Czytaj książkę: «Oberst Redl»

Hannes Leidinger, Verena Moritz
Czcionka:
DER SPIONAGEFALL
DER SKANDAL
DIE FAKTEN

Bibliografische Information der Deutschen Bibliothek:

Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der

Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische

Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.


www.residenzverlag.at


© 2012 Residenz Verlag

im Niederösterreichischen Pressehaus

Druck- und Verlagsgesellschaft mbH

St. Pölten – Salzburg – Wien


Alle Urheber- und Leistungsschutzrechte vorbehalten.

Keine unerlaubte Vervielfältigung!


ISBN ePub:

978-3-7017-4339-1


ISBN Printausgabe:

978-3-7017-3169-5

Vorwort

Von Ronge zu Redl

»Oberst Redl, der höchste Spionagechef der österreichischen Armee, war gleichzeitig gekaufter Spion des russischen Generalstabs. Er hatte nicht nur die Geheimnisse und Aufmarschpläne verkauft, sondern nun wurde schlagartig verständlich, wieso im letzten Jahr alle von ihm gesandten österreichischen Spione in Russland regelmäßig verhaftet und verurteilt worden waren.«1 Stefan Zweig, dessen Schilderung der Affäre Redl diese Zeilen entnommen sind, kannte den Obersten nur flüchtig. Man grüßte sich, mehr nicht. Im Mai 1913 aber, als Alfred Redl als Agent »feindlicher Mächte« entlarvt wurde, erschien der Mann, der wie ein »guter österreichischer Durchschnittsoffizier« aussah, in einem völlig neuen Licht. Zweig berichtet in seinen Erinnerungen an die »Welt von Gestern«, dass der Oberst aufgrund seiner homosexuellen Veranlagung erpresst worden war und so zum Verräter wurde. »Ein Schauer des Entsetzens ging durch die Armee. Alle wussten«, behauptet der Schriftsteller, »dass im Kriegsfall dieser eine Mensch das Leben von Hunderttausenden gekostet hätte und die Monarchie durch ihn an den Rand des Abgrunds geraten wäre; erst in dieser Stunde begriffen wir in Österreich, wie atemnahe wir im vergangenen Jahr dem Weltkrieg schon gewesen.«2

Damit verwies Stefan Zweig auf die Krisensituation 1912/13, als ein Eingreifen der k.u.k. Armee in den damaligen kriegerischen Konflikt am Balkan zur Disposition stand. Zweigs Darstellung ist im Übrigen symptomatisch für die Art und Weise, wie der Fall Redl gemeinhin abgehandelt wurde: Fakten und Fiktionen fließen ineinander, und die suggerierten Folgen des Verrats sind so ungeheuerlich, dass sie Zweifel hervorrufen müssen. Das Mythenpotenzial dieses Spionageskandals ist enorm.

Als wir uns vor einigen Jahren mit der Biografie von Maximilian Ronge, dem letzten Geheimdienstchef der k.u.k. Monarchie, beschäftigten, streiften wir auch die Affäre rund um den Verrat des Obersten Alfred Redl. Ronge kannte den später als »Jahrhundertspion« zu fragwürdiger Berühmtheit geratenen Generalstabsoffizier anders als Stefan Zweig aus nächster Nähe. Er hatte ihn als Leiter der Kundschaftsstelle im Evidenzbüro, dem militärischen Nachrichtendienst der österreichisch-ungarischen Armee, beerbt. Redl war Ronges »Lehrer« gewesen, eine Art Mentor, der den jungen Kollegen in das Metier der Spionage beziehungsweise der Spionageabwehr einführte. Mit umso größerer Erschütterung nahm der »Schüler« die Vergehen des Obersten zur Kenntnis. In der Nacht vom 24. auf den 25. Mai 1913 begegneten sich die beiden Männer ein letztes Mal. Jetzt überreichte Major Ronge seinem früheren Vorbild eine Schusswaffe. Kurz darauf nahm sich Alfred Redl das Leben. An dessen Todestag malte Max Ronge in sein Tagebuch hinter den Namen des Obersten ein dickes Kreuz. Er hatte es wohl mit Bedacht gezeichnet.

Selbstverständlich durfte in der Biografie des Geheimdienstchefs ein Kapitel über seine Rolle im Fall Redl nicht fehlen. Immerhin war Ronge an der damals von der Armeeführung versuchten Vertuschung des Skandals beteiligt gewesen. Die Affäre allzu ausführlich darzustellen, hielten wir aber für überflüssig. Jeder, so unsere Überzeugung, wusste zumindest in Grundzügen über diese Geschichte Bescheid. Wer die einschlägige Literatur über den »Meisterspion« nicht kannte, der hatte zumindest einen der Redl-Filme gesehen. Indessen stellten wir fest, dass seit den 1980er Jahren, als der aufsehenerregende Skandal aus dem Jahr 1913 in Buch und Film von einem breiten Publikum wahrgenommen wurde, die Erinnerung an den Fall wieder verblasst ist. Jüngere Generationen kennen den Namen Redl am ehesten aus Kreuzworträtseln, in denen nach einem »berühmten österreichischen Spion« gesucht wird. Details und Hintergründe der Affäre sind hingegen kaum geläufig. Darüber hinaus stolperten wir selbst bereits 2007, als Maximilian Ronges Biografie unter dem Titel Im Zentrum der Macht erschien, über etliche Ungereimtheiten, welche alle verfügbaren Darstellungen des Falls Redl kennzeichneten. Wir beließen es mit dem Hinweis auf unser diesbezügliches Unbehagen bei einer Darstellung der Affäre, die sich auf ausgewählte archivalische Quellen sowie verschiedene Memoiren stützte. Da wir aber auch in den folgenden Monaten im Zuge unserer Arbeiten über die Vorgeschichte des Ersten Weltkrieges immer wieder auf den Spionageskandal aus dem Jahr 1913 stießen, entwickelte sich schon sehr bald die Idee für das vorliegende Buch.

Rekonstruktion

Historiker reagieren auf die Frage »Wie ist es wirklich gewesen?« für gewöhnlich abweisend. Seit vielen Jahrzehnten bemüht sich die Geschichtswissenschaft mit wechselndem Erfolg zu vermitteln, dass die Historie zu komplex beschaffen ist, um einfachen Fragen ebensolche Antworten folgen zu lassen. Wer versucht, den Fall Redl anhand der dazu vorhandenen unterschiedlichen Darstellungen zu rekonstruieren, erkennt schon bald, dass die Vielstimmigkeit und Widersprüchlichkeit der Materialien keine »geradlinige« Erzählung zulässt. Mehr Klarheit, meinten wir, kann offenbar nur durch die Heranziehung weiterer Dokumente oder neuer »Zeugenaussagen« erreicht werden. Eine umfassende Quellenrecherche, die uns nicht nur ins Kriegsarchiv in Wien, sondern auch in verschiedene ausländische Archive führte, sollte es ermöglichen, den Fall neu aufzurollen. Wir ermittelten daher in viele unterschiedliche Richtungen, verfolgten unzählige Spuren, bissen uns an Details fest und erlebten all die Hochs und Tiefs, die einem Forscher bei seinen Recherchen für gewöhnlich widerfahren. Das Material, das wir fanden, drängte uns dann von selbst eine Erzählung auf, die sich grundlegend von den bisherigen Darstellungen unterscheidet. Die Frage »Was ist neu an diesem Buch über die Spionageaffäre rund um den Obersten Redl?« lässt sich so gesehen einfach beantworten: alles.

Schon im Mai und Juni 1913, als die Presse im In- und Ausland über den Verrat des Generalstabsoffiziers berichtete und dabei den Lebenswandel des Spions unter die Lupe nahm, entstanden Mythen und Legenden, welche bis in unsere Tage nachwirken. Im ersten Teil des Buches, welcher unter dem Motto »Ermittlungen und Erzählungen« steht, sollen auf Basis nachvollziehbarer Quellenangaben erstmals fiktive und authentische Elemente der »Redl-Geschichte« sichtbar gemacht werden. Gleichzeitig wird der Versuch unternommen, den Fall möglichst präzise darzulegen. Dabei geht es auch darum – ganz im Stil eines Ermittlers –, Aussagen von Zeitzeugen zu überprüfen oder die Stichhaltigkeit von Behauptungen zu hinterfragen. Dass der Historiker dabei wiederholt auf schwankendem Boden steht und angesichts vielfach widersprüchlicher Zeugnisse auf abschließende Urteile verzichten muss, bleibt kein Geheimnis. Diese Transparenz der Arbeitsweise an die Leserinnen und Leser weiterzugeben, ist die einzig mögliche und sinnvolle Herangehensweise an die Darstellung einer rätselhaften Affäre. Bei alldem bleibt erstaunlich, wie abgründig, spannend und schier unglaublich der Fall Redl ist – auch ohne fantasievolle Finalsätze, die im Grunde höchst zweifelhafte »Gewissheiten« anbieten.

Rahmenbedingungen

Redl war einige Jahre hindurch Vize-Chef des österreichisch-ungarischen Nachrichtendienstes gewesen und bekleidete, als er des Verrats überführt wurde, den Posten des Generalstabschefs des 8. Korps in Prag. Schon deshalb machte der Fall weltweit Schlagzeilen. Hier spionierte nicht ein kleiner Leutnant, sondern ein hoher Generalstäbler mit den besten Verbindungen zu den Spitzen der k.u.k. Armee.

Der zweite Teil des Buches, der mit »Kontext und Konsequenzen« betitelt ist, verortet vor diesem Hintergrund die Affäre in einem größeren Zusammenhang und nimmt sich des Weiteren der unzähligen Folgewirkungen des Skandals an. Nur so ist die Tragweite des Verbrechens, das Zeitgenossen als Katastrophe für die Donaumonarchie wahrnahmen, zu begreifen. Gesellschaftliche und politische Hintergründe, aber auch militärisch-strategisch relevante Zusammenhänge werden dabei aus oft divergierenden Perspektiven betrachtet. Der Blick ins Ausland, wo man sich intensiv mit dem Fall Redl beschäftigte, erwies sich hierbei als überaus bedeutsam. Die mentale Verfasstheit der Armee in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg oder die damaligen Bündnissysteme mit ihren Auswirkungen auf die internationalen Beziehungen spielen in diesem Abschnitt des Buches ebenso eine Rolle wie viele weitere außenpolitische, aber auch interne Krisen, welche die Streitkräfte der Habsburgerarmee vor neue Herausforderungen stellten. Nicht zu kurz kommen des Weiteren die spezifischen Folgen einer geradezu in Hysterie ausartenden Furcht vor Spionen, die sich im Vorkriegseuropa breitmachte. Zu berücksichtigen galt es freilich auch die damaligen Diskurse zum Thema »Homosexualität«. Der Fall Redl präsentiert sich in diesem Kontext als ein geradezu idealtypisches Beispiel für ein von Brüchen und Widersprüchen geprägtes Zeitalter. Davon abgesehen wurde der »Meisterspion« zur Projektionsfläche aller nur erdenklichen Feindbilder. Die Dämonisierung des Verräters korrespondierte in gewisser Weise mit der desillusionierten Darstellung von einer anscheinend in Skandalen versinkenden Elite des Habsburgerreiches. Wer die Zeitungen vom Frühjahr und Sommer 1913 eingehender studiert, wird wenig von Stefan Zweigs teilweise stark idealisierter »Welt von Gestern« wiederfinden. So kamen angesichts des Redl’schen Verrates und zahlreicher anderer Affären einige Kommentatoren zu der Überzeugung, dass »der verfluchte Goldhunger unserer dreckigen Zeit« mitverantwortlich sei für derartige Vorkommnisse.3

Der zweite Teil des Buches widmet sich außerdem der Frage, welchen wechselnden Interpretationen sich die Mythen- und Legendenproduktion rund um den Fall Redl in den Jahrzehnten nach 1913 zuwandte. Das »Scheusal Redl« mutierte bisweilen zum Opfer und der »homosexuelle Verräter« zum Zielobjekt verführerischer Frauen. Romanschriftsteller und Filmregisseure bedienten sich gerne gängiger Klischees über die Donaumonarchie und zeichneten den spionierenden Oberst mitunter als eine Art »Gentleman-Betrüger« oder als tragische Figur mitten in einer zugrunde gehenden Welt.

Als wir mit dem Sondieren der gesammelten Materialien zum Buch begannen, vorbereitende Auswertungen der Dokumente vorgenommen wurden und die ersten Texte entstanden, hatte sich bereits eines deutlich abgezeichnet: Die Bedeutung der Affäre war größer, als wir ursprünglich angenommen hatten.

I. ERMITTLUNGEN UND ERZÄHLUNGEN

SCHATTENWELTEN

»… entspricht nahezu bis ins Detail den Tatsachen …«

In der Nacht vom 24. auf den 25. Mai 1913 erschoss sich in einem Hotelzimmer in Wien der Generalstabschef des 8. Korpskommandos in Prag, Alfred Redl. Die anfängliche Bestürzung über den Tod des allseits geschätzten Offiziers wich bald purem Entsetzen: Die Öffentlichkeit erfuhr von der Spionagetätigkeit Redls. Dass dieser über Jahre hindurch, vom Oktober 1907 bis zum April 1911, als stellvertretender Leiter des Evidenzbüros und damit des militärischen Geheimdienstes der k.u.k. Monarchie gewirkt hatte, machte die Angelegenheit für die Armeeführung noch monströser, als sie ohnehin schon war. Da außerdem Redls homosexueller Verkehr mit einem jungen Leutnant publik wurde, stellte sich die ganze Causa als alle Dimensionen sprengender Skandal dar. Erregte Diskussionen lösten die Umstände von Redls Selbstmord aus, der vielfach als ein gleichsam »von oben« befohlener bezeichnet wurde. Immerhin hatte den Spion vor seinem Suizid eine hochrangige vierköpfige militärische Kommission aufgesucht. Damit nicht genug, füllten Spekulationen über das mehr oder weniger unbekannt gebliebene Ausmaß des Verrates und seine Folgen für das Habsburgerreich, das sich 1912/13 am Rande eines kriegerischen Konfliktes befand, die Gazetten. So entwickelte sich der Fall in Anbetracht seiner schieren Ungeheuerlichkeit und nicht zuletzt angesichts der alle Details des Verrates ausleuchtenden Presseberichterstattung zu einer Affäre größtmöglichen Ausmaßes. Tag um Tag wurden neue »sensationelle« Enthüllungen präsentiert. Nicht nur die Arbeiter-Zeitung, welche sich oft und oft kritisch bis ablehnend über »die Feudalherren der bewaffneten Macht und ihre bürgerlichen Snobs« äußerte, machte den Fall Redl zur »causa prima«. Dass der Verräter aus den Reihen des Generalstabs kam, löste überall Entrüstung aus. Selbst eine Zeitung wie die Neue Freie Presse, die sich zunächst dagegen verwehrte, die »Fäulnisstoffe« der Affäre »von unten nach oben zu kehren«, und den Skandal lieber dem Boulevard überlassen wollte, schilderte ihrer Leserschaft in aller Ausführlichkeit das »unfassbare Verbrechen«.4 Der »gemeine Verrat« des »Unredl« war bald in aller Munde.5 Daran vermochten auch jene Stimmen nichts zu ändern, die in Anbetracht der ausufernden Zeitungsnachrichten das »Ansehen der Monarchie« beschädigt sahen.6 Vor diesem Hintergrund bezichtigten sich die Organe verschiedenster politischer Strömungen einer unlauteren Vorgehensweise. Das Deutsche Volksblatt etwa sah sich einmal mehr in seinem Antisemitismus bestätigt, indem sie der Arbeiter-Zeitung »jüdische Sensationsgier« zum Vorwurf machte. Im Besonderen wurde die »Durchschnüffelung des Privatlebens Redls bis in die schmutzigsten Details« angeprangert, im Allgemeinen die »unpatriotische«, hemmungslose »Ausschrotung dieser Affäre«.7

Vergeblich hatte die Armee versucht, Informationen über den Fall zu unterdrücken. In der Folge ergoss sich eine Flut an abenteuerlichen Erfindungen, Verzerrungen und Halbwahrheiten, aber auch eine Vielzahl erstaunlich präzis recherchierter Meldungen über eine ob der Ausmaße des Skandals zutiefst schockierte Öffentlichkeit.

Als bereits alle Superlative ausgeschöpft schienen, begannen sich die Journalisten auch für die Frage zu interessieren, wie es gelingen konnte, den als »Generalspion« oder »Erzverräter« bezeichneten Redl zu überführen. Ungeachtet der diesbezüglich seitens der k.u.k. Militärbehörden vermeldeten Darstellung, welche die Leistungen der eigenen Spionageabwehr betonte und gleichzeitig auf die tatkräftige Hilfe von Kollegen aus dem verbündeten Deutschland verwies, stellte Die Zeit ihren Lesern am 5. Juni 1913 eine andere Version vor. Dieser zufolge war es keineswegs ein im russisch-deutschen Grenzort Eydtkunen aufgegebener Brief, der – weil er bei den betreffenden deutschen Stellen Verdacht erregte – am Ende dem Adressaten, also Redl, zum Verhängnis wurde. Immerhin ging der Oberst just in dem Moment in die Falle, als er die ominöse Sendung unter falschem Namen am Wiener Hauptpostamt behob, wo er bereits von Detektiven der Polizei beobachtet wurde. Im Umschlag, den Redl alias Nikon Nizetas an sich nahm, befanden sich mehrere tausend Kronen.8 Dass das Kuvert eine solch hohe Summe enthielt, war von den deutschen als auch den österreichischen Offizieren des Abwehrdienstes als Hinweis auf eine Korrespondenz zwischen einem Spion und seinem Auftraggeber gedeutet worden. Außerdem wurde der vermeintliche Absender als Kopf einer von der Schweiz aus operierenden Spionagezentrale identifiziert, die ihre Fäden in enger Fühlung mit russischen Interessenten, aber auch mit »Kunden« aus anderen Staaten zog. Einem zweiten Schreiben an Herrn Nizetas, das ebenfalls abgefangen worden war, lagen abermals einige Geldscheine bei. So hatten also die Briefe – insgesamt dürften es drei gewesen sein –, die offenbar den Lohn für Redls brisante Informationen enthielten, zur Ergreifung des Verräters geführt.9

Wenn man den diesbezüglichen Notizen von Maximilian Ronge folgt, der zum Zeitpunkt von Redls Ergreifung als Leiter der Kundschaftsgruppe im Evidenzbüro arbeitete, dann war die österreichische Seite das erste Mal Anfang April 1913 von den Berliner Kollegen mit dem Namen Nikon Nizetas konfrontiert worden.10 Die ersten Spuren des Verrates waren aber nach den Informationen der Zeit nicht in den April 1913 zu datieren und auch nicht im als russische Spionagezentrale geltenden Eydtkunen zu suchen, sondern in Agram (heute: Zagreb), und zwar schon vor »mehreren Wochen«.11

Im k.u.k. Kriegsministerium ebenso wie im Evidenzbüro dokumentierte man nach Aufdeckung des Redl’schen Verrates die diesbezügliche Presseberichterstattung. Der Großteil der solcherart gesammelten Artikel blieb unkommentiert, einige aber wurden mit Randnotizen versehen oder aber durch gesonderte schriftliche Bemerkungen ergänzt. Dem Bericht der Zeit vom 5. Juni 1913 attestierte man ganz offenbar hohe Authentizität, meinte der zuständige Bearbeiter des Aktes doch, dass deren Darstellungen »über die ersten Spuren des Verrates Redl […] nahezu bis ins Detail den Tatsachen […] entspricht«.12


Von Agram via Budapest nach Prag

Die Zeit brachte die Affäre Redl mit zwei weiteren Spionagefällen in Verbindung, von denen jener, der in Agram entdeckt wurde, in den Februar 1913 zurückreichte. Damals wurde ein aus Finnland stammender Agent einer Versicherungsgesellschaft namens Jan Kopp-Köpp verhaftet. Anderen Berichten zufolge hatte er als Vertreter »für ein chemisches Präparat« den Bereich des 13. Korps zwecks »Ausspähung« bereist.13 Der russische Staatsangehörige, der in der Zeit Kopp-Kepp hieß und in diversen Akten des Kriegsministeriums und des Evidenzbüros auch als Kypp-Koop, Koop-Köpf oder Kopp-Kypp bezeichnet wurde, ging der Polizei infolge einer Anzeige ins Netz. Der Finne, der sein Honorar von Petr Assanovič, russischer Militärattaché in Stockholm, und von einem im Dienste des Zarenreiches stehenden Konsul in Kopenhagen namens Hampen bezog, verwendete eine Reihe von Deckadressen und erhielt unter anderem als vermeintlicher »Trödler Abraham« oder »Schneider Herschek« die Postsendungen seiner Auftraggeber.14 Die in der Wohnung Kopp-Köpps gefundenen belastenden Materialien versetzten, so Die Zeit, den Hauptmann Dr. Kresnik, der die Untersuchung leitete, in die Lage, einen weiteren Spion ausfindig zu machen. Dieses Mal führte die Spur nach Budapest. Dort wanderte ein Nikolaj Bravura ins Gefängnis. Der Russe, der in der Zeit als »Brabura« firmierte und in Ungarn als »englischer Sprachlehrer« tätig gewesen war, konnte jedoch erst Wochen nach dem Aufkommen des ersten Verdachts festgesetzt werden. Doch rief noch eine weitere Panne den Unmut des Evidenzbüros hervor: So misslang es der Post in Budapest, die Korrespondenz des Spions abzufangen. Als diese trotz entsprechender Weisungen aus Wien an das Konsulat des Zarenreiches in der ungarischen Hauptstadt weiterbefördert wurde, reagierte das Kriegsministerium verärgert.15 Außerdem folgte ein erregter Briefverkehr zwischen dem k.u.k. Ministerium des Äußern und den Militärbehörden, die vergeblich um eine scharfe Intervention bei den Russen ansuchten. Die Diplomaten wollten im Verhalten des russischen Konsulats, welche Bravuras Korrespondenz erst nach entsprechender Durchsicht an die österreichischen Behörden aushändigte, keinen Anlass für einen Protest erblicken.16 Dass außerdem die ungarische Presse Einzelheiten über die Spionageaffäre an die Öffentlichkeit brachte, versetzte noch Jahrzehnte danach Maximilian Ronge in Rage. In seinem 1930 erschienen Buch Kriegs- und Industriespionage echauffierte er sich immer noch über die damaligen »Indiskretionen«.17

Bravura jedenfalls hatte sich seine Spionagedienste mit monatlich 500 Kronen vergüten lassen. Diesen Betrag erhielt er, ebenso wie Kopp-Köpp, regelmäßig aus Stockholm und Kopenhagen. Obwohl Die Zeit nichts über die Höhe der Bezahlung zu berichten wusste, ließ sie mit einer anderen Meldung aufhorchen: Als Kopp-Köpp sich endlich dazu entschloss, ein Geständnis abzulegen, nannte er einen bestimmten Namen, den Hauptmann Kresnik offenbar bereits aus den Verhören anderer Spione kannte. Auf diese Weise, behauptete nun Die Zeit, sei man auf eine Spur gestoßen, die nach Prag wies. Und dort saß bekanntlich niemand anderer als Alfred Redl.

Was genau aber hatte Kopp-Köpp dem Militär-Auditor Kresnik erzählt? Wirklich etwas, das Redl schon damals verdächtig gemacht hatte? Oder ließ sich aufgrund der Aussagen des Finnen zumindest erahnen, dass ein unbekannter Spion in Prag saß?


Schuld und Sühne

Die Versuche, bald hundert Jahre später mehr über Jan Kopp-Köpp und Nikolaj Bravura herauszubekommen, um solcherart womöglich ein von Alfred Redl gesteuertes Spionagenetz aufzudecken, misslangen zunächst. Die Recherchen im Kriegsarchiv führten zwar immer wieder zu den Signaturen von Akten über die beiden Spione. Diese enthielten aber vernachlässigbare Informationen oder aber waren gar nicht auffindbar. Ergebnislos blieben auch Bemühungen, Dokumente des Garnisonsgerichts Agram zu beschaffen. Allerdings ließen sich anhand einer Kartei von Spionen und einzelnen Unterlagen des Kriegsministeriums Hinweise auf das weitere Schicksal Jan Kopp-Köpps und Nikolaj Bravuras finden. Auch im Haus-, Hof- und Staatsarchiv in Wien konnten ein paar ergänzende Details zusammengetragen werden. Diesen Erkenntnissen zufolge wurde Kopp-Köpp zum Tode durch den Strang verurteilt. Kurze Zeit später folgte eine »Begnadigung« durch den Obersten Militärgerichtshof, der das Strafausmaß auf 16 Jahre schweren und verschärften Kerkers reduzierte. Das ungewöhnlich harte Urteil, das die Familie des Verurteilten ergebnislos beeinspruchte, wurde mit dem Verweis auf die angespannte internationale Lage begründet, die sich vor dem Hintergrund des Balkankrieges auch und insbesondere für Österreich-Ungarn ergeben hatte. Kopp-Köpp, der in der Militärstrafanstalt im rumänischen Arad einsaß, starb, noch keine 40 Jahre alt, bereits im März 1915 an Lungentuberkulose.18 Er teilte damit das Schicksal etlicher anderer Gefangener, die aufgrund der herrschenden Haftbedingungen das Ende ihrer Strafe nicht erlebten.

Vergleichsweise glimpflich kam Nikolaj Bravura davon, der seinen Auftraggebern vor allem über die Einberufung und Einrückung von Reservisten in den Garnisonsorten in Ungarn Bericht erstattet hatte. Im Unterschied zu Kopp-Köpp, der – obwohl Zivilist – von einem Militärgericht abgeurteilt wurde19, fällte im Fall Bravuras der königliche Gerichtshof in Budapest ein milderes Urteil: Der russische Spion fasste drei Jahre Gefängnis aus und musste obendrein eine Geldstrafe in der Höhe von 1000 Kronen zahlen.20

Zeitgleich mit Nikolaj Bravura verurteilt wurde am 8. November 1913 auch ein Ungar namens Edmund Velössy.21 Während Ronge später behauptete, dieser sei von Bravura angeworben worden, dürfte Velössy sich den Russen ursprünglich selbst angetragen haben. Nicht ganz geklärt ist die tatsächliche Identität dieses ungarischen Agenten. Obwohl der damalige Chef des Kundschaftsbüros in seinen Notizen die Verhaftung eines ungarischen Offiziers mit dem Namen Eduard Velöczy festhielt, wird es sich hier um zwei verschiedene Personen gehandelt haben.22 Velössys Verbindungen zu Bravura verweisen augenscheinlich auf eine zentrale Frage in der Presseberichterstattung zum Fall Redl: Hatte der »Generalspion« Komplizen?

Dass die Spionagefälle in Agram und Budapest tatsächlich eine erste Spur zu Redl oder zumindest nach Prag legten, dürfte eher unwahrscheinlich sein. Möglich aber ist, dass der k.u.k. Geheimdienst aufgrund der bei dem Finnen und dem Russen gefundenen Korrespondenz auf Deckadressen stieß, die auch in der Causa Redl eine Rolle spielten. So konnte beispielsweise festgestellt werden, dass Velössy mit seinen Auftraggebern unter Zuhilfenahme solcher Adressen verkehrte. Die Empfänger saßen in diesem Fall in Genf. Da auch Oberst Redl zumindest einen Teil seines klandestinen Briefverkehrs über die Schweiz abwickelte, handelte es sich hier zweifellos um eine vielversprechende Entdeckung. Gemacht wurde sie allerdings erst im Oktober 1913.23

Die Wertung des Sachbearbeiters im Kriegsministerium, der die Authentizität des Zeit-Artikels hervorhob, dürfte sich jedenfalls auf die Darstellung der beschriebenen Spionagefälle bezogen haben. Die unmittelbare Vorgeschichte der Ergreifung des Obersten hatte Die Zeit aber nicht offengelegt.


Netzwerke

Etliche in- wie ausländische Blätter berichteten damals über ein Agentennetz, als dessen Haupt einige den sogenannten »Generalspion« sehen wollten. Andere wiederum suggerierten, dass zumindest eine lose Verbindung zwischen Redl und weiteren Spionen bestanden hatte. Tatsächlich nährte der Umstand, dass sowohl kurz vor als auch unmittelbar nach der Redl-Affäre Dutzende Personen verhaftet wurden, Vermutungen, wonach der »Jahrhundertspion« Gehilfen gehabt hatte. Dass Agenten nicht notwendigerweise alleine, sondern durchaus auch »partnerschaftlich« arbeiteten, ließ sich tatsächlich nicht von der Hand weisen. Bis Ende Mai 1913 wurden einige Spitzel, die im Dienste des Zarenreiches standen, gewissermaßen paarweise verhaftet, darunter der pensionierte Polizeibedienstete Julius Petrić und der Bahnbeamte Florian Lindner oder der Werkmeister Josef Haschek und ein gewisser Josef Beran.24 Letztgenannter, ein ehemaliger Bediensteter des »mährischen Landesausschusses«, hatte gemäß Auftrag des russischen Generalstabes »speziell den Bereich des VIII. Korps [in] Prag auszuspähen«.25 Damit betreute er jenes Territorium, wo seit 1912 Alfred Redl als Korpsgeneralstabschef fungierte.

Dass auch die Offiziere des Evidenzbüros nach Zusammenhängen zwischen den einzelnen Spionagefällen suchten, beweisen unter anderem Maximilian Ronges dürre Notizen zu den Akten-Ein- und Ausgängen im Jahr 1913.26 So war man etwa zeitgleich mit der Redl-Affäre auch mit den Aktivitäten einer aus mehreren Personen bestehenden Agentengruppe befasst, die offenbar im Auftrage der in Kiew ansässigen Militärspionageabteilung ihre Geschäfte machte. Das besondere Interesse galt dabei einem Mann, der von 1894 bis 1904 im Dienste des damaligen russischen Botschafters in Wien gestanden war und unter den Namen Pitschkur beziehungsweise Pischkur oder Petrov auftrat.27 Da für ihn ein Rechtsanwalt intervenierte, der mit Redl befreundet gewesen war, erschien die Causa im Nachhinein in einem besonderen Licht. Der Jurist hatte offenbar vor, die Strafmündigkeit Pitschkurs anhand eines Gutachtens über dessen Geisteszustand prüfen zu lassen.28

Mit jedem Agenten, der überführt werden konnte, schien das vermeintliche Spionagenetz immer dichter und umfassender zu werden. Für den russischen Geheimdienst arbeiteten schließlich ebenfalls der pensionierte Bezirksfeldwebel Artur Itzkusch und der aus einer angesehenen Offiziersfamilie stammende Oberleutnant des Husarenregiments Nr. 4 Artur Jacob.29 Auch sie konnten noch vor dem 25. Mai 1913, als Oberst Redl in die Falle ging, dingfest gemacht werden.30 Allerdings enthalten beispielsweise die umfangreichen Gerichtsakten zu den Prozessen gegen Julius Petrić, Florian Lindner und Artur Itzkusch keinerlei Hinweise auf einen etwaigen Kontakt mit dem Obersten.31 Während Maximilian Ronge, der die betreffenden Verfahren als Sachverständiger begleitete, die Gefährlichkeit dieser drei Männer hervorhob, beschränkte sich deren Tätigkeit im Wesentlichen auf das Beobachten militärisch bedeutsamer Objekte oder Zonen. Zu Materialien von der Qualität, wie sie Oberst Redl seiner Kundschaft liefern konnte, hatten weder Petrić und Lindner noch Itzkusch, Beran oder Haschek Zugang gehabt.

Die Verhörprotokolle offenbaren über weite Strecken vielmehr die Lebenstristesse von Gestrauchelten und die mitunter abenteuerlichen Auswüchse kleinkrimineller Energien. Ungeachtet ihrer im Großen und Ganzen armseligen »Agentenkarrieren«, die sich zudem in den meist bescheidenen Honoraren für ihre sogenannten »Ausspähungen« widerspiegelten, wurden die zivilen Delinquenten zu einer Kerkerstrafe zwischen 18 Monaten und viereinhalb Jahren verurteilt. Artur Jacob, der als Offizier der Militärgerichtsbarkeit unterlag, musste hingegen im März 1914 einen ungleich härteren Richterspruch hinnehmen: 17 Jahre schwerer und durch regelmäßige Fasttage verschärfter Kerker.32

Doch Jacob blieb nicht der einzige Offizier, der den Russen geheime Informationen über die k.u.k. Armee beschaffte, und auch im verbündeten Deutschland war man keineswegs vor Verrätern in den eigenen Reihen sicher.


Ein weiterer Redl

Anfang 1913 wurde der deutsche Sergeant Gustav Wölkerling der Spionage zugunsten des Zarenreiches überführt. Nicht nur nach Meinung Maximilian Ronges, sondern auch der Einschätzung von Historikern zufolge handelte es sich hier um einen Agenten, dessen Bedeutung für die Russen jene von Alfred Redl womöglich übertraf.33 Obwohl als Unteroffizier in einem weit niedrigeren Range als der k.u.k. Oberst stehend, schaffte es der Schreiber, der aufgrund seiner Tätigkeit mit einer Reihe wichtiger Dokumente sowie mit aufschlussreichem Kartenmaterial in Berührung kam, sich gewissermaßen als Topspion zu etablieren. Wölkerlings Aktivitäten, die im Unterschied zur Redl-Affäre damals nicht an die Öffentlichkeit drangen, hat der Historiker und Spionageexperte Jürgen W. Schmidt mittlerweile genauestens ausgeleuchtet.34

Nach dem Krieg soll, so Max Ronge, ein ehemaliger russischer Kundschaftsoffizier Gustav Wölkerling als den wertvollsten Konfidenten des Zarenreichs vor dem Ersten Weltkrieg bezeichnet haben.35 Es kann davon ausgegangen werden, dass diese Einschätzung von einem der gefährlichsten und umtriebigsten Widersacher des k.u.k. Nachrichtendienstes stammte: von Nikolaj Stepanovič Batjušin, Leiter der Razvedka, d. h. der Spionageabteilung im Warschauer Militärkreis. Ihn und den ehemaligen deutschen Spionagechef Walter Nicolai traf Ronge im Jänner 1926 in Wien.36 Dass die drei Ex-Geheimdienstmänner bei dieser Zusammenkunft nicht nur über das Wetter sprachen, sondern aller Wahrscheinlichkeit nach auch Begebenheiten aus der Vergangenheit Revue passieren ließen, liegt auf der Hand. In jedem Fall interessierten sich noch nach dem Zweiten Weltkrieg sowjetische Geheimdienstoffiziere für die Zusammenkünfte des Trios. 1946 wurde nämlich der von der Roten Armee in die UdSSR verschleppte Walter Nicolai zu einem Treffen mit Ronge und Batjušin befragt, das offenbar 1924 stattgefunden hatte. Laut Verhörprotokoll gab sich der Russe damals bedeckt und erzählte nichts über die Interna des ehemaligen zarischen Geheimdienstes, was Nicolai neue Erkenntnisse beschert hätte.37

Ungeachtet des Fehlens weitergehender Informationen über Gustav Wölkerling von berufener russischer Seite, erscheinen gewisse Schlussfolgerungen zulässig. Da er fast doppelt so viel für seine Dienste kassiert haben soll wie Alfred Redl, vermuten Historiker, dass der deutsche Unteroffizier den Russen womöglich wertvolleres Material als der legendäre Oberst aus dem Habsburgerreich geliefert hat.38 Dieses Urteil lässt sich allerdings nur dann aufrechterhalten, wenn man davon ausgeht, dass Redls diesbezügliche Einnahmen sich tatsächlich anhand seiner damals von den Militärbehörden rekonstruierten Spareinlagen ablesen lassen. Die ausschweifende Lebensführung des Obersten legt im Gegensatz dazu nahe, dass womöglich ein Großteil seines Honorars gar nicht erst zur Bank getragen, sondern gleich wieder ausgegeben wurde.

Verhängnisvolle Bekanntschaften

Um die deutschen Kollegen bei der Untersuchung des Falls Wölkerling zu unterstützen, hatte das Evidenzbüro den in Fachkreisen bis heute bekannten Leopold Figl nach Berlin geschickt, um die chiffrierte Korrespondenz des Spions zu entschlüsseln.39 In Wien wiederum machte sich ebenfalls jemand erbötig, um dem hiesigen Geheimdienst behilflich zu sein. Offenbar trug sich der bereits 1910 verurteilte »Giftmörder« Adolf Hofrichter an, Aussagen über einen Generalstabsoffizier zu machen, der Spionage für Italien betrieb.40 Maximilian Ronges Aufzeichnungen ist freilich zu entnehmen, dass er nicht viel auf derlei Zurufe gab. Auch die Wortmeldungen verurteilter Spione, die im Nachhinein und von der Gefängniszelle aus Informationen über Redl preisgeben wollten, hielt Ronge für nicht vertrauenswürdig und daher entbehrlich.41 Außerdem beschäftigte ihn im März/April 1913 nicht die plötzliche Mitteilsamkeit des früheren Kriegsschülers Hofrichter, sondern vielmehr die Tätigkeit eines aktuellen »Frequentanten« der Kriegsschule. Allem Anschein nach war auch in der Kaderschmiede der Armee, wo in der Regel der Grundstein für eine Karriere im Generalstab gelegt wurde, ein Verräter am Werk.

Die häufigen Visiten des russischen Militärattachés in Wien, Oberst Michail Ippolitovič Zankevič, wurden zwei Brüdern, von denen einer die Kriegsschule besuchte, schließlich zum Verhängnis. Im April wanderten Čedomil und Alexander Jandrić hinter Gitter. Ersten Ermittlungen zufolge bestand die Verbindung zum russischen Militärattaché seit dem Herbst 1912 und hatte den beiden immerhin ein Zusatzeinkommen von ca. 20.000 Kronen eingebracht.

Dem russischen Militärattaché war der Kontakt zu Alexander Jandrić augenscheinlich besonders wichtig gewesen – ein Umstand, der offensichtlich auf Gegenseitigkeit beruhte. Denn Alexander wurde sogar in der Wohnung des Obersten vorstellig, obwohl dieser ihn gewarnt hatte. Dem Russen, der seit Oktober 1910 als Militärattaché in Amt und Würden war und in anderer Funktion bereits zwischen 1903 und 1905 in Wien gearbeitet hatte, war nämlich nicht entgangen, dass er beschattet wurde.42 Nichtsdestoweniger wollte Zankevič seine »dunklen Geschäfte« weiterführen. Das größere Risiko trugen immerhin die Spione, mit denen er sich abgab.

Auch die Verhaftung von Artur Itzkusch und Artur Jacob erfolgte schließlich aufgrund ihres Kontaktes mit dem russischen Obersten.

(1) Oberst Michail Ippolitovič Zankevič. Der russische Militärattaché stand an der Spitze eines regelrechten Agentennetzwerkes.


Letzterer hatte das Ehepaar Itzkusch des Öfteren in dessen Wohnung aufgesucht. Ebenfalls in den eigenen vier Wänden empfing Artur Jacob seinen Auftraggeber. Die Brüder Jandrić waren also nicht die Einzigen geblieben, die aufgrund der von Polizeidetektiven beobachteten Besuche des zarischen Offiziers Verdacht erregten. Florian Lindner hingegen geriet erst infolge der Aussagen einer rachsüchtigen Ex-Geliebten ins Visier der Polizei. Die »postenlose Dienstmagd« zeigte ihn nach einem Streit an und plauderte dann offenbar auch Lindners Beziehungen zum Militärattaché aus dem Zarenreich aus.43 Andere Agenten, die sich im Solde des Russen befanden, blieben vorläufig unbehelligt. So konnte die Polizei Josef Haschek und Josef Beran erst dingfest machen, als Zankevič angesichts der Zerschlagung seines Netzwerkes und der Gewissheit, in Wien unerwünscht zu sein, die k.k. Hauptstadt bereits verlassen hatte.44 Die beiden hatten ihre Geschäfte im Übrigen nicht nur mit Zankevič besprochen, sondern auch mit dem russischen Vizekonsul in Wien, Evgenij Protopopov.45 In jedem Fall waren Haschek und Beran nach dem Weggang des Militärattachés dazu gezwungen gewesen, die säumigen Zahlungen der Russen via Stockholm anzufordern.46 Vermutlich hatte dieses Unterfangen ihre Ergreifung zur Folge. Immerhin galten spätestens seit der Verhaftung von Kopp-Köpp und Bravura Geldanweisungen aus Skandinavien als verdächtig. Laut Maximilian Ronge konnte festgestellt werden, dass tatsächlich der Militärattaché des Zarenreichs in Schweden, Oberst Petr Assanovič, gleichsam als »big spender« auftrat.47 Allem Anschein nach fungierten die skandinavischen Hauptstädte als »Poststationen« für konspirative Korrespondenzen der Russen. Allerdings funktionierte die Kommunikation zwischen Auftraggeber und Spion nicht immer reibungslos. So sah sich etwa Assanovič Ende 1912 gezwungen, einem Agenten mit Decknamen »Lupus« mittels harmlos erscheinender, aber chiffrierter Annoncen in einer Berliner Zeitung Mitteilung über den Erhalt eines Schreibens zu machen.48

Obwohl indessen Josef Beran bis zuletzt seine Unschuld beteuerte, wurde er zu viereinhalb Jahren Kerker verurteilt.49 Im Zuge des Prozesses behauptete er interessanterweise, nur deshalb mit Zankevič verkehrt zu haben, weil er dachte, »der Russe suche aus unzüchtigen Gründen die Vermittlung der Bekanntschaft mit einem Offizier«.50 Was Ronge später als »merkwürdige Ausrede« bezeichnete, dürfte viel eher eine sarkastische Anspielung auf die Affäre Redl gewesen sein. Obwohl bis heute obskure Deutungen von Berans Aussage auf eine etwaige homosexuelle Neigung des russischen Militärattachés hinauslaufen, war sich Ronge sicher, dass dem spionierenden Russen zumindest in dieser Hinsicht eine – wie er meinte – »Ehrenrettung« zukam.51

Mit der Arretierung des Kriegsschülers Čedomil und des ehemaligen Offiziers Alexander Jandrić schien der vorläufige Höhepunkt in Sachen russische Spionage in der Donaumonarchie erreicht worden zu sein. Doch es folgten weitere Verhaftungen. Im Vergleich zu den Brüdern Jandrić handelte es sich dabei um »kleine Fische«, um Handlanger, die beim »großen Geschäft« der aus Kroatien stammenden Geschwister gewissermaßen mitnaschten. So sehr sich aber die Militärbehörden bemühten, den Fall intern abzuhandeln, und auch der ungarische Ministerpräsident ersucht wurde, im Unterschied zu den Affären Bravura und Velössy die heimische Presse in Zaum zu halten, so wenig glückte dieses Vorhaben.52

Schon in den vorangegangenen Jahren hatte die Presse immer wieder Mittel und Wege gefunden, an Informationen aus dem Kriegsministerium heranzukommen, die nicht für die Öffentlichkeit bestimmt waren. Etwa konnte man rund sieben Jahre zuvor Meldungen über einen jungen Leutnant namens Waldemar Firbas in den Zeitungen finden, der für Italien Spionage betrieben hatte. Da das Nachbarland auf diese Weise in den Besitz durchaus wertvoller Informationen über Mobilisierungsinstruktionen der k.u.k. Armee gekommen war und das Verhältnis zu dem Bündnispartner als keineswegs unkompliziert zu gelten hatte, zeigte sich das Kriegsministerium alles andere als erfreut über diesbezügliche Enthüllungen. Zudem besaß der Fall sämtliche Zutaten eines Dramas: Schulden, verbotene Liebe und Wahnsinn, gefolgt von einem Selbstmordversuch des verhafteten Leutnants.53

Wenngleich die Militärbehörden im April 1913 alle Hebel in Bewegung setzten, um die Causa Jandrić unter Verschluss zu halten, ließen sich auch dieses Mal die Journalisten nicht austricksen. Das Prager Tagblatt berichtete bereits am 12. April auf der Titelseite vom »Verrat militärischer Geheimnisse«, und auch die Arbeiter-Zeitung in Wien stürzte sich auf den Skandal.54 Alle Maßnahmen, um den Jandrić-Fall geheim zu halten, scheiterten. Wie sich bald herausstellte, verdienten sich diverse Amtsgehilfen im Kriegsministerium ein paar Kronen dazu, indem sie Interna an Journalisten weitergaben. Die Militärbehörden sahen sich hierauf genötigt, auch im Falle der Weitergabe unwesentlicher Informationen die betreffenden Armee-, Aushilfs- oder Hausdiener zu entlassen. Außerdem wurden die Offiziere angewiesen, keine Konzepte mit Bezug auf »reservate Angelegenheiten« in den Papierkorb zu werfen und keine Unterhaltungen geheimen Inhalts in Anwesenheit von Subalternen zu führen. Mehr Achtsamkeit sollte überdies beim Wegsperren wichtiger Dokumente vor Verlassen der Amtsräume an den Tag gelegt werden.55

Obwohl man jene Nummer der Arbeiter-Zeitung vom 13. April 1913, in der über die Spionageaffäre Jandrić berichtet wurde, auf Wunsch des Kriegsministeriums konfiszieren ließ, kam die Causa an die Öffentlichkeit und schlug hohe Wellen – nicht zuletzt deshalb, weil ein Sohn des amtierenden Generalstabschefs der k.u.k. Armee, Franz Conrad von Hötzendorf, ein Jahrgangskamerad von Čedomil Jandrić in der Kriegsschule gewesen war. Da wenige Tage später als Reaktion auf die Konfiskation der Arbeiter-Zeitung im niederösterreichischen Landtag eine Interpellation eingebracht wurde, die auf die Umtriebe der spionierenden Geschwister Bezug nahm, fand die Affäre noch größere Beachtung.56 Die Arbeiter-Zeitung druckte schließlich in ihrer Ausgabe vom 18. April 1913 genau jenen Artikel über die Jandrić-Brüder ab, aufgrund dessen am 13. die Einziehung des Blattes verfügt worden war. Dort konnte man nun nicht nur Andeutungen über eine Nahebeziehung zwischen Čedomil Jandrić und Kurt Conrad von Hötzendorf finden, die angeblich den Karriereverlauf des verhafteten Oberleutnants begünstigt hatte, sondern auch Spekulationen betreffend einen Zusammenhang der Affäre mit dem »Spionagefall Bravura«.57 Andere Blätter suggerierten, dass der Kriegsschüler Čedomil Jandrić infolge der Bekanntschaft mit dem Generalstabssohn mit »besonders geheimen Arbeiten« betraut worden sei.58 Überall kursierten die unterschiedlichsten Gerüchte im Zusammenhang mit der Causa. Nicht wenige davon betrafen den Gesundheitszustand des Generalstabschefs. Sie legten nahe, Conrad sei in Anbetracht des Skandals und einer etwaigen Kompromittierung seines Sohnes schwer erkrankt.59 Nachmalige Behauptungen, wonach Kurt Conrad eine engere Freundschaft mit Čedomil Jandrić verband, die unter anderem im gemeinsamen Feiern von Sexorgien mit »Damen der Unterschicht« ihren Ausdruck fand, gründen sich auf Vermutungen.60

Aufsehen erregte die Angelegenheit zudem im Zarenreich. In den russischen Zeitungen wurde Zankevič exkulpiert und seine Beteiligung an dem Skandal in Abrede gestellt, während in internen Papieren der zuständigen Abteilung des Generalstabs in St. Petersburg von den wertvollen Diensten eines gewissen Jandrić die Rede war. Da im Zuge der Ermittlungen in Wien festgestellt wurde, dass Alexander als die treibende Kraft des brüderlichen Spionageunternehmens zu gelten hatte, dürfte man in St. Petersburg ihn und nicht Čedomil als Partner wahrgenommen haben. Offenbar wusste man dort einiges mit den Lehrbehelfen der Kriegsschule anzufangen, die Čedomil nach Hause brachte, um dann vom Bruder in stundenlanger »Heimarbeit« auszugsweise kopiert und an Zankevič weitergegeben zu werden. Besonders schätzten die russischen Razvedka-Offiziere aber Alexanders Dienste während der Balkankriege, als er unter anderem wertvolle Angaben über Truppenverlegungen der k.u.k. Armee machte.61 Im Generalstab der Zarenarmee interessierte man sich aber auch noch nach der Verhaftung der Jandrić-Brüder für den Fall und ließ sich von einem in Wien tätigen Spion über eine angeblich im k.u.k. Kriegsministerium stattgefundene geheime Konferenz berichten, die im Juli 1913 einberufen worden war. Dieser Mitteilung zufolge ging der österreichisch-ungarische Generalstabschef durchaus von einer Mitschuld seines Sohnes an der Spionageaffäre aus, brach angesichts dieses Umstandes vor den ebenfalls erschütterten Konferenzteilnehmern zusammen und bot seinen Rücktritt an.62 Da aber selbst Razvedka-Offiziere die Berichte dieses Agenten aus Österreich als nicht immer vertrauenswürdig einstuften, sind Zweifel an dessen Angaben durchaus berechtigt.63 Andererseits aber hielten wichtige Exponenten des russischen Nachrichtenwesens den Spion, dem die Code-Nummer »112« zugeordnet worden war, für einen topinformierten Zuträger.64


Motive

Viele Jahre nach dem Skandal um die Brüder Jandrić und den Enthüllungen in der Causa Redl beschäftigte sich der ehemalige Chef des Evidenzbüros, August Urbański von Ostrymiecz, mit der Frage, aus welchen Motiven Spionage betrieben wurde. Der Befund, wonach nationale Beweggründe hierbei tendenziell eine geringere Rolle gespielt haben dürften als rein pekuniäre Interessen, deckt sich mit den Ergebnissen, die die Recherchen zu diesem Buch erbracht haben. Im Militärhistorischen Archiv in Moskau sind zahlreiche Spionagekorrespondenzen erhalten geblieben, die keinen Zweifel an den vorrangig finanziellen Motiven der Agenten lassen. Viele mussten gar nicht erst extra angeworben werden, sondern trugen dem russischen Geheimdienst von sich aus ihre Dienste an. Einige dieser sogenannten »Selbstanbieter« schilderten ihre Misere mitunter in drastischen Worten und drohten gar mit Selbstmord, sollte der erwartete Lohn nicht bald gezahlt werden. In anderen Briefen, die zum Teil mit Geheimtinte geschrieben worden waren, kündigten die Verfasser bei weiterem Ausbleiben von Zahlungen die sofortige Einstellung ihrer Tätigkeit an, oder aber sie forderten höhere Beträge als die vorab vereinbarten Summen. Dem von uns eingesehenen russischen Aktenmaterial ist zu entnehmen, dass neben diversen Zivilpersonen etliche Angehörige der k.u.k. Armee, wenngleich eher den unteren Chargen angehörend, verbotene Geschäfte mit Russland machten. Soweit sich die Namen beziehungsweise die Herkunft dieser Männer feststellen ließen, konnten daraus keine Rückschlüsse auf die besondere Illoyalität einer speziellen nationalen Gruppe gezogen werden.

Im Falle des spionierenden Alfred Redl hatten verschiedene politische Kräfte Interesse daran, dem Obersten nationalistische oder zumindest »anti-deutsche« Motive zu unterstellen. Aus seinem näheren Umfeld wollte aber kaum jemand daran glauben, dass der in Lemberg geborene k.u.k. Offizier sich vor diesem Hintergrund zum Vaterlandsverrat entschlossen hatte. Der offenbar mehrsprachig aufgewachsene Redl, der fließend Deutsch, Polnisch und Ruthenisch sprach, hatte, so ein zeitweiliger Weggefährte, niemals den Eindruck erweckt, »eine Persönlichkeit von nichtösterreichischer Einstellung« zu sein. Der frühere Offizier der Habsburgerarmee Karl Bornemann, der 1964 in einem Brief über seine Bekanntschaft mit Redl Auskunft gab, hegte 1912, als beide beim Infanterieregiment Nr. 99 ihren Dienst versahen, keinerlei Zweifel, dass der Oberst »innerlich in der Monarchie verwurzelt« gewesen war.65

Anders als Max Ronge, der in seinen Publikationen Zusammenhänge zwischen nationalen Begehrlichkeiten, Spionageaktivitäten und schließlich sogar dem Untergang der Donaumonarchie hervorhob, führt auch die Lektüre der in österreichischen Archiven verwahrten Verhörprotokolle zahlreicher Spione oder Spionageverdächtiger zu der banalen Erkenntnis, dass die Triebfeder für den Verrat hauptsächlich in Verschuldung und/oder Geldgier zu suchen ist.

Gleichzeitig gerät dabei speziell das Wien um die Jahrhundertwende in ein schiefes Licht: Zwischen dem Glanz der Paläste und dem Gestank der Gosse tummelt sich eine zukunfts- und orientierungslose Masse, die Ablenkung im Vergnügen sucht und moralische Grundsätze zum eigentlichen Luxus erklärt. Die Beichten der von Gerichts wegen befragten Agenten und Agentinnen führen in eine Welt, die von unüberbrückbaren Gegensätzen zwischen Arm und Reich, Oben und Unten geprägt ist, die Menschen in vorgezeichnete Lebensläufe zwingt und keinerlei Fehltritte verzeiht. Die »Gefallenen« sind Opfer ihrer Leidenschaften, gehetzte, vom Schicksal verkrümmte, im Grund gepeinigte Existenzen. Bilder aus den Stücken und Romanen Arthur Schnitzlers drängen sich auf, wenn von »Ehrenaffären« die Rede ist, von orgiastischen Gelagen im Wiener Nachtleben, von Spielschulden und Pfandleihern, von den Beziehungen fremdgehender Ehefrauen mit jungen Leutnants, von Prostituierten mit Namen Mizzi und Fifi oder von Abtreibungen, die nicht bezahlt werden können. Zu bestätigen scheinen sich überdies sämtliche Klischees, die das an Ausschmückungen und Verzerrungen ohnehin reiche Metier der Spionage mit sich bringt: Man tituliert sich in fingierten Liebesbriefen als »Schatzi« oder »Mauserl«, um auf diese Weise geheime Treffen zu vereinbaren, in finsteren Kaschemmen werden geheimnisvolle Pakete übergeben, X verabredet sich mit Y im Prater und bekommt wenig später mit Geldscheinen gefüllte Kuverts von einem finsteren Popen ausgehändigt.

Gleich ob man die Gerichtsakten zur Jandrić-Affäre studiert, in den Erhebungsakten zum Spionagefall Waldemar Firbas blättert oder sich durch das Dickicht an Berichten und Geschichten über den Redl-Skandal kämpft – was belegt werden kann, ist abenteuerlich genug, um ohne zusätzliches Dekor auszukommen.


Der Wert des Materials

August Urbański war der Ansicht, Čedomil Jandrić habe sich an der Spionage seines jüngeren Bruders beteiligt, um auf diese Weise Rache für dessen Ausschluss aus der Armee zu üben.66 Alexander, der tatsächlich aufgrund »unehrenhaften Verhaltens« seiner Leutnantscharge verlustig gegangen war, entschied sich hingegen in Ermangelung anderer Einkunftsmöglichkeiten für die »Agentenkarriere«. Außerdem liebte er die Zerstreuung und ließ sein Geld gerne bei Damen »vom Gewerbe«. Auch die Gründe für die Komplizenschaft seines Bruders dürften indes nicht nur emotioneller, sondern durchaus auch finanzieller Natur gewesen sein. Immerhin profitierte Čedomil von den Honoraren des Bruders, lebte mit ihm in einer relativ komfortablen Wohnung und konnte sich auch sonst verschiedene Annehmlichkeiten leisten. Kameraden beschrieben ihn später als »vergnügungssüchtig«.67



(2) Čedomil Jandrić bei der Urteilsverlesung. Der Kriegsschüler büßte nicht zuletzt für die »Sünden« seines Bruders Alexander.

Im Zuge der Ermittlungen gab Alexander Jandrić übrigens zu, nicht nur mit Oberst Zankevič Kontakt unterhalten zu haben, sondern bereits 1912 persönlich nach Petersburg gereist zu sein, um das Geschäft mit dem Verkauf von Informationen in Gang zu bringen. Auch den russischen Militärattaché in Paris hatte Alexander zu diesem Zweck aufgesucht.

Die Qualität der Informationen, die Alexander an die Russen weitergab, variierte stark. Als das Unterrichtsmaterial, das Čedomil von der Kriegsschule mitbrachte, ausdünnte, musste die Fantasie einspringen. Nun beschaffte sich Alexander sogenannte »Aviatikerkarten«, zeichnete darin willkürlich Landungsplätze ein und überreichte sie anschließend Zankevič. Auch der an den Militärattaché ausgehändigte Plan der Festung Przemyśl, die überragende strategische Bedeutung im Falle einer kriegerischen Auseinandersetzung besaß, war gemäß den Aussagen Alexanders im Wesentlichen eine Fälschung. Trotzdem kassierte er hierfür die unglaubliche Summe von 12.000 Kronen. Heute entspricht dieses Honorar immerhin ungefähr 70.000 Euro.68 Anscheinend schöpfte der russische Oberst keinen Verdacht und beauftragte Alexander in weiterer Folge sogar, ihm den Aufmarschplan der k.u.k. Truppen in Galizien zu besorgen. Obwohl ihn die Elaborate Alexanders anfangs nicht überzeugten, erhielt dieser bei anderer Gelegenheit für einen neu angefertigten Plan, den er, um die Echtheit des Materials vorzuspiegeln, mit Zahnpasta versiegelt hatte, umgehend 2500 Kronen. Alexander hatte gegenüber Zankevič behauptet, er habe einen Generalstabsoffizier bestochen, um an das brisante Material heranzukommen. Als der Attaché dann den angeblichen Verbindungsmann kennenlernen wollte, suchte Alexander nach Ausflüchten. Den gegenüber Zankevič genannten Generalstabsoffizier, welcher keine Ahnung von seiner indirekten Verwicklung in eine Spionageaffäre hatte, kannte er nämlich nur vom Sehen.

Max Ronge, der zum Sachverständigen im Prozess gegen Čedomil Jandrić berufen wurde, vertrat die Ansicht, dass durchaus authentisches Material verraten worden war. Vor allem die aus der Kriegsschule stammenden Behelfe und Aufzeichnungen, die Alexander durch den Bruder zugänglich gemacht worden waren, zählte Ronge zu dieser Kategorie. Auch der Plan von Przemyśl enthielt seiner Einschätzung zufolge den Tatsachen entsprechende Informationen. Er räumte überdies ein, dass die russische Seite gewiss in der Lage gewesen sei, eine plumpe Fälschung zu erkennen. Andernfalls hätte man nicht 12.000 Kronen lockergemacht. Dass Zankevič aber auch Erfundenes geschluckt habe, sei in Geheimdienstkreisen üblich. Man nehme Fantasieprodukte in Kauf, um bei nächster Gelegenheit vom selben Spion Authentisches zu bekommen.69 Außerdem war es üblich, verschiedene Agenten auf ein- und dieselbe Aufgabe anzusetzen. So konnte beispielsweise Nikolaj Batjušin in etwa zeitgleich mit Jandrićs Lieferung der Przemyśl-Materialien seine Kollegen in St. Petersburg auf das Eintreffen von zusätzlichen Dokumenten über die österreichische Festung aufmerksam machen, die aus einer weiteren »erprobten« Quelle stammten.70 Der Warschauer Geheimdienstchef verfügte über eine Reihe zuverlässiger »Lieferanten«, darunter einen aus der Donaumonarchie stammenden Leutnant der Reserve namens Boleslaw Roja, der auch als Doppelspion auftrat.71

Obwohl indessen Čedomil Jandrić dem russischen Militärattaché nie begegnet war und angeblich geglaubt hatte, sein Bruder habe Zankevič ausschließlich mit Spielmaterial versorgt, wurde der junge Oberleutnant »zum schweren Kerker in der Dauer von neunzehn Jahren, verschärft durch monatlich einmal Fasten, hartes Lager an den Fasttagen und Anhaltung in Einzelhaft während des ganzen ersten und sechsten Monates eines jeden Strafjahres verurteilt«. Der Richter führte überdies als erschwerend an, dass Čedomil seinem Bruder just in jener Phase Zugang zu seinen Kriegsschulmaterialien gewährt hatte, »als es schon offenkundig und dem Untersuchten auch bekannt war, dass in Österreich-Ungarn militärische Maßregeln und Rüstungen zu einem Kriege mit mehreren Nachbarstaaten getroffen wurden«.72

Alexander Jandrić, welcher der Zivilgerichtsbarkeit unterlag, musste für nicht ganz fünf Jahre ins Gefängnis.73 Beim Prozess im Februar 1914 schien der damals 26-Jährige übrigens alles andere als gebrochen. Im Gegenteil. Seine »Aufgeräumtheit« wirkte auf einige Beobachter des Prozesses offenbar geradezu irritierend.74 Nach Abbüßung der Strafe sollte Alexander Jandrić des Landes verwiesen werden. In einem Brief, den er im März 1914 an den Bruder richtete, bat Alexander diesen um Verzeihung dafür, dass er ihn ins Verderben gestürzt habe. Gleichzeitig verlieh er seiner Zuversicht Ausdruck, dass Čedomil die lange Haft überleben werde, und versprach, ihm nach der Entlassung gleichsam als Wiedergutmachung ein sorgenloses Leben zu ermöglichen.75

Gerüchte über eine seitens russischer Handlanger geplante Befreiung der Geschwister aus dem Gefängnis nahmen die Behörden durchaus ernst. Zumindest Alexander Jandrić wurde im April 1914 kurzfristig in eine andere Zelle verlegt. Den Häftling legte man zur Sicherheit sogar »in Eisen«.76


Redl und Zankevič

Obwohl sich nach Ansicht der Offiziere im Evidenzbüro das Außenministerium immer zierte, wenn klare Worte gegenüber einer »fremden Macht« gefragt waren, zögerten die k.u.k. Diplomaten diesmal nicht, in St. Petersburg die Abberufung des russischen Militärattachés zu fordern. Dessen Tätigkeit in Wien endete offiziell am 8. Juli 1913.77 Es lag auf der Hand, dass Oberst Michail Zankevič die Fäden in jenem Spionagenetz gezogen hatte, über das in- wie ausländische Zeitungen schrieben. Während zum Leidwesen des österreichisch-ungarischen Geheimdienstes die eigenen Militärattachés im Ausland größtmögliche Zurückhaltung in Sachen Spionage üben sollten, wurden ihre russischen Kollegen geradezu aufgefordert, gewissermaßen erlaubte wie auch unerlaubte Wege in der Informationsbeschaffung zu gehen. Akribisch ausgearbeitete Instruktionen der Razvedka-Abteilung im russischen Generalstab hielten eine Reihe von Richtlinien im Umgang mit Spionen bereit und offerierten auch praktische Anleitungen für das reibungslose Funktionieren eines Agentennetzwerkes. Zankevič zeigte sich in diesem Zusammenhang ganz besonders engagiert, da er von der Gefährlichkeit des »Krieges im Untergrund«, den Russlands Feinde führten, überzeugt war. Wie viele andere auch glaubte er fest an die Unausweichlichkeit eines alles entscheidenden Kampfes zwischen »Germanen und Slawen«. Dass dieser nur von Russland, und zwar »mit Blut und Eisen« entschieden werden könne, hielt Zankevič für gewissermaßen selbstverständlich.78

Als Ende Mai 1913 der Redl-Skandal die Monarchie erschütterte, argwöhnten viele, dass auch in diesem Fall Oberst Zankevič eine Rolle gespielt hatte. Dem umtriebigen Russen, der nach Aussagen von Alexander Jandrić sogar seine Ehefrau für die Spionagearbeit in Wien einspannte, konnte durchaus zugetraut werden, mit dem »Verräter aus den k.u.k. Generalstabskreisen« in Verbindung gestanden zu sein. Doch Alfred Redl, der infolge seiner langjährigen Dienstzeit im Evidenzbüro alle Kniffe kannte, um seine Tarnung zu perfektionieren, war wohl zu schlau, um sich solcherart zu kompromittieren. Er nützte andere Kanäle, um den Kontakt mit seinen Auftraggebern aufrecht zu erhalten.

Entgegen den Vermutungen der Presse, die nach Redls Entlarvung einen Zusammenhang mit Zankevičs Machenschaften und dadurch auch mit den »dunklen Geschäften« der Brüder Jandrić konstruierten, lieferten die Erhebungen der Militärbehörden keine Anhaltspunkte für eine derartige Darstellung. Ein kleines Detail im »Fall Jandrić« spielte dann aber auch im Fall Redl eine Rolle. Jahrzehnte später schilderte Hermann Zerzawy, 1913 Oberleutnant im Evidenzbüro, dass er bei der Verhaftung von Čedomil Jandrić zugegen gewesen war und auf Anraten Max Ronges einen Browningrevolver mitgenommen hatte. Laut Zerzawy fürchtete Ronge offenbar, dass Jandrić sich zur Wehr setzen würde. Wenngleich Zerzawys Schilderungen vom Verhör des Kriegsschülers sich nicht mit dessen späteren Aussagen vor dem Garnisonsgericht decken, steht fest: Jandrić leistete keinen Widerstand, die Waffe blieb unbenützt und Ronge brachte sie ins Kriegsministerium zurück. Dort verwahrte er sie in seinem Büro. Niemand konnte ahnen, dass sich nur wenige Wochen später Alfred Redl mit diesem Revolver das Leben nehmen würde.79 Für Behauptungen, wonach Čedomil Jandrić ebenso wie später dem Obersten Gelegenheit gegeben wurde, sich selbst zu richten, fehlen die Belege.80

WEGE ZUM HOCHVERRAT

Karrieren

Michail Ippolitovič Zankevič war keineswegs der erste russische Militärattaché gewesen, der seinen Aufenthalt in Wien dazu nutzte, auch auf inoffiziellem Wege Informationen über die k.u.k. Armee zu beschaffen. Nicht anders verhielt sich sein Vorgänger Mitrofan Konstantinovič Marčenko, der 1905 seinen Posten in der Donaumonarchie angetreten hatte.

Als der neue Mann aus dem russländischen Imperium unter dem Szepter der Romanovdynastie nach Wien kam, saß Alfred Redl als Hauptmann und angehender Major des Generalstabs im Evidenzbüro, dem militärischen Geheim- beziehungsweise Nachrichtendienst der k.u.k. Armee. In den kleinen winkeligen Räumen des Kriegsministeriums Am Hof, wo eine überschaubare Anzahl österreichisch-ungarischer Nachrichtendienstler ihrer Arbeit nachging, hatte die Karriere des aus Galizien stammenden Offiziers, der es 1912 bis zum Generalstabschef des 8. Korps in Prag brachte, ihren Anfang genommen. Nachdem er 1894 die Kriegsschule mit »sehr gutem Erfolg« absolviert hatte, kletterte der Sohn eines Lemberger Eisenbahnbeamten rasch die Erfolgsleiter empor. Noch im selben Jahr wurde er vorübergehend dem Eisenbahnbüro zugeteilt, um dann nach einigen Jahren bei der Truppe mit anspruchsvolleren Aufgaben betraut zu werden. Gewiss als vorteilhaft für die Laufbahn des jungen Offiziers erwies sich wohl sein Sprachentalent. Redl verbrachte ab seiner Ernennung zum Generalstabshauptmann im Mai 1899 ein Jahr im Zarenreich, wo er im Rahmen eines speziellen »Austauschprogramms« Russisch erlernte. Nach einer anschließenden kurzen Dienstzeit in Lemberg fand er in der »Russischen Gruppe« des Evidenzbüros Aufnahme und widmete sich dort vor allem der Auswertung von Informationen über die Armee des Romanovimperiums. Etwa ein halbes Jahr später wechselte er dann in die »Kundschaftsgruppe«, wo er von 1901 bis 1905 tätig war.81 Dort verlief der Arbeitsalltag weit weniger spektakulär, als es das Metier der Spionage beziehungsweise des Nachrichtendienstes nahelegt. Doch Redl machte sich in dieser Zeit in seiner Rolle als Sachverständiger in Spionageprozessen einen Namen. So erwies sich die Zuteilung zum Evidenzbüro als Sprungbrett für noch »höhere Weihen«. Der ehrgeizige Offizier erhielt im Zuge seiner Dienstzeit mehrere Orden und wurde von seinen Vorgesetzten als »intelligenter, fleißiger und sehr bescheidener Offizier« beschrieben, »der zu besten Hoffnungen berechtigt ist«. Man nahm ihn als »festen, männlich offenen Charakter« wahr und schätzte ihn als »beliebten Kamerad[en]«, der sich besonders »fürsorglich« gegenüber seinen Untergebenen verhielt, einen »guten Einfluss« auf jüngere Offiziere ausübte und nur »feine Gesellschaft« suchte, eine, die »seiner schönen Denkungsart entspricht«.82

In den sogenannten »Qualifikationslisten«, wo neben diesen Einschätzungen zur Person Alfred Redls noch viele weitere Lobreden auf dessen Fähigkeiten nachzulesen sind, wurde sein Geburtsdatum einige Male mit 14. März 1866 angegeben, um dann auf 1864 ausgebessert zu werden. Seine »Privatverhältnisse« hatte man mit den Worten »ledig, ohne Vermögen, finanziell geordnet« umschrieben.83

»Finanziell geordnet« waren die »Privatverhältnisse« vieler k.u.k. Offiziere freilich nicht. Hierbei erging es ihnen nicht viel anders als der Armee insgesamt. Dem Evidenzbüro, das zwischen 1898 und 1903 von Oberst Artur Freiherr Giesl von Gieslingen geleitet wurde, fehlte es aber nicht nur in Anbetracht eines bescheidenen Budgets an entsprechenden Entfaltungsmöglichkeiten. Zusätzlich zu diesen elementaren Problemen musste es vor dem Hintergrund diplomatischer Interessen seine Kundschaftstätigkeit gegenüber Russland zwischen 1903 und 1905 mehr oder weniger einstellen. Nachrichtendienstler wie Maximilian Ronge wurden nach dem Ersten Weltkrieg nicht müde zu betonen, wie sehr hingegen die für die militärische Spionage im Zarenreich zuständige Razvedka diese Phase dazu nutzte, ihre Tätigkeit gegenüber Österreich-Ungarn zu intensivieren. Wenngleich die Vorstellungen in der Donaumonarchie von den finanziellen Mitteln des russischen Geheimdienstes überzogen waren, hatte das Zarenreich im »offensiven Kundschaftswesen« wirklich bald die Nase vorn. Der Stellenwert eines professionalisierten militärischen Nachrichtendienstes im Generalstab war spätestens anlässlich der Armeereformen nach Ende des russisch-japanischen Krieges 1905 gestiegen. Damit einher gingen Verbesserungen für die Rahmenbedingungen der »militärischen Auslandsaufklärung«. Wie kläglich es andererseits um die Finanzen des Evidenzbüros bestellt gewesen war, lässt sich mit Blick auf seine Dotation für das Jahr 1912 unschwer belegen. Damals musste man mit 150.000 Kronen auskommen und verfügte demnach über eine Summe, die »kaum an das Gehalt eines mittleren Bankdirektors« heranreichte.84 Bedenkt man, wie viel allein Alexander Jandrić vom russischen Militärattaché bezahlt bekam, dann erscheint eine annähernd gleichwertige Entlohnung von Spionen im Dienste der k.u.k. Armee nahezu ausgeschlossen. Doch trotz chronischen Geldmangels und regelmäßiger Bettelbriefe an das Außenministerium konnte das Evidenzbüro im Bedarfsfall anscheinend doch entsprechende Summen offerieren. Die Beschaffung des russischen Aufmarschplanes hätte sich der k.u.k. Generalstabschef offenbar durchaus etwas kosten lassen: Angeblich sollen hierfür bis zu 100.000 Kronen zur Verfügung gestanden haben.85 Andere Quellen zeugen nicht unbedingt von Freigiebigkeit. Für die Mobilisierungsinstruktionen, insbesondere der russischen Armee, war man laut Protokoll einer Besprechung des Evidenzbüros vom Februar 1913 keineswegs bereit, mehr als 5000 Kronen zu zahlen.86 Angesichts der Tatsache, dass der Informationsstand über den russischen Aufmarschplan in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg zu wünschen übrig ließ, erstaunt der »Geiz« der verantwortlichen Stellen im Habsburgerreich doch einigermaßen.87

Gemischte Gefühle

Eine der Routineaufgaben der Militärattachés bestand darin, Charakteristiken hoher Offiziere des Gastlandes anzufertigen. Da Redl 1907 zum stellvertretenden Leiter des Evidenzbüros aufstieg, war es nur logisch, dass Marčenko den »Neuen« beschrieb. Er schickte einen Bericht nach St. Petersburg, in dem er den k.u.k. Major, der nach etwa zweijähriger Dienstzeit als Generalstabschef der 13. Landwehrinfanteriedivision ins Evidenzbüro zurückgekehrt war, als schlau, leistungsfähig und konzentriert, aber auch als »verschlagen«, »falsch« und »süßlich« bezeichnete. Redl sei überdies ein »Zyniker« und obendrein ein »Schürzenjäger« mit einer Schwäche für Vergnügungen.88 Mit ähnlichen Worten charakterisierte ihn im April 1908 die für Österreich-Ungarn zuständige Unterabteilung im russischen Generalstab in einem Rapport an die Spionageoffiziere des Warschauer Militärkreises. Interessanterweise wurde dort hinzugefügt, dass Redl auch Spanisch beherrsche.89 Diese Bemerkung ist wohl in Zusammenhang mit einem Orden zu sehen, den der damalige Major 1906 von Spanien erhalten hatte.90

Auch in anderen Akten des Militärhistorischen Archivs in Moskau sind allgemeine Charakteristika der Geheimdienstoffiziere der Habsburgermonarchie zu finden. Aus ihnen lässt sich – entgegen einigen populären Darstellungen – keineswegs schließen, dass Redl den Militärattachés Marčenko und Zankevič oder aber dem gewissermaßen berühmt-berüchtigten Nikolaj Stepanovič Batjušin anders als ein Offizier einer »feindlichen Macht« bekannt gewesen wäre. Batjušin erwähnt im Übrigen in seinen viele Jahre nach Ende der Zarenherrschaft erschienenen Aufzeichnungen die Redl-Affäre nur beiläufig. Der Russe, den einige Autoren einschlägiger Publikationen über den »verräterischen Generalstabsobersten« als jenen Mann bezeichnen, auf dessen Betreiben hin Redl zur Spionage erpresst wurde, bringt den Fall vor allem als Beispiel dafür, dass selbst erfahrene Agenten irgendwann über Kleinigkeiten stolpern und demgemäß enttarnt werden.91 Dass man Redl in den russischen Geheimdienstunterlagen überdies als »Frauenheld« beziehungsweise »Schürzenjäger« beschrieb, steht Behauptungen entgegen, denen zufolge der Oberst von den Russen ob seiner homosexuellen Neigungen erpresst worden ist. Bemerkenswert ist freilich, dass den Offizieren aus dem Zarenreich im Unterschied zu manchen österreichischen Kollegen Redls Hang zur Zerstreuung als durchaus unvorteilhaft aufgefallen war.

Insgesamt stellen die negativen Äußerungen Marčenkos über Redls Persönlichkeit aber nichts Ungewöhnliches dar. Wenig Schmeichelhaftes berichtete nämlich auch der damalige Leiter der russischen Militärspionage, Oberst Nikolaj Avgustovič Monkevic, im September 1907 über Redls Chef, Eugen Hordliczka. Die beiden Nachrichtendienstler hatten sich bei einem Manöver in der Schweiz kennengelernt. Hordliczka war Monkevic eher steif vorgekommen. Die Zunge des k.u.k. Offiziers löste sich aber, so der Russe, sobald das erste Glas Wein serviert wurde. Mit jedem Schluck wurde Hordliczka dann auch gesprächiger und gab Dinge von sich, die nach Ansicht Monkevics ein Mann von seiner Stellung lieber für sich behalten sollte. Nachdem er sich bei seinem Gesprächspartner über die russische Spionage in Galizien beschwert hatte, erwähnte Hordliczka nämlich, dass drei seiner Brüder in Polen lebten. Tatsächlich wäre es besser gewesen, der Evidenzbürochef hätte solche Informationen unterdrückt, denn die Spionageabteilung im russischen Generalstab ordnete umgehend eine Überwachung sämtlicher auf dem Territorium des Zarenreichs befindlichen Mitglieder der Hordliczka-Familie an.92

Einen nicht gerade angenehmen Eindruck bei seinen österreichischen Kollegen hinterließ umgekehrt aber gleichfalls Mitrofan Marčenko. Er fiel August Urbański, seit 1909 Nachfolger von Eugen Hordliczka im Chefsessel des Evidenzbüros, als ganz besonders neugierig auf. Anlässlich der großen Manöver der k.u.k. Armee, bei denen ausländische Militärattachés als Beobachter zugelassen waren, musste Urbański den Russen deswegen regelrecht bändigen. Dennoch war dem Militärattaché aus dem Zarenreich offenbar daran gelegen, die nicht gerade friktionsfreien Beziehungen zwischen der Habsburgermonarchie und seinem Herkunftsland zu verbessern. Wohlwollend stand diesem Unterfangen nicht zuletzt der österreichisch-ungarische Thronfolger Franz Ferdinand gegenüber. Im Belvedere, wo der Erzherzog residierte, galt Marčenko als »Persona grata«.93 Der Militärattaché berichtete selbstverständlich über seine Kontakte zu Franz Ferdinand nach St. Petersburg und hob darin unter anderem die oftmaligen Differenzen zwischen dem Kaiser und dem Thronfolger hervor.94

Marčenkos Bemühungen um ein harmonischeres Miteinander zwischen seinem Gast- und seinem Herkunftsland hinderten ihn aber nicht am Spionieren. Aufgrund eines anonymen Schreibens aus Italien kam das Evidenzbüro einem Beamten namens Alfred Kretschmar von Kienbusch auf die Spur, der als »Kalkulant« im Arsenal in Wien arbeitete und vertrauliche Armeeakten an Marčenko weitergab. In einem Protokoll, das die Polizei im Jänner 1910 aufsetzte, gab der verhaftete Kretschmar an, 162 Kronen pro Monat zu verdienen. Er habe in Anbetracht dieses bescheidenen Lohns und in dem Gefühl, entgegen seinen Qualifikationen ohne entsprechende Position im Heeresdienst geblieben zu sein, »einen schweren Groll gegen den Staat« entwickelt. Darum sei er an Marčenko herangetreten, um diesem Informationen über das »Artilleriewesen« der k.u.k. Armee zukommen zu lassen. Der Russe speiste den »Kalkulanten« mit eher bescheidenen Summen ab. Kretschmar behauptete, nie mehr als 50 Kronen pro Auftrag bekommen zu haben.

Im Zuge der weiteren Untersuchungen gegen den Arsenalbediensteten kamen schließlich zusätzliche Details ans Tageslicht. Im Juli 1910 wusste das k.u.k. Garnisonsgericht Wien zu vermelden, dass Kretschmar von Kienbusch in Wirklichkeit schon seit vielen Jahren Spionage betrieb und bereits mit drei Vorgängern Marčenkos kooperiert hatte. Der arretierte Beamte erzählte, dass er bei jedem Wechsel der Militärattachés in Wien vom scheidenden an den jeweils neuen Mann aus Russland »wie ein Inventarstück übergeben« worden war. Außerdem erhielt er von Marčenko erheblich mehr, als er anfangs zugegeben hatte – zuletzt 200 Kronen monatlich, und zwar unabhängig von seiner »Leistung«. Innerhalb von etwa 20 Jahren hatte der »Langzeitagent« mehr als 30.000 Kronen »erspioniert«.95 Erwähnung verdient der Umstand, dass Kretschmar folglich auch mit dem zwischen Mai 1900 und Mai 1905 in Wien amtierenden russischen Militärattaché Vladimir Christoforovič Roop kooperierte.96 Letzterer war wahrscheinlich eine Schlüsselfigur im Fall Redl. Hinweise russischer Provenienz sind dahingehend zu interpretieren, dass Roop Redl seinerzeit angeworben hat.97

Als militärischer Sachverständiger im Prozess gegen den nicht nur gegenüber Russen, sondern auch Franzosen und Italienern auskunftsfreudigen österreichischen Beamten wurde jedenfalls Redl herangezogen.98 Der Evidenzbürovizechef und Leiter der Kundschaftsstelle, dem bei seinen Auftritten vor Gericht stets eine bestechende Kompetenz attestiert wurde, bekam es im Fall Kretschmar mit weiteren Verdächtigen zu tun. Strenge Strafen drohten etwa fünf Offizieren des Artilleriezeugdepots. Unter Anklage standen außerdem ein Freund des Spions sowie der Schwiegervater Kretschmars.99

Unangenehm endete die ganze Angelegenheit auch für Oberst Marčenko. Obwohl – sehr zum Ärger des k.u.k. Geheimdienstes – das Außenministerium der Doppelmonarchie eine gegenüber St. Petersburg einzufordernde Entfernung Marčenkos aus Wien zunächst nicht guthieß, musste der russische Oberst am Ende doch seinen Hut nehmen. Als Franz Joseph, den man über die Causa informiert hatte, den zarischen Militärattaché und dessen Frau beim nächsten Hofball ostentativ mied, erregte dies durchaus Aufsehen. Kurze Zeit später verließen Marčenko und seine Gattin, die ob ihrer ausgeprägten Vorliebe für violetten Puder hinter vorgehaltener Hand »Vera Violetta« hieß, die k.k. Hauptstadt.100

Ungeachtet der zweifellos als Erfolg zu betrachtenden Festnahme Kretschmars hinterließ die Affäre im Evidenzbüro einen bitteren Nachgeschmack. Die gesamte Aktion hatte dem ohnehin an chronischem Geldmangel leidenden k.u.k. Geheimdienst 8000 Kronen gekostet. Weiterhin ungelöst blieb obendrein das Problem des eklatanten Informationsdefizits bezüglich der militärischen Planungen der russischen Armee. Diese waren dem österreichisch-ungarischen Generalstab 1910 nicht einmal noch »in den allgemeinen Grundzügen« bekannt. Solche Mängel mussten angesichts der im Romanovimperium vor sich gehenden, groß angelegten Umstrukturierungen im militärischen Sektor umso schwerer ins Gewicht fallen.101

So unrühmlich indessen der Abgang des zarischen Militärdiplomaten aus Wien aus Sicht seiner Gastgeber gewesen sein mag, so wenig schadete die Affäre Marčenkos Karriere in der Heimat. Bis zum Frühjahr 1917, als ihn die nach der Februarrevolution amtierende Provisorische Regierung all seiner Ämter enthob, brachte er es immerhin zum Leiter einer elitären militärischen Lehranstalt.102

Zweifel, Irritationen, Beschuldigungen

Als der Fall Redl drei Jahre später militärintern untersucht wurde, fand man offenbar einen speziellen Umstand für erwähnungswürdig: Der Oberst hatte seine Auftraggeber »in den gleichen Belangen« bedient wie Alfred Kretschmar von Kienbusch. Außerdem erinnerte man sich daran, dass Redl damals als militärischer Sachverständiger ein Gutachten im Prozess gegen den verräterischen Arsenalbeamten abgegeben hatte. Allerdings gab es auch 1913 keine Anhaltspunkte dafür, dass »ein Einverständnis zwischen den beiden« vorhanden gewesen war.103 Die Annahme, Redl könnte gewissermaßen in die Fußstapfen des 1910 verurteilten Spions getreten sein und dessen Arbeitsweise kopiert haben, hat etwas für sich: Sie korrespondiert mit Redls eigenen Aussagen von seiner eher kurzzeitigen Spionagetätigkeit, mit Erklärungen, die er angeblich nach seiner Entlarvung abgegeben hat. Andererseits sind weitere Indizien ins Treffen zu führen, die solche Behauptungen keineswegs stützen.

Obwohl die Militärbehörden im Juni 1913 eine aufgebrachte Öffentlichkeit mit Aussagen zu beruhigen versuchten, wonach Redl erst »in jüngster Zeit« Verrat geübt habe, schenkte derlei Angaben kaum jemand Glauben. Mit Sicherheit bezweifelt wurden solche Darstellungen von Lelio Graf Spannocchi, der 1907 bis 1911 als k.u.k. Militärattaché in St. Petersburg gewirkt hatte. Nach eigenen Schilderungen war Spannocchi dem spionierenden Alfred Redl 1909 beinahe auf die Schliche gekommen. Im Februar dieses Jahres hatte ihn nämlich der britische Militärattaché im Zarenreich, Oberst Guy Wyndham, mit einer alarmierenden Nachricht konfrontiert. Als Spannocchi in einem Gespräch mit dem Kollegen aus dem »Empire« seine Abscheu darüber zum Ausdruck brachte, dass bei ihm ein russischer Gardeoffizier aufgetaucht war, um sich als Spion erbötig zu machen, meinte Wyndham: »Lieber Spannocchi, seien Sie nicht stolz. Ich weiß, dass in Wien ein höherer Generalstabsoffizier ist, der den Russen alles gibt, was sie wünschen.«104 Spannocchi war angesichts solch einer Bemerkung beunruhigt – umso mehr, als der Engländer nähere Auskünfte in dieser Sache verweigerte. Schon wenige Tage später fuhr der k.u.k. Attaché nach Wien und erzählte dem Evidenzbürochef von Wyndhams Aussagen. Hordliczka reagierte verärgert und warf seinem Gegenüber vor, mit derlei »Tatarennachrichten« höchstens Unruhe zu stiften. Der Evidenzbürochef sah offenbar keine Veranlassung, Untersuchungen einzuleiten. Da sich Spannocchi aber entschlossen zeigte, auch den Kriegsminister zu informieren, lenkte Hordliczka ein. Er verwies den Militärattaché ausgerechnet an Alfred Redl, der als Souschef des Evidenzbüros den Meldungen Spannocchis nachgehen sollte. Redl bekam, als er die Schilderungen des Militärattachés vernahm, »einen roten Kopf«, fasste sich aber gleich und versprach, dass »alles geschehen werde, um Licht in diese Angelegenheit hineinzutragen«. Außerdem forderte er Spannocchi auf, Stillschweigen zu bewahren.105

Im darauffolgenden Jahr sah sich der österreichisch-ungarische Militärattaché in Russland in eine unangenehme Spionageaffäre verwickelt. Die Polizei in St. Petersburg hatte einen Mann verhaftet, der angeblich geheimes Material über die Zarenarmee an Spannocchi weitergegeben hatte. Bei dem Agenten handelte es sich um den Baron Eduard Ungern-Sternberg, einen Journalisten, der tatsächlich gegen geringfügige Honorare diverse Informationen im Auftrag der k.u.k. Botschaft beschaffte. Für Spannocchi hatte er Auszüge aus Regierungsvorlagen betreffend das Rekrutenkontingent besorgt. Was der russische Generalstab als geheimes Material einstufte, konnte man nach Aussagen Spannocchis ohne große Anstrengungen erwerben: Die Duma-Abgeordneten ließen die gedruckten Auszüge nach Sitzungsende auf ihren Plätzen im Parlament liegen, um anschließend von den Saaldienern für ein paar Rubel an Interessenten verkauft zu werden. Wenngleich Spannocchi bemüht war, die Bedeutung der Informationen herunterzuspielen, blieb der Skandal nicht aus. Die russischen Zeitungen berichteten ausführlich über die Affäre und die Abberufung des österreichisch-ungarischen Militärattachés schien nur mehr eine Frage weniger Wochen. Nichtsdestoweniger dauerte es dann noch mehrere Monate, bis ein Nachfolger gefunden war.

Spannocchi brachte im Nachhinein alles, was ihm an Unannehmlichkeiten während seiner Zeit in Russland widerfuhr, mit dem Besuch bei Alfred Redl im Februar 1909 in Verbindung. Damals, so gab er sich später überzeugt, hatte der »Jahrhundertspion« ihn als eine Art potenzielles Sicherheitsrisiko erkannt und begonnen, auf seine Entfernung aus Russland hinzuarbeiten. Auch den »Fall Ungern-Sternberg« betrachtete Spannocchi im Lichte einer Redl’schen Verschwörung gegen seine Person, obwohl er die Causa andererseits ganz so betrachtete, wie sie auch im k.u.k. Außenministerium gesehen wurde: Die Russen übten Rache für die erzwungene Abberufung des Militärattachés Marčenko aus Wien. Widersprüchlich erscheint Spannocchis Darstellung auch deshalb, weil er selbst durchaus an einem Weggang aus Russland interessiert gewesen war.106 Als bar jeglicher Grundlage zu bezeichnen sind Annahmen, wonach Redl die Absetzung Marčenkos herbeigeführt habe, um über diesen Umweg auch Spannocchi loszuwerden.107 Obwohl bereits im Mai 1913, kurz nach dem Tod des Obersten, das Berliner Tageblatt Nachrichten aus St. Petersburg kolportierte, denen zufolge Ungern-Sternberg im Dienste Redls gestanden sei und Spannocchi auf dessen Befehl zu Fall gebracht habe, müssen solche Meldungen als spekulativ eingestuft werden.108 Realiter verfügten die russischen Zeitungen kaum über verlässliche Informationen. Anhaltspunkte fehlen außerdem für die Behauptung Spannocchis, der in seinem Gespräch mit dem englischen Kollegen Wyndham erwähnte russische Gardeoffizier, der ihm seine Dienste angetragen habe, sei von Alfred Redl verraten, dann im Zarenreich verhaftet und anschließend gehenkt worden. Dass Redl hierfür »eine namhafte Prämie« kassierte, bleibt nicht mehr als eine gewagte Schlussfolgerung.109 Im Übrigen erwartete entgegen der in zahlreichen Redl-Büchern geäußerten Behauptung Spione in Russland keineswegs die Todesstrafe. Erst 1912 wurde die Höchststrafe für »Ausspähung« von acht auf 15 Jahre Kerker beziehungsweise Zwangsarbeit erhöht.110

Eine Korrektur ist auch in anderer Hinsicht angebracht: Während Lelio Graf Spannocchi Alfred Redl für die »Affäre Ungern-Sternberg« verantwortlich machte, verweisen russische Historiker vielmehr auf die diesbezüglichen Anstrengungen eines russischen Geheimdienstmannes. Demnach war es der Spionageexperte und Generalstabsoffizier Vladimir Nikolaevič Lavrov, der auf diese Weise den k.u.k. Militärattaché in St. Petersburg zur Strecke brachte. Dem findigen Agenten, der anfangs für die sogenannte Ochrana, die hauptsächlich gegen Oppositionelle unter den eigenen Staatsbürgern vorgehende Geheimpolizei des Zarenreiches, tätig gewesen war und ab 1903 zum Leiter einer speziellen »Spionageabteilung« im Rahmen des russischen Generalstabs aufstieg, heftete der Zar für diese Aktion angeblich sogar einen Orden an die Brust.111

Rätselhaft bleiben Hinweise, wonach auch Albert Freiherr von Margutti, der Flügeladjutant Franz Josephs, von einem fremden Militärattaché vor Redl gewarnt worden sei. Ins Vertrauen gezogen wurden seinerzeit möglicherweise auch Eduard Graf Paar, Generaladjutant des Kaisers, Artur von Bolfras, Chef der Militärkanzlei »Seiner Majestät«, Franz Conrad von Hötzendorf und wiederum Eugen Hordliczka. Weitere Erhebungen unterblieben, weil der Evidenzbürochef »die Anklage für unmöglich« hielt.112 Ausgangspunkt der Verdächtigungen war offenbar eine entsprechende Mitteilung des chilenischen Militärattachés gewesen, die er entsprechend den Ausführungen des Historikers Diether Degreif 1908 oder 1909 an die österreichischen Kollegen herantrug. Der Südamerikaner bezog sich dabei auf die Andeutungen eines russischen Botschaftsrats.113 Letzterer hatte Zweifel an der »Rechtschaffenheit Redls« ausgedrückt.114 Von Spionage war offenbar nicht die Rede. Die Aussagen des Diplomaten aus dem Zarenreich über Charakter beziehungsweise Lebenswandel des k.u.k. Geheimdienstoffiziers sind in jedem Fall in verschiedene Richtungen zu interpretieren. Eine konkrete Warnung in Hinblick auf die »Verrätereien« des Generalstabsoffiziers ist daraus aber schwerlich abzuleiten. Nichtsdestoweniger behauptete Margutti in seinen Erinnerungen über den »alten Kaiser«, dass man Franz Joseph im Mai 1913 die Geschichte von der versäumten Gelegenheit, den Verräter schon eher zur Strecke zu bringen, nicht vorenthalten hatte.115 Den Umstand, dass er gemeinsam mit Redl die Kriegsschule besucht hatte, hing Margutti später – salopp ausgedrückt – nicht an die große Glocke.116

Maximilian Ronge wurden Informationen über eine womöglich zweite ungenützte Chance zur frühzeitigen Entlarvung Alfred Redls erst im Jahr 1930 zugetragen. Erzählt hatte sie ihm Feldmarschallleutnant Alexander Kuchinka.117 Ob Ronge dessen Angaben für zuverlässig hielt oder nicht, ist seinen diesbezüglichen Notizen nicht zu entnehmen.

Davon abgesehen darf man aufgrund der Dokumente zum Fall Redl, die von uns in den relevanten Archiven in Moskau, Paris und London eingesehen wurden, annehmen, dass die Auftraggeber des »Meisterspions« die Identität ihres wertvollen Zulieferers nicht kannten. Wenn also vor einem Spion im Generalstab der Habsburgerarmee gewarnt wurde, dann dürften sich die solcherart geäußerten Verdächtigungen kaum auf konkrete Personen bezogen haben.

»Entdeckungen« im Rückblick

Schon geraume Zeit vor Redls Entlarvung wollte im Übrigen auch Hans Seeliger dunkle Seiten des Generalstabsoffiziers erkannt haben. 1933, 20 Jahre nach dem Selbstmord des »Jahrhundertspions«, erschien im Neuen Wiener Journal ein Artikel des ehemaligen k.u.k. Offiziers, der 1904 mit Redl im Rahmen eines Spionageprozesses als Auditor, d. h. Militärjustizbeamter, zusammengearbeitet hatte. Damals standen zwei Komplizen eines Oberstleutnant Sigmund Hekajlo, vormals Justizreferent in Lemberg, vor Gericht. Hekajlo hatte geheime Armeeakten an die Russen geliefert – unter anderem Mobilisierungsinstruktionen für die k.k Landwehr. Dem Offizier, der zunächst nach Brasilien geflohen war, konnte erst nach seiner Auslieferung an die k.u.k. Behörden der Prozess gemacht werden.118 Seine Komplizen zog man schon früher zur Verantwortung, wobei einer von ihnen, Major Ferdinand Ritter von Więckowski, erst nach einer Hausdurchsuchung mit Sicherheit als Mitschuldiger feststand. Das Verdienst, die belastenden Dokumente entdeckt zu haben, kam Alfred Redl zu. Allerdings fand Seeliger die Art, wie Redl dies bewerkstelligte, »widerwärtig«: Der damalige Hauptmann stieß auf ein Geheimfach im Schreibtisch Więckowskis nämlich erst nach einem Hinweis von dessen ahnungsloser kleiner Tochter, die er zuvor auf geschickte Art und Weise zum Verrat am Vater gedrängt hatte. Im Film Oberst Redl, der 1925 in den österreichischen Kinos lief, sind jene Szenen, in denen ein süßlicher Redl als vermeintlich »guter Onkel« das Mädchen dazu bringt, das Versteck preiszugeben, besonders einprägsam.

Zweifel an der Redlichkeit des Spionagesachverständigen aus dem Evidenzbüro befielen Hans Seeliger überdies auch, als er im Zuge der Verhöre mit Więckowski und dem zweiten Hekajlo-Komplizen, Alexander Acht, eine merkwürdige Veränderung in Redls Verhalten beobachtete. Plötzlich schien Hauptmann Redl von der Unschuld Więckowskis überzeugt zu sein. Dabei hatte er zuvor von einem ominösen Agenten in Warschau, der für die Donaumonarchie arbeitete, gesprochen und sich erbötig gemacht, gleichsam über diese Verbindung Beweise betreffend die Schuld Więckowskis herbeizuschaffen. Bedenklich stimmte Redls Strategie im Umgang mit dem Angeklagten nun auch den Chef Seeligers, Major-Auditor Wilhelm Haberditz. Als der aber bei Eugen Hordliczka vorsprach, um einigermaßen besorgt auf Redls unerklärlichen Sinneswandel hinzuweisen, blitzte er ab. Der Evidenzbürochef sah keine Veranlassung, Redl von dem Fall abzuziehen, und betonte vielmehr dessen Verdienste. Immerhin war es der Hauptmann selbst gewesen, der den spionierenden Justizreferenten überführt hatte.119

Die Vermutungen Hans Seeligers, Redls Verhalten in der Causa Hekajlo sei womöglich bereits als Indiz für dessen frühe Spionagetätigkeit zu werten, verfestigen sich in den Darstellungen seines Bruders, Emil, zur Gewissheit: Redl benützte den Fall, um den eigenen Verrat militärischer Geheimnisse den damals Angeklagten in die Schuhe zu schieben. In seinem 1939 erschienenen Buch Hotel Sacher. Weltgeschichte beim Souper ging Emil Seeliger freilich nur kurz auf die Hekajlo-Affäre ein.120 Jahre zuvor hatte er sich bereits ausführlicher mit Redls Rolle in diesem Fall auseinandergesetzt. Emil Seeliger verfasste um 1920 gemeinsam mit Hans Otto Löwenstein die Schrift Oberst Redl – der Spion.121 Das Buch ist in Sachen Redl-Mythen eines der vielen Beispiele für die Vermischung von Augenzeugenberichten mit authentischem Aktenmaterial, verschiedenen Zeitungsberichten und Fantasiekonstrukten aus eigener Produktion. Dasselbe gilt wiederum für den Film Oberst Redl aus dem Jahr 1925, für den interessanterweise Hans Seeliger selbst das Drehbuch beisteuerte.122

Auch der »rasende Reporter«, Egon Erwin Kisch, griff in seinen Darlegungen zum Fall Redl den Prozess »Hekajlo-Wiçckowski-Acht« auf. Dass der »Meisterspion« damals in der Causa einen überraschenden Schwenk vollzog und Więckowski auf einmal für unschuldig hielt, erklärte sich Kisch folgendermaßen: Redls russische Auftraggeber waren der Ansicht, Więckowski sei als k.u.k. Offizier auch weiterhin als Informant zu nützlich, um verurteilt zu werden. Sie beauftragten Redl daher, alles für dessen Freilassung zu tun.123

In den erhalten gebliebenen Akten des Evidenzbüros findet sich nichts, was auf eine Redl’sche Verschwörung im Fall Hekajlo hindeutet. Auch in ihren nach dem Weltkrieg entstandenen Schriften messen August Urbański oder Maximilian Ronge dieser Affäre keinerlei Bedeutung im Zusammenhang mit der Redl-Affäre bei. Keine Anhaltspunkte für eine Verbindung zwischen Acht und Redl ergeben sich außerdem aus der Lektüre der Erhebungsakten zum Selbstmord des »Meisterspions« im Mai 1913. Auch die Urteilsschrift betreffend den Fall Hekajlo-Więckowski, die im Juni 1905 aufgesetzt wurde, erscheint schlüssig. Tatsache ist aber, dass Major Ferdinand Ritter von Więckowski, der unter anderem wegen Missbrauch der »Amts- oder Dienstgewalt« angeklagt worden war, sich nur teilweise geständig zeigte, während Hauptmann Alexander Acht in dieser Hinsicht auf Einschränkungen verzichtete. Sowohl Więckowski als auch Acht arbeiteten offenbar in erster Linie als Zuträger für Sigmund Hekajlo, wobei jedoch fraglich erschien, ob sie sich der »dunklen Geschäfte« des Oberstleutnants in vollem Umfang bewusst gewesen waren. In jedem Fall verurteilte man Więckowski, der Vater von vier »unversorgten« Kindern war, zu sieben Jahren Kerker, »verschärft durch Einzelhaft im 1., 5. und 9. Monate eines jeden Strafjahrs«. Alexander Acht wanderte zu denselben Haftbedingungen für vier Jahre hinter Gitter. Das Haupt der »Bande«, Sigmund Hekajlo, musste acht Jahre absitzen, kam aber gegen die Bedenken des Generalstabschefs »mit allerhöchster Entschliessung gnadenhalber« zwei Jahre früher frei. Interessanterweise war der Major-Auditor Haberditz 1905, als der Richterspruch gegen Alexander Acht und Ferdinand Ritter von Więckowski erfolgte, davon überzeugt gewesen, dass Letzterer Acht verführt habe. Der Hauptmann sei ein »kränklicher und willensschwacher Mann«, ohne dessen Geständnis man weder ihn noch seinen Vorgesetzten, den Major Więckowski, überführen hätte können.124

Ähnlich abenteuerlich aufbereitet wie im Redl-Film aus dem Jahr 1925 ist der Fall Hekajlo-Więckowski-Acht in einem Bericht des Oberleutnants der Feldgendarmerie a. D., Ferdinand Szüch, der im Magazin Moment erschien. Dieser undatierte Artikel fand sich im Nachlass von Maximilian Ronge, und zwar in seiner Sammlung von Zeitungsausschnitten. Den Ausführungen Szüchs zufolge war Acht ein Komplize Alfred Redls gewesen. Damit nicht genug, hatte Letzterer dem unschuldigen Więckowski das belastende Material untergeschoben, worauf sich dieser – so die weitere Darstellung – in seiner Zelle das Leben nahm. Als schließlich Hans Seeliger Verdacht geschöpft und anhand der Aussagen von Więckowskis Dienstmädchen und Tochter den Versuch unternommen habe, Redls Machenschaften auffliegen zu lassen, seien sämtliche Kronzeugen spurlos verschwunden. Der Autor des Artikels gibt seinen Leserinnen und Lesern abschließend zu verstehen, dass angesichts der Skrupellosigkeit der Spione Redl und Acht das Schlimmste, insbesondere für Leib und Leben des kleinen Mädchens, zu befürchten sei.125

Bereits kurz nach Redls Enttarnung konnte man in diversen Zeitungen verschiedenste Versionen über den Beginn der Spionagetätigkeit des Obersten nachlesen. Die Leserschaft von Danzer’s Armee-Zeitung erfuhr überdies, dass schon zehn Jahre zuvor Zweifel an der Integrität des hohen Offiziers berechtigt gewesen wären. Infolge der »Blindheit« des militärischen Systems, das in erster Linie rücksichtslose »Ehrgeizlinge« produziere, habe man es aber verabsäumt, genauer hinzusehen: »Der Mensch im Offizier wird nicht selten zur Nebensache. Wäre der Mensch Redl, über dessen charakterelle Krummheit schon im Prozeß Bartmann allerlei aufschwirrte, schärfer unter die Lupe genommen worden, der Spion Redl hätte unbedingt früher sein Ende gefunden als heute.«126

Auch 1957 wurde in einem Artikel in der Neuen Illustrierten Wochenschau der Fall Bartmann zum Anlass genommen, um auf das angeblich bereits 1903 auffällige Verhalten Redls hinzuweisen.127 Genauere Auskünfte in dieser Sache blieb der Autor des Artikels aber schuldig – nicht anders als schon Danzer’s Armee-Zeitung 1913. In jedem Fall handelte es sich bei Paul Bartmann um einen ehemaligen Offizier, der bereits 1897 wegen seiner Spionagetätigkeit für die in Wien residierenden russischen Militärattachés Zuev und Voronin verhaftet worden war. Nachdem er eine fünfjährige Haftstrafe abgesessen hatte, widmete er sich auch hinkünftig der Weitergabe militärischer Informationen an Russland.128 Wieder wurde Bartmann verurteilt und bekam es während eines Gerichtsverfahrens im Jahr 1903 mit dem militärischen Sachverständigen Alfred Redl zu tun.129 Gemäß den Meldungen des Neuen Wiener Tagblatts vom 31. Mai 1913 soll Bartmann damals seinen Anwalt auf die Charakterdeformationen Redls aufmerksam gemacht haben. Der »Berufsspion«, wie Max Ronge ihn später bezeichnete, behauptete sinngemäß, die Verderbtheit des Offiziers frühzeitig erkannt zu haben.130

In Anbetracht der Gewissheit, dass der Oberst zum Spion geworden war, rollte die Presse im Mai und Juni 1913 alle Gerichtsprozesse, bei denen Redl Sachverständiger gewesen war, noch einmal auf. Egal, ob der Fall Bartmann aus dem Jahr 1903, die Verhandlung gegen den ehemaligen Offizier Alexander von Carina 1902 oder die 1905 durchgeführten Untersuchungen gegen Pietro Contin zur Sprache kamen – im Nachhinein erschien die Rolle Redls in jedem dieser Spionageverfahren verdächtig und seine Gutachten galten mit einem Mal samt und sonders als höchst zweifelhaft.131

Russische Konkurrenten

Zusätzliche Hinweise darauf, dass Alfred Redl schon viele Jahre vor seiner Entlarvung im Mai 1913 zum Verräter geworden war, scheint die Spionageaffäre Grimm zu liefern.

Obwohl mittlerweile viele divergierende Versionen über die Causa vorliegen, sind immerhin die Beziehungen, die dieser russische Offizier zum damaligen österreichisch-ungarischen Militärattaché in St. Petersburg, Erwin Müller, unterhielt, aktenkundig.132 Nachweisbar ist demnach, dass Müller, einer von Spannocchis Vorgängern, nach der 1902 erfolgten Entlarvung Grimms durch den russischen Geheimdienst schwerstens kompromittiert war und sein Gastland verlassen musste. Darüber hinaus hatte der Fall Grimm enorme Bedeutung für die Entwicklung einer bei der russischen Armeeführung fix verankerten Spionageabteilung. Der in seiner Tragweite als durchaus schwerwiegend einzustufende Verrat des russischen Offiziers bewog den damaligen Kriegsminister Aleksej Nikolaevič Kuropatkin, dem Zaren Nikolaj II. die Notwendigkeit der Schaffung einer »besonderen Spionageabteilung« zu unterbreiten.133

Obwohl Max Ronge in seinem Buch Kriegs- und Industriespionage lediglich die Kontakte zwischen dem Oberstleutnant Grimm und dem deutschen Geheimdienst erwähnte, bestanden solche ohne Zweifel auch zum Evidenzbüro.134 Anatolij Nikolaevič Grimm, der seinen Dienst in der Inspektionsabteilung des Warschauer Militärkreises versah und im Zuge seiner Agententätigkeit den Österreichern auch den russischen Mobilisierungsplan verkaufte, kam offenbar mindestens zweimal persönlich nach Wien. Dort dürfte er vor allem mit dem altgedienten Evidenzbüro-Offizier Julian Dzikovskij zu tun gehabt haben, den Max Ronge als seinen »verehrten Instrukteur« schätzte.135 Außerdem setzte Grimm seine Geliebte, Serafima Bergstrem, als Botin ein. Auch sie reiste eigens in die k.k. Hauptstadt, um das brisante Material aus Russland an die Nachrichtendienstoffiziere des Evidenzbüros zu übergeben. Diese fertigten Fotografien von den gelieferten Dokumenten an und händigten die Originale anschließend wieder der Russin aus. Irrtümlich verblieb in diesen Originalakten ein Foto Bergstrems, das die Geheimdienstoffiziere auf ihren Wunsch hin angefertigt hatten. Anderen Darstellungen zufolge handelte es sich um ein Bild, das ursprünglich zur Identifizierung der Botin gedient hatte. Da nun Grimm, als er nach Serafimas Rückkehr die »entliehenen« Akten zurückreihte, das Foto nicht auffiel, blieb es bei den betreffenden Dokumenten liegen und brachte den Geheimdienst in weiterer Folge auf die Spur des Verräters.

Eine weitere Variante besagt allerdings, dass es dem damaligen russischen Militärattaché in Österreich-Ungarn, Vladimir Christoforovič Roop, gelang, Grimm das Handwerk zu legen. Demnach war er in den Besitz des Fotos gekommen und hatte so der Razvedka in Russland die entscheidenden Hinweise zur Entlarvung des Spions und seiner Komplizin liefern können. Andere behaupten, er wäre bereits aufgrund seiner Erkundungen in Wien auf den Namen der beiden Verräter gestoßen. Wie aber der Militärattaché zu dem Foto Serafima Bergstrems und zu den geheimen Informationen aus dem Evidenzbüro kam, bleibt offen. Einige russische Historiker, Geheimdienstexperten beziehungsweise Autoren einschlägiger Bücher vermuten nun, dass nur einer Roop die betreffenden Dokumente zugespielt haben kann: Alfred Redl.136 Dafür gibt es allerdings keine Belege. Es gibt sie aber in Zusammenhang mit einer anderen möglichen Quelle, die Roop zu einer Reihe streng geheimer Informationen verholfen hatte. So deutete der Militärattaché in seinen Berichten nach St. Petersburg an, dass er in Wien immer wieder Zugang zu höchst brisanten Materialien aus dem Kriegsministerium und dem Generalstab bekomme, diese aber nur für ganz kurze Zeit benützen respektive auswerten könne.137 Aller Wahrscheinlichkeit nach war es nicht Redl, der Roop zuarbeitete, sondern ein anderer Informant der Russen.

Folgt man den Aufzeichnungen Urbańskis, dann war Roop ein überaus einfallsreicher Zeitgenosse. Als nämlich das Kriegsministerium in Wien aus Platzmangel weitere Kanzleiräume außerhalb des Hauptgebäudes anmietete, kam der russische Militärattaché auf eine Idee. Da in jenem Haus, in dem die Abteilung für Befestigungsbauten untergebracht wurde, noch Räumlichkeiten frei waren, mietete er dort unter falschem Namen ein Zimmer. Darüber hinaus gelang es ihm, einen Kanzleidiener zu bestechen, der »reservate« Akten, also geheime beziehungsweise nur für den Amtsgebrauch vorgesehene Dokumente, zwischen den einzelnen Abteilungen hin- und hertrug. Freilich blieb Roop, der in seinem Zimmer auf die ungewöhnlichen »Lieferungen« wartete, nur wenig Zeit, die betreffenden Materialien einzusehen, da sie ja der Diener möglichst rasch weitertransportieren musste, um nicht aufzufallen. Laut Urbański dauerte es Monate, bis man durch Zufall bemerkte, was der Amtsdiener im Zuge seiner Rundgänge so alles trieb. In seinen späteren Aufzeichnungen brachte er Roops Weggang aus Wien im Jahr 1905 überdies mit dieser Geschichte in Verbindung.138 Da aber die russischen Akten auf ein sehr viel früheres Arrangement zwischen dem russischen Militärattaché und dem Armeediener verweisen, könnte die diesbezügliche Zusammenarbeit der beiden über mehrere Jahre gelaufen sein.139

Obwohl man annehmen kann, dass Roop mit Hilfe des bestochenen Amtsdieners in den Besitz des Fotos von Serafima Bergstrem beziehungsweise diverser Mitteilungen über den Fall Grimm kam, gibt es auch eine Verbindung zwischen Redl und dem russischen Offizier. In den Akten des Militärhistorischen Archivs in Moskau fanden sich nämlich handschriftliche Notizen, wonach Redl in Kontakt mit Grimm gestanden war und über eine Mittelsperson geheime Dokumente und Pläne entgegengenommen hatte.140 Außerdem war der sprachkundige Offizier des Evidenzbüros angeblich auch für die Übersetzung der Grimm’schen Materialien herangezogen worden.141 Diese Behauptung lässt sich freilich nicht eindeutig mit den diesbezüglichen Äußerungen von Maximilian Csicserics von Bacsány belegen. Csicserics, der selbst Geheimdienstoffizier gewesen war, berichtete lediglich davon, dass für das Kopieren und Übersetzen der Grimm’schen Dokumente »alle in Wien anwesenden, russisch sprechenden Offiziere« rekrutiert wurden.142 Ob Redl dazu gehörte, muss offenbleiben. Wie auch immer: Die Grimm’schen Materialien entgegengenommen, übersetzt oder »weiterverwertet« zu haben, setzt ihn jedenfalls nicht dem Verdacht aus, damals bereits ein russischer Spion gewesen zu sein.

Eine ähnlich vage Verbindung wie zwischen Redl und Grimm, der für die »Lieferung« von Informationen über russische Festungsbauten und Mobilisierungsmaßnahmen 40.000 Kronen kassierte143, gibt es überdies zwischen Roop und Redl. Letzterer ermittelte 1902, also zur selben Zeit, als Anatolij Nikolaevič Grimm in Russland verhaftet wurde, im Spionagefall Umberto Diminich. Der Italiener hatte Schiffspläne der österreichisch-ungarischen Marinesektion an den russischen Militärattaché in Wien verkauft. Redl wurde damals eigens nach Triest geschickt, um Ermittlungen anzustellen. Roops Name sollte infolge diplomatischer Erwägungen auf Ersuchen des k.u.k. Außenministeriums nicht in Zusammenhang mit dem Fall Diminich erwähnt werden.144

FAKTEN UND FIKTIONEN

»… Was daran wahr oder romanhaft ausgesponnen ist, ist uns nicht bekannt …«

»1902! Das Geburtsjahr meiner militärischen Verbrecherlaufbahn, die mich allmählich zum größten Vaterlandsverräter aller Zeiten gemacht hat! Mich zum Schänder der Ehre jener Armee, die ich über alles geliebt habe, die mein Stolz, meine Liebe, mein Heiligtum gewesen, für das ich in meinem Herzen Altäre gebaut hatte und dem jeder meiner Gedanken gehörte.«145

Oberst Redl hatte, seinen Untergang ahnend, die Geschichte seines Verrates niedergeschrieben und in einem Safe der Länderbank hinterlegt. Ein nicht näher bezeichneter Freund wurde beauftragt, diese Aufzeichnungen im Falle von Redls Ableben zu veröffentlichen.146 Der solcherart Instruierte zögerte nicht lange, nahm die Schrift an sich und fand in Deutschland einen Verlag, der den Text unter dem Titel Die Beichte des Spions wenige Wochen nach Redls Selbstmord druckte. Die Ausführungen des Obersten lassen keine Fragen mehr offen. Der Beginn von Redls Verrat ist demnach geklärt. Dasselbe gilt für seine Motive sowie für alle anderen Rätsel, die sich im Zusammenhang mit den Verfehlungen des hohen k.u.k. Offiziers aufgetan hatten.

Während dieser weitgehend unbekannte Roman über die Affäre Redl, der tatsächlich nur kurze Zeit nach dem Selbstmord des Obersten erschien, die Legendenproduktion rund um die Figur des »Meisterspions« kaum beeinflussen konnte, haben andere Bücher mehr Wirkung erzielt.147 Die diesbezüglichen Schriften Egon Erwin Kischs sind hier ebenso zu nennen wie Robert Aspreys Roman The Panther’s Feast oder Egor Ivanovs erstes Buch einer dreiteiligen »Roman-Chronik« mit dem Titel Ein leiser Schuss.148 Selbiges gilt freilich auch für das von Georg Markus verfasste Sachbuch Der Fall Redl, das 1984 erschien, und für die Bücher von Arthur Schütz alias Tristan Busch. Im Unterschied zu den vielen anderen Stücken, Romanen oder Filmen, die sich bis heute mit der Causa auseinandersetzen, enthalten die Texte der genannten Autoren – beabsichtigt oder nicht – Schilderungen, die zumindest teilweise den Anspruch auf Authentizität erheben.

Egon Erwin Kisch, der gewissermaßen als »der Aufdecker« des »Jahrhundertskandals« gilt und 1913 als Journalist der Zeitung Bohemia in Prag tätig gewesen war, handelte die »Story« später in verschiedenen Textversionen ab. Zentrale Bedeutung kommt in allen diesen Publikationen den Umständen zu, die Kisch dazu verhalfen, die Geschichte an die Öffentlichkeit zu bringen. Gerade diese aber sind es, die bei genauerer Betrachtung leise Zweifel an der Glaubwürdigkeit des »rasenden Reporters« nähren. Fraglich ist überdies, ob tatsächlich die Bohemia zuerst den Verdacht äußerte, Oberst Redl habe infolge seiner Überführung als Spion Hand an sich gelegt. Obwohl eine solche Meldung ob der Reputation und Stellung Redls geradezu abenteuerlich wirken musste und ein Einschreiten der Behörden zu befürchten war, beschloss damals die Redaktion der Bohemia die Konfiskation zu riskieren und im Einvernehmen mit Kisch die schier unglaubliche Nachricht in Form eines Dementis zu drucken. Wann genau das geschah, ließ Kisch offen. Seinen Darstellungen aber ist zu entnehmen, dass die Meldung noch am Montag, dem 26. Mai, veröffentlicht wurde.149 In »Fettdruck an der Spitze des Blattes« war demnach zu lesen, dass von »hoher Stelle« kursierenden Gerüchten über die Verwicklung des verstorbenen Oberst Redl in eine Spionageaffäre widersprochen werde.150 In einer anderen Version der »Redl-Geschichte«, die Kisch später publizierte, ist der diesbezügliche Text etwas anders wiedergegeben.151 So oder so, jetzt wussten also alle: Der Generalstabschef des 8. Korps in Prag hatte sich womöglich der Spionage schuldig gemacht. Die Bemühungen der Militärs waren umsonst gewesen, die Affäre ließ sich nun nicht mehr vollständig vertuschen.

Wer die Ausgaben der Bohemia vom Mai 1913 durchblättert, wird bemerken, dass die erste Meldung über Redls Spionagetätigkeit in der Abendnummer des 27. erschien – nicht »an der Spitze des Blattes« und »in Fettdruck«, sondern auf Seite 2.152 Der entsprechende Text, den Kisch in seinen späteren Veröffentlichungen zitierte, stimmt im Übrigen nicht mit dem überein, was tatsächlich in der Bohemia stand. Am selben Tag, also ebenfalls am 27. Mai, platzierte überdies Die Zeit in Wien, die im Rufe stand, eine »Offizierszeitung« zu sein, eine ähnliche Nachricht wie die Bohemia. Auf Seite 5 erfuhren demnach auch die Leserinnen und Leser dieses Blattes von einem möglichen Zusammenhang zwischen dem Selbstmord Redls und einer Spionageaffäre, wobei auf die Haltung der Militärbehörden folgendermaßen hingewiesen wurde: »An offizieller Stelle beobachtet man große Reserve und gibt keine nähere Auskunft über die Richtigkeit dieser Gerüchte.«153

Dass in der k.k. Hauptstadt bereits am 26. Mai allerlei Vermutungen über die Hintergründe von Redls »Freitod« angestellt wurden, legt darüber hinaus die Berichterstattung des Neuen Wiener Tagblatts nahe. Die Todesnachricht wurde gemäß den offiziellen Verlautbarungen bekannt gegeben. Da Suizidfälle in der Regel als Folge von psychischer Verwirrtheit dargestellt wurden, hieß es auch hier, dass einer »der tüchtigsten und verwendbarsten Offiziere des Generalstabes« in einem »Anfalle von Geistesstörung« Hand an sich gelegt hatte. Die Gründe hierfür seien in seinem Arbeitseifer zu suchen, der zu Überanstrengung und schließlich zu nervlicher Zerrüttung geführt habe. Dann aber verrät ein Nachsatz zu dieser Meldung, dass das Blatt bereits Nachforschungen angestellt hatte, die auf eventuelle andere Motive für Redls Selbstmord verwiesen. So ließ man die Leserinnen und Leser wissen, dass bei Redl 3000 Kronen Bargeld gefunden worden waren.154 Diese Bemerkung konnte man als Ausdruck von Zweifel an der offiziellen Darstellung über das Ableben des Generalstabsobersten deuten.155

Ungeachtet dessen verbuchte Kisch in den erwähnten verschiedenen Publikationen zum Fall Redl die Aufdeckung des Skandals offensichtlich als alleiniges Verdienst. Die nachfolgenden Ausführungen geben dann über weite Strecken den Informationsstand der Presse im Mai beziehungsweise Juni 1913 wieder. Damals aber wurden in Anbetracht des anfänglichen Unwillens der Militärbehörden, mit brauchbaren Informationen aufzuwarten, Unstimmigkeiten in der Berichterstattung mitunter zurechtgebogen oder fehlende Rechercheergebnisse durch vage Vermutungen ersetzt. Immerhin gestand damals beispielsweise das Neue Wiener Tagblatt in Anbetracht der Fülle widersprüchlicher Meldungen zum Fall Redl ein: »Was daran wahr oder romanhaft ausgesponnen ist, ist uns nicht bekannt.«156

Für seine erstmals 1924 in Buchform erschienenen Darstellungen des Spionagefalls interviewte Kisch einige Personen, die 1913 in die Untersuchung des Falls involviert gewesen waren – unter anderen den damaligen Chef des Evidenzbüros August Urbański. Dieser allerdings zeigte sich wenig erfreut über Kischs Veröffentlichungen und sprach von groben Verzerrungen dessen, was er dem »rasenden Reporter« tatsächlich erzählt hatte.157 Von anderen, die Kisch Auskünfte erteilt haben, wie etwa Wenzel Vorliček, der als Militär-Auditor maßgeblich in die Untersuchung des Falles Redl involviert gewesen war, wissen wir nicht, wie sie zu Kischs Publikationen über die Spionageaffäre gestanden sind. Ohne Zweifel aber hatte der »rasende Reporter« Zugang zu authentischem Material, das ihm ehemals »Eingeweihte« zur Verfügung gestellt haben müssen. Nicht zu leugnen ist jedoch, dass er diese Informationen einigermaßen »kreativ« aufbereitete.

Alles in allem stellen sich Kischs Enthüllungen als eine Quelle dar, der keinesfalls vorbehaltlos vertraut werden kann. Mehrfach belegten Schilderungen und offenbar akribisch recherchierten Informationen, die mit den Ergebnissen der militärinternen Untersuchungen weitgehend übereinstimmen, folgen romanhafte Szenen, Ungenauigkeiten oder zweifelhafte Interpretationen. Nichtsdestoweniger erwiesen sich Kischs Schriften als prägend für die spätere Wahrnehmung des Skandals rund um den »Jahrhundertspion«. Seine Version des Falls floss als unhinterfragte »Wahrheit« in unzählige populäre, aber auch anspruchsvollere Publikationen über den Redl-Skandal ein.

Während beispielsweise Maximilian Ronge mit seinen nach dem Ersten Weltkrieg erschienenen Büchern eher ein Fachpublikum ansprach, rief der Erfolg vermeintlich authentischer Erzählungen tatsächlicher oder selbst ernannter Spione sowie diverser Agenten-romane Kopfschütteln bei vielen ehemaligen Geheimdienstexperten hervor. Deren um »Faktizität« bemühte Aufzeichnungen wiederum dienten vielen Schriftstellern als Inspiration. Der amerikanische Schriftsteller Robert Asprey, der in den 1950er Jahren nach Wien kam, um Recherchen für seinen geplanten Redl-Roman anzustellen, begnügte sich allerdings nicht mit der Durchsicht entsprechender Veröffentlichungen. In diesen wurde der Spionageskandal überdies meist nur kurz erwähnt. So sind etwa Maximilian Ronges diesbezügliche Ausführungen in seinem Buch Kriegs- und Industriespionage erstaunlich knapp gehalten. Asprey aber ließ sich davon nicht irritieren. Er folgte nun, wie er im Nachwort zu seinem 1959 erschienenen Roman The Panther’s Feast schreibt, Dutzenden falschen Spuren.158 Trotzdem gelang es dem ehemaligen Geheimdienstoffizier der US-Armee, eine bemerkenswerte Menge an Informationen über Alfred Redl zusammenzutragen. Seine Recherchen führten ihn unter anderem ins Wiener Kriegsarchiv, wo er verschiedene Akten betreffend den Werdegang Redls sowie den Skandal 1913 einsehen konnte. Er listete die entsprechenden Dokumente im Anhang seines Buches auf, um auf diese Weise die Gewissenhaftigkeit seiner »Ermittlungen« unter Beweis zu stellen. Außerdem trat er mit einer Vielzahl von Personen in Kontakt, die etwas zur Affäre rund um den Generalstabsobersten Redl zu sagen hatten.

Dass einige Geld für ihre Informationen verlangten, passt zu einem Fall, in dem nicht nur die Käuflichkeit des Verräters Erstaunen hervorrief. Freilich dürften Asprey mehr »Unberufene« als »Berufene« Auskunft gegeben haben. Nichtsdestoweniger ist dessen Rechercheaufwand insgesamt Respekt zu zollen. Als bedauerlich muss aus dem Blickwinkel des Historikers allerdings der Umstand erachtet werden, dass die Art der Aufbereitung seiner Nachforschungen der Belletristik zuzuordnen ist. Sperrige Dialoge trüben überdies das Lesevergnügen, und Figuren namens Arthur Schnitzel wirken unfreiwillig komisch. Wieder vermischten sich Fakten mit Fiktion, Authentisches mit Fragwürdigem, belegbare Zitate mit dubiosen Aussagen und schließlich mit den »künstlerischen Freiheiten« des Romanschriftstellers.

Auch andere Autoren empfanden den Fall Redl als Faszinosum und als Stoff, der sich geradezu als ideale Vorlage für einen Roman eignete. Als schließlich der russische Autor Egor Ivanov in den 1970er Jahren daranging, den ersten Teil einer Trilogie über das zarische Russland am Vorabend des Ersten Weltkrieges zu Papier zu bringen, tat er dies anhand der Figur Alfred Redl und dessen Spionagetätigkeit für das Zarenreich. Den russischen Helden des Romans Ein leiser Schuss, Oberst Aleksej Sokolov, kreierte Ivanov auf Grundlage der Memoiren von zwei ehemaligen Spionagegrößen im untergegangenen Zarenreich: Aleksej Alekseevič Ignat'ev, der vor dem Ersten Weltkrieg als Militärattaché in Skandinavien und Paris gewirkt hatte, sowie Aleksandr Aleksandrovič Samojlo, ein General der sowjetischen Armee, der zum Zeitpunkt des Redl-Skandals das für Österreich-Ungarn zuständige Ressort im russischen Generalstab geleitet und zuvor in der Spionageabteilung des Kiewer Militärkreises gearbeitet hatte. Ivanov, der den Leserinnen und Lesern im Nachwort zu Ein leiser Schuss seine Arbeitsweise erklärte und auf die Vielzahl von Dokumenten, Zeitschriftenartikeln, Memoiren und anderen Materialien hinwies, die er für sein Buch herangezogen hatte, benutzte außerdem mit Sicherheit Maximilian Ronges Werk Kriegsund Industriespionage. Das Buch des ehemaligen Leiters der Kundschaftsstelle im k.u.k. Evidenzbüro, der 1917 zum Chef des gesamten militärischen Geheimdienstes der k.u.k. Armee bestellt wurde, war bereits in den 1930er Jahren ins Russische übersetzt worden. Anleihe für seine Version des Redl-Falls nahm Ivanov schließlich auch bei den einschlägigen Publikationen aus der Feder Egon Erwin Kischs sowie bei Robert Aspreys Roman.

Auch Sachbuchautoren und Historiker haben die Darstellungen der genannten Autoren aufgegriffen. Die Frage nach der Authentizität und Zuverlässigkeit der verwendeten Quellen kam dabei mitunter zu kurz.159 Georg Markus, der Egor Ivanovs Roman und somit fiktionale Verarbeitung des »Redl-Stoffs« als faktengeleitete historische Quelle heranzog, kann zweifellos für sich das Verdienst beanspruchen, den Fall Redl einer breiteren Öffentlichkeit in Erinnerung gerufen zu haben. Außerdem begab sich der Autor auf eine gewiss aufwendige Spurensuche vor allem im Wiener Kriegsarchiv. Freilich haben etliche Fachleute bedauert, dass die aufsehenerregenden und auf breiter Basis recherchierten Informationen, die in dem 1984 erschienenen Buch dargelegt wurden, ohne nachvollziehbare Belege blieben.

Ähnliches gilt auch für die Ausführungen von Arthur Schütz alias Tristan Busch, wenngleich hier der Versuch einer seriösen Quellenrecherche grundsätzlich unterblieb. Dieser Autor, der selbst im österreichisch-ungarischen Nachrichtendienst tätig gewesen war, ließ in seinen erst nach dem Zweiten Weltkrieg erschienenen Büchern kein gutes Haar an der k.u.k. Spionage beziehungsweise am Geheimdienst insgesamt. Schütz, eine schillernde Figur mit abenteuerlicher Vita, machte bereits früh als Publizist auf sich aufmerksam.160 Seine Darstellungen der Redl-Causa, in welchen er den Obersten als Ausgeburt moralischer Abgründigkeit skizziert, wurden von Asprey und Ivanov ebenso wie von Markus aufgegriffen. So beschreibt Schütz in seinem Buch Major Kwaplitschka genau, wie Redl von den Russen rekrutiert wurde. Ein Balte namens Pratt sei von einem »Oberstleutnant Pawlow«, welcher der »Warschauer Spionagezentrale« angehörte, auf Redl angesetzt worden. Pratt habe in weiterer Folge Redl aufgrund dessen Homosexualität erpresst und ihn auf diese Weise zu Russlands wertvollstem Agenten gemacht. Außerdem sei Oberst Batjušin, der Leiter der Spionageabteilung in Warschau, gleichsam zu Redls Komplizen geworden, indem die beiden insbesondere den Austausch karriereförderlicher Informationen vereinbarten. Sobald also Redl dem Russen beispielsweise eine Namensliste österreichischer Spione in Russland übermittelte, bekam er postwendend von Batjušin eine gleichwertige Auskunft über russische Agenten in der Donaumonarchie. Bei »Champagner und Kaviar« hätten die zwei somit »das schurkischste Spionagegeschäft« vereinbart, »das jemals abgeschlossen wurde«.161 Mit anderen Worten: Redl und sein russischer Kollege gingen über Leichen.

Die Frage, ob der k.u.k. Generalstabsoberst aber tatsächlich die Namen von Konfidenten, die im Auftrag des österreichisch-ungarischen Geheimdienstes im Zarenreich tätig gewesen waren, verraten hat, zog unterschiedliche Antworten nach sich. Während Max Ronge sehr wohl dazu tendierte, eine Weitergabe von Namen durch Redl für wahrscheinlich zu halten, schloss August Urbański dies aus.162 Obwohl sich unter den Dokumenten, die infolge der Ermittlungen seitens der Militärbehörden in Redls Wohnung beziehungsweise Arbeitszimmer sichergestellt wurden, auch Listen mit Angaben über diverse Konfidenten fanden, betrachtete dies der damalige Evidenzbürochef offenbar nicht als schlagenden Beweis für solche Behauptungen.163 Aber selbst wenn Redl – was in Anbetracht bestimmter Hinweise im Militärhistorischen Archiv in Moskau wahrscheinlich ist – die »eigenen Leute« an den Feind auslieferte, erscheint eine diesbezügliche Zusammenarbeit zwischen dem Obersten und Nikolaj Batjušin einigermaßen erstaunlich. Hinweise darauf konnten im Zuge der Recherchen für das vorliegende Buch jedenfalls nicht ausgemacht werden.

Arthur Schütz hingegen ließ keinen Zweifel an den grausigen Absprachen zwischen Redl und dem Razvedka-Mann. Die Belege für die geradezu diabolische Kooperation dieses Duos will Schütz selbst in den Akten der russischen Spionagezentrale in Warschau entdeckt haben, nachdem die Stadt im Sommer 1915 von den Deutschen eingenommen worden war. Das jedenfalls behauptete er gegenüber Robert Asprey, der Schütz Ende der 1950er Jahre in Wien traf.164 Aber hatte der frühere Evidenzbürooffizier dem Amerikaner tatsächlich die Hintergründe der Redl-Affäre offengelegt? So erwähnt etwa Max Ronge in seinen Büchern sehr wohl »Beuteakten« aus Warschau, nicht aber die ominöse Redl-Batjušin-Korrespondenz.165 Es erscheint überdies unwahrscheinlich, dass der Warschauer Spionagechef Beweise für eine selbstentlarvende Zusammenarbeit mit Redl schriftlich niederlegte und den amtlichen Dokumenten seines Ressorts zuordnete. Da aber die Warschauer Akten, die womöglich auch die Korrespondenz der russischen Spionageabteilung vor 1914 betrafen, entweder im Zuge des Ersten Weltkrieges nach Deutschland als »Trophäen« geschafft wurden oder aber in Polens Hauptstadt verblieben, bestehen kaum Chancen, dass sie erhalten geblieben sind. Sie dürften spätestens im Zuge der Kampfhandlungen des Zweiten Weltkrieges vernichtet worden sein – ein Umstand, der eine Überprüfung von Schütz’ Angaben unmöglich macht. Schon Asprey biss sich bei seinen Versuchen, die Aussagen seines Informanten zu überprüfen, die Zähne aus.166 Nicht belegbar ist überdies die Geschichte über Redls Anwerbung durch den Balten Pratt, die Arthur Schütz angeblich von einem deutschen Offizier namens Schröder nach dem Ersten Weltkrieg gehört hatte.167

Vielstimmigkeit

Der Wunsch nach Gewissheit verleitete viele, die sich der Affäre rund um den »Meisterspion« annahmen, zu allerlei Behauptungen. Zeitgenossen ebenso wie Nachgeborene machten aus Redl ein bemitleidenswertes Opfer oder aber ein monströses Scheusal, berichteten freihändig über die Komplizenschaft verschiedener Personen, kannten die Namen all seiner männlichen ebenso wie weiblichen Geliebten und wussten genau, wann seine Spionagetätigkeit ihren Anfang genommen hatte. Groß ist die Zahl jener, die gleichsam aus zweiter oder dritter Reihe zu Augenzeugen wurden und später ihre Wahrnehmungen zu Papier brachten. Und noch unüberschaubarer ist die Anzahl der Versionen über Redls Motive, seine »Karriere« als Spion oder den Ablauf der Ereignisse an jenem Tag, als der Oberst am Wiener Hauptpostamt erschien und damit als der Spion Nikon Nizetas entlarvt wurde. Selbst jene, die zu Redls Weggefährten zu zählen sind, die in den verschiedenen Etappen des Falls zu Zeugen aus nächster Nähe wurden oder am Geschehen unmittelbar beteiligt waren, trugen mit ihren Schilderungen nicht immer zu einem klareren Bild der Affäre bei. Davon betroffen sind nicht zuletzt die Darstellungen jener vier Offiziere, die im Rahmen einer hastig zusammengestellten militärischen Kommission den überführten Oberst in seinem Wiener Hotelzimmer in der Nacht vom 24. auf den 25. Mai aufsuchten. Einige Fragen in diesen Berichten bleiben unbeantwortet. Die Lückenhaftigkeit dieser Texte ist womöglich auf den Druck Franz Ferdinands zurückzuführen, welcher die Stellungnahmen einforderte. Die betreffenden Offiziere wollten aber offensichtlich nicht alle Details preisgeben – umso mehr, als sie ebenso wie ihr Chef, Conrad von Hötzendorf, dem Thronfolger tendenziell reserviert gegenüberstanden.

(4) Nikolaj Batjušin. Seine Rolle im Fall Redl hielten viele für entscheidend. Russische Akten vermitteln ein anderes Bild.


In ihrem Urteil weit auseinander gehen vor allem die Aussagen über Redls Lebensführung und seinen Charakter. Da die Presse 1913 immer wieder die Frage aufwarf, warum die moralische Verderbtheit des Obersten nicht schon früher bemerkt worden war, erschien Redl einerseits als Meister der Verstellung und andererseits als Profiteur eines Umfelds, das seine Augen vor dem vermeintlich Offensichtlichen verschloss. Die Arbeiter-Zeitung gab sich empört darüber, dass der aus einer »dürftigen Beamtenfamilie« stammende Oberst über Jahre hindurch »das Leben eines Grandseigneurs« führen konnte, ohne den Argwohn seiner Vorgesetzten zu erregen.168 Nicht wenige machten den Generalstabschef Conrad und dessen mangelnde Menschenkenntnis für den im Prinzip »aufhaltsamen Aufstieg« Redls verantwortlich. Der »krankhafte Corpsgeist« der Generalstäbler, von dem auch Conrad befallen gewesen sei, habe deren Urteilskraft zerstört.169

Nach Bekanntwerden der Affäre zeichnete die Presse das Bild eines Mannes, der nie jemandem direkt ins Auge blickte. Seine Verschlagenheit sei aufmerksamen Beobachtern ebenso aufgefallen wie etliche andere Unstimmigkeiten. Viele äußerten sich nun dahingehend, dass Redls Verschwendungssucht durchaus Verdacht erweckt habe und seine gleichgeschlechtliche Orientierung ohnehin allgemein bekannt gewesen sei. So behauptete der streitbare Reichsratsabgeordnete Adalbert Graf von Sternberg, dass »jeder Kellner« über Redls Homosexualität Bescheid gewusst habe.170 Von offizieller Seite hieß es hingegen, dass »normal veranlagte Menschen nicht den Blick für die Welt der Homosexuellen« hätten.171

Die nachmalige Kenntnis von seinen Vergehen und den homosexuellen Neigungen, die damals im Allgemeinen als »Perversion« betrachtet wurden, ließ kaum positive Beschreibungen zu. Bezeichnend sind die diesbezüglichen Äußerungen eines Offiziers gegenüber der Illustrierten Kronen-Zeitung vom Juni 1913. Der anonym gebliebene Mann, der Redl angeblich gut gekannt hatte, beschrieb ihn als verschlossenen Kameraden, dessen Selbstbewusstsein sich gleichzeitig zu einer unerträglichen Überheblichkeit steigern konnte. Der Oberst sei sich seiner Macht bewusst gewesen, so sehr, dass er sich möglicherweise sogar unangreifbar gefühlt habe.172 Redl dürfte jedoch nicht ganz frei von Ängsten gewesen sein, eines Tages doch noch entdeckt zu werden – als Verräter des eigenen Landes. In dieses Bild passen nämlich Berichte, wonach Russlands »Superagent« Kollegen im österreichisch-ungarischen Generalstab mit Spionagevorwürfen konfrontierte, um auf diese Weise von seinen eigenen Machenschaften abzulenken – oder aber auch, um »karrieretechnisch« unliebsame Konkurrenten auszuschalten. Zumindest Oberst Adolf von Boog erklärte später, ungerechtfertigten Verdächtigungen seitens des Evidenzbüros ausgesetzt gewesen zu sein.173

In jedem Fall stellte die Position des Generalstabsobersten eine perfekte Möglichkeit dar, um sich gegen Personen zu schützen, die womöglich den wunden Punkt des »Meisterspions« kannten oder zumindest erahnten: sein Privatleben. So gab beispielsweise der anonym gebliebene »Freund« Redls gegenüber der Presse an, dass seine Veranlagung, seine Verschwendungssucht sowie sein Hang zum Luxus »mehr oder weniger bekannt« gewesen seien und Vermutungen über seine Homosexualität dort und da die Runde gemacht hätten.174

Tatsächlich liefen im Zuge der Erhebungen nach Redls Selbstmord verschiedene Meldungen ein, die auf die gleichgeschlechtlichen Beziehungen des Verräters Bezug nahmen und somit die Behauptungen des »Anonymus« stützten. Im Juni 1913 wurde etwa in einer nicht gezeichneten Zuschrift an das Evidenzbüro behauptet, Redl habe intime Beziehungen zu einem Rechtsanwalt namens Heinrich Mittler unterhalten. Die beiden Männer, gab der unbekannte Verfasser an, hätten sich »wie ein verliebtes Paar« geküsst. Mittler sei überdies ein Millionär, obwohl er noch vor zehn Jahren als »Bettler« gegolten habe.175 Die Ermittlungen der Polizei ergaben, dass Redl einige Zeit hindurch tatsächlich bei Herrn Mittler verkehrt hatte und als Verwandter des Rechtsanwalts aufgetreten war. Letzterer lebte allerdings mit einer Frau zusammen und soll sein Vermögen auf legalem Wege erworben haben. Dass sich Redls etwaige homosexuelle Beziehungen zu Herrn Mittler nicht nachweisen ließen, überrascht wenig.176 Doch es folgten noch weitere Zuschriften, in denen das Evidenzbüro oder aber andere militärische Stellen über in der Vergangenheit gemachte Beobachtungen bezüglich des »Liebeslebens« des »Meisterspions« informiert wurden. Berichtet wurde unter anderem von einem verdächtigen Stelldichein zwischen Redl und einem Oberleutnant Oskar Feigl. Die vermutete »Unzucht« soll von den »Dienstleuten« in der damals von den beiden Männern in Anspruch genommenen Unterkunft bemerkt worden sein. Redl und Feigl hatten angeblich gemeinsam in einem Bett geschlafen.177

Alles in allem ergab sich anhand solcher Mitteilungen an die Behörden der Eindruck, dass Redls prestigeträchtige und mit großer Machtfülle verbundene Position ihm einerseits die ideale Grundlage für seine Spionagetätigkeit schuf und andererseits wohl auch so manchen davon abhielt, Vermutungen über seine Homosexualität tatsächlich zu äußern. Der Oberst saß – salopp formuliert – am längeren Ast. Aus diesem Grund verbleiben die Gerüchte um Redls Sexualleben wohl auf der Ebene des Tratschs.

Ihre Abneigung gegenüber dem Vorgesetzten kundtun konnten nun, nach dessen Tod, auch Redls ehemalige Untergebene. Ein besonders negatives Zeugnis stellte dem früheren Vorgesetzten ein in Berlin lebender Österreicher namens Poldi Schmidl aus, der unter Redl als Rechnungsunteroffizier gedient hatte. Gemäß den Darstellungen Schmidls war der Oberst ein Sadist gewesen, einer, der daran Gefallen fand, strenge Strafen für geringfügige Vergehen zu verhängen. Während der Exilösterreicher aber das Bild eines erbarmungslosen Pedanten zeichnete, präsentierte ihn ein anderer, der einstmals von Redl befehligt worden war, als das genaue Gegenteil. Die Art Redls, eine Kompanie zu führen, sei »schlampert« gewesen.178

Nicht alle gaben sich im Nachhinein als jene zu erkennen, die im Grunde immer schon gewusst hatten, dass sich hinter dem für seinen Fleiß und seine Fähigkeiten geschätzten Oberst womöglich ein »mieser Charakter«, »liederlicher Bonvivant« und »skrupelloser Verbrecher« verbarg. Dass er Redl geschätzt, ihn für einen interessanten Gesprächspartner gehalten und hinsichtlich seiner intellektuellen Kapazität als geradezu »genial« empfunden hatte, stritt General Theodor Körner, sozialdemokratischer Bundespräsident in der Zweiten Republik, auch Jahrzehnte später nicht ab. Obgleich ihm diese Ehrlichkeit insofern schadete, als sie ihn schließlich mit dem Verdacht einer intimen, d. h. homoerotischen Beziehung zu dem Verräter belastete, betonte Körner stets sein freundschaftliches Verhältnis gegenüber dem früheren Kollegen. Auf diese Weise ließ sich, dachte Körner wohl, sein Erstaunen über die Spionagetätigkeit des Obersten am besten vermitteln.179

Es verwundert nicht, dass nach Redls Tod viele Offiziere, die mit ihm in Kontakt gewesen waren, etwaige Chancen einer frühzeitigen Entlarvung negierten. Sie sahen sich vielmehr als Opfer einer perfekten Täuschung und betonten, die Abgründe der Person Alfred Redl, die sich am 24. Mai 1913 und in den Folgetagen offenbarten, niemals auch nur in Ansätzen erahnt zu haben. So beschrieb August Urbański den Obersten als »gefälligen, stets hilfsbereiten, heiteren Kameraden«, dem »niemand seine widernatürliche sexuelle Veranlagung zugemutet hätte«.180 Noch weniger hatte man ihm die Spionage für »eine fremde Macht« zugetraut. Viele Generalstäbler erachteten die Preisgabe militärischer Geheimnisse durch einen Mann in seiner Stellung als denkunmöglich: »Arme deklassierte Schufte, Taglöhner des Vaterlandsverrates sind unvermeidlich. Der Oberst Redl durfte es nicht sein.«181


Brisante Akten

Die Vielstimmigkeit der Quellen verunmöglicht es, wie es scheint, das eine, tatsächliche Bild von Alfred Redl zu zeichnen oder die eine, tatsächliche Darstellung des Falls zu präsentieren. Überdies kann die Flut an Berichten über die Affäre das Fehlen wichtiger Details nicht wettmachen. Naiv wäre es zu glauben, dass Archivdokumente all jenes Wissen beinhalten, welches andere Materialien nicht liefern können. Dennoch bieten die dort enthaltenen Informationen – so lückenhaft sie sein mögen und so sehr sie vielleicht »nur« die amtlich wahrgenommene oder verordnete »Realität« widerspiegeln – natürlich verlässlichere Anhaltspunkte als die vielen »second hand«-Geschichten, die im Fall Redl kolportiert wurden. Immerhin lässt sich anhand der vorhandenen archivalischen Quellen der Wissensstand der zuständigen Behörden rekonstruieren oder können wenigstens die damals intern kursierenden Informationen zur Causa nachvollzogen werden. Allen, die nach letztgültigen »Wahrheiten« suchen und den Konjunktiv nicht schätzen, denen sei an dieser Stelle dringend empfohlen, die Lektüre abzubrechen und zu den weiter oben vorgestellten Büchern zu wechseln.

Wer sich aus historischer Perspektive mit Geheimdienstthemen beschäftigt, trifft im Regelfall auf eine spezifische Quellenlage. Manches wurde gar nicht erst schriftlich festgehalten, Anderes später bewusst vernichtet. So wanderten gemäß den Aufzeichnungen Maximilian Ronges in Anbetracht des Zusammenbruchs der Habsburgermonarchie viele Geheimdienstakten im Oktober beziehungsweise November 1918 in den Ofen.182 Auf diese Weise sollte verhindert werden, dass als brisant eingestuftes Material in die Hände der »Feinde« gelangte.183 Außerdem gingen viele Archivbestände im Zuge des Zweiten Weltkrieges beziehungsweise als Folge von Kampfhandlungen verloren oder wurden zerstört. Betroffen davon sind unter anderem Dokumente des österreichischen Militärgerichtsarchivs. Hinzu kam, dass speziell im Wiener Kriegsarchiv, wo nach 1918 vor allem ehemalige k.u.k. Offiziere die Verwaltung des Schriftguts vergangener Zeiten innehatten, Stellungnahmen zur Redl-Affäre noch viele Jahre später an offene Wunden rührten. Dieser Umstand dürfte auch dazu beigetragen haben, dass zumindest ein Teil der Erhebungsakten zum Fall Redl Jahrzehnte hindurch verschollen blieb. So war zwar anhand der Materialien im Wiener Kriegsarchiv nachzuvollziehen, dass 1923 der damalige Leiter des Militärliquidierungsamtes die Redl-Akten vom Militärgericht Wien angefordert hatte. Es ließ sich aber nicht mehr eruieren, wo die Unterlagen dann hinterlegt wurden. In jedem Fall hatte man 1923 darauf aufmerksam gemacht, dass im Februar 1914 das Garnisonsgericht Wien die Redl-Akten vom Kriegsministerium angefordert und hierauf nicht mehr retourniert hatte. Nun sollten sie offenbar wieder dort eingereiht werden, wo sie sich ursprünglich befanden.184 1954 aber stellte man im Kriegsarchiv fest, dass die Unterlagen dort nicht auffindbar waren.185

Erst der deutsche Historiker Günther Kronenbitter, der im Kriegsarchiv Recherchen zu seiner 2003 veröffentlichten Habilitationsschrift über die Führung der k.u.k. Armee in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg anstellte, stieß im Rahmen seiner diesbezüglichen Arbeiten 1994 auf die bis dato unauffindbaren Dokumente.186 Sie waren, versehen mit einer neuen Signatur, einem Bestand über das Kundschaftswesen 1914 zugeordnet worden. Kronenbitter hält Vermutungen, wonach die Unterlagen in der NS-Zeit vom damaligen Kriegsarchivsdirektor Rudolf Kiszling bewusst verlegt wurden, um gleichsam das Ansehen der »alten Armee« zu bewahren, für plausibel. Außerdem könnte dabei der Umstand, dass man deutschen Forschern damals keine allzu tiefen Einblicke in die Affäre geben wollte, eine Rolle spielen.187 Immerhin war 1913 die österreichische Seite bemüht gewesen, in jenen Mitteilungen über den Umfang des Redl’schen Verrates, die dem verbündeten Kaiserreich unter der Herrschaft der Hohenzollern weitergeleitet wurden, die Tragweite des Skandals herunterzuspielen.

Es befinden sich sehr wohl auch andere Akten zum Fall Redl, die das Jahr 1914 betreffen, unter den erhalten gebliebenen Unterlagen zur Tätigkeit des Evidenzbüros. Als die ganze Causa damals neuerlich aufgerollt wurde, weil ein Unberufener zufällig in den Besitz verschiedener von Redl fotografierter Geheimdokumente kam, könnten die vorhandenen Materialien einfach in die Zuständigkeit des österreichisch-ungarischen Nachrichtendienstes übernommen worden sein. Dann wäre ihre Transferierung vom Bestand des Kriegsministeriums in jenen des Evidenzbüros womöglich ohne irgendwelche Hintergedanken erfolgt. Darüber hinaus hatten die Redl-Akten 1915, also mitten im Krieg, eine Reise zum Armeeoberkommando nach Teschen angetreten. Wenngleich sich Maximilian Ronge später nicht mehr an den Grund für die Anforderung der Redl-Materialien aus Wien erinnerte, dürfte offenbar das »Operative Oberkommando« Interesse an den Materialien angemeldet haben, die daraufhin per Kurier herangeschafft wurden.188 Es ist nicht auszuschließen, dass Teile dieser Dokumente nicht mehr retourniert beziehungsweise zurückgereiht wurden. Das Verschwinden von Akten ist überdies nicht zwingend Folge einer bewusst gesetzten Handlung. Dass Materialien über Čedomil Jandrić sowie einen im Zuge der Redl-Affäre kompromittierten Offizier nicht mehr in den Beständen der 1. Abteilung des Kriegsministeriums auffindbar sind, muss keineswegs Indiz für eine zielgerichtete Beseitigung brisanter Unterlagen sein.189 Nichtsdestoweniger ist zu konstatieren, dass bereits nach Ende der Erhebungen zum »sensationellen Spionageskandal« verschiedene Materialien, die etwa in Redls Wohnung in Prag gefunden worden waren, vernichtet wurden. So existiert ein aus dem Jahr 1914 stammendes »Verbrennungsprotokoll«, in dem verschiedene Unterlagen zur Causa angeführt wurden.190 Dem Feuer überließ man demzufolge auch eine »Fotografie des Obersten Redl, die er dem Major Körner 1913 zum Geschenk gemacht hat«.191 Wenn dieses Bild beim Obersten gefunden wurde, dann wäre es logischer, dass es sich umgekehrt um eine Fotografie von Körner für Redl gehandelt hat. Auf dieses Porträtbild jedenfalls stießen die Autoren vorliegenden Buches 2006 im Privatnachlass Max Ronges.192 Obwohl die Ermittlungen nach dem Tod Alfred Redls nichts Nachteiliges für den späteren österreichischen Bundespräsidenten ergeben hatten, schrieb Max Ronge 1930 von einer »intimen« Freundschaft zwischen Körner und Redl. Der General beteuerte hingegen – wie bereits erwähnt –, tief erschüttert über die für ihn völlig überraschende Affäre gewesen zu sein. Gerüchte über eine etwaige homosexuelle Veranlagung Körners überlebten den prominenten Sozialdemokraten und konnten erst vor wenigen Jahren von seiner Biografin einigermaßen entkräftet werden.193 Davon abgesehen stellt sich eine nicht unbedeutende Frage: Hatte Max Ronge 1913 und 1914 kompromittierendes Material beiseitegeschafft, um es bei Bedarf wieder hervorzuholen? Man kann in jedem Fall nur darüber spekulieren, ob auch alle anderen im seinerzeitigen Verbrennungsprotokoll vermerkten Dokumente tatsächlich vernichtet worden sind.

Für die Rekonstruktion einiger Details aufschlussreich sind indes neben den Akten im Wiener Kriegsarchiv zweifelsohne auch die im Prager Militärarchiv aufbewahrten Dokumente zum Fall Redl. Ähnliches gilt für die im Haus-, Hof- und Staatsarchiv in Wien befindlichen Materialien, die einiges über die Empfänger der Briefe von Nikon Nizetas enthüllen konnten. Entsprechende Nachforschungen angestellt wurden freilich auch bezüglich der »Kundschaft« des spionierenden Obersten. Hier kamen demnach Archive in Russland, Italien und Frankreich in Betracht. Während Anzahl und Umfang der in Rom befindlichen Materialien zum italienischen Geheimdienst äußerst gering sind und zum überwiegenden Teil die Kriegsjahre 1915 bis 1918 betreffen, können die Akten über das »Kundschaftswesen« der Zarenarmee vor dem Ersten Weltkrieg als durchaus ergiebig und relevant bezeichnet werden. Die betreffenden Dokumente des Moskauer Militärhistorischen Archivs wurden erst im Zuge der 1990er Jahre freigegeben. Die Heranziehung dieser Bestände ebenso wie die Einsichtnahme in Akten der französischen und britischen Militärbehörden trugen auch dazu bei, den Fall Redl in seiner internationalen Bedeutung besser verorten zu können. Darüber hinaus schließen sie so manche Lücken, die sich in Anbetracht des Fehlens wichtiger österreichischer Dokumente zur Tätigkeit des Evidenzbüros speziell bis 1914 auftaten.

INFORMATIONSBEDÜRFNIS

Berichterstattung

Alfred Redl wurde bereits lange vor seiner Enttarnung verdächtigt, im Dienste der Russen zu stehen. Gewisse Vorgänge hatten den kommandierenden General in Prag, Artur Giesl von Gieslingen, veranlasst, nach einem Spion in den eigenen Reihen zu fahnden. »Es fiel auf, dass gewisse militärische Maßnahmen, die lediglich geplant waren, stets schon vor ihrer Ausführung in den militärischen Maßnahmen der betreffenden Nachbarmacht ihre Antwort fanden.«194 Aufgrund einer anonymen Anzeige geriet schließlich Redl in Verdacht. Allein im Winter 1912/13 hatte der Generalstabschef des 8. Korps in Prag 100.000 Kronen für den Verrat militärischer Geheimnisse kassiert. Insgesamt belief sich das Vermögen des Generalstabsoffiziers, der nicht nur Informationen über die k.u.k. Armee, sondern auch über die Aufmarschpläne des deutschen Heeres preisgab, auf etwa eine Million Kronen.

Redl, der zwischen April 1911 und Oktober 1912 Bataillonskommandant beim Infanterieregiment Nr. 99 gewesen war, hatte erst im Herbst 1912 seinen neuen Posten in Böhmen angetreten. Seine Kontakte in Wien blieben nichtsdestoweniger aufrecht. Der Oberst fuhr regelmäßig in die k.k. Hauptstadt. Im Nachhinein suspekt erwies sich schließlich auch eine Reise nach Warschau, die vermutlich zur Übergabe geheimer Informationen an russische Stellen genützt wurde. Ähnliches ist über Fahrten nach Paris und London zu sagen, die wohl ebenfalls konspirativen Zwecken dienten.

Mit den Geldern, die ihm die Russen zahlten, hatte Redl zum einen Teil seine horrenden Schulden beglichen und zum anderen mehrere Reitpferde und zwei Automobile angeschafft. Eines davon war in knalligem Rot lackiert. Dem Obersten standen zwei Chauffeure zur Verfügung und drei Diener. Redl, der seinen Vorgesetzten gegenüber eine Erbschaft als Quelle seines Reichtums vorgaukelte, verprasste Unsummen bei Champagnergelagen und anderen Vergnügungen. Die Überwachung Redls ergab überdies, dass er wiederholt Beträge an Männer übersandte, »die dem Sittenamt als Erpresser und als sonst übelbeleumundet« bekannt waren.195

Um Redl zu überführen, kam man auf die Idee, ihn mittels eines fingierten Briefes zu einem Rendezvous mit einem Agenten zu bitten. Von Letzterem, einem Spion im Dienste des Zarenreiches, wurde lediglich vermutet, dass er in Kontakt mit dem Obersten stand. In jedem Fall biss Redl an und fuhr gemeinsam mit einem seiner Diener am 24. Mai nach Wien, wo er in den frühen Nachmittagsstunden ankam und hierauf im Hotel Klomser abstieg. Zum Treffpunkt mit dem Agenten, der freilich nicht erschien, begab er sich in Zivil. Für die Fahrt dorthin nahm Redl außerdem nicht den eigenen Wagen, sondern ein »Taxameterautomobil«. In der Zwischenzeit fanden Detektive, die Redl die ganze Zeit über auf den Fersen blieben, im Privatauto des Obersten Papierschnitzel, eine Browningpistole und das Etui eines Taschenmessers. Da der Agent die Verabredung nicht eingehalten hatte, wurde der Oberst nervös und kehrte zurück ins Hotel. Ein Unbekannter empfing ihn dort mit den Worten »Herr Oberst Redl, Sie haben das in Ihrem Automobil vergessen!« und überreichte ihm das Messerfutteral. Nun wusste der »Meisterspion«, dass er enttarnt worden war.

In seinem Hotelzimmer erwartete ihn bereits eine dreiköpfige militärische Kommission, die ihn seiner Charge verlustig erklärte und ihn mit Beweisen für seine Schuld konfrontierte: Akten, die in Redls Abwesenheit im Zuge einer Hausdurchsuchung in Prag sichergestellt wurden und über deren Inhalt der Generalstab in Wien telefonisch informiert worden war. Außerdem waren inzwischen die Papierschnitzel aus Redls Automobil zusammengesetzt worden. Rekonstruiert werden konnten Notizen mit den Adressen verschiedener Spione, die sich als Kontaktmänner des Obersten herausstellten. Außerdem wurde festgestellt, dass der Oberst bereits 14 Jahre zuvor vom damaligen russischen Konsul in Lemberg namens Pustoškin zur Spionage »verführt« worden war. Auch zum russischen Konsul in Prag, Žukovskij, hatte Redl Kontakte unterhalten. Über die Motive für Redls Verrat herrschte Klarheit: »Sittliche Verfehlungen, deren er sich als etwa 30jähriger Mann schuldig machte, wurden zu seinem Verhängnis. Die Personen, die um seine Sünden wussten, drohten ihm fortwährend mit der Anzeige, und er konnte ihren Erpressungen nicht anders begegnen, als dass er stets aufs neue Geld herbeischaffte, um ihren maßlosen Ansprüchen zu genügen.«196 Erpresst worden war Redl auch von einem Offiziersdiener, der vor einiger Zeit unter mysteriösen Umständen Selbstmord begangen hatte. Der »Bursche«, dem intime Beziehungen zum Obersten nachgesagt wurden, hatte sich ins Wasser gestürzt und war ertrunken. Auch diese Affäre nützten verschiedene Kriminelle, um Redl unter Druck zu setzen. In jedem Fall musste der solcherart in Schwierigkeiten geratene Offizier zu einer idealen Zielperson der feindlichen Spionage werden. »Redls Verhältnisse blieben natürlich auch den Agenten der fremden Mächte nicht unbekannt, die sich ja mit Persönlichkeiten in derartigen Stellungen im besonderen Maße beschäftigen.«197 Auch den hiesigen militärischen Behörden war Redls »krankhafte Veranlagung« indessen nicht entgangen. Seine Versetzung nach Prag diente nicht zuletzt dem Versuch, ihn dem einschlägigen Wiener Milieu zu entziehen.

Am 24. Mai hatte der »Meisterspion« ausgespielt. Nach der Unterredung mit den Mitgliedern der militärischen Kommission, der auch ein hoher Justizbeamter, der Generaladvokat Viktor Pollak angehörte, durfte Redl, bewacht von Detektiven, das Hotel noch einmal kurz verlassen, um ins Café Central zu gehen. Dort wurde er beobachtet, wie er nach Briefpapier verlangte und dann hastig zu schreiben begann. Als er wieder ins Hotel zurückkam, fand er in seinem Zimmer einen Browningrevolver samt Bedienungsanleitung vor. Nun verfasste er noch mehrere Abschiedsbriefe. An einen seiner Brüder schrieb er: »Leichtsinn und Leidenschaft haben mich vernichtet. Betet für mich. Ich büße mein Irren mit dem Tode. Alfred.«198

Gegen 4 Uhr früh ersuchten die Mitglieder der militärischen Kommission Redls Diener, den Obersten zu wecken. Sie gaben vor, ihn dringend in einer dienstlichen Angelegenheit sprechen zu müssen. Hierauf fand der Offiziersbursche seinen Herrn in einem Lehnstuhl vor dem Spiegel sitzend. Redl war tot. Er hatte sich in den Mund geschossen. Neben seiner Leiche fand sich ein Zettel mit folgenden Worten: »Ich bitte um Nachsicht und Schonung!«199

Wer am 29., 30. und 31. Mai das als »offiziös« geltende Fremden-Blatt, die nicht zuletzt in Offizierskreisen gern gelesene Zeit, das Neue Wiener Abendblatt, die unter anderem aufgrund ihrer Bebilderung beliebte Illustrierte Kronen-Zeitung, das Neuigkeits-Welt-Blatt, die Prager Bohemia, die besonders militärkritische sozialdemokratische Arbeiter-Zeitung, die christlichsoziale Reichspost oder irgendeine andere in der Monarchie erhältliche Zeitung zur Hand nahm, bekam – mehr oder weniger ausführlich beziehungsweise mehr oder weniger ausgeschmückt – diese Version von der Affäre Redl serviert. Die vorhergehenden Absätze sind gewissermaßen eine Melange der Berichte aus diesen Zeitungen.


»Öffentlichkeitsarbeit«

Es bedurfte keiner besonderen journalistischen Qualitäten, um hinter den offiziellen Verlautbarungen über den Selbstmord Alfred Redls, denen zufolge der Oberst »einer der tüchtigsten und verwendbarsten Offiziere des Generalstabes«200 gewesen war, Mysteriöses zu vermuten. Spätestens am 28. Mai, als die Beisetzung Redls am Wiener Zentralfriedhof stattfand, war offensichtlich, dass hier irgendetwas nicht stimmte. Der Zeitpunkt des »Leichenbegängnisses« war laut Illustrierter Kronen-Zeitung geheim gehalten worden. Der Beerdigung, die am frühen Nachmittag bei hochsommerlichen Temperaturen erfolgte, wohnten nur Familienangehörige bei. Dem Begräbnis ebenso wie der vorangegangenen Einsegnung in der Kapelle des Garnisonsspitals waren »offizielle Persönlichkeiten« ferngeblieben. »Ein militärischer Kondukt«, berichtete die Illustrierte Kronen-Zeitung weiter, »war nicht beigestellt worden.«201 Auch das Neue Wiener Tagblatt betonte, dass die Beisetzung »ohne jeden militärischen Charakter« stattgefunden hatte.202

Einige Tage später, als die Presse bereits über verschiedene Details der Affäre rund um den Generalstabsoffizier Bescheid wusste, wurde das merkwürdige Begräbnis als eine der Ursachen für die misslungene Vertuschung bezeichnet. Die Zeit behauptete, dass von hohen Militärs ursprünglich in Erwägung gezogen worden war, ein »Leichenbegängnis« in den üblichen Formen und mit Beteiligung militärischer Würdenträger zu inszenieren, um kein Aufsehen zu erregen. Doch weigerte sich angeblich »eine maßgebende Persönlichkeit«, die Scharade allzu weit zu treiben, indem sie erklärte: »Hinter dem Sarg eines Verräters gehe ich nicht!«203

In jedem Fall hatte Generalstabschef Franz Conrad von Hötzendorf am 26. Mai verfügt, dass die Beerdigung des Obersten »ohne Kondukt und ohne jedwede militärische Beteiligung in aller Stille vor sich gehen« müsse.204 Der Umstand, dass sich unter den Kränzen, die am Grab Redls niedergelegt worden waren, neben jenen von der Familie des Obersten auch zwei militärischer Provenienz befanden, machte dem Evidenzbüro keine Freude. Eines der Gebinde stammte von jenem Infanterieregiment, dem vermutlich einer von Redls Brüdern angehörte205, und trug offenbar keine spezielle Aufschrift. Auf der Schleife des zweiten von einem Major Friedrich Novak aber war zu lesen: »Der Freund dem Freunde!« Die beiden Kränze bzw. deren Schleifen wurden über Intervention des Platzkommandos in Wien durch die Friedhofsleitung entfernt.206

Das rätselhafte Begräbnis des Obersten erweckte zweifelsohne den Eindruck, dass den offiziellen Mitteilungen über Redls Tod nicht zu trauen war. Außerdem stellten etliche Journalisten eigene Recherchen an und befragten den Portier des Hotels Klomser sowie Redls Zimmernachbarn, was genau sich in der Nacht vom 24. auf den 25. Mai ereignet hatte. Wie sich später herausstellte, hatte keiner einen Schuss gehört.207 Nichtsdestoweniger verdichteten sich die Hinweise in Richtung eines sensationsträchtigen Skandals. Freilich erschienen jene Gerüchte, wonach der Generalstabschef des 8. Korps zum Verräter geworden war, immer noch als Ausfluss lebhafter Fantasie. Das Prager Tagblatt beispielsweise, dessen Bericht vom 28. Mai über den Selbstmord des Obersten konfisziert worden war, kolportierte nämlich zwei Tage später in seiner Morgenausgabe eine höchst interessante Version der Umstände von Redls Selbstmord: Die Mobilisierungspläne des 8. Korps waren verschwunden. Der Schuldige ließ sich nicht feststellen. Dies habe sich der Oberst »derart zu Herzen genommen«, dass er freiwillig in den Tod ging.208

Die Arbeiter-Zeitung hingegen versah zwar in ihrer Ausgabe vom 29. Mai den Artikel »Der Generalstabsoberst als Spion« mit einem Fragezeichen, ließ aber kaum mehr Zweifel an der Stichhaltigkeit der Gerüchte über Redls Verrat bestehen: »Wer den Brauch kennt, dass man Offiziere, die eine schwere Ehrlosigkeit begangen haben, ›höflichst einlädt‹, sich zu erschießen, damit sie dem Gerichtsverfahren und der Verurteilung ausweichen«, der müsse darauf schließen, dass auch der verstorbene Oberst nach diesem Muster gehandelt habe.209 Da in- und ausländische Zeitungen weiterhin allerlei Spekulationen über die Motive anstellten, welche Redl zum Selbstmord getrieben hatten, mussten die Militärbehörden handeln.

In seinen Memoiren beteuerte Conrad, er habe sich dafür ausgesprochen, »nichts zu verheimlichen und den ganzen Sachverhalt der Öffentlichkeit darzulegen«.210 Ein Beleg hierfür findet sich in den Akten des Kriegsarchivs. Demnach war es das Kriegsministerium gewesen, das erst zu dem Zeitpunkt, als die Vertuschung der Affäre nicht mehr aufrecht erhalten werden konnte, einem offiziellen Kommuniqué zustimmte.211 Allerdings entschied sich auch Conrad erst zu jenem Zeitpunkt für eine Offenlegung des Skandals, als ihm gar nichts anderes mehr übrig blieb. Das auf Geheiß der Militärbehörden verfasste Kommuniqué wurde am 29. Mai publiziert und von einigen Zeitungen am darauffolgenden Tag wortwörtlich wiedergegeben. Redl, hieß es, habe Selbstmord begangen, als man ihm schwerwiegende »Verfehlungen« nachweisen konnte: »1. Homosexueller Verkehr, der ihn in finanzielle Schwierigkeiten brachte. 2. Verkauf reservater dienstlicher Behelfe an Agenten einer fremden Macht.«212


Offizielles und Inoffizielles

Den Aufzeichnungen von August Urbański zufolge, der Mitglied jener vierköpfigen Kommission gewesen war, die Redl im Hotel Klomser aufsuchte, konfrontierten die Offiziere den Obersten in jener Nacht zwar mit seinen Spionageaktivitäten, aber keineswegs mit seiner Homosexualität. Redl selbst hatte sich dazu offenbar gar nicht geäußert. Erst im Zuge der in Prag durchgeführten Untersuchungen stieß Urbański auf homoerotische bzw. pornografische Fotos sowie andere Materialien, welche die sexuelle Orientierung des Obersten offenlegten. Bis dahin hatte der damalige Evidenzbürochef angenommen, dass sich Redls Aussagen gegenüber der Militärkommission, wonach er »Opfer seiner unheilvollen Leidenschaft« geworden sei, auf den hypertrophen und in weiterer Folge kostspieligen Verkehr mit diversen Damen bezogen.213

Immerhin hatte Redl sich oft in Begleitung von Vertreterinnen des weiblichen Geschlechts sehen lassen. So war es nur folgerichtig, dass die Zeitungen über diverse Frauenbekanntschaften des Obersten schrieben. In den Vordergrund wurde dabei die angebliche Beziehung zu einer Wiener Kabarettsängerin gestellt.214 Allerdings erschienen in einigen Blättern auch Meldungen über eine Geliebte Redls in Prag.215 Und es fehlte nicht an Berichten, wonach der frühere Vizechef des Evidenzbüros zumindest mit einer Russin, wenn nicht gar mit mehreren Damen aus dem Zarenreich, in regelmäßigem Kontakt gestanden war. Die Reichspost behauptete beispielsweise, der gestrauchelte Generalstabsoffizier sei einer Agentin aus dem Romanovimperium ins Netz gegangen, die sich durch »ungewöhnliche Schönheit« und »auffallende Eleganz« ausgezeichnet habe. Diese Frau sei die eigentliche Verführerin des Obersten gewesen.216

1.Zweig, Die Welt von Gestern, 242.
2.Ebd., 243.
3.Danzer’s Armee-Zeitung, 5.6.1913, 1.
4.Neue Freie Presse, 1.6.1913, 1.
5.Arbeiter-Zeitung, 30.5.1913, 1, und Reichspost, 31.5.1913, 3.
6.Vgl. Danzer’s Armee-Zeitung, 5.6.1913, 5f.
7.Deutsches Volksblatt, 31.5.1913, 6.
8.ÖStA/KA/NL B/126: 1, Handschriftliche Notizen zum Aktenverlauf des Evidenzbüros 1913.
9.Zur Anzahl der Briefe siehe Ronge, Kriegs- und Industriespionage, 75.
10.Ebd.
11.Die Zeit, 5.6.1913.
12.ÖStA/KA/KM Präs. 1913: 2-4/40-9.
13.ÖStA/KA/KM 4. Abt. 1913: 30-261/714.
14.ÖStA/KA/Evidenzbüro 1905–1916: Kt. 1028.
15.HHSTA/PA XL, Kt. 186, K.u.k. Kriegsministerium an das k.u.k. Ministerium des Äußern, 17.5.1913.
16.Ebd., 9.6.1913.
17.Ronge, Kriegs- und Industriespionage, 68.
18.ÖStA/KA/Evidenzbüro 1913: Kt. 1082; ÖStA/KA/KM 4. Abt. 1914: 10-2/6.
19.Ronge verweist hier auf die in Kroatien-Slawonien geltenden speziellen Bestimmungen. – Ronge, Kriegs- und Industriespionage, 68.
20.ÖStA/KA/Evidenzbüro 1913: Kt. 1082.
21.ÖStA/KA/NL B/126: 1, Handschriftliche Notizen zum Aktenverlauf des Evidenzbüros 1913.
22.Ronge, Kriegs- und Industriespionage, 68; ÖStA/KA/Evidenzbüro 1913: Kt. 1082.
23.Hadtörténelmi Levéltar, Schreiben der Generalstabsabt. des k.u.k. 4. Korpskommandos an das Evidenzbüro des Generalstabs, 22.10.1913.
24.ÖStA/KA/Evidenzbüro 1913: Kt. 1082.
25.Altmann, Zur Psychologie des Spions, 47; Ronge, Kriegs- und Industriespionage, 72.
26.ÖStA/KA/NL B/126: 1, Handschriftliche Notizen zum Aktenverlauf des Evidenzbüros 1913.
27.Ebd.
28.HHSTA/PA I, Kt. 780 sowie KA/KM/4. Abt. 1914: 30-13.
29.Vgl. Altmann, Zur Psychologie des Spions, 46.
30.ÖStA/KA/Evidenzbüro 1913: Kt. 1082.
31.WStLA, LGSt, A11: Vr LG I 4142/1 (Julius Petrić und Florian Lindner) und WStLA, LGSt, A11: Vr LG I 3516/1.-2. Teil/1913 (Artur Itzkusch).
32.ÖStA/KA/Evidenzbüro 1913: Kt. 1082.
33.Ronge, Kriegs- und Industriespionage, 73, und Schmidt, Gegen Russland und Frankreich, 454f.; Pethö, Oberst Redl, 144.
34.Schmidt, Gegen Russland und Frankreich, 437–455.
35.Ronge, Kriegs- und Industriespionage, 73.
36.Moritz/Leidinger/Jagschitz, Im Zentrum der Macht, 218f.
37.Batjušin, U istokov, 469f.
38.Schmidt, Gegen Russland und Frankreich, 454f.; Pethö, Oberst Redl, 144.
39.Ronge, Kriegs- und Industriespionage, 73 f.
40.ÖStA/KA/NL B/126: 1, Handschriftliche Notizen zum Aktenverlauf des Evidenzbüros 1913.
41.Moritz/Leidinger/Jagschitz, Im Zentrum der Macht, 95.
42.Ronge, Kriegs- und Industriespionage, 43.
43.HHSTA/PA I, Kt. 780 und 783.
44.Ronge, Kriegs- und Industriespionage, 72f.
45.ÖStA/KA/KM 1914: 30-90/5.
46.Ronge, Kriegs- und Industriespionage, 72f.
47.ÖStA/KA/NL B/126: 1, Handschriftliche Notizen zum Aktenverlauf des Evidenzbüros 1913; HHStA/PA XXVI, Kt. 31: Schweden, Berichte, Varia 1911–1913.
48.Alekseev, Voennaja Razvedka, 250.
49.ÖStA/KA/Evidenzbüro 1913: Kt. 1082.
50.Ronge, Kriegs- und Industriespionage, 73.
51.Ebd. und vgl. die Ausführungen in Brjuchanov, Učitel' i učenik.
52.ÖStA/KA/KM Präs. 1913: 40-12/1-4.
53.ÖStA/KA/Evidenzbüro: Kt. 1033. Firbas wurde zu acht Jahren Kerker verurteilt.
54.ÖStA/KA/Evidenzbüro: Kt. 3508.
55.ÖStA/KA/Generalstab 1913: 36-11.
56.ÖStA/KA/KM Präs. 1913: 18-31/1.
57.Arbeiter-Zeitung, 18.4.1913, 6.
58.ÖStA/KA/KM Präs. 1913: 18-31/1.
59.Neues Wiener Journal, 18.4.1913, 1 und 19.4.1913, 4.
60.Sondhaus, Franz Conrad, 137. Vgl. auch Kunz, Da wir in Österreich dienten …, 7.
61.RGVIA f. 2000, op. 1, d. 2979, l. 22.
62.RGVIA f. 2000, op. 15, d. 271, l.36–37.
63.Alekssev, Voennaja Razvedka, 82.
64.Ebd., 553.
65.ÖStA/KA/NL B/1041: 79, 3.
66.ÖStA/KA/NL B/58: 4b (Das Tornisterkind), 173.
67.Altmann, Zur Psychologie des Spions, 44.
68.Die Umrechnung erfolgte auf Grundlage einer Auskunft von der Statistik Austria (Verbraucherpreisindex) vom 6.6.2012.
69.ÖStA/KA/MGA/Landesgericht Wien 1914, Kt. 2998.
70.RGVIA, f. 2000, op. 1, d. 2836, l. 117-119.
71.ÖStA/KA/NL B/126: 1, 149.
72.ÖStA/KA/MGA/Landesgericht Wien 1914, Kt. 2998.
73.Ebd.
74.ÖStA/KA/AOK-Evidenzbüro, Kt. 3508.
75.ÖStA/KA/MGA/Landesgericht Wien 1914, Kt. 2998.
76.ÖStA/KA/KM 4. Abt. 1914: 30-35/4.
77.Sergeev/Ulunjan,Voennye agenty, 374.
78.RGVIA, f. 1859, op. 6, d. 139, l.186.
79.Neue Illustrierte Wochenschau, 20.10.1957, 15f.
80.Vgl. Sondhaus, Franz Conrad, 137.
81.ÖStA/KA/KM Präs. 1913: 2-4/40.
82.ÖStA/KA/Qualifikationslisten Alfred Redl, Kt. 2695.
83.Ebd.
84.Zit. nach Pethö, Agenten, 225.
85.Kronenbitter, Krieg im Frieden, 265.
86.ÖStA/KA/NL B/126: 1, Besprechung der Hauptkundschaftsstellen mit diversen weiteren Instanzen am 6., 7. und 8. 2. 1913.
87.Vgl. Pethö, Und nochmals der Fall Redl, 253.
88.RGVIA f. 2000, op. 15, d. 271, l. 184. Während in dem von Georg Markus zitierten Artikel von General Mil'štejn über die Affäre Redl das Zitat mit Marčenkos Beschreibung ohne Beleg blieb, konnte die betreffende Stelle im RGVIA gefunden werden. Sie ist auch zitiert bei: Lebedev, Delo polkovnika Redlja, 13. Vgl. außerdem Mil'štejn, Delo polkovnika Redlja, 48.
89.RGVIA f. 1859, op. 6, d. 13, l.358.
90.ÖStA, KA/MKSM 1906: 13-2/2-2.
91.Batjušin, U istokov, 167f.
92.RGVIA f. 1859 op. 6 d. 13 l. 104–106.
93.ÖStA/KA/NL B/58: 4b (Das Tornisterkind), 169.
94.RGVIA f. 2000, op. 1, d. 2836, l. 420–422.
95.HHStA/PA I, Kt. 780. Ronge behauptet, es seien 51.000 Kronen gewesen. – Ronge, Kriegs- und Industriespionage, 42.
96.Alekseev, Voennaja razvedka, 314.
97.Vgl. dazu das Kapitel »Dunkle Geschäfte«, S. 126 ff.
98.Moritz/Leidinger/Jagschitz, Im Zentrum der Macht, 87.
99.Ronge, Kriegs- und Industriespionage, 42.
100.ÖStA/KA/NL B/58: 4b (Das Tornisterkind), 171.
101.HHStA/PA XL, Kt. 242. Reichskriegsministerium an Aehrenthal, 6.5.1910.
102.Alekseev, Voennaja Razvedka, 266f.
103.ÖStA/KA/KM Präs. 1913: 2-4/40.
104.ÖStA/KA/NL B/760: 7, 163.
105.Ebd., 165.
106.Kronenbitter, Krieg im Frieden, 267.
107.Ebd., 267; Markus, Der Fall Redl, 127–145.
108.ÖStA/KA/Evidenzbüro 1914: Erhebungsakten Oberst Redl, Kt. 3509.
109.Vgl. die Ausführungen in ÖStA/KA/NL B/760: 7, 167.
110.Alekseev, Voennaja razvedka, 52.
111.Vasil'ev/Zdanovič, Voennoj kontrrazvedke byt', 14–26.
112.ÖStA/KA/NL B/126: 11.
113.Degreif, Operative Planungen, 161.
114.Anonymus, Kaiser Franz Joseph, 160.
115.Vgl. Margutti, Vom alten Kaiser, 304.
116.ÖStA/KA/Militärschulen/Qualifikationslisten der Kriegsschule, Kt. 33.
117.ÖStA/KA/NL B/126: 11; Alexander Kuchinka war 1913 dem sogenannten General-Genie-Inspektorat zugeteilt gewesen. – Hof- und Staats-Handbuch der österreichisch-ungarischen Monarchie, 324.
118.Den Aufzeichnungen von Max Ronge gemäß erfolgte jedoch die Auslieferung Hekajlos seitens Uruguay. – ÖStA/KA/NL B/126: 1, 196.
119.Neues Wiener Journal, 25.5.1933, 9.
120.Seeliger, Hotel Sacher, 74.
121.Vgl. Seeliger/Otto, Oberst Redl. Hans Otto ist ident mit dem Regisseur Hans Otto Löwenstein.
122.Büttner/Dewald, Das tägliche Brennen, 449.
123.Kisch, Der Fall, 59.
124.ÖStA/KA/Evidenzbüro 1905–1916: Kt. 1028.
125.Privatnachlass Ronge, Zeitungsausschnitte-Sammlung.
126.Danzer’s Armee-Zeitung, 5.6.1913, 1.
127.Neue Illustrierte Wochenschau, 8.12.1957, 25.
128.Ronge, Kriegs- und Industriespionage, 47.
129.ÖStA/KA/NL B/126: 1, 196 und ÖStA/KA/KM Präs. 1903: 40-3/8.
130.Neues Wiener Tagblatt, 31.5.1913, 20.
131.Illustrierte Kronen-Zeitung, 1.6.1913, 5.
132.HHStA/PA I, Kt. 477.
133.Vasil'ev/Zdanovič, Voennoj kontrrazvedke byt', 12.
134.Ronge, Kriegs- und Industriespionage, 20.
135.ÖStA/KA/NL B/126: 11.
136.Starkov, Ochotniki na špionov, 41; Derevjanko, Ščupal'ca spruta, 89.
137.RGVIA f. 400, op. 4, d. 267, l. 1.
138.ÖStA/KA/NL B/58: 4b (Das Tornisterkind), 168.
139.RGVIA f. 1859, op. 6, d. 13, l. 357 ob.
140.Ebd.
141.Markus, Der Fall Redl, 123.
142.ÖStA/KA/NL B 198: 1, 811 und Eder, Der General, 184.
143.ÖStA/KA/NL B/198:1, 812.
144.Ronge, Kriegs- und Industriespionage, 25, und ÖStA/KA/KM Präs. 1902: 40-18/1; 40-18/6; 40-18/9.
145.Die Beichte des Spions, 77.
146.Vorwort des Buches »Die Beichte des Spions«.
147.Dass der Roman bereits kurz nach Redls Tod erschien, ist den Notizen Maximilian Ronges über die Aktenein- und -ausgänge des Jahres 1913 zu entnehmen. – ÖStA/KA/NL B/126: 1, Handschriftliche Notizen zum Aktenverlauf des Evidenzbüros 1913.
148.Ivanov, Negromkij vystrel (1977); ders., Vmeste s Rossiej (Moskva 1981); ders., Čest' i dolg (1987).
149.Kisch, Der Fall, 44f.
150.Kisch, Wie ich erfuhr, 21.
151.Kisch, Der Fall, 45.
152.Bohemia, 27.5.1913. Abend-Ausgabe, 2.
153.Die Zeit, 27.5.1913, 5.
154.Neues Wiener Tagblatt, 26.5.1913, 5.
155.Das Neue Wiener Tagblatt bestätigte am 30.5. in einem weiteren Artikel über Redl, dass bereits am 26. Zweifel an den offiziellen Meldungen zum Tod Redls kursierten und daher eigene Recherchen angestellt wurden.
156.Neues Wiener Tagblatt, 30.5.1913, 12.
157.ÖStA/KA/NL B/58: 4b (Das Tornisterkind), 178f.
158.Asprey, The Panther’s Feast, 304–308.
159.Vgl. Rowan, Spy and Counter-Spy, und Rowan, Der Erzverräter.
160.Vgl. Leitner, Hühnerstall und Nobelball, 151–162.
161.Busch, Major Kwaplitschka, 27.
162.Vgl. Moritz/Leidinger/Jagschitz, Im Zentrum der Macht, 92f., und ÖStA/KA/NL B 58: 4b (Das Tornisterkind), 183.
163.ÖStA/KA/Evidenzbüro 1914: Erhebungsakten Oberst Redl, Kt. 3509.
164.Asprey, The Panther’s Feast, 306.
165.Vgl. Pethö, Agenten, 387 (Fn. 959).
166.Asprey, The Panther’s Feast, 305f.
167.Vgl. Busch, Entlarvter Geheimdienst, 41f.
168.Arbeiter-Zeitung, 30.5.1913, 1.
169.Zit. nach Eder, Der General, 237.
170.Sternberg, Warum Österreich zugrunde gehen musste, 121.
171.ÖStA/MKFF 1913: 14-24/1-16.
172.Illustrierte Kronen-Zeitung, 4.6.1913, 7.
173.Moritz/Leidinger/Jagschitz, Im Zentrum der Macht, 115.
174.Illustrierte Kronen-Zeitung, 4.6.1913, 7.
175.OstA/Evidenzbüro: Kt. 3508.
176.ÖStA/KA/Evidenzbüro 1914: Erhebungsakten Oberst Redl, Kt. 3509.
177.ÖStA/KA/KM Präs 1913: 2-4/40-4.
178.Illustrierte Kronen-Zeitung, 6.6.1913, 4; Prager Tagblatt, 6.6.1913, 2; Bohemia, 6.6.1913, 5; Arbeiter-Zeitung, 11.6.1913, 6.
179.Vgl. Schreyer-Hartmann, Körner, 118.
180.Urbański, Der Fall Redl, 89.
181.Danzer’s Armee-Zeitung, 5.6.1913, 1.
182.Moritz/Leidinger/Jagschitz, Im Zentrum der Macht, 171f.
183.Ebd.
184.ÖStA/KA/Präs./Militärliquidierungsamt 1923, Nr. 4495, Kt. 2561.
185.ÖStA/KA/KM Präs. 1913: 2-4/40.
186.Pethö, Agenten, 383.
187.Kronenbitter, Krieg im Frieden, 236f.
188.ÖStA/KA/KM Präs. 1915: 40-20/1 und ÖStA/KA/NL B/126:1, 588.
189.Vgl. ÖStA/KA/KM/1. Abt. 1913: 67-78/1; 67-78/2; 67-83.
190.ÖStA/KA/Evidenzbüro 1914: Erhebungsakten Oberst Redl, Kt. 3509.
191.Ebd.
192.Moritz/Leidinger/Jagschitz, Im Zentrum der Macht, 114.
193.Vgl. Schreyer-Hartmann, Körner, 117–135.
194.Fremden-Blatt, 30.5.1913, 3.
195.Ebd.
196.Fremden-Blatt, 30.5.1913, 3.
197.Ebd.
198.Zit. nach Neues Wiener Abendblatt, 30.5.1913, 2.
199.Zit. nach Reichspost, 31.5.1913, 3.
200.Die Zeit, 26.5.1913, 8.
201.Illustrierte Kronen-Zeitung, 29.5.1913, 6.
202.Neues Wiener Tagblatt, 30.5.1913, 12.
203.Die Zeit, 6.6.1913, 2.
204.ÖStA/KA/KM Präs. 1913: 2-4/40.
205.Vgl. ÖStA/KA/Qualifikationslisten Oskar Redl, Kt. 2695.
206.ÖStA/KA/KM Präs. 1913: 2-4/40-3.
207.Illustrierte Kronen-Zeitung, 31.5.1913, 7.
208.Prager Tagblatt, 30.5.1913, 3.
209.Arbeiter-Zeitung, 29. Mai 1913, 3.
210.Conrad, Aus meiner Dienstzeit, 329.
211.ÖStA/KA/MKFF 1913: 14-24/6.
212.Ebd.
213.ÖStA/KA/NL B/58: 4b (Das Tornisterkind), 179.
214.Pester Lloyd, 1.6.1913, 5.
215.Die Zeit, 6.6.1913, 2.
216.Reichspost, 31.5.1913, 2.

Darmowy fragment się skończył.

Hannes Leidinger
i in.
Tekst
65,92 zł
Ograniczenie wiekowe:
18+
Objętość:
418 str. 15 ilustracji
ISBN:
9783701743391
Właściciel praw:
Bookwire
Format pobierania:

Podobne książki