Czytaj książkę: «Die weise Schlange»

Czcionka:

Petra Wagner

Die weise Schlange


„Die weise Schlange“ wird fortgesetzt durch den Roman „Der mondhelle Pfad“

Impressum

Umschlaggestaltung und Titelbild: Hauke Kock, Kiel

1. Auflage 2021

ISBN 978-3-95966-596-4

Lektorat: Anne-Cathrin Rost, Jena

Innenlayout: Verlag Rockstuhl, Bad Langensalza

E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH, Rudolstadt

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie. Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.


Inhaber: Harald Rockstuhl

Mitglied des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels e.V.

Lange Brüdergasse 12 in D-99947 Bad Langensalza/Thüringen

Telefon: 03603 / 81 22 46 Telefax: 03603 / 81 22 47

www.verlag-rockstuhl.de

Inhalt

Cover

Titel

Impressum

Initiation

Die Spur der Drachen

Glück im Unglück

Langsame und schnelle Gegner

Heimkehr ist die beste Umkehr

Die Quelle

Das Experiment

Zauber der Klänge

Wolfstochter – Hirschmutter

Elektra

Jäger und Gejagte

Der neue Geheimbund

Verschlafen

Beltane beginnt

Drei Dinge, die auf einem guten Markt nie fehlen: gute Ware, gute Unterhaltung, gutes Essen

Eier und Speck

Wo ein Wille, da ein Weg

Was – außer Geister – soll man in einem Geisterzug erwarten?

Freudenfeuer

Glücksbrot, Spiele, Sonnenschein

Wenn zwei sich streiten …

Tanz der Schwerter

Wenn der Schwan singt, lauscht der Löwe

Überrumpelt

Tränen der Angst

Gewissheit

Es gibt Wege, die will man nicht gehen, man muss

List und Taktik

Was braucht ein Späher mehr zum Leben? Mehr Glück als Verstand. Mehr Sinn als Verstand. Mehr Gegner ohne Verstand.

Wenn Drachen Netze spinnen

Das Gold der Berge

Schaukampf

Sieh nicht hin!

Guter Rat kommt oft auf alten Beinen

Falscher Verdacht

Rückkehr

Personenverzeichnis

Die Autorin

Initiation

Schlafend liegt das Land, bedeckt von dunkler Stille. Nur die Tiere der Nacht streifen umher, und so sind sie es, die den leisen Hauch vernehmen: „Brüder und Schwestern, ihr, freut euch und tanzt mit mir, nun endlich bin ich wieder hier.“

Und wie aus dem Nichts erhebt sich der Südwind. Er streift durch Gräser schwer von Reif, kreist um Borke glatt von Eis, küsst jede Knospe, zarte Blüte und schwingt sich weiter, höher, schneller über Wipfel, Berge, Klippen. Er hascht nach den Wellen und wirbelt zurück in die Auen, in die Wälder, ja, sogar in die Träume der Schlafenden.

Laut zerreißt ein Schrei die Stille, markerschütternd, gellend, wild; es ist nichts Menschliches, das kreischt:

„Wacht auf, ihr Schläfer! Hurtig, erwacht! Finsternis weicht, hebt ihre Decke aus tiefer Nacht! Dämmerung ahnt, wer hinsieht und wacht! Dunkel, Hell zu gleichen Teilen, den Anbruch heut besonders macht! Schaut gen Osten, staunt, gebt acht, Ostara, die Göttliche, erwacht! Einmalig jeder Augenblick und Herrlichkeit in reinster Pracht! Wacht auf, ihr Schläfer, und ehrt diesen Tag, Ostara gedacht!“

„Beim Geweih von Cernunnos, ich dreh dem Gallus den Hals um!“ Merdin ballte die Fäuste.

„Hm? Runter von meinem Haar, sonst hast du gleich einen verdrehten Hals.“ Viviane spähte durch die einen Spaltbreit geöffneten Lider. Um sie herum war alles finster, ihr Haar schien befreit, sofort kniff sie die Augen wieder zu. „Noch Zeit.“ Wohlig seufzend kuschelte sie sich tiefer in die weichen Bärenfelle.

„Ja, noch Zeit. Schlaf weiter, Vivian“, murmelte Merdin so leise wie möglich. „Und vergib mir, ich hab dein Haar unter meinem Arm nicht bemerkt.“ Doch seine weit aufgerissenen Augen sagten etwas vollkommen anderes als diese beruhigenden Worte.

Entsetzt starrte er auf Viviane hinab. Sehen konnte er sie nicht – es war noch zu dunkel im Raum – aber er wusste, sie lag genau unter ihm. Unter ihm! Wie war das passiert? Er konnte ihren warmen Atem an seinem Mund spüren. Und was noch schlimmer war: Er konnte auch ihre Arme und Beine fühlen, ihren Bauch und ihre weichen … bei allen Göttern, ihre Haut war so heiß! Sie glühte – nein, das war er, er brannte! Keine Panik.

Keine Panik.

Vorsichtig, ganz vorsichtig stemmte er sich auf die Zehen, auf die Fingerspitzen, spannte sämtliche Muskeln an … sachte, sehr sachte hievte er sich hoch, höher, weg von ihr. Oh nein, ihre Haut haftete an seiner, klebte fest, wollte einfach nicht abgehen. Lag das am Nussöl, mit dem sie sich gestern eingerieben hatten? So eine starke Haftung? Vielleicht in Kombination mit Schweiß? Nein, da klemmte irgendwas, fragte sich bloß … Oh, er steckte wirklich fest, genauer: Er steckte in der Klemme.

Diese Hitze an dieser Stelle, beim Geweih von Cernunnos, wieso merkte er das jetzt erst? Egal. Stillhalten. Nachdenken. Keine falsche Bewegung.

Wie war sie unter ihn gekommen? Nein, wie war er in sie gekommen? Schwachsinn. Er war nicht direkt in ihr. Jedenfalls nicht so tief. Das waren hoffentlich bloß ihre warmen, eingeölten Oberschenkel, die ihn festklemmten und ihm dieses Gefühl vermittelten. Eng und rutschig, so gut, so wunderbar. Nein, halt, das war gar nicht wunderbar, das war fatal. Er musste schleunigst nachdenken. Wie sollte er von ihr loskommen? Er hatte schließlich nicht um Erlaubnis gefragt und jetzt war eine ganz schlechte Zeit, um das nachzuholen. Wer wusste, wie Viviane reagieren würde, sie hatte viel Stolz in dieser Hinsicht. Obwohl, im Augenblick schien sie sehr zufrieden, geradezu glücklich. Er konnte es genau an ihrem Gesichtsausdruck sehen, langsam dämmerte es nämlich.

Oh weh. Er sollte sich in Sicherheit bringen …

Überaus sanft begann er, sich von Viviane zu lösen, den Blick fest auf ihre gesenkten Lider geheftet. Was würde sie von ihm denken, wenn sie jetzt die Augen aufschlüge? Er – einen Fingerbreit über ihr, lang ausgestreckt, mit gierigem Blick und dem mächtigen Drang, sich abwärts zu bewegen, statt aufwärts. Obwohl, aufwärts war auch nicht schlecht. Ihre Schenkel waren so schön glitschig. Also. Was machte er sich für Sorgen? Viviane schlief längst wieder tief und fest, sie stand eindeutig noch unter Drogen. Sie befand sich in der Trance, die in dieser besonderen Nacht herbeigeführt worden war – in voller Absicht, genau wie für ihn selbst. Kein Wunder, wenn er nicht gemerkt hatte, wie er auf sie gekommen war, und sie würde genauso wenig merken … Er könnte noch mal abwärts.

Nein.

Mit einem Ruck stand Merdin auf den Füßen und drehte sich weg. Sie sollte ihn nicht in dieser Verfassung zu Gesicht bekommen. Er wollte keine Fragen hören. Er wollte seine Stirn an die glatte Lehmwand drücken und tief durchatmen. Er wollte sich entspannen, überall.

„Beim Geweih von Cernunnos“, murmelte Viviane wenig später. „Ich rubble und rubble und bekomm die Augen einfach nicht auf.“ Schnaubend verschränkte sie die Arme unter der Brust und grummelte weiter: „Hm, was fühlt sich da so feucht … Iiiih, ist das schmierig! Wieso klebt das so? Muss an der Wärme hier drin liegen, oder an meinem Traum, oder an beidem. Ich bin mit einem Hirsch um die Wette gerannt, konnte prima mithalten und sogar überholen. Ich bin auch auf ihm geritten! Das scheint zwar überhaupt nicht logisch, aber was solls - echt beeindruckend, so eine Wanderung zwischen den Welten. Unglaubliche Reise. Bergkristalle als Tautropfen, bunte Edelsteine als Regenbogen, der Hirsch und ich vor dem Sonnengott höchstpersönlich; er hatte sogar ein Geschenk für uns. Weiter können die Sinne wohl nicht über sich hinauswachsen. Ah, jetzt endlich …“

Viviane riss die Augen auf. „Oh weh, vorher war es besser, mir schwirrt der Kopf.“ Träge, sehr träge schaute sie sich um.

Alles war wie am Abend zuvor, als sie mit geschlossenen Augen von ihrem Meister Akanthus in diese karge Hütte geführt worden war: Kein Licht, nur Finsternis mit einem Hauch von Violett, aber das reichte für ihre an die Dunkelheit gewöhnten Augen. Es gab ein winziges Fenster gen Westen, eines gen Süden, eines gen Osten und eine hüfthohe Tür gen Norden. Ansonsten nichts außer vielen weichen Bärenfellen auf dem Fußboden und an der Decke eine Öllampe.

„Ach.“ Viviane blinzelte. Merdin war ja auch noch da. Gestern, bei Tag betrachtet, hatte er allerdings besser ausgesehen. Mit dem Geradestehen hatte er noch keine Probleme gehabt. Oder?

„Tut dir was weh?“ Viviane legte sachte ihren Kopf schief, damit sie einen anderen Blickwinkel bekam. „Ich meine, ich sehe dich zwar nicht ausreichend, ist noch recht düster, aber hast du dir gestern im Kampf was gezerrt oder geprellt? Oder hast du dir gar was gebrochen?! Kriegst du gut Luft? Fühlt sich irgendetwas steif an?! Wird was dick?“ „Kaum der Rede wert.“ Merdin grinste die braune Lehmwand an und presste sich die Hände auf den Rücken. „Sind bloß Prellungen. Hab ein paar tiefe Faustschläge einstecken müssen. Unterer Rippenbogen hinten rechts. Genau hier.“ Er schob seine fünf langen Zöpfe zur Seite und deutete auf besagte Stelle.

„Wenn’s weiter nichts ist, ich guck mal nach. Dein Hals ist ja nicht lang genug.“ Schwerfällig rollte sich Viviane auf den Bauch.

Sie wollte gerade die Arme aufstützen, da machte Merdin eine wegwerfende Handbewegung und gluckste: „Du wälzt dich auch nicht gerade behände herum. Also lass sein, Vivian, und ruh dich aus. Ich kann warten, bis es richtig hell ist. Im Moment haben Veilchen Tarnfarbe und wir sollten lieber diese wunderbare Fußbodenheizung genießen. Vielleicht ist nachher alles wieder gut.“

„Mir recht.“ Schwer sackte Viviane in die Felle zurück und schaute mit verdrehtem Kopf zu, wie Merdin seine Muskeln bewegte. „Scheint alles heil geblieben, von meiner Warte aus“, rief sie ihm zu. „Ein paar Schwitzbäder und du fühlst dich bald wieder wohl. Prüfung bestanden. Deine Torques stehen dir gut zu Gesicht. Herzlichen Glückwunsch. Selbst deine Frisur sitzt immer noch perfekt. Weck mich, wenn die Hühnerbrühe fertig ist.“ Seufzend schloss Viviane die Augen und streckte alle Glieder von sich.

„Du hast übrigens recht“, murmelte sie nunmehr mit schwerer Zunge. „Diese Feuerstätte unter dem Boden ist dermaßen praktisch…“ Sie gähnte, bevor sie weitersprach: „Vom Prinzip her ist dieses mickrige Grubenhäuschen wie ein Backofen. Erst von außen anfeuern, dann die Ahnungslosen rein, Tür zu und warten, bis der Inhalt fertig ist. Eine Druiden-Krieger-Backwerkstatt sozusagen.“ Sie seufzte tief und ihre nächsten Worte wurden immer leiser: „Das Backwerk vorher natürlich gut durchkneten, damit … ein ordentlicher … Drachenkrieger draus …“

Merdin drehte sich zaghaft um. Sie war tatsächlich noch mal eingeschlafen.

Bestens.

Einen Moment kämpfte er mit dem Gedanken, sich wieder auf sie zu legen. Ihre Rückansicht war dermaßen verlockend … Noch ein rascher Blick auf das Fenster gen Osten, schon kniete er zu ihren Füßen. Ihre helle Haut schimmerte bläulich, so wie das Meer in seinem ständig wiederkehrenden Traum. Ihre sanften Rundungen waren wie die Wellen, anschmiegsam und warm, nur für ihn. Sie war sein, seine Vivian. Er würde es ihr sagen.

Und jetzt musste er sich beeilen, der Morgen war nah.

Das schmale Pergament im Fenster gen Osten wechselte von Nachtblau zu einem tiefen Dunkelblau.

Königsblau.

Kornblumenblau.

Trommeln begannen zu dröhnen wie Donner aus weiter Ferne.

Ein dumpfer Schlag, ein zweiter, dritter …

Schon krachten viele Schläge gegen die hüfthohe Tür. „Aufwachen, Initianten! Tagesanbruch! Frisch polierte Drachenschwerter harren eurer!“

„Meister Akanthus?!“ Merdin riss die Augen auf und starrte gegen die Dachbalken. Verwirrt drehte er den Kopf - er war tatsächlich eingeschlafen, auf Vivianes Hinterteil. Hastig sprang er hoch, warf einen Blick abwärts … Gerade hatte er sich wieder an die Wand geflüchtet, da stand sein Meister bereits neben ihm und feixte.

Akanthus‘ Lächeln wurde noch breiter, als er Viviane auf die Füße zog und ihr tief in die Augen schaute.

„Gut, schön stehen bleiben, Vivian, und lächeln. Heute ist schließlich dein großer Tag. Was sollen deine Drachenbrüder und -schwestern von dir denken, wenn du durchs Spalier torkelst wie eine Betrunkene?“

„Ich bin nicht betrunken, Akanthus, ich bin nur müde“, verbesserte Viviane und zog ihre fünf Zöpfe lang. „Ich kann prima gerade stehen, guck!“

Sie schaffte es tatsächlich – trotz wild schwankender Lehmhütte –, gerade zu stehen. Akanthus schien das sehr zu amüsieren. Viviane hob neckend den Finger und kam prompt wieder ins Wanken.

„Ja, lach nur, Akanthus! Sei froh, dass das Zeug aus der Öllampe verflogen ist, sonst würde ich mich bald über dich amüsieren. Obwohl, vielleicht ist noch ein winziges Tröpfchen …“ Den Blick hinauf zum obersten Deckenbalken hätte sie sich lieber sparen sollen, denn nun kippte sie vollends um.

Akanthus stand schon zum Auffangen parat.

„Immer mit der Ruhe, Töchterchen. Am besten konzentrierst du dich auf den Klang der Trommeln und deinen alten Meister, das hilft beim Austarieren von Körper und Geist. Ich hatte schließlich auch mal eine Initiation fürs Drachenschwert, wenn ich dich erinnern darf.“

Sorgsam prüfte er Vivianes Stehvermögen mittels Schulterklopfen, dann hob er lachend die Hände und fuhr sich – da sie artig stehen blieb – durch seine Löwenmähne. „Nun ja.“ Nachdenklich betrachtete er den Silberanteil im Kupferrot seiner langen Haare. „Das ist zwar schon eine ganze Weile her, aber ich kann mich noch bestens erinnern. Genauer gesagt, ich kann mich an meine Wanderung zwischen den Welten erinnern. Daran, was hier passierte …“

Er ließ seinen Blick von der Öllampe am Deckenbalken zu den Bärenfellen am Boden schweifen und klatschte in die Hände. „Gut, eure Zeit hier ist um und deshalb: Hurtig, hurtig, ab durch die Mitte, ihr beiden!“ Mit großer Geste deutet er auf die hüfthohe Tür.

„Ducken nicht vergessen.“

„Oh weh, ich sehe alles doppelt. Ich versuch es mal mittendurch“, seufzte Viviane und setzte sich schwankend in Bewegung. Merdin tappte stöhnend hinterher.

Wer von ihnen mehr Schräglage hatte, war schwer zu sagen, doch kaum hatte sich Viviane unter dem niedrigen Türstock hindurchgebückt, fühlte sie sich besser. Die Morgenluft war mild, viel wärmer als gestern, und sie roch einfach wunderbar nach sprießenden Knospen, Blüten, Gras, goldener Wärme, neuem Leben …

„Phänomenal.“ Genüsslich sog sie die Brise ein. „Jetzt habe ich schon zwanzig Lenze erlebt – zwanzig Mal Ostara, vier davon in Britannien, aber dieses fünfte hier … diese laue Luft, dieses üppige Grün und Blüten über Blüten auf weiter, weiter Flur!“ Bewundernd ließ Viviane ihren Blick schweifen.

Gestern hatte auf der gesamten Wiese bis hinter zum Waldrand noch eine dünne Schneedecke gelegen. Heute blühten massenweise Schneeglöckchen und Primeln zwischen zarten Gräsern, alles erstrahlte in Weiß, Gelb und Grün so weit das Auge reichte, darüber ein Himmel in prachtvollem Gold-Blau.

Dieser eine Tagesanbruch schien besonders und wie für sie gemacht. Er hatte nicht nur den Wandel in der Natur, sondern auch in ihrem Leben gebracht. Hier und heute hatte sie, Viviane, etwas erreicht, was sich nur wenige Menschen überhaupt zutrauten, und dieses Glücksgefühl durchströmte sie nun so stark, dass sie sich kaum bändigen konnte.

Jauchzend breitete sie die Arme aus, tänzelte auf Zehenspitzen einmal im Kreis und warf den Kopf zurück.

„Bei Ostara, wie herrlich! Schaut nur in diesen wunderbaren jungen Morgen! Azurblau mit Streifen aus Gold so zart …“

Unwillkürlich betastete sie ihren Hals, an dem seit gestern ihre beiden Torques in Form von goldenen Schlangen prangten, und lauschte in sich hinein. Ihr Herz klopfte ruhig, ihre Augen sahen wieder bestens, sie stand fest auf ihren Füßen.

„Ja, Vivian, dies alles hat der Südwind in einer Nacht geschafft.“ Merdin atmete tief ein, betastete ebenfalls seine Torques und ließ den Blick über Vivianes nackte Gestalt schweifen.

Am liebsten hätte er mit ihren fünf langen, rotbraunen Zöpfen gespielt, seine Wange an ihre geschmiegt … Stattdessen reckte er sich ausgiebig, schob sich ein wenig näher an sie heran und begnügte sich mit der guten Sicht über ihren Kopf hinweg.

So standen sie hintereinander, mit fast zwei Köpfen Höhenunterschied, die Hände an ihren goldenen Halsreifen, und schauten gen Osten in den klaren, beginnenden Morgen.

„Was der Südwind hierzulande alles vollbringen kann …“ Viviane nickte in stummer Ergriffenheit und tastete nach Merdins freier Hand.

Gemeinsam atmeten sie ein und aus, lauschten dem Säuseln des Windes, dem Dröhnen der Trommeln, dem Klopfen ihrer Herzen, hörten den Klang von wilder Sehnsucht.

Hier und jetzt würde der letzte Abschnitt ihrer Initiation beginnen, die wohlverdiente Aufnahmefeier. Wie auch immer diese vonstattengehen würde – das hatte ihnen niemand verraten wollen. Doch Geduld war ihre Stärke. Sie hatten fünfeinhalb Jahre Heilkunst-Ausbildung absolviert und nebenbei die Kunst des Kampfes erlernt. Sie hatten ihre Prüfungen in Chirurgie, Kräuterkunde, Wundheilung, Arzneiherstellung und all den wichtigen Handgriffen bestanden, die ein voll ausgebildeter Arzt können musste. Danach hatten sie mit allen Sinnen und leerem Magen gegen riesige Krieger in dunklen Wäldern gekämpft, ihre Torques feierlich angelegt bekommen und nun ganz offenbar eine Nacht im Drogenrausch hinter sich gebracht. Was immer jetzt noch auf sie zukam – sie waren bereit.

Das Lächeln rutschte ihnen zeitgleich aus dem Gesicht, als zwischen den Büschen am Ende der Wiese blaue Punkte auftauchten und einen Wimpernschlag später wieder verschwanden.

Hastig trat Merdin an Vivianes Seite, und sie kniffen beide die Augen zusammen, um den Waldrand besser ins Visier nehmen zu können.

Der Wald war von ihrem Standpunkt aus sehr weit weg, doch es gab keinen Zweifel: Dort im Unterholz, zwischen Bäumen und Sträuchern, sammelten sich nackte, blau bemalte Krieger. Drei, fünf, sieben … es wurden immer mehr … Männer, vielleicht auch Frauen, das war auf die Entfernung nicht erkennbar.

Unvermittelt schlugen die Trommeln schneller und eine breite, blaue Woge ergoss sich aus dem Wald. Viviane und Merdin rieben sich die Augen, blinzelten hektisch, doch das Bild blieb: Da tobte ihnen eine wilde Kriegerhorde entgegen. Je näher sie kam, umso deutlicher sahen sie die einzelnen Kämpfer: Männer, Frauen, nackt und blau bemalt von Kopf bis Fuß, mit aufgetürmten Haarmähnen, Halsreifen aus Gold, Gürteln mit Waffen, Speeren, Lanzen … unter lautem Kriegsgeheul erstürmten sie die Wiese.

Obwohl sie noch viel zu weit weg waren, wirbelten sie mitten im Lauf Steinschleudern über ihren Köpfen, rissen Pfeil und Bogen hoch, Speere, Blasrohre … Steine, Pfeile, Speere zischten durch die Luft, prasselten ins Gras, rammten sich ins Erdreich. Blasrohrpfeile spickten die Wiese vor ihnen wie mit Nadeln, doch diese weiß-blauen Wilden rannten einfach weiter, immer weiter, sprangen mit langen Sätzen über ihre eigenen Geschosse und johlten, brüllten, kreischten zum Donner der Trommeln – es war der schiere Wahnsinn. Merdin gähnte.

„Einfach grässlich, der ganze Tumult. Und wie die aufstampfen … bei mir vibriert schon der kleine Zeh. Wie steht es bei dir?“

„Krakeelende Drachenkrieger? Sehr fürchterlich. Ich mach mir gleich ins Röckchen.“

„Ins Röckchen?!“ Merdin prustete los und schielte an ihr hinab. Die dicke Ölschicht auf ihrer Haut, vermischt mit dem Schweiß der letzten Nacht, war die reinste Augenweide. Für ihn hätte sie auf ewig nackt bleiben können. „Ach, Vivian“, seufzte er übertrieben schwermütig. „Du hättest wenigstens ein kleines bisschen zucken können. Ich habe es wieder mal vermasselt. Hab aus purem Reflex nach meinen Schwertern gegriffen.“

„Ein komplett nackter Mann hat keine Schwerter.“

„Weiß ich doch, aber ich kann mir das einfach nicht abgewöhnen. Affekt ist Affekt.“

„Merdin, ich muss dich schelten. Erst nachdenken, dann handeln, hat uns Akanthus beigebracht, egal ob beim Kämpfen oder beim Heilen.“

Zum besseren Einprägen wedelte Viviane mit dem Finger und zwickte Merdin in die Nase. „Beim nächsten Mal verpasse ich dir keine Rüge mehr, dann quetsche ich dich gleich woanders. Lass es lieber nicht drauf ankommen.“ Feixend zupfte sie an der erstbesten kupferroten Haarflechte, die sie von ihm zu fassen bekam.

„Das sind Lehrmethoden …“ Lächelnd rieb sich Merdin die Nase und fragte: „Nun gut, Herrin der Reflexe, woran hast du so rasch erkannt, dass der Angriff nicht echt ist?“

„Weiß nicht genau.“ Viviane zuckte die Schultern und beobachtete die Krieger, die immer noch wie die Irren rannten und kreischten. Gerade machten sie sich bereit, einen neuen Geschosshagel in ihre Richtung zu schicken.

„Mein erster Gedanke war …“, rief sie laut in das aufkommende Zischen hinein, „…dass ich zwar niemanden erkenne, aber sie können sich noch so blau anmalen vom Scheitel bis zur Sohle und die Haare mit Ziegenfett steif halten – sie brüllen einfach nicht real genug. Da ist keine Angst, kein Zorn oder Hass herauszuhören, wie man bei einem echten Angriff erwarten dürfte, sondern vielmehr Jux und Übermut. Wahrscheinlich haben sie deshalb einen langen Anlaufweg gewählt, statt sich zuerst näher heranzuschleichen. Ohne Schild ist ein Langstreckenrennen ja auch viel leichter, wenn man sowieso keinen Schutz braucht.“

Viviane nickte in Richtung einer jungen, sehr hochgewachsenen Kriegerin, die an der rechten Flanke allen voran stürmte. Stattlicher Wuchs, üppige Brüste und drei blaue Spiralen im Gesicht waren ihre hervorstechendsten Merkmale, doch mit jedem ihrer ausgreifenden Sprünge in Vivianes und Merdins Richtung gab es mehr von ihr zu sehen.

Ihre langen blonden Haare waren zu einer mächtigen Löwenmähne verzottelt, die sie noch viel größer und wilder erscheinen ließ, als sie sowieso schon war. Auf Brust und Bauch prangte ein riesiger blauer Drache mit scharfen Zähnen und Augen von derart stechendem Blick, dass der Drache zu fliegen schien, als die Kriegerin mitten im Sprung ein ellenlanges Rohr um ihre Finger wirbelte. Der Anblick brachte Viviane zum Schmunzeln.

„Uathach krakeelt immer am lautesten, rennt immer am schnellsten und treibt immer Unfug mit ihrer Speerschleuder.“

„Ganz recht, deine Freundin bringt ihre Speerschleuder mal wieder zum Rotieren. Hatte früher bestimmt keinen Kreisel zum Spielen.“

„Ja, die alten Krieger-Clans hierzulande, müssen immer protzen.“

„Die von der Nebelinsel sind am schlimmsten, kann ich dir versichern.“

Darauf erwiderte Viviane nichts, denn ihre Aufmerksamkeit galt noch immer der blonden Kriegerin. „Oh je, sie wird doch nicht …! Jetzt ist ihr eingefallen, dass sie am weitesten werfen kann! Achtung! Tieffliegender Drache von rechts!“ Mit aufgerissenen Augen verfolgte Viviane, wie Uathach mitten im Rennen ihre Speerschleuder über dem Kopf austarierte. Als sie zum Wurf ansetzte, sah es fast gemächlich aus, doch ihr Speer schoss mit einer solchen Wucht von der Laufschiene weg, dass Viviane tatsächlich glaubte, zwischen zwei Trommelschlägen das typische Zischen zu hören. Ihre Augen folgten der Flugbahn des Speeres, der flog und flog wie von unsichtbarer Hand getragen.

Einschlag zwanzig Schritt rechts vor ihr? Ein Katzensprung!

Jauchzend riss Viviane das Geschoss an sich und rannte auf Ausgangsposition zurück.

Doch Merdin war nicht mehr da, wo er soeben noch gestanden hatte.

Leichtfüßig trabte er ein Stück weit über die Wiese, wo mittlerweile die anderen Wurfgeschosse eingeschlagen waren, und begutachtete die Auswahl. Er schlenderte hierhin, schlenderte dahin, zog einen Pfeil heraus, einen Speer, warf beides wieder weg …

„Holla, du träge weise Schlange! Hurtig, hurtig, wappne dich! Bald sind sie da!“

„Nur keine Hektik, ich will einen schönen Spicker!“

„Wie ein Feinschmecker auf Pilzsuche.“ Grinsend stützte sich Viviane auf ihren erbeuteten Speer und genoss das Spektakel.

Die anstürmende blaue Horde hatte kurz innegehalten, um den Einschlag ihre Geschosse besser zu verfolgen. Nun begannen sie wieder zu rennen. Wie auf Kommando fächerten sie sich zu einer breiten, sichelförmigen Angriffsformation auseinander und ihre äußeren Läufer steigerten sich zu enormer Geschwindigkeit. Manch einer hielt noch Axt oder Messer zum Wurf bereit, als sie wild durcheinander brüllten: „Merdin, ich krieg dich! Ich verpass dir Stummel statt Zöpfe!“ „Von wegen, ich krieg die Haare! Pass auf, gleich kommt meine Axt!“ „Weg da, ich hack ihm zuerst was ab!“ Sie hörten sich ziemlich begeistert an.

Viviane hätte sich krümmen können vor Lachen, wollte aber ihre gemütliche Stellung ‚Kinn auf Hand auf Speer‘ nicht aufgeben.

Merdin geriet nun doch in Eile. Hastig zerrte er zwei Speere aus der Wiese und huschte im Zickzack zu ihr zurück.

„Ein Hase mit Flatterzöpfchen, wie niedlich“, gähnte sie und legte das Kinn wieder auf Ruheposition. „Bin mal gespannt, was als Nächstes passiert.“

„Vivian, gib acht!“ Merdin raste an ihre Seite und schlug seine Speere gegeneinander.

„Die wollen uns in die Zange nehmen! Gerade eben hattest du es noch eilig!“

Viviane gähnte noch ausgiebiger und schaute ihn aus trüben Augen an. „Gib Ruhe, ich amüsiere mich gerade.“

Weil Merdin prompt tat, wie ihm geheißen, musste sie lachen.

„Wollte dich bloß ein bisschen foppen“, gluckste sie und deutete beschwingt gen Wiese.

„So viele gegen uns zwei? Diese Irren werden sich gegenseitig in die Zange nehmen, weil jeder der Erste sein will!“ Demonstrativ machte sie es sich wieder auf ihrem Speer gemütlich. „Weck mich, falls noch ein paar für mich übrig bleiben.“

„Oh.“ Merdin starrte ein wenig traurig auf die wilde Horde. „Dabei hab ich so schöne Spicker parat.“ Schmollend stellte er seine Speere ebenfalls auf Schlafposition.

„Kinder, nehmt Haltung an. Was sollen eure Brüder und Schwestern denken, wenn sie für euch Spalier stehen?“

„Spalier?!“ Viviane und Merdin standen sofort gerade und rissen die Köpfe herum. Sie hatten Akanthus vergessen.

Ihr Meister stand hinter ihnen und schien sich köstlich zu amüsieren.

„Ja, sie bilden zwei Reihen. Eine rechts und eine links von euch. Sofern ihr endlich aufhört, auf der Stelle zu schwanken, denn sonst kann ich für eure niedlichen Flatterzöpfchen nicht garantieren.“ Die Lachfalten um seine blauen Augen wurden tiefer. Mit einem Handwedeln wies er sie an, wieder nach vorne zu blicken.

Viviane und Merdin reagierten prompt und japsten vor Schreck. In Pfeilformation rasten ihnen diese Irren nun entgegen und sprengten rechts, links, rechts, links an ihnen vorbei, als hätten sie das tagelang geprobt. Trotz ihres Schwungs wendeten sie fast auf dem Fuß. In Windeseile standen zwei Reihen Krieger parat: Männer und Frauen, alte, junge; nackt, blau und bis an die Zähne bewaffnet. Sie atmeten heftig und grinsten zufrieden beim Anblick der beiden völlig verblüfften Initianten und Akanthus, der hinter deren Rücken feixte und beide Daumen hochhielt.

Nachdem sich ihr Atemrhythmus sehr rasch beruhigt hatte, zogen beide Seiten wie ein Mann die Langschwerter aus den Scheiden und streckten sie auf Brusthöhe von sich, bis sich die Spitzen fast berührten. Abrupt wurden ihre Mienen ernst.

Ein paar Schritte trennten die beiden Seiten voneinander, überbrückt mit dem besten Metall, was es überhaupt gab: Eisen, nicht von dieser Welt. Meteoreisen. Völlig synchron rissen die Krieger ihre Langschwerter nun hoch und zogen noch einmal blank. Diesmal streckten sie mit dem anderen Arm die Kurzschwerter auf Brusthöhe. Der Raum zwischen beiden Seiten schien wie eine ewig lange Kluft, erfüllt von einem fernen Singen, das von Liedern vieler Schlachten kündete – alten und neuen, die erst noch kommen würden. Doch dieser Eindruck währte nur einen Atemzug lang.

Mit einem lauten Aufstampfen rückten die Krieger vor und hoben die Kurzschwerter den Langschwertern entgegen, bis sie knapp unter diesen lagen wie ein Balken unter dem Dach. Und obwohl die Trommeln weiter schlugen, kehrte nun eine Ruhe ein, die nach dem schrillen Kriegsgeheul fast in den Ohren dröhnte.

Viviane war mit einem Schlag hellwach.

Die Stille lastete auf ihren Augen, ihren Ohren, ihren Händen, ja auf ihrem gesamten Körper, als würden alle Krieger auf ihren Schultern stehen; samt Schwertern wogen sie so viel wie ein ganzes Haus bedeckt mit Meteoreisen.

Strahlend fasste sie Merdins Hand und drehte sich nach Akanthus um. Er nickte und Vivianes Füße setzten sich wie von selbst in Bewegung.

Als Viviane dem ersten Paar im Spalier entgegentrat, stiegen ihr vor Rührung Tränen in die Augen; sie verharrte unwillkürlich.

Uathach lächelte ihr aufmunternd zu. Die ersten richtigen Sonnenstrahlen trafen ihre Schwerter, spiegelten sich auf den nächsten Klingen und sprangen weiter, immer weiter, bis die gesamte Strecke reflektierte. Es war, als höben Uathach und ihr Gegenüber ein gleißendes Prisma gen Himmel, ein Symbol aus Licht.

Viviane blinzelte die Tränen weg und strahlte ihre Freundin an. Dann richtete sie den Blick gerade aus und machte den ersten Schritt, Seite an Seite mit Merdin. Beide hielten sie die Häupter stolz erhoben, genau wie Akanthus dicht hinter ihnen. Ja, auch er hatte allen Grund dazu.

Seine Schlangentorques glänzten an seinem Hals, sein weißes Gewand umschmeichelte seine bloßen Füße und der Südwind erzählte jedem, der es hören wollte: Akanthus war der Sohn eines Königs, der oberste Lehrmeister beim Studium der Medizin und Anführer der Drachenkrieger. Es war eine Ehre für Viviane und Merdin, vor ihm zu gehen, über ihnen alles zerschlagende Schwerter und neben ihnen weiß-blaue Mauern aus Körper und Geist.

Wie von selbst richtete sich Viviane zu ihrer vollen Größe auf und vergewisserte sich, ob über ihr genug Platz war. Sie schaute nur kurz zu den Schwertern hinauf, sie wollte nicht zaghaft erscheinen oder gar misstrauisch.

Die Krieger rechts wie links standen vollkommen reglos und reckten die Klingen empor. Doch wenn auch nur einer ihnen feindlich gesinnt wäre, bliebe ihnen keine Chance. Obwohl, wozu trug sie einen Speer in der Hand? Und Merdin, als ihre linke Flanke, hatte gleich zwei.

Das war es.

Genau das sollte dieser Gang ihnen verdeutlichen: Sie mussten sich gegenseitig über den Weg trauen, mussten sich aufeinander einlassen, sich aufeinander verlassen können. Sie waren Elitekrieger der besonderen Art. Sie waren Druiden und Krieger in einem – gleichzeitig Bewahrer des Wissens und Verteidiger des Wissens. Eine Kombination, die so eigentlich gar nicht existieren dürfte, geboren aus purer Existenzangst und der Not, ihr Wissen mit aller Macht hüten zu müssen.

Und tatsächlich: Ob Astronomen, Philosophen, Richter, Seher, Barden oder Ärzte wie Viviane, Merdin und Akanthus – sie waren eine Gemeinschaft Gleichgesinnter, waren Brüder und Schwestern, waren bereit zu kämpfen.

Es war ein erhabenes Gefühl, in ihrer Mitte zu gehen oder besser, in ihrer Mitte zu bleiben. Denn während sie immer weiter dem Waldrand entgegenstrebten, rannten die hinteren Krieger nach vorne und stellten sich wieder an. Vollkommen lautlos ging das vonstatten. Ohne Keuchen, ohne Klirren, nicht einmal sehen konnte es Viviane von ihrer Position aus. Es war eine ausgeklügelte Zurschaustellung von Kampfkraft, die aus der Luft betrachtet noch interessanter aussehen dürfte. Vielleicht wie eine dahinkriechende Raupe oder – passend für Drachenkrieger – eine Schlange in Bewegung. Nachdem Viviane das zehnte Mal an Uathach vorbeigekommen war, hörte sie auf zu zählen, schaute aber weiterhin in die Gesichter rechts und links. So viele der Frauen und Männer kannte sie noch gar nicht, doch es freute sie, wie viel ehrliches Interesse aus ihren Augen sprach.

Merdins Initiation dürfte sogar eine gewisse Erwartungshaltung auslösen. Als Sohn des obersten Druiden hierzulande wurde er bereits jetzt als dessen Nachfolger betrachtet und einen besseren, das wusste Viviane, konnte es für dieses Amt gar nicht geben. Sein Vater, Guiderius, war mächtig stolz auf ihn und wuchs jedes Mal, wenn sie an ihm vorbei gingen, regelrecht in die Höhe.

Vivianes Gedanken drifteten ab und sie sah ihre Brüder, Schwester, Mutter, Vater, Großmutter, Schwägerinnen, Nichte und Neffe vor sich. Was ihre Leute wohl jetzt gerade machten?

Derart in sich selbst versunken, war Viviane beinah erstaunt, als sie ihren Fuß von Wiese auf Waldboden setzte und sich die Krieger in Windeseile zwischen Birken, Buchen, Eichen und Eschen verteilten. Obwohl diese noch keine Blätter trugen, war es zwischen den Bäumen merklich dunkler. Nun übernahm Akanthus die Führung und sie und Merdin folgten ihm einen kaum sichtbaren Pfad entlang.

Immer tiefer schlängelte sich der Pfad in den Wald hinein, vorbei an Sträuchern, Stämmen, Büschen … und Viviane musste gut aufpassen, um nicht zu straucheln, denn sie fühlte sich schon wieder ein wenig schwindelig. Rasch richtete sie ihre Aufmerksamkeit auf Akanthus’ lange Haare und das lauter werdende Dröhnen der Trommeln. Die Anwesenheit der anderen Krieger, die zwischen den heiligen Bäumen hindurchhuschten, konnte sie nur erahnen.

Prompt erinnerte sie sich an ihre eigenen Lektionen in Ausspähen, Flankendeckung, Geleitschutz … und schmunzelte vor sich hin.

In diesem Moment trat Akanthus zur Seite. Mit sichtlicher Freude wies er auf einen See, der unerwartet vor ihnen lag, und aus Vivianes Lächeln wurde ein Strahlen.

So einen schönen Waldsee hatte sie noch nie gesehen. Klares Wasser, eingebettet in dicke Moospolster, zierliche Gräser und Nussbäume über Nussbäume, jeder für sich einzigartig in Höhe und Form – eine große Familie, Jahrhunderte alt.

Fasziniert betrachtete sie die winzigen Sprösslinge, die schlanken Stämme, die knorrigen Baumriesen, den glitzernden Wasserspiegel in ihrer aller Mitte und hauchte: „Wunderbar.“

„Wohl wahr, dies ist magisches Land“, flüsterte Merdin. „Dem Unwissenden für immer verborgen.“

„Dies, meine Kinder, ist der See der Erkenntnis. Hier sind die Götter zum Greifen nah“, raunte Akanthus hinter ihnen und schob sie sachte vorwärts. „Taucht ein in unsere heilige Stätte, haltet die Augen offen und erkennt. Wir sehen uns auf der anderen Seite.“

Viviane und Merdin drehten sich zu ihm um und nickten feierlich. Dann legten sie ihre erbeuteten Waffen nieder und stiegen Seite an Seite in das kristallklare Wasser.

Sofort kroch Eiseskälte an Viviane hinauf, doch das machte ihr nichts aus. Hierzulande war sie schon oft in der kalten Jahreszeit baden gewesen – einfach so, ohne davor ein Schwitzbad genommen zu haben. Zu Hause hätte sie sich strikt geweigert, hier legte sie die Hände zusammen und stürzte sich kopfüber ins Abenteuer.

Kaum war sie unter Wasser, öffnete sie die Augen und bewegte sich mit kräftigen Schwimmstößen abwärts. Der Weg bis zum Grund war weit, viel weiter als gedacht und Merdin, dicht neben ihr, deutete energisch nach unten. Im Takt der Trommeln tauchten sie tiefer und betrachteten das Leben um sich herum mit großen Augen. Den Grund des Sees erreichten sie nicht, da sie wie aus dem Nichts von einem Sog erfasst wurden, dem sie viel Kraft entgegensetzen mussten, um nicht mitgerissen zu werden. Seltsamerweise schien ihnen das weit entfernte Dröhnen der Trommeln zu helfen, ließ sie ruhig bleiben. Erst, als ihnen wirklich die Luft knapp wurde, bahnten sie sich einen Weg zurück ans Licht.

Kaum stießen ihre Köpfe durch die Oberfläche, schnappten sie lachend nach Luft. Sie waren am Ufer angelangt, genau vor Akanthus.

Hinter ihm hatten sich die Krieger versammelt, diesmal jedoch nach Geschlechtern getrennt; die jüngeren Männer und Frauen hielten demonstrativ fein gewebte Leintücher hoch. Uathach schwenkte feixend ein besonders winziges aus Wolle.

Es kam Viviane seltsam vor, abgetrocknet zu werden wie ein Kleinkind, aber es gehörte nun mal zur rituellen Handlung. Also ließ sie sich einwickeln und lächelte in die Runde – prompt polierte ihr Uathach die Zähne, summte im Takt der Trommeln ein Kinderlied und brachte sie beide dadurch noch mehr zum Lachen.

Von allen Seiten wurde Viviane mit Tüchern traktiert, bis ihre gesamte Haut rot war und kribbelte. Als sie schließlich in einen weichen Lederumhang gehüllt wurde, wich die eisige Kälte einer enormen Hitze.

Plötzlich wurde ihr bewusst, wie wach sie war. So wach wie noch nie in ihrem Leben. Mit großen Augen schaute sie ihren Meister an.

Akanthus lächelte wissend und deutete auf die ältesten Kriegerinnen, die sie offenbar zur nächsten Station begleiten sollten.

Gespannt, was nun kommen würde, ließ sich Viviane von ihnen führen – zwei vor sich, zwei hinter sich und die restlichen wieder zwischen den Bäumen verteilt. Merdin folgte mit den ältesten Kriegern dichtauf.

Immer tiefer ging es in den Wald hinein und Viviane staunte, was sie alles zu sehen bekam – oder besser, was sie alles wahrnahm: Kühler Waldboden, mal spröde, mal an ihren Fußsohlen haftend … sprießende Grashalme, manche weich, andere stichelten an ihren Waden … gelbe, blaue, weiße Teppiche aus Winterlingen, Hasenglöckchen, Buschwindröschen … ein Wirrwarr aus sprießenden Knospen, verwebt mit Licht und Schatten. Myriaden schwebender Staubkörnchen, Scharen von Bienen und Hummeln, Perlen aus Morgentau, und das feuchte Moos warf seinen Duft bis auf ihre Zunge. Überall roch es so intensiv nach Erde, Luft, Sonne, Wasser, nach altem Laub und neuem Leben …

Der Frühling schoss in Viviane, so machtvoll, dass sie sich fast selbst wachsen fühlte, und die Trommeln begannen mit einer Wucht zu schlagen, als wären sie ihr aufgehendes Herz.

Ihr Rhythmus bestimmte, wie Viviane Atem schöpfte, tief ein, langsam aus. Ja, ihr Rhythmus bestimmte sogar, was sie dachte, als sich der Wald auftat und eine weite Lichtung vor ihr lag:

All heilige Bäume als Wächter bereit, kreisrund gepflanzt hier vor langer Zeit. Trommeln in Nord und Süd und Ost und West, laut hallend weit und himmelwärts. Kinder des Drachen, die Schilde gerafft, folgen dem Ruf nun zum Teilen der Macht. Akanthus tritt ein, erhaben und rein, lang noch soll seine Herrschaft sein. Mein Ziel ist ein Kessel in Silber und Pracht, breit wie ein Bottich, tief wie ein Nest.

Wie kam sie denn jetzt gerade auf ‚Nest‘? ‚Tief, drum gib acht‘ hätte viel besser gepasst, zumal – wie sie wusste – dieser wuchtige Kessel mit Wasser gefüllt war.

Viviane ergriff ein Schauder von den Haarwurzeln bis zu den Fußsohlen. Sie musste sich zusammenreißen, damit sie sich endlich aus dem Sog der Trommeln befreite, oder was auch immer sonst an ihr zerrte.

Sie stand hier mit Merdin – frisch gewaschen, bedeckt von Leder und ihren Zöpfen – am Waldrand. Vor ihnen, auf der Lichtung, hatten sich sämtliche Krieger in einem weitläufigen Kreis aufgestellt und streckten ihre Schilde und Speere weit von sich nach rechts und links, so als wollten sie den Eintritt verwehren. Nur um Akanthus herum war Platz. Er war als Einziger immer noch unbewaffnet. Er streckte ihnen auch als Einziger die Arme entgegen und deutete einladend auf den silbernen Kessel genau im Zentrum der Lichtung.

Was gab es da noch zu überlegen?

Viviane griff nach Merdins Hand und erhobenen Hauptes traten sie durch den Kreis der Drachenkrieger. Im Takt der Trommeln schritten sie auf den Kessel zu; feierlich einen Fuß vor den anderen setzend, schien seine massige Gussform sie förmlich anzuziehen. Große Reliefs mit Darstellungen von Göttern wölbten sich ihnen darauf entgegen, als wollten sie sich als Erste präsentieren, und tatsächlich erkannte Viviane schon von Weitem einige der Götter an ihren Insignien.

Sobald sie davorstand, konnte sie filigranste Gravuren unterscheiden und dennoch war es unmöglich, all seine Bilder zu erfassen, um deren Sinn zu deuten. Das war auch nicht nötig. Für Mythen bedurfte es anderer Druiden. Sie sollte nur darin baden.

Akanthus nahm ihr höchstpersönlich den Umhang ab, half ihr beim Einsteigen und drückte sie leicht unter Wasser. Doch Viviane wusste auch so, dass sie einen Moment untertauchen sollte – dieser Mythos war allseits bekannt.

Kurz überkam sie die Versuchung, die Augen zu öffnen, um den Kessel von innen zu inspizieren. Das ließ sie jedoch bleiben. Dies war ein heiliges Ritual und Demut vor den Göttern war ihr von Kind an beigebracht worden. Es gab nur einen einzigen Tag im Jahr, um gleichauf mit ihnen zu sein, und bis zu diesem Ereignis war es noch lange hin.

Das Wasser war angenehm warm und mit Rosenöl versetzt, sodass sie beim Auftauchen unwillkürlich den Kopf zurückbog und dessen feines Aroma genoss.

Akanthus’ Hand, immer noch auf ihrem Scheitel ruhend, folgte dieser Bewegung und so hätte es auf einen Außenstehenden vielleicht gewirkt, als hielte er sie beim Schopf gepackt. Doch jeder hier in weiter Runde wusste es besser: Seine Hand auf ihrem Kopf war eine Geste des Behütens und Beschützens, die er als Anführer symbolisch für die gesamte Gemeinschaft leistete, genauso, wie er sie gerade eben auch als Einziger in den Kreis gewunken hatte.

Viviane benutzte ebenfalls eine Geste, während sie dem Kessel entstieg: Sie streckte Merdin beide Hände entgegen, um ihm den Platz im Kessel anzubieten.

Nachdem er untergetaucht war, beobachtete Viviane die Krieger in ihrem Umfeld. Mittlerweile hatten sich alle niedergelassen.

Die Schilde und Speere ins Gras gelegt, schauten sie voll konzentriert zum Kessel und zu ihr herüber, wobei die Frauen und Männer mittleren Alters große Leintücher oder Tontöpfchen in Händen hielten und besonders erwartungsvoll schienen. Viviane schmunzelte und fühlte eine wohlige Wärme an sich aufsteigen; sie stand auf einem großen flachen Stein, dem ein herrlicher Bratenduft entstieg. Demnach garte genau unter ihr das Festessen vor sich hin und bei genauerer Betrachtung entdeckte sie ganz in der Nähe noch mehr dieser praktischen Erdöfen. Wieso waren sie ihr vorher nicht aufgefallen?

Abrupt ging ein Ruck durch den Kreis; alle Krieger setzten sich besonders aufrecht hin, ihr Mienenspiel und ihre gesamte Körperhaltung drückten Freude aus. Viviane drehte rasch den Kopf und strahlte mit.

Ihr Herz quoll fast über vor Glück, als Merdin auf die gleiche Weise dem Kessel entstieg wie sie und sein Gesicht dem Himmel entgegenstreckte. Sein schlanker Körper strotzte vor Kraft und schimmerte dermaßen golden, als wäre er geradewegs einem Mythos entstiegen.

Das Wasser rann nicht einfach an ihm herunter, es haftete an seiner hellen Haut wie Perlenschnüre aus Morgentau. Seine kupferroten Zöpfe lagen wie nasse Taue auf seinem Rücken und seine Augen strahlten wie ein azurblauer Himmel.

„Welche Schutzgeister willst du auf Brust und Rücken gezeichnet haben?“

„Meine Schutzgeister?“

Viviane starrte auf drei blaue Spiralen und musste heftig blinzeln, um statt der Spiralen ein Gesicht zu erkennen.

Bis sie die Frage der Frau begriffen hatte, war sie bereits von acht Kriegerinnen umringt, die zwei bis drei Mal älter, aber keinen Fingerbreit kleiner waren als sie selbst. Sanft tupften sie ihr mit feinen Leintüchern das Wasser vom Leib, öffneten, kämmten, trockneten und flochten ihr die fünf Zöpfe neu und rührten mit Pinseln in kleinen Tontöpfchen.

Merdin schien es auf der anderen Seite des Kessels ebenso zu ergehen, soweit sie das durch die wilden Haarmähnen der ihn umstehenden Krieger erkennen konnte. Sie erhaschte sogar ein fröhliches Zwinkern von ihm.

Alle acht Kriegerinnen lächelten ihr aufmunternd zu und rückten so dicht auf, als wollten sie einen Schutzschild aus blauer Haut und weichen Tüchern bilden; als wollten sie Viviane rundum vor der Außenwelt abschirmen.

Tatsächlich wurde es seltsam ruhig um sie herum und auch in ihr, nur das Dröhnen der Trommeln drang zu ihr durch wie ein Ruf aus dem Verborgenen.

„Hast du dich entschieden?“, fragte die Kriegerin noch einmal nach und ihre Gefährtinnen senkten kurz die Leintücher, damit Viviane einen Blick auf deren Schutzgeister über Brust und Bauch erhaschen konnte. Dann tupften sie weiter Tropfen um Tropfen von ihrer Haut.

„Ja, ich glaube … nein, ich bin sicher, ich hätte gerne eine große, starke Wölfin auf der Vorderseite und auf dem Rücken eine Stute – wie im Galopp oder wie im Sprung, weißt du?“

„Sehr gute Wahl“, lobte die Kriegerin, die selbst eine Taube auf der Brust hatte. Bei Vivianes verdutztem Blick grinste sie amüsiert, zeigte ihren Rücken, bedeckt mit einem Igel, und rührte noch eifriger im Tontopf.

Viviane sah in die kreiselnde blaue Farbe und wunderte sich, warum sie sich plötzlich so sicher war. Bis gerade eben hatte sie noch nie ernsthaft darüber nachgedacht, ob sie Schutzgeister brauchte, und erst recht nicht darüber, wer das sein sollte. Aber es war ja wohl logisch, dass ein Drachenkrieger seinen ganz persönlichen mentalen Schutz brauchte. Eine geistige Verbindung zu anderen Arten, aus der man Kraft schöpfen konnte, wenn man sie brauchte. Tiere waren bestens geeignet. Es gab auch Krieger, die Pflanzen bevorzugten.

Wer oder was kam also für sie infrage?

Sie hätte gerne die ganze Welt auf den Körper gemalt bekommen, inklusive Sonne, Mond, Sterne, Wind und Regen … Doch die innigste Verbundenheit zu anderen Arten fühlte sie bei Baria, ihrer Wolfstochter, und Dina, ihrer Stute. Vielleicht waren beide wiedergeborene Ahnen, deren Wege sich mit dem ihren gekreuzt hatten, das war durchaus möglich. Beide jedenfalls hatte sie vor dem sicheren Tode bewahrt und großgezogen wie ihre eigenen Kinder – wenn man das so sagen durfte, schließlich war sie damals selbst noch Kind und ein Gatte in weiter Ferne gewesen.

„Fertig, mein Kind“, gluckste die Kriegerin und rührte wieder eifrig im Topf. „Jetzt zeichnen auch meine Schwestern mit. Keine Bange, sie sind Spezialisten für Flechtmuster und Spiralen.“

„Das glaube ich gern.“ Viviane lächelte selig. Sie konnte gar nicht anders, denn nach einem Blick an sich herab war sie dermaßen begeistert, dass es keinen Zweifel gab: Auf ihrer Brust prangte Baria. Aber es war nicht einfach nur Baria, gezeichnet mit ein paar kunstfertigen Strichen, sondern ein Kunstwerk in Blau, das man erst als das Abbild ihrer Wolfstochter erkennen musste. Viviane hätte es noch ewig betrachten können.

„Ich habe deine Stute im Steigen gemalt. Das sieht noch spektakulärer aus. Außerdem habe ich mir sagen lassen, deine Stute sei etwas Besonderes. Die kleinste unter allen Pferden und trotzdem spurt sie wie das beste Schlachtross.“

„Ach …“, begann Viviane, doch die Kriegerin hob gebieterisch die Hand.

„Nicht abwiegeln! Du hast sie hervorragend getrimmt. Sie reagiert auf jede Bewegung und jeden Laut ihres Reiters und lässt sich von nichts ablenken. Ich meine, du trägst nun ein sehr eindrucksvolles Bild von ihr. Übrigens …“

Mit kritischem Blick überwachte die Kriegerin die Malerei an Vivianes Armen und Beinen, dann zog sie einen sehr dünnen Pinsel aus ihrer wilden Haarmähne und bückte sich. Beschwingt zeichnete sie winzige Symbole und Striche auf Vivianes Fingernägel und Fußnägel, und erklärte leichthin: „Perfekt, nun wacht auch unsere Schutzgöttin über dich.“ Sofort betrachtete Viviane ihre Finger und Zehen – es stand tatsächlich ‚Hall‘ in Oghamschrift auf ihren Nägeln.

„Gut, artig stillhalten jetzt. Im Gesicht sind die Spiralen am schwersten. Wir wollen doch eine saubere Triskele mit Mittelpunkten auf Augen und Mund. Obwohl Ohren und Kinn auch passen tät…“

„Bloß nicht!“ Viviane erstarrte und wagte kaum zu atmen, obwohl sie die Vorstellung von sich selbst mit blauen Spiralen um Ohren und Kinn mächtig zum Lachen fand. Wo würde der Knotenpunkt dieser Triskele liegen? Auf ihrer Zunge?

Zum Glück streifte der Pinsel nur dort über ihr Gesicht, wo er hingehörte, als hätte er diesen Weg schon hundertmal von allein genommen.

„Fertig.“ Die Kriegerin und ihre Drachenschwestern musterten Viviane von allen Seiten und nickten zufrieden. „Wunderbar. Du, Viviane, bist ein Kunstwerk, bist eine eigene Welt, geschaffen von Mutter Erde und Vater Himmel. Sei willkommen, Schwester, in unserem Bund.“

Strahlend neigte Viviane den Kopf zum Dank und versteifte sich prompt. Sie hatte Angst, die Triskele würde ihr aus dem Gesicht fallen, ja, die ganzen schönen Muster könnten verwischen, wenn sie sich noch ein winziges Stück weiter beugte.

Natürlich war das Unsinn. Die Farbe bestand aus kräftig blauem Färberwaid und Kiefernharz, so schnell ging das nicht ab. Da musste sie schon mit ordentlich Butter nachhelfen. Großmutter Mara machte die beste Butter weit und breit, und ihre eingelegten Gurken schmeckten einfach köstlich, und …

Mit einem Ruck stellte sich Viviane gerade. Sie war jetzt eine Drachenkriegerin. Sie war hier in Britannien noch lange nicht fertig. Hier lauerte die Bedrohung direkt vor der Haustür, weshalb die einen den Hinterausgang dieses Hauses benutzten, die anderen aus dem Fenster kletterten und ihresgleichen mit zwei schlagkräftigen Schwertern auf dem Dach lag. Daheim war das nicht nötig.

Daheim musste man nicht auf der Lauer liegen. Daheim waren die Stämme einig und die Römer hielten Abstand, gute Nachbarschaft sozusagen. Daheim sprach keiner das Latinische besser als sie selbst, wohl oder übel. Nein, das war nicht richtig: Die latinische Sprache gefiel ihr richtig gut, genauso wie die griechische. Daheim konnten nicht viele Griechisch wie sie, schon gar nicht lesen. Daheim … jetzt war es aber genug. Sie hatte kein Heimweh. Und wenn doch: Auch mit drei großen blauen Spiralen im Gesicht durfte man in weite Ferne schauen. Die Kriegerinnen nickten ihr zu und öffneten in einer fließenden Bewegung den Kreis aus Leibern, Tüchern und Tontöpfchen.

Unvermittelt stand sie allein vor Merdin, der sie anstarrte, als hätte sie ein Geweih auf dem Kopf. Dabei war er ein Hirsch aus blauem Marmor mit azurblauen Augen, strahlend wie der Himmel.

„Vivian, du bist … du bist wunderbar, ich muss …“, stammelte Merdin, doch ein Tosen brandete nun um sie herum auf, das jedes weitere Wort unmöglich machte. Scheppernd schlugen die Drachenkrieger ihre Speere gegen die Schilde und diejenigen hinter den Trommeln wirbelten mit ihren Schlägeln über die Bälge, als wollten sie jedes Herz zum Rasen bringen. Alle johlten, jauchzten, jubelten und es dröhnte, klopfte und schepperte dazu wie in einem ewig währenden Widerhall.

Das war er also, der erste Augenblick als Drachenkrieger. Sie hatten es geschafft.

Viviane schaute zu Merdin und er lächelte zurück. Ja, er strahlte sie an, und schon lag ihre Hand in seiner. Gemeinsam streckten sie sich gen Himmel, jubelten, lachten und grüßten ihre Brüder und Schwestern mit einem Überschwang, der immer größer wurde.

Schließlich verklangen die Beifallsbekundungen, sogar die Trommler legten ihre Schlägel nieder. Ruhe kehrte ein.

Aller Augen wandten sich gen Osten, wo gerade die kahlen Baumwipfel von gleißendem Licht durchflutet wurden, und im nächsten Moment ergoss sich das wohlig-warme Gold in die Lichtung, machte sie zum Abbild der Sonne und das Sehen schier unmöglich. Das Dröhnen eines mächtigen Rufhorns ließ die Luft erzittern.

Viele Male erschallte das Horn, lang, tief und kraftvoll. Als der letzte Ton verklungen war, betrat Akanthus den Sonnenkreis, das Rufhorn in Lederriemen über den Rücken gehängt. Ihm folgten zwölf Krieger, die vorderen drei hielten in Ledertücher eingeschlagene Objekte in den ausgestreckten Händen.

Viviane und Merdin strahlten sich an. Gleich wurden ihnen die Schwerter überreicht. Bald hielten sie die Symbole ihres Bundes in Händen. Unwillkürlich betasteten sie ihre Torques, richteten sich zur vollen Größe auf und der letzte Teil der Zeremonie nahm seinen Lauf.

Wie auf Kommando scherten die zwölf Krieger aus und schritten um Akanthus herum, als wäre er ihr Mittelpunkt, den es galt, auf unsichtbaren Bahnen zu umrunden. Es waren viele Bahnen, die sich kreuzten und umkreisten wie bei einem langsamen, verwirrenden Tanz, bis die Krieger schließlich einen Kreis um Viviane und Merdin bildeten und auf der Stelle verharrten. Akanthus jedoch blieb außen vor. Er wartete. Wartete auf die Trommeln.

Leise begann im Osten die erste zu schlagen. Die im Süden setzte als nächste ein, darauf die dritte im Westen, zuletzt die vierte im Norden.

Aufrecht, fast schwebend umrundete Akanthus den Kreis seiner zwölf Krieger einmal.

Im Norden bezog er Position. Ruhig schaute er in die Runde.

Er betrachtete den äußeren Kreis der vielen Krieger am Rand der Lichtung.

Er betrachtete den Kreis der zwölf darin.

Schließlich verharrte sein Blick auf Viviane und Merdin im Zentrum.

Seine Züge wurden weich und er breitete die Arme aus wie ein stolzer Vater. Auf sein Nicken bewegten sich die drei Krieger mit den verhüllten Gegenständen drei Schritte vorwärts und zwei zur Seite, sodass Akanthus durch den Kreis und neben sie treten konnte. Feierlich zog er das erste Ledertuch zurück.

Mit großer Geste legte er die Schwertgürtel, die darunter zum Vorschein kamen, um Vivianes und Merdins Taillen und prüfte ihren festen Sitz mit einem kräftigen Ruck.

Vor ein paar Jahren hätte er Viviane damit noch aus dem Gleichgewicht gerissen, jetzt aber blieb sie sicher auf den Beinen und schwankte kein bisschen. Allerdings fiel ihr auf, wie steif und klobig sich das Leder auf ihrer nackten Haut anfühlte. Sie würde noch lange brauchen, um sich daran zu gewöhnen, doch – so ließ die stabile Machart vermuten – würde ihrer beider Verbindung für ein ganzes Leben halten.

Akanthus nickte ihr wissend zu. Bedeutsam schlug er das zweite Ledertuch zurück und zum Vorschein kamen vier Schwertscheiden, außen auf dem Leder mit kompliziert punzierten Flechtmustern und innen mit Fell versehen.

Nacheinander schob Akanthus die Kunstwerke in die vorgesehenen Schlaufen der Schwertgürtel, band sie an und prüfte auch hier wieder den festen Sitz. Abrupt spürte Viviane eine Schwere, die nichts mit dem Ruck an ihrem Körper zu tun hatte. Die Schwertscheiden zogen sie nach unten, obwohl sich das Wichtigste noch gar nicht darin befand. Mit einem Mal bekam sie Angst, ob sie überhaupt würdig war, ob ihre Kraft reichen würde, ob sie vorausschauend genug handeln würde, oder ob sie nicht vielmehr versagen würde als Ärztin, als Kriegerin.

Die Trommeln verhallten in einem letzten, leisen Schlag und ihr Herz begann wild zu pochen.

Akanthus zog das dritte Leder zurück und ihr verschlug es den Atem.

„Dieses Kurzschwert ist deines nun, meine Tochter“, rief Akanthus in die dröhnende Stille hinein und nahm das Schwert behutsam aus den Händen des Kriegers, um es Viviane zu übergeben. „Halte es in Ehren und nutze es weise.“

Prompt begannen Vivianes Finger zu zittern, doch mittlerweile hatte sie gelernt, wie man derartige Schwächen bekämpfte. Ruhig nahm sie ihr Kurzschwert entgegen, streckte es gen Himmel und schaute Akanthus in die Augen, während sie mit lauter Stimme rief:

„Dank dir für dein Vertrauen, mein Vater. Wissen, Weisheit und Gedenken sollen mich leiten und würdig werde ich mich erweisen. Dies schwöre ich bei Hall, Göttin über Leben und Tod.“

Langsam ließ sie ihr Kurzschwert in die vorgesehene Scheide rechts am Gürtel gleiten und strahlte Akanthus an, der zurücklächelte, bevor er sich dem nächsten Schwert zuwandte. Ruhig atmete Viviane ein und aus, während auch Merdin die vorgegebenen Worte sprach. Doch kaum senkte er sein Kurzschwert vom Himmel gen Scheide, begannen ihre Finger schon wieder zu zittern, denn gleich würde Akanthus das letzte Ledertuch zurückziehen.

„Dieses Langschwert ist deines nun, meine Tochter. Halte es in Ehren und nutze es weise.“

Viviane holte Luft; das Blut rauschte ihr immer schneller durch die Adern, je länger sie auf das armlange Schwert starrte.

Wie magisch wurde ihr Blick angezogen von dem Muster auf der Klinge nahe dem Heft, genau auf dem Schwerpunkt. Wunderschön war es anzuschauen: Zwei Drachen, die sich um den Baum des Lebens wanden. Ja, es war derart kunstfertig in das Eisen geschmiedet, dass die Drachen sogar rot-goldene Flammen sprühten, als Akanthus das Schwert ein wenig bewegte und Sonnenstrahlen sie trafen.

Viviane riss die Augen auf. Sie hatte noch nie ein Drachenschwert aus der Nähe gesehen.

Uathach hatte das ihre stets in der Scheide gelassen und auf die ‚weise Nutzung‘ hingewiesen, was natürlich völlig richtig war. Aber sie hatte immer sehr geheimnisvoll getan, und jetzt wusste Viviane auch, warum: Das erste Staunen, die Erkenntnis – das war ihr ganz persönlicher Augenblick, der absolut besondere Moment in ihrer Initiation, einmalig in ihrem Leben.

Die Kunstfertigkeit der Schmiede, die solche Schwerter fertigten, war legendär. Manch einer von ihnen war auch Drachenkrieger, denn sie waren ebenfalls Druiden, Druiden der Metallurgie, und jeder drückte seinen Schwertern den eigenen Stempel auf. Derjenige, der diese Kostbarkeit erschaffen hatte, war für jetzt und alle Ewigkeit mit ihr verbunden.

Vivianes Blick richtete sich auf den Mann neben Akanthus und sie sah ihm tief in die Augen. Er hatte mit ihr jahrelang Faust- und Schwertkampf trainiert. Immer wieder hatte er sie Wachs kneten lassen, um den Griff ihrer Finger zu stärken und den Abdruck zu prüfen. Ständig hatte er ihre Arme und Beine vermessen … Jetzt wuchs er förmlich vor ihr in die Höhe und nickte erfreut, ob ihrer stummen Frage.

Viviane wurde es ganz warm ums Herz vor Dankbarkeit und Zuversicht. Sicher nahm sie das Langschwert auf, präsentierte es mit ruhiger Eleganz über ihrem Kopf und lächelte Akanthus an.

„Dank dir für dein Vertrauen, mein Vater“, sagte sie laut und deutlich. „Wissen, Weisheit und Gedenken sollen mich leiten und würdig werde ich mich erweisen. Dies schwöre ich bei Hall, Göttin über Leben und Tod.“

Viviane reckte ihr Drachenschwert noch ein Stück höher gen Himmel und konnte nicht anders: Sie musste strahlen, strahlen, strahlen. Als sie vor Kurzem ihre Initiation als Ärztin absolviert und ihre chirurgischen Werkzeuge erhalten hatte, war sie absolut zufrieden gewesen. Sie hatte so viel Glück und Freude empfunden. Beim Anblick ihrer silbernen Skalpelle hatte sie die Verantwortung bis in die Fingerspitzen gespürt. Nun aber, mit dieser Waffe in Händen, durchströmte sie eine schier unbändige Kraft, die ihr unendlichen Mut gab.

Sanft, ja anmutig führte sie ihr Langschwert abwärts, bis die Spitze auf der Scheide zum Liegen kam. Wie selbstverständlich glitt die Klinge in ihre Hülle aus Leder und Fell, und das Eisen aus einer fernen Welt sang ein leises Lied, nur für sie.

Wie im Traum beobachtete Viviane die Übergabe des zweiten, wesentlich längeren Drachenschwertes an Merdin und dachte darüber nach, warum sie das Gewicht des Eisens zu beiden Seiten ihrer Hüften kaum spürte. Am liebsten wäre sie losgerannt, auf den nächstbesten Baum geklettert oder mit ein paar Überschlägen durch die Luft gewirbelt, doch sie stand still. Nur die Krieger in ihrer Nähe bewegten sich.

Bedächtig traten sie auseinander, der Kreis der Zwölf wurde weit und weiter, und schließlich zerstreute er sich unter lauten Jubelrufen in alle Himmelsrichtungen.

Scheppernde Speere auf Schilde, trampelnde Füße, donnernde Trommeln und gebrüllte Glückwünsche vermischten sich zu einem ohrenbetäubenden Lärm, der regelrecht in Tumult ausartete, als Viviane und Merdin ihre Schwerter wieder aus den Scheiden zogen und über Kreuz der Sonne entgegenstreckten. Diesen Gruß hielten sie fünf, sieben, zwölf Herzschläge lang, dann schwenkten sie ihre Waffen im weiten Bogen, bis die Spitzen zur Erde zeigten, und warteten auch hier zwölf Herzschläge ab. Akanthus blies fortwährend in sein Horn, und kaum hatte er es wieder auf den Rücken geschoben, beugten sie fast synchron ihre drei Köpfe. Sofort trat Ruhe ein, nur ein vielfaches Schleifgeräusch sang von stiller Trauer.

Die anderen Drachenkrieger hatten blankgezogen, senkten nun ebenfalls Schwerter und Häupter.

Gemeinsam gedachten sie der Freunde, die sie in vergangenen Zeiten verloren hatten, und baten Hall um Beistand bei neuen Gefahren. Vielleicht stellte sich manch einer auch vor, wie er ruhmreich in die Anderswelt einzog und die toten Gefährten wiedersah; wie er mit ihnen feierte und durch die Lande ritt auf weißen Pferden. Wer wusste schon, was es in der wundersamen Welt nach dem Leben alles zu entdecken galt, und wer wusste schon, wann es einen dorthin verschlagen würde. Nur eines war sicher: Hall war gerecht.

Als das Schweigen drückend wurde, ließen Viviane und Merdin ihre neuen Schwerter wieder in die Scheiden gleiten, ihre Drachenbrüder und -schwestern taten es ihnen nach, und dieses vielfach leise Sirren schien wie ein Weckruf.

„Ein dreifaches Hoch auf unsere Initianten!“ Akanthus riss die Faust in Siegerpose nach oben und drehte sich einmal um die eigene Achse.

„Hoch! Hoch! Hoch!“, schallte es aus dem großen Kreis mit solcher Wucht zurück, dass es Viviane und Merdin fast schwindelig wurde. Fest packten sie sich an den Händen und wollten schon loslaufen, um sich bei jedem Einzelnen zu bedanken, doch das konnten sie getrost bleiben lassen.

Ehe sie sich versahen, waren sie von einer johlenden Meute umzingelt – sie sahen nur noch Weiß und Blau.

Rabiat wurden sie umhergezerrt, geschoben, gedrückt, geküsst, getätschelt, gekniffen … ganz zu schweigen von dem Jauchzen und Brüllen in ihre Ohren und den Haarmähnen rundum, die kitzelten und stachen und ihnen die Sicht nahmen. Doch sie lachten und schwankten und schwankten und lachten, als gelte es einen Wettstreit im ‚Freuen‘ zu gewinnen.

In Windeseile war ein Fest im Gange, das diesem Freudentaumel in nichts nachstand. Es gab massenweise Hirschbraten, Kräuterbutter, frisches Brot, deftige Zwiebeln, saures Kraut, dicke Bohnen, zarte Sprossen, Met, Korma …

Letzteres schmeckte Viviane zu ihrer eigenen Verwunderung besonders gut und sie überlegte, ob die Gerste hierzulande milder vergoren wurde. Bei ihr zu Hause wäre sie nie und nimmer in die Nähe eines Fasses Korma gegangen, so rauchig-bitter roch das Gebräu schon zehn Schritt gegen den Wind. Hier aber leckte sie sich den Schaum von den Lippen und setzte beschwingt zum dritten Horn an. Es wurde ihr vor der Nase weggeschnappt.

„Meins!“ Viviane klammerte sich an dem Horn fest und hätte wohl zu einem Fußtritt ausgeholt, wenn nicht ein breit grinsender Merdin an dem Horn gehangen hätte. Angriffslustig starrte sie ihm in die Augen. Er hatte mindestens drei davon.

„Du guckst schief, Vivian.“

„Schwachsinn! Ich sehe perfekt aus! Gib mein Horn frei oder ich drück dich, bis dir die Luft wegbleibt!“

„Ooooh, du willst mich quetschen? Welch ein Angebot! Ich werde dich dran erinnern, aber nun haben wir erst mal unseren Einstand.“

„Einstand?“ Viviane schwankte von einem Bein aufs andere und visierte Merdins mittleres Auge an. „Ach, dieser Einstand! Unser Kampfspektakel! Beim Geweih von Cernunnos, und ich bin betrunken!“ Beinahe hätte sie ihr Horn losgelassen, um sich den Kopf zu halten. Sie hatte doch tatsächlich vergessen, dass sie beide für die Unterhaltung zuständig waren. „Wo ist denn Uathach abgeblieben? Sie soll uns doch die Pferde zuführen?!“ Suchend blickte sie sich nach ihrer Freundin um.

Zuerst zweifelte Viviane an ihrem Sehvermögen, aber daran lag es diesmal nicht. Sie konnte sich noch so sehr beugen, strecken, um die Achse drehen und die Augen zusammenkneifen – Uathach war nirgends zu finden, weder in einfacher noch doppelter Ausführung. Es standen einfach zu viele Krieger im Weg, allesamt mit Essen, Trinken und Gestikulieren beschäftigt. Ja, sie redeten dermaßen überschwänglich aufeinander ein, als würden sie nur einmal im Jahr die Gelegenheit dazu bekommen, bis irgendjemand „Jetzt beginnt das Spektakel!“ johlte. Das wirkte wie ein Aufruf zur Flucht.

Die einen sprangen nach rechts, die anderen nach links, schon war die Lichtung wie leer gefegt; alle standen am Rand und drückten einen Brocken Fleisch und ein Horn voll Met an sich, oder was sie sonst in Händen hielten. Nur Viviane und Merdin verharrten wie festgewachsen mitten auf der Lichtung und klammerten sich an das Horn mit Korma, wobei Viviane immer noch um sich blickte. Diesmal wusste sie wenigstens, in welche Richtung sie sich drehen musste, und so fiel ihr die Kinnlade herunter, als Uathach endlich aus dem Wald und in Sicht kam.

„Ja, da staunst du“, gluckste Merdin. „Deine Freundin übertreibt es mal wieder mit dem großen Spektakel.“

„Sie sollte uns doch bloß die Pferde bringen! Beim Geweih von Cernunnos, was soll das werden?!“

Uathach preschte zwischen den letzten Bäumen hindurch auf die Lichtung, als gelte es, sich selbst zu überholen. Breitbeinig stand sie auf einem Streitwagen, die Zügel locker in einer Hand, und sah einfach zum Fürchten aus mit ihrer Kriegsmontur aus Helm, Kettenhemd, Schild, Steinschleuder, zwei Schwertern, fünf Messern, einer Axt und fünf verschieden langen Blasrohren. Dazu befanden sich in der Wagenhalterung noch jede Menge Speere. Dina und Arion – gestriegelt und frisiert – fungierten als Zugpferde. Viviane bekam den Mund nicht mehr zu.

Obwohl Dina wesentlich kleiner war als Arion, gaben die beiden ein wunderschönes Paar ab, wie sie mit ausgreifenden Hufen über das Gras galoppierten, makellos weiß und die silbernen Mähnen zu vielen Zöpfen geflochten.

„Ich bin übrigens selbst überrascht“, versicherte Merdin. „Deine Dina und mein Arion hübsch zurechtgemacht am Führstrick – damit habe ich ja gerechnet, aber gewiss nicht so extravagant miteinander verbunden. Dazu noch dieses wilde Weib …“

„Sie wollte uns bestimmt mal überrumpeln.“

„Bloß nicht!“ Merdin packte Vivianes Arm und zerrte sie hinter den großen Silberkessel. Offenbar hatte er das mit dem Überrumpeln wörtlich genommen.

Trotz rasanter Fahrt über holprige Grasbüschel, voller Kriegsmontur und Zügeln im Griff schaffte es Uathach noch, fröhlich zu winken und zu johlen: „Ich fahr euch schon nicht gleich über den Haufen! Bring bloß die Pferde! Wie versprochen!“

„Plus Streitwagen!“, lachte Viviane und tat so, als hätte sie gar nichts anderes erwartet – was das ‚Über-den-Haufen-Fahren‘ anging, stimmte das auch. Im Zweifelsfalle wäre sie nämlich schon längst davongerannt. Sie würde sich garantiert nicht von einem Streitwagen über den Haufen fahren lassen, allein schon wegen der Klingen an den Rädern rechts und links. Sehr schnell rotierende, scharfe Klingen wohlgemerkt, die ein ganz spezielles Geräusch von sich gaben. Es war wie ein Wirbel aus Sirren, Rasseln, Klirren und Zischen. Man konnte es gar nicht richtig beschreiben, so eigentümlich hörte es sich an – ein absolut tödlicher Klang eben. Ganz zu schweigen von der riesigen Kriegerin obendrauf, die all ihre Waffen meisterlich beherrschte und acht donnernden Hufen die Richtung angab. Im Handumdrehen wäre man von ihr kleingehäckselt, niedergetrampelt, erstochen, erschlagen, zerschnitten, zerquetscht, zerhackt oder alles zusammen und könnte nicht mal mehr über einen raschen Tod nachdenken.

Aber hatten Viviane oder Merdin Angst? Nein, im Gegenteil. Staunend standen sie hinter dem großen Silberkessel und sahen zu, wie Uathach sich gegen das Weidengeflecht lehnte, um die Kurve besser zu kriegen. Sie konnten sich gar nicht daran sattsehen, wie gut ihre beiden Pferde miteinander harmonierten, sich gegenseitig im Blick behielten und auf den kleinsten Zug am Zügel reagierten. Kraftvoll preschten sie im Kreis um die Lichtung, vollführten noch eine geschmeidige Wende um den großen Kessel und galoppierten in einen neuen, entgegengesetzten Kreis, als hätten sie nie etwas anderes getan, als Streitwagen zu ziehen.

„Das haben die drei heimlich trainiert“, knurrte Merdin in Vivianes Ohr.

„Ja, das haben sie wohl“, gluckste diese und schmiegte sich an Merdins Wange, bis das Gespann exakt vor ihnen hielt und sie ihre Freude aufteilen musste. Ihre neckische Begrüßung: „Du bestes, irres Kriegerweib! Du hast mich vollkommen überrumpelt!“ ging in Johlen, Pfeifen und Klatschen unter.

Uathach grinste, als hätte sie dennoch jedes Wort verstanden, lehnte ihren Schild an das Weidengeflecht und sprang vom Wagen; sogleich fiel ihr Blick auf das Horn voll Korma, an dem sich bloß noch Merdin festhielt, und sie schnappte es ihm aus der Hand. Während sie frech grinsend trank, schirrte Merdin die Pferde ab und Viviane gesellte sich schnell zu ihm.

In kurzer Zeit standen Dina und Arion für ihre eigentliche Nutzung parat. Viviane und Merdin legten ihre neuen Schwertgürtel ab und bekamen von Uathach, die nun wieder die Hände frei hatte, zwei alte, speckige, bestückt mit hölzernen Schwertern, Äxten und Messern. Prompt machte ein erfreutes Raunen die Runde, das alle drei zum Feixen brachte.

Das Raunen wurde noch lauter, als Uathach Rundschilde und Speere verteilte. Natürlich hatten die Speere keine Spitzen und die Schilde waren aus dünnem Eschenholz, sie hatten weder Schildbuckel noch sonstige Extras – Eisenstachel zum Beispiel, wie Uathachs hoher Schild für den Nahkampf zu Fuß – sie wollten sich schließlich nicht gegenseitig umbringen.

Nein, sie wollten bloß ein bisschen spielen.

Jeder Neuzugang bei den Drachenkriegern demonstrierte am Ende der Initiation seine Fähigkeiten. Das war keine Pflicht, aber irgendwann hatten einige Initianten damit angefangen und nun gehörte es eben zur Abschlussfeier dazu. Jeder dachte sich etwas aus, was er besonders gut beherrschte, möglichst mit spektakulärem Unterhaltungseffekt.

Es hatte schon die interessantesten Vorführungen gegeben: Kampfkunst mit Feuer oder Eis, mit gefesselten Armen oder Beinen, mit verbundenen Augen oder verstopften Ohren, Kampfkunst mit Hypnose, Gesang oder Gift und natürlich Gegengift … Viviane und Merdin hatten sich für eine Reitervorführung entschieden. Das war vielleicht nicht allzu spannend, aber es würde lustig werden, dafür hatten sie gesorgt.

Vor sechs Jahren hätte Viviane wie ein Pferd gewiehert, wenn ihr jemand diese Idee vorgeschlagen hätte. Damals hatte sie das erste Mal auf dem Rücken ihrer kleinen Dina gesessen, doch sie wäre nie auf den Gedanken gekommen, von dort aus zu kämpfen oder sich mitten im Galopp kopfüber hängen zu lassen, ohne Zaumzeug.

Heute konnte sie sich sogar unter Dinas Bauch durchhangeln oder im Rennen aufspringen, und das verdankte sie ihren zwei besten Freunden, Uathach und Merdin.

„Vivian ist betrunken“, erklärte Merdin und sah dabei Uathach so vorwurfsvoll an, als hätte sie Viviane höchstpersönlich mit Korma abgefüllt. „Wie soll sie da irgendwas treffen? Oder besser, wie soll sie da nichts treffen, wenn sie alles doppelt und dreifach sieht?! Ich meine, ich kann mich ja noch erwehren, da mach ich mir keine Sorgen, aber der Rest … sollen wir den Abstand verkürzen oder hast du eine bessere Idee? Abblasen können wir das Spektakel nicht.“

„Ach“, gluckste Uathach und tätschelte das leere Horn in ihrer Gürtelschlaufe. „Du solltest doch auf sie aufpassen? Wie kann sie da betrunken sein? Warst wohl anderweitig beschäftigt? Bist ins Fass gefallen? Schwimmen gegangen mit besten Freunden?“

„Gar nicht wahr, ich hab aufgepasst! Ich war nur ganz kurz …“

„So, so … ganz kurz.“ Kichernd schob Uathach ihren Zeigefinger gen Daumen und lugte durch einen immer kleiner werdenden Spalt.

Merdin verdrehte die Augen und brummte etwas Unverständliches.

Viviane schaute verständnislos von einem zum anderen und sagte sehr deutlich: „Ich bin überhaupt nicht betrunken. Höchstens ein klein wenig angeheitert, aber das vergeht mir gerade!“

„Also, irgendeine Idee?“, grummelte Merdin, als hätte er sie gar nicht gehört, und baute sich so groß wie möglich vor Uathach auf – es hatte nicht die erhoffte Wirkung, Uathach konnte ihm direkt in die Augen sehen.

Seelenruhig zog sie das leere Horn aus dem Gürtel, hielt es verkehrt herum über ihren Kopf, streckte die Zunge aus, damit eventuell noch vorhandene Tropfen den richtigen Weg fanden, und lallte nebenbei: „Keine Banig, mein Besder, hab ja Augn im Kob un seh, wenn mei allerliebsde Vivian mi schiew angugd.“ Grinsend steckte sie das Horn zurück in den Gürtel. „Und ich kann zaubern. Hab ja wesentlich mehr Erfahrung mit Abschlussfeiern als du, oh Ideenloser.“

Mit großer Geste präsentierte sie ein winziges Fläschchen aus Tannenholz und zog den Korken heraus.

Merdin sprang sofort rückwärts, aber Viviane hielt neugierig die Nase darüber. Prompt jaulte sie los und hastete mit wild fuchtelnden Armen hinter Merdin. Alle Krieger rundum brachen in schallendes Gelächter aus.

„Ja, das beißt“, lachte Uathach und machte sich einen Spaß daraus, hinter Viviane herzulaufen und: „Ich beiß dich, ich beiß dich!“ zu rufen. So schaffte die eine johlend, die andere jaulend immerhin drei Runden um Merdin, bis dieser das Fläschchen erwischte und den Korken gleich hinterher.

„Ich hab die Nase voll“, schnaubte er, drückte den Korken auf die Flasche und zeigte in die Runde. „Die lachen alle schon. Denken wohl, das gehört mit zum Spektakel.“

„Passt doch“, fauchte Uathach und zeigte auf das Fläschchen. „Unsere Vivian ist wieder nüchtern, das ist ein Grund zur Freude. Und nun auf in den Kampf.“

„Hm“, brummte Merdin und verstaute das Fläschchen im Weidengeflecht des Streitwagens, wo es seiner Meinung nach auch hergekommen war. Dann baute er sich demonstrativ noch einmal vor Uathach auf, funkelte sie herausfordernd an und nickte knapp.

Viviane schaute vom einen zum anderen, denn sie verstand diesen angriffslustigen, fast beleidigten Blick von Merdin nicht. Sie entschied sich, dem keine Beachtung zu schenken, und eine warme Woge aus Dankbarkeit und Zuneigung wallte in ihr auf. Kurzerhand zog sie Uathach fest in die Arme, bevor sie sich auf Dina schwang. Merdin saß schon auf seinem großen Hengst Arion und gab den Kriegern Handzeichen, um die Bahn freizumachen. Daher konnte sie ihm nur das Knie tätscheln, was er jedoch nicht einmal bemerkte, so beschäftigt war er mit seinen Anweisungen. Also kniff Viviane ordentlich hinein und schon hatte sie seine vollkommene Aufmerksamkeit. Sie feixte, er lachte und wollte sie nun seinerseits ins Knie zwicken, doch dazu kam es nicht mehr.

„Zeigt, was ihr könnt“, knurrte Uathach und klatschte der kleinen weißen Stute schwungvoll aufs Hinterteil.

Im wilden Ritt preschte Dina über die Lichtung, immer weiter und schneller, bis sie im letzten Moment auf der Hinterhand wendete und stillstand. Die Krieger rechts und links der Bahn atmeten erleichtert auf – sie waren schon drauf und dran gewesen, noch ein Stück zur Seite zu springen, doch diese Blöße wollte sich keiner geben. So viel Temperament hatte niemand dem kleinen Pferdchen zugetraut; das erkannte Viviane am beifälligen Gemurmel rundum und heimste gerne das Lob dafür ein. Doch sie wandte nur kurz den Kopf nach rechts und links. Sie hatte jetzt Besseres zu tun, als sich in Bewunderung zu sonnen: Sie musste sich vollkommen auf die Gegenseite konzentrieren.

Merdin stand schon bereit und hielt seinen Speer hoch.

Fast gleichzeitig trieben sie ihre Pferde an. Merdin warf seinen Speer. Viviane klammerte sich an Dinas Mähne, riss ihren Schild hoch und kippte zur Seite weg. Der Speer schrammte kaum merklich über ihren Schild, Dina verfiel in gemächlichen Trab und Viviane hievte sich wieder auf ihren Rücken.

Ein lautes Seufzen ging rundum und eine der ältesten Kriegerinnen sprang vor, um den Speer aus der Wiese zu ziehen. Triumphierend schwang sie ihn über den aufgetürmten grauen Haaren, huschte flink an ihren Platz zurück und gab Viviane ein Zeichen: Die Bahn war wieder frei.

Viviane schmunzelte. Nun hob sie ihrerseits den Speer und Merdin wurde blass.

Spätestens jetzt war jedem klar, dass der Tag nicht langweilig werden würde.

Auch Merdin rettete sich mit einem raschen Abkippen vor dem Speer, doch kaum hatte er sich wieder aufgesetzt, drängte Viviane ihre Dina dicht an seine Beine und der Nahkampf hoch zu Ross begann.

Rasend schnell hieben und stachen sie aufeinander ein. Kurzschwerter, Äxte, Messer … eine Waffe nach der anderen schlugen sie sich aus den Händen, mal durch brutale Gewalt, mal durch List und Tücke. Jeder Würgegriff brachte ihre Zuschauer zum Stöhnen, und wenn Viviane in allzu arge Schräglage kam, kreischten manche sogar auf. Alsbald gingen sie mit bloßen Händen aufeinander los.

Prompt rissen sämtliche Zuschauer ihre Fäuste hoch, verpassten der Luft Hieb um Hieb und manch einer grölte noch Ratschläge, wie Viviane ihren hochtrabenden Gegner vom Pferd fegen könnte.

„Denk an zwölf Monde harte Arbeit“, knurrte Merdin durch die Zähne und grinste breit. Viviane hätte ihn am liebsten in die Wange gezwickt. Stattdessen täuschte sie mit rechts an und stach mit links nach seinen Augen, die jedoch rechtzeitig aus ihrer Reichweite gebracht wurden.

Sie hielt sich an die abgemachte Bewegungsfolge, die sie beide auswendig kannten. Schließlich hatten sie sich ein Jahr lang auf dieses Spektakel vorbereitet. Außer ihnen wusste nur Uathach, was für ein langwieriger Prozess das gewesen war. Gemeinsam hatten sie spektakuläre Bewegungsabläufe ausgeklügelt und sehr, sehr langsam eingeübt. Erst vor einem Mond hatte ihnen Uathach erlaubt, in diesem atemberaubenden Tempo zu agieren, das jetzt sämtliche Gemüter in Aufruhr versetzte.

Die Einzigen, die absolut stillstanden, waren Arion und Dina. Nicht mal ihre Ohren zuckten. Sie bewegten sich nur, wenn sie von ihren Reitern dazu aufgefordert wurden, wie nun von Viviane.

Ein leichter Schenkeldruck, ein wenig Gewichtsverlagerung und ihre kleine Stute reagierte wie ein echtes Schlachtross, indem sie eine winzige Seitwärtsbewegung machte. Viviane nutzte den geschaffenen Freiraum, um rasch an ihrer Seite hinunterzurutschen, unter ihrem und Arions Bauch durchzukriechen und Merdin vom Pferd zerren.

Dieser hatte nun nichts weiter zu tun, als schön erschrocken zu kreischen und die Hand über die Augen zu heben, als würde er nach Viviane Ausschau halten, obwohl sie längst auf seinem Bauch saß. Viviane hatte nichts weiter zu tun, als seinen Blick falsch zu deuten und sich hastig nach einem Angreifer aus dem Hinterhalt umzudrehen. Schon lag sie auf dem Rücken und die Krieger lachten. Ja, sie klatschten wie wild die Hände zusammen und brüllten: „Noch mehr! Noch mehr!“

Selbstverständlich ließen sich Viviane und Merdin nicht lange bitten.

Seite an Seite ritten sie über die Lichtung, glitten auf halber Strecke von den Pferden und rannten schnell wie der Wind nebenher. So gekonnt sprangen sie wieder auf Dina und Arion, dass es eine Freude war, ihnen zuzusehen. Die Beifallsbekundungen wollten gar nicht mehr aufhören, daher trieben sie das gleiche Spiel noch einmal in die Gegenrichtung. Eine dritte Strecke wurde nicht in Angriff genommen – Merdin hob schwer atmend die Hand und japste gut verständlich, er müsse sein Pferd schonen.

Alle Krieger lachten, doch keiner war bereit, das Ende des Spektakels zu akzeptieren. Sie klatschten und brüllten wieder im Takt: „Noch mehr! Noch mehr!“

Viviane kam das gerade recht. Sie hatte jetzt nichts weiter zu tun, als an einen großen, saftigen Apfel zu denken.

Mit hungrigem Blick wedelte sie Merdin Luft zu und ließ Dina so lange im Kreis um ihn herumtänzeln, bis er sich mit schiefem Grinsen die Lippen leckte. Die Krieger im Rund johlten anzügliche Bemerkungen, die Kriegerinnen quietschten vor Vergnügen und ein paar von ihnen giggelten laut: „Guckt euch mal den Arion an! Der tut genauso verliebt wie Merdin!“

Das brachte Viviane ein wenig aus dem Konzept, doch Dina tänzelte ohne ihr Zutun weiter und tatsächlich schaute ihr Arion fast genauso hinterher, wie es Merdin für sich selbst eingeübt hatte. Natürlich leckte sich Arion nicht die Lippen, aber seine witternde Haltung, sein Blick … warum war ihr das noch nie aufgefallen? Oder besser: Wann hatte dieser Schelm damit angefangen? Arion, wohlgemerkt – bei Merdin war es ja bloß gespielt.

Viviane beugte sich näher heran und hauchte Merdin einen Kuss auf die Wange. Dina rieb sich an Arions Hals, wie sie das jedes Mal beim Proben getan hatte. Plötzlich befürchtete Viviane, ihre Stute würde heute einfach stehen bleiben.

Doch weit gefehlt. Mit einem kessen Schweifwedeln schritt Dina über die Lichtung und ließ Arion samt Reiter in Schockstarre zurück.

„Du Trottel!“, „Hör auf zu sabbern!“, „Der ist voll im Tran!“, grölten die Krieger und fanden noch derbere Sprüche, die zum Glück in der allgemeinen Heiterkeit untergingen. Nicht, dass sich die beiden derartige Beschimpfungen zu Herzen nahmen.

Wie eingeübt blieben sie ruhig, bis Viviane auf halber Strecke wendete. Nun kam wieder Leben in beide. Merdin grinste besonders verträumt und streckte die Arme aus, als wollte er Viviane mit einem langen, dicken Tau einholen. Arion tänzelte auf der Stelle, als müsse er erst mal die Seile dafür verdrillen. Dabei machte er einen dermaßen langen Hals und witterte Dina nach, dass Viviane nur staunen konnte, wie artig er auf seiner Position ausharrte. Sein ganzes Gebaren sagte: ‚Vorpreschen! Viviane runterschubsen! Selber aufsteigen!‘ Es war einfach genial.

„Arion taugt wahrlich fürs Theater“, gluckste Uathach, mittlerweile ohne Helm und restlicher Kriegsmontur, die blonde Haarmähne wieder verzottelt. Geschäftig reichte sie Viviane das kleinste Blasrohr aus ihrer Sammlung hinauf. Dann präsentierte sie – wie aus dem Nichts – einen Federkiel, hinten buschig, vorne mit einer Spitze aus Silber versehen, und tauchte diese in ein winziges Tontöpfchen mit roter Farbe. „Pass auf, Vivian! Du musst zwei Fingerbreit höher zielen und eine Elle nach rechts. Bruder Wind hat aufgefrischt, findet das Spektakel wohl aus so lustig. Ich hab die ganze Zeit nichts anderes gemacht, als seine Stärke abzuschätzen und jeden Schuss zu kalkulieren.“

„Uathach, du bist genial! Danke, das mache ich, sollst ja stolz auf mich sein.“ Verschmitzt wedelte Viviane mit dem Blasrohr und streckte die Hand nach dem Federkiel aus.

Arion hörte sofort auf zu tänzeln und Merdin hob die Hand über die Augen; er schaute dermaßen verdutzt, dass jeder in der Runde dachte, nun käme etwas, das für die Reitervorführung nicht geplant gewesen war.

War es eigentlich auch nicht, doch Viviane hatte darauf bestanden. Sie hatte den Nahkampf hoch zu Ross verlieren müssen, etwas anderes wäre für Merdin unvorteilhaft gewesen. Deshalb wollte sie nun wenigstens eine Art Gleichstand erreichen. Selbstverständlich hatten sie auch dies geprobt und Merdin wusste genau, was er zu tun hatte.

Er lachte lauthals.

„Mit dem kurzen Elderstab hast du keine Chance auf die Entfernung!“

„Abwarten“, johlte Viviane zurück. „Das ist beste Qualität!“ Sie hielt das Blasrohr für alle gut sichtbar hoch und rief laut: „Absolut gerader Wuchs! Ich habe jeden Hollerbusch aus der Gegend inspiziert! Ein Prachtstück von Holunder, bearbeitet von einem Meister! Guckt nur alle hin!“

Ein Raunen machte die Runde und jeder Krieger schaute zu Akanthus, der sich grinsend verbeugte.

„Angst?“ Feixend setzte Viviane das Blasrohr an die Lippen. „Keine Bange, ich ziele nicht auf deine Beine!“

„Oh weh!“ Merdin versteckte sich hastig hinter seinem Schild.

Der Pfeil flog schnell und prallte mit einem sehr leisen Schlag auf das Holz.

„Ha! Ein Mückenstich! Eine Handbreit weiter weg und er wäre lasch abgesackt!“

„Ich nenne das ‚Berechnung‘“, trällerte Viviane und lenkte Dina langsam rückwärts.

Uathach tauschte währenddessen die Blasrohre aus und knurrte: „Prima Treffer. Für den nächsten drei Finger und anderthalb Ellen zugeben.“

„Mach ich.“ Viviane nickte voll konzentriert und Uathach tätschelte ihr beruhigend den Arm.

Merdin hingegen lachte höhnisch.

„Was treibst du da? Dein Elderstab mag größer sein, aber du gehst viel zu weit rückwärts! Treibt dich der Wind fort oder soll das noch mal so eine trudelnde Mücke werden wie eben?!“ Grinsend demonstrierte er mit seinem Zeigefinger, wie es einer Mücke im Sturm erging, riss jedoch hastig seinen Schild hoch, als Viviane das neue Blasrohr ansetzte.

Wieder stach der Pfeil kaum in das Holz und Merdin spottete lauthals, als Nächstes kämen verhungerte Mücken. Viele Krieger lachten und riefen, sie würden auch bald verhungern.

Viviane ließ sich davon nicht beirren.

Ruhig nahm sie das dritte und vierte Blasrohr von Uathach entgegen, schoss ihre Pfeile ab und lenkte Dina stückweise rückwärts. Beim fünften und längsten Blasrohr verschwand sie zwischen den Bäumen. Nur Merdin und Uathach konnten sie noch richtig sehen, alle anderen reckten die Hälse, um nichts zu verpassen – selbst Akanthus, der genau wusste, was Viviane damit bezwecken wollte.

Merdin spürte – wie fast jedes Mal bei ihren Proben – den deutlich stärkeren Einschlag in seinen Schild; diesmal johlte er anerkennend.

„Das war ein Hit! Endlich hat der Schuss im Holz gesessen, wie es sich schickt! Aber warum hast du nicht mal woandershin gezielt? Ich hätte die kleinen Stiche sowieso kaum gemerkt! Oder hast du Gift an den Pfeilen?!“

Bei dieser reichlich späten Vermutung wurde Merdin ganz hektisch. Bibbernd duckte er sich hinter seinen Schild, zog die Füße hoch, stieß sich das Kinn an den Knien … Rundum lachten alle über sein ängstliches Gebaren. Er klapperte sogar laut mit den Zähnen, doch er grinste dabei. Über solche Spötteleien konnte Viviane nur ausgiebig gähnen. Gelangweilt wedelte sie mit der Hand, Uathach solle sich um die Angelegenheit kümmern, sie sei näher dran.

Das ließ sich ihre Freundin nicht zweimal sagen. Gemütlich schlenderte sie zu Merdin, klopfte gegen seinen Schild und gurrte: „Du kannst vorkommen. Vivian will dich nicht vergiften. Sie will bloß ein kleines Zeichen setzen.“

„Ach, ein Zeichen sollte das werden!“ Merdin drehte seinen Schild um, sodass er die Außenseite sehen konnte, starrte übertrieben darauf und jauchzte unvermittelt.

„Sie hat ein Kreuz aufgezeichnet!“, rief er in die Runde und hielt seinen Schild hoch, damit es jeder sehen konnte. „Sie hat tatsächlich ein Kreuz fertiggebracht! Drachenbrüder! Drachenschwestern! Guckt euch das an! Guckt euch das an!“

Er ließ Arion langsam an den Kriegern vorbeigehen, präsentierte ihnen seinen Schild und deutete auf die roten Punkte, die Viviane mit ihren Pfeilen eingestochen hatte.

„Es ist tatsächlich ein Kreuz“, murmelten die Ersten, wobei sie verdutzt auf den Schild starrten. „Sie hat wahrhaftig ein rotes Kreuz aufgezeichnet!“

Eifrig drehten sie sich zu ihren Nachbarn um und zeigten mit den Fingern auf den Schild.

„Habt ihr das gesehen?! Ihr letzter Hit hat das Zentrum getroffen! Schaut hin! Der starke rote Punkt befindet sich mittig im Kreuz! Das ist ein kleines Sonnenrad, gar kein Zweifel!“

Schwer beeindruckt wandten sich die Krieger Viviane zu und musterten sie von Kopf bis Fuß, obwohl sie immer noch weit hinten im Wald auf Dina saß und gar nicht richtig zu sehen war. Viviane wurde zunehmend rot unter ihren blauen Hautmustern.

Sie ärgerte sich ein winziges bisschen. Genaugenommen war das Kreuz nicht klein; es maß mehr als zwei Handspannen von Punkt zu Punkt. Sie hätte besser getroffen, wenn sie absolut nüchtern gewesen wäre. Die Pfeile waren ihr doch ein wenig abgedriftet, aber dafür war der letzte so perfekt windschief im Zentrum gelandet, dass es am Ende wieder gerade aussah. Man musste nur den Kopf zur Seite neigen – schon konnte man Norden, Osten, Süden und Westen deutlich erkennen.

Zum Glück hatte sie die rote Farbe genommen, wie Uathach ihr geraten hatte. Schwarze Punkte wären nicht so gut sichtbar gewesen, man hätte sie gar als Maserung im Holz abtun können.

„Guckt sie euch an!“, tönte Merdin und streckte den Schild weit von sich. „Das Symbol der vier Himmelsrichtungen auf einen Schild geblasen! Ein Sonnenrad, auf diese Entfernung! Habt ihr je solche Treffer gesehen, derlei Kunstfertigkeit?!“

„Nein!“, jubelten alle Krieger im Chor. „Vivian ist die Beste mit dem Elderstab!“ Prompt fiel einigen auf, was sie da gerade verkündeten, und sie verpassten ihren Nachbarn unauffällige Rippenstöße. Allesamt brüllten sie hinterher: „Uuuuathach ist die Beste mit dem Elderstab! Sie ist die beste jüngste Lehrmeisterin und Vivian ihre beste jüngste Schülerin! Sie können wahrlich stolz aufeinander sein!“

Uathach drehte sich prustend um und zwinkerte Viviane zu.

Viviane freute sich, wie glücklich ihre Freundin nun die Faust in Siegerpose reckte, und zwinkerte lachend zurück. Ja, sie musste sich kichernd hinter ihren Händen verstecken und den Kopf schütteln. Wenn jemand vor fünf Jahren prophezeit hätte, dass sie eines Tages stolz aufeinander sein würden, wäre er wahrscheinlich mit zwei Ohrfeigen abgezogen, denn damals hatten sie sich überhaupt nicht leiden können.

Immer wollte Uathach recht haben, weil sie bereits ein Jahr Heilkunst absolviert hatte, bevor Viviane anfing. Immer wollte Uathach die Beste sein und Viviane hätte ihr das auch gegönnt, denn schließlich war Uathach eine Königstochter, eine gelehrige Schülerin der Medizin und eine faszinierende Kriegerin. Noch dazu äußerst klug, gut aussehend und üppig gebaut. Doch ständig hatte sie Viviane spüren lassen, dass sie selbst klein, mager und nicht von hoher Geburt war.

Deswegen waren sie öfter aneinandergeraten, und irgendwann hätten sie sich wohl ernsthaft geprügelt, wenn sie in Vivianes erstem Jahr nicht zufällig beide krank geworden wären. Es war eine seltsame Krankheit – genauer, eine Trägheit – die sie tagelang ans Bett fesselte. Alle anderen Mädchen vergnügten sich draußen im Sonnenschein, sie jedoch lagen artig nebeneinander – zum gegenseitigen Zähne-Einschlagen fehlte ihnen schlichtweg die Kraft. Was konnten sie tun, bis es ihnen besser ging?

Der Erste, der von ihrem lauten Gekicher angelockt wurde, war Akanthus, und er freute sich, dass seine Medizin nun offenkundig wirkte. Viviane hatte ihn bis heute im Verdacht, für Krankheit und Genesung selbst gesorgt zu haben. Doch wie überraschte ihn sein eigener Heilerfolg: Viviane und Uathach waren seit ihrer Zwangsstilllegung unzertrennlich. Niemals wieder ein böses Wort oder eine böse Tat. Wenn die eine etwas nicht konnte, brachte die andere es ihr bei.

„Alles hervorragend erledigt“, gluckste Uathach, die nun unvermittelt vor Viviane stand.

„Ich bin höchst zufrieden mit dir, meine Kleine, und dafür geleite ich dich nun höchst feierlich zur Feststätte zurück.“ Kurzerhand zog sie Viviane vom Pferd, legte ihr strahlend den rechten Arm um die Schultern und rüttelte alles, was daran hing, kräftig durch.

„War also doch nicht umsonst, wie ich dich unter meine Fittiche genommen habe. All die Jahre voller Mühsal und Tobsuchtsanfälle …“

Uathach wischte sich ganze Sturzbäche imaginären Schweißes von der Stirn und stöhnte vor Anstrengung. Unvermittelt griff sie Viviane unter die Arme und hob sie mit einer Leichtigkeit an, als wäre sie aus Stroh.

„Ja, das hat sich wirklich gelohnt“, lachte diese und tänzelte mit den Füßen durch die Luft „Das fühlt sich prima an! Mach weiter!“

„Die Grashalme, die kitzeln?“

„Das Gras, der Südwind, das Kampfspektakel, die blaue Farbe … einfach alles!“

„Ach, und meine Kraft? Pass auf, du kleiner Grashüpfer!“

Uathach packte fester zu und zog Viviane noch höher, sodass sie weit über den Grashalmen schwebte und jauchzte: „Beim Geweih von Cernunnos, du bist das stärkste Weib! Ich bin so glücklich, dass du meine Freundin bist! Keiner fühlt sich heute so leicht und frei wie ich!“

„Das möchte ich meinen. Immerhin wirst du von einer zukünftigen Königin der Nebelinsel auf Händen getragen. Wer könnte das noch von sich behaupten?“

Fragend schauten sie sich an und prusteten gleichzeitig los.

Es gab tatsächlich niemand anderen, den Uathach jemals umhergetragen hätte. Sie trug nur ihren Stolz, ihre Waffen und manchmal eben Viviane. Das war ihr beider größtes Vergnügen, seitdem sie ihre Freundschaft entdeckt hatten, und Viviane vermutete, dass sie gerade deswegen umhergeschleppt wurde. Zum einen war Uathach fast zwei Köpfe größer, zum anderen war es wohl eine Art Wiedergutmachung für all die üblen Tage, die sie vorher miteinander durchlebt hatten.

„Ich könnte dich noch ewig so weiterschleppen! Doch halt, Seitenwechsel und Endspurt, jetzt wird gefeiert!“ Uathach sprang um Viviane herum und hob sie auf ihren linken Arm. „Ach, da kommt ja noch ein Helfer angestolpert! Da schaff ich’s vielleicht doch noch zum Met, bevor ich das Fass auslecken muss! Gib mal Rückenwind, kleiner Grashüpfer!“

„Ganz wie zukünftige Nebelkönigin wünschen!“

Lachend flatterte Viviane mit den Armen und Uathach trabte mit einer Leichtigkeit vorwärts, die selbst den entgegenkommenden Merdin zum Staunen brachte. Er verlangte aber dennoch, sie solle ihm die Hälfte abgeben und schob seine Hand unter Vivianes freigewordene Achsel. Nun konnte diese noch leichter und viel, viel höher durch die Luft sausen. Allerdings hing sie ein bisschen schief, weil Merdin ein winziges Stück größer war als Uathach und auch mehr Kraft hatte – beides wollte er gut sichtbar zur Schau stellen.

Die Spur der Drachen

Beim ersten Vogelgezwitscher verspürte Viviane den starken Drang, sich ausgiebig zu rekeln, und wäre beinahe vom Ast gefallen. Gerade noch konnte sie sich festklammern und einen erschrockenen Blick nach unten werfen. Prompt wechselten sich bei ihr Blinzeln, Stirnrunzeln, Augenaufreißen und -zukneifen in rascher Folge ab. Nur den Klammergriff behielt sie bei und mit ihm die Erkenntnis.

Sie war wach, kein Zweifel. Doch wieso war sie auf einer knorrigen Buche, erste Etage, aufgewacht?

Von der guten Aussicht – wenn es irgendwann hell würde – mal abgesehen, war ihr Schlafplatz eher ungewöhnlich, ja, geradezu exzentrisch, und noch dazu weit weg von den anderen. Zum Glück war die Astgabel, auf der sie lag, breit und voller Moos, und zwei flauschige Wolldecken sorgten für Behaglichkeit. Dennoch, gemütliche Wärme hin und weite Sicht her – wieso lag sie nicht unten auf der Erde wie jeder normale Mensch?

Das Korma war schuld. Offensichtlich hätte sie nicht so viel von dem Gebräu in sich hineinschütten dürfen. Aber nachdem das Kampfspektakel vorbei war, hatte ihr Merdin auch nicht mehr das Horn weggenommen, sondern sogar höchstpersönlich nachgefüllt.

Nebenbei hatte er Viviane mit saftigem Braten und anderen Leckereien versorgt und sie mit ihren neuen Drachenbrüdern und -schwestern bekannt gemacht. Durch seinen Vater kannte er alle und Viviane fühlte sich sehr geehrt, weil sich der höchste Druide eine ganze Weile nur mit ihr unterhielt.

Zum Beispiel fand er es interessant, dass auch Vivianes Clan Cernunnos als Gott der Anderswelt verehrte. Noch mehr faszinierte ihn, dass sie beide die gleiche Augen- und Haarfarbe hatten – so grün wie Moos und so rotbraun wie das Holz des fernen Mahagoni –, während sein Sohn die blauen Augen und kupferroten Haare seiner Mutter hatte. Manch einer hätte darin ein Zeichen gesehen, lachte er; schon waren sie im Gespräch über Vivianes Blasrohrschießen und umringt von vielen Bewunderern.

Bis in die Nacht hinein hatten sie gefeiert, geredet und getanzt – nicht nur zu den mitreißenden Trommelklängen, sondern auch zu anderen Instrumenten und Gesang, denn einige der Drachenkrieger waren Barden und beherrschten die Kunst der Unterhaltung auf das Vortrefflichste.

Natürlich gab es auch andere, die recht passabel singen oder Instrumente spielen konnten, und nach dem siebten oder achten Horn voll Korma fiel Viviane ein, dass auch sie dazugehörte. Sie hatte extra ein paar lustige Tanzlieder eingeübt.

Weil sie nackt zu ihrer Initiation kommen musste, hatte sie Uathach nicht nur mit dem Bereitstellen der Pferde beauftragt, sondern auch damit, ihre kleine Zinnpfeife mitzubringen.

„Beim Geweih von Cernunnos“, stöhnte Viviane beim Gedanken an diese Erinnerung und hielt sich die Augen zu. „War das peinlich.“ Mit langsamen Bewegungen schob sie sich auf dem Ast rückwärts und kroch unter die Decken. Jetzt dämmerte es langsam, auch bei ihr im Kopf.

Nach der höchst speziellen Ankunft der Pferde hätte sie es eigentlich wissen sollen, aber nein, betrunken wie sie war, hatte sie quer über die Lichtung nach ihrer Tin Whistle gebrüllt. Uathach hörte sofort, schlenderte gemächlich zu ihr herüber und verkündete lauthals, gleich gäbe es was zu bestaunen – und der Drache auf ihrer Brust schien zu grinsen, als sie sich das letzte Stück Hirschbraten in den Mund schob.

Das kam Viviane nun doch etwas verdächtig vor. Sie stützte ihr Kinn auf Merdins Arm, damit sie besser über ihren ausgestreckten Finger sehen konnte, und rief: „Has mein Dn Whsle midbrachd, wie ichs dir g’sagd hab, hicks?!“

„Ja, hab ich bei mir, keine Bange“, rief Uathach sehr gut verständlich zurück, obwohl sie zweimal so viel getrunken hatte wie Viviane und sich nebenbei den Fleischsaft aus den Mundwinkeln leckte.

Zwar konnte Viviane höchstens halb so gut sprechen, dafür aber mindestens doppelt so viel sehen, und eine kleine Zinnpfeife – weder in zweifacher noch in dreifacher Ausfertigung – sah sie nirgendwo an Uathach.

„Wo hasse dnn versdegd“, hatte sie deshalb gelallt und ihre nackte Freundin von Kopf bis Fuß beäugt. Diese griff sich feixend zwischen die Beine und Viviane konnte nur noch „bloß nicht!“ kreischen.

Uathach hatte losgejohlt und alle anderen auf der Lichtung gleich mit – hundert wiehernde Pferde waren nichts dagegen.

„Dieses Wahnsinnsweib macht mich fertig“, jammerte Viviane nun, unter ihren Decken und mit ordentlicher Aussprache. Selbstverständlich hatte Uathach die Tin Whistle nicht zwischen den Beinen versteckt, sondern in ihrer riesigen, blonden, steif aufgetürmten Haarmähne; in ihrer Trunkenheit war sie der Freundin gründlich auf den Leim gegangen. Während Uathach spöttisch grinste, hatte sie zu ihr aufgeblickt wie der Ochs vorm Scheunentor; sämtliche Krieger hatten sich gebogen vor Lachen.

Viviane zog ihre Decken fester um sich und seufzte. Einmal im Leben hatte sie so richtig Eindruck schinden wollen und alle, wirklich alle, hatten sich auf ihre Kosten amüsiert; es war schon arg beschämend. Am besten versteckte sie sich hier unter den Decken und wartete, bis keiner mehr da war. Unvermittelt huschte ein Grinsen über ihr Gesicht. Sie hatte einen Beitrag zur Unterhaltung leisten wollen? Nun, aus Sicht der Krieger war ihr das wohl bestens geglückt; alle hatten einen Heidenspaß gehabt. Viviane kicherte in sich hinein. Ja sie prustete los, als sie die Szene noch einmal vor Augen sah und sich unter die Krieger mischte. Von hier aus war beste Sicht auf den Ochs vorm Scheunentor und sie hatte wirklich gut lachen.

„Vivian“, flüsterte da jemand unter ihr. „Geht es dir besser?“

„Besser? Gings mir schon mal schlechter?“

Viviane gluckste und lugte – samt Decken über dem Kopf – zwischen ihrer Astgabel hindurch in Richtung Stimme. Der Sonnenaufgang nahte zwar noch nicht, aber mittlerweile war es vor ihrer wolligen Höhle hell genug, um Umrisse zu erkennen.

„Akanthus! Beim Geweih …“ Hastig versuchte sie, sich in eine ehrerbietige Position zu bringen und rutschte auf der Astgabel herum – es war aussichtslos. Sie ächzte und schnaufte zwischen ihren Decken, Waffen, Händen, Füßen und Knien so ärgerlich vor sich hin, dass ihr Lehrmeister lachen musste.

„Ja, ich bin das. Ganz allein und privat, wohlgemerkt. Daher keine Umstände, keine Zustände oder was du sonst bekommst, wenn ich eine Antwort haben will.“ Er gluckste vergnügt. „Ich wollte mich nur erkundigen, ob meine Hypnose gewirkt hat.“

„Deine … Hypnose? Gewirkt?“

Viviane beugte sich so abrupt vor, dass sie fast wieder vom Ast gefallen wäre, doch mittlerweile hatte sie Übung im Festhalten und die Sicht wurde auch langsam besser. Akanthus stand vollkommen entspannt drei Schritte von ihr weg unter der Buche und betrachtete durch die kahlen Äste hindurch einen blass-blauen Lichtstreif am Himmel.

„Es war bloß eine ganz leichte Hypnose“, erklärte er dermaßen langsam, als hätte er eine Kriegerin vor sich, die den Wettstreit im ‚Korma-Trinken‘ gewonnen hatte. „Du hast ziemlich neben dir gestanden. Ein erholsamer Schlaf schien mir richtig. Beim ersten Vogelgezwitscher solltest du wieder aufwachen.“

„Gezwitscher?“ Viviane spitzte die Ohren. „Ah, jetzt fällt mir das auch auf. Unsere gefiederten Freunde machen ein Heidenspektakel, damit unsereins den Tagesanbruch nicht verpasst. Apropos nichts verpassen …“ Sie leckte sich die Lippen und befühlte ihren Hals. „Ich glaube, ich habe das ganze Korma wieder hergegeben.“

„Das scheint mir auch besser. War eben dein erstes Besäufnis mit Korma. Das hat bis jetzt jeden umgeworfen.“ Akanthus zuckte die Schultern. „Glaube mir, ich kenne mich da aus. Beim nächsten Mal hörst du rechtzeitig auf.“

„Auf ein nächstes Mal kann ich gut verzichten.“ Viviane stöhnte leise vor sich hin und legte ihren Kopf vorsichtig auf dem Ast ab. Offenbar hatte sie von ihrem kleinen Lachanfall Kopfschmerzen bekommen. „Ich kann also davon ausgehen, dass ich ohne Hypnose schlimmer dran wäre“, seufzte sie mit geschlossenen Augen.

„Ganz recht.“ Akanthus betrachtete immer noch den breiter werdenden Schimmer durch die Äste und schmunzelte. „Aber die Buche hast du dir selbst als Schlafplatz gewählt.

Damit hatte ich nichts zu tun. Ehe ich mich versah, warst du oben und hast geschlafen. Wir konnten dich nur noch zudecken.“

„Danke dir und wem auch immer für die Fürsorge“, murmelte Viviane und wedelte schlaff mit der Hand. „Ich versuch mal den Abstieg.“

Nachdem sie sich mühsam von der Buche gehangelt und die Wolldecken hinter sich hergezogen hatte, ließ sie ihren Blick über die Lichtung schweifen. All ihre Drachenbrüder und -schwestern lagen ordentlich unter Decken im tiefen Schlummer, nur Akanthus stand da und machte einen vollkommen ausgeruhten Eindruck.

„Ich geh mal kurz in den Wald. Ich finde den Weg, so düster ist es ja nicht mehr.“ Viviane schaute ein wenig verlegen drein und legte umständlich die Decken zusammen. Dann fügte sie rasch hinzu: „Versteh mich nicht falsch, Akanthus. Das Licht ist zwar noch fahl, aber ich kenne deine Sehkraft, und ich bin mir des ramponierten Anblicks wohl bewusst, den ich dir biete. Darf man eigentlich nur zur Initiation in den See oder …?“

„Jederzeit“, lachte Akanthus und zeigte auf seine feuchten Haare, die Viviane jetzt erst auffielen. „Jeder darf im See schwimmen, nicht nur Drachen. Achte jedoch auf den Sog in der Mitte, besonders jetzt, da du nicht ganz bei Kräften bist.“

„Keine Bange, ich werde mich am Ufer halten. Da komme ich gar nicht erst in Verlegenheit, zu ertrinken. Und ich nehme Dina mit, die kann mich zur Not retten. Ich habe meine Lektion gelernt.“

„Ich werde hier auf dich warten. Nimm die auch gleich mit.“

Akanthus überreichte ihr ein paar Tücher – ein winziges aus Wolle, mit dem ihr Uathach gestern die Zähne poliert hatte, und zwei große Leintücher, die ihr ebenfalls bekannt vorkamen. Unwillkürlich musste Viviane schmunzeln, wenn es auch wehtat. Vorsichtig setzte sie sich in Bewegung.

Zurück kam sie mit Tüchern um Kopf und Schultern gewickelt und leichtem Schritt. Die freudige Begrüßung durch Dina, der Wald, das kalte Wasser – das alles hatte ihr gutgetan. Akanthus hielt ihr gleich eine Schale mit Gerstenbrei hin und schaute so lange streng drein, bis sie alles in sich hineingelöffelt hatte, ob sie wollte oder nicht. Danach zeigte er wieder sein väterliches Lächeln und forderte Viviane auf, ein Stück des Wegs mit ihm zu gehen. Müßig schlenderten sie über die Lichtung, vorbei an den Drachenkriegern, die dicht gedrängt um die Erdöfen schliefen. Viviane sah ihre Körper nun deutlich unter den Decken und überlegte, wie einfach es wäre, sie hier und jetzt zu überfallen, doch Akanthus schwärmte frohgemut von der gestrigen Feier und davon, wie gut ihr Kampfspektakel ausgesehen hatte. Kein Drachenkrieger wachte auf, niemand machte sich Sorgen. Über die Absicherung solcher Feste hatte sich Viviane noch keine Gedanken gemacht und Akanthus ließ ihr ohnehin keine Zeit zum Grübeln.

„Ich möchte mit dir über deine Zukunft sprechen“, begann er ein neues Gesprächsthema und führte sie zu einem Apfelbaum, der so schief stand, dass man sich mühelos darauf setzen konnte. Mit einladender Geste deutete er auf eine bequeme Stelle und nahm selbst auf einer Astgabel gegenüber Platz.

Viviane schaute ihm aufmerksam in die blauen Augen und wartete geduldig auf das, was er zu sagen hatte. Aus Erfahrung wusste sie, dass er nicht duldete, wenn man vorschnelle Fragen stellte oder gar dazwischenredete.

„Ich muss dich heimschicken“, sagte er ruhig und dennoch in einem Ton, der keinen Widerspruch zuließ. „Nichts von dem, was ich dir nun mitteile, darf nach außen dringen. In die Gründe für meine Entscheidung werden nur Druiden eingeweiht, selbstverständlich auch die in deiner Heimat. Das lass allerdings meine Sorge sein, du weißt, ich habe Mittel und Wege. Bei dieser Gelegenheit werde ich dich auch gleich bei deinem König ankündigen. Falls jemand fragt, warum du deinen Leuten nicht selbst geschrieben hast, sag einfach, du wolltest sie überraschen. Das wird dir jeder glauben und es ist nicht mal gelogen, wenn du vergisst, zu erwähnen, dass du selber überrascht warst.“

Akanthus warf einen prüfenden Blick auf Viviane, die sich redlich mühte, ihre Verblüffung zu verbergen, und fuhr fort: „Dein Hab und Gut habe ich bereits zur dritten Station deiner Reise vorausgeschickt. Dort erwarten dich auch noch ein paar Extravaganzen, denn ich will eine vornehme Römerin aus dir machen, um dich in römisches Gebiet zu schicken. Alles Weitere ist geplant und in die Wege geleitet.“

Viviane klappte der Mund auf. Schnell machte sie ein verhaltenes Gähnen daraus und hütete sich, irgendetwas zu sagen.

„Ich weiß, du hast dich darauf eingerichtet, hierzubleiben, doch der schwere Kampf, für den wir uns alle rüsten, ist bis auf Weiteres verschoben worden. Meines Wissens wird er noch etwa zwei Jahre auf sich warten lassen. Die große Entfernung zu deiner Heimat wird also für eine Rückkehr kein Problem darstellen.“

Viviane nickte vorsichtig, sie war nun doch etwas verwundert. Der seit Jahren, ach was, seit Jahrzehnten geplante Vernichtungsfeldzug der Römer gegen die britannischen Druiden würde also nicht stattfinden, jedenfalls jetzt noch nicht. Akanthus musste es wissen, er hatte zahllose Berichterstatter, von denen die Römer nichts ahnten.

„So ist es“, bestätigte er, als hätte er ihre Gedanken gelesen. „Sämtliche meine Späher berichten das Gleiche: Der Kampf, den die Römer gegen uns Druiden im Sinn haben, muss warten. Im Moment sind sie nicht dazu in der Lage, gegen uns ins Feld zu ziehen, oder besser gesagt: Sie sind im Moment noch zu schwach, um es mit uns Druiden aufzunehmen.“

Trotz ihrer Vorsicht konnte Viviane nicht anders, sie musste kichern.

Auf Akanthus’ Gesicht machte sich ein verschwörerisches Grinsen breit, bevor er weitersprach: „Natürlich werden wir die gewonnene Zeit nutzen, um noch mehr Druiden vor den Römern in Sicherheit zu bringen. Und auch dazu, den Kampfgeist der römischen Truppen weiter in die Knie zu zwingen. Es hat eben seine Vorteile, in den Bergen zu leben, umgeben von Stämmen, die den Römern Einhalt gebieten. Die Wölfe mögen sich den Osten Britanniens einverleibt haben, aber am Westen werden sie sich die Zähne ausbeißen. Dafür werde ich mit meinesgleichen sorgen.“ Feierlich legte sich Akanthus die Hand aufs Herz, um seine Rede zu bekräftigen. „Der Westen ist und bleibt unser, so wahr ich ein Silurer bin und Anführer der Drachenkrieger. Und ich bin froh, meine Tochter, sehr froh, dich an meiner Seite zu wissen, wann immer ich dich brauche.“ Sein Blick glitt über Viviane, die ihn gebannt beobachtete, und er zeigte wieder das von ihr so geliebte väterliche Lächeln. Unvermittelt wurde daraus ein verschmitztes, ja, ein verschlagenes Grinsen. Er rieb sich die Hände und gluckste erfreut: „Im Kampf gegen die Römer sind nicht nur Berge und Verbündete von Vorteil. Es ist auch recht nützlich, dass ihre eigenen Söldner kaum gebildet sind.“

Akanthus zog seine buschigen Augenbrauen hoch und schaute erwartungsvoll drein. Nun war für Viviane der richtige Moment gekommen, ihre Gedanken zu äußern.

„Die machthabenden, gebildeten Römer verstehen nicht, warum ihnen genau diese Unwissenheit zum Verhängnis werden könnte. Mit wahrer Meisterschaft betreiben sie Volksverdummung, um ihre niederen Stände im Zaum zu halten. Und wirklich erschaffen sie dadurch viele Krieger, die marschieren und gehorchen und töten für Sold, weil ihnen sonst nichts anderes übrig bleibt.“

Viviane zog verächtlich die Mundwinkel herab, was Akanthus zu eifrigem Nicken animierte, und sie fuhr fort: „Doch jeder Söldner, egal woher, fürchtet sich vor dem, was es mit sich bringt, einen Druiden zu töten. Er weiß: Wir Druiden sind den Göttern nahe. Wir Druiden bewahren das, was die Götter uns geschenkt haben. Wir streben nach Wahrheit und höchster Moral. Wir forschen, handeln und herrschen weise. Und die Götter sehen mit Wohlwollen, wie wir Brücken bauen aus Wissen, Weisheit und Gedenken, wie wir Götter und Menschen verbinden in jedem Clan, jedem Stamm, überall auf der Welt. Was also tun die Söldner, wenn sie gegen den Willen der Götter handeln sollen, wenn sie Druiden töten sollen, nur weil die Römer Angst vor unserer Macht haben?“

Viviane rutschte vom Apfelbaum und hob Achtung heischend den Finger. Dann tat sie, als würde sie mit Schild und Schwert in einem Schildwall stehen und Akanthus prustete los, als ihre Beine zu schlottern anfingen.

„Rufen sie: ‚Führt eure Schlacht doch selbst?‘ Nein, sie brauchen ja ihren Sold. Also fühlen sie lieber die kalte Angst ihre Beine hinaufkriechen, nehmen die Rache der Götter für eine Handvoll Münzen in Kauf und hoffen, irgendwie drum herumzukommen. Doch welcher Gott wird ihnen vergeben, wenn sie seinen Mittler getötet haben, oder zwei, oder gar noch mehr? Die überirdischen Götter, die irdischen Götter, die unterirdischen Götter – sie werden richten, wann es ihnen passt, wo es ihnen passt und wie. Schlimme, sehr schlimme Tode harren den Frevlern. Kein Gott wird sich ihrer erbarmen, kein einziger. Und wenn die Söldner schließlich in der Anderswelt landen – beim Geweih von Cernunnos –, dann warten die von ihnen getöteten Druiden und wer weiß wie viele Feinde noch auf sie.“

Viviane kauerte sich hinter ihren imaginären Schild und klapperte laut mit den Zähnen.

„So ist es“, gluckste Akanthus und seine buschigen Augenbrauen wackelten vergnügt. Für Viviane war dies das Zeichen, mit dem Zittern aufzuhören und weiterzureden. Rasch setzte sie sich wieder ihrem Lehrer gegenüber.

„Je mehr ihre Söldner hier in Britannien Angst vor unseren Fähigkeiten bekommen, desto besser. Je mehr Druiden sich an strategisch günstigen Stellen verteilen, desto besser. Nun frage ich mich …“ Sie richtete sich betont gerade auf und schaute Akanthus fest in die Augen. „… wieso kann ich nicht hierbleiben und mithelfen, damit unser Ruf noch angsteinflößender wird? Ist die Heimkehr in mein Land wichtiger?“ Sie legte den Kopf schief. „Ist meine Heimat in Gefahr?“

Akanthus’ Blick verdüsterte sich und Viviane lief ein Schauder über den Rücken. Plötzlich hatte sie Angst, die fröhlichen Briefe ihrer Familie falsch verstanden zu haben.

„Nein, nein“, rief Akanthus und hob beschwichtigend die Hände. „Deiner Sippe geht es gut. Deinem Clan geht es gut. In deinem ganzen Land ist alles in Ordnung.“ Er seufzte. „Noch.“

Viviane kniff die Lippen zusammen, damit ihr keine Frage entschlüpfte, und schaute weiterhin abwartend zu ihrem Meister.

„Diesmal brauchte ich nicht einmal Späher, um das zu erfahren“, brummte Akanthus und bedeutete ihr, mit ihm zu kommen. Er führte sie zum Rand der Lichtung, wo eine Decke im Gras lag, und bat sie mit einladender Geste, Platz zu nehmen.

„So schlimm?“, rutschte es Viviane heraus und sie biss sich schnell auf die Lippe – zum einen, weil sie unaufgefordert gesprochen hatte, zum anderen, weil ihr der Kopf plötzlich wieder schmerzte.

Doch Akanthus war nicht ungehalten aufgrund ihrer Zwischenfrage. Er kramte sogar einen kleinen Weidenzweig aus seiner Gürteltasche und hielt ihn ihr mit besorgtem Blick hin.

„Salix? Nein, danke dir“, seufzte Viviane und hob abwehrend die Hand. „Mein Schädel tut weh, als hätte mir Uathach einen ganzen Weidenbaum übergezogen, aber ich will keine Medizin. Ich finde, ich habe die Schmerzen verdient. Wenn das nächste Besäufnis ansteht, werde ich mich besser erinnern.“ Mit verkniffener Miene setzte sie sich vorsichtig auf die Fersen und wartete, dass Akanthus seine Rede fortführte.

„Nun, es ist wirklich so schlimm, wie du guckst, Vivian“, murmelte er und verstaute das kleine Stück Weide wieder in seiner Gürteltasche. „Wie du inzwischen weißt, haben wir auch einen Chatten in unserem Bund.“

Akanthus deutete auf eine Decke ein Stück abseits, die sich nun bewegte. Der darunterliegende Drachenkrieger stand allerdings nicht auf. Er hob nur eine Hand, um zu zeigen, dass er da war.

„Sobald dein Drachenbruder erfuhr, dass du eine Hermundurin bist, hat er mir berichtet.“

Akanthus holte tief Luft und ließ diese langsam wieder ausströmen. „Er hat mir berichtet, die Chatten würden einen Krieg gegen die Hermunduren planen. Er wird noch dieses Jahr stattfinden. Du musst nach Hause, Vivian. Nicht zu eilig, aber besser vor Beltane. Und bitte vergiss nicht: Zu niemandem ein Wort darüber. Nur unter Druiden, sonst könnte eine Panik im Land ausbrechen. Und das wäre fatal. Es stünde arg schlecht um deine Heimat, wenn deine Leute flüchteten, bevor die Chatten kommen.“

„Oh ja, das wäre ein gefundenes Fressen für die Chatten. Aber eins verstehe ich nicht“, murmelte Viviane. „Wieso wollen sie sich meine Heimat einverleiben? Ich meine, die Chatten haben zwar schon immer über die Stränge geschlagen; mal ein Viehdiebstahl hier, mal ein gestohlenes Schaffell da … ich schätze, das ist nun mal so, wenn man nach Westen hin an ein berühmt-berüchtigtes Kriegervolk grenzt. All ihre unzivilisierten Sitten, wenn sie zum Krieger aufsteigen … Doch bis jetzt hat sich das stets in Grenzen gehalten. Wieso wollen sie auf einmal Krieg gegen unser ganzes Volk führen? Gut, wir sind friedlich und haben keinerlei Interesse daran, das zu ändern; wir schöpfen schließlich unseren Wohlstand aus diesem Frieden. Aber die wissen doch, wie groß wir sind und wer alles zu unserem Hauptstamm gehört. Alle Unterstämme der Sueben stehen hinter uns. Die Chatten können es sich schlichtweg nicht leisten, mit uns allen im Clinch zu liegen. Und wenn du einen Feind nicht besiegen kannst …“

„… dann mache ihn zum Freund. Korrekt.“

Akanthus tätschelte Viviane die Schulter. Er hatte die Augenbrauen hochgezogen, wartete also noch auf eine geistreiche Erkenntnis ihrerseits.

Viviane strengte ihren schmerzenden Kopf an, doch sie fand einfach keine sinnvolle Schlussfolgerung, die den Ansprüchen ihres Lehrers genügte.

„Was würde am Ende Sinn ergeben?“, überlegte sie dennoch laut und hoffte, nun möge ihr des Rätsels Lösung einfallen. Akanthus sah sie genauso wissbegierig an, wie sie sonst immer ihn.

„Nun gut, meine Überlegung ist folgende: Ohne Verbündete, mächtige Verbündete wohlgemerkt, haben die Chatten keine Chance und da kommen nur die Römer in Betracht. Aber: Die Römer sind nicht nur mit den Chatten befreundet, sie sind auch mit uns Hermunduren befreundet. Wieso sollten sie diesen Frieden riskieren? Die haben ihre Lektion gelernt, die trauen sich nicht noch mal über unsere Reichsgrenze, egal an welcher Stelle. Daraus folgt: Wenn die Chatten uns allein besiegen wollen, müssen sie schneller von Westen anrücken, als unsere Verbündeten von Osten über den Thuringer Wald kommen. Es sei denn …“

Vivianes Augen wurden schmal, bevor sie knurrte: „Es sei denn, die Römer haben sich heimlich mit den Chatten verbündet und legen unsere Verbündeten im Osten lahm. Das wäre zu schaffen. Die Römer müssten nicht mal fremden Boden betreten, ihre Reichsgrenze schließt ja – wie praktisch – an Suebenland. Ein paar Gerüchte, mysteriöse Truppenbewegungen … schon wären die Sueben samt Unterstämmen in Alarmbereitschaft, denn auch sie haben ihre Lektion gelernt. Wenn die eigene Heimat in Gefahr ist, kommt uns kein Verbündeter zu Hilfe. Und Chatten gegen Hermunduren, das ist wie Wölfe gegen Schafe. Aber warum? Warum?“

Viviane schüttelte den Kopf und warf die Hände darüber, was in ihrem Zustand beides eine schlechte Idee war. Hastig sprang sie auf, würgte und rannte in den Wald.

Als sie nach geraumer Zeit zurückkam, saß Akanthus immer noch so da, wie sie ihn verlassen hatte.

„Musste mir noch mal die Zähne polieren und viel gurgeln und Füße waschen“, murmelte sie, während sie sich besonders ehrerbietig auf die Fersen setzte.

„Hast du dabei die Nuss geknackt?“

„Nüsse knacken? Am See, zu Ostara? Ach so.“

Viviane schmunzelte. Bilder und Sprache zu kombinieren war typisch für Druiden.

Damit konnte man das Wissen gut im Kopf behalten. Ganze Geschichten entstanden nur deshalb, um sich viel Wissen leicht zu merken. Die Mythen vom Lachs der Weisheit oder von klugen Raben kamen nicht von ungefähr. Aber dass Raben wirklich Nüsse auf Wege legten, um sie von Pferdehufen oder Wagenrädern knacken zu lassen, nutzte ihr im Moment nichts – auch wenn Raben die Symboltiere der Druiden waren.

„Nein, ich kann diese Nuss nicht knacken. Ist zu hart für mich und kein Wagen in Sicht.“

Zu ihrer Erleichterung lächelte Akanthus nachsichtig und sagte: „Merkwürdig. Du hast extra einen Umweg gemacht und mich hier warten lassen.“

„Nun ja, ich wollte dir doch nicht mit stinkendem Atem und Füßen gegenübersitzen. Da bin ich also schnell zum See gerannt und dann erst hierher zurück. Ein Umweg über drei Ecken schien mir besser, als meinem Meister …“

„Schon gut, schon gut“, gluckste Akanthus und tätschelte Vivianes Schulter. „Umwege dauern eben länger, aber wenn sie sich lohnen … Und was passiert, wenn zwei sich streiten?“

„Na, ist doch klar wie ein Gebirgsbach, da freut sich der dritte.“ Viviane nickte überzeugt, sie hatte das selbst oft ausgenutzt. Kaum schwelgte sie in Kindheitserinnerungen, bekam sie große Augen.

„Du meinst …“ Sie holte tief Luft und beugte sich zu Akanthus, damit sie besser hinter vorgehaltener Hand flüstern konnte: „Du meinst, die Römer tun nur so, als ob sie mit den Chatten gemeinsame Sache machen? Sie brauchen bloß abwarten, bis ihre Rechnung aufgeht? Erst werden wir Hermunduren von den Chatten überrannt. Dann ziehen die Römer ihre Truppen im Osten ab. Unsere Verbündeten strömen über den Thuringer Wald und können die Chatten zurückschlagen. Hinterher sind wir alle geschwächt und schon nehmen uns die Römer allesamt in die Zange.“

Viviane merkte, dass sie lauter geworden war. Rasch senkte sie ihre Stimme zu einem Wispern: „Hermunduren, Semnonen … den kompletten Sueben-Stamm schieben sie sich mit der rechten Hand in den gierigen Schlund und die Chatten gleichzeitig mit der linken.“

„Und das letzte große Stück Freiheit auf dem Festland wäre verschluckt.“ Akanthus nickte besorgt. „Das entspricht der Denkweise der Römer und ist deshalb möglich. Wenn all meine Späher Bericht erstattet haben, werden wir es genauer wissen. Aber bis dahin können wir nicht warten.“

„Ich kehre nach Hause zurück“, knurrte Viviane. „Wenn ich die Chatten überlebe, komme ich wieder hierher und dann brate ich mir einen römischen Adler nach dem anderen zum Frühstück.“

„Ich lade mich schon mal für mehrere Tage zum Essen ein“, gluckste Akanthus und beugte sich nah zu ihr hinüber.

„Dem ersten Adler kannst du bereits jetzt ein paar Federn ausrupfen“, raunte er verschwörerisch. „Ich habe vor deiner Heimkehr noch eine Mission für dich, bei der du zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen kannst. Nach der großen Verabschiedung reitet ihr los.“

„Gleich heute mein erster Auftrag? Welche Ehre!“

Vivianes Augen leuchteten auf und diesmal zog sie die Augenbrauen hoch. Akanthus zeigte wieder sein väterlich-stolzes Lächeln und erklärte: „Es handelt sich um eine äußerst riskante Rettungsmission, extrem kurzfristig geplant, aber ich habe vollstes Vertrauen in eure Fähigkeiten. Ihr werdet inkognito reisen, verkleidet als Römer. Zur Sicherheit werdet ihr euch auch die Haare färben. Da ihr alle mehr oder weniger rothaarig seid, deckt ein dunkles Braun am besten. Es fällt auch nicht so ins Auge. Niemand soll euch erkennen, denn ihr müsst nach Osten, weit hinein in römisches Gebiet. Londinium ist euer Ziel. Dort sollt ihr Sklavinnen befreien. Danach werdet ihr in eure Mutterclans zurückkehren, bis unser Ruf euch wiederbringt.“

Viviane biss sich schnell auf die Lippe, sonst hätte sie vor Freude gejauchzt; allerdings wollte sie vorher noch eine Frage klären: „Was hat es mit diesen Sklavinnen auf sich, kannst du mir das sagen, oder besser, darfst du es?“

„Ja, ich darf“, bestätigte Akanthus, „doch ich muss dich warnen. Wappne dich und bleibe ruhig.“

Viviane nickte und schaute ihren Meister erwartungsvoll an.

„Ein Dutzend römische Söldner haben drüben im Osten, bei den Trinovanten, eine Hallstatt ausgeraubt.“

„Nein“, keuchte Viviane und schlug sich die Hände vor den Mund.

„Oh, doch, sie habe es tatsächlich gewagt, die Grabhügel ehrbarer Trinovanten zu schänden, heimlich bei Nacht und Nebel. Aber damit nicht genug.“

„Es kommt noch schlimmer?“ Viviane riss die Augen auf.

Akanthus nickte traurig. „Als die dort ansässigen Trinovanten bemerkten, was vor sich ging, haben sie sich schleunigst zusammengerottet. Und kaum hatten sie einen Fuß auf ihre eigene Hallstatt gesetzt, waren sie von einem ganzen Heer umzingelt. Es war ein Hinterhalt, verstehst du? Eine ausgeklügelte List der Römer, um an Gold zu kommen und gleichzeitig Aufsässige zu beseitigen. Die Trinovanten waren hoffnungslos in der Unterzahl, alle starben im Kampf. Gestern gab es eine Gerichtsverhandlung – Militärgericht, wie du dir denken kannst – und die Römer bekamen recht. Sie wollten doch bloß ein Übungslager aufschlagen und waren völlig grundlos angegriffen worden. Es war ihr Recht, sich zu verteidigen. Als Wiedergutmachung …“, Akanthus knurrte, wie es Viviane noch nie von ihm gehört hatte, „… als Ausgleich für ihre Verluste forderten sie die schönsten Maiden von dem betreffenden Trinovanten-Clan. Gestern, am späten Abend, erreichte uns ihr Hilferuf.“

„Gestern Abend?“, entfuhr es Viviane. „Während ich fröhlich feiere, werden woanders junge Maiden versklavt?“ Beschämt schlug sie die Hände vors Gesicht.

„Du brauchst dir keine Vorwürfe machen“, beschwichtigte Akanthus und beugte sich vor, um ihr die Hände herunterzuziehen. „Mein Bote musste doch erst die Taube in Empfang nehmen und herreiten. Zu der Zeit hatte ich dich bereits unter Hypnose gesetzt und ich hätte sowieso niemanden in der Nacht reiten lassen; keiner von uns war einsatzfähig, schon gar nicht übereilt, halb im Tran und ohne Plan. Immerhin habe ich bereits einiges in die Wege geleitet: Unsere Drachenkrieger und Helfer sind instruiert; das Schiff dürfte mittlerweile auch lahmgelegt sein, allerdings kann man es nicht ewig aufhalten.“

„Das Schiff?“

Akanthus seufzte. „Die Maiden sollen heute, wohl gegen Mittag, nach Londinium aufbrechen. Wie lange sie für diese Strecke brauchen, kann ich nicht sagen; jedenfalls sollen sie auf ein Sklavenschiff gebracht werden, das zufällig im Hafen vor Anker liegt.“

„Na, das haben die Römer ja geschickt eingefädelt. Egal, ob diese armen Maiden jemals wieder lachen können, Hauptsache, die Münzen klingen fröhlich. So einfach ist das. Ich hasse Sklaverei. Und die Trinovanten haben sich nicht gewehrt, sonst wäre es noch schlimmer gekommen. Womöglich wäre der ganze Clan versklavt worden.“ Viviane nickte bedächtig. Es war gut, dass Akanthus ihre Hände in den seinen hielt, sonst hätte sie nicht so ruhig reden können. „Wirklich sehr raffiniert, diese Römer. Und wer weiß, vielleicht haben sie sogar gehofft, dass sich sämtliche Clans auflehnen. Dann hätten sie die ewig aufsässigen Trinovanten ein für alle Mal vernichtet und der Statthalter von Britannien würde sogar noch als Friedensstifter gefeiert. Aus Sicht der Römer völlig zu Recht.“

„Ja“, bestätigte Akanthus, „dem Sieger gebührt das Recht. Doch so wahr ich der Anführer der Drachenkrieger bin: Jenem, der für Blut und Schande Verantwortung trägt, sage ich einen Tod voraus, der seinen Taten entspricht.“ Er bog seinen Kopf zurück und mit einem monströsen Grollen aus seinem tiefsten Inneren knurrte er: „Quintus Veranius, ich werde dich finden, wo immer du bist.“

Unwillkürlich schaute Viviane gen Osten und fragte sich, ob Quintus Veranius, der Statthalter Neros, wohl wusste, was für Qualen seiner harrten.

„Bei dieser Gelegenheit muss ich noch eines ausdrücklich klarstellen“, sagte Akanthus sehr ernst, nun wieder in seiner normalen Tonlage. „Es gibt Situationen, da auch ein Drachenkrieger kämpfen und töten darf, ohne angegriffen zu werden.“ Er lächelte matt, weil sich Viviane prompt versteifte, und fuhr fort: „Ja, meine gelehrige Schülerin, schau nicht so entsetzt. Selbstverständlich muss man seine Taten rechtfertigen, aber auch unsereins darf ohne Strafe die eigenen Regeln brechen, wenn es keine andere Möglichkeit gibt und wenn es einem höheren Zweck dient. Das musst du begreifen, hier und jetzt.“ Er sah Viviane tief in die Augen und tätschelte sanft ihre Hände.

„Gut“, sagte sie völlig ruhig, aber zu allem entschlossen. „Ich werde diese armen Maiden befreien. Wer ist noch dabei?“

Statt eine Antwort zu geben, ließ Akanthus ihre Hände los und deutete auf einen Erdofen gleich in ihrer Nähe. Die zwölf Männer, die sich dort bislang schlafend gestellt hatten, schlenderten nun in ihre Decken gehüllt herbei. Merdin befand sich unter ihnen. Er warf seine Decke über Viviane, dann schlüpfte er selbst darunter und wickelte sie beide darin ein.

Verdutzt schaute sie ihn an, doch just in diesem Moment wurde ihr so schön warm, dass aus ihrem fragenden Blick ein dankbares Lächeln wurde. Gerade wurde ihr bewusst, wie kalt ihr vorher gewesen sein musste, dabei hatte sie ihre beiden Decken bislang gar nicht vermisst. Blieb nur noch zu klären, wieso er seinen Arm dermaßen fest um ihre Taille schlang.

Vielleicht hatte er gemerkt, wie schlecht es ihr ging. Oder es ging ihm schlecht und er musste sich irgendwo festhalten, damit er nicht umkippte und alle lachten. Der erste Kontakt mit Alkohol lag bei den anderen Kriegern schon eine ganze Weile zurück, wenn sie sich an die gestrigen Gespräche mit ihnen richtig erinnerte. Und nun, da sie ihr freundlich zunickten, fiel ihr auch ein, dass sie noch mehr von ihnen wusste.

„Mittlerweile kennt ihr euch ja alle.“ Akanthus schaute von einem zum anderen. „Und jetzt, da auch unsere Vivian weiß, wo der Hase langläuft, kann ich gleich mit der Tür ins Haus fallen. Euer Weg ist weit und die Zeit knapp bemessen. Dennoch lege ich Wert auf Waschen, Essen und Verabschieden. Ihr nehmt die Reste vom Festessen mit, das reicht als Proviant für einen Tag. Die erste Nacht seid ihr zwar auf euch gestellt, aber alles Weitere ist vorbereitet, bis hin zur Unterbringung in Londinium.“ Akanthus sah aufmerksam in die Runde seiner Zuhörer.

Viviane konzentrierte sich auf seine Augen und nur auf seine Augen, obwohl Merdins Daumen gerade ihren Bauchnabel streichelte. Das machte er sicher nur aus Versehen, so, wie sie heute selbst ein paar Mal etwas ohne nachzudenken getan hatte. Zu viel Alkohol zu trinken, hatte eben Nachwirkungen.

„Wir wissen, wo und mit welcher Besatzung das Schiff vor Anker liegt, und wir konnten es lahmlegen, damit es nicht verfrüht ausläuft.“ Er machte eine Handbewegung, als wollte er Holz sägen. „Und wir haben Krieger, die nicht nur kämpfen und Schiffe steuern können, sondern auch die Gegend kennen.“ Er deutete auf die Männer rundum und sah dabei aus wie ein stolzer Vater, der die Künste seiner Söhne anpreist. „Sie kennen jeden Weg, jeden Schlupfwinkel und jede helfende Hand. Daher wird es nicht einen Anführer geben, sondern es wird je nach Gegend gewechselt. Zoak macht den Anfang, dann übernehmen Kassus und Thales; Gaed wird euch schließlich sicher ans Ziel bringen.“

Viviane musste grinsen. Zum einen, weil Merdins Daumen gerade ihre Hüfte kitzelte, zum anderen, weil die eben genannten Männer gleichfalls grinsten. Sicher fühlte sich jeder von ihnen sehr geehrt, der Truppe voranreiten zu dürfen.

„Zufällig steht uns ein großes Handelsschiff zur Verfügung“, sagte Akanthus und hob Achtung heischend den Zeigefinger. „Es wird euch im Hafen ausreichend Deckung verschaffen. Der Kapitän gehört zwar nicht zu uns, doch er ist ein ranghohes Mitglied eines anderen Bundes im Kampf gegen Rom. Ich kenne und schätze ihn sehr. Wir können voll und ganz auf seine Findigkeit bauen. Womit alle Probleme gelöst wären, bis auf eines.“

Akanthus’ buschige Augenbrauen zuckten in die Höhe.

„Wie gelangt ihr samt Waffen am helllichten Tag unbemerkt aufs Schiff?“

Viviane saß sofort kerzengerade und dachte über die Frage nach. Was Merdin hinter ihrem Rücken tat, war in diesem Moment egal.

Scheinbar hatten sich schon alle die Köpfe darüber zerbrochen und noch keine sichere Lösung gefunden. Das war die Gelegenheit für sie, Viviane, etwas zum Gelingen der Aktion beizutragen, sozusagen als Einstand für flügge gewordene Drachen.

„Nun ja, ich schlage vor …“, begann sie und schaute sich in der Gegend um, um zu sehen, ob noch jemand zu ihrer Besprechung kommen würde. „Da ich offensichtlich die einzige Maid bin, übernehme ich die Lösung dieses Problems.“

„Du bist dermaßen raffgierig, Vivian.“ Merdin hörte abrupt auf, ihr Rückgrat zu kneten, doch nur, um sogleich an den Schultern weiterzumachen. „Raffgierig wie ein Römer. Ich meinte, Römerin.“

„Das, mein Bester, hast du gut erkannt.“

Viviane drehte sich in die Runde und versuchte sich an einem lasziven Augenaufschlag. Uathach war der Meinung, das würde bei ihr sehr verführerisch wirken, und wenn es die Krieger in ihren Bann schlug, sollte es auch als Ablenkungsmanöver im Hafen funktionieren. Die Männer um sie herum schauten jedoch nur verständnislos drein.

„Ach, mein Gesicht ist ja noch ganz blau“, fiel es ihr nach einem kurzen Seitenblick auf Merdin ein.

Dieser hatte inzwischen verstanden und zeigte ein dementsprechend lüsternes Mienenspiel. „Ihr müsst euch die blauen Spiralen in meinem Gesicht wegdenken, selbstverständlich auch die restliche Körperbemalung. Nur die Zöpfe, die will ich unbedingt behalten. Wenn ich schon in geheimer Mission gegen die Römer ziehe, will ich wenigstens ein Zeichen setzen.“

„Vivian! Was genau hast du vor?!“ Merdin grollte, keine Spur von Gier mehr im Gesicht. In seinen himmelblauen Augen zog ein Gewitter auf und seine Finger, die gerade noch sanft ihre Schulterblätter massiert hatten, packten jetzt ihren Nacken ganz fest.

Viviane fand den harten Griff äußerst wohltuend bei all den verspannten Stellen, die immer mehr zu werden schienen.

„Mmh, keine Sorge“, schnurrte sie. „Ich mach es einfach wie du.“ Sie bedachte Merdin mit einem besonders provokanten Augenaufschlag. „Erst kitzle ich mal hier, mal da, dann pack ich zu, genau dort.“ Sie deutete auf die Stelle, an der Merdin offenbar ihr Genick brechen wollte, und trällerte: „Wenn du alles fein weich machst, knete ich dich nachher auch ordentlich durch. Und dann wirst du mein Bruder.“

„Aber ich bin doch schon dein Bruder!“

Beleidigt schob Merdin die Unterlippe vor. Er schnaubte und murmelte noch mehr vor sich hin, doch das ging im allgemeinen Gekicher der Männer unter. Was auch immer er von ihr zwickte und zwackte und kniff und quetschte - Viviane genoss seinen Ärger, bis sich jemand lautstark räusperte.

„Nun, Vivian, ich hätte gerne mehr von deinem Vorschlag gehört“, sagte Akanthus und schaute sie mit hochgezogenen Augenbrauen an. „Wie ich dich kenne, hast du alles längst ausgeklügelt. Aber jedwede List – auch eine von weiblicher Raffinesse - bedarf präziser Vorarbeit, wenn sie gelingen soll. Ich sorge mich zwar nicht derart tatkräftig wie Merdin, dennoch: Es könnte hilfreich sein, den einen oder anderen Boten auszusenden.“

Viviane wurde es heiß vor Scham und ihr Gesicht begann zu glühen. Sie war dermaßen eingenommen von sich und ihrer ach so perfekten Idee, dass sie das Pferd von hinten aufgezäumt hatte. Mit einem schmachtenden Augenaufschlag eroberte man noch lange kein Sklavenschiff, dazu brauchte es mehr. Zum Glück kannte sie einen Mann, der weitreichende Kontakte hatte.

„Du hast recht, mein Meister“, sagte sie daher und holte tief Luft. „Wäre es möglich, Schiffspassagen zu bekommen? Für Merdin und mich und unsere Pferde?“

„Du willst offiziell auf dieses Schiff?! Du und Merdin, ganz allein?“

„Und die Pferde.“ Viviane zuckte die Schultern. „Wenn man heimlich etwas tun will und noch dazu am helllichten Tag, dann am besten so, dass es für alle gut sichtbar ist.“

Akanthus starrte sie an und überlegte, endlich nickte er.

„Mit Gold kann man bei den Römern alles kaufen. Eure Schiffspassagen sind so gut wie sicher. Was noch?“

„Wir bräuchten verlässliche Helfer, die uns Wasserfässer bereitstellen. Dazu Stroh und Heu, das man zu großen Ballen binden kann.“

„Das hört sich ganz nach meinem Geschmack an.“ Akanthus schnalzte vergnügt mit der Zunge. „Vielleicht noch ein Fässchen Wein gefällig?“

„Wein?“ Viviane starrte ihren Meister an, als hätte er sich vor ihren Augen in einen roten Drachen verwandelt. „Ja, warum nicht?! Ein Fässchen Wein wäre wirklich hilfreich. Mit der richtigen Droge versetzt, würde er sogar noch schön müde machen. Eine hervorragende Idee, mein Meister, wirklich raffiniert!“

„Sehr gut!“ Akanthus rieb sich vergnügt die Hände und auf seinen Wink rückten alle näher zusammen.

Geraume Zeit später fragte sich Merdin, warum er sich immer noch sorgte. Sämtliche Probleme, auf die er hingewiesen hatte, waren behoben worden. Akanthus erklärte sogar, Vivianes List sei ‚leicht durchführbar‘. Ja, er fragte sich tatsächlich, warum er nicht selbst darauf gekommen war, und sprühte geradezu vor Tatendrang. Dennoch, trotz all der Zuversicht konnte sich Merdin einfach nicht entspannen. Viviane fand, das käme ihr gerade recht, um ihr Versprechen einzulösen.

Systematisch knetete sie ihm jeden einzelnen Zeh durch und arbeitete sich mit viel Gefühl über die Fußsohlen und Knöchel aufwärts. Spätestens bei den Oberschenkeln hatte Merdin seine Sorgen vergessen. Er hatte vergessen, wo er gerade war. Ja, er hatte selbst vergessen, wie er hieß. Ihm war alles egal, Hauptsache, Viviane machte weiter. Pünktlich zum Sonnenaufgang erwachten die restlichen Drachenkrieger und trotteten in den Wald zum Baden. Viviane zog Merdin die Ohren lang, erklärte ihre Massage für beendet und schickte ihn hinterher.

Nachdem Uathach Merdin – hilfsbereit, wie sie war – in den See gestoßen und das kalte Wasser ihm Klarheit verschafft hatte, wusste er sofort wieder alles – wo er war und vor allem, wer.

Als Erstes ging Merdin zu seinem Vater und redete mit ihm über Vergangenheit und Zukunft. Danach schaufelte er jede Menge Gerstenbrei in sich hinein, um Kraft für seine Mission zu bekommen. Vielleicht auch, um diese hinauszuzögern, denn bald, viel zu bald, würde er ohne Viviane sein. Das war schier entsetzlich. Selbstverständlich musste sie ins Land der Hermunduren zurückkehren, musste kämpfen für die Freiheit ihrer Heimat. Aber was war mit seinen Träumen? Genauer: Was war mit seinem Traum von letzter Nacht? Er hatte sich Seite an Seite mit ihr gesehen und zwischen ihnen war ein Kind.

Ihrer beider Sohn, mit blauen Augen und weich fließendem Mahagonihaar. Er war wunderschön. Viviane wusste es vielleicht noch nicht, aber er, Merdin, war überzeugt: Sie hatte empfangen, vorletzte Nacht, bei ihrer Initiation. Und dennoch: Träumen allein reichte nicht. Mit Sicherheit konnte er es nicht sagen. Das konnte nur die Zeit. Ein, zwei Monde, zur Sicherheit drei. Und bis dahin war sie weg. Er würde es nicht einmal mitbekommen, ob sein Traum nun wahr wurde oder nicht. Sein Vater hatte sofort verstanden, in welchem Dilemma er sich befand, und Abhilfe versprochen. Mit seinen weitreichenden Kontakten würde er sie im Blick behalten. Und er hatte ein Geschenk vorgeschlagen, eine Wiedergutmachung, um genau zu sein, denn eines war jetzt schon sicher: Sobald Viviane es wusste, würde sie zornig sein. Niemand, niemand entschied über ihren Leib, außer sie selbst.

Merdin seufzte schwer.

Alles Denken, alles Hinauszögern war umsonst. Ihre Wege würden sich trennen, unvermeidlich. Das Einzige, was er tun konnte, war, ihr seine Liebe zu gestehen. Doch für etwas dermaßen Wichtiges brauchte es einen anderen Ort und eine andere Zeit. Darum sollte er sich endlich aufraffen und von seinem Vater und den anderen Drachenkriegern Abschied nehmen. Allein das war schon schwer genug, denn auch sie würden nicht untätig bleiben, während er seine erste Mission bewältigte. Akanthus hatte recht, wenn er Wert auf die Verabschiedung legte; wenigstens wurde es in der allgemeinen Aufbruchstimmung nicht so schlimm wie befürchtet. Viel schwieriger war es, Uathach von Viviane loszubekommen, sie klebte an ihr wie Harz am Baum.

Beim Anblick ihrer innigen Umarmung fühlte Merdin prompt Neid in sich aufsteigen, mächtig viel Neid. Ihn hatte Viviane noch nie so intensiv gedrückt und getätschelt und geküsst. Geküsst! Drei Mal geküsst! Auf die Wangen und auf den Mund! Und jetzt wollte Uathach noch mal, weil irgendwas verrutscht war! Viviane lachte und gab ihr drei, sechs, neun Küsse extra! Das war zu viel! Merdin platzte fast vor Neid.

Doch die Missgunst verflog recht schnell und machte einer mächtigen Genugtuung Platz: Er war auserwählt worden. Er durfte mit Viviane auf Mission. Und solche Gemeinsamkeiten schmiedeten bekanntlich ein starkes Band.

Uathach hatte einen anderen Auftrag bekommen, der sie leider in die entgegengesetzte Richtung führte. Und so blieb den beiden nichts weiter übrig, als sich viel Glück und eine gute Reise zu wünschen und sich ewige Freundschaft zu schwören. Danach fielen Uathach allerdings noch ein paar wichtige Ratschläge im Umgang mit Schwertern, Speeren, Äxten, Wurfmessern, Blasrohren, Pfeil und Bogen und Römern ein; und sie wollte hören, wie oft Viviane ihre Schwertklingen einzuölen gedachte.

„Weißt du auch noch, wie du die besten Pfeile für deine Blasrohre zurechtschneidest?“

„Ich komme doch wieder“, lachte Viviane und drückte Uathach zum siebten oder siebzehnten Mal ganz fest an sich. Energisch schob sie ihre Freundin schließlich von sich und rannte über die Lichtung zu ihrer kleinen weißen Stute, denn ihre Weggefährten warteten bereits und winkten ungeduldig.

Endlich konnte Merdin auf Arions Rücken steigen und „die Konkurrenz sind wir los“ in sein Ohr knurren.

Wie sehr er sich verrechnet hatte, zeigte sich abends, als sie das erste Mal Rast machten und zwölf Drachenkrieger mit Viviane Wasser holen wollten. Sie alle, einschließlich Merdin, erfanden die tollsten Geschichten von riesigen Bären bis hin zu bärtigen Riesen, die angeblich die Gegend unsicher machten. Sogar bösartige Elfen und Feen sollte es hier geben, winzig zwar, doch absolut gruselig – schließlich hatten sie die Hochebene verlassen, auf der die Drachen hausten, und die Geschöpfe in diesem Tal waren viel gefährlicher als alle Drachenkrieger zusammen.

„Nun macht mal halblang“, gluckste Viviane. „Die Quelle ist bloß zehn Dutzend Schritt von hier entfernt und ich bin keine Jungfer in Nöten. Wer sollte mich angreifen oder gar fressen wollen?“ Demonstrativ schwang sie den Kessel und die Krieger, die ihr gegenüberstanden, rissen die Augen auf; nicht vor Angst, sondern weil sie Arbeit verteilte. „Ihr vier, Gegend absichern nach Norden und Osten. Ihr vier, nach Süden und Westen. Ihr vier, Zelte aufbauen und Feuerholz suchen. Aber Vorsicht, ihr alle, hinter jedem Grashalm könnte eine Fee lauern, wenn nicht sogar ich.“ Viviane schmunzelte und ging kopfschüttelnd ihrer Wege.

Ob sie nun gerade in diesem Seitental rasteten oder den Pfaden gen Osten folgten - sie spähten zwar die Gegend aus, aber sie brauchten sich nicht sorgen. Silurer und Ordovicer waren die Herrscher dieser Lande, wenn die Römer auch ihre Krallen danach ausstreckten. Gut, sie hatten ihre Krallen schon ins Tiefland geschlagen und beiden Stämmen Verluste beigebracht, doch deren Gebiete waren riesig und Silurer wie Ordovicer behielten die Oberhand. Ihre Berge waren das Bollwerk, das jeder Wolfskralle standhalten würde.

Wie geplant erreichten sie am nächsten Tag Zoaks Dorf. Umgeben von mächtigen Buchen und Teppichen aus herrlich blauen Hasenglöckchen, hatte es tatsächlich etwas Mystisches an sich, zumal zwei riesige Bären am Tor standen – zum Glück nur aus Holz. Zoaks Mutter jauchzte glückselig, als er sie im Kreis herumwirbelte, und sobald sie wieder auf ihren Füßen stand, begrüßte sie die restlichen Drachenkrieger mit kräftigem Handschlag.

In Windeseile versammelten sich Zoaks Großeltern, Vater, Brüder, Schwägerinnen, Nichten und Neffen auf dem Dorfplatz, hießen alle Drachen willkommen und geleiteten sie freudestrahlend ins Schwitzbad; danach ging es zum Fluss.

Durch heißen Dampf, Wasser und Seife bekamen die Drachen neue Frisuren; der blauen Hautbemalung wurde mit Butter zu Leibe gerückt; es war von Kopf bis Fuß eine einzige Schmiererei und Dorfbewohner wie Drachenkrieger hatten mächtig viel Spaß.

Auch Viviane und Merdin standen im Wasser, aber sie planschten nicht herum, sondern schauten wehmütig den blauen Schlieren nach, die flussabwärts trieben.

„Kommt mir vor, als hätte ich gerade ein Stück von mir selbst verloren“, murmelte Merdin und wandte sich zum Ufer.

„Was sein muss, muss sein“, sagte Viviane mehr zu sich selbst und fuhr sich durch ihre nassen Haare, die ihr nun lang bis auf die Hüften fielen, ohne Zöpfe. Sie seufzte schwer und wusch sich noch einmal das Gesicht, dann folgte sie Merdin aus dem Wasser.

Zum Abendbrot hatte sie dunkelbraune Haare, genau wie alle anderen Drachen auch.

Merdin musste grinsen, als Viviane ihn mit offenem Mund anstarrte. Aber sie konnte gar nicht anders, es war einfach zu verblüffend: Mit seiner neuen Haarfarbe sah er aus wie ihr Ziehbruder Silvanus daheim. Sogar Merdins verschmitztes Lächeln erinnerte Viviane an ihn. Nur die Augen waren nicht dunkelbraun, sondern immer noch unverkennbar himmelblau.

Viviane war die Ähnlichkeit gleich bei ihrer ersten Begegnung mit Merdin aufgefallen, zumal sie damals, bei Dunkelheit, gedacht hatte, seine Haare wären braun statt rot. Doch jetzt, mit seinen dunkelbraun gefärbten Haaren glichen sich die beiden auf frappierende Weise. Natürlich wusste sie, dass man überall Leute treffen konnte, die einem ähnlich sahen.

Viviane zuckte die Schultern. Ihr war das bislang noch nicht passiert, und sie maß dieser Beobachtung nicht viel Bedeutung bei. Bevor sie sich weiter wunderte, suchte sie lieber die großen Tische danach ab, was es Schönes zu essen gab. Ah, Kräuterquark und frisches Brot.

Merdin seufzte. Vivianes moosgrüne Augen schauten nicht mehr auf ihn und strahlten trotzdem noch bewundernd; nein, sie flackerten regelrecht gierig von einer Schüssel zur nächsten. Er musste schleunigst zusehen, genug von dem leckeren Quark abzubekommen.

Viviane aß und aß. Selbstverständlich ließ sie genug für ihre Drachenbrüder übrig, und sie ließ sich auch Zeit zum Genießen; nach dem Festessen und den vielen Fleischresten war ihr die einfache Kost mehr als willkommen. Bald waren alle Krieger so satt und müde, dass sie nur noch schlafen wollten.

Nach dem obligatorischen Zähnepolieren wurden sie zu ihren Schlafplätzen geführt, die Männer auf den Dachboden des Langhauses, Viviane in eines der Grubenhäuser.

Zoaks Mutter, Scilla hieß sie, schob die Tür auf und entschuldigte sich wortreich, weil in dem Grubenhaus sonst nur Flachs gelagert wurde und das Bett recht schmal war. Aber dafür war es von ihr höchstpersönlich mit Stroh und feinen Bettkräutern ausstaffiert worden. Viviane fand es großartig, ein eigenes Zimmer zu haben, von den riesigen Bündeln Flachs mal abgesehen, und versicherte Scilla, das Stroh dufte herrlich, genau wie bei ihrer Mutter daheim.

Das brachte ihre Gastgeberin auf einen Gedanken und sie erzählte, wie gern sie zu ihren fünf Söhnen auch ein Töchterchen gehabt hätte, eines wie Viviane. Fürsorglich wickelte sie ihre neue Ersatztochter in eine flauschige Wolldecke und betrachtete sie mit großem Wohlwollen. Viviane wünschte Scilla eine gute Nacht und schlief fast augenblicklich ein, als wäre sie ein sattes, zufriedenes und sehr müdes kleines Mädchen.

Das war es also, was Akanthus mit ‚bestens vorbereitet‘ meinte.

Am nächsten Morgen, bei Haferbrei mit feinstem Honig, erzählte Viviane von ihrem Traum, bei dem fünf Mädchen im Grubenhaus Verstecken gespielt hatten, und brachte Scilla damit zum Strahlen. Sie hätte Viviane gern ein wenig länger dabehalten, aber die Drachen hatten keine Zeit zum Verweilen. Bald verabschiedeten sie sich von ihren Gastgebern und diese wurden es nicht müde, Scillas Sohn und seinen Begleitern nachzuwinken, bis sie außer Sicht gerieten.

Nun führte Kassus die Truppe an und am Abend kehrten sie in dessen Dorf ein. Nach freundlicher Begrüßung und entspannendem Schwitzbad gab es eine sämige Suppe mit roter Beete zu essen. Viviane unterhielt sich mit Kassus’ Mutter, bei der sie übernachten durfte, und konnte nur an eine kuschelige Decke denken.

Diesmal träumte sie von fünf kleinen Jungen, die auf riesigen Holzlöffeln ritten; mit viel Spaß ging es über Tische und Bänke, die Holzlöffel-Pferde schlürften Suppe und rupften Stroh aus den Betten.

Am nächsten Morgen erzählte sie auch dieser Mutter von ihrem Traum, obwohl ihr das wegen der Ähnlichkeit zum Vortag mehr als seltsam vorkam. Fast hätte Viviane irgendeine Droge in der Suppe oder im Brot vermutet, aber das wäre ihr aufgefallen. Als sie erneut Haferbrei mit bestem Honig vorgesetzt bekam und in zwei strahlende Augen blickte, nahm sie sich vor, gar nichts mehr zu vermuten.

Dieser Vorsatz hielt exakt bis zum Betreten des Langhauses an. Statt ihrer Drachenbrüder standen dort zwölf römische Legionäre in voller Kriegsmontur und grinsten hämisch. Hinter ihnen lagen viele männliche Dorfbewohner auf dem Boden oder hingen über Tischen und Bänken.

Viviane riss die Augen auf und zugleich ihre beiden Schwerter aus den Scheiden. Mit geübtem Blick machte sie die zwei stärksten Gegner aus und sprang auf sie zu.

Kreischend duckten sich die Legionäre hinter ihre Rundschilde und stolperten rückwärts, wobei der größte von ihnen noch brüllte: „Vivian! Wir sind’s! Mach die Augen auf!“ Er packte einen der Dorfbewohner am Hemd und zerrte ihn vom Stuhl hoch.

Viviane verharrte mitten im Schritt, dann setzte sie langsam, sehr langsam den Fuß auf. Sie wusste, warum der Schreihals ihren Namen kannte und ihn für Römer untypisch aussprach. Sie wusste sogar, wie es sich anfühlte, den starken Griff auszuhalten, den der Dorfbewohner gerade ertragen musste. Zur Entlastung tänzelte der Ärmste auf den Zehenspitzen und hob lächelnd die Hände.

„Merdin, ich warne dich. Mach das nie wieder mit mir. Wehe.“

Kopfschüttelnd schob Viviane ihre Schwerter zurück in die Scheiden und stemmte die Hände in die Hüften.

„Das gilt gleichermaßen für euch alle. Und wenn ich alle sage, dann meine ich alle!“

Sie stampfte so wild mit dem rechten Fuß auf, dass die Bodenbretter bebten, und riss ihren Zeigefinger hoch. Jeden einzelnen im Raum durchbohrte sie mit stechendem Blick, obwohl sich niemand traute, aufzusehen – weder vermeintliche Söldner noch Tote, die sich nun so leise wie möglich aufrappelten.

„Bei Hall, seid ihr irre?! Wessen Mut wolltet ihr testen? Meinen oder euren? Ihr Idioten, ihr Schwachköpfe, ihr waghalsigen Trottel, ihr dummen Schafe, was habt ihr im Kopf? Wolle? Zum Donnerwetter! Donars Hammer soll euch treffen! Wenn’s nach mir geht, auf den Kopf, wenn ihr das noch einmal macht!“

„Nein, nein, sei nicht so garstig!“ „Das hast du völlig falsch verstanden!“ Mit erhobenen Händen kamen Dorfbewohner und Drachenkrieger hinter Tischen und Bänken hervor.

„Sei doch wieder lieb mit uns.“ „Unsere Kostüme – wir wollten nur mal sehen, ob sie täuschend echt wirken.“ „Und da dachten wir …“ „Wir wollten dich bloß ein bisschen foppen.“ „Ein Jux.“ „Nur ein kleiner Spaß.“ „Wir haben gewettet, wie du reagierst.“

„Und wie lange du brauchst, zu erkennen …“ „Aber wir konnten doch nicht ahnen …“

Unauffällig schoben sie sich zu einem dichten Pulk zusammen. Da weder beschwichtigende Reden noch abwiegelnde Gesten Wirkung zeigten und Vivianes Augen zornig weiter blitzten, verschanzten sich alle hinter den Schilden und ließen traurig die Köpfe hängen.

Wie eine Herde Schafe im Regen. Viviane grinste breit, was leider keiner sah. Alle Schäfchen duckten sich vor Blitz und Donner.

„So, so, ein Jux und ich ganz flux die ganzen Römer weggeputzt!“ Viviane musste sich die Hand vor den Mund halten, um nicht laut zu lachen. Die ‚Römer‘ hatten ihrer Meinung nach bestens reagiert, sehr schnell und sehr echt. Sich allein zu amüsieren, machte allerdings keinen Spaß. Daher hüpfte sie mit einem winzigen Sprung vorwärts und grollte aus tiefster Kehle. Hastig rückten die Schafe noch enger zusammen; sie hatten keinen Hütehund und Vivianes Grollen völlig missverstanden.

„Keine Bange. Ich bin gleich wieder sanftmütig, aber vorher …“

Wolfsmäßig schlich Viviane vor dem Pulk auf und ab und grinste jedem ins Gesicht, der sich nicht tief genug duckte.

„Wer hat sich den Reflextest ausgedacht?“, knurrte sie. „Nein, nicht vorsagen! Lasst mich raten …“ Langsam, sehr langsam ging sie noch einmal an allen vorbei, dann blieb sie vor Merdin stehen und klopfte ihm leicht gegen seinen römischen Legionärshelm.

„Der hier käme in Betracht.“

Sie fuhr mit einer Hand über den Helmbusch aus rot gefärbtem Pferdehaar und kicherte: „Sehr hübsch und so dicht, damit könnte man prima den Boden fegen. Warum wird der Helmbusch, diese sogenannte Crista, noch mal quer getragen? Weil die Zenturionen dann besser in der Spur laufen? Nein, lass gut sein, Merdin, das war rein rhetorisch gemeint, jetzt kommen erst die Fragen, auf die ich Antworten will.“ Unvermittelt fing Viviane laut an zu grollen: „Erste Frage: Wie habt ihr eure langen Haare da drunter verstecken können? Zweite Frage: Wo habt ihr die vielen römischen Kriegsmonturen her?

Dritte Frage: Wie standen die Wetten, dass ich so reagieren würde? Antworte rasch, sonst …“ Mit der Zunge schnalzend hob sie Merdins Waffenrock und suchte die beste Stelle zum Zubeißen.

„Lass das Vivian, ich bitte dich!“ Merdin klatschte sich die vielen Lederstreifen seines Waffenrockes wieder gegen die Schenkel und packte ihre Hand. „Das ist doch bloß unsere Verkleidung, damit wir ungehindert durch die romtreuen Gebiete kommen!“ Er starrte auf Vivianes schmale Hand in seiner großen Pranke und schien jetzt erst zu merken, wie stark er sie drückte. Schnell fasste er um und streichelte ihre Finger mit seinem Daumen. „So können wir die Heeresstraßen benutzen und kommen viel schneller vorwärts.“

„Ach, verstehe. Prima Idee. Das ist wirklich täuschend echt! Womöglich original?“

Sie zwickte Merdin in die Kniekehle und als er zuckte, schnippte sie ihm einen Finger unter die Nase.

„Auuu…ch brauchst du keine Bange haben, Vivian. Kein römischer Legionär musste dafür sein Leben lassen. Schon vor längerer Zeit ist einer unserer Drachenbrüder losgezogen und hat seine Kontakte genutzt. Über zehn Ecken haben wir die Waffenröcke, die Beinschienen, die Schilde, die Schwerter, die Rangabzeichen, meine besonderen Auszeichnungen, also die gesamte Ausstaffierung redlich erworben, sogar die Unterkleider und Mäntel. Ein Extra für unsere Haare und deine Extravaganzen haben unsere Drachenfreunde, also diese hier, selbst gefertigt.“ Er machte eine vage Geste rundum in Richtung der wieder zum Leben erwachten Dorfbewohner.

„Alles Originale, sagst du? Dieses Sagum auch? Beim Geweih von Cernunnos, ich wollte schon immer mal die römische Webarbeit testen!“ Viviane zerrte Merdin an seinem roten Mantel ganz nah an sich heran. „Nun ja, ziemlich dichte Filzwolle, recht annehmbare Güte, haben die bestimmt von uns gekauft. So, und jetzt, Zenturio, hätte ich gern meine erste Frage beantwortet.“

„Ach so. Also die Helme sind auch redlich erworben. Es gibt verschiedene Größen. Wer wenig Haare hat, bekommt einen engen Helm. Wer mehr Haare hat, bei dem ist der Helm weiter und er bekommt ein Haarnetz, damit nichts rausrutscht.“ Eilfertig hob Merdin seinen Helm an und deutete auf seine frisch gefärbten Haare, die dunkelbraun und eng um seinen Kopf lagen. „Gefangen im Miniatur-Netz unserer Drachenfreunde.“

Viviane schürzte die Lippen.

„Hm. Das muss ich mir haargenau ansehen. Ich brauch mehr Licht.“ Sie zerrte Merdin Richtung Tür. „Also wirklich schick, so eine römische Suppenschüssel-Frisur.“ Sie zog an dem Haarnetz und murmelte verblüfft: „Das lässt sich tatsächlich ein wenig dehnen. Ist aber keine Spinnenseide, sondern Leder. Feinste Lederstreifen, sehr kunstfertig geknüpft.

Du sagst, dieses Extra haben unsere Freunde hier gefertigt? Beachtlich.“

Sie wandte sich an die Dorfbewohner und nickte ihnen sehr freundlich zu. „Verzeiht mir meine harschen Worte und nehmt mir nichts übel. Normalerweise benehme ich mich nicht wie eine Furie. Also, meine lieben Gastgeber, nehmt ihr meine Entschuldigung an?“

„Selbstverständlich! Selbstverständlich!“, riefen die Dorfbewohner mehr als erleichtert und wuchsen zusehends in die Höhe.

„Sehr gut. Und natürlich möchte ich mich auch bei euch bedanken für die Arbeit, die ihr hier geleistet habt. Diese Haarnetze sind wirklich eine geniale Idee. Ich würde mir gerne mal die Knüpftechnik zeigen lassen, aber vorher will ich meine dritte Frage beantwortet haben.“

„Ja, die Knüpfarbeit ist wirklich sehenswert.“ Merdin legte einen Arm um Viviane und führte sie aus dem Langhaus. „Bei der Gelegenheit zeig ich dir gleich, was die Leute noch alles schaffen, wenn der Winter lang ist.“ Glucksend riss sich Merdin den Helm vom Kopf und stülpte ihn Viviane über.

„Wir haben auch deine Utensilien parat gelegt!“, rief der Dorfvorsteher und eilte Viviane nach zur Tür. Dabei wedelte er entschuldigend mit den Händen, weil ihm das erst jetzt eingefallen war. „Akanthus hat uns bestens instruiert! Es wird dir gefallen! Allein die Kleider …“ Als Viviane abrupt stehen blieb, hörte er sofort mit dem Rufen und Wedeln auf. Er sah ziemlich besorgt drein und machte einen Schritt rückwärts, als befürchte er einen neuen Wutausbruch ihrerseits, doch sie klatschte sich nur die Hand auf den Helm.

Viviane hatte nicht bedacht, wie laut der Schlag in ihren Ohren scheppern würde, aber das geschah ihr nur recht. Sie hatte tatsächlich vergessen, dass Akanthus ihr gesamtes Gepäck zur dritten Rast schicken wollte, und der Aufenthalt in diesem Dorf war die dritte Rast. Was sie allerdings nicht wissen konnte, war erstens, dass Akanthus eine komplette Reisekutsche mitlieferte, und zweitens, dass sie einen römischen Markt besuchen würde. Viviane blinzelte heftig. Vor einem der anderen Häuser im Dorf stand nun tatsächlich eine prächtige Kutsche. Doch ihr blieb keine Zeit, diese zu bestaunen, denn kaum, dass ihr Merdin den Helm abgenommen hatte, schob er sie in das Haus hinein.

Darin hatten sich sämtliche Frauen versammelt und präsentierten die feinsten Kleider aus Wolle, Leinen und Seide – allesamt im römischen Stil gehalten und mit sämtlichem Zubehör versehen. Da die Dorfbewohner mit ihren Näharbeiten ehrlichen Handel trieben, konnten sie Viviane nicht nur ausstaffieren, sondern ihr auch noch wertvolle Ratschläge mit auf den Weg geben.

So kam es, dass Viviane wenig später frisch frisiert in echten römischen Gewändern steckte und gar nicht mehr aufhören konnte, freudig vor sich hin zu murmeln.

Alles war komplett aus feinster Seide gefertigt. Ihre Tunika war sonnengelb mit hellgrüner Borte und reichte ihr bis zu den Knöcheln; darüber trug sie eine bodenlange hellgrüne Stola mit aufgestickten rosa Dahlien. Sie war so von ihrer neuen Gewandung fasziniert, dass sie überschwänglich von einem Dorfbewohner zum nächsten tänzelte, um sich zu verabschieden und für die Gastfreundschaft zu danken. Jenen, die vor Kurzem noch ihren Zorn hatten erdulden müssen, hauchte sie einen Kuss auf die Wange. Merdin stellte sich einfach mit dazu, und sie erwischte ihn tatsächlich gleich mehrmals, ohne sich zu beschweren. Es war ihm ein Leichtes, sie nach unzähligen „Auf Wiedersehen!“ und „Besten Dank für die schönen Kleider! Und natürlich besten Dank für die Bewirtung!“ in die Kutsche zu heben.

Nachdem er die Tür ganz leise zugedrückt hatte, hörte er Viviane drinnen murmeln:

„Also dieses Busenband, an das muss ich mich erst gewöhnen, aber das Tunika-Kleid ist dermaßen anschmiegsam … sehen doch recht hübsch aus, wie saftig gelbe Äpfelchen … und diese Stola mit den feinen rosa Blümchen, die kann ich bestimmt auch anders schick drapieren.“

Zwei Tage später ging Viviane in leuchtend rosa Gewändern über das Dach einer echten römischen Villa und war immer noch dabei, die Stola auszuprobieren. Mal ließ sie die Seide vorne wie hinten locker fallen, mal raffte sie sie an den Schultern zusammen und prüfte den Faltenwurf, besonders über ihren Brüsten … sogar mit einem weichen Ledergürtel um ihre Taille herum sah es interessant aus.

Merdin hätte ihr ewig zusehen können. Ihr anmutiger Gang, die Art, wie sie redete und das Kinn hob … selbst ihre Frisur war eine Augenweide.

Wie es Mode war, trug Viviane ihre langen Haare, zu Zöpfen geflochten, in einer komplizierten Hochsteckfrisur. Haarnadeln, aus Silber und mit Perlen besetzt, hielten das Kunstwerk zusammen und eine zartrosa Dahlie aus Seide zierte die hintere Partie – ihr Kopf war ein Schmuckstück, genau wie es sich für eine wohlhabende Römerin gehörte.

Merdin begutachtete mit Wehmut seine neue Haarfarbe in einem auf Hochglanz polierten Kupferspiegel und machte es sich auf einer Ruheliege bequem.

Die erste Hürde hatten sie geschafft.

In Windeseile waren sie durch sämtliche romtreuen Gebiete gereist. Niemand hatte sie angehalten, denn keiner wollte einer Söldnertruppe in die Quere kommen. Die echten römischen Legionärstruppen hatten selbstverständlich keine Probleme damit, doch selbst sie erkannten die falschen Römer als ihresgleichen an. Dabei war es von Vorteil, als Eskorte von reichen Römern getarnt zu sein – Zenturio mit Schwester, unterwegs wegen Erbschaftsangelegenheiten – so blieb keine Zeit für lange Reden. Die Zusammentreffen reichten höchstens für ein paar freundliche Worte nach dem Woher und Wohin und darüber, wie die Straßen waren. Bei ihrer fünften Begegnung mit echten Legionären ließen sie die Frage nach Löchern in Schotterpisten weg – diese waren nämlich gerade von ebenjenen Legionären auf der gesamten Strecke ausgebessert worden.

Mit wehenden Umhängen und blank polierten Helmen preschten sie schließlich auf Londinium zu und hielten vor dem besten Gasthaus am Hafen.

Viviane entstieg der Kutsche wie eine sehr verwöhnte reiche Römerin, bedankte sich wohlerzogen in latinischer Sprache bei der Eskorte und überreichte mit großer Geste einen prall gefüllten Lederbeutel. Danach hakte sie sich bei Merdin ein und stolzierte Richtung Gasthaus.

„Bruderherz, wie denkst du darüber“, entrüstete sie sich laut und blieb ein paar Schritt vor dem Eingang stehen. „Ich bin dermaßen brüskiert! Ich will einfach nicht verstehen, warum eine derart luxuriöse Villa nun als Gasthaus herhalten muss!“ Da Merdin traurig nickte, tätschelte sie ihm tröstend den Arm und tönte noch lauter: „Ob ich mich nun lautstark echauffiere oder nicht – wenigstens bekommen unsere treuen Pferde die beste Pflege. Selbst unsere Ansprüche dürften leidlich befriedigt werden. Ich brauche sofort mein tägliches Schaumbad, beim Jupiter, ist das staubig hier!“

Sämtliche zufällig Anwesende – ob Seemann, Hafenarbeiter, Bauersfrauen, Kinder, Hunde oder Katzen – starrten ihr hinterher, selbst dann noch, als sie schon längst im Gasthaus verschwunden war. Ein paar alte Männer steckten die Köpfe zusammen und tuschelten aufgeregt. Händler eilten von ihren Schiffen und gesellten sich hinzu; besonders zwei griechische fielen auf, da ihre weißen Togen wild flatterten, so schnell hasteten sie herbei, um bloß nichts zu verpassen.

Die römische Eskorte aus nunmehr elf Legionären beobachtete den Menschenauflauf eine Weile. Aber da ihr Zenturio sicher angelangt war und hier offenkundig auch nicht gegen Rom gemeutert, sondern nur über seine Schwester getratscht wurde, ritten sie mitsamt der Kutsche ihrer Wege. Genauer gesagt ritten sie bloß ein Stück weg vom Fluss bis zum nächsten billigen Gasthaus und quartierten sich dort ein – sie wurden schon erwartet.

Viviane und Merdin spielten allein weiter Theater und nannten sich nur noch ‚teuerste Schwester‘ und ‚teuerster Bruder‘.

Sie waren Nichte und Neffe eines reichen römischen Ritters, uralter Adel, schwer erkrankt. Wie es sich für einen ordentlichen kinderlosen römischen Ritter-Onkel gehörte, war er sehr stolz auf Merdin, der mit seinen zwanzig Lenzen bereits zum Zenturio gewählt worden war. Dieser war von Geburt her leider ein Bastard seines Bruders, aber das war nur eine Formalität. Mittels Adoption war er nun adelig und konnte offiziell das gesamte Rittergut erben. Viviane sollte einen befreundeten Ritter heiraten, ebenfalls uralter Adel – zwar alt, aber tadellos gesund. Somit war die Familientradition gesichert und der Onkel konnte in Frieden sterben. Es bestand allerdings noch Hoffnung, er könne sich auf wundersame Weise erholen, sobald er seine liebreizende Nichte in die Arme schloss.

Merdin seufzte. Eine derartige Geschichte konnte sich auch nur seine Vivian ausdenken, einfach so, von einem Augenblick zum nächsten. Wie sehr er sie für diese spontanen Einfälle beneidete. Aufmerksam beobachtete er nun, wie sie sich weit über die Dachterrasse beugte, um die Hafenanlage besser im Blick zu haben. Ihre Stola wehte leicht im Wind.

„Bloß keine Langeweile aufkommen lassen, unsere Schiffspassagen müssten bald auftauchen“, murmelte sie und lehnte sich noch weiter über die Brüstung hinaus. „Zwei echte römische Beamte. Bin gespannt, wie die beiden aussehen. Und du?“

„Gespannt wie ein Langbogen.“ Merdin verzog das Gesicht zu einem Grinsen, das allerdings immer schiefer geriet und ganz verschwand, sobald er den Kopf hängen ließ.

Viviane schaute nicht hin, sagte jedoch: „Keine Müdigkeit vorschützen, teuerster Bruder.“

Aber Merdin war es langsam müde, wirklich.

Schon hundertmal hatte er versucht, Viviane seine Gefühle zu offenbaren, doch ständig war etwas oder jemand dazwischengekommen. Fünf Tage lang waren sie geritten und geritten. Zwischendurch hatten sie auch mal geschlafen oder etwas gegessen - aber mit Viviane allein zu sein, das war nicht machbar gewesen. Selbst hier, in dieser riesigen Villa, war es schwierig, da sie von ihren Gastgebern oder deren Kindern umgeben waren.

Und gleich, wenn sie auf dem Schiff waren, würde es schlichtweg unmöglich sein.

Was er brauchte, war Zeit. Ein perfekter Augenblick reichte nicht, er brauchte einen perfekten Tag. Schließlich wollte er nicht mit der Tür ins Haus fallen. Er wollte anklopfen, wie es sich gehörte, und um Einlass bitten. Er wollte mit ihr durch den Wald schlendern und im klaren Wasser baden. Er wollte mit ihr im warmen Gras liegen und die Frühlingssonne genießen. Er wollte sie umarmen, streicheln und küssen. Er wollte mit ihr Brot backen, Butter stampfen und Suppe löffeln, er wollte mit ihr ein Haus bauen und Kinder kriegen – aber nein: Sie mussten Römer spielen.

„Fast hundert Jahre alt, eine vierseitige Villa mit Parkanlagen innen und außen. Also ich frage mich wirklich, wie Akanthus das alles fertiggebracht hat“, murmelte Viviane und goss Buttermilch aus einer bauchigen Kanne in zwei Tonbecher.

Merdin beobachtete jede ihrer Bewegungen von seiner bequemen Ruheliege aus und murmelte: „Es ist nicht nur mein Großonkel Akanthus, sondern auch mein Vater und meine gesamte Sippschaft. Du weißt doch, Vivian, wir gehören allesamt dazu.“

„Selbstverständlich weiß ich das. Ich nehme bloß Akanthus, weil ich ihn länger kenne.

Er steht sozusagen stellvertretend für deine gesamte Sippe. Ihr müsst Unmengen an Kontakten haben, sonst wäre das alles hier nicht machbar.“

Begeistert zeigte sie über die Dachterrasse, auf der kleine Tische neben großen Liegen aus Weidengeflecht standen. Die kniehohe Brüstung war mit riesigen Kübeln dekoriert, in denen ganze Wiesen wuchsen. Da sprießten tatsächlich sonnengelbe Primeln, schneeweiße Gänseblümchen, zierliche Gräser, duftende Kräuter und sogar Haselnussbüsche.

„Man hat das Gefühl, am Waldrand zu liegen. Nebenbei kann man sich sonnen und nachdenken.“ Viviane gluckste und drückte Merdin einen der Becher in die Hand. „Zum Beispiel kann man überlegen, warum die Römer immer auf diesen breiten Liegen liegen, die sie Klinen nennen, und auf klinische Sauberkeit beim Essen achten, wo doch jeder weiß, dass sie dabei schiefliegen. Rutsch mal ein Stück, ich will auch so fein essen wie die Römer. Unsere Schiffspassagen sind noch nicht in Sicht und ich würde es gern mal mit diesen interessant kandierten Honignüssen probieren. Ist da Pfeffer dran? Na, egal, vielleicht kann ich danach ja Feuer speien.“

Sie schwenkte eine leuchtend blaue Glasschale mit besagten Nüssen vor sich her und legte sich graziös neben Merdin auf die Kline. Doch obwohl er ausreichend Platz machte und Viviane sogar die Schale abnahm, sprang sie sofort wieder auf, um die Falten ihrer Stola zu richten; angeblich waren sie schief.

Merdin ballte seine Finger zur Faust und stopfte sich Nuss um Nuss in den Mund. Wieder war ihm eine Gelegenheit abhandengekommen. Ob an seiner Seite hier oben auf der Terrasse oder bei der Besichtigung der Villa - sie flatterte hierhin, flatterte dahin; nirgends verweilte sie lange genug. Wie sollte er sie da zu fassen kriegen, geschweige denn in Ruhe mit ihr reden können? Noch nie hatte er sie derart unruhig, ja, sprunghaft erlebt, nicht einmal vor ihren Prüfungen zum Drachenschwert. Selbstverständlich war diese Mission hier etwas anderes und darum ahnte er, was sie derart umtrieb: Sie hatte Angst. Sie fürchtete sich vor dem anstehenden Kampf und ihr graute vor dem, was sie sonst noch auf dem Schiff erwartete.

Vielleicht brauchte sie einfach diese Unruhe nach außen hin, um sich nicht dem Aufruhr in ihrem Innern stellen zu müssen. Womöglich war es gar eine Art Transport von innen nach außen, um Platz zu schaffen für die Ruhe, die sie so dringend benötigte. Es musste schlimm sein für Viviane, warten zu müssen. Ein Schiff vor Augen, auf dem junge Frauen eingepfercht waren wie Vieh, und nicht sofort etwas dagegen unternehmen zu können … das war grauenvoll.

„So, mein teuerster Bruder, alle wieder gut in Schwung.“ Viviane feixte, streichelte sanft die Falten ihrer Stola von einer Schulter zur anderen und schnappte ihm eine Nuss vor dem Mund weg. „Wirklich prima, diese Mission. Römische Küche hab ich schon immer mal probieren wollen. Hm, ganz schön scharf.“

Sie stibitzte Merdin noch eine Nuss und tänzelte zur Brüstung zurück, von wo sie ihren Blick die Straße entlangwandern ließ, an Häusern und Feldern vorbei und wieder zurück bis hinunter zum Hafen. Jedes Schiff, das am Flussufer vor Anker lag, gerade davonsegelte oder einlief, war von hier aus bestens zu erkennen. Jeder Bauer, der sein Feld bestellte, war bestens zu erkennen. Jedermann, der in Londinium ein und aus ging, war bestens zu erkennen.

„Ich kann sogar unsere Leute dahinten vor dem billigen Gasthaus sehen. Sie rollen gerade mit ein paar mir Unbekannten Fässer in einen Schuppen. Es ist wirklich faszinierend, zu sehen, wer zu uns gehört. Und von dieser Dachterrasse aus behält man alles im Blick, als stünde man auf einer Warte.“ Vergnügt schnippte Viviane mit den Fingern. „Wir machen es uns auf einem Wachturm gemütlich. Dem besten landauf, landab.“

„Hm“, brummte Merdin und hielt ihr zwei Nüsse hin. „Das hast du gut erkannt.“

Vor fast hundert Jahren war die Villa erbaut worden, aus bestem Tonziegel, drei Etagen hoch und teuer eingerichtet. Im Moment gehörte dieses Prachtstück römischer Baukunst einem reichen Römer und seiner Gattin. Er gab Lektionen in Rhetorik, sie bewirtschaftete eine Garküche – Caupona, wie die Römer sagten – und ein dazugehörendes Gasthaus mit den besten Zimmern weit und breit.

Das war jedenfalls die offizielle Version für alle, die danach fragten. In Wirklichkeit waren die Besitzer nämlich Druiden der Rechtsprechung und bevor sie in diese Villa gekommen waren, hatten sie sich noch nie gesehen. Sie stammte aus dem Noricum und er aus Iberien. In Britannien führten sie ein neues Leben mitten unter Römern; selbstredend war es von Vorteil, als Druide die Sprache der Latiner zu beherrschen.

Leute aus vielen römischen Provinzen gingen in dem Gasthaus ein und aus. Im unteren Bereich aßen sie römische Speisen und tranken die besten Weine. Im mittleren bewohnten sie die Gästezimmer und im oberen lernten sie, wirklich gute Reden zu halten. Ein Teil des Gebäudes war für Gäste nicht zugänglich, dort lebten die Eheleute mit ihren drei Kindern.

Die zwei jüngeren hatten noch keine Ahnung, dass ihre Eltern gar keine Römer waren. Aber dafür wussten sie, genau wie ihr großer Bruder, dass sie sich sehr gern hatten und haufenweise Sesterzen verdienten, denn mittlerweile hatte es sich im ganzen römischen Imperium herumgesprochen, wie gut man hier, in der britannischen Provinz, versorgt wurde. Für reiche Reisende war es ein Muss, wenigstens eine Nacht zu verweilen.

Viviane schmunzelte vor sich hin und strich sich über ihre feine rosa Seidenstola. Natürlich waren unter den vielen Gästen auch immer mal welche, die es besser wussten: In diesem Hafen wechselten nicht nur Handelsgüter den Besitzer, man konnte auch in den Besitz von Informationen gelangen, und zwar ohne Bezahlung. Es war die gemeinsame Aufgabe, für die es sich lohnte.

„Vivian, Achtung, die Luke geht auf! Ich glaub, die Römer kommen an Deck! Ja, unsere Schiffspassagen sind gleich in Sicht!“

Viviane blinzelte heftig. Jetzt war sie tatsächlich in Gedanken versunken und hatte sogar Honignüsse geknabbert, ohne es zu merken, was ihr – bei den Massen an Pfeffer drum herum – eigentlich hätte auffallen müssen. Wenn Merdin nicht ihre Hand getätschelt hätte, wäre ihr die Bewegung auf dem vorletzten Schiff flussabwärts entgangen. Da erschien eindeutig ein Kopf in der Luke, dann schob sich der restliche Körper heraus.

„Donar steh uns bei, es beginnt“, hauchte sie. „Merdin, ich hab Angst. Ganz schreckliche, schreckliche Angst. Diese armen Maiden, in welcher Verfassung werden wir sie vorfinden? Wie zerrüttet werden sie sein, körperlich wie geistig, nach all der Zeit?“ Sie verschränkte ihre Finger mit seinen und holte zittrig Luft. „Und da ist noch etwas … Ich würde was drum geben, wenn ich nicht töten müsste. Ich hab doch noch nie in echt …“

„Ganz ruhig, Vivian. Denk jetzt nicht daran. Wir wollen die Maiden befreien und das werden wir tun. Deine List wird gelingen. Und falls es Komplikationen gibt … Wir können blitzschnell denken, kämpfen und improvisieren. Vielleicht kommt es nicht mal zum Kampf. Wenn doch, hältst du dich einfach raus. Mit den paar Seemännern werden wir allemal fertig, keine Bange.“

Viviane fühlte seinen starken Händedruck und atmete gleich viel ruhiger.

„Bei allen Göttern, deinen und meinen, was bin ich froh, gerade dich an meiner Seite zu haben, mein teuerster Bruder.“

Sie schenkte ihm ein liebevolles Lächeln und schaute ihm tief in die Augen. Am liebsten hätte sie sich darin verloren, in diesem himmlisch strahlenden Blau, doch etwas hinderte sie daran. Sie wusste nicht genau, was es war oder wie sie es benennen sollte … sie zwang sich, wegzusehen.

Seufzend starrte sie das Flussufer entlang zum vorletzten Schiff. An Deck redete gerade ein Seefahrer recht überschwänglich auf die beiden Römer ein, während sich Letztere die Kleider richteten. Besonderen Wert schienen sie auf den Faltenwurf ihrer Togen zu legen, sie zupften und begutachteten, zupften und begutachteten … Vom Ausfertigen irgendwelcher Dokumente konnten doch weder Toga noch Tunika derart verrutschen.

Prompt kroch Viviane ein Schauder über den Rücken und es wurde ihr mächtig flau im Magen. Doch es war nicht Angst, die sie erbleichen ließ, es war auch nicht Mitleid für diese armen Frauen dort auf dem Schiff. Sie wusste nicht einmal genau, ob es überhaupt ein Gefühl war, was sie da wahrnahm. Es fühlte sich eher wie ein Ding an, für das sie noch keinen Namen hatte.

Es wand sich in ihren Eingeweiden, streckte sich und dehnte sich, wälzte sich in ihrem Blut und kreischte: ‚Ich will mehr Blut! Viel mehr Blut! Lass mich raus! Ich will kämpfen! Ich will töten! Ich will siegen!‘ Dabei wollte sie doch gar nicht töten. Selbstverständlich wollte sie siegen und um das zu erreichen, musste sie höchstwahrscheinlich kämpfen. Aber am liebsten hätte sie auf Letzteres verzichtet, und töten … nein, das wollte sie erst recht nicht. Nicht nur aus Gnade für ihre Gegner, sondern auch weil das Ding in ihr, dieses blutgierige Biest, sonst noch stärker geworden wäre. Womöglich wuchs es aus ihr heraus und machte sich selbstständig. Wo blieb dann die gute, freundliche Viviane mit all ihrem Mitgefühl? Andererseits hatte sie stets und ständig diese jungen Maiden vor Augen, sah sie zusammengedrängt und schwach, gepeinigt, geschändet, gefoltert. Was nützte diesen hilflosen Wesen ihr Mitleid? Wäre nicht eine Viviane, die nur aus Zorn und Hass und Blutgier bestand, genau das Richtige für sie? ‚Ja! Lass mich kämpfen! Lass mich töten! Lass mich raus!‘

Genau deshalb hatte sie das Schiff bis jetzt nur einmal, bei ihrer Ankunft, angesehen und dann nicht wieder. Dieses Chaos tief in ihr drinnen war schlichtweg nicht auszuhalten gewesen. Wer wollte schon einen Kampf gegen sich selbst ausstehen, ihr Mitgefühl gegen das Ding ohne Namen? Wer würde diesen Kampf für sich entscheiden? Sie hatte alles betrachtet, bloß nicht dieses vorletzte Schiff. Sie wollte sich nicht vorstellen, was dort gerade mit den gefangenen Frauen passierte.

Wie lange waren sie jetzt auf diesem Schiff? Wie oft hatte dieses Schiff schon irgendwo vor Anker gelegen? Immer mit ähnlicher Fracht? Und wenn ja, was taten die Seefahrer wohl mit so vielen Frauen, bis sie irgendwann im Zielhafen ankamen – weit, weit über dem Meer, wo ihr Handelsgut zum nächsten Sklavenmarkt verfrachtet wurde? Was nützte es den Frauen dort auf diesem vorletzten Schiff, wenn sie, Viviane, die Ärztin und Drachenkriegerin, wie gelähmt war vor lauter Angst vor sich selbst?

„Schau, Vivian, sie laufen die Planke runter, genau wie uns die Wirtin beschrieben hat. Der eine schwankt, als würde er gleich umfallen und ist so dünn wie eine Bohne. Der andere trippelt auf kurzen Beinchen und ist so dick wie ein Kohlkopf.“

„Oh ja, sehr interessant. Bohne hat eine grüne Tunika und Haare so wirr wie Bohnenkraut. Kohlkopf trägt eine zartgrüne Tunika und sein Schädel ist kahl. Die Namen passen perfekt.“ Aus schmalen Augen beobachtete Viviane die Römer, die am Flussufer verharrten und majestätisch zu dem Seefahrer hinaufwinkten. Am liebsten hätte sie mit Pfeil und Bogen auf die drei angelegt. Vergiftete Blasrohrpfeile wären auch gut geflogen oder ein paar Schleudersteine. Oder sie hätte vom Dach springen und ihnen entgegenstürmen können mit dem Schwert in der Hand, mit zwei Schwertern, mit der Axt, mit bloßen Händen … alles wäre richtig gewesen, alles zusammen.

Die Vorstellung war allzu verlockend, und sie war froh, wieder Merdins starken Händedruck zu spüren. Er hegte ähnliche Gedanken, das wusste sie, auch wenn er nichts sagte, und plötzlich war es ihr wichtig zu trällern: „Komm, mein teuerster Bruder, runter zur Caupona, wir wollen unsere Schiffspassagen in Empfang nehmen!“ Schon eilte sie Merdin voraus über die Dachterrasse und die Treppe hinunter. Sie wurde immer schneller, bis sie durch eine schmale Tür in das hintere Ende des Speiseraums preschte. Nun rannte sie fast vorbei an Tischen und Korbstühlen und der ewig langen Theke, bis diese einen Knick nach rechts machte und auslief. Dort, am Eingang, an der Schmalseite der Caupona, stand die Wirtin mit ihrem ältesten Sohn hinter der Theke. Sie stellten gerade ein neues Fass Wein auf, hielten aber sofort inne, als Viviane und Merdin um die Ecke bogen.

Beim Anblick ihrer grimmigen Mienen wusste die Wirtin sofort Bescheid. Sie schickte ihren Sohn fort, um den anderen Drachenkriegern Meldung zu machen. Dann schlug sie, wie mit Viviane verabredet, ein paar Eier auf. Rasch trennte sie Eigelb von Eiweiß, gab eine Prise Salz in Letzteres und langte hinter sich auf ein Regal, wo schon ein Zwiesel bereitlag. Dieser war letzten Winter aus der Spitze eines Tannenbaums gefertigt worden, mit eingekürzten Ästen und glatt geschnitzt. Wenn der Stiel geschickt zwischen den Handflächen gerieben wurde, verquirlten die kleinen Astenden alles Mögliche an Essbarem und Trinkbarem, ja, Soßen rührten sich fast von alleine sämig.

Bei der grimmigen Miene, mit der die Wirtin den Zwiesel zwischen den Handflächen rubbelte, hätte man allerdings etwas anderes im Krug vermutet als Eiweiß. Nun gut, es war nicht einfach nur Eiweiß. Es war eine Art Geheimwaffe, wenn sie auch weder erschrecken noch wehtun würde. Viviane wollte es anfangs gar nicht glauben, aber ihre Gastleute hatten ihr versichert: Mit Eischnee brächte man Eisberge zum Schmelzen, römische seien besonders empfänglich. Dann hatte die Wirtin eine Kostprobe zum Besten gegeben und gezeigt, was es noch zu beachten gab. Viviane hatte nur staunen können – zum einen über die Fingerfertigkeit und zum anderen über die Raffinesse dieser Druidin, die vom Alter her gut ihre Mutter hätte sein können.

Sie staunte auch jetzt darüber, wie das Eiweiß unter diesen fähigen Händen immer höher schäumte. Es war ein faszinierender Vorgang, doch sie wandte den Blick ab, ging zu Merdin, der unschlüssig an einem Tisch nahe dem Eingang stand, und schubste ihn auf einen dazugehörenden Korbstuhl. Sie brauchte nur den Finger zu heben, schon gähnte er und fläzte sich in eine gelangweilte Schräglage – als Erbe eines adligen römischen Ritters war er für langes Sitzen ohne Pferd unter sich nicht geschaffen.

Viviane war sehr zufrieden mit seiner Pose. Sie setzte sich auf den Stuhl neben Merdin, reckte den Hals, um zu prüfen, ob die Straße durch die offene Tür gut im Blick lag, und beschäftigte sich nun mit sich selbst.

Sie hatte jede Menge zu tun. Sie musste graziös dasitzen; sie musste das mordlustige, nach Blut kreischende Biest in ihrem Innern in ein wohlig schnurrendes Schmusekätzchen verwandeln; und sie musste sich auf zwei Frauenschänder freuen.

Wider Erwarten schaffte sie all das recht schnell, obwohl die freudige Erwartung mit der Zeit verging und einem leicht gereizten Mienenspiel Platz machte. Offenbar waren die Frauenschänder in einem früheren Leben als Schnecken unterwegs gewesen; es dauerte ewig, bis sie in Sicht kamen.

Der eine mit schlaksigen, der andere mit gewichtigen Schritten, schlenderten sie die Hafenstraße entlang direkt auf die Caupona zu. Kaum zur Tür herein riefen sie nach Wein aus Mediolanum – den besten, unverdünnt, einen ganzen Krug voll – und schlenderten zu dem Tisch hinüber, an dem Viviane mit Merdin saß. Dabei hielten sie die Augen stets auf Viviane gerichtet, und so war sie es auch, die beide ansprach.

„Bei Neptunus und Mercurius, ich hoffe, das Schiff ist nun endlich zum Auslaufen bereit?!“ Sie setzte eine Miene auf, als würde sie schon ewig auf dieses Ereignis warten. „Konnte die Freigabe erteilt werden? Darf es fahren?“ Graziös schlug sie die Beine übereinander und wippte höchst pikiert mit dem rechten Fuß.

Beim Anblick ihrer rot lackierten Fußnägel vergaßen die Römer, dass die fremde Römerin erst gestern angekommen war. Sie vergaßen zu fragen, von wo genau sie herkam, wie ihre Eltern hießen und wie diese ihren gehobenen Lebensstil finanzierten. Ja, es schien sogar, als könnten die Römer rein gar nichts mehr denken, nachdem Viviane einmal mit ihren Fingern geschnippt hatte. Sofort zuckten ihre Köpfe hoch und ihre Blicke saugten sich an Vivianes Schmollmund fest, bis sie unvermittelt ihr Kinn reckte. Prompt rutschten die Blicke ihren schlanken Hals hinab und blieben an ihrem Busen hängen.

Schwer seufzend warf Viviane ihr rechtes Bein in die Höhe und das linke hinterher, sodass ihre Seidenkleider luftig flatterten, ehe sie wieder alles an sich raffte. Eine Handvoll Seide, noch eine Handvoll … ihr rechtes Bein senkte sich graziös und das linke schmiegte sich mit sanftem Druck darüber. Ein dumpfer Schlag ließ die Römer zusammenzucken. Wer störte? Gerade jetzt, wo die feine Seide festklemmte, rosa zwischen zarten Schenkeln.

Erst nach einem strafenden Blick zur Seite stellten sie fest, dass niemand sie ablenken wollte: Die Wirtin hatte bloß den bestellten Krug Wein und zwei Becher abgestellt, und eine Schale mit schaumig geschlagenem Eiweiß.

Letztere war für Viviane und sie stürzte sich darauf, als hätte sie seit drei Tagen nichts mehr gegessen; der Faltenwurf ihrer Stola geriet in Schwung und ihr Busen kam hervorragend zur Geltung.

„Oh, ich liebe diese Delikatesse“, jauchzte sie und vergaß, sich ordentlich hinzusetzen. Halb über den Tisch gebeugt tauchte sie einen winzigen Silberlöffel in den weißen Schaum, hob ihn an und ließ sich nun zurücksinken. „Ja, dieser Eischnee ist besonders gelungen … wie eine luftige Wolke!“ Sie betrachtete den extrem hohen Schaumberg auf ihrem Löffel und saugte ganz vorsichtig daran. „Mmh, steif und … ah, so lecker!“

Die beiden Römer merkten nicht, wer ihnen Wein einschenkte. Sie starrten weiter auf Vivianes glänzend rote Lippen, den Schaum, den sie Zug um Zug einsaugte, und hoben die Becher dank jahrelanger Übung automatisch an die Münder. Erst, als der Berg auf Vivianes Löffel nur noch ein Hügelchen war und sie ihn mit einem gezierten: „Deliziös!“ in den Mund schob, fiel ihnen auf, dass sie das Trinken vergessen hatten.

Schnell schlürften sie gierige Schlucke aus ihren Bechern und hätten beinahe wieder alles ausgespuckt, als Viviane den Löffel mit langer Zunge abschleckte.

Viviane sah aus den Augenwinkeln, dass die beiden sie mit Blicken verschlangen, und schob einen winzigen Klecks Eiweiß wieder zurück auf den Löffel, um ihre Zungenspitze noch einmal darüber gleiten zu lassen. Bohne biss fast in seinen Becher, Kohlkopf tropfte der Schweiß von der Stirn, Merdin fläzte sich noch römerhafter auf seinem Stuhl und hatte schon halb die Augen zu.

„Wirklich hervorragend!“ Beschwingt tauchte sie ihren Löffel wieder tief in „dies schaumige Vergnügen!“

Oh ja, es war wirklich ein Vergnügen gewesen, befanden die beiden Römer, sobald sie allein am Tisch saßen. Mit glasigen Augen bestellten sie noch einen Krug Wein und einen dritten, denn Viviane hatte ihnen reichlich Sesterzen dagelassen. ‚Eine kleine Vergeltung für die Mühen, die sie verursacht hatte‘, so waren ihre Worte gewesen. Und sie hatte darauf bestanden, einen doppelten Aureus für die Schiffspassagen zu bezahlen. Ein Binio müsse sein, denn was man von anderen bekomme, müsse man immer ordentlich vergelten, am besten doppelt, wenn man es schaffte. Dabei hatte Viviane süffisant gelächelt und den Binio mit spitzen Fingern überreicht, damit die Prägung von Nero im Profil auch gut zu sehen war.

Leider kam diese Römerin nicht wieder zurück – als Appetithäppchen wäre sie hervorragend geeignet – aber sie waren auch mit einer neuen Ladung Sklavinnen als schlichte Hauptspeise zufrieden. Sie grinsten sich an und bestellten noch einmal Wein, den besten, unverdünnt.

Viviane und Merdin ritten unterdessen zum Anleger, wo der Kapitän des Schiffes schon zu ihrem Empfang bereitstand. Allerdings schien er etwas anderes erwartet zu haben, denn bei Vivianes Anblick geriet er arg ins Wanken.

„Mein … meine Schöne, du bist so jung“, stotterte er fassungslos. „I… ich habe nicht erwartet …“ Er ruderte mit den Armen, als bräuchte er unbedingt Rückenwind.

„Ach. Was hast du denn erwartet?“, trällerte Viviane in bester latinischer Mundart und beugte sich von ihrer kleinen Stute zu ihm hinüber. „Eine hässliche alte Jungfer, die ihren kranken Onkel noch einmal lebend sehen will, und die deshalb auf einem Sklavenschiff mitschippern muss, weil gerade nichts Besseres vor Anker liegt? Oder eine hässliche alte Jungfer, die auf besagtem Sklavenschiff mitschippert, damit sie noch rechtzeitig einen Gatten abkriegt, bevor sie vertrocknet?“ Sie stach einen rot lackierten Fingernagel unter sein Kinn und klappte ihm den gerade zum Protest ansetzenden, weit aufgerissenen Mund zu. „Nun ja. Eine Jungfer bin ich. Doch wie du siehst, brauche ich mir ansonsten keine Sorgen zu machen. Oder was denkst du?“

„Oh nein, ich denke gar nichts! Ich dachte auch gar nichts“, beteuerte der Kapitän. Er schüttelte vehement den Kopf, obwohl Vivianes Finger immer noch unter seinem Kinn steckte und sie genau das ausgesprochen hatte, was er wirklich gedacht hatte. „Ich war nur …“ Er riss die Hände hoch und bettelte fast: „Schönste der Schönen, schau mich bitte nicht so tadelnd an! Und versteh mich bloß nicht falsch! Es ist alles für eure Reise vorbereitet. Ich habe ein Zelt an Deck und genügend Platz für die Pferde …“ Hastig schielte er zu Merdin, konzentrierte sich jedoch gleich wieder auf Viviane. „… und ich bin begeistert von deinem Liebreiz! Doch du kannst unmöglich auf meinem Schiff mitfahren! So gerne ich das auch hätte!“ Mit einem entschuldigenden Lächeln sah er zu Merdin. Um ihn machte er sich offensichtlich keine Sorgen.

„So, so.“

Viviane zog ihre Hand zurück und glitt von ihrer Stute. Ehe sich der Kapitän das Kinn reiben konnte, hatte sie ihm drei Finger darum gekrallt und fauchte: „Ich bin es nicht gewohnt, abgewiesen zu werden. Gerade eben wurde mir von höchster Stelle versichert …“

„Das ist kein abschlägiger Bescheid, oh schönste aller Römerinnen!“, quiekte der Kapitän und deutete rasch auf sein Schiff. „Es liegt an den anderen Weibern! Du kannst unmöglich mit diesen dreckigen Barbarenweibern auf einem Schiff hausen. Sie schreien und kreischen und jaulen. Ich fürchte um deine Sicherheit! Du bist so jung, du bist so schön!“

„Wenn ich also eine hässliche alte Jungfer gewesen wäre, hättest du damit kein Problem?

Ts, ts, ts.“ Viviane spitzte die Lippen und beugte sich ganz nah an den Kapitän heran.

„Da, wo ich herkomme, habe ich schon viele Barbarenweiber schreien hören. Sie können von mir aus nackt und von Kopf bis Fuß beschmiert sein; sie können toben und kreischen so viel sie wollen; Hauptsache, ich komme schleunigst an mein Ziel. Ansonsten …“

Sie deutete auf Merdin, der mittlerweile ebenfalls vom Pferd gestiegen war und nun mit der Hand auf dem Schwertknauf neben sie trat.

„Zenturio“, jaulte der Kapitän und sprang rückwärts, wodurch Viviane lächelnd sein Kinn freigab. „Gut, gut. Wenn dir die Umstände nichts ausmachen und für deine Sicherheit gesorgt ist …“ Er machte eine hastige Verbeugung und bedeutete Viviane, sie dürfe nun an Bord gehen.

Sie reckte Kinn und Nase in die Höhe, stolzierte an ihm vorbei und trällerte gelangweilt:

„Mein teuerster Bruder wird sich um den Rest kümmern.“

„Den Rest?“ Der Kapitän wusste nicht, was er tun sollte – auf Vivianes Wölbungen vorne starren, die sich unter ihren feinen Gewändern abzeichneten, oder auf deren Faltenwurf, der so neckisch auf ihrem Hinterteil wippte, oder …

„Schluss mit Müßiggang! Fracht an Bord! Flut setzt bald ein!“

Der Kapitän zuckte zusammen und starrte verständnislos auf Merdin. Dieser wedelte ungeduldig mit der Hand in Richtung zweier Fuhrwerke, die mit Stroh-, Heuballen und Fässern beladen am Flussufer warteten. Sofort sprangen etliche Träger herbei, die bis jetzt im Schatten einer Weide herumgelungert hatten.

Nun wusste der Kapitän auch wieder, was zu tun war. Er eilte über das Deck seines Schiffes, um den Männern eine gute Stelle für den provisorischen Pferdepferch zu zeigen. Abrupt blieb er stehen und geriet schon wieder ins Wanken.

Viviane war längst dort. Sie stand genau an der richtigen Stelle und deutete gebieterisch auf die Planken. Sie bestimmte, in welchem Abstand die Ballen und Fässer aufgestellt wurden. Sie bestimmte, welches Stroh aufgeschüttet und welcher Deckel geöffnet wurde. Sie führte ihre kleine Stute höchstpersönlich in den provisorischen Pferch und legte ihr Heu vor. Wahrscheinlich hätte sie ihr auch noch den prächtigen Sattel abgenommen, wenn sich nicht eine Hand auf ihren wohlgeformten Arm gelegt hätte.

Als wäre er gerade aus tiefem Schlaf erwacht, starrte der Kapitän von der Hand des Zenturios zu Vivianes Schmollmund hinauf und krächzte: „Schönste aller Römerinnen! Darf ich dir das Zelt zeigen?!“

„Das Zelt? Selbstverständlich. Sehr gerne.“

„Wunderbar“, jauchzte der Kapitän und war schon drauf und dran, Viviane von ihrer Stute wegzuziehen, bis ihm einfiel, dass seine Finger an ihr nichts zu suchen hatten. Zu seinem größten Vergnügen kam Viviane freiwillig an seine Seite, ja, sie rückte so dicht auf, dass er glückselig frohlockte: „Ich habe es am Heck aufgestellt. Windgeschützt, weitab von jeglicher Dekadenz, ich meine, jeglicher Unannehmlichkeit. Was ich damit sagen will …“

Er wurde leicht verlegen und flüsterte: „Ich muss dich darum bitten, dortzubleiben, das wird dir die Reise sehr erleichtern. Es ist alles den Umständen entsprechend bequem und sauber, ja geradezu klinisch rein, und für die anfallenden Arbeiten, oh Schönste …“

Vivianes Hand, die seinen Arm tätschelte, ließ ihn vergessen, dass er der Schönsten ein paar Sklavinnen ausleihen wollte, sogar kostenlos.

„Davon gehe ich aus“, gurrte ihm Viviane ins Ohr. „Mach dir keine Sorgen um mich, du flotter Seemann. Ich werde bestimmt zurechtkommen. Außerdem habe ich noch meinen teuersten Bruder.“ Glucksend hakte sie sich bei dem flotten Seemann unter und zog ihn fest an ihre Seite.

„Ja“, jauchzte der Kapitän und zwinkerte ihr verschwörerisch zu. „Der Gute kümmert sich um den Rest.“

Es dauerte gar nicht lange und Viviane stand allein auf dem Deck. Die gesamte Schiffsbesatzung war unten bei den Sklavinnen, inklusive Merdin.

Viviane gestattete sich ein grimmiges Lächeln.

Der Kapitän war ganz begeistert gewesen, als Merdin seinen Fuß auf ein kleines Weinfässchen gestellt, einen prall gefüllten Münzbeutel gezückt und verkündet hatte, nun wolle er den wackeren Seeleuten etwas Gutes tun und sich auch selbst ein wenig Vergnügen gönnen. Es dürfe gerne auch etwas mehr sein, wenn er verstehe.

Und wie der Kapitän verstanden hatte. Man konnte förmlich sehen, wie er die Preise für Vergnügungen aller Art ausrechnete und nebenbei einen Becher Wein nach dem anderen in seinen gierigen Schlund kippte. Er konnte Merdin gar nicht schnell genug die Leiter abwärts komplimentieren.

Mit gelangweilter Miene schlenderte Viviane über das Deck hinüber zu den Pferden. Da sich niemand in Hörweite befand, hätte sie nun in gewohnter Weise auf die Tiere einreden können, doch zur Sicherheit tat sie es in der Sprache der Latiner. Dina und Arion verstanden sie trotzdem.

Ruhig fraßen sie ihr ein paar kleine Äpfel aus den Händen und steckten ihre Köpfe danach in den Berg Heu, den sie ihnen aufgeschüttet hatte. Doch kaum schlitzte Viviane die Stricke der anderen Heuballen auf, hörten sie beide auf zu fressen und schauten ihr interessiert zu. Arion rupfte sich ein Stück vom nächstbesten Ballen ab.

Viviane wollte ihn schon wegen seiner Gefräßigkeit rügen, doch er hatte so ein seltsames Funkeln in den Augen, sodass sie ihm stattdessen zuzwinkerte. Als sie den ersten Deckel an den Wasserfässern anhob und Arion ihr einen sanften Nasenstüber in den Rücken verpasste, hätte sie beinahe laut gelacht. Das konnte sie sich natürlich nicht leisten, daher zwang sie sich, über Holzfässer nachzudenken. Wer auch immer diese erfunden hatte, dem konnte sie gar nicht genug danken. Denn die Einstiegsöffnung, durch die man normalerweise ins Fass kletterte, um es zu säubern, bot auch genug Platz für einen Drachenkrieger mit Gepäck.

„Wartet auf mein Zeichen“, flüsterte sie, während sie den letzten Deckel kaum merklich schräg auf seinem Fass platzierte, und das dumpfe Grollen aus dem Inneren brachte sie zum Schmunzeln. Fast hätte sie dieser Rettungsmission eine lustige Seite abgewinnen können, doch das Lächeln rutschte ihr aus dem Gesicht, als unter Deck ein lautes Johlen ansetzte.

Das waren eindeutig die Seemänner. Wahrscheinlich teilten sie gerade die Sklavinnen unter sich auf.

Kurz wunderte sich Viviane, warum von den Frauen kein einziger Laut kam, aber vielleicht hatten sie es mit der Zeit einfach aufgegeben, sich zu wehren. Wahrscheinlich besaßen sie auch gar keine Kraft mehr dazu.

„Gleich vorbei“, knurrte Viviane, als die Männerstimmen wieder und wieder anfingen zu johlen. Bedächtig trat sie hinter Dina, atmete ruhig und behielt die Luke zum Unterdeck im Blick.

Alsbald stiegen drei Frauen nacheinander daraus empor. Alle drei hätten hübsch sein können, wenn sie nicht zerzauste Haare gehabt hätten, wenn ihre Kleider nicht zerrissen und ihre Gesichter nicht grün, blau und gelb geschwollen gewesen wären. Hinter der letzten kam Merdin in Sicht. Er schaute sofort in Vivianes Richtung und warf ihr einen Blick zu, in dem sich Kummer, Zorn, Ekel, Entsetzen und Abscheu mischten.

Viviane nickte kaum merklich und atmete erleichtert auf, als sie sah, dass Merdin sein Gefühlschaos rasch in den Griff bekam. Er behandelte jede einzelne der Frauen mit Respekt, redete sanft auf sie ein und dirigierte sie nach rechts Richtung Zelt. Seine höfliche Art schien keinerlei Wirkung zu zeigen.

Mit leerem Blick schlurften die Frauen kraftlos vor ihm her, wobei die erste noch am aufrechtesten ging. Sie schien in besserer Verfassung als die anderen beiden, doch das täuschte. Kaum wollte sie sich unter der Zeltleinwand hindurchbücken, presste sie die Hände auf die Rippen und atmete scharf ein. Die zweite hinkte stark und ihr rechter Arm hing schlaff herab; mit dem linken stützte sie die dritte, die stöhnend ein Bein nachzog, der Fußknöchel dick geschwollen.

Ihr Stöhnen wurde jäh von Babygeschrei übertönt. Abrupt richtete sich die Frau mit den gebrochenen Rippen wieder auf, biss die Zähne zusammen und starrte mit den anderen beiden zur Luke hinüber, von wo das Greinen zu kommen schien. Mit einem Schlag ging es in gepresstes Wimmern über, und ein Paar Stiefel stampften nun die Leiter empor.

Viviane fühlte tatsächlich die Planken unter ihren dünnen Korksohlen vibrieren. Der Mann, der die Stufen emporstieg, musste groß, schwer und sehr wütend sein. Mit jeder Sprosse, die er erklomm, wurde sein Tritt derber.

Tief hinter ihre Stute geduckt, knurrte Viviane leise: „Da kommt eine unerwartete Komplikation, aber damit werde ich fertig, keine Bange. Ihr wartet wie verabredet auf mein Zeichen.“

Aus den Wasserfässern, Stroh- und Heuballen kam zustimmendes Brummen in elf verschiedenen Tonlagen. Viviane nahm es nur nebenbei wahr. Sie konzentrierte sich voll und ganz auf sich selbst. Sie musste sich wappnen, denn die bangen Blicke, mit denen die drei Frauen zur Luke starrten, versetzten sie in Kampfbereitschaft. Sie ahnte, dass ihr keine Zeit bleiben würde, über richtige oder falsche Taktik nachzudenken.

Auch Merdin machte sich zum Angriff bereit, doch er hatte offensichtlich Schwierigkeiten, sich zu entspannen, seine Kiefer mahlten, ein Augenlid zuckte. Vielleicht lag es an den Frauen, die nun aufgeregt miteinander tuschelten, vielleicht war es auch das schlagartig kreischende Baby, was ihn die Fäuste ballen und die Ader am Hals hervortreten ließ. Als die schweren Stiefel die letzten Sprossen emporstampften und ein dunkler Haarschopf, Kopf und Schultern sichtbar wurden, tastete Merdin nach seinen Schwertern. Sie waren nicht da.

Kein Langschwert, kein Kurzschwert, er hatte keines davon – er hatte das originale Schwert eines Zenturios. Seine rechte Hand griff nach links, packte den Schwertgriff, doch Viviane riss drohend ihren Finger hoch über den Pferderücken und Merdins Hand zuckte zurück. Er schaute wie ein gescholtenes Kind zu ihr hinüber. Diesmal konnte sie nicht darüber lachen. Ihr verschlug es den Atem, allen verschlug es den Atem bei dem Anblick, der sich ihnen nun bot.

Mit einem mächtigen Satz sprang ein riesiger Mann aus der Luke, stampfte zur Reling und schleuderte ein zappelndes, schmutziges Bündel weit über Bord. Noch im Flug klaffte das völlig verdreckte Tuch auseinander, winzige Beine strampelten sich frei, riesige blaue Augen suchten Halt, dünne Fingerchen griffen ins Leere …

Laut klatschte das Baby ins Wasser.

Die drei Frauen kreischten auf, brüllten, fluchten, schworen Rache … Viviane kannte kein Halten mehr. Tief hinter ihre Stute gebückt, riss sie sich die Kleider vom Leib.

Stola, Tunika, Haarnadeln, rosa Seidendahlie flogen ins Stroh. Sie schaute auf, lugte über Dinas Rücken. Der Riese hatte nichts bemerkt; mit mächtigen Schritten stampfte er wieder zurück über das Deck, den Blick stur auf die Luke gerichtet. Abrupt zuckte sein Kopf nach rechts, wo die Frauen in die Knie sanken und laut schluchzten. Doch das war es nicht, was seinen Blick auf sich gezogen hatte; es war Merdin. Merdin hatte den rechten Daumen gehoben - er hatte erkannt, was Viviane vorhatte, und schon glitt sie bäuchlings über die Reling -, doch der Riese bezog die Geste prompt auf sich. Er grinste breit, machte sogar eine kleine Verbeugung, als würde er sich geehrt fühlen, und hob ebenfalls den rechten Daumen. Dann stampfte er weiter über das Deck.

Viviane ließ sich am Schiffsrumpf hinab; die Finger fest an die Reling geklammert, hing sie da. Wo war das Baby? Sie schaute abwärts, sah nichts als trübes, brackiges Wasser, das langsam dahinfloss – kein Baby. Sie stieß sich mit dem linken Fuß ab, hing jetzt nur noch an der linken Hand. Sie reckte sich. Da war es! Dreißig Schritt entfernt, etwa mittig im Fluss, sah sie einen großen, hellen Fleck im Brackwasser treiben. Unter Wasser!

Viviane stieß sich ab und sprang.

Sie bemühte sich, so geräuschlos wie möglich einzutauchen, Füße voran, lang gestreckt; trotzdem konnte sie den kurzen Schlag beim Eintritt ins Wasser nicht verhindern. Unter Deck war es im Moment verdächtig still; die Seeleute gönnten sich garantiert ein paar Becher Wein, ließen sich womöglich noch von den Sklavinnen bedienen. Von dort drohte keine Gefahr, aber an Deck … Der Riese polterte wahrscheinlich gerade die Leiter hinab, ein lautes Platschen würde ihm bestimmt nicht verborgen bleiben. Und wenn schon. Merdin würde sich um ihn kümmern. Sie musste ein Kind retten.

Vivianes Kopf samt Rumpf schoss aus dem Wasser; hastig sah sie sich um, das Baby war weg, war längst schon weitergetrieben. Sie musste hinterher, musste mehr in die Mitte.

Ein Atemzug und sie warf sich kopfüber ins Trübe; unter Wasser war sie schneller. Mit kräftigen Stößen tauchte sie voran. Sie konnte lange die Luft anhalten, sie würde viel schneller sein als die Strömung. Sie musste das Baby einholen, doch sie fand es nicht.

Sie fand es einfach nicht. Viviane holte stärker aus, schaufelte das Wasser hinter sich; die Augen weit offen, sah sie nach oben, unten, rechts, links, gerade aus … Wo war das Baby? Es war schier zum Verzweifeln. Nichts war zu sehen außer Schlamm, Kieselsteine, Krebse, ab und an Fische; langsam kam ihr der Verdacht, sie würde es nie finden. In dieser trüben Brühe schien alles zu verschwinden – das Baby und auch ihre Hoffnung.

Es war sinnlos.

Eine jähe Trägheit ergriff von Viviane Besitz, lähmte ihre Glieder, erdrückte sie wie eine sanfte, warme Woge und schob sie rückwärts, statt vorwärts. Nein. Nein! Sie durfte nicht aufgeben, und das war auch keine Trägheit, die sie rückwärtsschob, das war warmes Wasser! Warmes, salziges Meerwasser! Die Flut hatte eingesetzt, klar und voller Fische! Hechte, Barsche, Grundeln, Forellen, Dorsche und mitten unter ihnen schwamm das Baby! Bei allen Göttern, da schwamm das Baby! Wie ein Fisch im Wasser! Es paddelte ihr entgegen, den Mund weit offen, selenruhig lächelnd und von der Flut getragen.

Viviane riss die Augen auf und ehe sie begriff, streckte sie die Arme aus und fing das Baby ab; die Fische zogen weiter.

Für einen Moment betrachteten sich die beiden, Viviane und das Kind, landeinwärts getragen von der Flut. Sie strahlten sich an, als wäre diese Zusammenkunft unter Wasser mitten im Fluss eine Art Verabredung, getroffen vor langer Zeit und nun eingehalten. Unendlich glücklich schob Viviane das Kind hinauf gen Wasseroberfläche und schon holten sie das nach, auf das sie offensichtlich beide recht lange verzichten konnten.

Viviane trat kräftig nach unten aus, hob das Baby an, prüfte seine Atmung und stellte verblüfft fest, dass es überhaupt kein Wasser geschluckt hatte, kein winziges bisschen. Natürlich wusste sie, dass Babys lange tauchen konnten, aber es war etwas völlig anderes, dieses Phänomen auf solch spektakuläre Art selbst zu erleben. Ein wahrhaft göttliches Ereignis, und jetzt lächelte dieses Kind sie auch noch an; fast hätte sie vergessen, warum sie beide überhaupt hier im Fluss waren. Sie spürte die vielen Fische an sich vorbeiziehen und wandte sich um Richtung Schiff. Der Weg bis dorthin war weit. Doch was waren schon ein paar Hundert Schritt, wenn man sich von der Flut tragen lassen konnte? Viviane zwinkerte dem Baby zu, legte es sicher auf ihre Brust und stieß sich rückwärts ab.

Die Frauen krümmten sich vor Schmerz, Wut und Trauer. Wehklagend streckten sie die Arme gen Himmel und flehten ihre Götter an, das Baby zu retten. Die Götter im Himmel, die Götter auf Erden, die Götter unter der Erde, im Wasser, im Wind … irgendeiner musste doch helfen können.

Merdin konnte es nicht mehr mit ansehen. Vorsichtig fasste er eine Frau an der Schulter, rüttelte sie ein wenig und beugte sich nah an ihr Ohr. Prompt hörte sie auf zu wimmern und Merdin nutzte seine Chance.

„Hilfe ist längst da“, flüsterte er hastig. „Seid still und gebt auf die Luke acht. Ich will keine neue Überraschung.“ Er drückte noch einmal ihre Schulter und ging.

Sofort herrschte Ruhe.

Verständnislos starrten sich die drei Frauen an, dann schauten sie Merdin hinterher, der hinüber zu den Pferden eilte. Er klopfte einmal kurz gegen eines der Wasserfässer und griff sich den Eimer daneben. Sorgsam prüfte er dessen Henkel, Knoten und Seil, schließlich beugte er sich über die Reling und ließ ihn langsam ab. Während er zusah, wie der Eimer geräuschlos am Schiffsrumpf hinabglitt, murmelte Merdin wie zu sich selbst: „Wenn ihr das gesehen hättet. Vivian hat es tatsächlich geschafft. Sieht gut aus, das Baby bewegt sich, es lacht sogar. Sachte nun. Sie muss den Schöpfeimer greifen, ausleeren und das Kleine hineinlegen. Gar nicht so einfach; jetzt fängt es auch noch an zu strampeln und holt mit seinen winzigen Fäusten aus. Bloß gut, dass die Tamesas hier schön behäbig dahingleitet; ja, die Flussgöttin meint es gut mit unserer Vivian. Oh weh, jetzt ist sie abgerutscht. Nein, keine Bange, nur der Eimer ist ihr entglitten, das Fischlein zappelt noch an ihrer Schulter. Nochmal, Vivian, pack den Eimer. Ja, gut. Leg den kleinen Zappler rein, ich zieh ihn hoch, keine Sorge. Was sagst du, Zoak? Das Fischlein ist genauso quirlig wie du? Na, zum Glück passt es in einen Eimer. Vielleicht hat es später mal Lust, in einem Wasserfass transportiert zu werden, aber bis dahin … Ruhe jetzt, Zoak, gleich hab ich’s, und ihr wartet auf mein Zeichen.

Erst das Baby, danach kümmern wir uns um den Rest.“

„Improvisieren ist prima“, gluckste Merdin und lugte in den Eimer. In diesem Moment fühlte er sich so glücklich, als hätte er die gesamte Rettungsaktion schon erfolgreich hinter sich und all seine Wünsche wären wahr geworden. Noch einmal schaute er auf Viviane hinunter, auf seine Vivian, die gemütlich Wasser trat und eine kurze scheuchende Handbewegung machte. Lachend gestikulierte er, sie wäre gleich die Nächste, und beugte sich aus ihrem Sichtfeld.

Vorsichtig stellte Merdin den Eimer ab, dann breitete er seinen Mantel auf dem Stroh aus, zerrte seine Tunika über den Kopf und legte sie fürsorglich auf den Mantel. Nun erst hob er das wild strampelnde Baby aus dem Eimer. Es war ein kleiner Junge, und zum Dank für seine Rettung urinierte er fröhlich drauflos. Merdin konnte gerade noch rechtzeitig die Arme vor und zur Seite strecken.

Es dauerte nicht lange, da versiegte der Strahl. Merdin legte den Kleinen auf seine immer noch schön warme Tunika, deckte ihn gut damit zu und rieb ihn rasch, aber sanft trocken. Nebenbei prüfte er Atmung, Herztöne und Reflexe. Der Kleine ließ alles ruhig mit sich geschehen. Ja, er beobachtete Merdin die ganze Zeit aus seinen großen blauen Augen, als wüsste er genau, was er da tat. Vielleicht wunderte er sich auch, wo seine Retterin abgeblieben war. Merdin musste schmunzeln. Geschickt zog er seine Tunika von dem Kleinen ab und schlug ihn nun warm und trocken von Kopf bis Fuß in seinen Mantel ein. Am Ende schaute nur noch das niedliche Gesichtchen heraus, die fein geschwungenen Lippen verzogen sich zu einem faszinierenden, zahnlosen Lächeln; offensichtlich fühlte sich der Kleine wohl. Während Merdin die Enden seines Mantels gut feststeckte, damit sich das agile Kerlchen nicht freistrampeln konnte, sah er aus den Augenwinkeln die drei Frauen näherkommen.

Schwer stützten sie sich aufeinander und obgleich sie immense Schmerzen litten, trieben sie sich gegenseitig zur Eile. Ihre Gesichter glühten vor Anstrengung, aber auch vor Glückseligkeit.

„Danke dir, danke dir. Bei allen Göttern, danke dir“, keuchten alle drei außer Atem, sobald sie dicht neben Merdin standen. „Wie hast du das gemacht? Wie …“

„Welche von euch will ihn haben? Frisch aus dem Wasser, der kleine Fisch! Sieht jetzt allerdings mehr nach einem fetten, roten Würmchen aus.“

Merdin musste lachen, weil die Frauen mit großen Augen dastanden und keine Antwort gaben.

„Nun guckt nicht so entgeistert! Ihr könnt es ruhig glauben! Der Kleine lebt! Gesund und …“ Merdin starrte auf das Baby, das immer noch zwischen seinen ausgestreckten Armen hing, dick verpackt in seinem Mantel, den Kopf schlaff nach vorne gekippt, Augen zu, Mund auf …

„Eingeschlafen. Wie kann man in der Position schlafen?! Na, egal, ich muss mich sputen. Hier, nimm du ihn.“

Er drückte der erstbesten Frau das Baby in den Arm, griff sich den Eimer - eigentlich brauchte er nur das Seil, aber wozu den Knoten lösen? – und ließ ihn wieder abwärts.

Jetzt erst kam Bewegung in die Frauen. Keine dachte mehr an Leid oder Schrecken; sie waren so mit dem Baby und mit dem Stammeln von Dankesworten beschäftigt, dass sie gar nicht bemerkten, wie das Seil an der Reling scheuerte. Doch just in dem Moment, da Viviane neben dem strahlenden Merdin an Bord kletterte, verschlug es ihnen erneut die Sprache. Mit offenen Mündern starrten sie auf Vivianes klatschnasse Zöpfe, ihre Brüste unter dem völlig durchweichten römischen Busenband, die Muskelstränge am Bauch, die langen Beine, die rot lackierten Fußnägel, Fingernägel …

Viviane war sich ihrer schlecht sitzenden Frisur und der Rinnsale auf ihrer eingecremten Haut wohl bewusst, doch sie hackte mit einer herrischen Geste die Luft in zwei Teile und zischte: „Jetzt ist keine Zeit zum Starren. Wenn ihr euer Los und das eurer Leidensschwestern ändern wollt, dann gebt ab sofort keinen Mucks mehr von euch. Absolut keinen Laut. Und jetzt leise, ab zum Heck und rein ins Zelt.“ Deutlich zeigte Viviane die Richtung an und machte scheuchende Handbewegungen. „Hurtig, hurtig!“

Auch wenn sie schon wieder nichts begriffen, setzten sich die Frauen folgsam in Bewegung und gaben sich redlich Mühe, so schnell wie möglich über das Deck zu schleichen. Sie nahmen sich nicht die Zeit, zurückzublicken.

Zufrieden formte Viviane mit den Fingern einen Trichter und drückte ihre Lippen dagegen.

Als die Frauen einen Raben dreimal krächzen hörten, blieben sie doch stehen und drehten sich um. Sie sahen Männer aus Fässern, Heu- und Strohballen steigen, und endlich verstanden sie. Ihre Blicke trafen sich, beide Seiten reckten die Fäuste und jeder schlich, so schnell er konnte, an seinen Platz.

Wie geisterhafte Schattenkrieger huschten die Männer übers Deck und die Leiter hinab, mit einem letzten Winken schloss Merdin die Luke von unten.

Der Zelteingang wurde zugezogen.

Allein Viviane blieb auf dem Deck zurück und war froh über ihren Posten als Späher. Während sie sich die Zöpfe auswrang, die Haut mit ihrer langen Seidenstola trocken rubbelte und zurück in ihre schöne warme Tunika schlüpfte, beobachtete sie aufmerksam die Gegend flussauf, flussab.

Das gesamte Hafengelände war nun menschenleer, auch die Schiffe rechts von ihr.

Offensichtlich waren alle Arbeiter nach Hause gegangen und die Seefahrer vertrieben sich ihre Zeit irgendwo an Land.

Nur links von ihr, auf dem letzten Schiff, herrschte reges Treiben. Es schien bald auslaufen zu wollen. Männer eilten hierhin und dorthin, schleppten Lasten, riefen sich etwas zu, lachten; der Kapitän bellte Befehle. Doch niemand, kein Einziger von ihnen, nahm sich die Zeit, herüberzublicken.

Viviane konnte das nur recht sein; gleichwohl fand sie es eigenartig, wenn zwei Schiffe so nah hintereinander am Ufer lagen. Andererseits musste man schon direkt hier bei ihr an Bord sein, um die Situation richtig deuten zu können. Doch halt, was hatte Akanthus gesagt? ‚Zufällig steht uns ein großes Handelsschiff zur Verfügung. Es wird euch im Hafen ausreichend Deckung verschaffen.‘ Erleichtert atmete Viviane aus. Das tat gut.

Scheinbar den Sonnenuntergang genießend, lehnte sie an der Reling. Bis auf gedämpftes Geschrei und Gepolter aus dem Bauch ihres Schiffes war nichts zu hören. Die Pferde waren satt und dösten im Stehen vor sich hin. Viviane hatte nichts mehr zu tun, als sich die Zöpfe aufzudröseln und die nun offenen Haare noch ein bisschen besser zu trocknen.

Doch nein, zu früh gefreut. Rechts von ihr blitzte etwas golden auf.

Schnell ließ Viviane ihren Blick über das Schiff zu ihrer rechten Seite gleiten.

Wie alle anderen Handelsschiffe, die hier im Hafen lagen, war es lang und breit und hatte einen plumpen Rumpf. Dennoch wirkte es schnittiger als die anderen. Es dauerte eine Weile, bevor sie erkannte, woran das lag: Die anderen Schiffe, ihres inbegriffen, hatten nur ein großes Segel – dieses Schiff jedoch verfügte über drei, ein großes und zwei kleinere.

Im Moment waren sie komplett gerafft. Vom kleinsten, vorne am Bug, kam das goldene Blinken. Es bewegte sich ruckartig, geradezu nervös, und schien von einer bestimmten Stelle aus gesteuert zu werden. Der Farbe nach zu urteilen, wurde es nicht von der Lichtreflexion auf einer Waffe hervorgerufen.

„Trotzdem, höchst verdächtig“, murmelte Viviane und schirmte ihre Augen mit den Händen ab. „Aber dieses mickrige Segel versperrt mir die Sicht, egal ob gerafft oder nicht.“

Sie stellte sich auf die Zehenspitzen.

„Reicht nicht.“

Sie kletterte auf Dina und stellte sich auf deren Rücken.

„Nicht hoch genug“, grummelte Viviane und schaute sich nach Alternativen um.

Arion hob den Kopf, als wollte er mitsuchen. Nein, er hob nicht den Kopf, er winkte damit, und zwar ziemlich ungeduldig. Viviane hätte beinahe laut gelacht. Ganz sachte setzte sie einen Fuß auf seinen Rücken, dann den zweiten …

„Ah, das ist sehr nett, danke dir, mein Großer.“ Viviane krallte ihre Zehen in Arions Fell und schaute zum Nachbarschiff hinüber. Endlich erkannte sie, was da so blinkte und blitzte.

„Ein großer goldener Teller?“

Viviane balancierte auf den Zehenspitzen, was Arion sehr zu gefallen schien, er hielt absolut still.

„Nein, das ist kein goldener Teller. Das ist auch kein goldener Spiegel“, murmelte Viviane und reckte ihren Hals. „Das ist ein Astrolabium.“

Arion gab ein leises Schnauben von sich, Dina stimmte mit ein und Viviane erklärte, ohne den Blick zu senken: „Das ist ein Höhenmesser für Sterne. Sehr praktisch, wenn man auf einem Schiff unterwegs ist. Tagsüber richtet man es auf die Sonne, nachts auf die Sterne. So findet man immer seinen Weg. Hm. Der Mann – ich glaube jedenfalls, dass es ein Mann ist, wenn ich mir die Arme so angucke – weiß aber bestimmt, dass sein Schiff vor Anker liegt und die Sonne im Westen untergeht.“

Viviane gluckste über ihre eigene Intelligenz. „Also dürfte er den Sonnenstand bloß abmessen, um die Zeit zu bestimmen. Hm. Wozu braucht er die genaue Zeit? Doch nur, wenn er mit jemandem verabredet ist. Oder die Besatzung kommt gleich und sie machen sich auch zum Auslaufen fertig.“

Viviane schürzte die Lippen, Arion und Dina schauten sich an, als würden sie ebenfalls überlegen. Unter Deck kreischten auf einen Schlag viele Frauen gleichzeitig los, dazwischen ging ein eindeutig männliches Brüllen in Fiepen über - Viviane verspürte den heftigen Drang, diese Geräusche mit etwas zu überdecken.

Laut summte sie eine Melodie vor sich hin und gab sich Mühe, nur auf diese zu hören. Es nützte wenig. Das erneut aufblitzende Astrolabium bot eine bessere Ablenkung. Wie gut, dass sie eine freie Sicht darauf hatte. Bei der Gelegenheit fiel ihr ein, sie könnte statt zu summen auch reden, egal was ihr einfiel, Hauptsache laut.

„Wisst ihr, meine Guten“, sagte sie daher zu ihren Pferden, „wenn die Segel nicht so lasch hängen würden, hätte ich gar nichts bemerkt. Bei Hall und allen Göttern, was bin ich froh, hier oben bei euch zu sein und mir sinnlos Gedanken über ein fremdes Schiff zu machen. Merdin hat es wesentlich schlechter getroffen. Wer weiß, was die Maiden da unten mit ihren Peinigern treiben. Mir, an ihrer statt, würden tausend Arten von Rache einfallen.“

Nachdenklich schaute sie hinüber zum Zelt, wo zum Glück alles ruhig blieb. Die drei Frauen schienen sich strikt an ihre Anweisung zu halten, aber sicherlich lauschten auch sie dem Kreischen unter Deck. Jetzt schwoll es zu einem hohen, frenetischen Johlen an, vermischt mit dem Winseln eines Mannes, als wäre ein ganzes Heer von Rachegöttinnen am Werk.

Arion und Dina war das egal, sie blieben wie stets gleichmütig stehen.

„Die Rache eines geschundenen Weibes kann grausam sein, doch wahrlich, die Rache vieler hat infernalische Ausmaße“, sagte Viviane laut in einen gellenden Schrei unter Deck hinein und kraulte Arions Rücken kräftig mit den Zehen. „Ob der Erwartete wohl schon im Anmarsch ist?“

Sie schaute einmal rundum in die immer noch menschenleere Umgebung und konzentrierte sich wieder auf das Nachbarschiff. Als ein besonders wilder, lang anhaltender Schrei von unten heraufdrang, hätte sie sich am liebsten die Ohren zugehalten, doch es war ihr wichtiger, die Hände als Blendschutz über den Augen zu lassen. Nur die Daumen konnte sie entbehren und drückte damit fest auf ihre Gehörgänge.

Viviane gab sich alle Mühe, die Brutalität auszublenden, die unter ihr ständig von Neuem aufbrauste wie ein Meer im Sturm; jetzt schien eine Frau alleine zu wüten.

„Bei Hall und allen Göttern“, grummelte Viviane laut vor sich hin, „ist das gruselig. Bei diesem hohen Gekreische stehen mir alle Haare zu Berge. Das Weib da unten tobt ja wie ein ganzes Dutzend Furien. Wer weiß, was der Mann mit ihr gemacht hat, um derart massakriert zu werden. Oh! Was passiert dort drüben bei dem Mann auf dem anderen Schiff?!“ Rasch balancierte sie wieder auf den Zehen.

„Ich glaube, den Lärm hat er jetzt gehört. Oder? Sieht aus, als würde er sich das Astrolabium unter den Arm klemmen und … oh weh, er kommt!“

„Bei Hera und allen Harpyien, was war das für ein grässliches Quietschen?! Albische Streitwagen kurz vor dem Krepieren, weil sie das Fett an den Radnaben vergessen haben?!“

Loranthus gluckste über seinen eigenen, manchmal recht skurrilen Humor und rückte sich das Astrolabium unter der Achsel zurecht. Kurz überlegte er, ob er es lieber als Waffe in der Hand behalten sollte – wo Streitwagen quietschten, waren die berühmtberüchtigten albischen Krieger nicht weit. Jetzt musste er richtig lachen. Ein Astrolabium als Waffe – wahrscheinlich würde er sich damit nur selbst erschlagen. Im Diskuswerfen war er schon immer eine Katastrophe gewesen. Er hatte ihn nie weit schleudern können, aber dafür in alle möglichen Richtungen.

In Erinnerung an seine Trefferquote duckte er sich hastig unter dem gerafften Segel des Schiffes durch und verspürte den heftigen Wunsch, lieber auf dem Bauch weiterzurobben.

„Hierzulande können einem die schrecklichsten Dinge passieren“, flüsterte er seinem Astrolabium zu, während er sich so klein es ging zusammenfaltete und über das Deck huschte wie ein Blitz in Menschengestalt. „Wenn ein Räuber denkt, du wärst aus purem Gold, ist mein Leben nichts mehr wert“, erklärte er und streichelte sein Astrolabium liebevoll. „Dabei bist du bloß vergoldet und ich werde umsonst massakriert. Und aus dir machen diese albischen Barbaren eine neue Flöte, natürlich äußerst kunstfertig; du wärest sehr hübsch anzusehen. Bei Pan, allen Nymphen und Satyrn!“ Er fasste sich an den Kopf und zog seine kurzen schwarzen Locken in die Länge. „Bin ich wirr im Kopf?! Ich rede mit einem Astrolabium! Egal, es ist sowieso niemand hier. Also, bei Pan und seinen Ziegen, keine Panik, Loranthus! Unauffällig anschleichen ist die Devise.“

Betont langsam bückte er sich tief unter das größte durchhängende Segel und trippelte in dieser Position weiter, bis er fast gegen das Heck prallte. Rasch kauerte er sich hin, atmete tief durch und lauschte.

Das seltsame Quietschen war eindeutig vom Schiff nebenan gekommen. Jetzt war es nicht mehr zu hören, aber das konnte sich ja wieder ändern.

Er würde es sich hier auf der Stelle gemütlich machen und warten. Zaghaft streckte er ein Bein aus, dann das zweite …

„Nein.“ Loranthus zog die Beine schnell wieder an. Hinsetzen kam nicht infrage, Ausstrecken schon gar nicht. Erstens wollte er wissen, was dieses verdächtige Geräusch verursacht hatte, zweitens konnte er aus der Hocke schneller über Bord springen. Schwimmend kam kein Barbar hinter ihm her.

Mit der Hand über den Augen musterte Loranthus den Sonnenstand und seufzte schwer. Er hätte mit seinem Vater, seinem Leibsklaven und der Besatzung an Land gehen sollen, aber nein, er musste ja Bauchschmerzen bekommen. Mittlerweile ging es ihm wieder gut, dafür hatte er jetzt andere Sorgen. Oder bildete er sich das bloß ein?

Zaghaft lugte er nun doch über die Reling … und zuckte zurück.

Auf dem Nachbarschiff stand diese extravagante Römerin zwischen den Pferden, die Stola wie ein Tuch über dem Kopf und … und sie winkte ihm zu.

Hektisch überlegte Loranthus, was er jetzt tun sollte. Wegen der Stola und der Entfernung konnte er ihr Gesicht zwar nicht richtig erkennen, aber ganz offensichtlich hatte ihn diese Römerziege gesehen. Viele Möglichkeiten blieben also nicht, wenn er sich nicht blamieren wollte.

Betont langsam stemmte er sich in die Höhe, winkte freundlich zurück und bedeutete mit knappen Gesten, dass er etwas verloren habe und gerade auf der Suche sei.

Aha, die braunhaarige Ziege winkte zurück, als hätte sie ihn verstanden – das war schon mal gut. Übertrieben aufmerksam blickte er zu Boden und tat sehr beschäftigt. Nebenbei überlegte er, was er denn verloren haben könnte. Möglichst etwas Wichtiges. Na, vielleicht löste sich das Problem auch von selbst.

Mit einem äußerst sorgenvollen Mienenspiel beugte sich Loranthus über die Reling und schaute ins Wasser. Sehr, sehr bedauernd sah er dann zum Nachbarschiff hinüber und hob die Achseln samt Hände … Beinahe hätte er sein Astrolabium fallenlassen.

Da flanierte diese Ziege tatsächlich übers Deck, wackelte mit dem Hinterteil und trocknete sich die Haare ab, mit ihrer Stola! Ihre aufwendige Hochsteckfrisur war nicht mehr vorhanden. Hatte sie etwa gebadet? Und wieso hatte er das übersehen? Wo war die Badewanne für verwöhnte Römerziegen? Doch nicht in dem mickrigen Zelt?!

Entsetzt starrte Loranthus noch einmal ins Wasser. Als er wieder hochschaute, warf ihm die Ziege eine lange Kusshand zu. Er konnte blinzeln, so viel er wollte, ein Irrtum war ausgeschlossen. Schon holte sie zur nächsten Kusshand aus.

Loranthus riss das Kinn hoch und den Kopf herum. Er schaute lieber zur Sonne. Mit heiratswilligen Römerinnen wollte er nichts zu tun haben; sie waren anstrengend und raubten einem die Ruhe, beziehungsweise den Reichtum – er musste es wissen, er kannte etliche persönlich. Natürlich gab es Ausnahmen, seine Mutter zum Beispiel. Doch diese dort drüben, die war ihm schon negativ aufgefallen, als sie an Deck stolzierte. Sie hatte sich dermaßen herrisch aufgeführt, als wollte sie das Schiff samt Mannschaft in Beschlag nehmen. Und ihr Bruder, dieser Riese von einem Zenturio, war ihr nicht von der Seite gewichen, als wäre er ihr persönlicher Leibwächter.

Wie gut, dass er sein Astrolabium dabeihatte. Betont auffällig richtete Loranthus sein Messgerät auf die Sonne aus, was völliger Blödsinn war, denn die Sonne stand tief und wurde – dank seiner neuen Position – von dem kleinsten gerafften Segel verdeckt. Deshalb war er vorhin ja auch am Bug des Schiffes gewesen. Nicht weiter wichtig, es sollte ja bloß überzeugend aussehen. Auf die Entfernung konnte der Blickwinkel täuschen und Ziegen hatten sowieso keine Ahnung von Astronomie.

Feixend streckte er also seine Arme weit vor und stellte den exakten Stand der Sonne ein, beziehungsweise den des kleinen Segels. Dabei verdrehte er jedoch seine Augen bis zum Äußersten, um die Ziege im Blick zu behalten.

Sie zuckte mit den Schultern, reckte ihre Stupsnase gen Himmel und schlenderte davon. Was tat sie nun? Er musste seine Augen noch mehr verrenken … Sie klatschte in die Hände und stieg doch tatsächlich durch die Luke unter Deck!

Loranthus riss Mund und Augen auf. Hastig steckte er sein Astrolabium zurück unter die Achsel und klemmte es gut fest. Er brauchte jetzt beide Hände, um sie sich vor den Mund zu halten, so entsetzt war er. Diese junge Römerin war nicht nur arrogant, herrisch und weiß die Harpyie noch was – sie war auch dekadent. Absolut entartet, in diesem Alter und als Weib, man stelle sich das vor! Denn eines war klar wie der Himmel: Er wusste, was das für ein Schiff war und er wusste, was dort unter Deck vor sich ging.

Eine junge, reiche Römerin, die bald in den Adelsstand einheiraten und noch reicher werden sollte, die bei so etwas Abartigem, so etwas Scheußlichem dabei sein wollte – das war ja wohl das Schlimmste, was er je gesehen hatte.

Loranthus fühlte einen starken Brechreiz, doch sein Magen war zum Glück leer. Es hätte ihm sowieso niemand beistehen können, sein Vater war ja mit der gesamten Besatzung in dieses billige Gasthaus gegangen. Alle waren gemütlich am Zechen und Würfeln oder womit man sich sonst noch ablenken konnte. Einen kurzen Moment hatte er gar den Eindruck gehabt, sein Vater wolle bewusst von diesem berüchtigten Schiff neben ihnen ablenken. Zum einen hatte er dem Kapitän des letzten Schiffes geraten, mit der Flut auszulaufen, er wolle das auch bald tun, denn ein Sturm ziehe auf. Dabei waren am Himmel höchstens die Anzeichen für eine starke Brise zu erkennen gewesen. Zum anderen hatte er sämtliche nicht auslaufende Seefahrer zu einem Abschiedstrunk an Land eingeladen, sogar die Hafenarbeiter waren mit von der Partie. Obwohl daran eigentlich nichts seltsam war. Sein Vater war ein sehr reicher Mann – viel reicher als manch ein Adliger – und lud ständig irgendwelche Leute zu einem geselligen Beisammensein ein. Ergo konnte das auch Zufall sein.

Loranthus schürzte die Lippen. Wenn er recht darüber nachdachte, gab es noch einen Zufall: Das war jetzt schon das dritte Mal, dass sie im Laufe der Jahre hier im Hafen von Londinium lagen und an einem anderen Schiff, das Sklaven transportierte, irgendetwas kaputtging. Nichts Ernstes, es ging nie unter, aber es handelte sich stets um einen Defekt, der es manövrierunfähig machte. Vor Jahren, bei der ersten Havarie, hatte er sogar geträumt, sein Vater wäre mitten in der Nacht durch die Tamesas getaucht und hätte mit einem Schwertfisch Löcher in den Schiffsrumpf gebohrt.

Als er das am nächsten Morgen seinem Vater erzählt hatte, hatte der nur mit dem Kopf geschüttelt und sehr streng gefragt, ob Loranthus Wein getrunken habe. Und ja, er musste zugeben, dass er sich einen Becher stibitzt hatte, von einem Römer, der eingeschlafen war. Er hätte noch mehr organisieren können, denn es war ein ausuferndes Fest anlässlich des fertig gebauten Hafens gewesen. Ein großer Hafen, darauf konnten sich die Römer wirklich etwas einbilden. Aber damals war Loranthus erst zwölf oder dreizehn und auch er hatte sich gar viel eingebildet.

Zum Beispiel war er überzeugt gewesen, sein Vater sei Poseidon in Menschengestalt, weil er, als dessen Sohn, so mühelos schwimmen konnte wie ein Fisch. Wenn er so recht darüber nachdachte, glaubte er das immer noch.

„Bei Medusa“, japste Loranthus. Hastig riss er sein Astrolabium hoch und tat beschäftigt.

Diese grässliche Römerin kam wieder durch die Luke empor, gefolgt von sämtlichen Seefahrern. Die Männer schienen gewachsen zu sein, wahrscheinlich wollten sie sich vor ihr großtun, um sie zu beeindrucken. Sie verteilten sich an Deck und machten das Schiff zum Auslaufen fertig, ohne dass ein einziger Befehl nötig gewesen wäre. Es war auch niemand da, der ihnen Befehle hätte erteilen können – der Kapitän war offenbar als Einziger unter Deck geblieben, das tat er oft. Und wie bereits zuvor gebärdete sich auch die Römerin wieder, als gehörte das ganze Schiff ihr.

Sichtlich zufrieden schaute sie einmal rundum, ob alle Männer fleißig arbeiteten, und ging dann schnurstracks zum Bug. Mit einem Satz sprang sie auf die Reling, beschirmte die Hände mit den Augen und schaute zur Sonne.

So blieb sie stehen, selbst als das Schiff abgestoßen wurde und heftig zu schaukeln begann. Sie winkte Loranthus sogar zu, als sie nah an ihm beidrehten. Es sah fast aus wie ein Dankesgruß. Aber da konnte er sich durchaus täuschen, denn wegen ihrer erhobenen Hand konnte er ihr Gesicht nicht sehen und sie winkte auch zum letzten Schiff hinüber, das sich ebenfalls zum Auslaufen bereitmachte.

Diese Römerin, diese extravagante, entartete, erschien ihm auf einmal wie verwandelt. Ihr feines Gewand blähte sich wie ein Segel im Wind, ihre langen dunklen Haare flatterten wild und die Abendsonne tauchte ihre ganze Gestalt in rosiges Gold. Sie war herrlich anzuschauen, die reinste Pracht, und plötzlich hatte Loranthus einen Geistesblitz: So, und nicht anders, musste die Göttin der Freiheit aussehen.

Glück im Unglück

Der dichte Wald verschlang die Strahlen der Frühlingssonne und tauchte alles ringsum in kühle Schatten.

Der Reiter, der unter dem sprießenden Blätterdach dahintrabte, war von einem braun karierten Wollmantel verhüllt und hatte sich die Kapuze tief übers Gesicht gezogen. Die Füße steckten in kunstvoll gearbeiteten, warmen Lederstiefeln; innen mit Lammfell, außen mit Schnürung versehen. Nur die zierlichen Hände waren nicht bedeckt – die Hände einer Frau.

Sie saß auf einer kleinen, aber kräftigen grauen Stute, beugte sich vor und flüsterte:

„Jetzt sind wir bald am Ziel, mein Mädchen.”

Als hätte sie jedes Wort verstanden, hob die Stute den Kopf und schüttelte ihre lange, silberne Mähne.

Ein viel größerer, ebenfalls grauer Hengst mit Silbermähne lief an einer derben Leine hinter ihr. Er war über und über mit großen Ledertaschen bepackt, doch er konnte den schnellen Trab locker mithalten, in den die Stute wie von allein gefallen war. Auch er spürte die erwartungsvolle Stimmung und wenn er gewollt hätte, wäre er mit seinen langen Beinen einfach an der Stute vorbeigezogen, doch er war wohlerzogen und sehr gehorsam.

Er würde es gut haben in diesem neuen Land, bei seiner neuen Herrin, das wusste er instinktiv. Wachsam betrachtete er die dichten, grünen Büsche und die großen Bäume am Wegrand. Wie in seiner Heimat sah es hier aus. Es roch sogar fast gleich. Mit weit geblähten Nüstern saugte er die frische Luft ein.

Etwas veränderte sich gerade.

Er scheute im selben Augenblick wie die Stute. Der Wind hatte ihnen einen fremden Geruch zugetragen: Schweiß auf Menschenhaut, vermischt mit dem schnell angetriebener Pferde.

Unruhig tänzelten die Grauen auf der Stelle. Die Frau tätschelte der Stute den Hals und schaute sich um. Zu sehen war nichts Beängstigendes, aber dem Gespür der Tiere konnte sie blind vertrauen und so führte sie die beiden vom Wege ab. Nach ein paar Schritten durch junge Hainbuchen hatte sie der Wald unsichtbar gemacht.

Zufrieden knabberten die Pferde an hellgrünen Sprossen, nur ihre Ohren drehten sie in den Wind und lauschten. Die Frau drehte sich mit. Ihre Haltung zeigte Wachsamkeit, jedoch keinerlei Angst. Alle drei verhielten sich so ruhig, als wären sie Meister des Versteckspiels.

Lange mussten sie nicht warten, schon wurden Hufschläge laut und das Rattern von Rädern. Zwei Reiter galoppierten um die Wegbiegung, Krieger in voller Kampfmontur: Helm, Brustpanzer, Beinschutz, Lang- und Kurzschwert, Rundschild, Speer. Dichtauf folgte eine edle Reisekutsche mit zwei prächtigen Rappen als Zugpferde. Rasend schnell rauschten sie am Versteck vorbei.

Misstrauisch sah die Frau ihnen nach.

Solche Gefährte gab es hierzulande selten, aber was sie eigentlich stutzig machte, war der Kutscher. Er war ebenfalls in Kampfmontur und noch dazu total verdreckt; weder das eine noch das andere passte zu der teuren Kutsche. Auch hatte im Wagen niemand gesessen; durch das offene Fenster hatte sie das gut erkennen können.

Angewidert rümpfte sie die Nase. Der Fahrtwind hatte einen Geruch mitgebracht, gegen den selbst der frische Duft von regenfeuchtem Gras und Holz nicht ankam. Hier war etwas faul, da waren sich ihr Gefühl und ihre Nase einig. Sicherheitshalber blieb sie noch eine Weile verborgen und wartete. Auf was – das wusste sie nicht. Sie war eben schon immer vorsichtig gewesen.

Und ihre Geduld wurde belohnt.

Drei Reiter trabten nun aus derselben Richtung heran. Offensichtlich hatten sie es nicht so eilig wie die anderen, aber auch sie stanken. Was hatten die Männer getrieben, um derart ins Schwitzen zu kommen? Oder wann hatten sie sich das letzte Mal gewaschen?

Rasch hielt sich die Frau den Mantel vor Nase und Mund, und unterdrückte eine plötzlich aufkommende Übelkeit, während ihr Blick hoch konzentriert über die drei Gestalten huschte. Jede Kleinigkeit war wichtig.

Alle drei trugen abgewetzte Brustpanzer aus Leder, die vor langer Zeit einmal sehr teuer gewesen sein mussten; den besten besaß der mittlere, ältere Mann. Die gehärteten Lederplättchen lagen absolut präzise übereinander, wie ein sorgsam gedecktes Dach. Ein echtes Meisterstück, bemerkte sie mit Kennerblick.

Um ihre Schultern lagen dunkelgrüne Wollumhänge, dick gefilzt und gehalten von bronzenen Fibeln; sehr große, klobige Fibeln, doch die Gestalt der Spangen war nicht genau zu erkennen. Vielleicht waren es Adler oder Falken – irgendetwas mit Flügeln. Nachdenklich wiegte sie den Kopf. Dem Aussehen nach hätten die Männer Vater mit Söhnen sein können.

Die Bärte trugen sie zu zwei Zöpfen geflochten und ihr langes Haupthaar kringelte sich in engen Spiralen bis weit über die Schultern. Zwei von ihnen waren mehr rothaarig als blond. Das Haar des Jüngsten jedoch wies bloß einen schwachen roten Schimmer auf. Er hatte himmelblaue Augen, die seine goldenen Locken besonders strahlend machten. Er führte ein reiterloses Zweitpferd mit sich.

Die Frau schüttelte ihren Kopf, so als müsse sie … ja, was? Diese Augen aus ihren Gedanken fegen? Ein unmögliches Unterfangen.

Die letzten azurblauen Augen, in die sie geblickt hatte, hatten ihr traurig Lebewohl sagen müssen, denn Merdin selbst hatte kein Wort herausgebracht. Ihm war der Abschied noch schwerer gefallen als ihr, doch was blieb ihnen übrig? Sie mussten sich trennen. Ihre Aufgaben konnten sie nicht zusammen lösen. Sie waren wie zwei Flüsse, die eine Zeit lang im selben Bett geflossen waren und nun auseinanderdrifteten. Wann sie wieder zusammenfinden würden – wer konnte das schon sagen?

Kein Wunder, dass der Abschied geschmerzt hatte, als wäre ein Stück von Viviane abgerissen worden, ein wichtiges Stück, ein großes. Die Wunde war noch lange nicht verheilt, und vielleicht würde sie das nie. Eine Ära war zu Ende, bevor sie richtig begonnen hatte. Es war zum Heulen.

Schluss damit. Jetzt war sie hier, wo sie hingehörte, und musste sich auf das Wesentliche konzentrieren.

Der Kleidung und Bewaffnung nach zu urteilen, bildeten die Reiter eine Kriegerschar, eine Eskorte. Vielleicht hatten sie gerade jemanden abgeliefert und waren nun auf dem Heimweg. Das war durchaus möglich, fragte sich bloß, wo sie hingehörten. Auf ihren Schilden war kein Wappen zu sehen, und ihre Torques waren unter den Umhängen verborgen. Oder hatten sie gar keine? Doch, sicher. Krieger trugen ihre Torques ständig, erst recht, wenn sie unterwegs waren.

Nachdenklich schürzte Viviane die Lippen und tastete den Hals entlang nach ihren eigenen Torques.

Irgendetwas kam ihr hier nicht geheuer vor.

Krieger, die nicht erkannt werden wollten – das war eigenartig. Jeder trug das Wappen seines Clans auf dem Schild und auch die Torques waren für jeden Clan spezifisch, zumindest für die hochrangigen Personen. Man musste schließlich wissen, ob man es mit Freund oder Feind zu tun hatte, wenn man sich begegnete, und wie tief man sich zu verbeugen hatte.

In ihrer Heimat – und sie war hier auf heimischem Boden, sie hatte die Grenze längst passiert – gab es keine Feinde und man brauchte sich erst recht nicht verstecken; alle Clans waren im großen Bund der Hermunduren vereint. Wer also waren diese Krieger?

Waren es schon Späher der Chatten? Eher nicht. Der Krieg hatte noch nicht begonnen, das wäre ihr aufgefallen. Vielleicht waren es Chatten auf Beutezug. In fremden Revieren zu wildern, war bei den Chatten Pflicht, wenn sie zum Krieger gekürt werden wollten. Vielleicht war es auch etwas von beidem, oder ganz anders – sie könnte noch bis Sonnenuntergang Vermutungen anstellen.

Die Frau schnalzte mit der Zunge und lenkte ihre Pferde wieder auf den Weg zurück. Nichts wie weg von hier. Sie wollte zu Hause sein, bevor es dunkel wurde. Im leichten Trab ritt sie weiter und spähte vorsorglich um jede Wegbiegung.

Lang zog sich die Strecke durch den Wald und für eine Weile passierte nichts. Doch sie blieb wachsam und hörte schließlich von Weitem eine aufgebrachte Männerstimme. Gleichzeitig nahm sie einen aromatischen Duft wahr, der in ihren Heimatwäldern normalerweise nicht vorkam.

Mit geschlossenen Augen sog sie noch einmal bewusst die Luft ein. Wunderbar. Da war eindeutig ein Hauch von Zeder zu riechen. Der gehörte zwar nicht hierher, machte aber die faulen Eier von eben hundertmal wett. Wenn da nicht dieses Gezeter wäre …

Ohne das Tempo zu verringern, trabte sie weiter und schüttelte missbilligend den Kopf. Der Schreihals hatte absolut keinen Respekt vor der erhabenen Würde des Waldes. Wer solch einen Lärm machte, konnte ihr nicht gefährlich werden, die Bären hätten ihn nämlich bald gefressen – und das war kein Jux.

Allerdings war von hungrigen Bären keine Spur zu sehen. Vielleicht waren sie gerade woanders unterwegs. Wobei es zu bedenken galt, wie schnell so ein Bär rennen konnte – ein letzter Aufschrei seiner Beute, schon wäre hier wieder Ruhe. Gar nicht auszudenken, wie diese Beute aussähe, wenn er mit ihr fertig wäre.

Wer so etwas noch nicht gesehen hatte, machte sich vielleicht kein Bild davon, Viviane jedoch wusste, was Bären, besonders nach dem Winterschlaf, anrichten konnten. Aufmerksam sah sie sich um und tastete sogar nach der Doppelaxt am rückwärtigen Teil ihres Gürtels. Zur Not hätte sie ihren Mantel schnell beiseitegeschoben und ein Treffer würde ihr genug Zeit verschaffen, um an die restlichen Waffen zu kommen. Völlig unbeeindruckt ob drohender Gefahren polterte die Stimme weiter und fluchte lauthals auf Griechisch, wie sie nach der nächsten Biegung feststellte. Daher also der Zedernduft.

Sie seufzte.

Die letzte Etappe ihrer Reise hatte äußerst gewöhnlich begonnen und jetzt, kurz vor dem Ziel, wurde es auf einmal interessant. Oder womöglich doch gefährlich? Vorsichtig lenkte sie ihre Stute um eine weitere Wegbiegung und hielt sich im Schutz der Büsche.

Eine Falle, einen Hinterhalt konnte sie sofort ausschließen. Im Gegenteil, der Anblick, der sich ihr bot, hätte sie beinahe laut lachen lassen.

Ein mittelgroßer junger Mann in einer ehemals weißen, nun aber schlammverschmierten Tunika stapfte den breiten Waldweg entlang und drehte Runden oder besser gesagt, Ovale.

Seine schwarzen Locken standen völlig zerzaust vom Kopf ab und sein nasser Umhang aus feinstem Gewebe klatschte bei jedem Schritt an seine schlanken Beine. Darüber wölbte sich ein Bauch so prall und feist – er passte gar nicht zu dieser sonst schmalen Gestalt. Eigentlich passte noch mehr nicht zusammen.

Bei den heutigen abrupten Wetterumschwüngen trug man besser einen dicken Filzmantel mit Kapuze statt eines dünnen Umhangs, und sei er auch noch so edel. Sandalen an nackten Füßen waren bei diesem frischen Wind auch reichlich gewagt, erst recht, wenn man keine Hosen anhatte. Zum Glück ging seine Tunika als kurzes Kleidchen durch – es sah drollig aus.

Weil die Beine darunter so stark behaart waren, erinnerte er an eine Stachelbeere – eine ziemlich saure noch dazu. Ja, bei genauerem Hinsehen kam ihr das mürrische Mienenspiel bekannt vor. Tatsächlich. Es war noch gar nicht lange her, da hatte sie den jungen Mann schon einmal gesehen. Es war sogar zur selben Tageszeit gewesen, gegen Abend. Nur der Ort war ein anderer. Damals, im Hafen von Londinium, war der Grieche anstandslos sauber gewesen und hatte höchst pikiert getan; wenn es geregnet hätte, wäre ihm das Wasser in die Nase gelaufen. Heute sah es eher danach aus, als hätte ihn jemand an der Nase gepackt und durchs Wasser gezogen, durch ziemlich dreckiges noch dazu. Jede seiner Gesten, jeder Fluch, jedes Schimpfwort spritzte förmlich von ihm weg.

Und das Lamentieren nahm kein Ende: Sein Leibsklave hatte sich wegen einer Sklavin geprügelt und ein Messer in den Hals gerammt bekommen. Jetzt hatte er keinen bärenstarken Beschützer mehr, nur noch ein Häufchen Asche in einer Urne, aber dafür diese mickrige Sklavin am Hals. Und kaum hatte er sich ein winziges, winziges bisschen mit dem Verlust abgefunden und mit dem schlechten Geschäft, waren sechs Räuber gekommen. Nun war der Wagen weg, die Pferde waren weg, die Geschenke waren weg, die Kleider waren weg, sämtliche Utensilien waren weg, ja, sogar die Urne mit der Asche war weg – und das alles nur, weil eine mickrige Sklavin auf hundert Schritt Entfernung seinen Leibsklaven bezirzt hatte, obwohl sie sich nicht mal nackt ausziehen wollte! Der Idiot hatte sich geprügelt und ein Messer in den Hals gerammt bekommen …

Nach der dritten Runde kannte sie die ganze griechische Tragödie auswendig und senkte ihren Blick auf den Weg. Wenn dieser nicht so fest gewesen wäre, hätte der Mann mit seinen Ledersandalen schon eine Spur hineingetrampelt, eine lange Spur, die von einer Wegbiegung zur nächsten reichte.

Dort, am hinteren Ende seiner Runde, kauerte eine junge, dunkelhäutige Frau auf einem umgefallenen Baumstamm. Das musste die besagte Sklavin sein. Ihre ebenholzfarbenen Haare waren zu vielen dünnen Zöpfen geflochten, die ihr bis auf die Hüften fielen. Darunter trug sie einen ehemals wollweißen Umhang, der nun regelrecht starrte vor Dreck, was ihrer Schönheit jedoch keinen Abbruch tat. Sie war wie eine Perle, eine kleine, zarte, schwarze Perle; kein Wunder, dass sie einen Mann auf hundert Schritt bezirzt hatte. Allerdings funktionierte das nicht bei jedem.

Der Grieche beachtete sie kaum, als er erneut bei ihr umdrehte. Viel zu sehr war er damit beschäftigt, seinen schwarzen Lockenkopf zu raufen und die sechs Räuber zu verfluchen. Es waren äußerst fantasievolle Flüche mit seltsamen Tieren, die von anderen Arten zerquetscht, zerstückelt, gebraten, gekocht und gefressen wurden; die reinste Fressorgie im Reich der Mischwesen.

Auf Griechisch hörte sich das lustig an, fand Viviane und musste sich das Lachen verkneifen, während der Schreihals seine Faust in die freie Hand drückte und wieder in ihre Richtung stapfte. Beinahe wäre er in ihr Pferd gelaufen, so emsig war er damit beschäftigt, sechs Räuber zu zermürben, um als Futter für die vielen Schlangen auf dem Haupt der Medusa zu dienen. Gerade noch rechtzeitig hob er den Kopf und riss die Augen auf.

Viel konnte er nicht sehen, Vivianes Gesicht lag tief unter ihrer Kapuze verborgen. Dagegen war sein Mienenspiel, von ihrer Warte aus, bestens zu erkennen.

Darin spiegelten sich Erschrecken, Nachdenken, Argwohn und Vorsicht. Er zog den Kopf zwischen die Schultern und eine Schweißperle kroch seine Schläfe hinab. Ein Augenlid zuckte, die Perle kroch schneller … Sein sonnengebräuntes Gesicht bekam einen Stich ins Grünliche – er hatte das Atmen vergessen.

Mal warten, wie lange er das durchhielt. Wegen ihre Kapuze konnte er nicht sehen, wie prächtig sich Viviane hier amüsierte. Es war wirklich interessant: Dieser eingebildete Grieche, diese Stachelbeere auf Stelzen, dieser wandelnde Schreihals, der Medusas Schlangen allesamt persönlich füttern wollte, hatte tatsächlich Angst vor ihr. Da konnte sie sich durchaus geehrt fühlen. Gleich würde er ihr vor die Füße kippen vor lauter Ehrfurcht. Nun wurde es aber langsam Zeit zum Weiteratmen.

„Darf ich euch meine Hilfe anbieten?“, fragte sie mit melodiöser Stimme in perfektem Griechisch und schwenkte die Hand von ihm zu der schwarzen Perle und wieder zurück. Sein Mund formte ein stummes ‚Oh‘ und blieb in dieser Position. Eine Antwort brachte er nicht zustande, obwohl er die Geste und auch ihre Frage verstanden haben dürfte. Er schien auch vergessen zu haben, dass er einfach bloß nicken bräuchte. Dafür war ihm wieder eingefallen, wie Atmen ging. Reichlich spät – er schnappte nach Luft wie ein Fisch auf dem Trockenen; mit den großen Glupschaugen und dem wirren Haarschopf sah er aus wie eins seiner eigenen Mischwesen. Vielleicht ein dürrer Hecht mit schwarzen Ringelwürmern auf dem Kopf – Medusa wäre entzückt.

Der Ärmste. Das war wohl etwas zu viel für ihn. Erst eine brutale Räuberbande und jetzt auch noch eine griechisch sprechende Kapuze.

„D… du bist eine K… Kelta?!“, quiekte er und blinzelte hektisch.

War das nun eine Frage gewesen oder nicht? Egal. Immerhin hatte er schon herausgefunden, dass er es mit einem weiblichen Wesen zu tun hatte, das nördlich von Griechenland wohnte – im Großen und Ganzen eine ziemlich gefährliche Gegend; sagten zumindest die Römer, und die hatten viel zu sagen – die Griechen nicht mehr, wie man hier am praktischen Beispiel sehen konnte.

Der Grieche zitterte ein bisschen und trat von einem Bein aufs andere. Es hatte den Anschein, als wollte er gleich davonrennen – die Griechen waren ja bekannt für ihre Langstreckenläufer. Dazu sollte er sich vorher ordentlich warm machen, hierzulande war das besser.

„So, so, wenn ich eine Keltin bin“, grollte es dunkel aus der Kapuze, „dann bist du ein Ausländer, genauer gesagt ein Grieche, nicht zu verwechseln mit Römer.“ Die Kapuze beugte sich tief zu ihm hinunter und schnaubte: „Ich finde es nämlich sehr nett, dass du mich als ‚hochgewachsen‘ oder gar ‚herausragend‘ bezeichnest. Ja, ich fühle mich geradezu geschmeichelt. Die Römer machen nicht so feine Komplimente wie du. Warum wohl nicht …“

Nun kam eine Art Schnurren aus der Kapuze. Eine römische Maus wäre spätestens jetzt davongerannt.

„Bei Hera, vielleicht habe ich mich nicht klar genug ausgedrückt! Ich wollte dir keinen Honig ums Maul schmieren, ach, was red ich da! Ich meinte, ich wollte mich nicht einschmeicheln. Das Wort ist mir so herausgerutscht aus … nun ja, aus reiner Gewohnheit, weil wir euch alle so nennen! Euch alle, die ihr hier …“ Er machte eine weit ausholende Geste und sah mit Entsetzen, dass nur Bäume hier waren. Begütigend hob er die Hände. „Ich k… kann dich auch anders! Wäre dir G… Galata…“

„Spar dir die Mühe!“ Ungeduldig riss sie die Hand hoch und hackte die Luft in zwei Teile. „Ich weiß, dass ich milchig-weiße Haut habe gegen dich!“ Zum Beweis wedelte sie mit ihrer Hand vor seiner Nase herum.

Schlagartig wurde er blass, krallte seine Hände am Umhang fest und begann, am ganzen Körper zu schlottern. Wenn der Grieche jetzt einen Kollaps bekam, war das ihre Schuld, dachte Viviane. Sie sollte lieber aufhören mit dem Katz-und-Maus-Spiel und endlich das tun, was sie angeboten hatte, nämlich helfen.

„Mein Name ist übrigens Viviane.“

Geschmeidig stieg sie vom Pferd und ergänzte: „Viviane vom Clan des edlen Hirsches Cernunnos, des verborgenen Gottes. Tochter von Flora, der Kräuterfrau, und Arminius, dem Schmied, Sippschaft von Mara und Anu väterlicherseits, Dana und Archu mütterlicherseits vom Stamm der Hermunduren aus der mächtigen Stammesgruppe der Sueben. Und das sind meine beiden Pferde, Dina und Arion.“

Viviane neigte kurz den Kopf, dann wartete sie geduldig auf eine Erwiderung. Wenn Stachelbeere auch keinen besonders einnehmenden Eindruck auf sie machte – gute Umgangsformen waren wichtig.

Allerdings zog er ein Gesicht, als müsse er noch mindestens drei Tage lang über seinen Namen nachdenken, und es war nicht sicher, ob er dann einen parat haben würde. Sie sollte ihm ein wenig auf die Sprünge helfen.

Elegant schlug sie ihre Kapuze zurück und lächelte.

Scheinbar hatte die Abendsonne extra auf diesen Moment gewartet. Sie gleißte genau zwischen zwei Baumwipfeln auf und ließ Vivianes Haare in den schönsten Rot- und Brauntönen schillern wie flüssiges Mahagoni. Ihre moosgrünen Augen strahlten in ihrem Gesicht wie Smaragde auf feinster rosa Seide.

Dem jungen Mann fiel die Kinnlade herunter. Bei Aphrodite! So musste sie aussehen, diese Göttin des Olymps, zart und ebenmäßig und anmutig und … allmählich gewann sein Verstand wieder die Oberhand.

Er schluckte und sogleich sprudelte es aus ihm heraus wie ein Wasserfall: „Ich bin gerade eben überfallen worden! Sie haben meinen Reisewagen, meine Rappen und meine gesamte Habe mitgenommen! Es waren sechs bärenstarke, grobe Kerle! Echte Schurken, absolut brutal! Haben mir fast den Finger gebrochen, um an meinen Siegelring zu kommen! Wenn ich die noch mal in die Finger kriege!“

Wild gestikulierend unterstrich er seine Worte und zeigte seinen rechten Mittelfinger, auf dem nur noch der Abdruck seines Siegelrings zu sehen war. Unvermittelt lächelte er verlegen.

„Ich habe mich noch gar nicht vorgestellt. Mein Name ist Loranthus. Loranthus, Sohn des Madenius, Sohn des Kalidus, Sohn des Falagus, älteste und bedeutendste Händlerdynastie aus Kreta, der Wiege des Zeus, und, man beachte, ein Bürger Roms.“ Er stellte sich in Pose, Brust raus, Bauch rein.

„So, so, ein griechischer Händler mit römischem Bürgerrecht“, tönte Viviane und musste sich das Grinsen verkneifen - zum einen, weil er sie offenbar nicht wiedererkannte, zum anderen, weil sein Bauch trotz seiner Bemühungen immer noch abstand. „Hast du das auch schriftlich?“

Loranthus wurde schlagartig blass. Seine Dokumente waren auch alle weg.

„Keine Bange, dein Wort reicht mir“, beruhigte ihn Viviane, bevor er wieder zum Hecht wurde. „Du kannst von Glück reden, Loranthus aus Kreta, dass die Räuber bloß an deiner schicken Kutsche interessiert waren.“ Dass sie die Räuber samt Beute gesehen hatte, verriet sie ihm nicht. Dass sie ihn bereits vom Sehen her kannte, verriet sie ihm erst recht nicht. Womöglich wäre er auf die Idee gekommen, mit ihrer Hilfe die Verfolgung aufzunehmen, und eine derart interessante Heimreise wollte sie nun doch nicht haben.

„Da wäre ich mir nicht so sicher!“ Loranthus hob den Zeigefinger und lächelte grimmig. „Meine Sklavin wollten sie mit sich zerren, aber sie hat sich gewehrt, hat wie eine Wildkatze gekratzt und gebissen. Dem einen Schurken hat sie übel mitgespielt, bis der Anführer ihn endlich zurückgepfiffen hat.“

Loranthus stemmte die Fäuste in die Hüften, räusperte sich und rief mit dröhnend-tiefer Stimme: „Mit solch einer Furie hast du keine Freude. Da musst du Angst haben, einzuschlafen. Lass sie. Such dir woanders ein braves Lämmchen. Ich brauch dich schließlich im Ganzen. Ha, ha, ha.“

„Was sagst du?! Der Anführer dieser Räuberbande hat in der Mundart der Hermunduren gesprochen?!“ Viviane strich sich über die Stirn. In ihrem Kopf wirbelten viele Fragen durcheinander. Die drängendste war: Seit wann betätigten sich Krieger der Hermunduren als Räuber? Das war schlichtweg unmöglich, und daraus folgte: Wer tarnte sich hier als Hermundure und raubte noch dazu ausländische Händler aus? Was sollte das, abgesehen von der Beute, für einen Nutzen bringen? Von den diplomatischen Verwicklungen ganz zu schweigen, denn einen Bürger Roms raubte man nur einmal aus. Manchmal lebte man danach noch lange genug, um seine Taten Tag und Nacht zu bereuen, in den Bergwerken oder auf den Galeeren zum Beispiel. Manchmal musste man sich mit dem Bereuen beeilen, besonders wenn man in einer Arena landete. Wer also brauchte sich keine Sorgen darüber machen, früher oder später als Futter für Tiere zu enden? Wer wollte vielleicht sogar einen Streit zwischen Hermunduren und Rom provozieren? Für die Gerichtsverhandlung stünde sogar ein glaubhafter Ankläger zur Verfügung.

Achtung heischend hob Loranthus wieder den Finger und sagte in seiner eigenen Tonlage: „Ganz recht, er hat exakt in dieser Mundart gesprochen. Bestimmt war der Idiot der Meinung, ich könne ihn nicht verstehen und erst recht nicht diverse Dialekte auseinanderhalten.“ Überheblich den Kopf schüttelnd, zupfte er Gras von seiner dreckigen Tunika.

So ein dummer Anführer aber auch. Er hätte sich doch denken können, dass Griechen, die hier alle tausend Jahre mit Kutschen aufkreuzten, die Mundart der Hermunduren von den vielen anderen Dialekten unterscheiden konnten! Das Zusammentreffen dieser Zufälle war so wahrscheinlich, wie dass ihre Mutter sie nicht mehr erkennen würde.

Viviane grinste breit. Dass zufällig aufkreuzende Hermunduren auch mehrere Sprachen konnten – auf den Gedanken war Stachelbeerchen wohl nicht gekommen. Deshalb blieb sie beim Griechischen, Loranthus’ dümmliches Gesicht, als sie ihn damit angesprochen hatte, noch vor Augen.

„Warum hast du deiner Sklavin …“ – sie verzog geringschätzig das Gesicht – „… nicht geholfen?“

„Geholfen?“ Irritiert sah er von dem Matschfleck auf, den er gerade noch tiefer in seine Tunika hineinrubbelte. Es war offensichtlich, dass er noch nie auf eine solche Idee gekommen war.

„Oh, ich hatte ganz vergessen, zu erwähnen, dass mich der von allen wohl am meisten Stinkende festhielt.“

„Nur Einer? Was war mit den anderen?“

„Die machten sich über den Wagen her und begutachteten ihre Beute. Ich hatte jede Menge Handelsgüter dabei, musst du wissen, lauter teure Waren. Ich hatte besten Weihrauch aus …“

Es folgte eine akribische Aufzählung sämtlicher Handelsgüter inklusive Preise und Herkunftsländer, doch Viviane hörte gar nicht hin. Ungläubig pendelte ihr Blick zwischen Loranthus und seiner Sklavin hin und her.

Was musste das für ein Schlaffsack sein, wenn er nicht mal mit einem Mann fertig wurde? ‚Stachelbeere‘ war wohl eine sehr treffende Bezeichnung für ihn: Beim kleinsten Fingerdruck schon zermatscht. Da ging man am besten drüber hinweg. Die Sklavin brauchte mehr Aufmerksamkeit. Mit schmerzverzerrtem Gesicht blickte sie zaghaft herüber und kauerte sich wieder zusammen. Ihr linker Arm hing schlaff und viel zu tief an ihrer Seite herab.

Viviane ließ Loranthus reden und ging auf die schwarze Wildkatze zu. Eigentlich war es eher ein braunes Kätzchen, sehr zierlich und etwas jünger als sie selbst.

Freundlich sah Viviane in das verweinte Gesicht und zeigte auf die linke Schulter. „Darf ich mir das einmal ansehen?“, fragte sie ganz sanft auf Griechisch. Für einen Moment wurden die fast schwarzen Augen weit vor Erstaunen, dann nickte die Sklavin scheu.

Vorsichtig zog Viviane den verdreckten Umhang weg und tastete den Schulterbereich ab. Der Arm war ausgekugelt, und die Sklavin schien sich dessen bewusst zu sein, ihrer ängstlichen Miene nach zu urteilen. Beruhigend strich ihr Viviane über die Wange und fragte wieder auf Griechisch: „Kannst du mich gut verstehen?“

Sie nickte wieder scheu.

„Wenn du einverstanden bist, renke ich deinen Arm ein, aber das wird für einen Moment sehr schmerzhaft sein.“

„Das kannst du?“, kamen die ersten, zaghaften Worte von ihr.

„Selbstverständlich! Arme renke ich jeden Morgen noch vor dem Frühstück ein. Die Leute stehen Schlange bei mir.“

Viviane wedelte herrisch mit der Hand, als ob sie gleich den Nächsten aufrufen würde, und sah ihr Gegenüber das erste Mal richtig lachen – ein Zähneblitzen so weiß wie eine Perlenkette.

„Du kannst ruhig auch schreien, wenn es dir hilft, mich stört das nicht.“

Mit einer königlichen Anmut setzte sich die Sklavin gerade. „Ich werde nicht schreien.“

„Dann nimm wenigstens diesen Ast, ist besser für die Zähne.“

Viviane knickte einen daumendicken Ast vom Baum und wartete so lange mit strenger Miene, bis die Sklavin den Mund aufmachte.

„Gut, dann will ich mal.“ Sich die Hände reibend, trat Viviane hinter den Baumstamm, fasste mit der linken Hand den Arm und legte die rechte ans Schulterblatt.

„Ich werde langsam bis drei zählen. Bist du bereit?“

Die Sklavin rollte den Ast zwischen ihren Zähnen in eine bessere Position und nickte.

„Achtung! Ich zähle! Eins …“

Und schon war der Arm dort, wo er hingehörte.

Verwundert nahm die Sklavin den Ast aus dem Mund. Er hatte ein paar Kerben.

„Du hast nicht bis drei gezählt!“ Tastend glitten ihre Finger über die Schulter. „Ich hatte nicht genug Zeit, mich auf den Schmerz vorzubereiten. Aber kaum tat es weh, war es auch schon vorbei. Ich danke dir von ganzem Herzen.“

„Gern geschehen. Bei nächster Gelegenheit schneide ich dir ein Weidenästchen ab, falls du Schmerzen bekommst.“

„Das habe ich nicht gewusst“, keuchte Loranthus. Er war von beiden Frauen unbeachtet herangeeilt und zeigte auf den eingerenkten Arm.

Ruckartig schwang Vivianes Mahagonihaar herum und peitschte ihm ins Gesicht. Ihre grünen Augen loderten. Hastig trat er einen Schritt zurück. Er hatte plötzlich das Bild eines zähnefletschenden roten Drachen vor Augen, und der Drache grollte: „Du trampelst hier vor Langeweile Muster in den Waldboden, hast es aber nicht für nötig befunden, zu fragen, ob es ihr gut geht?!“

Loranthus riss die Hände hoch.

„Oh nein, das siehst du falsch! Ich war lange damit beschäftigt, mich zu säubern! Der Raufbold, der mich festhielt, war nämlich der Meinung, ich würde zu gut riechen! Er hat mir die Hosen vom Leib gerissen und meine feinen Lederstiefel und meinen dicken Wollmantel, beinahe hing noch mein Kopf mit drin in der Kapuze, alles neu, beste Qualität, habe ich mir extra für das rauere Klima hier zugelegt. An meinem dünnen Umhang hier hat er mich umhergezerrt, dort hinüber zu dem Wassergraben!“

Eilfertig zeigte Loranthus schräg hinter sich zum Wegesrand. Dann veranstalte er einen Ringkampf mit sich selbst, legte sich die Hände um die Kehle, als würde er sich würgen, und quetschte aus schiefgelegtem Hals heraus: „Ich habe mit ihm gerungen, leider war er zu stark. Gerettet hat mich ein dürrer Ast, auf dem ich rücklings zu liegen kam. Als mich der Kerl würgte, brach er unter der Gewalt und knackte dabei laut. Der Idiot hat wohl gedacht, er hätte mir das Genick gebrochen und ließ von mir ab. Aber er verpasste mir noch einen derben Tritt in die Seite. Ich habe keinen Ton von mir gegeben und mich tot gestellt, obwohl meine Rippen heftig wehtaten und er mir noch meine eigenen Sandalen an den Kopf geworfen hat, stell dir das mal vor!“

Zog Loranthus zu dieser fadenscheinigen Ausrede etwa einen beleidigten Schmollmund? Nun raffte er auch noch seinen Umhang an sich, als wolle er seine Sandalen vorzeigen. Vivianes Augen wurden schmal.

Solche Jammerlappen waren es nicht wert, auch nur einen Finger für sie zu krümmen. Obwohl, gerade verspürte sie den heftigen Drang, sämtliche Finger in seinen Haarschopf zu krallen und alles, was daran hing, durch diese verlockende Pfütze am Wegrand zu ziehen. Leider tat man das nicht mit Händlern und erst recht nicht mit griechischen. Zudem hatte sie einen Eid geschworen.

Daher summte sie die Isa-Rune für innere Ruhe, wie sie es gelernt hatte, und allmählich trat die erwünschte Wirkung ein: Wozu sich aufregen? Dieser Loranthus vom Stamm der Hornochsen würde gar nicht begreifen, dass er in ihren Augen ein selbstsüchtiger, nutzloser …

„Als ich so tot es ging da lag, hörte ich noch, wie der Anführer sagte, sie bräuchten sich nicht zu beeilen, sein Jüngster wolle noch etwas Schonzeit, bevor er wieder vom Weib des Statthalters ausgequetscht würde. Da haben alle gegrölt vor Lachen und dem Blonden auf die Schulter geklopft. Mein Peiniger fragte ihn sogar, ob sich sein Weib noch nicht beschwert habe oder ob er sie auch noch schaffe, wenn die Herrin mit ihm fertig sei.“ Entrüstet schüttelte Loranthus den Kopf. „Beim Zeus, ich hätte ihm für diese Dreistigkeit einen Fausthieb verpasst! Wie redete der denn mit dem Sohn seines Anführers?! Aber der Blonde hat nur geseufzt. Er gebe sein Bestes, hat er gesagt. Es war eine seltsame Unterhaltung, wenn ich so recht darüber nachdenke, denn Hermunduren haben ja gar keinen Statthalter.“

Wozu der Hundeblick?! Verstand der griechische Hornochse den logischen Zusammenhang nicht? Nun, da konnte Viviane ihm auch nicht helfen, den verstand sie nämlich selbst nicht. Oder hätte der brave Bürger Roms gerne einen Statthalter für die Hermunduren? Viviane schürzte die Lippen, ihre Augen wurden sehr schmal. Wenn er jetzt noch anfing zu hecheln, flog gleich ein Stock bis nach Griechenland.

Doch so weit kam es nicht, ein heftiges Zähneklappern brachte sie zum Umlenken. Auf Pfiff kamen ihre Pferde angetrabt und sie zog aus einer der vielen Taschen einen gelbgrün karierten Wollmantel, ein gelbes Hemd und brombeerfarbene Hosen. In einer anderen Tasche kramte sie nach einem Paar kniehoher Filzstiefel. Kaum drehte sie sich mit dieser Ausbeute in Händen um, zuckte Loranthus zusammen und ging ein Stück weg.

Viviane konnte es nicht lassen und schleuderte das Stöckchen mit den Bisskerben weit über seinen Kopf in den Wald hinein, doch er sprang nicht darauf an; er schien es nicht einmal gemerkt zu haben. Achselzuckend legte sie der Sklavin die neuen Kleider auf den Baumstamm und half ihr beim Umkleiden.

Diese ließ es mit müden Bewegungen geschehen und flüsterte: „So schöne Farben und so weich. Du bist so gut zu mir. Ich wünschte, ich könnte es dir vergelten.“

„Ich nehme dich beim Wort, aber fürs Erste reicht es mir, wenn du mir deinen Namen verrätst, damit ich meine Patientin richtig anreden kann.“ Viviane wackelte neckisch mit den Augenbrauen. „Die Stiefel sind eigentlich für Schnee gedacht, aber die taugen auch für kleine frierende Wildkätzchen. So, jetzt ummantele ich dich noch fein, gleich wird es warm. Ist beste Filzwolle, da kann Loranthus’ dünnes Sommerdeckchen nicht mithalten.“ Resolut stülpte sie ihr die Kapuze über den Kopf, schlang den Mantel gleich zweimal herum, stach eine bronzene Fibel mit Pferdekopf-Motiv hindurch und klemmte die Nadel sicher in die Halterung. Zufrieden betrachtete sie ihre Einwickelkünste. Eine Raupe hätte es nicht besser gekonnt, auch die Farben passten gut.

Die Arme konnte ihr Gegenüber zwar nicht mehr von sich strecken, aber dafür zeigte sie wieder dieses hübsche Perlenlächeln.

„Mein Name ist Hanibu.“

„Hanibu?! Ein feiner Name.“ Viviane nickte freundlich. Sanft strich sie über die verletzte Schulter, dann raffte sie die verdreckten Sachen zusammen und beorderte Hanibu mit einem Kopfnicken dicht an ihre Seite.

„Komm!“, herrschte sie Loranthus an, der sich inzwischen wieder herangewagt hatte.

„Hanibu braucht Ruhe! Eine viertel Wegstunde von hier liegt ein Gasthaus. Dort werden wir die Nacht verbringen. Und wehe, du sagst auch nur ein Wort dagegen. Also keinen Widerpart, ich hadere selbst genug mit mir.“

Wehmütig schaute Viviane gen Westen in das einsetzende Abendrot und seufzte. Sie hätte es heute gern noch bis nach Hause geschafft, und für den Griechen allein hätte sie bestimmt nicht die letzte Fähre verpasst. Aber Hanibu brauchte ihre Hilfe und Bedürftigen zu helfen war schließlich ihre Berufung. Sie musste nur ein wenig umdisponieren, damit sie beide bequem reiten konnten.

Mit ein paar Handgriffen hatte Viviane ihren Sattel von Dina auf Arion umgelagert, das Festzurren hingegen dauerte wesentlich länger. Arion ertrug es mit Gleichmut, dass Viviane an seinem Gepäck herumruckelte, bis sie endlich zufrieden war. Danach half sie Hanibu auf Dinas Rücken. So leicht und klein, wie sie war, würde Dina sie ohne große Mühe beide tragen können.

Nach erneutem Kramen in einer ihrer vielen Taschen fand Viviane noch ein paar verschrumpelte Äpfel. Dina und Arion bekamen je einen, und einen drückte sie Hanibu in die Hand, die darauf starrte, als hätte sie noch nie einen Apfel gesehen.

„Nun ja, er ist zwar nicht mehr der beste, aber garantiert auch nicht der schlechteste. Iss nur, Hanibu, der schmeckt!“

Dankbar biss Hanibu hinein. Dieser kleine Apfel machte sie sehr, sehr glücklich. Süß, fruchtig und wunderbar warm, zauberte er ein Lächeln in ihre müden Augen.

„Für dich habe ich auch einen, Loranthus, aber erst, wenn du oben sitzt“, sagte Viviane und ließ es mit Absicht wie einen Befehl klingen; ihr war aufgefallen, wie geringschätzig der Grieche ihre Äpfel gemustert hatte. Na, dem würde sie die Extravaganzen schon noch austreiben. „Hurtig, hoch mit dir!“

Bestimmend zeigte sie auf Arion, und weil Loranthus nicht gleich reagierte, machte sie noch ein paar Handbewegungen, als würde sie ihn zur Not auch hochwerfen.

„Das geht doch gar nicht“, maulte Loranthus. „Wie soll ich da raufkommen?“ Er ging einmal um Arion herum und suchte eine freie Stelle. Wie Viviane bei diesem Wust von Taschen auch noch ihren Sattel obendrauf festzurren konnte, war ihm ein Rätsel, aber sie hatte es geschafft, und eines war sicher: Vor lauter Gepäck sah er nicht einmal, wo das Pferd aufhörte. Zum Glück war der Kopf frei geblieben, so konnte er immerhin vorne und hinten unterscheiden.

Weil Viviane keine Anstalten machte, auch nur eine einzige Tasche abzunehmen, damit er die Aufstiegsmöglichkeit wenigstens vermuten konnte, ging Loranthus noch eine Runde um Arion herum und grummelte: „Bei Poseidon, ist das ein kompaktes Riesenvieh!“

Das hätte er lassen sollen. Aus dem Hinterhalt peitschte ihm Arion seinen langen Schweif in den Nacken, und kaum war Loranthus vorwärtsgetaumelt, hatte er auch schon ein ziemlich beleidigtes Pferdegesicht vor der Nase.

„Kannst du mir mal helfen, Viviane? Der will mich nicht haben“, jammerte Loranthus und beugte sich weit nach hinten. Arion folgte ihm, den langen Schweif wieder zwischen den Taschen verborgen. Loranthus bekam arge Schräglage, beim kleinsten Zucken würde er umfallen.

„Probiere es mal mit Bestechung“, gluckste Viviane und drückte ihm einen Apfel in die Hand. Hastig streckte er das verschrumpelte Ding, das ein Apfel sein sollte, von sich, und Arion schnappte zu.

„Und jetzt lässt er mich aufsteigen?“ Loranthus blieb skeptisch. Er ließ Arion nicht aus den Augen und verfolgte mit offensichtlichem Argwohn, wie der Hengst den Apfel verspeiste. „Der wird mich zermalmen, ich meine, wie soll ich denn über die Taschen … ich will ihm ja nicht wehtun!“

Seufzend nahm Viviane Arions Zügel, führte ihn zu dem umgefallenen Baumstumpf und bedeutete Loranthus, von hier aus aufzusteigen, was er schleunigst tat – der Apfel war nämlich gleich alle und kein Nachschub in Sicht.

Nach einigem Hängen und Würgen und viel Hilfe von Viviane hatte sich Loranthus endlich auf Arion zurechtgerückt und hockte mehr oder weniger zusammengequetscht dort, wo er hinsollte. Kaum hatte er mit den Füßen nach den Steigbügeln gehangelt, ging es auch schon los. Die großen Taschen scheuerten bei jedem Schritt gegen seine Beine, seinen Rücken, seinen Bauch und seine Arme, die Steigbügel hatte er immer noch nicht erwischt … er machte ein missmutiges Gesicht. Er steckte so fest, dass er ohnehin nicht herunterfallen würde.

„Besser schlecht geritten als gut gelaufen“, knurrte Viviane und reichte ihm den versprochenen Apfel.

„Da magst du recht haben, Viviane. Aber wenigstens ist der Sattel, auf dem ich hier sitze, bequem, sehr bequem sogar. War bestimmt teuer, daher vermute ich: Dein Arion ist gar kein Packpferd. Selbstverständlich kann er viel Gepäck tragen, aber du hast ihn hauptsächlich als Taschenberg getarnt, damit er kleiner wirkt und man das edle Ross übersieht.“

Loranthus lächelte wissend und hob die Hand, um Viviane an einer Erwiderung zu hindern. Ihr erstaunter Blick war ihm Antwort genug und er wollte noch etwas Wichtiges sagen. „Nun, ich möchte mich gerne für deine Hilfe erkenntlich zeigen. Ich habe genug Gold, um dich für deine Mühen zu entlohnen. Zum Glück haben die Räuber mich nicht durchsucht. Ich trage es immer bei mir.“ Zufrieden tätschelte er seinen feisten Bauch.

„So, so.“ Viviane rümpfte die Nase. Wo der wohl sein Gold versteckt hatte, dass es bei einem Kampf mit Körperkontakt nicht aufgefallen war? Beim Anblick von Loranthus’ süffisantem Grinsen fiel es ihr schlagartig ein: Des Rätsels Lösung war so einfach und gleichzeitig genial. Der feiste Bauch war gar nicht echt!

„Lass dein Gold stecken. Jeder andere hätte das Gleiche für euch getan. Es ist selbstverständlich für uns Hermunduren, in der Not zu helfen. Aber du darfst gerne die Zeche fürs Gasthaus bezahlen. Wir sind bald da.“

„Prima.“ Bei dieser verlockenden Aussicht traute sich Loranthus nun doch, in den hässlichen Apfel zu beißen, und wurde prompt für seinen Mut belohnt. Der Apfel schmeckte einfach köstlich und war trotz der vielen Falten noch ziemlich saftig. Er musste sich richtig zusammenreißen, damit er sich den Mund nicht zu voll stopfte. Gut erzogen, wie er war, biss er also hastig noch einmal zu, nur ein winziges bisschen.

Derart genüsslich mit Kauen und Knabbern beschäftigt, erreichte er den letzten Bissen sowie die nächste Wegbiegung und hätte sich beinahe verschluckt. Raben über Raben stoben vor ihnen auf, ein Wust aus Federn, Krallen, Krächzen, Flattern; Loranthus warf sich die Hände über den Kopf, krümmte sich zusammen, wühlte sich kopfüber in den Taschenberg auf Arions Rücken … auf einmal war der Spuk vorbei, so schnell, wie er gekommen war.

Loranthus seufzte tief geduckt in seinen Bauch hinein, er war zum Glück heil geblieben. Er saß sogar noch oben auf dem Pferd, das hätte ja auch mit ihm durchgehen können. Doch sobald er sich endlich traute, sich aufzurichten, wünschte er sich die Raben zurück. Rechts und links, ein paar Schritt vor ihm, standen zwei nackte, blutverschmierte Männer wie monströse Wächter, doch sie bewachten nicht den Weg – sie waren schlichtweg tot. Ihr Anblick war grauenvoll. Einstmals mussten es stattliche Männer gewesen sein, das konnte man jedenfalls aus ihrem Körperbau schließen, denn ihnen fehlten die Köpfe, in ihren Brustkörben steckten Speere, ihre Bauchhöhlen waren aufgeschlitzt und absolut leer. Ein einziger Fetzen Fleisch hing von dem rechten Unterleib herunter und baumelte vor sich hin.

Viviane ritt kommentarlos auf die Toten zu, Arion folgte ihr und Loranthus presste sich eine zitternde Hand auf Nase und Mund, um den Gestank nach Blut und Tod von sich fernzuhalten. Hastig nahm er noch die zweite Hand zu Hilfe, doch seltsamerweise verspürte er keinerlei Drang, die Augen zusammenzukneifen. Im Gegenteil, er redete sich ein, hierzulande herrschten eben raue Sitten, und ließ sich kein Detail entgehen.

Diese geschundenen, kopflosen Körper standen nicht von selbst. Mit Lederriemen waren sie an Pfähle gebunden und genau so platziert, dass sie zu beiden Seiten den Weg flankierten, durch die Kurve aber spät einsehbar waren. Selbst wenn keine Raben aufgeflogen wären, hätte das Szenario eine schockierende Wirkung auf jeden, der hier ahnungslos des Weges kam. Allein schon diese weit aufklaffenden Bauchhöhlen waren zum Gruseln. Man konnte die Rippenbögen sehen, das blank geputzte Rückgrat und sogar die Knorpel zwischen den einzelnen Wirbeln. Dagegen schienen die anderen Körperteile, bis auf die blutverschmierte Haut, völlig unversehrt - wenn man von den Speeren auf Höhe der Herzen absah, und natürlich von dem Fehlen der Köpfe. Es wirkte schon fast skurril, wie statt der Köpfe die Pfähle emporragten; als hätte sich hier jemand einen bitterbösen Scherz erlaubt. Ein Detail war besonders merkwürdig: Zu beiden Seiten der Pfähle waren Ohren angebunden und zwar genau an der Stelle, wo normalerweise Ohren wären, wenn die Köpfe noch dagewesen wären.

Loranthus fragte sich, wozu diese explizite Anordnung gedacht war; für bestmögliche Sicht waren sogar besonders dünne Lederriemen zum Anbinden verwendet worden. Wieso stellte jemand so ausdrücklich Ohren zur Schau, wenn der Rest vom Kopf genauso deutlich fehlte?

Selbst Viviane schien intensiv darüber nachzudenken; sie betrachtete jedes Ohrenpaar auf das Genaueste, bevor sie ihre Stute zu einer etwas schnelleren Gangart antrieb. Loranthus war froh, den Ort des Grauens hinter sich lassen zu können, denn schon hörte er, wie sie wieder anrückten, wie sie flatterten und krächzten, die Raben. Er sah es förmlich vor sich, wie sie an dem lose baumelnden Fleischfetzen zerrten, und nun endlich verspürte er den heftigen Drang, die Augen zu schließen. Während Arion für stetig wachsenden Abstand sorgte, wischte sich Loranthus fahrig übers Gesicht, als könne er die Bilder vertreiben, wenn er nur lange genug die Augen zu ließe. Doch als er es endlich wagte, durch seine Fingern zu spähen, stöhnte er matt auf. Zu etwas anderem hatte er keine Kraft mehr, weil da nun noch mehr Tote waren. Noch mehr verstümmelte Körper, noch mehr Speere, noch mehr Lederriemen, noch mehr Pfähle, noch mehr Ohren … angeordnet zu einem langen, entsetzlichen Spalier.

Wie abgemessen flankierten sie eine ewig lange Gerade, etwa alle fünfzig Schritt stehende Leichen rechts und links. Loranthus konnte die Augen zupressen, so viel er wollte – er musste mitten durch sie hindurch, und er wusste: Dieses Schreckensszenario würde ihn in seine schlimmsten Träume verfolgen.

„Ein Dutzend Krieger der Chatten. Stehen erst einen Tag hier, vielleicht auch zwei, aufgrund der letzten Schneeschauer kann ich das nicht genau sagen. Planten offensichtlich einen hinterhältigen Überfall und wurden dabei von unseren Kriegern erwischt. Schau.“ Viviane deutete auf das letzte Paar Ohren.

Loranthus hatte Mühe, hinzusehen, aber er wollte Viviane nicht enttäuschen. Wenn sie ihm schon die Frage beantwortete, die er sich vor Kurzem selbst gestellt hatte, wollte er es jetzt auch genau wissen.

„Du meinst, diese zwölf Chattenkrieger wollten jemanden aus dem Hinterhalt überfallen? Sie wurden jedoch entdeckt und stehen nun zur Abschreckung hier?“, würgte er hastig heraus, um nichts anderes herauszuwürgen. „Wurden sie deshalb so hart bestraft?“

„Garantiert. Wollten sicher einen lohnenden Abstecher über die Grenze machen. Wir Hermunduren sind friedlich, aber unsere Gesetze sind genauso streng wie anderswo auch. Diese Schwachköpfe.“ Viviane spuckte aus. „Haben die Rechnung ohne den Wirt gemacht.“

Mit diesen Worten traten die Pferde aus dem Wald heraus und Loranthus atmete auf. Völlig unerwartet hatte sich die Enge des Waldes in weites, offenes Land mit sanft geschwungenen grünen Flächen gewandelt. Ein breiter Fluss schlängelte sich gemächlich dahin und an seinem Ufer stand das angekündigte Gasthaus. Genauer gesagt war es ein Gastdorf mit einem großen Langhaus, einem Lagerhaus auf Stelzen und etlichen kleinen Hütten, die zur Hälfte in der Erde steckten, dazwischen Obstbäume in voller Blüte und saftig-grüne Wiesen. Drei Seiten waren von Hecken umgeben. Die vierte grenzte an den Fluss und wurde von einem dichten Schilfgürtel gesäumt. Es gab sogar einen Anlegesteg für eine Fähre.

Gleich linker Hand, über dem Fluss, erhob sich ein stattlicher Berg, der keine Bäume auf seiner Kuppe hatte, sondern eine Burg mit einem langen Wall aus Steinblöcken und Holz. Wachtürme thronten auf dem Burgwall. Von dort aus hatte man sicher die beste Sicht über das Land, über jedes Haus, jeden Hügel und jeden Berg bis zu den hohen Gebirgszügen in weiter Ferne.

Viviane breitete ihre Arme aus.

„Das geeinte Großkönigreich der Hermunduren. Willkommen in meiner Heimat!“

„Ah, der hercynische Wald! Davon habe ich bereits viel gelesen!“ Begeistert deutete Loranthus auf die endlos grünen Höhenzüge am Horizont.

Viviane stutzte, dann huschte ein verständnisvolles Lächeln über ihr Gesicht.

„Die Schriften erzählen von einem ‚hercynischen Wald‘, als wären unsere Berge, unsere Wälder ein einziges riesiges Gebirge. Das ist ein alter Hut. Die Römer, die jetzt hinter dem Rhein leben, kennen die Berge und Gebirgsketten mit Namen, wenigstens die ihrer eroberten Provinzen. Schau, Loranthus! Das Gebirge zur Linken ist unser Thuringer Wald und rechts, das ist Raino, mein Zuhause.“

„Bereits der hochgelehrte Aristoteles sprach in seinen Niederschriften vom ‚hercynischen Wald‘. Er sagt darin, dass es ein riesiges Gebiet umfasst. Er meint ganz bestimmt dieses hier, genau vor meinen Augen.“ Loranthus schaute ziemlich pikiert auf Viviane, bis ihm einfiel, dass nicht sie das Gebirge war. Rasch drehte er sich um und machte eine weit ausholende Geste.

Viviane legte den Kopf in den Nacken. „Wenn ich dir so zuhöre, könnte ich denken, du würdest dich hier besser auskennen als ich. Loranthus. Überlege. Es ist doch ganz logisch. Cäsar hat von Aristoteles abgeschrieben. Sie waren beide noch nie hier. Von wem hat also Aristoteles abgeschrieben?“

„Aristoteles war ein Gelehrter. Er muss es wissen.“

„Eben. So hat Cäsar auch gedacht und wer weiß, wer noch. Aber vielleicht hat Aristoteles etwas verwechselt oder er meinte gar nicht den Namen als solchen, sondern die Ausrichtung unserer Gebirge. Ja, Loranthus, die Ausrichtung, das könnte alles erklären. Pass auf!“

Viviane streckte ihre Hand nach der untergehenden Sonne und schwenkte sie zurück zum Thuringer Wald.

„Die meisten Gebirge haben eine Nordwest-Südostausrichtung. Raino hingegen ist ein variszisches Gebirge. Das erkennst du an der Nordost-Südwestverwerfung.“

Loranthus besah sich skeptisch den rechten Winkel, den Vivianes Arme bildeten.

„Mag sein. Ich bleibe trotzdem bei ‚hercynischer Wald‘, so habe ich es gelernt.“

Viviane verdrehte die Augen. „Gelernt. Loranthus, ich versichere dir: Der Thuringer Wald ist hercynisch, Raino ist variszisch. Das ist nur logisch.“

Loranthus schüttelte stur den Kopf.

Viviane schnippte mit den Fingern in Richtung der Gebirge. „Hercynisch. Variszisch.“

„Nein, Aristoteles sagt …“

Hanibu kippte gegen Viviane und schnarchte leise.

Viviane zischte noch leiser: „Jetzt hör mal gut zu. Wenn ich sage …“

„Mmh!“ Loranthus reckte die Nase in die Höhe und schnupperte genüsslich: „Hier riecht es höchst verlockend nach Braten!“

Dieser scharfsinnige Themenwechsel kam Viviane gerade recht, denn auch sie hatte den appetitlichen Geruch bemerkt und nun lief ihr das Wasser im Munde zusammen. Wie gern würde sie etwas Besseres zu beißen bekommen als ihr alterndes Brot im Verpflegungsbeutel.

„Wir sollten uns beeilen, damit wir noch was abbekommen“, riet Loranthus und wollte Arion antreiben, doch der hörte nicht auf ihn, sondern ließ Dina den Vortritt.

Nach etwa dreihundert Schritt endeten Loranthus’ Ungeduld und der Weg an einem schweren Eichentor, das in die hohe Hagebuttenhecke eingelassen war. Passenderweise war es von der Burg aus gut einsehbar, um jeden Gast gleich zu registrieren.

Viviane winkte zu den Wachtürmen hinauf, obwohl sie dort niemanden erkennen konnte, dann klopfte sie mit einem Holzschlägel gegen eine Kupferplatte am Tor. Der melodische Gong war kaum verhallt, da stand auch schon ein großer, kräftig gebauter, rothaariger Mann vor ihnen und Loranthus japste: „Ein echter Keltos, ich bin entzückt. Dieser Hüne, diese rote Löwenmähne …“

„Guten Abend, Gastwirt“, übertönte Viviane die Freudenbekundungen hinter sich. „Wir würden gern hier übernachten.“

„Ist mir recht.“ Freundlich nickte der Wirt ihr zu und zeigte mit einem muskelbepackten Arm hinter sich auf die große Wiese. „Drei Häuser sind noch frei, gleich hier am Tor oder hinten am Fluss nahe der Badestelle.“

„Wir nehmen das hintere. Könnten wir auch noch etwas zu essen haben?“ Viviane zeigte ihr charmantestes Lächeln, dazu knurrte ihr Bauch laut wie ein Hund.

„Selbstverständlich. Mein Weib wird sich freuen, euch bewirten zu dürfen. Sie hat heute schmackhaften Hasenbraten zubereitet. Alles ganz frisch, gestern haben die noch unsere Felder besucht.“

„Das klingt sehr gut. Wir laden nur rasch die Pferde ab, dann kommen wir zu euch herein.“

„Unsere anderen Gäste, zwei Händler, sind bereits beim Essen, aber lasst euch ruhig Zeit, es ist genug für alle da. Hinter den Häusern befindet sich jeweils ein kleiner Stall. Heu und Wasser bringe ich sofort.“

Mit langen Schritten lief der Wirt über die Wiese Richtung Langhaus, Viviane steuerte die Pferde den Weg am Fluss entlang zum letzten Haus des Gastdorfes. Hühner flatterten vor ihnen auf, Gänse watschelten hinunter zum Fluss, Enten schwammen um den Anleger der Fähre, Ziegen und Schafe grasten auf abgetrennten Weideflächen gleich daneben. Dem lauter werdenden Grunzen nach zu urteilen, befanden sich hinter den Hecken ein paar Schweine, wo sie den Boden aufwühlen konnten und das ansonsten gepflegte Ambiente nicht durcheinanderbrachten.

„Diese Wiesen und Weiden – wirklich sauber und ordentlich hier.“ Loranthus betrachtete alles mit kritischem Blick und schien sehr zufrieden.

Die Häuser für die Gäste waren klein, ganz schlicht aus Lehm und mit einem Balkengerüst gebaut, und fast bis zum Fenster in die Erde eingelassen. Das Langhaus, in dem die Bewirtung stattfand, war hingegen zwei Stockwerke hoch, aus bestem Fachwerk und mindestens zwanzig Schritt lang. Dazu gab es ein Schwitzbad und eine Scheune, aus der es nach Heu duftete. Sämtliche Hauswände waren leuchtend weiß gekalkt, alle Holzbalken waren schwarz und die Dächer mit dicken Holzschindeln gedeckt.

„Die Häuser machen allesamt einen soliden Eindruck, besonders das Langhaus, das offensichtlich ebenerdig steht. Ich verstehe bloß nicht, wozu diese Hecken gut sind?“ Wissbegierig deutete er rundum, ließ aber Viviane nicht aus den Augen.

„Das ist eigentlich ganz simpel, schau dir mal das dicke Astwerk an und die Dornen. Die Hagebutte ist eine immer wachsame Kriegerin, wenn sie alt genug ist. Sie lässt keinen ungebetenen Gast durch, egal ob Mensch oder Tier. Im frühen Sommer erfüllen ihre Rosenblüten jedes Herz mit Freude und im langen Winter genießen wir ihre Früchte, getrocknet oder in Marmelade. Beide, Blüten und Früchte, haben starke Heilkraft.“

„Wie praktisch! Ein lebender Schutzwall mit allerlei Extras! Äußerst effektiv. Darauf hätte ich auch selbst kommen können. Beim Hermes, wenn wir doch bloß etwas schneller gewesen wären! Hätten wir das Gasthaus erreicht, wären uns die Räuber bestimmt nicht bis hierher gefolgt. Ich könnte mich in den Hintern beißen! Eine Meile und wir wären auf freiem Land gewesen!“ Gerade wollte er sich wieder die Haare raufen, da fiel ihm ein, dass er in diesem Fall ohne Viviane durch das grässliche Spalier hindurchgemusst hätte – womöglich wäre er in Ohnmacht gefallen und vom Kutschbock gekippt.

„U…und warum sind die kleinen Häuschen so tief in die Erde eingelassen? Ich meine, im Gegensatz zum ebenerdigen Langhaus, sieht das irgendwie … primitiv aus. Steht man da nicht im Grundwasser?“

„Für wie dumm hältst du uns? Siehst du nicht den Höhenunterschied?“

Viviane beschrieb einen Bogen zwischen dem letzten Häuschen und dem Lagerhaus auf Stelzen, das näher am Ufer stand, und schmunzelte vergnügt. Sie hatte gerade ein Bild vor Augen: Loranthus trippelte in einer Pfütze herum, verrenkte sich wie wild, um mit den Zähnen nach seinem Hintern zu schnappen, und ständig sprudelte ihm ein Wasserfall aus dem Mund.

„Nun, um deine Frage zu beantworten … Hast du schon mal einen Winter hierzulande erlebt?“

„Nein, wir sind erst vor einem Mond in Antibes angekommen. Es war dort angenehm mild. Auch als wir nach Massalia weiterreisten, war es warm. Je weiter wir nach Norden kamen, desto kühler wurde es, aber einen Winter im Land der Keltoi kenne ich nur aus Berichten. Hierzulande soll es barbarisch kalt werden und schneien. Schnee kenne ich natürlich, aber ich kann mir gar nicht vorstellen, wie die Flüsse zufrieren.“ Loranthus erschauerte. Unwillkürlich schlang er seinen Umhang fester um sich. Er konnte gut darauf verzichten, diese Wissenslücke durch praktische Erfahrung zu füllen. Wenn den Barbaren hier die Eiszapfen von den Fellen hingen, würde er längst wieder in seiner schönen warmen Heimat sein.

„Loranthus. Du bist doch ein gebildeter Mann.“

„Garantiert! Ich bin weit gereist und sehr belesen!“

„Bestens. Dann sage nicht immer ‚keltisch‘ oder ‚Kelta‘ oder ‚Keltos‘ oder ‚Keltoi‘. Das ist unzureichend. Wir sind hier im Land der Hermunduren, das weißt du, also nenne uns auch so. Zu dir sagt doch auch niemand Südoströmer.“

„Wa…?!!!“ Loranthus riss den Mund auf. „Bei allen Göttern des Olymps, ich bin kein …“ Beleidigt klappte er seinen Mund wieder zu und brummte: „Ich werde es mir abgewöhnen, keine Bange.“ Sage ich eben Barbar, da mach ich nichts falsch, ist ja nicht beanstandet worden, dachte er sich im Stillen.

„Gut, gut. Um deine Frage nun redlich zu beantworten: Unsere Grubenhäuser sind nicht primitiv. Sie sind sehr praktisch. Im Sommer ist es darin angenehm kühl und man schläft einfach wunderbar. Im Winter schützen sie uns vor Kälte. Selbst mit einem winzigen, winzigen Ofen kann man schnell einheizen und hat es sehr lange behaglich warm.“

„Weil alles aus Lehm besteht, und Lehm speichert Wärme“, schlussfolgerte Loranthus.

„Richtig. Die Häuser, die Öfen – alles ist aus Lehm und Weide. Selbst die Fußböden sind gestampfter Lehm.“

„Ich habe gelesen, ihr heizt auch mit Kohlebecken.“

„Kohlebecken?“ Viviane wurde schlagartig ernst. „Ja, das ist richtig. Wenn man keinen Ofen hat, bekommt man es mit einem Kohlebecken durchaus warm. Aber Vorsicht! Absolute Vorsicht!“ Achtung heischend riss sie den Zeigefinger hoch und Loranthus fühlte sich genötigt, eifrig zu nicken – zum Zeichen, dass er gut aufpasste.

„Beim Heizen mit Kohlebecken muss man unbedingt Vorsicht walten lassen. Wehe dem, der das vergisst! Also hör gut zu und merke dir: Wenn ein Haus komplett dicht ist, kann das tödlich enden. Man schläft ein und wacht nicht mehr auf.“

„Einfach so?“

„Das kommt drauf an. Zu Anfang fällt es nämlich gar nicht auf, wenn sich der Tod aus dem wohlig-warmen Becken schleicht. Man wird müde und träge … Ist man achtsam und handelt schnell, kann man sich retten; schläft man ein, ist man verloren. Dann merkt man nämlich nicht, wie die Kopfschmerzen kommen, das Unwohlsein, die Krämpfe, man kann sich nicht mehr wehren. Ja, ein Kohlebecken ist wahrhaftig ein lautloser Mörder.“

„Keine Bange“, gluckste Viviane, als sie das entsetzte Gesicht von Loranthus sah, und deutete auf die offene Tür des kleinen Grubenhauses.

„Wir haben einen Ofen plus ordentlichen Rauchabzug, und zwar gleich neben der Tür, damit man schon beim Eintreten mit wohliger Wärme empfangen wird – jedenfalls, wenn es kalt ist, heute nicht.“

„Prima“, seufzte Loranthus und war ziemlich erleichtert – bis er die Haustür musterte, an der er sich den Kopf stoßen würde, wenn er sich nicht ein wenig duckte. Gerade wollte er fragen, warum sie hierzulande gute Öfen bauten, aber keine Türen in ihrer Größe, da fiel ihm die Antwort selbst ein: Wenn man eine niedrige Tür aufmachte, blieb mehr Wärme im Haus als bei einer hohen. Ja, diese hochgewachsenen Barbaren waren wirklich nicht dumm.

Kaum waren sie am Stall angelangt und hatten sich über das dick ausgelegte Stroh gefreut, kam auch schon der Wirt, beladen mit Wassereimern in den Händen und Heu in einem hohen Weidenkorb auf dem Rücken.

„Ihr habt übrigens eine gut sichtbare Wegmarkierung“, sagte Viviane, während er mit Leichtigkeit das Heu in eine Raufe an der Wand steckte und das Wasser in einen sauberen Trog schüttete.

„Ja, nicht wahr? Den Weg haben wir erst kürzlich frisch instand gesetzt. Du weißt schon, unerwünschten Wuchs freischneiden, Orts- und Zeitangaben auf den Markierungen auffrischen …“

„Das ist euch gelungen“, versicherte Viviane vage und runzelte die Stirn. Offensichtlich sprach der Wirt nicht gern über das, was vor Kurzem hier geschehen sein musste. Einen Trupp feindlich gesinnter Chatten als ‚unerwünschten Wuchs‘ zu bezeichnen – auf den Vergleich wäre sie nie gekommen. Dafür hatte sie anhand der Toten Ort und Zeit wiederum gut ablesen können.

„Soll ich euch beim Abladen helfen?“ Der Wirt warf einen besorgten Blick auf Hanibu, die immer noch an Viviane gelehnt schlief.

„Wenn du sie mir vom Pferd heben könntest, wäre das eine große Hilfe“, flüsterte Viviane und verdrehte dabei ihre Augen zu Loranthus hinüber.

„Verlass dich ganz auf mich. Ich lege sie gleich ins Bett.“ Mühelos hob der Wirt Hanibu auf seine Arme, grinste selbstzufrieden und lief los.

Viviane stieg gemächlich von Dina. Hinter ihr ertönte ein dumpfer Aufschlag, doch das trieb sie noch längst nicht zur Eile – Loranthus lag ohnehin schon im Stroh und rieb sich den Hintern. Sobald er Vivianes mühsam verkniffenes Lachen sah, rappelte er sich auf und wollte sich beschweren, doch ihm fiel etwas Besseres ein.

In ungeahnter Geschwindigkeit lud er sämtliches Gepäck von Arion und schaffte es trotzdem, dabei jede einzelne Ledertasche für ihre stabile Machart zu bewundern – von allen Seiten, wohlgemerkt. Viviane konnte nur staunen.

Ihr gelang es gerade noch, ihre Blasrohre an sich zu raffen, die sie in der längsten Ledertasche versteckt hatte. Auch ihre Schwerter samt Waffengürtel, den aufwendig geschnitzten Reiterbogen und den abgewetzten Lederköcher samt Pfeilen rettete sie vor unerlaubtem Zugriff.

Als sie sich Letzteres locker über die Schulter warf und zur Tür ging, schnappte Loranthus nach Luft.

„Das sind deine?! Ich dachte, du transportierst die bloß?! Bist du eine Kriegerin? Ja, bei Athene, natürlich bist du eine Kriegerin, ich habe es gleich gewusst, allein die Art, wie du auf dem Pferd gesessen hast und wie du abgestiegen bist, und wie du vor mir gestanden hast, und wie du dich bewegst! Und als du zornig geworden bist, hast du diesen Barb… diesen Kutschenräubern extrem ähnlich gesehen, und ich wusste sofort, du bist noch gefährlicher als die alle zusammen und …“

„Lass gut sein! Beruhige dich“, lachte Viviane und packte den nach Luft ringenden Loranthus bei den Schultern. „Du brauchst doch keine Angst vor mir zu haben. Ich tue dir nichts. Heute nicht. Und morgen nicht. Und auch sonst niemals. Das schwöre ich. Es sei denn, du greifst mich ernsthaft an. Also keine Panik. Immer mit der Ruhe.“

„Du schwörst? Prima, das beruhigt mich kolossal. Kolossal.“ Loranthus seufzte erleichtert, bis ihm auffiel, dass Viviane seine Fragen übergangen hatte. „Aber du bist eine Kriegerin! Und das sind deine Waffen!“ Er zog einen Schmollmund. „Leugne es nicht, etwas anderes kaufe ich dir nicht ab!“

Viviane musste grinsen.

„Ja, bei Donar, dem mächtigen Streiter, ich bin eine Kriegerin. Zur Hälfte jedenfalls. Manchmal mache ich auch Jagd auf frei laufende Stiere. Die sollen ja besonders saftig werden, wenn man sie in Olivenöl tunkt. Du hast natürlich Glück, Hasenbraten in Nussöl esse ich noch lieber.“

„Oh, ich glaube, du willst mich an der Nase herumführen. Sei ehrlich! Laufen alle Keltoi-Krieger so herum wie du?“ Er zeigte auf das Langschwert, den Bogen …

„Loranthus. Was sollst du nicht mehr sagen?!“

„Gut, gut, ich meinte, Hermundurenkrieger. Sind die alle derart voll bepackt?“

„Nein. Nur solche, die eine weite Reise machen. Man weiß ja nie, was man unterwegs alles gebrauchen kann.“

„Und? Hast du schon mal etwas davon gebrauchen können?“

Verlegen sah Viviane auf ihre Hände hinab. „Nein, zum Glück noch nicht.“

„Zum Glück? Was meinst du mit Glück?“

Weil er keine Antwort bekam, öffnete Loranthus den Mund, um nachzufragen. Doch in diesem Moment machte Viviane auf dem Absatz kehrt, um ihre Waffen ins Haus zu bringen. Als sie zurück in den Stall kam, stand Loranthus immer noch da. Seinem entsetzten Blick nach zu urteilen, war er gerade dabei, sich selbst eine wirklich schlimme, unerhörte Antwort zu suchen, und dabei hatte er die Doppelaxt auf ihrem Rücken noch gar nicht entdeckt. Schweigsam zäumte Viviane ihre Dina ab.

Loranthus wollte das Gleiche bei Arion tun, doch dieser wich ihm ständig aus und so schlichen sie umeinander herum, als würden sie einen komplizierten Tanz einüben.

Viviane betrachtete die Darbietung eine Weile aus den Augenwinkeln und tat sehr beschäftigt, schließlich entschied sie sich aber doch, das Stachelbeerchen zu erlösen.

Resolut nahm sie Arion am Zügel.

„Schluss damit, alle beide. Loranthus, ich sehe zwar, du weißt, was du tust, aber mein Arion hier kann es besser. Wenn er nicht will, kann er einen ganz schön zur Weißglut treiben. Ich hatte anfangs selbst redlich Mühe mit ihm. Die treue Seele hing wohl zu stark am früheren Besitzer. Wie wir zusammen aufbrechen wollten, stellte er sich ganz und gar tot. Hat alle viere von sich gestreckt! Ist ein richtiger Schelm, mein Arion! Er dachte wohl, ich würde ihm das abkaufen!“

„Wie hast du ihn wieder auf die Beine bekommen?“ Loranthus trat unauffällig weg von Arion und beäugte ihn misstrauisch von der Seite. Arion starrte zurück.

„Zuerst dachte ich wirklich, er sei krank und habe ihn untersucht. Das war recht unterhaltsam, besonders für Arion. Wahrscheinlich liebt er es, wenn ich ihn abtaste und überall mein Ohr gegen ihn drücke; jedenfalls hat es eine ganze Weile gedauert, bis ich Bescheid wusste. Dann zog ich und schob und schimpfte, bis ich mit meinen Kräften und meiner Tirade am Ende war. Also habe ich ihm etwas zugeflüstert, ein Versprechen. Das hat ihn ganz schnell auf die Beine gebracht.“

Loranthus sah sie schief an. „Versprochen? Einem Pferd? Was denn?“

„Das …“ Viviane tätschelte Arion, der sie sachte stupste. „… ist unser Geheimnis.“

Loranthus starrte von Viviane zu Arion und wieder zurück, und prustete los. Er lachte und lachte und japste nach Luft, bis er sich die Seiten halten musste und sein Gesicht rot glänzte wie ein gesalzenes Radieschen.

Als er anfing, Heu, Wasser, Äpfel, einen warmen Stall, eine Extraportion Hafer … aufzuzählen, wieherten Arion und Dina um die Wette. Viviane nahm ihre Taschen, drehte sich um und ging. Sie konnte nur noch den Kopf schütteln.

Bis Loranthus wieder normal war, trug sie ihre Sachen ins Haus und wünschte sich Ohrenpfropfen, denn jedes Mal, wenn sie ein neues Gepäckstück aus dem Stall holte, wieherten dort drei Pferde, zwei mit Heu im Maul. Was für ein Radau. Es war zum Davonrennen.

Hanibu bekam von dem Lärm nichts mit. Sie lag in einem einfachen, aber sauberen Holzbett und war bis zum Kinn unter einer dicken Wolldecke verschwunden, doch sobald Viviane ihre letzte Tasche etwas zu schwungvoll auf den Boden stellte, machte sie die Augen auf und gähnte herzhaft.

„Dieses Strohpolster ist herrlich weich und riecht so gut! Ich fühle mich gleich viel wohler!“

„Unterschätze die Strapazen nicht. Du hast einen übermächtigen Gegner besiegt. Willst du mit uns ins Gasthaus kommen oder soll ich dir lieber etwas zu essen herbringen?“

„Ich komme mit.“ Hanibu streckte die Arme und schälte sich gemächlich aus der Decke.

Viviane stapelte ihre Taschen neben der Tür auf und fragte wie nebenbei: „Lässt er dich eigentlich mit am Tisch sitzen oder musst du die Reste darunter suchen?“

Mitten im Aufstehen hielt Hanibu inne, sackte auf die Bettkante zurück und sagte zu ihren nackten Füßen: „Oh nein, keine Bange. Er behandelt mich gut. Er hat mich noch nie geschlagen oder … Schlimmeres. Ich bin eigentlich bloß durch Zufall bei ihm, musst du wissen. Loranthus’ Leibsklave hatte mich auf dem Sklavenmarkt entdeckt und wohl mit jemand anderem verwechselt. Darum ist er auf den Sklavenhändler losgegangen und in dem folgenden Handgemenge wurde er erstochen. Ich stand da und konnte nichts tun.

Loranthus schrie, sie sollten aufhören, doch es nützte nichts. Es hätte auch nichts genützt, wenn er sich ins Getümmel gestürzt hätte, womöglich wäre er selbst ums Leben gekommen.“ Hanibu seufzte. „Er war damals sehr wütend. Hat den ganzen Sklavenmarkt zusammengebrüllt, er wolle keinen kostenlosen Ersatz, während der Händler ihn noch übertönte und meine Vorzüge anpries. Als Loranthus hörte, ich spräche Griechisch, wirkte er interessiert. Aber dann meinte er, wenn er mich nähme, würde ich ihn ständig an den Verlust seines Leibsklaven erinnern. Erst, als mich der Händler vor seine Augen töten wollte, weil ich die Schuld an der ganzen Misere trüge, hat Loranthus eingelenkt. Nachts, wenn er denkt, ich schlafe, weint er manchmal vor lauter Trauer, weil sich sein Leibsklave so sinnlos in den Tod gestürzt hat. Er muss ihn wohl sehr gern gehabt haben. Er ist wirklich ein guter Herr, höchst zivilisiert und sehr gebildet. Auch wenn er mich zuerst gar nicht haben wollte, so hat er mich doch von Anfang an gut behandelt. Ich meine: Er hätte mich ja an den Nächstbesten weiterverkaufen können, aber das tat er nicht. Zu meinem größten Erstaunen kaufte er mir etliche neue Kleider von bester Qualität. Mittlerweile redet er sogar mit mir, als wäre ich seine Reisebegleitung, und bringt mir noch mehr Griechisch bei. Ich bin froh, bei ihm zu sein. So kann ich mich noch als Mensch fühlen und nicht als … als Ding.“

„Mag sein“, murmelte Viviane. „Mir erscheint er dennoch nicht besonders einnehmend vom Wesen her. Na, wir werden sehen. Komm, ich habe Hunger!“ Vorsichtig half sie Hanibu auf die wackeligen Beine.

„Du bist so gut zu mir“, seufzte Hanibu wieder und ihre dunklen Augen schimmerten wie Obsidian unter Wasser. „Noch vor zwei Monden war ich frei genau wie du. In der Nacht kamen die Häscher und haben alle, die jung und kräftig waren, zusammengetrieben. Meine Brüder nahmen sie für die Bergwerke mit nach Nubien, ich kam auf das nächste Schiff nach Massalia. In ein paar Jahren werden sie wiederkommen. Dann sind die Kinder älter und die nächste Sklavenernte kann beginnen.“ Hanibu schlug die Augen nieder.

„Auch bei meinem Volk gibt es Sklaven“, flüsterte Viviane, die sah, wie sich Hanibus Fäuste ballten, und wurde lauter. „Aber ich glaube fest daran, dass diese unwürdige Behandlung der eigenen Spezies aufhören wird. Und wenn ich den Anfang dazu machen muss, soll mir das recht sein. Komm, meine schöne schwarze Perle, wir passen zusammen durch die Tür.“

Draußen wartete Loranthus und prustete bei Vivianes Anblick wieder los – er war bereits stark in Atemnot, schien sich allerdings keine Sorgen zu machen. Hanibu sah Viviane fragend an, doch er kam deren Antwort zuvor und quiekte: „Sie kann mit Pferden sprechen, das ist kurios, phänomenal, schier unglaublich!“ Krampfhaft versuchte er, mit dem Lachen aufzuhören und presste die Lippen zusammen. Dafür rollte er nun wie ein Irrer mit seinen fast schwarzen Augen.

Hanibu sah Viviane interessiert an. „Gibt es eigentlich etwas, was du nicht kannst?“

„Selbstverständlich. Ganz viel. Wahrsagen zum Beispiel, ist absolut nicht meine Stärke. Aber jetzt kommt, der Wirt wartet.“

„Da fällt mir ein – ich hätte eine Bitte“, druckste Loranthus herum. „Könnten wir ab sofort nur Griechisch reden?“

Viviane überlegte nicht lange. „Ist mir recht. So versteht Hanibu wenigstens, was wir drinnen bereden, und die anwesenden Händler verstehen es auch. Die dürften sowieso mit allen Wassern gewaschen sein.“

„Was hat das Waschen damit zu tun? Versteh ich nicht.“ Loranthus deutete zum Langhaus, vor dem ein Wasserstrahl aus einem hölzernen Rohr in eine darunter befindliche Steinrinne gen Fluss plätscherte, und runzelte die Stirn.

Viviane lachte. „‚Mit allen Wassern gewaschen‘ ist ein Sprichwort. Es bedeutet, dass man vieles weiß und kann. Ein Händler, zum Beispiel, sollte halbwegs Griechisch können, denn es gibt kaum einen Landstrich, wo nicht wenigstens einer ihn versteht. Griechisch ist immer noch eine Weltsprache, sogar bei den Römern.“

Loranthus war sprachlos vor Rührung. Viviane zwinkerte kurz zu Hanibu hinüber und machte eine einladende Geste. Dicht beieinanderstehend wuschen sie sich die Hände am Brunnen vor dem Haus und betraten den Gastraum. Die anderen Gäste – beide jung, einer blond, einer brünett – waren mit dem Hasenbraten beschäftigt, sahen jedoch bei ihrem Eintreten neugierig auf.

Viviane rief: „Einen guten Abend euch!“, und hängte ihren Mantel sowie den von Hanibu an die großen Holznägel neben der Tür. Loranthus sah ihr dabei zu und ihm fielen fast die Augen aus dem Kopf.

Viviane befürchtete einen neuen hysterischen Anfall – ob Heulen oder Lachen, völlig egal – und stemmte schon mal die Hände in die Hüften. Die Daumen klemmte sie unter ihrem Gürtel fest, damit sie nicht Loranthus samt seinem verdreckten Umhang an den Nagel hängte, und zwar bevor er sie hier vor aller Augen blamierte.

Was starrte er nun schon wieder? Ihre Torques hatte sie doch in ihrer größten Gürteltasche versteckt. Vielleicht wegen ihres Messers im Gürtel, obwohl sie das nur zum Essen benutzte. Natürlich konnte sie auch damit werfen und treffen, und wenn er das wüsste, würde der Angsthase wahrscheinlich im Zickzack hüpfen. Sein Blick huschte jetzt kreuz und quer über ihre Gestalt, als wäre er auf der Suche nach verborgenen Waffen, um sich für die richtige Tischseite zu entscheiden. Wenn sie die Doppelaxt noch auf ihrem Rücken hätte, würde er sich bestimmt nicht mal im selben Raum mit ihr aufhalten wollen. Vorsichtshalber hatte sie die Axt in einer Lasche im Inneren ihres Mantels stecken, sie amüsierte sich auch so schon prächtig über seinen wieder einmal offen stehenden Mund.

Allerdings lag sie mit ihrer Einschätzung völlig falsch, was die Blicke der anderen Männer im Raum bewiesen. Diese waren den Anblick von Essmessern durchaus gewöhnt, sie hatten selbst welche und trotzdem einen offenen Mund.

Viviane trug blaubeerfarbene Hosen, die sich eng an ihre langen Beine schmiegten, darüber ein hellgelbes Hemd. Rechts und links war es mit Blaubeerzweigen bestickt und ging ihr ein Stück über die Hüfte; obwohl einfach geschnitten, kam ihre schlanke Figur darin sehr gut zur Geltung.

Ihre schmale Taille wurde von einem interessanten Gürtel umwickelt – ja, umwickelt. Er bestand aus einer fingerdicken Lederschnur, die sie mindestens siebenmal um ihren Körper geschlungen hatte, was ein hübsch aufgeworfenes Muster ergab – und die Frage, ob dieses seltsame Utensil wohl auch anderen Zwecken diente. Im Moment war es jedenfalls ein breiter Ledergürtel, auf dem rundherum etliche Ledertäschchen aufgereiht waren, rechts hingen noch ein Messer und ein Trinkhorn daran, und in der Mitte glänzte ein kupferner Wolf als Gürtelschnalle. Wer Ahnung hatte, erkannte, dass es kein echtes Kupfer, sondern eine Kupferlegierung war, die eine sehr stabile Haken-Öse-Verbindung aus Eisen tarnte.

Da die Händler die Schnalle genauestens musterten, schob Viviane ihre Hände darüber und freute sich, weil nun Hanibu von oben bis unten beäugt wurde. Sie hatte ihr absichtlich Kleider gegeben, die zu ihrer dunklen Haut passten, und das verfehlte seine Wirkung nicht. Selbstverständlich brauchte sich Hanibu nicht vor begehrlichen Blicken fürchten, die womöglich zu schlechten Taten führten. Niemand würde ihr etwas antun. Zum einen lag das am Ehrgefühl hierzulande, zum anderen waren die Strafen enorm abschreckend und als Loranthus’ Sklavin war sie sowieso tabu. Aber sie sollte ruhig merken, welch erfreulichen Anblick sie bot. Das war gut für ihr Selbstwertgefühl.

„Kommt, Fremde! Setzt euch zu uns an den Tisch!“, rief der blonde Händler auf Griechisch und winkte Loranthus. Er dachte wohl, dieser sei der Anführer des Trios, doch weit gefehlt.

Wie gebannt trottete Loranthus hinter Viviane her und dachte die ganze Zeit an den geschmeidigen Gang eines Rehs – er hatte kürzlich eines beobachtet. Erst, als sich Viviane für die Einladung bedankte und Hanibu auf die Sitzbank drückte, war sein Eindruck einer Begegnung im Wald vorbei; und sobald der Wirt schwungvoll gemusterte Tonteller mit frischem Brot und Hasenfleisch auftischte, wusste Loranthus wieder, wo er war.

„Guter Mann!“, jauchzte er. „Ich bezahle morgen die komplette Zeche, aber heute möchte ich den saftigsten Wein! Beim Dionysos, ich meinte, den besten Wein, den es hier gibt!“

Kaum hatte der Wirt genickt, mutierte Loranthus zum reißenden Löwen und fiel über den Hasen her. Viviane warf ihm einen pikierten Blick zu, bestellte zweimal kräftigen Sud aus Hagebutten und bedeutete Hanibu mittels dezenter Geste, nun sollten auch sie essen. Höchst zivilisiert griff sie ihr Messer, löste einen Brocken Fleisch vom Knochen und reichte das Messer an Hanibu weiter, die in ähnlicher Manier damit hantierte und es dankend zurückgab.

Bevor sich Hanibu dem äußerst zarten Fleisch widmete, tupfte sie mit ihrem Brot ein wenig Bratensoße vom Teller und kaute das saftig-warme Stück mit sichtlichem Genuss. Rasch, aber geziert leckte sie sich die Finger ab und der braunhaarige Händler, der ihr dabei zusah, wurde schlagartig rot, was ihm sehr gut zu Gesicht stand.

Loranthus schien sich für nichts anderes zu interessieren, als das, was zwischen seinen Fingern klemmte. In rasantem Tempo nagte er seinen Hasenschenkel ab, bis nur noch ein sauberer Knochen übrig blieb, und schaute sogar unter dem Brot nach, ob er etwas übersehen haben könnte, bevor er sich damit die Finger und den Bratensaft abtupfte. Seufzend vor Wonne verschlang er auch den letzten nassen Krümel.

Nachdem die Teller abgeräumt waren, verteilte der Wirt die gewünschten Getränke und setzte sich zu ihnen an den Tisch. Seine Frau brachte getrocknete Apfelringe und gesellte sich dazu.

Der blonde Händler, der sie eingeladen hatte, stellte seinen Nebenmann und sich auf Griechisch vor: „Das ist Markus. Er handelt mit Wein aus Mediolanum. Ich bin Angus. Ich pendle immer zwischen Bikurgion und der Küste am Nordmeer.“

Viviane übernahm die Vorstellung ihrer Gruppe, ebenfalls auf Griechisch. Aus Hanibu machte sie eine Nachfahrin der schönen und geheimnisvollen Königin von Saba aus Äthiopien, Loranthus pries sie als Spross einer uralten und hoch angesehenen Händlerdynastie aus Kreta an. Beiden schien ihre Wortwahl sehr zu gefallen, sie wuchsen auf der Sitzbank regelrecht in die Höhe.

Die jungen Händler waren schwer beeindruckt. Markus ging hinter seinem Becher Wein regelrecht in Deckung und seine dunklen Augen schauten verlegen drein. Angus hingegen nickte anerkennend. Forsch strich er sich die blonden Locken aus der Stirn und seine blauen Augen strahlten wie ein wolkenloser Himmel im Sommer. Seine Sitzhaltung, sein schalkhaftes Lächeln … alles an ihm strotzte vor Selbstsicherheit und Kraft, was Viviane vage bekannt vorkam.

„Kommst du auch in das Dorf an der Wesermündung?“, fragte sie und setzte noch hinzu:

„Ihr sagt Wisora zu dem Fluss.“

„Ja, natürlich, das ist meine Heimat.“

„Sehr gut. Dann kennst du wohl auch Finn?!“

Angus’ Augen leuchteten auf. „Das ist mein älterer Bruder! Ich habe seinen Handel übernommen, seit er geheiratet hat und sich als Bauer betätigt. Woher kennst du ihn?“

„Ich bin die Freundin seines Weibes.“

„Oh, die Viviane! Ich habe schon viel von dir gehört. Umia unterhält uns oft mit Geschichten aus eurer Kinderzeit.“ Verschmitzt lächelnd pfiff er durch die Zähne.

Viviane schnaubte. „Da habt ihr ja öfter was zu lachen.“

Angus zog gemächlich einen Apfelring in die Länge und grinste sie frech an. „Ja, dessen kannst du dir sicher sein. Hoffentlich finde ich auch mal so ein gutes Weib wie mein Bruder.“ Sein schelmisches Zwinkern konnte nur eines bedeuten. Viviane schaute demonstrativ woandershin.

„Was gibt es Neues“, stellte der Wirt die obligatorische Frage, und sie war froh über den Themenwechsel.

„Gute Frage“, nuschelte Angus, dem gerade nichts mehr einfiel, außer sich den Mund vollzustopfen.

Loranthus sah rundum, niemand sonst schien etwas Neues zu wissen, aber sollte er gerade diesen Fremden vom Überfall berichten? Viviane nickte aufmunternd. Also holte er tief Luft und fing an zu erzählen. Selbstverständlich rückte er sich dabei – ohne rot zu werden – in ein günstiges Licht und prahlte regelrecht mit seiner verlorenen Schlammschlacht.

Die Reaktionen seiner Zuhörer waren ganz unterschiedlich: Der Wirt betastete nachdenklich seinen Gürtel, seine Frau schmiegte sich an ihn und sah zu ihm auf; bei ihm war sie sicher, sagte ihr Blick. Und das war offensichtlich. Wer diesen Bären von Mann überfallen wollte, musste geistig nicht ganz auf der Höhe sein.

Der vorsichtige Markus kauerte sich noch tiefer hinter seinem Weinbecher zusammen und beäugte dermaßen argwöhnisch die Tür, als würden die Räuber gleich noch zum Essen vorbeikommen. Was hätten sie ihnen anbieten sollen? Abgenagte Knochen? Abgenagte Fingernägel? Der pfiffige Angus legte ihm beruhigend die Hand auf den Arm, damit es gar nicht erst zu Letzterem kam.

„Wenn du um deine Weinfässer fürchtest, Markus, mein Freund, kann ich dich beruhigen. Ich bin mir ziemlich sicher, diese Männer wollten keine Händler überfallen, dann müssten sie nämlich mit Strafen bis hin zum Tode rechnen. Und wer würde es darauf schon ankommen lassen? Die Hermunduren sind nicht zimperlich, wenn es um die Einhaltung ihrer Gesetze geht.“

„Aber Loranthus ist doch ein Händler“, erinnerte Markus ihn und seine Finger wanderten langsam zum Munde.

„Mag sein, aber wenn er mit einer noblen Reisekutsche unterwegs war, hätte man das auf den ersten Blick nicht erkennen können. Also hatte der Überfall auf ihn vielleicht einen ganz anderen Grund. Vielleicht waren sie wirklich nur an der Kutsche interessiert. Oder sie wollten eine falsche Spur legen. Eine andere Aktion vertuschen, verstehst du?“

„Wenn ihr wollt, können wir unser Gespräch im Schwitzbad fortführen. Ich habe es vorhin angeheizt“, schlug die Wirtin vor.

„Wunderbar, da bekomme ich immer die besten Einfälle. Sicher reinigt der Dampf nicht nur den Körper, sondern auch den Geist.“ Mit diesen Worten schwang sich Angus von der Holzbank und eilte zielstrebig zur Hintertür.

Loranthus musterte das Relief auf seinem Tonbecher, betastete jede der sanft hervortretenden Weintrauben einzeln, trank sehr langsam einen winzigen Schluck und schmatzte genüsslich.

„Einen besseren Wein findet man selten“, verkündete er mit Überzeugung und begann das Spiel erneut.

Der Wirt strahlte vor Freude über das Lob. „Der ist von unserem Markus hier“, sagte er und tätschelte dessen Rücken.

Markus machte eine ungewollte Verbeugung.

„Aha!“ Loranthus schaute tief in seinen Becher. „Ich muss zugeben, auch die Römer machen süffigen Wein.“

Markus versuchte, ein Lächeln in sein beleidigtes Mienenspiel zu bringen, und grummelte: „Ich freue mich, wenn das ein Kenner sagt.“ Abrupt stemmte er sich von der Bank hoch, marschierte Richtung Hintertür und nuschelte in seinen nicht vorhandenen Bart: „Auch wir waren einmal frei. Freie Insubrer. Und das ist noch gar nicht so lange her.“

Viviane legte den Kopf schief und überlegte, ob zweihundertachtzig Jahre lang waren oder nicht, bis ihr Blick auf Loranthus fiel. Dieser betastete schon wieder das Relief an seinem Becher. Er trank nicht mehr, er nuckelte. Anscheinend wollte er sich vor dem Schwitzbad drücken. Auf seiner Stirn stand geschrieben, dass er den Wirt gleich um ein ganzes Fass Wein bitten würde, natürlich zum Nuckeln, nicht zum Baden.

„Tragen die griechischen Weiber eigentlich ein großes Tuch um den Körper, wenn sie ins Bad gehen?“, fragte Viviane, bevor er den Mund aufmachen konnte.

Verdutzt zog Loranthus die Augenbrauen hoch.

„Oh, ich … ich weiß nicht, wie das bei denen gemacht wird.“

„Also sind bei euch die Weiber und Männer auch getrennt“, stellte Viviane fest und wandte sich mit Hanibu zum Gehen.

Sichtlich erleichtert kam Loranthus nun doch nach.

Das Schwitzbad war nicht groß, aber sehr sauber mit glatt geputzten Lehmwänden und Bänken aus bestem Tannenholz. Ihre Kleider legten sie in den getrennten Vorräumen ab, nahmen sich ein kleines Leintuch und huschten durch die nächste Tür. Lange Zeit genossen sie die wohlige Wärme, ohne zu reden.

Irgendwann wandte sich Angus an Loranthus und sagte lauter, damit auch die Frauen nebenan gut hören konnten: „Du hast einen Statthalter erwähnt. Nun, davon hat jede römische Provinz bloß einen und höchstwahrscheinlich ist der Statthalter von Gallia Belgica gemeint. Diese Provinz liegt uns am nächsten, beginnt gleich hinter dem Rhenus – oder Rhein, wie mancher auch sagt. Von dort bis hierher sind es dennoch etliche Tagesreisen. Also, warum sollten diese Männer derart tief in fremde Gebiete eindringen und sich wahrscheinlich tagelang versteckt halten, nur um eine Kutsche zu erbeuten? Das ist für mich die entscheidende Frage.“

„Mein Reisewagen ist für sich allein schon besonders wertvoll, ein Meisterwerk. Ich habe ihn in Antibes für viel pures Gold erstanden. Und wenn ich an meine Waren denke! Meine Kleider! Selbst die Mäntel waren aus feinstem Gewebe, die Fibeln aus Gold!“

Auf ihrer Seite der Wand spitzte Viviane die Ohren. Der Verlust seiner Habseligkeiten schmerzte Loranthus sehr, das konnte man deutlich hören. Doch Angus fragte ohne eine Spur von Mitleid: „Fibeln aus purem Gold? Das kaufe ich dir nicht ab. Das ist viel zu weich. Du kannst zwar dein feinstes Gewebe damit durchstechen, aber nach ein paarmal Einklemmen hätte sich die Nadel verbogen. Egal, lassen wir das. Mich interessiert mehr, wie deine Tour von Antibes bis hierher war.“

„Oh, die war einfach. Die Pisten waren allesamt breit und gut geschottert, wir haben uns Händlern angeschlossen und stets bei Freunden meines Vaters übernachtet. Bei den Treverern sind wir gleich mehrere Tage in Confluentes geblieben, bei Kalarix, auch ein Freund meines Vaters. Ich sollte unbedingt noch an einem Festessen teilnehmen und von meiner Reise berichten.“

„Das hört sich wirklich einfach an.“ Angus nickte zufrieden und schien zu überlegen.

„Ich war noch nie hinter dem Rhenus, vielleicht sollte ich es doch mal wagen. Diese Freunde deines Vaters, was sind das für Leute?“

„Händler wie er. Mein Vater kennt viele Händler in etlichen Ländern. Er ist seit langer Zeit im Geschäft, das er von seinem Vater übernommen hat und der wiederum von seinem, und so weiter.“

„Dann bist du also sein Nachfolger?“

„Noch nicht. Erst wenn ich von dieser Reise zurückkehre, werde ich das Handelskontor meines Vaters übernehmen und er darf so lange auf allen Meeren herumschippern, bis er nicht mehr die Segel setzen kann.“

„Ein echter Seemann, dein Vater, meine Hochachtung. Und du scheinst klug kalkulieren zu können, mein Freund, sehr löblich. Dein Vater setzt offenbar großes Vertrauen in dich. Um das Geschäft weiter auszubauen, sollst du wohl neue Kontakte mit der rechten Seite vom Rhenus knüpfen?“

„Handelsbeziehungen mit dieser Seite vom Rhenus schaffen …“ Loranthus dachte über die Frage etwas länger nach. „Nun, Angus, mein Freund, das wäre ein nützlicher Nebeneffekt. Meine Reise war jedoch ursprünglich dazu gedacht, die Keltoi kennenzulernen. Ich meine, speziell das Leben der Hermunduren“, fügte er rasch an und schielte Richtung Trennwand, hinter der er Vivianes Ohr vermutete. Wenigstens konnte er ‚Keltoi‘ denken, so viel er wollte. Es war eben einfacher, sie alle über einen Kamm zu scheren – er kämmte sich ja auch nicht jedes Haar einzeln; die unzähligen Stämme, Unterstämme, Clans und Sippschaften gehörten doch sowieso alle irgendwie zusammen. „Ihre Sitten und Gebräuche, ihre Technik, ihre Künste, ihr astronomisches Wissen … das scheint für meinen Vater sehr wichtig zu sein. Er sagt immer, sie verdienten es, als die ‚Großtuenden‘ bezeichnet zu werden, im Sinne von ‚herausragend‘, ‚hochgewachsen‘ oder ‚groß geraten‘, aber auch in anderer Hinsicht. Gemeinhin ist dieser Menschenschlag nun mal größer als andere, größer als wir Südländer zum Beispiel, aber sie dürfen sich auf das, was sie können, tatsächlich etwas einbilden – egal ob Druide, Krieger, Handwerker, Bauer; oder Händler oder Gastwirt, das will schließlich auch gelernt sein.“

Loranthus freute sich über das eifrige Nicken der Männer rundum und fuhr ermutigt fort: „Links vom Rhenus sind die Menschen bereits viel zu stark romanisiert. Obwohl ich der Meinung bin, die römische Ordnung tut den Provinzen und ihren Bewohnern nur gut. Die Clans bekämpfen sich nicht mehr untereinander und so kann im ganzen Land endlich der Wohlstand gedeihen. Überall entstehen Villen, Theater, Foren, Grünanlagen, Bäder, befahrbare Straßen … Die Römer sind ein emsiges, friedliebendes Volk mit Sinn für Kunst und Kultur, sehr zivilisiert. Das haben sie von uns Griechen gelernt.“

Bevor Loranthus den Raum wieder nach Zustimmung absuchen konnte, kam von der anderen Seite der Wand ein lautes Schnauben.

„Emsig! Friedliebend! Ha! Du glaubst tatsächlich, ein Römer trüge auch nur einen einzigen Stein für diese hochgepriesenen Anlagen?! Die sind höchstens die Aufseher! Und die Bauern müssen jetzt nicht nur ihren Königen Abgaben leisten, sondern auch noch den neuen Herren! Natürlich stecken die Könige mit den Römern unter einer Decke, sie büßen ihre Stellung ja nicht ein, solange sie kuschen. Ist ja auch logisch! Wenn die Römer dein Land unterwerfen wollen und du nicht stark genug bist, hast du genau zwei Möglichkeiten. Erstens: Kämpfen und verlieren. Dann siedelt sich ein romtreuer Stamm in deiner Heimat an und leistet Abgaben, während du abtransportiert wirst, um dein weiteres Leben als Sklave zu fristen, falls du noch ein Leben hast und wenn dich überhaupt jemand als Sklave haben will, ansonsten sieht es ganz schlecht aus. Die zweite Option ist, sich freiwillig zu unterwerfen, vollzählig zu bleiben und selbst Abgaben zu leisten, was ich persönlich vorziehen würde, man weiß ja nie, was das Leben noch bringt. So oder so sind die Römer Herrscher über dein Land. Und wenn du dich nicht gegen sie auflehnst, bleibst du höchstwahrscheinlich am Leben, schließlich sollst du ja Abgaben leisten. Solltest du allerdings auf den schwachsinnigen Gedanken kommen, aufzubegehren, darfst du dann eben Sklavendienste leisten oder vielleicht darfst du auch die Löwen in den Arenen füttern.“

Wütend schlug Viviane mit der Faust gegen die Trennwand und grollte: „Was nützt also dem halb verhungerten Bauern das größte Bad aus Marmor mit beheiztem Fußboden, wenn er nicht weiß, wie er seine Abgaben leisten soll und er seine Kinder an die Römer verkaufen muss, nur damit er irgendwann allein auf dem Feld steht und schuftet, bis er tot umfällt? Und seit wann sind die Römer friedliebend?! Das schaffen die ja nicht mal untereinander! Die ermorden ihre Kaiser, wenn der nächste an die Macht will. Die verurteilen ihre fähigsten Krieger als Verräter, weil sie Angst vor deren Führungsqualitäten haben! Die fürchten sich vor ihren eigenen Legionen und deren Heerführern, weil sie eine unglaubliche, unglaubliche Macht haben! In Windeseile können die ihr eigenes Land erobern, und das wissen die schlauen Senatoren sehr wohl!“

Viviane schlug wieder die Faust gegen die Trennwand und brüllte fast: „Sage mir, oh weit gereister Spross einer uralten Händlerdynastie! Wie viele Länder haben sich die Römer in den letzten zweihundert Jahren einverleibt? Und wie viele Unmengen an Gold und sonstigen Abgaben pressen sie aus denen heraus? Kein Römer muss mehr Steuern zahlen! Sie müssen kein Korn mehr anbauen, kein Tuch mehr weben, kein Eisen mehr schmieden, keine Edelsteine mehr brechen! Sogar das Wissen wird geliefert!“

Wieder donnerte Viviane ihre Faust gegen die Wand.

„Du, Grieche, musst es doch am besten wissen! Ein Land, in dem es für die Römer was zu holen gibt, wird bald kein freies Land mehr sein. Sie selbst müssen bloß ihre Plebejer unter der Fuchtel halten, damit die genug Kinder bekommen, damit das Heer immer weiter siegen kann. Das ist schlau durchdacht und funktioniert bestens. Denn wenn sie eines perfekt beherrschen, dann ist es die Kunst des Krieges. Kein Wunder, bei so viel Erfahrung und Tradition!“

Viviane wollte noch einmal gegen die Wand schlagen, hielt jedoch inne.

„Ach, und bezüglich Erfahrung: Was meinst du wohl, wie die Römertruppen so schnell von einem Ort zum anderen kommen, um ihr sogenanntes Gallien in Windeseile zu erobern?! Die Straßen waren vorher schon da! Sie haben höchstens welche aufgestockt und breiter gemacht, damit sie noch schneller und trockenen Fußes zur nächsten Unterwerfung kommen. Das ich nicht lache, ha! Deine Bäder und Theater sind Volksverdummung! Nein, das muss ich revidieren, von Kunst und Kultur wird man nicht dumm, im Gegenteil, und ein gepflegtes Bad hat auch noch nie geschadet. Aber was ist mit unserer Kultur, mit unseren Sitten und Gebräuchen? Heilige Hallstätten, heilige Bäume … alles wird geplündert und geschändet, wenn es ihnen zugutekommt. Sie rauben unsere Königsgrabhügel aus für Gold. Sie vernichten unsere Wälder, denn darin könnte sich ein ganzer Stamm Belger oder Treverer oder Noriker oder gar die gesamte Konföderation Helvetia verstecken. Römer lieben Grünanlagen? Ja, selbstverständlich! Die sind ja so viel übersichtlicher als ein Wald, wo man vor lauter Bäumen die Feinde nicht sieht! Es sei denn, die Bäume fallen um, die Feinde stehen da, mit der Axt in der Hand, und die Römer sind platt.“

Nun donnerte Viviane doch noch einmal ihre Faust gegen die Wand und zischte: „Wenn du ein guter Beobachter sein willst, du kretischer H…ändler, musst du weiter sehen als bis zum nächsten Futtertrog!“

Angus pfiff durch die Zähne. Wann hatte Viviane Luft geholt?

„Bei meiner Mutter!“ Loranthus rieb sich den Schweiß aus den Augen. „Jetzt hast du mir aber ordentlich den Kopf gewaschen. Von deiner Warte aus betrachtet, scheine ich eine ganze Menge übersehen zu haben. Du musst wissen, Viviane, meinem Vater war es sehr wichtig, dass ich meine erste Allein-Reise hierher unternehme. Und wenn er wüsste, wie viel Glück ich im Unglück habe …“ Von plötzlichem Heimweh gepackt, wandte er sich um. „Markus, kommst du an einem Hafen vorbei, wo Schiffe nach Kreta auslaufen?“

„An der Mündung des Po fahren ständig Schiffe nach Kreta.“

„Würdest du dort bitte einen Brief für meinen Vater aufgeben. Ich werde dich gut bezahlen und der Seefahrer bekommt von meinem Vater Gold, solides Gold, wenn er den Brief überbringt.“

„Es wird mir eine Ehre sein. Ich bleibe noch bis Beltane hier, um meine Waren für die Heimreise zu erwerben. Mit etwas Glück hat er den Brief bereits in einem Mond und ich könnte dir sogar seine Antwort übermitteln. Ich bin nämlich zu Lugnasad wieder im Lande. Soll ich dir gleich noch ein Fässchen Wein mitbringen?“

„Wein? Das wird ja immer besser! Jetzt bräuchte ich bloß noch etwas zum Schreiben.

Habt ihr etwas Vergleichbares?“

„Vergleichbares?“ Der Wirt gähnte herzhaft. „Für wie dumm hältst du uns? Meinst wohl, wir hätten noch nie was vom Schreiben gehört, nur weil wir nicht das teure Papyrus von Übersee kaufen. Wenn ihr morgen frühstückt, werden sämtliche Schreibutensilien bereitliegen. Danach könnt ihr mit meinem Neffen und seinem Stiefvater über die Werra setzen. Der Junge hat übrigens auch die Hasen gefangen. Er ist sehr geschickt im Schlingen legen, stimmt’s, mein Weib?“

„Oh, ja, das stimmt, mein Bester, und da wir gerade von unsrer Werra reden …“ Auf der anderen Seite machte die Wirtin die Tür des Schwitzbades auf und führte ihre weiblichen Gäste zum Fluss. Die Männer konnten hören, wie sie sich im Wasser abkühlten und mit Seife wuschen. Ja, von ihrer Badestelle aus konnten sie etwas später sogar hören, wie Viviane Hanibu das Zähneputzen mittels Wolllappen erklärte. Was sie nicht hörten, war die leise Frage von Viviane an die Wirtin.

„Warum bist du traurig? Als dein Mann deinen Neffen erwähnt hat, standen Tränen in deinen Augen und du hast kaum einen Ton herausgebracht.“

„Du bist eine gute Beobachterin.“ Verlegen senkte die Wirtin ihre grauen Augen und holte tief Luft. „Der Mann meiner Schwester lag eines Morgens tot im Bett. Stell dir vor, er war erst fünfundzwanzig Jahre alt und strotzte vor Kraft, ist einfach im Schlaf gestorben. Mein Neffe war damals sieben. Meine Schwester wollte lange keinen neuen Mann und führte den Fährbetrieb ganz allein; ein hartes Geschäft für ein zierliches Weib.

Die ganze Zeit über wurde sie heftig von einem unserer Krieger umworben, bis sie schließlich heirateten. Von da an führte er die Fähre. Das ging eine Weile gut, bis er anfing, den Met wie Wasser zu trinken. Er wurde immer jähzorniger. Daran hat sich nichts geändert, solang sie auch hoffte. Im Gegenteil, es wird immer schlimmer. Das kleinste Missgeschick meines Neffen bringt ihn in Rage. Er drückt ihn gegen die Wand, brüllt, schlägt oder tritt ihn und wenn meine Schwester dazwischengeht, bekommt eben sie die Wut ab. So verlor sie ihr ungeborenes Kind. Letztens ging es besonders brutal zu und sie hat ihm rundheraus mit Scheidung gedroht. Da ist er mit dem Schwert auf die beiden losgegangen, ich habe sie bis hier herüber schreien hören. Ich glaube, dieser Unhold hat sich nur beherrscht, bis das Probejahr vorbei war. Jetzt kann sie ihn nicht mehr verlassen, es sei denn, sie nennt einen guten Grund. Aber vorher schlägt er sie tot.“

Viviane schürzte die Lippen.

„Er hat zwar die Macht dazu, aber welcher Mann tut das seinem Weib an? Er müsste sich vor dem hohen Gericht rechtfertigen und ein Freispruch wäre ihm nicht gewiss.“ Sie legte den Kopf schief. „Welch eine Misere. Deine Schwester und dein Neffe sind in großer Gefahr. Einem jähzornigen Krieger sind beide nicht gewachsen und wenn man ihnen helfen würde, könnte die Lage durchaus eskalieren.“

„Du sagst es“, flüsterte die Wirtin. „Einmal hat sich mein Mann eingemischt, das war ein schwerer Fehler. Ihm selbst ist nichts passiert, mein Schwager käme auch nicht gegen ihn an, schon gar nicht im Schwertkampf; aber meine Schwester hat seitdem noch mehr zu leiden und mein Neffe erst recht. Darum wissen wir nicht …“ Resigniert hob sie die Hände. „Wir fühlen uns so machtlos.“

„Verstehe. Wenn sich dein Mann noch mal einmischen würde, gäbe es womöglich Mord und Totschlag; am Ende stünde er selbst vor Gericht und würde mit seinem eigenen Leben büßen. Das wäre fatal, ein Desaster sondergleichen. Alles hätte ein Ende, wenn deine Schwester die Scheidung beim Druiden beantragen könnte. Dann wäre sie zu Lugnasad frei und bräuchte nicht mehr in Angst und Schrecken leben.“ Viviane starrte nachdenklich über den Fluss. „Will sie sich denn überhaupt scheiden lassen? Ich meine, du hast gesagt, sie habe ihm damit gedroht, aber will sie es wirklich? Ist sie davon überzeugt, sich von diesem Mann zu trennen?“

„Oh ja, glaube mir, sie ist davon überzeugt. Sie hält es sogar für überlebenswichtig.“ Die Wirtin seufzte und blickte ebenfalls über den Fluss, zu einem kleinen Grubenhaus, vor dem ein Junge die Hühner fütterte.

„Mir tut es leid um ihn. Er gibt sich solche Mühe, dem Raufbold alles recht zu machen, und manchmal ist der auch recht freundlich zu ihm. Dann genügt wieder eine Kleinigkeit und der gute Teil von ihm macht dem bösen Platz. Ich würde alles tun, um so ein liebes Kind zu bekommen. Es würde ihm bei uns gut gehen. Diesen Vorschlag kann ich meiner Schwester natürlich nicht unterbreiten.“

Viviane legte der Wirtin mitfühlend die Hand auf die Schulter. Sie war nicht mehr ganz jung, aber längst nicht zu alt zum Gebären. „Habt ihr denn schon alles versucht?“

„Oh, ja.“ Die Wirtin nickte traurig. „Als wir sicher waren, es würde nicht von selbst, pilgerten wir manchmal zu unserem heiligen Birkenhain. Besonders um Beltane herum soll es Paaren Glück bringen, sich dort auf dem Opferstein zu vereinen. Fünf Jahre lang haben wir das nun schon gemacht, aber es hat nichts gebracht.“

Viviane wiegte den Kopf. „Was man ganz sicher auf dem Stein bekommt, ist abgeschmirgelte Haut, wenn man nicht gerade auf einem dicken Bärenfell liegt.“

Die Wirtin gluckste.

Viviane wackelte mit den Augenbrauen. „Ich kann dir nichts versprechen, allerdings wäre es einen Versuch wert“, überlegte sie und sah lange auf die riesige Hagebuttenhecke.

Die Wirtin nahm flehend ihre Hände. „Ich würde alles tun, um ein Kind zu bekommen.“ „Fürs Erste reicht es, wenn du die Blüten der Hagebutten sammelst, sobald die Zeit gekommen ist. Bereite einen Sud daraus und trinke drei Becher über den Tag verteilt, solange der Vorrat reicht. Lass aber noch ein paar Blüten an den Sträuchern, ihr wollt doch bestimmt noch Marmelade haben.“ Sie leckte sich genüsslich die Lippen und tätschelte ihren Bauch.

Strahlend vor neuer Hoffnung begleitete die Wirtin Viviane und Hanibu zum Grubenhaus.

Als Loranthus eintrat, lagen die Frauen bereits im großen Bett rechts von der Tür und hatten einen kunterbunt karierten Vorhang vorgezogen, der mittels Holzstange von einer Wand zur anderen ging. Gleichmäßiges Atmen war dahinter zu hören, darum ließ er sich leise ins Bett auf der linken Seite fallen, nahm einen betörenden Rosenduft wahr und schlief auf der Stelle ein.

Langsame und schnelle Gegner

Warme Sonnenstrahlen streichelten Hanibus Gesicht und zauberten ein zufriedenes Lächeln darauf.

Viviane musste unwillkürlich selbst lächeln. Sie lag schon eine geraume Zeit wach und bewunderte Hanibus ebenmäßige Züge, die hohen Wangenknochen, die kleine Stupsnase … die dunkelbraune Haut bekam durch die Sonne einen wunderbaren Schimmer, fast wie Perlmutt.

„Ich habe gerade von meinen zwei großen Brüdern geträumt“, seufzte Hanibu und gähnte ausgiebig. „Als Kinder haben wir oft Karthager gegen Römer gespielt. Ich war immer der Römer und wurde gefesselt. Was habe ich mich geärgert! Doch als ich älter war, habe ich mich aus den Stricken befreien können. Sie mussten mich jedes Mal einfangen.

Ich bin ein guter Läufer.“ Hanibu feixte und schaute durch das offene Fenster in die Sonne. Abrupt wurde ihre Miene traurig, sie presste die Lippen aufeinander.

Viviane dachte an ihre Brüder. Diese wilde Horde niemals wiederzusehen … Sie drückte Hanibu fest an sich und trällerte forsch: „Wer weiß schon, was die Zeit noch bringt! Eines Tages siehst du sie wieder und bis dahin, schicke ihnen deine Grüße mit Sonne, Mond und Sternen oder mit dem Wind! So, und jetzt fort mit allem, was drückt! Auf zum Abort!“

Nahe am Fluss zu leben, war ungemein praktisch. Man musste bloß einen Kanal aus Ton bauen, schon konnte man das Wasser umleiten, um seine Notdurft zu verrichten und sauber abzuleiten. Wer auch immer diese geniale Idee gehabt hatte – Viviane bedankte sich aufrichtig bei ihm; bei dem, der das Holzhäuschen darüber gesetzt hatte natürlich auch.

Es gab sogar zwei bequeme Holzsitze, so konnte man ein wenig plaudern.

Am Fluss hängten sie ihre Kleidung an eine sehr praktisch stehende Weide. Dann wuschen sie sich mit der Rosenseife von gestern, nur nicht so ausgiebig, und Hanibu lernte unter großen Mühen das Wort ‚Katzenwäsche‘. Nachsprechen konnte sie es schnell, es zu begreifen fiel ihr allerdings schwer, bis sie zufällig eine Katze entdeckte, die sich putzte. Kichernd trockneten sie sich mit den feinen Leintüchern ab.

Danach kämmte sich Viviane mit einem schön geschnitzten Holzkamm und zog exakt sechs Haare aus ihren üppigen Wellen. Nachdenklich betrachtete sie die spärliche Ausbeute.

Was war bloß mit ihr los? Wenn das so weiter ging, müsste sie für die Zahnpflege bald auf dünne Fäden zurückgreifen wie alle anderen, deren Haare dafür zu kurz oder zu schwach waren, oder sie müsste Haselnussgerten zurechtschneiden, um sich zwischen den Zähnen zu bohren.

Viviane zuckte mit den Schultern. Die Haare im Kamm waren zwar rar, aber dafür lang und kräftig. Sie gab Hanibu die Hälfte ab und zeigte ihr noch einmal, wie man sie zwirbeln musste, um ein prima Zahnseil zu erhalten. Hanibu hatte bereits am gestrigen Abend aufgepasst und zwirbelte geschickt drauflos; sie wusste auch noch, wie sie mithilfe eines winzigen Wolllappens die Zähne polieren sollte. Viviane hatte sogar einen neuen Putzlappen für Hanibu übrig und erklärte leichthin, solcher Kleinkram gehörte zur Grundausstattung eines jeden reisenden Hermunduren. Alte Lappen wurden stets ordentlich gewaschen und getrocknet, bevor sie wieder in die Gürteltasche für Waschzeug durften. Mundhygiene war sehr wichtig. Schlechter Atem war sogar ein Scheidungsgrund.

Hanibu wollte das kaum glauben, doch Viviane meinte es vollkommen ernst und beim Wetzen ihrer hintersten Backenzähne fiel ihr ein, dass sie es gestern Abend schlichtweg vergessen hatte – nicht das Zähneputzen, oh nein, das vergaß sie nie; den ultimativen Scheidungsgrund hatte sie außer Acht gelassen. Das musste sie schleunigst nachholen.

Viviane knickte einen Schilfhalm ab, schob mit dessen Hilfe den dichten Schilfbewuchs auseinander und spähte über den Fluss zu dem kleinen Häuschen. Hanibu begann, ihre Zähne ein zweites Mal zu polieren; sie wetzte, bis es quietschte, und schaute mit durch die Lücke.

Gleich neben dem Häuschen legte gerade die Fähre ab, voller Bauern, die wohl auf dieser Seite des Flusses die Felder bestellen wollten. Es war faszinierend, wie ein so breites und flaches Boot schwer beladen und trotzdem sicher über das Wasser gleiten konnte, wie es ihrer Badestelle immer näher kam. Zum Glück konnte von der Fähre aus niemand sehen, wie sie hier im Wasser standen, die eine mit nachdenklich geschürzten Lippen, die andere mit einem Lappen im aufgesperrten Rachen – ein dichter Schilfgürtel war eben ein prima Sichtschutz.

Abrupt wurde ihre Aufmerksamkeit zur Landseite gelenkt. Viviane und Hanibu rissen die Köpfe samt Putzlappen herum.

Loranthus und Angus steuerten gut gelaunt die Badestelle für Männer an, man hörte sie schon von Weitem.

Ohne lange nachzudenken, gab Viviane ihren Spähposten ‚Fähre‘ auf, bog ein Stück weiter die nächsten Halme auseinander und winkte Hanibu zu sich. Kopf an Kopf lugten sie durch den Spalt. Sie staunten beide nicht schlecht.

Gemächlich schlenderte Loranthus über die Wiese, die Daumen eingehakt in einem Ledergürtel, auf dessen Gürtelschnalle ein Stier eingraviert war; selbst auf den Gürteltaschen rechts und links war dieser Stier zu sehen, hier jedoch ins Leder gepunzt. Dazu trug er ein hellbraunes Hemd, eine gelb-grün karierte Hose und kniehohe Stulpenstiefel aus weichem Leder. Die Kleidung musste von Angus sein, denn er hatte eine ähnliche Statur, wenngleich er auch viel muskulöser war. Loranthus wusste wahrscheinlich gar nicht, wo sich seine Muskeln versteckten, trotzdem konnte er jetzt als Einheimischer durchgehen – falls er seinen Mund hielt. Eine Gans, die zu schnattern aufhörte, war allerdings wahrscheinlicher.

Viviane und Hanibu kicherten, denn gerade in diesem Moment hörte eine Gans mit dem Schnattern auf. Mit weit ausgebreiteten Flügeln zischte sie aus dem Uferschilf heraus, sie war eindeutig im Angriffsmodus. Loranthus hüpfte ängstlich hinter Angus, der kramte hastig in einer Gürteltasche und warf ein paar Brotkrümel. Besänftigt ließ sich die Gans wieder auf ihrem Nest nieder und Angus bedeutete seinem Hintermann, er habe nun kein Brot mehr, um ihn noch einmal zu retten. Loranthus sah jedoch kaum hin, er hielt die Nase in den Wind und schnupperte, dann komplimentierte er Angus ziemlich hastig im großen Bogen um den Brutplatz herum zur Badestelle der Männer.

Viviane und Hanibu wussten genau, warum er es mit dem Waschen plötzlich so eilig hatte. Vom Gasthaus wehte ein herrlicher Duft nach geröstetem Brot herüber. Verschmitzt grinsten sie sich an: Wie gut, dass sie längst sauber waren und ihre Kleidung griffbereit.

Genüsslich strichen sie Butter auf ihre warmen Brotscheiben und sahen zu, wie diese einsickerte, bevor sie Hagebuttenmarmelade daraufgaben und hineinbissen. Sie schafften es sogar noch, eine Schale Haferbrei mit getrockneten Apfelstücken und einen Becher Ziegenmilch zu leeren, bevor Loranthus ins Gasthaus stürmte, dicht gefolgt von Angus und Markus.

Wider Erwarten fiel Loranthus nicht sofort über das Essen her, sondern bedankte sich bei Markus und hängte einen dicken braunen Mantel an der Kapuze auf. Danach beäugte er die Getränke: Ziegenmilch in einem Holzkrug und frisch gerösteter Eichelsud in einer schwarzen Karaffe. Diese war mit einem tiefgehenden Relief aus Spiralen und einem Deckel aus Silber versehen, auf dem wiederum die Figur eines aufsteigenden Adlers, ebenfalls aus Silber, prangte.

„Das ist ja ein Meisterstück von einer Karaffe“, schwärmte Loranthus und seine Augen bekamen einen seltsamen Glanz. Begeistert klappte er den Deckel auf, schnupperte genüsslich und klappte ihn wieder zu. „Und dieser schwarze Ton erst noch! Die Farbe kommt von Grafit, das man dem Ton beimischt“, erklärte er den Anwesenden, die allesamt nickten, weil sie die Münder voll hatten. „Grafit macht Getöpfertes bruchsicher.

Selbst das tiefe Relief tut dem keinen Abbruch.“

Achtung heischend hielt er die Karaffe in die Höhe, damit alle gut sehen konnten. Er kam gar nicht auf den Gedanken, dass sich die Anwesenden mindestens genauso gut mit Töpferwaren auskannten wie er oder sich die Becher mit heißem Eichelsud füllen wollten. Nein, er fuhr die Rillen der vielen eingeritzten Spiralen mit dem Zeigefinger nach und wirkte fast wie hypnotisiert, bis sein Finger auf dem silbernen Deckel anlangte und über den kleinen Adler strich.

„Bei den Chimären, wie konnte ich das übersehen! Der hat ja Löwentatzen und einen Löwenschwanz!“ Ungläubig tippte er auf die Schwanzquaste.

„Daran musst du dich hierzulande gewöhnen, wir haben unseren eigenen Sinn für Kunst“, riet ihm Markus zwischen zwei Löffeln voll süßem Brei. „Kunst kommt von Können und wenn einer das Kunsthandwerk beherrscht, dann sind wir das.“

„Das kannst du glauben“, tönte der Wirt und warf sich so stolz in die Brust, als hätte er höchstpersönlich für den Adlerlöwen Model gestanden. „Er hat übrigens auch eine Löwenmähne, schau genau hin.“

Viviane butterte ihre dritte Scheibe Brot und nickte in Richtung der Burg.

„Die Karaffe ist nicht nur Kunsthandwerk, sie hat auch symbolischen Wert. Vor einiger Zeit haben sich zwei große Königshäuser vereint, das eine mit einem Löwen als Wappentier, das andere mit einem Adler. Seitdem ist dieser Adlerlöwe das Symbol von Aodhrix. Sein Clan wählt ihn jedes Jahr aufs Neue zum König, einstimmig wohlgemerkt. Er hat einfach alles, was ein guter König braucht.“

„Ach. Was braucht man denn so alles, wenn man König sein will in deinem Land?“

Viviane sah Loranthus geheimnisvoll an.

„Wissen, Weisheit und Gedenken.“

„Interessant.“ Loranthus nickte verständnisvoll – jedenfalls hatte er akustisch alles verstanden. Aber deshalb war er ja hier, um dieses rätselhafte Land zu erkunden. Sein Vater hatte allerdings keine Ratespiele im sprichwörtlichen Sinne gemeint, oder? So oder so, er musste sich erst einmal stärken. Gierig fiel er über alles her, was auf dem Tisch stand.

Viviane und Hanibu staunten, wie schnell er ihren Vorsprung wettmachte.

Gerade schaufelte er den dritten Nachschlag Haferbrei mit Apfelstücken in sich hinein, da deckte der Wirt den Nebentisch.

Neugierig reckte Loranthus den Hals und überlegte, was es wohl noch zu essen gäbe, auch wenn er ja eigentlich satt war – prompt verfehlte der Löffel seinen Mund und er musste hastig zuschnappen, um den süßen Brei noch zu erwischen – eine körperliche Meisterleistung, denn seine Augen ließ er nicht vom Nachbartisch.

Dort gab es zwar nichts zu essen, aber eine Auswahl an Schreibzeug – Loranthus wusste gar nicht, wie ihm geschah.

„So viele Schreibutensilien“, seufzte er glücklich und nun hielt ihn nichts mehr auf seinem Platz. Wie ein Adler stürzte er sich auf seine Beute – nein, eher wie ein Geier, schließlich war die Beute schon tot. „Pergament in drei verschiedenen Stärken und Farbnuancen! Ich fasse es nicht! Mit Punkten, mit gepunkteten Linien, ohne Punkte …“ Prüfend hielt er sämtliche Pergamentblätter der Reihe nach in die Höhe. „Beste Qualität und akkurat zugeschnitten. Sehr fein. Und diese Schreibgriffel erst noch! Dermaßen spitz!“

Fast ehrfürchtig griff er nach den Schreibgriffeln und besah sie sich genauer.

Der erste war ein dünnes Schilfrohr mit einer angeschrägten Seite.

„Damit kann man durchaus ordentlich schreiben.“

Der zweite war ein dünnes Kupferrohr, eine Seite ebenfalls schräg zugespitzt.

„Damit kann man noch besser schreiben!“

Der dritte war ein schlankes Röhrchen aus Silber und so spitz zulaufend, dass man damit nicht nur winzig klein schreiben konnte – man konnte es auch bewundern, denn es war von einem hauchdünnen, in sich selbst gewundenen Silberdraht umflochten.

„Das ist ja ein Kunstwerk, ein Meisterstück! Solch filigranes Schmuckwerk auf einem Schreibgriffel habe ich noch nie gesehen! Und er liegt prima in der Hand!“ Begeistert wirbelte er den Griffel mit den Fingern durch die Luft. „Oh, und diese hübschen bauchigen Tonfässchen!“ Ohne den silbernen Griffel aus der Hand zu legen, zog er die knubbeligen Holzpfropfen aus den Fässchen und lugte hinein. „Aha. Eines mit roter und eines mit schwarzer Tinte. Wieso?“

Fragend sah Loranthus in die Runde.

„Ist das in deiner Heimat nicht so?“, fragte der Wirt. „Die rote Tinte ist für die Ausgaben, die schwarze für die Einnahmen. Das gilt bei uns überall, nicht nur in Gasthäusern. Alle führen auf diese Weise ihre Finanzen; natürlich ist es am besten, wenn die schwarzen Zahlen größer sind als die roten.“

„Und ich dachte …“ Loranthus schob die Unterlippe vor, klemmte den Griffel zwischen kleinen Finger und Ringfinger und sein Kinn zwischen Daumen und Zeigefinger. Unschlüssig zuckten seine Augen zwischen den Tonfässchen hin und her.

„Wenn du nur schreiben willst, ist es natürlich egal, welche Farbe du nimmst“, versicherte der Wirt und machte eine einladende Handbewegung. „Ich habe von beiden genug. Suche dir einfach aus, was du brauchst, ich mache dir einen guten Preis und setze es mit auf die Rechnung.“

„Hast du noch mehr von diesem Honigfarbenen ohne Punkte?“ Loranthus hielt das dünnste Pergament hoch und strich fast liebevoll darüber.

„Ja, aber das ist fünfmal teurer als die anderen beiden zusammen.“

„Mir egal, diese Zeche bezahle ich gerne.“ Loranthus streichelte seinen Bauch. „Ich nehme alles, was du entbehren kannst und dieses Kunstwerk noch dazu.“ Strahlend wirbelte er den silbernen Griffel um die Finger, warf ihn von einer Hand in die andere und freute sich, wie hoch er fliegen konnte. „Und die Tinte nicht vergessen! Bitte auch so viel, wie du entbehren kannst, beide Farben, wenn möglich.“

Der Wirt eilte davon, alle anderen starrten auf Loranthus, der so zufrieden wirkte wie ein Kater, der eine besonders fette Maus gefressen hatte; vielleicht hätte der sich auch so den Bauch getätschelt. Rasch stopfte er sich seinen restlichen Brei in den Mund, kippte zwei Becher heißen Eichelsud hinterher und konnte sich nun voll und ganz um seine Belange kümmern.

Als der Wirt mit einem kleinen Stapel Pergamentblätter und vier Tintenfässchen zurückkam, war Loranthus schon eifrig mit dem Bericht für seinen Vater beschäftigt. Die Stirn gerunzelt und die Zunge zwischen den Zähnen, verschönerte er das honigfarbene Pergament mit griechischen Zeichen in roter Farbe.

Keiner konnte sein Geschreibsel lesen, was nicht unbedingt an der Entfernung, in der sie zu ihm saßen, sondern eher an der Geheimschrift lag, die er verwendete. Dennoch beobachteten ihn alle neugierig und überlegten, was er wohl schrieb, bis er laut mit der Zunge schnalzte und den Griffel resolut weglegte. Gerade hatte er sich selbst die Frage, ob er seinen Vater um neue Dokumente bitten sollte, mit ‚Nein‘ beantwortet und war nun früher fertig als gedacht. Sanft blies er über sein Geschriebenes und nickte zufrieden. Wozu sich eine Blöße geben? Bei seinen Beziehungen konnte er sich auf dem Heimweg in jeder römischen Schreibstube neue Dokumente ausstellen lassen.

Geschäftig griff er nach Kerze, Siegelwachs und seinem rechten Mittelfinger, doch an dem war kein Siegelring mehr.

„Nun, es wird auch anders gehen.“ Er gluckste, blies noch einmal über das Pergament und faltete gut gelaunt die Ecken übereinander.

Er war gerade dabei, einen dicken Klecks Wachs mit einer großen Goldmünze breit zu drücken, als die Tür aufging und ein Junge von vielleicht zwölf Jahren hereinkam. Seine hellbraunen Haare waren zu einem langen Zopf geflochten und sein schmächtiger Körper steckte in hellbrauner Arbeitskleidung, die, etwas zu groß, an ihm herumschlackerte.

Nachdem er die Wirtsleute liebevoll umarmt hatte, trat er an den Gästetisch und grüßte fröhlich in die Runde.

„Guten Morgen, ihr lieben Leute! Die Fähre ist sogleich bereit. Ich helfe euch gerne mit dem Gepäck.“

Automatisch grüßten alle strahlend zurück und Viviane verstand, warum die Wirtin derart von ihrem Neffen geschwärmt hatte. Sein freundliches Lächeln wirkte wahrhaftig wie eine Sonne am wolkenlosen Himmel und seine graublauen Augen verrieten eine Intelligenz, die ihresgleichen suchte. Obwohl seine Arme recht dünn waren, zeichneten sich unter dem Hemd starke Sehnen ab.

Leider war Viviane noch etwas aufgefallen: An seinem Hals befanden sich rot-violette Streifen, eindeutig Würgemale, noch dazu nahe am Kehlkopf; sie konnte sogar die Fingerabdrücke erkennen, die den Bluterguss verursacht hatten. Wie beiläufig zog er sein Hemd ein Stück höher und im Hinausgehen wollte er wohl auch verbergen, dass sein linkes Bein beim Auftreten schmerzte, doch ihrem geübten Blick entging nicht, wie er humpelte.

Die Wirtin brachte Loranthus noch seine und Hanibus frisch gewaschene Kleider und er streckte eine goldene Drachme in die Höhe, die Münze, die er statt seines Siegelrings benutzt hatte.

„Das ist eine Sonderprägung. Pures Gold wohlgemerkt. Ein alter ‚Ptolemaios der Dritte‘. Über zweihundert Jahre in Familienbesitz. Total wertvoll. Ein echtes Sammlerstück. Seht mal, wie schön sie funkelt!“

Loranthus fuchtelte mit der Goldmünze, die blitzte und blinkte, sodass jeder im Raum sofort wissen wollte, wie dieser ‚Ptolemaios der Dritte‘ wohl ausgesehen hatte. Mit großer Geste winkte Loranthus sämtliche Bewunderer heran und hielt tatsächlich die Münze still.

„Das ist doch viel zu viel“, jammerte der Wirt und raufte sich die langen Haare zur roten Löwenmähne. „Wie soll ich das bloß wechseln?!“

„Ach.“ Loranthus winkte gönnerhaft ab. „Gib mir einfach hiesige Stater. Hauptsache, es sind schöne Prägungen, ich sammle nämlich Währungen.“ Zur Demonstration schüttelte er seine rechte neu erworbene Gürteltasche, in der es fröhlich klingelte. Offenkundig hatte er bereits bei seinen anderen Geschäften mit Angus und Markus viel Wechselgeld erhalten. Die beiden nickten jedenfalls wie zur Bestätigung, und Markus wuchs regelrecht in die Höhe, als er Loranthus’ Brief entgegennahm.

„Der Handel gilt“, jauchzte der Wirt und kramte eifrig in seiner eigenen Gürteltasche nach einem Vollstater, bis ihm bewusst wurde, dass er gerade schüsselförmiges Gold gegen plattes Gold tauschen wollte – Loranthus hatte ihn mit seinem Gerede von der Sonderprägung ein wenig zu freigiebig gemacht. Schnell steckte er die große Goldmünze wieder weg und kramte nach Silber und Bronzemünzen, wobei sein Blick den seiner Frau traf.

„Ach, weil du so ein guter Gast bist und ich deine hübschen Begleiterinnen vielleicht sonst nie getroffen hätte …“ Der Wirt lächelte Hanibu an und verneigte sich tief vor Viviane. „… hast du hier noch einen Viertelstater und einen Vierundzwanzigstelstater extra dazu, lauter hübsche Prägungen, die dürften dir gefallen.“

Da es nun wieder etwas Neues zu sehen gab, scharten sich alle Neugierigen erneut um Loranthus.

Viviane wusste natürlich, wie die kleineren Stater aussahen, denn sie hatte insgeheim schon für sich selbst die Zeche bezahlt, und zwar mit denselben Statern, die nun in die griechischen Hände weiterwanderten. Schmunzelnd nahm sie die Hände der Wirtin in ihre und flüsterte: „Alles Gute wünsche ich euch und ein fröhliches, weiches Beltane.“

„Deinen Namen werde ich mir merken, Viviane, vielleicht brauche ich ihn eines Tages“, flüsterte die Wirtin verschwörerisch zurück.

Viviane grinste verschmitzt und hob die Hand zum Abschiedsgruß.

In Windeseile waren ihre Pferde reisefertig und standen nun als Erste auf den dicken Eichenbohlen der Fähre. Viviane freute sich über den staunenden Blick von Loranthus, als darauf auch die großen Fuhrwerke der Händler noch genug Platz fanden. Mit sicherer Hand machte der Junge die Taue los und stieß die Fähre ab. Viviane winkte ein letztes Mal in Richtung der Wirtsleute, dann schlenderte sie zu ihm hinüber.

„Deine Tante hat gesagt, dein Stiefvater würde die Fähre führen. Ich sehe ihn jedoch nirgendwo.“

Der Junge schnaubte verächtlich und schaute zu ihr hoch. „Der schläft da drüben unter der großen Weide seinen Rausch aus.“ Er hob den rechten Arm, zuckte zusammen und zeigte leicht verzögert auf einen Baum, der am gegenüberliegenden Ufer nahe der Anlegestelle stand.

Viviane überlegte, wie viele Schritte sie wohl vom Bootssteg bis zur Weide brauchen würde, vielleicht neunzehn oder zwanzig, höchstens zwei Dutzend. Sie konnte erahnen, wie der Junge hinter ihrem Rücken seinen rechten Arm vorsichtig an sich drückte. Ruhig drehte sie sich zu ihm um und schaute in sein verbissenes Gesicht. Sie musste sich ein wenig bücken, denn er war fast zwei Köpfe kleiner als sie.

„Wie ist dein Name?“

„Ich bin Usheen.“

„Usheen, sehr fein. Wenn du es einmal leid bist, kleines Hirschkalb, die Arbeit für einen Trunkenbold zu erledigen, kannst du eine Lehre in meinem Clan machen, im Clan des edlen Cernunnos. Unsere Gegend würde dir bestimmt gefallen. Auf dem Dietrichsberg befindet sich die beste Schule für Eisengießer und Schmiede weit und breit. Wir haben auch noch mehr Handwerkskunst zu bieten.“

„Das sehe ich!“ Usheen strahlte Viviane an. Begeistert zeigte er auf ihre Schuhe und ihre großen Ledertaschen.

„Wir sehen uns bestimmt zu Lugnasad. Bis dahin überlege ruhig mal. Alt genug bist du ja schon, denke ich.“

„Ich werde morgen zwölf Jahre.“ Stolz machte er sich gleich größer.

„Das passt ja wunderbar. Möchtest du beim Anlegen meine Stute halten? Sie heißt Dina und ist eine ganz liebe Freundin von mir. Ich müsste nämlich zuerst mit meinem Hengst ans Ufer. Er heißt Arion, und manchmal gebärdet er sich ein bisschen toll; nicht aus Bosheit, oh nein, aber er kann ganz schön bocken. Natürlich bekomme ich ihn stets gebändigt, jedoch sollten sich andere Leute keinesfalls in seine Nähe wagen. Keinesfalls, verstehst du?“

„Dein Hengst hat Allüren? Wirklich? Das hätte ich nicht gedacht.“

Zweifelnd sah Usheen zu Arion hinüber, der ganz ruhig dastand, als wäre er die Seefahrt gewöhnt. Allerdings war es wirklich nicht ratsam, einen Tritt von seinen langen Beinen abzubekommen. Die Aussicht, die Stute halten zu dürfen, war dagegen sehr verlockend; sie machte einen äußerst braven und wohlerzogenen Eindruck.

Freudig willigte Usheen ein und zeigte wieder sein Sonnenscheinlächeln.

Viviane lächelte zurück, ging um Dina herum und flüsterte ihr etwas ins Ohr. Die Stute schnaubte, als würde sie antworten, und bekam prompt die lange silberne Mähne gestreichelt. Viviane nickte Usheen noch einmal dankend zu und stellte sich neben Arion.

Auch ihm raunte sie ins Ohr. Es sah beinahe so aus, als würde sie dem Hengst etwas erklären, fand Usheen, denn sie zeigte auf seinen Stiefvater neben der Weide und taumelte dabei nach links und rechts, dabei war die Werra heute ganz ruhig.

Der Hengst beobachtete sie sehr genau und – nickte?

Für einen Moment tauchte ein verschlagenes Grinsen in seinem Pferdegesicht auf. Usheen blinzelte heftig, Viviane hatte ihm eindeutig den Kopf verdreht. Seine Arbeit litt jedoch nicht darunter. Im Gegenteil, er wollte ihr beweisen, wie gut er sich als Fährmann machte. Besonders das Anlegen beherrschte er wie kein Zweiter, auch wenn ihm der rechte Arm mächtig wehtat. Mit flinken Fingern schlang Usheen die Halteleinen um die dicken Eichenpfosten und huschte hinüber zu Dina.

Viviane bedankte sich bei ihm mit einem hinreißenden Lächeln und führte Arion über den Anlegesteg; bereitwillig ging er neben ihr her, ohne das geringste Bocken. Am Ufer angekommen, sahen beide zurück, Viviane hob die Hand und schwenkte sie ein Stück herum.

Usheen wollte gerade den Gruß erwidern, da stellte sich Dina auf der Fähre quer und er wurde von ihr mitgezerrt. Doch niemand interessierte sich dafür, ob Dina nun den Ausgang blockierte. Die Männer schienen noch nicht einmal bemerkt zu haben, dass sie am anderen Ufer angelangt waren. Wie gebannt starrten sie allesamt auf Hanibu, die redete, mit ihren Armen seltsame Wellenbewegungen machte und ihre Hüften kreisen ließ. Anscheinend erzählte sie etwas sehr Spannendes und niemand dachte ans Aussteigen. Fahrgäste für die Rückfahrt waren auch nicht in Sicht. Usheen zuckte mit den Schultern. Er war es gewohnt zu warten. Umso besser konnte er nun Viviane hinterherschauen.

Entspannt ging sie vor ihrem großen Hengst her. Ja, beide schlenderten gemütlich über die Wiese Richtung Weidenbaum, als ob nun keinerlei Gefahr mehr drohte, kein Bocken, keine tollen Allüren …

Keine Gefahr? Was dachte er sich eigentlich?! In sieben, acht Schritten waren sie an der Weide! Usheen schlug sich die Hand vor die Stirn und riss den Mund auf. Am liebsten hätte er gebrüllt, das sei der falsche Weg, Viviane solle einen weiten Bogen machen, solle sich keinesfalls in die Nähe der Weide wagen, aber er wollte seinen Stiefvater nicht wecken. Der war noch viel gefährlicher als ein bockendes Pferd, zumal er mit Lang- und Kurzschwert bewaffnet war.

Unbewusst duckte sich Usheen hinter Dina und hoffte inständig, seine neue Freundin würde leise an der Weide vorbeischleichen; gleichzeitig beschlich ihn ein ungutes Gefühl – er verstand nicht, wieso sie sich zu ihrer vollen Größe aufrichtete und sogar den Hals reckte.

Viviane betastete ihre torqueslosen Hals und musterte den schlafenden Mann höchst aufmerksam.

Vor Jahren musste er einmal sehr stark und gut aussehend gewesen sein, doch jetzt war sein Gesicht aufgedunsen und seine Muskeln waren einer dicken Fettschicht gewichen. Das einzig Brauchbare an ihm waren seine beiden Schwerter, doch die würden ihm nicht viel nützen, da ihm mit jedem Schnarcher auch ein schaler Geruch entwich – halb verdauter Met. Es war einfach widerlich.

Am liebsten hätte Viviane die Luft angehalten, doch sie war bis auf sieben Schritte herangekommen, um etwas Besseres zu tun.

Leicht zupfte sie am Halfter und wirbelte ihren rechten Zeigefinger mit Schwung aufwärts – die Aufforderung zum ‚wilden Hengst‘, Arions Lieblingsspiel. Er spitzte sogleich die Ohren und stellte sich auf die Hinterbeine. Je mehr sie mit dem Finger dirigierte, desto mehr trat er mit den Vorderbeinen durch die Luft.

Grinsend tänzelte Viviane rückwärts und Arion steigerte sich zu Höchstleistungen, denn wenn sie hüpfen konnte, dann konnte er das schon lange. Beide hatten mächtig viel Spaß. Unter lautem Wiehern näherten sie sich dem Schläfer an der Weide.

Bei diesem Lärm drehten sich die Männer auf der Fähre nun doch um und erstarrten vor Schreck. Angus bewegte sich als Erster.

Fluchend sprang er zu Dina, packte ihr Halfter und wollte sie aus dem Weg zerren, doch es ging nicht. Die anderen kamen ihm zu Hilfe und zogen, schoben, drückten – Dina war stärker. Angus wollte unter ihr durch – Dina war schlauer. Sie konnte prima auf zwei bis drei Beinen die Stellung halten und zugleich ausschlagen, zuschnappen, mit dem Schweif peitschen und böse starren – Angus konterte mit Schimpfwörtern, die jedes standhafte Schlachtross beleidigt hätten, und starrte noch bockiger zurück.

Usheen fühlte sich genötigt, den Blick von Viviane zu lösen und beschwichtigend auf Angus einzureden, der nun todesmutig auf Dina klettern wollte – nur so konnte man an dieser „Furie von einer Mähre!“ vorbeikommen. Markus hatte gefälligst beim Aufsteigen zu helfen und wusste nicht, vor wem er mehr Angst haben sollte: Dina oder Angus.

Durch Zufall sah Viviane Angus’ gebleckte Zähne und hätte beinahe laut losgelacht, doch sie wollte Arion nicht durcheinanderbringen; sie war sich durchaus bewusst, was sie hier für ein gefährliches Spiel trieb. Diese speziellen Kunststücke hatte sie ihm nicht selbst beigebracht, die waren inklusive gewesen, als sie Arion geschenkt bekommen hatte.

„Brav, mein Großer, brav“, redete sie ruhig auf ihn ein. „Nun ist es gut. Komm wieder runter und … Schluuuss.“

Alle auf der Fähre seufzten erleichtert, als Arion gehorsam die Vorderbeine aufstellte, doch schon mussten sie wieder scharf Luft holen.

Arion stand zwar mit allen vieren auf der Wiese und war ruhig, aber nun taumelte Viviane rückwärts. Anscheinend hatte er sie angerempelt – ob mit Absicht oder aus Versehen, hatte keiner gesehen. Fakt war: Sie kippte in arge Schräglage, ruderte hektisch mit den Armen und griff mit fliegenden Fingern durch die Luft, als wollte sie sich selbst Aufwind verschaffen – prompt wieherte Arion los und trampelte so wild auf der Stelle, als fände er das zum Verrücktwerden komisch.

Bei dem irren Lärm, den er veranstaltete, wachte der Mann unter der Weide nun endlich, endlich auf und schielte schlaftrunken durch die Lider. Ehe er sich versah, stolperte Viviane rückwärts über seine Füße und brachte ihn zum Aufjaulen, da sie mit voller Wucht auf seinen Oberschenkeln landete, mit beiden Ellenbogen voran.

Arion ließ seine lange Silbermähne fliegen und stampfte noch ein letztes Mal auf, weil Viviane mit Daumen und Zeigefinger einen Kreis formte – das Zeichen für ‚gut gemacht‘. Das gab sie immer, wenn sie mit ihm zufrieden war. Wenn er gekonnt hätte, hätte er das Zeichen gerne zurückgegeben, denn auch sie war recht geschickt im Tollen – fast so gut wie er.

Tollpatschig drückte sie ihrem ausgewählten, gut gepolsterten Landeplatz die Ellenbogen nun in die Rippen. Ihre Hand rutschte über seinen Hals und würgte ihm die Luft ab, hastig riss sie die Finger weg und packte stattdessen seinen Unterarm … Sie rammte ein Knie in seinen linken Oberschenkel und schrammte mit dem anderen über das rechte Schienbein. Der Mann war währenddessen zu keiner Bewegung fähig, außer mit Händen und Füßen ein klein wenig zu zappeln. Und er konnte noch brüllen: „Run…ter v…on mir, du ver…dammtes W…eib!“

„Welch missliche Lage“, lallte Viviane und stammelte etliche, allesamt schlecht verständliche Entschuldigungen, weshalb die Lage weiterhin misslich blieb, obwohl sie sich ehrlich beeilte.

Kein Wort war gelogen. Sie beeilte sich wirklich, schön schmerzhaft auf die verschiedensten Stellen zu drücken, schließlich wollte sie wissen, wie kräftig ihr zukünftiger Gegner war, bevor sie sich ans Werk machte. Endlich ließ sie es gut sein und kam wieder auf die Füße.

Sofort stellte sie sich neben Arion, tätschelte seinen Hals und schmiegte ihre Wange an seine Mähne. Von dort konnte sie gut sehen, wie dem Mann mit frappierender Geschwindigkeit die Zornesröte ins Gesicht stieg.

„Das Fass ist voll!“, brüllte er und seine rechte Halsschlagader schwoll gefährlich an.

„Was soll die traute Zweisamkeit?! Erst wälzt du mich wegen dieser Schindmähre platt und jetzt lobst du das Biest auch noch?! Bist du schwachsinnig, Weib? Oder bist du so irre wie das Vieh hier? Ich mach der alten Mähre den Garaus! Jetzt auf der Stelle!“

Wild mit den Armen fuchtelnd versuchte er, sich hochzuhieven, und wälzte mit seinem Hinterteil das Gras unter der Weide platt. Das war das Einzige, was er ‚jetzt auf der Stelle‘ hinbekam; Viviane musste ihr Gesicht in Arions Mähne verstecken, bis sie es schaffte, mit dem Grinsen aufzuhören.

„Was? War? Das?“, fragte sie einen Atemzug später mit drohendem Unterton und drehte sich langsam zu dem Schreihals um. Gut sichtbar ließ sie ihr Mienenspiel von erstaunt zu beleidigt wechseln, blieb bei ‚was für ein Trottel‘ stehen und wählte dazu die passende Stimmlage.

„Das ist ein Hengst und keine Stute. Bist du betrunken, du da unten, oder kennst du den Unterschied nicht? Oder siehst du schlecht? In diesem Fall lass dir sagen: Mein Arion ist ein Guter. Ab und an bekommt er gern leichte Allüren. Aber – wie du sehen kannst, falls deine Augen doch was taugen – ich habe alles im Griff.“

Provokant grinsend hob sie die Hand mit den Zügeln und reckte das Kinn. Wie erwartet, versuchte sich der Mann nun wieder auf die Füße zu stemmen, was diesmal auch gelang. Allerdings dauerte es reichlich lange, weil seine Augen ständig den tödlichen Blick suchten und sich dabei in die Quere kamen. Schließlich hatte er es geschafft, sich in voller Größe vor ihr aufzubauen, und konnte sehr gefährlich geradeaus gucken. Bestens. Er war nur etwas größer als sie, dafür dreimal so breit und von oben bis unten angriffslustig, wie erhofft. Die Finger um seine Schwertgriffe gekrallt, schäumte er regelrecht vor Wut und sein Gesicht war eine einzige Grimasse. Seine wässrig-blauen Augen zuckten wie irre zwischen vielen roten Flecken – seine Nase war der größte davon.

„Arion?!“, johlte er und spuckte ein bisschen. „Habe ich richtig gehört? Wie kann man so dumm sein und ein graues Pferd Arion nennen! Bist du betrunken oder kennst du den Unterschied nicht? Oder siehst du schlecht? In diesem Fall …“

Vivianes Augen wurden schmal. Sehr, sehr schmal.

„Willst – du – mich – beleidigen?! Du Rotnase, du Trunkenbold!“

Knurrend stemmte sie die Hände in die Hüften und trat an ihn heran. Jedes Wort betonend, fauchte sie: „Wer beim nächsten Lugnasad nicht mehr in den Maßgürtel passt, sollte keine großen Töne spucken. Ich an deiner statt würde weniger Met saufen und mich mehr bewegen, anstatt zu schlafen. Dann bleibt dir die Demütigung vor versammelter Mannschaft vielleicht erspart, du … du ranzige Speckschwarte!“

Angeekelt rümpfte sie die Nase und konnte gut erkennen, wie es in ihm brodelte. Sie musste ihm nur noch ein kleines bisschen mehr einheizen. Hochmütig warf sie die Haare zurück, drehte sich um und stolzierte mit Arion Richtung Ufer – gemächlich wohlgemerkt, sie wollte ja nicht im Wasser landen.

„Bleib stehen, du Furie! Steh, sage ich! Das wirst du mir büßen! Niemand beleidigt mich ungeschoren! Dreh dich gefälligst um, wenn ich mit dir rede, du hochnäsiges Weib! Du dürre Kuh! Du hässliche alte Meckerziege!“

Viviane hätte beinahe gekichert. Grinsend führte sie ihre Hände den Mantel hinauf zu der Stelle, wo die Filzwolle zusammengehalten wurde, nahe der linken Schulter, wie es für Rechtshänder günstig war. Ihre Finger tasteten über die große eiserne Fibel in Form eines Pferdes und sie dachte daran, wie ihr Vater diese Gewandschließe extra geschmiedet hatte, als sie von zu Hause wegging – damals, vor fast sechs Jahren. Mit einem Griff öffnete sie die Nadel und legte beides, Mantel und Fibel, auf den Sattel. Nun war sie bereit.

„Bleib“, befahl sie Arion und senkte bedeutsam den Zeigefinger. Abrupt drehte sie sich um, nahm ihre Beute ins Visier und ging langsam darauf zu.

„Du krakeelst wie ein alter Dachs mit Zahnschmerzen. Kein Wunder, wenn du sabberst.

Ja, guck dich an, wie du aussiehst … so gesund wie ein Fliegenpilz. Wisch endlich den Geifer ab, ist ja eklig.“ Viviane rümpfte die Nase und wedelte sich frische Luft zu. „Und wie du aus dem Maul stinkst … merkst du das nicht oder hast du keinen Putzlappen?

Bist wohl ein zahnloses Hutzelweib?!“

„Was bin ich?!“ Brüllend riss er sein Kurzschwert aus der Scheide und stieß nach ihrer Kehle. Bloß, da war nichts mehr zum Aufschlitzen.

Bevor er begriff, packte Viviane seinen Schwertarm, schlug ihm die Waffe ab und warf den Rest von ihm über ihre Hüfte. Dumpf landete er im Gras, doch zum Stöhnen blieb ihm keine Zeit. Viviane hielt immer noch seinen Arm umklammert und zog ihn übers Knie, ein grässliches Knacken ertönte und ein Schrei, der nichts Menschliches mehr an sich hatte.

„Sag ich doch, wie ein alter Dachs, jetzt allerdings mit Armschmerzen.“ Viviane trat zurück und wartete.

Dass er weiterkämpfen wollte, hatte sie nicht erwartet, aber sein Blick sagte genau das.

Natürlich war seine überschäumende Wut von Vorteil, sie durfte nur nicht seinen Kampfgeist unterschätzen. Sobald er sich auf die Beine gestemmt hatte und seinen nutzlos herabhängenden Unterarm befühlte, sprühten seine Augen förmlich Todesflüche zu ihr herüber. Wuchtig holte er mit dem rechten Bein aus.

In ihre Magengrube wollte er treten? Na, da musste er früher aufstehen.

Sie brauchte sich kaum bewegen, um sein vorstoßendes Fußgelenk zu packen und das dazugehörige Schienbein zu zerschmettern. Seitwärtsdrehungen mit Handkantenschlägen gehörten zu ihren Spezialitäten, egal in welche Richtung. Die Schlagtechnik hatte sie allerdings mit Holzstäben geübt, was mit einem echten Bein natürlich nicht zu vergleichen war. Das Wimmern des Mannes bezeugte das. Je höher sie das Bein hielt, desto höher fiepte er. Vielleicht hatte er nun endlich genug, und wenn nicht … Mit einem Fuß hangelte sie nach seinem Standbein und zog es weg. Er krachte auf den Rücken, krümmte sich seitwärts und würgte alles heraus, was sein Magen hergab.

Ihre Nase fand es widerlich, doch schnell geriet sie in ihren Arztmodus und fand es recht interessant, was er alles intus hatte. Met, Met und noch mehr Met klatschte ins Gras, dazwischen ein paar Brocken Fleisch, kaum verdaut. Zuletzt schwappte noch Kleinkram hinterher und … Blut? Wieso Blut? Sie hatte seinen Magen nicht mal angetippt! Beinahe hätte sich Viviane hinabgebeugt, um seinen Bauch zu untersuchen, doch sie konnte sich beherrschen.

Aus sicherem Abstand blickte sie auf den Mann herab, der jahrelang Frau und Sohn zusammenschlug. Sie hatte ihre Abscheu unter Kontrolle, ihr Atem ging ruhig.

Als er nicht mehr angriff, verbeugte sie sich knapp und wandte sich zum Gehen. Abrupt verharrte sie und lauschte.

„Du … bist tot“, röchelte er. „Du böses, hinterhältiges, rachsüchtiges Weib. Zu Lugnasad bringe ich dich vor Gericht. Dann werde ich als Gepeinigter die Strafe bestimmen und das Urteil ausführen. Wir beide, erst Schwertkampf, dann Ringkampf. Ich werde dich in Stücke hacken oder dir dein Genick brechen. Unabsichtlich, versteht sich. Darauf freue ich mich jetzt schon.“

Viviane zog die Augenbrauen hoch und drehte sich um. Hatte der Mann nicht begriffen, dass sie ihn hätte töten können, wenn sie nur gewollt hätte? Der hier war wohl von der besonders uneinsichtigen Sorte. Sie konnte sich gut vorstellen, was Usheen und seine Mutter unter ihm erleiden mussten.

Gemächlich kniete sie sich neben seinen heil gebliebenen Arm und sah ihm in die wässrig-blauen Augen.

„Du Narr. Du willst mich anzeigen? Du, der du mich vor so vielen Zeugen zuerst angegriffen hast?“ Demonstrativ schwenkte sie ihren Arm Richtung Fähre, wo alle Anwesenden völlig fassungslos zu ihnen herüberschauten. „Du hast dein Kurzschwert gegen meinen Hals gestoßen. Ich habe nicht mal ein Messer in der Hand. Aber kein Problem, wenn du es nicht lassen kannst … mein Name ist Viviane, Viviane Dar Arminius und Flora vom Clan des edlen Cernunnos. Merke es dir gut, denn ich werde zu Lugnasad da sein.

Ja, ich kann es kaum erwarten und garantiere dir einen ehrlichen Kampf, solltest du noch wissen, was das ist. Solltest du mich jedoch in irgendeiner Form hinterhältig überfallen, wo oder wann auch immer, mache ich Hackfleisch aus dir und nagele deine Ohren gut sichtbar an einen Pfahl gleich hinter deinen kopflosen Körper; das kostet mich keine Mühe. Ach, und übrigens …“ Sie griff nach seinem Kurzschwert, das unweit im Gras lag. „Meinen Siegespreis werde ich opfern, krumm gebogen wie Hermunduren das immer tun mit Waffen, die gegen sie erhoben werden. Aber was erzähle ich dir, du bist ja selbst ein Hermundure und wusstest, auf was du dich einlässt. Was du natürlich nicht wissen konntest – ich bin eine sehr, sehr eigenwillige Hermundurin und daher lasse ich mich nur einmal ungestraft beleidigen. Diese Chance hast du demnach vertan.“

Sie tätschelte seinen gesunden Arm, dann nahm sie den dazugehörenden Mittelfinger und knickte ihn kurz in die falsche Richtung. Schreien konnte er vor Überraschung nicht mehr, nur noch kraftlos hecheln.

„Damit du dich schön auf mich freuen kannst und deine Kräfte nicht an Wehrlosen auslässt; das tut man nämlich nicht als ehrbarer Krieger, Gatte und Vater. Ach, hier noch ein Rat: An Kampfgeist mangelt es dir nicht, aber dein körperlicher Einsatz – nun ja, wie soll ich es dir erklären – eine Schnecke bewegt sich geschmeidiger. Wenn du dich bis Lugnasad noch ordentlich trimmst, wird das von dir gewünschte Spektakel bestimmt lustig. Bis dahin!“

Viviane erhob sich und wollte gehen, da fiel ihr noch etwas ein und sie legte ihre Finger auf seine rechte Halsschlagader.

„Du solltest dir übrigens wirklich meinen ersten Rat zu Herzen nehmen“, murmelte sie und schob ihre Finger nun auf die linke Seite. „Höre auf zu saufen, sonst wirst du Lugnasad ohne mein Zutun nicht überleben, und damit meine ich nicht einen Kampf mit mir.

Entweder stirbst du an einem Magengeschwür oder dich trifft der Schlag. Je nachdem, wer diesen Kampf in deinem Inneren gewinnt, guckst du dir ein paar Monde früher oder später das Gras von unten an. Es sei denn, du nimmst endlich Vernunft an.“ Streng schaute sie ihm in die böse funkelnden Augen, doch auf eine Antwort hoffte sie vergebens.

Schulterzuckend ging Viviane zu Arion, der seinen Kopf leise schnaubend an ihren legte.

Beide schauten zur Fähre, wo Dina immer noch stur den Ausgang blockierte. Ein Pfiff durch zwei Finger – schon trabte sie los. Stürmisch war die Begrüßung zwischen ihr und Viviane, und auch Arion bekam ein paar Stupser ab.

Nun endlich konnten die Leute an Land. Sie waren mehr oder weniger bleich im Gesicht, nur Usheen war rot und verschwitzt.

In kindlicher Manier stürmte er auf Viviane zu, warf sich ihr an den Hals, so weit seine Arme hochreichten, und redete hastig auf sie ein: „Als der Hengst gebockt hat, habe ich gedacht, jetzt bekommt er diese Angstzustände, von denen du mir erzählt hast. Ich bin ganz ruhig geblieben und habe es den anderen erklärt, weil die nicht aus noch ein wussten vor lauter Sorge. Als du jedoch auf meinen Stiefvater gefallen bist, ist es auch mir ganz bange geworden. Er ist schlimmer als ein wütender Stier, musst du wissen, und ich wollte nicht, dass er dir wehtut, und …“

„Die Art, wie du dich aufgerappelt hast“, unterbrach Angus den Redeschwall und legte Usheen beruhigend eine Hand auf die Schulter, „das sah ziemlich komisch aus. Gestern Abend hatte ich nicht den Eindruck, du seist so ungelenk. Doch wie der Idiot dir hinterhergeschrien hat, war mir endlich alles so klar wie ein wolkenloser Himmel.“

Viviane hob die Augenbrauen und Angus lachte.

„Du hast gegrinst wie ein Breitmaulfrosch. Da war ich mir sicher, dass du den Mann mit Absicht schikaniert hast. Und ich muss schon sagen, ich bin total verblüfft. Deine Freundin Umia hat zwar viel von dir geredet, aber nie erwähnt, wie gut du kämpfen kannst.“

„Ich nehme das als Kompliment. Vielleicht auch den Frosch.“ Viviane schmunzelte und beugte leicht den Kopf. „Ich habe diese Art zu kämpfen erst gelernt, und ich habe dies auch gar nicht erwähnt, als ich kürzlich bei Umia weilte. Da waren wir zu sehr mit der Geburt ihres zweiten Sohnes beschäftigt. Der kleine Helge hat uns mächtig in Atem gehalten, aber letztendlich ist alles gut gegangen.“

Angus stutzte. „Ich bin wieder Onkel?! Ein Lütt?! Wieder ein Lütt!“ Er warf die Hände hoch und musste erst einmal einen Freudentanz aufführen.

Loranthus nutzte die Gelegenheit und trat an Viviane heran.

„Du bist eine ungewöhnliche Maid. Ich weiß, du bist eine Kriegerin, und ich habe gelesen, hierzulande würden die Weiber wie Männer kämpfen. Das an sich ist schon schlimmer als bei den Spartanern, aber mit so etwas hätte ich nie gerechnet. Das war spektakulär. Ich stelle mir lieber nicht vor, was Männer im Kampf anrichten.“

„Ich habe ein paarmal zugesehen“, warf Markus schüchtern ein. „Solch rasante Bewegungen hatte allerdings keiner zu bieten. Ich würde viel darum geben, wenn ich das auch lernen könnte.“

„So, jetzt bin ich wieder an der Reihe.“ Der grollende Unterton passte nicht so recht zu den strahlend blauen Schönwetteraugen von Angus. Er hatte sich beruhigt und sah Viviane streng an. „Nun will ich wissen, wozu das Spektakel gut war, schließlich hätte das auch anders ausgehen können.“

Diese Ermahnung erinnerte Viviane sehr an ihren Vater. Schmunzelnd legte sie einen Arm um Usheen und gab eine kurze Erklärung, dann sah sie den Jungen freundlich an.

„Nun kann deine Mutter ohne Angst die Scheidung bei eurem Druiden beantragen und in vier Monden, zu Lugnasad, ist sie wieder frei. Bis dahin wird dein Stiefvater gewiss keinen Schaden anrichten, er kann ihr nichts mehr tun. Das gilt auch für dich, mein lieber Freund.“ Viviane streichelte Usheen liebevoll über die geröteten Wangen und legte ihre Stirn kurz an seine, bevor sie ihm tief in die Augen sah. „Vor seiner Vergeltung seid ihr in den kommenden Monden sicher“, bekräftigte sie noch einmal. „Danach seid ihr beide frei.“

Usheen strahlte zu Viviane hoch und freute sich noch mehr, weil alle Umstehenden eifrig nickten. Angus schien jedoch an etwas anderes zu denken.

„Dein Arion … er ist etwa fünf Jahre alt, oder?“

„Genau. Zur Zeit der Pappel wird er fünf. Du hast ein gutes Auge für Pferde.“

„Er ist ein richtiger Schelm, viel Sinn für Humor. Guck mal, wie er mich mustert! Als hätte er jedes Wort verstanden.“ Gedankenverloren streichelte Angus die silberne Mähne und seufzte schwer. „Mein Urgroßvater ist vor fünf Jahren am Tag der Eiche gestorben.

Er war immer zu einem Scherz aufgelegt und der beste Geschichtenerzähler weit und breit. Er hat Pferde sehr geliebt. Als solch ein stattlicher Hengst wiedergeboren zu werden, das wäre eine besondere Ehre für ihn. Natürlich kann niemand sagen …“

Mitfühlend legte Viviane eine Hand auf Angus’ Schulter. „Keine Bange, mein Freund.

Ob dies hier nun dein wiedergeborener Großvater ist oder nicht, ich werde Arion immer ordentlich behandeln. Er wird es gut haben bei mir.“

„Wunderbar. Und jetzt wird es Zeit, den Fährmann zu entlohnen!“ Schwungvoll zückte Angus seine Geldtasche.

Bis auf Hanibu gab jeder Usheen eine kleine, gebogene Kupfermünze, nur von Viviane wollte er absolut nichts nehmen.

„Du hast mir und meiner Mutter einen unbezahlbaren Dienst erwiesen. Wir stehen tief in deiner Schuld.“

„Von Schuld will ich nichts hören, Usheen, mein Freund! Nutzt die Gunst der Stunde und beginnt ein neues Leben, dann habt ihr mir ein Gegengeschenk gemacht. Es ist schließlich meine Aufgabe, bedürftigen Menschen zu helfen.“

Usheen stutzte. „Es ist deine Aufgabe? Du hast gar einen Eid geschworen? Aber seit wann schwören Krieger, bedürftigen Menschen zu helfen? Ich meine, Krieger schwören einen Treueeid, ihren Clan und ihr gesamtes Königreich zu beschützen, das schließt ja sämtliche Menschen darin mit ein, direkt helfen jedoch … Was bist du genau in deinem Clan? Eine Kriegerin. Was noch?“ Lächelnd wiegte Viviane den Kopf und schaute so abwartend drein, als würde er gleich von allein darauf kommen.

Antwort suchend wanderte Usheens Blick von Viviane zu ihrem Gepäck und seine Augen weiteten sich überrascht.

„Was ist das für ein Schwertgriff?! Ich fasse es nicht, wie habe ich dieses Langschwert bloß übersehen können?! Natürlich, weil es in einer unscheinbaren Lederscheide steckt! Eine Schutzhülle, eine zweite Haut für alle Tage. Sehr stabil selbstverständlich, aber klobig und schmucklos – da schaut man nicht lange hin. Doch jetzt …“ Bittend deutete er auf die schlichte, armlange Lederhülle und den Griff, der daraus hervorlugte. „Darf ich es mir einmal ansehen?“

Viviane band das sorgsam verschnürte Schwert ab und reichte es ihm sehr langsam.

Ehrfürchtig prüfte er, ob er wirklich zwei ineinandersteckende Schwertscheiden aus Leder in Händen hielt. Er zog ein wenig an der äußeren, unscheinbaren, schob einen Finger in den Spalt, der sich nun auftat, und lugte hinein. Die innere Hülle war tatsächlich aus wesentlich besserem Leder, wie er bereits vermutet hatte, und sicherlich auch hübsch verziert. Usheen nickte zufrieden und vergewisserte sich mit einem raschen Blick zu Viviane hin, ob sie ihre Meinung noch nicht geändert hatte. Dann zog er ganz vorsichtig am Griff, und das Schwert glitt wie von selbst aus der inneren Scheide. Trotzdem hielt er nach dem ersten Stück inne. Er wusste, dass er es nicht weiter herausziehen durfte, denn das galt als Bedrohung eines Kriegers und er wollte Viviane keinesfalls zu einer Gegenhandlung nötigen. Im Gegenteil, er wollte sich des großen Vertrauens, das sie ihm hier offensichtlich entgegenbrachte, würdig erweisen. Das, was er entblößt hatte, reichte völlig, um seine Vermutung zu bestätigen: Zwei Drachen wanden sich um den Baum des Lebens, und es schien fast so, als ob sie Feuer spieen – just in dem Moment, da Sonnenstrahlen das Eisen trafen.

Geblendet riss Loranthus die Hände hoch, doch Usheen flüsterte gebannt: „Ich habe schon viel von diesen Schwertern gehört: Himmelseisen, geschmiedet von kundiger Hand. Es ist einfach wunderbar.“ Er strahlte zu Viviane hinauf. „Noch nie wurde mir eine so große Ehre zuteil wie heute durch dich. Danke, Viviane. Und Danke, dass ich dein Drachenschwert mit eigenen Augen sehen, mit eigenen Händen berühren durfte.“

Behutsam ließ er die Klinge wieder in die Scheide gleiten und es sah fast so aus, als würde er dabei einem Gesang lauschen, den nicht viele hören durften. Ehrerbietig ging er vor Viviane auf ein Knie und reichte das Schwert mit gesenktem Kopf zurück.

Selbst Angus und Markus gingen auf ein Knie und neigten demütig die Häupter; Hanibu machte es ihnen eilig nach.

Loranthus starrte auf seine Sklavin, starrte auf Angus, Markus, Usheen und verstand nicht, was diese unerwartete Achtungsbezeugung gegenüber Viviane bedeuten sollte. Natürlich war sie schön und klug, und sie konnte meisterhaft kämpfen; gerade eben hatte sie ihren Mut unter Beweis gestellt, um andere zu beschützen, aber zum ‚Auf-die-Knie-Gehen‘ reichte das nicht, jedenfalls nicht bei ihm. Es musste etwas mit dem Schwert zu tun haben.

„Nun ist es aber genug, hört bitte auf damit!“ Energisch zog Viviane Usheen hoch, verstaute das Schwert wieder im Gepäck und sah sich um, um zu sehen, ob jemand die Szene beobachtet hatte. Sie war rot geworden. Das hatte nicht mal der Kampf von vorhin bewirkt.

„Tut mir bitte den Gefallen und erzählt das keinem, besonders nicht dem da hinten, sonst verpassen wir zu Lugnasad die zweite Runde. Ich habe ihm schließlich Revanche versprochen.“ Sie deutete über ihre Schulter auf den Mann, der mittlerweile ohnmächtig im Gras lag. „Nehmt ihn bitte mit auf die Burg, damit sich die alte Wisora um ihn kümmern kann. Sie ist die beste Kräuterfrau hierzulande, glatte Brüche hat sie schon oft geheilt. Und richtet ihr bitte meinen Gruß aus, hab extra präzise zugeschlagen, wusste nämlich nicht genau, ob sie hier einen Arzt haben.“

„Ich bringe ihn zu Wisora. Ich habe noch etwas Platz auf meinem Wagen“, erbot sich Marcus, machte jedoch sogleich ein Gesicht, als ob er diese Zusage lieber wieder rückgängig machen würde.

„Ich danke dir, mein Freund. Er wird dir auch nichts dreckig machen; er blutet nicht und sein Magen ist auch leer. Ach, und sag Wisora noch, sie soll sein Magengeschwür behandeln, ist extrem akut. Am besten gibt sie ihm auch ein paar Tropfen zur Beruhigung, sein Blut muss ruhiger fließen. Und es tut mir leid, dass ich ihn so zurichten musste, aber er war selbst schuld. Nun gut …“ Viviane schaute von Markus zu Angus und hob die Hand zum Abschiedsgruß. „Ich wünsche euch erfolgreiche Geschäfte. Wir sehen uns sicher bald wieder.“

Die beiden nickten eifrig und grüßten zurück, dann machten sie sich an Markus’ Wagen zu schaffen, um die neue Fracht noch mit verstauen zu können.

Usheen trat an Viviane heran und sah treuherzig zu ihr auf, die Worte schienen ihm im Hals stecken geblieben zu sein. Sie nahm ihn einfach in die Arme. „Viel Glück wünsche ich euch und einen schönen Geburtstag.“

„Den werden wir haben!“, jubelte Usheen und rannte, hüpfte, sprang davon; das Gewicht stets nur auf das gesunde rechte Bein verlagernd und den rechten Arm fest gegen den Bauch gepresst.

Viviane schaute nachdenklich zu, wie er mit seinen dürren Beinen im weiten Satz auf der Fähre landete, ihr noch einmal winkte und mit seinen noch viel dünneren Armen den Sitz der Halteleinen überprüfte. Unvermittelt begann sie zu strahlen. „Er soll bald die schlimme Zeit verwunden haben“, murmelte sie vor sich hin. „Dafür werde ich sorgen.“ Ihr Blick glitt über die Wiese, wo Angus und Markus den Bewusstlosen mit sich schleppten, als wären sie drei Saufkumpane auf dem Heimweg. Schnaufend und schwankend holten die beiden Schwung und hievten den Mann in ihrer Mitte über den Wagenverschlag, wobei er mit dem Kopf gegen ein Weinfass stieß und blöde grinste. Angus und Markus schauten auf ihn herab, als überlegten sie, noch ein paar Fässer obendrauf zu stellen.

Viviane konnte nur hoffen, dass sie ihre Fracht ordnungsgemäß abliefern würden.

„Heute nimmst du die Zügel, Hanibu. Dina freut sich schon, von dir geführt zu werden. Nicht wahr, mein Mädchen?“

Dina nickte übermütig und Viviane machte mit.

Wie konnte Hanibu bei derart viel Überzeugungskraft Nein sagen? Zaghaft ergriff sie die Zügel. Viviane war ja bei ihr, es konnte also gar nichts schiefgehen. Sie war jedoch nicht nur aufgeregt, sondern auch sehr glücklich, weil Viviane ihr so viel Vertrauen entgegenbrachte.

„Sag mal, du schwarze Perle, wie hast du es eigentlich geschafft, dass die Männer das Anlegen der Fähre verpassen?“, fragte Viviane, nachdem sie ein Stück geritten waren und sie Hanibu nichts mehr erklären musste. Sie konnte das breite Grinsen zwar nicht sehen, aber sie hörte es aus Hanibus Antwort heraus.

„Das war einfach. Erst habe ich Markus gefragt, ob er ein Weib habe. Er meinte, ja, er wäre seit Kurzem verheiratet. Da habe ich gefragt, ob es bei ihnen in der Hochzeitsnacht auch so zugeht wie bei uns. Prompt wollten alle von mir wissen, was eine Äthiopierin in der Hochzeitsnacht mit ihrem Mann macht. Weil ich nicht alles auf Griechisch ausdrücken konnte, habe ich noch mit Gestik und Mimik dargestellt.“

„Oh, sehr schlau. Das hat sie bestimmt in deinen Bann gezogen.“

Hanibu nickte übermütig. „Besonders Markus war ganz fasziniert.“

„Kann ich mir vorstellen, du scheinst ihm zu gefallen. Aber was macht denn nun eine Äthiopierin in ihrer Hochzeitsnacht?“

Hanibu kicherte. „Erst tanzt sie und dann lässt sie die Sterne tanzen.“

„Sehr aufschlussreich.“ Viviane zog die Augenbrauen hoch. „Danke für die gute Ablenkung.“

„Gern geschehen.“

„Tut dein Arm heute mehr weh als gestern?“

„Ein bisschen mehr, ja.“

„Und deine anderen Blessuren?“

Statt eine Antwort zu geben, seufzte Hanibu und wiegte den Kopf.

„Man sollte rechtzeitig vorbeugen.“ Viviane streckte sich zu einem Weidenbaum, an dem sie gerade vorbeiritten, schnitt ein Ästchen ab und reichte es Hanibu. „Salix. Einfach drauf herumkauen, dann wird es mit der Zeit besser.“

Schweigend ritten sie an vielen Feldern entlang, die rechts und links vom Weg lagen, alle durch dichte Haselnusshecken voneinander abgegrenzt. Auf manchen wuchs Gras und Kühe, Ziegen oder Schafe weideten darauf, andere waren sauber bestellt, und auf einigen wurde noch die Saat ausgebracht. Egal, wo sie vorbeikamen – die Bauern winkten ihnen schon von Weitem zu.

Fröhlich grüßten sie zurück und Viviane rief ein lautes: „Guten Morgen!“

„Es ist wahrlich ein guter Morgen – gar nicht kühl wie gestern.“ Loranthus atmete genüsslich ein und hielt sein Gesicht in die aufsteigende Sonne, während er sich in seinen neuen dicken Mantel kuschelte und die Kapuze gegen seine Wangen drückte. „Aber warum sind die Felder so klein und von Hecken umgeben? Ist das ein Sonnenschutz für heiße Tage oder soll das Gestrüpp das Viehzeug abhalten?“

„Deine Denkweise ist nicht schlecht“, gluckste Viviane. „Vorrangig sind die Hecken wegen Bruder Wind da.“

„Dein Bruder? Wo?“ Loranthus hielt die Hand über die Augen, um Vivianes Verwandtschaft ausfindig zu machen.

„Nicht so ein Bruder. Bruder Wind. Der Wind, Loranthus. Verstehst du?“

„Ach der.“ Loranthus war tatsächlich ein wenig enttäuscht. Rasch verzog er sein Gesicht zu einem nachsichtigen Lächeln und nickte. Beinahe hätte er auch etwas über ‚keltische Denkweisen‘ gesagt, doch er konnte sich gerade noch rechtzeitig auf die Zunge beißen.

„Die Hecken dienen vorrangig als Erosionsschutz“, dozierte Viviane, als hätte sie einen sehr wissbegierigen griechischen Schüler vor sich. Natürlich hatte sie selbst noch nie einen kennengelernt, dieser hier war der Erste. „So kann der Wind den fruchtbaren Mutterboden nicht abtragen. Vielleicht hast du noch nie einen rauen Wind hierzulande erlebt, aber ich versichere dir, Bruder Wind kann eine immense Kraft entwickeln. Mit Leichtigkeit wirbelt er die Erde auf, dann landet die gedüngte Schicht irgendwo, wo sie uns nichts mehr nützt, und unsere Erträge fallen geringer aus.“

„Ihr düngt eure Felder? Ach so.“ Loranthus nickte eifrig.

„Natürlich halten die Hecken auch Wildschweine, Rehwild und Rotwild ab“, redete Viviane weiter und gab ihrer Stimme einen lobenden Unterton, weil er artig lauschte.

„Und wenn viele Haselnüsse an den Hecken hängen, kann man sich schon mal auf einen strengen Winter gefasst machen.“

„Ganz schön schlau, wie ihr in diesen rauen Landen zurechtkommt.“ Gönnerhaft begutachtete Loranthus noch einmal die Felder, dann widmete er sich den kleinen Dörfern am Fluss. Auch sie waren, genau wie das Gasthausdorf, von Hagebuttenhecken umschlossen und hatten Gehege für die Tiere. „Diese separaten Umfriedungen für das Vieh, warum bestehen die immer aus Hainbuchenhecken? Könnte man da nicht auch Haselnusssträucher pflanzen? Nussöl soll sehr schmackhaft sein.“

Viviane schmunzelte.

„In den Gehegen werden vorrangig Schafe und Ziegen untergebracht. Nun musst du wissen, Loranthus, dass Hainbuchen ihr Laub im Winter nicht verlieren. Es wird zwar dürr, aber es bleibt dicht und hängt ganz fest am Zweig, selbst bei heftigen Winden. So schützen die Blätter der Hainbuche unsere Tiere vor der gröbsten Kälte und im Frühling werden die neu sprießenden Blattknospen zur ersten Nahrung.“

Viviane deutete auf die nächstbeste Hainbuchenhecke, wo selbst auf Entfernung dürre Blätter neben frischen grünen zu sehen waren, und fügte noch an: „Natürlich schützen sie auch sicher vor wilden Tieren. Schau mal, wie dick das Geäst ist.“

Loranthus nickte bedächtig. Er schürzte die Lippen, tippte den Zeigefinger dagegen und stützte sein Kinn mit dem Daumen ab. Seine obligatorische Denkerpose – das wusste Viviane mittlerweile und freute sich, wie aufmerksam er rundum blickte.

Auch Hanibu sah interessiert hierhin und dorthin. Plötzlich zeigte sie zu einem Berg, der einen Wachturm auf seiner Kuppe hatte. „Da oben blinkt es seltsam!“

„Das sind bloß Lichtsignale, die sich die Wachtürme senden. Wahrscheinlich hat Aodhrix von uns erfahren und verteilt die Neuigkeiten jetzt von Warte zu Warte im ganzen Land.“ Loranthus machte ein verständnisloses Gesicht, und Viviane erklärte geduldig: „Die Wirtsleute gehören zu seinem Clan. Der Wirt ist garantiert einer seiner Krieger und muss nicht mal auf die Burg, um ihm über jeden Gast Bericht zu erstatten. Bestimmt hat auch er einen Spiegel. Auf diese Weise ist Aodhrix immer bestens informiert, was es Neues gibt, wer hier durchkommt und in welcher Absicht. Das ist wichtig zu wissen, besonders wenn man an der Grenze zu einem anderen Großkönigreich liegt. Natürlich kann ein Reisender überall ein Obdach bekommen. Ob bei Bauern oder Handwerkern, er wird immer gut bewirtet und untergebracht, aber auch dann erfährt der jeweilige König davon. In unserem Land bleibt nichts geheim. Wartberge haben wir genug, manche mit richtigen Burgen, andere bloß mit Wachtürmen wie diesem hier. Und offensichtlich hält Aodhrix etwas, das er erfahren hat, für so wichtig, dass er es mit Lichtgeschwindigkeit weitergeben muss.“

Amüsiert schaute Viviane dem hektischen Blinken auf dem Berg zu, dann betrachtete sie Loranthus von der Seite. Er befand sich wieder in Denkerpose und seine Gedanken standen ihm förmlich auf der Stirn geschrieben, dick unterstrichen und noch schneller zu lesen als Lichtsignale.

„Deine Räuber wussten das, garantiert. Sie müssen sich stets in Wäldern versteckt gehalten haben und sind nur nachts über offenes Gelände geschlichen, sonst hätten unsere Wächter Alarm gegeben. Von den Warten aus überblicken sie weite Gebiete. Die können dir heute schon sagen, wer morgen zum Abendbrot vorbeikommt.“

Beim Gedanken an den Überfall sackte Loranthus traurig in sich zusammen. Er war nicht nur einfach ausgeraubt, sondern auch noch seines standesgemäßen Transportmittels beraubt worden, und hier, eingequetscht zwischen den großen Taschen, gab er ein jämmerliches Bild ab, das wusste er.

„Ich schäme mich dermaßen …“ Unvermittelt setzte er sich gerade und gluckste: „Aber weißt du, Viviane, ich mache einfach aus der Not eine Tugend. Angefangen habe ich schon.“ Gut gelaunt wedelte er mit seinem neuen Mantel und deutete hinter sich. „Angus und Markus wollen sich ein bisschen umhören. Sie kennen viele Leute und kommen durch viele Gegenden, vielleicht hat jemand die Kutsche oder die Räuber gesehen.“

„Eine gute Idee! Sag mal, Loranthus, wart ihr eigentlich immer mit Händlern unterwegs?“

„Ja. Mein Vater gab mir diesen Rat. ‚Bleib stets und ständig unter Händlern‘, sagte er. ‚Das ist die sicherste Art zu reisen. Und wenn du keinen findest, der in deine Richtung will, dann wartest du eben, es eilt ja nicht.‘ Aber das letzte Stück im Chattenland waren wir allein, weil der Händler, mit dem wir gereist sind, auf den Vogelsberg abgebogen ist.“

„So, so. Ab dem Vogelsberg wart ihr also alleine unterwegs. Nun, diese veränderte Situation war wie gemacht für den Überfall.“

„Ja, hinterher kam mir das auch in den Sinn, doch gestern Morgen hatte ich überhaupt keine Bedenken gehabt. Die paar Meilen werden wir noch schaffen, habe ich gesagt. Alles war so friedlich …“ Seufzend ließ Loranthus wieder Kopf und Schultern hängen.

„Reiß dich zusammen! Wenn wir die Räuber erwischen, denken wir uns etwas ganz Besonderes für sie aus. Die werden nie wieder andere Leute überfallen.“

Loranthus lachte laut auf. „Bei Hermes, darauf freue ich mich jetzt schon!“

Schweigend ritten sie weiter und genossen die Wärme der Frühlingssonne. So ein schöner Tag mit Schäfchenwolken am Himmel und lauem Lüftchen – kein Vergleich zu gestern, als sich Regen, Schnee und sogar Hagel in kurzer Folge abgewechselt hatten. Nichts Ungewöhnliches hierzulande in dieser Zeit, in diesem Mond, wie Angus und Markus ihm versichert hatten, man musste sich eben dementsprechend kleiden.

Gedankenversunken strich Loranthus über seine neuen Kleider und beglückwünschte sich, zufällig eine prima Qualität ergattert zu haben. Die Wolle von Hemd und Hose war weich, das Garn ganz dünn, der Gürtel saß perfekt, die Stiefel waren bequemer als seine geraubten, und der Mantel erst noch – absolut dicht, da konnten Regen und Schnee von ihm aus noch mal kommen. Irgendetwas roch hier verführerisch … Fasziniert schaute er sich um.

Sie ritten neben einer schmalen Waldwiese, die über und über mit Veilchen bedeckt war, es duftete einfach wunderbar. Genüsslich atmete er die warme Luft ein, wollte den Blick schweifen lassen, wollte sich wohlfühlen … unruhig begann er jedoch, auf dem Sattel herumzurutschen.

„Kh, kh“, hüstelte Loranthus und blickte für Vivianes Begriffe ein wenig gehetzt drein. „Könnten wir hier rasten? Ich müsste mal kurz in den Wald.“ Betreten schaute er auf seine neuen Schuhe hinab und nestelte an seinem Mantel herum, um ihn abzustreifen.

„Natürlich. Wir warten hier auf dich.“

Warum er sich bloß für etwas derart Normales schämte? Kopfschüttelnd schwang sich Viviane über Dinas Hinterteil, breitete ihren Mantel auf dem warmen Gras aus und holte den Wasserschlauch von Arions Rücken. Sie füllte ihr Trinkhorn und reichte es Hanibu, die ohne ihre Hilfe und wie es sich gehörte abgestiegen war, erst danach trank sie selbst. Nebeneinander legten sie sich auf den Mantel und Hanibu bot ihren eigenen als Zudecke an, doch Viviane war es warm genug. Also zog Hanibu den dicken Wollstoff für sich allein bis unters Kinn und sah auf einmal sehr jung aus, wie sie da gen Himmel starrte. Viviane entging ihr ängstlicher Blick nicht.

„Das Wetter wird besser werden“, versicherte sie. „Schau, die Schwalben fliegen hoch!“ Welch eine Erleuchtung! Eigentlich wollte sie ja nur das Gespräch in Gang bringen und etwas um den heißen Brei herumreden.

Hanibu nickte seufzend. Sie vertraute Viviane, obwohl sie sich erst einen Tag kannten.

„Es ist schön hier. Anders als mein Land, aber es gefällt mir. Es ist bloß … ich habe etwas Angst vor den Menschen, davor, wie sie über mich denken. Ich sehe ganz anders aus als sie und noch dazu bin ich eine … eine …“

„Keine Bange, nur Mut. Du wirst sehen, meine Leute werden dich gut aufnehmen. Sei ganz zuversichtlich. In jeder Herde gibt es schließlich ein schwarzes Schaf, und jetzt haben wir endlich auch eins. Und was für ein niedliches Hanibeerchen!“ Viviane zwickte ihr neckend in die Nase.

Hanibu konnte gar nicht anders, sie musste lachen, und schon kicherten beide wie kleine Mädchen.

„Das mit dem schwarzen Schaf ist übrigens nicht böse gemeint, im Gegenteil. Es gibt wirklich meist ein oder zwei Schafe mit dunkler Wolle, während alle anderen helle haben, und …“ Viviane hob Achtung heischend den Zeigefinger. „Schafe sind enorm wichtige Tiere für uns. Sie bedeuten nicht nur Fleisch und Milch und Wolle, sondern sie stehen auch für Fruchtbarkeit. Und Fruchtbarkeit ist nicht nur wichtig, sie ist überlebenswichtig für uns. Nimm zum Beispiel unser erstes Mondfest im Jahr, Imbolg. Imbolg wird gefeiert, wenn die Mutterschafe nach dem langen Winter wieder Milch geben, weil sie bald ihre Lämmer gebären werden. Ein wahrhaft frohes Ereignis. Vielleicht werde ich später auch mal als solch ein niedliches, flauschiges Lämmchen wiedergeboren – oder du, wer weiß? Stell dir vor, Hanibeerchen: Du und ich auf der Weide als Schafe, wie wir genüsslich den Löwenzahn kauen. Und was für eine Wolle wir abgeben würden! Daraus macht meine Mutter die feinsten Kleider in Schwarz-Weiß. Na, wohl eher Dunkelbraun-Milchweiß, aber egal, jedenfalls könnte man darauf prima Fidchell spielen. Ich höre schon die Rufe der Händler: ‚Fidchell spielen, wann immer ihr wollt! Ob Sommer oder Winter, leicht und luftig oder dick und wärmend!‘“ Übermütig tätschelte Viviane ihren Mantel. „Aber erst mal müssen wir zwei ganz viel Löwenzahn kauen, bis es uns aus dem Maul hängt! Guck, so, ich mach mal vor!“ Kopfüber stürzte sich Viviane ins Gras.

Hanibu quietschte vor Vergnügen.

Laut blökend verspeiste Viviane ein riesiges Büschel Löwenzahn – natürlich nicht wirklich, die Blätter waren für ihren Geschmack zwar zart genug, aber sie hatte auch ein paar Stängel erwischt; daher musste sie prusten und spucken, bis sie das Grünzeug wieder aus dem Mund bekam. Nebenbei wischte sie sich eifrig Lachtränen aus den Augen und freute sich über den Erfolg von so viel Blödsinn, denn Hanibu japste und schnaufte vor Lachen, und auch sie selbst musste tief Atem schöpfen, um sich wieder zu beruhigen.

Mit einem Ruck saß Viviane gerade und sog noch einmal prüfend die Luft ein.

„Riechst du das auch?“

Hanibu schnupperte. „Ich rieche nur Wiese. Was meinst du?“ Sie sah sich um und rückte dichter an Viviane heran.

„Es windet wie Wildschwein.“ Viviane steckte den Zeigefinger in den Mund, hielt ihn in die Luft und zeigte zum Waldrand. „Das kommt eindeutig von dort, wo Loranthus verschwunden ist.“

„Du gibst auch einen prima Hund ab, wenn es mit dem Schaf nichts wird“, gluckste Hanibu.

„Ich mach keinen Quatsch, es ist sehr ernst, Hanibu. Wildschweine flüchten zwar lieber, wenn man ihnen zu nahe kommt, aber die Sauen haben jetzt gerade Nachwuchs. Da kennen die weder Freund noch Feind und greifen an.“

„Du meinst, sie könnten Loranthus töten?!“ Hanibu schlug die Hände vor den Mund.

Viviane sprang auf und befahl: „Du bleibst bei den Pferden. Wenn etwas schiefgeht, steigst du auf Dina und reitest, so schnell du kannst. Sie kennt den Weg, Arion wird ihr folgen.“

„Was meinst du mit ‚schiefgeht‘? Was hast du vor?!“

„Erstens: Wenn die Sau in deine Richtung läuft. Zweitens: Ich werde Stachelbeere suchen.“

Hanibu verstand nicht ganz, doch Viviane rannte schon und so musste sie selbst eins und eins zusammenzählen. Rasch hob sie die Mäntel auf, stellte sich zu den Pferden und schaute Viviane nach, die zwischen ein paar Büschen verschwand.

Ohne den Blick von dieser Stelle zu lassen, wickelte sich Hanibu in ihren Mantel und versuchte, ihn mit der Fibel zu fixieren. Es gelang ihr erst beim dritten Versuch, die Nadel durch den dicken Filz zu stechen und festzuklemmen, ihre Finger zitterten. Jetzt war sie ganz allein in einer fremden Welt und sie konnte nur eines tun: ihren uralten Gott, Sama, bitten, Viviane und Loranthus wohlbehalten zurückzuschicken.

Inbrünstig presste Hanibu die Fäuste an ihre Lippen und rief ihn an, denn wenn einer ihre Bitte erhörte, dann ‚der Hörende‘ selbst. Um sich selbst hatte sie keine Angst. Sie konnte mit den Pferden fliehen. Aber was wollte ihre Freundin tun, wenn die Sau auf sie zukam?

Viviane bewegte sich gegen den Wind, denn Wildschweine konnten bestens riechen, auch wenn sie nicht besonders gut sahen. Sie hingegen tat sich gerade mit beidem schwer; im Wald war es viel komplizierter, dem Geruch zu folgen und gleichzeitig nicht über Loranthus zu stolpern. Mit seinen neuen Kleidern in Braun und Grün-Gelb war er zwischen all den sprießenden Bäumen und Sträuchern und dem alten Laub auf regenfeuchtem Boden bestens getarnt. Obwohl, so weit konnte er eigentlich nicht gegangen sein, schließlich hatte er es eilig und dürfte sich hinter den erstbesten Sichtschutz gehockt haben.

Argwöhnisch fuhr Viviane herum und musterte den Waldrand, dann ging sie weiter und lugte hinter jeden Busch, jeden dicken Baum, bis sie zu extrem dichtem Unterholz kam. Vor diesem Gestrüpp hätte Loranthus garantiert haltgemacht, doch als Unterschlupf, als Kessel für Frischlinge, war es geradezu ideal.

Leise postierte sie sich hinter einer alten Eiche, kniff die Augen zusammen und spähte ins Zwielicht.

Die Sonnenstrahlen schienen mit den spärlichen Blättern zu tanzen, sanft wiegten sich Gräser im Wind, Bienen summten von Blüte zu Blüte, ganze Teppiche von Waldmeister und Buschwindröschen bedeckten den Boden. Die Düfte waren derart intensiv, dass sie sogar den überdeckten, der ihr wichtig war.

Sorgfältig prüfte sie noch einmal die Windrichtung, bevor sie weiter schlich. Es ging einigermaßen, im Gegenwind zu bleiben und regelmäßig den Geruch zu kontrollieren – zu dumm nur, dass sie vergessen hatte, den Wasserschlauch abzuhängen. Nun musste sie ihn fest an sich pressen, damit es darin nicht gluckerte.

Abrupt blieb Viviane stehen. Der Geruch nach Wildschwein wurde stärker. Sehen konnte sie noch nichts, aber das war gut für ihren Plan.

Bedächtig öffnete sie eine ihrer vielen Gürteltäschchen, fischte eine Holzdose heraus, zog sie auseinander und kippte einen grauen Flaum heraus. Diesen knautschte sie ein wenig in der Hand, während sie im Bogen weiterging, sich in den Wind hinein bewegte … sachte, ganz sachte, bis er von hinten kam und der Flaum in ihrer Hand vom Sog ergriffen wurde. Rasch knautschte sie ihn stärker, hielt ihn in den Wind und schaute sich nebenbei um.

Drei Schritt rechts von ihr ragte eine Hainbuche in die Höhe, zehn Schritt vor ihr ein wild wucherndes Himbeergestrüpp. Falls die Sau wider Erwarten dort herausbrechen sollte, musste sie schnell sein; die Hainbuche war nicht ideal, sah aber recht stabil aus.

Natürlich hoffte sie, dass dieser Notfall nicht eintreten würde.

Sanft strich sie über den grauen Flaum, zerpflückte ihn leicht, blies hinein, lauschte, bewegte den Arm auf und ab, blies wieder in den Flaum, lauschte, bewegte den Arm … Es schnaubte hinter dem Gestrüpp.

Die Sau schnaubte lauter, schnüffelte, grunzte, dann rannte sie quiekend davon. Zum Kessel mit ihren Jungen, da war sich Viviane sicher, aber die Himbeeren vor ihr waren einfach zu dicht, um es zu sehen. Also wartete sie noch eine Weile und horchte.

War da nicht ein leises Wimmern? Es hörte sich nicht wie Wildschwein an. Zielsicher lief sie los und schlängelte sich mit erhobenen Händen durch die Hecken; es ging leichter als gedacht.

Kurz darauf stand sie vor einer lang gestreckten Lichtung mit weichem Bärenfellgras, Wiesenblumen und einem Bach, der sich um große Steine wand und voll schillernd bunter Kiesel war. Sein Plätschern hatte etwas Besonderes, fand Viviane, es hörte sich fröhlich an, vergnügt. Auf der anderen Seite wiegte sich ein junger Birkenhain im Wind, seine Blätter raschelten leise und schimmerten grün-golden in der Sonne; sie hatten etwas Beschauliches an sich, etwas Ruhiges, Friedliches.

Hier war ein Ort, wo Feen lebten, mit Sonnenstrahlen um die Wette flogen, auf Flusssteinen tanzten, in Blütenkelchen ruhten und nachts im Mondlicht badeten. Verträumt steckte sich Viviane eine Handvoll Gänseblümchen in den Mund und sah sie vor sich, die Feen, wie sie durch die Lüfte schwebten auf zarten Flügeln mit seidigem Schimmer in wundervoller Farbenpracht. Fröhlich flatterten sie von Blüte zu Blüte, tranken Nektar und …

„Ist das wahnsinnige Vieh weg?“, blökte ein Schaf und rupfte an einem azurblauen Vergissmeinnicht, auf dem sich gerade eine Fee mit zitronengelben Flügeln sonnte.

Viviane zuckte zusammen, hob den Kopf und schüttelte ihn verwirrt. Nun hatte sie so einen schönen Tagtraum gehabt, bis dieses blökende Schaf aufgetaucht war und alles zerpflückt hatte. Vom wundersamen Feen-Volk war nichts mehr zu sehen, aber wenigstens waren die schönen Blumen noch da. Das Schaf seltsamerweise auch.

„Ich habe gefragt, ob die irre Sau weg ist, Viviane!“, blökte es noch lauter, diesmal vom Birkenhain aus. Das Schaf, genauer, Loranthus, hockte hoch oben auf der dicksten Birke und spähte ängstlich durch die Blätter. Viviane fragte sich tatsächlich für einen Moment, ob sie immer noch träumte. Sie musste sich erst einmal die Hand vor den Mund halten, um ein Kichern zu unterdrücken, bevor sie ihm antwortete. „Du kannst dich runtertrauen, die kommt so schnell nicht wieder.“

„Na, hoffentlich.“

Vor sich hin grummelnd hangelte Loranthus von Ast zu Ast und baumelte eine Weile am untersten, bis er endlich losließ. Ächzend landete er im weichen Gras drei Handbreit unter sich.

Viviane schlug die Hände vors Gesicht und unterdrückte einen Hustenanfall, während Loranthus mittels der Steine über das Bachbett trippelte; sie beobachtete ihn genau durch die Finger hindurch. Er hatte etliche Kratzer an Händen und Gesicht, sonst sah er den Umständen entsprechend gut aus und konnte sich auch recht geschmeidig bewegen.

„Ich habe schon gedacht, die geht nie mehr weg“, murmelte er verlegen, kaum stand er bei ihr. „Aber mit einem Mal hat das wilde Vieh ganz seltsam geschnüffelt, den Kopf umhergeworfen und ist davongerannt wie auf der Flucht.“

Loranthus richtete sich zu seiner vollen Größe auf und Viviane konnte einen Anflug von Genugtuung aus seiner Stimme heraushören: „Ich habe noch gar nicht gewusst, wie grandios ich sprinten kann. Urplötzlich stand diese Sau vor mir und scharrte mit den Hufen. Da haben sich bei mir sämtliche Nackenhaare aufgestellt und ich bin gespurtet wie Herakles bei Olympia. Meinen Sprung übers Wasser hättest du sehen sollen! Allerdings habe ich auch nicht gewusst, wie schnell eine Sau rennen kann. Zum Glück habe ich diesen Baum gesehen, also bin ich hochgesprungen und geklettert. Ich bin noch nie auf einen Baum gestiegen, schon gar nicht dermaßen rasant.“

„Das hast du gut gemacht.“

„Ja, das sehe ich auch so. Oryeithai!“

Viviane verstand nicht ganz. Nun hatte sie ihn ordentlich gelobt, und kaum hatte er sich in Pose geworfen, schaute er unglücklich drein. Ja, er begutachtete mit wachsendem Entsetzen seine Erscheinung, dabei waren die paar Schrammen eher harmlos, auf dem rechten Handrücken befand sich die einzig klaffende Wunde.

Auffordernd streckte sie ihm den Wasserschlauch hin und wie erwartet begann er gierig zu trinken.

„Diese Blessuren“, sie zeigte auf sein Gesicht und die linke Hand, „da brauchst du bloß Spucke drauf machen. Einzig dein rechter Handrücken sieht schlimm aus, da ist besonderer Schutz notwendig. Am besten auf den Schnitt urinieren, jetzt sofort! Oder hast du das schon erledigt?“

„Was?!“ Hastig überprüfte Loranthus den Sitz seiner Hose und jammerte: „Das wollte ich gerade tun, als es hinter mir so seltsam knackte. Mir kam es vor, als ob mich jemand beobachtet. Da habe ich meine Hosen lieber wieder hochgezogen, um woandershin zu gehen. Aber da stand auch schon dieses Riesenvieh vor mir und ich vergaß, was ich eigentlich vorhatte. Nur eines wusste ich: Die würde mich umbringen, falls sie mich zu fassen bekäme! Das habe ich in ihren Augen gesehen!“

Loranthus betrachtete seinen anderen, nur leicht zerkratzten Handrücken und schnaufte schwer.

„Wegen des Biestes habe ich mir einen Fingernagel abgebrochen! Nein, vier! Ganze vier Stück!“

Eilig knabberte er am ersten verunstalteten Finger herum und schimpfte nebenbei über Wildschweine im Allgemeinen und irre Sauen im Besonderen.

Viviane staunte, wie lange er jammern und auf seinen Zeigefinger beißen konnte. Was für ein Aufwand wegen vier Nägeln, wo ihm doch noch viel mehr hätte abbrechen können.

„Oh, du armer kretischer Stier! Deine Hufe sind eingerissen? Mach nicht so viel Muh und Mühe, deine Leiden sollen auf wundersame Weise enden“, sang Viviane die zweite Stimme in seinem Gejaule und kramte in einer ihrer Taschen. Mit übertriebener Verbeugung überreichte sie ein schmales Kupferplättchen, das vorne eine spitze Kerbe hatte.

„Perfekt!“, jauchzte Loranthus und riss ihr das Teil fast aus der Hand. Sofort schabte er damit hoch konzentriert über seinen Fingernagel. „Dein Nagelschneider ist sehr scharf, ich danke dir, aber …“ Er legte seinen Kopf schief und schaute sie von unten her an.

„Ich werde das Gefühl nicht los, dass du dich über mich lustig machst.“

„Da trügen dich deine Sinne nicht, denn ich werde das Gefühl nicht los, dass du gar nicht begreifst, wie viel Glück du eigentlich hattest.“ Vivianes Hand zuckte verächtlich zu den Schrammen. „Die paar Blessuren sind kaum der Rede wert, du jedoch lamentierst wegen abgebrochener Fingernägel, als sei jemand gestorben! Was meinst du? Ob du noch jammern könntest, wenn sie dich erwischt hätte?“

Betreten schaute Loranthus auf seine Hände, wo ihn noch drei weitere Nägel zu besagtem Jammern animierten.

„Deinen Spott habe ich wohl verdient“, gab er zu und sah fest in Vivianes Augen, damit sie nicht mitbekam, wie er so rasch wie möglich die anderen Nägel bearbeitete. „Ich bin nie besonders agil gewesen. Ich habe eine sehr angesehene Schule durchlaufen und die Bücher meines Vaters studiert. Mich körperlich zu betätigen, ist mir gar nicht in den Sinn gekommen, höchstens, wenn ich musste, wie in der Schule. Sobald ich alt genug war, habe ich meinen Vater auf seinen Handelsreisen begleitet. Ich habe viele Orte kennengelernt, viele Menschen. Ergo hatte ich stets adrett auszusehen, eben vorzeigbar. Was meinst du, was ein Handelspartner von meinem Vater gedacht hätte, wenn ich auch nur ein winziges bisschen schäbig gewesen wäre oder gar gestunken hätte vor lauter Schweiß wie ein ranziger Ziegenbock! Wir sind eine uralte und sehr bedeutende Händlerdynastie!“

Loranthus merkte, wie er sich in Rage redete; den Nagel vom kleinen Finger hatte er schon viel zu kurz geschoren. Außerdem schien Viviane nicht besonders überzeugt. Er holte tief Luft und fuhr nun ruhiger fort: „Nun gut, ich merke, dies ist kein triftiger Grund für dich. Du bist wesentlich anders als ich. Noch so jung und trotzdem allem gewachsen. Du bist bestimmt als kleines Kind schon auf Bäume geklettert. Du kannst mir wirklich viel beibringen, Viviane.“ Mit seinem besten Hundeblick schaute er bittend zu ihr auf.

„Na, das Auf-Bäume-Klettern überlasse ich gerne meinen Brüdern, die haben mir das schließlich auch beigebracht.“

„Du hast Brüder?“ Loranthus bekam ganz große Augen. „Ich habe mir auch immer welche gewünscht, aber meine Mutter hat nur mich bekommen und dann ist sie gestorben. Damals war ich gerade elf Jahre. Mein Vater vermisst sie immer noch sehr.“

„Oh weh, das tut mir leid, mein Freund.“ Mitfühlend tätschelte Viviane seinen Arm und zog ihm nebenbei den Nagelschneider aus den Fingern. „Meine Brüder werden dich gern unter ihre Fittiche nehmen. Allerdings befürchte ich, du wirst bald froh sein, keine gehabt zu haben, wenn du so derart ruhig und behütet aufgewachsen bist wie niemand sonst, den ich kenne.“

„Ach, da fällt mir ein …“ Loranthus druckste verlegen herum. „Wie bist du eigentlich so schnell darauf gekommen, dass ich ein Grieche bin?“

„Na, das ist doch klar wie ein Gebirgsbach, ich habe dich gehört. Jemand, der in Griechisch mit sich selbst redet, kann ja schlecht ein anderer sein als ein Grieche, oder? Außerdem …“ Viviane hätte nun sagen können, dass sie Loranthus bereits kannte und ihn für einen harmlosen Händler hielt. Doch sie war sich dessen noch nicht ganz sicher. Sie traute den Römern durchaus zu, auf die Mitleidstour einen Spion bei den Hermunduren einzuschleusen; noch dazu einen echten Griechen, der diese Aufgabe – warum auch immer - bewerkstelligte. Im Hinblick auf den zu erwartenden Krieg zwischen Chatten und Hermunduren wäre das schlichtweg eine geniale Idee, die sie persönlich als ‚leicht durchführbar‘ bezeichnet hätte. Immerhin wäre sie selbst der beste Beweis, wenn es sich so verhielte, denn gestern hatte sie Loranthus bedenkenlos unter ihre Fittiche genommen und heute nahm sie ihn mit nach Hause. Womit sie wieder am Anfang ihrer Gedanken war: Sie traute es Loranthus zwar nicht zu, doch sie vertraute ihm auch nicht wirklich. Es war an der Zeit, ihm ein wenig auf den Zahn zu fühlen, daher zeigte sie in weite Ferne gen Westen. „Außerdem erkennt man es an deiner Wortwahl.“

„An meiner Wortwahl?“

„Ja, Loranthus. Du sagst ‚Galatai‘ oder ‚Keltoi‘, wie schon die alten Griechen vor langer Zeit. Die Römer sagen mittlerweile ‚Germanen‘ zu unsereins. Die sind nämlich an guter Nachbarschaft interessiert, jedenfalls offiziell. Die würden niemals darauf hinweisen, dass wir den gleichen hellen Teint aufweisen wie die Leute in den besiegten Gebieten links vom Rhein oder wir allgemein höher gewachsen sind als die Römer. Das Wort ‚Nachbarn‘ zieht wie von selbst eine Grenze und es hört sich doch viel kleiner an, als das riesige Gebiet der unbesiegten Sueben in Wirklichkeit ist.“ Sie hob in einer resignierenden Geste die Hände. „Tja, als die großen Imperatoren kommen sie mit dieser Einstellung durch. Wer es nicht besser weiß, glaubt alles, was er erzählt bekommt. Der Name der mächtigen Sueben wird verschwinden, wenn wir nicht aufpassen. Du als Grieche weißt ja: Der Sieger schreibt die Geschichte.“

Bevor Loranthus einen beleidigten Schmollmund ziehen konnte, packte sie ihn an den Schultern und rüttelte kräftig. „Ist doch egal, mein Freund! Was zählt, ist hier und jetzt! Und nun komm, wir gehen zurück zu Hanibu. Sie macht sich bestimmt große Sorgen.

Obwohl …“

Sie schaute zum Bach und schnippte mit den Fingern.

„Zuerst pflücke ich noch Sauerklee, Wasserminze und Brunnenkresse. Das wächst hier so schön üppig, das kommt mir sehr gelegen. Und du …“ Mit großer Geste zeigte sie auf eine blickdichte Stelle im Birkenhain und befahl: „Du kümmerst dich derweil um deine Wunden. Und zwar hurtig, hurtig.“

Artig trabte Loranthus in die angegebene Richtung und übersprang den Bach wieder mit Leichtigkeit. Viviane begutachtete seine Rückansicht und fand es sehr aufschlussreich, wie geschickt er auf den Zehen trippelte und mit den Armen die Balance hielt – wahrscheinlich gab es in seiner Schule keine dazu passende Disziplin, sonst hätte er sich doch körperlich betätigt. Grinsend drehte sie sich in die andere Richtung, zog ihr Hemd unter dem Gürtel hervor und nahm es vorne zusammen. Bis Loranthus zurückkam, hatte sie schon alle Kräuter in der Hemdtasche untergebracht. Neugierig warf er einen Blick hinein.

„Was kann man mit dem Grünzeug machen?“

„Erstmal Essen.“ Grinsend marschierte Viviane los.

Loranthus folgte ein wenig zögerlich. Er machte sich keine Sorgen wegen der Wildsau – sie gingen in die andere Richtung – aber dieses teilweise recht nasse Grünzeug machte doch einen fragwürdigen Eindruck auf ihn. Jetzt warf sie auch noch mit wachsender Begeisterung kleine weiße Blümchen hinein und versicherte diesen, wie gut sie schmecken würden. Erst Pferde, jetzt Blumen! Den ganzen Weg überlegte er, was ihr im Kopf herumging und wie er um die Mahlzeit drum herumkommen könnte, ohne Viviane vor selbigen zu stoßen. Zum Glück war der Weg recht lang, weil sie das Revier der Sau meiden mussten und so von der gegenüberliegenden Seite auf die Wiese kamen.

Und hier, am Waldrand, bot sich ihm ein Anblick, der sämtliche anderen Gedanken in den Schatten stellte: Hanibu stand neben Dina, hatte ihnen den Rücken zugedreht und starrte wie gebannt auf die Stelle am Waldrand, an der er vorhin verschwunden war.

Viviane tippte Loranthus auf die Schulter und gestikulierte: Heranschleichen wäre ungünstig und durch die Wiese trampeln kaum möglich – so oder so hätte sich Hanibu erschreckt. Darum riefen sie schon von Weitem ihren Namen.

Mit einem glücklichen Aufschrei ließ Hanibu die Zügel los, breitete die Arme aus und rannte ihnen entgegen. Schluchzend umklammerte sie die beiden und wollte gar nicht mehr loslassen; Viviane musste aufpassen, damit ihr nichts aus der Hemdtasche fiel, während Loranthus zu viel Schwung holte, um Hanibus Kopf zu tätscheln. Er stellte sich recht unbeholfen an, doch er schien ehrlich gerührt. Fürsorglich nahm er seine Sklavin am Arm und führte sie zu den Pferden zurück. Als sie ankamen, hatte Viviane längst ihren Mantel ausgebreitet, ein Tuch darübergeworfen und ein Brot sowie Sauerklee und Gänseblümchen in zwei Haufen darauf drapiert. Gerade zog sie die gut sitzenden Deckel von zwei Holznäpfchen ab.

„So, da haben wir auch Butter und Salz, alles Geschenke von unserer guten Wirtin. Setzt euch, wir haben uns eine Stärkung verdient.“

Mit ihrem Messer schnitt sie dicke Scheiben vom Brot herunter, bestrich sie großzügig mit Butter und legte alle der Reihe nach vor sich auf das Tuch. Loranthus wollte schon zugreifen, doch sie hob mahnend den Finger und er zuckte vor ihrem Messer zurück.

„Keine Bange, Loranthus, mein Freund, du musst dich nur noch ein wenig gedulden. Jetzt kommt doch erst das Wichtigste.“

Sie nahm ein Bündel Brunnenkresse in die Linke, schnippelte mit dem Messer kleine Stückchen über die Brote und streute Salz aus dem Näpfchen darüber. Nun machte sie eine einladende Handbewegung.

Misstrauisch beäugten die zwei Auswärtigen ihre Kochkünste, nahmen aber jeder ein Brot. Viviane kaute schon längst genüsslich und strahlte, als beide nach dem ersten Bissen große Augen machten.

„Das schmeckt ja wunderbar“, lobte Loranthus und sicherte sich gleich noch eine zweite Scheibe.

„Ich habe gehofft, es würde euch schmecken. Außerdem reinigt es das Blut und gibt neuen Schwung. Probiert ruhig auch den Sauerklee und die Gänseblümchen. Die Wasserminze kann ich euch leider nicht anbieten, die habe ich für andere Zwecke vorgesehen.“

Nach dem Essen ließ Viviane ihr Trinkhorn herumgehen.

Hanibu sah verdutzt auf. „Das schmeckt ja ganz anders als vorhin!“

Viviane feixte. „Loranthus hat eine verwunschene Lichtung entdeckt. Dort fließt ein kleiner Kieselbach. Wasser ist eben nicht gleich Wasser. Dieses hier hat vielleicht eine heilsame Wirkung auf Haut und Nägel.“

Hanibu wurde ernst. „Wie hast du ihn vor der Wildsau gerettet?“

Loranthus lachte laut auf und erzählte seine unheimliche Begegnung, als wäre es ein lustiges Abenteuer gewesen. Nebenbei schob er sich alles in den Mund, was seine Finger erwischen konnten.

Hanibu starrte ihn mit großen Augen an. „Und die Sau ist ganz von allein wieder weggelaufen? Verstehe ich nicht.“

„Sie hatte wohl keine Lust zu warten, bis ich herunterfalle.“

Viviane saß etwas versetzt hinter Loranthus und schnitt Grimassen, damit Hanibu nicht weiter fragte. Zur Sicherheit drückte sie die Deckel auf die Näpfchen, schüttelte ein paar Krümel vom Brottuch und sagte: „So, eine milde Gabe für die kleinen Freunde. Wir reiten weiter. Bald sind wir an der nächsten Furt und zum Mittag sind wir zu Hause.“

„Was gibt es denn bei euch zum Mittag?“ Loranthus hatte es plötzlich enorm eilig, auf Arions Rücken zu kommen, er brauchte nicht mal Hilfe.

Heimkehr ist die beste Umkehr

An der Fähre konnten sie gleich übersetzen. Loranthus stellte sich nach vorne und betrachtete das näher kommende Ufer. Er bekam gar nicht mit, wie der Fährmann Viviane an sich drückte und sie ihm ins Ohr raunte, er solle Loranthus ablenken, was er mit verschwörerischem Grinsen auch sofort tat.

„Du bist Grieche?“, tönte er in passablem Griechisch und schmetterte Loranthus eine Hand auf die Schulter, der sofort Schlagseite bekam. „Interessant. Normalerweise ist dies hier eine Furt, musst du wissen, Grieche. Das heißt, man kann an dieser Stelle zu Fuß über die Werra. Allerdings schwillt der Fluss jedes Frühjahr dermaßen stark an, dass sich nur Idioten durch das Wasser wühlen. Die schwinden mit der Zeit von selbst und für die anderen gibt es zur Schneeschmelze einen Fährmann. Das bin ich. Den Rest des Jahres bin ich Salzsieder, musst du wissen, Grieche. Das Salz sprudelt bei uns nur so aus dem Boden, stellenweise hüfthoch. Soll ich dir sagen, wie das geht?“

„Ja, gerne! Das ist sehr nett von dir!“ Erfreut beugte sich Loranthus über das Wasser – anscheinend hielt er Ausschau nach sprudelnder Salzlauge. Bis er es besser wusste, konnten Viviane und Hanibu am hinteren Ende der Fähre in Ruhe reden.

Noch einmal öffnete Viviane die Holzdose und nahm den grauen Flaum heraus. Liebevoll streichelte sie darüber. Hanibu sah sie fragend an.

„Ich trage es seit fast sechs Jahren bei mir und habe die Dose noch nie geöffnet. Das war gut so, denn wie sich herausstellte, war der Geruch immer noch ausreichend vorhanden, jedenfalls für den Spürsinn einer Wildsau. Es ist Wolfshaar. Der Wolf ist der größte Feind der Wildschweine, von uns Menschen mal abgesehen.“

Hanibu nickte verstehend und freute sich, weil ihr Viviane den Flaum in die Hand legte. „Ich bin so froh, dass euch nichts passiert ist. Ich hatte schreckliche Angst um euch. Aber warum wolltest du ihm nichts davon erzählen?“ Hanibu hielt das Wolfshaar hoch und schaute darüber hinweg zu Loranthus.

„Nun, er sollte nicht denken, er stünde in meiner Schuld.“

„Du stehst selbst nicht gern in anderer Leute Schuld, oder?“

Viviane lachte auf und zuckte mit den Schultern.

In dem Moment winkte ihnen Loranthus überschwänglich, er strahlte vor Mitteilungsbedürfnis. Viviane verpackte den Flaum so unauffällig wie möglich und sie gingen zu ihm, doch bevor er irgendetwas sagen konnte, drängte sich der Fährmann dazwischen.

„Endlich kann ich dich ordentlich begrüßen, Kind, wie sich das gehört! Herzlich willkommen zu Hause, junge Ärztin!“ Er verneigte sich tief, dann packte er Viviane an den Schultern und betrachtete sie voller Stolz. „Gut siehst du aus, so erwachsen. Aber ich habe dich trotzdem gleich wiedererkannt, schließlich bist du das perfekte Ebenbild deines Vaters, bis auf einige Stellen, versteht sich.“ Schmunzelnd tätschelte er ihren Kopf und schielte übertrieben auffällig abwärts.

„Onkel Wadi, du Charmeur!“, gluckste Viviane und zwickte ihn in den Bauch, was ihm sehr zu gefallen schien. „Im Gegensatz zu mir hast du dich gar nicht verändert. Immer noch so ein Witzbold wie früher und immer noch bestens in Form. Grüß Tante Fanar schön von mir, wir sehen uns ja bald zu Beltane. Ach … wie geht es Nora?“

Wadi winkte lachend ab. „Der könnte es gar nicht besser gehen.“

Gleich darauf glitt die Fähre an Land und Onkel Wadi hatte alle Hände voll zu tun, zumal schon die nächsten Fahrgäste in die Gegenrichtung warteten. Lauter Salzhändler, wie er Loranthus verkündete, der sich überschwänglich bei ihm bedankte und ihn offensichtlich genauso entlohnte, den aufgerissenen Augen Onkel Wadis nach zu urteilen. Dann ging es weiter.

„Viviane, du bist eine richtige Ärztin? Ich dachte, du bist eine Kräuterfrau wie diese Wisora, auf die du so große Stücke hältst?!“ Hanibu drehte ihr fragend das Gesicht zu, die Zügel locker im Griff. Dina zu führen war einfach unbeschreiblich für sie; es machte ihr viel Spaß.

„Ersteres, ja.“ Viviane schmunzelte. „Ich bin sozusagen eine frischgebackene Ärztin mit komplettem Status.“

„Kompletter Status?“ Loranthus bekam große Augen. „Du meinst, du hast eine vollständige, eine komplette Ausbildung in Heilkunde? Medizin inklusive Chirurgie?“ Er konnte es gar nicht fassen. „Aber du bist doch noch so jung!“

„Muss ein Arzt denn alt sein?“

„Nun ja, ich kenne eben nur alte Ärzte. Ergo habe ich wohl vergessen, dass die auch mal jung gewesen sein müssen.“

Loranthus lachte über sich selbst. Bis jetzt hatte er sich Viviane stets in Rüstung vorgestellt. Ihre Waffen, das geheimnisvolle Schwert, ihre Kampfkunst, die Art, wie sie sich bewegte … Sie war eine Kriegerin, gar kein Zweifel. Nie hätte er gedacht, sie könnte auch das genaue Gegenteil davon sein – eine Heilerin. Da passte doch irgendwas nicht zusammen, oder? Unauffällig musterte er sie von oben bis unten.

Zugegeben, als sie sich um Hanibu gekümmert hatte, war es schon offensichtlich gewesen; schließlich renkte nicht jede dahergelaufene, angriffslustige Kelta – Verzeihung, friedliebende Hermundurin – derart problemlos Arme ein.

Warum also hatte Viviane ihm bis jetzt verschwiegen, dass sie eine richtige Ärztin und damit eine Druidin war? War das nicht der am höchsten angesehene Stand hierzulande, von dem des Königs einmal abgesehen? Vielleicht lag es ja an dieser seltsamen Kombination aus Druidin und Kriegerin, von der er bis jetzt noch nie gehört hatte. Davon würde er wohl auch niemals zu hören bekommen, oder? Welcher Arzt gab schon gerne zu, dass er seine Patienten schneller töten als heilen konnte?

„Und jetzt kommst du gerade von deinem Studium“, stellte Hanibu fest, die das ‚Frischgebackene‘ nicht – wie Loranthus – überhört hatte.

„Ja, ich war fünfeinhalb Jahre in Britannien auf einer der wohl berühmtesten Schulen weit und breit, ‚der Ort‘ genannt; aus vielen Ländern kommen sie dorthin, doch leicht zu finden ist er nicht.“

„Nach fünf Jahren bist du bereits Ärztin?“ Loranthus riss entsetzt die Augen auf, jetzt wollte er Antworten, sofort. „Erklär mir mal, wie das sein kann! Als Ärztin bist du doch automatisch auch Druidin und ich habe gelesen, Druiden müssten an die zwanzig Jahre studieren. Zwanzig! Das ist vier mal fünf, ergo das Vierfache von fünf Jahren – nicht, dass wir uns hier missverstehen!“

„Das ist alles ganz richtig, Loranthus, ich kann übrigens auch gut rechnen“, gluckste Viviane. Sie wollte noch erwähnen, dass sie auch ein winziges bisschen Ahnung von Astronomie hatte, andererseits musste er nicht alles wissen.

„Nur so viel. Es dauert wirklich sehr lange, um den Stand eines Druiden zu erreichen. Aber keine Bange, man wird nicht alt und grau dabei, sondern man wird von Kindesbeinen an darauf getrimmt. Bei mir verhielt es sich zum Beispiel so: Bevor ich nach Britannien ging, war ich bereits drei Jahre an einer anderen Schule nahe der Donau, hoch in den Alpen. Außerdem habe ich immenses Glück, eine Kräuterfrau als Mutter zu haben. Ich hatte also großen Vorsprung, begann mein Studium sozusagen an der Mutterbrust.“ Viviane lachte hell auf. „In den ersten zwei Jahren war ich leider keine gute Schülerin und habe meine Mutter reichlich Geduld gekostet. Damals war sie in meinem Alter.“

Verträumt schaute Viviane in die Ferne. Es fühlte sich seltsam an, endlich wieder daheim zu sein. Als wäre es nicht echt, sondern nur ein Traum. Fast kam es ihr vor, als wäre sie eine Fremde. Diesem Zustand musste sie schleunigst abhelfen. Freudig winkte sie den Bauern auf den Feldern, die sie allesamt hochachtungsvoll zurückgrüßten.

Beim Anblick sich tief verneigender Bauern reckte sich Loranthus in die Höhe. Er hatte tatsächlich Glück im Unglück gehabt. Er wusste zwar nicht genau wieso, aber es war Viviane, wegen der er sich so unbeschwert fühlte wie schon lange nicht mehr. Es war ihm egal, warum sie mit der Druidin-Kriegerin-Kombination hinter dem Berg gehalten hatte. Und es war auch nicht wichtig, dass er zwischen dicken Taschen eingequetscht war. Bedeutsam war nur: Er saß quicklebendig auf einem besonders großen, stattlichen Hengst und sämtliche Leute schauten ihm bewundernd nach.

Mit sich höchst zufrieden überblickte er die Gegend.

Das Land war jetzt nicht mehr so weit und offen. Überall erhoben sich einzelne Bergkuppen und die beiden lang gestreckten Gebirgszüge kamen mit jedem Schritt näher; es sah fast so aus, als würden sie Loranthus in die Zange nehmen wollen. Oder war es mehr wie eine Hafeneinfahrt?

Viviane zeigte Richtung Thuringer Wald und erklärte: „In meiner Heimat gibt es viele Clans und jeder hat seinen eigenen Rix oder König, wie man auch sagen kann. Dann haben wir noch einen Großkönig, der über allen die Oberhoheit hat. Er regiert das gesamte Land bis zum Grenzweg auf dem Kamm. Dahinter leben auch Hermunduren, sie haben jedoch einen anderen Großkönig. So ist es einfacher, denn unser komplettes Territorium erstreckt sich bis weit nach Osten, zu den Sueben, von denen wir abstammen.“

„Euer Gebiet geht demnach bis zur Albia oder Albis, wie ihr Hermunduren wohl sagen würdet. Oder sagt ihr ‚Elbe‘ dazu? Egal, auf alle Fälle besitzt ihr ein großes Gebiet.“ Loranthus nickte anerkennend. „Es heißt nicht umsonst: Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm.“

„Der Stamm der Sueben ist uralt und mächtig, von dem sind schon viele Äpfel heruntergefallen.“ Viviane lachte und ihre Hand schwenkte herum.

„Gen Westen, hinter Raino, leben die Chatten. Vielleicht hast du es bereits gehört, sie gelten als straff organisiertes Kriegervolk. Wir Hermunduren unterhalten zu ihnen und allen anderen Nachbarn freundschaftliche Beziehungen. Die Zeit der Fehden ist schon seit Generationen vorbei. Unsere Heimat gibt uns alles, was wir brauchen; wer eiserne Pflugscharen hat, kann wesentlich besseren Ackerbau betreiben. Wir haben Eisen, wir haben Salz und wir haben Frieden, den wohl besten Ernährer überhaupt.“

„Und wenn die Ernte miserabel ist, was macht ihr dann?“

„Ein, zwei schlechte Ernten können wir verkraften. Wir nutzen unsere Vorräte sinnvoll und leben ansonsten von den Früchten des Waldes wie unsere Ahnen vor uns. Dieses Wissen wird an jede Generation weitergegeben. Das ist unabdingbar. Man muss sich in einer Notlage selbst helfen können. Unsere Vorfahren wussten das nur zu gut.“

„Früchte des Waldes?“ Misstrauisch visierte Loranthus den nächstbesten Berg an. „Wenn ich in solchen Wäldern leben müsste, würde ich jeden Tag aufs Neue vor einer Wildsau flüchten, wenn ich nicht vorher verhungere. Ich wüsste nicht, was ich essen darf und was nicht.“ Ob Würmer wohl besser gebraten oder gekocht schmeckten? Loranthus schüttelte angewidert den Kopf. Und eigentlich war das auch egal, denn er konnte ja nicht mal Feuer machen; das war Sklavenarbeit.

„So, Hanibu, jetzt ziehst du ganz sachte am linken Zügel und drehst dich ein wenig nach links … Gut, wir reiten vom Hauptweg, unserer Antsanvia, herunter und biegen auf den kleinen Uferweg der Sünna. Gleich sind wir daheim. Schaut!“

Viviane zeigte auf den Berg links von ihnen.

„Das ist der Uhsineberga. Oben auf der Kuppe könnt ihr die Burganlage schon sehen. Mein Rix, also mein König, Gort, lebt dort. Er regiert das größte Oppidum der Gegend.“

„Du meinst, dort oben leben viele Menschen?“

„Ungefähr tausend.“

„Interessant.“ Loranthus hob die Hand über die Augen, damit er besser sehen konnte.

Auch diese Bergkuppe war baumfrei und die Burganlage thronte obendrauf. Man sah wieder eine lange Wallanlage aus Stein und Holz ähnlich der, die sie bei ihrem Eintritt ins Großkönigreich der Hermunduren gesehen hatten. Und genau wie im Reich von Aodhrix lagen auch hier die Dörfer am Fluss, Felder und Weiden waren von Hecken umgeben, alles war grün und sauber.

Der ‚kleine Uferweg‘, auf dem sie bequem nebeneinander reiten konnten, führte am Uhsineberga vorbei und gab den Blick auf einen weiteren Berg frei.

„Das ist der Dietrichsberg.“

„Ah, der hat nur einen kleinen Wall obendrauf, sieht von hier unten ziemlich mickrig aus.“

„Das kommt auf den Standpunkt an. Ich denke, Amaturix wird dir sein mickriges Reich zu gegebener Zeit persönlich zeigen. Mal sehen, was du dann für Augen machst.“

„Amaturix heißt er? Also auch ein Rix?“ Loranthus kniff die Augen zusammen und schwenkte seinen Kopf vom Uhsineberga zum Dietrichsberg. „Wenn zwei Könige so nah beieinander leben, wie vertragen die sich?“

„Das haben sie schon von klein auf getan. Sie sind Brüder. Sie achten sich sehr und vertrauen sich vollkommen. Außerdem ist Amaturix kein amtierender König. Er trägt zwar den Titel, aber er steht freiwillig hinter seinem älteren Bruder zurück. So nah beieinander kann nur einer regieren.“

„Trotzdem duldet dein König Gort, dass sein Bruder den Titel eines Rix am Namen hintendran hat?“

„Er hat es selbst so angeordnet. Er ehrt seinen Bruder damit.“

„Wohl dem, der solch einen guten Menschen als Nachbarn hat!“

„Zusammen sind sie stark. Du wirst es bald sehen.“

Viviane drehte sich zur Seite und winkte weit ausholend. Sie hatte ein wohlbekanntes Kribbeln im Nacken; das Gefühl, von einem der Türme des Uhsineberga beobachtet zu werden. Sicherheitshalber grüßte sie auch gleich zu den Türmen der Dietrichsburg hoch.

Dort wurde jetzt das Fernrohr heruntergenommen und Meldung gemacht: Viviane, die junge Ärztin, war zu Hause.

Natürlich hatten sie die Wächter auf dem Uhsineberga bereits viel früher gesehen. Hier oben gab ein junger Mann das Fernrohr an einen Wächter zurück und strahlte seinen Vater an.

„Sie ist noch hübscher als damals. Das Warten hat sich gelohnt.“

„Lew, pass auf. Sei bloß nicht so stürmisch. Überfall sie nicht gleich mit einem Heiratsantrag, sonst ergeht es dir womöglich wie dem Fährmann von Aodhrix.“ Feixend schlenkerte der Vater – niemand anders als König Gort – seinen Arm und tat so, als sei dieser gebrochen.

„Er hat es bestimmt verdient, sonst hätte sie ihn nicht so zugerichtet.“

„Eben.“

„Oh, jetzt verstehe ich.“

Lachend schaute Lew auf die kleine Gestalt hinab, die ihm gerade zugewunken hatte. Woher wusste Viviane, dass er sie beobachtete? „Ich werde mich auf das besinnen, was ich am besten kann.“

„Recht so, mein Sohn. Hast du eigentlich die schwarze Maid gesehen, die vor ihr auf dem Pferd sitzt?“

„Welche Maid?“

König Gort seufzte übertrieben. „Sohn. Sie ist gerade heimgekehrt und schon bist du für alle anderen Maiden blind.“ Freundschaftlich klopfte er Lew auf die Schulter. „Mit deiner Mutter ging es mir genauso.“

„Was heißt hier ging? Dir geht es noch genauso, Vater.“ Lew gluckste und schaute wieder hinunter zu Viviane, von der er so viele Nächte lang geträumt hatte.

Sie ritten über eine breite Holzbrücke und folgten dem Weg nun auf der anderen Seite des Flusses. Hinter einer Biegung hielten sie an und Viviane zeigte mit glänzenden Augen auf eine Hagebuttenhecke, die bis zum Wasser reichte. Der einzige Eingang war auch hier ein großes Eichentor, an dem sich keiner vorbeiquetschen konnte, der dicker als eine Schlange war.

„Das steht ja sperrangelweit offen!“ Loranthus riss entsetzt die Augen auf.

„Tagsüber ist das Tor auf, denk an die Wächter.“ Viviane zeigte zu den Türmen. „Die Tore der anderen Gehöfte, an denen wir vorbeigekommen sind, waren doch auch offen. Ist dir das nicht aufgefallen?“

„Das ist dein Dorf“, stellte Hanibu fest.

„Ja, hier bin ich geboren.“

Viviane konnte kaum noch still sitzen. Gleich war sie wieder bei ihrer Familie. Sie war schon ganz aufgeregt. „Kommt“, brachte sie nur noch mit kratziger Stimme heraus.

Hinter dem Tor war der Weg mit Gras überwuchert, das die Schritte der Pferde dämpfte. Links und rechts befanden sich etliche Gehege aus den obligatorischen Hainbuchenhecken mit Gattern aus geflochtenen Weidenruten, alles sehr stabil. Dahinter waren Schafe und Ziegen zu sehen. Manche rupften das saftige Gras, andere lagen wiederkäuend unter üppig blühenden Obstbäumen, und alle schauten den Neuankömmlingen hinterher, die von einer aufgeregten Hühnerschar begleitet wurden.

Endlich schwenkten die Hühner zu einem Misthaufen ab und Loranthus konnte sich wieder in Ruhe umschauen.

Diese Barbaren-Bauern waren wirklich sehr praktisch veranlagt. Sie hatten tatsächlich den Fluss angezapft und leiteten das Wasser durch schmale Gräben zu den Wiesen und Weiden, die nicht am Fluss lagen. Überall standen riesige Obstbäume, die in ihrer Blütenpracht herrlich anzuschauen waren und im Sommer garantiert viel Schatten spendeten.

Weiden wechselten sich mit Wiesen ab, Schafe wechselten sich mit Ziegen ab und irgendwann fragte sich Loranthus, wann sie denn nun endlich das Dorf erreichen würden.

Er staunte nicht schlecht, als nach einer Wegbiegung dicke Holzpalisaden in Sicht kamen und sogar ein kleiner Wachturm. Die bisherigen Dörfer hatten weder das eine noch das andere gehabt. Dieses hingegen war gleich zweimal gesichert und schien wohl eine größere Bedeutung zu haben. Leider traute er sich gerade nicht, Viviane danach zu fragen, denn ihre Körperhaltung war dermaßen angespannt, als würde sie gleich vom Pferderücken aus über diese doppelt mannshohen Palisaden katapultieren.

Viviane fühlte sich tatsächlich, als sei sie auf dem Sprung; sie lauschte angestrengt. Hatte sie nicht gerade die Stimme ihrer Mutter gehört? Der Wind stand günstig und trug ihnen lautes Geschrei entgegen. Was passierte da?

Viviane sprang rückwärts von Dina und rannte los. Kurz vor den Palisaden stoppte sie abrupt, denn jetzt konnte sie die Worte verstehen.

„Mama bitte, gib ihn mir wieder“, bettelte eine Kinderstimme.

„Wie oft habe ich dich jetzt schon mit dem Ding erwischt, du ungezogenes Gör?!“ Die Frauenstimme überschlug sich fast vor Ärger.

Viviane schlug sich die Hand auf den Mund und lauschte ihrer Mutter.

„Schon drei Mal“, kam eine kleinlaute Antwort.

„Und was habe ich dir beim letzten Mal angedroht?“

Mutters Stimme wurde ruhiger. Gefahr war im Verzug.

„Ach nein, liebste Mama! Das kannst du doch nicht machen!“

„Oh doch, ich kann.“

An diese Tonlage konnte sich Viviane noch gut erinnern.

„Nein, das kannst du nicht. Bitte, allerliebste Mama!“

„Und warum sollte ich das nicht können? Verrate es mir!“

Eine kurze Pause folgte. Sicherlich, um die beste Antwort zu finden.

„Weil ich dein kleines Nesthäkchen bin und du mich ganz, ganz doll lieb hast. Und weil du Flora heißt. Und alle Floras, wirklich alle auf der ganzen weiten Welt, sind so schön und lieblich wie Blümchen und man muss sie einfach alle lieb haben, am allermeisten dich.“

Flora wurde ganz still, dann lachte sie glockenhell. „Lavinia, mein kleines Nesthäkchen, du hast eine ganz, ganz eigenwillige Art, deine Mutter um den Finger zu wickeln. Ich fühle mich geehrt und in sehr lieblicher Stimmung. Den Schädel gibst du trotzdem her!“

„Nein, Mama! Wie soll ich denn mit Robin die Schlacht im Teutoburger Wald nachspielen, wenn ich keinen Schädel mehr habe?!“

„Keinen Widerpart, es wir gemacht, was ich sage! Ihr könnt euch ja einen schnitzen. Das haben deine Schwester und Silvanus damals auch geschafft.“

Viviane musste lachen, als sie an ihre ersten Schnitzversuche dachte, und gab ihren Horchposten auf. „Ja“, rief sie laut. „Aber erst, nachdem mir der Schädel heruntergefallen war und ich dachte, er wäre kaputt!“

Auf der anderen Seite der Palisaden stieß Flora einen Schrei aus. Hastig rannte sie zum Tor und stürzte heraus, doch just in dem Moment preschte eine riesige Hirschhündin an ihr vorbei und rannte sie beinahe über den Haufen. Bis Flora sich gefangen hatte und wieder ordentlich in ihre Holzschuhe geschlüpft war, hatte die Hündin schon längst Viviane angesprungen und bellte wie verrückt.

„Ethmanja! Ruhig! Ruhig, ist ja gut! Ich freue mich auch, dich zu sehen! Bei Epona, bist du groß geworden, du bist ja größer als ich! Nein! Nicht abschlecken! Lass das, wo bleiben deine Manieren?! Puh, du stinkst! Was gab es denn zum Frühstück? Ausgebuddelte Knochen?“

Viviane lachte. Sie versuchte, so gut es mit Ethmanjas Pfoten auf den Schultern ging, Richtung Tor zu laufen sowie dem hechelnden Maul auszuweichen, das sie weiterhin abschlecken wollte, und endlich, endlich konnte sie sich in die offenen Arme ihrer Mutter werfen. Beide brachten vor lauter Tränen kein Wort heraus.

Loranthus und Hanibu blieben auf den Pferden sitzen und betrachteten aus gebührendem Abstand das Spektakel, denn es war schon reif für den Zirkus, wie die Hirschhündin namens Ethmanja um die beiden Frauen herumsprang. Selbst auf vier Pfoten war sie so groß, dass man auf ihr reiten konnte, und wenn sie, so wie jetzt, auf den Hinterbeinen hüpfte und bellte und die Zähne zeigte, sah es schlichtweg gefährlich aus. Im stillen Einvernehmen zogen Loranthus und Hanibu die Beine ein Stück an und richteten ihre Aufmerksamkeit auf Vivianes Mutter.

Flora war schlank und hochgewachsen. Ihre langen, kupferfarbenen Locken hatte sie mit einer Lederspange am Hinterkopf gebändigt; ihre dunkelbraunen Augen strahlten eine fast spürbare Wärme aus und trotz ihres Alters schien ihr Gesicht absolut glatt. Obwohl sie weinte und schniefte, sah sie wunderschön aus. Mit einem Zipfel ihres karierten Überkleides wischte sie sich die Augen trocken. Dann packte sie Viviane an den Schultern und musterte sie mit geschürzten Lippen von oben bis unten.

„Kind, du bist zu dünn“, stellte sie – wie wohl jede Mutter nach so langer Trennung – fest. „Du musst sofort etwas essen.“

Viviane lachte und fiel ihr wieder um den Hals. „Ach, Mama, ich habe mir schon gedacht, dass du so etwas sagen wirst. Du bist übrigens auch schön schlank geworden. Mein Lieblingskleid passt dir wieder tadellos.“

„Ja, nicht wahr? Ist sogar noch Platz.“ Flora strich sich über den flachen Bauch und zupfte ihr Kleid zurecht. „Das habe ich heute extra für dich angezogen. Feinstes Leinen, genau richtig für diesen warmen Tag. Hat aber ganz schön lange gedauert, bis ich es wieder tragen konnte, bin eben nicht mehr die Jüngste.“

Viviane sah ihre Mutter liebevoll an. Sie trug ein Überkleid mit kleinen Karos in Gelb und Violett, die ab und an von dünnen Streifen Hellgrün durchzogen wurden. Das einfarbig-hellgrüne Unterkleid passte perfekt dazu. Viviane hatte beide Stoffe selbst gewebt, allerdings war ihr beides, Unterkleid wie Überkleid, viel zu eng geraten. Für das Weben und Nähen hatte sie noch nie viel Ausdauer besessen, es war bloß ein sehr langer Winter gewesen, und sie wollte ihrer Mutter etwas Besonderes schenken. Vielleicht wollte sie auch beweisen, wie selbstständig und erwachsen sie schon war. Ihre Mutter hatte sich trotzdem begeistert in das Kleid gezwängt und ihren Arbeitseifer sehr gelobt. Danach hatte sie kaum noch Luft bekommen und verkündet, sie sei nicht zu dick, sie sei schwanger.

„Du bist also meine große Schwester.“

„Ja, das bin ich.“ Viviane senkte ihren Blick auf das kleine Mädchen, das sich mittlerweile hinter die Mutter geschlichen hatte; ein dunkelbraunes Auge, ein Mund, der vor Staunen nicht mehr zugehen wollte, und ein Haarschopf aus wilden nussbraunen Kringeln lugten hervor. „Und du bist meine kleine Schwester, Lavinia. Du kannst übrigens noch genauso laut schreien wie als Baby, da hab ich dich auch schon von Weitem gehört.

Allerdings hatte ich nicht viel Gelegenheit dazu. Du warst ja kaum geboren, da bin ich fortgegangen.“

„Genau so habe ich dich mir vorgestellt, Epona“, flüsterte die Kleine und trat dermaßen ehrfürchtig aus ihrer Deckung heraus, dass ihre Ringellöckchen leicht vibrierten.

Viviane traten die Tränen in die Augen. Heftig blinzelnd krächzte sie: „Und genau so habe ich dich mir vorgestellt, kleine Fee.“

„Kleine Fee!“ Lavinia kicherte geschmeichelt und wollte sich wieder hinter der Mutter verstecken, doch Viviane schnappte sich ihre Schwester und hob sie hoch; die kleinen Ärmchen legten sich wie von selbst um ihren Hals und überwältigt von einer unbändigen Freude, schmiegte Viviane ihre Wange an die ihrer wunderschönen Schwester. Ethmanja stellte sich auf die Hinterbeine und hüpfte wieder nahe heran, als wollte auch sie auf den Arm genommen werden.

Resolut drängte sich Flora dazwischen und streichelte ihren beiden Töchtern die Haare.

„Deine große Schwester hat auch einst solch wilde Löckchen gehabt, musst du wissen, Lavinia, nur eben in ihrer Haarfarbe. Ansonsten hat sie fast genauso ausgesehen wie du jetzt. Ethmanja, gib endlich Ruhe! Platz, oder du bekommst nichts mehr von mir! Viviane, ist dir eigentlich aufgefallen … du hast eine überaus rosige Haut, absolut rein, kein einziges Fleckchen und so weich.“ Prüfend sah sie Viviane in die Augen, mit ihrem typischen ‚Ich kriege alles raus‘-Blick. „Hast du dich verliebt?“ Verschwörerisch nickte sie zu Loranthus hinüber.

Viviane prustete los und versuchte, den Kopf zu schütteln, doch Lavinia schmiegte sich mit aller Kraft an sie. Also rollte sie übertrieben mit den Augen und winkte ihre Begleiter zu sich, die allerdings recht zögerlich von den Pferden glitten, den Blick starr auf Ethmanjas freudig hechelndes Maul gerichtet.

Es war das erste Mal, dass Loranthus Hanibu den Vortritt ließ, bis er Mut fasste und sie überholte. Er blieb sogar direkt neben der lang ausgestreckten Ethmanja stehen und hob grüßend die Hand. Ethmanja ergriff die Gelegenheit und schlabberte ihm die andere mit Hingabe ab.

„Mama“, gluckste Viviane bei dem Anblick, der sich ihr bot. „Das ist Loranthus aus Kreta mit seiner äthiopischen Sklavin Hanibu. Ich habe sie kurz vor dem Gasthaus von Aodhrix aufgegabelt. Loranthus möchte gerne Land und Leute studieren und dann zu seinem Vater zurückkehren. Der ist ein sehr reicher Händler, und Loranthus wird nach dieser Reise in seine Fußstapfen treten.“

Falls Ethmanja genug von ihm übrig ließ; sie schleckte mittlerweile schon den Unterarm ab und schien noch lange nicht aufhören zu wollen – je mehr Loranthus schwitzte, desto besser schien er zu schmecken. Viviane lächelte vom stocksteif dastehenden Loranthus zu Hanibu, die wesentlich entspannter wirkte, bis Ethmanja den Hals reckte, um ihre Schlabberzunge auf sie auszudehnen. Nach kurzem Zögern streckte Hanibu gleich beide Hände aus – in der Hoffnung, ihre Arme würden verschont bleiben oder Loranthus würde als schmackhafter befunden. Doch sie hoffte vergebens – Ethmanja verdoppelte einfach ihre Liebesbekundungen, damit keiner zu kurz kam.

„Und das, meine lieben neuen Freunde …“, lachte Viviane und schwenkte ihre Hand mit einer fast triumphierenden Geste. „Das sind meine Mutter, Flora, meine Schwester, Lavinia, und …“ Sie kraulte die Hirschhündin hinter den Ohren. „… die beste Fährtenleserin weit und breit, Ethmanja.“

„Loranthus und Hanibu, willkommen in unserem Dorf!“, rief Flora auf Griechisch und schwenkte ihre Hand mit großer Geste zum Tor. „Kommt! Seid herzlich eingeladen! Wir essen gleich zu Mittag! Ihr seid sicher hungrig!“

„Das nenne ich Gastfreundschaft!“ Loranthus bedankte sich strahlend für die freundliche Einladung und Hanibu nickte eifrig dazu. Endlich ließ Ethmanja von ihnen ab und zockelte los, als wollte sie ihnen den Weg zeigen.

Mit ihr vorneweg brachten sie alle zusammen die Pferde auf die Weide genau gegenüber dem Tor, nahmen Arion das Gepäck ab und strebten vollbepackt dem Eingang des Dorfes entgegen. Obwohl Flora, Lavinia und Viviane vor lauter Taschen kaum die Hände heben konnten, berührten sie dennoch eine Holzskulptur, die wie ein Wächter neben dem Tor stand - oder besser, saß. Es war ein mit verschränkten Beinen dasitzender Mann mit einem Hirschgeweih auf dem Kopf, das oberste Ende des Geweihs befand sich in Höhe von Vivianes Schulter.

„Das ist unser Cernunnos“, erklärte diese, als sie sah, wie Loranthus den Mund zur Frage öffnete. „Ihr dürft ihn auch gerne berühren, ob an den Hörnern, seinem Torques oder woanders ist egal. Er gehört zu unserer Sippe wie das Blut in unseren Adern und ihr, als unsere Gäste, gehört von nun an dazu.“

Sofort stellte Loranthus die Taschen ab, um das Geweih zu befühlen, während Hanibu das hölzerne, freundlich blickende Gesicht streichelte. Viviane schmunzelte. Sie ging als Letzte den kurzen Gang unter dem Wachturm hindurch und wäre beinahe mit Loranthus und Hanibu zusammengestoßen, die es nur einen Schritt ins eigentliche Dorf hinein geschafft hatten, so sehr hielt sie der Anblick gefangen. Vor lauter Orientieren hatten sie sogar die Last in ihren Händen vergessen.

Viviane zog ihnen die schweren Taschen aus den Fingern, ohne dass sie es überhaupt zu merken schienen, und schaute sich selbst neugierig um. Ein Haus war dazugekommen, ansonsten sah alles noch so aus wie bei ihrer Abreise. Trotzdem blieb sie ruhig stehen und genoss das Gefühl, heimgekehrt zu sein.

Loranthus blickte fasziniert in die Runde.

Das Dorf war größer, als er von außen gedacht hatte. Links an den Palisaden gab es eine Schmiede, die nach allen Seiten offen, aber mit einem ausladenden Dach versehen war. Dann kamen drei Grubenhäuser, jedes mit einem Dach bis fast zum Boden und einer Menge gestapeltem Holz darunter. Weiter ging es im Bogen nach rechts mit einem Backofen, aus dem es köstlich duftete, und einem Handwerkshaus, bei dem Fenster und Tür offenstanden und aus dem ein Gewirr verschiedener Geräusche herausdrang. Den Schluss der Runde bildete ein sehr langes Haus. Vielleicht gab es dahinter noch andere, kleinere, aber das konnte man nicht sehen, denn dieses Langhaus stand nicht nur auf der Erde wie das Gasthaus, das sie besucht hatten, sondern ein wenig erhöht auf einem Hügel. Es hatte sogar einen überdachten Balkon über seine gesamte Länge, von dem aus man auf ein großes Steinbecken mit plätscherndem Wasserstrahl schauen konnte.

Zwischen den Häusern war viel Freiraum für saftiges Gras, das so kurz geschnitten war, als wollte es als Teppich durchgehen. Genau in der Mitte des Dorfplatzes stand ein großer gemauerter Rost, sogar mit steinernen Sitzplätzen und überdacht, damit man bei jedem Wetter gemütlich brutzeln konnte. Gleich dahinter befanden sich eine offene Feuerstelle und ein paar grob zusammengezimmerte Holzbänke für geselliges Beisammensein bei schönem Wetter.

„Die anderen haben euch noch gar nicht bemerkt“, gluckste Flora und rieb sich zufrieden die Hände, in ihren Augen blitzte der Schalk. Energisch schob sie Loranthus und Hanibu über den Dorfplatz Richtung Handwerkshaus, Viviane und Lavinia folgten auf Zehenspitzen und mit der Hand auf dem Mund. Kaum standen sie alle davor, bedeutete Flora ihnen absolute Ruhe und dass ihre ausländischen Gäste durch das linke offene Fenster schauen sollten, während sie mit Viviane und Lavinia durch die Tür gehen wollte.

Prompt klatschten sich Viviane und Lavinia nun beide Hände auf ihre Münder, ihre Augen funkelten unternehmungslustig in Moosgrün und Dunkelbraun, und mit dem gleichen verschwörerischen Gesichtsausdruck traten sie auf die Tür zu. Loranthus und Hanibu grinsten sich an und steckten ihre Köpfe durch das Fenster.

Drinnen, nahe dem rechten Fenster, saß eine junge Frau mit grauen Augen und langen, rotblonden Zöpfen auf einem Schemel. Sie hatte einen mannshohen Holzklotz vor sich, den sie höchst konzentriert mit Eisenstab und Klüpfel bearbeitete. Mit winzigen Schlägen klopfte sie auf das lange Eisen und bei jedem Ping! Ping! Ping! schälte sich das Holz ein Stück weiter zu einer Locke, bis es abfiel.

Der Lärm, den sie veranstaltete, wurde nur noch von Rollgeräuschen und fröhlichem Pfeifen übertroffen, die von einer alten Frau ausgingen. Sie saß mitten im Raum auf einem hohen Holzsitz, schlenkerte mit ihren Beinen durch die Luft und bearbeitete mit flinken Fingern einen Klumpen Ton. Rasend schnell rotierte er auf der hölzernen Töpferscheibe und bekam zwischen ihren Händen zusehends Form. Welche das war, konnten Loranthus und Hanibu noch nicht sagen, aber allein der Vorgang war faszinierend anzuschauen.

Ab und zu griff die Großmutter neben sich, tauchte ihre Hände in eine Schale mit Wasser und brummte: „Hurtig, hurtig, keine Müdigkeit vorschützen.“ Schon pfiff sie wieder fröhlich vor sich hin und die Töpferscheibe drehte sich tatsächlich schneller.

Verdutzt warfen sich Loranthus und Hanibu einen Blick zu, dann streckten sie ihre Köpfe weiter durch das Fenster und hatten jetzt einen besseren Blickwinkel. Sie waren doch allzu neugierig, wie die Töpferscheibe angetrieben wurde, denn normalerweise geschah das nicht durch Worte – man brauchte dazu Füße, und zwar solche, die eine untere Drehscheibe in Schwung hielten. Die Füße der Großmutter baumelten jedoch weiterhin in der Luft und trotzdem rotierte die untere Scheibe; wie von Geisterhand übertrug sie ihren Schwung mittels Achse zur oberen Töpferscheibe.

Nachdem sich Loranthus und Hanibu fast die Hälse verknotet hatten, so dicht, wie sie nebeneinander im Fenster lehnten, fanden sie des Rätsels Lösung: Genau unter ihnen, direkt an der Wand, saß eine sehr junge Frau mit langen Zöpfen in einem dermaßen satten Goldton, als wären sie aus geflochtenem Stroh; sie hielt die untere Scheibe mit ihren nackten Füßen in Schwung. Eigentlich lag sie mehr gegen die Wand gelehnt, als dass sie saß, doch trotz der niedrigen Position schien sie es bequem zu haben; fast beiläufig goss sie Wasser nach, damit die Großmutter oben nicht ins Leere griff.

Loranthus und Hanibu staunten, wie gut die alte und die junge Frau zusammenarbeiteten, fragten sich allerdings, warum der Erbauer dieses mechanischen Meisterwerkes den Abstand zwischen oberer und unterer Töpferscheibe nicht einfach kleiner gemacht hatte, damit die Großmutter selbst so viel Schwung geben konnte, wie sie brauchte; zwei Fingerbreit hätten bereits genügt.

Ihre Überlegungen wurden abrupt beendet, als eine graue Taube laut gurrend vom Dach flatterte und Flora mit der Faust gegen die offene Tür hämmerte.

„Mara, Noeira, Taberia!“, brüllte sie gegen Ping, Ping, Ping, fröhliches Pfeifen, Rollgeräusche und Taubengurren an. „Schaut mal, wer endlich daheim ist!“

Die Frauen blickten auf und sofort herrschte Ruhe.

Die Großmutter rutschte so hastig von ihrem hohen Sitz, dass sie Schlagseite bekam und beinah samt Töpferscheibe umgekippt wäre. Doch da stand schon die junge Frau parat, packte sie unter den rudernden Armen, fing noch den Klumpen Ton auf, der fast ein Krug geworden wäre, warf ihre strohblonden Zöpfe zurück, klatschte den Tonklumpen wieder auf die Töpferscheibe, hakte die Großmutter besser unter und führte sie lächelnd auf Viviane zu.

Die rotblonde Frau hinter dem mannshohen Holzklotz winkte fröhlich und rief: „Ich steck hier fest, ich komm morgen vorbei, Viviane!“ Glucksend und schnaufend hievte sie sich von ihrem Schemel hoch. Zuerst kam ein dicker Bauch, schließlich der Rest von ihr hinter dem Holz hervor und sie lachte über Vivianes Gesicht, das ziemlich verdutzt zwischen den Armen der Großmutter herauslugte.

„Ach, mein Kind, mein Kind, jetzt kann ich endlich in Frieden sterben“, seufzte die alte Frau und strahlte Viviane aus tränenden, aber leuchtend blauen Augen an. „Ich wollte dich nur noch einmal in die Arme schließen.“

„Aber Großmutter Mara, das hast du schon beim letzten Mal gesagt, als ich von Mandragora wiedergekommen bin. Du musst dir langsam mal was Neues ausdenken, sonst wird es unglaubwürdig.“ Mit gespielt tadelndem Blick schüttelte Viviane den Kopf und kuschelte sich gleich wieder an den Hals ihrer Großmutter. „Ach, ich bin so froh, euch alle gesund und munter zu sehen. Ich kann es noch gar nicht richtig glauben, endlich bin ich wieder hier. Quetsch dich einfach dazwischen, Noeira, ich darf Großmutter Mara nicht loslassen, sonst stirbt sie!“

Feixend drückte Viviane die hochschwangere Frau mit einem Arm an sich und strich ihr danach über den runden Bauch.

„Noeira, Noeira, du hast mächtig zugelegt, ‚dick‘ ist untertrieben.“ Viviane tat, als müsse sie nachdenken. „Wir haben demnach genug zu essen. Lässt du den anderen auch was übrig?“

Noeira schüttelte ihre rotblonden Zöpfe, rollte mit ihren nebelgrauen Augen und antwortete im selben ironischen Ton: „Es wurde Zeit, dass du endlich heimkommst. Ich hatte schon Angst, ich hätte zur Niederkunft nichts zu lachen. Beim letzten Mal hast du mir fein die Zeit vertrieben, weißt du noch?“

Viviane prustete los und Noeira winkte die andere junge Frau heran. Schüchtern trat diese vor Viviane und wollte sich verbeugen, doch Viviane schnappte sie an einem Arm und richtete sie wieder auf.

„Nicht, Taberia! Solche Huldigungen habe ich mir noch gar nicht verdient und wenn, will ich das niemals von meiner Familie sehen. Du bist jetzt meine Schwägerin und wir gehören zusammen. Außerdem, denk immer daran, wie wir als Kinder im Matsch gespielt haben oder wie wir uns gegenseitig Blumenkränze geflochten haben.“

„Damals war ich noch klein und du hast trotzdem mit mir gespielt.“ Taberia bekam rote Wangen, wodurch ihr hübsches Gesicht, umrahmt von den strohblonden Zöpfen, noch jünger wirkte. Abrupt einsetzendes Babygeschrei ließ sie zusammenzucken und verlegen lächeln.

„Bin gleich wieder da!“

Großmutter Mara lachte schallend und entblößte dabei ihre guten Zähne, von denen sie noch fast alle besaß. „Die junge Maid hat ein kräftiges Organ. Vier Monde lang diesem Geschrei zuhören – da klingeln selbst mir die Ohren. Taberia bildet sich manchmal sogar ein, sie greinen zu hören, obwohl sie friedlich schläft.“

„Beim zweiten wird sie ruhiger“, winkte Noeira ab und tätschelte ihren Bauch, der bedrohlich hin- und herwackelte.

Unterdessen war Taberia mit ihrer Tochter zurückgekommen. Erwartungsvoll legte sie die Kleine in die Arme ihrer Tante.

Viviane hatte schon viele Babys gehalten, trotzdem wusste sie nicht so recht, was sie sagen sollte. Aber die kleinen Händchen griffen sich ihren Zeigefinger und hielten ihn ganz fest, große Augen musterten sie aus einem bekannten Gesicht heraus – da brauchte sie einfach nur strahlen und die Worte kamen ganz von selbst.

„Was du mit vier Monden schon für eine Kraft hast, Armanu, genau wie dein Papa. Und die blauen Augen hast du von deiner Mama. Und wenn ich mir die drei goldigen Fusseln auf deinem Kopf so ansehe, wirst du wohl auch die blonden Haare von ihr bekommen.“

Taberia, ein wenig verlegen, ringelte sich ihre Zöpfe um die Finger. Viviane gab der kleinen Armanu einen Kuss auf die Stirn und reichte sie zurück. Flora klatschte energisch in die Hände und rief: „Nun kommt endlich zu Tisch. Ihr müsst doch Hunger haben! Ach, da fällt mir ein …“

Winkend dirigierte sie die Frauen nach draußen und stellte Loranthus und Hanibu mit fast denselben Worten vor, die auch Viviane gebraucht hatte.

Ein reicher griechischer Händler mit seiner eigenen, sogar dunkelhäutigen, Sklavin – das verfehlte seine Wirkung nicht. Noch nie waren sie mit so großen Augen, so beschwingt und neugierig zum Brunnen unterwegs gewesen wie jetzt; Großmutter Mara wäre beinahe über Lavinia gestolpert, die mit wachsender Begeisterung um Hanibu herumtänzelte. Loranthus fing Mara gerade noch rechtzeitig auf. Diese fühlte sich sehr geschmeichelt, schenkte ihm ein strahlendes Lächeln und zwickte ihn in die Wange.

Die Stelle wurde sofort warm und rot, doch bevor er sich für Freuen oder Wehklagen entscheiden konnte, griff sich Flora eine Tonschale und goss jedem der Reihe nach Wasser über die Hände. Dabei war es wichtig, die Hände nicht über den Brunnen zu halten, sondern ein Stück weg über die Kieselsteine rundum.

Loranthus und Hanibu hatten es schnell begriffen, sie hielten sich einfach an Viviane und machten ihr alles nach. Selbst über die Wasserschale verlor Loranthus kein Wort – sie hatte auch nur die Gestalt einer Ente mit Fischschwanz und war deshalb lediglich leicht entartet.

Auf dem Balkon vor dem Langhaus zogen alle die Schuhe aus, was bei Holzschuhen sehr schnell ging, bei Filzstiefeln auch; selbst Loranthus entledigte sich seiner neuen kniehohen Stulpenstiefel in rasantem Tempo. Viviane brauchte wesentlich länger, bis sie endlich in bequeme Bastschuhe schlüpfte, die bereits auf sie gewartet zu haben schienen. Versonnen lächelnd trat Viviane ins Haus, Ethmanja gähnte und legte sich halb vor die Tür. Loranthus machte einen Bogen um sie herum und hätte ihr beinahe den Kopf getätschelt, mit Blick auf Flora und seine sauberen Hände ließ er es jedoch lieber bleiben.

Im Langhaus war alles sehr geräumig. Den Mittelpunkt bildete ein sorgfältig verputzter Steinofen. Rechts davon standen mehrere Holztische und Bänke mit kunstvoll gedrechselten Beinen, allesamt äußerst stabil. Loranthus staunte nicht schlecht.

Mit sichtlichem Stolz führte Flora ihn und Hanibu zur ersten Bank, Großmutter Mara setzte sich daneben und Lavinia kletterte auf den Platz genau gegenüber von Hanibu, wobei sie ihr unverhohlen neugierige Blicke zuwarf. Taberia drückte Noeira das Baby in den Arm, damit sie besser den Tisch decken konnte, und lief hinter Viviane her, die sich unauffällig entfernt hatte.

Sie stand hinter dem Ofen am Arbeitstisch und begutachtete das Mittagessen, das ihre Mutter – wohl wissend um ihre Ankunft – bereitgestellt hatte. Frisches Brot, Butter, Käse, kalter Braten und ein großer, schwarzer Tonkrug mit Buttermilch; den griff sie sich zuerst und stellte ihn genau vor Loranthus ab.

Wie erwartet riss dieser die Augen auf, denn der lange Hals eines Storches bildete den Henkel und mit seinen Schwingen schien er den Krug in die Luft heben zu wollen.

Loranthus war derart fasziniert von diesem getöpferten Schmuckstück, dass er kaum merkte, wie Flora, Viviane und Taberia den Tisch deckten.

Noeira gab Armanu noch ein Küsschen, dann reichte sie die Kleine an Taberia zurück, sah sich mit suchendem Blick um und seufzte: „Wo steckt denn mein Sprössling schon wieder?!“

„Robin?! Ach du Schreck!“ Lavinia hopste von der Bank und rannte zur Hintertür. „Der ist bestimmt wieder beim Hühnerstall eingeschlafen!“

Alle fingen schon mal mit dem Essen an, nur Hanibu schaute Lavinia nach; ihre nussbraunen Ringellöckchen wippten einfach zu niedlich. Allerdings verging Hanibu das Lächeln schlagartig, sobald sie durch die aufgestoßene Hintertür den kleinen Jungen, etwa in Lavinias Alter, erspäht hatte. Laut schnappte sie nach Luft und schlug sich die Hand vor den Mund.

Robin, mit seinen nebelgrauen Augen und rotblonden Zöpfen, war Noeira wie aus dem Gesicht geschnitten, unverkennbar ihr Sohn. Er saß auch tatsächlich vor einem Hühnerstall, der mit starken Weidenruten umzäunt war – eingeschlafen war er jedoch nicht. Seelenruhig unterhielt er sich mit einem ausgeblichenen Menschenschädel und pikste ihm dabei immer mal in die Augen oder die Nase. Er legte ihm sogar seine eigenen Zöpfe über den kahlen Schädel, strich sie mal hierhin, mal dahin, ringelte sie zu Spiralen zusammen und prüfte jedes Mal, ob sie im Sonnenlicht auch hübsch rot-golden schimmerten. Weil alle mit den Neuankömmlingen beschäftigt waren, hatte er die Gelegenheit genutzt und seine Beute in Sicherheit gebracht. Nun war er offensichtlich sehr zufrieden mit sich selbst und damit, wie gut seine Haare dem Schädel zu Gesicht standen. Ja, Robin fand sogar, dass zwischen ihnen beiden durchaus eine gewisse Ähnlichkeit zu erkennen war.

Flora, die ihren Enkelsohn nun ebenfalls bemerkt hatte, knallte die flache Hand auf den Tisch, rannte hinter ihrer Jüngsten her und schob sie aus dem Weg. Mit einem Griff in sein Hemd schleifte sie den ertappten Robin ins Haus, schob ihn gleich neben dem Türpfosten an die Wand und zerrte ihm den Schädel aus der Hand. Mit einer zackigen Handbewegung befahl sie Lavinia daneben, dann hielt sie eine Schimpftirade, die ihresgleichen suchte.

„Ihr ungezogenen Bälger! Wenn ich noch einmal einen von euch mit dem Schädel erwische, nagle ich den reichen Kentar persönlich an die höchste Stelle unters Dach! Und der Übeltäter darf natürlich nicht mit zum Fischen, egal wie lieb ich ihn normalerweise habe!“

Floras drohender Blick ruhte erst lange auf Lavinia, danach war Robin an der Reihe. Den Schädel legte sie sehr behutsam in eine kleine Truhe zurück, die auf einer wesentlich größeren gleich neben den Kindern stand, und knallte den Deckel zu.

Mit eingezogenen Köpfen schlichen die Kinder zum Tisch, schoben sich leise auf die Bank und schmierten sich tief geduckt jeder ein Butterbrot. Deshalb konnten sie die Gesichter der Frauen nicht sehen, die sich allesamt das Lachen verkniffen.

Mit zuckendem Mund belegte Flora ein Butterbrot mit Braten und legte es vor Taberia aufs Holzbrett, da sie ihre Tochter stillte und sich nicht so gut bewegen konnte.

Großmutter Mara legte noch ein Käsebrot daneben und nickte – das Gesicht voll tiefer Lachfalten – zu Viviane hinüber, denn sie musste gerade daran denken, wie ihre große Enkeltochter auch immer heimlich mit dem Schädel gespielt hatte. Zu solch demütigenden Szenarien war es bei ihr allerdings nie gekommen.

Viviane und Silvanus hatten sich stets geschickt angestellt. Der eine hatte die Mutter abgelenkt, der andere das begehrte Stück aus der Truhe entwendet. Als Großmutter hatte sie damals auch manchmal eine tragende Rolle gespielt – selbstverständlich ebenfalls, ohne je von Flora erwischt zu werden. Ja, als Großmutter – im Falle von Robin als Urgroßmutter - half man doch gerne mit, wo man konnte, schließlich musste der alte Kentar auch mal an die frische Luft.

Totenschädel namens Kentar, Enten mit Fischschwanz, Storchenhälse als Henkel … Loranthus zuckte nur mit den Schultern. Herzhaft schlug er seine Zähne in den Braten; ihn konnte in diesem Land nichts mehr aus der Ruhe bringen. Er musste nur noch schnell über die Tischplatte streichen, ganz unauffällig, versteht sich. Wie hatten die Keltoi – Verzeihung, Hermunduren – die so schön glatt bekommen? Und er hatte immer gedacht, die Barbaren könnten einen Stuhl nicht von einem Tisch unterscheiden. Genüsslich kauend lehnte er sich an die bequeme Rückenlehne. Einen Braten machten die Leute hier – einfach zum Reinbeißen.

„Was gibt es denn heute zum Abendbrot, Mama?“

Lavinia hatte zwar immer noch den Kopf eingezogen, doch offensichtlich stellte sie diese Frage täglich; Flora machte prompt ein ‚Darauf habe ich schon gewartet‘-Gesicht.

„Heute gibt es Vivianes Lieblingssuppe.“

„Brennnesselsuppe! Mmh! Das hätte ich mir ja denken können!“ Lavinia rollte mit ihren dunkelbraunen Augen. Verschwörerisch schaute sie zu Viviane und senkte die Stimme: „Jedes Mal, wenn es diese Suppe gibt, erzählt sie mir, dass es deine Lieblingssuppe ist. Dabei ist es auch meine Lieblingssuppe. Aber das hat sie scheinbar noch nicht bemerkt.“

Mit einem vorwurfsvollen Schnütchen hob sie ihren Tonbecher an die Lippen.

Viviane grinste. „Wenn du einmal weggehst, erzählt sie bestimmt jedem, was du gerne isst.“ „Ich gehe nie von hier weg! Ich werde Kräuterfrau wie Mama! Und dann helfe ich dir, die Kranken zu pflegen!“ Entschlossen starrte Lavinia in die Augen ihrer großen Schwester.

Viviane musste lächeln.

„Sehr gute Wahl, das Angebot nehme ich gerne an. Wenn du willst, kannst du mir immer zur Hand gehen. Aber …“ Sie hob mahnend den Zeigefinger. „… deine Aufgaben hier darfst du nicht vernachlässigen.“

„Du meinst, ab sofort?! Herrlich, das schaffe ich!“ Lavinia nickte stürmisch.

„Darf ich dir auch helfen, Epona?“ Hoffnungsvoll lugte Robin zu ihr auf und ringelte sich seine beiden Zöpfe um die Finger.

Dass sie von Robin mit ‚Epona‘ angeredet wurde – wahrscheinlich um ihr zu schmeicheln –, darüber wunderte sich Viviane nicht. Aber wieso versuchten es alle männlichen Exemplare immer mit diesem Hundeblick? „Hm, wenn ich so recht überlege, wären zwei Helfer noch viel besser als einer. Aber das Gleiche gilt auch für dich, junger Mann.“

Robin wuchs zusehends in die Höhe. Er warf seine Zöpfe zurück und reckte sein Kinn in die Runde, bis er dem wachsamen Blick von Flora begegnete. Schnell sah er wieder zu Viviane.

„Wir dürfen nach dem Mittagsschlaf aufs Feld und Steine ablesen. Das haben wir bei den anderen Feldern auch getan. Und nach Beltane dürfen wir auf die Weiden. Da passen wir auf die Schafe auf. Und Großvater hat uns versprochen, dass wir bei der Schafschur helfen dürfen.“

Erwartungsvoll schaute Robin zu Viviane und machte ein Gesicht, das erwachsen aussehen sollte, bei seinen fünf, sechs Jahren jedoch nur annähernd glaubwürdig war.

„Da habt ihr euch ja mächtig was vorgenommen, Robin. Ich bin sicher, dass ihr sämtliche Aufgaben hervorragend erledigen werdet. Auf welchem Feld arbeiten die Männer denn gerade?“

„Das beim Birkenwald. Wenn sie das bestellt haben, sind sie fertig und Papa geht mit uns fischen. Das hat er versprochen.“ Robin riskierte einen scheelen Seitenblick zur kleinen Truhe.

„Wenn ihr wollt, könnt ihr morgen auch mir helfen.“

„Wer ist denn krank?“, fragten beide gleichzeitig und strahlten um die Wette.

Viviane musste über so viel Eifer lachen. „Bis jetzt zum Glück noch niemand. Aber ich möchte morgen große Wäsche machen. Dabei könnt ihr mir gerne helfen.“

„Ach, schade!“ Enttäuscht schauten sich die Kinder an.

Viviane schmunzelte. Eine Wäsche war eben nichts für Abenteuerlustige.

„Das trifft sich gut.“ Flora klatschte in die Hände. „Wir wollten morgen auch viel waschen.“

Und natürlich viel erzählen. „Ach“, winkte Viviane ab. „Mein bisschen Zeug, damit werde ich schnell fertig sein.“ Sie beugte sich über den Tisch und raunte verschwörerisch: „Mit großer Wäsche meinte ich etwas wirklich Großes, das gewaschen werden muss.“

Zwei Köpfe zuckten herum.

„Was ist es denn? Verrätst du es uns? Bitte!“

Mit einem unwiderstehlichen Minenspiel, das nur Kinder hervorzaubern können, gaben sie ihr Bestes in der Kunst des Überredens. Viviane ließ sich nicht lange bitten.

„Sie heißen Arion und Dina. Sie sind schnell, haben je vier Beine, eine Mähne und einen Schweif, und das männliche ist viel größer als das weibliche.“

„Zwei Pferde! Ein Mädchen und ein Junge!“, jubelte Robin und Lavinia nickte dazu höchst gönnerhaft, weil sie des Rätsels Lösung schon längst kannte. „Dürfen wir mal streicheln? Wo stehen die denn? Beißen die?“

Flora sah gebieterisch von einem zum anderen und wedelte mit den Händen. „Ihr seid fertig mit Essen? Gut, von mir aus geht mit Viviane, sonst fragt ihr der Ärmsten noch Löcher in den Bauch. Ach, und wenn wir schon mal dabei sind …“ Sie wedelte wieder gebieterisch, diesmal in die große Runde.

In Windeseile waren die Bänke leer.

Dina kannten sie schon, deshalb hatten es die Frauen sehr eilig, den großen Arion zu sehen. In den Dörfern besaß keiner ein Pferd, kein kleines und erst recht kein großes, hier wurde alles von Ochsen gezogen. Nur die Wohlhabenden und die Könige konnten sich gleich mehrere Pferde leisten. Viviane war nichts davon. Aber sie war Epona.

Freudig hechelnd zockelte Ethmanja neben Viviane her und schon standen sie bei den Pferden, die im Schatten eines reich blühenden Apfelbaumes zufrieden grasten.

„Interessant, Dina ist alt und grau geworden“, witzelte Noeira und tätschelte Dina den Hals. „Aber wieso hast du noch einen Hengst dazubekommen? Und welch stattlichen! Hat der sich auch das Bein gebrochen?“

Prüfend ging Noeira um Arion herum und betrachtete seine Beine. Allerdings war das gar nicht so einfach, denn auch Arion ging um Noeira herum und schaute auf sie hinunter. Der Ausdruck auf ihren Gesichtern war nahezu gleich, während sie sich umeinander drehten wie ein Tanzpaar, er groß und muskulös, sie graziös wie ein Weinfass. Ihre Zuschauer amüsierten sich köstlich.

Nach ein paar Runden gab Noeira auf, schließlich hatte sie mehr Gepäck zu schleppen als Arion. Stöhnend stemmte sie die Hände in den Rücken und überlegte laut: „Arion von woher auch immer, du scheinst mir ja ein ganz großer Charmeur zu sein.“

Arion schnaubte, was sich fast wie ein Lachen anhörte, und stupste sie zärtlich gegen die Schulter. Noeira kicherte und schmiegte sich an seinen Hals. Alle prusteten los, Armanu quietschte vergnügt, Lavinia hopste mit Robin auf der Stelle, Ethmanja hechelte um sie herum, schnappte nebenbei nach einem Butterbrot mit kaltem Braten, das Flora zufällig noch in der Hand hielt, und nun passte diese auf, dass kein Stück verloren ging, genau wie Ethmanja und Loranthus. Viviane schaute sie alle der Reihe nach an, tätschelte Hanibu, die am glücklichsten aussah, und seufzte zufrieden.

„Mama, ich würde gerne zum Feld gehen.“

Flora strich ihrer großen Tochter über die glänzenden Haarwellen. „Kind, ich kann mir vorstellen, wie ungeduldig du bist. Fünf, fast sechs Jahre sind eine lange Zeit. Du kannst gleich noch einen Krug Buttermilch mitnehmen. Bei der Wärme werden sich die Männer über etwas Frisches freuen.“

Viviane nickte eifrig und hockte sich hinunter zu den Kindern. „Wenn ihr wollt, könnt ihr nachher auf Arion und Dina zum Feld reiten. Was meint ihr, wie die Großen dann gucken werden. Und wenn ihr euch von Hanibu führen lasst, fallen denen vor lauter Staunen die Augen aus dem Kopf.“

„Ja! Das wird ein Spaß!“ Die Kinder konnten vor Freude nicht mehr still halten. Sie fasten sich an den Händen und drehten sich jauchzend im Kreis.

Fragend schaute Viviane zu Hanibu. „So könntest du noch ein wenig ausruhen. Du siehst just in diesem Moment recht schlapp aus.“

Hanibu fühlte sich wirklich gerade sehr müde, obwohl sie keine Schmerzen mehr hatte. Dankbar sah sie Viviane an und nickte.

„Loranthus, wenn du willst, kannst du mich zum Feld begleiten. Da kannst du mal echten Bauern beim Arbeiten zusehen.“

„Hervorragende Idee!“

Loranthus strahlte noch mehr als die Kinder. Am liebsten wäre er sofort losgestürmt, aber er musste sich ja nach seinen Gastgebern richten. Je näher sie dem Tor kamen, desto langsamer schlurften die Kinder vorwärts. Die Aussicht auf einen erquicklichen Mittagsschlaf schien sie nicht gerade froh zu stimmen.

Robin wurde samt Protestgeschrei ins erste Grubenhaus geschoben und Noeira winkte den Übriggebliebenen, bevor sie die Tür zuschlug. Taberia verabschiedete sich mit ihrem Baby ins zweite Grubenhaus. Lavinia nahm Hanibu an die Hand und führte sie sehr zuvorkommend ins Langhaus, Flora und Mara folgten, Loranthus rannte ums Haus herum Richtung Abort. Schmunzelnd blieb Viviane auf dem Dorfplatz stehen und fragte sich, wie vollgestopft wohl das dritte Grubenhaus mit den Kräutern ihrer Mutter war. Unvermittelt machte sie kehrt und schlenderte zurück zum Tor, wo sie einen Lederbeutel aus ihrem Taschenberg zog. Müßig bummelte sie wieder über den Platz, hinein ins Langhaus und die Treppe hinauf.

Hanibu schlief schon tief und fest neben Lavinia, die sich zufrieden auf ihr Schaffell kuschelte, jedoch kein bisschen müde war.

„Erzählst du uns heute Abend etwas von Britannien?“

„Was du gerne hören möchtest.“ Lächelnd zupfte Viviane die Wolldecken über Hanibu und ihrer kleinen Schwester zurecht.

„Ich will alles ganz genau wissen!“

„Du bist ja schlimmer als Mama! Da werde ich wohl viele Abende erzählen müssen!“ Gähnend wischte sich Viviane den imaginären Schweiß von der Stirn und gab Lavinia einen Kuss auf die ihre.

„Noch auf die Augen“, forderte die Kleine und klappte dieselben zu.

Ihr Wunsch wurde lachend erfüllt. Danach kamen die Nase, die Wangen, der Mund, das Kinn, die Ohren und die Hände an die Reihe. Als sie noch alle anderen Körperteile unter der Decke hervorstrecken wollte, hob Viviane mahnend den Finger.

„Je schneller du einschläfst, desto früher kannst du raus aufs Feld.“

Der Einwand war überzeugend, Lavinia kniff die Augen zu und fing an zu schnarchen.

Jetzt konnte sich Viviane ein breites Grinsen erlauben, irgendwie kam ihr diese Verzögerungstaktik sehr bekannt vor.

„Ich lege dir noch ein Päckchen ans Fußende. Wenn du schön geschlafen hast, wirst du etwas darin finden, was du gut gebrauchen kannst“, flüsterte sie in Lavinias Ohr. „Aber erst, wenn du ausgeschlafen hast und nicht früher, verstanden?“

Aus dem Schnarchen wurde ein: „Hm, hm“ und ein Lächeln mit geschlossenen Augen, schon war die Kleine wirklich eingeschlafen.

Belustigt ging Viviane nach unten und holte die Buttermilch, dabei fiel ihr Blick auf ein paar Speere, die quer an der Wand über den Truhen hingen. Sie alle waren mit drei breiten grünen Streifen bemalt, bis auf einen, der auch noch dünne rote Streifen aufwies. Nach kurzer Überlegung nahm sie diesen herunter und prüfte die Spitze – er hatte keine. Loranthus wartete draußen angeblich schon seit einer Ewigkeit und bekam den Speer in die Hand gedrückt.

„Wollen wir noch auf die Jagd?“

„Damit kann man nicht jagen. Guck, die Spitze ist stark abgerundet, kein Stück Eisen dran. Ich will dir bloß etwas zeigen. Komm!“

Sie winkten noch Flora und Mara, die den Esstisch abgeräumt und nun wieder ihre Arbeit im Handwerkshaus aufgenommen hatten, und wandten sich hinter dem Tor nach links.

Auch hier führte der Weg an Wiesen, Weiden mit blühenden Obstbäumen und Tiergehegen vorbei. Die hintersten beiden auf der linken Seite waren mit Schweinen und vielen Ferkeln besetzt, die sich gerade um den besten Platz in einer Schlammkuhle balgten. Rechts badeten etliche Gänse sehr gepflegt im Fluss. Als sie jedoch die Neuankömmlinge bemerkten, war es um die Idylle geschehen.

Heftig mit den Flügeln schlagend, stob die ganze Schar aus dem Wasser und rannte laut zischend über die Wiese.

Loranthus sprang mit einem Satz hinter Viviane – was für ein Heldenmut, wenn man bedachte, dass er sich selbst gern als kretischen Stier anpries, aber das war ihm im Augenblick egal. Die großen, aufgerissenen, zuckenden Schnäbel machten ihm gewaltig Angst und Viviane kannte sich mit solchen Gefahren bestimmt besser aus als er.

Viviane blieb ganz ruhig und schmunzelte. Sie verstand seine Reaktion durchaus. Gänse verteidigten ihr Revier und konnten für Fremde tatsächlich gefährlich werden. Nur, hätte er in seiner Hast einmal nach vorn geblickt, wäre ihm das Gatter aufgefallen, das ihn vom wilden Federvieh trennte.

In ihrer Angriffslust wurden die Tiere jäh gestoppt, was sie zu noch wilderem Gezische anspornte. Mit ihren Schnäbeln hackten sie durch die freien Stellen im Weidengeflecht – ein echter Härtetest für Loranthus.

In aller Gemütsruhe zerbrach Viviane ihr altes Brot, das sie, von der Reise übrig, extra mitgenommen hatte. Für solch leckeren Wegzoll ließen die gefiederten Hofwächter natürlich jeden passieren.

Loranthus kam aus seiner Deckung hervor, beugte sich waghalsig über das Gatter und tat geradeso, als stünde er schon die ganze Zeit dort und hätte mächtig Spaß dabei. Kurz vor dem Ende aller Brotkrümel wollte er aber weiter, und zwar rasch zum Tor hinaus, das – wie bereits erwartet – sperrangelweit offenstand; bei dem Alarmsystem war das auch kein Problem.

Hinter den Hecken plätscherte ein Bach in den Hauptarm des Flusses und sie mussten über eine kleine Holzbrücke gehen, damit sie den Weg weiter entlang der Felder laufen konnten.

Sie gingen Richtung Dietrichsberg, erklärte Viviane, und Loranthus betrachtete die sprießende Saat auf den Feldern entlang ihres Weges genauso neugierig wie die Weiden mit Kühen und Kälbchen. Nur beim Anblick des einzeln stehenden Stieres blieb er wie angewurzelt stehen. Das Tier an sich war schon riesig, aber seine Hörner waren geradezu gigantisch. So, genau so, musste der Göttervater Zeus aussehen, wenn er sich in den alten Mythen in einen Stier verwandelte. Beinahe hätte Loranthus die Hand zum Gruß gehoben.

Genau wie auf Wiesen und Weiden gab es auch auf den Feldern Bäume, die kühlen Schatten spendeten, und die Wassergräben konnte man sogar vom Bach abtrennen. Das bemerkte Loranthus allerdings erst, als er es endlich aufgegeben hatte, den mächtigen Stier sowie ein paar Ochsen zu beäugen, die ein Stück weiter auf einer getrennten Weide grasten.

Auf der gegenüberliegenden Seite des Flusses sah es ähnlich aus. Hier wirtschaftete aber eine andere Familie, deren kleines Gehöft jetzt in Sicht kam.

„Dort drüben steht ja bloß ein einziges Haus! Nicht mal eine Hecke!“

„Wenn es im elterlichen Dorf zu eng wird, teilt der König ein neues Gebiet zu. Das Paar baut ein Haus und bekommt Kinder, dann Enkelkinder, und bald ist es ein Dorf wie jedes andere. Wo gut gewirtschaftet wird, gedeiht das Leben. Und unsere Sünna hat eine wunderbare Flussaue zum Niederlassen, wie du siehst, mein Freund. Dichte Hagebuttenhecken wachsen allerdings auch hier nicht von heute auf morgen.“

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Data wydania na Litres:
23 grudnia 2023
Objętość:
1232 str. 5 ilustracji
ISBN:
9783959665964
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