Czytaj książkę: «Auf der anderen Seite der Schwelle»
„Ein glücklicher Sklave
ist der erbittertste Feind der Freiheit.“
Marie von Ebner-Eschenbach
Für Marie-Luise
Beim vorliegenden Buch handelt es sich um den Folgeband des dokumentarischen Romans: „Als der Kalte Krieg am kältesten war“.
Auch dieses Buch ist den Widerständlern gewidmet, die in Zuchthäusern und Arbeitslagern der einstigen DDR über Jahre hinweg vegetieren mussten.
Raimund August
AUF DER ANDEREN SEITE DER SCHWELLE
Engelsdorfer Verlag
Leipzig
2015
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detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.
Copyright (2015) Engelsdorfer Verlag Leipzig
Alle Rechte beim Autor
Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)
www.engelsdorfer-verlag.de
Inhaltsverzeichnis
Cover
Titel
Impressum
Vorwort
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
Kapitel 41
Kapitel 42
Kapitel 43
Kapitel 44
Kapitel 45
Kapitel 46
Kapitel 47
Kapitel 48
Kapitel 49
Kapitel 50
Kapitel 51
Kapitel 52
Kapitel 53
Kapitel 54
Kapitel 55
Kapitel 56
Kapitel 57
Kapitel 58
Kapitel 59
Kapitel 60
Kapitel 61
Kapitel 62
Kapitel 63
Kapitel 64
Vorwort
Zeitzeugen aus den 50er Jahren werden rar. Wer sich für die dunklen Nachkriegskapitel der Zeitgeschichte unseres Volkes interessiert, hält hiermit eines der wertvollsten Bücher in der Hand. Raimund August ist es gelungen, auch in seinem zweiten Buch äußerst anschaulich, authentisch und plausibel Geschichte durch erlebte Geschichten aus dieser Epoche nachfolgenden Generationen nahe zu bringen.
Manches Mal wird sich der Leser fragen, wie jemand, der das hier Beschriebene als junger Mensch erleben musste, gesund alt werden konnte, ohne Schäden an Psyche und Körper davongetragen zu haben. Weder Larmoyanz noch Hass oder arrogante Überlegenheitsrhetorik grundieren das gelungene Kunstwerk.
Wer es mit dieser Haltung nur mittels souveräner Anwendung der Sprache schafft, Erlebtes, Erkanntes und Durchschautes ohne ideologische Vorgaben lebendig, also nachvollziehbar werden zu lassen, ist durchaus ein Künstler, auch wenn dieser unspektakulären Kunstrichtung innerhalb der Zeitgeistmoden wenig Aufmerksamkeit geschenkt werden sollte.
Raimund August hat sein Leiden produktiv gemacht, denn Leid kann Sinn gebären. Vor allem dem, der schon vor einer Handlung wusste, dass sie ein Risiko birgt. Insofern erlebte er seinen geheimen Widerstand gegen die SED-Diktatur und sowjetische Besatzung sowie die darauf folgende Leidenszeit in den Gefängnissen der frühen „DDR“ bewusster und souveräner als jene, die nur schuldlos Opfer eines Unrechtssystems wurden und dieses grausame Unglück mit dessen posttraumatischen Folgen nie verkraften konnten und können.
Schon für Aristoteles war das Martyrium einer gänzlich unverdienten Strafe „nicht tragisch, sondern grässlich“.
Dass Raimund August zusätzlich noch den gewaltlosen Zusammenbruch des gesamten Ostblocks und die Wiedervereinigung Deutschlands erleben durfte, wird er sicher, ganz im Gegensatz zu seinem ehemals „besten Freund“, der ihn einst verriet, als eine besondere Gnade zu genießen wissen. Doch auch wissend, dass es in der Geschichte kein ewiges „happy end“ geben kann, hat er sich nicht auf die faule Haut gelegt, sondern aufgeschrieben und gestaltet, was er besonders jungen Menschen mitzuteilen hat. Unsere dunkle Vergangenheit ist, wie jeder sehen kann, in der weiten Welt noch immer Gegenwart; und so wird es leider für alle, die an keine „Endlösung“ glauben, auch in Zukunft sein. Selbst über Deutschland und Europa ziehen wieder und wieder bedrohliche Wolken auf.
Es gibt Literatur und Kunst, die sowohl zum Leben nach dem Leben als auch zum Überleben unter widrigsten Umständen ermuntert. Dazu gehört dieses Buch.
Siegmar Faust
(politischer Häftling in Cottbus von 1974 bis 1976)
Kapitel 1
Die drei an einem sonnigen Märztag des Jahres 1954 vom Bezirksgericht Cottbus als Feinde des Volkes verurteilten jungen Männer: Sebastian Sebaldt, Totila Kunzmann und Wolfgang Mehring kletterten aus dem mit der Aufschrift VEB-Bäckereikombinat Cottbus getarnten fensterlosen Gefangenentransporter und fanden sich in einer gewölbten Durchfahrt wieder.
„Guck mal“, flüsterte Sebastian seinem Freund Totila zu und wies mit einer Kopfbewegung auf ein Gittertor. Der Blick dort hindurch stieß auf eine hohe Wand aus rotem Backstein mit Reihen kleiner vergitterter Fenster, unter denen jeweils eine weiß aufgemalte Zahl stand.
Alles Zellen, ging es Sebastian durch den Kopf.
„Anheimelnd“, sagte Totila.
Auch Wolfgang Mehring blickte nachdenklich in diese fremde Realität mit den roten Backsteinmauern und kleinen Gitterfenstern. Hier beginnt sie also, diese Welt, überlegte er. Eine Welt von der er bisher nur hinter vorgehaltener Hand gehört hatte.
Eben noch in der Gerichtszelle nach der Verabschiedung von Angehörigen, denen sie den Gerichtsflur entlang nachgeblickt hatten … Bleiben Sie da!, hatte sie einer der Stasi-Schließer dort vor der Tür eben noch angeschnauzt und mit wedelnder Handbewegung von der Türschwelle zurück in die Gerichtszelle gescheucht. Und nun das hier.
Doch ein Jahr wird auch vergehen, tröstete Wolfgang Mehring sich. Aber sieben Jahre wie sein Seminarfreund Totila oder gar zehn wie dieser Sebastian? Nee wirklich! Gar nicht auszudenken …
Drei Uniformierte, die aus einer Tür in die Durchfahrt getreten waren, durchsuchten die Kleidung der drei Neuzugänge, klopften sie ab, griffen in alle Taschen, teilweise mussten die drei sich auch ausziehen. Die Nähte wurden gefilzt und die Schuhe untersucht … danach berieten die Posten sich kurz und blätterten dabei in mitgeschickten Papieren. „Langstrafer“, vernahmen die Freunde von den Wachtposten, die diesen Begriff unter sich gebrauchten, zum ersten Mal. So wurden sie dann auch gleich vorsortiert, indem Mehring als erster, die Hände auf dem Rücken, durchs Gittertor und über den Hof weggeführt wurde.
Für die Verurteilten neigte sich ein langer Tag allmählich seinem Ende zu.
Schließlich gingen auch Totila und Sebastian, die Hände auf dem Rücken und einen Wachtposten hinter sich, gemeinsam über diesen Hof. Die Sonne stand bereits schräg hinter den Gebäudekomplexen der Anstalt, die schon längere Schatten warfen. Wolkenflocken schwammen, in einem rosa Licht leuchtend, im dämmernden Blau eines weiten Abendhimmels.
Gut, sagte Sebastian sich, dass man überhaupt wieder mal in die Weite eines Himmels blicken konnte, ganz gleich ob in einen blauen Frühlings- oder grauen Winterhimmel. Das schneeverhangene Grau oder dunkle Blau eines Himmels an eisig klaren Wintertagen hatte er monatelang nur durch die kleinen Rillenglasscheiben der vergitterten Fenster eines Stasiverlieses verschwommen wahrnehmen können. Wenigstens etwas hatte sich schon verbessert und eine Ungewissheit war der Gewissheit gewichen. Er kannte nun auch die Höhe seines Urteils und konnte in die Weite eines hohen Himmels blicken.
Die beiden Freunde fanden sich schließlich von einem Wachtposten dirigiert vor der Tür einer Zelle wieder und betraten einen größeren Raum, der sich als bis unter die Decke mit vierstöckigen Metallbetten vollgestellt erwies. Die Türe fiel hinter ihnen ins Schloss und beide sahen sich um.
Totila schüttelte den Kopf. „Lange bleiben wir hier nicht.“
Sebastian lachte. „Betten hätten wir auf alle Fälle mehr als genug. Hast du schon mal auf ’nem Strohsack geschlafen?“
„Auf Stroh schon, aber Strohsack? Nee.“ Totila schüttelte den Kopf.
Sebastian trat an eines dieser Bettgestelle auf dem so ein Strohsack lag, betrachtete ihn und schlug mit der flachen Hand darauf. „Nur Staub und Häcksel“, erklärte er hustend in einer Staubwolke stehend.
„Du musst ja auch nicht gleich so drauf herumdreschen. Ist immerhin Volkseigentum.“ Und über Totilas Gesicht huschte ein kurzes Lächeln. „Aber hier hat im Gegensatz zur Spreestraße“, fuhr er fort, „die Zivilisation bereits Einzug gehalten. Siehst du hier irgendwo so ’nen Scheißkübel?“
Sebastian schüttelte den Kopf und wies auf einen in die Zelle hineinragenden Vorbau zwischen zwei Fenstern. „Ich seh’ dort aber eine Tür.“
Beide gingen gespannt darauf zu und Totila öffnete. Dazu schob er einen kleinen Riegel zurück. Sie standen überrascht vor einem richtigen Porzellan-WC. In der Rückwand dieser kleinen Toilettenzelle gab es ein circa handtellergroßes Fensterchen, durch das man hinaus in den Hof sehen konnte.
„Geht das ebenso von innen?“ Sebastian sah sich die Türe an und fand auch eine Innenverriegelung.
„Tatsächlich“, sagte er grinsend, „ein zivilisatorischer Fortschritt. Der ‚Humane Strafvollzug’, von dem mein Vernehmer mir immer erzählt hat.“
Totila schloss die Toilettentüre, drehte sich um und winkte ab. „Diese kleinen Scheißhäuser haben wir nicht der DDR zu verdanken, die gab’s mit dem Knast hier schon vor hundert Jahren.“
„Weiß ich nicht. Wahrscheinlicher ist, die haben sie erst später eingebaut.“
„Dann aber bestimmt nicht in der DDR.“
„Du nimmst mir auch jede Illusion“, erklärte Sebastian und ging die wenigen Schritte zu einem halboffenen Fenster, lehnte sich eng gegen die Gitterstäbe und konnte dabei in ein ebenso offenstehendes Fenster der Nebenzelle blicken.
„Komm mal her“, winkte er Totila heran. „Das sind dort richtige Gefangene“, sagte er und beide betrachteten die Gefangenen in ihren bläulich gestreiften Hemden, unter verwaschenen hellblauen Jacken mit breiten gelben Streifen längs der Ärmel und des Rückens, die dort an den Fenstern standen. „So sehen wir selber bald aus.“
Auch die von drüben sahen dann interessiert herüber und winkten. „Wo kommt ihr denn her?“
„Von der Stasi, Spreestraße …“, antwortete Sebastian.
„Na woher schon? Vom Gericht“, ergänzte Totila.
Die nebenan am Fenster lachten. „Worüber lachen die denn?“, fragte Sebastian den Freund.
Totila hob die Schultern: „Was weiß ich?“
Doch da kam von dort auch schon die Frage nach der Höhe der Verurteilung.
„Zehn und sieben Jahre Artikel 6“, antwortete Sebastian.
Unverständnis am anderen Fenster und dann auch prompt die Frage: „Was’n das?“
„Na, Staatsverleumdung, Spionage, Boykotthetze und so weiter …“
Am Fenster nebenan wieder Verwirrung. „Mordhetze?“, fragte schließlich einer zögerlich.
„Ja, ja, auch das“, winkte Sebastian ab, als er begriff, dass die mit solchen Anklagen nichts anzufangen wussten. Mordhetze schon, das konnten sie verstehen, aber Boykotthetze?
„Was habt denn ihr?“, fragte Totila zurück.
„Acht Monate“, sagte einer, „anderthalb Jahre“, ein anderer. „Sechs Monate, zweieinhalb Jahre“, die nächsten beiden.
„Und wofür?“
Die nebenan lachten wieder. „Körperverletzung, Taschendiebstahl, Einbruch“, sagte einer. „Unterschlagung“, ergänzte ein anderer.
„Lohnt sich denn das überhaupt noch, also Unterschlagung, Diebstahl und so …?“
„Warum fragst du?“
„Ich meine bei dem Ostgeld hier“, antwortete Sebastian. „Was wollt ihr denn damit? Dafür kriegt man doch nichts.“
„Was ich mit Geld will?“, fragte einer. „Ne doofe Frage. Ich brauch dann nicht malochen geh’n. Ist doch schon was, oder?“
„Na gut, aber Arbeitsbummelei fällt auf und ist strafbar. Es gibt schließlich die gesetzliche Arbeitspflicht.“
Die nebenan lachten nur wieder.
„Spionage?“, fragte schließlich einer.
„Ja“, sagte Sebastian, „das auch. Organisation Gehlen.“
„Wer?“, kam etwas ratlos die Frage zurück.
„Westdeutscher Nachrichtendienst“, vereinfachte Totila die Antwort.
„Dann müsst ihr ja bombig verdient haben.“
„Sebastian schüttelte lachend den Kopf. „Alles ehrenamtlich“, sagte er. „Das müssen die aus Kitschromanen haben“, wandte er sich etwas leiser an seinen Freund.
„Und dann haben se euch jeschnappt. Und wie …?“hörten sie wieder eine Stimme von nebenan.
„Verrat. Ein Freund hat uns verraten“, erklärte Totila.
„War wohl ’n Überzeugter?“
Sebastian schüttelte den Kopf. „Nee“, sagte er, „einen guten Posten, am besten gleich bei der Stasi oder in der Partei, das war’s.“
„Auf eure Kosten? Da hat der euch aber janz schön anjeschissen …“
„Nicht nur uns.“
„Een Schweinehund!“
Sebastian nickte.
„Da möcht’ ich aber jetzt nich in eure Haut stecken“, meinte einer. „Zehn Jahre, da gibt’s nämlich Glatze und ihr werd’ ins Zellenhaus gesteckt. Der Bau da direkt vor euch“, und er wies mit der Hand aus dem Fenster.
„Glatze?“ Sebastian fuhr sich unwillkürlich mit der Hand durchs Haar.
„Klar, is gegen Läuse jut und brauchst dann keen Kamm nich mehr.“
„Bei sieben Jahren auch?“, fragte Totila.
„Klar, sieben Jahre, bist ja n Langstrafer. Unter fünfen sitzt da keener.“
„Und alle mit ’ner Platte“, fügte ein anderer grinsend hinzu. „Im obersten Stock sind dort ooch die Lebenslänglichen, die machen immer extra Freistunde.“
„Freistunde?“, fragte Totila, „was ist denn das wieder?“
„Im Hof immer im Kreise loofen, im Gleichschritt“, erklärte einer, wies aus dem Fenster und lachte dazu. Im Gänsemarsch, eener hinter’m andern, aber immer schön im Abstand …“
„Eine Stunde?“, wunderte Sebastian sich.
„Quatsch“, kam die Antwort, „’ne halbe Stunde, oft ooch weniger. Dabei noch fünf bis zehn Minuten Freiübungen.“
„Dafür gibt’s ’n Vorturner“, ergänzte ein anderer. „Ihr werd’s ja selber erleben.“
Als das Schloss krachte und die Zellentür aufflog, wandten die beiden sich rasch vom Fenster ab und der Türe zu.
Dort stand einer dieser uniformierten Schließer und ließ den langen Schlüssel ungeduldig kreisen. „Und?“, fragte er schließlich.
Die beiden sahen ihn verständnislos an.
„Woher kommen Se denn?“
„Aus der Spreestraße.“
„Na dann wissen Se doch, dass Se Meldung zu machen haben“, fuhr der Schließer die beiden an.
„Was sollen wir denn melden?“, fragte Totila mit unschuldiger Miene.
„Se sind hier im Strafvollzug“, reagierte der Schließer verärgert. „Wie heißen Se denn?“
„Kunzmann“, sagte Totila.
„Sebaldt“, antwortete Sebastian.
„Se melden sich als Strafgefangene Kunzmann und Sebaldt mit Zellennummer, wo Se sich grade aufhalten.“
„Wir kennen aber die Nummer hier gar nicht“, sagte Sebastian.
Der Wachtmeister winkte ab. „Se bleiben ja nich hier, wissen aber jetzt Bescheid.“ Dann verließ er auch schon die Zelle, ohne dass das mit der Nummer geklärt worden war. Schloss und Riegel krachten wieder und Schritte entfernten sich auf dem Gang.
Draußen wanderten die Schlagschatten der Gebäude, allmählich länger geworden, ganz langsam über den Hof.
„Wie spät könnte es sein?“
Totila zuckte mit den Schultern und hob dazu die Hände. „Halb sieben, sieben …“, sagte er. „Schätze ich wenigstens.“
„Auch so ’ne Sache: Wir werden über Jahre nicht selber mehr eine Uhrzeit ermitteln können“, sinnierte Sebastian laut vor sich hin.
Totila schüttelte den Kopf. „Was willst du hier mit ’ner Uhr? Aber jetzt ganz was anderes“, fuhr er fort, „hast du schon mal dran gedacht, dass wir den ganzen Tag noch nischt zu essen gekriegt haben?“
Sebastian, der wieder zum Fenster hinaus sah, wandte sich um. „Da haste Recht.
Mir fehlt aber noch jedes Hungergefühl“, sagte er. „Überleg’ doch mal was wir in der Gerichtszelle alles in uns hineingefressen haben. Wenn das nicht gewesen wäre … aber das alles werden wir nun jahrelang nicht mehr zu sehen kriegen.“
„Doch das jetzt hier …“ Totila sah sich um. „Was die sich dabei bloß denken?“
„Wahrscheinlich gar nichts“, antwortete Sebastian. „In keinem der Lenin’schen oder Stalin’schen Manifeste steht ja geschrieben, dass sie uns als ihre Feinde lieben sollen.“
„Du meinst, weil Liebe angeblich durch den Magen geht?“
Dann schwiegen beide wieder. Sebastian sah zum Fenster hinaus in den rosa und violett angehauchten Abendhimmel, in dem die fernen Kronen der alten Kastanienbäume sich schwarz wie Scherenschnitte abzeichneten.
Totila saß grübelnd leicht zusammengesunken auf seinem Hocker.
Beide vernahmen dann das lärmende Krachen von Schlössern, das näher kam.
Sie stellten sich in einigem Abstand vor der Türe auf, bis auch die aufsprang und ein uniformierter Schließer mit einer Art Kladde in der einen und einem Stift in der anderen Hand sie auffordernd ansah.
„Zelle …“ Totila zögerte einen Moment, „wir wissen die Nummer noch nicht“, sagte er, „aber belegt mit zwei Strafgefangenen, meldet Strafgefangener Kunzmann.“
„Was?“, fragte der Schließer, streckte den Kopf leicht vor und drehte ihn dabei etwas zur Seite. „Wollen Se mir vielleicht off ’n Arm nehmen? Sie kenn’ die Nummer Ihrer Zelle nich?“
„Wir sind doch erst seit heute hier …“, versuchte Sebastian zu erklären.
Der Schließer zog seinen vorgestreckten Kopf zurück. „Sie hatten doch Oogen im Koppe als Se hier her gebracht wurden oder könn’ Se keene Zahl’n lesen?“ Bevor der Stationskalfaktor schließlich die Türe zuwarf, hörten sie den Schließer noch so was wie „Zelle fünfundzwanzig“, brummen. Dann krachte auch schon das Schloss und der schwere Riegel klirrte in seine Halterung.
„Könn’ Se keene Zahl’n lesen?“, äffte Totila den Schließer nach. „Ich möchte den mal sehen ob der, grade eben zu vielen Jahren Zuchthaus verurteilt, dann auf Zellennummern achten würde.“
Sebastian zuckte lächelnd mit den Schultern. „Zellennummern“, sagte er, „gehören nun mal in seinen Alltag. Wahrscheinlich kann der sich nicht vorstellen, dass für einen der gerade eben sieben oder zehn Jahre Knast verpasst gekriegt hat, anderes wichtiger ist als Zellennummern.“ Dabei ging er vor den Fenstern langsam auf und ab. „Na gut“, sagte er, „Nummer fünfundzwanzig, das wissen wir jetzt.“
„Vorhin der eine Schließer hat aber gesagt, wir blieben sowieso nicht hier“, erinnerte Totila den Freund.
„Weiß ich“, sagte der. „Die von nebenan“, dazu wies er mit dem Daumen gegen die Wand, „haben ja auch erklärt wir würden ins Zellenhaus kommen, als Langstrafer.“
„Na schön, heute wird nichts mehr passieren“, sagte Totila, „das geht erst morgen richtig los. Wir werden uns bald ein Bett aussuchen müssen.“
Beide saßen auf vorgefundenen Hockern. Sebastian lehnte sich gegen den Tisch, einen Arm flach auf der Tischplatte.
Und Totila saß vorgebeugt, mit den Ellenbogen auf den Knien. „Wirklich nicht zu sagen“, erklärte er nach längerem Schweigen und richtete sich auf, „wie beschissen die Lage ist!“
„Das wird uns erst langsam klar werden“, bestätigte Sebastian diese kohlrabenschwarze Einschätzung des Freundes. „Mir ist so als wäre das mit der Verhandlung schon viele Tage her, dabei war’s erst heute Nachmittag. Aber immerhin, Zeit haben wir ja genug.“
Und wieder schwiegen beide. Jeder mit sich alleine und mit dem beschäftigt was in weiter Ferne lag, wie ein Nebel der noch undurchdringlich schien. Draußen stieg dunstig die Dämmerung auf, vom Scheinwerferlicht der Wachtürme diesig zerstrahlt und zurückgeworfen vom Weiß der Mauern und Werkstattgebäude.
Totila war ans Fenster getreten. „Du meine Güte, da oben sieht man ja schon die Sterne“, und er wies mit der Hand in den Nachthimmel. Es ist spät …“
„Bei dieser Lampenherrlichkeit da draußen wird’s eben nie dunkel in den Zellen.
„Man wird sich daran gewöhnen müssen. Wir sollten uns auf ’s Ohr hauen.
Morgen werden die uns bestimmt zeitig rausschmeißen.“
„Kannst du denn schlafen?“, fragte Totila und sah den Freund zweifelnd an.
„Ich denke schon. Das ganze Theater heute war doch anstrengend genug.“
„Richtig, aber ich bin noch ganz schön aufgekratzt … mal seh’n ob’s klappt mit dem Einschlafen. Aber hinhauen sollten wir uns schon, da haste recht. Morgen kommt ja noch einiges auf uns zu. Und ob wir dann noch zusammenbleiben, steht auch in den Sternen.“
„Damit sollten wir vielleicht besser nicht rechnen. Dann seh’n wir uns womöglich nur noch von weitem draußen bei der Freistunde.“
Totila hob dazu nur kurz die Schultern.
Kapitel 2
Als die schrillen Schläge einer Glocke die beiden auf ihren Strohsäcken in die Höhe fahren ließen. sahen sie sich verstört um.
„Scheiße“, entfuhr es Sebastian.
„Bitte etwas vornehmer“, murmelte Totila noch nicht ganz wach. „Elend kalt heute Nacht“, sagte er und rieb sich die Hände. „Eiskalt und klamm die Pfoten …“
„Und nicht nur die“, ergänzte Sebastian.
„Also Decken hätten die uns schon geben müssen …“
„Was heißt müssen? Deine bürgerlichen Rechte sind dir als Kriegsverbrecher vom Gericht gestern gerade eben aberkannt worden.“
„Es gibt schließlich Menschenrechte.“
Sebastian lachte. „Ja schon“, sagte er, „aber wo fangen die hier an und wo hören sie auf?“
„Hörst du?“, unterbrach Totila Sebastians skeptische Ausführungen und hob dazu, den Kopf lauschend gegen die Tür gerichtet, die Hand: „Wir müssen machen“, sagte er dann, „die sind gleich hier. Angezogen sind wir zum Glück schon …“ Beide fuhren in die Schuhe ohne Schnürsenkel und standen in dem Moment im vorgeschriebenen Abstand vor der Tür, als diese krachend aufflog und ein ihnen vom Sehen noch nicht bekannter Schließer darin stand.
Die beiden Freunde tauschten einen kurzen Blick und Totila meldete: „Zelle 25 belegt mit zwei Strafgefangenen, meldet Strafgefangener Kunzmann.“
Der Schließer sah die beiden kurz an, hakte deren Anwesenheit in der Kladde ab und der Kalfaktor warf die Türe zu. Schloss und Riegel krachten fast gleichzeitig und beide atmeten erleichtert auf .
„Das nächste Mal meldest du“, wandte Totila sich an den Freund.
Der nickte. „Aber das war jetzt wohl ’ne Zählung. Mich interessiert, ob die uns irgendwas zu essen geben …“ Und wieder hörten sie nach einiger Zeit auf dem Gang draußen Schritte die sich näherten. Beide standen horchend in der Zelle, als wieder Schloss und Riegel krachten.
Was woll’n die denn jetzt noch von uns, dachte Sebastian und begann angesichts eines Wachtmeisters auch gleich mit der Meldung: „Zelle 25 belegt mit zwei Strafgefangenen …“ Der Wachmeister winkte ab. „Hab’n Se alle Sachen bei sich?“
„Welche Sachen?“
„Na was Se am Leibe tragen“, gab der Wachmeister in nicht gerade freundlicher Stimmung den beiden zu verstehen.
„Ja klar, haben wir alles.“
Auch Totila blickte kurz an sich hinab und nickte. „Alles da.“
„Dann kommen Se“, und der Wachmeister winkte dazu mit dem Schlüssel.
Die beiden Neuzugänge traten durch die Tür auf den Gang.
„Bleiben Se stehen.“, vernahmen sie hinter sich die Stimme des Wachmeisters, der noch die leere Zelle abschloss. Und dann wieder: „Gehen Se!“
„Hierher kommen wir nicht mehr zurück“, murmelte Totila, als beide nebeneinander den langen Gang entlang und an den Zellentüren vorbei liefen.
Dann ging’s durch Gittertüren hinaus auf den Hof.
„Nach links“, hörten sie die Stimme hinter sich und folgten der Richtung über den weiten Hof, in dessen Mitte in einem Rechteck Rasen wuchs. Dahinter und rechts daneben flache weißgetünchte Werkstattgebäude mit hohen Fabrikfenstern und ein Stück weißer Zuchthausmauer mit Glasscherben oben auf der Schräge. Darüber erhob sich noch ein mit einem Posten besetzter Wachturm.
„Weiter nach links“, hörten sie wieder die Stimme des Wachtmeisters. Sie steuerten auf ein zweistöckiges auch wieder weißgetünchtes Gebäude zu.
„Dort durch die Tür“, vernahmen sie die leicht mürrische Stimme hinter sich, „da geben Se dann Ihre Sachen ab und werden eingekleidet.“
Eingekleidet. Was für ein Wort, ging es Sebastian durch den Kopf. Auch Tote werden eingekleidet. Es ist zwar kein Totenhemd das man uns hier verpassen wird, sondern bloß eine Zuchthauskluft, in die wir für viele Jahre gesteckt werden. Man kleidet sich nicht, man wird gekleidet. Es ist das der Begriff für eine Uniform …
Sebastian und Totila traten durch eine halb offen stehende Tür: Dort empfing sie ein langgestreckter Raum mit hohen Regalen an den Wänden, vollgestapelt mit diesen blassblauen zerschlissenen Anstaltsklamotten, die sie schon an anderen Häftlingen gestern Abend am Fenster und auch am Kalfaktor gesehen hatten. Durch den Raum reichte ein langer mit Eisenblech beschlagener Tresen, hinter denen Gefangene, in eben dieser uniformen aber nicht ganz so abgewetzten Zuchthauskleidung, anderen Neuzugängen oft arg zerschlissene Sachen zuwarfen: Jacken, Hosen mit diesen eingenähten breiten gelben Streifen an Ärmeln, am Rücken und an den Hosenbeinen. Dazu Hemden ohne Kragen, lange Unterhosen, klobige Holzschuhe, total zerstopfte Strümpfe, eine runde Stoffmütze, auch mit eingenähtem gelben Streifen. Je eine graue speckige Decke wie sie die von der Spreestraße her schon kannten. Essschüsseln aus Aluminium, ebensolche Becher sowie Löffel. Hölzerne Zahnbürsten, Zahnseife, Seife, dazu Seifenschachteln aus Zelluloid und nicht zuletzt auch je ein Paar Schlappen für den Aufenthalt in der Zelle …
„Na zumindest gibt’s hier Seife und Zahnbürste“, murmelte Totila.
„Und Handtücher“, ergänzte Sebastian.
´Die beiden Freunde mussten noch warten und sahen so der Verteilung dieser anstaltseigenen Habseligkeiten zu. Ein richtiger kleiner Berg den ein Gefangener da zusammenraffen und dann eine hölzerne Treppe hoch ins Obergeschoß schleppen musste. Von dort kamen Neuzugänge, im Gegenzug bereits in Zuchthausuniformen, dazu diese schweren Holzschuhe an den Füßen, runde Stoffmützen auf dem Kopf, die Treppe heruntergepoltert, mit dem Deckenbündel in den Armen in das Schüssel, Trinkbecher und die anderen Utensilien gewickelt waren.
Schließlich kamen auch sie an die Reihe. Die hinter’m Tresen taxierten die beiden kurz und warfen ihnen dann aus den Regalen Jacken, Hosen, Hemden Unterhosen und Decken zu.
„Schuhgröße?“
„Dreiundvierzig“, sagte Sebastian.
„Einundvierzig“, antwortete Totila.
Dann bumsten auch schon zwei Paar ziemlich abgelaufene Holzschuhe auf den Tresen.
„Abgelatscht ist doch gut“, sagte Sebastian, dem es besonders vor diesen unförmigen Botten grauste, „dann sind die nicht mehr so schwer wie ganz neue.“ Zum Schluss klatschten noch zwei Paar ziemlich abgelederte Schlappen auf den Tresen.
Dann gingen auch die beiden mit ihren Bündeln hintereinander über die Holzstufen nach oben.
Und wieder polterten ihnen von dort neu ausstaffierte Leidensgenossen entgegen. Neben Totila rutschte einer mit den Holzsohlen von den Stufen, konnte sich aber wieder fangen. Nur eine Aluminiumschüssel fiel aus der Decke und kollerte scheppernd von Stufe zu Stufe nach unten.
„Passen Se doch auf, Sie Stiesel!“, wurde er prompt vom Wachtmeister angeraunzt, der diesen Dreimanntrupp nach unten geleitete. Sebastian musterte die wie zu einem Mummenschanz verkleideten Gestalten im Vorübergehen.
„Hast doch Oogen im Kopp“, bullerte dann auch der Wachtmeister, der die beiden Freunde nach oben führte.
„Die seh’n alle wie Vogelscheuchen aus“, raunte Totila Sebastian zu.
„Wo haben die das zerschlissene Zeugs bloß her?“, murmelte der.
Oben angekommen empfing sie ein ebenso großer Raum wie unten im Parterre, mit einem ähnlichen Tresen wie dort. Regale an den Wänden voller Kartons und Schachteln.
„Los, los umzieh’n“, wurden sie auch hier wieder von Gefangenen angetrieben.
„Legt Eure Sachen hier hin“, sagte einer und schlug mit der flachen Hand auf eine Stelle des Tresens.
„Wir haben doch nichts mehr“, warf Sebastian ein, „das hat man uns in der Spreestraße schon abgenommen.“
„Na Eure Klamotten zumindest.“
Und beide begannen sich auszuziehen.
Der Kammerbulle zog sich indes zwei Schachteln über den Tresen.
„Also hier“, fragte er, als die beiden halb ausgezogen vor den geöffneten Schachteln standen, „ist noch alles vorhanden?“ Dazu schob er Totila und Sebastian je eine dieser Pappschachteln zu.
Beide bestätigten die Vollständigkeit der dort gelagerten Sachen, einschließlich Armbanduhren und Geldbörsen, deren Inhalt auf entsprechend eingerichtete Konten überwiesen worden sei, wie man ihnen mitgeteilt hatte. Auf einer Liste unterschrieben sie die festgestellte Vollständigkeit.
Kurz danach standen sie schließlich splitternackt im Raum und kletterten nach kurzer Überwindung in die verschlissenen Anstaltsklamotten.
Spiegel gab es natürlich nirgends, so aber konnte Sebastian sich, wenn er Totila betrachtete, gut vorstellen welch kläglichen Anblick er selbst abgab und umgekehrt: Die Hosen zu lang, die Jackenärmel zu kurz. „Ich seh’ ja um die Beine unten herum wie ’ne Friedenstaube aus“, erklärte er, indem er an sich hinabsah.
„Friedenstaube?“, fragte Totila verächtlich und krempelte sich dabei gebückt die auch ihm zu langen Hosenbeine um. „Bist doch gerade als Kriegsverbrecher verurteilt worden.“
„Quasseln Se nich und machen Se hin!“, trieb der Wachtmeister zur Eile.
Als sie dann in ihrer neuen Verkleidung gerade wieder hinaus auf den Hof getreten waren, bemerkte Sebastian, dass er seinen Taschenkamm in den abgegebenen Zivilklamotten vergessen hatte. Er bat daraufhin den Wachtmeister wegen des vergessenen Kamms doch schnell noch mal die paar Meter zurückgehen zu dürfen.
„Wie hoch is ’n Ihre Strafe“, fragte der.
„Zehn Jahre.“
Der Wachtmeister winkte ab. „Komm Se schon, da brauchen Se doch keen Kamm nich mehr.“
Also tatsächlich Glatze, ging es Sebastian durch den Kopf.
Die beiden Freunde stolperten dann in diesen Holzschuhen, mit den Deckenbündeln in den Armen, über den kopfsteingepflasterten Hof vor dem Wachtmeister her.
„Ein bissel schneller“, monierte der, „ich hab’ hier nich den halben Tag lang Zeit.“
„Wir üben doch das Laufen erst noch“, wandte Totila ein und wies dazu auf die Schuhe an seinen Füßen.
„Hab ich auch noch nich gehört“, murrte der Wachmeister vor sich hin und laut sagte er: „Das könn’ Se später noch dauernd machen. Zeit dazu haben Se ja reichlich mitgebracht.“ Schließlich dirigierte er die beiden auf den Backsteinbau mit den vielen kleinen Fenstern zu.
„Der Zellenbau“, sagte Sebastian gedämpft.
„Da haben wir den Salat!“, murmelte Totila.
Ein älterer Wachtmeister trat, als sie davor standen, von innen an die Gittertür und schloss auf. „Komm’ Se schon“, sagte der und: „Bleiben Se da steh’n.“ Er wies dazu auf eine Stelle an der Wand. Beide Wachtmeister verschwanden dann hinter einer anderen Tür.
Nach einiger Zeit, die die beiden Neuen in Erwartung allen Übels schweigend mit sich selbst beschäftigt verbracht hatten, trat ein dritter Posten aus dieser Tür und schloss das Gitter zum Treppenhaus auf. „Kommen Se!“ Es ging über hohe glatte Granitstufen aufwärts … „Verdammter Mist! Das geht hier wirklich bloß mit Übung“, brummte Sebastian, als er mit einem seiner Holzschuhe leicht seitwärts weggerutscht war.
An jedem Stockwerk und Treppenabsatz mit hohen vergitterten Fenstern gab es wieder Gittertüren. Gitter, überall Gitter … Und immer das dröhnende Krachen der Schlösser, das durch den ganzen Bau hallte, wenn die Wachtposten Zellen- und Gittertüren auf und wieder zuschlossen. Eine verschlossene Welt, machte Sebastian sich klar, die nur Schließer oder Eingeschlossene kennen. In Ku’damm Kinos, in amerikanischen Krimis, hatte er schon ähnliches gesehen: So einen Lichtschacht oben vom Dach bis hinab in den Keller und diese darüber gespannten grobmaschigen Drahtnetze, die er allerdings bereits von der Spreestraße her kannte. Und jetzt befanden sie sich mittendrin in so einem Film, der kein Film war … Das Treppensteigen endete schließlich ganz oben. Das Dach selbst mit Reihen kleiner Fenster über dem Lichtschacht war dort recht nah. Um jede Seite dieses Schachts lief eine hölzerne Galerie wie auf allen Stockwerken mit je einem eisernen Geländer an der Seite zum Schacht und eisenbeschlagenen grau gestrichenen Zellentüren mit weißen Nummern links und ebenso rechts des Schachts.
Dann klapperten sie beide mit den schweren Botten, Holz auf Holz, über die Galerie der rechten Seite, vorbei an diesen grauen Türen, bis zur Nummer 96.
„Halt! Bleiben Sie steh’n!“ Der Schließer blickte kurz durch den Spion und schloss die Türe auf.
In der Zelle standen zwischen doppelstöckigen hölzernen Bettgestellen ziemlich verunsichert zwei Vogelscheuchen wie sie selbst. Der ältere von beiden versuchte eine Meldung. Der Schließer winkte ab. „Na geh’n Se schon, geh’n Se da rein.“, forderte er die beiden Neuen auf. Dazu wies er mit dem Schlüssel in die Zelle und so gesellten die beiden sich mit ihren Bündeln zu den verschreckten Schicksalsgenossen, während die Türe hinter ihnen wieder ins Schloss krachte.
Beide warfen ihre Bündel auf zwei unbesetzte Betten.
Nach einer kurzen ersten Begrüßung sah Totila sich in der Zelle um. „ Wenigstens besser als bei der Stasi“, erklärte er.
Sebastian stimmte dem zu. „Aber den Scheißkübel in der Ecke“, sagte er, „den haben wir auch hier wieder. Und wenn ich mir dazu vorstelle, viele Jahre in so’ner Zelle?“ Er schüttelte den Kopf und wandte sich den beiden andern zu: „Ihr seid doch auch noch nicht lange hier oder?“
„Nee, auch erst seit gestern“, sagte der Jüngere und nannte seinen Namen: „Hannes, Hannes Kretschmann. Und das hier ist Herbert.“ Dazu schlug er dem Älteren auf die Schulter und reichte den beiden Neuen die Hand.
„Hannes? Hannes …?“, sinnierte Sebastian laut. Dann blickte er Hannes Kretschmann an.
„Wir haben doch miteinander geklopft …?“
Hannes grinste, nahm die hölzerne Zahnbürste aus seinem Aluminiumbecher in einem Regalfach und klopfte damit seinen Namen gegen die Zellenwand.
Sebastians Gesicht hellte sich auf. „Die Zelle über mir“, sagte er. „Na klar“, fuhr er fort, „du warst doch bei dieser Kampfgruppe in West-Berlin?“
„KgU“, sagte Hannes Kretschmann und nickte.
„Und jetzt bist du hier zum zweiten Mal im Knast, hattest du mir jedenfalls durchgeklopft oder?“
„Zum dritten Mal“, berichtigte Hannes, „aber diesmal politisch, Artikel 6.“
„Ja und die andern Male …?“
„Diebstahl von Volkseigentum. Hab aus ’nem Betrieb Werkzeug mitgehen lassen.“
„Du bist ja einen Tag vor uns verurteilt worden. Was haben sie dir denn dafür eingeschenkt?“
„Sechs Jahre.“
„Artikel 6?“
„Ja, natürlich“, beeilte Hannes sich zu bestätigen. Ich war ja auch schon mal wegen Körperverletzung verurteilt. Drei Jahre. Hab den Sohn vom Parteisekretär vertrimmt. Und im Knast hab’ ich dann Politische getroffen, so’ne wie euch, Artikel 6er.“
„Musste denn der Sohn vom Parteisekretär nachdem du ihn vertrimmt hattest ins Krankenhaus?“
„Ach wo, bloß Nasenbluten.“
„Für das bisschen Körperverletzung gleich drei Jahre?“, fragte Sebastian.
„Na ja, der Sohn vom Parteisekretär“, erklärte Hannes.
„Dann war’s doch auch schon was Politisches.“
Hannes winkte ab. „Körperverletzung ist doch nicht Artikel 6. Und von der Kampfgruppe, also ‚Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit‘, hab’ ich ja erst im Knast von Politischen gehört. Gedacht hatte ich ja immer schon wie die.“
„Und jetzt bist du’s selber“, sagte Sebastian, „bist’n Artikel 6er.“
„Richtig“, bestätigte Hannes kopfnickend.
„Aber das kostet dich sechs Jahre, die höchste Strafe, die du dir bisher eingefangen hast. Wie haben die dich denn erwischt?“
„Ich hatte den Jungs im Knast versprochen von draußen ein Eisensägeblatt in einer Wurst versteckt mit ’nem Monatspäckchen zu schicken.“
„Und das hast du gemacht?“
„Hatte ich versprochen …“
„Aber das wissen doch alle, sogar jeder Neue hier hat schon davon gehört“, sagte Sebastian, „wie die mit dem Inhalt solcher Päckchen umgehen: „Alles, Wurst, Käse, Apfelsinen … wird bei der Ausgabe kurz und klein geschnitten.
Vor allem Westsachen aus den Päckchen.“
„Das weiß ja wirklich jeder“, ließ auch Totila sich hören. „Aber was hat das nun mit der KgU zu tun? Abgesehen mal davon, dass das mit dem Sägeblatt schon total bescheuert ist, wie aber konnte dir die KgU so was auch noch besorgen?
Das wäre schon mehr als nur grobe Fahrlässigkeit.“
„Was hast du denen bei der KgU denn erzählt?“, fragte Sebastian.
„Ich hab’ von ihren Leuten im Knast erzählt …“
„Haben die das alles geglaubt?“
„Na klar, die hatten mir auch das Sägeblatt besorgt.“
„So klar ist das nicht“, mischte Totila sich wieder ein, „du konntest genau so gut von der Stasi gewesen sein.“
Die beiden Freunde spürten schon, dass da was nicht stimmte. Das mit dem Eisensägeblatt und der Wurst war nicht nur bescheuert, sondern geisteskrank, ging es Sebastian durch den Kopf. Aber einen geisteskranken Eindruck machte dieser Hannes durchaus nicht. Auch Totila schossen widersprüchliche Überlegungen durch’s Hirn: Wenn dieser Hannes bei der KgU gewesen war, dann doch nicht wegen eines Eisensägeblatts, das im Päckchen in den Knast geschmuggelt werden sollte.
Mit Spitzeln hatten ja er wie auch Sebastian bei der Stasi schon erste Erfahrungen machen können. Spitzel? Das traf auf diesen Hannes offensichtlich nicht zu.
Auch Sebastian schloss das gefühlsmäßig aus.
„Haben die dir in West -Berlin nicht gesagt“, fragte Sebastian, „dass das mit dem Sägeblatt gefährlicher Unsinn ist?“
„Nee, haben die nicht!“, verneinte Hannes Kretschmann mit leichtem Trotz in der Stimme.
„Na ja“, Totila winkte ab. „Du hättest es selber wissen müssen, schließlich hast du den Knast ja von innen her schon gekannt.
Inzwischen kam in Sebastian ein Verdacht auf, nur ein Verdacht, den er am liebsten hatte verwerfen wollen, weil er ihm zu absurd erschien. Wenn dieser Hannes, dem sein Artikel 6er-Urteil offenbar heilig zu sein schien, es darauf angelegt hätte, zur Erlangung eines solchen Status in den Knast zu gehen, um ein Politischer zu werden wie die andern Politischen, die er als Krimineller dort kennen gelernt hatte? Dann wäre das mit der Säge, der Wurst im Monatspäckchen und der KgU, diese ganzen Blödsinnigkeiten wären dann nur Erfindungen, um die ganz offenbar banaleren Ursachen seines Artikel 6er-Urteils anderen politisch Verurteilten gegenüber aufzuwerten? Die Frage: Litt dieser Hannes tatsächlich unter derart massiven Komplexen und wenn, warum, weshalb …?
„Ja, ich verstehe dich“, sagte Sebastian dann laut zu Hannes Kretschmann, der auf einem Hocker, mit dem Rücken gegen die kalten Rippen der Heizung gelehnt saß. Dazu lief Sebastian dann langsam die wenigen Schritte den schmalen Gang in der Zelle, von der Tür zum Fenster und wieder zurück auf und ab und blieb stehen. „Du bist nun ein Politischer“, sagte er, „ein Artikel 6er. Und bist du jetzt damit zufrieden?“
Hannes Kretschmann stieß sich mit dem Rücken von der Heizung ab, richtete sich auf und wiegte den Kopf. „Wenn ich ehrlich sein soll schon“, sagte er und fuhr dann zögernd fort, „ja, doch, das ist mir wichtig.“
„Aber das mit dem Sägeblatt und der KgU“, mischte Totila sich wieder ein, „ist doch wohl ein haarsträubender Unsinn.“ Er sah Hannes an und ließ sich kopfschüttelnd auf einen Hocker fallen.
Auch Sebastian blieb bei seinem Gang von der Tür zum Fenster und zurück erneut vor Hannes Kretschmann stehen. „Wenn ich das richtig sehe“, sagte er, „dann hast du alles getan, um hier sozusagen als Politischer rein zu kommen?
Könnte das sein?“
„Als Politischer!“, warf Hannes mit Nachdruck ein, „das ist richtig.“
„Ja gut, als Politischer, als Artikel 6er“, hob Sebastian letzteres besonders hervor, „aber wie kann man das freiwillig machen?“
„Hab’ ich doch nicht“, reagierte Hannes Kretschmann. „Also bei der KgU in West-Berlin war ich aber wirklich“, begann er nach einem kurzen Schweigen in der Zelle zu reden. „Und das mit der Säge“, sagte er, „na ja, das ist Quatsch.
Das habe ich nur so erzählt. Weiß auch nicht warum …“
„Aha, jetzt wird es hell“, sagte Sebastian und lächelte. „Ich meine, du wolltest deinen Artikel 6, der dir ganz offensichtlich wichtig ist, vielleicht ein bisschen aufwerten?“
Hannes nickte leicht. „Es waren Flugblätter“, sagte er. „Ich hatte ein paar Flugblätter von der KgU mitgebracht …“
„Kein Eisensägeblatt?“, fragte Totila spöttisch.
Hannes grinste. „Nur’n paar Flugblätter“, sagte er. „Ich hab’ die auf Arbeit und in der Kneipe rumgezeigt.“
„Na, das war dann schon starker Tobak!“, ließ erstmals Herbert Fischer, der älteste in der Zelle, sich grinsend vernehmen.
„Aber damit hast du wirklich nachhaltig für dein Hiersein gesorgt“, wandte Totila sich an Hannes Kretschmann.
Der nickte nur und grinste wieder.
Stimmt also, sagte Sebastian sich, hier ist tatsächlich einer freiwillig in den Knast gegangen, um ein politischer Gefangener zu werden. Das wird einem draußen niemand abnehmen. Es ist aber auch wirklich erstaunlich was es so alles gibt.
„Sag mal“, wandte er sich wieder an Hannes Kretschmann, „hast du denn geahnt, dass du dir damit sechs Jahre einhandelst?“
„Nee, über die Höhe hab’ ich nicht nachgedacht.“
„Aber einen Schreck gekriegt …?“
Hannes nickte. „Ein bisschen schon. Aber es sind ja auch nur fünf …“
„Aha, aber das reicht ja auch“, ließ Totila sich hören.
„Also irgendwie hast du dir deinen Artikel 6 schon redlich verdient, finde ich“, erklärte Sebastian lachend.
„Aber was oder wem nutzt das nun?“, fragte Totila.
„Na ganz offensichtlich unserm Hannes hier“, antwortete Sebastian.
„Also Ihr kennt euch schon von der Spreestraße her?“, fragte nun auch Herbert Fischer und blickte dazu von Sebastian zu Hannes und zurück.
„Na ja, wie schon gesagt“, erklärte Sebastian, „über’s Klopfen, das kennst du doch. Und da habe ich von seiner Beziehung zur KgU erfahren. Von so’ner Eisensäge war da nicht die Rede … Ich hatte aber auch nicht weiter nachgefragt.
Ich erwartete damals für mich so um die fünfzehn Jahre, es hätte auch lebenslänglich werden können. Da war mir nicht so sehr nach dem Elend anderer, dass es dann bei mir nur zehn wurden, war eben Glück. Wir sind ja beide in den gleichen Fall verwickelt“, dazu wies er auf Totila, der dort inzwischen durch die Fensterklappe hinausblickte. „Der hat sieben Jahre“, sagte er.
„Und der Herbert hier“, erklärte Hannes, „hat sechs Jahre nach Artikel 6. Der hat in der Kneipe den Spitzbart als Luden und Zuhälter beschimpft, weil Ulbricht ja aus so ’ner Leipziger Kaschemme stammen soll.“
„Ja, ja, Verächtlichmachung“, sagte Sebastian nickend. „Aber auf so eine Art“, wandte er sich an Hannes, „wärst du jedenfalls noch schneller zu deinem Artikel 6 gekommen.“
„Ich bin ja nun kein Held“, meldete Herbert sich lächelnd wieder zu Wort, „und das war in ’ner Kneipe, ein Sonnabend. Wir hatten uns schon ganz schön was genehmigt“, erzählte er, „auch harte Sachen. Die Gespräche, politische Gespräche wie häufig, die wurden mit gestiegenem Alkoholpegel immer lauter und da ist mir dann das mit dem Ulbricht nur so rausgerutscht. Ein guter Bekannter von mir, der guckte mich danach auch gleich ganz entgeistert an. Ich bin also aus lauter dummem Zufall hier und nicht wie ihr mit Absicht …“ „Na also mit Absicht“, sagte Totila und lachte dazu, „sind wir bestimmt nicht hier reingeraten.“
„So meine ich das nicht“, entgegnete Herbert Fischer. „Ihr hattet was vor“, sagte er, „ich aber nicht. Ich bin dann wie zu erwarten angeschwärzt worden.
Ich weiß wer’s war, aber das nutzt jetzt auch nichts mehr, mir nicht und meiner Familie draußen ebenfalls nicht.“
„Wir sind ja auch verpfiffen worden“, sagte Totila. „Ich wollt’s erst gar nicht glauben, als Sebastian mir das in der Spreestraße über drei Zellen durch Klopfen mitteilen konnte.“
„Und das war ein langjähriger Freund von mir“, sagte Sebastian, schüttelte den Kopf und ging langsam in Richtung Fenster. „Einen Vorteil hat das hier oben“, sagte er und wandte sich vom Fenster in die Zelle um. „Man kann rausgucken.
In den unteren Zellen geht das nicht, hab’ ich gehört. Die Zellen sollen dort höher sein und die Fenster dann mehr unter der Decke.“
„Stimmt, „, sagte Hannes, „habe ich auch so vom Kalfaktor gehört. Wäre also gut, wenn wir hier bleiben könnten. Außerdem, die Zellen unten sind nicht größer, nur höher und mit drei Stockwerkbetten vollgestellt, statt mit zweien wie hier oben.“
„Sechs Betten in so ’nem kleinen Stall? Vor hundert Jahren, als dieser ganze Kasten gebaut worden ist, waren das alles Einzelzellen.“
„Aber ständig Einzelhaft?“, warf Hannes Kretschmann fragend ein.
„Unsinn!“, wehrte Sebastian ab. „Zu bestimmten Tageszeiten standen alle Zellen offen. Jeder konnte jeden besuchen. Das kennt man doch aus Filmen, jedenfalls im Westen. Außerdem, vier Mann oder gar sechs und dieser kleine Kübel dort“, dazu wies er mit der Hand in die Ecke vor der Tür. „Vor hundert Jahren ging’s den Häftlingen auf alle Fälle besser als uns hier. Damals mussten nicht vier oder gar sechs Leute wie jetzt in den unteren Stationen, dieses Ding da hintereinander benutzen.
„Das ist richtig“, stimmte Herbert Fischer zu. „ Auch die Strohsäcke hier“, und er schlug mit der flachen Hand darauf, sodass eine feine Staubwolke durch die Zelle zog. „Da kann man sich ja gleich auf die blanken Bretter legen.“
„Die ranzigen Decken, auch das eine Zumutung“, ergänzte Totila und roch daran. „Stinken genau so nach altem Schweiß wie die bei der Stasi“, und er warf sie wieder zurück auf den Strohsack. „Die sind kurz vor dem Verfaulen.“
„Aber jetzt mal ehrlich“, ließ Sebastian sich hören, „hat denn jemand von euch hier was anderes erwartet?“
„Ich hab’ überhaupt nichts erwartet“, antwortete Herbert Fischer „Aber du hast doch wenigstens gewusst was hier los ist?“, wandte Sebastian sich an Hannes Kretschmann.
„Ja schon“, sagte der, „aber gegen früher hat sich’s doch etwas gebessert.“
„Wer nichts erwartet, kann auch nicht überrascht werden“, erklärte Sebastian und ging dann wieder langsam die wenigen Schritte Richtung Fenster.
„Beim Russen“, sagte Totila, „, soll’s noch schlimmer sein.“
Sebastian blickte durch die Gitterstäbe nach draußen in den Frühsommermorgen, nah und doch unerreichbar fern zugleich. Er bestaunte das Schattenspiel des Sonnenlichts in dem von leichtem Sommerwind bewegten jungen Laub der alten Kastanienbäume, als sähe er das zum ersten Mal. Und er erinnerte sich an eine ähnliche Erfahrung, etwa drei Jahre zurück.
Es war eine Winternacht. Er fuhr mit seinem Fahrrad auf der Chaussee von Altdöbern nach Großräschen und kam vom Besuch zweier Schwestern und deren Freundin. Zu später Stunde hatte sich dann noch der Freund einer der Schwestern eingefunden und war mit dieser ziemlich bald ins Bett gefallen. Er selbst hatte dann im dunklen Zimmer auf einem Stuhl gesessen, der Freund mit Freundin in einem Bett, die beiden übrigen Mädels in einem anderen. Eine peinliche Situation. Er saß schließlich dort wie bestellt und nicht abgeholt. Und als die beiden Mädels schließlich meinten, er solle doch zu ihnen ins Bett kommen, war er gegangen.
Doch als er unten die Tür des Hauses öffnete, blickte er in das helle Licht eines großen, runden, fast weißen Mondes. Alle Gegenstände warfen scharfe schwarze Schatten in eine glitzernde Schicht unberührten Neuschnees. Er war überrascht und einen Moment lang scheute er davor zurück diese glitzernde Zauberwelt zu betreten. Als er dann doch in den watteweißen Schnee trat, knirschte der leicht in der tiefen Stille dieser mondhellen Nacht.
Der Zauber war geblieben, als er mit seinem Fahrrad durch den noch unberührten Schnee der im Mondlicht glitzernden Chaussee gerollt war. Links und rechts verschneiter Kiefernwald in blendendem Weiß mit tiefschwarzen Schatten. Ein Wald voller noch unerzählter Märchen, durch den er damals gefahren war, ganz neu, als sähe er das alles zum ersten Mal.
Dann wieder der Blick durch die Gitterstäbe auf die Zuchthausmauer mit den im Sonnenlicht glitzernden bunten Glasscherben auf der Schräge, die alten Kastanienbäume dahinter und die Backsteinvilla des Anstaltsleiters. Dann wandte er sich um und sah auf die zerkratzte eiserne Tür mit dem Spion darin und den Kübel in der Ecke in seinem rostigen Gestell, sah die hölzernen Doppelstockbetten mit den zerschlissenen Strohsäcken und die Elendsgestalten die dort auf ihren Schemeln hockten, dachte an die vielen Jahre die noch vor ihm lagen. Doch eines Tages, sagte er sich, eines Tages wird das hier vorbei sein. Die Sonne, den lauen Wind im Laub alter Bäume, den Mond, den Schnee und die Wälder dort draußen gabs ja noch und wird es immer geben.
„Ja“, sagte er schließlich, „wir werden uns hier einrichten müssen, ehe die mit dem Mittagessen anrücken.“ Damit trat er an sein Bett.
„Du hast Recht“, pflichtete Totila ihm bei und tat ein Gleiches.
Beide hatten die Betten nur erst mit ihren Bündeln belegt, die sie nun auseinander kramten. Blechnapf, Aluminiumlöffel, Holzzahnbüste, Tonseife im Zelluloidschälchen …all das musste in die Fächer eines rostfarbenen Holzregals an der Wand schräg über dem Kübel eingeräumt werden.
Sebastian stieß dabei mit dem Fuß gegen einen Hocker, trat einen Schritt zurück und zeigte auf die darauf stehende Schüssel. „Da sollen wir uns alle waschen?
Und das Handtuch?“
„Da unten“, sagte Hannes und wies auf die Wand unter dem Regal, „da sind doch Haken …“
„Ah ja, aber direkt neben dem Kübel?“
„Ja wo sonst?“ Hannes sah sich demonstrativ um. „Ist ja kaum Platz in so ’nem vollgestellten Käfig.“
„In der Spreestraße“, erklärte Totila, „wusste man jedenfalls, dass man dort nicht jahrelang bleiben würde, aber hier?“
Doch dann hörten sie Schritte vor der Tür, die gleich darauf krachend aufflog.
Ein Häftling mit Armbinde neben dem Wachtmeister fragte mit einer Handbewegung in die Zelle: „Alle lebenslänglich?“, und grinste ganz leicht dazu.
Die Vier sahen den Kalfaktor verständnislos an.
„Nein, wieso?“, meldete Totila sich verblüfft.
„Na die rote Scheibe draußen an der Tür. Das hier ist ’ne Zelle für Lebenslängliche“, klärte der Kalfaktor die vier Neulinge auf.
„Ich hab’ sieben Jahre“, sagte Totila. „Ich sechs“, erklärte Hannes. „Zehn“, sagte Sebastian.
Der Kalfaktor winkte ab. „Ist ja gut! Rafft eure Plünnen zusammen, ihr kommt in ’ne andere Zelle.“
„Hat jemand Berufung eingelegt“, ließ der Wachtmeister sich hören.
Nach einem Moment erneuter Verblüffung meldete Sebastian sich: „ Ja, ich“, sagte er und hob dazu die Hand, also ich meine wir“, fügte er berichtigend hinzu und deutete auf Totila. Unser Rechtsanwalt hat Revision beantragt.“
Der Wachtmeister nickte und notierte die Namen der beiden in einem Block den er bei sich trug. „Na machen Sie schon „, ließ er sich vernehmen, „packen Sie ihre Sachen!“
„Hätten wir uns gar nicht erst einrichten müssen“, brummte Sebastian, indem er wie alle anderen seine eben noch zusammengelegte Decke wieder auseinander breitete, um dort seine Utensilien aus dem Regal hinein zu werfen.
„Kommen Sie schon“, sagte der Wachtmeister ungeduldig und warf, als alle mit ihren Bündeln auf dem Gang standen, die Türe zu. „Gehen Sie!“ Die Vier setzten sich hintereinander in Bewegung, vorneweg der Stationskalfaktor und zum Schluss der Wachtmeister. Schließlich hielt der Kalfaktor vor einer Zellentür.
Der Wachtmeister trat vor und schloss auf. Die Zelle war, wie Sebastian mit vorgestrecktem Hals erkennen konnte, noch unbelegt. Als dann Totila und er hinter den beiden anderen mit hinein gehen wollten, hielt der Wachtmeister sie zurück. „Sie nicht“, sagte er, schloss die Türe und blätterte kurz in seinem Block.
„Gehen Sie!“, und weiter ging’s an noch ein paar Türen vorbei, alle mit runden grünen Scheiben beklebt, bis fast ans Ende des Gangs. „Halt!“, vernahmen sie wieder die Stimme des Wachtmeisters hinter ihrem Rücken. Die Tür vor der sie standen, wies auch eine dieser runden grünen Scheiben auf, aber mit einem großen schwarzen R darin. Den beiden war klar, dass es sich dabei um eine Revisionszelle handelte, deren Insassen noch keine Glatzen geschoren bekommen hatten.
„Hab ich doch gut gemacht“, brummte Sebastian in Totilas Ohr.
Der nickte nur unauffällig.
Der Wachtmeister öffnete wie immer laut krachend Schloss und Riegel, stieß die Tür auf und wies mit dem Schlüssel in die Zelle. „Alle beide“, sagte er dazu ohne die Meldung der Zellenbelegung abzuwarten, und schon krachte auch hinter ihnen die schwere Türe wieder ins Schloss.
Beide standen dann mit ihren Bündeln in den Armen zwei älteren Schicksalsgenossen gegenüber und alle vier beäugten sich gegenseitig. Es stimmt also, die haben noch Haare auf dem Kopf, stellte Sebastian erleichtert fest. Und Totila fielen die Worte ihres Anwalts ein: Bloß keine Revision! Das kann nur schlimmer werden …` Jetzt sind wir Scheinrevisioner, sagte er sich. Und laut erklärte er: „Zum Glück diesmal keine Zelle für Lebenslängliche. Da waren wir nämlich auch schon.“ Und beide legten ihre Bündel erst mal auf dem Fußboden ab „Na, nun sind wir ja wieder komplett“, begrüßte sie der, der die Meldung versucht hatte.
„Lebenslängliche sind wir hier nicht, aber was habt ihr Kinder denn mitgebracht?“
Sebastian überhörte die leichte Herablassung. „Zehn Jahre“, antwortete er, überzeugt nicht eben von einem Pappenstiel zu reden.“
„Das geht ja schon“, sagte der Ältere mit den kurzen graumelierten Haaren, dem schmalem straffen Gesicht und einer leichten Hakennase.
Sebastian ahnte sogleich, dass hier der Höhe einer Strafe eine ganz eigene Bedeutung beigemessen wurde und dass es sich bei den beiden auch um Politische handeln musste.
„Du meine Güte“, reagierte der andere der beiden, „zehn Jahre“, sagte er, „da ist eure Jugend ja so ziemlich futsch.“ Er erschien äußerlich und in der ganzen Erscheinung als das genaue Gegenstück des großen Hageren mit dem schmalen Gesicht. Ihn zeichnete eine fortgeschrittene Stirnglatze aus, ein rundliches Gesicht und eine mehr füllige Gestalt.
„Was heißt denn: Ist die Jugend dahin …“, fragte Sebastian. „Es gibt Verhältnisse und Umstände, ihr kennt die ja auch“, wandte er sich an die beiden Älteren, „die hauptsächlich in der Abwehr von Zumutungen und in Anfällen von Verzweiflung bestehen. Das gibt es“, sagte er und fügte hinzu: „ So was endet dann eben manchmal auch in solchen Verliesen hier“, dabei wies er mit der offenen Hand in den Raum.
„Es scheint wenigstens so, als ob hier jemand erwachsen werden will“, sagte der mit dem schmalen Gesicht, als er sich Sebastians Auslassungen lächelnd angehört hatte.
Der fragte nun dagegen: „Was habt ihr denn mitgebracht?“
„Zwölf und Fünfzehn Jahre“, bekam er zur Antwort.
„Da habt ihr aber auch ganz schön was zu buckeln.“
„Wie’s kommt so kommt’s eben“, antwortete der mit dem schmalen Gesicht.
„Aber nun schnappt euch mal die Bündel da und räumt euren Krempel ein. Die beiden unteren Betten sind vergeben. Ihr müsst dann mit oben vorlieb nehmen.“
Eine dieser Zellen ähnelte der anderen und so wussten die beiden mit dem Einräumen ihrer Sachen inzwischen Bescheid.
„Seid ihr schon länger hier?“, fragte Totila.
„Wie sollten wir denn?“, antwortete der Schmalgesichtige, „wenn wir noch in einer Revisionszelle sitzen.“
„Na, Revision“, warf Totila ein, „, die könnt ihr ja auch nach zwei oder drei Jahren eingelegt haben.“
„Seht an was für’n cleveres Kerlchen!“ Der mit den graumelierten Haaren lachte.
„Hat sich vergaloppiert und sofort einen Ausweg gefunden. Was ist lange?“, sagte er dann. Wir sind rund drei Monate hier. Ist das viel oder wenig …? Aber was ist das schon gegen fünfzehn oder auch zehn Jahre? Sagt mal, wie alt seid ihr eigentlich?“
„Achtzehn“, sagte Sebastian, „und Totila hier“, dabei wandte er sich kurz dem Freund zu, „ist neunzehn und hat sieben Jahre. Wir beide sind ein Fall und von einem Freund verraten worden.“
„Wie, was für ein Freund?“
„Also genauer, ein alter Freund von mir, leider …“, sagte Sebastian und zuckte dazu mit den Schultern.
„Ja, ja, alte Freunde. Das ist so eine Sache, kommt aber öfter vor“, erklärte der mit der Stirnglatze. „Was hat der denn verraten?“
„Wir haben für Gehlen gearbeitet.“
„Und der Verräter auch?“
„Ja klar, der auch.“
„Also ich muss schon sagen“, mischte der Graumelierte sich ein, „Gehlen …das hätte ich euch gar nicht zugetraut.“
„Andere auch nicht“, sagte Sebastian.
„Na schön, und jetzt hockt ihr hier oben auf Station vier. Und du“, wandte er sich an Sebastian, „bist höchstwahrscheinlich der jüngste Gefangene im ganzen Bau.“
„Mag sein“, sagte der, „aber das ist nur vorübergehend so. Und Station vier hier oben ist doch besser als weiter unten. Dort kann man nicht aus dem Fenster sehen.“
„Na ja wie man’s nimmt“, sagte der Graumelierte. „Doch nun wollen wir uns erst mal bekannt machen. Also ich bin Klaus uud der Kollege hier oder besser Schicksalsgenosse“, und er klappste dem mit der Halbglatze, der dort gegen einen Bettpfosten lehnte, auf die Schulter: „ Das ist Günter. Tja“, fuhr er fort, „der vierte Stock hier? Keiner unter fünf Jahren …“
„Haben wir schon gehört“, warf Totila ein, „und deswegen auch die Lebenslänglichen hier oben?“
„Richtig. Und bis auf drei Mörder, einen Totschläger und zwei die wegen eines Raubüberfalls sitzen, gibts hier oben nur Politische. Und unter den Lebenslänglichen, soweit ich gehört habe, kein einziger Mörder.“
„Alles Politische?“, fragte Totila verwundert.
Klaus, der mit den graumelierten Haaren, fuhr mit der Hand durch die Luft: „Alles!“, bekräftigte er, „ich hab’s vom Kalfaktor, außer zwei oder drei Buntspechten, aber die zählen meiner Meinung nach mindestens zu den Halbpolitischen, schon wegen der sehr hohen Strafen für’n paar Kilo Blei oder Kupfer.“
Totila lachte und schüttelte den Kopf. „Buntspechte?“, sagte er. „Eine kuriose Bezeichnung.“
„Kurios?“, fragte Klaus, „kurios sind erst die Strafen! So zwischen zehn und fünfzehn Jahren.“
Sebastian pfiff kurz durch die Zähne. „„Donnerwetter! Warum denn das?“
„Buntmetalldiebe schaden dem sozialistischen Wirtschaftsaufbau der DDR und nutzen damit dem kapitalistischen Klassenfeind im Westen, an den das Buntmetall verkauft wurde.“
„Aha. Natürlich. Aber wo haben die das Buntmetall her?“
„Bleirohre, Kupferkabel, Messinggeräte … aus den Ostberliner Ruinen“, zählte Günter, der mit der Halbglatze, auf. „Das liegt dort noch tonnenweise unter Trümmern. Das wissen die Parteibonzen auch, nur kommt man da nicht so ohne weiteres ran.“
Sebastian, der sich inzwischen auf einem Hocker niedergelassen hatte, nickte dazu. „Klar“, sagte er, „das mit den Trümmern in Berlin und den darunter verschütteten Bleirohren und so … das kann man sich vorstellen, doch darauf gekommen wäre ich nie. Woher wisst ihr das alles?“
„Zum einen bin ich Ostberliner und zum anderen hat mir das einer erzählt.
Buntspechte sind ja in aller Regel von der Stasi in die Mangel genommen worden.“
„Das nur zu den Buntspechten“, mischte Klaus sich wieder ein. „Hier spielt sich zur Zeit eine noch viel schlimmere Geschichte ab …“ „Ich möchte gar nicht immer daran denken“, winkte Günter mit verzogenem Gesicht kopfschüttelnd ab.
„Möchte nicht immer daran denken“, äffte Klaus den Zellengenossen nach.
„Was meinst du denn woran der denken muss!“
„Hör auf damit“, und Günter hob abwehrend die Hand.
Sebastian und Totila hörten sich etwas unschlüssig dieses kurze Geplänkel an.
„Es geht um den Todeskandidaten hier auf Station“, wandte Klaus sich schließlich an die beiden Neuen. „Der Dicke da“, sagte er, stand dabei im Raum und wies mit einer Kopfbewegung auf Günter, der inzwischen auf einem Hocker saß, „der wird immer weinerlich, wenn mal die Rede darauf kommt und möchte am liebsten in seinen Strohsack kriechen. Es handelt sich hier um einen Fluglehrer, der schon im Krieg die Me109 geflogen hatte und dann hier bei Cottbus als Fluglehrer Volksarmeepiloten auf der sowjetischen Mik15 schulte und dabei mit einem westlichen Nachrichtendienst in Verbindung stand, soviel wir vom Kalfaktor wissen, der den täglich zur Rauchpause in die Spülzelle begleitet. Bekannt ist daher auch, dass er verheiratet ist und zwei Kinder hat. Wie er aufgeflogen ist, weiß allerdings keiner.“
Wahrscheinlich redet der nicht darüber“, fügte Klaus hinzu und hob leicht die Schultern. „Es heißt jedenfalls er hat Pläne dieser Mik15 dem Westen zukommen lassen.“
„Ein Todeskandidat …? Menschenskinder, damit hab’ ich hier nicht gerechnet.
Das ist ja ’n verdammter Mist!“, schimpfte Sebastian merklich geschockt.
Auch Totila blieb vom Schock nicht verschont. „Es gibt also wirklich Todesurteile?“, fragte er.
„Wieso wundert dich das?“, fragte Sebastian etwas erstaunt den Freund. „Ich hab’s nur hier nicht erwartet“, fügte er hinzu.
„Na ja, draußen hört man so was unter der Hand, aber nie offiziell im Radio oder liest davon in Zeitungen.“
„Ich weiß nicht“, sagte Sebastian, „wir hatten zu Hause immer RIAS eingestellt.
Und wer liest schon DDR- Zeitungen? Todesstrafen in der DDR, das ist doch nichts Neues. Der Artikel 6 reicht ja schon von einem Jahr bis Todesstrafe.
Totila nickte dazu. „Wie lange ist denn der Fluglehrer schon hier“, fragte er dann
„Wissen wir nicht“, antwortete Klaus. „jedenfalls länger als wir“, dazu wies er mit der Hand auf Günter und sich. „Wir sind ja zusammen hergekommen.“
In eine längere Pause hinein, in der alle vor sich hin schwiegen, erklang die nachdenkliche Stimme des Schmalgesichtigen:“Hinrichtungen werden in Dresden vollzogen“, erklärte er. „ Eine Hitlerguillotine steht dort ja noch“, und er schüttelte sich. „Man kriegt richtig ’ne Gänsehaut …“ Niemand äußerte sich dazu. Jedem ging diese Situation durch den Kopf und alle starrten vor sich hin.
Der kann ja auch nur verraten worden sein, überlegte Sebastian.
Vielleicht war der leichtsinnig und hat sich so selbst verraten“, äußerte Totila sich, als hätte er Sebastians Überlegungen erraten.
Der ging wieder die wenigen Schritte von der Tür zum Fenster hin und zurück.
„Ist durchaus möglich“, bestätigte er seinem Freund. „Man muss ja auch davon ausgehen, dass in den westlichen Nachrichtendiensten überall ‚Kundschafter des Friedens‘ sitzen.“
„Nur mit dem Unterschied, dass diese Kundschafter keine Todesstrafe zu erwarten haben“, wandte Günter ein, „ganz gleich wo sie sitzen.“
„Das ist der gravierende Unterschied“, bestätigte Klaus.
„Aber dafür haben wir doch den humanen Strafvollzug“, hielt Sebastian grinsend dagegen. „Den haben die beim Klassenfeind nicht!“
Schließlich drang vom Eingangsbereich unten das hohle Scheppern von Kesseln herauf, die über einen Steinboden gezogen wurden. In kurzen Abständen erklang dann auch bald das Krachen von Schlössern.
„Mittagessen!“, rief Günter, sprang vom Hocker hoch und hielt das Ohr an den Türspalt.
„Das wäre das erstemal, dass wir überhaupt was zu essen kriegen“, ließ Totila sich vernehmen und musterte dazu seinen Blechnapf im Regal.
Auch Freund Sebastian tat automatisch ein Gleiches. „Menschenskinder“, wunderte er sich dann, „wir sind doch erst seit gestern hier und mir ist’s als wären’s mindestens acht Tage.“
„Na ganz so verschwenderisch verhält sich mein Zeitempfinden nicht“, erklärte Totila, „aber dass wir erst seit gestern hier sein sollen, kann auch ich nicht begreifen.“
„Wartet’s mal ab“, gab Klaus, der Graumelierte, zu bedenken, „das ändert sich bald. In spätestens vier Wochen hat sich das gegeben. Es sind halt die neuen Eindrücke, die durchaus nicht alltäglich und sehr nachhaltig sind.“
Günter, der sich weiterhin an der Türe aufhielt, steckte, als das Schlösserkrachen lauter wurde, die Nase in den Türspalt. „Wieder mal Weißkohlsuppe“, sagte er, „das riecht man schon durch den ganzen Bau.“
„Das gibt’s hier nur“, klärte Klaus die beiden Neuen auf. „ Entweder zerkochte Bruchnudeln mit brauner Mehlsoße oder Weißkohlsuppe: ein paar Weißkohlblätter in trübem Wasser mit einigen Mehlklümpchen, alles ohne Salz.“
Sebastian winkte nur müde ab. „Das kennt man doch schon aus der Spreestraße.“
Schließlich und endlich war auch Station vier mit der Essensausgabe dran. Das Krachen der Schlösser und Riegel kam näher und wurde lauter. Alle vier in der Zelle standen mit ihren Blechschüsseln bereit, als auch ihre Tür aufflog: Zwei Kalfaktoren schleppten einen zerschrammten Militärthermoskessel vor die Tür.
Ein dritter schöpfte daraus mit einer Kelle in die hingehaltenen Aluminiumschüsseln. Dann warf auch schon der Wachtmeister die Türe wieder ins Schloss.
„Der erste Schlangenfraß im Zuchthaus Cottbus“, sagte Totila, rührte in der Schüssel und begann dann zu essen.
Alle löffelten die Suppe bis auf den letzten Rest aus ihren Näpfen.
„Ich denke, so könnte Abwaschwasser schmecken“, erklärte Sebastian und legte den Löffel auf den Tisch neben seinen leeren Napf.
„Meckert nicht“, mahnte Klaus als der Ältere, „das bringt gar nichts. Ihr werdet so was noch jahrelang essen müssen.“
„Das ist schon richtig“, stimmte Sebastian zu. „Bei der Stasi hatte ich mir schon am ersten Tag vorgenommen alles bis auf das letzte Krümel zu essen, ganz gleich was die mir vorsetzen würden. Das ist ja jetzt nicht anders. Wer will hier schon krank werden?“, fragte er und sah sich in der Zelle um.
Nachdem schließlich alle ihre Näpfe mit Wasser aus der Kanne gereinigt und dieses dann in den Eimer geschüttet hatten, saßen sie entweder auf ihren Hockern, starrten vor sich hin oder liefen in Gedanken versunken die wenigen Schritte zwischen den Betten von der Tür zum Fenster und wieder zurück, hielten manchmal am Fenster an, blickten durch die Gitter hinaus und nahmen dann die Wanderung wieder auf. Jeder der vier langjährig Verurteilten hatte ja die Vielschichtigkeit seiner ganz eigenen Welt draußen lassen müssen. Dort in den vollgestellten Zellenschächten schrumpfte dann in der Regel die Persönlichkeit jedes einzelnen auf das Minimum ihres Selbsterhalts. Aber davon wussten die beiden Freunde, trotz ihrer Feuertaufe in den Stasi- Katakomben, noch nichts. Sie waren über diese Schwelle in eine Welt getreten, über die sie nur vom Hörensagen gewusst hatten und über die in der Welt, aus der sie kamen, ängstlich geschwiegen wurde: Hinter ihnen geht einer, hinter ihnen steht einer, dreh’n Sie sich nicht um …! Und die verängstigten Schweiger gehorchten und sahen sich nicht um …
Der Tag war zu Ende gegangen. Sebastian blickte wieder wie so oft durch die Gitter nach draußen. Ganz unten vom Hof stieg allmählich Dunkelheit wie grauer Dunst auf, der vom Scheinwerferlicht aus dem Wachturm zerschnitten wurde. Licht, das die weißen Zuchthausmauern bis an die Zellendecke zurückwarfen, um dort als Schattenriss die Gitterstäbe abzubilden. Gitter wohin man auch sieht, sagte Sebastian sich, selbst noch als Schatten an der Wand.
Die anderen in der Zelle schliefen bereits tief atmend auf ihren Strohsäcken, auch sein Freund Totila. Zählung und Einschluss fanden im Sommer um acht Uhr statt. An klaren Tagen schien um diese Zeit noch die Sonne und Amseln sangen. Doch tief hängende graue Wolken, aus denen seit Wochen fast ohne Unterbrechung Regen fiel, bedrückten das Land, verwandelten Felder in Morast und ließen sonst harmlose Bäche ganze Weideflächen überfluten. Grünfutter konnte nicht eingebracht werden, das Vieh musste vielfach in den Ställen bleiben und Heu wurde knapp. So entnahmen sie’s den klein geschnittenen Zeitungspapierqadraten, die den Gefangenen als Toilettenpapier zugeteilt wurden.
Sebastian lag schließlich auch auf seinem Strohsack. Draußen stieg feucht nächtlicher Dunst auf. Er rollte sich zusammen und versuchte einzuschlafen.
Das schrille Geräusch von Eisen auf Eisen riss bereits um sechs Uhr die Gefangenen wieder aus dem Schlaf. Am Tage auf dem Bett zu sitzen, geschweige denn zu liegen, war laut Zuchthausordnung streng verboten.
Kapitel 3
Als am nächsten Morgen Sebastian als Neuer dran war nach der Zählung und vor der Frühstücksausgabe den randvollen Kübel vor die Tür auf den Gang zu stellen, stand er daher plötzlich dem Wilhelm Hankel aus Hohenleipisch gegenüber, mit dem er sich in der Spreestraße für einige Tage eine Zelle hatte teilen müssen. Beide sahen sich verblüfft an.
Hankel, ein kleiner Fuhrunternehmer Mitte vierzig, mit Frau und fünfzehnjähriger Tochter, der im wesentlichen Stückgut im Auftrag einiger weniger Kleinunternehmer mit Pferd und Wagen zum Bahnhof und zurück transportierte, sowie nebenbei Umzüge abwickelte oder sein geschmücktes Gespann für Vatertagsausflüge, aber auch zum 1.Mai-Umzug, vermietete.
„Was machst du denn hier?“, fragte Sebastian immer noch erstaunt. „Ich hätte gewettet du bist längst zu Hause.“
Hankel grinste nur. „Zwölf Jahre“, sagte er, „enteignet, alles weg und die Familie aus dem Haus gejagt. Bin jetzt ’n armer Mann …“ Dann kam aber auch schon der Wachtmeister und reden auf dem Gang war strengstens untersagt. „Bis nachher“, sagte Hankel noch, ehe er sich in seine Zelle verzog.
Auch Sebastian trat eilig in die seine zurück.
„Nee“, sagte er dann kopfschüttelnd, „unglaublich! Das ist ja ’n Ding. Ich dachte zuerst wirklich ich seh’ nicht richtig.“ Und wieder sah er zu Boden und schüttelte den Kopf. „Der Hankel, Wilhelm Hankel hier neben uns“, und er wies rechter Hand auf die Zellenwand. „Ein kleiner Fuhrunternehmer aus Hohenleipisch mit einem Pferd. Das ist einer, den ich aus der Spreestraße kenne.
Zwölf Jahre! Und ich glaubte den längst zu Hause.“ Dann lief Sebastian ein paar Mal die wenigen Schritte zwischen den Betten auf und ab und ließ sich schließlich auf einen Hocker am Tisch fallen. „Also ich weiß“, sagte er dann, „ich weiß, wir sind ganz bewusst gegen diesen Staat hier vorgegangen … dass wir verraten wurden ist wieder eine andere Sache. Aber dieser Wilhelm Hankel, der hat ja nie auch nur daran gedacht sich in irgendeiner Form aufzulehnen.
Und jetzt zwölf Jahre und die Familie aus dem Haus gejagt. Das verstehe wer will …“
Klaus, der Graumelierte, lachte kurz. „Du sagst von dir, du hättest bewusst gehandelt, dann müsstest du aber deinen Gegner auch kennen. Die Verblüffung über das Geschehen hinsichtlich dieses Hankel sagt jedoch, dass du das nicht verstehst. Ich meine dieses sozialistisch-kommunistische System. Dein Zellengenosse aus der Spreestraße, der kleine selbständige Fuhrunternehmer, war in der angestrebten Gesellschaftsordnung ein gerade noch geduldetes Ungeziefer, um hier mal deren eigenen Wortschatz zu verwenden, also ein in der Wolle gefärbter Kleinbürger. Wenn man die los werden kann, dann nimmt man halt jede sich bietende Gelegenheit wahr.“
„Du hast sicherlich Recht“, sagte Sebastian, „Nicht die angebliche Straftat bestimmt dieses verrückte Urteil, sondern Wilhelm Hankel selbst ist es, eine bürgerliche Existenz, ein Kleinunternehmer, ein Klassenfeind.“
„Ja, ganz richtig.“ Der Graumelierte nickte zustimmend. „Das ist aber nicht immer leicht zu erkennen“, fügte er hinzu, „eine Menge Ausnahmen verwirren das Bild, denn man braucht vielerorts diese selbständigen Existenzen ja noch.“
„Aber zwölf Jahre für Wilhelm Hankel? Ich hätte jede Wette abgeschlossen“, erklärte Sebastian, „dass der sehr bald wieder draußen sein würde. Damit hatte ich ihn zu trösten versucht. Höchstens ein paar Monate, hatte ich ihm gesagt, damit die Untersuchungshaft gerechtfertigt wird.“
„Es ist schon erstaunlich“, reagierte Günter, der Rundgesichtige mit der Halbglatze, „dass man immer wieder sprachlos ist, über das, was die so anrichten.“
„Die schneiden sich doch dauernd ins eigene Fleisch“, warf Totila ein.
„Ich denke nicht“, erklärte Klaus, „, dass dein Hankel Fleisch von ihrem Fleische ist, indem der nämlich persönlich verantwortete Arbeit leistete, damit für seinen Lebensunterhalt und den seiner Familie selbst aufkam, also selbständig war. Dann passt so einer eben nicht ins kollektivistische Konzept und ist unerwünscht. Aber wie ich schon sagte“, wandte er sich an Sebastian, „man braucht solche Menschen eben noch, wenn auch nur für eine Übergangszeit wie es in der Partei unter der Hand heißt. Dein Hankel war offensichtlich bereits verzichtbar.“
„Ja schön und gut“, mischte wieder Günter sich ein, „aber inzwischen sind wir schon neugierig, wer denn nun dieser Wilhelm Hankel aus der Nebenzelle ist, den du hier dauernd erwähnst. Was war denn dem so Schlimmes geschehen, wenn er doch nichts getan hat …“
„Geschehen ist richtig“, sagte Sebastian. „Ihm war was geschehen und nicht nur ihm. Ich hatte nach seinen ersten Erzählungen damals, also weshalb er dort in der Spreestraße saß, auch nicht verstehen können, wieso ihn eine Kneipenzeckerei, von Keilerei konnte keine Rede sein, mit drei Rotarmisten, in die Cottbusser Stasizentrale bringen konnte. Ich begriff erst gar nicht was die von ihm gewollt hatten, was sie ihm vorwarfen.“
„Na dann erzähl’s doch mal, vielleicht begreifen wir’s“, forderte der Graumelierte.
Sebastian stand wieder am Fenster und blickte von dort in die Zelle zurück.
„Ich wollte doch nur klar machen“, sagte er, „dass das Ganze schwer zu verstehen ist.“
„Dann fang’ schon an“, sagte wieder Klaus, der auf einem Hocker saß und seinen Ellenbogen auf der Tischkante abstützte, „wir sind ja nicht dumm, vielleicht versteh’n wir’s sogar.“
„Von Dummheit hat niemand was gesagt“, konterte Sebastian grinsend. „Es geschah auch nicht in Berlin“, sagte er dann, „sondern in Hohenleipisch, einem Landstädtchen. Hier in der Gegend kennt das vielleicht noch mancher, aber sonst? Also ein Sonnabendabend im Spätherbst.Eine Kneipe in der Nähe einer sowjetischen Kaserne mit Munitionslager, das es auch bei Hitler schon gab.
Hankel und andere, vor allem jüngere Stammgäste, bevölkerten die Gaststube und einige wie eben auch Hankel, saßen beim Wochenendskat, als drei Rotarmisten, von der Bevölkerung Muschiks genannt, das Lokal betraten. Im Prinzip nichts besonderes, der Wirt und auch die Gäste kannten das. Die Russen waren von Kameraden aus der Kaserne geschickt worden, um heimlich Schnaps zu besorgen. Die Muschiks durften die Kaserne ja nie verlassen und schon gar nicht um Schnaps zu kaufen. Das wusste ja jeder, natürlich auch der Wirt. Der aber drückte stets ein Auge zu. Keiner hatte was dagegen. Aber diesmal hatten die Muschiks offensichtlich schon in der Kaserne einiges über den Durst getrunken. Und so bestellten sie auch gleich an der Theke „Schto Gramm“, die sie unverzüglich in sich hineinschütteten und das nicht nur einmal. Dem Wirt schwante wohl schon Ungemach. Doch normalerweise, hatte Hankel erzählt, spielte sich das nie so ab wie an diesem Abend. Und so weigerte der Wirt sich schließlich den Russen weiterhin Schnaps auszuschenken. Das ärgerte die wie zu erwarten und sie wurden aggressiv, beschimpften den Wirt.“
„Und wie das so ist“, sagte Sebastian, „jetzt fühlten die Deutschen sich beleidigt.
Ihr Wirt sollte ein Faschist sein? Das ginge denn wohl doch zu weit. Einer der deutschen Gäste“, erzählte Sebastian die Geschichte des Wilhelm Hankel weiter, „ein junger Bursche, sei vor zur Theke gegangen und habe auf die Russen eingeredet und begonnen sie langsam auf den Ausgang hin abzudrängen. Plötzlich habe einer der Iwans ein Messer gezogen und damit dem Jungen das Jackett über dem Rücken aufgeschlitzt. Gleich darauf habe der Wirt den augenblicklichen Feierabend verkündet. Die Gäste sollten das Lokal verlassen: Die Russen mit der von ihnen erstandenen Schnapsflasche vorne raus, durch die Tür des Lokals und die Deutschen nach hinten über den Hof auf die Straße.
Noch auf dem Hof hatten sie sich, in Erwartung der Russen auf der Straße, mit Zaunlatten ausgerüstet.
Die drei Iwans, inzwischen ebenso bewaffnet, hatten sich dort im Dunkeln tatsächlich auf die Lauer gelegt, dann nach kurzem Gefecht sich aber zur Flucht in verschiedene Richtungen entschlossen.
Der Schlachtenlärm mit Ruf und Zuruf hatte Dorfbewohner an die Fenster gelockt. Überall, hatte Hankel erzählt, überall sei dort Licht angegangen. Sehr bald habe sich dann aber auch alles in der Dunkelheit verlaufen. Als Hankel sich in Begleitung eines der jungen Burschen, wie er erzählt hatte, seinem Haus genähert habe und am Hoftor des Nachbarn einen der Russen wie einen nassen Sack habe hängen gesehen, der wohl nicht mehr die Kraft aufgebracht hatte sich über das Tor zu retten, konnte er sich’s, wie er reuig sagte, nicht verkneifen dem mit der Zaunlatte eins über den Hintern zu ziehen. Als ich damals einwarf, dass der das verdient habe, zuckte der Hankel regelrecht erschreckt zusammen.
Mehr habe er ja nicht getan, jammerte er. Überhaupt sei das auch alles gewesen … Davon waren an diesem Abend sowohl Hankel, als auch die anderen mehrheitlich jüngeren Gäste des Lokals, überzeugt.
Am nächsten Morgen schon wurden sie jedoch eines anderen belehrt, nämlich ganz früh aus den Betten geklingelt und aus dem Sonntagsschlaf getrommelt.
Wie Wilhelm Hankel erzählte, sei er noch halb schlafend im Bett hochgefahren wie auch seine Frau, verwundert darüber, was denn am Sonntag jemand so früh von ihnen wolle. Der Lärm, der entsteht, wenn Gewehrkolben gegen das Hoftor geschlagen werden, trieb Wilhelm Hankel dann doch aus dem Bett. Als er, wie er den Schrecken schilderte, nur eine Hose übers Nachthemd gezogen, das Tor zum Hof geöffnet hatte und dann davor Rotarmisten mit Karabinern und Maschinenpistolen habe stehen sehen, da sei ihm gleich ziemlich schlecht geworden. Auf die Frage eines Offiziers, ob er Wilchelm Chankel sei, habe er nur nicken können, um sich danach gleich an einem Torpfeiler zu übergeben.
„Du anziechen“, habe der Offizier gesagt, Hankel dabei von oben bis unten gemustert und mit der Hand über den Hof auf die Haustür gewiesen: „Nu dawai!“
Der Offizier und drei weitere Kameraden mit Kalaschnikows im Anschlag folgten Wilhelm Hankel ins Haus.
Dort hatte auch seine Frau sich einen Morgenmantel übergeworfen und dabei am ganzen Körper gezittert.
Er sei gleich ins Schlafzimmer gegangen und einer der Russen sei ihm gefolgt, Er wisse nicht was die von ihm wollten, habe er seiner Frau noch sagen können.
Ein Missverständnis! Er sei sicher bald wieder zurück.
Draußen habe ein Militärlaster geparkt.“Nu einsteigen“, hätten die Rotarmisten ihn aufgefordert und auf die Ladefläche unter einer Plane gewiesen. Als er sich dort hinauf gehangelt habe, sei er zu seiner Überraschung auf den Malermeister Arno Fleischer gestoßen, der sich ins kurze Gefecht im Dunkeln auf der Straße eingemischt hatte, als er mit dem Fahrrad, etwas angeschickert, ganz zufällig von einem Fußballspiel in der näheren Umgebung zurückgekommen war.
„Was ist eigentlich los?“, habe der Malermeister sich ratlos gezeigt. „Mit den Iwans hatten wir doch weiter nichts. Ich konnte die im Dunkeln nicht mal richtig erkennen.“
„Na ja, Schnaps holen. Die waren doch wie immer heimlich ausgebüchst“, hatte Hankel ihn aufgeklärt. „Woher wissen die in der Kaserne denn davon …?“
Dann sprangen auch schon zwei der Rotarmisten mit auf die Ladefläche und der Laster fuhr los.
Sie hätten natürlich ziemlichen Schiss gehabt, hatte Hankel erzählt, zumal unterwegs auch die jungen Burschen noch eingesammelt worden seien und keiner gewusst habe, was das sollte. Der Jüngste sei gerade mal siebzehn gewesen.
Alle zusammen seien dann in der russischen Kaserne gelandet, dort einzeln weggesperrt und auch einzeln verhört worden. „Bei den Verhören“, sagte Sebastian, „hatte Hankel erzählt“, habe er erst gar nicht verstehen können, was die von ihm gewollt hatten. Immer wieder die Frage: „Wo ist sowjetischer Soldat?“ Was hätte er antworten sollen? Ihm sei dann nur die Gegenfrage eingefallen: „Welcher Soldat?“ Daraufhin hätte es Schläge gegeben, wie Hankel berichtete und immer wieder die gleiche Frage. Das sei dann ständig hin und her gegangen. Irgendwie sei ein Russe abhanden gekommen. Das hätte man aus den wiederholten Fragen schließen können. Die glaubten, wir verheimlichten was.
Aber wie die darauf gekommen seien, dass wir über den Verbleib des vermissten Muschiks etwas haben wissen sollen, das sei ihm zuerst schleierhaft gewesen.
Doch schließlich sei ihm allmählich gedämmert und den anderen Festgenommenen vermutlich auch, dass die einen Verdacht hegten, der bei den Verhören von den Russen noch nicht ausgesprochen worden war. Ihm sei allmählich klar geworden, habe Hankel gemeint, dass der Kommandant, ein sowjetischer Oberst, geglaubt habe, der verschwundene Rotarmist sei ermordet worden und es handele sich dabei um einen Racheakt.
Nicht ganz ohne Grund, meinte Hankel. Dazu müsse man wissen, dass das Frühjahr 1945 in Hohenleipisch noch jedem in Erinnerung geblieben war. Die Russen waren damals an einem Spätnachmittag in den zuvor von Deutschen verteidigten Ort eingerückt und das übliche Plündern und Vergewaltigen habe eingesetzt, als am ganz frühen Morgen des nächsten Tages eine SS-Panzerbrigade ‚Frundsberg‘ überraschend für die Russen in Hohenleipisch eingerückt sei. Die Russen hätten damals, wie Hankel erzählte, ziemlich aufgescheucht und so schnell sie konnten den Ort verlassen. Volkssturmangehörige, ganz junge Kerle und ganz alte Männer halfen noch die gefangenen Rotarmisten zu entwaffnen. Die sowjetischen Kampftruppen hätten sich erst einmal weit zurückgezogen. Vor der zu erwartenden Rache der Russen habe der deutsche Brigadekommandeur aber noch gewarnt, als er mit seinen Panzern wieder abgezogen sei. Der Volkssturmkommandant und einige Stellvertreter hätten sich den abrückenden Deutschen angeschlossen.
Als die Russen dann zurückgekehrt seien, hätten sie eiligst alle männlichen Deutschen von vierzehn, fünfzehn Jahren bis ins höchste Greisenalter zusammengetrieben und auf dem Marktplatz erschossen. Außerdem sei noch eine Reihe Bauerngehöfte in Brand gesetzt worden. Ein deutscher Racheakt für das Geschehen damals, sei also nicht so ohne weiteres von der Hand zu weisen gewesen, meinte auch Hankel dazu, obwohl er genau gewusst habe, dass keinem der drei Muschiks etwas angetan worden sei, außer dem Schlag mit der Zaunlatte aufs Hinterteil des einen am Hoftor hängen Gebliebenen.
Die Erlösung habe sich dann um die Mittagszeit mit dem wieder in der Kaserne aufgetauchten Sowjetarmisten eingestellt. Der vermisste Soldat habe in einem Garten übernachtet, hatten sie noch vom Kommandanten erfahren. Damit habe sich alles erledigt. Sie könnten nach Hause gehen.
„Man muss sich das mal vorstellen“, sagte Sebastian, „die sahen sich schon zu Hause, als ein Offizier sie alle vier über den Appellplatz zum Kasernentor geleitete. Sie dachten dabei an ihre Familien, Ehefrauen und Eltern … In einer halben Stunde würden sie wieder bei ihnen sein.
Als sie dann erleichtert durch das Tor gingen, der russische Offizier, der sie bis dort hin begleitet hatte, zurück blieb und dafür drei bedenkliche Gestalten in Stiefeln und langen Mänteln auf sie zukamen, wusste bei diesem martialischen Aufzug natürlich gleich jeder, wer das war und überlegte dann blitzschnell was er getan, irgendwo gesagt, ja vielleicht auch nur laut gedacht haben könnte.
Ganz sicher konnte sich da niemand sein. Das wissen wir ja von uns selbst.
Hankel vermutete“, fuhr Sebastien dann fort, „dass die Russen Bescheid gewusst und der Stasi zu verstehen gegeben hätten, dass für sie alles erledigt sei und die Leute gehen könnten. Doch einer der gestiefelten Ledermantelträger trat zum russischen Offizier, der noch am Kasernentor stehen geblieben war.
Die anderen beiden gesellten sich dann auch noch dazu.
Das verschüchterte Häufchen der vier eigentlich schon Freigelassenen stand unschlüssig zusammengedrängt, als die Ledermanteltroika schließlich auf sie zu kam: „Zur Klärung eines Sachverhalts mitkommen!“ Nur dieser eine alles und nichts sagende Satz ließ die vier eben Freigelassenen willenlos gehorchen. Diese Willenlosigkeit ist es“, gab Sebastian zu bedenken, „die wie eine Lähmung über die Menschen kommt. Es ist schlicht Angst, denn wenn alles in der Beliebigkeit steht, kann man leicht stolpern.“
„Du meinst die verbreitete Willkür in der DDR“, warf Klaus der Graumelierte ein, „du kannst dich da auf nichts berufen …“ „Mangelnde Rechtssicherheit, Gummiparagraphen“: ergänzte Totila achselzuckend. „Denkt doch bloß an diesen Artikel 6!“
„Ja, ja, ihr habt ja Recht“, stimmte Sebastian zu. „Es ist Willkür, die als spezifische Korruption alle Diktaturen beherrscht.“
„Auch die Diktatur des Proletariats?“, fragte Günter mit schelmischem Grinsen in seinem runden Gesicht.
Sebastian winkte nur ab. „Hört euch lieber die Geschichte Wilhelm Hankels an, da habt ihr schon alle Antworten …“
„Und kaum noch Fragen“, fügte Totila hinzu.
„Richtig“, sagte Sebastian. „Es beantwortet sich dort fast alles schon von selbst.
Klärung eines Sachverhalts, das ist und das wissen wir ja alle selbst“, dazu sah er sich kurz um, „so was wie die Standardformel bei politischen Verhaftungen. So auch dort bei diesem Häufchen eben Freigelassener.“
Ein als geschlossener Kastenwagen getarnter Transporter rollte heran, blieb stehen und einer der Gestiefelten öffnete die Tür ins fensterlose Fahrzeug, ein finsteres Loch. „Los, los, einsteigen“, trieb ein anderer aus der Troika den verwirrten Haufen in diesen Transporter, in dem alle getrennt in je einer winzigen Zelle verschwanden. Die ganze Einrichtung bestand aus einem Sitzbrett und dazu schmale Luftschlitze in den Seitenwänden.“ Sebastian lachte. „Ich bin ja selbst mit so ’ner Stasi-Schaukel vom Hof des Gerichtsgebäudes in der Spreestraße zum Eingang des sogenannten Landgerichts, so stand es oben über dem Portal, gefahren worden. Und so landete dann auch Hankel mit dem ländlichen Verschwörertrupp in der Cottbusser Spreestraße. Weshalb der dort in meine Zelle verlegt worden war …?“ Sebastian zuckte mit den Schultern.
„Als Spitzel?“ Er schüttelte den Kopf. „Völlig ungeeignet“, sagte er. „Das ständige Gejammere und Geflenne ging mir mächtig auf die Nerven. Was der mir über seine Verbrechen erzählt hatte, zumal sie ja alle von den Russen wieder freigelassen worden waren, fand ich einfach lächerlich. Der hätte zu einem Psychiater gehört. nicht aber in eine Stasi-Zelle. Andererseits, das muss man berücksichtigen, konnte Hankel nicht begreifen, was man ihm bei den Verhören unterstellte: Etwa dass sie es, das heißt er und die übrigen verdächtigen Gäste des Lokals, an diesem Abend von vornherein darauf angelegt hätten, die sowjetischen Soldaten, die dort regelmäßig auftauchten, zu überfallen und zusammenzuschlagen. Genau geplant vor Beginn der Viermächtekonferenz in Berlin.
Ich hab’ diese Vorwürfe damals für einen Spaß seiner Vernehmer gehalten, die ihn damit verwirren und ein bisschen Angst machen wollten. Von so einer Konferenz wussten weder Hankel noch die anderen Provokateure etwas. Na klar“, fügte Sebastian nach einer kurzen Pause nachdenklich hinzu, „die Menschen schimpften zwar alle über die verbreiteten Versorgungsmängel, die das alltägliche Leben nicht selten zu einer Tortour machten, aber das sei es dann in aller Regel auch schon.
Sebastian erhob sich von seinem Hocker und ging wieder mit gesenktem Kopf die wenigen Schritte Richtung Fenster. Dort wandte er sich in die Zelle um.
„Ich denke hierzu bloß an meine Mutter“, sagte er, „die sich ständig Gedanken machen musste wie sie, bei einer großen Familie, vor allem die Kinder gesund über die Runden bringen konnte. Und nicht zuletzt auch, dass man überall und immer aufpassen musste auf das, was man so sagte. Viele schimpften erst, wenn sie sich zuvor einige Mal umgesehen hatten. Im Grunde genommen aber interessieren sich nur wenige wirklich für Politik und von einer Viermächtekonferenz wussten die Wenigsten. Und wenn, dann vom RIAS, aber wer versprach sich von so einer Konferenz schon etwas?“
„Ja, so ist das“, meldete Günter sich, „immer die Propaganda … damals die Nazipropaganda und jetzt die kommunistische. Das klingt den Leuten in den Ohren. Immer wieder nur Sprüche. Den Nazis glaubten noch siebzig bis achtzig Prozent der Deutschen, schlimm genug. Aber so kurz danach die Kommunisten, denen glauben nun aber achtzig Prozent der Menschen nichts mehr. Natürlich gibt’s welche, die keine Probleme damit haben. Die singen halt diese Lieder mit und hängen die Fahne raus, wenn’s verlangt wird. Wieder andere frönen ihrem Ehrgeiz, ganz gleich worum es sich handelt. So eine Einschätzung aber darf man eigentlich nicht mal denken, will man nicht ins schwarze Buch kommen oder wie wir hier, gesiebte Luft atmen.“
„Wie auch immer“, mischte Totila sich ein, „ist ja alles richtig oder auch nicht.
Was Sebastian hier aber erzählt hat, ist einfach haarsträubend. Ich hätte draußen so was nicht geglaubt. Ich habe ja auch, wie wir wahrscheinlich alle, viele schlimme Geschichten gehört. Und wenn man erfährt weshalb so mancher hinter Gittern sitzt, einfach schauderhaft. Da wird einem doch deutlich: Jeder ist rechtlos, jeder kann jederzeit schuldig sein.“ Totila saß dabei vorgebeugt auf einem Hocker. „Ich glaubte draußen“, fuhr er fort, „ich glaubte, ich wüsste Bescheid, aber was ich dann erfuhr … Nicht mal der Verrat eines Freundes“, Totila richtete sich auf, „ja nicht mal das“, sagte er, „geht mir so auf den Geist wie die abgrundtiefe Willkür, auf die man hier überall trifft. Es gibt ja ganze Hände voll ähnlicher Geschichten. Nur draußen erzählen eben die wenigsten davon und da ist sie dann schon wieder, die Angst …“ Schließlich hörten sie von unten herauf das rutschende hohle Schurren von Metallkesseln auf Stein.
„Kaffee!“, sagte Klaus und alle langten sich ihre Aluminiumbecher aus dem Wandregal. Außerdem hieß das auch den leeren Kübel reinzunehmen, wenn die Tür aufflog. Das war schnell zur Routine geworden. Dann ließen sich alle ihre Becher mit Muckefuck aus dem ausgemusterten Militärkessel füllen, griffen sich ihre Brotkule und den 20gr.-Klecks Margarine auf Pergamentpapier für den Tag sowie den Esslöffel Marmelade, den man ihnen in die Essschüsseln klatschte.
Doch dass Wilhelm Hankel in der Nebenzelle saß, hatte sich für Sebastian als etwas Unerwartetes erwiesen. Zwischen Kübelwechsel und Frühstück wurden nach zehn Minuten die Messer zum Zerschneiden der Brotstücke wieder aus den Zellen geholt. Nach dem Frühstück warteten die Gefangenen auf die Freistunde und Sebastian insbesondere auf das Zusammentreffen mit Wilhelm Hankel. Zwölf Jahre! Er konnte es noch immer kaum glauben. Beim Anstellen auf dem Gang stand er so, dass Hankel aus der Nebenzelle sich dicht hinter ihn stellen konnte.
„Wonach hat man euch denn verurteilt?“, fragte Sebastian, den Kopf etwas seitwärts geneigt.
„Artikel 6 und Kontrollratsdirektive 38“, antwortete Hankel gedämpft.
„Dann seid auch ihr allesamt, du und die jungen Burschen mit dir, stramme Kriegsverbrecher“, und er konnte sich dabei ein hysterisches Kichern kaum verkneifen. Dann sah er sich ganz nach rückwärts um und blickte in Wilhelm Hankels bekümmertes Gesicht. Er tat ihm wirklich leid. Es hatte den ja wesentlich schlimmer erwischt als ihn. Der hatte damals, als er an einem Sonnabend sein Stammlokal aufsuchte, nie damit rechnen können, dass er von dort nicht mehr zurückkehren würde. Dann der Schreck am nächsten Morgen und endlich die Erlösung, als die Russen sie freigelassen hatten … und er kehrte doch nicht zurück, alles war am Ende verloren: Haus, Hof und Familie, die man davongejagt hatte. Eigentlich ist so was nicht wirklich zu begreifen, sagte er sich.
„Alles Marsch!“, ertönte schließlich die Stimme des Stationskalfaktors und ein weiterer Austausch mit Hankel wäre in dem dann anbrechenden Krachen der schweren Holzschuhe auf den Holzplanken des Gangs nicht mehr möglich gewesen. Dann ging es polternd die steinernen Treppen hinab und hinaus auf den Hof.
„Abstand halten!“, rief dort der Vorturner, auch ein Gefangener, und trat in die Mitte des Rasenstücks, das die Gefangenen einzeln hintereinander zu umrunden hatten.
Und so liefen sie, Sebastian, Hankel hinter ihm und die anderen der Station in ihren Holzschuhen und runden Mützen auf den Glatzen, im Gleichschritt und im Kreis um den Rasen auf dem der Vorturner stand und die Kommandos gab: „Links, links, links zwo drei vier …“ An allen vier Ecken des Rundlaufs hatten sich Wärter postiert und achteten darauf, dass jeder Gefangene die in den Erdboden eingelassenen weißen Ziegel beachtete, die an vier Seiten des Rundgangs jeweils einen rechten Winkel beschrieben, den jeder im Gleichschritt in exakter Wendung zu nehmen hatte.
Dazu immer wieder die Stimme des Vorturners: „Links, links, links zwo drei vier …“ Schließlich der Ruf: „Alles Halt! Links um!“, also mit dem Gesicht zum Vorturner, der dann mit Kniebeugen begann, bei denen einige ältere Gefangene von den Posten angeschnauzt wurden, weil sie dabei nur langsam und schwer aus der Hocke wieder hoch kamen. „Na machen Sie endlich! Sie können doch den ganzen Laden hier nicht aufhalten!“
Dann Rumpf beugen, sodass die Fingerspitzen die Schuspitzen berührten. Der Vorturner demonstrierte jedes seiner Kommandos. Auch hier brachten viele der Älteren die Figerspitzen gerade mal bis über die Knie. Schließlich die angewinkelten Arme ausgebreitet einige Male nach hinten schlagen, dann nach oben, um sie danach auszuschütteln.
Dann wieder: „Rechts um! Im Gleichschritt marsch! Links, links, links zwo drei vier …“ Alles lief weiter und jeweils exakt um die eingelassenen weißen Ziegel an den vier Ecken des Kreises, Sebastian kam das blöde vor, diese Verrenkungen, die sich dabei ergaben. Er ließ sie aus.
„Alles Halt!“, rief daraufhin einer der Posten und ging auf Sebastian zu. „Sind Sie blind?“
„Nein“, sagte der.
„Nehmen Sie die Mütze ab, wenn ich mit Ihnen rede. Wie heißen Sie?“
„Sebaldt.“
„Wie?“
„Sebastian Sebaldt.“
„Strafgefangener heißt das. Sie sind verurteilter Strafgefanger, also?“
„Strafgefangener Sebaldt“, sagte Sebastian.
„Wie lange sind Sie hier?“
„Dreiundzwanzig Tage.“
„Und wie hoch verurteilt?“
„Zehn Jahre.“
„Da haben Sie ja noch ’n bisschen Zeit … Was sehen Sie denn da?“ Und er wies auf die in den Boden eingelassenen weißen Ziegel.
„Weiße Ziegel.“
„Und was bedeuten die?“
„Ist ein rechter Winkel.“
„Na so was. Und warum beachten Sie den nicht?“
„Ich war nicht im richtigen Tritt.“
„Nicht im Tritt, so, so … also zurück hop, hop. Und nehmen Sie die Ecke jetzt vorschriftsmäßig.“
Sebastian ging nach sekundenlanger Überlegung einige Schritte zurück. In den Kellerarrest bei Wasser und Brot wie er gehört hatte, wollte er so einer Lappalie wegen denn doch lieber nicht.
Der Uniformierte stellte sich provozierend breitbeinig in seinen Stiefeln genau an der Ecke auf und kommandierte: „Links, links, links zwo drei vier …“
Und Sebastian marschierte, wenn auch von widerwilligen Gefühlen bewegt, wie ein tapferer Zinnsoldat und setzte die Füße in den klobigen Holzschuhen exakt in den von weißen Ziegeln vorgegebenen rechten Winkel.
„Halt“, rief der Posten. „Ab jetzt immer so!“ Und er winkte dem Vorturner.
„Links, links, links zwo drei vier … kam dann wieder dessen Stimme und die Gefangenen setzten sich, unter Beachtung der rechten Winkel an den vier Ecken des Rundlaufs, wieder in Bewegung bis zum Kommando: „Einrücken!“, das diesem Rundmarsch, der sich Freistunde nannte, ein Ende setzte. Im Gänsemarsch, eine Reihe von Vogelscheuchen, zogen die Gefangenen über einige Granitstufen wieder in den Zellenbau ein. Dort dröhnte dann das Stampfen und Krachen der schweren Holzschuhe auf den steinernen Stufen der Treppe über die einzelnen Stationen nach ganz oben und dort über die Holzplanken der Galerie vor die Zellentüren. Da nahmen dann die Gefangenen die von den Kalfaktoren geleerten Waschwassereimer und Kübel, sowie die gefüllten Frischwasserkannen über den Tag mit in die Zellen. So wurden tagtäglich nacheinander die Insassen jeder Station zum Rundgang geführt.
Die Lebenslänglichen mit roten statt gelben Streifen an Ärmeln, Hosenbeinen, am Rücken und an den runden Mützen, drehten immer separat ihre Runden.
Auch einige wenige Gefangene, die „aufhetzerischer Äußerungen“, wegen in Einzelhaft saßen, liefen dann, wie Sebastian erfahren hatte, in Riesenabständen sehr einzeln ihre Runden ums Karree.
„Was versteht man denn unter aufhetzerischen Äußerungen?“, wollte Sebastian wissen.
„Na was schon!“, war ihm geantwortet worden. „Du kommst doch nicht vom Mond … die sind angeschissen worden. Spitzel in den Zellen, das weiß doch hier jeder. Das gab’s nicht nur in der Spreestraße. Auch hier muss einer immer überlegen was er sagt und wem er was sagt. Sonst kann jeder wegen Staatsverleumdung oder Boykotthetze noch was obendrauf gepackt bekommen, sozusagen als Nachschlag.“
„Aber ich bin doch als Staats- und Volksfeind schon verurteilt worden. Dann kann ich doch auch meine Meinung sagen.“
„Das denkst du dir so, aber die Partei denkt da ganz anders. Du bist ein Volksfeind, sagen die und sollst hier gebessert werden. Und mit feindlichen Äußerungen betätigst du dich immer weiter als Volksverhetzer und kannst dafür auch immer wieder verurteilt werden. So ist das hier. Es gibt einige die schon so ’nen Nachschlag weg haben.“
„Aha, deshalb Einzelhaft.“, sagte Sebastian. So kann man keinen mehr politisch beeinflussen.“
Und so stürzte vieles auf die beiden Freunde als Neuankömmlinge ein.
Dann verstummte mal wieder für einige Zeit jedes Gespräch in der Zelle. Alle saßen verstreut auf ihren Schemeln, dösten halbschlafend vor sich hin, erinnerten sich an Vergangenes oder dachten auch über die gegenwärtige Situation nach, wie etwa Sebastian, der sich in die Stille hinein an den Graumelierten wandte: „Du sagst, die nehmen jede Gelegenheit wahr, so ein gerade noch geduldetes Ungeziefer los zu werden. Nicht eine Straftat an sich bestimmt Hankels Urteil, sondern die bürgerliche Existenz als Kleinunternehmer selbst ist es …“
„Denk an die willkürlichen Ausnahmen von der Regel“, wandte der Graumelierte ein.
Sebastian wiegte den Kopf. „Ja gut“, stimmte er zu, „das erscheint mir durchaus richtig, aber was bedeutet dann die Verurteilung der jungen Leute in diesem Fall und zu so hohen Zuchthausstrafen von sechs bis zehn Jahren? Ich kann mir das nicht erklären. Schließlich waren das Arbeiterkinder und keine Kleinbürger oder deren Nachwuchs.“
Der Befragte schüttelte nun seinerseits den Kopf. „Diese Frage“, sagte er, „ist zu kompliziert oder aber auch zu einfach“, dazu breitete er beide Hände aus und hob die Schultern, „ich kann sie dir nicht beantworten.“
„Hm …“, brummte Sebastian. „Schade“, sagte er und wieder dominierte Schweigen das Vergehen der Zeit.
Der Graumelierte nannte das den Sparmodus. Schließlich könne man nicht jahrelang nur reden und am Tage auf den Betten zu schlafen sei ja verboten. Wo käme man auch hin, wollten die Gefangenen ihre Strafen verschlafen.“
Kapitel 4
Nach einem meist sonnigen und vorwiegend trockenen Frühjahr, war der Sommer 1954 regelrecht ins Wasser gefallen. Von Nordwesten her zog eine Regenfront nach der anderen über das Land und weichte den Boden immer tiefer auf. Sebastian blickte durchs Gitterfenster seiner Zelle über die Zuchthausmauer hinweg in den Dauerregen und die andere Welt dort weit draußen im Nebeldunst. Ihm war hier drinnen erst richtig klar geworden wie bedroht die Existenz der Menschen dort draußen wirklich war. In den Zellen ging ja auch der Spruch von den drei Sorten an Bürgern der DDR um, nämlich denen die bereits eingesperrt waren, denen die eingesperrt sind und denen die noch eingesperrt werden.
Das, was er in den Revisionszellen ganz automatisch über den unerschöpflichen Nachschub an Zwangsarbeitskräften miterlebt hatte und was er vor allem über die Verurteilungsgründe in diversen Urteilen, die den Häftlingen vor einer Revisionsverhandlung kurzzeitig in die Zellen gegeben wurden, zu lesen bekommen hatte, ließ ihm den Spruch von den drei Sorten an DDR-Bürgern erst im wahren Licht erscheinen: Eine Welt verinnerlichter Angst … Natürlich hatten sie davon auch draußen gewusst und mit dieser Angst schon mal mutwillig ihren Spaß getrieben. Eine Welt der Willkür und Angst, die prinzipiell alle Eigenständigkeit, alle Zweifel, jede eigene Meinung verstummen ließ, um so einen ‚Neuen Menschen‘ hervor zu bringen, beschädigte, ja verkrüppelte diese lediglich. Natürlich gibt es die bewusst Angepassten. Karrieristen ohne das Bewusstsein eines Selbst, sagte Sebastian sich, die gibt es überall. Solche Menschen sind vielleicht schlau, aber alles andere als klug.
Er stand noch immer am Fenster und sah hinaus ins regengraue Land an einem Sommertag. In Hinsicht aufs Wetter dort draußen hatte er hier drinnen wirklich nichts verpasst. Nur Regen mit kurzen Pausen, in denen sich im Dunst auch mal kurz eine verschleierte Sonne zeigte.
So vergingen in den Zellen die Tage unendlich langsam.Vom Grund eigener Verurteilung sprach von den Politischen kaum einer und schon gar nicht im Detail oder nur in Andeutungen, wenn sichs ergab. Eine Hauptaufgabe der Anstaltsleitung bestand deshalb darin, das Entstehen von Vertrauen unter den Gefangenen zu verhindern. Ehe so etwas entstehen konnte, kam es gezielt zu Verlegungen in immer wieder andere Zellen, sodass ein Grundmisstrauen stets erhalten blieb. Das Spitzelunwesen stand wie draußen so auch in den Zuchthauszellen in voller Blüte. Angst und Misstrauen erwiesen sich wie eh und je als probates Herrschaftsinstrument einer Diktatur.
So traute man insbesondere den politischen Gefangenen nicht über den Weg, gab es unter ihnen doch immer einzelne, die laut dachten und es erwies sich als nicht möglich sie alle in Einzelhaft zu sperren. Und so wurde auch das Misstrauen der Wachmannschaften in ständigen Schulungsstunden immer wieder von neuem geweckt.
Die beiden Freunde Totila und Sebastian waren trotz häufigen Wechsels von Zelle und Zellenbelegung noch immer beisammen.
Neue kamen hinzu, und jene deren Revision verworfen worden war und das waren zumindest unter den Politischen fast alle, wurden auf Normalzellen verteilt.
Eines Tages schwappte gewissermaßen eine Welle von hoch verurteilten leitenden Mitarbeitern verschiedener DDR-Ministerien aus Berlin in die obere Station des Zellenbaus. Lauter Abteilungsleiter und Hauptabteilungsleiter, von denen sich einige ganz offensichtlich bereits von draußen her kannten, wie Sebastian, Totila und andere es bei einer ersten Freistunde mitbekamen.
Von denen, die Revision eingelegt hatten und davon gab’s tatsächlich einige, landeten in Sebastians und Totilas Zelle gleich zwei dieser Neuen. Sie hatten damit rechnen können, denn zwei aus ihrer Zelle waren am Vortag überraschend verlegt worden und jedem war ja bekannt, dass es an Zellenplätzen im Bau mangelte.
Bei den Neuen handelte es sich, wie sie gleich zu Anfang auf Nachfragen erfahren hatten, um einen Volkswirt und einen Dipl. Ingenieur, beide Abteilungsleiter in entsprechenden Ministerien.
Sebastian wunderte sich über die vielen ‚bürgerlichen Elemente‘ die an den Schalthebeln der Arbeiter und Bauernmacht gesessen hatten.
„SED?“, hatte Sebastian fragend auf den Busch geklopft.
„Nein“, beteuerten beide.
„LDPD“, bekannte der Volkswirt.
„NDPD“, sagte der Ingenieur.
„Nationale Front“, warf Totila abwinkend ein. „Alles eine Wichse.“
Die beiden älteren Neuzugänge grinsten und sahen sich amüsiert an.
„Jeder tut das Seine auf seine Weise“, erklärte der Volkswirt.
„Ohne Sachverstand geht’s eben auch nicht“, warf der Ingenieur ein.
Sebastian winkte wieder ab. „Die wollten euch doch bloß ausnutzen, genau wie meinen Vater.“
„Wir haben die aber auch missbraucht“, sagte der Volkswirt wieder grinsend.
„Ach was, ist doch alles Unsinn“, unterbrach Totila diesen Meinungsaustausch.
„Arbeiterkinder an die Universitäten!“, sagte er und lachte. „Nach spätestens einer Generation sind das dann keine Arbeiterkinder mehr. Was dann?“
Der Ingenieur lachte ebenfalls. „Vielleicht führt man dann eine Elitenrotation ein, ehe die völlig zu Bürgern werden.“
„Wenn das Ganze überhaupt so lange hält“, sagte Sebastian und wandte sich wieder mal dem Fenster zu, um hinaus in den Regen zu starren. Bereits im Juni hatte es zu regnen begonnen. Ein kleiner Trost blieb es, dass er in dieser Hinsicht draußen kaum etwas verpasste. Sehr kurz blieb dieser Trost aber, wenn er zurück in die Zelle blickte und die Gefangenen auf ihren Schemeln hocken sah in diesen schäbigen Uniformen, verteilt zwischen Bettgestellen, Kübel und Esstisch. Die dort gespannt lauschten, ob sich mit dem Mittagessen nicht schon was tat, in der blassen Hoffnung, dass es sich diesmal nicht um die gleiche wässrige Kohlsuppe der vergangenen Tage handeln möge.
Aus immerwährendem Warten bestand das eigentliche Leben eines Gefangenen im Zellenbau und bezog sich ansonsten immer nur auf Ziele in kürzesten Distanzen, wenn das wechselseitige Erzählen und Reden meist eher als später wiederholende Elemente aufzuweisen begann. Dann domininierten eher entsprechende Ziele die Zeit des Wartens wie: Freistunde, Frühstück, Mittagessen und Einschluss … Letzteres hieß Nachtruhe auch im Sommer um 20 Uhr.
Das Fenster? Es handelte sich um kein wirkliches Fenster, sondern nur eine mit Glasbauziegeln zugemauerte Fensteröffnung, die im letzten Drittel in einer Fensterklappe endete, die eigentlich nur zum Lüften gedacht war, durch die man aber, allerdings nur im vierten Stock, weit hinaus blicken konnte. In den unteren Stationen erwiesen sich diese Fenster wirklich nur als Lüftungsklappen. Vom vierten Stock aber konnte man nicht nur weit über die Mauer hinwegsehen, sondern auch beobachten was unten im Hof vor sich ging, wenn etwa neu ausstaffierte Gefangene neben dem Eingangstor ein paar Stufen hoch zur Sprecherlaubnis geführt wurden; oder wenn Neuzugänge einzeln oder in Gruppen wie ein scheuer Hühnerhaufen zusammengedrängt den Hof überquerten .
Die da im Haufen kämen, seien fast immer Karnickeldiebe und meist Kriminelle“, war den beiden gleich zu Anfang erklärt worden. Karnickeldiebe hörten sie, seien solche mit nicht mehr als zwei oder drei Jahren. Manche in Knastklamotten, kämen auch aus anderen Anstalten. Des Weiteren konnte man von dort oben, hinter einer internen Mauer die einen weiteren Hof abschloss, gefangene Frauen bei der Freistunde sehen. „Die laufen dort in genau so beschissenen Klamotten rum wie wir“, stellte Totila fest.
„Na dachtest du, die laufen dort in hübschen Sommerkleidern spazieren?“, fragte mit spöttischem Unterton der Ingenieur „Quatsch!“, entgegnete Totila. „Ich denke eher, dass vor allem Männer Frauen nicht so als Vogelscheuchen herumlaufen sehen wollen.“
„Es gibt Länder, da laufen fast alle Frauen voll verhängt in der Öffentlichkeit herum“, widersprach der Ingenieur.
„Ja im Orient, aber das ist nicht unsere Kultur. Sollen sie da rumlaufen wie sie wollen. Aber das da unten“, und er wies mit der Hand zum Fenster, „also das finde ich schlimm.“
Der Ingenieur lachte. „Ich sehe schon, du bist ein Nachkomme edler Ritter und Minnesänger. Aber wer weiß denn schon“, fragte er, „was die, die da unten rumlaufen, so alles ausgefressen haben?“
„Das kann man genau so gut auch von uns sagen“, mischte Sebastian sich ein.
„Ja warum nicht?“, stimmte der Ingenieur zu.
„Ich sage, wir hier“, erklärte Sebastian, „wir alle haben was getan. Wir sind keine Opfer. Jeder wusste was er tat, also davon gehe ich aus“, sagte er an die beiden Älteren gewandt.
Die wiegten die Köpfe, nickten leicht und lächelten ein bisschen. Jeder hatte natürlich in vollem Bewusstsein gehandelt. Und so manches war auch bei vielen Verhören ungesagt geblieben. Widerständler in DDR-Zuchthäusern blieben schließlich eine stets gefährdete Spezies.
„Du sagst“, wandte Totila sich an seinen Freund Sebastian, „jeder wusste was er tat. Ich würde sagen, jeder tat etwas, weil er wusste dass er’s tun musste.“
Der Angesprochene schüttelte den Kopf. „Na logisch“, sagte er, „das hatte ich vorausgesetzt …“
„So logisch ist das nicht, wenn du sagst wir alle hätten was getan und säßen deshalb hier“, gab Totila zu bedenken.
„Na ja, das war wohl dumm ausgedrückt. Ich meinte, wir sind keine Opfer, sondern ganz bewusst Täter. Und nicht nur wir paar Männeken hier. Es gibt sie überall und immer wieder und sicher auch mehr als man denkt, die eben nicht nur beim Alkohol in der Kneipe auf den Staat und den Spitzbart schimpfen. Es gibt sie auch hier auf Station wie zum Beispiel die zu lebenslänglich verurteilten Artikel 6er. Ich hab da mit diesen roten Streifen einen ganz jungen Kerl gesehen.
Der soll erst neunzehn sein, hab ich gehört. Von Beruf Drogist und seit einem Jahr hier.“
Der Ingenieur nickte. „Stimmt“, sagte er, „das ist Arno Drefke, der soll für einen westlichen Nachrichtendienst gearbeitet haben.“
„Na bitte, wie ichs schon sagte! Ein Jahr von lebenslänglich“, sinnierte Sebastian laut vor sich hin, saß auf einem Schemel und blickte von dort durch die Zelle und zur vergitterten Fensterklappe hinaus in einen gleichmäßig grauen Himmel.
Und knapp ein halbes Jahr von zehn Jahren … Aber bei lebenslänglich sieht der erst mal kein Ende. Welch ein Unterschied …“ Immer wieder und sehr oft kam ihm auch der Todeskandidat in der Zelle schräg gegenüber in den Sinn. Ein Typ wie die um Stauffenberg, sagte er sich. Wie ist der bloß aufgeflogen? Keiner wusste es.
So manche Freistunde mit diesen Märschen rund ums Rasenkarree, von den Wachposten auch gern Hofgang oder Rundgang genannt, war bereits wegen zu starken Regens ausgefallen. Bei Nieselregen allerdings wurden diese Rundmärsche, wenn auch verkürzt, durchgeführt. Sebastian betrachtete dann den weiten grauen Himmel, mal eben nicht durch die schmale Fensterklappe und dazu der feine Regen der gleichmäßig auf alles fiel, dort draußen und hier drinnen, sagte er sich und hielt das Gesicht in das staubfeine Naß, das aus dem hohen Himmel fiel, bis er von einem Posten angeblafft wurde: „Gucken sie gefälligst wohin Sie latschen!“
Es war schon vorgekommen, dass einer der ein, zwei Meter aus der Bahn geraten war, weil er sich, wie etwa Sebastian, die Wolken in einem weiten freien Himmel angesehen hatte, zur Strafe dafür eine Reihe von Kniebeugen oder Liegestütze zu absolvieren hatte.
Die trüben regenreichen Tage zogen sich hin und es wurde nie richtig hell in der Zelle. Den handtellergroßen Toilettenpapierstücken aus Zeitungen war weiterhin bruchstückhaft zu entnehmen, dass inzwischen immer mehr große LPG-Getreideflächen, durch den vielen Regen zu Boden gedrückt, auszuwachsen begannen. Auch Frühkartoffeln faulten inzwischen auf den Feldern.
„Da wird ja auch Gemüse faulen …“, kamen Bedenken in der Zelle auf. „Wer weiß was die uns dann zumuten werden, wenn’s ja jetzt schon neben dieser Wassersuppe nur Bruchnudeln mit brauner Mehlsoße zu fressen gibt.“
„Na klar“, warf der Rundgesichtige mit der Halbglatze ein, „die fegen den ganzen Nudelbruch in der Fabrik hier in Cottbus zusammen und uns wird das dann täglich zum Fraß vorgeworfen.“
„Natürlich trifft’s uns besonders, wenn’s mit der Versorgungslage draußen wieder mieser werden sollte“, sagte der Ingenieur mit besorgter Miene.
„Aber nach dem 17. Juni“, warf Sebastian ein, „da wissen die inzwischen ja selbst, dass mit der Bevölkerung nicht zu spaßen ist. Ohne den Iwan wären die nämlich längst weg vom Fenster.“
Der Ingenieur nickte. „Schließlich sitzen ja genug vom 17. Juni hier oben auf Station. Aber die DDR lebt nun eben mal nur von der Hand in den Mund und für Importe gibt’s kein Geld. Da gilts dem Volk den Gürtel enger zu ziehen.
Das ist ja hier nicht wie in Westdeutschland. Da importieren die in solcher Lage auf Teufel komm raus! Für ihre Westmark kriegen die überall alles mit Handkuß.
Aber hier im Osten sitzt uns der Russe im Nacken, die haben ja auch nie was zu fressen. Und unser Ostgeld? Bloß Dekoration“, sagte er mit einer wegwerfenden Handbewegung.
Dann krachten plötzlich auf der Station in Abständen Schloss und Riegel. Alle lauschten. Der Lärm kam näher.
Totila legte das Ohr an den Türspalt.
Die andern guckten halb neugierig, halb verunsichert.
Der Volkswirt, der mit der Halbglatze, saß auf seinem Hocker, starrte seitwärts zur Tür, pustete durch die Lippen und hob die Schultern. „Jetzt um diese Zeit?, fragte er und sah dazu die andern an. Die blickten ratlos zurück. Letztlich wurde ja alles was aus dem alltäglichen Einerlei fiel nicht ohne Grund in weiterem Sinne als bedrohlich betrachtet.
Dann flog auch ihre Türe auf. Der Volkswirt machte Meldung. Der Kalfaktor stellte einen gefüllten Wassereimer in die Zelle und drückte dem Volkswirt zwei Wurzelbürsten in die Hand. Schon fiel die Türe wieder ins Schloss und zugleich klirrte der Riegel ins Mauerwerk.
Sebastian und Totila besahen sich das Ganze mit Erstaunen. „Was ist denn das“, fragte Sebastian und trat zum Wassereimer. „Sollen wir das trinken?“
Günter, der Volkswirt, lachte. „Nee“, sagte er, „damit wird der Zellenboden geschrubbt“, und hielt dazu die beiden Wurzelbürsten mit ausgestreckten Armen von sich.
„Greift zu“, sagte er, an die beiden Jungen gewandt. „Etwas schrubben hilft der Gesundheit.“
Sebastian betrachtete diesen Boden zum ersten Mal wirklich.
„Das ist ein stabiler Dielenboden“, erklärte der Ingenieur „massive Bohlen, das sieht man schon an der Breite der einzelnen Dielen. Dieser Boden hier“, und er stampfte einige Mal mit dem Fuß auf, „ist wahrscheinlich so alt wie der ganze Bau. Und wir sorgen nun dafür, dass diese alten festen Bohlen in relativ kurzer Zeit verfaulen werden.“
„Wieso das?“, fragte Sebastian und besah sich diese Dielen genauer.
„Was siehst du?“, fragte Klaus, der Ingenieur.
„Was soll ich sehen“, sagte Sebastian, „Holzdielen …
„Und“, fragte Klaus weiter.
„Ja, die sind ziemlich sauber, im Gegensatz zu den verschmierten Wänden hier überall.“ Dann sah er den Ingenieur an und lachte. „Ich weiß schon“, sagte er.
Der Ingenieur nickte. „Sauber“, sagte er, „das ist richtig. Alle drei Wochen gibt’s so’n Eimer Wasser und anschließend kommen die um nachzusehen, ob der Boden auch wirklich sauber ist. Das Problem aber bleibt, dass der größte Teil des Wassers in den Dielen versickert. Am Ende ist nur noch ein Viertel Eimer Restwasser übrig, um von Schmutz nicht zu reden.“
„Na uns soll’s Recht sein“, sagte Totila, „, wenn dieser Knast von unten her allmählich verfault.“
Sebastian winkte ab. „Nicht unsere Sache“, sagte er, „, aber ich mach’ das, ich werde schrubben.“ „Erst ausfegen“, bemerkte Totila und griff sich den Handfeger, der mit einer Schaufel stets in der Zelle blieb.
„Ich fange am Fenster an“, erklärte Sebastian.
Totila nickte und begann dort zu fegen.
Sebastian griff sich indessen eine der Bürsten, trug den Wassereimer Richtung Fenster und begann auf dem Boden kniend die Dielen mit der harten Wurzelbürste zu bearbeiten.
Die beiden Älteren saßen auf ihren Hockern und grinsten.
„So ist’s richtig“, sagte Klaus, der Ingenieur, „Jugend voran!“
„Lästert ruhig“, reagierte Sebastian ohne aufzublicken, „mir macht das nichts.
Ich kann mich hier ein bisschen bewegen.“
„Die hintere Hälfte schrubbe ich“, meldete Totila sich, der die Zelle inzwischen ausgefegt hatte. „Zwei Bürsten sind zwar da, aber nur ein Eimer.“
„Da musst du die Waschschüssel nehmen. Das meinen die vielleicht auch und anschließend auswaschen“, sagte Sebastian.
„Alles mit kaltem Wasser?“
„Na ja, dann lass es halt. Kannst dann ja gleich die andere Hälfte schrubben.“
Nachdem alles fertig war, stand Sebastian mitten in der Zelle und schüttelte den Kopf. „Ich hatte gedacht man würde zum Wasser aufnehmen noch einen Scheuerlappen brauchen, also um nach zu wischen. „Das ist aber wirklich so wie ihr gesagt habt“, wandte er sich an die beiden Älteren. „Im Eimer der winzige Rest und das andere ist einfach verschwunden. Der Boden sieht richtig trocken aus.
„Und sauber“, ulkte Günter der Volkswirt.
„Hat auch was“, antwortete Sebastian. „Man sieht nachts die großen Kakerlaken besser.“
Der Ingenieur lachte. „Wir tun ja auch alles, damit’s denen unter den Dielenböden hier richtig anheimelnd geht.
„Die haben die Ausmaße eines kleinen Fingers“, warf Totila ein.
Ja, ja“, bestätigte der Volkswirt. „Die haben hier mal über Nacht ’ne halbe Scheibe Brot aufgefressen.“
„Donnerwetter!“ Sebastian lachte. „ Sind die nicht schon richtig gefährlich?“
Kapitel 5
Aus Tagen waren für Sebastian und Totila Wochen geworden und aus Wochen Monate. Der Revisionsantrag Günters, des Volkswirts, war inzwischen vom Gericht verworfen worden. Damit waren sie kurzfristig eine Dreimannzelle geworden.
„Unser Anwalt hat uns gleich von einem Revisionsantrag abgeraten und gewarnt, das könnte auch nach hinten los gehen“, erklärte Sebastian auf eine Nachfrage des Ingenieurs. „Also haben wir uns danach gerichtet. Zumal mit einer Strafminderung bei unseren Urteilen sowieso nicht zu rechnen gewesen wäre. Doch dass wir mit ’ner Revision geschwindelt haben“, wandte er sich an den Ingenieur, „das weißt du ja. Wir wurden vom Schließer nach der Revision gefragt und da haben wir ja gesagt. Unser Anwalt hätte sie eingelegt. Seitdem sind wir hier in dieser Zelle“, dazu drehte er sich einmal um sich selbst. „Wir hielten das erstmal für besser“, fügte er hinzu, „und meinten uns damit auch die Glatze wenigstens eine Zeit lang ersparen zu können. Und sollte das mit der Revision raus kommen“, sagte Sebastian achselzuckend, „dann hatten wir uns eben geirrt …“
„Das kommt sowieso raus“, wandte Totila ein, „oder glaubst du denn, dass wir nach Jahren noch immer hier in Revision sitzen?“
„Quatsch! Irgendwann verlegen die uns in eine Normalzelle und das war’s dann.“
Schon zwei Tage später krachte überraschend das Schloss, die Tür flog auf und darin stand einer mit seinem Deckenbündel vor der Brust. Er betrat die Zelle und gleich hinter ihm schmetterte die schwere Türe wieder ins Schloss.
„Na dann sind wir ja voll“, begrüßte Klaus, der Ingenieur den Neuen und stellte sich selbst sowie die beiden Freunde vor.
„Eberhard Meier mein Name“, erwiderte der Neue.
„Was hast du denn Schönes mitgebracht?“, fragte der Ingenieur.
Der Neue warf sein Bündel aufs freie Bett. „Fünfzehn Jahre wegen Mord“, sagte er dann. „Hab meine Frau erschlagen.“
Die drei andern in der Zelle, einschließlich des Ingenieurs, sahen ein wenig verblüfft drein.
„Vorsätzlich?“, fragte schließlich Totila ein bisschen zögerlich.
Eberhard Meier stand neben dem Bett und schüttelte den Kopf. „Das war ich doch gar nicht!“
Wieder schwiegen die drei anderen.
„Also unschuldig …?“, reagierte wiederum Totila.
Der so Gefragte, ein großer, kräftiger aber einfacher Mann, dem man einen Totschlag, geschweige denn einen Mord nicht wirklich zutrauen würde, hob die Schultern und sah die drei an. „Ich weiß ja“, sagte er, „das sagen immer alle, aber ich war’s wirklich nicht …“ Und er begann, als er das Zögern in den Augen der anderen sah, ein wenig stockend zu erzählen. Dazu ließ er sich auf einem Hocker am Tisch nieder. Und so breitete sich vor den inneren Augen der Zuhörer die Geschichte des Eberhard Meier aus, eines Flüchtlings aus Pommern und Maurer von Beruf, der wegen Mordes verurteilt worden war.
„Ich habe meine Schwiegermutter mit geheiratet“, begann er zu erzählen und machte eine Pause „Der gehörte das Haus in Bronkow“, fuhr er fort. „Ich habe beim Kraftwerkbau Sonne in Freienhufen gearbeitet.“
„Sonne?“, fragte Sebastian, „Da ist mein Vater Oberbauleiter.“
„Sebaldt … ja natürlich. Das ist dein Vater?“
„Ja.“
„N’ prima Mann. Der war in Ordnung, hat mit jedem Maurer und Zimmermann sprechen können, was man von diesen Herren meist nicht sagen kann.“ Dabei nickte er Sebastian zu.
„Ja meine Frau“, fuhr er dann fort, „also die hab ich vor sechs Jahren geheiratet.
Ihr Vater war in Stalingrad geblieben. Ich kam verwundet aus russischer Gefangenschaft. Meine Heimat in Pommern war ja polnisch geworden. Auch mein Vater ist im Krieg geblieben und die Mutter auf der Flucht gestorben. Ein älterer Bruder ist noch immer vermisst. Ich denke nicht, dass der noch mal auftaucht.
Wo meine Mutter damals verscharrt wurde, weiß ich nicht. Ich war, als ich hier ankam, nur der Flüchtling. Meine Frau habe ich in der Werkskantine kennen gelernt, die hat dort bedient. Ich war da hängen geblieben, weil’s dort Arbeit gab.
Ich hatte zuerst in ’ner kleinen privaten Baufirma eine Maurerstelle. Diese Firmen gab’s damals noch und die hatten auch Arbeit. In Großräschen zum Beispiel war ja durch ’n Bombenangriff viel zerstört worden. In Freienhufen beim Kraftwerk Sonne gab’s bald bessere Löhne, also bin ich dann da hin. Das Schlafzimmer und das Ehebett gehörten nicht nur meiner Frau und mir, als wir geheiratet hatten …“, dann stockte er kurz und starrte zu Boden. „Das ist mir wirklich peinlich“, fuhr er schließlich fort, „aber die Schwiegermutter lag immer mit in unserm Bett.“
„Was, wie denn das? fragte erstaunt der Ingenieur und ließ sich auch auf einen Hocker fallen. „Ich habe ja schon gehört, dass es das gibt, aber noch nie so jemanden getroffen.“
„Das erzählt doch niemand, wenn’s nicht sein muss“, erklärte Eberhard Meier.
„So was denke ich, kommt öfter vor.“
„Was du nicht sagst!“, wunderte der Ingenieur sich.
Und über Sebastians und Totilas Erfahrungsschatz ging das natürlich weit hinaus.
„Entschuldige die Neugier“, sagte der Ingenieur wieder, aber wie habt ihr so was denn arrangiert?“
„Na rechts meine Frau und links ihre Mutter …“ „Das war doch aber eine alte Frau.“
Nee, nee, sag das nicht. Das war schon noch ein griffiges Weibstück „, widersprach Eberhard Meier. „Und das wusste die auch“, fügte er hinzu.
„Und du hast, entschuldige, also du hast dann mit beiden abwechselnd geschlafen?“
„Nicht nur abwechselnd, manchmal auch hintereinander.“
„Beim Zeus! rief der Ingenieur. Welch eine Potenz! Das muss man sich mal vorstellen.“ Dazu lachte er. „Nimm mir’s nicht übel“, wandte er sich an Eberhard Meier, „aber alle Achtung! Da hätte ich nicht mitgehalten.“
Sebastian und Totila grinsten ein wenig peinlich berührt.
„Ja ihr lacht“, beschwerte der überlastete Ehemann sich, das war nicht so einfach und eine verdammt ernste Angelegenheit. Meine Schwiegermutter hat sich immer vernachlässigt gefühlt. Manchmal klappte das eben nicht so und dann lags nach ihrer Meinung an der Tochter. Ihre Mutter war im Bett und nicht nur dort, oft so gehässig und eifersüchtig, da konnte ich manchmal einfach nicht.
Ständig Zank und Streit und dann war auch wieder meine Frau sauer.“
„Kinder hattet ihr nicht?“
„Nee, dazu ist’s nicht gekommen. Vielleicht auch gut so.
„Warum hast du da immer noch mitgemacht?“
„Der Mutter gehörte ja das Haus. Wo sollten wir hin? Das Schlimmste war die Eifersucht und dann auch der Hass auf die Tochter.“
„Ich hätte nicht gedacht, dass es das überhaupt gibt“, ließ Sebastian sich hören, „also mit Mutter und Tochter und so … hätte so was eher für einen Spaß oder Witz gehalten.“
Der Ingenieur grinste ironisch als er Sebastian fragte: „Hast denn du schon mal was mit der Tochter einer Mutter gehabt?“
Sebastian lachte. „Das ist ja wohl allein meine Sache“, erklärte er.
Der Ingenieur winkte ab. „Wie alt war denn deine Frau“, wandte er sich wieder an Eberhard Meier.
„Dreiundzwanzig“, sagte der.
„Und du?“
„Siebenunddreißig.“
„Und die Schwiegermutter?“
„Zweiundvierzig.“
„Also Kinder, sagst du, hast du nicht.“
„Nee, zum Glück …“ Ein Ding wär’s ja gewesen, wenn deine Schwiegermutter schwanger geworden wäre. Vom Alter her wär’s ja noch grade so drin gewesen. Aber wieso haben die ausgerechnet dich für den Tod deiner Frau verantwortlich gemacht?“
„Genau das ist es“, antwortete Eberhard Meier plötzlich lebhaft geworden. Das konnte nur die Mutter gewesen sein, beteuerte er. „Das habe ich auch dem Gericht gesagt, aber die glauben mir nicht.“
„Eine Mutter, die ihre Tochter erschlägt?“
„Ja warum nicht? So kann es bloß gewesen sein, aus Eifersucht.“
„Aber dem Gericht hast du nicht alles so erzählt wie uns hier …“
„Konnte ich gar nicht. Die wollten’s nicht wissen.“
„Und dein Anwalt?“
„Der sagte immer, nur die Fakten zählen.“
„Na dann erzähl doch mal, aber nur wenn du’s willst, also die Fakten, was waren denn das für Fakten?“
„Na ja“, begann Eberhard Meier wieder etwas zögerlich mit seiner Geschichte, „an einem Abend …“, und er wischte sich kurz mit der Hand über Stirn und Augen. „Also an diesem Abend“, fuhr er dann fort, „da hat’s wieder mal richtig Krach gegeben.“
„Im Bett?“
„Ja, aber auch vorher schon.“
„Und du? Wie hast du dich verhalten? Hast du …?“
Eberhard Meier schüttelte nachdrücklich den Kopf. „Um Gottes willen nein!
Ich wollte doch nicht dazwischen geraten. Und am nächsten Morgen, die Türen flogen schon wieder, da bin ich schleunigst abgehauen auf Arbeit. Die Mittagspause … also Mittag hab ich doch immer zu Hause gegessen. Und mit dem Fahrrad ungefähr zwanzig Minuten. Als ich auf den Hof fuhr und das Rad abstellte, hatte ich auf einmal so’n komisches Gefühl, vor allem als Rex der Schäferhundrüde mir entgegen kam, der sonst immer an der Kette lag. Der stieg an mir hoch und winselte … Als ich zur Haustür ging, lag da meine Frau und alles voller Blut um ihren Kopf. Das erschreckte mich erst mal und wunderte mich auch. Was war denn da passiert? Meine Frau war tot und schon ganz kalt als ich ihr Gesicht anfasste. Ich bin gleich ins Haus und hab nach der Schwiegermutter gerufen, aber niemand rührte sich. Es war ganz still … Vielleicht, dachte ich, vielleicht ist die Frau gestolpert und im Haus die steile Treppe runtergefallen bis vor die offene Haustür. Aber wieso stand die offen? Das war sie doch sonst nicht und Hildegard, also die Mutter meiner Frau, nicht im Haus, nicht da … Ich kettete noch den Hund an und lief dann gleich in die Kneipe um die Ecke und klingelte dort Sturm. Die hatten ja am Tage geschlossen, aber auch ein Telefon und öffneren auf mein Klingeln. Ich rief dann den Notdienst an und sagte denen, dass meine Frau tot ist, vor der Haustür liegt, vielleicht ein Unfall, sagte ich. Aber bei Tod kommt wohl immer gleich die Polizei. Und so war es auch. Ich konnte denen nicht erklären, wo die Hildegard hin ist. Keine Ahnung, sagte ich auf deren Frage.“
Die Zellengenossen saßen regungslos auf ihren Schemeln oder standen an die Bettgestelle gelehnt und hörten zu.
Der Eberhard Meier, der verurteilte Frauen- und Gattenmörder, stand im Gang zwischen den Betten, mit dem Rücken zum Fenster, hinter dem sich das von der Nachmittagssonne beschienene Laub der Kastanienbäume in leichtem Wind bewegte.
„Also die wiederholte Frage nach der Schwiegermutter, die konnte ich einfach nicht beantworten. Was wusste ich, warum die nicht da war. Ich müsste mitkommen, sagten die mir, auf die Dienststelle nach Calau. Ich dachte doch, dass ich am selben Tage wieder zurück sein würde, aber das war nicht so. Die brachten mich ins Gerichtsgefängnis. Und dort wollten die mir einreden, ich sollte öfter Streit mit meiner Frau vom Zaun gebrochen haben. Ich sagte denen dagegen, dass meine Frau dauernd Zoff mit ihrer Mutter hatte …“ „Von der Ehebettgeschichte“, unterbrach Klaus, der Ingenieur, „hast du denen nichts erzählt?“
„Nee“, Meier schüttelte den Kopf, „, das war mir zu peinlich.“
„Mann!“ Der Ingenieur sprang vom Hocker hoch, „Wenn du das nicht erzählt hast, und vom ständigen Krach zwischen Mutter und Tochter, dann hast du dich als Täter ja förmlich angeboten. Es kommt nicht drauf an, dass du’s nicht warst, sondern dass du es beweisen oder wenigstens glaubhaft machen konntest.“
Eberhard Meier stand mit gesenktem Kopf da und zuckte mit den Schultern.
„Ich geb’ dir ja Recht“, sagte er. „Im Gefängnis“, erzählte er dann weiter, „haben die mir meine Sachen weggenommen. Ich musste ’ne alte Uniform anzieh’n.
An meinen Sachen ist Blut von meiner Frau haben die mir gesagt.
Auch ein Beweis meiner Schuld meinten die. Sie wollten dann wissen, mit welchem Gegenstand ich zugeschlagen habe. Meine Frau, sagten die mir, ist von einem harten Gegenstand getroffen worden, bevor sie dann noch zusätzlich die Treppe runtergestoßen wurde. Meine Schwiegermutter hat auch ausgesagt, dass sie mich nicht direkt beim Totschlag gesehen hat, dass ich aber am Abend vorher mächtig Streit mit meiner Frau gehabt hätte, mit der Drohung sie tot zu schlagen. Der größte Quatsch natürlich. So was hatte ich nie gesagt. Streit hatte ich ja, wenn überhaupt, nur wegen der Schwiegermutter.“
„Und das hast du alles so über dich ergehen lassen, hast nicht erzählt was sich wirklich abgespielt hat?“
„Ich hätte doch keine Zeugen gehabt.“
„Deine Schwiegermutter auch nicht“, erklärte der Ingenieur. „ Also wirklich, du musst doch ’n Knall haben. Und das Blut an deinen Sachen? Da ist doch der Hund an dir hochgesprungen, der frei auf dem Hof herumgelaufen war. So liegt’s doch auf der Hand wie das Blut an die Sachen kam. Hast du dem Gericht das mit dem Hund nicht erzählt? Eigentlich hätte dein Pflichtverteidiger oder auch das Gericht selber darauf kommen müssen.“
Eberhard Meier zuckte wieder mit den Schultern. „Darauf war auch ich damals nicht gekommen.“
„Du meine Güte! Das wichtigste Indiz und du hast es vergessen.“ Der Ingenieur stand in der Zelle Meier gegenüber und schüttelte den Kopf. Wir glauben dir natürlich“, dazu sah er sich in der Zelle um und auch Sebastian und Totila stimmten dieser Einschätzung zu.
Natürlich begriffen alle: Da gab’s die Aussage der Schwiegermutter: Sie sei beim Streit des Schwiegersohns mit ihrer Tochter in Panik davongerannt. Sie habe schreckliche Angst gehabt und das hatte sie wohl glaubhaft bei der Vernehmung und auch vor Gericht rüberbringen können. Ein Kantholz mit Blutspuren des Opfers war schließlich noch im Holzschuppen gefunden worden. Hierzu schien die Meinung vorgeherrscht zu haben: Mit einem Kantholz schlägt ein Mann zu.
Eine Frau würde eher ein Nudelholz oder einen Fleischklopfer verwenden.
Von Ehe-und Beziehungsstreitereien hatte wenigstens Sebastian noch nie wirklich was gehört und dann das dort! Und auch noch in dieser krassen Form.
„Warum hast du denn da hineingeheiratet?“, fragte er, sich seiner Ahnungslosigkeit halb bewusst, vorsichtig an.
„Ja warum … Meine Heimat in Pommern war verloren“, sagte Meier. „Bruder und Vater sind im Krieg geblieben, die Mutter ist auf dem Treck gestorben und ich steckte krank in russischer Gefangenschaft mit Motten in der Lunge. Dann hatte ich Glück im Unglück: Die Russen dachten ich mach’s nicht mehr lange“, erklärte er grinsend, „da haben sie mich rausgeschmissen. Und dann habe ich, wie schon gesagt, in so’ner kleinen Klitsche in Freienhufen als Maurer angefangen. Leute wurden damals ja gesucht, viele waren gefallen und die andern in Gefangenschaft. Aufträge hatten wir erstmal mehr als genug. Dann gab’s auch bald diese VEB, die Volkseigenen Betriebe, die Löhne lagen dort höher und ich hatte beim Aufbau des Kraftwerks Sonne angefangen und dort meine Frau kennen gelernt …“
„Ja, das hast du uns schon erzählt“, unterbrach der Ingenieur die Wiederholungen des Eberhard Meier, der immer mehr ins Reden geraten war.
„Also ich dachte“, fuhr Meier weiter fort, „ich hab’ nun ein Zuhause. Mir selber gehörte ja nur was ich gerade an mir trug. Dabei gab’s nischt zum Anziehen zu kaufen in den leeren Geschäften. Und mit dem Haus war da noch der Hof, der Garten und ein Stück Feld. Verhungern konnte man nicht mehr. Und passende Kleidung vom gefallenen Mann meiner Schwiegermutter gab’s auch noch. Ich war damals mehr als zufrieden.“
„Na klar“, warf Klaus der Ingenieur ein, „so lange, bis die Schwiegermutter mit ins Ehebett kroch.“
„Stimmt“, bestätigte Eberhard Meier, „ab da ging dann der Krach los.“
Der Ingenieur lachte. „Also ich muss schon sagen, ich staune bloß wie du das ausgehalten hast. Das ging doch nicht gleich in der Hochzeitsnacht los oder?“
„Nein, nein, natürlich nicht. Das war viel später und fing auch ganz allmählich an …“
„Erst einmal, dann öfter und dann immer?
„Ja schon, so ähnlich …“
„Was ich auch nicht verstehe, wie hat denn eigentlich deine Frau reagiert?“
„Ja, was soll ich sagen? Das erste Mal hatte ihre Mutter vor einem heftigen Gewitter Angst gehabt. Jedenfalls sagte sie das.“
„Hatte sie da schon gleich Ansprüche gestellt?“
„Nein, keinesfalls! Meine Frau hatte auch nichts dagegen, dass ihre Mutter aus Angst vor dem Gewitter mit ins Bett kam. Das war alles harmlos.“
„Entschuldige meine Neugier und du musst auch nicht antworten“, bohrte der Ingenieur weiter, „aber ich habe eine so vertrackte Geschichte noch nie gehört und wie kam’s dann zu den weiteren Übergriffen, also wenn man das mal so nennen will?“
„Ja, wie kam’s dazu?“ Eberhard Meier starrte kurz auf den Dielenboden und hob dann wieder den Kopf. „Wir drei hatten an einem Abend zusammen Wein getrunken, aber nicht übermäßig. Wir lagen gerade im Bett, da kam auf einmal Hildegard schon im Nachthemd aus ihrem Zimmer. Ihr ist so kalt in ihrem einsamen Bett und sie muss sich deshalb bei uns aufwärmen, sagte sie. Ich weiß dann auch nicht mehr was mit uns los war, vor allem mit mir … der Alkohol oder so …“, und er hob dazu unschlüssig die Schultern. „ Jedenfalls forderten mich beide heraus. Im Nachhinein könnte man denken, das war abgesprochen, aber ich weiß es einfach nicht. Und meine Frau war nach all dem auch nicht böse. Dann öfter und dann für immer, bis es in Zank und Krach überging.“
„Warst du denn immer in der Lage? Also ich meine …“ Meier wiegte den Kopf. „Meistens schon“, sagte er, „aber zuletzt immer weniger.
Doch warum sollte ich meine Frau erschlagen? Wir hatten uns wenig gezankt.
Die beiden Weibstücke dafür um so mehr. Die Hildegard hat gelogen. Sie war’s.
Und ich bin nun der Mörder.“
„Na, nicht Mord. Du bist ja wegen Totschlags verurteilt.“
„Ist doch alles gleich“, winkte Meier ab.
„Das stimmt nicht. Aber 15 Jahre dafür, wenn man weiß, dass man unschuldig ist? Ist schon ’n Hammer. Das kann man sich kaum vorstellen.“
„Du hast vorhin gesagt“, wandte Sebastian sich an Eberhard Meier, „du hattest eine Richterin.“
„Ja.“
„Die ich hatte hieß von Ehrenwall“, fuhr Sebastian fort, „ Direktorin des I.
Strafsenats, so in mittleren Jahren.“
„Nee, bei mir nicht, die war auch jünger.“
„Wohl wieder so ’ne berüchtigte Volksrichterin“, mischte der Ingenieur sich ein, „mit so ’nem drei mal sechs Wochen Schnellsiedekurs in sozialistischer Rechtskunde. Übrigens, von Ehrenwall, deine Direktorin des I. Strafsenats hier in Cottbus“, sprach er Sebastian an, „ist auch keine Juristin.“
„Also wenn die eine Neue Justiz haben wie sie behaupten“, sagte Totila, „dann brauchen sie doch auch neue Juristen …“ Der Ingenieur lachte. „Die sie noch nicht haben“, erklärte er.
„Und die ganzen Anwälte heute?“, fragte Totila.
„Sind noch immer die alten.“
„Wie passt das zusammen? Ist denn das derart austauschbar?“
„Ich denke, das kann man drehen und wenden wie man will“, erklärte der Ingenieur. „Jedes Rechtssystem muss ja nicht rechtens sein, besteht aber immer aus Paragraphen und Artikeln, ob nun auf diktatorischer oder demokratischer Grundlage. Deshalb“, fügte er noch hinzu, „und das scheint mir eben auch problematisch, deshalb haben Juristen zu allen Zeiten systemübergreifend ihre Finger im politischen Spiel gehabt und wurden dafür nie oder kaum belangt.“
„Das hört sich aber böse an“, sagte Totila.
„Böse oder nicht, das ist die Realität, was soll’s.“
„Auch in demokratischen Ländern?“, fragte Sebastian.
Der Ingenieur lachte wieder. „Die Frage musste ja kommen“, sagte er. „Ja, auch dort“, betonte er dann. „Aber Demokratie ist nicht nur ein Wort“, fuhr er fort, „also da muss man verdammt aufpassen. Das ist nie ein für allemal und von selbst gegeben. Merkt euch das ruhig“, sagte er, „sollte es euch mal in demokratische Länder verschlagen. Lasst euch auch dort nichts von Sozialistischer Demokratie vorgaukeln, von wem auch immer, die gibt es nicht.“
Wenige Tage später wurde dem Strafgefangenen Eberhard Meier der Revisionsverhandlungstermin schriftlich mitgeteilt. Dazu wurde ihm sein Urteil mit Begründung in die Zelle gereicht.
„Übermorgen ist schon Termin“, verkündete Meier leicht verschreckt, nachdem er die Ladung gelesen hatte.
„Nanu? Die sind ja wirklich mal schnell“, wunderte Sebastian sich.
„Ist das da dein Urteil?“, fragte der Ingenieur und wies auf ein Bündel DIN A4-Blätter auf dem Tisch.
Meier blickte verwirrt hin. „Ja, ja, sicher“, sagte er, „klar, mein Urteil“, und nahm es vom Tisch. Der Ingenieur nickte zustimmend. „Wir werden’s uns genau ansehen, wenn du nichts dagegen hast und raus finden, worauf die sich berufen haben. Und dann können wir dir sagen worauf du dich in der Verhandlung festlegen musst. Ich nehme an, dein Pflichtverteidiger könnte auch dabei sein. Wenn nicht, dann ist das auch kein Schaden. Du musst nur das vorbringen, was du uns erzählt und dem Gericht damals vorenthalten hast.“
Schließlich las Totila den Text des Urteils laut vor, alle saßen dabei um den Tisch auf ihren Schemeln und hörten zu.
Die einhellige Meinung danach: Das Urteil sei total einseitig.
Der Ingenieur sah sich im Kreise um. „Das ist schon so wie wir’s uns dachten“, erklärte er dann und wandte sich an Eberhard Meier: „Das hast du ja nun auch gemerkt. Es ist prizipiell ganz einfach. Du musst die Bettgeschichten erzählen mit der Bemerkung, dass du das vor Gericht damals nicht vorgebracht hattest, weil es dir zu peinlich gewesen sei. Vergiß das nicht. Und dann das Wichtigste: Das Blut an den Sachen und der losgemachte Hund auf dem Hof. Aber schlimm ist es schon“, fügte er noch hinzu, „dass du das damals nicht gleich vorgebracht hast. Schließlich gibt es für all das keine Zeugen …“ „Aber für die Aussagen der Schwiegermutter als Zeugin doch auch nicht“, warf Sebastian ein.
„Das ist richtig, aber der Angeklagte hätte das alles damals gleich vorbringen müssen. Das Ganze ist nun mal ein Indizienprozess.“
„Ich denke Blutgruppen feststellen kann man doch“, gab Totila zu bedenken.
Klaus, der Ingenieur, zuckte mit den Schultern. „Das ist zu hoffen, ich weiß es aber nicht.“
Eberhard Meier wurde am übernächsten Tag gleich früh aus der Zelle geholt und kam schon gegen Mittag wieder zurück. Er habe sich auf der Kammer seine Zivilsachen anziehen müssen, erzählte er. Und dann vor Gericht: Das sei dort alles sehr schnell gegangen. Er habe das mit dem Bett und der Schwiegermutter und dem zunehmenden Zank der Frauen untereinander vorgebracht und dazu auch gesagt, dass er das vor Gericht damals nicht erwähnt hätte, weil es ihm zu peinlich gewesen sei. Das mit dem Hund und dem Blut an den Sachen habe er in der Verhandlung ebenfalls geschildert. Die hätten sich auch alles angehört. „Ich habe aber schon bald gespürt, dass die sich für meine Schilderungen gar nicht interessierten. Die wurden dann bei der Urteilsverkündung auch als bloße Schutzbehauptungen bezeichnet. Nachträglich zusammengebastelt, wie sie sagten. Jedenfalls wurde das erste Urteil bestätigt und damit der Revisionsantrag verworfen. Ich bin und bleibe also ein Frauenmörder.“ Daraufhin ging er ans aufgeklappte Zellenfenster, starrte hinaus und klammerte sich dabei mit beiden Händen an den Gitterstäben fest.
Schon einen Tag später wurde Eberhard Meier als nun endgültig bestätigter Totschläger aus der Revisionszelle verlegt.
„Du bleibst ja hier auf Station“, wurde er tröstend verabschiedet, als er mit seinem Sachenbündel in den Armen die Zelle verließ.
Kapitel 6
Nach verregneten Wochen und einigen folgenden feuchtheißen Tagen, die den Gefangenen in den Zellen die ohnehin schon knappe Luft zum Atmen nahmen, setzte Anfang Juni wieder Regen ein.
Für Fußballspiele hatten sich Sebastian wie auch Totila draußen nie interessiert.
Sie wussten nur, dass zu einer Mannschaft elf Spieler einschließlich Torhüter gehörten; das war’s im Grunde auch schon. Seit Tagen aber ging ein von den Kalfaktoren in Gang gehaltenes Raunen durch die Zellen: Die westdeutsche Mannschaft stehe im Endspiel der Fußballweltmeisterschaft in Bern, gegen die Mannschaft der Volksrepublik Ungarn. Da wurde den beiden Freunden schon klar, dass es dort um mehr als nur ein Fußballspiel ging. Vor allem nahm die Mannschaft der kapitalistischen Bundesrepublik zum ersten Mal nach dem verlorenen Krieg wieder an einer Weltmeisterschaft teil und war, wider Erwarten so mancher Nation, bis ins Endspiel gelangt. Die Symbolik war nicht aus der Welt zu schaffen. Der entscheidende Tag rückte näher und das Raunen wurde lauter, denn es mischten sich nun auch die Schließer mit ein. Es wunderte niemanden, dass sie ausschließlich den Ungarn die Daumen drückten und sich von deren Sieg überzeugt gaben. Von einigen wenigen Häftlingen abgesehen, in aller Regel Spitzel oder solche die sich von laut vorgebrachten Äußerungen für Ungarn dummerweise etwas versprachen, standen die Gefangenen, einschließlich krimineller, soweit die sich äußerten, hinter der bundesdeutschen Elf. Deren Sieg wurde in den Zellen ersehnt und beschworen.
Fernsehen gab es zwar schon, wenn auch weniger in der DDR, aber dort behalf man sich statt dessen mehr mit Radioübertragungen, natürlich auch in den Wachstuben von Zuchthäusern und Gefängnissen.
Am Tage der Entscheidung sei es in Bern, wie von den Kalfaktoren auf den Fluren zu hören war, recht regnerisch und deshalb von Vorteil für die deutsche Mannschaft. So hieß es wenigstens. Weshalb das so sein sollte, konnte in der Zelle niemand sagen.Vom Spielverlauf drang dann auch kaum etwas zu den Gefangenen. Selbst die Kalfaktoren hatten nichts zu berichten, denn von den wenigen Schließern, die sich während des Spiels hin und wieder kurz auf den Gängen zeigten, war über dessen Verlauf im fernen Bern ganz offensichtlich nichts zu erfahren.Und keiner konnte deshalb auch wissen, wann dieses Spiel zu Ende sein würde. Bei einem Unentschieden gäbe es ja Verlängerungen und schließlich auch noch das Elf-Meter-Schießen … Sebastian, der zufällig am Fenster stand und daraus eben so zufällig hinunter auf den Hof blickte, sah dort einen Hofarbeiter neben einem Parterrefenster und einer Wassertonne an der Wand des Krankenreviers lehnen. Das war nichts von Bedeutung und Sebastian hätte sich vom Fenster auch bald wieder abgewandt, wenn er nicht im letzten Moment, gerade noch eben aus den Augenwinkeln, diesen Hofarbeiter gesehen hätte, wie der plötzlich die geballten Fäuste in den Himmel stieß und dann mit einem Satz in die volle Wassertonne sprang.
Diese Handlung ließ nur einen Schluss zu. Sebastian wandte sich in die Zelle um.
„Deutschland hat gewonnen“, sagte er. „Eben ist dort unten ein Hofarbeiter in eine volle Regenwassertonne gesprungen.“
Die andern drei stürzten ebenfalls ans Fenster, aber da stand der Hofarbeiter plitschnaß bereits wieder neben der Tonne
„Woher konnte der das wissen?“, fragte Totila.
„Na wenn jemand in eine volle Wassertonne springt“, entgegnete Sebastian, „dann wird er’s gewusst haben. Ich denke, das wird ihm einer durch’s Parterrefenster im Revier geflüstert haben. Er stand ja dort neben dem letzten Fenster gegen die Wand gelehnt.“ „Ich meine auch“, meldete der Ingenieur sich, „wenn einer zu einem bestimmten Zeitpunkt in eine Wassertonne springt, dann sagt das etwas über den Zeitpunkt aus. Und was ist im Moment für uns alle hier wichtig? Also wird es schon stimmen: Deutschland ist Fußballweltmeister. Ein für Nachkriegsdeutschland wichtiges Ereignis“, setzte er nachdenklich hinzu.
Auch Sebastian freute sich darüber. „Noch wissen wir’s nicht genau“, sagte er.
Aber weshalb ein Spiel, also ein Fußballspiel, so wichtig für Deutschland sein sollte, das konnte er sich nicht erklären.
Durch’s enge Fenster fiel der Blick Sebastians von seinem Hocker am Tisch aus in regenschwere tiefhängende Wolken. Davor hatte es wieder mal wenige feuchtheiße Tage mit Sonnenschein gegeben, sodass vor allem an den Abenden nebliger Dunst aufgestieg, um dann jeden Morgen als Hochnebeldecke grau und trist über dem Land zu liegen. Spät, meist erst gegen Mittag, gelang es der Sonne diese Nebeldecke aufzulösen. Dann hatte auch bald wie schon Wochen zuvor der Regen wieder eingesetzt. Durchs Fenster fiel nur wenig trübes Licht.
Es gab eine Gefangenenbibliothek und es gab Bücher, aber kein Verzeichnis über die Bestände. Und so wurden etwa alle drei Wochen bei der Vier-Mann-Belegung der Zelle wahllos vier Bücher von einem Wagen abgeladen, auf dem sonst Suppenkessel transportiert wurden, und in die Zelle gegeben. Wer kein Buch wollte, brauchte das bloß zu sagen.
Sebastian hatte eines dieser Bücher, einen sowjetischen Heldenroman, auf sein Bett geworfen. Im hinteren Teil der Zelle war es inzwischen zu dunkel geworden, um noch lesen zu können. Im Gang zwischen den Betten direkt unter dem Fenster saßen Totila und ein Neuzugang lesend über Bücher gebeugt. Dazu reichte das Licht gerade noch. Der Ingenieur hockte auf einem Schemel gegen den kalten Heizkörper gelehnt, schwieg und starrte abwesend auf die zerkratzte olivgrüne Ölfarbe der Wand. Keiner sprach ein Wort.
Es war ein Nachmittag, Anfang Juli 54, als das Krachen eines Schlosses ganz in der Nähe die Zelleninsassen aus ihrer Versunkenheit riß.
„Das ist ja genau gegenüber …“, sagte Totila und alle lauschten an der Tür und hörten dort die Stimme eines Schließers: „Lassen sie die Sachen ruhig liegen.“, und nach kurzer Pause: „Da wo Sie jetzt hinkommen brauchen Sie keine Sachen mehr.“
„Das ist doch der Anstaltsleiter“, flüsterte Totila.
Dann vernahmen sie Schritte mehrerer Personen und das Klirren von Metall auf Metall, schließlich wieder das Krachen eines Schlosses, das Schmettern des Riegels und das verlorene Poltern eines einzelnen Holzschuhpaares, Schritte die sich entfernten … Das Schließgeräusch und Klappern der Gittertür zur Treppe war noch zu hören und das Klacken der Holzsohlen auf den Granitstufen, dumpfer, und weiter und immer weiter weg …
Alle in der Zelle standen wie versteinert.
„Das war doch der Fluglehrer“, sagte Sebastian leise mit seltsam gepreßter Stimme.
„Pfui Deibel!“, empörte der Ingenieur sich. „Du hast Recht“, wandte er sich an Sebastian, „diese Stimme kenne ich. Das ist das Schwein, der Anstaltsleiter. Die Sprüche hätte er sich weiß Gott ersparen können.“
„Wo bringen die den hin? fragte Totila.
„Nach Dresden“, antwortete der Ingenieur. „Das habe ich vom Kalfaktor“, fügte er hinzu, als alle ihn fragend ansahen. „Da steht noch die Nazi-Guillotine, das ist bekannt.“
„Mann oh Mann! Der hatte Mut und wirklich was gewagt“, warf Sebastian ein und spürte dabei wie ihm eine Gänsehaut über den Rücken bis in die Haarwurzeln kroch und Wut in ihm aufstieg. „Unter die Guillotine gehören ganz andere!“, stieß er hervor.
Totila und der Neuzugang stimmten ihm energisch nickend zu.
Dagegen bin ich ein winzig kleines Licht, ging es ihm durch den Kopf. Dieser Fluglehrer ist für die Freiheit, die Freiheit des einzelnen in der Demokratie, mit seinem Leben eingetreten. Vielleicht hört sich das kitschig an, sagte er sich, aber nur, weil mit diesen Begriffen überall Schindluder getrieben wird.
„Unter die Guillotine gehören andere?“, fragte der Ingenieur und sah dabei Sebastian an. „Ja“, fuhr er dann fort, „aber ihr glaubt doch nicht im Ernst, dass so etwas je eintreten würde wenn es anders herum käme? Anerkennung und Würdigung von außergewöhnlichen politisch motivierten Taten sind mehr als rar in der Weltgeschichte. Ich würde sagen, das gibt es nicht. Es sei denn, es ließe sich politisch ausschlachten und missbrauchen, aber mit Würdigung hätte das dann nichts mehr zu tun.“
„Mag sein“, sagte Sebastian und nickte zustimmend. Dann lief er im Gang zwischen den Betten die wenigen Schritte ein paar Mal auf und ab und ließ sich dann auch auf den ihm zustehenden Hocker fallen.
Alle saßen dann an diesem regentrüben Nachmittag auf ihren Schemeln am Tisch, gegen den Heizkörper oder einen Bettpfosten gelehnt, starrten bedrückt vor sich hin, das Kinn auf der Brust wie etwa der Ingenieur und schwiegen.
Jeder mehr oder weniger angerührt vom Schicksal des eben aus der Zelle geholten Todeskandidaten: Dort wo Sie jetzt hinkommen, brauchen Sie keine Sachen mehr …
Nach Dresden, ging es Sebastian durch den Kopf, zur Hinrichtungsstätte der Nazis. Was für eine Fahrt im Grotewohl-Express, in diesem engen Metallkasten.
Alles was dann noch geschieht ist so ziemlich das Letzte im Leben … Vielleicht noch die kommende Nacht, vielleicht noch ein nächster Morgen … Dieses ganze selbstgerechte Verbrechergesindel, sagte er sich und hielt es auf seinem Hocker kaum noch aus. Immer wieder kochte Wut in ihm hoch. Ein, zwei Stunden Laufen, Bewegung, dann würde es ihm besser gehen, aber in der Enge dieser Zelle konnte er nur sitzen bleiben auf diesem Hocker oder sich mit drei, vier Schritten hin und her faktisch im Kreise drehen.Wenn überhaupt laufen, dann mussten es, die Hocker auf den Tisch gestapelt, alle tun. Doch nicht allen war offensichtlich nach diesem Schock zum Laufen zu Mute.
Nach einer Weile gab der Neuzugang, ein wegen aufhetzerischer Reden nach Artikel 6 zu acht Jahren verurteilter junger Chemiker, zu bedenken, dass das mit dem Fluglehrer ganz sicher eine scheußliche Sache sei. „Aber ich habe“, fuhr er dann fort, „von noch Irrsinnigerem gehört. In Leipzig“, sagte er, „ich hatte dort an der Uni gerade mein Examen gemacht, so im Oktober fünfzig, als ein jüngerer Kommilitone verraten wurde: Herbert Belter. Ich kannte ihn nur vom Sehen.
Der hatte Flugblätter aus dem Westen verteilt und wurde geschnappt, zum Tode verurteilt und hingerichtet. Wahrscheinlich auch in Dresden, setzte er hinzu.
Und das war längst nicht der einzige.“
„Herbert Belter?“, sagte Totila und schüttelte den Kopf, „hab’ ich nie gehört.“
„Davon hat bisher überhaupt niemand was gehört“, stimmte Sebastian seinem Freund zu. „Auch im Westen wird so was unter den Teppich gekehrt. Man will ganz offensichtlich eine Empörung der Bevölkerung vermeiden.“
„Empörung?“ Totila schüttelte den Kopf. „Das glaubst doch nur du. Denen im Westen ist das alles viel zu weit weg. Und wenn die von solchen Geschichten hören sollten, dann ist das dort irgendwo bei den Russen passiert. Und vom Todeskadidaten hier, von seinem Schicksal, wird kaum jemand was erfahren.“
„Ich denke, wenn einer so was tut“, warf Sebastian ein, „dann sollte er das nur, wenn er’s auch für sich selber tut.“
„Das ist logisch“, bestätigte Totila diese Überlegung.
„Aber Flugblätter, damit hatten wir ja nebenbei auch zu tun“, warf Sebastian nach einigem Schweigen ein. „Und wir sind, ich denke nachträglich kann man das durchaus so sagen, ganz glimpflich davon gekommen. Also ich meine, die Kirche hat uns allein schon mit dem Erscheinen ihrer führenden Vertreter bei der Gerichtsverhandlung geholfen.“
„Das mit der Kirche ist wahrscheinlich richtig“, ließ der junge Chemiker sich hören. „Andererseits aber verstehen die Russen da keinen Spaß und die habt ihr ja, wie ich von euch hören konnte, hauptsächlich im Visier gehabt. Die DDR hat euch immerhin nicht ausgeliefert. Vielleicht hat euch auch das mit das Leben gerettet.“
Totila nickte nachdenklich. „Ich denke das auch nur, weil ihnen die Kirche im Wege stand. Mit einem Todesurteil, muss ich allerdings zugeben, hatte ich nicht gerechnet.“
„Ich eigentlich auch nicht wirklich …“, sagte Sebastian. „Fünfzehn Jahre, damit musste man schon rechnen. Und lebenslänglich?“ Er hob die Schultern, „Auch“, sagte er. „Aber Todesstrafe?“ Er schüttelte den Kopf.
„Die hatten schon genau so junge Kerle hingerichtet. Dann war euer ganzes Handeln aber ziemlich leichtsinnig“, sagte der Chemiker. „Der Fluglehrer“, fuhr er fort, „der wusste bestimmt was er wagte.“
„Niemand wird’s ihm danken“, warf der Ingenieur dazwischen. „So geht’s nun mal in der Politik zu. Man hat euch ja im viel gelobten Westen auch nicht gesagt, dass auf euch auch die Guillotine oder der Genickschuß warten könnte. Das gab’s schon für weniger und für noch jüngere Grünschnäbel als euch.“
Dass man dem Tod möglicherweise nicht so ganz ferne gestanden haben könnte, ließ jedenfalls Sebastian denn doch heimlich eine Gänsehaut über Rücken und Arme laufen. Was hattee dieser Sasse sich bei seinem Verrat eigentlich gedacht … Eine Karriere über die Leichen seiner Freunde?
Kapitel 7
Wochen waren vergangen. Sebastian und Totila waren eines Tages miteinander von der Revisionszelle in eine Zelle endgültig verurteilter Strafgefangener verlegt worden. Das war dann ganz ohne jedes Aufsehen geschehen.“
„Der Schwindel ist aufgeflogen“, hatte Sebastian das lediglich kommentiert.
„War doch längst zu erwarten. Die hatten nach Monaten bei Gericht nachgefragt und nun sind wir hier.“ Totila wies dazu mit großartiger Geste in die leere Zelle. „Bloß wir beide“, er drehte sich einmal um sich selbst, „und so großzügige Wohnverhältnisse.“
„Schön wär’s. Mal seh’n was wir hier reinkriegen …“
Und schon am nächsten Tag waren wieder zwei Neue mit ihren Bündeln in den Armen eingezogen.
Bei dem häufigen Kommen und Gehen, diesem ständigen Wechsel in den Zellen, trafen zwar viele Menschen aufeinander, aber nur wenige lernten sich dabei wirklich kennen. Sebastian war klar geworden, dass er nach Jahren ein Panoptikum von Gesichtern und Gestalten würde aufrufen können, für die es in seiner Erinnerung aber keinen dauerhaften Ort geben dürfte. Man saß manchmal aber auch wochenlang mit älteren und jüngeren Männern Tag und Nacht ohne Abstand auf engstem Raum zusammen, also in überbelegten Zellen, in denen man Nahrung zusammen einnahm und zusammen auch wieder ausschied, in einem stets streng einzuhaltenden zeitlich geregelten Rhythmus.
Und so drang schließlich wieder mal das dröhnende Geräusch abgestellter Metallkübel zuvor schon im Eingangsbereich des Zellenhauses und nun auf die Fliesen am Treppenabsatz der Station.
„Schon wieder Mittag“, sagte einer.
Danach folgte auch bald das Krachen der Schlösser den Gang entlang und das Schmettern der Riegel von Tür zu Tür.
Zwei Kalfaktoren schoben einen verbeulten khakifarbenen KVP-Kübel auf einem flachen Karren über den Gang von einer Zelle zur nächsten. Dort standen dann alle Insassen zusammengedrängt mit ihren Aluminiumnäpfen vor der offenen Zellentür. Einer der Kalfaktoren schöpfte schließlich heiße wässrige Weißkohlsuppe in die hingehaltenen Schüsseln. Jeder stellte seinen Napf dann schleunigst auf dem Tisch ab, verzog das Gesicht und pustete auf die schmerzenden Fingerspitzen. Aber noch bevor alle mit Händeschwenken und Pusten fertig waren krachte auch schon die Türe wieder ins Schloss und Riegel klirrten davor.
„Wenn der Fraß mal so gut wäre wie er immer heiß ist“, murrte einer.
Ein anderer fauchte: „Heißes Wasser“, und rührte dazu mit dem Löffel im Napf herum.
„Demnächst gibts heiße Luft“, schimpfte ein anderer.
„Ein Pfund Knochen auf hundert Liter Wasser. Wenn das so weiter geht, wirste krank“, wandte er sich an Sebastian, der erst vor drei Tagen mit Totila neu in diese Zelle verlegt worden war, setzte sich auf einen Schemel, zog ein Hosenbein hoch und drückte mit dem Daumen auf die nackte Wade. „Siehste“, sagte er. Zurückgeblieben war eine deutlich sichtbare weißlich abgesetzte Delle in der Haut. „Wasser“, sagte er und zog das Hosenbein wieder darüber.
„Wasser?“, fragte Totila, „da stimmt doch was am Herzen nicht.“
„Ja gut, aber wenn’s hier schon seit Monaten bloß heißes Wasser zu Mittag gibt …“ Schließlich saßen alle gedrängt um den Tisch und löffelten das inzwischen abgekühlte lumige Wasser aus den Aluminiumschüsseln. Hin und wieder fand sich auch ein verkochter Weißkohlstrunk darin.
„Schmeckt nach nischt die Plirre, ohne Salz wie Abwaschwasser. Wenn man wenigstens ’n bisschen Salz hätte …“
„Salz speichert Wasser“, entgegnete einer.
„Aber ohne Salz geht man auch kaputt“, warf Totila ein.
Die beiden zu ihrem eigenen Erstaunen noch immer in einer Zelle vereinten Freunde, kamen gar nicht dazu sich die Namen der jeweiligen Zellengenossen nachhaltig zu merken, da inzwischen alle paar Tage Verlegungen stattfanden und man Menschen und Namen oft kaum noch zusammenbringen konnte.
Nicht zuletzt auch, weil die Revision mancher Zelleninsassen abgelehnt oder auch gar nicht erst eingelegt worden war und sie deshalb in Normalzellen verlegt werden mussten. Und mit fast allen der Häftlinge, mit denen man für kurze Zeit eine Zelle geteilt hatte, traf man nie wieder zusammen. Doch auch der Nachschub frisch Verurteilter, darunter viele Artikel 6er mit hohen Strafen, riß nicht ab und füllte leere Betten in den Zellen sehr schnell wieder auf, sodass diese kaum einen Tag unbelegt blieben.
Eines Tages lief der Stationskalfaktor draußen auf dem Gang entlang und klopfte gegen die Zellentüren. „Es gibt neues Stroh“, rief er dabei. „Alle Strohsäcke in den Lichtschacht werfen!“ Dann erklang auch schon das Krachen der Schlösser und Klirren der Riegel auf allen vier Stationen fast gleichzeitig und kam näher, bis auch ihre Zellentüre aufflog. Die häckselgefüllten Strohsäcke hatten die Zelleninsassen bereits aufgestapelt und warfen sie dann in hohem Bogen über das Eisengeländer in den Lichtschacht, aus dem man die Fangnetze genommen hatte. Von dort ganz unten stiegen dann dichte Staubwolken auf.
Die Zellen der obersten Station waren ja niedriger und die Fenster lagen deshalb tiefer, sodass man gut über die Mauer blicken konnte. Sebastian stand dort, sagte: „Da kommt das Stroh“, und wies mit der Hand durch die Gitterstäbe auf einen mit Strohballen hochbeladenen LKW, der von ganz hinten über die lange Auffahrt gemächlich herangerollt kam.
Alle traten ans Fenster und beobachteten das Auto, aber auch die Vorgänge direkt unten im Hof, in den Häftlinge die alten Strohsäcke schleppten. Andere entleerten sie eilig in einen bereitstehenden Hänger. Auch wenn an diesem Tag kaum ein Wind ging, reichte ein leichter Luftzug aber schon aus, um Wolken von Staub ganz sachte in die Höhe zu treiben. Der LKW mit den Strohballen passte augenscheinlich nicht in die Durchfahrt, das konnten sie von dort oben aus noch erkennen, weil auch die Ballen einzeln oder zu zweit auf Karren von Häftlingen in den Hof gebracht werden mussten. Dann schlossen sie des feinen Heckselstaubs wegen die Fensterklappe.
Schließlich wurden die von Häftlingen neu gestopften Säcke ganz unten im Lichtschacht gestapelt und Zelle für Zelle holten deren Insassen sich diese voluminös gewordenen Strohsäcke dann ab.
„Ganz toll“, sagte Sebastian und grinste, als jeder seine Schlafstatt von ganz unten hoch in die Zelle geschleppt hatte „jetzt müssen wir nicht mehr auf bloßen Latten pennen. Der humane Strafvollzug … das sagen die doch immer …“ „Da können wir wirklich nicht meckern“, stimmte ein anderer ironisch zu.
Nach kurzer Zeit roch die Zelle, in der es sonst immer nach Schweiß, Chlor und Urin stank, nach frischem Stroh. „Wie eine Scheune an heißen Sommertagen“, schwärmte Totila und sog die Luft tief ein.
Er werde sicher von wogenden Getreidefeldern träumen, erklärte Sebastian dazu.
In den Zellen selbst hatte man nur wenig vom sanften Ineinandergreifen der Jahreszeiten draußen bemerken können. Doch mit dem Blick durch’s Klappfenster aus der obersten Etage des Zellenbaus, zeigten sich doch schon allererste Anzeichen eines frühen Herbstes. Das Gras im Freistundenhof war zwar noch grün wie eh und je, doch in den Obstbäumen der Kleingärten färbten sich einzelne Blätter und kleinere Zweige bereits bunt. Auch im dichten Laub der alten Kastanien, deren Blütenkerzen Sebastian im Frühling so bewundert hatte, zeigten sich bereits einzelne gelbe Blattfächer. Ende August stand die Sonne, wenn sie denn zu sehen war, noch hoch am Himmel und dennoch überzog etwas wie eine Abschiedsstimmung das Land oder nistete auch nur im Empfinden der Menschen, die das so wahrnahmen.
Zählung und Einschluss um 20 Uhr: Wieder krachten Schlösser und klirrten Riegel. Den leeren Kübel rein für die Nacht und die Gefangenen konnten nach dem Einschluss auf den Betten liegen oder auch nicht. Eine kleine Freiheit im sonst streng geregelten Einerlei des Tages. Einige schliefen gleich, andere lagen länger wach. Manchen quälte das Nachdenken über die eigene Lage, andere wieder sorgten sich vor einer noch fernen Zukunft. Beim Einschluss stand um diese Jahreszeit die Sonne noch hoch am Himmel und eine ganz sacht aufsteigende Dämmerung legte sich endlich als Nacht übers Land. Dann zeichneten die eingeschalteten Scheinwerfer der Wachtürme die Gitter des Fensters als Schattenriß an die Zellenwand und verzerrt auch nach oben an die Decke der Zelle, in der alle schliefen und manche auch träumten.
Sebastian störte der neu gestopfte Strohsack. Er hatte Schwierigkeiten sich dort zurecht zu legen und da er in einem oberen Bett schlief, fürchtete er sich davor des nachts von dort oben herunter zu fallen. Und so orientierte er sich auf der zerbeulten Unterlage mehr in Richtung Wand, in eine wenn auch nicht gerade bequeme Lage. Andere wälzten sich ebenfalls auf ihren Strohsäcken und murrten dabei vor sich hin.
Irgendwann schlief Sebastian auf seinem buckligen Strohsack aber doch ein und landete in einem Traum: Dort wurde er, die Hände auf dem Rücken gefesselt, über Gänge und an Zellentüren vorbei geführt. Hinter ihm ging einer und Gittertüren öffneten sich von selbst, wenn er sich ihnen näherte. Es ging über Treppen hinab, immer weiter, immer tiefer … Schließlich sah er sich selbst dort gehen, durch einen spärlich beleuchteten Kellergang und sah dann auch den, der hinter ihm ging. Ein verschattetes Gesicht erkannte er als eine schwarze Kapuze. Er wunderte sich, war er denn nicht bei der Stasi? Aber alles war fremd, war anders und solche Kapuzenmänner gab es dort nicht. Wo war er? Schließlich dirigierte man ihn auf eine große schwarze Türe zu.
„Gehen Sie!“, hörte er eine Stimme hinter sich, als er zögerte … Doch dann öffnete sich diese Türe wieder von selbst. Ganz langsam gab sie den Blick in einen weiß gefliesten Raum frei, keine Fenster, nur helles Kunstlicht.
„Gehen Sie …!“
Angst griff plötzlich nach ihm, Angst … Und auf einmal wusste er: Dresden!
Niemand hatte ihm das gesagt, er wusste es einfach. Er war in Dresden.
„Das stimmt doch nicht! Nein! Das kann gar nicht sein …“, rief er.
Dann sah er von oben in diesen Raum, sah sich selbst in der Türe stehen.
„Sie sind verurteilt!“, bedeutete ihm eine Stimme, die von irgendwoher kam.
Und dann stand er selbst in diesem Raum und sah das Fallbeil und auch wieder sich selbst wie er darauf zugestoßen wurde, wie er dabei stolperte, sich sträubte … „Zehn Jahre“, gab er zu verstehen, „doch nur zehn Jahre …!“
„Sie sind verurteilt“, kam wieder diese gleichgültige Stimme.
Ein Schreck durchfuhr ihn bis ins Herz, als er weiter auf das Fallbeil zugestoßen wurde. Weglaufen? Aber wohin …? Er sah das schräge Messer in seiner Halterung, das Brett mit der Aussparung für den Hals und die Kiste davor …
Das kann nicht sein, nein, ein Irrtum, ganz bestimmt … Und er hielt sich kaum noch auf den Beinen.
Einer mit schwarzer Kapuze trat plötzlich hinter der Guillotine hervor, fasste ihn an den gefesselten Händen, griff ihn grob an der Schulter … Dann schreckte er auf aus Schlaf und Traum hoch, Gänsehaut auf Armen und Beinen, immer noch ganz starr, doch er war in seiner Zelle. Der Schattenriß des Gitterfensters an Wand und Zellendecke beruhigte ihn.
Gesicht und Schulter erwiesen sich als eiskalt. Die Wand wurde ihm klar, natürlich die Wand … Er war im Schlaf vom verbeulten Strohsack gegen die kalte Wand gerutscht. Albträume, sagte er sich, und versuchte wieder einzuschlafen.
Das gelang ihm so leicht aber nicht nach dem Aufruhr im Traum und weil er dort direkt hatte erleben können wie es dem Fluglehrer in dessen letzten Minuten und Sekunden ergangen sein musste. Ganz allein, den Tod, das Ende direkt vor Augen: Die wenigen Schritte zur Guillotine und die Sekunden mit dem Hals in diesem Brett, die Kiste vor Augen in die sein abgetrennter Kopf fallen würde.
Als Letztes vielleicht noch ein metallisches Klicken im Ohr, mit dem das Fallmesser über ihm ausgelöst worden war.
„Ich hatte einen beschissenen Traum“, bemerkte er am Morgen, als alle sich in der einzigen Aluminiumschüssel, jeweils mit Wasser aus einer Emaillekanne, nacheinander Gesicht und Hände wuschen.
„Ich sollte hingerichtet werden“, sagte er ganz beiläufig.
An Träumen war man im Grunde immer ganz interessiert, wurde von vielen doch viel geträumt in diesen Zellen, am Anfang eines langen ungewissen Weges.
Aber gleich von der eigenen Hinrichtung zu träumen? „Geht das nicht ’n bissel weit?“, fragte einer lachend.
Es waren Schicksale, die man dort zusammengepfercht hatte. Zwölf, fünfzehn Jahre Zuchthaus, natürlich auch lebenslänglich, waren mehr ein Zeichen, ein Mal, hatte Sebastian inzwischen begriffen, auch eine Auszeichnung … Ganz anders aber die Todesstrafe, die Auslöschung. Dort galt dann gar nichts mehr.
„Ich wusste im Traum auf einmal dass ich in Dresden war“, berichtete Sebastian, weil alle diese seltsame Geschichte hören wollten. „Ich musste gefesselt durch einen Kellergang und hinter mir ging einer. Plötzlich sah ich mich selbst dort gehen, als ob ich über mir schwebte und der hinter mir trug eine schwarze Kapuze, das konnte ich dann erkennen.“
„Na, das sagt doch schon alles“, warf einer ein.
„Aber ich wusste doch, dass ich nur zehn Jahre hatte. Ich sagte das auch, aber die Stimme, die von irgend woher kam, eine ganz gleichgültige Stimme sagte nur: Sie sind verurteilt. Und eine dunkle Tür, die aufging, der geflieste Raum dahinter und dann die Guillotine. Ich sah dort wieder mich selbst und wie ich aufs Fallbeil zugestoßen wurde. Ich wehrte mich. Nur zehn Jahre, sagte ich und sah schon das schräge Messer, das Brett mit dem Ausschnitt für den Hals und die Kiste für den abgeschlagenen Kopf. Dann kam so ein Kapuzenmann hinter der Guillotine vor, griff nach mir und zerrte mich zu dem Brett, auf das ich geschnallt werden sollte … Da wachte ich auf und dachte gleich an den Fluglehrer, den sie hier abgeholt haben … Ich weiß jetzt wie dem zumute gewesen sein muss.“
„Diese Schweinehunde“, ereiferte sich ein ehemaliger Abteilungsleiter des Ministeriums für Verkehrswesen der DDR in Berlin, der auch zu 12 Jahren verurteilt worden war und keine Revision beantragt hatte. „Diese Bande ist ja nur eingesetzt und niemals gewählt worden. Das sind Okupanten“, fuhr er fort, „die sich anmaßen über Tod und Leben zu entscheiden.“
„Wer will die daran hindern?“, fragte ein anderer, ein West-Berliner Journalist, der auf einem Hocker neben der Heizung saß und sich Sebastians Traum und die Empörung des Abteilungsleiters angehört hatte.
„Vielleicht der Westen, der Ami …?“, fragte vorsichtig ein junger Bursche, der am 17.Juni mit bei den Aufständischen gewesen war, als Gefangene aus dem Roten Ochsen in Halle befreit worden waren.
Der Journalist aus West-Berlin lachte. „Die werden sich hüten“, sagte er. „Und außerdem“, fuhr er fort, „genießen die Schweinehunde hier doch einen perfekten Schutz, nämlich die Furcht des Westens vor ’nem neuen Krieg. Dabei könnte sich heutzutage gerade der Iwan so einen Krieg am allerwenigsten leisten.“
„Aber die Atombombe neutralisiert das zum Glück ja alles“, fügte dann ein anderer achselzuckend hinzu.
Totila stand gegen das Fenster gelehnt und grinste. „Wir sind ja gerade als Kriegsverbrecher verurteilt worden“, erklärte er, „wegen der Beteiligung an der Vorbereitung eines amerikanischen Krieges, nach der so geläufigen Kontrollratsdirektive 38. Auch Ihre imperialistischen Freunde, die Amerikaner, haben Sie ja mit verurteilt: So interpretierte die Vorsitzende Richterin in höhnischem Tonfall ihr Urteil.“
Der ehemalige Abteilungsleiter, der im engen Gang zwischen den Betten ein paar Mal wenige Schritte hin und wieder zurück gelaufen war, blieb stehen und winkte verächtlich ab: „Haltet den Dieb! Die probate Methode“, sagte er. „Wer wurde denn wirklich gefragt, ob er diese Regierung und den Kommunismus haben wollte …? Das wurde doch damals alles lanciert.“
In den Mundwinkeln des West-Berliner Journalisten versteckte sich ein Lächeln.
„Den Abteilungsleiterposten bei der Regierung“, sagte er dann etwas spitz, „den hast du aber angenommen.“
„Irgendwie musste ich meine Familie doch durchbringen“, reagierte der Abteilungsleiter leicht amüsiert.
„Das hätt’st du auch in einer nicht so exponierten Stellung tun können.“
„Schon“, der Abteilungsleiter lachte kurz, „aber ich hätte dann längst nicht einen so guten Durchblick gehabt.“
„Hm, ja … so kann man’s allerdings auch sehen“, stimmte der West-Berliner zu.
Über die konkreten Umstände und Hintergründe ihrer Verurteilung schwiegen sich die meisten politischen Gefangenen aus. Bekanntlich war ja das Spitzelunwesen in dieser Cottbuser Anstalt durch einen zu 12 Jahren verurteilten ehemaligen Oberstleutnant der Staatssicherheit perfektioniert worden. Dabei ging es um nachträglich durch Spitzel ans Licht geholte Taten, aber auch um in den Zellen betriebene Volksverhetzung etc … Wer etwa als Politischer glaubte, in der abgeschirmten Enge einer Zelle befände er sich nicht mehr in der Öffentlichkeit, irrte gewaltig. Nur in Einzelhaft konnte ein jeder zumindest straflos auf Staat und Partei schimpfen, ohne eines „Nachschlags“, gewärtig zu sein.
Kapitel 8
Und so war mit dem schleichenden Vergehen der Zeit auch wieder mal ein Tag der „Sprecherlaubnis“, für Totila und Sebastian herangerückt. Totila wurde als erster geholt und im Erdgeschoß in diese Zelle geführt, die er von einem ersten Besuch seines Vaters her schon kannte. Dort musste jeder Häftling seine abgewetzten Klamotten für den Besuch gegen eine nagelneue Gefangenenuniform tauschen. So „fein“, gemacht führte man ihn dann über den Hof, neben der Einfahrt ein paar Stufen hoch in den „Sprecherraum“.
Totilas Vater, Pfarrer Kunzmann, wartete dort bereits an einem Tisch auf das Erscheinen des Sohnes. Allen Besuchern wurde vor dem Erscheinen des zu Besuchenden jedes Mal von neuem klar gemacht, dass über Anstaltsangelegenheiten nicht gesprochen werden dürfe und dass andernfalls die Sprecherlaubnis sofort abgebrochen werden müsste. Das Gleiche predigte man auch dem Gefangenen vor jedem Besuch von Angehörigen und dass politische Themen verboten seien. Etwas, das man aber in fast jedes Gespräch hineininterpretieren könnte, meinte Sebastian. Und überhaupt, das träfe auf jeden zu, der dort diese halbe Stunde Besuch empfing, die sich „Sprecherlaubnis“, nannte und den Besucher, jedoch mehr noch den Besuchten, eher sprachlos werden ließ.
Totila betrat schließlich diesen ‚Sprecherraum‘, bemüht um ein fröhliches Lächeln, begrüßte den Vater und ließ sich auf einem Stuhl ihm gegenüber nieder.
Rechts von ihm an der Stirnseite, saß mit gespitzten Ohren der Wachtmeister.
Es waren nicht alle so, es gab wenige, denen das Ganze peinlich zu sein schien, die einen gelangweilten Gesichtsausdruck aufsetzten und zur Seite, zum Fenster hinaus blickten.
Gespräche bei diesen Besuchen verliefen dann zumeist so, dass der Besucher oft angestrengt über ganz banale Familienangelegenheiten, Geschwister und Verwandte monologisierte, während der Besuchte, also der Gefangene, sich mehr oder weniger aufs bloße Zuhören beschränkte. Mit am Tisch saß ja schließlich immer ein Wachposten, sei es ein Unteroffizier, Feldwebel oder auch Leutnant der Volkspolizei, der aufmerksam jedes Wort mithörte.
Und so teilte Pfarrer Kunzmann dort am Tisch seinem Sohn ganz offizeill mit, dass der ihn hier das letzte Mal als DDR-Bürger sähe und die Kirchenleitung ihn schon zum 1.September nach West-Berlin versetzen würde. Er hoffe ihn dann weiterhin mit Einreise- und Sprecherlaubnis besuchen zu können. „Mit meinem Herzen steht’s nicht zum besten“, fügte er dann zögerlich etwas leiser hinzu und Totila sah Trauer in den Augen seines Vaters. Gegebenenfalls würde auch seine Mutter ihn besuchen kommen, fuhr der Pfarrer fort und bestellte Grüße von Bruder und Schwester, die ja seit eh und je bei der Mutter in West-Berlin lebten. Die Schwester stehe kurz vor ihrem Lehrerinnen-Examen, berichtete er. Der jüngere Bruder habe das Gymnasium abgebrochen und eine Elektrikerlehre begonnen. Er wolle danach einen Fachschulabschluss anstreben.
Totila kannte das ja alles. Neu war lediglich, dass der Bruder mit Versetzung in die elfte Klasse nun tatsächlich als sogenannter Einjähriger, eine alte längst überholte Bezeichnung fand er, das Gymnasium verlassen hatte. „Das hat der ja immer vorgehabt“, reagierte er auf die Mitteilung des Vaters.
„Ja natürlich“, antwortete der, „nur dass es jetzt entschieden ist, allerdings gegen den Willen seiner Mutter, die ihn lieber mit Abitur gesehen hätte“, fügte er lächelnd hinzu.
„Ich hab ja auch kein Abi“, warf Totila grinsend ein. „Als Kugelkreuzbandit hat man darauf eben kein Anrecht im Arbeiter- und Bauernstaat …“ „Halten Sie sich an die Vorschriften, sonst brechen wir gleich ab!“, drohte der Uniformierte.
„Tu ich ja“, entgegnete Totila. „Keine internen Angelegenheiten. Daran habe ich mich gehalten.Und Kugelkreuzbandit? Mit genau dieser Bezeichnung hatte man mich von der Oberschule verwiesen.“
Der Unterleutnant am Tisch schüttelte energisch den Kopf. „Auch politische Gespräche sind hier nicht erlaubt, das wissen Sie doch!“
Totila hob die Schultern. „Tja, dann ist ja alles Erlaubte schon gesagt. Worüber sollen wir nun noch reden?“, fragte er den Vater. „Gibt es für dich schon einen Nachfolger in Großräschen?“
Pfarrer Kunzmann schüttelte den Kopf. „Das wird der Lehmann aus Mitte erst mal kommissarisch mit übernehmen.“
„Bis die auf deine Stelle wieder einen strafversetzen, zum eigenen Schutz natürlich.“
Der Pfarrer lachte kurz auf. „Das denke ich nicht“, sagte er, „Großräschen eignet sich jetzt nicht mehr dazu.“
„Ein Agentennest“, sagte Totila augenzwinkernd.
„Zum letzten Mal, keine politischen Gespräche!“, erfolgte prompt die Drohung des Unterleutnants am Tisch.
Immerhin erstaunlich nachsichtig erschien es Totila.
„So eine Sprecherlaubnis bringt es lediglich mit sich, dass man sich mal wieder sieht. Das ist dann aber auch schon alles“, erklärte Totila wieder in seiner Zelle.
„Sprechen kann man über fast gar nichts, alles ist verboten. Was man auch sagt, entweder sind’s Anstaltsangelegenheiten oder politische Gespräche. Man kann eigentlich nur sagen: Mir geht es gut. Ich bin gesund und fragen: Wie geht’s der Oma, was macht die Schwester, lebt der Hund noch … Dazu reicht dann eine halbe Stunde alle Vierteljahre längst aus.“
„Auch auf Sebastian wartete bald darauf seine Mutter, als er extra fein gemacht den ‚Sprecherraum‘ betrat.
„Ein Besucheranzug“, sagte er zur Begrüßung grinsend mit der Hand an sich hinabweisend, bevor er sich an den Tisch setzte.
Der Unterleutnant dort guckte bereits skeptisch.
Das Gespräch zwischen Mutter und Sohn begann dann auch lapidar: Ja, er sei gesund. Es ginge ihm gut. Er bekäme auch Bücher auf die Zelle. Es war klar, dass die Mutter sich unter seiner Zelle natürlich nichts Zutreffendes vorstellen konnte. Doch dann erwähnte die Mutter Christa Richter, Sebastians junge Freundin aus Leipzig, und ob sie ihr von seinem Geschick schreiben solle. Sie habe es noch nicht getan, doch nun sei ein Brief von ihr eingetroffen mit der Frage, weshalb er so unendlich lange nichts habe von sich hören lassen.
„Natürlich, schreib ihr was los ist“, sagte er. „Die weiß ja noch gar nichts.“
„Wer weiß aber, wie sie das aufnehmen wird?“, fragte die Mutter und in ihrer Stimme schwang Besorgnis mit.
„Weiß ich auch nicht“, erklärte Sebastian und hob unschlüssig die Schultern.
„Ich hoffe“, sagte er, „ich hoffe sie wird’s verstehen.“
Das erwies sich dann schon als eine wichtige Mitteilung bei diesem ‚Sprecher’.
An seine junge Freundin Christa hatte er bei den ganzen neuen Eindrücken in der zurückliegenden Zeit nur selten denken können. Wie alt ist sie jetzt eigentlich, fragte er sich dort am Tisch … Sie müsste sechzehn werden. Ob sie noch weiter zur Schule geht?
Des Weiteren erfuhr er von seiner Mutter noch, dass seine Großmutter eine Fleischvergiftung überstanden habe und es ihr bereits viel besser ginge. Und schließlich Eberhard, sein jüngerer Bruder: Der sei faul in der Schule „wie ihr alle“, betonte die Mutter, bringe aber gute Zensuren nach Hause.
„Na, was willst du mehr“, sagte er und grinste dazu, „der kann sich diese Faulheit einfach leisten.“
„So was mögen die in der Schule aber nicht.“
„Ja natürlich, weil er noch immer die falschen Eltern hat. Etwas hat sich’s ja schon geändert … aber das würde jetzt hier zu weit führen“, sagte er, als er sah, dass der Zensor am Tisch bereits die Ohren spitzte.
„Übrigens“, fuhr die Mutter fort, „der Langenbach ist nach Altdöbern versetzt worden und jetzt dort Rektor am Lehrerbildungsinstitut.“
Langenbach, erinnerte Sebastian sich, Langenbach, der als Lehrer vor allen Schülern erklärt hatte, er, Sebastian Sebaldt, gehöre einer untergehenden Klasse an und der dann mit allen Mitteln versucht habe, schon seine Grundschulkarriere zu ruinieren. Langenbach, dieser einstige HJ-Fähnleinführer, Afrika-Korps-Kämpfer und spätere SED-Parteisekretär der Schule, den alle Kollegen fürchteten, war dann derjenige gewesen, der ihn mit seinem Hass endgültig politisch geweckt hatte: Heiligtümer des Stalinismus … Er hatte sich in sie vertieft und nur Ausgrenzung, Unterdrückung und Vernichtung gefunden, schlecht verpackt in sprachlichem Kitsch aus Wolkenkuckusckheim wie er das nannte. Wenn etwas untergeht, hatte er sich gesagt, dann dieser unbegrenzte Machtanspruch, an dem auch Hitler schon zu Recht gescheitert war.
Doch jetzt saß er an diesem Tisch und seine Mutter litt darunter, ihn so sehen zu müssen in dieser gezeichneten Kluft. Seine Schwestern, erzählte sie noch, hätten beide nach der 8.Klasse eine Lehre als Schaufensterdekorateure begonnen.
„So etwas ähnliches hatte ich mir schon gedacht“, sagte Sebastian.
Und irgendwie war dann diese halbe Stunde auch verflogen. „Die Zeit ist um!“, verkündete der Zensor und erhob sich auffordernd. „Verabschieden Sie sich.“
In den Augen seiner Mutter erblickte Sebastian Tränen und sie tat ihm sehr leid.
„Mach dir keine Sorgen“, versuchte er zu trösten, „ich stehe das hier schon durch.“ Aber das waren eben auch nur Worte und er ahnte in seiner angespannten Lage den Schmerz der Mutter nicht wirklich. Er sah seine Situation wie unter einem Blitzlichtstrahl ohne Zeit, alles gleichermaßen vor Augen: Die stark beengten äußerst primitiven Verhältnisse, in denen er wohl Jahre würde verbringen müssen, wovon die Mutter zum Glück nichts wusste, wie etwa das mit dem Kübel für die Notdurft in den überbelegten Zellen, der für jeweils vier Menschen ausreichen musste und dass das nur möglich sein konnte, wenn alle diesen Kübel zu bestimmten Zeiten der Reihe nach hintereinander benutzten. Sonst ginge da nichts, denn geleert wurde dieser stets randvoll erst wieder am Abend.
An heißen Sommertagen etwa war die schweiß- chlor- und uringesättigte Luft in den Zellen förmlich zu schneiden. Doch von all dem konnte seine Mutter nichts wissen, die ihren Sohn in einer „Löwengrube“, betrauerte, wie immer sie diese sich auch vorstellen mochte.
Sagen konnte er ihr dazu nichts. Aber es sei schon gut, dachte er, dass die Familie draußen von den Verhältnissen hier drinnen nichts wusste; doch die Genossen Volksrichter und Staatsanwälte wussten recht gut Bescheid, über die mittelalterlichen Zustände in ihrem humanen Strafvollzug. Dann verließ Sebastian den ‚Sprecherraum‘, drehte sich an der Tür noch einmal um, sah seine Mutter mit Tränen in den Augen am Tisch sitzen und winkte ihr zu. „Grüß alle von mir“, sagte er, und versuchte es aufmunternd klingen zu lassen. Schon war er draußen, die wenigen Stufen hinab auf den Hof. Dort nahm ihn ein Wachtmeister aus dem Zellenbau in Empfang. „Gehen Sie!“, und er lief vor ihm her quer über den Hof und in den Zellenbau zurück. Dort tauschte er seine Besucheruniform wieder gegen seine abgewetzten Klamotten. Die Vorstellung ist vorüber, sagte er sich. Irgendwie empfand er das auch als Erleichterung. Diese von Zensoren streng belauerten Vorführungen begriff er als entwürdigend. Seine Mutter würde das vielleicht nicht so sehen.

Aber dann hatte ihn bereits seine Zelle wieder. Als er in seinen alten Klamotten durch die geöffnete Türe trat, stand ihm das gewohnte Geruchsgemisch wie eine Wand entgegen.
Wenige Tage später hieß es für den Abteilungsleiter aus dem Berliner Ministerium für Verkehr: „Sachen packen!“ Ungewissheit durchzog die Zelle. Ganz gleich wen es traf, diese Unsicherheit ergriff mehr oder weniger jeden und sie konnte ja jeden von ihnen auch jeden Tag treffen. Das blieb allen stets bewusst.
Kapitel 9
Nach einigen Tagen zu dritt in der Zelle, krachten eines Nachmittags wieder mal Schloss und Riegel und durch die aufgesperrte Türe trat mit seinem Bündel, das er an sich gepresst hielt, ein Neuzugang: Ein relativ großer, blasser, dicklicher Mann in mittleren Jahren, der mit einer weiten Stirnglatze und leichten Hängebacken älter aussah, als er es möglicherweise wirklich war. Er schwitzte, sein rundes Gesicht glänzte feucht und er wuchtete sein Bündel scheppernd auf das obere freie Bett und wandte sich dann den anderen in der Zelle zu: „Lipka“, sagte er, „Franz Lipka“, und hielt den dreien nacheinander seine leicht schweißige Hand hin, eine kleine, weiße leicht fettgepolsterte Hand.
Eine Frauenhand, dachte Sebastian als er sie in seiner Hand fühlte und seinen Namen dazu nannte.
Dann sah der Neue, Franz Lipka, sich um, wischte sich mit dem weißen Handrücken über eine weite, feuchte, leicht gerötete Stirn und beäugte misstrauisch den Kübel im rostigen Gestell in der Ecke neben der Tür.
„Was haste denn mitgebracht?“, ließ schließlich der West-Berliner Journalist sich hören. Alle drei standen noch in der Nähe des Fensters und Lipka vor der Tür, neben Kübel und Heizungskörper.
„Was denn mitgebracht?“, fragte er, guckte dazu unsicher und zwinkerte etwas.
„Na was sie dir aufgebrummt haben, wie viele Jahre?“
„Zwölf“, sagte er nach kurzem Zögern und das klang ein wenig abweisend.
„Na ja, das geht ja schon“, erklärte der Journalist aus West-Berlin.
Dann konnte Lipka erst mal in Ruhe sein Bett machen, das hieß lediglich die schmierige Decke am Fußende auf dem bucklig gestopften Strohsack zusammen zu legen. Laken und Kopfkissen gab es ja nicht. Dann galt es noch Schüssel, Becher, Löffel, Zahnbürste und Seife ins Regalfach zu räumen.
Schließlich wurde ihm gesagt, er möge seine Botten ausziehen, das poltere sonst auf dem Dielenboden zu sehr.
Als sie am nächsten Tag von der Freistunde zurück kamen, winkte der Stationskalfaktor den Journalisten und Sebastian, bevor sie eingeschlossen wurden, eilig beiseite.
„Euer Neuzugang“, sagte er dann und wies mit einer Kopfbewegung auf den großen dicklichen Mann, der mit hängenden Armen wartend vor der Zellentür stand, „war Oberstaatsanwalt am Obersten Gericht der DDR in Berlin. 12 Jahre wegen Vergehens am Volkseigentum oder so ähnlich. Kein Politischer. Hat sich nach einer Wohnungsdurchsuchung ’ne beschlagnahmte wertvolle Briefmarkensammlung unter ’n Nagel gerissen und das fanden seine Genossen wohl gar nicht so schön.“
„Und uns hat er gestern auf Nachfrage gesagt, er sei Magistratsangestellter gewesen. Was wirklich dahinter steckt …?“ Sebastian hob die Schultern.
„Na das kann ja noch spannend bei euch werden“, sagte der Kalfaktor und huschte davon, als der Schließer sich auch ihrer Zelle näherte.
Das ist ja ’n Ding, überlegte Sebastian, betrat seine Zelle zusammen mit diesem Lipka, dem vorgeblichen Berliner Magistratsangestellten und betrachtete sich den mit einem kurzen Blick von der Seite. Dieses große ungelenke Dickerchen, ein leibhaftiger Oberstaatsanwalt des Obersten Gerichts der DDR? Und jetzt sitzt der Kerl selbst hier im Knast? Das ist richtig komisch. Eben bin ich noch von solchen Genossen als Kriegstreiber verurteilt worden, und nun hockt so einer in meiner Zelle … Lipka wurde schließlich gefragt, was für ein Magistratsangestellter er denn gewesen sei?
„Gerichtsangestellter“, sagte er.
„Gericht?“, fragten die in der Zelle. Was für ein Gericht und was er da gemacht hätte?
Aus den grinsenden Gesichtern schloss Lipka, dass alle Bescheid wussten und ein Versteckspiel ihn nur lächerlich würde aussehen lassen. Doch die würden ihn schon nicht zerreißen und so sagte er lapidar: „Staatsanwalt. Ich war Staatsanwalt.“
„Oberstaatsanwalt“, sagte der West-Berliner Journalist, „das ist bekannt.“ Dann stand er auf und sah herab auf den Franz Lipka, den dicklichen Mann mit den Hängebacken, der auf einem Hocker in der Ecke saß, in dieser schäbigen zu engen Uniform mit zu kurzen Ärmeln. „Also Oberstaatsanwalt warst du“, sagte er, „am Obersten Gericht der DDR.“
Lipka nickte.
„Schlimm genug! Wie viel Todesstrafen für Politische hast du denn beantragt?“
„Für Politische war ich gar nicht zuständig“, beeilte Lipka sich zu versichern.
„Aber politische Häftlinge gibt’s bei euch offiziell doch gar nicht. Für euch sind wir alle hier, „und er fuhr dazu mit der Hand durch die Zelle, „ausnahmslos Kriminelle.“
Lipka schüttelte den Kopf. „Ich war auf Wirtschaftsstraftaten spezialisiert“, sagte er.
„Auch da ist ja vieles politisch“, konterte der Journalist. „Ich denke nur an die Aktion ‚Ungeziefer‘, so hießen bei euch doch die Hotelbesitzer an der Ostsee, Ungeziefer, das ausgetilgt gehört. Menschen die ihr mit miesen Steuertricks kriminalisiert habt, um sie zu enteignen und verschwinden zu lassen. Hast du dabei mitgemacht, warst du beteiligt?“
Lipka schüttelte energisch verneinend den Kopf. „Damit war das Oberste Gericht nicht befasst“, sagte er. „Dafür war ausschließlich das Bezirksgericht Rostock zuständig.“
„Wenn’s darauf ankommt seid ihr alle für nichts zuständig gewesen. Das war auch schon vor fünfundvierzig so, alle gehorchten nur Anordnungen und Befehlen. Du doch auch“, wandte der Journalist sich an den Staatsanwalt, „wenn nicht unter Hitler, dann jedenfalls unterm Spitzbart.“
Der schien sich vom ersten Erschrecken recht rasch erholt zu haben. „Natürlich gab’s Gesetze und Anordnungen wie in jedem Staat.“
„Die gab’s bei Hitler auch“, konterte der Journalist.
„Die DDR betreibt im Gegensatz zur BRD eine durch und durch antifaschistische Politik“, entgegnete Lipka mit Empörung in der Stimme.
„Wieso im Gegensatz zur Bundesrepublik?“ Der Journalist war dabei die wenigen Schritte im schmalen Gang zwischen den Betten bereits einige Male hin und her gelaufen, blieb dann aber mit Absicht ganz dicht vor Franz Lipka stehen, der dort auf seinem Hocker saß und blickte auf ihn hinab.
„Na die ganzen alten Nazis in Behörden und Ministerien der BRD“, antwortete der, „wie zum Beispiel der Globke …“
Der West-Berliner Journalist lachte. „Also wenn euch nichts weiter einfällt, dann kommt ihr immer mit dem Globke. Natürlich gibt es in dieser Hinsicht auch einige dunkle Flecken in der Bundesrepublik, Das ist aber so, wenn man nicht im Paradies lebt, wie ihr hier in euerem Arbeiter- und Bauernparadies“, sagte er grinsend. „Die einfache Erklärung aber ist“, fuhr er fort, „alle Spezialisten, vor allem die in den diversen Verwaltungen, waren seinerzeit entweder emigriert, saßen in der Kriegsgefangenschaft oder waren eben mehr oder weniger exponiert in der NSDAP gewesen. Zum Aufbau neuer staatlicher Strukturen wurden halt möglichst schnell Fachleute gebraucht und die Auswahl war nicht riesengroß. Also wenn diese Leute nicht allzu stark belastet waren, musste man sich eben ihrer bedienen, auch in Wirtschaft und Industrie. Daraus wurde kein Hehl gemacht, im Gegensatz zur DDR …“
„Na na na“, empörte der einstige Staatsanwalt sich und richtete sich dazu auf seinem Hocker gerade auf, „das sind unhaltbare Unterstellungen.“
Der Journalist lächelte. „Na ja, die Antifaschismuskeule … aber hier gibt’s doch überall auch alte Nazis, das ist nicht zu bestreiten, nur werden die eben verheimlicht. Und eure Planwirtschaft, also da kann doch jeder Trottel mitmischen. Das mutiert zum bloßen Glasperlenspiel und hat mit der Realität kaum noch zu tun.“
Mit seinen Bemerkungen hatte der Journalist aus West-Berlin sich schon recht weit aus dem Fenster gelehnt. Sebastian und Totila wechselten miteinander fragende Blicke. Was war mit diesem Oberstaatsanwalt, der sich immer noch als Genosse gerierte. Sebastian versuchte sich in dessen Lage zu versetzen: Da fällt ein Oberstaatsanwalt, also ein in weit herausgehobener Stellung am Obersten Gericht der DDR agierender Genosse, wegen eines kriminellen Vergehens ganz tief hinab in eine Zuchthauszelle voller politischer Gegner, also Leuten, deren Bestrafung er einst im Namen des Volkes gefordert hatte. Rasch begriff er dann aber nach einem kurzen Schock, dass ihm hier von geknebelten Gegnern keine Gefahr drohen würde. Die gezielten Provokationen dieses ‚Westberliner Zeitungsschmierers‘ allerdings drängten ihn in eine politische Ecke, aus der er gerade ganz tief gefallen war. Peinlichkeit kannte er nicht. Solche ihm ziemlich unangenehmen Zellengenossen aber würden nun wohl auch künftig sein täglicher Umgang sein, ein Umgang, den er auf alle Fälle aber würde akzeptieren müssen, wofür er schon sorgen wollte. Und so legte sich dieser Lipka bereits ganz früh eine Haltung zurecht, mit der er bis zu einer Befreiung durch befreundete Genossen, woran er fest glaubte, zu überdauern hoffte. Eine Gemeinsamkeit mit diesen Verbrechern hier würde es für ihn jedenfalls nicht geben.
Dieser einstige Oberstaatsanwalt hatte seine Genossen und damit zugleich den Staat und das Volk bestohlen und so zumindest intern das Ansehen eines Staates beschädigt, als dessen Anwalt er stets aufgetreten war. Die DDR-Bewohner draußen erfuhren von solchem Umgang der Genossen unter sich natürlich nichts.
Was aber dieser Westberliner da sagte, diese Gleichsetzung der antifaschistischen Arbeiter und Bauernmacht mit dem Faschismus selbst, das hieß Verächtlichmachung, meinte Lipka, war Boykotthetze und Staatsverleumdung … Unsicherheit und Furcht, die ihn ganz zu Anfang in dieser Zelle noch beunruhigt hatten, waren längst gewichen. Schließlich lebte er noch immer in der DDR, auch hier im Zuchthaus. So dürfe man über diesen Staat jedenfalls nicht reden, der immer noch sein Staat sei, sagte er sich. Doch eine andere Wahl hatte er ja längst nicht mehr. Eine Erkenntnis, die er möglichst beiseite schob.
„Du als früherer Staatsanwalt“, ließ der Journalist sich wieder hören, „was hast du denn nun wirklich ausgefressen, dass deine Genossen dir zwölf Jahre übergebraten haben?“
„Darüber rede ich nicht. Das geht nur mich was an. Außerdem“, erklärte Lipka, „werde ich nicht lange hier bleiben.“
„Wie soll das gehen? Deine Revision hatte keinen Erfolg.“
Lipka winkte ab. „Ich habe auch Freunde an den richtigen Stellen …“ „Rausholen könnten die dich bloß, wenn du unschuldig wärst“, unterbrach der Journalist den einstigen Staatsanwalt. „Deine Strafsache ist ja nichts Politisches wie wir gehört haben. Und wenn du schuldig bist, aber bald wieder rauskommen würdest, durch einflussreiche Genossen wie du sagst, dann wäre das schon Korruption und die gibt’s ja, das ist bestimmt deine feste Meinung, in der DDR nicht.“
Lipka schüttelte den Kopf. „Es gibt da übergeordnete Prinzipien“, erklärte er, „da ist das kein Problem.“
„Na ja, auch das sind Schwarze Kassen“, gab der Journalist zu bedenken, „und ob sie die für dich anzapfen?“ Er hob die Schultern und schüttelte den Kopf.
„Kommt wohl darauf an“, sagte er, „wie viel du weißt vom Dreck an manchen Stecken. Doch nur als Oberstaatsanwalt und sei’s am Obersten Gericht, glaube ich, bist du nicht wichtig genug. Ich weiß es natürlich nicht.“ Achselzuckend wandte er sich ab und trat zum Fenster, „aber ich sehe das so“, fügte er noch hinzu.
„Du wartest auf Freunde wie wir auf eine Amnestie“, wandte Totila sich an den einstigen Oberstaatsanwalt, „aber kommen wird beides nicht.“
„Unsinn“, empörte Lipka sich. „Ich habe Freunde, durchaus einflussreiche Freunde. Und einige sind mir noch was schuldig. Ich warte jedenfalls nicht auf eine Amnestie.“
Auch er wurde eines Tages aus der Zelle verlegt.
„Sollen auch andere noch ihren Spaß an dem haben“, kommentierte der Journalist diese Verlegung.
Als eine positive Besonderheit erwies es sich, dass die Ausscheidungen von nur drei Leuten den Kübel längst nicht mehr so randvoll werden ließen. Dennoch musste die Prozedur: alle schnell noch auf den Kübel früh am Morgen und abends der Reihe nach hintereinander, abgestimmt erfolgen, denn jedes Mal vor der Freistunde und vor dem Einschluss am Abend, krachten immer sehr rasch die Schlösser und Riegel der Türen hintereinander den Gang hinauf: „Dalli dalli!“ Kübel raus, Kübel rein.
Nach Wochen eines eher gemischten Wetters war es draußen noch einmal richtig heiß geworden, der ewig gleiche Ablauf Tag für Tag … mindestens dreißig Grad schätzten die Gefangenen und das wirkte sich vor allem unter’m Flachdach in der obersten Station, auf das die Sonne brannte, verheerend aus. Die wieder einmal neueste Anordnung lautete: Es sei bei Arreststrafe verboten die Jacken aufzuknöpfen, geschweige denn sich ihrer zu entledigen und die Fensterklappen zu öffnen. Das erwies sich in den überbelegten Zellen, zumal mit den Chlor und Urin ausdünstenden Kübeln in der Ecke als Katastrophe, als eine abgefeimte Art von Folter, meinten die Gefangenen.
Die Minderheit der Kriminellen gab den Politischen die Schuld an diesen drastischen Auflagen. Die Zelleninsassen drängten sich dann abwechselnd gegen die Türspalten, um vom Gang her die dort vergleichsweise frischere Luft zu atmen.
Und immer wieder mal klapperte der Deckel des Spions draußen an der Tür.
Jedem war natürlich klar, dass dort Schließer wieder mal auf der Jagd nach Arrestkandidaten waren. Sinnlos, sich wegen so einer Schikane zwei Wochen in den Arrest bei Wasser und Brot schicken zu lassen. Die machten sich wahrscheinlich auch wieder mal nur einen Spaß daraus, etwa mit Wetten: Wer erwischt die meisten. So ähnlich dachten sicherlich viele der Gefangenen und so blieb eine nennenswerte Jagdstrecke wohl aus. Von den Kalfaktoren jedenfalls war nach dieser spontanen Aktion der Schließer nichts von Arrestierungserfolgen zu hören. Als nach etwa acht Tagen die Temperaturen draußen etwas nachließen, durften Jacken aufgeknöpft und Fensterklappen wieder geöffnet werden.
Kapitel 10
So ging der Sommer dahin, die lange Regenperiode war vorübergegangen, auch die darauf folgende späte Hitzewelle hatte nachgelassen, als eines Tages in die Nachmittagsstille hinein Schmerzensschreie durch den Bau hallten. Als die Schreie sich wiederholten klopfte Sebastian mehrmals gegen die Türe, bis endlich der Stationskalfaktor auf dem Gang sich meldete.
„Überall klopft es“, sagte er, „ich kann mich doch nicht zerteilen. Die Schreie, ja, da braucht dringend einer ein spezielles Medikament … Ich weiß auch nicht welches, aber schon seit Tagen.“
Die Schreie kamen aus einer der unteren Stationen, denn von dort brach dann auch der lärmende Protest der Gefangenen los, die auf die Betten geklettert waren, mit ihren Blechschüsseln gegen die Gitter schlugen und „Mörder! Mörder!!“, nach draußen schrien, über die Mauern hinweg in die Stadt hinein. Das griff blitzartig auf alle Stationen, auch auf die obersten über, sodass letztlich der ganze Zellenbau dröhnte, da auch noch gegen die eisenblechbeschlagenen Türen gehämmert wurde. Wie später zu erfahren gewesen war, ging es wirklich um irgendein lebenswichtiges Medikament für einen akut erkrankten Gefangenen. Während dieses Höllenlärms liefen alle Schließer über die Gänge, um durch die Spione in den Zellentüren die Protestierer zu ermitteln.
Danach waren alle Arrestzellen im Keller belegt: Verächtlichmachung des Staates, Boykotthetze wegen der Mörder-Mörder-Rufe und Anstiftung zum Aufruhr.
Einigen mit Spitzeln auf der Zelle konnten solche Rufe zum Verhängnis werden.
Da war leicht ein Nachschlag von ein, zwei Jahren möglich, je nach Bedeutung ihrer Vorstrafe.
Auch Sebastian und Totila hatten mit dem West-Berliner Journalisten umgehend nach ihren Aluminiumschüsseln gegriffen, um damit den schrillen Lärm an den Gittern zu unterstützen. Natürlich hatten sie aus ihrem Zellenfenster auch die Mörderrufe nach Kräften wiederholt und so den Chor mit verstärkt. Nur mussten sie dazu nicht auf ein Bett klettern wie in den unteren Stationen und wurden deshalb auch nicht erwischt, weder mit den Schüsseln am Gitter, noch bei ihren Rufen. Auch wussten nun alle in der Zelle genau, dass unter ihnen kein Spitzel sein Unwesen trieb, weil niemand in den Arrest oder gar vor Gericht musste. In Hinsicht auf die Zuverlässigkeit einer Zellenbelegung konnte es sich aber immer nur um eine Momentaufnahme handeln, die sich bei jeder Verlegung und jedem Zugang ändern würde.
Später war über den Kalfaktor zu hören gewesen, dass der erkrankte Gefangene, der den Aufruhr ausgelöst hatte, das zuerst verweigerte Medikament dann doch noch erhalten hatte.
Seit Wochen gab es jeden Mittag statt einer wässrigen Weißkohl- oder Spinatsuppe dick zusammengekochte Bruchnudelpampe mit brauner Mehlsoße. Jeden Tag, wenn die großen aus Armeebeständen ausgemusterten Thermoskübel auf den Treppenabsatz krachten, um dann auf diesem kleinen Karren zum Austeilen der Nahrung von Tür zu Tür den Gang entlang transportiert zu werden, hofften die Gefangenen auf eine Abwechslung, wohl wissend, dass es eine müßige Hoffnung war.
Kartoffeln, hatten Totila und Sebastian gehört, habe es schon seit Anfang März nicht mehr gegeben. Sebastian dachte dabei an zu Hause. Auch dort waren die zugeteilten Einkellerungskartoffeln für die ganze Familie immer schon im April, spätestens im Mai, zu Ende gegangen.
Wenn es auch Tag für Tag die immer gleiche klebrige Bruchnudelpampe gab, zuvor zusammengefegt in einer Cottbuser Nudelfabrik, galt die Nahrungsausgabe allen Gefangenen auch als Zeitmesser, als Uhr … Wer jeden Tag im wesentlichen auf einem Hocker sitzend zu verbringen hatte und das wochen-, monate- und jahrelang, unter extrem beengten und hygienisch mehr als nur fragwürdigen Verhältnissen, für den war das Austeilen der Nahrung eine Zäsur, deren Bedeutung über die pure Ernährung hinausging.
Die Zuteilung eines monatlichen Briefes von zwanzig Zeilen an Angehörige auf einem vorgedruckten DIN A5-Bogen war keine Selbstverständlichkeit, sondern galt als eine an Auflagen geknüpfte Gewährung. Das war auch Sebastian und Totila schon vor ihrem ersten Brief von Kommandoleiter Wollny klar gemacht worden. Jeder Brief durchlief eine Zensur, wurde also in der Strafvollzugsverwaltung gelesen. So durfte etwa über Krankheiten in der Anstalt, vor allem aber auch über eigene Erkrankungen, im Brief nichts erwähnt werden. So was galt als Anstaltsangelegenheit wie auch die Verpflegung, die Unterbringung, die Behandlung, die ganzen Alltäglichkeiten …Wer das in seinem Brief nicht strikt beachtete, durfte ihn, aber dann auch nur ausnahmsweise, noch einmal schreiben. Bei erneuten Beanstandungen, und solche waren leicht zu finden, gab es keinen Brief mehr.
Wieder einmal hockten Sebastian und Totila vor den Zellen an einem Tischchen auf einer der drei Brücken über dem Lichtschacht, um ihren Zwanzig-Zeilen-Brief an die Angehörigen zu verfassen. Auf der Zelle zu schreiben war, aus welchen Gründen auch immer, nicht gestattet.
„Ich weiß einfach nicht was ich hier schreiben soll …“, sagte Sebastian, dazu schob er den Briefbogen von sich.
Auch Totila saß brütend da und drehte den Bleistift zwischen den Fingern. „Wir müssen halt schreiben, dass es uns gut geht …“ „Den Umständen entsprechend“, unterbrach Sebastian.
„Ja klar“, Totila nickte. „Ist ja einerseits logisch, andererseits stellt sich aber auch die Frage, ob sie das durchgehen lassen.“
Sebastian schüttelte den Kopf. „Also den Umständen entsprechend“, sagte er.
„Ich denke, ein langjähriger Zuchthausaufenthalt ist doch wohl ein einleuchtender Umstand. Wir schreiben doch nicht aus einem Genesungsheim.“
„Du hast ja recht, aber den Umständen entsprechend klingt doch irgendwie kritisierend.“
„Ach Quatsch, dann sollen die mir den Brief eben wieder zurückgeben. Ich probiers jedenfalls.“ Totila zuckte mit den Schultern. „Versuchs einfach, wenn du meinst … Wichtig ist aber, dass die sich zu Hause nicht zu große Sorgen machen.“
Sebastian schob die Lippen vor und wiegte den Kopf. „Besonders dick auftragen“, sagte er, „müssen wir deshalb hier aber auch nicht.“
„Brauchen wir ja nicht“, antwortete Totila.
„Ja aber, wenn ich schreibe mir geht es gut, dann ist das keine halbe Zeile.“
Totila schüttelte grinsend den Kopf. „Mann“, sagte er, „lass dir was einfallen, du kennst doch genug Füllwörter und schreibst nicht zum ersten Mal so einen Brief. Frag’ einfach an wie’s den Geschwistern geht oder wohin dein Vater seinen Bienenwagen zur Akazientracht gefahren hat. Ich glaub’ so heißt das doch oder?“, fügte er hinzu und sah Sebastian an.“ Frag auch, was die Oma macht.
Ein richtiger Briefwechsel wird das hier sowieso nie.“ Sebastian nickte: „Ja, Tracht heißt das bei den Bienen. Also wirklich“, sagte er dann, „unter diesen Bedingungen hier? Ich würde am liebsten gar nicht schreiben.“
„Du spinnst total! Du hast doch die andern Briefe auch alle geschrieben und die zehn Zeilen an deine Christa …“
„Richtig. Die wird ja auch denken ich bin so simpel wie ich schreiben muss. Na ja“, gab er nach kurzem Nachdenken schließlich zu, „mir wird schon irgend ein unverdächtiger Unsinn einfallen.“
„Wenn dir nicht bald was einfällt“, mahnte Totila, „ist die Zeit dafür vorbei. Wir haben höchstens noch ’ne Viertelstunde, dann kommen die nächsten die hier schreiben sollen.“
Beide brachten dann aber die erlaubten zwanzig Zeilen doch noch aufs Papier.
Sebastian auch die zehn Zeilen an seine Freundin Christa, die seine Mutter nach Leipzig schicken würde. Wie seine Freundin Christa nun ihrerseits über die ganze Angelegenheit dachte, konnte sie ihm ja auch nicht mitteilen und er nicht, weshalb das alles so gekommen war. Was für ein Briefwechsel! Seine Mutter würde wohl etwas zur Aufklärung beitragen, aber Missverständnisse waren dabei natürlich fast vorprogrammiert.
„Das wimmelt bei mir nur so von Belanglosigkeiten“, murrte Sebastian schließlich und schnippte den Briefbogen von sich.
„Ich denke“, sagte Totila, „wir müssen uns auf das alles hier erst noch richtig einstellen.“
„Soll das heißen, wir müssen gleichgültiger werden?“
„Vielleicht“, antwortete der Freund.
Immer wieder dachte Sebastian an den Todeskandidaten und den überheblich zynischen Ton als sie ihn weggebracht hatten: „Da wo Sie jetzt hinkommen, brauchen Sie keine Sachen mehr …“ Im Krieg Jagdflieger, verheiratet und zwei Kinder, die noch zur Schule gingen, so verbreitete es sich auf Station vier. Die MIK 15: Dank dieses Mannes wusste man im Westen nun gut über das Bedrohungspotential dieser sowjetischen Maschine Bescheid. Tropfen für Tropfen sagte Sebastian sich, höhlt mit der Zeit auch den festesten Stein.
In der Zelle war es still geworden, alle dösten auf ihren Schemeln vor sich hin.
Sebastian bewegte das Schicksal dieses Fluglehrers, wenn er dabei noch an die Empfindungen seines eigenen Traums dachte. Der einsame Gang zum Fallbeil, umgeben von Kälte und Tod: Für ihn nur ein Alptraum, doch der andere, der Fluglehrer, war ihn wirklich gegangen, diesen Weg …
Langsam lief Sebastian im schmalen Spalt zwischen den Betten auf und ab: Vier Schritte zum Fenster, kehrt, vier Schritte zurück, kehrt, vier Schritte zum Fenster … hin und her, ganz gleichmäßig wie ein großes Pendel in einem Uhrwerk und dazu das regelmäßige Knarren eines Dielenbretts. Sebastian bemerkte, dass er kurz davor stand in etwas wie Trance zu verfallen. Dresden, sagte er sich … Dresden, Hitler und die Guillotine. Tod und Verderben … Wie mochte dem Fluglehrer dort zumute gewesen sein … Alles Streben, Wollen, Können, alles Lieben, alle Schönheit, würde für ihn dort zu Ende gehen. Und die fanatische Blödheit der Menschen um ihn her, die ihn zum Tode bringen würden, kalt und selbstgerecht. Ein kurzer Aufschub noch, eine kahle Zelle und das Warten … Sebastians Schritte eins, zwei, drei, vier, und kehrt. Eins, zwei, drei, vier, und kehrt … dazu das im immer gleichen Rhythmus knarrende Dielenbrett schränkten seine Sinne ein. Er empfand eine weite Leere, alles verlor an Bedeutung, wurde klein und x-beliebig … er selbst, die Zelle, die Mitgefangenen, der Zellenbau, seine Verurteilung, seine Taten, seine Überzeugungen … Gab es denn diese Welt um ihn her überhaupt? Doch immer wieder kam er dann doch zurück in die Welt, die sich real nannte. Schließlich bemerkte er, dass sich in ihm angesichts der erlebten Welt, so etwas wie ein Schock zu lösen begann, an den er erst nicht hatte glauben wollen. Es wurmte ihn nun um so mehr, dass er sich ahnungslos und naiv auf diesen Freund aus fernen Kindertagen hatte einlassen können. Im Nachhinein fielen ihm Kleinigkeiten ein, Kleinigkeiten mit tiefen Wurzeln, die ihm schon früher hätten auffallen müssen. Da war etwa die Sache mit dem heimlich besorgten Kleinkalibergewehr. Bei Schießübungen im Keller hatte er die Ladungen aus Mangel an Originalmunition immer ein wenig mehr mit Plättchenpulver aus einer alten Karabinerpatrone erhöht, um mehr Durchschlagskraft zu erzielen. Vor jedem Abschuß einer Ladung war sein Freund eilig aus dem Keller bis auf den Hof geflüchtet, um nach dem Schuß vorsichtig durch die spaltoffene Kellertür nach ihm Ausschau zu halten. Sebastian hatte damals darüber gelacht.
Ein anderes Geschehen hatte ihn dann aber doch wieder kurz nachdenklich werden lassen, nämlich wie abfällig der Freund sich in seiner Gegenwart über die eigenen Eltern ausgelassen hatte, um das dann aber auch rasch wieder zu verdrängen, vielleicht weil nicht sein konnte, was nicht sein durfte? Auch hatte er das alles stets in ein komisches Licht gerückt, um sich die Wahrheit nicht eingestehen zu müssen.
Es hatte noch viele Warnzeichen gegeben, die er bewusst missachtet hatte. Er ahnte damals schon, dass das an diesem Freund Charakterscharten waren, die nicht auf sich allein beruhten. Doch hätte Sebastian darauf angesprochen, dies sicher von sich gewiesen..
So verging die Zeit im Gleichmaß des Zellenalltags: Der Gefangene wechselte hin und wieder von Hocker zu Hocker, man konnte ja nicht immer nur auf ein und derselben Stelle sitzen in den Stunden des Wartens auf die regelmäßige Nahrungszuteilung oder des Raustretens zur Freistunde. Ebenso war es möglich einige Schritte zwischen den Betten auf und ab zu laufen, wenn die andern saßen. Auch eine Weile durch die Fensterklappe nach draußen zu blicken in ein sonnenbeschienenes Land oder in dunstiggraue Regenschwaden, galt als Abwechslung. Gegebenenfalls an grauen Tagen dicht unterm Fenster ein Buch zu lesen und sei es ein sowjetischer Heldenroman, konnte eine ebenso willkommene Ablenkung bedeuten.
Hin und wieder erzählte ein Zellengenosse aus seinem Leben, etwa aus der Kriegsgefangenschaft in Russland, berichtete von Holzfällerarbeiten in riesigen Wäldern hinterm Ural und von der miserablen Ernährungslage dort, den vielen Kranken vor allem im Winter bei 35° bis 40° Kälte. „Stets standen vor dem Lagerzaun aber auch russische Frauen mit Kindern und bettelten um Nahrung bei uns“, erzählte einer, „die wir selbst ja bei schwerer Arbeit und mangelnder Ernährung, ums Überleben kämpften.“ Ein anderer erzählte, dass nach dem Krieg die Russen als Sieger versucht hätten, möglichst viele Kriegsgefangene in den Lagern am Leben zu erhalten. Davor aber, noch im Krieg, sei ein solches Leben nicht allzuviel wert gewesen. Insgesamt habe er im Rückblick die Zeit dort aber nicht als so schlimm empfunden wie die Beerdigung bei lebendigem Leibe jetzt hier, hatte er abschließend mit einer umfassenden Armbewegung durch die Zelle erklärt.
Kein Wunder, meinte Sebastian, denn Ähnliches war ihm schon einige Male von Kriegsgefangenen erzählt worden, von Männern, die Jahre in diesen Lagern überlebt hatten und nun aus politischen Gründen bereits wieder über Jahre in der Enge dieser Zellen zusammengepfercht saßen …
Kapitel 11
Schloss und Riegel krachten, in der offenen Tür stand ein Schließer und der Stubenälteste leierte seine Meldung herunter.
„Strafgefangene Sebaldt und Kunzmann?“ Der Schließer sah fragend in die Zelle.
Verdammter Mist! Schon wieder eine Verlegung … schoss es Sebastian durch den Kopf und er sah kurz Totila an, der wohl eine ähnliche Vermutung hegte.
„Ja, hier“, sagten beide und Totila hob dazu die Hand.
„Und Strafgefangener Sebaldt?“, kam wiederholt die Frage des Schließers.
„Ja hier“: rief Sebastian und streckte beide Arme in die Höhe.
„Warum nicht gleich so“, murrte der Schließer. „Nehmen Sie Ihre Schüsseln.
Monatspäckchen abholen“, sagte er.
Erleichterung. Doch keine Verlegung! Rasch griffen sie nach ihren Schüsseln und traten hinaus auf den Gang.
Der Wachtmeister schloss die Zelle wieder ab. „Gehen Sie.“
Die beiden kannten das bereits und freuten sich auf ihr zweieinhalb Kilo Päckchen von zu Hause. So ein Päckchen durfte man aber nur bei guter Führung in Empfang nehmen, was immer das auch heißen mochte.
Die Ausgabestelle lag im Erdgeschoß des Zellenbaus. Als die beiden dort ankamen, standen bereits Gefangene wartend vor der offenen Tür einer ausgeräumten Zelle, gegen die von innen ein Tisch geschoben worden war. Drinnen beschäftigten sich zwei Wachtmeister und ein Kalfaktor mit den zur Ausgabe vorgesehenen Päckchen, die auf einem weiteren Tisch unter’m Fenster aufgestapelt lagen.
Die Freunde wussten ja bereits wie die Wachtmeister bei der Ausgabe dieser Monatspäckchen mit den oft liebevoll verpackten Lebensmitteln umgingen. Die Empfänger ärgerten sich zwar noch, aber wunderten sich schon nicht mehr darüber, wenn ihnen etwa eine Teewurst zerschnitten in die Aluminiumschüssel geworfen wurde; oder die Pappschachtel mit Würfelzucker, die aufgerissen und deren Inhalt zur zerschnittenen Teewurst in die Schüssel gekippt wurde. Schokoladentafeln aus dem Westen landeten ebenfalls aufgerissen und zerbrochen in der gleichen Schüssel zusammen mit Keksen, durchstochenen Streichkäseecken, Lachsschinken in Streifen geteilt, zerfetzten Mandarinen … alles Westsachen.
Zusammen bildete das eine seltsame Nahrungsmittelmischung. Bei seinem ersten Päckchen vor Monaten war er mehr verblüfft als empört gewesen angesichts des Lebensmittelgemenges, das er damals in seine Zelle getragen und verärgert vor den Zellengenossen auf den Tisch gestellt hatte. Die lachten darüber nur. Darin könnte ja eine Eisensäge versteckt sein oder kleine Sprengkörper, meinten die, „oder gleich eine Bombe“, sagte einer und alle lachten. Er war sich dabei etwas doof vorgekommen. „Das ist hier immer so“, hatten sie ihn beruhigt, alle Päckchen, vor allem die mit Westsachen vom Klassenfeind, würden so zerpitzelt. Das ärgerte ihn zwar immer noch, aber wenn er weiterhin Päckchen von zu Hause bekommen wollte, musste er’s hinnehmen wie es war.
„90 % Westwaren“, sagte einer, der Sebastians Päckchen als Nahrungsschüttung in dieser Aluminiumschüssel begutachtete.
„Ja und? Ist doch nicht verboten“, reagierte Sebastian.
Der andere lachte. „Das nicht“, sagte er, „aber das ärgert die natürlich, die selbst nicht wissen wie Westschokolade schmeckt. Die Mandarinen, Zitronen oder Apfelsinen nur aus den Päckchen der Gefangenen kennen und von Lachsschinken“, dazu wies er auf Sebastians Schüssel, „noch nie was gehört haben.“
„Und deshalb dieses Massaker da?“ Der Mandarinen-, Apfelsinen- und Zitronensaft war inzwischen teilweise vom Würfelzucker aufgesogen worden, auch Kekse erwiesen sich als aufgeweicht … „So’n Päckchen wie das da“, erklärte ein anderer, „kriegt hier nicht jeder. Schon schön, wenn einer Verwandte oder Freunde im Westen hat.“
Es gab also selbst hier noch Leute, bemerkte Sebastian, denen es in bestimmter Weise schlechter ging als anderen. Gemunkelt wurde aber auch schon, dass es diese Monatspäckchen der Angehörigen von draußen künftig nicht mehr geben solle.
Wenn Sebastian durch’s Gitterfenster nach draußen blickte musste er feststellen, dass Zeit tatsächlich vergehen konnte. Das Laub der alten Kastanien neben der roten Backsteinvilla draußen vor den Zuchthausmauern und der Obstbäume in der Laubenkolonie neben der Anstalt verfärbte sich braun, gelb und rot und zeigte an, dass das Jahr, das erste Zuchthausjahr der beiden Freunde, sich allmählich seinem Ende zuneigte und dann sagte Sebastian sich, dann noch nicht einmal ein Zehntel von zehn Jahren … Rückblickend kam ihm die gefühlte Zeit hier mindestens dreimal so lang vor wie die, die tatsächlich vergangen war. Mit der Zeit hat es was auf sich, ging’s ihm durch den Kopf, als er dort durchs Gitterfenster hinaus in die sich verändernde Welt blickte. Schade, meinte er, dass die von draußen keine Päckchen mehr schicken durften. Die Anstaltsleitung fühlte sich offensichtlich durch die Westprodukte provoziert meinten die Gefangenen und das schien der Wahrheit nahe zu kommen, wenn man daran dachte wie absichtlich zerstörerisch die Wachtmeister mit dem Inhalt dieser Päckchen bei der Ausgabe stets umgegangen waren.
Willkürliche Verlegungen in immer wieder andere Zellen hatten die Gefangenen über sich ergehen zu lassen. Damit wurde eine ständige Durchmischung der Häftlinge erst einmal der obersten Station erreicht, wobei es sich dort ausschließlich um Langstrafer handelte, die sich nicht zu sehr an einen zu vertrauten Umgang miteinander gewöhnen sollten.
Wie Sebastian von anderen erfuhr, die schon einige Jahre den Zellenbau bevölkerten, hatten sie je nach Länge ihrer Strafe einige Jahre in diesen Zellen zu verbringen, ehe sie zur Arbeit in anstaltseigene Werkstätten, etwa Polsterei oder Noppe verlegt wurden. Das sei dann, hörten sie, auch mit einem Umzug nach Haus1 verbunden. Es gäbe dort große Zellen die mit drei- und vierstöckigen Betten für etwa fünfzehn bis zwanzig Gefangene ausgerüstet seien. Aber bis dahin, sagten die beiden sich, lägen ja noch Jahre im Zellenbau vor ihnen.
Kapitel 12
„Strafgefangene Sebaldt und Kunzmann Sachen packen!“, hieß es eines Tages nach der morgendlichen Freistunde, wozu der Stationskalfaktor mit der Faust mehrmals gegen die Türe hämmerte. Die Ankündigung einer Verlegung brachte immer eine Verunsicherung der Betroffenen mit sich, denn es konnte sich dabei um den Umzug in eine andere Zelle handeln, aber auch um den Transport in eine andere Anstalt.
Als dann das Schloss krachte und die Tür aufgestoßen wurde stand dort der Wachtmeister und winkte mit dem langen Schlüssel: „Kommen Sie!“
Die beiden traten, ihre Deckenbündel in den Armen, auf den Flur.
„Gehen Sie“, sagte der Wachtmeister mit einer Handbewegung.
Wohin? Diese bange Frage bewegte die beiden. Wenn es jetzt durch die Gittertür zu den Treppen geht, wird es spannend … sagte Sebastian sich.
„Gehen Sie da rechts rüber“, hörten sie erleichtert den Wachtmeister hinter sich.
Rechts rüber, sagte Sebastian sich, ja natürlich, die Brücke über den Lichtschacht … die gegenüberliegende Seite, also kein Transport.
Und dann schloss der Wachtmeister auch schon eine Türe auf.
Sebastian hörte einen jüngeren Mann Meldung machen. Als beide schließlich die Zelle betraten, begrüßten sie den Jüngeren und sahen einen älteren auf dem Kübel hocken. Sie begrüßten auch den.
„Das sind bei mir die Hämorrhoiden …“: erklärte der Alte mit entschuldigendem Lächeln diesen Kübelgang außer der Reihe.
Es grenze schon an ein Wunder, meinten die beiden Freunde, dass man sie immer noch zusammen in einer Zelle unterbrachte und sie fragten sich schon, ob damit nicht etwas bezweckt werden sollte. Über Einzelheiten ihrer Tätigkeit für den westdeutschen Nachrichtendienst sprachen sie nie miteinander. Das taten auch andere politische Langstrafer nicht. Als sie ihre Sachen in die Regalfächer geräumt und die Decken jeweils zusammengelegt auf die Strohsäcke platziert hatten, gingen sie zum Fenster und sahen hinaus. „ Die genaue Gegenrichtung unserer bisherigen Aussicht“, sagte Sebastian.
„Na klar“, bestätigte Totila, „da unten ist unser Freistundenhof.“
Und beide richteten ihre Blicke dann über die Mauer hinweg in weitläufige Gärten mit massiven Lauben und ganz im Hintergrund mehrstöckige Mietshäuser.
„Der Scheinwerfer des Wachturms dort“, sagte Totila, „wird uns nachts die Zelle erhellen.“
„Sind wir ja gewöhnt“, antwortete Sebastian.
Von den beiden, dem Älteren und dem Jüngeren in der Zelle erfuhren sie, dass beide wegen des 17. Juni verurteilt worden waren: Der Ältere zu zwölf und der Jüngere zu acht Jahren.
„Das sind ja ziemlich hohe Strafen“, stellte Sebastian fest. „Was habt ihr denn da gemacht?“
Der Alte lachte. „Geredet“, sagte er. „Ich fuhr eine elektrische Grubenbahn und kannte viele in der Senftenberger Grube.“
„Senftenberg?“, fragte Sebastian überrascht, „wir beide“, dazu tippte er Totila auf die Schulter, „sind aus Großräschen.“
„Na sieh’ an“, sagte der Lokführer.
„Aber in Großräschen war gar nichts los“, warf Sebastian ein.
„Um so mehr in Senftenberg“, sagte der Alte. „ Als wir das vom Aufmarsch und den Forderungen der Bauarbeiter in Berlin im Radio gehört hatten, machten auch wir mobil. Ich kam viel herum und habe die Leute zusammengetrommelt. Und der Markscheider hier“, und er wies mit einer kurzen Kopfbewegung auf den Jüngeren in der Zelle, „also der Siegfried, der hat zu den Leuten geredet.
Und ich hab’ dann auch noch ein paar Worte von mir gegeben.“ Er lachte wieder. „Ich hab’ ja noch nie zu so vielen Leuten gesprochen.“
„In Senftenberg war schon allerhand los“, bestätigte Siegfried, der Markscheider.
„Wir beide hier, wir waren ja nicht die einzigen, die was gesagt hatten. Und natürlich gab’s auch genug Stasi-Spitzel unter den Bergarbeitern, die dann als die Russen alles umstellt hatten, aus ihren Löchern gekrochen kamen. Einige von uns wurden noch am selben Tag abgeholt, in diese Stasivilla gebracht und dann gleich nach Cottbus in die Spreestraße.“
„Diese hübsche Villa in Senftenberg hab’ ich auch kennengelernt und diesen grobklotzigen Obersten dort.“
Siegfried, der Markscheider lachte. „Der sah aus wie ’n Russe, kam durch ’ne Tür rein, sah uns bloß an und verschwand gleich wieder.“
„Der hatte wahrscheinlich wie viele damals ’ne Scheißangst. Ohne den Iwan mit seinen Panzern wärs auch zu Ende gewesen mit der geborgten Bonzenherrlichkeit …“
„Das kann man wohl sagen“, bestätigte der Grubenbahn-Lokführer kopfnickend.
Nee, das sind keine Spitzel, sagte Sebastian sich und Totila stimmte dem ohne Worte zu.
Es gab im Zellenhaus immerhin diese wöchentlichen Rasiertermine. Sebastian und Totila hätten sie nicht unbedingt wöchentlich in Anspruch nehmen müssen.
Bei ihnen hätte es auch alle 14 Tage gereicht, doch Abwechslung erschien schon wichtig bei den Tagen dort, die sich oft so öde gleichförmig dahinquälten, als stehe die Zeit still.
So auch an diesem grauen Herbsttag, als der Kalfaktor an die Tür klopfte und : „Rasieren?“, fragte, alle Vier „ja“, sagten und der Kalfaktor sich die Namen auf einem Zettel notierte.
Am Nachmittag holte ein Schließer sie ab und führte sie nach unten in eine Zelle im ersten Stock, die bis auf zwei Hocker und einen Tisch keine weitere Einrichtung aufwies. Jeder Häftling kannte diese Zelle ja inzwischen. Auf dem Tisch befand sich wie immer eine emaillierte Wasserkanne nebst kleiner Schüssel mit Pinsel und Rasierseife. In der Ecke neben der Tür stand ein Abwassereimer. Sebastian wunderte sich, als der Einseifer, der in der Schüssel den Rasierschaum schlug und mit dem er bisher allenfalls über das Wetter gesprochen hatte, ihn auf einmal nach seiner Strafe fragte.
„Artikel 6, Kontrollratsdirektive 38“, sagte er. „Zehn Jahre“, fügte er hinzu, als er nach der Höhe der Strafe gefragt wurde.
„Ein ganz schöner Hammer“, sagte der Einseifer, während er mit dem Pinsel rührend den Schaum in dem Schüsselchen in die richtige Konsistenz brachte.
„Wie alt bist du denn?“, fragte er, während er mit Schaum und Pinsel Sebastians Kinn bearbeitete.
„Achtzehn“, antwortete der, leicht verwundert über das plötzliche Interesse.
„Wenn de raus kommst biste 28“, gab der Einseifer gnadenlos zu bedenken.
„Das weiß ich selbst“, gab Sebastian etwas ungnädig zu verstehen.
„Was meinen denn deine Eltern zu dieser Strafe?“, fragte der Einseifer, ein schätzungsweise dreißigjähriger Häftling, mit schütteren blonden Haaren über einem schmalen Gesicht. Wahrscheinlich ein Krimineller bei diesem Posten hier, ging es Sebastian durch den Kopf. „Na was sollen die schon denken“, antwortete er auf die letzte Frage.
Die nächste Frage, ob er denn noch Geschwister habe beantwortete Sebastian mit einem bloßen „Ja.“
„Na die werden doch auch ganz schön traurig sein“, insistierte der Einseifer ungerührt weiter.
„Ich bin ja nicht gestorben“, entgegnete Sebastian.
Eine Woche später, beim folgenden Rasiertermin, bemerkte der Einseifer Sebastian gegenüber wieder, dass „10 Jahre doch eine mächtig lange Zeit sind für so ’nen jungen Menschen.“ Und als er dann auch noch mit traurigem Gesicht bekundete, dass Sebastian ihm wirklich leid tue, konnte der sichs nicht mehr verkneifen zu erklären, dass seine Mitleidsbekundungen ihm lediglich unangenehm seien. Was er getan habe, sagte er, sei eben geschehen und dazu stehe er!
Natürlich, eine gewagte Aussage, das war ihm klar, aber damit hatte er nichts verraten und bereut hatte er ja weder bei der Stasi noch vor Gericht etwas. Dort hatte man ihnen beiden das sogar vorgehalten.
Der Einseifer hielt sich daraufhin mit seinen Bemerkungen Sebastian gegenüber erst einmal zurück, der sich keinen Reim darauf zu machen wusste, weshalb der gerade ihn mit seinem falschen Mitleid so herabwürdigend berührte. Anders könne man das nicht empfinden, meinte er. Vielleicht aber konnte der Einseifer das nicht begreifen. Mir soll’s halt egal sein, sagte Sebastian sich. Es ist nicht wichtig.
Und dann immer wieder das Phänomen der Zeit, das ihn beschäftigte.
Totila hielt das für Unsinn. „Zehn Jahre und sieben Jahre bleiben, wie man’s auch dreht und wendet, „zehn und sieben Jahre.“
Das sei ja nicht falsch, meinte Sebastian.
Doch Totila lehnte es ab, auf Sebastians Überlegungen einzugehen.
„Wenn man beim Thema Zeit nur das berücksichtigt, was man sehen und anfassen kann greift man vielleicht zu kurz“, sagte Sebastian.
Totila blieb dabei und hielt das was er von seinem Freund zum Thema gehört hatte, für hochgestochene Spinnereien.
Allein das was man sehen und anfassen könne, meinte Sebastian wieder, weise ja schon in recht eigenartige Zusammenhänge, die gerade dort, in dieser öden Zuchthauswelt, ganz gut wahrzunehmen seien.
Wieder waren Wochen vergangen. Die Häftlinge froren, denn die Heizungsrippen blieben kalt. Durch die Fensterklappe sickerte trübes Licht.
Sebastian stand vor dem Fenster und blickte, gegen einen Bettpfosten gelehnt, durch die geschlossene Scheibe hinaus auf die feucht glänzenden Teerpappendächer der masiven Lauben, die ganzjährig bewohnt sein sollten wie er gehört hatte. Obstbäume reckten ihr kahles Geäst schwarz in einen gleichmäßig grauen Himmel. Seine ganzen Monate in diesem Bau, rekapitulierte er, waren in aller Einförmigkeit Tag für Tag im Schneckentempo verlaufen: Wecken, Zählung, Kübel raus, Frühstück, Kübel rein, Freistunde im Hof, Mittag, Kübel raus, Zählung, Kübel rein für die Nacht, Einschluss, Licht aus … und das Tag für Tag, Monat für Monat, Jahr für Jahr? Richtig. Jahr für Jahr! Genau besehen geschah ja dauernd etwas, allerdings immer das gleiche. Als Unterbrechung dieser Gleichförmigkeit erwiesen sich vor allem Verlegungen. Wenn man sich mit den Menschen in einer Zelle halbwegs eingelebt hatte, hieß es bald wieder: „Sachen packen!“ Und der Eingewöhnungsvorgang begann von neuem. Schmerzlich konnte es werden, wenn man aus einer Zelle mit Menschen die man verstehen konnte, und die einen selbst verstanden, herausgerissen wurde mit der Gewißheit, dass man sich nie wiedersehen würde, um dann unter Menschen zu landen, die einem womöglich fern oder sehr fern standen. Es gab immer mehr Dinge, die Sebastian gerne mit jemandem besprochen hätte, der auch verstehen konnte worum es ihm ging.
Doch wenn er jetzt zurückschaute mit Blick ins spätherbstliche Land dort draußen, zurück bis an den Tag seiner Ankunft vor einem dreiviertel Jahr, dann schien ihm diese gleichförmig verstrichene Zeit fast wie im Fluge vergangen.
Die Erinnerung ließ sich dort auch nur noch an wenigen Ereignissen fest machen wie etwa an der Fußballweltmeisterschaft Westdeutschlands oder auch am Aufstand im Zellenhaus mit den Mörder! Mörder!-Rufen aus den Fenstern.
Vielleicht auch noch an der Erneuerung der Strohsäckefüllung …?
Dieser dauernde Wechsel der Menschen um ihn her mit denen er zwangsläufig stets nur sehr begrenzt zu tun hatte erschienen nur noch wie ein Zug wechselnder Gestalten, die dann auch bald im Nebel der Erinnerung verschwanden.
Kapitel 13
Es geschah am Abend eines dieser kurzen Novembertage, die vom Morgengrauen sogleich in den Abend überzugehen schienen, die Gefangenen warteten in den Zellen nach der Zählung bereits auf den Einschluss, als den Gang hinauf nacheinander die Schlösser der Türen krachten. Sebastian und alle in der Zelle erstarrten im Moment, um dann sogleich an den Türspalt zu stürzen. Aber schon krachte metallisch auch das Schloss ihrer Türe. Alle sprangen zurück, die Tür flog auf, einer wollte vorschriftsmäßig Meldung machen, doch der Schließer winkte ab.
„Sämtliche Strohsäcke in den Lichtschacht werfen!“, hieß es schließlich. „Dalli, dalli …!“, trieben die Wachtmeister auf allen Stationen die Gefangenen an.
Offensichtlich hatte man alles zusammengesucht was Polizeiuniform trug und zu dieser Aktion in den Zellenbau beordert. Auf den Fluren befanden sich immer mehrere Uniformierte konnten Sebastian, Totila und die anderen feststellen, als sie ihre Strohsäcke über das Geländer in den Lichtschacht warfen, aus dem zuvor die Fangnetze entfernt worden waren. Neben den ihnen bekannten Schließern gabs da aber auf den Gängen auch Uniformträger, die davor von den Gefangenen noch nie einer zu Gesicht bekommen hatte. Sie liefen eilig hin und her, blickten da und dort in die Zellen, in denen Gefangene gerade dabei waren ihre Strohsäcke aus den Bettgestellen zu hieven. Das dauerte in der Enge dort etwas länger, weil sich bei noch größerer Eile die Insassen nur gegenseitig behinderten.
„Dalli dalli, machen Sie schon …!“
Beim Rausschleppen ihrer Strohsäcke über den Gang zum Lichtschacht wechselten die Gefangenen mit denen aus den Nachbarzellen nur ratlose Blicke und schüttelten die Köpfe. Keiner konnte sich einen Reim darauf machen, was dieser Aufruhr sollte.
Schließlich schloss man die Gefangenen wieder in ihre Zellen und ließ sie dort, ratlos wie sie waren, auf das warten, was da kommen sollte. Es war ja längst schon Einschlusszeit und die Gefangenen saßen bei diesem funzligen Licht einer 40 W-Birne, hinter einer Drahtglasscheibe über der Tür, verunsichert auf Hockern vor ihren leeren Betten.
„Vielleicht sollen wir richtige Matrazen kriegen“, sagte dann einer in der Zelle.
„Ja Daunendecken und Damastbettwäsche“, gab ein anderer zum besten.
Irgendwann, nach einer halben Stunde oder vielleicht auch einer Stunde, keiner wusste es genau, wurden alle Türen wieder aufgeschlossen und die Gefangenen traten verwundert und verunsichert raus auf den Gang vor den Lichtschacht, aus dem im gelblichen Licht der Lampen noch immer Schwaden von Staub aus den Strohsäcken im Kellergang bis hinauf in den vierten Stock stiegen.
Dann erscholl eine Lautsprecherstimme von irdendwoher: Alle Strafgefangenen sollten genau zuhören und den Anweisungen Folge leisten. Es würden jetzt Strafgefangene namentlich aufgerufen und dazu jeweils eine Zellennummer.
Jeder Aufgerufene habe im Keller einen Strohsack abzuholen und sich damit vor der ihm genannten Zelle aufzustellen.
Verunsichert durch diese ganze Aktion, die sich absehbar bis tief in die Nacht hinziehen würde, waren nicht nur die Gefangenen, sondern in mindestens gleichem Maße auch die massenhaft nervös umherlaufenden Uniformträger. Man stelle sich vor: Alle sonst streng verriegelten Zellentüren standen offen und vorwiegend politische Langstrafer auf den Gängen, nur von verschlossenen Stationsgittertüren zu den Treppen gesichert. Wie würden die auf das geplante Vorhaben reagieren, wenn auch die Stationen geöffnet werden mussten?
Sie reagierten nicht, obwohl jedem nach dem Aufruf sich einzeln einen Strohsack aus dem Keller zu holen klar wurde, was dort geschah. Es handelte sich schlicht um einen Überraschungscoup, mit dem unter den Gefangenen niemand hatte rechnen können. Zum einen gingen den Häftlingen mit ihren Strohsäcken alle darin versteckten und gehüteten Kleinigkeiten die ihnen wichtig aber verboten waren wie etwa Bleistiftstummel oder Nähnadeln … verloren, also Unersetzlichkeiten. Zum anderen hatte man durch diese überfallartige Maßnahme alle stets gefürchteten und vermuteten Verbindungen Gefangener untereinander weitestgehend auseinandergerissen. Ausgenommen vom ganzen Spektakel blieben lediglich die Lebenslänglichen. Alle anderen wurden über den ganzen Bau verteilt. Das hieß nun auch, dass einer mit fünfzehn Jahren in der ersten Etage landen konnte und einer mit fünf Jahren in der vierten. Die alte Ordnung, Langstrafer von etwa acht bis fünfzehn Jahren ganz oben im Zellenbau unterzubringen, war damit aufgehoben worden.
Sebastian und auch Totila dämmerte es, als Namen ihnen bekannter Gefangener mit hohen Strafen aufgerufen und mit niedrigen Zellennummern belegt wurden, dass ihre Zellengemeinsamkeit damit wohl auch zu Ende gehen musste. So ging es für sie nur noch darum, ob sie dort oben in der vierten Etage bleiben würden, worauf alle beide Wert legten.
Schließlich fiel auch Sebastians Namen und er bangte sekundenlang, bis er mit Erleichterung eine Zellennummer der vierten Etage vernahm.
Totila grinste etwas wehmütig und auch Sebastian räusperte sich, als sie sich verabschiedeten. Beide hatten sich auf engstem Raum gut vertragen und unter nicht sehr menschlichen Verhältnissen Sympathie füreinander bewahrt.
Die in die Decke gewickelten Habseligkeiten wie Seife, Zahnbürste, Pantoffeln, Becher, Löffel und Schüssel … trug jeder auf Anweisung mit sich.
Sebastian wurde mit einer ganzen Reihe anderer in ihren Holzschuhen von einem Posten die Granitsteintreppe hinab in den Keller geleitet. Dort stieß er kurz auf Wilhelm Hankel, der mit seinem Bündel unter’m Arm und einem Strohsack auf der Schulter gerade den Rückweg antrat.
„Wohin gehts?“, fragte Sebastian ihn.
„Mist! Ganz unten in den zweiten Stock“, erklärte der mit Unwillen in der Stimme.
„Ich bleib’ weiter im Vierten“, sagte Sebastian. „Also machs gut“, fügte er noch eilig hinzu und stand dann auch gleich vor einem riesigen Berg von Strohsäcken.
Zwischen vier- und fünfhundert, schätzte er. Schließlich schnappte er sich einen x-beliebigen Sack und machte sich mit anderen zusammen auf den Rückweg in den vierten Stock. Einige verließen die Treppe jedoch bereits in den unteren Stockwerken. Wieder andere kamen ihnen von oben entgegen. Auf der Treppe geht es zu wie auf einer Ameisenstraße, sagte Sebastian sich und stand schließlich mit Deckenbündel und Strohsack neben einem ihm unbekannten Häftling vor der ihm zugewiesenen Zellentüre. Das Krachen von Schlössern und Riegeln, hallte ununterbrochen durch den ganzen Bau. Dutzende von Schließern waren auf allen Stationen eilig unterwegs, bemüht möglichst alle Gefangenen unter Kontrolle zu halten.
Was haben die sich bloß dabei gedacht? fragte Sebastian sich. Ging es wirklich nur darum, die Gefangenen im ganzen Bau zu verunsichern? Und dazu dann so ein Aufwand?
Schließlich kam ein Uniformierter aus Richtung Treppe den Gang herauf, schloss einige mit ihren Strohsäcken vor Zellentüren wartende Häftlinge ein, bis er auch Sebastian und dem dort mit ihm wartenden Gefangenen die Türe aufschloss.
Als Sebastian die Zelle betrat, blickten ihm zwei aufgelöst wirkende Vogelscheuchen entgegen, die er, wie er sich erinnerte, schon bei der Freistunde gesehen hatte. Die waren immer vierter Stock, sagte er sich. Einer so um die dreißig schätzte er und der andere vielleicht Ende sechzig. Die Zelle wie alle andern sonst, und ebenso wie die seine bis heute abend, ehe alles durcheinandergewirbelt worden war, also auf der Rückseite des Hauses gelegen, mit Blick auf die massiven Lauben in den Obstgärten. Zumindest dieser Ausblick erwies sich als Konstante im ganzen Durcheinander.
„Wir kennen uns vom Sehen“, sagte Sebastian bei der Begrüßung zu den beiden Insassen. „Und von wo kommst du her?“, wandte er sich an den Jüngeren, etwa Mitte Zwanzig, der mit ihm vor der Türe gewartet hatte.
„Von Station drei“, erklärte der und wies dazu mit dem Finger nach unten auf den Fußboden.
„Da haste ’nen guten Tausch gemacht mit hier ganz oben. Was haste denn für eine Strafe? Ich meine wie viel?“
„Fünf Jahre Artikel 6“, antwortete der.
„So unter sieben acht Jahren gab’s bis heute Abend hier oben niemanden“, erklärte Sebastian. „ Nun haben sie’s durcheinandergewirbelt“, und er hob unschlüssig die Schultern. „Wozu das gut sein soll? Wer weiß schon, was die sich, wenn überhaupt, dabei gedacht haben.“
Die endliche Regelung des ganzen Wirbels zog sich etwa bis nach Mitternacht hin, mit Gepolter auf den Holzdielen der Gänge vor den Zellen und Getrappel auf den Granitstufen der Treppen, sowie Türenschlagen, Schlösserkrachen und Riegelschmettern. In den belegten Zellen war das Licht zwar längst gelöscht und Sebastian lag wie die andern unter seiner Decke, wurde aber immer wieder aus dem Schlaf gerissen, wenn auf dem Gang vor der Tür ein Trupp Häftlinge in schweren Holzschuhen vorbeipolterte.
Wecken sechs Uhr. Der schrille Schrei der Stahlschiene gegen die mit einer Eisenstange geschlagen wurde, riß jeden aus Traum und Schlaf in die Realität des Zellenbaus: „Wer will schnell noch mal pinkeln?“ Der Kübel musste nach der Zählung raus, um ihn nach der Freistunde entleert wieder in die Zelle zu nehmen. Alles lief nach zeitlichen Regeln ab.
Der Alte und der Junge, die zuerst die Zelle bezogen hatten, entpuppten sich als Vater und Sohn.
„Und man lässt euch hier immer noch zusammen?“, fragte Sebastian ein wenig verwundert. „Ich war ja mit einem Freund die ganzen Monate bis jetzt auch zusammen auf einer Zelle. Es war schon so weit, dass wir irgend eine Absicht dahinter vermuteten. Wir waren ja ein Fall …“ Und Sebastian schilderte in wenigen Sätzen ihre Geschichte bis zur Verhaftung. „Wir waren schon vorsichtig“, sagte er, „und sprachen über unsere gemeinsame Angelegenheit fast gar nicht.“
„Ja mit die Spitzel is hier schon so’ne Sache“, reagierte der Sohn, der sich als Arno vorgestellt hatte. „man muss Verdammichnoch mal aufpassen! Sonst haben se dir am Arsch und hängen dir noch was an.“
Sebastian erfuhr dann auch bald, dass ers bei Vater und Sohn mit „Buntspechten“, aus Ost-Berlin zu tun hatte. Der Sohn zu dreizehn und der Vater zu zwölf Jahren verurteilt.
„Mann! Da haben die euch aber ganz schön was übergebraten.“
„Kann man wohl sagen“, bekräftigte der Vater.
„Das is Kutte“, sagte Arno mit einer Handbewegung in Richtung des Vaters, der am Tisch saß, „also Kurt“, berichtigte er dann noch, „mein Vadder …“ „Aber von euch Buntspechten gibt’s hier ’ne ganze Menge. Alle mit ziemlich hohen Strafen.“
„Na ja, bei Buntmetall, da haben die sich ganz affig“, bestätigte Vater Kurt Sawatzky Sebastians Feststellung.
Ein „Buntspecht“, war jemand, der Buntmetall aus Ost-Berliner Trümmern klaubte und an West-Berliner Altmetallhändler für Westgeld verkaufte. Ein mit der Zeit immer gefährlicher gewordenes Geschäft.
„Buntmetall? Lohnt sich denn das?“, wollte Siegfried, der mit Sebastian zusammen eingezogen war, wissen.
„Na und ob!“, wurde ihm von Kurt Sawatzky geantwortet.
„Aber wo kriegt man das her?“
„Na aus die Ruinen überall“, erklärte Arno Sawatzky.
„Dazu muss man dann Berliner sein“, sagte Siegfried.
„Musste nich“, erklärte Arno, „aber wie willste denn sonst mit den schweren Gelumpe von außerhalb über die Grenze nach West-Berlin kommen? Mit die Bahn nach Berlin aus de Zone? Wirste doch im Zug unterwegs überall gefilzt.
Nee, nee“, sagte Arno Sawatzky, „wir hatten in die Stadt so uns’re Schleichwege, auch zu die Schrotthändler. Die werden nämlich auch von die Stasi beobachtet: Also wer da aus’n Osten mit Buntmetall antanzt. Aber von uns wusste das jeder, auch die Schrotthändler.“
Sebastian stand vor Arno Sawatzky, der auf einem Hocker, mit dem Rücken gegen die kalten Heizungsrippen gelehnt, saß. „Wenn das so war“, fragte er grinsend, „Warum sitzt ihr dann als hoch verurteilte Buntspechte hier?“
Vater Sawatzky lachte. „Wir sind anjeschissen worden“, sagte er und wurde wieder ernst. „Die wollten in unser Revier fischen …“
„Wir wissen aber, wer der Schweinehund war“, unterbrach Arno Sawatzky den Vater. „Die hatten ’nen Strohmann eingesetzt, der uns verpfiffen hat.“
„Und dann haben die uns mit fufzehn Kilo Kupfer jeschnappt“, ergänzte der alte Sawatzky.
„Wir sind ja auch angeschissen worden“, sagte Sebastian. „Und ich noch dazu vom besten Freund, der jetzt wohl Parteikarriere macht und für die Stasi arbeitet … Ich schäme mich manchmal dafür.“
Der junge Sawatsky stand von seinem Hocker auf und winkte ab. „Wir sind zu doof für’s Leben, das is’ es.“
Da ist was dran, sagte Sebastian sich. Wahrscheinlich wollten wir die Realität nicht sehen … „Ihr wart sicher genau so naiv wie wir“, sagte er dann. „Aber was wär’ das schon für’n Leben“, fuhr er fort, „wollte man überall immer nur Verrat und Feinde vermuten. Das hält auf Dauer doch keine Sau aus!“
Sebastian stellte sich vor’s Gitterfenster und sah hinaus in einen nebelgrauen Spätherbsttag. So wie vor bald einem Jahr, als sie ihn abgeholt hatten an einem ebenso stillen grauen Tag, weg damals vom Zeichenbrett, weg von dieser großen Bleistiftzeichnung, diesem Kiefernwaldstück, in das er sich vertieft hatte.
Schließlich wandte er sich ab, blickte in die vollgestellte Zelle und sah die Männer dort vor sich hindösen auf Hockern in der Enge zwischen zweistöckigen hölzernen Bettgestellen. Immer wieder derselbe Anblick: Einer saß, die Ellenbogen auf die Knie gestützt und das Gesicht in die Hände vergraben. Ein anderer starrte gegen ein Stück Wand gelehnt an die Zellendecke. Siegfried, der am Aufstand des 17. Juni beteiligt gewesen war, saß mit dem Rücken zum Fenster und hielt sich ein handtellergroßes Stück Zeitung, das der Zelle als Toilettenpapier zugeteilt worden war, dicht vor die Augen. Ein weiterer Stapel solcher Blätter lag auf dem Schemel neben der Waschschüssel. Aufgeweckte Geister, zu denen dieser Siegfried sich möglicherweise zählte, hatten in den Zeitungspapierfetzen zu lesen gelernt. Kannte man ja die Ideologie und die Verschlüsselung von Aussagen hinter den Druckzeilen und konnte sich so nicht selten ein halbwegs reales Bild über so manche Vorgänge in der Welt machen. Es war dies, richtig gekonnt, schon eine diffizile Kunst. Man musste sich dazu über längere Zeit viele Aussagen, die man diesen Zetteln zu bestimmten Ereignissen entnommen hatte nur merken, um dann durch Vergleiche immer wieder auf ein Muster von Verdrehungen zu stoßen, sodass es dann nicht mehr sehr schwer war Wahrheiten heraus zu filtern, über manches das da draußen vor sich ging.
Kapitel 14
Wieder waren Wochen ins Land gezogen. Im Herbst, Sebastian schätzte so im Oktober, hatte es wieder Kartoffeln zu Mittag gegeben, in aller Regel Pellkartoffeln mit Fischsoße oder brauner Mehlsoße, doch zweimal auch schon mit saurem Hering, sodass „Pellkartoffel“, ein älterer Schließer mit original ostpreußischer Aussprache und einem Vorwurf in der Stimme den Gefangenen nahe zu bringen versuchte, dass „Pellkartoffel mit Häring“, ein sehr gutes Essen sei, natürlich so, als seien sie als Verbrecher das gar nicht wert.
Doch nun rückte auch Weihnachten näher. Die wenigen Tage bis dahin würden wohl wie im Fluge vergehen. Sein erstes Weihnachten als Gefangener. Über ein Jahr lag inzwischen hinter ihm. Da das Gericht ihm seine monatelange Untersuchungshaft bei der Stasi aber nicht angerechnet hatte, galt hier nur erst ein dreiviertel Jahr. Sebastian hielt es jedoch angesichts seiner Gesamtstrafe für müßig, schon jetzt mit dem Abzählen der verbrachten Zeit zu beginnen.
Seine Mutter schrieb im Monatsbrief, dass Christa aus Leipzig sich gemeldet hätte. Die Mitteilung seiner Verurteilung habe sie erschreckt, doch sie glaube an ihn.
Und dieser Brief war ohne Schwärzungen oder herausgeschnittene Zeilen durch die Zensur gegangen? wunderte Sebastian sich. So eine Verurteilung sollte ja das genaue Gegenteil bewirken, sollte abschrecken und möglichst Angst verbreiten und nicht den Glauben an einen Volksfeind befördern. Doch das da draußen, was immer es war oder worum immer es ging, es war doch sehr weit weg.
Viel näher lag das Mittagessen zu Weihnachten. Sie waren ja alles Neue in der Zelle, niemand von ihnen hatte schon mal ein Weihnachten im Zuchthaus erlebt.
Nahrung, Essen, so dürftig das auch stets ausfiel, war ja ein wichtiger Faktor und Zeitmesser in der Eintönigkeit ständiger Wiederholung. Draußen änderten sich die Jahreszeiten. Eines Tages lag Schnee im Hof, auf den Dächern und im Land draußen.
„Weiße Weihnachten“, sagte Vater Kurt, der „Buntspecht“, und sah zum Fenster hinaus.
„Is man bloß Modderschnee“, erklärte der Sohn. „Kann ja morgen oder übermorgen schon wieder wech sein.“
Als sie eines Tages wieder durch den schrillen Ton der geschlagenen Stahlschiene aus dem Schlaf fuhren, verkündete Siegfried, dass heute „Heiligabend“, sei.
Doch dieser Tag, ein genau so grauer Tag wie alle davor, verlief auch so. Und zu Mittag gab es Weißkohlsuppe, aber mit Kartoffelstückchen statt bloßer Mehlklümpchen. Was sollte auch sein, beruhigte man sich in der Zelle. „Heiligabend“, passte nun mal nicht ins „Kommunistische Manifest“. Kaum einer wusste inzwischen ja noch, weshalb es Weihnachten überhaupt gab. „Das macht die Kirche, ist deren Sache“, hieß es. Aber warum macht sie’s und wo? Dieser Tag quälte sich also dahin wie jeder andere. Dauernd herrschte draußen ja Kirchenkampf mit der Partei … Und Weihnachten? Draußen nahmen es die führenden Genossen zähneknirschend hin. Die Werktätigen der DDR mochten halt Weihnachten, als der Deutschen liebstes Fest. Aber hier?
„Weihnachten“, sagte Sebastian schließlich abwinkend, „lasst alle Illusionen fahren, wenn jemand welche haben sollte. Wir Volksfeinde sind ja nicht die werktätigen Bürger“, fuhr er grinsend fort. „Ich jedenfalls nicht. Mir haben sie nach KD 38 die Bürgerrechte aberkannt und das geht hier sicher vielen ebenso.“
Es wurde endlich Abend, „Heiligabend“. Die Zelleninsassen saßen bei diesem gelblichen Licht der 40 W-Birne über der Tür auf den Hockern, starrten vor sich hin und schwiegen. Was jeder dachte und woran er sich erinnerte, davon sprach keiner. Alle wussten ja, dass noch viele solcher „Heiligenabende“, vor ihnen lagen. Da galt es jede Sentimentalitätsanwandlung gar nicht erst aufkommen zu lassen.
Als „Einschluss“, ausgerufen wurde und jeder seine Jacke und Hose zusammengelegt auf je einem Hocker deponiert hatte, wurde auch bald das Licht gelöscht. „Einmal werden wir noch wach, heißa dann ist Weihnachtstag“, murmelte Siegfried noch halblaut vor sich hin. Dann war es still und jeder lag ganz für sich mit seinen Gedanken auf dem Strohsack unter der ranzigen Decke, die auch noch schlecht wärmte.
Nach Wecken, Zählung, Kübel vor die Tür und Verpflegungsausgabe: 500 gr.
Brot im Stück für den Tag, sowie 20 gr. Margarine, leicht glasig und hart auf einem Blättchen Margarinepapier, einen Esslöffel Vielfruchtmarmelade mit Blättern und Stielen, alle zwei Tage eine mitteldicke Scheibe Wurst beziehungsweise ein Stückchen Käse und einen Becher unergründlichen Getreidekaffees … Holzschuhe an und „Raustreten zur Freistunde.“ Alles lief am ersten Weihnachtsfeiertag so ab wie auch an jedem x-beliebigen anderen Tag. Der Rundgang im Gleichschritt bei bereits festgetretenem Schnee sowie einigen Freiübungen in der kalten Luft, die den eigenen Atem sichtbar werden ließ, verlief mal wieder kürzer als sonst. Alle waren froh in ihren dünnen Klamotten, als es „Einrücken!“, hieß. Die ersten scherten aus dem Kreis aus und auf die Eingangsstufen des Zellenhauses zu, die andern folgten.
„Oh du fröliche, oh du selige gnadenbringende Weihnachtszeit …“: ertönte aus den Reihen der einrückenden Gefangenen in leicht brüchiger Stimme diese kurze gesungene Sentenz eines bekannten Liedes zu diesem Tag.
„Ruhe da! Schnauze halten!“, kam auch gleich die Antwort eines Schließers und verhieß nichts Gutes für diesen Weihnachtstag.
Doch am ersten Weihnachtsfeiertag waren dann alle überrascht, als statt des Rollwagens mit dem Essenskübel, zwei Gefangene einen Thermoskübel mit dampfenden Salzkartoffeln heranschleppten. Jeder bekam daraus eine Kelle leicht zerkochter Kartoffeln in die hingehaltene Schüssel.
„Was ’n das?“, fragte Arno Sawatzky verblüfft, starrte in den dampfenden Kessel und dann auf den Schlag Kartoffeln in seiner Schüssel.
„Ist doch Weihnachten“, sagte einer der Kesselträger und beide lachten.
Doch es kam noch besser: Zwei weitere Gefangene rückten mit einem Kessel voll ebenfalls dampfenden Sauerkrauts an, von dem jeder zwei große Löffel voll in die Schüssel bekam.
Nicht genug damit, zwei Kalfaktoren kamen mit dem Rollwagen und zwei Kesseln darauf, um Soße und Fleisch auszuteilen. Das erwies sich zwar als fett und zettrig. Doch was Besseres, meinte Sebastian, gebe es draußen oft genug auch nicht. Dieses Fleisch mit dem Löffel bewältigen zu wollen, erwies sich dann ganz schnell als unsinnig. Man musste es in die Hand nehmen, hineinbeißen und auseinanderzerren, um sich Stücke aus dem fettigen Gezettere zu reißen.
Handelte es sich dabei doch um Eiweiß und kostbare Kalorien. Schließlich traf man auf genügend Gefangene, meist etwas ältere, bei denen sich bereits Wasser durch tiefe Fingerabdrücke in den Beinen nachweisen ließ. Aber außer wässriger Spinatsuppe, abgewechselt mit zerkochten Bruchnudeln in brauner Mehlsoße im Sommer sowie zerkochter Weißkohlsuppe, abgewechselt mit Pellkartoffeln und Fischmehlsoße. Sommers wie Winters gab es weder Obst noch Gemüse wie etwa Zwiebeln, Tomaten, Gurken, Äpfel … Vieles davon bekam man aber auch draußen nicht zu Gesicht und im Winter schon gar nicht.
Am zweiten Weihnachtsfeiertag gab es dann noch Mal ein festliches Mittagessen wie schon am ersten Feiertag und das auch noch bei weiterhin höher eingestellter Heizung. Die Zelleninsassen steckten wie eh und je die feuchten Brotscheiben zum Trocknen zwischen die sonst nur lauwarmen Heizungsrippen. Mancher vertrug dieses feuchte Brot nicht. Es verursachte Magenbeschwerden.
Die Weihnachtsfeiertage waren schließlich mit dieser für alle unerwarteten kulinarischen Überraschung vorüber gegangen. Es standen zwar noch Silvester und Neujahr vor der Tür, aber es erwartete niemand eine ähnliche Situation wie die an den Weihnachtsfeiertagen. Es blieb den Gefangenen sowieso unerfindlich wie es zu dieser Art von Bescherung hatte kommen können.
Der Silvestertag verging dann wie jeder andere x-beliebige Tag. Am Nachmittag war es in der Zelle bereits so dunkel, dass man auf den Seiten der sowjetischen Heldenromane Buchstaben kaum noch erkennen konnte. Es handelte sich dabei um Bücher, die wie üblich den Zellen vom Bücherkalfaktor zugeteilt worden waren: Vier Mann, vier Bücher. Vater und Sohn Sawatzky hatten darüber gelästert: Diese Schwarten dort, das sei doch der reinste Schund. „Die hätten uns lieber was zu fressen bringen sollen.“
Am Silvesterabend, noch vor Einschluss, hatten sich alle ihre Becher mit Wasser gefüllt und ins Regal gestellt. Die Trink-und Waschwasserkanne des Nachts in der Zelle zu belassen, galt der Anstaltsleitung grundsätzlich als zu gefährlich.
Alle Vier hatten sich also vorgenommen in dieser Nacht wach zu bleiben. Sie lagen daher nicht in den Betten, sondern saßen im trüben Widerschein der Scheinwerfer, die draußen die weißen Mauern ausleuchteten, in ihre Decken gewickelt auf den Hockern und unterhielten sich in gedämpftem Ton. Eine Uhrzeit hatten sie nicht, also warteten sie auf das Glockengeläut der Cottbuser Kirchen, die den Beginn des Jahres 1955 einläuten würden.
Sebastian war ans Fenster getreten und blickte durch die Scheibe hinaus in langsam aufsteigende Eisnebelwolken, drehte sich dann in die Zelle um und sagte: „Draußen wirds neblig. Wenn es Silvesterfeuerwerke in der DDR geben würde“, fügte er hinzu, „wäre deren Abbrennen, bei diesem Nebel der sich da draußen zusammenbraut für die Katz.“
„Es ist auch kälter geworden“, bestätigte Siegfried und wickelte sich schaudernd fester in seine Decke.
Bei dieser Nachtwache kroch die Zeit zäh dahin, die Stunden dehnten sich und Sebastian dachte darüber nach, ob ihm dieser Jahreswechsel nicht schnuppe sein konnte. Ging ihn das hier, ausgesondert und abgeriegelt wie er war, überhaupt noch was an? Das Vergehen der Jahre schon, sagte er sich, aber so ’n Jahreswechsel? Und er schüttelte dazu unmerklich den Kopf.
Doch dann begannen die Silvesterglocken der Cottbuser Kirchen nahezu gleichzeitig tatsächlich zu läuten. Und im Dämmerlicht der Zelle erhoben sich wie Nachtgespenster die in ihre Decken gewickelten Insassen, griffen nach ihren Trinkbechern im Wandregal, stießen mit Wasser an und wünschten sich wechselseitig nur eines: Gesundheit, um auch dieses kommende Jahr unbeschadet zu überstehen. Ein womöglich laut gewordener Wunsch nach baldiger Freiheit wäre von den dort Versammelten wohl nur als peinlich empfunden worden bei insgesamt 42 Jahren Zuchthaus in der Zelle. In Abständen waberten immer wieder mal Gerüchte von möglichen Amnestien durch die Zellen. Vielleicht von der Anstaltsleitung auch nur gestreut, um die Gefangenen zahm zu halten.
Ans Fenster getreten sahen die Vier dann statt eines möglichen Feuerwerks nur ein paar Leuchtkugeln im Nebel verglimmen.
Der alte Sawatzky warnte schließlich davor, das Wasser in den Bechern ganz auszutrinken. „Bis zum Kübeln ist es noch ’ne Weile hin“, gab er zu bedenken.
Das leuchtete ein.
Die weihnachtliche Bescherung in Hinsicht auf das Nahrungsangebot wiederholte sich am Neujahrstag nicht mehr. Als große Enttäuschung empfand das kaum jemand, denn Wunder, das wusste ja jeder, wiederholten sich nun einmal nicht so oft.
Kapitel 15
Dem neuen Jahr war es gleich, ob es neu war oder nicht, sagte Sebastian sich indes er ins verschneite Land dort draußen blickte. Seinen der Ewigkeit entlehnten Rhythmus verdankte sich die Zeit und auch das was wir ein Jahr nennen, nur einer uns nicht fassbaren Wirklichkeit von Zeit, die sich nicht bloß aus einer simplen Umrundung der Sonne durch die Erde ergibt.
In den Zellen froren die Gefangenen. Viele wickelten sich in ihre Decken wie in eine Toga und liefen abwechselnd, alle auf einmal ging ja nicht wirklich, den schmalen Gang zwischen den Betten auf und ab. Und da das noch Jahre so weitergehen würde, mussten Menschen sich auch auf ein Leben einrichten, wie es Schweinen oder Kaninchen bis zur Schlachtung zugemutet wurde. Einen Lichtblick gab es: Man konnte und durfte lesen, ganz gleich auch was es war … Eines Tages krachten wieder mal Schloss und Riegel und in der aufgestoßenen Türe stand ein Schließer, dem Arno Sawatzky Meldung machte. Hinter dem Schließer erschien auch gleich der Bücherkalfaktor mit der voluminösen Bücherkiste auf dem Rollwagen. Wie üblich warf er den Zelleninsassen vier Bücher in die Arme. Die gelesenen oder auch nicht gelesenen wanderten rasch zurück in die hohe Bücherkiste. Dann verschwand er auch schon mit seinem Rollwagen und die Türe fiel krachend ins Schloss.
Sebastian besah sich mit Siegfried zusammen diese Bescherung auf dem Tisch.
Alles ihm unbekannte Autoren, stellte er fest und Siegfried nickte dazu: Übersetzungen aus dem Rumänischen, dem Polnischen …. und ein Buch fiel aus dem Rahmen. „Vom anderen Ufer“: lautete der geheimnisvolle Titel. Auch von diesem Autor namens Alexander Herzen hatte Sebastian noch nie etwas gehört.
Aus dem Vorwort erfuhr er, dass dieser Autor in der Mitte des Neunzehnten Jahrhunderts gelebt hatte. Weshalb kommt so ein Buch in eine DDR-Zuchthausbücherei fragte er sich neugierig geworden. Den „Anmerkungen“ konnte er entnehmen, dass dieser Alexander Herzen „Die blutigen Junitage von 1848“, in Paris miterlebt hatte. Das machte Sebastian dann allerdings einen Tick skeptisch, aber doch zugleich auch wieder neugierig, denn wenn so ein Buch in der DDR erscheinen durfte, würde dieser Herzen doch sicher als ein ernannter Vorläufer der heutigen Bonzen missbraucht werden. Und wenn dessen Texte sich dazu eigneten dürfte wahrscheinlich nicht allzuviel dahinter stecken. Mit diesen Überlegungen setzte er sich auf einen Hocker dicht unters Fenster, das aufgeschlagene Buch auf den Knien. Seine Skepsis nahm erst einmal nicht ab, als er in einer Einleitung über den Autor las, dass dessen Prosa nichts anderes als geschriebene Rede sei, einschließlich aller Vorzüge und Mängel des gesprochenen Wortes, wie es dort hieß. Metaphernreich, aber ungekünstelt verrate es die unwiderstehliche Neigung des geborenen Erzählers zu Übertreibungen mit langen Abschweifungen in der Schilderung von Ereignissen, verschlungen mit Spekulationen …
Und so machte er sich schließlich an den Originaltext und stieß dann schon bald auf die Sätze: … „Suche in diesem Buch keine Lösungen – es enthält keine, und es gibt überhaupt keine für den Menschen unserer Zeit. Das, was gelöst ist, ist abgeschlossen, aber die kommende Umwälzung beginnt eben erst.“
Bei diesen Sätzen traf ihn bereits eine Ahnung, weshalb diese Schrift in der DDR erscheinen durfte. Und als er weiter las, bestätigte sich diese Ahnung.
Es hieß dort: „Wir bauen nicht auf, wir reißen nieder; wir verkünden keine neue Offenbarung, sondern räumen alte Lügen fort … bauen nur die Brücke – ein anderer Unbekannter, ein Mensch der Zukunft, wird über sie hinwegschreiten … Die Religion der zukünftigen Umgestaltung der Gesellschaft ist die einzige Religion, die ich dir vermache …“ Es war ganz klar, in welches historische Mäntelchen die Bonzen des Stalinismus sich täuschend zu hüllen gedachten, als sie diese Schrift öffentlich zuließen.
Doch als die Sätze über den Menschen der Zukunft niedergeschrieben wurden gab es weder einen Lenin noch einen Stalin und natürlich auch keinen Walter Ulbricht mit Frau Lotte … Als er dann weiter und immer weiter las ließ ihn das Staunen darüber nicht mehr los, dass die DDR-Zensur offenbar nicht erkannt hatte, dass diese Texte das ganze verschrobene Machtgelüste der sozialistischen Großfunktionäre als zukunftsfeindlich entlarvten; wenn er in diesem Buch etwa über die Massen las: „… der persönlichen Freiheit, der Unabhängigkeit des Wortes gegenüber verhalten sie sich gleichgültig; die Massen lieben die Autorität … sie fühlen sich noch beleidigt durch den unabhängig dastehenden Menschen; sie verstehen unter Gleichheit eine gleichmäßige Verteilung des Jochs; aus Angst vor Monopolen und Privilegien blicken sie das Talent schief an und erlauben nicht, dass ein Mensch etwas anderes tut, als das, was sie tun. Die Massen wünschen sich eine soziale Regierung, die für sie regiert … sich selbst zu regieren kommt ihnen nicht einmal in den Sinn …“
Natürlich, sagte Sebastian sich, der erste Arbeiter- und Bauernstaat auf deutschem Boden, na und das Volkseigentum und die Volksgerichte … Das Volk regiere sich ja bereits selbst wie man sehen könne. Und Herzen habe sie ja als die Menschen der Zukunft längst beschrieben und angekündigt, als Vollender der Französichen Revolution: So erkannten sich die Parteikader in Herzens Schriften als Befreier der Menschheit. Man stelle sich dazu nur mal den Spitzbart vor, ging es Sebastian durch den Kopf, Ulbricht als Befreier und Vollender der Menschheit … Von Stalin ganz zu schweigen.
Dann wieder Herzen zum Kommunismus: „… kaum sahen die Massen die Morgenröte des ihnen Erlösung verheißenden Tages, so übersetzten sie die sozialen Lehren in eine andere viel rohere Sprache, sie machten den Kommunismus daraus, die Lehre von der erzwungenen Eigentumsentäußerung, die Lehre, welche das Individuum durch die Gemeinschaft aufhebt, welche an den Despotismus grenzt, indem sie vom Hunger emmazipiert …“
Alles was dieser anarchische Schriftsteller in seiner Schrift darlegte, meinte Sebastian und blickte dabei durch’s Fenster hinaus in einen grauen Himmel, der dort schlaff wie ein schmutziges Laken hing, klagte den gegenwärtigen ‚Sozialismus‘ ja an. Er wusste von der Schrecklichkeit und Grausamkeit der Französischen Revolution, aber, sagte er sich, was ist das schon gegen die Unvorstellbarkeit der nationalsozialistischen Verbrechen und der nicht minder furchtbaren des Stalinschen Kommunismus in unserer Zeit.
Die hohen Ideale eines Alexander Herzen erschienen ihm wie verwunschene Märchen aus einer längst vergangenen fernen Zeit.
Schließlich legte er das Buch beiseite als einer aus der Zelle fragte, was an dieser Schwarte denn so Besonderes sei?
„Ist doch immerhin ’ne Abwechselung“, sagte Sebastian. „Besser als immer nur unsere vollgestellte Rumpelkammer hier anzustarren.“
Siegfried bestätigte diese Meinung. „Man müsste sich Bücher aussuchen können“, sagte er. Sebastian stimmte dem zu. „Klar, wenn die hier im Bau ’ne Bibliothek haben, könnte man ja mal nachfragen was die so alles auf Lager haben.“
„Ich brauchte dazu ’ne Brille“, sagte der alte ‚Buntspecht‘.
„Durch’s ville Lesen wird man bloß doof“, winkte sein Sohn verächtlich ab.
„Das sind doch allet bloß so politische Schwarten, die se uns hier rinschmeißen.
Aber damit locken se doch keen Hund nich hintern Ofen vor.“
„Na, wenn wir bloß immer mal ’nen warmen Ofen hätten“, sagte Siegfried und betrachtete abfällig die paar Heizungsrippen neben der Tür, gegen die sich der alte Sawatzky auf seinem Hocker gerade wärmesuchend lehnte.
„Is’ auch heute wieder scheißkalt in die Bude“, bestätigte Arno. „Dabei kann man sich ja hier nich’ mal richtig warmloofen in unsere’ dünnen Plünnen.“ Und er zerrte dazu demonstrativ an seiner abgewetzten Jacke. „Keen Wunder, dass man hier friert.“
Und so zogen die Tage vorüber, ohne viele erinnerbare Spuren zu hinterlassen.
Jeder neue Tag begann mit dem Wecken durch den schrillen Schrei der Stahlschiene, unten neben dem Kommandoleiterzimmer. Auch der Blick durchs Gitterfenster zeigte Tag für Tag das gleiche Bild: Stets das frühe graublaue Morgenlicht bei verhangenem Himmel und dazu die Scheinwerfer und Lampen die die weißgetünchten Mauern anstrahlten. Und überall der Schnee auf dem Hof und den Dächern des Krankenreviers und des Wachturms, Schnee der schließlich auch wie ein weißer Pelzkragen auf der Mauerkrone lag.
Es kamen kalte Tage und die Gefangenen liefen in ihre Schlafdecken gewickelt durch die Zellen, Decken, die eigentlich akurat ausgerichtet auf den Betten hätten liegen müssen. Doch kein Schließer äußerte sich zu dieser Übertretung vorgegebener Ordnungsnormen, für die man genau so gut tagelang bei Wasser und Brot und ohne Strohsack in den ungeheizten Kellerarrest hätte geschickt werden können.
Im Winter im Keller auf nackter Pritsche, da mochte das einschneidende gesundheitliche Schäden nach sich ziehen. Das wussten alle, auch die Anstaltsleitung. Aber ganze Zellenbelegungen in den Arrest zu schicken war wiederum nicht möglich, waren diese Kellerverliese doch lange schon ausgebucht und so übersah die Zuchthausobrigkeit diese ordnungswidrigen Vorgänge schlicht.
Sebastian erinnerte sich, dass bei den Schikanen an heißen Sommertagen in den oberen Zellen, direkt unterm Dach, bei geschlossenen Fenstern die Luft knapp wurde. Gefangene gingen damals in den Kellerarrest, weil sie entweder die Fensterklappe spaltweit geöffnet hielten oder die Jacken in den überhitzten niedrigen Zellen nicht zugeknöpft trugen. Aber da war es wenigstens Sommer und auch in den Arrestzellen nicht eisig. Jeder wusste ja, dass bei den Protesten und Mörder, Mörder-Rufen aus den Fenstern damals, als auch Sebastian und Totila ihre Schüsseln gegen Tür und Fenstergitter geschlagen hatten, Gefangene massenhaft zu hohen Arreststrafen verurteilt worden waren. Das geschah im Frühjahr und jetzt war es Winter und weiterhin zogen Verurteilte in die immer mal wieder frei werdenden Arrestzellen. Wer Pech hatte war nun im Winter dran, immer in der Gefahr sich damit den Schaden fürs Leben einzufangen.
Kapitel 16
Eines Tages wurde der alte Sawatzky verlegt und Arno, der Sohn, blieb zurück.
„Da wer’ ich mein Vadder kaum noch sehn“, kommentierte er die Trennung.
Vom Kalfaktor erfuhr er, dass der Vater auf die andere Seite, also in eine der gegenüberliegenden Zellen verlegt worden war.
Der Sohn winkte ihm durchs Fenster bei dessen täglichem Rundgang zu.
Sebastian indes stieß sich am Wort „Verlegung“, als handelte es sich bei den Gefangenen nur um x-beliebige Gegenstände, die man dahin und dorthin legte und manchmal auch verlegte und nicht um lebende Menschen, mit ihren vielen differenten Schicksalen. Die Sprache, machte er sich klar, sagte schon viel über das Menschenbild eines politischen Systems.
Zwei Tage später stand Martin mit seinem Bündel in der geöffneten Zellentür und bezog dann das Bett des alten Sawatzky.
Martin Schüler erzählte auf Nachfrage, dass er von Beruf Elektriker sei und in Schwarzheide im Chemiekombinat gearbeitet habe. Verurteilt sei er wegen Totschlags zu zwölf Jahren Zuchthaus. „Ein Jahr ist ja schon rum“, sagte er grinsend. Als er bemerkte, dass alle ihn fragend ansahen, lachte er. „Na, mit Untersuchungshaft.“
„Untersuchungshaft? So lange?“, fragte Sebastian erstaunt.
„Die wollten mir ’nen Mord anhängen“, erklärte Martin Schüler.
„Und deshalb auch die hohe Strafe für Totschlag?“, fragte Siegfried ein wenig unsicher.
Der so Gefragte hob die Schultern und breitete ratlos die Arme aus. „Mein Anwalt hat auf Körperverletzung mit Todesfolge plädiert.“
„Hatten die was gegen dich?“, fragte Sebastian.
Martin nickte. „Könnte schon sein.“
„Na wie’n Totschläger siehste nich gerade aus“, stellte Arno Sawatzky fest.
„Richtig“, sagte Sebastian und die andern nickten. Keiner konnte sich vorstellen, dass dieser schlanke blonde Kerl mit dem intelligenten Gesicht jemanden absichtlich totgeschlagen haben sollte.
„Wie is ’n das passiert?“, fragte wieder Arno Sawatzky.
„Ich war Boxer“, antwortete Martin Schüler, „Bezirksmeister im Mittelgewicht …“
„Und da haste Ee’ n nich bloß ko jeschlagen“, unterbrach Sawatzky den Boxer, „sondern gleich janz mausetot?“
„Quatsch. Boxen ist doch ’n ganz normaler Sport. Nee“, fuhr Martin dann fort, „das war ganz anders. Zwei Kerle aus Schwarzheide, die ich kannte, hatten mich nach ’ner Tanzveranstaltung überfallen. Ich war alleine, als die mich als geilen Bock beschimpften und dann beide auf mich losgingen, der eine davon mit ’ner Latte in der Hand. Als der zuschlug, hatte ich mich weggeduckt. Angetrunken waren beide. Der Schlag ging vorbei, er stolperte über meinen Fuß und das hatte ihn mit dem eigenen Schwung umgeschmissen. Ehe der wieder auf die Beine kam, hatte ich den andern, einmal Leber, einmal Kinnspitze außer Gefecht gesetzt, wie ich glaubte. Der fiel auch gleich um. Der andere, der mit der Latte, rannte davon. Das war erst mal alles.“
„Und der ko-Geschlagene blieb liegen?“, fragte Sebastian.
„Ja natürlich. Man konnte da aber auch nicht gut sehen. Die Straßenlaterne stand ein Stück entfernt. Aber so was kannte ich ja auch. Der wird gleich wieder auf die Beine kommen, sagte ich mir.“
„Und dann ist der nicht mehr aufgestanden?“, erkundigte Siegfried sich.
Martin, der Boxer, nickte. „Richtig“, sagte er, „, damit hatte ich aber nicht rechnen können …“
„Und was war dann mit dem ko-Gegangenen?“, unterbrach Sebastian den Boxer.
„Der war tot, mit ’m Kopf auf ’ne Bordsteinkannte gefallen, doch so haben die mir’s beim Verhör nicht gesagt. Das Ganze ging aber schon am selben Abend los. Und wenn man’s richtig nimmt“, dazu winkte er ab, „schon seit Wochen.
„Die beiden“, fuhr er nach kurzer Pause fort, „es waren da im Saal anfangs noch drei andere mit von der Partie gewesen, doch die beiden stänkerten schon den ganzen Abend. Und als dann bei der Damenwahl“, sagte er lachend, „gleich drei der schönsten Mädels mit mir tanzen wollten, waren vor allem die beiden Stänkerer ziemlich sauer.“
„Det globe ick schon“, ließ Arno Sawatzky sich hören, „So ’n jutaussehender sportlicher Typus“, dazu wies er mit der Hand auf den jungen Bezirksmeister im Mittelgewicht, der dort gegen einen Bettpfosten gelehnt stand. „Klar, da waren die sauer, kann ick mir jut vorstellen. Und dann die Weibsstücke hinter dir her“, wandte er sich an den Boxer. „Und die Blödköppe haben an den Abend nischt abjekriegt.“
„Beide waren FDJ-Funktionäre, hauptamtlich bei der Kreisleitung“, gab der Boxer zu bedenken. Und einer von denen, offizieller SED- Kandidat.“
„Na da brauchste dir nich zu wundern“, trumpfte Sawatzky auf.
„Und du warst kein FDJ-Mitglied?“, fragte Sebastian.
„Doch, war ich. Wenn ich weiter boxen wollte, musste ich das. Ich hätte ja sonst schon gar nicht um die Bezirksmeisterschaft kämpfen dürfen.“
„Sag’ bloß“. Sebastian blickte vom Schemel, auf dem er inzwischen saß, erstaunt zum Boxer hoch, der langsam und nachdenklich zwischen den Betten die wenigen Schritte auf und ab ging, schließlich bei Sebastian stehen blieb und nickte.
„Klar“, sagte er dann, „Vor ’nem Kampf um die DDR-Meisterschaft“, das wurde mir lange im voraus mitgeteilt, „müsste ich mich schon um eine SED-Kandidatur bemühen.“
„Kandidat?“, fragte Sebastian und wiegte den Kopf. „Also wenn du den Kampf verlierst, bleibst du weiter Kandidat und wenn du gewinnst, wirst du Parteimitglied …?“
Martin, der Boxer, nickte wieder. „Durchaus möglich, dass das so abläuft, wenn ich mitgemacht hätte.
Ohne Bewerbung um eine Partei-Kandidatur, hätte ich gar nicht erst bei ’ner DDR-Meisterschaft antreten dürfen.“
„Ist denn das überall so? Ich meine auch bei anderen Sportarten?“
„Weiß ich nicht. Ich denke schon, aber Ausnahmen wirds auch ’ne Menge geben. Das ist doch immer und überall so.“
„Wieder diese beschissene Willkür“, schimpfte Siegfried mit etwas gedämpfter Stimme. „Auf nichts kannst du dich berufen, wenns drauf ankommt. Du bist immer im Unrecht, sitzt stets am kürzeren Hebel, bist unsicher und hast dauernd Angst.“
„Den Sport beginnen die mächtig aufzublasen“, erklärte Martin. „Das soll wohl so was wie ein internationales Aushängeschild werden. Ich erinnere mich noch gut. Keiner hatte mir vorher was gesagt und plötzlich wurde ich fürs Training von der Arbeit freigestellt, sozusagen von jetzt auf gleich. Aber es stimmt schon“, fuhr er nach einer Weile fort und nickte nachdenklich. „Ich habe in der Kneipe öfter mal zu viel gequatscht.“
„Du weißt aber, dass du immer beobachtet worden bist?“
„Das haben die mir beim Verhör schon klar gemacht. Ich hätte keinen guten Ruf, haben die mir gesagt und genau aufgezählt, wo ich was gesagt haben soll …“
Sebastian lachte. „Als gewissermaßen künftiger Hoffnungsträger im DDR-Sport waren die wohl ziemlich enttäuscht von dir.“
„Aber das schönste am Ganzen“, sagte Martin, „ist ja, dass der, der damals weggerannt war, der mir die Latte über die Rübe ziehen wollte, ausgesagt hat, ich hätte sie beide als Kommunistenschweine beschimpft, ehe ich den einen totschlug. Ich hatte aber gar nichts gesagt, mich nur verteidigt. Schließlich hatte nicht ich angegriffen, sondern wurde angegriffen.“
Sebastian wiegte wieder den Kopf. „Wir glauben dir das natürlich alle hier. Aber offiziell steht da Aussage gegen Aussage und dabei hattest du schlechte Karten gegen einen FDJ-Funktionär und SED-Beitritts-Kandidaten, der du nicht werden wolltest.“
„Das weiß ich jetzt auch“, sagte Martin. „Ich habe die Partei mitsamt dem Kommunismus diffamiert und einen FDJ-Funktionär erschlagen. So was nennt man einen Staatsfeind und Mörder haben die mir beim Verhör gesagt. Das Gericht machte dann in offensichtlich milderer Stimmung lediglich einen Staatsverleumder, Volksfeind und Totschläger aus mir.“
„Na klar“, sagte Sebastian grinsend, „du hast Vertreter des Arbeiter- und Bauernstaats beleidigt, als Kommunistenschweine beschimpft und einen davon sogar erschlagen. Da hast du noch Glück gehabt, dass die dir nicht wirklich einen Mord angehängt haben. Nicht die haben dir, sondern du hast den beiden aufgelauert. So hätte es auch vor Gericht heißen können … Und wie wolltest du dagegen ankommen? Und wer hat dich eigentlich verhört, die Kripo?“
„Nee, die Stasi. Bei der Kripo war ich nur ganz zu Anfang …“ „Sportler, also Boxer“, sagte Sebastian, „vielleicht geltet ihr schon ab ’ner Bezirksmeisterschaft als Vorbilder in der Öffentlichkeit und bei der Jugend. So seid ihr also auch Funktionäre. Du hattest das wahrscheinlich nicht richtig kapiert und gedacht die schenken dir Trainingsstunden während der Arbeitszeit.
Denk dabei doch nur mal an diesen Radfahrer … wie heißt der doch gleich?“ Dazu schlug Sebastian sich mit der flachen Hand gegen die Stirn „Täve, glaube ich“, sagte er, „, ja, Täve Schur. Der ist inzwischen Mitglied der Volkskammer. Solche Leute woll’ n die haben und nicht so einen wie dich. Ich könnte mir sogar vorstellen“, sagte Sebastian etwas nachdenklich, „dass die deine Angreifer dazu aufgefordert haben, den großen Boxer mal auf ’s Pflaster zu schicken und dann das!“ Er schüttelte den Kopf. „Also diese Panne, das nehmen sie dir übel. So hatten die nicht gewettet.“
„Aber nee … das kann ich mir so nicht vorstellen“, warf Siegfried, der eine ganze Weile nur zugehört hatte ein. „Ich meine, dass du in die FDJ eintreten musstest, wenn du um eine Bezirksmeisterschaft boxen wolltest … oder auch in die Partei bei ’ner DDR-Meisterschaft? Nee“, betonte er, „das glaube ich so nicht!“
„Du musst natürlich nichts glauben“, entgegnete der Ex-Boxer, „überhaupt nichts. Es wird dir nur ganz intern nahegelegt. Nicht von der Partei, sondern nur vom Trainer und später von den Sportfunktionären.“
„Also doch nicht gezwungen, das sagst du ja selbst.“
Martin schüttelte den Kopf. „Gezwungen“, sagte er, „wie stellst du dir das vor?
Im Sport, das ist wie in der Kunst, da gibt es keine festgelegten Normen, die einer erfüllen muss …“
„Doch“, widersprach Siegfried, „im Sport gibt’s Sekunden, Punkte, Tore, Siege …“
„Ja, die nur Sportler selber setzen können, nicht der Staat.“
„Übel nehmen sie dir’s schon“, mischte Sebastian sich ein, „nämlich wenn du’s könntest und nicht willst, also das Ansehen der DDR im Volk und möglichst in der Welt zu mehren.“
Martin, der Ex-Boxer lachte. „Na ja“, sagte er, „aber eine Bezirksmeisterschsaft ist keine DDR-Meisterschaft. Dort geht’s dann international zu und hat mit der Mehrung des DDR-Ansehens durchaus zu tun.“
„Es ist aber auch immer schon so“, sagte Sebastian, „dass Diktaturen den Sport hochjubeln. Das begann spätestens bei den Römern, dann bei Hitler, bei Stalin und jetzt bei Ulbricht. Es ist wohl besser“, fügte er nachdenklich hinzu, „man kommt in der Kunst oder im Sport gar nicht erst so weit, dass man auffällt und politisch erpreßbar wird. Das hättest du bedenken sollen“, wandte er sich an Martin, den Ex-Boxer.
Der nickte zustimmend. „Nachher weiß man immer alles besser.“
Das Gespräch zum Thema verebbte allmählich. Die Zelleninsassen versanken wieder in Schweigen, starrten vor sich hin oder saßen mit geschlossenen Augen auf ihren Hockern gegen einen Bettpfosten oder die Heizungsrippen gelehnt.
Schließlich erwies es sich als nicht möglich den ganzen Tag redend zu verbringen. Auch wurden nach Wochen die Themen knapp. Sebastian hatte anfangs noch erstaunt bemerkt, dass Menschen oft nur relativ wenig zu erzählen wussten, auch ältere, die seiner Meinung nach doch einiges erlebt haben mussten, an das sie sich aber nicht selten nur sehr bruchstückhaft erinnern konnten. So manches von dem man annehmen durfte, dass es ihr Leben geprägt haben musste, hatte, wie Sebastian es immer wieder erfuhr, in ihrem Bild von der Welt nur wenige Spuren hinterlassen, so als hätte das Erlebte sie nie wirklich erreicht.
Anfangs hatte er sich noch geweigert diese Feststellung als Tatsache zu verbuchen, in der Annahme, er sei vielleicht mit Überheblichkeit geschlagen. Doch bald war ihm klar geworden, dass er solche Einsichten dem Aufeinanderhocken in diesen beengten Zellen über viele Wochen zu verdanken hatte, weil es dort kein Ausweichen oder Abwenden gab und jeder durchsichtig werden musste.
Auf eine solch entblößende Konstellation stößt man im normalen Leben natürlich nicht so leicht.
Sebastian ging langsam zum Fenster, blickte hinaus in den verschneiten Hof und über die Mauer hinweg in die zugeschneiten Kleingärten mit den Lauben, in denen auch im Winter Leute hausten. Da und dort kräuselte sich aus Ofenrohren und Kaminen weißlicher Rauch in den tiefgrauen Himmel, dessen Licht den Tag, die Zelle und die Gemüter der Gefangenen kaum erhellte.
Und so zog dann auch bald Sebastian mit seinem Hocker und Herders „Über den Ursprung der Sprache“, ein Buch, das er vom Bücherkalfaktor hatte ergattern können, ins karge Licht, das durchs Klappfenster in die Zelle fiel. Dort erst konnte man, wenn überhaupt, in einem Buch lesen, da die Zelle sich an solchen Tagen als schwarzes Loch erwies.
Inzwischen gab es einen Bücherkalfaktor, der wegen Wirtschaftsvergehens, worunter alles mögliche verstanden werden konnte, zu 8 Jahren verurteilt worden war. Buchhändler im Zivilberuf, lang und dürr, Mitte, Ende Vierzig, von dem Sebastian erfahren hatte, dass die Gefangenenbibliothek über so gut wie alle deutschen und russischen Klassiker verfügte, auch einige französische und englische … Eine Gelegenheit, meinte Sebastian, sich ausführlich mit dieser Literatur zu beschäftigen und damit hatte er dann dort auf seinem Hocker unterm Klappfenster mit Herder begonnen, mit Herders Vorstellung von der „Entstehung der menschlichen Sprache“, die ja nicht einfach so da war.
Und Sebastian überlegte dabei von Herder angeregt, wie die unendlich vielfältige ungezähmte Natur die Vorstellungswelt des ganz frühen Menschen geprägt haben mochte. Wie diese Vorstellungswelt dann eine zunehmend vergleichende wurde und wie es schließlich zur Benennung von Gegenständlichem kam, unabhängig von dessem unmittelbaren Vorhandensein. Ein Faustkeil, ganz gleich wie groß oder klein, wie kantig oder glatt der war, blieb immer ein Faustkeil, sagte er sich, ganz gleich auch wo und wann, also immer vergleichbar mit der abstrahierten Vorstellung eines Faustkeils.
Der erste Schritt zur Benennung, zur Sprache. Für die unübersehbare Vielfalt der Natur fand man einfache Ordnungsrahmen. Irgendwann, machte Sebastian sich klar, erkannte der Mensch überall in der Natur den rechten Winkel und das war ganz sicher wesentlich, denn er erkannte ihn in noch so starker Verzerrung, fand das Quadrat, den Kubus … begann die verzerrt verschlüsselte Natur selbst übersichtlich zu formen, zu benennen und wirkte so auf sie zurück. Und so entstand allmählich auch schlecht und recht die von den Menschen für die Menschen gemachte Welt.
Sebastian saß, das Buch auf den Knien, die Ellenbogen auf die Schenkel gestützt und das Gesicht in den Händen vergraben … Weit war er schon weg, nicht nur von Herders Überlegungen, sondern auch weit weg aus dieser düsteren Zelle. Das waren längst keine tagespolitischen Vorstellungen mehr denen er nachhing. Es ging ihm um die Klärung eines Standpunkts den er brauchte, um seine eigene Lage zu begreifen.
Die Welt, so sagte er sich, bewegte sich aus Gegensätzen … Das so genannte Gute musste nicht immer gut sein und das Böse nicht stets böse … Das eine gab es ohne das andere nicht. Es war ihm in seiner Lage aber nicht möglich sich das zusammen zu suchen und nachzulesen, was er benötigen würde, um seinen Standpunkt wie er ihm im ersten Moment erschien, zu begründen. Dafür würde die Bibliothek hier wohl nicht reichen und zum Schreiben hatte er auch nichts, wo schon jeder Bleistiftstummel Arrest bedeutete.
So musste er selbst fast wie ein Frühmensch, so sah er sich, mit dem Begreifen der Welt von vorn beginnen: Absolute Gegensätze, meinte er, seien gleichen Ursprungs und gleicher Wirkung. Er nahm das als Ausgangsbasis, als Standpunkt, als eine These die ihm einen weiteren Ausblick ermöglichen sollte.
Kapitel 17
Der Winter 1954/55 erwies sich nach dem nassen Sommer, als kalt und schneereich. Früh, wenn es noch dunkel war und der Hof nur vom Scheinwerferlicht erhellt wurde, eine Zeit vor dem Wecken in der ganzen Anstalt, wenn noch das Licht von draußen die Schatten der Gitter an die Zellenwand warf, konnte man das gedämpfte Schurren und Kratzen der Schneeschaufeln hören, wenn die Hofarbeiter die Wege und vor allem das Freistundenrondell vom Schnee befreiten. Wenn also dieses Kratzen der Schneeschaufeln Sebastian und die Gefangenen in den Zellen in einen neuen Tag holten, dann dachte Sebastian so manches Mal an die vielen endlosen Tage, die dem Hier und Jetzt, dem Heute noch folgen würden, bis das grelle Kreischen der Stahlschiene ihn wie auch alle anderen Insassen des Zellenbaus endgültig ins Jetzt und Heute riss.
Schon krachten wieder die Schlösser, Türen wurden aufgerissen: Randvolle Kübel raus, Wasserkanne rein. Türen krachten, Riegel schmetterten … Dann schnell der Reihe nach hintereinander Katzenwäsche in der Schüssel auf dem Hocker neben dem Kübel: Gesicht, Hände, Achselhöhlen befeuchten … Mit Wasser sparen! Was die Wasserkanne für alle hergab, das war nicht eben viel.
Und schon ging das Getöse wieder los, wenn Riegel, Schlösser, Türen zur Zählung aufgerissen wurden. Leere Kübel rein, Türen wieder zu. Türen erneut auf.
Frühstücksausgabe: Ersatzkaffeegetränk, einen vollen Esslöffel Marmelade in die Schüssel, Margarine auf einem Stückchen Margarine-Pergamentpapier sowie ein Messer, um die feuchte dunkle ‚Brotkuhle’, etwa 500 Gramm für den Tag, in Scheiben schneiden zu können. Das musste schnell gehen, denn ein Messer sollte nicht lange in den Händen von Gefangenen bleiben. Die Herausgabe eines Messers an Häftlinge, wenn auch nur für Minuten, wunderte Sebastian immer wieder. Offensichtlich war das Zerschneiden eines ganzen Brotes in Scheiben der Anstaltsbäckerei für ca. 800 bis 1000 Gefangene nicht möglich.
Eine andere Erklärung fand er nicht. Die Zellengenossen zuckten dazu nur die Schultern. Und schon kam das Krachen und Schmettern von Schlössern und Riegeln wieder näher und erreichte die eigene Zelle: Messer raus, Abwassereimer und Wasserkanne raus, Türe wieder zu.
Rasch frühstücken, den Kübel der Reihe nach benutzen, denn schon kam das Schmettern der Schlösser wieder näher …: Kübel vor die Türe, Wasserkanne und Abwassereimer rein und raustreten zur Freistunde. Dann das Poltern der schweren Holzschuhe auf dem Dielenboden der Galerie im Gleichschritt an den Zellentüren vorbei und hintereinander die Granitstufen hinab.
Beim Hinaustreten schlug die eiskalte Winterluft den Gefangenen entgegen wie ein Keulenschlag. Der Atem dampfte weiß in der Kälte.
„Im Gleichschritt links, links, links zwo drei vier …“, erscholl die Stimme des Vorturners eigenartig dünn in der kalten Luft, erschien es zumindest Sebastian, der im Gänsemarsch hinter den andern und im Gleichschritt diesen Rundlauf absolvierte.
„Alles Halt!“ Der Vorturner in der Mitte des tief verschneiten Rasenrondells schwenkt die Arme, schüttelt sie aus, die frierenden Häftlinge in der Runde folgen ihm. Der Vorturner beugte die Knie, einmal, zweimal, dreimal … und die Runde folgt ihm, bis auf ein paar ganz alte Männer, die sich dabei sichtlich quälten, immer wieder zum Vergnügen der Wachposten an den vier Ecken des ovalen Rundkurses. Zur eigenen Gaudi verlangten die dann anständige Kniebeugen von den Alten in der Erwartung, dass sie diese natürlich nicht zustande bringen würden. Der Spaß der Posten aus Langeweile und Frustation am Elend dieser Alten, Ende sechzig, Anfang Siebzig, die sich aus der Hocke, in die sie mit Absicht getrieben wurden, nicht mehr erheben konnten und kläglich sitzen blieben wurmte Sebastian zutiefst.
Na ja, überdachte er diesen trostlosen Mutwillen der Wachposten: In der Kälte rumstehen zu müssen bei diesen langweiligen Rundgängen, da schikanierte man entweder alle Gefangenen oder leistete sich eine Gaudi mit wenigen, dort eben mit diesen alten Männern. Die Posten werden sich bei den einzelnen Rundgängen sicherlich ablösen. Der Vorturner aber bleibt fast den ganzen Vormittag bei jedem Wetter … Ist ja auch bloß ein Gefangener und hat sich auf dieses „Ehrenamt“, eingelassen. Deshalb auch kein Mitleid mit ihm sagte Sebastian sich.
Endlich „Einrücken!“ Durchgefroren in den fadenscheinigen Sachen und wieder hinein in Zellen deren bloß überschlagene Heizungen kaum Wärme spendeten. Danach dösten alle wieder in ihre Decken gewickelt vor sich hin. Manchmal erzählte einer auch einen Schwank aus seinem Leben, von dem Sebastian annahm, dass es dabei eher ums Reden als um die Originalität des einst Erlebten ging. Ein anderer wieder machte sich laut Sorgen um seine Familie. Jüngere vor allem befürchteten immer wieder insgeheim oder auch offen das Ende ihrer jungen Ehen, sei es wegen des politischen Drucks auf die Frauen draußen, nämlich die Scheidung einzureichen. Etwas das vor allem auf politisch Verurteilte zutraf, oder ganz allgemein ihrer langen Strafen wegen. Das jahrelange Warten auf einen politisch verurteilten Ehemann setzte schon einiges an Zuneigung, Charakterfestigkeit und Überzeugung voraus, eingedenk mancher Stigmatisierung, die das tägliche Leben draußen beträchtlich erschweren konnte. Immerhin Anforderungen denen nicht alle Lebenspartnerinnen so ohne weiteres standhielten. Besonders tragisch, wenn manche in den Zellen noch von ihren jungen Frauen schwärmten, während diese draußen bereits die Scheidung betrieben, um das dem gefangenen Partner dann qua Amt mitteilen zu lassen.
Wenn also einer in der Zelle außer der Reihe Post bekam, Behördenpost, deren Empfang er quittieren musste, war inzwischen schon jedem klar worum es sich dabei fast immer nur handeln konnte. Sebastian sah dann wie die Unsicherheit dem meist jungen Empfänger ins Gesicht geschrieben stand, sah wie aus diesem Gesicht das Blut wich, wenn er den Inhalt des amtlichen Schreibens zur Kenntnis nahm, auf einen Hocker fiel und tonlos erklärte: „Meine Frau will sich scheiden lassen.“ Eine Mitteilung, die lediglich schweigende Verlegenheit in der Zelle hervorrief. Die meisten Betroffenen hatten mit einem solchen Schlag offensichtlich nicht gerechnet, zumal ihnen der direkte oder auch nur indirekte Druck nicht klar war, dem Angehörige, vor allem die meist jungen Ehefrauen von politisch Verurteilten, ausgesetzt sein konnten. Dagegen erwiesen sich Ehen älterer Gefangener im Schnitt als widerstandsfähiger und erprobter nach Krieg, Zusammenbruch und Kriegsgefangenschaft.
So jedenfalls erklärte Sebastian sich dieses Phänomen und fand es dann doch erstaunlich, dass seine Freundin in Leipzig mit ihren zehn Zeilen im monatlichen Brief noch immer zu ihm hielt. Man war allerdings auch nicht verheiratet.
„Du bist doch bestimmt noch ’ne Jungfer.“ So oder ähnlich hatten sie ihn in manchen Zellen schon zu ärgern, in Verlegenheit zu bringen oder einfach nur aufzuziehen versucht.
Sebastian hatte dann aber nie erklärt, weshalb und wieso das alles bei ihm so sei, also das mit der Intimität … Wie hätte er reagieren sollen, wenn sie ihm zum Beispiel, wie geschehen, unterstellten, er hätte ja noch nicht mal ’ne nackte Frau auch nur von weitem gesehen. Hätte er denen sagen sollen, dass ihm Intimität zu wichtig sei, um das auf einer Kneipen-Toilette oder einem Feldrain abzumachen? Die in den Zellen hätten ihn ausgelacht. In solchen Fällen lachte dann aber immer er und schüttelte dazu vielsagend den Kopf.
Nun war es aber auch so, dass es in längst nicht allen Zellen, ja sogar in den wenigsten in die er immer wieder verlegt worden war, so zu ging, dass zum Beispiel mal ein älterer Zelleninsasse, der wegen Unterschlagung in einem volkseigenen Betrieb zu 8 Jahren verurteilt worden war, meinte ihm erzählen zu können, dass er im Krieg eine junge Polin gehabt hätte, die so geil und feucht gewesen sei, dass, als sie so auf dem Bette gelegen habe, aus ihrer Muschi ein feiner Strahl in hohem Bogen gegen das Fensterlicht zu erkennen gewesen sei.
Sebastian hatte dann dazu wieder etwas gequält gelacht und es als bloßen Witz gewertet, sich andererseits aber auch ziemlich geärgert, dass man ihm so einen lächerlichen Unsinn zumutete. Doch er war nun mal immer und überall der Jüngste. Im Laufe der Jahre würde sich das ja von selbst ändern.
Kapitel 18
Irgendwann neigte sich auch sein zweiter Winter in Gefangenschaft dem Ende zu. Während der letzten Februartage bis Anfang März rasten draußen Frühlingsstürme als wilde Jagd übers kahle Land und rissen die Rauchfahnen von den Kaminen der Lauben in den Kleingärten hinter der Zuchthausmauer. Verstreute Schneereste leuchteten dort noch weiß auf dunkler Erde und braunem Rasen. Die nassen Dächer von Häusern im Hintergrund glänzten im Widerschein eines zerrissenen Himmels voller jagender Wolken … So betrachtete Sebastian durchs enge Gitterfenster den Anbruch des Frühlings. Noch fehlten dort alle Farben. Schwarz starrten die nackten Äste der Bäume in einen aufgerührten Himmel.
Was wird das Jahr bringen? fragte Sebastian sich. Ob der Sommer sich wieder so verregnet zeigen würde? 1954, das zurückliegende Jahr … Was war das eigentlich gewesen? Abgesehen von seiner Verurteilung. Zuerst wie eine Betäubung.
Im Rückblick erschien alles noch immer leicht unwirklich, aber doch genau. Er erinnerte sich an alles bis in die Einzelheiten. Der Protest im ganzen Zellenbau damals, als sie ganz neu dort eingezogen waren. Und die neu gestopften Strohsäcke. Die Fußballweltmeisterschaft natürlich. Kein so großes Thema anfangs unter den Gefangenen, auch weil sie einfach nichts erfuhren. Doch dann wurden vor allem die Schließer munter, die das Ganze ja am Rundfunkgerät verfolgen konnten und so erfuhren auch die Gefangenen vom Stand der Dinge. Natürlich drückten alle in den Zellen der westdeutschen Mannschaft die Daumen.
Sebastian erinnerte sich noch gut daran wie die Schließer den Gefangenen gegenüber auf einen Sieg der ‚Volksdemokratie‘ Ungarn schworen und wie zum Schluss dann doch der Klassenfeind den Sieg davongetragen hatte: Fußballweltmeister Deutschland! Das war doch was.
Die Staatsfeinde in den Zellen sollten sich allerdings nicht zu lange darüber freuen können. Sofort einsetzende Schikanen einzelner Schließer sorgten dafür: Und so wurden dann bei der nächsten Freistunde Gleichschritt und Turnübungen besonders streng exerziert. Und durch die Spione in den Zellentüren waren die Insassen dahinter vor den Schließern nicht sicher. Schon das bloße Sitzen auf der Bettkannte konnte Folgen haben. Die verdüsterten Mienen mancher Wachposten ließen nichts Gutes erwarten. Vom Arrest über Schreibverbot bis zur Besuchssperre stand den Gefangenen alles offen. Rückwirkend fand er dennoch, sei die Zeit wie ein Nichts vergangen. Dabei zog sich jeder einzelne Tag unendlich langsam dahin. Und im Rückblick gabs dann nur wenige Anhaltspunkte. Doch tagtäglich musste jede Sekunde, jede Minute, jede Stunde in stets wiederkehrenden Belanglosigkeiten durchlebt werden, die den Tag zerrissen und die Zeit stauten, um sie dann nur wieder träge dahinfließen zu lassen.
Wenn Sebastian dabei an die noch vor ihm liegenden Jahre dachte hätte er eigentlich verzweifeln müssen. Doch seine Einsicht in die Janusköpfigkeit der Zeit schützte ihn gewissermaßen davor. Sich stets wiederholende Routineabläufe, denen er unterworfen blieb dehnten in der Wahrnehmung, das hatte er begriffen, die Minuten und Stunden der eben ablaufenden Zeit, während sie im Rückblick gerade deshalb verkürzt erschien. Dabei handelte es sich aber doch immer um ein und dieselbe Zeit. Die Stunden und Tage in steter Wiederkehr immer gleicher Ereignisse: Wecken, Zählung, Essen, Kübeln, Rundgang, Essen, Kübeln, Zählung, Einschluss … krochen also zäh’ dahin und rückblickend erschien dann ein Jahr wie im Augenblick vergangen. Ob aber die Qual des täglichen Einerlei durch den rückblickenden Eindruck von Zeitlosigkeit wirklich zu ersetzen war blieb dann wohl doch bloß so etwas wie eine psychische Fata Morgana. Aber ein jeder suchte halt Schutz vor dem Wegbrechen seiner ihm zugehörigen Zeit in erstarrender Monotonie.
Nach der Verlegung nun auch des jungen ‚Buntspechts‘, war dafür ein Neuer mit seinem Deckenbündel vor der Brust in Sebastians Zelle eingezogen. Ein Arzt, Internist, wie sich bald herausgestellt hatte. Friedrich Sedlmayr, Anfang bis Mitte Vierzig schätzte Sebastian, war, soweit sich das seinen Auslassungen entnehnen ließ, im Gesundheitsbereich der DDR wohl so etwas wie ein höheres Tier gewesen. Viel war ihm darüber aber nicht zu entlocken. Verurteilt worden war er zu 12 Jahren Zuchthaus nach Artikel 6 der DDR-Verfassung. Seinen weiteren Erzählungen war zu entnehmen, dass er als sogenannter Reisekader medizinische Kongresse im Westen besuchen durfte. Offizielle Reisen von Funktionären und Wissenschaftlern in den Westen mussten stets von den entsprechend höheren Parteiinstanzen genehmigt werden.
Sedlmayr sprach manchmal beiläufig auch von seinem Auto, einem weißen Wartburg-Cabrio, mit dem er, wie er erzählt hatte, auf der West-Autobahn einmal bei 150 Sachen von einem Porsche überholt worden war. Der Porsche-Fahrer, erzählte er weiter, habe seinen Wagen dann zurückfallen lassen, um den Wartburg interessiert zu betrachten, ihm kurz zuzunicken und wieder Gas zu geben. Sedlmayr lachte. „Da konnte ich dann doch nicht mithalten“, sagte er.
„Wo ist denn dein Auto jetzt?“, konnte Sebastian es sich nicht verkneifen zu fragen.
„Na weg“, antwortete der einst priviligierte Arzt, „beschlagnahmt als Tatwerkzeug.“, dazu lachte er wieder. „Ich habe damit niemanden umgefahren oder im Westen einen Unfall verursacht“, fügte er noch hinzu.
„Tatwerkzeug? Welche Tat denn?“, wunderte Sebastian sich. „Ich dachte du durftest mit diesem Auto in den Westen fahren. Hast du jedenfalls gesagt.“
„Stimmt ja auch“, bestätigte Sedlmayr, grinste leicht und lehnte sich auf seinem Hocker gegen die Wand zurück. In der Zelle war es kalt, einige hatten sich wieder ihre Decken umgehängt.
„Aber 12 Jahre“, sagte Sebastian und wiegte dazu den Kopf. „Die haben dir Spionage angehängt oder?“
Sedlmayr zuckte wieder leicht grinsend mit den Schultern. „Wenn man rüberfährt“, sagte er, „ist man dort nie alleine.“
„Wie meinst ’n das jetzt?“, fragte Siegfried, der sich sonst ja selten einmischte.
Sedlmayr sah diesen Siegfried an und schüttete leicht den Kopf. „Jeder wird dort beobachtet. Das ist doch kein Geheimnis. Du weißt nur nie wer’s gerade ist.
Ich kam natürlich mit Westdeutschen ins Gespräch. Dazu war ich ja rübergefahren“, sagte er mit einer Handbewegung in den Raum. „Ich habe bei solchen Gelegenheiten neben fachlichem Austausch auch über die Situation unseres Gesundheitswesens gesprochen. Das konnte gar nicht ausbleiben. Aber im Ministerium, da hatte ich nicht nur Freunde“, fügte er nach einer Pause hinzu.
„Und deswegen gleich zwölf Jahre?“
„Ja, wie das so ist, auch mit guten Freunden …“, sagte der Arzt.
Sebastian lachte. „Davon kann ich ein Lied singen“, sagte er. „Aber du warst doch auch in der Partei?“
„Ja sicher“, sagte der Arzt, „das blieb nicht aus.“
„Du warst aber kein Überzeugter?“, fragte Sebastian.
Sedlmayr pustete durch die Lippen. „Was ist das schon, überzeugt …?“
„Du hattest also nur ’n guten Posten im Sinn?“
Sedlmayr zuckte mit den Schultern. „Wenn du’s so nennen willst?“
Sebastian stand dort vor dem Arzt, der auf seinem Hocker saß und winkte ab.
„Ich kann in dieser Richtung sowieso nichts nachvollziehen“, sagte er. „Aber für zwölf Jahre muss man dir schon was angehängt haben.“
Über das Gesicht des Arztes huschte wieder ein Lächeln. „Ja natürlich“, sagte er, „staatsfeindliche Nachrichtenübermittlung.“
„Nicht Artikel 6?“, wunderte Sebastian sich.
„Na klar, Artikel 6! Was anderes gibt’s doch gar nicht.“
„Was haste denn da für staatsfeindliche Nachrichten übermittelt? Ich hab’ so was überhaupt noch nie gehört. Nachrichtenübermittlung? Und nicht Arbeit für einen westlichen Nachrichtendienst?“
Der Arzt schüttelte nur den Kopf.
„Aber Nachrichtenübermittlung … Was heißt denn das? Was hast du da wem übermittelt?“
„Tja, wie schon gesagt, über die Lage unseres Gesundheitswesens. Die Mangelwirtschaft in Gesprächen mit westlichen Partnern, aber außerhalb der offiziellen Verlautbarungen.“
„Also du hast denen bloß die Wahrheit gesagt?“
„Na ja, die Schönrednereien, das ist mir einfach zu sehr auf den Geist gegangen.
Aber natürlich gilt das als Staatsgeheimnis“, fügte er hinzu. „Schließlich ist das hier alles nicht vergleichbar mit dem Westen. Das soll aber niemand wissen, denn das Gesundheitswesen der DDR wird ja immer ganz groß herausgestellt.
Und meine Gespräche im Westen, also ich hab’ mit der Situation hier nicht hinterm Berg gehalten, hat man mir bei Gericht als Verrat angelastet. Ich hätte damit dem Klassenfeind bedenkenlos in die Hände gespielt und so weiter und so fort …“
„Woher wussten die das?“, fragte wieder Siegfried. „Da hat dich doch einer angeschissen …“
„Die da im Westen sind naiv, das hatte ich nicht genügend beachtet. Da haben welche meine Meinung weitergetratscht, natürlich ohne zu ahnen, welche Folgen das zumindest für mich haben konnte. Na ja, wir sehns ja jetzt.“
„Aber du warst doch schon öfter drüben. Warum hast du da nicht schon was erzählt?“
Sedlmayr lachte. „Stimmt“, sagte er, „aber wie es so schön heißt: Einmal ist immer das erste Mal.“
„Wie konnten die dir bei der Stasi und vor Gericht die Anklage beweisen?“, fragte Siegfried.
Sebastian schüttelte den Kopf. „Na sag mal, so doof kannst du doch nicht sein.
Die müssen dir doch nichts beweisen. Du musst denen beweisen, dass ihre Anklage nicht stimmt. Doch das gelingt kaum jemandem. Versuch das mal bei der Stasi. Nach tagelangem Schlafentzug weißt du nicht mehr, was du eigentlich wolltest …“
„Da ist schon was dran“, meldete der Ex-Bezirksboxmeister im Mittelgewicht sich nach längerem Schweigen zu Wort. „Ihre Unterstellungen, ganz gleich ob bei der Stasi oder vor Gericht, werden dort zu Feststellungen. Da bist du ganz einfach machtlos, vor allem bei so politischen Geschichten. Das nennt sich die ‚Neue Justitz‘ und da hat man die alte reaktionäre rechtliche Regel: ‚Im Zweifelsfalle immer zu Gunsten des Angeklagten‘, auf den ‚Misthaufen der Geschichte‘ geworfen, wie sie das nennen.“
Sebastian stieß sich vom Bettpfosten ab, gegen den gelehnt er gestanden hatte.
„Das alles erinnert so’n bisschen ans Mittelalter“, sagte er, „also wie bei den Hexenprozessen damals: Da wurdest du in einem zugebundenen Sack ins Wasser geworfen. Dem Gottesurteil unterwerfen nannten die das damals. Wenn du abgesoffen warst galt das als Beweis deiner Schuld. Hattest du’s aber, kaum vorstellbar, überlebt, das soll ja sogar vorgekommen sein, warst du mit dem Teufel im Bunde. Wieder ein Beweis deiner Schuld. Was ist denn heute hier im Prinzip anders?“, fragte er mit ausgebreiteten Armen und sah sich dazu in der Zelle um.
Sedlmayr nickte zustimmend. „Überbordende Bürokratien“, sagte er, „unübersichtlich und undurchschaubar für den Bürger sind aber auch schon eine moderne Form von Willkür. Das kann in jeder Demokratie geschehen.“
„Du meinst auch im Westen?“
„Ja“, sagte Sedlmayr lächelnd. Dann zitierte er: … „nur der verdient sich Freiheit wie das Leben, der täglich sie erobern muss“, und blickte sich dazu in der Zelle um. „Na“, fragte er, „von wem ist das?“
„Schiller!“, ließ Martin Schüler, der Ex-Boxer, sich vernehmen.
„Setzen! Eins!“, sagte Sedlmayr.
„Danke, danke …“, antwortete Martin lächelnd. „Aber noch mal zum Mittelalter und den Hexenprozessen. Bei dem, was ich inzwischen gehört habe sind wir wirklich nicht viel besser dran als die armen Menschen damals. Und ich habs wie auch viele andere an mir selbst erlebt. Mein Vater ist Facharbeiter, ich auch, bin Elektriker. Das alleine heißt aber nicht immer was im Arbeiter- und Bauernstaat. Jetzt sitze ich hier als Totschläger und muss noch froh sein, dass sie mich nicht zum Mörder gemacht haben.“ Dazu lief er im schmalen Gang zwischen den Betten langsam auf und ab, drei Schritte hin, drei zurück und blieb wieder stehen. „Dabei wissen die, dass das kein Totschlag, sondern ein Unglücksfall war.“
„Du bist ein guter Boxer“, warf Sedlmayr, der Arzt, von seinem Hocker aus ein.
Bezirksmeister im Mittelgewicht, das ist doch schon was, aber du hast dich damit auch überschätzt. Bei uns hier in der DDR“, sagte er, „da gehts doch nicht primär ums Können, in der Hinsicht sind die meisten führenden Genossen, wo auch immer, die reinsten Luschen. Nein, nicht ums Können gehts, sondern ums Kennen. Und wenn du dann auch noch gut sein solltest und die richtigen Leute kennst und die hast du gekannt“, betonte Sedlmayr, „und ins politische Horn bläst, was du abgelehnt hast, beziehungsweise nicht wahrnehmen wolltest, kannst du dir vieles leisten. Andersherum kann dir’s aber auch gehen wie jetzt gehabt. Du hättest jedoch wissen müssen, dass ein guter Sportler hier halt nur Spitzensportler werden und damit ein Vorbild vor allem der Jugend sein kann, wenn er das hohe Lied der Partei singt. Und danach hast du dich eben nicht gerichtet. Du warst nämlich schon ganz schön weit, Bezirksmeister!“ Und der Arzt nickte bedeutungsvoll. „Das war ein Fehler von denen“, sagte er, „du hättest ohne ihre direkte Einwilligung gar nicht so weit kommen dürfen. Eine Menge Leute kannten dich schon. Du hattest Anhänger und Bewunderer, aber du hast nicht mitgemacht im Spiel: ‚Wes’ Brot ich ess’, des’ Lied ich sing’‘ und hast geglaubt, du könntest dir ohne da mitzusingen deine eigene Melodie pfeifen.“ Der Arzt schüttelte den Kopf. „Nee, mein Lieber“, sagte er, „da spielt es überhaupt keine Rolle, ob du gut und Arbeiter und Kind eines Arbeiters bist.
Das ist doch alles bloß Mimikry. Du warst lediglich naiv und hättest eben auf öffentliche Auftritte verzichten müssen, also keine Beteiligung an Meisterschaften und so … Schließlich, die Ehre eines DDR-Meisters“, fuhr er nach kurzer Pause fort, „und die eines Martin Schüler, Facharbeiter, entstammen entgegengesetzten Welten. Hier hattest du dich, so sehe ich das, verirrt, um dich dann etwas spät auf die Ehre des Martin Schüler zu berufen im Glauben, du könntest vom ganzen politischen Getriebe unabhängig sein. Diese Meinung ist zwar einerseits aller Ehren wert, andererseits aber eine glatte Illusion. Diesen ignoranten Irrglauben und die naiv verschuldete Verspätung musst du nun mal bitter büßen.“
„Na gut, aber den anderen Weg, den du meinst“, erwiderte Martin Schüler mitten im Gang zwischen den Betten stehend, indem er das du besonders betonte, „den hätte ich sowieso nicht gehen können.“
„Schon richtig, in Ordnung“, sagte der Arzt.
Martin Schüler blieb am Fenster stehen und sah eine Weile hinaus. „So ist es eben“, sagte er, drehte sich um, sah den Arzt an, der noch immer neben der Tür auf seinem Hocker saß und nickte ihm zu. „Das wärs dann also, das mit dem Boxen. War alles Blödsinn“, winkte er ab.
Der Arzt wiegte den Kopf. „Du musst nicht gleich die Flinte ins Korn werfen wollen.“
Martin Schüler lachte leicht abschätzig. „Du musst ja auch deine eigene Suppe auslöffeln“, wandte er sich an den Arzt, „wie wir alle hier.“
Sedlmayr hob kurz die Schultern und nickte zustimmend. „Leider“, sagte er dazu, „leider habe ich mich täuschen lassen.“ Das war dann auch schon das Weitestgehende, das von ihm über seinen Fall zu erfahren gewesen war. Dazu kam noch, dass er verheiratet war und mit Frau und sechzehnjährigem Sohn in Berlin-Pankow gewohnt hatte und eben diesen seltenen DDR-Sportwagen fahren durfte. Über seine berufliche Tätigkeit, seine Arbeitsstelle oder die Position, die er möglicherweise im Gesundheitswesen innegehabt hatte, sprach er nie.
Und das mit der „Mangelwirtschaft“, meinte Sebastian und wohl auch die anderen in der Zelle, das konnte natürlich nicht alles gewesen sein. Doch war es nicht üblich in der Vergangenheit eines politisch Verurteilten, sofern er nicht selbst darüber sprach, herum zu bohren.
Beim Wecken am Morgen wurde in den Zellen seit geraumer Zeit kein Licht mehr eingeschaltet, denn durchs schmale Gitterfenster fiel um diese Zeit bereits frühes bläuliches Morgenlicht. Der März galt schon als Frühlingsmonat und so war die Heizung bereits wochenlang kalt geblieben. Kalt war es dann auch in den Zellen, sodass die Gefangenen sich tagsüber wieder ihre Schlafdecken umhängten.
Kapitel 19
An so einem Morgen Ende März wachte Sebastian noch vor dem offiziellen Wecken auf. Ein leichtes Ziehen an einem oberen Eckzahn irritierte ihn. Es zog an dem Zahn, mit dem er sich vor seiner Verhaftung in Behandlung befunden hatte. Ein Erdbeer- oder Stachelbeerkorn aus der Marmeladenzuteilung war offensichtlich in den aufgebohrten Zahn geraten. Draußen hätte man das mit einer Stecknadelspitze sicher selbst beheben können. Aber in so einer Zelle …?
Dort blieb erst nur mal die Hoffnung, dass sich das von alleine regeln würde.
Doch wenn nicht? Einen Zahnarzt, also einen Gefangenen, gabs ja im Krankenrevier.
Sebastian beschloss erst einmal abzuwarten und auch gar nicht darüber zu reden.
Handelte es sich wahrscheinlich nur um eine Winzigkeit. Er würde erst einmal bis zum nächsten Tag abwarten und sich dann, wenn nötig, bei der Morgenzählung, vorschriftsmäßig zum Zahnarzt melden. Doch zum Arzt oder Zahnarzt ins Krankenrevier ging es erst dann, wenn im Zellenbau mehrere Krankmeldungen zusammengekommen waren. Normalerweise bemühte sich kein Wachtmeister wegen eines einzelnen Gefangenen über den Hof ins Revier, zumal aus dem Zellenbau mit den Langstrafern sowieso keiner arbeiten durfte und es von daher auch nicht so wichtig war, ob einer nun gleich behandelt wurde oder noch warten konnte, ja auch ruhig noch warten sollte. Es gab keine klaren Anordnungen wie mit den Krankmeldungen Gefangener im einzelnen zu verfahren sei.
Das blieb grundsätzlich dem Gutdünken des einzelnen Schließers überlassen.
Am andern Morgen, der dumpfe bohrende Schmerz am Zahn hatte nicht nachgelassen, sich eher verschlimmert, und so sprach Sebastian auch in der Zelle davon und tippte dabei mit dem Fingernagel gegen den Zahn.
„Seit wann denn?“, fragte der Arzt.
„Seit gestern“, antwortete Sebastian. „eigentlich seit vorgestern“, setzte er dann zögernd hinzu.
„Wie kommt’s denn?“ Der Arzt sah ihn fragend an.
„Ist draußen schon mal aufgebohrt worden. Ich war in Behandlung, als ich abgeholt wurde.“
„Zeig mal her? Welcher Zahn?“
Sebastian sperrte den Mund auf und tippte dabei wieder mit dem Fingernagel gegen den Zahn.
„Merkst du dabei was?“, fragte der Arzt.
„Nö“, sagte Sebastian.
„Puckerts oder ziehts?“
„Nee, puckert nicht. Wird wohl’n Marmeladenkern sein.“
„Ja, wahrscheinlich“, nickte der Arzt. „Ist nur eine Kleinigkeit. Lass dir den Zahn gleich zumachen, sonst passiert’s wieder.“
Bei der Morgenzählung meldete Sebastian sich zum Zahnarzt.
Der Schließer notierte das.
„Hoffentlich bald“, mischte der Arzt sich ein, „es ist wirklich dringend.“
Doch nichts geschah und Sebastian konnte sich erst am nächsten Tag wieder zum Zahnarzt melden.
„Wie gehts dem Zahn?“, fragte dann gleich am Morgen Sedlmayr.
„Es zieht ganz schön, vor allem wenn Luft dran kommt.“
Der Arzt schüttelte den Kopf. „Das ist nicht so gut“, sagte er. „Unterm rechten Auge ist eine leichte Schwellung zu erkennen.“ Er stand vor Sebastian und drückte den Zeigefinger leicht dagegen. „Kann man deutlich spüren“, bestätigte er.
Bei der Morgenzählung erinnerte Sebastian den Schließer an seine gestrige Meldung. „Ich habe ziemliche Zahnschmerzen“, sagte er mit Vorwurf in der Stimme.
„Ich hab’s weitergegeben“, rechtfertigte der Schließer sich, „mehr kann ich nicht tun“, und er notierte die Meldung zum Zahnarzt erneut.
Doch wieder geschah nichts.
Sebastian beschwerte sich am nächsten und übernächsten Morgen, doch es passierte nichts.
Ein anderer Schließer notierte die Meldung und wieder ein anderer, doch ohne Reaktion.
„Der Zahn ist in der Wurzel entzündet“, schaltete auch der Arzt sich bei der Zählung wieder ein. „Wenn hier nicht bald ein Zahnarzt eingreift, ist der Zahn verloren.“
Sebastian plagten inzwischen sehr starke Schmerzen. Die Wange schwoll an, bis sie ihn schließlich total entstellte.
Die Wachtmeister sahen das natürlich bei der Zählung, aber auch geflissentlich darüber hinweg.
Und so dämmerte es Sebastian wie auch den anderen in der Zelle allmählich, dass hier möglicherweise böse Absicht im Spiele war. Eigentlich, meinte Sebastian, hätte ihnen das schon eher auffallen müssen, aber er und auch die anderen hatten erst einmal schlicht an Schlamperei gedacht. Es hatte ihn zuerst nicht wenig erschreckt, dass auch alle in der Zelle solche Absichten für durchaus möglich hielten.
„Das wäre Folter durch unterlassene Hilfeleistung“, entfuhr es dem Arzt.
„Hier darf dir nichts Schlimmeres passieren“, ließ der Bezirksmeister im Mittelgewicht sich vernehmen. „Die lassen dich glatt verrecken.“
„Herzversagen“, sagte der Arzt, „wäre dann immer eine probate Erklärung.“
Sebastian lachte. „Probat ist richtig“, sagte er und hob die Schultern. „Wenn du tot bist, hat natürlich das Herz versagt …“
„Die seh ’n doch wie du aussiehst, blind sind die nicht“, wandte sich der sonst eher zurückhaltende Siegfried empört an Sebastian. „Das kann doch wirklich nur Absicht sein. Eine Riesensauerei! Wo leben wir eigentlich? Da musst du schon froh sein, wenn du überhaupt überlebst. Das ist offensichtlich alles andere als eine Selbstverständlichkeit.“
Sebastian stand da, hielt sich mit der linken Hand an einem Bettgestelle fest und drückte die rechte Handfläche gegen die hochgeschwollene Wange. Ein starker Dauerschmerz quälte ihn.
„Den Zahn bist du los, der muss raus“, erklärte der Arzt.
Sebastian war es inzwischen egal ob da ein Eckzahn fehlte oder nicht, wenn er nur erst mal die Schmerzen los werden würde.
Der Arzt stand vor ihm und wiegte den Kopf. „Irgendwie muss der Eiter ja raus …“
„Bloß wie?“, fragte Sebastian und bemerkte, dass ihm der geschwollenen Wange wegen das Sprechen schwerfiel. „Kann diese Vereiterung denn gefährlich werden?“
„Ja“, sagte der Arzt, „wenn Eiter in die Kieferhöhle dringt … Nasenhöhle, Stirnhöhle, selbst die Augenhöhlen, alles hängt ja zusammen. Notfalls“, fuhr er fort, „notfalls könnte ich mit dem relativ scharfen Messer zum Brotschneiden den Abzeß öffnen. Das würde aber auch nur sehr vorübergehend helfen.“ Er schüttelte den Kopf. „Ich weiß was anderes“, sagte er nach kurzem Nachdenken und hob dazu die Hand. „Wie wär’s mit Hungerstreik? Das müssen die nach oben melden und nach drei Tagen nach ganz oben. Schließlich hast du als junger Kerl einen Wert als Arbeitkraft. Wenn auch nicht jetzt, aber vielleicht in einem oder zwei Jahren … Das ist denen da oben nicht gleichgültig wie dem Kommandoleiter hier. Offiziell hast du ein Recht auf die Behandlung durch einen Zahnarzt. Und außerdem“, fuhr Sedlmayr fort, „protestierst du mit dem Hungerstreik ja nicht gegen die DDR, die Politik der Partei, ja nicht mal gegen dein Urteil, sondern nur für dein Recht auf Behandlung durch einen Zahnarzt.
Das ist es!“ Er schlug sich mit der flachen Hand gegen die Stirn. „Darauf hätte ich auch gleich kommen müssen“, sagte er. „Man ist hier im Schädel schon richtig blockiert“, schimpfte er vor sich hin.
Vor der Ausgabe des Frühstücks gleich am nächsten Tag, erklärte Sebastian seinen Hungerstreik. „Sie sehen ja wie ich aussehe“, sagte er zum Schließer. „Ich verlange einem Zahnarzt vorgestellt zu werden.“
So einen entschlossenen Ton hatte der Schließer nicht erwartet, das sah man ihm an. Er bequemte sich dann aber doch schweigend dazu, diese Meldung in seiner Kladde zu vermerken, zumal Sebastian bereits die Annahme des Frühstücks verweigert hatte. Andererseits konnte der aber schon auf Grund des vereiterten Kiefers kaum etwas essen.
Doch bereits am Nachmittag, als er zuvor auch die Annahme der Spinatsuppe verweigert hatte, wurde er aus der Zelle geholt: „Sebaldt zum Zahnarzt!“
„Na also, warum nicht gleich so“, sagte er und zog sich seine Holzschuhe an.
Unten am Ausgang vor dem Kommandoleiterzimmer standen bereits vier weitere Häftlinge, zwei zum Arzt und zwei zum Zahnarzt.
Auf gings dann unter Führung eines Wachtmeisters in den klobigen Holzschuhen über den kopfsteingepflasterten Hof zum Krankenrevier. Dort mussten sie im Kellerflur warten, bis sie einzeln aufgerufen wurden.
Über den Zahnarzt hatte Sebastian vom Kalfaktor erfahren, dass der schon als Kriegsgefangener zehn Jahre beim Russen gesessen hatte, zu 25 Jahren verurteilt, dann aber vorzeitig in die DDR überstellt worden war.
Schließlich sah er ihn, als er den Behandlungsraum betrat: Ein kleiner Mann Mitte sechzig, schütteres dunkelblondes Haar und eine Brille mit kreisrunden Gläsern.
Der forderte ihn auf, im Behandlungsstuhl Platz zu nehmen und schüttelte den Kopf, als er des entstellten Gesichts ansichtig wurde. „Warum kommst du denn erst jetzt?“, fragte er vorwurfsvoll.
„Na, weil die mich nicht eher hergelassen haben. Ich war immerhin im Hungerstreik, nur deshalb sitze ich jetzt hier.“ Er sprach etwas gedämpft, sodass der Schließer an der Tür es nicht verstehen konnte.
Der Zahnarzt nickte. „Das machen die des öfteren so“, sagte er abschätzig und ebenso gedämpft mit kurzem Blick zum Wachposten. Dann sah er sich die Geschwulst an. „Das ist dir wohl klar“, sagte er, „der Zahn muss raus.“ Eine Spritze funkelte in seiner Hand und schon saß die Nadel im Oberkiefer neben der Geschwulst.
„Da ist aber Eiter drin“, bemerkte Sebastian etwas verunsichert, als der Zahnarzt die Spritze beiseite gelegt hatte.
„Ach ja …“, sagte der und Sebastian meinte ein kurzes Zögern bemerkt zu haben. Vom Zahnziehen allerdings bemerkte er nichts Die Untereiterung schien den Zahn im Kiefer schon stark gelockert zu haben. Diesen Eiter spürte er nun im Mund und spuckte ihn in eine Emailleschüssel. Eiter und ein wenig Blut, wie er feststellte.
Ob das mal gut war, das mit der Spritze, überlegte er noch, als er vom Schließer bereits wieder in den Kellerflur gebracht worden war. Irgenwo hatte er mal gehört oder gelesen, dass Eiter nicht in die Blutbahn geraten dürfe. Im Kellerflur konnte man nur stehend warten bis die andern auch verarztet worden waren. Sebastian horchte in sich hinein … doch noch bemerkte er gar nichts. Womöglich ist es wirklich nicht so schlimm. Mit der Zunge ertastete er ein großes Loch und natürlich Blut. Der Eiter war jedenfalls raus.
Dann ging’s für den Trupp der vier Gefangenen wieder zurück über den Hof in den Zellenbau.
Als Sebastian dann vor allem dem Arzt vom Zahnziehen berichtete und dabei die Spritze erwähnte, wurden seine leisen Bedenken dramatisch bestätigt.
„Was sagst du, eine Spritze?“
„Ja.“
„Der muss nicht ganz bei Trost gewesen sein! Wirklich eine Spritze?“, fragte er noch einmal und sah dabei Sebastian eindringlich an, dem nun doch klar wurde, dass etwas passiert sein musste.
„Ja“, sagte er, „neben dem Zahn in den Kiefer …“
„Das hat natürlich geblutet.“
„Ja klar, ein bisschen mit Eiter“, bestätigte Sebastian.
„Das kriegen wir schon hin“, beschwichtigte der Arzt. „Gebt mal alle eure Decken her“, wandte er sich an die anderen in der Zelle und die folgten etwas verschreckt dieser Aufforderung. „Du wirst jetzt bald hohes Fieber kriegen“, wandte er sich wieder an Sebastian, „und einen mächtigen Schüttelfrost“, fügte er hinzu. „Du legst dich jetzt gleich auf dein Bett und ziehst dir zuvor Hemd und Hose aus.“
„Warum das Hemd?“, fragte Sebastian.
„Weil du gewaltig schwitzen wirst.Wir packen dann alle Decken auf dich.“
„Warum das, wenn ich sowieso schwitzen werde?“
„Weil du tüchtig schwitzen sollst, das ist wichtig.“
Sebastian folgte den Anweisungen und harrte dann unter dem Deckenstapel der bösen Dinge die da kommen sollten.
Der Arzt stellte dann gleich noch den Abwassereimer vor Sebastians Bett ans Kopfende.
„Warum denn das?“
„Warts ab“, sagte der Arzt. „Weil du alles auskotzen wirst, einschließlich Blut und Galle.“
„Ist das schlimm?“
Sedlmayr zuckte mit den Schultern. „Was heißt schlimm? Das ist der Gang der Dinge.“
Sebastian wand sich unter dem Deckenstapel. „Das ist schwer, ich krieg’ ja kaum noch Luft“, protestierte er.
„Das musst du aushalten“, erklärte der Arzt und richtete den etwas verrutschten Deckenstapel. Wir werden noch aufpassen müssen, dass du beim Schüttelfrost nicht aus dem Bette fällst.
„Aber ich merke ja noch gar nichts.“
„Habs man nicht so eilig. Das kommt alles noch …“ Sebastian bemerkte zwar, dass ihm allmählich heiß wurde, er schob das aber auf die vielen Decken.
Der Arzt bemerkte schon bald den ersten Schweiß auf der Stirn des Patienten.
Dann, das kam ganz plötzlich, rebellierte Sebastians Magen. Er sagte das gerade noch, da krampfte der Magen sich wie zu einem Stein zusammen. Es war dann auch wie ein Stich durch den Unterleib. Er warf schnell den Kopf zur Seite und übergab sich in den Eimer, in dem noch das Abwaschwasser von den Frühstücksbechern stand. Das wiederholte sich schließlich konvulsivisch in kürzer werdenden Abständen. „Was ist denn das Grüne da?“, fragte Sebastian den Arzt.
„Galle“, sagte der.
„Und das da ist Blut …“
„Ja sicher, kleinere Blutgefäße, Äderchen die beim Krampfen geplatzt sind.“
„Ist das denn schlimm?“
„Nö“, kam es leicht zögernd, „Das sind halt die Folgen der Spritze.“ Der Arzt stand dabei neben Sebastians Bett und betrachtet den darin Liegenden ungewollt skeptisch.
Sebastian lag unter dem Deckenstapel und Schweiß lief ihm in Bächen übers Gesicht. Er hörte wie der Boxer mit Fäusten gegen die Türe hämmerte, bis ein Schließer endlich öffnete.
Dann hörte er den Arzt etwas von Behandlung und Krankenhaus reden. „Der Junge ist in großer Gefahr“, hörte er ihn sagen. Er sei Arzt, könne das beurteilen und dass es jetzt schnell gehen müsse … Der Schließer kam in die Zelle und überzeugte sich erst einmal selbst von Sebastians Zustand.
Dann schälte man ihn aus den Decken, hob ihn aus dem Bett, zog ihm die Hose an und hängte ihm das Hemd um. Auch die Holzschuhe wurden nicht vergessen, da davon auszugehen war, dass er raus und über den Hof würde gehen müssen.
„Zumindest erst mal ins Revier“, ließ der Arzt sich noch hören, „aber besser doch gleich in ein Krankenhaus.“
„Hört sich nicht so gut an“, murmelte Sebastian so undeutlich vor sich hin, dass niemand es verstand.
Der Schließer erlaubte dem Boxer endlich Sebastian die vier Stockwerke nach unten zu schleppen. Der legte sich einen Arm Sebastians um die Schulter und der Stationskalfaktor lud sich den anderen Arm auf. Und so schleppten sie ihn wie ein Gespenst aus der Zelle und die Treppen hinab. Kalfaktoren der unteren Stationen wichen bei diesem Anblick wie vor einem Geist zur Seite.
Das bekam Sebastian noch mit und vor allem ganz unten angekommen das ‚Zwerghähnchen‘, den stets steil aufgeplustert wirkenden, weil kleingewachsenen Kommandoleiter des Zellenbaus, der aus der Tür seines Büros trat: „Was ist ’n hier los?“
Der Schließer sagte was von einem Arzt in Zelle 103 und von einem gezogenen Zahn und wies dazu auf Sebastian, der dort klatschnaß mit verklebten wirren Haaren und leichenblass zwischen dem Boxer und dem Kalfaktor hing.
„Nischt da“, der Kommandoleiter richtete sich kerzengrade auf, vielleicht auch, weil ihm Sebastians Hungerstreikandrohung eingefallen war. „Das is’ ganz normal nach ’m Zahn ziehn“, und scheuchte die drei, Sebastian in der Mitte, mit einer Handbewegung die Treppen wieder hinauf. Der Schließer folgte den Dreien.
Sebastian bekam das alles nur noch wie aus großer Entfernung mit, auch so, als ob ihn das alles kaum noch etwas anginge. Oben angekommen, nahmen sie ihm Hemd und Hose wieder ab, legten ihn aufs Bett unter den Deckenstapel und dort packte ihn dann auch der vom Arzt vorausgesagte Schüttelfrost. Seine Zähne schlugen aufeinander und die Zelleninsassen hielten die Decken fest, die er sonst von sich geschleudert hätte. Dann lief es ihm wieder glühend heiß durch den Körper und um ihn wurde es dunkel. Ganz kurz empfand er das noch als Erleichterung, als Ruhe, wie eine Erlösung.
Irgendwann tauchte er aus dem dunklen Nichts wieder auf. Seine Hände fuhren über den schweißnassen Körper und ein Erschrecken durchfuhr ihn: Er war ein Krüppel! Seine Hände erfühlten ein Brustbein, das ihm ungeheuer knochig und herausgehoben erschien. Ohne Zweifel, was er da ertastete war ganz offensichtlich eine hässlich hochgewölbte Hühnerbrust … Die hatten ihn zum Krüppel gemacht. Nein so nicht! Unmöglich! So konnte, so wollte er nicht weiterleben … Er befreite sich aus den Decken und kletterte aus dem Bett, torkelte durch die Zelle, hielt sich am Tisch fest und erkannte den Arzt, der dort saß, nur diesen Arzt, sonst nichts.
„Nein, nein …!“, wandte er sich an ihn: „Ich will eine Pistole. Ich bin ein Krüppel …“
„Wo soll ich die denn hernehmen?“, fragte der Arzt in ganz sachlichem Ton und mit einer ausholenden Handbewegung durch die Zelle.
Sebastian nahm alles um sich her nur schemenhaft wahr und konzentrierte sich einzig auf den Arzt. Gift, ging es ihm durch den partiell betäubten Schädel.
„Gift! Ich will Gift …“, forderte er den Arzt auf.
Der nickte. „Tut mir leid“, reagierte er dann, „ich hab’ den Schlüssel zum Giftschrank verlegt.“
Da fühlte Sebastian sich plötzlich veralbert. Er sah sich um und begriff auf einmal auch wo er war. „Du musst mich nicht verscheißern“, wandte er sich an den Arzt. „ Giftschrank? So ’n Blödsinn! Wo soll ’n hier ein Giftschrank herkommen?“
„Und wo sollte ich eine Pistole hernehmen?“, fragte der Arzt.
„Wieso ’ne Pistole?“
„Die hast du doch von mir gewollt.“
„Ich?“, fragte Sebastian, „das glaube ich nicht“, und er schüttelte ungläubig den Kopf.“
„Ich sehe schon“, sagte der Arzt, „es scheint fast, als wärst du erst mal über ’n Berg …“ Sebastian stand in seiner langen Unterhose mit schweißnassen Haaren hohläugig schwankend vor dem Arzt, der auf einem Hocker saß, und hielt sich dabei mit einer Hand am Tisch fest.
„Pistole? So’n Unsinn“, sagte er dann. „Die Kommunisten, die Schweine“, schimpfte er schließlich so laut, dass man es durch die Tür bis auf den Gang draußen hätte hören müssen, „diese Verbrecher, die sind schuld …!“
„Nun mal nicht so laut“, mahnte der Arzt. „Du musst auch schnell wieder ins Bett“, fügte er hinzu, „das ist noch längst nicht vorüber.“
„Leisetreter!“, giftete Sebastian und sah dazu den Arzt an.
Der grinste nur.
Und im Bett schwanden Sebastian, nach einem wiederholten Fieberschub, erneut die Sinne.
„Der kämpft immer noch mächtig“, erklärte der Arzt den andern beiden in der Zelle.
„Ist das wirklich so gefährlich?“, fragte Martin, der Boxer.
„Und ob!“, nickte der Arzt.
„Wird ers schaffen?“, fragte nun auch Siegfried besorgt.
Sedlmayr nickte wieder. „Unter optimalen Verhältnissen wie in einem Krankenhaus durchaus. Aber hier? Ich hoffe es natürlich“, fügte er hinzu. „Seine Jugend ist der einzige Verbündete.“
„Und natürlich du …“, wandte der Boxer sich an den Arzt.
Der lächelte etwas verlegen und zuckte mit den Schultern. „Was kann ich hier schon machen? Ihr seht ja wie die auf meine Mahnung reagieren. Der Kommandoleiter, dieser Wollny, weiß halt besser was lebensgefährlich ist und was normal …“
„Und wenn der hier draufgeht?“
„Herzversagen“, antwortete der Arzt. „Das kennt man doch.“
„Na ich weiß nicht, ich kannte das nicht“, erklärte der Boxer.
Der Arzt zog Schultern und Augenbrauen hoch, wies dem Boxer und Siegfried die offenen Handflächen. „Aber ihr habts doch mitgekriegt“, sagte er dann.
„Meine Meinung gilt hier nichts.“
„Da gibts doch den ärztlichen Eid“, warf der Boxer ein.
„Ja richtig, aber was soll ich unter diesen Verhältnissen machen?“
„Eine Beschwerde mit Hinweis auf die Situation und deinen ärztlichen Eid nach Berlin schicken“, schlug der Boxer vor.“
Der Arzt lachte kurz. „Wenn die das überhaupt zur Kenntnis nehmen würden, dann lassen die so viele Gegenzeugen aufmarschieren, dass ich am Ende noch als Verleumder dastehe.“
„Aber wenn der draufgeht?“, und der Boxer wies dazu auf Sebastian.
„Das wäre dann wieder eine andere Situation“, erklärte der Arzt.
„Aber weißt du“, sagte der Boxer nachdenklich, „so eine Geschichte wie jetzt hier und dazu ausgerechnet noch ein Arzt auf der Zelle? Also das, denke ich, wird’s nur ganz selten geben.“
Auch der Arzt nickte nachdenklich. „So’n kräftiger gesunder Kerl wie der“, sagte er, „der bringt schon einiges an Widerstandskraft auf. Wenigstens wollen wir das hoffen.“
Erst am Abend kam Sebastian wieder zu sich und als er die Augen öffnete, sah er ins Gesicht des Arztes, der sich über ihn gebeugt hatte.
„Brauchst du noch ’ne Pistole?“, fragte der grinsend.
Da lief dann auch ein schwaches Lächeln über Sebastians blasses, verschwitztes und eingefallenes Gesicht. „Ich erinnere mich an das mit der Pistole und dem Gift“, sagte er. „Ich war aber im Moment davon überzeugt, du hast so was. Nur das mit dem Schlüssel vom Giftschrank, also da wurde mir plötzlich klar, du nimmst mich auf den Arm. Das hat mich natürlich geärgert, vor allem weil das großer Quatsch von mir war, ’ne Pistole und Gift.“
„Du warst nur teilweise bei Sinnen“, erklärte der Arzt, „so ein Zwischenzustand …“
„Ja, einerseits habe ich daran geglaubt und andererseits auch gewusst, dass das Unsinn war, also dieser blöde Einfall. Da war mir’s peinlich. Aber mir war es plötzlich wirklich so vorgekommen, als sei ich ein Krüppel geworden mit so einer vorgewölbten Hühnerbrust. So habe ich’s jedenfalls gefühlt.“
„Du warst eben nicht ganz da, das gibt es“, sagte der Arzt. „Und ganz schön ramponiert siehst du auch aus …“
„Es kommt mir vor, als ob ich abgenommen habe“, und Sebastian fühlte unter den Decken seine Brust ab.
„Hast du auch“, bestätigte der Arzt. „Die ganze Geschichte hat dich ein paar Kilo gekostet. Das Wasser lief ja nur so. Du hast auch ein richtig spackes Gesicht bekommen und müsstest dich mal im Spiegel sehen.“
„Bloß gut, dass wir hier keinen haben“, sagte Sebastian.
„Zeig mal dein Handgelenk“, forderte der Arzt den Bettlägerigen auf. Er fühlte Sebastians Puls und starrte dabei zum Fenster hinaus. „Siebzig“, sagte er. „Ist nicht viel, aber in Ordnung …“ Dann legte er die Hand auf Sebastians Stirn.
„Fieber natürlich auch nicht mehr …“
„Warum natürlich?“, fragte Sebastian.
„Na weil bei dem schwachen Puls Fieber eigentlich nicht zu erwarten ist.“ Dann starrte er wieder abwesenden Blicks zum Fenster hinaus. „Du hattest Glück“, sagte er nach einer Weile und wandte sich Sebastian zu, „großes Glück. Du hättest auch drauf gehen können, aber nun hast dus wenigstens überstanden, davon können wir ausgehen. Primär, würde ich sagen, hat dich deine Jugend geschützt. Außerdem warst du ja auch sonst gesund. Draußen freilich wärst du bei so ’ner Geschichte ganz schnell im Krankenhaus gelandet.“
„Das Ganze war schon ein dolles Ding“, ließ Sebastian sich hören.
„Das kann man wohl sagen!“, stimmte der Boxer zu. „Was ist denn das bloß für’n Zahnarzt?“
„Tja, der sitzt schon über 12 Jahre hab ich mal vom Kalfaktor gehört“, erklärte Sebastian, „davon 8 Jahre beim Iwan und über 4 Jahre hier. Die Russen sollen ihn zu 25 Jahren verurteilt und nach 8 Jahren an die DDR überstellt haben. Und dann ist der auch, schätze ich, bestimmt schon über fünfundsechzig.“
„Das Alter ist es nicht“, mischte der Arzt sich ein, „vielleicht aber die Lebensumstände …“
„Na ja“, sagte der Boxer, „der Zahnarzt, das ist sicherlich ’n armes Schwein, aber dieser Wollny, das aufgeplusterte Zwerghähnchen, das ist ein Verbrecher.
Wenn ein Arzt dem sagen lässt, es bestehe Lebensgefahr, dann wischt der das einfach mit einer Handbewegung weg. Und auch dass sie dich“, wandte er sich an Sebastian, „erst nach Tagen und Anmeldung eines Hungerstreiks zum Zahnarzt gelassen haben …“
„Der Sebastian fast umgebracht hätte“, ließ der eher zurückhaltende Siegfried sich hören.
„Das ist wieder ’ne ganz andere Sache“, winkte der Boxer ab.
„Ach, wir wissen ja mit wem wir’s hier zu tun haben“, wandte Sebastian ein.
„Ob nun der Zahnarzt oder das Zwerghähnchen … Immerhin lebe ich noch.“
„Nimms nicht auf die zu leichte Schulter“, mahnte Sedlmayr. „Du wirsts ja sehen, wenn du auf den Kübel gehst, wie wacklig du noch bist. Zehn Tage wirst du mindestens im Bett bleiben müssen. Vor allem musst du wieder was essen und überhaupt erst mal zu Kräften kommen.“
„Na dann bestelle mal“, sagte Sebastian, „bestell’ mal Kraftbrühe, Rührei und Buttertoast morgen zum Frühstück.“
Sedlmayr schüttelte den Kopf. „Gerade dem Tod von der Schippe gesprungen und schon wieder solche Ansprüche. Und hinsichtlich der Ernährung, da werden wir mit Bordmitteln auskommen müssen.“
Das war dann aber auch leichter gesagt, als getan. Der Arzt machte am nächsten Morgen aus Sebastians Frühstückszuteilung eine Scheibe Brot mit Margarine und Marmelade zurecht, schnitt die Brotscheibe schließlich in ganz kleine Stückchen und stellte den Abwassereimer in Kopfhöhe an Sebastians Bett.
„Warum das?“, fragte der misstrauisch.
„Du wirst das Brot erst mal nicht bei dir behalten“, erklärte der Arzt ganz sachlich.
Und so kam es dann auch. Kaum hatte Sebastian den ersten kleinen Bissen, der ihm vom Arzt in den Mund geschoben worden war hinuntergeschluckt, hob sich fast gleichzeitig der Magen und der Brocken landete mit etwas Flüssigkeit vermischt im Eimer.
„Trink erst mal wieder was“, forderte der Arzt und hielt ihm den Becher mit diesem undefinierbaren Kaffeeersatz hin.
Sebastian griff nach dem Becher, konnte ihn aber nicht halten ohne etwas zu verschütten. Seine Hand zitterte dabei deutlich.
„Da siehst du ja selbst wie schwach du bist. Nicht mal den Becher kannst du ruhig halten“, lautete der Kommentar des Arztes, der Sebastian damit aufzurütteln versuchte.
Schluck für Schluck trank der den Becher dann langsam leer.
„Besser als nichts“, sagte der Arzt. Mit großer Geduld schob er Sebastian immer wieder Bissen für Bissen in den Mund, die der aber ebenso gleichbleibend wieder in den Eimer würgte. In Abständen ging das den ganzen Tag so, auch den zweiten Tag … Sebastian ekelte sich inzwischen vor jedem Bissen.
„Ich weiß, das ist eine Tortur“, bestätigte der Arzt. „Aber andererseits“, sagte er, „andererseits schaffst du’s ja nicht mal alleine zum Pinkeln bis an den Kübel und siehst jetzt auch schlechter aus als noch am ersten Tag …“ „Ich weiß, ich glaub dir’s auch, kann’s aber nicht ändern.“
„Das musst du aber! Wir essen inzwischen dein Brot und dein Mittagessen. Das ist ja ganz schön für uns. So gehts aber nicht weiter.“
Doch es kam dann auch der Tag, an dem er einen allerersten Bissen bei sich behielt. Der Arzt, aber auch alle in der Zelle, die die Torturen um diesen ersten Bissen mitverfolgt hatten, freuten sich als hätten alle persönlich einen Sieg errungen.
„Endlich“, sagte der Arzt mit einem tiefen Seufzer, als Sebastian auch einen zweiten und dritten Happen Brot bei sich behielt. Der erholte sich dann, kam allmählich zu Kräften und erreichte schließlich den Kübel alleine, konnte sich auch selbst wieder waschen, verließ nach Wochen das Lager endgültig und stand eines Tages bei der Morgenzählung, ein wenig blasser und etwas mitgenommen, wie die anderen aufgereiht in der Zelle.
Das Liegen auf den Betten am Tage war den Gefangenen ja strengstens untersagt, doch kein Schließer hatte zu Sebastians Bettlägerigkeit auch nur ein Wort verloren. Stillschweigend hatten sie ihn morgens wie abends im Bett mitgezählt.
Es wurde auch nie klar ob sie wussten, dass Kommandoleiter Wollny durch die Verweigerung einer Zahnbehandlung im Krankenrevier diesen Jungen fast in den Tod geschickt hätte.
Beim ersten Rundgang im Hof bereiteten ihm die drei vorgeschriebenen Kniebeugen noch Schwierigkeiten, aber auch das gab sich bald.
Beim 20-Zeilen-Monatsbrief, zehn Zeilen nach Hause und zehn Zeilen an Christa nach Leipzig durfte er die lebensgefährliche Sache mit dem gezogenen Zahn gar nicht erwähnen, galt das doch als Anstaltsangelegenheit, worüber nichts mitgeteilt werden durfte. Das galt im übrigen auch für die vierteljährliche Sprecherlaubnis. Es gelang Sebastian lediglich etwas von einem abgeheilten Abzeß in den 10 Zeilen an seine Mutter mit unterzubringen. Es wäre, meinte Sebastian, sicher auch nicht gut für die zu Hause, wenn sie wüssten, dass Gesundheit und Leben eines politisch Verurteilten nicht allzuviel wert waren. Wie hatte doch Friedrich Sedlmayr, der Arzt, gesagt? Herzversagen sei immer eine probate Erklärung.
Kapitel 20
Die Sonne beschrieb inzwischen einen steilen Bogen am wolkenlosen Himmel wie es der Zeit Ende Juni entsprach. Es blieb vor allem lange hell und sonnige Tage gab es in diesem Sommer viel mehr, als im Jahr zuvor, dem verregneten Sommer 54. So schön ein heißer Sommer draußen sein mochte, in den überbelegten Zellen stand die aufgeheizte Luft, vor allem direkt unter ’m Flachdach in der obersten Station.
An solchen Tagen frönten die Schließer unter Kommandoleiter Wollny immer wieder mal ausgiebig ihrem Hobby, mit dem Verbot die Fensterklappen in den Zellen zu öffnen und sich dort der Jacken zu entledigen. Dazu schlichen sie vor sich hingrinsend auf den Gängen in unregelmäßigen Abständen von Zellentür zu Zellentür und linsten dort durch die Spione. In Abständen konnte man dann das Krachen von Schlössern und Riegeln durch den Bau dröhnen hören. Mancher wurde erwischt, weil er seine Jacke aufgeknöpft getragen hatte. Andere wieder, weil sie trotz des Verbots das Fenster einen ganz schmalen Spalt offen gehalten hatten. Das hieß dann vierzehn Tage Kellerarrest oder aber auch nur eine eingetragene Verwarnung. Es blieb dann weitestgehend der gerade gültigen Laune des Kommandoleiters überlassen.
Der Raum einer Zelle, vor 100 Jahren für eine, allenfalls und ausnahmsweies zwei Personen konzipiert, erwies sich nun, mit vier beziehungsweise sechs Gefangenen, als völlig überbelegt. Schikanen vor allem an heißen Sommertagen machten dann aus so einer Zelle eine Folterkammer. Der Schweiß lief einem dort aus allen Poren und aus Sauerstoffmangel preßten sie der Reihe nach abwechselnd Mund und Nase gegen die Türspalten, um so Luft vom Gang vor den Türen zu schnappen. Dazu kam bei solchen Witterungsverhältnissen dann noch die vermehrt auftretende Ausdünstung aus den stets übervollen Kübeln.
Eines Tages, gerade mal von den fast Toten wiedererstanden, begann sich, zuerst kaum merklich, sein zuvor untereiterter Gaumen wieder aufzuwölben. Sebastian hatte es zuerst mit der Zunge ertastet. Verdammter Mist! ging es ihm durch den Kopf und vor sich sah er erneutes Ungemach. Schmerzen plagten ihn zwar nicht, doch es war klar, dass sich dort wieder Eiter anzusammeln begann.
Sedlmayr sah sich die Sache an, tastete die werdende Geschwulst am Gaumen ab und schüttelte den Kopf. „Die hätten dir gleich Penizillin geben müssen. Das muss jedenfalls raus“, sagte er. „Du musst dich wieder melden, die werden das aufmachen.“
„Mann oh Mann, wie lange soll denn das noch so weitergehen?“, maulte Sebastian.
„Die müssen dir Penizillin spritzen“, warf der Arzt ein.
„Da kann man nur lachen“, winkte Sebastian ab. „Penizillin für’n Staatsfeind“, und er schüttelte den Kopf.
„Also aufschneiden werden sie’s auf alle Fälle“, sagte der Arzt.
„Na gut, aber die können mir doch nicht wieder so’ ne Betäubungsspritze verpassen.“
„Nee, das natürlich nicht.“ Der Arzt schüttelte den Kopf.
„Dann schneiden die einfach so drauflos?“
Sedlmayr zuckte mit den Schultern. „Weiß ich nicht“, sagte er, „wahrscheinlich …“
Nach seiner Meldung am nächsten Tag, brachte man Sebastian noch am selben Tag ins Revier und dort auch ohne Aufenthalt im Kellerflur direkt zum Zahnarzt, demselben, der ihn kürzlich fast umgebracht hatte. Im Behandlungsstuhl konnte er sichs nicht verkneifen, ihn an dessen fast verhängnisvollen Fehler zu erinnern. „Also die Spritze letztlich, du erinnerst dich, die Spritze in den vereiterten Kiefer … Ich wäre fast draufgegangen.“
Dem alten Zahnarzt schien das immerhin peinlich zu sein, aber er überging die Bemerkung. „Wir müssen schneiden“, sagte er ganz sachlich zum Sanitätswachtmeister, nachdem er den Gaumen abgetastet hatte.
Sebastian machte sich auf Schlimmstes gefasst.
„Vereisen?“, fragte der Sanitäter.
Der Zahnarzt nickte, griff nach einer kleineren Flasche und sprühte zischend etwas gegen die Geschwulst.
„Tut ja verdammt weh“, sagte Sebastian noch. Doch dann kam der Schnitt mit dem Skalpell, dabei schossen ihm Tränen in die Augen. Vor allem aber, als der Zahnarzt mit der Pinzette und einem Gazetupfer auch noch den Eiter aus der Wunde wischte verspürte er einen rasenden Schmerz. Und das wars dann auch.
Er fühlte sich auf dem Weg zurück über den Hof noch immer leicht benommen.
„Ich bin vor Schmerzen fast in Ohnmacht gefallen“, erzählte er in der Zelle, als Sedlmayr sich die große Schnittwunde an Sebastians Gaumen ansah.
„Kann ich mir denken“, sagte der Boxer und auch Siegfried wollte den Schnitt im Gaumen dann ebenfalls in Augenschein nehmen.
„Sieht schlimm aus“, war die einhellige Meinung.
„Ich krieg ja fast ’ne Maulsperre“, protestierte Sebastian endlich.
„Ob das mal ausreicht, dieser Schnitt da …“, gab der Arzt zu bedenken.
„Wie meinst du das, warum soll das nicht ausreichen?“, fragte Sebastian verunsichert.
„Na ja, es könnte sich erneut Eiter bilden.“
„Und was kann man dagegen tun?“
„Eigentlich nichts …“
„Kann das auch von alleine weggehen?“
„Vielleicht. Wahrscheinlicher aber nicht.“
„Und wenn nicht?“
„Tja, dann frißt der Eiter sich womöglich durch den Knochen der Kieferhöhle.
Von dort könnte er auch in die Augenhöhle geraten und schließlich auf den Sehnerv treffen …“
„Hör auf damit!“, protestierte Sebastian. „Wenn das alles einträfe, wäre ich letzlich zahnlos und blind.“
Der Arzt lachte. „Aber Penizillin“, sagte er dann, „das wäre schon wichtig.“
„Na, das sind ja schöne Aussichten“, bedankte Sebastian sich.
Der Schnitt im Gaumen heilte bereits nach wenigen Tagen, doch zehn Tage später traf prompt ein, was der Arzt als Befürchtung geäußert hatte: Der Gaumen quoll erneut auf. Auch diesmal hielten akute Schmerzen sich in Grenzen.
Sebastian meldete sich erneut zum Zahnarzt. Und die Schließer wussten inzwischen Bescheid. Im Behandlungsraum tauchte diesesmal ein Arzt auf, der, wie Sebastian bemerkte, unter dem weißen Kittel eine Offiziersuniform trug. Offensichtlich hatte der die Genehmigung zu erteilen Penizillin zu verabreichen oder auch nicht.
Sebastian sah dann nur, dass der Zahnarzt eine Spritze aufzog und spürte wie er mit der Nadel Stich für Stich rund um die Geschwulst setzte.
„War das Penizillin“, fragte er danach.
Der Zahnarzt nickte.
Wieder in der Zelle berichtete Sebastian Friedrich Sedlmayr, dem Arzt, von der Penizillingabe. „Ein Offizier war dabei“, erzählte er. „Ich konnte die Uniform unter’m weißen Kittel erkennen. Der musste wohl das Penizillin erst genehmigen.“
„Das ist stark anzunehmen“, bestätigte Sedlmayr. „Penizillin wird ja auch draußen nicht beliebig verordnet.“
„Dann ist’s ja doch erstaunlich, erklärte Sebastian, „dass die einen westlichen Agenten, einen Feind des Volkes, bei der Verordnung berücksichtigt haben.“
„Das musst du gar nicht so ironisch sagen“, ließ der Arzt sich vernehmen. „Penizillin im Knast und dann noch für einen Artikel 6er, das ist nicht so selbstverständlich … vielleicht, weil du noch so jung bist?“ Sedlmayr zuckte dazu mit den Schultern. „Ich weiß nur“, sagte er, „dass mit dem Zeug ganz allgemein ziemlich gegeizt wird, auch draußen.“
„Wir leben doch im humanen Strafvollzug“, witzelte der Boxer. „Das sagen die jedenfalls immer“, setzte er mit gespielt naiver Miene hinzu.
Sebastian saß inzwischen wieder auf einem Hocker und starrte mit den Händen auf den Knien vor sich auf den Boden. Dann blickte er zum Arzt hoch, der gegen einen Bettpfosten gelehnt stand. „Meinst du“, fragte er ihn, „dass das noch mal wiederkommen kann?“ Dazu wies er mit dem Zeigefinger auf die rechte Wange. „Ich meine das mit dem Eiter.“
„Penizillin ist schon richtig“, antwortete der Arzt. „Der Abzeß wird erst mal verschwinden. Doch der Herd, der könnte sich verkapseln, entwickelt sich weiter und könnte die Kieferhöhle angreifen.“
„Das wäre sicher schlimm …?“, fragte Sebastian.
Der Arzt nickte bestätigend. „Und ob“, sagte er, „das kann aber auch erst in zwanzig, dreißig Jahren so weit sein. Wenn du wieder draußen bist, dann lass das mal überprüfen.“
„Na ja, ein Weilchen dauerts ja noch … Aber wenn’s schneller geht und noch hier im Knast?“
„Das müsste dann operiert werden.“
„Operieren im Knast?“
Der Arzt schüttelte den Kopf. „Im Haftkrankenhaus“, sagte er.
„Und wenn dann nichts passiert, also wenn die wieder mal nicht reagieren?“ Sebastian sah dazu den Arzt an .
Der hob die Schultern, stieß sich vom Bettpfosten ab und breitete die Hände aus. „Was soll ich dazu sagen? Ich bin ja auch bloß ’n Knastrologe wie alle hier.“
„Aber wenn was passieren sollte und dann wieder nichts geschieht, könnte das lebensgefährlich sein?“
„Eine komische Frage“, sagte der Arzt, „aber möglich ist natürlich alles. Doch so eine Operation ist auch keine Lappalie.“
Vom Abzeß bemerkte Sebastian bald nichts mehr. Lediglich mit der Zunge erspürte er noch eine lange wulstige Narbe am Gaumen.
Wochen vergingen in dauernder Wiederholung eines ständigen Einerleis. Büchertausch gabs auch nur noch monatlich. Sebastian hatte sich mit dem älteren Bücherkalfaktor etwas angefreundet, das heißt, dem tat der junge Kerl wahrscheinlich leid, der offensichtlich in geistiger Notlage sich stets recht intellektuelle Bücher bei ihm bestellte.
Sebastian hatte dann auch mit ihm abgesprochen, dass der ihm die deutchen Klassiker bei jedem Büchertausch nacheinander in die Zelle geben würde. Dabei hatte Sebastian dann auch die Erfahrung machen können, dass etwa Goethe ein Schutz gegen depressive Stimmungen sein konnte, aber auch Herder und etwas weniger vielleicht Schiller, wie er meinte.
Eines Tages wurde Sedlmayr überraschend aus der Zelle geholt. Vielleicht zusätzliche Post von zu Hause, rätselte man unter den Zurückgebliebenen. So was gab’s manchmal. Und wenn so ein Brief sehr Wichtiges für den Gefangenen enthielt, dann konnte es, wenn sicherlich auch äußerst selten geschehen, dass der Kommandoleiter diesen Brief oder auch nur einen Ausschnitt daraus, dem Gefangenen in seinem Büro vorlas.
Doch das traf nun bei Sedlmayr nicht zu, denn als er wieder in die Zelle zurückgebracht worden war berichtete er, dass er schon am nächsten Tag als Arzt in ein Haftkrankenhaus verlegt werden würde. Er wisse nur noch nicht in welches. „Ich habe damit noch gar nicht gerechnet“, sagte er.
„Das ist doch nicht verwunderlich“, äußerte der Boxer sich zu dieser Überraschung. „Es ist schließlich klar, dass Ärzte gerade unter den Verhältnissen hier, also in den Gefängnissen, Zuchthäusern und Arbeitslagern … immer gebraucht werden. Wir alle hier“, fuhr er mit einer umfassenden Handbewegung fort, „zählen doch, jeder einzelne, zu einem Arbeitskräftereservoir der DDR, das beim Einsatz den Staat fast nichts kostet. Und Ärzte braucht es dann natürlich, um die Arbeitskraft des Einzelnen möglichst zu erhalten oder wieder herzustellen.“
„Wie dem auch sei und wozu du als Arzt auch eingesetzt wirst“, wandte Sebastian sich an Sedlmayr, „eines ist doch klar: Als Arzt gehörst du, auch als Gefangener, in eine andere Kategorie. Hier bist du jetzt bloß Strafgefangener. Dort aber wirst du eine Einzelzelle kriegen, einen weißen Kittel und eine ganz andere Verpflegung. Dazu kann man nur gratulieren.“
Und so verließ der Arzt Friedrich Sedlmayr die Zelle mit seinem Bündel an einem Tag mit blauem Himmel und Sonne, die selbst die sonst düsteren Zellenschächte freundlicher wirken ließ.
Sebastian und die anderen blieben teils traurig, teils ein wenig neidisch zurück.
Der Friedrich Sedlmayr sei für ihn ein Glücksfall gewesen, erklärte Sebastian ein bisschen nachdenklich, nachdem der Arzt die Zelle verlassen hatte. „Wenn der sich nicht tagelang mit großer Geduld um mich gekümmert hätte“, fuhr er fort, „wäre ich in meiner mehr als nur desolaten Verfassung womöglich draufgegangen.“ Es hatte dann ja immer noch gut drei Wochen gebraucht, bis er halbwegs wieder auf eigenen Beinen hatte stehen können.
„Eine simple Erkältung, eine Lungenentzündung etwa, hätten ausgereicht“, sagte er, „mir das Licht für immer auszublasen.“ Das habe natürlich auch Sedlmayr gewusst, der ihn ohne Pause zum Essen förmlich gequält hatte.
Sebastians Mutter schrieb ihm eines Tages in einem der Monatsbriefe, dass die Bauunion einen Einzelvertrag mit seinem Vater geschlossen habe und dass sein jüngerer Bruder auf Grund des Vertrages nun auch Abitur machen dürfe.
Da Sebastian sich darunter nicht wirklich etwas Konkretes vorstellen konnte erkundigte er sich während des Antretens zur Freistunde bei Gefangenen aus der Nebenzelle, von denen er wusste, dass sie erst kürzlich verurteilt worden waren und von einem, ein Diplomingenieur, von dem zumindest anzunehmen war, dass er über solche Verträge, von denen seine Mutter ihm geschrieben hatte, Bescheid wissen konnte, erfuhr er dann auch, dass es diese Einzelverträge mit einem Betrieb wirklich gab, statt der normalen Kollektivverträge mit allen anderen Arbeitern und Angestellten. Sonderverträge also, die deshalb auch „Intelligenzverträge“, hießen und mit einigen Vorrechten ausgestattet waren, vor allem hinsichtlich der Versorgung mit Mangelwaren. Dahinter stände die Absicht, sagte man ihm, Ingenieure und Wissenschaftler in der DDR zu halten. Eine „Notmaßnahme“. Zu viele davon seien bereits in den Westen getürmt.
Bei einer vierteljährlichen Sprecherlaubnis, also dem halbstündigen Besuch seiner Mutter, erfuhr er schließlich, dass so ein Einzel- oder Intelligenzvertrag auch mit einer Garantie ausgestattet sei, dass nämlich Kinder dieser Intelligenzler, die bis dahin ja großenteils der bürgerlichen Klasse zugerechnet worden waren und damit eigentlich dem Klassenfeind nahestanden, nun bei entsprechender Leistung weiterführende Schulen besuchen und auch studieren durften.
Die Not des Staates DDR, dem die besten Leute wegliefen habe in diesem Fall die ihm innewohnende Willkür ein wenig eingrenzen müssen, nur würde das den Freund auch nicht mehr retten überlegte Sebastian dort am Tisch seiner Mutter gegenüber.
„Dein Bruder“, hörte er seine Mutter wieder, gemeint war der jüngste, „wird das nun wahrnehmen können.“
„Na toll, da kommt so was für den ja gerade zum richtigen Zeitpunkt … Alles weitere wird sich später finden. Für mich gab’s damals ja noch keinen Platz, aber das ist nun auch egal. Ich habe diese prekäre Schule hier erst mal zu absolvieren.“ Dazu schielte er zum Wachposten am selben Tisch, der aber wohl mit dem Begriff des Prekären nichts anzufangen wusste und so diesen Satz unbeanstandet hatte durchgehen lassen.
Kapitel 21
Martin Schüler, der Boxer, erteilte, zum Spaß der anderen in der Zelle, Sebastian Boxunterricht in der Enge zwischen den Betten. Beide umwickelten sich dazu ihre Fäuste mit Handtüchern. Zumeist krachte Sebastian, nach einem mehr oder weniger kurzen Schlagabtausch, in eines der unteren Betten. Nach einigen Tagen emsigen Trainings passierte das einmal sogar dem Bezirksmeister im Mittelgewicht, zur Freude Sebastians und unter dem Beifall der Zellenbelegung.
Dann geschah es immer öfter, dass Martin Schüler irgendwie lustlos dieses Boxtraining ausfallen ließ. Diese Lustlosigkeit steigerte sich. Und wenn er sich doch wieder mal auf so einen Boxkampf einließ hatte Sebastian natürlich nach wie vor keine wirklichen Chancen, dennoch fiel allen Martin Schülers Kurzatmigkeit auf. Auch erschien er blass und schwitzte leicht, dazu kam Appetitlosigkeit und so verlor er schließlich an Gewicht. Allmählich wurde sein Gesicht schmal …
In der Zelle war man sich einig: „Du musst dich zum Arzt melden. Da stimmt doch mit dir was nicht.“
Aber Martin Schüler sperrte sich: „Ich bin doch nicht krank, das kann gar nicht sein.“
„Du denkst wohl als guter Boxer bist du für immer gegen alles immun?“, fragte Sebastian.
„Unsinn“, wehrte Martin Schüler ab.
„Aber du merkst es doch selbst, du hast ganz schön abgenommen und nicht bloß, weil der miese Fraß hier nicht schmeckt.“
Da mischte sich dann auch der Neue, der Nachfolger Sedlmayrs, ein Diplomingenieur für Maschinenbau, ein: „Du schwitzt doch vor allem auch nachts stark und das kann ja nun nichts mit sommerlicher Hitze zu tun haben. Draußen ists nämlich immer noch ziemlich kühl. Niemand von uns hier schwitzt so“, sagte er mit einer ausholenden Handbewegung, „aber Nachtschweiß wie bei dir“, sagte er kopfschüttelnd, „, das ist nicht normal und könnte auf TBC schließen lassen.
Du solltest dich wirklich mal zum Revier melden und zwar bald.“ Dem stimmten auch die anderen in der Zelle zu.
Endlich gab dann auch der einstige Bezirksmeister im Mittelgewicht diesem Drängen nach. Die Vorstellung von einer Tuberkulose schreckte ihn letztlich doch auf, sodass er sich vor einer möglichen Gewißheit nicht mehr reinen Gewissens zu drücken vermochte.
Am nächsten Tag meldete er sich gleich am Morgen ins Revier und wurde dann am Nachmittag mit einigen anderen Gefangenen über den Hof geführt. Im Kellerflur des Krankenreviers musste er wie üblich warten und bangte innerlich vor einer möglichen Wahrheit, die ihn, einen Sportler, tief treffen musste: TBC!
Schlicht die Motten … Nach seiner Rückkehr in die Zelle berichtete er, der Arzt dort hätte ihm den Rücken abgeklopft, abgehört, was von TBC gemurmelt und auf eine direkte Frage erklärt, es handele sich um einen Verdacht, der erst noch mit Röntgenaufnahmen abgeklärt werden müsse. „Das solle, so weit ich das mitgekriegt habe“, sagte Manfred Schüler, „hier in Cottbus in irgend einer Poliklinik geschehen. Ich kann das noch gar nicht glauben“, und er schüttelte nachdenklich den Kopf. „Dabei habe ich nie geraucht …“ Als die aus der Nebenzelle beim Antreten zur Freistunde auf dem Gang vor den Zellentüren hörten, dass der Boxer wahrscheinlich die Motten habe, wunderten sie sich nicht. Drei Zellen weiter habe das ja auch schon einer, erzählten sie. Und aus einer Zelle gegenüber sei vor vierzehn Tagen einer mit offener TB ins Haftkrankenhaus nach Waldheim auf ’ne Mottenstation verlegt worden. Die kriegten dort massenhaft Butter zu essen ging das Gerücht. Das solle in den Lungen die offenen Kavernen verkalken helfen.
Schade, dass der Sedlmayr nicht mehr da ist, dachte Sebastian, der hätte dazu was Genaueres sagen können, ob das mit der Butter und dem Verkalken noch stimmt oder ob nicht gerade auch Penizillin gegen einen Mottenbefall besser hilft?
Martin Schüler blieb mit seiner offenen TBC, wie sich’s beim Röntgen herausgestellt hatte, noch drei Wochen auf der Zelle und alle konnten beobachten wie er von Tag zu Tag immer irgendwie durchsichtiger erschien.
„Eine große Sauerei“, meinte der Boxer selbst. „Ich hätte gleich in Quarantäne gehört …“ „Da hast du Recht“, stimmte Sebastian zu. „Das wäre genau richtig gewesen, vor allem für dich.“
„Das stimmt“, warf der Diplomingenieur ein, „aber durchaus auch für uns hier in der Zelle. Offene Lungentuberkulose ist, wie allgemein bekannt, höchst ansteckend. Und bei dem gehaltlosen Schlangenfraß hier sind wir alle gesundheitlich bereits angeschlagen, davon müssen wir ausgehen.“
„Ganz meine Meinung“, erklärte der tuberkulosekranke Boxer. „Ich dachte jeden Tag die würden mich holen und jetzt sind schon drei Wochen vergangen.“
„Wer weiß denn, was die sich so denken?“, ließ wieder mal Siegfried sich hören.
„Nichts!“, reagierte Sebastian. „Die denken nichts und warten wahrscheinlich, bis sie einen Mottensammeltransport nach Waldheim zusammen haben.“
Eines Tages holten sie ihn, Martin Schüler, den verurteilten Totschläger und TBC-kranken Boxer. Der Stationskalfaktor hämmerte mit ein paar Faustschlägen gegen die Zellentür: „Schüler, Sachen packen! Auf Transport.“
„Ist gut, hab’s gehört“, antwortete der. „Meine Reise auf die Mottenstation ins Haftkrankenhaus“, wandte er sich an seine Zellengenossen und fing dann etwas fahrig und unkonzentriert an, seine Sachen zusammenzusuchen und auf der ranzigen Decke zu deponieren.
Die andern sahen ihm dabei schweigend zu.
„Im Krankenhaus, da wirste wohl erst mal viel im Bett liegen müssen“, durchbrach Siegfried das Schweigen. „Da kannste dich sicher an Butter satt fressen“, fügte er hinzu und lachte kurz.
„Ich denke da eher an Penizillin“, gab Sebastian zu bedenken. „Ich kannte da mal einen bei uns zu Hause“, fuhr er fort, „da hats Wunder gewirkt und bestimmt auch bei dir“, wandte er sich an den Boxer. „Und außerdem hast du die Motten doch noch gar nicht so sehr lange …“
„Ach, was weiß ich?“, reagierte der mit skeptischer Miene.
„Quatsch! Du bist doch hier nicht der Einzige. Manche haben Wasser, andere auch TBC und Hungerödeme hatten wir hier fast alle schon mal … Ich selbst war, du hast’s ja miterlebt, auch schon fast am Ende. Und was hat mich gerettet, außer Sedlmayr natürlich?“, fragte er und sah dazu Martin Schüler an. „Na Penizillin!“, sagte er. „Ja, Penizillin und das wird bei dir ebenso wirken und du wirst es auch kriegen, denn die verzichten nicht auf dich, nämlich deine Arbeitskraft …“
Draußen auf dem Gang näherten sich Schritte und krachend sprang dann die Tür auf.
„Strafgefangener Schüler …“
„Ja hier. Der Boxer hob kurz den Arm.
„Kommen Sie! Nehmen Sie Ihre Sachen“, sagte der Schließer und wartete schlüsselschwenkend auf dem Gang vor der Tür. „Na los, los, machen se hin!“
Martin Schüler griff nach seinem Bündel auf dem Bett und trat hinaus auf den Gang.
„Mach’s gut!“, verabschiedeten ihn die Zellengenossen. Man würde sich ja nie wiedersehen, aber daran wollte niemand denken.
„Hau anständig in die Butter rein“, rief Siegfried ihm nach, „und denk dabei an uns.“
„Denk dran, das mit den Motten wird wieder …“: rief auch Sebastian dem Boxer noch hinterher, bevor die Tür wieder krachend ins Schloss fiel.
„Ist schon eine Sauerei“, ließ der Ingenieur sich nach einiger Zeit vernehmen.
„Wissen wir denn, wer von uns sich in der ganzen Zeit hier inzwischen angesteckt hat? Sehr widerstandsfähig sind wir ja alle nicht mehr in diesem Verlies und bei dem Fraß hier: Verkochte Spinatwassersuppe im Sommer, verkochte Weißkohlwassersuppe im Winter …“
„Richtig“, bestätigte Sebastian. „Niemand hier hat über die Jahre auch nur ein Stück Gemüse, vielleicht ’ne Zwiebel oder Obst je zu sehen bekommen.“
„Und dazu das ständige Rumsitzen auf den Hockern hier“, ergänzte wieder der Ingenieur die krankmachende Situation in diesem Käfig.
Kapitel 22
Wochen waren vergangen, Tage dahingegangen … Draußen glühte noch einmal der Spätsommer in den Hundstagen mit blauem Himmel, in dem unmerklich langsam weiße Wolkenhaufen wie Wattebäusche trieben. Eine Welt dort draußen, die durch die vergitterte Fensterklappe gesehen, sonnenbeschienen aus Farben, Licht und Schatten bestand. Sonnenlicht, das die Welt plastisch machte und dazu Vogelsang, der selbst in den Zellen zu hören war, wenn einer nahe genug ans spaltoffene Fenster trat. Auch konnte man dort, wenn die laue Luft leicht an den Gittern entlangstrich, den Sommer riechen, den ganz feinen Staub in der erhitzten Luft.
In der Zelle jedoch stand, sobald einer sich vom Fenster abwandte, wie eh und je der säuerliche Geruch nach altem Schweiß, Urin und Chlor, der vor allem bei warmem Wetter von den speckigen Decken und dem Kübel in der Ecke ausging.
Sebastian drehte sich vom Fenster weg und sah die anderen auf ihren Schemeln vor sich hindösen. Er war in den letzten Wochen bereits dreimal verlegt worden.
Dreimal hieß es: „Sebaldt, Sachen packen!“ Immer wieder musste er seine Habseligkeiten zusammengerafft in die Decke wickeln. Was die Aufforderung „Sachen packen!“, jeweils heißen konnte, wusste niemand. Es hätte auch die Verlegung in eine andere Anstalt bedeuten können wie zum Beispiel ins „Gelbe Elend“, nach Bautzen oder den „Roten Ochsen“, nach Halle …
Doch schon die Verlegung an sich, lediglich in eine andere Zelle, bedeutete immer auch herausgerissen und entfremdet zu werden. Aus welchen Menschen die Belegung einer Zelle sich auch immer zusammensetzen mochte, die Gefangenen dort mussten sich aneinander gewöhnen, sich einleben, stets wieder von vorn in jeder neuen Zelle. Es verhielt sich beileibe auch nicht so, dass sich einem alle Leidensgenossen dort als in Sympathie ans Herz gewachsen erwiesen, genauso umgekehrt. Außerdem galt es auch immer von neuem zu prüfen und vor allem ohne in Verfolgungswahn zu verfallen, ob dort nicht vielleicht ein Spitzel lauerte und ob man ihn nicht auch gerade deshalb so oft verlegte, um ihn zu irritieren, zu verwirren …
Inzwischen war ja auch etwas geschehen, das ihm Misstrauen nahelegte. Am Nachmittag eines trüben Sommertags hatte der krachende Aufschluss der eigenen Zellentüre die vor sich hindösende Belegschaft aus ihrer Ruhe geschreckt.
„Strafgefangener Sebaldt?“, fragte der in der Tür stehende Schließer.
„Ja, hier.“, antwortete Sebastian erstaunt und leicht verstört. Was sollte das jetzt?
Keine Verlegung … doch was sonst?
„Kommen Sie“, sagte der Schließer und trat aus der Tür auf den Gang hinaus.
Als Sebastian sich seine Holzschuhe anziehen wollte winkte der ab. „Lassen Sie die Schuhe.“
Und so folgte Sebastian in Schlappen der Aufforderung. Also aus dem Haus ging’s nicht, aber nach unten stellte er auf der Treppe fest … zum Kommandoleiter? Auch nicht. Vor einer Zellentür im ersten Stock blieb der Schließer stehen, schloss auf und trat zur Seite.
Sebastian betrat die Zelle und dann saß dort an einem Tisch der Einseifer aus der Friseurzelle, der ihn immer so peinlich bemitleidet hatte. Was sollte das Ganze? Der Wachtmeister sperrte hinter ihm zwar die Türe, schloss sie aber nicht ab.
Der Einseifer grinste und bot ihm einen Platz auf einem richtigen Stuhl am Tisch an. Er amüsierte sich über Sebastians Verblüffung. „Da staunste, was?“
Sebastian staunte tatsächlich. Wer war denn dieser Einseifer, dass er so was durfte? Selbst der Spion war von innen verklebt, wie Sebastian mit einem Blick feststellte. Also ein Schließer, das heißt ein Wachtmeister, hatte hier keinen Zutritt und Einblick. Ist ja ein tolles Ding, gings ihm durch den Kopf.
Der Einseifer bot ihm eine Zigarette an. Sebastian nahm sie und der Einseifer gab ihm mit einem Streichholz Feuer.
Und dann ging auch das bedauernde Lamento, das Sebastian schon in der Friseurzelle so unangenehm berührt hatte, wieder los: „Mensch, das ist doch scheußlich. So jung und schon so viele Jahre“, bedauerte der ihn wiederum auf diese peinliche Weise, indem er die Familie von draußen ins Spiel brachte und die jüngeren Geschwister, die er nach zehn Jahren kaum noch wiedererkennen würde und ähnlichen Schmus und Stuss, bis er endlich das Eigentliche zur Sprache brachte, auf das Sebastian bereits neugierig gewartet hatte. Man könne diese lange Zeit natürlich auch abkürzen, ließ er dann schließlich verheißungsvoll verlauten, um nach einer kalkulierten Pause fortzufahren, „wenn einer nur die Ohren offen hält …“
Also doch bloß der übliche primitive Spitzelquatsch, schoß es Sebastian durch den Kopf, aber andererseit auch hoch interessant. Warum gerade er? Er entschloss sich abzuwarten, neugierig auf das was noch kommen würde.
„Wir brauchen hier zuverlässige Leute, die uns helfen können. Wir treffen uns immer unauffällig zu unregelmäßigen Zeiten, sprechen uns ab, manchmal auch mit Koch … Dem hat übrigens nur der Anstaltsleiter was zu sagen“, betonte der Einseifer, „sonst niemand. Die Schließer haben dabei überhaupt nichts zu melden, auch nichts zu fragen. Wenn du mitmachst, kannst du dich übrigens jederzeit zu mir melden oder zu jemand anderem von uns, natürlich unauffällig.
Da hat auch Kommandoleiter Wollny nicht mitzureden. Du siehst ja, ich habe den Spion von innen verklebt. Das machen wir immer so. Die Schließer haben draußen zu bleiben, das wissen die auch. Zur Zeit, ich will das nur mal erwähnen, machen die Zeugen Jehovas uns zu schaffen. Die bekommen immer wieder ihren „Wachturm“, in die Anstalt geschmuggelt. Wir wissen nicht wie der hier reinkommt. Wenn du mitmachst“, fuhr der Einseifer fort, zog noch mal an seinem Zigarettenstummel und drückte ihn dann in einem Aschenbecher aus, „dann müsstest du hin und wieder auch mal verlegt werden, in Zellen, in denen wir dich brauchen würden.“
„Ich werde ja auch so dauernd verlegt“, entgegnete Sebastian und ermutigte mit diesem halben Einverständnis den Einseifer zu weiteren Einlassungen, hörte sich das alles, hin und wieder mit dem Kopf nickend, aufmerksam an. In diesem seinem Kopf formte sich indessen ein Plan mit der sich daraus ergebenden Möglichkeit auf diesem Wege Spitzel im Zellenbau entlarven zu können. Man sollte zu Kochs Spitzelspinnennetz eine Gegenorganisation bilden, mit Verabredungen und Absprachen zwischen den Beteiligten, zum Beispiel bei den Gottesdiensten in Haus 3. Rasches Reagieren war jetzt von Sebastian gefordert. Wie sollte er sich verhalten? Offensichtlich gab es im ganzen Knast eine geführte Spitzelorganisation mit diesem Koch an der Spitze, von dem er schon gehört hatte, einem Oberstleutnant der Staatssicherheit wie es hieß, und zu 12 Jahren verurteilt. Weshalb? Dazu gabs verschiedene Geschichten. Koch war jedenfalls eine Realität. Was er gewesen war und weshalb er in Cottbus saß und hier das Spitzelnetz befehligte spielte bei Sebastians Überlegungen momentan keine Rolle. Es ging ihm im wesentlichen darum Spitzel zu entlarven und damit unschädlich zu machen. Hierzu bot sich ihm, meinte er, mit dem Anwerbeversuch des Einseifers eine Möglichkeit …
Offensichtlich hielt dieser ihn für jung und unbedarft und so entschloss Sebastian sich einen Versuch zu wagen. Er sah schließlich den Einseifer an und erklärte spontan sein Einverständnis: „Ja“, sagte er, „ich würde mitmachen. Und ich denke ich könnte noch andere dafür gewinnen.“
Der Einseifer nickte erfreut. „Darüber könnte man noch reden. Du wirst zunächst aber zu einem Treffen geholt werden“, erklärte er. „Wahrscheinlich ist dann auch Koch dabei“, fügte er noch hinzu.
„Ja prima“, sagte Sebastian gespielt aufgeräumt, „vielleicht kann ich dann auch schon von einem oder einigen anderen Angeworbenen berichten?“
Der Einseifer setzte ein bedenkliches Gesicht auf und wiegte den Kopf. „Das lass’ besser noch“, sagte er. „Das hat später Zeit.“
Wieder in seiner Zelle erzählte er dann, er sei zum ‚Zwerghähnchen‘ nach unten zitiert worden, Dort habe dieser Wollny ihm einen Vortrag gehalten. Er solle seinen Eltern demnächst mitteilen, dass doch schon lange keine Päckchen mehr geschickt werden dürften. Man hätte das jetzt wieder zurückschicken müssen. „Na, ihr kennt den ja, der hört sich eben gerne reden. Aber wieso meine Mutter mir ein Päckchen geschickt haben soll, das verstehe auch ich nicht“, log er der Zellenbesatzung vor.
Klar war, eine solche Geschichte konnte man nicht jedem erzählen. Und dann wollte er auch erstmal so ein Spitzeltreffen abwarten, zu dem er ja geholt werden sollte. Irgendwie seltsam kam ihm das schon vor, dass man gerade ihm eine Spitzeltätigkeit angeboten hatte. Ob dieser Koch davon wusste? fragte Sebastian sich, also ausgerechnet ihn? Nur weil er jung war? Nee, das mit Koch konnte er sich so nicht vorstellen. Dieser Einseifer könnte da wohl von sich aus gehandelt haben. So kreisten Überlegungen in seinem Schädel rechts-und linksherum, hin und her … Eine wirkliche Gefahr konnte er für sich dabei momentan nicht erkennen. Abwarten und sehen was kommt, sagte er sich.
Eine Lösung stellte sich schließlich ganz schnell ein. In der Nebenzelle gab es einen, dem er glaubte zutrauen zu können, dass er einer zu gründenden Organisation gewissermaßen gegen Koch beitreten würde.
Dem erklärte er auf dem Weg zur Freistunde im schützenden Getrampel der vielen Holzschuhe auf dem Bretterboden der Galerie und den Steintreppen in kurzen Worten die ganze Geschichte mit dem Einseifer und der Chance, die sich daraus für die Gründung einer Antispitzelorganisation ergeben könnte. Der Angesprochene stimmte dem sogleich zu. Es handelte sich dabei allerdings um einen ehemaligen Unterleutnant der DDR-Marine. Doch ehemalige DDR-Armisten gab es ja eine ganze Menge im Zellenbau und auch auf Station vier, mit nicht geringen Strafen. Nicht gleich also ein Grund in Misstrauen zu verfallen. Sebastian jedenfalls wartete auf die vom Einseifer angekündigte Einladung, doch nichts rührte sich, niemand meldete sich, kein Schließer kam ihn holen … Was war los? War das vom Einseifer nur ein doofer Scherz gewesen? Bloß solche Scherze gab es nicht, undenkbar in einem DDR-Zuchthaus.
Die Angelegenheit klärte sich für Sebastian beim nächsten Rasiertermin auf. Als er zusammen mit der Belegschaft seiner Zelle den Friseurraum betrat prallte er an der Tür fast zurück. Der Friseur selbst war zwar derselbe geblieben, den Einseifer aber kannte er nicht. Nach kurzer Verblüffung stieg ein Verdacht in ihm auf … der ehemalige Unterleutnant? Der Einseifer abgelöst und ein neuer eingestellt? Hatte der seinen Anwerbeversuch doch nicht mit Koch abgestimmt gehabt und auf eigene Faust gehandelt?
„Was ist denn mit dem vorigen Einseifer, warum gibt’s den nicht mehr?“, fragte Sebastian den Friseur beim Rasieren.
„Ist verlegt worden“, sagte der.
„So schnell?“
„Von einem Tag auf den andern“, bestätigte der Friseur.
Zu 99 Prozent ist der Unterleutnant aus der Nebenzelle ein Spitzel, ging es Sebastian durch den Kopf. Der hat die Geschichte dem Koch gemeldet. Aber immerhin hat sich einer der Schweinehunde nun selbst entlarvt. Wenigstens was.
Die Warnung vor dem muss durch die Zellen gehen. Und der Einseifer scheint zumindest hier außer Gefecht gesetzt, also noch einer … Nun weiß der Koch allerdings was ich vor hatte. Vielleicht von vornherein ein totgeborenes Kind das Ganze? Nicht gut, sagte er sich, jetzt stehe ich in seinem Visier.
Einige Wochen waren vergangen, da wurde Sebastian wieder einmal verlegt und zu seiner Verwunderung fand er sich allein in einer Zelle mit vier leeren Betten wieder. Als dann noch ein junger Bursche, wenig älter als er taxierte Sebastian, mit seinem Bündel die Zelle betreten hatte und sich mit seinem Namen: „Ich heiße Manfred“, vorstellte, erwartete Sebastian noch weiteren Zuwachs, der aber ausblieb.
Sebastian wunderte sich, dass dieser Manfred seinem ganzen Verhalten nach offenbar niemanden mehr zu erwarten schien und das bei den sonst überall vollbelegten Zellen.
„Meinst du nicht, wir kriegen noch welche in die Zelle?“
„Nee“, antwortete Manfred und wandte sich vom Fenster ab, durch das er hinaus in die spätsommerliche Welt geblickt hatte, „nur wir beide.“
„Aber wo gibt’s denn so was?“, fragte Sebastian misstrauisch. „Eine Zelle für nur zwei Mann …“
„Ich hab’s unten vor dem Kommandoleiterzimmer gehört. Da haben die so was gesagt.“
„Wovon haben die was gesagt? Von einer Zweimannzelle?“
„Ja, genau das.“
Kommandoleiterzimmer … überlegte Sebastian, eine Station darunter lag doch die Zelle in die der Einseifer ihn damals holen ließ. „Aber warum nur wir beide“, fragte er, „wenn die anderen Zellen voll sind?“
Manfred, der auf und ab ging, blieb stehen und hob die Schultern. „Was weiß ich“, sagte er. „Ist doch aber nicht schlecht so ’n bisschen mehr Platz zu haben.“
„Darum gehts nicht“, winkte Sebastian ab. „Die haben irgend was vor. „Und weißt du“, fragte er, „warum die dich ausgerechnet hier reingesteckt haben?“
„Keine Ahnung“, antwortete Manfred und schüttelte den Kopf.
Bei der Freistunde wunderten sich die aus den Nebenzellen über diese Zweimannbelegung.
Besonders misstrauisch gab sich „Bombe“, aus der direkten Nebenzelle. Ein westdeutscher Mitdreißiger, der sich freiwillig Glatze verordnet hatte und deshalb auch „Bombe“, genannt wurde.
„Ist hier drinnen praktischer“, begründete er seinen Entschluss zur Glatze „Pass auf“, sagte er beim Antreten auf dem Gang zu Sebastian, „da steckt was dahinter.“
Der vergewisserte sich kurz, dass dieser Manfred nicht direkt in seiner Nähe stand. „Kommt mir ja auch sehr seltsam vor“, sagte er, „ich denke, das ist ein Spitzel.“, dazu wies er mit einer angedeuteten Kopfbewegung auf seinen Zellengenossen.
„Den habe ich hier auch noch nie gesehen“, sagte „Bombe“, „aber das sagt noch nichts. Jedoch Spitzel? Das könnte gut sein“, stimmte er zu. Ihm hatten sie acht Jahre verpasst, weil er bei einem Verwandtenbesuch in der DDR die Verhältnisse in der Zone, wie er dazu sagte, öffentlich lächerlich gemacht hatte.
Jeder, der in dieser Proletendiktatur bliebe, habe er, wie er erzählte, in verschiedenen Kneipen erklärt, könne nicht ganz bei vollem Verstand sein. Besonders erschwerend habe man ihm angelastet, dass er DDR-Bürger aufgefordert habe in den Westen zu gehen, in ein besseres und freieres Land. Damit hatte er aber gleich mehrere strafbewährte politische Tabus der DDR gebrochen. Dabei waren Verächtlichmachung und Boykotthetze noch das Geringste. Schwerer wog der Tatbestand, wie es hieß, nämlich einer beabsichtigten Schädigung der sozialistischen Wirtschaft im Auftrag der westdeutschen Reaktion, wie sie ihm unterstellt hatten, nämlich versuchte Abwerbung von werktätigen Bürgern der DDR ins Gebiet des imperialistischen Klassenfeinds.
Von der Freistunde zurück in der Zelle liefen dort Sebastian und sein einziger neuer Zellengenosse noch eine Zeitlang in Achten hintereinander her, mal links-und mal rechtsherum und sprachen dabei miteinander über alltägliche Belanglosigkeiten wie die des Wetters dort draußen und der Verpflegung hier drinnen.
„Davon kann man leicht krank werden“, sagte Sebastian. „Viele haben schon Wasser in den Beinen. Letztens lag einer mit TBC auf unserer Zelle. Na ja, alles kommt hier eben zusammen“, fügte er nach kurzer Pause hinzu. „Kaum Bewegung, minderwertige Ernährung und Sauerstoffmangel in den engen überbelegten Käfigen hier. Von der seelischen Verfassung mal gar nicht zu reden.“
Manfred, der einzige Zellengenosse, stimmte ihm zu. „Das ist ’ne Gefahr hier, ich weiß, ich habe ja auch sechs Jahre und zweie davon runter. In vier Jahren kann aber noch viel passieren …“, und beide liefen wieder ihre Achten.
„Warum bist du denn hier?“, fragte Sebastian.
„Diebstahl. Hab Werkzeuge aus ’nem VEB-Betrieb mitgehen lassen und verscheuert, also Volkseigentum. Und du?“, kam auch gleich die Gegenfrage.
„Artikel 6, KD 38“, sagte Sebastian.
„Ach ja, Artikel 6“, und Manfred blieb stehen. „Wegen was denn da?“
„Alles, quer durch den Garten, von Staatsverleumdung bis Spionage …“
„Donnerwetter, was hast ’n da gekriegt?“
„Zehn Jahre. Dabei hatte ich noch Glück, weil die Kirche mit von der Partie war.“
„Wie denn das?“
„Ein Freund sitzt auch hier, wir waren zusammen. Ein anderer Freund hat uns verraten. Der ist jetzt draußen, wahrscheinlich auf einer Parteischule.“
„Und der andere?“
„Wer? Welcher andere?“
„Na der, der auch hier sitzt.“
„Ja, der sitzt auch hier oben, ein paar Zellen weiter. Sein Vater ist evangelischer Pfarrer. Den hat die Kirche aber längst nach West-Berlin versetzt.“
„Und der Sohn ist hier?“
„Hab ich doch eben gesagt. Den hatten sie als Kugelkreuzbanditen von der Schule geschmissen. Der war dann nach Potsdam-Herrmannswerder auf so ein Theologisches Oberseminar gegangen.Und schließlich kreuzte die Kirchenleitung aus West-Berlin zu unserem Prozeß vor Gericht auf.“
„Weswegen hatten sie euch denn nun am Wickel?“
„Wie weswegen? Hab ich doch schon gesagt …“ „Ja richtig. Aber haben die euch denn was nachweisen können?“
Sebastian ließ sich auf einen Schemel fallen und schüttelte den Kopf. „Das ist ja ’ne total blöde Frage. Was meinst du denn überhaupt?“
„Na Spionage … Hat denn der Freund, also der euch verraten hat, hat der denn der Stasi alles erzählt?“
„Was heißt alles?“
„Na was ihr wirklich gemacht habt …?“
Ha, jetzt habe ich dich, ging es Sebastian durch den Kopf. Du hast dich verheddert, mein Lieber. Dich hat Koch geschickt. Damit musste ich rechnen, nur stellst du dich etwas zu blöde an.
„Mann, du stellst Fragen“, sagte er. „Warum sollte der denn nicht alles gesagt haben? Der hat uns doch verpfiffen.“ Dann trat er ans Wandregal, nahm seine hölzerne Zahnbürste aus dem Fach und klopfte damit „Bombe“, in der Nebenzelle die Fragen dieses Manfred durch und zwar in einem Tempo, dem „Bombe“, nebenan zwar folgen konnte, dem der Spitzel in Sebastians Zelle jedoch keineswegs gewachsen war.
„Hier amüsieren sich alle“, klopfte „Bombe“, im gleichen Stakkato zurück.
„Mal sehen was der noch für Bolzen abschießt“, klopfte wiederum Sebastian.
„Was klopfst du denn da“, wollte Manfred, sichtlich misstrauisch geworden, wissen.
„Hast du denn nicht mitgehört?“
„Nee, ging ein bisschen zu schnell.“
„War auch nicht so wichtig“, beschwichtigte Sebastian. „Wir hatten uns, ‚Bombe‘, und ich, also der mit der Glatze nebenan“, und er wies mit dem Daumen gegen die Wand, gegen die er zuvor geklopft hatte. „Also in der Freistunde wollte der was über Totila wissen. Ich hab’s ihm durchgeklopft.“
„Totila?“
„Na ja, mein Freund, der mit mir verurteil worden ist.“
„Ach, der mit dem Pfarrer als Vater …“
„Genau der.“ Sebastian klopfte nach nebenan wieder Fragen und Antworten durch.
„Großer Spaß!“, klopfte es zurück.
„Was wollte der von nebenan denn wissen?“, fragte Manfred wieder.
„Ob Totila noch anderen von seiner Arbeit für den Nachrichtendienst erzählt hat.“
„Hatte der denn?“
„Was?“
„Na anderen von seiner Arbeit erzählt?“
„Natürlich nicht!“
Sebastian saß auf einem Hocker während dieser Manfred in der Zelle ständig unruhig hin und her lief. Der ist sichtlich überfordert, stellte Sebastian für sich mit ganz verstecktem Grinsen fest. Dann räusperte er sich vernehmlich, sodass Manfred seinen Lauf abstoppte und ihn ansah.
„Ich weiß ja genau was du wissen willst“, sagte Sebastian. „Du könntest mich auch gleich direkt fragen. Wenn ich dir jetzt sagen würde, ja der Totila hat dem Müller, dem Maier und dem Lehmann das und das erzählt und du das dem Koch berichtest, dann hättest du bei dem ganz schnell verschissen, weil es den Müller, den Maier und Lehmann nämlich gar nicht gegeben hat.“
Manfred sah Sebastian erschreckt und zugleich verdutzt an.
Der schüttelte den Kopf. „Mann“, sagte er, „das sieht doch ein Blinder mit dem Krückstock, dass Koch dich geschickt hat.“
Manfred wandte sich ohne ein Wort ab, ging zum Fenster, drehte sich dann aber wieder um, sah erst zu Boden und dann Sebastian an. „Wie hast ’n das gemerkt?“
„Na auffälliger als du kann man sich kaum benehmen. Du legst dem Koch damit bestimmt keine Ehre ein“, fügte er grinsend hinzu. Dann klopfte er das Ganze stark gekürzt wieder zu „Bombe“, in die Nebenzelle.
„Bravo“, kam es zurück.
„Was hast du denn da wieder geklopft?“, fragte Manfred verunsichert.
„Ja du meine Güte, was habe ich geklopft … Es ist kein Geheimnis, du hast es ja mithören können.“
„So schnell kann ich das nicht.“
„Also wirklich, dein Pech. Als Spitzel müsstest du das können. Ansonsten bleibt nur üben, üben, üben …“
Diesem Manfred, registrierte Sebastian, war es augenscheinlich ein wenig peinlich, sich so auffällig angestellt zu haben. Nicht im geringsten jedoch störte es ihn, dass er als ein Spitzel erkannt worden war. Es trieb ihn dabei nur eine Sorge um: „Du erzählst das aber nicht weiter … Koch meinte nämlich, wenn es mit mir klappt in den Zellen, könnte ich nicht nur eher rauskommen, sondern dann auch draußen bei der Stasi mitarbeiten.“
Sebastian lachte laut. „Vergiß das“, sagte er. „Das sind Rosinen die sie dir in den Kopf setzen. Nix von alledem wird sein.“
„Der hat mir aber gesagt, ich könnte vielleicht sogar im Westen eingesetzt werden.“
„Menschenskind, du hast dich nicht nur doof angestellt, du bist offenbar auch doof, wenn du so ’n Stuß glaubst. Im Westen eingesetzt“, Sebastian schüttelte den Kopf, „was solltest du denn da machen? Was bist du von Beruf?“
„Maschinenschlosser.“
„Ausgelernt?“
„Na ja, fast …“
„Komisch, wir haben es hier dauernd mit Schlossern zu tun. Kann es sein, dass es in VEB- Betrieben besondere Klauhaken gibt, weil sie so leicht an Werkzeuge kommen?“
Manfred grinste und zuckte nun seinerseits mit den Schultern.
„Was wolltest du da im Westen für die Stasi denn rauskriegen, was nicht sowieso schon allgemein bekannt war? Das ist doch nicht wie hier, wo wir in einem geheimnisumwitterten Staat leben. Hier ist doch jede Schraube geheim. Na ja“, winkte Sebastian schließlich ab, „dass sie dir so ’n Blödsinn in den Kopf gesetzt haben, also viel kann der Koch von deiner Intelligenz nicht halten, wenn er dir zutraut solche Hirngespinste zu glauben. Was hat der denn gesagt, was solltest du von mir rauskriegen? Das kannst du ja jetzt ruhig sagen“, bedrängte Sebastian den verunsicherten Spitzel, als er ein kurzes Zögern an ihm bemerkte.
„Na die sind überzeugt“, sagte er schließlich, „dass du draußen noch mehr Leute kennst, die von eurer Sache zumindest gewusst haben und auch, dass vor allem du bei den Verhören längst nicht alles gesagt hast.“
Nun lief Sebastian in der Zelle auf und ab, während der enttarnte Spitzel ruhig auf einem Hocker gegen die kalten Heizungsrippen gelehnt saß.
Schließlich blieb Sebastian stehen, griff sich seine Zahnbürste aus dem Regal und hämmerte damit im Stakkato gegen die Wand: „Hat zugegeben, Koch hat ihn geschickt.“
„Prima entlarvt! Gratuliere“, klopfte „Bombe“, zurück. „Wieder ein Schweinehund weniger.“
„Du hast doch jetzt nichts von mir gesagt …?“, fragte der Spitzel.
„Quatsch, so interessant bist du nicht. Aber wenn du dich weiter so dämlich anstellst, wird das bald jeder wissen“, entgegnete Sebastian entschlossen diesen Spitzel nachhaltig unschädlich zu machen. Jetzt wurde ihm auch völlig klar, was es mit dem plötzlichen Verschwinden des Einseifers auf sich gehabt hatte.
Koch wird sich an den Kopf gefasst haben, als sein Spitzel ihn mit dieser Neuanwerbung beglücken wollte, stellte Sebastian sich vor. Und dazu vor allem die Meldung von anderer Seite, dass der vom Einseifer Angesprochene andere Gefangene anzuwerben versucht hatte, um Spitzel zu enttarnen und mögliche „Feindelemente“ zu warnen, statt ihn auszuhorchen wie es wohl längst vorgesehen war. Natürlich, Koch wird den schnell und endgültig in die Wüste geschickt haben.
„Sag mal“, wandte Sebastian sich wieder an diesen Manfred, der ihn hatte aushorchen sollen, „wir beide hier alleine in der Zelle … also da könntest du dem Koch, wenn du ihm wieder mal berichten sollst, doch sagen, dass es schwierig sei in dieser Konstellation, also mit uns beiden hier auf der Zelle, etwas rauszukriegen. Du schlägst ihm vor, den Totila Kunzmann mit auf die Zelle zu verlegen und könntest dir vorstellen, sagst du dem Koch, dann eher was zu erfahren, wenn etwa Sebaldt und Kunzmann miteinander sprechen. Du könntest dich dann eher dort einschalten oder so ähnlich, jedenfalls in diesem Sinne.“
Spitzel Manfred nickte. „Ich kann das schon machen“, erklärte er. „Eins kann ich dir aber schon gleich sagen. Wenn ich hier raus bin, kommt der nächste …“
„Das habe ich nicht anders erwartet“, antwortete Sebastian.
„Aber du musst auch versprechen“, wandte der Spitzel sich an Sebastian, „niemandem davon zu erzählen.“
„Na ja“, winkte der ab. „Wie ich das so sehe, wirst du dich sehr bald von selbst aus dem Spiel bringen, da muss ich gar nichts erzählen.“ Eigentlich konnte er sichs nicht recht vorstellen, das Koch auf so was eingehen würde. Zu fadenscheinig das Ganze … Allein mit diesem Spitzel in einer Zelle, war das schon viel zu auffällig und dann vielleicht noch Totila dazu. So doof kann doch allenfalls dieser Manfred sein. Spräche nicht eben für Koch, den Oberspitzel im Cottbusser Knast.
Etwa eine Woche später wurde dieser Manfred von einem Schließer geholt und auch bald wieder zurück gebracht. „Es klappt“, sagte er, als die Tür wieder verschlossen war, „also das mit deinem Freund Totila hier auf die Zelle.“
„Ist Koch tatsächlich darauf eingegangen?“
„Ja klar.“
„Dann hast du das diesmal ganz gut gemacht“, lobte Sebastian. „Vielleicht wird doch noch ’n guter Informant aus dir“, fügte er grinsend hinzu.
Schon am nächsten Tag krachten Schloss und Riegel, die Tür flog auf und Totila betrat, Überraschung im Blick, mit seinem Bündel die Zelle. Er wusste von dem ganzen Handel ja nichts, warf das Deckenbündel auf ein Bett, drehte sich einmal um sich selbst, schüttelte den Kopf und ließ sich auf einen Hocker fallen. „Was ist denn hier los?“
Sebastian stand in der Zelle, sah ihn an und lachte. „Es hat also tatsächlich geklappt“, sagte er und nickte Manfred zu. „Das hat alles sein Richtigkeit“, wandte er sich an Totila. „Wir sollen uns beide hier nämlich unterhalten und der Manfred“, dazu wies er mit einer Handbewegung auf den Spitzel, der sich ebenfalls auf einen Hocker gesetzt hatte, „der soll dabei für Koch rauskriegen, was bei den Stasiverhören so alles nicht zur Sprache gekommen war. Die glauben nämlich ich hätte noch vieles nicht ausgesagt und würde draußen noch Leute kennen, die über unsere Untaten Bescheid wüssten. Und diese Namen nicht zuletzt soll der Manfred hier rauskriegen.“
„Ganz offensichtlich trauen die dem Verräter, dem Sasse, auch nicht so richtig über den Weg“, äußerte Totila sich, sogleich mitten im Geschehen.
„So könnte man das interpretieren“, sagte Sebastian. „Aber das ist ja deren Bier.
Du wunderst dich natürlich was hier gespielt wird“, fuhr er fort, als er in Totilas noch immer etwas ratlose Miene blickte. „Das ist auch ein bissel verwirrend.
Aber nun erst mal der Reihe nach: Die Sache ist so“, erklärte er. „Ich wurde vor einigen Tagen völlig alleine in diese Zelle hier verlegt und wunderte mich schon darüber bei der ganzen Überbelegung hier im Bau. Dann kam noch der Manfred dazu. Das war ja schon mal alles andere als normal. Alle Zellen voll bis an den Rand und hier nur zwei Mann. Der Manfred bestätigte mir dann auch noch, dass das seine Richtigkeit habe. Er hätte das zufällig gehört. Es war also klar, hier war was im Busch. Das meinte bei der ersten Freistunde auch „Bombe“ von nebenan. Du weißt, der mit der Glatze. Und der Manfred hier“, dazu wies er mit einer Handbewegung wieder auf den Spitzel, „hat’s dann auch bald zugegeben. Koch habe ihn geschickt. Dass du jetzt hier in der Zelle bist, hat Manfred in die Wege geleitet. Ich hatte ihm das vorgeschlagen, damit er uns besser aushorchen kann.“, dazu grinste Sebastian vielsagend.
„Ist ja mal wieder ’n Ding“, sagte Totila kopfschüttelnd.
„Hast du gemerkt“, fragte Sebastian, „der Einseifer ist weg.“
„Ja, ist jetzt ’n anderer da …“
„Richtig, der erste wollte mich als Spitzel anwerben.“
„Quatsch! Du spinnst.“
„Na ja, war ja auch’n Fehlgriff gewesen.“
„Du meine Güte“, Totila schüttelte den Kopf. „Läßt man dich mal alleine, verwickelst du dich gleich in so undurchsichtige Geschichten.“
„Ging ja nicht von mir aus“, sagte Sebastian lachend.
„Lächerlich ist so was aber nicht“, mahnte Totila.
„Weiß ich natürlich auch“, winkte Sebastian ab. „Was ist denn eigentlich aus dem vorigen Einseifer geworden?“, fragte er diesen Manfred. „Vielleicht weißt du was?“
„Das weiß ich zwar auch nicht genau, aber gehört habe ich, dass sie den nach Haus 4 verlegt haben.“
„Und? Macht der dort weiter für Koch?“
Manfred hob die Schultern. „Vielleicht ’ne Bewährung?“
„Ach, so was gibt’s bei euch auch? Wie ist es denn so? Trefft ihr euch und besprecht da alles mögliche miteinander, also wer bespitzelt werden soll und wer wo eingesetzt wird und so … Das hatte mir der Einseifer damals so angedeutet.“
„Ganz so ists auch nicht“, erwiderte Manfred. „Alle die für Koch in die Zellen gehen, kennen sich natürlich nicht untereinander.“
„Nicht alle oder überhaupt nicht?“
Manfred wiegte ein paar Mal nachdenklich den Kopf. „Nicht alle“, sagte er dann zögernd.
„Und der Nächste, der dann nach dir kommt, ist auch wieder einer von Kochs Truppe?“
Manfred nickte. „Andere gibts nicht. Hab ich ja schon gesagt. Und Koch kriegt seine Aufträge direkt von der Stasi, die sitzen ja vorne in der Vollzugsverwaltung.
Und überhaupt, Cottbus, also der Knast, ist ja direkt der Stasi unterstellt.“
„Unser Freund hier“, sagte Sebastian zu Totila, „will bei der Stasi Karriere machen. Hat Koch ihm jedenfalls versprochen, wenn er sich hier im Knast bewährt.“
Darmowy fragment się skończył.