Czytaj książkę: «Memory House»

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Rachel Hauck zählt zu den besten amerikanischen Autorinnen zeitgenössischer Liebesromane. Sie ist Gewinnerin des Carol Awards und lebt mit ihrem Mann in Florida. Mehr unter: www.rachelhauck.com

RACHEL HAUCK

MEMORY HOUSE

Dein Leben wartet schon auf dich

Roman

Aus dem amerikanischen Englisch von Antje Balters


Für Gary und Bonnie Stebbins, ihr seid Riesen im Reich Gottes.

Es ist mir eine Ehre, seit fast drei Jahrzehnten meinen Weg mit euch gemeinsam zu gehen.

Eure Treue ist einfach atemberaubend.


Inhaltsverzeichnis

Cover

Titel

Impressum

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37


KAPITEL 1
Beck

Manhattan, New York

Noch nie hatte sie Angst im Dunkeln gehabt. Licht dagegen – Licht machte ihr Angst. Als jetzt der Tatverdächtige auf der düsteren Straße davonrannte, nahm sie ohne zu zögern die Verfolgung auf.

„Stehen bleiben, Polizei!“

Als Sergeant beim neunten Polizeirevier scheute Beck Holiday nie einen Kampf. Jedenfalls nicht, wenn er auf den Straßen von New York stattfand und im Namen von Recht und Ordnung geschah.

In der klirrenden Kälte der Silvesternacht in New York City hörte sie den Hall der Schritte ihres Kollegen und Streifenpartners hinter sich. Aber als der Verdächtige dann über einen Gitterzaun sprang, hinter dem sich ein betonierter Hinterhof befand, wurde Hogan langsamer.

„Vergiss es, Beck“, keuchte er schwer atmend. „Ich wünsche ihm ein gutes neues Jahr. Wir schnappen ihn uns beim nächsten Mal.“

Doch sie stützte sich mit beiden Händen auf dem Gitterzaun ab und übersprang – trotz des zusätzlichen Gewichtes, das sie am Gürtel ihrer Dienstkleidung mit sich herumschleppte – das ein Meter fünfzig hohe Hindernis mit Leichtigkeit.

Das Adrenalin in ihrem Blut machte sie zu Wonder Woman.

„Stehen bleiben, Polizei!“

Der Täter rannte auf eine Seitentür des heruntergekommenen Mietshauses zu, blieb dann aber mit der Fußspitze in einem Riss im Beton hängen, stolperte und ließ ein Bündel fallen, das mit einem dumpfen Aufschlag auf dem Boden landete. Beck schaute kurz nach unten, machte gleichzeitig einen Riesensatz darüber hinweg und setzte die Verfolgung des flüchtenden Verdächtigen fort.

„Nimm das Bündel mit, Hogan!“

Genau in dem Moment, als der schlaksige, blasse, unterernährte Tatverdächtige es bis zu der Tür geschafft hatte, bekam sie ihn hinten an der Jacke zu fassen, warf ihn mit dem Gesicht nach unten zu Boden, drückte ihm das Knie zwischen die Schulterblätter und rief: „Hände auf den Rücken!“

„Ich hab nichts gemacht.“ Er war jung, höchstens achtzehn. In letzter Zeit machten ihnen die ganz Jungen zu schaffen.

„Ach, nichts also … und wieso bist du dann weggerannt?“ Sie legte ihm Handschellen an, durchsuchte ihn nach Waffen und fand ein Messer, eine Crack-Pfeife und einen Beutel.

„Ich musste pinkeln.“

Beck ließ den Beutel vor seiner Nase baumeln und musste fast wegen des Gestanks, der daraus hervorkam, würgen. „Und das hier?“

„Das hab ich noch nie im Leben gesehen. Das haben Sie mir untergeschoben.“

Hogan hing an dem Gitterzaun fest, weil sich eins seiner Hosenbeine darin verfangen hatte. Fluchend riss er sich los, und sie hörte, wie der Stoff seiner Diensthose riss und er ächzend zu Boden fiel.

Seufzend senkte sie den Kopf, zog den Verdächtigen hoch auf die Füße und stieß ihn zu Hogan hin.

„Bring ihn schon mal zum Wagen. Ich schau mir den Beutel an.“

Im gelblichen Licht der Hausbeleuchtung konnte sie jetzt das Profil des Verdächtigen erkennen.

„Ach, wen haben wir denn da? Na, wenn das nicht Parker Boudreaux ist.“

Er war ein drogensüchtiger Jugendlicher von der schicken Upper West Side, der an diesem Feiertag offenbar nichts Besseres zu tun hatte, als Drogen zu verticken.

„So trifft man sich wieder, Sergeant Holiday“, sagte er und stolperte in Hogans Richtung. „Aber ich bin sowieso vor Mitternacht wieder draußen.“

Beck hatte keinen Zweifel daran, dass Boudreaux’ reicher Vater ihn rechtzeitig rausboxen würde, damit er das neue Jahr mit Champagner und einer Nase Koks begrüßen konnte. Aber fürs Erste hatte sie ihn am Schlafittchen.

Drei Mal hatte sie ihn schon festgenommen, weil er in Alphabet City mit Drogen gedealt hatte. Er arbeitete für einen gerissenen Dealer, hinter dem das neunte Revier schon seit Langem her war.

„Wissen deine Eltern, dass du hier bist und für deine nächste Dröhnung arbeitest? Was für eine Vergeudung von Potenzial, Boudreaux.“

Beck stand bei dem versteckten Drogenvorrat, den er hatte fallen lassen, und rechnete damit, ein paar hundert Milligramm Crack zu finden – immer ein ganz kleines bisschen zu wenig, als dass es als Straftat gewertet wurde.

„Ich hab nichts mit Drogen zu tun. Da müssen Sie mich verwechseln. Ich bin nur auf dem Weg zu einem Freund, der eine Silvesterparty schmeißt.“ Boudreaux stand gegen den Gitterzaun gelehnt da, während Hogan versuchte, das Tor zu öffnen. „Wenn Sie mir die Handschellen abnehmen, mach ich es für Sie auf“, sagte er.

Hogan ächzte, als er, die Taschenlampe unters Kinn geklemmt, heftig an dem Riegel zerrte.

Beck wartete und schaute zu. „Ruf den Super an, Hogan.“

„Du brauchst mir nicht meinen Job zu erklären, Holiday“, antwortete er darauf nur bissig.

Sie schaute ihm noch einen weiteren Moment zu und beugte sich dann hinunter zu Parkers widerlich stinkenden Jutebeutel. Es verstand sich wirklich von selbst, dass der Superintendent angerufen werden musste.

Aber Hogan war nun mal Hogan, ein Polizist vom alten Schlag, der mehr über Verbrechen und Donuts wusste als jeder andere Polizist, den sie sonst kannte.

Er hatte sie in der Praxis ausgebildet, ihr beigebracht, wie man den Job machte, und er war es auch gewesen, der ihr zugehört hatte, wenn sie die Welt nicht mehr verstand.

Doch eine schlimme Scheidung und Alkoholprobleme hatten ihn fast den Job gekostet. Er war erst vor Kurzem wieder aufs neunte Revier zurückgekehrt und wollte sich unbedingt rehabilitieren. Es fühlte sich seltsam für sie an, jetzt seine Vorgesetzte zu sein, obwohl sie erst seit etwas über einem Jahr Sergeant war.

„Hey, hübsche Polizei-Lady, wie wär’s, wenn Sie mich einfach laufen lassen?“ Boudreaux verlegte sich jetzt aufs Verhandeln. „Ich kann dafür sorgen, dass es sich richtig für Sie lohnt. Und seit wann ist es eigentlich verboten, einen Freund zu besuchen?“

Hogan bearbeitete den Riegel des Tores jetzt mit dem Schaft der Taschenlampe und ein paar deftigen Flüchen. „Glaub ja nicht, dass du mit so ’nem Gesülze weiterkommst – und schon gar nicht bei ihr“, sagte er zu dem Jungen.

Schon gar nicht bei ihr. Früher hätte das wahrscheinlich sogar gestimmt, aber in letzter Zeit hatte sie sich deutlich verändert. Sie hatte angefangen zu fühlen.

Plötzlich kamen ihr bei den kleinsten Kleinigkeiten die Tränen – zum Beispiel, wenn sich ein Kind verletzt hatte oder eine alleinerziehende Frau sich aus ihrer Wohnung ausgesperrt hatte, ganz zu schweigen von den wirklich harten Sachen wie einem Selbstmord oder wenn sie jemanden über den Tod eines Angehörigen informieren musste. Vor einem Jahr – ach was, noch vor einem halben Jahr – hatte sie so etwas noch mit einem Bier im Rosie’s abgeschüttelt.

Doch in letzter Zeit fiel es ihr immer schwerer wegzuschauen und die Unmenschlichkeit, das Absurde und die Verzweiflung abzuschütteln, die ihr auf der Straße begegneten. Diese neue Empfindsamkeit und das daraus resultierende Mitgefühl brachten sie durcheinander und gingen ihr ehrlich gesagt auch auf die Nerven.

„Du brauchst andere Freunde, Boudreaux“, sagte Beck, krempelte den völlig verdreckten Jutebeutel auf und ihr stieg der Geruch von … Exkrementen und Verwesung in die Nase. Sie schreckte zurück, hielt sich die Nase zu und erschrak, als sich der Beutel bewegte.

Mit einem Ruck zog sie ihre Hand zurück, richtete das Licht ihrer Taschenlampe in die Beutelöffnung und sah das schmutzige, wachsame Gesicht eines kleinen, grauen Hundes, der sie mit wässrigen Augen flehend ansah.

„Boudreaux!“, rief Beck entsetzt, ließ sich auf die Knie fallen, nahm den kleinen Hund vorsichtig aus dem abgenutzten Beutel und vor Mitgefühl kamen ihr die Tränen.

Der Hund winselte und jaulte auf, als sie seinen stark geschwollenen Brustkorb abtastete. Das völlig verfilzte Fell hob und senkte sich und das Tier kämpfte um jeden flachen Atemzug.

Sie würde ihn umbringen. Umbringen. „Ach, du süßes kleines Ding. Es tut mir so leid. So leid! Was hat er denn bloß mit dir gemacht?“ Aber das wusste sie eigentlich schon. Sie wusste es.

Sie strich dem Hund mit der Hand über den Rücken und konnte jede Rippe und jeden Knochen fühlen. Wieder jaulte der Hund auf, als sie seinen Bauch berührte. Der Geruch – nach Erbrochenem und Exkrementen – klebte in seinem Fell, an seiner Haut und stieg Beck in die Nase.

„Hey, Cop, der Hund gehört meinem Freund. Hören Sie mir eigentlich nicht zu?“

Beck stand jetzt auf und rückte den noch steifen Hosenbund ihrer neuen Diensthose zurecht. Sie hatte endlich kapituliert und sich eine größere Hose gekauft, um ihrem wachsenden Bauch mehr Platz zu verschaffen.

„Der Hund von deinem Freund also, ja?“

„Sie haben mich genau verstanden. Ich stottere ja nicht.“

Beck zitterte innerlich, obwohl sie die äußere Kälte gar nicht spürte, und ballte ihre Hand zur Faust. „Hast du ihn diese Plastiktüte schlucken lassen?“

Sie hielt einen Gefrierbeutel zwischen Daumen und Zeigefinger hoch, der genauso bestialisch stank wie der Hund.

„Welche Plastiktüte denn? Ich hab keine Tüte gesehen.“ Seine versnobte Betonung schürte ihren Zorn und ihre Verachtung noch mehr.

In dem Moment gab der Riegel des Gattertores endlich nach, Hogan taumelte rückwärts und ein abgebrochenes Stück Metall landete scheppernd auf dem Beton.

„Ach, sieh mal einer an, die Polizei beschädigt Privateigentum. Das ist doch eine Straftat, oder?“

„Los, auf geht’s“, sagte Hogan nur und zerrte Boudreaux zum Streifenwagen, während der lautstarke Protest des Jungen von den Wänden der umliegenden Gebäude widerhallte.

„Passen Sie bloß auf den Hund meines Freundes auf, Sergeant“, rief Parker, als er sich gleichzeitig gegen Hogans unnachgiebigen Griff wehrte. „Hey, Polizeigewalt!“

Hinter ein paar Fenstern des Mietshauses ging Licht an und irgendjemand rief etwas Unverständliches.

„So, jetzt ganz vorsichtig, mein Kleiner“, sagte Beck zu dem kleinen Hund, aber der jaulte wieder laut auf, als sie versuchte, ihn hochzuheben. „Was hat der fiese Boudreaux bloß mit dir gemacht?“

Wenn man den Hund anschaute, der nur aus Haut und Knochen bestand, dann war klar, dass er kurz vorm Verhungern war. Wieder kamen ihr die Tränen. Diese Art von Gefühlen kratzte an ihrer harten Fassade, an ihrer Gewohnheit, Dinge wie Zartheit, Fürsorge und Anteilnahme zu ignorieren. Sie hatte ihre ganz eigene Methode, mit ihren Gefühlen oder schmerzlichen Erinnerungen umzugehen – sie verdrängte sie. Ja, sogar besser noch, sie vergaß sie einfach.

Aus ihrer Seitentasche holte sie jetzt eine Flasche Wasser, drehte den Verschluss ab und gab dem Hund ein paar Tropfen auf die Zunge. Er schluckte sie und sie gab ihm noch etwas mehr.

„Auf jetzt, Beck, wir müssen los“, sagte Hogan zwischen den Stäben des Gitterzauns hindurch. „Ruf den Tierschutz an. Der kümmert sich dann schon um den Hund.“

Aber Beck reagierte gar nicht. Wie konnte sie den kleinen Hund denn jetzt allein lassen? Er würde mit Sicherheit sterben. Der erbärmliche Zustand des Kleinen berührte sie tief und machte ihr verkrustetes Herz ganz weich. Wo sie sonst früher hart und kontrolliert gewesen war, war sie jetzt weich und sehr emotional.

Die nächtliche Kälte senkte sich zwischen die Gebäude, und der Hund zitterte, sodass Beck ihre Jacke auszog und ihn damit zudeckte, bevor sie ihn mitsamt seinem Geruch nach Tod und Verwesung auf den Arm nahm.

Als sie aufstand und zum Tor ging, schrie das kleine Tier laut auf, und sie wollte verdammt sein, wenn das, was sie da auf ihrer Hand spürte, nicht Tränen des Hundes waren.

„Es tut mir leid. Es tut mir so leid, mein Kleiner. Ich kümmere mich um Hilfe. Bleib einfach bei mir. Drüben auf der Fünfzehnten ist ein Tierarzt …“

Im Inneren des Streifenwagens rief Boudreaux gegen die Fensterscheibe: „Das ist mein Hund. Hören Sie, nur weil Sie Polizistin sind, können Sie noch lange nicht einfach jemandem den Hund klauen.“

„Lebt er noch?“, fragte Hogan und warf einen Blick unter Becks Jacke.

„Nur noch ein ganz kleines bisschen.“ Beck fluchte und trat mit einer solchen Wucht gegen die Autotür, dass Parker zurückschreckte. „Hast du den Hund etwa die Drogen mitsamt der Tüte fressen lassen?“, fragte sie ihn wütend.

Jetzt nahm Hogan den jaulenden Hund auf den Arm und untersuchte ihn im Licht von Becks Taschenlampe etwas genauer. Sie streichelte ihm währenddessen über die Ohren, sagte, dass alles gut werde und kämpfte wieder mit den Tränen. Das Allerletzte, was sie Hogan oder Boudreaux zeigen wollte, war weibliche Emotionalität.

„Er ist wirklich in übler Verfassung, aber ich hab schon Schlimmeres gesehen. Er ist einfach schwach und hungrig“, sagte Hogan. „Hat wahrscheinlich eben die Tüte ausgeschieden. Würde mich nicht wundern, wenn Boudreaux ihm gerade die nächste Ladung verpassen wollte. Oder schlimmer noch, sie ihm in den …“

„So, das reicht!“ Beck zerrte Boudreaux an den Haaren vom Rücksitz des Streifenwagens, schleuderte ihn mit der Vorderseite des Körpers gegen den Wagen, bohrte ihm ihr Knie von hinten in seinen Oberschenkel und drückte sein Gesicht auf den Kofferraumdeckel. „Du glaubst also, dass dein Papi dich wieder rausboxen kann, was?“, fragte sie und knallte sein Gesicht auf das kalte Metall.

„So dürfen Sie mich gar nicht behandeln“, sagte Boudreaux und wehrte sich so heftig gegen ihren Griff, dass sie ihre gesamte Kraft brauchte, um ihn festzuhalten.

„Ach ja? Wer sagt das? Ich kann dich genauso behandeln, wie du den Hund behandelt hast.“ Jedes Molekül ihres Körpers war in Aufruhr. Wenn nicht sie die Schwachen und Wehrlosen verteidigte, wer sollte es dann tun?

„Sergeant.“ Hogan zog sie von dem Verdächtigen weg und klang wieder wie früher. „Setz ihn wieder ins Auto.“

Aber Beck schüttelte ihn ab. „Du hältst dich wohl für einen ganz tollen Typen, weil du Drogen vertickst, Boudreaux, was? Für wen, Vinny Campanile? Er ist das Böse in Person. Und wenn du kleine, unschuldige und wehrlose Tiere mit Drogen vollstopfst, ist das auch keine Garantie dafür, dass du am Leben bleibst oder er dafür sorgt, dass du nicht in den Knast kommst. Die Leute werden deinen Kopf fordern, wenn sie hören, was du getan hast.“

„Das ist doch nur ein räudiger Köter“, sagte Boudreaux abfällig und richtete sich gerade so weit auf, dass er in ihre Richtung ausspucken konnte.

„Der steht immer noch über der Gosse, in der du lebst“, bemerkte sie dazu nur.

„Okay, wir haben unseren Spaß gehabt“, sagte Hogan jetzt, schob sie aus dem Weg und drehte den Jugendlichen wieder in Richtung der offenen Streifenwagentür. „So, Boudreaux, du steigst jetzt ins Auto und hältst den Mund.“

Doch Parker lachte nur gackernd und schnauzte dann Beck an: „Es ist nur ein Köter. Ein stinkender Köter, den keiner haben will. Ich hatte eigentlich vor, ihn zum Abendessen zu grillen.“

Außer sich vor Wut ging Beck auf Parker los und schlug ihm mit der Faust mitten ins Gesicht. Boudreaux schrie auf, torkelte nach vorn und schlug mit dem Kopf gegen die Kante der Autotür.

„Sergeant …“ Hogan schob sie zurück und packte sie mit der Faust am Kragen, aber der Hund auf seinem linken Arm war ihm dabei im Weg und Beck war zu schnell.

„Das ist für den Hund“, schnauzte Beck, die jetzt über Parker stand und ihm ihren Stiefel in die Rippen rammte. Als er sich krümmte, rammte sie ihm auch noch das Knie gegen die Nase. „Und das ist dafür, dass du dein Leben sinnlos vergeudest.“ Dann nahm Beck Hogan den kleinen Hund ab und flüsterte ihm in sein Schlappohr. „Du bist in Sicherheit.“

„Sergeant …“ Hogan half Boudreaux vom Bürgersteig auf und schob ihn in den Streifenwagen. „Ich hab dir gesagt, du sollst den Mund halten“, wiederholte er, schlug die Tür zu und jagte Beck zur Melodie von Parkers gedämpften Beschwerden hinterher.

„Rede mit mir, Beck. Was ist los?“

„Ich bringe das arme Tier jetzt in die Tierklinik in der Fünfzehnten Straße“, antwortete sie und wurde mit jedem Schritt schneller. Noch nie hatte sie so sehr das Gefühl gehabt, im Recht zu sein.

Aber Hogan zog sie energisch zurück und sagte: „Wir haben Boudreaux. Das ist seine vierte Festnahme und dieses Mal liefert er uns Vinny bestimmt ans Messer. Ein guter Jahresbeginn für uns. Wir brauchen diesen Erfolg. Ich brauche ihn. Komm bitte mit mir zurück aufs Revier. Dann decke ich dich auch in Bezug auf das, was gerade vorgefallen ist.“

„Was willst du decken? Dass ich ihm gegeben habe, was er verdient hat?“ Aber sie wusste genau, was er meinte. Jemanden zu schlagen, der bereits in Handschellen war, war das schlimmste Dienstvergehen. Sie spürte schon jetzt förmlich den Stress, der auf sie zukam.

„Tu, was du tun musst. Ich sorge jedenfalls jetzt erst einmal dafür, dass der Hund Hilfe bekommt.“

„Warte doch, Beck“, sagte Hogan und klang jetzt eher wie ein Vater als wie ihr Streifenpartner.

„Was ist denn eigentlich in dich gefahren? So was hat dich doch sonst nicht dermaßen aus der Fassung gebracht. Eigentlich hast du dich doch immer ganz gut im Griff.“

Eine Träne löste sich aus ihrem Augenwinkel. „Das … das ist auch immer noch so. Aber vielleicht haben sich einfach meine Prioritäten geändert.“ Dann hob sie trotzig das Kinn und fuhr fort: „Kann man sich nicht auch mal ein bisschen verändern?“

„Doch, klar kann man das, aber nicht, wenn es um die Dienstvorschriften geht. Seit dem Tag, an dem ich dich kennengelernt habe, hast du dich immer an die Vorschriften gehalten.“

„Na, dann müssen vielleicht die Vorschriften geändert werden.“

Bis zum letzten Sommer war ihr dieses Leben eigentlich immer recht gewesen. Sie hatte sich in der Alltagsroutine und ihrer Identität als Polizistin eingerichtet. Damals war ein neun Monate langer Undercover-Einsatz geplatzt, bei dem eigentlich Drogendealer wie Boudreaux und Vinny Campanile festgenommen werden sollten.

Nach dem missglückten Zugriff hatte sich das ganze Team noch im Rosie’s getroffen, um den Frust zu ertränken, und sie hatte …

„Was ist?“, fragte sie, als ihr Blick durch das gespenstische Licht der Straßenlaternen und dem gelblichen Licht aus den Wohnungen auf seinen traf, die Hupen und Motorengeräuschen der Autos im Hintergrund.

„Nichts“, antwortete Hogan und blinzelte in ihre Richtung. „Du bist mir nur gerade kurz so verändert vorgekommen.“

„Ich bin immer noch die Alte, aber ich werde diesen Hund nicht einfach seinem Schicksal überlassen. Bring du Boudreaux aufs Revier. Die Festnahme geht auf dich – das ist mein Neujahrsgeschenk für dich –, und ich gehe zum Tierarzt.“ Sie wirbelte herum, als der Hund gequälte Schmerzenslaute ausstieß, und eine kalte Träne lief ihr seitlich an der Nase herunter.

Zuerst waren ihre Schritte zaghaft und unentschlossen, während sie die Avenue entlangging. Ihre Handknöchel taten immer noch weh, aber als sie abwechselnd durch breite Streifen Licht und Dunkelheit ging, wurde sie immer zuversichtlicher und sicherer. Der schwache und erschöpfte kleine Hund schmiegte sich an ihre Brust, und ihr war, als trüge sie ein Stück ihrer eigenen Seele auf dem Arm.


KAPITEL 2
Bruno

Januar

Scooba, Mississippi

Für einen Jugendlichen mit einer unglücklichen Kindheit war doch etwas aus ihm geworden. Er hatte seinen Abschluss an der Florida State University mit Auszeichnung gemacht und es in den Law Review geschafft, mit dem besten Spielerberater aus der Branche, Kevin Vrable, als Mentor, der ihm einen Wohnsitz in Beverly Hills beschert hatte – Yeah.

Eine Zeit lang hatte er nach dem Motto „Was kostet die Welt …“ gelebt.

„Ich mache dich zum besten Sportagenten der gesamten Branche.“

„Wenn ich mich zur Ruhe setze, gehört das alles dir, Bruno.“

„Du bist begabt, mein Junge. Hast einen guten Instinkt.“

Doch letztes Jahr war es dann immer mehr bergab gegangen und zwar eigentlich aus keinem anderen Grund als Kevins Ego. Immer häufiger hatte er Bruno ausgeschlossen, hatte seine Abschlüsse gemacht und dann sowohl das Geld als auch den Ruhm für sich selbst eingeheimst – und zwar nur für sich selbst.

Darüber hatte Bruno bis zu dem Moment geschwiegen, als Kevin seine Boni gekürzt hatte. Im Vorjahr hatte Bruno nur noch einmal einen Bonus ausgezahlt bekommen, und als Bruno ihn deshalb zur Rede gestellt hatte, war er von Kevin gefeuert worden. Damit war seine acht Jahre lange Karriere bei Watershed Sports beendet.

Kevin Vrable war ein kleinkarierter, neidischer, gieriger Mann, für den es keine moralische Verpflichtung war, seine Versprechen zu halten, aber Bruno hatte all die gebrochenen Versprechen überlebt.

Am Boden zerstört und völlig fassungslos hatte er beschlossen, seinen eigenen Weg zu gehen. Schließlich war er seit drei Jahren einer der besten und erfolgreichsten Spielerberater im Land. Er hatte Einfluss, einen hervorragenden Ruf, Branchenkenntnis und Know-how.

Und das war der Grund, weshalb er jetzt in einem billigen Mietwagen saß und auf dem Weg nach Scooba, Mississippi, war, einem Ort mit sechshundertsiebenundneunzig Einwohnern.

Sein Kumpel Stuart Strickland hatte ihn mit einer selbst aufgemotzten Gulfstream Maschine zum Golden Triangle geflogen, den Rest des Weges legte er in einem klapprigen Mietwagen auf Landstraßen zurück.

„Da sind Sie ja. Gut. Das ist gut“, begrüßte Coach Brown ihn und klopfte ihm auf die Schulter. Bruno reckte und streckte sich, nachdem er aus dem Auto gestiegen war, und der kalte Wind erfrischte seine warmen, reisemüden Beine. „Danke, dass Sie den weiten Weg zu uns auf sich genommen haben. Ich hatte schon fast damit gerechnet, dass Sie es sich doch noch anders überlegen.“

„Das hätte ich auch beinah“, erklärte Bruno, hängte sich seine Ledertasche um und schlug die Autotür zu. „Ihnen ist aber schon klar, dass Sie hier am Ende der Welt sind, oder?“ Er fiel mit dem Coach in einen Gleichschritt und betrat mit ihm den Verwaltungstrakt der Trainingshalle. Das Geräusch der Absätze seiner Slipper auf dem Fliesenboden hallte von den Wänden des Ganges wider.

„Jap. Das hier ist tiefste Provinz“, bestätigte Coach Brown, gab Bruno mit einer Handbewegung zu verstehen, dass er seine Tasche in seinem Büro abstellen sollte, und ging dann mit ihm zusammen den Gang hinunter. „Aber wir haben ein großartiges Football-Programm.“

„Und Ihnen ist hoffentlich auch klar, dass ich nur hier bin, weil ich Calvin Blue einen Gefallen tun will, oder?“ Calvin von der Florida State University war der Protoptyp eines amerikanischen Footballspielers. Ein Spieler, den Bruno und seine neu gegründete Agentur Sports Equity unbedingt brauchte.

Der Spieler auf der Tailback-Position würde diesen April in die erste Runde des NFL-Drafts, dem Auswahlprozess der neuen Spieler, gehen, das bedeutete für Calvin das ganz große Geld, und für Bruno auch, vorausgesetzt, er konnte den Jungen überreden, bei ihm zu unterschreiben. Außerdem würde dadurch Brunos Ruf in der Branche wiederhergestellt werden.

Es war ja das Eine, dass er sich von Kevin und Watershed getrennt hatte, um selbst eine Sportleragentur zu gründen, aber gegen die bösartigen Gerüchte anzugehen, die Kevin streute, um Misstrauen bei den Kontaktpersonen des Profisports für die Top-Universitäten zu säen, war noch mal etwas ganz anderes.

„Es läuft nicht mehr bei ihm.“

„Er kriegt keine Abschlüsse.“

„Eine Ein-Mann-Agentur? Was soll denn das? Der kann doch gar nichts für deine Jungs tun. Der pfeift aus dem letzten Loch.“

Trotzdem machte er mit seinem Einfluss, seiner Schlagkraft, seinem guten Ruf und seinem Können weiter mit.

„Calvin ist ein guter Junge“, sagte Coach Brown. „Hat Talent. Ich bin wirklich dankbar, dass er versucht, seinem alten Teamkameraden zu helfen.“ Brown leitete ein Programm am Junior College, das Jungs, die – aus welchen Gründen auch immer – im Sportprogramm eines großen Colleges gescheitert waren, wieder zurücknahm. „Haben Sie sich die Videos angeschaut, die ich Ihnen geschickt habe? Dieser Tyvis … der hat alles, was man braucht.“

„Ja, ich hab mir die Videos angesehen. Der hat schon einen ganz ordentlichen Wurf, aber meine Hauptsorge ist der Grund, weshalb er hier bei Ihnen ist.“ Bruno ging mit dem Coach durch den Kraftraum zum Trainingsplatz nach draußen und zog den Reißverschluss seiner Jacke zu, um sich gegen den Wind zu schützen.

„Er hat ein Aggressionsproblem. Ist ein paar Mal Trainern gegenüber ausgerastet und er hat einen Kiosk überfallen. Vor Gericht hat er wirklich Gott auf seiner Seite gehabt, denn der Richter hat ihn nur zu gemeinnütziger Arbeit verurteilt, verbunden mit der Auflage, das ganze erbeutete Geld zurückzuerstatten. Seine Auflagen hat er alle erfüllt. Er hat das gesamte letzte Jahr gearbeitet, um das Geld zurückzuzahlen, und dann ist er hier aufgetaucht.“

Browns Aufgabe in dem angesehenen Community College, auch Junior College, kurz JUCO, genannt, bestand darin, die Jungs wieder auf die richtige Bahn und dann wieder zurück in die großen Sportprogramme der renommierten Colleges zu schicken, in denen sie die Chance bekamen, irgendwann in der National Football League, der NFL, zu spielen.

Brown erklärte Bruno, dass Tyvis Pryor sein liebster und bester Schützling sei.

„Und Sie haben ihn in nur einer Saison wieder hinbekommen?“

„Ich will ja nicht prahlen“, sagte der Coach grinsend. „Aber er hat einen Notendurchschnitt von Zwei plus und ist gleichzeitig der beste Passgeber in seiner Liga geworden. Hat alle Rekorde gebrochen.“

Ungefähr an der Fünfzig-Yard-Linie sah Bruno einen kräftigen Jugendlichen mit langen Armen, stämmigen Beinen und einem eleganten Wurf.

„Ein Meter achtundneunzig, hundertfünf Kilo“, sagte der Coach. „Ich sag Ihnen, das ist der nächste Tom Brady. Und keiner will ihn sich auch nur anschauen.“

„Er ist ein JUCO-Kid, Coach. Natürlich guckt ihn sich keiner an. Wenn er wirklich so gut ist, dann schicken Sie ihn doch auf die FSU, die Florida State University, oder runter nach Florida. Die brauchen da einen Quarterback.“

„Aber er ist schon zweiundzwanzig und möchte eine Chance bei den Profis.“

Klar wollte er das. So wie jeder andere College-Student.

„Ihm ist aber schon klar, dass Aschenputtel ein Märchen ist, oder?“ Bruno verfolgte den Ball, der sich auf ein schmales Ziel zuschraubte.

Nachdem Bruno sich jetzt seit anderthalb Jahren abmühte, hatte er genau zwei Klienten unter Vertrag. Wenn er in dieser Rekrutierungsphase nur einen JUCO-Kandidaten unter Vertrag bekam, konnte er Sports Equity dichtmachen, und dann hätten Kevin Vrable und Brunos Vater recht behalten.

Dann wäre Bruno Endicott wirklich ein Nichts.

„Haben Sie gesehen, wie er den Ball zum Ziel gezwirbelt hat?“ Bruno schüttelte das Wort Nichts ab und konzentrierte sich wieder auf den Coach. „Er hat von der Fünfzig-Yard-Linie aus getroffen. Kommen Sie schon, geben Sie ihm eine Chance.“

„Ja, warum nicht?“, gab Bruno schließlich mit steifer Haltung und vor dem Oberkörper verschränkten Armen nach, während er Tyvis zusah.

Das gesamte Projekt hier strahlte irgendwie Verzweiflung aus. Kein Spielerberater, der auch nur einigermaßen bei Verstand war, hätte einen Spieler aus dem Junior College unter Vertrag genommen, denn das kam einem beruflichen Selbstmord gleich.

Doch wenn ein Vertrag mit Tyvis Pryor ihm das Wohlwollen von Calvin Blue einbrachte, des Spielers, den Bruno eigentlich haben wollte, dann würde er es vielleicht tatsächlich machen.

„Komm schon, Calvin, mach’s wie dein Freund und komm zu Sports Equity und dann bringen wir mal ein bisschen Leben in die NFL.“

In dem Moment blies der Coach in seine Trillerpfeife, winkte Tyvis zu sich an die Seitenlinie und rief: „Ich hab hier jemanden, den ich dir gern vorstellen möchte“, woraufhin der Quarterback vom Feld getrabt kam. „Das hier ist Bruno Endicott, der Spielerberater, von dem ich dir erzählt habe.“

Bruno begrüßte den Spieler mit einem Männerhandschlag und sagte: „Dein Kumpel Calvin lobt dich in den höchsten Tönen.“

Tyvis lächelte nur ganz kurz, aber es war ein echtes Lächeln. „Wir sind seit unserem ersten Jahr an der Florida State Freunde.“ Seine Stimme passte zu seiner Statur und seiner Spielweise – dröhnend, elegant und kontrolliert. „Er hat mir erzählt, dass Sie mal einer der Top-Spielerberater im Land gewesen sind und bei Watershed gearbeitet haben.“

„Einer der Top-Spielerberater bin ich immer noch.“ Angeberei half eigentlich immer. „Kennst du Jack Stryker? Luke Mays? Dustin Clever?“ Bei jedem der großen Namen aus der NFL bekam der Junge größere Augen und einen hoffnungsvolleren Blick. „Ich habe mit allen die Verträge ausgehandelt.“

„Das sind schon ein paar ernst zu nehmende Spieler.“

Bruno gab Tyvis seine Karte und sagte: „Ich habe jetzt meine eigene Agentur. Sports Equity.“

„Fernandina Beach, Florida?“, fragte der Junge erstaunt, als er die Visitenkarte las. „Wo ist denn das?“

„Ein bisschen außerhalb von Jacksonville.“ Jetzt stellte der Junge ihm schon die Fragen.

„Was ist denn an der FSU vorgefallen?“, fragte er Tyvis als Nächstes. Obwohl Coach Brown ihn schon aufgeklärt hatte, wollte Bruno Tyvis’ eigene Version hören.

„Könnten wir uns vielleicht auf den Weg zum Essen machen, Gentlemen?“, fragte der Coach und schlug Bruno mit der flachen Hand auf den Rücken. „Meine Frau macht die beste Lasagne, die Sie jemals gegessen haben, und mir läuft schon beim Gedanken daran das Wasser im Mund zusammen. Lassen Sie uns zu mir nach Hause fahren, dann können wir beim Essen weiterreden. Wann haben Sie denn das letzte Mal ein hausgemachtes Essen bekommen?“

„Lassen Sie mich nachdenken ... Welches Jahr haben wir noch mal?“, fragte Bruno grinsend.

Als Spielerberater war er ständig unterwegs und lebte aus dem Koffer, sodass er meistens aus Tüten oder Schachteln aß. Wenn er zu Hause war, kochte seine Mutter manchmal für ihn, aber ihr Job bei Mrs. Acker war ziemlich anstrengend und kochen gehörte nicht unbedingt zu ihren Prioritäten.

„Ab unter die Dusche, Tyvis, während ich Bruno deine Leistungsstatistik zeige.“

Der junge Mann nickte daraufhin und trabte Richtung Trainingshalle davon.

„Der Junge rennt immer“, sagte der Coach und deutete Bruno mit einer Geste, ihm in sein Büro zu folgen.

Trotz seiner Vorbehalte war Bruno von dem, was Tyvis auf dem Platz gezeigt hatte, beeindruckt. Der Junge war schnell, hatte gute Füße und werfen konnte er auch.

Wenn er vom richtigen College mit dem richtigen Coach käme, wäre Tyvis vielleicht tatsächlich ein Kandidat. Bei dem bisschen, das er an diesem Nachmittag gesehen hatte, war das schwer zu beurteilen, aber als Spieler von einem Junior College und dann noch mit einer problematischen Vergangenheit … Eigentlich sah Bruno für den Jungen keine Zukunft.

„Also, Bruno, was ist bei Watershed passiert?“, fragte der Coach, als sie das kleine quadratische Büro betraten, das mit Ausrüstungsgegenständen und Papieren vollgestopft war.

„Es gab Meinungsverschiedenheiten.“

„Gibt es denn überhaupt jemanden, der mit Vrable keine Meinungsverschiedenheiten hat?“, fragte der Coach und setzte sich. „Ich habe gehört, dass Ihre Mutter krank war.“

„Ja, sie hatte einen Autounfall. Sie hatte sich an zwei Stellen das Bein gebrochen und brauchte mich damals, Kevin nicht.“

„Und Sie sind wieder nach Hause gezogen, um sich um sie zu kümmern?“

„Ja, so in etwa“, sagte Bruno, um eine Antwort auf die Frage zu finden, wie acht Jahre bei Watershed damit enden konnten, dass Kevin ihn vor der gesamten Belegschaft von Watershed niedergebrüllt hatte.

„Du bist ein Nichts, Endicott.“

„Hier sind seine Leistungsstatistiken von der FSU und vom Junior College, also seine Zeit über vierzig Yards, seine vertikale Sprungkraft und seine Werte beim Bankdrücken … Aber sehen Sie selbst.“

Bruno nahm den Hefter und setzte sich auf den Stuhl, der am nächsten stand. „Und er will nicht erst ein Jahr an einem College mit einer Footballmannschaft in der ersten Liga spielen?“

„Wie gesagt, er ist mit zweiundzwanzig schon ziemlich alt und möchte es lieber gleich in der NFL versuchen. Für ihn heißt es: jetzt oder nie. Jedenfalls sieht er es so. Sie wissen ja wahrscheinlich, wie es ist, wenn man unbedingt eine Chance braucht.“ Dabei zog der Coach fragend die Augenbrauen hoch, als wollte er sagen: „Haben Sie mich verstanden?“

„Sie beide haben viel gemeinsam, wissen Sie das?“, fuhr der Coach fort.

„Tyvis und ich? Was denn zum Beispiel?“, fragte Bruno erstaunt.

„Sein Vater hat die Familie verlassen und ist ein paar Jahre später dann gestorben, so wie Ihrer. Sie sind wieder zurück nach Hause gegangen, um sich nach dem Unfall um Ihre Mutter zu kümmern, Tyvis geht nach dem Training noch arbeiten, damit er seine Mutter, seine Schwester und seinen Bruder finanziell unterstützen kann. Letzten Sommer hat er in drei Jobs gearbeitet und ist dann am ersten Trainingstag in der besten Form aufgelaufen, in der ich ihn jemals erlebt habe.“

Coach Brown wühlte in irgendwelchen Papieren, schob Sachen hin und her und zog schließlich ein Bild von Tyvis hervor. „Können Sie sich vorstellen, wie der mit richtigem professionellem Training aussehen würde? Der ist für Football wie gemacht, Bruno.“

Bruno ließ seinen Blick über das unscharfe Bild schweifen, das offenbar auf einem einfachen Drucker ausgedruckt worden war. Die richtige Körperstatur hatte Tyvis auf jeden Fall, aber das machte ihn noch längst nicht zu einem Profi-Quarterback.

„Und genau wie Sie“, fuhr der Coach fort, „will er mehr. Er ist erfolgshungrig und gibt nicht auf, bevor ihm nicht die allerletzte Tür vor der Nase zugeschlagen wird.“

Coach Brown erkannte einfach zu viel, und sah Dinge, von denen Bruno gar nicht wusste, dass er sie verriet.

„Mit welchen Spielerberatern sind Sie denn sonst noch im Gespräch, Coach?“

„Nur mir Ihnen.“

Da lehnte sich Bruno mit einem kurzen sarkastischen Lachen auf seinem Stuhl zurück und sagte: „Dann glauben Sie ja selbst nicht einmal so sehr an Tyvis, wie Sie behaupten.“

„Doch, das tue ich. Und ich habe mich nur an Sie und sonst niemanden gewandt, weil ich überzeugt bin, dass Sie der Mann sind, der ihn den ganzen Weg begleiten kann.“ Der Coach blätterte noch mehr Papiere und Hefter durch und stapelte immer mehr Papierstapel aufeinander, sodass Bruno sich schon für den Moment wappnete, in dem der ganze Stapel umstürzen würde. „Meine Frau ist Anwaltsgehilfin im Ruhestand und sie recherchiert für ihr Leben gern. Ah, hier ist es ja. Der Coach hielt einen dünnen neuen Hefter hoch. „Das hier ist Ihre Akte.“

Der Mann schummelte also. Er hatte gar keinen magischen Blick, wie Bruno geglaubt hatte.

„Fast jeder Spieler, der bei Ihnen unter Vertrag war, ist schon in der ersten Draft-Runde ausgewählt worden. Die meisten von ihnen in die Top Ten, und sie sind der einzige Spielerberater, der in den letzten fünf Jahren dieses Kunststück vollbracht hat. Sie haben da eine Gabe, ein gutes Auge. Und fast jeder von diesen Spielern hat eine ähnliche Leistungsstatistik wie Tyvis Pryor.“

Mit selbstzufriedener Miene legte der Coach den Hefter wieder auf den Schreibtisch.

Die Arme auf den Oberschenkeln abgestützt beugte sich Bruno vor und schaute sich noch einmal Tyvis’ Werte an. Sie ähnelten stark denen eines Spielers, der vor drei Jahren schon in der ersten Runde ausgewählt worden war und sein Team dann zur nationalen Meisterschaft geführt hatte.

„Also ich weiß ja nicht …“ Die Demütigung brannte ihm unter der Haut. Wie um Himmels willen war er nur in die Sache hier hineingeraten?

Wieso war er in Fernandina Beach geblieben, einer entlegenen Gemeinde am Meer, eine Dreiviertelstunde mit dem Auto vom Stadtrand von Jacksonville entfernt?

Wieso blieb er dort und gab sich als Spielerberater mit Nachwuchsleuten ab und einer kleinen Agentur, obwohl er andere Angebote hatte?

Wieso gab er dem Drang zu bleiben und den Einflüsterungen, das sei seine Heimat, nach?

Er hatte den Verdacht, dass die Gebete seiner Mutter dabei eine Rolle spielten, aber sie sprach nie mit ihm über Gott, den Glauben oder die Kirche, sondern tat stattdessen etwas sehr viel Wirkungsvolleres: Sie sprach mit Gott über ihren Sohn.

„Zu alldem kommt noch hinzu“, sagte der Coach – ob zu Bruno oder den Bürowänden war nicht so eindeutig zu erkennen –, „dass ich Tyvis dazu gebracht habe, mit Jesus zu reden. Ich hoffe, das macht Ihnen nichts aus. Es ist heutzutage in unserer Gesellschaft ja fast schon wie etwas Unanständiges, Jesus zu erwähnen.“

Bruno steckte den Hefter mit Informationen über Tyvis in seine Schultertasche und fragte: „Wieso sollte mir das etwas ausmachen?“

„Ich weiß ja nicht, wie Sie zum Glauben stehen“, sagte der Coach darauf nur. „Jedenfalls singt Tyvis im Gospelchor seiner Gemeinde mit. Sie sollten mal sehen, wie er ganz hinten bei den Männerstimmen steht und alle haushoch überragt. Und er hat eine richtig schöne Bassstimme.“

„Wie oft haben Sie schon dieses Gespräch geübt?“, fragte Bruno daraufhin nur.

„Seit Sie sich bereit erklärt haben zu kommen.“ Coach Brown, der wohl Mitte sechzig war, wirkte durch seine erstaunliche Vitalität viel jünger und seine Augen verrieten seine Leidenschaft für Football.

„Halten Sie mich ruhig für verrückt, aber ich glaube, er kann es schaffen“, erklärte der Coach weiter.

„Sie sind wirklich verrückt“, sagte Bruno daraufhin, ging zum Fenster und schaute hinaus auf den Platz, über dem gerade ein Graupelschauer niederging. „Glauben Sie, ich kann Wunder vollbringen? Keine NFL-Mannschaft wird ihn auch nur in Betracht ziehen. Er wird gar nicht erst zu den Sichtungen mit den Scouts eingeladen, und er bekommt auch keine Chance durch einen Pro Day am College, bei den ihn die Scouts sehen könnten, weil Junior Colleges keine Pro Days veranstalten. Wie wollen Sie denn Scouts und Trainer dazu bringen, ihn sich überhaupt anzuschauen?“

„Das wollte ich eigentlich Ihnen überlassen“, antwortete Coach Brown.

Da lachte Bruno und erklärte: „Sie sind ja ein noch größerer Träumer als Tyvis.“

„Wie viele Klienten haben Sie zurzeit, Bruno?“, fragte der Coach jetzt, hielt inne, schaute auf seine Uhr und klopfte mit den Fingern auf seinen Bauch.

„Ich bin noch in der Aufbauphase.“

„Also null?“

„Calvin ist kurz davor zu unterschreiben, und wenn ich ihn unter Vertrag habe, dann nehme ich vielleicht auch Tyvis. Vielleicht.“

„Ich glaube, es ist eher so, dass Sie Calvin nicht bekommen, wenn Sie Tyvis nicht nehmen. Die beiden sind nämlich richtig dicke. Das Problem bei Leuten in Ihrem Alter ist, dass sie nicht groß genug denken. Sie wollen nur das, was Sie bei anderen sehen. Glauben Sie, die Brüder Wright haben sich damals Gedanken darüber gemacht, dass noch nie ein Mensch geflogen war? Was wäre, wenn Edison gesagt hätte. ,Yo, Leute, Kerzen reichen doch auch … funktionieren doch schon seit tausend Jahren gut.‘“

„Sie glauben, Edison hat ,yo‘ gesagt?“

Der Coach stützte sich mit den Ellenbogen auf der Schreibtischplatte ab und tippte sich an die Schläfe. „Sie müssen über den Tellerrand hinausschauen. Versuchen Sie, Vrables Stimme aus dem Kopf zu bekommen. Sie wissen doch genauso gut wie ich, dass die NFL jeden Spieler nimmt, der gut genug ist. Ich habe einen Jungen in der Liga, der nicht einmal auf dem College war.“

„Das ist aber wirklich eine seltene Ausnahme, Coach.“

„Tyvis Pryor ist auch so eine Ausnahme. Hören Sie doch auf, so zu tun, als ob die einzigen Jungs, die es schaffen können, die Vollblüter sind. Nehmen Sie einen Jungen, der nicht schon im Rampenlicht steht, und brechen sie mit den gängigen Regeln.“

Bruno hörte nur mit halbem Ohr hin. Die Regeln brechen? Nein, er war ein Mann, der sich an die Vorschriften und Regeln hielt, und zwar so sehr, dass er Kevin Vrable wegen Unregelmäßigkeiten und Fehlverhalten zur Rede gestellt hatte. Und das wiederum war einer der Gründe, weshalb er jetzt im Büro eines JUCO-Coaches in Scooba, Mississippi, gelandet war.

„… sorgen Sie dafür, dass er bei einem Pro Day dabei sein kann – an der Florida State oder der University of Central Florida. Haben Sie nicht in Florida für Watershed Spieler gesichtet? Das muss doch praktisch Ihr Wohnzimmer sein? Tyvis kommt aus Destin. Das ist Ihr Gebiet“, sagte Coach Brown.

„Sie reden, als würden Sie mich kennen, Coach“, sagte Bruno und deutete mit der Hand auf den Hefter, der auf dem Schreibtisch des Coachs lag. „Aber Sie kennen mich nicht, denn wenn es so wäre, dann wüssten Sie, dass ein Spieler vom Junior College mir nicht genügt.“

Der Coach seufzte, schaltete seinen alten Computer aus, nahm seinen Schlüssel und kam hinter seinem Schreibtisch hervor.

„Sie haben recht“, sagte er. „Ich kenne Sie nicht. Und ein paar Fakten und Zitate aus dem Internet schaffen keine Verbindung zwischen zwei Menschen. Bei jedem anderen Spieler hätte ich Sie nicht behelligt, aber Tyvis ist was Besonderes, Bruno. Ich habe noch nie erlebt, dass ein Junge für so wenig so hart arbeitet. Um fünf Uhr morgens ist er im Kraftraum, und vor und nach dem Unterricht arbeitet er in der Cafeteria, um Geld zu verdienen. Er ist immer bereit fürs Training, schafft alle Leistungsvorgaben im normalen Schulunterricht und das Tag für Tag für Tag. Und stellen Sie sich vor, er hat immer noch ein Klapphandy. Man kann ihm keine Nachrichten schreiben, weil er kein Smartphone besitzt. Er hat Mist gebaut und will den Schaden, den er angerichtet hat, wiedergutmachen. Zusätzlich will er für seine Mutter, seine Schwester und seinen Bruder sorgen, und er möchte gern den Traum leben, den er hat, seit er neun ist. Sagen Sie mir eines: Warum sind Sie als Jurist Spielerberater und nicht Firmenanwalt oder Prozessanwalt geworden? Da würden Sie viel mehr verdienen, hätten pünktlich Feierabend und an Wochenenden und Feiertagen frei.“

Bruno wechselte seine Position und dachte, dass sie bestimmt nicht die Zeit hatten, all seine Gründe aufzuzählen. Aber in Wirklichkeit war seine Antwort ganz einfach. „Ich liebe es“, sagte er deshalb.

„Dann sollten Sie Tyvis ernsthaft in Betracht ziehen. Er liebt es nämlich auch. Ich sehe Spieler und ich sehe echte Spieler“, sagte der Coach im Brustton der Überzeugung. „Und er ist geboren, um Football zu spielen. Wieso in einem Büro sitzen oder in einem LKW, wenn man weiß, dass man auf den Footballplatz gehört?“

In dem Moment ging die Tür auf und Tyvis schaute herein. „Fertig?“

„Auf geht’s“, sagte der Coach, klimperte mit den Schlüsseln, schaltete die Lichter im Büro aus und forderte Tyvis auf, mit zum Essen zu kommen.

Auf dem Weg zum Wagen checkte Bruno seine Mails. Außer hinter Calvin Blue war er auch noch hinter einem Spieler von der Ohio State University und einem aus Florida her, von denen es aber nichts Neues gab.

Bruno fuhr hinter dem dicken Ford F350 Truck des Coaches her und telefonierte dabei mit seiner Mutter. „Wie war dein Tag?“ Seit dem Unfall, bei dem sie zwei Stunden lang im Straßengraben gelegen hatte, bevor jemand sie dort entdeckt hatte, war er in Gedanken immer halb bei ihr.

„Mrs. Acker wollte heute Rosen pflanzen.“

„Im Winter?“ Selbst in Florida gab es Jahreszeiten, in denen man pflanzte und säte.

„Und nächste Woche muss ich sie wahrscheinlich wieder rausreißen und stattdessen Orchideen pflanzen. Wann bist du denn wieder zu Hause?“

„Heute Abend.“

„Mit dem kleinen Flugzeug?“, stöhnte seine Mutter. „Ich weiß, du sagst, dass Stuart ein hervorragender Pilot ist, aber schon allein bei dem Gedanken bekomme ich eine Gänsehaut. Kannst du nicht einen Fallschirm tragen?“

„Für den Fall, dass wir abgeschossen werden?“

„Es könnte doch ein Motor ausfallen oder explodieren.“

Schmunzelnd entgegnete Bruno: „Stuart ist wirklich ein hervorragender Pilot und sein Flugzeug ist ebenso hervorragend. Dir ist schon klar, dass er mich umsonst durch den ganzen Süden fliegt, nur weil er Flugstunden als Pilot braucht, oder? Durch ihn spare ich sehr viel Zeit und Geld, Mama. Weil ich heute Abend schon zu Hause bin, statt im Auto zu sitzen oder auf einen Linienflug zu warten, kann ich dich morgen früh zum Frühstück im Bright Mornings Café einladen. Na, wie wär’s?“

„Gern, aber es gefällt mir trotzdem nicht, dass du in einem Privatjet in der Gegend herumfliegst.“ Ein bisschen ließ die Anspannung in ihrer Stimme jetzt nach. „Ich freue mich, dich bald wiederzusehen.“

Er war den ganzen Dezember nicht zu Hause gewesen. Ein Pokalspiel nach dem anderen hatte dafür gesorgt, dass er ständig unterwegs gewesen war, sogar über Weihnachten.

Sie plauderten noch ein bisschen, während Bruno auf der kurvigen zweispurigen Straße, die von kahlen Ahornbäumen und hohen Pinien gesäumt war, hinter Coach Brown herfuhr.

Er wollte sich gerade von seiner Mutter verabschieden, weil sie zum Haus des Coaches abbogen, als seine Mutter sagte: „Es gibt da noch eine Neuigkeit, die ich dir verschwiegen habe, Bruno.“

„Was denn?“, erkundigte er sich und parkte seinen Wagen hinter dem Truck vom Coach, schaltete den Motor aus und spürte einen leichten Adrenalinstoß. War sie krank? Krebs? Nein, denk gar nicht dran. Hatte sie jemanden kennengelernt?

Ihre Stimme hatte den gleichen Klang wie damals, als sie ihn wegen des Unfalls angerufen hatte. Oder als sie ihm gesagt hatte, dass sein Vater gestorben sei.

„Es geht um Miss Everleigh, mein Junge. Sie ist gestorben.“

„Miss Everleigh? Wann?“, fragte Bruno und schaute aus dem Fenster, während ihn der Coach ins Haus winkte. Doch statt auszusteigen, legte er den Kopf aufs Lenkrad.

Er hatte gerade ein Stück seiner Kindheit verloren, das ihm heilig war. Die Frau mit dem engelsgleichen Gesicht hatte sein ganzes Leben lang gegenüber gewohnt. Die Frau im Memory House – wie er es als Kind genannt hatte – hatte ihm beigebracht, wie man Chocolate Chip Cookies backt, Marshmallows grillt und die Arche Noah aus Eisstielen bastelt.

In dem weitläufigen viktorianischen Gebäude mit seinem Türmchen, den Erkern und der Wendeltreppe hatte er seine Nachmittage verbracht, nachdem sein Vater die Familie verlassen hatte und seine Mutter in zwei Jobs hatte arbeiten müssen. Und in Miss Everleighs Garten hatte er sich mit acht Jahren verliebt – in Beck Holiday –; seit Jahren hatte er nicht mehr an sie gedacht.

„Direkt nach Thanksgiving.“

„Thanksgiving? Und dann sagst du es mir erst jetzt? Habe ich jetzt etwa die Trauerfeier verpasst?“

„Nein, die ist am nächsten Sonntagnachmittag. Miss Everleigh wollte nicht, dass viel Aufhebens um ihr Begräbnis gemacht wird, aber der Pastor hat anders entschieden. Weil wegen der Feiertage – besonders Thanksgiving – viele Leute nicht zu Hause waren, sondern zu Besuch bei Verwandten, ist der Trauergottesdienst verschoben worden. Schaffst du es, bis Sonntag zu Hause zu sein?“

„Ja sicher.“ Er würde es sich ganz bestimmt nicht nehmen lassen, von der einzigen „Großmutter“ Abschied zu nehmen, die er je gehabt hatte.

Nachdem er das Gespräch beendet hatte, stieg er aus dem Wagen und schaute zum grauen, regnerischen Horizont.

„Ruhen Sie in Frieden, Miss Everleigh.“ Er hatte sie eigentlich häufiger besuchen wollen, nachdem er wieder nach Fernandina Beach zurückgekehrt war, aber der Sichtungsmarathon ließ ihm kaum Zeit, sich um das eigene Leben, geschweige denn um das anderer Menschen zu kümmern.

„Bruno! Das Essen ist fertig“, rief der Coach zum offenen Garagentor heraus. „Und außerdem fängt es an zu regnen. Hat Ihre Mutter Ihnen nicht beigebracht, dass man dann ins Haus geht?“

„Ich komme.“

Im Haus lachte Tyvis mit einer schlanken Frau mit rötlichem Haar und neugierigem Blick. Neben seiner dunklen, muskulösen Figur wirkte sie wie ein Zwerg, aber die Stärke, die er ausstrahlte, war sanft. Die Szene war wie Balsam nach dem, was er gerade von seiner Mutter erfahren hatte, und als Bruno jetzt diese Szene sah, wünschte er sich solche Augenblicke auch für sein eigenes Leben – vielleicht sogar eine eigene Familie.

Aber dazu musste er sein Leben entschleunigen, eine Beziehung mit einer Frau eingehen, die länger hielt als nur ein Date, und sich innerlich mehr öffnen.

„Ich hoffe, Sie haben Hunger“, sagte der Coach und schob Bruno in den Raum.

„Das kann man wohl sagen“, erklärte er und schaute erst Tyvis und dann Mrs. Brown an.

„Ich bin bereit fürs Essen.“


KAPITEL 3
Beck

Als sie aufwachte und Tageslicht in ihr Schlafzimmer in East Flatbush strömte, grummelte sie und blinzelte gegen die Helligkeit an. Sie kuschelte sich noch einmal unter die Decke und stieß dabei gegen einen warmen Körper, der zusammengerollt neben ihr lag.

Als die Erinnerung an die Ereignisse des vergangenen Abends zu ihrem noch schlaftrunkenen Hirn durchdrang, setzte sie sich auf und schlug die Bettdecke zurück. Boudreaux – der Hund – vier Stunden in der Tierklinik.

„Hey, mein Kleiner. Frohes neues Jahr.“ Ganz vorsichtig kraulte sie den Hund hinter den Ohren. „Hast du gut geschlafen?“

Mit einem leisen Winseln versuchte er, die Augen zu öffnen, aber die Erschöpfung und die Medikamente, die er bekommen hatte, hatten ihn noch fest im Griff.

Laut Tierarzt war er ein Zwergschnauzer, fünf bis sechs Jahre alt, unterernährt, dehydriert, und von Flöhen und Würmern befallen.

Sie hatten ihn geröntgt, mithilfe einer Ultraschalluntersuchung eine Bestandsaufnahme von seinen inneren Verletzungen gemacht, ihn dann mit Antibiotika und Flüssigkeit versorgt und schließlich Beck mit Spezialnahrung und Instruktionen für seine Behandlung nach Hause geschickt.

„Kommen Sie in zwei Wochen wieder, dann können wir ihn gründlicher untersuchen“, hatte es geheißen.

Der kleine Kerl sprach zwar sofort gut auf die Flüssigkeitszufuhr und die Nahrung an, aber der Tierarzt war besorgt, dass es doch noch zu unvorhergesehenen Komplikationen kommen könnte.

Beck stand auf, zog die Vorhänge zu und legte sich wieder neben ihren neuen Freund.

Er seufzte leise, als sie seine Pfote streichelte. Auf dem Weg zur Klinik hatte sie ihn Beetle Boo genannt, und nachdem der Tierarzt diesen Namen dann auch auf die Patientenkarte geschrieben hatte, war es besiegelt gewesen.

Es klopfte leise an ihrer Tür. „Frohes neues Jahr, Beck. Bist du wach?“, sagte ihre Mutter leise und spähte vorsichtig ins Zimmer. „Du bist später nach Hause gekommen als …“ Sie verzog den Mund und sah jetzt in ihrer pinkfarbenen Krankenhauskleidung und der blassen Winterhaut aus wie ein zorniges Eis am Stiel. „Ein Hund? Also bitte, Beck, du weißt doch, dass Flynn allergisch ist.“

„Ich wünsche dir auch ein frohes neues Jahr, Mama“, sagte Beck darauf, drückte mit geschlossenen Augen ihre Stirn gegen das winzige Hundegesicht und atmete den Duft des sauberen Fells ein. Sie hatte den Raum verlassen müssen, als der Tierarzt angefangen hatte, den Hund zu säubern, indem er ihm dicke Klumpen völlig verfilzten Fells abrasierte, so furchtbar hatte Beetle Boo dabei gejault und gewinselt.

„Gibt es zu dem Hund auch eine Geschichte?“, fragte ihre Mutter jetzt.

„Keine Sorge, ich suche mir eine eigene Wohnung. Du brauchst also nicht lange ein Haustier zu ertragen“, sagte Beck nur.

„Jetzt sei doch nicht gleich so kratzbürstig. Es ist nur, weil Flynn allergisch gegen Hunde ist.“

Sie hatte nie die Absicht gehabt, mit einunddreißig Jahren noch bei ihrer Mutter, ihrem Stiefvater und ihrem kleinen Bruder zu wohnen, aber als letztes Jahr ihre beste Freundin und Mitbewohnerin Sarah in Stuytown geheiratet hatte, war Beck vorübergehend wieder in ihr altes Zimmer in East Flatbush gezogen.

Aus Tagen waren Wochen und aus Wochen Monate geworden und im Nu war ein Jahr vergangen. Inzwischen hatte sie genug gespart, um sich eine eigene Wohnung zu nehmen und gerade einen Mietvertrag unterschreiben wollen, als sie gemerkt hatte, dass ihr Abend im Rosie’s und das Zusammentreffen mit Hunter Ingram Folgen hatte.

Vielleicht war das der Grund, weshalb sie sich unbedingt um Beetle Boo kümmern wollte – als Ablenkung von der Tatsache, die sie bisher phänomenal ignoriert hatte, indem sie den Kopf in den Sand steckte.

„Beck?“ Die eine Seite des Bettes sackte unter dem Leichtgewicht ihrer Mutter nach unten und Beck schaute sie von schräg unten an.

„Hast du mich gehört? Ich gehe jetzt zur Arbeit. Das Abendessen steht im Backofen. Flynn müsste eigentlich gegen sechs zu Hause sein. Nach dem Kalender am Kühlschrank hast du heute Nachtschicht. Bitte iss was, bevor du gehst, ja? Du bist ja nur noch Haut und Knochen. Flynn hat gesagt, dass dir im letzten Monat öfter mal schlecht gewesen ist …“

„Ja, ich hab wohl zu viel Fast Food gegessen. Viel Spaß bei der Arbeit, Mama.“

„So viel Spaß, wie eine Zwölf-Stunden-Schicht im Kings County eben hergibt. Aber heute ist Neujahr, da gibt es immer jede Menge Gutes zu essen. Apropos Essen …“

„Ich habe dich schon gerade eben verstanden, Mama“, sagte Beck, setzte sich auf und strich sich ihr langes, dunkles Haar aus dem Gesicht. „Iss was, bevor du zur Arbeit gehst.“

„Was ist denn los mit ihm?“, fragte ihre Mutter und schaute Beck an. Die zog sich ihre Decke über den Bauch und schaute den Hund an. „Er ist ja in richtig übler Verfassung“, fuhr ihre Mutter fort.

„Ich hab ihn einem Täter abgenommen, der ihn eine Tüte mit Drogen hat fressen lassen, damit er sie später wieder ausscheidet.“

Ach du liebe Zeit… genau im richtigen Moment schlug jetzt wieder die Morgenübelkeit zu. Immer ungefähr zehn Minuten nach dem Aufwachen. Sie hatte eigentlich gedacht, dass das langsam vorbei sein müsste, aber …

„Und wieso hast du nicht die Tierrettung verständigt?“

„Weil …“, einatmen, ausatmen, einatmen … und der Moment war vorbei, jedenfalls fürs Erste, „… ich das Gefühl hatte, dass er meine Hilfe brauchte.“

Beck schaute zu ihrer Mutter hin – die Krankenschwester war eine Kümmerin, die alles liebte, was lebte –, die doch eigentlich verstehen musste, wenn jemand Hilfe brauchte, auch wenn sie und ihre Mutter eigentlich nie ein besonders enges Verhältnis gehabt hatten. Beck war ein Papakind gewesen – so war es ihr jedenfalls erzählt worden. Doch dann war der Terroranschlag am 11. September passiert, eine Katastrophe, die bis heute bei ihr nachwirkte.

Der Einsturz des Nordturms hatte Mutter und Tochter gleichermaßen zusammen- wie auseinandergebracht, und zwar auf eine Weise, die keine von ihnen so ganz verstand.

Also ließen sie einander Freiraum – und ignorierten einfach, wie die jeweils andere sich nur humpelnd fortbewegte. Ihre Mutter, indem sie einfach ihr Leben fortsetzte und nie zurückschaute. Und Beck, indem sie vergaß.

„Interessant“, sagte ihre Mutter, stand auf und strich ihren Arbeitskittel glatt. „Du hast sonst nie Gefühle gezeigt, wenn es um Tiere oder Babys ging. Deinen kleinen Bruder hast du erst richtig angeschaut, als er schon fast zwei war.“

„Vielleicht habe ich mich ja verändert – ein bisschen.“

„Wunder über Wunder“, bemerkte ihre Mutter, schaute auf die Uhr und fragte: „Dann ist der Hund also ein dauerhafter Neuzugang?“

„Ich weiß es nicht. Vielleicht. Wie gesagt, ich habe genug gespart, um mir selbst eine Wohnung zu nehmen.“

„Habe ich gesagt, dass du ausziehen sollst? Ich muss nur wissen, was ich Flynn sagen soll. Er ist …“

„… allergisch. Ich weiß.“

So und ähnlich lief es zwischen ihnen fast immer seit dem Tod von Becks Vater. Damals war sie vierzehn gewesen. Jeder Versuch, irgendwie miteinander in Kontakt zu treten, führte zu einer unsichtbaren Spannung, aber irgendwie immer auch mit einem kleinen Schuss Geduld und Liebe.

„Was für ein Hund ist das noch mal?“, fragte ihre Mutter und streckte ihre Hand zu Beetles Nase aus. Aber der Hund war zu erschöpft, um auch nur den Kopf zu heben. „Vielleicht ist es ja eine Rasse, die nicht haart.“

„Er ist ein Zwergschnauzer“, antwortete Beck mit einem Lächeln und wärmte damit die Seele ihrer Mutter. „Ich bin wirklich dankbar für alles, was Flynn und du für mich tut, und dass ich hier mietfrei wohnen kann, aber ich brauche es auch, einfach mal für mich zu sein.“

Ihre Mutter nickte nur kurz und sagte dann: „Ich erinnere mich, dass ich damals auch mit den Hufen gescharrt habe, das Nest zu verlassen. Und ich war zwanzig, als ich mich dann Hals über Kopf in deinen Vater verliebt habe.“ Sie beugte sich vor, um Beck einen Kuss auf die Stirn zu geben, wünschte Beetle Boo einen guten Tag und ging zur Tür. „Ach ja, unten liegt Post für dich“, sagte sie noch im Hinausgehen. „Ein Einschreiben.“

„Von wem denn?“

„Von einem Anwalt in Florida“, antwortete ihre Mutter, schaute wieder auf die Uhr und zog ein Gesicht. „Ich muss jetzt aber wirklich los. Und vergiss nicht, dein Essen steht im Ofen.“

Im selben Moment, als die Tür geschlossen wurde, stürzte Beck aus dem Bett ins Bad und ging vor der Kloschüssel in die Knie – Erleichterung. Wie war es nur möglich, dass das, was für sie sonst immer fast das Schlimmste auf der Welt gewesen war – nämlich sich zu übergeben –, ihr eine solche Erleichterung verschaffte?

Dann betrachtete sie sich in ihrem T-Shirt, das am Bauch bereits spannte, im Spiegel.

Sie hatte ein Problem. Ein großes, vielschichtiges Problem, vor dem sie nicht davonlaufen konnte. Das Baby machte sich bemerkbar und sie konnte es nicht länger ignorieren.

Die ersten beiden Monate hatte sie gedacht, dass sie zu viel arbeitete, weil sie ständig müde war, aber dann hatte die Übelkeit angefangen.

Wenn es nach ihr gegangen wäre, hätte sie sich einfach zusammen mit Beetle Boo in ihrem Zimmer verkrochen, bis der Winter und all ihr Ach und Weh vorbei waren. Aber nach dem, was man so hörte, war eine Geburt mehr als nur ein Weh.

Die Geburt …

Die würde sie wohl allein durchstehen müssen.

Nachdem sie sich die Zähne geputzt und das Gesicht gewaschen hatte, ging sie wieder ins Bett, legte sich neben Beetle, starrte zur Decke und versuchte, an nichts zu denken.

Als sie noch klein war, hatten ihre Eltern immer mit ihr gebetet, wenn sie sie ins Bett gebracht hatten. Die Erinnerungen daran waren verschwommen und außer ihrer Mutter hatte niemand mehr klare bildhafte Erinnerungen an ihren Vater.

Neben ihr regte sich jetzt der Hund mit einem leisen Winseln und versuchte, aus dem Bett zu springen. Beck hob ihn herunter, setzte ihn auf den Boden und schaute zu, wie er kurz schwankte und dann zu seiner Wasserschüssel tapste.

Sie würde bald mit ihm nach draußen gehen müssen. Er brauchte Hilfe dabei, sein Geschäft zu machen, weil er sein Hinterbein beim Fall auf den Beton verletzt hatte, und auf den Röntgenbildern waren außerdem noch zwei ältere Brüche zu erkennen gewesen. Der Schlag sollte Boudreaux treffen.

Ohne nachzudenken flüsterte sie ein Gebet für den Hund – und dann auch noch eines für sich selbst. Sie hatte im Beruf so oft das verzweifelte Flehen sterbender Opfer, verängstigter Täter und trauernder Angehöriger gehört und war deshalb mittlerweile davon überzeugt, dass der Impuls, an den Himmel zu appellieren normal und auch legitim war.

„Frohes neues Jahr, Gott, ich bin’s Beck Holiday. Ich brauche Hilfe.“

Mit geschlossenen Augen wartete sie auf eine Art Stimme oder auf ein Gefühl, auf irgendeine Antwort vom Allmächtigen, aber das Einzige, was sie hörte, war der Signalton ihres Handys, der ihr mitteilte, dass eine Nachricht eingegangen war.

Stöhnend drehte sie sich zum Nachttisch um. Die ganze Serie einzeiliger Nachrichten kam von ihrem Vorgesetzten Lieutenant Hunter Ingram.

Beck?

Ruf mich an.

Wo bist du?

Was ist passiert?

Ich muss es wissen.

Ich kann dich sonst nicht decken.

Weiß nicht, ob ich es überhaupt kann.

Sergeant?

AUFWACHEN!

Sie hob Beetle Boo wieder zu sich ins Bett und überlegte, welche Optionen sie hatte.

Von zu Hause ausreißen? Nein, dazu war sie zu alt. Sie wäre liebend gern abgehauen und in ein neues, surreales, perfektes Leben geschlüpft, in dem es vernünftig war und einen Sinn ergab, schwanger zu sein, und in dem ihr Zustand ihr nicht Angst, sondern Hoffnung machte.

In ein Leben, in dem sie ein eigenes Zuhause hatte, einen Mann, der ihrem Baby ein Vater sein würde – wenn sie sich überhaupt dafür entscheiden würde, es zu bekommen –, in dem ihre Kindheitserinnerungen zurückkommen würden, und ein Zuhause, in dem der Schmerz über den Tod ihres Vaters sie nicht von ihrer Mutter trennte, sondern beide verband.

Aber das war nur ein Traum und wahrscheinlich zu viel verlangt vom Leben. Nach achtzehn Jahren machte sie sich keine Hoffnung mehr.

Das war auch der Grund, weshalb sie gern Polizistin war. In dem Job kannte sie sich aus, wusste, was von ihr erwartet wurde und fand sich selbst Tag für Tag in den Routineabläufen wieder.

Durch eigene Dummheit hatte sie sich in dieser einen blöden Nacht selbst in Schwierigkeiten gebracht. Dafür konnte sie niemand anders verantwortlich machen – abgesehen von ihm. Sie waren beide betrunken gewesen, aber wenn ihre ziemlich verschwommene Erinnerung sie nicht trog, war sie es gewesen, die im Rosie’s die Initiative ergriffen hatte.

Inmitten all der Nachrichten von Ingram war auch eine von Hogan.

Wie geht‘s dem Hund? Ruf mich an. Boudreaux‘ Anwalt ist hier schon aufgekreuzt, bevor ich den Bericht fertig hatte.

Sie wollte ihm gerade zurückschreiben, als ihr Handy klingelte. Ah, das war Ingram. Am Klingeln merkte sie, dass er die Geduld verlor.

Trotzdem drückte Beck ihn weg, warf das Handy zwischen die Papiertücher, Papiere, Bücher und Duftöle in der Nachttischschublade und vergrub sich mit ihren Sorgen im Kissen.

Vielen Dank auch für deine Hilfe, Gott.

Sie musste wieder eingeschlafen sein, weil ein Klopfen an der Tür sie aus einem traumlosen Schlaf aufschreckte.

„Ja?“ Sie räusperte sich und warf einen Blick auf ihren Wecker. Es war sieben Uhr abends.

Ihr Stiefvater Flynn betrat in seiner Polizeiuniform mit dem Dienstgrad eines Captains ihr Zimmer. „Du hast wirklich auf Streife deinen Posten verlassen?“

Beck zog jetzt die Bettdecke etwas zurecht, sodass Beetle Boo zum Vorschein kam. „Nein, ich habe nicht den Posten verlassen, sondern ich bin nur mit dem kleinen Kerl hier beim Tierarzt gewesen“, antwortete sie. „Hogan hat den Verdächtigen aufs Revier gebracht – was reine Zeit- und Geldverschwendung war. Gibt es noch Gerechtigkeit auf der Welt, Flynn?“

„Ja, es gibt Gerechtigkeit. Und irgendwann steht jeder vor seinem Richter.“ Er deutete jetzt mit dem Kopf auf den Hund und bemerkte: „Du hättest die Tierrettung verständigen können. Das ist deren Job. Deiner ist es …“

„… ein unschuldiges, verletztes, bettelndes Tier zu ignorieren, um einen Wiederholungstäter festzunehmen? Der, nebenbei bemerkt, schon wieder auf freiem Fuß war, bevor Hogan auch nur den Bericht fertig geschrieben hatte. Nein, Flynn. Ich habe den kleinen Kerl hier gerettet.“ Sie kraulte Beetles Nase, woraufhin der den Kopf hob und ihre Hand mit seiner rosa Zunge berührte.

Flynn starrte sie einen Moment lang an, hin- und hergerissen zwischen seinen Rollen als Polizei-Captain und als Stiefvater.

Flynn und ihr Vater waren seit der Schulzeit beste Freunde gewesen. Mit zweiundzwanzig waren sie beide zusammen zur Polizei gegangen und von da an tagein, tagaus, von Mitternacht bis acht Uhr morgens auf der Jagd nach Straftätern und dem nächsten Kaffee gewesen.

Nach den Anschlägen vom 11. September hatte Flynn oft vorbeigeschaut, um nach „Dales Witwe“ zu schauen, und ein Jahr später hatten er und ihre Mutter dann geheiratet.

„Was ist denn passiert?“, fragte er mit einem tiefen Seufzer.

„Ich hab einen Wiederholungstäter beim Dealen erwischt, und als ich ihn verfolgt habe, hat er einen Beutel fallen lassen, in dem der kleine Kerl hier war. Hat ihn als Drogenkurier missbraucht.“

Flynn beugte sich vor, um einen Blick auf den Hund zu werfen, kam aber nicht näher.

„Der sieht ja zum Erbarmen aus. Was hat denn der Tierarzt gesagt?“

„Er hat gesagt: ,Das macht dann eintausendfünfhundert Dollar.‘“ Beck schlüpfte in ihre Hausschuhe, zog das T-Shirt ein bisschen von ihrem Bauch ab und griff nach ihrem Bademantel. „Dann hat er mich mit Medikamenten, Spezialfutter und Instruktionen nach Hause geschickt. Der Kleine sieht jetzt schon zehn Mal besser aus als gestern Abend.“

„Aber du weißt, dass ich allergisch bin, oder?“

„Jap“, sagte sie nur und ging aus dem Zimmer.

Bitte, bitte, erst mal Kaffee.

Als sie vor etwa sechs Wochen eines Morgens angefangen hatte, koffeinfreien Kaffee zu trinken, hatte ihre Mutter eine Augenbraue hochgezogen. Beck hatte sich damit getröstet, dass sie schon so viel Koffein im Blut gehabt hatte, dass es vermutlich für ein ganzes Leben, wenn nicht gar zwei, reichte.

Aus der Küche duftete es nach Boeuf Stroganoff und einen Moment lang empfand sie einen tiefen Frieden. Beck liebte ihr Zuhause. Das war der gemütliche, geborgene Ort, an den man sich zurückzog, um sich vor den Problemen der Welt zu verkriechen.

Sie wünschte sich das, was ihre Mutter und Flynn hatten, einen Ort, an dem man sich von unliebsamen Überraschungen erholen, sich ein Leben aufbauen und vielleicht ein Kind großziehen konnte.

Es gab da eine Wohnung an der Rockway Avenue, die sie hätte haben können, aber die war längst nicht so gut wie die piekfeine Wohnung in Stuytown, die sie und Sarah sich bis vor Kurzem geteilt hatten.

Flynn ging in der Küche umher, bereitete alles fürs Essen vor, und seine starke Ausstrahlung und sein stabiler Körper bewirkten, dass der Friede noch etwas anhielt.

„Wyatt ist heute zum Essen nicht da“, sagte er, nahm zwei Teller aus dem Schrank und stellte sie auf den Tisch. „Er schaut sich mit ein paar von seinen Jungs die Halbfinals der National Championships an.“

„Wer spielt denn?“, fragte Beck und nahm die leere Kanne aus der Kaffeemaschine. Traurig. Sehr traurig. Sie schob die Kanne wieder auf die Wärmeplatte zurück und entschied sich für Orangensaft. Der war sowieso besser für sie.

„Ohio State gegen Texas.“ Flynn nahm Salat und Bier aus dem Kühlschrank. „Willst du auch eins?“, fragte er und hielt eine Bierflasche hoch.

„Nein danke, ich arbeite heute Nacht.“

Er zog ein Gesicht. „Das tut mir leid. Ich dachte, du hättest frei. Das ist ein frohes neues Jahr, was?“

„Seit ich bei der Polizei bin, habe ich jedes Jahr an Neujahr Dienst gehabt. Ich wüsste gar nicht, was ich an dem Tag mit mir anfangen soll, wenn ich nicht Dienst hätte.“

Sie stürzte den letzten Schluck Orangensaft hinunter und warf dann die Flasche in den Mülleimer. „Ich muss vor dem Essen noch den Hund füttern.“

„Du kannst ihn nicht behalten, Beck, auch ganz abgesehen von meiner Allergie. Wir arbeiten doch alle zu unterschiedlichen Zeiten und haben auch so schon Mühe, Zeit füreinander – geschweige denn für einen Hund – freizuschaufeln.“ Flynn ging zum Thermostat im Esszimmer und sagte: „Deine Mutter ist anscheinend wild entschlossen, diese Wohnung in eine Sauna zu verwandeln.“

„Ich nehme mir eine eigene Wohnung“, erklärte sie und spürte in dem Moment ein ganz leises Flattern in ihrem Bauch. Das war das Baby. Es bewegte sich.

„Wie willst du dich denn bei deinen Arbeitszeiten um einen Hund kümmern? Und dann auch noch um einen kranken Hund?“, fragte Flynn und sah sie an, während er einen Schluck Bier trank. Und dann fragte er ganz unvermittelt: „Geht es dir eigentlich gut in letzter Zeit?“

„Das schaffe ich schon“, antwortete sie, ohne auf die letzte Frage einzugehen und fügte hinzu: „Es gibt viele Polizisten, die einen Hund haben.“

„Ja, Polizisten mit Familien, die bei der Betreuung des Hundes helfen können“, wandte er ein.

„Ich kann mich um ihn kümmern“, wiederholte sie, fuhr sich mit der Hand durchs Haar und rückte dann ihren Morgenmantel zurecht, indem sie den Gürtel etwas lockerte. „Ich … ich könnte in die Tagschicht wechseln.“

„Wegen eines Hundes?“, fragte Flynn lachend, aber das Lachen war eher freundlich als spöttisch. „Ruf mich bitte an dem Tag an, wenn du deinen Lieutenant darum bittest. Soll ich mal im meiner Abteilung herumfragen, ob jemand den Hund haben möchte? Erinnerst du dich noch an Michael und Esther Greaves? Die waren letzten Sommer am 4. Juli zur Unabhängigkeitsfeier hier. Du hast mit ihrem behinderten Sohn Basketball gespielt. Mike hat mir erzählt, dass sein Therapeut ihnen ein Haustier empfohlen hat.“

„Ach, ich weiß nicht.“ Sie blickte nach unten. „Ich … ich weiß nicht, ob ich ihn an jemanden abgeben kann. Er hat so viel durchgemacht.“

„Das sind liebe Menschen, Beck. Du solltest mal sehen, wie sie mit ihrem Sohn umgehen. Dein Hund würde sich da bestimmt wohlfühlen und gut entwickeln.“

Beck nickte, ging zur Treppe und murmelte: „Ich überleg’s mir.“

In ihrem Zimmer kniete sie sich neben ihr Bett und weckte Beetle Boo ganz sanft. Er sah sie mit traurigen braunen Augen an, auch wenn sie heute schon aufmerksamer und lebendiger waren als noch vor zwölf Stunden.

„Hast du Hunger?“, fragte sie, öffnete eine Dose mit Hundefutter, hob ihn vorsichtig vom Bett herunter, setzte ihn sich auf den Schoß und fütterte ihn aus der Hand. Dann ließ sie ihn aufstehen, und er lief auf wackeligen Beinen noch einmal zum Wassernapf, um zu trinken.

Danach trug sie ihn in den kalten, frischen Abend vors Haus. An den Häusern in den Straßen funkelte überall noch die Weihnachtsbeleuchtung.

Beetle humpelte zum Rasen, und sie stützte sein Hinterteil, als er sich hinhockte.

Dann nahm sie ihn wieder hoch, gab ihm einen Kuss auf den Kopf und flüsterte: „Du und ich, wir gehören zusammen. Ich geb dich nicht her.“

Wieder in ihrem Zimmer, kuschelte sie ihn in Decken, ging duschen und ließ das warme Wasser über sich und das Baby laufen.

Aber dann setzte die Realität wieder ein. Beck ließ sich an der gefliesten Wand der Dusche zu Boden gleiten und barg ihr Gesicht in den Händen. Verdammt! Wie hatte sie es nur so weit kommen lassen können?

Sie saß fest, war in die Enge getrieben durch Umstände, die sie nicht wollte, und hatte in gewohnter Beck-Holiday-Art das Problem einfach ignoriert, hatte es sich weggewünscht und aus ihrem Bewusstsein geschoben. Im Vergessen war sie schließlich richtig gut.

Eigentlich hätte sie an der Wall Street arbeiten müssen, denn sie hatte an der Columbia University Internationales Finanzwesen studiert. Aber dann hatte sie ein Praktikum bei Goldman Sachs gemacht.

Was für eine Welt! Es war die Hölle für sie gewesen und sie hatte jede Minute dort gehasst. Aus einer Laune heraus hatte sie dann die Aufnahmeprüfung für die New Yorker Polizei gemacht und die zweithöchste Punktzahl aller Zeiten erreicht. Sieben Monate später hatte sie ihren Abschluss als Jahrgangsbeste in der Tasche.

Sie liebte ihren Job, denn er gab ihr das Gefühl, etwas Sinnvolles zu tun. Ihr gefielen die Kameradschaft unter den Beamten und der Zusammenhalt dieser wenigen in einer Millionenstadt.

Ihre Mutter war damals zu dem Schluss gekommen, dass Beck zur Polizei ging, um wie ihr Vater zu sein.

„Warum sollte ich das tun, wenn ich mich nicht einmal an ihn erinnern kann, Mama?“

Aber während jetzt ihre blasse Haut durch das heiße Wasser rosig wurde, fragte sie sich, ob die Vermutung ihrer Mutter nicht doch zum Teil zutraf. War ihr Wunsch, Polizistin zu werden, vielleicht der Versuch gewesen, etwas wiederzufinden, was sie verloren hatte? Aber war es denn falsch, wie ihr Vater sein zu wollen? War es falsch, den Wunsch zu haben, sich an ihn zu erinnern, immer noch, nach achtzehn Jahren?

Doch im Moment hatte sie wirklich dringlichere Probleme. War es möglich, alleinerziehend und Polizistin zu sein? Flynn glaubte ja nicht einmal, dass sie sich um einen Hund kümmern konnte.

Beck stand jetzt wieder auf und stellte das Wasser ab. Die Wärme und der Dampf hatten sie nur noch müder gemacht, sodass ihr all die Komplikationen noch deutlicher bewusst wurden.

Sie hatte sich gerade angezogen und das Haar geföhnt, als Flynn die Treppe hinaufrief: „Kommst du jetzt zum Essen? Ich habe das Spiel eingeschaltet.“

„Ich komme“, antwortete sie, griff nach ihrem Rucksack und Beetle Boo sah sie mit verlorenem Blick an. „Ich bin doch bei dir, Kumpel, keine Sorge.“

Sie trug ihn nach unten und setzte ihn aufs Sofa, während sie sich Essen auffüllte, und genau in dem Moment, als sie sich den ersten Bissen in den Mund steckte, gingen auf ihrem Handy zwei Nachrichten ein.

Die erste kam aus der Arztpraxis. Es war die Erinnerung an ihren Termin am 3. Januar. Wahrscheinlich sollte sie diesen endlich wahrnehmen, weil sie schon die letzten beiden einfach hatte ausfallen lassen.

Die zweite Nachricht kam von Sergeant Ingram.

Sobald du hier bist, in mein Büro.

Beck seufzte, warf ihr Handy ans andere Ende des Sofas und das cremige, fettige Boef Stroganoff wurde sauer in ihrem Mund.

Das würde eine lange Nacht werden.

Inzwischen hatte sich Flynn in seinem Ohio State Trikot und Jogginghose in seinem Fernsehsessel niedergelassen und feuerte sein Team an.

„Kannst du dich bitte um den Hund kümmern, während ich bei der Arbeit bin?“, fragte Beck. „Bitte?“

„Touchdown!“ Flynn riss die Arme hoch und eine Nudel flog in hohem Bogen durch die Luft. „Ich sag Wyatt, dass er das übernehmen soll.“

„Aber erinnere ihn bitte daran, ja? Er ist sechzehn und in erster Linie mit sich selbst beschäftigt.“ Ihr sehr viel jüngerer Bruder war wirklich ein netter Junge, lebte aber weitgehend in seiner ganz eigenen Welt, in der er ein erfolgreicher Sportler und der „Traum aller Ladys“ war – das waren seine Worte, nicht ihre.

„Wenn ich mich recht erinnere, warst du in dem Alter auch ziemlich mit dir selbst beschäftigt“, bemerkte Flynn, sammelte die Nudel wieder auf und wischte mit seiner Serviette den Fleck vom Hartholzboden weg.

„Mit sechzehn hatte ich schon meinen Vater verloren und alle Kindheitserinnerungen, die mit ihm zu tun hatten“, entgegnete sie darauf und fuhr fort: „Meine Mutter war nicht für mich da, weil sie gearbeitet und getrauert hat, und dann brachte sie auch noch einen Stiefvater mit nach Hause und schenkte mir einen Flegel von einem kleinen Bruder. Also ja, vielleicht war ich ziemlich mit mir selbst beschäftigt. “

Flynn wandte sich jetzt vom Bildschirm ab und fragte: „War es wirklich so schlimm?“

Sie grinste, aß einen Bissen und sagte: „Na ja, Wyatt ist nicht ganz so schlimm.“

Da schmunzelte ihr Stiefvater. „Das freut mich“, sagte er und rief dann in Richtung des Fernsehers: „Hey, Schiri, was soll denn das? “

Beck hatte gerade ihren Teller leer gegessen und überlegte, ob sie sich noch einen Nachschlag holen sollte, als das Spiel durch eine Werbepause unterbrochen wurde.

Flynn brachte sein benutztes Geschirr und die leere Bierflasche in die Küche und fragte: „Hat deine Mutter dir gesagt, dass ein Einschreiben für dich gekommen ist?“

„Ja, hat sie.“ Beck stellte ihr Geschirr in den Geschirrspüler und beschloss, auf einen Nachschlag zu verzichten, damit sie sich auf dem Weg zur Arbeit einen Donut genehmigen konnte. Sie hatte schon seit ein paar Tagen richtigen Heißhunger auf einen Donut.

Sie fand den Brief auf dem Tischchen in der Diele und schaute zu Flynn hinüber, als der mit einer zweiten Portion Stroganoff an ihr vorbeiging. „Kennen wir jemanden in Fernandina Beach, Florida?“, fragte sie ihn.

„Da habt ihr als Familie oft Urlaub gemacht, als du noch klein warst und dein Vater noch gelebt hat.“ Den Blick fest auf den Fernseher gerichtet, saß Flynn mit dem Teller auf dem Schoß da und warf seine Serviette Richtung Fernseher. „Komm schon, Schiri, jetzt lass die Jungs doch mal spielen.“

Beck schaute auf den Umschlag, der ziemlich offiziell aussah. Ihre Mutter hatte einmal erzählt, wie sie immer zu zweit sechs Wochen von Becks Sommerferien in Florida verbracht hatten. Die letzten drei davon war ihr Vater nachgekommen.

Aber ihre Mutter sprach, wenn überhaupt, nur selten über die gute alte Zeit oder kramte mit feuchten Augen in ihren oder Becks Lebenserinnerungen vor dem 11. September.

Beck atmete jetzt einmal tief durch, riss den Umschlag auf und faltete ein langes Schreiben auseinander. „Das ist das Testament von Mrs. Everleigh Callahan.“

„Was?“ Flynn schaute kurz zu ihr herüber und dann wieder auf den Bildschirm. „Everett wer?“

„Everleigh, habe ich gesagt, du Knalltüte. Guck einfach dein Spiel. Da steht …“ Aber dann blieben ihr die Worte im Hals stecken. „… ich bin die einzige Erbin.“ Sie schaute sich noch einmal den Umschlag und den Briefkopf an. Ja, der Brief war tatsächlich an sie adressiert. „Das muss ein Scherz sein.“

Im Fernsehen kam schon wieder Werbung und Flynn griff nach dem Brief. „Ich bin zwar kein Anwalt, aber das sieht echt aus. Du hast ein Haus in der Memory Lane Nr. 7, Fernandina Beach, Florida geerbt.“ Er zog ein Gesicht. „Und ihren gesamten Besitz, einschließlich aller Konten.“ Er gab ihr das Schreiben auf dem Rückweg in die Küche zurück. „Darüber redest du wahrscheinlich am besten mit deiner Mutter. Wer um Himmels willen ist denn Everleigh Callahan und wieso setzt sie dich als Alleinerbin ein?“

„Gute Frage, Flynn. Das würde ich selbst auch gern wissen.“


KAPITEL 4
Everleigh

Mai 1953

Waco, Texas

Das Leben als verheiratete Frau passte zu ihr, aber daran hatte sie auch nie gezweifelt. Die Ehe erfüllte sie mit Freude und so viel Glück.

Vor acht Monaten war Everleigh Novak in der First Baptist Church die Frau ihres Cowboy Ranchers geworden und heute würde sie das Märchen noch um ein Kapitel erweitern.

„Rhett, mein Schatz, ich bin schwanger.“

Der Arzt hatte an diesem Morgen die Schwangerschaft bestätigt, doch das romantische Abendessen mit ihrem Mann heute Abend hatte sie schon länger geplant, weil sie an diesem Abend das Haus der Applegates ganz für sich allein haben würden. Ihre Schwiegereltern, die Respekt einflößende Mama Applegate und der sympathische Papa Applegate, Königin und König der „Circle A Ranch“, würden nämlich mit Freunden zusammen in der Stadt essen gehen.

Everleigh legte ihre Hand auf ihren noch flachen Bauch und blinzelte in den strahlenden Sonnenschein im Stadtzentrum von Waco.

Gott hatte sie freundlich angesehen an dem Tag, als Rhett sie zu dem Tanz eingeladen hatte. Ausgerechnet Miss Everleigh Novak war dem begehrtesten Junggesellen von Baylor aufgefallen, und er hatte von all den Mädchen, die um seine Aufmerksamkeit buhlten, sie erwählt.

Und jetzt trug sie seinen Nachkommen unter dem Herzen. Vielleicht einen Sohn, den nächsten Erben der Applegate-Ranch. Oder eine Tochter, die in diesen modernen Zeiten vielleicht auch eines Tages die Ranch weiterführen würde.

Ihr Sohn, ein künftiger Fullback im Football an der Baylor University, genau wie einst sein Vater.

Und ihre Tochter – im Unterschied zur Mutter – vielleicht eine künftige Homecoming Queen. Obwohl man sich da nicht täuschen sollte, denn als Rancher-Tochter würde sie teils Prinzessin, teils Wildfang sein.

Aber egal, ob Sohn oder Tochter, dieses Kind – und alle, die noch folgen würden – würde geliebt sein, sehr, sehr geliebt.

Sie runzelte die Stirn, als sich vor dem Bürofenster Wolkenberge auftürmten, den Sonnenschein verdeckten und einen Schatten auf die Stadt und ihren Zeichentisch warfen.

Everleigh betrachtete ihre Arbeit, die neueste Werbeanzeige für Kestner’s Family Department Store. Wenn sie nicht bis zum Feierabend mit den Korrekturfahnen fertig war und sie ihrem Chef vorlegte …

Sie nahm also den Tintenstift wieder zur Hand und fuhr fort mit dem Schattieren. Momentan konnte sie es sich noch nicht leisten, ihren Job als Werbegestalterin zu verlieren. Sie und Rhett sparten nämlich auf ein eigenes neues Haus.

Solange sie noch in Rhetts Kinderzimmer bei seinen Eltern wohnten, konnten sie jeden Monat ihr gesamtes Gehalt auf ein Sparkonto einzahlen.

„Ich hätte nie gedacht, dass ich hier mal mit einem Mädchen zusammen sein würde“, hatte er in der ersten Nacht zu ihr gesagt, nachdem sie aus den Flitterwochen zurück waren.

„Also ich bin froh, dass ich die Einzige bin.“ Und dann hatte sie ihn geküsst, als wäre es das erste Mal.

Als sie jetzt noch einmal daran dachte, musste Everleigh leise lachen, denn als sie aus den Flitterwochen zurückgekommen waren, hatte er die Zimmertür abgeschlossen, bevor er ins Bett gekommen war, und dann war er noch einmal aufgestanden, um ein kleines Tischchen unter die Türklinke zu schieben.

„Das hier ist Mamas Haus. Wenn sie reinkommen will, glaub mir, dann kommt sie herein“, hatte er zur Begründung gesagt.

Everleigh war gerade dabei, den Stiefelabsatz zu schattieren, als ihr noch eine Erinnerung kam.

Eines Nachmittags war Rhett zum Lunch nach Hause gekommen, und als er festgestellt hatte, dass Mama Applegate in die Stadt gefahren war, hatte er geglaubt, die Luft sei rein, und er könne seine frischgebackene Ehefrau für ein nachmittägliches Schäferstündchen nach oben in ihr gemeinsames Zimmer tragen.

Doch in der Aufregung hatte er ganz vergessen, die Tür abzuschließen, und dann war es gekommen, wie es kommen musste …

Noch vier Monate später sträubte sich in Everleigh alles, wenn Rhett in Gegenwart seiner Eltern auch nur andeutungsweise seine Zuneigung zeigte. Besonders, wenn seine Mutter dabei war.

„Mr. McCann möchte wissen, ob du mit den Stiefeln fertig bist“, sagte Betty Jo und überreichte Everleigh ein Layout-Muster der Zeitungsanzeige für die nächste Woche. Everleigh war richtig dankbar für die Unterbrechung, weil dadurch die peinlichen Erinnerungen beendet wurden.

„Er hat gesagt, du sollst darauf achten, dass die Maße der Anzeige ganz genau stimmen. Deine Zeichnungen von letzter Woche haben auf den Spaltenzwischenraum abgefärbt.“ Dann griff die Frau nach Everleighs Hand mit dem Ring und bemerkte: „Ich habe am Anfang gedacht, dass dein Kerl nicht die hellste Kerze auf der Torte wäre – viel Hut und wenig Hirn –, aber mit diesem Ring hat er mich überzeugt. Der ist wirklich fantastisch.“

„Dafür hat er auch ziemlich lange gespart“, erklärte Everleigh, zog ihre Hand weg und schaute sich das Layout-Muster für den Tribune Herald genauer an.

„Weißt du, was mein Mann mir zur Verlobung geschenkt hat? Ein Kind.“

Betty Jo lehnte sich an den Zeichentisch und kaute geräuschvoll Kaugummi. Sie war Anfang vierzig und eine Südstaaten-Giftspritze mit platinblondem Haar und knallroten Lippen wie Marilyn Monroe. Ihre Röcke waren so eng, dass sie sich nicht normal hinsetzen konnte, sondern sich auf ihren Stuhl fallen lassen musste. Und ihre Bluse, nun ja, der Ausschnitt offenbarte schon ziemlich viel.

„Ein Kind?“, fragte Everleigh, legte das Layout-Muster beiseite und nahm ihr Pica-Lineal zur Hand. Sie hatte die Anzeige fünf Punkte zu lang gemacht. „Was denn für ein Kind?“

„Na, ein Baby“, antwortete Betty Jo und tätschelte ihren Bauch. „Deshalb haben wir überhaupt geheiratet. Es war ein ziemlich holpriger und schwieriger Start, aber wir haben es überlebt. Das Kind ist jetzt fast zwanzig und nächstes Jahr mit dem College fertig.“ Sie nahm eine Zigarette aus dem Etui, das sie immer bei sich hatte.

„Mir ist schon klar, dass du jetzt so frisch verheiratet glücklich bist. Wie lange ist es jetzt her, sechs Monate?“

„Acht.“

„Na, dann warte mal ab.“

„Was soll ich abwarten?“, fragte Everleigh nach, legte das Lineal an die untere Kante der Anzeige und fuhr fort: „Rhett und ich lieben uns. Wir werden uns immer lieben und ein perfektes Leben haben.“

„Perfekt? Ach du liebe Güte. Nimm mal deine rosarote Brille ab, Pollyanna“, sagte Betty Jo und blies Everleigh Rauch ins Gesicht. „Junge Leute sind doch solche Traumtänzer. Alle Bräute glauben, dass ihre Ehe eine endlose Aneinanderreihung von Süßigkeiten, Blumensträußen, zärtlichen Küssen und Romantikwochenenden sein wird, und dass er pfeifend beim Geschirrspülen und Versorgen der Kinder und im Haushalt hilft. Aber dann sind zehn Jahre vergangen, und ohne dass man es merkt, kommt der Mann mittlerweile jeden Abend müde und missmutig von der Arbeit nach Hause, schüttelt seine stinkigen Stiefel ab und fragt: ,Was gibt’s zu essen?‘ Und er gibt dir nicht einmal mehr ein Begrüßungsküsschen. Höchstens noch auf die Wange – wenn du Glück hast. Und während du fertig kochst, den Tisch deckst, die Kinder zum Essen rufst und ihnen sagst, dass sie sich die Hände waschen sollen, sitzt er auf dem Klo und liest Zeitung, bis ihm die Beine einschlafen …“

„Betty Jo!“ Ein dicker Tropfen Tinte kleckste aus Everleighs Tintenstift mitten auf die Zeichnung. „Jetzt mach doch nicht alles schlecht, nur weil es bei dir so ist“, sagte sie empört und griff nach einem Lappen, um die Tinte wegzuwischen, aber vergebens. Sie musste den Fleck also in die Stiefelzeichnung einarbeiten.

„Wie du meinst. Wenn du dann irgendwann ankommst und von der guten alten Betty Jo einen Rat willst, dann verspreche ich dir auch, nicht ,Siehste!‘ zu sagen.“ Sie zwinkerte Everleigh zu, ließ ihre Zigarette auf den alten, abgenutzten Holzfußboden fallen und trat sie mit der Schuhspitze aus. „Jedenfalls nicht so oft.“

Und mit diesen Worten ging sie wieder. Die schwere dunkle Eichentür fiel hinter ihr ins Schloss, und ihr lautes Lachen hallte noch lange im Zeichenraum nach.“

„Was weiß denn die schon? ,Weißt du, was mein Mann mir geschenkt hat? Ein Kind.‘“

Everleigh stellte sich Betty Jos Mann Jeb vor und wand sich innerlich bei der Vorstellung, wie er auf dem Klo saß. Also die Frau konnte wirklich mit Worten Kopfkino erzeugen.

Everleigh mochte Jeb, einen schwer arbeitenden Mann, der auf den Ölfeldern schuftete und eher ein Macher war als ein Mann vieler Worte. Es konnte ja durchaus sein, dass Betty Jo die beschriebenen Probleme mit ihm hatte, aber bei Everleigh und Rhett war es anders.

Seit ihrem ersten Date konnte einer den Satz des anderen beenden, und wenn sie nicht zusammen gewesen waren, hatten sie miteinander telefoniert. Unmittelbar vor der Hochzeit hatte Rhett angefangen, ihr kurze liebe Briefchen zu schreiben.

Ich denke an dich. Nur noch zwei Monate, Rhett.

Nein, der Tag, an dem Rhett müde und missmutig nach Hause kommen und ihr kaum ein Küsschen geben würde, bevor er auf dem Weg ins Bad seine Stiefel abschütteln und dann dort sitzen bleiben würde, bis ihm die Beine einschliefen, dieser Tag würde nie kommen.

„Das wird nicht passieren, Betty Jo“, sagte Everleigh vor sich hin, stützte ihre Ellenbogen auf den Zeichentisch und schaute sich dann die Stiefel, die sie gezeichnet hatte, noch einmal ganz genau an. Wie lange würde sie wohl warten müssen, bis sie Betty Jo gegenüber damit angeben konnte, dass Rhett sie immer noch jeden Abend auf den Mund küsste?

Bis dahin stellte sich allerdings die Frage, was sie jetzt mit dem Tintenklecks machen sollte. Noch einmal von vorn anzufangen, kam nicht infrage, weil dazu die Zeit nicht mehr reichte.

Als sie gerade beschlossen hatte, weißes Papier über den Fleck zu kleben, spürte sie, wie zwei große Rancherhände ihre Taille umfassten.

„Hallo, meine Schöne“, flüsterte Rhett und drückte ihr seine warmen Lippen in den Nacken.

Everleigh drehte sich um und schaute ihm ins Gesicht. Wie kam es nur, dass er sie immer noch atemlos machte? „Was machst denn du hier?“

„Kann ein Mann seine Frau nicht mal bei der Arbeit besuchen?“

„Nicht mitten am Nachmittag, wenn er eigentlich gerade dabei sein sollte, auf der Südweide Zäune zu reparieren.“

„Ich habe mir den Nachmittag freigenommen, um mich um etwas anderes zu kümmern.“

„Und was ist dieses Andere?“ Sie suchte in seinem Blick nach Hinweisen auf sein Geheimnis. War es etwas Gutes? Etwas Schlimmes? „Was ist es? Sag’s mir.“ Er trug sein zweitbestes Sonntagshemd und darüber eine legere Sportjacke.

„Hör mal, Mister, bevor du weiterredest“, sagte Everleigh, hakte sich bei ihm unter und fuhr fort: „Egal, wie lange wir verheiratet sind, ich möchte einen richtigen Begrüßungskuss, wenn du abends nach Hause kommst. Und kein Sitzen auf dem Klo zum Zeitunglesen, bis dir die Beine einschlafen. Und ein Haus … Ach, Rhett, das wollte ich eigentlich gar nicht sagen, weil ich ja weiß, dass wir schon sparen, aber ich möchte so gern unser eigenes Haus. Können wir…“

„Hey, hey, Schätzchen, was ist denn los?“ Er hob ihr Kinn und küsste sie.

„Betty Jo hat gesagt, wie …“

Rhett lachte in ihr Haar. „Ach, die gute alte Betty Jo. Was hat sie denn jetzt schon wieder gesagt?“

Everleigh atmete Rhetts Duft nach Heu und Sonnenschein ein und antwortete: „Das Übliche. Nur Wäääh über die Ehe.“ Sie blickte zu ihrem Mann auf und fuhr ihm mit den Fingern durchs Haar. „Sie behauptet, dass die Flitterwochen bald zu Ende sind und du dann irgendwann nur noch müde und missmutig nach Hause kommst, vergisst, mir einen Begrüßungskuss zu geben, deine stinkigen Stiefel einfach irgendwo abschüttelst, mich fragst, was es zu essen gibt und dann zum Zeitunglesen auf dem Klo verschwindest.“

Rhett drückte sie mit einem Arm fest an sich. „Liebling, ich verspreche dir einen richtigen Kuss, wenn ich abends nach Hause komme, egal, was passiert ist, und der Mann, der auf dem Klo sitzt und Zeitung liest, ist mein Vater, nicht ich.“ Dann legte er die Hand aufs Herz, sah sie dabei mit seinen sehr blauen Augen an und fragte: „Glaubst du mir?“

„Ja, von ganzem Herzen.“

Daraufhin gab er ihr einen Kuss auf die Wange und flüsterte ihr ins Ohr, sodass sie von seinem warmen Atem eine Gänsehaut bekam: „Ich kann nicht aufhören an dich zu denken, weißt du das?“ Wieder fand sein Mund ihre Lippen und er fuhr fort: „Du lenkst mich ab. Mein Vater gibt mir Aufgaben, und ich erledige sie nicht, weil ich Tagträume von dir habe.“

Everleigh sah ihm in die Augen und spürte die Liebe, die sie dort sah, bis in ihr tiefstes Inneres. Sie wusste, dass ihr dieser Moment ewig in Erinnerung bleiben würde. „Wie komme ich bloß zu dem Glück, dich zum Mann zu bekommen?“

„Na, derjenige, der hier Glück gehabt hat, bin ja wohl ich. Aber könntest du mir vielleicht einen Gefallen tun? Bitte hör nicht mehr auf Betty Jo, ja?“

„Versprochen. Aber dann gibst du mir auch nicht mehr die Schuld, dass du deine Aufgaben nicht erledigst?“

Rhett lachte. „Abgemacht. Aber es stimmt ja. Ich kann tatsächlich an nichts anderes denken als an dich.“

Dabei funkelten seine Augen und weckten ihr Verlangen.

„Es sieht ja nicht gerade danach aus, dass die Flitterwochen vorbei sind, findest du nicht?“, fragte er.

„Keineswegs, Mr. Applegate“, antwortete sie darauf, stellte sich auf die Zehenspitzen, um ihn zu küssen, und war froh, dass sie allein in dem Raum waren.

Es gefiel ihr, welche Macht sie über ihn hatte, aber auch der Zauber, den er auf sie ausübte, war nicht zu leugnen. Für ihn wäre sie zu Fuß bis ans Ende von Texas gegangen – sogar barfuß. Oder vielleicht ertrug sie für ihn fürs Erste einmal das Leben im Haus seiner Mutter.

Dort übernahm sie ohne sich je zu beklagen alle Aufgaben, die ihr aufgetragen wurden, und wenn Mama Applegate so redete, als wäre Everleigh Gast in ihrem Haus und nicht Familienmitglied, ertrug sie es klaglos, denn am Ende des Tages war sie Rhetts Frau. Sie allein war es, die seine Träume, sein Herz und sein Leben mit ihm teilte.

Und wenn sie nachts nicht schlafen konnte, war sein leiser Atem ihr Wiegenlied.

„So, ich muss jetzt wieder arbeiten, Liebling, sonst schaffe ich es nicht, rechtzeitig zum Abendessen wieder zu Hause zu sein“, sagte er schließlich. Sie zupfte an seinem Kragen und fragte: „Willst du mir nicht verraten, weshalb du hier in der Stadt bist?“

„Eigentlich wollte ich es dir erst heute Abend sagen, aber dann war ich so aufgeregt …“ Rhett ging hinüber zu dem Schreibtisch, der gegenüber von Everleighs stand, und hielt eine längliche weiße Pappröhre hoch. „Hier, mach auf. Ich fühle mich wie ein Kind zu Weihnachten kurz vor der Bescherung.“

„Was hast du getan, Rhett?“ Sie nahm die Verschlusskappe ab und zog einen Stoß Zeichnungen heraus.

„Komm, lass mich das machen“, sagte Rhett und rollte die Zeichnung eines wohnlichen Hauses mit einer umlaufenden Veranda, das von zwei Pappeln eingerahmt war, auseinander.

„Unser Haus, Everleigh. Ich habe die Skizzen, die du nach der Hochzeit gemacht hast, dem Architekten gegeben. Wie findest du es?“

„D… das ist unser Haus?“ Sie legte ihm den Arm um die Taille, lehnte sich gegen seinen starken Arm und schaute sich die Zeichnung genauer an.

„Ja, das ist unser Haus, Liebling.“

Es war genau so, wie sie es sich vorgestellt hatte. „Wirklich?“, fragte sie noch einmal und blickte zu Rhett auf. „Ich hätte nicht gedacht, dass wir dafür schon genügend Geld zusammen haben.“

„Wir haben jeden Cent unserer Gehälter gespart, und ich habe endlich den Zuchtbullen an Jacob Marshall verkauft, den er schon seit einem Jahr unbedingt haben will …“ Rhett hielt sie im Arm, während er mit der Hand die Zeichnungen durchblätterte. „Ich habe die viertausend Quadratmeter unten am Fluss gekauft. Du weißt schon, das Grundstück mit den Bäumen, das uns so gut gefällt. Mein Vater wollte es uns schenken, aber das möchte ich nicht. Ich kaufe es lieber, damit er es mir nicht irgendwann vorhalten oder Forderungen damit verbinden kann. Ich glaube zwar nicht, dass er das tun würde, aber Familienangelegenheiten können ja doch manchmal kompliziert werden.“

Everleigh beugte sich jetzt vor, damit sie auf der Zeichnung den Namen der Straße erkennen konnte, an der das Grundstück lag. Memory Lane stand da.

„Ist das das Stück Land direkt an der Memory Lane? Genau die Stelle, die wir uns gewünscht haben?“

Rhetts Großmutter hatte der Straße den Namen gegeben, als sie an eine große Familie mit vielen Enkelkindern gedacht hatte, die überall herumrannten – eine eigene Applegate-Bande.

Aber dann waren ihre Söhne Melvin und Earl in den Krieg gezogen, und nur Earl – der von allen Spike genannt wurde – war im Herbst 1918 wieder nach Hause gekommen. Er hatte dann die Ranch geerbt, Mama Applegate geheiratet und einen Sohn, Rhett, bekommen, der ein Einzelkind geblieben war.

Die beiden Töchter von Großmutter Applegate hatten geheiratet und waren weggezogen.

„Deine Oma wäre stolz auf dich, mein Schatz“, sagte Everleigh. „Jetzt fangen wir an, ihren Traum zu verwirklichen.“

„Ja, sie wäre stolz“, bestätigte Rhett, räusperte sich und hielt sich dabei die Faust vor den Mund. „Also … was meinst du?“ Er drehte die Zeichnung um, auf deren Rückseite sich ein Plan für das Obergeschoss befand. „Hier ist die Veranda hinter dem Haus mit einem Fliegengitter. Wir können dort also zuschauen, wie die Sonne über dem Fluss untergeht, ohne von Mücken zerfressen zu werden.“ Er nahm einen Stift von ihrem Zeichentisch und zeigte auf die Außenlinien der Veranda. „Hier sind dann das Wohnzimmer, das Esszimmer und die Küche. Ich habe dem Architekten gesagt, dass er eine große Küche mit den modernsten Geräten planen soll, damit du nach Herzenslust kochen und backen kannst. Ich weiß ja, dass meine Mutter mit ihrer Küche ein bisschen eigen ist.“

„Ach, Rhett“, seufzte sie und erklärte: „Ich habe noch nie etwas so Großartiges gesehen.“

„Hier ist mein Arbeitszimmer und eine Toilette, oben haben wir dann drei Schlafzimmer und ein großes Bad. Und das hier wäre dann unser Bereich, Liebling.“ Er deutete mit dem Stift auf ein großes Quadrat am Ende der zweiten Etage und erklärte weiter: „Hier ist ein Erkerfenster mit Blick auf den Teich und die Nordweide.“

„Das ist ja riesig, Rhett. Können wir uns denn ein so großes Haus überhaupt leisten?“

„Mit einem kleinen Kredit wird es schon gehen. Das haben wir uns hart erarbeitet, Everleigh. Und außerdem“, sagte er, und gab ihr einen zärtlichen Kuss auf die Schläfe, „ist für dich das Beste gerade gut genug. Schau dir dieses ans Schlafzimmer angeschlossene Bad mit Dusche und Badewanne an. Das brauchen wir nicht mit den Kindern zu teilen, wenn wir dann welche haben.“

Er lachte und seine entspannte Freude amüsierte Everleigh.

Sag’s ihm! Jetzt ist der perfekte Moment.

„Rhett, Liebling …“

Doch in dem Moment schaute er auf die Uhr und erschrak. „Ach du liebe Zeit, es tut mir wirklich leid, Liebling, aber ich habe meinem Vater versprochen, ihn in einer halben Stunde wieder beim Eisenwarenladen abzuholen.“ Er gab ihr noch einen schnellen, flüchtigen Kuss und erklärte: „Eigentlich wollte ich dir die Zeichnungen erst heute Abend zeigen, aber ich konnte einfach nicht abwarten.“ Er rollte die Pläne wieder zusammen und steckte sie zurück in die Papprolle. „Was wolltest du mir denn sagen?“, fragte er und schaute reflexartig noch einmal auf die Uhr.

„Ach, nichts“, antwortete sie lächelnd. „Wir sehen uns ja nachher. Dann können wir reden. Außerdem muss ich jetzt auch weiterarbeiten.“

„Bist du sicher?“

Everleigh lehnte sich an ihn und legte ihre Wange an seine breite Brust.

„Du lässt meine schönsten Träume wahr werden, Rhett Applegate“, sagte sie, woraufhin er sie noch einmal küsste, sie dann eine Armlänge von sich fernhielt und sagte: „Du bist wirklich eine wunderschöne Ablenkung, mein Schatz.“

„Jetzt geh schon. Dein Vater wartet“, sagte sie, sah ihm nach, rannte ihm dann in einem Anfall von Liebe noch einmal hinterher und bekam ihn auf der Straße gerade noch zu fassen.

„Rhett!“, rief sie.

Er drehte sich um und zog sie in seine Arme. „Was ist denn, Liebling?“

„Ich kann nicht warten. Ich kann einfach nicht.“ Ihr Herz pochte so heftig, dass ihr der eigene Herzschlag in den Ohren dröhnte, als sie tief Luft holte und dann sagte: „Ich bekomme ein Baby, Rhett. Im November wirst du Papa.“

Da stieß er einen Jubelschrei aus, nahm sie in die Arme und wirbelte sie herum, und als er sie wieder abgesetzt hatte, grölte er den Menschen, die an ihnen vorbeihasteten zu: „Ich werde Vater. Und das hier ist meine Frau Everleigh. Sie bekommt ein Baby“ – woraufhin die meisten Passanten lachend gratulierten.

Everleigh küsste Rhett noch ein letztes Mal zum Abschied und eilte dann zurück an ihren Arbeitsplatz. Ja, ihr Leben war perfekt, wirklich perfekt. Genauso, wie sie es sich immer erträumt hatte.


KAPITEL 5
Beck

„Holiday!“, rief Lieutenant Ingram mit müder und angespannter Miene von seiner Bürotür aus, die Hände in die Hüften gestemmt.

Als Beck ihren Schreibtisch verließ, machte sie sich auf den Einlauf ihres Lebens gefasst. Danach würde sie dann ihre Bombe zünden und sich vor den Splittern in Deckung bringen.

Sie hatte hin und her überlegt, ob sie es ihm sagen sollte, denn schließlich brauchte er mit der ganzen Sache ja gar nichts zu tun haben, aber ihr Zustand würde Auswirkungen auf ihre Zukunft in der Abteilung haben, ihr vielleicht – wenn sie Glück hatte – ein bisschen Sympathie einbringen, nachdem sie einen bereits festgenommenen und in Handschellen gelegten Täter geschlagen hatte.

„Mach die Tür zu“, sagte er und nutzte seinen Schreibtisch als Barriere zwischen ihnen. „Kannst du mir mal sagen, was eigentlich mit dir los ist? Du hast einen Tatverdächtigen geschlagen und dann auch noch einfach deinen Dienst verlassen? Der Captain hat mich deshalb schon in die Mangel genommen, von wegen Pflichtvergessenheit und so weiter.“

„Es war eine harte Nacht“, sagte sie, ohne ihn anzusehen. Der nachlassende Adrenalinschub bewirkte, dass sie immer wieder leicht zitterte.

„Harte Nacht? Beck, ich habe gesehen, wie du sterbende Menschen im Arm gehalten hast und voller Blut warst, und eine Stunde später schon wieder Drogendealer in dunklen Hinterhöfen verfolgt hast. Vor zwei Jahren hast du dir das Handgelenk gebrochen, als du mit der Frau gerungen hast, die mit einem Baseballschläger auf ihren Mann losgegangen war. Du hast dich im Krankenhaus behandeln lassen und bist danach sofort wieder zur Arbeit gekommen.“ Er beugte sich vor, um ihr ins Gesicht zu sehen. „Du musst mir schon einen besseren Grund liefern als eine ,harte Nacht‘.“ Hunter Ingram war nicht nur ihr Chef, sondern auch ihr Freund und ganz kurz war er sogar mehr als das gewesen, denn sie waren eines Nachts … nun ja – in einem Abstellraum in Rosie’s Bar gelandet.

„Es ging mir nicht gut und Boudreaux hatte diesen Hund …“

„Deshalb hast du ihn geschlagen?“

Sie blickte jetzt auf und stützte die Hände auf ihrem Gürtel ab. „Ja, ich habe ihn geschlagen. Er hatte es verdient und es tut mir nicht leid. Er hat dem Hund Crack in einem Beutel eingeflößt. Wie oft haben wir ihn schon festgenommen, nur um ihn vierundzwanzig Stunden später wieder freizulassen? Das wertet unsere Arbeit völlig ab, Hunter.“

„Aber du kannst doch keinen Tatverdächtigen in Handschellen vermöbeln, Beck.“ Hunter kam jetzt hinter dem Schreibtisch hervor und fuhr fort: „Besonders dir, die immer lehrbuchmäßig unterwegs ist, sollte das doch klar sein.“

„Hast du nicht zugehört, was er mit dem Hund gemacht hat? Der arme kleine Kerl hatte solche Schmerzen, dass ich ihn kaum berühren konnte. Er war halb tot und roch nach Exkrementen und Erbrochenem.“ Sie wandte sich mit verschränkten Armen von ihm ab und schaute zur Tür. „Das war zu viel – einfach zu viel. Und als Boudreaux dann noch gesagt hat, dass er sich den Hund eigentlich zum Abendessen grillen wollte, bin ich ausgerastet.“

„Ich hoffe, das war es wert“, sagte er zu Beck, die ihn jetzt wieder ansah. „Du bist nämlich suspendiert und zwar vier Wochen ohne Gehaltszahlung.“

„Vier Wochen?“ Sie wirbelte herum, um ihn anzusehen. „Was zum …“, und dann kamen ein paar ausgesuchte obszöne Worte über ihre Lippen. „Ohne Bezahlung? Tuttle ist wegen Alkoholkonsums in der Öffentlichkeit festgenommen worden und hat nur zwei Wochen bekommen – mit Bezahlung.“

„Das waren noch andere Zeiten, Beck. Das hier kommt von ganz oben, vom Polizeipräsidenten der New Yorker Polizei. Null Toleranz bei allem, was auch nur ansatzweise nach Polizeigewalt riecht.“

„Hör mal, Hunter, ich wusste ja, dass da irgendwas kommen würde, denn ich kenne schließlich die Vorschriften, aber Parker Boudreaux ist im Revier einschlägig als Drogendealer bekannt. Er hat schon so vielen Leute geschadet. Viel schlimmer als ich ihm mit dem einen …“

„… oder zweien“, ergänzte der Lieutenant, der eindeutig Bescheid wusste über die Details.

„Oder die zwei, die ich ihm verpasst habe.“

„Und dann hast du dich einfach aus dem Job entfernt.“

„Um ein Lebewesen zu retten, einen süßen, unschuldigen Hund. Ich kann nicht nachvollziehen, wieso ich dafür vier Wochen ohne Gehalt bekommen soll. Ich möchte jetzt meinen Gewerkschaftsvertreter dabeihaben.“

„Der hat deine Suspendierung schon unterschrieben“, erklärte Hunter nur trocken. „Hogan hat die Ereignisse bestätigt, nachdem die Eltern des Jungen sich einen Anwalt genommen und Anzeige wegen Polizeigewalt erstattet haben. Wir haben die Aufnahmen von seiner und auch von deiner Body-Cam.“

„Das ist doch völlig verrückt, Hunter, und das weißt du auch. Boudreaux ist ein Mistkerl. Wer weiß, welches unschuldige ausgesetzte Tier er als Nächstes in sein Versteck lockt? Wenn das hier irgendein PR-Gag ist, warum erzählen wir dann nicht mal ganz New York von dieser reichen Göre von der Upper West Side, die ihr Leben vertut und Hunde quält, häh? Wie viele Familien gehen kaputt durch das Zeugs, das er verkauft und wie viele Leben enden deshalb viel zu früh? Jeder in dieser Stadt wäre auf meiner Seite.“

Hunter griff nach einer Ausgabe der New York Post und sagte: „Wenn du an dein Handy gehen würdest, dann wüsstest du, dass die Boudreaux’ sich schon an die Presse gewandt haben.“

Auf der Titelseite der Zeitung prangten ein Foto von Beck und die Schlagzeile:

POLIZEIGEWALT: ANGRIFF GEGEN SOHN EINES PROMINENTEN GESCHÄFTSMANNES AUS MANHATTAN

„Das soll wohl ein Witz sein“, sagte sie wütend und schleuderte die Zeitung zurück zu Hunter. „Ich dachte, seine Eltern wären gute Menschen.“

„Und ich dachte, du wärst eine gute Polizistin. Boudreaux zu schlagen, egal, was er getan hat …“

„Ein wehrloses Tier, Hunter.“ Ohne dass sie es wollte, kamen ihr jetzt die Tränen. „Ich dachte, wir sollen schützen und bewahren. Du hättest den kleinen Hund sehen sollen. Er war völlig verfilzt und hatte schreckliche Schmerzen.“ Beck hob die eine Hand und fuhr fort: „Seine … Tränen sind genau hier hin getropft.“

„Hunde weinen nicht so wie Menschen“, widersprach ihr Hunter.

Da ging sie auf ihn los und sagte: „Wenn ich dir doch sage, dass er geweint hat …“

Mit erhobenen Händen trat er ein Stückchen zurück. „Okay, okay, ist ja schon gut, ich hab ja gar nicht gewusst, dass du wegen eines Hundes so emotional werden kannst. Oder wegen überhaupt etwas …“

Beck wandte sich ab. Das waren die Babyhormone – sie mussten es sein. „Vier Wochen ohne Bezahlung also?“

„Ja. Wir haben die Anklagepunkte gegen Boudreaux mit Auflagen fallen lassen. Er muss sich einem Drogenentzug und anschließend einer Therapie unterziehen. Dadurch ist dann zumindest sein Kontakt zu Vinny erst mal für eine Weile unterbunden. Aber um zu verhindern, dass die Familie Anzeige gegen dich erstattet, mussten wir dich suspendieren.“

„Drogenentzug und Therapie? Das ist doch für ihn das reinste Vergnügen. Urlaub in einem Luxushotel, wo er dann in der Therapie die Schuld für alles auf seine Eltern schieben kann. In sechs Wochen entlassen sie ihn dann mit Sternchen und schicken ihn wieder raus auf die Straße.“ Beck fluchte und trat so heftig gegen Hunters Birkenfeige, dass der Topf der Pflanze gegen die Wand prallte. „Wer hat eigentlich in dieser Stadt das Sagen? Reiche Geschäftsleute? Seit Jahren versuchen wir jetzt schon, Vinny festzusetzen, und Boudreaux war unsere große Chance. Wir hatten ihn. Wieso hat der Staatsanwalt ihn nicht vor die Alternative gestellt, entweder gegen Vinny auszusagen oder selbst ein Strafverfahren zu bekommen? Das wäre mal eine Strategie gewesen.“

„Weil Boudreaux den Polizeigewalt-Trumpf im Ärmel hatte“, beantwortete Hunter ihre Frage und füllte Wasser in einen kleinen Pappbecher aus dem Wasserkühler in der Ecke und bot ihn Beck an. „Dieser Zwischenfall kommt in deine Akte, Beck. Das heißt, dass du ein Jahr auf Bewährung bist, wenn du wiederkommst.“

„Das ist so ein Blödsinn“, erklärte sie und trank das Wasser in einem Zug aus.

„Und jedes weitere Dienstvergehen würde zu deiner Entlassung aus dem Polizeidienst führen“, fuhr Hunter fort.

Sie zerknüllte den Pappbecher und pfefferte ihn in den Mülleimer. „Dann bin ich also der Prügelknabe.“

„Sie statuieren ein Exempel an dir. Inoffiziell bin ich wahrscheinlich mit allem einverstanden, was du getan hast, aber du hast dir leider den falschen Zeitpunkt dafür ausgesucht. Der Polizeichef der New Yorker Polizei möchte gern unseren Ruf in der Stadt und eigentlich auf der ganzen Welt verbessern.“

Daraufhin nahm Beck ihre Dienstwaffe aus dem Holster, holte die Dienstmarke aus der Tasche und warf beides auf Hunters Schreibtisch. Darauf zu warten, dass er ihr beides abnahm, wäre eine zu tiefe Demütigung für sie gewesen.

„Geh nach Hause und ruh dich aus, Beck. Du siehst nicht gut aus. Mir tut das alles wirklich sehr leid“, sagte er und sowohl seine Miene als auch sein Tonfall drückten echtes Mitgefühl aus.

Doch Beck ging nicht, sondern ließ sich auf einen der Stühle gegenüber von seinem Schreibtisch fallen, den Kopf auf die Hände gestützt und sagte nur matt: „Ist ja nicht deine Schuld.“

Hunter war fünfzehn Jahre älter als sie, selbstsicher, sah gut aus und war deshalb ein Aushängeschild für das New York Police Department. Er lief Marathons, arbeitete ehrenamtlich in einem örtlichen Boys Club mit, und auf dem Sideboard in seinem Büro standen Bilder von seiner lächelnden schönen Frau Gaynor, an deren Miene zu erkennen war, wie sehr sie ihren Mann schätzte und liebte.

Beck schämte sich jetzt unendlich und hatte heftige Schuldgefühle für das, was geschehen war, und sie hätte ohne Weiteres eine einjährige Suspendierung ohne Gehalt auf sich genommen, wenn sie es dadurch hätte ungeschehen machen können – und die mittlerweile kaum noch zu übersehenden Folgen.

„Was willst du denn mit dem Monat anfangen, in dem du nicht arbeitest?“

Beck verschränkte die Arme vorm Körper und fühlte sich unsicher ohne ihre Polizeiausrüstung, Dienstmarke und Dienstwaffe. Wer war sie überhaupt, wenn sie nicht Polizistin war?

„Ich habe gerade erfahren, dass ich ein Haus geerbt habe – und zwar ausgerechnet in Florida.“

„Ein Haus?“, fragte Hunter. „Von wem denn?“

„Von einer alten Dame, mit der meine Familie früher gut bekannt war.“

„Damals in der Zeit, die du vergessen hast?“

„Ja, so ähnlich.“ Sie stand auf und kämpfte gegen eine Welle von Verzweiflung und Übelkeit an.

Hunter war einer der wenigen im neunten Revier, die über ihren Gedächtnisverlust Bescheid wussten. Sie hatte es nicht mehr länger verbergen können, als er versucht hatte, mit ihr Erinnerungen an ihren Vater auszutauschen.

„Bevor ich auch nur sagen konnte: ,Halt, Polizei!‘, hatte er diesen riesigen betrunkenen Kerl schon auf dem Boden fixiert.“

„Wo denn in Florida? Du weiß ja, dass Vinny Kontakte in den Norden von Florida hat, oder? Du könntest doch da runterfahren und verdächtige Aktivitäten beobachten“, sagte er leise lachend, worauf Becky nur einen knurrenden Laut ausstieß und entgegnete: „Ich bin suspendiert, schon vergessen?“

„Ich finde, du solltest dir das Haus anschauen, diesen düsteren Ort hier mal für ein paar Wochen vergessen und dem Winter entfliehen.“

„Vielleicht. Aber in meiner Vorstellung ist das Haus eine heruntergekommene Bruchbude, in der neunzehn streunende Katzen hausen. Ich weiß ja noch nicht einmal, ob das Testament überhaupt gültig ist.“

„Rede mit den Kollegen da unten und lass sie ein bisschen recherchieren.“

„Noch mal, ich bin suspendiert.“ Ihr Sarkasmus linderte ihren Schmerz ein wenig.

Was sollte sie denn bloß vier Wochen lang dort mit sich allein anfangen? Wenn sie nichts zu tun hatte, womit sie den Tag herumbringen konnte, würde sie sich den Tatsachen stellen müssen. Sie war im sechsten – im sechsten Monat – schwanger.

Beck schaute unauffällig zu Hunter hinüber und begann: „Also es gibt da etwas, das ich dir noch sagen muss, Hunter. Jedenfalls glaube ich, dass ich es dir sagen sollte.“

In dem Moment klopfte es so heftig, dass die ganze Tür vibrierte und Sergeant Anstruther kam hereingepoltert. „Ach, Holiday“, sagte er und legte den Kopf auf die Seite, als versuchte er, so etwas wie Mitgefühl vorzutäuschen. „Ich hab gehört, du hast Boudreaux eine verpasst.“

„Verzieh dich gefälligst“, sagte sie, sprang auf, schlug ihm die Tür vor der Nase zu und klemmte ihm dabei fast die Finger ein.

„Was ist denn bloß los mit dir, Beck?“, fragte Hunter irritiert, riss die Tür wieder auf und wies Anstruther an, in ein paar Minuten noch einmal wiederzukommen.

„Ich bin schwanger“, sagte sie und ließ sich auf dem Stuhl zurückfallen.

„Du bist …“ Er wurde kreidebleich und verlor fast das Gleichgewicht. „Wie bitte?“

„Ich bin schwanger.“ Dieses Mal kam ihr Geständnis sehr leise.

„W… wie … kannst du denn … W… wer ist der Va…?“

Sie warf ihm einen schiefen Blick zu und er stolperte rückwärts in seinen Aktenschrank. Er war der Vater.

Schon seit einem Jahr flirteten sie völlig harmlos miteinander. Im Sommer waren sie dann nach einem fehlgeschlagenen Undercover-Einsatz noch in Rosie’s Bar gegangen, hatten getrunken, ihre Wunden geleckt, getanzt und geflirtet und dann noch mehr getrunken, und … na ja.

Sie löschte das Bild von ihnen beiden, eng umschlungen in einem Abstellraum, rasch wieder aus ihrem Kopf.

„Das ist fünf Monate her“, sagte er mit gerunzelter Stirn, während sein Blick gleichzeitig zu ihrer Körpermitte wanderte. „Bist du sicher?“

Beck verschränkte ihre Finger miteinander und nickte. „Ganz sicher.“

„Beck, meine Frau …“ Er zog sie vom Stuhl hoch. „Wieso hast du nichts dagegen …?“

„Ich?“, entgegnete sie heftig. „Also wenn ich mich richtig erinnere, war ich in der Abstellkammer nicht allein.“

„Aber du hast gesagt, es könnte nichts passieren.“

„Hab ich das? Ich kann mich nicht erinnern, dass einer von uns sich die Zeit genommen hätte, die Verhütungsfrage zu erörtern. Wir waren beide betrunken, Hunter.“

Er fuhr sich mit der einen Hand durchs Gesicht. „W… was sollen wir denn jetzt machen? Meine Frau, sie ist … ich kann nicht …“, sagte er und ließ sich auf seinen Schreibtischstuhl fallen. „Sie weiß von dem Abend im Rosie’s. Ich konnte es ihr einfach nicht mehr verschweigen, weil unsere Ehe auf Vertrauen beruht und …“

„Du hast es ihr gesagt? Oh, mein Gott! Es war doch nur ein Mal. Eine dummes, unbedachtes Mal.“

„Ich habe es ihr gesagt, weil sie mich eines Abends mit ihren großen, braunen Augen angesehen und mich gefragt hat, was ich zu unserem Hochzeitstag gern unternehmen möchte, und alles, was ich gehört habe, war Betrüger, Betrüger, Betrüger.“

„Dann hast du ihr also das Herz gebrochen, um dein Gewissen zu erleichtern?“

„Nachdem sie mich aus dem Bett geboxt hat …“

„Die Frau gefällt mir.“

„… haben wir die ganze Nacht geredet. Wir haben die Probleme in unserer Ehe zu lange einfach ignoriert und wussten, dass wir Hilfe brauchten. Ob du’s glaubst oder nicht, aber sie hat mir verziehen.“

Daraufhin sah Beck ihn lange an und sagte schließlich: „Aber wird sich das nicht ändern, wenn sie von dem Baby erfährt?“

„Ich weiß es nicht. Ich habe ihr versichert, dass du nicht …“ Es folgte ein weiterer tiefer Seufzer. „Es wird sie zerstören. Du hast ja keine Ahnung.“

„Dann sag’s ihr nicht. Ich krieg das auch allein hin.“

„Ach ja? Wirklich? Du bist gerade für vier Wochen suspendiert, Beck. Du stehst am Rande des Abgrunds. Du wohnst noch bei deinen Eltern. Bist du sicher …“

Sie sprang so heftig und abrupt auf, dass der Stuhl, auf dem sie gesessen hatte, umkippte. „Ausgerechnet du willst mich über mein Leben belehren?“, fragte sie. „Darauf kann ich echt verzichten.“ Dann salutierte sie ironisch vor ihm und ging zur Tür.

„Warte“, sagte er da und stellte sich ihr in den Weg. „Wie …wie willst du denn das allein schaffen?“

„Ich weiß es nicht. Das ist wahrscheinlich eine der Fragen, über die ich während meiner Suspendierung nachdenken kann.“

„Dieses Baby ist nicht nur dein Problem, sondern auch meins, Beck. Wenn dir das nicht klar wäre, hättest du es mir doch gar nicht gesagt.“

„Ich weiß nicht, warum ich es dir gesagt habe.“

„Weil ich Vater werde“, antwortete er, fluchte, zog sein Jackett aus und lockerte seine Krawatte. „Also, wie ist der Plan?“

„Na ja, da das Zurückdrehen der Zeit keine Option ist …“

„Ich habe so etwas davor noch nie gemacht. Ich meine, sie zu betrügen“, erklärte er, legte die Hand auf seine Brust und atmete in kurzen, hastigen Stößen. „Der Captain wird mich …“

„Es braucht doch niemand zu erfahren, Hunter. Ich habe vor zu sagen, dass es von einem Ex-Freund ist.“

„Du brauchst mich nicht zu decken, Beck.“

„Das tue ich nicht für dich, sondern für mich, Hunter. Meinst du, ich will den Ruf bekommen, dass ich mit Vorgesetzten schlafe? Ich habe so etwas auch noch nie gemacht.“

„Und was ist mit dem Baby? Hat es nicht ein Recht darauf zu erfahren, wer sein Vater ist?“

„In einer perfekten Welt schon. Aber die hier ist ja offensichtlich alles andere als perfekt. Ich kümmere mich schon um die Sache, Hunter.“ Erneut versuchte sie, die Tür zu erreichen, aber er rührte sich nicht von der Stelle.

„Lass mich wissen, was du brauchst, Beck. Ich versuche, für dich da zu sein. Warst du schon beim Arzt?“

„Ich habe am 3. einen Termin.“

„Hältst du mich auf dem Laufenden?“

Ihre Blicke begegneten sich und sie sah seine Schuldgefühle, sah, wie leid es ihm tat, dass er seiner Frau – und dem Baby – so viel Leid zufügte.

„Ich glaube, du überlässt die ganze Angelegenheit am besten mir. Ich komme schon zurecht. Ich weiß ja noch nicht einmal, ob ich will, dass das Kind bei mir aufwächst. Ich überlege, ob ich es vielleicht zur Adoption freigebe.“

„Adoption? Bist du sicher?“

„Nein, sicher bin ich nicht, aber es gibt in der ganzen Sache gar nichts, was sich sicher oder richtig anfühlt.“

Da trat Hunter zur Seite und Beck ging ohne ein weiteres Wort an ihm vorbei durch den Mannschaftsraum davon. Vorbei an den Schreibtischen, die überliefen von Aktenbergen und leeren Kaffeebechern, vorbei an Detectives und Sergeants und den Leuten, die Innendienst hatten.

Im Umkleideraum zog sie sich um, verließ das Revier und trat hinaus auf die dunklen, belebten Straßen der Stadt. Sie ging die Treppe zur U-Bahn hinunter und fühlte sich eins mit den schwarzen Schatten und den fast leeren Wagen, die unter der Stadt entlangrasten, die niemals schläft.


KAPITEL 6
Everleigh

Mai 1953

Sie wachte spät auf und reckte und streckte sich im Vormittagssonnenlicht, das durch das Schlafzimmerfenster hineinschien.

Rhetts Seite des Bettes war schon leer und das Laken kühl unter ihrer Hand. Er war immer schon vor Sonnenaufgang auf den Beinen. Das Leben eines Ranchers war arbeitsreich.

Sie schob ihre Lockenpracht zurück, die ihr ins Gesicht fiel, und schaute zum anderen Ende des kleine Raumes auf den Blumenstrauß, den er ihr gestern geschenkt hatte, bevor sie in die Kirche gefahren waren.

„Zu deinem ersten Muttertag.“

Mama Applegate hatte über Rhetts Verschwendung nur ein leises Schnauben übriggehabt und die Bemerkung: „Man sieht es ja noch nicht einmal.“

Aber Rhett hatte sein Handeln energisch verteidigt. „Wenn es einen nicht zur Mutter macht, schwanger zu sein, dann weiß ich nicht, was es sonst tut.“

Danach war seine Mutter etwas weicher geworden, denn schließlich erwartete Everleigh ihr erstes Enkelkind. Das verlieh ihr etwas mehr Bedeutung in der starken texanischen Familie.

Sie stand auf und ließ ihren Blick über die schier endlose Ranch der Applegates schweifen. Irgendwo da draußen war er. Ihr Mann.

Seit sie ihm gesagt hatte, dass sie schwanger sei, arbeitete Rhett tagsüber auf der Ranch und abends an den Plänen für das Haus.

In der nächsten Woche wollte der Bauunternehmer mit den Erdarbeiten beginnen. Everleigh legte ihre Finger auf ihren lächelnden Mund.

Es wurde wirklich also etwas daraus. Sie bekamen ihr eigenes Haus. Wenn sie noch glücklicher wäre, würde sie wahrscheinlich platzen. War es richtig, dass eine einzige Frau so viel Liebe und Freude empfand?

Als es leise an der Tür klopfte, griff sie nach ihrem Morgenmantel, aber Mama Applegate stand schon im Zimmer, ohne auf ihr „Herein“ zu warten und zupfte an ihren weißen Spitzenhandschuhen.

„Wie geht es dir, Liebes?“

„Danke, gut. Immer noch keine Morgenübelkeit.“ Everleigh zog den Gürtel ihres Bademantels enger und sah sich nach ihren Hausschuhen um. Montags hatte sie bei Kestner’s frei und Rhett bestand darauf, dass sie sich ausruhte. Aber als Frau eines Ranchers und als Schwiegertochter von Heidi Applegate war das Herumliegen purer Luxus, denn es gab immer etwas zu tun.

„Dann kannst du wirklich von Glück reden. Bei mir war die morgendliche Übelkeit wirklich die Hölle. Na ja, auf dem Küchentresen stehen Salzstangen – für alle Fälle.“

Ihre Schwiegermutter sah sie dabei mit einem Maß an Mitgefühl an, das sie bisher noch nicht bei ihr erlebt hatte. Es war eine Art Zärtlichkeit, die ausdrückte, dass ihr klar war, was es bedeutete, neues Leben auf diese Welt zu bringen.

„Ich muss ein paar Besorgungen in der Stadt machen. Wenn du so weit bist, dann füttere doch bitte die Hühner und jäte im Garten Unkraut.“

„Gut, das mach ich.“

„Ich werde nicht rechtzeitig zum Lunch wieder da sein, also bediene dich. Spike und Rhett sind vor ungefähr einer Stunde auch in die Stadt gefahren, um sich dort mit einem neuen Züchter zu treffen, der anscheinend einen Tag früher in der Stadt ist als geplant. Rhett lässt dir ausrichten, dass du bitte den Katalog durchschauen sollst, den er dir gegeben hat. Er möchte heute Abend gern die restlichen Baumaterialien aussuchen.“ Mrs. Applegate wollte gerade die Tür wieder schließen, hielt dann aber noch einmal inne und sagte: „Und pass auf dich auf, ja? Halte auch einen Mittagschlaf, wenn du ihn brauchst.“

„Das mache ich. Gegen Mittag werde ich tatsächlich immer etwas müde.“

Die Augen der Älteren glänzten, als sie nickte und ein ganz klein wenig errötete. „Ich erinnere mich … ach ja, und kannst du bitte die Kartoffeln und Karotten fürs Abendessen schälen? Und die Äpfel für den Pie? Den Teig habe ich schon heute Morgen zubereitet und ihn in den Kühlschrank gelegt.“ Einen Moment lang blieb Mama Applegate noch in der Tür stehen und sagte dann noch: „Lass uns doch beim Abendessen heute das erste Applegate Enkelkind feiern.“ Sie ließ ihren Blick noch einmal durch das vollgestopfte Jugendzimmer ihres Sohnes schweifen und bemerkte: „Du bist bestimmt froh, wenn du hier rauskommst, das weiß ich. So … aber ich mach mich jetzt mal lieber auf den Weg … Ach ja, Spike hat heute Morgen einen von den Welpen abgegeben. Jetzt sind nur noch vier übrig. Ich habe ihm gesagt, dass dieser Wurf der niedlichste ist, den Lola je gehabt hat, und dass ich überlege, auch selbst einen zu behalten.“ Dann legte sie den Zeigefinger auf die Lippen. „Aber pst, lass das erst mal unser Geheimnis bleiben, ja?“

Daraufhin verschloss Everleigh mit einem imaginären Schlüssel ihren Mund, ihre Schwiegermutter lächelte, und die beiden hatten noch einen liebevollen gemeinsamen Moment, bevor die Ältere sich ein zweites Mal verabschiedete und die Zimmertür schloss.

Als sie weg war, nahm Everleigh ein Bad, zog sich an und wischte dann mit einem von Rhetts schmutzigen T-Shirts erst auf den Nachttischen und dann auf dem alten Schreibtisch am Fenster Staub, wo er sich jeden Abend mit den Bauplänen für das Haus beschäftigte.

„Ich liebe dieses Haus immer mehr“, sagte er, als er ins Bett kam und sich neben sie kuschelte, um ihren Bauch zu streicheln, bevor er dann das Licht ausschaltete. „Was meinst du, mein Sohn? Möchtest du in dem Haus in der Memory Lane aufwachsen?“

„Halt! Was ist denn, wenn es ein Mädchen ist? Sie wird glauben, dass du sie nicht magst.“

Dann küsste Rhett sie und sagte: „Sie wird mir wertvoll wie mein Augapfel sein.“

Everleigh zuckte zusammen, als sich in ihrem Bauch etwas regte. Spürte sie gerade zum ersten Mal das Kind? Der Arzt hatte gesagt, es sei noch zu früh, um Kindsbewegungen zu spüren, aber vielleicht ließ ihr Kind sie ja wissen, dass er oder sie unbedingt in dem herrlichen neuen Haus leben wollte, wo sie Erinnerungen schaffen würden – von Essen im Familienkreis, Brettspielen vor dem Zubettgehen, von Geburtstagen und Feiertagen, warmem Kaminfeuer im Winter und selbst gemachtem Eis im Sommer.

So, jetzt aber genug der Tagträumerei. Es wartete Arbeit auf sie, die erledigt werden musste. Sie band sich noch rasch ein Tuch um den Kopf und ging dann nach unten.

Als Erstes nahm sie die Küche in Angriff. Sie machte die Pfanne sauber, in der Mama Applegate zum Frühstück immer Eier und Speck für die Männer briet. Außer Rhett und seinem Vater arbeiteten noch Onkel Floyd, Cousin Mike und drei Angestellte auf der Ranch, und Mama Applegate und Tante Millie wechselten sich beim Zubereiten vom Frühstück und Lunch ab.

Als Nächstes schälte sie Kartoffeln, Karotten und Äpfel und naschte dabei ein paar Apfelspalten als verspätetes Frühstück. Dann nahm sie den Teig aus der Kühlkiste und ging anschließend gleich nach draußen, um die Gartenarbeit zu erledigen.

Als sie den Hühnerstall sauber gemacht, Unkraut gejätet und mit den Welpen gespielt hatte, hielt sie ein kleines Nickerchen auf der Bank unter den Pappeln, und dann war es auch schon nach zwölf Uhr und sie hatte Hunger.

Im Haus nahm sie eine Scheibe Brot aus dem Brotkasten, und als sie kurz darauf aus dem Fenster schaute, sah sie, wie sich am sonnigen Himmel jetzt Wolkenberge auftürmten. Wie sie es liebte, wenn am Nachmittag ein Regenschauer niederging!

Nach dem Lunch wollte sie noch einmal mit den Welpen spielen, und falls es dann regnete, würde sie erst den Pie zubereiten und danach die Materialien aussuchen, die Rhett brauchte.

Everleighs Magen knurrte, als sie erst die Brotscheiben mit Schinken und Käse belegte und sich dann noch ein Glas kalte Milch einschenkte. Sie nahm ihren Lunch mit nach draußen und hielt ihr Gesicht in die kühlende Brise, die schon nach Regen roch.

Beim ersten Bissen von ihrem Sandwich ging ihr das Herz auf. Sie musste regelmäßiger essen und nicht erst, wenn sie vor Hunger beinah umfiel, denn schließlich wuchs ein Kind in ihr heran. In der Zwischenzeit hatten sich Lolas Bordercollie-Welpen um ihre Füße herum versammelt, wo sie fiepten und jaulten und versuchten, an ihren Beinen hochzuklettern, um einen Bissen abzubekommen.

Sie hatte sich schon entschieden, den kleinsten und mickrigsten Welpen aus dem Wurf zu behalten und ihn mit in die Memory Lane zu nehmen. Sie hatte ihm den Namen Rocco gegeben.

Der Wind zauste in den Zweigen der Bäume und drehte die Blätter mit der Unterseite nach oben, ein sicheres Zeichen, dass es regnen würde. Außerdem türmten sich die bedrohlichen Wolkenberge immer höher auf.

Der Wind wehte Everleigh die Serviette vom Schoß und Rocco schloss sich seinen Geschwistern bei der Jagd nach dem Stück Stoff an.

Als sie den letzten Bissen ihres Schinken-Käse-Sandwichs verzehrt und mit einem Schluck Milch hinuntergespült hatte, nahm sie dem größten der Welpen, der offenbar Tauziehen spielen wollte, die Serviette wieder ab.

„Komm, gib schon her, mein kleiner Schatz“, sagte Everleigh und musste lachen, als er sich auf seinen winzigen Hintern ins Gras setzte und knurrte, so laut er konnte.

Das Geräusch des Windes hatte sich inzwischen verändert und sie wollte möglichst schnell wieder ins Haus. Sie hob die Welpen – erst Rocco und dann auch alle anderen – in ihre Schürze – und als sie gerade bei der Hintertür ankam, die in die Küche führte, fing es an, in dicken Tropfen zu regnen.

Everleigh stellte ihr benutztes Geschirr in die Spüle und setzte die Welpen auf dem Linoleumfußboden ab, bevor sie dann durchs ganze Haus ging und alle Fenster schloss.

Mama Applegate erlaubte eigentlich nicht, dass die Hunde mit ins Haus kamen. „Sie haben ein sehr schönes Zuhause in der Scheune“, sagte sie immer – aber Everleigh hatte keine Zeit mehr, noch einmal zurück zur Scheune zu gehen und sie zu ihrem Lager aus Heu zu bringen.

Sie errichtete deshalb aus Küchenstühlen eine Absperrung, sodass die Welpen unter dem Tisch eine Art Pferch hatten, und gab jedem zwei Happen von dem Hähnchen, das es letzten Abend zum Essen gegeben hatte.

„So, und jetzt benehmt euch, während ich den Pie mache.“

Der Regen prasselte gegen die Fensterscheiben, und als sie den Teig ausrollte, schaute Everleigh immer wieder hinaus.

Aus dem Ächzen und Stöhnen des Windes war inzwischen ein Heulen geworden.

Und sie hatte gerade den Pie in den Ofen geschoben, als das Haus so heftig von einer Windbö getroffen wurde, dass die Fensterscheiben klirrten.

Sie wischte sich die Hände an der Schürze ab und schaltete das Radio in der Küche ein, um Nachrichten zu hören, doch es kam nur statisches Knistern heraus.

Wieder heulte und pfiff der Wind und es klang fast wütend und unheimlich.

Das ganze Haus bebte so heftig, dass der Kronleuchter ins Schwingen geriet und ein Glas aus dem offenen Regal über der Spüle fiel. Everleigh war gerade dabei, die größeren Scherben in den Mülleimer zu werfen, als die Südseite des Hauses von einer Windbö getroffen wurde und in der oberen Etage ein lautes Geräusch zu hören war, so als ob etwas splitterte.

Everleighs Herz pochte jetzt so heftig, dass es ihr in den Ohren dröhnte, während sie die Küchenstühle zur Seite zog und den zitternden Welpen zuraunte „Kommt mal her.“

Die zappelnden kleinen Körper an ihre Brust gepresst, ging sie rückwärts zur Fliegengittertür, um sich vorsichtshalber im Keller in Sicherheit zu bringen, der bei Sturm den besten Schutz bot.

Der Sturm peitschte ihr den Regen ins Gesicht und drückte sie gegen einen der Stützpfeiler der Veranda, sodass sie beinah den kleinen Rocco losgelassen hätte.

Sie musste unbedingt den Keller erreichen, brauchte aber alle Kraft, ihre gesamte Kraft, um die Veranda überhaupt verlassen zu können. Dabei rutschte sie auf dem nassen Holz aus, taumelte rückwärts und konnte den größten Welpen nicht mehr festhalten. Der fiel zu Boden, jaulte laut auf und rannte hektisch im Kreis herum.

Sie rief ihn, aber der Wind war so laut, dass ihre Stimme nicht zu hören war. Sie schlang ihren einen Arm fest um den Stützpfosten der Veranda, um nicht weggeweht zu werden und verstaute Rocco mit der anderen Hand in ihrer Schürzentasche, während sie gleichzeitig versuchte, die anderen beiden zappelnden Welpen festzuhalten und den völlig panischen größten am Nackenfell wieder hochzuheben.

Als sie es geschafft hatte, rannte sie geduckt mit einem wilden Schrei fast wahnsinnig vor Angst und völlig durchnässt hinüber zum Keller.

Sie erreichte die in den Boden eingelassene Kellerluke, griff nach dem verrosteten Metallgriff, aber ihre Finger rutschten ab, und sie geriet ins Stolpern, als eine Bö sie erfasste, sodass sie einen Satz nach vorn machte.

Ihr Kleid klebte völlig durchnässt an ihren Beinen, und die Welpen winselten und jaulten, als sie noch einmal an den Griffen der Tür zog.

Adrenalin überschwemmte ihren Organismus, ließ dann wieder nach, und sie blieb zitternd und mit weichen Knien stehen, gefangen in ihrem vor Nässe schweren Kleid.

Das Heulen des Windes wurde immer lauter, und wie mit dunklen wirbelnden Fingern schnappte er sich alles, was sich auf dem Boden befand.

Einen Moment lang war Everleigh wie erstarrt. Es war ein Tornado, ein Wirbelsturm! Als ihr das klar wurde, bekam sie übermenschliche Kräfte und zog die Tür gegen den Widerstand des Windes auf. Sie ging die schmale Treppe hinunter und gelangte schließlich auf den kalten Lehmboden des Kellers, wo sich die Welpen aus ihrem Griff befreiten. Sie hörte, wie der Sturm die Kellertür mit einem lauten Knall wieder zuschlug.

Zitternd tastete sie im Dunkeln nach der Taschenlampe und fand sie tatsächlich in dem Regal, wo Rhett sie vor einem halben Jahr deponiert hatte. Sie waren damals dort unten gewesen, um Lebensmittelvorräte für den Notfall zu lagern, und hatten sich wie frisch verliebte Teenager aufgeführt.

Doch jetzt hatte der Keller absolut nichts Behagliches oder Romantisches mehr. Als Everleigh die Taschenlampe einschaltete, ließ sie den Lichtkegel an den Wänden und auf dem Boden des Kellers entlanggleiten, bis sie die Welpen entdeckte, die dicht aneinandergeschmiegt auf einer alten Pferdedecke lagen.

Über ihnen toste der Sturm und rüttelte an der metallenen Kellerluke, sodass sie einen Spaltbreit aufging und dann mit einem lauten Knall wieder zuschlug.

Sie ging zu den Welpen hinüber, kauerte sich dort neben ihnen auf den dunklen Boden und stieß nach einem langen, ängstlichen Atemzug einen Angstschrei aus, der es mit dem Tosen des Tornados über ihnen aufnehmen konnte.


Beck

Den ganzen ersten Tag nach ihrer Suspendierung verschlief sie, um wieder in den normalen Tag-Nacht-Rhythmus hineinzufinden. Schon am zweiten Tag wurde sie rastlos und suchte im Internet nach einem billigen Flug nach Florida.

Am dritten Tag nahm sie endlich ihren Arzttermin wahr und ließ die Sprechstundenhilfe, die sie mit Verachtung strafte, weil sie ihre Schwangerschaftsvorsorge vernachlässigte, kühl abblitzen.

Die Ultraschalluntersuchung ergab, was sie ohnehin schon wusste, nämlich dass sie ein Mädchen erwartete. Der Arzt verschrieb ihr Vitamine und gab ihr einen neuen Termin in vier Wochen. Nur mit Mühe gelang es ihr, den Termin noch zwei Wochen länger hinauszuschieben mit der Begründung, sie müsse nach Florida.

Sie würde also wirklich dorthin fliegen. Na gut, warum nicht? Selbst wenn sich herausstellen sollte, dass die Sache mit dem Haus ein Scherz war – und etwas anderes hielt sie für eher unwahrscheinlich – konnte so eine Reise nach Florida ja auch Spaß machen. Zumindest konnte sie dadurch dem Winter in New York und Hunter eine Weile entfliehen.

Am vierten Tag rief sie Miss Everleighs Anwalt Mr. Joshua Christian an, und ließ sich von ihm bestätigen, dass sie tatsächlich als Erbin eingesetzt war. Er sagte, er freue sich und würde sie gern vom Flughafen abholen, aber sie wollte sich lieber ein Taxi nehmen.

Am Nachmittag des fünften Tages ihrer Suspendierung nahm Beck den Zug nach Brooklyn Height und klopfte an Phil Hogans Tür.

Obwohl er sie bei der internen Ermittlung verpetzt hatte, brauchte sie seinen väterlichen Rat, weil sie nicht wusste, was sie tun sollte, obwohl sie auch schon mit ihrer Mutter und Flynn gesprochen hatte – über das Haus, nicht über das Baby – und beide sie gedrängt hatten, nach Florida zu fliegen und sich das Haus anzuschauen.

„Mist, vielleicht schlage ich auch mal jemanden, damit ich suspendiert werde“, scherzte Flynn und warf dann rasch einen Blick zu ihrer Mutter. Er tat, was er immer tat. Er versuchte, die Situation aufzulockern.

Ihre Mutter reagierte auf die für sie typische pragmatische Weise. „Vielleicht hilft dir das ja, dich wieder zu erinnern, Beck. Miss Everleigh hat dich wirklich geliebt. Eigentlich uns alle, aber dich ganz besonders.“

„Warum denn das?“

„Dein Vater hat immer gesagt, dass ihr wie Seelen-Zwillinge wart, die mit sechzig Jahren Altersunterschied geboren wurden. Er war Miss Everleighs Sommerhandwerker. Ich frage dich, wer fährt in den Urlaub, um dort Reparatur- und Wartungsarbeiten an einem alten Haus durchzuführen? Den größten Teil des Sommerurlaubs hat er mit Hammer oder Pinsel in der Hand verbracht. Das gefiel ihm. Ich habe Bücher gelesen, beim Kochen geholfen und bin mit dir und dem Nachbarsjungen Bruno an den Strand gegangen …“ Ihre Mutter seufzte. „Das war wirklich eine schöne Zeit.“

In dem Moment ging die Tür auf. Hogan trat zur Seite und bat sie in seine warme Wohnung. „Mit dir habe ich wirklich nicht gerechnet“, sagte er nur.

„Ich hätte vorher anrufen sollen“, entschuldigte sie sich, schaute sich in seiner Junggesellenbude um und wünschte, er hätte eine gemütliche, einladende Wohnung gehabt statt einer Schlafstätte, die eingerichtet war wie die eines Mannes, der alles verloren hatte und nicht glaubte, eine echte, zweite Chance verdient zu haben. Die Wohnung war kärglich mit gebrauchten, aber hübschen Möbeln möbliert, und an den Wänden hingen Fotos und Gemälde.

„Hast du geschlafen?“, fragte Beck und entschied sich für den Stuhl an der Tür.

„Nein, ich bin schon eine Weile auf.“ Er ging in die kleine Küche, die direkt neben dem Wohnzimmer lag und erklärte: „Ich schlafe nicht gut ohne Claudia. Weiß nicht, ob sich daran noch jemals etwas ändert. Möchtest du was zu trinken?“

„Wasser“, antwortete Beck, stellte ihren Rucksack auf den Boden und zog ihre Jacke aus.

Ihr alter Freund und Mentor kam mit einer Flasche kaltem Wasser für sie und einer Limoflasche für sich selbst zurück und lehnte sich auf seinem Stuhl zurück. Es vergingen einige Sekunden, in denen sie schweigend so taten, als müssten sie erst einmal ihren rasenden Durst stillen.

„In einer Stunde muss ich los zur Arbeit“, sagte er.

„Ja klar.“ Beck saß mit geradem Rücken auf der Stuhlkante, die Hände zwischen die Knie geklemmt. „Ich wollte dich nur fragen …“

„Hör mal“, sagte er und beugte sich auf seinem Stuhl vor. „Ich hatte keine andere Wahl. Meine Body-Cam hat aufgenommen, wie du Boudreaux geschlagen hast.“

„Ich weiß. Ich weiß ja …“

„Sie haben die Geschichte schon gekannt, bevor sie nachgefragt haben, und dann haben sie Zeugen angerufen, die sich beschweren sollten. Alles Zeugen, die auf Vinny Campaniles Gehaltsliste stehen. Aber die Polizeiführung hat es ihren Leuten diesmal nicht durchgehen lassen. Dazu kommt ja noch, dass du einfach den Dienst verlassen hast, Beck, und das konnte ich wirklich nicht decken.“

„Tut mir leid, dass ich dich in Schwierigkeiten gebracht habe.“

„Du kennst meine Geschichte, Beck. Ich kann es mir nicht leisten, aus der Reihe zu tanzen, und zwar kein einziges Mal. Meine Weste muss blitzsauber bleiben.“

„Ich bin schwanger, Hogan“, sagte sie jetzt ganz sachlich.

Mit der Flasche an den Lippen starrte er sie an. „Was?“

„Ich bin schwanger.“ Sie wand sich, als sie es noch einmal aussprechen musste.

„W… wie denn? Wann?“

„Wie? Na, auf die ganz altmodische Art und Weise. Wann? Letzten August bei Rosie’s nach dem aufgeflogenen Undercover-Einsatz “

„Von wem denn? Jetzt sag bloß nicht von Detective Myron. Das ist so ein …“

„Myron? Also bitte …“, sagte Beck und zog ein Gesicht. „Glaubst du wirklich, mit dem würde ich mich einlassen …?

„Okay, okay, ist ja schon gut“, sagte Hogan mit erhobenen Händen, als müsse er sich gegen ihr Trommelfeuer wehren. „Von wem denn dann? Als ich damals gegangen bin, hast du mit Lieutenant Ingram Billard gespielt. Und du warst ziemlich voll.“

„Von wem spielt keine Rolle“, sagte sie, weil er der Wahrheit schon viel zu nah kam. „Es ist eben einfach passiert.“ Sie hatte schon viel zu viel preisgegeben. Wieso hatte sie das Rosie’s überhaupt erwähnt? Das grenzte die Anzahl der infrage kommenden Väter nämlich schon viel zu sehr ein.

„Wer ist der Vater, Beck?“

„Ein Mann.“

„Das ist ja wohl Voraussetzung. Weiß er es?“

Sie nickte. „Ich habe es ihm gesagt, frage mich aber schon jetzt, ob ich es nicht lieber für mich behalten hätte.“

„Was hat er denn gesagt?“

„Das ist alles ziemlich kompliziert. Ich regle das jedenfalls alleine.“

„Sag mir, wer es ist, Beck“, sagte Hogan und stellte mit Wucht seine Limoflasche ab. „Er kann doch nicht einfach seinen Spaß haben und sich dann vor der Verantwortung drücken.“

„Das ist geregelt, Hogan“, sagte Beck darauf nur, nahm ihr Wasser in beide Hände und wiegte sich nervös vor und zurück.

„Jetzt verstehe ich auch, wieso du Boudreaux geschlagen hast. Das lag an den Hormonen.“

„Nein, Hogan, das lag einzig und allein an Boudreaux. Hormone hin oder her, er hatte es verdient.“ Sie sprang auf, ging zur Küche und lehnte sich dort an die Wand. „Ich weiß nicht, was ich tun soll, Hogan. Jedes Mal, wenn ich mich hinsetze und über die ganze Sache nachdenke, werde ich verrückt. Ich habe das Gefühl, dass ich gleich anfange zu weinen und im nächsten Moment werde ich wütend, weil ich es hasse zu weinen. Ich bin Polizistin bei der Polizei in New York, Hogan. Ich sorge für Recht und Ordnung und zerbrösele doch nicht einfach so. Das ist meine Art, meinen Vater zu ehren, auch wenn ich mich nicht an ihn erinnern kann.“

„Jeder zerbröselt und zerbricht ab und zu. Jeder braucht Gerechtigkeit, Beck, und ich glaube, dass auch du nicht über dem Wunsch stehst, selbst etwas gegen Unrecht zu tun. Die Tatsache, dass du Polizistin bist, bedeutet doch nicht, dass du kalt und gefühllos sein musst. Du bist in erster Linie eine Frau, und es ist absolut in Ordnung, wenn du dich auch so verhältst. Du brauchst weder die Eiskönigin zu sein noch der Vorstellung gerecht zu werden, die du vom heldenhaften Vermächtnis deines Vaters hast.“

„Eiskönigin? Wer sagt denn das über mich?“ Vom ersten Tag bei der Polizei an war sie zwar immer sehr direkt und völlig schnörkellos gewesen, aber nie kalt oder gefühllos. „Und wie sollte ich denn nicht den Wunsch haben, dem Vermächtnis meines Vaters gerecht zu werden? Ich bin doch ständig davon umgeben, weil die Kollegen von damals doch bis heute Geschichten über ihn erzählen.“

„Aber es ist völlig in Ordnung, dass du nicht er, sondern du bist. Nicht mehr und nicht weniger erwarten wir von dir. Und was die Eiskönigin betrifft …“ Hogan lächelte. „Ich dachte, den Spitznamen würdest du kennen. Dann wirst du jetzt also Mutter?“

„Den? Wie viele gibt es denn noch?“

Er hob kapitulierend eine Hand. „Nur diesen einen – der ja gar nicht zutrifft und das weißt du auch. Du bist gar nicht so eisig, wie manche Leute gern glauben möchten.“

„Vielleicht“, lenkte sie ein und trank ihr Wasser in einem Zug aus. „Ich habe mich selbst nie als Mutter gesehen, Hogan, einmal ganz abgesehen davon, dass sie auch noch ohne Vater aufwachsen muss. Und das möchte ich nicht für sie. Jedes Mädchen braucht seinen Vater.“

„Dann lass doch ihren Vater nicht einfach ziehen, nur weil es kompliziert ist, Beck, sondern zieh ihn zur Verantwortung.“

„Er ist verheiratet, Hogan.“ Da hatte er es. Zufrieden?

„Ach so.“ Das war eine schlichte, aber gewichtige Aussage.

„Und wie kann ich dir helfen?“

Eine kleine Träne sammelte sich in ihrem Augenwinkel. „Sag mir, was ich tun soll.“

„Es sieht doch ganz so aus, als ob du dich schon entschieden hättest. Wie weit bist du denn? Wenn es nach dem Undercover-Einsatz passiert ist, müsstest du ja schon fast im sechsten Monat sein. Weiß deine Mutter schon Bescheid?“

„Nein, noch nicht. Mir ist gerade nicht besonders nach einem Vortrag.“

„Komm schon, Beck, jetzt trau ihr doch mal was zu.“

„Mama und ich haben uns nie besonders nahegestanden, Hogan, besonders nach Papas Tod. Wir haben nur nebeneinander her gelebt und dann kam Flynn und dann waren sie auch schon verheiratet und ich kann mich an nichts aus meiner Kindheit mehr erinnern.“

Beck ging wieder zurück zu ihrem Stuhl, zog den Reißverschluss des Rucksacks auf, nahm Everleigh Callahans Testament heraus. Sie gab es ihm und fragte: „Was hältst du hiervon?“ Wenn sie das Gespräch in Gang hielt, dann würden ihre Tränen sicher wieder vergehen. „Ich habe ein Haus in Florida geerbt.“

„Du hast ein Haus geerbt?“, fragte Hogan erstaunt und nahm ihr das Schreiben ab. „Ich wusste gar nicht, dass du Verwandtschaft in Florida hast.“

„Das Haus ist auch gar nicht von Verwandten“, erklärte sie daraufhin. Ihre Mutter hatte an diesem Tag beim Frühstück mehr Einzelheiten verraten. „Papa hatte Ende der Fünfziger-, Anfang der Sechzigerjahre einen Onkel, eine Tante und eine Cousine in Florida, die aber irgendwann nach New York gezogen sind. Jedenfalls lebte gegenüber von diesen Verwandten eine ältere Frau, die für die Familie wie eine Oma oder eine alte Tante war. Papa hat da als Kind ein paar Jahre lang mit seiner Familie Ferien gemacht, wahrscheinlich bis sein Onkel umgezogen ist. Mama konnte sich nicht mehr so genau erinnern. Als ich dann geboren wurde, wollten sie jedenfalls noch mal in dieses … Fernandina Beach reisen, damit ich auch so schöne Erinnerungen an Sommerferien sammeln konnte wie mein Vater. Anscheinend haben wir damals bei dieser alten Dame, Everleigh Callahan, gewohnt. Jetzt ist sie an Thanksgiving gestorben und hat mir ihr Haus vererbt.“

Hogan blickte von dem Testament auf und sagte: „Dein Vater hat in einem Frühjahr mal versucht, ein paar von uns zu überreden, mit ihm zum Angeln da runterzufahren. Aber daraus ist nie etwas geworden.“ Er gab Beck das Dokument zurück und fragte: „Kannst du dich an den Ort erinnern?“

Sie schüttelte den Kopf. „Nein. Alle Erinnerungen, die mit meinem Vater zu tun haben, sind weg.“

Das stimmte, und sie war es so sehr gewohnt, dass ihr oft gar nicht mehr bewusst war, was für eine tief greifende Bedeutung diese Worte hatten. Jede Erinnerung, die in Verbindung mit ihrem Vater stand, war vor achtzehn Jahren ausgelöscht worden.

Als ihr Vater nach den Terroranschlägen vom 11. September tot aus den Trümmern des Nordturms geborgen worden war, war ihre Mutter wie erloschen gewesen und hatte voller Trauer und Angst versucht, ihre neue Lebenswirklichkeit zu begreifen. Dabei hatte sie nicht gemerkt, wie ihre Tochter halt- und ziellos hinter ihr her irrte.

Beck hatte Trost bei ihrer Mutter gesucht, aber die war gar nicht anwesend gewesen. Ihr Licht leuchtete nicht mehr, und das war vielleicht der Grund, weshalb Beck als Vierzehnjährige Trost im Schatten der Nacht und Frieden im Vergessen gefunden hatte.

Sie lebten in einer funktionierenden, aber emotional leeren Welt. Das zeigte sich darin, dass ihre Gespräche oberflächlich waren und sich eigentlich ausschließlich um praktische Dinge drehten.

„Wie kommst du denn heute vom Training nach Hause?“

„Ellies Mutter.“

„Kannst du heute putzen? Ich muss Überstunden machen.“

„Kann ich eine Taschengelderhöhung bekommen?“

„Nein, ich brauche jeden Cent, damit ich das Haus halten kann.“

Beck verbrachte viele Abende allein bei Popcorn und Diät-Cola als Abendessen, ohne etwas zu fühlen und ohne sich zu erinnern.

„Du solltest hinfahren und es dir wenigstens anschauen“, riet Hogan ihr.

„Das sagen meine Mutter und Flynn auch.“ Und Hunter.

Flynns Liebe hatte zwar ihre Mutter wieder ins Leben zurückgeholt, aber nicht Beck. Das frischgebackene Paar hatte sich große Mühe gegeben, sie in ihr Märchen einzubeziehen, aber da war Beck schon fünfzehn gewesen, und ihre Schutzschilde waren undurchdringlich geworden.

„Ich glaube, diese Testamentsgeschichte könnte dir neue Möglichkeiten eröffnen, und Beck, hey, Vinny Campanile hat Kontakte nach Nordflorida. Du könntest doch dort ein bisschen die Augen offen halten …“

„Du hörst dich an wie Ingram. Außerdem bin ich sus-pen-diert, du erinnerst dich? Wenn ich dort hinfahre, dann privat.“

„Gut, dann fährst du also.“

„Aber was fange ich denn da unten an, solange ich dort bin?“

„Was jeder in den Ferien macht. Du brauchst doch nicht schon im Voraus alles zu wissen.“

„Doch, muss ich wohl, weil mir das Ganze sonst zu viel Angst macht.“ Papa ist auch in den Nordturm gerannt, ohne zu wissen …

„Und das sagt das Mädel, das ohne zu zögern auf einen dunklen Hinterhof läuft. Komm, es ist doch dein Leben, Risiken einzugehen.“ Aber stimmte das wirklich? Dunkle Hinterhöfe waren eine andere Form des Unbekannten. Sie waren lediglich Hindernisse bei der Jagd nach Tätern oder bei der Rettung von Opfern. „Geh das Risiko ein, lass dich überraschen und schau, was das Leben, oder auch Gott, noch alles für dich bereithält. Versuche zu glauben. Vielleicht kommt ja dort …“

„Ich habe meinen Teil an Überraschungen von Gott gehabt, Hogan – vielen Dank auch.“

„… deine Erinnerung wieder zurück“, beendete er seinen Satz.

Sie zuckte zusammen, ging zum Fenster und schaute hinunter auf die Straße, an der auf beiden Seiten Autos geparkt waren. Sie sprach so gut wie nie über den Verlust ihrer Erinnerungen. Der war inzwischen einfach ein Teil von ihr. Aber jetzt, da er davon angefangen hatte …

„Das macht mir am meisten Angst, Hogan. Was ist das Schreckliche, das hinter der Amnesie lauert?“

Es waren nämlich nicht sämtliche Erinnerungen an ihre Kindheit weg. Sie erinnerte sich daran, wie sie mit dem Fahrrad in der Nachbarschaft herumgefahren war, wie sie bei Ellie Yarborough übernachtet hatte und wie sie in der fünften Klasse beim Krippenspiel mitgespielt hatte.

Aber Heiligabende, Geburtstage, Ferien, bei denen ihr Vater dabei gewesen war, waren schwarze Löcher. Er war eine Figur aus einer Geschichte, die Mama alle Jubeljahre einmal erwähnte.

„Überleg nicht lange, Beck. Fahr nach Florida, lass dir die Sonne auf den Pelz scheinen, atme, iss, denk nach und bete. Du kannst kein Baby austragen, wenn du dich nur von Kaffee und Donuts ernährst.“

„Na, ab und zu esse ich ja auch einen Hot Dog“, erklärte Beck und kam wieder zurück zu ihrem Stuhl. „Machst du dir gar keine Sorgen, dass die Sonne von Florida die Eiskönigin vielleicht schmelzen könnte?“

Hogan lachte. „Das wollen wir mal hoffen.“

„Ich nehme den Hund mit.“

„Gut. Der kann sicher auch ein bisschen Ruhe gebrauchen.“

Beck stellte sich vor, wie sie auf ihr unbekanntes Haus in Florida zuging – nach Aussage von Joshua Christian ein altes viktorianisches Gebäude –, mit ihrem Koffer und einem zappeligen Beetle Boo. „Wahrscheinlich spukt es da.“

Sie stellte sich vor, wie der Wind an den Dachtraufen entlang heulte und die Dielen unter ihren Füßen knarrten.

„Was soll denn da spuken? Deine verloren gegangenen Erinnerungen?“ Hogan zog die Augenbrauen hoch und schaute dann auf seine Uhr.

„W… was, wenn ich mich wieder erinnere? An meinen Vater?“ Beck nahm Hogans Wink auf und griff nach ihrer Jacke.

„Wäre das nicht gut?“, fragte Hogan, während er ihr in die Jacke half.

„Doch es sei denn, ich habe alles aus einem bestimmten Grund vergessen.“

„Aus welchem denn zum Beispiel? Er war doch völlig vernarrt in dich und du hast ihn vergöttert.“

Hogan schloss sie in die Arme und Beck lehnte sich entspannt an seinen starken Körper an. „Fahr hin, hab Spaß und lass mal ein bisschen Licht in dein Leben.“

„Ich werde schmelzen, ich sag’s dir“, sagte sie dazu und unterdrückte den Schluchzer, der in ihr aufstieg. Aber als Hogan ihr dann einen Kuss auf den Kopf drückte, brach sie zusammen und klammerte sich an seine Brust. Einen Arm um ihre Schultern gelegt hielt er sie fest und flüsterte Worte, die sie kaum verstehen konnte.

Dann sammelte sie sich wieder, wischte sich die Augen und ging zur U-Bahn. Als sie in dem dunklen, ratternden Waggon saß, atmete sie eine Frage gegen die Fensterscheibe.

„Was soll ich tun?“ Die Frage war an niemand Bestimmten gerichtet, eher ans Schicksal, das Universum, Gott.

Geh nach Florida.

Der Gedanke kam leise, fast flehend, und je mehr sie über diesem Drängen meditierte, desto mehr Adrenalin wurde ausgeschüttet – mit einer beinah überbordenden Wucht.

Also gut, dann würde sie gehen. Sie würde ihren Bikini – okay, vielleicht den dann doch nicht – aber ein paar Shorts und Flip-Flops einpacken, ein Ticket buchen, eine Hundetransportbox besorgen und dann die Flügel ausbreiten, um für den Winter nach Florida zu fliegen.


KAPITEL 7
Bruno

Er hatte Abschiede noch nie leiden können, ganz besonders, wenn es endgültige waren, aber Miss Everleigh hatte ein Recht darauf, dass er ihr die letzte Ehre erwies und auf seine Anwesenheit.

Er stand beim Eingang der Gemeinde, in die er schon als Kind gegangen war, und schaute zu, wie die Trauergäste eintrafen und sich gegenseitig unter Tränen mit Umarmungen begrüßten.

In seiner Kindheit und Jugend hatte er diesen Ort so gar nicht gemocht – seine Mutter hatte ihn zur Sonntagsschule und zur Jugendgruppe geschleppt, bis er endlich ausgezogen und aufs College gegangen war. Heute dagegen waren die vertrauten Gemeinderäume eher tröstlich für ihn.

Jetzt, da er älter war, verstand er das Bedürfnis seiner Mutter nach Gott und der Gemeinde während der Zeit als alleinerziehende Mutter. Gott und die Menschen, die zu ihm gehörten, waren eine gute Option.

Der Abschiedsgottesdienst für Miss Everleigh fand in dem Gottesdienstraum statt, der früher einmal ein Lagerhaus gewesen war, aber eigentlich für die wachsende Gemeinde längst zu klein, und deshalb immer überfüllt war. Die Tore an den ehemaligen Laderampen waren geöffnet, sodass die Januarbrise mit einem Hauch von Himmel hindurchwehte und der Westeingang wie ein Rahmen für den feuerroten Sonnenuntergang wirkte. Die perfekte Ehrung für Miss Everleigh.

Seine Mutter und ihr Team hatten den eher rustikalen Gottesdienstraum in eine Art Wunderland verwandelt, indem sie überall an den Deckenbalken Lichterketten kreuz und quer durch den Raum gespannt und an den Seiten Kerzen aufgestellt hatten.

Vorn auf dem Podium standen die Sänger und Musiker und ein großes gerahmtes Bild von Miss Everleigh aus jüngeren Jahren. Sie war eine Schönheit gewesen. In dem Moment, als er gerade Mr. Smock zunickte, der sich neben ihn stellte, hörte er den Signalton seines Handys. Es war eine Nachricht von der Ohio State University, Todd Gamble, seinem Neuzugang.

Haben Sie früher in LA gearbeitet?

Ja.

Können Sie mich mit Sabrina Fox bekannt machen?

Das war typisch für hochkarätige Neulinge. Sie wollten, dass man ihnen den Mond und die Sterne vom Himmel holte. In einem Jahr hatte bei Watershed einmal ein Junge, der als Top-Kandidat ausgewählt worden war, verlangt, Beyoncé kennenzulernen. Und Bruno hatte es hinbekommen.

Klar. Ich werde sehen, was ich machen kann.

Es war das Eine, wenn ein Spieler materielle Dinge wollte oder Kontakte. Eine Agentur, die genug Geld hatte, konnte alles möglich machen. Ein romantisches Treffen zu zweit war da schon etwas ganz anderes. Es machte Bruno nervös – so wie Herzensangelegenheiten allgemein.

Doch er brauchte unbedingt einen Vertrag mit einem Top-Talent, und wenn Todd ein schönes Starlet kennenlernen wollte, dann würde er ein wunderschönes Starlet kennenlernen.

Außerdem war Sabrina Bruno noch einen Gefallen schuldig, und deshalb war es wahrscheinlich gar nicht so schwer, sie dazu zu bewegen, wenigstens mit dem Spieler zu reden.

Während immer noch Trauergäste eintrafen, tippte Bruno noch eine Nachricht an Todd, einen als All-American ausgezeichneten Abwehrspieler.

Komme Dienstag mit dem Flieger. Privatjet. Schicke eine Limo, um dich vom Campus abzuholen. Bring mit, wen du möchtest, solange wir Zeit haben, auch Geschäftliches zu besprechen.

Cool! Bis dann.

Als er sein Handy wieder einsteckte, tätschelte Mrs. Gunter seine Hand. „Ich weiß, dass du Miss Everleigh sehr gern gehabt hast. Sie war doch wie eine Großmutter für dich, nicht wahr?“

„Ja, das war sie.“

Die Frau sah ihn mit abwartend verkniffener Miene an, als wartete sie darauf, dass er zusammenbräche.

„Sie wird fehlen“, sagte er aber nur.

„Ohne sie wird unser Gebetskreis nie mehr so sein, wie er war. Ach, da kommt ja Letty Macintosh, die muss ich begrüßen.“

Wieder allein, schrieb Bruno seinem Freund, dem Piloten Stuart Strickland, noch rasch eine Nachricht.

Dienstag? Alles klar? Ich weiß das wirklich zu schätzen, Mann.

Wer hätte gedacht, dass der Verlust seines lukrativen Jobs, sein Umzug einmal quer durchs Land in ein Strandapartment und ein beruflicher Neuanfang den Bonus eines Privatpiloten mit sich bringen würden?

Dieser Luxus war Stuarts reichem Großvater zu verdanken.

Stuart antwortete auf seine Nachricht.

Geht klar. Zehn Uhr.

Und da er jetzt das Handy sowieso schon in der Hand hatte, konnte er sich auch ebenso gut gleich mit Sabrina in Verbindung setzen.

Sabrina, ich hab da einen Spieler, der dafür sterben würde, dich kennenzulernen. Ist ein guter Typ. Von der Ohio State. Interessiert? Hoffe, es geht dir gut. Und vergiss nicht, du bist mir einen Gefallen schuldig.

Eigentlich war sie ihm gar nichts schuldig, aber er hatte sie vor ein paar Jahren auf einer Party vor einem betrunkenen Spieler von den LA Lakers gerettet. Sie war jung und unerfahren und ganz neu in der Hollywood-Szene gewesen und hatte sich mit einem riesigen, ausgehungerten Sportler, der es gewohnt war zu bekommen, was er wollte, in eine unangenehme und peinliche Situation gebracht.

Seit damals waren sie gute Freunde.

Bruno ließ seinen Blick durch den Raum wandern und sein Blick fiel auf das Kreuz ganz hinten im Gottesdienstraum. War es angebracht, während des Trauergottesdienstes für eine so liebenswerte und gottgefällige alte Dame um etwas Persönliches zu bitten?

In dem Moment kam seine Mutter zu ihm und berührte ihn sanft am Arm. Sie sah sogar in Schwarz hübsch aus.

„Ich habe uns ganz vorn zwei Plätze freigehalten. Schau doch nur, wie viele Leute gekommen sind.“

„Die Überfüllung verstößt bestimmt gegen die Brandschutzbestimmungen“, sagte Bruno, stieß sich von der Wand ab und seine Mutter hakte sich bei ihm unter.

„Das haben wir geklärt. Chief Hayes von der Feuerwehr sitzt in der ersten Reihe“, entgegnete seine Mutter, und zeigte auf einen ernst dreinblickenden Mann in Ausgehuniform, der sie begrüßte, als sie nach vorn kamen.

„Wirklich großartig, dass Sie das hier organisiert haben“, sagte er zu seiner Mutter und fuhr fort: „Miss Everleigh hat sich um meine Mutter gekümmert, als sie krank war. Ich weiß wirklich nicht, was wir ohne sie getan hätten. “

„Wohl die Hälfte der Menschen hier im Raum haben so eine Geschichte zu erzählen. Als Stone mich damals verlassen hat und dann gestorben ist, war sie für mich ein Fels in der Brandung. Und natürlich hat sie mir dadurch jeden Tag den Weg zu Jesus gezeigt.“

Seine Mutter ging jetzt weiter zu den beiden Plätzen, die sie reserviert hatte, und Bruno setzte sich auf einen davon am Ende der Sitzreihe.

Pastor Oliver bat um Ruhe, und als es schließlich still war, durchbrach ein Signalton von Brunos Handy die Stille.

„Schalte das aus“, sagte seine Mutter und sah ihn dabei so böse an, wie sie konnte. „Die Arbeit kann jetzt wirklich einmal für ein paar Stunden warten.“

Er fügte sich mit einer „Ja-sofort“-Geste, aber in der Spielerberater-Branche gab es so etwas wie „jetzt nicht“ oder „heute nicht“ nicht, denn ein einziger verpasster Anruf konnte einen Klienten kosten, und junge Männer, die Millionen auf dem Konto hatten, warteten auf niemanden.

Bruno ging in Richtung der breiten Doppeltür, während er das Gespräch annahm.

„Mr. Endicott, hier ist Tyvis Pryor. Wie geht’s Ihnen? Ich hoffe, ich störe Sie nicht, weil ja Sonntag ist.“

„Ich bin gerade auf einer Trauerfeier, Tyvis. Kann ich dich später zurückrufen?“

Bruno sah die vielen Autos, die dicht an dicht an der Straße geparkt waren, und dann blieb sein Blick an einer groß gewachsenen, brünetten Frau mit offenen Haaren und weichen Rundungen hängen, die rasch und energisch in seine Richtung gegangen kam.

Irgendwie kam sie ihm bekannt vor. Die selbstbewusste, fast draufgängerische Haltung, aber auch der Hauch von Unsicherheit in dieser Situation, in der sie nicht recht wusste, was auf sie zukam.

„J… ja klar, das wäre großartig. Hören Sie, ich will Sie wirklich nicht stören, aber …“

Tyvis Zögern und seine mangelnde Selbstsicherheit fühlten sich seltsam ungewohnt an und waren sehr untypisch für die Branche. „Ich habe mich nur gefragt, ob Sie schon entschieden haben, ob Sie mich nehmen. Ich verspreche auch, dass ich hart für Sie arbeiten werde.“

Im Hintergrund war jetzt eine Stimme zu hören, die sagte: „Tyvis, ich brauch dich jetzt hier am Grill.“

„Ich muss jetzt Schluss machen, Mr. Endicott.“

„Bruno. Bitte nenn mich doch Bruno.“

„Klar, Bruno.“

Als das Gespräch beendet war, steckte er sein Handy wieder ein und sah, wie die Frau näherkam. Irgendwoher kannte er sie. Aber woher?

Was Tyvis betraf, so tat ihm der Junge wirklich leid, aber Bruno konnte keine Firma aufbauen mit einem Jugendlichen vom Junior College als Grundlage. Es wäre komplett verrückt, ihn unter Vertrag zu nehmen und für sein Training und die Unterhaltskosten zu zahlen, wenn nicht der Hauch einer Chance bestand, dass er es je in eine Profi-Kartei schaffen würde.

Die Frau ging an ihm vorbei und hinterließ einen Duft nach grüner Wiese. In der großen zweiflügeligen Eingangstür blieb sie stehen.

Bruno beugte sich etwas vor, damit er ihr Gesicht sehen konnte, und spürte so etwas wie Vertrautheit.

„Kann ich Ihnen helfen?“, fragte er sie.

„Nein danke“, antwortete sie schroff, fast kalt und ohne ihn auch nur anzusehen.

Bruno betrachtete noch eine Weile ihr Profil und ging dann zurück zu seinem Platz. Woher kannte er sie nur?

An dem Stehpult aus Metall sprach jetzt Pastor Oliver über Mrs. Everleigh Callahan – für alle, die sie kannten, Miss Everleigh – während gleichzeitig Bilder aus ihrem Leben hinter ihm auf eine Leinwand projiziert wurden.

„Als Everleigh Louise Novak wurde sie am 15. Juni 1929 in Waco, Texas geboren …“

Eine junge, schöne Miss Everleigh lächelte in schwarz-weiß von der Leinwand. Dann wechselte der Beamer zum nächsten Bild – einem verblichenen Farbfoto von ihr auf einer Veranda, die Arme um einen gut aussehenden Kerl geschlungen, der wie John Wayne aussah.

Bruno stupste seine Mutter an und fragte: „Weißt du, wer die Frau da an der Tür ist?“

„Pst!“ Sie legte sich den Zeigefinger auf ihre Lippen und richtete den Blick wieder auf die Bilder aus Miss Everleighs Leben.

Bruno setzte sich so, dass er noch einmal kurz in die Richtung schauen konnte, in der die Frau stand. Sie war noch da, stand mit stoischer Miene an den Türrahmen gelehnt.

„Ich mochte ihre starken weichen Hände“, sagte Pastor Oliver gerade. „Ich wusste immer schon, wenn es Miss Everleigh war, die mir nach der Predigt die Hand auf die Schulter legte, bevor sie sagte: ,Gute Predigt, Pastor.‘“

Als Pastor Olivers Stimme jetzt stockte, ging es Bruno durch Mark und Bein, und plötzlich kam alles wieder hoch, was er an Miss Everleigh geliebt hatte.

Ihre freundlichen Augen und die sanfte Stimme, ihre Geduld und ihre festen Umarmungen. Wie sie jeden Tag nach dem Mittag die Hintertür für ihn offen gelassen hatte, damit er nach der Schule gleich hereinkommen konnte, und wie dann immer schon ein Teller mit selbst gebackenen Cookies und ein Glas Milch auf ihn gewartet hatten.

Wie sie gelacht hatte, wenn er nach dem Football Training mit der gesamten Abwehr der Mannschaft völlig verdreckt nach Hause gekommen war.

„Setzt euch, Jungs, setzt euch doch. Ich backe noch ein paar Cookies mehr. Möchte jemand ein Sandwich?“

Und jedes Mal waren alle Hände hochgegangen.

Er biss die Zähne zusammen und kämpfte mit den Tränen und gegen die Reue, die ihn jetzt packte.

Er hätte öfter aus LA herkommen sollen, um seine Mutter und Miss Everleigh zu besuchen. Aber er hatte immer gedacht, er hätte noch viel Zeit, hatte gedacht, seine Karriere sei wichtiger.

Als seine Mutter jetzt schluchzte und ihr weißes Taschentuch an ihre nasse Wange drückte, nahm Bruno ihre Hand und machte sich auch auf seine eigene Trauer gefasst.

„Sie war bekannt als eine Frau mit Charakter und als Beterin“, fuhr Pastor Oliver fort. „Wenn Miss Everleighs Leben und ihre Gebete auch Einfluss auf Ihr Leben gehabt haben, dann stehen Sie doch bitte einmal auf.“

Daraufhin erhoben sich alle Anwesenden.

Als Nächstes betrat ein junger Mann mit einer Gitarre das Podium, trat ans Mikrofon und stimmte einen Choral an. „Singen Sie doch jetzt mit mir ,The Old Rugged Cross‘, eines von Miss Everleighs Lieblingsliedern.“

„On a hill far away, stood an old rugged cross.“

Die vielen Stimmen, die Melodie und der Text forderten Brunos Entschlossenheit heraus, nicht zu weinen. Er sehnte sich nach seiner alten Freundin, nach den vergangenen Zeiten, nach der Ferien-Bibelschule bei ihr im Garten hinter dem Haus und nach ihrer bedingungslosen Liebe.

Verschämt wischte er sich rasch eine Träne weg, die sich gerade aus seinem Augenwinkel lösen wollte. Aber Tränen änderten nichts. Sie sorgten nicht dafür, dass Wünsche in Erfüllung gingen und erweckten weder Väter noch alte Freundinnen wieder zum Leben.

Miss Everleigh ist deiner Tränen würdig.

Während weiter gesungen wurde, ließ Bruno seinen Erinnerungen freien Lauf, aber genau in dem Moment vibrierte sein Handy wieder, und holte ihn in die Realität zurück.

Er ließ die Hand seiner Mutter los und ging wieder zum Eingang.

„Endicott“, meldete er sich.

„Hier ist Coach Brown.“

Bruno seufzte und schaute nach unten auf den rissigen, fleckigen Beton, der einmal die Laderampe des Lagerhauses gewesen war.

„Ich bin gerade bei einem Trauergottesdienst.“

„Mein Beileid“, hörte er den Coach nur noch sagen und dann war es wieder still in der Leitung.

Bruno nahm an, dass der Coach Tyvis noch einmal hatte anpreisen wollen, indem er beispielsweise damit prahlte, wie der Junge sich nachts zwischen zwei und vier noch ehrenamtlich in einem Kinderheim engagierte.

Er steckte sein Handy wieder ein und stand jetzt nur ein paar Meter von der irgendwie vertrauten Fremden entfernt. Noch einmal ließ er sich zu einem Blick in ihre Richtung hinreißen, und diesmal wusste er plötzlich, wer sie war.

„Beck?“, flüsterte er. „Beck Holiday?“

Sie wandte sich ihm zu. „Ja?“

„Wow, ich glaub’s ja nicht.“ Er ging zu ihr hin und sagte leise: „Wie lange ist das jetzt her? Achtzehn, neunzehn Jahre?“ Ihr ausdrucksloser Blick hätte ihn beinah abgeschreckt, aber er sagte dann trotzdem: „Du bist gekommen. Traurig, das mit Miss Everleigh, oder? Hat meine Mutter dich schon angesprochen?“

Als er sie jetzt aus der Nähe sah, verliebte er sich sofort wieder ein bisschen. Genau wie damals, als er sie zum ersten Mal gesehen hatte. Er war acht gewesen und mit seinem Fahrrad die Memory Lane hinauf- und hinuntergefahren, während sie mit ihrem Vater in Miss Everleighs Vorgarten einen Drachen hatte steigen lassen.

Und dann wieder mit neun, zehn, elf, zwölf, dreizehn und vierzehn. Jeden Sommer hatte er sich ein bisschen mehr in sie verknallt. Und dann kam der 11. September und er hatte sie nie wiedergesehen.

In einer dunkelblauen Stoffhose mit passender Jacke und einer engen weißen Bluse darunter strahlte sie unter ihrer mittlerweile erwachsenen Schönheit auch etwas Herbes, fast Hartes aus.

„Ihre Mutter? Nein. Ich habe mich erst im letzten Moment entschlossen zu kommen.“ Dann schaute sie wieder in den Gottesdienstraum, wo die Gemeinde gerade zum letzten Mal den Refrain sang.

„So I’ll cherish the old rugged cross.“

„Kannst du begreifen, dass sie nicht mehr da ist?“ Er stand neben ihr, ahmte ihre abwehrende Haltung, die verschränkten Arme nach und war gleichzeitig amüsiert und verärgert darüber, dass sein Puls schneller wurde. War er denn immer noch ein bisschen wie ein Teenager? „Als Pastor Oliver angefangen hat zu sprechen, sind bei mir unglaublich viele Erinnerungen wieder hochgekommen“, sagte er und sah sie an. „Erinnerst du dich, als …“

Ihr durchdringender Blick sorgte dafür, dass ihm die Worte im Hals stecken blieben. „Tut mir leid, aber wer sind Sie?“, fragte sie.

Da ließ er die Arme sinken, brachte ein kleines Lächeln zustande und antwortete: „Okay, ich hab’s kapiert. Wir haben uns aus den Augen verloren, aber du hast mir ja auch nicht geschrieben. Moment mal …“ Er drehte sich noch einmal zu ihr um. „Ich habe dir eine E-Mail geschrieben, direkt nach dem 11. September, aber du hast nicht geantwortet. Und dann habe ich dir noch mal geschrieben, als mein Vater gestorben ist.“

Sie schaute ihn finster an und ihre Miene wurde noch härter. „Hören Sie, wer auch immer Sie sind, ich kenne Sie nicht und ich erinnere mich auch nicht an Sie.“

Jetzt war er an der Reihe, finster zu schauen. „Aber du bist doch Beck Holiday, oder? Die Tochter von Dale und Miranda Holiday, die ihre Sommerferien immer bei Miss Everleigh verbracht haben? Die in der Ferien-Bibelschule im Garten neben mir gesessen hat? Die mit mir auf dem Fahrrad die Memory Lane hoch- und runtergefahren ist? Die Miss Everleighs Haus Memory House genannt hat?“

Sie zögerte kurz, nickte dann aber, den Blick wieder geradeaus in den Gottesdienstraum gerichtet. „Ich glaube, die Frau da vorn möchte etwas von Ihnen“, sagte sie dann, und als er in die entsprechende Richtung schaute, winkte ihn seine Mutter nach vorn. Was wollte sie? Aber was auch immer es sein mochte, es konnte jedenfalls nicht so faszinierend sein wie dieser Austausch mit Beck. Bruno sah sie noch einen Moment länger an, bevor er wieder zurück zu seinem Platz ging.

„Die Leute erzählen jetzt von Erlebnissen, die sie mit Miss Everleigh gehabt haben“, flüsterte seine Mutter. „Du solltest auch etwas sagen.“

„Nein danke. Ich bin eher der Typ hinter den Kulissen.“

„Mit wem hast du denn da gerade gesprochen?“

„Mit Beck Holiday.“

Da bekam seine Mutter ganz große Augen und schaute an ihm vorbei nach hinten. „Meine Güte, von den Holidays habe ich seit 2001 niemanden mehr gesehen. Schrecklich, das mit Dale. Ist sie das da?“

„Starr sie nicht so an.“

Seine Mutter zog eine Augenbraue hoch und stupste Bruno an. „Die hat sich aber gut gemacht.“

Pastor Oliver ging mit dem Mikrofon im Raum umher, während Dutzende von Trauergästen aufzeigten, weil sie etwas sagen wollten.

„Trilby, ich weiß, dass du etwas zu erzählen hast“, sagte der Pastor und übergab das Mikro an Trilby Thomas.

„Ich werde versuchen, mich kurz zu fassen“, sagte sie und wischte sich die Augen. „Mein Mann und ich waren ungefähr zehn Jahre verheiratet, als wir irgendwann gemerkt haben, dass wir nur noch stritten, und zwar über alles. Ich habe damals gedacht, dass unsere Ehe mit einer Scheidung enden würde. An einem Abend nach einem besonders schlimmen Streit habe ich mich ins Auto gesetzt und bin einfach in der Gegend herumgefahren, aber schon nach kurzer Zeit fand ich mich in der Memory Road wieder, bei Miss Everleighs Haus. Es goss in Strömen, aber sie muss die Scheinwerfer meines Wagens gesehen haben, denn sie kam mit einem Schirm angerannt und lud mich auf einen Tee ein. Es war, als hätte sie gewusst, dass ich komme. Sie hat mir zugehört, als ich ihr schluchzend erzählt habe, was los war, betete dann mit mir, und hat mich danach wieder nach Hause geschickt mit den Worten: ,So, und jetzt denk daran, dass du kein kleines Schulmädchen mehr bist, sondern eine erwachsene Frau, also benimm dich auch so. Finde eine Lösung und sei nicht so egoistisch.‘“ Viele Köpfe nickten und es war leises Lachen zu hören. „Wie ich sehe, bin ich nicht die Einzige, die diesen Rat bekommen hat. Ich bin also nach Hause gefahren und habe das Problem mit meinem Mann gelöst. Ich werde ewig für ihren Rat, ihre Stärke und ihre Gebete dankbar sein.“

Es war leiser Applaus zu hören, als Trilby sich wieder setzte und das Mikro an Scott Harrell weitergereicht wurde. Bruno drehte sich zu Beck um, die tatsächlich immer noch ein kleines Stückchen vor der Eingangstür stand.

Und dann stand Pastor Oliver plötzlich neben ihm. „Bruno Endicott, warum erzählst du uns nicht auch etwas über Miss Everleigh? Sie war doch deine Nachbarin und Adoptivoma.“

Seine Mutter stupste ihn an als Zeichen, dass er aufstehen solle, und dann drückte ihm der Pastor auch schon das Mikro in die Hand.

„Also …“, sagte er und schaute in den überfüllten Raum. „Wie Pastor Oliver schon ganz richtig festgestellt hat, war Miss Everleigh unsere Nachbarin und meine Adoptivoma.“ Er warf einen schnellen Bick zu Beck. An ihrer Haltung war nichts weicher geworden, und es waren bei ihr auch sonst keine Gefühle für die Frau zu erkennen, der hier die letzte Ehre erwiesen wurde. „Ich habe viel Zeit bei ihr zu Hause verbracht, wenn meine Mutter arbeiten musste. Äh …“ Er holte Luft, sammelte sich, weil seine Gefühle über ihm zusammenschlugen, und versuchte, an eine Geschichte zu denken, die die Leute zum Lachen und nicht zum Weinen bringen würde. Doch alles, was er vor seinem inneren Auge sah, war das liebe, runzelige Gesicht von Miss Everleigh. „Bei ihr war man gut aufgehoben. Sie war warmherzig und voller Mitgefühl und sie machte die besten Chocolate Chip Cookies in der ganzen Stadt.“ Überall wurde zustimmend genickt. „In einem Jahr haben Beck Holiday und ich …“, er deutete nach hinten zur Tür und alle Köpfe drehten sich um, „… einmal fünf Packungen Eis am Stiel verdrückt, damit wir genug Eisstiele für die Ferien-Bibelschule zum Basteln hatten.“ Ihm kamen die Tränen und gleichzeitig musste er bei der Erinnerung schmunzeln. „Miss Everleigh hat über Jesus gesprochen als wäre er jetzt da. Lebendig.“ Er konnte das Beben in seiner Stimme nicht unterdrücken. „Ich war fünfzehn, als mein Vater starb, und als ich es erfahren habe, bin ich aus unserem Haus gestürmt, wütend und völlig durcheinander, und ich weiß auch nicht, wie es kam, aber plötzlich war sie da“ – er schaute zu Trilby – „so als hätte sie es gewusst. Ich habe an ihrer Schulter Rotz und Wasser geheult. Sie hat mir damals gesagt, dass Jesus mich lieb hat und dass ich einen Vater im Himmel habe. Nie werde ich vergessen, wie sich ihre Umarmung angefühlt hat und was für einen Frieden sie ausstrahlte.“ Diese Erinnerung überraschte ihn. Seit siebzehn Jahren hatte er nicht über diesen Tag gesprochen. „Meine Mutter wusste nicht viel über das Leben von Miss Everleigh vor ihrer Zeit in Fernandina Beach, aber sie muss etwas sehr Heftiges erlebt haben, um einen solchen Frieden und so viel Einfühlungsvermögen zu haben. Ich hoffe, ich kann so leben, dass es sie stolz machen würde.“

Er gab Pastor Oliver das Mikro zurück und hatte sich durch sein eigenes Geständnis selbst überführt. So leben, dass …Wirklich? Wann denn? Wenn er ehrlich war, hatte er gar nicht vor, andere über sich selbst zu stellen.

Der Pastor räusperte sich und tätschelte Bruno die Schulter. Gut gemacht.

„Miss Ilene, ich weiß, dass Sie auch eine Geschichte zu erzählen haben …“

Während er sich hinsetzte, lief ihm eine kleine Träne die Wange hinunter, und seine Mutter drückte seine Hand.

Nach ein paar weiteren Zeugnissen kam der Sänger wieder aufs Podium und lud die Anwesenden ein, aufzustehen und mitzusingen.

„You’re a good, good Father.“

Bruno schloss die Augen und sang mit. Das war ein Bekenntnis, das er jetzt brauchte, eine Tatsache, die er für sich persönlich annehmen musste. Gott war wirklich ein guter Vater.

Als der letzte Ton verklang, drehte er sich noch einmal zu Beck um, aber sie war nicht mehr da, und er widerstand dem Drang, zur Tür zu rennen und auf der Straße nach ihr Ausschau zu halten.

Was auch immer passiert sein mochte, nachdem Dale gestorben war, es musste grauenhaft gewesen sein. Das harte Flackern in ihrem Blick sprach Bände.

Aber unter der Härte waren bestimmt auch noch Reste des sommersprossigen, fröhlich dreinblickenden Mädchens vorhanden, das völlig selbstvergessen durch Sonne und Wellen rannte; Reste des Mädchens, dem er das Surfen beigebracht hatte, dem er unter den Lichterketten beim Musikfestival den ersten Kuss gegeben hatte; und das ihn einfach so zum Lachen bringen konnte.

Würde er sie wiedersehen? Vielleicht war zu viel Zeit vergangen. So etwas passierte eben. Menschen veränderten sich und entfernten sich voneinander. Bruno hatte keine Ahnung, ob Beck Holiday überhaupt noch etwas mit dem Mädchen zu tun hatte, das er einmal geliebt hatte. Noch einmal schaute er zur Tür und dann in die verblassende Glut des orangeroten Sonnenuntergangs.

Sie war lange weg gewesen. Vielleicht war es gut, dass sie sich nicht mehr an ihn erinnerte. Welche Kindheitsträume er auch immer mit Beck Holiday gehabt haben mochte, sie gehörten der Vergangenheit an. Und es war besser, wenn es so blieb.

Darmowy fragment się skończył.

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Data wydania na Litres:
22 grudnia 2023
Objętość:
505 str. 9 ilustracji
ISBN:
9783961401604
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