Czytaj książkę: «Die Hochzeitskapelle»
Rachel
Hauck
Die
Hochzeits- kapelle
Roman
Aus dem Amerikanischen
von Anja Lerz

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
ISBN 978-3-86506-964-1
© 2017 der deutschsprachigen Ausgabe by Joh. Brendow & Sohn Verlag GmbH, Moers
Originaltitel: The Wedding Chapel
Erschienen im Mai 2014 bei Zondervan, Grand Rapids, Michigan 49530, USA
Copyright © 2014 by Rachel Hauck
Aus dem Amerikanischen übersetzt von Anja Lerz
Einbandgestaltung: Brendow Verlag, Moers
Titelfoto: fotolia Daniel Jędzura
Satz: Brendow Web & Print, Moers
E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH 2017
www.brendow-verlag.de

Inhalt
Cover
Titel
Impressum
Kapitel Eins
Kapitel Zwei
Kapitel Drei
Kapitel Vier
Kapitel Fünf
Kapitel Sechs
Kapitel Sieben
Kapitel Acht
Kapitel Neun
Kapitel Zehn
Kapitel Elf
Kapitel Zwölf
Kapitel Dreizehn
Kapitel Vierzehn
Kapitel Fünfzehn
Kapitel Sechzehn
Kapitel Siebzehn
Kapitel Achtzehn
Kapitel Neunzehn
Kapitel Zwanzig
Kapitel Einundzwanzig
Kapitel Zweiundzwanzig
Kapitel Dreiundzwanzig
Kapitel Vierundzwanzig
Kapitel Fünfundzwanzig
Kapitel Sechsundzwanzig
Kapitel Siebenundzwanzig
Kapitel Achtundzwanzig
Kapitel Neunundzwanzig
Epilog

Kapitel Eins
JIMMY
Heart’s Bend, Tennessee
Juli 1948
Jimmys Reise begann mit einer Fotografie. Einer Fotografie, auf der eines von zwei Mädchen zu sehen war, das neben einer schlanken Braut stand und ein kleines Blumensträußchen in der Hand hielt. Der Schatten der Kirche lag auf ihrem Gesicht.
„Meine Kusinen.“ Clem seufzte tief und setzte sich auf das brandneue Sofa der Familie. „Aus Großbritannien.“
„Alle drei?“ Jimmy blieb wie angewurzelt in dem warmen Fleck aus Sonnenlicht stehen, der durch das Fenster fiel, als Clem ihm das Bild reichte.
„Neeein, um Himmels willen. Nur die beiden Blumenmädchen oder Brautjungfern oder wie man das nun nennt. Die kommen hierher, um bei uns zu leben.“ Clem pfiff leise und sackte in den Sofapolstern in sich zusammen. Sein dunkles Haar trug er in einem raspelkurzen Militärschnitt. „Wenn die alle drei hier wohnen sollten, müsste ich ausziehen. Und du weißt, dass Mama nicht mitspielen würde, wenn sie sich von ihrem kleinen Jungen trennen müsste.“
Jimmys Augen wurden feucht. Mist. Er war zu alt für Tränen. Er räusperte sich und sagte dann: „Sie würde dich aufspüren und holen kommen.“
„Was du nicht sagst.“ Clem machte ein ironisches Gesicht, aber Jimmy wusste, dass sich ihre Witzeleien haarscharf an der Wahrheit entlangtasteten. Clem war inzwischen Mamas einziger Sohn. Der große Bruder Ted war nur eine Woche nach seinem zwanzigsten Geburtstag auf Iwojima gestorben. Seitdem war die Familie nicht mehr dieselbe.
Obwohl seit der Ankunft des Telegramms über drei Jahre vergangen waren, spürte Jimmys Seele noch die Echos von Mrs. Clemsons Wehklagen, als ihr Mann ihr die Nachricht vorlas. Jeder in Heart’s Bend hatte Ted geliebt. Das war keine Übertreibung. Während seiner Trauerfeier kam die ganze Stadt zum Erliegen.
Jimmy fuhr herum und warf einen Blick auf die Treppe. Ganz kurz bildete er sich ein, die donnernden Schritte Teds gehört zu haben.
„Kommt schon, ihr Faulpelze, lasst uns ein Spiel spielen. Jim, bleibst du zum Essen? Mum, deck mal gleich für ihn mit …“
„… aber was soll man denn schon machen?“ Clems Frage holte Jimmy aus den Schatten zurück. „Sie haben ja alles verloren im Krieg. Ihre Leute, ihr Zuhause …“
Richtig. Die Kusinen. Jimmy betrachtete das Foto noch einmal. „Sie sind Waisen?“ Sein Herz zog sich verständnisvoll zusammen.
„Jaaaawollja, und sie kommen hierher, um hier zu leben.“ Clem beugte sich zum Radioapparat und drehte die Lautstärke höher. Doris Days samtweiche Stimme ließ das Sonnenlicht heller strahlen.
„Gonna make a sentimental journey to renew old memories“ … eine kleine Reise in die Vergangenheit, um alte Erinnerungen wieder aufzufrischen. Na, das passte ja.
„Warum zeigst du mir das eigentlich?“ Jimmy hielt das Bild hoch. Wollte Clem, dass er irgendetwas aus den schwarzweißen Schatten herauslas? „Könnte doch ganz nett sein, ein paar mehr Leute hier zu haben. Dann ist es im Haus nicht mehr so …“
Einsam. Das wollte er eigentlich sagen, aber es klang doch allzu traurig in seinen Ohren. Wenn Jimmy sich mit irgendetwas auskannte, dann war es Einsamkeit: die leeren Schatten eines dunklen Hauses, das Frösteln, wenn man in eine kalte Küche kam, der ohrenbetäubende Lärm der Stille.
„Einsam?“ Clem machte ein abwehrendes Geräusch und winkte ab. „Wovon redest du? Ich habe hier gerade alles so, wie ich es möchte. Das ganze Obergeschoss habe ich für mich.“ Er zeigte zur Treppe und mimte mehr Protest, als Jimmy ihm abkaufte. „Jetzt werde ich Mädchen dahaben, die ihre Strümpfe und sonst was im Bad aufhängen – in meinem Badezimmer – und ihren Puder und ihr Rougezeugs auf dem ganzen Waschbecken verteilen.“
„Mädchen verteilen Puder auf dem Waschbecken?“
Clem setzte sich aufrecht hin und wies mit dem Daumen über die Schulter grob in Richtung des Nachbarhauses. „Bradley hat mir alles darüber erzählt, wie es so ist, mit Schwestern.“ Clem schüttelte den Kopf. „Gerade, als wir dachten, der Krieg sei vorbei und alles würde langsam normal werden, müssen auch noch Mädchen bei mir einziehen.“
„Riesending, echt. Na und? Dann backen die vielleicht mal was. Ich wette, die machen den Abwasch und putzen und so.“ Jedenfalls hatte er gehört, dass Frauenzimmer so etwas in der Regel taten. Aber im Männerhaushalt der Westbrooks übernahm Jimmy die meisten der „Frauenarbeiten“.
„Ich würde von Herzen gern den Abwasch übernehmen, wenn ich dann weiter das Obergeschoss für mich haben dürfte.“ Clem schaute weg. Es glänzte verdächtig in seinen Augen.
„Ich würde auch nicht wollen, dass jemand Teds Platz einnimmt, wenn ich du wäre“, sagte Jimmy leise, sah sich ein letztes Mal die Kusinen an und gab das Foto zurück.
Clem nahm das Bild, fuhr sich mit dem Handballen über die Augen und warf den Abzug mit einem letzten Blick auf den Couchtisch.
„Ich kann einfach nicht damit aufhören, ihn zu vermissen.“
„Ja. Das geht mir auch so.“
Aber Jimmys Bauchgefühl sagte ihm, dass Albert „Clem“ Clemson, sein bester Freund seit der zweiten Klasse, falschlag, was diese beiden Mädchen anging. Sie waren etwas Besonderes. Er wusste nicht, wie oder warum, nur, dass sie mehr waren als Puder verstreuende Unannehmlichkeiten.
Außerdem waren sie hübsch. Vor allem die ganz rechts mit ihrem süßen herzförmigen Gesicht und der Lockenmähne.
Jimmy erkannte ihren Blick wieder, wie sie die Augen so zusammenkniff, um im Gegenlicht zur Kamera hinzuschauen. Es war der traurige Blick derer, die ein Elternteil verloren hatten. Und er wusste nur allzu gut, wie sich das anfühlte.
„Wenn die die Hausarbeit übernehmen, weißt du, was das dann heißt? Dad wird mich mehr Stunden im Laden schieben lassen.“ Clem hatte nicht vor, sich trösten zu lassen. Störrisch schob er das Kinn vor. „Habe ich dir erzählt, dass er kurz davor ist, in Ashland City eine dritte Filiale zu eröffnen?“
„Wie heißt sie?“ Die Worte sprudelten ohne Jimmys Einverständnis heraus, schlüpften ihm über die Lippen. Aber da waren sie, hingen in der Luft. Er ließ sich in Mr. Clemsons schwer benutzten Sessel fallen. Das Bild des Mädchens mit den Locken und dem sanften Blick brachte ihn dazu, dass er sich ganz heiß und flatterig fühlte.
„Die Filiale?“ Clem verzog den Mund.
„Nein …“ Jimmy schnitt eine Grimasse. „Die – die Kusine. Kusinen.“ Es war schwierig, sich beiläufig zu geben, wo doch sein Herz seine Stimme ganz zitterig werden ließ.
„Welche?“ Clem griff nach dem Foto auf dem Couchtisch und betrachtete Jimmy einen Moment lang.
Jimmy senkte den Kopf, hatte Angst, sich verraten zu haben. Er spürte, wie ihm die Röte in die Wangen stieg. Wenn Clem den Jungs etwas erzählte …
„Ähm.“ Er räusperte sich und stand auf. „Na, beide, meine ich. Mann, ist das heiß hier drin.“ Jimmy sah zum Fenster, das vom Sommerlicht hell erleuchtet war.
„Spielt eh keine Rolle, weil ich die Namen gar nicht weiß.“ Clem sprang auf und griff nach dem Football, der zwischen Couch und Beistelltisch eingeklemmt war. „Lass uns mal ein Spiel zusammenkriegen. Wir brauchen Übung.“
„Du weißt nicht, wie deine Kusinen heißen?“
Jimmy hatte eine Kusine, April Raney. Die war zwar jetzt weg, auf dem College, aber wenn er sich so etwas wie ein Geschwisterkind vorstellte, kam sie der Sache am nächsten. Er mochte sie sehr und sparte jedes Jahr einen Teil seines Verdienstes, um ihr zum Geburtstag und zu Weihnachten ein Geschenk kaufen zu können.
„Warum sollte ich auch? Ich habe sie nie kennengelernt. Ihre Mutter ist … war … die Schwester meiner Mutter, aber die beiden haben sich in den letzten zwanzig Jahren nur ein einziges Mal gesehen. Als Mama nach Großbritannien gegangen ist.“ Clem warf den Football von einer Hand in die andere und tat dann so, als wollte er ihn Jimmy zuspielen. „Mama sagt, sie werden in unsere Klasse gehen.“
„Sind sie Zwillinge?“ Jimmy beugte sich vor, um das Bild mit zusammengekniffenen Augen zu studieren, wobei ihm mehr daran gelegen war, sich das Gesicht des lockigen Mädchens einzuprägen. Er nahm den Abzug und drehte ihn um. Vielleicht stand ihr Name ja auf der Rückseite. Aber der einzige Druck darauf war das Datum. „Mai 1948“.
„Nein, keine Zwillinge. So viel weiß ich. Nur in derselben Klasse. Das hat wohl mit dem Krieg und der Landverschickung zu tun. Danach sind sie verwaist.“ Clem warf den Ball zur Decke und sprang hoch, um ihn wieder zu fangen, während er langsam zur Tür ging. „Lass uns rausgehen, Westbrook. Ich hole Bradley. Spice können wir unterwegs mitnehmen.“
„Ich komme schon.“ Jimmy legte das Foto auf den Tisch, als eine Brise durch die Tür wehte und das Bild über die glatte Oberfläche pustete, bis es bei Mrs. Clemsons Zeitungsstapel liegen blieb.
Ich kann es kaum erwarten, dich kennenzulernen.
Draußen sprang Clem von der Veranda. Den Ball hatte er unter den einen Arm geklemmt, mit der anderen Hand klatschte er auf das Treppengeländer. „Braaaaadleeeey Green, wir starten ein Spiel. Wir müssen üben, wenn wir in die erste Mannschaft wollen. Lass uns anfangen. Heute Nachmittag muss ich arbeiten, also heißt es jetzt oder nie.“
Jimmy folgte ihm. Er sprang auf den Rasen hinunter und versuchte, die seltsamen Gefühle in seiner Brust loszuwerden. Nun komm schon klar. Es ist doch nur ein Foto. Aber verflixt nochmal, Clems dämliche Kusine brachte ihn dazu, dass er sie in den Arm nehmen, sie beschützen wollte. Er hatte sich immer versprochen, dass er sich nicht wegen eines Mädchens blamieren würde. Von Dad hatte er nur zu gut gelernt, dass Frauen die Mühe nicht wert waren.
Sein alter Pop drückte sich ziemlich deutlich darüber aus, dass es einem Mann eine Menge Sorgen bescheren konnte, eine Frau zu lieben. Und sein Vater war ein Pfundskerl, der die Wahrheit sagte.
Außerdem, was wusste Jimmy schon von Mädchen? Nichts. Von Nana und April abgesehen, hatte er mit Frauen absolut keine Erfahrung.
Bradley kam aus seinem Haus herausgerannt und band sich noch schnell die Turnschuhe. „Ich habe Spice angerufen“, sagte er.
Tatsächlich kam auf der anderen Straßenseite drei Häuser weiter Spice Keating herausgeeilt. Sein Alter war ein Säufer, ein ziemlich grober sogar. Aber Spice selbst bestand nur aus Charme und Lächeln.
Jimmy wusste nicht, wie er das machte.
„Coach sagte, wir dürfen bei der Schule trainieren, wenn wir versprechen, den Boden nicht zu ruinieren“, sagte Clem, der rückwärtsging und Jimmy den Ball zuwarf.
Aber Jimmy verfehlte den Ball. Er verfehlte ihn. Der Ball glitt ihm durch die Hände und fiel zu Boden.
„So willst du also im Herbst spielen, Westbrook?“
„Halt die Klappe, Clem.“ Jimmy hob irritiert den Ball auf, rannte mitten auf der Fahrbahn die Straße hinunter und spielte ihn seinem Quarterback zurück. „Sieh zu, dass du ihn vernünftig zu mir wirfst, dann kriege ich den auch.“
Da konnte man sehen, was Mädchen anrichteten. Er war jetzt schon abgelenkt, und dabei hatte er sie noch nicht einmal getroffen. Das war das Ärgerliche mit Mädchen. Die konnten einen Mann in allerlei Hinsicht ruinieren, ihn demütigen.
„Hey, Kumpels“, sagte Jimmy mit einem spöttischen Unterton. „Bei Clem ziehen Mädchen ein.“
„Mädchen? Welche Sorte Mädchen?“
„Westbrook, du alter Schwätzer.“ Clem schoss Jimmy den Ball zu.
„Ach, was hast du denn? Früher oder später finden sie es sowieso heraus.“ Jimmy fing den Ball und rempelte Spice an. „Was meinst du mit ,welche Sorte‘? Gibt’s mehr als eine?“
„Ja, na klar. Hübsche und hässliche.“ Spice lachte, rangelte mit Jimmy, griff nach dem Ball. Er grinste frech, und sein dunkles Haar hing ihm in die Augen. „Also welche jetzt? Hübsch oder hässlich?“
„Ja, Jimmy“, stimmte Clem ein. „Welche denn jetzt?“
„Es sind doch deine Kusinen.“ Jimmy warf den Ball zu Bradley, der ihn fallen ließ.
„Na und?“ Clem sammelte den Ball auf, wirbelte herum und verfehlte knapp Mrs. Grove, die in ihrem großen neuen Cadillac um die Ecke bog. „Juckt mich nicht.“
„Schönes Auto, Mrs. Grove.“ Ob jung, ob alt, Spice versuchte immer, alle zu bezaubern. „Egal, wir könnten hier jedenfalls ganz gut ein paar neue Mädchen gebrauchen. Hübsche.“ Er sah zu Mrs. Groves Auffahrt. „Und junge auch.“
„Na ja, wenn du mal damit aufhören würdest, andauernd mit allen anzubandeln und sie dann sitzenzulassen, hättest du mehr Auswahl.“ Jimmy rannte ein längeres Stück, um Clems Pass zu erwischen, fing den Ball während des Rennens und spürte seinen permanenten Groll gegen Spice in sich. Sie waren zwar Freunde, aber letztes Jahr hatte Spice ganz genau gewusst, dass Jimmy ein Auge auf Rebekah Gunter geworfen hatte. Er drängte sich trotzdem dazwischen, obwohl er nicht vorhatte, je wirklich mit ihr zu gehen. Für ihn war die Liebe nur ein Spiel.
„Ach, jetzt sei nicht so sauer. Du weißt selbst, dass du nie die Eier gehabt hättest, um dich mit Bekah zu verabreden.“
„Nimm das zurück, Keating.“ Jimmy rempelte ihn an, hart.
„Da sieht man’s wieder, Mädchen machen nur Ärger.“ Clem ging dazwischen und schwenkte den Ball. „Konzentriert euch. Wir müssen eine Saison gewinnen. Wisst ihr noch: der Tailback aus Memphis, der letztes Jahr unsere D-Line durchbrochen hat? Ich habe gehört, der hat im Frühling dreihundert Pfund gestemmt.“
Bradley stöhnte. Er war Abwehrspieler, ein Defensive Lineman.
„Ja, wir haben noch einiges vor uns.“ Clem sprintete vorwärts, fuhr herum und schickte den Ball dann in einem hohen Bogen zu Jimmy. Mann, der konnte werfen. Jimmy fing und überrannte Bradleys weiche Blockade.
Wenn alles lief wie geplant, würde Clem als Quarterback anfangen und Jimmy als Halfback. Sie waren Nachwuchsspieler, aber immerhin die besten für die Aufgabe. Das hofften sie jedenfalls.
Die Sonne stand hoch am klaren blauen Himmel, als Jimmy mit dem Ball unterm Arm die Straße verließ und eine Abkürzung durch Mrs. Whitakers Hinterhof nahm, wo Spice die Katze der alten Dame einen Baum hinaufjagte.
Jimmy rannte vorweg, den Footballplatz schon im Blick. Clem war knapp hinter ihm, Spice und Bradley liefen am Ende.
Als er die Zielmarke überschritt, warf er den Ball mit Wucht auf den Boden.
Ja, genau das war es, was er brauchte, um den Kopf freizubekommen. Auf dem Platz sein. Sich auf die Saison freuen. Sich auf seine Ziele konzentrieren.
Dad freute sich schon auf den Saisonbeginn seines Jungen, und Jimmy wollte ihn nicht enttäuschen. Er gab vor seinen Arbeitskollegen gerne mit seinem talentierten Sohn an.
Jimmy würde seinen Vater stolz machen. Er würde nicht zulassen, dass ihn ein Mädchen davon abhielt.
Doch als er sich für ihren ersten Spielzug hinter Clem stellte, hörte er in seinen Ohren sein Herz schlagen. Und das kam nicht daher, dass er mit seinen Freunden ein Wettrennen gemacht hatte, sondern lag einzig und allein an dem Bild des Mädchens auf der Fotografie, das ihm immer noch vor Augen stand.

Kapitel Zwei
TAYLOR
Brooklyn Heights, New York
16. September 2015
Freudig blickte Taylor auf, als sie seinen Schlüssel in der Tür hörte. Jack war zu Hause.
Ihre bildschirmmüden Augen stellten sich auf die dunklen Schatten ein, die ihre Wohnung im dritten Stock füllten. Das gedämpfte Licht der Straßenlaternen Brooklyns fiel durch die Fenster.
„Schau, Hops, das ist eine Spitzenkampagne. Lass uns einfach die Präsentation machen und hören, was sie sagen.“ Jack bewegte sich mit dem Telefon am Ohr durch die Wohnung.
„Hallo“, sagte Taylor beim Aufstehen und strich sich das Haar glatt. Sie war ganz steif vom vielen Sitzen. Jetzt, wo ihr Mann zu Hause war, sehnte sie sich nach seiner Aufmerksamkeit.
Ihr Mann. Ehemann. Jetzt schon seit einem halben Jahr, und immer noch klang das Wort so fremd.
Aber Jack ging zum Schlafzimmer, ohne innezuhalten oder auch nur in ihre Richtung zu nicken. Seine Laptoptasche hing ihm über die Schulter, und mit seiner breitschultrigen, muskulösen Gegenwart und dem ausgeprägten Selbstbewusstsein strahlte er ein eigenes Licht aus, mit dem er die trübe Wohnung durchflutete.
Taylor sank zurück auf ihren Stuhl. Der Schmerz in ihren Muskeln kroch in ihr Herz. Wenn er sie gar nicht hierhaben wollte, warum hatte er ihr dann überhaupt einen Antrag gemacht?
Noch viel verwirrender war allerdings die Frage, warum um alles in der Welt sie Ja gesagt hatte?
Sie saß da, mit den Fingern auf der Tastatur im Anschlag. Das Licht ihrer Schreibtischlampe glitzerte auf ihrem Ehering, dem in Platin gefassten Symbol der Verpflichtung, die sie im Wohnwagenpark eingegangen waren.
Am Anfang war es ihr lieber gewesen, die Sache frei und unverbindlich zu halten. Der Wirbelsturm ihrer Romanze hatte sie in den siebten Himmel versetzt, einen Ort, von dem sie nie wieder wegwollte.
Aber nachdem sie erst miteinander nach Martha’s Vineyard gefahren, spontan geheiratet hatten und dann wieder nach Hause gekommen waren, sank sie langsam wieder zur Erde hinab, ließ Sterne und Mond hinter sich. Die Jahreszeiten wechselten – aus Frühling wurde Sommer, der Sommer wich inzwischen langsam dem Herbst –, und Taylor spürte, wie ihre Liebe verblasste und welkte.
In letzter Zeit stritten sie häufig, oft wegen des Geldes. Sie behauptete, er gebe zu viel aus. Er bezeichnete sie als kleinlich. Aber er hatte mehr Schuhe als sie, und seine Kleider beanspruchten zwei Drittel des Kleiderschranks und eine ganze Kommode.
Mit einem Seufzer wandte sich Taylor wieder dem Foto zu, das sie auf dem Bildschirm bearbeitete. Ausgerechnet ein Hochzeitskleid, das sie für eine junge Designerin fotografiert hatte. Die Abzüge waren morgen fällig.
Das Retuschieren ging ihr in die Knochen. Sämtliche Kleider hatten Schmutz am Saum, weil sie draußen fotografiert hatten. Die letzten zehn Stunden hatte sie damit zugebracht, auf jedem Foto Licht und Schatten zu optimieren, die Szenerie, die Models, die Kleider – und zu guter Letzt damit, braune Flecken weiß zu machen.
Nach ein paar Sekunden verlor Taylor die Konzentration. Sie lehnte sich zurück und sah nach der Zeit. Zehn Uhr.
„Hast du Hunger, Jack?“, rief sie zum Schlafzimmer, wartete, lauschte.
Sie hatte ihren knurrenden Magen ignoriert und die Essenspausen übersprungen, war fest entschlossen, diesen Job zu erledigen.
Wenn sie ihren Ruf als Werbefotografin festigen wollte, musste sie ausgezeichnete Arbeit abliefern, und zwar pünktlich.
„Jack?“
Die Tür des begehbaren Kleiderschranks fiel ins Schloss, sonst kam keine Antwort. Na gut, dann wieder an die Arbeit. Noch drei Kleider und fertig.
Taylor atmete tief ein, kauerte sich auf ihrem Stuhl zusammen und zwang sich, weiterzumachen.
Gleich nach ihrer Spontanheirat mit Jack hatte sie ihren ersten Werbekunden an Land gezogen: Melinda House Weddings war eine europäische Designerin und berühmt dafür, die Großherzogin von Hessenberg, Prinzessin Regina, auszustatten.
Jack Forester und Melinda House in ein und demselben Monat für sich gewinnen zu können? Ein Glückstreffer. Traumhaft.
„Was machst du?“ Jack betrat das Zimmer und warf sich aufs Sofa, wo er nach der Fernbedienung griff. Er sah aus, als wollte er zum Sport, trug Basketballshorts und ein übergroßes T-Shirt von der Ohio State National Championship.
„Arbeiten …“ Kein Kuss. Kein zärtliches Hallo. Kein schmachtender Blick wie in den guten alten Zeiten – die Zeit von vor einem halben Jahr fühlte sich an wie „gute alte Zeiten“. „Hast du Hunger?“
„Nein, ich habe bei der Arbeit gegessen. Ist das der Auftrag für Melinda House?“
„Ja, die Säume sind dreckig. Ich habe ihr gleich gesagt, dass das passieren würde, aber sie hat darauf bestanden, draußen zu arbeiten.“ Was dazu geführt hatte, dass Taylor und ihre Assistentin Addison eine anstrengende, aber auch irgendwie berauschende Fahrt durch die ganze Stadt gemacht hatten.
„Übrigens hat mich Keri heute angeschrieben. Sie fragt sich, ob du bald mit ihrer Hochzeit fertig bist.“
„Warum schreibt sie denn dir? Sie hat meine Nummer …“ Taylor beugte sich über das Bild auf dem Monitor. Warum bestand Keri darauf, Jack unnötigerweise als Mittelsmann zu benutzen?
„Reg dich nicht auf, ich frage ja nur.“
„Ich habe ihr doch gesagt, Ende des Monats.“ Ende des Monats sind die Fotos so weit … hundert Mal hatte sie es gesagt.
„Schön, dann schreib ihr doch eine SMS oder eine E-Mail. Sie kann es kaum erwarten, ihre Fotos zu bekommen. Das kann man ihr nicht verübeln.“
„Nein, das nicht. Jede Frau hat das Recht, in Erinnerungen an ihre Hochzeit zu schwelgen.“
Die einzigen Fotos, die sie von ihrer eigenen Hochzeit besaß, hatte der Standesbeamte mit ihrem iPhone gemacht. Sie hatte nicht einmal daran gedacht, ihre Canon zu der Zeremonie mitzunehmen.
So verliebt war sie in Jack gewesen. Verrückt. Vergesslich. Spontan.
Keris Hochzeit hatte sie eigentlich gar nicht fotografieren wollen, weil der Auftrag nicht zu dem Portfolio beitragen würde, das Taylor aufbauen wollte. Aber Keri war eine Freundin von Jack, seine ehemalige Kundin und möglicherweise auch Ex-Freundin, obwohl Taylor sich nicht so sicher war, was den letzten Punkt anging. Egal, sie würde jedenfalls fast alles für Jack tun.
Sie hatte ihn sogar geheiratet, obwohl sie nichts vom Heiraten hielt.
Er war ihr Schwachpunkt. Er war ihr Schlussverkauf im Schuhgeschäft, ihre Schokoladentafel, ihr großes Eis (mit Sahne) an einem heißen Sommertag, ihr fleischgewordener Highschoolschwarm.
Sie hatte gar nicht gewusst, dass er in Manhattan war, bis sie an jenem kalten Januartag im wahrsten Sinn des Wortes in ihn hineingerannt war, als sie um die Ecke Madison/67. bog. Sie hatte gerade einen Auftrag abgeschlossen und fand, ein Besuch in Tory Burchs exklusiver Boutique wäre eine nette Belohnung.
Nicht, dass sie das Geld gehabt hätte, um bei Tory Burch einzukaufen, aber Bummeln und Träumen schadeten nie. Auf dem Nachhauseweg würde sie sich einen Caffé Latte gönnen, als echte Belohnung.
Stattdessen entdeckte sie Jack. So viel besser, als Kleider anzuschmachten, die sie sich sowieso nicht leisten konnte. Ja, das war’s. Einen Mann anzuschmachten, den sie sich genauso wenig leisten konnte, aber aus irgendeinem Grund war ihre Gefühlsbank bereit, eine Investition in Jack Forester zu riskieren.
Zuerst war da einfach nur ein großes Hallo gewesen. Zwei Freunde aus Heart’s Bend, Tennessee, im großen Big Apple.
Dann Abendessen, gefolgt von einem Mittagessen, dann wieder Abendessen. Acht Wochen später hatte er ihr am Strand von Martha’s Vineyard die zwei betörenden Worte ins Ort geflüstert: „Heirate mich.“ Kein Zögern. „Ja.“
Mit müden, brennenden Augen schloss Taylor den Laptop. Sie würde am Morgen fertigwerden und die Fotos immer noch pünktlich an Melinda schicken. „Ge-gehst du aus?“
Jack warf ihr einen Blick zu und schaute dann wieder zum Fernseher, wo er beim Sportkanal gelandet war. „Ja. Aaron hat angerufen, er wollte Basketball spielen.“
„Jetzt?“
„Es war ein langer Tag. Ich muss ein bisschen Energie abbauen. Hops ist ganz aufgeregt wegen der FRESH-Water-Geschichte.“
Jack war Aufsteiger in der Werbewelt New Yorks. Ad Age nannte ihn den „Betörer“. Seine Arbeit an einem Super Bowl-Werbespot hatte seiner Agentur den ersten CLIO Award eingebracht.
„Was ist denn da los mit FRESH Water?“
Sie hatte gewollt, dass Jack sie für eine FRESH-Kampagne empfahl. Aber sein Chef, Hops Williams, missbilligte Vetternwirtschaft. Da spielte es keine Rolle, wie gut Taylor war oder wie billig – zählte kostenlos überhaupt? Er ließ den Gedanken daran, dass die Frau seines besten Mannes für einen der Kunden arbeitete, nicht zu.
„Nichts, wir versuchen nur, alle Aspekte zu berücksichtigen.“
Nichts? Es fühlte sich nicht an wie nichts. „Hops regt sich auf wegen nichts?“
„Taylor –“ Jack stand auf und ging in die Küche. „Es ist nur die Arbeit.“ Er öffnete die Kühlschranktür.
Sie spürte all das sehr deutlich, empfand es als Zeichen dafür, dass ihre Beziehung im Sterben lag. Am Anfang hatten sie zusammen mit verschlungenen Armen und Beinen im Bett gelegen, während sie über ihre Arbeit sprachen, über ihre Träume, über die witzigen Stellen bei Jimmy Fallon. Dann waren sie Arm in Arm eingeschlafen. Aber jetzt gingen sie zu unterschiedlichen Zeiten zu Bett. Jack mauerte, was seine Arbeit anging, und wenn Taylor sich nicht verrechnet hatte, war es schon eine ganze Weile her, dass sie … nun ja … sich ineinander verschlungen hatten.
„Wie geht es Aarons Neugeborenem?“
Jack drehte den Deckel von einer Flasche Wasser, während er ins Wohnzimmer zurückkam, und lachte leise. „Was glaubst du, warum er mitten in der Nacht Basketball spielen will? Der muss Stress abbauen. Ich nehme an, das Ding hat Koliken oder zahnt oder was weiß ich.“
Das Ding? Eine der Grundsatzdiskussionen, die sie im Wirbel ihrer Gefühle ausgelassen hatten, war die Frage, wie viele Kinder sie haben wollten oder ob sie überhaupt welche wollten. Von seiner Standardantwort „Jetzt nicht“ einmal abgesehen, wusste Taylor nicht, was Jack von Familie hielt.
Und davon abgesehen, dass er seine eigene Familie verabscheute.
Taylor musterte ihn. Sie spürte ihr Herz in der Brust rasen. Sosehr sie es auch versuchte, sie schaffte es einfach nicht, ihre Ehe mit einem realistischen Blick zu betrachten. Jack zog sie immer noch in seinen Bann. Der bekümmerte, nachdenkliche, umwerfend gutaussehende Junge von der Highschool, der mit den verletzten, vernachlässigten Jugendlichen unterwegs war und trotzdem in allen Punkten herausragende Leistungen zeigte. Aus irgendeinem unbekannten, verstörenden Grund hatte sie den Wunsch, nein, das tiefe Bedürfnis, seine Aufmerksamkeit zu erhaschen und zu halten. Sie wollte ihn dazu bringen, sie anzulächeln, wegen ihr zu lächeln, für sie zu lächeln. Sie wünschte sich, in seinen Augen zu sehen, dass sie ihm etwas bedeutete, sein Leben vollständig machte.
„Warum musst du?“, fragte sie ohne Vorwarnung.
Jack schaute kurz zu ihr. „Was muss ich?“
„So … perfekt sein.“
„Perfekt?“ Er zog eine Grimasse und nahm einen Schluck Wasser. „Abgesehen davon, dass ich zu viel Geld ausgebe, meinst du?“
„Jack …“
„Ich bin entschlossen, zielstrebig, genau, vielleicht ein Perfektionist, aber wohl kaum perfekt.“ Noch ein Schluck Wasser. „Perfektion habe ich erst im Kalender stehen, wenn ich fünfundvierzig bin oder so.“ Er grinste und zwinkerte, und eine Hitzewelle überflutete Taylor. „Also entspann dich.“
Hinter seiner Stärke und seinem Selbstbewusstsein erhaschte Taylor einen Blick auf den Jungen aus Heart’s Bend, der mit Dämonen kämpfte, die nur er allein sehen konnte. Er hatte all seine Gaben und einzigartigen Talente darauf verwendet, sich selbst zu heilen; Taylor musste erst noch entscheiden, ob ihm seine Versuche tatsächlich dabei halfen, wieder heil zu werden, oder ob sie ihn nicht sogar noch mehr verwundeten.
War sein spontaner Heiratsantrag nur ein weiteres Heftpflaster für seine Wunden gewesen? Ein weiterer Versuch, seinen Schmerz zu vergessen? Waren sie zu ungestüm gewesen? Zu wollüstig? Von Sinnen?
Ganz zu schweigen davon, dass Jack jede Frau haben konnte, die er wollte. Betonung auf jede. Models. Schauspielerinnen. Schönheitsköniginnen. Sie hatte sich mal seine Freundesliste bei Facebook angeschaut.
Warum hatte er sich also gerade sie ausgesucht? Eine zu spät geborene Hippie-Fotografin. Aus der kleinen Stadt, die ihre gemeinsame Heimat war?
Drüben am Kühlschrank überprüfte Jack eine Schachtel übriggebliebenes chinesisches Essen.
„Haben wir noch etwas anderes als drei Tage alten gebratenen Reis?“ Er warf die kleine weiße Schachtel wie ein Basketballspieler in hohem Bogen in den Müll.
„Ich dachte, du hättest keinen Hunger.“ Taylor hielt ihre Stimme leise und nüchtern, versuchte, nicht defensiv zu klingen.
„Ich habe es mir anders überlegt. Wow, da haben wir nun also einen fünfzehnhundert Dollar teuren Kühlschrank mit nichts drin außer Essensresten.“
„Wir haben Milch“, sagte sie, ging zum Sofa und setzte sich neben die Stelle, wo er gesessen hatte. „Und Müsli.“
„Müsli?“ Sein schwerer Seufzer irritierte sie.
„Was?“
„Es ist nur einfach … Du bist doch tagsüber hier. Zu Hause. Ich dachte, du würdest dich um das Essen kümmern, um die Küche … ums Abendessen.“
„Mich ums Abendessen kümmern?“
„Du weißt, was ich meine.“
„Nein, das weiß ich nicht.“
„Es ist nur einfach … Du bist doch zu Hause.“
„Ich bin nicht nur einfach zu Hause. Ich arbeite.“ Sie wies auf ihren kleinen Bürobereich, den sie in einer Nische ihrer Wohnung eingerichtet hatte. Der Bereich war klein, aber sie hatte einen wahnsinnig tollen Ausblick auf den East River und das untere Ende Manhattans.
„Schön, aber können wir wenigstens hin und wieder hier aussortieren?“ Er warf mit großer Geste eine weitere Schachtel chinesisches Essen in den Mülleimer und knallte dann die Kühlschranktür zu.
„Können wir gerne, tu dir keinen Zwang an.“ Taylor griff nach der Fernbedienung und schaltete um. Unter ihrer Haut brodelte der Groll. Den ganzen Tag über war er weg, kam dann ohne ein einziges zärtliches Wort nach Hause, zog sich um, um Basketball spielen zu gehen, und kritisierte sie nebenbei für zu viele Essensreste.
Was lief denn um halb elf abends im Fernsehen? Irgendetwas Lustiges …
„Was hat es eigentlich mit dir und den Essenresten auf sich, so allgemein gesprochen, meine ich?“, fragte sie. „Ich wollte das doch schon vor zwei Tagen wegwerfen, und du hast gesagt, ich sollte es noch behalten.“ Sie landete bei der Wiederholung einer Sendung aus den Achtzigern. „Dann iss es doch jetzt, Jack.“
Er verschränkte die Arme und lehnte sich gegen den Tresen. „Ich sage doch nur, dass die Küche irgendwie dein Bereich ist.“
„Mein Bereich? Was ist denn dein Bereich? Mir zu sagen, was ich zu tun habe? Ich kümmere mich doch schon um das Putzen, die Wäsche, das Einkaufen und um andere Erledigungen.“
„Dein Zeitplan ist eben flexibler als meiner.“
„Das stimmt überhaupt nicht. Ich bin genauso beschäftigt wie du, und ich habe keine Riesenfirma, die mir dabei den Rücken stärkt. Wenn ich gerade keinen Auftrag habe, muss ich mir einen suchen. Wenn ich diesen Auftrag dann habe, muss ich das Studio buchen, Ausrüstung mieten, die Zeitplanung machen und die Auftragsliste anfertigen. Dann gehe ich an die Recherche, und zwar ohne fleißige Helfer, die mich dabei unterstützen.“
„Was ist denn mit Addison? Sie ist deine Assistentin. Ich habe eingewilligt, dass du sie aus unserer gemeinsamen Haushaltskasse bezahlen kannst.“
„Sagt der Mann mit den fünfundzwanzig Paar Schuhen.“
„Was haben denn jetzt meine Schuhe damit zu tun?“
„Deine Schuhe, deine Ausgaben … Und jetzt gehst du mich an, weil ich ein bisschen Geld in Anspruch nehme, um eine Assistentin zu bezahlen.“
„Und assistiert sie dir denn? Warum machst du die Retuschen bei den Fotos für Melinda House und nicht Addison?“
„Sie ist nicht so gut bei so was. Noch nicht.“
„Dann finde jemand, der das besser kann.“
„Was? Nein. Sie ist organisiert und hat einen Blick für Details, sie hält mich auf Spur.“
Sie war zu müde für all das. Und sie hatte dieses Karussell-Spiel so dermaßen satt. Du machst dies, ich mache das.
Jack zog eine Schublade auf, dann eine zweite und schob den Inhalt geräuschvoll hin und her. Alle paar Sekunden schoss er ihr einen Blick aus seinen knallblauen Augen zu. „Haben wir denn nicht einmal Stift und Zettel hier?“
Taylor zeigte auf den Stifteköcher neben dem Telefon. „Was hast du vor?“
„Ich mache eine Aufgabenliste.“
„Oh Jack, jetzt komm aber.“
„Komm aber, was? Ich habe dich schon verstanden. Wir müssen das ausgeglichener aufteilen. Lass uns auf die eine Seite Taylor schreiben und auf die andere Seite Jack.“
Warum machte er das? Taylor wollte durchs Zimmer stürmen, ihn am Arm packen und schütteln, wollte sagen: „Lass uns dort neu beginnen, wo wir angefangen haben, oder Schluss machen.“
Mit einer sarkastischen Geste fing Jack an, ihre zukünftigen Aufgaben aufzulisten. „Du machst … die Einkäufe, Putzen, Wäsche … Stimmt das? Habe ich jetzt alles?“
„Die Finanzen.“
„Ja, stimmt, natürlich. Die Budget-Gestapo.“
Taylors Augen wurden feucht. Er hatte sie gebeten, sich um die Finanzen zu kümmern, weil sie gut mit Zahlen umgehen konnte. Sie war gut darin, überflüssige Ausgaben zu begrenzen. Aber in letzter Zeit sprach er nicht einmal mehr über seine Ausgaben. Er reichte ihr nur noch die Quittungen.
„Ich kümmere mich um die chemische Reinigung …“, fing er an.
„Aber nur, weil du auf dieser blöden Reinigung bei deiner Arbeit bestehst. Die ist zu teuer, ehrlich.“
„… bringe den Müll raus, verdiene das Geld, das unseren Haushalt und deine Firma am Laufen hält …“
Taylor schoss vom Sofa hoch, schnappte ihm das Papier unter dem Stift weg und zerknüllte es. „Hör auf, hör einfach auf. Ich habe doch gesagt, dass ich dir Addisons Gehalt zurückzahle.“
„Habe ich dich darum gebeten, es zurückzuzahlen?“ Er bückte sich nach der zusammengeknüllten Liste. „Ich versuche nur, der großen Kluft zwischen unseren Verantwortlichkeiten auf die Spur zu kommen.“
„Warum sagst du dann ‚Ich verdiene das ganze Geld hier und halte deine Firma am Laufen‘?“
„Weil ich das nun eben mache. Ich weiß nicht, warum dich das so aufregt.“ Er pfefferte den Stift wieder in den Becher. „Ich habe nur einfach beschrieben …“
„Du hast mich auf meinen Platz verwiesen.“
„Und du hast mich nicht auf meinen Platz verwiesen? Ich verstehe schon, du hast keine Lust, dich ums Abendessen zu kümmern. Gut zu wissen. Ich sollte noch eine Liste machen. ,Dinge, über die man sprechen sollte, bevor man spontan jemanden heiratet.‘“
Da. Zweifel, offen geäußert. Sie hatte doch gewusst, dass er zweifelte. Hatte es gewusst. Was blieb ihr also anderes übrig, als ihr Herz wieder an die kurze Leine zu legen?
„Ich muss los und mich mit Aaron treffen.“ Jack verschwand in ihrem Zimmer und kehrte kurz darauf mit den Autoschlüsseln zurück. „Warte nicht auf mich.“ Er sah sich zu ihr um, als er nach der Türklinke griff, und etwas Weiches huschte über sein Gesicht. „Taylor, ich …“
„Ja?“ Ihr Herzschlag donnerte in ihren Ohren.
„Ich wollte nur sagen …“
Es klingelte an der Tür. Das übertölpelte Jack und beraubte den Augenblick seiner Intimität. Jack runzelte die Stirn und öffnete die Tür. „Wer klingelt denn noch um diese Zeit?“
Doug Voss stand auf der anderen Seite. Taylor atmete zitternd aus. Oh nein. Ihr großer Fehler. Der, dem sie entflohen war.
„Was machst du hier?“ Taylor bewegte sich auf die Tür zu, stand zwischen ihrer Gegenwart und ihrer Vergangenheit. Die Schatten im Zimmer kamen ihr auf einmal länger und dunkler vor.
Er lächelte sein perfektes, durchtriebenes Lächeln. „Ich war in der Nähe. Da dachte ich mir, besuche ich doch mal das junge Glück.“ Ohne weitere Einladung trat er über die Schwelle und sah sich im Zimmer um, als gehörte ihm die Wohnung.
„J-Jack, das … das ist Doug Voss.“
„Ich weiß, wer er ist“, sagte Jack und reichte dem Medienmogul die Hand zu einem steifen Handschlag. „Der Herausgeber von Gossip.“
„Dem Promi-Magazin Nummer eins, ganz genau. Was teilweise dieser jungen Dame hier zu verdanken ist.“ Doug zeigte auf Taylor, während er durch das Wohnzimmer schlenderte. „Nette Wohnung. Ganz erstaunlich, was aus diesen alten, sanierten Wohnungen herauszuholen ist.“
Alt. Saniert. Eine Herabsetzung.
„Noch mal, warum bist du hier?“
Dougs Blick streifte sie, während er sich vorbeugte und aus dem Fenster sah. „Hübscher Balkon. Tolle Aussicht über den Fluss.“
„Uns gefällt es“, erwiderte Jack, angespannt, misstrauisch. Mit seinem Tonfall markierte er sein Territorium.
„Kann ich dir was anbieten … Tee, Kaffee? Wasser?“ Taylor wechselte einen Blick mit Jack. Was? Ich weiß nicht, warum er hier ist. Sie fühlte sich zwischen Dougs Invasion und Jacks steinernem Blick gefangen.
„Nein, danke, nicht für mich.“ Doug musterte Jack. „Du spielst Basketball?“
„Ja, ein bisschen. Baut den …“
„… Stress ab. Das stimmt. Ich werfe hin und wieder selbst mal ein paar Körbe.“
„Doug, ich weiß doch, dass du nicht hierhergekommen bist, um mit Jack über Basketball zu sprechen.“ Seine Anwesenheit schien ihr anmaßend, schnüfflerisch, als wollte er mal nachschauen, wo Taylor gelandet war. Nun, das ging ihn nichts an.
„Ich brauche dich für einen Auftrag.“
„Ein Auftrag? Was für ein Auftrag?“ Für Doug und Gossip zu arbeiten hatte sie in Lohn und Brot gehalten, als sie vor anderthalb Jahren in die große Stadt gekommen war, hatte ihren Namen in Umlauf gebracht und die Rechnungen bezahlt. Aber das waren Jobs für Ruhm, nicht für Reichtum. So richtig Geld brachten die Werbeaufträge, wie sie von einer Agentur wie Jacks vergeben wurden.
„Keine Sorge, nicht noch ein Brandon-Coulter-Shoot.“
„Dem Himmel sei Dank. Das war mal ein echtes Vergnügen“, sagte sie. Der jugendliche Rocker war viel zu spät gekommen, mit glasigen Augen, verwaschener Stimme und fünf schönen, ausgesprochen dünnen Mädchen im Gefolge. Es hatte zwei Tage gedauert, bis Taylor das geschafft hatte, wofür sie sonst einen Tag benötigte.
„Oh, übrigens, sag mal, hat das mit der Sache von CBS geklappt?“, fragte Doug, der sie unverwandt ansah. „Ich habe ihnen gesagt, dass du die Beste bist.“
„Ja, hat geklappt. Morgen früh fotografiere ich das Ensemble von Morgen ist ein neuer Tag.“ Er markierte sein Territorium. Er zeigte Jack, dass er, der allmächtige Doug Voss, sich um sein Mädchen kümmerte. Aber sie war nicht mehr sein Mädchen.
„Ausgezeichnet. Siehst du, Süße, meine Unterstützung hast du.“
„Was hat es mit diesem CBS-Auftrag auf sich?“ Jack veränderte seine Haltung. „Bringt er Geld ein? Mir scheint, du vermittelst ihr vor allem Arbeit, die sie letzten Endes mehr Geld kostet als einbringt, Voss.“
„Ach ja, Ehemann und Agent, ich verstehe.“
„‚Ehemann‘ deckt es eigentlich im Wesentlichen ab, würde ich meinen.“
Doug zog eine Grimasse, wandte sich Taylor zu und verdrehte die Augen. Den Typen soll man mal verstehen. „Also, dann fotografierst du das Ensemble von Morgen ist ein neuer Tag.“
„Morgen früh, ja.“
„Und die Bezahlung stimmt? Ich habe denen gesagt, dass sie ordentlich was springen lassen sollen.“
„Besser als sonst oft.“ CBS wollte eine Fotostrecke mit den Schauspielerinnen und Schauspielern ihrer erfolgreichsten Seifenoper haben, die im 62. Ausstrahlungsjahr war und nun auf ihr Ende zuging. Das sollte gefeiert werden.
„Die letzte Folge wird Ende des Monats ausgestrahlt“, erklärte Taylor Jack. „Doug hat eine Exklusiv-Story für Gossip bekommen.“
„Sie haben Fans auf der ganzen Welt“, sagte Doug. „Gossip wird diese Sonderausgabe in vierzig Sprachen herausbringen. Taylors Foto kommt aufs Cover.“
„Bist du deswegen hier? Um dich nach dem Job zu erkundigen?“, fragte Taylor.
„Nein, um ehrlich zu sein, habe ich noch einen Auftrag für dich.“
„Anscheinend schwimmst du ja nur so in Aufträgen für meine Frau.“ Das kam mit einem Unterton heraus, der mehr nach Besitzerstolz klang denn nach Zuneigung. Taylor warf Jack einen scharfen Blick zu.
Aber Doug gluckste, setzte sich gemächlich in einen Sessel, nahm Tempo aus der Angelegenheit, spielte zu seinen Bedingungen. „Was ist mit deiner Tante? Hast du Kontakt mit ihr aufgenommen?“
Colette Greer, Omas Schwester, war die Grande Dame und der Star von Morgen ist ein neuer Tag. Sie hatte die ganzen zweiundsechzig Jahre lang Vivica Spenser gespielt – vom Backfisch bis zur Großmutter, von der Cheerleaderin zur Wirtschaftsmagnatin und Matriarchin. Obwohl sie im Fernsehen ein vertrautes Gesicht war, war sie für Taylor und ihre Familie eine Fremde. Seitdem sie nach New York gezogen war, hatte sie Tante Colette ein einziges Mal gesehen.
„Ich habe sie angerufen. Doug, ehrlich jetzt, um was für einen Auftrag geht es denn?“ Die Anspannung, die Jack ausstrahlte, stemmte sich gegen sie und raubte ihr die Kraft.
„Freust du dich darauf, sie zu sehen?“
„Voss, sie hat jetzt schon mehrfach gefragt. Was ist das für ein Auftrag?“ Jacks Telefon gab in seiner Tasche einen Laut von sich. Wahrscheinlich Aaron. Wo bist du? Aber er ging nicht ran.
„Verzeihung.“ Doug behielt die Oberhand, er ließ sich von Jacks Gegenwart nicht aus der Ruhe bringen. „Taylor ist meine Freundin, trotz unserer … Vergangenheit.“
„Und genau das bist du nämlich. Ihre Vergangenheit. Jetzt sag endlich, warum du hier bist, und dann geh!“ Jacks erhobene Stimme donnerte in den Raum.
„Sagen, warum ich hier bin?“ Er sah sich in dem kleinen, aber luftigen, modernen Apartment um. „Ich wollte sehen, wie es dir geht.“ Sein Tonfall, sein Blick durchbohrten sie. „Sehen, ob du glücklich bist. Immerhin hast du mich verlassen, und das Nächste, was ich mitbekomme, ist, dass du diesen Mann hier geheiratet hast.“
„Stopp. Genug.“ Taylor hob die Hand und ging zur Tür. Irgendwie brachte sie ihre schlackernden Beine dazu, sie zu tragen. Doug zog Strippen und drückte Knöpfe, er manipulierte. Das spürte sie, und wenn sie noch einen Moment länger wartete, würde er ihre Seele mit seinem ganz persönlichen Charme beschmutzen.
„Hör mal, Tay“, sagte Doug, der immer noch saß. Sich zurücklehnte. „Los Angeles, nächste Woche. Du, ich und unsere ganze Mannschaft bei den Emmys.“
„Was? Du veräppelst mich.“
Doug Voss war mehr als nur ihr großer Fehler. Ihre Zeit mit ihm war die reinste Wüste gewesen. Eine Zeit, in der sie Gottes Herzschlag nicht mehr hören konnte. Nie wieder wollte sie dorthin zurück. Warum sollte sie also eine Woche mit ihm in Los Angeles verbringen? Selbst wenn es um einen Auftrag ging.
„Würde ich Scherze machen, wenn es ums Geschäft geht? Niemals. Ich brauche dich für die Emmys. Du bist die beste Fotografin für den roten Teppich, die es zurzeit am Markt gibt.“
„Ich bin nicht die beste …“
„Jack, sag du’s ihr. Sie ist die Beste.“ Doug hielt Jack den Köder hin, aber der war in der Werbebranche unterwegs und mit den Tricks von Scharlatanen vertraut.
„Sie ist die Beste.“
„Bieten du und deine supertolle Firma ihr denn Aufträge an? Du weißt, dass sie in die Werbung will.“
„Doug …“
„Also, was sagst du? Du und ich für eine Woche in L.A.? Eine Runde durch die alten Läden drehen? Die Leute von damals treffen?“
Die Leute von damals waren seine Freunde. Und Taylor sah mehr als nur Arbeit in seinem kaum verhohlenen Angebot. Er verlor nicht gerne Sachen. Schon gar nicht die Frauen in seinem Leben.
„Nein, Doug, ich bin beschäftigt.“
„Wenn du es dir anders überlegst …“ Mit einem neckischen Grinsen ging Doug, unbeeindruckt von ihrer Ablehnung, als ob er einen Plan hätte, wie er sie umstimmen könnte. Als die Tür ins Schloss fiel, zitterte Taylor und sah ihren Ehemann von der Seite an.
„Was hast du nur je in diesem Typen gesehen?“
Am Anfang alles. „Ich bin nur froh, dass ich den Absprung geschafft habe.“ Sie lächelte Jack an und atmete tief durch. „Geh los, Ball spielen. Hab Spaß. Bestell Aaron schöne Grüße.“ Sie zeigte zur Tür und zwang jedes bisschen Fröhlichkeit an die Oberfläche. Alles ist gut.
„Bist du okay?“ Jack legte sanft den Arm um ihre Taille und küsste sie auf die Schläfe.
„Mir geht es gut.“ Jetzt. Wirklich gut. Sie legte die Wange an seine Brust, wo sein leiser Herzschlag sie daran erinnerte, warum sie Ja gesagt hatte.

Kapitel Drei
JACK
Er sah zur Tür und spürte, wie die altbekannte Welle ihn überrollte. Doug Voss war in sein Zuhause gekommen und hatte ihn verspottet, indem er mit Taylor flirtete. Unruhe erfasste ihn.
Voss würde wiederkommen.
Jack hatte schon über Voss Bescheid gewusst, bevor sie heirateten. In Los Angeles war Taylor eine Weile mit ihm ausgegangen, wenn er dienstlich dort gewesen war. Dann war sie nach New York umgezogen, um mit ihm zusammen zu sein, hatte aber kurz darauf mit ihm Schluss gemacht.
Was sie in Voss gesehen hatte, war ihm schleierhaft. Er war arrogant und unhöflich. Aber er war eben auch wohlhabend, mächtig und auf eine krankmachende Art charmant.
Aber sie hat sich doch für dich entschieden, Mann. Für dich.
Aber in diesem Moment hatte diese wortlose Zusage wenig Gewicht.
Jack atmete tief aus und umarmte Taylor ein wenig enger. Sie wirkte aufgebracht. Bekümmert. „Bist du okay?“ In seiner Tasche summte schon wieder sein Handy. Er zog es heraus, um einen Blick auf das Display zu werfen.
Aaron. Der würde warten müssen.
„Ja, mir geht es gut.“ Sie löste sich aus seiner Umarmung, und er fühlte sich schlagartig kalt, sehnte sich danach, sie festzuhalten. „Aaron wird sich fragen, ob dir was passiert ist.“
„Ich muss nicht hingehen …“
„Sicher musst du das. Dampf ablassen und so … Außerdem habe ich ja auch noch zu arbeiten.“ Taylor wies vage auf ihren Computer.
„Also. Dann mal los.“ Jack griff nach seiner Sporttasche. „Ich werde nicht lange weg sein. Und, Taylor, du bist eine großartige Fotografin. Eine der besten.“
Die Beste. In jedem Sinn. Seitdem er sie in der zehnten Klasse kennengelernt hatte, beschäftigte Taylor Branson seine Vorstellungskraft. Er hatte nur nie den Mut besessen, deswegen etwas zu unternehmen, bis sie sich an einem kalten Januartag auf der Madison Avenue über den Weg gelaufen waren.
Er hatte gelernt, die Stadt, die Straße, die Arbeit zu lieben, die ihm zu dem Leben verhalf, von dem er in den dunklen Tagen seiner Jugend in Heart’s Bend, Tennessee, geträumt hatte. Die Stadt, die Straße, das Leben, das ihm Taylor geschenkt hatte.
„Bis dann“, sagte er, ohne zur Tür zu gehen. Sollte er bleiben?
„Hab Spaß.“ Ihr Lächeln fing das Licht der Schreibtischlampe ein und füllte Jack bis obenhin aus. „Echt jetzt. Ich wünsche euch viel Spaß.“
„Oh, mir fällt gerade ein – ich habe noch etwas vergessen.“ Jack lehnte schon am Türknauf, beobachtete sie und wurde vom unsicheren Ehemann zum selbstbewussten Werber. „Ich habe einen Auftrag für dich.“
Sie sah von ihrem Computer auf. „Du hast einen Auftrag für mich? Welche Sorte Auftrag? Nicht wieder eine Hochzeit von einer, äh, ,alten Freundin‘. Das mache ich nicht noch einmal.“
„Aufnahmen für Architecture Quarterly.“ Sein Chef, Hops Williams, würde ihn umbringen dafür, dass er den Job seiner eigenen Frau vermittelte, aber Jack würde seinen gekünstelten Zorn schon aushalten. Er brachte dem Mann immerhin Unmengen an Geld ein.
Außerdem hatte Hops Jack darum gebeten, umzuziehen. Die neue Niederlassung eines Kunden zu leiten. In London. Eine Bitte, von der er Taylor erst noch erzählen musste. Was war schon ein bisschen Vetternwirtschaft im Vergleich dazu, den Sprung über den großen Teich zu tun?
Sie sperrte den Mund auf. „AQ? Werbeaufnahmen? Wirklich, Jack?“ Ihr Gesichtsausdruck wurde weich, und ihre Augen funkelten vor Freude.
„So was in der Art. Es ist Teil ihrer neuen Marke. Durch all die Heimwerkersendungen und Gartenserien und so gibt es ein neuerwachtes Interesse an Architektur. Sie haben eine laufende Kampagne, und es gibt da ein Gebäude …“ Jack hatte ehrlich gesagt keine Ahnung von den Details. Er hatte nur ein paar Schnipsel eines Gesprächs zwischen Hops und der Verlegerin des Architecture Quarterly, Cabot Grayson, mitbekommen. „Irgendwo gibt es jedenfalls ein Gebäude.“ Jack lächelte und war fest entschlossen, seiner Frau den Gefallen zu tun. Ihr zu zeigen, was seine Worte nicht beweisen konnten: dass er an sie glaubte. „Ich kümmere mich um die Einzelheiten.“
„Und die wollen mich?“
„Sie haben um einen Fotografen gebeten. Ich habe dich vorgeschlagen.“ War es denn so falsch, der Liebe wegen ein bisschen an der Wahrheit zu drehen? Er wollte ihr Held sein. Er wollte, dass sie es nicht bereute, sich auf das Abenteuer mit ihm eingelassen zu haben.
Am Morgen würde er das alles Hops beibringen müssen. Aber es war nur ein kleiner Auftrag. Bestimmt konnte Hops ein paar seiner Regeln für Jack und seine junge Frau umgehen.
„Ehrlich? Und wann wolltest du mir das erzählen?“
„Heute. Wie gesagt, das wollte ich eigentlich, als ich nach Hause kam …“ Und London. Er musste ihr von London erzählen. Aber er hatte diese Woche noch eine große Präsentation und wollte eigentlich alles andere ausblenden, bis die perfekt war.
Trotzdem spürte er das Gewicht seiner Lüge. Wenn die wie ein Bumerang zurückkam, würde er Ärger bekommen – mit seinem Chef und seiner Frau gleichermaßen.
Die dunkle Welle überrollte ihn einmal mehr und brach sich an den Felsen seiner Seele. Für Jack Forester hatte Gutes keinen Bestand. Nie. Die Sache mit Hops, seine Arbeit, seine junge Ehe, das alles waren nur Illusionen.
„Über den Auftrag würde ich mich sehr freuen. Danke, dass du an mich gedacht hast.“ Taylor kam zu ihm herüber. Das Licht aus der Küche küsste ihren goldbraunen Scheitel. „Wann wäre das denn?“ Sie küsste ihn, schlang ihre Arme um seinen Hals und schmiegte sich an ihn.
„Ich-ich gl-glaube, nächste Woche.“ Jack vergrub sein Gesicht in ihrem langen, seidigen Haar. „Ich werde Petra anweisen, dir und Addison zu schreiben.“
„Danke.“
Und sein Herz seufzte.
„Und, also, wegen vorhin. Die Aufgaben im Haushalt und so. Also, das schaffen wir schon, Taylor. Das kriegen wir hin …“ Sein Telefon summte wieder, noch fordernder als vorhin, falls das überhaupt möglich war.
Taylor ging zu ihrem Schreibtisch zurück, und seine Brust fühlte sich ein zweites Mal so kalt an. „Nun geh schon! Wir können später reden. Aaron wird stinksauer sein.“
„Taylor“, sagte Jack und öffnete die Tür, „wegen Doug …“
„Vergiss ihn, Jack. Der will nur, dass alle nach seiner Pfeife tanzen.“
Er nickte. „Aber er ist ziemlich überzeugend.“
„Was meinst du damit?“ Der Schimmer ihres Computerbildschirms betonte die glatten, hohen Flächen ihres Gesichts, und der Anblick nahm ihm den Schneid.
„Nichts. Nur so eine Beobachtung.“
Nur so eine Angst, dass Jack sie verlieren könnte. Wie konnte er Taylor sagen, zeigen, wie sehr er sie liebte? Die Liebe war so ein unbekanntes Territorium für ihn.
Was er eigentlich wollte, war, sie zu fragen, ob sie ihn noch liebte. Ihre Wirbelsturmromanze und ihre Hochzeit waren unmittelbar nach dem Bruch mit Voss passiert.
Aber wenn er fragte, würde er schwach aussehen und erbärmlich klingen.
„Arbeite nicht zu hart, okay?“
Sie nickte lächelnd. „Und du spiel nicht zu hart.“
„Gegen Aaron? Oh doch, werde ich. Geht nicht anders, das ist so eine Alles-oder-nichts-Geschichte.“
Er musste hart spielen. Er musste die Zweifel und den Dreck, die Doug Voss hinterlassen hatte, aus seiner Seele verbannen. Vielleicht war „glücklich bis zu ihrem Lebensende“ nicht drin für sie, immerhin hatten sie den Sprung gewagt, ohne hinzuschauen, aber Jack klammerte sich an die Hoffnung. Im Zweifel Taylor zu vertrauen, was den Typen betraf, schien ein ganz guter Anfang zu sein.

Kapitel Vier
COLETTE
Manhattan
Ihr Tag begann auf dem Rücksitz eines Taxis, das sie zu einem Termin in einem Fotostudio in Brooklyn brachte, wo sie und ihre Kolleginnen und Kollegen des Ensembles von Morgen ist ein neuer Tag ein letztes Mal gemeinsam vor der Kamera stehen würden.
Das Ende einer Ära. Einer sehr langen, glanzvollen Ära.
Colette wand sich ihr Taschentuch um die Finger. Sie würde nicht sentimental werden oder gar weinen, aber das Ende einer Ära? Nun, was sollte denn eine gealterte Seifenoperndiva jetzt mit ihrer Zeit anfangen?
In ihrem Leben hatte es mehrere Enden gegeben, die schmerzhaftesten davon waren geschehen, bevor sie einundzwanzig Jahre alt geworden war. Während des Blitzkriegs war sie aus London weg aufs Land geschickt worden. Obwohl das schon fünfundsiebzig Jahre her war, gab es Tage – so wie heute –, an denen es ihr vorkam, als wäre es gestern gewesen.
Dann der Tod ihrer Eltern während des Krieges und wie sie mit sechzehn Großbritannien verlassen hatte, um bei ihrer Tante und ihrem Onkel in Tennessee zu leben.
Wie sie mit neunzehn aus Heart’s Bend abgehauen war. Wie sie damit ihn und den ganzen Kern ihres Wesens hinter sich gelassen hatte.
„Zoé sagt, deine Nichte sei heute die Fotografin? Ich wusste gar nicht, dass du eine Nichte hier in der Stadt hast.“
„Bitte?“ Colette wandte sich Ford zu, der seit einundfünfzig Jahren ihr Manager war. Ihr treuester Freund, neben ihrem Alter Ego Vivica Spenser, die sie seit dem Sommer 1954 in Morgen ist ein neuer Tag verkörperte.
„Deine Nichte? Sie sei heute die Fotografin?“
Ihre Nichte? „Oh ja: Taylor. Die Enkelin meiner Schwester Peg.“
„Peg.“ Colette kannte den Gesichtsausdruck, die gehobenen Augenbrauen und das gesenkte Kinn, wie er sie da so erwartungsvoll musterte. „Sag mir nicht, dass das keine verschütteten Gefühle weckt.“
„Mal ehrlich, Ford, du hättest Psychiater werden sollen und nicht Künstleragent.“
„Ich wusste gar nicht, dass es da einen Unterschied gibt.“
Colette drückte ihm sanft den Arm. „Taylor zu sehen wird keine verschütteten Gefühle wecken.“ Dank ihrer Karriere auf dem Fernsehschirm hatte sie die Kunst, sich zu verstellen, perfektioniert. Sie hätte einem Ertrinkenden ein Glas Wasser verkaufen können. „Wie sind im Grunde völlig Fremde. Ich habe sie einmal getroffen, als sie ein kleines Mädchen war, das ist über zwanzig Jahre her. Das letzte Mal, als ich in Heart’s Bend war. Als du mich dazu überredet hast, bei ihrer Weihnachtsparade den Marschall zu geben.“
Sie war außer Landes gewesen, als ihre Tante Jean im Sommer 1990 gestorben war. Als dann also das Angebot kam, bei der großen Parade Marschall zu sein, hatte Colettes Sehnsucht nach ihrem Zuhause, nach ihren Wurzeln, gewonnen. Vor der Parade hatte sie einen Nachmittag mit dem guten alten Onkel Fred im Pflegeheim verbracht, dankbar, dass er sanftmütig und altersmüde war. Dass er nie die große Frage stellte, obwohl sie sie in seinen Augen lesen konnte. „Was ist passiert, Lettie?“
„Überredet? Das war großartige Werbung. Besonders nach dem Debakel zwischen dir und Marilee Jones bei den Daytime-Emmys.“
„Sie hat vor aller Welt behauptet, ich sei eine furchtbare Schauspielerin. Eine Schwindlerin. Was hätte ich denn tun sollen?“
„Oh, eine ganze Menge, anstatt zu sagen: ‚Nimm das ,Marilee‘, als du den Preis für die beste Schauspielerin bekommen hast.“
„Na, das war doch wohl wirklich großartige Werbung.“ Colette lachte. Kabarettisten, Sitcoms, Talkshowmoderatoren hatten den Moment thematisiert, hatten eine echte Szene daraus gemacht. Eine, die Colette bei Saturday Night Live parodierte und bei Carson und Letterman verulkte.
Fords leises Glucksen brachte Colette zum Lächeln. Sie mochte den Mann so gern wie am ersten Tag. Er war ein junger, hungriger Talentsucher bei einer großen New Yorker Agentur gewesen, als er beschloss, sich selbstständig zu machen. Er hatte Colette bei einem Empfang des Bürgermeisters kennengelernt und sie ausdauernd umworben, bis sie am Ende seine erste Klientin wurde, das Gesicht seiner Agentur.
Und seine Geliebte.
Das war ein Akt, der über ihre Befindlichkeiten und moralischen Grenzen hinausging. Aber sie wollte so verzweifelt nach vorne sehen, ihre Wunden und Ängste begraben. Fühlen. Als ihre Affäre beendet war, floh sie einen Sommer lang nach Großbritannien. Warum gerade Großbritannien, mit seinen groben, schmerzhaften Erinnerungen, konnte sie nie sagen. Mal davon abgesehen, dass die Queen sie zum Tee eingeladen hatte.
Colette umklammerte ihre Handtasche, eine Diamatia-Greer-Tasche, nach ihr benannt von dem exklusiven, heißbegehrten Designer Luciano Diamatia, der in sie verliebt gewesen war. Aber sie hatte ihn nicht geliebt.
Es gab andere Männer. Spice Keating, einen alten Freund aus Heart’s Bend und Schauspielerkollegen. Und Bart Maverick, ihren Co-Star bei Morgen ist ein neuer Tag.
Alle Romanzen waren im Sande verlaufen. Weil ihr Herz einem anderen gehörte.
Also hießen ihre Gefährten Ruhm, Reichtum und Renommee. Auszeichnungen, Lob, Ehrengrade und ein Penthouse an der Park Avenue gehörten auch dazu.
Der Wagen rumpelte über Unebenheiten in der Straße.
Colette sah aus dem Fenster, während New York vorüberglitt. Ebenso vorüberglitt wie ihr Leben, wenn sie ehrlich war. Sie war in den „Wagen“ ihrer Karriere eingestiegen und hatte dabei zugesehen, wie das Leben an ihr vorbeiglitt. Sie hatte Dinge erreicht, um die sie alle Welt beneidete. Aber innerlich war sie leer. Obwohl sie sich über sechzig Jahre lang mit Narrheiten gefüllt hatte. Der Hype um die Serie. Der Wahnsinn, erst eine der schönsten, dann eine der ältesten Schauspielerinnen im Fernsehen zu sein. Eine Karriere, die über Jahrzehnte ging.
Aber seitdem die Aufzeichnungen vor einem Monat beendet worden waren, fand sie ihre Tage lang und leise. Und seitdem hatte sie angefangen, ihren eigenen Herzschlag zu hören.
So laut, dass sie Angst hatte, er könnte sie um den Verstand bringen.
„Hast du dir das mit dem Buch überlegt?“ Ford holte ihre Aufmerksamkeit wieder ins Taxi, in die Gegenwart zurück. Das Auto ruckelte einmal mehr, während der Fahrer, der immer wieder leise auf Arabisch murmelte, es durch den Verkehr manövrierte, wo orangene Hütchen die zwei breiten Fahrbahnen auf eine Spur verengten. „Die Serie ist vorbei. Du hattest jetzt einen Monat, um deine Freiheit zu genießen. Ich habe wirklich keine Ahnung, warum du die Zeit nicht in deinem Haus in der Karibik verbracht hast. Egal, jedenfalls, jetzt, wo du etwas Zeit gehabt hast, kannst du doch anfangen, an dem Buch zu arbeiten. Ich habe deinem Verlag schon drei Jahre lang immer wieder ein Manuskript versprochen.“
„Ja, das Buch.“ Sie hatte einem Buchvertrag zugestimmt, aber nur, weil sie so wütend war auf Peg, die angesichts ihrer Krankheit plötzlich alles ins Reine hatte bringen wollen. Die letzten gut sechzig Jahre rückgängig machen, als wäre nichts geschehen. Colette vergab ihr und drohte ihr dann mit einer Enthüllungsgeschichte, falls sie die Sache nicht auf sich beruhen lassen wollte.
Aber sie würde nie eine Autobiografie dieser Art schreiben. Nicht, solange Peg lebte. Weil das nichts wiedergutmachen, die Vergangenheit nicht verändern oder die Menschen zurückholen würde, die Colette geliebt und verloren hatte.
„Ich habe doch nicht den leisesten Schimmer, wie man ein Buch schreibt.“
Er seufzte und versuchte, das Gleichgewicht zu halten, als der Fahrer mit einem Mal mächtig Gas gab und über eine gelbe Ampel rauschte. „Du hast eine Ghostwriterin, Justine Longoria. Erinnerst du dich? Du erzählst, und sie übernimmt den Part mit dem Geschichtenzauber.“
„Ich kann mir nicht vorstellen, dass überhaupt jemand etwas über mich lesen will.“
„Jeder will über dich lesen.“ Frustration spiegelte sich in Fords feinen Gesichtszügen. „Du bist eine preisgekrönte Schauspielerin, eine Weltreisende, eine Wortführerin. Du hast sechs Jahrzehnte lang in dieser Serie mitgespielt. Und trotzdem ist dein Privatleben ein einziges großes Geheimnis. Du hast viele Verehrer gehabt, aber keinen Ehemann. Keine Kinder. Seit fünfzig Jahren lebst du im selben Penthouse. Du hast ja noch nicht einmal Katzen oder Hunde.“
„Tiere sterben.“ Sie hatte genug Tode in ihrem Leben gehabt. Menschen. Träume. Liebe.
„Sie bringen aber auch Freude und Trost.“
„Und ich habe doch Kinder.“
Ford lachte leise. „Als Vivica Spenser? Das zählt nicht, Colette.“
„Sprich nicht mit mir, als wäre ich nur einen Satz vom Altersheim entfernt. Die Schauspieler, die Vivicas Kinder gespielt haben, fühlen sich sehr an wie meine eigenen. Caron Seitz und ich sprechen mindestens einmal im Monat miteinander. Und Jenn Baits‘ Kinder nennen mich Granny.“
„Süße Geschichten, aber mich belügst du nicht. Keiner kennt dich wirklich.“ Ford sagte das, während er auf seinem Handy eine Textnachricht beantwortete. „Ich bin mir nicht mal sicher, ob ich dich so gut kenne.“
„Du kennst mich besser als jeder andere.“
„Dann sag’s mir. Wie geht es dir damit, dass die Serie aufhört? Dass diesen Monat die letzte Folge ausgestrahlt wird?“
„Ich bin …“ Colette hielt inne. Welche Worte passten zu dem Wirbel in ihrer Seele? Traurig? Verloren? Einsam? Solch erbärmliche Worte für eine Frau, die ein Leben lebte, um das andere sie beneideten.
Aber um ehrlich zu sein, gab es wirklich Tage, an denen Colette Greer nicht wusste, wo sie aufhörte und wo Vivica Spenser anfing. Die Frauen wurden zu ein und derselben Person. Die Wirklichkeit der einen war die Fantasievorstellung der anderen. Sie war der vermischte Schatten ihres wirklichen Selbst und ihrer Fernsehfigur.
„Darüber wirst du in meiner Autobiografie nachlesen müssen.“
Fords Gelächter füllte das Taxi. „Touché. Also wirst du das Buch machen?“ Er winkte mit seinem Telefon. „Dann buche ich Justine. Wie steht es mit Montag?“
„Schön, aber nicht zu früh. Ich habe meine Morgen gerne für mich selbst.“
„Dann mittags. Der Verlag wird sich freuen. Ich höre schon die Dollars für die Auslandsrechte klingeln. In Südamerika bist du praktisch eine Göttin.“
„Sie lieben doch nicht mich. Sie lieben Vivica Spenser.“ War es das? Die Welt liebte Vivica, nicht Colette. Bedeutete also das Ende der Serie, dass Schluss war mit der einzigen Liebe, die sie kannte?
„Natürlich lieben sie Vivica. Aber wer ist Vivica schon ohne Colette Greer?“ Fords große Hand umschloss die ihre. „Es wird therapeutisch sein, das Schreiben. Du kannst deine Dämonen verbannen.“
„Du meinst, ich habe Dämonen?“
Bei Colettes letztem Wort hielt das Taxi an einem Bordstein an, wo außer Backsteinbauten nichts weiter zu sehen war.
Ford reichte dem Fahrer seine Kreditkarte, während sie, ohne auf Hilfe zu warten, ausstieg und ihr Gesicht in die dünne, frische Morgenbrise hielt, dem Anblick und den Geräuschen New Yorks entgegen.
Der Herbst in der Stadt war zauberhaft, mit einer Art ätherischen Energie im kühlen Wind, die sie an ihre Kindheit erinnerte. Als sie über den Gehweg gehopst war, auf dem Rasen Rad geschlagen und goldene, rote und orangefarbene Blätter für eine Schatzkiste gesammelt hatte.
„Oberste Etage“, sagte Ford und zeigte auf das Gebäude, als er sich zu ihr gesellte und sein Portemonnaie verstaute.
Beim ersten Schritt geriet Colette ins Schwanken. Der Boden unter ihr schien zu beben. Das war es also. Ihre letzte Zusammenkunft mit der Besetzung.
Das Ende.
Vor ihr lag nichts außer dem blendenden Schein endloser leerer Tage.
„Ich kann nicht …“
„Wie bitte?“ Ford warf einen Blick auf sein klingelndes Telefon und steckte es dann weg. „Was kannst du nicht?“ Er nahm sie vorsichtig am Ellbogen und versuchte, sie vorwärtszubewegen.
„Ich kann da nicht hochgehen, Ford.“ Ihre Stimme versagte, und sie klang schwach, alt, als wäre sie hunderteins und nicht dynamisch und kultiviert mit ihren zweiundachtzig Jahren.
Ford beschattete seine Augen gegen die Morgensonne, die zwischen den Gebäuden hindurchfiel. „Was ist los? Sprich mit mir.“
„Es ist einfach so … vorbei.“ Colette betrachtete Ford einen Moment lang. Dann, ohne großartig durchzuatmen, rief sie Vivica Spenser herbei. Das alte Weibsbild war doppelt so stark wie sie. „Nun, wollen wir?“ Sie lächelte, hob das Kinn und schritt auf das Gebäude zu. „Bart Maverick wird kein gutes Haar an mir lassen, wenn er vor mir ankommt.“
„Colette?“
Sie warf einen Seitenblick auf Ford. „Mir geht’s gut.“
„Bist du sicher?“
„So sicher wie nur was.“ Ein berühmtes Vivica-Spenser-Zitat, das ihr sehr nützlich war.
Ford zeigte ihr den Weg in ein helles, gut beleuchtetes Studio. Musik mit einer leichten, eingängigen Melodie schuf eine heimelige Atmosphäre. Ein angenehmer Tenor sang über Glück.
Ein Teil der anderen Darsteller war bereits angekommen, einschließlich der siebenundneunzig Jahre alten Wilma Potter, die in der Serie Colettes erste Mutter gespielt hatte. Die beiden waren nie miteinander ausgekommen. Wilma hatte es zutiefst verabscheut, Colettes Mutter zu spielen, wo die beiden doch nur fünfzehn Jahre auseinander waren.
Während sie die anderen Darsteller begrüßte, die alten und die neuen, die aktuellen und die, die schon länger nicht mehr dabei waren, ging Colette in Vivicas Schuhen umher und zog den Raum in ihren Bann.
Die ganze Zeit über mied sie die schlanke Blondine, die mit einer ebenso schlanken Brünetten dabei war, die Technik aufzubauen und einzurichten. Sie würde Taylor früh genug begegnen.
Sie stimmte in den Jubel mit ein, als der legendäre Bart Maverick ankam, der den reichen und gut aussehenden Derek VanMartin spielte, Vivicas erste, wahrste Liebe und Patriarch des VanMartin-Vermögens.
„Wunderbare Colette.“ Ohne mit der Wimper zu zucken, zog Bart sie in eine Umarmung und küsste sie. Er machte daraus ein großartiges Schauspiel für alle.
Applaus brandete auf und umfloss sie, durchfloss sie und kam doch nie an. Er fand keinen Platz in ihrem Herzen. Weil sie sich nie nach Applaus gesehnt hatte. Wonach sie sich sehnte, das war die Flucht in eine andere Rolle. Danach, ein Leben zu leben, das von anderen geschrieben wurde.
Als Bart sie losließ, schlug Colette kokett nach ihm. „Du bist mir ein rechter Schmierenkomödiant. Wirst du dich denn nie ändern? Benimm dich doch einmal deinem Alter entsprechend.“
„Das ist doch mein Alter“, sagte er zwinkernd und drehte sich um, um die anderen Darsteller zu begrüßen.
Immer noch ein Charmeur, dieser Bart. Colette wurde bewusst, wie sehr sie ihn vermisst hatte. Er hatte die Serie wegen einer Herzkrankheit Mitte der Neunziger verlassen, und, nun ja, es war anschließend einfach nicht mehr dasselbe gewesen. Jedenfalls für sie.
„Sind wir alle hier?“ Taylor stand vor ihnen, ganz proper in Jeans und einem taillierten Top. Sie war umwerfend. Sie kam Colettes Erinnerungen an Mama so nahe, hatte die Augen der Greers und volle Lippen.
Lästige, verräterische Tränen brannten in Colettes Augen und drohten, sie zu verraten. Sie blinzelte den Schimmer weg, behielt ihr perfektes Lächeln bei und nickte, als Taylors Blick über sie und wieder zurückglitt.
Sie war aber auch schön. Und als sie sie anlächelte, löste sich der Boden unter Colettes Füßen auf, und sie fiel durch die Zeit.
Auf dem Hocker neben dem Herd in ihrem Haus in London sieht sie zu, wie Mama das Abendessen kocht. Sie lacht, als Papas tiefer Bass das Haus erfüllt. Glückliche Weihnachtsfeste am Feuer vor dem Krieg. Wie sie nach der Kirche nach Hause rennt, die Melodie von Gottes großer Liebe in ihrem Herzen.
Gemütliche Abende, an denen sie Mama zuhört, die Gutenachtgeschichten vorliest, während sie sich mit Peg ins Bett kuschelt. In Spitzen und Bänder gekleidet zu Mimi Blantons Hochzeit. In dieser alten Kirche in Nottingham. Sommer an der Küste. Mit Peg auf dem Schiff nach Amerika, so voller Angst und dennoch voller Erwartungen.
Tante Jean und Onkel Fred, Clem und das herzliche Willkommen in ihrem Zuhause.
Jimmy. Jeder Moment mit ihm.
Wie sie Heart’s Bend am Horizont verschwinden sieht, während Spice´ alter Ford auf der Straße nach Norden dahinjagt und ihr die Tränen, die ihre Bluse durchnässen, vom Kinn tropfen.
Sie hielt das keinen Moment länger aus. Colette reckte sich innerlich, um sich aus der Erinnerung herauszuziehen, bekam aber nichts zu fassen außer leerer Luft. Verzweifelt bemühte sie sich darum, sich zu beruhigen.
„Colette, schön, dich zu sehen.“ Taylor bot ihr die Hand an, und Colette gelang die Flucht aus ihrem Tagtraum.
„Schön, gesehen zu werden.“ Das war die erste Antwort, die ihr einfiel. Was konnte sie sonst schon sagen? „Sitzen wir hier?“ Colette zeigte auf das große rote Samtsofa. In ihren Ohren klang sie distanziert und ein bisschen versnobbt. Aber das war die Stimme alter Gemäuer.
„Ja, wenn’s recht ist. Colette hier, in der Mitte.“ Taylor platzierte sie auf den Polstern.
„Natürlich“, sagte Bart. „Colette ist die Sonne, und wir sind ihre Monde.“
„Pscht, du, setz dich einfach neben mich.“ Colette klopfte auf die weiche Oberfläche, vermied es, Taylor anzusehen, mied den stürmischen Schwall der Gefühle, der sie durchströmen wollte.
„Perfekt. Bart Maverick?“, sagte Taylor und streckte ihm die Hand hin. „Ich bin Taylor Branson.“ Sie lächelte und hatte den alten Bart sofort hypnotisiert.
Aber nannte sie sich denn immer noch Branson? Colette musterte Taylor. War sie denn nicht verheiratet? Mit einem Werbetypen, wenn ihr Gedächtnis sie nicht täuschte.
„Addison?“, rief Taylor, die Brünette. „Arrangiere du doch schon einmal das Ensemble, während ich das Licht teste.“
Während sie Taylor beobachtete, kämpfte Colette gegen eine heiße Welle des Bedauerns. Seit sie im Frühling ’51 in New York angekommen war, hatte sie sich nie mehr erlaubt, zurückzublicken, der Vergangenheit nachzuhängen. Weil der Schmerz drohte, ihr zum Verhängnis zu werden.
Aber für den Bruchteil einer Sekunde erschauerte sie, spürte sie einen Funken Wahrheit in sich. Ihr ganzes Leben, all ihre Leistungen waren Müll im Vergleich zu dem, was sie hätte sein können, was sie hätte sein sollen. Und nichts erinnerte sie mehr daran als die schöne Taylor Branson.

Kapitel Fünf
JIMMY
Heart’s Bend, Tennessee
17. September 2015
Also wirklich, war das nicht komisch? Zweimal in einer Woche? Welche Wendung wollte Gott seinem Leben denn nun wieder geben?
Jimmy legte den Hörer auf die Gabel und starrte aus dem Fenster über der Spüle. Seine Kapelle. Die er über sechzig Jahre lang dunkel und alleingelassen hatte. Und plötzlich kamen von überall her Leute und wollten einen Blick darauf werfen.
Nachdem die Kapelle weitab vom Schuss die River Road runter lag, hätte er nicht gedacht, dass jemand außer ihm, seinem lieben verstorbenen Dad und dem Landvermesser überhaupt davon wusste.
Aber dann hatte da so ein Bursche vom Architecture Quarterly angerufen, der einen Fotografen hinschicken wollte. Der sagte, sie wollten eine Ausgabe über klassische amerikanische Hochzeitskapellen machen. Jimmy hatte nicht die leiseste Ahnung, wie sie überhaupt auf den Ort gekommen waren.
Als Jimmy nachfragte, sagte der Mann, er wisse das auch nicht. Aber wenn Jimmy tatsächlich eine Hochzeitskapelle im Wald versteckt hätte, würden sie gerne in ihrem Magazin darüber berichten.
„Wir haben gehört, sie soll eine echte Schönheit sein.“
Von wem? Der Immobiliengutachter Arnold Rowland hatte keine Verbindungen zum Architecture Quarterly, da war sich Jimmy ganz sicher.
Das war auf jeden Fall eine sehr mysteriöse Sache.
Und gerade jetzt hatte auch noch ein Immobilienmakler angerufen. Keith Niven sagte, er wolle sich das Gebäude anschauen und hätte sogar einen Käufer an der Hand, falls Jimmy interessiert wäre.
„Ich bin hier draußen auf Ihrem Grundstück, und, also, Junge, Junge, Coach, was machen Sie denn mit diesem Ding?“ Keith hatte laut und durchdringend gepfiffen und Jimmy gegenüber den Eindruck hervorgerufen, er sei von dem Gebäude beeindruckt. Oder war das nur Verkäufergehabe? „Wollen Sie verkaufen?“
„Nein“, war Jimmys spontane Antwort. Aber er hielt sich damit zurück, sagte nichts. Vielleicht war es an der Zeit. Wenn nächste Woche erst einmal der Fotograf von Architecture Quarterly da war, würde er sowieso allerhand Anfragen bekommen. Da konnte er Keith ebenso gut einen Vorsprung lassen.
„Ich fahre raus. Gib mir zehn Minuten.“
„Fantastisch.“
Mit diesem Morast in seinem Kopf fischte Jimmy seine Autoschlüssel aus der Obstschüssel neben der Küchentür und trat hinaus in die Mittagssonne. Der Sommer hatte die Septembertage immer noch fest im Griff, heiß war es.
Aber so war es eben in Tennessee. Er hatte mehr als genug Herbstnachmittage von den sengenden Sonnenstrahlen rösten lassen, während er Footballtrainings leitete und Jungen zu Männern aufgebaut hatte.
Dann legte Gott irgendwann den Schalter um, senkte die Temperaturen, färbte die Bäume mit der Herrlichkeit des Himmels und machte das Leben mit dem perfekten Footballwetter umso schöner.
Er vermisste diese Tage. Ihm fehlte etwas, das seinem Leben Bedeutung verlieh. Aber als er vor neun Jahren vierundsiebzig geworden war, hatte er den Glockenschlag der Zeit gespürt und gewusst, dass es an der Zeit war, die Verantwortung des Footballprogramms an der Rock Mill Highschool einem jüngeren Mann zu überlassen.
Außerdem machte Tom Meyers seine Sache sehr gut. Er hatte zwar noch keinen nationalen Titel gewonnen, aber das war heute auch schwerer als zu Jimmys Zeiten.
Während er zu seinem Auto ging, sprangen seine Gedanken vom Football zur Kapelle, genauer gesagt zu Keiths Vorschlag. Er war ein junger Kerl, dieser Immobilienmakler, und, soweit Jimmy wusste, ein guter Mann. Sein Vater hatte in einer von Jimmys Championship-Mannschaften gespielt.
Jimmy ließ sich hinter dem Steuer nieder, warf den Motor an und zögerte dann mit der Hand auf dem Schaltknauf. Seine alte Kapelle … Die Erinnerungen kamen an die Oberfläche …
Mist, jetzt hatte er doch den Schlüssel zur Kapelle vergessen.
Er ließ den Wagen im Leerlauf stehen, ging zurück ins Haus, durch die Küche ins Wohnzimmer, dann nach oben. In seinem Zimmer, unter der Dachgaube, öffnete er die schmale Halbtür zum Dachboden und kletterte hoch.
Gebückt tastete er sich durchs Dunkel und holte ein kleines Kästchen aus Zedernholz hervor. Als er den Deckel hob, verstärkte der Duft des Holzes seine Erinnerungen.
„Was wirst du mit dem Gebäude machen?“ Dad war Jimmy in sein Zimmer gefolgt, er war nicht bereit, die Sache auf sich beruhen zu lassen.
„Es abschließen.“
„Nach all deiner harten Arbeit? Jimmy, lass es nützlich sein …“
„Ich schließe es ab, wo du schon nicht zugelassen hast, dass ich es abbrenne.“ Jimmy wühlte in seiner Kommode nach irgendetwas, in dem er den Schlüssel verstauen konnte. Schließlich entdeckte er ein staubiges Holzkästchen, das er vor Urzeiten in der Sonntagsschule gebastelt hatte. Er öffnete es und ließ den Schlüssel hineinfallen.
„Du wirst dich nicht immer so fühlen wie jetzt“, sagte Dad. „Sie könnte zurückkommen.“
„Ja? Hat Mama das denn gemacht?“ Das ging unter die Gürtellinie, aber seine Wut ließ ihn heftig austeilen.
„Was habe ich dir denn immer gesagt? Sei nicht wie ich. Leb weiter. Finde ein anderes Mädchen.“ Dad ging zur Tür. Seine breiten großen Schultern beugten sich unter der Schwere der Unterhaltung. „Versprich mir nur, dass du den Schlüssel nicht wegwirfst.“
Er sprach nicht von dem Metallstück in dem Holzkästchen. Jimmy wusste das. Er warf sich aufs Bett, streckte sich lang aus, verschränkte die Hände hinter dem Kopf und nickte. „Werde ich nicht … Ich werde den Schlüssel nicht wegwerfen.“
Er verstaute das Kästchen wieder in seinem Versteck und schüttelte den Geruch der Vergangenheit ab. Aber den Schlüssel hatte er doch weggeworfen. Den zu seinem Herzen. Während der echte, greifbare Schlüssel zur Kapelle unversehrt geblieben war, hatte sich Jimmy an die Buchstaben des Gesetzes gehalten, nicht aber an die Gnade dahinter.
Er drückte sich den Schlüssel in die Handfläche. „Es tut mir leid, Daddy.“ Noch mit dreiundachtzig Jahren vermisste er seinen Vater.
Aber der heutige Tag stellte eine neue Chance dar. Eine Möglichkeit, den Schlüssel weiterzugeben und der alten Kapelle das Leben einzuhauchen, das sie nie gehabt hatte. Für sein Herz war es zu spät, nicht aber für das der Kapelle. Nicht für die Träume, die er für die Kapelle hatte.
Doch hatte er den Mut? Das würde Jimmy nicht wissen, bis er das erste Mal nach langer Zeit die Tür öffnen und in seine Vergangenheit eintreten würde.
Mit diesem Gedanken verließ er das Haus und hegte ein Gefühl, das Ganze könnte einen gewissen Sinn haben. Vielleicht schritt das Göttliche ein und erhörte ein unausgesprochenes Gebet seines Herzens.
Er fuhr langsam die Straße hinunter. Eine Vorahnung des Herbstes hatte die Ränder der grünen Hügel berührt.
Er legte seinen Ellbogen ins offene Fenster und roch einen Hauch Holzfeuer. Veränderung lag in der Luft und weckte in ihm das Verlangen nach etwas, das er weder sehen noch fassen konnte.
Jimmy bog von der Dunbar Street in die River Road ein und fuhr drei kurze Meilen nach Norden.
Ein Neubaugebiet schien über Nacht in den sanften Hügeln emporgeschossen zu sein. Heart’s Bend wirkte in den letzten Jahren kaum noch wie früher, wo sich Nashville heutzutage immer mehr ausbreitete und sich nach Nordwesten ausdehnte, wo es über Jimmys sanftgeschwungenen Hügeln und am Cumberland River immer neue Baustellen entstehen ließ.
Er hatte so lange hier draußen gelebt, dass er das Land als etwas Persönliches empfand. Damals wollte er, dass Daddy das Land kaufte, das ihr Haus umgab. Er hatte es geschafft, eine Anzahlung für den ersten Feldweg zu leisten, als der alte Rise Forester Sr. daherkam und den ganzen Rest aufkaufte.
Jetzt verkaufte sein Sohn, der Taugenichts Rise jr. ,an jeden, der es sich leisten konnte. Den Gerüchten nach blieb ihm auch nichts anderes übrig. In nur zwei Jahrzehnten hatte er das gesamte Vermögen seiner Familie durchgebracht. Ganz zu schweigen davon, dass er ein gemeiner Fiesling war. Was er seinem Sohn Jack angetan hatte …
Jimmy rutschte in seinem Sitz herum und spielte mit der Hand am Lenkrad. In seinen fünfundvierzig Jahren als Coach hatte er Hunderte Kinder trainiert, aber Jack Forester blieb ihm klar vor Augen. Jimmy hatte die Gelegenheit bekommen, ihn zu trainieren, kurz bevor er in den Ruhestand ging. Der Junge arbeitete hart, spielte hart, lernte hart. Er tat alles, was von ihm verlangt wurde, während er die ganze Zeit von einer Pflegestelle zur nächsten durchgereicht wurde. Und sein verflixter Vater sah dabei zu und tat nichts.
Unter den überwucherten Sommerstauden kam die Straße zu der Kapelle zum Vorschein, und Jimmy lenkte den Wagen auf sein Grundstück, ein echtes Juwel inmitten des Waldes.
Es ging einen kurzen, schmalen Weg hinunter, dann brach der Wagen auf eine helle, magische Lichtung durch, und die Kapelle erhob sich und befahl die Andacht aller, die sich ihr näherten.
Jimmy atmete ein. Sie war eine Schönheit. Wie die, die ihn dazu inspiriert hatte.
Ihre Steinmauern und das verwitterte Fachwerk wirkten majestätisch. Die Kapelle schien durch die Kuppel das Licht förmlich zu trinken, das sie dann durch die Fenster wieder ausströmen ließ. Die Buchen und Schwarzpappeln streckten reichbelaubte Äste über das Schindeldach der Kapelle und schufen ein Dickicht, das Sicherheit und Frieden ausstrahlte.
Jimmy brachte das Auto auf dem dicken Teppich der Spätsommerwiese zum Stehen, stieg aus und schloss vorsichtig die Tür. „Hallo, alte Freundin“, sagte er, und in seiner Stimme lag viel Gefühl.
Eine Brise strich durch die Bäume und wand sich im Gras, als wollte sie antworten: Und ich grüße dich, alter Freund.
Seine Stiefelabsätze knirschten auf dem Schotter, als er zu dem betonierten Weg hinüberging – der letzte Schliff, den er der Kapelle vor dreißig Jahren verpasst hatte. Er war immer etwa einmal im Jahr hergekommen, um sich zu versichern, dass sie ganz und unversehrt war.
Aber dann war aus einem Jahr zwei geworden und aus zweien drei … Jetzt schätzte Jimmy, dass er etwa sechs oder sieben Jahre nicht mehr hier gewesen war. Und wenn er kam, dann nur, um mal kurz nach dem Rechten sehen. Er hatte Andrew Votava eingestellt, um das Gelände in Ordnung zu halten. Aber sonst …
Jetzt bereute er seine Abwesenheit, wo sie doch mit der Zeit noch schöner geworden war.
Er trat in den winzigen Säulengang und legte die Hand auf den sonnengewärmten grauen Stein.
Sie war ein Teil von ihm, diese Kapelle. Hier hatte er seinen Schweiß, seine Tränen und sein Herz gelassen. Und sie mit der Zeit begraben.
Es hatte eine Zeit gegeben, in der er die Kapelle als ein Mahnmal seiner Trauer betrachtet hatte. Er hatte vorgehabt, sie bis auf den Grund abzubrennen, bevor Daddy eingeschritten war.
„Beende, was du begonnen hast. Schließe deinen Frieden damit, Sohn.“
Er hatte den Bau beendet, aber Frieden damit hatte er nie geschlossen. Nein, jahrelang hatte er sich an der Wut festgeklammert und die Bitterkeit gefüttert wie einen hungrigen Bären. Bis er eines Tages aufwachte, in den Spiegel schaute und entdeckte, dass er der Mann geworden war, der er niemals hatte sein wollen; dass er noch nicht einmal versucht hatte, der Mann zu werden, von dem er geträumt hatte.
Er war auf seine mürrische Art zufrieden, er war eben der zähe, aber gewinnende Coach, der alte Junggeselle.
Dann war Peg Branson vor vier Monaten gestorben, was in Jimmy ein neues Interesse für Religion geweckt hatte. Ihm wurde klar, dass er ein alter Mann war, der hoffte, in den Himmel zu kommen, aber reichlich wenig dafür tat, sich tatsächlich Zugang zu verschaffen. Seitdem ging er regelmäßig zur Grace Church und hatte es sogar geschafft, einmal das ganze Neue Testament zu lesen. Jesus hatte eine ganze Menge über die Gefahren der Bitterkeit zu sagen.
Pegs Beerdigung hatte noch etwas anderes in Jimmy geweckt – eine Sehnsucht danach, mit ihrer Schwester Colette Frieden zu schließen. Er hatte die bis auf den letzten Platz besetzte Kirche nach einem Zeichen danach abgesucht, dass sie gekommen war, um sich von ihrer Schwester zu verabschieden, aber zu seiner Enttäuschung ließ sie sich durch ein Blumengesteck vertreten.
Zwischen den Schwestern hatte sich ein großer Graben voller Verletzungen aufgetan. Obwohl Jimmy nie ganz verstanden hatte, warum. Er hatte seinen eigenen Graben, um den er sich kümmern musste.
„Mr. Westbrook, Coach …“ Keith Niven kam winkend auf ihn zu. Eine junge afroamerikanische Frau begleitete ihn. Jimmy war so in seine Tagträume vertieft gewesen, dass er Keiths Auto gar nicht gehört hatte.
„Dieser Ort hier … wow!“ Keith schüttelte Jimmys Hand mit einer Kraft, die zeigte, dass mit ihm zu rechnen war. „Das hier ist Lisa Marie, meine Kollegin. Mann, Jimmy, wann haben Sie das hier denn gekauft? Ich wusste nicht einmal, dass es das hier gibt.“
„Freut mich, Sie kennenzulernen.“ Jimmy ignorierte Keith und schüttelte Lisa Maries Hand. Sie war hübsch, mit einem scharfen Eifer und einem klugen Glitzern in den Augen.
„Mr. Westbrook“, sagte sie. „Diese Kapelle ist unglaublich.“
„Danke schön.“
„Haben Sie sie gebaut?“ Keith schob sein Jackett zurück und hakte die Daumen in seinem Gürtel ein. „Ich bin, ich meine, ich bin völlig von den Socken.“
„Das Fundament habe ich im Sommer 1949 ausgehoben, gleich nachdem ich mit der Highschool fertig war.“
Keith pfiff. Falls er Jimmy für sich gewinnen wollte, machte er das ganz gut. Er liebte jeden, der seine Kapelle liebte. „Was in aller Welt … Im Sommer ’49, ja? Was hat Sie dazu inspiriert?“
„Im Grunde ein Foto.“ Und ein Mädchen. Aber Jimmy würde sich mit der kurzen, einfachen Antwort begnügen. „Ich hatte eine Zeichenklasse in der Schule und machte das Zeichnen von Hochzeitskapellen zu meinem Projekt.“
„Also ist das eine Hochzeitskapelle?“, fragte Lisa Marie und gab Keith einen Klaps. „Hab ich dir doch gleich gesagt.“
Keith sah Jimmy direkt an. „Warum eine Hochzeitskapelle?“
„Weil …“
„Wie heißt sie denn?“, fragte Lisa Marie.
Jimmy räusperte sich. „Wie sie heißt?“
„Das Mädchen, das einen Highschooljungen dazu inspiriert hat, eine Hochzeitskapelle zu entwerfen.“ Er war ja gar nicht leicht zu durchschauen, nein.
„Was bedeutet das?“ Keith schob sich mit den Ellbogen zwischen Jimmy und Lisa Marie. „Es gab ein Mädchen?“
„Ich habe euch doch gesagt, dass mich ein Foto inspiriert hat.“ Jetzt war Jimmy damit an der Reihe, seine Hände in seinem Gürtel aufzustützen. Im selben Gürtel, den er seit sechsunddreißig Jahren durch die Gürtelschlaufen seiner Jeans fädelte. Der Gürtel war womöglich älter als dieser Jungspund Keith hier.
„Was macht sie denn zu einer Hochzeitskapelle?“, stellte Lisa Marie eine berechtigte und gute Frage. „Warum ist sie nicht einfach nur ‚eine Kapelle‘?“
„Weil ich gesagt habe, dass sie eine Hochzeitskapelle ist.“ Jimmy schob das Kinn vor. Ende der Diskussion. Vielleicht war es doch keine so gute Idee gewesen, sich hier mit Keith zu treffen.
Als er diesen Ort entworfen hatte, hatte er mehr als nur einen Plan für das Gebäude gehabt. Er hatte einen Plan für sein Leben gehabt, einen, zu dem sie gehörte. Weil er Colette Greer mehr geliebt hatte als sich selbst.
Und sie ihn.
„Können wir uns drinnen einmal umsehen?“ Keith zeigte auf den Haupteingang.
Jimmy zog den einzelnen Schlüssel aus seiner Tasche und schloss auf. „Bitte schön.“ Er trat beiseite, um Keith und Lisa Marie den Vortritt zu lassen. Im Chor verliehen sie ihrem Staunen Ausdruck.
Jimmy blieb in der Tür stehen. Die Gefühle saßen ihm dick und rau in der Kehle. Es fühlte sich an, als sei es gestern gewesen, dass er sie hierhergebracht hatte. Es hatte geschneit, die ganze Welt war weiß und leise gewesen. Die Welt hatte sich nur für sie gedreht.
Lisa Marie sah zu Jimmy hin und hielt ihr Telefon hoch. „Stört es Sie, wenn ich ein paar Fotos mache?“
Er schüttelte den Kopf. Wenn er das hier verkaufen wollte, sollte er besser loslassen und sie ihren Job machen lassen.
„Die Handwerkskunst …“ Lisa Marie zielte auf die gewölbte, offene Balkendecke, die Steinwände und den Schieferboden und schoss ein Foto nach dem anderen. „Haben Sie die Steine selbst gehauen?“
Jimmy nickte in Richtung des Teils der Steinmauer, den er aus dem kleinen Vorraum sehen konnte. „Jeden einzelnen.“ Und jeden einzelnen hatte er auch an seinen Platz gesetzt. Mit Freuden.
„Das ist der Wahnsinn.“ Keith stand unter dem Buntglasfenster, das eine Szene mit Christus bei einer Hochzeit zeigte. „Wo haben Sie das her?“
„Aus einer alten Kirche im Zentrum von Nashville. Die wurde während der Zeit des Wiederaufbaus nach dem Zweiten Weltkrieg abgerissen.“
Keith pfiff leise und versuchte beinahe zu sehr, Jimmy zu beeindrucken. Jimmy setzte sich in die letzte Bank auf der rechten Seite, rubbelte den Schmerz aus seinem bösen Knie und atmete tief ein.
Das Licht des späten Morgens fiel durch die Kuppel auf den Boden der Kapelle, wo winzige Sonnenstrahlen sich zu breiten Lichtstreifen zusammentaten.
„Coach, was hatten Sie denn mit diesem Gebäude vor?“
Mein Mädchen heiraten. Der Gedanke hatte kaum seinen Verstand gestreift, als er es hörte. Das widerhallende Pochen eines Herzens. Bumbum-bum. So stark, so gründlich, dass Jimmy sich an der Bank festhalten musste und um Atem rang.
„Ist alles in Ordnung bei Ihnen, Coach?“
Jimmy nickte, rutschte aus der Bank, stand auf und ging zur Tür. Das Pochen … dieses widerhallende Pochen …
Er musste hier raus. Fliehen. Wie war das möglich? Dieser Klang? Nach so vielen Jahren.
„Jimmy … Mr. Westbrook?“ Lisa Maries Ruf folgte ihm durch die Kapelle.
Das erste Mal, dass er das Pochen gehört hatte, war sechzig Jahre her gewesen. Es geschah an dem Tag, als Peg mit ihrem Jungen vorbeikam. Er hatte sich gefühlt, als wäre er in einer Episode von Geisterstunde gefangen. Oder als würde er einen verspäteten Anfall von Schützengrabenschock erleiden. Da war er erst zwei Jahre wieder aus Korea zurück.
Aber der Klang war … echt. Viel zu echt. Zu nah. Er hallte in seiner Brust wider. In seinen Ohren. Und auf eine Weise, die Jimmy nicht erklären konnte, fühlte er sich lebensspendend an.
Der Klang, woher er auch kommen mochte, gab ihm Hoffnung. Aber diese Hoffnung brachte nichts zustande, außer eben, dass er sich fragte, ob er den Verstand verloren hatte.
Und er war ja in Korea gewesen. Hatte sich den Waffen des Feindes gegenübergesehen. Aber nichts machte ihm solche Angst wie der Klang eines pochenden menschlichen Herzen.
Soweit er sich erinnern konnte, hatte er den Klang seit jenem Tag mit Peg nie wieder gehört. Jetzt, nach sechzig Jahren, war er wieder da?
Draußen schluckte er Luft. Er war einfach zu alt für solche Mätzchen.
Auf dem Hof schlossen Keith und Lisa Marie zu ihm auf. „Coach?“
„Ihr könnt sie haben, wenn ihr sie kaufen wollt.“ Es war Zeit. Mit dreiundachtzig musste er sich von hartnäckigen, dummen Jungsträumen lösen, musste diesen Klang loswerden. Er wäre das beste Beispiel für einen verrückten alten Mann, wenn er nicht losließe.
„Ja, wir wollen sie kaufen.“
Ein bleischweres Gefühl durchströmte seine Brust. „Wie – wie sehen denn eure Pläne aus?“
Lisa Marie sah zurück. „Ich habe keine Elektrizität gesehen …“
„Gibt keine. Man muss Kerzen und Laternen nehmen.“
„Ach du meine Güte“, seufzte sie und lächelte erst Keith und dann Jimmy an. „Das ist der romantischste Ort, den ich je gesehen habe. Keith, wir können das hier verkaufen.“
„Coach, wir können das Objekt bis nächste Woche im Portfolio aufgelistet haben.“ Keith beugte sich zu ihm, rückte eine Spur zu nahe an ihn heran. Jimmy brachte ihn vorsichtig auf Abstand.
„Jetzt mal ganz langsam, lasst mich darüber nachdenken.“ Vielleicht war ein Verkauf doch nicht so vielversprechend, wie er sich das vorgestellt hatte.
„Reden Sie mit mir. Was wäre denn nötig, damit Sie verkaufen würden?“ Keith verschränkte die Arme, lehnte sich zurück und wartete.
Jimmy schob die Hände in die Hosentaschen, ging um die beiden dynamischen Makler herum und sah sein altes Mädchen, seine Kapelle, an. Sie war mal ein heiliger Ort gewesen, ein Ort der Versprechen und des Glaubens.
Und doch stand sie nun hier. Still. Abgewiesen. Eine Hochzeitskapelle, in der nie eine Hochzeit stattgefunden hatte. Keine echte jedenfalls. Da war diese eine Nacht mit Colette, bevor er einschiffte …
Jimmy grunzte und bezwang die Erinnerung. War das bei genauerer Betrachtung nicht alles ziemlich erbärmlich?
Die Stunden, die er damit verbracht hatte, auf die Steine einzuschlagen. Die rotgoldenen Morgendämmerungen der Sommertage, an denen er mit einer Thermosflasche Kaffee und einer Tüte Donuts diesen Boden betreten hatte, das Herz voller Träume.
Zwischen den Bäumen, in den Schatten versteckt, lauerten die Erinnerungen an die Stimmen, an den tiefen Bass und das Lachen seines Vaters, an das quirlige Geplapper von Clem – einem der besten Freunde, die ein Mann jemals hätte haben können.
Erbarmen, jetzt traten ihm auch noch Tränen in die Augen, weil er den alten Knaben vermisste. Clem Clemson …
Aber es war alles umsonst gewesen. Alles eitel und ein Haschen nach dem Wind …
Er drehte sich um und sah sich Keith gegenüber. „Ja, okay, lasst sie uns an den Markt bringen.“ Da. Er hatte es gesagt. Laut gesagt. Was ihn anging, war das ein mündlicher Vertrag.
Lisa Marie reckte die Faust in die Luft, und Keiths breites Grinsen sprach Bände.
„Aber keine voreiligen Versprechen“, sagte Jimmy, der mit großen Schritten zur Tür ging, um sie abzuschließen, und nur den tröstlichen Schlag seines eigenen Herzens hörte. Nicht den, der hier herumspukte. Was war das nur? „Ich behalte mir das Recht vor, jeden Käufer abzulehnen. Und der Preis muss stimmen.“
„Natürlich, natürlich. Das können wir machen, Jimmy. Wir werden diesen Ort hier behandeln, als hätten wir die Kapelle selbst gebaut.“
Das war also erledigt. Keith redete über Papiere und Auflistungen, während Jimmy zum Auto ging und sich hinters Steuer setzte.
„Ich melde mich“, sagte Keith.
„Schön, schön, ihr wisst ja offenbar, wo ihr mich findet.“ Jimmy fuhr rückwärts den Weg hinunter, auf die Hauptstraße hinaus, und sein alter Rückenschmerz flammte wieder auf.
Er versuchte mit aller Kraft, an nichts zu denken, als er zu Hause ankam, aber das Lachen und Spielen der Nachbarskinder fielen ihm ins Auge und weckten sein Herz.
Er sah ihnen zu, wiegte den Schlüssel in der Hand, während er langsam zur Küchentür ging.
Zu spät … Die Wahrheit prägte sich in sein Gehirn ein. Das Ziehen in seinem Rücken wurde stärker.
Natürlich war es zu spät. Er war ein alter Mann. Zu spät, um etwas wegen unerfüllter Träume zu unternehmen. Zu spät, um eine Liebe wiederzugewinnen, die längst verloren war. Zu spät für alles, das die Kapelle repräsentierte.
Er, der Footballcoach, der es in die Hall of Fame gebracht hatte, hatte das Spiel des Lebens auf der Ersatzbank verbracht und darauf gewartet, in eine Partie eingewechselt zu werden, die nie begonnen hatte.

Kapitel Sechs
JIMMY
September 1948
Freitagabend unter dem Flutlicht
Mit langen Schritten sprintete er auf die Endzone zu. Heißer Atem wirbelte unter seinem Helm hervor. Den Football hielt er fest gegen seine Rippen gepresst, seine Brust weitete sich mit jedem tiefen Atemzug.
Er linste unter dem Helm zur Seite und sah das Publikum auf den Beinen, die Hände erhoben, der Jubel jedoch unhörbar, sein Puls übertönte alles. Noch zwei Schritte weiter, und er riskierte einen Blick nach hinten, wo er einen Verteidiger aus Bolton vermutete.
Aber er stürmte allein über das Mittelfeld, kein Abwehrspieler in Sicht.
Haha. Jimmy nahm Fahrt auf, verlängerte seine Schritte und … Touchdown!
Das Brüllen der Menge ging ihm durch und durch. Zweihundert Volt menschliche Elektrizität. Er liebte jedes einzelne Kitzeln und Britzeln davon. Er donnerte den Ball auf den Boden, riss die Arme hoch und ließ den tiefsten, wahrsten, herzzerreißendsten Urschrei fahren.
„Go, Rockets!“
Von hinten traf ihn etwas Schweres, das ihn zu Boden warf. Jimmy hörte gerade noch Clems Stimme, bevor er unter einem Haufen Mannschaftskameraden begraben wurde, die ihm auf Helm und Schulterpolster klopften, durcheinanderschrien und lachten.
Er hatte es geschafft. Den Siegtouchdown erzielt. Auf der Uhr waren nur noch zehn Sekunden übrig. Das hier, genau jetzt, war der Zauber eines Freitagabends unter dem Flutlicht. Möge er niemals enden.
Die Pfeife des Schiedsrichters bereitete dem Freudentaumel ein Ende, und Jimmy kroch unter dem Stapel hervor. Er rannte zur Bank, während die Spieler des Special Teams sich für einen Zusatzpunkt aufstellten. Die Zuschauer jubelten, als der Ball zwischen den Pfosten hindurchsegelte.
Coach Wilmer klopfte Jimmy im Vorbeigehen auf den Helm. „Gute Arbeit, mein Junge. Los geht’s, Defense. Haltet sie noch für zehn kümmerliche Sekunden auf. Meint ihr, ihr schafft das?“
Jimmy nahm den Helm ab und sah nach, ob er auf den Zuschauerrängen seinen Vater finden konnte. Ein weiterer Grund, warum er die Footballsaison liebte, war, dass er die Beziehung zu seinem Vater vertiefen konnte. Der machte nicht viele Worte, weshalb die Tatsache, dass er kein Spiel verpasste, Bände sprach.
Jimmy entdeckte ihn auf halber Höhe in der Mitte. Mit den Händen in den Taschen stand er da. Zigarettenrauch kräuselte unter der Hutkrempe hervor.
Er erwiderte Jimmys Blick mit einem einzigen Nicken. Das war dann auch das Äußerste der Gefühle – Grunzen und Nicken. Dad behauptete, die Weibsbilder seien für den Weicheierkram zuständig, zum Beispiel dafür, die Väter anzustupsen, damit die ihre Söhne in den Arm nahmen und so was sagten wie: „Ich bin stolz auf dich, mein Sohn.“ Aber seitdem Mama abgehauen war, hatten sie keine Weibsbilder mehr zu Hause – außer Nana, die sonntags kam, um das Essen zu machen –, also packte Dad die Liebe in das Nicken und die Handschläge.
Obwohl es da mal diesen unangenehmen Moment gegeben hatte, als Jimmy dreizehn war und Dad ihn dazu brachte, sich zu einem Gespräch mit ihm hinzusetzen. Jimmy wand sich, weil er dachte, Dad würde gleich mit den Bienen und den Blümchen anfangen.
Stattdessen räusperte er sich und …
„Ich werde dir das jetzt sagen, weil deine Nana mir deswegen in den Ohren gelegen hat. Also … ich liebe dich, du bist mein Sohn … und ich bin stolz auf dich. Das ist mir ernst, jetzt und für immer. Egal, was kommt.“
Jimmy stürzte einen Becher Wasser hinunter und setzte sich ans Ende der Bank. Irre, welche Gedanken einem nach einem Touchdown durch den Kopf gingen. Da hatte die ganze Rennerei anscheinend sein Gehirn ein bisschen zu sehr aufgeschüttelt, sodass die Erinnerungen durchsickerten.
Er trank sein Wasser aus, warf den Pappbecher in den Müll und feuerte die Abwehr an, als Bradley den Quarterback erwischte. Die Wildcats hatten keine Chance. Nicht, wo nur noch fünf Sekunden übrig waren und die Defense der Rockets unter Strom stand.
„Westbrook, hier rüber.“ Clem winkte ihn zu sich und dem Rest der Mannschaft an die Nulllinie herüber.
Auf dem Weg dorthin warf Jimmy noch einen Blick auf die Zuschauerränge und blieb abrupt stehen, als er sie sah. Sie ging gleich auf der anderen Seite des Maschendrahtzauns vorbei. Sie lachte, und ihr Haar glänzte im Licht des Stadions.
Clems Cousine. Das Mädchen von dem Foto. Er hatte sie am Tag ihrer Ankunft gesehen, als sie mit ihrer Schwester ins Haus der Clemsons eingezogen war. Aber Dad hatte ihn zur Arbeit verdonnert, daher hatte Jimmy keine Zeit gehabt, anzuhalten und sie richtig in Heart’s Bend zu begrüßen.
In der Schule erfuhr er ihren Namen. Colette. Der schönste Name, den er je gehört hatte. Und in den letzten drei Wochen war er immer wieder an ihr vorbeigelaufen, in den Fluren, nach dem Essen, auf seinem Weg zum Matheunterricht. Er sagte Hi, aber sie hielt ihren Blick gesenkt und ihre Bücher fest im Arm.
Clem sagte, sie seien so still wie kleine Mäuschen, Peg und Colette, und doppelt so traurig.
„Die Armen, die haben im Krieg alles verloren. Erst ihre Mutter in der Luftschlacht um England. Dann ihren Vater in der Luftschlacht um Berlin. Der wurde abgeschossen.“
Kurz bevor sie die Treppe zur Tribüne hinaufging, drehte sie sich um und sah ihn direkt an. Als wären sie Liebende auf einer Kinoleinwand. Jimmys Herz klopfte lauter und schneller als vorhin, als er zum Touchdown gesprintet war. Sofort überkam ihn der Wunsch, noch einen Touchdown zu machen, extra für sie.
Der letzte Pfiff ertönte, und die Fanfare dröhnte in der kalten Abendluft. Das Spiel war beendet. Die Rockets hatten gewonnen!
Jimmy schnappte sich seinen Helm und rannte in die Kabine. Alle Gedanken an sie schob er beiseite und zwang sich, sich im Sieg seiner Mannschaft zu sonnen. Feiere!, sagte er sich selbst. Hör auf, ein Mädchen anzuschmachten.
Der Coach stand auf einer Bank und lenkte mit einem schrillen Pfiff die Aufmerksamkeit auf sich. Den Ball in seiner ausgestreckten Hand haltend, sagte er: „Game Ball: Jimmy Westbrook. Der beste Lauf, den ich seit langem gesehen habe. Weiter so.“
Die Jungs explodierten, jubelten, ihre Stimmen echoten von den Wänden: „Jimmy … Jimmy … Jimmy.“
Er grinste und wich seinen Freunden und ihren rabiaten Rückenklopfern spielerisch aus. Er hatte den Game Ball verdient! Da würde Dad vielleicht doch noch ein Knopf vom Hemd springen.
Weniger als eine halbe Stunde später war er geduscht und umgezogen. Seine dreckigen Sachen steckten in der Sporttasche. Der letzte Spieler war schon raus aus der Umkleide. Jimmys großer Abend war vorbei. War Geschichte.
Er war der Letzte, der rausging, löschte das Licht und machte sich auf den Heimweg, einer Brise entgegen, in der sich der Duft des Spätsommers mit dem des nahenden Herbstes vermischte. Mondlicht erhellte auch die dunkelsten Schatten.
So gut er konnte, hielt er sich an seinem Triumph fest, wie er den Ball fest im Arm hielt. Er wollte irgendetwas tun, irgendwohin gehen.
Er war noch nicht bereit dafür, den Abend für beendet zu erklären. Aber Moment um Moment verstrich er einfach. Die anderen Jungs waren jetzt alle zu Hause oder mit ihren Freundinnen unterwegs. Fast alle seiner Freunde hatten Mütter und Väter zu Hause, Geschwister. Um diese Zeit stellten sie sich vermutlich darauf ein, sich gleich mit einer großen Schüssel Popcorn eine Spielshow im Fernsehen anzuschauen.
Jedenfalls war das im Hause Clemson so. Wo Colette wohnte.
Colette … Colette. Er bewegte den Namen in seinem Kopf hin und her und ließ dann Silbe für Silbe über seine Lippen streichen. „Co-lette.“ Ihr Name war so hübsch wie ihr Gesicht.
Vielleicht konnte er noch mit Dad feiern, Popcorn essen, ein bisschen Radio hören. Dad war noch nicht in den Kreis der Fernsehbesitzer eingestiegen. „Der ganze Krach im Haus, wofür soll das gut sein?“
Noch eine Meile bis nach Hause, eine Meile, während der er seinen Touchdown immer wieder erlebte. Jimmy wusste, dieser Moment würde ihm für den Rest seines Lebens bleiben. Und das brachte ihn dazu, mehr zu wollen.
Er durchquerte die Hinterhöfe der Bostics und der Pilpotts, ging über die Straße und sprang schließlich die Stufen hinterm Haus zur Küchentür hinauf. Hinter ihm fiel die Fliegengittertür zu.
„Hey, Daddy, bist du zu Hause?“ Jimmy drapierte seine Lettermanjacke über die Lehne eines Küchenstuhls und legte den Football in die leere Obstschale. Das Haus war dunkel, nur im Wohnzimmer brannte eine einzige Lampe. „Dad? Haben wir Popcorn?“
Jimmy öffnete alle Schränke und durchforschte die Speisekammer. Leer. Wann waren sie eigentlich zuletzt einkaufen gewesen? Mist, er hatte sich irgendwie auf Popcorn eingeschossen.
Er nahm den Football, um ihn seinem Dad zu zeigen, aber als er näher kam, sah er, dass sein alter Herr in seinem Sessel tief und fest eingeschlafen war. Ein Buch lag offen auf seiner Brust.
Jimmy stupste vorsichtig seinen Fuß an. „Du kriegst noch einen steifen Nacken, wenn du so schläfst, Dad.“
„Wa-was?“ Orie Westbrook schreckte mit einem Schnarcher hoch und fuhr sich mit der Hand durch sein dickes Haar. „Hallo, Sohn.“ Jimmy konnte das nicht wirklich beurteilen, aber er fand, sein Dad sah eigentlich ganz stattlich aus, vielleicht konnte man sogar von gutaussehend sprechen, so wie bei John Garfield oder so. Die Frauen in der Stadt schienen ihm alle immer einen zweiten Blick zu schenken, wenn er vorbeiging, und sie sagten seinen Namen immer irgendwie so süßlich. Heeeey, Orie. „Wann bist du denn nach Hause gekommen?“
„Gerade eben. Der Coach hat mir den Game Ball gegeben.“ Jimmy ließ den Ball zwischen den Händen kreiseln und dann aufs Sofa fallen.
Dad senkte die Fußstütze und schüttelte den Schlaf ab. „Gratuliere.“
„Wie wäre es, wenn wir irgendwas machen, Dad? Du weißt schon, feiern und so.“
„Was zum Beispiel?“ Dad ruckte mit dem Kinn zum Ball. „Ich kann eine Vitrine dafür bauen, wenn du willst.“
„Klar, ja, das wäre super.“ Als passe sein Herrlichkeitsmoment in einen Glaskasten. Dads freundliche Geste nahm Jimmys Enthusiasmus die Luft.
„Ich habe noch das alte Holz von den Bäumen, die wir gefällt haben, in der Scheune. Gutes, solides Walnussholz.“ Dad stemmte sich aus seinem Sessel hoch, streckte sich und gähnte. „Ist da noch was von der Erdbeer-Pastete übrig?“
Dad war kein großer Koch, aber Pasteten liebte er, und deshalb hatte er die Kunst der Teigherstellung gemeistert. In dem Sommer, als Nana ihm das beibrachte, hatte Jimmy so viele trockene, verbrannte und wässrige Kirsch-, Apfel-, Erdbeer-, Pfirsich-, Pekanuss- und Kürbis-Pasteten gegessen wie noch niemals sonst in seinem Leben.
Damals hatte er ihnen den Rest des Jahres abgeschworen. Aber heute? Dads Pasteten waren besser als die aus der Bäckerei.
„Lass uns doch ins Kino gehen. Oder in die Milchbar.“
„Den Film haben wir doch schon gesehen. Das wäre jetzt nicht einer, für den ich noch einmal einen Groschen ausgeben würde. Zu meiner Zeit hat das ja nur so viel gekostet, das Kino. Einen Groschen.“
„Das hast du erzählt, ja.“
„Und was soll ich denn in der Milchbar?“ Jimmy hörte, wie die Kühlschranktür aufging und wieder geschlossen wurde. „Morgen muss ich früh raus. Und du auch, Junge. Wir holen Steine aus Crawfords Feld. Ich werde deine Hilfe brauchen.“
„Ich will aber nicht meinen ganzen Samstag damit zubringen, Kalksteine aus Crawfords Feld zu holen. Ich weiß auch gar nicht, warum du das machst. Du hast doch eine gute Arbeit als Gutachter. Ich weiß nicht, was du mit all den Steinen anfangen willst.“
Sie hatten ihre eigenen gut vier Hektar Land, mit denen Dad nichts anderes anfing, als im Sommer mit einem Traktor darüberzufahren und das Gras zu mähen. Er hatte das Grundstück mit Kalkstein eingefasst, und das war’s dann auch schon. Ansonsten füllte er ihre Scheune mit Stein und Bauholz, ohne ersichtlichen Grund.
„Achte auf deinen Tonfall.“ Dad kam mit einem Stück Pastete auf dem Teller ins Zimmer. „Man weiß nie, wofür die Steine eines Tages noch gut sind.“ Er betrachtete Jimmy. „Um sechs geh ich los. Sei bereit.“
„Warum muss ich mir den Rücken krumm machen, meine Zeit vergeuden und deine Steine vollschwitzen?“
„Weil das auch deine Steine sind. Hast du mal darüber nachgedacht, dass du vielleicht eines Tages heiraten und eine Familie haben wirst? Ich habe zweieinhalb Hektar, die ich dir geben will. Das Material, das ich sammle, das ergibt ein schönes Haus für deine Frau. Das spart auch ganz gut Geld. Na, jedenfalls wenn du irgendwann mal gut genug riechst, damit ein Mädchen mit dir ausgeht.“ Dad runzelte Stirn und Nase.
„Hey, ich hab geduscht nach dem Spiel.“
„Trotzdem musst du morgen früh um sechs fertig sein. Ich geb dir ein Frühstück bei Ella’s aus.“
Essen war nur eine kleine Motivation, aber es reichte. „Dann will ich aber extra Speck“, sagte Jimmy, ging zum Fenster und ließ Dad sich sein Gebäck in den Mund schaufeln.
Mit der Spitze des Footballs schob er die Gardine zurück und starrte in Richtung des Hauses der Clemsons. Drei breite Straßen entfernt war ein Mädchen, das sein Herz zum Flattern brachte, und das saß vielleicht gerade mit einem anderen Jungen auf der Couch.
Eine Flamme der Eifersucht brannte sich durch die dünne Schicht Selbstvertrauen, die das Footballheldentum mit sich gebracht hatte. Colette war das einzige Mädchen, das ihm im Matheunterricht jemals die Konzentration geraubt hatte. Trotzdem hatte er noch nicht den Schneid aufgebracht, mit ihr zu sprechen, außer mal „Hallo“ oder „Tschüss“. Er musste irgendwie Mut zusammenkratzen, sonst würde er als alter Junggeselle enden wie sein Dad. Nachdem ihn seine Frau verlassen hatte, hatte er nie wieder eine andere auch nur in Betracht gezogen.
Jimmy nannte sie nicht Mama. Weil sie nie eine gewesen war. Sie war nur eine Frau, die ein Baby zur Welt gebracht hatte und dann auf und davon war, um Ruhm und Reichtum zu suchen.
Vom Fenster aus betrachtete Jimmy seinen Vater eine Weile. Der Stein, das Bauholz …
„Dad“, sagte er leise, langsam. „Sie kommt nicht mehr wieder, weißt du?“ Sein alter Herr starrte auf seinen leeren Teller. „Ich weiß nicht, warum du deine Zeit damit vergeudest, deinen und meinen Rücken kaputtzumachen und Baumaterialien für ihr Traumhaus zu sammeln, wenn sie seit einem Dutzend Jahren nicht mehr hier aufgetaucht ist. Und wenn sie’s täte, würden wir sie überhaupt wollen?“ Jimmy ganz bestimmt nicht. Nur daran zu denken bereitete ihm schon üble Bauchschmerzen. „Wie wäre es denn mit Miss Jackson, die unten bei der Bank arbeitet? Die würde mit dir ausgehen, wenn …“
„Ich warne dich, James Allen.“ Dad nannte ihn bei seinem vollen Namen und raubte Jimmys Draufgängertum den Schwung. Er benutzte nie seinen vollen Namen. „Du bist sechzehn, aber ich kann dich immer noch mit raus zum Holzschuppen nehmen, falls das nötig sein sollte.“ Dad ging in die Küche, und es klang, als hätte er seinen Teller in die Steingutspüle gepfeffert. „Verdirb dir nicht deinen großen Abend, werd nicht frech. Dein Opa hätte mich längst einmal durchs Zimmer geprügelt.“
„Ich meine das nicht respektlos.“ Jimmy ließ sich unruhig gegen die Wand fallen. Ihn juckte es, sich zu bewegen, etwas zu unternehmen. Nein, was ihn juckte, war, dass er bei Colette sein wollte. Nicht im Dunkeln mit seinem Vater. Nicht heute Abend.
„Was sagst du, wenn ich zu Clem rübergehe?“ Wenn er an dem Abend, an dem er ein Held war, nicht mit Colette sprechen konnte, würde er es nie tun. „Die anderen treffen sich da, weißt du, so nach den Spielen.“
Jimmy war letztes Jahr ein paarmal hingegangen, aber er ließ Dad nicht gerne alleine am Freitagabend, der dann nur wieder auf seiner Anlage Frank Sinatra oder Bing Crosby hörte, die ihre Liebeslieder schmachteten. Das schien ihm irgendwie bemitleidenswert. Jimmy schüttelte den Kopf. Er verstand es einfach nicht. Dad mochte die Balladen, aber er machte nie einen Schritt Richtung Romantik.
„Werden Fred und Jean dort sein?“, fragte Dad, der sich auf den Weg zur Treppe machte.
„Wo sollten sie sonst sein?“ Jimmy strebte zur Küche, holte seine Jacke und glättete mit der freien Hand sein Haar. Unter dem anderen Arm hielt er immer noch den Ball. „Meinst du, die würden Clem zu Hause allein lassen? Mit einer Horde Footballspieler?“
„Schätze nicht.“ Dad machte einen Schritt die Treppe hoch. Seine Hand ruhte auf dem Geländer, sein Gesicht lag im Schatten. „Sei nicht wütend, Jimmy. Sei nicht wütend auf deine Mama. Du hast sie nicht gekannt. Sie war eine gute Frau.“
„Sie hat uns verlassen. Wie gut kann sie da sein?“
„Sie war … voller Leben. Ein Freigeist. Zu hübsch für ihr eigenes Wohl. Und klug.“ Kopfschüttelnd pfiff er. „Sie hätte aufs College gehen können, wenn sie nicht in anderen Umständen gewesen wäre.“
„Das war nicht mein Fehler.“ Er hatte die Geschichten gehört, wie Mama, die Jahrgangsbeste, am Tag ihrer Diplomübergabe schwanger war. Über den Sommer, in dem Mama ihr Collegestipendium aufgab, um Dad zu heiraten – dem ihr Vater wiederum die Pistole an den Kopf hielt.
„Nein, das war meiner. Mein Fehler.“ Dad verschwand auf der dunklen Treppe und machte sich nicht einmal die Mühe, das Flurlicht einzuschalten, als er oben angekommen war.
Jimmy war es egal, wessen Fehler es war. Und während er so gar keine Erfahrung mit dem Kindermachen hatte, war er sich doch ziemlich sicher, dass da immer zwei dazugehörten. Es war einfach nicht richtig, was Vera getan hatte: Dad sitzenzulassen und ihn so fertigzumachen. Und Jimmy zu verlassen.
Aber Dad sah die Schuld nur bei sich selbst. Diese Last ließ ihm gerade noch genug Herz dafür, arbeiten zu gehen und abends wieder nach Hause zu kommen. Sonst für nicht viel. Mit seinen fünfunddreißig Jahren war er ein alter Mann.
Nun ja, Jimmy hatte nicht vor, mit sechzehn ein alter Mann zu sein. Er flog aus der Küchentür und joggte zu Clem. Heute war sein Abend. Er würde ihn feiern, indem er mit Colette sprach. Er würde sich nämlich eher erhängen, als sich für ein Leben wie das seines Vaters zu entscheiden.
Und auf eine Frau zu warten, die niemals nach Hause kam.

Kapitel Sieben
JACK
In der Wohnung war es still und dunkel, als Jack eintrat, der sich nicht darum bemühte, leise zu sein. Aus Gewohnheit und mit einer geübten Handbewegung warf er seine Schlüssel auf den Tisch neben der Wohnungstür. Klappernd landeten sie auf dem alten, abgenutzten Holz.
Taylor hatte das Ding aus einem Sperrmüllhaufen an der Straße gerettet. Sie hatte vorgehabt, ihn „upzucyceln“. Sie sagte, er hätte Charakter, und wenn sie ihn erst bearbeitet hätte, würde der Tisch das Markenzeichen ihrer Wohnung werden.
Dennoch blieb der Tisch ramponiert und abgewetzt. Nicht einmal die Nachmittagssonne konnte das durstige Holz zum Schimmern bringen.
Jack ließ sich in den Clubsessel fallen, der dem offenen Kamin gegenüberstand. Der gedämpfte Lichterschein der Stadt reichte ihm als Beleuchtung.
Er fühlte sich unwohl. Nein, krank. Todkrank. Er streifte die Schuhe ab, lockerte die Krawatte und ließ sie zu Boden fallen. Dann schlüpfte er mit einem Schulterzucken aus der Jacke, knüllte sie zusammen und warf sie gegen den weißen gemauerten Kamin.
War er wirklich so naiv? Wie hatte er das denn nicht kommen sehen können? Er hatte nie auch nur eine Vermutung gehabt. Nie. Wie konnte sie nur?
Er stand auf und tigerte zur Balkontür. Er öffnete sie und trat auf den weiten, gekachelten Anbau hinaus. Die milde Nachtluft hauchte seinen kalten Knochen und seinen steinernen Gefühlen etwas Leben ein.
Betrogen. Er hasste es. Es gab nichts Schlimmeres. Nichts. Und dieser besondere Betrug schnitt ihm tief ins Mark.
Jack schlug mit der flachen Hand auf das glatte, kalte Geländer. Vor dem Hintergrund des Straßenlärms hörte man das leise Geräusch kaum. Irgendwo auf dem Fluss stöhnte das Horn eines Schleppdampfers. Und die Melodie der Lichter, die von der Skyline Manhattans aus Richtung Brooklyn strömte, verursachte lange, geschwungene Wellen auf der Wasseroberfläche.
Er hob die Hand und griff nach der Stadt – nach den Gebäuden, den Lichtern, der Brücke, den wimmelnden Straßen, dem Erfolgsversprechen. Es sollte doch alles so einfach sein. Streck die Hand aus, nimm, was du willst, und halt es fest.
Aber nein, er war doch Jack Forester. Wie konnte er das nur vergessen? Das Leben weigerte sich, ihn ganz einzulassen. Alles, was er wollte, wurde ihm weggerissen. Weg. Gerissen. Mit der Zeit. Keine Übertreibung. Er könnte ein verfluchtes Buch darüber schreiben.
Heute hatte er nicht nur einen Stammkunden von 105 verloren, Hops bedrängte ihn nach wie vor wegen London.
„Was machst du denn hier draußen?“ Taylors Stimme unterbrach ihn, ein weicher Meißel gegen den harten Fels seiner Gedanken.
Er sah hin, als sie durch die Tür auf den Balkon trat. Der Saum ihres Nachthemds streifte kaum ihren Beinansatz. Mann, sah sie gut aus mit ihrem wirren Haar, das ihr unordentlich über die Schultern fiel. Das geisterhafte Licht der Straßenlaternen berührte ihr Gesicht.
„Es ist spät. Du solltest schlafen.“
„Es ist nicht spät.“ Sie kam an seine Seite, stützte die Arme auf dem Geländer ab und hielt das Gesicht in die Nachtluft. „Es ist früh. Ein Uhr morgens. Wo warst du denn?“
„Arbeiten.“
An jenem Nachmittag, als er auf dem Weg zurück zu seiner Agentur auf der Straße in sie hineingerannt war, war er besorgt und abwesend gewesen, nachdem er mit einem Kunden gestritten hatte. Die Kälte und die wechselhaften Januarwinde stachelten seine Irritation nur weiter an.
„Hey, pass doch auf.“ Er versuchte, dem menschlichen Hindernis auszuweichen, das da um die Ecke der 67. bog, aber sie bewegte sich in dieselbe Richtung.
„Entschuldigung, ich habe nicht aufgepasst … Jack? Jack Gillingham?“
Als er in ihre königsblauen Augen sah, ließ seine Anspannung etwas nach. „Taylor Branson?“ Er umarmte sie, und als ihr Lachen sein Ohr küsste, verstummte das Grollen in seiner Brust. „Was machst du hier in New York City? Und es ist Forester. Gillingham war der Name meiner Pflegeeltern.“ Er trat zurück und ließ sie los, obwohl er das eigentlich gar nicht wollte, weil die Kälte sofort die Stelle an seiner Brust beanspruchte, wo er gerade noch ihre Wärme gespürt hatte.
„Ich wohne jetzt hier.“ Sie klopfte auf ihre Fototasche. „Ich bin im Juni von L.A. hierhergezogen.“
„Warum? Ist dir der Sonnenschein auf die Nerven gegangen?“
Wieder lachte sie, und sein Werbegehirn sagte ihm, er könnte Milliardär werden, wenn er nur den Klang ihres Lachens in Flaschen abfüllen könnte. „Ich habe einen Tapetenwechsel gebraucht. Ein Freund hat eine Reihe Aufträge klargemacht, und da habe ich mir das Auto gepackt und bin einmal durch das ganze Land gefahren.“
„Wie steht es im alten Heart’s Bend? Warst du mal da?“
„Zu Weihnachten. Und ja, ist schon okay da. Meiner Granny geht es nicht so gut, aber es war …“ Sie zuckte mit den Schultern. Ein Hauch Traurigkeit lag in ihrer Stimme. „Du? Warst du in letzter Zeit mal da?“
„Nein, meine Arbeit hält mich auf Trab. Ich bin Seniorberater bei 105.“ Der Schnee fiel dichter, und er entdeckte einen bläulichen Schimmer auf ihren Lippen.
„105? Sehr schick. Für die würde ich auch gerne einmal arbeiten. Aber wie ich höre, ist Hops Williams nicht gerade einfach.“
„Das stimmt schon, aber wenn man ein paar Tricks kennt …“ Er zwinkerte und freute sich über das Lächeln, das sie ihm zur Antwort schenkte. „Sag mal, ich erfriere gleich. Kann ich dich auf eine Tasse Kaffee einladen? Oder Tee oder so?“
„Na ja …“ Sie schaute himmelwärts, betrachtete prüfend die Schneewolken. „Mein Auftrag wurde gerade abgesagt. Aber was genau meinst du eigentlich mit ‚oder so‘?“
Sie hatte ihn. Genau da und dort. „Mittagessen?“
„Perfekt. Ich bin verhungere.“
Aus dem Mittagessen wurden ein Schaufensterbummel, eine Pause in einem Café, dann ein Abendessen. Danach ein Treffen auf einen Kaffee am Morgen. Wieder ein Abendessen. Genauer gesagt, jeden Abend ein Abendessen, bis zu ihrer spontanen Hochzeit.
„Jack?“ Taylors Berührung holte ihn aus seiner Erinnerung. „Du warst arbeiten?“
„Ja, tut mir leid, ich wollte eigentlich anrufen. Wie war dein Tag?“ Hatte sie nicht einen Fototermin oder etwas in der Art gehabt? Stimmt, für Morgen ist ein neuer Tag. Vermittelt durch den arroganten Doug Voss.
„Gut.“ Ihre Antwort unterstrich sie mit schnellen Gesten. „Der Shoot mit dem Ensemble von Morgen ist ein neuer Tag ist gut gelaufen. Ich habe Colette gesehen.“
„Ja, was hat sie denn gesagt?“
„Gar nichts eigentlich. Ich meine, wir sind wie Fremde. Wir haben das gleiche Blut in den Adern, aber das war’s auch schon. Obwohl Addison fand, wir sähen uns ähnlich.“
„Die Macht der Suggestion. Das beste Werkzeug in der Werbebranche.“
„Und der Grund dafür, dass wir glauben, eine Pille könnte uns schlank machen.“
Sie beugte sich zu ihm, und er atmete einen Teil seiner Wut aus, aber nicht genug, um ihn von der Kante wegzuholen. Dort fühlte er sich wohl. Da hatte er den größten Teil seines Lebens verbracht. „Hat sie etwas über den Tod deiner Granny gesagt?“
„Nein. Sie hat mich einem ihrer Co-Stars als ihre Nichte vorgestellt, aber sonst hätte man auch nicht gemerkt, dass wir zur selben Familie gehören. Oh Jack, sie ist hinreißend. Sie sieht aus, als wäre sie siebzig.“
„Wie alt ist sie denn?“
„Ein Jahr jünger als Granny. Also zweiundachtzig?“
„Hmmm. Hat vielleicht eine Pille genommen, damit sie jung bleibt?“
Taylor schubste ihn mit der Hüfte. „Sehr witzig.“
„Wie hast du dich wegen Voss entschieden?“ Der Unterton lag wieder in seiner Stimme. Er hörte es. Er fühlte es.
Sie wich zurück. „Was meinst du, wie ich mich entschieden habe?“
„Wirst du die Emmys fotografieren?“
„Echt jetzt, Jack? Willst du, dass ich mit Doug nach L.A. fahre?“
„Es ist ein Auftrag.“ Er konnte sich selbst hören. Und er klang dumm. Aber er wollte selbstbewusst sein. Sie wissen lassen, dass er mit allem umgehen konnte, was da auf ihn zukommen mochte. „Ich muss mir doch um nichts Sorgen machen, oder?“ Wenn sie immer noch Gefühle für Voss hatte, dann ab an die Oberfläche damit.
„Das kann nicht dein Ernst sein.“ Er fühlte die Wärme ihres Seufzers. „Warum sagst du mir nicht, was nicht stimmt?“
„Nichts.“
Sie rutschte nach rechts, weg von ihm. „Übrigens haben die Leute vom Architecture Quarterly angerufen. Danke für den Auftrag. Sie haben gesagt, sie bräuchten mich nächstes Wochenende. Rate mal, wo.“
„L.A.?“ Sarkasmus war seine Grundeinstellung.
„Okay, Jack, fein.“ Taylor wandte sich zur Tür. „Dann sei halt hier draußen und schmolle. Ich habe keine Zeit für so was.“
„Warte.“ Er streckte die Hand nach ihr aus. Seine Fingerspitzen berührten die weiche Unterseite ihres Unterarms. „Schlechter Tag. Also, wo ist denn der AQ-Termin?“
„Es ist schon okay. Das braucht dich nicht zu interessieren.“
„Es interessiert mich aber. Schau, ich … Bei der Arbeit ist es nicht so gut gelaufen heute.“
„Was meinst du mit ,es ist nicht gut gelaufen‘?“, erschrak sich Taylor. „Ist Hops wütend, weil du mir den AQ-Job zugeschanzt hast?“
Er lachte. Ihre Aufrichtigkeit berührte ihn. „Nein, er ist nicht wütend geworden.“
Hops war das Gegenteil von wütend. Er wollte, dass Jack ins Londoner Büro wechselte. Und ehrlich gesagt sollte Jack das Taylor besser früher als später sagen. Aber die Angst vor der Ablehnung führte zu allerhand Verzögerungsstrategien. Wenn Taylor sich weigerte, mitzukommen, was dann? Würde er ohne sie gehen?
Wie sehr hingen sie eigentlich an ihrer sechs Monate alten Ehe? Einer Ehe, aus Leidenschaft und Spontaneität an einem Strand von Martha’s Vineyard geschlossen.
Als er ihr den Antrag gemacht hatte, hatten sie noch nicht einmal über Dinge wie Finanzen oder Kinder gesprochen. Oder wie es ihr damit gehen würde, ans andere Ende des Ozeans zu ziehen. Aber jetzt gerade musste sich Jack unmittelbar darauf konzentrieren, einen wichtigen Kunden zurückzugewinnen.
„Wir haben ein Problem mit dem FRESH Water-Geschäft. Also, wo ist denn nun der AQ-Termin?“
„Welche Sorte Problem?“
„Der Fototermin, Taylor. Wo soll’s hingehen?“
„Heart’s Bend.“
„Heart’s Bend?“ Jack sah überrascht zu ihr hinunter. „Das gute alte Heart’s Bend? Um was geht es denn? Um Fotos von heruntergekommenen Häusern an der Hauptstraße?“
„Um eine Hochzeitskapelle, wenn du es unbedingt wissen willst.“
„Eine was? Es gibt doch gar keine Hochzeitskapelle in Heart’s Bend.“
„Anscheinend doch. Abseits der River Road. Jimmy Westbrook hat sie gebaut.“
„Coach Westbrook?“
„Glaub schon …“
„Der hat eine Hochzeitskapelle gebaut? Abseits der River Road?“ Jack tauchte in die dunklen Gassen seiner Erinnerungen ein. Er war früher immer durch die Wiesen gestrolcht, hatte sich von der einen oder anderen Pflegefamilie weggeschlichen.
Bis Sam und Sarah ihn aufgenommen hatten. Dann hatte er mit ihnen und ihrer erweiterten Familie dort gepicknickt. Alle hundert Leute saßen zusammen und aßen Brathähnchen und Kohl. Aber eine Kapelle hatte er nie gesehen.
„Also fährst du nach Hause?“
„Sieht so aus. Ich nehme an, das ist eine glückliche Fügung, weil ich sowieso geplant hatte, runterzufahren und mich um Grannys Haus zu kümmern.“
Taylor hatte Grannys Haus geerbt, aber sie war in den letzten vier Monaten nur einmal zu Hause gewesen, um sich mit ihrem Erbe zu beschäftigen. Ihre Schwester brachte sie immer wieder auf den neuesten Stand, wenn sie Dinge nahm oder weggab, trotzdem war es an Taylor, die Sache zu einem Abschluss zu bringen. Doch wie Jack schien sie glücklicher damit zu sein, ihre Heimatstadt zu meiden. Erinnerungen aus dem Weg zu gehen. Für Taylor waren das ihre Eltern. Vor allem ihr Vater.
„Ich dachte, ich bleibe eine Woche unten und kümmere mich um das Haus. Bisher habe ich die ganze Arbeit Emma überlassen.“
„Klingt gut.“
„Willst du mitkommen?“ Ihre Frage kam leise, vorsichtig.
„Nach Heart’s Bend?“ Jack schüttelte den Kopf. Nachdem er erst einmal dort weggegangen war, hatte er nie wieder zurückgeblickt. „Nein, ich muss hier arbeiten. Wir haben FRESH als Kunden verloren.“
„Oh, das tut mir leid, Jack.“ Sie strich ihm sanft über den Arm, und er akzeptierte ihren Trost, obwohl er ansonsten immer noch angefressen war. „Wie kam es denn, dass ihr einen Kunden verloren habt, mit dem ihr so lange zusammengearbeitet habt? Hat ihnen deine Präsentation nicht gefallen?“
„Oh, die haben sie geliebt. Die hat ihnen wirklich super gut gefallen, als Alpine & Schmidt sie ihnen gezeigt hat.“
„Wie? Die haben deine Kampagne präsentiert?“
„Die haben sie gestohlen.“
Taylor lachte, doch sein scharfer Blick ließ sie abrupt verstummen. „Was? Du meinst das ernst? Jemand hat deine Kampagne gestohlen? Sind die in der dritten Klasse, oder was?“
„Offenbar wird Carmen gesprächig, wenn sie ein bisschen was getrunken hat. Sie hat das Ganze ihrem Freund neulich beim Abendessen erzählt.“ Jack ließ das Geländer los und setzte sich an den Balkontisch, den sie in der Woche gleich nach ihrem Einzug gekauft hatten. Damals hatten sie sich vorgestellt, unter den Sternen zu Abend zu essen, aber bislang hatten ihn nur die Vögel als Zielscheibe für ihre Exkremente benutzt.
„Carmen?“ Taylor setzte sich neben ihn. „Eure Cheftexterin?“
„Ja, und ihr Freund ist der Cheftexter bei Alpine & Schmidt.“
„Nein. Die muss das doch besser wissen.“
„Das sollte man meinen. FRESH Water ist seit drei Jahren mein Kunde. Hops hat die Geschäftsbeziehung vor zehn Jahren etabliert. Dank Carmen wusste Alpine davon, dass die FRESH-Leute in die Stadt kommen wollten, um sich mit uns wegen einer brandneuen Anzeigenkampagne zu treffen. Da haben sie sie für gestern zu einem Meeting in ihr Büro eingeladen.“
„Und ihnen deine Präsentation vorgestellt.“ Ihr mitleidiger Ton irritierte ihn. Mitgefühl war er nicht gewohnt. Oder Solidarität.
„Eine Version davon. Nah genug dran, dass der Kunde heute bei der Hälfte meiner Präsentation lachen musste. ,Was soll das, Jack? Soll das ein Witz sein?‘“ Er ahmte Lennon McArthurs Tennessee-Akzent mit jeder Silbe nach. „‚Wir haben gestern Abend eine ganz ähnliche Präsentation von Rob Schmidt gehört. Haben Sie von ihm abgeschrieben?‘ Ha, ha, ha.“ Allein Lennons Spott zu wiederholen brachte Jack wieder in Wallung. „Hops und ich haben versucht, das Ganze wiedergutzumachen. Wir haben den ganzen Tag damit zugebracht, herauszufinden, was eigentlich passiert ist. Und heute Abend hat es sich dann zugespitzt.“
„Es tut mir so leid für dich.“ Der Nachtwind pustete Taylors Haar über die Schultern und legte die hohen, gottgemachten Flächen ihres Gesichts und die lange, schlanke Wölbung ihres Halses frei. Sie war so entzückend, so unglaublich reizend. Das hatte er schon immer gefunden. Aber als sie sich damals in der Rock Mill High über den Weg gelaufen waren, war er arrogant und aufgeblasen gewesen, hatte sein Innerstes abgeschirmt wie einen Kriegsschauplatz. Er hatte sie gefragt, ob sie mit ihm ausgehen wollte, einfach weil er wusste, dass sie Ja sagen würde. Danach ignorierte er sie, schüttelte sie ab wie Hundedreck von seinem Schuh.
Wie hatte er nur so ein Glück haben können? Herr im Himmel, wie kam es nur, dass er so ein Glück hatte, jetzt mit ihr zusammen zu sein?
„Was ist passiert?“
„Carmen kam so gegen sieben in mein Büro. Ich habe gerade zusammengepackt, weil ich nach Hause wollte. Sie war völlig verheult, rotznasig, plärrte herum und beichtete das Ganze. Das war, nachdem sie den ganzen Tag angewidert und empört getan hatte wegen der Neuigkeiten von Alpine. Sie hat ganz schockiert getan, als sie hörte, dass die unsere Präsentation gehalten haben.“
„Die muss völlig fertig sein.“
„Sie hat sich aus ihrer eigenen Dummheit eine Schlinge geknotet. Wenn man nichts verträgt, sollte man auch nichts trinken. Sie ist vierzig. Seit fünfzehn Jahren im Geschäft. Sie ist nicht irgendeine unschuldige Schulabgängerin, die die Fallstricke nicht kennt.“
„Vielleicht konnte sie sich nicht vorstellen, dass ihr Freund sie bestehlen würde.“
„Genau genommen hat er das ja nicht. Sie hat mit ihm ein Brainstorming gemacht und dabei eben unsere Idee ins Spiel gebracht.“ Er sah Taylor forschend an.
„Und was jetzt?“
„Ich habe sie gefeuert.“ Sein Bekenntnis hallte in seiner Brust wider und vibrierte in der Frequenz einer Autohupe, die in der Ferne zu hören war.
„Aua. Ist das nicht zu hart? Ich meine, sie hat ja nicht absichtlich …“
„Wenn sie es einmal gemacht hat, wird sie es auch wieder tun. Loyalität und Vertraulichkeit sind in diesem Geschäft alles. Wenn du mir gegenüber nicht loyal bist, sei es der Firma gegenüber. Wenn du der Firma gegenüber nicht loyal bist, sei es dem Kunden gegenüber, und wenn aus irgendeinem abscheulichen Grund nichts davon möglich ist, dann sei wenigstens dir selbst gegenüber loyal. Sonst bist du käuflich.“
Taylor lehnte sich kopfschüttelnd zurück. Er konnte spüren, wie sie dichtmachte. An diesem Punkt kamen sie einfach nicht zusammen. Er war zu direkt. Grob. Eine Verhaltensweise, die er vor langer Zeit gelernt hatte. So überlebte er.
Wenn er irgendwas wusste vom Leben, dann, dass man Verräter absägen musste. Er hatte keine Zeit übrig für Leute, die nicht loyal waren, für die Betrüger. Sein Herz war bereits voller Narben, die ihm von Leuten wie ihnen zugefügt worden waren.
Also wenn sie irgendwie wieder zu Voss neigen sollte …
„Du hast mir mal gesagt, du könntest deine Arbeit ohne Carmen gar nicht machen. Dass sie eine Lebensretterin sei.“
„Bis sie sich als Diebin herausgestellt hat.“
„Jetzt komm aber, Jack. Echt jetzt? Bist du so perfekt, dass dir nie jemand vergeben muss?“
„Ich versuche, keine Fehler zu machen.“
„Ich dachte, du hättest Perfektion erst im Kalender stehen, wenn du fünfundvierzig bist. Oder so.“
Er bedachte sie mit einem harten Blick. „Sie hat einen Kunden verloren.“
„Ja, na gut …“ Sie wandte sich ab und starrte aufs Wasser.
Jack fühlte die Macht seines Tonfalls, es war, als hätte er sie abgeschmettert. Taylor … Anders als er war sie weich, eine Wohltat für die Augen und das Herz. Sie vertraute zu viel – Voss war das beste Beispiel dafür –, aber sie hielt an Dingen fest. Sie ergriff das Wort für die Außenseiter.
„Mach dir keine Sorgen um Carmen. Sie könnte für Alpine arbeiten, aber sie hat eine Klausel im Vertrag, die ihr zwei Jahre lang verbietet, für einen Mitbewerber zu arbeiten. Sie kennt die Regeln, Taylor. Hey, ich habe ihr vergeben. Wir haben uns in den Arm genommen. Ich habe ihr mein Taschentuch gegeben, damit sie sich die Tränen trocknen und die Nase putzen konnte. Danach habe ich sie gefeuert. Wenn ich es nicht getan hätte, hätte Hops es gemacht.“
Taylor zog die Knie zum Kinn und verankerte ihre Fersen an der Stuhlkante. „Erinnere mich dran, dass ich keine Fehler machen darf.“
„Arbeite einfach nie für mich.“ Er lachte, es sollte ein Versuch sein, sie an seine hellere Seite zu erinnern. Aber dem Wutleuchten nach, das in ihren Augen aufblitzte, bewirkte seine Antwort eher das Gegenteil.
„Willst du den AQ-Job zurück?“
„Nein, der gehört dir. Betrachte dich als Auftragnehmer.“ Er beugte sich zu ihr. „Ich habe eine Frage. Warum latscht Voss hier rein und fragt dich, ob du mit ihm nach Los Angeles gehst, während ich mit im Raum bin?“
„Das habe ich dir schon gesagt. Er ist unglaublich arrogant.“ Ihr Gesichtsausdruck verhärtete sich, während sie ihn eine lange Weile musterte. „Aber wäre es dir denn lieber gewesen, wenn er mich gefragt hätte, wenn du nicht mit im Raum gewesen wärst?“
„Ich kann nicht glauben, dass er dich nur für einen Auftrag will. Ich vertraue ihm nicht. Er liebt dich immer noch.“
„Was?“ Sie klang ungläubig. „Er hat nie gesagt, dass er mich liebt. Du hörst, was du hören willst. Was spielt das außerdem für eine Rolle? Ich stehe nicht auf ihn. Ich bin mit dir verheiratet.“ Sie stand auf und ging Richtung Wohnung. „Ich gehe ins Bett.“ Als sie vorbeiging, erwischte der Wind den losen Saum ihres Kragens und legte die runde Wölbung ihrer Brust bloß.
„Taylor …“ Entschuldige dich, und geh mit ihr rein. Dennoch konnte er sich nicht dazu bringen, sich zu bewegen oder sich ihren Reizen hinzugeben, seinem eigenen Verlangen, sie auf seinen Schoß zu ziehen und ihre verführerische Haut zu küssen. Sag ihr, dass du dankbar für sie bist. Liebe sie. Sein früherer Zorn verblasste zu einem Schmerz. Er liebte sie, aber er schaffte es nicht, seinen Gefühlen durch Taten Ausdruck zu verleihen.
„Früher oder später wirst du dich der Sache stellen müssen“, sagte sie und hielt im Türrahmen inne.
„Welcher Sache?“
„Diesem Geist, den du in deiner Seele mit dir herumträgst.“
Schon wieder? Sie bestand darauf, dass sein Vater ihn heimsuche. „Rise Forester lebt. Es gibt keinen Geist.“
„Es gibt den Geist dessen, was er dir angetan hat. Jeden Tag lebe ich mit seinem Schatten.“
Sie schlüpfte durch die Tür, und Jack stützte seinen Kopf in die Hände. Sein ganzer Körper schmerzte von dem Verlangen, ihr nach drinnen zu folgen.
Sie hatte recht, sein biologischer Vater verfolgte ihn. Aber er hatte nicht die leiseste Ahnung, wie er ihn vertreiben sollte.
Taylor Branson war das Beste, das ihm je passiert war. Besser als die zehn Millionen Dollar, die er 105 letztes Jahr eingebracht hatte, und besser als der Bonus, den er dafür bekommen hatte.
Wenn er die Energie, die er für die Werbung aufbrachte, in seine Ehe investieren könnte, hätte er die glücklichste Ehefrau der Welt. Aber er wusste nicht, wie er ein Ehemann, wie er offen und echt sein sollte, wie er ihr sagen sollte, dass er ohne sie nicht würde atmen können, falls sie je aus seinem Leben verschwinden sollte.

TAYLOR
Taylor lag im Bett und lauschte auf die Bewegungen ihres Mannes in der Wohnung. Das rote Glimmen des digitalen Weckers auf der Eckkommode zeigte 2 Uhr morgens an.
Nachdem sie ins Bett gekrabbelt war, hatte sie sich überlegt, ob sie noch einmal auf seine Frage nach Doug eingehen sollte, aber beschlossen, es sein zu lassen. Sie wieder anzusprechen würde vielleicht wirken, als würde sie sich verteidigen. Oder es könnte ihn misstrauisch machen, als ob sie etwas vor ihm verbergen würde.
Die Wahrheit war, dass sie ihre Zeit mit Doug hasste. Bedauern lag über ihren Erinnerungen.
Sie setzte sich auf und betrachtete die Tür, während sie nach den Geräuschen horchte, die Jack in der Küche verursachte – wie er ein Sandwich machte, ein Glas Milch einschenkte, zum Sofa ging, von wo das blaue Leuchten des Fernsehers durch den Türspalt schimmerte.
Heute war sie einkaufen gewesen, hatte Schränke und den Kühlschrank gefüllt und gedacht, sie würden vielleicht zusammen essen können. Immerhin hatte er ihr gesagt, er wolle, dass sie sich um das Essen kümmerte. Aber als er nicht nach Hause gekommen war und auch ihren Anruf nicht erwidert hatte, hatte sie sich eine Schale Müsli gemacht und gearbeitet.
Das Licht des Fernsehers flackerte, als Jack die Sender wechselte. Bestimmt würde er beim Sportsender zögern und dann bei irgendeinem Heimwerkerkanal landen. Da. Sie lächelte, als sie den gedämpften Klang einer Kreissäge hörte.
Sollte sie rausgehen und mit ihm fernsehen? Ein Salamibrot klang gut. Aber wollte er vielleicht allein sein?
Eins war klar, er wollte nicht bei ihr hier im Bett sein.
Seit sechs Monaten waren sie verheiratet, waren sie da nicht noch in den verlängerten Flitterwochen? Sollten sie nicht jeden Abend nach Hause eilen, um zusammen zu sein, um sich zu lieben, sollten sie nicht Wochenendausflüge ins Hinterland oder nach New England unternehmen?
Sie ließ sich auf ihr Kissen fallen und rollte sich auf die Seite, vergrub sich unter dem dünnen Laken und Jacks Ohio-State-Kuscheldecke. Ein Roadtrip war ja der Grund, warum sie überhaupt geheiratet hatten.
Wenn ihr vor sechs Monaten jemand erzählt hätte, dass sie eines Tages mit Jack Gillingham, oder besser gesagt: Forester, Hand in Hand über einen Strand in Martha’s Vineyard spazieren würde, hätte sie …
Gelacht. Ja, gelacht. Laut.
Aber das Gefühl, wie seine Hand in ihrer lag, wie sie da an der Küste von Edgartown entlanggingen, wie sie lachend den eisigen Wellen des Atlantiks auswichen, war perfekt gewesen. Echt. Wahr. Stark.
„Was meinst du?“ Jack legte ihr den Arm um die Taille und zog sie näher. Ihre Schritte erklangen wie aufeinander abgestimmt. „Gefällt dir der Vineyard?“
„Sehr.“ Er hatte sie morgens um fünf geweckt, indem er an die Tür ihres Appartments geklopft und sie mit einem Frühstückskorb mit Gebäck und Kaffee überrascht hatte. Dann entführte er sie zu einer fünfstündigen Autofahrt durch New England an die Küste von Massachusetts, wo sie die Fähre nahmen.
„Ich mag es, wenn du glücklich bist. Du bekommst dann so ein Leuchten in den Augen.“
Taylor drehte sich um und ging rückwärts. Immer noch hielt sie seine Hände und sah ihm forschend in die Augen. „Was siehst du?“ Sie riss die Augen weit auf.
„Jemanden, der bereit ist, etwas zu riskieren.“
„Ja? Was denn riskieren?“
„Mich.“
Sein Tonfall bewegte etwas in ihr. Sie scherzten nicht mehr. „Und was, wenn es so ist?“
„Dann heirate mich.“
Sie hörte auf, rückwärtszugehen, und er lief in sie hinein, umklammerte sie in seiner Umarmung. Sein Seufzen schickte seinen süßen Atem über ihr Gesicht. „Heirate mich.“
„Was? Jack …“
„Ich weiß, es sind erst ein paar Wochen.“
„Acht.“
„Ich weiß, aber …“ Er wich ihrem Blick nicht aus. „Ich will mit dir zusammen sein.“
Sie waren seit ihrem ersten Date verrückt nacheinander. Sie gingen ins Kino, sahen sich Spiele an, sprachen über das Heute und das Morgen, aber niemals über die Vergangenheit, was sie an ihm liebte. Bei ihm ging es immer um den aktuellen Moment, ums Jetzt und um die Zukunft. Jeden Abend, wenn es für ihn an der Zeit war, nach Hause zu gehen und ihre vollgestopfte Wohnung zu verlassen, knutschten sie herum wie Teenager und zerdrückten die Kissen auf dem extragroßen Sofa. Dann zog sich Jack zurück und ging zur Tür. Er hatte nie weitergedrängt. Und Taylor war erleichtert gewesen.
Das war der Punkt, an dem die Sache mit Doug schiefgelaufen war. Also blieb sie bei ihm, weil sie mit ihm „zusammen gewesen“ war. War das nicht das Richtige, das, was man tun sollte?
Aber Jack? Der rüttelte nie an den Grenzen, und Taylor verfiel seiner Ritterlichkeit. Dann überraschte er sie mit dieser spontanen Flucht nach Martha’s Vineyard, wo er zwei Zimmer im Leuchtturmwärtergästehaus gebucht hatte.
Er war ein Gentleman. Und sie brauchte so sehr einen Gentleman. Aber Heirat?
„Ich weiß nicht … Jack. Ich meine … das kannst du doch nicht ernst meinen.“
„Todernst. Genau hier, genau heute. Warum nicht? Wir sind super zusammen.“
„Ich verehre dich. Ich kann mir jetzt gerade nicht vorstellen, je mit jemand anderem außer dir zusammen zu sein. Aber ich bin mir einfach nicht sicher …“
„Bist du es nicht leid, auf Nummer sicher zu gehen? Es gibt massenhaft Geschichten von Paaren, die sich nach ein oder zwei Dates verlobt haben. Eine Woche später haben sie geheiratet, und dann waren sie fünfzig, sechzig, siebzig Jahre lang verheiratet.“
„Es ist kein Wettbewerb, Jack.“
„Nein, das ist es nicht.“ Er ließ seine Hand in ihren Nacken gleiten und streichelte ihre Wange mit seinem Daumen. „Habe ich dir je gesagt, wie schön du bist? Und dass ich noch nie für jemanden so empfunden habe wie für dich? Noch nie?“
„Was ist mit Abby Conrad? Bei unserem Abschlussball hast du wie eine Klette an ihr gehangen.“
„Nicht einmal Abby Conrad.“
„Was ist mit damals, als du mich in der elften Klasse hast fallenlassen? Ein Date, und danach hast du nie wieder mit mir gesprochen. Tut mir leid, aber ich muss das ansprechen. Das hat wehgetan wie verrückt.“
„Ich weiß. Es tut mir leid.“
„Also, was ist das hier alles? Eine Wiedergutmachung? Du brauchst mich nicht zu heiraten, um mir zu beweisen, dass du dich geändert hast.“
Sein Kuss lachte auf ihren Lippen. „Taylor, ich war ein Holzkopf. Ein Vollidiot.“
„Du warst klug, witzig, Kapitän des Footballteams und hast nach deiner eigenen Pfeife getanzt. Alle Mädchen mochten dich.“
„Aber ich habe nur dich gemocht.“
„Und deswegen hast du mich sitzenlassen?“ Sie entzog sich ihm und ging mit einem neckischen Wurf ihrer Haare weiter.
„Ich weiß. Ich weiß.“ Er schob die Hand in ihre Taille, hob sie hoch und wirbelte sie herum. „Ich bin gescheut und durchgegangen. Aber jetzt habe ich die Chance, das zu tun, was ich vor zwölf Jahren wollte. Ich will mit dir zusammen sein.“ Er stellte sie auf den Sand. „In diesem Moment gibt es nur dich und mich.“
Sie sah ihm in die Augen. Suchte, forschte. Dies war jenseits dessen, was zu ihrer Persönlichkeit passte. Ja sagen zu einem spontanen Heiratsantrag, wo sie doch noch nicht einmal wusste, ob sie überhaupt etwas von „Ehe“ und „glücklich bis ans Lebensende“ hielt. Aber in seinem blauen Blick lag eine eifrige Aufrichtigkeit. Das war Liebe.
„Wag den Sprung mit mir.“ Er drückte ihre Hände und sank langsam auf ein Knie. „Taylor … Branson, willst du …“
„Du kennst nicht einmal meinen Zweitnamen.“
„Alice?“
„Nein.“
„Jean?“
„Nein.“
„Drusilla?“
„Nein.“ Mit einem Lachen und einem sanften Klaps auf den Kopf sagte sie ihm: „Jo.“
„Taylor Jo Branson, willst du mich heiraten?“
„Okay, Jack … wie auch immer … Forester …“
„Spratt.“
Sie schnitt eine Grimasse. „Du heißt Jack Spratt Forester?“
„Andrew. Jack Andrew Forester. Aber als ich Gillingham als Nachnamen benutzte, ergaben meine Initialen JAG, daher …“
„Dein Spitzname auf der Highschool.“ Endlich verstand sie. Er stand auf und barg sie in seinen Armen. „Was sagst du? Heiratest du mich?“
„Ja, Jack Andrew Forester, ich wage den Sprung. Ich heirate dich.“
Seine Lippen auf ihren waren dick und hungrig und verlangten nach ihrem Herzen. Und sie reagierte darauf, lehnte sich an ihn und ließ sich wegtreiben von den Zweifeln, die sich in ihrer Seele regten und die ihr sagten, dass Liebe niemals hielt.
Taylor stand auf, zog die Kuscheldecke vom Bett und ging auf Zehenspitzen ins Wohnzimmer. „Jack?“
Aber er schlief. Sein Kopf ruhte auf der Sofalehne, und sein Atem ging schwer und gleichmäßig. Der Sandwichteller lag wackelig in seiner schlaffen Hand.
Taylor stellte ihn auf den Couchtisch, stieg über Jacks ausgestreckte Beine und ließ sich neben ihm auf dem Sofa nieder. Die Luft im Raum war frisch, das Fenster zum Balkon stand offen.
Als sie Mama damals anrief, um ihr zu erzählen, dass sie Jack Forester geheiratet hatte, war die überhaupt nicht begeistert gewesen. Und ihre Schwester Emma auch nicht.
„Was um alles in der Welt …? Bist du bescheuert?“
„Deine Schwester lässt sich scheiden, und du heiratest heimlich?“
Taylor musste eine einstündige Befragung durchstehen, bei der sich ihre seit langem geschiedene Mutter und ihre frischgeschiedene Schwester abwechselten. Sie reichten den Telefonhörer hin und her und fassten all ihr neunmalkluges Wissen in dem Satz „Lass dir bloß nichts gefallen!“ zusammen.
Jack wurde wach, als Taylor die Decke über sie beide breitete. Er öffnete ein Auge: „Hey, Babe …“
Babe. Der sanfte Kosename fiel in ihr Herz wie eine Münze in eine Jukebox und ließ eine romantische Melodie erklingen. „Psst, schlaf weiter.“
„Taylor?“
„Ja, Jack?“
„Du bist heiß.“
„Ja? Du auch.“ Jack war schon in der Highschool zum bestaussehenden Jungen gewählt worden und mit den Jahren nur noch ansehnlicher geworden.
Aber ihre idyllischen Ansichten, was Romantik anging, waren durch ihren Vater und die Scheidung ihrer Eltern jäh zerstört worden, als sie fünfzehn war. Deshalb träumte sie nicht von Märchen und von weißen Brautkleidern.
Taylor griff nach der Fernbedienung und wollte gerade den Fernseher ausschalten, als eine jüngere Ausgabe von Tante Colette über den Bildschirm marschierte.
„Weißt du eigentlich, dass du auf dem Seifenopernkanal gelandet bist? Schau, da ist Colette in einer alten Folge von Morgen ist ein neuer Tag.“
Er spähte zum Fernseher. „Sieht aus wie du.“
„Also bitte, sie sieht so atemberaubend aus.“ Taylor hatte Granny Pegs kantige Gesichtszüge und ihre pralle Erscheinung. Wie Katherine Hepburn. Colette Greer war eine elegante Schönheit mit einem Gesicht wie das Mädchen-von-nebenan. Man hatte sie als die nächste Loretta Young bezeichnet.
Taylor drückte auf die Infotaste der Fernbedienung, um die Beschreibung der Folge zu lesen. „Vivica Spenser sagt wegen Unterschlagungen ihres Finanzchefs als Zeugin vor Gericht aus. Ausgestrahlt 1985.“
Colette saß mit einer typisch großen Achtziger-Jahre-Frisur und reichlich Make-up im Zeugenstand. Die Schultern hinten, das Kinn erhoben, verlieh sie Vivica Leben. Sie beantwortete die Fragen, ohne zu zögern. Als sie aus dem Zeugenstand entlassen wurde, stand sie auf, ging zum Tisch der Verteidigung, nahm ein Glas Wasser und spritzte es dem Angeklagten ins Gesicht.
„Ha, ha, ha, weiter so, Victoria.“ Taylor stupste Jack mit ihrer Hüfte an und versuchte ihn zu wecken. „Schau mal, Jack. Colette, oder eher Vivica, hat einem Mann Wasser ins Gesicht geschleudert. Dafür ist sie doch berühmt. Vielleicht könntest du sie für die FRESH-Kampagne gewinnen. Sie könnte so tun, als wäre sie kurz davor, jemandem Wasser von FRESH ins Gesicht zu schütten, und es dann doch nicht tun und sagen: ,Nein, warte mal, diese Flasche FRESH ist zu gut für dich.‘ Dann nimmt sie ein Glas mit irgendetwas, das nicht FRESH ist, und schüttet das dem anderen ins Gesicht. Verstehst du? Brillant.“ Taylor kuschelte sich in die Kissen. „Mal ehrlich, so schwierig ist das mit der Werbung doch auch wieder nicht.“
Jack antwortete darauf mit einem tiefen, ausgedehnten Schnarcher.
Sie starrte ihn an, wie er so schlief, seine Haare standen ab, seine Lippen waren rosig und süß. „Es gibt keinen Doug Voss, Jack. Es gibt nur dich.“
Aber ihm ihr Herz vor seinem wachen Gesicht auszuschütten schien ihr unmöglich. Selbst, als er ihr den Heiratsantrag machte, und dann später, als sie bei Sonnenuntergang am Strand standen und ihre Eheversprechen und zwei Platinringe tauschten, wurden die Worte „Ich liebe dich“ seltsamerweise nicht ausgesprochen. Als fürchteten sich beide davor, ihre Liebe zu erklären. Oder eine Liebeserklärung einzufordern. Aber als sie sich das erste Mal liebten und dann ein zweites und ein drittes Mal, wusste sie, dass sie ihn liebte.
Dann kamen sie nach Hause, und die Wellen des Lebens spülten über die flache Küste ihrer Beziehung – und darüber, wie sie sie sich gegenseitig bekundeten.
„Herr, wenn du mich hören kannst, hilf uns.“
Sie glaubte, dass Gott Menschen wichtig waren, dass sie Gott wichtig waren. Sonst würde das ganze Ding mit Jesus am Kreuz keinen Sinn ergeben. Aber alles, was sie hatte, war ihr Sonntagsschulglaube.
Und der Herzschlag. Den Herzschlag, den sie als Kind gehört hatte, wenn sie abends ins Bett gekrabbelt war und ihre Gebete aufgesagt hatte.
Das war der Grund, warum sie Doug verlassen hatte. Als sie mit ihm zusammen gewesen war, hatte sie den Herzschlag nie gehört, wie sehr sie sich auch anstrengte. Sie hatte gewusst, dass das Licht, das in ihr brannte, im Ausgehen begriffen war.
Aber den Sprung zu wagen und mit Jack durchzubrennen – war das nicht das Gleiche in Grün?
Taylor stand vorsichtig auf und schob Jack so zurecht, dass er seine langen Beine auf der ganzen Länge des Sofas ausstrecken konnte. „Gute Nacht, Jack.“
„Tay?“
„Ja?“
„Die Salami war lecker.“
„Freut mich. Schlaf weiter.“
Zurück in ihrem Schlafzimmer, nahm sie sich eine andere Decke aus dem Wäscheschrank und rollte sich in ihrem Bett zusammen. Als sie einschlief, zeigte der Wecker 2 : 30 Uhr. Ein Gebet aus ihrer Kindheit stahl sich in ihre Träume.
… Lieber Jesus mein,
lass mich dir empfohlen sein …

Kapitel Acht
COLETTE
Park Avenue West, Manhattan
Nachdem die Aufzeichnung der Serie vorbei war, hatte Colette sich daran gewöhnt, bis zehn Uhr den Morgenmantel anzubehalten. Aber länger nicht. Sie ging bis an die Grenzen des Anstands, indem sie herumgammelte, aber das hielt sie höchstens bis zum Vormittag aus.
Zweiundachtzig Jahre hin oder her, sie hatte ein Leben zu leben. Das hoffte sie jedenfalls. Außerdem waren ihr manche Dinge einfach viel zu sehr in Fleisch und Blut übergegangen, um sie jetzt noch zu ändern. Seit sie sieben Jahre alt war, war sie morgens um sechs aufgestanden, um ihren Pflichten auf der Morley Farm nachzukommen. Eine Zeit, an die sie sich nicht gern erinnerte und die sie auch nicht sehr schätzte.
Eine Zeit des Krieges und des Todes. Oh, der Schmerz, wie sehr sie Mama und Papa vermisste.
Colette schaute aus dem Fenster ihrer Schlafzimmersuite. Unter ihr breitete sich der Central Park aus und erinnerte sie auf mysteriöse Weise daran, wie klein sie war, wie winzig ihr Erfolg. Im großen Ganzen war sie nicht mehr als ein kleiner Fleck. Eine Eintagsfliege in der Weltgeschichte.
Aber den Herzschmerz des kleinen Mädchens, das seine Eltern, seine Unschuld, seine eine wahre Liebe, seine Schwester, sein … alles verloren hatte, konnte nicht einmal der Central Park fassen.
Und trotzdem sehe ich dich.
Colette drückte sich die Hand aufs Herz. Ihr Puls raste. Das tust du wohl.
Sie hatte die innere Stimme Gottes schon einmal gehört. Hin und wieder hatte Er ihr zugeflüstert, aber sie hatte nie lange genug innegehalten, um Ihn zu fragen, was Er wollte. Tief im Inneren wusste sie es. Er wollte sie.
Aber sie konnte nicht aufgeben. Was, wenn der Allmächtige ihr so das Herz brach, wie das Leben es ihr bereits gebrochen hatte? Wo wäre sie dann? Worauf konnte sie dann hoffen?
Sie wandte sich vom Fenster, dem göttlichen Flüstern und der lächerlichen Reise in die Vergangenheit ab und zog sich ins angeschlossene Bad zurück, um zu duschen und sich anzuziehen.
Um elf Uhr war sie in ihrem Büro und wartete auf ihre Koautorin, Justine Longoria. Sie fühlte sich unruhig.
Diese ganze Ruhestandsgeschichte war eine eher unschöne Sache. Sie fand das alles höchst unangenehm. Zweiundachtzig Jahre hin oder her, sie wollte arbeiten. Sie wollte etwas tun, ihre Hände mit etwas Nützlichem beschäftigen. Leerraum gab ihr viel zu viel Zeit. Da kamen nur diese alten Erinnerungen zu Besuch.
Nein, danke vielmals. Colette hatte nie verstanden, was andere daran fanden, von den guten alten Zeiten zu träumen. Jetzt, wo Peg nicht mehr war, hatte sich Colette vorgestellt, dass die Vergangenheit endgültig mit ihr begraben wäre. Dabei lag alles nur ein paar Spatenstiche tiefer.
Aber sie fand sich selbst in Trauer, sehnte sich nach jemandem, mit dem sie über das gute alte Großbritannien sprechen konnte, über Mama und Papa, über die Kriegsjahre. Über Freud und Leid von Heart’s Bend.
Colette sank in ihren Stuhl. Justines Los würde es wohl sein, ihr zuzuhören, zu hören, was sie alles zu erzählen hatte. Ob Colette sie das dann schreiben ließ oder nicht, stand auf einem anderen Blatt.
Pegs Enkelin zu sehen hatte eine Sehnsucht in Colette geweckt, die sie seit Jahren nicht gespürt hatte. Jahrzehntelang nicht, um genau zu sein. Und noch mehr Geheimnisse drängten an die Oberfläche.
Peg hatte Colette mit eiserner Hand regiert. Sie konnte und wollte ihr Geheimnis nicht preisgeben.
Sie waren Schwestern, die mehr durch Schmerz miteinander verbunden waren als durch Liebe.
Siebzig Jahre später hatte Colette recht. Es war noch nicht vorbei. Hatte sie den Mut, darüber zu schreiben? Peg war nicht mehr da, konnte nicht mehr protestieren.
Konnte Colette die Wahrheit sagen? Darüber, was sie aus Heart’s Bend vertrieben hatte? Sollte sie die Geschichte erzählen, wie sie nie vorgehabt hatte, in New York zu bleiben? Wie sehr sie sich danach gesehnt hatte, nach Heart’s Bend zurückzukehren? Wie die Schauspielerei ein Glückstreffer gewesen war, ihr Ruhm eine Farce?
„Ms. Greer?“ Ihr Mädchen für alles erschien in der Tür. „Möchten Sie vielleicht Tee?“
Zoé, eine geschäftige junge Frau, war gebildet und sportlich. Sie ging so forsch an die Arbeit, dass man das Gefühl bekam, sie wolle dadurch nur noch mehr Kalorien verbrennen. Sie war Colettes neuer Ersatz für Anna, die zwanzig Jahre lang ihre Assistentin gewesen war und die vor einem halben Jahr gekündigt hatte.
„Im Moment nicht, danke. Aber wenn die Autorin kommt, nehmen wir Tee und Sandwiches. Nichts Besonderes. Und die Bücherei und das Wohnzimmer müssten einmal gründlich gereinigt werden. Im Medienzimmer sind immer noch Zeitungen.“
„Ich werde mich heute darum kümmern.“ Und weg war die junge Frau, die so energisch ging, dass ihr Pferdeschwanz auf und ab hüpfte. Colette musste daran denken, Ford bei Gelegenheit einmal zu fragen, wie er an dieses Energiebündel gekommen war.
Pünktlich um eins brachte Zoe die Autorin ins Arbeitszimmer.
Justine war klein und süß. Ihr Haar trug sie kurz, in einem Schnitt, der ihre Gesichtszüge unterstrich. Sie trug eine Brille, was komischerweise das Einzige war, was Colette die Gewissheit gab, dass die Frau überhaupt irgendwelche Schreiberfahrungen hatte.
Autoren sollten Brillen tragen.
„Ms. Greer. Es ist eine Ehre, mit Ihnen zu arbeiten. Ich bin Justine Longoria.“
„Natürlich sind sie das.“ Colette schüttelte ihre Hand und wies dann auf den Stuhl am Couchtisch. „Bitte setzen Sie sich doch.“
Stattdessen stellte Justine ihren Laptop ab und streifte durchs Zimmer. „Diese Wohnung ist unglaublich.“ Sie beugte sich vor, um aus dem Fenster zu sehen, die geschäftige Straße hinunter. „Wohnen Sie schon lange hier?“
„Fünfzig Jahre“, sagte Colette.
„Der Park … wow. Man kann ja alles sehen von hier aus.“ Justine drehte sich zum Zimmer um und stemmte die Hände in die Hüften. „Das fühlt sich hier alles so groß an. Als könnte ich einziehen, und Sie würden es noch nicht einmal bemerken.“
„Ich nehme an, ich würde hier und da Ihre kleinen Mäuseköttel finden.“ Colette saß in ihrem Stuhl am Tischhaupt. Das war der gleiche Ort, an dem sie morgens ihren Saft und nachmittags ihren Tee trank, während sie den Wolken über der Stadt zuschaute.
„Ja, aber erst nach sehr langer Zeit.“ Justine setzte sich endlich hin und griff nach ihrem Laptop.
„Also, wie wird das hier vonstatten gehen?“ Colettes Unruhe verstärkte sich, jetzt, wo sie kurz davor war, ihre Geschichte zu erzählen. „Ich quassele vor mich hin, und Sie nehmen das auf? Oder sollen wir das als eine Art Interview machen?“
Justine öffnete den flachen Computer mit einem Apfel darauf. „Ich habe mir überlegt, dass ich aufnehme, wie wir uns unterhalten. Sie erzählen Geschichten. Ich frage nach. Der Verlag hat mir Ihren knappen Lebenslauf und etwas älteres Interviewmaterial zur Verfügung gestellt. Außerdem Ausschnitte aus der Tonight Show, Dina Shore und Michael Douglas. Dann Ihre erste Seifenoper, Leben und Liebe, wo Sie gefeuert wurden, wenn ich recht informiert bin, und Ihre ersten Tage bei Morgen ist ein neuer Tag.“
„Ich wurde ersetzt. Nicht gefeuert.“ In Wahrheit hatte man sie gefeuert, aber der Sender hatte der Presse mitgeteilt, man habe Colette „ersetzt“. Wenn sie allerdings das Buch zu ihrer Offenbarung mache wollte …
Justine tippte auf ihrer Tastatur und fragte nach dem WLAN – das war der Punkt, an dem Colette nach Zoé rief –, und nach ein paar Augenblicken erklärte Justine, sie sei so weit.
„Der Verlag hätte gern Anfang des Jahres einen ersten Entwurf. Das scheint mir machbar. Hat man Ihnen gesagt, dass sie planen, das Buch zum Jahrestag der Erstausstrahlung von Morgen ist ein neuer Tag erscheinen zu lassen? Irgendwann im nächsten Sommer, also müssen wir uns ranhalten. In der Verlagswelt haben wir jetzt schon Verspätung.“
„So denn“, sagte Colette, beugte sich vor und rief sich Vivica Spensers Mut herbei. „Was würden Sie gern wissen?“
Justine platzierte ein iPad für die Aufnahme auf dem Couchtisch, streifte die Schuhe ab und schlug ein Bein unter. Auf ihren Knien balancierte sie ihren Laptop. „Erzählen Sie mir, wie Sie nach New York gekommen sind.“
„In einem Auto.“
Sie lachte. „Einfach in einem Auto? Sie sind eines Morgens aufgewacht und haben sich selbst gesagt: ‚Ich glaube, ich steige jetzt ins Auto und fahre nach New York‘?“
„Wie sind Sie denn nach New York gekommen, Justine?“
Sie zuckte mit den Schultern und dachte nach. „Ich bin nach dem College hergekommen. Mein Freund war hier, und ich wollte in einer Kunstgalerie arbeiten. Aber in Galerien gab es gerade keine Jobs, also fing ich an, über Kunst und das Leben in der Stadt zu bloggen. Und auf einmal schreibe ich die Lebensgeschichten anderer Leute auf. Ich habe herausgefunden, dass ich eine ziemlich gute Koautorin bin. Und sieben Jahre später sitze ich nun in Ihrem Wohnzimmer.“
Justines Offenheit forderte Colette heraus. Sie antwortete ehrlich, ohne Sarkasmus.
Colette nahm Vaters altes Feuerzeug vom Beistelltisch, den einzigen Schatz, den sie aus Großbritannien hatte mitbringen können – alles andere war verloren –, und benutzte es als Requisite. „Ich bin mit Spice Keating hergekommen.“
Justine nickte und tippte. „Sie sind also mit einem hohen Tier hergekommen.“
„1951 war er noch kein hohes Tier. Nur ein junger Mann, der nach dem Durchbruch im Showbusiness strebte. Wir wussten ja noch nicht, dass er einmal Shows wie Go West oder Mulberry Street produzieren würde.“
„Meine Mutter hat Mulberry Street geliebt. Sie war eine der Glücklichen, deren Ursprungsfamilie genauso war wie in der Serie. Zu schade, dass sie selbst keinen Ehemann gefunden hat, mit dem sie ihren Kindern das gleiche Glück hätte bereiten können.“
„Bei Spice war es genauso. Mulberry Street war die Geschichte der Familie, die er immer haben wollte. Nicht die, in der er aufgewachsen ist.“ Colettes erste ehrliche Beichte fühlte sich gut an. Selbst wenn es dabei um Spice ging.
„Meine Familie schaut sich jedes Jahr die Wiederholungen um Weihnachten herum an. Meine Mutter hat sich für unsere Sicherheit und unser Glück die Finger wundgearbeitet, sie hat versucht, uns unsere eigene Version von Mulberry Street zu erschaffen.“ Justine fuhr sich mit der Hand durchs Haar und ruinierte dabei ihre Frisur. Jetzt stand es ihr wirr vom Kopf ab. „Das war ein schlimmer Verlust für die Unterhaltungsindustrie, als Spice Keating starb.“
„Ja, er war viel zu jung. Erst zweiundfünfzig.“
„Er hat auf großem Fuß gelebt, nach dem, was man so hört. Waren Sie in ihn verliebt?“
„Verliebt?“ Colette spielte mit dem Feuerzeug, drehte es in ihren Händen hin und her. „Nein, nein, wir waren Freunde. Ich bin mir nicht einmal sicher, ob ich 1951 wusste, was Liebe überhaupt bedeutete.“ Die Worte bohrten sich in ihr Herz und fraßen sich tief ein. Lüge. Sie hatte gewusst, was Liebe bedeutet. Sie trug einen Namen – Jimmy Westbrook.
„Wie haben Sie Spice kennengelernt?“
„An der Highschool. Und dann waren wir offenbar gleichzeitig bereit für eine Veränderung. Ich wollte weg, und Spice bot mir eine Mitfahrgelegenheit an.“
„Wie kam es zu dem Vorsprechen für Ihre erste Seifenoper, Leben und Liebe?“ Justine schien die Fragen aus ihren Notizen auszugraben.
„Spices Cousine arbeitete bei der Produktion. Sie hat es geschafft, dass wir beide zum Vorsprechen eingeladen wurden.“
„Wollten Sie schon immer Schauspielerin werden?“
„Meine Güte, nein. Ich hatte vorher noch nie geschauspielert, aber ich hatte eine Menge Gefühle in mir aufgestaut, auf die ich zurückgreifen konnte. Ich hatte einen Krieg und eine Schiffsreise nach Amerika überlebt und war in eine Kleinstadt nach Tennessee zu Verwandten gezogen, die ich vorher noch nie getroffen hatte. Ich hatte Angst und war aufgeregt, ich fürchtete mich und war voller Hoffnung.“
„Wovor hatten Sie Angst? Vor dem Tod? Vor dem Alleinsein?“
„Vor dem Leben.“
„Einfach dem Leben an sich?“
„Der Krieg malt das Leben in sehr beängstigenden Farben.“
„Das kann ich mir vorstellen.“ Justine überflog ihre Notizen, während sie etwas auf ihrem Computer tippte. „Sie und Ihre Schwester wurden während der Bombardements auf London aus der Stadt geschickt.“
„Im August 1939. Da war ich gerade sieben. Peg war acht. Wir wurden in einen Zug gesetzt und zu einer Familie aufs Land geschickt. Mein Vater war Pilot bei der Royal Air Force, und meine Mutter arbeitete bei der Fernmeldetruppe. Ich hatte furchtbare Angst davor, sie zu verlassen. Ich war überzeugt davon, dass ich sie nie wiedersehen würde.“
„Und haben Sie sie denn wiedergesehen?“
„Meine Mutter nicht. Weil Peg und ich so jung waren, hielt Papa es für das Beste, dass wir nicht an ihrer Beerdigung teilnahmen. Erst hinterher kam er zu uns und hat uns erzählt, dass Mama jetzt im Himmel in Sicherheit sei und dass sie bei ihm wäre, wenn er durch die Wolken flog.“
Justine sah auf, betrachtete Colette und flüsterte leise: „Das kann ich mir gar nicht vorstellen.“
„Nein, das will man sich auch nicht vorstellen.“
„Also blieben Sie bei Ihrer Gastfamilie?“
„Papa wollte unser Leben nicht durcheinanderbringen. Und es gab ja auch keinen Ort, wo wir sonst hätten hingehen können. Unsere Großeltern waren nicht in der Lage, sich um uns zu kümmern, und Mamas Schwester lebte hier, in Amerika. Papa sahen wir im Laufe der Jahre immer wieder. Immer, wenn er es einrichten konnte, kam er uns auf der Farm besuchen.“ Colette lächelte. „Ach, das waren glückliche Zeiten.“
„Und wann starb er?“ Justine schrieb auf ihrem Computer.
„Bei der Luftschlacht um Berlin ‘44. Er wurde abgeschossen.“
Justine schüttelte den Kopf und starrte dann Richtung Fenster. „Man hört von der Geschichte, man liest davon, man sieht Geschichte in Filmen oder im Fernsehen, aber man begreift nie, welchen Einfluss sie auf die Menschen hat, bis man jemanden kennenlernt, der dabei war.“ Sie richtete ihre Aufmerksamkeit wieder auf Colette. „Wie haben Sie davon erfahren? Dass Ihr Vater gestorben ist, meine ich? Ein Telegramm? Und wie haben Sie sich da gefühlt? Ängstlich? Allein?“
„Unsere Gastfamilie hat es uns gesagt. Und ja, wir fühlten uns sehr alleine. Wir hatten große Angst.“
„Wer war Ihre Gastfamilie?“
„Die Morleys. Eine Bauernfamilie in Carmarthenshire, in Wales.“
„Die hatten keine eigenen Kinder?“
„Doch, einen Sohn. Nigel.“ Colette setzte sich anders hin. Sie hatte Nigel nie besonders gemocht.
Justine lächelte. „Das ist alles sehr gut, aber wir kratzen nur an der Oberfläche, wenn wir ins Leben der großartigen Colette Greer einsteigen wollen.“
„Die großartige Colette Greer war nichts weiter als ein dummes Mädchen, das eine dumme Schauspielerin geworden ist, die sechzig Jahre lang dieselbe dumme Frau im Fernsehen gespielt hat.“ Sechzig Jahre. War sie mehr Vivica als Colette?
Wenn Justine schlau war – und Colette hatte den Verdacht, dass sie das sein könnte –, würde sie nach und nach die Wahrheit entdecken. Colette war nie ein Mädchen auf der Suche nach einem Abenteuer gewesen oder eines, das sich danach sehnte, im Rampenlicht zu stehen. Sie war ein Mädchen gewesen, das nach einem Ort suchte, an dem es sich verstecken konnte.
„Wie steht es mit Freunden, Geliebten? Sie sagten, es sei nichts gelaufen zwischen Ihnen und Spice, aber Sie waren, nein, Sie sind eine schöne Frau. Sie müssen zahlreiche Verehrer gehabt haben.“
„Sind Sie verheiratet, Justine?“
Sie seufzte. „Nein, bin ich nicht.“
„Was ist mit dem Jungen passiert, für den Sie hierhergezogen sind?“
„Wir haben uns getrennt.“
„Haben Sie jetzt einen Freund?“
Sie rubbelte mit der Daumenkante über ihre Stirn. „Ich arbeite zu viel.“
„Also verstehen Sie es ja. Manchmal schlägt das Leben einen Pfad ein, der nicht zur Liebe führt.“
„Das ist ein morbider Gedanke. Ich will heiraten, vielleicht nach Long Island ziehen und Kinder haben.“
„Manchmal steht es eben nicht so in den Karten“, sagte Colette und streckte ihren steifen Rücken. Mit den Händen wies sie auf die Wände ihres Penthouses. „Hierher hat mein Leben mich gebracht, und ich bin damit ganz zufrieden.“
„Aber Sie hatten doch Liebhaber, oder? Nur eben keine Ehemänner.“
Colette legte den Finger auf die Lippen. „Pscht, Liebes. Eine Dame spricht nicht über solche Dinge.“
„Wirklich? Weil ich einen Vertrag habe, in dem steht, dass ich Ihre ganze Lebensgeschichte aufschreiben soll.“ Justine sah Colette mit zusammengekniffenen Augen an. „Was erzählen Sie mir denn da nicht? Wenn Sie so ausweichen, klingt das in meinen Ohren ganz nach einem, der entwischt ist.“
Colette drückte sich das Feuerzeug in die Handfläche.
„Colette, gab es da jemanden, der Ihnen entwischt ist? Einen Verflossenen?“
„Vielleicht. Oder vielleicht bin ich auf einmal zu Verstand gekommen und habe ihn ziehen lassen.“

September 1948
Nach dem Flutlicht
Tante Jeans große, warme Küche war gefüllt mit Licht und dem Lachen rotwangiger Jungs. Cousin Clem war mit vielen gutaussehenden Burschen befreundet, stramm und robust durch den vielen Sport.
Colette saß zwischen ihnen und nippte an ihrem Eistee, einem Getränk, das neu für sie war und das sie sehr mochte. In Carmarthenshire trank man meistens heißen, bitteren Tee oder schwarzen Kaffee ohne Zucker, denn der war während des Krieges ein seltener Luxus.
Onkel Fred erlaubte Clem, jeden Freitag nach den Spielen Partys zu veranstalten, solange sich die Jugendlichen benahmen und hinterher beim Aufräumen halfen. Obwohl sie erst seit einem Monat in Heart’s Bend lebte, fand Colette diese Partys wunderbar. Sie waren eine großartige Gelegenheit, neue Freunde kennenzulernen.
Durch Clem wurden Peg und sie in der Schule schnell akzeptiert. Die Jungens grüßten Colette, wenn sie durch die Flure ging. Die Mädchen bestanden darauf, dass sie in der Mittagspause mit ihnen aß. Alle mochten ganz besonders Peg, die mit ihren rotbraunen Locken, neugierigen braunen Augen und dem kleinen Schmollmund klassisch „hübsch“ war. Neuerdings hatte sie angefangen, Lippenstift aufzutragen, und Tante Jean sagte kein Wort dazu.
Peg verzauberte die anderen auch durch ihre Begabung, Dinge nachzuahmen. Stimmen. Zeichnungen. Handschriften. Sie imitierte Shakespeares Handschrift nach einem Foto, das im Schulflur hing, und verursachte bei ihrem Englischlehrer beinahe einen Herzinfarkt, als sie behauptete, es sei ein Original. „Das Stück befindet sich schon seit Generationen im Besitz unserer Familie.“
Wie sich die anderen auf Mr. Bruners Kosten amüsiert hatten.
Letzte Woche schrieb Peg einen Brief für einen der Oberstufenschüler, Larry, der die Schule geschwänzt hatte, um seine Freundin in einer anderen Stadt zu besuchen. Er brachte den Einkaufszettel seiner Mutter als Vorlage mit. Pegs Abschrift war makellos.
Larry war mit einem breiten Lächeln aus dem Büro der Schulleitung gekommen und hatte Peg den erhobenen Daumen gezeigt.
Sie wollte gern, dass ihr Talent ein Spaß war. Eine Art, Beliebtheit zu erlangen. Aber in der letzten Woche hatten noch drei Weitere nach ihren Diensten gefragt.
Colette hatte sie erst am Vorabend gewarnt. Die Gewohnheit könnte ihr Untergang werden.
„Die werden dich erwischen, glaube mir. Du glaubst, du tust was Gutes, aber das tust du nicht.“
„Du bist so eine Schwarzseherin. Lass mich in Ruhe, ich habe Spaß dabei. Warte nur, bis ich mir einen Brief von Prinzessin Elizabeth schreibe.“
Ihr Lachen ließ es Colette eiskalt über den Rücken laufen. „Du kannst doch nicht …“
„Wir haben schon das Schlimmste durchgestanden, was es geben kann.“ Peg schürzte die Lippen und senkte die Stimme. „Wie in aller Welt kann denn nach so etwas ein bisschen Täuschung jemandem wehtun?“
„Du hast gesagt, wir sollen nicht über ihren Tod sprechen.“
„Hast du mich darüber sprechen gehört? Ich habe nämlich ganz sicher nichts gehört.“ Peg knipste das Licht aus. „Schlaf jetzt.“
„Schlafen? Nein. Jetzt will ich darüber reden, wo du schon davon angefangen hast.“ Colette schaltete das Licht wieder ein. „Peg …“ Aber ihre Schwester war verstummt, hatte sich von ihr weggedreht und ließ sie allein mit ihrer Trauer.
Aus dem Wohnzimmer drang Musik in die Küche und holte Colette wieder in die Gegenwart zurück. Sie wirbelte herum, um zu sehen, wie Clem den Teppich aufrollte und sich die hübsche Sharon Hayes schnappte, um mit ihr den Jitterbug zu tanzen. Er drehte sie immer und immer wieder, bis ihr Rock sich aufblähte und ihr langer blonder Pferdeschwanz auf ihren Schultern hüpfte.
„Los geht’s, Leute, ab auf die Tanzfläche.“ Einer der anderen Jungs rannte an ihr vorbei. Er zog ein dunkelhaariges Mädchen mit runden Hüften hinter sich her. „Wir können Clem nicht den ganzen Spaß allein überlassen.“
Die Burschen schnappten sich die anderen Mädchen, und Peg, die ganz gut im Jitterbug geworden war, seit sie in Heart’s Bend lebten, tanzte mit einem Typen namens Spice.
Colette liebte es zu tanzen. Sie übte in ihrem Zimmer vor dem Spiegel. Aber sie würde sich nicht trauen, mit einem dieser Knaben hier zu tanzen. Als Peg sie erwischte, wie sie den Boogie-Woogie übte, hatte sie gelacht und ihr gesagt, sie sehe dämlich aus.
Clem landete mit einem Satz vor ihr und erschreckte sie. Mit großer Geste verbeugte er sich vor ihr. „Meine liebe englische Kusine, dürfte ich um diesen Tanz bitten?“
„Oh, ich weiß nicht.“ Sie würde sich so unsicher fühlen. „Ich habe noch nie richtig geta…“
„Keine Sorge.“ Clem nahm ihre Hand und zog sie auf die Beine. „Ich zeig’s dir.“
„Nur zu, Süße, tanz.“ Tante Jean nahm Colettes Eistee und drängte sie aus dem Stuhl heraus. In ihren freundlichen Worten klang ihre englische Herkunft durch, und ihre leuchtenden Augen waren denen Mamas so ähnlich.
Darmowy fragment się skończył.