverei beruht auf denselben Vorurteilen, mit denen der Ganzkörperschleier verteidigt wird. Es geht in beiden Kulturen um den Körper der Frau als Objekt männlichen Begehrens, egal, ob er vor anderen versteckt oder umgekehrt zur Schau gestellt wird, um männliches Gefallen zu finden.

Während sich junge Frauen Samstagnacht frech als Lolitas aufmachen und andere mit Magersucht kokettieren, werden sie von ihren Freunden in Gossensprache auf ihre Funktion als Sexualwesen reduziert. Die gängige Mode verlangt leichte Kleidung als ausdrückliche sexuelle Einladung an Männer, die deutlich mehr anhaben. Schauspielerinnen bearbeiten ihren Körper mit Diäten und Skalpell. Fotomodelle machen den größten Eindruck, wenn sie den Laufsteg nutzen, um intime Einblicke zu gewähren, und erfolgreiche berufstätige Frauen verbringen ihren Tag auf Stöckelschuhen, die zwar ihren Rücken kaputt machen, aber Symbol von Eleganz und Weiblichkeit sind.

Martha Nussbaum, Philosophie-Professorin an der Universität Chicago, erinnert in einem kürzlich in der New York Times erschienen Artikel daran, dass die Burka als erniedrigendes Gefängnis betrachtet wird, und fragt: »Und was ist mit dem erniedrigenden Gefängnis der Schönheitschirurgie?« Vielleicht erscheint uns das als ein übertriebener Vergleich, aber ich fürchte, es gibt nur wenige Frauen in unserer Konsumgesellschaft, die die sozialen Erwartungen ans Frauenbild nicht als Zentnerlast empfinden, welche sie neben ihrer Doppelbelastung als berufstätige Hausfrau auch noch zu Sklavinnen ihres Körpers macht.

Folglich widmet sich eine Mehrheit mit Verbissenheit dem verrückten Wettlauf mit den natürlichen Altersanzeichen und widmet sich dem stetigen Kampf gegen Fettpölsterchen (die dort sind, wo sie natürlicherweise sein sollen), gegen das Alter, gegen schlaffe Haut und graue Haare, um nur einige Schlachtfelder zu nennen, die sich ohne Unterlass auftun und natürlich die Frage der Kleidung einschließen, die ununterbrochen erneuert werden muss und niemals ausreicht für das aktive Leben, das die große Mehrheit führt.

Einige soziologische Studien zeigen, dass Frauen, die am meisten auf ihr Äußeres achten, diejenigen sind, die eine gewisse Stellung im Beruf erreicht haben, und nicht die ohne Berufsarbeit, die dafür mehr Zeit hätten. Das hat damit zu tun, dass ein entsprechendes Äußeres geradezu unverzichtbar für den sozialen Erfolg einer Frau ist. Die systematisch von Männern kontrollierten Medien legen die Stereotypen unserer Zeit fest. Wenn man sich einfach nur die Gesichter anschaut, die gewöhnlich auf dem kleinen Bildschirm zu sehen sind, reicht das, um das feste Band von Erfolg und Aussehen zu bestätigen. Ein Außerirdischer, der eben erst auf der Erde gelandet ist, würde aus dem Fernsehen sofort schließen müssen, dass Männer Wesen von großer antropomorpher Vielfalt und großer Langlebigkeit sind, während Frauen grazile, bunte Kreaturen sind, die früh sterben, weil man kaum je eine Frau jenseits der vierzig sieht. Leider macht das feste Bild, das wir den Kindern, die ebenso wie der Außerirdische noch nicht lange bei uns sind, präsentieren, diese reale Ungleichheit nur zu deutlich. Das Talent von Frauen, über das auch nach Jahren des Vergleichs akademischer Grade niemand redet, ist als Wert immer noch relativ und nebensächlich. Kaum eine Sängerin macht im Showgeschäft Karriere, wenn sie sich darauf beschränkt, schöne Lieder zu komponieren und treffend vorzutragen. Nur eine suggestive Ausstrahlung macht sie zu einem Star. Auf diese Weise haben wir eine Welt der Schizoiden geschaffen, in der man die jungen Frauen einlädt, wie die Löwinnen zu studieren und sich wie Panther anzuziehen. Denn wenn nicht, wird das Glück ihnen nicht hold sein.

Ende Juni (2010) feierte die Presse die Wahl von Julia Gillard als erste Premierministerin von Australien. Zum ersten Mal in der Geschichte dieses Landes wird eine Frau der Exekutive vorsitzen, die den Wahl­ergebnissen vom Wochenende zufolge nicht lange im Amt bleiben könnte. Und beim Blick in die Welt springt uns die starrsinnige und entnervende Realität an: Sieben Premierministerinnen und zehn Staatschefinnen weltweit. Auf demselben Rekordstand befanden wir uns schon 1995, und seitdem hat sich nichts mehr getan.

Im letzten Jahrzehnt hat sich der Vormarsch der Frauen (der zweifellos enorm ist) verlangsamt, wenn er nicht überhaupt stagniert in einer Gesellschaft, die von diesem Neo-Machismo beherrscht wird, über den schon Amparo Rubiales nachgedacht hat und der uns raffiniert seine Regeln aufzwingt; so mächtig, dass eine Frau fürchten muss, als puritanisch gebrandmarkt zu werden, wenn sie die schamlose Ausbeutung des weiblichen Körpers kritisiert. Die Europäer verdienen 15 Prozent mehr als die Europäerinnen, und der Kommission zufolge gibt es keine Hinweise, dass dieser Graben schmaler wird. Die Verwaltungsräte bilden weiterhin eine Mauer gegen Frauen, es gibt keine Quotenregelung, die an den Märkten greift, die gebieten, wie die Krise gezeigt hat.

Es sieht so aus, als hätten sich die Frauen, müde von so viel sinnlosem Kampf, angesichts seiner Unbesiegbarkeit mit dem Feind verbündet. Der klassische Feminismus hat nicht den Glanz, den die heutigen Zeiten erfordern. Gegen die Ungleichheit bei der Bezahlung und Behandlung von Frauen aufzubegehren ist, als würde man das Ende des Hungers auf der Welt fordern, es ist unattraktiv für die Massenmedien. Sie bevorzugen bei allen Frauenthemen die Stereotypen, in die sich so viele gefügt haben.

Blicken wir in die Geschichte zurück, die wir abgeschlossen haben: Männer haben in allen Bereichen Geschichte gemacht. Die Welt quillt über von Stierkämpfern, Schauspielern, Fußballern, Tennisspielern, Politikern, Gurus neuer Technologien, Unternehmern, Radfahrern …Nur sie scheinen eine große Auswahl an Berufen zu haben, und nur sie scheinen das Monopol darauf zu haben, ihr Land mit Tränen in den Augen und der Hand auf ihrem Herzen zu vertreten.

Damit die Medien einer Frau breiten Raum für positive Darstellungen geben, eifert sie am besten Lady Gaga und ihren schrillen Videoclips, ihrer Leidenschaft für schräge Kostüme und ihrer Diskomusik nach. Sie unterwirft sich nicht nur dem Stereotyp, sie verwandelt es auch noch in Gold. Um die Zeitungsenten über die mutmaßliche Eifersucht der ­neuen Favoritin gegenüber zu widerlegen (die Rivalität der Frauen ist ein alter, aber gültiger Topos), führten beide im Fernsehen einen erotischen Scheinkampf nach Art der Katzen auf. Und machen Kasse.

Wir leben in einer Zeit, die neue Formen gefunden hat, die männlichen Werte zu heiligen. Zeiten, in denen das Ungleichgewicht, verursacht vom Gewicht der Macht, des Geldes und des Testosterons bestehen bleibt, und in der die Frauen, besser ausgebildet denn je, sich nachweislich großen Schwierigkeiten gegenübersehen, ihren Platz zu finden.

Cynthia Cockburn
London, Großbritannien

Dr. Cynthia Cockburn, Professorin der Sozio­logie an der City University London.

Veröffentlichungen: Die Herrschaftsmaschine, Hamburg 1988; The Space Between Us: Negotiating Gender and National Identities in Conflict, London 1998; From Where We Stand: War, Women’s Activism and Feminist Analysis. London/New York 2007.

Die feministische Agenda in die Linke tragen – geht das?

Für mich wie für viele Frauen, die in den 1960er und 70er Jahren des letzten Jahrhunderts politisch wurden, war der erste Schritt in Richtung Feminismus eine Marx-Lektüregruppe. Wir entdeckten das Kapital, Band 1, und die Deutsche Ideologie (oder entdeckten sie wieder, falls wir sie schon kannten). Wir lasen mit Bewunderung, kritisierten aber auch mit einem neu erwachten Frauenbewusstsein. Da war Arbeit – aber wo war unbezahlte Arbeit, Ausbeutung von Frauen? Da waren Klassenunterschiede – aber wo war Geschlechterdiskriminierung? Da war die Reproduktion kapitalistischer Klassenverhältnisse – aber wo war die biologische Reproduktion? Diese (Neu-) Lektüre war für viele von uns ein Sprungbrett für die Forschung über Arbeit und Arbeitsprozesse. Sie half auch denen von uns, die wie ich an Geschlecht, Qualifikation und technologischer Entwicklung (Produktivkräften) interessiert waren.

Ein Verständnis von Herrschaft zu entwickeln bedeutete für uns als Feministinnen jedoch mehr, als marxistische Theorie zu erweitern. Wir verlangten die Klärung des Verhältnisses zwischen kapitalistischer Klassenherrschaft und Patriarchat bzw. männlicher Herrschaft über Frauen. Wir Feministinnen trugen interne Kämpfe aus. Sollten wir Kapitalismus als kapitalistisches Patriarchat (patriarchalen Kapitalismus) betrachten, also als ein einziges System mit zwei verschiedenen Auswirkungen? Oder als zwei Systeme in unheilvoller Interaktion (dies nannten wir »dual economy«)?

Diese Fragen blieben unbeantwortet, denn in den späten 1980ern hatte uns der Thatcherismus (Neoliberalismus) im Griff und delegitimierte das Ziel des Sozialismus, die Möglichkeiten der Gemeinschaft und die Vermittlung im Staat. Das war ein schwerer ideologischer Schlag gegen uns. Trotzdem gab es für mich und vielleicht auch für andere in den späten 1980ern gute und vernünftige Gründe, darüber nachzudenken, was Sozialismus für uns bedeutete.

Ich erinnere: 1987 lernte ich auf einer Konferenz in Moskau meine erste wirklich feministische sowjetische Freundin kennen. Wir gingen Arm in Arm, glücklich, einander gefunden zu haben. Gleichzeitig weinten wir über den Schmerz, den wir einander antun mussten. Sie genoss ihren neu entdeckten »Individualismus«, etwas, das vom Sowjetregime erstickt worden war. Ihre Augen glänzten, als sie dieses Wort sagte, während meine sich zu argwöhnischen Schlitzen verengten. Ich nannte mich Sozialistin. Sie verzog das Gesicht. Ich verstand immer besser (was ich natürlich schon vorher gewusst hatte), dass mein Sozialismus in der Zeit von »Glasnost« mehr denn je versprechen, ja garantieren musste, nie, niemals etwas wie Stalinismus zuzulassen.

Zwischen 1989 und 1991 versagte die sowjetische Systemreform und die UdSSR brach unter dem Druck des kapitalistischen Westens zusammen. Ihr Untergang entriss unserem Vokabular die Wörter Sozialismus und Kommunismus und veränderte die Diskussionskultur. Es ist nicht verwunderlich, dass sich zu dieser Zeit in der akademischen, sozialen, kulturellen und politischen Analyse die bekannte poststrukturalistische/postmoderne Wende vollzog. Ich sah die Eleganz und Scharfsinnigkeit dieser neuen Art, Dinge zu beschreiben, und schätzte einige Einsichten, die sie mit sich brachte. Es schien mir sogar, als hätte der Feminismus selbst zur Neuordnung linken Denkens beigetragen. Aber die wesentliche Empfindung war, zum Schweigen gebracht worden zu sein. Nicht nur war Marxismus als große Erzählung abgeschrieben und Materialismus zu einer nebensächlichen Idee geschmolzen. Auch das Patriarchat war zusammen mit dem Kapitalismus und anderen derartigen »Strukturen« abserviert. Der Feminismus veränderte sich radikal. Mancherorts wurde er schnell zum Postfeminismus.

In den letzten Jahren beobachte ich bei einigen Feministinnen das Bedürfnis, den Kampf um ein Verständnis kapitalistischer und patriar­chalischer Herrschaft wieder aufzunehmen, und neuerwachten Respekt für den historischen Materialismus als Methode. Vielleicht ist es eine perverse Art von Appetit, auf alten Knochen herumzukauen, aber was auch immer diese Lust ist, ich teile sie und ich freue mich, wenn ich andere Frauen treffe, denen es genauso geht. Dieser Aufruf, sich zu einem linken feministischen Projekt zu äußern, ist so ein Fall.

Dennoch … Ich sehe mich schon wieder in Opposition zu manchen der neu-alten sozialistisch-feministischen Vorstellungen. In einem Artikel, etwa Mitte der 1980er geschrieben und 1988 publiziert, beklagte ich, dass diejenigen von uns, die sich sozialistische Feministinnen nannten und in der Linken aktiv blieben, unseren Feminismus dafür auf stumm schalteten. Wir forderten zwar von der Linken, Frauenarbeit – bezahlte und unbezahlte – und die geschlechtsspezifischen Weisen der Ausbeutung durch den Kapitalismus zu berücksichtigen. Aber wir versäumten es, unsere Politik des Körpers in die Partei einzubringen – Themen, die Sexualität und physische Gewalt mit einschlossen. Ich schrieb:

Zu den (sehr materiellen) Benachteiligungen und Ängsten normaler Frauen, zu »den objektiven Bedingungen« gehört heute, so würde ich behaupten, eine umfassende und sehr gerechtfertigte Angst vor Männern und Männlichkeit. Männern ausgeliefert, fürchten Frauen um ihre eigene Sicherheit. Sie fürchten das, was Männer ihren Söhnen antun: Teil ihrer Erfahrung ist die Lust mancher Kerle, eine Waffe zu besitzen, ein schnelles Motorrad zu fahren oder in die Armee einzutreten. Und sie fürchten, was Männer ihren Töchtern antun könnten: Tägliche Nachrichten von vergewaltigten und ermordeten Mädchen (und Jungen) treibt die Angst der Frauen um ihre Kinder in die Höhe, sobald diese außer Sichtweite sind. Frauen untereinander sprechen über Männer in der gleichen sorgenvollen Weise, wie sie über Arbeitslosigkeit, Armut und Krankheit sprechen. In ihren Träumen stellen sich diese Frauen ganz sicher eine Welt vor, in der Geschlechterverhältnisse ebenso wie die Kontrolle über Produktion und Distribution anders organisiert sind. Es wird Zeit, dass »materiell« und »materialistisch« erweitert werden um diese objektiven Lebensbedingungen der Frauen aus der Arbeiterklasse und darüber hinaus. (Cockburn 1988: 307)

Auch wenn mein Artikel etwas unvorsichtig war und bei manchen geschätzten Freundinnen Schmerz und Ärger auslöste, habe ich meine grundlegenden Überzeugungen in den seither vergangenen zwei Jahrzehnten nicht verloren. Genau genommen wurden sie gestärkt, als sich mein Forschungsschwerpunkt von »Geschlecht in Arbeitsprozessen« zu »Geschlecht in Militarismus und Krieg« verschob. Die beengenden und ausgrenzenden Effekte der sozialen Konstruktion von Männlichkeit und Weiblichkeit als gegensätzliche Formen sowie die Kontrolle und Beschränkung weiblicher Autonomie durch Männer (nicht einfach Kapitalismus) ist noch immer Realität.

Nehmen wir nur ein paar der Fakten, die im Internet diskutiert wurden. Human Rights Watch in Balutschistan bestätigt, dass kürzlich sechs weibliche Teenager hingerichtet wurden. Sie wurden von Männern ihrer Familie und Gemeinschaft durch Schüsse verwundet und dann lebendig begraben, weil sie sich geweigert hatten, von ihren Eltern gewählte Männer zu heiraten. In der krisengeschüttelten Republik Kongo appellierten 71 Frauen-NGOs an den Sicherheitsrat der Vereinten Nationen, Frauen vor Vergewaltigungen zu schützen. Sie zitierten 880 UN-dokumentierte Fälle in einem normalen Monat und schätzten, dass diese ein Zehntel der tatsächlichen Zahl ausmachten. Die Folgen von Vergewaltigungen werden hier wie in vielen anderen Ländern durch das nachfolgende Verstoßen der Opfer durch Ehemänner, Familien und Gemeinschaften noch verschlimmert. Wenn es so scheint, als stammten diese Fälle aus ausgeprägten Patriarchaten, wie sie in westlichen »Demokratien« lange überwunden sind, sollten wir erinnern, dass in England und Wales in den letzten Jahren durchschnittlich zwei Frauen pro Woche durch die Hand ihrer Ehemänner und Partner starben. In den USA wurde eine Frau des Mordes an ihrem Baby schuldig gesprochen. Sie steckte es in die Mikrowelle. Warum? ­Einer Zellengenossin sagte sie, »sie fürchtete, ihr Freund würde sie verlassen, wenn er herausfände, dass das Kind nicht von ihm sei« (Guardian, 30. August 2008).

Diese wenigen, keineswegs einzigartigen Fälle erinnern daran, dass es eine Dimension von Herrschaft in menschlichen Gesellschaften gibt, die sich von ökonomischer Klassenherrschaft und dem Rassismus weißer Vorherrschaft unterscheidet. Es ist die patriarchale, die männliche Herrschaft über Frauen. Wenn ich mich nun wieder in der Linken engagiere, will ich, dass wir mehr tun, als nach den Geschlechtereffekten des Kapitalismus und der Klassenverhältnisse zu fragen, und sogar mehr, als die Dimensionen des Rassismus einzubeziehen. Ich will, dass anerkannt wird, dass das Patriarchat, die systematische männliche Herrschaft, kein Produkt unserer übersteigerten feministischen Phantasie, sondern historische Realität war und immer noch ist. Es funktioniert global, überschneidet sich mit kapitalistischen und weißen, rassistischen Herrschaftsverhältnissen in jedem Land und in jeder bekannten Institu­tion – Aktiengesellschaften, Universitäten, Militär, Kirchen, Synagogen und Moscheen, Stadtverwaltungen und politischen Parteien (die linken eingeschlossen). Jede/r von uns als Individuum, Mann oder Frau, weiß oder schwarz, mit oder ohne Eigentum, ist – unter anderem – durch diese Herrschaftsdimension formiert.

Das bedeutet meines Erachtens, dass wir in unserem Engagement diesmal mehr tun müssen, als die Mehrwerttheorie aufzuarbeiten und die eingesetzte Zeit und deren Entlohnung aufzurechnen, so dass (diesmal) unbezahlte Arbeit, Pflegearbeit, Beziehungsarbeit, persönliche Dienste, Reproduktionsarbeit und Engagement für die Gemeinschaft berücksichtigt werden. Das ist selbstverständlich. Aber diesmal müssen wir zusätzlich eine weitere Dimension menschlicher Beziehungen in unsere Überlegungen einbeziehen, die zuvor, in den 1970ern und 80ern, außerhalb des sozialistisch-feministischen Arbeitsfeldes verbleiben konnte und in den separaten Bereich des radikalen Feminismus fiel. Ich meine Triebbesetzung (Begehren und Hass) und Gewalt (Zwang, Kontrolle und Töten).

Ist es unmöglich, von Männern zu verlangen, dass sie für ihren Anteil an der Fortschreibung patriarchaler Macht Verantwortung übernehmen? Viele Frauen der besitzenden Klasse sind in der Linken aktiv. Sie haben es geschafft, ihr eigenes Verhältnis zur Klassenherrschaft zu erkennen, und kämpfen für dessen Veränderung. Viele Weiße beider Geschlechter haben es geschafft, die rassistischen Strukturen weißer Vorherrschaft zu erkennen, und kämpfen für ihre Überwindung. Ich glaube, es ist nicht undenkbar, dass Männer, als Männer, in fortschrittlichen sozialen Bewegungen die patriarchalen Herrschaftsverhältnisse erkennen und auf ihre Veränderung hinarbeiten können, sowohl analytisch und programmatisch in ihrer politischen Praxis als auch individuell in ihren politischen Beziehungen.

Literatur

Cockburn, Cynthia (1988): »Masculinity, feminism and the Left«, in: Rowena Chapman u. Jonathan Rutherford (Hg.): Male Order: Unwrapping Masculinity, London.

Bronwyn Davies und Susanne Gannon
Sydney, Australien

Dr. Bronwyn Davies, Professorin an der University of Western Sydney; Leiterin des interdisziplinären Forschungsbereichs »Narrative Discourse and Pedagogy« an der Hochschule für Kunst.

Veröffentlichungen: B. Davies (Hg.): Judith Butler in Conversation: Analysing the texts and talk of everyday life, New York 2008; Frösche und Schlangen und feministische Märchen, Hamburg 1992.

Susanne Gannon, Dozentin für Literatur und Englisch an der University of Western Sydney.

Veröffentlichung: mit B. Davies (Hg.): Doing collective biography: Investigating the production of subjectivity, Maidenhead 2006.

Liebe Frigga,

es ist uns eine Ehre, Teil dieser Umfrage zu sein. Wir betrachten Kritik und Selbstkritik als unverzichtbar für jeden politischen Schritt in Richtung Emanzipation. Darum bieten wir Einsicht in unsere Praxis der Erinnerungsarbeit als politische Methode, wie du sie uns gelehrt hast und wie sie in neue linke Politik Eingang finden sollte.

Feministische poststrukturalistische Praxis – Forschungspraxis wie auch politische Praxis – erfordert die Entwicklung der Fähigkeit zur Selbstkritik und Selbstveränderung durch Analyse der Art und Weise, wie Diskurs auf uns wirkt – einzeln und kollektiv. Ein wirkungsvoller Ansatz dafür sind die Strategien der Erinnerungsarbeit, wie Haug u. a. sie in ihrem bahnbrechenden Buch darlegen, das 1987 auf Englisch erschien. Selbstkritik und Selbstveränderung ist in diesem Verständnis ein kollektiver, in Beziehung stattfindender Prozess. So wie wir die Methode nutzen, die wir Kollektives Biografieren genannt haben (Davies/­Gannon 2006), nehmen wir unsere eigenen autobiografischen Geschichten als Grundlage, auf der wir neue persönliche und kollektive Erkenntnisse darüber entwickeln, wie Diskurs auf uns wirkt und wie er historisch durch uns wirkt, um uns als bestimmte Subjekte zu produzieren.

Feminismus und Poststrukturalismus

Feministische poststrukturalistische Theorie kann als dritter Feminismus betrachtet werden; sie folgte historisch auf den liberalen und den Radikalfeminismus (Kristeva 1981), ohne sie zu ersetzen. Während der liberale Feminismus einen Diskurs der Individualrechte zum Einsatz bringt, um im öffentlichen Bereich anzukommen, und der Radikalfeminismus das Frausein feiert und essenzialisiert, um den negativen Darstellungen von Frauen und Mädchen im Männlichkeitsdiskurs etwas entgegenzusetzen, versucht der feministische Poststrukturalismus die Kategorien »männlich« und »weiblich« selbst zu erschüttern, um sichtbar zu machen, wie sie hergestellt werden, und ihre Unvermeidlichkeit infrage zu stellen.

Poststrukturalistische Analyse legt den Schwerpunkt auf den Diskurs sowie auf diskursive und regulative Praxen. Es versucht die Trennung in individuell/gesellschaftlich zu überwinden und zu ergründen, wie die sozialen Welten, die wir bewohnen, und die Möglichkeiten, darin zu existieren, durch Sprechen aktiv zum Leben erweckt werden. Der zentrale Schwerpunkt der feministischen poststrukturalistischen Theoriebildung liegt auf den Prozessen der geschlechtsspezifischen Subjektifizierung. Unter Subjektifizierung verstehen wir die historisch spezifischen Prozesse, in denen man den diskursiven Regimen und Regelwerken unterworfen wird, durch die geschlechtsspezifische Individuen und ihre sozialen Kontexte – im Rahmen desselben Prozesses – gleichzeitig konstruiert werden (Butler 1992; Foucault 1980).

Feministischer Poststrukturalismus macht insbesondere die binären Oppositionen männlich/weiblich und heterosexuell/lesbisch erkennbar, analysierbar und veränderbar. Er zeigt auf, wie Machtverhältnisse kon­struiert und aufrechterhalten werden, indem sie der dominanten Hälfte des binären Paares Normalität, Rationalität und »Natürlichkeit« zuschreiben und im Gegensatz dazu die andere untergeordnete Hälfte als »anders«, mangelhaft und irrational kennzeichnen. Indem poststrukturalistische Theorie untersucht, wie sich das Soziale in das Individuum einschreibt, und indem sie das Kon­strukt »Individuum«, wie es in den essenzialisierenden Begriffen humanistischer Theorien auftaucht, infrage stellt, zeigt sie auf, wie Macht funktioniert: dass sie uns nicht nur zwingt, auf bestimmte Art zu existieren, sondern diese Seinsweisen als erstrebenswert erscheinen lässt, so dass wir sie ganz aktiv als unsere eigene annehmen.

Dieser sehr andere Ansatz versetzt »grundlegende Ontologien, Methodologien und Epistemologien« in Unruhe (St. Pierre/Pillow 2000: 2) und eröffnet die Möglichkeit einer anderen Art von Handlungsfähigkeit. Das Subjekt ist nicht nur von außen »eingeschrieben«,, sondern durch aktive Verinnerlichung der Werte, Normen und Sehnsüchte, die es zu einem wieder­erkennbaren, legitimen Mitglied der eigenen sozialen Gruppe machen. In dem Maße, in dem sie (das weibliche Subjekt) aktiv und reflektiert an diesem Prozess mitwirkt, kann sie die Signifikationsprozesse, die ihre Persönlichkeit konstituieren, unterbrechen. Wie Butler es ausdrückt: Das »Subjekt ist weder eine Grundlage noch ein Produkt, sondern die permanente Möglichkeit eines bestimmten Umschreibungsprozesses (resignifying)« (1992: 13).

Auf diese Weise bricht der poststrukturalistische Feminismus mit Theoriegebäuden, die Geschlecht und Sexualität (gender/sexuality) als unausweichlich darstellen, als von Sprachstrukturen, Sozialstrukturen und Wahrnehmung bestimmt. Er bricht außerdem mit Theoriegebäuden, die Macht so definieren, als könnten bestimmte Gruppen oder Individuen sie besitzen (Foucault 1980). Die Handlungsfähigkeit, die der feministische Poststrukturalismus eröffnet, behauptet nicht, von diskursiver Konstituierung oder Selbstregulierung frei zu sein (Davies 2000a). Sie ist vielmehr die Fähigkeit, diese Konstitution als historisch spezifisch und gesellschaftlich reguliert zu erkennen und damit als hinterfragbar. Bei näherer Untersuchung erweist sich, dass der Diskurs voller widersprüchlicher Möglichkeiten steckt, insbesondere was die komplexen Beziehungen zwischen Geschlecht, Ethnizität und Klasse betrifft. Handlungsfähigkeit umfasst also die Fähigkeit, vielfältige Lesarten zu erkennen, so dass keine diskursive Praxis, auch nicht die Positionierung innerhalb dieser Praxis durch mächtige Andere, die eigene Identität gefangen nehmen und kontrollieren kann.

Poststrukturalistisches Schreibpraxen eröffnen Strategien, um sich den Diskursen, die das Individuum konstituieren, zu widersetzen, sie zu untergraben, zu zersetzen (Barthes 1977). Das rationale, bewusste Subjekt wird dezentriert, das Spiel des Begehrens und das Unbewusste werden wichtig. Alte Wissensweisen, vermittelt durch Meister oder große Erzählungen, werden als Schiedsrichter über die letzte Bedeutung nicht länger anerkannt, obwohl sie noch Begründungskraft haben mögen. Nicht, dass die großen Erzählungen mit ihren humanistischen Helden nicht länger da wären, aber es kann passieren, dass ihre Bedeutung quer zu dominanten Sichtweisen wahrgenommen wird und neue Subjektivitäten entstehen. Neue Subjektivitäten werden nicht durch schlichte Akte der Opposition oder des Widerstands erschlossen, sondern durch eine Serie von Fluchten, kleinen Verschiebungen, Spielen, Überschreitungen, Flügen, die (andere, unsichere) Bedeutungen eröffnen (Cixous/Derrida 2001). Handlungsfähigkeit wird im poststrukturalistischen Ansatz nicht verstanden im Sinne eines Individuums, das außerhalb der sozialen Strukturen und Prozesse oder gegen sie existiert. Handlungsfähigkeit bedeutet stattdessen Anerkennung der Macht des Diskurses, Anerkennung des eigenen Eingebundenseins in und der eigenen Zuneigung und Verpflichtung gegenüber diesen Strukturen; sie bedeutet außerdem Faszination für die Fähigkeit, neue Lebensformen zu erschaffen, Lebensformen, die in der Lage sind, alte Geschlechtszuschreibungen in Frage zu stellen, sie potenziell sogar zu überschreiben oder auszuschalten. Poetisches, mehrschichtiges Schreiben wird zu einem Hauptwerkzeug bei diesen Versuchen, vergeschlechtlichte Diskurse und regulative Praxen, durch die wir konstituiert sind, sowohl zu erkennen als auch auszuschalten.

Feministische poststrukturalistische Forschung legt den Fokus auf die Möglichkeit, über das hinauszugehen, was bereits bekannt und verstanden ist. Ihre Aufgabe besteht nicht darin, den Unterschied zwischen Mann und Frau zu dokumentieren, sondern mehr Optionen zu eröffnen, das Denken über »männlich« und »weiblich« aufzuweichen – mit möglichen Subjektivitäten zu spielen, die beides sind oder keins von beidem – und Machtverhältnisse als durch den Diskurs kon­struiert zu verstehen. Die folgenden Prinzipien sind für eine feministische poststrukturalistische Analyse vergeschlechtlichter Texte zentral:

1. Daten sind kein klarer Beleg dessen, was wirklich ist. Erzählungen, Beschreibungen und Darstellungen vergeschlechtlichten Seins offenbaren, wie die Kategorie Geschlecht in diesem speziellen Text mit Sinn ausgestattet oder vorgeführt wird, weniger eine zugrunde liegende wesentliche Wahrheit über sex oder gender.

2. Wie das Geschlecht in Erzählungen, Beschreibungen oder Darstellungen mit Sinn ausgestattet wird, ist nicht von Interesse, da es lediglich etwas über den individuellen Sinnstifter (Autor) offenbart oder über seine Motive und Absichten. Das Interesse liegt eher bei den Prozessen der Subjektifizierung und bei den geschlechtsspezifischen Subjektivitäten, die innerhalb eines bestimmten Diskurses vorhanden sind.

3. Vergeschlechtlichte Diskurse sind weder transparent noch »unschuldig«. Die Wahrnehmung des Subjekts offenbart lediglich, wie die ­Außenwelt dieses Subjekt zwangsweise geformt hat. Die Interpreta­tion unserer Realität als sinnvoll kommt nicht aus uns selbst, sondern wurde von außen in uns hineingetragen. Zur selben Zeit und durch denselben Prozess identifizieren wir sie als unsere eigene, erstreben wir ihren Erhalt, verstehen uns selbst in ihren Begrifflichkeiten. Subjektifizierung beinhaltet gleichzeitige Auferlegung und aktive Aufnahme der vergeschlechtlichten Existenzbedingungen (Butler 1997).

4. Sprache, wie sie uns in Texten als gegeben präsentiert wird, wird nicht zuerkannt, dass sie die Wirklichkeit offenbaren. Sie kann dekonstruiert und aufgebrochen werden, um zu zeigen, wie Realität kon­struiert wird, zum Beispiel durch binäre Gegensatzpaare. Die einschränkenden Effekte des Binären werden vorgeführt und Wege vorgeschlagen, darüber hinauszugehen – insbesondere durch die Methode der Dekonstruktion.

5. Wissenschaftlerinnen existieren nicht getrennt von ihren Daten und sollten dies auch nicht. Die Komplexität der Bewegung zwischen Wissen, Macht und Subjektivität verlangt Forscherinnen, die Geschlecht von innen heraus untersuchen. Sie benutzen ihre eigenen Körper und Gefühle, als seien sie Texte, wie in kollektiver Erinnerungsarbeit, oder sie lesen die vergeschlechtlichten Texte von anderen, um zu beobachten, wie Geschlecht durch solche Texte und im Verhältnis zu ihnen produziert wird.

6. Wissenschaft wird aufgefasst als Diskurssysteme, die auf bestimmte Weise Wissen produzieren, und nicht als sakrosankter Diskurs, der notwendigerweise besser ist als andere (Haraway 1991). Die Psycho-Wissenschaften sind selbst in die Produktion des liberalen, humanistischen vergeschlechtlichten Subjekts verwickelt (Henriques u. a., 1984).

7. Weder das vergeschlechtlichte Subjekt, das die zu lesenden Texte produziert, noch der/die ForscherIn hat die letzte Entscheidung über die Bedeutungen eines jeden Textes, der gelesen wird. Es ist Aufgabe derer, die mit der poststrukturalistischen Theorie arbeiten, die Konzepte, die sie in vergeschlechtlichten Texten finden, als Quelle kreativer Möglichkeiten zu nutzen und weiterzuentwickeln.

8. Das Ziel einer feministischen poststrukturalistischen Analyse ist nicht, die verborgene Wahrheit von Geschlecht/Gender in ihrer ganzen Schlichtheit herauszustellen, sondern aufzubrechen, was als stabile/unhinterfragbare Wahrheit aufgefasst wird.

9. Vergeschlechtlichte Subjekte existieren an den Schnittpunkten vielfältiger diskursiver Praxen. Diese Punkte fassen wir begrifflich als Subjektpositio­nen. Das Individuum ist nicht an diese Punkte oder Standorte gebunden. Nicht nur das Individuum verändert seine Positionen oder Standorte, auch die Bedeutung der jeweiligen Positionen verändert sich durch Zeit, Raum und Kontext. Dieses Verständnis ist zentral für die Veränderlichkeit und Vielfältigkeit von Subjektivitäten, die wiederum zentral sind für das feministische poststrukturalistische Denken über Veränderung und Handlungsfähigkeit.

10. Vergeschlechtlichte Erfahrung wird begriffen als durch vielfältige Diskurse konstituiert, die ambivalentes Verstehen und ambivalente Gefühle hervorbringen. Das Verstehen vergeschlechtlichter Erfahrung – der eigenen und der von anderen – geschieht sehr häufig durch das Erkennen von Ambivalenz und Widerspruch. Das Beharren auf Interpretationen, die von Mehrdeutigkeit, Widersprüchen und Vielfalt bereinigt sind, ist eine Strategie, durch die die Illusion des rationalen Subjekts hergestellt wird.

11. Macht wird im Sinne von Kraftlinien begriffen. Sie ist nicht im Besitz eines einzelnen Geschlechts. Ihre Strategien, ihre Manöver, ihre Taktiken und Techniken sind zufällig und instabil (Deleuze 1988; Foucault 1980).

12. Feministische poststrukturalistische Theorie interessiert sich für die Entwicklung von Geschichte, für die Bewegung von einer Gestalt des Feminismus (Kristeva) oder von Gender (Davies) zu einer anderen, für die Fluchtlinien, die neue Wirklichkeiten hervorbringen. Wissenschaftlerinnen, die mit poststrukturalistischer Theorie arbeiten, können zu diesen Fluchtlinien beitragen, statt bloße Beobachterinnen der Fluchtlinien anderer zu sein (Deleuze 1988).

Konsequenzen für die Forschung

Feministische poststrukturalistische Forscherinnen stellen Fragen, die selbstverständliches Wissen unterwandern. Sie fragen zum Beispiel: Wie wiederholen feministische Erzählungen den Gegensatz von männlich und weiblich und erzeugen ihn neu? Wie erschließen sie andere vorgestellte Subjektpositionen, diskursive Praxen und Begehren? Wie werden transsexuelle Identitäten im Verhältnis zum Gegensatz männlich/weiblich verhandelt? Wie bildet sich das begehrende transsexuelle Subjekt und bildet sich neu, wenn er/sie sich unter Männlichkeiten und Weiblichkeiten bewegt? Wie überkreuzen sich innerhalb eines bestimmten Interessenmilieus, wie etwa der Schule, Geschlechterdiskurse mit solchen über Rasse, Ethnizität, Religion und Multikulturalismus? Wie wirken diese Diskurse als eine abwesende Gegenwart, selbst wenn sie nicht durch Sprechen zum Leben erweckt werden?

Jedes Setting, in dem Diskurse, mündlich oder schriftlich, zum Einsatz kommen, kann für die Forschung ausgewählt werden. Interessiert man sich für eine bestimmte Subjektkategorie, kann jedes Setting gewählt werden, in dem dieses Subjekt spricht oder schreibt oder diese Kategorie auftaucht. Wo gesprochene Sprache das bevorzugte diskursive Medium ist, könnten die Subjekte bereit sein, mit der Forscherin in eine Untersuchung über ihre Diskurse und Subjektivitäten einzutreten; oder möglicherweise haben sie für einen anderen Zweck Diskurse produziert, etwa für eine Dokumentation, ein Radiointerview, eine Erzählung. Die Forschenden können auch ihre eigenen Subjektivitäten hinterfragen und/oder ihren eigenen Diskursgebrauch.

Die Daten können enthalten: von den Interviewten angefertigte Darstellungen über den Gegenstand der Forschung; jede Art gesprochenen oder geschriebenen Textes, der für die zu erforschende Kategorie relevant ist; Beobachtungen von sozialen Szenen, in denen das untersuchte Subjekt diskursiv oder in anderen Praxisformen produziert wird. Die Daten werden nicht untersucht, als würden sie eine unabhängig existierende ›wirkliche Welt‹ beschreiben oder erklären, sondern als gestalterische Arbeit, die selbst an der Produktion ›der Wirklichkeit‹ beteiligt ist. Die Daten werden auf die ins Spiel gebrachten binären Kategorien und Diskursregime hin analysiert. Die Forschende könnte fragen: Wie konstruiert sich der/die InterviewerIn oder der/die SprecherIn im Text? Wie kon­struiert er/sie den/die andere/n? Wie konstruieren sie jeweils diskursiv und interaktiv den Forschungsgegenstand? Welche Regelwerke haben welche Wirkung? Welche diskursiven Strategien werden gewählt? Wie wird Unterwerfung oder Selbstermächtigung erreicht? Die Analyse soll nicht das individuelle Subjekt offenbaren, sondern die Prozesse der Subjektwerdung erforschen.

Die theoretischen Konzepte des (vergeschlechtlichten) Subjekts, der Subjektwerdung und des Diskurses sind zentral für jede Analyse. Die Theorie ist nicht getrennt von den einzelnen Projektstadien: Ob Fragestellung, Datenauswahl oder Datenauswertung, jeder Schritt ist fundiert durch die theoretischen Möglichkeiten, die das feministische poststrukturalistische Schreiben eröffnet.

Die Praxis des Schreibens von poststrukturalistischen Texten ist kein schlichtes Berichten, da das Schreiben selbst als konstitutiver Akt verstanden wird, so wie Datensammlung und -analyse. Der Text mag nicht den vorhersagbaren Mustern des Berichtens folgen, sondern macht sich möglicherweise daran, das Berichten selbst zu dekonstruieren oder in Frage zu stellen (Richardson 1997). Das Subjekt des Autors/der Autorin wird nicht aus dem Schreiben entfernt, sondern wird in dem produzierten Text in seinem Wirken sichtbar sein.

Literatur

Barthes, Roland (1977): Roland Barthes. Berkeley.

Butler, Judith (1992): »Contingent foundations«, in: dies. u. J. W. Scott (Hg.): Feminists Theorize the Political. New York, S. 3–21.

dies. (1993): Bodies That Matter: On the Discursive Limits of Sex. New York.

dies. (1997): The Psychic Life of Power. Stanford.

Cixous, Hélène, u. Jacques Derrida (2001): Veils: Cultural Memory in the Present. Stanford.

Davies, Bronwyn (2000a): A Body of Writing. Walnut Creek.

dies. (2000b): (In)scribing Body/Landscape Relations. Walnut Creek.

dies. (2003): Shards of Glass. Children Reading and Writing Beyond Gendered Identities. 2. Aufl. (11993) Cresskill/NJ.

dies., S. Dormer, S. Gannon, C. Laws, H. Lenz Taguchi, H. McCann u. S. Rocco (2001): »Becoming schoolgirls: the ambivalent process of subjectification«, in: Gender and Education, 13(2): S. 167–182.

dies., AnneBritt Flemmen, Susanne Gannon, Cath Laws u. Barbara Watson (2002): »Working on the ground. A collective biography of feminine subjectivities: mapping the traces of power and knowledge«, in: Social Semiotics, 12(3): S. 291–313.

dies., J. Browne, S. Gannon, E. Honan, C. Laws, B. Müller-Rockstroh u. E. Bendix Petersen (2003): »The ambivalent practices of reflexivity«, in: Qualitative Inquiry, 9(6).

Deleuze, Gilles (1988): Foucault. London.

Foucault, Michel (1980): Power/Knowledge. Brighton.

Grosz, Elizabeth (1994): Volatile bodies: Towards a corporeal feminism. Bloomington.

Haraway, Donna (1991): Simians, Cyborgs and Women: The reinvention of nature. New York.

Haug, Frigga u. a. (1999): Female Sexualization. 2. Aufl. (11987), London; dt.: (1983): Frauenformen II: Sexualisierung der Körper. Berlin.

Henriques, Julian, Wendy Hollway, Cathy Urwin, Couze Venn u. Valerie Walkerdine (1998): Changing the Subject: Psychology, Social Regulation and Subjectivity. 2. Aufl. (11984), London.

Kristeva, Julia (1981): »Women’s time«, in: Signs 7(1).

Lather, Patti (1991): Getting Smart: Feminist Research and Pedagogy with/in the Postmodern. New York.

Richardson, Laurel (1997): Fields of Play: Constituting an Academic Life. New Brunswick/NJ.

St Pierre, Elizabeth A. (2000): »Poststructural feminism in education: An overview«, in: Qualitative Studies in Education 13(5): S. 477–515.

dies. u. Wanda Pillow (2000; Hg.): Working the Ruins. Feminist Poststructural Theory and Methods in Education. New York.

Walkerdine, Valerie (1990): Schoolgirl Fictions. London.

Weedon, Chris (1997): Feminist Practice and Poststructural Theory. 2. Aufl. (1 1987), Oxford.

Gabriele Dietrich
Madurai, Indien

Dr. Gabriele Dietrich, Professorin i. R.; seit 1971 in Indien, seit 1990 indische Staatsbürgerin; Mitgründerin des Centre for Social Analysis in Madurai, wo sie Gesellschaftsanalyse und Feministische Theologie lehrte; Aktivistin in der Frauenbewegung und in der National Alliance of Peoples Movements.

Veröffentlichungen: »Violence is a Failure of Imagination«, in: In God’s Image 21, Nr. 1, 2002; »Loss of Socialist Vision and Options Before the Women’s Movement«, in: Vikalp Alternatives XI, Nr. 1, 2003, S. 27–48.

Bündnisse für eine Gesellschaft des Lebens
Der Verlust der sozialistischen Vision und die aktuellen Optionen der Frauenbewegung

Wenn wir vom »Verlust der sozialistischen Vision« sprechen, meinen wir damit ein weltweites Dilemma. Zugleich müssen wir uns das Problem auf nationaler Ebene vornehmen und in jedem Staat, wo wir tätig sind. Der Verschleiß einer sozialistischen, humanistischen Vision, deren Grundlagen eine gerechte Gesellschaft und Respekt vor dem Leben sind, hat alle Emanzipationsbewegungen ergriffen, auch die anti-brahmanischen und die Dalit-Bewegungen16 und die Organisationen der Arbeiterklasse. Auch in Bezug auf die Frauenbewegung selbst müssen wir uns einer sorgfältigen Gewissensprüfung unterziehen. An der Oberfläche und auf der offensichtlichsten Ebene haben wir es mit einer Abdankung des Staates aus seiner Verantwortung zu tun. Was als Erzwingung der Weltbankregeln begann, hat sich mit den Bedingungen der GATT und WHO noch vertieft. Unter dem Deckmäntelchen demokratischer Partizipation des Volkes wuchert überall die Privatisierung, sei es im Bildungsbereich oder bei der Verteilung des Wassers. Zugleich fordert die Mechanisierung einen hohen Tribut an Arbeitsplätzen in Landwirtschaft, Bauwesen und anderen Bereichen des informellen Sektors. Die wirtschaftliche und soziale Unsicherheit schießt in die Höhe, während die Kommunalisierung des Politischen jeder demokratischen Substanz unseres politischen Lebens Opfer abverlangt.

1. Der internationale Kontext

Uns in einen internationalen Kontext zu rücken bedeutet nicht, die Verantwortung einer »fremden Hand« zuzuschanzen. Es bedeutet nur, gewissen strukturellen Veränderungen im Gleichgewicht der Kräfte Rechnung zu tragen, die im letzten Viertel des 20. Jahrhunderts stattgefunden haben und die sich auf unsere innere Zusammensetzung und auf unser Denken auswirken.

Ich möchte mit einer persönlichen Positionsbestimmung beginnen: Ich bin ein Produkt der Studentenbewegung der Sechziger. Wir lebten in der Erwartung, dass sich überall in Lateinamerika sozialistische Revolutionen anbahnten. Sie fanden statt und wurden zerschlagen, in Chile und später in Nicaragua. Unsere einschneidendste Konfrontation war der Kampf gegen den Vietnamkrieg und gegen die Apartheid in Südafrika. Erstaunlicherweise wurden beide Ziele erreicht. Leider lösen selbst so heldische Siege nicht alle Probleme, und sie verblassen nach einer Weile zur Bedeutungslosigkeit, sofern keine ökonomischen Alternativen durchgesetzt werden können. Nach Indien kam ich während des Krieges, durch den Bangladesh entstand. Der entscheidende Slogan indischer Politik war »Garibi Hatao« (die Armut bekämpfen), doch was in den Slumbeseitigungsprogrammen dieser Zeit geschah, war eindeutig »Garib Hatao« (die Armen bekämpfen).17 Es war eine Ära des Populismus, in der mit Hilfe des Zwanzig-Punkte-Programms der Kapitalismus durchorganisiert wurde, während man in die Präambel der Verfassung »Sozialismus« einschrieb. Kurz zuvor hatte der Kernwaffentest Pokhran I. stattgefunden.18 Zugleich rief Jayaprakash Narayan19, dessen hundertsten Geburtstag wir heute feiern, zur »totalen Revolution« auf und beflügelte die junge Generation in Bihar und anderswo, sich einer totalen Umgestaltung zu verschreiben. Doch die entscheidenden Ereignisse, die letztlich zum Scheitern des Sozialismus auf internationaler Ebene führten, hatten da bereits stattgefunden: die Invasion sowjetischer Panzer in der Tschechoslowakei während des »Prager Frühlings« 1969, die Zerstörung des »Sozialismus mit menschlichem Antlitz«. Das geschah zu einem historischen Zeitpunkt, als der Ruf nach einem demokratischen Sozialismus weltweit auf der Tagesordnung stand. Wir können nicht klären, ob so etwas möglich gewesen wäre, denn die Ereignisse am 11. September 1973 in Chile (Bombardierung der Almaida durch US-Flugzeuge) zeugten von einem internationalen Terrorismus, der jede alternative Ordnung um jeden Preis zu verhindern gedachte.20

Wie dem auch sei, Tatsache bleibt: Die Absage an einen demokratischen Sozialismus innerhalb des sozialistischen Blocks selbst läutete die Totenglocke für alle Reformen, die den Sozialismus hätten über­lebensfähig machen können. Der Zusammenbruch des real existierenden Sozialismus nach dem Fall der Berliner Mauer am 10. November 1989 bedeutete nicht nur einen Regimewechsel in den ehemaligen sozialistischen Staaten, sondern führte in vielen Fällen zur Auflösung staatlicher Strukturen und zum Zerfall der Zivilgesellschaft, was diese Gesellschaften in Bürgerkrieg und Verbrechen stürzte, in dauerhaften Krisenzustand, Chaos und Verfall menschlicher Werte. Die Ereignisse in Serbien und im Kosovo bildeten die Spitze des Eisbergs. In manchen vormals sowjetischen Staaten wie Moldawien erreichten Drogenabhängigkeit und extremste Armut ein nie zuvor da gewesenes Ausmaß. Gleichzeitig wurde eine weltanschauliche Leerstelle geschaffen, die alle humanistisch/sozialistischen Wertesysteme in alarmierendem Maßstab aushöhlte.

2. Die weltanschauliche Leerstelle

Es ist nicht übertrieben, festzustellen, dass die Erschaffung einer weltanschaulichen Leerstelle vorsätzlich und programmatisch betrieben wurde. Es war Francis Fukoyama, der direkt in Washington D. C. als Erster in das Horn vom »Ende der Geschichte«21 stieß. Man erhob Anspruch auf den »endgültigen Sieg« des Kapitalismus, nach dem angeblich die Welt glücklich und zufrieden bis in alle Ewigkeit leben solle. Alle Streitfragen um die Lebensfähigkeit des Kapitalismus wurden für beendet erklärt. Fortan sollte Konflikt grundsätzlich als »clash of civilizations« verstanden werden, um eine Phrase von Samuel P. Huntington22 zu gebrauchen, der in Konkurrenz zu Fukoyamas Postulat die Behauptung aufstellte, dass es unter den neuen Bedingungen einen Wettkampf der Kulturen anstelle der ökonomischen oder politischen Systeme geben werde. Diese Prophezeiung schien sich nach dem 11. September 2001 zu erfüllen, als die Bush-Regierung mit messianischer Überzeugung eine Kluft zwischen »the West and the Rest« ausrief und sich das Privileg auf die Fahne schrieb, rivalisierende Zivilisationen in Schutt und Asche zu bombardieren. Im Namen von Freiheit und Demokratie kann man so ganze Länder zu »Untermenschen« erklären und entsprechend mit ihnen verfahren. Es oblag Schriftstellern des Subkontinents wie ­Arundhati Roy23 and Tariq Ali24, die frappierenden Ähnlichkeiten zwischen der Bush-Regierung und den Jihadis aufzuzeigen.

Doch dies ist ja nur das Dilemma auf internationaler Ebene. Die Tragödie ist, dass im Laufe des letzten Jahrzehnts die Verflüchtigung jeglicher weltanschaulicher Substanz ebenso auf nationaler, regionaler und lokaler Ebene stattgefunden hat. Mit der Übernahme von New Economy und struktureller Anpassung wurde Stück um Stück jeder Versuch aufgegeben, Antworten auf die Armutsschere zu finden, Ideale von sozialer Gerechtigkeit und Gleichheit anzustreben oder auch nur grundlegende demokratische Rechte zu etablieren. In der Frage der Wirtschaftspolitik gibt es keine nennenswerten Unterschiede zwischen den politischen Parteien. Die »Familie« der politisch rechtsgerichteten Organisationen in Indien25 erhält einen Schein von Labourpolitik aufrecht, indem kulturelle Frontorganisationen26 lautstark von Selbstgenügsamkeit und Eigenständigkeit schwadronieren, während die Regierungspartei und ihre Verbündeten fröhlich die Globalisierungspolitik vorantreiben27. Zwar äußern sich die marxistischen Parteien bedingt globalisierungskritisch, doch die Investitionspolitik in den von ihnen regierten Staaten unterscheidet sich nicht nennenswert, und ihre bisherigen Bemühungen in Richtung einer Kursänderung waren ausgesprochen schwächlich.

Diese Verflüchtigung von Inhalten betrifft nicht nur das Feld der Ökonomie, sie wirkt sich auch auf andere Felder gesellschaftlicher Emanzipation aus. Ein besonders trauriges Beispiel findet sich in Tamil Nadu28, wo die verschiedenen Dravidischen Parteien miteinander um die Gunst der Sangh Parivar wetteifern. Von ihrer historischen anti-brahmanischen Programmatik haben sie sich völlig verabschiedet. Wenn man allerdings Mayawathis29 Aufstieg mit der BJP30 in Uttar Pradesh betrachtet, wird klar, dass diese Art Machtpolitik keineswegs nur eine Schwäche der Dravidischen Parteien ist.

Emanzipatorische Inhalte sind im Spiel der Machtpolitik vom Aussterben bedroht. Es scheint überhaupt keine Verbindung mehr zu geben zwischen den bekannten Werten und den Taten politischer Akteure. Wie einst Paolo Freire vorausschauend diagnostizierte: Die Unterdrückten neigen dazu, sich nach dem Bild des Unterdrückers zu gestalten, da die Erlangung von Freiheit Macht voraussetzt und Macht von denen definiert wird, die sie ausüben. Dieses Dilemma haben wir auch in der Frauenbewegung nicht gelöst. Wir sind dermaßen von der Idee des Empowerment, der Selbstermächtigung vereinnahmt, dass schon das bloße Denken von Alternativen schwierig geworden ist.

Ein interessantes Beispiel für die Aufweichung von progammatischen Vorsätzen war die Absorbierung der Dalit-Organisationen und vor allem des mit Dalits befassten NGO-Sektors in der Anti-Rassismuskonferenz in Durban im September 2001. Zwar war der Versuch, die Gewalt gegen Dalits und die Problematik der Unberührbarkeit innerhalb der UN auf den Tisch zu bringen, ein wichtiger Anlauf und auch von gewissem Erfolg gekrönt. Aber die ganze Debatte um die Frage, ob Kaste mit Rasse gleichsetzbar ist, hat entschieden zu mehr Verwirrung als Klarheit geführt – zumal das, was dort in intellektuellen Kreisen diskutiert wurde, so gut wie nichts mit dem zu tun hatte, worum es den einheimischen Betroffenen ging.31 Es lenkte ab, lenkte die Hoffnungen der Menschen auf internationale Abkürzungen, wo Probleme des täglichen Lebens und Überlebens nicht gelöst werden konnten.

Wohin diese ganze Übung letztlich führte, zeigte sich zur Gänze erst bei der sogenannten »Bhopal Konferenz« im Januar 2002, die Digvijay Singh, damals Chief Minister des Zentralstaates Madhya Pradesh, großzügig ausrichtete, um den Dalits in unserem Land Auftrieb zu verschaffen. Die konferenzinterne Hochglanzbroschüre versprach den Dalits eine leuchtende Zukunft im Geiste der Emanzipation der Schwarzen in den USA sowie Aussöhnungsmaßnahmen nach dem Modell der »Truth Commission« in Südafrika. Das Ganze lief in Wahrheit darauf hinaus, Dalits für das Globalisierungsprogramm zu ködern, indem man ihnen kleine Kredite zur Unternehmensgründung und Zuteilung von Weideland versprach.32 Schon die Darstellung und Heranziehung der ­Situation schwarzer Bürgerrechtler in den USA ist hochgradig unrealistisch.33 Völlig schleierhaft ist, woher Digvijay Singh irgendwelches Land zum Zuteilen nehmen will – in einem Staat, wo bereits bei der gegenwärtig erreichten 95 m-Höhe des Sardar-Sarovar-Staudamms achttausend Adivasi34-Familien übrig sind, die weder umgesiedelt noch entschädigt wurden. Und was die »Truth Commission« betrifft – dieser mühsame und schier unerträglich schmerzhafte Prozess war eindeutig nur möglich, nachdem die schwarze Mehrheit in Südafrika gewaltlos die Macht übernommen hatte.35 Wie das in einem von Hindutva36-Kräften regierten Land denkbar sein soll, ist ein Rätsel. Im Folgenden wird es nötig, einige der Mechanismen von Kooptation unter die Lupe zu nehmen.

3. Fragen kultureller Identität

In den letzten Dekaden des 20. Jahrhunderts sind Fragen kultureller Identität verstärkt in den Vordergrund getreten. Das hatte zum Teil mit der Vorstellung vom »endgültigen Sieg« des Kapitalismus zu tun, welche die ökonomischen Fragen zu entkräften schien. Dennoch müssen wir auch hierbei gewärtig sein, dass viele der in postmodernen Diskursen aufgetauchten Fragen ursprünglich aus den linken Bewegungen gekommen sind. Die uralte Frage Ökonomismus vs. kulturelle Revolution ist nicht einfach auflösbar. In der Frauenbewegung haben wir uns seit den Siebzigern mit der Frage nach der materiellen Grundlage von Patriarchat und gesellschaftlichen Klassen herumgeschlagen. Infolge des Ökonomismus traditionell marxistischer Denkweise, der Klasse und Patriarchat in den Bereich der »Kultur« und damit des »Überbaus« verwies, der sich »nach der Revolution« automatisch auflösen würde, waren wir gezwungen, die Beziehung zwischen sozialen und ökonomischen Verhältnissen wesentlich tiefer auszuloten. Damit einhergehend hat uns der Aufstieg des Kommunalismus genötigt, uns der Frage der Religion sehr viel ausführlicher zu widmen.37 Die Engstirnigkeit, auf die man in manchen linken Denkweisen traf, zwang Aktivistinnen der Frauenbewegung wie auch Forschende untergeordneter Fachbereiche dazu, sich an die Möglichkeit einer Dekonstruktion und Rekonstruktion kultureller Identitäten heranzuwagen. Es gab einen erhellenden Artikel von Supriya Atekar in EPW38. Darin liefert sie einen Überblick über einige der Debatten innerhalb der Frauenbewegung, der sich liest wie der totale Aufbruch in die postmoderne Kulturdiskussion. Dabei ist allerdings zu bedenken, dass die Verfasserin Aktivistin in Kastagari Sangathana war, die von konkurrierenden linken Kadern extreme Gewalt erfahren hatte. In dieser Lage war das, was man ihr als Flucht in die Postmoderne auslegen könnte, ganz klar nur ein Versuch, bei Verstand zu bleiben.

Doch dieselben Diskurse fanden auch auf der internationalen Bühne der akademischen Märkte statt – ebenfalls ein Kennzeichen der Globalisierung. So konnte es dazu kommen, dass »reflexive« Diskurse zu Orientalismus und Postkolonialismus am prächtigsten gediehen, während sich die neokolonialen Wirtschaftsunternehmen auf dem Vormarsch befanden, jedoch im Getöse der postkolonialen Debatten praktisch unbeachtet blieben.39 Das soll nicht heißen, dass die Ausführungen zu Orientalismus und Postkolonialismus etwa von geringer Relevanz seien. Die damit geschaffenen kulturellen Diskurse waren in der Tat ein Versuch, die aufgezwungenen Politiken der Repräsentation zu durchbrechen, unter denen indische Intellektuelle in der Diaspora litten. Das war schon an sich ein Ansatz, mit der neokolonialistischen kulturellen Hegemonie Schluss zu machen. Gleichzeitig stellten diese Diskurse auch einen Versuch dar, der anderen Identitätspolitik der Diaspora entgegenzuwirken, die unmittelbar in die Ideologie der Hindutva mündet.

Ironischerweise erleben wir im Dickicht all der dekonstruierten und rekonstruierten kulturellen Identitäten, die das vom Postmodernismus so gepriesene »Ende der großen Erzählungen« ausmachen, auch das Wiedererwachen von kulturellem Nationalismus, der sich doch aus der gewaltigsten großen Erzählung von allen speist – von der Saraswati-Zivilisation40 direkt zum ruhmreichen bevorstehenden Sieg in einem »begrenzten Atomkrieg«. Natürlich kann man diese Ironie nicht einfach dem Postmodernismus anlasten, aber wir müssen uns mit diesem tragischen Zusammentreffen auseinandersetzen, wenn wir nicht vom drohenden Faschismus überrannt werden wollen.

Nach der Zerstörung von Babri Masjid am 6. November 199241 wurde offensichtlich, dass Hindutva- und Moslem-Fundamentalismus die Identitätspolitik in der Diaspora heftig strapaziert haben.42 Doch dies darf unsere Aufmerksamkeit nicht von der Tatsache ablenken, dass die Nation sich im Lauf der Geschichte periodisch immer wieder ein neues Bild von sich machen muss, und dies muss, wie Neera Chandhoke betont hat, auf demokratische Weise geschehen.43 Dieses Bedürfnis wieder­um entsteht nicht nur als Reaktion auf die schmähliche Ideologie des Hasses auf »das andere«, die Hindutva produziert, oder gar die Politik, Stolz aus Mord zu beziehen, die Narendra Modi nach Ghodra ins Leben rief44. Es entsteht vielmehr zuallererst aus dem Missstand, dass »die Nation«, die 1947 Unabhängigkeit erlangte, es nicht geschafft hat, die soziale Emanzipation der Frauen, der Dalits, der benachteiligten Kasten, der Moslems und anderer religiöser Minderheiten, der Adivasis und der »Stammesvölker« des Nordostens herbeizuführen.45

Diese soziale Transformation steht noch aus. Die gegenwärtig gefährliche Konstellation ist die, dass den Leuten verhängnisvolle Simplifizierungen angeboten werden – von den Hindutva (wie dass Dalits und Adivasis eingespannt werden, um bei kommunalen Krawallen Moslems zu bekämpfen) oder von der Globalisierung (wie bei der Bhopal-Konferenz von Digvijay Singh). Neera Chandhoke hat zu Recht auf das Zusammenfallen des Hindutva-Aufstiegs mit der IWF-Anleihe von 1991 hingewiesen, die die ganze Zerbrechlichkeit des selbstgesteuerten natio­nalen Projekts sichtbarer machte als je zuvor. Der Nationalstolz – garv se kaho hum hindu hai – wurde an chauvinistischen religiösen Richt­linien entlang rekonstruiert, und zwar genau im selben Moment, als jeder Anschein nationaler Souveränität an die internationalen Finanzinstitutionen verscherbelt wurde. Natürlich geht diese Rekonstruktion für sich genommen auf die Zwanzigerjahre des 20. Jahrhunderts zurück, als gleichzeitig der Indian National Congress seine säkulare neue Linie auszugeben begann. Aber dieses Wiederaufleben eines in den Zwanzigern angelegten »faschistischen Erbes« in den Neunzigerjahren des letzten Jahrhunderts konnte man in vielen Ländern beobachten, wenn die Wahlen in Italien, Frankreich und den Niederlanden als Indiz zu nehmen sind. Das Neue an der gegenwärtigen Situation ist das Aufwallen eines chauvinistischen Majoritarismus, der anscheinend immun gegen säkulare Kritik ist und sich nur internationalem Druck beugt. Übrigens hat diese majoritäre Ideologie nicht nur die Kongresspartei ergriffen, deren säkulare Referenzen ohnehin extrem wackelig sind, spätestens seit den Anti-Sikh-Pogromen von 1984. Sie hat sogar die Dravidischen und die Dalit-Bahujan-Parteien ergriffen. Dies geht auch einher mit einem Anstieg von Minderheitskommunalismus, der bei bestimmten Anlässen gefährlich gewaltbereit ausfällt. Noch verstörender ist, dass sogar der Oberste Gerichtshof seine säkularen Referenzen über Bord warf und es ganz aufgab, das Verbreiten von religiösen Feindseligkeiten und Hass durch Hindutva zu unterbinden.46 Hindutva wird anerkannt und gilt einfach als »way of life«, als Lebensweise, sollen Demokratie und kultureller Pluralismus doch sehen, wo sie bleiben. Vor einiger Zeit erhielt ich einen Artikel mit der Überschrift »Die Wurzeln des Kommunalismus47: Die BJP zu verurteilen greift zu kurz!«, geschrieben von Genosse A. K. Roy, einem linken Kohlengrubengewerkschafter in Dhanbad, Jharkhand. Überzeugend demonstriert er den Zusammenhang zwischen dem Zerfall der sozialistischen Regimes in Osteuropa und dem Anstieg religiöser und ethnischer Gewalt. Er betont auch den Zusammenhang zwischen Globalisierungspolitik und wachsendem Kommunalismus und Fundamentalismus in unserem Land. Es liegt nicht daran, dass Identitätspolitik an sich etwa notwendigerweise zersetzend wäre. Identitätspolitik kann, wenn sie nicht durch das Ideal sozialer Gerechtigkeit und Respekt vor dem Leben gemäßigt wird, gewalttätig und zersetzend wirken. Und sie kann in eine Survival-of-the-fittest-Ideologie münden, welche aus anderen Gründen breit im Aufwind ist.

4. Technokratischer Sozialdarwinismus in einem begrenzten Ökosystem

Die Widersprüche zwischen der Lehre grenzenlosen ökonomischen Wachstums und den Grenzen des weltweiten Ökosystems wurden erstmals in den frühen Siebzigern vom Club of Rome48 aufgezeigt. Dieser Widerspruch wurde später mit dem Brundtland-Report49 übertüncht, der den Terminus »nachhaltige Entwicklung« prägte und suggerierte, man könne mit einer gewissen Umsicht in Umweltfragen ständige Wachstumsraten aufrechterhalten. Inzwischen haben die UN-Umweltkonferenzen von Rio und Johannesburg klar gezeigt, dass das Ökosystem an seine Grenzen gerät. Gleichzeitig weigern sich die USA und andere hochgradig umweltverschmutzende Wirtschaftsnationen beharrlich, das Tokio-Protokoll zu unterzeichnen, ganz egal, was mit Bangladesh oder den Malediven geschieht, wenn die Polarkappen weiter schmelzen. Und die Niederländer haben ja schließlich ihre Deiche.

Es ist eine Tatsache, dass der real existierende Sozialismus in Osteuropa mit den USA in einem wachstumsorientierten Industrialismus­paradigma wetteiferte, das die Natur als eine auszubeutende Ressource auffasste und als Becken für giftige Abfälle, ohne jemals die Lehre von der Kapitalakkumulation aufzuwiegen gegen den Raubbau an der Natur und ihre Zerstörung. Die ostdeutschen Ökologen wie Wolfgang ­Harich oder Rudolf Bahro50 mussten zu Dissidenten werden, obwohl sie felsenfest im historischen Materialismus wurzelten. Diese Logik gipfelte im Wettrüsten, und das Wettrüsten war denn auch ein entscheidender Faktor im Herbeiführen des Zusammenbruchs der osteuropäischen Gesellschaften einschließlich der Vollbeschäftigung sowie des Gesundheits- und des Bildungssystems, die sie instand gehalten hatten.

Während die sich zuspitzende ökologische Krise klar der schwerste Widerspruch innerhalb der »totaler Markt«-Politik des globalen Kapitalismus ist, wird dies schon wieder vertuscht von einem marktgetriebenen Environmentalismus, der darauf drängt, Sozialwissenschaften und Solidaritätsbindungen durch technokratisch definierte »Biowissenschaften« zu ersetzen. Das wurde am deutlichsten sichtbar während des fieberhaften Wettbewerbs um das Humangenomprojekt. Das Versprechen, alle möglichen Krankheiten zu überwinden, vielleicht sogar den Tod, indem man die Kontrolle über die menschliche DNA an sich reißt, schien für die pharmazeutischen Konzerne mit enormen Profiten zu winken. Zugleich eröffnete es eine neue Form von Rassismus, indem es Designerbabys und ganz neue Ebenen der Genialität und körperlichen Perfektion in Aussicht stellte. In der Frauenbewegung begegneten uns die Nebenwirkungen dieser neuen Entwicklung in der Kampagne gegen Abtreibung aufgrund des Geschlechts sowie beim Versuch, das Gesetz zur pränatalen Diagnostik abzuändern und das Recht von Frauen auf sichere Abtreibungen zu bewahren.51 Unvermittelt standen die Rechte von Behinderten und Andersbemittelten, die über die letzten zwei Dekaden mühsam zentimeterweise vorangetrieben worden waren, wieder radikal in Frage (und vermutlich auch die Rechte von Lesben und Schwulen).

Vor einiger Zeit stolperte ich zufällig über einen Artikel in der Sonntagsbeilage der Neuen Zürcher Zeitung, einer konservativen bürgerlichen Tageszeitung mit ausgedehnten Diskussionen zu Trends des geistigen Lebens. Der Artikel trug die Überschrift »Das Ende der Gesellschaft. Intellektuelle in der Ära des ›Lebens‹«52. Der Verfasser vertritt die These, dass »Gesellschaft« als Konzept ausgedient habe und die traditionellen Gegensätze privat und öffentlich, Arbeit und Kapital, Kultur und Natur überholt seien und irrelevant geworden, da die heutige Welt bestimmt sei vom Computer, vom biologischen Labor und von flexiblen Finanznetzwerken. Er spricht von einer »postsozialen« Gesellschaft, die nicht mehr mit einem Gesellschaftsvertrag regulierbar sei. Er spricht von ­einer »Bindung an Dinge« – nichtmenschliche Objekte – in flüchtigen, vorübergehenden Konstellationen. Er spricht von Biologismus und »natürlicher Selektion«, die »Leben« als Ersatz für Gesellschaft definiert. Leben wird ein beziehungshaftes, ganzheitliches Konzept und zudem eine Metapher für Wandel und Entwicklung mit scheinbar grenzenlosen Möglichkeiten. In diesem Bezugsrahmen lassen sich Fragen von Macht und Entscheidungsgewalt nicht länger stellen. Diese Schweizer Version wenn nicht vom »Ende der Geschichte«, so doch vom »Ende der Gesellschaft« würde vielleicht als Skurrilität anmuten, wäre sie nicht so symptomatisch für eine Geistesrichtung, die grenzenlosem Wachstum und grenzenlosen Möglichkeiten der Globalisierung huldigt – mit deutlichen Anklängen von Sozialdarwinismus und Survival-of-the-fittest-Ideologie. Darin wiederum deckt es sich mit einem anderen, wesentlich gewichtigeren Dokument aus der Schweiz, dem Lugano-Report von Susan George: On Preserving Capitalism in the Twenty-first Century.53 Dieses haarsträubende Stück Fiktion, das auf umfassender Kenntnis der tatsächlichen Funktionsweise von multinationalen Konzernen beruht, müssen wir einer genaueren Analyse unterziehen, wenn wir uns möglichen Alternativen zum Endzeitszenario des totalen Marktes zuwenden. Zuvor jedoch ist es notwendig, einen Blick auf die Mechanismen der Kooptation zu werfen, die die Regie über die existierenden sozialen Strukturen übernommen haben und die allen biologistischen Ideologien zum Trotz weder sich auflösen noch weggehen werden.

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Data wydania na Litres:
22 grudnia 2023
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471 str. 3 ilustracji
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9783867549523
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