Czytaj książkę: «Arbeiten wie noch nie!?»

Czcionka:

Sabine Gruber, Frigga Haug, Stephan Krull (Hg.)

Arbeiten wie noch nie!?

Unterwegs zur kollektiven

Handlungsfähigkeit

Argument

Argument Sonderband Neue Folge AS 308

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der

Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Deutsche Originalausgabe

© Argument Verlag 2010

Glashüttenstraße 28, 20357 Hamburg

Telefon 040 / 4018000 – Fax 040 / 40180020

www.argument.de

Redaktion: Sabine Gruber

Lektorat: Barbara Cäcilia Supper

Umschlaggestaltung und Illustration: Martin Grundmann, Hamburg

Satz: Iris Konopik

Druck: Fuldaer Verlagsanstalt

Gedruckt auf säure- und chlorfreiem Papier

ISBN 9783867549462

Erste Auflage 2010

Inhalt

Cover

Titel

Impressum

Motivation und Dank

Sabine Gruber

Reiseanleitung

Unterwegs zur kollektiven Handlungsfähigkeit

Sabine Gruber

Arbeitsverhältnisse als Gesellschaftsverhältnisse

Grundannahmen zu Arbeit und Wohlstandsverteilung

Bernd Röttger

Wege in die Befreiung der Arbeit

Traditionen, Erfahrungen und Perspektiven aus der ­Geschichte der Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegung

Stephan Krull

Aus der arbeitspolitischen Defensive zur Befreiung der Arbeit?

Alexandra Weiss

Die Arbeit der »Anderen«

Johanna Riegler

Die Faulen und die Fleißigen …

Konfliktlinien der Arbeitsgesellschaft

Frigga Haug

Die Geschichte der Vier-in-einem-Perspektive als Schule des Lernens

Eine Vision von Frauen, die eine Vision für alle ist

Pro & Contra 4-in-1

Schriftlicher Dialog zwischen Frigga Haug und Johanna Riegler mit Fragen von Sabine Gruber

Sabine Gruber

Wie wir leben und arbeiten wollen

Schritte von der Utopie zur Realität

Fußnoten

Veröffentlichungen von Frigga Haug bei Argument

Motivation und Dank

Wir, die Herausgeberinnen und Herausgeber dieses Buches, kommen aus unterschiedlichen Forschungs- und Praxisfeldern. Uns verbinden die Auseinandersetzung mit der eigenen Arbeit und das Engagement für eine menschengerechtere Arbeitswelt. Aus unseren persönlichen Erfahrungen ergibt sich Arbeit als ein zentraler Schlüssel zur Gesellschaftsgestaltung, um Raum und Zeit für das ganze Leben zu gewinnen.

Sabine Gruber hat das Buch initiiert, weil sie einen Überblick über die kontroversen Diskurse geben und die Menschen politisieren will. Gemeinsam haben wir das Buch für all jene geschrieben, die sich selbst eine Meinung bilden und sich in die gesellschaftlichen Entscheidungen einbringen wollen. Wir haben uns um eine verständliche Sprache bemüht, die komplexe Fragen erklärt, ohne sie unangemessen zu vereinfachen. Die gesellschaftlichen Produktions- und Machtverhältnisse sind kompliziert. Sie besser zu verstehen wollen wir einen Beitrag leisten, denn Verstehen ist Voraussetzung von Macht. Und wir hoffen, dass viele sich auf die offene Entdeckungsreise auf der Suche nach Handlungsmöglichkeiten einlassen.

Auf dieser Reise haben uns weitere Autorinnen und Autoren begleitet. Ihnen danken wir für ihre ehrenamtliche Schreibarbeit – eine voraussetzungsvolle Leistung, die heutzutage nicht honoriert wird, wenngleich sie viel wert ist.

Ein besonderer Dank gilt neben dem Autorenteam den Teilnehmerinnen und Teilnehmern der Utopiewerkstatt – Brigitte Kratzwald, Deborah Ruggieri und Philip Taucher –, ohne die wir kein so reiches empirisches Material für unsere Zukunftsvisionen zur Verfügung gehabt hätten. Ebenso danken wir den Interviewpartnerinnen und Interviewpartnern aus der Autoindustrie für die Einblicke in ihre Berufsalltage.

In die Artikel sind zahlreiche Anregungen von Frigga Haug eingeflossen. Für die aufmerksamen Korrekturen bedanken wir uns bei unserer Lektorin Barbara Cäcilia Supper und bei Iris Konopik vom Argument Verlag.

Die Sachkosten wurden durch die finanzielle Unterstützung der Rosa-Luxemburg-Stiftung Niedersachsen und der Stiftung Menschenwürde und Arbeitswelt aus Deutschland sowie der Grünen Bildungswerkstatt und den Grünen GewerkschafterInnen/Unabhängige GewerkschafterIn­nen aus Österreich ermöglicht, bei denen wir uns an dieser Stelle herzlich bedanken.

Auf eine kritische und konstruktive Diskussion freuen sich

Sabine Gruber, Frigga Haug und Stephan Krull

Wien, Esslingen und Hannover, September 2010

Reiseanleitung
Unterwegs zur kollektiven Handlungsfähigkeit
Sabine Gruber

Die Reihenfolge der Artikel bildet die Ideengeschichte unserer Arbeits- und Lebenswelten ab, wie sie sich im wissenschaftlichen Diskurs wider­spiegelt. Zu Beginn möchte ich »Grundannahmen zu Arbeit und Wohlstandsverteilung« der weiteren Lektüre voranstellen und einen Überblick über die zentralen Wirtschaftstheorien geben, weil sie durch ihren unmittelbaren Einfluss auf die Politik und die Realwirtschaft unsere Gesellschaft prägen. Zu ihnen zählen die Nationalökonomik, wie sie im 18. Jahrhundert begründet wurde, der klassische Liberalismus und die Schulen der neoklassischen Theorie sowie die marxistische Kritik an der Politischen Ökonomie. Die heute dominierende Wirtschaftsphilosophie ist der Neoliberalismus; im öffentlichen Diskurs und bei den politischen Maßnahmen vermischen sich unterschiedliche theoretische Begründungen, weshalb die Kenntnis der Argumentations­linien eine Voraussetzung darstellt, um ihre Wirkungen beurteilen zu können – beinhalten sie mehr vom Gleichen, die Festschreibung von Ungleichheiten (wie sie der kapitalistischen Produktionsweise geschuldet ist), oder haben sie emanzipatorischen, systemüberwindenden Charakter. Ich diskutiere die Theorien hinsichtlich ihrer Antworten, die sie auf historische und aktuelle Krisenerscheinungen geben. Dabei wird deutlich, dass die klassischen Theorien aus ihrer Logik heraus keine befriedigenden Lösungen entwickeln können, im Gegenteil, oft verstärken sie die Ursachen und damit auch die Symptome (wie z. B. Arbeitslosigkeit). Der Artikel bleibt nicht nur abstrakt, sondern ich stelle auch den Zusammenhang zu den von uns erlebten Umbrüchen am Arbeitsplatz, steigender Arbeitslosigkeit und Abbau von Sozialleistungen her. Der Frage, wie wir die kapitalistischen Produktionsverhältnisse überwinden können, sind die folgenden Buchbeiträge gewidmet. Sie führen von den historischen Anstrengungen der Arbeiterbewegung über die Kritik der Feministinnen hin zur Vier-in-einem-Perspektive und zu unserem gesamtheitlichen Zugang; denn Produktionsverhältnisse sind immer auch Gesellschaftsverhältnisse und lassen sich nicht einseitig ökonomisch kurieren, sondern müssen gemeinsam analysiert und gelöst werden.

Bernd Röttger beschreibt die Geschichte der Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegung von ihrer Entstehung bis heute. Jede Form der kapitalistischen Arbeitsorganisation ist über unfreie Lohnarbeit organisiert, auch wenn das Bild des homo oeconomicus Wahlmöglichkeit suggeriert. Daher ist der Kampf um die Befreiung der Arbeit genauso alt wie die Lohnarbeit selbst. Nach einzelnen Errungenschaften (wie z. B. Kollektivlöhne und Arbeitszeitregelung) muss er aber ein Scheitern in den großen Fragen (z. B. Eigentumsrechte) diagnostizieren. Die Frage nach der Befreiung der Lohnabhängigen durch die Aneignung der Produk­tionsmittel stellt sich bis heute. Nur weil die Forderungen alt und unerfüllt sind, ist ihre Sinnhaftigkeit nicht überholt; sie stellen sich lediglich unter neuen Prämissen einer deindustrialisierten und prekarisierten Arbeitnehmerschaft, die mit den Krisen des Kapitalismus einhergehen. Röttger betitelt seinen Artikel daher »Wege in die Befreiung der Arbeit«. Dafür leitet er die immer noch gültigen Fragen nach Demokratisierung, Eigentum, Reform und/oder offensivem Arbeiterkampf von Klassikern der Gesellschaftskritik (Karl Marx, Rosa Luxemburg, Antonio Gramsci) her und projiziert sie in die Zukunft. Die Zitate der alten Klassiker muten uns heute befremdlich an, für ein tieferes Verständnis der Machtverhältnisse und Krisenindikatoren sind sie aber lesenswert und aktuell wie eh und je.

Keine/r der Autorinnen und Autoren kennt den Kampf der Gewerkschaften so gut wie Stephan Krull. Als ehemaliger Betriebsrat und aktiver Gewerkschafter wirft er einen kritischen Blick auf die Entwicklungen der letzten Jahrzehnte. Als die neoliberal geprägte Politik auch über die deutschsprachigen Länder schwappte, wurden die Gewerkschaften empfindlich geschwächt und ihre Aktivitäten auf Tariflohnverhandlungen beschränkt. Die Trends sind aber nicht eindeutig und müssen differenziert gelesen werden. Krull beschreibt aus seiner Innenerfahrung die paradoxen Entwicklungen innerhalb des VW-Konzerns, wo Innovationen (die 4 Tage-Woche, die Zeit für andere Lebensbereiche eröffnet und mit der es praktische Erfahrungen gibt, und Mitbestimmung) und Verschlechterungen (Stellenabbau, Leistungsverdichtung und Lohnsenkung) fast zeitgleich passieren. Bemerkenswert ist, dass die Automobilbranche zwar weiß, dass sie »Dinosaurier« produziert, die weder ökologisch noch wirklich praktisch sind (Staus etc.), dass sie aber nicht davon ablässt/ablassen kann, sich mit mehr vom Gleichen aus der Krise retten zu wollen: mit neuen Automodellen. In seinem Artikel »Aus der arbeitspolitischen Defensive zur Befreiung der Arbeit?« skizziert Stephan Krull nicht nur die verschlungenen Wege der Gewerkschaften vom Klassenkampf zur Sozialpartnerschaft und zurück, er gibt auch Anknüpfungspunkte für einen Ausstieg aus der unökologischen Dinosaurier-Produktion hin zu einer Produktion umweltfreundlicher öffentlicher Transportmittel – eine Maßnahme gegen die drohende Arbeitslosigkeit beim Zusammenbruch einer zentralen Wirtschaftsbranche, aber keine Antwort gegen den systeminhärenten Wachstumszwang.

»Die Arbeit der ›Anderen‹« kam weder in den klassischen Theorie vor, noch war es im Interesse der herrschenden Klassen, sie sichtbar zu machen, da man ihr sonst Bedeutung und damit Geld zuerkennen hätte müssen. Alexandra Weiss enttarnt hinter dem ökonomischen Kalkül die strategischen Verflechtungen mit sexistischen und rassistischen Ideologien, die strukturelle Ausschlusskriterien wie Naturgesetze erscheinen lassen. Erst die feministische Frauen- und Geschlechterforschung richtet die Aufmerksamkeit auf die Gräben zwischen männlichen Familienernährern und weiblichen Zuverdienerinnen, die bis heute nicht geschlossen sind. Darüber hinaus erweitert sie die Perspektive um die Zuwanderer – Arbeiter »zweiter Klasse« – und um die Nord-Süd-­Ungleichheit. Die Lösung liegt für Alexandra Weiss nicht in bewusstseinsbildenden Maßnahmen, sondern in der ökonomischen Gleichstellung (d. h. Chance auf einen Arbeitsplatz und gleiche Bezahlung). Vor dem Anspruch der Emanzipation diskutiert sie auch ein Grundeinkommen als Anerkennung gesellschaftlich notwendiger Arbeit. Wenn mit einem Grundeinkommen aber nicht an den Herrschaftsverhältnissen gerührt wird, bleiben Frauen weiterhin vor die Frage gestellt, ob sie lieber mehr vom Staat oder von einem Ehemann abhängig sein wollen. Da weder das eine noch das andere eine akzeptable Lösung ist, plädiert Weiss für den Ausbau eines staatlichen, nicht auf Gewinn ausgerichteten Dienstleistungsbereiches. Solange die kapitalistische Produktionsweise nicht überwunden ist, wird die Schaffung bezahlter Arbeit für Frauen nämlich eine Rolle spielen, wenngleich sie keine Überwindung der Produktionsverhältnisse darstellt – ein Paradox, dessen Auflösung uns noch weiter beschäftigen wird.

Johanna Riegler stellt die Fixierung unserer Arbeitsgesellschaft – mehr Arbeit würde mehr Wohlstand bringen – auf den Kopf. Sie bezieht sich auf Hannah Arendts genaue Differenzierung menschlicher Tätigkeitsformen um zu zeigen, dass nicht alles, was nicht Arbeit heißt, Nichts-Tun sei. Sie räumt mit der Unterscheidung »Die Faulen und die Fleißigen …« auf und zeigt, wie nicht zuletzt durch die Kirchen Moralvorstellungen forciert wurden, die Arbeit letztlich zum Selbstzweck des modernen Menschen und sinnentleert werden ließen. Diese Moralvorstellungen sitzen sehr tief und hindern uns daran, verfestigte Muster und eingefahrene Konfliktlinien aufzubrechen. Zwischen lebendiger und entfremdeter Arbeit ist ein Urwiderspruch auszumachen, den Riegler vor der Prämisse diskutiert, dass eine Teilaufhebung der Entfremdung, also die Identifikation mit dem Arbeitsplatz, Selbstverwirklichung und Flexibilisierung, der Profitspirale des Kapitalismus durchaus dienlich sein kann. Sie macht auch darauf aufmerksam, dass die Trennung in bezahlte und unbezahlte Arbeit (wie sie sich mit der Politischen Ökonomie der industrialisierten kapitalistischen Gesellschaftsform her­ausgebildet hat) zwar eine Ungleichbewertung zwischen Produktion und Reproduktion, Männern und Frauen herstellt, darüber darf aber nicht vergessen werden, dass auch die Gewinnverteilung zwischen denen, die in den Produktionsprozess integriert sind, immer ungleicher verläuft. Das Faktum, dass trotz permanenter Produktivitätssteigerung nie so viele Menschen im Elend leben mussten wie heute, unterstreicht die Schwächen des kapitalistischen Systems. Johanna Riegler endet mit der ruinösen Eigendynamik zwischen Überfluss und Mangel, die eine reiche Gesellschaft das Sparen entdecken lässt – zynischerweise bei den vermeintlichen »Sozialschmarotzern«.

Eine, die bereits sehr weit gegangen ist und an vielen der Konfliktlinien weitergedacht hat, ist Frigga Haug. Sie fasst für uns noch einmal ihren Weg zur Vier-in-einem-Perspektive (4in1) zusammen, der sie von ihrer Forschungstätigkeit zum Thema Erwerbsarbeit sogleich zur Auseinandersetzung mit der benachteiligten Reproduktionsarbeit führte und dann – um die Verhältnisse verändern und gestalten zu können – zur logischen Notwendigkeit des Lernens (Kulturelle Entwicklung) hin zur Politik von unten. Durch ihre intensive Auseinandersetzung mit vielen Frauen (u. a. mittels Erinnerungsarbeit) beschreibt sie die Widersprüche, in denen wir uns selbst erkennen; sie lässt uns aber auch nicht einfach aus dem »Gefühlsknäuel um Arbeit« durch die Hintertür entwischen, indem wir das Recht auf Faulheit ausrufen oder uns durch ein Grundeinkommen Freiheit erhoffen. Vielmehr will sie die Produktionsverhältnisse aufbrechen, die mit den Geschlechterverhältnissen zusammenfallen und zeigt uns, dass Veränderung nur durch Selbstveränderung der betroffenen Subjekte stattfinden kann. »Die Geschichte der Vier-in-einem-Perspektive« ist daher eine »Schule des Lernens. Eine Vision von Frauen, die eine Vision für alle ist«. Die Kunst liegt für Frigga Haug in der Verknüpfung der vier Bereiche (Erwerbsarbeit ­– Reproduktionsarbeit – Kulturelle Entwicklung – Politik von unten) – eine Auffassung, die wir teilen und an die wir mit diesem Buch anknüpfen.

Während für die einen das Nebeneinander von 4in1 die Auflösung des Entweder-Oder ist, löst sie bei anderen die Sorge aus, das ganze Leben solle von Arbeit unterjocht werden; auch die Frage nach Lohn und/oder Existenzsicherung sehen sie zu wenig beantwortet. Da es uns darum geht, die Perspektive weiterzubringen und für praktische politische Forderungen fruchtbar zu machen, haben wir uns nicht über diese Kritikpunkte hinweg geschummelt – im Gegenteil: Wir haben sie intensiv in dem Pro und Contra-Dialog zwischen Frigga Haug und Johanna Riegler diskutiert.

Schließlich standen wir vor all diesen Diagnosen: Wir wissen sehr viel über Ursachen, Scheinlösungen und Veränderungsbedarf, notwendige Arbeit in den Kontext des Lebens zu stellen. Doch wie können wir dies befördern? Indem wir die abstrakt-theoretischen Überlegungen in breite gesellschaftliche Debatten einbringen, aus denen letztlich neue normative und gesetzlich verankerte Rahmenbedingungen erwachsen. Uns war klar, dass uns dafür die konkreten Bilder fehlen, die uns leiten können. Eine Utopielosigkeit hat sich breitgemacht in Zeiten, in denen jede Argumentation ökonomischen Sachzwängen unterliegt und sich Politikverdrossenheit allerorts zeigt. Doch wir brauchen alternative Vorstellungen von einer anderen Arbeitswelt. Wie schwer es uns fällt, diese zu entwerfen, wurde uns bei der im September 2009 abgehaltenen Utopiewerkstatt klar. Aber wir ließen nicht locker, und nach einiger harter Denkarbeit konnten wir mit Hilfe der Methode der Erinnerungsarbeit einige ideologische Konstrukte aufspüren und unsere Fantasien für Neues öffnen bzw. für die neuartige Kombination bekannter Bausteine unter der Prämisse der Zusammenarbeit statt Arbeitsteilung.

Im Gegensatz zu den vorherrschenden Bildern entwarfen wir Gegenerzählungen; diese zu beschreiben, war meine Kernaufgabe. Sie klingen in den bunten Schilderungen von Kooperativen oder vom Dumpstern an. Am Ende fasse ich Prinzipien und Rahmenbedingungen einer für uns wünschenswerten integrierten Lebens- und Arbeitswelt zusammen, wenngleich sie keine fertigen Entwürfe sind, sondern im Aushandlungs- und Entscheidungsprozess entstehen müssen. Meinen Artikel stelle ich daher unter das Motto »Wie wir leben und arbeiten wollen. Schritte von der Utopie zur Realität« und spiele damit auf die Tatsache an, dass wir es immer mit einem Weg und nicht mit fertigen Rezepten zu tun haben. Mit unseren Zukunftsvisionen werfen wir einen weiten Blick voraus; um sie zu realisieren müssen wir noch einige Voraussetzungen schaffen. Als vereinzelte Erwerbsarbeiterinnen und Erwerbsarbeiter müssen wir uns mit der Welt, ihren Menschen und der Natur (wieder-)verbinden. Wir müssen uns die Fähigkeit zur wirklichen Interaktion (zurück-)­erobern und eine »Kultur des Wir« (wie Frigga Haug es nennt) stärken. Dann wird es uns auch gelingen, die naheliegenden Missverständnisse auszuräumen und Blockaden zu überwinden. Auf zwei aktuelle gehe ich näher ein: auf die Sorge, dass durch die 4in1-Perspektive alle Lebensbereiche von Arbeit im Lohnarbeitssinn vereinnahmt würden, und auf die Entweder-oder-Diskussion Lohn oder Grundeinkommen. Diese Frage ist eine Sackgasse, denn sowohl Lohn als auch Grundeinkommen führen nicht über die kapitalistische Systemlogik hinaus, die uns so viel Unbehagen in der Arbeitswelt verursacht. Wollen wir die kapitalistischen Systemzwänge tatsächlich überwinden, brauchen wir ein grundlegendes Umdenken und Übergangsmodelle, für die ich Vorschläge formuliere.

Mag.a Sabine Gruber, M.C.D.

Jg. 1973; Sozialwissenschaftlerin und Gemeinwesenentwicklerin, seit 2002 tätig im Bereich Stadtforschung und -entwicklung mit den Schwerpunkten Integration, Partizipation, alternative Ökonomien und Nachhaltigkeit; 2005–2009 Leiterin der Lokalen Agenda 21 – Plattform für nachhaltige Bezirksentwicklung und BürgerInnenmitbestimmung im 9. Wiener Gemeindebezirk; seit 2009 Koordinatorin der ökumenischen Initiative »fairshare« – Ökologischer Lebensstil & Globale Gerechtigkeit; Lehrbeauftragte an der Universität für Bodenkultur Wien, Moderationen, Beratung und Bildungsangebote für öffentliche Einrichtungen und zivilgesellschaftliche Initiativen; seit 2009 Vorstandsmitglied bei Attac Österreich.

www.sabine-gruber.at; mail@sabine-gruber.at

Arbeitsverhältnisse als Gesellschaftsverhältnisse
Grundannahmen zu Arbeit und Wohlstandsverteilung
Sabine Gruber

Wir erachten Arbeit grundsätzlich als Naturnotwendigkeit, auch wenn wir das, was wir heute als »Normalarbeitsverhältnisse« kennen, kritisieren. Keine Gesellschaft kann bestehen, ohne sich durch ihre Hand- und Kopf-Arbeit mit den notwendigen Gütern und Diensten zu versorgen. Unsere Kritik betrifft die kapitalistische Organisation, in der Arbeit nicht unserer individuellen und gesellschaftlichen Bedürfnisbefriedigung dient, sondern zur Erzielung von Profit verkommen ist. Die Profitlogik führt zu Überproduktion und steigert nicht mehr unser Wohlbefinden, sondern belastet uns. Darüber hinaus führt die Logik der Kapitalakkumulation zu einer Konzentration des materiellen Wohlstands bei wenigen Privilegierten, zu immer mehr Armen und zu vielschichtigen gesellschaftlichen Spaltungen.

Wie Alternativen für eine gerechte Verteilung der Arbeitslast und des produzierten Wohlstands auf alle Gesellschaftsmitglieder genau funktionieren können, kann aus heutiger Sicht niemand mit Sicherheit behaupten. Wir können aber auf eine fundierte Kritik zurückgreifen, denn die Kritik am Kapitalismus ist fast gleich alt wie das Phänomen selbst. Darauf aufbauend schließen wir in diesem Buch unsere kritische Suche nach einer anderen, erfüllenden Organisation von Arbeit an.

Das Unbehagen in der Arbeitswelt

Viele Menschen teilen ein allgemeines Unbehagen, das sich daraus ergibt, dass die Lebensentwürfe unserer Großeltern und Eltern für uns nicht mehr passen. Ihre Lebensplanung war eine Zeit lang um ein Erwerbsleben aufgebaut, das sich als Anstellungsverhältnis mit rund 40 Wochenstunden Arbeitszeit gestaltete; man konnte von einem existenzsichernden Einkommen ausgehen sowie von kontinuierlicher Arbeit mit Aufstiegschancen bei einem Unternehmen oder wenigen Firmenwechseln; Sozial- und Pensionsversicherung waren durch den Arbeitgeber- und Arbeitnehmeranteil und eine staatliche Vorsorge abgesichert. Die Stabilität und Planbarkeit des Erwerbslebens bildete das Fundament für die Einrichtung eines eigenen Hausstands, die Versorgung von Kindern und bescherte einer breiten Mittelschicht materiellen Wohlstand auch im Alter. Dies bezieht sich etwa auf die Jahre, in denen der Fordismus blühte und der Wohlfahrtsstaat eingerichtet wurde.

Die Vorteile lagen im breiten Wohlstand und der damit verbundenen Sicherheit für viele – allerdings auf Zeit und auch nicht für alle, weil die Nebenwirkungen nur eine Zeitlang erfolgreich verdrängt werden konnten. Eine Erklärung zu den systemisch angelegten Nebenwirkungen (z. B. Geschlechterdifferenzen und Umweltverschmutzung) folgt weiter unten; bleiben wir vorerst dabei, wie sich die Konstellation aus »Arbeitnehmersicht« darstellt. Die geregelten Arbeitsbedingungen entsprachen der standardisierten Produktionsweise des Fordismus1, der sich nach Ende des Ersten Weltkriegs etablierte. Im Vordergrund stand die industrielle Massenproduktion, die auf einer hohen Arbeitsteilung (Taylorismus) basiert. Sie benötigte teils spezialisierte, teils unqualifizierte, auf jeden Fall verlässliche und disziplinierte Arbeiter. In der Zeit der Ost-West-Systemkonkurrenz nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Produktionsweise mit wohlfahrtsstaatlichen Leistungen flankiert und als »Soziale Markwirtschaft« ideologisch überhöht. Die erforderlichen Fertigkeiten wurden im öffentlichen oder betrieblichen Bildungssystem erworben. Eine grundlegende Umschulung und ein Berufswechsel waren möglich, galten aber als Ausnahme nicht als Regel. Für eine kontinuierliche Teilnahme am Arbeitsprozess und am Massenkonsum sorgten relativ hohe Löhne und ein öffentliches Sozialversicherungs­system mit Kranken-, Arbeitslosen- und Pensionsvorsorge. Dieser Kompromiss zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern funktionierte bis in die 1970er zur gegenseitigen Zufriedenheit. Die Unternehmer akzeptierten die von den Gewerkschaften ausverhandelten hohen Löhne, über die das Sozialsystem finanziert wurde, und die Arbeiter fügten sich in den Takt der Fließbandarbeit mit Freizeit- und Familienglück ein; der Produktions-Konsumtions-Kreislauf hielt in der Wiederaufbauphase einigermaßen die Balance.

Die heutige Erwerbsgeneration kann immer weniger auf dieser »traditionellen« Arbeitswelt der Nachkriegsära aufbauen. Einerseits verlagerte sich der Schwerpunkt am Arbeitsmarkt auf Dienstleistungsberufe (aufgrund der weiteren Technisierung und Verlagerung der industriellen Produktion in so genannte Billiglohnländer). Andererseits wurde die fordistische Produktionsweise (Fließband) von der hochtechnologischen (Computer) abgelöst. Sowohl für die verbleibenden Industrie- als auch für die Dienstleistungsarbeitsplätze setzte sich die neue Arbeitsorganisation durch, welche im Sinne der Flexibilisierung und Effizienzsteigerung den Individuen viel persönlichen Einsatz abverlangt (Postfordismus). Gleichzeitig wurden staatliche Absicherungen gekürzt und private Versicherungsangebote forciert.

Für viele Arbeitnehmer bedeutete das eine Entwertung ihrer bisherigen Fähigkeiten, Umschulungen kamen auf die Tagesordnung. Diejenigen, die den Umstieg nicht schaffen, nennt man »Modernisierungsverlierer«. Eine noch tiefere Wunde schlägt die Destabilisierung des existenzsichernden Einkommens. Die Erosion fand und findet über die Ausweitung von Teilzeitbeschäftigungen und »Minijobs« statt und indem Anstellungsverhältnisse umgangen werden. Zeitarbeiter werden über Personalagenturen angemietet, solange sie gebraucht werden; herrscht Auftragsflaute müssen sie nicht entlassen werden, sondern sie kehren zur Agentur zurück, werden als Arbeitssuchende gemeldet und erhalten staatliche Arbeitslosengelder (die in Zeiten der Haushaltsdefizite und Sparpakete ebenfalls gekürzt werden). Wieder andere machen sich selbstständig; sie gründen aber keine Firma mit Mitarbeitern, sondern bleiben Ich-AGs; Scheinselbstständige, die einer bestimmten Branche oder nur einem Betrieb zuarbeiten. Damit einher geht die Privatisierung des Risikos; sie sind selbst für die Absicherung im Fall von Krankheit, Arbeitslosigkeit, Pflegebedarf und Pension/Rente verantwortlich. Die Prekarisierungsspirale, die damit in Gang gesetzt wurde, führt dazu, dass Menschen in diesen so genannten atypischen Beschäftigungsverhältnissen nicht mehr von ihrem Einkommen leben können. Nur rund einem Drittel gelingt das; im Vergleich dazu können das fast alle mit Vollzeitanstellung. Der Rückschritt besteht darin, dass die Menschen zwar arbeiten, aber verstärkt auf die Unterstützung durch Fami­lienangehörige angewiesen sind. Sie werden arm trotz Arbeit, wenn Lohn, Sozialtransfers und Familienrückhalt nicht mehr reichen.

In Anbetracht dieser Tatsachen ist es nicht verwunderlich, dass die prekär gewordenen Verhältnisse für die Betroffenen einen schmerzlichen Verlust von lebenswerten Perspektiven bedeutet, die sie sich noch unter anderen gesellschaftlichen und ökonomischen Vorzeichen erhofft hatten. Arbeitsbiographien werden brüchig, sie sind mit Zeiten von Einkommensausfällen, Berufswechseln und Umzügen verbunden; die Erfüllung des Wunsches vom Eigenheim, Kindern und einem stabilen Leben wird weniger planbar und zufälliger. Die Betroffenen kämpfen mit der raschen Anpassung an wechselnde Anforderungen, denen sie sich mangels Alternativen unterordnen. Selbst die Gewerkschaften bieten kaum noch Schutz vor Sozialabbau. Die Konkurrenz am Arbeitsmarkt und am Arbeitsplatz zwingt die Menschen zu einer Art der Selbstinszenierung, welche durch fehlende Solidarität und ständigen Konkurrenzkampf ihre Würde verletzt – als unbegrenzt flexible Mitarbeiter zeigen sie Unternehmergeist und sind immer zu allem bereit, was dem Unternehmen und angeblich auch ihnen selbst nützen soll.

Als Folge öffnet sich die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter und gefährdet den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Für Millionen Menschen sind Arbeitslosigkeit und damit einhergehender sozialer Abstieg, Kontaktverluste und Ausgrenzung bereits Realität (z. B. für Sozialhilfeempfänger oder Ein-Euro-Jobber nach der Hartz IV-Reform). Für viele schwebt eine »Ansteckungsangst« (vgl. Bude 2008, 113ff) wie ein Damoklesschwert über ihren Köpfen und sie versuchen, statt die Ursachen anzugehen, sich von den Betroffenen zu distanzieren, um das »normale Leben« aufrechtzuerhalten. Der Sicherheit, die wir aus dem Normalarbeitsverhältnis und der Kleinfamilie bezogen, wurden wir beraubt auf dem Weg zur Individualisierung unseres Glücks am Arbeitsmarkt (vgl. Malli 2005; zur allg. sozialen Situation und Ungleichheit vgl. Bourdieu 1997).

Empirische Krisendiagnosen & methodische Irrtümer

Die sozio-ökonomische Ungleichheit lässt sich empirisch messen. Im Querschnitt lassen sich wachsende Unterschiede beim Haushaltseinkommen von Bevölkerungsgruppen nachweisen; im Längsschnitt lassen sich Schwankungen bei der konjunkturellen Gewinnentwicklung und -beteiligung feststellen. Z. B. können wir für Deutschland belegen, dass die 10 % der Höchstverdienenden zwischen 1992 und 2007 ihr Einkommen noch einmal um 40 % erhöhen konnten. Demgegenüber haben die 10 % derer mit dem geringsten Einkommen noch einmal 15 % verloren (Wolf 2010, 73). Arbeitsmarktexperten sprechen von einer steigenden Lohnspreizung; umgangssprachlich kann man sagen, die Reichen werden reicher, die Armen noch ärmer. Für Österreich fällt die Auseinanderentwicklung geringer aus, lässt sich aber wie der allgemeine Trend auf die Zunahme von geringfügigen, kurzfristigen und Teilzeitbeschäftigungen zurückführen (Guger/Marterbauer 2007, 266). Die Daten lassen sich nach Gruppen (Alter, Geschlecht, Herkunft, Bildungsstand) weiter ausdifferenzieren und interpretieren. An dieser Stelle sei auf die Frauen hingewiesen, die häufiger Teilzeitbeschäftigungen nachgehen als Männer, weswegen zu erwarten ist, dass der geschlechtsspezifische Lohnunterschied wieder zunehmen wird. Davor konnten die Frauen zumindest aufholen aber nicht gleichziehen (ebd. 272)2.

Bleiben wir bei den ökonomischen Daten, so bringt die Lohnquote die systematische Ungerechtigkeit am deutlichsten zum Ausdruck. Die Anpassung der Lohnquote drückt die Gewinnbeteiligung aus – demzufolge müsste die Quote in der Konjunktur steigen und in der Rezession fallen. Aber obwohl wir in den letzten Jahrzehnten – zwar mit Schwankungen – fast ausschließlich wachsende Volkswirtschaften hatten (gemessen am Bruttoinlandsprodukt; vgl. Wolf 2010, 23 und 25), ist die Lohnquote seit Mitte der 1970er Jahre nur gesunken und die Arbeitslosigkeit gleichzeitig gestiegen3 – ein Trend, der sich für alle westlichen Industrienationen nachzeichnen lässt (vgl. Wolf 2010, 70f). Daraus kann man schließen, dass zwar die Produktivität steigt (ein anderer Ausdruck dafür, dass mit weniger menschlicher Arbeitskraft produziert werden kann), die Gewinne aber nicht als Löhne an die Arbeitskräfte weitergegeben werden. Theoretisch könnte die aufgrund gesteigerter Effizienz frei werdende Zeit auch als Arbeitszeitverkürzung weitergegeben werden, um den Beschäftigungsstand zumindest gleich zu halten. Der Verbleib der Gewinne ist bei Unternehmern und Aktionären zu suchen.

Die hier herausgegriffenen Indikatoren – Bruttoinlandsprodukt (BIP), Lohnquote und Arbeitslosigkeit – sind auch generell Gradmesser für Wirtschaftskrisen. In Anbetracht der zahlenmäßigen Entwicklung ist man sich einig, dass wir spätestens seit 2009 eine Rezession haben – also kein Wachstum, sondern rückläufige Bruttoinlandsprodukte. Ferner ist man sich über den Auslöser weitgehend einig: das Platzen der Immobilienblase in den USA 2007. Die Aktienkursabstürze griffen rasch auf die globalen Finanzmärkte über und rissen die weltweit vernetzten Wirtschaften mit sich. Dann brach die Realwirtschaft (Güter- und Dienstleistungsproduktion und deren Handel) ein, Kurzarbeit und Entlassungen folgten. Wir können von einer Weltwirtschaftskrise sprechen. Bis auf die noch stark aufholenden Länder China und Indien bilanzierten alle industrialisierten Länder 2009 negativ (Wolf 2010, 25), in Island kam es sogar zu einem Staatsbankrott. Griechenland steht kurz davor.

Die Gretchenfrage lautet nun: Wie konnte es passieren, dass das Wirtschaftswachstum so rasch in eine Rezession (Schrumpfung) umschlug und das, obwohl Löhne zurückgehalten und Sozialleistungen eingespart wurden? Wurde damit nicht alles Erdenkliche unternommen? Und warum ging es so plötzlich? War die Entwicklung nicht vorhersehbar?

Was ich mit den empirischen Daten und den folgenden Theorieexkursen veranschaulichen möchte, ist, dass anscheinend gute Wirtschaftsdaten (allem voran Wachstumszahlen gemessen am BIP) nicht zwingend auf eine gesunde Volkswirtschaft schließen lassen; geschweige denn garantieren sie die Gleichverteilung des Wohlstands unter der Bevölkerung. Nun haben alle volkswirtschaftlichen Theorien das zentrale Ziel, eine Lösung für die Verteilungsfrage der Ressourcen im vorherrschenden Wirtschaftssystem, dem Kapitalismus, zu finden. Bei der Herleitung der wirtschaftstheoretischen Modelle und den daraus gefolgerten Rückschlüssen für politische Empfehlungen gehen die akademischen Meinungen aber weit auseinander. Daher möchte ich die unterschiedlichen Denkrichtungen zwar mit Auslassungen, aber komprimiert auf ihre Hauptargumente skizzieren.

Beginnen wir in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, weil damals die Grundsteine für eine neue Wirtschaftsordnung gelegt wurden. Bis dahin basierte die ökonomische Grundlage auf einer einfachen Landwirtschaft, und die in Europa vorherrschende Gesellschaftsform war der Feudalismus, eine anscheinend natürliche, gottgegebene Ordnung von adeligen Grundherren und unfreien, leibeigenen Bauern. Motor und Voraussetzung für die Befreiung aus den feudalen Verhältnissen waren das Wachstum der Städte, die Herausbildung des freien, städtischen Bürgertums, die zunehmende Bedeutung des Handwerks, der Zünfte und Manufakturen sowie der Geldwirtschaft, die wiederum Voraussetzung von Märkten war und dem Handel Auftrieb gab. Adam Smith (1723–1790) fasst als Erster die Charakteristika der neuen Ordnung zusammen, die wir heute Kapitalismus nennen4.

In seinen zentralen Schriften zur Nationalökonomik legt er nicht nur eine Beschreibung sondern auch ein normatives und bis heute prägendes Leitbild vor. Smith arbeitet die Vorteile der Arbeitsteilung für die Produktivitätssteigerung heraus und beschäftigt sich mit den Austauschverhältnissen auf freien Märkten. Er führt die Unterscheidung zwischen dem Gebrauchswert und dem Tauschwert von Waren ein und ist der Ansicht, dass sich Angebot und Nachfrage durch Gestaltung von Löhnen und Preisen das Gleichgewicht halten. Eines seiner zentralen Anliegen ist es, damit zu zeigen, dass eigennütziges Handeln von Individuen nicht zu Chaos und Anarchie führe, sondern zu Wohlstand für die ganze Gesellschaft. Weil jeder ein Interesse daran habe, seine Lage stetig zu verbessern, fördere er indirekt auch das Gemeinwohl, indem er seine Profite wieder investiert und die Gesamtproduktivität steigert. Smith begründet das »einfache System der natürlichen Freiheit« auf ­einem universellen Freiheitsgedanken und geht davon aus, dass die Wirtschaftssubjekte intuitiv – von einer »unsichtbaren Hand« geleitet – zum Wohle aller das System im Gleichgewicht halten könnten. Damit liefert er eine verständlicherweise attraktive aber auch widersprüchliche Grundlage für die Weiterentwicklung der kapitalistischen Produktionsweise: Er weist die herrschaftlichen Privilegien und staatlichen Monopole in ihre Schranken und verschafft dem von feudalen Zwängen freien Bürgertum und dessen Privatbesitz der Produktionsmittel Legitimation. Er verschiebt den Fokus auf »freie Märkte« und marginalisiert, dass nicht alle freie Wirtschaftssubjekte und Eigentümer von Produktionsmitteln, Fabriken, Werkzeugen und Rohstoffen sind und dementsprechend Preise und Löhne nicht mitbestimmen können.

Eine erste logische Konsequenz der Verschiebung gesellschaftlicher Steuerungsmechanismen auf freie Märkte lag im Abbau von Zöllen und Zollschranken und im Ausbau des Freihandels, der eine Internationalisierung der Arbeitsteilung und eine Verschärfung des Wettbewerbs mit sich brachte. Die Durchsetzungskämpfe verliefen jedoch nicht widerspruchsfrei, und es gab Argumentationsbedarf für die Abschaffung von Handelshemmnissen wie z. B. von Schutzzöllen. Aufbauend auf Smith arbeitet David Ricardo (1772–1823) die komparativen Kostenvorteile heraus, nach der die relativen Kosten der produzierten Güter im Austausch mit anderen Ländern wichtiger sind als die absoluten Produktionskosten; seine Außenhandelstheorie besagt, dass jedes Land profitiere, wenn es seinen Güterertrag bestmöglich steigere, indem es die Lohnkosten niedrig halte und die restlichen Güter über den Austausch beziehe. John Stuart Mill (1806–1873) übernimmt ebenfalls viele Grundgedanken von Smith und schreibt mit »Principles of Political Economy« (1848) das für den klassischen Liberalismus unumstrittene Standardwerk. Mill präzisiert die Freiheit des Individuums. Er unterscheidet nicht zwischen formal unterstellter und materiell ausgestatteter Freiheit, spricht sich jedoch für ein allgemeines Recht auf Eigentum an Produktionsmitteln aus, weil »jeder« Mensch einen Anspruch auf den Ertrag seiner Arbeit und Sparsamkeit haben solle und in der Verwertbarkeit seiner Leistungen auch sein Ansporn läge. Mit der Rechtfertigung, Eigentum rechtmäßig vererben zu können und in der Darstellung von Eigentum als Mittel zum Zweck der gesellschaftlichen Wohlstandsproduktion verfestigt Mill die neuen Herrschaftsverhältnisse. Mill erkennt zwar die Interessensgegensätze zwischen Unternehmern und Arbeitnehmern, denkt aber, dass sie durch Bildung und Arbeiterassoziationen (heute Gewerkschaften) auszugleichen seien.

Der springende Punkt ist, dass die idealtypischen Annahmen unmittelbar auf die Politik übertragen wurden und aufgrund ihrer Auslassungen (Machtungleichheiten, anderen Bedürfnis- und Motiva­tionsstrukturen) erneut für Ungleichheiten (Arbeiterklasse und Bourgeoisie) sorgten und Konflikte (Klassenkampf) auslösten. Ihren Siegeszug startete die industrielle Revolution in England, wo der von den oben skizzierten Theorien untermauerte Manchester-Liberalismus in eine ­Laissez-faire-Politik mündete.

Dort wurden die enormen technischen Innovationen der Zeit (Dampfmaschine, Eisenbahn, Fabrikmaschinen, Telegraph) mit den rechtlichen Voraussetzungen des Freihandels gepaart. Diese Kombination führte explosionsartig zu Modernisierung und mehr Reichtum der Volkswirtschaft. Ebenso massiv fiel aber auch die Verelendung des vom Land in die Städte vertriebenen Arbeiterproletariats aus. Dies ist der historische Ausgangspunkt für alle weiteren Auseinandersetzungen, die uns bis heute (wenn auch in anderen Ausprägungen, aber in der Grundproblematik gleich) beschäftigen.

Praktisch wurde mit Arbeiterkampf, Streiks, Sabotage und Bummelei geantwortet und punktuell wurden auch bessere Arbeitsbedingungen erkämpft. Theoretisch gehen die Argumentationslinien jedoch weit auseinander bzw. widersprechen sich. Grob lassen sich drei Richtungen unterscheiden: Die Marxisten kommen zu dem Schluss, dass das kapitalistische Wirtschaftssystem zwar ungeheuren Fortschritt bringe, aufgrund seiner inneren Widersprüche aber in ständige Krisen bis zur Barbarei stürze und daher zu überwinden sei. Die Vertreter des Keynesianismus haben das Ziel, den Kapitalismus aufrechtzuerhalten aber mit staatlichen Regulierungen zu zähmen. Die neoklassischen Theoretiker gehen davon aus, dass staatliche Störungen auf an sich funktionsfähigen Märkten das Ungleichgewicht verursachen und die Markfreiheiten noch weiter ausgebaut werden müssten. Bevor die Wechselwirkungen zwischen Theorien und Realwirtschaft skizziert werden, soll die marxsche Kritik der Politischen Ökonomie umrissen werden, weil sie Schlüsselkriterien für die Analyse liefert.

Der Philosoph und Jurist Karl Marx (1818–1883) erlebte die erste Hochblüte und das Elend des industriellen Kapitalismus in England. Er setzt der Rechtfertigungslehre der Politischen Ökonomie eine dialektisch verfasste Kritik entgegen und macht deren theoretische Widersprüche sichtbar, die praktisch schon verheerende Wirkung zeigten. Im Gegensatz zu den Nationalökonomen geht er nicht von eigennützigen Wirtschaftssubjekten aus, die auf anonymen Märkten ausschließlich rational handeln, sondern von gesellschaftlich verankerten und schöpferisch ausgerichteten Wesen. Die Verbindung zu den Mitmenschen und den Produkten der eigenen produzierenden Tätigkeit als natürliche Notwendigkeit geht jedoch durch die Zerlegung des Arbeitsprozesses in Teilverrichtungen und durch den Austausch der Waren auf anonymen Märkten verloren. Marx spricht von Entfremdung. Weil menschliche Arbeit als Arbeitskraft gedacht und von Angebot und Nachfrage am Arbeitsmarkt bestimmt wird, scheint es legitim, die Löhne möglichst niedrig zu halten, um den Profit maximieren zu können. Der Gewinn kann aber nicht von allen angeeignet werden, sondern fließt den Unternehmern als Profit zu. In seiner Arbeitswertlehre zeigt Marx den Doppelcharakter entfremdeter Arbeit auf. Die von den Arbeitern in den Fabriken hergestellten Waren haben einen Gebrauchswert und einen Tauschwert. Ihre Widersprüchlichkeit macht es möglich, dass die Arbeiter über die Löhne (den Tauschwert ihrer Arbeitskraft) weniger rückvergolten bekommen als sie an Wert produzieren. Die Differenz ist der Gewinn des Unternehmers. Darin steckt auch die schon bei Smith formulierte Erkenntnis, dass letztlich jede Wertproduktion auf menschlicher Arbeit beruht. Aus Kapital kann nicht mehr Kapital werden ohne menschliche Arbeit, auch wenn es an den Börsen so aussieht. Trotzdem haben die Arbeitskräfte, die den Wert schaffen (egal wie weit die Produktion ausgelagert wurde), eine schlechte Verhandlungsposition, weil sie nicht Eigentümer der Produktionsmittel sind und weil immer auch Menschen ohne Erwerbsmöglichkeiten für potenziell niedrigere Löhne zur Verfügung stehen. Marx bezeichnet die Arbeitslosen als industrielle Reservearmee (vgl. Stichwort industrielle Reservearmee, HKWM 6/II). Sie spielt eine wesentliche Rolle zur Steuerung der Preise, weil sie als Repressalie dient, die Löhne immer wieder zu drücken. Mit den Arbeitslosen bekommt die Kehrseite des kapitalistischen Profitstrebens ein Gesicht. Die Ungerechtigkeit ist nicht nur moralisch zu verurteilen, sie stellt auch einen Krisenfaktor dar. Marx bettet seine Überlegungen zur Lohnarbeit in den für den Kapitalismus typischen Akkumulationsprozess ein, die zwingend notwendige Anhäufung und Re-Investition von Kapital in profitträchtige Wirtschaftssektoren. Die Triebfeder dafür ist die Konkurrenz auf den Märkten; sie führt zu Spekulation und unersättlichem Profitstreben. Daher ist die kapitalistische Produktionsweise auf Profit und Gewinnmaximierung ausgerichtet. Um die Produktivität zu steigern sehen sich die Kapitalisten gezwungen, die Produktionskosten zu senken (z. B. durch Ersetzung lebendiger Arbeit durch Maschinen, die langfristig preisgünstiger sein sollen). Durch die Automatisierung produziert der Kapitalismus jedoch für ihn »überflüssige« Esser, die erhalten werden müssen; noch dazu fallen sie als Konsumenten aus. Das Dilemma stellt sich so dar, dass diejenigen, die als Konsumenten für die Profite sorgen sollten, nun aus- und zur Last fallen (vgl. Das Kommunistische Manifest, MEW 4). D. h. die sich immer wieder auffüllende Reservearmee hat kurzfristig Vorteile für das Kapital, weil sie hilft, die Lohnkosten niedrig zu halten. Kippt der Wachstumsprozess jedoch aufgrund von Unterkonsumtion, weil den Arbeitslosen das Geld für den Konsum fehlt, werden die Nachteile als allgemeine Wirtschaftskrise sichtbar. Im Widerspruch der Entwicklung der Produktivkräfte und der Konsumkraft der Massen liegen eine zentrale Erklärung der periodischen Wiederkehr von Krisen und ein selbstzerstörerisches Moment des auf Wachstum angewiesenen Kapitalismus. Darüber hinaus greifen andere Faktoren (wie sinkende Profitraten und Geldentwertung) in Krisenzeiten rasch ineinander. Von Marx können wir lernen, dass Wachstum nie linear und störungsfrei verläuft. Da einzelbetriebliche Planung und maximiertes Profitstreben letztlich immer zu Über- und Fehlproduktion führt, können Krisen auch als Selbstreinigungsprozess des Kapitalismus interpretiert werden. Nach der Vernichtung von Kapital in Form von mit Firmenschließungen verbunden Entlassungen kann die Profitrate wieder steigen, und die Wachstumsspirale beginnt von vorne. Von Selbstregulationsfähigkeit der Märkte im Sinne einer gerechten Verteilung kann aber nicht gesprochen werden; sie wurde bis heute nicht eingelöst. Am meisten spüren zyklisch vorprogrammierte Konjunkturschwankungen und Krisen jedoch die Arbeiter, an die sie als Lohnkürzungen oder Entlassungen weitergegeben werden.

Verwunderlich ist jedoch, dass wir spätestens seit Marx von der Instabilität und Krisenanfälligkeit der kapitalistischen Wirtschaftsweise wissen müssten. Dennoch scheint jede Krise wie ein unerwartetes Ereignis über uns hereinzubrechen bzw. wurden bis heute nur unzureichende Lösungen entwickelt. Da sich die kapitalistische Logik inzwischen auf alle Teilbereiche unserer Gesellschaften ausgeweitet hat, wo Waren oder Dienstleistungen hergestellt werden – ­also auch die Bereiche Bildung, Gesundheit, Infrastruktur, staatliche Verwaltung usw. (die Privatisierung und »Vermarktlichung« wird auch Kommodifizierung genannt) – und sich der Kapitalismus nach dem Zusammenbruch des sozialistischen Blocks auf fast alle Länder ausgeweitet hat, hat sich auch der Krisenzyklus zu multidimensionalen Krisen ausgewachsen: als Folge und Prinzip des Wachstumszwangs. Was als Krise der Arbeitsgesellschaft bezeichnet wird, ist nur eine Sichtweise auf die Gesamtproblematik kapitalistischen Wirtschaftens. Die heutige Erwerbsgeneration müsste sich zumindest an die Vorboten der aktuellen Weltwirtschaftskrise erinnern können, die in Gestalt der Ölkrise Anfang der 1970er Jahre die sozialen und ökologischen Wachstumsgrenzen deutlich vorführten. Auch Spekulationen sind an sich nichts Neues, allerdings ist das Ausmaß der Blasen durch die Risikoanlagen (z. B. Hedgefonds, Leerverkäufe) seit den 1980er Jahren vermutlich größer als das in der Weltwirtschaftskrise der 1930er Jahre der Fall war5.

Bisherige Krisenbewältigungsversuche

Die bisherigen Krisenbewältigungsversuche ergeben sich aus den oben vorgestellten normativen und kritischen Denkschulen. Marx und Engels erarbeiten eine Kritik der Politischen Ökonomie. Eine Chance, die Entfremdung aufgrund profitorientierter anonymer Austauschprozesse aufzuheben, sehen sie in der kommunistischen Perspektive (vgl. dazu u. a. Das Kommunistische Manifest, MEW 4). Für Marx und Engels und spätere Marxisten ist die Abschaffung des privaten Eigentums an Produktionsmitteln (z. B. Grund und Boden, Gebäude, Maschinen und Werkzeuge) eine Schlüsselfrage. Als Alternative schlagen sie eine gesellschaftliche Planung der Produktion und die Verwaltung der Produktionsmittel als gesellschaftliches Eigentum vor. Statt der Anhäufung des Mehrwerts durch wenige Eigentümer sollen kooperativ gestaltete Entscheidungs- und Mitbestimmungsmöglichkeiten die Aneignung der Produkte entsprechend den Bedürfnissen der Menschen ermöglichen. Weil jeder weiß, für wen er produziert, kann er im Sinne einer bedarfs­orientierten Verteilung der Einkommen mitentscheiden.

Das »Kommunistische Manifest« fiel im leidgeplagten Russland auf politisch fruchtbaren Boden. Nach der Oktoberrevolution 1917 begannen die Bolschewiki mit dem Aufbau des Sozialismus in einem noch zaristisch-feudal geprägten Land. Aus heutiger Erfahrung wissen wir, dass die Kernideen zwar realisiert, kein Eigentum an Produktionsmitteln herrschte, die gemeinschaftliche Verwaltung in der Praxis aber nicht verwirklicht wurde. So scheiterte der Sozialismus u. a. am Mangel an Demokratie. Mit den diktatorischen und blutigen Auswüchsen des Stalinismus wurden auch die Hoffnungen, die vom Ideal der klassenlosen Gesellschaft ausgingen, weitgehend zerschlagen.

1989 zerfiel der Ostblock, und mit der Wende »öffneten« sich die Länder für das anscheinend bessere System, den Kapitalismus in Kombination mit parlamentarischer Demokratie6. Diesen Weg waren inzwischen die meisten westlichen Länder gegangen (allerdings ebenfalls unterbrochen von einer Diktatur, der des Nationalsozialismus). Bestätigt fühlte man sich von der rascheren Modernisierung und dem materiellen Wohlstand, weswegen es diesen Ländern nicht um die Überwindung des Kapitalismus ging, sondern um seine Verbesserung. Ob dies durch mehr Regulierung oder De-Regulierung zu erzielen sei, darüber gab es nicht nur theoretische Kontroversen. Je nach Machtverhältnissen und historischen Vorraussetzungen setzten sich vom Prinzip her einmal mehr der Staat oder einmal mehr der Markt durch. Im Folgenden gehe ich zuerst auf die Phase der verstärkten staatlichen Regulierungen in der Nachkriegszeit ein (Keynesianismus). Anschließend beleuchte ich die aktuelle Situation mit erneuten De-Regulierungen (Neoliberalismus) und weise in Rückblicken auf das Ende des 19. Jahrhunderts und die Jahrhundertwende auf Parallelen und Unterschiede zur Neoklassik hin.

Symptomdämpfende und krisenverstärkende Mechanismen

Nach dem Zweiten Weltkrieg gelang es vielen westlichen Ländern Sozial- und Umweltprobleme zu bremsen oder auszulagern. Eine einflussreiche Theorie liefert dafür John Maynard Keynes (1883 –1946). Er erkennt, dass sich die Mikro-Logik von Haushalten und Unternehmen nicht einfach auf die Makrologik einer Volkswirtschaft, eines Staates oder einer Staatengruppe übertragen lässt. Die neoklassischen Wirtschaftstheorien haben nämlich nie eine eigenständige und schlüssige Makrotheorie entwickelt. Dementsprechend verstärkten sie die Probleme in der Real­wirtschaft mit falschen, nur auf die einzelbetriebliche Profitlogik zielenden Rezepten. In Anbetracht der Massenarbeitslosigkeit der 1930er Jahre setzt Keynes beim Verhältnis von Arbeitslosigkeit und Konsum an. Dabei argumentiert er nicht aus sozialer Motivation, sondern als Ökonom – er unterstreicht die Bedeutung zahlungskräftiger Lohnarbeiter als Konsumenten für die Konjunktur am Gütermarkt. Er räumt ein, dass Unterbeschäftigung eher die Regel als die Ausnahme ist und veröffentlicht in seiner Schrift »Allgemeine Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes« (1936) seine Ideen, wie Volkswirtschaften wieder zu Vollbeschäftigung gelangen können. In seinem nachfrageorientierten, am Konsum ansetzenden Konzept schlägt er vor, mit gezielten Interventionen am Produktmarkt in der Flaute die Konjunkturschwankungen ausgleichen. Damit würden auch Arbeitsplätze erhalten. Die Steuerung funktioniere über eine effektive Nachfrage; die Mittel für die staatlichen Investitionen sollen aus Steuereinnahmen kommen (antizyklische Fiskalpolitik). Als weiteres Problem erachtet er die Zeitverzögerung bei privaten Investitionen, weil die Menschen Spareinlagen zurückhalten. Die Investitionslücke könne ebenfalls durch Sachinvestitionen seitens des Staates geschlossen werden. Als Steuerungsinstrumente kommen eine aktive Zins- und Geldpolitik hinzu, wobei er die Abhängigkeit der Investitionen von den individuellen Renditeerwartungen herausarbeitet. Im Gegensatz zu den Neoklassikern misst er vielfältigen persönlichen Abwägungen und dem psychologischen Moment von Kauf- und Sparentscheidungen eine wichtige Bedeutung bei. Je nach Marktsitua­tion und individuellen Konstellationen werden die Erwartungen eher optimistisch oder pessimistisch eingeschätzt. In den unsicheren Erwartungen sieht er eine weitere Quelle der Instabilität. Ihr soll mit einer ausdifferenzierten Geldpolitik begegnet werden; gleichzeitig erachtet er diese als nicht mehr ausreichend. Für ein international vernetztes Finanzwesen schlägt er bereits im Jahr 1936 eine Globalsteuer vor.

Sich auf Keynes berufend fordern Keynesianer bis heute die Einführung einer globalen Finanztransaktionssteuer, die in der aktuellen Krise wieder thematisiert und verhandelt wird, bis dato aber noch nicht umgesetzt wurde. Andere Empfehlungen wurden sehr wohl realisiert bzw. in die länderspezifischen Politikstile integriert. Unterschiedliche Formen einer aktiven und antizyklischen Steuerpolitik als auch indirekte Subventionen am Gütermarkt spielen in allen kapitalistisch geprägten Ländern eine steuernde Rolle. Ihre Blütezeit erleben sie in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg bis Anfang der 1970er Jahre, wo nicht zuletzt der nötige Wiederaufbau zu einer fast Vollbeschäftigung führte – fast, weil viele Frauen ausgeschlossen blieben und der Anteil an informeller Arbeit in einigen Ländern hoch blieb. Insbesondere in jenen Ländern, die nicht nur staatlich steuernd in die Wirtschaft eingriffen, sondern auch ihre Wohlfahrt stark ausbauten, bildete sich eine breite Mittelschicht, die zu relativ hohem Wohlstand gelangte, bzw. wurden die Ausnahmefälle durch die flankierenden Sozialleistungen aufgefangen. Das gilt in den europäischen Ländern, allen voran Skandinavien, Deutschland, Österreich und Frankreich. Wir sprechen von Sozialer Marktwirtschaft, wobei dazu zu sagen ist, dass sich hier Formen des Laissez-faire-Ordoliberalismus (der sich für einen starken Staat ausspricht, damit er die Abschaffung wettbewerbshemmender Zusammenschlüsse und Seilschaften durchsetzten kann) mit dem Keynesianismus (der sich für einen starken Staat im Sinne einer Regulierung ausspricht) vermischen. Keines der theoretischen Modelle kam also je in reiner Form zur Anwendung. Dennoch kann man sagen, dass es den keynesianisch inspirierten Volkswirtschaften eine Zeit lang gelang, die zyklischen Einbrüche abzufedern. Hinterlassen hat uns diese Wirtschaftspolitik wachsende Umweltprobleme, ungelöste Gleichstellung, steigende Staatsschulden und schwerfällige Verwaltungsapparate. Da Vollbeschäftigung das erklärte Ziel der Politiker war, wurde in Kauf genommen, dass wir auf Kosten der Natur längst mehr produzieren als wir eigentlich brauchen. Das Modell hätte auch dann nicht funktioniert, wenn alle Frauen in den Arbeitsmarkt integriert oder die von ihnen geleistete Reproduktionsarbeit entlohnt worden wäre. Das Lohnmodell der Sozialen Marktwirtschaft definiert männliche Familienernährer und weibliche Zuverdienerinnen. Wenn dem Keynesianismus etwas vorgeworfen wird, dann aber nicht die ungelösten Umwelt- und Sozialprobleme, sondern der wieder stotternde Wirtschaftsmotor trotz steigender Staatsschulden.

Nach dem »Wirtschaftswunder« der Wiederaufbauzeit folgte zwangsläufig ein Abschwung, der den Vertretern der Neoklassik half, sich wieder in den Vordergrund zu spielen – allerdings mit dem Effekt, die Krisenerscheinungen zu beschleunigen. Unter den Neoklassischen Theorien versammelt sich eine Familie von Theorien, die weiterhin das rationale Handeln des homo oeconomicus und die Vollkommenheit des Marktes unterstellen. Typisch ist der allgemeine Paradigmenwechsel von Produktion in der Klassik hin zu Handel in der Neoklassik. Ein Teil beschäftigt sich mit der Weiterentwicklung der Gleichgewichtstheorie (Wegbereiter sind z. B. Léon Walras 1834 –1910 und Alfred Marshall 1842–1924). Ihr Ziel ist es, den optimalen Zustand einer Gesellschaft mit Hilfe mathematischer Schlussfolgerungen herzuleiten. Daraus entstehen Gleichungen, welche die von ihnen anerkannten relevanten Faktoren (wie Preis, Menge, Zeit, Lohn) in ihrem Verhältnis zueinander abbilden und variieren. Da sie davon ausgehen, dass die handelnden Subjekte aus eigenem Interesse das System optimieren wollen, müsse das System automatisch zum Gleichgewicht gelangen. Demzufolge könne es keine »unfreiwillige Arbeitslosigkeit« und Überproduktion geben, höchstens »freiwillige Sucharbeitslosigkeit« und bei Systemstörungen vorübergehend strukturelle Arbeitslose. Es wird angenommen, dass ein Gleichgewicht sich als Effekt der vielen optimierenden Einzelhandlungen rasch wieder ergebe. In der Wettbewerbspraxis bedeutet das aber Preis- und Lohndumping.

Spätere Vertreter der Neoklassik haben zum Ziel, dem Keynesianismus ein eigenständiges makroökonomisches Modell entgegenzustellen und entwickeln den Monetarismus (ihr Hauptproponent ist Milton Friedman, 1912–2006). Demnach pumpe das nachfrageorientierte Modell von Keynes – also der Staat – zu viel Geld in den Umlauf, wodurch Inflation entstehe. In Anschluss an die klassische Quantitätstheorie hänge das Preisniveau von der Geldmenge ab. Daher könnten Wirtschaftsabläufe über Geldmengensteuerung (Kredite, Zinsen) reguliert werden. Diese Rolle kommt seit Mitte der 1970er Jahre den Zentralbanken zu. Ziel ist es, die Geldmengen entsprechend dem Produktionspotenzial stabil wachsen zu lassen, was letztlich auch zu konstant wachsenden Lohneinkommen führen würde. Ebenso wie die Gleichgewichtstheoretiker blenden die Monetaristen relevante Faktoren aus – nichtsdestotrotz strahlten ihre Empfehlungen aufgrund ihrer Machtposition, ihrer Präsenz in den Massenmedien und in der Wissenschaft auf die betriebliche Praxis aus. Staatliche Eingriffe, die über die Gewährleistung von Vertragsfreiheit, Freihandel und Sicherheit hinausgehen, lehnen sie als störend und ineffizient ab; demgegenüber sprechen sie sich für angebotsorientierte Maßnahmen aus, welche die Produktionsbedingungen verbessern sollen. Ihre Politikempfehlungen sind bestimmt von Anreizstrukturen über Geldpolitik sowie De-Regulierungsmaßnahmen und Privatisierung öffentlicher Güter und Dienstleistungen. Seit den 1980er Jahren prägen sie auch in unseren Ländern die Wirtschaftspolitik.

Charakteristikum dessen, was wir heute Neoliberalismus nennen, ist insbesondere der Rückgriff auf den klassischen Laissez-faire-Liberalismus, was die Rolle des Staates betrifft. Der Nachtwächterstaat solle das ungestörte Wirken des Marktes sichern und mit der Bereitstellung von Infrastruktur (z. B. Verkehr, Telekommunikation, Energieversorgung, Bildung) ermöglichen bzw. ist man inzwischen dazu übergegangen, auch die öffentlich genutzte Infrastruktur zu »liberalisieren«, also nicht staatlich sondern privatwirtschaftlich zu betreiben. Die Ansicht, dass staatliche Regulierungen stören, mündete in Zeiten globaler Arbeitsteilung beispielsweise in die Erpressung von Steuerfreiheit als Lohn für die Ansiedlung von Produktionsstätten. Die Folge ist nicht der versprochene Trickle-down-Effekt (das langsame Durchsickern des Reichtums nach unten), sondern dass die Gewinne von den Konzernen vollständig abgezogen werden können; zurück bleiben leere Staatskassen und erschöpfte Beschäftigte. Die globale Wertschöpfungskette ist eine zu Gunsten der Kapital-Eigentümer.

In den mittlerweile stark globalisierten Vernetzungen liegen die Radikalisierung der Wachstumsschübe und Risikopotenziale des Neoliberalismus. Trotzdem bleibt der Einfluss der neoklassischen Theorien auf die Wirtschaftspolitik und die Realwirtschaft bis heute dominant, auch wenn Marxisten und jüngere Strömungen gegen die Neoklassik anschreiben und versuchen die blinden Flecken aufzuzeigen – z. B. unbezahlte Reproduktionsarbeit und herrschaftliche Geschlechterverhältnisse (Feminismus), globale Arbeitsteilung und hierarchische Machtverhältnisse (Globalisierungskritik; Regulationstheorie) oder Raubbau und wachsende Umweltprobleme (Nachhaltigkeitsforschung, Umweltaktivismus) – oder wenn sich die Politiker in der akuten Krise teilweise wieder auf Keynes rückbesinnen und Konjunkturpakete für »grüne« und herkömmliche Technologiebranchen schnüren (z. B. erneuerbare Energien, öffentlicher Verkehr).

Resümee: Arbeitsverhältnisse sind Gesellschaftsverhältnisse

Wir haben gezeigt, dass Arbeitslosigkeit und Armut systemimmanente Bestandteile einer kapitalistischen Ökonomie und Gesellschaft sind. Sie können weder von neoklassischen noch von keynesianischen Reformansätzen gelöst werden. Vielmehr nehmen sie ein Gleichgewicht bei Unterbeschäftigung in Kauf bzw. finden aus ihrer Logik heraus für uns unbefriedigende Antworten, die zu keinen sozial- und umweltverträglichen Lösungen führen. Die Neoklassiker leugnen »unfreiwillige Arbeitslosigkeit« schlechthin ab und werben für eine Freiheit mit einer nicht einlösbaren Chancengleichheit – durch Individualisierung und Flexibilisierung sollen wir zur Selbstverwirklichung gelangen. Modelle keynesianischer Tradition sind nur auf den ersten Blick beruhigender – zur Absicherung des Risikos der Arbeitslosigkeit wird eine Arbeitslosenversicherung eingerichtet oder ein Grundeinkommen überlegt; es geht um ein Sockeleinkommen, damit niemand unter die Armutsgrenze rutschen muss. Eine tiefere Bestimmung bietet man den für die Produktion »Überflüssigen« aber nicht an. Stattdessen animiert man sie, sich weiter zu qualifizieren. Die Frage ist aber, wohin qualifizieren, wenn die entsprechenden Arbeitsplätze fehlen (Arbeitsplatzlücke) und Überproduktion keinen Sinn ergibt? Es erhärtet sich also der Verdacht, dass es nur darum geht den Schein zu wahren. In diesem Zynismus begründet sich das oben beschriebene allgemeine Unbehagen und die zunehmende Wut vieler Menschen7.

Vollbeschäftigung kann es in der kapitalistischen Produktionsweise nicht geben, Selbstregulationsfähigkeit des Marktes ist ein uneinlösbarer Mythos. Das Wachstumsdogma verstellt die Einsicht, dass Ungleichheit ein Instabilitätsfaktor ist, der nicht durch mehr vom Gleichen – nicht durch noch mehr Markt, nicht durch noch mehr Staat – ausgemerzt werden kann. Daher wird die Theorie für den Wandel der Arbeitswelt auch nicht aus einer rein wirtschaftstheoretischen Perspektive geschrieben werden können, weil sie sonst einem Zirkelschluss aufsitzt. Dementsprechend können wir sie auch nicht mit ihren eigenen Waffen schlagen. Wenn wir der Problemlage theoretisch gerecht werden wollen, muss uns eine interdisziplinäre Zusammenarbeit gelingen. Manche Phänomene lassen sich mathematisch beschreiben (z. B. Lohnunterschiede zwischen Frauen und Männern), andere nicht (z. B. Rollenzuschreibung zur Rechtfertigung der Unterschiede oder überhaupt die strukturerhaltende Funktion unbezahlter Frauenarbeit im Haushalt für die kapitalistische Produktion und Reproduktion).

Die referierten ökonomischen Theorien tun so, als seien alle Wirtschaftssubjekte gleich stark. Holt man jedoch Macht als Analysekriterium herein, werden unterschiedliche Diskriminierungen (von Erwerbslosen, Frauen, Migranten, Menschen im globalen Süden) sichtbar, ohne die der Kapitalismus nicht funktionieren würde. Kapitalismus und bürgerliche Gesellschaftsordnung bedingen sich gegenseitig. Ausgehend vom Feudalismus war dies ein relevanter Fortschritt und ein gewisser Akt der Befreiung aus Leibeigenschaft, Pachtwesen und anderen Formen unfreier Arbeit. Die alte Unfreiheit wurde jedoch gegen eine neue, diffizilere eingetauscht: Unsere Gegenüber sind anonyme Kapitalisten mit Machtkonzentrationen wie es sie nie zuvor in der Geschichte der Menschheit gab.

Wir gehen davon aus, dass Menschen ihrem Wesen nach produktiv füreinander tätig sein wollen. Das können sie im herrschenden System aber nicht entfalten, weil sie der Gewinnmaximierung unterworfen sind. Daher stellt sich die zentrale Frage, welches System unseren menschlichen Bedürfnissen entspricht und nicht, wie wir dem System entsprechen können. »Es geht darum, den Zweck der Tätigkeit und das Maß der Verausgabung in ein Verhältnis zueinander zu bringen, dass fremdbestimmte Über- und Unterordnung der spannungsgeladenen Dimensionen von Tätigkeiten ausgeschlossen werden. Die Emanzipation der Menschen liegt demnach in der entwickelnden Verausgabung von Kraft zum gemeinschaftlich bestimmten Zweck« (Haug 2009). Daher kann es nicht darum gehen, die »Normalarbeitsverhältnisse« der Nachkriegsära zurück zu wünschen. Abgesehen davon, dass die Voraussetzungen historisch einmalig und damit nicht wiederholbar sind (z. B. Wiederaufbau), ist es wegen seiner emanzipatorischen Defizite und seines zerstörerischen Potenzials für Umwelt und Menschen nicht als idealtypisches Modell anzustreben.

Ungelöst ist allerdings das Paradoxon, dass solange die kapitalistische Produktionsweise weiter existiert, die Integration in den Arbeitsmarkt gesellschaftliche Teilhabe und Emanzipation bedeutet. Daher kann man leicht dem trügerischen Schluss aufsitzen, dass die Umformung von unbezahlter Hausarbeit in Lohnarbeit ein Fortschritt sei und dabei übersehen, dass es nur eine Besserstellung im bürgerlich-kapitalistischen System wäre, nicht aber eine Emanzipation daraus. Es ist also die Frage aufgeworfen, welche Produkte und Dienste wir brauchen bzw. was wachsen soll – und wovon wir besser ablassen. Danach stellt sich die Frage, wie produziert werden soll – was wir weiterhin marktförmig herstellen oder dem Markt wieder entziehen wollen (de-kommodifizieren). Ferner geht es um die Frage, wie wir den Wohlstand verteilen wollen und gesellschaftliche Teilhabe und Mitbestimmung bestmöglich garantieren können. Kurz: Wie können wir gesellschaftliche Spaltungen vermeiden? In den Produktionsverhältnissen steckt ein Schlüssel dafür.

Literatur

Bontrup, Heinz-Josef (2008): Lohn und Gewinn: Volks- und betriebswirtschaftliche Grund­züge, 2. Aufl., München/Wien

Bourdieu, Pierre (1985): Sozialer Raum und »Klassen«. Leçon sur leçon, Frankfurt/M

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Bude, Heinz (2008): Die Ausgeschlossenen. Das Ende vom Traum einer gerechten Gesellschaft, München

Guger, Alois u. Markus Materbauer (2007): Die langfristige Entwicklung der Einkommens­verteilung in Österreich, WIFO Working Papers, 307, Wien

Haug, Frigga (2009): Arbeitsbegriff bei Marx, vgl. Stichwort Arbeit, in: Historisch-kritischen Wörterbuch des Marxismus, Bd. 1, Hamburg 1994, S. 401–422 (Auszuge auf: http://www.vier-in-einem.de/forum/topic.php?id=4, 28.8.2010)

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Stichwort »industrielle Reservearmee«, in: HKWM 6/II

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Wolf, Winfried (2010): Sieben Krisen – ein Crash, Wien

Zelter, Joachim (2006): Schule der Arbeitslosen. Ein Roman, Tübingen

Weitere einführende Literatur

Altvater, Elmar u. Birgit Mahnkopf (2007): Grenzen der Globalisierung. Ökonomie, Ökologie und Politik in der Weltgesellschaft, 7. Aufl., Münster

Bofinger, Peter (2010): Grundzüge der Volkswirtschaftslehre. Eine Einführung in die Wissen­schaft von Märkten, 2. Aufl., München

Cordes, Mechthild (1995): Die ungelöste Frauenfrage. Eine Einführung in die feministische Theorie, Frankfurt/M

Füllsack, Manfred (2009): Arbeit, Wien

Gruber, Sabine (2009): ArbeitFairTeilen – eine Einführung. In: Stephan Krull, Mohssen Massarrat, Margarete Steinrücke (Hg.): Schritte aus der Krise. Arbeitszeitverkürzung, Mindestlohn, Grundeinkommen: Drei Projekte, die zusammengehören, Hamburg, 27– 42

Harvey, David (2007): Kleine Geschichte des Neoliberalismus, Zürich

ders. (2010): Marx’ »Kapital« lesen. Ein Begleiter für Fortgeschrittene und Einsteiger, Hamburg

Haug, Frigga (2003): Historisch kritisches Wörterbuch des Feminismus, Bd. 1, Hamburg

Hinterberger, Fritz, Harald Hutter, Ines Ohmann et al. (Hg.; 2009): Welches Wachstum ist nachhaltig? Ein Argumentarium, Wien

Kocka, Jürgen u. Claus Offe (Hg.; 2000): Geschichte und Zukunft der Arbeit, Frankfurt/M

Stichwort »Arbeit«, in: HKWM 1

Dr. Bernd Röttger

Jg. 1961, Politikwissenschaftler, diverse Tätigkeiten an Universitäten, gewerkschaftlichen Forschungsinstituten und in der Arbeiter- und Erwachsenenbildung; Mitglied der Argument-Redaktion und der Werkstatt des Historisch-kritischen Wörterbuchs des Marxismus; Autor zahlreicher Aufsätze und Bücher zu Entwicklung und Regulation des Kapitalismus, zu Theorie und Geschichte der Arbeiterbewegung und zur Gewerkschaftspolitik.

bernd.roettger@ruhr-uni-bochum.de

Wege in die Befreiung der Arbeit
Traditionen, Erfahrungen und Perspektiven aus der ­Geschichte der Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegung
Bernd Röttger

»Auch der Hass gegen die Niedrigkeit

Verzerrt die Züge.

Auch der Zorn gegen das Unrecht

Macht die Stimme heiser. Ach, wir

Die wir den Boden bereiten wollen für Freundlichkeit

Konnten selber nicht freundlich sein.«

(Bert Brecht: An die Nachgeborenen)

(Be-)Deutungen: Befreiung der Arbeit

Alltägliche Kämpfe in Gesellschaften, in denen Macht über Menschen ausgeübt wird, entfachen sich an konkreten Missständen. Sie werden zunächst mit dem Ziel geführt, für die untergeordneten Klassen erträgliche Verhältnisse herzustellen – auch in den Arbeitskämpfen: Die Maschinenstürmer im Textilsektor des beginnenden 19. Jahrhunderts rebellierten gegen die ihnen aufoktroyierte Mechanisierung ihres Arbeitsplatzes; Arbeiter zelebrieren inzwischen schon über Jahrhunderte hinweg einen »blauen Montag«, Fehlzeiten am Arbeitsplatz, um der Intensivierung und Disziplinierung ihrer Arbeit zu entgehen; Fabrikbelegschaften sabotierten Ende der 1960er Jahre die halbautomatische Fließfertigung oder schoben »Dienst nach Vorschrift«, nachdem die Taktfrequenzen der Bänder erhöht wurden.

Widerständigkeit folgt zunächst einer »Logik«, die der Historiker Edward P. Thompson im Anschluss an die Brotpreis- und Nahrungsrebellionen des 18. Jahrhunderts als »moralische Ökonomie der Armen« bezeichnet hat. Spontane Proteste werden getragen von Vorstellungen, wie Bedürfnisbefriedigung durch Arbeit organisiert sein sollte. Sie »bewegen sich im Rahmen eines volkstümlichen Konsens darüber, was auf dem Markt, in der Mühle, in der Backstube usf. legitim und was illegitim sei« (1980, 69). Tatsächlich aber ist die »moralische Ökonomie« immer wieder auch von den Herrschenden benutzt worden. Mit der punktuellen Aufnahme ihrer Forderungen wurden Aufstände niedergehalten oder vermieden und so die »alte Ordnung« stabilisiert. Bertolt Brecht war überzeugt, dass das Volk nicht »tümele«, sondern schlicht »realistisch« für seine Interessen kämpfe. Marx sprach von einer im Klassenkampf zur verwirklichenden »politischen Ökonomie der Arbeiterklasse« (MEW 16, 10ff). In seiner Perspektive markieren Kämpfe um erträgliche Verhältnisse innerhalb der bestehenden Ordnung – Marx hatte die Durchsetzung des gesetzlichen Zehnstundentags in England vor Augen – keinen Stillstand in der Bewegung der Rebellion, sondern im Gegenteil eine Episode, die erst weitere emanzipatorische Schritte im Kampf gegen das bestehende System der Arbeit ermögliche. Schließlich böte die »kasernenmäßige Disziplin, die sich zum vollständigen Fabrikregime ausbildet« (MEW 23, 447) keinen Raum zu menschlicher Entwicklung.

Seit Mitte des 19. Jahrhunderts ist die organisierte Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegung durch das Nebeneinander von verschiedenen Kampftypen gekennzeichnet: von immer wieder aufbrechenden spontanen Widerständen der lebendigen Arbeit, Kämpfen um erträgliche (tarifliche oder staatliche) Regulation der Arbeit und von Strategien der Überwindung fremdbestimmter Arbeit. Widerständigkeit artikuliert sich also in vielfältigen Formen: als Kämpfe um mehr Selbstbestimmung und Freiräume am Arbeitsplatz, als gewerkschaftliche Kämpfe um das Surplusprodukt, d. h. als Verteilungskämpfe um Geld und Zeit sowie als politische Kämpfe um Aneignung, d. h. die Besitzverhältnisse an den Produktionsmitteln.

Die »moralistische« kann so nicht als bloße Vorgeschichte einer »politischen Ökonomie« der Armen und der Arbeiter missverstanden werden. Dabei scheinen sich spontane Widerstände von Belegschaften oder Teilen von ihnen, die sich gegen unwürdige Arbeit richten, letztlich gegen Arbeit schlechthin zu wenden. Tatsächlich aber ist die Befreiung der Arbeit in der organisierten Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegung anders gedacht: Arbeit bezeichnet in dieser Tradition einen für alle Gesellschaften notwendigen »Stoffwechsel mit der Natur«; die »freie Entwicklung der Individualitäten«, so Marx aber auch, setze »die Reduktion der notwendigen Arbeit der Gesellschaft zu einem Minimum« voraus. Nur so könne die »künstlerische, wissenschaftliche etc. Ausbildung der Individuen« realisiert werden (Grundrisse, MEW 43, 601). Befreiung meint: Verzicht auf Mehrarbeit, die allein als Profit den Besitzern der Produktionsmittel zukommt. Verzichtet werden kann in einer solchen Perspektive nicht auf eine Produktivität der Arbeit, wie sie in neueren, zumal ökologisch motivierten »Alternativkonzepten« der Arbeit implizit immer wieder aufkeimt.

Nicht nur aber ein erreichtes Niveau der Arbeitsproduktivität bildet die Bedingung ihrer Befreiung. Keineswegs – so Marx weiter – reiche das schlichte Auswechseln des Führungspersonals. Die Stunde der Emanzipation schlage nämlich nicht, wenn sich die Arbeiterklasse zur herrschenden Klasse emporschwingt, sondern »nur, indem es [das Proletariat, B. R.] sich selbst und sein Gegenteil aufhebt« (MEW 2, 38). Die Arbeiterklasse habe als »Totengräber« der Kapitalherrschaft nicht eine neue Klassengesellschaft zu errichten, sondern die Klassengesellschaften zu überwinden. Ziel sind Verhältnisse, in denen sich eine »Assoziation« der Menschen realisiert, »worin die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung für die freie Entwicklung aller ist« (MEW 4, 482). Ein hochgradig anspruchsvolles Unterfangen.

An nur wenigen Stellen hat Marx das angedachte »Reich der Freiheit« ausformuliert. Im berühmten Abschnitt des dritten Bandes des Kapital heißt es, dass dieses genau dann beginne, wenn

»das Arbeiten, das durch Not und äußere Zweckmäßigkeit bestimmt ist, aufhört; es liegt also der Natur der Sache nach jenseits der Sphäre der eigentlichen materiellen Produktion. Wie der Wilde mit der Natur ringen muss, um seine Bedürfnisse zu befriedigen, um sein Leben zu erhalten und zu reproduzieren, so muss es der Zivilisierte, und er muss es in allen Gesellschaftsformen und unter allen möglichen Produktionsweisen. Mit seiner Entwicklung erweitert sich dies Reich der Naturnotwendigkeit, weil die Bedürfnisse sich erweitern; aber zugleich erweitern sich die Produktivkräfte, die diese befriedigen. Die Freiheit in diesem Gebiet kann nur darin bestehen, dass der vergesellschaftete Mensch, die assoziierten Produzenten, diesen ihren Stoffwechsel mit der Natur rationell regeln, unter ihre gemeinschaftliche Kontrolle bringen, statt von ihm als von einer blinden Macht beherrscht zu werden; ihn mit dem geringsten Kraftaufwand und unter den ihrer menschlichen Natur würdigsten und adäquatesten Bedingungen vollziehen. Aber es bleibt dies immer in Reich der Notwendigkeit. Jenseits desselben beginnt die menschliche Kraftentwicklung, die sich als Selbstzweck gilt, das wahre Reich der Freiheit, das aber nur auf jenem Reich der Notwendigkeit als seiner Basis aufblühn kann. Die Verkürzung des Arbeitstages ist die Grundbedingung« (MEW 25, 828).

Befreiung bedeutet nicht Befreiung von jeglicher Arbeit, sondern Befreiung von Herrschafts- und Unterordnungszwängen in der Organisation gesellschaftlich notwendiger Arbeit einerseits und Entfaltung umfassender menschlicher Fähigkeiten andererseits. Nur so ließe sich schließlich auch ein demokratisches Gemeinwesen organisieren. In der Deutschen Ideologie formuliert Marx:

»Sowie nämlich die Arbeit naturwüchsig verteilt zu werden anfängt, hat Jeder einen bestimmten ausschließlichen Kreis der Tätigkeit, der ihm aufgedrängt wird, aus dem er nicht heraus kann; er ist Jäger, Fischer oder Hirt oder kritischer Kritiker und muss es bleiben, wenn er nicht die Mittel zum Leben verlieren will – während in der kommunistischen Gesellschaft, wo Jeder nicht einen ausschließlichen Kreis der Tätigkeit hat, sondern sich in jedem beliebigen Zweige ausbilden kann, die Gesellschaft die allgemeine Produktion regelt und mir eben dadurch möglich macht, heute dies, morgen jenes zu tun, morgens zu jagen, nachmittags zu fischen, abends Viehzucht zu treiben, nach dem Essen zu kritisieren, wie ich gerade Lust habe, ohne je Jäger, Fischer, Hirt oder Kritiker zu werden« (MEW 3, 33).

(Strategie-)Probleme: Zyklen von Kämpfen um und Kämpfen gegen Arbeit und die immer wiederkehrenden Krisen des Kapitalismus

Der Weg in eine solche Befreiung der Arbeit ist nicht nur oft verschüttet worden, sondern auch mit Leichen gepflastert. Die Geschichte des Kapitalismus ist (auch) eine Geschichte abgemordeter historischer Hoffnungen. Das Ziel der vollständigen Emanzipation der Arbeit ist entweder gewaltsam unterdrückt (staatliche Repression, Faschismus), kanalisiert, d. h. in Form eines »nur« Lohnkonfliktes mit den Reproduktionserfordernissen des Kapitalismus in Einklang gebracht (fordistische Massenproduktion) oder in Gestalt eines institutionell abgesicherten Klassenkompromisses (im so genannten »keynesianischen Staat«) involviert worden.

Entscheidende Triebkräfte der Veränderung gesellschaftlicher Arbeit und der Kämpfe um sie waren immer wieder »große Krisen« des Kapitalismus. Durch die Krise der 1870er Jahre entfaltete sich ein organisierter Kapitalismus, der den Weg zu einer »verstaatlichten« Arbeiterbewegung (mit entsprechenden »Staatsmythen«) ebnete; die Große Depression der 1930er Jahre brachte in der so genannten Nachkriegsordnung den fordistischen Klassenkompromiss hervor (und damit eine spezifische Einhegung der Kämpfe um Arbeit); die Weltwirtschaftskrise seit 1974/75 bereitete das Terrain für »neoliberale Konterrevolutionen« (Milton Friedman) und bewirkte, dass die eingefahrenen Strategien der »institutionellen« Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegung selbst in eine tiefe Krise gerieten. Auch in der »großen Krise« des Kapitalismus seit 2008 deuten sich erneut grundlegende Verschiebungen in den Kämpfen um Arbeit an. Nur: In welche Richtung gehen sie?

»Alles, was auf Erden erfunden wird,

liegt irgendwo schon auf der Lauer.«

(Peter Rühmkorf)

Marx und die Emanzipation der Arbeit

Bekanntlich haben weder Marx noch Engels ›Kochrezepte‹ für die Emanzipation der Arbeit geschrieben; ihnen wurde vielmehr vorgeworfen, dass sie solche Entwürfe für die »Zukunftsgesellschaft« verweigerten (MEW 34, 18). Stattdessen hoben sie hervor, dass »jeder Schritt wirklicher Bewegung« wesentlich wichtiger sei »als ein Dutzend Programme« (MEW 19, 13). Weit davon entfernt »ein neues, vollkommeneres System der gesellschaftlichen Ordnung zu erfinden«, das nur »von außen her« der Gesellschaft »aufzuoktroyieren« sei (MEW 19, 194), konzentrierte sich ihre theoretische Anstrengung darauf, die innerhalb der kapitalistischen Gesellschaft waltenden Entwicklungen aufzudecken, durch die der Kapitalismus selbst seinen »Totengräber« produziert. Die diesen Totengräber verkörpernde Arbeiterbewegung aber habe dann »keine Ideale zu verwirklichen, sondern nur Elemente der neuen Gesellschaft in Freiheit zu setzen« (MEW 25, 879).

Zunächst herrschte in der sozialistischen Bewegung ein Revolutionsoptimismus, den der französische Regulationstheoretiker Alain Lipietz zu Recht als eine »rationalistische Endzeiterwartung« charakterisiert hat. Die »Gesetze« kapitalistischer Entwicklung, die sich notwendig durchsetzen, schaffen aus sich selbst heraus jene Bedingungen, die für die Überwindung der herrschenden Produktionsweise nötig sind. Marx ließ an einer solchen dialektischen Sicht der Dinge nie einen Zweifel. Die Bedingungen solidarischer Arbeit sollten sich bereits »im Schoße« der alten, unsolidarischen Gesellschaft entwickeln. Der marxsche Grundgedanke, dass »jedes Ding mit seinem Gegenteil schwanger« geht (MEW 12, 3), findet sich auch in seinen Analysen lebendiger Arbeit.

Im Zentrum seines Interesses stand die Kooperation der Arbeiten. Die Zusammenballung der Arbeiter in immer größeren Produktionseinheiten schaffe nicht nur günstigere Verwertungsbedingungen des Kapitals (das ist ihre kapitalistische Formbestimmung): Kooperation erscheint dem Arbeiter hier als »fremde Macht« (MEW 43, 253), die ihm »ideell als Plan, praktisch als Autorität des Kapitalisten gegenüber« tritt (MEW 23, 351). Kooperation in der Arbeit produziert aber zugleich Voraussetzungen für den Zusammenschluss der Arbeitenden im Kampf gegen die Herrschaft des Kapitals, ihre Solidarisierung zur Klasse. Kooperation beschreibt bei Marx eine Praxis, die mit der Veränderung der Umstände in der Verausgabung lebendiger Arbeit gleichzeitig eine Selbstveränderung der Klasse bewirkt. Durch Kooperation »streift der Arbeiter seine individuellen Schranken ab und entwickelt sein Gattungsvermögen« (MEW 23, 349). Kooperation wird zur Bedingung, in der sich eine vereinzelte und fragmentierte Unterklasse im Prozess kapitalistischer Entwicklung zu einer sozialen Bewegung solidarisiert.

Marx analysierte diese doppelte Bestimmung der Kooperation auch am Beispiel der von Arbeitern selbst gelenkten Produktionsgenossenschaften des 19. Jahrhunderts. In den Kooperativfabriken sah er den praktischen »Beweis, dass der Kapitalist als Funktionär der ­Produktion ebenso überflüssig geworden [ist], wie der Kapitalist selbst […] den Großgrundbesitzer überflüssig findet« (ebd., 400). Ihr großes Verdienst bestehe darin, »praktisch zu zeigen, dass das bestehende despotische und Armut hervorbringende System der Unterjochung der Arbeit unter das Kapital verdrängt werden kann durch das demokratische und segensreiche System der Assoziation von freien und gleichen Produzenten« (MEW 16, 195). Marx zufolge waren die Kooperativfabriken des 19. Jahrhunderts »als Übergangsformen aus der kapitalistischen Produktionsweise in die assoziierte zu betrachten«. Sie seien »das erste Durchbrechen der alten Form« (MEW 25, 456). Marx hatte die von Robert Owen seit den 1820er Jahren ausgehende owenistische Bewegung vor Augen. In der »Musterfabrik« einer Wollspinnerei im schottischen New Lanark hatte Owen als Direktor einschneidende Reformen hinsichtlich der Gesundheitsvorsorge, der Arbeitszeitverkürzung, der Kindererziehung und des Verbots von Kinderarbeit durchgesetzt – und gleichzeitig die Produktivität gesteigert. Robert Owen investierte 1825 einen großen Teil seines Privatvermögens in das genossenschaftliche Siedlungsprojekt New Harmony in den USA – und verlor es im Zuge des Scheiterns dieses Projekts. Er inspirierte aber die Genossenschaftsbewegung seit den 1830er Jahren, durch die eine ganze Reihe von genossenschaftlichen Betrieben entstand, die in Eigenregie der Beschäftigten, ohne das Diktat der »Fabrikherren« produzierten. Trotz ihres begrenzten Charakters als Versuche zur Selbsthilfe – und nicht als Ausdruck einer auf die gesamte Gesellschaft wirkungsvollen Umbaustrategie – revidierte Engels seine ursprüngliche Kritik am »Fabrikantensozialismus« Owens (MEW 2, 451ff).

»Ja, mach nur einen Plan

Sei nur ein großes Licht!

Und mach dann noch ’nen zweiten Plan

Geh’n tun sie beide nicht.«

(Bertolt Brecht: Die Dreigroschenoper)

Desillusionierungen, oder: Die erste Krise des marxistischen Denkens

Dass diese »rationalistische Endzeiterwartung«, die aus der dem Kapitalismus innewohnenden Dialektik quasi automatisch begründet sein soll, doch nicht so einfach durch »reale Bewegung« getragen wird, zeigen die Erfahrungen des Scheiterns auch der Genossenschaftsbewegung und die daraus resultierenden Debatten in der Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegung. Rosa Luxemburg hatte schon in Sozial­reform oder Revolution (1899) hervorgehoben, dass die Produktionsgenossenschaften »die wichtigsten Zweige der kapitalistischen Produktion« nicht berühren, »als allgemeine Reform schon aus dem Grunde nicht erscheinen«. In ihrer Perspektive müssen Alternativen nicht als »Nischen«, sondern als gesamtgesellschaftliche gedacht werden. Franz ­Oppenheimer (1896, 41) hatte kurz vorher für die Arbeiterkooperativen des 19. Jahrhunderts das »eherne Gesetz der Transformation« ­erkannt: Diese müssen sich entweder gegenüber dem sie umgebenden kapitalistischen Markt komplett abschotten, um ihren eigenen ­Ansprüchen genügen zu können – was aber infolge der totalitären Tendenz kapitalistischer Vergesellschaftung nie wirklich realisierbar sei –, oder sie müssen sich anpassen, von hehren Ansprüchen verabschieden bzw. schlicht untergehen.

Weil die Übergänge in Prozesse der Befreiung der Arbeit sich doch nicht so einfach einstellen wollten, wurden auf mehreren Ebenen Korrekturen an ursprünglichen Annahmen und strategischen Orientierungen vorgenommen. Ihren Ursprung fanden sie in einer ersten Krise des Marxismus, die, wie Eric Hobsbawm (1981, 42) gezeigt hat, just in die Zeit fällt, »da sich die Krise des Kapitalismus in eine neue Expansionsphase auflöst (um 1897)«, wo also die Gewissheiten über den Zusammenhang krisenhafter Kapitalentwicklung und Emanzipation zu verdampfen drohten. Im Kern bestanden die »Revisionen« in drei Punkten:

Erstens: in der Einschätzung der Bedeutung ökonomischer Krisen des Kapitalismus.

Marx hatte in seiner Schrift Die Klassenkämpfe in Frankreich 1848 bis 1850 noch getönt, das bei allgemeiner Prosperität »von einer wirklichen Revolution keine Rede sein [kann] … Eine neue Revolution ist nur möglich im Gefolge einer neuen Krisis. Sie ist aber auch ebenso ­sicher wie diese« (MEW 7, 98). Er musste jedoch bereits 1858 zurückrudern, weil sich die revolutionären Konsequenzen der Krise von 1857 nicht einstellen wollten. Er stellte im berühmten Vorwort zur Kritik der Politischen Ökonomie fest, dass »eine Gesellschaftsordnung […] nie unter[geht], bevor alle Produktivkräfte entwickelt sind […]; und neue höhere Produktionsverhältnisse treten nie an die Stelle, bevor die materiellen Existenz­bedingungen derselben im Schoße der alten selbst ausgebrütet sind« (MEW 13, 9). Und hieß es im Manifest noch, dass die Bourgeoisie durch ihre Form der Krisenüberwindung – Vernichtung von Produktivkräften und Eroberung neuer Märkte – nichts anderes tue, als »allseitigere und gewaltigere Krisen vor[zu]bereiten und die Mittel, den Krisen vorzubeugen, vermindert« (MEW 4, 467f), fallen die späteren Krisenbefunde von Marx und Engels eher ambivalent aus. Die ökonomische Krise wurde zwar als »Zwangsmittel der gesellschaftlichen Umwälzung« (MEW 20, 268) begriffen, nicht aber zwingend in einem emanzipatorischen Sinn. Sind »im Schoße« der alten Gesellschaft die Bedingungen einer revolutionären Umwälzung bereits entfaltet, kann die Krise eine revolutionäre Situation hervorbringen; wenn nicht, wird sie zur Triebkraft, die eine »vorzeitige Erneuerung des Betriebsgeräts auf größrer gesellschaftlicher Stufenleiter« erzwingt (MEW 24, 171) – und so die »Brut« der Emanzipation gedeihen lässt. Vor diesem Hintergrund weist Engels der Arbeiterklasse die Aufgabe zu, »auf jeden Fall eine ­Krise herbeizuführen« (MEW 8, 98f) und steigenden Lohn nicht als In­strument der Krisenüberwindung, sondern als »Sturmvogel einer Krise« (MEW 24, 409) für sich in den Dienst zu stellen: Wenn sie schon keine Revolution erzwingt, dann schafft sie wenigstens günstigere Voraussetzungen, dass sich die nächste Krise zu einer revolutionären Krise entfaltet. Die revolutionäre Endzeiterwartung, die immer wieder durch ökonomische Krisen des Kapitalismus geschürt wurde, hatte sich aber deutlich relativiert. Ohne die »gesellschaftliche Tat« der Arbeiterbewegung erhob sich offensichtlich keine emanzipatorische Perspektive. Was »im Schoße« der kapitalistischen Klassengesellschaft ausgebrütet wird, sind historische Möglichkeiten für alternative Entwicklungen, nicht schon die geschlossenen Bataillone, die sie durchsetzen. Die Bedingungen für emanzipatorische Praxis mussten immer neu erforscht werden. Marx notierte 1888 in einem Brief an Lassalle, dass »die Zeit der Krise« immer und zuvorderst »die der theoretischen Untersuchungen« sei (MEW 28, 612), keine Situation, in der sich notwendig die Frage der Befreiung der Arbeit stellt.

Nichtsdestotrotz hielt sich ein Krisendeutungsmuster in der Arbeiterbewegung, das Krisen mit revolutionären Umwälzungen identifizierte. Eugen Varga, Chefökonom der Kommunistischen Internationale, hat die Krise der 1930er Jahre als Ausdruck einer ganzen »Periode der ständigen Krise« (1969 [1922], 7) oder einer »allgemeinen Krise des Kapitalismus« (1969 [1931], 218) interpretiert. Als die Krise dann 1929 endlich ausbrach, wurde eine neue Runde von Revolutionen erwartet. Die wirkliche Krise mündete in Europa nach wenigen Zwischenetappen (Volksfront in Frankreich) jedoch in ganz anderen Herrschaftsformationen. Antonio Gramsci war wohl der Erste, der die notwendige Schlussfolgerung zog. Gegen den Revolutionsoptimismus in Krisenzeiten behauptete er, dass die unmittelbaren Wirtschaftskrisen »von sich aus« keineswegs »fundamentale Ereignisse hervorbringen«. Aber die Terrains, auf denen die antagonistischen Interessenkonflikte ausgetragen und gelöst werden – daran ließ Gramsci keinen Zweifel –, verändern sich in der Krise und ebnen bestimmten Krisenstrategien und -lösungen den Weg (H. 13, § 17, 1563). Ein erster »Meilenstein« für die Erforschung von Handlungskorridoren in der kapitalistischen Entwicklung.

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Data wydania na Litres:
22 grudnia 2023
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270 str. 1 ilustracja
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9783867549462
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