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Petra Werner

Darwin
Die Entdeckung des Zweifels

Saga

Darwin

German

© 2009 Petra Werner

Alle Rechte der Ebookausgabe: © 2016 SAGA Egmont, an imprint of Lindhardt og Ringhof A/S Copenhagen

All rights reserved

ISBN: 9788711449639

1. Ebook-Auflage, 2016

Format: EPUB 3.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach Absprache mit Lindhardt und Ringhof und Autors nicht gestattet.

SAGA Egmont www.saga-books.com – a part of Egmont, www.egmont.com

Meinen Lehrerinnen und Lehrern gewidmet

. . . und Frederic Larry Holmes

Kapitel 1

Der Schock

I.

Down. Im September 1842 waren Charles und Emma Darwin zum ersten Mal in den kleinen Ort 16 Meilen südlich von London gekommen. Ihre Kutsche rollte den Weg hinauf, Platanenblätter fielen vor ihnen auf den mit Feuersteinen gespickten Sand. Die Steine waren gespalten und offenbarten ihren blaugrauen Kern mit wirren Mustern aus blauen und weißen Äderchen, die sich in der Mitte verknäuelten und an den Rändern verloren. Die wenigen Menschen, die hier draußen lebten, wussten die geheimen Botschaften der Erde zu schätzen und hatten die Fassaden ihrer Häuser mit aufgeschlagenen Feuersteinen dekoriert.

Darwin und seine Frau passierten von London aus kleine Orte, in denen nur wenige Häuser und stets eine alte Kirche standen. Im Kirchgarten von Down, direkt gegenüber dem Pub »Georg und der Drache«, stand ein riesiger Lebensbaum, ein Solitär mit hohlem Stamm, in dem sich mindestens zehn Kinder zugleich verbergen konnten.

- Ja, entschied Darwin spontan, und Emma verstand ihn ohne Erklärung.

Das Paar erreichte ein Haus, das mit Efeu bewachsen war, und Darwin bestand darauf, zuerst die Umgebung zu sehen. Im Garten stand ein riesiger Maulbeerbaum, dessen Früchte man von den oberen Stockwerken aus pflücken konnte.

- Milton, sagte Darwin nur, und da Emma fast alle seiner Geschichten kannte, wusste sie, dass er sich wieder an den riesigen Maulbeerbaum im Garten des Christ College in Cambridge erinnerte, wo er studiert hatte. Dort hatte der große Dichter und Philosoph, diese Leuchte der englischen und der Weltliteratur, wenn nicht sogar der Weltwissenschaft oder der Wissenschaft von der Welt, John Milton, einen Maulbeerbaum gepflanzt, den Generationen von Gärtnern liebevoll pflegten. Niemand erwähnte jemals, dass dieser Baum das Zeugnis eines gescheiterten Traums von einer Seidenraupenzucht war, von dem Deutsche und Franzosen einst gleichermaßen besessen waren. Zuweilen stellten sich Studenten unter die tief herabhängenden Zweige und hofften auf Inspiration, zuweilen sogar auf Erlösung von echten oder vermeintlichen Sünden. Rund um den Stamm hatten Gärtner große Mengen Erde angehäuft, die nun mit einem dichten Teppich aus Efeu bedeckt war. Darwin, der dünne Student aus reichem Hause, hatte den Baum geliebt, er war nachts auf den Hügel geklettert und hatte sich in dem hohlen Stamm verkrochen, um dem Summen der Bienen zuzuhören, den Zickzackflug der Fledermäuse zu verfolgen, die Himmel und Hölle mit unregelmäßigen Stichen zusammennähten.

Und nun fand Darwin, fünfzehn Jahre später, wieder einen großen Maulbeerbaum vor. Er, seine Frau und die Kinder würden die Früchte aus dem Fenster der oberen Etagen pflücken können, wunderbare, säuerliche Beeren, die dunkelrote, markante und deshalb sehr gefürchtete Flecken hinterließen.

- Ja!, sagte Charles Darwin noch einmal und Emma gab ihm spontan recht.

Nachdem sie eine Weile unter dem Maulbeerbaum geruht und in den Himmel geschaut hatten, dessen Licht von den Blättern gefiltert wurde und gelblich und grünlich niederschien, gingen sie auf überwachsenen Pfaden in den Garten hinter dem Haus. Die Anlagen waren ein halbes Jahr ohne Pflege geblieben und das Ergebnis war für jeden Engländer ein Schock. Alles war verwildert und ungepflegt, nur der Rasen war bis zuletzt betreut worden, mochten die Eigentümer auch noch so krank und gebrechlich gewesen sein. Noch nachts und an zwei Krücken waren sie aufgestanden, hinausgeschlurft und hatten ihr Werk vollbracht.

War er dicht genug? Hatten sich nicht etwa Spitzwegerich oder gar Löwenzahn eingeschlichen? Oder, was noch schlimmer war, ein Käfer? War der Rasen feucht genug, aber nicht zu feucht? Vermittelte er beim Betreten das gute Gefühl, auf einem Perserteppich zu laufen, etwa so wie im Londoner Opernhaus, wo man in den Flor einsank und in dem man einen abgerissenen Knopf oder eine Brillantbrosche niemals wiederfand?

Rasenpflege war man dem Empire schuldig.

- Knopfkraut, sagte Emma.

- Braut im Schleier, antwortete Darwin.

- Heide.

- Kamille.

- Jelängerjelieber.

- Vergissmeinnicht.

- Hafer.

- Hornklee.

- Rotklee, Speise von tausend Eseln.

Sie lachten.

- Eine Rose, jubelte Darwin plötzlich, die Lord-Byron-Rose, rot-weiß gestreift.

Sie blieben lange stehen, um abwechselnd ihre Nasen ins Innere der auffälligen Blüten zu versenken, die sich weit geöffnet hatten und schon den Verwesungsgeruch des Herbstes in sich trugen.

- Und hier steht die Napoleon-Rose, ergänzte Emma lächelnd.

- ’Tis done – but yesterday a King! And arm’d with Kings to strive – And now throu art a nameless thing: so abject – yet alive!, deklamierte Darwin Byrons Ode an Napoleon Bonaparte.

- Aber es heißt auch: but once – the world was mine!, fügte Emma hinzu und meinte:

-Napoleon. . . Ich habe ihn immer bewundert, immerhin konnte er mit dem Säbel Champagnerflaschen köpfen.

Emma warf ihren Kopf mit einem Ruck nach hinten, wobei das Medaillon auf ihrer Brust herumflog und seine goldene Rückseite zeigte. Darwin schwieg ärgerlich, weil er Frankreich weniger liebte als seine Frau, die sich von Frédéric Chopin im Klavierspiel hatte unterrichten lassen. Außerdem beschlichen ihn unablässig Sorgen, nach den Goldfunden in Kalifornien könnten seine Investitionen wertlos werden, seine Kinder nicht den richtigen Platz im Leben finden und die Franzosen könnten das Empire besetzen. Bonaparte war tot, aber was hatte Napoleon III. vor?

- Bonaparte war übrigens auch nicht gesund, setzte Darwin das Gespräch nicht ohne Befriedigung fort, angeblich ist er vergiftet worden und an einem Leberleiden gestorben. Am Ende muss er völlig gelb ausgesehen haben. Ich habe in St. Helena von seinem Grab etwas Erde und einen abgeschlagenen Stein mitgebracht. Ich habe beides an Ehrenberg nach Berlin geschickt.

- Du hast was? Aber Charles!, sagte Emma und bekreuzigte sich, während sie ihn wie ein ungezogenes Kind anschaute.

II.

Im Juni 1858, sechzehn Jahre später, traf in Down ein Brief aus Malaysia ein. Darwin war gerade auf dem Sandweg unterwegs, den er Think Path nannte. Er trug Hausschuhe mit großen schwarzen Schnallen, die nicht geschlossen waren und ständig hin und her klappten, und, obwohl es warm war, zwei Pullover und eine Jacke. Zu groß war seine Angst, sich zu erkälten oder gar an einer Lungenentzündung zu sterben. In dieser Sorge glich er, freilich ohne es zu wissen, Voltaire.

Der Schlängellinie des Think Path folgte er für gewöhnlich zweimal am Tag, um über seine Projekte nachzudenken. Diesen Sandweg war er schon viele tausend Mal gegangen, es war eine Art behüteter Zwischenwelt, die das Haus mit der Wildnis, mit Wiesen, Schafen und fremden Menschen verband. Hierher hatte er seine Fragen und seine Einsamkeit getragen, hatte er schleppenden Schrittes jahrzehntelang seine Runden gezogen. Heute war er am frühen Morgen zwischen den Baumstämmen dahingegangen und hatte über die Folgen der Domestikation von Tauben nachgedacht. In das Gesumm von Bienen hinein nannte er die Namen der Züchtungen: Schopftauben, Purzeltauben, Perückentauben, Mähnentauben, Rebhuhntauben, Pfauentauben, Verkehrtflügel-Kröpfer, Altdeutscher Kröpfer. Besonders die Kröpfer, Tauben mit riesiger gewölbter Brust und noch größeren, filzlatschenähnlich bewachsenen Füßen, mit denen es unmöglich war zu fliegen, interessierten ihn. Waren diese hochgezüchteten Haustaubenrassen, die alle aus der bescheidenen, eleganten Felsentaube hervorgegangen waren, nicht sehr gute Beispiele für die Macht des Menschen, die Natur zu beeinflussen? Übernahm nicht der Züchter gleichsam die Rolle der Natur? Friedfertig wie Tauben? So etwas konnte nur jemand sagen, der nichts über Tauben wusste, waren sie doch die zänkischsten Lebewesen, die er kannte. Ihm fiel der Satz ein: Die Poesie kommt zuweilen auf Taubenfüßen, und er musste an die plumpen, befiederten Füße der Zuchttauben denken und lächelte. Dann fielen ihm sogenannte Purzeltauben ein, die kopfüber Leitern herunterfielen. Wie viele unterschiedliche Taubenskelette lagen auf seinem Schreibtisch! Wie viele einzelne Knochen und Knöchelchen musste er vergleichen!

Nachdem er mehrere Runden auf dem Think Path gedreht und jedes Mal mit der Spitze des Spazierstocks einen Feuerstein vom Haufen geschlagen hatte, blieb er für eine Weile in einem weißen, gezimmerten Kasten sitzen – einer Bank mit Regen- und Windschutz –, um ein paar Stichwörter in ein Notizbuch zu schreiben. Früher waren seine Notizbücher rot, nun schwarz eingebunden.

Danach ging er durch die Gartentür zurück auf sein Grundstück und inspizierte die Blumen. In den Beeten steckten kleine Holzschilder, auf denen Nummern standen. Den Kindern hatte Darwin streng verboten, die Beschriftungen zu entfernen oder, was sie einmal getan hatten, um ihren Vater zu necken, gar zu vertauschen. Das Notizbuch in der Hand, stellte er fest, dass sich die Farbe einer spät blühenden Rosensorte wiederum verändert hatte, ein Vorgang, den die Züchter als »Brechen« bezeichneten – noch vor fünf Jahren hatte sie in einem sehr dunklem Rot geblüht, das sich aber von Generation zu Generation in ein blässliches Rosa verwandelt hatte. Selten zeigten sich diese Änderungen nach Beobachtung von Darwin im Laufe eines Pflanzenlebens, vielmehr in der Abfolge von Generation zu Generation. Manche Rosen mit ursprünglich einzeln stehenden Blüten waren nun in Büscheln gewachsen, mit Blütenblättern, die von dunklem Bronze bis zu Weiß mit gelben Einsprengseln alle Farbtöne zeigten. Darwin war fasziniert, wenn auch nicht überrascht, hatte er doch denselben Effekt bei Chrysanthemen, Azaleen, Dahlien und Stiefmütterchen bemerkt. Aber nicht nur die Blüten hatten sich gewandelt, auch die Blätter von Bäumen, was ihnen ein anderes Aussehen verlieh, bewegten sich doch dreieckige Blätter im Wind anders als herzförmige oder runde. Nachdem Darwin sich, noch immer sein Notizbuch in der Hand, im Garten umgeschaut hatte, ging er ins Gewächshaus, um nach den Orchideen zu sehen.

Seit er zum ersten Mal einen Dschungel betreten hatte, interessierten sie ihn besonders, die traubigen, meist vielblütigen Blütenstände mit den großen Lippen, die Käfer und andere Insekten anlockten. Die Namen, die er ihnen gab – unabhängig davon, ob sie wirklich so hießen – beschrieben ein Geheimnis, ein Beispiel war der »Venusschuh«, diese Bezeichnung gefiel ihm am besten. Was die Farbe betraf, so zeigte die Natur die ganze Palette ihrer Möglichkeiten, die von dunklem Rot über Violett und Gelb bis hin zu reinem Weiß reichten.

Orchideen waren nicht nur empfindlich, sondern es war in Europa auch bisher selten gelungen, sie durch Samen zu kultivieren. Wie viel Pflege war nötig, wie viel Aufmerksamkeit – das Wasser musste handwarm und gereinigt sein, am besten destilliert, Salze auf einer Apothekerwaage abgewogen werden, bevor sie zugesetzt wurden, auch die Luftfeuchte galt es möglichst konstant zu halten. Darwin benutzte zur Luftbefeuchtung einen Gummiball aus der Hausapotheke, mit dem in der Familie normalerweise Einläufe verabreicht wurden. Er besprühte die Pflanzen und schaute zu, wie sich die Tröpfchen auf den Blättern verteilten und kleine Inseln bildeten, in denen sich das Licht brach. Manchmal schwebte über ihnen für ein paar Sekunden ein künstlicher Regenbogen. Darwin mochte diese bizarre Welt seines Möchtegerndschungels, die Minuten der absoluten Kontrolle, die doch eine Illusion war, denn ein Insekt, zufällig hereingekommen, durchschnitt die Luft im Zickzackflug und landete unrettbar im glatten Trichter der Venusfliegenfalle. Vorbei. Das Tier starb eines qualvollen Todes und wurde zu einer zähen Flüssigkeit aufgelöst. Die Schönheit dieser Pflanze hatte eben ihren Preis und der hieß Stickstoff.

Darwin öffnete die Tür, genoss die frische Luft und lief zu dem Beet mit den Feuerbohnen, die unkompliziert waren, weil sie bei jedem Wetter wuchsen und schon im Frühsommer ihre strahlend roten Blüten reckten. Darwin liebte die Schnelligkeit, mit der diese schlichten Pflanzen die hohen Stangen erklommen und mit den Ranken umschlangen. Sie blühten rot, immer war der Farbton feuerfarben und intensiv. Man wusste, was kam, hier passierte nichts Neues, bei ihrem Anblick konnte er sich erholen.

III.

Schon das Papier des Briefumschlags, den ihm der Postbote auf dem sauber geharkten Weg vor dem Haus übergab, zeigte durch seine fremdartige gelbe Farbe und die grobe, ungewöhnliche Struktur die exotische Herkunft an, ebenso die bunten Briefmarken und zahlreichen Schmutzflecken, die scharf nach Schwefel rochen. Darwin hielt den verschlossenen Umschlag für einen Moment unter die Nase. Seine Erinnerung täuschte ihn nicht – es war der unvergessliche Geruch von Vulkanen, jene abenteuerliche Mischung aus Verbranntem, Schimmelkäse, frischen Erdbeeren, Kloake und einer Komponente, die man nie herausbekommen würde, vielleicht handelte es sich um Reste eines tödliches Gases, das aber auf dem weiten Weg durch die Poststationen verflogen war.

Das Schreiben war tatsächlich auf Ternate, einer Vulkaninsel im Malayischen Archipel, aufgegeben worden und hatte den Schwefelatem seiner Umgebung angenommen. Der Absender hieß Alfred Russel Wallace. Darwin kannte den begabten jungen Naturforscher und wusste, dass er zurzeit allein durch Malaysia, Borneo und andere Gebiete des Archipels reiste. Eine Persönlichkeit wie Wallace vergaß man nicht: Auf den ersten Blick wirkte er elegant wie ein Dandy, aber sein gewölbter Brustkorb und die krummen Beine verrieten Mangelernährung, wie sie in den Armenvierteln der wachsenden Großstädte und auf Schiffen üblich war, seine Bewegungen wirkten in Momenten, in denen er sich nicht unter Kontrolle hatte, eckig. Sein Gesicht erinnerte an ein nicht entgratetes Metallstück aus einer der vielen Manufakturen seiner Geburtsstadt Usk, auch seine Hände schienen Metallgeruch auszuströmen. Seine Augen strahlten gierig von verschwimmender Ferne und dem Wunsch, große Entdeckungen zu machen. Darwin las die Briefe von Wallace gern, weil der es verstand, seine Reiseerlebnisse farbig und mit einem unschuldigen Hang zur Dramatik zu schildern, der die feinen Härchen auf seinem Oberarm sträuben machte.

Darwin empfand, in seinem Garten stehend und von der Bläue des Frühsommertages eingehüllt und durch sie gestärkt, den noch ungeöffneten Brief in den Händen, freudige Erregung, etwa so, als schaue er auf den Einband eines Abenteuerromans. Seine, Darwins, Abenteuer fanden seit Jahren, Jahrzehnten gar, im Kopf statt, seine Reiselust trat nur zuweilen und als Anfall auf und zeigte ihm, dass die Begierden noch nicht erloschen waren. Das Außerordentliche, der unerwartete Reiz, das Dämonische blieben seiner Phantasie vorbehalten. Aber sobald ein bestimmtes Wort fiel, etwa »Macchiabusch« oder »Meeresleuchten« oder jemand erwähnte in der Kneipe zum »Georg, dem Drachentöter«, heiser vor Sehnsucht, den Namen eines Vulkans, vielleicht nur, weil er über dessen Ausbruch in der Zeitung gelesen hatte, begannen sich Erinnerung und Phantasie zu einem eng gewobenen Gebilde zu verknüpfen. Dann sah sich Darwin wieder in der Steppe liegen, nur die Sterne in kalter Klarheit über sich, ein Eigenbrötler, gebettet auf die Gewissheit, dass das ganze Universum ihn beherrsche, besitze und verlasse zugleich, oder, was häufiger vorgekommen war, an der Reling stehen, eingehüllt in den Mantel des Windes, das Gesicht der salzigen Gischt ausgesetzt, und unbekannte, unbewohnte Inseln ohne Namen, die nur drei Menschen vor ihm, wenn überhaupt, jemals gesehen hatten, zogen in langer Reihe vorüber. Gelegentlich genügte Darwin auch ein Wort, das jemand falsch aussprach, eine Verwechslung, eine akustische Täuschung, eine Silbe, die im Nebel hängen geblieben war wie eine dunkle Frucht, um den intensiven Geruch nach Schweiß, gebratenem Fleisch, Gewehröl und Verwesung, dominiert von Minze- und Macchiaduft, zu imaginieren.

Und nun der Brief vom jungen Wallace, der erschien wie ein als Poltergeist verkleideter Erzengel. Hohe Luftfeuchtigkeit. Dickdunstiger roter Himmel, in dem eine riesige Sonne schlagartig untergeht und nur Dunkelheit zurücklässt. Hitze. Das Gebrüll von Affen. Der Singsang von Zikaden, dieses ewige Hintergrundgeräusch der Tropen.

Nein, in den Dschungel hatte es Darwin nie gezogen. Er liebte das Offene, die freie Fläche, die der Phantasie Raum gab. Darwin hatte sich mit Kollegen über diese seltsame Vorliebe unterhalten, mit Christian Gottfried Ehrenberg zum Beispiel, der Wüsten liebte, und Alexander von Humboldt, der beides kennengelernt hatte, tropische Fülle und die Kargheit der Ebenen Patagoniens und sich im Zweifelsfalle immer für Patagonien entschied. Diese Ebenen konnten nur durch Abwesendes beschrieben werden: ohne Wohnstätten, ohne Wasser, ohne Bäume, ohne Berge trugen sie meist zwerghafte Pflanzen, und Darwin fragte sich oft, warum ausgerechnet diese baum- und strauchlosen Ebenen einen so festen Platz in seinem Gedächtnis errungen hatten. Darwin konnte für sich selbst diese Empfindung kaum verstehen, war jedoch davon überzeugt, dass hier der Einbildung volle Freiheit gegeben war. Die Ebenen Patagoniens waren ohne Grenzen, sie waren kaum zu durchschreiten und daher unbekannt, über Jahrhunderte hatten sie so bestanden, wie er sie gesehen hatte, und es schien ihm so, als bestände keine Grenze für ihre Dauer durch künftige Zeiten. »Wenn die flache Erde, wie die Alten vermuteten, von einem unüberschreitbaren Gürtel von Wasser oder von Wüsten umgeben wäre, die bis zu einem unerträglichen Übermaß erhitzt wären, wer würde nicht auf diese Grenzen für die Kenntnisse des Menschen mit tiefen, aber schwer bestimmbaren Empfindungen hinblicken?« Hatte er das bei Humboldt gelesen?

Wallace dagegen reizten Licht und Schatten, fettes, abenteuerlich wucherndes Kraut mit giftroten Blüten, das Versteck, in dem die Überraschung lauerte, ein unerwartetes Rascheln in den Baumkronen, Scharen von Fledermäusen, die seltsame Muster in den Himmel malten, kreischend über ihm dahinflogen und auf den Palmen dicke Krusten stinkenden Kots zurückließen. Große Vögel, die mit langen Hälsen und seltsam geformten Schnäbeln gravitätisch zwischen milchweißen Seerosen hindurchschritten, Blüten, die bei leisem Wind jenen Sahnetuffen auf Torten glichen, die sich in der Hitze auflösen und am Ende an Tröpfchen von Mondspucke erinnerten. Wallace konnte fünf Minuten lang fasziniert und ohne Anflug von Angst oder gar Mitleid zuschauen, wie sich im Gebüsch eine Korallenotter einer Maus näherte, in der Weite dagegen, so hatte Wallace einst gesagt, fühle er sich ausgeliefert wie ein Wurm auf einer Mauer. Außerdem bedeute der Dschungel Fülle, Artenreichtum, Vielfalt an Farben und Formen. Wenn Darwin Wallace’ Briefe las, staunte er stets, welche seltsamen Tiere es doch auf der Welt gab, welche verdrehten Formen, Hervorhebungen einzelner Organe, Anpassungen von Farben an die Umgebung! Ihm fielen winzige, hundeartige Raubtiere mit riesigen Ohren ein, Heuschrecken, die Blütengebinden aus grünen und roten Paradies- oder Teufelsblumen glichen, und Kröten, die den Gesichtsausdruck alter, grimmiger Männer zeigten. Und erst die Käfer. Ihm fiel die Begegnung mit einem alten Bauern aus seiner Heimatstadt ein, der das erste Mal in seinem Leben im Londoner Zoo war. Dort hatte er Elefanten und Tiger gesehen und, nach Hause zurückgekommen, ausgerufen: nein Kinder, das müsstet ihr aber mal sehen, da laufen lebendige Tiere herum, die es gar nicht gibt!

Darwin öffnete genussvoll und langsam den Umschlag des soeben eingetroffenen Schreibens und nahm das blaue, sehr dünne Briefpapier in die Hand. Es war so hauchzart, dass die Sonne hindurchschien, die Schatten der Büsche zu sehen waren, und so blau, dass es die Bläue des Himmels verstärkte. Diesmal schilderte ihm Wallace seine Beobachtungen über Baumkängurus und Flugfrösche und legte sogar eine Zeichnung bei. Äußerlich wirkten diese Lebewesen, so Wallace, wie eine Fehlkonstruktion der Natur, so seltsam plump und ohne Proportion der Gliedmaßen. Die weiblichen Tiere seien etwas größer als die Männchen, auch die Aufzucht ihrer Jungen, so Wallace mit ironischem Unterton, betrieben sie merkwürdig und unlogisch. Das Junge komme zu früh zur Welt und bliebe als Frühgeburt fünf Monate lang im Beutel, aus dem es ab und zu den Kopf herausstecke. Warum nicht?, dachte Darwin. Immerhin bedeutete ein Beutel die Sicherheit einer Höhle.

Auch Flugfrösche hatte Wallace eindrucksvoll geschildert, beobachtet auf Sumatra, Borneo und in Thailand. Diese Tiere hatten sehr große, vorstehende Augen, Haftscheiben an den Fingerspitzen und Schwimmhäute zwischen den Zehen. Die Schwimmhäute benutzte der Frosch nach Beobachtung von Wallace jedoch nicht zum Schwimmen, sondern spannte sie wie kleine Fallschirme auf. Wallace selbst hatte den Frosch damit im tropischen Regenwald von Baum zu Baum schweben sehen und auch beobachtet, dass die Flugfrösche ausschließlich zur Paarung die Baumkronen verließen. Die Weibchen produzierten ein Sekret, das sie mit den Beinen zu Schaum schlugen, um daraus ein Nest zu formen.

Diese Gegenden der Welt, in denen Wallace Kängurus, Frösche, Käfer und Spinnen sammelte, würde er, Charles Robert Darwin, nie sehen. Wenn er eines im Leben verloren hatte, so war es die Fähigkeit der Jugend, sich kurz entschlossen auf eine weite, gefahrvolle Reise zu begeben, über sich nur den Himmel.

IV.

Der Schreck traf ihn wie kaltes Wasser.

- Mummy, rief Darwin mit lauter, heiserer Stimme, die mit der Schwächlichkeit seines Körpers kontrastierte, und lief eilig ins Haus, in der einen Hand den aufgerissenen Umschlag, in der anderen das Schreiben von Wallace. Seine Stimmung war von einer Sekunde zur anderen umgeschlagen.

Als Emma Darwin sah, dass ihr Mann am ganzen Körper zitterte und völlig verstört war, drückte sie ihn so zärtlich, wie es ihrer kämpferischen Natur möglich war, auf die Couch im Wohnzimmer und legte ein ammoniakgetränktes Tuch auf seine Stirn.

Die Porträts der Verwandten, in einer Reihe über dem englischen Buffet altarähnlich drapiert, blickten ernst auf das Paar herab. Sie hatten, so schien es, ihren wohlwollenden Gesichtsausdruck verloren. Emma nahm ihrem Mann wortlos den Brief von Wallace aus der Hand, aber außer Freundlichkeit, einer gewissen Selbstverliebtheit und Freude an der Beschreibung von Farbe und Form fiel ihr nichts weiter auf. Wortlos zeigte Darwin auf den letzten Abschnitt des Schreibens. Dort erklärte Wallace, dass er den Brief in einem kleinen Haus in der Nähe des Vulkankraters des Santubong auf Borneo geschrieben habe. Er sei sehr einsam, klagte der Kollege, und er habe während der langen Abende und sehr nassen Tage in der Regenzeit nichts anderes zu tun gehabt, als seine alten Papiere zu ordnen, Bücher von Alexander von Humboldt und Charles Lyell zu lesen und über Dinge nachzudenken, die ihn schon lange interessiert hatten. Das Ergebnis seiner Bemühungen, die Einsamkeit zu vertreiben, war ein Essay über Evolution, den er beilege. Er würde gern wissen, was er, Darwin, der erfahrene und geschätzte ältere Kollege, von dieser Arbeit halte. Emma Darwin verstand nicht, was daran problematisch sein sollte und sah ihren Mann noch immer fragend an.

Draußen hatte es zu regnen begonnen. Darwin hielt es nicht auf dem Sofa. Er sprang auf und lief unruhig umher.

- Es ist der schwärzeste Tag meines Lebens. Wallace hat in seinem Essay genau das formuliert, was ich geschrieben habe. Er hätte keine bessere Kurzfassung meiner eigenen Ideen geben können, wir verwenden sogar ähnliche Begriffe und Überschriften. Er schwieg und fuhr dann traurig fort:

- Wie kommt es, dass zwei Leute an unterschiedlichen Orten in der Welt zu denselben Schlussfolgerungen kommen?

Darwin nahm den Text des Konkurrenten in die Hand und las mit nervöser Ergriffenheit, die in steigende Verbitterung überging, Stichwörter aus Wallace’ Text vor. Es war ihm völlig egal, ob seine Frau nachvollziehen konnte, worum es ging.

- Arten, die durch Zucht entstanden sind, sind instabil, natürliche Arten ebenfalls, deklamierte er.

- Das Leben der wilden Tiere basiert auf einem Existenzkampf, in dem der Schwächere unterliegt. Der Schwächere kann der Jüngste, der Ältere, der Kranke sein. Nur derjenige überlebt, der sich bester Gesundheit erfreut und am lebenstüchtigsten ist, der am besten Nahrung erreichen und die Feinde abwehren kann.

Darwin bemerkte nicht, wie seine Frau blass wurde und sich sogar bekreuzigte, als er die Kranken erwähnte, die im Kampf ums Dasein unterliegen würden.

- Es gibt ein bestimmtes konstantes Verhältnis zwischen den Tieren, fuhr Darwin fort, es muss weniger Fleischfresser als Pflanzenfresser geben, es kann niemals so viele Adler und Löwen geben wie Tauben und Antilopen, die Wildpferde der tatarischen Steppen können nicht die ähnliche Anzahl der Pferde erreichen wie die nahrungsreichen Prärien und Pampas Amerikas. Einige, wenn nicht sogar alle Änderungen der typischen Form einer Spezies müssen einen definierten Effekt auf das Verhalten oder, allgemein gesprochen, auf die Kapazitäten des Individuums haben. Jede kleine Änderung der Farbe kann von Bedeutung für das Überleben sein, weil sie die Sicherheit beeinträchtigt, auch mehr oder weniger Haare können das Verhalten beeinträchtigen.

Darwin machte eine Pause, als stehe er auf einer Theaterbühne. Er verbeugte sich. Dann griff er wieder nach dem Text des Konkurrenten, als wolle er sich selbst quälen. Mit finsterer Miene zitierte er Wallace’ Hinweis auf Antilopen mit schwächeren Beinen, die es hinnehmen müssten, häufiger von Raubkatzen attackiert zu werden als ihre stärkeren Artgenossen. Auch Tauben ließ er nicht aus, jene mit weniger starken Schwingen hätten Nachteile bei der Nahrungsbeschaffung zu erleiden. Überhaupt hatte sich Wallace offenbar besonders für Vögel interessiert, Vögel, die sangen, balzten und alle vertrieben, die weniger gut singen und balzen konnten.

- Er hat recht, rief Darwin aus, ich habe es gesehen. Die Blaufußtölpel auf Galápagos zeigen mit dem Schnabel, der Schwanzspitze und den Flügeln zum Himmel und außerdem präsentieren sie dem Weibchen ihre riesigen blauen Füße. Sie verbrauchen ihre ganze Kraft, laufen um das Weibchen herum und führen einen eigenartigen Tanz auf.

Auch die Fregattvögel waren ihm als prächtige Studienobjekte für das Recht des Stärkeren erschienen. Diese Räuber, die, so schien es im Flugbild, aus lauter Dreiekken zusammengesetzt waren und niemals selbst fischten, sondern nur anderen Vögeln die Beute wegnahmen, bliesen ihren roten Kehlsack auf und legten im Nest die Schwinge um die Umworbene. Der rote Kehlsack machte Eindruck. Die Landwarane verfärbten sich vor dem Paarungsritual, etwa so wie ein Mensch, der rot wird, und umkreisten dabei schnüffelnd, so schien es, das Weibchen. Zwischendurch knabberten sie mit gespielter Langeweile an den herzförmigen Blättern der Opuntien.

Um Gottes willen, dachte Emma Darwin und blickte zu den Kindern. Aber die, gerade vom Spielen hereingekommen, dachten an nichts anderes als an eine große Theatervorstellung.

Darwin schwieg und sah aus, als erinnerte er sich sehr genau daran, wie er sich auf einen Lavabrocken in den Schatten gesetzt und zugeschaut hatte. Paarungen, Geburten, Sterben, fressen, gefressen werden, das war es im Wesentlichen, was auf Galápagos passierte. Die Landwarane, die stets aussahen, als lächelten sie, weil sie ein breitgezogenes Maul hatten, ließen sich mit der Paarung Zeit, zogen allerdings den Kreis um das weibliche Tier immer enger. Dabei richteten sich die Hautausstülpungen am Kopf auf, die wie ein Kamm mit groben Zinken aussahen. Es konnte stundenlang dauern. Irgendwann, Darwin hatte inzwischen Wasser getrunken, seine Frühstücksbrote verzehrt, sein Haar gekämmt, seine Kleidung, die vom Kot der Tölpel verschmutzt war, notdürftig gereinigt, seine Aufzeichnungen ergänzt und ein wenig geschlafen, hatte sich das weibliche Tier blau und rot gefärbt und mit dem Kopf genickt. Na also, hatte Darwin gedacht und registriert, dass nur die Riesenschildkröten für das Paarungsritual noch viel länger gebraucht hatten.

Auch der Schlussfolgerung, die der junge Wallace aus seinen Beobachtungen gezogen hatte, konnte Darwin nur zustimmen: Am Ende all dieses Konkurrenzkampfes stand die Ausbildung einer neuen Varietät, die den Lebensbedingungen, wo auch immer, besser angepasst war, die alte Spezies verdrängte und schließlich unwiderruflich ersetzte. Niemals konnte sie sich zurückentwickeln.

- Er hat recht, er hat recht, rief Darwin noch einmal aus, schlug auf den Tisch und brachte damit die Sauciere mit den Lotosblumen, das einzige Porzellan, das Darwin aus der Firma der Familie seiner Frau im Wohnzimmer geduldet hatte, zum Tanzen.

- Um Gottes willen, trink etwas Wasser, sagte Emma und schob ihrem Gatten ein Glas hin.

Der wirkte zusehends zerzaust, beachtete das Glas nicht und zitierte noch Wallace’ Ausführungen über den Unterschied zwischen Haustieren und Wildtieren. Die Wildtiere kamen, so schien es, aus moralischen Gründen viel besser weg als die Haustiere, mussten sie sich doch in der freien Natur durchsetzen, sich behaupten, während die verhätschelten Haustiere mit ihren abgestumpften Sinnen nur auf Futter aus Menschenhand warteten. Dabei war ihre Spezies nicht einmal stabil.

Die Kinder schauten inzwischen ein wenig ängstlich drein.

Darwin zitierte wörtlich: Domestizierte Tiere sind abnorm, unregelmäßig, künstlich; sie sind Abweichungen unterworfen, welche nie im natürlichen Zustande vorkommen können: ihre Existenz ist ganz und gar von menschlicher Sorgfalt abhängig. Selbst Polly, der Hund, oft Objekt der Verhaltensstudien des Hausherrn, blieb völlig still und verkroch sich, eingedenk seiner Nichtsnutzigkeit und Unwürde, unterm Sofa. Was nützte es, dass er gerade gelernt hatte, auf zwei Beinen zu stehen und sich im Kreis zu drehen wie ein Zirkuspferd? Hatte nicht auch er jeden Instinkt abgelegt, der ihn zum Überleben in freier Wildbahn befähigen würde? Nahm er nicht sogar vom Hausherrn kandierte Veilchen an?

Darwin setzte sich erschöpft nieder.

Schaute ihn gerade der Teufel mit seinen Heerscharen an, wie er es als Illustration in Miltons »Lost Paradise« gesehen hatte? War er es nicht, der die Beziehung zwischen Starken und Schwachen gestaltete? War nicht der Teufel die eigentliche Hauptperson? Darwin dachte an seinen Finanzberater und daran, dass er, Charles Darwin, zuweilen für eine halbe Stunde unter eine Wolldecke kroch, um über den Kauf oder Verkauf von Aktien nachzudenken.

- Charles, hast du deine Tabletten genommen?, fragte seine Frau sanft und besorgt und fühlte ihm den Puls.

Darwin verzog das Gesicht und benahm sich so, als zittere sein Puls dünn und schwach wie eine Spinnwebe, was aber nicht stimmte.

- Unsere Zeit ist so nüchtern, ein Drama ohne Helden und ohne Begeisterung, sagte er plötzlich, da ist es gut, dass so etwas geschieht. Alle lachten, Darwin selbst am lautesten. Haustiere. Na und. Was ist so schlimm daran? Draußen modulierten die Amseln einen kapriziösen Nachmittagsgesang, der Schatten einer dünnen, zerzupften Sommerwolke lag zitternd auf der Grasfläche im Garten. Was für eine Kraft hat doch das Licht, dachte Darwin für einen Moment, und wie trügerisch ist der Frieden!

Im letzten Tageslicht, das schräg ins Wohnzimmer einfiel und jedes der tanzenden Staubkörner beleuchtete, wurden die tiefen Falten in Darwins Gesicht sichtbar, sein ganzer Körper wirkte plötzlich schlaff, mutlos und verbraucht. Er hob die Arme wie jemand, der ein höheres Wesen anflehen wollte und ließ sie plötzlich entmutigt sinken, als sähe er ein, nicht auf Beistand hoffen zu können. Mehr als zwanzig Jahre lang hatte er über das Thema »Evolution« nachgedacht, und nun kam ihm ein junger Mann zuvor, der auf dem Malayischen Archipel ähnliche Beobachtungen gemacht hatte wie er selbst auf seiner Reise durch Südamerika.

- Ich werde ihm den Vortritt lassen, beschloss Darwin bitter, nicht ohne Hang zur Dramatik, und erhob sich mit einem Schwung aus dem Sessel, in den er sich kurz vorher knurrend geworfen hatte. Dann fiel ihm ein, dass er eine ähnliche Situation schon einmal erlebt hatte – 1846 publizierte sein Kollege Edward Forbes eine Theorie der Entstehung der Eiszeit, die er selbst, Charles Robert Darwin, Jahre zuvor ausgearbeitet, aber nicht veröffentlicht hatte. Es ging um die Erklärung des Vorhandenseins der nämlichen Arten von Pflanzen und einigen Tieren auf entfernten Berggipfeln und in den arktischen Regionen mit Hilfe der Eiszeit. Er hatte damals gelernt, was Enttäuschung ist. Aber nun kam es ihm vor, als sei dieses frühere Erlebnis eher eine kleine, unwichtige Enttäuschung im Gegensatz zu jener, die seine wissenschaftliche Arbeit der letzten 15 Jahre in Frage stellte. War er zu bescheiden? Zu nachgiebig? Sollte er sich verdrängen lassen und alles würde sich wiederholen?

- Ich werde ihm den Vortritt lassen. Diesen Satz wiederholte Darwin den ganzen Abend lang mit Pathos, das er als christlich empfand, Stunde um Stunde wie ein Schauspieler, der seinen Text auswendig lernt. Generös, Lehrer, Schüler, Jugend, traurig, diese Vokabeln, die seine Kollegen aussprechen würden, purzelten in seinem Kopf durcheinander und hinterließen ein Gefühl von Erhabenheit. Aber wer würde sein Opfer zur Kenntnis nehmen? Und vor allem: Wäre Wallace überhaupt in der Lage, alle jene Beweise anzuführen, die er, Charles Robert Darwin, gefunden hatte?

Emma Darwin sagte zunächst nichts, weil sie wusste, dass es momentan keinen Zweck haben würde. Sie gab sich aber viel Mühe, ihren Mann abzulenken. Sie spielten Billard und Backgammon, nur konnte Darwin sich nicht konzentrieren und sie brachen ab.

Gegen Mitternacht erlitt Darwin einen Anfall, sein Gesicht war geschwollen, über und über mit roten Flecken bedeckt und er litt an Atemnot. Emma Darwin kannte diese Zustände, die nach seiner Schilderung mit feurigen Speichen und dunklen Wolken vor den Augen begannen und in heftigem Frösteln und Übelkeit mündeten. Diesmal schien es besonders schlimm zu sein. Er sah seine Frau mit dem Ausdruck tiefster Mattigkeit an und gab sich Mühe, tief und ruhig zu atmen, wie sie und der Arzt es ihm beigebracht hatten. Dann stand er mit ihrer Hilfe vorsichtig auf, schlurfte in sein Arbeitszimmer und sie begannen mit der Kaltwasserkur. Das Prinzip dieser Kur bestand darin, durch den Wechsel von Hitze und Kälte die Durchblutung anzuregen. Dr. Gully, Wasserspezialist aus Great Malvern, hatte das die »Blutgefäße zum Turnen bringen« genannt. Eigentlich hatte diese Kur nach einem von Dr. Gully entwickelten strengen Ritual abzulaufen und Darwin litt jedes Mal an schlechtem Gewissen, wenn er die Prozedur vereinfachte. Er ließ sich drei Minuten lang von seiner hochschwangeren Frau mit einem kalten Handtuch abreiben, danach schrubbte sie hinten, er vorn. Anschließend trank er ein Glas Wasser, kleidete sich so rasch wie möglich an und ging für zwanzig Minuten lang im Haus auf und ab, wobei er eine Kompresse aus einem breiten, zusammengefalteten nassen Leinentuch trug, die durch einen gummierten Stoff abgedeckt wurde. Diese Kompresse, die Neptun-Gürtel hieß, wurde alle zwei Stunden erneuert. Zu seinem Leidwesen durfte Darwin während der Behandlung keine Süßigkeiten essen, keinen Tabak schnupfen, überhaupt nichts tun, was ihm Spaß machte. Das Schlimmste aber war der Spott seiner Kinder, die ihren Vater mit einem feuchten Frosch verglichen.

Kapitel 2

Die Reise

I.

Tagelang lief Darwin unruhig im Haus umher, manchmal mit gehobenem Kinn, glühend vor Entschlossenheit, meist aber mit gesenktem Kopf wie ein geprügelter Hund. Das ganze Haus erschien ihm als ein großer Käfig, der Fußboden begann dort, wo er gelaufen war, Abnutzungserscheinungen zu zeigen. Einer der Angestellten, ein alter Diener, hatte zunächst den Kopf geschüttelt, war dann aber demonstrativ mit dem Lappen hinter Darwin hergelaufen, bis er aufgegeben hatte.

Seiner Arbeit und der Erinnerung an die große Reise, die sein Leben, sein Denken und seine wissenschaftliche Existenz bestimmten, konnte Darwin nirgendwo im Haus ausweichen. Im Wohnzimmer der Familie hing ein eindrucksvolles Gemälde, das die Ankunft der Beagle in Port Jackson darstellte. Darwin sah es, wenn er den Kalbsbraten schnitt und das abgeschnittene Stück in Pfefferminzsauce tauchte. Jetzt, nachdem er den Brief von Wallace erhalten hatte, hätte er am liebsten das Bild umgedreht. Auch im Arbeitsraum entkam er dem Segler nicht – hier hing eine kleine Tuschezeichnung, die das Schiff vor Feuerland zeigte, freudig begrüßt von Eingeborenen, die, so schien es, den Segler als Lebewesen wahrnahmen, das zitternd die Flügel im Wind bewegte wie ein riesiges Insekt.

- Du siehst aus wie ein Polizist, ein Richter oder wie Du selbst, hörte Darwin in diesem Moment die Stimme einer seiner Töchter. Ehefrau Emma zog das Kind behutsam aus dem Zimmer.

Vater arbeitet, er denkt nach. An diesen Satz hatten sich alle Kinder gewöhnt und verstanden, Arbeiten bedeutete nicht nur, mit zusammengekniffenen Lippen und einer dünnen schwarzen Lederaktentasche jeden Tag um dieselbe Zeit aus dem Haus zu gehen und um die gleiche Zeit abends heimzukommen. Arbeiten hieß nicht einmal, den Garten umzugraben oder Holz zu hacken. Ihr Vater, Charles Robert Darwin, war anders als andere Väter und sie konnten den Spielgefährten sehr schwer erklären, was er von Beruf war.

Womit macht Dein Vater seine barnacles?, fragte eines Tages ein Kind und alle Erwachsenen lachten, denn »barnacles« bedeutete nicht nur Rankenkrebse beziehungsweise in diesem Falle Seepocken, sondern auch lästiger Mensch, alter Zopf, Fessel und Nasenknebel, wie er für unruhige Pferde verwendet wird. Dieser Satz blieb in der Familie als geflügeltes Wort erhalten.

Die Kinder hatten sich an das sonderbare Verhalten ihres Vaters gewöhnt. Hatte er sich in sein Arbeitszimmer zurückgezogen, durften sie ihn eigentlich nicht stören, taten es aber doch. Einen Grund, ihn im Arbeitszimmer zu besuchen, gab es immer. Sie kannten ihren Vater – er war kein gewöhnliches viktorianisches Familienoberhaupt, das gottgleich in einem Sessel mit Löwentatzen thronte und das man bei den einfachsten Tätigkeiten nicht stören durfte. An guten Tagen lächelte er, ja, es schien sogar so, als freue er sich über die Störung, gab ihnen Pfefferminzplätzchen, an schlechten Tagen aber bat er sie mit klagender Stimme, hinauszugehen, falls Emma ihm nicht zuvorkam und die Kinder hinausführte. Dann wirkte Darwin auch während des gemeinsamen Mittagessens, eigentlich ein Höhepunkt des Familienlebens, sehr plötzlich, manchmal mitten im Gespräch, abwesend – dann hatte er sich aus der realen Welt zurückgezogen und dachte über irgendetwas nach. Das Leben da draußen, das Darwin durch die Glasscheibe beobachtete, war ihm nur Kulisse, bestenfalls Ablenkung. Manchmal, und das waren auch nicht die besten Tage, wandelte er das ganze Haus in ein großes Arbeitszimmer um. Dann lagen auf allen Tischen, selbst auf dem Billardtisch, kleine und große Schädel von Tieren, deren Knochen und dünnen Knöchelchen er liebevoll freigelegt hatte, Extremitäten von Fröschen, Lurchen, kleinen Säugern, die er irgendwo auf seiner Reise mit der Beagle gefangen hatte. Nur der große Tisch im Speisezimmer blieb frei und das auch nur, weil Emma ausdrücklich darum gebeten hatte. Darwin nannte diese Sammlung »meine Schreckenskammer«.

Nur Annie, seine Lieblingstochter, hatte sich bis zu ihrem frühen Tode nicht davon abhalten lassen, ihren Vater zu trösten, indem sie seine Hand ergriff. Sie herzte ihn, holte eine Bürste und begann sorgfältig, sein Haar und den Bart zu kämmen.

- Du sollst ordentlich aussehen, erklärte sie sanft, wenn wir zusammen auf den Think Path gehen.

II.

Wieder und wieder las Darwin Wallace’ Essay und je öfter er es studierte, um so mehr erinnerte es ihn an eigene frühere Entwürfe. Das Essay des jungen Mannes war von Feuer angetrieben, strahlte vor Überzeugungskraft, aber Darwin bemerkte auch, was fehlte – jene Fülle naturwissenschaftlicher Beweise, mit denen er selbst aufwarten konnte. Diesen Mangel würde niemand tolerieren können und er sagte voraus, was passieren würde – Wallace’ Arbeit würde genauso untergehen wie die anderer Kollegen. Damit tröstete er sich, denn dies sprach dafür, den Aufsatz nicht weiterzureichen.

Aber war das fair? Schließlich hatte sich ein junger Kollege voller Vertrauen an ihn um Unterstützung gewandt . . . Wallace hatte das zwar nicht gefordert, aber widersprach das nicht den guten Sitten in der Wissenschaft und würde sein Ansehen in der Gemeinschaft dadurch nicht beschädigt werden, wenn er die Arbeit nicht zum Druck empfahl? Aber wenn Darwin die Arbeit vorschlug und seine eigene dafür zurückzog, würde er das nicht ewig bereuen, schrieb er nicht bereits seit fast zwanzig Jahren daran? Konnte man so viele Jahre einfach verschenken? Und vor allem: hatte er nicht so viel mehr zu sagen als Wallace?

Darwin schob sein eigenes Manuskript unentschlossen hin und her, bis er es in der rechten oberen Ecke seines Schreibtischs liegen ließ. Es bestand aus einem täglich wachsenden Papierstapel, aus dem eine Sammlung von Aufsätzen werden sollte. Und er holte seine alten Notizbücher heraus. Er hatte sie jahrelang Tag und Nacht in einer Brusttasche bei sich getragen und sie hatten Zeichen der Orte aufgenommen, an denen er sich aufgehalten hatte. Der Umschlag wies Flecken auf, die das Seewasser zurückgelassen hatte, die Schattierung des Materials und seine Tiefe traten an die Oberfläche, die Ränder der Flecken bildeten ein mannigfaltiges Muster aus Schlangenlinien, flammenfömig ineinander verschlungen.

Der Eindruck der Fläche hinterließ eine Art Landkarte, die zum Träumen anregte, besonders dann, wenn man die Augen schloss. Der Geruch des Leders ergänzte den Eindruck – in Südamerika hatte er Darwin an das Aroma nasser Pferdesättel gemahnt und ihn in der Fremde mit der Erinnerung an England getröstet, nun dagegen fielen ihm jene Momente ein, in denen sein Tagebuch in die Felsspalte eines Vulkans auf einer Insel des Galápagos-Archipels gefallen war oder in den feuchten Sand am Ufer von Bahia Blanca. Er und die Hefte, die er sorgfältig nummerierte und die nun wie tot im Regal standen und regelmäßig entstaubt werden mussten, waren auf seltsame Weise verwachsen, hatten sie sich doch nicht nur mit leichter Biegung seiner Körperform angepasst, sondern waren auch von seinem Schweiß durchtränkt. Er nahm einen Band aus dem Regal und blätterte darin, dem ornithologischen Tagebuch von 1835, geschrieben auf der Beagle. Aber auch spätere Überlegungen, die ihm so schmerzhaft waren, erschienen ihm bedeutsam – so seine Gedanken zu einer schon 1798 geschriebenen Veröffentlichung von Thomas Robert Malthus. Daneben standen jene Früchte, die er viele Jahre lang vor der Ehefrau und den Kollegen verborgen gehalten hatte: seine Skizze über Entwicklung von 1842 und sein Essay über dasselbe Thema aus dem Jahre 1844.

III.

Bevor Darwin zu lesen anfing, schloss er die Augen und sah sich wieder als jungen Mann, der gescheitert war. Er hatte so vieles versucht und bald abgebrochen, dass sein Vater Angst hatte, sein Sohn könne ein Dandy und damit zur Schande der Familie werden. Zunächst hatte es Charles Darwin mit der Medizin versucht. In Edinburgh, so hoffte der Vater, werde Charles zum ernsthaften Arzt reifen, immerhin hatte doch sein Sohn schon in seiner Jugend viel Zeit mit dem Studium von Doktorbüchern verbracht.

Darwin erinnerte sich genau an die farbigen Tafeln, die in einen riesigen Folianten mit dem Titel »Der Mensch« eingearbeitet waren. An diesen Tafeln konnte man das Innere des menschlichen Körpers studieren, indem man eine Tafel nach der anderen wegklappte, insgesamt zehn. Der Vater hatte dieses Werk zwar in einem verschlossenen Bücherschrank aufbewahrt, aber ihm war es gelungen, den Schrank mit einem Fahrtenmesser, das ihm ein Nachbarsjunge geborgt hatte, zu öffnen.

Wie einfach der Mensch schien! Die erste Abbildung zeigte jene Muskeln, die unmittelbar unter der Haut lagen. Der Stirnmuskel, der die Querfalten auf der Stirn hervorrief, die Schließmuskeln des Auges und des Mundes, Schläfen- und Kaumuskel. Die Namen erschienen ihm allesamt logisch, besonders der des Kopfnickers.

Obwohl ihn die rote Farbe der Abbildungen an Blut erinnerte und in ihm Ekel hervorrief, nahm Darwin das Buch immer wieder in die Hand und stellte sich vor den Spiegel, um einige seiner Muskeln nach wissenschaftlicher Anleitung zu bewegen.

Nachdem er alle ihm bekannten Grimassen geschnitten hatte und auch vor dem gefürchteten Schielen nicht zurückgeschreckt war, von dem es hieß, dass die Augäpfel mit ewigem Blick auf die Nase stehen bleiben könnten, krempelte er einen Hemdsärmel hoch, um mit dem zweiköpfigen Armmuskel den Unterarm hochzuziehen. Nachdem er auch den Außenmuskel bewegt hatte und das Auswärtsdrehen der Speiche und der Hand erprobt hatte, beschloss Darwin, die Hosen auszuziehen, um Bein- und Gesäßmuskel zu erproben. Seine Beine gefielen ihm aber nicht, sein Gesäß auch nicht, so dass er schnell eine weitere Tafel aufklappte, die eine schwarze Gestalt mit einem wie von Blitzen durchzuckten Geflecht zeigte, dem Nervensystem. Sie sagte ihm wenig und er klappte nach einem furchterregenden Längsschnitt durch Kopf und Hals des Menschen eine weitere Tafel weg, um fasziniert in die geöffnete Brust- und Bauchhöhle zu schauen. Der Magen war als gelbliche Masse dargestellt, der Darm als dicker, in Falten gelegter Wurm. Er hat sich das alles anders gedacht, irgendwie vollständiger.

Er musste weitere Tafeln zurückklappen, es wurde immer geheimnisvoller und, wie er glaubte, medizinischer. Darwin war sich absolut sicher, nunmehr in verbotenes Territorium vorzustoßen und schaute irritiert zur Tür, strengte auch sein Gehör an, um vor der unerwarteten Rückkehr des Vaters, der seine Hausbesuche über Land machte, sicher zu sein. Seit die Kutschen besser gefedert waren, was sie von deutschen und französischen unterschied, waren sie leiser.

Die Aufregung wuchs, denn Darwin näherte sich den Geschlechtsteilen und war mehr als enttäuscht, eine Art Wollknäuelpaar, das Hoden hieß, an zwei Fäden vorzufinden. Viel interessanter dagegen war jene rosafarbene Höhle der Frauen, die ebenfalls diesem zwitterhaften Pappwesen eigen war. Darwin fragte sich ernsthaft, wie so ein kompliziertes Wesen, das bis auf einige Unterschiede – zum Beispiel den Schnurrbart, den man aber auch wegklappen konnte – von Gott aus einer Rippe geschaffen worden sein sollte? Sein Ausflug endete mit der letzten Tafel und einem verkrümmten Fötus, der wurmartig darinlag.

Wie gut, dass Männer keine Kinder bekommen. Diese Frage war irgendwann in der Familie geklärt worden und Darwin erinnerte sich daran, dass der verwitwete Vater, der einmal in seiner Hilflosigkeit alle Kinder zusammengerufen hatte, bei der Beantwortung der Frage nach kinderkriegenden Männern heftig den Kopf geschüttelt hatte und anschließend rot geworden war.

Charles Darwin hatte nie herausgefunden, ob der Vater jemals sein unerlaubtes Interesse an seinen Fachbüchern bemerkt hatte. Immerhin hatte Robert Darwin eines Tages die Fragen seines Sohnes nach der menschlichen Anatomie und nach Lebensfunktionen wie Verdauung zum Anlass genommen, das Medizinstudium zu empfehlen. Für den Beginn eines Medizinstudiums sprach auch ein großer Schatz an professionellen Erfahrungen, der sich in der Familie angesammelt hatte, weitergereicht vom Großvater zum Vater.

Aber Charles Darwin, als Jäger eigentlich daran gewöhnt, Blut zu sehen, ekelte und fürchtete sich plötzlich, sobald er den anatomischen Hörsaal betrat. Er hasste den Professor, der im Winter morgens um 8 Uhr über menschliche Anatomie sprach. Seine Vorlesungen waren so langweilig wie er selbst. Am schlimmsten aber war der Gerichtsmediziner. Er ließ eine Wasserleiche hereinbringen, deren unerträglicher Gestank jedem Zuhörer den Atem nahm. Solche Präsentationen hielt Darwin höchstens zehn Minuten aus, spätestens dann, wenn der Lehrer mit gekonntem Schnitt den gesamten Körper geöffnet und die Leber herausgenommen hatte, die er elegant auf einem silbernen Tablett präsentierte, verließ Darwin die Veranstaltung unter einem Vorwand. Gern berief sich der Professor auf die Schwierigkeiten, frische Leichen zu bekommen, seit berühmte Gangster, so genannte bodysnatcher, hier in Edinburgh mit Leichen schwunghaften Handel getrieben hatten. Aus dieser Zeit stammten die Wachtürme auf dem Edinburgher Friedhof, die zum Schutz der Gräber gebaut worden waren, an denen Darwin jeden Tag schaudernd vorbeiging. Noch schlimmer und damit beängstigender, weil sie ein furchtbares Szenario grausiger Möglichkeiten malten, was dem eigenen Körper an Schrecklichem widerfahren konnte, waren die Operationen, die ohne die segnende Wirkung des Chloroforms an Patienten ohne Betäubung durchgeführt werden mussten. Einige Fälle machten Darwin unglücklich und standen bis zum Lebensende als lebendige Bilder vor seiner Seele.

IV.

Der Gedanke, Arzt zu werden, wurde Darwin nach kurzer Zeit immer unangenehmer, und sein Vater, der davon erfuhr, verfügte, dass er Geistlicher werden sollte. Darwin bekannte später, dass er einerseits Bedenken hatte, seinen Glauben an alle Dogmen der Kirche von England zu erklären, doch hatte er andererseits den Gedanken, Landgeistlicher zu werden, nicht ungern. Da es entschieden war, dass er Geistlicher werden sollte, war es notwendig, auf einer berühmten englischen Universität einen Grad zu erwerben. Darwin zog nach Cambridge.

Das alte Anwesen des Christ College mit den zahlreichen Gebäuden und der riesigen Gartenanlage machte von Anfang an großen Eindruck auf ihn. Schon der Hausmeister, ein schnauzbärtiger Riese von martialischem Aussehen, ließ keinen Zweifel daran, dass er nicht den geringsten Verstoß gegen die Hausordnung zulassen würde. Regel Nummer 1 war, dass es keiner unbefugten Person erlaubt sein würde, dieses heilige Rechteck des Anwesens zu betreten. So wurde Darwin ausführlich von oben bis unten gemustert und begann seinerseits, den Riesen zu mustern, gleichzeitig den Plan des Anwesens, auf dem er künftig wohnen und studieren würde.

Bereits am Eingang kamen Darwin Zweifel. Über dem schönen Torbogen prangte ein prächtiges Emblem, das Rätsel aufgab. Es zeigte zwei Ziegenböcke mit goldenen Tupfen, zwischen ihnen leuchtete ein Wappen mit Tudorlilien und Krone. Das Emblem wiederholte sich im Innenhof, wenn auch leicht abgewandelt – am auffälligsten war, dass die Ziegenböcke plötzlich nicht mehr schwarz mit goldenen Tupfen waren, sondern weiß wie der heilige Geist, der sehr adlerähnlich in der Mitte aufgepflanzt war. Darunter stand »Souvient me souvient«, was so viel hieß wie »Oft erinnert mich«. Es war zweifelsohne ein Wortspiel, aber da es sich bei dem alten Christ College um ein wirklich altes College handelte, vielleicht sogar das älteste, das Darwin kannte, musste diese Aufforderung eine tiefere Bedeutung haben. Den Ziegenböcken begegnete Darwin auf seinem weiteren Weg durch das Gelände noch viele Male, waren doch die Torbögen mit kleinen und großen Reliefs geschmückt. Ihm fiel auf, dass die Ziegenböcke weniger aggressiv aussahen, sobald man den Haupteingang durchschritten und sich zu den Nebentoren vorgearbeitet hatte; war man gar bis zum Kern vorgedrungen, so lagen sie nunmehr malerisch in einer Art künstlichem Gras und nahmen die ganze Fläche des Medaillons ein, ihre goldenen Hörner, ihr goldener Schwanz und die vergoldeten Klauen glänzten in der Sonne. Später erfuhr Darwin, dass diese Vergoldung des Öfteren mit viel Aufwand erneuert werden musste, warum genau, konnte niemand erklären. Aber nicht nur Ziegenböcke begleiteten den Hereinkommenden, Darwin bemerkte neben Hunden, die mit der Ergebenheit, mit der sie einen nicht vorhandenen Herrn anblickten, seine spontane Sympathie erzeugten, auch Wesen, die er nicht einordnen konnte, darunter ein dickes rosarotes Fabelwesen. Es erschien ihm als Mischung zwischen Schwein, Hund und Drache, hatte es doch die aufgerichteten spitzen Ohren eines Jagdhundes, ebenso dessen Pfoten, die allerdings sehr plump waren, andererseits anstelle der Nase den Rüssel eines Schweins und vor allem riesige aufgespannte Flügel, wie man sie von alten Drachenbildern her kannte.

Es herrschte Ruhe über jedem Grashalm. In der Mitte der Rasenfläche stand eine sehr schöne antike Sonnenuhr, die sofort Darwins Interesse fesselte. Am Fuß der Sonnenuhr hatte sich weißer Klee ausgebreitet, an dessen Stiele sich Hummeln klammerten.

Es half nichts, er musste ins Haus gehen. Ein alter Diener, der schon Generationen von Studenten hatte kommen und gehen sehen, trug ihm das Gepäck nach. Als Darwin sah, wie sehr sich der ältere Herr abmühte, wollte er zupacken, wurde aber zurückgewiesen. Dennoch sollte der Diener diese Freundlichkeit des jungen reichen Studenten auch später nie vergessen.

Im Christ College in Cambridge hatte er zwei Räume gemietet, einen kleinen Schlaf- und einen noblen Wohnraum. Der Wohnraum war mit alten, wertvollen Teppichen ausgelegt, die den Schlag der zahlreichen Uhren, darunter einer sehr hohen Standuhr, nur geringfügig dämpften. Über dem Kamin hingen alte Porzellanteller, auf denen Jagdszenen dargestellt waren.

Darwin hatte sofort das Gefühl, hier ersticken zu müssen, zumal das Fenster klemmte. Auch hing der Leuchter, der mit goldfarbenen Troddeln geschmückt war, so tief, dass er sich unweigerlich den Kopf stoßen musste, wenn er sich vom Tisch erheben würde. So wie er musste sich ein Fisch fühlen, wenn sich das Netz um ihn wand. Darwin blieb in der Tür stehen. Er drehte sich um, ging hinaus und schaute sich in den anderen Gebäuden um. In der kleinen Kirche, der Christ Church Chapel, die sich in die Zeile des College einfügte, hinter den Büscheln der Glyzinien, die das ganze Gebäude mit lilafarbenen Blüten überwucherten und den Innenhof mit einem magischen, an den Süden erinnernden Duft erfüllten, würde er sich zu Hause fühlen.

Ihr Duft drang, nun mit Kühle vermengt, in den Innenraum der Kirche. Die war klein und es gab nur zwei hölzerne Sitzreihen mit schneckenartig geschwungenen Füßen. Vor dem schönen Kirchenfenster befand sich der Altar. Wer den Priester sehen wollte, musste den Kopf zur Seite wenden.

In der ersten Zeit ließ sich er vom Singsang der Predigten, vermischt mit Orgelklängen, tragen. Ihm fielen die Kirchgänge mit seiner Mutter ein – an ihrer Hand war der Achtjährige in die Unitary-Kirche gegangen, die sich zwischen andere Häuser schmiegte und erst vor wenigen Jahren eröffnet worden war. Alles schien neu, modern – es gab keinen Gegensatz zwischen dem Leben da draußen und den lebensverbundenen Predigten des Pfarrers, der auch die anwesenden Kinder mit einbezog. Es war, als blätterte die Erinnerung an die gemeinsamen Kirchgänge mit der Mutter seine Kindheit auf.

Im Frühjahr des Jahres 1816 konnte die Mutter mit dem Jungen nicht mehr in die Kirche gehen und der Vater wurde immer einsilbiger, Gäste blieben fort, im Haus wurde es stiller. Seine Frau, blass und schwächlich geworden, drückte am Geburtstag die Hand ihres Sohnes Charles und meinte, er möge seinem Vater gehorchen – sie selbst brauche mehr Ruhe.

- Versprecht mir, dass ihr euch immer mit dem Vater vertragen werdet, legte sie den Kindern ans Herz und bemühte sich, nicht zu weinen.

Der Vater schaute seinen Sohn zuweilen traurig an. Charles Darwin fühlte, dass etwas Großes, Furchtbares geschehen würde.

Es kam der Tag, als Robert Darwin für seinen Sohn ein paar Sachen in eine Reisekiste packen ließ. Der Vater lief die Treppen in ihrem Haus, das »The Mount« hieß, herauf und herunter. Sie knarrten bedrohlich unter seinem Gewicht. Manchmal hielt er inne und stützte sich ab. Das Metall des Geländers, so erschien es Darwin, begann sich zu biegen. Bei Tisch erzählte der Vater plötzlich mit ernster Miene davon, dass wir alle uns Notwendigkeiten zu beugen hätten und er es für besser halte, wenn er, Charles Darwin, in ein Internat gehe, um die Mutter etwas zu entlasten. Während er dies sagte, schaute er seinen Sohn nicht an, seine Hände zitterten. Dort, in dem Internat der Shrewsbury-Schule, gäbe es nicht nur Tagesschüler, sondern auch solche, die dort wohnten. Man spare nicht nur den täglichen Weg, sondern es gäbe auch viele andere gleichaltrige Spielgefährten und nicht nur große Schwestern, die einen ständig erziehen wollten. Es klang nicht überzeugend.

Am nächsten Tag kam der Vater mit in die Schule und übergab Charles an einen dürren alten Mann, der am liebsten griechisch sprach und auf die beiden, im Stil des 16. Jahrhunderts gekleideten Burschen über dem Eingang zeigte – unter dem linken stand das griechische Wort, dass Lerneifer hieß und unter dem rechten jenes, das bedeutete, dass derjenige sehr viel wisse.

- Du bist ganz in unserer Nähe und kannst uns jederzeit besuchen, sagte Darwins Vater und blieb mit hängenden Armen am Tor zurück.

Er sagte dem Jungen nicht, wie schlimm es um seine Mutter stand.

Von nun an lernte Charles Darwin eine Art von Gemeinschaftsleben kennen, das in ihm eine lebenslange Aversion gegen Gruppen einflößte: in einem einzigen Raum schliefen 20–30 Jungen, es gab nur ein einziges kleines Fenster, die Betten waren alt und quietschten bei jeder nächtlichen Drehung, die Matratzen waren durchgelegen, zum Waschen gab es lediglich Fußwannen. Wie oft hatte Darwin, geschüttelt vom Scarlett-Fieber, zitternd in seinem Bett gelegen, angeschnauzt von einem erbarmungslosen, stiernackigen Glatzkopf, den mehrere Armeen als unbrauchbar ausgespuckt hatten und der nun in einer Schule die Chance bekommen hatten, Schwächere zu quälen. Es war so schlimm, dass selbst Dr. Darwin, der auf die körperliche Ertüchtigung seiner Söhne stets Wert gelegt und Sohn Charles zuweilen vorgeworfen hatte, verweichlicht zu sein, beim Aufseher des Schlafsaales für seinen Jungen um eine zusätzliche Decke bat. Er versprach dem Jungen, ihn bald abzuholen.

Der einzige Trost war für Charles Darwin der Blick aus dem Fenster, der ihm die Ruine einer ehemals stolzen Festung zeigte. Die roten Ziegelmauern ließen noch immer die alte Pracht erahnen. Dann stellte er sich vor, dass es ausgerechnet hier war, wo Rebell Heinrich Percey, genannt Hotspur oder Heißsporn, 1403 Henry IV. und seinen Sohn Hal herausgefordert hatte. Es hieß, Shakespeare habe ausgerechnet hier seinen Stoff gefunden.

Eines Tages wurde Darwin aus dem Unterricht geholt, weil die Kutsche des Vaters vorgefahren war. Seine Geschwister, drei von ihnen waren mit ihren 19, 17 und 14 Jahren fast erwachsene Frauen, trugen schwarze Kleidung und hatten vom Weinen gerötete Augen. Der dreizehnjährige Bruder Erasmus saß verstört neben ihnen, die siebenjährige Catharine hatte man zu Hause gelassen. Schweigend fuhren sie nach Montford Bridge, einer kleinen roten Backsteinkirche entgegen, die Peter und Paul hieß. Der Weg machte einige Steigungen, um sich dann wieder zu senken. In der Kirche war die Mutter aufgebahrt.

- Sei stark, sie würde es von Dir erwarten, das war der einzige Satz, den Dr. Darwin über die Lippen brachte.

Ein Leben lang würde diese Szene Darwin im Gedächtnis bleiben: Er sah sich mit gefalteten Händen und vor Schreck aufgerissenen Augen am Sarg stehen. Seine Mutter, Susannah Darwin, trug ein schwarzes Samtkleid und war unbeschreiblich schön. Ihr blondes Haar ringelte sich über der Stirn. Auf den blassen Lippen hatte sie, so schien es Darwin, ein schuldbewusstes Lächeln. Dieses Bild würde zwar nach und nach in seinem Verstand verblassen, aber niemals in seinem Herzen. Die Feierlichkeit der kirchlichen Messe würde ihn stets an die Feierlichkeit der Beerdigung erinnern und ihm auch deshalb Halt geben.

Ach, wie liebte er es, später, als er schon Student war, die schöne alte Kirche von Cambridge demütig zu besuchen! Während der Predigten schaute er auf den schwarz-weißen Marmorfußboden, dessen Quadrate in einem seltsamen Muster angeordnet waren, das er nicht deuten konnte.

Wie erleichterte die Beichte, bei der man auf den hölzernen Stufen auf die Knie fiel und mit Inbrunst ins anonyme Flechtmuster wisperte, hinter dem ein dicker Katholik saß und sich mit innerem Lächeln und noch größerer innerer Überlegenheit das geflüsterte Gestammel der Pennäler anhörte.

Die Antwort war gar nicht mehr so wichtig, weder dem Beichtenden noch dem Beichtvater.

Einmal gestand Darwin voller Scham:

- Ich gestehe, dass ich mich mehr für die Natur interessiere als für Bibeltexte.

Der Beichtvater war so verblüfft, dass er zunächst gar nicht antwortete und dann auf einen Allgemeinplatz auswich, etwa der Art, dass Gott schließlich allgegenwärtig sei und eine Beschäftigung mit der Natur schon deshalb keine Sünde sein könne.

V.

Von allen Jagdleidenschaften war dem Studenten Darwin nur die nach Käfern geblieben. Wie viele Käfer gab es in der Umgebung von Cambridge – er musste sie alle haben. Es war wie eine Sucht, die ihn nicht ruhen ließ. Wie von einer unsichtbaren Macht wurde er gezwungen, jedes Blatt umdrehen, jedem Summen zu folgen, das sich wie ein goldener Faden durch den Vorlesungssaal wand. Nur im Winter fand er etwas Erholung. Gott, davon war Darwin überzeugt, muss Käferliebhaber gewesen sein. Warum eigentlich Käfer?

Sie waren langsam und ließen sich gut fangen, weil sie nicht so behende waren wie etwa Spinnen, die auf acht langen Beinen elegant davonrannten. Käfer waren auch viel attraktiver als etwa Fliegen, schimmerten in tausenderlei Farben, hatten die wunderlichsten Formen, trugen hornähnliche Gebilde oder kleine Geweihe und ließen sich konservieren, ohne an Schönheit einzubüßen.

Nach kurzer Zeit war Darwins Regal mit kleinen Spanschachteln gefüllt, meist Pillendosen, in denen er die sorgfältig beschrifteten Käfer aufbewahrte. Die Käferjagd war eine stille Jagd, etwa so wie das Pilzesammeln, es musste kein Blut vergossen werden und die Käfer schrien nicht in letzter Qual. Auch hier, wie bei den Pilzen, war es am besten, zu früher Stunde hinauszugehen, wenn noch die Eichhörnchen auf dem Rasen des College spielten – manchmal blieb Darwin wie angewurzelt stehen und schaute ihnen zu, bis er es leid war oder sie die Flucht ergriffen, zuweilen kam ihm sogar ein Fuchs entgegen, der ein Loch im Zaun gefunden hatte oder, angezogen vom Frühstücksbrot eines schnarchenden Portiers, den Weg in das gepflegte Anwesen geschlichen war in der Hoffnung auf Mäuse, die sich zu sicher fühlten oder in der Erwartung von Speiseresten. Bald kreuzte ein ängstlicher Igel seinen Weg, oder eine Ringeltaube brach mit ohrenbetäubendem Flügelschlag durch die Zweige einer Linde. Oft blieb Darwin an dem von Milton gepflanzten Baum stehen, um seine Jagdbeute anzuschauen. Der Maulbeerbaum, obwohl er alt war und durch die Aushöhlung sehr gebrechlich wirkte, bot ihm Schutz. Darwin respektierte den Baum, es war wohl der einzige auf dem Gelände des College, dessen Rinde er nicht abbrach, um darunter nach glänzenden Käfern oder ihren Larven zu suchen.

Bereits wenige Monate nach seinem Eintreffen in Cambridge, er war 19 Jahre alt, passierte etwas, woran sich Darwin sein ganzes Leben lang erinnern sollte.

Es war ein heißer, stiller Tag, wie sie in England selten sind und gerade deshalb allen im Gedächtnis bleiben. Er hatte um die Mittagszeit das Gelände verlassen und war in den nahen Wald gelaufen. Schon nach wenigen Metern sah er am Weg einen vermodernden Baumstumpf – ihm war sofort klar, dass dies ein idealer Sammelplatz für Insekten sein musste. Hastig riss er ein Stück alter Rinde ab und bemerkte unter den etwa zwanzig Käfern, die aufgeregt hin und her liefen, zwei seltene. Eine freudige Erregung durchfuhr ihn, mit jeder Hand ergriff er einen, auf einmal sah er einen dritten, dazu noch eine neue Art, deren Verlust er nicht hätte ertragen können. Er steckte deshalb den in seiner rechten Hand schnell in den Mund, um einen weiteren zu bergen. Für den Bruchteil einer Sekunde empfand er Freude, Frieden zog in seine aufgeregte Brust, wie er es einmal bei einem Dichter gelesen hatte. Aber das Glück währte nur kurz, denn in diesem Moment spritzte der Käfer ein sehr scharfes Sekret in Darwins Mundhöhle. Es brannte so sehr auf der Zunge, dass der junge Mann beinahe ohnmächtig wurde, alle Freude und Genugtuung waren plötzlich verflogen, die scharfe Flüssigkeit raubte ihm, so schien es wenigstens, die Erinnerung, die Orientierung, ja, sogar den Verstand. Er hielt es nicht aus und musste den Käfer ausspucken. Geschüttelt von Ekel öffnete er instinktiv seine Fäuste und verlor damit auch die anderen beiden Insekten. Diese Begebenheit erzählte Darwin später oft als Beweis für seinen Sammeleifer, und auch, dass er sich nach diesem unangenehmen Erlebnis neue, erfolgreichere Methoden ausdachte – er stellte einen Arbeiter an, der Moos von alten Bäumen abkratzte und zusammen mit dem Abfall aus Booten, mit denen Schilf aus den Sümpfen geholt wurde, in einen Sack tat. Auf diese Weise erhielt Darwin mehrere seltene Arten.

»Kein Dichter hat eine größere Freude beim Anblick seines ersten gedruckten Gedichtes empfunden, als ich es empfand, als ich in Stephens’ ›Illustrations of British Insects‹ die magisch wirkenden Worte sah: ›Gefangen von C. Darwin, Esq‹.« Der bekannte Londoner Entomologe James Francis Stephens, Präsident der Londoner Entomologischen Gesellschaft, ein kleiner, gutmütiger Mann, hatte, so Darwin, eine Insektensammlung zusammengetragen, die prachtvoller war, als sie der allereifrigste Entomologe nur erträumen könnte.

Darwin sah am frühen Morgen zuweilen einen jungen Herrn, der energisch über den Rasen zum Ausgang schritt. Er trug in der Rechten ein Schmetterlingsnetz, das er schwenkte, und auf dem Rücken eine Botanisiertrommel, die beim Gehen rhythmisch wippte. Meist wurde er von einigen Studenten begleitetet. Es war John Stevens Henslow, der die Professur für Mineralogie zugunsten der Botanik aufgegeben hatte und nun beides lehrte. Wenn Henslow von seinen Streifzügen zurückkehrte, war sein Wollsweater über und über mit stachligen Samen bedeckt. Früchte von Disteln, Gabelkraut und Sonnentau hatten sich festgekrallt und bezeugten, wo sich Henslow aufgehalten hatte. Diese Samen pflegte Henslow während seiner Vorlesung nach und nach so sorgfältig abzusammeln, als handelte es sich um Goldkörner.

Darwin beschloss, zunächst Henslows Mineralogie-Vorlesungen zu besuchen.

Wenn Henslow hereinkam, brandete stets tosender Beifall auf. Wenn in Cambridge eines sicher war, dann, dass Henslow eine wunderbare Vorlesung halten und die ganze Gruppe im Griff haben würde wie ein Dirigent sein Orchester. Niemand verließ die Vorlesung, ohne an goldfarbenes Pyrit zu glauben und seine wunderbare würfelige Struktur, an Kristalle, an das eindringliche Blau von Kupfersulfat und die von Natriumchlorid gelbgefärbte Flamme. Das war besser als alle Predigten.

Manchmal, mitten im Satz, bewegte sich Henslow wie ein Mensch, den etwas juckte. Dann war einer der Samen durch das Gewebe der Kleidung auf die Haut vorgedrungen. Henslow tastete mit sicherem Griff nach dem stacheligen Ding, hielt den Samen hoch und unterbrach seine mineralogischen Ausführungen.

- Sehen Sie, meine Herren, der Samen des Gabelkrauts sieht flach aus wie ein Schwalbenschwanz!

Niemand sah etwas, aber jeder glaubte es ihm.

Darwin war beeindruckt vom Wissen des jungen Mannes, der kaum dreizehn Jahre älter war als er selbst. Nach drei Wochen grüßten sich die beiden, in der vierten erzählte Darwin Henslow von seiner Käfersammlung, in der fünften brachte er zur Vorlesung eine Spanschachtel mit, in der ein seltener Panageus cruxmajor und ein kaum abweichender anderer Laufkäfer lagen. In der sechsten Woche schließlich schaute sich Henslow den Inhalt der anderen Schachteln an, wobei er einen indonesischen Käfer, den Darwin ertauscht hatte, besonders bewunderte, in der siebenten Woche forderte er Darwin freundlich auf, an seinen botanischen Exkursionen teilzunehmen.

Noch ein anderer junger Mann begleitete sie, Sohn eines Arztes aus Barmouth, ein Halbfranzose mit schlaffem Handschlag, der sehr unter dem schlechten Essen litt, das im College mit viel Pomp serviert wurde. Er hatte einen so guten Geruchssinn, dass er die zerkochten Erbsen, nach denen die ganze Stadt zu riechen pflegte, schon dann wahrnahm, wenn sie noch im Wald mit dem Botanisieren beschäftigt waren.

Als es einmal so stark regnete, brachte Henslow einen in Leder gebundenen schönen Band ins Kaminzimmer mit, die Reisebeschreibungen Alexander von Humboldts.

- Wenn Sie wirklich wissen wollen, was ein vielseitig gebildeter Mensch ist, wenn Sie Anregung erhoffen, eine kleine Flucht aus dem Tagesgeschäft, eine Reise ohne Anstrengungen und Gefahren, dann sollten Sie das lesen, empfahl Henslow.

- Sie glauben gar nicht, was für seltsame Gewächse es auf der Welt gibt, fuhr Henslow fort, zum Beispiel den Drachenbaum. Ich selbst habe ihn noch nie gesehen, aber sehen Sie sich diese Zeichnung an! Was würde ich darum geben, diese merkwürdige Rinde berühren zu dürfen! Humboldt ging es offensichtlich auch so – er hatte nur eine alte Abbildung gesehen und seither davon geträumt, ihn eines Tages leibhaftig zu sehen. Und siehe, sein Traum ist in Erfüllung gegangen!

Henslow schlug eine Seite auf und las, was der Mann namens Humboldt über dieses seltsame Gewächs geschrieben hatte:

»Obgleich wir den Drachenbaum in Herrn de Franchis aus Reiseberichten kannten, so setzte uns seine ungeheure Dicke doch in Erstaunen. Man behauptet, der Stamm dieses Baumes, der in mehreren Urkunden erwähnt wird, weil er als Grenzmarke eines Feldes diente, sei schon im 15. Jahrhundert so dick gewesen wie jetzt. Seine Höhe schätzen wir auf 16–19,5 m; sein Umfang nahe über den Wurzeln beträgt 14,6 Meter.«

Sie beugten sich zu dritt über Humboldts Zeichnung, die ein sehr eigenartiges Gewächs mit einem riesigen Stamm zeigte. Die Krone bestand aus dicken, sehr eng zusammenstehenden und ineinander verschlungenen Ästen, die kronleuchterartig nach oben wiesen und zusammen eine trichterförmige Form ergaben – an den Seiten schräg und oben völlig abgeplattet. Am merkwürdigsten aber waren die Blätter, die stachlig wirkten oder wie Rosetten waren.

Henslow überreichte Darwin mit feierlichem Ernst das Buch und bat ihn weiterzulesen:

»Durch diese Teilung in Äste unterscheidet sich sein Habitus wesentlich von dem der Palmen. Unter den organischen Bildungen ist dieser Baum . . . ohne Zweifel einer der ältesten Bewohner unseres Erdballs. Der in de Franchis Garten trägt noch jedes Jahr Blüten und Früchte. Sein Anblick mahnt lebhaft an die ewige Jugend der Natur, die eine unerschöpfliche Quelle von Bewegung und Leben ist.«

Darwin bemerkte, dass sein Freund ihm angestrengt über die Schulter sah. Er lächelte und schob das Buch zu ihm hin.

»In Laguna«, las der Freund weiter, »verfertigt man in Nonnenklöstern Zahnstocher, die mit dem Saft des Drachenblutes gefärbt sind und die man uns sehr anpries, weil sie das Zahnfleisch konservieren sollten.«

Noch am selben Tag lieh Darwin das Buch aus der Bibliothek aus. Er las bis weit nach Mitternacht und sprach noch am nächsten Morgen mit solcher Begeisterung zu seinem Freund über den Text, dass beide beschlossen, sich täglich gegenseitig daraus vorzulesen.

Wie viel hatte Humboldt ihnen voraus! Darwin interessierte sich für Vulkane, war drauf und dran, Geologe zu werden und hatte noch nie einen feuerspeienden Berg gesehen! Teneriffa, die erste Reisestation des großen Weltreisenden, so glaubten beide, war besonders interessant, gab es doch dort den Teide:

» . . . der Pik von Teneriffa blieb fortwährend unsichtbar. Das Land trat nur undeutlich hervor, ein dicker Nebel verwischte alle Umrisse. Als wir uns der Reede von Santa Cruz näherten, bemerkten wir, dass der Nebel, vom Winde getrieben, auf uns zukam. Das Meer war sehr unruhig, wie fast immer in diesen Strichen. Wir warfen Anker, nachdem wir mehrmals das Senkblei ausgeworfen; denn der Nebel war so dicht, dass man kaum auf ein paar Kabellängen sah. Aber eben, da man anfing, den Platz zu salutieren, zerstreute sich der Nebel völlig, und da erschien der Pik des Teide in seinem freien Stück Himmel über den Wolken, und die ersten Strahlen der Sonne, die für uns noch nicht aufgegangen war, beleuchteten den Gipfel des Vulkans.«

Besonders gefiel ihnen der Abschnitt über Pflanzen, deren Namen sie noch nie gehört hatten: Melonenbaum, Bananenbaum, Erdbeerbaum. Aber auch jene Beschreibungen, in denen Humboldt das Meer und seine Bewohner beschrieb, faszinierte beide. Besonders hatten es ihm die Medusen angetan, die aus den tiefsten Tiefen emporstiegen und mit großer Eleganz das Schiff für eine Weile begleiteten. Manche waren, so Humboldts Angabe, von vier Zoll Durchmesser und ihr fast metallischer Glanz, ihre violett und purpurn schillernde Färbung, hob sich wunderbar vom Blau der See ab. Sie leuchteten sogar, wenn man sie berührte.

»Legt man eine sehr reizbare Meduse auf einen Zinnteller«, las Darwin laut vor, »so wird das Tier schon durch die leichte Schwingung des Zinns leuchtend. Galvanisiert man Medusen, so zeigt sich zuweilen der phosphorische Schein im Moment, wo man die Kette schließt.«

Auch englische Schriftsteller hatten das Leuchten des Meeres beschrieben ebenso wie antike Autoren. Humboldt ging darüber hinaus. Er behielt seinen analytischen Verstand.

»Die Nacht war wunderbar heiter und frisch.

Was mag eine Rauchschwalbe veranlassen, in dieser Jahreszeit und bei stiller Luft so weit zu fliegen?

Der Gesang der Kanarienvögel wechselt nach Schwärmen.

Luft, geschwängert vom heißen Wüstensand.«

Sätze wie diese überwältigten Darwin.

Aber dann kamen die Prüfungen und andere Dinge waren gefragt.

In der Kirche flüsterten sie sich leise »Teneriffa« zu wie ein geheimes Stichwort, fragten sich gegenseitig Spanisch-Vokabeln ab, denn eines war sicher – um auf die Kanarischen Inseln fahren zu können, vor allem nach Teneriffa, musste man Spanisch sprechen können. Dort, so hatten sie mit Bedauern gehört, beherrschte kein Einheimischer die Sprache der englischen Seemacht.

Vorexamen. Schlaflose Nächte. Hauptexamen. Einen Tag vor der Hauptprüfung reiste Darwins Freund überstürzt ab, steckte einen Zettel an Darwins Zimmertür, den der erst am Morgen bemerkte – sein Vater habe Typhus und läge im Sterben, aber bald würde er zurückkommen, um die Prüfung nachzuholen. Darwin wartete einen Tag auf eine weitere Nachricht, zwei Tage, dann eine ganze Woche. Um sich an den Kameraden zu erinnern, las er noch einmal die Beschreibungen von Teneriffa, träumte von Sternschnuppen, die fünfzehn Sekunden lang leuchteten und dann in viele Lichtfunken zerstoben, von physikalischen und geodätischen Instrumenten, von Strömungen, die die Meeresoberfläche in allgemeine Bewegung versetzen. In diesen Momenten war ihm der Kommilitone nahe. Von den Spanisch-Vokabeln behielt er nur drei Wörter im Gedächtnis: Melone, Meeresrauschen, Schwalbe.

Darwin war nicht besonders ehrgeizig, schloss aber sein Studium ab und kam unter die ersten zehn des Jahrgangs 1831. Seinem Vater entlockte dieses Ergebnis nur einen Seufzer, aber er gab sich zufrieden. Er wusste, dass sich sein Sohn als Naturwissenschaftler fühlte. Besonders Geologie und Botanik hatten es ihm angetan.

Er ermutigte Charles, sich einer Exkursion nach Mittelengland anzuschließen, die einer der Lehrer, Adam Sedgwick, organisierte. Alle Studenten fühlten sich leicht und befreit, denn die Prüfungen waren vorbei und sie wollten auf ihr neues Leben, von dem keiner so recht wusste, wie es aussehen würde, anstoßen. Adam Sedgwick, der schon Mitte fünfzig war und damit als uralt galt, hatte sich zu Bett gelegt.

Nachdem die Absolventen zwischen Steinen herumgeklettert waren und mehr als einmal unfreiwillig im Schlamm gebadet hatten, saßen sie am Abend im Café Arousal, was so viel hieß wie »Erweckungs-Café«, denn jemand hatte das »C« aus der Überschrift gestohlen, das dieses schöne Wort in ein weit weniger schönes umwandelte, nämlich in »Carousal-Café«, was so viel bedeutete wie »Zechgelage-Café«. Zechgelage – das hätte wohl eher gepasst, denn hier hielten sich die Arbeiter aus den umliegenden Steinbrüchen auf, bis sie von verärgerten Frauen, die sich wie feindliche Kanonenboote näherten, kurz vor Mitternacht nach Hause geschleift wurden. Der Wirt konnte, so oft er wollte, das »C« in Eichenholz erneuern lassen, immer wieder wurde es gestohlen.

Ein Arbeiter kam schüchtern an ihren Tisch und legte mit deutlich sichtbarem Stolz eine besonders schöne tropische Muschel auf den Tisch, die in Kalkstein eingebettet und offensichtlich alt war. Der Mann hatte lange gezögert, sich den gelehrten Studenten zu nähern, die sich schon äußerlich so sehr von ihm und seinesgleichen unterschieden.

- Interessiert Sie das?, fragte er vorsichtig.

Alle schauten die Muschel an. Wo hatte er sie her? Ein Erbstück? Oder hatte er sie bei einem Händler erworben? Der Mann hatte große, grobe Hände und sah nicht aus wie jemand, der Muscheln sammelt und sie auch noch bei Händlern kauft.

- Ich habe sie in der Nähe einer alten Kiesgrube in der Nähe von Shrewsbury gefunden, sagte der Mann und fügte mit Betonung hinzu:

- Ich bin hier Vorarbeiter.

- Verkaufen Sie uns das Stück, sagte Darwin sofort und wusste nicht, wie sehr er den Mann mit dieser Bemerkung beleidigte.

- Nein, sagte der Arbeiter fest und wollte die Muschel sofort wieder einpacken.

Darwin entschuldigte sich, bat den Mann, die Muschel noch einmal auf den Tisch zu legen, holte einen Bindfaden heraus und bestimmte die Abmessungen. Dann zog er einen Skizzenblock aus der Tasche, schob die Biergläser und die Suppenteller beiseite und begann zu zeichnen.

Es war eine ungelenke Skizze und Darwin bereute, dem Fach »wissenschaftliches Zeichnen« so wenig Beachtung geschenkt zu haben. Am Morgen erzählten sie Sedgwick davon, der an diesem Tag früh zu Bett gegangen war und zeigten ihm das Blatt. Sedgwick drehte die Zeichnung hin und her.

- Unmöglich, sagte er schließlich mit fester Stimme, er muss sie vom Markt haben. Er legte das Blatt beiseite und stieß mit der Gabel so heftig in eine gebratene warme Wurst, dass es heftig aufspritze.

Die jungen Leute, die das Gespräch mit angehört hatten, bestätigten Darwins Schilderung.

- Da der Arbeiter keinesfalls bereit gewesen war, sie zu verkaufen – Darwin war sich ganz sicher –, glaube ich ihm, dass er sie tatsächlich selbst gefunden hat.

Sie beendeten die Diskussion darüber, weil der alte Geologe langsam böse wurde. Die Reise, die bis dahin wolkenlos und fröhlich verlaufen war, verlor die Leichtigkeit. Beim nächsten Ausflug, der in ein Vulkangebirge führte, nahm Sedgwick Darwin beiseite, ergriff dessen Hand und meinte eindringlich:

- Vergessen Sie die Muschel, ich beschwöre Sie. Die hat jemand in die Grube geworfen.

Dann schwieg er bedeutungsvoll und setzte hinzu:

- Wenn sie wirklich dort eingeschlossen gewesen wäre, wäre dies das größte Unglück für die Geologie, weil alles das, was wir über die oberflächlichen Ablagerungen in den mittleren Grafschaften wissen, über den Haufen geworfen werden würde.

Den Satz wiederholte Sedgwick, als er Darwin und seinen Vater im Haus »The Mount« besuchte. Wie kann jemand, so wunderte sich Darwin, nicht in Entzücken geraten über die Tatsache, dass eine tropische Schneckenschale in der Mitte von England gefunden wird? Aber er sagte nichts, um seinen alten Lehrer nicht noch trauriger zu machen, als er ohnehin schon war. Es schien ihm, als bestehe Wissenschaft tatsächlich aus dem Zusammenfassen von Tatsachen, so dass in einem zweiten Schritt allgemeine Gesetze oder Schlüsse daraus gezogen werden können. Alle störenden, hässlichen Fakten, so schien es, sollten vergessen werden, weil sie nicht in unser System passen, ein saft- und kraftloses Happy-End sollte besser sein als jeder beunruhigende Widerspruch.

Mit diesem ersten Blick in die Abgründe der Wissenschaft gelangte die Studentenzeit ans Ende. Darwin hatte begriffen, wie schwierig es sein musste, sich von einer einmal lieb gewonnenen Theorie zu verabschieden, wenn man sich erst einmal in ihr eingerichtet hatte wie in einem Schweineverschlag.

VI.

Darwin beschloss, nach Barmouth zu fahren, denn es machte ihm Sorge, dass sich der Freund nie wieder gemeldet hatte. Darwin erreichte den Küstenort am späten Nachmittag, als sich die Schatten bereits verfärbten und der Abfall des Tages vom Abendwind getragen durch die Luft wirbelte. Dennoch: wie schön waren die rauen gelben Steine auf den Gassen, die mit den Überresten weißer Muscheln geschmückt waren, wie verheißungsvoll der Dunst der Wolken, der schwungvoll zum Blau des Himmelsbogens aufstrebte. Darwin genoss die Leichtigkeit der Küstenstadt.

Das Elternhaus des Freundes machte den Eindruck, als wohne keiner mehr darin: Die Gartentür war fest verriegelt, die Fensterläden geschlossen. Die Nachbarn machten sich hinter den Gardinen zu schaffen, ohne herauszukommen. Schließlich öffnete eine ältere Dame kurz das Fenster und sagte, indem sie mitleidig zur Seite schaute:

- Wenn Sie den jungen Mann suchen, so müssen Sie nach Llanaber gehen.

Noch bevor Darwin etwas fragen konnte, hatte sie das Fenster wieder geschlossen.

Kurz bevor er den genannten Ort erreichte, begriff er, dass sie den Friedhof gemeint hatte. Der Schreck durchfuhr ihn wie ein Blitz und er glaubte, diese inneren Verbrennungen nur durch körperliche Anstrengung mildern zu können. Das Llanaber Cemetery war hoch gelegen und für eine kleine Stadt erstaunlich groß. Die Gräber waren in schnurgeraden Reihen so angeordnet, dass sie von Weitem Gebirgen aus steinernen Blöcken und hölzernen Tafeln glichen, mit denen man über die Ufer tretendes Wasser zurückhalten wollte, aus der Nähe erzählten sie Familien- und Lebensgeschichten. So las Darwin auf manchen Grabsteinen fremdländische Buchstaben, Geburtsorte, die in fernen Ländern lagen, Todesdaten junger Leute, die am selben Tag gestorben waren, so dass man eine Tragödie vermuten durfte, vielleicht aus Liebe? Einige Grabsteine waren mit eingravierten Ölzweigen geschmückt, andere mit Tauben, wieder andere mit Zeichnungen von Fischen und Quallen.

Es gab einen einzigen, schnurgeraden Sandweg, von dem aus man zwei Gräberreihen erreichen konnte, etwa, um Blumen hinzulegen. Zu den meisten Grabstellen gelangte der Besucher jedoch nur, wenn er sich durch hohes Gras kämpfte, Gras, das sich unterirdisch ausgebreitet hatte mit verzweigten, unergründlichen Wurzeln, mit Trieben, die an unerwarteten Stellen kraftvoll nach oben stießen und begütigend alles zudeckten, am Ende auch die Grabsteine überwucherten. Erst jetzt bemerkte Darwin, dass sich die Anhöhe zum Kanal hin, der an dieser Stelle so breit war, dass er dem Meer glich, neigte, und mit ihr die Toten, die in weiteren Reihen angeordnet waren. Ganz unten, direkt am Wasser, fand Darwin zwei frische Grabstellen, hier war die erst kürzlich aufgeschüttete Erde noch nicht herabgesunken, und auf dem einen Grab lag ein kleiner Kranz aus Vergissmeinnicht, der aussah, als hätte ihn eine Mädchenhand geflochten und liebevoll auf das Grab gelegt, in der feuchten klaren Luft war er erstaunlich frisch geblieben. Auf dem Holzkreuz stand der Name des Freundes. Das Todesdatum war erst eine knappe Woche her.

- Wir wollten nach Teneriffa zum Teide, sagte Darwin traurig.

Als er wieder nach Hause kam – inzwischen war August und die Dahlien standen im väterlichen Garten in voller Blüte – fand er einen Brief von seinem alten Lehrer Henslow vor, der ihm das Angebot übermittelte, an einer Reise ans andere Ende der Welt teilzunehmen. Darwins Herz sprang vor Freude, und als er sich auf der Landkarte die Reiseroute anschaute und bemerkte, dass der Weg an Teneriffa vorbeiführen würde, stand sein Entschluss fest und er beschloss, seinen Vater einzuweihen.

VII.

Während Robert Darwin seinen Sohn ansah, machten sich in seinem Gesicht Angst und dunkle Ahnungen breit. Sofort fielen ihm Geschichten ein, die seinen Sohn abschrecken mussten. Tatsächlich hatte Robert Darwin Furchtbares über Expeditionen gehört. Da war nicht nur die See mit ihren Riffen, Untiefen und der Gefahr schwerer Stürme, fremde Küsten und wilde Völkern – immerhin hatten Eingeborene James Cook getötet –, auch die gesundheitlichen Risiken waren nicht zu unterschätzen, vor allem, was tropische Seuchen anging. Und wie oft musste improvisiert werden! Unter Kollegen hatte sich herumgesprochen, dass Kapitän John Ross in Ermangelung eines Chirurgen an Bord seinem Heizer den Arm amputiert hatte, in der linken Hand das Lehrbuch, in der rechten das Skalpell. Und das war kein Einzelfall. Sogar der Schriftsteller Charles Dickens hatte in einer Zeitschrift über Kannibalismus während der Entdeckungsfahrten ins nördliche Eismeer geschrieben und Einzelheiten aufgezählt, die jedem Christenmenschen den Schlaf rauben mussten: Mannschaften, die zuerst ihre Stiefelsohlen und dann das Oberleder verspeisten, sollen in ihrer Not auch Sterbende gegessen haben, die ein Chirurg zuvor hatte ausbluten lassen wie geschlachtetes Vieh . . . Dann sollen sie, wenngleich unter Gebeten, um das nächste Opfer gewürfelt haben! Der Aufsatz, der in einer Frauenzeitschrift erschien, war so schockierend, dass die Zeitschrift ihr Erscheinen sofort einstellen musste, weil keine der Leserinnen, die Kaffeedecken mit Blüten bestickten, sich für Käfer, Bienen und Marmeladenrezepte interessierte, sie noch kaufte.

Darwin war in Gedanken schon auf Reisen, hörte das Meer gegen den Bug des Seglers klatschen, träumte von phosphoreszierenden Medusen und Albatrossen, da hörte er die Stimme seines Vaters.

- Na gut, hatte Robert Darwin, so ernst es seine Quiekstimme erlaubte, zu seinem Sohn gesagt, wenn du irgendeinen Mann von gesundem Menschenverstand finden kannst, der dir den Rat gibt, du sollst gehen, so will ich meine Zustimmung geben.

Der massige Herr, der größte, den Charles Darwin je gesehen, bebte vor Furcht, nach der Frau auch den Sohn zu verlieren. Er war beileibe kein Angsthase. Mit 20 £ war er einst nach Shrewsbury gekommen und hatte daraus ein Vermögen gemacht – schon mit 21 Jahren deckten die Einkünfte aus der Praxis die Ausgaben für zwei Pferde und einen Diener. Aber was nützt alles Geld, wenn man Angehörige verliert? Am Ende, so sagte Robert Darwin einmal, sitzen wir alle als alte Männer auf einem alten Stuhl und haben Angst, allein zu sein.

VIII.

Darwin erinnerte sich, wie er am 26. Dezember 1831 in Devonport, das später zu Plymouth gehörte, angeheuert hatte. Die kürzeste Reise zu sich selbst führt um die Welt. Fortgehen. Alles hinter sich lassen. Wer weiß, ob wir uns noch einmal wiedersehen, hatte sein Vater gesagt.

Darwin hatte ein Kreuz von der Wand genommen und war allein nach Devonport gefahren. Irgendwo am Rande der Kleinstadt hatte eine Kuh gebrüllt, ein Hund gebellt und das war alles. Von Plymouth sah er zuerst die St. Andrew’s Church, die, so schien es, das ehemalige Fischerdorf bewachte. Über dem nördlichen Tor stand: I will rise again. Das Tor war verschlossen – dahinter wurde gesungen. Darwin blieb im Garten stehen, stellte sich vor, wie hier im Herbst die letzten gelben Rosen geblüht, sich die Blätter der wilden Apfelbäume verfärbt hatten. Von dieser Welt würde er sich nun für mehrere Jahre verabschieden.

Die Welt des Hafens war ihm neu, Hunderte von Menschen beluden Schiffe und drückten ihn beiseite, Leute kamen an, fuhren fort, würden einander nie Wiedersehen, waren gezeichnet von Schmerz, Suff und Abschied, die hier zusammengehörten wie Tag und Nacht. Manche Seeleute verkauften Fische, die halb so groß waren wie sie selbst und so groß wie die Käufer und von diesen, obwohl die Fische noch zappelten und zu entkommen versuchten, verzweifelt an die Brust gedrückt wurden. Darwin schüttelte sich, denn die Fische waren nicht eingepackt worden, und ihre schleimige Haut hinterließ auf der Kleidung der Käufer einen feuchten Film von intensivem Geruch oder vielmehr die Ahnung davon, denn er war zu weit weg, um das Ganze wirklich riechen zu können. Hier hatte Francis Drake Bowling gespielt, als die spanische Armada bereits zu sehen war. Wir haben noch Zeit, soll Drake kaltblütig in seinem breiten südenglischen Dialekt gesagt und das Spiel in Ruhe beendet haben. Auf der von den Niederländern geprägten Gedenkmünze stand später: Afflavit Deus et dissipati sunt. Gott blies und sie – gemeint war die Armada – verschwand.

Der Stein lag direkt neben einer hölzernen Madonna, von der die blaue Farbe, mit der ihr Mantel mehrfach übermalt war, in großen Stücken abblätterte, vor der sich die meisten Seeleute hastig bekreuzigten, bevor sie an Bord gingen. Von allen Ankömmlingen und Abreisenden wurde er nur »Stein der Geduld« genannt. Er war Darwin sofort aufgefallen, ein riesiger Findling, den eine fremde Kraft vor langer Zeit ans Ufer getragen hatte und der viel größer war als jener »Bellstone« in Shrewsbury, der auch ein Findling aus der Eiszeit war und der ihn als Kind so beeindruckt hatte. Dieser hier war groß und rund und weil er schon lange hier lag, war er seit Jahrhunderten in das Leben der Menschen einbezogen worden. So war ein Teil seiner Fläche mit Schrammen übersät, Blut, Teer-, Urin- und Speisereste hatten ihm ein eigenartig fleckiges Aussehen verliehen. Auf der Oberfläche befand sich eine Vertiefung, eine von vielen Gesäßen polierte Fläche, die an einen Stuhl erinnerte. Hier saßen seit Jahrzehnten, seit Jahrhunderten vielleicht, Angehörige, um auf Seeleute zu warten – meist waren es Frauen.

Wind kam auf, und Darwin sah zum ersten Mal die dunklen Segel der Beagle, die sich verheißungsvoll im Wind blähten. Es war ein Kriegsschiff der Cherokee-Klasse mit zehn Kanonen an Bord, das sich in den napoleonischen Kriegen bewährt und zum Forschungsschiff umgerüstet worden war. Darwin bekreuzigte sich noch einmal vor der Madonna und ging an Bord.

Er hatte alte Zeichnungen der Schiffe von James Cook und auch der von Reinhold Forster gesehen, und daran gemessen erschien ihm die Beagle sehr modern.

Das Deck wurde noch geschrubbt und es stellte sich heraus, dass sie erst einige Tage später auslaufen würden – es war also genügend Zeit, sich umzusehen. Als Darwin an Bord kam, beachtete ihn zunächst niemand und er hatte Muße, in jeden Winkel zu kriechen. Er war als »Gentleman Companion« angeheuert worden, als sogenannte standesgemäße Begleitung des Kapitäns, und es war die Rede davon gewesen, dass er für seine Naturstudien zwei Arbeitsplätze nutzen durfte, einen in der geräumigen Kajüte des Kapitäns und einen weiteren im »Captain’s Storeroom«, wo die Sammlungen aufbewahrt wurden. Die Kabinen waren nicht groß, aber zweckmäßig eingerichtet. Erst später sollte Darwin erfahren, dass für ihn nur ein kleiner Raum reserviert war, in dem gerade Platz war, sich einmal umzudrehen. Der schmale Raum am Ende des Kartentisches war der einzige Platz zum Arbeiten, Ausziehen und Schlafen, die Hängematte würde während des Tages über seinem Kopf hängen bleiben, so dass er sich bei unruhiger See hineinlegen konnte, um dort zu lesen. Für seine Sammlungen würde ihm unter dem Vorderkastell eine kleine Kajüte zur Verfügung stehen.

Über den Gang kam ein Mann, offensichtlich froh, einen Gesprächspartner gefunden zu haben. Er klopfte an die offene Tür und stellte sich als Schiffsarzt vor.

- Was meinen Sie, soll ich meine Kabine in Französisch-Grau oder Weiß streichen lassen?, fragte er ohne Umschweife.

Darwin setzte seinen Koffer ab – er war wohl der einzige an Bord, der außer dem Seesack noch einen Koffer trug – und sah den Mann erstaunt an.

- Weiß wirkt für gewöhnlich so tot, antwortete Darwin mit gespieltem Ernst, nehmen Sie doch lieber Französisch-Grau.

Der Mann schaute ihn prüfend an und dachte nach.

- Von einem Arzt erwartet man eigentlich Weiß, aber Sie haben schon recht. Ja, ja, Französisch-Grau ist wohl am besten.

Er schien erleichtert und meinte, dass er dieselbe Idee gehabt hätte. Dann lief er hastig weiter zum Nächsten, um dieselbe Frage zu stellen.

Schon bevor sie ausliefen, sollte es an Bord keinen Mann geben, den der Arzt nicht gefragt hatte, und Darwin hörte bis zum Ende der Reise nicht viel anderes von ihm. Er nahm sich vor, seine zahlreichen komplizierten wie seltenen Krankheiten, an denen er ohne Zweifel leiden würde, einige davon waren seine Lieblingskrankheiten, von Spezialisten auf dem Festland behandeln zu lassen, ein Vorsatz, dem er auch treu blieb. Die merkwürdigsten Leute an Bord waren drei Feuerländer, die der Kapitän Fitz-Roy von seiner letzten Reise mit der HMS Beagle mitgebracht hatte, um sie zu missionieren. Er hatte sich dafür vom 14. Oktober bis zum 27. Dezember 1830 Zeit genommen – zumindest hatten sie jetzt christliche Namen und verneigten sich alle Nase lang vor Fitz-Roy. Öffentlich markierten sie Schwermut, aber heimlich freuten sie sich, in ihre Heimat zurückgebracht zu werden. Sie gaben Darwin einen exotischen Vorgeschmack auf das, was ihn auf Feuerland erwarten würde.

Der Steuermann sprach wenig, denn er stotterte, verbat sich aber von vornherein bei der Mannschaft, seine Befehle zu übersetzen, weil dies erfahrungsgemäß zu Missverständnissen führe.

Auch die Kanoniere, Herren über zehn Kanonen an Bord, lernte Darwin bereits am ersten Tag kennen. Es waren raue Burschen, die den harten, schwer verständlichen Slang der englischen Südküste sprachen, gespickt mit Seemannsausdrücken. Andere waren Schotten, was die Verständigung noch mehr erschwerte.

Darwin schlich wie ein Kater umher, um sich allmählich an seine neue Heimat zu gewöhnen. Noch waren die Segel eingerollt, aber nicht mehr mit den ledernen Riemen festgeschnallt, so dass der Eindruck freudiger Erwartung entstand, die Fahrt werde, wohin auch immer, sogleich beginnen. Robert Fitz-Roy, der das Schiff schon einmal geführt hatte, hatte den Segler auf eigene Kosten überholen lassen. Nicht nur bei der Inneneinrichtung, sondern auch an Deck hatte er sich um jedes Detail gekümmert und guten Geschmack bewiesen. Auf dem tropischem Holz des Oberdecks ringelten sich Taue, die so dick wie der Oberschenkel eines sehr großen, sehr schweren Mannes, neben solchen, die dünn waren wie bebende Zweiglein. Ihre erdfarbenen Töne waren, so erschien es Darwin, mit viel Farbempfinden aufeinander abgestimmt worden, sie reichten von dunklem Málagabraun bis zu einem zarten Mistralbeige. Sie verzweigten sich über seinem Kopf und schmückten den Schiffshimmel mit einem kunstvollen Geflecht, das nur Fachleute zu deuten wussten. Auf den zahlreichen Podesten standen Ledereimer mit der goldenen Aufschrift »S. M. S. Beagle« in Reih und Glied, die im Falle eines Brandes zum Löschen dienen sollten und schon mit Sand gefüllt waren. Im Wind flatterte die britische Flagge.

Das Gefühl von Schönheit und Harmonie, das Darwin empfand, bestätigte sich auch bei der Besichtigung der unteren Decks – am Heck befanden sich die Räume des Kapitäns und der Offiziere. Darin standen ein großer Esstisch aus Mahagoni, ein Stehpult und der Kartentisch. Darwin schaute sich die Unterkünfte an – die gesamte Mannschaft einschließlich aller Offiziere, des Arztes und ihm würde in Hängematten schlafen. Die Hängematten für die Offiziere waren aus Segeltuch gefertigt und mit einer Matratze ausgelegt, die wiederum mit brokatähnlichem Stoff bezogen war. Die Schlafstätte erinnerte an eine Wiege, was anrührend und lächerlich zugleich wirkte. Während Darwin auch die anderen Räume besichtigte, wurde er immer tiefer in den Bauch des Schiffes hineingezogen: Er sah das Kanonendeck, die Tischlerei, die Küche, die einfachen Mannschaftsunterkünfte, die Aufenthaltsräume und schließlich den dunklen, bis an die Augenbrauen gefüllten Laderaum, von dem ein kleiner Raum abgezweigt war, in dem er die Ausbeute der Expedition würde lagern können. Sonne und damit Tageslicht würde es bald nur noch auf dem Oberdeck und in den Offiziersräumen geben, der größte Teil der Mannschaft würde sich im Dunkeln aufhalten müssen, spärlich beleuchtet von Laternen, die aus Angst vor Seeräubern und Kriegsschiffen mit orangefarben gestrichenen Scheiben verkleidet waren. Diese Scheiben ließen nur ein seltsam trübes Licht durch und bestrahlten die Gesichter wie bei einem permanenten Sonnenaufoder -untergang. Darwin fragte sich, warum er nicht in seinem bequemen Vaterhaus geblieben war mit Garten, Hühnerstall und Hund sowie der Aussicht, irgendwann zu heiraten und in der Nähe Dorfpfarrer zu werden. Morgens würde er die Zeitung lesen, ab und zu ein Buch. Warum ging er nicht wieder von Bord? Morgen oder übermorgen würden sie auslaufen. Sein Gepäck war bereits verstaut. Es war zu spät. Er hörte einen Matrosen zum andern sagen, dass auf dem Schiff ein Fluch liege, denn der frühere Kapitän habe sich während der Fahrt auf hoher See das Leben genommen. Kapitän Fitz-Roy, so der eine Matrose, habe zwar an seiner Stelle das Schiff glücklich heimgeführt, aber wer sage denn, dass er sich nicht auf der nächsten Fahrt entleiben würde? Der Matrose, der diese düstere Prophezeiung ausstieß, wusste nicht, dass er recht behalten sollte, wenngleich das Unglück erst 34 Jahre später eintrat, als niemand mehr an diese Fahrt mit der Beagle dachte.

Aber die Weissagung, mit dem ersten lauen Wind aufgeschnappt, beflügelte die Phantasie Darwins. Er entschloss sich, eine weitere Nacht an Land zu verbringen, festen Boden unter den Füßen. Im Hotel roch es säuerlich und nach schmutzigem Taft, in dem sich Motten eingenistet hatten, die in goldfarbenen Schwärmen aufflogen, sobald er die Tür öffnete.

Schon am frühen Morgen ging er wieder an Bord. Jetzt bemerkte er, dass überall die vom Kapitän verfassten Befehle und Vorschriften an den Wänden hingen, ihre im Frühlicht golden glitzernden Rahmen hatten etwas Bedrohliches. Darwin begann, die Texte zu lesen und fühlte sich von Zeile zu Zeile immer unwohler, weil er begriff, dass sich sein ganzes Leben ändern würde. Kommando-Ton statt eleganter Konversation. Drohungen statt Aufforderungen oder gar Bitten. Freunde, Jagd und Frauen würde er für Jahre vergessen können. Von nun an würde er auf Anweisungen, und mochten sie auch noch so dumm sein, immer »Aye, aye, Sir« antworten müssen, anderenfalls würde ihm »silent contempt« vorgeworfen, »schweigender Widerstand«, der bei der Royal Navy mit dem Tode bestraft werden konnte.

Auch einfache, an Land selbstverständlich erscheinende Tätigkeiten würden nun komplizierter werden – zum Beispiel das Schlafen. Die Hängematte, die Darwin umgehend ausprobierte, war trotz der Einlage, die ein Privileg für Offiziere war, schmal und hart. Nun fiel ihm auch auf, dass quer über die Liegefläche Lederriemen gespannt waren, auch das spartanische Mobiliar war mittels Lederriemen befestigt, ganz zu schweigen vom Essen. Auch bei Windstärke zwölf und gerade dann, so stand an allen Wänden, erwartete der Kapitän den vollen Einsatz jedes Mannschaftsmitgliedes. Noch einmal dachte er für einen Moment daran, die Sache abzublasen, da aber wurde schon die Landebrücke eingeholt und es ertönte ein schriller Pfiff, mit dem alle an Deck zum Appell gerufen wurden.

Der Segler legte ab und sie verließen den Naturhafen von Plymouth mit seinen alten Häuserzeilen. Die Schiffssirene ertönte wieder und wieder und Darwin erinnerte sich an eine Novelle Grillparzers, in der ein Spielmann immer den einzelnen Ton genießen wollte, den er dann für Musik hielt. Das letzte Gebäude, das Darwin sah, war das auf einer dünnen Landzunge im Wasser stehende China House, rechts winkte jene Treppe, von der aus dereinst mutige Leute mit der Mayflower in die neue Welt gesegelt waren. Die Küste begleitete das Schiff noch, die Felder erschienen klein wie Lappen, die Wege wie dünne Fäden, die traurig herabhingen, auf der schattenbildartig erscheinenden Küstenlinie ragte die Form eines Hügels mit ein paar markanten Büschen wie ein Aufschrei heraus, bis sich das Ufer aufgab und ins Meer überging. Im Hintergrund blieb kulissenartig noch etwas Land zu sehen mit der grauen Zeile der Festung, die wie ein verschlossener Schrank wirkte, und es schien so, als wollte sich England nicht verabschieden, rechts blieb für drei Minuten noch eine nach Francis Drake benannte kleine Insel erhalten, die ihre Felsen wie hundert Zungen ins Meer hinausstreckte. Hier war 1815 an Bord der Bellerophon Napoleon gefangen gehalten worden.

Die Schiffssirene schrie die Segel an, die Hafenmauer, die Zurückbleibenden. Der Leuchtturm von Breakwater, der vorerst provisorisch arbeitete, blinkte. Duftige Ferne. Darwin überkam das erste Mal das Gefühl von Heimweh, er kannte den Leuchtturmwärter, er hatte ihn auf der Baustelle ganz nach oben unters Dach in eine noch unvollendete gläserne Kuppel geführt, die Darwin mit ihrer eleganten Form an einen goldenen Käfig für tropische Vögel erinnert hatte. In der Kuppel des Leuchtturms, von wo aus Darwin überlegen übers Meer schaute, wurde das Feuer gefangen gehalten. Er hatte den Leuchter selbst gesehen – es waren mehrere Kränze aus Gusseisen, die, übereinander montiert, zahlreiche Kerzen trugen.

Der Kapitän der Beagle, Robert Fitz-Roy, galt, obwohl er ziemlich klein gewachsen war, in der Navy als schöner Mann. Er hatte die Aufgabe erhalten, die Küsten Südamerikas neu zu vermessen und der Admiralität mitgeteilt, dass er stolz sei, dieses Abenteuer zur Zufriedenheit seiner Majestät zu befehligen. Während Fitz-Roy, die Hände auf dem Rücken, mit angehobenem Kinn die Front seiner Untergebenen abschritt, zu denen Darwin nun gehörte, erläuterte er, dass es ihre Aufgabe sei, Messungen, die 1826 bis 1831 begonnen worden waren, zu vervollständigen, die Küste von Chile, Peru und einigen Südseeinseln aufzunehmen und eine Kette von chronometrischen Maßbestimmungen rund um die Erde auszuführen.

Sein Ton war rau und würde es fünf Jahre bleiben. Der Kapitän blieb vor Darwin, der den Chef um Haupteslänge überragte, kurz stehen, musterte ihn von unten nach oben und von oben nach unten, ohne etwas zu sagen. Darwin beschloss spontan, beim Anlegen jede Gelegenheit zu nutzen, an Land unterzukommen und dem »Commander and Surveyor«, dem »Befehlshaber und Vermesser« aus dem Weg zu gehen. Er hatte sich seit langem mit dem Zusammenhang zwischen Mimik und Verhalten befasst und ausführliche Studien an Hunden und anderen Haustieren durchgeführt, zuweilen, wenn sich die Gelegenheit bot, sogar an kleinen Kindern. Der Kapitän, davon war er überzeugt, würde ein weiteres dankbares Studienobjekt abgeben. Tatsächlich hatte Fitz-Roy, obwohl er sich gern als Gentleman mit feinen Manieren sah, ein unglückliches Temperament, unter dem die ganze Besatzung litt. Seine Gesichtszüge konnten sich von einem Moment auf den anderen vollkommen verdüstern. Noch Jahrzehnte nach der Reise erschien Fitz-Roys missgestimmte Fratze Darwin manchmal im Traum. Besonders schlimm war es, wenn der Kapitän an Bord eine kleine Unordnung entdeckt hatte. Streitereien an Bord beugte der Kapitän vor, indem er, wie Darwin nach Hause schrieb, dadurch alles glatt hielt, dass er sich der Reihe nach einen wie den anderen einmal vornahm.

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290 str. 1 ilustracja
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9788711449639
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Bookwire
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