Czytaj książkę: «Bilderwechsel»

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Fuldaer Hochschulschriften

Fuldaer Hochschulschriften

Im Auftrag der Theologischen Fakultät Fulda herausgegeben von Jörg Disse in Zusammenarbeit mit Richard Hartmann und Bernd Willmes

Richard Hartmann (Hrsg.)

Bilderwechsel

Kirche – herausgefordert

durch ländliche Räume


Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über ‹http://dnb.d-nb.de› abrufbar.

© 2012 Echter Verlag GmbH, Würzburg

www.echter-verlag.de

Gestaltung: Hain-Team, Bad Zwischenahn (www.hain-team.de)

Druck und Bindung: Druckerei Friedrich Pustet, Regensburg

ISBN 978-3-429-03544-0 (print)

ISBN 978-3-429-04664-4 (PDF)

ISBN 978-3-429-06073-2 (ePub)

Inhalt

Vorwort

Dagmar Denker

Einführung

Richard Hartmann

Zeichen der Zeit : Neu sehen

„Bilderwechsel“ – Akzente zur pastoralen Neuausrichtung im Spiegel ausgewählter aktueller Verlautbarungen deutscher Bischöfe

Hubertus Schönemann

Zeichen der Zeit sehen

Gerhard Stanke

Landsichten

Stärken und Schwächen unserer Dörfer – Wie könnte ein Fitnessprogramm für die Zukunft aussehen?

Gerhard Henkel

Der ländliche Raum im Wandel von der Industrialisierung bis zur Globalisierung

Alois Glück

Gestaltwandel

Bilderwechsel – Des Kirchtums neue Kleider: Wie Kirche sich landläufig neu gestalten kann

Stefan Weyergraf gen. Streit

Damit Kirche in der Fläche bleibt: Das Modell der Verbände bietet eine große Chance für eine zukunftsfähige Landpastoral

Richard Stefke

Partizipation und Innovation in ländlichen Räumen am Beispiel bürgerschaftlichen Engagements. Der Verein „Hilfe von Haus zu Haus“

Maria Hensler

Der Beitrag der Landvolkshochschulen im Prozess der Kirchenentwicklung am Beispiel der katholischen Landvolkshochschule „Anton Heinen“ Hardehausen

Stephan Kreye

„Kirche in der Fläche“ als Schwerpunktthema im Reformprozess der Evangelischen Kirche in Deutschland

Jürgen Schilling

Theologische Einsichten

Gottes Landpastoral: Was macht ein Stadtbewohner auf dem Land?

Hans-Joachim Sander

Land ist mehr

Birgit Hoyer

Konzeption der konzeptionellen Offenheit: Herausforderungen – Nachfragen – Konkretionen

Richard Hartmann

Autorenverzeichnis

Vorwort

Dagmar Denker

Es mag sein, dass „Land“ und „Stadt“ einmal sehr unterschiedliche Lebensräume waren – zumindest in den Bildern, die wir in uns tragen. Das habe ich als „westfälisches Landei“ sehr eindrücklich erlebt. Wir spielten im Dorf auf dem Hof und auf der Straße, jeder kannte jeden, alles war vertraut und geregelt; wir feierten zusammen und weinten gemeinsam, wir kauften in „unserem“ Laden, gingen in „unsere“ Kirche.

Natürlich erlebten wir alle die Kehrseite dieser Idylle: soziale Kontrolle, Engstirnigkeit, sehr begrenzte Freiräume, wenig Mobilität ∇ eine kleine Welt eben. Aber es waren und sind doch vor allem die positiven Bilder, die blieben − schöngefärbt und schöngeredet. Die „große“ Stadt, damals in unerreichbarer Entfernung (40 Kilometer), war Reiz und Bedrohung zugleich.

Es ist kein Geheimnis, dass diese Bilder heute nicht mehr stimmen – und vermutlich die Wirklichkeit immer nur sehr unzureichend abgebildet haben. Dennoch verstärkt sich der Eindruck, dass sich ein nicht unerheblicher Rest dieser Vorstellungen erhalten hat und gepflegt wird; nicht zuletzt, weil wir uns nicht davon trennen wollen. Ein Rest an Nestwärme und Idylle möchten wir uns nur allzu gern erhalten.

Ähnlich gilt das auch für unsere religiösen Sehnsüchte und Vorstellungen. Auch da sehnen wir uns allzu oft nach Bildern der Vergangenheit, die sich in der Rückschau mehr und mehr verklären und die Wirklichkeit verschwimmen lassen. Umso bedeutsamer ist es, bei allen pastoralen Fragen (eine) Wirklichkeit wahrzunehmen, die möglichst unbelastet ist von überholten Bildern, übersteigerten Ängsten und gepflegter Wehmut. Es geht um eine Wirklichkeit, die geprägt wird von Menschen dieser Zeit, in diesen Sozialformen, mit ihren Ängsten und Sorgen, ihrer Trauer und Angst dieser Tage.

Wie werden wir die Frage nach Gott in Zukunft (noch) vernehmbar und überzeugend stellen können? Wie werden wir das Evangelium lebendig halten und weitersagen? Wie und wo werden wir miteinander unseren Glauben feiern – in 10 Jahren, in 20 Jahren, in der kommenden Generation? Wie werden wir als Kirche weiterhin im Leben der Menschen in unterschiedlichen Lebensräumen Bedeutung haben? Das sind die eigentlichen Fragen, die sich hinter all den Bemühungen um die Pastoral und eben auch hinter dem Schlagwort der „Landpastoral“ verbergen.

Wir haben inzwischen verstanden, dass wir bei allen pastoralen Überlegungen sehr viel genauer hinschauen müssen auf die Lebensräume, die Menschen prägen und die von Menschen geprägt werden; dass wir die differenzierten Lebensentwürfe wahrnehmen müssen, die sie entwickeln, und dass wir gefordert sind, Wege zu finden, mit ihren veränderten Lebensumständen umzugehen: mit Vereinzelung, zerbrochenen Biografien und brüchigen Beziehungen. Immer wieder in Erinnerung rufen müssen wir uns, dass wir auf all diese bedrängenden Fragen nur dann eine Antwort geben können, wenn unser Suchen nach Antworten durchdrungen ist vom Vertrauen in einen Gott, der uns nicht jenseits dieser Wirklichkeit, sondern in den Menschen dieser Zeit entgegenkommt. Ich bin zutiefst überzeugt, dass in einem aufrichtigen und einem dem Menschen zugewandten Suchen für uns als Kirche die wirklichen Aufbrüche und die eigentliche Erneuerung liegen.

Das Hünfelder Symposion zur Landpastoral, das in diesem Band wesentlich dokumentiert wird, hat viele der oben aufgeführten Blitzlichter im Licht der Wissenschaft und der kirchlichen Dokumente in den Blick genommen und hinsichtlich einer zukunftsfähigen Pastoral beleuchtet. Damit leistet es einen wichtigen Beitrag zu all den Prozessen, die im Moment nicht nur im Bistum Fulda zu tief greifenden Veränderungen führen und führen müssen. Viele Beiträge dokumentieren darüber hinaus, dass es bereits viele sehr konkrete Ansätze und gelungene Antwortversuche gibt. Dennoch markiert diese Dokumentation nicht das Ende, sondern einen neuen Abschnitt eines interessanten Weges, den wir vor uns haben − der allerdings durch die Erfahrungen ebendieser Veranstaltung noch einmal neuen Schwung aufgenommen hat.

Einführung

Richard Hartmann

Der vorliegende Band hat eine doppelte Funktion: Er versteht sich einerseits als Tagungsdokumentation der Tagung „Landpastoral“ in Hünfeld vom 10.–12. Oktober 2011 und greift bewusst über die rein wissenschaftlichen Beiträge hinaus eine Vielfalt von Tagungselementen auf: neben der Predigt von Generalvikar Stanke auch Erfahrungsberichte oder gar ein Arbeitsprotokoll. Andererseits soll über den Charakter der Tagungsdokumentation hinaus das Thema in einen weiteren Rahmen gestellt werden, um die Herausforderung der Landpastoral zu neuen Handlungsschritten zuzuspitzen.

Im ersten Abschnitt „Zeichen der Zeit: Neu sehen“ legt Hubertus Schönemann in der Durchsicht bischöflicher Dokumente Texte vor, die verdeutlichen, wie wichtig eine pastorale Neuausrichtung ist. In deren Grundaussagen wird bereits spürbar, dass auch auf höchster Ebene pastorale, konzeptionelle und planerische Veränderungen als notwendig erkannt worden sind. Gerhard Stanke ordnet in seiner Predigt den Prozess in die Rezeption der Rede von den Zeichen der Zeit von Johannes XXIII. und die Aufgaben der Pastoralkonstitution „Gaudium et spes“ ein und stellt die provozierende Frage, was uns hindert, heute diese Zeichen zu verstehen.

Der zweite Abschnitt „Landsichten“ wendet den Blick auf die Landerfahrungen selbst. Der renommierte Geograph Gerhard Henkel entfaltet – auf dem Hintergrund seiner langjährigen Erfahrung und aus gegenwärtigen Begegnungen heraus – die Chancen und Herausforderungen der Landregionen. Er wirft mit uns einen Blick „aufs Land“. Bei der Tagung selbst konnten wir uns dies noch anschaulicher durch die von den Fernsehanstalten produzierten Bilder und Schemen vor Augen führen: Klaus Bassiner vom ZDF präsentierte Einblicke in die Serienproduktionen der öffentlichen und privaten Medienanstalten. Mit dem Referat des Vorsitzenden des Zentralkomitees der Deutschen Katholiken Alois Glück, das beim Renovabiskongress vom 1.∇3. September 2011 in Freising gehalten worden war, nehmen wir die Erfahrungen jahrzehntelanger politischer Arbeit mit in den Band auf, die nicht unmaßgeblich geprägt war von der eigenen Lebensgeschichte in der Katholischen Landjugend- und Landvolk-Bewegung.

Mehrere Beiträge dokumentieren im dritten Abschnitt den „Gestaltwandel“. Der Theologe und Künstler Stefan Weyergraf gen. Streit, der etliche Projekte der Umgestaltung von Kirchen auf dem Land begleitet, gewährt auch in diesem Beitrag den Leserinnen und Lesern Einblick in die Erfahrungen, die der Blickwechsel nach sich zieht. Richard Stefke befasst sich mit dem Gestaltwandel aus Sicht der Verbände, Stephan Kreye wendet sich der Institution einer Land-Volkshochschule zu. Kirchliches Engagement auf dem Land kann, wie Maria Hensler zeigt, auch als klassisch bürgerschaftliches Engagement verstanden werden. Mit Jürgen Schilling richten wir den Blick auf die Evangelische Kirche, die mit ähnlichen Herausforderungen ringt.

All diese Erfahrungen führen zu etlichen theologischen Fragestellungen, denen sich im vierten, „Theologische Einsichten“ betitelten Abschnitt Hans-Joachim Sander und Birgit Hoyer widmen. Hans-Joachim Sander geht auf das Verhältnis von Stadtreligion und Landreligion ein und fragt nach den Orten Gottes und den Heterotopen. Birgit Hoyer sieht, dass das Land anders ist, anders als viele erwartete Idyllen und auch wesentlich konfliktbeladener. Als Erfahrungshintergrund dient ihr das Schicksal der Vertriebenen in den Dörfern.

Was folgt aus all dem? Im abschließenden Beitrag versucht Richard Hartmann die wichtigsten Herausforderungen zu benennen, um fast schon eine Agenda für die pastoralen Zukunftsentscheidungen vorzulegen. Wer sich dem Thema „Kirche auf dem Land“ stellt, wird sich doppelt „umschauen“ müssen: zunächst einfach im Sinne aufmerksamen Wahrnehmens, dann aber auch im Sinne einer neuen und veränderten Ausrichtung des Handelns.

Zeichen der Zeit: Neu sehen

„Bilderwechsel“ – Akzente zur pastoralen Neuausrichtung im Spiegel ausgewählter aktueller Verlautbarungen deutscher Bischöfe

Hubertus Schönemann

Kirche im Transformationsprozess

Unzweifelhaft befindet sich die katholische Kirche in Deutschland in einem tief greifenden und fundamentalen Transformationsprozess. Unabhängig davon, ob man ihn an einen von außen – durch die veränderten gesellschaftlichen Gegebenheiten – in Gang gesetzten und somit als „aufgezwungenen“ oder als einen von innen heraus im Sinne eines gestalteten Aufbruchs versteht: Das Selbstverständnis, die Strukturen und die pastorale Praxis der Kirche sind im Wandel. Alte Selbstverständlichkeiten werden im besten Sinne frag-würdig, Neues bricht sich Bahn. Wenn die in diesem Band vertretene These, dass sich der derzeitige Umbruchsprozess der Kirche in ländlichen Räumen am deutlichsten zeigt und von dorther zu neuen Perspektiven und zu neuen Haltungen und Handlungsoptionen für eine missionarisch-lernende Kirche führt, so mag es als orientierende Lesehilfe dienlich sein, den Blick auf die pastorale Situation in ländlichen Räumen auf dem Hintergrund von Akzenten wahrzunehmen und zu deuten, die deutsche Bischöfe in ihren jüngeren Verlautbarungen über den Wandel der pastoralen und kirchlichen Situation insgesamt derzeit setzen. Möglicherweise erschließt sich von dort her die pastorale Situation in der Fläche als theologischer Ort, der Ausgangspunkt eines neuen pastoraltheologischen Erkenntnisprozesses ist. Dies kann zu einer dem Evangelium und der veränderten gesellschaftlichen Situation gleichermaßen adäquaten kirchlichen Praxis führen.

Die entsprechenden bischöflichen Verlautbarungen haben die Gestalt von Hirtenbriefen, Predigten und Ansprachen, die in unterschiedlichen Situationen gehalten und/ oder veröffentlicht wurden. Die Befassung erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit, jedoch wurde bei der Auswahl der Texte auf einen Bezug zur grundlegenden Neuorientierung in der Kirche und auf eine gewisse geografische „Ausgewogenheit“ geachtet. So kommen Bischöfe aus Bistümern zur Sprache, die eine mehrheitlich volkskirchliche Situation aufweisen, aber auch Bischöfe aus Diasporadiözesen im Norden und Osten Deutschlands. Dies macht deutlich, dass der Transformationsprozess zwar kontextuell in unterschiedlicher Weise begriffen und angegangen wird, dass aber in den meisten Bistümern die Notwendigkeit der Weiterentwicklung des kirchlichen Zeugnisses erkannt worden ist.

Bischof Norbert Trelle, Hildesheim

Der Hildesheimer Bischof Norbert Trelle nimmt in seinem Hirtenbrief zur Österlichen Bußzeit 2011 die Vorbereitungen zum Bistumsjubiläum zum Anlass, über die Veränderungen kirchlicher Pastoral nachzudenken.1 In Aufnahme des prophetischen Wortes „Es kommt Neues, schon kommt es zum Vorschein, seht ihr es nicht“ (Jes 43,18) entwickelt er „Prozesse lokaler Kirchenentwicklung“ für das Bistum Hildesheim im Sinne einer induktiven Pastoral, wie sie beispielsweise im pastoralen Ansatz der „Small Christian Communities“ versucht wird. Damit sei gemeint, dass jeder Ort ein bestimmtes Charisma hat. Aufgabe der Kirche sei es, „diese Chancen und Aufbrüche gemeinsam zu entdecken, sie weiterzuentwickeln und zu fördern“. Bischof Trelle sieht christliche Gemeinschaft zukünftig in vielfältigen und unterschiedlichen Formen, die Integration möglich machen, die Gemeinschaften für andere sind und sich an Gotteswort, Gebet und Gottesdienst orientieren. Grundlegende Dimension der Kirche ist für Trelle die Taufberufung der Christen als Geistträgerinnen und -träger. Er wirbt für eine Kirche, die offen für zukünftige Veränderung ist und Vertrauen in Gott und aufeinander wagt.

Bischof Felix Genn, Münster

Bischof Felix Genn betont auf seiner grundlegenden Ansprache vor 800 pastoralen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Bistums Münster2 die veränderten gesellschaftlichen und pastoralen Herausforderungen, die dazu führen, dass eine bestimmte Sozialgestalt von Kirche zu Ende ist, in der nämlich jeder Bürger einer Kommune ein getaufter Christ ist. Diese Selbstverständlichkeit ist vergangen. In dieser Situation bestehe die Gefahr, sich als Kirche der Entschiedenen auf eine „reine Herde“ zurückzuziehen. Vielmehr müsse die Kirche das Geschenk der christlichen Berufung bedenken und ihre missionarische Sendung leben. Ziel sei ein authentisches Glaubensleben in der Vertiefung der persönlichen Beziehung zu Christus, in der inneren Aneignung dessen, was im Credo bekannt wird. Genn votiert für eine lebendige Feier der Eucharistie, die im Zusammenhang einer gelebten Eucharistie gesehen und vollzogen werden solle. Mystagogie, so der Bischof, beinhalte, Gottes Gegenwart im Leben der Menschen entdecken zu helfen. Dies geschieht insbesondere, indem die Glieder der Kirche ihre Sendung wahrnehmen (Laienapostolat). Die Zusammenführung von Pfarreien ist ein „Weg, der helfen kann, leichter die oft unter sich bleibenden kleinen ‚Gemeindefamilien‘ auf die Menschen, die außerhalb davon sind, zu öffnen und im Zusammenwirken vieler Charismen neue Wege zur Verkündigung des Evangeliums wagen und beschreiten zu können.“ So entsteht durch den Einsatz von Hauptamtlichen, Charismen und Begabungen ein Netzwerk von Gemeinschaften und eine Synergie von Aktivitäten. Nach Genn muss es die Möglichkeit geben, das Glaubensleben in einer sehr großen oder ländlichen gegliederten Pfarrei dezentral zu gestalten. Beheimatung vor Ort und gleichzeitig Durchlässigkeit auf die größere Einheit hin ist das Erfordernis einer mobiler gewordenen Gesellschaft. Es müsse ein besseres Miteinander der Dienste und Ämter mit dem Ziel der Sensibilisierung für die Armen und der Vertiefung des Glaubens geben. Der Bischof von Münster wirbt für eine Kultur der Wertschätzung und des Vertrauens, für eine „Seelsorge mit Gesicht“. In diesen Zusammenhang gehören für ihn auch Überlegungen zur Teilhabe der Laien am Leitungsdienst. Im Bereich Liturgie betont Genn die Bedeutung des Wortes Gottes, des Gebets, der Schönheit der Liturgie, bei der insbesondere die Eucharistiefeier als Zentrum der Sammlung erlebbar wird. In der Katechese weist Genn den punktuellen Kontakten mit Menschen eine hohe Bedeutung zu und verweist auf die Bedeutung der Kasualien. Für ihn verbindet sich jedoch damit die Frage, wie man mit den Menschen in Kontakt kommt. Vertiefung und Erneuerung des Glaubens seien vorrangige Optionen. So sollten sich Pfarrgremien, Seelsorgeteams und Pastoralkonferenzen als „Glaubensgruppen“ verstehen. Schließlich legt Bischof Genn Wert auf den Dienst „mit“ den Armen: Kirche bleibt da lebendig, wo sie sich denen zuwendet, von denen sie rein äußerlich nichts zurückbekommen kann.

Bischof Dr. Franz-Josef Bode, Osnabrück

Der Osnabrücker Bischof Franz-Josef Bode nimmt im Geleitwort zu Beginn des Katechetischen Prozesses „Vom Wort des Lebens sprechen wir“ zu den Herausforderungen des heutigen Kirche-Seins Stellung.3 Sein primäres Ziel ist es, dass die Glieder der Kirche im Glauben erwachsen werden. Er verbindet damit ein Wachsen und Reifen in der Begegnung von Glaubenden und Suchenden. Im Weiteren beschäftigt den Bischof im Rahmen des Christ-Werdens, welche Türen geöffnet werden können, im Rahmen des Christ-Seins, wie ein Weg als lebenslange Glaubensvertiefung gestaltet werden kann. Christsein bekennen bedeutet für Bode Auskunftsfähigkeit und insbesondere die Entdeckung, Bildung und Stärkung glaubwürdiger Personen als Zeuginnen und Zeugen.

Erzbischof Hans-Josef Becker, Paderborn

In seinem Fastenhirtenbrief zur Österlichen Bußzeit 2010 „Die eigene Berufung entdecken und leben“4 stellt der Paderborner Erzbischof Hans-Josef Becker den Prozess „Berufung 2014“ für sein Bistum in den Mittelpunkt. Angesichts der veränderten gesellschaftlichen Bedingungen gilt es zu „lernen, die Zumutungen, die uns begegnen, aus dem Glauben an Gott anzunehmen“5. Wir „können und dürfen […] jetzt nicht einfach so weitermachen wie bisher!“6 Manches muss zugrunde gehen, anderes entsteht neu. Entscheidend sei für kirchliches Tun „das wirkliche Rechnen mit Gott im Leben des Einzelnen und im Alltag der Kirche“.7 Wenn der Ausgangspunkt der Pastoral die Erkenntnis ist, dass Gott mit uns unterwegs ist zum Heil der Welt, so ergebe sich daraus als Auftrag jeder einzelnen Kirchengemeinde, sich für die Umgebung zu öffnen, Schwerpunkte zu setzen und ihre Grundmotivation zu klären. Es geht nicht darum, so Becker, im Sinne einer „additiven Pastoral“ alles noch mehr draufzusatteln, sondern vielmehr darum, „das übliche Programm zugunsten eines solchen Innehaltens zurückzufahren“8. Erzbischof Becker unterstreicht die Verantwortung aller Getauften. Es geht nicht um die Aufrechterhaltung aller kirchlichen Strukturen, Organisationen und Einrichtungen, sondern darum, den Glauben mehr als bislang ins Gespräch zu bringen und miteinander zu erfahren. Zu diesem Zweck müsse sich eine stärkere Kultur des Willkommens entwickeln sowie das Bewusstsein, als Christen und als Gemeinschaft von Gott angesprochen und in seine Gemeinschaft berufen zu sein. Die zentrale Kategorie ist für Becker eine Pastoral der Berufung. Die Berufung der Amtsträger ist theologisch und pastoral-praktisch auf dem Horizont und im Dienst der Berufung aller Getauften zu entfalten.

Mit diesen Überlegungen schreibt der Erzbischof die Gedanken weiter, die er unter dem Stichwort „Perspektiven 2014“ bereits beim Diözesanen Forum am 21. 11. 2009 entwickelt hatte.9 Die derzeitigen Veränderungen „berühren den theologischen und geistlichen Kern dessen, wozu die Kirche da ist.“ Es ist wichtig innezuhalten, um Zeitreserven und Freiraum zu gewinnen für eine nüchterne und schonungslose Analyse dessen, was im Sinne der Glaubenserneuerung und -vertiefung nottut. Dem Fortbestand des Glaubenslebens haben sich alle Formen und Strukturen, auch die der neuen pastoralen Räume, und auch die der kirchlichen Verwaltung, der Schulen, Hochschulen und sonstigen Bildungseinrichtungen, in Dienst zu stellen. Erzbischof Becker sieht die Notwendigkeit, hauptberufliche wie ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Kirche gut auszubilden und zu begleiten, sie vor allem zu befähigen, über ihren Glauben zu sprechen, ihre Glaubensfragen und Glaubenszweifel ernst zu nehmen, ihr Leben und das, was dazugehört, mit Kategorien des Glaubens deuten zu helfen.

Bischof Heinrich Mussinghoff, Aachen

Eine differenzierte Analyse der Situation bietet der Aachener Bischof Heinrich Mussinghoff in den „Leitlinien der Pastoral in den Gemeinschaften der Gemeinden des Bistums Aachen“.10 Er entwickelt einen dynamischen Begriff von Pastoral als beständig neues Kirche-Werden (Pastoral und Ekklesiogenese in den Grundvollzügen von Kirche) und einen weiten, weil differenzierten und damit missionarischen Begriff von „Gemeinde“. Mussinghoff spricht von Pastoral im Plural: Neben „Gemeinde“ treten pastorale Sachgebiete und Einrichtungen. Hier ist zu bedauern, dass in dieser Formulierung von „Gemeinde“ die bis dahin weite Sicht von Gemeinde gegenüber einer klassischen Pfarrei-Perspektive nicht mehr durchgehalten wird. Zentrale Kategorie der Pastoral sei die Begegnung mit Gott und untereinander. Der Aachener Bischof erinnert an das gemeinsame Priestertum der Gläubigen mit Anteil am Heiligen, Lehren und Leiten und das Priestertum des Dienstes sowie an das Verständnis der Kirche als Grundsakrament (Zeichen und Werkzeug) für die Welt.11 Er entwickelt den zentralen Begriff der „Weggemeinschaft“ zur Deutung kirchlichen Tuns. Missionarische Pastoral sei eine Tautologie, recht verstanden sei jede Pastoral missionarisch und die Kirche kein Selbstzweck. Im Folgenden entfaltet Mussinghoff seine Pastoraltheologie. Den Ungleichzeitigkeiten der Situation sei es geschuldet, dass es kein einheitliches Pastoralkonzept gebe. Kategoriale Seelsorge versteht er als Seismograf für Veränderungen in der Gesellschaft mit Rückwirkung auf die gesamte Pastoral. Er votiert für eine recht verstandene kirchliche Dienstleistungsorientierung. Es gehe darum, die Kräfte zu bündeln, sinnvolle Aufgabenteilung zu versuchen und das je spezifische Profil zu schärfen. Sozialraum- und lebensweltorientiert müsse heutige Pastoral sein und nicht-katholische Kooperationspartner (Ökumene, Stadtteilkonferenzen und Bürgerinitiativen) in den Blick nehmen. Der Bischof schlägt vor, zu diesem Zweck Kundschafterrollen für „religiöse Suche“ und für „soziale Not“ zu schaffen und zu besetzen.

Der Bischof von Aachen kann sich in Zukunft unterschiedliche Modelle von Leitung vorstellen, die jedoch allesamt geistlich akzentuiert sein sollen: Neben die „klassischen“ Modelle (can. 519/524: Ein Pfarrer als Leiter der Pfarrei, can. 526: Ein Pfarrer als Leiter mehrerer Pfarreien) tritt can. 517 §1 (gemeinschaftliche Leitung durch Priester) und §2 (Gemeinschaft von Personen auf Zeit zur Teilhabe an der Wahrnehmung der Pastoral, Modell Poitiers) als Gemeindeleitung im Team. Mussinghoff zitiert abschließend Bonhoeffer: „Wir sind wieder ganz auf die Anfänge des Verstehens zurückgeworfen […]. Darum müssen die früheren Worte kraftlos werden und verstummen, und unser Christsein wird heute nur in zweierlei bestehen: im Beten und im Tun des Gerechten unter den Menschen.“12

Bischof Dr. Gerhard Feige, Magdeburg

Unter dem Motto „Winterdienst oder Frühjahrsputz?“13 beleuchtet der Magdeburger Bischof Gerhard Feige Herausforderungen und Chancen der Gemeinden in gesellschaftlichen und kirchlichen Umbrüchen. Aus der Sicht eines ostdeutschen Bistums in radikaler Diasporasituation konstatiert Feige einen fundamentalen Gestaltwandel der Kirche. Personelle und finanzielle Ressourcen nehmen ab. Angesichts dieser Situation kann es nicht mehr nur um die Versorgung der bestehenden Gemeinden gehen, nicht darum, wie bisher, „den Laden am Laufen zu halten“. Für den Magdeburger Bischof bedeutet „Winterdienst“ eine gemeinsame Vergewisserung: Welche Nahrung brauchen die Menschen? Was stärkt, was macht Mut und Hoffnung? Zum „Frühjahrsputz“ gehört für ihn die Wahrnehmung eines zunehmenden Hungers nach geistlicher Tiefe. Neue Beauftragungen und Dienste entstünden oft gerade an den Orten, an denen es keine Hauptamtlichen mehr gibt. Kirchliche Einrichtungen erhalten größere Bedeutung, zu biografischen Anlässen wird nach Lebensbegleitung durch die Kirche gesucht. Es sei daher unter anderem Aufgabe der Kirche, ihre Haltung und Einstellung zu Menschen mit „gebrochenen Biografien“ zu überprüfen.

Feige schließt seinen Beitrag mit der Ermutigung, „auf Gottes Verheißung hin unsere Besitzstände aus der Hand zu geben und seine Gegenwart unter ganz neuen Formen zu entdecken. Hier in diesem Land, unter diesen Menschen, sind wir so als Kirche gefragt.“

Bischof Dr. Joachim Wanke, Erfurt

Sein Erfurter Mitbruder Joachim Wanke hat am 30. 1. 2010 in einem Vortrag in der Katholischen Akademie in Berlin einen „Versuch der Verständigung über notwendige gemeinsame Schritte“ gemacht.14 Für Wanke ist entscheidend, dass der österliche Mehrwert, den der Gottesglaube schenkt, in den Blick kommen muss. Der Erfurter Bischof plädiert dafür, Veränderungen in Kirche und Gesellschaft wahrzunehmen („sehende“, „hörende Kirche“), das Evangelium neu in den Blick zu nehmen und in seinem Anspruch und seinem Zuspruch tiefer zu verstehen („urteilen“). Dazu muss alles auf den Prüfstand, was im Leben der Ortskirchen eine säkulare Eigendynamik entwickelt und sich von der Mitte des Evangeliums entfernt hat. Kirche sei Ferment im Ganzen, nicht Rückzugsort für die Vollkommenen. Weil sie dies unter eschatologischem Vorbehalt in Hoffnung versuche, sei sie „pilgernde Kirche“.

Schließlich sei die Verabredung konkreter, aber verbindlicher Schritte wichtig („handeln“). In diesem Zusammenhang ist es Wanke wichtig, lebensdienliche Kirche zu bleiben und noch mehr zu werden („dienende Kirche“). Es brauche eine Pastoral, die gestuft der unterschiedlichen Situation der Menschen Rechnung trägt. Es gebe Sakramente, die vor den Kirchentüren gespendet werden (Hans Urs von Balthasar). Wanke gebraucht das Bild der Veränderung der Aggregatzustände: Tragende Grundkomponenten einer christlich-religiösen Existenz werden sich in einem anderen Aggregatzustand bemerkbar machen und neue Ausdrucksformen ausprägen. Dafür ist es notwendig, das Handeln von Laien in der Kirche zu fördern und zu profilieren, auf kirchliche Leuchttürme zu setzen und insgesamt demütiger zu werden. Der Erfurter Bischof vertraut dem Glaubenssinn des Gottesvolkes zur Bezeugung des Evangeliums und erhofft sich einen Frömmigkeitsstil, der mit den geistigen und intellektuellen Fragestellungen der Zeit korrespondiert.

Bischof Dr. Karl Kardinal Lehmann, Mainz

Anlässlich der Diözesanversammlung des Bistums Mainz am 27. 8. 2011 und beim 20-jährigen Bischofsjubiläum von Bischof Bode am 1. 9. 2011 in Osnabrück hat der Bischof von Mainz, Karl Kardinal Lehmann, einen Vortrag mit dem Titel „Wohin geht die Kirche?“ gehalten.15 Er kennzeichnet den gesellschaftlichen Pluralismus als unhintergehbare Realität und fordert eine im Glauben begründete Diagnose und Interpretation der Zeichen der Zeit. Lehmann ermutigt „zum Spurenlesen: Nur wenn wir uns tief hineinbeugen in den Staub der Zeit, vermögen wir Spuren des Heils zu unterscheiden von Holz-, Ab- und Irrwegen.“16

Ebenfalls macht der Kardinal Mut zum eigenen Platz und wünscht sich mehr geistigen Wettbewerb: „Warum befragen wir andere nicht mehr nach ihren Konzepten und Lösungen, nach ihrem Menschenbild und Weltverständnis?“17 Schließlich ermutigt er zur konkreten Alternative und zum persönlichen Zeugnis in einem neuen (auch ökumenischen) Miteinander der Christen. Insbesondere die gesellschaftlichen Probleme sind für Lehmann konkrete Herausforderungen (Jugendarbeitslosigkeit, Fragen nach dem Sinn und den Vollzugsweisen menschlicher Sexualität, Umverteilung von Vermögen, Ungerechtigkeit in der Welt …). Es sei wichtig, die Radikalität und Einfachheit des Glaubens und die Leidenschaft für Gott wiederzugewinnen. Gegen Selbstgenügsamkeit gehöre das Über-sich-Hinausgehen zum Wesen der Kirche.

Erzbischof Dr. Robert Zollitsch, Freiburg

Schließlich kommt der Freiburger Erzbischof und Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Robert Zollitsch, mit seinem viel beachteten Referat „Zukunft der Kirche – Kirche für die Zukunft. Plädoyer für eine pilgernde, hörende und dienende Kirche“ auf der Herbstvollversammlung der Deutschen Bischöfe in Fulda zu Wort.18

Zollitsch begreift die kirchliche Gestalt unter den Begriffen von Pilgerschaft und Aufbruch: „Es gibt kein Reich Gottes, über das wir einfach verfügen könnten. Das Reich Gottes gewinnt Realität im Gang durch die Geschichte und beim Zug in die immer neue Fremde.“19 In diesem Zusammenhang verweist er auf „Fragen und Suchen der Menschen und deren uns fremde Welt als Ort christlicher Sendung.“20 Der Erzbischof plädiert nicht nur im Zusammenhang mit den Missbrauchsfällen dafür, „eine Kirche des Hörens (zu) sein“. Zollitsch wirbt für eine „Theologie des Scheiterns“ und für einen realistischen Blick auf den Menschen. Die Kirche erscheine oft zu sehr als Wissende und zu wenig als Lernende. Der Vorsitzende der Bischofskonferenz fordert eine konsequente Option für die Menschen. Dialog sei, „die Wahrheit des Anderen aufnehmen und sie vom Anderen hören“21. Zollitsch ist davon überzeugt, dass die Menschen und die Welt der Kirche Entscheidendes zu sagen haben.22 Daher braucht es eine vertrauenswürdige Nähe und verlässliche Verbundenheit zwischen Kirche und Welt.23 Insgesamt benötige die Kirche nicht Reparaturen, sondern eine Verlebendigung des kirchlichen Lebens,24 eine vertiefte Sensibilisierung und neue Wertschätzung des Miteinanders.25 Große Bedeutung misst Zollitsch in diesem Zusammenhang einer offenen und angstfreien Kommunikation bei.

Zusammenfassung

Aus allen bischöflichen Äußerungen spricht die Einsicht in die Herausforderungen der veränderten gesellschaftlichen Situation und in die Notwendigkeit des kirchlichen Wandels. Erneuerung wird zumeist als ein geistlicher Prozess aufgefasst im Sinne des Hörens auf das, was Gott mit den Menschen und der Kirche vorhat, und eines Prozesses der Unterscheidung der Geister.

Daher votieren die Bischöfe einerseits dafür, die Situation des Menschen und der Gesellschaft in den Blick zu nehmen, wie sie ist, und sie als theologischen Ort für die Erkenntnis des Evangeliums wertzuschätzen. Andererseits ermutigen die Bischöfe angesichts der Unterschiedlichkeit der Situationen dazu, vor Ort auszuprobieren und in der Pastoral neue Wege zu gehen, was eine Prioritätensetzung und damit den Mut zum Weglassen von Bisherigem erforderlich macht. Theologisch bringen die Bischöfe das „Wofür“ von Kirche, ihren Auftrag und ihre Sendung, dem Evangelium zu dienen und die Gottesfrage wachzuhalten, deutlicher in den Blick, um von daher Strukturen und Praxis der Kirche neu zu entwickeln.

Die Bischöfe nennen verstärkt die Berufung der Getauften und Gefirmten, um dem Zeugnis der Kirche in ihren Gläubigen Gesicht zu verleihen. Es ist den Bischöfen offenbar klar, dass die Kirche der Zukunft eine pluriforme Kirche sein wird, die eine verstärkte diakonische Grundstruktur aufweisen muss. Ebenso deutlich ist, dass Partizipation und Integration erprobt werden müssen und dies zu neuen Modellen von Leitung und Verantwortung und somit zu neuen Formen von „Gemeinde“ führen wird. Dieser Kirche wird eingestiftet sein, dass Glaubende und Nicht-Glaubende voneinander lernen und miteinander handeln können. In allen Beiträgen ist das Bemühen festzustellen, eine Kirche vor Augen zu stellen, die gleichermaßen Weite, Nähe und Tiefe des Glaubens und des kirchlichen Miteinanders in Zeitgenossenschaft mit den Menschen der Gesellschaft realisieren kann.

1 Norbert TRELLE: „Seht her, nun mache ich etwas Neues“: Hirtenwort zur Österlichen Bußzeit 2011. – http://www.bistumhildesheim.de/bho/dcms/sites/bistum/materialien/ index.html?f_action=show&f_entry_id=1628&f_back_action= (23. 2. 2012).

2 Felix GENN: Ansprache am Tag der Seelsorgerinnen und Seelsorger am 7. 11. 2011 in Münster. – http://kirchensite.de/aktuelles/dokumentationen2011/dokumentiert-vortrag-von-bischof-genn-am-seelsorgertagam-07112011 (23. 2. 2012).

3 Franz-Josef BODE: „Vom Wort des Lebens sprechen wir“. Osnabrück, 2009. – http://www.bistum-osnabrueck.de/fileadmin/user_upload/Dokumente/kprozess_ hirtenwort_bode.pdf (23. 2. 2012).

4 Hans-Josef BECKER: Die eigene Berufung entdecken und leben. Paderborn, 2010. – http://www.erzbistum-paderborn.de/44-Angebote-Service/228-Downloads/355-Texte-des-Erzbischofs/2551,Texte-und-Ansprachen-von-Erzbischof-Hans-Josef-Becker.html (23. 2. 2012).

5 Ebd., S. 2.

6 Ebd., S. 3.

7 Ebd.

8 Ebd., S. 4.

9 Hans-Josef BECKER: Diözesanes Forum. Paderborn, 2009. – http://www.erzbistum-paderborn.de/medien/10639/original/355/k1_m10631.pdf (23. 2. 2012)

10 Heinrich MUSSINGHOFF: Leitlinien der Pastoral in den Gemeinschaften der Gemeinden des Bistums Aachen. – http://pastoralentwicklung.kibac.de/seiten/downloads?view=detail&id=a65806f1-3ee7-4a64-b2c8-9870c4cb4098 (23. 2. 2012).

11 Dogmatische Konstitution über die Kirche „Lumen gentium“, Nr. 10.

12 Dietrich BONHOEFFER: Gedanken zum Tauftag von D. W. R. Mai 1944. In: DERS.: Widerstand und Ergebung: Briefe und Aufzeichnungen aus der Haft / Eberhard BETHGE (Hrsg.). Berlin: Aschendorff, 1977, S. 321–322.

13 Gerhard FEIGE: „Winterdienst oder Frühjahrsputz?“: Herausforderungen und Chancen der Gemeinden in gesellschaftlichen und kirchlichen Umbrüchen. In: DERS. (Hrsg.): Auf ökumenischer Spur. Münster: Evangelische Verlagsanstalt, 2011, S. 325–331.

14 Joachim WANKE: Katholische Kirche in Deutschland – wie geht es weiter?: Versuch einer friedlichen Verständigung über notwendige gemeinsame Schritte. Katholische Akademie Berlin, 30. 1. 2010. – http://www.bistum-erfurt.de/upload/2010/wanke_2010_katholische_Kirche_in_deutschland.pdf (23. 2. 2012).

15 Karl LEHMANN: „Wohin geht die Kirche?“ Mainz, 2011. – http://www.bistummainz.de/bistum/bistum/kardinal/texte/zukunftkirche.html (23. 2. 2012).

16 Ebd., S. 9.

17 Ebd.

18 Robert ZOLLITSCH: Zukunft der Kirche – Kirche für die Zukunft: Plädoyer für eine pilgernde, hörende und dienende Kirche. Fulda, 2010. – http://www.ebfr.de/html/aktuell/aktuell_u.html?&cataktuell=955|957&m=19781&artikel=7643&stichwort_aktuell=&default=true (23. 2. 2012).

19 Ebd., S. 2.

20 Ebd.

21 Ebd., S. 7.

22 Ebd., S. 8.

23 Ebd.

24 Ebd., S. 10.

25 Ebd., S. 13.

Zeichen der Zeit sehen1

Gerhard Stanke

Liebe Schwestern und Brüder,

Sie befassen sich auf Ihrer Tagung mit den Veränderungen in der Landpastoral. Aus einem Vortrag habe ich folgende Fragestellung im Blick auf Veränderungen in Gesellschaft und Kirche mitgenommen, die mich seither begleitet. Der Referent hat zunächst festgestellt, dass wir Entwicklungen gut analysieren können: Welche Faktoren spielen eine Rolle? Wie sind die Veränderungen verlaufen? Wie werden sie wahrscheinlich weiter verlaufen, wenn es keine einschneidenden Umbrüche gibt? Dann wird oft unvermittelt die Frage gestellt: Was müssen wir jetzt tun? Wie müssen wir darauf reagieren? Welche Konzepte müssen wir entwickeln? Davor ist aber – so der Referent − die Frage zu stellen: Was will uns Gott mit diesen Veränderungen sagen? Welche Botschaft von ihm liegt darin? Dahinter steht die Überzeugung, dass Gott durch die konkrete Wirklichkeit zu uns spricht. Die Antwort auf diese Frage liegt natürlich nicht auf der Hand. Sie ist auch nicht leicht zu finden. Aber diese Frage muss uns unterschwellig bei den Überlegungen begleiten in der Hoffnung, dass wir da und dort Elemente einer Antwort entdecken.

Ich meine, es war Max Frisch, der als Ziel seines literarischen Schaffens sinngemäß gesagt hat: Ich möchte eine Frage so stellen, dass der Leser ohne die Antwort nicht leben kann.

Die Frage „Was will uns Gott durch diese Veränderungen, die wir erleben und z. T. erleiden, sagen?“ berührt die Rede von den „Zeichen der Zeit“. Papst Johannes XXIII., dessen Gedenktag wir heute feiern, hat diesen Begriff in seiner Enzyklika „Pacem in terris“ verwendet. Er nennt drei Merkmale, die seine Zeit kennzeichnen: 1) den wirtschaftlichen und sozialen Aufstieg der Arbeiterklasse; 2) die Tatsache, dass, wie er schreibt, „die Frau am öffentlichen Leben teilnimmt …“; 3) das Faktum, „dass die Menschheitsfamilie im sozialen wie im öffentlichen Leben eine völlig neue Gestalt angenommen hat.“ Diskriminierungen wegen Hautfarbe, Rasse, Religion oder Geschlecht werden nicht mehr akzeptiert.

Die Rede von den Zeichen der Zeit kann sich, wie Sie wissen, auch auf ein Wort aus dem Lukasevangelium stützen. Dort heißt es im 12. Kapitel: „Außerdem sagte Jesus zu den Leuten: Sobald ihr im Westen Wolken aufsteigen seht, sagt ihr: Es gibt Regen. Und es kommt so. Und wenn der Südwind weht, dann sagt ihr: Es wird heiß. Und es trifft ein. Ihr Heuchler! Das Aussehen der Erde und des Himmels könnt ihr deuten. Warum könnt ihr dann die Zeichen dieser Zeit nicht deuten? Warum findet ihr nicht schon von selbst das rechte Urteil?“ (Lk 12,54−57).

Schließlich hat diese Redewendung auch Eingang gefunden in die Pastoralkonstitution „Gaudium et spes“: „Zur Erfüllung dieses ihres Auftrags obliegt der Kirche allzeit die Pflicht, nach den Zeichen der Zeit zu forschen und sie mit Hilfe des Evangeliums zu deuten. […] Es gilt also, die Welt, in der wir leben, ihre Erwartungen, Bestrebungen und ihren oft dramatischen Charakter zu erfassen und zu verstehen.“ Das Konzil führt dann weiter aus, dass die Kirche der Welt nicht nur etwas zu geben hat, sondern dass sie auch von der Welt vielfältige Hilfen erfährt.

Die Kirche tritt in den Dialog mit der Welt in der Überzeugung, dass sie den Menschen etwas zu sagen hat, was die Menschen von sich aus nicht wissen können. Sie hat ihnen das zu sagen, was uns Jesus von Gott mitgeteilt hat, nicht nur in Worten, sondern in seinen Taten, in seinem Leben, Sterben und Auferstehen. In Jesus hat Gott sein innerstes Wesen gezeigt und seine radikale Liebe zur Welt und zu den Menschen offenbart. So kann sie denen Auskunft geben, die nach Gott und nach dem Weg zum Leben fragen.

Aber sie tritt in diesen Dialog auch mit der Bereitschaft, zu lernen und Hilfe anzunehmen. Der Dialog mit Menschen, die am Rand oder auch außerhalb der Kirche stehen, hat seinen guten Grund und seinen Sinn, denn die Kirche kann dadurch lernen, ihre eigene Botschaft besser zu verstehen. Die verantwortliche Mitarbeit von Laien in der Kirche – vor allem auch von Frauen – verdankt sich auch Impulsen aus der demokratischen Gesellschaft – ebenso wie die Ablösung des hierarchischen Verständnisses der Ehe durch das partnerschaftliche. Papst Benedikt XVI., d. h. der damalige Professor Joseph Ratzinger, schreibt in einem Beitrag zu dieser Thematik, dass die Kirche manches, was sich außerhalb von ihr entwickelt hat, als ihr Eigenes erkannt und rezipiert hat.

Ich glaube, man kann auch sagen, dass Jesus gelernt hat. In Begegnungen mit Menschen außerhalb des Volkes Israel staunt er jedenfalls öfter über den Glauben, den er dort findet und der größer ist als bei den Angehörigen seines Volkes. Vielleicht hat die Begegnung mit der syrophönizischen Frau seinen Blick geweitet für seinen Auftrag. Er ist nämlich nicht nur zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel gesandt (vgl. Mt 15,24), sondern das Wort des Lebens ist auch für die, die nicht zum Volk Israel gehören, bestimmt. Am Ende des Matthäusevangeliums steht jedenfalls der Auftrag, zu allen Völkern zu gehen und ihnen die Botschaft des Evangeliums zu verkünden. Dass Jesus gelernt hat, sagt ausdrücklich der Hebräerbrief: „Obwohl er der Sohn war, hat er durch Leiden den Gehorsam gelernt“ (Hebr 5,8).

Es bleibt die Frage, was Gott uns durch die Veränderungen in Gesellschaft und Kirche sagen will. Sie muss uns bei unseren Überlegungen begleiten. Dass er uns dadurch etwas sagen will, davon bin ich überzeugt. Er will uns etwas sagen, das uns hilft, sein Evangelium besser zu verstehen und dann auch entsprechend zu verkünden und danach zu handeln.

1 Die Dokumentation der in Hünfeld gehaltenen Predigt dient dazu, die Notwendigkeit der Wahrnehmung der Zeichen der Zeit und der daraus wachsenden Herausforderungen für neue Entscheidungen biblisch und konziliar zu begründen.

Landsichten

Stärken und Schwächen unserer Dörfer – Wie könnte ein Fitnessprogramm für die Zukunft aussehen?1

Gerhard Henkel

Vorbemerkung

Das gestellte Thema ist sehr weit gefasst und anspruchsvoll. Ich soll ein wenig auf die zurückliegende Entwicklung schauen, dann vor allem die Gegenwart bilanzieren, diese bewerten und nicht zuletzt auch nach vorn blicken und dazu konkrete Handlungsfelder benennen, die für die zukünftige Entwicklung wichtig sind. Da ich insgesamt den ländlichen Raum ins Visier nehme und hier nur einen begrenzten Raum zur Verfügung habe, muss ich in meinen folgenden Ausführungen naturgemäß stark generalisieren.

1. Einstieg ins Thema: schrumpfende – stagnierende – wachsende – stark wachsende Dörfer

Es gibt viele Möglichkeiten, in das Thema ländliche Räume und ländliche Entwicklung einzuführen. Ich könnte z. B. damit beginnen, dass viele ländliche Räume, etwa in Westfalen, in manchen Statistiken gar nicht mehr als ländlicher Raum, sondern als urbanisierter Raum bezeichnet werden; oder dass Präsidenten von Städtetagen den ländlichen Raum generell als „gedankliches Kunstprodukt“ bezeichnen. Gegen solche Angriffe auf den ländlichen Raum richten sich Teile meiner Aktivitäten.2 Den ländlichen Raum verteidigen muss ich heute vor diesem Gremium Gott sei Dank nicht. Ich muss auch nicht auf die neuen Lieblingswörter der Raumordnung wie „Monopolregionen“ oder „Wüstungen“, d. h. entvölkerte Dörfer, eingehen.

Stärken und Schwächen – so lautet mein Thema − unterliegen starkem Wandel, dies gilt für alle sozialen und ökonomischen Gesellschaften. Was vor Jahren oder Jahrzehnten Gewicht hatte, spielt heute vielfach keine Rolle mehr. Was in 20 oder 30 Jahren eine besondere Stärke oder Schwäche sein wird, wissen wir nicht. In den meisten ländlichen Regionen Deutschlands hat es in den letzten Jahrzehnten starke inhaltliche und regionale Gewichtsverlagerungen gegeben. Diese sehr unterschiedlichen Wachstumsund Stagnationsphasen kann man mit geübtem Auge den Ortsbildern ablesen.

Nehmen wir zwei Beispiele aus dem Paderborner Land: Das Dorf Asseln hat seit über 150 Jahren seine Einwohnerzahl von etwa 400 Einwohnern praktisch nicht verändert. Das Dorf Scharmede ist von 1850 bis heute von etwa 350 auf fast 3000 Einwohner angestiegen; die Rahmenbedingungen oder auch die inneren Kräfte des Dorfes haben sich offenbar rapide verändert.

Die Stärke und Lebendigkeit eines Dorfes liegen oft im Verborgenen. Sie erschließen sich – zumal für den Außenstehenden – in der Regel nicht durch kurze Besuche oder statistische Einordnungen. Auch Wissenschaftler tun sich bisweilen schwer, hinter die Fassaden eines Dorfes zu gelangen und dessen Potentiale und Schwächen zu erkennen. Wer aber wirklich genauer und länger hinschaut, wird überrascht sein von der ökonomischen, sozialen und kulturellen Vitalität und Komplexität des Landlebens. Allerdings gibt es erstaunliche und überraschende Unterschiede von Dorf zu Dorf, von Dorfregion zu Dorfregion. Während viele Dörfer vor Kraft und Lebendigkeit förmlich sprühen, erscheinen andere – oft Nachbardörfer – wie gelähmt. Welche inneren und äußeren Kräfte sind es, die Dörfer stark und lebendig machen – oder in Lethargie verharren lassen, wenn sie fehlen? Die folgenden Ausführungen bilanzieren die gegenwärtigen Stärken und Schwächen unserer Dörfer in stark generalisierter Form und versuchen, daraus ein knappes Handlungsprogramm für die Zukunft abzuleiten.

2. Bilanz der gegenwärtigen Stärken und Schwächen unserer Dörfer und Kleinstädte
2.1 Stärken unserer Dörfer und Kleinstädte
a) Naturnähe

Das Dorf wird zunächst einmal geprägt durch seine Naturnähe. In Feld, Wald und Garten bietet das Dorf eine unmittelbare Chance der Erholung, Entspannung, Freizeitnutzung und körperlichen Betätigung. Dass der dörfliche Garten zu einem Kernbestand des dörflichen Lebens gehört, der von Jung und Alt gleichermaßen geschätzt wird, wird zunehmend auch von den verschiedenen Wissenschaften erkannt und erforscht. Die Naturnähe wird in Umfragen immer wieder als eine der wichtigsten Vorzüge des Landlebens herausgestellt. Nicht nur für die Bewohner des Landes ist die Naturnähe wichtig, sondern für den Staat insgesamt als Freizeit- und Ökologie-Ressource für alle.

b) Ökonomischer Bestand

Viele ländliche Regionen haben in den letzten zehn Jahren, was die Wirtschaft und den Arbeitsmarkt angeht, eine über dem jeweiligen Landesdurchschnitt liegende Entwicklung genommen. Der ländliche Raum verfügt häufig über eine robustere Wirtschaftsstruktur, was auf die hier besonders vorherrschenden, flexibel agierenden mittelständischen Betriebe zurückgeführt wird. Auch die Arbeitslosenquote ist überwiegend niedriger als im Landes- bzw. Bundesdurchschnitt. In den Dörfern und Kleinstädten haben wir einen relativ hohen ökonomischen Standard bzw. Wohlstand, der aber nicht unbedingt aus allen Statistiken (wie z. B. Kaufkraft, Einkommen) ablesbar ist. So haben wir im ländlichen Raum eine sehr hohe Eigenheimquote (ca. 80 Prozent), die mehr als doppelt so hoch wie in den Großstädten liegt. Ein Plus der ländlichen Räume sind auch seine zuverlässigen und motivierten Arbeitskräfte, wie mir vor Jahren ein Arbeitsamtsdirektor einer ländlichen Region versicherte.

Insgesamt hängt die wirtschaftliche Prosperität ländlicher Räume nicht mehr entscheidend von der Entwicklung des primären Sektors ab, also von der Land- und Forstwirtschaft, sondern in erster Linie von der gewerblichen Produktion, die vor allem im Mittelstand angesiedelt ist, der inzwischen auch auf der internationalen Bühne agiert. Dies gilt z. B. für große Teile Ostwestfalens oder des Sauerlandes. Neben den Betrieben mit ihren Arbeitsplätzen tragen auch informelles Wirtschaften und soziales Kapital wesentlich zum Wohlstand in den Dörfern bei. Dies haben drei Soziologinnen der Universität Bielefeld in dreijährigen Recherchen in zwei Dörfern der Warburger Börde recherchiert. Nachbarschaftshilfe, Haus- und Gartenarbeit sowie die vielfältigen Gemeinwohlleistungen der Vereine machen das Dorf ökonomisch und sozial attraktiv (siehe Abb. 1 auf der folgenden Seite).

c) Dichte der sozialen Beziehungen, Bereitschaft zu bürgerschaftlichem Engagement

Die hohe Dichte der sozialen Beziehungen im Dorf wird immer wieder recherchiert und zitiert. Das System der engen und vielfältigen sozialen Netze hat sogar Eingang gefunden in die modernen Dorfdefinitionen, nachdem das alte prägende Merkmal, die Dominanz der landwirtschaftlichen Funktionen, weggefallen ist.

Neben der Dichte der sozialen Beziehungen ist die hohe Bereitschaft zu ehrenamtlichem bzw. bürgerschaftlichem Engagement besonders dorftypisch. Fast jeder erwachsene Dorfbewohner könnte eine paar ehrenamtliche Tätigkeiten aufzählen, die er oder seine Familie oder Nachbarschaft in seinem Heimatdorf leistet. Immer wieder zu Recht hervorgehoben werden die hohe Vereinsdichte auf dem Lande und die hohe Vereinszugehörigkeit pro Einwohner. Vereine und Ehrenämter tragen und prägen das Dorf.


Abb. 1: Komplexe Ökonomie des Dorfes Körbecke (Quelle: Baier, A., Bennholdt-Thomsen, V. und B. Holzer: Ohne Menschen keine Wirtschaft. Oekom, München 2005. S. 200)

d) Infrastrukturausstattung

Trotz erheblicher Infrastrukturverluste in den zurückliegenden Jahrzehnten, z. B. in den Bereichen Schule, Post, Bürgermeisteramt, Polizeiposten, Gasthöfe und Dorfläden, ist die Infrastrukturausstattung generell auf einem hohen Stand. Dies gilt vor allem für die sogenannte technische Infrastruktur wie Wasser-, Abwasser- und Energieversorgung. Darüber hinaus weisen besonders die Sport- und Freizeiteinrichtungen wie Sport- und Spielplätze, Sporthallen, Tennisplätze und Sportheime sowie Kultureinrichtungen wie Begegnungsstätten, Dorfgemeinschaftshäuser, Heimatstuben, Feste und Brauchtumspflege einen hohen Standard auf. Auch das Angebot an weiterführenden Schulen sowie dem ÖPNV hat sich in den letzten Jahrzehnten verbessert (siehe Abb. 2 auf folgender Seite).

e) Demographischer Aufbau

Der demographische Aufbau unseres Staates ist schon länger keine Pyramide mehr, die unten durch Geburtenzuwächse immer breiter wird. Dies gilt auch für ländliche Regionen. Nur ist hier die nachwachsende Schicht immer noch deutlich breiter als in Großstädten. Wir haben auf dem Lande immer noch Geburtenüberschüsse, d. h. auch eine deutlich höhere Geburtenrate als in den Großstädten. Die Dichte der verwandt- und nachbarschaftlichen Beziehungen fördert nach Ansicht der Soziologen die Geburtenquote. Dass auch auf dem Lande die Geburtenraten seit Jahren zurückgehen, darf jedoch nicht verschwiegen werden. Der relativ hohe Bestand an Kindern und Jugendlichen im ländlichen Raum ist allerdings ein fragiles Gut: Nach ihrer in der Regel guten Berufs-, Schul- und Hochschulausbildung verlässt ein Großteil der Jugendlichen seine Heimat. Dieser Verlust an Humankapital, wie die Experten dies nennen, schwächt naturgemäß mittel- und langfristig unsere Dörfer und Kleinstädte.

Abb. 2: Infrastrukturentwicklung in mittelgroßen Dörfern von 1950 bis heute (Gerhard Henkel 2012)

f) Ländliche Lebensstile

Trotz aller Angleichungsprozesse zwischen Stadt und Land in den zurückliegenden Jahrzehnten gibt es auch heute noch wesentliche Unterschiede zwischen dem Stadt- und dem Landleben. Das ist in den letzten Jahren durch verschiedene Studien belegt worden. Ländliche Lebensstile sind natur-, traditions- und handlungsorientiert. Das Arbeiten und Leben im Garten, das Spazierengehen, Wandern und Radfahren in Feld und Wald gehören zum Kernbestand ländlicher Lebensqualität. Dörfliche Lebensstile sind durch eine hohe Dichte sozialer Netze und Kontakte geprägt. Verwandtschafts- und Nachbarschaftshilfe, Engagement in Vereinen und Kirchen sowie Brauchtumspflege spielen im Zusammenleben eine wichtige Rolle und tragen sowohl zum Wohlstand als auch zur Identität in den Dörfern bei.

Nach einem kürzlich publizierten Bericht in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ kommen auffällig viele Chefs der größten deutschen Unternehmen aus ländlichen Regionen. Als wesentliche Erklärung für dieses Phänomen werden die auf dem Dorf oder in der Kleinstadt erworbenen sozialen und emotionalen Kompetenzen sowie ein auf dem Lande noch vorhandenes „Arbeitsethos“ angeführt, die sich so in der unpersönlicheren und virtuelleren Großstadt nicht erlernen lassen.

g) Zufriedenheit der Bewohner

Ein hohes Plus des ländlichen Raumes ist nicht zuletzt die weit überdurchschnittliche Zufriedenheit seiner Bewohner mit ihrem Wohnumfeld. Sie liegt nach wiederholten Umfragen stets zwischen 80 und 90 Prozent und damit etwa doppelt so hoch wie in den Großstädten. Großstädter möchten übrigens zu 40 bis 45 Prozent lieber im Dorf als in der Großstadt leben. In einer kürzlich durchgeführten 1-live-Umfrage unter jungen Leuten, von der mir mein Sohn berichtete, wurde die Frage gestellt: „Was findet ihr besser: Leben in der Stadt oder Leben auf dem Dorf?“ Gut zwei Drittel der Antwortenden bevorzugten das Leben auf dem Lande. Eine Theorie aus den Wirtschaftswissenschaften besagt übrigens, dass Wirtschaft sich dort ansiedelt, wo Menschen sich wohl fühlen und ein Umfeld vorfinden, das ihnen erlaubt, produktiv zu sein.

Eine andere interessante Facette der Zufriedenheit ist kürzlich in einer Studie der Universität Münster herausgearbeitet worden, und zwar die Sicherheit im Wohnumfeld, die von der Bevölkerung als wichtiger Vorteil des Landlebens angesehen wird.

2.2 Schwächen unserer Dörfer und Kleinstädte
a) Anhaltende Verluste der traditionellen Wirtschaftspotentiale

Die traditionellen Wirtschaftspotentiale des ländlichen Raumes haben an Gewicht verloren: Holz und Wasser als Energielieferant und Rohstoff, (gutes) Land für Ackerbau und Viehzucht. Damit ist ein Verlust an traditioneller Wertschöpfung und Arbeitsplätzen eingetreten, der immer noch anhält. Der Verlust betrifft auch das traditionelle Dorfhandwerk, das sich als Dienstleistung für die wirtschaftstragende Landwirtschaft und für die rege Bautätigkeit auf dem Lande bis in die 1960er Jahre sehr gut entwickelt hatte. In manchen ländlichen Regionen haben sich nach den Schrumpfungsprozessen in Land- und Forstwirtschaft und Dorfhandwerk nur wenig alternative Gewerbe herausgebildet. Sie gehören zu den stagnierenden und von Bevölkerungsrückgang betroffenen Gebieten. Es gibt zahlreiche Dörfer in Deutschland, die ihren ökonomischen und demographischen Zenit vor 150 bis 200 Jahren hatten.

In jüngerer Zeit gibt es ein wenig Hoffnung. Der Wert ländlicher Ressourcen wie Boden, Wasser und Holz scheint sowohl für die Nahrungs- als auch für die Energieproduktion zu steigen. Gerade der Trend zu erneuerbaren Energien kommt dem ländlichen Raum zugute. Es gibt bereits Dörfer, die sich mit Strom und Wärme selbst versorgen.

b) Anhaltende Infrastrukturverluste

Bezüglich der Infrastruktur gibt es neben den Stärken, die genannt wurden, eine Reihe von erheblichen Verlusten, die hier anzuführen sind (siehe Abb. 2). Am stärksten betroffen sind zahlreiche – auch mittelgroße – Dörfer vom Verlust der dörflichen Schule. Dazu kommen Post, Bürgermeisteramt und dörflicher Gemeinderat, Polizeiposten, Bahnanschluss sowie die Bäuerliche Bezugs- und Absatzgenossenschaft. Bei den privaten Dienstleistungen sind vor allem die Schuhmacher, Schneider, Schmiede und in den letzten Jahren auch die Bäcker und Metzger weggefallen. Besonders schmerzhaft sind die Verluste an Gasthöfen und Dorfläden, vor allem dann, wenn es die letzten sind, die schließen.

c) Leerstand von Gebäuden in Dorfkernen

Noch vor 50/60 Jahren waren alle Dörfer in Deutschland im wahrsten Sinne des Wortes „voll“; jeder Quadratmeter war genutzt durch Wohnungen für Menschen, Ställe für Tiere, Speicher für Erntevorräte und Schuppen für Maschinen. Durch Neubausiedlungen am Rande der Dörfer, aber auch durch Aussiedlungen und die bald einsetzende Landflucht entstanden bereits in den 1960er und 1970er Jahren Leerstände in den Dorfkernen, auf die man mit den staatlichen Förderprogrammen der Dorfsanierung und Dorferneuerung reagierte.

Inzwischen ist es in den meisten Dörfern zu einer zweiten Welle des Gebäudeleerstandes gekommen. Außerdem sind viele alte Bauernhäuser nur noch von ein bis zwei älteren Personen bewohnt, eine Nutzungsnachfolge ist höchst ungewiss. Ähnliches gilt für ältere Handwerkerhäuser, ehemalige Gasthöfe, Dorfläden usw. Die Probleme sind brennend, sie gehen an die Substanz des Dorfes, den alten Kern, der das Dorfbild prägt, mit dem man das Dorf identifiziert. Sogar in wachsenden Dörfern nimmt der Leerstand im Inneren noch zu, zugunsten neuer Wohngebiete am Dorfrand. Ein Problem ist vielerorts die Wahrnehmungsschwäche. So wollen viele Bürgermeister den Leerstand einfach noch nicht wahrhaben!

d) Zu wenig Arbeitsplätze für Höherqualifizierte, vor allem im Dienstleistungsbereich

Dies ist eine Schwäche, die dem ländlichen Raum generell zugeordnet werden kann. Die höher qualifizierten Dienst-leistungsberufe sind nun einmal in den Großstädten konzentriert. Aber es gibt erhebliche Unterschiede auf dem Lande. So steht das sonst vielfach zu lobende Bayern in diesem Punkt in einigen Regionen schlechter da als Nordrhein-Westfalen. Gerade im südlichen und östlichen Westfalen gibt es durch zahlreiche mittelständische Industriebetriebe ein relativ gutes Angebot z. B. für Ingenieure. Generell bietet die Nähe zu Oberzentren bzw. gut ausgebauten Mittelzentren ein gut erreichbares Angebot für höher qualifizierte Dorfbewohner.

Die modernen Informations- und Kommunikationstechniken könnten den grundsätzlichen Standortnachteil des Dorfes mittel- und langfristig aufheben oder mindern. Bereits heute finden sich vereinzelt in den Dörfern Klein- und Kleinstunternehmer, die hoch komplizierte Soft- oder Hardwaredienstleistungen für große Konzerne weltweit erbringen.

e) Abwanderung von Jugendlichen

Ein großes Problem für den ländlichen Raum in ganz Deutschland ist die Abwanderung der jungen, gut ausgebildeten Bevölkerung, schwerpunktmäßig der Gruppe der 24–27-Jährigen. Man spricht hier auch von Bildungsabwanderung. Die Jugendlichen ziehen in die Großstädte mit ihren differenzierten und besser bezahlten Berufsmöglichkeiten. Der Wegzug dieser Jugendlichen schmerzt, weil hier ein wertvolles Humankapital wegzieht, das in der Region hohe Ausbildungs- und Infrastrukturkosten verursacht hat, wovon dann aber andere Regionen profitieren können.

Anlässlich eines kürzlich in Wien gehaltenen Vortrags wurde mir die Frage gestellt, ob nicht auch die (immer noch) starke soziale Kontrolle in den Dörfern die Entwicklung mancher Jugendlicher behindere und es auch deswegen zu Abwanderungen in die Stadt komme. Ich gebe diese Anregung gern weiter, wenngleich ich der Meinung bin, dass die Brisanz der sozialen Kontrolle auf dem Lande gegenüber den 1950er und 1960er Jahren stark abgenommen hat.

f) Zu wenig Integration von Aussiedlern und Zugewanderten

Die Integration von Aussiedlern aus der ehemaligen Sowjetunion und anderen Zugewanderten aus dem Ausland hat zwar hier und dort Fortschritte gemacht, dennoch sind nach wie vor große Defizite zu beobachten. Sprechen Sie mit Vereinsvorständen, hören Sie von vielfach vergeblichen Bemühungen um die Integration von Jugendlichen in die Vereine. Sehen Sie das oft distanzierte Verhalten der Zugezogenen auf den dörflichen Festen. Gegenseitige Vorbehalte und Ängste prägen nach wie vor das Miteinander. Meist fehlt die Motivation, aufeinander zuzugehen. Oft ist der Wille da, aber offenbar scheint die Kraft zu fehlen, sich wirklich einander zu nähern.

g) Zu wenig Netzwerke bzw. Kommunikation zwischen Vereinen, Bürgern und Behörden

Der Informationsaustausch und der Dialog zwischen Vereinen, Bürgern und Behörden haben deutliche Schwächen. Vereine fühlen sich z. B. angesichts ihrer Aufgabenfülle und mancher Sorgen von den Bürgermeistern, Ortsvorstehern, Gemeinderäten sowie der Kommunalverwaltung vernachlässigt, obwohl diese ja eigentlich ein offenes Ohr für die Vereine haben. So lautete ein verzweifelter Hilferuf eines Sportfunktionärs in einer ländlichen Großgemeinde: „Herr Bürgermeister, übernehmen Sie die 1200 Kinder und Jugendlichen, die Woche für Woche von uns in den Sportvereinen trainiert und betreut werden.“ Bisher nicht engagierte Bürger würden sich vielleicht zu einer Mitarbeit motivieren lassen, aber es fehlen ihnen die richtigen Informationen und Ansprachen. Manche Aufgaben eines Dorfes, die sozusagen „zwischen“ den klassischen Aufgaben der verschiedenen Vereine liegen, z. B. die Leerstandsproblematik oder die Integration von Aussiedlern, werden zu wenig wahrgenommen bzw. konkret angegangen.

3. Konkrete Handlungsfelder eines Fitnessprogramms für die Zukunft

In die folgenden konkreten Handlungsfelder sind sowohl Analysen der verschiedenen Wissenschaften als auch Erfahrungen und Modellprojekte aus der Praxis eingeflossen, die im ganzen Bundesgebiet derzeit bekannt sind und diskutiert werden. Darüber hinaus habe ich in den letzten Monaten zahlreiche einschlägige Gespräche mit Vertretern aus der Wirtschaft, aus Kommunen und Vereinen geführt. Eine Zusammenfassung in zehn Punkten muss natürlich manches weglassen, andererseits sind viele Punkte miteinander verknüpft. Natürlich offenbart sich bei einer so komplexen ökonomisch-kulturell-sozialen Thematik – mit einem Blick in die Zukunft – auch meine persönliche Sicht. Bitte betrachten Sie daher meine Empfehlungen nicht als das Dogma eines unfehlbaren Wissenschaftlers, sondern als Angebot zum Nachdenken und zum Dialog! Manche der folgenden Handlungsempfehlungen sind im Übrigen längst angegangen worden.

a) Revitalisierung der Ortskerne

Die bauliche, infrastrukturelle und soziale Revitalisierung der Ortskerne halte ich für eine der wichtigsten, wenn nicht für die wichtigste Aufgabe der Kommunalpolitik und der Fachpolitiken. Das Thema ist aktuell und brisant; aber auch die Wahrnehmungsschwäche. Kollegen aus dem Baden-Württembergischen Ministerium für den ländlichen Raum berichten von ihren ersten Gesprächen mit den Bürgermeistern: „Wir haben keinen Leerstand“ war die erste Reaktion. Aber letztlich betrug der Leerstand überall zwischen 20 und 35 Prozent. Mehrere Bundesländer haben inzwischen ihre Förderprogramme komplett umgestrickt auf Leerstandserfassungen und Umnutzungskonzepte und -maßnahmen, z. B. Baden-Württemberg, Saarland, Hessen, Bayern, Thüringen. Zwei Ziele will man mit der Fokussierung auf die Ortskerne erreichen: Man will die identitätsstiftende Mitte stärken und damit dem Verfall der Baukultur und der Versorgungseinrichtungen begegnen; zum anderen will man einen Beitrag zur Eindämmung des Landschaftsverbrauchs an den Rändern leisten. Das Land Baden-Württemberg nimmt derzeit viel Geld in die Hand für Leerstandserhebungen, dann aber vor allem für Beratung und Hilfestellung der Eigentümer der leer stehenden Immobilien. Hier können wir eine ganze Menge lernen. Die ersten Erfolge in den 13 Modellgemeinden sind bereits sichtbar. So sind in dem kleinen Dorf Creglingen-Münster binnen 5 Jahren 24 Maßnahmen verwirklicht worden mit bereits positiver Wirkung auf die Einwohner- und Kinderzahlen.

b) Ökonomische Stabilisierung

Es geht hier vor allem um eine ökonomische Stabilisierung des Vorhandenen in der ganzen Region, besonders aber auch in den gegenwärtig strukturschwächeren und „peripheren“ Orten und Gemeinden. Ein Bündel von Handlungsfeldern ist zu empfehlen:

– Einmal sollte die Wertschöpfung der vorhandenen Ressourcen verbessert werden: Holz und Wasser als Energielieferanten und Rohstoffe, guter Boden für Ackerbau, Viehzucht und Energiepflanzen.

– Aufträge der öffentlichen Hand sollte man in der Region belassen.

– Bürokratieabbau seitens der Kommunen, der Kammern, der Genehmigungs- und Förderungsbehörden sollte energisch angegangen werden.

– Man sollte eine vorausschauende Gewerbeflächenpolitik betreiben!

– Von größter Bedeutung sind die sogenannten „weichen“ Faktoren wie: ein wirtschaftsfreundliches Klima schaffen, z. B. durch regelmäßige Besuche von Bürgermeistern, Ortsvorstehern sowie Verwaltungsbeamten in den Betrieben, Kontakte mit Schulen. Gut für die Kontaktpflege und Imagestärkung sind auch die Regionalmessen.

c) Infrastruktur sichern, eventuell „vorhalten“ oder ausbauen

Hier geht es im Wesentlichen um die Sicherung eines immer noch hohen Standards der Infrastruktur. Im Einzelnen findet sich ein weites Feld an Aufgaben:

– Das sogenannte „Vorhalteprinzip“ ist gerade im neuen Landesentwicklungsprogramm Bayerns aufgenommen worden. Ziel ist es, Versorgungseinrichtungen wie z. B. Schulen oder Kindergärten zu halten, auch wenn diese nicht mehr voll ausgelastet sein sollten.

– Neue Formen der flexiblen Versorgung sind zu finden, z. B. Zusammenschlüsse von Schulen und Kindergärten, um lokale Standorte zu halten: Schulverbund statt Schließung lautet das positive Motto.

– Alle Arten der privaten Trägerschaft von Infrastruktureinrichtungen, z. B. in Vereinen, Stiftungen oder privaten Diensten, sind zu unterstützen.

– Der ÖPNV sollte möglichst auf dem derzeit hohen Standard gehalten werden.

– Modellprojekte wie Nachbarschaftsladen, MarktTreff oder KOMM IN, die öffentliche und private Dienstleistungen in Dörfern anbieten, sollten gefördert werden!

d) Lebendigkeit und Wirksamkeit der dörflichen Vereine sichern und fördern

Die hohe Vereinsdichte und die große Akzeptanz der Vereine sind ein ganz wesentlicher Bestandteil der ländlichen Lebenskultur. Hier werden in kaum messbaren Dimensionen – ehrenamtlich – vielfältige Leistungen der Ausbildung und Betreuung, z. B. im sportlichen oder musikalischen Bereich, erbracht und außerdem mannigfache Integrationsleistungen, die noch schwerer zu gewichten sind.

Aber es gibt derzeit auch viele Unsicherheiten und Frust in den Vereinen und Verbänden, die Bürgern und Politikern teilweise nicht bekannt sind, die aber zu Erosionen führen können. So lassen sich immer schwerer Mitarbeiter gewinnen bzw. über Jahre halten. Andererseits steigen die Anforderungen sowohl hinsichtlich der Betreuung als auch der Breite der Angebote. Früher gab es z. B. in den großen Sportvereinen 2 bis 4 Fußballmannschaften, heute 10 bis 20, daneben aber auch die Angebote Judo, Ballett, Badminton, Basketball usw.

Die Vereine und Verbände haben die Mitarbeiterproblematik erkannt und machen regionale und lokale Schulungen, doch viele Vereine fühlen sich und ihre Arbeit sowohl von der Kommunalpolitik als auch von Seiten der Elternschaft der betreuten Kinder nicht richtig gewürdigt. Eine drohende Vision eines Sportfunktionärs: Wenn allein die Sportvereine einer Großgemeinde ihre ehrenamtliche Arbeit einstellen würden, könnte man 1200 Kinder und Jugendliche vor dem Rathaus aufstellen, die dann auf Betreuung durch die Stadt warten. Dann könnte die Stadt, wenn sie das übernehmen müsste – so der Funktionär –, sofort Konkurs anmelden. Offenbar ist es längst nicht allen Kommunen bzw. Ratsmitgliedern bekannt, welchen „kommunalen Mehrwert“ die Vereine ständig produzieren. Gegenüber den Eltern, die ihre Kinder bei den Vereinen abgeben, ohne sich weiter für den Verein zu interessieren, ging kürzlich ein Aufschrei eines Sportvereinsvorsitzenden durch die Presse: „Wir sind keine Kinderverwahranstalt.“ Die Vereine benötigen also dringend Aufmerksamkeit und Zuwendung, wenn man so will, moralische Unterstützung von Politikern, Parteien und Eltern, am besten regelmäßige persönliche Kontakte, damit sie erkennen, dass ihre Arbeit auch wirklich gewürdigt wird.

Um nicht zu erstarren, müssen die Vereine allerdings auch selber bemüht sein, zeitgerechte Entwicklungen aufzunehmen, indem z. B. Jugendliche bereits in kleine Führungsaufgaben eingebaut werden oder neue Aufgaben, wie z. B. die Integration von Aussiedlern, besonders intensiv betrieben werden.

e) Bürgerschaftliche Verantwortung und Engagement für das Dorf von morgen wecken: die neuen Bürgervereine

Es gibt viele tatkräftige Dorfvereine, aber oft kein breites bürgerschaftliches Engagement für die Gesamtentwicklung des Dorfes. Neben den (wichtigen!) Spezialinteressen und -aufgaben der zahlreichen Vereine bleiben häufig übergreifende Themen bzw. Querschnittsaufgaben, die das ganze Dorf betreffen, auf der Strecke. Wer kümmert sich z. B. um einen vernachlässigten Bachlauf, wer um ein leer stehendes Baudenkmal, wer um einen fehlenden Spielplatz? Es gibt bereits gute Beispiele für interessenübergreifende Vereine, die unterschiedliche Namen tragen. Einige aus meiner Heimatregion Paderborn seien angeführt: Bereits seit 1975 besteht der sogenannte „Dorfrat“ in Wewelsburg, der den Verlust des alten Dorf- bzw. Gemeindeparlaments durch die kommunale Gebietsreform mindern wollte. Dem Beispiel Wewelsburg folgten andere Dörfer in der Nachbarschaft. In Leiberg existiert seit einigen Jahren ein „Verein zur Förderung der Dorfgemeinschaft.“ In Giershagen bei Marsberg ist ein alter Verkehrsverein zu einem neuen Verein umgebaut worden, der sich „Förderverein Unser Giershagen“ nennt. Seine Ziele sieht dieser Verein laut Satzung in der Stärkung des sozialen und kulturellen Zusammenhalts der Bevölkerung; die Identifizierung der Giershagener mit ihrem Ort soll gefördert werden; alle Vereine sollen in die Aktivitäten eingebunden werden. Vielleicht werden derartige Vereine demnächst die wichtigsten in den Dörfern sein. Eine mögliche Variante wäre aber auch, dass z. B. Schützenvereine diese Querschnittsaufgabe übernehmen.

Das ganzheitliche Engagement der Dorfgemeinschaft für ihr Dorf wird ganz entscheidend den Ausschlag geben, wie dieses oder jenes Dorf in Zukunft aussehen wird. Das muss allen Dorf- und Kleinstadtbewohnern klargemacht werden. Die öffentliche Hand wird sich aus immer mehr Aufgaben zurückziehen. Die Wohlfahrt der Bürger wird nicht mehr vom Staat garantiert, sondern wird zunehmend durch bürgerschaftliches Engagement hergestellt. Angela Merkel schreibt in ihrer Regierungserklärung: Wir stehen am Ende des Traums vom Staat als „Hüter und Wächter des Gemeinwohls“. Dieses Leitbild wird sich durchsetzen. Die externen Fördertöpfe werden leerer, hängen höher. Sie werden in Zukunft nur noch dort fließen, wo eine entschieden engagierte Dorfgemeinschaft vorhanden ist. Das ist im Übrigen zumindest die inoffizielle Parole in den einschlägigen Ministerien und Förderbehörden. Mein Fazit: Dörfer ohne engagierte Dorfgemeinschaften werden ausbluten. Das wird man schon in ca. 5 bis 10 Jahren sehen können!

Manchmal werden Dörfer erst durch herbe Verluste wachgerüttelt. So wurde im bayerischen Ollarzried angesichts des drohenden Verlustes des letzten Dorfgasthofs ein gesamtdörflicher Förderverein begründet, der schließlich den Gasthof rettete.

f) Jugendliche für die Region gewinnen (um deren Abwanderung entgegenzuwirken)

Die Jugendlichen sind das wichtigste Potential der Region. Der Abwanderung von (meist gut ausgebildeten) Jugendlichen in Großstädte und Ballungsgebiete entgegenzuwirken, muss ein wichtiges Handlungsfeld sein. Das Gegensteuern sollte breit und vielschichtig angelegt sein:

– In Jugendforen oder Jugendparlamenten werden die Interessen von Jugendlichen deutlich gemacht und Aktivitäten ausgelöst sowie die Identifikation mit Ort und Gemeinde gestärkt.

– Vereine und andere Gruppierungen, in denen ein Großteil der Jugendlichen ausgebildet und betreut wird, werden gestärkt: Sie dienen der längerfristigen Bindung an die Region.

– Preisgünstiges Bauland für junge bauwillige Ehepaare wird bereitgestellt, wenn möglich durch Umnutzung in Ortskernen.

– Es gilt, Umwelt-, Erholungs- und Freizeitwerte der Kultur- und Naturlandschaft als weiche Standortfaktoren weiterzuentwickeln.

– Maßnahmen zur Aus- und Weiterbildung und zur Nutzung angewandter Forschung müssen unterstützt werden.

– Den Jugendlichen muss durch Imagekampagnen klargemacht werden, dass die Region die Jugend braucht!

Ein Musterbeispiel bietet die kleine Gemeinde Ummendorf in der Magdeburger Börde mit etwa 1100 Einwohnern. Hier bietet der Bürgermeister Falke (der auch in Schloss Neuhaus vorgetragen hat) jeden Dienstag um 17 Uhr eine Sprechstunde für Jugendliche an, an der im Durchschnitt 20 bis 30 Jugendliche von 14 bis 18 Jahren teilnehmen. Die Jugendlichen tragen ihre konkreten Wünsche vor, und sie erfahren viel Entgegenkommen des Bürgermeisters. Sie verpflichten sich aber auch zu Hilfestellungen für die Gemeinde, z. B. durch Pflege der zwei Bushaltestellen des Dorfes!

g) Integration von Aussiedlern und anderen Zugewanderten

In unseren Dörfern und Kleinstädten lebt heute ein teilweise sehr hoher Anteil an Aussiedlern, z. T. bis zu 30 Prozent der Bewohner. Die Bilanz der Integration fällt sicher zwiespältig aus: Einerseits haben es viele, wenn nicht die meisten, aus ihrer persönlichen Sicht „geschafft“, d. h., sie haben einen Arbeitsplatz und oft auch Eigentum erworben, sind fleißig, haben große Familien, d. h. auch viele Kinder und Jugendliche. Aber es gibt ohne Zweifel noch Integrationsdefizite zur alteingesessenen Bevölkerung. Offenkundig sind z. B. Defizite in der Mitarbeit in Vereinen und der Kommunalpolitik, obwohl gerade in den Vereinen viele Versuche unternommen worden sind. Vielleicht sind die eben genannten „Vereine zur Förderung der Dorfgemeinschaft“ am ehesten in der Lage, gegenseitige Schwellen und Ängste abzubauen. Auch aus Eigennutz sollten die Bemühungen nicht nachlassen. Man sollte aber nicht nur die steigenden sozialen Kosten einer fehlenden Integration sehen. Man sollte vielmehr erkennen, dass hier ein großes Humankapital vorhanden ist, das dem Dorfleben zugute kommen könnte. Ein Blick auf die Nachkriegsjahre zeigt an, dass vielerorts gut integrierte Vertriebene wesentlich zur Bereicherung des Dorflebens beigetragen haben.

h) Vielfalt und Identität unserer Kultur- und Naturlandschaften erhalten und entwickeln

So lautet eines der neuen „Leitbilder und Handlungsstrategien für die Raumentwicklung in Deutschland“ von 2006. Da praktisch alle ländlichen Regionen in Deutschland über bedeutende und vielfältige Kulturlandschaften verfügen, sollten sie sich dieses Leitbild des Bundes unbedingt zu eigen machen. Wertvolle und gepflegte Kulturlandschaften gehören zu den sogenannten weichen Standortfaktoren, die sowohl für die Wirtschaft als auch für die Zufriedenheit und Identität der Bewohner von großer Bedeutung sind. Im Einzelnen geht es um

– die Pflege des kulturellen Erbes, Brauchtum, Sprache, Ortsbildpflege,

– die Sicherung der landschaftlichen Unterschiede,

– die Sicherung der vorhandenen Ökosysteme und ihrer Funktionsfähigkeit.

Angestrebt wird ein harmonisches Nebeneinander der unterschiedlichen Landschaftstypen, bei dem die ökologischen, ökonomischen, sozialen und kulturellen Funktionen dauerhaft erhalten bleiben. Die jeweilige Kulturlandschaft sollte als weicher Standortfaktor in die regionalen Entwicklungskonzepte zur Stabilisierung ländlicher und stadtnaher Räume integriert werden. Es wird angeregt, für jede ländliche Region konkrete Leitbilder für die dort vorhandenen unterschiedlichen Kulturlandschaften zu entwickeln, an denen man sich dann in der Zukunft orientieren kann.

i) Kommunalpolitik wird als „aktivierender Staat“ zum ständigen Moderator und Impulsgeber der Bürgerkommune

Als ein roter Faden aus den bisherigen Handlungsfeldern zeichnete sich bereits ab, dass der Kommunalpolitik eine entscheidende (neue) Rolle in der sich entwickelnden Bürgerkommune zukommen wird. Deswegen kann ich mich nun hier etwas kürzer fassen. Die in Abb. 3 gezeigte Übersicht zeigt den langen Weg vom Leitbild „Papa Staat“ mit dem Bürger als Untertan über das Leitbild „Unternehmer Staat“ mit dem Bürger als Kunde hin zum heutigen bzw. zukünftigen Leitbild „Aktivierender Staat“ mit dem Bürger als Partner.

Mit den Begriffen „Bürgerkommune“ und „Aktive Bürgergesellschaft“ wird zum Ausdruck gebracht, dass im Wesentlichen aktive Bürger das Gemeindeleben tragen und prägen. Generell sind Bürgermeister, Rat, Verwaltung und Bürger gleichgewichtige Partner, zwischen denen ein ständiges Geben und Nehmen stattfindet. Daraus resultieren sowohl für Bürgermeister und Gemeinderäte als auch für die Kommunalverwaltung innovative Vorgehensweisen und Einstellungen. Unter anderem wird es die folgenden Handlungsfelder geben:

Abb. 3: Der Wandel zur Bürgerkommune (NGO = Nichtgemeindeorganisationen)

– Die Kommunalpolitik muss die sich entwickelnde Bürgerkommune aktivieren, unterstützen und moderieren.

– Die Eigenverantwortung und Kooperationsbereitschaft lokaler Akteure und Gruppen muß durch Intensivierung von Informationsvermittlung, durch ständigen Dialog und Partizipation gefördert werden.

– Innerkommunale Netzwerke müssen ausgebaut und gepflegt werden.

j) Regionalen Zusammenhalt stärken

Durch vielfache Mobilitäten und ständigen Austausch von Waren und Dienstleistungen sind Regionen heute mehr denn je das Handlungsfeld der meisten Bürger. Regionen sind Verantwortungsgemeinschaften zwischen Stadt und Land. Auch im Bewusstsein der Bevölkerung ist die Region inzwischen verankert, z. B. das Bördenland, das Emsland, das Paderborner Land. Deswegen ist es auch sinnvoll, Regionen als Markenzeichen zu benutzen und Slogans sowie Bildzeichen für die Imagegestaltung und Außendarstellung zu entwerfen.

Die Stärkung des regionalen Zusammenhalts ist insgesamt eine Aufgabenstellung für alle politischen, ökonomischen und kulturellen Kräfte der Region. Sie dient dem regionalen Selbstbewusstsein und strahlt und wirbt nach außen.

Ausblick

Wie unsere Dörfer und Kleinstädte in 10, 20, 30 oder gar 50 Jahren aussehen werden, vermag niemand zu sagen. Werden diejenigen am besten dastehen, die am meisten von den angeführten 10 Punkten verwirklicht haben? Der Blick in die Vergangenheit zeigt, dass es neben den sich wandelnden Rahmenbedingungen immer auch auf die handelnden Menschen, die Bürgermeister, die Ortsvorsteher, die Gemeinderäte, die Vereinsvorstände usw. angekommen ist, die darüber entschieden haben, ob ein Ort stagniert oder wächst, wie ein Dorf kulturell und ökonomisch heute dasteht. Und so wird es auch in Zukunft sein. Deshalb wird es auf Sie alle ankommen, die Bürger und Politiker vor Ort. Vertrauen Sie nicht zu viel auf auswärtige Kräfte, auf Wissenschaftler und Experten. Diese haben Ihren Ort immer nur partiell im Visier, niemals ganz. Sie aber sind immer zur ganzheitlichen Sicht verpflichtet. Sie haben die Verantwortung und die Kompetenz für die Gesamtentwicklung des Dorfes!

Der ländliche Raum braucht aber auch die Unterstützung von außen bzw. oben. Deshalb ein Appell an die hohe Politik in Bund und Ländern: Geben Sie den aktiven Bürgern und Politikern in den Dörfern und Kleinstädten die Chance, den Respekt und die Unterstützung, damit sie sich nicht alleingelassen fühlen. Kraft und Kompetenz ist in den Dörfern und Kleinstädten genug vorhanden. Der ländliche Raum tut viel für das Gesamtwohl des Staates. Deshalb darf er ein ausgewogenes Geben und Nehmen erwarten.

1 Der Stil des Vortrags wurde weitgehend beibehalten. Wichtige wissenschaftliche Grundlagen bilden folgende Veröffentlichungen: Gerhard HENKEL (Hrsg.): Das Dorf im Einflussbereich von Großstädten. Essen: Institut für Geographie, Universität, 2000 (Essener Geographische Arbeiten; 31); DERS.: Der ländliche Raum: Gegenwart und Wandlungsprozesse seit dem 19. Jahrhundert in Deutschland. Berlin: Bornträger, 42004; DERS.: Das Dorf: Landleben in Deutschland – gestern und heute. Stuttgart: Konrad Theiss-Verlag, 2012.

2 Siehe Leserbrief in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung „Doch Landliebe!“ vom 20. 6. 2005 und Frankfurter Rundschau „Das Dorf lebt“ (FR-PLUS-Politik) vom 17. 1. 2007, S. 27.

Der ländliche Raum im Wandel von der Industrialisierung bis zur Globalisierung1

Alois Glück

Ich wurde 1940 auf einem Bauernhof geboren. Es war Kriegszeit, der Vater ist 1944 in Frankreich im Krieg gestorben. Mit 17 Jahren habe ich die Leitung des elterlichen landwirtschaftlichen Betriebes übernommen und diesen sieben Jahre geführt. Mit 16–17 Jahren habe ich immer mehr Kontakt und Beziehung zu katholischen Jugendgruppen bekommen, insbesondere dann zur Katholischen Landjugendbewegung, was meinen weiteren Lebensweg geprägt hat.

Die Welt meiner Kindheit und der Jugendzeit, also die 1950er–1960er Jahre, war eine in sich weitgehend geschlossene ländlich-katholisch-bäuerliche Welt, in der auch die kirchliche Welt und die gesellschaftliche Welt weitgehend eine Einheit waren.

Für den Ausgangspunkt ist festzuhalten: Der ländliche Raum war im Gesamtgefüge des Staates und der gesellschaftlichen Leitbilder primär ein Ergänzungsraum und „Zulieferer“ für die Stadt. „Zulieferer“ nicht nur für die Nahrungsmittel, sondern auch in der ständigen Zuwanderung aus dem ländlichen Raum in die Städte. Die Stadt war der Raum des Fortschritts, exemplarisch für diese Sicht war die Position „Stadtluft macht frei“. Mit einem gewissen Minderwertigkeitskomplex sahen wir in die Stadt und waren geneigt ihre Leitbilder nachzuahmen, von der Kleidung bis zur Ausstattung der Wohnung und zum Bau der Siedlungen.

Ende der 1950er–Anfang der 1960er Jahre begann mit dem Wiederaufbau, mit der Industrialisierung und insbesondere auch durch den Zustrom vieler Flüchtlinge ein Prozess der wirtschaftlichen Dynamik, des Wachstums, getragen vor allem durch die Weiterentwicklung der Technik. In der Landwirtschaft begann der Prozess der Mechanisierung und damit der Ersatz von Arbeitskraft durch Maschinen. Mit dem Prozess der Mechanisierung in der Landwirtschaft, verbunden mit der Sogwirkung von Gewerbe und Industrie auf die Arbeitskräfte in der Landwirtschaft, entwickelte sich der Zwang, mit einer weithin klein- und mittelbäuerlichen Agrarstruktur die Antwort auf den wirtschaftlich sinnvollen und möglichen Einsatz moderner Technik in diesen Strukturen zu finden. Die Antwort der EU-Agrarpolitik, verkörpert durch den damaligen EU-Agrarkommissar Sicco Manshold, war die Forderung nach einer grundlegenden Umstrukturierung der Struktur der Landwirtschaft in große Einheiten, die einen wirtschaftlichen Einsatz der Technik ermöglichen. Das hätte eine radikale Umstrukturierung in der Landwirtschaft erfordert, nicht nur ökonomisch sondern vor allem damit verbunden auch gesellschaftlich.

Andererseits war der Zwang zu einem möglichst wirtschaftlichen Einsatz der modernen Technik unabweisbar. Unter diesem Druck und mit vielen Geburtswehen und heftigen Auseinandersetzungen verbunden, entwickelte sich in dieser Situation das Konzept einer überbetrieblichen Zusammenarbeit innerhalb der Landwirtschaft auf der Basis eines entsprechend organisierten überbetrieblichen Einsatzes von Maschinen. Die überbetriebliche Zusammenarbeit mit verbindlichen Regeln im Maschinenring, in Erzeugerringen für die Qualitätsproduktion und anderen Formen für die Vermarktung gaben der bäuerlichen Landwirtschaft auch unter diesen veränderten Bedingungen die Zukunftschancen. Die entscheidende Weichenstellung und große Pionierleistung war dann das 1969 vom Bayerischen Landtag verabschiedete Bayerische Landwirtschaftsförderungsgesetz, in dem die überbetriebliche Zusammenarbeit, die Integration der Landwirtschaft in die Entwicklungsstrategie für ländliche Räume und neue Aufgaben für die Landwirtschaft im Sinne des Umweltschutzes zu einer neuen Agrarpolitik führten. Das war der Vorläufer zu den späteren Veränderungen in der europäischen Agrarpolitik. Politik für die Landwirtschaft, Landwirtschaft ist damit mehr als Nahrungsmittelproduktion, Politik für Ernährung und Landwirtschaft. Sie ist integrierter Teil eines gesellschaftspolitischen Konzepts und dabei eng verbunden mit den Entwicklungsstrategien für den ländlichen Raum. Mit diesem umfassenden und in sich elastischen Konzept der Entwicklung und Veränderung konnte auch der unaufhaltsame Strukturwandel sozial weit erträglicher gestaltet werden, als es mit jedem anderen Konzept möglich wäre. Heute bekommt die Landwirtschaft im System einer umweltverträglichen Energieversorgung eine neue, wichtige Aufgabe.

Die Wirtschaft entwickelte sich in den 1960er und 1970er Jahren immer stärker und es bestand ein Bedarf an neuen Arbeitskräften. Dies war auch verbunden mit einem starken Strukturwandel in der Wirtschaft. Jahrhundertealte Handwerksberufe verschwanden zunehmend und neue Berufsfelder entwickelten sich.

In dieser Situation stand die Politik vor einer Grundsatzentscheidung mit weitreichenden Folgen: Soll man das wirtschaftliche Potential in bestimmten Räumen konzentrieren und damit ökonomisch ein Höchstmaß wirtschaftlicher Dynamik fördern oder soll man diese Entwicklung nutzen, um durch Dezentralisierung auch die ländlichen Räume in ihrer Entwicklung zu fördern? Anders formuliert war die Fragestellung: die Arbeit zu den Menschen oder die Menschen zu den Arbeitsplätzen? Die Politik in Deutschland, in Bayern in besonderer Weise, aber letztlich im gesamten deutschsprachigen Raum entschied sich für die Richtung: die Arbeit zu den Menschen. Gewerbe und Industrie konnten aber nur für Standorte im ländlichen Raum gewonnen werden, wenn es dafür auch entsprechend geeignete Arbeitskräfte gab. Also wurden großflächig entsprechende Umschulungsprogramme für bisherige Landarbeiter entwickelt und angeboten. Um diesen Entwicklungsprozess entsprechend zu steuern, wurden die Kriterien der Raumordnung und der Landesplanung entwickelt, ein System zentraler Orte mit Kleinzentren, Unterzentren, Mittelzentren und Oberzentren entstand entlang von Verkehrsschienen, Entwicklungsachsen.

Es wurde schnell deutlich, dass für die Entwicklung der ländlichen Räume eine gute Verkehrserschließung unabdingbare Voraussetzung ist. Der Bau von Autobahnen und anderen Straßen und der Ausbau von Verkehrsschienen waren wichtig. Das ist auch heute wichtig. Im Zeitalter der Informationsgesellschaft ist aber die aktuelle Thematik und Aufgabe insbesondere der Anschluss der ländlichen Gebiete an die modernen Kommunikationsmittel, das sogenannte schnelle Internet, das heute eine Grundbedingung für viele Betriebe und damit deren Standortentscheidung ist.

Mit der Schwerpunktbildung im System der zentralen Orte wurden verbunden die Planungen für den Ausbau der Infrastruktur für Bildung, also weiterführende Schulen, Fachhochschulen, Universitäten. Wohnstandorte im ländlichen Raum wurden zunehmend auch von Städtern als besonders reizvoll, als Orte besonderer Lebensqualität entdeckt. Damit geschah eine ganz wesentliche innere Veränderung: Die Landbevölkerung entdeckte insbesondere durch Impulse von Städtern den Eigenwert des eigenen Lebensraumes, der eigenen Kultur und man entwickelte mit der Zeit ein eigenständiges Selbstbewusstsein. Dies ist ein ganz entscheidender Faktor! Ohne ein entsprechendes Selbstbewusstsein ist es nämlich auch nicht möglich, die Bevölkerung zu mobilisieren.

Eine Schlüsselrolle in der Entwicklung der ländlichen Räume haben dabei die Kommunen, die Gemeinden, die kleineren und größeren Städte im ländlichen Raum und die Landkreise. Das kann man in der sehr unterschiedlichen Entwicklung von Gemeinden, Städten und Landkreisen bei vergleichbaren Ausgangsbedingungen sehr konkret feststellen. Die Qualität der Kommunalpolitik und ihre Gestaltungsmöglichkeiten sind für die Zukunft der jeweiligen ländlichen Räume von überragender Bedeutung. Es ist an dieser Stelle festzuhalten: Ohne sachgerechte Schwerpunktbildung innerhalb des ländlichen Raumes sind Entwicklungen ländlicher Räume nicht möglich! Angesichts der heutigen Anforderungen ist es ein besonderer Fortschritt in der Kommunalpolitik, wenn Kommunen beispielsweise bei der Ansiedlung von Betrieben durch die gemeinsame Ausweisung von Gewerbegebieten und Verkehrserschließung zusammenarbeiten. Das erfordert natürlich die Überwindung der Kirchturm-Perspektive.

Der Strukturwandel in der Arbeitswelt veränderte auch die innere Struktur der Gesellschaft. Mit wachsender Mobilität wurden Freiheitsräume gewonnen, die oft sehr einengende und nicht immer sehr menschliche massive So-zialkontrolle verlor immer mehr ihre prägende Kraft, andererseits waren damit natürlich auch negative Entwicklungen verbunden.

Besonders stark wirkten sich diese Veränderungen auf die Kirche im ländlichen Raum aus. In der geschlossenen Welt des ländlichen Raums war die Kirche milieuprägend und vom Milieu getragen. Man wurde in das kirchliche Leben hineingeboren und es bedurfte einer bewussten Entscheidung, sich davon fernzuhalten oder sich zu verabschieden. Wie sehr sich diese Welt verändert hat, hat nun schon vor 30 Jahren einmal ein Pfarrer in meinem Heimatlandkreis so formuliert: „Früher sind bei uns diejenigen aufgefallen, die nicht regelmäßig am Sonntag zum Gottesdienst gingen, heute fallen die auf, die jeden Sonntag gehen.“

Die für die gesamte Entwicklung maßgebliche politische Grundsatzentscheidung hieß: Unser Ziel sind gleichwertige Lebensbedingungen in allen Landesteilen! Diese Grundsatzentscheidung wurde verstanden als Ausformung der Chancengerechtigkeit für die Menschen im ganzen Land.

Damals wie heute gilt dabei: „Das Land“ im Sinne eines einheitlich geprägten Lebensraumes gibt es nicht. Schon immer und auch heute sind die ländlichen Räume sehr unterschiedlich strukturiert und bieten damit auch unterschiedliche Angebote und Entwicklungschancen und damit auch unterschiedliche berufliche und wirtschaftliche Möglichkeiten. Besonders attraktiv waren und sind ländliche Räume im Einzugsbereich der größeren Städte.

Die Gesamtbilanz der Entwicklung der ländlichen Räume in den letzten Jahrzehnten heißt für den deutschsprachigen Raum: Diese Entwicklung ist eine große Erfolgsgeschichte mit einem Zuwachs an Lebenschancen für den Menschen, wie es vorher unvorstellbar war.

Mit dem Prozess der Globalisierung und der weiteren inneren Entwicklung der Industriegesellschaften haben sich einige Rahmenbedingungen verändert, die nun zur großen Herausforderung für viele ländliche Räume wurden. Unsere erste Lektion über veränderte Rahmenbedingungen erhielten wir mit dem Zusammenbruch des Kommunismus und dem Prozess der Wiedervereinigung. Zu diesem Zeitpunkt war uns zu wenig bewusst, dass die Wiedervereinigung und damit der Aufbau Ost bereits voll in die Situation der Globalisierung hineingestellt waren.

In der Zeit des Wiederaufbaus nach dem Krieg und damit auch der Entwicklung der ländlichen Räume hatten wir eine weitgehende Steuerungsmöglichkeit durch die nationale Politik, durch die Nationalökonomie, durch entsprechende Weichenstellungen in der Förderpolitik, der Steuerpolitik und in anderen politischen Bereichen. Deshalb ist es heute ungleich schwieriger, Regionen zu entwickeln, als in der Zeit nationaler Entscheidungsmöglichkeiten. Generell gilt eben für die innenpolitischen Entscheidungen im Zeitalter der Globalisierung zum Beispiel in der Wirtschafts- oder der Hochschulpolitik: Der Maßstab für das Notwendige und Richtige ist nicht mehr, worauf wir uns innenpolitisch verständigen können, sondern welche Maßstäbe die internationale Entwicklung setzt.

Trotzdem hat sich der ländliche Raum auch in diesen Jahrzehnten gut gehalten. Seine besondere Stärke sind die Menschen, ihre oft hohe Motivation auch in ihrer Arbeitswelt, ihre innere Verbindung und damit Identifikation mit ihren Aufgaben in der Arbeitswelt, ihre Bereitschaft, sich zu verändern und dazuzulernen. Die Wettbewerbssituation im Rahmen der Globalisierung wirft immer wieder aufs Neue die Frage auf, welche Bündelung der Kräfte, welche Konzentration womöglich auch auf Standorten notwendig ist, um im Innovationsprozess der globalen Welt Schritt halten zu können.

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9783429060732
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