Czytaj książkę: «Kaltfront»

Petra Gabriel
Kaltfront
Der 24. Kappe-Fall
Kriminalroman
Jaron Verlag
Petra Gabriel,geboren in Stuttgart, ist gelernte Hotelkauffrau, Dolmetscherin und Journalistin. Sie lebt als freiberufliche Autorin in Laufenburg und Berlin. 2001 wurde ihr erster Roman «Zeit des Lavendels» veröffentlicht. Neben historischen Romanen schreibt sie Kurzgeschichten und Krimis. 2004 gründete sie das Internet-Magazin 3land.info. 2010 erschien ihr Mystery-Roman «Der Klang des Regenbogens», 2011 ihr sechster historischer Roman, «Die Köchin und der König». Zur Krimireihe «Es geschah in Berlin» trug sie bereits die Bände «Beutezug» (2012) und «Operation Gold» (2013) bei. (www.petra-gabriel.de)
Originalausgabe
1. Auflage 2014
© 2014 Jaron Verlag GmbH, Berlin
Alle Rechte vorbehalten. Jede Verwertung des Werkes und aller seiner Teile ist nur mit Zustimmung des Verlages erlaubt.
Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Medien.
www.jaron-verlag.de
Umschlaggestaltung: Bauer + Möhring, Berlin
Satz: Pinkuin Satz und Datentechnik, Berlin
ISBN 9783955520236
Inhalt
Cover
Titel
Über die Autorin
Impressum
KAPITEL EINS: in dem Kommissar Otto Kappe an einer Razzia teilnimmt und Probleme bekommt
KAPITEL ZWEI: in dem Hermann Kappe von seinem Neffen um Hilfe gebeten wird
KAPITEL DREI: in dem eine Frau verzweifelt nach ihrer Nichte sucht
KAPITEL VIER: in dem zwei Kappes heimlich eine Wohnung aufsuchen und nicht nur einen Toten finden
KAPITEL FÜNF: in dem Otto Kappe Zeitung liest und den Namen einer Unbekannten erfährt
KAPITEL SECHS: in dem ein Mädchen sich aufmacht, ein Geheimnis zu ergründen
KAPITEL SIEBEN: in dem zwei Männer über zwei weibliche Wesen reden
KAPITEL ACHT: in dem Otto Kappe die Kollegen und Ida Berkowitz einen alten Flakturm aufsucht
KAPITEL NEUN: in dem Hermann Kappe eine Menge über einen Nachrichtenhändler erfährt
KAPITEL ZEHN: in dem Hermann Kappe keinen Morgenkaffee bekommt
KAPITEL ELF: in dem zwei Kappes einem Mädchen zu Hilfe eilen
KAPITEL ZWÖLF: in dem ein Einbruch misslingt und ein Erpresser verhaftet wird
KAPITEL DREIZEHN: in dem Otto Kappe rehabilitiert wird und seinem Chef ein Geständnis machen muss
KAPITEL VIERZEHN: in dem Klara Kappe einen Brief unterschlägt und ihr Mann seinen Sohn trifft
KAPITEL FÜNFZEHN: in dem Otto Kappe und seinen Kollegen ein Verdächtiger abhandenkommt
KAPITEL SECHZEHN: in dem Lenchen im Kranzler schlemmt und verschwindet
KAPITEL SIEBZEHN: in dem Ida Berkowitz auspackt und Otto Kappe eine Überraschung erlebt
KAPITEL ACHTZEHN: in dem Kappe endgültig die Nase voll hat und sich ein Genosse erinnert
KAPITEL NEUNZEHN: in dem Lenchen gefunden wird und einen Mord schildert
KAPITEL ZWANZIG: in dem sich zwei Frauen kennenlernen und ein Anschlag misslingt
NACHWORT
Es geschah in Berlin …
KAPITEL EINS
in dem Kommissar Otto Kappe an einer Razzia teilnimmt und Probleme bekommt
DIE ERSTEN GRÜNEN SPITZEN der Krokusse und Tulpen hatten schon im Januar 1956 die Hoffnung auf Frühling genährt. Doch dann waren die Temperaturen in den Keller gerauscht. Anfang Februar herrschte sibirische Kälte in Berlin. Im Urbanhafen saßen Schiffe im Eis fest. Auf dem Landwehrkanal verdichteten sich die Eisschollen zu einer festen Decke, krachten aufeinander oder rieben sich knisternd aneinander. Und bei der Grünen Woche kämpfte das Grün gegen arktische Verhältnisse.
Das Haus am Fraenkelufer lag zwischen Urbanhafen und Admiralsbrücke. Dort war um 6.30 Uhr morgens noch alles ruhig. Hinter den Fenstern herrschte Dunkelheit. Die Sonne würde erst in knapp einer Stunde aufgehen. Vermummte Männer huschten wie Geister durch die frostklirrende Kreuzberger Nacht und nahmen die vereinbarten Positionen ein.
Kriminalkommissar Otto Kappe nickte zufrieden, obwohl er trotz der russischen Pelzmütze mit den Ohrenklappen, die ihm seine Frau Gertrud aufgenötigt hatte, erbärmlich fror. Lippen und Nase fühlten sich bereits taub an. Nur ein Gedanke wärmte ihn ein wenig: Heute würden sie den Laden plattmachen.
Sie hatten seit Monaten von einer Fälscherwerkstatt gewusst – aber nicht, wo sie lag. Dort wurden falsche BRD-Ausweise, West-Führerscheine, und, was die Polizei am meisten wurmte, West-Berliner Polizeiausweise hergestellt. Die Leute verstanden ihr Handwerk, wie die Ermittler zähneknirschend eingestehen mussten. Die Fälschungen sahen täuschend echt aus.
Dann hatten sie zu nachtschlafender Zeit einen anonymen Tipp bekommen, dass sich die Fälscher im Erdgeschoss des Hauses am Fraenkelufer aufhielten. Dass drei Schüsse gefallen seien und es womöglich einen Toten gebe. Der KkvD, der Kriminalkommissar vom Dauerdienst, hatte sofort alle Kollegen zusammengetrommelt, die auf die Schnelle erreichbar gewesen waren, inklusive des Pressesprechers. Denn das versprach eine Aktion zu werden, für die sich die Presse interessierte. Den Dauerdienst gab es seit 1954, und er hatte sich in den ersten beiden Jahren bereits bewährt.
Kriminalkommissar Otto Kappe und sein Kollege Jürgen Rückert, zuständig für die Schüsse und den Toten, waren direkt vom Schreibtisch herbeigeeilt. Sie hatten die bisher relativ ruhige Nachtschicht genutzt, um allerlei Papierkram zu erledigen. In den letzten Jahren hatte die Flut der Formulare und der von oben angeordneten Berichte explosionsartig zugenommen. Kappe und Rückert waren unter den Ersten gewesen, die von dem Hinweis erfahren hatten, und sofort zusammen mit Kollegen von den Inspektionen B I (Betrug) sowie B II (Schwindel, Falschspiel, Glücksspiel und Rauschgift) ausgerückt. Diese würden sich mit den Fälschern befassen und waren ebenfalls nächtens bei der Arbeit gewesen, weil sie mit Hochdruck gegen je einen leitenden Beamten der Berliner Finanzverwaltung und des Landesausgleichsamtes ermittelten. Der Vorwurf: Untreue, Betrug und Bestechlichkeit. Die beiden feinen Herren sollten persönlichen Bekannten sogenannte Aufbaudarlehen zugeschanzt haben. Aber nun hatte der Moabiter Haftrichter einen der beiden tatsächlich wieder laufenlassen. Die Kollegen waren auf 180 und nicht gewillt, diese Entscheidung auf sich beruhen zu lassen. Sie ackerten fast rund um die Uhr.
Für die Abteilungen der Mordkommission in der Friesenstraße machte die Tatsache, dass die Fälscher neben allen anderen Dienstausweisen auch die roten der Kriminalpolizei kopierten, die Angelegenheit zur Ehrensache. Derzeit verwendeten sie zwar meist die Kriminaldienstmarken, die es seit 1953 wieder gab, aber das machte die Angelegenheit auch nicht besser. Welcher Normalbürger vermutete schon eine Fälschung, wenn ihm jemand einen roten Dienstausweis unter die Nase hielt? Und Normalbürger bildeten trotz der alarmierenden Kriminalstatistiken immer noch die Mehrheit in den Westsektoren Berlins.
Otto Kappe kroch die Kälte in alle Glieder, er spürte seine Nasenspitze schon nicht mehr, die erzwungene Ruhe trug ihren Teil dazu bei. Sie mussten sich still verhalten, um nicht in letzter Sekunde noch unerwünschte Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Hoffentlich kam das vereinbarte Zeichen bald, und sie konnten gemeinsam mit den Kollegen von der Schutzpolizei das Haus stürmen und das Fälschernest ausheben. Doch noch war es nicht so weit. Erst mussten sich alle postiert haben, um jeden möglichen Fluchtweg abzuriegeln.
So harrte Kriminalkommissar Otto Kappe wartend in dem eisigen Frost aus, klapperte mit den Zähnen und verfluchte den plötzlichen Kälteeinbruch. Bis zu minus 30 Grad waren angekündigt. Für ihn fühlte es sich jetzt schon an wie minus 50. Um sich abzulenken, dachte er darüber nach, was sie mittlerweile über die Fälscherwerkstatt wussten. Neben «Schmuggelkönig» Henry Liebermann gehörten mindestens noch drei weitere Personen der Fälscherbande an: der 39-jährige Graphiker Hans Brecht, der 53-jährige Buchdrucker Johannes Neyd und ein Unbekannter, der Pole sein sollte.
Liebermann hatten sie geschnappt. Aber die Freude war nur kurz gewesen, denn er hatte geschwiegen wie ein Grab und war kurz darauf aus dem Untersuchungsgefängnis Moabit ausgebrochen. Angeblich lebte er jetzt im Sowjetsektor. Das deutete darauf hin, dass der Staatssicherheitsdienst aus der Zone, kurz SSD, die Finger im Spiel hatte. Deshalb kamen sie wahrscheinlich auch nicht an Liebermann heran. Und obwohl die Fahndung auf Hochtouren lief, schafften es die anderen Fälscher, die Arbeit am Laufen zu halten. Die waren frech wie Bolle. Otto Kappe verstand allerdings noch immer nicht, was den SSD dazu bewogen haben könnte, die Fälscherwerkstatt ausgerechnet in einem Haus in einem der drei Westsektoren einzurichten, wo es in der Zone doch viel sicherer gewesen wäre. Vielleicht war es ihnen einfach zu riskant, die gefälschten Papiere in den Westen zu schmuggeln. Der anonyme Hinweis zum Versteck der Bande hatte jedenfalls glaubwürdig geklungen.
«Die Kollegen sind an ihrem Platz, die Haustür ist offen. Können wir?», flüsterte Jürgen Rückert. Seine Stimme klang zusätzlich gedämpft durch den Wollschal, den er sich bis unter die Augen gezogen hatte.
Otto Kappe vertraute Rückert. Sie kannten einander jetzt schon eine ganze Weile, genauer, seit Rückert nach dem Krieg bei der Mordkommission aufgetaucht war. Otto Kappe erinnerte sich noch gut an ihre erste Begegnung – und an seine Verblüffung: Rückert hatte mangels einer eigenen Unterkunft im Westen in der vorangegangenen Nacht auf dem Schreibtisch genächtigt. «Gestatten, Jürgen Rückert», hatte er gesagt und gegrinst. Dann war er vom Schreibtisch geklettert und hatte sich die zerknitterten Klamotten zurechtgezupft. Rückert hatte aus der Zone rübergemacht. «Der Liebe wegen – und weil ich mit den Kommunisten nichts am Hut habe. Ich bin in der SPD und wollte die Zwangsvereinigung mit der KPD nicht mitmachen. Meine Verlobte wohnt in Siemensstadt, aber sie ist gerade mit ihren Eltern im Harz, deswegen konnte ich bei ihr nicht schlafen», berichtete er.
Komisch, an manche Dinge dachte man lange nicht, und dann fielen sie einem in den unmöglichsten Situationen wieder ein. Inzwischen war Rückert längst verheiratet und Vater.
Der Einsatzleiter nickte ihnen zu. «Wir können.»
Otto Kappe peilte die Lage. «Ich gehe voraus», raunte er seinem Kollegen Rückert zu und zog seine FN-Pistole, Kaliber 7,65, Modell 1910, entworfen von John Moses Browning. FN stand für Fabrique Nationale. Dahinter verbarg sich der belgische Waffenhersteller Fabrique Nationale d’Armes de Guerre. Otto Kappe marschierte los, den anderen nach. Rückert ihm hinterher. Sie schlichen mit der Waffe im Anschlag durch die bereits offene Haustür ins Treppenhaus. Einige Kollegen postierten sich an der Treppe zum ersten Stock.
Der Einsatzleiter klingelte Sturm an der Wohnungstür. Als auch nach dem dritten Versuch niemand öffnete, winkte er den bereits eiligst herbeizitierten Hausmeister heran. Der stand noch immer mit vom Schlaf plissiertem Gesicht in Schlafanzug und Morgenmantel im Hausgang und schlotterte vor sich hin. Auf ein Zeichen hin zückte er seinen großen Schlüsselbund und suchte umständlich einen Schlüssel heraus. Der passte nicht. Er versuchte es mit dem nächsten. Und dann noch einem.
«Nu machen Sie hinne!», flüsterte der Einsatzleiter.
Der Hausmeister nickte und suchte hektisch weiter. Der Schlüsselbund klirrte. In der Wohnung blieb es ruhig. In Otto Kappe machte sich der Verdacht breit, dass sie einer Finte aufgesessen waren. Oder dass, wer auch immer in der Wohnung sein mochte, inzwischen vom Geklingel und Geklapper an der Tür aufgewacht sein musste und längst über alle Berge war, wenn er wirklich Dreck am Stecken hatte.
Erneut ein Fehlversuch. Einer der Männer fluchte. Die Hände des Hausmeisters zitterten. Auch beim fünften Versuch bekam er den Schlüssel nicht ins Schloss. Schließlich aber schaffte er es: Der Schlüssel passte! Alle atmeten erleichtert auf, als die Wohnungstür endlich aufschwang.
Otto Kappe und Rückert gaben sich gegenseitig Deckung, als sie den Flur betraten. Die Kollegen folgten.
Plötzlich hörten sie ein Klappern.
«Hier ist jemand!», brüllte Otto Kappe und rannte in die Richtung, aus der das Geräusch gekommen war. Durchs Küchenfenster, das im böig-scharfen Wind auf und zu schlug, sah Otto eine schwarze, dick vermummte Gestalt in Richtung Admiralsbrücke davoneilen. «Verdammt, warum steht hier niemand unter dem Fenster?» Dann schrie er: «Halt, Polizei! Stehen bleiben!» Und noch einmal: «Stehen bleiben, Polizei! Nehmen Sie die Hände hoch, und bleiben Sie sofort stehen!»
Die Gestalt hielt kurz inne, griff in die Tasche und hastete weiter.
«Stehen bleiben, Hände hoch, lassen Sie die Waffe fallen!», donnerte Otto Kappe, hechtete aus dem Küchenfenster und spurtete hinterher.
Er hörte nicht mehr, wie Kollege Jürgen Rückert sagte: «Hier ist nichts. Keine Druckplatten, kein Papier. Nichts. Die Wohnung ist bis auf die Möbel komplett leer. Auf den ersten Blick wirkt sie, als wäre sie unbewohnt. Keine Photos, keine persönlichen Gegenstände. Der Kohleherd ist allerdings noch lauwarm. Aber schaut mal, kaum noch Glut. Da ist seit gestern Abend nicht mehr nachgelegt worden. Der Kohleeimer ist auch leer. Jemand hat uns aufs Glatteis geführt.»
Rückert blickte sich um. Die Fensterscheiben begannen bereits zu vereisen. In der Küche stand nur das Nötigste. Der Kohleherd, daneben die Spüle. Der Spalt dazwischen war durch ein fünfzig Zentimeter breites grobes Holzbrett abgedeckt, an dem mit Reißzwecken ein nilgrüner löchriger Fetzen Stoff befestigt war. Solche Arrangements hatte Rückert schon öfter gesehen, dahinter befand sich meist der Mülleimer. Auf einem Wandregal über der Spüle standen drei Teller, zwei Unterteller und zwei Tassen sowie vier leere Einmachgläser. Daneben lag Besteck für zwei Personen: Messer, Gabel, Teelöffel. Ein Kochlöffel, ein Schieber, dazu ein Topf und eine Pfanne stapelten sich ebenfalls auf dem Regal. Ein ordentlich gebügeltes Handtuch ergänzte das Stilleben.
Rückert beschloss, sich in den anderen Räumen umzusehen. Er lehnte das Küchenfenster an, damit es in der Wohnung nicht noch kälter wurde. Ganz schließen wollte er es nicht, damit der Kollege Kappe wieder hereinkam.
Im Flur fanden sich nur einige Kleiderhaken an der Wand. Eigentlich waren es nur lange Nägel. An einem hing ein einsamer Kleiderbügel. Die Stube war ähnlich spartanisch eingerichtet. Ein Tisch mit gelacktem Furnier, vier Stühle, an einem war ein Bein gesplittert und mit Paketschnur unbeholfen wieder zusammengebunden worden. Dazu ein Webteppich, der wohl Wohnlichkeit verbreiten sollte, aber kläglich versagte, weil er nicht viel größer als ein Handtuch war.
Im Schlafzimmer fand Rückert ein unbezogenes Bett. Die Matratze sah fleckig und durchgelegen aus. Der Schrank, Kirsche furniert mit dreitürigem Unterschrank auf dünnen Beinen sowie zwei wuchtigen Türen links und rechts, war ursprünglich wohl eher für ein Wohnzimmer gedacht. Rückert versuchte sich an einer der Türen. Sie klemmte. Er fluchte sehr unvornehm.
Da fiel ein Schuss. Dann noch einer und noch einer.
Rückert rannte zurück in die Küche und schaute aus dem Fenster. Die Kollegen schlossen alarmiert zu ihm auf.
Otto Kappe hatte sich neben eine dunkle, reglos daliegende Gestalt gekniet und wedelte wild mit den Armen.
«Verdammt! Ick jeh Hilfe holn!», rief einer der Schutzpolizisten. Kurz darauf konnte Rückert hören, wie er die Wohnungen im Haus durchklingelte, um einen Fernsprechapparat zu finden. Die anderen Kollegen sahen sich noch einmal um und marschierten dann, ebenfalls fluchend, in Richtung Wohnungstür.
Jürgen Rückert nahm sich nicht die Zeit, den offiziellen Weg durchs Treppenhaus zu gehen, sondern kletterte wie vorhin Otto Kappe aus dem Küchenfenster und rannte zu seinem Kollegen.
Otto Kappe schaute zu ihm auf, in seinen Augen stand Fassungslosigkeit. «Warum ist sie nicht stehen geblieben? Warum ist sie bloß nicht stehen geblieben? Und dann hat sie auch noch eine Waffe aus ihrer Tasche geholt. Was hätte ich denn tun sollen, Rückert? Ich hatte doch keine andere Wahl!»
«Sie sagten ‹sie›?»
«Ja, das ist ’ne Frau.»
«Verfluchte Scheiße, auch das noch!» Jürgen Rückert schaute genauer hin. Tatsächlich, da lag eine Frau. Schmal, bleich, mit geschlossenen Augen und ohne Bewusstsein. Sie hat das Gesicht eines Engels, dachte er. Wie alt sie wohl sein mochte? Es war schwer zu sagen, so um die 35 vielleicht. Wegen der dunklen Wollmütze waren ihre Haare nicht zu erkennen. Unter ihrem Kopf breitete sich eine Blutlache aus.
«Wir müssen was tun, sie verblutet uns!», sagte Otto Kappe verzweifelt. Dann zog er seine Jacke aus und legte sie über die Reglose. «Sie erfriert noch. Warum kommt denn niemand?»
«Verdammter Mist!», knurrte Rückert. Er war froh, dass er nicht in der Haut seines Kollegen steckte. Dessen bleiches Gesicht zeigte, wie sehr ihm die Angelegenheit unter die Haut ging. Rückert schaute sich um. «Ich seh keine Waffe», rutschte es ihm heraus.
«Da muss aber eine sein! Ich hab sie doch genau gesehen», stammelte Otto Kappe.
Rückert legte dem Kollegen beruhigend die Hand auf die Schulter. «Ist wahrscheinlich weggeschleudert worden, als die Frau fiel. Wir werden sie schon finden.»
Endlich kam der Sanka. Die Sanitäter luden die Frau ein und rasten unter viel Tatütata mit Blaulicht davon. Otto Kappe schaute dem Gefährt mit unglücklichem Blick nach.
«Wird schon. Wird alles nicht so heiß gegessen wie gekocht», versuchte Rückert den Kollegen zu trösten.
Das schmale Mädchen mit den kurzen Haaren und den Klamotten eines Jungen, das sich in den Spalt zwischen dem Kohleherd und der Spüle gekauert hatte, schob den nilgrünen Vorhang zur Seite, schlich sich ans Fenster und spähte vorsichtig hinaus. Es sah zwei Männer, die dem davonjagenden Saniwagen nachschauten, und hatte alle Mühe, ein entsetztes Wimmern zu unterdrücken.
KAPITEL ZWEI
in dem Hermann Kappe von seinem Neffen um Hilfe gebeten wird
«HERMANN, nu komm schon, los, raus! Du kannst doch nicht ewig hier herumsitzen!», drängte Klara Kappe den Angetrauten.
«Doch, ich kann, ich bin Rentner», brummte der. «Wieso willst du ausgerechnet heute auf den Wochenmarkt am Rathaus Steglitz? Bei dieser Saukälte!»
«Hermann, es gibt kein schlechtes Wetter, es gibt bloß falsche Kleidung. Nu komm schon!»
«Hast du denn nicht Radio gehört? Es soll noch kälter werden!»
«In Steglitz gibt es die besten Bücklinge. Du magst doch Bücklinge. Also komm! Und natürlich hab ich Radio gehört. Auf der Eisbahn an der Ecke Innstraße und Sonnenallee herrscht Hochbetrieb, haben sie in den Nachrichten gesagt. Außerdem hat bei Wertheim in der Schloßstraße der Schlussverkauf angefangen. Da gibt es Preisnachlass. Wir müssen uns beeilen, sonst finden wir nichts mehr, weil die guten Sachen alle schon weg sind. Ich brauche dringend neue Handschuhe und du einen Pullover.»
«Im Radio haben sie aber auch gesagt, dass es wegen der Kälte schon den ersten Verkehrstoten gegeben hat», erwiderte Kappe anklagend. «Einen Pensionär.»
«Einen stinkbesoffenen Pensionär. Ich weiß nicht mehr, wie er hieß. Er kam aus Charlottenburg, erinnere ich mich nur.»
«Gustav Kuckulei.»
«Wie bitte?»
«Gustav Kuckulei hieß er.»
«Ach so. Jedenfalls könnte er noch leben, wenn er nicht versucht hätte, in besoffenem Zustand die Kantstraße zu überqueren.»
«Und seine Begleiterin wurde schwer verletzt», ergänzte Kappe. «Meine alten Pullover sind doch noch gut. Und die Marktleute sind bestimmt alle daheimgeblieben bei der Kälte da draußen.»
«Glaub ich nicht. Höchstens die mit den Bananen und Apfelsinen oder den Kartoffeln, weil die kälteempfindlich sind. Komm jetzt, du alter Nieselpriem!», sagte Klara betont fröhlich. Doch in ihrer Stimme war ein Unterton, der Kappe klarmachte, dass sie in dieser Angelegenheit nicht mit sich spaßen ließ.
Er versuchte es dennoch und verwies auf den Wetterbericht des Instituts für Meteorologie der Freien Universität im Telegraf. Die Karte mit den Hochs und Tiefs sowie den Isobaren prangte direkt über der Anzeige von Wertheim zum Winterschlussverkauf: Für unsere Stammkunden die richtige Lösung gefunden.
Kappe ignorierte Wertheim. Er las laut vor: «Unverändert liegt das Zentrum des Kälteblocks Xanthos über Nordskandinavien. Dabei rückt jetzt der Kältepol selbst, der ganz Mittel- und Westrussland mit Extremtemperaturen bis unter minus 40 Grad heimsucht, direkt auf Mitteleuropa vor und wird uns heute oder morgen überqueren. Glücklicherweise wird der sibirischen Luft aber über dem schneefreien Boden in der Umgebung Berlins auch einige Wärme zugeführt, so dass hier die Tiefsttemperaturen nicht diesen Grad erreichen werden.»
«Na siehste!», sagte Klara. «Außerdem scheint draußen die Sonne.»
«Aber hier, hier steht es», fuhr Kappe in einem letzten verzweifelten Versuch fort, den Gang in die Kälte doch noch abzuwenden. «Vorhersage für Berlin und die weitere Umgebung bis Donnerstag früh: Bei anhaltend stark böigem Ost- bis Nordwind noch fortschreitende Frostverschärfung und in der weiteren Umgebung sogar bis minus 25 Grad und selbst Tagestemperaturen trotz Sonnenscheins nicht viel höher als minus 20 Grad. Weitere Aussichten: Auch nach dem jetzt zu erwartenden Höhepunkt der Kältewelle nur geringe Frostveränderung.»
«Dann sollten wir schnellstens los und einkaufen, ehe es noch kälter wird. Auf dem Wochenmarkt am Rathaus Steglitz gibt es nun mal einfach die Bücklinge, die du am liebsten magst, Kappe.»
Wenn Klara ihn Kappe nannte statt Hermann, war jeder Widerspruch zwecklos. Das wusste er aus langjähriger Eheerfahrung. Und so fanden sich Hermann und Klara Kappe eine Stunde später bei minus 15 Grad auf dem Wochenmarkt am Steglitzer Rathaus wieder, vermummt wie die Teilnehmer einer Polarexpedition.
Die Eierhändlerin war da und fror ebenso erbärmlich wie Kappe, während Klara das alles nichts auszumachen schien. «Dienst am Kunden», erklärte die Eierfrau auf seine knurrige Nachfrage, warum sie diese ungemütliche Situation auf sich nehme. Klara strahlte sie freundlich an und kaufte zehn Eier.
Auch der Knoblauch- und Majoranspezialist war gekommen. Er wärmte seine Hände an einem unter der Markise baumelnden Konservendosen-Holzkohleöfchen. Kappe sah ihm neidvoll zu. Dann hustete er betont laut. Der Kräutermann hatte auch Hustenbonbons. Klara kaufte ihm welche ab und zog Kappe dann vorbei an den Ständen der Rosinen-, Nudel-, Wollsocken- und Bohnerwachsbranche. Der weiße Käse, das Gewürzgurkenwasser, die Sülze, selbst das Salatöl waren gefroren, sah Kappe und tat sich selbst leid. Die Händler standen bibbernd hinter ihren Tischen, teils in Holz-, teils in Filzschuhen, und trösteten sich über die ausbleibende Kundschaft mit heißem Kaffee aus Thermosflaschen hinweg. Der einzige Stand, der gute Geschäfte machte, war der mit den heißen Würstchen und dem Glühwein.
Doch Klara strebte auch daran vorbei zu ihrem Lieblingsfischstand. «Kann ich zwei Bücklinge mit Rogen haben?»
«Welche hätten Se denn gerne, Jnädige?», nuschelte die Fischfrau hinter ihrem Schal hervor.
Klara Kappe schaute sich alle genau an. «Den da. Und den.»
Die Fischfrau nickte, legte die Fische auf Zeitungspapier, schlug sie aber noch nicht ein, sondern streckte sie Klara entgegen. «Rogen in Hülle und Fülle. Wolln Se mal drückn?»
Klaras prüfender Daumendruck scheiterte am Glatteis auf den Bücklingsbäuchen, die Finger rutschten ab. Sie hatte ein Einsehen. «Ich nehm sie», erklärte sie. Sodann sagte sie in Richtung ihres Ehemanns: «Lass uns heimgehen!»
Kappe war sehr erleichtert und erinnerte sein Eheweib lieber nicht daran, dass sie eigentlich noch zu Wertheim gewollt hatte. Er hasste die Drängelei und das Einkaufen in Kleidergeschäften, erst recht, wenn er so dick vermummelt wie jetzt in die Wärme eines Ladens sollte. Im Schlussverkauf an den Wühltischen war es immer besonders schlimm.
Seine Erleichterung währte nicht lange. Als sie vor dem Haus an der Wartburgstraße ankamen, in dem ihre Wohnung lag, trafen sie Otto vor der Haustür an.
«Was machst du denn hier?», nuschelte Kappe mit halberfrorenen Lippen und schaute seinen Neffen erstaunt an.
«Ich brauch deine Hilfe, Onkel Hermann. Dringend!»
«So, so», meinte Hermann Kappe.
«Das können wir bereden, wenn wir in der Wohnung sind», fuhr Klara dazwischen. «Im Warmen.»
«Ach nee, guck an, jetzt frierst du auch!», konstatierte Kappe nicht ohne eine gewisse Befriedigung. «Dann lass uns mal nach oben gehen.» Oben, das bedeutete dritter Stock rechts.
«Ich bin suspendiert», war das Erste, was Otto sagte, nachdem sie sich aus ihren Winterklamotten geschält hatten und er seinem Onkel in der Stube gegenübersaß. Er auf dem Sofa, Hermann Kappe in seinem Lieblingssessel. Klara werkelte in der Küche. Sie hatte den Männern einen heißen Grog versprochen.
Kappe traute seinen Ohren nicht. «Wie bitte?»
«Du hast richtig gehört: Ich bin suspendiert.»
«Aber um Himmels willen, Junge, was ist denn passiert?»
Hermann Kappe nannte seinen Neffen noch immer Junge, obwohl der inzwischen auch schon Mitte vierzig war. Otto hatte mit 25 Jahren als Kriminalassistent bei der Kriminalpolizei angefangen, damals noch am Alexanderplatz. Dort gab es nun seit 1948 ein Polizeipräsidium Ost: in der Neuen Königstraße 27 bis 37, im ehemaligen Karstadt-Haus. Das Präsidium West war 1951 in einen Gebäudeteil des Flughafens Tempelhof gezogen, die Adresse lautete: Tempelhofer Damm 1 bis 7, Berlin 42. Die Kriminalpolizei war noch in der Friesenstraße geblieben, doch ein Umzug nach Schöneberg stand bevor. In Hermann Kappes letzten Dienstjahren als Kriminaler hatten Onkel und Neffe Kappe zusammengearbeitet.
Hartmut, Hermann Kappes ältester Sohn, tat in der Zone Dienst und war aufgrund seiner guten Arbeit sogar schon zum Major aufgestiegen. Hermann Kappe war sich nicht sicher, ob das nun ein Grund war, stolz auf seinen Ältesten zu sein. Zumindest in dieser einen Hinsicht war er froh, seit nunmehr zwei Jahren pensioniert zu sein: Endlich arbeiteten er und sein Sohn nicht mehr für «feindliche Lager». Die Teilung Berlins hatte Vater und Sohn einander entfremdet. Das schmerzte.
Um sein Verhältnis zu Heinzi, seinem Jüngsten, stand es auch nicht zum Besten. Karl-Heinz würde wohl für immer das Sorgenkind bleiben. Der Junge war nach dem Krieg vollends in ein zwielichtiges Milieu abgerutscht. Eigentlich wusste Kappe gar nicht genau, was sein Heinzi tat, wovon er lebte, und vor allem, was er fühlte. Zwischen ihm und seinem einstigen Liebling hatten die Jahre ebenfalls eine tiefe Kluft entstehen lassen. Zurzeit verkaufte Heinzi, nach außen ganz der seriöse Geschäftsmann, Kies aus seiner Grube am Teufelsberg. Ganz so seriös schien es allerdings bei seinen Kieslieferungen an Mitglieder der Berliner Baumafia nicht zuzugehen. Jedenfalls verdiente er offenbar viel Schotter mit dem Kies. Immerhin konnte Heinzi sich eine schicke Wohnung an der Steglitzer Ahornstraße leisten.
Mit Otto war das anders, der stand ihm näher. Er war so etwas wie sein Nachfolger bei der Kripo geworden. Ja, sein Neffe war ihm in vielerlei Hinsicht vertrauter als seine beiden Söhne, denn dessen Verstand arbeitete ähnlich. Kappe bewunderte Otto sogar hin und wieder für dessen messerscharfe Intelligenz, besonders aber für seine Redegewandtheit und Schlagfertigkeit – wenn es sein musste, mit ätzender Berliner Kodderschnauze. Als einer, der aus dem Fischerdorf Wendisch Rietz stammte, fühlte sich Kappe im Berliner Jargon noch immer nicht so heimisch wie der Neffe, der eine echte Berliner Pflanze war.
Äußerlich waren er und Otto sehr unterschiedlich. Er, Hermann Kappe, war eher kompakt gebaut. Otto hingegen hatte früher die Figur eines Mittelstreckenläufers gehabt: lang, mit sehnigen Beinen, kein Gramm Fett am Leib. Letzteres hatte sich inzwischen geändert. Er war zwar noch immer gut in Schuss, aber seine Sportlerfigur hatte einige Ausbuchtungen bekommen. Dennoch hatte er sich etwas Jungenhaftes bewahrt, trotz des Sumpfes, in dem er aufgrund seines Berufs immer wieder wühlen musste.
Wie alt war Peterchen jetzt, Ottos und Gertruds Sohn? Fünfzehn, rechnete Kappe aus. Herrgott, wie die Zeit verging!
Klara und Gertrud, auch Trudchen genannt, verstanden sich prima. Kappe konnte sich noch gut erinnern: Otto hatte seine Gertrud bei der Aufklärung eines Mordfalls in der Kakao- und Schokoladenfabrik Greiser & Dobritz in Kreuzberg kennengelernt. Anfangs war Hermann Kappe Gertrud gegenüber eher reserviert gewesen. Sie stammte aus einer strenggläubigen Familie, und er hatte befürchtet, sie könne zu jenen Bigotten gehören, die sonntags in die Kirchen rannten und während der Woche über andere herzogen. Doch so eine war Gertrud nicht, wie Klara und er schnell festgestellt hatten. Inzwischen waren die beiden Frauen Freundinnen.
Das alles ging Kappe durch den Kopf, während er auf die Antwort seines Neffen wartete.
Otto druckste herum, und zu seiner Verblüffung sah Kappe, dass dessen Augen wässrig wurden.
«Junge, nun red endlich! Was ist passiert?»
«Ich hab eine Frau angeschossen. Sie liegt im Urban-Krankenhaus.» Er machte eine Pause. Dann brach es aus ihm heraus. «Wir wollten eine Fälscherwerkstatt ausheben, in einer Wohnung am Fraenkelufer. Aber der Tipp, den wir bekommen hatten, war ’ne Ente. Jedenfalls is die Frau aus’m Küchenfenster raus und weggelaufen. Da war aber noch nicht klar, dass in der Wohnung gar keine Fälscherwerkstatt existiert. Ich bin ihr also hinterhergerannt und hab immer wieder gerufen, dass ich von der Polizei bin und sie stehen bleiben solle. Dann hat sie eine Waffe aus der Tasche gezogen …»
«Aber dann hast du doch ganz nach Vorschrift gehandelt. Wo liegt das Problem? Weshalb bist du suspendiert?»
«Die Waffe wurde nicht gefunden», antwortete Otto leise. Dem angespannten Klang seiner Stimme entnahm Kappe, wie sehr ihm die Sache an die Nieren ging.
«O Junge!», sagte Kappe.
«Da ist noch was. Ich hab nur einmal geschossen, ganz sicher. Es sind aber drei Schüsse gefallen. Die Kollegen haben das auch gehört. Sie suchen jetzt alles nach Patronenhülsen ab, aber bisher Fehlanzeige. Da stimmt doch was nicht! Onkel Hermann, kannst du mir helfen? Wenn die Frau es nicht war, die geschossen hat, wer dann? Vielleicht hat es jemand auf die Frau abgesehen und die günstige Gelegenheit der Razzia genutzt. Wenn du mich fragst, dann hieße das doch, ich sitze tief im Schlamassel und sie schwebt in Gefahr.»
«Oder der Tipp war doch keine Ente, und jemand hat auf dich geschossen, Junge.»
«Das glaub ich nicht. Warum sollte das jemand tun?»
«Vielleicht waren die Fälscher doch in der Wohnung und sauer, dass sie wegen euch flüchten mussten. Könnte doch sein.»
«Ach, Onkel Hermann, das ist alles Stochern im Nebel. Jetzt muss ich erst mal meine Unschuld beweisen. Hilfst du mir?»
«Selbstverständlich! Was kann ich tun?»
«Auf jeden Fall ist an der Sache was faul. Ich muss einfach wissen, was dahintersteckt – darf aber vorerst nicht mehr ermitteln. Wie soll ich das denn aushalten? Einfach nur rumsitzen, das kann ich nicht! Ich würde wenigstens gerne zu der Frau ins Urban-Krankenhaus gehen, um mich zu entschuldigen. Falls sie mich überhaupt sehen will. Es ist vielleicht besser, ich hab jemanden dabei, einen Zeugen, zur Sicherheit. Damit nicht noch irgendwer denkt, ich wolle sie beeinflussen oder so. Na ja, und du bist auch ein erfahrener Mann, vielleicht könnest du …»
«Jut, machen wir! Wann willste hin?»
Otto sah ihn flehend an. «Am liebsten gleich. Ich bin unruhig, solange ich nicht weiß, wie es der Frau geht. Außerdem hab ich nichts anderes zu tun.»
«Weiß Trudchen schon davon?»
Otto schüttelte den Kopf. Er sah aus wie ein geprügelter Hund. «Nee, hab meiner Frau noch nix gesagt.»
Kappe nickte. «Dann lass uns gehen!» Er stand auf, stapfte in den Gang und wickelte sich wieder in seine Polarausrüstung, die am Kleiderhaken an der Wohnungstür hing. Otto tat es ihm gleich.
Klara, die noch immer in der Küche herumfuhrwerkte, sie aber offenbar gehört hatte, riss die Tür auf, und ein appetitlicher Geruch von gebratenen Bücklingen strömte ihnen entgegen. «Grog kommt gleich. Otto, willst du mitessen?» Sie stockte. «Nanu, wo wollt ihr denn hin?»
Die beiden Männer sahen sich verlegen an. «Wir haben noch einen Krankenbesuch zu machen, bei einer Bekannten von uns beiden», schwindelte Hermann Kappe. Erst mal hatte Gertrud das Recht, von der misslichen Lage zu erfahren, in der ihr Mann steckte. Klara konnte er das alles später noch erklären.
«Muss das jetzt sein? Ich meine, das Essen ist bald fertig – Bückling, Bratkartoffeln und dicke Bohnen. Kommt ihr bald wieder?»
«Ich bleib nicht lang», versprach Kappe.
Und Otto sagte: «Tut mir leid, Tante Klara! Danke für das Angebot, aber ich ess wohl lieber daheim. Trudchen wartet auf mich.»
Bevor Klara Kappe noch eine weitere Bemerkung machen konnte, waren die Männer aus der Wohnung und zogen die Tür hinter sich zu.
Anfangs wollte ihnen im Urban-Krankenhaus niemand sagen, in welchem Zimmer sich die Frau befand, die an diesem Morgen angeschossen worden war. Also zückte Otto doch seine Dienstmarke. Daraufhin erfuhren sie, dass die Verwundete auf der Inneren lag. Die Stationsschwester erklärte ihnen, dass es ihr gutgehe. Es sei viel weniger schlimm, als anfangs befürchtet. Die stark blutende Wunde am Hinterkopf, wohl durch den Sturz verursacht, sei genäht worden. Die Schussverletzung habe sich als Streifschuss an der rechten Seite entpuppt, der keine größeren Schäden angerichtet habe, vor allem keine inneren Verletzungen.
Kappe konnte an Ottos Gesichtsausdruck sehen, dass dem ein ganzes Gebirge vom Herzen fiel. Obwohl er suspendiert blieb, bis bewiesen war, dass er sich nichts hatte zuschulden kommen lassen.
Schon sehr viel entspannter, traten sie ins Krankenzimmer der Patientin. Aus drei Betten schauten ihnen Frauengesichter entgegen, die Otto fremd waren Das vierte Bett war leer.
«Wo ist sie?», stammelte Otto.
Eine ältere dicke Frau lächelte milde. Eine andere, wohl mittleren Alters, schnaufte nur und schloss die Augen. Die dritte, um die dreißig vielleicht, fragte: «Sind Sie der Mann von ihr?»
«Kriminalpolizei», sagte Hermann Kappe an Ottos Stelle. «Wo ist Ihre Zimmergenossin? Wir müssen ihr ein paar Fragen stellen.»
«Wech», antwortete die ältere Frau.
«Was heißt wech?», fragte Kappe senior verblüfft.
«Seit wann verstehn die Berliner Kriminaler kein Deutsch mehr? Wech. Wissen Se nich, wat dit heeßt? Ick hätt jetzt jern meine Ruhe. Sie sind hier nämlich innem Krankenzimmer, und mich ham se erst gestern Morgn operiert. Also!» Damit schloss die mittelalte Patientin wieder die Augen.
«Aber sie kann doch nicht einfach so …», hob Otto an.
«Ida hat gesagt, sie müsse dringend weg, hat ihre Sachen gepackt und sich aus dem Zimmer geschlichen. Die Schwestern wissen noch nichts davon. Sie hat uns beschworen zu warten, bis wir was sagen», erwiderte die junge Frau.
«Ida heißt sie also», sagte Hermann Kappe.
«Hat se jesacht», fiel die Dicke ungeduldig ein.
«Und warum wollte sie so dringend weg?»
«Dit hat se nich jesagt», antwortete die am Vortag Operierte. «Also, jehn Se nu?»
«Ja, wir gehen ja schon», sagte Kappe.
Als sie den Stationsarzt endlich aufgetrieben hatten, konnte der ihnen auch nicht mehr sagen. Er wusste noch nicht einmal, wie die verschwundene Patientin mit Nachnamen hieß, und zuckte nur müde mit den Schultern. Es sei zu viel zu tun. Ständig kämen Leute mit Erfrierungen oder Brüchen nach Stürzen auf glatten Bürgersteigen rein. Er komme kaum nach. Aber vielleicht wüssten die Kollegen in der Notaufnahme mehr.
Die junge Krankenschwester, die dort Dienst tat, war geschockt, als sie vom Verschwinden der Frau erfuhr. Papiere habe diese nicht bei sich gehabt. Sie habe sich zudem geweigert, ihren Namen zu nennen. Weil sie sehr verwirrt gewirkt, offenbar unter Schock gestanden und stark aus einer Kopfwunde geblutet habe, sei sie von der Notaufnahme zunächst in die Chirurgie überwiesen worden. Es sei dringender gewesen, das Blut zu stillen und die Schusswunde zu versorgen, als Papiere auszufüllen. Danach sei sie auf die Innere verlegt worden. Eigentlich habe sie demnächst nach ihr schauen wollen.
«Aber nun ist sie weg», sagte Hermann Kappe.
«Ja, nun ist sie weg», wiederholte sein Neffe.
«Und was machen wir nun?», fragte die Krankenschwester.
«Gute Frage», sagte Hermann Kappe. «Ich denke, wer die Rechnung bezahlt, müssen Sie selbst klären. Wir gehen dann.» Damit nickte er der Schwester zu und machte sich mit Otto auf den Weg nach draußen. «Und wir beiden Hübschen, lieber Neffe, sollten herausfinden, wem die fragliche Wohnung eigentlich gehört», fügte er an, während sie durch den Flur marschierten.
Otto nickte. «Ich werd meine Quellen anzapfen. Das solltest du am besten auch tun, Onkel Hermann. Vielleicht kriegn wir denn ’nen Hinweis, woher der Tipp jekommen is.»
«Männerstimme? Frauenstimme?», hakte Kappe nach.
«Wees ick nich.»
«Dann wissen wir wirklich nicht viel», antwortete Kappe, machte aber ein zufriedenes Gesicht. Die Entwicklung war zwar sehr unerfreulich, aber ihre Nachforschungen schienen Otto ein wenig abzulenken, er wirkte schon ein wenig gefasster. Und er selbst konnte endlich mal wieder arbeiten, anstatt Klara auf Märkte zu begleiten und Bücklinge zu kaufen. Dass er seinem Neffen half, dagegen konnte selbst Klara nichts einwenden. «Wie ist das mit deinen Kollegen? Könntest du jemanden von ihnen um Hilfe bitten? Wir werden sie wohl brauchen.»
Otto zögerte eine Weile und nickte dann. «Günther Kynast. Der ist ziemlich schnoddrig, gibt sich abgebrüht, aber eigentlich ist er ’ne gute Seele. Rückert natürlich. Und dann noch Hans-Gert.»
«Hans-Gert? Der Enkel vom ollen Gustav Galgenberg? Ich dachte, der sollte versetzt werden.»
«Nee, sie haben ihn dann doch hierbehalten. Der Chef war wohl der Meinung, Kappe zwei und Galgenberg zwei könnten ein gutes Team ergeben. Allerdings ist Hans-Gert gerade im Urlaub, er kommt nächste Woche wieder.»
«Dann ist ja gut», meinte Kappe und bekam Sehnsucht nach dem ollen Gustav Galgenberg. Der sah längst die Primeln von unten. Wenn dessen Enkel so gut mit Otto zusammenarbeitete wie er einst mit Galgenberg, dann konnten alle sich glücklich schätzen. «Vielleicht sollten wir damit anfangen, dass wir uns die Wohnung am Fraenkelufer noch mal genauer anschauen. Womöglich ist der Inhaber oder die Inhaberin jetzt zu Hause. Wenn wir Glück haben, handelt es sich sogar um diese Ida Sowieso, und wir können mit ihr reden.»
KAPITEL DREI
in dem eine Frau verzweifelt nach ihrer Nichte sucht
IDA BERKOWITZ hielt sich den ganzen Tag über in U-Bahn-Schächten und S-Bahnhöfen warm. Niemand achtete auf die schmale Frau mit dem grauen Wollschal über den Haaren, die in dem schweren Ulstermantel fast versank und sich mal da und mal dort hinsetzte. Manchmal zuckte sie zusammen, wenn die Wunde unter dem breiten Verband nach einer unbedachten Bewegung schmerzte. Keiner bemerkte es. Alle wollten nur eiligst von A nach B, vor allem aber schnellstens ins Warme.
Das war nicht ganz einfach, denn vor der Kälte kapitulierte nicht nur die Bevölkerung, sondern immer wieder auch die Technik. Es gab Oberleitungsschäden, und die Schienen waren teilweise durch den Frost geborsten. Die BVG bemühte sich zwar um Ersatzrouten und Ersatzfahrzeuge, aber das entspannte die Lage nur unwesentlich. Die Busse, die fuhren, waren brechend voll. Auf den Straßen herrschte allenthalben Chaos. Nicht weil viel Schnee gelegen hätte, sondern wegen der vielen Wasserrohrbrüche und weil Autos aller Fabrikate den Dienst versagten.
Überall, wo sich Menschen trafen, war die Kälte deshalb das beherrschende Thema. Während Ida Berkowitz durch Straßen, Tunnelschächte und U-Bahnhöfe irrte, fing sie im Vorübergehen Gesprächsfetzen auf. Die Boote der Wasserschutzpolizei konnten nicht mehr auslaufen, vom kleinsten Rinnsal bis hin zum Großen Wannsee war inzwischen alles zugefroren. In einigen Schulen waren sogar «Kälteferien» angeordnet worden, obwohl es so etwas in Berlin offiziell gar nicht gab. Die Leute unterhielten sich auch darüber, dass die Revierstreifen, die Funkwagenbesatzungen und die Verkehrspolizisten in Anbetracht des Frostes nicht länger als eine Stunde am Stück und nicht mehr als sechs Stunden am Tag Außendienst tun durften. Selbst in der Landespolizeidirektion schenkten sie heißen Tee aus. Die Verkehrsposten der Polizei bekamen auf Anordnung des Kommandos der Schutzpolizei Tee mit Rum in Thermoskannen mit. Die Eil- und Telegrammboten sowie die Briefträger konnten sich alle drei Stunden bei Tee im Postamt aufwärmen. Die Kraftfahrer der Post erhielten ebenfalls eine warme Stärkung, wenn um 10 Uhr morgens bereits 10 Grad Kälte herrschten.
Ida hatte keinen heißen Tee. Sie fror trotz des schweren Herrenmantels und des wärmenden Muffs für die Hände erbärmlich. Der Frost war ihr inzwischen durch die undichten Sohlen der Stiefeletten bis in die Seele gekrochen. Und sie hatte große Angst um Lenchen. Hoffentlich war ihre Nichte schlau gewesen und hatte sich in der Wohnung versteckt gehalten. Hoffentlich hatten die Polizisten sie nicht entdeckt. Und, das machte Ida die größten Sorgen, hoffentlich auch nicht die anderen. Die sie unter Druck setzten und sie zwingen wollten, für sie zu spionieren. Wenn sie es genau nahm, hatte sie eigentlich nur eine Hoffnung: dass sie Lenchen nicht erwischten, weil ihre Nichte offiziell überhaupt nicht existierte. Wenn sie erfuhren, dass es das Mädchen gab, würden sie es sicherlich holen kommen. In der Zone waren sie nicht zimperlich, wenn es um die Kinder verurteilter Zuchthäuslerinnen ging. Fünfzehn Jahre hatte ihre Schwester Ursula im Januar bei ihrem Prozess vor dem Stadtgericht bekommen. Nein, in der Zone durften sie auf keinen Fall herausfinden, dass es Lenchen gab. Sonst würden sie die uneheliche Tochter der Zuchthäuslerin wegholen, sie vielleicht sogar entführen und in eine parteikonforme Pflegefamilie stecken. So etwas hörte man immer wieder.
Und sie selbst? Warum schoss jemand auf sie? Sie hatte doch getan, was sie wollten. Vielleicht waren sie es auch gar nicht gewesen. Aber wer sonst sollte so etwas tun?
Sie dachte an Ursula, ihre kleine Schwester Ursula. Die gehörte zu denen, die in den Zeitungen der Zone KgU-Banditen genannt wurden. KgU stand für «Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit» – eine von den Amerikanern unterstützte West-Berliner Organisation, die in der Zone den Widerstand gegen die SED unterstützte. In der Berliner Zeitung war Ursula als gewissenlos und frech beschrieben worden, als Seelenverkäuferin, die nicht menschlich denke und fühle, als Agentin der KgU-Verbrecherzentrale, die Namen und Adressen von Mitarbeitern volkseigener Betriebe an den Westen verkauft haben solle. Ida erinnerte sich genau an die Sätze, hatte sie immer und immer wieder gelesen.
Ungerührt bekannte die Berkowitz auf die Frage des Gerichtsvorsitzenden, ob sie den Hauptagenten Latschetschek – mit dem sie schlief, als ihr Mann im Krankenhaus lag – nach dem Wofür gefragt habe: «Er sagte mir, dass es für die Ernst-Ring-Straße sei.» Vorsitzender: «Wussten Sie, was da ist?» Angeklagte: «Ja, ich wusste aus Unterhaltungen, dass dort die KgU-Zentrale ist. Ich wusste, dass man es für Spionagezwecke haben wollte.»
Spionagezwecke – wie sich das anhörte! Anfangs war es bei der KgU doch nur darum gegangen, eine Datei für einen Suchdienst aufzubauen, der in der Sowjetunion vermissten deutschen Soldaten nachspürte und damit den Angehörigen, denen der Suchdienst des Roten Kreuzes nicht helfen konnte, endlich Klarheit darüber verschaffen konnte, warum ihre Männer, Söhne und Brüder nicht längst heimgekehrt waren. Und ja, es ging auch um Vergeltung. Für das, was nach Kriegsende mit den Frauen geschehen war. Zum Beispiel mit Ursula, der angehenden Ingenieurin, die ihrer Tochter Lenchen niemals in die Augen sehen konnte.
Und so hatte Ida ihre Nichte Lenchen zu sich genommen, das Kind, von dem niemand wissen durfte. Auf Letzterem hatte Ursula bestanden. Latschetschek – mit dem sie schlief. Ida fragte sich, wo sie das nun wieder herhatten. Ursula hatte keinen Geliebten. Sie schlief mit keinem Mann. Seit damals nicht mehr.
Was geschehen war, konnte niemand ändern. Doch Ida durfte nicht zulassen, dass sie Lenchen bekamen. Obwohl sie zunehmend Schwierigkeiten miteinander hatten, liebte sie das Mädchen von Herzen.
Lenchen war meist in sich gekehrt und ertrug es nicht, wenn man ihr zu nahe kam. Sie überfielen dann regelrechte Tobsuchtsanfälle, bei denen sie nicht mehr zu wissen schien, was sie tat. Ida hatte sich mehr als einmal gefragt, ob sich die Umstände der Zeugung eines Kindes vom Moment der ersten Teilung der Eizelle an in der Seele eines Fötus festsetzen konnten. Aber sie wusste, dass das Unsinn war.
Nein, es war nicht immer einfach gewesen mit Lenchen. Dennoch hatte sie ihre Nichte so gut es ging selbst unterrichtet und sie, wann immer es ihr möglich gewesen war, nach draußen gebracht und ihr die Welt außerhalb der Wohnung gezeigt. Seltsamerweise hatte es Lenchen in den ersten Jahren nicht viel ausgemacht, die meiste Zeit ihres Lebens drinnen zu verbringen. Doch das hatte sich inzwischen vollkommen geändert.
Vielleicht lagen ihre zunehmenden Probleme mit dem Kind auch daran, dass Lenchen langsam zu begreifen begann, dass bei ihr einiges anders war als bei anderen Kindern. Sie stellte Fragen. Aber Lenchen war doch erst elf Jahre alt! Was hätte sie ihr antworten sollen? Ida spürte, dass ihre Nichte ihr nicht mehr vertraute. Sie wurde zunehmend verstockter, und inzwischen verschwand sie einfach immer wieder tagelang. Ida hatte den Verdacht, dass sie stahl. Sie hatte Lenchen vorsichtig darauf angesprochen. Doch diese hatte äußerst aggressiv auf ihre Vorhaltungen reagiert und war dann wieder einmal einfach abgehauen.
Sie konnte das Kind doch nicht einsperren! Lenchen hatte recht, wenn sie Aufklärung einforderte und fragte: «Warum muss ich mich immer verstecken? Warum darf niemand wissen, dass es mich gibt? Weil du dich für mich schämst? Weil du nicht willst, dass die Leute von deiner unehelichen Tochter wissen?» Lenchen hielt sie für ihre Mutter. Das Kind wusste von nichts. Wie sollte man ihm auch sagen, dass es das Ergebnis einer Vergewaltigung war und die wirkliche Mutter seine Gegenwart nicht ertrug? Dass die Mutter im Zuchthaus saß und ihr Vermögen eingezogen worden war. Wie sollte man das einem Kind sagen?
Anfangs waren Ursula und sie tatsächlich bei einigen kleineren Sabotageakten der KgU dabei gewesen, aber inzwischen schon lange nicht mehr – nicht mehr, seit es 1951 und 1952 eine Welle von Todesurteilen in der DDR gegeben hatte. 250 Angeklagte hatten vor Sowjetgerichten gestanden, 70 Todesurteile wegen «konterrevolutionärer Verbrechen» hatten die Militärtribunale auf der Grundlage des Artikels 58 aus dem Strafgesetzbuch der RFSSR, der Russischen Sozialistischen Föderativen Sowjetrepubliken, ausgesprochen. Das durften sie seit dem Vertrag von Jalta und dem Genfer Abkommen von 1949. Ursulas Mann hatten sie auch hingerichtet. Ulrich, von dem sie sich gleich nach der Vergewaltigung hatte scheiden lassen und der weder von der Gewalttat noch von Lenchen je etwas erfahren hatte.
Ein halbes Jahr vor Ursulas Verhaftung hatte Ida sich zusammen mit Lenchen eine Bleibe im Westen gesucht. «Republikflucht» nannten sie das in der Zone. Darauf standen schwere Strafen. Dann war sie zur SPD und zur KgU gekommen, hatte sich dadurch Freunde und einen gewissen Schutz erhofft. Aber die hatten ihr auch nicht helfen können. Die Spitzel vom MfS, dem Ministerium für Staatssicherheit, hatten sie am Ende doch gefunden. Sie musste es also allein schaffen, irgendwie. Was sollte aus Lenchen werden, wenn sie selbst auch noch ins Gefängnis kam? Wenn sie nicht tat, was die wollten, blühte ihr das sicher. Es gab genügend Beispiele für Menschen, die aus West-Berlin in die Zone entführt worden waren, und für drakonische Urteile, auch wegen «Republikflucht».
Ein Mitangeklagter von Ursula, Ewald Janike aus Köpenik, ein ehemaliger Volkspolizist, war wegen «Spionage, Hetze und terroristischer Umtriebe» zu fünfzehn Jahren Zuchthaus verurteilt worden. Und warum? Weil er genau das Gleiche wie sie selbst für die KgU getan hatte: Er hatte in Briefen Berliner in der Zone zur «Flucht nach dem Westen» zu überreden versucht. Außerdem sollte er die Stärke der Arbeiterkampfgruppen in den ihm bekannten Betrieben verraten und dem «Klassenfeind» Hinweise für die Durchführung von Sabotageakten gegeben haben.
Und jetzt hatte sie selbst einen Sabotageakt verübt – aber gegen ein West-Berliner Unternehmen: die Gasag, die Gaswerke AG. Ihr wurde schlecht, wenn sie nur daran dachte. Nun arbeitete sie also für das MfS. Sie hatten sie dazu gezwungen und gedroht, sie sonst wegen «Republikflucht» in ein Ostgefängnis zu schaffen. Und sie hatten sie erpresst, mit Ursula.
«Wollen Sie denn nicht, dass Ihre Schwester im Gefängnis einige Erleichterungen bekommt? Es kann hart werden für jemanden, der draußen keine Freunde hat. Es gäbe sogar die Möglichkeit, ihr das Leben schwerzumachen, wenn Sie nicht mitziehen. Anderenfalls könnten wir uns womöglich sogar bereit erklären, Ihre Schwester in den Westen zu entlassen. Gegen Devisen. Sie haben doch Devisen?» Das waren die Worte ihres Kontaktmanns Lars Bendler gewesen. 30 000 Mark wollten sie haben. Für diese Summe und für ihre Mitarbeit waren sie bereit, Ursula freizugeben.
«Woher soll ich 30 000 Westmark nehmen?», hatte sie Bendler gefragt. «So viel Geld bekomme ich von meinem Sekretärinnengehalt nie im Leben zusammen.»
«Das kriegen wir schon hin. Arbeiten Sie nur fleißig für uns! Es gibt vieles, was Sie für uns tun können. Sich umhören zum Beispiel, in der KgU, im SPD-Büro Ost. Dort, wo unsere Feinde sitzen. Wir bezahlen Sie für die Informationen und legen die Summe auf ein Konto. Ausnahmsweise. Wenn Sie sich die 30 000 Mark erarbeitet haben, lassen wir Ihre Schwester frei. Und denken Sie daran, wir behalten Sie immer im Auge!»
Daraufhin war sie in der geheimen Wohnung der KgU am Fraenkelufer untergetaucht. Bei diesem undurchsichtigen Peter Klaus. Sie hatten sich bei einer KgU-Versammlung getroffen, und er hatte mit seinen Kontakten geprahlt und ihr hinter vorgehaltener Hand erzählt, dass er die geheimen Wohnungen der KgU kenne. Normalerweise hätte Ida sich nie an einen solchen Schwätzer gewandt, doch jemand anderes war ihr auf die Schnelle nicht eingefallen.
Vielleicht würden die von drüben sie vergessen und sich ein anderes Opfer suchen. So hatte sie sich das jedenfalls erhofft. Wie hatte sie nur so naiv sein können! Wahrscheinlich waren sie ihr nach der Arbeit von der Gasag bis zu der Wohnung gefolgt. So musste es gewesen sein. Sie hatte nichts bemerkt, sich eingebildet, ganz vorsichtig gewesen zu sein. Doch das waren geschulte Agenten, und sie war nur eine ganz gewöhnliche Frau, eine Sekretärin. Noch nicht einmal technisch begabt, anders als ihre Schwester Ursula.
Peter Klaus hatte sie nicht gerne aufgenommen, obwohl er von Bendler nichts wusste. Er lebte auch nur zeitweise am Fraenkelufer, immer dann, wenn er selbst untertauchen musste oder einen seiner «Kontakte» traf. Aber er hatte sich breitschlagen und Lenchen und sie bis auf weiteres dort wohnen lassen.
Doch man entkam diesen Leuten nicht, wenn sie sich erst einmal festgebissen hatten, das hätte sie eigentlich wissen müssen. Dieser Bendler vom MfS, Deckname «Käthe», hatte sie auf dem Weg zur Arbeit abgepasst. «Käthe». Wie albern – und gleichzeitig verharmlosend! Das klang nach Käthe-Kruse-Puppe. Nun, ihr eigener Deckname war auch nicht viel besser. Ja, sie hatte jetzt ebenfalls einen: «Mäuschen». Eine Verniedlichung des Irrsinns, das waren diese Namen.
Das war überhaupt alles absurd. Ida wusste, sie musste den anderen von der KgU eigentlich erzählen, dass das MfS von der Wohnung am Fraenkelufer wusste. Auch für die Genossen von der SPD wäre es wichtig gewesen zu erfahren, dass das MfS an einer der Ihren dran war. Aber wie sollte sie das erklären? Sie wäre aufgeflogen. Ida hasste sich für diese Heimlichtuerei. Zeit ihres Lebens war sie immer geradeheraus gewesen. Inzwischen lagen ihr die vielen Geheimnisse, die sie bewahren musste, wie Steine auf der Seele.
Erneut fragte Ida sich, von wessen Kugel sie erwischt worden war. Dieses ganze Geflecht aus Lügen und Betrügereien war so schwer zu durchschauen. Waren die Leute von der KgU oder der SPD dahintergekommen, dass sie ein doppeltes Spiel spielte? Die hatten alle Kontakte zur Organisation Gehlen oder zur CIA, während sie ganz allein für ihre Familie kämpfen musste. War es die Kugel des Kommissars gewesen oder die eines Unbekannten, der sie im Auftrag des MfS umbringen sollte? Jetzt, wo sie getan hatte, was sie sollte, wurde sie wohl nicht mehr gebraucht. Oder sie wollten sie nur erschrecken und zur Räson bringen, damit sie brav weiterfunktionierte. Denn wenn diese Leute schossen, dann trafen sie meist auch. Dabei wäre es überhaupt nicht nötig gewesen, ihr Angst zu bereiten. Davon hatte sie auch so genug.
Für das Gaswerk Mariendorf, wo sie als Sekretärin arbeitete, würden die Zeitungen morgen eine innerbetriebliche Störung melden. In diesen kalten Tagen war es besonders schlimm, wenn es auch noch Probleme mit dem Gas gab. Die Berliner Elektrizitätswerke, die BEWAG, schafften es entgegen den Meldungen in den Zeitungen tatsächlich kaum, genügend Energie für all die Heizsonnen zu erzeugen, die in diesen Tagen angeschaltet wurden. Nicht auszudenken, wenn jetzt auch noch die Gasthermen ausfallen würden! Aber genau das wollten die im Osten. Im Westen von Berlin sollte alles vor die Hunde gehen, während sie im Osten mit einer reibungslosen Versorgung der Bevölkerung glänzen konnten.
Dafür waren ihnen alle Mittel recht. Sie setzten selbst auf ihre eigenen Leute Spitzel an, zum Beispiel auf Mitarbeiter von wichtigen Stromerzeugern der Stadt wie den Kraftwerken Klingenberg und Rummelsburg. Die lagen seit der Teilung im Sowjetischen Sektor. Dort waren sie auf der Hut, seit die KgU einst für Störfälle gesorgt hatte, um die Bevölkerung gegen die Regierung in Pankow aufzubringen. Es hatte nichts genutzt. Im Gegenteil, nun wandten die aus der Zone dieselben Methoden im Westen an. Irgendwie konnte Ida es ihnen noch nicht einmal verdenken. Aber sie war zu ihrem Werkzeug geworden. Ihr wurde erneut flau bei dem Gedanken. Was hätte sie auch tun sollen? Sie hatte keine andere Wahl gehabt.
Dass es das MfS war, das sie ausschalten wollte, schien ihr plötzlich am wahrscheinlichsten zu sein. Es musste noch eine weitere Person im Betrieb geben, die für den Osten arbeitete. Wie sonst hätten sie wissen können, dass sie diese neue Anlage zur Heizölspaltung schon beschädigt hatte und also nicht mehr gebraucht wurde? Ohne Uwe Müllers Fachwissen wäre ihr das nie möglich gewesen. Ob sie nun auch hinter ihm her waren? Sie musste ihn unbedingt warnen.
Aber woher wusste die Polizei schon von dem Störfall? Und wie waren sie so schnell auf sie gekommen und hatten auch noch herausgefunden, wo sie steckte? Oder hatte es ganz andere Gründe dafür gegeben, dass die Polizisten aufgetaucht waren?
Vielleicht hätte sie einfach bleiben sollen. Doch sie war kopflos weggelaufen und hatte Lenchen noch schnell befohlen, in ihrem Versteck in der Küche auf sie zu warten. Doch Lenchen hielt sich schon lange nicht mehr an Befehle, sie tat, was sie wollte.
Ida Berkowitz zog die rechte Hand aus dem Muff und schaute auf die Uhr. Ihr Kopf und die Verletzung an ihrer Seite pochten um die Wette. Sie musste dringend Schmerzmittel auftreiben. Am Abend würde Bendler am vereinbarten Treffpunkt auf sie warten. Ob sie hingehen sollte? Sie musste. Vorher musste sie aber unbedingt noch einmal in die Wohnung am Fraenkelufer, um nach Lenchen zu sehen. Vielleicht fand sie dort auch noch Tabletten, die ihre Schmerzen etwas linderten. Hoffentlich war das Mädchen da. Hoffentlich!
KAPITEL VIER
in dem zwei Kappes heimlich eine Wohnung aufsuchen und nicht nur einen Toten finden
EINE WEILE beobachtete die Frau in dem viel zu großen Ulstermantel das Haus am Fraenkelufer. Doch es blieb alles ruhig. Wie es schien, waren die Polizisten abgezogen. Ida Berkowitz atmete erleichtert auf. Vielleicht wurde doch noch alles gut. Und vielleicht hatte Lenchen ausnahmsweise gehorcht.
Ida schaute sich um. Es war gerade niemand auf der Straße, und sie nutzte die Gelegenheit, sich ins Haus zu schleichen. Ungesehen kam sie ins Gebäude und schloss leise die Wohnungstür auf. Stille empfing sie. Und Kälte. An den Fenstern hatten sich bereits Eisblumen gebildet.
«Lehnchen! Lenchen, bist du da?» Keine Antwort. Ida rannte in die Küche und schob den Vorhang zwischen Spüle und Kohleherd zur Seite. Das Versteck war leer. Ebenso die Stube. Als sie ins Schlafzimmer kam, erstarrte sie mitten in der Bewegung. Auf dem Bett lag, regungslos und bleich, ein Mann. Unter ihm hatte sich ein roter Fleck ausgebreitet. Die Matratze hatte das Blut breitflächig aufgesogen. Erst traute sie sich nicht, näher an die Gestalt heranzutreten. Dann schlich sie sich näher, so leise, als könne sie den Toten im Schlaf stören. Das war Peter Klaus. Der Nachrichtenhändler, der sie und Lenchen bei sich aufgenommen hatte. Er arbeitete beim Büro Ost der West-Berliner SPD mit, lieferte aber auch Informationen an die KgU. Die beiden Organisationen hatten dasselbe Ziel: den Kommunismus auszuhebeln und die DDR zu destabilisieren. Deswegen kooperierten sie eng bei dem Versuch, Genossen von der SED abzuwerben und für die westlichen Werte zu gewinnen.
Ida war ebenfalls SPD-Mitglied. Wie Ursula. Doch sie selbst hatte es leichter gehabt als ihre Schwester, die in der Zone wohnen geblieben war. Nach der Zwangsvereinigung der SPD mit der KPD waren von dort viele in die Westsektoren übergewechselt – nicht aber Ursula. Die wollte bleiben und für eine bessere Welt kämpfen. Es gab noch immer kleine Grüppchen von SPD-Treuen in den Betrieben drüben, die aus der Bundesrepublik unterstützt wurden, mit Geld, mit Infrastruktur und mit Wohnungen im Westen, wenn jemand fliehen wollte. Ursula hatte zu einer dieser Gruppen gehört. Und nun saß die Schwester im Gefängnis.
Ob Peter Klaus ein überzeugter Sozialdemokrat war, vermochte Ida nicht zu sagen. Er verkaufte seine Nachrichten an alle, die ihm etwas dafür bezahlten: die CIA, die Organisation Gehlen, an Zeitungen, an die SPD. Er lieferte zudem Informationen für das Archiv der KgU über im Russlandfeldzug verschollene Soldaten oder solche, die in Straflagern verschwunden und niemals wiederaufgetaucht waren. In den letzten Jahren hatte die KgU umfangreiches Material über oft schreckliche Schicksale zusammengetragen.
Manchmal hatte Peter Klaus Nachrichten in einem toten Briefkasten bei einem Baum in der Nähe der Wohnung deponiert. Hatte eine dieser dunklen Gestalten, die sie abholten, ihn umgebracht, weil er gefälschte Nachrichten verkauft hatte? Das tat er nämlich immer wieder. Er schrieb die sensationellsten Berichte, die sich nicht selten aus Zeitungsnachrichten, Gerüchten und der eigenen Einbildungskraft nährten. Je spektakulärer die Meldungen waren, umso besser bezahlten seine Abnehmer.
Die KgU lieferte hin und wieder ebenfalls Informationen an die Organisation Gehlen oder die CIA, zum Beispiel über die neue Anlage bei der Gasag. Dafür bekam die Gruppe Geld, mit dem sie ihre Arbeit finanzieren konnte.
Ida wagte einen Blick auf Peter Klaus. Von vorn sah sein Gesicht unverletzt aus. Nur die Augen waren wie in völliger Verblüffung weit aufgerissen. Er musste seinen Mörder gekannt haben. Der tödliche Schlag war wohl von hinten gekommen.
Jetzt, da Ida näher bei ihm stand, erkannte sie, dass der Fleck auf der Matratze, der sich noch immer weiter ausdehnte, keineswegs nur aus Blut bestand, sondern auch aus Hirnmasse. Sie würgte, wich zurück und trat auf etwas. Am Boden lag das kleine Fleischbeil, das sie zum Hacken der Suppenknochen benutzten. Sie waren nicht reich, Schweine- und Rinderknochen gab es billig beim Metzger. Die ergaben zusammen mit Kartoffeln und selbstgesammelten Esskastanien oder gerösteten Nüssen einen wohlschmeckenden Eintopf. Und jetzt das! Das Fleischbeil lag normalerweise ordentlich verstaut in einer Küchenschublade. Wer diesen Mann erschlagen hatte, musste von dem Beil gewusst haben. Lenchen? O nein, nicht Lenchen! Ob er versucht hatte, sie … Idas Verstand weigerte sich zunächst, den Gedanken zu Ende zu denken. Doch er ließ sich nicht wegdrängen. Peter Klaus hatte Lenchen in der letzten Zeit so seltsam angestarrt, wenn er glaubte, niemand beobachte ihn. Nein, nein, nicht Lenchen! Lenchen war doch noch ein Kind!
Aber wer dann? Wieso war Peter Klaus überhaupt hier? Er hatte doch gesagt, er würde länger weg sein.
Ida zögerte. Sollte sie die Polizei alarmieren? Nein. Es war besser, sie verschwand hier. Schnellstens. Außerdem musste sie versuchen, Lenchen zu finden. Womöglich trieb sich das Kind bei dieser Affenkälte draußen herum und wusste nicht, wo es hin sollte. Am Ende erfror das Mädchen noch! Oder die von drüben fingen Lenchen ein wie einen herrenlosen Hund und taten ihr am Ende etwas an, weil sie in ihr eine Mitwisserin vermuteten. Nicht auszudenken! Lieber ging Ida selbst dabei drauf. Aber nicht Lenchen! Sie konnte doch für all das nichts.
Nach Lage der Dinge konnten Lenchen und sie jedenfalls nicht in dieser Wohnung bleiben. Hastig kramte Ida die wenigen Habseligkeiten zusammen, die im Schrank verstaut waren, und steckte sie in den alten Pappkoffer, den sie ebenfalls dort deponiert hatte. Wohin sollte sie gehen? Es fiel ihr schwer, klar zu denken. Sie musste dem Mädchen eine Nachricht hinterlassen. Aber wo? Vielleicht in dem toten Briefkasten? Nein, von dem wusste Lenchen nichts. Ida fiel nur einer ein, der ihr vielleicht helfen würde: Uwe Müller. Ursula kannte ihn gut. Sie hatte ihm vertraut, sonst hätte sie Müller niemals die Adresse ihrer Schwester Ida als Anlaufstelle genannt, als er in den Westen gewechselt war. Er hatte eines Tages vor ihrer Tür gestanden. Ida hatte ihn zunächst aufgenommen, ihm bei der Wohnungssuche geholfen und ihm durch ihre Empfehlung eine Stelle bei der Gasag vermittelt. Dort hatten sie gerade einen Ingenieur gesucht.
Idas Fluchtinstinkt wurde übermächtig. Nur weg von hier, dann konnte sie vielleicht besser denken.
Da hörte sie Schritte im Hausflur. Und Männerstimmen. Sie konnte zunächst nicht verstehen, was geredet wurde. Dann klingelte es. Einmal. Zweimal. Jemand sagte: «Da brat mir einer ’nen Storch! Die Tür steht offen, aber niemand meldet sich.»
Ida überlief es siedend heiß. Sie hatte die Wohnungstür nur angelehnt. Hastig klappte sie den Koffer zu und stellte ihn in den Schrank zurück. Kurz dachte sie darüber nach, sich ebenfalls dort zu verkriechen. Aber im Schrank würden sie sicher zuerst suchen. Wohin dann?
«Brr, hier is es janz schön kalt», sagte der eine.
Ida schaute sich verzweifelt um. Die Stimme kannte sie! Aber woher? Der Mann war schon im Flur. Blieb als Versteck nur noch dieses Zimmer.
«Dann schauen wir uns mal um», antwortete der andere. «Vielleicht bekommen wir Hinweise darauf, ob hier jemals eine Fälscherwerkstatt gewesen ist. Haben die Kollegen eigentlich herausgefunden, wer unter dieser Adresse gemeldet ist, Otto? Hat Rückert vorhin am Telefon etwas dazu gesagt?»
«Nee, hat er nich. Er hat noch nicht mal nachgefragt, warum ich det wissen wollte.»
«Vielleicht ahnt er, was wir treiben. Is ihm wohl lieber, im Zweifel sagen zu können, er wisse von nichts.»
«Vermutlich. Das rechne ich ihm ooch hoch an. Aber zurück zur Wohnung. Ich hab selber mal ’n bisschen nachgeforscht und meine Kontakte jenutzt, bevor ich zu dir gekommen bin. Dit ist seltsam, hier is niemand jemeldet. Eigentlich steht die Bleibe leer, Onkel Hermann.»
«Wie ich höre, bist du voller Tatendrang. Das freut mich. Geht es dir inzwischen etwas besser?»
«Der erste Schock is vorbei. Un nu hab ick ja Hilfe. Jeh du ins Wohnzimmer, ick jeh ins Schlafjemach.»
Ida hörte ein zustimmendes Brummen. Ihr Körper versteifte sich. Sie schaute sich panisch um. Wohin? Die Schritte näherten sich. Sie schloss möglichst leise die Schranktür, quetschte sich unter das Bett und flehte innerlich zu allen Heiligen, die ihr einfielen, dass nichts von dem Blut und dem Hirn des Toten auf sie heruntertropfen würde. Der süßlich-metallische Geruch des ekligen Gemischs brachte sie fast zum Brechen. Ihre Wunde stach schmerzhaft. Ida hatte Mühe, nicht aufzuschreien.
Sie vernahm ein leichtes Schlurfen, dann sah sie pelzverbrämte Männerstiefel, die am Bettrand stehen blieben. Ida versteifte sich noch mehr und hörte dann die ihr bekannte Stimme sagen: «Is denn det zu glaubn! Onkel Hermann, komm mal her! Hier liecht ’n Toter!»
Da fiel Ida ein, woher sie die Stimme kannte. Das war der Mann, der hinter ihr her gerufen und dann auf sie geschossen hatte. Polizei, Polizei, Polizei! Die Worte dröhnten wie Ambossschläge in ihrem Kopf. Beinahe hätte sie aufgestöhnt, gerade noch konnte sie sich beherrschen.
Weitere Schritte näherten sich, das Geräusch eines stolpernden Menschen folgte, dann war ein Fluch zu hören sowie die Worte «Scheiß Flickenteppich». Pause. Schließlich sagte der Mann: «Was für ’n Galama! Was machen wir nu?»
Einige Sekunden herrschte Stille. Dann sagte die Stimme, die sie kannte: «Wenn wir die Kollegen holn, dann wissen die, dass wir in der Wohnung warn, Onkel Hermann. Das wär schlecht.»
«Das wär sehr schlecht», antwortete die andere Stimme. «Da du suspendiert bist, könnte das so aussehen, als hättest du etwas vertuschen wollen. Hoppla, hier liegt ein Beil!»
«Das erinnert mich an diesen Massenmörder. Wie hieß der noch? Du weißt schon, Onkel Hermann, ich meine den, auf den es ein Lied gibt.»
«Der Mann hieß Fritz Haarmann. Warte, warte nur ein Weilchen, / bald kommt Haarmann auch zu dir, / mit dem kleinen Hackebeilchen, / macht er Schabefleisch aus dir», sang der Ältere. «’25 ist er gestorbn, kam aus Hannover, wenn ich mich richtig erinnere. Du glaubst an einen Serienmörder?»
«Nee, eigentlich nich. Ich denk eher, das war ’ne Tat im Affekt, so wie der Mann kiekt. Womöglich glauben die noch, ich hätte …»
«Nee, das glauben die nicht. Nie und nimmer. Die Kollegen kennen dich schließlich, Otto. Die wissen, dass wir Kappes so etwas niemals tun könnten. Du und ich, wir fangen Mörder. Aber wir sind keine.»
«Trotzdem …»
«Ja, trotzdem … Die Situation ist misslich.»
«Und wat machn wir nu?»
«Ich denke, wir gehen wieder und tun so, als wären wir nie hier gewesen. Und ich rufe bei den Kollegen an, anonym, mit verstellter Stimme.»
Ida hörte ein zustimmendes Brummen. «Und ick schau die Tage mal ganz unverbindlich bei die Kollegen vorbei und erkundige mir, wie es so geht.»
«Otto?»
«Hm?»
«Ich frage mich gerade, ob das der Mann sein könnte, der euch den Tipp zu der Fälscherwerkstatt gegeben hat. Vielleicht sind die Fälscher dahintergekommen, wer sie verpfiffen hat, haben den Laden in Windeseile ausgeräumt und später, als ihr wieder weg wart, dem Verräter eins übergebraten. Dieses Beil sieht mir wie ein Küchenbeil zum Knochenhacken aus. Klara hat so eins.» Und dann sagte er, was auch Ida gedacht hatte: «Die liegen normalerweise nicht einfach so herum, sondern sind in einer Küchenschublade verstaut. Das könnte darauf hindeuten, dass sich der Mörder in der Wohnung auskannte. Aber gehen wir, ehe wir hier aus Versehen noch Spuren verwischen.»
«Oder welche hinterlassen.»
Die Männerstiefel verschwanden aus Idas Blickfeld. Sie atmete erleichtert aus, aber ganz vorsichtig und leise.
«Moment, ich muss noch den Flickenteppich wieder richtig hinlegen, bevor wir gehen», sagte die Männerstimme, die dem Onkel namens Hermann gehörte.
Ida versteifte sich wieder. Ein Gesicht erschien in ihrem Blickfeld. «Wen haben wir denn da? Dann komm Se mal raus, junge Frau!»
«Wat is denn, Onkel Hermann?»
«Unter dem Bett hat sich jemand versteckt.»
Ida wusste, dass ihr nichts anderes übrigblieb, und schob sich unter dem Bett hervor.
Onkel und Neffe sahen sich einer Frau mit schwarzem Wuschelkopf, einem ebenmäßigen Gesicht mit hochroten Wangen und dunkelbraunen Knopfaugen gegenüber, die sie flehend anschauten. Ein Gesicht, schön wie das eines dunklen Engels, dachte Hermann Kappe unwillkürlich.
«Ich hab ihn nicht umgebracht», stammelte Ida Berkowitz.
«Das ist ja ’n Ding!», meinte Otto Kappe indes verblüfft. «Det isse! Auf die hab ich geschossen.»
«Das macht nichts, es geht mir gut.»
Hermann Kappe hob die Hände. «Nu mal langsam mit die jungen Pferde! Das ist alles zu viel auf einmal für ’nen alten Mann. Wer sind Sie? Was machen Sie hier?»
«Ich hab doch nur … ein paar Sachen holen wollen. Ich darf hier wohnen, übergangsweise. Aus der alten Wohnung musste ich raus, weil … Jedenfalls, als ich heute hierherkam, lag er schon da.»
«Wer ist der Mann? Gehört ihm die Wohnung? Und vor allem – wer sind Sie?», wiederholte Kappe senior.
Ida zögerte. Sie wollte nicht zu viel sagen. Immerhin war sie inzwischen so etwas wie eine Verbrecherin. Bald würde ganz Berlin von dem Störfall bei der Gasag wissen. Sie versuchte, einen klaren Kopf zu bekommen. «Also, hier kann ich wohl vorläufig nicht mehr wohnen», antwortete sie ausweichend.
«Wohl kaum. Außerdem wird die Wohnung versiegelt. Das ist jetzt ein Tatort.»
«Ich war das nicht, ganz bestimmt nicht!»
«Das kann sein. Kann aber auch nicht sein. Wie geht’s Ihnen? Und wo ham Se die Waffe gelassen?», fiel Otto Kappe ein.
Ida schaute ihn groß an. «Mir geht es gut. Nichts Schlimmes.»
Die Erleichterung war Otto Kappe anzusehen. «Und die Waffe? Ich hab doch gesehn, dass Sie eine Waffe aus Ihrer Manteltasche gezogen ham!»
«Ich hab keine Waffe. Woher soll ich so was denn haben?»
«Ich hab doch genau gesehn, dass Sie was aus der Manteltasche gezogen haben.»
«Ich soll was aus meiner Tasche gezogen haben?» Ida runzelte die Stirn.
Otto Kappe nickte energisch.
«Daran kann ich mich nicht erinnern. Es ging alles so schnell. Und wenn, dann hab ich ganz sicher keine Waffe herausgeholt, höchstens ein Taschentuch.»
Kappe junior sackte in sich zusammen.
«Otto, du bringst hier alles durcheinander. Nun lass uns doch mal der Reihenfolge nach vorgehen. Ich verstehe, dass dir die Geschichte an die Nieren geht. Also noch mal: Wer sind Sie, wer ist dieser Mann, und warum sind Sie aus dem Krankenhaus abgehauen?»
«Wer der Mann ist, weiß ich nicht», behauptete Ida leise. «Ich hab ihn hier noch nie gesehen. Mein Gott, wo soll ich denn jetzt hin? Ich bemühe mich schon eine ganze Weile um eine Wohnung, wenigstens ein Zimmer. Das ist aber nicht so einfach. Die verlangen heutzutage horrende Mieten. Deswegen haben die Genossen gesagt, ich kann hier wohnen, bis ich eine neue Bleibe hab.»
Kappe wurde hellhörig. «Die Genossen?»
«Ja, von der Berliner SPD. Ich bin Mitglied. Die bringen hier manchmal Gäste unter, Genossen, die aus Westdeutschland nach Berlin zu Besuch kommen.» Ida hoffte verzweifelt, dass sie ihr die Geschichte abnahmen. Der Ältere sah nicht überzeugt aus. Dabei machte er einen ganz sympathischen Eindruck. Er hatte vergissmeinnichtblaue Augen, die bestimmt ganz freundlich gucken konnten. Darunter saß eine Nase, die wie eine Knüppelkirsche aussah. Wahrscheinlich war er bei seinen Enkelkindern ein beliebter Opa. Und der andere, der Jüngere war größer als sein Onkel, nicht ganz so kompakt, aber ebenfalls nicht der Schlankeste. Er hatte dasselbe energische Kinn und sah seinem Onkel auch sonst recht ähnlich. Sie konnten die Verwandtschaft jedenfalls nicht verleugnen.
«Und wer sind Sie?», fragte Kappe junior.
Ida Berkowitz zögerte abermals. Die Männer sahen wirklich freundlich aus. Ob sie nicht doch die Wahrheit sagen sollte? Nein, das durfte sie nicht. Wegen Ursula, wegen Lenchen, weil sie doch deren letzte Hoffnung war. Und weil sie zur Saboteurin geworden war. Fieberhaft suchte sie nach einem Namen. «Ursula», antwortete sie schließlich, weil ihr nichts Besseres einfiel.
«Ah, die Bärin, vom lateinischen Wort ursus, der Bär. So sehen Sie auch aus, dick eingepackt in ihren Mantel. Es wundert mich, wie Sie es geschafft haben, damit unters Bett zu kommen.»
«Onkel Hermann!»
«Ja, is ja schon gut. Also Ursula. Und weiter?»
«Ursula … Müller.»
«So, Ursula Müller – was machen wir nun mit Ihnen?»
«Lassen Sie mich gehen! Bitte! Ich hab den Mann nicht erschlagen, wirklich, Sie müssen mir glauben! Und ich hab auch nichts gesehen. Niemanden. Als ich in die Wohnung kam, war er schon tot.»
«Wir können Sie nicht gehen lassen», sagte Otto Kappe. «Sie müssen bei der Polizei aussagen.»
«Bitte, ich geh zur Polizei, ich versprech’s!»
«Otto, komm mal mit raus!», sagte Hermann Kappe.
Der schaute überrascht, folgte seinem Onkel aber auf den Gang.
«Wir können sie nicht zur Polizei bringen, wir sind doch offiziell gar nicht hier. Du dürftest überhaupt nicht mit ihr reden. Das könnte so aussehen, als wolltest du eine Zeugin in deinem eigenen Verfahren beeinflussen. Ganz besonders, weil sie behauptet, dass sie gar keine Waffe gehabt hat. Ich glaub ihr das sogar. Die Frau ist völlig durcheinander. Otto, wir müssen sie gehen lassen!»
«Aber Onkel Hermann!»
«Otto! Ich weiß, es fällt schwer. Aber ich glaube auch nicht, dass sie die Mörderin ist. Sie ist nach Lage der Dinge zu klein. Schau dir mal an, wie groß der Tote ist! Die Wunde scheint hinten oben am Kopf zu sein. So hoch reichen ihre Arme nicht. Und dann die Wucht des Schlags. Otto, vertrau mir! Lass mich mal machen.»
Otto Kappe senkte zustimmend den Kopf.
«Gut, wir lassen Sie gehen», sagte Hermann Kappe, als sie wieder ins Schlafzimmer kamen.
«Danke, o danke!», stammelte Ida Berkowitz.
«Sie versprechen mir hoch und heilig, dass Sie zur Polizei gehen?»
«Bestimmt, ganz sicher!»
«Wissen Sie was von einer Fälscherwerkstatt, die hier untergebracht gewesen sein sollte?», fragte Otto Kappe.
«Nein, hier war nie eine, soweit ich weiß», erwiderte Ida Berkowitz, dieses Mal wahrheitsgemäß.
«Jedenfalls muss sich der Täter in der Wohnung ausgekannt haben», wiederholte Otto und starrte sie an.
«Ich war es nicht, wirklich, bitte glauben Sie mir!»
«Otto, lass mal gut sein. Am besten, du gehst jetzt heim zu Trudchen. Du bist ihr ja noch eine Erklärung schuldig. Und nun zu Ihnen, junge Frau. Wenn Sie versprechen, wirklich zur Polizei zu gehen, dann wollen wir mal nicht so sein. Zumal Sie eine Genossin sind – wie ich auch.»
Ida Berkowitz strahlte Hermann Kappe dankbar an.
Kurz darauf irrte sie erneut durch die Berliner Straßen. In ihrem Kopf jagte ein Gedanke den anderen. Also hatte die Polizei in der Wohnung nach einer Fälscherwerkstatt gesucht. War Peter Klaus deshalb da gewesen? Aber die Werkstatt war doch am Planufer. Nicht weit weg, aber in einer völlig anderen Wohnung. Was hatte das alles zu bedeuten? Sie musste zu Uwe Müller. Ida wusste nicht viel über ihn, Ursula hatte wenig erzählt. Bei ihren wenigen und vorsichtigen Begegnungen mit der Schwester vor deren Verhaftung hatte es so viel anderes gegeben, über das sie hatten sprechen müssen. Ida wusste nur, dass er Ingenieur und Müller nicht sein richtiger Name war. Und dass er rübergemacht hatte. Während des Krieges sollte er in Norwegen gelebt haben. Wie Willy Brandt, der Präsident des Berliner Abgeordnetenhauses. Wenn er darauf angesprochen wurde, behauptete Uwe immer, Brandt in Norwegen niemals getroffen zu haben.
In ihrer Verwirrung hatte sie ausgerechnet Müller als Nachnamen genannt. Aber in Berlin gab es unzählige Müllers, nicht nur diesen einen. Und sie wussten nicht, wo Uwe Müller wohnte. Aber wenn sie ihn auch schon unter Verdacht hatten? Wenn die Polizei bereits bei ihm wartete? Doch wo sonst sollte sie hin? Sie hatte niemanden, sie kannte keine geheimen Wohnungen, sie war keine geübte Agentin, die wusste, wie man sich in solchen Fällen richtig verhielt. Sie war nur eine Frau, die man in die Enge getrieben hatte.
Und Lenchen, was war nur mit Lenchen? Ida war schon ganz schlecht vor Sorge. Das arme Kind! Nun irrte es bei der Kälte durch die Stadt. Wo steckte Lenchen nur? Wieso konnte sie nicht einmal tun, was man ihr sagte! Wieso war sie weggelaufen, wieso nur? Hatte sie den Mord gesehen und war in Panik geraten? Oder hatte sie Peter Klaus doch selbst umgebracht? Nein, nein, nicht Lenchen!
Sie musste ihr unbedingt eine Nachricht zukommen lassen. Aber wie? Die Nachbarn dieser Wohnung ahnten nicht, dass hier auch ein Mädchen gelebt hatte. Ebenso wenig wie die am Lenzener Platz, ihrem früheren Wohnort. Sie waren sehr vorsichtig gewesen. Das rächte sich nun. Wie sollte sie dem Mädchen bloß übermitteln, wo sie war?
Die Fußmatte vor der Wohnungstür – das war die einzige Möglichkeit, die Ida einfiel. Sie würde einen Zettel darunter legen. Aber nicht gleich. Wahrscheinlich würde es jetzt in der Wohnung am Fraenkelufer wegen des Toten von Polizisten nur so wimmeln. Sie musste warten, bis die wieder weg waren. Erst dann konnte sie den Zettel deponieren. Außerdem würde sie immer wieder zur Wohnung gehen, in der Hoffnung, dass Lenchen dort auftauchte.
Als Ida Berkowitz endlich bei Uwe Müller ankam, zitterte sie wie Espenlaub, nicht nur wegen der Kälte. Er wohnte recht zentral im Bezirk Tiergarten, in der Lüneburger Straße, ganz in der Nähe des Fleischgroßmarktes. Auch der Lehrter Bahnhof war nicht weit weg.
Müller machte ein verblüfftes Gesicht, als er sie vor der Tür stehen sah, dann zog er sie hinein. «Was für ’ne Überraschung! Mädchen, du siehst aus wie ’n Eisblock und bibberst wie ’n Wackelpudding. Wat ist denn los? Na, kannste auch später erzähln. Ich mach dir erst mal ’n heißen Grog. Rin in die jute Stube!»
Ida brach in Tränen aus. «Iiiich hab Lenchen verloren. Und ich weiß nicht, wo sie ist. Ich wollte ihr eine Nachricht hinterlassen, aber dann kam die Polizei, und da konnte ich nicht. Was soll ich nur tun? Wenn sie erfriert bei der Kälte …» Ida brach ab.
«Lenchen? Wer is denn dit nu wieder? Bist ja janz aufjelöst. Komm ma an Papas Brust!» Müllers braune Augen schauten sie voller Mitgefühl an.
Ida ließ sich dankbar in die Wärme seiner Umarmung sinken. Es tat so gut, einmal nicht allein zu sein mit all ihren Problemen. «Es ist so furchtbar! Ich hab einen Toten gefunden. Und Lenchen, Lenchen ist verschwunden.»
«Das kriegen wir schon alles hin», tröstete Uwe Müller die Verzweifelte, die gerade sein Hemd nass heulte. Sein Gesicht war angespannt, die Stirn gerunzelt. Doch das konnte Ida Berkowitz nicht sehen, sie hatte den Kopf an seiner Brust geborgen. Er zog ein Taschentuch aus der Hose. «So, nun schnaub erst mal tüchtig, dann ziehste den Mantel aus und erzählst! Ick brau uns derweil ’nen kräftjen Jrog. Kommst am bestn mit in die Küche», meinte er tröstend.
Und während sie darauf warteten, dass das Wasser für den Grog zu kochen begann, sprudelte Ida ihre Geschichte heraus.
Draußen vor Müllers Wohnung schmunzelte Hermann Kappe. Das sah ebenfalls niemand, denn er hatte den Wollschal der Kälte wegen bis unter die Augen gezogen. Mit dieser Frau stimmte etwas nicht. Das spürte er. Aber nun wusste er wenigstens, wo er ansetzen konnte, falls sie ihr Versprechen nicht einhielt. Und das würde sie nicht. Sie würde nicht zur Polizei gehen.
Als Nächstes wollte Kappe die ehemaligen Kollegen von der Kriminalpolizei per Telefon über den Toten informieren – anonym. Sie konnten ihn ja nicht einfach in der Wohnung liegen lassen.
Kappe wurde warm, das Blut rauschte ihm durch die Adern. Er fühlte sich wie neu geboren, wie aus einem Winterschlaf erwacht. Hermann Kappe war zurückgekehrt. Erst würde er das Telefonat erledigen, am besten vom nächsten öffentlichen Münzfernsprecher aus. Dann würde er heimgehen. Er hatte einen Bärenhunger. Und es wurde sowieso bald dunkel. Er glaubte nicht, dass diese Frau Berkowitz jetzt noch einmal die Wohnung verließ.
Darmowy fragment się skończył.