Czytaj książkę: «Bildungsphilosophie für den Unterricht»

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Philipp Thomas

Bildungsphilosophie für den Unterricht

Kompetente Antworten auf große Schülerfragen

Narr Francke Attempto Verlag · Tübingen

Umschlagabbildung: Mentale Kraft-Konzept. DrAfter123 © iStock


Prof. Dr. Philipp Thomas lehrt Philosophie/Ethik an der Pädagogischen Hochschule Weingarten.

© 2021 • Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KG

Dischingerweg 5 • D-72070 Tübingen

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Einbandgestaltung: Atelier Reichert, Stuttgart

utb-Nr. 5706

ISBN 978-3-8252-5706-4 (Print)

ISBN 978-3-8463-5706-4 (ePub)

Inhalt

  Vorwort

  Einführung: Warum muss ich das alles wissen? Ich will doch nur Lehrer:in werden! Warum muss ich das alles wissen? Um Botschafter:in für unsere Kultur zu werden! Zwischen Schulverwaltung und Wissenschaft: Weshalb gehört das Lehramtsstudium an die Universität?

  Weshalb sollen wir lernen, selbst zu urteilen und zu denken? 1.1 Wir brauchen junge Menschen, die selbst denken können, denn die Wahrheit ist nie fertig 1.2 Selbstdenken ist ein Menschenrecht (Kant) 1.3 Der Wahrheit verpflichtet. Das Ethos moderner Wissenschaft (Weber) 1.4 Selbstdenken, Wahrheitssuche und Argumentieren

  Ist Vernunft wirklich so wichtig? 2.1 Aristoteles zeigt, wie das vernünftige Leben das beste Leben ist 2.2 Epikur: Das richtige Leben beginnt, wenn wir innerlich unabhängig werden 2.3 Auch Epiktet sieht in der inneren Unabhängigkeit und Freiheit das eigentliche Ziel 2.4 Vernunft ist großartig. Aber es gibt im Menschen auch noch anderes Großartiges

  Lohnt es sich, moralisch gut zu sein? 3.1 Das gute Leben und die Unterscheidung zwischen dem für uns Guten und dem an sich Guten 3.2 Das Gute tun, weil man sofort spürt und weiß: Das Gute ist das Richtige (Jonas, Levinas) 3.3 Das Gute als Vernunft, das Gute als Pflicht (Kant) 3.4 Das Gute tun, weil wir damit ein Gleichgewicht zwischen dem Guten und dem Unrecht, zwischen Liebe und Tod immer wieder neu erkämpfen (Camus)

  ‚Ich weiß, dass ich nichts weiß‘ – wieso gilt der Satz als weise? 4.1 Was ist gemeint mit den Grenzen des Wissens? 4.2 Sokrates bevorzugt Bescheidenheit 4.3 Unser sicheres Wissen ist begrenzt wie eine Insel (Kant) 4.4 Lyotard denkt Kants Kritizismus postmodern weiter 4.5 Nichtwissen kann etwas sehr Gutes sein, auch im ethischen Sinn: einige Beispiele

  5 Reicht die Wissenschaft aus, um uns Orientierung zu geben? 5.1 Die Grenzen des reinen Denkens und der berechtigte Ruf nach der Wissenschaft 5.2 Wie können wir mit Szientismus und dem naturalistischen Fehlschluss umgehen? 5.3 Bildung, in die wissenschaftliche Ergebnisse eingehen

  Wozu soll intuitives Wissen gut sein? 6.1 Was heißt Intuition? 6.2 Platons Höhlengleichnis und was es heißt, etwas von innen heraus zu verstehen 6.3 Zhuangzi: Intuitives Wissen in der daoistischen Philosophie 6.4 Intuitives Wissen in unserem Alltag: Beispiele

  Kann ich durch Bildung ich selbst werden? 7.1 Die eigenen Interessen und den eigenen Willen entdecken (Humboldt, Herbart) 7.2 Meine eigenste Perspektive entwickeln (Nietzsche) 7.3 Die moderne Kultur überfordert uns und lässt Selbstwerdung durch Bildung nicht mehr zu (Simmel) 7.4 Eine Mischung aus Verschiedenem und zugleich etwas Neues sein (Anzaldúa)

  Wieso soll ich meine Sicht der Dinge einbringen und ‚meine Stimme erheben‘? 8.1 Der Kulturprozess braucht jede Stimme 8.2 Mitbestimmen darüber, was Normalität ist (Foucault) 8.3 Mitbestimmen darüber, was Normalität ist: Das Beispiel der ‚neuen Deutschen‘

  Was heißt ‚Das Sein bestimmt das Bewusstsein‘? 9.1 Marx und die materialistische Pädagogik 9.2 Klasse bestimmt über Lebensstil (Bourdieu) 9.3 Frau sein – Frau sein? (Butler)

  Weshalb sollen wir politisch sein? 10.1 Politik ist mühsam und eine milde despotische Versorgung durch den Staat erscheint bequem (Tocqueville) 10.2 Politik bedeutet Engagement aus Liebe zur Welt (Arendt)

  Sollen wir die Werte unserer Kultur verlebendigen und verteidigen? Ein großes Potenzial für jeden Unterricht: die Werte unserer Kultur besser zu verstehen (Taylor) 11.2 Die Moderne ist eine Kultur unter anderen 11.3 Wofür man die moderne Kultur kritisieren kann 11.4 Der gute Kern der modernen Werte hinter den verflachten Praktiken 11.5 Weshalb wir über unsere Werte sprechen, sie pflegen und verteidigen sollten 11.6 Die Werte der Moderne verlebendigen: eine Aufgabe für alle Lehrpersonen

  Wieso sollen wir uns dekolonisieren und fremde Kulturen wertschätzen? 12.1 Dekolonisieren wir uns! 12.2 Miteinander fürsorglich verbunden sein: die afrikanische Ubuntu-Philosophie 12.3 Sein Leben nähren und nicht dem Glück hinterherjagen: Selbstkultivierung bei Zhuangzi 12.4 In der Liebe etwas Göttliches erfahren: Ibn Arabi und die islamische Liebesmystik

  Können wir die Welt lieben? Wir dachten, es kommt darauf an, alles zu kritisieren 13.1 Was ist das Gegenteil von Zynismus und Unernst? (James) 13.2 Post-Critical Pedagogy 13.3 Die Tiefe des Lebens erfahren und resonant werden für die Welt (Rosa)

  Ist Herzensbildung wichtiger als Selbstdurchsetzung? 14.1 Was ist mit Herzensbildung gemeint? 14.2 Wir Menschen haben einen Sinn dafür, was anderen guttut, den Moral Sense (Hume) 14.3 Was können wir aus wissenschaftlichen Ergebnissen zur Empathie lernen? 14.4 Es kommt darauf an, unseren Sinn für das Gute auszubilden und auszudehnen auf die ganze Welt (Menzius, Wang Yangming) 14.5 An einen Menschen glauben. Herzensbildung als Fähigkeit zu lieben (Scheler)

  15 Statt eines Nachworts

  16 Literaturverzeichnis

Vorwort

Dieses Buch ist entstanden aus einer Wahlpflicht-Vorlesung im Modul Grundfragen der Bildung an der Pädagogischen Hochschule Weingarten. Das Modul ist Pflicht für die Studierenden aller Lehramtsstudiengänge. Alternativ zu meiner Vorlesung zur Bildungsphilosophie kann auch eine Vorlesung zu den Grundfragen der Bildung aus theologischer oder politikwissenschaftlicher Sicht besucht werden. Das Modul umfasst noch weitere Elemente, etwa Bildungssoziologie.

Das Buch behandelt bildungstheoretische und bildungsphilosophische Fragen. Im nächsten Kapitel möchte ich veranschaulichen, worum es sich bei diesem ganz eigenen Gebiet der Lehramtsausbildung handelt: weder Fachwissenschaft noch Fachdidaktik ist das Thema, weder Erziehungswissenschaft noch Psychologie – und doch sind die Grundfragen wesentlich. Kurz gesagt geht es nicht um Fragen vom Typ: Wie gelingt der Unterricht? Und wie erreichen wir bestimmte Bildungsziele am besten? Sondern es geht um Fragen vom Typ: Welche grundsätzlichen Werte und Ziele stehen hinter unserer Arbeit im Bereich der Bildung insgesamt? Worauf kommt es unserer Kultur eigentlich an – was zählt? Es geht also um Orientierung. Es geht darum, für die Werte unserer Gesellschaft zu werben: für Werte der Freiheit und der Menschlichkeit.

Am Ende jedes Kapitels werden Möglichkeiten für die weitere Auseinandersetzung vorgeschlagen, auch für Hausarbeiten oder Bachelorarbeiten.

Das Buch ist nicht disziplin-, sondern professionsbezogen. Nicht um die Disziplin Bildungsphilosophie geht es, sondern um den Lehrberuf. Hinter dem Text stand nicht die Überlegung, von welchen ‚Ansätzen‘ Lehramtsstudierende unbedingt einmal etwas gehört haben sollten, sondern leitend war die Frage: Wie können spätere Lehrpersonen kompetent antworten auf Fragen von Schüler:innen zu den großen kulturellen Themen? Wie können sie Bildungsexpert:innen für Orientierung durch Bildung werden? Thematisch fiel die Beschränkung auf 14 Themen in kurzen Kapiteln schwer. Viele weitere Themen wären interessant gewesen, auch hätte alles mehr Tiefe verdient. Ich habe mich um Anschaulichkeit, Klarheit und Kürze bemüht – ständig begleitet von der Furcht, zu stark zu vereinfachen.

Allen meinen eigenen Lehrer:innen, Schüler:innen, allen meinen früheren und heutigen Studierenden und Kolleg:innen möchte ich in diesem Buch sagen: danke!

Hinweis für Dozierende

Das Studienbuch umfasst 14 Kapitel und kann gut die Grundlage für die Arbeit eines Semesters sein. Es ist einsetzbar in jenen Anteilen der verschiedenen Lehramtsstudiengänge, in denen es um sehr grundsätzliche Fragen geht: um Bildungsphilosophie und Bildungstheorie, um die Grundfragen unserer Kultur und um Orientierung. Die einzelnen Kapitel sind teilweise umfassender, als es für eine Doppelstunde sinnvoll ist. Dies gibt Dozierenden oder auch Studierenden die Möglichkeit, aus dem Stoff auszuwählen. Wenn die Lehrveranstaltung wiederholt angeboten wird, lässt sich so der Lehrinhalt von Semester zu Semester variieren. Dies kann auch mit Blick auf eine Abschlussklausur sinnvoll sein.

Weingarten, im August 2021 Philipp Thomas

Einführung: Warum muss ich das alles wissen? Ich will doch nur Lehrer:in werden!

… wenn wir wüßten, wovon der weiße Mann träumt, welche Hoffnungen er seinen Kindern an langen Winterabenden schildert und welche Visionen er in ihre Vorstellungen brennt, so daß sie sich nach einem Morgen sehnen …

HÄUPTLING SEATTLE

(http://www.humanistische-aktion.de/seattle.htm)

Worum geht es?

Wie könnten wir dem Häuptling Seattle unsere Kultur erklären? Wie können wir duch Bildung Orientierung geben?

Zwar hat Häuptling Seattle (Eingangszitat) 1854 bei einer Anhörung vor dem Gouverneur des Washington-Territoriums (die Stadt Seattle ist nach ihm benannt) tatsächlich eine kritische Rede gegen die weißen Siedler gehalten. Doch die heute bekannte Version ist eine Nachdichtung aus der Ökologiebewegung der 1970er Jahre, die unseren Umgang mit der Natur kritisiert, der von Macht und Gier geprägt ist. Hat die westliche Kultur mehr zu bieten?

Auch darum geht es in diesem Buch. Doch der erste Schritt sind Ihre kritischen Fragen an Ihr Studium: Reicht es nicht, wenn Sie einfach die Fächer studieren, die Sie später unterrichten, sowie Fachdidaktik, Erziehungswissenschaft und Psychologie? Weshalb zusätzlich zu all dem noch Bildungsphilosophie? In diesem Kapitel erhalten Sie darauf eine Antwort, genauer geht es um Folgendes:

 In welchen konkreten Situationen in der Schule nützt Ihnen Bildungsphilosophie?

 Inwiefern gehört Bildungsphilosophie zur Profession Lehrer:in?

 Um welche Art von Wissen geht es in der Bildungsphilosophie – im Vergleich zu Fachwissenschaft und Fachdidaktik Ihrer Fächer und im Vergleich zum Wissen in Erziehungswissenschaft und Psychologie?

 Wie können Sie Ihren Schüler:innen Orientierung geben? Wie können Sie einführen in die Hoffnungen, Visionen und Werte unserer Kultur – die der Häuptling Seattle (Eingangszitat) nicht spüren kann?

Warum muss ich das alles wissen? Um Botschafter:in für unsere Kultur zu werden!

Meine Kollegin, die Kulturbotschafterin. Als ich Lehrer war, hatte meine Kollegin mit dem Fach Spanisch einen eigenen Unterrichtsraum. Alle Spanischlerngruppen mussten zu diesem Raum kommen, und sie war die Gastgeberin. Ihren Raum hatte sie nicht nur mit spanischsprachiger Lektüre ausgestattet, sondern auch mit schönen Bildern aus Spanien und Südamerika dekoriert. Ich kann mich noch an Flamenco-Kostüme erinnern, die etwas wild, aber schön an den Wänden hingen. Die Kollegin verstand sich als Kulturbotschafterin. Sie wollte ihren Schüler:innen nicht nur die Sprache beibringen, sondern auch für die spanische Kultur werben.

Nicht nur für eine Fachkultur, sondern für unsere Kultur als Ganzes werben. Egal, welches Fach Sie später unterrichten, auch Sie sind sozusagen Kulturbotschafter:innen. Zum einen vermitteln Sie Ihre Fächer und begeistern für diese. Genauso wie meine frühere Kollegin für ihr Fach Spanisch. Doch daneben haben alle Lehrpersonen noch eine weitere Aufgabe und um die geht es in diesem Buch. Ähnlich wie Eltern ihre Kinder in unsere Welt einführen, führen auch Sie Kinder und Jugendliche in unsere Welt, in unsere Kultur ein. Weshalb ist das so wichtig? Weil Kultur das ist, wovon wir träumen, wofür wir leben und was uns wichtig ist. Weil Kultur die großen Erzählungen umfasst, all das Bedeutende, wofür das Leben lohnt, und all die großen, ewig ungelösten Fragen, die wir der nächsten Generation doch weitererzählen. Der indianische Häuptling Seattle sagt im Eingangszitat, dass er den weißen Mann nicht versteht, der im Amerika des 19. Jahrhunderts Land von ihm kaufen will. Er spürt immer nur Macht und Gier und Ausbeutung der Natur. Er spürt nicht, wofür das alles gut ist: Welche Hoffnungen und Visionen gibt der weiße Mann seinen Kindern weiter? Dies Ihren Schüler:innen zu erklären, auch das gehört zu Ihrer Aufgabe.

Sie sollen Fachleute werden – auch für sehr allgemeine Fragen. Für die erste Aufgabe (für Ihr Fach begeistern) müssen Sie Expert:innen Ihrer Fächer werden. Für die zweite Aufgabe (Werbung für die Kultur als Ganzes) sollen Sie Fachleute für diese allgemeine Kulturbotschaftsaufgabe werden. Im Fachstudium erarbeiten Sie sich fachliches und fachdidaktisches Wissen. Außerdem erwerben Sie pädagogisch-psychologisches Wissen, z.B. über Themen wie Heterogenität oder Motivation. All dieses Wissen brauchen Sie für Ihren täglichen Unterricht. Doch daneben gibt es noch einen weiteren Bereich Ihrer Lehramtsausbildung und das ist die Bildungsphilosophie oder Bildungstheorie. Hier werden Sie Expert:innen für sehr allgemeine Fragen, die aber auch zur Bildung Ihrer Schüler:innen gehören und die hier, etwas vereinfacht, als Kulturbotschaftsaufgabe bezeichnet werden.

Um welche Orientierungsfragen geht es? Und was heißt das, Ihre Schüler:innen in unsere Kultur einzuführen? Die Antwort fällt leichter, wenn wir zu den Flamenco-Kostümen zurückkehren. Angenommen, auch Sie würden später einen eigenen Unterrichtsraum bekommen, so wie damals meine Spanisch-Kollegin. Wie würden Sie diesen Raum einrichten und dekorieren, um für Ihr Fach zu begeistern? Als Geographielehrer:in würden Sie allerlei Landkarten und einen Globus haben, als Kunstlehrer:in vielleicht künstlerische Objekte. Doch wie würden Sie Ihren Raum für jene andere Aufgabe schmücken, nämlich die, Ihre Schüler:innen in die großen Orientierungsfragen unserer Kultur einzuführen? Wie können Sie das veranschaulichen, wovon unsere Kultur träumt und was ihr wichtig ist? Hier kommt dieses Buch ins Spiel. Um seine Aufgabe zu veranschaulichen, dient folgendes Bild: Sie könnten große Bilderrahmen aufhängen und in diese jeweils ein großes Thema schreiben. In einem stünde Selbstdenken!, in einem anderen Vernunft! In einem besonders großen Rahmen stünde Moralisch gut sein! und in einem besonders bunten Rahmen Durch Bildung man selbst werden!

Wie soll ich diese Themen unterrichten? Vielleicht nicht so sehr als eigene Unterrichtsstunden. Orientierungsfragen gehen über Ihren Fachunterricht meist hinaus. Doch ‚zwischen den Zeilen‘ kommen diese großen Themen in Ihrer Arbeit mit den Lerngruppen laufend vor. Auch in Ihrem Verhalten, in dem, worauf Sie Wert legen und auch in den Hoffnungen und Visionen, die Sie Ihren Schüler:innen weitergeben. Daher die fiktiven Bilderrahmen. In einem stünde Ich weiß, dass ich nichts weiß, in einem anderen Die Werte unserer Kultur verlebendigen! und in einem besonders schönen stünde Herzensbildung. Jedes Orientierungsthema an der Wand Ihres fiktiven Unterrichtsraums ist ein Kapitel in diesem Buch. Und jedes Kapitel können Sie für die tägliche Unterrichtspraxis verwenden.

Ihre Schüler:innen werden nicht gleich begeistert sein. Das waren die meiner früheren Spanisch-Kollegin auch nicht. O je, so mögen sie geklagt haben, jetzt sollen wir uns auch noch für Flamenco begeistern, was denn noch alles! Und ebenso werden die Kinder und Jugendlichen kritisch sein, wenn es um die großen Orientierungsfragen geht. Ist das nicht alles bloß bildungsbürgerlicher Ballast? Werde ich durch diese ganze Kultur nicht allzu brav? Sollte ich nicht stattdessen wild und gefährlich leben? Doch wir Lehrpersonen werden jeden Tag unser Bestes geben, um unsere Schüler:innen einzuführen in die großen Fragen und Themen der Kultur. Es gilt, junge Menschen zu begeistern.

Menschliche Kultur ist etwas Kostbares. Etwas, das sich nicht von selbst versteht, etwas, das von vielen Voraussetzungen abhängt, das verletzlich ist und immer wieder erneuert werden muss. Leider auch etwas, das ganz leicht zerstört werden kann und das dann lange Pflege braucht, um wieder zu gedeihen. Sie werden später vielleicht keinen eigenen Unterrichtsraum bekommen wie meine Spanisch-Kollegin damals. Und Sie werden für die schönen, fiktiven Bilderrahmen mit den großen Orientierungsthemen keinen Platz an den Wänden haben, weil diese schon voll sind. Und dennoch: Wenn Sie und wenn alle Lehrer:innen zusammen jeden Tag nicht nur für unsere Fächer, sondern auch für die großen kulturellen Themen und Werte begeistern, dann können wir den Staffelstab später einmal an die neue Generation weitergeben. Denn dann haben wir den Kindern und Jugendlichen erzählt, „wovon der weiße Mann träumt, welche Hoffnungen er seinen Kindern an langen Winterabenden schildert und welche Visionen er in ihre Vorstellungen brennt, so daß sie sich nach einem Morgen sehnen“, wie es im Eingangszitat hieß (www.humanistische-aktion.de/seattle.htm). Bildung ist mehr als Information und Wissen und Kompetenz, Bildung ist mehr als Ausbildung. Nur wenn wir groß und weit denken, wird unsere Arbeit wirklich sinnvoll.

Zwischen Schulverwaltung und Wissenschaft: Weshalb gehört das Lehramtsstudium an die Universität?

Aber geht die Lehramtsausbildung nicht auch eine Nummer kleiner? Sollte die Ausbildung von Lehrpersonen nicht einfach an einem Lehrer:innenseminar erfolgen? Die Kluft zwischen dem, was Sie im Studium lernen und wie Sie an der Hochschule wissenschaftlich arbeiten einerseits und andererseits dem Schulstoff und seiner konkreten Vermittlung, ist sehr groß. Viele Lehramtsstudierende fragen sich, weshalb sie so viel und so grundsätzlich studieren müssen, ob in der Fachwissenschaft, ob in der Bildungsphilosophie.

Die unbedingte Universität. Der französische Philosoph Jacques Derrida (1930–2004) formuliert in seiner Schrift Die unbedingte Universität: Nur die möglichst ganz frei gelassene Universität kann der Gesellschaft ein Geschenk machen, nämlich das Geschenk, auf dem Weg zu Wahrheit und Wahrhaftigkeit voranzuschreiten, indem neue Lösungen zu neuen Problemen frei debattiert und immer wieder neu gefunden werden.

Hintergrund: Wahrheit heißt hier, keinem anderen Ziel oder Interesse verpflichtet zu sein, als die ursprünglichen Zusammenhänge der Dinge herauszubekommen. Wahrhaftigkeit bedeutet, das Leben der Wahrheit zu widmen und zu leben und zu handeln, wie es der Wahrheit oder der eigenen Überzeugung entspricht.

Es geht um einen Forschritt nicht nur an instrumentellem und pragmatischem Wissen. Sondern es geht um Orientierung im Bereich der ganz grundsätzlichen Fragen der Kultur. Derrida fordert,

[…] daß die moderne Universität eine unbedingte, daß sie bedingungslos, von jeder einschränkenden Bedingung frei sein sollte. […] Was diese Universität beansprucht, ja erfordert und prinzipiell genießen sollte, ist über die sogenannte akademische Freiheit hinaus eine unbedingte Freiheit der Frage und Äußerung, mehr noch: das Recht, öffentlich auszusprechen, was immer es im Interesse eines auf Wahrheit gerichteten Forschens, Wissens und Fragens zu sagen gilt. […] Die Universität macht die Wahrheit zum Beruf – und sie bekennt sich zur Wahrheit, sie legt ein Wahrheitsgelübde ab. Sie erklärt und gelobt öffentlich, ihrer uneingeschränkten Verpflichtung gegenüber der Wahrheit nachzukommen. (Derrida 2016, 9f., Hervorhebung i. O.)

Die Freiheit und das Neue. Es gibt einen guten Grund, weshalb das Lehramtsstudium an Universitäten und Hochschulen stattfindet. Die Gesellschaft stattet die Universitäten und Hochschulen mit einer besonderen Freiheit aus. Der Fachbegriff lautet Freiheit von Forschung und Lehre.

Hintergrund: Im deutschen Grundgesetz, Art. 5 (3), heißt es: Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre sind frei. Die Freiheit der Lehre entbindet nicht von der Treue zur Verfassung.

Diese wird im Grundgesetz garantiert. Auf die universitäre Forschung und Lehre soll kein äußerer, etwa ideologischer Zwang wirken. Damit verbindet sich auch eine Hoffnung, nämlich dass die Universität in dieser Freiheit immer wieder neue Ideen hervorbringt. Die Freiheit ist Voraussetzung für das wirklich Neue. Die Lehrer:innenbildung soll auch deshalb an Universitäten und Hochschulen stattfinden, damit neue Impulse aus den Fachwissenschaften, aus der Fachdidaktik, aus den Bildungswissenschaften, der Psychologie und aus der Bildungsphilosophie in die schulische Bildung gelangen.

Wahrheit. Derrida sagt, die Universität sei der Wahrheit verpflichtet. Das ist ein großes Wort. Sie als Lehrpersonen arbeiten an den fachlichen und sozialen Kompetenzen der Jugendlichen, welche diesen ein gutes berufliches und privates Leben ermöglichen soll. Zugleich sollen Sie auch in der Lage sein, allgemeine Werte und Ziele zu vermitteln. Und das bedeutet, diese ins Bewusstsein zu heben, sie immer wieder neu zu diskutieren, zu kritisieren und zu verlebendigen – und dabei vielleicht auch neu zu denken. Was soll gelten? Was ist das Gute? In welche Richtung soll es weitergehen? Diese Fragen sind der Wahrheit verpflichtet. In Ihrem Beruf geht es nicht nur um Methodik, nicht nur um Praxis. Sie fragen nicht nur: Wie bringe ich meine Schüler:innen am besten von A nach B, von der noch nicht vorhandenen Kompetenz zur vorhandenen Kompetenz? Sondern Sie fragen auch: Weshalb überhaupt diese oder jene Kompetenz, weshalb ist sie das richtige Ziel, weshalb soll es gelten, weshalb erscheint es uns als wahr? Deshalb studieren Sie an Universitäten und Hochschulen.

Dieses Buch vermittelt Ihnen die Kompetenz, auf große Fragen Ihrer Schüler:innen reflektiert zu antworten. Als Lehrperson haben Sie neben Ihrem Fachunterricht auch die Aufgabe, kritisch in die Kultur als Ganzes einzuführen: in ihre Werte und großen Themen. Sie studieren an Universitäten und Hochschulen, deren Forschung und Lehre frei ist – im Dienste der Wahrheit.

Weshalb Bildungsphilosophie?

Warum muss ich das alles wissen? Ich will doch nur Lehrer:in werden!

 Bildungsphilosophie gehört zu Ihrer Professionalität als Lehrer:innen. Sie hilft Ihnen in konkreten Unterrichtssituationen: Wenn Ihre Schüler:innen kritisch nachfragen, etwa nach bestimmten Werten unserer Kultur, dann können Sie Orientierung geben und den Jugendlichen neue Türen öffnen.

 Als Expert:innen für Bildung müssen Sie auch auf diesem Gebiet kompetent sein – durch ein spezielles und vertieftes Wissen vom Allgemeinen.

Wenn Sie sich noch weiter interessieren

Zwei sehr gute und vertiefte Einführungen in die Bildungstheorie und Bildungsphilosophie finden Sie in REICHENBACH 2018 (b) und RIEGER-LADICH 2020. Wenn Sie sich für das Ethos von Lehrpersonen interessieren, also für die moralische oder sittliche Gesinnung, die zu Ihrer Profession gehört, bieten CRAMER/OSER 2019 einen guten Überblick.

Um die Frage wichtiger Werte unserer Kultur und weshalb wir sie immer wieder formulieren, diskutieren und auch verteidigen sollten, geht es explizit in Kapitel 11. Andere Kapitel beschäftigen sich mit allgemeinen Bildungszielen wie Selbstdenken (Kap. 1), Selbstwerdung (Kap. 7) oder verschiedenen Wissenstypen (Kap. 4–6). Doch auch diese Themen sind Antworten unserer Kultur auf die Frage, welche Ziele letztlich richtig sind und worauf es uns eigentlich ankommt.

1 Weshalb sollen wir lernen, selbst zu urteilen und zu denken? (Kant, Weber)

Es ist so bequem, unmündig zu sein.

IMMANUEL KANT (1923, 35)

Worum geht es?

Zwar diskutieren Ihre Schüler:innen gern – doch irgendwann langweilt es sie auch, dass sie laufend dazu aufgefordert werden, sich eine eigene Meinung und ein eigenes Urteil zu bilden. Sie als Lehrperson geben sich ja nicht zufrieden damit, einfach die Meinung der Schüler:innen abzufragen wie in einer Radiomoderation. Sondern Sie haken immer wieder nach und beharren auf guten Argumenten. In dieser Situation äußern ihre Schüler:innen einen gewissen Unmut. Sie fragen: Können Sie uns nicht einfach sagen, wie es richtig ist? Dieses ständige Pro und Kontra, dieses ewige Argumentieren und das ‚eigene Urteil‘! Und laufend heißt es, dass es nicht nur einen, sondern dass es verschiedene Standpunkte gibt. In diesem Kapitel erfahren Sie, wie Sie auf solche Äußerungen Ihrer Schüler:innen reagieren können. Genauer geht es um Folgendes:

 Weshalb ist das Selbstdenken für unsere Kultur ein so hoher Wert, weshalb ist es sogar überlebenswichtig?

 Weshalb sehen einige (z.B. Immanuel Kant) das Selbstdenken als eine Art Menschenrecht?

 Was bedeutet Ethos der Wissenschaft und der Wahrheitssuche (Max Weber) und was können Ihre Schüler:innen von diesem Ethos lernen?

 Wie können Sie Ihre Schüler:innen für das Selbstdenken motivieren?

1.1 Wir brauchen junge Menschen, die selbst denken können, denn die Wahrheit ist nie fertig

Ein Generationenvertrag. Es gehört zum Kernbestand unserer modernen Kultur, dass es nur ganz wenige immer schon bestehende und in alle Ewigkeit geltende Wahrheiten gibt. Eine Generation kann nicht einfach für die nächste entscheiden, was für diese unzweifelhaft richtig sein soll. Sie kann nicht für sie entscheiden – und doch kann die ältere etwas für die jüngere Generation tun: Sie kann ihr das Selbstdenken und Argumentieren beibringen. Und sie muss für die nächste Generation den Rahmen dafür sichern: die Freiheit, sich immer weiter eine eigene Meinung bilden zu können und auch zu dürfen. Wir brauchen junge Menschen, die es gelernt und trainiert haben, selbst zu denken. Dies ergibt sich unter anderem aus dem modernen Bewusstsein eines Nichtwissens.

Hintergrund: Moderne bezeichnet hier nicht die gesamte Zeit seit dem Mittelalter und auch nicht die Moderne in der Kunst und Literatur des 20. Jahrhunderts, sondern die Zeit seit der Aufklärung (18. Jahrhundert) und der industriellen Revolution (19. Jahrhundert) bis heute.

Traditionelle Wahrheitsgewissheit. Die moderne Kultur hat sich von etwas verabschiedet, nämlich von einer bestimmten Form von Wahrheitsgewissheit. Solch eine Wahrheitsgewissheit ergibt sich aus einer geoffenbarten transzendenten Wahrheit, wie sie etwa in der Bibel als einer Heiligen Schrift vorliegt. Die mittelalterliche Gesellschaft, die noch viel stärker traditionell und religiös geprägt war, kannte in weit geringerem Maße die Anforderung, dass die Wahrheit immer erst mühsam gefunden werden muss. Stattdessen gab es eine traditionelle und geoffenbarte Wahrheit, die bezogen auf die Herausforderungen einer Gegenwart lediglich neu ausgelegt werden musste. Eine andere Quelle absoluter Wahrheit neben der religiösen war die Institution der erblichen Monarchie. Dass genau diese eine Herrscherfamilie über ein Land herrschen sollte, das schien unantastbar. Auch die Hierarchie der Gesellschaft wurde nicht angezweifelt. Herrschaft und Struktur der Gesellschaft wurden oft genug sogar zurückgeführt auf einen quasi göttlichen Ursprung.

Was ist mit Nichtwissen gemeint? Nichtwissen in einem sehr grundsätzlichen Sinn (Wissen ist prinzipiell begrenzt) wird in Kapitel 4 behandelt. Hier in Kapitel 1 geht es eher um das Bewusstsein der modernen Kultur, dass das traditionelle (religiöse, überlieferte etc.) Wissen nie ausreicht für die sich wandelnden Probleme. Laufend muss neues Wissen hervorgebracht werden. Auch dies ist ein Bewusstsein von Nichtwissen. Die moderne Gesellschaft, in der diese ältere Wahrheitsgewissheit zurücktritt, wird sich einer bestimmten Dynamik bewusst. Das ist die neue Idee eines laufenden historischen Wandels. Dieser umfasst alle Bereiche, nicht nur die Gesellschaft, sondern etwa auch die Wissenschaft. Denn diese gelangt immer wieder zu neuen Erkenntnissen. Schließlich betrifft die laufende Erneuerung auch dasjenige, was jeweils als die richtige Lösung für die anstehenden Probleme einer Zeit gesehen wird, also die sozialen und politischen Lösungsversuche. Doch mehr noch, die Dynamik umfasst sogar die Probleme und Herausforderungen selbst, auch diese befinden sich in ständiger Entwicklung, sie bleiben nicht einfach immer die alten. Das ist mit dem Begriff Nichtwissen gemeint: ein Bewusstsein für lauter noch nicht gelöste Probleme und die Erfahrung, dass Wissen nicht einfach vorhanden ist, sondern dass es erst gesucht und dass es auch immer wieder erneuert werden muss. Und diese neue Situation braucht die Fähigkeit der neuen Generationen, selbst denken und selbst Lösungen finden zu können.

Neue ethische Fragen. Wissenschaft und Technik verändern ihrerseits unsere Welt und durch diese Veränderung entstehen neue Fragestellungen und auch neue ethische Herausforderungen und Probleme, die es früher noch gar nicht geben konnte. Eine neue Technik in der Medizin etwa könnte so teuer sein, dass ungewiss ist, ob sie überhaupt allen Menschen zugutekommen kann. Wenn sie nur für eine begrenzte Anzahl von Menschen zur Verfügung steht, ergeben sich neue ethische Fragen: Soll sie nur für Menschen angewandt werden, die noch eine lange Lebenserwartung haben? Oder ist es gerecht, sie den Kräften des Marktes zu überlassen, sodass zahlungskräftige Patient:innen zum Zuge kommen? Neue Landwirtschafts- oder Kommunikationstechniken könnten Folgen haben, die noch weitgehend unbekannt sind oder aber, zum Beispiel als Gefährdung der natürlichen Ressourcen, die Gesellschaft definitiv vor neue Probleme stellen. Wieder entstehen neben neuen technischen auch neue ethische Fragen.

Wandel der Ansichten und Überzeugungen. Die Dynamik ist sogar noch umfassender. Sie betrifft auch die allgemeinen und vorherrschenden Ansichten darüber, was als sinnvolles und gutes Leben gelten soll; ja sogar, was als ethisch gut und ethisch schlecht bezeichnet werden muss. Nach einigen Jahrzehnten haben sich Ansichten in unserer Gesellschaft schon wieder leicht oder sogar gravierend geändert. Als Beispiele lassen sich das Verhältnis der Geschlechter nennen oder die Form, die Struktur und die Bedeutung der Familie. Was hier Norm und was Normalität ist, diese Ansichten sind im Wandel.

Selbstdenken ist überlebenswichtig. In dieser Lage, also mitten in einer grundsätzlichen Dynamik, welche Veränderungen in den meisten Bereichen mit sich bringt, braucht die Gesellschaft weniger junge Menschen, deren Kompetenz darin besteht, dass sie alte Lösungen und alte Entscheidungen über Richtig und Falsch kennen und vertreten, ohne diese weiter zu hinterfragen. Sondern die Gesellschaft braucht in dieser Lage Menschen, welche die Kompetenz mitbringen, durch kluge Informationsbeschaffung und Auswertung dieser Informationen sowie durch kluge Argumentation zu einem eigenständigen Urteil in den neu sich ergebenden Herausforderungen gelangen zu können. Hinzukommen muss die Fähigkeit, mit einer gewissen Pluralität von Meinungen umgehen zu können, das heißt zunächst einfach: daran gewöhnt zu sein, dass es verschiedene Ansätze zur Lösung von Problemen gibt.

Hintergrund: Pluralistisch nennt man eine Gesellschaft, die ganz unterschiedliche Individuen und Gruppen und ihre Ansichten toleriert, ja diese Pluralität sogar wertschätzt: Der Wettbewerb der Meinungen kann die Gesellschaft weiterbringen.

Bildung in der sich verändernden Welt. Die moderne Gesellschaft muss also in ihrem Bildungsbereich für vieles Sorge tragen. Sie braucht etwa immer genügend Menschen, welche die Technik wissenschaftlich weiterentwickeln können. Sie braucht ebenso immer genügend Menschen, die über hervorragende sprachliche, kulturelle oder politische Kompetenzen verfügen, um neue Aufgaben in der sich globalisierenden Welt anzugehen. Doch über eine Fähigkeit sollten möglichst alle jungen Menschen verfügen, nämlich über die Fähigkeit, selbst zu denken, selbstständig sich ein Bild der Herausforderungen zu verschaffen und zu einem eigenen Urteil zu kommen. Denn nur so können dann in einem fruchtbaren Streit um die besten Lösungen nach und nach und immer wieder neu auch tatsächlich sehr gute Lösungen gefunden werden und sich durchsetzen – Lösungen, die nicht Teil einer absoluten Wahrheit sind, Lösungen, die es nicht einfach schon gibt, sondern die in einem pluralen System gefunden werden müssen.

Wir müssen jungen Menschen das Selbstdenken beibringen, denn in der modernen Kultur kann eine Generation nicht für die nächste schon wissen, welche neuen Herausforderungen es geben wird und welche Lösungen richtig sein werden.

1.2 Selbstdenken ist ein Menschenrecht (Kant)

Selbstdenken nicht nur aus pragmatischen Gründen. Der Denker der Aufklärung, Immanuel Kant, sieht aber noch einen anderen Grund dafür, dass jede Generation selbst und immer wieder neu die Wahrheit suchen soll.

Hintergrund: Aufklärung meint seit dem 18. Jahrhundert die Ablösung aus den alten Bindungen an die staatliche und kirchliche Obrigkeit, stattdessen setzt man auf laufende Fortschritte durch rationales Denken und Wissenschaft; starkes Bewusstsein von Freiheit und Menschenrechten (siehe Kap. 11.2).

In der Aufklärung voranzuschreiten, so sagt Kant, das sei ein Menschenrecht. Exemplarisch lässt sich dieser Zusammenhang in Kants Schrift Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung? Von 1784 gut nachvollziehen.

Ein Zeitalter kann sich nicht verbünden und darauf verschwören, das folgende in einen Zustand zu setzen, darin es ihm unmöglich werden muß, seine […] Erkenntnisse zu erweitern, von Irrthümern zu reinigen und überhaupt in der Aufklärung weiter zu schreiten. Das wäre ein Verbrechen wider die menschliche Natur, deren ursprüngliche Bestimmung gerade in diesem Fortschreiten besteht; und die Nachkommen sind also vollkommen dazu berechtigt, jene Beschlüsse, als unbefugter und frevelhafter Weise genommen, zu verwerfen. (Kant 1923, 39)

Selbstdenken als Menschenrecht. Kant fragt sich selbst und damit uns, seine Leser:innen, ob nicht etwa eine oberste Versammlung von Expert:innen ein für alle Mal entscheiden könnte über die wichtigsten Fragen der Gesellschaft, um auf diese Weise tragfähige Antworten festzuschreiben? Kants Antwort ist eindeutig: Nein, dies sei auf keinen Fall möglich und solle auch nicht versucht werden.

Hintergrund: Mehr als 150 Jahre später, in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte durch die Vereinten Nationen (1948) heißt es: Artikel 18: Jeder hat das Recht auf Gedanken-, Gewissens- und Religionsfreiheit […]. Artikel 19: Jeder hat das Recht auf Meinungsfreiheit und freie Meinungsäußerung […] (https://de.wikipedia.org/wiki/Allgemeine_Erklärung_der_Menschenrechte, 19.07.2021).

Welche Gründe nennt Kant für seine Ablehnung? Im Text lassen sich, so scheint mir, zwei verschiedene Gründe für die Ablehnung finden: Zum einen ist da, eher zwischen den Zeilen angedeutet, aber für den Forschrittsdenker Kant typisch, der eben ausführlich dargestellte pragmatische Grund. Aufgrund der Dynamisierung der modernen Gesellschaft kann eine Generation, wie geschildert, unmöglich ein für alle Mal für die nächste entscheiden. Der andere Grund, von Kant explizit vertreten, ist grundsätzlicher Natur. Es gehöre zu menschlichem Leben notwendig ein Recht, durch eigenes Nachdenken immer weiter voranzuschreiten. Dieses Recht leite sich sogar aus der Natur des Menschen ab. Kant behauptet also nicht weniger, als dass die Aufklärung und das Fortschreiten in der Aufklärung zum Menschsein selbst dazugehören. Es geht um ein Menschenrecht: das Recht auf Selbstdenken, auf Selbstbestimmung und auf den eigenen Fortschritt im Denken.

Die Idee der Aufklärung: Bildung zum Selbstdenken ist notwendig, um ein Recht zu verwirklichen, welches der Mensch von Natur aus besitzt, nämlich das Recht auf Selbstdenken und Selbstbestimmung.

1.3 Der Wahrheit verpflichtet. Das Ethos moderner Wissenschaft (Weber)

Wahrheitssuche in der Scientific Community. In diesem Kapitel geht es um die moderne Wissenschaft und ihr Selbstverständnis. Der Zusammenhang zwischen Wissenschaft und Selbstdenken wird weiter unten klar werden. Zum Ethos (im Sinne von attitude oder Einstellung) der modernen Wissenschaft gehört es, einer objektiven oder auch intersubjektiven Wahrheit verpflichtet zu sein, welche niemand für sich allein herausfinden und besitzen kann. Seit Francis Bacon (1561–1626) entfernt sich die moderne Wissenschaft vom Vorbild des einzelnen genialen Forschers, seinen besonderen Ideen und Einfällen und seinem exklusiven Zugang zur Wahrheit.

Hintergrund: Einiges am erfolgreichen Vorgehen der modernen Wissenschaft geht auf Francis Bacon zurück. Man solle nicht immer weiter Gründe dafür suchen, was man für wahr halte, sondern solle versuchen, es zu widerlegen. Denn dazu reiche ein einziges Gegenbeispiel. Auch sollten die Forschenden skeptisch gegenüber ihren Grundannahmen über die Welt bleiben, es könnten Vorurteile sein.

Stattdessen wird die Wahrheitssuche auf viele Schultern verteilt. Eine Community der Forschenden, so die neue Idee, produziert Hypothesen und Forschungsergebnisse und stellt sie einander vor. Die gegenseitige Kritik an den Hypothesen und an den Ergebnissen garantiert ein möglichst objektives Wissen, aus dem alle subjektiven Anteile entfernt worden sind. Denn indem die einzelnen Forscher:innen und die einzelnen Arbeitsgruppen stets damit rechnen müssen, von den anderen, mit ihnen konkurrierenden Wissenschaftler:innen auch noch der kleinsten Fehler überführt zu werden, kommt es erst gar nicht zu Behauptungen, die nicht abgesichert sind.

Die Forschung geht immer weiter. Prinzipiell ist diese Art und Weise, wie moderne Wissenschaft vorgeht, unabschließbar. Sie kommt nie an ein Ende, weil jedes Ergebnis neue Fragen aufwirft und weil die Community der Forschenden immer wieder ganz neue Perspektiven einbringt. Dieses objektive, in der Scientific Community immer weiter vertiefte Wissen gehört zum Ideal und zum Paradigma der modernen Wissenschaft.

Das Ethos der Forschenden. Aber auch die einzelnen Forschenden sind einem bestimmten Ethos verpflichtet. Sie setzen die Sache an die erste Stelle. Sie versuchen, ihre Ergebnisse möglichst verständlich darzustellen, um so gemeinsam mit anderen das beste Argument oder die beste Lösung zu finden. Die Forschenden beugen sich dem besseren Argument, der besseren Deutung und Interpretation bestimmter Ergebnisse oder auch dem besseren wissenschaftlichen Modell. Und die eigenen Vorschläge für solche Modelle müssen möglichst objektiv sein, man muss sie reinigen von subjektiven Urteilen oder Vorannahmen, die einem unterlaufen, ohne dass man sie überhaupt bemerkt.

Die Wahrheit über die Wirklichkeit herauszufinden, das ist stets wichtiger als man selbst. Der Soziologe Max Weber (1864–1920) hat diesen Zusammenhang für das Ethos der modernen Forschenden exemplarisch formuliert.

Hintergrund: Max Weber hat gezeigt, wie durch und durch rational unsere moderne Kultur ist. Prinzipiell kann alles wissenschaftlich erklärt werden (Entzauberung der Welt). Wissenschaft darf nicht in eine bestimmte Richtung gedrängt werden, die irgendjemand als wünschenswert erscheint (Wertfreiheit).

Als Wissenschaftler:innen möchten wir vielleicht für geniale Ergebnisse gefeiert werden. Noch wichtiger ist uns aber, dass diese Ergebnisse kleine Bausteine der Forschung sind, auf denen andere weiter aufbauen können. Wir arbeiten für die Sache, nicht für uns selbst.

[…] jede wissenschafliche ‚Erfüllung‘ bedeutet neue ‚Fragen‘ und will ‚überboten‘ werden und veralten. […] Wissenschaftlich aber überholt zu werden, ist […] nicht nur unser aller Schicksal, sondern unser aller Zweck. Wir können nicht arbeiten, ohne zu hoffen, daß andere weiter kommen werden als wir. (Weber 1922 (b), 534, Hervorhebung i. O.)

Uns selbst durchschauen und in der Forschung Wertfreiheit anstreben. Doch Weber geht noch einen Schritt weiter. Bescheidenheit bedeutet nicht nur zurückzutreten, wenn andere Forschende weiterkommen als wir. Sondern Bescheidenheit meint auch, sich darüber klar zu werden, wo in der eigenen Forschung die Tatsachen aufhören und die eigenen Bewertungen anfangen. Als Forschende, insbesondere in den Sozial-, Kultur- und Geisteswissenschaften, sollen wir immer besser auch uns selbst und unser Denken durchschauen: Was ist objektive Tatsache und was ist subjektive Bewertung? Weber fordert,

[…] sich selbst unerbittlich klar zu machen: was von seinen jeweiligen Ausführungen entweder rein logisch erschlossen oder rein empirische Tatsachenfeststellung und was praktische Wertung ist. Dies zu tun allerdings scheint mir direkt ein Gebot der intellektuellen Rechtschaffenheit […]. (Weber 1922 (a), 452f., Hervorhebung i. O.)

[…] daß wenn der Lehrer praktische Wertungen sich nicht versagen zu sollen glaubt, er diese als solche den Schülern und sich selbst absolut deutlich mache. (Weber 1922 (a), 460, Hervorhebung i. O.)

Was aber heute der Student im Hörsaal doch vor allen Dingen von seinem Lehrer lernen sollte, ist: 1. die Fähigkeit, sich mit der schlichten Erfüllung einer gegebenen Aufgabe zu bescheiden; – 2. Tatsachen, auch und gerade persönlich unbequeme Tatsachen, zunächst einmal anzuerkennen und ihre Feststellung von der bewertenden Stellungnahme dazu zu scheiden; – 3. seine eigene Person hinter die Sache zurückzustellen […]. (Weber 1922 (a), 455, Hervorhebung i. O.)

Zur modernen Wissenschaft und ihrer Wahrheitssuche gehört es also, Tatsachen einerseits und bewertende Urteile andererseits voneinander zu trennen. Das bedeutet, den eigenen, individuellen Standpunkt zunächst zurückzunehmen.

Intellektuelle Rechtschaffenheit als Tugend. Bescheiden sein, sich gegenseitig Rechenschaft geben, sich dem besseren Argument beugen, unbequeme Tatsachen akzeptieren und Tatsachen von Bewertungen trennen – Weber nennt dies intellektuelle Rechtschaffenheit. Er hat das Ethos moderner Wissenschaft exemplarisch in seinen Aufsätzen Der Sinn der ‚Wertfreiheit‘ in den soziologischen und ökonomischen Wissenschaften (1917/18) und Wissenschaft als Beruf (1919) formuliert. Mit Wertfreiheit ist gemeint, dass die Wahrheitssuche der Wissenschaft keinen ideologischen Interessen oder Weltbildern folgen, sondern sich nur an eine Tugend, die intellektuelle Rechtschaffenheit, halten soll. Weber spricht davon,

[…] daß deshalb die ‚intellektuelle Rechtschaffenheit‘ die einzige spezifische Tugend sei, zu der sie [die Wissenschaftler:innen ihre Studierenden, Ph.Th.] zu erziehen haben. (Weber 1922 (a), 453)

[…], daß innerhalb der Räume des Hörsaals nun einmal keine andere Tugend gilt als eben: schlichte intellektuelle Rechtschaffenheit. (Weber 1922 (b), 555)

Aber ich will gar keine Wissenschaft betreiben. Blicken Sie von hieraus zurück auf die Frage Ihrer Schüler:innen, weshalb sie das Selbstdenken und das Argumentieren lernen sollen. In diesem Kapitel (1.3) ging es nicht um Lösungen in einer sich laufend ändernden Welt (1.1) und auch nicht um Selbstdenken als Menschenrecht (1.2). Zudem möchten Ihre Schüler:innen später vielleicht gar keine Wissenschaft betreiben. Doch vieles spricht dafür, dass der Erfolg und die Geschwindigkeit, mit der die moderne Wissenschaft fortschreitet, nicht zuletzt auf ihr spezifisches, hier beschriebenes Vorgehen zurückzuführen ist: Alles muss nachvollziehbar begründet sein, alles muss jederzeit von allen kritisierbar sein. So funktioniert eine effektive Lösungssuche. Diese Effektivität ist an einen Ethos gebunden, Weber spricht von der intellektuellen Rechtschaffenheit. Dies ist ein Ideal, ein moderner Wert und soll das Bildungsziel des Selbstdenkens beflügeln.

Wissenschaftliche Wahrheitssuche und Selbstdenken. Das Vorgehen der Wissenschaft hat viele Parallelen zum Selbstdenken und Argumentieren, denn der eigene Standpunkt muss stets gegenüber der möglichen Kritik anderer vertreten werden, er muss durch Argumente gestützt werden, die man selbst vielleicht entwickelt hat, die aber von den anderen auch verstanden und akzeptiert werden müssen. Wer immer Lösungen sucht, die besser sind als die konkurrierenden Vorschläge anderer zur Lösung derselben Probleme, ob in der Wissenschaft oder wenn es um die eigene Meinung zu einer wichtigen Frage geht, sollte dem Ethos der wissenschaftlichen Wahrheitssuche folgen. Selbstdenken und intellektuelle Rechtschaffenheit sind Ideale schon in der Schule.

Argumentieren, Begründen, Kritisieren, der Wahrheit verpflichtet sein – dies sind Fähigkeiten, welche die moderen Kultur braucht (Kap. 1.1), welche die Aufklärung als Menschenrecht entdeckt (Kap. 1.2) und welche die moderne Wissenschaft erfolgreich machen (Kap. 1.3). Daher ist Selbstdenken ein Bildungsziel.

1.4 Selbstdenken, Wahrheitssuche und Argumentieren

Selbstdenken ist mehr als eine private Ansicht zu äußern. Ihre Schüler:innen sollen lernen, ihre eigene Meinung durch Gründe zu stützen und für andere nachvollziehbar zu machen. Sie sollen lernen, mit Kritik und mit Gegenargumenten umzugehen. Sie sollen auch lernen, den Zwang des besseren Arguments anzuerkennen. Sie sollen lernen, was es heißt, gemeinsam nach der Lösung eines Problems oder gar nach dem besten Modell der Wirklichkeit, ja, nach der Wahrheit zu suchen.

Regeln des Argumentierens einerseits. Geht es hier nicht einfach um bestimmte Regeln des Argumentierens, die erlernt werden sollen? Das richtige Argumentieren scheint einfach eine formale Fähigkeit zu sein (Schleichert 2004): So darf man sich in seiner Argumentation zum Beispiel nicht widersprechen, man muss stringent und folgerichtig seine Gedanken entwickeln und weitere Regeln beachten, um eine gewisse Fairness der Diskussion zu gewährleisten. Oder man soll mit seinen Argumenten nicht persönlich werden und die sogenannten Argumente ad hominem vermeiden, also Argumente, die auf die Person selbst zielen und diese etwa in ihrer Glaubwürdigkeit angreifen, statt sich auf die Sache zu beziehen, die sie mit Argumenten vertritt (Schleichert 2004, 43ff.).

Ethos des Argumentierens andererseits. Doch beim Bildungsziel Selbstdenken und Ethos der Wahrheitssuche geht es um mehr als um Argumentationsregeln. Denn im Fokus steht nicht einfach ein erfolgreiches Argumentieren, sondern ein Wert, ein Ethos, eine moralische Gesinnung. Genauer gesagt geht es um die Unterscheidung zwischen einem Argumentieren, das der Wahrheitssuche dient und einem ganz anderen Argumentieren, das der möglichst effektiven Durchsetzung bestimmter Interessen dient. Letzteres können wir vom Ethos der Wahrheitssuche dadurch unterscheiden, dass wir es als instrumentelles, also als zweckgerichtetes Argumentieren bezeichnen.

Wahrheit versus Interesse. Was genau unterscheidet die Wahrheitssuche mit der Tugend der intellektuellen Rechtschaffenheit (Weber) einerseits (und für diese wollen Sie Ihre Schüler:innen begeistern) und andererseits das zweckgerichtete Argumentieren? Hier stoßen wir wieder auf die moderne Einsicht ins Nichtwissen. Nichtwissen im prinzipiellen Sinn behandelt das Kapitel 4 (Kant: Erkenntnistheorie). Hier ist mit Nichtwissen dagegen gemeint: Eine Generation kann nicht für die nächste entscheiden (s.o.; Kant: Was ist Aufklärung?). Während wir bei der intellektuell redlichen Wahrheitssuche die Wahrheit noch nicht kennen, sondern sie in der Auseinandersetzung mit anderen suchen und ihr näher kommen wollen, scheint in der instrumentellen Vernunft die ‚Wahrheit‘ schon bekannt zu sein und soll nun von ihren Vertreter:innen argumentativ durchgesetzt werden. Oft ist diese ‚Wahrheit‘ eine Art Interesse. Beim Ethos der Wahrheitssuche, die gewissermaßen stets ‚auf dem Weg‘ ist, sagen wir sinngemäß: Dies ist mein Argument, ich habe versucht, es sehr stark und überzeugend zu machen. Aber vielleicht habt Ihr ein besseres Argument, das mich überzeugen könnte? Dann werde ich es akzeptieren. Im Rahmen des zweckgerichteten Argumentierens dagegen bedienen wir uns einer ganz anderen Argumentation und Kommunikation, man kann sie persuasive (überredende) Kommunikation nennen. Hier versuchen wir, unser Gegenüber von einer ‚Wahrheit‘ zu überzeugen, die für uns schon feststeht. Wir sind nicht mehr offen, weil wir von einem vermeintlichen Wissen ausgehen und nicht, wie bei der Wahrheitssuche, vom Nichtwissen.

Persuasives Argumentieren. Persuasiv kommunizieren wir zum Beispiel, wenn wir etwas verkaufen wollen, sogar, wenn wir uns selbst sozusagen ‚verkaufen‘ wollen, etwa wenn wir flirten (Schönbach 2019). Auch wenn wir zum Beispiel ein Team führen müssen, werden wir eher persuasiv kommunizieren und argumentieren und meist im Dienste bestimmter Interessen sprechen (Schönbach 2019). Diese Interessen und Ziele können durchaus legitim sein. Entscheidend ist, dass wir, anders als beim Ethos der Wahrheitssuche, in der persuasiven Argumentation schon am Ziel sind. Zuerst steht fest, was richtig ist, zuerst ist klar, dass wir bestimmte Interessen durchsetzen möchten. Dann suchen wir die richtigen Argumente dazu und versuchen, die anderen von unserem Standpunkt, also von unserem Ziel, unserem Interesse, zu überzeugen.

Was soll die Jugend lernen? Beim Ethos der Wahrheitssuche dagegen sind wir keinem Interesse verpflichtet, sondern allein der Wahrheit, konkret der bestmöglichen Antwort auf eine offene Frage. Selbst wenn diese Antwort für uns unbequem sein sollte und unseren Interessen im Extremfall sogar zuwiderläuft: Das Argumentieren wird nicht in den Dienst von Interessen, sondern in den Dienst eines Zwangs des besseren Arguments gestellt, in den Dienst der bestmöglichen Lösung. Schauen Sie von hieraus wieder zurück auf die Fragen Ihrer Schüler:innen. Jetzt können Sie genauer sagen, was es ist, dass die junge Generation lernen soll. Zunächst: Es geht nicht einfach um die Abfrage privater Meinungen, sondern um das Argumentieren und Begründen. Die junge Generation soll das Selbstdenken und das Argumentieren nicht im Sinne der geschickten Durchsetzung eigener Interessen lernen. Sondern es kommt darauf an, dass sie eingeführt wird in das Ethos der Wahrheitssuche. Dass sie lernt, im Dienste von Lösungen zu argumentieren, welche es nicht schon gibt.

Kulturelle Werte. Über dem Kapitel Einführung steht das Zitat von Häuptling Seattle. Er spüre nicht, so der Indianerhäuptling, was der weiße Mann seinen Kindern an langen Winterabenden erzähle. Das Ethos der Wahrheitssuche und das Selbstdenken sind Werte – und Beispiele für solche Erzählungen.

Argumentieren im Dienste der Wahrheitssuche kennt die Wahrheit noch nicht und unterwirft sich dem Zwang des besseren Arguments. Persuasives Argumentieren kennt die ‚Wahrheit‘ bereits (meist: eigene Interessen) und sucht nach dazu passenden Argumenten so lange, bis die anderen ‚überzeugt‘ sind.

Ihre Antwort auf die Frage Ihrer Schüler:innen:

Weshalb soll ich lernen, selbst zu urteilen und zu denken? Steht nicht schon fest, was richtig und was falsch ist? So könnten Sie antworten:

 Unsere Generation kann für Eure nicht einfach alles entscheiden. Wir können Euch aber das Selbstdenken und Argumentieren beibringen.

 Das ist nötig, weil die besten Lösungen für neue Probleme nur im Austausch der besten Argumente gefunden werden können. Dazu ist auch Pluralität wichtig, dass es also eine Art ‚Pool‘ verschiedener Ansichten gibt.

 Irgendwann, wenn wir Lehrkräfte alt geworden sind, müssen wir mit einem guten Gefühl ‚den Staffelstab übergeben‘ können an Euch.

 Selbstdenken und Selbstbestimmung ist für unsere Kultur der Moderne auch ein Wert an sich, ja, Euer Menschenrecht.

 Begründen und Argumentieren bedeutet mehr als andere zu überreden. Es glaubt nicht, die Wahrheit schon zu besitzen, sondern folgt dem Ethos der gemeinsamen Wahrheitssuche.

Wenn Sie sich noch weiter interessieren

Als Einführung in das formal richtige Argumentieren siehe SCHLEICHERT 2004. Interessant ist besonders der Versuch des Autors, richtige Argumentationsstrategien im Umgang mit fundamentalistischen Positionen zu finden. Für Persuasive Kommunikation siehe SCHÖNBACH 2019.

Das Ethos der modernen Wahrheitssuche hat insbesondere auch KARL POPPER beschrieben, siehe POPPER 2013 für den Bereich Wissenschaft und POPPER 1992 für den Bereich Gesellschaft.

Dass Wissenschaft völlig frei von Werturteilen sein soll, wie MAX WEBER forderte, ist auch bestritten worden und hat zum sogenannten Werturteilsstreit und Positivismusstreit geführt, siehe einführend Wikipedia.

2 Ist Vernunft wirklich so wichtig? (Aristoteles, Epikur, Epiktet)

Die Vernunft nämlich ist das Beste in uns.

ARISTOTELES

(Nikomachische Ethik, 1177a19)

Worum geht es?

Was ist der Mensch? Im Fach Biologie heißt es, Tiere seien durch ihre Instinkte gesteuert, nur der Mensch habe Vernunft. In Geschichte werden besondere Zeitalter der Vernunft gepriesen, etwas die griechische Antike oder die moderne Aufklärung. In Fächern wie Gemeinschaftskunde oder Ethik präsentieren Sie Ihren Schüler:innen anschauliche Fälle, in denen es um schwierige Entscheidungen geht. Und die vernünftige Lösung scheint immer die bessere Lösung zu sein. Schließlich: In Deutsch oder den Fremdsprachen lernen Ihre Schüler:innen in der Literatur Menschen kennen, die durch Vernunft ihre Schwächen oder ihre Leidenschaften überwinden und vernünftig und zugleich besonders gut handeln. Überall scheint zu gelten: Auf die Vernunft kommt es an!

Irgendwann wird Ihren Schüler:innen das zu einseitig. Sie sagen: Wir lernen immer, dass alles Emotionale unwichtig und erst die vernünftigen Gedanken gut sind. Dabei funktioniert die Welt doch ganz anders. Es geht um Spaß und Lust, auch mal um Lust an der Rache! Die Schule soll uns auf das Leben vorbereiten – und uns nicht in irgendwelche höheren Welten führen, die uns nachher doch nichts nützen. Weshalb sollen wir immer vernünftig sein? Ist Vernunft wirklich so wichtig? In diesem Kapitel erfahren Sie, wie Sie auf solche Fragen Ihrer Schüler:innen antworten können. Genauer geht es um Folgendes:

 Woher kommt diese Traditon und was ist von ihr zu halten, dass die Vernunft immer das Höhere im Vergleich zu allem anderen ist?

 Wie können Sie Ihren Schüler:innen anschaulich machen, dass die Vernunft tatsächlich etwas Großes ist, auf das wir stolz sein können und das wir entwickeln sollen – dass es aber auch noch anderes Großes gibt?

 Wie können Sie Ihre Schüler:innen ganz konkret für das Vernünftigsein motivieren?

2.1 Aristoteles zeigt, wie das vernünftige Leben das beste Leben ist

Vernunft ist Unabhängigkeitskompetenz. Weshalb hat Vernunft in unserer Tradition einen so hohen Stellenwert? Dies lässt sich gut anhand eines einzigen Werkes verständlich machen, nämlich der Nikomachischen Ethik des Aristoteles (Kap. 2.1), ergänzt durch Gedanken anderer Philosophen, nämlich Epikur (Kap. 2.2) und Epiktet (Kap. 2.3). Diese aus der griechischen Antike stammenden Gedanken sind für unsere Kultur überaus bedeutend und einflussreich. Um gleich anzudeuten, wohin die Reise geht: Bei der Vernunft geht es um so etwas wie Unabhängigkeitskompetenz. Ja, die Welt funktioniert nicht unbedingt nach Prinzipien der Vernunft und dies gilt auch für uns selbst. Unser Leben ist zunächst einmal nicht vernünftig. Und gerade deshalb ist es gut, über die Kompetenz zu verfügen, immer wieder frei zu werden von den ‚unvernünftigen‘ Kräften und Leidenschaften, nämlich durch die Kraft der Vernunft.

Hintergrund: Vernunft, das ist hier kein anthropologisch-beschreibender Begriff, er bezeichnet nicht das Wesen des Menschen. Er bezeichnet auch nicht einfach unsere kognitiven Fähigkeiten, dafür sagt man eher Verstand. Sondern hier geht es um die Fähigkeit einer bestimmten Beziehung zu uns selbst, z.B., dass wir uns durch Vernunft immer wieder befreien können von unseren Ängsten oder Antrieben.

Die Nikomachische Ethik. Aristoteles (384–322) war Schüler Platons in dessen Akademie in Athen, wurde später Lehrer Alexander des Großen in Makedonien, danach lehrte und forschte er in Athen. Aristoteles ist durch seine Werke in der Philosophie bedeutend und er wurde von der christlichen und der islamischen Theologie rezipiert. Zugleich aber ist Aristoteles ebenso bedeutend in der Wissenschaft.

Hintergrund: Logik: Wie muss man formal richtig argumentieren? Rhetorik: Wie kann man überzeugend reden? Metaphysik: Aus was besteht die Welt im Innersten?

Ob Logik oder Rhetorik, ob Metaphysik oder Staatslehre, ob Theorie der Dichtkunst oder Naturwissenschaft, Aristoteles hat in all diesen Bereichen Werke verfasst, die für Jahrhunderte einen sehr großen Einfluss gehabt haben. Bis heute erforschen weltweit Philosoph:innen sein Denken und versuchen es weiterzuentwickeln. Ein besonders bedeutendes Werk ist seine Nikomachische Ethik, deren Name sich vielleicht auf seinen Sohn bezieht, der Nikomachos hieß. Viele Themen sind es, die Aristoteles in dieser Ethik behandelt, sie reichen von der Frage nach dem Glück, der Bestimmung der Tugenden, dem Nachdenken über Staatsformen und über die Bedeutung der Freundschaft bis hin zur Frage, welche Lebensform für den Menschen als die höchste gelten kann. Und hier wird Aristoteles’ Antwort sein, dass der Mensch dann sein eigentliches Ziel erreicht, wenn er sein Leben nach der Vernunft ausrichtet. Wie ist dies gemeint, was hat das mit dem gerade verwendeten Begriff Unabhängigkeitskompetenz zu tun und wie kann uns Aristoteles’ Aussage weiterhelfen, das beste Leben sei das gemäß der Vernunft geführte?

Worin besteht das wahre Leben? Schauen wir Aristoteles dabei zu, wie er in seiner Nikomachischen Ethik nach dem richtigen Leben fragt und wie er das Leben sucht, das uns Menschen eigentlich angemessen ist. Am Ende wird seine Antwort sein, dass die Eudaimonia, meist übersetzt als Glückseligkeit, das höchste Ziel des menschlichen Lebens ist. Und wenn wir ihn fragen, in welchem Zustand oder in welcher Tätigkeit genau die Glückseligkeit, die Eudaimonia, besteht, dann wird Aristoteles antworten: Glückseligkeit besteht für uns Menschen nicht darin, worin wir sie vermuten, nämlich in körperlichem Genuss oder in Reichtum oder in Erfolg und sozialer Anerkennung, auch nicht in großer Macht oder großem Einfluss – sondern Glückseligkeit besteht darin, dass wir uns selbst durch Vernunft bestimmen. Aber gehen wir Schritt für Schritt vor und verfolgen wir mit, wie Aristoteles zu diesem überraschenden Ergebnis kommt.

Schritt Eins: Finde Handlungen, die kein äußeres Ziel mehr haben, sondern sich selbst genügen. Aristoteles schickt uns auf die Suche nach derjenigen Tätigkeit, die ihren Zweck in sich selbst hat, die Ziel und Ende all unseres Handelns ist und dieses Ziel wird zunächst noch ganz formal bezeichnet als Eudaimonia, als Glückseligkeit.

[…] Es zeigt sich aber ein Unterschied in den Zielen: denn die einen sind Tätigkeiten, die andern sind bestimmte Werke außer ihnen. Wo es Ziele außerhalb der Handlungen gibt, da sind ihrer Natur nach die Werke besser als die Tätigkeiten. […] Wenn es aber ein Ziel des Handelns gibt, das wir um seiner selbst willen wollen und das andere um seinetwillen; wenn wir also nicht alles um eines andern willen erstreben […], dann ist es klar, daß jenes das Gute und das Beste ist. (Aristoteles 1986, 55)

Praktisch alles tun wir nicht als Selbstzweck, sondern als Mittel zu einem der Handlung äußeren Zweck. So studieren Sie nicht als Selbstzweck, sondern um später einen Beruf ausüben zu können, um dabei Geld zu verdienen, um davon wiederum Ihren Lebensunterhalt bestreiten zu können. Denkt man so über das eigene Leben nach, dann stellt sich tatsächlich bald die Frage nach dem Sinn des Ganzen: Wozu sollen wir denn unseren Lebensunterhalt verdienen? Um Kinder zu bekommen und diesen zu ermöglichen aufzuwachsen? Oder für teure Urlaube und Hobbys? Und der Sinn der Existenz unserer Kinder? Auf diese Weise ließe sich immer weiter fragen. Die philosophische Analyse menschlicher Handlungen in der Nikomachischen Ethik des Aristoteles durchbricht diese trüben und endlosen Gedanken, denen früher oder später alles sinnlos vorkommt. „Fast alles begehren wir als Mittel, ausgenommen die Glückseligkeit. Denn sie ist das Ziel“ (Aristoteles 1986, 294).

Tugendhaftes Handeln ist nicht auf äußere Zwecke bezogen, sondern genügt sich selbst. Doch Handlungen, die wir nicht um eines äußeren Ziels, sondern um ihrer selbst willen tun, gibt es einige – die Glückseligkeit ist nur deren höchste. Wir sind im Flow, sagt man in der Psychologie, wenn wir in einer Handlung ganz aufgehen. Dies erinnert an Aristoteles’ selbstzweckhafte Handlungen. Aber Achtung: Eudaimonia ist dem Leben gemäß der Vernunft vorbehalten, also nicht einfach gleichbedeutend mit Flow. Daher: der Reihe nach. Aristoteles beschreibt verschiedene Handlungen, die wir nicht als Mittel, sondern als Zweck tun. Solche Handlungen sind Kandidat:innen für den Sinn in unserem Leben. Ein Beispiel für sich selbst genügende Handlungen sind tugendhafte Handlungen. Bei denen wissen wir, dass unser Handeln einfach so und so sein soll, hier fragen wir nicht nach einem äußeren Sinn, einem Zweck.

Und an sich begehrenswert sind die Tätigkeiten, bei denen man nichts weiter sucht als die Tätigkeit selbst. Diesen Charakter scheinen die tugendgemäßen Handlungen zu haben, da es an sich begehrenswert ist, schön und tugendhaft zu handeln. (Aristoteles 1986, 293)

Wir wissen, dass es sich einfach gehört, dass wir uns tugendhaft verhalten. Ein sehr einfaches Beispiel, die Tugend der Gastfreundschaft: Stellen Sie sich vor, Sie halten Ihr Geld zusammen, Sie lieben es, sparsam zu sein. Da kündigen sich spontan Gäste an. Plötzlich fällt es Ihnen leicht, etwas Gutes zu Essen oder zu Trinken zu besorgen und dafür auch einiges an Geld auszugeben. Denn das gehört sich so. Und das meinen Sie nicht nur in einem äußerlichen Sinn und Sie schielen auch nicht auf einen Nutzen für sich selbst, zumindest nicht, wenn Ihnen an Ihren Gästen wirklich etwas liegt. Sondern die Gastfreundschaft macht Ihnen Freude, ein Stück Leben geht hier gewissermaßen auf wie eine Blüte und kommt an sein Ziel.

Ein Stück Lebenssinn: die selbstzweckhafte Handlung. Gehen Sie in sich und fragen sich genauer, was Sie damit meinen, wenn Sie sagen, es gehöre sich, Gäste gut zu empfangen und zu bewirten. Vielleicht denken Sie dann an das Folgende. Mit dieser tugendhaften Handlung, so könnten Sie es beschreiben, identifiziere ich mich maximal, in ihr komme ich gewissermaßen selbst vor. An dieser kleinen Stelle meines Lebens erfüllt sich dieses Leben, hier scheint alles fraglos, hier ist die Kette durchbrochen, in der jede Handlung im Dienste von etwas anderem getan wird. Meine Gäste liebevoll und aufwändig zu empfangen und zu bewirten, das ist ein Stück Lebenssinn. Sie könnten es auch so ausdrücken: Bei tugendhaften Handlungen müssen wir nicht weiter fragen, wozu das gut ist, sondern diese Handlungen tragen ihren Sinn, ihren Zweck schon in sich. Genau das möchte Aristoteles damit sagen, dass wir zwar fast alles als Mittel zu einem anderen Zweck tun, dass aber tugendhafte Handlungen selbstzweckhafte Handlungen sind.

Schritt zwei: Finde innerhalb des tugendhaften Handelns die höchste Form, finde die höchste Tugend. Im Feld der selbstzweckhaften Handlungen, also der tugendhaften, müssen wir nun die oberste dieser Handlungen suchen und das ist dann die Eudaimonia, die Glückseligkeit. Diese Suche kann dadurch gelingen, dass wir fragen, was die höchste und eigentliche Tugend des Menschen ist oder auch: die dem Menschen angemessenste. Es gibt für Aristoteles also eine gewisse Hierarchie der Tugenden im Menschen und es ist unschwer zu erkennen, dass eine bestimmte Anthropologie hinter dieser Hierarchie steckt. Aristoteles schreibt:

Nun ist jedem [gemeint sind die verschiedenen Gruppen von Lebewesen, Ph.Th.] diejenige Tätigkeit am liebsten, die seiner eigentümlichen Art entspricht. (Aristoteles 1986, 294)

Welche mag sie [die für den Menschen wichtigste Tätigkeit, die seiner eigentümlichen Art entspricht, Ph.Th.] nun wohl sein? Das Leben offenbar nicht, denn dies besitzen auch die Pflanzen, wir suchen aber das dem Menschen Eigentümliche. Das Leben der Ernährung und des Wachstums ist also auszuscheiden. Es würde darauf das Leben der Wahrnehmung folgen, aber auch dieses ist uns gemeinsam mit dem Pferde und Rinde und allen Tieren überhaupt. Es bleibt also das Leben in der Betätigung des vernunftbegabten Teiles übrig. (Aristoteles 1986, 66)

Der Geist [νους, Geist, Vernunft, Ph.Th.] nämlich ist das beste in uns, und die Objekte des Geistes sind wieder die besten im ganzen Bereich der Erkenntnis. (Aristoteles 1986, 295)

Das Vernunftwesen Mensch ist am meisten in der Vernunft es selbst. Wenn das Wichtigste am Menschen das Erkennen durch die Vernunft ist (also nicht etwa nur sinnliche Erfahrung), dann müssen wir hier, in diesem Bereich suchen, wenn wir das höchste selbstzweckhafte Handeln finden wollen, die Eudaimonia. Während wir mit allen Lebewesen das Leben und Wachsen und mit den Tieren die Wahrnehmungsfähigkeit gemeinsam haben, kommt nur den Menschen die Vernunftbegabung zu. Die angemessenste Tätigkeit des Menschen ist für Aristoteles daher die der Vernunft gemäße:

Denn mag es [die Vernunft als das Beste im Menschen, Ph.Th.] auch klein an Umfang sein, ist es doch an Kraft und Wert das bei weitem über alles Hervorragende. […] Was einem Wesen von Natur eigentümlich ist, ist auch für es das beste und genußreichste. Für den Menschen ist dies das Leben gemäß dem Geiste, da ja dieses am meisten der Mensch ist. (Aristoteles 1986, 297f.)

Verwirklichung als Vernunftwesen. Worin besteht der Zusammenhang zwischen der Tugend und der Tätigkeit der Vernunft? Aristoteles meint, dass auch die Vernunft eine Tugend ist. Vereinfacht gesagt: Der Mensch ist ein soziales Wesen und (unter anderem) in der Gastfreundschaft verwirklicht er dieses Wesen. Dafür muss er z.B. seine egoistische Sparsamkeit überwinden. Er ist aber nicht nur ein soziales, sondern vor allem ein Vernunftwesen – und im Leben gemäß der Vernunft verwirklicht er sich als Vernunftwesen. Dafür muss der Mensch frei werden von seinen Leidenschaften, etwa seinen übertriebenen Ängsten und Begierden, frei werden von seinen Bedürfnissen nach Anerkennung und Erfolg. Wie in der Gastfreundschaft ist das Leben hier momentweise am Ziel, die Frage nach einem äußeren Ziel, für das das Vernünftigsein ein Mittel wäre, ist überflüssig. Innerhalb der selbstzweckhaften, der tugendhaften Handlungen gibt es eine Hierarchie. Hier steht die Vernunft ganz oben – weil sie dem Menschen das Angemessenste ist, weil einzig der Mensch Vernunft hat.

Wunderbare Vernunft. Was heißt Vernunft nun konkret? Die Tätigkeit der Vernunft, verstanden auch als menschliche Sinnerfüllung, besteht im Erkennen und Verstehen der Welt und in einem Leben, das der Weisheit folgt. Dieses Erkennen und Verstehen ist z.B. eine sehr genussreiche Tätigkeit.

Nun ist aber unter allen tugendgemäßen Tätigkeiten die der Weisheit zugewandte eingestandenermaßen die genußreichste. Und in der Tat bietet die Philosophie Genüsse von wunderbarer Reinheit und Beständigkeit. (Aristoteles 1986, 295f.)

Weiter begeistert sich Aristoteles für mehrere günstige Eigenschaften der Vernunft (Aristoteles 1986, 296f.): Zum Betrachten, Erkennen und Nachdenken braucht man nur sich selbst – und keine weiteren Gegenstände oder Umstände, welche unsere Hobbys oft so teuer machen. Und, noch ein Argument, mit der Muße ist eigentlich nur die Tätigkeit der Vernunft vereinbar. Das Theoretisieren, das Nachdenken, die Betrachtung von Weisheiten, es stört die Muße nicht, ist sogar förderlich für diese – anders als Krieg zu führen, den Staat zu lenken, anders als Streben nach Ehre und Macht. Letztere Tätigkeiten schließen die Muße aus. Ein letzter Vorteil der Vernunft: Man kann sie völlig ermüdungsfrei ausüben, das Denken geht von selbst immer weiter. Zugegeben, die Vernunft hat einige prinzipielle Vorteile, doch ist sie deshalb gleichbedeutend mit Glückseligkeit? Zwar können wir nachvollziehen, wie Aristoteles dies ungefähr meint, aber wenn wir nicht ohnehin schon seiner Meinung waren, wird uns diese Ableitung aus der Definition des Menschen als vernünftiges Lebewesen, dass nämlich die Eudaimonia in der Vernunft liegt, nicht ohne weiteres überzeugen. Doch es gibt noch einen anderen Weg, uns und unsere Schüler:innen von den Vorzügen der Vernunft zu überzeugen.

Schritt drei: Eudaimonia ist Leben gemäß der Vernunft – gemäß der Unabhängigkeitskompetenz. Vernunft bedeutet frei zu werden von dem, was normalerweise unser Leben bestimmt. Ruhm und Ehre, Vergnügungen und Zeitvertreib, Anerkennung und Bewunderung und vieles mehr: In unserem Alltag jagen wir vielen Zielen hinterher und sind Spielball unserer Bedürfnisse. Immer haben wir Angst, zu kurz zu kommen und schauen ängstlich auf die anderen. Aristoteles möchte uns zeigen, worauf es wirklich ankommt. Und dies ist nichts Übliches, also gerade nicht Ruhm, Ansehen usw. Alle normalen Lebensziele werden eingeklammert und sind nicht mehr wichtig. Es geht um eine Art Verwesentlichung des Lebens, die vor allem in einer großen Souveränität und Freiheit gegenüber unseren mächtigen Bedürfnissen besteht. So müssen wir uns das freie, vernunftgeleitete Leben vorstellen, Aristoteles’ Ideal.

Vernunft ist nicht normal. Noch einmal in aller Deutlichkeit: Indem die üblichen und alltäglichen Zwecke unseres Lebens eingeklammert werden, wird jenes, worauf es für Aristoteles in unserem Leben eigentlich ankommt, gerade jenseits von dem gesucht, was für uns zunächst normal ist. Man kann also sagen, Aristoteles verabschiede Normalität – und bestimme stattdessen das richtige Leben anders: Wir sollen uns eine neue Normalität schaffen und diese ist das Leben, das sich von der Vernunft leiten lässt.

Vernunft bedeutet Unabhängigkeitskompetenz. Waren die Vorteile des theoretischen, des betrachtenden Lebens bisher vielleicht nur für Menschen überzeugend, welche selbst in diese Richtung veranlagt sind, kommt mit der Frage der Lebensform eine so grundsätzliche Ebene ins Spiel, dass Aristoteles’ Argumente immer überzeugender werden:

Die Mehrzahl der Leute und die rohesten wählen die Lust. Darum schätzen sie auch das Leben des Genusses. […] Die große Menge erweist sich als völlig sklavenartig, da sie das Leben des Viehs vorzieht […] Die gebildeten und energischen Menschen wählen die Ehre. Denn dies kann man als das Ziel des politischen Lebens bezeichnen. Aber es scheint doch oberflächlicher zu sein als das, was wir suchen. [Denn man scheint] die Ehre zu suchen, um sich selbst zu überzeugen, daß man gut sei. […] Die dritte Lebensform ist die betrachtende [θεωρητικός, die theoretische]. (Aristoteles 1986, 59f.)

Sein Leben dem Genuss zu widmen, das bedeutet für Aristoteles, zu leben wie das Vieh, bzw. sich freiwillig zum Sklaven der eigenen Leidenschaft und Begierde zu machen. Die Mutigen und Energischen, so Aristoteles, wählen ein anderes Leben, nämlich ein solches, das ihnen Ruhm und Ehre einbringt, wir würden vielleicht sagen: viel Anerkennung und höchstes soziales Prestige. Doch Aristoteles ist überzeugt: Dies kann noch nicht das letzte Wort sein, noch nicht die gesuchte höchste Lebensform. Denn beim Streben nach Ruhm und Ehre sind wir nicht wirklich frei, vielmehr verhalten wir uns so, dass wir möglichst viel Erfolg haben und eine möglichst große Anerkennung bekommen. Mitunter verhalten wir uns wie außengesteuert, ja wie ferngelenkt. Denn wir sind abhängig von der Anerkennung durch die anderen. Erst die durch Vernunft geprägte Lebensform bringt uns, so Aristoteles, die eigentliche innere Freiheit. Es ist normal, von seinen Leidenschaften und vom Wunsch nach Anerkennung und Bewunderung beherrscht zu werden. Doch Aristoteles plädiert dafür, neu zu definieren, was normal heißen sollte. Vernunft ist die möglichst große Freiheit und Unabhängigkeit von jenen Bedürfnissen, deren Spielball wir üblicherweise sind. Vernunft ist eine neue, befreite Normalität.

Aristoteles als Kollege an Ihrer Schule. Übertragen wir dies auf die Schule, dann lautete Aristoteles’ Empfehlung: Sie sollen die Unabhängigkeitskompetenz Ihrer Schüler:innen stärken. Diese sollen lernen, frei zu werden von der Jagd nach dem Vergnügen, auch von der Sucht nach Anerkennung und Erfolg. Und Sie als Lehrkräfte sollen ihnen diese Freuden der Unabhängigkeit nahebringen. Ein Beispiel, das Sie alle kennen: Wie schaffe ich es, meinen ‚inneren Schweinehund‘ zu überwinden und angestrengt zu trainieren oder endlich eine neue Sprache zu lernen oder etwas anzugehen, das ich schon lang angehen will? Indem ich mich dazu entschließe und es einfach mache. Dies zu erleben heißt, sozusagen auf elementarer Ebene zu erleben, dass ich mich durch das, was ich frei entscheide, gegen alle anderen Antriebe selbst bestimmen kann. Diese Erfahrung einer Unabhängigkeitskompetenz kennen Ihre Schüler:innen. Und dies gilt auch auf komplexerer Ebene. Falls ich nach langer Überlegung zu dem Schluss komme, meine Ernährung umzustellen oder meinen Lebensstil zu ändern, dann ist es möglich, dies auch wirklich zu tun. Und auf wieder anderer Ebene kann ich versuchen, die Dinge zu verstehen und zu erklären, wie sie wirklich sind, und durch vernünftiges Nachdenken über vernünftige Argumente selbst zu urteilen – wodurch wir wieder auf das Ideal des Selbstdenkens stoßen, siehe Kapitel 1 – nicht verzerrt durch Ideologien, die mir eine falsche Sicherheit geben. All das sind Erfahrungen der Vernunft als Unabhängigkeitskompetenz.

In der Nikomachischen Ethik führt Aristoteles vor, wie wir zum höchsten Ziel menschlicher Existenz (Eudaimonia, Glückseligkeit) nur gelangen, wenn wir die Vernunft in uns ganz stark werden lassen. Das Ideal ist ein selbstständiges und freies, durch Vernunft gesteuertes Leben.

2.2 Epikur: Das richtige Leben beginnt, wenn wir innerlich unabhängig werden

Epikur war kein Epikureer. Epikur (341–270) ist heute bekannt für eine Meinung, die er selbst so nie vertreten hat, nämlich dass wir ein ausschweifendes Genussleben führen sollen. Auf Englisch heißt Genussmensch epicurean. Tatsächlich fragte Epikur eher danach, welche innere Haltung wir brauchen und wie wir unser Leben führen sollen, wenn wir zufrieden und frei von unnötiger Sorge leben möchten. Verfolgen wir ernsthaft dieses Ziel, so Epikur, dann sollten wir gerade nicht unseren Begierden folgen und unsere Genüsse immer noch steigern, sondern, im Gegenteil, wir sollen uns unabhängig machen von unseren Begierden und Wünschen. Dass dies dazu führen wird, dass uns die Genüsse ganz neu zugänglich werden, das vertieft unser Leben: Wenn wir sehr durstig sind, schmeckt Wasser besser als das teuerste Getränk schmeckt, wenn wir gar keinen Durst haben. Wie aber können wir loskommen von unseren Begierden, Wünschen und Leidenschaften? Indem wir in uns die Vernunft stark machen und uns selbst durch Vernunft führen.

Klug mit den Bedürfnissen umgehen. Es geht darum, sich wohlzufühlen beim einfachen Dasein. Und diese besondere Lust ist Ursprung und Ziel des wirklich glücklichen Lebens. Manchen Genuss müssen wir vermeiden, weil er auf Dauer nicht zuträglich ist. Und manche Schmerzen müssen wir auf uns nehmen, um später davon zu profitieren. Eine kluge Selbstführung ist viel wichtiger als die immer weitere Steigerung der Lust. Wir wählen

auch nicht jede Lust, sondern übergehen von Zeit zu Zeit viele Lustempfindungen, wenn aus ihnen für uns in höherem Maße Unangenehmes folgt; und viele Schmerzen halten wir für vorteilhafter als Lustempfindungen, wenn für uns größere Lust folgt, nachdem wir die Schmerzen lange Zeit ertragen haben. (Epikur 2014, 139)

Unsere Vernunft besiegt unsere Angst. Epikur gibt uns Hinweise, wie das von Aristoteles beschriebene Vernunftleben aussehen kann. Nehmen wir als Beispiel die Angst vor dem Tod. Den Tod müssen wir nicht fürchten, wenn wir uns klar machen, dass das Nicht-Leben bzw. das Nicht-am-Leben-sein weder gut noch schlecht ist, sondern einfach nicht vorstellbar und außerhalb jeden Vergleichs.

Demnach betrifft das schauderhafteste Übel, der Tod, uns nicht: denn der Tod ist nicht da, solange wir leben, doch wenn der Tod da ist, dann sind wir nicht mehr. (Epikur 2014, 133)

Oder wir haben Angst vor der Zukunft. Doch das Zukünftige liegt nicht in unserer Macht, darüber müssen wir uns immer wieder klar werden. Stattdessen liegt es in unserer Macht, hier und jetzt für Körper und Seele zu sorgen:

Denn die unbeirrte Betrachtung dieser Zusammenhänge kann jede Entscheidung über Tun und Lassen an der körperlichen Gesundheit und dem störungsfreien Zustand der Seele orientieren, da dies das Ziel eines glücklichen Lebens ist. […] Wenn uns dies einmal gelingt, löst sich der ganze Sturm in der Seele auf. (Epikur 2014, 137)

Der Sturm legt sich. Epikur rät also dazu, uns emotional zu distanzieren von dem, was uns Sorgen macht. Unsere Angst lässt sich durch Vernunft einklammern und immer wieder verabschieden. Nicht muss die Angst uns beherrschen, sondern wir können durch Vernunft die Angst beherrschen. Der Sturm legt sich nach und nach. Diesen Zustand des ungetrübten Genusses, der Angstfreiheit, überhaupt der Freiheit von Sorge, Unruhe, Leidenschaften und Antrieben, diesen Zustand nennt Epikur Lust – und meint damit gerade keine ausschweifenden Genüsse.

Vernunft ist Unabhängigkeitskompetenz. Dies sind Epikurs Antworten auf die Frage, was es heißt, das richtige, das in vollem Sinn gute Leben zu erreichen. Es handelt sich nicht um ein Leben, das einfach unseren Wünschen und Antrieben folgt. Sondern um ein Leben, das durch viel Reflexion und Bewusstsein geprägt ist sowie auch durch ständiges Üben. Wenn wir das, was wir zunächst vorfinden, Normalität nennen, also unsere Ängste und Unruhe, unsere Leidenschaften und Begierden, dann rät uns nach Aristoteles nun auch Epikur: Gebt Euch mit dieser Normalität nicht zufrieden, baut an einer neuen, an einer eigenen und vor allem freien Normalität. Euer Ziel ist eine durch Vernunft geprägte Lebensform, in der ihr Euch maximal unabhängig gemacht habt von all dem, was Euch normalerweise beunruhigt, ob im negativen oder im positiven Sinn. Durch vernünftiges Nachdenken und Uns-selbst-Bestimmen zu verändern, was Normalität heißt, das ist auch ein Ziel Foucaults (siehe Kap. 8).

Epikur als Kollege an Ihrer Schule. Was erhofft sich Epikur für Ihre Schüler:innen? Vielleicht kann man wieder sagen: Sie sollen die Unabhängigkeitskompetenz Ihrer Schüler:innen stärken. Die Kinder und Jugendlichen sollen lernen, frei zu werden von der Sucht nach Vergnügen, auch von der Sucht nach Anerkennung. Nicht weil diese Süchte moralisch schlecht sind, sondern weil sie abhängig, unfrei und unglücklich machen. Stattdessen sollen Ihre Schüler:innen ein Leben einüben, das frei und unabhängig ist, weil es sich selbst durch Vernunft bestimmt. Wenn sich das Leben nicht durch übermäßigen Ehrgeiz, Machtgier und Anerkennungssucht führen lässt, sondern durch Vernunft, wird es zu einem eher bescheidenen Leben, das sich verwirklicht als Freude einer unerschütterten Seele am Dasein.

Epikur trat für eine vernünftige Lebensführung ein, welche sich möglichst unabhängig macht von Begierden und Ängsten. Klug und überlegt gilt es das zu tun, was unserem Wohlbefinden wirklich zuträglich ist. Dazu gehört auch der Verzicht auf kurzfristiges Vergnügen zugunsten von längerfristigem Nutzen.

2.3 Auch Epiktet sieht in der inneren Unabhängigkeit und Freiheit das eigentliche Ziel

Epiktet im Freibad. Epiktet (50–138), ein Vertreter der Stoa, einer spätantiken Philosophenschule in Griechenland und Rom, die besonderen Wert auf Seelenruhe und Gelassenheit durch vernünftige Selbstbeherrschung legte, ist bekannt für genau das, worum es in Kapitel 2 geht: Die Fähigkeit, sich zu befreien von seinen Ängsten, Leidenschaften und Begierden und sich ganz der Leitung seiner Vernunft anzuvertrauen. Schon ein kleines Beispiel kann das erläutern: Stellen Sie sich vor, Sie besuchen ein Freibad, das aufgrund des schönen Wetters und der Schulferien, die gerade begonnen haben, viel zu voll ist. Kaum haben sie ihr Handtuch ausgebreitet, nerven Sie die anderen Besucher:innen, die viel zu nah bei Ihnen liegen: ihr lautes Reden, ihr aufdringliches Lachen, ihr rücksichtsloses Benehmen. Was können Sie gegen ihren aufkommenden Zorn tun? Epiktet hält einen Ratschlag bereit. Es ist zu erwarten, dass wir im vollen Schwimmbad von unseren Mitmenschen genervt sein werden und dass sich Ablehnung, Zorn und Groll in uns erheben werden. Doch wir können uns gegen diese Gefühle wappnen, wenn wir uns ganz unter unsere Vernunft stellen, die Gefühle antizipieren und sie so einklammern und verabschieden:

Wenn du zum Beispiel zum Baden gehst, dann stell dir vor, wie es in einem öffentlichen Bad zugeht, wie sie dich naßspritzen, hin und her stoßen, beschimpfen und bestehlen. Du wirst daher mit größerer Ruhe und Sicherheit hingehen, wenn du dir von vornherein sagst: „Ich will baden und meiner sittlichen Entscheidung treu bleiben, durch die ich mich in Übereinstimmung mit der menschlichen Vernunftnatur befinde“. (Epiktet 2006, 13f.)

Vernunft ist Unabhängigkeitskompetenz. Hier ist sie wieder: die Vernunft als eine Instanz in uns selbst, die uns führen kann. Üblicherweise führt sie uns nicht, üblicherweise werden wir, bezogen auf dieses Beispiel, beherrscht von Ärger, Zorn oder Aggression. Doch indem wir üben, die Stimme der Vernunft stark zu machen und ihr immer mehr zu vertrauen und auf sie zu hören, kann es uns gelingen, das Band zu durchtrennen, das uns von einem wirklich unabhängigen Leben abhält. Oft wissen wir, was gut für uns wäre, doch wir sind zu schwach es einfach zu tun. So gesehen ist es eine Bewegung des empowerment, der Selbstermächtigung, jene Instanz in uns zu stärken, welche uns Freiheit geben kann, nämlich unsere Vernunft.

Auch Epiktet geht es um eine vernüftige Lebensführung, in der wir uns unabhängig machen von den Stimmungen, die unser Wohlergehen trüben, z.B. Sorge und Angst, Begehren und Ärger. Für ihn beginnt das menschliche Leben ebenfalls erst richtig, wenn es durch Vernunft bestimmt ist.

2.4 Vernunft ist großartig. Aber es gibt im Menschen auch noch anderes Großartiges

Unabhängig zu werden durch Vernunft ist gut. In diesem Kapitel ist deutlich geworden, weshalb in unserer Kultur, die stark beeinflusst wurde von der Antike, Vernunft so hoch im Kurs steht. Wir können nachvollziehen, was Aristoteles, Epikur und Epiktet damit meinen, wenn sie sagen, der Mensch komme dort ganz zu sich selbst, wo er sich durch Vernunft unabhängig macht von seinen übertriebenen Ängsten und seinen übertriebenen Begierden, von seinen Wünschen nach Anerkennung und nach Erfolg. Normalerweise sind wir Menschen in diesem Sinne, wie man sagt, ‚Fässer ohne Boden‘. Die Vernunft kann uns helfen, uns davon unabhängig selbst zu bestimmen. Unsere Kultur hat dies als Lebens- und Bildungsziel auch aus der Antike übernommen.

Liebesfähig zu werden, ist auch gut. Die antike Anthropologie, derzufolge der Mensch vor allem durch Vernunft ausgemacht wird, können wir heute ergänzen. Auch die Liebe ist etwas Großartiges bei uns Menschen (Kap. 13), dazu gehören Herzensbildung (Kap. 14) und der Sinn für das bedingungslos Gute, die Fähigkeit, füreinander das Beste zu wollen und zu tun (Kap. 3 und 14). Und es gibt noch anderes Großartiges: Das Ideal, ein ganz eigenes Leben zu führen und seine individuellen Eigenschaften zu verwirklichen (Kap. 7 und 11). Zu diesem Ideal gehört es auch, für dieses Eigenste die Stimme zu erheben und dadurch ein wenig zu verändern, was Normalität heißt (Kap. 8).

Ihre Antwort auf die Frage Ihrer Schüler:innen:

Warum steht die Vernunft so hoch im Kurs? Ist Vernunft wirklich so wichtig? So könnten Sie antworten:

 Beim Vernünftigsein geht es erstmal nicht um etwas Moralisches, sondern um Unabhängigkeitskompetenz: um Eure Fähigkeit, innerlich frei zu sein.

 Als lebendige und soziale Wesen sind wir alle getrieben und beherrscht von Leidenschaften und Bedürfnissen: Wir haben Angst um unseren Körper. Wir sind abhängig von sozialer Anerkennung. Wir wollen Ruhm und Ehre. All das gehört zum normalen Leben dazu. Vernunft kann Euch immer wieder aus dieser Abhängigkeit befreien.

 Je stärker Eure Vernunft ist, je besser Ihr sie ‚trainiert‘ habt, desto freier werdet Ihr – und desto besser könnt Ihr Euch selbst bestimmen.

Wenn Sie sich noch weiter interessieren

Die Vernunft als kulturelles Ideal sowohl in der Antike als auch in der Moderne ist stark verbunden mit dem Ideal des Selbstdenkens (Kap. 1) und jener Richtung des moralischen Gutseins, bei der es um die Unabhängigkeit von Leidenschaften oder Bedürfnissen und die Selbstbestimmung geht (Kap. 3.3). Das Ideal der Vernunft hat ebenso enge Verbindungen zum Ideal der Selbstbestimmung (Kap. 11). Charakteristisch für Vernunft ist es auch, dass unser vernünftiges, d.h. freies und kritisches Nachdenken seine eigenen Grenzen immer wieder wahrnimmt, in Frage stellt und so diese Grenzen denkend überschreitet. Ein Beispiel: Das kritische Entlarven scheinbarer Wahrheiten ist wichtig – doch es kann auch zur Pose werden, wenn es andere allzu sehr belehrt. Also wird das Kritisieren durch Vernunft überschritten in Richtung eines bewusst zugelassenen Ernstes (Kap. 13.2). Der kritische Blick auf die eigenen Grenzen ist Teil der Vernunft und macht diese so attraktiv. Hier kann es auch um prinzipielle Grenzen des sicheren Wissens gehen. Dann wird das Wissen durch Vernunft überschritten in Richtung der Weisheit (Kap. 4).

Doch die laufende Selbstkritik der Vernunft geht sogar so weit, dass Vernunft sich selbst fragt, ob es vielleicht zu ihrem Kern gehört, anderes auszuschließen: kulturell Fremdes (Kap. 12), Gefühle, Leiblichkeit oder das Weibliche, siehe BÖHME/BÖHME 1983.

3 Lohnt es sich, moralisch gut zu sein? (Jonas, Levinas, Kant, Camus)

Sieh hin und du weißt.

HANS JONAS (1984, 235)

Worum geht es?

Ganz unabhängig davon, welches Fach Sie unterrichten, in der ein oder anderen Hinsicht fordern Sie Ihre Schüler:innen immer wieder dazu auf, gut zu handeln, das Gute zu tun, gut zu sein oder einfach, sich gut zu verhalten. Oft geht es dabei um den normalen Unterricht, z.B. möchten Sie von Ihren Lerngruppen, dass sie miteinander gerecht umgehen, dass sie sich gegenseitig helfen oder dass sie einander nicht die Unwahrheit sagen. Aber das Gute und das Gutsein ist mitunter auch ein eigenes Thema: in Ethik, Religion, Gemeinschaftskunde, Geschichte oder Deutsch, in Sport oder Fremdsprachen.

Angesichts dieser täglichen Forderung, gut zu sein, fragen Ihre Schüler:innen eines Tages: Weshalb sollen wir eigentlich immer gut sein und uns moralisch richtig verhalten? Können Sie uns da einen einzigen wirklich zwingenden Grund nennen? Oder läuft es darauf hinaus, dass wir gehorchen, höflich sind und uns richtig benehmen? Ist das Gute einfach Erziehung? Jedenfalls funktionieren unser Leben und auch die Welt ganz anders. Dort geht es eher darum, stark oder clever zu sein – und das ist dann ‚gut‘. Wie können Sie auf solche Fragen antworten? Genauer geht es um Folgendes:

 Wenn wir ein ‚gutes Leben‘ führen – gehört es dann zwingend dazu, dass wir moralisch gut sind?

 Wie können wir philosophisch begründen, dass wir moralisch gut sein sollen, obwohl die Welt ganz anders funktioniert?

 Wenn das Gute ein Bildungsziel ist: wie können wir dafür motivieren?

3.1 Das gute Leben und die Unterscheidung zwischen dem für uns Guten und dem an sich Guten

Gut leben – heißt das auch: moralisch gut? Offensichtlich gibt es das Gute als etwas, das in unserem eigenen Interesse liegt – und neben diesem Guten gibt es so etwas wie das Gute selbst, also das Gute unabhängig von unseren eigenen Interessen. Leicht lässt sich diese Unterscheidung am Begriff des guten Lebens erklären. Das gute Leben, das wir uns alle wünschen, ist ein Leben, in dem wir Glück, Zufriedenheit und Sinn erfahren. Meist geht es um das Gute für uns. Wie kann ich mein Leben für mich selbst günstig einrichten? Wo sollte ich auf meinen Vorteil achten, wo kann ich etwas für mich tun? Allzu restriktive moralische Vorschriften und allzu überzogene und anstrengende ethische Ideale könnten dem eigenen guten Leben durchaus abträglich sein.

Gut leben – ja, das heißt auch: moralisch gut! Andererseits ist uns auch klar, dass etwa sehr ungerechte Verhältnisse, in denen wir gesamtgesellschaftlich leben, unser gutes Leben verderben, selbst wenn wir selbst nicht darunter zu leiden haben. Offensichtlich wollen wir in unserem guten Leben auch in einer guten Welt leben, es geht uns nicht nur um unseren Vorteil. Hinzukommt, dass wir aus Erfahrung wissen, wie beglückend es sein kann, Gutes zu tun: Geben ist seliger als nehmen. Auch das gute Gewissen ist hier wichtig. Zwar wollen wir uns nicht durch allzu äußerliche oder altmodische moralische Ansprüche ein schlechtes Gewissen machen lassen. Doch wir spüren andererseits, dass wir ein schlechtes Gewissen haben, wenn andere unter uns leiden müssen, etwa wenn wir andere verletzt haben. Echte Schuldgefühle passen nicht zu unserem Wunsch nach einem guten Leben. Das Gute selbst gehört zu unserem guten Leben. Nicht nur unsere Freuden und unser Vorteil, für die wir clever sorgen.

Was genau bedeutet ‚gut‘? Die Frage Why be moral? ist eine klassische Frage der philosophischen Ethik (Bayertz 2014). Die Kapitel 3.2–3.4 stellen hierzu drei Antworten vor. Zunächst ist fraglich, ob die bisherigen Überlegungen wirklich schon echte Begründungen dafür sind, weshalb wir moralisch gut sein sollen? Geht es nicht immer noch allzu sehr um uns selbst, wenn wir zum Ergebnis kommen: Damit unser Leben gut ist, brauchen wir wirklich Gutes? Die Frage ist auch: Wenn es stimmt, dass Bildung mehr ist als Ausbildung, inwiefern ist das Gute ein notwendiger Teil der Bildung?

Wenn wir ein ‚gutes Leben‘ führen möchten, gehören dazu auch ein gutes Gewissen, gerechte Verhältnisse und das schöne Erlebnis, Gutes zu tun. So zu begründen, dass wir gut sein sollen, ist allerdings noch nicht genug.

3.2 Das Gute tun, weil man sofort spürt und weiß: Das Gute ist das Richtige (Jonas, Levinas)

Sieh’ hin und du weißt, was zu tun ist! Der erste philosophische Begründungsversuch für das Gutsein, den ich Ihnen vorstellen will, geht davon aus, dass wir gewissermaßen unmittelbar von unserer Umwelt aufgefordert werden, das Gute zu tun und wir darauf nur reagieren müssen. Es ist nicht etwa der Ruf unseres Gewissens, sondern etwas noch Ursprünglicheres. Etwas in der Welt stellt eine Forderung an uns, tritt also als ein Sollen an uns heran.

Hintergrund: Philosophie unter Hitler. Bevor Jonas, geboren in Mönchengladbach, in New York Philosophieprofessor und weltberühmt wurde, kämpfte er fünf Jahre lang in verschiedenen Armeen gegen Hitlerdeutschland. Studiert und promoviert hatte er bei Martin Heidegger. 1933 war er aus Deutschland geflohen. Seine Mutter wurde nach Auschwitz deportiert und ermordet.

Der Philosoph Hans Jonas (1903–1993) nennt in seinem Werk Das Prinzip Verantwortung das Beispiel eines Säuglings (Jonas 1984, 235). Vom neugeborenen Kind gehen die Forderung und der Anspruch aus, sich um dieses Wesen zu kümmern. Tatsächlich fiele es uns nicht im Traum ein, diesen Anspruch des Säuglings für überzogen oder für ungerechtfertigt zu halten. Ein moralischer Anspruch ist zusammen mit dem Säugling in der Welt, hier und jetzt. Wir selbst sind gemeint. Das Gute besteht darin, im Sinne dieses Anspruchs zu handeln.

Zeigt uns einen einzigen Fall […] wo jener Zusammenfall stattfindet [von Sein, also dem Dasein des Säuglings, und dem Sollen, das von diesem Sein ausgeht, also etwa der Aufforderung, dem Säugling zu helfen, Ph.Th.], so kann man auf das Allervertrauteste hinzeigen: das Neugeborene, dessen bloßes Atmen unwidersprechlich ein Soll an die Umwelt richtet, nämlich: sich seiner anzunehmen. Sieh hin und du weißt. Ich sage „unwidersprechlich“, nicht „unwiderstehlich“: denn natürlich läßt sich der Kraft dieses wie jedes Soll widerstehen, sein Ruf kann auf Taubheit stoßen […] oder durch andere „Rufe“, wie etwa vorgeschriebene Kindesaussetzung, Erstgeburtsopfer und dergleichen […] übertönt werden – an der Unwidersprechlichkeit des Anspruchs als solchen und seiner unmittelbaren Evidenz ändert dies nichts. Ich sage auch nicht: eine „Bitte“ an die Umwelt („nehmt euch meiner an“), denn der Säugling kann noch nicht bitten […]. So ist auch von Mitgefühl, Erbarmen, oder welche Gefühle unsererseits ins Spiel kommen mögen, sogar von der Liebe hier nicht die Rede. Ich meine wirklich strikt, daß hier das Sein eines einfach […] Daseienden ein Sollen für andere immanent und ersichtlich beinhaltet. (Jonas 1984, 235)

Der moralische Anspruch ist schon in der Welt. Tatsächlich kennen wir alle solche Situationen, in welchen aus einem Sein ein Sollen folgt, wie man in philosophischer Begrifflichkeit sagt. Wichtig ist: Dieses ‚Folgen‘ des Sollens aus dem Sein ist kein kognitives Folgern oder logisches Schließen. Vielmehr ist hier das Sein, also eine bestimmte Situation in der Welt, identisch mit dem Sollen. Weshalb sollen wir gut sein? Lohnt sich das denn? Jonas’ Begründungsversuch des Guten zielt darauf, dass das Sein selbst schon ein Sollen ist. So ließe sich auch sagen: In der Wahrnehmung des Seins, wie z.B. des Säuglings, liegt schon die Erfahrung, die Einsicht und das Wissen darum, was von uns verlangt wird und was hier und jetzt das Gute ist. Eigens begründen müssten wir allenfalls, weshalb wir trotz dieses Wissens das Gute nicht einsehen oder tun.

Von meinem Gegenüber geht etwas Absolutes aus, eine ethische Forderung. Ähnlich denkt der Philosoph Emmanuel Levinas (1906–1995).

Hintergrund: Philosophie unter Hitler. Bevor Levinas, geboren in Kaunas/Litauen, in Paris Philosophieprofessor und weltberühmt wurde, war er fünf Jahre in deutschen Arbeitslagern inhaftiert. Als Juden wurden seine Eltern und Brüder während dieser Zeit ermordet. Studiert hatte er u.a. bei Martin Heidegger in Freiburg.

Levinas spricht vom Antlitz des Anderen, welches uns gewissermaßen in Beschlag nimmt, und zwar, noch bevor wir denken oder abwägen können. Das Antlitz meint mehr als das menschliche Gesicht des Gegenübers, es stellt so etwas wie dessen eigentümliche Präsenz dar, eine Art Aura. Und von dieser Aura, die uns fordert und in Anspruch nimmt, sagt Levinas, dass sie eine kontextlose und damit absolute Bedeutung hat. Was ist damit gemeint? Üblicherweise ergibt sich die Bedeutung von etwas immer aus dem Kontext. Die Bedeutung von Wörtern oder Zeichen verweisen immer auf das Ganze eines Satzes, seinen Sinn und Inhalt, wodurch der Satz erst seine bestimmte Bedeutung erhält. Wenn Sie etwa sagen: ‚Das ist mir zu schwer‘, dann ist die Bedeutung des Satzes und auch der Satzteile nur aus dem Kontext heraus zu verstehen. ,Das‘ kann ein schwerer Gegenstand, eine komplizierte Rechenaufgabe oder ein schwerer Schicksalsschlag sein. Entsprechend ändert sich auch die Bedeutung von ‚schwer‘. Beim Antlitz aber scheint es anders zu sein.

[Interviewer, Ph.Th.]: Kriegserzählungen besagen tatsächlich, daß es schwer ist, jemanden zu töten, der einem ins Gesicht blickt.

[Levinas, Ph.Th.]: Das Antlitz ist Bedeutung, und zwar Bedeutung ohne Kontext. Ich will damit sagen, daß der Andere in der Geradheit seines Antlitzes nicht eine Person innerhalb eines Kontextes darstellt. Normalerweise ist man eine ‚Person‘: man ist Professor an der Sorbonne, Vize-Präsident im Staatsrat, Sohn eines Soundso, alles das, was im Paß vermerkt ist, die Art sich zu kleiden, sich zu präsentieren. Und jede Bedeutung, im üblichen Sinn des Begriffs, bezieht sich auf einen derartigen Kontext: Der Sinn einer Sache beruht in ihrer Beziehung zu etwas anderem. Hier hingegen ist das Antlitz für sich allein Sinn. Du, das bist du. In diesem Sinn kann man sagen, daß das Antlitz nicht ‚gesehen‘ wird. Es ist das, was nicht ein Inhalt werden kann, den unser Denken umfassen könnte; […] Aber die Beziehung zum Antlitz ist von vornherein ethischer Art. Das Antlitz ist das, was man nicht töten kann oder dessen Sinn zumindest darin besteht, zu sagen: ‚Du darfst nicht töten.‘ (Levinas 1996, 65f., Hervorhebung i. O.)

Das Antlitz des Anderen. Jonas spricht vom Beispiel des Neugeborenen, Levinas dehnt dies aus auf jedes Gegenüber und seine Präsenz oder Aura, sein Antlitz. Das Antlitz ist schon der Anspruch des Anderen an uns, sich seiner anzunehmen. Wir müssen nicht erst folgern vom Sein, vom Antlitz, auf ein Sollen, die Fürsorge. In diesem Sinne kann Levinas sagen, dass wir das Antlitz nicht sehen – nämlich nicht in der Art, wie wir ein Objekt sehen und wie wir es dabei als etwas Bestimmtes, zum Beispiel als eine bestimmte Person, erkennen und wiedererkennen, einordnen und identifizieren. Wir nehmen nicht die ganze Situation wahr, von der unser Gegenüber ein Teil ist, um diese dann ethisch zu analysieren, zu bewerten und schließlich begründet einen möglichen Entschluss zu fassen, hier müsse so oder so gehandelt werden. Sondern bevor wir überhaupt ein neutrales Erkenntnissubjekt sein können, das dann ethisch nachdenkt, stehen wir schon im Anspruch des Anderen. Wir entwickeln uns nicht unabhängig zu Subjekten. Wir werden Subjekte erst durch den Anspruch des Anderen.

Das Ethische geht allem voraus und liegt ihm zugrunde. Philosophen wie Jonas oder Levinas geht es darum, dass wir das Gute nicht durch eine philosophische Ethik rational begründen müssen. Die ethische Reflexion einer möglichen Handlung fragt, ob diese gut oder schlecht ist, ob man zu ihr verpflichtet ist oder nicht. Der Anspruch eines Seins, das zugleich ein Sollen ist, geht einer solchen ethischen Reflexion voraus. Natürlich werden wir oft taub für diesen Anspruch sein, natürlich haben wir viele Gründe, um uns auf die eine oder andere Weise diesem Anspruch zu entziehen. Doch Jonas und Levinas beharren darauf, dass wir diesen Anspruch dennoch erfahren. Eine solche philosophische Ethik ist nicht naiv, sie setzt das Gute nur viel grundsätzlicher an und sieht es als etwas, das als ein Sollen unser Leben bestimmt, noch vor aller Reflexion.

Sich dem Anspruch des Anderen zu öffnen, heißt ganz Mensch zu werden. Fragen wir uns von hier aus, weshalb wir eigentlich gut sein sollen, dann ließe sich so antworten: Zwar können wir dem Anspruch des Anderen nicht immer entsprechen, doch es gehört ein gewisser Aufwand dazu, diesen Anspruch des Anderen laufend zu verdrängen. Anders gesagt: Ohne dass wir das Sollen (uns des Anderen anzunehmen), welches uns mit dem Sein des Anderen unmittelbar gegeben ist, zumindest erfahren und fühlen, werden wir als Menschen nicht ganz Menschen sein können. Ohne dass wir dem Sollen wahrnehmend, erfahrend oder handelnd entsprechen, kann unser Leben nur auf eine eingeschränkte Weise ein gutes Leben werden. Öffnen wir uns dagegen dem Anspruch des Anderen, dann öffnen wir uns für so etwas wie die Tiefe des Lebens, die immer auch unbequem ist, die uns aber überhaupt erst richtig leben und, so ließe sich sagen, die uns überhaupt erst richtig Mensch sein lässt.

Weshalb sollen wir gut sein? Ethiken, die schon im Dasein unseres Gegenübers selbst (Sein) einen Anspruch an uns (Sollen) beschreiben, geben diese Antwort: Weil wir nur auf volle Weise Mensch sein können, indem wir diesen Anspruch wahrnehmen und ihm folgen.

3.3 Das Gute als Vernunft, das Gute als Pflicht (Kant)
3.3.1 Etwas tun, weil wir spüren, dass es unsere Pflicht ist

Der Selbsterhaltungstrieb ist stärker als alles andere. In folgendem Beispiel aus seinem ethischen Hauptwerk Kritik der praktischen Vernunft fordert uns Kant (1724–1804) dazu auf, uns einen Mann vorzustellen, der von sich behauptet, sein Geschlechtstrieb sei so stark, dass er diesem nichts entgegensetzen könne. Er ist gerade dabei, ein Bordell zu betreten. Nun zeigt man ihm vor dem Bordell einen Galgen. An diesem soll er aufgehängt werden, gleich wenn er das Haus verlässt. Wie wird sich der Mann entscheiden? Ist der Geschlechtstrieb die stärkste Kraft in seinem Inneren? Nein, der Selbsterhaltungstrieb ist stärker als der Geschlechtstrieb, und der Mann verzichtet aufgrund der angedrohten Todesstrafe auf den Bordellbesuch.

Setzet, daß jemand von seiner wollüstigen Neigung vorgiebt, sie sei, wenn ihm der beliebte Gegenstand und die Gelegenheit dazu vorkämen, für ihn ganz unwiderstehlich: ob, wenn ein Galgen vor dem Hause, da er diese Gelegenheit trifft, aufgerichtet wäre, um ihn sogleich nach genossener Wollust daran zu knüpfen, er alsdann nicht seine Neigung bezwingen würde. Man darf nicht lange rathen, was er antworten würde. (Kant 1908 (a), 30)

Noch stärker als der Selbsterhaltungstrieb kann der Sinn für das ethisch Richtige, das Gute sein. In einem zweiten, ganz anderen Szenario droht man einem Mann dieselbe Todesstrafe für einen anderen Fall an. Eine ehrliche Person soll aus politischem Kalkül von den Machthabern vernichtet werden. Gegen diese Person soll der Mann, um den es im Beispiel geht, ein falsches Zeugnis aussprechen, damit sie verhaftet und zu Unrecht verurteilt werden kann. Tut er dies nicht, so soll er gehenkt werden. Kant fordert uns nun auf, die innere Situation des Mannes nachzuvollziehen. Insbesondere möchte er, dass wir die enorme Kraft spüren, die im menschlichen Pflichtgefühl liegt. Der Mann im Beispiel spürt, wir spüren, dass die ganze Situation ein riesiges Unrecht bedeutet und wir spüren auch, dass wir bei diesem Unrecht auf keinen Fall mitspielen dürfen. Es wäre, nein, es ist unsere unbedingte Pflicht, das falsche Zeugnis gegen die unschuldige Person zu verweigern. Zugleich erfährt der Mann und erfahren wir, wenn wir in uns gehen, dass prinzipiell die Freiheit bestünde, dem zu folgen, was wir als unsere Pflicht sehen, also trotz der angedrohten Strafe beim geplanten Unrecht nicht mitzumachen. Zwar mögen wir aus Angst vor dem Tod am Galgen schließlich doch anders handeln. Aber wir wissen, was richtig wäre, was richtig ist und wir wissen zugleich, dass wir es in einem enormen Akt der Selbstüberwindung auch wirklich tun könnten. Wir haben die Freiheit dazu.

Fragt ihn aber, ob, wenn sein Fürst ihm unter Androhung derselben unverzögerten Todesstrafe zumuthete, ein falsches Zeugniß wider einen ehrlichen Mann, den er gerne unter scheinbaren Vorwänden verderben möchte, abzulegen, ob er da, so groß auch seine Liebe zum Leben sein mag, sie wohl zu überwinden für möglich halte. Ob er es thun würde, oder nicht, wird er vielleicht sich nicht getrauen zu versichern; daß es ihm aber möglich sei, muß er ohne Bedenken einräumen. Er urtheilt also, daß er etwas kann, darum weil er sich bewußt ist, daß er es soll, und erkennt in sich die Freiheit, die ihm sonst ohne das moralische Gesetz unbekannt geblieben wäre. (Kant 1908 (a), 30)

Mit diesem Beispiel will Kant zeigen, wie stark unser Pflichtgefühl und unser Sinn für das ethisch Gute ist. Pflicht ist für Kant ein wichtiger Begriff. Gemeint ist immer eine innere Pflicht, die alle Vernunftwesen in sich entdecken und die uns nicht anerzogen ist. Wenn wir diesen Sinn für das Gute, die Pflicht, vergleichen mit unseren stärksten Antrieben, nämlich dem Geschlechtstrieb und dem Selbsterhaltungstrieb, und wenn wir erkennen, dass unser Pflichtgefühl noch stärker ist, dann können wir die Kraft ermessen, welche das Gute für uns darstellt. Hier erleben wir eine innere Instanz, und diese scheint völlig unabhängig zu sein von unseren Ängsten und Neigungen, von unserem Selbsterhaltungstrieb. Faktisch wird dieser dennoch gegen die Pflicht oft den Sieg davontragen. Aber auch dann können wir nicht vergessen, was wir eigentlich hätten tun sollen und wir können auch nicht vergessen, dass wir prinzipiell frei dazu gewesen wären, das Richtige, das Gute zu tun.

Oft tun wir, so Kant, aus Angst oder anderen Gründen nicht das, von dem wir tief in uns ahnen, ja sogar wissen, dass es eigentlich moralisch richtig wäre. Unsere moralische Intuition, die Gewissheit unserer Pflicht, scheint sehr stark zu sein. Das Wissen um das Gute gehört zum Innersten des Menschen.

3.3.2 Die Fähigkeit unserer inneren Instanz zu wissen, was wir eigentlich tun müssten, nötigt uns Respekt für diese Instanz ab. Es ist eine Achtung vor etwas in uns, das mehr ist als Natur

Der kategorische Imperativ. Kant stellt sich vor, dass wir alle als Vernunftwesen in uns die allgemeine Regel für das gute Handeln vorfinden, er verwendet die Begriffe kategorischer Imperativ (etwa: Befehl, der keinen Widerspruch duldet) oder auch Sittengesetz, inneres Gesetz oder innere Pflicht. Er spricht von einer großen Bewunderung, die wir gegenüber unserer inneren Instanz der Pflicht haben. Das innere Gesetz lebendig zu spüren, gibt uns als Menschen große Selbstachtung. Damit ist kein staatliches Gesetz gemeint, sondern das allgemeine, für alle vernünftigen Wesen geltende Gesetz des ethischen Handelns selbst, der kategorische Imperativ: „Handle so, daß die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Princip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne“ (Kant 1908 (a), 30).

Um zu verstehen, was gemeint ist, machen Sie sich am besten folgenden Reim darauf: Das vernünftige Gesetz des ethischen Handelns folgt einem einzigen rein logischen Kriterium, nämlich dem Kriterium der Verallgemeinerbarkeit der Handlungsmaxime. Wird die Maxime einer Handlung (‚immer wenn ich x möchte, dann tue ich y‘, also eine Art Lebensregel) verallgemeinert zum allgemeinen Gesetz (,wer immer x möchte, soll und muss y tun‘), dann darf sich, wenn die Handlung ethisch gut sein soll, in diesem Gesetz kein logischer Selbstwiderspruch ergeben.

Die Widerspruchsfreiheit der verallgemeinerten Handlungsmaxime zeigt die gute Handlung. Ein Beispiel. Fragen wir uns etwa, ob es erlaubt ist zu lügen (Kant 1903, 402f.), dann probieren wir, was passiert, wenn wir die Maxime unseres Lügens zum Gesetz verallgemeinern. Maxime: ,immer, wenn ich mir einen Vorteil davon verspreche (x), dann lüge ich (y)‘ (= dann setze ich die Sprachhandlung ‚Lüge‘ ein). Verallgemeinerung zum Gesetz: ‚wer immer sich einen Vorteil davon verspricht (x), soll und muss lügen (y)‘. Was passiert? Kommt es zu einem logischen Selbstwiderspruch in dem aus der Maxime verallgemeinerten Gesetz oder nicht? Im Fall der Lüge tritt ein solcher tatsächlich ein: Wäre es für jeden Menschen Gesetz, dass er die Unwahrheit sagen soll und muss, wenn das für ihn von Vorteil ist, dann zerstörte sich sozusagen die Bedeutung einer wahren Aussage und damit auch einer Lüge selbst, darin liegt der Widerspruch. Unsere gemeinsame Sprachwelt würde den Unterschied zwischen Wahrheit und Lüge einebnen. Auch könnte niemand davon ausgehen, dass irgendeine Aussage wahr ist, niemand würde mehr dem anderen glauben. Jede Kommunikation, welche auf Wahrheit beruht, wäre zerstört. Allein aufgrund dieses logischen Selbstwiderspruchs, so Kant, kann es nie erlaubt oder gut sein zu lügen. Ob uns Kants Begründung restlos überzeugt, ist hier nicht das Wichtigste, darüber wird seit Jahrhunderten viel geschrieben. Hier soll nur klar werden, von welcher Art Kants Ethik ist: Ihr Kern ist rational und logisch. Die gute Handlung ist eine, die der Vernunft selbst nicht widerspricht. Für Kant ganz wichtig: Wir finden all das in unserer Vernunft schon vor.

Unsere innere Gewissheit des Guten nötigt uns Respekt ab. Auf diese recht logisch anmutende Weise zeigt Kant auf, wie klar wir Menschen uns darüber sein können, was richtig und was falsch ist. Kant ist nun wichtig, dass uns diese innere Gewissheit Respekt abnötigt. In uns lebt eine Stimme, eine Instanz, welche unabhängig von unseren Interessen, Neigungen und Ängsten völlig unbestechlich das Gute kennt. Jene Bewunderung für die innere Instanz, die uns sagt, was eigentlich unsere Pflicht wäre, diese Bewunderung ist in Kants ethischen Schriften lebendig und stark und sie ist mehr als die Bewunderung für ein ethisches Kalkül, für den kategorischen Imperativ als logischen Denkakt. Kant nennt diesen Respekt, diese Bewunderung Achtung (Kant 1903, 400f.). Es gibt offenbar etwas in uns, das noch schwerer wiegt als der stärkste natürliche Trieb, der Selbsterhaltungstrieb. Tief in uns gibt es die Stimme der Vernunft. Unbestechlich und unerbittlich fordert diese Stimme das Gute. Die Achtung vor dieser inneren Instanz ist die Achtung vor uns selbst als Wesen, die mehr sind als Wunsch und Neigung und Angst: mehr als Natur.

Pflicht ist die Nothwendigkeit einer Handlung aus Achtung fürs Gesetz. (Kant 1903, 400)

Eigentlich ist Achtung die Vorstellung von einem Werthe, der meiner Selbstliebe Abbruch thut. […] Der Gegenstand der Achtung ist also lediglich das Gesetz und zwar dasjenige, das wir uns selbst und doch als an sich nothwendig auferlegen. (Kant 1903, 401)

Wir empfinden Achtung vor derjenigen Instanz in uns, die sieht, was zu tun ist, auch wenn unsere Selbstliebe (z.B. unsere Angst um uns) zu etwas anderem rät. Dass wir uns das Gesetz selbst geben, heißt lediglich, dass es für Vernunftwesen identisch unmittelbar aus der Vernunft hervorgeht und weder vom Staat noch von der Kirche o.ä. kommt. Es heißt nicht, dass wir uns individuell eigene Gesetze geben. Als Lebewesen sind wir schwache Menschen, sind Natur, doch als die innere Instanz, die wir als Vernunftwesen auch sind, sind wir mehr als Lebewesen, mehr als Natur. Kant spricht von der Menschheit in uns. Ihr gilt unsere Achtung. Fragen wir uns von hier aus, weshalb wir gut sein sollen, können wir sagen: um ganz Menschen zu sein, um jeder Instanz des Guten in uns gerecht zu werden.

Mit großer Sicherheit, so Kant, können wir wissen, was gut ist und was wir eigentlich tun müssten. Diese innere Instanz unseres unbestechlichen ethischen Urteils, die ‚Menschheit in uns‘, nötigt uns eine große Achtung ab.

3.3.3 Unsere Pflicht und unsere Fähigkeit zum Guten lassen uns mehr sein als Natur, mehr sein als einfach nur Lebewesen

Naturgewalten sind stärker als wir. Ein letztes Beispiel, um uns verständlich zu machen, was Kant mit der inneren, vernünftigen und unabhängigen Instanz meint, die vollkommen sicher um das Gute weiß: Stellen Sie sich vor, wie ohnmächtig und verletzlich Sie sich gegenüber den Gewalten der Natur fühlen, etwa wenn Sie schutzlos im Gebirge den Blitzen eines Gewitters ausgeliefert sind oder einem reißenden Fluss bei einer Überschwemmung. Nichts können Sie der Natur hier entgegensetzen. Im Gegenteil, Sie können nur hoffen, dass Sie sich retten können und am Leben bleiben.

Kühne, überhangende, gleichsam drohende Felsen, am Himmel sich aufthürmende Donnerwolken, mit Blitzen und Krachen einherziehend, Vulcane in ihrer ganzen zerstörenden Gewalt, Orkane mit ihrer zurückgelassenen Verwüstung, der gränzenlose Ocean, in Empörung gesetzt, ein hoher Wasserfall eines mächtigen Flusses u. d. gl. machen unser Vermögen zu widerstehen in Vergleichung mit ihrer Macht zur unbedeutenden Kleinigkeit. (Kant 1908 (b), 261)

Doch stärker als die Naturgewalten ist unsere innere Instanz des Guten. Zusammen mit unserer physischen Ohnmacht als natürliche Lebewesen entdecken wir aber auch jene andere Seite in uns und erleben sie als eine Macht, die über alle Naturgewalten hinausgeht und von diesen vollkommen unabhängig ist. Im Augenblick unserer Todesangst ist uns klar: Als Individuen können wir von den übermächtigen Naturgewalten jederzeit vernichtet werden. Doch jene innere Vernunftinstanz, welche Kant als die Menschheit in unserer Person bezeichnet, sie ist unvergänglich, sie steht außerhalb der Macht der Natur.

[…] so giebt auch die Unwiderstehlichkeit ihrer Macht [der Natur, Ph. Th.] uns, als Naturwesen betrachtet, zwar unsere physische Ohnmacht zu erkennen, aber entdeckt zugleich ein Vermögen, uns als von ihr unabhängig zu beurtheilen, und eine Überlegenheit über die Natur, worauf sich eine Selbsterhaltung von ganz andrer Art gründet, als diejenige ist, die von der Natur außer uns angefochten und in Gefahr gebracht werden kann, wobei die Menschheit in unserer Person unerniedrigt bleibt, obgleich der Mensch jener Gewalt unterliegen müßte. (Kant 1908 (b), 261f.)

Natur kann uns als Menschen vernichten, nicht aber die innere Instanz des Guten, nicht die Menschheit in uns. Es ist, als ob ein von einem Diktator zum Tode verurteilter Mensch vor seiner Exekution noch ausruft: ‚Mich könnt ihr vernichten, doch die Idee der Gerechtigkeit könnt ihr nicht vernichten, solange es Menschen gibt, wird diese Idee weiterleben!‘ Auch in diesem Beispiel und Gedankenexperiment kommt es Kant nicht so sehr auf das rationale Kalkül des kategorischen Imperativs an als vielmehr auf die Bewunderung für und die Achtung vor jenem Kern der menschlichen Vernunft.

Weshalb sollen wir moralisch sein? Warum sollen wir das Gute tun? Weil wir darin uns überhaupt erst als diejenigen Wesen erweisen, die wir eigentlich sind, nämlich als Wesen, welche die Menschheit in sich beherbergen: als jene innere Instanz des Wissens um das Gute. Diese nimmt uns in die Pflicht, doch wir bewundern und achten sie, weil sie völlig unabhängig von unseren Ängsten und Neigungen zu uns spricht. Das Gute gehört zu uns Menschen, doch es gehört zu uns gerade, indem wir mehr sind als bloße Naturwesen. Das Gute erreicht uns über die alle Menschen verbindende universale Vernunft.

Die innere Instanz des Guten, so Kant, lässt uns mehr sein als Naturwesen. Diese Instanz macht uns Menschen erst zu Menschen im eigentlichen Sinn. Moralisch gut sollen wir sein, um der Menschheit in uns würdig zu sein.

3.4 Das Gute tun, weil wir damit ein Gleichgewicht zwischen dem Guten und dem Unrecht, zwischen Liebe und Tod immer wieder neu erkämpfen (Camus)

Das Gute tun, um ihm im Kampf gegen das Böse zu helfen. Um diese letzte Begründung des Guten zusammenzufassen, ließe sich vorläufig sagen, dass Menschen in der Lage sind, das Gute zu sehen, zu tun und selbst gut zu sein, aus einer Haltung ohnmächtiger und trotziger Solidarität und Liebe heraus. Schon in Kants Beispiel von dem mit dem Tod am Galgen bedrohten Mann, der dabei mithelfen soll, einen Unschuldigen zu vernichten, ist sofort klar, dass die Macht der Obrigkeit, welche den einzelnen mit dem Tode bedrohen kann, zusammen mit der enormen Angst vor dem Tod, d.h. zusammen mit dem Selbsterhaltungstrieb, letztlich wohl oft die größte Macht ist. Und dieser Zusammenhang beherrscht weite Teile der Menschheitsgeschichte: Die Mächtigen können durch die Angst der Unterdrückten herrschen. Dennoch wird schon in diesem Beispiel eine Gegenmacht sichtbar, die Macht dessen nämlich, was eigentlich das Richtige und das Gute ist. Es ist, als habe die Macht, grausam und ungerecht, überall das letzte Wort. Zugleich aber gibt es eine Gegenmacht und, so ließe sich sagen, auch diese hat das letzte Wort oder kann es zumindest haben. Als Menschen können wir all dies vor uns sehen wie einen ungleichen Kampf. Indem wir uns dafür entscheiden, dem Guten zu helfen, entscheiden wir uns dafür, dass die Macht der Herrschaft und der Angst zumindest nicht immer das letzte Wort hat. Ohnmächtig und trotzig versuchen wir, ob erfolgreich oder nicht, eine Art Gleichgewicht herzustellen. Dies betrifft auch die Macht des Todes selbst, es betrifft Krankheit und Sterblichkeit.

Das Gute tun, ohne einen höheren Grund dafür zu brauchen. In Albert Camus’ (1913–1960) Roman Die Pest von 1947 wird solch ein ohnmächtiger Kampf gegen die Macht des Todes beschrieben. In der Stadt Oran wütet die Pest und verlangt tausende Todesopfer. Die Stadt wird von der Außenwelt abgeriegelt. Der Tod zeigt sich als Übermacht. Die Krankheit tötet Alte und Kinder, sie tötet gute wie schlechte Menschen. In dieser Situation kämpft der Arzt Bernard Rieux einen ungleichen, einen sinnlos anmutenden Kampf, um, so gut er kann, Menschen zu retten. Der Priester Paneloux vertritt in seinen Predigten die Meinung, die Pest sei eine Strafe Gottes, er gibt also den Menschen mehr oder weniger selbst die Schuld an ihrem Schicksal. Rieux, der Atheist ist, verfügt über keine derartige Erklärung der schrecklichen Situation und damit nicht über die Möglichkeit, diese in einen größeren, irgendwie sinnvollen Zusammenhang einordnen zu können. Ihn trifft die Ohnmacht, die Vergeblichkeit und die schier unerträgliche Sinnlosigkeit des menschlichen Schicksals umso härter. Absurd ist daher sein Kampf gegen den Tod: grundlos, sinnlos, aussichtslos.

Absurd: widersinnig. Angesichts der Sinnsuche Rieux’ ist sein erfolgloser Kampf gegen die Pest sinnlos. Doch gerade in diesem widersinnigen Handeln findet er Sinn. Der Kampf der ohnmächtigen Liebe gegen den übermächtigen Tod ist sinnvoll, weil er ein Zeichen menschlicher Solidarität und Revolte gegen das Böse ist.

Camus schildert in seinem Roman Rieux’ Handeln als eine Art grundlose, trotzige und zugleich solidarische und liebende Haltung, die sich in den Dienst einer ohnmächtigen Macht gegen den Tod stellt. Rieux kämpft für das Gute – scheinbar ohne Grund. Als sein junger Nachbar Tarrou ihn fragt, woher er die Kraft nimmt, diesen aussichtslosen Kampf zu kämpfen, erklärt Rieux seinen trotzigen, atheistischen und engagierten Standpunkt. Das Elend und das Leiden der Menschen ist Grund genug, das Gute zu tun, auch wenn es aussichtslos ist.

„Wissen Sie, daß es Leute gibt, die sich weigern zu sterben? Haben Sie je eine Frau ‚Nein!‘ schreien hören, die im Sterben lag? Ich schon. Und dann habe ich gemerkt, daß ich mich nicht daran gewöhnen konnte. Ich war damals noch jung, und mein Ekel glaubte sich gegen die Weltordnung selber zu richten. Seither bin ich bescheidener geworden. Nur habe ich mich einfach immer noch nicht daran gewöhnt, sterben zu sehen. […] Aber schließlich…“ […] „Schließlich?“ sagte Tarrou sanft. „Schließlich…“ begann der Arzt, und wieder zögert er und blickte Tarrou aufmerksam an, „ist es etwas, das ein Mann wie Sie verstehen kann, nicht wahr; aber da die Weltordnung durch den Tod bestimmt wird, ist es vielleicht besser für Gott, wenn man nicht an ihn glaubt und dafür mit aller Kraft gegen den Tod ankämpft, ohne die Augen zu dem Himmel zu erheben, wo er schweigt.“ „Ja“, stimmt Tarrou zu, „ich verstehe. Nur werden ihre Siege immer vorläufig bleiben, das ist alles.“ Rieux’ Gesicht schien sich zu verdüstern. „Immer, ich weiß. Das ist kein Grund, den Kampf aufzugeben.“ „Nein, das ist kein Grund. Aber nun kann ich mir vorstellen, was die Pest für Sie bedeuten muß.“ „Ja“, sagte Rieux, „eine endlose Niederlage“. (Camus 1995, 104f.)

Das Gute als trotziges Zeichen der Solidarität. Die Menschen kommen vielleicht nicht an gegen die Übermacht der Ungerechtigkeit und der Willkür menschlicher Gewaltherrschaft, gegen die Macht des Stärkeren, der eigentlich kein Recht hat, der sich das ‚Recht‘ jedoch rücksichtslos nimmt. Und, wie bei Camus, das Handeln der Menschen kommt nicht an gegen die Macht des Todes, der Krankheit und Sterblichkeit. In ihrer trotzigen Entscheidung für das Gute können Menschen dennoch ein Zeichen setzen, ein Zeichen nämlich für die Gegenmacht gegen den Tod, für die Liebe. Ein Zeichen für das Recht und gegen das Unrecht, gegen das ‚Recht‘ des Stärkeren. Es ist ein Zeichen für die Solidarität und Liebe unter den Menschen. Selbst angesichts hoffnungsloser Zustände können Menschen eine Art absurden Sinn in der ohnmächtigen Liebe und im ohnmächtigen Guten erfahren und behaupten. Absurd (widersinnig) ist dieser Sinn, weil der trotzige Einsatz gegen die Macht des Todes erfolglos bleiben mag. Dennoch kann er als nie aufhörendes Engagement für das Gute Hoffnung geben. Es ist, als seien wir erst dann richtig Menschen, wenn wir das Ungleichgewicht zwischen dem übermächtigen Tod und der ohnmächtigen Liebe immer wieder korrigieren helfen (Thomas 2020, 235ff.).

Indem wir trotz aller Vergeblichkeit das Gute tun, setzen wir ein Zeichen der Solidarität und der Liebe. In dieser trotzigen Solidarität gegen Unrecht und Leiden werden wir auf ganz besondere Weise Menschen. Wir gewinnen eine Haltung angesichts des Ganzen und unserer Frage nach Sinn: Wir helfen immer wieder dem Guten gegen das Schreckliche und Böse.

Ihre Antwort auf die Frage Ihrer Schüler:innen:

Warum sollen wir moralisch gut sein, lohnt sich das überhaupt? So könnten Sie Ihren Schüler:innen antworten:

 Wenn Ihr ein ‚gutes Leben‘ führen wollt, sucht Ihr nicht nur Euren Vorteil, sondern Ihr möchtet in einer gerechten Welt leben, möchtet ein reines Gewissen haben und freut Euch auch daran, Gutes zu tun.

 Es gibt viele Situationen, in denen wir uns von dem, was wir wahrnehmen, herausgefordert fühlen, z.B. zu helfen. Das zu verdrängen, macht uns unmenschlich, das immer stärker zu erfahren, macht uns menschlich. (Erst durch das Gute wird der Mensch richtig zum Menschen I (Jonas, Levinas)).

 In Situationen großer Ungerechtigkeit haben wir spontan eine Einsicht, was jetzt zu tun eigentlich unsere Pflicht wäre, unabhängig davon, ob wir uns das dann auch trauen oder nicht. Hier erfahren wir eine innere unbestechliche Instanz. Vor dieser inneren Gegenmacht können wir Respekt und Achtung empfinden. Ihr zu folgen macht uns menschlich. (Erst durch das Gute wird der Mensch richtig zum Menschen II (Kant)).

 Schließlich können wir einen Sinn in menschlicher Solidarität erfahren – gegen die Übermacht des Unrechts und des Todes, die in unserer Welt immer das letzte Wort zu haben scheinen. Der oft ohnmächtigen Liebe zu helfen gegen diese Übermacht, das macht uns menschlich. (Erst durch das Gute wird der Mensch richtig zum Menschen III (Camus)).

 Bildung ist mehr als Ausbildung. Zur Bildung gehört die Kultivierung der menschlichen Möglichkeit, das Gute zu erfahren und das Gute zu tun.

Darmowy fragment się skończył.

Gatunki i tagi

Ograniczenie wiekowe:
0+
Objętość:
302 str. 5 ilustracji
ISBN:
9783846357064
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Bookwire
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