Czytaj książkę: «Es ist kompliziert»

Czcionka:

Rachel Held Evans


Wie ich glaube, ohne zu verzweifeln:

Kirche leben, leiden und lieben


Aus dem Amerikanischen übersetzt von Anja Lerz

Für die Bibelzitate wurde vorwiegend die Einheitsübersetzung verwendet.

Weitere verwendete Bibelübersetzungen:

Lutherbibel, revidierter Text 1984, durchgesehene Ausgabe,

© 1999 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart.

Hoffnung für alle © 1983, 1996, 2002 by Biblica Inc. TM

Neues Leben. Die Bibel © 2002 und 2006 SCM R. Brockhaus

im SCM-Verlag GmbH & Co. KG, Witten

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

ISBN 978-3-86506-914-6

© 2016 der deutschsprachigen Ausgabe by

Joh. Brendow & Sohn Verlag GmbH, Moers

© 2015 by Rachel Held Evans

Published in Nashville, Tennessee, by Nelson Books, an imprint of Thomas Nelson.

Nelson Books and Thomas Nelson are registered trademarks of HarperCollins

Christian Publishing, Inc.

Einbandgestaltung: Brendow Verlag, Moers

Titelgrafik: fotolia Soloviora Luidmyla / fotolia ildab

Satz: Brendow PrintMedien, Moers

E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH 2016

www.brendow-verlag.de

Für Amanda – die kleine Schwester, zu der ich aufschaue und die die Person ist, die mir am meisten Hoffnung für die Zukunft der Kirche gibt.

Und für die Community auf meinem Blog – ich habe jedes Wort dieses Buches für euch geschrieben.

Mir ist eine „verbeulte“ Kirche, die verletzt und beschmutzt ist, weil sie auf die Straßen hinausgegangen ist, lieber als eine Kirche, die aufgrund ihrer Verschlossenheit und ihrer Bequemlichkeit, sich an die eigenen Sicherheiten zu klammern, krank ist. Ich will keine Kirche, die darum besorgt ist, der Mittelpunkt zu sein, und schließlich in einer Anhäufung von fixen Ideen und Streitigkeiten verstrickt ist. Wenn uns etwas in heilige Sorge versetzen und unser Gewissen beunruhigen soll, dann ist es die Tatsache, dass so viele unserer Brüder und Schwestern ohne die Kraft, das Licht und den Trost der Freundschaft mit Jesus Christus leben, ohne eine Glaubensgemeinschaft, die sie aufnimmt, ohne einen Horizont von Sinn und Leben. Ich hoffe, dass mehr als die Furcht, einen Fehler zu machen, unser Beweggrund die Furcht sei, uns einzuschließen in die Strukturen, die uns einen falschen Schutz geben, in die Normen, die uns in unnachsichtige Richter verwandeln, in die Gewohnheiten, in denen wir uns ruhig fühlen, während draußen eine hungrige Menschenmenge wartet und Jesus uns pausenlos sagt: „Gebt ihr ihnen zu essen!“

– Papst Franziskus1

Inhalt

Cover

Titel

Impressum

Widmung

Zitat

Vorwort

Prolog

Dämmerung

I. Taufe

1 Wasser

2 Glaubenstaufe

3 Nackt an Ostern

4 Chubby Bunny

5 Genug

6 Flüsse

II. Beichte

7 Asche

8 Ja zu Vorschlag Nummer 1

9 Schmutzige Wäsche

10 Was haben wir getan

11 Meet the Press

12 Staub

III. Weihe

13 Hände

14 Die Mission

15 Epic Fail

16 Füße

IV. Abendmahl

17 Brot

18 Die Mahlzeit

19 Tanzparty bei den Methodisten

20 Offene Hände

21 Offenes Abendmahl

22 Wein

V. Konfirmation

23 Atem

24 Wegkreuze

25 Der zitternde Riese

26 Osterzweifel

27 Mit Gottes Hilfe

28 Wind

VI. Krankensalbung

29 Öl

30 Heilung

31 Von der evangelikalen Trägheit des Herzens

32 Das ganze Ding mit dem Leichenwagen

33 Parfüm

VII. Ehe

34 Kronen

35 Geheimnis

36 Körper

37 Königreich

Epilog

Dunkel

Danksagungen

Fußnoten

Vorwort

Immer wenn ich mir selbst einen Schrecken einjagen will, überlege ich mir, was wohl mit der Welt passieren würde, wenn Rachel Held Evans mit dem Schreiben aufhörte.

Während ich durch die Seiten dieses Buches pflügte, wurde mir bewusst, dass ich mein Leben lang auf „Es ist kompliziert“ gewartet habe. Dieser Jesus, den Rachel unbändig liebt, ist derselbe Jesus, in den ich mich vor langer Zeit verliebt habe, bevor die Heucheleien der Kirche und meines eigenen Herzens alles vermasselten. „Es ist kompliziert“ half mir dabei, der Kirche und mir selbst zu vergeben und mich wieder ganz neu in Gott zu verlieben. Es war, als wären mit der Zeit Straßensperren zwischen mir und Gott aufgebaut worden, und während ich dieses Buch las, spürte ich, wie Rachels Worte diese Hindernisse eins ums andere aus dem Weg räumten, bis ich zum Ende des Buches hin wieder einen unverstellten Blick auf Gott hatte.

Rachels Christsein ist die tägliche Übung grenzenloser Gnade – gegenüber sich selbst, der Kirche, gegenüber denjenigen, die die Kirche vor der Tür stehen lässt. Der Glaube, den sie in „Es ist kompliziert“ beschreibt, ist weniger eine Art Verein, zu dem man gehört, sondern mehr eine Art Strömung, in die man sich hineinbegibt – eine Strömung, die einen beständig zu Leuten und Orten trägt, vor denen man sich in Acht nehmen sollte, so jedenfalls wurde sie es gelehrt. Rachel stellt nicht nur fest, dass sie diese Leute liebt, sondern dass sie selbst „eine von denen“ ist. In „Es ist kompliziert“ überzeugt uns Rachel davon, dass es kein „die da“ im Gegensatz zu einem „wir“ gibt; es gibt einfach nur uns. Dieser Gedanke ist gleichzeitig tröstlich und auch ein bisschen beängstigend. Mir scheint, als wären „tröstlich“ und „ein bisschen beängstigend“ Eigenschaften, die beschreiben, wie Glaube sein sollte.

„Es ist kompliziert“ ist kurz gesagt mein Lieblingsbuch, geschrieben von meiner Lieblingsautorin. Wenn mich ab jetzt jemand nach meinem Glauben fragt, werde ich einfach dieses Buch weitergeben. Herr im Himmel, was bin ich dankbar für Rachel Held Evans.

– Glennon Doyle Melton

Autorin von „Aufstehen, Krone richten, weitermachen: Entwaffnend ehrliche Gedanken, die helfen, das Leben zu meistern“ und Gründerin von momastery.com sowie Together Rising.

PROLOG

Dämmerung

Ich will dir erzählen, wie die Sonne aufging, Strahl für Strahl …

– Emily Dickinson

Der deutsche Theologe Dietrich Bonhoeffer schrieb: „Die Frühe des Morgens gehört der Gemeinde des auferstandenen Christus. Beim Anbruch des Lichtes gedenkt sie des Morgens, an dem Tod, Teufel und Sünde bezwungen darniederlagen und neues Leben und Heil den Menschen geschenkt ward.“2

Das sind nicht ganz so gute Neuigkeiten für jemanden wie mich. Ich weiß „beim Anbruch des Lichtes“ kaum, wer ich eigentlich bin; über den theologischen Gehalt der Auferstehung könnte ich um diese Zeit wohl kaum nachdenken. Ich bin nicht unbedingt das, was man als Frühaufsteher bezeichnen würde, und ehrlich gesagt bin ich um die Zeit lieber diejenige, die „bezwungen darniederliegt“. Das Glück, das einem Sonnenaufgang innewohnt, bleibt für mich eines der unerreichbaren Geschenke der Natur, so wie Nordlicht oder Naturlocken. Ich hätte die arme Maria von Magdala zweifellos mit einem leisen, von meinem kuschligen Kissen gedämpften Grunzen verscheucht, wenn sie mich gebeten hätte, an jenem schicksalsträchtigen Morgen mit wohlriechenden Ölen zum Grab des Herrn zu gehen. Ich hätte die Hauptveranstaltung einfach verschlafen.

Die Religiösen haben es schon immer auf uns Nachteulen abgesehen. In meinem Stundenbuch steht, die Morgengebete sollten zwischen 4.30 Uhr und 7.30 Uhr gesprochen werden. Wie ich zu einer Zeit, in der ich schon meinem Mann gegenüber kaum einen zusammenhängenden Satz herausbringe, mit Gott sprechen soll, weiß ich beim besten Willen nicht. Dennoch heißt es von den am höchsten verehrten Heiligen der Kirche, sie sollen Frühaufsteher gewesen sein. Außerdem erinnere ich mich, wie Pastoren in meiner Kindheit ehrfürchtig über ihre Stille Zeit am frühen Morgen sprachen, als habe Gott strenge Sprechzeiten. Sogar die großartigen Kathedralen dieser Welt haben ihre Eingangstüren im Westen und die Altäre im bevorzugten Osten. Alte europäische Friedhöfe, mit verwitterten Grabsteinen hier und da, spiegeln bis heute die Sitte wider, die Toten mit den Füßen zur aufgehenden Sonne hin zu begraben, wobei die aufgehende Sonne Hoffnung symbolisiert und für die Erwartung steht, dass bei der Wiederkunft Christi die Gläubigen vom Tode auferstehen und ihm in die Augen schauen werden. Ich kann nur hoffen, dass das alles in meiner Zeitzone irgendwann nach neun Uhr morgens stattfindet.

Wenn die frühen Morgenstunden tatsächlich der Gemeinde des auferstandenen Christus gehören, dann schläft meine Generation aus.

In den Vereinigten Staaten haben 59 % der jungen Erwachsenen im Alter von 18 – 29 Jahren mit einem christlichen Hintergrund der Kirche den Rücken gekehrt. Unter denjenigen von uns, die um das Jahr 2000 herum volljährig wurden, behauptet ein gutes Viertel, sie hätten überhaupt keine religiöse Zugehörigkeit, was uns noch deutlicher vom Glauben trennt als die Mitglieder der „Generation X“ zur gleichen Zeit in ihrem Leben. Und wir sind sozusagen doppelt so sehr dem Glauben entfremdet wie die „Baby Boomer“, als sie in unserem Alter waren. Es gibt Schätzungen, die besagen, dass etwa acht Millionen junger Erwachsener die Kirche vor ihrem 30. Geburtstag verlassen werden.3

Mit 32 gelte ich gerade noch so als „Millennial“, als ein Mitglied der Generation Y. (Sagen wir es so: Ich besitze immer noch eine Menge aufgezeichneter Folgen von Friends – auf Kassetten!) Aber obwohl ich mit einem Fuß in der Generation X stehe, neige ich dazu, mich am stärksten mit den Haltungen und dem Ethos der Generation der Jahrtausendwende zu identifizieren, und deswegen werde ich häufig darum gebeten, vor Gemeindeleitern darüber zu sprechen, warum junge Erwachsene die Kirche verlassen.

Darüber könnte man unzählige Bücher schreiben, und das haben ja auch schon so einige gemacht. Ich kann nicht hinreichend über die sozialen und geschichtlichen Entwicklungen sprechen, die das religiöse Leben Amerikas nicht nur prägen, oder über die Kräfte, die so viele meiner Altersgenossen vom Glauben an und für sich wegzerren. Die Probleme, die die Evangelikalen umtreiben, sind andere als die, die Protestanten im Allgemeinen so beschäftigen, welche sich wiederum von denen unterscheiden, die katholische oder episkopale Pfarreien betreffen, welche wiederum ganz anders sind als die, die auf das Christentum dort Einfluss nehmen, wo es tatsächlich im Aufschwung ist – nämlich im globalen Süden und Osten.

Aber ich kann meine eigene Geschichte erzählen, die, so deuten es Studien an, anscheinend immer gewöhnlicher wird.4 Ich kann darüber sprechen, wie ich in einem evangelikalen Umfeld aufgewachsen bin, wie ich alles, was ich je über Gott geglaubt habe, angezweifelt habe, wie ich die Kirche geliebt, verlassen und mich nach ihr gesehnt habe und wie ich nach ihr gesucht und sie an unerwarteten Orten gefunden habe. Und ich kann von den Geschichten meiner Freunde und Leser erzählen, von alten und jungen Leuten, deren Kommentare, Briefe und E-Mails sich lasen wie Postkarten von ihrer geistlichen Reise, Depeschen aus Amerikas nachchristlichem Grenzland. Die Lösungen, nach denen die Gemeindeleiter suchen, kann ich nicht bieten, aber ich kann die Fragen formulieren, die viele aus meiner Generation stellen. Ich kann ein wenig von ihrer Angst und ihrer Hoffnung beschreiben.

Das jedenfalls habe ich versucht, als ich neulich gebeten wurde, 3000 evangelikalen Jugendmitarbeitern bei einer Konferenz in Nashville, Tennessee, zu erklären, warum Millennials aus der Kirche austreten.

Ich sagte ihnen, wir hätten den Kulturkrieg satt, hätten es satt, dass das Christentum sich mit Parteipolitik und Macht einlässt. Wir Menschen der Generation Y wollen dafür bekannt sein, wofür wir stehen, sagte ich, nicht nur, wogegen wir sind. Wir wollen uns nicht entscheiden zwischen Wissenschaft und Religion oder zwischen unserer intellektuellen Integrität und unserem Glauben. Stattdessen sehnen wir uns danach, dass unsere Kirchen sichere Orte sind, wo wir zweifeln und Fragen stellen und die Wahrheit aussprechen können, auch wenn die unbequem ist. Wir wollen über das schwer verdauliche Zeugs sprechen – biblische Auslegungen, religiöse Vielfalt, Sexualität, die Versöhnung der Rassen und soziale Gerechtigkeit – aber ohne vorgegebene Lösungen oder einfache, oberflächliche Antworten. Wir wollen unser ganzes Selbst über die Schwelle der Kirchentür bringen, ohne unser Herz oder unseren Verstand draußen zu lassen, ohne eine Maske zu tragen.

Ich erklärte, wenn unsere schwulen, lesbischen, bisexuellen und transgender Freunde nicht bei Tisch willkommen seien, fühlten wir uns auch nicht willkommen, und dass nicht jeder junge Erwachsene heiratet oder Kinder bekommt – was bedeutet, dass wir aufhören müssen, unsere Gemeinden um Kategorien herum aufzubauen. Stattdessen sollten wir anfangen, sie um Leute herum aufzubauen. Und ich sagte ihnen, dass wir, entgegen beliebter Vorurteile, eben nicht mit hipperen Lobpreisbands, schnieken Kaffeebars oder Pastoren in skinny Jeans zurückgewonnen werden können. Wir Millennials sind unser ganzes Leben lang Werbung ausgesetzt gewesen, deswegen riechen wir Bullshit auf einen Kilometer Entfernung. Die Kirche, die Gemeinschaft der Christen, ist der allerletzte Ort, an dem wir uns noch ein Produkt andrehen lassen oder unterhalten werden wollen.

Millennials suchen nicht nach einem „moderneren“ oder „hipperen“ Christentum, sagte ich. Wir suchen nach einem wahrhaftigeren Christentum, einem authentischeren Christentum. Wie jede Generation vor uns und jede nachfolgende auch suchen wir nach Jesus – demselben Jesus, der an jenen seltsamen Orten zu finden ist, an denen er schon immer zu finden war: in Brot, in Wein, in der Taufe, im Wort, im Leiden, in der Gemeinschaft und unter den Geringsten von ihnen.

Kaffeebars oder Nebelmaschinen werden nicht gebraucht.

Natürlich sagte ich all das mitten auf einer riesigen Bühne, die voll ausgestattet war mit Beleuchtung, Trampolinen und, Tatsache, einer Nebelmaschine. Ich fühle mich bei solchen Veranstaltungen nie so ganz wohl – nicht weil meine Worte nicht willkommen oder nicht wahr wären, aber weil ich mich überfordert fühle, wenn ich sie sage. Ich bin keine Wissenschaftlerin und keine Statistikerin. Ich habe nie eine Jugendgruppe geleitet, war nie Pastorin einer Gemeinde. Die Wahrheit sieht so aus, dass ich mich an vielen Sonntagmorgen nicht einmal aus dem Bett hieve, besonders an Tagen, an denen ich mir nicht sicher bin, ob ich an Gott glaube, oder an denen ein interessanter Talkgast bei „Meet the Press“ eingeladen ist. Vor einem Haufen Christen über die Kirche zu sprechen bedeutet für mich, an ein Mikro heranzutreten und zu versuchen, in dreißig Minuten oder weniger die wichtigste, komplizierteste, schönste und herzzerreißendste Beziehung meines Lebens zu schildern, ohne dabei zu schreien oder zu weinen oder schlimme Wörter zu benutzen. Manchmal wünschte ich, sie würden jemanden mit etwas mehr emotionalem Abstand für diese Vorträge finden, jemanden, der sich nicht komplett auf links drehen muss und all sein Herzblut vergießt, nur weil jemand ganz harmlos fragt: „Und in welche Gemeinde gehst du so zurzeit?“

Vielleicht liegt es daran, dass ich dieses Buch nicht schreiben wollte … Jedenfalls am Anfang nicht. Oh, ich habe versucht, aus der Nummer herauszukommen. Ich habe an alternativen Vorschlägen und Exposés herumgestrickt und gefeilt und ein paar davon meinem Verlag vorgestellt, in der Hoffnung, die Lektoren würden es sich noch einmal anders überlegen. Das Buch dann zu schreiben dauerte doppelt so lange wie geplant. Obendrein habe ich eine riesige Tasse Chai über meinem Laptop ausgekippt, als ich mit meinem ersten Manuskriptentwurf etwa halb fertig war. Weil ich glaubte, ich hätte das halbe Manuskript verloren, beschloss ich, dass Gott wohl auch nicht wollte, dass ich ein Buch über die Kirche schreibe. (Wir konnten den größten Teil des Manuskripts wiederherstellen, aber meine Caps-Lock-Taste klemmt manchmal immer noch.)

Ich wollte meine Geschichte nicht gedruckt sehen, weil ich ehrlich gesagt den Schluss immer noch nicht kenne. Ich bin immer noch in den Entwicklungsjahren meines Glaubens. Da sind zugeknallte Türen und verdrehte Augen und trotzige Ansagen von wegen „Ich hasse dich!“, die ich jeder Person oder Organisation vor den Latz geknallt habe, die die institutionelle Kirche repräsentiert. Ich bin wütend und launisch, hoffnungsvoll und naiv. Ich versuche, meinen eigenen Weg zu gehen, aber ich habe noch nicht herausgefunden, wie das geht, ohne den alten zu verdammen, ohne ihn in Grund und Boden zu brüllen, meine Unabhängigkeit zu erklären und dann so schnell ich kann in die entgegengesetzte Richtung zu rennen. Bücher über Kirchen und Gemeinden werden von Leuten mit einem Plan mit zehn Schritten und so geschrieben, nicht von Christen, die sich mit den Fingernägeln an der Kante über dem Abgrund festhalten.

Und dennoch schreibe ich. Ich schreibe, weil ich den Verdacht habe, dass ich, der ungelenke Teenager auf dem Bild im Jahrbuch, trotzdem etwas über die Welt zu sagen habe und eine Art Hoffnung bieten kann, und wenn es nichts anderes ist als ein paar hundert Seiten „geht mir genauso“. Ich schreibe, weil wir manchmal in unserer Verletzlichkeit näher an der Wahrheit sind als in unseren sicheren Sicherheiten und weil ich trotz all meiner Zweifel und Unsicherheit, trotz meines beständigen Drangs, am Sonntagmorgen einfach auszuschlafen, die ersten flüchtigen Lichtbänder der Dämmerung gesehen habe, die durch mein Schlafzimmerfenster gedrungen sind, und weil da so ein schwaches, hoffnungsvolles Leuchten am Horizont ist. Selbst wenn ich nicht an die Kirche glauben kann, glaube ich doch an die Auferstehung. Ich glaube an die Hoffnung des Sonntagmorgens.

Es schien passend, das Buch um die Sakramente zu gliedern, weil es die Sakramente waren, die mich wieder in die Kirche zurückgeholt haben, nachdem ich längst aufgegeben hatte. Als mein Glaube zu wenig mehr als einer abstrakten Größe zusammengeschrumpft war, zu einer Reihe Behauptungen, die man bestätigen oder ablehnen kann, lud mich der greifbare, spürbare Charakter der Sakramente dazu ein, Gott wieder in den alltäglichen Dingen zu berühren, zu riechen, zu schmecken, zu hören und zu sehen. Diese haben Gott aus meinem Kopf geholt und in meine Hände gelegt. Sie haben mich daran erinnert, dass der christliche Glaube eben nicht nur geglaubt werden will; er will auch gelebt, geteilt, gegessen, ausgesprochen und ausgeübt werden, und zwar in der Gegenwart anderer Menschen. Die Sakramente haben mich daran erinnert, dass ich nicht für mich alleine Christ sein kann, und wenn ich es noch so sehr versuche. Ich brauche eine Gemeinschaft. Ich brauche die Kirche.

Um es mit Barbara Brown Taylor zu sagen: „In Zeiten des Informationsüberflusses … ist das Letzte, das wir brauchen, mehr Information über Gott. Wir brauchen die Praxis der Auferstehung, durch die Gott die Leben derer rettet, die durch ihre intellektuelle Zustimmung staubtrocken geworden sind, deren Vorrat an Brot des Lebens erschreckend klein ist. Sie wollen um jeden Preis mehr Gott erfahren. Nicht mehr über Gott. Mehr Gott.“5

Deshalb erzähle ich euch meine Geschichte in sieben Abschnitten, durch die Bildsprache der Taufe, der Beichte, des Sakraments der Weihe, des Abendmahls, der Konfirmation, der Krankensalbung und der Ehe. Das sind die sieben Sakramente, die die römisch-katholische Kirche und die orthodoxe Kirche kennen, aber man braucht sie nicht als die einzigen Sakramente der Kirche zu betrachten. Ich könnte auch leicht über das Sakrament des Pilgerns, das Sakrament der Fußwaschung, das Sakrament des Wortes, das Sakrament des Hähnchenauflaufs oder über eine beliebig lange Liste weiterer äußerlicher Zeichen für innere Gnade schreiben. Wenn ich diese sieben Sakramente nutze, geht es mir nicht um ein theologisches oder ekklesiologisches Ziel, sondern um ein sehr literarisches. Sie sind die Heringe, die mein kleines Zelt, mein kleines Heiligtum von einer Geschichte am Boden halten. Ich habe sie ausgesucht, weil sie eine gewisse Allgemeingültigkeit beinhalten, denn selbst in Gemeinden, die nicht ausdrücklich sakramental sind, wird doch die Auffassung, was den Wahrheitsgehalt der Sakramente im Allgemeinen angeht, geteilt.

Die Kirche sagt uns, dass wir geliebt sind (Taufe).

Die Kirche sagt uns, dass wir fehlerhaft sind (Beichte).

Die Kirche sagt uns, dass wir berufen sind (Weihe).

Die Kirche gibt uns zu essen (Abendmahl).

Die Kirche heißt uns willkommen (Konfirmation).

Die Kirche salbt uns (Krankensalbung).

Die Kirche vereinigt uns (Ehe).

Natürlich kann die Kirche auch lügen, verletzen, beschädigen und ausschließen. Dieses Buch betrachtet die dunklen Ecken der Kirche ebenso wie ihre Pracht im Licht der Buntglasfenster. Aber dieser Generation, die sich schwer damit tut, herauszufinden, wofür Kirche eigentlich gut ist, wünsche ich, dass diese sieben Mysterien uns daran erinnern, zu „schmecken und (zu) sehen, dass der Herr gut ist“ (Psalm 34,8) – und vielleicht nicht aufzugeben. Ich hoffe, sie erinnern uns daran, wie sehr wir einander brauchen.

Ich habe auf diesen Seiten Geschichten von Kirchengemeinden aus unterschiedlichen Traditionen versammelt – Baptisten, Mennoniten, Anglikaner, Katholiken, Pfingstler, Konfessionslose –, und ich habe mich großzügig an Texten von Christen bedient, von Alexander Schmemann (orthodox) über Nadia Bolz-Weber (evangelisch-lutherisch) und Will Willimon (methodistisch) bis zu Sara Miles (episkopal). Ich habe Geschichten von Laien und Pastoren, Freunden und Bloglesern, Kirchgängern und Kirchenfernen gesammelt. Das hier ist meine Geschichte, aber sie ist auch die vieler anderer.

Das Buch heißt auf Englisch „Searching for Sunday“, auf der Suche nach dem Sonntag. Aber es geht weniger darum, nach einer Sonntagskirche zu suchen, als darum, nach der Auferstehung am Sonntagmorgen zu suchen. Es geht um all die seltsamen Wege, durch die Gott Totes zurück ins Leben holt. Es geht darum, aufzugeben und neu anzufangen. Es geht darum, warum ich – selbst an Tagen, an denen ich befürchte, dass all das Reden über Jesus und Auferstehung und ewiges Leben ein Haufen Stuss ist, der uns nur irgendwie durch eine im Grunde bedeutungslose Existenz helfen soll –, warum ich also selbst an solchen Tagen gerne mit den Füßen zur aufgehenden Sonne hin begraben werden möchte.

Für alle Fälle.

TEIL I

Taufe

EINS

Wasser

… es [gab] einst einen Himmel […] und eine Erde,

die durch das Wort Gottes aus Wasser entstand und

durch das Wasser Bestand hatte.

– 2. Petrus 3,5

Am Anfang schwebte der Geist Gottes über dem Wasser.

Das Wasser war finster und tief und überall, so sagen uns die Vorväter, ein endloses Urmeer.

Dann teilte Gott die Wasser, schob einen Teil davon hinunter, um Ozeane, Flüsse, Tautropfen und Quellen zu schaffen, und schleuderte die restlichen reißenden Ströme nach oben, wo sie hinter einem gläsernen Firmament eingeschlossen wurden, komplett ausgestattet mit Türen, die sich für den Mond öffnen, und Fenstern, durch die der Regen auf die Erde fallen kann. In der Kosmologie des antiken Nahen Ostens hing alles Leben zwischen diesen Wassern, verletzlich wie ein ungeborenes Kind im Mutterleib. Mit einem Seufzen des Geistes konnten die Wasser in und über die Erde hereinbrechen und ihre Bewohner in kürzester Zeit ertränken. Die Geschichte von der Sintflut beginnt, als „alle Quellen der gewaltigen Urflut auf[brachen] und die Schleusen des Himmels [sich] öffneten“ (1. Mose 7,11). Der Gott, der am Anfang die Wasser geteilt hatte, wollte neu anfangen, also spülte Gott die Welt weg.

Für Menschen, deren Überleben von den unergründlichen Launen des Tigris, Euphrats und Nils abhing, stellte Wasser sowohl Leben als auch Tod dar. In Ozeanen wimmelte es nur so von Monstern, renitenten Geistern und riesigen Fischen, die einen Mann am Stück verschlucken konnten. Die Flüsse waren randvoll mit wankelmütigen Möglichkeiten – sie konnten reiche Ernte bringen, den Handel vorantreiben oder austrocknen. In diese Welt hinein sprach Gott die Sprache des Wassers, verwandelte die Flüsse der Feinde in Blut, rief Quellen aus Felsen in der Wüste hervor, spielte Kuppler an Brunnen und verhieß eine Zukunft, in der das Recht strömen soll wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach. Und die Menschen erwiderten sein Reden, indem sie nach Geburt, Geschlechtsverkehr, Menstruation, Opfern, Konflikten und Fehltritten die Reinheit von Körper und Geist in rituellen Bädern suchten. „Entsündige mich mit Ysop, dann werde ich rein“, schreibt der König-Dichter David, „wasche mich, dann werde ich weißer als Schnee“ (Psalm 51,9).

Es ist naiv, anzunehmen, all diese uralten Visionen müssten wörtlich verstanden werden, um wahr zu sein. Wir wissen, wie unsere Vorfahren auch, um die Gefahr und die Notwendigkeit des Wassers. Wasser lässt uns im Mutterleib gedeihen, wo unser geistähnliches Gewebe das Fruchtwasser in sich aufnimmt und wieder ausscheidet, das unsere Lungen und Knochen und Gehirne wachsen lässt. Wasser strömt durch unseren Körper und macht unseren Planeten blau. Wasser wirbelt bei einem Tsunami Autos herum wie Blätter, Wasser, das in einem Augenblick ein Schiff verschlucken und über Äonen hinweg einen Canyon aushöhlen kann, Wasser, nach dem wir mit milliardenschwerem Gerät auf dem Mars suchen wie Affen nach Läusen, Wasser, das wir im Namen Gottes auf kahle Babyköpfe träufeln, Wasser, mit dem wir foltern und weinen, Wasser, das die unsichtbaren Krankheiten verbreitet, an denen auch heute wieder viertausend Kinder sterben werden, Wasser, das, wenn es nur ein paar Grad wärmer wird, die Erde überfluten und uns alle wegwaschen wird.

Aber so wie Wasser Moses auf dem Nil seinem Schicksal entgegentrug, so trug das Wasser auch ein anderes Baby aus dem Körper seiner Mutter heraus in eine erwartungsvolle Welt. Jetzt in Fleisch gekleidet, wurde der Gott, der einst über den Wassern schwebte, von den Händen eines unbändigen Predigers aus der Wildnis in ebenjene Wasser untergetaucht. Als Gott wieder auftauchte, sprach er von lebendigem Wasser, das den Durst für immer stillt, und davon, wiedergeboren zu werden. Er ging fischen und wusch die Füße seiner Freunde. Er berührte die, die kultisch unrein waren. Er spuckte in den Staub, schickte Dämonen in den Ozean und spazierte über ein aufgewühltes Meer. Er hatte Durst, und er weinte.

Nachdem die Regierung sich ihn von den Händen gewaschen hatte, hing Gott am Kreuz, wo Blut und Wasser aus seiner Seite flossen. Wie Jona wurde er für drei Tage verschluckt.

Dann besiegte Gott den Tod. Gott stieg aus den Tiefen empor und atmete wieder. Als er seine Freunde am Ufer traf, sagte er ihnen, sie sollten sich nicht fürchten, sondern hinausgehen und alle Welt taufen.

Der Geist, der einst über den Wassern schwebte, hat sie bewohnt. Jetzt ist jeder Tropfen heilig.

ZWEI

Glaubenstaufe

Alles Wasser hat ein perfektes Gedächtnis und versucht

immer wieder dorthin zurückzukehren, wo es war.

Toni Morrison

Ich wurde von meinem Vater getauft. Seine Gegenwart neben mir in dem hüfthohen Wasser des Taufbeckens war nur einer von vielen Vorteilen, die es mit sich brachte, wenn man einen Vater hat, der zwar ordiniert ist, aber kein Pastor und der so an meinem geistlichen Leben teilhaben kann, ohne es zu ruinieren. Die Erwartungen an die Tochter eines Bibelschullehrers sind viel geringer als an eine Pastorentochter, das kann ich euch sagen. Meistens ging es darum, dass mir in der Sonntagsschule freundlich angedeutet wurde, ich könnte doch ein paar meiner vielen Fragen an die eine Person in meinem Leben richten, die Althebräisch spricht und mir beim Frühstück bestimmt genau erklären könne, wie Gott es fertiggebracht hat, das Licht vor der Sonne zu erschaffen.

Deshalb glaubte ich meinem Vater meistenteils, wenn er mir versicherte, ich würde nicht in die Hölle kommen, wenn ich mit meiner Taufe wartete, bis ich beinahe 13 war. Meistenteils. Ich wusste, dass ich die Grenzen des „zurechnungsfähigen Alters“ strapazierte, also den Punkt, an dem Kinder nicht mehr gratis bei O’Charley’s essen dürfen oder in Abhängigkeit von der Rechtschaffenheit ihrer Eltern in den Himmel kommen, und ich wusste, dass manche Christen glauben, man müsse getauft sein, um errettet zu werden. Ein Klassenkamerad in der fünften Klasse hatte mir eine rasante Einführung in die Welt der unterschiedlichen Denominationen beschert. Man hatte mich darüber informiert, dass ich, obwohl ich Jesus schon im Kindergarten in mein Herz eingeladen hatte, trotzdem den Deal besiegeln und mich zügig taufen lassen müsste, bevor ein Autounfall oder ein Absturz von der großen Rutsche mich geradewegs zum Teufel befördern könnte.

„Mein Pastor sagt, man muss erst mit Wasser getauft werden, bevor man vom Heiligen Geist getauft werden kann“, erklärte mir der Junge wie ein Allgemeinmediziner, der einen zum Spezialisten verweist. Ein Allgemeinmediziner, der gerade am Klettergerüst hangelte, wohlgemerkt. „Du solltest dich wohl besser darum kümmern.“

„Na und? Mein Papa war auf dem theologischen Seminar, und er sagt, man muss nicht getauft sein, um in den Himmel zu kommen“, feuerte ich zurück.

(Ich sollte vielleicht erwähnen, dass ich eine christliche Grundschule besuchte, wo Sprüche wie „Die Hermeneutik von meinem Papa ist viel toller als wie die von deinem Papa“ anerkannter Schulhofschnack waren.)

Viele Kinder auf der Parkway Christian Academy gingen in die Pfingstgemeinde auf der anderen Straßenseite. Wenn nach Gebetsanliegen gefragt wurde, erzählten sie himmlische Geschichten von Dämonen, die sich nachts in ihre Kinderzimmer schlichen und das Licht anknipsten oder die Klospülung betätigten. Sie nahmen geistliche Kampfführung außerordentlich ernst und betrachteten meine Familie als sehr liberal, weil wir am Feiertag Satans Süßes oder Saures sammeln gingen. Mein Vater sagte, Dämonen seien in der Versuchungsbranche unterwegs und nicht in der Klospülliga. Aber seine Versicherungen hielten mich nicht davon ab, an manchen Abenden zitternd unter meiner Bettdecke zu liegen, wo ich mich nicht traute, die Augen zu öffnen und mich der zähen Präsenz zu stellen, die ich spüren konnte und von der ich wusste: Das muss einfach ein gefallener Engel sein, der nur darauf wartet, sich eines kleinen Mädchens zu bemächtigen, das an Halloween nach Süßigkeiten gefragt und sich nicht rechtzeitig um seine Taufe gekümmert hat. Als ich langsam in das zurechnungsfähige Alter kam, hatte ich ausreichend unterschiedliche Lehrmeinungen innerhalb der Kirche mitbekommen, sodass ich auf Nummer sicher gehen wollte. Deshalb arbeitete ich immer mehr Fragen in unsere theologischen Debatten am Abendbrottisch ein, in der Hoffnung, meine Eltern mochten einen Termin mit dem Pastor vereinbaren. Als ich erfuhr, dass manche Kinder getauft werden, bevor sie ihren ersten Zahn bekommen, war ich unglaublich neidisch.

Unsere Gemeinde glaubte an die Bibel, also praktizierten wir die Taufe durch Untertauchen. Glaubenstaufe nannten wir das. Hätten wir im 16. Jahrhundert in der Schweiz gelebt, wären wir für diese Überzeugung umgebracht, symbolisch ertränkt oder vielleicht auch verbrannt worden von anderen Protestanten, die die „Wiedertaufe“ der radikalen Reformer als Ketzerei betrachteten (Fun Fact: In den auf die Reformation folgenden Jahrzehnten wurden mehr Christen von anderen Christen in den Märtyrertod geschickt als im Römischen Reich6). Wäre ich in eine orthodoxe Familie hineingeboren worden, hätte man mich als Kleinkind dreimal nacheinander untergetaucht – erst im Namen des Vaters, dann im Namen des Sohnes und dann noch einmal im Namen des Heiligen Geistes –, bevor man mich, verwirrt und spuckend, in die Arme eines Paten gelegt hätte. Wäre meine Familie katholisch, hätte ich ein weiches, weißes Taufkleid getragen, und ein Priester hätte mir Weihwasser über meine Babyglatze gegossen, um die Befleckung der Ursünde abzuwaschen. Wären wir Mormonen gewesen, hätten zwei Zeugen an den Seiten des Taufbeckens gestanden, um sicherzugehen, dass auch wirklich mein ganzer Körper untergetaucht wurde. Wären wir Presbyterianer, hätten ein paar Spritzer gereicht, die meinen Platz in der Bundesfamilie symbolisierten. Während es Meinungsverschiedenheiten bezüglich der richtigen Form der Taufe noch und nöcher gibt, ziehen es Christen heutzutage glücklicherweise immerhin vor, sich gegenseitig nur mit bösen Blicken zu bedenken anstatt mit dem Scheiterhaufen.

Ich glaube, das spielt alles gar keine so große Rolle. Das Wort Glaubenstaufe scheint mir sowieso eine Fehlbezeichnung zu sein, weil der Begriff weit mehr Willenskraft suggeriert, als die meisten von uns unter diesen Umständen aufbringen. Ob du als Baby, das sich in den Armen eines nervösen Priesters windet, nass gemacht wirst oder als Erwachsener, der von einem Erweckungsprediger untergetaucht wird, du tust es jedenfalls in den Händen derer, die dich zuerst zum Glauben führten, den Menschen, die dich Jesus vorgestellt haben – oder dich ihm vorstellen werden. „In der Taufe“, schreibt Will Willimon, „ist der Empfänger der Taufe genau das – ein Empfänger. Man kann sich schlecht selbst taufen. Sie wird an dir und für dich ausgeführt.“7 Es geht um eine Adoption, nicht um ein Vorstellungsgespräch.

Die Gemeinde, die mich adoptierte, saß in den Südstaaten, war evangelikal und, folgerichtig, verrückt nach American Football. Unter der Trainerschaft von Gene Stallings rollte die Alabama Crimson Tide auf ihre zwölfte National Championship zu. Deswegen waren die traditionellen Kirchenbänke der Bible Chapel in Birmingham am Sonntagmorgen nach einem Spieltag voller rotweißer Haarbänder, Krawatten, Sportjacken und Blusen – die heiligen Gewänder der zweiten großen Religion Alabamas (oder der ersten – kommt darauf an, wen man fragt).8 Es gab ein paar wenige Auburn-Fans in der Gemeinde, aber die waren fast so schwer zu fassen wie Demokraten. Wir versammelten uns unter einer Gewölbedecke aus Sandkiefernholz und blickten, wie gute Protestanten eben, auf eine schwere, schmucklose Kanzel. Es waren die 80er, deswegen riechen meine frühen Erinnerungen an Jesus alle nach Haarspray.

Damals hatte ich noch keine Vorstellung von Evangelikalismus als einer relativ modernen Ausdrucksform des Christentums, deren Wurzeln im Pietismus des 18. Jahrhunderts und in den großen amerikanischen Erweckungsbewegungen liegen. Stattdessen verstand ich evangelikal als ein Adjektiv, das bedeutungsgleich war mit „echt“ oder „authentisch“. Es gab Christen, und dann gab es eben noch evangelikale Christen wie uns. Nur den Evangelikalen war das Heil gewiss. Alle anderen waren lauwarm und liefen Gefahr, aus Gottes Mund ausgespuckt zu werden. Unsere katholischen Nachbarn waren verdammt. 900 Meilen entfernt war mein zukünftiger Ehemann in Princeton, New Jersey, dabei, beim Pinewood Derby an der Montgomery Evangelical Free Church Pokale zu gewinnen. Er hat den Namen der Schule viele Jahre lang als „frei von Evangelikalen“ verstanden, wie bei „zuckerfreier Kaugummi“. Er erinnert sich daran, wie er einmal seine Mutter gefragt hat: „Aber sind die Evangelikalen denn nicht die Guten?“ Wie früh wir doch lernen, unsere Stämme zu identifizieren.

Unser Pastor in der Bible Chapel – Pastor George – stammte aus New Orleans und ließ das die Welt mit seinem donnernden Bayou-Dialekt und den gold-lila gestreiften Krawatten auch merken. Er war stämmig, verspielt und ein echter Erzähler, dessen Lieblingsillustrationen in seinen Predigten sich um Fische drehten, die entwischten, oder um Alligatoren, die ihn beinahe bei lebendigem Leibe gefressen hätten. Meine Mutter neckte ihn manchmal nach den Gottesdiensten, er sei so schlimm wie die Gideons, eine Gruppe Bibelverteiler, deren Geschichten über wundersame Ereignisse mit der Bibel sie nie ganz glaubte (etwa die, in der ein Hund seinem obdachlosen Herrchen eine zerfledderte Bibel brachte, bevor er in dessen Armen starb).

Bis auf ein paar Ausnahmen habe ich alle von Pastor Georges berühmten Predigten verpasst, weil meine kleine Schwester Amanda und ich normalerweise in den Kindergottesdienst geschickt wurden, wenn die Ankündigungen, die Lieder und der musikalische Part vorbei waren. Meine Mutter ist Sonntagsschullehrerin in dritter Generation und rigorose Verteidigerin altersgerechter Lehre, die nur wenig Toleranz für Leute aufbringt, die ihre Kinder im Gottesdienst behalten und auf dem Kirchenblättchen herumkritzeln lassen, während der Prediger lang und breit über das stellvertretende Sühneopfer schwadroniert. Weil sie als Kind gezwungen wurde, genau das zu tun – oft drei- bis viermal die Woche, in einer strengen unabhängigen Baptistengemeinde –, machte sie unserem Vater und jedem anderen, der danach fragte, klar, dass wir nur zweimal die Woche zur Kirche gingen: einmal am Sonntagmorgen und einmal am Mittwochabend. Wir waren Konservative, keine Gesetzlichen.

Aber selbst als Kind lernt man recht schnell, dass Kirche nicht zu den im Schaukasten angegebenen Zeiten anfängt und aufhört. Nein, Kirche zog sich wie die letzte Schulstunde, während wir mit Dad im heißen Auto auf Mom warteten, die im Gemeindesaal noch Kontakte pflegte. Kirche begleitete uns in die in Gold getauchten Sonntagnachmittage unserer Kindheit, an denen Amanda und ich in unserer weißen Unterwäsche wie kleine Bräute durchs Haus tobten. Wenn die ganze Familie die Grippe hatte, klingelte die Kirche an der Tür und brachte Hähnchenauflauf vorbei. Manchmal rief sie noch nach Mitternacht an, um um Gebet zu bitten und zu weinen. Sie tratschte in der Abholzeit an der Schule und war freitagabends unser Babysitter. Sie neckte mich und zog mich an meinen Rattenschwänzen und lehrte mich singen. Die Kirche veranstaltete eine riesige Überraschungsparty zu Dads 40. Geburtstag und weihte mich vorher in das Geheimnis mit ein. Die Kirche kam viel öfter zu mir, als dass ich hinging, und darüber bin ich froh.

Angesichts des normalen Wochenrhythmus der Helds fühlte es sich komisch an, an einem frühen Sonntagabend zu unserem Taufgottesdienst in die lange, baumbesäumte Auffahrt der Bible Chapel einzubiegen. Amanda und ich saßen nervös angeschnallt auf der Rückbank unseres Chevy Caprice. Teilweise hatten wir meine Taufe auch deswegen hinausgeschoben, damit sie und ich am gleichen Tag getauft werden konnten. Ich betrachtete das als nur ein weiteres Beispiel für Amandas unheimliche Begabung, mir in Sachen Reife immer eine Nasenlänge voraus zu sein, obwohl ich drei Jahre älter bin als sie. Sie ist altklug, hat Grübchen, olivenfarbene Haut und tiefgründige, moosgrüne Augen, die bis heute sofort verraten, was ihr Herz bewegt – ob Freude oder Liebeskummer. So konnte Amanda auch dem verknöchertsten Kirchenältesten ein Lächeln entlocken. Sie war vertrauensvoll, leicht zu beeindrucken, leicht zu durchschauen und gut – der letzte Mensch auf der Welt, den man weinen sehen wollte.

Pastor George nannte Amanda „Miss AWANA“, weil sie bei den Treffen, in denen wir jeden Mittwochabend Bibelverse auswendig lernten, so hervorstach. AWANA stand dabei für Approved Workmen Are Not Ashamed (anerkannte Arbeiter schämen sich nicht) und war weit weniger sozialistisch gemeint, als es klingt. Vielmehr beinhaltete es den Erwerb von Auszeichnungen und Anstecknadeln für das erfolgreiche Aufsagen von Versen, die in unseren spiralgebundenen Broschüren abgedruckt waren. Die ganze Sache roch köstlich nach Zuckerkeksen und dem frisch laminierten Papier unserer Auswendiglernbücher, und Amanda trug den Duft jede Woche mit sich nach Hause, zusammen mit einem Arm voll Schleifen und Pokalen. Aber anstatt damit anzugeben, bot sie mir an, ihre Ausbeute mit mir zu teilen. Wenn sie merkte, dass ich mit leeren Händen nach Hause gekommen war, schob sie mir manchmal leise einen der Kronen-Anstecker aus Plastik in die Finger, die sie verdient hatte. Die sollten die Kronen symbolisieren, die wir einst im Himmel dafür bekommen würden, dass wir so viele Bibelverse auswendig gelernt hatten. Es machte mir Angst, wie sehr sie zu mir aufsah, wie sehr sie mir vertraute und zu mir hielt, selbst wenn ich es nicht verdiente. Ich war ihr eine gute große Schwester, bis ich in die Pubertät kam und es ihr in der darauffolgenden Krise übel nahm, wie mühelos sie geliebt wurde. Einmal, als ich meinte, sie wäre nicht ausreichend gerügt worden, nachdem wir uns zu Hause in irgendeinem Malheur wiedergefunden hatten, nannte ich sie Zimperliese und verspottete sie, indem ich hämisch das Lied „Holy, holy, holy“ sang. Das ist das Gemeinste, was ich je jemandem angetan habe. Überhaupt jemals. Sie hatte so ein zartes Gemüt, dass ich sofort wusste, dass ich etwas Wertvolles verletzt hatte, nur aus Spaß, und dass ich imstande war, Böseres zu vollbringen, als ich mir je vorgestellt hätte. Nicht einmal das Wasser der Taufe konnte diese Sünde wegwaschen, dessen war ich mir sicher.

An unserem Tauftag folgten wir unserer Mutter in den kahlen Nebenraum der Kirche, wo wir dünne Taufhemden über unsere T-Shirts und Jeansshorts zogen. Mir war unwohl wegen meiner Brüste. Meine „Stolpersteine“ wuchsen früh und reichlich, und jedes Mal, wenn ich merkte, dass ein Kind aus der Sonntagsschule sie anguckte, fühlte ich mich wie die Hure Babylon. (Ich habe erst nach dem College gelernt, die Züchtigkeitskultur zu dekonstruieren, und da war dann schon alles zu spät.) Nasse Kleider würden mir keinen Gefallen tun, so viel war mir klar. Zum Glück sollten wir vor dem Untertauchen sowieso die Arme vor der Brust verschränken, und Mama hatte mich mit einem Sport-BH, einem Unterhemd und einem dicken Baumwoll-T-Shirt ausgestattet. Sie bürstete mein schlaffes braunes Haar, das wie die Fäden eines Wischmopps unter einem künstlich aufgebauschten Pony herunterhing, und ich sah zu, wie ihre braunen Augen das Ekzem musterten, das auf meinen Armen ausbrach, meine vornübergebeugten Schultern und meine Zahnlücke. Ich weigerte mich, Make-up zu tragen, und das machte sie wahnsinnig, besonders an so einem Tag, an dem ein weißes Gewand jeden Hauch Farbe aus meinem blassen Gesicht verbannte. Amanda sah natürlich engelsgleich aus. Ihr Haar war gelockt und zu zwei asymmetrischen, hüpfenden Rattenschwänzen zusammengebunden – eine kleine Engelsgestalt neben einem verängstigten Gespenst mit Busen.

„Das Gute ist“, sagte Mom, deren Munterkeit sich von der nervösen Spannung deutlich abhob, „dass ich einen Fön eingepackt habe.“

Na, wenn das keine Erleichterung war.

Während mein Vater den Überblick über meine theologische Entwicklung behielt, blieb es meiner armen Mutter vorbehalten, mich durch die sozialen Nuancen des Kirchenlebens zu navigieren, eine Aufgabe, die ich ihr immens erschwerte, indem ich das Erstere sehr viel wichtiger nahm als das Letztere. Es ist eine Sache, einer Elfjährigen zu erklären, dass man nicht wissen kann, ob Anne Frank in den Himmel oder in die Hölle gekommen ist, und eine ganz andere Geschichte, ihr zu erklären, warum es vielleicht nicht so ganz angebracht war, die Frage vor lauter Gemeindefrauen bei einer Brautparty zu stellen. Aber so klang meine Art Small Talk eben. Hätte ich ein bisschen was vom Charme und der Schönheit meiner Mutter geerbt und die Tugend meiner Schwester geteilt, wäre ich vielleicht damit durchgekommen, aber stattdessen quälte ich mich durch die Fettnäpfe der religiösen Kultur der Südstaaten, wo von einem guten Christenmädchen erwartet wird, wenigstens ein Weilchen über das Wetter oder Football zu plaudern, bevor sie auf die ewige Verdammnis zu sprechen kommt. Als von Geburt an Introvertierte habe ich die Kunst des Umgarnens nie gemeistert. Obendrein widersetzte ich mich meiner Mutter ganz bewusst, indem ich mich weigerte, Lippenstift und Handtasche zu tragen oder mir Gedanken darum zu machen, was ich zum Gottesdienst anzog, weil ich ganz genau wusste, dass ihr diese Dinge wichtig waren. Ich betrachtete mich gerne als Wildfang (so wie meine Heldin Laura Ingalls Wilder), aber ohne das Interesse an Wettkampfsportarten oder Naturleben. Zum Glück hat meine Mutter eine Schwäche dafür, sich auf die Seite des Außenseiters zu stellen, und daher hatte ich nie Zweifel daran, dass sie auf meiner Seite war.

An meinen Taufgottesdienst erinnere ich mich nicht besonders gut, außer daran, dass der Kirchenraum vom Baptisterium aus so ganz anders aussah. Als ob ich ihn durch ein Weitwinkelobjektiv betrachtete. Und ich erinnere mich daran, wie tröstlich es war, durch das lauwarme Wasser zu waten und dann dort meinen Vater vorzufinden. Vertraute Arme, die mich leiteten, vertraute Hände, die meine Nase zuhielten, eine vertraute Stimme, die etwas über den Vater, den Sohn und den Heiligen Geist sagte, eine vertraute Kraft, die mich niederdrückte und mich wieder heraufzog, wie sonst, wenn er mich in seinen Armen herumwirbelte. Und ich erinnere mich daran, wie froh ich war, meine Mutter zu sehen, die mit offenen Armen darauf wartete, mich in ein Handtuch zu wickeln, und wie wir zusammen dabei zusahen, wie Amanda an der Reihe war und hineinwatete. Das Wasser schien so viel tiefer, es ging ihr bis zu den Schultern. Hinterher gab es einen kleinen Empfang, und jemand hatte daran gedacht, gefüllte Eier zu machen, weil sie wussten, dass ich das liebte.

Aber am meisten erinnere ich mich daran, wie ich mich fragte, warum ich mich jetzt nicht sauberer fühlte, warum ich mich nicht heiliger fühlte oder leichter oder Gott näher, wo ich doch wiedergeboren war … schon wieder. Ich fragte mich, ob meine pfingstkirchlichen Klassenkameraden recht hatten und ich eine zweite Taufe, eine Geistestaufe, brauchte oder ob ich nicht feierlich genug bei der Sache gewesen war oder mich nicht ausreichend auf meine Taufe vorbereitet hatte, damit sie auch wirkte. Ich hatte zu dem Zeitpunkt noch nicht gelernt, dass man für gewöhnlich aus den großen Momenten – der Hochzeit, dem Buchvertrag, der Reise, dem Tod, der Geburt – als ganz genau dieselbe Person herauskommt, als die man hineingegangen ist, und dass die vielleicht seltsamste Überraschung des Lebens die ist, dass es immer wieder demselben alten Du geschieht.

Wenn Martin Luther wieder eine seiner dunkleren Phasen durchmachte (was häufig geschah, der Kerl war ganz eindeutig bipolar veranlagt), soll er sich getröstet haben, indem er sich sagte: „Martin, bleib ruhig, du bist getauft.“ Ich vermute, sein Trost kam nicht daher, dass er sich den eigentlichen Moment der Taufe ins Gedächtnis rief oder sich auf die Taufe als eine Art zauberhaften Glücksbringer verließ, sondern daher, dass er sich daran erinnerte, wofür seine Taufe stand: für seine Identität als ein geliebtes Kind Gottes nämlich. Denn letzten Endes ist die Taufe eine Namensgebung. Als Jesus aus den Wassern des Jordans emporkam, erklärte eine Stimme vom Himmel herab: „Das ist mein geliebter Sohn, an dem ich Gefallen gefunden habe.“ Es fing nicht erst mit der Taufe an, dass Jesus geliebt wurde, noch wurde er mehr geliebt, als die Taufe zu einer Erinnerung geworden war. Die Taufe benannte ganz einfach die Wirklichkeit seiner Existenz und die Tatsache, dass er unendlich geliebt war. Meine Freundin Nadia formuliert es so: „Identität. Das ist immer Gottes erster Schritt.“9

Und so ist es auch bei uns. In der Taufe werden wir als geliebte Kinder Gottes identifiziert, und unsere Adoption in diese ausufernde, schöne, dysfunktionale Familie, die die Gemeinde Gottes ist, wird von denen gefeiert, die mit Fön und gefüllten Eiern am Ufer stehen. Daher steht das Taufbecken in aller Regel in der Nähe der Kirchentür. Der Mittelgang symbolisiert die Lebensreise des Christenmenschen zu Gott hin, eine Reise, die mit der Taufe beginnt.

Die gute Nachricht ist: Du bist ein geliebtes Kind Gottes. Die schlechte ist: Du kannst dir deine Geschwister nicht aussuchen. Nadia ist eine lutherische Pastorin, die in der fundamentalistischen Tradition der Gemeinde Christi aufgewachsen ist, die es, wie meine auch, Frauen verbietet, Pastorinnen zu werden. Als sie zur evangelisch-lutherischen Kirche übertrat, bat sie ihren lutherischen Mentor, sie zu taufen. Ihr Mentor lehnte weise ab und erinnerte sie daran, dass eine Handlung Gottes weder rückgängig gemacht noch wiederholt werden kann. Obwohl sie die Gesellschaft und die Verhaltensweisen ihrer ersten Gemeinde abgelegt hatte, konnte sie sie nicht aus ihrem geistlichen Stammbaum löschen. Sie waren immer noch ihre Familie.

Wie Nadia habe ich mit der evangelikalen Tradition gerungen, in der ich aufgewachsen bin. Oft plump. Zuweilen habe ich versucht, die Wasser meiner ersten Taufe aus den Kleidern zu wringen, sie aus meinem Haar zu schütteln, und in einer anderen Gemeinschaft um eine Wiederholung gebeten, wo sie Frauen ordinieren, die Demokraten wählen und an die Evolution glauben. Aber Jesus hatte diese seltsame Eigenschaft, normalen, verkorksten Leuten zu erlauben, ihn vorzustellen, und deswegen waren es normale, verkorkste Leute, die mir zuerst erzählten, dass ich ein geliebtes Gotteskind bin, die mich zuerst als eine Christin bezeichneten. Ich weiß nicht, wohin mich meine Glaubensgeschichte führen wird, aber sie wird immer an diesem Punkt beginnen. Das wird sich nie ändern.

Ich wurde von meinem Vater getauft. Und von meiner Mutter. Von Pastor George, von meinen Sonntagsschullehrerinnen, von meiner Schwester, von dem Gebrauchtwagenhändler, der zu Ostern immer eine Gospelvariante von „The Old Rugged Cross“ sang, von dem Jungen, der Popel in meine Haare schmierte, von dem kleinen Mädchen im Rollstuhl, das nicht sprechen konnte. Ich wurde von Alabama getauft, von Reaganomics, von den Evangelikalen, der Parkway Christian Academy und von der Bible Chapel. Ich wurde von Martin Luther King Jr. und George Wallace und Billy Graham getauft. Ich wurde von dem Schlag Mensch getauft, der Angelgeschichten in Predigten verwandelt und Rush Limbaugh hört und mich manchmal auf die falsche Art und Weise liebte. Ich wurde durch Wasser und durch Geist getauft und durch diese seltsame Ansammlung von Atomen und Genen und Erfahrungen, die Gott zusammengesetzt, an der er sich erfreut und die er in einem Akt absurder Gnade Geliebte genannt hat.

DREI

Nackt an Ostern

Wie keck wird man, wenn man sich geliebt weiß!

– Sigmund Freud

In den frühen Zwanzigerjahren legten Archäologen eine Reihe grober Fresken an der Wand eines römischen Hauses frei, während sie die Ruinen der Wüstenstadt Dura-Europos erforschten, die an der antiken römischen Grenze im heutigen Syrien lag. Die Fresken umgaben ein Becken und stellten ein paar eindeutige Szenen dar: eine Frau an einem Brunnen, zwei Personen, die über das Wasser gehen, während ihre Kameraden vom Schiff aus zusehen, drei Frauen, die sich einem Grab nähern. Die Archäologen hatten das Baptisterium der bis heute ältesten bekannten Kirche der Welt gefunden.

Beinahe zweitausend Jahre früher wird das flackernde Licht der Öllampen am Ostermorgen kurz vor Sonnenaufgang die Zeichnungen beleuchtet haben, während die neu zum Christentum Bekehrten splitternackt im Wasser des Taufbeckens knieten. Einer nach dem anderen, die Männer getrennt von den Frauen, bestätigte jeder Täufling die Grundsätze des Glaubens und entsagte Satan und seinen Dämonen, ehe er dreimal ins kalte Wasser untergetaucht wurde – im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes.

„Entsagst du dem Satan und allen seinen Werken und allen seinen Engeln und all seinem Dienst und all seinem Hochmut?“, fragen orthodoxe Priester bis heute erwachsene Konvertiten.

„Ich entsage“, sagt der Konvertit.

„Hast du dich Christus angeschlossen?“

„Ja, ich habe mich Ihm angeschlossen.“

„So falle vor Ihm nieder und bete Ihn an!“

„Ich bete an den Vater und den Sohn und den Heiligen Geist.“

Nach der Taufe wurden den Konvertiten weiße Gewänder gegeben, die ihr neues Leben in Christus symbolisierten, und sie wurden mit Öl gesalbt, das sie als Mitglieder der königlichen Priesterschaft kennzeichnete. Dann gesellten sie sich zu ihren Glaubensgeschwistern, um das Abendmahl zu nehmen. Dieser Prozess wiederholte sich jedes Jahr: Er begann mit einigen Fastentagen und fand seinen Höhepunkt in der feierlichen Osterwache.10

Heutzutage fangen die meisten Kirchen ihren Ostergottesdienst nicht damit an, dass ein Häufchen nasser, nackter Menschen morgens um sechs Satan und seinen Dämonen entsagt. Das würde wohl deutlich weniger Leute anziehen als ausgefeilte Passionsspiele oder Ostereiersuchen mit Geldpreisen. Und doch begann, historisch betrachtet, das Leben eines Christen damit, zwei unbequeme Wirklichkeiten – das Böse und den Tod – öffentlich und offen einzugestehen, und bei der Taufe stellt der Christ die kühne Behauptung auf, dass keine von beiden das letzte Wort behält.

Jetzt fühle ich mich, was den Exorzismus von Dämonen angeht, genauso unwohl wie mein Honda fahrender, Kulturradio hörender, New York Times lesender progressiver Nächster. Wenn ich diese Geschichten im Neuen Testament lese, neige ich dazu, den raffinierteren Ansatz zu wählen und anzunehmen, dass die Leute, die von Dämonen befreit wurden, von psychischen Krankheiten oder Epilepsie oder so etwas geheilt wurden (was, wenn man mal genauer drüber nachdenkt, nur bedeutet, eine wirklich wenig plausible Geschichte durch eine andere auszutauschen). Aber in letzter Zeit habe ich mich gefragt, ob dadurch nicht etwas ganz Wesentliches verloren geht, etwas Wahres über die Form und die Natur des Bösen, das, wie Alexander Schmemann es sagt, nicht nur die Abwesenheit des Guten ist, sondern „die Anwesenheit einer dunklen und irrationalen Macht“.11

Tatsächlich können unsere Sünden – Hass, Furcht, Gier, Eifersucht, Lust, Materialismus, Stolz – zuweilen so konkrete Formen in unserem Leben annehmen, dass wir sie in den Formen und Grimassen der grotesken Wasserspeier über unseren Kathedralentüren wiedererkennen. Und diese Sünden stimmen ein in einen Chor – man könnte auch sagen, in die Legion – der Stimmen, die in einen immerwährenden Kampf mit Gott verstrickt sind, bei dem es um das Anrecht über unsere Identität geht, Stimmen, die uns davon überzeugen wollen, dass wir zu ihnen gehören, dass sie das Recht haben, uns zu benennen. Wo Gott die Getaufte Geliebte nennt, nennen die Dämonen sie Abhängige, Schlampe, Sünderin, Fehler, fett, wertlos, Hochstaplerin, Versagerin. Wo Gott sie Kind nennt, locken die Dämonen mit reich, mächtig, hübsch, wichtig, religiös, geschätzt, kultiviert, richtig. Satan begann seine Schmeicheleien nicht aus Zufall, indem er sagte: „Wenn du der Sohn Gottes bist …“, als er Jesus nach seiner Taufe in Versuchung führen wollte. Wir alle sehnen uns danach, dass uns jemand sagt, wer wir sind. Der größte Kampf im Leben eines Christen ist es, den Namen, den Gott für uns hat, anzunehmen, zu glauben, dass wir geliebt sind, und zu glauben, dass das genug ist.

Ob sie nun aus uns herauskommen oder von außen, ob sie als reale Persönlichkeiten auftreten oder als Systeme, die um unsere Treue wetteifern: Dämonen sind so wirklich wie die rivalisierenden Identitäten, die von uns Besitz ergreifen wollen. Aber anstatt sie aus unseren Kirchen zu verbannen, neigen wir dazu, sie hereinzubitten, wo sie sagen, dass wir Kinder Gottes sein werden, wenn …

wir die Sucht besiegen.

wir die Lehrmeinung unterschreiben.

wir im Kinderdienst aushelfen.

wir unseren Scheiß zusammenkriegen.

wir unseren Zehnten bezahlen.

wir uns an die Regeln halten.

wir glauben, ohne zu zweifeln.

wir verheiratet sind.

wir heterosexuell sind.

wir religiös sind.

wir gut sind.

Aber „die erste Handlung im christlichen Leben“, sagt Schmemann, „ist eine Entsagung, eine Herausforderung“. In der Taufe steht der Christ nackt und ohne Scham vor all diesen Dämonen – all diesen Impulsen und Versuchungen, Sünden und dem Versagen, den leeren Verkaufsversprechen und seltsamen Etiketten – und sagt: „Ich bin ein geliebtes Kind Gottes, und ich entsage allem und jedem, der etwas anderes behauptet.“12 In manchen orthodoxen Traditionen spuckt der Bekehrte tatsächlich dem Bösen ins Gesicht, bevor er untergetaucht wird.

Das zu tun ist mutig und trotzig. Und Christen sollten es viel häufiger tun, wenn nicht in unseren Taufen, dann in unserer Erinnerung an die Taufe. Oder vielleicht immer, wenn wir duschen.

Zusätzlich dazu, dass sie Gottes Macht über Mächte und Gewalten erklären, erklären die ältesten Taufriten auch Gottes Macht über den Tod. Viele der ersten Taufbecken hatten die Form von Särgen. Taufen fanden am Ostersonntag kurz vor Sonnenaufgang statt, um Christi Triumph über den Tod zu gedenken. Das Hinabsteigen des Christen in das Wasser stellt ein Aufgeben, einen Tod des alten Lebensstils dar. Sein Auftauchen symbolisiert die Auferstehung, einen Neuanfang.

„Wisst ihr denn nicht, dass wir alle, die wir auf Christus Jesus getauft wurden, auf seinen Tod getauft worden sind?“, schrieb der Apostel Paulus den Römern. „Wir wurden mit ihm begraben durch die Taufe auf den Tod; und wie Christus durch die Herrlichkeit des Vaters von den Toten auferweckt wurde, so sollen auch wir als neue Menschen leben“ (Römer 6,3+4). Cyril von Jerusalem sagte den Frischgetauften: „Durch diese Handlung seid ihr gestorben und geboren worden, und für euch war das rettende Wasser Grab und Mutterschoß zugleich.“ Luther beschreibt die Taufe als das Ertränken des alten, sündigen Selbst, von dem er sagt, dass es „ein mächtig guter Schwimmer“ sei. Und der argentinische Prediger Juan Carlos Ortiz ist bekannt dafür, eine verstörende Taufformel zu verwenden: „Ich töte dich im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes, und ich gebäre dich in das Reich Gottes hinein, in seinen Dienst und zu seiner Freude.“13

Tod und Auferstehung. Das ist die Unmöglichkeit, um die herum alle anderen Unmöglichkeiten des christlichen Glaubens kreisen. Die Taufe erklärt, dass es Gottes Sache ist, Totes wieder lebendig zu machen. Wenn du also in Gottes Angelegenheiten unterwegs sein willst, stell dich besser darauf ein, Gott bis in die hinterletzten Ecken dieser Welt zu folgen, in die verkrusteten, wo die Erde verbrannt und man selbst bei der Ankunft schon tot ist – auch in die Ecken deines eigenen Herzens –, weil Gott genau dort arbeitet, weil er genau dort gärtnert. Die Taufe erinnert uns daran, dass es keine Leiter gibt, auf der man Richtung Heiligkeit klettern kann, keinen Selbstverbesserungsplan, dem man einfach nur folgen muss. Es gibt nur Tod und Auferstehung, wieder und immer wieder, Tag für Tag, während Gott in unsere tiefsten Gräber hineingreift und uns unserem Stolz, unserer Gleichgültigkeit, unserer Angst, unseren Vorurteilen, unserer Wut, unseren Verletzungen und unserer Verzweiflung abringt mit derselben Kraft, die Jesus von den Toten auferweckte. An den allermeisten Tagen weiß ich nicht, was ich schwerer glauben kann: dass Gott die Gehirnfunktionen eines Mannes, der bereits drei Tage lang tot war, reanimiert hat oder dass Gott all die schönen Dinge, die wir getötet haben, wieder ins Leben zurückholen kann. Beides scheint mir ziemlich unwahrscheinlich.

Dieser Tage haben alle so ihre Meinung, warum Menschen die Kirche verlassen. Manche wollen das Problem lösen, indem sie das Christentum gefälliger machen – du weißt schon, den ganzen seltsamen, mystischen Kram von wegen Sünde, Dämonen und Tod und Auferstehung weglassen und durch Selbsthilfebücher, Politik, theologische Systeme oder hippe Kaffeebars ersetzen. Aber manchmal glaube ich, was die Kirche am meisten braucht, ist die Wiederentdeckung ihrer seltsamen Seiten. Es hat wenig Sinn, sie einer Typberatung zu unterziehen, wenn sie immer das seltsame, ungelenke Mädchen sein wird, das nur aufgrund einer Wette zum Abschlussball eingeladen wird.

Beim Taufritual spielten unsere Vorfahren die bizarre Wahrheit der christlichen Identität durch: Wir sind Menschen, die ganz und gar entblößt vor dem Bösen und dem Tod stehen und diesen erklären, dass sie der Liebe gegenüber machtlos sind.

Nichts daran ist normal.

VIER

Chubby Bunny

Es muss wunderbar sein, 17 zu sein und alles zu wissen.

– Arthur C. Clarke

Am Tag nach dem Amoklauf auf der Columbine Highschool bin ich zur Schule gegangen, obwohl die meisten meiner Klassenkameraden zu Hause blieben.

„Es ist die perfekte Gelegenheit, Zeugnis abzulegen“, sagte ich meiner Mutter auf dem Weg zum Bus, schon halb aus der Tür. „Alle haben Angst.“

Die Rhea County Highschool in Dayton, Tennessee, ist genau 2121 Kilometer von der Columbine Highschool entfernt, wo tags zuvor, am 20. April 1999, Eric Harris und Dylan Klebold zwei Sturmgewehre, 99 Sprengkörper und zwei Schrotflinten unter ihren schwarzen Trenchcoats hervorzogen, um ein Dutzend ihrer Mitschüler und einen Lehrer umzubringen, bevor sie sich selbst töteten. Ich hatte in den Nachrichten gehört, manche der Opfer seien gefragt worden, ob sie an Gott glaubten. Während also das erste bläuliche Morgenlicht durchs Busfenster fiel, betete ich, Gott möge mir im Falle eines befürchteten Trittbrettfahrerszenarios, das an jenem Morgen so vielen Eltern, Schülern und Lehrern Sorgen machte, die Stärke verleihen, zu meinem Glauben zu stehen.

Als Oberstufenschülerin und Präsidentin des Bibelclubs hielt ich es für meine Pflicht, die Erweckungsbewegung anzuführen, die von der Tragödie unter den Schülerinnen und Schülern der Highschools im ganzen Land ausgelöst werden würde, wie ich ganz sicher glaubte. Ich bereitete mich innerlich auf eine Erweckung vor, seitdem wir zwei Jahre nach meiner Taufe nach Tennessee gezogen waren. Ein Plan, der jedoch nicht unwesentlich von der Tatsache erschwert wurde, dass sich beinahe jeder in Dayton ohnehin schon als Christ bezeichnete (immerhin war die Stadt Schauplatz des berühmten Scopes-Affenprozesses, bei dem ein 1925 verabschiedetes Gesetz angewandt wurde, welches verbot, Theorien zu lehren, die der biblischen Schöpfungslehre widersprechen). Vor jedem Footballspiel wurde gebetet, auf jeder Messehalle prangten Bibelverse. McDonald’s und Hardee’s veranstalteten jeden zweiten Donnerstag ein Gospelliedersingen für die etwas reiferen Mitbürger, und später wurde auf dem Rasen des Gerichtsgebäudes eine Bronzestatue von William Jennings Bryan, einem legendären Verteidiger des Fundamentalismus, aufgestellt. Bei „See you at the Pole“, einer jährlich stattfindenden Veranstaltung am Flaggenmast der Schule, bei der wir vor Schulbeginn beteten, in der Bibel lasen und sangen, mussten wir zwei große Kreise bilden, weil so viele kamen, um sich zu Jesus zu bekennen. Die Erweckung war lange vor mir im Tennessee Valley angekommen und hatte sich dort niedergelassen wie ein Nebel.

Dennoch war ich jeden Tag, wenn ich zur Schule ging, wildentschlossen, die Christen dort zu evangelikalen Christen zu machen und sie für Gott in Brand zu stecken. Morgens brachte ich mich mit Musik von DC Talk und Audio Adrenaline in Stimmung. Ich schrieb „Gott ist wunderbar“ mit Edding auf rotes Klebeband und klebte es wie einen Autoaufkleber auf meinen JanSport-Rucksack. Ich war immer auf der Suche nach Möglichkeiten, Gespräche über Freitagsfootballspiele in Diskussionen über den Sühnetod Christi umzulenken. Mit meinem Laborpartner debattierte ich über die Evolution. Und am Tag nach dem Amoklauf in Columbine fand ich mich im Wettstreit mit Julie Andrews und den anderen Darstellern von „Meine Lieder – meine Träume“ wieder (ich hätte wissen müssen, dass wir den ganzen Tag nur Filme schauen würden), als ich der Cheerleaderin zwei Plätze vor mir zuzischte: „Weißt du, wo du die Ewigkeit verbringen wirst, wenn du heute sterben würdest?“ Wäre ich nicht so ganz und gar aufrichtig, so wahrhaftig dem ewigen Wohlergehen meiner Mitmenschen hingegeben gewesen, ich hätte den Blick verdient gehabt, den sie mir zuwarf. Aber größtenteils waren meine Klassenkameraden geduldig mit mir, sogar freundlich. Ein paar von ihnen, vor allem Jungs, von denen ich inzwischen annehme, dass sie hauptsächlich wegen meiner „Stolpersteine“ an mir interessiert waren, taten mir den Gefallen und kreuzten zwischen den Schulstunden an meinem Spind auf, um sich mit mir über die Vorteile des Glaubens zu unterhalten – und darüber, ob ich vorhatte, zum Schulball am Samstagabend zu kommen. Es gab genau zwei bekennende Atheisten in meiner Abschlussklasse, und ich freue mich, euch mitteilen zu können, dass ich einen von ihnen zum Glauben geführt habe.

Na ja, ich habe einen von ihnen zur Jugendgruppe mitgebracht, Brian Ward hat ihn dann zum Glauben geführt. Brian Ward war Jugendpfarrer und so beliebt, dass Teenager aus dem ganzen Umkreis am Mittwochabend zu „The Planet“ in die Grace Bible Church kamen, um auf dem Boden zu sitzen und ihm zuzuhören, wie er Gitarre spielte und von Jesus erzählte. Brian reagierte allergisch auf Christinesisch, deshalb kam es ihm nie in den Sinn, von seinem „Weg mit dem Herrn“ zu sprechen oder warum er sich „berufen fühlte“, dies oder jenes zu tun, weil ihm etwas „aufs Herz gelegt“ wurde. Brian war ein Fan der Georgia Bulldogs, hatte einen schweren Atlanta-Akzent, trug ausgeblichene Baseballmützen und T-Shirts, sang wie Eddie Vedder, und hin und wieder rutschte ihm ein Schimpfwort heraus. Wir nahmen an, dass er häufig mit unseren Eltern aneinandergeriet, was seine geheimnisvolle Ausstrahlung nur verstärkte. Wenn wir Brian wegen seines lichter werdenden Haares neckten, erinnerte er uns an die merkwürdige Geschichte in der Bibel, in der Gott zwei Bärinnen schickte, um 42 Kinder zu zerreißen, die den Propheten Elisa wegen seiner Kahlköpfigkeit verspottet hatten. „Zwei Bärinnen“, sagte er. „Steht in der Bibel. Schaut ruhig nach.“

Es war Brians Idee, unsere Treffen am Mittwochabend „The Planet“ zu nennen und sie aus dem Gemeindegebäude in ein Ladenlokal in der Innenstadt zu verlegen, damit wir nicht das Gefühl hatten, wir würden zur Kirche gehen. Es war seine Idee, die Schüler in die Leitung, in die Band und in wichtige Entscheidungen, die die Zukunft der Gruppe betrafen, miteinzubeziehen. Er sah die gleichen Fernsehsendungen wie wir und lachte an den gleichen Stellen. Seine Frau, Carrie, war hübsch, süß und vernünftig, und ich kannte ihr kleines Haus am Fluss so gut wie das Zuhause meiner besten Freunde.

Brian schaffte es, die Kirche ansprechend zu gestalten, ohne auf die verzweifelten, angestrengten Strategien anderer Jugendpfarrer aus der Umgebung zurückzugreifen, die versuchten, das Christentum „für die Jugend relevant“ zu machen. Er wusste, dass man nicht ein Volleyballnetz spannen, christliche Rockmusik anschmeißen und dann erwarten kann, dass Sportskanonen und Bandnerds, Goths und Cheerleader, Hinterwäldler und FroKis ihre Unterschiedlichkeiten beiseitelassen und sich gegenseitig im Geiste Christi annehmen und genießen. Seine Abscheu für Jugendleiter, die verzweifelt genug waren, genau das zu versuchen, verbarg er nur gerade so. Stattdessen stattete er unseren Laden in der Innenstadt mit superbequemen Sesseln in einer Ecke aus, stellte einen Kicker in eine andere. In einem Nebenraum gab es Computerspiele, im hinteren Bereich eine riesige Bühne und Basketballkörbe sowie ein Volleyballnetz auf dem Parkplatz. Wir betrachteten es als Erfolg, ungefähr 70 Teenager drei Stunden pro Woche zur gleichen Zeit am gleichen Ort zusammenzubringen, mit oder ohne „Breakfast Club“-Momente. Brian hatte den Wunschzustand jedes ehemaligen, gegenwärtigen und zukünftigen Teenagers erreicht: Er war cool, ohne es zu versuchen. Wir himmelten ihn an.

Selbst die Jungs aus der letzten Reihe liebten Brian, obwohl sie so taten, als sei das nicht der Fall, indem sie während der Anbetungszeiten die Hände in den Hosentaschen vergruben und während der Andacht am Teppichflor herumzupften. Brian ging mit ihnen fischen und bowlen, teilte Insider-Witze mit ihnen und nahm, viele Jahre später, ihre Trauungen vor. Bei der ganzen Zeit, die Brian darauf verwendete, den Jungs aus der letzten Reihe zu dienen, hätte man meinen können, dass sie vielleicht eines Tages näher an den vorderen Teil des Raumes heranrücken und sich beim Singen zu uns anderen gesellen würden, die wir für Gott brannten.

„Es ist nicht meine Aufgabe, Leute zu verändern“, sagte Brian, als ich ihm deswegen auf die Nerven ging. „Meine Aufgabe ist es nur, Leute zu lieben.“

Ich schloss daraus, dass er wohl eine Art Spiel auf Zeit spielte und sich in ihre Leben hineinarbeitete, bevor er sie für die große Erweckung rekrutierte. Es kam mir nie in den Sinn, dass es vielleicht Zeiten gab, in denen Brian mich auch einfach nur liebte.

Ich erinnere mich an recht wenig, was die Gemeinde außerhalb unserer Jugendgruppe angeht, außer dass ich an den Sonntagmorgen die Jungs aus der Jugendgruppe in ihren ordentlichen Hemden zu sehen bekam und sie mich in Röcken. (Zu dem Zeitpunkt hatte ich die Laura-Ingalls-Wilder-Sache fallen gelassen und Lippenstift aufgelegt.) Zusammen saßen wir in den letzten vier Reihen des Kirchenraums der Grace Bible Church – einem fensterlosen Gebäude mit Gewölbedecke, das von außen aussah wie ein Planetarium. Die Grace Bible Church war die größte konfessionslose Kirche der Stadt und gerade erst mit einem lebbaren Kompromiss und verheilenden Fleischwunden aus den Lobpreisschlachten der 90er hervorgegangen. Der sah so aus, dass unsere etwa 200 Mitglieder starke Gemeinde den einen Teil des Gottesdienstes aus einem Gesangbuch sang und den anderen von Tageslichtprojektor-Folien. Unser Pastor war ein alter Freund der Familie, der mit meinem Vater im Seminar gewesen war. Die beiden waren zusammen zur Musterung gegangen und erinnerten sich an das Ereignis wie zwei alte Kriegskameraden, obwohl keiner von beiden einberufen wurde. Pastor Doug war ein eher gelehrterer, exegetischerer Prediger als Pastor George – und zu allem Überfluss ein Fan der Baseballmannschaft der St. Louis Cardinals. Unsere Gemeindebriefe enthielten detaillierte Gliederungen seiner Predigten, deren Unterüberschriften häufig mit demselben Buchstaben anfingen: Gnade, Gerechtigkeit, Gehalt. Ich füllte jede Lücke aus und riet manchmal den nächsten Punkt (Gottesdienst!), während mir die Jungs aus der letzten Reihe durchgekaute Papierkügelchen ins Haar schossen.

Nicht viele Jugendliche gehen zur Jugendgruppe, um ihre Religiosität abzumildern, aber Brians beziehungsorientierter Stil trug dazu bei, dass mein Kreuzritterkomplex sich etwas mäßigte. Er sah, dass ich ein Händchen für Lehre und für Leitungsaufgaben hatte, und lud mich mehr als einmal dazu ein, die Andacht zu halten (ein unerhörtes Privileg für eine junge Frau in diesem Umfeld). Er überzeugte mich außerdem davon, die Super-Bowl-Party nicht durch einen Bekehrungsaufruf während der Halbzeit zu ruinieren und mich während all der holprigen Kleinbusfahrten zu Konzerten und Jugendfreizeiten – die mein Haar durcheinanderbrachten (die Fenster standen immer offen) und meine Gedanken von einem süßen Jungen zum nächsten springen ließen – zu entspannen und die Zeit mit meinen Freunden zu genießen.

Einer dieser Ausflüge brachte mich jedes Jahr nach Alabama zurück. Es ging um ein Wochenendgottesdienstprojekt im Camp Maxwell in Haleyville. Camp Maxwell beherbergte während des Sommers wenig privilegierte Jugendliche, lud im Frühjahr aber privilegierte Jugendliche aus dem ganzen Südosten ein, die dann für Jesus Beton gossen, Baumstümpfe ausgruben und Wasserleitungen beschädigten. Alle Mädchen kauften sich extra für diesen Anlass neue Latzhosen. Abends trafen wir uns in einem Versammlungsraum ohne Dach, um anzubeten, zu zittern und Feuer-und-Schwefel-Predigten von Männern zu lauschen, deren Theologie Brian dann auf der Heimfahrt sanft korrigierte.

Bei diesen Treffen lernte die Jugendgruppe der Grace Bible Church ihre Einzigartigkeit richtig schätzen. Jedes Jahr bewiesen wir sie erneut, indem wir den heißbegehrten Klospülkastenpreis mit nach Hause brachten. Der Klospülkastenpreis sah genauso aus, wie er sich anhört: Es war ein Klospülkasten, der auf einem Holzbrett angebracht war und derjenigen Jugendgruppe verliehen wurde, die das Wochenende über die meisten Punkte für Siege beim Sport, bei Spielen, bei Bibelquizzen und dem alles überragenden Talentwettbewerb ergattern konnte. Die meisten dieser Aktivitäten waren leichtes Spiel für uns, weil wir alle so grundverschieden waren. Wir konnten Musiker, Athleten, Bibelnerds und Theaterfreaks gleichermaßen vorweisen. In einem Jahr haben wir stehende Ovationen bekommen, weil wir eine Minivariante von Stomp aufführten, bei der Mitglieder der Drumline aus der Highschool auf leeren Mülltonnen herumtrommelten.

Unsere Schwäche war der Spielebereich. Jetzt muss man wissen, dass das Wort „Spiele“ im Kontext einer christlichen Jugendgruppe etwas völlig anderes meint als in jedem anderen Umfeld. Ich vermute, dass alleine in den späten 90ern die Spiele christlicher Jugendgruppen Millionen Ansteckungen am Pfeiffer’schen Drüsenfieber zu verantworten haben, ebenso tausende gebrochener Knochen, dutzende Fälle, in denen jemandem der Magen ausgepumpt werden musste, und zahllose Therapiestunden. Denn typischerweise ging es darum, unsichere, hormongeladene Teenager in so peinliche wie gefährliche Situationen wie möglich zu bringen. Meistens führte das unweigerlich dazu, dass jemand sich entweder erbrach oder eine Erektion bekam.

Es gab Vertrauensspiele und Stafetten, Hochgeschwindigkeitsvarianten von „Faules Ei“, der Reise nach Jerusalem, Völkerball und Red Rover, eine Art Kettenfangen, bei dem ein Mitspieler des einen Teams versuchen muss, die Kette des anderen Teams zu durchbrechen (aber nur bis das verboten wurde, weil ich glaube, dass wirklich Leute dabei gestorben sind). Wir haben Sardinen gespielt (man stopfe 25 Jugendliche eine Stunde lang in das gleiche, dunkle Versteck), Ansaugen-und-Weitergeben (im Kreis eine Kreditkarte weitergeben, indem man sie nur mit dem Mund ansaugt) und Two-Buck-Chuck (bei dem man zwei Dollar bekam, wenn man es schaffte, zwei Liter Milch zu trinken, ohne sich zu übergeben). Dann gab es da dieses Spiel, bei dem man mit dem Mund nach Snickers fischen musste, die in einer Kloschüssel voller Limonade schwammen, und das Spiel, wo man eine Banane essen musste, während man eine Feinstrumpfhose über dem Kopf hatte, und dann noch das, bei dem man seinem Partner Käseflips ins Gesicht werfen sollte – das über und über mit Rasierschaum bedeckt war. Ganz klar: ein immerwährender Zirkus purer Freude und Glückseligkeit für die Introvertierten unter uns.

Ich habe neulich mit ein paar meiner Leser auf Twitter Berichte aus dem Schlachtgetümmel unserer Jugendgruppen ausgetauscht, und ihre Geschichten waren mehr als unerquicklich:

„Ich habe gesehen, wie Leute Milchshakes tranken, die aus kompletten Happy Meals hergestellt wurden.“

„Ich habe mal gesehen, wie jemand einem anderen Erdnussbutter aus der Achselhöhle lecken musste.“

„Wir haben die kleinsten Mittelstufenschüler genommen und sie mit Gaffertape an die Wand geklebt. Das Team, dessen Mitglied am längsten kleben blieb, hat gewonnen.“

„,Klau-den-Speck‘ mit Vaseline und Wassermelone. Drei Teilnehmer mit Gehirnerschütterung und ein Jugendleiter mit herausgerissenem Brustwarzenpiercing.“

„Drei Worte: Volleyball bei Strobolicht.“

„Einmal musste ich eine Zwiebel wie einen Apfel essen. Warum, weiß ich nicht mehr.“14

Die Jugendgruppe der Grace Bible Church hatte das Glück, dass Brian unter einer schwachen Angststörung litt und deswegen Jugendgruppenspiele ebenso wenig leiden konnte wie wir. Daher wurden wir ihnen nur bei Veranstaltungen wie dem im Camp Maxwell ausgesetzt, wo wir schreckerstarrt zusahen, wie andere, sonst eigentlich völlig normale Teenager, versuchten, mit ihren Zähnen Kaugummis von den Sohlen ihrer Turnschuhe abzuziehen.

An dem kühlen Abend, an dem sich unsere Geschichte zutrug, war das Spiel, das zwischen der Jugendgruppe der Grace Bible Church und dem Klospülkastenpreis stand, natürlich „Chubby Bunny“. Bei Chubby Bunny geht es darum, dass sich mehrere „Freiwillige“ so viele Marshmallows wie möglich in den Mund stopfen und versuchen, „Chubby Bunny“ zu sagen, ohne sich zu übergeben oder daran zu ersticken. Die Person, die das mit den meisten Marshmallows im Mund schafft, gewinnt.

Jetzt war es so, dass wir, die Jugendgruppe der Grace Bible Church, Chubby Bunny hassten. Wir waren zu cool für Chubby Bunny. Wir durchschauten die heimtückische List. Aber wir brauchten jemanden, der für uns Chubby Bunny spielte, wenn wir den Klospülkastenpreis gewinnen und die anderen Jugendgruppen ein für alle Mal auf ihre Plätze verweisen wollten.

Während die Wettbewerber ihre Delegierten unter Jubelrufen auf die Bühne schickten, saßen wir still in unseren fünf hölzernen Bankreihen und scharrten mit den Füßen in den Sägespänen.

„Wir brauchen einen Freiwilligen von der Grace Bible Church!“, rief jemand mit viel zu vielen Gummiarmbändern am Handgelenk ins Mikrofon.

Namen wurden geflüstert. Blicken wurde ausgewichen. Brian sah so verängstigt aus wie wir anderen auch.

Dann kam von ganz hinten eine ruhige, sichere Stimme.

„Ich mach’s.“

Wir drehten uns alle um.

Mike war ein Junge aus der letzten Reihe wie aus dem Bilderbuch. Er war groß und rothaarig, hatte ein freches Mundwerk und war ein echter Draufgänger, der sich seine Zeit so einteilte, dass er sie wahlweise beim Nachsitzen oder in der Notaufnahme verbrachte. Wenn Mike etwas nicht mochte, teilte er das mit, und Mike mochte weder die Gemeinde noch die Schule noch Camp Maxwell besonders. Aber er hatte ein sanftes Zwinkern in den Augen, und er hatte so einen schrägen, punktgenauen Witz, dass selbst wir Bibelnerds ihn mochten. Ich weiß, dass ich nicht das einzige Mädchen war, das es genoss, ihm ein Lächeln auf die trotzigen Lippen, über das sommersprossige Gesicht, das kantige Kinn und diese dicken Backen zu zaubern … Backen, die für Chubby Bunny wie geschaffen waren.

Ohne ein weiteres Wort marschierte Mike den Mittelgang hinunter und nahm seinen Platz zwischen einem Mädchen in ausgebeulten Latzhosen aus Birmingham und einem völlig verängstigten Junior-High-Schüler aus Huntsville ein. Sie zwangen ihn, einen Müllsack wie ein Schlabberlätzchen zu tragen. Er war unsere Katniss Everdeen, der Tribut, den wir zollen mussten. Unnötig zu sagen: In diesem Jahr gewannen wir den Klospülkastenpreis zum dritten Mal in Folge.

Und so kam es, dass ein Mädchen, das in der Bereitschaft, zu sterben, zur Schule ging, vor Begeisterung kreischte, während Mike-aus-der-letzten-Reihe sich im Ringen um den Klospülkastenpreis Marshmallows ins Gesicht schob. Ich schreibe jedes bisschen Sozialkompetenz in meinem Leben Brian Ward und meiner Zeit in der Jugendgruppe der Grace Bible Church zu. Zu einer Zeit, in der die meisten meiner Altersgenossen sich damit abmühten, herauszufinden, wer sie waren, wusste ich ganz genau, wer ich war: das Kirchenmädchen, das Mädchen, das immer einen Platz in ihrer Jugendgruppenfamilie hatte, das Mädchen, das für Gott in Flammen stand. Ich weiß nicht, ob ich den Wert dieser Gemeinschaft, dieses Zugehörigkeitsgefühls und des Wissens, dass ich geliebt bin, je richtig einschätzen kann.

Es kam mir nie in den Sinn, dass solch ein Feuer ausgelöscht werden könnte.

FÜNF

Genug

Die meisten von uns finden auf Wegen zur Kirche, die die Kirche nicht erlaubt.

– Flannery O’Connor

Ich habe nie jemanden kennengelernt, der sich so sehr auf seine Taufe freute wie Andrew.

„Nur noch 13 Tage!“, sang der 19-Jährige, als würde er die Tage bis zu einer Abschlussfeier oder einer Hochzeit zählen. „Willst du kommen?“

„Den ganzen weiten Weg aus Tennessee?“, scheute ich zurück und reichte ihm die größere Hälfte des Brownies, den ich gerade für uns geteilt hatte. „Das ist ein hübsches Stück zu fahren bis nach St. Louis.“

Wir saßen um einen runden Klapptisch im verlassenen Keller einer Methodistengemeinde in Columbia, Missouri, wo wir die Nachmittagseinheit der Konferenz, die wir besuchten, schwänzten, um stattdessen als selbst ernannte Gastronomie-Kritiker das vom Mittagessen übrig gebliebene Gebäck zu verkosten. (Wenn die Baptisten den Vogel abschießen, was hausgemachtes Chili angeht – und das tun sie –, dann machen die Methodisten das in Sachen Feingebäck. Ich habe noch nie eine methodistische Zitronenschnitte gegessen, die ich nicht gemocht hätte.) Wir hatten uns, nach meinem Vortrag früher am selben Morgen, getroffen, als Andrew – ein blonder Collegestudent mit Grübchen und treuer Leser meines Blogs – mich im Hörsaal in einer Bärenumarmung umschloss und ausgelassen lachte. „Das ist schon in Ordnung“, versicherte ich den verblüfften Umstehenden. „Wir kennen uns aus dem Internet.“

„Ich habe ehrlich nie gedacht, dass ich mich je taufen lassen würde“, bekannte Andrew, während er seine Browniehälfte musterte. „Ich habe nicht geglaubt, dass ich je gut genug dafür sein könnte.“

„In was für einer Gemeinde bist du denn aufgewachsen?“, fragte ich.

Statt einer Antwort zog Andrew sein Smartphone heraus, scrollte eine Weile durch die Fotos, fand, was er gesucht hatte, und reichte mir dann sein Telefon. Auf dem gesprungenen Bildschirm prangte das Bild des Vorworts eines Gemeindebriefs. Nachdem ich reingezoomt hatte, konnte ich erkennen, dass es in dem Artikel um gleichgeschlechtliche Beziehungen ging, die der Autor als widerwärtig bezeichnete. Links neben der Überschrift schaute mich ein silberhaariger Mann in Anzug und Krawatte aus Augen an, die mir sehr bekannt vorkamen.

„Das ist mein Dad“, sagte Andrew. „Er ist Pastor und hat das gleich nach meinem Coming-out veröffentlicht.“

Mein Herz sank. Für jede Jugendliche wie mich, die in ihrer Gemeinde nur Liebe und Akzeptanz erfahren hatte, gibt es irgendwo einen Teenager wie Andrew, der sich wie ein Fremder in den Kirchenbänken fühlte, ein Fremder sogar bei sich zu Hause.

Andrew wuchs als sechstes von sieben Kindern in einer kleinen, fundamentalistischen presbyterianischen Kirche in den Südstaaten auf, wo sein Vater als Pastor diente. Es gab vieles, das Andrew an seiner eng gestrickten Glaubensgemeinschaft liebte – ihre Konzentration auf die Bibel, wie sie sich der Evangelisation verpflichtet fühlte, ihre familiäre Atmosphäre –, aber als Andrew langsam in die Pubertät kam, merkte er, dass er mit einigen der gesetzlicheren Auslegungen der Kirche nicht einverstanden war, besonders damit, dass sein Vater moderne christliche Musik verbot und darauf bestand, dass in der Kirche und auch zu Hause nur die King-James-Übersetzung benutzt wurde. Während sein Vater Ehrfurcht, Gerechtigkeit und Selbstkontrolle betonte, hatte Andrew schon immer einen zarten, offenen Geist und eine emotionale Bindung an Gott an den Tag gelegt. Während der Predigten seines Vaters schrieb er endlos lange in sein Gebetstagebuch und unterhielt sich mit Gott wie mit einem guten Freund. Obwohl er hin und wieder rebellierte (als er das erste Mal einen Film im Kino sah, war Andrew 18 Jahre alt. Er schlich sich mit Freunden raus, um sich „Die Tribute von Panem“ anzuschauen), liebte Andrew Jesus innig und leidenschaftlich.

Was sein Geheimnis umso schwerwiegender machte.

Um den Zeitpunkt herum, als seine Freunde anfingen, über Mädchen zu sprechen, fing Andrew an, andere Jungen wahrzunehmen. Er war zu dem Glauben erzogen worden, sexuelle Orientierung wäre eine Entscheidung und gleichgeschlechtliche Beziehungen seien ein Gräuel. Deswegen befürchtete Andrew, seine Impulse seien ein Ergebnis von Sünde. Sünde, von der er Gott bat, dass er ihn von ihr befreien möge, Nacht für Nacht, Tag für Tag.

Ein Eintrag in Andrews Tagebuch aus dem Jahre 2012 liest sich so:

Ich habe solche Angst. Ich will kein Ausgestoßener sein … Interessiert dich, was ich durchmache, Gott? Warum hast du mich so geschaffen, wie ich bin? Was willst du mich lehren, Gott? Ich hebe meine Hände zu dir auf. Ich bin in deinen Händen … Gib mir Glauben! Bitte! Ich halte nicht mehr lange durch.

Aber nicht noch so viel Gebet und Bibelstudium und Selbstdisziplin konnten Andrews sexuelle Orientierung verändern. Am Ende, nach vielen Phasen der Depression und Anfällen von Verzweiflung, fand sich Andrew mit seiner Sexualität ab. Er zog von zu Hause aus, um in St. Louis aufs College zu gehen, und fand eine Kirche, die ihn akzeptierte, wie er war. Seine neue Glaubensgemeinschaft leitete sogar in die Wege, dass er getauft werden konnte, eine Erfahrung, nach der sich Andrew seit seiner Kindheit sehnte.

„Als ich aufwuchs, hat man mir Taufe und Abendmahl immer verweigert“, sagte Andrew. „Mein Dad hat mir gesagt, es würden sich nicht genug Früchte des Heiligen Geistes in meinem Leben manifestieren. Er wollte, dass ich wartete, bis ich gut genug war, heilig genug.“

Andrew hat sich vor seiner Familie in den Herbstferien in seinem ersten Jahr am College offiziell geoutet. Das lief nicht gut. Jetzt lebt Andrew in seinem Zimmer im Wohnheim, von seiner Familie abgeschnitten, und arbeitet schwer dafür, seine akademische Ausbildung selbst zu finanzieren. Als er das letzte Mal mit seinem Vater sprach, wurde Andrew gesagt, er würde in die Hölle kommen.

Aber Andrew war in diesen schwierigen Herbstferien nicht alleine. Ein ganzes Team aus seiner neuen Kirche hatte sich dazu verpflichtet, während dieser vier Tage für ihn zu beten. Andrew wusste in jedem schmerzhaften Augenblick um ihre Unterstützung.

„Keine Gemeinde ist perfekt“, sagte er. „Aber sie waren gut zu mir.“

Da verstand ich, warum Andrew mich zu seiner Taufe einlud. Ich war Teil der einzigen Familie, die er noch hatte. Andrews Adoption in Gottes Familie hinein war sehr viel turbulenter und schmerzhafter abgelaufen als meine eigene, aber er wollte gerne, dass ich Teil davon war, einfach weil ich unter denen war, die ihn nicht abwiesen, einfach weil ich ihn so liebte, wie er war. Manchmal muss die Kirche ihren eigenen Geflüchteten Zuflucht bieten.

Ich schaffte es nicht zu Andrews Taufe, aber ich betete an jenem Tag für ihn, und ich sah mir das Video an, das die Gemeinde zu diesem Anlass drehte. In seinem Bekenntnis vor der Taufe sagte Andrew: „Ich habe die Taufe vor mir hergeschoben, weil ich das Gefühl hatte, in Sünde zu leben, als wäre ich nicht gut genug dafür. Aber dann wurde mir klar, dass die Taufe am Anfang eines Glaubensweges steht, nicht in der Mitte oder am Ende. Man muss nicht alles geordnet haben, um getauft zu werden … Man muss einfach nur Gottes Gnade annehmen. Gottes Gnade ist genug.“

SECHS

Flüsse

Wir tendieren dazu, vor der wilden Stille und der wilden Dunkelheit zu fliehen, unsere Götter einzupacken und uns hinter die Stadtmauern zu kauern, die Götter in Götzen zu verwandeln … Und wenn wir dann in den Tempeln sitzen, wer wird dann den Rufer aus der Wildnis hören? Wer wird das Schilfrohr hören, das im Wind schwankt?

– Chet Raymo

Johannes den Täufer erkennt man in jeder Ansammlung von Heiligen wieder.

Unter den mürrischen, in Roben gekleideten Patriarchen ist er derjenige mit dem wilden Blick und dem zerzausten Haar, die Rippen stechen unter der sonnengebräunten Haut hervor, und in den Händen hält er einen kreuzförmigen Stab oder eine Schriftrolle, auf der steht: „Kehrt um, denn das Himmelreich ist nahe!“ Kurz gesagt, er ist der Typ, dem man auf dem Supermarktparkplatz lieber aus dem Weg gehen möchte.

Johannes war das Wunderkind von Elisabeth und Zacharias und sah seinem Vater wahrscheinlich dabei zu, wie er als Priester im Tempel rituelle Reinigungen vornahm. Das levitische Gesetz forderte von den Juden, sich von Unreinheiten zu reinigen, die man sich durch Dinge wie die Menstruation, Hautkrankheiten oder den Kontakt zu Leichen zuziehen konnte, und viele Juden unternahmen Pilgerreisen zum Tempel, um dort in Vorbereitung auf Feste und Feiertage in Wasser untergetaucht zu werden. Freunde und Familie erwarteten von Johannes möglicherweise, dass er in die Fußstapfen seines Vaters treten und Tempelpriester werden würde. Aber Johannes blieb nicht im Tempel. Johannes ging aus der Stadt hinaus aufs Land und tauschte die zeremoniellen Badebecken gegen frei fließende Flüsse ein.15

Indem er sich von Heuschrecken und Honig ernährte und die Menschen zu einer einzigen, dramatischen Taufe aufrief, die ein neu ausgerichtetes Herz symbolisierte, verkörperte Johannes das Bild, das Jesaja von einer Stimme in der Wüste zeichnete, die erklärte, dass Gott in Bewegung ist und sich bald alles verändern wird. Johannes wusste, dass diese Gottes-Bewegung nicht auf den Tempel beschränkt bleiben würde, sondern „jede Schlucht […] aufgefüllt werden [soll], jeder Berg und Hügel sich senken. Was krumm ist, soll gerade werden, was uneben ist, soll zum ebenen Weg werden. Und alle Menschen werden das Heil sehen, das von Gott kommt“ (Lukas 3,5+6).

„Bereitet dem Herrn den Weg!“, sagte er den Leuten, „ebnet ihm die Straßen!“ (Markus 1,3)

Die Menschen brauchten nicht mehr zu Gott hinzugehen; Gott kam zu den Menschen. Und Gott, in Seiner unnachgiebigen Liebe, würde keinem Berg oder Hügel – keiner Ideologie oder Voraussetzung, keinem Ritual oder Gesetz – erlauben, sich in den Weg zu stellen. Einen Gott, der Berge platt macht, konnten Tempel nicht fassen, zeremonielle Bäder keinen Gott, der durch Flüsse fließt. Umkehr bedeutete dann, sein Leben um diese Wirklichkeit herum neu auszurichten. Umkehr bedeutete, Buße zu tun für die alten Verhaltensweisen, die Wege blockierten, und sich zum großen Wegebahnen dazuzugesellen. Es bedeutete, dabei mitzuhelfen, jedes menschengemachte Hindernis zwischen Gott und seinen Leuten zu zerstören, und Gottes wilde, ungehemmte Gegenwart zu feiern, die jeden Winkel der Erde füllt. Es bedeutete, in Flüssen getauft zu werden und Gott den Weg freizumachen. Immerhin kann eine Person einen Berg versetzen, wenn sie genug glaubt … sogar einen Berg aus eigener Herstellung.

„Das Himmelreich ist nicht da oben, es ist genau hier“, sagte Johannes. „Kehrt um, denn das Himmelreich ist nahe. Bereitet dem Herrn den Weg! Ebnet ihm die Straßen!“

Ich frage mich, ob diese Worte auch Philippus durch den Kopf gingen, als er einen der ersten Nichtjuden, die sich zum Christentum bekehrten, taufte: einen äthiopischen Eunuchen.

Die Geschichte geht so: Nachdem Jesus von den Toten auferstanden ist und seine Jünger angewiesen hat, hinauszugehen und ihrerseits in der Welt die Auferstehung zu praktizieren, schickt der Heilige Geist den Evangelisten Philippus auf die Straße, die von Jerusalem nach Gaza hinabführt und durch eine einsame Gegend verläuft. Dort begegnete Philippus einem königlichen Eunuchen aus dem fernen Lande Äthiopien, der hinten auf seinem Wagen die hebräische Bibel las. (Apostelgeschichte 8,26 - 40)

Als Eunuch war es dem Mann streng verboten, das Tempelgelände zu betreten, geschweige denn an den Ritualen im Tempel teilzunehmen. (3. Mose 21,20; 5. Mose 23,2) Er gehörte einer sexuellen und ethnischen Minderheit an und wird somit völlig von der religiösen Gemeinschaft Jerusalems ausgeschlossen gewesen sein, selbst wenn er an den Gott Israels glaubte. Hätte er sich dem Tempel genähert, um sich taufen zu lassen, wäre er abgewiesen worden.

Und dennoch hatte dieser religiöse Ausgestoßene, dieser Mann, der dachte, er befände sich in einem Zustand ewiger Unreinheit, eine heilige Schriftrolle in die Finger bekommen und einen Abschnitt gefunden, der deutlich in seinen eigenen Erfahrungen widerhallte:

Wie ein Schaf wurde er zum Schlachten geführt;

und wie ein Lamm, das verstummt, wenn man es schert,

so tat er seinen Mund nicht auf.

In der Erniedrigung wurde seine Verurteilung aufgehoben.

Seine Nachkommen, wer kann sie zählen?

Denn sein Leben wurde von der Erde fortgenommen.

Als Philippus hörte, wie der Eunuch diese Worte laut las, näherte er sich dem Wagen und fragte, ob der Eunuch verstand, was er da las.

„Wie könnte ich es, wenn mich niemand anleitet?“, erwiderte der Eunuch.

Philippus stieg auf, und während der Wagen durch die Wildnis rumpelte, erzählte er dem Eunuchen von Jesus – darüber, wie Gott einer von uns wurde und litt.

Überwältigt sah sich der Eunuch in der rauen Umgebung um und rief: „Hier ist Wasser. Was steht meiner Taufe noch im Weg?“

Wir wissen nicht, wie lange diese Frage, die so voller herzzerreißender kindlicher Freude ist, in der Luft hing, verletzlich wie ein Tropfen Wasser in der heißen Wüstenluft. Zu einem anderen Zeitpunkt in seinem Leben hätte Philippus vielleicht die Herkunft des Eunuchen aufgezeigt oder seine Anatomie oder die Tatsache, dass er nicht imstande war, sich Zugang zu den rituellen Bädern zu verschaffen, die einen Menschen rein machten. Aber stattdessen, ohne weitere Unterhaltung zwischen den Reisenden, hält der Wagen an, und Philippus tauft den Eunuchen in der ersten Wasserstelle, die die beiden finden konnten. Das kann ein Fluss oder eine Pfütze auf der Straße gewesen sein.

Philippus hat Gott den Weg freigemacht. Er erinnerte sich daran, dass das Evangelium nicht durch die Leute anstößig wird, die es draußen lässt, sondern wegen derer, die es hereinlässt. Nichts konnte den Eunuchen davon abhalten, getauft zu werden, denn die Berge, die im Weg standen, waren eingeebnet worden, felsige Hügel geglättet, und Gott hatte einen Weg geschaffen. Überall war heiliges Wasser.

Zweitausend Jahre später bleibt Johannes’ Ruf ein Ruf in der Wüste, ein Ruf von den Rändern. Weil wir religiösen Typen so gut darin sind, Mauern zu bauen und uns in Tempel zurückzuziehen. Wir sind gut darin, aus unseren Ideologien Berge zu machen, Hindernisse aus unseren Theologien und Hügel aus unseren verdrehten Ansichten darüber, wer rein darf und wer nicht, wer würdig ist und wer unwürdig. Wir sind gut darin, uns in den Weg zu stellen. Vielleicht haben wir Angst, Gott könnte Menschen und Methoden benutzen, mit denen wir nicht einverstanden sind, wenn wir uns bewegen; es könnten dann ja Regeln gebrochen und theologische Lehren infrage gestellt werden. Vielleicht haben wir Angst, dieses Ding mit der Gnade könnte aus dem Ruder laufen, wenn wir aus dem Weg gehen.

Und jetzt rate mal? Das ist doch schon lange passiert.

Die Gnade ist aus dem Ruder gelaufen, als der Gott des Universums an einem römischen Kreuz hing, mit ausgebreiteten Armen auf die hinuntersah, die ihn dort aufgehängt hatten, und erklärte: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“

Gnade ist schon seit über zweitausend Jahren aus dem Ruder gelaufen. Gewöhnen wir uns besser daran.

Und so gilt der Ruf auch heute noch: Kehrt um. Richtet euch neu aus. Bereitet den Weg des Herrn. Ebnet ihm den Weg. Gott bricht durch die Welt wie weiß schäumendes Wasser durch die Felsen. Es bleibt nichts anderes, als aufzugeben.

TEIL II

Beichte

SIEBEN

Asche

Wie ein Vater sich seiner Kinder erbarmt, so erbarmt sich der Herr über alle, die ihn fürchten. Denn er weiß, was wir für Gebilde sind; er denkt daran: Wir sind nur Staub.

– Psalm 103,13+14

Wir bestehen aus Sternenstaub, sagen die Wissenschaftler – das Eisen in unserem Blut, das Kalzium in unseren Knochen und das Chlor in unserer Haut, geschmiedet in den Essen uralter Sterne, deren Explosionen die Elemente über die Galaxie verteilt haben. Aus den Aschen wuchsen neue Sterne und um sie herum ein Planetensystem und Asteroiden und Monde. Ein Haufen Staub verband sich und formte die Erde, und das Leben erhob sich aus der Schutthalde von acht Milliarden Jahre alten Toden.

Asche zu Asche, Staub zu Staub.

In der Schöpfungsgeschichte im ersten Buch Mose schuf Gott den Menschen aus dem Staub der Erde und hauchte ihm mit göttlichem Atem Leben ein. Gott setzte den Menschen in einen Garten an einem Fluss und lehrte ihn, sich darum zu kümmern. Als Gott sah, dass der Mann einen Partner bei seiner Arbeit brauchte, schuf Gott eine Frau, und zusammen lernten die beiden, am Leben zu sein: zu pflanzen und auszureißen, zu lachen und zu lieben, klebrige Granatäpfel aufzubrechen und sich den Dreck unter den Fingernägeln herauszupulen, die unterschiedlichen Gesänge der Vögel wiederzuerkennen und in der Kühle des Tages mit Gott spazieren zu gehen. Sie lebten im Schatten des Baumes des Lebens und waren nackt und schämten sich nicht.

Aber als das Leben nicht reichte, als Mann und Frau mehr wollten, suchten sie Weisheit beim einzigen verbotenen Baum des Gartens – dem Baum der Erkenntnis von Gut und Böse. Sie glaubten, seine Früchte würden sie gottgleich machen. Aber in ihrem Greifen und in ihrer Rebellion, in ihrer Unabhängigkeit und ihrer Gier lernten sie stattdessen Angst, Wut, Verurteilung, Schuldzuweisungen, Neid und Scham. Als Gott kam, um mit ihnen in der Kühle des Tages spazieren zu gehen, versteckten sie sich voller Angst in einem Busch. Also verbannte Gott sie aus dem Garten, weg von dem Baum des Lebens, und sie verstanden, dass sie sterben würden.

„Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen, bis du zurückkehrst zum Ackerboden; von ihm bist du ja genommen. Denn Staub bist du, zum Staub musst du zurück.“ (1. Mose 3,19)

Asche zu Asche, Staub zu Staub.

Als die Nachkommen Adams miteinander Krieg führten, brannten die Armeen die Städte ihrer Feinde ab. Die Söhne Adams und die Töchter Evas kannten den Geruch der Asche gut, den bitteren Nachgeschmack der verbotenen Frucht. Sie kannten außerdem den Unterschied zwischen Gut und Böse, und dennoch wählten sie wieder und immer wieder das Böse in ihrem gewalttätigen Streben, gottgleich zu sein. Die grauen Ablagerungen eingeäscherter Materie bedeuteten Zerstörung, Sterblichkeit, Trauer und Reue. Im Nachgang einer Tragödie oder in der Erwartung eines Gerichtsurteils tauschten unsere Vorfahren ihre feineren Kleider gegen grobes, farbloses Sackleinen und beschmierten ihre Gesichter mit der Asche verbrannter Dinge. Sie ritualisierten ihr Kleinsein, ihre Abhängigkeit, ihre Mittäterschaft.

„Tochter, mein Volk, leg das Trauerkleid an und wälz dich im Staub!“, sagte der Prophet Jeremia, „halte Trauer wie um den einzigen Sohn, bitterste Klage: ‚Ach, jählings kam über uns der Verwüster.‘“ (Jeremia 6,26)

Asche zu Asche, Staub zu Staub.

Der Baum der Erkenntnis von Gut und Böse hat nicht jedes Geheimnis preisgegeben. Selbst die Weisesten fanden seine Frucht pulverig. Salomon erklärte: „Alles ist vergeblich und vergänglich. Alles muss an den gleichen Ort. Aus dem Staub der Erde ist alles entstanden und zum Staub der Erde kehrt alles zurück“ (Prediger 3,19+20, GNB). Als Hiob nach einer Erklärung für sein Leiden verlangte, fragte Gott: „Wo warst du, als ich die Erde gegründet? Sag es denn, wenn du Bescheid weißt“ (Hiob 38,4). Hiob zog sich in einen Aschehaufen zurück und rief: „So habe ich denn im Unverstand geredet über Dinge, die zu wunderbar für mich und unbegreiflich sind“ (Hiob 42,3).

Asche zu Asche, Staub zu Staub.

Einmal im Jahr, zu Aschermittwoch, vermischen wir Asche mit Öl. Wir zünden Kerzen an und beichten einander und vor Gott, dass wir gesündigt haben durch das, was wir getan, und durch das, was wir unterlassen haben. Wir sagen die Wahrheit. Dann streichen wir Asche auf unsere Stirn und bekennen die einzige Wahrheit, auf die sich jeder Katholik und jeder Protestant, Gläubige und Atheist, Wissenschaftler und Mystiker einigen kann: „Staub bist du, zum Staub musst du zurück.“ Das ist das Einzige, das wir ganz sicher wissen: Wir werden sterben.

Asche zu Asche, Staub zu Staub.

Aber vor langer Zeit wurde ein Versprechen gegeben. Ein Prophet namens Jesaja sagte, ein Botschafter würde kommen, um die Armen zu trösten und die, die gebrochenen Herzens sind, dass er „ihnen Schmuck bringe anstelle von Schmutz, Freudenöl statt Trauergewand, Jubel statt der Verzweiflung“. Diejenigen, die einst in Staub und Asche Buße taten, wird man „,die Eichen der Gerechtigkeit‘ nennen, ‚die Pflanzung, durch die der Herr seine Herrlichkeit zeigt‘“ (Jesaja 61,3).

Wir konnten nicht werden wie Gott, also wurde Gott wie wir. Gott zeigte uns, wie man heilt, anstatt zu töten, wie man repariert, anstatt zu zerstören, wie man liebt, anstatt zu hassen, wie man lebt, anstatt sich nach mehr zu sehnen. Als wir Gott an einen Baum nagelten, vergab Gott. Und als wir Gott in der Erde vergruben, stand Gott wieder auf.

Der Apostel Paulus hatte Mühe, dieses Geheimnis zu erklären: „Der Erste Mensch stammt von der Erde und ist Erde“, schrieb er. „Der Zweite Mensch stammt vom Himmel. Wie der von der Erde irdisch war, so sind es auch seine Nachfahren. Und wie der vom Himmel himmlisch ist, so sind es auch seine Nachfahren. Wie wir nach dem Bild des Irdischen gestaltet wurden, so werden wir auch nach dem Bild des Himmlischen gestaltet werden.“ (1. Korinther 15,47 – 49)

Wir bleiben nicht vom Tod verschont, aber die Macht des Todes ist gebrochen. Der Griff der Sünde ist gelockert. Wir sind eingeladen, den Sieg zu teilen, Gottes Weg ins Leben zurück zu folgen. Wir sind zu Samen geworden, die verwandelt werden sollen, sagte Paulus. „Auch das, was du säst, wird nicht lebendig, wenn es nicht stirbt.“ (1. Korinther 15,36)

Leben zum Tod, Tod zum Leben – wie Samen, wie Erde, wie Sterne.

Kein Wunder, dass Maria von Magdala Jesus mit einem Gärtner verwechselte. Ein neuer Baum des Lebens hat die Erde durchbrochen und streckt sich der Sonne entgegen.

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Ograniczenie wiekowe:
0+
Data wydania na Litres:
23 grudnia 2023
Objętość:
302 str. 4 ilustracji
ISBN:
9783865069146
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