Czytaj książkę: «Der Nagel»

Czcionka:

Rainer Homburger

Der Nagel

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

Führerhauptquartier Wolfsschanze bei Rastenburg, Donnerstag, 8. Juli 1943

Zehn Monate später bei Lorient, Frankreich, Donnerstag, 25. Mai 1944

Dresden, Mittwoch, 31. Mai 1944, 04:55 Uhr

Berlin, Mittwoch, 31. Mai 1944, 08:30 Uhr

London, Mittwoch, 31. Mai 1944, 08:50 Uhr

Ju 52, über der deutsch-französischen Grenze, Mittwoch, 31. Mai 1944, 09:10 Uhr

London, Mittwoch, 31. Mai 1944, 09:35 Uhr

Stockholm, Mittwoch, 31. Mai 1944, 09:42 Uhr

Stockholm, Mittwoch, 31. Mai 1944, 11:15 Uhr

Lorient, Donnerstag, 1. Juni 1944, 8:10 Uhr

Lorient, Freitag, 2. Juni 1944, 17:25 Uhr

London, Freitag, 2. Juni 1944, 19:11 Uhr

Lorient, Freitag, 2. Juni 1944, 20:10 Uhr

Im Atlantik, vor Lorient, Freitag, 2. Juni 1944, 23:00 Uhr

London, Montag, 5. Juni 1944, 21:30 Uhr

Peenemünde, Donnerstag, 8. Juni 1944, 15:10 Uhr

London, Freitag, 9. Juni 1944, 09:50 Uhr

Peenemünde, Freitag, 9. Juni 1944, 20:35 Uhr

London, Dienstag, 13. Juni 1944, 09:50 Uhr

London, Mittwoch, 14. Juni 1944, 11:30 Uhr

Dresden, Donnerstag, 27. Juli 1944, 22:30 Uhr

Dresden, Bismarckstraße, Freitag, 28. Juli 1944, 13:45 Uhr

London, Freitag, 28. Juli 1944, 15:15 Uhr

Berlin, Prinz-Albrecht-Straße, Samstag, 29. Juli 1944, 12:20 Uhr

London, Mittwoch, 2. August 1944, 10:16 Uhr

Dresden, Bismarckstraße, Donnerstag, 3. August 1944, 20:55 Uhr

Im Atlantik, Mittwoch, 6. September 1944, 19:30 Uhr

Im Atlantik, Mittwoch, 6. September 1944, 19:35 Uhr

Im Atlantik, Freitag, 8. September 1944, 05:12 Uhr

Washington DC, Freitag, 8. September 1944, 13:00 Uhr

London, Freitag, 8. September 1944, 19:40 Uhr

Washington DC, Samstag, 9. September 1944, 12:12 Uhr

London, Donnerstag, 14. September 1944, 08:11 Uhr

Stockholm, Freitag, 15. September 1944, 09:42 Uhr

Über der Nordsee, Freitag, 15. September 1944, 12:20 Uhr

Stockholm, Samstag, 16. September 1944, 09:10 Uhr

Stockholm, Samstag, 16. September 1944, 16:08 Uhr

Peenemünde, Freitag, 13. Oktober 1944, 11:20 Uhr

Peenemünde, Sonntag, 22. Oktober 1944, 20:19 Uhr

Peenemünde, Dienstag, 24. Oktober 1944, 10:46 Uhr

London, Mittwoch, 22. November 1944, 18:24 Uhr

London, Donnerstag, 23. November 1944, 09:12 Uhr

Peenemünde Prüfstand VII, Samstag, 25. November, 11:20 Uhr

Nördlich von London, Sonntag, 26. November 1944, 10:40 Uhr

Dresden, Bismarckstraße, Dienstag, 28. November 1944, 10:30 Uhr

Küste von Maine, nahe des Ortes Hancock, Vereinigte Staaten, Mittwoch, 29. November 1944 04:30 Uhr

Flugplatz Tangmere, Sussex, Mittwoch, 29. November 1944, 16:50 Uhr

60km nordwestlich von Berlin, Höhe 7000m, Mittwoch, 29. November 1944, 23:22 Uhr

London, Mittwoch, 29. November 1944, 23:50 Uhr

Nordwestlich von Berlin, Donnerstag, 30. November 1944, 0:10 Uhr

London, Mittwoch, 6. Dezember 1944, 11:25 Uhr

Südlich von Berlin, Samstag, 9. Dezember 1944, 15:10 Uhr

War Cabinet, London, Samstag, 9. Dezember 1944, 16:07 Uhr

Südlich von Berlin, Samstag, 9. Dezember 1944, 17:20 Uhr

Ardennen, Samstag, 16. Dezember 1944, 16:35 Uhr

Südlich von Berlin, Sonntag, 17. Dezember 1944, 15:12 Uhr

London, Montag, 18. Dezember 1944, 09:50 Uhr

Südlich von Berlin, Mittwoch, 20. Dezember 1944, 12:10 Uhr

Südlich von Berlin, Mittwoch, 20. Dezember 1944, 13:50 Uhr

Südlich von Berlin, Mittwoch, 20. Dezember 1944, 14:15 Uhr

Südlich von Berlin, Mittwoch, 20. Dezember 1944, 15:10 Uhr

London, Donnerstag, 21. Dezember 1944, 10:25 Uhr

In der Nähe von Altdöbern, Freitag, 22. Dezember 1944, 12:10 Uhr

Schloss Altdöbern, Samstag, 23. Dezember 1944, 10:15 Uhr

Schloss Altdöbern, Sonntag, 24. Dezember 1944, 09:05 Uhr

Berlin, Sonntag, 24. Dezember 1944, 11:55 Uhr

Dresden, Sonntag, 24. Dezember 1944, 14:20 Uhr

Berlin, Sonntag, 24. Dezember 1944, 19:44 Uhr

New York, Dienstag, 26. Dezember 1944 17:30 Uhr

Washington DC, Sonntag, 31. Dezember 1944, 09:50 Uhr

Berlin, Montag, 1. Januar 1945, 14:30 Uhr

London, Montag, 1. Januar 1945, 14:46 Uhr

Berlin, Montag, 1. Januar 1945, 15:10 Uhr

Berlin, Montag, 1. Januar 1945, 15:43 Uhr

Dresden, Mittwoch, 3. Januar 1945, 10:00 Uhr

Führerhauptquartier Adlerhorst, Donnerstag, 11. Januar 1945, 14:10 Uhr

Dresden, Freitag, 12. Januar 1945, 09:17 Uhr

Berlin, Samstag, 13. Januar 1945, 21:10 Uhr

London, Montag, 15. Januar 1945, 10:19 Uhr

Flughafen Swinderby, England, Dienstag, 16. Januar 1945, 11:50 Uhr

Berlin, Dienstag, 16. Januar 1945, 13:19 Uhr

London, Dienstag, 16. Januar 1945, 15:07 Uhr

Peenemünde, Donnerstag, 18. Januar 1945, 07:55 Uhr

London, Mittwoch, 7. Februar 1945, 11:10 Uhr

Dresden, Montag, 12. Februar 1945, 16:50 Uhr

Dresden, Montag, 12. Februar 1945, 22:24 Uhr

Berlin, Dienstag, 13. Februar 1945, 08:32 Uhr

Berlin, Dienstag, 13. Februar 1945, 12:17 Uhr

Dresden, Dienstag, 13. Februar 1945, 19:56 Uhr

Technische Hochschule Dresden, Dienstag, 13. Februar 1945, 20:39 Uhr

Dresden, Dienstag, 13. Februar 1945, 20:53 Uhr

Technische Hochschule Dresden, Dienstag, 13. Februar 1945, 21:32 Uhr

Dresden, Dienstag, 13. Februar 1945, 21:40 Uhr

Dresden, Dienstag, 13. Februar 1945, 21:52 Uhr

London, Dienstag, 13. Februar 1945, 21:58 Uhr

Dresden, Dienstag, 13. Februar 1945, 22:03 Uhr

Über Dresden, Dienstag, 13. Februar 1945, 22:05 Uhr

Dresden, Dienstag, 13. Februar 1945, 22:18 Uhr

Dresden, Dienstag, 13. Februar 1945, 22:25 Uhr

Stockholm, Dienstag, 13. Februar 1945, 22:26 Uhr

Dresden, Dienstag, 13. Februar 1945, 22:27 Uhr

Dresden, Dienstag, 13. Februar 1945, 22:41 Uhr

Über Dresden, Dienstag, 13. Februar 1945, 22:46 Uhr

Dresden, Dienstag, 13. Februar 1945, 22:53 Uhr

Dresden, Dienstag, 13. Februar 1945, 23:01 Uhr

Dresden, Mittwoch, 14. Februar 1945, 12:03 Uhr

EPILOG

Danke

Anmerkung

Weitere Bücher von Rainer Homburger

Impressum neobooks

Führerhauptquartier Wolfsschanze bei Rastenburg, Donnerstag, 8. Juli 1943

PROLOG

»Unmöglich! Das ist nicht zu machen!«

Von Braun fuhr sich durch die Haare und als suche er eine Bestätigung für das, was allen klar war, sah er Walter Dornberger an. »Was hat der nur für Vorstellungen?«

Während weitere Offiziere aus der Besprechung mit dem Führer in den Raum kamen, machte auch Generalmajor Dornberger seinem Unverständnis Luft. »Jetzt haben wir endlich erreicht, was wir schon lange fordern. Die höchste Dringlichkeitsstufe. Aber das bringt uns nichts, wenn wir unser ganzes Augenmerk auf die neue Waffe richten sollen. Neun Monate. Was kann man schon in neun Monaten erreichen? Wie lange haben wir gebraucht, um das Aggregat 4 auf den jetzigen Stand zu bringen? Und jetzt das. In neun Monaten.«

»Die Zeit brauchen wir allein schon dafür, die vielen noch vorhandenen Probleme zu beheben. Mindestens!«, warf Gerhard Degenkolb, Leiter des Sonderausschusses A4, ein. »An die Entwicklung einer A10-Rakete ist überhaupt nicht zu denken.«

Kopfschüttelnd ging Dornberger durch den Raum. Er konnte es noch immer nicht begreifen.

»Meine Herren.« Dr. Hans Kammler mischte sich in das Gespräch ein. »Nun mal nicht so pessimistisch. Sie sehen doch, was sie erreicht haben. Der Film über den erfolgreichen Start hat es doch bewiesen. Sie können es schaffen. Schauen Sie sich Herrn von Braun an. So ein junger Mann und schon solche genialen Ideen. Nicht umsonst hat der Führer ihm vorhin den Professorentitel verliehen. Für seine herausragenden Leistungen.«

Reichsführer-SS Heinrich Himmler kam herein. »Herr von Braun.« Er ging auf den Wissenschaftler zu und nahm seine Hand. »Darf ich Ihnen nun noch persönlich gratulieren. Das war das Mindeste, was der Führer tun konnte. Sie haben es sich redlich verdient. Nochmals meinen herzlichen Glückwunsch. Das ist doch sicher Ansporn genug für die neuen Aufgaben.« Dabei schüttelte er kräftig von Brauns Hand.

Ihr habt es alle nicht begriffen, ging es von Braun durch den Kopf. »Vielen Dank, Reichsführer.«

Dornberger versuchte, Himmler auf ihre Seite zu ziehen. »Herr Reichsführer. Wir haben doch schon unzählige Gespräche geführt. Wir haben Ihnen einen Überblick gegeben über die zurückliegenden Entwicklungen, ebenso über die noch vor uns liegenden Probleme. Es muss Ihnen doch klar sein, dass wir unsere ganze Konzentration erst einmal darauf richten müssen, bevor wir an eine weit größere Aufgabe denken können. Sonst erreichen wir am Ende keins von beiden.«

»Generalmajor Dornberger«, wischte Himmler die Bedenken beiseite. »Die Rakete fliegt, die Waffe ist fertig. Und die paar Kleinigkeiten machen Sie doch nebenher. Amerika, das ist jetzt unser Ziel. Sie haben den Führer gehört, wir brauchen die A10-Rakete. Das hat jetzt die höchste Dringlichkeitsstufe. Das bedeutet, Sie bekommen mehr Geld, mehr Material und mehr Ressourcen. Und zudem noch neun Monate.« Er unterstrich seine letzten Worte mit einem Augenzwinkern. »Der Führer glaubt an Sie und wir auch. Ich bin mir sicher, dass Sie in ihrem Team die richtigen Männer für diese Aufgabe finden.« Damit klopfte er Dornberger auf die Schulter und sah Kammler an, der seinem Chef mit einem Grinsen zustimmte.

»Und jetzt folgen sie mir ins Kasino, meine Herren.« Himmler deutete mit der Hand nach draußen. »Stoßen wir auf unseren neuen Professor an.«

Zehn Monate später bei Lorient, Frankreich, Donnerstag, 25. Mai 1944

»Stimmt es, dass die Invasion bald bevorsteht und die Deutschen dann wieder aus unserem Land vertrieben werden?«

»Ich weiß auch nur, was die anderen sagen.« Bertrand sah seinen neunjährigen Sohn an. »Aber wir hoffen natürlich, dass das nicht mehr allzu lange dauern wird.«

»Weißt du etwas darüber?«

»Nein.« Bertrand zwinkerte seinem Sohn zu. »Aber darüber dürft ihr mit niemandem reden. Habt ihr das verstanden?« Er sah Daniel in die Augen, wandte sich dann Marie zu und legte den Zeigefinger auf die Lippen. »Es ist am besten, wenn ihr nichts davon wisst. Und jetzt gute Nacht.«

Er beugte sich zu Marie hinunter und gab ihr einen Kuss auf die Stirn. »Schlaf gut, meine Kleine.« Dann ging er zu Daniel ans Bett. »Solange die Deutschen da sind, müssen wir aufpassen, was wir sagen. Gute Nacht, mein Sohn.«

Er fuhr Daniel über die Haare und ging dann zum Tisch. Die Kerze war heruntergebrannt und das Wachs über den Ständer gelaufen. Bertrand nahm den Kerzenhalter in die Hand und ging damit langsam durch den Raum. Die Türen und Fenster waren nicht mehr dicht. Das Haus war in die Jahre gekommen und es zog überall durch die sich öffnenden Ritzen und Spalten. Bertrand hatte kein Geld für Reparaturen. Er war froh, wenn er seine Familie durchbringen konnte.

Als er sich der Tür näherte, flackerte die Flamme wild und legte sich fast waagerecht neben den schwarzen Docht. Bertrand schloss die Tür und ging über den Flur zum anderen Ende des Gangs. Die Dielenböden knarrten unter seinem Gewicht und die Kerze beleuchtete schwach die tiefe Decke, an der sich einige Holzbretter lösten. Die muss ich dringend befestigen, sonst kommen sie bald runter, dachte er. Vom Gang ging es rechts in das kleine Badezimmer und nach links in einen Raum, der immer verschlossen war.

»Schlafen sie?«, fragte Monique, als Bertrand die Schlafzimmertür hinter sich schloss. Sie lag bereits im Bett. Auf ihrem Nachttisch brannte eine Kerze, daneben lagen zwei alte Bücher. Monique las gerne und verbrachte einen großen Teil ihrer spärlichen Freizeit damit. Sie besaß sogar eins in deutscher Sprache, und da sie früher etwas Deutsch gelernt hatte, war sie es gewesen, die in der ersten Zeit der Besetzung den Verkauf ihrer angebauten Lebensmittel mit den Besatzern abgewickelt hatte.

»Sie sind beide müde. Ich denke, sie schlafen heute schnell ein.« Nach einer kurzen Pause fuhr er fort. »Wir müssen aufpassen, dass Daniel nicht zu oft über die Invasion spricht. Er ist unheimlich neugierig und fühlt sich manchmal schon sehr erwachsen. Dann will er den großen Mann spielen.«

Er zog seine Kleider aus und legte sie auf den Stuhl neben dem Fenster. Monique beobachtete ihn dabei. Bertrand hatte einen muskulösen Körper, wenngleich er jetzt schmaler war als früher. Man sah ihm an, dass die täglichen Rationen auf dem Tisch kleiner wurden. Die Feldarbeit, die weitgehend von Hand ausgeführt werden musste, war reine Knochenarbeit und sehr anstrengend. Wann immer es möglich war, gab Bertrand den Kindern etwas von seinem Essen ab, damit sie halbwegs satt wurden, auch wenn er dies sehr gut selbst hätte gebrauchen können. Er zog den Schlafanzug an und legte sich zu Monique ins Bett. Er umarmte ihren warmen Körper von hinten, während sie die Kerze auf dem Nachttisch ausblies.

Am frühen Morgen wurde Bertrand von einem unheimlichen Lärm geweckt. Im ganzen Haus dröhnte es und das Gebäude schien in seinen Grundmauern zu vibrieren. Er setzte sich auf und stützte den Oberkörper auf beide Arme. Im Raum war es noch dunkel, nur um das Fenster herum zeichnete sich ein heller Rand ab.

»Was ist das?« Monique war zu ihm gerutscht und hielt seinen Unterarm fest umklammert. Ihre Stimme zitterte.

»Das kommt von der Straße.«

Bertrand stieg aus dem Bett und schob den schweren Vorhang einige Zentimeter zur Seite. Der Tag hatte bereits begonnen, der Himmel hob sich in einem hellen Grau von der noch dunklen Landschaft ab. Die Umrisse einzelner Bäume sowie des Schuppens neben dem Weg waren bereits gut zu erkennen. Ein unheimlicher Lärm gelangte durch die undichten Fenster fast ungehindert in den Raum. Bertrand schob den Stuhl heran und setzte sich auf seine Kleider, während er nach draußen spähte.

»Was ist da los?«, fragte Monique noch einmal.

Bertrand saß schweigend am Fenster und blickte gespannt in Richtung der Straße. Der Lärm schwoll weiter an.

»Bertrand!« Monique sprach jetzt lauter aber doch vorsichtig, als ob sie Angst hatte, dass man sie draußen hören konnte.

»Auf der Straße fährt eine Kolonne von schweren Militärfahrzeugen«, berichtete Bertrand, ohne sich zu ihr umzudrehen.

Die Tür ging auf. Die beiden Kinder stürmten herein. Marie rannte sofort zu ihrer Mutter und krabbelte unter die Bettdecke. Daniel hielt kurz inne, blickte zu seiner Mutter und sah dann seinen Vater am Fenster sitzen. Der hatte reflexartig den Kopf gedreht, um zu sehen, wer in den Raum kam. Daniel ging zu ihm und schob den Vorhang weiter auf. Bertrand rutschte ein Stück, damit er neben ihm Platz hatte.

Mittlerweile konnte man die Vorgänge draußen gut erkennen. Der Himmel war jetzt nicht mehr grau, er hatte ein leichtes Blau angenommen und es zeichnete sich ein sonniger Tag ab.

Auf der Straße schob sich ein Fahrzeug nach dem anderen schwerfällig über den unebenen Belag. Daneben sicherten in regelmäßigen Abständen Kradfahrer den Transport zur Seite ab. Weiter vorne war ein Panzerspähwagen zu erkennen. Der Kommandant stand im Turm und beobachtete die Kolonne.

»Bis jetzt sind vorwiegend Mannschaftstransporter durchgekommen«, berichtete Bertrand. »Dazwischen einige kleinere Wagen und viele Kradfahrer. Neben dem Baum, kurz vor der Abzweigung zu unserem Haus, steht ein Lieferwagen, daneben zwei weitere Fahrzeuge. Dort lungern Soldaten rum und rauchen. Was haben die vor?«

Marie drückte sich an ihre Mutter. In der rechten Hand hielt sie ihre Puppe. Monique strich ihr über die Haare.

Der Lärm nahm nicht ab. Fahrzeug um Fahrzeug mühte sich über die Straße.

»Was ist denn das für einer?« Daniel sah zu seinem Vater auf, als sich ein großes Ungetüm in ihr Blickfeld schob.

Schwarze Rauchschwaden türmten sich hinter ihm auf und hüllten die Wagen neben der Straße ein.

Bertrand und Daniel saßen regungslos am Fenster und beobachteten das Geschehen.

Eine riesige Zugmaschine rollte heran. Sie zog einen ungewöhnlichen Anhänger, auf dem ein langes Teil befestigt war. Dieses verengte sich nach vorne zu einer Spitze und wies am anderen Ende gleichmäßig abstehende Stellen auf, die wie kleine Flügel aussahen. Die Ladung war mit einer dunklen Plane abgedeckt, doch war die Form durchaus zu erkennen. Dahinter fuhren weitere Lastwagen, denen wiederum Mannschaftstransporter folgten.

»Die haben was Großes vor.« Bertrand stand auf. Er ging zur Tür.

»Wo gehst du hin, Papa?«

»Du bleibst hier und beobachtest die Deutschen. Sobald sich jemand dem Haus nähert, gibst du sofort Bescheid. Hast du verstanden?«

Daniel nickte. Er wusste, dass sein Vater wieder in dem kleinen Raum gegenüber dem Bad verschwinden würde. Nur zu gerne wäre er ihm dorthin gefolgt. Seine Neugier war riesig. Doch er folgte den Anweisungen, setzte sich in die Mitte des Stuhls und beobachtete weiter die Straße. Monique lag mit Marie im Bett. Die Angst in ihrem Gesicht war nicht zu übersehen.

Daniel beobachtete die Kolonne, die jetzt in der heller werdenden Umgebung gut auszumachen war. Neben dem Baum standen noch immer die drei Fahrzeuge. Die stehen doch schon die ganze Zeit hier, warum fahren die denn nicht weiter? Plötzlich erkannte er auf dem Kastenwagen mehrere Antennen. Die waren bisher in der Dunkelheit nicht zu sehen gewesen, weil der Wagen direkt vor einem Baum stand. Ein solches Fahrzeug hatte er noch nie gesehen.

Auf einmal wurde die Tür auf der Rückseite des Lieferwagens aufgeschlagen und ein Mann sprang heraus. Er fuchtelte wild mit den Armen und zeigte auf das Bauernhaus. Die umstehenden Soldaten warfen die Zigaretten auf den Boden und eilten zu den Fahrzeugen. Die Motoren wurden angeworfen.

Daniel hatte das Gefühl, dass er dies trotz des Lärms hören konnte.

Die beiden Wagen fuhren um den Lieferwagen herum zurück auf die Straße. Ohne Rücksicht quetschten sie sich zwischen die anderen und hatten Glück, dass sie dabei nicht von einem der schweren Lastwagen gerammt wurden. Wenig später scherten sie wieder aus der Kolonne aus und rasten auf das Bauernhaus zu.

Daniel blieb der Mund offen stehen. Er beobachtete die beiden Wagen, die sich dem Haus näherten. Unfähig, sich zu rühren sah er, wie die Fahrer auf dem Hof in die Bremsen traten, sodass die Räder blockierten und die Fahrzeuge auf der braunen Erde entlangrutschten. Die Türen wurden aufgerissen und mehrere Soldaten sprangen heraus.

Mit offenem Mund saß Daniel am Fenster und starrte hinaus. Er versuchte, etwas zu sagen, doch seine Kehle war wie zugeschnürt.

Die Soldaten rannten auf die Eingangstüre zu.

»Papa!« Daniel brachte endlich einen gurgelnden Laut hervor, dann drehte er sich zu seiner Mutter um. Das blanke Entsetzen stand ihm ins Gesicht geschrieben.

Es dauerte nicht lange, da war Bertrand wieder im Zimmer. Er sah Daniel an und wusste, was passiert war.

Aus dem Erdgeschoss drangen laute Schläge gegen die Eingangstür nach oben. »Ouvrez la porte!«

Daniel rannte zu seinem Vater, umarmte ihn und drückte ihm den Kopf an den Bauch.

Mit lautem Krachen gab die Eingangstüre nach und das Geräusch von Stiefeln drang aus dem Erdgeschoss herauf.

Bertrand ging zum Bett. Den Arm hatte er um Daniel gelegt. Er setzte sich neben Monique auf die Bettkante und fuhr Marie über die Haare. Er spürte, wie sie am ganzen Körper zitterte. Dann sah er seiner Frau in die Augen und nahm sie in den Arm.

Schwere Schritte dröhnten die Treppe hinauf. Befehle hallten durch das Haus. Die Tür zum Kinderzimmer wurde aufgestoßen. Durch die Ritzen im Türrahmen konnte Bertrand wiederholt das Aufblitzen starker Taschenlampen erkennen. Mit einem Schlag wurde die Schlafzimmertür aufgetreten und Monique schrie auf. Sie drückte Marie an sich. Bertrand saß neben ihr und hielt Daniel fest im Arm.

Zwei Soldaten stürmten herein, die Gewehre im Anschlag. Mit einem schnellen Blick prüften sie, ob sich weitere Personen im Raum befanden. »Ist hier sonst noch jemand?« Der Soldat sprach gut Französisch, wenn auch mit einem starken Akzent.

»Nein«, antwortete Bertrand. Seine Stimme zitterte. Er hatte Angst. Angst um seine Familie.

»Venez tous!«

Bertrand nickte Monique zu. Zögernd stand sie auf und warf sich die Strickjacke über ihr Nachthemd. Marie drückte sich an ihre Mutter.

Sie wurden die Treppe nach unten geführt und mussten sich im Wohnzimmer vor der Wand aufstellen. Die Soldaten postierten sich gegenüber und richteten die Gewehre auf sie. Neben ihnen stand ein Offizier im Rang eines Majors.

Aus dem Haus waren noch immer Stimmen zu hören. Die Deutschen durchsuchten jeden Winkel. Wenn sie einen Raum oder Schrank nicht öffnen konnten, wurde die Tür einfach eingeschlagen. Kurze Zeit später kamen zwei Soldaten die Treppe hinunter und brachten einen kleinen Kasten mit einer langen Antenne und verschiedenen Kabeln mit. Bertrand erkannte sofort, dass sie sein Funkgerät aus dem verschlossenen Raum entdeckt hatten. Sie legten das Gerät auf den Tisch.

Der Major sah Bertrand an.

»Cela vous appartient-Il?« Der Offizier sprach ein hervorragendes Französisch.

Bertrand wusste, dass es keinen Zweck hatte, zu lügen. Man würde ihm sowieso nicht glauben. Er nickte.

»Wo sind die dazugehörenden Codebücher?«

Bertrand zögerte. Die Bücher waren unter den Holzdielen im Raum versteckt. Auf die präparierten Dielen hatte er einen alten Schrank gestellt, der sich aber gut verschieben ließ.

»Wo sind die Codebücher?«, fragte der Major erneut. Seine Stimme war jetzt etwas lauter, aber noch nicht unfreundlich.

Bertrand zögerte. Er dachte an Monique, seinen Sohn Daniel und die kleine Marie. Was würde man wohl mit ihnen machen, wenn er nicht verriet, wo die Bücher waren?

Von draußen drangen Geräusche eines ankommenden Fahrzeugs herein.

Bertrand wurde aus seinen Gedanken gerissen.

Vor der Eingangstür wurden Hacken zusammengeschlagen. Ein SS-Offizier betrat das Haus. Auf seiner Uniformmütze war unter dem Reichsadler mit dem Hakenkreuz der Totenkopf zu erkennen, darunter zierten zwei silberne Kordeln die Mütze. Auf dem dunklen Stoff blitzten verschiedene Abzeichen und Orden. In dem Gesicht des Mannes zeigte sich keine Regung, die Lippen waren zusammengepresst. Mit stahlblauen Augen nahm er die Situation auf und ging dann langsam weiter in den Wohnraum. Die Soldaten nahmen Haltung an.

»Was geht hier vor?« Die befehlsgewohnte und kalte Stimme des SS-Offiziers ließ keinen Zweifel daran, dass er eine harte Linie bevorzugte und erwartete, dass seine Entscheidungen sofort umgesetzt wurden.

»Wir haben bei der Durchsuchung des Hauses ein Funkgerät gefunden«, fasste der Major die aktuelle Situation zusammen. »Die Codebücher suchen wir noch. Unser Peilwagen hat festgestellt, dass von hier Funksprüche abgesetzt wurden. Es ist uns jedoch gelungen, den Funkverkehr zu stören, sodass bei den Empfängern nichts Brauchbares angekommen sein dürfte.«

Bertrand schluckte.

»Mitglieder der Résistance sind augenblicklich zu erschießen«, sagte der SS-Mann. Er griff an sein Pistolenhalfter, zog die Waffe und richtete sie auf Bertrand und seine Familie.

Monique starrte den SS-Offizier entsetzt an und schob Marie zitternd hinter sich. Bertrand stellte sich schützend vor seinen Sohn.

»Einen Moment«, versuchte der Major den SS-Mann zu stoppen. »Ich bin mit den Gefangenen noch nicht fertig.«

»Das sind Feinde unseres Vaterlands, die mit den Engländern kollaborieren. Darauf steht die Todesstrafe und die wird umgehend vollstreckt.« Der SS-Offizier entsicherte seine Pistole.

»Das sind meine Gefangenen und ich werde sie erst verhören. Vielleicht gelingt es uns, noch wertvolle Hinweise zu bekommen, Herr Sturmbannführer.« Der Major stellte sich vor den SS-Offizier, zwischen ihn und die Familie. »Wir brauchen jede Information über die Invasion, die wir kriegen können. Und wir müssen jede Gelegenheit nutzen, an weitere Details zu kommen.«

»Was fällt Ihnen ein, Herr Major. Gehen Sie sofort zur Seite oder soll ich Sie wegen Zusammenarbeit mit dem Feind erschießen?«

»Sie haben mir keine Befehle zu erteilen«, erwiderte der Major in einem festen Ton.

»Auch wenn Sie mir vom Rang her gleichgestellt sind, Herr Major«, sagte der SS-Offizier mit drohender Stimme, »das Kommando dieses Sonderauftrags führe ich. Daher haben Sie meinen Anweisungen Folge zu leisten und ich befehle Ihnen ein letztes Mal. Gehen Sie zur Seite.«

Der Major rührte sich nicht von der Stelle.

Die Sonne erhob sich weiter über die umliegenden Berge der Bretagne und ein gelber Streifen lag bereits auf dem Dach des Bauernhauses. Der Himmel hatte ein kräftiges Blau angenommen und konkurrierte mit dem saftigen Grün der Pflanzen. Auf der Stromleitung neben dem Schornstein ließen sich zwei Vögel nieder und zwitscherten ihre Melodie.

Plötzlich peitschte ein Schuss durch das Haus.

Dresden, Mittwoch, 31. Mai 1944, 04:55 Uhr

Hans Friedel wirkte mit seinen fast dreißig Jahren noch sehr jugendlich, hatte einen neugierigen Blick und meistens ein freches Lächeln um den Mund, das in einem kleinen Grübchen auf der rechten Seite endete. Er hatte für sein Alter bereits viel erreicht und war durch seine erfolgreiche Arbeit zu einem der verantwortlichen Leiter der Entwicklung eines neuen Waffensystems aufgestiegen. Zusammen mit seinem besten Freund Dieter Kuhn hatte er das Ingenieurstudium an der Technischen Hochschule in Dresden 1937 unter den Jahrgangsbesten beendet und war anschließend einem Aufruf der Partei gefolgt, als Wissenschaftler für die Raketenentwicklung in einem Forschungszentrum in Peenemünde zu arbeiten. Die Aufgabe war lukrativ und für beide gleichermaßen interessant.

Hans konnte die Entwicklung der Raketentechnologie bereits von Kind an verfolgen. Sein Vater hatte nach dem verlorenen Weltkrieg weiter im Geheimen für das Militär gearbeitet. Als ab Mitte der zwanziger Jahre die ersten Tests mit Raketen durchgeführt wurden, war dieser von Anfang an dabei und einer der führenden Köpfe der damaligen Ingenieurgruppe. Die Familie war bald darauf von Dresden nach Berlin gezogen, da die Hauptstadt als Wohnort für die Arbeit des Vaters besser geeignet war. Der Kontakt zu seinem Freund Dieter aber war nie abgerissen. Regelmäßig besuchten sie sich in den Schulferien und verbrachten viel Zeit mit Studien und Überlegungen, die im Zusammenhang mit den Forschungsaufgaben von Hans Vater standen. Beide tüftelten für ihr Leben gern und die Raketentechnologie hatte sie, wie viele andere Deutsche zu diesem Zeitpunkt auch, in den Bann gezogen. Sie diskutierten mit Hans Vater und strebten danach, ihn mit einer eigenen, gewonnenen Erkenntnis in seiner Arbeit ein Stück voranzubringen. Doch ihre weitreichenden Gedanken und Ideen konnten damals noch nicht umgesetzt werden. Anders sah es dagegen nach dem Studium aus. Natürlich gab es nach wie vor eine riesige Anzahl ungelöster Fragen. Mit Übernahme der Forschungen durch das Militär standen jetzt fast unbegrenzte, finanzielle Mittel zur Verfügung und dem immer stärker wachsenden Heer an Ingenieuren und Wissenschaftlern war es im Laufe der vergangenen Jahre gelungen, für viele der Probleme eine Lösung zu erarbeiten. Einige der Grundideen, die Hans und Dieter bereits in ihrer Jugend angestellt hatten, konnten mittlerweile angewandt und umgesetzt werden. Aufgrund ihres Wissens stiegen beide innerhalb kürzester Zeit zu den führenden Köpfen in der Gruppe um Wernher von Braun und Walter Dornberger auf. Ihrer Arbeit war es wesentlich mit zu verdanken, dass am 3. Oktober 1942 der erste erfolgreiche Start einer A4-Rakete gelang.

Hans legte beide Arme um seine Frau und drückte sie fest an sich. Schon seit dem Aufstehen spürte er ein flaues Gefühl im Magen und gleich nach dem ersten Bissen des Frühstücks kam es ihm vor, sein Magen drehe und wende sich und versuche, die Aufnahme von Nahrung zu verweigern. So begnügte er sich mit einer Tasse dünnen Kaffees. Er war nervös und das war bei ihm selten. Unruhig lief er in der Küche umher.

»Ich kann einfach nicht ruhig bleiben und warten.« Er sah seine Frau an. Auch für sie war die Situation neu und eine Mischung aus Ungewissheit und Angst stand ihr unübersehbar ins Gesicht geschrieben. Hans ging auf sie zu und nahm sie in den Arm. Er drückte sie an sich und konnte ihre Anspannung spüren. »Wann holst du die Kinder wieder?« Er wusste genau, dass er dies auch schon mehrfach gefragt hatte.

»Am Nachmittag«, antwortete sie mit einem erzwungenen Lächeln. Sie fuhr ihm mit dem Zeigefinger über das Grübchen an der Wange, dann küsste sie ihn noch einmal.

Von draußen war das Geräusch eines Motors zu hören. Elisabeth löste sich aus seinen Armen, ging zum Fenster und schob den schweren Vorhang zur Seite. »Der Wagen ist da!«

Hans war erleichtert. Endlich konnte er etwas tun, auch wenn sie damit dem Abschied wieder ein Stück näher kamen. Er schloss den Koffer mit einem nicht vollends überzeugten Gefühl, alles dabei zu haben. Mit dem Koffer in der einen und der Aktentasche in der anderen Hand folgte er seiner Frau durch das Treppenhaus nach unten. Der Wagen stand direkt vor dem Haus.

Hans und Elisabeth saßen schweigend im Fond der schwarzen Limousine. Als mitverantwortlicher Leiter dieses Sonderauftrags hatte er gewisse Privilegien, die sich, neben zusätzlicher Arbeit, auch darin äußerten, dass er auf Wunsch einen Wagen gestellt bekam. Der Fahrer trug eine SS-Uniform, aber Hans wusste auch so, dass ihm die Vergünstigungen aufgrund der Anweisungen von Heinrich Himmler zuteilwurden. Sie waren Bestandteil des umfassenden Versuchs der SS, die Raketenentwicklung mehr und mehr unter ihre Kontrolle zu bringen.

Sie fuhren an Plakaten vorbei, auf denen Jungen als Flakhelfer angeworben wurden, um Männer für die Front freizustellen. Mädchen sollten ihren Beitrag als Krankenschwestern erbringen. Andere forderten die Bevölkerung zum totalen Krieg auf oder mahnten zum vorsichtigen Umgang mit Informationen.

Hans hielt Elisabeths Hand. Regelmäßig wandte er sich ihr zu, lächelte und drückte ihre Hand. Elisabeth konnte im Schein der Straßenlaternen sein Grübchen erkennen. Dann ging Hans Blick wieder nach draußen. Das flaue Gefühl im Magen hatte etwas nachgelassen, während sie nun durch die ihm vertrauten Stadtteile fuhren.

Als die ersten Gebäude des Flughafens in Sicht kamen, verringerte der SS-Mann die Geschwindigkeit und der Wagen rollte an dem lang gezogenen Hansahaus vorbei zum Eingangsportal.

Der Flugplatz Dresden Klotzsche war in den 30er Jahren neu gebaut worden und die Gebäude zeugten von einer schlichten Schönheit und Eleganz. Vom Flughafen aus hatte man einen herrlichen Rundblick über die Stadt und er war bequem mit der Straßenbahnlinie 7 oder per Autobusverkehr zu erreichen.

Der Fahrer hielt den Wagen unmittelbar vor den Stufen der Treppe, die den Eingangsbereich umgab.

Hans stieg aus und sein Blick fiel auf den Parkplatz, der in einer Senke neben der Straße angelegt war. Schemenhaft konnte er einige Militärfahrzeuge erkennen. Zivilfahrzeuge gab es keine, was sicherlich daran lag, dass der zivile Luftverkehr bereits im Frühjahr 1940 eingestellt worden war. Er ging zum Heck des Wagens, um den Koffer zu holen. Dabei hob er den Kopf und betrachtete den verglasten Eingangsbereich. Die vielen Fenster schimmerten tiefschwarz. An der linken Seite strahlte etwas Licht aus dem Inneren der Abfertigungshalle und beleuchtete schwach die Uhr in der Mitte des Portals. Der lange Zeiger wies fast senkrecht nach oben, er war nur schwer auszumachen. Der Kleine war überhaupt nicht zu erkennen.

»Ich bringe den Koffer noch rein.« Der Fahrer hatte das Gepäckstück bereits in der Hand.

»Danke«, erwiderte Hans geistesabwesend. Er sah nach oben auf die große Uhr. Sein Magen machte eine erneute Drehung und er hatte das Gefühl, dass diesmal die Zeit gegen ihn arbeite.

Der Kofferraum wurde mit einem lauten Knall zugeschlagen und holte Hans aus seinen Gedanken zurück. Er schaute sich nach Dieter um. Hier draußen vor dem Eingang war er nicht. Dann legte er den Arm um seine Frau und sie gingen die Treppe hinauf. Der SS-Mann hielt ihnen die Flügeltür auf, dann stellte er den Koffer in der Halle ab und verabschiedete sich von Hans mit einem »Heil Hitler«. Zu Elisabeth sagte er noch: »Ich warte am Wagen auf Sie«, dann war er verschwunden.

Wieder spürte Hans ein Ziehen im Magen. Dabei sorgte er sich mehr um sich als um seine Familie. Dresden war bisher ein sicherer Ort gewesen. Aber jetzt ging es um ihn. Sein Ziel war ein von den Deutschen seit Jahren besetztes Land. Eine Gegend, die zurzeit massiv von den alliierten Bombern angegriffen wurde. Was, wenn er nicht zurückkommen würde?

»Entschuldigt bitte«, keuchte Dieter und riss Hans damit aus seinen Gedanken. Mit einem Koffer unter dem Arm kam er auf die beiden zu gerannt. »Unsere Kleine hat gestern starkes Fieber bekommen und uns fast die ganze Nacht auf Trapp gehalten.« Dann atmete er tief ein und aus. »Guten Morgen, Elisabeth.« Er gab ihr die Hand. Sie nickte und lächelte kurz.

Dieter streckte Hans ebenfalls die Hand entgegen. »Jetzt geht‘s los, alter Freund. Ich hoffe, du hast alles dabei.« Er war noch außer Atem, was seine Freude und Begeisterung aber nicht schmälerte. Er hatte kein schlechtes Gewissen wegen des bevorstehenden Einsatzes. »Wir sind im Krieg und da muss jede Möglichkeit wahrgenommen werden, diesen auch zu gewinnen«, hatte er schon mehrfach wiederholt, wenn er darauf angesprochen wurde. Dieter schaute auf seine Armbanduhr. »Es wird Zeit. Ich gehe schon mal vor, dann könnt ihr Euch noch in Ruhe verabschieden.« Als er sich Elisabeth zuwandte, sah er in ihren Augen die Sorge um Hans. »Uns passiert schon nichts. Ich passe auf ihn auf.«

Sie sah ihn sorgenvoll an.

»Versprochen«, fügte er einen Moment später hinzu. Er bestätigte das Versprechen mit einem Nicken. Dann nahm er seinen Koffer, lächelte Elisabeth noch einmal zu und ging durch die Abfertigungshalle auf die Ausgänge zum Rollfeld zu.

Hans küsste und umarmte seine Frau. »Gib acht auf dich und die Kinder.« Mit dem Handrücken fuhr er ihr über die Wange. »Wenn es möglich ist, melde ich mich, sobald wir da sind.«

Er nahm seine Frau in die Arme. Elisabeth liefen die Tränen übers Gesicht. Sie hatte Angst um ihn. Ihre Hand klammerte sich an seiner fest und er spürte, wie sich ihre Fingernägel in seine Handflächen bohrten. Dann löste er sich von ihr und schaute sich nach Dieter um. Der stand bereits in der offenen Tür zum Rollfeld. Hans nahm seinen Koffer und gab Elisabeth noch einen Kuss auf die tränennassen Lippen. Ein letzter Blick in ihre Augen und mit einem aufmunternden Lächeln drehte er sich um und durchquerte mit schnellen Schritten die Halle. Er quetschte sich an Dieter vorbei und gemeinsam gingen sie auf die Junkers 52 zu, die nicht weit von der Halle entfernt auf dem Rollfeld stand.

Mit einem ohrenbetäubenden Lärm flog eine gerade gestartete Maschine über sie hinweg und stieg langsam der in einem dunklen Grau schimmernden Wolkendecke entgegen.

Berlin, Mittwoch, 31. Mai 1944, 08:30 Uhr

Carl Richert saß auf dem Rücksitz und war auf dem Weg zum Flughafen Tempelhof. Ihr schwarzer Mercedes hielt hinter einem Pferdekarren, der mit Kartoffeln und Äpfeln beladen war. Neben dem Pferd stand ein alter Mann. Seine Hosen waren völlig verschmiert und die Füße steckten in ausgelatschten, löchrigen Halbschuhen. Schlurfend zog er das Tier an den Zügeln vorwärts, als die Soldaten einen Militärlastwagen durch die Sperre winkten und die Schlange sich wieder in Bewegung setzte.

Carl arbeitete bereits seit sieben Jahren in der deutschen Hauptstadt. Er liebte das Land und die Leute. Immerhin hatte er einen großen Teil seiner Jugend hier verbracht.

Sein Vater Arvid kam in den zwanziger Jahren als Mitarbeiter der schwedischen Gesandtschaft nach Deutschland. Die Familie kaufte ein Haus in Berlin und er ging dort zur Schule. Seine Mutter, eine gebürtige Deutsche, hatte ihn von Anfang an zweisprachig aufgezogen, sodass ihm der Wechsel von der schwedischen auf eine deutsche Schule zumindest keine sprachlichen Probleme bereitete. Er genoss hier eine unbeschwerte Jugend und verbrachte viel Zeit in der Natur und am Wasser. Viele seiner Spielgefährten waren ebenfalls Söhne von Gesandtschaftsangehörigen. Der Kontakt zu einheimischen Jungen gestaltete sich etwas schwierig, auch wenn er nie ganz nachvollziehen konnte, warum. Die Bekanntschaften blieben meist oberflächlich und nur selten sah es so aus, als ob sich daraus eine tiefere Freundschaft entwickeln könnte. Nur zu einem Jungen aus dem Nachbarhaus gelang es zeitweise, ein intensiveres Verhältnis aufzubauen, das darin gipfelte, dass sie in einem Sommer besonders viel miteinander unternommen hatten. Doch schon im folgenden Herbst verflachte das wieder.

Carl wuchs sehr behütet auf, da seine Mutter und die Haushälterin Brita versuchten, Probleme von ihm fernzuhalten. Wann immer es ging, kamen sie ihm zu Hilfe und das führte dazu, dass er manche Erfahrung erst in fortgeschrittenem Alter machen musste. Was in solchen Momenten nicht gerade das Ansehen bei seinen Freunden förderte.

Nach der Schule zog er zurück nach Schweden, um dort zu studieren. Sein Vater war mittlerweile schwedischer Gesandter in Deutschland geworden und besorgte ihm nach dem erfolgreichen Studium eine Stelle an der Gesandtschaft in Berlin.

Carl trug einen dunklen Anzug. Das Jackett war offen und unter seinem weißen Hemd zeigte sich ein leichter Bauchansatz. Neben ihm auf dem Sitz lagen zwei schwarze Aktenkoffer. Beide hatten einen Ledergriff, mit jeweils einem Schloss auf jeder Seite. Die Koffer waren verschlossen, die Schlüssel trug er in der Innentasche des Jacketts.

Er blickte aus dem Fenster, während der Wagen langsam vorwärts rollte. Die Häuser entlang der Straße wiesen unterschiedlich starke Schäden durch Luftangriffe auf. Manche hatten nur zersprungene Fensterscheiben, die provisorisch mit Karton abgedeckt waren. Andere teilweise massive Beschädigungen an den Dachböden oder an mehreren der oberen Stockwerke. Dazwischen riesige Haufen aus Steinen und verkohlten Brettern. Von Häusern, die völlig dem Erdboden gleichgemacht waren. Carl dachte an die Menschen, die einmal darin gewohnt hatten. Familien, deren Existenz zerstört war, von denen viele wahrscheinlich nicht mehr am Leben waren. Er dachte an die Kinder, die ihre Eltern oder Geschwister verloren hatten, an die Frauen und Mütter, die sehnsüchtig auf eine Nachricht ihrer Männer und Söhne von der Front warteten. Und an die Großeltern, die jetzt zum zweiten Mal in diesem Jahrhundert einen Weltkrieg miterleben mussten. Er dachte an das Leid, das dieser Konflikt über alle Menschen gebracht hatte, unabhängig davon, auf welcher Seite sie lebten und kämpften. Er hatte sich vorgenommen, seinen Beitrag zu leisten, damit der Krieg so schnell wie möglich beendet wurde und diejenigen, die für all das verantwortlich waren, zur Rechenschaft gezogen werden konnten.

Sein Blick fiel auf die SS-Soldaten, die die Fahrzeuge durchsuchten und die Papiere der Insassen kontrollierten. Er wurde langsam unruhig. Auf seiner Haut bildeten sich Schweißperlen. Er dachte an den Inhalt eines der Koffer. Wenn sie dies entdecken, würde man ihn sofort verhaften und als Spion erschießen. Schweiß lief ihm über die Stirn direkt ins Auge. Er kniff es zusammen. Es brannte höllisch.

Vor ihrem Fahrzeug befanden sich nur noch ein halbes Dutzend Fahrradfahrer, ein ziviler Wagen und der alte Mann mit seinem Pferdegespann. Die Soldaten sprachen mit jeder einzelnen Person, die sie kontrollierten. Sie verglichen deren Papiere mit einer Liste. Doch bisher hatten sie noch jeden durchfahren lassen.

Was passiert, wenn ich die Koffer öffnen muss? dachte Carl und fuhr sich mit einem Taschentuch über die Augen. Sie hatten keine Berechtigung, ihn zu kontrollieren. Sein Ausweis wies ihn als Mitarbeiter der schwedischen Gesandtschaft aus und auf dem Fahrzeug waren die entsprechenden Zeichen angebracht. Er stand unter diplomatischer Immunität. Laut internationalem Recht durften sie ihn nicht anhalten oder durchsuchen. Doch interessierten sie sich überhaupt für irgendwelche Vereinbarungen? Deutschland hatte schon viele Verträge abgeschlossen und wieder gebrochen. Unzählige Menschen wurden verhaftet und in Konzentrationslager verschleppt. Neutrale Staaten waren angegriffen und Menschenrechte missachtet worden. Warum sollten sie gerade jetzt die internationalen Übereinkommen beachten und ihn durchwinken?

Er spürte das Hemd an seiner Haut kleben.

Sie mussten ihn einfach durchlassen. Der Inhalt des einen Koffers musste unbedingt nach Stockholm. Die Informationen waren von weitreichender Bedeutung und konnten sich so massiv auf den weiteren Kriegsverlauf auswirken, dass er sie auf jeden Fall außer Landes bringen musste. Die Alliierten mussten davon erfahren, damit sie entsprechende Gegenmaßnahmen ergreifen konnten. Deutschland durfte diesen Krieg nicht gewinnen.

Der letzte der Radfahrer stieg in die Pedale und radelte davon. Der zivile Wagen dahinter fuhr an und hielt direkt neben einem der Soldaten, der das Fahrzeug kontrollierte. Der alte Mann vor ihnen zog am Zügel und langsam setzte sich das Pferd mit dem Karren in Bewegung.

Was würde er tun, wenn sie ihn verhaften wollten? Würde er versuchen zu fliehen? Vielleicht schaffte er es ja, in einem der beschädigten Häuser zu verschwinden und irgendwo hinten wieder rauszukommen. Er drehte sich um und blickte die Häuserfront entlang. Auf den nächsten fünfzig Metern waren zumindest im Erdgeschoss alle in Ordnung und die Türen geschlossen. Erst danach gab es Lücken. Fünfzig Meter waren zu weit, er würde es nicht schaffen. Sie würden ihn erschießen.

Vor ihnen setzte sich der Pferdekarren in Bewegung. Die Soldaten hatten das zivile Fahrzeug fahren lassen. Nach einem Meter blieb das Pferd plötzlich stehen. Der alte Mann zog ruckartig am Zügel. Das Pferd verweigerte noch einen Moment den Dienst, trottete dann aber doch weiter.

Mit einem Ruck fuhr ihr Wagen an und jetzt direkt bis zur Straßensperre. Der Fahrer öffnete das Fenster und gab dem Soldaten ihre Ausweise. Der betrachtete sie ausgiebig, dann ging er zu seinem Vorgesetzten, der an der Absperrung lehnte. Sie unterhielten sich kurz, dann kamen beide auf sie zu. Carl verschränkte die Hände. Seine Finger waren feucht, er schwitzte stark.

Der ranghöhere Soldat beugte sich zum Fahrer herunter.

»Steigen Sie bitte aus!«

Carl spürte, wie es ihm erneut den Schweiß aus den Poren trieb. Sein Hemd klebte mittlerweile komplett am Rücken. Der andere Soldat ging um den Wagen herum, öffnete die Tür und forderte auch ihn auf, auszusteigen. Langsam hob Carl sein rechtes Bein und setzte es auf die Straße. Er rutschte auf dem Sitz noch ein Stück an die offene Tür heran und stieg aus.

Der Soldat betrachtete den Ausweis und musterte ihn eingehend. Offenbar verglich er das Foto mit seinem Gesicht. Zum Glück ist das Bild recht neu, ging es Carl durch den Kopf. Plötzlich bückte sich der Uniformierte und schaute auf den Rücksitz.

»Was ist in den Koffern?«, fragte er, drückte Carl auf die Seite und zog die beiden Koffer aus dem Wagen.

London, Mittwoch, 31. Mai 1944, 08:50 Uhr

Die kleinen Scheibenwischer tanzten auf der Scheibe hin und her und führten einen fast aussichtslosen Kampf gegen den starken Regen. Obwohl schon kurz vor neun Uhr, war es an diesem Morgen noch ungewöhnlich dunkel. Lieutenant Baker saß hinter dem Steuer und wartete. Er stand bereits zwanzig Minuten vor dem Haus und beobachtete die Wassertropfen, die in breiten Strömen über die Frontscheibe liefen und am unteren Ende ohne erkennbare Logik nach rechts oder links abbogen. Es schüttete zeitweise so stark, dass man durch die Scheibe nichts mehr sehen konnte. Er schaltete wiederholt die Scheibenwischer ein, die sich mit unübersehbarer Mühe gegen den Regenschwall nach oben kämpften. Baker schaute auf seine Armbanduhr. Gleich neun Uhr. Lange durfte es nicht mehr dauern, sonst würden sie es nicht rechtzeitig zur Besprechung schaffen. Viele Straßen waren nur provisorisch geflickt. Es gab also keine Möglichkeit, Zeit gutzumachen. Und bei dem Sauwetter konnte er sowieso nicht schnell fahren. Das Prasseln auf das Autodach ließ etwas nach und Baker schaute durch die Frontscheibe in den Himmel. Soweit das Auge reichte, hingen graue Wolken über den Häusern und auch die Vorhersage machte keine Hoffnung auf eine baldige Änderung der Wetterlage.

Er zuckte zusammen, als die Tür hinter ihm aufgerissen wurde und mit einem »Shit« setzte sich ein Mann in einem dunklen Mantel auf den Rücksitz. Fast zeitgleich wurde die gegenüberliegende Tür geöffnet und ein zweiter sprang in den Wagen.

»Verdammtes Sauwetter.«

Lieutenant Baker startete den Motor und stellte das Gebläse an, damit die beschlagenen Scheiben wieder frei wurden. Ein kurzer Blick nach hinten, dann fuhr er los.

»Für wann ist der Termin bei Churchill angesetzt?«

»Die Besprechung beginnt um halb zehn, Mr Petrie. Wir werden rechtzeitig da sein«, sagte Baker in einem beruhigenden Ton, war sich aber nicht sicher, ob sie das schaffen würden.

Lieutenant Baker kannte Mr Petrie seit drei Jahren. Er war als persönlicher Fahrer für den Chef des MI5 abkommandiert und hatte mittlerweile viele weitere Aufgaben übernommen. Mr Petrie schätzte es nicht, ständig neue Mitarbeiter zu bekommen und so arbeitete er mit den meisten schon seit seiner Amtsübernahme 1941 zusammen. Er wusste, dass er sich auf Baker verlassen konnte. Und Baker kannte die Ansichten, die Marotten, wie auch die Vorlieben seines Chefs genau, sodass sich in diesen drei Jahren ein Vertrauensverhältnis aufgebaut hatte und sie mittlerweile perfekt aufeinander abgestimmt waren.

»Wir brauchen unbedingt die Informationen aus Stockholm«, hörte Baker Petrie zu seinem Assistenten sagen. »Ich will Churchill nicht über unsere Aktivitäten unterrichten, ohne ihm gleichzeitig die ersten Erfolge aufzeigen zu können. Wenn das klappt, werden wir einen Triumph gegen die Deutschen feiern, wie ihn die Welt noch nicht gesehen hat. Dann werden wir ihre letzte Trumpfkarte vernichten und endgültig den Krieg gewinnen.« Er zögerte kurz, dann ergänzte er: »Und wenn nicht, haben wir ein riesiges Problem. Wann soll das Flugzeug in Stockholm landen?«

»So gegen halb elf.«

Petrie schaute auf seine Uhr. »Dann müsste er zumindest schon den deutschen Luftraum verlassen haben. Wir probieren später noch einmal, ob wir zur britischen Gesandtschaft durchkommen. Bei diesem Sauwetter kriegt man einfach keine vernünftige Verbindung.«

»Ich habe veranlasst, dass man uns auf jeden Fall informiert, sobald Informationen aus Schweden eintreffen. Auch wenn die Besprechung noch nicht fertig ist.«

»Gut, Frank.«

Petrie schaute aus dem Fenster. Die Straßen waren fast menschenleer. Einzelne Soldaten gingen mit eingezogenem Kopf durch den Regen, eine Frau kämpfte mit ihrem Regenschirm gegen den ständig wechselnden Wind.

David Petrie war seit 1941 Chef des Security Service MI5, dem britischen Inlandsgeheimdienst. Er hatte damals den erfolglosen Mr Harker abgelöst und war von Churchill beauftragt worden, aus dem MI5 eine schlagkräftige Truppe aufzubauen. Dazu stellte dieser ihm die entsprechenden Mittel zur Verfügung. Als die direkte Bedrohung durch die Deutschen, nach deren Angriff auf die Sowjetunion im Juni 1941, nachließ erleichterte dies seine Arbeit und es gelangen ihm verschiedene Erfolge. Der Größte war das sogenannte double-cross-System. Dabei wurde den in Großbritannien enttarnten feindlichen Spionen nach ihrer Verhaftung die Möglichkeit gegeben, falsche Informationen an den deutschen Geheimdienst zu senden und somit den Feind in die Irre zu führen. Im Gegenzug konnten die Agenten dadurch einer sicheren Todesstrafe entgehen. Petrie schaffte es, ein besonders effektives Netzwerk aufzubauen und in vielen Fällen gelang es ihm, den Gegner erfolgreich zu täuschen und zu falschen Reaktionen zu veranlassen. Er verbrachte seine gesamte Zeit damit, das System zu verbessern und arbeitete seit Jahren fieberhaft daran, den Deutschen immer größeren Schaden zuzufügen.

Ein unerwarteter Schlag erfasste plötzlich den Wagen. Das rechte Vorderrad sackte kurz ab, um sofort darauf mit Wucht wieder nach oben zu kommen. Lieutenant Baker riss das Steuer herum, damit nicht auch noch das Hinterrad in das Schlagloch fuhr.

»Passen Sie doch besser auf, Baker.« Petrie sammelte verärgert die Unterlagen zusammen, die er auf seinen Oberschenkeln liegen hatte.

»Entschuldigung«, erwiderte Baker.

Er hatte keine Chance gehabt, das Loch zu erkennen. Die Straße war durch den Regen mit Pfützen übersät, in jeder konnte sich ein Loch verbergen. Baker verringerte die Geschwindigkeit etwas, nur um kurz danach aber wieder zu seinem ursprünglichen Tempo zurückzukehren. Die Zeit drängte, wenn sie pünktlich bei Churchill sein wollten.

Lieutenant Baker lenkte den Wagen durch mehrere Nebenstraßen, um den Weg abzukürzen. Als sie wieder zu einer der großen Hauptverkehrsstraßen kamen, wurden Sie von einem Militärpolizisten angehalten, der mitten auf der Straße stand. Das Wasser lief ihm über den Stahlhelm und fiel von dort in einem breiten Vorhang auf seine Uniform. Er hatte die Arme ausgestreckt und versperrte ihnen die Durchfahrt. Hinter ihm passierte eine Militärkolonne die Kreuzung. Sie hatten Glück, denn nach fünf weiteren Lastwagen war die Kolonne durch und die Fahrbahn wurde wieder freigegeben.

London war in den letzten Monaten überfüllt mit Soldaten der verschiedensten Nationen. Die Vorbereitungen für die Invasion in Frankreich waren in vollem Gange. In einer logistischen Meisterleistung wurden eine Unmenge von Schiffsraum, Waffen und Ausrüstungen und eine große Zahl Soldaten für den bevorstehenden Sturm auf die Festung Europa an der britischen Küste zusammengezogen.

»Noch eine Minute, Sir.« Baker blickte in den Rückspiegel. Petrie hob seinen Kopf und die dunklen Augen sahen ihn kurz an.

»Danke, Baker.«

Der Regen hatte etwas nachgelassen, als Baker vor der Downing Street Nr. 10 in Whitehall hielt.

David Petrie klappte den Kragen seines Mantels nach oben, stieg aus und lief mit dem Koffer in der Hand in das Gebäude. Frank folgte ihm. Die beiden Wachposten neben der Tür nahmen Haltung an.

Ju 52, über der deutsch-französischen Grenze, Mittwoch, 31. Mai 1944, 09:10 Uhr

Hans saß die erste Zeit des Fluges schweigsam auf seinem Platz und hatte mit ausdruckslosem Gesicht die Landschaft beobachtet. Die drei 600 PS starken Sternmotoren der Ju 52 taten zuverlässig und unüberhörbar ihren Dienst und begleiteten sie von Anfang an mit gleichmäßigem Dröhnen. Kurz nach dem Start hatten sich zwei Messerschmitt BF 109 Jagdflugzeuge als Begleitschutz zu ihnen gesellt. Eine der Maschinen flog links neben der Junkers, sodass Hans die Möglichkeit hatte, den Piloten in seinem Cockpit zu beobachten. Auch wenn sie erst etwas über drei Stunden in der Luft waren, kam ihm der junge Mann in der Kanzel fast schon vertraut vor.

Die Ju hatte eine Reisegeschwindigkeit von 180 km/h, war also nicht besonders schnell. Der Flug ging über 1.200 km Luftlinie und man hatte geplant, gegen Abend die französische Küste zu erreichen.

Was würde sie in Frankreich erwarten? Wie war die Situation in dem seit vier Jahren besetzten Land? Wie würde sich die Bevölkerung verhalten? Die verschiedensten Gedanken schwirrten ihm durch den Kopf und erneut nistete sich ein flaues Gefühl in seinem Magen ein.

Sie hatten einen wichtigen Auftrag zu erledigen. Der Führer persönlich hatte das Dieter und ihm noch einmal eindringlich nahegelegt. Auf ihren Schultern lag nun die Hoffnung der deutschen Führung. Was würde geschehen, wenn sie scheiterten? Er wollte den Gedanken nicht weiterspinnen. Gott sei Dank hatten sie eine gute Mannschaft, von denen viele schon seit Tagen vor Ort waren, um die letzten Vorbereitungen zu treffen und zu überwachen. Allen voran Oberingenieur Fritz. Ein Mann, auf den man sich einhundertprozentig verlassen konnte. Egal, worum es ging.

Hans drehte den Kopf und sah Dieter am rechten Fenster sitzen, den Kopf auf der Brust. Der schläft schon, seit wir losgeflogen sind, dachte er. Dann fiel ihm wieder ein, dass Dieter die letzte Nacht wenig geschlafen hatte.

Er blickte nach draußen und heftete seinen Blick auf die Messerschmitt, die weiterhin vor der Ju flog. Monoton und unermüdlich drehten sich die Propeller der Junkers 52 und Hans spürte, wie auch ihn die Müdigkeit übermannte. Er lehnte sich zurück und ließ die Augen über die Decke der Kabine gleiten. Verschiedene Kabel waren dort befestigt und zogen sich die Decke entlang, bis sie vor der Trennwand zur Pilotenkanzel nach links abbogen und in einem Kabelkanal verschwanden. Er schloss die Augenlider und die regelmäßigen Vibrationen des Flugzeugs schaukelten ihn in einen leichten Schlaf.

Von einem lauten Geräusch wachte Hans auf. Er hörte Schritte auf dem Kopfsteinpflaster. Rufe hallten die Straße entlang und zwischendurch war ein Schuss zu hören gewesen. Er stand auf und ging ans Fenster, um nachzusehen. Draußen war es dunkel. Er streckte den Kopf aus dem Fenster und vernahm Laute von der rechten Seite. Er spähte in die Dunkelheit, konnte aber nichts erkennen. Nur vereinzelt leuchtete eine Straßenlaterne und gab durch die angebrachte Verdunkelungsvorrichtung ein schwaches Licht nach außen ab.

Das Geräusch, ein wirres Gemisch aus Stiefelschritten und Stimmen, schwoll an. Im Augenwinkel nahm er eine schnelle Bewegung wahr. Eine dunkel gekleidete Gestalt kam angerannt und blieb vor dem Haus stehen. Hans konnte erkennen, wie sich der Unbekannte mit einer Hand an der Laterne festhielt und hastig in alle Richtungen sah. Der Flüchtende schien unschlüssig zu sein, wohin er sollte. Schwer atmend stand er neben dem schwarz schimmernden Metallmast. Er verharrte noch einen Augenblick, dann trat er einen Schritt vor, um die Straße zu überqueren. In dem Moment fiel ein Schuss und er sackte nach vorne zusammen. Ein paar Sekunden später tauchten Soldaten aus dem Dunkeln auf und reihten sich um den Verletzten, der sich am Straßenrand liegend vor Schmerzen krümmte. Einer der Uniformierten zog die Pistole und schoss ihm in den Kopf. Der Mann am Boden zuckte noch einmal, dann rührte er sich nicht mehr.

Hans war vor Schock wie gelähmt. Er traute seinen Augen nicht. Im schwachen Licht der Straßenlaterne konnte er die Uniformen der SS-Soldaten erkennen. Ihre Gesichter blieben im Schatten der Stahlhelme verborgen. Zwischen dem Schützen und seinem Nebenmann entbrannte eine kurze Diskussion. Offenbar ging es um den letzten Schuss. Hans konnte nur die Antwort verstehen. »Das war nur ein Jude. Die werden doch sowieso alle umgebracht.«

»Hey Hans, träumst du?«, vernahm er eine Stimme zwischen dem Dröhnen der Motoren. Er spürte eine Hand auf seiner rechten Schulter und ein leichtes Rütteln holte ihn aus dem Schlaf in die Wirklichkeit zurück. Dieter war aufgewacht.

»Jetzt geht‘s endlich los.« Dieter sprühte vor Begeisterung. »Wie lange haben wir auf diesen Tag hingearbeitet. Kannst du dich daran noch erinnern? Noch vor ein paar Jahren hätte niemand erwartet, dass wir in so kurzer Zeit einen solch großen Sprung nach vorne machen. Hans, wir haben es geschafft! Monatelang haben wir uns auf diesen Einsatz vorbereitet, alle haben eine wahnsinnige Leistung vollbracht und jetzt wird unsere Mühe belohnt. Bist du darauf nicht stolz?« Dieter sah ihn erwartungsvoll an. Den fehlenden Schlaf hatte er wohl nachgeholt.

Hans verzog seine Mundwinkel zu einem leichten Lächeln. Dieter hatte ja Recht. Ihnen waren bedeutende Durchbrüche in der Raketentechnologie gelungen. Ihre Hauptaufgabe bestand in der Entwicklung des Aggregats 4, auch wenn in den letzten zehn Monaten darauf aufbauend eine Weiterentwicklung dieser zu einer zweistufigen Interkontinentalrakete in den Fokus gerückt war. Trotzdem teilte er Dieters Euphorie nicht in gleichem Maße. Auch wenn er ebenfalls sehr in seiner Aufgabe aufging, so plagten ihn in der letzten Zeit doch vermehrt Zweifel. Nicht an der Arbeit an sich, sondern daran, dass die Ergebnisse und Erfolge ihrer Mühen keiner friedlichen Verwendung zugeführt wurden.

»Mach doch nicht so ein Gesicht, Hans. Auf unserem Gebiet sind wir anderen Nationen um Jahre voraus. Du kannst wirklich stolz sein auf das, was wir erreicht haben.« Dieter boxte ihm leicht an den Oberarm. »Alles klar?«

Ein lautes Knacken war aus der Bordsprechanlage zu hören und der Pilot meldete sich. »Wir überfliegen gleich die französische Grenze.«

Hans drehte sich wieder zum Fenster, blickte nach unten und sah einen breiten Fluss, dessen Wasser im Schein der Sonne glitzerte.

Das ist der Rhein. Gleich verlasse ich zum ersten Mal Deutschland, dachte er und bekam erneut das mulmige Gefühl im Magen. Er musste unweigerlich an Elisabeth denken. An seine Kinder. An den Krieg und all das Leid, das er mit sich gebracht hatte. An die vielen Toten und Verletzten. An seine Arbeit, deren Ergebnis nun zu seinem ersten Einsatz kommen sollte. An seine Arbeit, deren Ergebnis jetzt den Krieg zugunsten Deutschlands entscheiden sollte.

London, Mittwoch, 31. Mai 1944, 09:35 Uhr

»Meine Herren! Lassen sie uns beginnen.«

Winston Churchill saß auf seinem Stuhl am Kopf des Tisches. An der Wand hing eine Uhr, deren schwarze Zeiger auf dem weißen Ziffernblatt zeigten, dass der angesetzte Beginn der Besprechung bereits überschritten war. Die Anwesenden setzten sich auf ihre Plätze.

Es klopfte, die Tür wurde geöffnet und David Petrie, gefolgt von seinem Assistenten Frank, betrat den Raum. Er nickte dem britischen Premier zu. »Mr Churchill, meine Herren. Bitte entschuldigen Sie die Verspätung.« Er ließ seinen Blick kurz durch den Raum schweifen und erfasste die anwesenden Personen. Dann ging er zu einem freien Stuhl und setzte sich. Frank folgte ihm und nahm neben ihm Platz.

Eine nervöse Spannung lag in der Luft. Es war warm und stickig und der Geruch von kaltem Rauch stieg den Männern in die Nase.

»Meine Herren«, begann der Premierminister. »Ich habe das heutige Treffen kurzfristig angesetzt, um mit ihnen über eine Situation zu sprechen, die aus Sicht der amerikanischen Regierung von höchster Bedeutung ist und auf die mich Roosevelt persönlich angesprochen hat. Eine Angelegenheit, die große Auswirkungen auf unsere Allianz haben und somit auch einen entscheidenden Einfluss auf den weiteren Kriegsverlauf gegen Deutschland mit sich bringen kann.«

Mit einer kurzen Pause unterstrich er seine Worte.

»Es ist uns gelungen, in der letzten Zeit Funksprüche aufzufangen und zu entschlüsseln, die unsere bisherigen Befürchtungen über neue Geheimwaffen der Deutschen bestätigt haben. Darüber hinaus sind uns Informationen zu Waffensystemen zugespielt worden, von deren Existenz wir bisher nur sehr wenig wussten. Wir können somit auch nicht sagen, inwieweit diese zutreffen und eine Gefahr für uns darstellen.« Nach einer weiteren Pause fuhr er fort. »Mr David Petrie arbeitet als verantwortlicher Leiter des MI5 eng mit Mr Travis vom Bletchley Park zusammen. Er wird uns nun über den aktuellen Stand informieren.«

David war überrascht, dass Churchill ihm das Gespräch so schnell übergab. Er hatte mit etwas mehr Zeit bis zu seinem Auftritt gerechnet. Er räusperte sich, dann trat er vor die große Weltkarte und nahm den Zeigestock in die Hand. Er ließ den Blick über die Anwesenden schweifen, die ihn erwartungsvoll anstarrten.

»Vor über zwei Jahren«, begann er, »haben wir erfahren, dass die Deutschen an einer neuen Waffe arbeiten. Dabei handelt es sich um unbemannte Raketen, deren Entwicklung im Wesentlichen auf der Halbinsel Usedom in der Nähe von Peenemünde stattfindet.« Er drehte sich zur Karte und wies mit dem Zeigestock auf den Ort an der Ostsee. »Umfangreiche Recherchen und Aufklärungsarbeiten konnten dies bestätigen.«

Er ging auf die andere Seite der Karte und stand jetzt vor dem östlichen Teil Europas. Den Stock hielt er nach wie vor in seiner rechten Hand und ließ die Spitze wiederholt in seine Linke fallen, während er fortfuhr.

»Die Deutschen arbeiten in Peenemünde mit einer großen Zahl von Wissenschaftlern an dieser Technologie und wir nehmen an, dass sie sogar Kriegsgefangene zum Bau der Raketen einsetzen. Die uns vorliegenden Informationen deuten alle auf einen weit fortgeschrittenen Entwicklungsstand hin. Zudem haben wir aus Polen Überreste einer dort abgestürzten Rakete erhalten, was unsere Vermutungen bestätigte. Aus diesem Grund haben wir in der Nacht zum 18. August 1943 mit knapp 600 Maschinen einen ersten Luftangriff auf Peenemünde und die dortigen Einrichtungen geflogen.« Er blickte kurz zu Marshall Harris herüber, dann fuhr er fort. »Der Angriff selbst hat die Deutschen in ihrer Arbeit leider nicht sonderlich behindert, wie die Luftaufklärung ergeben hat.«

Er ging einen Schritt auf die Anwesenden zu.

»Innerhalb der letzten Monate wurden uns Dokumente und Unterlagen zugespielt, die technische Informationen und grobe Pläne der neuen Rakete zeigen. Da ihnen diese bekannt sein dürften, will ich die nur kurz in ein paar Punkten zusammenfassen. Sie kann einen Sprengsatz von 1600 Pfund über eine Entfernung von etwa 180 Meilen transportieren. Das bedeutet, dass London in ihrer Reichweite liegt. Im internen Sprachgebrauch der Nazis wird sie als Aggregat 4, kurz A4, bezeichnet. Auch wenn im letzten Jahr mehrfach in der deutschen Propaganda von einem bevorstehenden Einsatz neuer Geheimwaffen die Rede war, so ist der bis heute nicht erfolgt. Es ist aber unumstritten, dass die Raketen existieren und somit eine unmittelbare Gefahr für uns darstellen.«

Marshall Harris, der Oberkommandierende der britischen Luftstreitkräfte, rutschte auf seinem Stuhl in eine aufrechtere Position, dann warf er ein.

»Und das wollen Sie uns glauben machen? Angeblich tauchen immer wieder neue Informationen und Dokumente auf. Doch bis heute wurde noch keine Rakete eingesetzt. Wenn das so weitergeht, haben die Deutschen ihr Ziel, uns unter Druck zu setzen, erreicht. Und das, ohne eine einzige Geheimwaffe einzusetzen.«

David spürte, wie ihm das Gespräch aus der Hand glitt, bevor er überhaupt auf den wesentlichen Grund des heutigen Treffens zu sprechen gekommen war. Deshalb fuhr er mit einer klaren und deutlichen Stimme fort, ohne auf den Einwand von Harris weiter einzugehen.

»Nach einer ausgiebigen Prüfung aller uns vorliegenden Fakten sind wir zu der Überzeugung gelangt, dass eine Bedrohung durch eine solche neue Waffe besteht und es nur noch eine Frage der Zeit ist, bis diese eingesetzt wird. Sie haben übrigens alle die entsprechenden Auswertungen vor sich liegen.«

Einige der Anwesenden beugten sich nach vorne und blätterten raschelnd in den Unterlagen.

»Aber das ist nicht der Grund, weshalb wir heute hier zusammengekommen sind.« Er trat einen Schritt zurück und wartete ab, bis er sich der vollen Aufmerksamkeit aller sicher war. »Mittlerweile liegen uns neue Informationen vor, die besagen, dass die Deutschen eine noch größere Rakete entwickelt haben, die von Deutschland aus ...«, er drehte sich zu der Weltkarte um, legte die Spitze des Zeigestocks auf Berlin und fuhr dann fort: »... bis nach New York oder Washington fliegen kann.« Er fuhr mit dem Stock über den Atlantik und tippte auf die amerikanische Hauptstadt. »Und dass der Einsatz dieser Raketen unmittelbar bevorsteht. Diese rasen mit einer so hohen Geschwindigkeit auf uns zu, dass eine Abwehr durch Flugzeuge oder Artillerie ausgeschlossen ist. Wir würden also einem solchen Angriff absolut wehrlos gegenüberstehen.«

David konnte ein deutliches Erstaunen in den Gesichtern der Männer, selbst bei Churchill, erkennen.

»Und Sie glauben das wirklich?«

Marshall Arthur Harris, der Verantwortliche für die britischen Bombenangriffe auf die deutschen Städte und Industrieanlagen, meldete sich erneut zu Wort.

Die Anwesenden wandten sich ihm zu.

»Glauben Sie allen Ernstes, dass die Deutschen heute in der Lage sind, eine Rakete zu bauen und abzuschießen, die bis nach Amerika fliegen kann? Und das, obwohl bisher noch nicht eine Rakete an irgendeinem Kriegsschauplatz dieser Welt eingesetzt wurde?«

Er stand auf und ging zu der Weltkarte. Er legte einen Finger auf Deutschland und fuhr fort. »Von Berlin bis nach Washington sind es ...«, Harris stockte und überlegte kurz, dann fuhr er fort, »... annähernd 5500 Meilen.« Er ging an der Karte entlang und zeigte, wie Mr Petrie zuvor, auf die amerikanische Hauptstadt. Danach wandte er sich wieder den Anwesenden zu. »Wenn es solche Raketen wirklich gäbe, müssten die umfangreich getestet werden. Und dazu gehören auch Versuche über große Entfernungen. Dabei passieren Unfälle, die Geschosse steuern in falsche Richtungen, stürzen unerwartet ab und vieles mehr. So etwas lässt sich nicht komplett geheim halten.« Marshall Harris holte zweimal tief Luft, dann fuhr er fort: »Mich würde interessieren, wie weit unsere Entwicklungen auf diesem Gebiet sind. Könnten wir eine solche Waffe in Kürze zum Einsatz bringen? Wie realistisch sind solche Meldungen überhaupt?«

Harris wandte sich an Duncan Sandys, einen der Herren in Zivil.

Mr Sandys trug einen schwarzen Anzug mit einer dunklen Krawatte. Sein Haar wies auf der Stirn bereits Ansätze von Geheimratsecken auf, aber unabhängig davon war er mit seinen sechsunddreißig Jahren ein gut aussehender Mann und gleichzeitig Churchills Schwiegersohn. Als parlamentarischer Sekretär im Versorgungsministerium hatte er Zugriff auf eine große Zahl britischer Wissenschaftler und trug eine Mitverantwortung für die gesamte Forschung und Entwicklung der Waffensysteme. Als Kommandant eines Versuchsraketenregiments besaß er einerseits militärische Erfahrung und darüber hinaus das entsprechende Know-how in der Raketentechnik. Nach einer schweren Verwundung bei einem Autounfall vor drei Jahren kam er nach London und Churchill gab ihm einen Ministerposten in seiner Regierung. Seit dem letzten Jahr war er zudem Vorsitzender eines Ausschusses für die Verteidigung gegen Flieger und Raketen im Kriegskabinett. Sandys war auf Vorschlag der Stabschefs mit der Untersuchung der Raketengefahr beauftragt worden. Dass er seit Mitte der dreißiger Jahre Churchills Schwiegersohn war, hatte mit der Entscheidung nichts zu tun gehabt.

Sandys, der auf eine Stellungnahme vorbereitet war, zog ein Foto aus seinen Unterlagen und hob es hoch.

»Was sie hier sehen können, ist unsere am weitesten entwickelte Rakete. Sie hat bei weitem nicht die Ausmaße, wie wir sie bei der deutschen Rakete vermuten, ebenso nicht die Reichweite. Darüber hinaus haben wir nicht nur bei der Steuerung und dem Antrieb noch massive Probleme.« Er atmete tief aus. »Um es kurz zu machen. Es ist uns nach aktuellem Entwicklungsstand und den mir bekannten Schwierigkeiten in den nächsten Jahren nicht möglich, eine Rakete fertig zu stellen und zum Einsatz zu bringen, die den Atlantik überquert und dann noch das anvisierte Ziel treffen kann.«

Ohne den Anwesenden Zeit zu geben, auf die Ausführungen von Mr Sandys zu reagieren, übernahm David wieder das Gespräch. »Auch wenn unsere Entwicklungen hier bei Weitem nicht so vorangeschritten sind, so bin ich der Überzeugung, dass die aus Deutschland vorliegenden Informationen der Wahrheit entsprechen.«

Marshall Harris meldete sich erneut zu Wort. »Man kann also sagen, dass die Deutschen unserem Stand um ein Vielfaches voraus sind. Zumindest, wenn die Angaben stimmen.«

Mr Mc Douglas, der Vertreter der amerikanischen Regierung, rückte seinen Stuhl zurecht und zog so die Aufmerksamkeit der anderen auf sich.

»Premierminister, Marshall Harris, verehrte Herren«, begann er.

Marshall Harris wollte gerade mit seinen Ausführungen fortfahren, hielt dann aber doch inne.

»Als Vertreter der amerikanischen Regierung und im persönlichen Auftrag von Mr Roosevelt möchte ich hier noch einmal auf das Gefahrenpotenzial hinweisen, das von der Rakete der Deutschen ausgeht. Auch wenn Sie, Marshall Harris, an der möglichen Existenz einer solchen Waffe zweifeln, so ist meine Regierung sehr besorgt über diese Situation. Wir sind, nach eingehender Prüfung des uns vorliegenden Materials, wie Mr Petrie auch, zu der Überzeugung gekommen, dass hier eine neue, reale, absolut ernst zu nehmende Bedrohung vorliegt, die durchaus weitreichende Auswirkungen auf den zukünftigen Kriegsverlauf haben kann. Nach aktuellem Stand ist es wohl tatsächlich so, dass die Deutschen uns gegenüber auf diesem Gebiet einen großen Vorsprung haben. Einen Vorsprung, den wir auch bei größtem Einsatz in den nächsten Jahren nicht aufholen können.«

Er machte eine kurze Pause, und sofort fiel ihm Harris ins Wort.

»Mr Mc Douglas. Wie es aussieht, haben die Deutschen eine Rakete entwickelt, A4 heißt sie, wenn ich mich richtig entsinne, die in der Lage ist, London zu erreichen. Das scheint sicher zu sein, auch wenn sie bisher nicht eingesetzt wurde. Gut. Aber das würde eine Gefahr für unser Land darstellen. Jetzt wird von einer größeren Rakete gesprochen, die angeblich die Vereinigten Staaten bedroht. Wie kommen Sie an diese Informationen?«

»Seit einiger Zeit«, mischte sich nun auch Edward Travis, der Verantwortliche aus dem Bletchley Park in die Diskussion mit ein, »fangen wir in unregelmäßigen Abständen Funksprüche aus Deutschland auf. Darin wird von neuen, großen Raketen gesprochen, deren Einsatz unmittelbar bevorstehen soll. Wir wissen aber nicht, von wem sie stammen. Sie tragen keinen offiziellen Charakter, sind sehr kurz gehalten und nicht mit dem Enigmacode verschlüsselt, den die Deutschen nach wie vor für sicher halten. Und nutzen eine Verschlüsselung, wie wir sie heute in jedem Buch nachlesen können. Mir scheint es, dass uns jemand aus Deutschland Informationen zukommen lassen will. Und da derjenige keine Chiffriermaschine zur Verfügung hat, verwendet er einen einfachen Code, den er irgendeinem Lehrbuch entnommen hat, um wenigstens nicht in absoluter Klarschrift zu senden.«

»Wissen Sie denn, woher diese Funksprüche kommen?«, wollte General Spaatz, der Oberbefehlshaber der strategischen Luftstreitkräfte der Vereinigten Staaten in Europa, wissen.

»In den Mitteilungen gab es dazu nie eine Andeutung. Eine genaue Lokalisierung war schwierig, wir konnten lediglich feststellen, dass sie teilweise aus dem Großraum Berlin beziehungsweise dem Umfeld mit einem Radius von bis zu sechzig Meilen kamen.«

»Glauben Sie, dass es sich hierbei um einen Trick handeln könnte?«, fragte Churchill.

»Ausschließen können wir das natürlich nicht. Trotzdem würde ich die Chance, dass es sich um jemanden handelt, der vielleicht aus einer Widerstandsgruppe kommt und uns mit Informationen versorgt mit fünfzig Prozent einstufen«, gab David zurück.

»Gibt es denn schon irgendwelche brauchbaren Informationen, Fotos unserer Aufklärer oder etwas, was die Existenz solcher Raketen glaubhaft bestätigt?« Churchill richtete dabei seinen Blick auf General Francis, Chef der britischen Flugaufklärung.

»Wir haben in den letzten Monaten intensive Aufklärung betrieben, zum einen, um festzustellen, ob es überhaupt neue Spuren im Zusammenhang mit der feindlichen Raketenentwicklung gibt, zum anderen natürlich für die bevorstehende Invasion in Frankreich. Aufgefallen ist uns dabei aber nur eins. Speziell an der französischen Küste und einer Küstenlinie in Holland und Belgien haben die Deutschen in den letzten Monaten lange Rampen erstellt. Die sind in ihrer Ausrichtung fast alle auf die britische Insel, in der Masse auf den Großraum London ausgerichtet. Wir wissen noch nicht genau, was sie vorhaben, doch kann es sich dabei nicht um Anlagen für die neuen Raketen handeln, da die Rampen nach England zeigen. Soweit wir wissen, werden die großen Raketen senkrecht gestartet. Alle anderen Auswertungen haben nichts Neues erbracht. Wir haben natürlich seit einiger Zeit umfangreiche Maßnahmen ergriffen, um gegen einen möglichen Angriff gerüstet zu sein. Im Einzelnen sind dies eine weitere Ballonsperre an der Peripherie Londons, davor haben wir den bestehenden Flakgürtel verstärkt und dann haben wir ja noch unsere Jäger.«

Es klopfte an der Tür und Churchills Sekretär trat ein, in der Hand ein Stück Papier.

»Eine Nachricht für Mr Petrie«, sagte er knapp.

Churchill nickte, der Mann ging zu David und übergab ihm das Blatt. Im Raum war es absolut ruhig, während dieser die Nachricht las.

David sah auf. In seinem Gesicht lag ein Lächeln. »Meine Herren«, sagte er. »In ein paar Tagen kann ich ihnen alles über die neue Rakete der Deutschen erzählen. Alles, was sie wissen wollen.«

Stockholm, Mittwoch, 31. Mai 1944, 09:42 Uhr

Magnus war einer der Jüngeren. Er hatte seine Ausbildung mit Bravour abgeschlossen und sich danach beim schwedischen Geheimdienst beworben. Getrieben von der Hoffnung, dass dieser mit den neuesten technischen Gerätschaften ausgestattet war und sich ihm dadurch die Möglichkeit bot, sein Wissen auf dem aktuellen Stand der Technik halten zu können. Und mit etwas Glück anderen immer ein wenig voraus zu sein, da er damit rechnete, dass viele neue Entwicklungen zuerst bei den Geheimdiensten zum Einsatz kamen, bevor sie im zivilen Leben Gebrauch fanden. Gepaart mit - wie er immer erzählte - spannenden Detektivgeschichten versprach er sich so für seine Zukunft eine interessante und abwechslungsreiche Tätigkeit.

Auch wenn sich dies anfänglich nicht bestätigte, so änderte sich das schlagartig mit Ausbruch des europäischen Krieges und erreichte einen ersten Höhepunkt mit der Besetzung von Dänemark und Norwegen durch die deutschen Truppen im Frühjahr 1940. Trotz oder gerade wegen der schwedischen Neutralität, versuchten die Kriegsgegner England und Deutschland ihrerseits einen gewaltigen Druck auszuüben, damit Schweden die jeweilige Gegenseite nicht mit kriegswichtigen Rohstoffen versorgte oder anderweitig unterstützte. Nach der Niederlage Frankreichs war das Deutsche Reich auf dem Kontinent die herrschende Macht. Das Land konnte nun seinen Einfluss massiv verstärken, drohte doch dahinter immer die Gefahr einer Invasion Schwedens, da deutsche Truppen von Norwegen aus direkt und mit Dänemark im Süden unmittelbar an den schwedischen Landesgrenzen standen. Daher waren für die Regierung in Stockholm Informationen aus diesen beiden Ländern für geschicktes politisches Taktieren unerlässlich. Schließlich wollte man sich keiner unnötigen Gefahr aussetzen. So hatte der Geheimdienst an verschiedenen Stellen der Stadt Position bezogen, um die Gespräche der Krieg führenden Staaten abzuhören und auszuwerten.

Auf jeden Fall gab es reichlich zu tun und Magnus empfand seitdem seine Tätigkeit nie als langweilig. Die Mischung machte es und es wechselten sich das Abhören von Telefonaten und die Beschattung verdächtiger Personen in der Stadt ab. Beides hatte seinen Reiz, wenngleich gerade im Sommer die Außeneinsätze den positiven Nebeneffekt mit sich brachten, die eine oder andere hübsche Frau ebenfalls im Auge behalten zu können.

Zurzeit aber wurde er im Haus gebraucht, da der aktuelle Funk- und Telefonverkehr in den letzten Wochen stark angestiegen war. Alle erwarteten für dieses Frühjahr die Invasion der Alliierten in Frankreich und ein solcher Einsatz brachte entsprechend viel Arbeit für jede Seite mit sich.

Mit einem frisch gebrühten Kaffee in der Hand betrat er sein Büro. Neben dem neidischen Blick der Kollegen folgte ihm der aromatische Duft gemahlener Kaffeebohnen bis an seinen Platz. Er setzte den Kopfhörer auf und nahm genussvoll den ersten Schluck des heißen Getränks. Ein wohliges Gefühl durchzog seinen Körper und er dachte für einen Moment an das frühlingshafte Wetter draußen, an die jungen Frauen, denen er bei seiner letzten Beschattung zugelächelt hatte und an die anstehenden Vorstellungsgespräche am Nachmittag, die sein Vorgesetzter Sven noch mit mehreren Damen haben würde.

Sven war nur ein paar Jahre älter, hatte die Leitung dieser Nebenstelle des Geheimdienstes inne und war damit auch für das Personal verantwortlich. Das Verhältnis untereinander war sehr locker, solange alle ihre Aufgaben pflichtbewusst erledigten. Sven war sehr umgänglich und ließ seinen Leuten gewissen Freiheiten genauso, wie er ihnen eigenverantwortliche Aufgaben übertrug.

Er schätzte Magnus für seine Vielseitigkeit. Da sie hier nur eine kleine Nebenstelle waren, war ein Mitarbeiter wie er, der technisch sehr versiert war, deutsch und englisch fließend sprach und auch in Außeneinsätzen eingesetzt werden konnte, Gold wert. So konnten sie viele Dinge in Eigenregie lösen, ohne dafür auf weitere Spezialisten aus der Zentrale zurückgreifen zu müssen. Technische Probleme oder anstehende Reparaturen löste Magnus mit großer Begeisterung selbst. Nur beim Steno tat er sich schwer. Alles in allem ein Mitarbeiter, den man uneingeschränkt einsetzen konnte. Dafür war er hochgeschätzt.

Ein weiterer Schluck folgte dem ersten, als Magnus im Kopfhörer das bekannte Klingelgeräusch hörte. Ein Anruf in der deutschen Gesandtschaft in der Hovslagargatan 2, deren Leitung er gerade abhörte. Er stellte umgehend die Tasse auf die Seite, zog seinen Block heran und nahm den Stift in die rechte Hand. Mit der linken drehte er am Lautstärkeregler, um diese den aktuellen Gegebenheiten anzupassen. Der Anruf wurde bereits nach dem dritten Klingeln angenommen. Kein Name, kein sonstiger Hinweis auf denjenigen, der das Gespräch entgegennahm. Lediglich ein »Hej« war zu hören. Im Gegensatz zu der männlichen Stimme des Angerufenen begann daraufhin eine weibliche, ohne Begrüßung zu sprechen. Magnus notierte die wenigen Sätze auf seinem Block. Es war klar, dass auf der einen Seite ein Deutscher saß, was alleine schon durch den Anruf in der deutschen Gesandtschaft zu erwarten war. Auf der anderen Seite sprach die Frau schwedisch. Allerdings mit britischem Akzent, es sich also um eine Engländerin handeln musste. Allein das war schon mal interessant. Für gewöhnlich gab es in diesen Kriegszeiten wenig telefonischen Kontakt zwischen den beiden Gegnern, daher konzentrierte er sich darauf, alle Sätze sauber und fehlerfrei mitzuschreiben. Zum Glück dauerte das Gespräch nicht sonderlich lange. Steno war einfach nicht sein Ding. Da schraubte er doch viel lieber an den Anlagen herum. Einige Sekunden später war der Anruf zu Ende. Es war ein einseitiges Telefonat gewesen. Der Angerufene hatte zwischen der Begrüßung »Hej« und seinem »Tack« am Ende nichts gesagt. Magnus Intuition sagte ihm, dass das Gespräch wichtig war, und gab es sofort zur Reinschrift weiter. Nur kurze Zeit später ging er mit einem fehlerfrei abgetippten Text in das Nachbarbüro zu Sven.

Ohne Begrüßung, das hatten sie schon in der Küche beim Kaffeeholen getan, fasste Magnus das abgehörte Telefonat zusammen. »Anruf einer Engländerin in der deutschen Gesandtschaft. Das könnte interessant werden.«

Sven sah von seinem Schreibtisch auf und nahm Magnus das ihm entgegen gestreckte Papier ab. Er überflog die Zeilen und an seinen Augen konnte Magnus erkennen, dass er den Text zweimal durchging. Dann lehnte er sich in seinem Stuhl zurück und bat Magnus um seine Einschätzung.

«Wie würdest du den Inhalt interpretieren?« Er gab ihm den Zettel zurück.

»Der Text ist kurzgehalten«, begann Magnus. »Sieht nach Klarschrift aus. Spricht nicht für einen Profi. Was aber am meisten überrascht, dass der Name Carl Richert auftaucht.«

»Sehe ich auch so«, bestätigte Sven. »Das ist der Sohn des schwedischen Gesandten in Deutschland. Sieht ganz danach aus, als ob der heute aus Berlin zurückkommt.«

»Was aber könnte die Deutschen daran interessieren? Wenn sie was von ihm wollten, hätten sie ihn viel leichter vor dem Abflug abfangen können. Hier geht das nicht so einfach.«

»Ruf beim UD an. Sie sollen uns informieren, sobald Carl da ist. Dann will ich ihn umgehend sprechen.«

»Mache ich«, antwortete Magnus und wandte sich zum Gehen.

»Und bleib dran. Vielleicht kommen noch weitere Gespräche.«

Stockholm, Mittwoch, 31. Mai 1944, 11:15 Uhr

Der Flug XA355 bekam sofort Landeerlaubnis, als sich der Pilot am Tower meldete. Er drehte noch eine halbe Schleife über der Stadt, um die Landebahn von Norden anzufliegen. Carl saß am Fenster und schaute nach unten. Viele kleine Seen und Wasserstraßen spiegelten sich zwischen Häusern und Waldgebieten in der Sonne und ein warmes Gefühl durchfuhr seinen Bauch. Er war wieder daheim. Die letzte Anspannung fiel von ihm ab und er sackte weiter in seinen Stuhl hinein. Er hatte es geschafft. Er war mit hochbrisanten Unterlagen durch eine Straßensperre der SS gekommen, hatte die Kontrollen am Flughafen ohne Probleme passiert und war mit rasendem Herzen in die Maschine gestiegen, die ihn nach Stockholm bringen sollte.

Unzählige Male waren ihm auf dem vergangenen Flug die Vorgänge in Berlin durch den Kopf gegangen. Besonders die Situation, als der Soldat seine Koffer entdeckte und aus dem Wagen gezogen hatte. Sein Herz raste wie wild und sein Kopf drohte in dem Augenblick vor Anspannung und Angst fast zu zerspringen. Er wollte fliehen, hatte die Häuserfront abgesucht nach einem Durchgang, durch den er hätte verschwinden können. Da war etwas gewesen. Fünfzig Meter hatte er geschätzt. Er hatte gezögert. Gott sei Dank! Noch nie hatte er solche Angst um sein Leben gehabt und er war sich sicher, dass man ohne Zögern geschossen hätte. Niemand hätte es interessiert, dass er einen diplomatischen Pass besaß. Doch sein Zögern hatte ihn gerettet. Plötzlich war ein SS-Offizier erschienen. Die Soldaten hatten Haltung angenommen und der Vorgesetzte gab ein paar kurze Anweisungen, die sie mit »Jawohl« bestätigten. Der Soldat mit den beiden Koffern in den Händen beeilte sich, sie wieder in den Wagen zu legen. Dann murmelte er etwas von »Entschuldigung« und hatte Carl angedeutet, wieder einzusteigen. Er gab ihm seinen Ausweis und trat dann ein paar Schritte zurück. Carl war eingestiegen und musste seine rechte Hand über die linke legen, so stark zitterte die. Schweißperlen rannen ihm unablässig über die Stirn. Er atmete langsam ein und aus und versuchte sich zu beruhigen. Auf der anderen Seite des Fahrzeugs hatte auch sein Fahrer den Ausweis zurückbekommen. Er startete den Motor und sie fuhren in Richtung Tempelhof, wo bereits die schwedische Maschine wartete. Er wusste, dass dies sein letzter Flug von Berlin nach Stockholm war und dass er nicht zurückkommen würde. Er fuhr sich mit einem Taschentuch über die Stirn, als sie den Flughafen erreichten. Die fünfzig Meter hätte er nie geschafft.

Erst als sie den deutschen Luftraum hinter sich gelassen hatten, ließ die Anspannung etwas nach. Jetzt freute er sich auf Zuhause. Auf das Haus seiner Eltern, eine warme Badewanne und das Gefühl, völlig frei und unbeschwert tun zu können, was man mochte. Ohne irgendwelche Einschränkungen, ohne der ständigen Bedrohung durch Luftangriffe, ohne kaputte Straßen und zerstörte Häuser, ohne Menschen, die nicht mehr lachen konnten. Er freute sich darauf, endlich wieder bei seinen Freunden und seiner Mutter zu sein.

Der Flughafen Bromma war vor acht Jahren gebaut worden, lag außerhalb der Stadt und wurde für alle inländischen und internationalen Flüge eingesetzt.

Die Maschine näherte sich dem Boden, und als Carl die gleichmäßige Beleuchtung zu beiden Seiten der Betonstrecke sah, hatte er das Gefühl, endlich wieder in ein Leben in geordneten Bahnen zurückzukehren. Nur ein leichtes Rütteln verriet, dass der Pilot eine Bilderbuchlandung hingelegt hatte. Dann drückte ein starkes Bremsen seinen Körper in den Gurt.

Carl schaute aus dem Fenster und sah die Flughafengebäude auf sich zukommen. Kurze Zeit später rollten sie an einigen abgestellten Flugzeugen vorbei und langsam drehte sich die Spitze der Maschine auf das Gebäude am Ende des Rollfelds zu. Am liebsten würde er sofort nach Hause fahren, doch er musste noch mit dem Koffer zum Außenministerium. Er hatte bereits einen Wagen bestellt, der ihn zu den Regierungsgebäuden bringen sollte. Vielleicht holte ihn ja Björn ab. Zu ihm hatte er in den letzten Jahren ein freundschaftliches Verhältnis aufgebaut und er würde sich freuen, ihn zu sehen. Trotzdem nahm er sich vor, wirklich nur den Koffer abzugeben. Dann wollte er so schnell wie möglich nach Hause, wo ihn seine Mutter bereits erwartete. Die Maschine rollte auf das Terminal zu und kam einige Meter davor zum Stehen. Der Pilot schaltete die Motoren ab.

Carl schloss die Augen und genoss für einen kurzen Moment die Ruhe. Dann atmete er tief ein und erhob sich. Er zog sein Jackett an, griff nach den beiden Koffern und ging mit eingezogenem Kopf den Gang des Flugzeugs nach vorne. Ein Flugbegleiter hatte bereits die Tür geöffnet, eine Treppe wurde herangeschoben. Carl trat an den Ausgang und ließ seinen Blick über das Flughafengelände streifen. An den Gebäuden hatte sich seit dem letzten Mal nichts verändert. Er ging ein Stück hinaus auf die Plattform und vernahm jetzt im Hintergrund die Geräusche der Bauarbeiten an der neuen Start- und Landebahn. Er setzte den rechten Fuß behutsam auf die erste Stufe, dann ging er langsam Schritt für Schritt nach unten. »Hej då«, hörte er den Flugbegleiter noch sagen, dann setzte er bereits einen Fuß auf die Erde und eine unheimliche Erleichterung durchfuhr seinen Körper.

Er steuerte auf den Eingang der großen Halle zu. Ein Mitarbeiter des Flughafens sah ihn mit den Koffern, trat an die Tür und hielt sie ihm auf.

»Tack«, bedankte sich Carl und ging in die Halle. Er begab sich sofort zur Einreisekontrolle, setzte die Koffer ab und zeigte seinen Diplomatenausweis. Der Beamte erkannte ihn, nickte und Carl beeilte sich beim Durchqueren der Halle. Er verließ das Gebäude auf der anderen Seite und sah den schwarzen Volvo mit dem Fahnenständer auf dem Kotflügel zwischen den wartenden Fahrzeugen. Der Mann, der an der Fahrertür lehnte, sah herüber, winkte und umrundete dann den Wagen, um ihm die Tür zu öffnen.

»Hej Björn«, strahlte Carl, der sich sichtlich freute und dessen Stimmung sich weiter hob. Er warf die beiden Koffer auf den Rücksitz, dann wandte er sich seinem Freund zu und umarmte ihn.

»Välkomen«, begrüßte ihn Björn. Auch er war heilfroh, ihn gesund wiederzusehen. »Und, alles in Ordnung?«

Carl nickte. Er war überglücklich, wieder in Stockholm zu sein. Auch wenn er sich nach der Landung schon befreit gefühlt hatte, die Umarmung seines Freundes ließ noch einmal eine Woge der Erleichterung durch seinen Körper fahren. Die restliche Anspannung fiel von ihm. Er fühlte seine Beine schwach werden und bekam feuchte Augen.

Björn legte ihm die Hand auf den Arm.

»Komm, lass uns von hier verschwinden.«

Carl sah, dass Björn auf dem Beifahrersitz einen großen Karton stehen hatte.

»Lass ihn stehen«, entschied er kurzerhand, stieg hinten ein und rutschte in die Mitte des Rücksitzes. Björn schloss hinter ihm die Tür, ging um das Auto herum und nahm auf dem Fahrersitz Platz. Er drehte sich in seinem Sitz nach hinten und grinste Carl fragend an.

»Na, wohin darf‘s denn gehen?«

»Ich muss noch zum UD, einen Koffer abgeben, dann nach Hause.«

Das UD war die schwedische Abkürzung für das Außenministerium in Stockholm.

»Dann wollen wir mal keine Zeit verlieren.« Björn startete den Motor, fuhr aus dem Parkplatz heraus und beschleunigte.

»Du kannst dir nicht vorstellen, wie froh ich bin, wieder hier zu sein«, sagte Carl und schaute aus dem Fenster, um die Umgebung in sich aufzunehmen. Björn sah in den Rückspiegel und nickte. Dadurch fiel ihm nicht auf, dass ein großer, dunkler Mercedes vier Plätze hinter ihnen ebenfalls den Parkbereich verließ.

Nachdem der Wagen die Flughafengebäude hinter sich gelassen hatte, machte die Straße eine Linkskurve, um nach einigen Hundert Metern nach rechts Richtung Stockholm abzubiegen. Es war wenig los und Björn beschleunigte den PV 51 über die zulässige Höchstgeschwindigkeit auf dieser Strecke hinaus. Mit gleicher Geschwindigkeit folgte ihnen der dunkle Mercedes.

»Na, wie geht es dir, wie sieht es denn aus in Deutschland?« Björn interessierte sich sehr dafür, was sich alles durch den Krieg veränderte.

»Es wird immer schlimmer. Die Luftangriffe zerstören immer größere Bereiche, es gibt kaum noch Möglichkeiten, ein halbwegs normales Leben zu führen, soweit man das in einem Krieg dieser Dimension überhaupt kann. In der Stadt kann man sich nur noch schwer bewegen, zumal die öffentlichen Verkehrsmittel nur eingeschränkt fahren und die Straßen durch die Luftangriffe einfach nicht mehr nutzbar sind. Für unsere Fahrzeuge bekommen wir nur noch selten Benzin, sodass wir oft laufen oder uns auch mal aufs Fahrrad schwingen müssen.«

»Na, ein bisschen Bewegung hat dir doch noch nie geschadet.« Björn lachte. »Deinen Bauchansatz bist du aber trotzdem noch nicht losgeworden, wie ich sehe.« Björn streckte seinen Kopf und schaute im Rückspiegel an Carl herunter.

Die beiden verband ein herzliches Verhältnis. Sie verstanden sich gut und verbrachten auch außerhalb der Arbeit einen Teil ihrer Freizeit miteinander. Zumindest dann, wenn Carl es bei seinen Besuchen in Stockholm irgendwie einrichten konnte.

»Und die Arbeit wird immer aufreibender«, fuhr Carl fort, »besonders seit dem großen Luftangriff vom 22. November letzten Jahres. Du weißt ja, dass wir ein anderes Gebäude unweit der Rauchstraße mieten konnten, nachdem unser Haus bei diesem Angriff komplett ausgebrannt ist. Aber auch hier wird es immer schwieriger, die Aufgaben vernünftig durchzuführen. Das größte Problem ist, irgendetwas zu bekommen, wenn dir etwas ausgeht. In den meisten Geschäften gibt es nichts mehr und wir müssen ständig bei den deutschen Behörden nachfragen. Und das dauert.«

»Dann wirst du die nächsten Tage hier ja richtig genießen können. Man kann in der Stadt durchaus noch was erleben.« Björn zwinkerte Carl mit einem Auge über den Rückspiegel zu.

»Und dabei geht es uns ja noch recht gut«, ergänzte Carl. »Wenn ich daran denke, was die deutsche Bevölkerung zu Essen bekommt und was die jeden Tag leisten muss. Deutlich ruhiger und entspannter geht es zum Glück in Altdöbern zu. Wir versuchen, den größten Teil unserer Arbeit auch von dort aus zu erledigen.«

»Altdöbern? Ist das nicht das Schloss außerhalb von Berlin, das dein Vater letztes Jahr für die schwedische Regierung gemietet hat?«

»Ja. Im Gegensatz zur Hauptstadt ist das fast schon ein Paradies.«

Björn fuhr einem langsameren Wagen nahe auf, dadurch musste er sich wieder mehr auf den Verkehr konzentrieren. Er beobachtete die entgegenkommenden Fahrzeuge und wartete auf eine Lücke, in der er den Peugeot überholen konnte.

Björn fühlte sich wohl in seinem Job. Neben einer Vielzahl von unterschiedlichen Tätigkeiten, für die er herangezogen wurde, war eine seiner Hauptaufgaben die Fahrtätigkeit für Regierungsangehörige. Er fuhr unheimlich gerne schnelle Wagen, und da er sich kein eigenes Auto leisten konnte, genoss er diese Fahrtätigkeit ganz besonders. Seine Vorliebe, das Gaspedal recht weit durchzudrücken brachte ihn wiederholt in Konflikt mit der Polizei, doch konnte er von Glück sagen, dass er als Mitarbeiter der Regierung in allen Fällen mit einer mündlichen Verwarnung davongekommen war. Bis jetzt zumindest.

Björn erkannte eine größere Lücke im abnehmenden Gegenverkehr und setzte zum Überholen an. Fast gleichzeitig scherte der Mercedes aus und nutzte die Gelegenheit, ebenfalls an dem Peugeot vorbeizuziehen und hinter ihnen einzufädeln.

Da fährt ja noch einer so schlimm wie ich, dachte Björn, beachtete das dunkle Fahrzeug aber nicht weiter.

»Und wie geht‘s dir mit der Kleinen? Hast du sie schon?«

Carl sah im Rückspiegel ein breites Grinsen und wusste genau, worauf er hinauswollte.

»Ach, du meinst sicher Margit. Wir verstehen uns ganz gut.« Carl wollte dieses Thema nicht weiter vertiefen. Björn war, im Gegensatz zu ihm, ein Schürzenjäger und nutzte seinen Job bei der Regierung gelegentlich, um sich bei den Frauen hervorzutun, was ihm in einzelnen Fällen durchaus schon mal einen Vorteil eingebracht hatte. Unabhängig davon aber war er ein Freund, auf den man sich in jeder Situation verlassen konnte.

Sie fuhren jetzt auf der gut ausgebauten Straße Richtung Stockholm und Björn beobachtete im Rückspiegel den Mercedes, der ungewöhnlich dicht hinter ihnen fuhr.

»Jetzt geh doch schon vorbei«, sagte er zu sich selbst und beobachtete den dunklen Wagen weiter. Carl saß auf dem Rücksitz und hatte die undeutlichen Worte von Björn gar nicht wahrgenommen. Er betrachtete die vertraute Umgebung und war in Gedanken schon daheim.

Selbst Björn, der die sportliche Fahrweise jeder anderen vorzog, wurde langsam nervös. So dicht fuhr ja nicht einmal er auf, auch wenn er noch so spät dran war. Er beschleunigte und behielt im Wechsel die Fahrbahn, den Tacho und den Rückspiegel im Auge. Der Mercedes blieb weiter hinter ihnen und machte keine Anstalten, sie zu überholen. Im Gegenteil. Björn hatte das Gefühl, dass er seiner Stoßstange immer näherkam.

»Was ist denn mit dem ...«

Die Räder und Scheinwerfer des Mercedes verschwanden aus dem Sichtfeld des Rückspiegels und gleich danach bekam Carl einen Schlag in den Rücken, der seinen Kopf nach hinten warf und ihn jäh aus seinen Gedanken riss. Das Kreischen aufeinander schiebender und verbiegender Metallteile erfüllte die Luft.

»Was ist los?«, schrie Carl und streckte reflexartig beide Arme aus, um sich an den Seitentüren abzustützen.

»Der Idiot hinter uns«, hörte Carl Björn schreien, dann bekam er einen zweiten, nicht minder heftigen Schlag in den Rücken. Er rutschte auf dem Rücksitz umher und langte mit seiner rechten Hand nach dem Beifahrersitz, um sich dort festzuhalten.

Björn hielt das Lenkrad eisern fest und versuchte, durch eine höhere Geschwindigkeit einen Abstand zwischen ihnen und dem Mercedes zu bringen. Doch der Mercedes hielt mühelos mit und Björn sah im Rückspiegel einen erneuten Versuch auf sie zukommen, sie durch einen Stoß zum Schlingern und damit von der Straße abzubringen.

»Achtung«, schrie Björn, um Carl vorzuwarnen, der mittlerweile die Lehne des Beifahrersitzes fest umklammerte.

Heftiger als zuvor rammte sie der Mercedes erneut. Wieder kreischte Metall und das Klirren von Glas war zu hören. Björn hatte große Mühe, den Wagen unter Kontrolle zu halten und nur seiner Erfahrung und ganzem fahrerischen Können war es zu verdanken, dass sie bei dieser Geschwindigkeit nicht von der Straße schossen.

»Verdammt nochmal, was ist da los? Will der uns umbringen? Wir müssen anhalten«, schrie Carl.

»Wenn ich bremse, fährt der uns wieder drauf.« Björn umklammerte mit beiden Händen das Steuer und konzentrierte sich im schnellen Wechsel der Augen auf die Straße und den Rückspiegel. Die Bäume am Straßenrand flogen an ihnen vorbei und eine Kollision mit ihnen würde bei dieser Geschwindigkeit das Auto in viele Stücke zerreißen. Björns Griff verstärkte sich weiter, als er den dunklen Wagen erneut auf sie zukommen sah. Ein Scheinwerfer des Mercedes fehlte, ansonsten sah er noch recht unbeschädigt aus. Kurz bevor der Mercedes wieder mit Björns Wagen kollidierte, scherte er aus und setzte sich neben sie.

Fassungslos sah Carl in das andere Fahrzeug, Björn warf nur einen flüchtigen Blick rüber. Er musste sich auf die Straße konzentrieren.

In dem Mercedes saßen zwei Männer und Carl meinte ein Grinsen im Gesicht des Beifahrers zu erkennen, als der Wagen sich ihnen von der Seite näherte. Der Mann hatte einen schwarzen Hut auf, dessen Schatten den Blick auf seine Augen verwehrte. Er zog für einen Moment die Mundwinkel nach oben. Mit einer schnellen Bewegung riss der Fahrer des Mercedes das Lenkrad nach rechts und mit einem lauten Knall verkeilten sich die beiden Fahrzeuge auf der gesamten Länge ineinander. Björn versuchte durch Drehen des Lenkrads nach links dagegen und so den Wagen auf seiner Straßenseite zu halten. Doch der Mercedes war deutlich schwerer und schob ihn langsam aber sicher an den unbefestigten Rand der Fahrbahn.

»Scheiße, ich kann ihn nicht auf der Straße halten«, stieß Björn hervor und versuchte mit aller Kraft gegenzusteuern. Carl stand der Mund offen, er starrte entsetzt in den anderen Wagen. Scheinbar unberührt von dem Ganzen sah der Beifahrer noch immer zu ihnen und Carl hatte den Eindruck, dass sein Grinsen stärker wurde.

»Festhalten«, rief Björn und zog plötzlich nach rechts. Er wollte damit die beiden Fahrzeuge auseinanderbringen. Dadurch, dass er nun in die gleiche Richtung wie der Mercedes steuerte, gerieten sie noch schneller an den Fahrbahnrand.

»Was machst du da?«, schrie Carl und sah die Bäume am Straßenrand auf sie zukommen.

Mit einem Ruck lösten sich die Fahrzeuge voneinander. Björn riss sofort das Lenkrad wieder nach links. Das Heck ihres Wagens fing bedrohlich an zu schlingern, doch bevor das zu stark wurde, krachte ihr Fahrzeug in die Beifahrerseite des Mercedes zurück. Die beiden Männer in dem dunklen Wagen wurden von dem Manöver überrascht und es gelang Björn, den Mercedes wieder zur Fahrbahnmitte zu drängen. Doch der Fahrer hielt sofort dagegen und nur ein paar Sekunden später hatte er sie wieder an den Fahrbahnrand zurückgeschoben.

Björn trat auf die Bremse in der Hoffnung, sich so zu lösen und im besten Fall sogar anhalten zu können. Dadurch rutschte sein Fahrzeug etwa einen Meter nach hinten, dann hing er wieder fest. Die Geschwindigkeit der beiden hatte sich nur unmerklich verringert, gegen den schweren Mercedes war einfach nicht anzukommen.

Ihr Volvo fing an zu holpern. Ein deutliches Zeichen dafür, dass die rechten Räder die Fahrbahn verlassen hatten und bereits über den unbefestigten Randstreifen rollten.

»Ich kann nichts ...«, hörte Carl Björn noch rufen, dann zog es den PV 51 wie von Geisterhand nach rechts weg. Er löste sich vom Mercedes und schoss über eine Erhebung auf dem Grünstreifen. Der Wagen hob ab und Carl sah einen dicken Baum auf sie zukommen. Der Stamm bohrte sich auf der Beifahrerseite in das Fahrzeug, das auf der Fahrerseite auseinandergerissen, während es auf der anderen Seite wie ein Stück Papier zusammengefaltet wurde. Der Schlag wurde begleitet von einem ohrenbetäubenden Lärm, dann plötzlich war alles ruhig.

Die Schmerzen waren unerträglich. Carl lag auf den Resten der Rückbank und konnte sich keinen Zentimeter bewegen. Er war eingeklemmt, eine warme Flüssigkeit lief ihm ins rechte Auge. Er wollte sich mit der Hand über das Gesicht wischen, doch er konnte seinen Arm nicht bewegen. Er wusste nicht einmal, wo sein Arm überhaupt war. Ein beißender Geruch stieg ihm in die Nase und er spürte trotz der unsäglichen Schmerzen am ganzen Körper, wie es an seiner rechten Hüfte immer wärmer wurde. Dann verlor er das Bewusstsein.

Lorient, Donnerstag, 1. Juni 1944, 8:10 Uhr

Das Gesicht des Mädchens war komplett von Ruß bedeckt. Wiederholt rieb sie sich in den Augen und verschmierte die schwarze Schicht. Tränenspuren auf beiden Wangen brachten den ganzen Schmerz zum Ausdruck, den sie hatte erfahren müssen. Kraftlos und mit vorgebeugtem Oberkörper saß sie auf dem Boden vor einem Ziegelhaufen und starrte Hans mit verquollenen Augen an. Hinter ihr stiegen noch immer dunkle Rauchschwaden aus den Trümmern auf und verdüsterten die Zukunft des Kindes, die noch nicht einmal richtig begonnen hatte. Ihr Körper zuckte mehrfach, als wolle er sich gegen den Qualm wehren, der mehr Giftstoffe als Sauerstoff enthielt. Ein Wimmern kämpfte sich aus der Kehle der Kleinen, immer und immer wieder.

Hans blieb stehen und sah ihr in die Augen. Der Rauch in der Luft stank erbärmlich und er spürte sofort die giftige Wirkung, die den Sauerstoff umklammerte und nicht mehr freigeben wollte. Er hustete und hielt sich die Hand schützend vor Mund und Nase. Er war wie gelähmt, wusste nicht, was er tun sollte. Sein Blick fiel auf die Hände des Mädchens. Ihre Finger klammerten sich krampfhaft an etwas fest. Er brauchte einen Moment, bis er erkannte, dass die roten Fingernägel nicht zu dem Kind gehörten. Sondern zu dem Arm, der aus dem Trümmerhaufen hinter ihr hervorschaute.

»Komm weiter, Hans«, tönte es von der Seite, aber er reagierte nicht. Bis ihn jemand am Ärmel packte und weiterzog.

»Das Kind«, stammelte er und stolperte über seine eigenen Füße.

»Komm aus dem Gestank raus.« Dieter zog ihn unaufhaltsam weiter und schon einige Meter weiter ließ der stechende Geruch nach.

»Die Mutter liegt ...« Hans war noch immer fassungslos, wandte sich um und sah zurück. Dunkler Rauch hatte jetzt die Stelle eingenommen, an der das Kind gesessen hatte. Er konnte es nicht mehr erkennen, der Rauch war zu dicht.

»Hans, wir können nichts tun. Komm jetzt, wir haben hier eine Aufgabe zu erfüllen.«

»Hast du das Mädchen nicht gesehen? Was soll denn aus ihr werden?«

»Wir können ihr nicht helfen.«

Hans blieb einen Moment fassungslos stehen, dann setzte er Dieter nach.

»Und wenn das dein Kind wäre?«

Jetzt blieb Dieter stehen. Hans schloss auf und sah seinem Freund ins Gesicht. Seine Augen waren gerötet und feucht.

Lag es am Rauch oder war es wegen des Mädchens? Hans wartete auf eine Reaktion. Dieter atmete tief ein und aus. Es vergingen noch ein paar Sekunden, ehe er antwortete.

»Wir sind schon spät dran«, wich er der Situation aus, dann folgte er dem Soldaten, der sie zum Hafen bringen sollte und bereits weit vor ihnen lief. Hans sah ihm nach und schüttelt nur den Kopf. Noch einmal drehte er sich um. Der Rauch hatte sich gelichtet, das Mädchen war verschwunden. Er suchte vergeblich die Umgebung ab. Nichts.

Unsicher wandte er sich um und folgte Dieter in Richtung Hafen.

Die Bunkeranlagen waren bereits von weitem zu erkennen.

Ein riesiger Klotz mit einer Länge von 170 Metern und einer Breite von bis zu 140 Metern erhob sich vor ihnen. Überall im Hafengebiet stiegen von Maschinen, Fahrzeugen und Schiffen Rauchwolken auf. Lastwagen fuhren umher. Sie brachten Ersatzteile und Lebensmittel zu den Bunkern, in denen die schmalen Bootskörper vor dem Auslaufen vollgestopft wurden. Wie in einem Ameisenhaufen wuselten Arbeiter und Soldaten umher.

Die Deutschen hatte sich viel Mühe gegeben, einen großen und autarken U-Boot-Stützpunkt in Lorient zu errichten. Die Infrastruktur war stark ausgebaut worden, Torpedo- und Treibstoffbunker existierten genauso wie eine starke Flak, die alles gegen die Luftangriffe der Alliierten verteidigen sollte.

Mit seinen sieben Boxen enthielt der 23.000 Quadratmeter große Bunker KEROMAN III Platz für dreizehn U-Boote. Er war im Januar 1943 fertig gestellt worden und der Einzige, der das Einlaufen der Boote in die Boxen ohne Aufschleppanlage ermöglichte. Die Boxen waren länger als die der beiden älteren Bunker KEROMAN I und II und somit auch für größere Boote geeignet.

Mit jedem Schritt baute sich die mächtige Bunkerwand weiter bedrohlich vor ihnen auf. Hans war überwältigt von der Größe des Bauwerks. Durch seine wachsende Bewunderung und das vielfältige Treiben vergaß er sogar die Zerstörungen, die er vorhin gesehen hatte. Und verdrängte das Erlebnis mit dem Mädchen.

Kurze Zeit später erreichten sie den Bunkerbereich und folgten dem Schild KEROMAN III Eingang. Eine leichte Brise wehte durch den Hafen, aber erst jetzt bemerkte Hans den Geruch der feuchten, salzhaltigen Meeresluft in der Nase. Erinnerungen an Peenemünde wurden wach. Durch die Nähe zur Ostsee begleitete ihn der typische Meeresgeruch dort bei seiner täglichen Arbeit und er genoss dies ungemein.

Sie betraten den Bunker und die Meeresbrise schlug sofort um in eine Mischung aus Benzingeruch, Schmierstoffe, Gestank von Schweißarbeiten und den Ausdünstungen verschwitzter Körper. Hans rümpfte die Nase.

»Puh, das stinkt ja gewaltig.«

»Wenn man erst mal eine Zeit lang drin ist, gewöhnt man sich daran. Hier geht‘s lang.« Der Soldat deutete mit einer Handbewegung die Richtung und führte sie weiter in das Innere der Anlage.

Der Bunker KEROMAN III hatte in der Mitte eine große Box, die für drei U-Boote ausgelegt war. Sie war komplett für diesen Sonderauftrag reserviert worden. Seit Tagen liefen die Vorbereitungen.

Hans und Dieter waren verantwortlich dafür, dass die auszuführenden Arbeiten den termingerechten Einsatz sicherstellten. Bereits vor einer Woche war ein Trupp ihrer Mitarbeiter nach Lorient geflogen, um alles vorzubereiten. Eine weitere Woche früher war die für diesen Einsatz vorgesehene A4-Rakete verladen und per Eisenbahn auf den Weg nach Frankreich gebracht worden. Die starken Luftangriffe der vergangenen Monate hatten viele der Bahnstrecken und Straßen zerstört. Für die letzten Kilometer nach Lorient musste die Rakete auf Lastwagen verladen werden, da die Eisenbahnlinie kurzfristig nicht mehr repariert werden konnte. Unter massiven Sicherheitsvorkehrungen hatte sie aber noch rechtzeitig den Hafen erreicht, sodass der eng gesetzte Terminplan bisher gehalten wurde.

Die Luft im hinteren Teil des Bunkers war wirklich schlecht. Was durch die großen Öffnungen am gegenüberliegenden Ende hereinströmte, reichte nicht aus, um gegen den vorherrschenden Mief anzukommen.

Sie gingen an drei Boxen vorbei, die mit U-Booten belegt waren. Von den Seitenwänden strahlten starke Scheinwerfer die stählernen Körper an, doch das dunkle Grau des Metalls, das Schwarz des Wassers und die Betonwände schluckten einen Großteil des Lichts. Vor den hellen Bunkeröffnungen in 140 Metern Entfernung hoben sich die Bootstürme gespenstisch in die Höhe. Überall wurde intensiv gearbeitet, auf mehreren Arbeitsbühnen standen Arbeiter, die die teilweise stark beschädigten Boote reparierten. Zu Hans Überraschung hatten einige der Männer für die Schweißarbeiten nicht einmal Schutzbrillen angezogen. Stimmen und Befehle versuchten, sich über die vielfältigen Arbeitsgeräusche hinwegzusetzen. An jeder Ecke standen SS-Soldaten, die die Anwesenden im Auge behielten.

Die vierte Box war ihre. Sie war deutlich breiter, der Platz für die U-Boote war hier mit fast einhundert Metern aber nur geringfügig länger, als in den anderen.

»Höchste Zeit, dass ihr kommt.«

Oberingenieur Fritz kam ihnen entgegen. Er trug einen verdreckten Blaumann und dicke Schuhe mit glänzenden Stahlkappen. Sein Gesicht war verschmiert, die Augen zierten dunkle Ränder. Mit einer kurzen, ruckartigen Bewegung des Kopfs beförderte er eine lange Haarsträhne nach hinten und klemmte sie mit der Hand hinter sein rechtes Ohr. Er war ein begnadeter Wissenschaftler und Ingenieur, der sein Leben ganz der Arbeit gewidmet hatte. Obwohl er etwas schmächtig gebaut war, konnte er gut zupacken und scheute sich nicht vor körperlichem Einsatz. Er liebte es gleichermaßen, im Büro am Konstruktionsbrett zu sitzen wie auch in der Produktion mit anzupacken, wenn es darum ging, vorhandenen Schwierigkeiten bei der Fertigung auf den Grund zu gehen.

Er schüttelte beiden die Hand.

»Es gibt Probleme«, kam er direkt auf den Punkt. »Einige der Steckverbindungen passen nicht, mehrere Leitungen sind zu kurz und können nicht an die Steuertafel angeschlossen werden. Darüber hinaus hängt überall die SS rum und meint alles überwachen zu müssen. Das nervt gewaltig.«

»Wie kann das sein? Die Stecker und Kabel wurden doch schon unzählige Mal getestet?«

»Ja, bei dem VIIC, weniger bei dem XXI.«

»XXI, ich dachte, die sind noch gar nicht einsatzbereit? Für den Einsatz war doch immer das VIIC vorgesehen.« Hans war überrascht.

»Wir haben es auch erst gestern Nachmittag erfahren und am Abend war es dann schon da. Der Führer hat kurzfristig angeordnet, dass wir mit dem neuen XXI fahren sollen. Also musste das von uns vorbereitete Boot raus aus dem Bunker und dafür kam U-2500. Alles so geheim, dass es keinerlei Informationen zu dem Bootswechsel gab. Zum Glück wurde die Mannschaft auf beiden U-Boot-Typen trainiert, sodass wir damit keine Probleme haben. Nur das mit den Steckverbindungen ist verdammt ärgerlich. Ich habe schon neue Stecker angefordert, nur ob wir die noch rechtzeitig bekommen, konnte mir natürlich keiner sagen. Ansonsten prüfen wir gerade die Kontrolltafeln, in der Hoffnung, dass das Problem nur bei den Steckern liegt. Mittlerweile spricht man schon von Sabotage. Deshalb rennt hier auch so viel SS rum.«

»Wie sieht es mit der Rakete aus?«

»Das Baby ist in Ordnung, haben wir schon durchgecheckt. Es wird morgen auf den Hänger verladen. Der flüssige Sauerstoff und der Äthylalkohol sind auch eingetroffen. Aus Sicherheitsgründen aber noch in getrennten Bunkern untergebracht. Ansonsten läuft alles nach Plan.«

Sie standen auf einer kleinen Plattform. Vor Ihnen erstreckte sich die Box, in der eine große Zahl von Männern mit den Vorbereitungen für den Einsatz beschäftigt waren. Rechts war das neue U-Boot U-2500 festgemacht. Der lange, schlanke Bootskörper mit dem schnittigen Turm hinterließ gegenüber dem älteren Typ VIIC einen modernen und fortschrittlichen Eindruck. Das Boot hatte eine Länge von fünfundsiebzig Metern und war aus insgesamt acht Sektionen zusammengebaut worden. Diese wurden auf verschiedenen Werften in Deutschland gefertigt und anschließend zusammengesetzt. Die Entwicklung dieser neuartigen Boote war notwendig geworden, nachdem die Alliierten die U-Boot-Jagd immer effektiver gestalteten und mit neu entwickelter Technik wie Radar und Unterwasserortungsgeräten ihrem Gegner das Leben schwer machten. Seit etwa einem Jahr waren aus den Jägern endgültig die Gejagten geworden und die Verluste sprunghaft in die Höhe geschnellt, während die Versenkungsziffern immer weiter zurückgegangen waren. Mit diesem neuen Typ war eine wesentlich schnellere und längere Unterwasserfahrt möglich, was die Deutschen in die Lage versetzte, auch unter Wasser die Verfolgung eines Geleitzugs aufzunehmen, ihren Jägern zu entkommen und ungefährdeter die U-Boot-Basen an der Atlantikküste anzufahren.

Hans Blick wanderte nach links zu der schwimmenden Abschussrampe für das A4, die von den Männern einfach nur »Hänger« genannt wurde. Dieser Transport- und Verschussbehälter hatte eine Länge von siebenunddreißig und einen Durchmesser von fünfeinhalb Metern und die enorme Wasserverdrängung von 500 Tonnen. Im Schlepp von U-2500 rechnete man mit einer möglichen Geschwindigkeit von zwölf Seemeilen. Der Hänger war in der Stettiner Vulcanwerft erbaut worden.

Die Idee, dass ein U-Boot tauchfähige Schwimmkörper ziehen konnte, entstand im letzten Jahr und bald darauf ergab sich die Frage, ob es auch möglich sei, das A4 von See her zu verschießen. Eilig wurde das Projekt Schwimmweste aus dem Boden gestampft. Tests in der Ostsee zeigten nur befriedigende Ergebnisse und auch hier lief den Deutschen die Zeit davon. Trotz mehrfacher Überarbeitung des Schwimmkörpers und der Abschussvorrichtung war das Vorhaben noch nicht vollends einsatzreif, als der Befehl des Führers zu diesem Sonderauftrag eintraf.

Die Rakete war im vorderen Teil untergebracht, ebenso die großen Tanks für die flüssigen Treibstoffe. Der Hänger war mit dem Boot durch starke Stahltrossen verbunden, über armdicke, wasserdichte Schläuche wurden die Verbindungen für die Technik hergestellt, die in einer eigenen Steuerwand im ziehenden U-Boot endeten. Diese Anschlüsse wurden aber erst kurz vor dem Abschuss zusammengesteckt, lediglich das Kabel, das für die Steuerung des Hängers benötigt wurde, blieb natürlich ständig mit diesem verbunden.

Sie gingen in eine kleine, zur Bunkerinnenseite verglaste Kabine an der Betonwand. Hier waren ein Schreibtisch und vier Stühle untergebracht, an der Wand präsentierten mehrere offene Schränke eine große Zahl von Ordnerrücken. Auf dem Tisch lagen Pläne eines U-Boots ausgebreitet, neben Detailzeichnungen und Schaltplänen des Hängers.

»Wir prüfen gerade folgende Steckverbindungen.« Fritz beugte sich über die Zeichnungen und wies mit dem Finger auf die entsprechenden Stellen. »Hier, hier und hier. Es ist wichtig, dass keine Probleme auftreten. Wir nehmen jedes einzelne Kabel noch einmal unter die Lupe. Ich habe Anweisung gegeben, dass wir die vorhandenen Stecker des VIIC selbst umbauen auf das XXI. Für den Fall, dass das Werk uns die Richtigen nicht mehr rechtzeitig liefert«, erklärte Fritz den aktuellen Stand. »Ich kann mir das nicht erklären. Fast die Hälfte der Kontakte ist betroffen.«

»Gut gemacht.« Hans stellte die Aktentasche auf einen Stuhl und lehnte sich über den Tisch. Mit beiden Händen stützte er seinen Oberkörper ab. »Wir dürfen uns nicht auf das Werk verlassen. Die Männer sollen alles kontrollieren. Ich will absolut sichergehen. Wie lange wird es noch dauern, bis wir sämtliche Leitungen geprüft und alle falschen Steckverbindungen umgebaut haben?«

»Wenn wir keine weiteren Überraschungen erleben, könnten wir es bis Mitternacht schaffen. Und wenn uns die SS durch ihre Untersuchungen und ständigen Befragungen nicht noch mehr von der Arbeit abhält.«

»Gut. Wenn du irgendetwas brauchst, melde dich rechtzeitig. Wir müssen morgen Mittag Einsatzbereitschaft melden. Also haltet euch ran.«

»Ich werde mir das Ganze gleich mal anschauen«, sagte Dieter. Er nickte Fritz zu.

In dem Moment wurde die Tür geöffnet. Ein Mann im langen Mantel, flankiert von zwei SS-Soldaten in Uniform, betrat unaufgefordert den kleinen Raum.

Fritz beachtete sie nicht. Er packte den großen Schaltplan, rollte ihn zusammen und drückte sich dann an den SS-Männern vorbei nach draußen. Dieter folgte ihm.

»Würden Sie sich bitte ausweisen?«

Ohne eine Regung im Gesicht beobachtete der Mann, wie Hans seinen Pass aus der Jackentasche kramte. Er warf einen Blick darauf, dann gab er ihn an einen der Uniformierten weiter, der den Namen mit seiner Liste verglich.

»Ich bin hier der leitende Ingenieur und verantwortlich für die Einsatzbereitschaft des Boots und der A4-Rakete.«

»Wie erklären Sie sich, dass die Steckverbindungen nicht passen?«, entgegnete der Zivilist, ohne auf Hans Bemerkung einzugehen.

»Ich bin gerade erst darüber informiert worden. Meine Männer sind dabei, diese zu überprüfen und anzupassen.«

Der Mann fixierte Hans. Unentwegt starrte er ihn an, selbst beim Sprechen zeigten seine Augen keine Regung. Er ließ sich Zeit mit seiner nächsten Frage.

»Gibt es jemand unter ihren Männern, dessen Loyalität zu Führer und Vaterland vielleicht etwas weniger stark ausgeprägt ist?«

Hans zögerte, eine leichte Nervosität ergriff ihn.

»Meine Männer sind die besten Ingenieure und Wissenschaftler, die Deutschland zu bieten hat. Sie alle stehen voll hinter ihrer Aufgabe und setzen sich mit ihrer ganzen Kraft dafür ein, dass die Einsatzbereitschaft des Boots fristgerecht gewährleistet ist.«

Hans Puls stieg an. Seine innere Spannung wuchs, ebenso die Nervosität. Er dachte an Fritz Worte und ergänzte mit fester Stimme: »Und jetzt lassen Sie uns bitte unsere Arbeit machen oder wollen Sie dafür verantwortlich sein, wenn wir die Termine nicht einhalten können?«

Lorient, Freitag, 2. Juni 1944, 17:25 Uhr

Der Raum war erfüllt von den Gesprächen der Mannschaft und der Wissenschaftler. Die Männer waren frisch geduscht und eingekleidet, der Dreck der harten Arbeit der letzten Tage war weggewischt. Nun wuchs die Spannung. Bis auf den Kapitän wusste niemand, in welche Richtung sie dieser Sondereinsatz bringen würde. Das endgültige Ziel der A4-Rakete kannte aber selbst der Kommandant noch nicht. Die Zielkoordinaten und der geheime Einsatzbefehl lagen in einem verschlossenen Umschlag, der erst auf See und nach einem vereinbarten Funkspruch aus dem Führerhauptquartier geöffnet werden durfte.

Für Hans hatte dieses Projekt im Dezember 1943 begonnen. Es war genau eine Woche vor Weihnachten gewesen, als Dieter und er zu Wernher von Braun gerufen wurden. Von Braun eröffnete ihnen, dass sie für den nächsten Tag zusammen mit Walter Dornberger nach Berlin beordert waren. Für dreizehn Uhr war eine Besprechung bei Heinrich Himmler angesetzt und die klaren Anweisungen aus der Reichshauptstadt ließen keinen Zweifel an der Brisanz des Termins aufkommen.

Was mochte jetzt wohl auf sie zukommen? In einer Woche war Weihnachten, bereits das Fünfte in diesem Krieg. Hans dachte an seine Kinder und Elisabeth und freute sich auf ein paar Tage mit ihnen. Er hatte viele Fragen beantworten müssen, um die Woche nach den Feiertagen freizubekommen. Es wurde immer schwieriger, Urlaub zu machen. Der Krieg forderte mehr und mehr von jedem Einzelnen und die eng gesetzten Termine waren, wenn überhaupt, nur unter maximalem Einsatz aller zu halten.

In Berlin wartete bereits ein Wagen auf sie, der sie in die Prinz-Albrecht-Straße brachte.

Der Eindruck, den die Hauptstadt machte, hatte nicht mehr das Geringste mit dem zu tun, was sie einmal gewesen war. Eine blühende Stadt, in der das Leben pulsierte. In der sich eine Vielzahl Straßencafés durch die belebten Straßen zogen und Anziehungspunkt der Berliner und ihrer ausländischen Gäste waren. Abends versuchten viele Leuchtreklamen, die Menschen in ihren Bann zu ziehen und zum Besuch eines der angesehenen Theater oder in ein Varieté zu locken. Die Stadt war überzogen gewesen von Hakenkreuzfahnen, die an allen wichtigen Gebäuden und Einrichtungen hingen und rein farblich gesehen, in Kombination mit Bäumen und Grünbereichen deutliche Akzente setzten.

Hans Blick fiel auf eine lange Reihe zerstörter Wohngebäude. Der Luftangriff im vergangenen November war einer der schwersten bisher und Hans war erst beruhigt gewesen, als er mit seiner Mutter telefoniert und erfahren hatte, dass sie unversehrt davongekommen war.

In der Prinz-Albrecht-Straße angekommen, zwängten sie sich aus dem Wagen. Eine Ordonnanz von Himmler wartete am Eingang, führte sie in einen kleinen Raum und bat sie zu warten. In einer Ecke stand eine Kaffeekanne mit frisch gebrühtem Kaffee, mehreren Tassen und einem Kännchen Milch. Der Kaffeeduft erfüllte den gesamten Raum. Hans hatte bereits seine zweite Tasse zu sich genommen, als sich auf der gegenüberliegenden Seite eine Tür öffnete.

»Der Reichsführer lässt bitten«, forderte sie ein Mitarbeiter Himmlers auf. Dem verantwortlichen Leiter Walter Dornberger und dem Technischen Direktor Wernher von Braun folgend, betrat Hans vor Dieter das Zimmer. Himmler saß an seinem Schreibtisch und kam nach einer kurzen Begrüßung auch schnell auf den eigentlichen Grund ihres Treffens.

Er berichtete von der großen Enttäuschung des Führers, der bereits im Sommer den Bau der A10-Rakete befohlen hatte und feststellen musste, dass die Entwicklung weit hinter den geforderten Terminen herhinkte. Natürlich wich Hitler keinen Zentimeter von seiner Forderung ab und der Befehl galt weiterhin, trotzdem musste eine Alternative ins Auge gefasst werden, derer er sich nun annahm. Dann hatte er ihnen eröffnet, durch einen massiven Einsatz der A4-Raketen im kommenden Jahr dem Krieg die entscheidende Wende geben zu wollen. Aus diesem Grund hatte er mit höchster Dringlichkeit die zusätzliche Realisierung der Abschussmöglichkeit auch von See her gefordert und Hans und Dieter dafür die Verantwortung übertragen. Gerade der Verschuss von See her würde ihnen die Option geben, mit einem Täuschungsmanöver die Amerikaner glauben zu lassen, dass die neuen Interkontinentalraketen doch fertig geworden waren. Unabhängig davon sollte die bereits laufende Entwicklung an der A10-Rakete intensiviert werden. Dabei verwies er erneut darauf, dass sie im vergangenen Sommer in der Wolfsschanze für das Projekt die höchste Dringlichkeit erhalten hatten und der Führer bald Resultate sehen wolle. Trotz der vielen Rückschläge befahl er den ersten Testflug der Interkontinentalrakete noch für das Jahr 1944. Auch dafür waren Hans und Dieter verantwortlich. Wie sollen wir denn das alles schaffen? ging es Hans durch den Kopf.

Die Wissenschaftler protestierten energisch, doch Himmler ließ keinen Widerspruch zu. Er wischte die Argumente beiseite und verwies wiederholt auf den Führer. Sie wüssten bereits seit Sommer Bescheid und arbeiteten somit seit einem halben Jahr an der Umsetzung und er sähe keinen Grund, warum dann ein Termin in 1944 nicht realisierbar sein sollte. Er versprach die kurzfristige Bereitstellung weiterer Arbeitskräfte und seinen gesamten Machtapparat einzusetzen, damit sie die maximale Unterstützung bekommen würden.

Obwohl Hans und Dieter mit ihrer Gruppe seit dem erfolgreichen Erstflug eines A4 im Oktober 1942 an der Entwicklung einer zweistufigen Interkontinentalrakete arbeiteten, stellte dieses Projekt doch alles bisher da gewesene bei Weitem in den Schatten. Eine Rakete zu starten, die sich bis zu fünfundachtzig Kilometer in die Atmosphäre schraubte, und eine Reichweite von annähernd dreihundert Kilometern aufwies, war schon eine ungeheure Leistung. Die Forderung, in einer so kurzen Zeit eine interkontinentale Rakete zu entwickeln, die bis nach Amerika fliegen konnte, also eine Entfernung von über 7000 Kilometer überbrücken musste, war der absolute Wahnsinn. Dagegen stellte sich die Anweisung, den Verschuss einer A4-Rakete von See her zu ermöglichen, fast schon als Kleinigkeit dar.

Himmler hielt Wort.

Bereits Mitte Januar 1944 trafen weitere Ingenieure in Peenemünde ein die, so gut es ging, auf die vorhandenen Gebäude verteilt wurden. Dies erschwerte die bisherigen Entwicklungen, denn ihre Einarbeitung und Integration in die laufenden Projekte erforderte einen ungeheuren zusätzlichen Aufwand. In mehreren Sonderzügen kamen unzählige Kriegsgefangene, die sofort zum Bau von Wohn- und Arbeitsgebäuden herangezogen wurden. Gleichzeitig erhöhte die SS ihre Präsenz und mischte sich verstärkt in das Leben und die Arbeit in Peenemünde ein.

Das Ergebnis der Entwicklung eines Schwimmkörpers für den Transport und den Verschuss von See aus schwamm nun im Bunker KEROMAN III neben U-2500 und würde heute Nacht zu seinem Einsatz aufbrechen. Daneben lag eine weitere geheime Neuentwicklung. Das erste der neuen, großen Elektro-U-Boote, das den Schwimmkörper zu dem noch unbekannten Einsatzort bringen sollte. War dies nun der Auftakt zu dem schon lange propagierten und bevorstehenden Endsieg?

Die Mannschaft von U-2500 setzte sich aus Elitesoldaten der deutschen U-Boot-Waffe zusammen. Sie waren nach genau vorgegebenen, strengen Regeln ausgesucht und in den letzten Monaten intensiv ausgebildet worden. Eine Ausbildung, die neben dem alten U-Boot-Typ VIIC auch eine umfangreiche Vorbereitung auf dem neuen Typ XXI beinhaltet hatte.

Endlich war es so weit. Der Einsatz stand unmittelbar bevor und nun konnten auch sie ihren Beitrag zum deutschen Sieg leisten.

Der Saal lag im Erdgeschoss des Kasernengebäudes. Auf langen, dunklen Holzdielen waren einfache Stühle aneinandergereiht worden. Vorne hatte man ein Rednerpult aufgestellt und an die Wand eine riesige Hakenkreuzfahne gehängt. Rechts daneben hing ein gemaltes Porträt von Hitler. Die Fenster waren durch schwere Vorhänge verdeckt, der Raum selbst wurde von den Lampen an der Decke nur unzureichend beleuchtet. Im vorderen Bereich hingen drei provisorisch angebrachte Strahler, die auf die Fahne, das Bild des Führers und das Rednerpult ausgerichtet waren.

Hans hatte gegen vierzehn Uhr die Einsatzbereitschaft des Boots und des Hängers gemeldet. Sie hatten es geschafft, noch in der Nacht alle Umbaumaßnahmen abzuschließen. Am Vormittag war dann eine letzte Gesamtprüfung der technischen Anlage erfolgreich absolviert worden. Obwohl die neuen Stecker noch geliefert wurden, hatten sie sich nicht einmal die Mühe gemacht, sie auszupacken und zu prüfen. Sie wollten kein Risiko mehr eingehen. Das System funktionierte und das Boot war einsatzbereit. Nur das zählte jetzt.

Hans saß neben seinem Freund. Nervosität und eine innere Spannung hatten von ihm Besitz ergriffen. Unter den Augen hatte er dunkle Ränder, die ihn älter erschienen ließen. Allerlei Gedanken kreisten ihm durch den Kopf. Elisabeth, die Kinder, das Haus in Berlin, in dem er aufgewachsen war, seine Mutter und in einer leichten Unschärfe auch sein Vater, der ihm lächelnd die Hand entgegenstreckte. Dann sah er sich als Jugendlicher, auf dem Friedhof stehend, vor einem mit Blumen geschmückten Grab. Es war das seines Vaters.

»Achtung!«

Auf einen Schlag verstummten die Gespräche. Für eine Sekunde waren lautes Poltern und das Rutschen von Stühlen auf dem Holzboden zu hören, dann war es still im Raum. Die U-Boot-Männer standen regungslos in wie mit dem Lineal gezogenen Reihen. Auch die Wissenschaftler waren von ihren Stühlen aufgesprungen, nur konnte bei Ihnen nicht von geraden Linien gesprochen werden.

Zwei Marinesoldaten betraten den Raum und stellten sich zu beiden Seiten der Eingangstür auf. Es war totenstill. Durch den Eingang drang das Geräusch von sich nähernden Stiefelschritten. Dann erschien ein mittelgroßer Mann. Er blieb einen Moment im Schatten des Türbogens stehen und die Soldaten neben der Tür nahmen Haltung an. Sein dunkler Mantel schluckte die diesige Beleuchtung fast komplett, sodass die Person selbst kaum zu erkennen war. Doch das Licht reichte aus, um von den Abzeichen und Emblemen der Uniform in einer gespenstischen Weise reflektiert zu werden. Über allem thronte der goldfarbene Reichsadler, darunter das Eichenlaub und die doppelreihigen Lorbeerblätter. Rechts und links leuchteten die Schulterstücke. Der Reverskragen war gerade noch als dunkelblau auszumachen, zu beiden Seiten zierten jeweils vier goldene, übereinander angebrachte Knöpfe die Mantelvorderseite. Am unteren Ende der Ärmel zeugten, für jeden sichtbar, ein breiter und vier schmale Ärmelstreifen mit einem darüber liegenden Stern mit fünf Spitzen von dem hohen Rang, den der Besucher innehatte. Zu guter Letzt war noch ein Teil des goldenen Griffs des Marschallstabs zu erkennen, den er in der rechten Hand trug.

Dönitz ging durch den Saal, der jeden einzelnen seiner Schritte zu verstärken schien. Als er auf Höhe der ersten Reihe angekommen war, trat der Kapitänleutnant vor und legte den rechten Arm an die Mütze.

»Herr Großadmiral. Ich melde die Mannschaft von U-2500 vollzählig angetreten.«

»Danke, Herr Kapitänleutnant«, erwiderte Dönitz und gab ihm die Hand. Dann ging er zum Rednerpult. Die Marineoffiziere, die ihm gefolgt waren, stellten sich versetzt hinter ihn. Sein Mantel war mit kleinen Wassertropfen übersät. Wie es aussah, hatte es draußen zu regnen begonnen.

Dönitz legte die Mütze auf das Pult, dann ließ er seinen Blick über die im Raum versammelten Männer wandern. Hans erschien es, als würde er jeden Einzelnen mustern. Er nahm sich Zeit, dann nickte er und die Männer setzten sich auf ihre Stühle.

Hans war gespannt, aufgeregt und stolz zugleich. Ein Gefühl, das sich immer bei ihm einstellte, wenn er hochgestellte Persönlichkeiten des Reichs traf.

Dönitz hatte das Amt des Oberbefehlshabers der Kriegsmarine 1943 von Großadmiral Raeder übernommen. Er hatte auf einer kleinen Insel, ganz in der Nähe der KEROMAN Bunker, eines seiner Hauptquartiere mit dem Codenamen Berlin, das er gelegentlich nutzte.

»Männer der deutschen U-Boot-Waffe, deutsche Wissenschaftler und Ingenieure«, begann er. »Als wir im Jahre 1939 den Kampf gegen die Westmächte aufgenommen haben, sind wir mit einer kleinen und beschaulichen U-Boot-Flotte in den Krieg gezogen. Und trotzdem hatte sie damals schon beachtliche Erfolge aufzuweisen. Der Ausbau der U-Boot-Waffe führte dazu, dass wir im letzten Jahr die höchsten Versenkungsziffern innerhalb eines Monats erreicht haben.« Er machte eine kurze Pause, um die Wirkung seiner Worte zu unterstreichen. »Aus dem Krieg, der gegen England und Frankreich begann und mit einem glorreichen Sieg über Frankreich fortgesetzt wurde, ist ein globaler Kampf geworden. Unsere Flotte, allen voran die U-Boote, kämpft heute auf vielen Ozeanen gegen Gegner, die versuchen, Deutschland niederzuringen. Doch dazu wird es nicht kommen. Man muss aber zugeben, auch unsere Feinde haben dazugelernt und neue Abwehrmaßnahmen entwickelt.«

Damit spielt er sicher auf die vielen Misserfolge und Verluste der letzten zwölf Monate an, ging es Hans durch den Kopf.

»So sahen wir uns wiederum gezwungen, neue, schlagkräftigere Boote zu entwickeln, die vor allem in ihren Antriebsmöglichkeiten und der Geschwindigkeit wesentliche Verbesserungen aufweisen. Und wieder haben die Ingenieure eine hervorragende Arbeit geleistet. Mit den neuen Booten werden wir unseren Gegnern zeigen, mit wem sie es hier und heute zu tun haben. Mit ihnen ist auch in getauchtem Zustand die Verfolgung eines Geleitzugs problemlos möglich. Darüber hinaus wurde die Tauchzeit deutlich erhöht. Diese Waffe wird uns die Schlagkraft und Überlegenheit zurückgeben, mit der wir endgültig die Engländer aushungern und den Nachschub über den Atlantik unterbinden können.« Damit legte er eine Pause ein.

»Ihr, die ihr hier vor mir sitzt, werdet die Ersten sein. Ihr seid dazu bestimmt worden, mit einem solchen neuen Boot an die Front zu fahren.«

Erneut machte er eine kurze Pause.

»Doch es ist nicht eure Aufgabe, Schiffe aufzuspüren und zu versenken. Eure Aufgabe ist es, eine Waffe zum Einsatz zu bringen, die die Welt bisher noch nicht gesehen hat. Eine Waffe, die unseren Gegnern das Fürchten lehren und die diesen heldenhaften Kampf unseres Volkes endgültig zugunsten Deutschlands entscheiden wird.«

Er ließ seinen Blick über die Männer schweifen, deren Begeisterung ihn förmlich anzuspringen schien.

»Ihr seid ausgewählt worden, weil ihr zur Elite der deutschen Marinesoldaten gehört und aus tiefster Überzeugung bereit seid, für unseren Führer und unser Vaterland den höchsten Einsatz zu bringen, den ein deutscher Mann bringen kann.«

Hans musste schlucken, als er die Worte hörte.

»Ihr habt die ehrenvolle Aufgabe, heute zu einem besonderen und historischen Auftrag aufzubrechen. Ihr seid ausgewählt worden«, wiederholte Dönitz, »um in dieser Stunde unserem Gegner einen Schlag zu versetzen, der den Kriegsverlauf entscheidend verändern wird. Seit vielen Jahren arbeiten Wissenschaftler und Ingenieure im ganzen Reich an der Entwicklung von Waffensystemen, die alles bekannte in den Schatten stellen und uns völlig neue Möglichkeiten der Kriegführung eröffnen. Ihnen ist es gelungen, eine Waffe herzustellen, mit der wir in der Lage sind, unsere Gegner so wirkungsvoll zu bekämpfen, dass es nur noch eine Frage der Zeit sein wird, bis der Sieg in diesem großen Kampf der Sieg Deutschlands ist.«

Dönitz sah jetzt die Wissenschaftler an.

»Ich möchte hiermit meinen Dank und auch den Dank des Führers an diejenigen aussprechen, denen diese Leistung gelungen ist und von denen einige hier anwesend sind.« Er nickte den Ingenieuren zu, dann wandte er seinen Kopf wieder den Soldaten zu. »Die Zeit ist nun gekommen, den entscheidenden Schlag in diesem heldenhaften Ringen Deutschlands auszuführen. Die Augen unseres Führers Adolf Hitler und des ganzen deutschen Volks sind nun auf euch gerichtet. Ihr werdet heute Nacht zu einem Einsatz aufbrechen, auf den noch eure Enkel stolz sein werden. In eurer Hand liegt nun das Schicksal unseres Volkes.«

Er beendete seine Rede mit einem dreifachen »Sieg Heil«, trat einen Schritt zurück und hob seinen Marschallstab kurz an. Dann setzte er seine Mütze auf, wandte sich um und ging auf die Soldaten zu.

Wieder erschallte ein »Achtung« durch den Raum und erneut sprangen die Soldaten und die Wissenschaftler auf.

Der Kapitänleutnant führte seine rechte Hand an die Mütze, als der Großadmiral auf ihn zukam. Dönitz streckte ihm die Hand entgegen.

»Herr Kapitänleutnant, ich wünsche Ihnen und ihrer Mannschaft viel Glück.«

»Danke, Herr Großadmiral.«

Dönitz schüttelte ihm kurz die Hand, dann hob er erneut den Marschallstab, drehte sich um und ging zur Eingangstür zurück. Seine Schritte hallten von der Decke wieder. Die Soldaten neben dem Eingang präsentierten ihr Gewehr. Ohne die geringste Bewegung standen sie sich gegenüber, als der Großadmiral den Raum verließ.

Hans atmete erleichtert aus. Er war wieder unter großer Anspannung gestanden und spürte nun, dass er die ganze Zeit seine Finger in die Handballen gedrückt hatte.

Lautes Stühlerücken ertönte aus dem Hintergrund, als ihm jemand eine Hand auf die Schulter legte. »Na, wie sieht‘s aus. Wollen wir zum Abschied noch einen trinken gehen? Ein bisschen Zeit hab ich noch.«

Hans drehte sich um und blickte in ein lächelndes Gesicht mit einem blauen Auge, das andere war durch eine lange, dicke Haarsträhne verdeckt.

»Ach du, Fritz.«

Hans zögerte. Eigentlich wollte er auf sein Zimmer und packen. Und davor noch bei Elisabeth anrufen.

»Na, komm schon«, forderte ihn Fritz auf. »Wer weiß, ob wir uns je wiedersehen. Unser Auslaufen wurde um eine Stunde vorverlegt. Zeit für einen kleinen Drink bleibt aber noch.« Er hob seine Schultern, legte den Kopf schief und sah Hans fordernd an.

»Du hast Recht, wer weiß schon, wie die Zukunft aussieht. Vielleicht werfen sie dich ja auch über Bord, wenn sie erst einmal festgestellt haben, wie du wirklich bist.« Hans grinste.

»Wann musst du auf dem Boot sein?«, wollte Dieter wissen.

»Spätestens um neun müssen alle an Bord sein, um elf geht‘s dann los. Man vermutet, dass die Engländer von unserem Auslaufen erfahren haben, daher starten wir eine Stunde früher.«

Hans beneidete Fritz absolut nicht. Fritz ging mit drei weiteren Ingenieuren ebenfalls an Bord des U-Boots und war dafür verantwortlich, dass bei diesem wichtigen Einsatz alles reibungslos über die Bühne ging. Zumindest was die Rakete betraf.

Packen und daheim anrufen kann ich morgen früh auch noch, dachte er, wir fliegen ja erst um elf zurück.

Fritz legte Hans den Arm um die Schulter und drehte sich dann mit ihm zusammen zu den anderen Ingenieuren um.

»Wer geht noch mit?«, fragte er in die Runde. »Einen kleinen zum Abschied?« Das vielfältige Gemurmel unter den Kollegen klang nach allgemeiner Zustimmung.

»Na, dann los«, gab Fritz das Kommando und die Gruppe der Wissenschaftler zog durch den Gang, den vorhin noch Großadmiral Dönitz durchschritten hatte, dem Ausgang entgegen. Außer ihnen war mittlerweile niemand mehr im Raum.

Hans nahm im Augenwinkel wahr, dass zwei dunkle Gestalten aus dem Schatten der Tür traten und stehen blieben. Die Männer trugen beide einen langen Mantel und graue Hüte.

Als sich die Ingenieure der Tür näherten, machte Fritz drei schnelle Schritte und setzte sich so vor die Gruppe, um als Erster durch die Tür zu gehen. Kaum war er durch, trat von der anderen Seite ein großer Mann in den Türrahmen, sodass Hans abrupt stehen bleiben musste und ihn überrascht anstarrte.

Er wurde von hinten angerempelt, fing sich aber schnell wieder und konnte noch verhindern, dass er nicht das Gleichgewicht verlor. Stimmen hinter ihm riefen etwas. Sein Magen drehte sich urplötzlich und nach einem Moment, der ihm ewig lang vorkam, fragte ihn der Mann: »Hans Friedel?«

Eine weitere Windung des Magens ließ einen üblen Geschmack in seinem Mund aufkommen. Er schluckte, um ihn loszuwerden, dann nickte er.

»Sie sind verhaftet!«

London, Freitag, 2. Juni 1944, 19:11 Uhr

»Das gibt‘s doch nicht!«

David knallte den Hörer auf die Gabel. Seit zwei Tagen versuchte er nun, Informationen aus Stockholm zu bekommen. Entweder kam er erst gar nicht zur britischen Gesandtschaft durch oder diese hatten immer noch nichts Neues für ihn. Das Einzige, was man ihm bisher mitteilen konnte, war, dass das Flugzeug mit Carl planmäßig in der schwedischen Hauptstadt gelandet war. Mehr auch nicht. Er ließ sich in seinen Stuhl fallen, nahm einen Bleistift in die Hand und klopfte damit auf den Tisch.

Tock, Tock, Tock.

Was kann da passiert sein?

Tock, Tock, Tock.

Er ging noch einmal alles durch. Carl war planmäßig in Stockholm gelandet. Die Deutschen konnten nichts bemerkt haben, sonst hätten sie ihn nicht ausreisen lassen. Irgendetwas musste schiefgelaufen sein. Die Regierung in Stockholm hatte ihm zugesichert, dass er die Papiere umgehend erhalten würde, sobald sie diese im Außenministerium kopiert hatten. Es gab also nur zwei Möglichkeiten. Carl war ohne die Unterlagen gekommen oder die Informationen waren bei den Schweden und die rückten sie nicht raus. Warum auch immer.

Tock, Tock, Tock.

Sein Blick fiel auf das Foto auf dem Schreibtisch und er betrachtete es einige Sekunden lang.

»Meine Kate«, sagte er leise, beugte sich schwerfällig vor und nahm das Bild in die Hand. Eine hübsche Frau in der zweiten Hälfte der Dreißiger mit langen blonden Haaren lächelte ihn an. Sie saß auf einer Bank am Ufer der Themse und hatte ihren Arm um ein Mädchen gelegt. Er fuhr mit dem Zeigefinger langsam über den Kopf von Kate und dann weiter zu seiner Tochter. »Linda.« Eine Träne rann ihm über die Wange. Wie lange ist es jetzt schon her? überlegte er und rechnete nach. Drei Jahre und drei Wochen. Er schloss die Augen und löste damit weitere Tränen aus, die ihm über das Gesicht liefen.

Es war am 10. Mai 1941 gewesen, beim letzten großen Luftangriff der Deutschen auf die britische Hauptstadt vor deren Angriff im Osten. David war auf dem Heimweg, als sie von den Sirenen überrascht wurden. Das Geheule war noch nicht verstummt, als bereits die ersten Bomben fielen. Gerade als sie in ihr Viertel einbogen, erwischte eine Bombenserie die gesamte Straße. Davids Wagen wurde von der Druckwelle in die Luft gehoben und blieb völlig zerstört auf der Seite liegen. Es gelang ihm, sich aus dem Wrack zu befreien. Er hatte neben mehreren Prellungen nur leichte Schnittwunden abbekommen. Sein Fahrer war halb aus dem Fenster geschleudert und von dem auf die Fahrerseite fallenden Wagen zerquetscht worden. Er musste auf der Stelle tot gewesen sein. David starrte entsetzt auf die Reste eines menschlichen Körpers, die unter dem Auto hervorschauten und in einer riesigen Blutlache lagen.

Dann drehte er, noch ganz benommen, den Kopf in Richtung der Straße, in der er bis vorhin mit seiner Familie gewohnt hatte. Soweit er zwischen dem Rauch und den auf beiden Seiten lodernden Flammen erkennen konnte, stand kein Haus mehr.

Den Mund halb offen, die Augen vor Entsetzen weit geöffnet, durchfuhr es ihn wie ein Blitz.

»Kate«, kam es ihm aus der Kehle. »Kaaaate«, schrie er und rannte los. Er stolperte über die Steine, stürzte, rappelte sich mühsam wieder auf und kämpfte sich weiter durch den beißenden Rauch auf ihr Haus zu. Er stürzte erneut und schlug mit dem Gesicht hart auf der Straße auf. Ihm wurde schwarz vor Augen, der Schmerz in seinem Kopf war grauenvoll, dann verlor er das Bewusstsein.

Er wusste nicht, wie lange er dort gelegen hatte, bis ihm ein stechender Schmerz das Bewusstsein zurückbrachte. Er blieb noch einen Moment regungslos liegen, bevor er langsam die Augen öffnete. Neben ihm lag jemand und sah ihn an. Das Weiß um die Pupille war klar und rein. Das Auge fixierte ihn aus einem ansonsten völlig verkohlten Kopf heraus. Die Haut hatte sich vom Fleisch gelöst und hing in Fetzen herab. An manchen Stellen waren noch die gekräuselten Reste der Haare erkennbar und kleine Rauchfahnen stiegen von dem verbrannten Fleisch auf. Ein entsetzlicher Gestank fuhr ihm in die Nase.

Entsetzt rappelte er sich auf und stolperte hinkend auf den Block zu, indem sie ihre Wohnung hatten. Das Haus stand in Flammen, die obere Hälfte war eingestürzt. Davor entdeckte er zwei Leichen. Er sah sich suchend um, sein Blick glitt über die beiden toten Körper, suchten etwas Vertrautes, etwas, das er kannte und er war erleichtert, als er nichts dergleichen finden konnte. Dunkler Rauch blies ihm ins Gesicht. Seine Augen brannten wie Feuer. Er kniff sie zusammen und fuhr sich mit beiden Händen über sein rußverschmiertes Gesicht, in der Hoffnung, dadurch die Schmerzen etwas zu lindern. Er ging ein paar Schritte weiter, dann sah er zwischen den Rauchschwaden einen alten Mann, der auf dem Boden saß. Der Mann hatte einen großen Sack vor sich liegen. Vermutlich waren darin einige persönliche Dinge, die er retten konnte. David ging auf ihn zu. Beide Augen tränten und er versuchte zu erkennen, ob es der Mann war, der neben ihnen gewohnt hatte. Einer, der immer nett und hilfsbereit gewesen und Kate geholfen hatte, wann immer es notwendig war.

Das Stechen in seinem Oberschenkel wurde stärker. Er zog das Bein nach, als er schlurfend auf den Mann zuging.

Der Alte sah ihn aus einem geschwärzten Gesicht an. Dann ließ er seinen Kopf langsam wieder sinken.

David hatte ihn erkannt, es war William. Sein Blick glitt an ihm herunter, dann blieben seine Augen an einem Armband haften. Das Band kam ihm bekannt vor. Es sah genauso aus wie das, das er seiner Frau zum letzten Hochzeitstag geschenkt hatte. Aber warum trug der Mann das Armband von Kate? Seine Augen folgten den Arm, an dem es befestigt war. Doch der Arm entfernte sich von dem alten Mann und verschwand in dem Sack, der vor ihm lag. Eine düstere Ahnung erschlich David und schnürte ihm die Kehle zu. Ein erstickter Laut verließ seinen Mund, als er sich langsam auf die Knie fallen ließ. William hob erneut den Kopf. Diesmal lief eine Träne über sein rußgeschwärztes Gesicht und zog eine verschmierte, hellgraue Spur nach sich. David streckte die Hand aus. Der Arm, der das Armband trug, war noch warm. Seine Finger glitten über die Haut auf den Sack zu. Doch das war kein Sack, es war nur eine Plane. Seine Finger krallten sich um den Rand des Plastiks und bohrten sich in seinen Handballen. Langsam zog er die Folie zurück und erkannte die blonden Locken, die er so geliebt hatte.

»Kate«, winselte er kaum hörbar. Er zog die Plane zur Seite, bis er den Oberkörper aufgedeckt hatte.

»Neeeeiiiiin!« Der Schrei ging im Fauchen der Flammen unter. Sein Kopf fiel auf Kates Schulter und seine gurgelnden Laute erstickten in den verbrannten Kleidern, die sie am Körper trug.

Nur eine Sekunde später schreckte er hoch und mit dem Namen seiner Tochter auf den Lippen wollte er sich gerade zu William umdrehen, als er spürte, wie sich eine Hand auf seine Schulter legte und die Finger nach Aufmerksamkeit riefen. Er drehte den Kopf und blickte William mit tränenunterlaufenen Augen an. William deutete mit einem Nicken zur Straße. David richtete den Oberkörper auf und wandte sich um. Auf der Straße stand ein Mädchen. Die langen blonden Haare hingen wild um ihren Kopf, die Kleidung war völlig verstaubt.

»Papa?«

Tock, Tock, Tock.

In weiter Ferne vernahm er ein Klopfen, das kräftige Knarren der Holztür seines Büros klang schon deutlich näher und das darauffolgende laute Schließen der Tür holte ihn endgültig aus seinen Gedanken zurück.

»David?«

Frank ging direkt auf den Schreibtisch zu, hinter dem David saß. In der Hand hielt er ein Papier.

»Neue Informationen aus Stockholm.«

»Und?«, fragte David, der noch nicht ganz aus seiner schrecklichen Vergangenheit zurück war, teilnahmslos. Doch nur den Bruchteil einer Sekunde später hatte er begriffen, dass dieses Blatt Papier das war, worauf er seit zwei Tagen wartete und sprang überraschend flink auf.

»Zeig her«, sagte er und strecke Frank fordernd die Hand entgegen.

»Keine guten Neuigkeiten«, sagte Frank, und während David den Inhalt las, sprach er weiter. »Carl hatte einen schweren Unfall. Sie konnten ihn zwar noch aus dem brennenden Fahrzeug ziehen, aber es sieht nicht gut aus. Sein Fahrer konnte nicht mehr gerettet werden und der Wagen brannte völlig aus. Carl hatte zwei Koffer dabei, die beide stark in Mitleidenschaft gezogen wurden. Einen Teil der Unterlagen konnten die Schweden aber vor der endgültigen Vernichtung bewahren.«

»Ist noch irgendwas verwertbar?« David beschlich ein ungutes Gefühl.

»Keine Ahnung«, antwortete Frank. »Mehr wissen wir noch nicht.«

»Ich muss unbedingt mit der britischen Gesandtschaft sprechen.« David ging um den Tisch herum. »Ich muss wissen, wie viel von den Unterlagen noch brauchbar ist. Das ist wichtig. Davon hängt so viel ab.«

»Ich habe schon nachgefragt und die Antwort kam diesmal umgehend. Sie sagten, sie hätten bisher keine weiteren Informationen erhalten und die Schweden wüssten scheinbar auch nicht mehr.«

»Das kann nicht sein«, erwiderte David aufgebracht und mit einer deutlichen Handbewegung gab er Frank zu verstehen, dass er sich damit nicht zufriedengab. »Wenn ein Teil der Papiere gerettet werden konnte, dann kann man daraus auch noch irgendetwas verwerten. Ich will wissen, was da drinsteht.«

David ging wütend in seinem Büro auf und ab. Er dachte nach. Dann blieb er unvermittelt stehen, wandte sich Richtung Frank und ging fingerzeigend auf ihn zu.

»Wir müssen die Papiere haben.« Er sah Frank an. »Ich bin sicher, unsere Spezialisten können da noch was rausholen. Ich brauche diese Unterlagen und ...«. Er machte eine kurze Pause, dann fuhr er fort: »... und du wirst sie mir holen.«

Während er dies sagte, streckte er den Arm vor und drückte Frank seinen Finger auf die Brust. Seine Augen leuchteten und sein Blick wirkte entschlossen.

Frank stand das Entsetzen ins Gesicht geschrieben, als er verstand, worauf David hinauswollte. Sein Mund stand offen, er brachte keinen Ton heraus und starrte David nur an. Es dauerte einige Sekunden, bis er ein krächzendes, lang gezogenes »Ich?« hervorbrachte.

»Na, wer denn sonst?« Mit entschlossenen Schritten und voller Tatendrang ging David um seinen Schreibtisch und setzte sich. Er würde nicht aufgeben. Er sah eine Möglichkeit, seinen Kampf gegen Deutschland weiterführen zu können und wenn auch nur noch ein Teil der Dokumente verwertbar war, so musste man das Maximale daraus machen.

Nach Kates Tod hatte er geschworen, alles daran zu setzen, dass die verfluchten Nazis diesen Krieg verlieren. Dieser Schwur verlieh ihm nun seit über drei Jahren Kraft und Energie, Tag und Nacht dafür zu kämpfen. Nach Kates Tod hatte er seine Tochter zu den Schwiegereltern aufs Land geschickt. Dort war sie sicher und er konnte sich auf seine Arbeit konzentrieren.

Er wusste, dass Frank froh war, als sein Assistent zu arbeiten. Frank war ein überzeugter Brite, war aber niemand, der sich für eine Kampftruppe geeignet hätte. Dafür war er körperlich zu schwach und hatte zudem viel zu viel Angst um sein Leben. Er hatte bereits mehrfach durchklingen lassen, dass er David dankbar war, dass er ihn für sich arbeiten ließ und ihn nicht einer Einsatztruppe überstellte. Auch dass Frank Panik davor hatte, über von Deutschen besetztem Gebiet nach Stockholm zu fliegen, war ihm klar. Aber darauf konnte er jetzt keine Rücksicht nehmen. Er brauchte diese Dokumente und musste sie haben. Hier in London.

»Wir müssen sicher sein, dass uns die Schweden nichts verheimlichen. Wir haben ihre Zusage und die müssen sie einhalten. Ich brauche jemanden, der sich vor Ort um alles kümmert und auf den ich mich verlassen kann. Lass dich nicht abwiegeln. Ich will die Dokumente haben. Und zwar alle. Von mir aus können sich die Schweden Kopien machen so viel sie wollen, aber die Originale will ich. Und das so schnell wie möglich.«

Frank hatte seine Fassung noch nicht ganz wiedergefunden, zumindest aber seinen Mund wieder geschlossen.

»Du fliegst gleich morgen früh«, ergänzte David und Franks Unterkiefer klappte erneut nach unten.

»Morgen schon?«, stammelte er und wurde noch blasser im Gesicht.

»Ich werde alles veranlassen. Pack ein paar Sachen ein, für den Fall, dass du doch einige Tage länger unterwegs bist. Du wirst, soweit möglich, einen Jagdschutz bekommen. Einen Teil der Strecke müsst ihr aber ohne auskommen. So groß ist die Reichweite unserer Jäger nicht.«

»Und wenn uns die Deutschen abschießen, dann haben wir nichts von den Dokumenten«, witterte Frank eine kleine Chance, doch noch um den Flug herumzukommen.

»Das Risiko müssen wir eingehen«, erwiderte David. »Die Deutschen haben genug zu tun an ihrer Ostfront. Viele Jäger sind an den Ärmelkanal abgezogen worden. Es bleiben also nicht mehr allzu viele in Dänemark und Norwegen stationiert«, versuchte ihm David Mut zu machen. »Gut. Wir sehen uns dann morgen um acht Uhr wieder hier. Bis dahin habe ich deinen Marschbefehl fertig. Den Flug werde ich gleich noch im schwedischen Konsulat anmelden. Ich versuche, ihn als diplomatische Reise auszuweisen, dass macht das Ganze dann vielleicht etwas sicherer für dich. Den Rest sprechen wir morgen durch.«

David hob den Telefonhörer ab. »Verbinden Sie mich bitte mit dem schwedischen Konsulat.«

Lorient, Freitag, 2. Juni 1944, 20:10 Uhr

»Was wollen Sie denn hören?«

Langsam reichte es Hans. Verärgert schlug er mit der Faust auf den Tisch. »Ich kann nichts anderes sagen, als ich jetzt schon ein halbes Dutzend Mal erzählt habe. Ich habe keinen Kontakt ins Ausland und auch mit niemandem über meine Arbeit gesprochen. Geschweige denn irgendwelche Unterlagen weitergegeben. Wie kommen Sie nur auf so etwas?«

Hans verzog das Gesicht, als erneut ein stechender Schmerz durch seine Leiste fuhr.

»Wir haben unsere Informationen.«

Sein Gegenüber ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. Er zog eine weitere Zigarette aus der offenen Packung und zündete sie in aller Seelenruhe an. Der Qualm wirbelte um die Lampe auf dem Tisch. Hans drehte den Kopf. Er konnte den Gestank nicht ausstehen. Auch deshalb waren die letzten Stunden für ihn so schlimm gewesen. Die Luft wurde immer schlechter. Der Aschenbecher auf dem Tisch war fast voll. Der Rauch zum Schneiden dicht.

Er hustete, dann griff er zu seinem Glas Wasser. Ich darf nicht so viel trinken, ermahnte er sich. Wer weiß, wie lange ich noch hier sitzen muss. Das Sprechen fiel ihm immer schwerer, aber der Druck seiner Blase bereitete ihm inzwischen wesentlich mehr Probleme. Bloß nicht in die Hose machen, solange es geht. Er rutschte auf dem Stuhl umher, doch die Schmerzen wurden nicht weniger.

Die Tür öffnete sich. Ein SS-Mann kam herein und flüsterte Hans Gegenüber ins Ohr. Der erhob sich und verließ den Raum. Hans schaute ihm nach und spürte für einen Moment einen Hauch Frischluft in der Nase. Er sog diesen gierig ein, doch es reichte nicht einmal für einen tiefen Atemzug.

Nun saß er alleine am Tisch und sah ausdruckslos in das milchige Licht, das den Qualm kaum durchdringen konnte. Seine Augen brannten, der Hals war trocken. Er hatte mittlerweile jedes Zeitgefühl verloren.

Als sich die Tür endlich wieder öffnete, schien eine Ewigkeit vergangen zu sein. Eine Ewigkeit, in der der Druck und die Schmerzen in seiner Blase schier unerträglich geworden waren. Mit aufeinander gepressten Zähnen und schmerzverzehrten Augen sah er den Mann an.

»Kommen Sie mit!«, sagte die Silhouette in der Tür in einem Ton, der nicht erkennen ließ, was ihm bevorstand. Er konnte ebenso entlassen, wie vor das nächste Erschießungskommando geführt werden.

Für einen kurzen Moment erschienen ihm Bilder von Elisabeth und seinen Kindern vor Augen. Dann stand er auf und wollte sich strecken. Ein stechender Schmerz durchfuhr ihn und mit einem halb unterdrückten Stöhnen nahm er sofort eine nach vorne gebückte Haltung ein, um sich Erleichterung zu verschaffen. Langsam schleppte er sich zur Tür. Der Mann trat zur Seite und ließ ihn nach draußen. Er hob den rechten Arm und zeigte den Gang hinunter.

»Da entlang«, ergänzte er in der gleichen ausdruckslosen Stimmlage von vorhin und ging voraus. Er beachtete Hans nicht weiter.

Er weiß, dass ich in meinem Zustand sowieso nicht fliehen kann, dachte Hans und ohne auf seine Umgebung zu achten, setzte er schlurfend und mit schmerzverzerrtem Gesicht einen Fuß vor den anderen. Als er endlich die nächste Ecke erreicht hatte, vernahm er nur noch die Worte des Mannes. »Die erste Tür rechts. Ich warte hier.«

»Danke.«

Hans verschwand in der Toilette und wollte die Tür hinter sich abschließen. Der Schlüssel fehlte. Er dachte nicht weiter darüber nach, ließ hastig seine Hose herunter und setzte sich. Wogen der Erleichterung durchfuhren ihn.

Als seine Blase leer war, blieb er sitzen und überlegte. Wo war er? Er hatte nicht die leiseste Ahnung. Warum hatte man ihn verhaftet? Was wollten diese Männer von ihm? Sie sprachen von Spionage, Kontakten ins Ausland und Informationen, die er angeblich weitergegeben haben soll. Wie kamen sie nur auf so etwas? Er stellte beide Ellenbogen auf die Oberschenkel und legte den Kopf in die Hände. Wenn ich hier sitzen bleibe, erfahre ich nicht, was man von mir will, sagte er sich schließlich. Mit einem Seufzer stand er auf und zog die Hose hoch.

Draußen wurde er bereits erwartet, und ehe Hans etwas sagen konnte, ging der Mann zielstrebig auf ihn zu.

»Kommen Sie mit!«

Wieder ließ der Ton des Mannes keine Rückschlüsse zu. Jetzt ging er neben Hans. Er überragte ihn um eine Kopflänge und zog bei den Türen instinktiv den Kopf ein. Diesmal achtete Hans auf die verschiedenen Räume und Gänge. Das Gebäude musste älter sein. Auf den Böden lagen lange Holzdielen, von denen manche kräftig knarrten. Die Zimmer waren höher als gewöhnlich und an der Decke mit Stuck versehen. Viele waren mit Tapeten ausgestattet, die überhaupt nicht zu der von den Deutschen neu eingebrachten Einrichtung passten. In den Räumen standen jeweils mehrere Schreibtische und auf jedem mindestens ein Telefon. Überall liefen Drähte und Kabel am Boden entlang und steuerten auf einen Schacht am Ende des Flurs zu, in dem sie nach unten verschwanden. Fast alle Arbeitsplätze waren besetzt und es wurde eifrig telefoniert.

Sie gingen einen Gang entlang, an dessen Ende sich eine große, doppelflügelige Holztür befand, vor der zwei Soldaten Aufstellung bezogen hatten. Einer der Flügel stand offen und ließ einen Blick nach draußen zu. Er sah den vorderen Teil eines Wagens. Weiter hinten eine Hecke, die das Areal umgrenzte. Sie gingen noch ein Stück, dann hob der Mann den linken Arm und wies Hans an, einer Treppe, die sich hinter einem im Bogen gemauerten Durchgang befand, zu folgen. Hans zögerte kurz, doch der Blick seines Begleiters war eindeutig.

Die Stufen führten nach unten und die Temperatur nahm spürbar ab. Sie kamen in einen langen unterirdischen Raum, dessen Decke sich in leichten Bogenformen, auf mehreren Stützpfeilern stehend, durch den Raum zog. Ein Weinkeller, dachte Hans im ersten Moment. Doch je weiter sie durch den Mittelgang gingen, desto mehr offenbarte sich ihm die tatsächliche Verwendung dieses Untergeschosses. Alle Durchgänge zu beiden Seiten waren mit Eisengittern versperrt. Hans warf einen Blick in den Raum zu seiner Rechten. Eine einfache Schlafmöglichkeit auf der einen Seite, auf der anderen befand sich ein Stuhl, das war alles. Der Keller wird als Gefängnis genutzt, ging es ihm entsetzt auf und ein ungutes Gefühl beschlich ihn.

Fast unmerklich wurde er langsamer. Sein Begleiter behielt seinen Schritt bei und bekam dadurch einen kleinen Vorsprung. Nach ein paar Metern drehte er den Kopf, und ohne dass er ihn direkt ansah, wusste Hans sofort, was er ihm sagen wollte. Er beeilte sich und war einen Moment später wieder mit dem Mann gleichauf, der zielstrebig die nächste Zelle auf der linken Seite ansteuerte. Er blieb davor stehen und schien zu überlegen. Hans warf einen Blick durch die teilweise schon verrosteten Eisenstäbe. Auch sie enthielt ein Bett, auf dem eine zusammengeknüllte, graue Decke lag. Am Kopfende des eisernen Bettgestells stand ein einfacher Holzstuhl. Wie in der anderen auch. Seine Augen wanderten über den Boden und entdeckten rotbraune Flecken auf den Steinen. An der Wand waren ebenfalls welche, aus denen eine rötliche Flüssigkeit in langen, nach unten verjüngenden Bahnen der Schwerkraft nachgegeben hatte. Blut, dachte Hans und Unwohlsein ergriff ihn. Für einen Moment sah er seinen Begleiter an, dann drehte er sich um und der Blick fiel in die gegenüberliegende Zelle. Der Raum war belegt und zu seiner Überraschung mit einem Offizier der deutschen Wehrmacht. Der Mann saß auf dem Bett, die Mütze lag auf dem Stuhl daneben. Die Jacke war halb aufgeknöpft, der obere Hemdkragen geöffnet, die Krawatte hing über der Lehne. Hans hatte bei seiner Arbeit in Peenemünde fast täglich mit Offizieren zu tun, sodass er die Uniformen und Rangabzeichen gut kannte. Den Rang, den dieser Gefangene hatte, konnte er allerdings nicht genau erkennen. Er hätte auf einen Major getippt. Hans schnürte es die Kehle zu. Jetzt sperren sie schon die eigenen Offiziere ein. Panik breitete sich aus und er verspürte das Verlangen, loszurennen. Sein Blick fixierte den Offizier, der ihn ausdruckslos anstarrte, dann wanderten seine Augen den langen Gang zurück, durch den sie gekommen waren. Der Drang abzuhauen, wuchs. Sein Herzschlag wurde schneller und er spürte jeden Pulsschlag im Kopf. Seine Hände fingen an zu schwitzen und die ersten Schweißperlen rannen seine Stirn hinunter. Er musste etwas unternehmen.

Plötzlich packte ihn eine starke Hand am Oberarm und zog ihn mit. Sein Begleiter hatte es sich wohl anders überlegt und eine andere Zelle für ihn ausgewählt. Hans stolperte über seine eigenen Füße. Doch der eiserne Griff hielt ihn mühelos fest, sodass er nach dem Ordnen seiner Beine das Gleichgewicht wiederfand. Der Mann zog ihn eine Zelle weiter, blieb dort vor einer verrosteten Eisentür stehen und zog einen Schlüsselbund hervor. Das Geräusch der aneinanderstoßenden Schlüssel hallte eigenartig von den Wänden wieder. Die Hand an Hans Oberarm lockerte ihren Griff, dann gab sie ihn komplett frei. Hans rieb sich die schmerzende Stelle. Er vernahm das Drehen des Schlüssels und das Öffnen des Schlosses. Mit einem verwirrenden Knarren ging die Tür auf und ein fast schon freundlich klingendes »Bitte schön« forderte ihn zum Eintreten auf.

Hans betrachtete den Boden, auf dem Staubflusen und Dreck von einem lange zurückliegenden Putztermin zeugten. Er hob seinen rechten Fuß und setzte ihn langsam in die Zelle. Sein linker folgte, dann blieb er stehen und drehte sich um. Mit einem lauten Knacken wurde das Eisentor abgeschlossen. Dann fummelte der Mann den Schlüssel aus dem Schloss, steckte ihn wieder in seine Hosentasche und ohne noch einmal aufzublicken, ging er den Gang entlang, den Hans vorhin vor Panik zurücklaufen wollte. Seine Schritte hallten in unterschiedlichen Tonlagen von den gewölbten Wänden wieder, bis der Mann die Treppe erreicht hatte und verschwunden war.

Die totale Stille verunsicherte Hans. Langsam drehte er sich um. Er nahm gerade noch wahr, dass in dieser Zelle zwei Betten standen, dann blieb sein Herz für einen Augenblick vor Schreck stehen. Auf dem rechten Bett saß eine Frau. Ihr Oberkörper lehnte an der Wand und in ihrem Schoß lag ein blondes Mädchen, das von dem neuen Zellengenossen noch nichts bemerkt hatte, denn es schien fest zu schlafen. Die Frau fuhr dem Kind in langsamen, gleichmäßigen Bewegungen über den Kopf. Misstrauisch musterte sie ihn mit ihren dunklen Augen. Offenbar versuchte sie, ihn einzuschätzen, dann drehte sie ihren Kopf und rief in einem leisen aber doch bestimmten Ton: »Daniel!« Es dauerte etwa zwei Sekunden, dann wiederholte sie den Namen noch einmal: »Daniel!« Diesmal hob sie ihre Stimme etwas an. Obwohl sie für normale Umstände nicht laut gesprochen hatte, kam es Hans in der Stille wie ein Schrei vor. Er verstand nicht, was sie meinte. Dachte sie etwa, er wäre Daniel?

Sie wollte gerade erneut ansetzen, als Hans in den Augenwinkeln eine Bewegung vernahm. Er drehte den Kopf und spürte schlagartig die Anspannung in seinem Körper. Auf dem zweiten Bett bewegte sich der Haufen grauer Decken und ein Kopf schob sich unter ihm hervor. Die Augen blinzelten noch, als sie Hans anstarrten, dann wurde die Decke mit einer einzigen Bewegung auf die andere Seite des Betts geschleudert. Ein Junge sprang blitzartig heraus und war mit zwei schnellen Schritten bei der Frau, die ihren rechten Arm um ihn legte.

Hans stand wie angewurzelt in der Zelle. Mit einem kurzen, schnellen Blick überflog er den Raum. Er entdeckte niemand mehr. Es blieb bei der Frau und den beiden Kindern. Der erste Schreck ließ nach und er blies hörbar aus. Sein Herz klopfte wild und schien sich nicht wirklich beruhigen zu wollen. Er versuchte ruhig und gleichmäßig zu atmen und nach kurzer Zeit spürte er, wie auch sein Puls nach unten ging.

»Der Junge kann gerne in dem Bett liegen bleiben«, sagte er dann mit einer Stimme, der die Anspannung noch anzumerken war. Er deutete mit einer Handbewegung erst auf den Jungen, dann auf das freie Bett. Die beiden starrten Hans ununterbrochen an. Er machte einen Schritt nach vorne und sofort zog die Frau den Jungen näher zu sich heran. Hans blieb stehen.

»Er kann sich wirklich wieder hinlegen.« Noch einmal deutete er auf das Bett, dann fügte er hinzu: »Ich tue ihnen nichts.«

Die Frau reagierte nicht auf seine Worte, trotzdem hatte er den Eindruck, dass ihre Augen mittlerweile etwas entspannter wirkten.

Vielleicht versteht sie mich ja überhaupt nicht. Er ging zu dem freien Bett und setzte sich an das Fußende. Sein Blick wanderte erneut durch die Zelle. Die Einrichtung war karg und entgegen den anderen Zellen besaß diese noch nicht einmal einen Stuhl. In einer Ecke stand ein Nachttopf, wie er ihn aus seiner Kindheit kannte. Nur war dieser in einem Zustand, dass man sich nicht freiwillig auf ihn setzen wollte. Die dicken braunen Ränder schienen nur auf einige Fliegen eine Anziehungskraft auszuüben, die den Topf umkreisten. An der Decke hing eine einfache Glühbirne, die über eine provisorisch angebrachte Leitung mit Strom versorgt wurde. Die Wände waren unverputzt und gaben die Handwerkerkunst vergangener Jahrhunderte wieder. Die Luft war kühl und feucht. Sein Blick ging zurück zu seinen Zellengenossen. Der Junge hatte sich auf die untere Hälfte des Betts gelegt und versucht, sich ebenfalls mit der Decke zuzudecken, die das Mädchen hatte. Doch die war für beide zu kurz und so konnte er nur ein Ende über seine Beine legen.

Es wurde wieder totenstill. Von den Stockwerken über ihnen drang kein Laut herunter. Dafür waren die Mauern und Decken zu dick. Die Stille wirkte beunruhigend. Hans ging den Weg durch das Untergeschoss noch einmal in Gedanken durch. Soweit er feststellen konnte, war nur noch eine Zelle belegt. Die mit dem Offizier. Die übrigen Zellen waren leer gewesen. Ein deutscher Offizier und eine Mutter mit ihren Kindern dachte er. Wäre es nicht viel effektiver, alliierte Soldaten gefangen zu nehmen, anstatt der eigenen und ungefährlichen Zivilisten? So konnte man doch keinen Krieg gewinnen.

Er sah auf die Kinder und musste unweigerlich an seine beiden denken. Wie es ihnen jetzt wohl gehen mag? Ob Elisabeth schon weiß, dass er hier in Frankreich in einem Gefängnis saß? Auf einmal verspürte er ein starkes Bedürfnis, nach Hause zu gehen, seine Liebsten in den Arm zu nehmen und den Rest seines Lebens nur noch mit ihnen zu verbringen. Wie lange war es her, seit er nach Frankreich geflogen war? Drei, vier oder schon fünf Tage? Heute war Freitag, fiel ihm nach einiger Überlegung wieder ein, abgeflogen war er am Mittwoch. Das waren gerade mal drei Tage. Es kam ihm wie eine Ewigkeit vor.

Er verschloss die Arme vor der Brust. Es ist kalt. Ich muss mich zudecken. Er stützte sich mit einer Hand auf dem Bett ab, hob seinen Körper an und zog die Decke hervor. Dann schlang er sie um seinen Oberkörper und zog die Füße zu sich heran, sodass auch sie unter dem kratzenden Grau verschwanden. Die Decke stank modrig. Aber eine Alternative gab es nicht.

Auf dem Bett gegenüber saß die Frau noch immer an die Wand gelehnt und hatte den Kopf des Mädchens auf dem Schoß liegen. Der Junge lag auf der Seite, hatte beide Beine angezogen und die Arme zwischen die Oberschenkel geschoben. Seiner Haltung nach fror er. Hans drehte seinen Kopf zum Kopfende des Betts. Dort lag noch eine weitere Decke. Genauso grau und vermutlich auch genauso muffig und kratzig. Er stand auf und nahm sie in die Hände. Es kitzelte ihm in der Nase, als er die Arme streckte, damit der Stoff auseinanderfallen konnte. Die Decke an den ausgestreckten Armen vor sich hängend, ging er langsam auf das andere Bett zu. Die Frau beobachtete nach wie vor jede seiner Bewegungen, reagierte aber diesmal nicht auf sein Näherkommen. Behutsam legte er die Decke über den Jungen. Der rührte sich nicht, wahrscheinlich war er schon eingeschlafen. Dann ging er an seinen Platz zurück. Er lehnte den Kopf an die Wand. Sie war eiskalt, aber er ignorierte es. Er schaute eine Weile ausdruckslos durch die Zelle, dann wurden seine Augenlider immer schwerer, die Müdigkeit überkam ihn. Er schloss die Augen und vor ihm lief ein Film ab. Der Film seines Lebens.

Er sah sich als kleiner Junge über eine Wiese rennen, in die ausgestreckten Arme seiner Mutter, dahinter stand sein Vater, der ihn anlachte. Dann als Jugendlicher in einem schwarzen Anzug, mit Tränen in den Augen, auf einem Friedhof stehen. Vor dem Grab des Vaters. Dieter stand auf einmal neben ihm, als sie an der Technischen Hochschule in Dresden ihr Abschlusszeugnis entgegennahmen, dann küsste er Elisabeth in einem Brautkleid in der Kirche. Als stolzer Vater hielt er seinen Sohn Klaus und seine Tochter Franziska in den Armen und unter lautem Getöse startete unmittelbar danach eine A4-Rakete vom Prüfstand VII in Peenemünde. Dann sackte ein dunkel gekleideter Mann unter einer Straßenlaterne zusammen und der Schuss hallte Hans noch in den Ohren, als er langsam die Augen öffnete.

Hatte er geschlafen? Er blinzelte in die Helligkeit, die zugenommen zu haben schien und sah die Frau, halb zusammengesunken, an der Wand. Er rutschte auf dem Bett umher. Seine Gelenke fühlten sich an wie ein Getriebe, das seit Jahren kein Öl mehr gesehen hatte. Jede Bewegung schmerzte und er fror am ganzen Körper. Langsam versuchte er, alle seine Glieder zu bewegen und ihnen so ein bisschen Leben einzuhauchen. Von den Geräuschen wurde die Frau wach und brachte sich mühsam in eine aufrechte Position. Hans sah sie eine Weile an, dann fragte er unvermittelt und ohne darüber nachgedacht zu haben: »Warum sind Sie hier?«

Die Frau reagierte nicht. Hans schaute ihr in die Augen, doch sie antwortete nicht.

»Ich habe auch zwei Kinder«, fuhr er fort. »Einen Jungen und ein Mädchen. Der Junge wird schon bald fünf Jahre alt, er hat im Sommer Geburtstag, meine Kleine ist zweieinhalb.« Hans Blick verlor sich in seinen Gedanken, die zurück nach Deutschland wanderten. Unbewusst fuhr er fort: »Meine Kleine liebt es, mit Puppen zu spielen. Sie kann sich stundenlang mit ihnen beschäftigen, und sprüht nur so vor Ideen, wenn es um ihre Puppen geht.« Hans sprach einfach weiter. Er fragte sich nicht, ob die Frau ihn überhaupt verstehen konnte oder wollte. Er war ganz in sein Privatleben eingetaucht, erzählte von seiner Familie und davon, wie sehr er sie doch vermisse. Er sprach wie in Trance, ohne sich bewusst zu sein worüber.

»Ihr habt meinen Mann erschossen«, stieß die Frau ganz plötzlich hervor. Sie sagte es in einer Lautstärke, die Hans in seinen Ausschweifungen zwar kurz stocken ließ, die ihn aber nicht vollends aus dem Rhythmus brachte. Nach einem kurzen Zögern fuhr er fort, ohne wirklich registriert zu haben, was sie gesagt hatte.

»Die SS hat meinen Mann ermordet«, gab die Frau erneut von sich. Diesmal aber so laut und deutlich, dass Hans abrupt innehielt und aufhorchte.

»Ihr habt meinen Kindern den Vater genommen«, wiederholte sie mit zittriger Stimme. Ihre Augen wurden feucht, ihr war die Verzweiflung anzusehen. »Mich interessiert überhaupt nicht, was ihre Kinder für Vorlieben haben. Meine Kinder werden ohne einen Vater aufwachsen müssen.« Sie fing an zu schluchzen. Tränen liefen ihr über das Gesicht, das sie nun in ihren Händen vergrub. Ihr Körper vibrierte sichtbar.

Hans saß nur da und starrte sie an. Jäh aus seinen Gedanken gerissen und mit der grausamen Realität konfrontiert, wusste er nicht, was er sagen sollte. Das Mädchen im Schoß der Frau bewegte sich, streckte die Beine und drehte sich auf die andere Seite. Offenbar war sie nicht aufgewacht. Der Junge schlief weiterhin unter seiner Decke. Die Bewegungen des Kindes führten dazu, dass ihre Mutter etwas ruhiger wurde. Sie rutschte in eine sichtbar bequemere Position und legte die Hand auf die Schulter ihrer Tochter.

Hans wurde unruhig. Trotz der vorherrschenden Kälte wurde ihm plötzlich warm und er spürte, wie er sogar anfing zu schwitzen.

Schlagartig sah er sich wieder als Jugendlicher auf dem Friedhof stehen. Eine Situation, die ihm immer widerfuhr, wenn es um den Verlust eines ihm nahestehenden Menschen ging. Auch wenn er die Familie nie zuvor gesehen hatte, alleine die Tatsache, dass diese beiden Kinder ihren Vater verloren hatten, stellte eine Verbundenheit zu ihnen her und eine ihm bekannte Trauer überfiel ihn.

Es passierte am 16. Mai 1930. Für Hans war es Zeit gewesen, zur Schule aufzubrechen. Seine Mutter hatte ihm das Pausenbrot gerichtet und in die Schultasche getan. Er hatte die Schuhe geschnürt und die Schultasche über die Schulter geworfen. Dann hatte er sich von seiner Mutter verabschiedet und zu seinem Vater gerufen: »Bis heute Abend.« Wie jeden Morgen hatte sein Vater am Frühstückstisch gesessen und Zeitung gelesen. Er ließ das Blatt sinken und sah mit einem Lächeln zu ihm rüber: »Mach‘s gut, mein Junge!« Hans hob zum Abschied noch einmal kurz die Hand, dann verschwand er durch die Tür. Das Lächeln seines Vaters und die Worte »Mach‘s gut, mein Junge!« sollten Hans für immer im Gedächtnis bleiben.

Es war gegen halb zwölf Uhr, als der Direktor der Schule in das Klassenzimmer kam und Hans herausholte. Er nahm ihn mit in sein Büro und eröffnete ihm, dass sein Vater an diesem Morgen bei einem Unfall ums Leben gekommen war. Dass es durch die Explosion bei einem Raketentest passierte, erfuhr er erst später, da dies nicht offiziell bekannt gegeben wurde. Sein Vater hatte an geheimen Raketentests für das Militär gearbeitet.

Hans fühlte sich an den Tag zurückversetzt, an dem er im Büro des Schuldirektors saß und die schreckliche Nachricht erhalten hatte. Der Vater war tot. Sein Vater, der ihm immer ein großes Vorbild gewesen war und in dessen Fußstapfen er einmal treten wollte. Hans hatte auf dem einfachen Holzstuhl gegenüber dem Direktor gesessen und versucht, die Tränen zurückzuhalten. Er wusste nicht mehr, wie er nach Hause gekommen war. Seine Mutter hatte ihn mit tränenunterlaufenen Augen in den Arm genommen und Hans spürte die Leere, die damals plötzlich in der Wohnung herrschte, genauso wie die Leere in seinem Körper. Der Tod seines Vaters hatte ihn völlig aus der Bahn geworfen. Er wurde schweigsam, sprach fast nichts mehr und zog sich von seinem Freundeskreis zurück. Seine schulischen Leistungen ließen spürbar nach und er konnte froh sein, dass zu diesem Zeitpunkt die wichtigsten Klassenarbeiten schon geschrieben waren. Dadurch war seine Versetzung in die nächste Klasse nicht gefährdet.

Dieter war der große Rückhalt für Hans gewesen. Obwohl Dieter in Dresden wohnte, besuchte er Hans regelmäßig in Berlin und blieb die gesamten Sommerferien bei ihm. Es war nicht leicht für Dieter, ihn zu Veranstaltungen und Ausflügen mitzuschleifen, mit denen er versuchte, Hans wieder in das Leben zurückzuführen. Anfänglich widersetzte sich Hans vehement, doch ließ sein Widerstand gegen Ende der Ferien endlich etwas nach. Er ging jetzt zwar bereitwilliger mit Dieter aus, blieb dabei aber weiterhin ziemlich teilnahmslos.

Das folgende Schuljahr war schwer. Dieter reiste nach den Ferien wieder zurück nach Dresden, hielt aber, so oft es ging, Kontakt zu ihm. Er versuchte Hans Interesse an der Raketentechnik, das ebenfalls völlig versiegt war, wieder zu wecken. Dieters unermüdlichem Einsatz war es zu verdanken, dass Hans den Abschluss der Schule schaffte. Dieter gelang es, mithilfe der Beziehungen seines Vaters, einen Studienplatz für sie beide an der Technischen Hochschule in Dresden zu bekommen. Im Herbst 1932 begannen sie ihr Studium der Luftfahrttechnik. Der Wechsel zurück nach Dresden hatte spürbare Auswirkungen auf Hans. Die Vertrautheit mit der Stadt, in der er aufgewachsen war, die vielen Bekannten aus seiner Jugendzeit sowie der Umgang mit den Kommilitonen, die es verstanden, ausgiebig zu feiern, ließen ihn den schrecklichen Tod seines Vaters mehr und mehr verdrängen. Schon bald war Hans einer von vielen Studenten an der Hochschule, dessen wiedergewonnene Begeisterung an der Luft- und Raumfahrttechnik ihn die einzelnen Semester mit Bestnoten abschließen ließ. Er hatte sich vorgenommen, die Arbeit seines Vaters fortzusetzen und so bereitete er sich gewissenhaft auf die Prüfungen vor. Schlagartig trat seine Begeisterung für die Luftfahrttechnik 1937 in den Hintergrund, als er Elisabeth kennenlernte. Es war Liebe auf den ersten Blick gewesen und brachte Hans mehrfach Ärger mit Julius ein. Julius Brenner war ein ehrgeiziger SS-Mann und zu diesem Zeitpunkt der Freund von Elisabeth gewesen. Hans traf sich ein paar Mal heimlich mit ihr, bis sie zwei Wochen später die Beziehung zu Julius offiziell beendete, was Hans neben einem Schwur auf ewige Rache auch zwei blaue Augen einbrachte.

Ihre Beziehung festigte sich und so fiel ihnen die Trennung im Herbst 1937, als Hans und Dieter als Jahrgangsbesten ein Angebot der Wehrmacht für die Forschung und Entwicklung neuer Waffensysteme in Peenemünde annahmen, extrem schwer. Doch das war die Chance für Hans, die Arbeit seines Vaters fortzusetzen. Die wenigen Möglichkeiten, sich im Urlaub oder den seltenen, verlängerten Wochenenden zu treffen, verliefen entsprechend heftig und so war es Ende 1938 gewesen, als Elisabeth ihm mitteilte, dass sie schwanger war. Bevor ihr Sohn auf die Welt kam, heiraten sie im Frühjahr 1939 und im gleichen Sommer zog Elisabeth mit ihrem Sohn in das Haus von Hans Mutter in Berlin. Dies hatte den Vorteil, dass sie sich jetzt häufiger sehen konnten, da Hans beruflich regelmäßig in die deutsche Hauptstadt fliegen musste. Er genoss die wenige Zeit mit seiner Familie und auch seine Mutter freute sich über neues Leben in ihrem Heim. Zwei Jahre später bekamen sie eine Tochter, die sie Franziska tauften. Abgesehen von den kriegsbedingten Beeinträchtigungen gingen die folgenden Jahre ihren gewohnten Lauf. Nach dem schweren Luftangriff auf Berlin im November 1943 entschieden sie, dass Elisabeth mit den Kindern zurück nach Dresden ziehen solle, da dort die Gefährdung durch die Bomber deutlich geringer war. Hans Mutter weigerte sich mitzugehen, sie wollte ihr Haus in Berlin nicht aufgeben.

Der Umzug nach Dresden erfolgte im Dezember 1943, da Hans Eltern noch ihre frühere Wohnung besaßen. Nachdem sie eine Zeit lang vermietet war, stand sie jetzt leer, sodass sie nach einer ausgiebigen Reinigung kurzfristig umziehen konnten.

Allerlei Gedanken schwirrten ihm durch den Kopf und er wusste nicht, was mit ihm geschah. Wie es jetzt weitergehen sollte. Er saß als Gefangener in dieser Zelle. Zusammen mit einer Mutter und ihren beiden Kindern, deren Mann von der SS ermordet wurde. Er sah die Frau an, dann die beiden Kinder und ein starkes Gefühl der Verbundenheit und der Mitverantwortung für ihre Situation kam in ihm auf. Sein persönliches Schuldgefühl wuchs, und als die Frau ihn plötzlich mit tränennassen Augen ansah, hörte er sich sagen: »Ich werde Ihnen helfen. Das verspreche ich Ihnen!«

Im Atlantik, vor Lorient, Freitag, 2. Juni 1944, 23:00 Uhr

U-2500 war befehlsgemäß um 22:00 Uhr aus dem Bunker ausgelaufen. Der schlanke Bootskörper wurde an der Hafenmauer festgemacht, die Mannschaft befand sich in erhöhter Alarmbereitschaft. Neben dem Kapitän, dem leitenden Ingenieur (LI) und den Wachen im Turm waren nur noch die Männer draußen, die den Hänger am Boot festmachten. Mit geübten Handgriffen hatten sie ihn in kürzester Zeit befestigt und dem Kapitän Vollzug gemeldet. Am Kai standen nur einige Marineoffiziere, als das Boot die Leinen einholte und die starken Elektromotoren das Gespann langsam auf Fahrt brachten. Das Hafengebiet war weiträumig abgesperrt und nahezu die gesamte Beleuchtung ausgeschaltet worden. Nur wenige Markierungslichter gaben dem Kapitän auf der Brücke die Chance, den sicheren Weg aus dem Hafen zu erkennen. Fast geräuschlos glitt der geschmeidige Bootskörper durch das ruhige, tiefschwarze Hafenwasser, und wenn der Mond eine der kleinen Wolkenlücken fand, konnte man die weiße Bugwelle vor dem Boot ausmachen.

Ohne bemerkt zu werden, hatte U-2500 den Hafen von Lorient verlassen, und steuerte jetzt mit einer Geschwindigkeit von dreizehn Seemeilen durch den schwarzen Atlantik einem noch unbekannten Ziel entgegen.

»Mann auf Brücke?«, war die Stimme des Kapitäns zu hören und nach einer Bestätigung schwang sich der Kapitänleutnant nach oben. Ein kurzer Blick in den wolkenverhangenen Himmel, dann nahm er sein Glas und betrachtete den erleuchteten Horizont hinter ihnen. Starke Flakscheinwerfer streckten ihre langen, weißen Tentakeln in den dunklen Nachthimmel auf der Suche nach Opfern. Das dumpfe Grollen schwerer Flugzeugmotoren war zu hören, in das sich die Explosionen der Bomben und der Flakgeschosse mischten.

»Schwerer Luftangriff auf Lorient, Herr Kaleu«, sagte der LI, ohne sein Glas von den Augen zu nehmen. »Da haben wir Glück gehabt, dass wir schon weg sind.«

»Wie spät ist es?«

»Genau dreiundzwanzig Uhr, Herr Kaleu.«

Der Kapitän sah eine Zeit lang schweigend durch sein Glas, dann fragte er unvermittelt: »Glauben Sie an einen Zufall, dass die Briten genau zu der Uhrzeit angreifen, zu der wir ursprünglich auslaufen sollten?«

Ohne eine Antwort abzuwarten, nahm er das Glas ab und schaute wieder nach oben.

»Wir gehen runter. Klar zum Tauchen!«

London, Montag, 5. Juni 1944, 21:30 Uhr

»Verdammt nochmal, geht das denn nicht ein bisschen schneller?« David rutschte auf der Rückbank hin und her wie ein aufgeregtes Kind, das sich nach langer Abwesenheit auf das Wiedersehen mit seiner Mutter freute und das Treffen kaum erwarten konnte. »Da vorne rechts, der Weg ist kürzer. Und drücken Sie endlich mal drauf, Baker.«

David spähte in die abgedunkelten Straßen Londons und versuchte, Lieutenant Baker anzutreiben.

Eine gespannte Atmosphäre hing in der Luft. Was kaum jemand wusste, abgesehen von den Verantwortlichen und beteiligten Soldaten, war die Tatsache, dass der Befehl zur Invasion in der Normandie erteilt worden war. Der lang erwartete Angriff im Westen auf die von den Nationalsozialisten propagierte Festung Europa hatte begonnen.

Während auf deutscher Seite ein unruhiger Abend zu Ende ging, drängten sich in den vielen Booten, die über den Kanal dampften, die einzelnen Wellen der Invasionstruppen zusammen, die sich aus Soldaten unzähliger Nationen zusammensetzten. Viele der Männer hatten einen ganz persönlichen Grund, die Deutschen aus dem besetzten Frankreich hinauszuwerfen. Hatten einen ähnlichen Grund wie David, der seine geliebte Frau bei den Bombenangriffen verloren hatte. Doch sogar jetzt, wo in wenigen Stunden der massive Angriff der Alliierten eine weitere Front eröffnen würde, konnte David dies nicht als Genugtuung empfinden. Seit er erfahren hatte, dass Frank mit den restlichen Unterlagen aus dem Koffer von Carl den englischen Luftraum erreicht hatte, war er nicht mehr zu halten. Unruhig war er in seinem Zimmer umhergelaufen. Er fluchte über die Uhr, deren Zeiger sich so gut wie nicht bewegten, und war nicht in der Lage, die verbliebene Zeit in irgendeiner Form sinnvoll zu nutzen. Er war fixiert darauf, den Deutschen mit ihrem Führer Adolf Hitler persönlich einen Stich ins Herz zu versetzen. Alles drehte sich jetzt um die Papiere und das, was er sich von ihnen versprach. Aber zuerst musste er sie einmal haben.

»Wie spät ist es, Baker?«

»Halb zehn, Mr Petrie.«

Frank musste jeden Moment landen.

»Fahren Sie da vorne links, Baker. Dann können wir die nächste große Kreuzung umgehen.«

»Die Straße ist gesperrt, da bin ich neulich schon nicht durchgekommen«, versuchte Baker David zu beruhigen. »Wir sind ja gleich da.«

Ein paar Minuten später hielt Lieutenant Baker den Wagen vor der Einfahrt des Flughafens Uxbridge an. Er gab dem Posten ihre Papiere. Der warf nur einen flüchtigen Blick drauf, dann nickte er, gab ihnen die Dokumente zurück und ließ die Schranke öffnen. David hatte den Besuch angekündigt.

Baker steuerte den Wagen auf die Hangars zu, vor denen einige Maschinen standen. Er stellte den Wagen neben der dunklen Wand einer riesigen Flugzeughalle ab. Weit waren sie nicht gekommen, aber der Flughafen war bis auf den letzten Zentimeter voll mit Kriegsmaterial, Verpflegung und einer großen Zahl von Soldaten, die in Gruppen auf ihren Abtransport warteten. An ein Weiterkommen mit dem Wagen war nicht zu denken.

David stieg aus, schlug die Tür zu und versuchte sich einen Überblick zu verschaffen. Frank sollte auf Landebahn drei ankommen, bei dem Verkehr und den ununterbrochen startenden Maschinen war eine andere Rollbahn aber genauso möglich. David orientierte sich kurz, dann ging er mit schnellen Schritten auf den Tower zu, der sich als schwarzer Schatten vor dem nur minimal helleren Hintergrund abhob.

»Bleiben Sie beim Wagen, Baker«, rief er seinem Fahrer noch zu, dann war er verschwunden.

In einer wahren Zickzack-Linie musste er das, aus seiner Sicht völlig unkontrolliert abgestellte Kriegsmaterial, Fahrzeuge sowie Gruppen von Soldaten umgehen. Er fluchte und seine Ungeduld wuchs. Endlich am Tower angelangt, versperrten ihm zwei Wachposten den Weg. Er musste sich ausweisen. Innerlich schon fast am Explodieren, erkundigte er sich nach dem verantwortlichen Leiter der Flugaufsicht. Er musste dringend in Erfahrung bringen, auf welcher Landebahn Frank reinkommen würde. Wenn er nicht sogar schon da war. Bei dem Trubel sah er keine Chance, ihn da draußen zu finden.

Der Leiter der Flugaufsicht, ein Colonel mit dem Bauchumfang einer hundertjährigen Eiche, empfing David mit einem freundlichen Lächeln.

»Good evening, Mr Petrie.« Mit seiner fleischigen Pranke drückte er die Finger von Davids rechter Hand fast zu Mus. David schloss vor Schmerz kurz die Augen und quälte sich ein Lächeln hervor, dann kam er sofort auf sein Anliegen zu sprechen.

»Ist das Flugzeug aus Stockholm schon angekommen?«

Der Colonel sah ihn an wie jemanden vom anderen Stern. »Aus Stockholm? Wissen Sie eigentlich, was hier gerade abgeht?«

»Na klar weiß ich das. Ich will auch nur wissen, ob das Flugzeug schon gelandet ist. Auf welcher Landebahn?«

Der Colonel zuckte mit den Schultern, drehte sich gemächlich um und fragte einen vorbeigehenden Soldaten. Doch der zuckte ebenfalls nur die Schulter, rief etwas durch die offene Tür in den Nebenraum, wartete kurz die Antwort ab und schüttelte dann den Kopf.

Mit nach oben gezogenen Schultern wandte sich der Colonel wieder David zu. Er setzte eine hilflose Mine auf. »Tut mir leid, von einem Flugzeug aus Stockholm wissen wir hier nichts.«

»Das gibt‘s doch gar nicht«, fluchte David und schaute an dem Fleischberg vorbei. Er suchte jemand, der den Eindruck hinterließ, dass er sich offensichtlich besser auskannte, als dieses hohle Stück Fett.

»Verdammt! Ich habe vorhin extra angerufen und man sagte mir, dass das Flugzeug gegen halb zehn landen würde. Haben Sie überhaupt eine Ahnung, was in Ihrem Laden abläuft?« David kam in Fahrt.

»Sir, ich habe hier die Aufsicht und die Verantwortung über den gesamten Flughafen und ich weiß sehr wohl, was hier läuft. Und wenn Sie sich jetzt nicht zusammenreißen, dann schmeiße ich Sie raus. Wir haben heute Nacht hunderte von Einsätzen zu koordinieren. Wir müssen dafür sorgen, dass unsere Soldaten mit ihrem Material heil in die Luft kommen. Und da kommen Sie mir gerade recht mit einem Flugzeug aus Stockholm.«

David konnte sich kaum noch halten.

»Ist Ihnen eigentlich klar, mit wem Sie hier sprechen?«

Der Colonel blieb unbeeindruckt.

»Wie ich bereits sagte, Sir. Ich habe hier die Verantwortung und eine Aufgabe zu erfüllen. Und genau das werde ich tun. Und dabei lasse ich mir von niemandem reinreden.«

Der Colonel hob seine rechte Hand und winkte zwei Soldaten herbei, die sich demonstrativ neben David postierten.

David warf einen kurzen Blick über seine Schultern. Dann ging er drohend einen Schritt auf die Tonne zu und schnaubte: »Ich sage Ihnen eins. Wenn wir die Informationen aus Stockholm nicht bekommen und nicht darauf reagieren können, dann schicken Sie unsere Männer umsonst nach Frankreich. Dann werden wir diesen verdammten Krieg verlieren.« Er richtete seinen Zeigefinger drohend auf den Fleischberg.

Der Colonel nickte nur kurz. Davids Oberarme schmerzten, als die Soldaten ihn packten.

»Schon gut«, sagte er in beruhigendem Ton und wandte sich aus dem Griff. »Ich gehe ja schon. Aber das hat ein Nachspiel, das versichere ich Ihnen.«

Mit einem Mal wurde es laut. Jemand hatte die Tür geöffnet und der Lärm des Flughafens erfüllte den Raum bis in den letzten Winkel.

»Hallo David«, hörte er plötzlich hinter sich eine bekannte Stimme. Er drehte sich um und sah neben dem Eingang einen Mann stehen. Dieser hob die Hand und winkte. Dann ging er auf David zu.

»Frank«, sagte David erfreut, schüttelte ihm die rechte Hand und klopfte mit der anderen auf seine Schulter. »Hast du die Dokumente dabei?«

»Klar«, erwiderte Frank, als wäre alles kein Problem gewesen und sein Gesicht strahlte vor Stolz. »Zumindest das, was davon übrig geblieben ist.«

»Was soll das heißen?« David erschrak und spürte schlagartig Nervosität aufsteigen, die die Wut in seinem Bauch verdrängte. »Wo sind die Sachen?«

»Hier.«

Frank hob seinen linken Arm mit einem braunen Koffer in die Höhe. »Da sind sie. Da ist alles drin, was noch gerettet werden konnte.«

David riss ihm den Koffer fast aus der Hand, kniete sich nieder, und ließ die beiden Schlösser aufschnappen. Dann hob er den Deckel an. Vor ihm tauchten eine Unmenge von braunen Umschlägen und Mappen auf. Dokumente aus Papier konnte er nicht erkennen.

»Wir haben alle Dokumente einzeln in die Umschläge gepackt, damit sie gut geschützt sind. Lass uns gehen, dann können wir sie uns im Büro anschauen.«

David nickte und klappte den Deckel wieder zu. Er nahm den Koffer und wandte sich zur Tür. Er verließ hinter seinem Assistenten den Raum ohne sich noch einmal nach dem schwergewichtigen Colonel umzusehen, der immer noch an der gleichen Stelle stand, an der er David die Hand geschüttelt hatte.

»Was ist denn hier los?«, fragte Frank, als er die vielen Soldaten und Unmengen an Material sah, während sie zu ihrem Wagen gingen.

»Es geht los«, antwortete David. »Jetzt machen wir den Deutschen endgültig den Gar aus.«

Peenemünde, Donnerstag, 8. Juni 1944, 15:10 Uhr

Der Zug näherte sich dem Bahnhof und verringerte seine Geschwindigkeit spürbar. Wartende Menschen nahmen Gestalt an und Hans konnte Dieter ausmachen, der an einem der Pfeiler lehnte, der mit vielen anderen zusammen das Dach über dem Bahnsteig stützte. Er nahm seinen Koffer aus dem Gepäckfach und sah sich noch einmal um, ob er nichts vergessen hatte. Der Zug wurde langsamer und kam mit einem kräftigen Ruck zum Stehen. Hans fasste nach der Haltestange, um das Gleichgewicht nicht zu verlieren. Er stand mit weichen Knien an der Waggontür, als er den Griff nach unten und die Tür nach außen drückte. Wenige Stufen später stand er auf dem Bahnsteig und sah Dieter winkend auf sich zukommen.

»Ich bin so froh, dass du wieder da bist.«

Dieter umarmte seinen Freund. Er drückte ihn und Hans spürte, wie ihm die Umarmung Kraft gab. Das schwammige Gefühl aus seinen Beinen entwich langsam. Ein Freudenschauer durchfuhr seinen Körper und Tränen stiegen ihm in die Augen.

Dieter löste die Umarmung, ließ aber beide Hände auf den Oberarmen von Hans liegen. »Gott sei Dank, du bist wieder da. Du kannst dir gar nicht vorstellen, welches Entsetzen deine Verhaftung hier ausgelöst hat. Niemand konnte sich erklären, warum.«

»Das würde ich auch gerne wissen«, erwiderte Hans. »Ich hoffe, du kannst mir etwas dazu sagen.«

»Jetzt komm erst mal mit.«

Dieter nahm Hans Koffer und sie gingen um das Gebäude herum zum Wagen. Er warf das Gepäckstück auf den Rücksitz. Während der Fahrt erzählte Dieter, was sich in den letzten Tagen alles ereignet hatte. Hans hörte ihm nur halbherzig zu. Er saugte Kraft aus der vertrauten Umgebung und spürte, wie Ruhe und Sicherheit langsam zurückkehrten.

Dieter stoppte den Volkswagen vor dem Kasino.

»Was wollen wir hier?«, fragte Hans verwundert.

»Du wirst sicher Hunger haben. Ich habe eine Kleinigkeit organisiert für dich.«

»Aber ich will jetzt nichts essen«, versuchte Hans zu widersprechen, doch Dieter war schon ausgestiegen und ging um den Wagen herum.

»Komm, steig aus!«, forderte er ihn freundlich auf.

Ohne große Begeisterung stieg Hans aus dem Wagen und Dieter knallte die Fahrzeugtüre hinter ihm zu. Dann ging er forschen Schrittes zum Kasinoeingang und hielt ihm die Tür einladend auf.

»Hereinspaziert und es ist schön, dass du wieder da bist.«

Hans betrat das Kasino. Kaum hatte er den Raum betreten, erkannte er, warum Dieter ihn hergebracht hatte.

»Herzlich willkommen«, schallte es ihm im Chor entgegen und Hans war schlagartig umringt von mehr als einem Dutzend seiner Kollegen, die hier auf ihn gewartet hatten. Ehe er sich versah, hatte man ihm ein Glas Sekt in die Hand gedrückt und er sah eine Gläserfront auf sich zukommen. Ein Freudenschauer lief ihm den Rücken herunter. Er musste sich zusammenreißen, damit er die Fassung behielt. Der Sekt schmeckte scheußlich, aber die Umarmungen der Kollegen und Kolleginnen taten richtig gut.

Das Drücken riss nicht ab und Hans wurde überschüttet mit Fragen über seine Erlebnisse der letzten Tage. Vor allem das Warum? hing schwer im Raum, aber niemand konnte dies beantworten.

Die Tür zum Kasino wurde geöffnet und Generalleutnant Dornberger betrat den Raum. Ein stattlicher Mann mit kurzem Haar, das sich vorne an der Stirn bereits zurückzog. Die Uniform stand ihm prächtig, auch wenn sie einige Flecken aufwies. Vermutlich kam er direkt vom Versuchsgelände, denn auch seine sonst glänzenden Lederstiefel waren mit einer feinen Staubschicht überzogen. Er ging auf Hans zu und streckte ihm die Hand entgegen.

»Herr Friedel. Ich freue mich, dass Sie da sind und ich bin froh, einen meiner besten Mitarbeiter wieder an Bord zu haben.«

Hans spürte, wie ihm die Röte ins Gesicht stieg.

»Vielen Dank, Herr Generalleutnant.«

Im Kasino war es merklich ruhiger geworden. Man spürte deutlich die Spannung im Raum und jeder hoffte endlich eine Antwort aus das Warum? zu bekommen. Doch Dornberger machte keine Anstalten, auf diese Frage einzugehen. Aber er muss doch wissen, was los war? Warum man mich verhaftet hat? ging es Hans durch den Kopf. Er war nahe dran, ihn direkt darauf anzusprechen, doch hielt ihn irgendetwas zurück. Selbst nach seiner Freilassung in Frankreich, als er versuchte mit dem Reichsführer in Berlin Kontakt aufzunehmen, hatte man ihm nichts zu den Gründen nennen können oder wollen. Der Befehl lautete nur: »Kehren Sie zurück nach Peenemünde an ihre Arbeit.«

Er war froh gewesen, dass man ihm den Rückweg über Dresden zugestanden hatte, so konnte er für einen Tag seine Familie besuchen. Elisabeth war in Tränen ausgebrochen, als sie ihn am Flughafen in die Arme schloss. Sie brauchte den gesamten Weg zu ihrer Wohnung, um sich halbwegs zu fangen und vor den Kindern einigermaßen gefasst dazustehen. Elisabeth hatte ihnen nichts von Hans Verhaftung erzählt. Sie selbst hatte in den bangen Tagen schon genug mit sich zu kämpfen gehabt.

»Heute ruhen Sie sich noch aus, morgen brauchen wir Sie dann wieder auf ihrem Posten, Herr Friedel.« Generalleutnant Dornberger drückte ihm noch einmal die Hand. »In einer halben Stunde möchte ich Sie kurz in meinem Büro sprechen. Bis dahin können Sie aber noch etwas feiern.«

Dornberger nickte freundlich, dann verließ er das Kasino.

Der Geräuschpegel stieg langsam an, als die Anwesenden ihre Gespräche wieder aufnahmen. Gläser klirrten und weitere Sektkorken knallten.

»Ich habe mir wahnsinnige Sorgen um dich gemacht.« Eine junge Frau um die Dreißig schob sich zu Hans. Ihre großen, dunklen Pupillen strahlten im hellen Weiß ihrer Augen. Auch sie musste ein paar Freudentränen vergossen haben, denn der Glanz ihrer Augen war leicht getrübt, was ihrer Ausstrahlung aber keinen Abbruch tat. »Ich habe keine Nacht geschlafen, seit ich davon gehört habe«, sagte sie mit einem hoffnungsvollen Lächeln. »Sehen wir uns heute?«

»Ich glaube nicht. Ich muss nachher noch zu Dornberger und heute Abend möchte ich mich einfach nur ausruhen. Vielleicht morgen, einverstanden?«

Die junge Frau nickte mit einem leicht enttäuschten Lächeln auf den Lippen.

»Ich bin so froh, dass das vorbei ist und ich freue mich einfach, euch alle wiederzusehen«, bedankte sich Hans in die Runde.

Als Hans das Büro von Generalleutnant Dornberger betrat, war er innerlich wieder stark angespannt. Er wusste nicht, was ihn erwartete, hoffte aber, dass er endlich mehr über die genauen Gründe seiner Verhaftung erfuhr.

»Du meldest dich dann nachher bei mir, abgemacht?«, hörte er Dieter noch sagen, der ihn gefahren hatte. Auch er wollte natürlich wissen, was vor sich ging.

Hans betrat den Vorraum, in dem ein Tisch voller Unterlagen und Papiere lag. An einem zweiten Tisch saß Dornbergers Sekretärin, die auf einer Schreibmaschine tippte, als er hereinkam.

»Hans, ich bin so froh, dich zu sehen.« Sie nickte ihm freundlich zu. »Du kannst reingehen«, sagte sie und deutete mit dem Kopf auf die Tür. Hans erwiderte ihr Lächeln, klopfte und trat ein.

Generalleutnant Dornberger saß hinter seinem Schreibtisch. Am Fenster waren die Gardinen aufgezogen und gaben einen wunderschönen Blick auf die Landschaft von Peenemünde frei. Dornberger blickte kurz auf, dann sagte er. »Ich bin gleich so weit, nehmen Sie schon mal Platz.« Er zeigte mit seiner Hand auf den Tisch, der in einer Ecke des großzügigen Büros stand und wohl eher für die weniger geschäftlichen Gespräche gedacht war. Hans setzte sich und sein Blick schweifte durch das Arbeitszimmer. Er kannte das Büro von unzähligen Terminen und Besprechungen, doch hatten die Dinge diesmal eine andere Wirkung auf ihn. Dornberger ging noch ein paar Unterlagen durch, dann unterschrieb er ein Blatt Papier und klappte die Mappe zu.

»So.« Er stand auf und kam auf ihn zu. »Wollen Sie einen Kaffee?«

»Nein, danke. Ich möchte heute lieber früh zu Bett gehen und richtig schlafen. Die Nächte in Frankreich waren dahin gehend nicht sonderlich ergiebig.«

»Das kann ich mir vorstellen«, erwiderte der Generalleutnant. »Erzählen Sie mir mal, was genau in Frankreich passiert ist. Das, was man mir bisher mitgeteilt hat, war nicht gerade sehr aufschlussreich.«

Hans überlegte, wo er anfangen sollte. Er entschloss sich, eine Kurzform des Verlaufs seit seiner Ankunft in Lorient wiederzugeben.

»Von Beginn an ging das Gerücht umher, dass bei unserem Sondereinsatz Spionage im Spiel sei. Die SS schnüffelte überall herum, kontrollierte alle Personen und überwachte deren Arbeiten. Es war kaum möglich, einen Schritt ohne Beobachtung zu machen. Das Gerücht erhielt weitere Nahrung, als festgestellt wurde, dass die Steckverbindungen zwischen dem U-Boot und dem Hänger nicht passten. Fritz hat zwar umgehend neue Stecker angefordert, aber aufgrund des engen Zeitplans hat er angefangen, die vorhandenen umzurüsten. Das Boot und die Rakete haben wir planmäßig einsatzbereit gemeldet und am Abend vor dem Auslaufen hat Großadmiral Dönitz vor der versammelten Mannschaft und uns Wissenschaftlern eine Rede gehalten. Direkt danach hat man mich verhaftet.«

»Was hat man Ihnen vorgeworfen?«

»Zuerst einmal hat man mir den Grund meiner Verhaftung nicht genannt. Sie haben mich mitgenommen und verhört. Dutzende Male wurde ich gefragt, ob ich Kontakt mit den Engländern aufgenommen oder Informationen weitergegeben habe.« Hans überlegte. »Keine Ahnung, wie sie auf mich gekommen sind. Ich habe nie ein Wort über das verloren, was wir hier machen. Ich liebe meine Arbeit, die Forschung und Entwicklung neuer Möglichkeiten, den Weltraum zu erobern. Ich habe immer meine ganze Energie in diese Tätigkeit gesteckt und an vielem, was wir bisher erreicht haben, erfolgreich mitgearbeitet.« Hans steigerte sich mit jedem Satz, seine Stimme wurde lauter und die Worte kamen ihm immer schneller über die Lippen. »Tag und Nacht war ich bereit, wenn es darum ging, Probleme zu analysieren, Fehlschläge zu bewerten und die gewonnenen Erkenntnisse in die weitere Entwicklung einfließen zu lassen. Ich war da, wenn man mich gebraucht hat ...«

»Das weiß ich«, unterbrach ihn Dornberger. »Beruhigen Sie sich wieder. Mich müssen Sie nicht überzeugen. Ich weiß sehr wohl, was Sie für uns geleistet haben und ich vertraue Ihnen.« Er stand auf, ging zu seinem Schreibtisch und nahm ein Blatt Papier, das er Hans reichte. »Dieses Schreiben habe ich am letzten Samstag erhalten. Darin steht, dass Beweise vorliegen, die Sie eindeutig der Spionage verdächtigen und Sie daher zum Schutz des Reichs am Freitagabend verhaftet wurden.«

Hans setzte sich aufrecht und überflog die Zeilen.

»Was das für Beweisstücke sind, steht hier aber nicht.«

»Ich habe sofort den Reichsführer angerufen, weil ich mir sicher war, und es nach wie vor bin, dass es sich dabei um ein Missverständnis handeln musste. Allerdings habe ich ihn erst am Montag erreicht und die Situation mit ihm besprochen. Das erklärt vermutlich auch, warum Sie so lange im Gefängnis waren. Ich habe für Sie gebürgt. Himmler weiß um ihre Verdienste und hat mir versprochen, dass er sich darum kümmern werde. Nicht aber ohne mich noch einmal eindringlich darauf hinzuweisen, dass ich mit meinem Kopf für Sie geradestehe. Zu den Beweisen konnte aber auch er nichts sagen. Vielleicht erfahren wir es noch, womit ich aber nicht rechnen würde. Für mich ist die Sache damit erledigt.« Er beugte sich zu Hans vor und fuhr dann in leicht gedämpftem Ton fort. »Hans, machen Sie in Zukunft ihre Arbeit wie bisher. Denken Sie nicht mehr an das Geschehene. Ich schätze Sie und ihre Kompetenz. Ich weiß, dass Sie loyal sind zu unserem Führer und Vaterland. Wir müssen mehr denn je zusammenhalten und unsere Entwicklung weiterführen. Ich brauche jetzt jeden Mann, damit wir diesen Krieg zu einem baldigen Ende bringen können.« Dann setzte er sich wieder aufrecht. »Und jetzt schlafen Sie mal ordentlich. Ich erwarte Sie dann morgen ausgeruht an ihrem Arbeitsplatz.« Damit stand er auf.

Hans zögerte. Er dachte an die Französin und die beiden Kinder. Er hatte versprochen, sich für sie einzusetzen. Ob er dies gegenüber Dornberger ansprechen sollte? Er entschied sich dagegen. Er kam zu dem Entschluss, dass der geeignete Moment dafür noch nicht gekommen war.

London, Freitag, 9. Juni 1944, 09:50 Uhr

»Gibt es schon was Neues?« Frank war mal wieder einfach so hereingeplatzt.

David sah ihn mit abwesendem Blick entgegen.

Frank verlangsamte den Schritt, zog die Augenbrauen zusammen und sah seinen Chef fragend an. »David?«

David reagierte noch einige Sekunden nicht, dann erwachte er plötzlich zum Leben.

»Wer war darüber informiert, dass Carl geheime Unterlagen im Koffer hatte?« Er warf den Stift auf den Schreibtisch, stand unvermittelt auf und ging durch sein Büro. Die linke Hand in der Hosentasche, den Zeigefinger der Rechten schwang er unablässig vor sich her. »Jemand muss es gewusst haben und hat versucht, Carl samt den Unterlagen aus dem Weg zu räumen. Es gibt Zeugen, die einen Mercedes gesehen haben, der mit hoher Geschwindigkeit dem Volvo gefolgt war.« David gab noch einmal die Fakten wieder, soweit sie ihnen bekannt waren. Das tat er oft, wenn er nachdachte und es half ihm, das weitere Vorgehen festzulegen. »Den Unfall selbst hat leider niemand beobachtet, sodass wir nicht wissen, ob der Mercedes wirklich darin verwickelt war. Da Carl noch nicht vernehmungsfähig ist, können wir bisher nur Vermutungen anstellen. Vieles spricht aber für eine Beteiligung des Wagens an dem Unfall und ist zudem die einzige Spur, die wir haben. Wer könnte in dem Auto gesessen haben?« Er stellte die Frage in den Raum, aber Frank fühlte sich angesprochen.

»Die schwedische Regierung hat mir versichert, dass sie alle Mercedesfahrzeuge im Raum Stockholm überprüft. Davon gibt es zum Glück nicht so viele. Trotzdem braucht das Zeit. Und natürlich kann der Wagen, soweit er bei dem Unfall beschädigt wurde, schon repariert worden sein. Dann blieben nur noch die Werkstätten, die man untersuchen könnte. Und wenn es ein Diplomatenfahrzeug war, kommen wir sowieso nicht dran«, stellte Frank fest.

»Ich kann mir nicht vorstellen, dass es ein Diplomatenfahrzeug war. Die deutsche Gesandtschaft in Stockholm besitzt zwar einen, aber wenn die Deutschen davon gewusst hätten, dann hätten sie Carl doch bereits in Berlin verhaftet. Dann hätten sie sich einen Dreck darum geschert, ob Carl einen Diplomatenpass besitzt oder nicht. Davon können wir ausgehen.«

»Und was ist mit den Russen?«, warf Frank ein.

David blieb unvermittelt stehen und drehte sich zu ihm um. »Denen würde ich das zutrauen. Die würden wahrscheinlich alles daransetzen, dass wir die Unterlagen nicht in die Finger bekommen. Damit wären wir ihnen nämlich auf einen Schlag um viele Jahre voraus. Und das würde Stalin gewiss nicht gefallen. Allerdings wundert es mich dann, dass sie die Papiere nicht selbst an sich genommen haben.«

»Soweit ich von den Schweden erfahren habe«, fuhr Frank fort, »müssen unmittelbar nach dem Unfall die ersten Helfer zur Stelle gewesen sein, sodass sie vermutlich deshalb keine Chance hatten, die Koffer an sich zu nehmen. Die mussten sich verdrücken, damit sie nicht erkannt werden. Sonst hätte Stalin einige unangenehme Fragen beantworten müssen. Durch die Nähe zum Flughafen war auch die Flughafenfeuerwehr schnell zur Stelle. Dem Fahrer allerdings konnte niemand mehr helfen, der muss sofort tot gewesen sein.«

»Wie geht es Carl?«, wollte David wissen.

»Er ist schwer verletzt und wird wohl lange brauchen, bis er wieder halbwegs auf dem Damm ist.«

»Guten Morgen.« Ohne anzuklopfen betrat Patrick den Raum. Er war ein lockerer Typ, der sich nur begrenzt um Rücksichtnahme und Anstand kümmerte. Klopfen gehörte auf jeden Fall nicht zu seiner Art. Federnden Schrittes ging er auf die beiden zu und legte David einen Stapel Unterlagen mitten auf den Tisch.

»Da habt ihr den ersten Teil. Hat mich zwei Tage und Nächte gekostet, aus dem Altpapier noch was rauszuholen. Ich hab‘s kopieren lassen, sodass ihr mit den Kopien arbeiten könnt, ohne sie mit Samthandschuhen anfassen zu müssen.«

David griff sich einen Teil vom Stapel und sah ihn flüchtig durch. »Wie sieht‘s aus? Kann man die Informationen noch verwerten?«

»Also, was ihr hier seht, sind Kopien von dem, was noch halbwegs lesbar war. Da sind viele Textdokumente, also Berichte und Ähnliches dabei, einige Zeichnungen und Pläne von Raketen und eine Handvoll Briefe. Ich habe mir die Kopien mal ein bisschen genauer angeschaut, allerdings ist mein Deutsch dann doch nicht so gut. Ob was Brauchbares dabei ist, kann ich nicht beurteilen. Ich habe einen Teil bereits zur Übersetzung gegeben, aber die wird auch ihre Zeit brauchen, da Fachbegriffe zur Raketentechnologie nicht gerade jedem bekannt sind.« Er begann, die restlichen Unterlagen auf dem Schreibtisch auseinanderzuschieben. »Eins ist mir aber aufgefallen. Das wollte ich euch noch zeigen«, sagte er, während er die Papiere durchsah. Das gesuchte Dokument fand er aber nicht. Dann blickte er zu David, der noch einige Kopien in der Hand hielt. Ohne zu fragen, nahm er sie ihm ab und blätterte darin herum. »Da ist es. Schaut euch das mal an.«

David und Frank drängten sich um Patrick, der das Dokument vor Ihnen auf den Schreibtisch legte.

»Das ist die Skizze einer Rakete und die sieht ähnlich aus, wie wir sie in jedem Buch über Raketen wiederfinden. Interessant ist aber das, was hier oben steht.« Er zeigt mit dem Finger auf die obere linke Ecke der Zeichnung. Dort stand der Begriff A10, gefolgt von dem Wort Amerika. »America schreibt man im Deutschen mit k statt mit c«, fuhr Patrick belehrend fort, »der Rest ist gleich, ist also einfach zu verstehen. Ob das nun der Name der Rakete darstellt oder das Ziel, zu dem diese fliegen soll, das herauszufinden wird jetzt eure Aufgabe sein.« Er tippte mit dem Zeigefinger auf das Wort, dann wandte er sich um und wollte zur Tür. »Ach übrigens.« Er blieb kurz stehen. »Ich habe noch einige Dokumente im Labor, die - sagen wir mal - etwas mehr Aufmerksamkeit verlangen. Das wird noch ein bisschen dauern, aber ich denke, da kriegen wir noch was raus. Allerdings bleibt auch ein riesiger Berg mit Asche zurück. Sobald es was Neues gibt, lass ich wieder von mir hören.«

Damit ging er und ließ die Tür offen stehen.

David nahm die Skizze mit der Rakete in die Hand und betrachtete die Überschrift. »A10 Amerika«, sagte er in Gedanken versunken leise vor sich hin.

»Meinst du, die Deutschen haben bereits eine Rakete entwickelt, die bis nach Amerika fliegen kann?«

»Ich weiß es nicht.« David zog die Schultern hoch. »Aber ich bin nach wie vor davon überzeugt, dass da was läuft. Wenn die Nazis dazu in der Lage sind, dann haben sie durchaus noch die Möglichkeit, diesen verdammten Krieg zu gewinnen, auch wenn wir mittlerweile einen großen Teil der von Ihnen besetzten Gebiete wieder befreit haben.«

David wurde still und Frank beobachtete ihn. In seinem Kopf arbeitete es, das konnte man ihm ansehen.

Im Büro herrschte absolute Stille, als David unvermittelt sagte: »Ich muss herausfinden, was sie vorhaben.« Und nach einer weiteren Pause ergänzte er: »Und ich werde das verhindern. Das bin ich Kate schuldig.«

Peenemünde, Freitag, 9. Juni 1944, 20:35 Uhr

Hans parkte den Wagen vor einem Haus, das sich nicht sonderlich von den anderen unterschied. Sein Blick streifte über die Häuserfronten in unmittelbarer Nachbarschaft.

Die Siedlung Karlshagen war in den dreißiger Jahren in kurzer Zeit von den Nationalsozialisten errichtet worden. Dabei ging es weniger um die Errichtung individueller Wohnhäuser, hierbei stand klar eine Mischung aus Zweckmäßigkeit, Kosten und Zeit im Vordergrund.

Hans stieg aus und zog den Reisverschluss seiner Jacke nach oben. Es war nicht kalt, durch den böigen Wind aber doch etwas ungemütlich. Dunkle Wolken zogen durch den Himmel und die Sonne nutzte jede Lücke zu einem beeindruckenden Schauspiel. Er ging die Stufen hinauf und blickte direkt in Augenhöhe auf die Hausnummer, deren schwarz lackierte Metallbuchstaben sich von dem braunen Holz der Eingangstür abhoben. Die Klingel befand sich rechts auf Höhe der Türklinke. Hans drückte sie, trat zurück und wartete. Die Vorhänge im Erdgeschoss waren zugezogen. Er vernahm Geräusche aus dem Inneren, kurz darauf wurde die Tür geöffnet.

»Schön, dass du da bist. Komm rein«, sagte die Frau in einer angenehm weichen und verführerischen Stimme.

»Hallo Ilse«, erwiderte Hans ihren Gruß.

Sie trat einen Schritt zurück. Im Flur nahm sie ihm die Jacke ab. »Ich hänge sie dir auf. Du kannst schon mal ins Wohnzimmer gehen.«

»Danke«, erwiderte Hans und ging nach rechts in den Wohnraum. Der Tisch war geschmückt mit drei brennenden Kerzen und einem Blumenstrauß, der vermutlich vor einer Stunde noch auf irgendeiner Wiese geblüht hatte, so frisch wirkte er. Die beiden, im rechten Winkel zueinanderstehenden, Sofas waren mit einem braunen Stoff bezogen, der an manchen Stellen schon etwas abgenutzt war. Dazwischen stand ein kleiner Ecktisch mit einer elektrischen Lampe. Hans sah zum Esstisch vor dem Fenster. Er war mit zwei Garnituren gedeckt, deren Teller verrieten, dass es vor dem Hauptgang noch eine Vorspeise geben musste. Die Gläser deuteten auf einen Rotwein hin. Auch hier brannte eine Kerze.

»Wenn du möchtest, kannst du dich schon mal setzen, ich bringe gleich die Suppe«, sagte die Frau, nahm die beiden Suppenteller vom Tisch und verschwand mit einem Lächeln im Gesicht in der Küche. Hans beobachtete, wie sie den Raum verließ. Ihre weiße Bluse kombiniert mit einem braunen Rock gefiel ihm, doch war ihm das vorwiegend in Braun gehaltene Wohnzimmer zu trist. Lediglich die frischen Blumen brachten etwas farbliche Abwechslung, konnten aber gegen die vielen Brauntöne nicht ankommen. Hans setzte sich an die rechte Tischseite. Auf den Platz, an dem er immer saß, wenn er hier war. Sein Blick führte ihn zum Regal an der Wand, das mit Büchern, Bilderrahmen und mehreren dekorativen Gegenständen gefüllt war.

»Ich hoffe, du hast Hunger mitgebracht.« Die Frau stellte die beiden Suppenteller ab und setzte sich. »Ich wünsche dir einen guten Appetit.«

»Ilse«, sagte Hans, nachdem sie eine Weile stillschweigend gegessen hatten. »Du kannst dir nicht vorstellen, wie froh und glücklich ich bin, wieder hier zu sein. Raus aus dem stinkenden Loch in Frankreich. Aber du hättest wegen mir doch nicht gleich so ein Essen kochen müssen.«

»Gerade weil du in einem solchen Loch gesteckt hast, muss ich dir doch was Vernünftiges bieten. Damit du wieder zu Kräften kommst. Und jetzt lass es dir erst einmal schmecken.«

Sie löffelten beide ihre Suppe.

»Willst du mir nicht erzählen, wie es dir ergangen ist?«

Hans legte einen Moment seine Hand auf die ihre, dann erzählte er die gleiche Geschichte, die er tags zuvor bereits Dornberger wiedergegeben hatte. Dabei vermied er es aber, auf die französische Familie einzugehen. Er wollte nicht auf die beiden Kinder zu sprechen kommen, die neben einer ungewissen Zukunft auch keinen Vater mehr hatten. Er wollte Ilse damit nicht belasten.

»Deine Suppe war einfach Weltklasse«, lobte er, als sie aufstand, um die leeren Teller abzuräumen.

»Danke«, erwiderte sie mit einem Aufschlag in der Stimme und verschwand für einige Minuten in der Küche. Das Klappern von Töpfen und Geschirr war zu hören, bevor sie mit zwei dekorativ angerichteten Tellern zurückkehrte. Der Braten mit der Soße duftete verführerisch und in kürzester Zeit war der Raum erfüllt von einem unwiderstehlichen Geruch. Hans schluckte erwartungsvoll.

»Sieht besser aus als das, was wir in Frankreich bekommen haben«, sagte er mit einem verschmitzten Lächeln im Gesicht, »und riecht auch besser.«

»Das will ich doch hoffen«. Ilse forderte ihn mit einer Handbewegung auf anzufangen und nahm ihr Besteck in die Hand. Der Hauptgang wurde begleitet von einem französischen Rotwein und einem kurzen Gespräch über den aktuellen Stand der Entwicklung und anstehende Aufgaben. Hans vermied es, zu tief in Details abzutauchen. Er wollte nicht wirklich über die Arbeit sprechen. Es gab so viel anderes, was ihm jetzt wichtiger war. Er wollte die schrecklichen Erlebnisse hinter sich lassen und den Abend einfach nur genießen.

Als er den letzten Bissen geschluckt hatte, lehnte er sich zurück und strich sich zufrieden über den Bauch. »Es war wirklich exzellent.«

»Gern geschehen. Noch eine kleine Tasse Kaffee?«

»Nein, danke. Ich will heute wieder einmal richtig gut schlafen.«

»Das glaube ich dir. Ich bin gleich zurück«, sagte Ilse, stapelte die leeren Teller übereinander und ging damit in die Küche. »Du kannst Dich ja schon mal aufs Sofa setzen«, hörte er sie rufen, dann klapperte wieder Geschirr.

Hans stand auf und ging auf das Regal zu. Er nahm einen Bilderrahmen in die Hand und betrachtete das Foto schweigend.

»Ich vermisse ihn nach wie vor sehr und ich habe immer wieder Nächte, in denen ich Tränen vergieße, wenn ich an ihn denke«, sagte plötzlich Ilse neben ihm.

Hans zuckte zusammen. Er hatte nicht gehört, wie sie aus der Küche zurückgekommen war.

Sie nahm ihm den Rahmen aus der Hand und hielt ihn mit beiden Händen fest. »Es ist jetzt schon bald ein Jahr her seit dem großen Luftangriff. Hätte er nicht helfen wollen und wäre hiergeblieben, wäre er heute noch am Leben. Dieser verdammte Krieg.« Ihre Stimme wurde zittriger.

Er konnte ihren Schmerz nachvollziehen. Er hatte viele Jahre mit Werner zusammengearbeitet und zwischen den Männern hatte sich eine starke Freundschaft entwickelt. Es hatte auch ihn schwer getroffen, als er am Tag nach dem ersten großen Angriff auf Peenemünde im August 1943 vom Tod seines Freundes erfahren hatte. Zu Ilse hatte schon immer eine freundschaftliche Beziehung bestanden und nach Werners Tod war er ein starker und wichtiger Rückhalt für sie gewesen. Er hatte sie überredet, schon bald wieder die Arbeit aufzunehmen. Das würde sie ablenken und ihr besser über die schwere Zeit hinweghelfen, hatte er ihr geraten. Sie war an ihren Arbeitsplatz zurückgekehrt, doch war sie seitdem einigen Dingen gegenüber kritischer eingestellt. Bisher hatte man darüber hinweggesehen, da man dies auf den schlimmen Verlust zurückführte, den sie erlitten hatte.

Hans nahm ihr das Bild ab und stellte es in das Regal zurück. Damit holte er sie aus ihrer Gedankenwelt zurück, in die sie kurzzeitig versunken war.

Sie fing sich überraschend schnell wieder. »Möchtest du noch ein Glas Wein?« Sie drehte sich um und ging an den Tisch, um die halb volle Flasche zu holen.

Hans Blick fiel auf eine freie Fläche im Regal, auf der sich bereits eine feine Staubschicht gebildet hatte. »Was hat hier eigentlich gestanden?«

»Ach, da stand doch immer das Funkgerät von Werner.« Und nach einer kurzen Pause ergänzte sie in Gedanken versunken. »Das war seine große Leidenschaft vor dem Krieg, als er noch ein bisschen Zeit dafür hatte.«

»Und wo ist das Gerät jetzt?«

»Das habe ich Dieter geliehen.«

»Was will denn Dieter damit?« Hans sah sie erstaunt an.

»Das musst du ihn schon selbst fragen. Hier ist dein Wein.« Ilse saß bereits auf dem Sofa und sah Hans auffordernd an. »Kommst du noch ein bisschen zu mir? Lass uns noch einmal anstoßen auf deine gesunde Rückkehr aus Frankreich.« Ilse trank einen Schluck, dann lehnte sie ihren Kopf an Hans Schulter. »Wie geht es Elisabeth und den Kindern?«

Hans erzählte von daheim und wie es Elisabeth ergangen war, während er in Frankreich eingesperrt war. Dann wurde auch er müde. Das viele gute Essen und der schwere Wein taten ihre Wirkung.

London, Dienstag, 13. Juni 1944, 09:50 Uhr

Kaum hatten sie das Haus verlassen, explodierte in unmittelbarer Nähe ein gewaltiger Sprengsatz. Trümmer flogen umher und die Druckwelle fegte ihnen durchs Gesicht.

Frank hielt mit der einen Hand seinen Hut fest und zeigte mit der anderen zur Straße. »Da vorne steht der Wagen.«

Draußen war die Hölle los. Voller Panik rannten Menschen über die Straßen. Feuerwehrfahrzeuge rasten mit Getöse durch die Stadt. Dazwischen gewaltige Explosionen.

David lief in geduckter Haltung los, Frank folgte ihm. Soldaten kreuzten ihren Weg, dichter beißender Rauch nahm ihnen die Sicht und brannte in Augen und Lunge.

Baker ließ den Motor an, als er die beiden kommen sah. Einen Moment später saßen sie auf dem Rücksitz und Baker gab Gas, um dem Durcheinander zu entkommen.

»Verdammt nochmal, was ist das?« Frank sah David an, der durch das Fenster nach oben starrte.

»Irgendwelche Fluggeräte, kleiner als ein Jäger. Den Geräuschen nach kein Propellerantrieb.« David sprach, während er sein Gesicht an die Scheibe presste und nach oben sah.

Baker dirigierte den Wagen durch die Straßen der britischen Hauptstadt. Er musste höllisch aufpassen auf die Menschen, die panisch umherliefen und ohne jede Rücksicht auf den Verkehr den nächsten bombensicheren Platz ansteuerten. Mütter schleiften ihre Kinder mit. In einem riesigen Feuerball flog plötzlich ein Haus auf der gegenüberliegenden Straßenseite in die Luft. Steine und Glassplitter prasselten auf den Wagen und eine gewaltige Druckwelle drückte das Fahrzeug fast auf den Gehweg. Baker kämpfte wild mit dem Steuer, um die Spur zu halten. Dann trat er voll in die Eisen. David und Frank wurden auf die Lehnen der Vordersitze geschleudert. Mit quietschenden Reifen kam der Wagen unmittelbar vor einer Bushaltestelle zum Stehen.

»Verdammte Scheiße«, entfuhr es David, und als er auf seinen Platz zurückgerutscht war, entdeckte er das Loch in der Scheibe, genau an der Stelle, an die er kurz zuvor noch sein Gesicht gedrückt hatte. Er sah zu Frank, der das Loch anstarrte, dann ihn. David zog für einen Moment die Augenbrauen hoch und atmete tief ein und aus. Noch mal Glück gehabt, signalisiert er seinem Assistenten.

»Alles in Ordnung?« Auch Baker saß jetzt wieder aufrecht im Sitz. Mit der rechten Hand fuhr er über die schmerzende Stelle der Brust, wo es ihn auf das Lenkrad gedrückt hatte.

»Fahren wir weiter!«, versuchte David, keine Zeit zu verlieren.

Baker setzte den Wagen ein paar Meter zurück. Dann umfuhr er das Metallgerippe der zerstörten Bushaltestelle und bog an der nächsten Kreuzung links ab.

Der Wagen gab einige ungewohnte Geräusche von sich. Ich bin mal gespannt, wie der von außen aussieht, ging es David durch den Kopf, als er den Blick durch die zerstörte Seitenscheibe wieder nach oben richtete.

Frank tippte ihm auf die Schulter. »Hier für dich.« Er hielt David einen Ziegelstein hin, den er im Wagen gefunden hatte.

David lächelte ihn an. »Kannst du behalten, wenn du möchtest.«

Schon in der vergangenen Nacht war dieses gleichmäßige Brummen zu hören gewesen. Es klang ähnlich dem Geräusch eines laufenden Motors. Dann verstummte es plötzlich und kurz danach erfolgte in der Nähe eine schwere Detonation. Die Flak hatte unaufhörlich geschossen und die Flakscheinwerfer den dunklen Nachthimmel mit einem sich ständig ändernden Lichtmaschennetz durchzogen. David war aufgestanden und hatte das Schauspiel beobachtet. Ein paar Mal konnte er ein ungewöhnlich kleines Flugzeug erkennen, das im Strahl der Suchscheinwerfer durch den Himmel flog. Er war über die geringe Größe und die ihm unbekannte Silhouette erstaunt. Obwohl die Zahl der Detonationen deutlich zunahm, konnte es ihn aber nicht dazu bewegen, in den Luftschutzkeller zu gehen. Er hatte keine Angst, sie konnten ihm keine Angst einjagen. Seit Kates Tod war er bei Angriffen nicht mehr in einen Bunker gegangen.

»Hast du alle eingegangenen Meldungen dabei?«

Frank nickte.

»Es sieht ganz so aus, als ob die Deutschen eine neue Waffe einsetzen.« David sah auf seine Uhr, dann wieder nach draußen.

Als sie ein paar Minuten vor dem Termin eintrafen, waren Luftmarschall Harris und der amerikanische General Spaatz bereits im Konferenzraum und unterhielten sich aufgeregt. Duncan Sandys stand bei Ihnen. Auf dem Gang kam ihnen Churchill entgegen. Mantel und Hut hatte er bereits abgelegt. Der Stumpen einer Zigarre hingegen hing noch im linken Mundwinkel. Sie blieben an der Tür stehen und warteten. Churchill begrüßte David und Frank mit einem: »Guten Tag, meine Herren«. Dann ging er zu seinem Platz, blieb aber vor dem Tisch stehen. »General Spaatz, Marschall Harris«, sagte er, ohne zuvor den Stumpen aus dem Mund zu nehmen, dann ließ er sich in den Stuhl fallen. Auf dem Tisch lagen ein Stapel Papier, einige Stifte und ein großer Aschenbecher. Churchill drückte den Stumpen aus. Dann kam er umgehend zur Sache.

»Marshall Harris, können Sie mir etwas über den Angriff von heute Nacht und den jetzigen sagen?«

»Ja, Sir«, antwortete Harris. »Nach aktuellem Kenntnisstand setzen die Deutschen ein neues Fluggerät ein. Es hat, ganz grob gesagt, in etwa die Form eines kleinen Flugzeuges, wird aber nicht von einem Piloten gesteuert. Es trägt eine Sprengladung, die beim Aufschlag auf dem Boden explodiert. Die Fluggeräte, genauer gesagt sind es eigentlich fliegende Bomben, fliegen mit einer Geschwindigkeit von etwa 375 Meilen. Das haben unsere Jäger bei der Verfolgung festgestellt. Zu einem bestimmten Zeitpunkt setzt dann wohl das Triebwerk aus und sie stürzen ab. Die Fluggeräte kommen aus verschiedenen Richtungen vom Festland, und fast alle hatten als Ziel die Hauptstadt. Es gab einige Einschläge weiter im Süden, doch die sind weitgehend wirkungslos auf dem Land runtergegangen. Die Fluggeräte haben keine Propeller. Das bedeutet, dass sie wohl von einem Strahltriebwerk angetrieben werden, vermutlich ähnlich dem, das bei Raketen zum Einsatz kommt.«

Eine starke Explosion ließ den Bunker erzittern. Churchill blickte kurz zur Decke und es sah so aus, als sollte seine nächste Frage durch den Einschlag mehr Nachdruck erhalten.

»Welche Maßnahmen haben wir bisher ergriffen, um die Angriffe abzuwehren?«

»Die beste Möglichkeit, die wir haben, ist, die Dinger einfach abzuschießen«, antwortete Harris. »Da sie nicht übertrieben schnell und auch nicht sonderlich hoch fliegen, kann man sie mit der Flak recht gut erwischen. Und auch unsere Jäger haben kein Problem, ihnen zu folgen und sie runterzuholen. Ich habe bereits angeordnet, die Flakgürtel an der Küste und südlich der Hauptstadt zu verstärken und die Jagdstaffeln in eine erhöhte Alarmbereitschaft zu versetzen.«

»Von wo aus werden sie gestartet?«

»Letzten Erkenntnissen nach vorwiegend aus Frankreich und Holland.«

»Vermutlich von den Startrampen, die wir bereits vor Monaten entdeckt und bombardiert haben«, ergänzte David. »Und die Form der Fluggeräte entspricht dem, was wir schon auf unseren Luftaufnahmen erkennen konnten.« David nahm ein paar Vergrößerungen aus seinem Aktenkoffer und gab sie Churchill. »Sehen Sie hier, Sir. Auf diesen Fotos können Sie die Fluggeräte gut erkennen.« David zeigte mit dem Finger auf die entsprechende Stelle eines der Bilder.

Churchill betrachtet die Aufnahme. »Gut«, sagte er dann in die Runde, »verstärken sie die Flugabwehr und die Anzahl der Jäger, damit können wir die weiteren Angriffe hoffentlich besser abwehren. Untersuchen sie auch andere Maßnahmen, besonders solche, mit denen wir den Einflug der Bomben schon früher unterbinden können. Wenn wir die Startrampen zerstören, dann können die Deutschen die Flugbomben nicht mehr starten, oder?«

»Das ist richtig, Sir.« Harris vermutete schon, woraus Churchill hinauswollte.

Wieder ein Einschlag ganz in der Nähe. Einen Moment später kam ein Soldat herein. Vom Gang her drangen Schritte und Stimmen in den Raum, die eine gewisse Unruhe und Nervosität vermittelten. Der Soldat ging auf Churchill zu und gab ihm ein Papier. Churchill nickte und las die Meldung.

»Es werden weitere Einflüge aus verschiedenen Richtungen gemeldet. Als Ziel kommt fast ausschließlich London infrage.« Er gab den Anwesenden den Inhalt der Meldung wieder, ohne vom Papier aufzusehen. Dann blickte er zu Harris. »Wir müssen so schnell wie möglich Luftangriffe auf alle bekannten Startplätze fliegen und dadurch die Starts verhindern oder wenigstens einschränken.«

»Sir, mit Verlaub. Seit einer Woche läuft die Landung unserer Truppen in der Normandie. Die Deutschen leisten erbitterten Widerstand und wir kommen an vielen Stellen nicht so voran, wie wir das erhofft hatten. Zudem erwarten wir dort täglich den Ansturm der deutschen Panzerdivisionen, die sie bisher zurückgehalten haben. Wir brauchen die Bomber für die Angriffe auf die feindlichen Verteidigungsstellungen und Nachschubwege. Unsere Aufklärung hat in den letzten Monaten eine Vielzahl von Startplätzen ausgemacht. Eine effektive Bombardierung all dieser Startrampen würde eine große Zahl unserer Flugzeuge erfordern. Ich sehe im Moment keine Möglichkeit, diese Angriffe durchzuführen, solange wir uns in Frankreich nicht eine sichere Basis erkämpft haben. Wir müssen alles daransetzen, die Brückenköpfe zu halten und zu erweitern. Wir haben bereits über dreihunderttausend Mann an Land gebracht, ganz zu schweigen von dem Material. Wir dürfen unsere Soldaten und die Landung in der Normandie nicht gefährden, indem wir jetzt die Bomber abziehen, die wir für die Unterbindung der gegnerischen Maßnahmen dringend brauchen.«

Churchill überlegte, dann wandte er sich an den amerikanischen General.

»General Spaatz. Wie sieht es mit ihrer Luftflotte aus?«

»Mr Churchill. Wie Marshall Harris schon sagte, sind die meisten der verfügbaren Kräfte in Frankreich eingesetzt, einige wenige noch zur Aufrechterhaltung der Luftangriffe gegen deutsche Städte und Rüstungsindustrien. Das gilt gleichermaßen für die amerikanischen Bomber. Da die Situation in Frankreich noch auf der Kippe steht, schlage ich vor, unsere Luftstreitkräfte an dieser Front zu belassen und einige Flugzeuge von den deutschen Städten abzuziehen. Ich würde nicht empfehlen, die Luftangriffe in der Normandie zu reduzieren. Ein vorübergehender Abzug weiterer Bomber von den Städten aber ist vertretbar, und da wir nicht wissen, was möglicherweise noch kommt, vielleicht sogar unabdingbar. Als wir die Flugbomben auf Aufklärungsfotos entdeckt haben, hatte doch niemand ernsthaft damit gerechnet, dass sie gegen uns eingesetzt werden könnten. Zumindest nicht in einer so kurzen Zeit. Ich werde umgehend veranlassen, dass ein Teil der Bomber für Angriffe auf die Startrampen zur Verfügung gestellt wird.«

»Vielen Dank, General«, sagte Churchill. »Mr Harris, auch von Ihnen erwarte ich entsprechende Maßnahmen. Prüfen Sie, wie viele Flugzeuge Sie abstellen können. Stimmen Sie sich mit General Spaatz ab. Ich will über ihr Vorgehen und über jeden ihrer Schritte informiert und über deren Ergebnisse auf dem Laufenden gehalten werden.« Damit gab sich Churchill erst einmal zufrieden. »Kommen wir jetzt auf die neuen Fluggeräte, Flugbomben oder wie auch immer wir die Dinger nennen wollen, zurück, Mr Petrie.« Damit wandte er sich David zu. »Ich vermute, dass das aber nicht die Raketen sind, über die Sie uns bereits vor einigen Tagen berichten wollten. Ehrlich gesagt kann ich mir nicht vorstellen, wie diese Dinger da ...«, und dabei zeigte er mit dem Finger auf die Luftaufnahmen, die vor ihm auf dem Tisch lagen, »... bis nach Amerika fliegen sollen.«

»Das ist richtig, Sir. Das können die auch nicht. Wie schon angesprochen, starten die Flugbomben nach unseren Erkenntnissen von den Startrampen in Frankreich und Holland. Sie sind also eher als unbemannte Flugzeuge zu betrachten, auch wenn sie eine Art Raketenmotor besitzen. Die Raketen, von denen ich Ende Mai gesprochen habe, starten senkrecht nach oben, haben eine andere Form und sind mit den Flugbomben überhaupt nicht zu vergleichen.«

David stockte kurz und überlegte, wie er es anstellen sollte, Churchill über die vergangenen Vorfälle zu berichten, ohne dabei zu viel preiszugeben. Er wusste, welche Auswirkungen es nach sich ziehen könnte, wenn herauskäme, dass er wichtige Informationen vorenthalte und auf eigene Faust handelte. Trotzdem hielt er sich zurück. Er sah Churchill an, der beide Unterarme auf dem Tisch liegen hatte, den Oberkörper nach vorne gebeugt und fordernd auf Informationen wartete.

»Vor einigen Wochen wurde uns vom schwedischen Außenministerium mitgeteilt, dass ihrem Gesandten in Deutschland detaillierte Informationen über das deutsche Raketenprogramm zugespielt wurden. Carl, der Sohn des schwedischen Gesandten in Berlin, Mr Richert, hatte sich bereit erklärt, die Informationen bei seinem nächsten Flug mitzunehmen. Das war vor zwei Wochen gewesen. Carl ist es gelungen, die Unterlagen unentdeckt nach Stockholm zu bringen. Auf dem Weg vom Flughafen in die Stadt hatte er einen schweren Autounfall, bei dem ein Teil der Papiere leider verbrannte. Es spricht vieles dafür, dass der Unfall absichtlich von jemandem verursacht worden war, der damit verhindern wollte, dass die Unterlagen in unsere Hände gelangen. Die genaue Ursache konnte bis heute nicht geklärt werden. Tatsache ist, dass ein wichtiger Teil der Dokumente bei dem Feuer verloren gegangen und die Auswertung der verbliebenen Papiere noch nicht abgeschlossen ist. Daher kann ich Ihnen noch nicht im Detail sagen, was darinsteht und ob uns diese weiterbringen. Die Analysen laufen, und sobald ich genauere Ergebnisse habe, erhalten Sie von mir umgehend einen ausführlichen Bericht darüber.«

David musste aufpassen. Er durfte nicht zu viele Informationen zurückhalten. Auch wenn sich die feindlichen Truppen an den meisten Fronten im Rückzug befanden, so war noch lange nicht sicher, dass der Krieg für sie verloren war. Wenn es den Deutschen gelang, die alliierten Truppen in Frankreich zurück ins Meer zu werfen, würde es Jahre dauern, bis diese noch einmal eine so gewaltige Armada an Schiffen und Soldaten aufbringen konnten für einen zweiten Versuch. Die Deutschen könnten dann einen großen Teil ihrer in Frankreich stationierten Truppen an die Ostfront werfen, um diese zu stabilisieren. Wie es dann weitergehen würde, war völlig offen. Denn die massiven Luftangriffe auf die deutschen Städte und Rüstungsbetriebe bewirkten scheinbar keinerlei Rückgang der Produktion und auch die Moral der Bevölkerung litt nicht spürbar darunter. Im Gegenteil.

Es war ein gefährliches Spiel. David riskierte mit seinen Alleingängen, dass mögliche Gegenmaßnahmen zu spät ergriffen wurden und die daraus resultierenden Auswirkungen waren nicht abschätzbar. Aber er war besessen davon, den Deutschen persönlich einen großen Schaden zuzufügen, aus Rache für den Tod seiner geliebten Frau.

In seinen Gedanken sah er Kate erneut vor dem brennenden Haus liegen, ihr Körper halb bedeckt von der Plane und die blauen Augen in ihrem rußverschmutzten Gesicht, die kalt und leer in den Himmel starrten. Er streckte den Rücken in ein leichtes Hohlkreuz. Mit der Hand fuhr er sich über das rechte Auge und spürte die Feuchtigkeit. Ein kurzes Räuspern, dann war er gedanklich wieder in der Besprechung zurück. Churchill interessierte sich glücklicherweise nicht dafür, wie die Unterlagen nach London gelangt waren.

General Spaatz schaltete sich nun in das Gespräch ein und verhinderte so, dass in diese Richtung überhaupt Fragen gestellt wurden. »Ich glaube, nach momentanem Stand sind wir uns einig, dass die neuen Fluggeräte der Deutschen nicht diejenigen sind, die es bis nach Amerika schaffen könnten. Das bedeutet entweder erstens, dass keinerlei Bedrohung in dieser Hinsicht für unser Land besteht und die bisherigen Informationen falsch waren. Oder zweitens, dass die Deutschen verschiedene neue Waffen entwickelt haben, von denen die Erste seit heute Nacht eingesetzt wird und wir nach wie vor einem möglichen Angriff auf die Vereinigten Staaten ausgesetzt sind. Konnten Sie denn in den Unterlagen aus Schweden schon erkennen, was uns möglicherweise noch erwartet?« Die Frage war wieder an David gerichtet.

»General Spaatz. Bei unserem letzten Treffen haben wir bereits über eine neue Rakete, das Aggregat 4, gesprochen und ich bin nach wie vor überzeugt, dass eine solche Rakete existiert. Diese Rakete hat, unseren bisherigen Informationen nach, zwar nur eine Reichweite von unter 200 Meilen und stellt somit nur eine Bedrohung für England dar. Was wir bisher den Unterlagen entnehmen konnten, ist eine Bestätigung dessen, worüber wir bereits gesprochen haben.« David machte eine absichtliche Pause, dann fuhr er fort. »Wir haben auf einem Papier ganz eindeutig einen Hinweis erhalten über ein Aggregat 10. Das Dokument, von dem ich hier spreche, habe ich selbst in Händen gehalten. Es war der Teil einer Skizze einer großen Rakete mit der Überschrift«, er wartete ganz bewusst noch einen kleinen Moment, bevor er mit betonender Stimme fortfuhr, »A10 Amerika.«

David sah das Erstaunen im Gesicht von General Spaatz. Für Washington war dies ein heikler Punkt und Präsident Theodor Roosevelt glaubte diesen Informationen mehr als es Churchill tat. Daher war General Spaatz von höchster amerikanischer Ebene damit vertraut worden, hierzu einen genauen Bericht zu erstellen, der die Möglichkeiten der Existenz einer solchen Waffe klar aufzeigen sollte und ebenso die Gefahr und Auswirkungen, die eine solche Rakete für Amerika und den weiteren Kriegsverlauf haben könnte, zu analysieren. Roosevelt hatte bereits einer Kommission den Auftrag gegeben, die politischen Auswirkungen zu erarbeiten, die bestehen, wenn eine solche Waffe tatsächlich eingesetzt werden würde.

»Mr Petrie«, warf nun Churchill in einem deutlichen Ton ein. »Wenn ich es richtig verstehe, fehlen noch einige der Informationen, die Sie uns zugesagt hatten. Gut. Dafür können Sie nichts. Ich wünsche aber, dass Sie mit allen Mitteln herausfinden, was an den Langstreckenraketen dran ist. Ich will nicht noch einmal eine Überraschung erleben, wie es heute Nacht der Fall war.«

»Jawohl, Sir«, antwortete David. Ein angenehmes Gefühl durchfuhr ihn. Die Aussage des Premierministers erfüllte ihn mit Genugtuung, da er dies als Freibrief auslegen konnte und so seine Schritte legitimiert sah. Natürlich wusste er auch, dass er ihm die vorliegenden Informationen und die in die Wege geleiteten Maßnahmen nicht dauerhaft vorenthalten durfte. Er musste die Aktivitäten mit Churchill absprechen. Er durfte nicht zu viel auf eigene Faust handeln. Das Risiko war zu groß. Es stand so viel auf dem Spiel. Doch noch musste er warten, sonst würde der ihm womöglich sein Vorhaben durchkreuzen. Es war sein Plan und er setzte sich dafür ein, dass die Alliierten diesen Krieg gewinnen werden. Er allein wollte dazu entscheidend beitragen.

London, Mittwoch, 14. Juni 1944, 11:30 Uhr

David saß an seinem Schreibtisch und hielt das Fernschreiben in der Hand. Er hatte den kurzen, knappen Text sicher schon fünf Mal gelesen und sein Blick war jetzt auf die Bürotür gerichtet, die seine Sekretärin nicht richtig geschlossen hatte. Er war gedanklich weit weg in Schweden und so nahm er auch die Schritte nicht wahr, deren Laute sich langsam aus dem Wirrwarr der Arbeitsgeräusche auf dem Gang herausschälten und immer deutlicher ihren zielstrebigen Weg zu erkennen gaben. Einen Moment später trat Frank ein. Er schloss die Tür und mit einem Schlag kehrte Ruhe ein. Die Änderung des Geräuschpegels holte David aus Schweden zurück. Er nickte Frank zu, der sich auf einen der beiden Stühle vor dem Schreibtisch setzte. Das Holz der Sitzfläche knarrte unter seinem Gewicht. Frank lehnte sich zurück, was der Stuhl mit einem weiteren Ächzen quittierte. David streckte ihm das Fernschreiben entgegen. Frank überflog die wenigen Zeilen zweimal, dann sah er zu ihm auf.

David sah ihn an, ließ aber noch einige Sekunden verstreichen. »Was meinst du, könnte das unsere Rakete sein?«

Frank sah erneut auf das Papier und las die Zeilen ein drittes Mal.

»Ein Einschlag in Südschweden, eine starke Explosion«, sagte Frank. »Weit verstreute Trümmerteile, aber kein Hinweis auf den Einflug eines Flugzeugs«, wiederholte er den Inhalt des Fernschreibens mit eigenen Worten. Und nach einer kurzen Pause fügte er hinzu: »Schwer zu sagen.«

»Wenn das wirklich unsere Rakete ist, dann könnten wir jetzt vielleicht ihre Existenz nachweisen. Man müsste die Trümmerteile mit denen der bei uns runtergegangenen Fluggeräte vergleichen. So können wir feststellen, ob es sich hier um etwas anderes handelt.«

Frank spürte sofort, wie es ihm die Kehle zuschnürte. »Man müsste die Trümmerteile mit denen der bei uns runtergegangenen Fluggeräte vergleichen«, gingen ihm Davids Worte noch einmal durch den Kopf. Ihm schwante Fürchterliches. David wird ihn doch nicht schon wieder nach Schweden schicken wollen. Er war gerade erst zurückgekommen und hatte niemandem anvertraut, mit wie viel Angst er diese beiden Flüge überstanden hatte. Wie viel Schweiß hatte ihn das alles gekostet, als er stundenlang in dem eiskalten Flugzeug gesessen hatte, nachdem der Pilot zum ersten Mal deutsche Flugzeuge am Himmel ausgemacht und dies durchgegeben hatte. Sie hatten Glück gehabt, dass sie in der tief hängenden Wolkendecke verschwinden konnten, bevor sie entdeckt wurden. Stockholm ist eine schöne Stadt, aber mit Sicherheit wäre ihm jede Stadt schön vorgekommen, die nicht durch die vielen Zerstörungen, Vorsichtsmaßnahmen und kriegsbedingten Einschränkungen ihren Reiz verloren hatte. Natürlich spürte man auch in Stockholm, dass sich fast die ganze Welt im Krieg befand. Aber hier konnte man abends in beleuchteten Gassen zu den überall geöffneten Kneipen und Restaurants gehen und wer wollte, konnte noch ein richtiges Nachtleben genießen, wie es vor dem Krieg auch in London möglich gewesen war. Er hatte die Tage in Stockholm genossen und versucht, den Krieg einfach zu vergessen. Leicht war es nicht gewesen, zumal er sich tagsüber in der britischen Gesandtschaft und verschiedenen schwedischen Ministerien aufgehalten hatte, bis die endgültige Übergabe der noch verbliebenen deutschen Dokumente ausgehandelt und durchgeführt war. Darüber hinaus hatte er jede Nacht einen harten Luftkampf mit Messerschmitt-Jägern zu bestehen gehabt, deren Niederlage er jedes Mal kurz vor dem Abschuss entging, indem er schweißgebadet aufwachte. Trotzdem erlebte er ein paar wunderschöne Stunden in einem kleinen, netten Lokal, in das ihn der britische Gesandte eingeladen hatte. Das Essen war köstlich gewesen. Wie lange schon hatte er nicht mehr ein so gutes Fleisch gegessen, dazu knackiges Gemüse und Nudeln. Wie lange war es schon her, seit er so schöne junge Frauen auf der Bühne gesehen hatte, die nur leicht bekleidet zu einer ihm bekannten Musik getanzt hatten. Der Abend war einfach wundervoll gewesen, auch wenn nachts wieder die Kugeln der deutschen Jäger durch das Cockpit pfiffen.

»Wenn wir feststellen könnten, dass dort ganz andere Trümmerteile herumliegen, wüssten wir zumindest, dass es sich hier um eine weitere Waffe der Deutschen handelt«, hörte Frank David sagen. Er schluckte kräftig und versuchte, den Kloß im Hals in seinen Magen zu befördern, auf dass ihm die Magensäfte den Gar ausmachen konnten.

Frank streckte sich. »Sollten wir nicht erst einmal versuchen, genauere Informationen von den Schweden zu bekommen? Wir wissen doch eigentlich noch gar nichts über die Explosion. Und wer sagt uns denn, dass die überhaupt von den Deutschen verursacht wurde?« Frank schöpfte etwas Hoffnung und seine Stimme gewann an Selbstsicherheit. »Vielleicht sind ja auch die Russen dafür verantwortlich?«

»Das glaube ich nicht«, erwiderte David und sah Frank dabei an.

Frank war überzeugt, dass David genau wusste, was in seinem Kopf vorging. Es kam ihm vor, als ob seine große Angst vor einem erneuten Flug nach Schweden mit leuchtenden Buchstaben und für alle sichtbar auf seiner Stirn zu sehen war. Er spürte, wie er anfing zu schwitzen.

»Die Russen sind auf dem Gebiet noch lange nicht so weit«, erwiderte David. »Die hängen doch in der Raketenentwicklung noch viel weiter zurück, als wir.«

David stand auf, stieß den Stuhl zurück und ging in langsamen Schritten durch das Büro. Er hielt den rechten Ellenbogen in der linken Hand, während er mit dem Daumen und Zeigefinger über das Kinn strich.

»Vielleicht hast du Recht. Lass uns erst noch mehr Informationen einholen. Unsere Gesandtschaft in Stockholm soll alle Hebel in Bewegung setzen und alles durchgeben, was über die Explosion von den schwedischen Behörden zu bekommen ist. Ich will jedes Detail haben, und sei es noch so unscheinbar.«

Frank stieß einen Seufzer der Erleichterung aus und damit David den nicht als solchen erkannte, stand er auf und warf das Papier auf den Schreibtisch. Er straffte seinen Körper und mit fast übertrieben zur Schau gestelltem Eifer antwortete er: »Ich werde das sofort veranlassen.« Dann machte er auf der Stelle kehrt und ging mit schnellen Schritten auf die Bürotür zu, bevor David es sich noch anders überlegen konnte.

Dresden, Donnerstag, 27. Juli 1944, 22:30 Uhr

»Ist es nicht schön, wie sich die beiden freuen?«

Elisabeth lächelte, als er ins Schlafzimmer kam. Sie war froh, dass nur die kleine Lampe auf seiner Bettseite brannte, und er so ihr Gesicht nur schlecht erkennen konnte. Sie war sich sicher, dass er ansonsten ihr aufgesetztes Lächeln sofort durchschaut hätte.

Zum Glück waren sie den ganzen Nachmittag im Park gewesen. Hans hatte dort lange mit den Kindern gespielt, bevor sie dann im Schatten einer großen alten Eiche gegessen hatten. Die beiden hatten ihren Vater völlig in Beschlag genommen und ihm somit nie die Möglichkeit gegeben, sie zu fragen, was denn los sei.

Jetzt lag sie im Bett und sollte eigentlich froh sein, dass er da war. Aber sie konnte es nicht genießen. Jeder ihrer Muskeln schien unter Spannung zu stehen. Ihr Herz schlug deutlich schneller, während es ihr gleichzeitig die Atemwege verengte. Sie konnte sich nicht entspannen, die Angst war übermächtig. Sie wusste nicht, was sie erwartete. Was man von ihr wollte. Sie hatte schon viele Geschichten und Gerüchte gehört. Es war bekannt, dass die Nazis seit Jahren Menschen, die nicht in ihr Weltbild passten, einfach verschwinden ließen. Egal, ob sie einer fremden Religion angehörten, eine andere Hautfarbe oder politische Gesinnung hatten. Die Menschen wurden gedemütigt, ausgegrenzt, verloren ihre Arbeit, ihr Hab und Gut und viele auch ihr Leben. Und dann die Juden. Von Nachbarn und Freunden hatte sie schon einiges gehört darüber. Über das Schicksal, das ihnen offiziell zuteilwurde, genauso wie das, was in Wirklichkeit geschah. Sie wurden deportiert und nur ein Teil kam tatsächlich zum Arbeitseinsatz. Viele in Konzentrationslager, die sie nie wieder lebend verlassen würden. Einige der verbliebenen Juden aus ihrer Stadt hatten kürzlich einen Brief erhalten, der sie aufforderte, etwas Gepäck für eine kurze Reise herzurichten und sich zu einem bestimmten Termin an einem angegebenen Ort einzufinden. Ein Brief, der endgültig den Anfang vom Ende für sie darstellte.

Sie fing an zu zittern, als sie den Kopf in Hans Richtung drehte und ihm dabei zusah, wie er sich vor dem großen, braunen Schrank auszog, die Kleidungsstücke locker über den Stuhl warf und dann in seinen kurzen Schlafanzug schlüpfte.

Sie hatte heute auch einen Brief bekommen. Dass sie den Erhalt quittieren musste, fand sie schon ungewöhnlich. Sie war so aufgewühlt gewesen, dass sie nicht wusste, was sie tun sollte und hatte ihn einfach in den Küchenschrank gelegt. Ungeöffnet. Sie hatte Angst davor gehabt, etwas zu lesen, was sie nicht lesen wollte. Der Brief war an sie persönlich gerichtet. Der Absender auf der Rückseite hatte ihr das Blut in den Adern stocken lassen.

Gestapozentrale Dresden, Bismarckstr. 16 – 18.

Sie kannte die Bismarckstraße beim Dresdner Hauptbahnhof, das ehemalige Hotel Continental, in dem sich jetzt die Zentrale der Geheimen Staatspolizei befand. Jeder kannte es und sie war froh, das Gebäude noch nie von innen gesehen zu haben.

Zwei Stunden hatte es gedauert. Zwei Stunden, in denen sie nicht wusste, was mit ihr geschah. Dann hatte sie den Umschlag wieder aus dem Schrank geholt und mit zittrigen Fingern geöffnet. Der Brief enthielt nur wenige Zeilen, die sie aufforderten, sich am nächsten Tag, um vierzehn Uhr in der Gestapozentrale zur Klärung einer wichtigen Reichsangelegenheit einzufinden. Unterschrieben war er von Kriminalkommissar Henry Schmidt. Seine krakelige Unterschrift saß rechts unten neben dem Stempel mit dem Reichsadler, dem Hakenkreuz und einem allgegenwärtigen Heil Hitler. Aber die Aufforderung zum Packen fehlte ebenso wie ein Hinweis auf den Grund. Sie war so froh gewesen, als bald darauf die Kinder nach Hause kamen und sie gemeinsam Hans vom Flughafen abholten, sodass sie etwas Ablenkung fand.

Hans nahm einen kleinen Anlauf und sprang leichtfüßig über den hinteren Bettrand auf seine Seite. Im Raum stand noch die schwülwarme Luft des vergangenen Tages, der die Dresdner mit einer strahlenden Sonne unter einem blauen Himmel verwöhnt hatte. Obwohl sie lange Zeit die Fenster geöffnet hatten, krallte sich die Hitze unvermindert im Schlafraum fest. Zum Schlafen war es deutlich zu warm, und da die letzten Wochen allesamt sehr heiß gewesen waren, hatten sie schon vor Tagen ihre Bettdecken gegen einfache Leintücher getauscht. Hans legte sich neben sie und ließ das Tuch locker über sich fallen, sodass es sich in einer geschmeidigen Eleganz um die Rundungen seines Körpers legte. Er lag auf der Seite und sah ihr in die Augen. Es dauerte nicht lange, dann stellte er die Fragen, auf die sie die ganze Zeit schon gewartet hatte und die unausweichlich kommen mussten.

»Was hast du? Was ist los mit dir?«

Sie wusste nicht, wie sie es ihm erzählen sollte. Seit sie den Brief gelesen hatte, überlegte sie, ob sie überhaupt darüber sprechen sollte. Sie wollte nicht, dass er sich auch noch Sorgen machte. Er hatte in Frankreich selbst einiges durchgemacht. Auf der anderen Seite musste sie mit ihm reden. Er war ihr Mann und sie brauchte jemanden, der sie stützte. Der ihr half, den Kopf nicht zu verlieren, Kraft zu schöpfen und gemeinsam zu überlegen, wie sie weiter vorgehen sollten. Vielleicht verbarg sich hinter der Aufforderung auch nur eine unbedeutende Formalität, deren Erledigung einen kurzen Gang in die Bismarckstraße erforderte und worüber danach kein Mensch mehr sprechen würde? Aber was, wenn nicht? Sie zögerte noch einen Moment, dann antwortete sie: »Ich habe heute Morgen einen Brief bekommen aus der Bismarckstraße.« Sie schluckte. »Ich war so durcheinander, dass ich erst einmal nicht wusste, was ich machen soll. Mir ging so vieles durch den Kopf. Du, die Kinder, deine Verhaftung in Frankreich, unser ganzes Leben hier, der Krieg, die Juden und weiß Gott was sonst noch alles.« Sie stöhnte kurz auf, dann fuhr sie mit zittriger Stimme fort. »Es ist doch so, dass die Juden abtransportiert werden und per Brief aufgefordert werden, sich an einem bestimmten Tag dafür bereitzuhalten. Sie verschwinden dann einfach und man sieht und hört nichts mehr von ihnen. Und jetzt habe ich auch so einen Brief bekommen.« Ihre Augen wanderten über sein Gesicht. Sie suchte Halt.

Er nahm sie in den Arm, drückte sie sanft, aber bestimmt, und hielt sie fest. Er spürte ihre Unruhe, die sich langsam auch auf ihn übertrug. Er verstärkte den Druck und versuchte, ihr Kraft und das Gefühl von Sicherheit zu geben.

»Zeig mir mal den Brief«, forderte er sie schließlich mit leiser, ruhiger Stimme auf. Er bemühte sich, das auch bei ihm aufgekommene, unbehagliche Gefühl zu verbergen.

Elisabeth wandte sich aus seinen Armen, zog die Schublade ihres Nachttisches auf und nahm den Brief heraus.

Hans öffnete den Umschlag und hielt das Schreiben eine halbe Armlänge vor sich, sodass er es im Schein der Lampe gut lesen konnte. Elisabeth rutschte von der Seite an ihn heran und legte den Arm um seinen Oberkörper.

In gespannter Erwartung überflog Hans die Zeilen.

»Hier steht nichts von einem Termin, an dem du dich bereithalten sollst. Wie kommst du darauf?«

»Ich konnte die ganze Zeit an nichts anderes denken. Wenn sie mich doch wegbringen wollen?« Ihre Unruhe war deutlich zu spüren. Sie zitterte. »Was soll dann mit den Kindern geschehen und mit dir?«

»Jetzt beruhige dich erst mal wieder. Dafür gibt es überhaupt keinen Grund. Wir sind keine Juden. Nach dem Gesetz sind wir deutsche Arier, das haben wir ausreichend nachgewiesen und das wurde noch einmal vor meiner Einstellung in Peenemünde umfangreich geprüft. Unsere Abstammungsurkunden belegen das eindeutig. Es kann also nichts von Bedeutung sein, was die Gestapo von dir will.«

»In dem Brief steht aber etwas von einer wichtigen Reichsangelegenheit«, erwiderte sie und nahm ihm zur Bekräftigung ihrer Worte den Brief aus der Hand. »Hier steht es«, sagte sie, »... wichtige Reichsangelegenheit ...«, zeigte mit dem Finger auf den Text und hielt ihm das Schreiben wieder vors Gesicht.

»Ja, das steht hier«, versuchte er das Ganze herunterzuspielen. »Meinst du nicht auch, dass wir in Deutschland momentan sehr viele«, und auch er zitierte jetzt, »wichtige Reichsangelegenheiten haben, die es zu klären gibt?«

»Schon, aber was kann ich damit zu tun haben? Um diesen Krieg zu einem Ende zu bringen, kann ich doch sicherlich nichts beitragen, was eine wichtige Reichsangelegenheit sein könnte.«

»Mein Schatz«, sagte Hans. »Das klärt sich morgen ganz bestimmt auf und du wirst feststellen, dass du dir völlig umsonst Gedanken gemacht hast. Lass uns zu dem Termin gehen und dann erledigen wir das.«

»Wenn, dann gehe ich!«, erwiderte sie plötzlich überraschend selbstsicher und der Teil, der Hans nicht weiter mit ihren Problemen belasten wollte, sprach jetzt aus ihr. »Du hast den Kindern versprochen, dass du sie morgen von der Schule abholst. Das war so vereinbart und ich kann auf die Schnelle keinen Ersatz finden. All unsere Freunde und Nachbarn arbeiten in Fabriken und können da nicht so einfach frei bekommen oder zwischendurch verschwinden. Wenn wir dafür jemanden brauchen, müssen wir uns früher darum kümmern. Zudem freuen sich die beiden so sehr darauf, dass du sie auch mal wieder abholst. Übermorgen bist du wieder in Berlin und danach fliegst du zurück nach Peenemünde und wir wissen nicht, wann wir uns wiedersehen.«

»Wenn du meinst.« Er gab ihr einen Kuss auf die Stirn. Er wusste, dass sie innerlich in einem gewaltigen Gefühlschaos gefangen war und sie hin- und hergerissen wurde. Aber er war froh, dass sie dem Ganzen jetzt wieder mit mehr Selbstbewusstsein und einem besseren Gefühl gegenüberstand.

Elisabeth lag in Hans Armen und keiner sprach mehr über den Brief und den morgigen Tag. Es gelang Hans nicht, die Gedanken zu vertreiben, die sich jetzt in seinem Kopf festsetzten und so dauerte es lange, bis er in einen unruhigen Schlaf fiel.

Dresden, Bismarckstraße, Freitag, 28. Juli 1944, 13:45 Uhr

Als Elisabeth in die Bismarckstraße bog, begann ihr Herz deutlich schneller zu schlagen. Die Luft war schwül und heiß. Sie öffnete den oberen Knopf der Bluse und zog am Stoff. Das Material klebte bereits an vielen Stellen ihrer Haut. Sie fühlte sich in ihrer Beweglichkeit eingeschränkt und das nahm ihr endgültig den letzten Rest an Sicherheit. Sie atmete schwer und ihre Schritte wurden langsamer, je näher sie dem Eingang zum ehemaligen Hotel Continental, einem stilvollen alten Gebäude, kam. Sie blieb kurz stehen und versuchte, durch gleichmäßige und tiefe Atemzüge, ihre innere Erregung in den Griff zu bekommen.

Nichts war mehr geblieben von der kurzzeitig entschlossenen Haltung, mit der sie gestern Abend Hans davon abgehalten hatte, sie heute zu begleiten. Die Selbstsicherheit, die sie ausgestrahlt hatte, damit er wie geplant die Kinder abholte, war komplett verschwunden. Wie sehr wünschte sie ihn jetzt bei sich, in den Arm genommen und festgehalten zu werden. Und einfach den Termin zu ignorieren und gemeinsam mit ihm zur Schule zu fahren. Zu ihren Kindern, die sie über alles liebte und für die sie alles tun würde. Bei dem Gedanken fasste sie neuen Mut. Sie riss sich zusammen und holte noch einmal tief Luft. Bringe es hinter dich, dachte sie und dann zurück zur Familie. Sie zupfte an der Bluse und strich mit den Händen über ihren knielangen Rock.

Vor dem Eingang standen regungslos zwei SS-Soldaten. Waren die schon immer da gewesen? Vermutlich eine der Vorsichtsmaßnahmen aufgrund des Attentats auf den Führer vor acht Tagen.

Sie öffnete die Tür und betrat den Eingangsbereich. Rechter Hand saß hinter einer Glasscheibe ein älterer, grauhaariger Mann, der sofort aufstand, als er sie sah. Er kam in leicht gebückter Haltung auf sie zu und zog dabei sein linkes Bein deutlich nach.

»Kann ich Ihnen helfen, gnädige Frau?«, fragte er höflich.

»Ich habe einen Termin«, hörte sie sich mit zittriger Stimme sagen. Sie zog das Schreiben aus der Handtasche und reichte es ihm. Er warf einen Blick darauf und kniff die Augen zusammen. Nachdem er festgestellt hatte, dass er den Text nicht lesen konnte, griff er in seine Hemdtasche, zog eine kleine Brille hervor und setzte sie mit einer Hand gekonnt auf die Nase. Er las die Zeilen durch, dann blickte er über den Rand der Gläser zu ihr auf.

»Den Gang entlang, die vorletzte Tür links.« Er zeigte mit dem Arm auf den Flur, der die Eingangshalle nach rechts verließ und gab ihr das Schreiben zurück. Dann hob er den Kopf und sein Blick fiel auf die Uhr, die über einem großen Gemälde hing. »Aber warten Sie vor dem Büro bis zwei. Er hat, glaube ich, noch Besuch.«

»Danke«, sagte Elisabeth, nahm das Papier und ging durch die Eingangshalle. Sie spürte seine Blicke im Rücken, bis sie einige Schritte später das deutliche Schleifgeräusch vernahm, als der Mann zu seinem Stuhl zurückkehrte.

Der Gang war nicht lang. Trotzdem kam es ihr wie eine Ewigkeit vor, bis sie das richtige Zimmer erreicht hatte. Sie sah auf das Türschild. Die Zimmernummer war ordentlich angebracht, darunter Platz für zwei Namen, der aber nicht genutzt war. Sie wusste also immer noch nicht, wer hier auf sie wartete. Sie setzte sich auf die Holzbank gegenüber. Aus den einzelnen Büros drangen kaum Geräusche heraus. Mit einem lauten Knall fiel eine Tür ins Schloss. Erschrocken zuckte sie zusammen. Sie konnte gerade noch einen Mann erkennen, der über den Flur huschte und in einem der anderen Zimmer verschwand. Er hatte Zivilkleidung getragen, mehr war nicht auszumachen. Wieder ging eine Tür. Erneut erschrak sie und sah die Frau an, die aus dem Büro gekommen war, in das sie gleich hinein musste. Sie hatte dunkle Haare, trug einen grauen Rock und eine weiße Bluse. Unter dem rechten Arm hatte sie zwei Ordner geklemmt. Die Frau musterte sie einen Moment, dann zog sie die Tür hinter sich zu und stolzierte den Gang entlang. Die Absätze sind ein bisschen hoch fürs Büro, ging es ihr durch den Kopf, als sie ihr nachsah.

Ihre Augen fixierten wieder den Türgriff, den sie drücken musste und danach würde sie erfahren, was es mit dem Schreiben auf sich hatte. Eine Stimme ging ihr nicht mehr aus dem Kopf. Die Stimme, die sie gehört hatte, als die Frau aus dem Büro kam und die Tür für einen Moment offen gestanden hatte. Sie war ihr bekannt vorgekommen, doch war sie innerlich viel zu aufgewühlt, um sie mit jemandem in Verbindung zu bringen. Plötzlich zuckte sie zusammen und warf einen Blick auf die Uhr. Eine Minute nach zwei. Hastig stand sie auf. Im Bruchteil einer Sekunde gingen ihr noch einmal eine Vielzahl von Gedanken durch den Kopf, bis sie schließlich die Hand hob und klopfte.

Es dauerte zwei lange Sekunden, bis sie ein deutliches »Ja, bitte?« vernahm und die Türklinke nach unten drückte.

Der Raum war unerwartet geräumig und die linke Wand von einer, fast die ganze Wand überspannenden, Hakenkreuzfahne bedeckt. Davor befand sich ein brusthoher, brauner Schrank, auf dem eine Büste von Hitler stand. Der Eingangstür gegenüber saß ein schlanker, groß gewachsener Mann am Schreibtisch. Er hatte beide Fenster direkt im Rücken, sodass sich seine Umrisse vor dem hellen Hintergrund klar abzeichneten. Elisabeth schloss die Tür und ging auf ihn zu. Sie kniff die Augen zusammen, um nähere Einzelheiten zu erkennen. Der Mann schrieb weiter, bis sie nur noch zwei Schritte entfernt war. Dann sah er auf, schien aber noch einen Moment gedanklich weg zu sein. Er hatte dunkle Haare, eine leicht gebogene Nase und eingefallene Wangen, sodass sein Gesicht einen kantigen Eindruck hinterließ. Durch die verschiedenen Lichtreflexionen im Raum und die Schatten unterhalb der Wangenknochen wirkte er unheimlich. Dann fielen ihr seine strahlenden Augen auf, die überhaupt nicht zu dem restlichen Erscheinungsbild passten. Die Augen, die aus Sicht von Himmlers Rassedefinitionen nicht blauer hätten sein können, strahlten etwas Wärme aus zwischen den ansonsten abstoßenden Gesichtszügen. Dieser krasse Gegensatz irritierte sie. Sollte sie sich an die Zuversicht ausstrahlenden Augen halten oder die Wachsamkeit erhöhen? Ihre Nervosität stieg. Sie überflog den dunkelbraunen Holzschreibtisch. Auf der linken Seite stand ein schwarzes Telefon mit einer schon stark abgenutzten Wählscheibe und zwei weißen Knöpfen darunter. Gegenüber lagen ein Aktenordner, einige Blatt Papier, ein Stempelkissen mit mehreren Stempeln, die sich wahllos in dem aufgeklappten Deckel der Box türmten und ein kleines Kästchen, aus dem einige Stifte ragten. Ganz am Rand stand eine Schreibmaschine, deren Position aber eher darauf hindeutete, dass sie hier nur abgestellt war.

Elisabeth wartete darauf, dass der Mann etwas sagte. Sie zitterte am ganzen Körper und hatte beide Hände ineinander gefaltet. So hoffte sie, ihre Unruhe verbergen zu können. Der Mann schien nach wie vor abwesend zu sein, aber nur kurze Zeit später konnte sie an den Augen erkennen, dass er aus seiner Gedankenwelt zurückkehrte. Sein Blick fiel auf ihre Hände und sie verfluchte sich in Gedanken, dass sie so nervös und angespannt war. Er musste das Zittern bemerken. Langsam richtete der Mann, der ein hellgraues Hemd trug, seinen Blick nach oben und starrte sie an. Er ließ nicht erkennen, ob er ihre Unruhe bemerkt hatte. Obwohl sie darauf gewartet hatte, erschrak sie, als er sie ansprach.

»Ja, bitte?«

»Mein Name ist Friedel. Elisabeth Friedel«, begann sie zögerlich. »Ich habe einen Brief bekommen, dass ich mich heute um vierzehn Uhr hier melden soll.« Sie öffnete ihre Handtasche, suchte nach dem Papier und reichte es über den Tisch. »Der Herr am Eingang hat mich zu Ihnen geschickt, Herr ...?« Sie hob leicht die Stimme und wartete auf eine Antwort.

»Hoffmann«, antwortete er schließlich kurz. »Setzen Sie sich!«

Ihr Blick fiel auf einen einfachen Stuhl. Sie zog ihn heran und setzte sich. Die Handtasche stellte sie auf ihre Oberschenkel und hielt sich mit beiden Händen daran fest.

Hoffmann las den Brief. Er ließ sich dafür ungewöhnlich viel Zeit. Dann legte er ihn auf seinen Schreibtisch und nahm den Aktenordner in die Hand. Er öffnete den schwarzen Deckel, löste die Klammer und nahm das oberste Blatt heraus. Auch das betrachtete er noch einmal ausgiebig, legte es dann vor sich ab und sah zu ihr auf.

»Seit über viereinhalb Jahren kämpft nun das deutsche Volk in ganz Europa um einen angemessenen und den ihm zustehenden Platz in dieser Welt. Das internationale Judentum hat es wieder einmal geschafft, dass wir in einen Weltkrieg gezogen wurden, der eine Unmenge besten und jungen Blutes kostet und für den schon viele deutsche Männer ihr Leben gelassen haben. Damit dies endgültig nie wieder vorkommen wird, hat die nationalsozialistische Partei sich zum Ziel gesetzt, den Juden und anderen Feinden des Landes ...« Er stockte für einen Moment, dann fuhr er fort: »... sagen wir mal so, die Möglichkeit zu nehmen, jemals wieder ihr zerstörerisches Werk zuungunsten Deutschlands durchführen zu können. Die Juden werden umgesiedelt und ihre Zahl wird unter Kontrolle gehalten.« Er schmunzelte um die Mundwinkel, als er die letzten Worte mit einer besonderen Betonung aussprach. »Und wissen Sie was, Frau Friedel?«

Elisabeth schüttelte den Kopf und öffnete den Mund, brachte aber keinen Ton heraus. Und wieder hatte sie das Gefühl, dass man ihr die Luft abdrückte.

Hoffmann ließ sie noch etwas in ihrer Beklemmung schmoren. Offensichtlich genoss er es, dann lehnte er sich in seinem Sessel zurück und fuhr in absoluter Ruhe fort. »Wir sind hier in Deutschland eigentlich schon fast fertig mit unserer Aufgabe. Die letzten Juden aus dem Reich werden in den nächsten Monaten aufgefordert, sich für die Umsiedlung bereitzuhalten. Dann haben wir unser Land gereinigt und damit eine lebenswerte Basis für das Volk und seine Zukunft geschaffen. Und dann haben wir auch die Zeit, uns um diejenigen Fälle zu kümmern, die nicht ganz die Reinheit in sich tragen, die der Führer als das Minimum für das Wohl des deutschen Volkes festgelegt hat.«

Er richtete sich in seinem Sessel auf, lehnte sich mit beiden Unterarmen auf den Tisch und nahm das Papier in die Hand, das er zuvor aus dem Ordner geholt hatte. Er starrte sie an und wartete.

»Ich verstehe nicht ganz, worauf Sie hinauswollen«, brachte Elisabeth nach einiger Zeit mit zitternder Stimme hervor. Sie war völlig durcheinander und kaum in der Lage, einen halbwegs klaren Gedanken zu fassen. In ihrem Kopf schwirrten Erzählungen umher, die sie über das Schicksal der Juden gehört hatte. Grausame Geschichten, die sie kaum in Worte fassen konnte. Und damit wollte man sie nun in Zusammenhang bringen?

»Warum erzählen Sie mir das alles? Warum haben Sie mich her befohlen?«, stammelte sie undeutlich.

»Es gibt viele Feinde Deutschlands, Juden und andere, die sich durch Falschaussagen dem Zugriff entziehen und das mit dem Ziel, zu einem späteren Zeitpunkt unsere Macht im Reich durch ihre verbrecherischen Tätigkeiten zu schwächen. Und das wollen wir natürlich verhindern, Sie verstehen?«, fragte er arrogant und zog dabei erneut die Mundwinkel nach oben. Seine blauen Augen funkelten in den kalten und markanten Umrissen seines Gesichts und jede Freundlichkeit und Wärme war jetzt verschwunden. Er zögerte bewusst noch einige Sekunden, bevor er fortfuhr.

»Frau Friedel. Es gibt hier ein paar Ungereimtheiten, die wir dringend klären müssen.«

»Was denn für Ungereimtheiten?«, stotterte sie unsicher und ihr Blick fischte dabei nach dem Papier, das er in der Hand hielt, in der Hoffnung, dort die ersehnte Antwort zu finden. Doch aus ihrer Position heraus war das nicht möglich.

»Bei der Untersuchung der Abstammung ihrer Familie sind wir auf ein Papier gestoßen, das uns dazu veranlasst hat, Sie herzubitten.«

»Was denn für ein Papier?«

Er ging auf ihre Frage nicht ein.

»Ihre Mutter hieß doch Wilhelmine Bernhard?«

Sie nickte.

»Bis zu ihrem Tod wohnhaft in der Nürnberger Str. 17?«

Sie nickte erneut.

»Gestorben am 14. Januar 1938 in Dresden?« Er sah zu ihr auf, aber sie antwortete nicht.

»Worauf wollen Sie hinaus?«, fragte sie im Gegensatz, doch auch er ignorierte ihre Frage. »Was ist ...«, sie verbesserte sich, »... war mit meiner Mutter?«

»Wie ich vorhin schon sagte, gibt es Menschen, die sich durch Falschaussagen und mit falschen Dokumenten einen arischen Nachweis besorgen, um sich so unserem Zugriff zu entziehen. Und um es kurz zu machen. Bei den Untersuchungen zu ihrer Mutter haben wir festgestellt, dass sie jüdische Vorfahren hatte. Was wiederum bedeutet, dass auch Sie jüdisches Blut in sich tragen.«

Elisabeth sah ihn fassungslos an. Mit weit geöffnetem Mund saß sie auf ihrem Stuhl. Beide Hände umklammerten die Tasche und die Finger bohrten sich in das braune Leder. Sie brachte keinen Ton heraus und starrte den Mann einfach nur an. Es dauerte eine ganze Weile, dann stammelte sie: »Das ist nicht möglich!« Ihr Hals war trocken und die Worte kamen nur undeutlich über ihre Lippen. Sie schluckte schwer. »Das kann nicht sein. Wir haben umfangreiche Untersuchungen über uns ergehen lassen müssen, als es darum ging, ob mein Mann nach Peenemünde kann. Und damals war alles in Ordnung. Wo soll jetzt plötzlich das Dokument herkommen?«

»Die genauen Details werden gerade noch geklärt, die Untersuchung ist noch nicht abgeschlossen.«

»Das kann nicht sein«, wiederholte sie. »Ich glaube das nicht.« Elisabeth zögerte. Unerwartet spürte sie eine innere Energie aufkommen. Dann warf sie ihrem Gegenüber vor: »Sie lügen mich an, es kann gar nicht anders sein.«

Hoffmann hatte während des bisherigen Gesprächs eine überhebliche Lässigkeit an den Tag gelegt. Besonders in der Art, wie er auf seinem Stuhl hinter dem Schreibtisch saß und der speziellen Tonlage, die er in seine Sätze legte. Dagegen veränderte sich nun sein Ton schlagartig. Erbost richtete er seinen Oberkörper auf und mit kräftiger Stimme erwiderte er: »Ich verbitte mir solche Anschuldigungen. Wir haben hier ein offizielles Dokument zur Abstammung ihrer Mutter und die Quelle ist absolut zuverlässig. Sie haben versucht, uns ihre wirkliche Herkunft zu verheimlichen. Darum geht es hier. Und wir sind Ihnen auf die Schliche gekommen.«

»Dann wissen Sie also doch schon mehr über die Details, als Sie vorhin zugegeben haben«, fiel ihm Elisabeth nun fast ebenso deutlich ins Wort. »Ich will sofort wissen, woher Sie dieses Dokument haben und wer so etwas behauptet?«

Ganz überraschend hatte sich Elisabeth gefangen und trat nun mit einem vor wenigen Sekunden noch völlig unvorstellbarem Selbstbewusstsein auf.

Hoffmann war von ihrem plötzlichen Wandel sichtlich überrascht.

»Frau Friedel«, begann er beschwichtigend und versuchte zu seiner ursprünglichen Lässigkeit zurückzukehren, was ihm aber nicht ganz gelang. »Beruhigen Sie sich wieder. Schauen Sie. Es ist nun mal unsere Aufgabe, die Abstammung der deutschen Volksgenossen zu prüfen. Und wenn wir auf so ein Dokument stoßen«, und dabei wies er auf das Papier, das er noch immer in Händen hielt, »dann müssen wir der Sache nachgehen.«

Seine Stimme wurde ruhiger und verfehlte ihre Wirkung auf Elisabeth nicht. Ihre Erregung ließ nach und die Spannung wich aus ihrem Körper. Langsam sanken ihre Schultern nach unten.

»Wir müssen einfach der Sache nachgehen«, fuhr er in einer, gegenüber vorhin, jetzt schon fast extrem leisen Tonlage fort. »Von so einem Dokument ist ja nicht nur die Person betroffen, die darauf aufgeführt ist. Im Endeffekt geht es dabei auch um die Nachkommen. Wenn ihre Mutter Jüdin war, dann sind Sie es und ihre Kinder auch.«

Der Hinweis auf ihre Kinder löste erneut eine unerwartete Reaktion in Elisabeth aus. Wie ein Muttertier, das sich vor ihre Jungen stellt, um diese vor einer Hyäne zu schützen, spürte sie plötzlich in ihrem ganzen Körper eine Mischung aus Angst, Verzweiflung und Entschlossenheit. Sie wusste nicht, was in ihr vorging, aber diese Gefühle setzten in ihr einen unabdingbaren Überlebenswillen frei.

»Ich möchte wissen, woher Sie dieses Dokument haben«, wiederholte sie langsam und deutlich ihre Forderung. Dann erhob sie sich, lehnte sich über den Tisch und entriss ihm das Papier. Sie setzte sich wieder auf den Stuhl und begann, das Dokument zu studieren. Hoffmann ließ sie gewähren.

Sie las die einzelnen Zeilen immer und immer wieder und hoffte, etwas zu finden, was ihr die Hoffnung gab, dem Schicksal, das den Juden widerfuhr, zu entgehen.

Mutter: Wilhelmine Bernhard.

Wohnhaft: Nürnberger Str. 17 in Dresden.

Verstorben: 14. Januar 1938.

Mehrfach las sie die Einträge. Irgendetwas stimmte nicht, das spürte sie im Unterbewusstsein. Ein Gefühl sagte ihr, dass auf dem Papier etwas nicht passte. Aber was war es? Das Adrenalin, das es ihr in die Adern getrieben hatte, ließ langsam nach und sie spürte, wie die Angst zurückkehrte. Immer hastiger überflog sie das Dokument. Wieder und wieder und suchte nach der Stelle, nach dem Strohhalm, der ihr und ihren Kindern ein grausames Schicksal ersparen würde. Panik stieg in ihr auf.

Da. Da war er. Da war der Strohhalm.

Mutter: Wilhelmine Bernhard.

Bernhard war ohne t geschrieben. Ihre Mutter hieß Bernhardt. Das t am Ende war der Strohhalm, den sie suchte und den sie nun mit beiden Händen ergriff. Sie spürte die Energie zurückkommen, von der sie zuvor gepackt worden war. Nicht so stark, aber sie war wieder da. Sie stand auf und warf Hoffmann das Blatt auf den Schreibtisch.

»Was wollen Sie überhaupt von mir. Es geht hier nicht um meine Mutter. Sie legen mir ein Dokument vor von einer Frau Bernhard und behaupten, sie wäre meine Mutter. Meine Eltern schrieben sich mit dt am Ende und beide waren arischen Blutes. Und zwar mindestens bis in das 17. Jahrhundert zurück. Bevor Sie anfangen, deutschen Frauen und Familien, die sich für das Vaterland aufopfern als Juden zu bezichtigen und Ihnen das gleiche Schicksal androhen, sollten Sie erst einmal Ihre Arbeit sauber erledigen. Ich werde mir überlegen, ob ich nicht Beschwerde gegen Sie einreiche. Und jetzt lassen Sie mich und meine Familie in Ruhe.«

Damit stand sie auf und verließ eiligen Schrittes das Büro. Die Tür schloss sie mit einem lauten Knall, der durch den ganzen Gang hallte, dann stolzierte sie aufrecht zurück in Richtung der großen Eingangshalle.

Hoffmann hatte Elisabeth nachgesehen. Er war von ihrer Reaktion völlig überrascht worden und reagierte überhaupt nicht, bis der laute Knall der Tür ihn aus der Fassungslosigkeit riss. Sein Blick fiel auf das Papier. Er nahm es in die Hand und schaute auf den Namen Bernhard, dessen fehlendes t ihn bloßgestellt hatte.

»Verdammte Scheiße«, stieß er hervor, dann warf er das Blatt auf den Schreibtisch. Er nahm den Hörer vom Telefon und drückte den rechten, weißen Knopf.

London, Freitag, 28. Juli 1944, 15:15 Uhr

Das Telefon klingelte zweimal, dann nahm David ab.

»Ja?« Es vergingen zwei Sekunden, dann beendete er das Gespräch mit einem: »Er kann reinkommen.«

Unmittelbar, nachdem er den Hörer aufgelegt hatte, wurde die schwere Bürotür geöffnet, und ein schlanker Mann betrat den Raum. Er schloss die Tür hinter sich und ging zielstrebig auf David zu.

»Mr Petrie«, sagte der dunkelblonde Besucher zur Begrüßung und gab David die Hand. David nickte ihm zu und deutete mit einer Kopfbewegung nach rechts.

»Das ist mein Assistent Frank.«

Der große Mann, der einen hellbraunen Anzug mit einer dunklen Fliege trug, schüttelte auch Frank die Hand.

»Nehmen Sie Platz, Mr Chapman«, sagte David und wies auf den freien Stuhl, der vor seinem Schreibtisch stand. »Was können wir für Sie tun?«

»Mr Petrie. Zuerst möchte ich mich bei Ihnen bedanken, dass Sie sich kurzfristig Zeit genommen haben. Aber ich denke, es lohnt sich.« Er unterbrach für einen Moment, um die beiden Männer neugierig zu machen. »Wie Ihnen ja bekannt ist, arbeite ich nicht nur als Agent für den britischen, sondern auch für den deutschen Geheimdienst. Ich habe in Deutschland die besten Kontakte und kann mich dort in den höchsten Kreisen bewegen.«

»Das wissen wir«, entgegnete David, »und wie es aussieht, haben Sie sich bei den Deutschen recht ordentlich benommen und sogar Auszeichnungen erhalten. Sie haben sich also an die Anweisungen von Oberst Tommy Robertson gehalten, bei den Nazis keinerlei wilde Unternehmungen zu starten. So oder so ähnlich waren doch seine Befehle, wenn ich mich richtig entsinne, oder?« David deutete auf die braune Akte auf dem Schreibtisch. »So habe ich es zumindest gelesen.«

»Das stimmt«, grinste Chapman. »Ich hätte aber auch keine Chance gehabt, etwas anderes zu tun, als mich genau an die Spielregeln zu halten. Was glauben Sie, wie schnell auch nur ein falsches Wort sie in die Folterkammern der SS bringt. Und als Agent, der zwischen Deutschland und England verkehrt, wird man dreimal mehr überwacht und beobachtet, als andere. Sie laufen regelrecht in einer Wolke von Misstrauen umher, aber ich habe Gott sei Dank auch einige Fürsprecher auf der anderen Seite.« Chapman nutzte die passende Gelegenheit, um wieder auf sein Anliegen zurückzukommen. »Aufgrund dieser Fürsprecher könnte ich mich auch auf höherer Führungsebene in Berlin bewegen. Natürlich nicht einfach so, aber das ließe sich arrangieren.«

»Worauf wollen Sie hinaus?«

»Wir wissen, dass Hitler nach wie vor in Deutschland das Heft in der Hand hält. Die Soldaten sind auf ihn vereidigt und ein großer Teil des Volkes steht noch immer hinter ihm und arbeitet für den Endsieg, den er ihnen verspricht. Und wer weiß, ob die Deutschen nach dem gescheiterten Attentat nicht noch mehr an ihren Führer glauben als zuvor? So lange Hitler an der Macht ist, besteht keine Möglichkeit, den Krieg vorzeitig zu einem Ende zu bringen, da er einer Kapitulation nie zustimmen würde. Und etwas anderes als eine bedingungslose Kapitulation kommt ja für uns nicht infrage.« Er unterbrach seine Ausführungen für einen Moment, dann fuhr er, eine Spur lauter, fort: »Es gibt aber mittlerweile eine Anzahl führender Militärs in Deutschland, die, anders als Hitler, die Niederlage kommen sehen und durchaus bereit wären, unter gewissen Bedingungen den Krieg zu beenden. Es gibt aber nur wenige, die ihren Eid auf Hitler wirklich brechen würden, um ihn zu beseitigen. Das Attentat vor acht Tagen hat leider nicht geklappt. Die, die es riskiert haben, wurden mittlerweile verhaftet oder umgebracht. Und die, die noch nicht entlarvt wurden, werden sich jetzt erst einmal zurücknehmen, da selbst die kleinste falsche Bemerkung oder Handlung den Tod bedeuten kann. Die Gestapo und die SS nehmen jeden Offizier und Führungsmitarbeiter unter die Lupe. An ein neues Attentat ist vorerst nicht zu denken. Das bedeutet, der Krieg geht erst einmal weiter.«

»Und?«, fragte Frank mit einem gelangweilten Ton dazwischen. Die Einleitung von Chapman war ihm doch etwas zu lang geraten.

»Ich möchte Ihnen ein Angebot machen«, sagte Chapman etwas langsamer, dafür aber betonter als zuvor, und nachdem sein Blick kurzzeitig zu Frank ging, sah er nun wieder David an.

In dem Büro herrschte eine absolute Stille.

»Ich biete Ihnen an, Hitler zu töten«, sagte er mit einer Stimme, die zum Ausdruck brachte, dass er zu etwas in der Lage war, das jeder andere in Großbritannien nicht durchführen könnte. Und strahlte dabei auch noch eine Arroganz aus, als ob es für ihn das Leichteste auf der Welt wäre, den deutschen Führer umzubringen.

Damit hatte niemand gerechnet. David sah zu Frank und die Überraschung stand beiden ins Gesicht geschrieben.

»Wie wollen Sie das anstellen?«, platzte es aus David heraus. »Gerade noch haben Sie davon gesprochen, dass jeder überwacht und beobachtet wird, und da kommen Sie und tun so, als ob es für Sie eine Kleinigkeit wäre, Hitler zu beseitigen.«

Die Überraschung war Chapman zweifellos gelungen, doch David fing sich recht schnell wieder. Natürlich war der Gedanke verlockend. Doch war er zweifelsfrei davon überzeugt, dass es nach dem gescheiterten Attentat niemandem gelänge, mit einer Waffe oder Sprengstoff erneut in die Nähe Hitlers zu gelangen. Dafür waren die Kontrollen viel zu scharf und der Personenkreis, der näheren Kontakt zum deutschen Führer hatte, war deutlich eingeschränkt worden.

David lehnte sich in seinem Stuhl vor und nahm die Akte vom Tisch. Er blätterte darin herum. Frank beobachtete ihn und wartete auf seinen nächsten Schritt.

»Mr Chapman«, begann David und sein Blick blieb noch einen Moment auf die Unterlagen gerichtet. Dann sah er auf. »Können Sie mir kurz erklären, weswegen Sie in Jersey eingesessen haben?«

Chapman sah ihn ungläubig an. Was sollte diese Frage jetzt? Er bot an, den größten Verbrecher der Welt zu töten und dieser Mr Petrie fragte ihn nach seinem Gefängnisaufenthalt von vor vier Jahren? Doch er fing sich schnell wieder und man sah ihm sein Erstaunen nur kurz an. »Ich war verliebt.«

»Verliebt?«

»Ja. Ich hatte im Frühjahr 1940 ein Mädchen kennengelernt und wir waren fasziniert voneinander. Wir hatten wunderschöne Tage zusammen verbracht und mehrfach wünschte sie sich einem romantischen Abend am Strand, bei Kerzenschein und Musik. Und ich Idiot habe, völlig blind wie ich war, ihr diesen Wunsch unbedingt erfüllen wollen. Und als die Wettervorhersage dann ein paar schöne laue Tage angekündigt hatte, bin ich in ein Haus eingestiegen, dessen Besitzer verreist war. Ich wusste, dass er einen tragbaren Plattenspieler besaß und den habe ich mir ausgeliehen. Natürlich wollte ich ihn wieder zurückbringen. Nun, der Besitzer war auch verreist, aber sein Sohn war für einige Tage auf der Insel und wohnte in dem Haus. Er hat mich beobachtet, ist mir gefolgt und hat die Polizei gerufen. Natürlich hat man mir nicht geglaubt, und so saß ich ein paar Tage im Gefängnis, bis die Deutschen kamen und mich rausgeholt haben. Aber das steht ja alles in meiner Akte. Und wie es weiterging, ist Ihnen bekannt. Die Deutschen haben mich als Agent angeworben und nach England geschickt, wo ich mich umgehend beim MI6 gemeldet habe. Und so bin ich die letzten Jahre als Doppelagent zwischen den beiden Ländern verkehrt. Es ist mir gelungen ...«, und jetzt versuchte Chapman das Thema wieder auf sein Angebot zu lenken, »... mir bei den Deutschen einen guten und zuverlässigen Ruf zu erwerben, der mich bis in höhere Kreise geführt hat. Mit den richtigen Bekannten bei der Abwehr kommt man fast überall rein.« Chapman hielt inne und hoffte, dass damit das Gespräch wieder in der von ihm gewünschten Richtung weiterlaufen würde.

»Wie wollen Sie das anstellen?«, wollte David wissen.

Chapman atmete erleichtert auf. »Ich werde mich mit ihm in die Luft sprengen.«

»Sie wollen sich mit Hitler in die Luft sprengen?« Erneut klang Davids Stimme überrascht, wenngleich nicht mehr in dem Maße wie zuvor. »Wie wollen Sie das denn schaffen?«

»Die Deutschen sind jetzt natürlich sehr vorsichtig. Sie prüfen alle Taschen und Behälter, die man mit in die Nähe des Führers nehmen will. Damit kommt man nicht mehr durch. Zudem müssen die Offiziere, bis auf wenige Ausnahmen, zu den Besprechungen ihre Waffen ablegen. Erschießen ist also auch nicht mehr möglich. Die einzige Möglichkeit ist, den Sprengstoff eng am Körper zu tragen, da man sich nicht traut, die hohen Offiziere auch noch zu filzen. Es ist schon demütigend genug, dass sie ihre Waffe abgeben müssen.«

»Wo wollen Sie denn das Attentat ausführen?«

»Das kann ich nicht genau sagen. Natürlich ist Hitler nicht mehr so viel in der Öffentlichkeit unterwegs, wie er es früher einmal war. Und nach dem Attentat werden sicher weitere Termine abgesagt werden. Ich bin aber überzeugt, dass es noch einzelne Veranstaltungen gibt, an denen er teilnehmen wird. Und da ich die besten Kontakte zur deutschen Abwehr habe, wird es dieser sicherlich gelingen, mich zu einem der Auftritte mitzunehmen.«

»Angenommen, es gelingt«, fuhr David fort, »was hätten Sie davon?«

»Wenn mir das gelingt, dann werde ich als Held in die Geschichte eingehen. Als der Brite, der Hitler getötet hat.« Unüberhörbar klang jetzt Stolz in Chapmans Stimme.

»Und das reicht Ihnen? Das ist Ihre Absicht? Da muss doch noch irgendwo der Haken sein?«, mischte sich nun auch Frank in das Gespräch ein.

»Einhunderttausend Pfund auf ein britisches Konto und einhunderttausend Schweizer Franken auf ein Schweizer Konto. Unabhängig vom Ergebnis. Und wenn das Attentat gelingt, dann die jeweils gleiche Summe noch einmal auf die gleichen Konten.«

»Und wofür ist das Geld, wenn Sie tot sind?«, fragte Frank.

»Ich werde bei einem Notar hinterlegen, wofür es verwendet werden soll. Das steht hier nicht zur Debatte. Ich denke, der Betrag ist bescheiden, wenn man sich vor Augen führt, was durch eine Verkürzung des Krieges an Geldern eingespart wird. Und nicht nur an Geldern. Denken Sie an die vielen Zerstörungen überall in Europa. Vor allem aber die vielen Menschenleben, und die sind mit Geld sowieso nicht aufzuwiegen.« Er unterbrach wieder, um damit die Bedeutung seiner Ausführungen zu unterstreichen. »Denken Sie darüber nach. Die Entscheidung sollte aber bald fallen, sonst werden wir womöglich von den militärischen Ereignissen überrannt. Die Chancen, an Hitler heranzukommen, werden nicht größer, und wenn ich Erfolg haben soll, muss ich schon bald wieder rüber, mich vorbereiten und vor allem aber meine Beziehungen spielen lassen.«

Nun wartete David ganz bewusst einige Sekunden, bevor er etwas erwiderte. Er rutschte auf seinem Stuhl in eine lässige Haltung, mit der er auszudrücken versuchte, dass er nicht sonderlich beeindruckt war, wenngleich innerlich ziemlich aufgewühlt. Dann fragte er Chapman so ganz nebenbei.

»Und was, wenn wir auf Ihr Angebot nicht eingehen?«

Chapman atmete kurz, aber deutlich hörbar ein.

»Ich glaube, Sie sollten sich ganz genau überlegen, ob Sie es nicht annehmen wollen. Ich sehe keine andere Möglichkeit, den Krieg vorzeitig zu beenden. Und das Geld sollte doch wohl kein Problem darstellen.« Seine Stimme zitterte jetzt und der Ton wurde lauter.

David versuchte weiter, lässig und wenig beeindruckt zu wirken. Er wollte Chapman aus der Reserve locken. Er wollte einfach wissen, was ihn zu so einem Schritt bewogen hatte. Das Geld kann es nicht sein, davon hat er nichts. Und zudem verfügte seine Familie über ausreichend Vermögen, soweit war ihm bekannt. Und sein Leben zu opfern, um als Held in die Geschichte einzugehen, das nahm er ihm nicht ab.

»Mr Chapman«, fuhr David fort. »Ich kann Ihre Absichten nicht nachvollziehen. Und ich verstehe die Gründe nicht. Überzeugen Sie mich davon. Erklären Sie mir, warum Sie das machen wollen.«

»Ich habe persönliche Gründe«, erwiderte Chapman in ruhigem Ton. Von seiner kurzen Erregung zuvor war nichts mehr zu spüren. »Ich denke, die muss ich nicht unbedingt ausführen, da sie auf die Ausführung keinen Einfluss haben.«

»Das sehe ich anders«, stellte David fest, aber Chapman machte keine Anstalten, seine Gründe darzulegen. David überlegte, ob er darauf bestehen sollte, entschied sich aber dagegen. »Sie wissen, dass ich das nicht alleine entscheiden kann. Ich werde mit dem Premierminister sprechen müssen.«

»Das weiß ich und ich bitte darum, dies bald zu tun. Denken Sie an die vielen Toten und Verletzten, die der Krieg schon gekostet hat.« Damit stand er auf und streckte David die Hand entgegen. »Ich höre wieder von ihnen?«

David nickte und gab ihm die Hand. Mr Chapman verabschiedete sich auch von Frank, dann ging er zur Tür. Ohne sich noch einmal umzudrehen verließ er den Raum.

»Was hältst du davon?«, fragte Frank, als die Tür ins Schloss gefallen und die Geräusche von draußen wieder auf das gewohnte, leichte Hintergrundgeräusch gefallen waren.

»Ich weiß nicht.« David ging langsam um seinen Schreibtisch herum. »Nach all dem, was wir von ihm wissen und was in den Akten steht, hat er bei der Abwehr und der Gestapo die besten Kontakte. Er dürfte also durchaus eine Chance haben, Hitler zu töten.«

»Und was meinst du, wird Churchill dazu sagen?«

Berlin, Prinz-Albrecht-Straße, Samstag, 29. Juli 1944, 12:20 Uhr

Hans kannte das Hotel Prinz Albrecht, den Sitz der Reichsführung-SS, mittlerweile recht gut. In dieser Gegend hatten sich, aufgrund der räumlichen Nähe zum Regierungsviertel, das Staatspolizeiamt, das Reichssicherheitshauptamt sowie weitere Institutionen niedergelassen. Ebenfalls war dort die Geheime Staatspolizei mit ihrem »Hausgefängnis« angesiedelt.

Hans Tätigkeit als einer der verantwortlichen Leiter der Raketenentwicklung und seit 1943 auch für die Entwicklung der Interkontinentalrakete zuständig, hatte ihn im Laufe der letzten Jahre wiederholt in das Machtzentrum der SS geführt. Mehrfach war er schon in Himmlers Arbeitszimmer gewesen. Viele der regelmäßigen Besprechungen fanden aber in einem eigenen Raum statt, der die Möglichkeit bot, Pläne und Skizzen auszubreiten, Fotografien auf einem großen Tisch auszulegen und Filme zu zeigen. Aufnahmen, die im Detail auf verschiedene Schwerpunkte der Arbeit selbst und die mit der Entwicklung der neuen Raketen verbundenen Probleme hinwiesen. Die Besprechungen fanden oftmals unter der Leitung von Dr. Hans Kammler statt, der sich besonders seit Ende 1943 vermehrt in die Raketenentwicklung einmischte. Gelegentlich waren Vertreter des Heereswaffenamtes zugegen, in selteneren Fällen auch Himmler persönlich. Kammler bestand darauf, immer sehr genau und ausführlich über den Entwicklungsstand informiert zu sein. Speziell für ihn mussten wiederholt umfangreiche Reports erstellt und Filme über die verschiedenen Versuchsreihen gedreht werden, die er im Rahmen der Besprechungen zu sehen wünschte. Einen solchen Termin vorzubereiten war immer mit großem Aufwand verbunden und behinderte die Weiterentwicklung immens. Generalleutnant Dornberger und Wernher von Braun taten daher alles, was in ihrer Macht stand, um diese Termine so weit wie möglich hinauszuzögern.

Diese Besprechung hatte Hans zum Glück schon hinter sich, als er sich nach zwölf auf den Weg zu seinem Treffen mit Himmler gemacht machte. Der Termin am Vormittag war diesmal überraschend kurz ausgefallen. Dr. Kammlers Bemerkungen und Zwischenfragen offenbarten deutlich, dass er nicht bei der Sache war und so reduzierten sie ihren Vortrag auf ein Minimum, um schnell zu einem Ende zu kommen. Völlig ungewohnt, ohne die üblichen Phrasen und die ständigen Hinweise auf die Dringlichkeit ihrer Arbeit, hatte Kammler den Termin vor einer halben Stunde beendet und den Raum ohne weitere Erklärung verlassen. Niemand hatte ihm das übel genommen, man war froh gewesen, wieder eine dieser lästigen Pflichtübungen hinter sich gebracht zu haben. Generalleutnant Dornberger hatte daraufhin versucht, ihren Flug zurück nach Peenemünde vorzuverlegen, doch die Maschine stünde nicht vor vierzehn Uhr zur Verfügung, hieß es.

So hatte Hans sich um einen kurzfristigen und nicht geplanten Termin bei Himmler bemüht und war doch sehr überrascht gewesen, dass dies so einfach klappte und der Reichsführer ihn empfangen würde. Himmler war sich der zentralen Rolle von Hans im Rahmen der Forschungen und Entwicklungen in Peenemünde bewusst. Das war auch der Grund, warum er ihn empfing.

Hans ging auf dem sauberen Holzboden vor Himmlers Zimmer auf und ab und seine Schritte hallten leise durch den langen Flur. Sein Blick fiel auf seine Armbanduhr. Zwanzig Minuten nach zwölf. Er hatte einen Termin für Viertel nach zwölf bekommen. Fünf Minuten waren schon verstrichen. Fünf Minuten, die viel sein konnten in einem Gespräch, dem Himmler von vorneherein nur ein paar Minuten gestattet hatte. Hoffentlich fällt der Termin nicht aus.

Plötzlich wurde der Türgriff von innen nach unten gedrückt und Hans blieb unvermittelt stehen. Seine Muskeln waren gespannt wie bei einem Tier, das, durch Geräusche erschreckt, mit dem Auftauchen eines Feindes rechnete und zur Flucht bereit war. Seine Augen waren auf die Klinke gerichtet, die sich aber nicht weiterbewegte. Jemand musste von innen an der Tür stehen, sie aber noch geschlossen halten. Die Sekunden verstrichen. Nun komm schon raus. Dann wurde die Tür unvermittelt geöffnet und ein Soldat in schwarzer Uniform trat auf den Flur. Hans achtete nicht auf die Abzeichen, den Rang oder welche Haarfarbe der Soldat hatte. Er sah nur noch die Tür vor sich.

»Bitte schön«, sagte der SS-Mann völlig unerwartet mit einem natürlichen Lächeln im Gesicht und hielt ihm die Tür auf.

»Danke«, erwiderte Hans gedanklich abwesend, dann betrat er das Büro Himmlers. Die Tür schloss sich hinter ihm.

»Guten Tag, Herr Friedel«, sagte Himmler, der am gegenüberliegenden Fenster stand und sich nun dem Besucher zuwandte, mit einer ungewöhnlich freundlichen Stimme. »Treten Sie näher.«

Hans ging mit klopfendem Herzen auf den Reichsführer zu, der ihm mit ausgestreckter Hand ein paar Schritte entgegenkam.

»Nehmen Sie Platz«, sagte Himmler nach einem kräftigen Händedruck. Er zeigte auf einen freien Stuhl. Dann ging er um den Tisch und setzte sich ebenfalls. Wieder spürte Hans die Beklemmung in der Brust und er ärgerte sich erneut, dass sich das noch immer nicht gelegt hatte.

»Ich freue mich, Sie zu sehen«, eröffnete Himmler das Gespräch. »Einen unserer wichtigsten Wissenschaftler im Reich.«

Hans lächelte und nickte kurz. Der Druck in seiner Brust schwoll an und ein Klo? hatte sich in seinem Hals eingenistet.

»Wissen Sie eigentlich«, fuhr Himmler fort, »dass Kammler sehr viel von Ihnen hält? Er hört manchmal gar nicht mehr auf, wenn er von Ihnen und Ihrer Arbeit spricht.«

»Das freut mich«, stammelte Hans und versuchte gleich, die Lorbeeren zu verteilen. »Aber ich bin auch nur einer von vielen. Ohne meine Kollegen wären wir noch nicht da, wo wir heute sind.«

»Ich weiß Ihre Bescheidenheit zu schätzen«, antwortete Himmler. »Aber ein genialer Kopf sind Sie trotzdem. Womit kann ich Ihnen helfen?«

Himmler hatte die Mundwinkel leicht nach oben gezogen und zu beiden Seiten des Gesichts zeigten sich Lachfalten, die ihn durchaus sympathisch wirken ließen. Über seiner Oberlippe deutete sich ein kleines Bärtchen an, dessen Länge die eines Dreitagebarts nicht überschritt. Um sein Kinn herum zeigte sich ein dunklerer Schatten. Mit seiner kleinen Nickelbrille wirkte er eher wie ein Lehrer als ein Mann, der über das Leben von Millionen Menschen entschied. Einzig die über den Ohren recht hoch abrasierten Haare störten das an sich relativ freundliche Aussehen eines Mannes, der mit einem strahlend weißen Hemd und exakt gebundener Krawatte vor ihm saß.

Hans schluckte zweimal, dann begann er, mit rauer Stimme direkt auf das Anliegen seines Besuchs zu kommen. Die Zeit war kostbar, ihm verblieben nur noch wenige Minuten.

»Als ich Ende Mai in Frankreich war, wurde ich verhaftet unter dem Verdacht, Informationen und Dokumente an die Engländer weitergegeben zu haben. Man hat mich stundenlang verhört, eingesperrt und erst nach Intervention von Generalleutnant Dornberger und Wernher von Braun wieder freigelassen.« Hans holte tief Luft. Er war nervös. Wenigstens musste der Kloß jetzt runtergerutscht sein, er spürte ihn kaum noch. »Gestern musste meine Frau in Dresden in die Gestapozentrale kommen, wo man ihr ein gefälschtes Dokument vorlegte, in dem man ihre Mutter als Jüdin auszuweisen versuchte. Was das für Konsequenzen für meine Familie gehabt hätte, brauche ich Ihnen ja nicht zu sagen. Vor meiner Einstellung in der Heeresversuchsanstalt wurden die Stammbäume beider Familien umfangreich durchleuchtet und unser bisheriges Leben auf den Kopf gestellt. Meine gesamte Arbeit für die Raketenentwicklung kennt nur ein Ziel, die gesetzten Anforderungen und Termine, wenn irgend möglich, umzusetzen und einzuhalten.« Hans kam langsam in Fahrt, sodass er nicht bemerkte, wie er schneller sprach und seine Stimme lauter wurde. »Ich verstehe das alles nicht. Ich habe meine Arbeit gemacht, nie etwas gegen die Partei gesagt oder getan. Ich habe überhaupt keinen Grund, mit Fremden über meine Aufgaben zu sprechen, geschweige denn Informationen an den Feind weiterzuleiten. Warum kommt man plötzlich mit solchen Anschuldigungen daher, die absolut haltlos sind? Da hat es jemand auf uns abgesehen und möchte uns schaden. Ich kann meine Arbeit nicht vernünftig fortführen, wenn ich meinen Kopf dafür nicht frei habe. Ich bitte Sie, Herr Reichsführer, sich der Sache anzunehmen und feststellen zu lassen, wer diese Verdächtigungen verbreitet und meine Familie und mich in Verruf bringt.«

»Jetzt beruhigen Sie sich erst einmal, Herr Friedel.« Himmler hatte noch immer ein leichtes Lächeln im Gesicht, wenn auch sichtbar weniger als zu Beginn des Gesprächs. »Von dem Vorfall in Frankreich habe ich gehört, kenne aber die genauen Details nicht. Die Informationen über den Besuch ihrer Frau in der Bismarckstraße gestern höre ich jetzt zum ersten Mal. Dazu kann ich Ihnen leider nichts sagen«, erwiderte Himmler und lehnte sich in seinem Stuhl zurück. »Ich bin mir sicher, dass sich das alles klären wird.«

Ich glaube dir kein Wort, dachte Hans. Du weißt genau, wovon ich rede.

»Wie Sie wissen, befinden wir uns zurzeit in der entscheidenden Phase des Krieges. Da ist es absolut notwendig, dass wir allen Spuren, welcher Art auch immer, nachgehen müssen, um zu verhindern, dass der Gegner Informationen über unsere Technik, Strategien und Absichten erfährt. Auch wenn meine Leute gewissenhaft ihrer Arbeit nachgehen, so ist es in dieser schweren Zeit durchaus möglich, dass es mal zu Verwechslungen, wie bei ihrer Frau in Dresden, oder zu Missverständnissen kommen kann. Die lassen sich dann aber oftmals schnell klären, wie es bei Ihnen ja auch der Fall war.«

Woher weißt du von der Verwechslung in Dresden, wenn du von Elisabeths Termin angeblich gerade erst erfahren hast? Hans war überzeugt, dass der Reichsführer mehr wusste, als er zugab.

»Herr Friedel«, fuhr Himmler nach einer kurzen Pause beschwichtigend fort. »Ich bin mir sicher, dass es sich hierbei nur um Missverständnisse handelt. Sie sind einer unserer fähigsten Wissenschaftler. Sie haben es geschafft, in wenigen Jahren eine Rakete zu entwickeln, die mehrere Hundert Kilometer weit fliegen und dabei bis in den Weltraum vorstoßen kann. Sie entwickeln gerade eine Interkontinentalrakete und ich bin davon überzeugt, dass Sie auch diese Aufgabe mit Erfolg erfüllen werden. Ich kann mir bei Ihnen beim besten Willen nicht vorstellen, dass diese Anschuldigungen zutreffen.«

Und warum unterbindest du sie dann nicht? dachte Hans, sagte aber nichts, sondern schaute dem Reichsführer nur ins Gesicht.

»Natürlich könnte ich dem Ganzen einen Riegel vorschieben«, fuhr dieser fort, »und anordnen, dass man die Vorwürfe gegen Sie und Ihre Familie fallen lässt.« Hans wartete auf das aber, das in der Tonlage von Himmlers Stimme mitschwang. »Dass Informationen herausgegeben wurden, steht zweifelsfrei fest. Nur wissen wir nicht von wem.« Himmler machte bewusst eine kleine Pause. Im Raum war es totenstill. In diesen zwei Sekunden drang kein Laut von der Straße oder den anderen Räumen herein. »Wenn Sie uns helfen, würde ich dafür sorgen, dass alle Anschuldigungen gegen Sie und Ihre Familie fallen gelassen werden und Sie in Zukunft auch nicht mehr behelligt werden.« Bei diesen Worten lehnte er sich wieder nach vorne, legte die Unterarme auf dem Tisch und seine linke Hand auf den Handrücken der rechten.

»Und wie soll ich Ihnen helfen?«, fragte Hans ungläubig, auch wenn ihn im Unterbewusstsein ein Gedanke beschlich, worauf der Reichsführer hinauswollte.

»Sie brauchen uns lediglich Bescheid zu geben, wenn Sie etwas Verdächtiges beobachten. Wenn einer ihrer Kollegen etwas sagt oder tut, was nicht ganz im Sinne des Nationalsozialismus oder im Einklang mit unseren Zielen und ihrer Arbeit steht.« Bei diesen Worten grinste Himmler wieder stärker um den Mund herum und blickte kurz auf seine fast quadratische Uhr an einem braunen Lederband, die er am linken Handgelenk trug.

Ich soll meine Kollegen bespitzeln, dachte Hans fassungslos und war überzeugt, dass Himmler das Entsetzen in seinem Gesicht ablesen konnte. Niemals. Niemals werde ich das tun, durchfuhr es ihn, aber er sagte nach wie vor nichts. Du Schwein.

Himmler schaute erneut auf seine Uhr. Und diesmal demonstrativ länger als gerade zuvor.

Er will mich unter Druck setzen und zu einer Entscheidung drängen. Oder hat einen Termin zum Mittagessen. Wahrscheinlich beides. Ein Gedanke durchfuhr ihn plötzlich und völlig unerwartet und ohne über mögliche Konsequenzen nachzudenken, begann er: »Herr Reichsführer. Als ich in Frankreich eingesperrt war, war ich in einer Zelle untergebracht, in der ebenfalls eine Französin mit ihren beiden Kindern gefangen gehalten wurde. Ihr Mann war als Kollaborateur erschossen worden.« Er machte bewusst eine kurze Pause, spürte einen weiteren Kloß im Hals und sein Herz im ganzen Körper pochen. Seine linke Hand begann zu zittern. Unauffällig legte er die rechte drüber. »Wenn ich Ihnen Informationen über meine Mitarbeiter geben soll, dann geht das nur, wenn diese Frau mit ihren Kindern freigelassen wird und wie ich mit meiner Familie auch, in Zukunft völlig frei und unbehelligt leben kann.«

Hans drückte mit der rechten Hand seine linken Finger weiter zusammen und hielt die Hand krampfhaft fest. Er schwitzte am Rücken und spürte Schweißperlen auf der Stirn. Was machte er hier gerade? Er hatte dem Reichsführer-SS Bedingungen gestellt. Oder treffender gesagt, der Reichsführer hat ihn erpresst und er versuchte, etwas mehr dabei herauszuholen. Was konnte er gegen diesen Mann tun, der ihm mit einem Fingerzeig das Leben nehmen konnte, ohne dass es andere interessierte. Außer seiner Familie und seinen Freunden natürlich. Er hatte keine Wahl. Er musste auf die Erpressung von Himmler eingehen, um seine Familie und sich zu retten. Und konnte dabei noch das Versprechen einlösen, das er der Französin gegeben hatte.

Himmler überlegte noch einen Moment. Dann fiel sein Blick erneut auf seine Uhr und offenbar war die Zeit um, die er für das Gespräch vorgesehen hatte. Er stand auf und sah Hans noch eine Sekunde in die Augen. Dann streckte er ihm die Hand entgegen.

»Abgemacht. Ich höre wieder von Ihnen.«

Hans erhob sich ebenfalls und gab dem Reichsführer zögernd die Hand.

Kein Wort werde ich dir sagen. Kein einziges, dachte er, während er Himmler zunickte. Dann drehte er sich um und verließ wortlos den Raum.

Darmowy fragment się skończył.

21,93 zł

Gatunki i tagi

Ograniczenie wiekowe:
0+
Objętość:
751 str. 3 ilustracji
ISBN:
9783738043747
Wydawca:
Właściciel praw:
Bookwire
Format pobierania:

Podobne książki