Czytaj książkę: «Unschuldsengel»

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Petra A. Bauer

Unschuldsengel

Kappes neunter Fall

Kriminalroman

Jaron Verlag

Petra A. Bauer, geboren 1964, lebt als freie Journalistin und Autorin in ihrer Geburtsstadt Berlin. Neben Krimis, Kinder- und Jugendbüchern schreibt sie Ratgeber, Fachartikel und Kolumnen zum Themenbereich Familie, Frauen und Lifestyle. Sie gehört sowohl der Vereinigung deutschsprachiger Krimiautorinnen an, den «Mörderischen Schwestern», als auch dem «Syndikat», der Autorengruppe deutschsprachiger Kriminalliteratur. 2006 gab sie ihr Krimidebüt mit dem erfolgreichen Roman «Wer zuletzt lacht, lebt noch». (www. writingwoman.de)

Originalausgabe

1. Auflage 2009

© 2009 Jaron Verlag GmbH, Berlin

1. digitale Auflage Zeilenwert GmbH 2013

Alle Rechte vorbehalten. Jede Verwertung des Werkes und aller seiner Teile ist nur mit Zustimmung des Verlages erlaubt.

Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Medien.

www.jaron-verlag.de

Umschlaggestaltung: Bauer + Möhring, Berlin

Satz: LVD GmbH, Berlin

ISBN 9783955520083

Inhaltsverzeichnis

Cover

Titelseite

Impressum

Widmung

Zitat

EINS

ZWEI

DREI

VIER

FÜNF

SECHS

SIEBEN

ACHT

NEUN

ZEHN

ELF

ZWÖLF

DREIZEHN

VIERZEHN

FÜNFZEHN

SECHZEHN

SIEBZEHN

ACHTZEHN

NEUNZEHN

ZWANZIG

EINUNDZWANZIG

Es geschah in Berlin…

Zur Erinnerung an meine Omi (1904–1988)

Ich hatte einst ein Leben. Ein sehr schönes Leben sogar, zumindest für meine Verhältnisse. Ein paar sehr gute Freunde begleiteten mich durch dick und dünn, und ich hatte eine Arbeit als Näherin. Das hat mich nicht reich gemacht, aber es war genug, um mir ein paar schöne Dinge zu leisten. Mir hat nichts gefehlt.

Meinen Vater kannte ich nicht, doch meine Mutter war sehr liebevoll. Sie hat mich ihren Augenstern genannt. Es muss furchtbar für sie sein.

Ich hatte auch einen liebevollen Freund. Er trug mich auf Händen, bis er mich eines Tages aus heiterem Himmel umbrachte.

EINS

TIEF ATMET ER den Duft ihrer lockigen Haare ein, fühlt ihre weiche Haut. Weiß und makellos, beinahe wie das seidene Laken, auf dem sie ausgestreckt liegt. Seine Hand streicht ihren schmalen Körper entlang, der ihm gerade die ersehnte Entspannung verschafft hat. Er spürt ihren Bauch. Fest und glatt, genau so, wie er es wünscht, ohne die kleinste Wölbung.

Ein tiefer Seufzer entfährt ihrer Kehle. «So schön», haucht sie, «so schön.» Sie dreht sich zu ihm, schlägt die Augen auf. «Ich möchte ganz dir gehören. Vollkommen!»

Ihre Smaragdaugen strahlen diesen besitz ergreifenden Glanz aus, den er schon öfter gesehen hat. Sie darf nicht weiter reden, darf nicht sagen, was andere vor ihr sagten. Er verschließt ihren roten Mund mit einem langen Kuss. Als beide kaum noch Luft bekommen, lässt er von ihr ab. Er lauert, hofft, sehnt sich danach, ihre dummen Gedanken weg geküsst zu haben.

Sie lächelt ihn an. «Ich will den Rest meines Lebens mit dir verbringen.» Sie sieht dabei so glücklich aus. Weich und selig.

Seine Mimik gefriert. Gleich wird sie es sagen. Wird sagen, was alle gesagt hatten. Er sieht, wie sich ihre Lippen bewegen, die blutroten, feuchten Lippen, die er eben noch heiß küsste und die nun Worte formen, die er nur sieht, aber nicht hört. Hochzeit, ehrbare Frau, Kinder, Familie. Er küsst sie wieder. Ihre weichen Lippen ekeln ihn an. Blutrote Lippen. Blut. Das ist es – Blut!

Er weiß, was nun zu tun ist. Er weiß es immer. Sie haben es ihm gesagt. «Lass uns ein Spiel spielen», sagt er sanft. Frauen lieben Spiele. Alle tun das. Es ist so einfach, fast eine Beleidigung für ihn.

Sie kichert, als er ihr die Augen verbindet und ihre Welt im Dunkel versinkt. Sie kichert noch immer, als er ihre Hände mit einem Seidenschal an die Bettpfosten bindet. Sie windet sich in lustvoller Erwartung dessen, was da kommen wird.

Dann wartet er ab, tut gar nichts.

Ihr Kichern weicht einem unsicheren Lächeln. «Bist du noch da?» Sie hebt ihren Kopf, als blicke sie sich suchend um, doch die Augenbinde lässt keinen Lichtstrahl durch.

Er genießt die Unsicherheit in ihrer Stimme, hört die leichten Angstvibrationen hinter den Worten. Er sieht sie hilflos ans Bett gefesselt. Ihre Antwort soll sie bekommen. Er stopft ein Tuch in ihre Kehle, damit sie seine Erwiderung stumm hinnimmt.

Sie weiß nun, dass er noch da ist, aber sie soll es auch spüren. Noch wartet er ab, bis ihre Pein sich steigert, bis er ihre Angst riechen kann. Dann beginnt das Spiel mit einem wahnsinnigen Schmerz unterhalb ihres Bauchnabels. Teuflisch. Lustvoll. Bestialisch. Er ist sich sicher, dass das Wort bestialisch den Grad ihrer Qual angemessen beschreibt. Er dreht das lange Messer genüsslich in ihrem unwürdigen Fleisch herum, bevor er es heraus zieht, um es an anderen Stellen durch die porzellan farbene Haut zu jagen. Das Farbspiel gefällt ihm in diese m Stadium am besten, wenn der Kontrast noch gut zu sehen ist. Rot und Weiß. Wie Rosen im Schnee. Später verteilt sich das warme Blut überall. Wonnig patscht er darin herum, doch wenn alles rot ist, bietet es ihm keinen wahren Genuss mehr. Er liebt Kontraste, Gegensätze, das Unvereinbare. Wenn sich die Unterschiede auflösen, wenn das Fleisch nicht mehr von der Umgebung zu unterscheiden ist, nimmt er den Frauen stets die Augenbinde ab. Er sieht ihnen in die flehenden Augen und lässt das kühle Eisen langsam durch ihren Hals gleiten, wo eine letzte blubbernde Fontäne das Ende ihres Lebens anzeigt.

Auch heute sieht er ruhig ihrem Todeskampf zu, wäscht sich dann sorgfältig das Blut von den Händen, zieht sich an und verlässt die Wohnung für immer. Er wird sich keiner Frau mehr nähern. Den Engel, den er suchte, gibt es nicht.

ZWEI

«FROLLEIN, hier könn’ Se nich einfach stehnbleiben! Se wolln doch wohl Ihr junget Lehm nich einfach wegwerfen!» Ein schnauzbärtiger Schutzmann zog Wilhelmina Kowalewski energisch von der Straße auf das Trottoir zurück. Der Fahrer einer Daimler-Limousine betätigte wütend die Hupe. «Ham Se die vielen Automobile nich bemerkt? Sind wohl nich von hier, wie?»

Das junge Mädchen schüttelte den Kopf. Mina, wie ihre Familie und die Freundinnen sie nannten, stammte aus Grube Ilse Bückgen und hatte gerade «nach Berlin gemacht». So sagte man bei ihr zu Hause in der Niederlausitz, wenn jemand in die Hauptstadt zog, um dort zu arbeiten und sein Glück zu versuchen. Bislang hatte sie Automobile lediglich von weitem und auch nur in geringer Zahl gesehen. Hier am Potsdamer Platz strömte jedoch eine wilde Mischung aus offenen und geschlossenen Automobilen, aus Pferdefuhrwerken und Fahrrädern holpernd in alle Richtungen rund um den in der Mitte platzierten Verkehrsturm.

Die Daimler-Limousine, die sie beinahe überfahren hatte, war längst im Gewühl verschwunden. Möglicherweise hatte der Fahrer den Wagen an den Schinkelschen Torhäuschen des Potsdamer Tores vorbei zum Oktogon des Leipziger Platzes gelenkt. Vielleicht war er aber auch in die Königgrätzer Straße abgebogen und zum Anhalter Bahnhof gefahren. Wer vermochte das schon zu sagen, mündeten doch sechs Straßen in diesem Verkehrsknotenpunkt.

Mina war am Potsdamer Bahnhof mit dem Zug angekommen und hatte ihren Koffer durch die Bahnhofshalle gewuchtet. Die Menschen waren an ihr vorbei gehastet, und niemand hatte Hilfe angeboten. Anschließend war das Geschehen auf dem Platz mit aller Macht über sie hereingebrochen und hatte sie derart in den Bann gezogen, dass sie nicht darauf geachtet hatte, wohin sie gelaufen war. Der Schutzmann hatte ihr das Leben gerettet. Wie peinlich – da war sie kaum ein paar Minuten in der Reichshauptstadt, und schon wäre sie buchstäblich beinahe unter die Räder gekommen! Das war also das Schreckgespenst, das niemand so recht zu fassen vermochte, wenn daheim gesagt wurde: «Pass auf, dass de in Berlin nicht unter die Räder kommst!» Jeder, der nach Berlin machte, musste sich beinahe zwangsläufig diesen Satz anhören, ohne zu verstehen, was damit genau gemeint war.

Mina murmelte ein Dankeschön und eilte ein Stück den Gehsteig entlang, bis ihr bewusst wurde, dass sie gar keine Ahnung hatte, in welche Richtung sie gehen musste. Sie sah den imposanten Amüsierpalast «Haus Vaterland» mit dem UFA-Lichtspieltheater und der gläsernen Kuppel des Palmensaals. Dort entlang? Dann drehte sie den Kopf und erblickte ein Gebäude mit großen Fenstern. Schall-Welle stand über den Schaufenstern des Vox-Hauses, der Geburtsstätte des Deutschen Rundfunks. Dort entlang? Sie musste sich eingestehen, dass sie keinen blassen Schimmer hatte. Sie ging zurück und sprach den Schutzmann an: «Könn’ Sie mir vielleicht sagen, wie ick in die Linienstraße komme?»

Der Schutzmann sah auf sie herab, und sie kam sich zwischen den vielen mondänen Menschen plötzlich vor wie ein Schulmädchen. Dabei war sie kurz zuvor 22 geworden. Ihre langen Zöpfe würde sie als Erstes abschneiden müssen, damit sie älter wirkte und man ihr nicht ansah, dass sie vom Land kam.

«Sie könn’ hier inne Unterirdische steijen.» Er deutete in die Menge.

Mina sah vor lauter Menschen rein gar nichts. «Gibt’s ooch noch ’ne andere Möglichkeit?», fragte sie.

Der Schutzmann strich sich über den Schnauzbart, überlegte kurz und deutete dann mit dem Kopf nach rechts. «Se könn’ ooch späta inne U-Bahn steijen, wenn Se noch ’n bissken de Stadt ankieken wolln. Denn loofen Se am besten det Stückedie Leipzjer Straße runter und nehm’ die Unterirdische in Richtung Seestraße. Oranienburjer Tor müssen Se aussteijen, und denn falln Se direkt inne Linienstraße rin. Aber Vorsicht, det is nur det eene Ende, und die Linie zieht sich. Und passen Se jut uff sich uff! Det is keene schöne Jejend da. Schon ja nich für so ’n anstännjet Meedchen von außahalb.» Er lächelte sie väterlich an, wurde aber abgelenkt von etwas, das sich außerhalb von Minas Blickfeld ereignete. «Eh, du Lausebengel! Lässte wohl die Handtasche von der Dame los!» Der Schutzmann walzte in die Richtung des Taschendiebes, der so blitzartig verschwand, als wäre er nie da gewesen.

Mina umklammerte den Griff des schäbigen Koffers noch fester. Sie hatte das monströse Ding ihrem Vater abgeschwatzt. Der Kofferinhalt stellte momentan ihr gesamtes Hab und Gut dar und durfte daher auf gar keinen Fall verlorengehen. Ein Wochenendausflug mit ihren Freundinnen hatte es offiziell werden sollen. Hätte ihr Vater gewusst, dass sie nach Berlin wollte, und auch noch alleine und womöglich für immer, hätte er den Koffer sicher nicht so bereitwillig herausgerückt. Sie würde sich melden, wenn sie Arbeit hatte und ein wenig Geld nach Hause schicken konnte. Das würde ihre Eltern besänftigen.

Jetzt musste sie sich jedoch erst einmal selbst beruhigen. Sie war sonst nicht auf den Mund gefallen, im Gegenteil, doch alle vier Millionen Berliner schienen in diesem Moment um sie herum zu wuseln. Zu Hause in Bückchen, wie die Bürger ihren Ortsnamen aussprachen, gab es nur ein paar hundert Einwohner, und einen großen Teil davon kannte sie persönlich. Natürlich war ihr klar gewesen, dass in Berlin viel Betrieb sein würde, aber das wahre Ausmaß dessen, was auf sie zukam, realisierte sie erst hier mitten im Herzen von Berlin.

Sie lief in die Richtung, die der Schutzmann ihr gewiesen hatte. Vorbei am Preußischen Herrenhaus und am Ministerium für öffentliche Angelegenheiten. Sie passierte Geschäfte, die die unterschiedlichsten Dinge feilboten, für die Mina kein Geld und somit nur staunende Blicke übrig hatte. Das Gewimmel der Passanten und Fahrzeuge nahm auch hier kein Ende. Am U-Bahnhof Friedrichstadt stieg sie die Stufen hinunter. Ein seltsam muffiger Geruch schlug ihr entgegen, und an das funzlige Licht musste sie sich auch erst gewöhnen. An der gekachelten Wand entdeckte sie schließlich einen Plan, auf dem die U-Bahn-Linien verzeichnet waren. Es dauerte einige Zeit, bis sie sich darauf zurechtgefunden hatte, dann kam sie aber zu dem Schluss, dass es drei Stationen bis zum Oranienburger Tor sein müssten, wonach Auskunft des Schutzmannes die Linienstraße begann. Das konnte ja so weit nicht sein, dachte sie, und außerdem musste sie ihr Geld zusammenhalten. Schließlich wusste sie nicht, ob sie überhaupt Arbeit finden würde. Also stieg sie auf der anderen Seite die Stufen wieder hoch und lief die Friedrichstraße entlang.

Viel hatte sie von zu Hause nicht mitnehmen können. Ihren Eltern hatte ja nicht auffallen sollen, dass sie länger wegbleiben würde. Und doch wurde der Koffer in ihrer Hand schwerer und schwerer. Immer häufiger wechselte sie ihn von einer Seite zur anderen, bis sie auf der Weidendammer Brücke schließlich haltmachte und sich schwer atmend an das Geländer lehnte. Unter ihr glitzerte die Spree. Ihr Traum war in Erfüllung gegangen.

Wann immer ihre Schwestern Käthe und Gertrud eingeschlafen oder aus dem Zimmer gegangen waren, hatte sie sich ausgemalt, wie es wohl wäre, aus dem kleinen Nest in die große Stadt zu gehen. Und nun war sie endlich in Berlin. Zum ersten Mal, seit ihre Familie damals hierher gefahren war, um Unter den Linden dem Kaiser zuzuwinken. Die Jungen hatte man in ihre guten Anzüge gesteckt. Den Mädchen hatte die Mutter die weißen Sonntagskleider angezogen und ihnen große weiße Schleifen ins Haar gebunden, die die Brüder respektlos «Propeller» nannten. Bei jedem Schritt hatten die Schleifen gewippt. Mina hatte das Gefühl gemocht. Sie war als Kind zwar ein Wildfang gewesen, aber mit Kleid und Schleife hatte sie sich bei dieser Parade als etwas Besonderes gefühlt. Ihre Schwestern hatten ähnliche Kleider und Bänder im Haar, aber ihre eigenen Sachen waren am schönsten. Das konnte man auch genau auf dem Familienphoto erkennen. Vor der Parade, als die Kleider noch blütenweiß waren und der Kopfschmuck noch gerade saß, hatte die Familie nämlich einen Termin beim Photographen gehabt. Jedes Kind hatte einen Abzug des Photos bekommen. Mina liebte dieses Bild. Es war das einzige, auf dem auch August dabei war. Der älteste Bruder war im Ersten Weltkrieg gefallen, als sie gerade elf Jahre alt war. Es tat Mina noch immer sehr weh, denn August hatte stets gesagt, Mina sei seine Lieblingsschwester. Er hatte ihr auch in schlechten Zeiten immer einen Extrakrümel Essen aufbewahrt, und wenn sie sich fürchtete, durfte sie nachts heimlich unter seine Bettdecke. Es war schlimm für sie, als er in den Krieg zog.

«Ick komm doch bald wieder. Hör doch auf zu weenen, meene Kleene!», hatte er zum Abschied gesagt und sie herumgewirbelt. Dann hatte er sie abgesetzt, sich zu ihr hinunter gebeugt und in ihr Ohr geflüstert: «Ick werde dich dein Leben lang beschützen, wo immer ick ooch bin. Hab keine Angst!»

Der Ernst, mit dem er das sagte, hatte ihr Sorgen bereitet. Sie hatte ihm glauben wollen, aber er fehlte ihr überall. Als dann über längere Zeit hinweg kein Brief mehr von ihm kam, konnte sie die Hoffnungen ihrer Eltern und Geschwister nicht mehr teilen. Sie hatte damals bereits gewusst, was viele Monate später durch einen Brief vom Kriegsministerium bestätigt werden sollte: August war tot – getroffen von einer Granate, und mit ihm waren drei Kameraden in den Tod gerissen worden.

Nun war sie also in Berlin. Doch etwas Entscheidendes fehlte: In Minas Träumen war sie immer an der Hand von Siegfried Plath gelaufen, den Sonnenuntergang über dem Fluss betrachtend. Sie hatten sich im Traum geküsst und waren anschließend mit einer Droschke ins Hotel Adlon gefahren, wo sie sich für ein oder zwei Wochen eine Suite gemietet hatten. Sie waren zuvorkommend behandelt worden, denn Siegfried war bei seinen zahlreichen Besuchen in der Hauptstadt schon häufiger in diesem Hotel abgestiegen. Sie hatte keine Schwielen an den Händen und keinen alten, zerbeulten Koffer als Gepäck.

Siegfried… Sie zwang ihre Gedanken in eine andere Richtung. Probleme hatte sie auch so schon genug. Jetzt musste sie zunächst einmal beten, dass ihre alte Freundin Charlotte überhaupt noch in der Linienstraße wohnte und sie bei sich aufnehmen würde.

Fünfzehn Einstiche zählte Dr. Kniehase.

Hermann Kappe hatte schon viele Leichen gesehen, aber dieser Mörder schien eine wahre Wonne dabei verspürt zu haben, seine Opfer regelrecht abzuschlachten. Die Anzahl der Stichwunden variierte von Fall zu Fall. Besser gesagt, sie nahm zu.

Hatte Kniehase im Dezember 1925 noch acht riesige Löcher notiert, so waren es im April bereits elf Stiche gewesen – die aufgeschlitzte Kehle jeweils nicht mitgezählt. Und nun im August also fünfzehn. Die weitaus meisten Wunden waren bei allen drei Leichen im Unterbauch angesiedelt. Extremitäten wurden nur am Rande verletzt. Kniehase war bereits bei den beiden vorherigen Opfern davon ausgegangen, dass diese Wunden allesamt nicht zum Tode geführt hatten und der Mörder erst ganz am Schluss den tödlichen Schnitt durch die Kehle ausgeführt hatte.

Kappes Magen schickte sich an zu rebellieren bei dem Gedanken daran, welche Qualen die armen Frauen hatten erleiden müssen. Obwohl er ein gestandener Kriminaler war, schockierte ihn die unglaubliche Grausamkeit, mit der er in diesen Fällen konfrontiert wurde, stets aufs Neue.

Sein Kollege Galgenberg nahm es stattdessen, wie es sich für seinen Namen geziemte: mit Galgenhumor. «Noch drei Löcher mehr, und die Dame hätte ’nen prächtjen Jolfplatz abjejeben. Bloß mit det Jrün hautet nich so janz hin.»

Kappe seufzte. Mitunter überschritten Galgenbergs Bemerkungen die Grenze zur Geschmacklosigkeit, aber das war eben seine Art, mit derlei Barbarei fertig zu werden.

«Uff den Schreck ’nen Schnaps, Kolleje?» «Mensch, Galgenberg, wir sind im Dienst!»

«Aba wenn unsre Nerven blank liejen, is ooch nüscht mit Ermitteln. Du willst ma doch nicht erzähln, det det hier spurlos an dir vorbeijeht.»

Dr.-Ing. Konrad Kniehase sah mit hochgezogener Augenbraue zu Galgenberg hinüber.

Kappe wusste, dass der Mediziner in seiner Laufbahn sicher noch schlimmer zugerichtete Opfer gesehen und untersucht hatte. Soweit Kappe wusste, trank dieser trotzdem nicht bei jeder Leiche einen Schnaps. Sonst wäre er wohl schon Alkoholiker – auch wenn er erst relativ spät zur Kriminalpolizei gekommen war.

Kniehase hätte heute noch an der Artillerie- und Ingenieurschule sein können, an der er nach seinem Dienst als Ingenieur im kaiserlichen Heer gelehrt hatte, wenn er seine Finger von der Frau eines Vorgesetzten gelassen hätte. Diese Liebesaffäre hatte ihn damals dazu gezwungen, seinen Dienst zu quittieren, und das führte ihn schließlich zum Morddezernat. Seine kriminal technischen Untersuchungsergebnisse wurden immer besser.

Kappe fragte sich oft, wo sie ohne Kniehases Hilfe wohl stünden. «Wir können später noch etwas trinken», lenkte Kappe ein. «Wissen wir, wer das Opfer ist?»

«Nejativ! Wir wissen lediglich, det die Wohnung von eim jewissen Herrn Brause jemietet wurde. Möbliert und für drei Monate im Voraus bezahlt.»

«Wo hält sich der Mann auf?», fragte Kappe.

Galgenberg ließ sich auf die Knie nieder und schaute unter die Kommode, die sich neben ihm an der Wand befand. Dann kam er schnaufend wieder hoch. «Da isser schon ma nich!»

Kappe verdrehte die Augen. «Mensch, Galgenberg!» «Heidelinde Fuchs von jejenüber, die dem Herrn die Wohnung vermietet hat, sacht, det se nich ma weeß, wo der Herr Brause in Lohn und Brot is. Weil er jleich jezahlt hat, hat se det nich interessiert. Wenn ick meine bescheidene Meinung kundtun darf, denn würd ick meinen, der Herr Brause is sozusagen uff Nimmerwiedersehn davonjebraust.»

«Dann sollten wir mal herausfinden, wo der Herr sonst noch gemeldet war und wie er aussieht. Damit dürften wir heute gut zu tun haben. Und dann müssen wir uns um die Identität der Frau kümmern.»

«Jawoll, Herr Oberkommissar!»Galgenberg knallte zackig die Absätze zusammen und legte die rechte Hand zum Gruß an eine imaginäre Mütze.

Wieder verdrehte Kappe die Augen, und Galgenberg lachte. Seit ihr Vorgesetzter, Dr. Brettschieß, Kappe zwei Jahre zuvor aus taktischen Gründen zum Oberkommissar befördert hatte, zog Galgenberg ihn damit auf. Mit der Beförderung war keine Gehaltserhöhung verbunden gewesen, und so hielt Galgenbergs Neid sich auch in Grenzen. Als er 1918 aus dem Krieg gekommen war und feststellen musste, dass Kappe in der Zwischenzeit die Stellung eines Kommissars innehatte, hatte ihn das tatsächlich getroffen. Aber diese «Oberkommissar-Nummer», wie er Kappes erneute Beförderung nannte, fand er einfach nur zum Schießen. «Keen Wunder! Die Idee stammt ja ooch von Brettschieß», pflegte Galgenberg dann und wann zu kalauern.

Dr. Arnulf Brettschieß hatte 1924 die Nachfolge des Waldemar von Canow bei der Polizei angetreten. Von Canow, als Schlaftablette bekannt, war harmlos gewesen. Er hatte Kappe und Galgenberg nicht in die Arbeit hineingeredet, sich aber auch nicht sonderlich für sie eingesetzt. Galgenberg hatte ihm keine Träne nachgeweint, aber Kappe hatte immer gedacht, dass sie es mit von Canow eigentlich ganz gut getroffen hatten, obwohl Kappe ihn nicht als seinen Freund bezeichnet hätte. Er hegte die ärgsten Befürchtungen, als von Canow in den Ruhestand ging. Am selben Tag wurde ihnen dann auch bereits Dr. Brettschieß präsentiert: ein junger Spund von damals vierzig Jahren mit stechendem Blick und einer sehr eigenwilligen Auffassung von Polizeiarbeit. In erster Linie hatte er sich anfangs darauf beschränkt, Kappe und seine Kollegen von der Arbeit abzuhalten, indem sie am laufenden Band Statistiken und Berichte verfassen mussten.

So war Kappe zunächst geradezu froh gewesen, als Brettschieß ihn zu Cläre Stinnes geschickt hatte. Die Industriellenwitwe behauptete, ein Arzt hätte ihren Mann bei einer Operation absichtlich sterben lassen, und verlangte, dass Kappe diesen einsperrte. Nachdem Kappe dem Manne beim besten Willen nichts nachweisen konnte, wurde zunächst Druck vonseiten Brettschieß’ und höherer Ränge auf ihn ausgeübt. Es war gewissen Kreisen nämlich sehr daran gelegen, die einflussreiche Cläre Stinnes bei Laune zu halten. Doch das funktionierte nicht, weil der prinzipientreue Kappe sich nicht vorschreiben lassen wollte, wie seine Ermittlungsergebnisse auszusehen hätten. Eher hätte er den Dienst quittiert. Also hatte Brettschieß es mit der Beförderung versucht, allerdings ohne nennenswerten Erfolg. Kappe hatte stur weiter ermittelt und am Ende die Wahrheit ans Licht bringen können. Dabei hatte auch die Tochter von Cläre Stinnes eine Rolle gespielt, sowohl beruflich als auch privat. Die ungestüme Rennfahrerin Clärenora Stinnes hatte Kappe nämlich ziemlich den Kopf verdreht. Klara hatte die beiden beim Austausch von Küssen beobachtet, woraufhin sie kurzfristig zu Hause ausgezogen war. Kappe hatte dies sehr bekümmert. Natürlich brannte das Feuer zwischen ihnen beiden nicht mehr so heiß, schon gar nicht, seitdem zwei Kinder Klaras volle Aufmerksamkeit beanspruchten. Abends war sie immer sehr müde. Trotzdem fehlte sie überall. Nicht nur im Haushalt, sondern auch in Kappes Herzen. Und niemand war darüber mehr erstaunt als er selbst.

Er war heilfroh gewesen, als Clärenora eines Tages mit ihrem Rennwagen gen Paris aufbrach. Und noch viel froher war er, als Klara bald wieder vor der Tür stand. Danach hatten sie sich erst einmal eine Zeitlang misstrauisch beäugt, aber dann war eine ganz neue Qualität in ihre Beziehung getreten. Beinahe so etwas wie eine neue Art von Liebe.

Mina hätte vor Wut heulen können. Dabei war sie so verdammt froh gewesen, sich trotz des schweren Koffers bis zur Nummer 77 geschleppt zu haben. Auf dem Weg in den dritten Stock des Hinterhauses wäre sie um ein Haar zusammengebrochen. Ein großes Glas Wasser hätte sie gebraucht. Stattdessen stand sie nun wieder durstig auf der Straße.

«Nee, die wohnt hia nich mea», hatte eine zahnlose Alte gesagt, als Mina an der Tür klingelte, an dem das Namensschild ihrer Freundin hing. «Die is nach’n Wedding jezogn. Det wa dem Frollein hier nich vorneem jenuch.»

«Kenn’ Se denn ihre neue Adresse?» Minas Stimme zitterte. Was sollte sie nur tun, wenn Charlotte nicht aufzufinden war?

«Warten Se ma, die hat mir ’n Zettel hierjelassen, falls ma jemand nach se fraren tut.» Die Alte schlurfte durch den Flur. Ihre Erscheinung war seltsam, denn zu ihrem graubraunen abgewetzten Rock trug sie eine modische rosafarbene Bluse, die eher für ein junges Mädchen gemacht zu sein schien. Die Alte kam mit einem kleinen Blatt Papier zurück, und Mina sah, dass die Bluse noch recht neu war, wenn sie auch etliche Flecke aufwies. «Hia steht, det se jetze inne Liesenstraße wohnen tut. Den Ssettel könn’ Se ham. Und saren Se ia ’n schön Jruß! Iare Bluse jefällt ma jut. Die hab ick mia untan Narel jerissen, wo se die doch hia inn Schrank vajessn hat.» Die Alte knallte die Tür ohne ein weiteres Wort zu.

Mina schleifte den Koffer die Treppe wieder hinunter und stellte sich in den Hauseingang. Was nun? Sie sah zum Rosenthaler Platz hinüber. Mit einem Mal fielen ihr die stark geschminkten Frauen auf, die trotz der relativ frühen Stunde auf und ab liefen und hin und wieder einen Mann ansprachen. Deshalb war Charlotte also von hier fortgezogen! Als sie sich eben mit ihrem Koffer abgeastet hatte, hatte sie den Blick auf das Straßenpflaster geheftet und keinen Sinn für das Geschehen um sich herum gehabt. Die vereinzelten Prostituierten hatte sie komplett übersehen und auch nicht bemerkt, wie heruntergekommen die gesamte Gegend wirkte. Sie sollte zusehen, dass sie hier wegkam, bevor es dunkler wurde und das lichtscheue Gesindel womöglich auf sie aufmerksam wurde.

Sie hievte den Koffer weiter in Richtung des Platzes und stieß einen tiefen Seufzer aus. Dieser Moloch von einer Stadt hatte mit Sicherheit nicht auf eine ungebildete Landpomeranze wie sie ge-wartet. Was hatte sie sich nur dabei gedacht? Und wo sollte sie hin? Sie hatte doch gar keine Ahnung, wie sie zur Liesenstraße gelangen sollte.

Sie trat gegen eine Straßenlaterne und fing sich damit den bösen Blick einer alten Frau ein, die gebeugt vorüberging.

Natürlich wusste Mina genau, weshalb sie nach Berlin gemacht hatte. Arbeit wollte sie finden. Das war der Grund, den sie auch vor sich selbst offiziell angegeben hatte, weil es zu sehr schmerzte, darüber nachzudenken, was wirklich hinter ihrer Flucht steckte. Denn eine solche war es – da konnte man beschönigen, so viel man wollte …

Siegfried war der wahre Grund. Siegfried, den sie so sehr liebte, dass es weh tat. Der mehr war als alles, was sie sich je erträumt hatte. Der ihr versprochen hatte, sie eines Tages zu heiraten. Sie hatte ihm geglaubt und sich ihm hingegeben. Was hatte das schon ausgemacht, wo sie doch ohnehin bald seine Frau sein sollte?

Als sie daran dachte, stiegen ihr die Tränen in die Augen. Anstelle der Gebäude, die den Platz säumten, sah Mina den Tag vor sich, an dem Siegfried zu ihr gekommen war und verkündet hatte, dass er sie nicht heiraten dürfe. Sein Vater hatte ihm untersagt, sich mit einem mittellosen Mädchen einer kinderreichen Familie abzugeben. Falls sie sich weiterhin träfen, würde er seinen Sohn enterben. Und Adalbert Plath war ein Mann, der seine Drohungen wahr machte. Als einer der Direktoren des Braunkohlefeldes Grube Ilse, Angehöriger des Chemieunternehmens Kunheim & Co, war er es gewohnt, über Leichen zu gehen. In einer der prächtigen Direktionsvillen wohnte man nicht, wenn man ein Menschenfreund war. Seit Kunheim & Co die Braunkohlefelder gekauft hatte, war klar, wer in der Gegend das Sagen hatte.

Als Siegfried sie dann eines Tages angesprochen hatte, hatte es Mina glatt die Sprache verschlagen. Sie hatte mit «denen da oben» bislang nichts zutun gehabt. Mit ihren Freundinnen hatte sie sich gern über die arroganten Schnösel in ihren vornehmen Anzügen lustig gemacht.

Siegfried war aber gar nicht arrogant gewesen. «Junges Fräulein, bitte erschrecken Sie nicht!», hatte er gesagt, kurz bevor er ihr auf die Schulter tippte.

Heftig erschreckt hatte sie sich trotzdem. Ob es wegen der unverhofften Ansprache war, wegen seiner sanften Stimme oder weil er mit seinem Anzug und dem gestärkten weißen Hemd eindeutig als einer der Privilegierten zu identifizieren war, konnte sie später nicht mehr sagen. Sie wusste nur, dass sie ihn mit einem unsäglich einfältigen Blick angesehen hatte. Ihr hatte sogar der Mund leicht offen gestanden.

«Diese Spange dürfte Ihnen gehören», hatte er damals zu ihr gesagt.

Mina hatte sich irritiert ins Haar gegriffen, denn sie hatte gar nicht bemerkt, dass sich die schöne Haarspange, Mutters Geburtstagsgeschenk, aus ihrem Haar gelöst hatte. Sie hatte genickt, stumm wie ein Fisch. Gut, dass Charlotte mich so nicht sieht, hatte sie noch gedacht, denn die Freundin hätte sehr gelacht. Dass Mina einmal die Worte fehlen würden, das hatte sie selbst ja bis zu jenem Moment nicht für möglich gehalten.

«Darf ich mich erbieten, sie Ihnen zurück ins Haar zu stecken?», hatte der junge Mann freundlich gefragt.

Und da hatte Mina endlich ihre große Klappe wiedergefunden. «Ick weeß ja nich mal, wie Sie heißen. Wat macht denn dit für ’n Eindruck, wenn mir ’n fremder Mann an die Haare jeht?»

Der Unbekannte hatte ein zerknirschtes Gesicht gemacht und Mina die Hand gereicht. «Wie töricht von mir! Ich wollte Ihren guten Ruf sicher nicht beschmutzen. Plath ist mein Name, Siegfried Plath.»

«Wilhelmina Kowalewski», hatte Mina artig erwidert und einen Knicks angedeutet, weil sie nicht ganz sicher gewesen war, ob sich das in ihrem Alter einem Mann gegenüber schickte. So oft hatte sie zu solchen Begegnungen nicht die Gelegenheit.

Siegfried Plath hatte danach Anstalten gemacht, ihr die Spange zurückzugeben, aber der junge Mann hatte ihr ja vom ersten Moment an gefallen, und so drehte sie ihm den Rücken zu. «Machen Se ruhig! Nu kenn’ wa uns ja.»

Es hatte sich wie ein ganzer Ameisenstaat an ihrem Hinterkopf angefühlt, als Siegfried behutsam die Spange zwischen ihre kastanienbraunen Locken schob und dort befestigte. Mina hatte die Augen geschlossen und lächelte. Allerdings hatte sich dieses Lächeln in ein freches Grinsen verwandelt, als Siegfried verkündete, er wären un mehr fertig.

«Det ham Se wohl schon öfter jemacht, so geschickt, wie det jing.» Genüsslich hatte sie Siegfried Plath dabei betrachtet, wie seine Ohren sich leicht ins Rötliche zu verfärben begannen.

«Bitte, denken Sie nicht schlecht von mir! Ich habe eine jüngere Schwester. Der habe ich oft beim Frisieren geholfen», erklärte er.

«Jüngere Schwestern hab ick ooch jenuch», sagte Mina und dachte unmittelbar danach, dass es dumm war, so etwas zu sagen. Sie sollte sich nicht gleich als Mitglied einer kinderreichen und damit armen Familie zu erkennen geben!

Doch der junge Mann hatte diesbezüglich entweder keine Vorurteile, oder er war noch immer zu nervös, um zu begreifen, was sie gerade gesagt hatte. «Halten Sie mich bitte nicht für unverschämt!» Siegfried Plath knetete seine Hände und sah eine Weile zu lange auf seine Schuhspitzen, bevor er Mina wieder ins Gesicht schauen konnte. «Ich würde mich sehr freuen, wenn ich Sie dereinst wiedersehen könnte.»

An Mina hatte noch nie jemand Worte wie dereinst gerichtet, aber es hätte ihr auch genügt zu wissen, dass der Fabrikantensohn Siegfried Plath sie offenbar wieder zusehen wünschte.

«He, dich kenn ich doch!»

Mina schrak aus ihren Tagträumen hoch. Adrenalin durchströmte ihren Körper, und sie griff sich unwillkürlich ans Herz. «Hast du mir erschreckt! Meine Jüte!»

«Tut mir leid, das wollte ich nicht.» Charlotte Burgschweiger sah allerdings kein bisschen schuldbewusst aus. «Was machst du denn hier in der großen Stadt?»

«Und wat machst du hier, wo de doch ja nich mehr hier wohnst?», fragte hingegen Mina.

«Ich hab in der alten Wohnung meine Lieblingsbluse vergessen. Die wollte ich mir holen.»

«Die is nicht zufällich rosa?»

«Doch, genau!»

«Dann vergiss sie besser!», sagte Mina. «Sie hat eine andere Besitzerin gefunden.»

«Och, hat die olle Schrapnelle sich mein bestes Stück unter den Nagel gerissen?» Charlotte zog einen Flunsch. «Aber nun sag doch mal: Was machste denn hier? Und vor allem, wo willste hin?»

Anstelle einer Antwort brach Mina in Tränen aus. Sie konnte nichts dagegen tun, ihre Tränendrüsen gaben einfach frei, was sich in der letzten Zeit angesammelt hatte. Und das war mehr Flüssigkeit, als die Spree hinab floss.

«Minchen, was ist los?»

Mina hatte den Eindruck, dass Charlotte für einen Moment irritiert war. Doch die Freundin war schon immer eine Frau der Tat gewesen. Mina fand sich plötzlich in deren Armen wieder.

«Du hast gar keine Bleibe, was?»

Mina schüttelte den Kopf.

«Pass mal auf, ich nehm dich mit zu mir! Bin sowieso grad wieder für ein paar Tage allein in der Wohnung.»

Mina sah sie dankbar an. Was für ein unverschämtes Glück, dass Charlotte ausgerechnet heute ihre Bluse holen wollte!

«Hier haste ’n Taschentuch. Trockne erst mal die Tränen! Die Leute gucken ja schon. Am Ende denken die noch, ich hätte dir was angetan. Dann kommste mit einkaufen, und beim Abendessen erzählste mir dann alles der Reihe nach. Ich stell dir auch ’nen Eimer hin für die Tränen, die noch kommen.»

Mina musste wider Willen lächeln.

Charlotte mochte sich zwar in einigen Bereichen verändert haben – zum Beispiel waren ihre langen rotbraunen Haare einem modischen Bubikopf gewichen –, aber im Grunde war sie ganz die Alte geblieben.

«Ach, Lotteken, du bist so jut zu mir», schluchzte Mina, während sie sich tapfer die Tränen wegwischte. «Wird schon jehn!»

Juli 1908

Die Angst in den Augen des Jungen rührte ihn nicht. «Drehwurm» hatte er mit ihm spielen wollen, also hatte er den Steppke an der linken Hand und am linken Fuß gepackt und ihn im Kreis gedreht, wie es größere Kinder beim Spielen öfter mit kleineren taten oder Väter mit ihren Söhnen. Anfangs hatte der Junge in einer Mischung aus Freude und Nervenkitzel gekichert. Sicher spürte er ein Kribbeln im Bauch. Doch der Große drehte sich schneller und schneller. Das Gewicht des Jungen zerrte zunehmend an seinen Armen, und das Lachen des Kleinen verstummte, wich angsterfülltem Schreien. Als er richtig panisch wurde, ließ der Große los. Zwar war die Erde weich, doch die Fliehkraft schleuderte das Kerlchen bis an einen Baum, der seinen Aufprall an der Schulter unsanft stoppte. Begleitet von der Kakophonie des Weinkrampfes, der der kleinen Kehle entströmte, machte der Ältere sich pfeifend auf den Weg. So also fühlte es sich an, wenn man die Macht besaß. Er begann, seine Eltern zu verstehen.

DREI

MINA spürte die Wirkung des Alkohols schon.

Charlotte hatte zur Feier des Tages eine Flasche Sekt organisiert. «Damit du auf andere Gedanken kommst», hatte sie gesagt.

Aber das funktionierte nicht. Vielmehr löste das Prickelwasser Minas Zunge, und sie erzählte Charlotte von Anfang bis Ende, was geschehen war. «Heiraten wollte er mir. Det war ernst jemeint, det weeß ick. Deshalb hab ick ja ooch …». Mina nahm noch einen Schluck, um das Geständnis ein wenig hinauszuzögern. «Deshalb war ick ja ooch im Bett mit ihm.»

Mina hatte erwartet, dass ihre Freundin entsetzt wäre, doch die war komplett unbeeindruckt. «War’s denn wenigstens schön?»

Mina zögerte, bevor sie antwortete. «Wunderschön! Eigentlich det Schönste, wat ick je erlebt habe.» Sie starrte in ihr Sektglas, bis sie nichts mehr erkennen konnte, weil ihr wieder die Tränen in die Augen schossen. Als sich die erste Träne mit dem Sekt vermischte, blickte sie wieder auf und lachte unsicher. «Du wolltest mir doch ’nen Eimer hinstellen.» Während sie mit einem Taschentuch die Tränen trocknete und sich die Nase putzte, fühlte sie, wie ihre Trauer langsam in Wut umschlug. «Det kann doch nich sein, det der sich von seinem Vater vorschreiben lässt, mir nich mehr zu sehen! Ick dachte, der liebt mir!»

«Männer!» Charlotte nahm die Freundin in den Arm und drückte sie fest. «Uff die kannste dich doch nie verlassen. Nimm meinen Konrad! Der verschwindet öfter mal für ein paar Tage, so wie jetzt, und dann sagt er nicht, wohin er geht. Ich kann das schlucken oder so lange nachfragen, bis er irgendwann gar nich mehr wiederkommt. Also kannste dir ja denken, wofür ich mich entscheide.»

«Klar kann ick det! Aber wofür is det jut? Wieso machen wir uns zum Hampelmann, und die Mannsbilder können sich reineweg allet erlauben?»

«Das ist der Lauf der Welt, Minchen! Da wirst du nichts dran ändern und ich auch nicht. Wir können bloß zusehen, dass wir das Beste draus machen.» Charlotte goss den letzten Schluck Sekt in Minas Glas. «Apropos machen: Was willst du jetzt machen? Wie soll es weitergehen mit dir? Bleibst du in Berlin? Wovon willst du leben? Du kannst gerne ’ne Weile bei mir wohnen, aber viel Platz ist hier nicht, das siehst du ja selbst. Und wenn Konrad hier angebraust kommt…» Charlotte sprach nicht weiter, aber Mina wusste ohnehin, dass sie dann stören würde.

«Ick wollte mir ’ne Arbeitsstelle suchen und ’n möbliertes Zimmer. Oder ’ne Mädchenkammer. Vielleicht komm ick ja bei ’ner Familie unter.»

«Warte mal!» Charlotte holte eine Berliner Abendzeitung aus dem Korb neben dem Ofen. «Damit wollte ich zwar Feuer machen, aber vielleicht ist die ja noch zu was anderem nütze.» Sie reichte Mina die Zeitung. Zwei Studenten bei Autorennen auf Avus getötet stand auf der Titelseite. «Die ist schon ein Weilchen alt, aber Probieren geht über Studieren.»

Mina schlug die Seite mit den Stellenanzeigen auf und überflog die Angebote.

Hauptsächlich Männer wurden gesucht für Bauarbeiten und für die Fabrik. Hin und wieder mal eine Näherin, doch Nähen war nicht ihre Stärke.

Mina wollte der Mut schon sinken, als Charlotte plötzlich auf eine der Annoncen deutete. «Hier! Die Mudrack-Eiswerkesuchen eine Reinemachefrau.»

«Da steht keine Telefonnummer. Bloß: Am Schäfersee. Wo is det denn?»

«Das ist noch ein ganzes Stück von hier. Der Schäfersee liegt in Reinickendorf. Da hat mal eine Tante von mir gewohnt. Ich war da als Kind sogar baden. Ich habe neulich gehört, dass sie jetzt einen Park drum herum anlegen. Fahr doch einfach mal vorbei, und melde dich auf das Inserat! Vielleicht ist die Stelle ja noch nicht besetzt, oder sie haben eine andere Arbeit für dich.»

«Hoffentlich! Ick kann einfach nicht zurück nach Bückchen. Wenn ick Siegfried noch mal sehe, ick weeß nich, wat ick mit dem mache.» Mina ließ sich gegen die Sofalehne plumpsen. «Mir nimmt doch ooch keena mehr, nachdem det mit Siegfried und mir rausjekomm is.»

«Habt ihr das nicht ein bisschen diskreter hinbekommen?» «Du kennst doch meene Brüder! Friedrich hat uns mal jesehn.

Ausjerechnet, wo mir der Siegfried hinter ’ner Hecke jeküsst hat. Kannste dir wohl denken, dat der det rumerzählt hat.»

«Friedrich hatte es ja schon immer faustdick hinter den Ohren», pflichtete Charlotte ihr bei.

«Von Jefühle hat der noch nüscht jehört.»Mina dachte an den Tag zurück, als alle beim Essen saßen und der Jüngste plötzlich zu grinsen anfing.

«Der feine Schnösel hat unsere Mina jeküsst!»

Es war bei Familie Kowalewski streng untersagt, während der Mahlzeiten zu sprechen, weil einst eine Großtante sich deswegen am Essen verschluckt hatte und erstickt war. So hatte denn Klein Friedrichs Nachricht bei Tisch auch wie eine doppelte Bombe eingeschlagen. Einfach los reden – und dann noch so eine Botschaft! Mina hatte zwar krampfhaft auf ihren Suppenteller gestarrt, doch der Vater hatte darauf bestanden, dass sie ihn ansah.

Eigentlich war er ein gütiger Mann. Mina hatte ihm oft angesehen, wie er darunter litt, dass er nicht so streng zu seinen Kindern war, wie man es von einem Familienoberhaupt erwarten konnte. Doch er liebte seine Sprösslinge zu sehr, als dass er die entsprechende Härte an den Tag gelegt hätte.

An jenem Tage aber bedachte er Mina mit einem Blick, der ihr Angst einjagte. Die Mutter hatte ihr später zu verstehen gegeben, dass es einzig die Sorge um das Wohlergehen seiner Tochter war, die den Vater so hatte schauen lassen.

«Ist das wahr, Wilhelmina?», hatte er gefragt und war dabei ganz ruhig geblieben.

Sie nickte und versuchte, eine Erklärung anzubringen, die jedoch mit einer einzigen Handbewegung unterbunden wurde.

«Ich bin sehr enttäuscht», sagte Vater nur und löffelte seine Suppe weiter.

Mina hatte eine Strafe erwartet, Gebrüll, vielleicht Schläge. Irgendeine Art der Zurechtweisung. Die Stille war schlimmer. Ihre sieben anwesenden Geschwister – August war ja tot, und Lieselotte hatte nach Senftenberg geheiratet – starrten ebenfalls angestrengt in ihre Suppenteller, wagten es nach einem Weilchen jedoch, untereinander zu wispern.

«Still!» Vaters Hand donnerte auf den Tisch und ließ die Teller tanzen, so dass die Suppe schwappte.

«Wir sprechen uns noch!», zischte Mina Friedrich zu, als sie später die Teller abräumte.

Friedrich hatte die Warnung verstanden und ging Mina in der folgenden Zeit aus dem Weg.

Mutter hatte Mina hinterher beiseite genommen und ihr eine lange Standpauke gehalten, deren Inhalt sich auf einen Satz reduzieren ließ: Ehrbare Töchter poussieren nicht mit jungen Männern!

Währenddessen fuhrwerkte sie mit dem Geschirr im Spülstein herum und schrubbte es so fest, dass Mina glaubte, die Teller würden jeden Moment in Stücke brechen.

«Und dann noch so eener!», rief Mutter plötzlich aus, als hätte sich Mina einen Landstreicher zum Geliebten erkoren. «Wat gloobste denn, was passiert? Der vergnücht sich mit dir, und heiraten tut er ’ne andere. Die dürfen sich doch ja nich unter ihrem Stand vaehelichen. Biste denn völlich blind vor Liebe, Minchen?»

Da war die Härte der Liebe gewichen, und Mina hatte sich an Mutterns Busen wiedergefunden.

Mina seufzte. «Mir wär det ooch lieber jewesen, wenn det nich alle jemerkt hätten. Aber meene Jeschwister konnten ja den Mund nich halten und haben erzählt, wat an dem Abend bei uns zu Hause los jewesen is. Und ick fürchte, uff die Art haben es ooch Siegfrieds Eltern erfahren.»

Charlotte zog die Hausschuhe aus und legte die Füße auf das Sofa. «Hat er denen denn vorher nüscht von seinen Absichten erzählt?»

Mina stieß ein resigniertes Schnaufen aus. «Er wollte ’nen jeeigneten Zeitpunkt abwarten. Sein Vater wollte ihn mit ’ner Cousine verkuppeln, und er wollte sagen: ‹Vater, ich liebe eine andere, und das kannst du mir im Leben nicht ausreden!›» Mina verstellte dabei ihre Stimme. «Er hat mir sojaa vorjespielt, wie er ihm det sagen wollte. Wenn et nich so traurich wäre, könnte ick heute drüber lachen.»

«Und am Ende hat er gar nichts gesagt, stimmt’s?»

«Ick war ja nich dabei. Aber viel kannet nich jewesen sein. Er hat danach drei Tage jebraucht, bis er uffjetaucht is, um mir zu sagen, det wer uns nich mehr sehn dürfen. Nich ma jeküsst zum Abschied hatter mir und is anschließend wegjehoppelt wie ’n anjeschossner Hase.»

«Vielleicht ging es ihm nahe», gab Charlotte zu bedenken. «Ick denke, du hast die Männer durchschaut? Die sind nich wie wir, die sind sehr einfach jestrickt. Denen jeht janüscht nahe. Vermutlich isser jetzt schon glücklich verlobt mit seiner Cousine.»

Charlotte versuchte offenbar, ein Gähnen zu unterdrücken, was ihr jedoch misslang. «Sei mir nicht böse, ich muss früh raus. Eine Kollegin hat mich gebeten, für sie einzuspringen.»

«Mensch, Lotte, ick hab die ganze Zeit nur von mir jesprochen.» Mina hatte schlagartig ein schlechtes Gewissen. «Ick hab nich ma jefragt, mit wat du eijentlich dein Geld verdienst.»

Charlotte lachte. «Ich bin das Fräulein vom Amt. Ich stöpsle die Telefonverbindungen zusammen. Und wenn es bei einem Gespräch mal ganz heiß hergeht, dann zieh ich den Stöpsel auch wieder.»

Die beiden lachten, bis ihnen die Tränen kamen.

«Aber glaub mal nicht, dass das nur schön ist. Ich darf nämlich nicht heiraten.»

Mina sah die Freundin ungläubig an.

«Ehrlich! Ich musste vor der Ausbildung unterschreiben, dass ich ledig bin und es auch bleibe. Und wenn mir einer am Telefon einen Antrag macht, muss ich sagen: ‹Besetzt! Werde melden, wenn frei!›»

Sie sahen sich an und begannen von neuem mit der Lacherei. «Danke, Charlotte! Mir geht et jetzt wieder viel besser. Du bist ’ne jute Freundin. Ick hoffe, ick kann dir det mal zurückjeben.»

Hermann Kappe hatte sich auf dem harten Holzstuhl niedergelassen, der neben dem Besucherstuhl die einzige Sitzgelegenheit in seinem Bureau darstellte. Er verfluchte wohl zum hundertsten Mal, dass er immer wieder vergaß, Klara um ein Sitzkissen zu bitten. Sie könnte ihm sicher eines aus ihrem Fundus an Stoffresten fertigen. Es musste ja nicht ausgerechnet der Blümchenstoff sein, der beim Nähen von Klein-Margaretes Sonntagskleid übrig geblieben war. Doch Blümchen hin oder her, sein Hinterteil und nicht zuletzt sein Rücken würden es ihr ewig danken. Er war gerade einmal 38 Jahre alt, aber wenn er Stunden auf dem harten Stuhl verbracht hatte, fühlte er sich mitunter wie 70.

Neiderfüllt dachte Kappe an die Möbel, die im Amtszimmer von Kriminalpolizeirat Ernst Gennat im ersten Stock des Polizeipräsidiums standen: ein grünes Plüschsofa und ein Sessel im selben Farbton. Man munkelte, dass der füllige Gennat gerne einen Teil seines Arbeitstages auf dem Sofa liegend verbrachte, doch niemand nahm ihm das übel. Seine Ermittlungsergebnisse sprachen für sich. Gennat war eine lebende Legende. Er hatte am Fall des Serienmörders Fritz Haarmann mitgewirkt und insgesamt eine sehr hohe Rate an aufgeklärten Mordfällen vorzuweisen. Hartnäckigkeit war eine seiner Tugenden, und so war es auch Gennats Bemühungen zu verdanken gewesen, dass die Zeit des ständig unterbesetzten Mordbereitschaftsdienstes, wie er bisher bestanden hatte, ihr Ende gefunden hatte. Seit dem 1. Januar 1926 gab es eine Zentrale Mordinspektion, deren Leitung Ernst Gennat übertragen worden war. Diesem unterstanden drei Mordkommissionen, die im Wechsel vierwöchigen Bereitschaftsdienst hatten, so dass jeweils eine aktive Mordkommission von zwei Reserve-Mordkommissionen unterstützt wurde. Gennat koordinierte die Kommissionen und hatte die Kontrolle über alle Morduntersuchungen inne. Außerdem suchte er selbst die fähigsten Kriminalisten aus, was Kappe mit einem gewissen Stolz erfüllte, da er schließlich selbst einer der Auserwählten war. Wenn er Gennat nur noch davon überzeugen könnte, dass auch die fähigen Kriminalbeamten für ihre Ermittlungsarbeit ein weiches Ruhekissen brauchten! Doch dazu müsste Kappe ihn überhaupt darauf ansprechen, und das kam ihm dann doch vermessen vor. Er würde lieber endlich Klara um ein Stuhlkissen bitten. Wenn er es nur nicht wieder vergaß! Denn seltsamerweise verschwendete er jeweils nach Verlassen des Dienstgebäudes keinen Gedanken mehr an den fehlenden Sitzkomfort.

Ich muss mir das bei Gelegenheit endlich notieren, als Gedächtnisstütze, dachte Kappe und konzentrierte sich wieder auf die Papiere, die vor ihm auf der Schreibtischplatte lagen.

Keiner der befragten Nachbarn in der Chausseestraße, wo der bestialische Mord an der jungen Frau geschehen war, wollte etwas gehört oder gesehen haben. Dabei mussten die Qualen des Mädchens doch fürchterlich gewesen sein. Kappe hoffte inständig, dass sie schon an den ersten Verletzungen gestorben war, obwohl Kniehase ihm diesbezüglich wenig Hoffnungen hatte machen können.

«Die Wunden haben zu stark geblutet», meinte dieser. «Das Herz muss noch lange gepumpt haben. Aber Näheres kann ich erst bei der Obduktion sagen.»

Irgendwo da draußen müssen doch Menschen sein, die die Tote vermissen, dachte Kappe. Menschen, die sie geliebt hatten oder die sich zumindest nach einiger Zeit fragen würden, weshalb sie sich nicht meldete. Wer würde mich eigentlich vermissen, wenn ich ermordet würde? Kappe ließ den Bleistift zwischen Zeige- und Mittelfinger wippen. Klara natürlich. Hartmut und Gretchen würden sicher auch fragen, wo ihr Vater war. Die Kollegen würden es bemerken, wenn auch erst am nächsten Tag. Es konnte schließlich durchaus vorkommen, dass er zu Ermittlungszwecken länger unterwegs war. Obwohl Klara sicher schon nachts im Präsidium anrufen würde. Oder nicht? Und was war mit der schönen Chinesin Lienhwa Li und mit Clärenora Stinnes? Verschwendeten sie überhaupt noch einen Gedanken an ihn? Immerhin hatte jede der beiden Frauen für sich eine Zeitlang in seinem Leben eine ziemlich bedeutende Rolle gespielt.

Kappe nahm die Vernehmungsprotokolle nicht mehr wahr, sondern sah die beiden Frauen so plastisch vor seinem geistigen Auge, als könne er sie berühren. Er gab sich einen Ruck, fokussierte die Protokolle mit einiger Willenskraft und legte sie anschließend in die Akte zurück.

So ein Unsinn! Lienhwa und Clärenora waren Geschichte, und das sollten sie auch bleiben. Kappe wäre mit keiner von beiden wirklich glücklich geworden, das wusste er inzwischen. Er lebte ein völlig anderes Leben. Ihm reichte die Aufregung, die sein Beruf mit sich brachte.

Unglaublich, auf was für Gedanken er manchmal kam! Gut, dass diese nicht zu hören waren. Er würde sich ja pausenlos blamieren.

So summte er leise Die Gedanken sind frei vor sich hin, als seine Bureautür aufgerissen wurde und Galgenberg hereinplatzte. «Bei mir is ’ne Vermisstenmeldung einjetroffen! Ein jewisset Fräulein Anna Ebeling is jestern nich nach Hause jekommen.»

«Seit wann kriegst du denn die Vermisstenmeldungen?», fragte Kappe.

«Keene Ahnung. Vielleicht hat die Zentrale falsch durchjestellt. Aber hör doch mal zu! Die Beschreibung passt exaktemente auf die durchlöcherte Tote: zwanzich Jahre, schlank, braune Oogen, braune Locken.» Galgenberg legte die Notizen vor Kappe hin.

Der warf einen kurzen Blick darauf. «Die Beschreibung passt auf die Hälfte aller jungen Frauen.»

«Aber die sind nich alle jestern nich nach Hause jekomm», konstatierte Galgenberg und ließ sich in den Besuchersessel fallen, der ein bedrohliches Quietschen von sich gab. «Brauchta Öl, oder fällta bald auseinander?»

«Beides! Der ist nur für schlanke Besucherinnen konstruiert, Kollege.»

Galgenberg grinste schief, sagte aber nichts. «Wat is nu? Soll ick jemanden hinschicken, damit wir mehr erfahren und vielleicht sojar een Photo kriejen?»

Kappe suchte auf dem Blatt die Anschrift von Frau Martha Ebeling, die die Meldung gemacht hatte. «Ich übernehme das selbst! Es liegt praktisch direkt auf meinem Heimweg.»

«Heimweech klingt jut. Ick mach ooch Feierahmt für heute. Frau und Kinder rufen.» Galgenberg seufzte, erhob sich und blieb dabei beinahe in Kappes Besuchersessel stecken.

«Vielleicht solltest du nach Hause laufen, Gustav. Bisschen Bewegung! Sonst musst du dir beim nächsten Mal einen eigenen Sessel mitbringen, falls du hier noch mal sitzen willst.»

«Kann ja nicht jeder so ’n halbes Hemde sein wie du, lieber Hermann. Obwohl du ooch zujeleecht hast, wenn ick mir die Bemerkung ma erlauben darf.»

Kappe blickte an sich herunter und musste zugeben, dass sein Kollege recht hatte. Das Hemd spannte ein wenig, und über den Hosenbund hatte sich ein kleines Speckröllchen gewölbt. Das muss der Zufriedenheitsspeck sein, dachte er. Während der Zeit seiner außerehelichen Liebesabenteuer hatte er oftmals keinen Bissen herunterbringen können. Aber nachdem Klara und er sich versöhnt hatten, schmeckte ihm die Blutwurst wieder. «Nun ja, die schlechten Zeiten sind vorbei», sagte Kappe und ließ offen, was er damit gemeint hatte.

Mai 1909

Unter der Küchenbank ist er unsichtbar. Wenn Vater in dieser Stimmung war, begegnete er ihm besser nicht. Mutter schlug auch zu, wenn er sich einen Fleck auf das Hemd gemacht oder nicht aufgegessen hatte. Dann flog er einmal durch den Raum, aber das war es dann auch schon. Vater aber steigerte sich stets in blinde Wut hinein, schlug und schlug und schlug, egal, wo er traf, egal, mit was. Oft konnte er dann tagelang nicht in die Schule gehen wegen der vielen blauen Flecke. Mal war auch die Lippe aufgeplatzt, und einmal hatte er tagelang Kopfschmerzen, nachdem der Vater ihn mit dem Kopf gegen die Wand geschleudert hatte. Manchmal wunderte er sich, dass noch keiner der Nachbarn die Polizei verständigt hatte. Die Leute im Haus wussten, was bei ihnen passierte. Er hatte sie darüber reden hören, und sie sahen ihn immer so mitleidig an. Mutter musste heute das falsche Essen gekocht haben, denn Vater ging sofort auf sie los, kaum dass er hungrig aus der Kneipe gekommen war. Jetzt liegt sie am Boden. Vater schlägt und tritt sie. Er würgt sie mit ihrem rosafarbenen Schal, den sie immer trägt, weil ihr so leicht kalt am Hals wird, und der zu ihr gehört wie ihre blauen Augen. Der Blick, den sie ihm stumm unter die Küchenbank schickt, fleht, dass er Hilfe holen möge. Doch er rührt sich nicht. Die Mutter schreit nun. Er kann nicht sehen, was der Vater oben tut, doch dann saust ein Stuhl auf ihren Schädel hinunter. Wieder und wieder. Als sie sich nicht mehr rührt, holt sich der Vater ein Bier und setzt sich auf die Küchenbank. Er wagt kaum zu atmen, bis Vater Stunden später zu Bett geht.

VIER

DER JUNGE MANN stellte den Koffer ab und sah auf den Zettel, ob er sich auch nicht verlaufen hatte, aber die Anschrift stimmte: Soldiner Straße 89, zweiter Hinterhof. Sein möbliertes Zimmer lag also in einer Gegend, die er früher unter allen Umständen gemieden hätte. Doch er war gezwungen, sein Geld zusammenzuhalten. Und wenn das bedeutete, dass er ab sofort bei den Ratten wohnen musste, dann war das eben so. Er konnte es nicht ändern. Noch nicht.

«Du liebe Zeit, wie riesig der ist!» Charlotte legte den Kopf, so weit es ging, in den Nacken und hielt die Hand über die Augen, um nicht von der Sonne geblendet zu werden.

«Deshalb ham se den wohl ooch ‹Langer Lulatsch› jenannt», mutmaßte Mina beim Blick auf den wahrhaft imposanten Berliner Funkturm.

Dieser war am 3. September bei sommerlichen Temperaturen um 25 Grad nach zweijähriger Bauzeit endlich eingeweiht worden.

Charlotte hatte Mina gefragt, ob sie mit ihr und Konrad, der inzwischen wieder aufgetaucht war, über die Funkausstellung schlendern und sich bei dieser Gelegenheit auch den Turm anschauen wollte.

Mina sagte gerne zu, hatte aber die Funkausstellung ziemlich langweilig gefunden. Die Messe fand zum dritten Mal statt, und es wurde auch in der Presse ein ziemlicher Wirbel darum veranstaltet, den sie überhaupt nicht nachvollziehen konnte. Es waren vornehmlich Röhrenempfänger zu sehen sowie Kopfhörer von vielen verschiedenen Herstellern, für die Konrad Brause ein ausgeprägtes Interesse zeigte. Was sollte nur so gut daran sein, die Musik direkt in die Ohren zu bekommen? Mina hörte gerne hin und wieder Radio zur Unterhaltung während der Hausarbeit, bei der sie Charlotte zur Hand ging. Das war das mindeste, was sie für die Freundin tun konnte als Dank dafür, dass diese sie kostenlos bei sich wohnen ließ. Doch mit einem Kabel wäre sie dabei nicht einmal vom Radioapparat bis zum Küchentisch gekommen. Außerdem hätten sie sich dann auch nicht mehr unterhalten können.

Ob es nun die Kopfhörer waren oder die schlechte Luft in den Messehallen, Mina war es immer schwerer gefallen, ihr Gähnen dezent hinter vorgehaltener Hand zu verstecken, und Charlotte ging es ganz offensichtlich genauso. Sie war heilfroh, als sie die schmucklosen Räumlichkeiten verließen und wieder an die frische Luft kamen.

Der imposante Funkturm thronte mitten auf dem Messegelände und war weithin zu sehen. Sechshundert Tonnen Stahl waren dafür verarbeitet worden, hatte Mina in der Zeitung gelesen. Das Gebilde sollte fortan als Mittelwellensender für Radioprogramme dienen. Unterhalb des Sendemastes war eine verglaste Aussichtsplattform angebracht, und auf halber Höhe befand sich ein Restaurant. In dieses Restaurant wollte Konrad Brause Lotte und Mina einladen.

Doch je länger Mina nach oben sah, umso mulmiger wurde ihr bei dem Gedanken, in einen engen, wackeligen Fahrstuhl zu steigen und keinen festen Boden mehr unter den Füßen zu haben.

«So, dann lasst uns mal hochfahren!», sagte Charlotte schließlich energisch und schob Mina und Konrad in Richtung Funkturm.

Mina ließ sich jedoch nicht schieben. «Lotte, bitte sei mir nich böse, aber ick kann da nich ruff. Ick hab jedacht, et wär nich mehr so schlümm, aber ick bin sicher, ick halte den Weech nach oben nich aus, wenn ick det hier sehe.» Bei dem Gedanken daran, wie hoch alles erst von oben aussehen würde, wenn sie sich doch hier unten schon gruselte, wurde ihr beinahe schwindelig.

«Mina, du siehst ja käseweiß um die Nase aus. Hast du Höhenangst?»

«Ick gloob schon. Uff so wat Hohem war ick ja bisher noch nie. Bitte, lasst mich hier unten! Wir machen een andermal wat Schönet zusamm. Aba bitte nich da hoch!» Mina machte kugelrunde Augen, zog die Stirn in Falten und gab insgesamt ein ziemlich jämmerliches Bild ab.

«Beruhige dich doch! Wir müssen da nicht hoch. Wir bleiben unten und gehen woandershin. Nicht wahr, Konrad? Das macht dir doch auch nichts aus, oder?»

Aber Mina wehrte ab. «Ick weeß doch, wie ihr euch druff jefreut habt. Jeht ohne mir hoch! Mir macht det nüscht. Ick hab det Ding jetz von Nahem jesehn, und det reicht. Ick koof ’ne Ansichtskarte für meene Familje, und denn fahr ick nach Hause und machet mir ’n bissken jemütlich.»

Charlotte wollte protestieren, aber Mina versicherte ihr, dass es ihr wirklich nichts ausmachen würde.

Konrads Protest war ohnehin verhaltener ausgefallen. Er war vermutlich froh, seine Lotte wieder für sich zu haben, so selten, wie sie Zeit füreinander hatten.

«Gut, aber pass auf dich auf!», sagte Lotte.

«Ja, Mutti!» Mina lachte. «Hör ma, ick bin ja nich zum ersten Mal alleene in Berlin untawegs.» Sie winkte den beiden zu, als sie in den Fahrstuhl einstiegen, und winkte noch, als sich die kleine Kabine schon nach oben in Bewegung gesetzt hatte. Doch beim Hochschauen ergriff das Schwindelgefühl erneut von ihr Besitz, und sie schwankte ein wenig. Plötzlich spürte sie eine Hand auf ihrer Schulter.

«Geht es Ihnen nicht gut, Fräulein? Sie sind ja vollkommen bleich.»

Mina ließ es geschehen, dass der Mann sie zu einer Parkbank führte, die am Fuße des Funkturms stand, und sie mit Nachdruck darauf platzierte.

Der Unbekannte öffnete seine Aktentasche und holte eine Thermoskanne heraus. In den Deckel, der gleichzeitig als Becher diente, goss er etwas ein und reichte es Mina. «Kräutertee», sagte er. «Der wird Ihnen auf die Beine helfen.»

Der Tee war nur lauwarm, aber er tat gut. Auch dass sie sitzen konnte und sich jemand um sie kümmerte, half viel.

«Danke. Det war sehr nett von Ihnen.» Mina gab den leeren Becher zurück.

«Keine Ursache! Stammen Sie aus Berlin?»

«Wieso?»

«Sie reden so.»

«Nee, ick komm aus der Lausitz. Aber wir könn’ ooch keen Hochdeutsch.» Mina verzog das Gesicht. Es war ihr ein bisschen peinlich, dass sie auf einen so offensichtlich kultivierten Mann den Eindruck einer Berliner Rotzgöre machte.

«Das ist doch charmant, mein Fräulein.» Der Mann lächelte sie an und fixierte sie mit seinem Blick. «Ich habe mich Ihnen noch gar nicht vorgestellt. Gestatten, Emil Weinhaus.» Er lüpfte leicht den Hut.

«Ick bin Wilhelmina Kowalewski.»

«Entzückender Name! Sie haben wohl kaisertreue Eltern gehabt?»

«Zumindest ham wir Kaiser Wilhelm mal bei einer Parade Unter den Linden jesehn, als ick noch kleen war.» Mina musste kurz an die Propellerschleifen denken und an das Familienphoto, das ihren gefallenen Bruder zeigte. Berlin riss alte Wunden wieder auf.

Sie kamen ins Plaudern.

«Waren Sie auf der Funkausstellung, Fräulein Mina?»

Die Art, wie er Fräulein Mina zu ihr sagte … Das klang ganz sanft, und es gefiel ihr. «Ja, ick war mit meener Freundin und iam Verlobten da. Die sind jetzt beede da oben.» Sie deutete auf das Funkturmrestaurant, ohne jedoch hoch zusehen.

Das tat jedoch Herr Weinhaus.

Mina plapperte unterdessen weiter darüber, wie langweilig die Messe gewesen sei mit all den Radios und Kopfhörern.

«Ich bin ja nicht so fürs Radio», erwiderte Weinhaus. «Ich bin ein Mann der Bücher.» Er klopfte auf seine Aktentasche und deutete auf ein kleines Köfferchen, das Mina zuvor entgangen war. «Im Grunde bin ich unterwegs zu einer Buchhandlung, der ich einige Neuerscheinungen vorlegen wollte. Doch nun hat mich der Hunger gepackt. Wäre es sehr aufdringlich von mir, wenn ich Sie zu einem kleinen Imbiss einladen würde?» Seine blauen Augen ruhten auf ihr.

Mina war nicht sicher, ob sich das eigentlich schickte. In Bückgen wäre es ein Ding der Unmöglichkeit gewesen, seiner Bitte nachzukommen. Aber in Berlin? Da fiel es womöglich nicht weiter auf. Und Hunger hatte sie obendrein. Das hatte sie vorher gar nicht bemerkt, doch jetzt knurrte ihr Magen wie auf Kommando ziemlich undamenhaft. Sie lachte. «Solange wir den Imbiss nicht dort oben einnehmen müssen, soll es mir recht sein.» Dann hob sie scherzhaft drohend den Zeigefinger: «Aber nicht, dass Sie glauben, ich hätte so etwas schon einmal gemacht!»

Er fuhr mit ihr ins Café Möhring am Kurfürstendamm. Die imposanten Gebäude beeindruckten Mina stets auf Neue: der Gloria-Palast nahe der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche, das Nelson Theater, in dem Josephine Baker aufgetreten war und offenbar ganz Berlin mit dem Charleston-Virus angesteckt hatte, das Romanische Café, in dem sich Künstler, Schauspieler und Literaten trafen, sowie das Marmorhaus, ein weiterer Lichtspielpalast. Hier fühlte Mina sich lebendig.

Im Café saßen sie einander gegenüber, jeder an einem Fensterplatz. Der Kuchen war köstlich, und die Aussicht auf die vorbei flanierenden Damen und Herren im Sonntagsstaat war unterhaltsam.

«Se ham jesacht, Se sinn Vertreter für Bücher?»

«Bücher sind mein Leben. Und Sie? Lesen Sie auch?»

«Wahnsinnich jerne! Zu Hause hatt ick einje Bücher, die hab ick immer und immer wieder jelesen. Damals hatt ick aber ooch noch mehr Zeit», setzte sie hinzu.

«Was lesen Sie denn am liebsten?» Er sah sie forschend an. Mina errötete leicht. «Det sag ick lieber nich.»

«Oh, Sie müssen sich nicht zieren.» Weinhaus bückte sich und öffnete das Köfferchen. Anschließend tauchte er mit drei Büchern in der Hand über der Tischkante wieder auf.

Belladonna. Ein Liebesroman, las Mina, dann Der Weg durch die Nacht und Van Zantens glückliche Zeit. Ein Liebesroman von der Insel Pelli. Sie lächelte. «Sie ham mir erwischt.»

«Dachte ich es doch.»

«Ick mag Liebesromane. Janz besonders jern les ick Jane Austen. Stolz und Vorurteil hatte meene Mutter noch und hattet mir jejeben.»

«Jane Austen hat auch außergewöhnliche Dinge geschrieben – aber keine reinen Liebesromane. Also müssen Sie sich nicht mal schämen. Obwohl es da, streng genommen, ohnehin nichts zu Schämen gibt, Fräulein Mina.»

Da war es wieder: Fräulein Mina. Es klang schon irgendwie vertraut.

Als sie sich ansahen, lag eine lauernde Spannung zwischen ihnen, die jedoch abrupt von Weinhaus unterbrochen wurde, als er den Kellner um die Rechnung bat. «Das schenke ich Ihnen», sagte Weinhaus, als der Kellner wieder gegangen war, und legte ein Buch vor Mina auf den Tisch. «Es ist soeben auf Deutsch erschienen und scheint sehr vielversprechend zu sein. Ein Liebesroman, leicht lesbar und doch spannend.»

Mina sah ungläubig auf Der Weg durch die Nacht von John Knittel. «Das kann ich doch nicht annehmen.»

«Selbstverständlich können Sie! Es ist mein Dankeschön für unsere nette Unterhaltung.»

«Sie ham doch schon den Kuchen bezahlt.»

«Dann betrachten Sie es als Arbeitsaufgabe!»

Mina sah ihn fragend an.

«Sie lesen das Buch und sagen mir, was Ihnen daran gefallen hat und was nicht. Dann kann ich sozusagen mit einer Buchbesprechung aus erster Hand zu den Buchhändlern gehen.» Er lächelte.

Mina wollte schon zustimmen, zögerte dann jedoch. Weinhaus schien zu wissen, was sie sagen wollte. «Dazu müssten Sie sich jedoch überwinden, mich noch einmal wieder zusehen.» Mina spürte, wie die Röte langsam ihr Gesicht empor wanderte. Das kostet doch keine Überwindung, dachte sie. Wenn ich nur wüsste, ob sich das schickt. Schließlich kam sie zu dem Schluss, dass es gleichgültig war, ob es sich schickte oder nicht. Es musste ja niemand erfahren. «Einverstanden!», sagte sie schließlich.

«Dann würde ich mich aufrichtig freuen, wenn wir uns in einer Woche hier wieder um fünfzehn Uhr treffen würden. Können Sie das einrichten?»

Auf dem Nachhauseweg war Mina sehr damit beschäftigt, ihre Hände ruhig zu halten, die ohne Unterlass zitterten, als hätte sie nicht nur eine Tasse Kaffee getrunken, sondern fünf. Zugegeben, der Kaffee war kräftig gewesen, das war sie nicht gewohnt. Doch das Zittern kam auch aus ihrem Herzen. Das ist inzwischen der zweite Mann, der mich um ein Wiedersehen bittet, dachte Mina. Ob es im Leben wohl immer so weitergehen würde? Sie umklammerte das Buch, las aber noch nicht darin. Es war zu kostbar, um es im Omnibus oder der Bahn zu entweihen, die voller Menschen waren, die nicht zu würdigen wüssten, welchen Schatz sie bei sich trug.

Die U-Bahn mied sie heute, sie fühlte sich nicht danach, im dunklen Tunnel unterwegs zu sein. Dann dachte sie plötzlich an Siegfried, und das schlechte Gewissen drohte, sie zu übermannen. Gleichzeitig fragte sie sich, womit er diese Rücksichtnahme überhaupt verdient hatte. Schließlich hatte er Mina verlassen und nicht umgekehrt. Aber sie konnte ihn einfach nicht vergessen.

Mina schaute aus dem Fenster. Bei dem schönen Wetter schienen fast nur Liebespaare unterwegs zu sein. Einige hielten sich an den Händen, einige wagten dies nicht und beschränkten sich auf verzehrende Blicke. So viele Menschen, die einander liebten! Trauerte sie Siegfried vielleicht völlig umsonst hinterher? Gab es die wahre Liebe überhaupt? Oder war dies nur eine Illusion hoffnungsloser Romantiker, die nicht wahrhaben wollten, dass man mit jedem Menschen zusammenleben konnte, wenn man nur halbwegs ähnliche Interessen hatte?

Sie stand auf, damit sie an der nächsten Station aussteigen konnte, und überlegte, ob sie ein Beispiel fand. Natürlich! Ihre Eltern waren doch so ein Fall. Die beiden behandelten einander stets mit Respekt. Doch solange sie denken konnte, hatte Mina sie niemals händchenhaltend oder sich eng umschlungen küssend gesehen. Mina erinnerte sich an den Tag, als sie ihre Mutter einmal fragte, ob sie verliebt in ihren Vater sei. Die Mutter wischte sich ihre Hände an der Schürze ab und sagte, Liebe wäre purer Luxus. Mina war damals zu klein, um die tiefere Bedeutung der Worte zu verstehen. Was sie jedoch verstand, war, dass sie nicht weiter nachfragen sollte. Doch inzwischen begann sie zu erahnen, was hinter den Worten ihrer Mutter stecken mochte. Wer weiß, ob sie an Siegfried nicht nur so hing, weil er der Erste gewesen war, der Interesse an ihr gezeigt hatte. Und mit Emil Weinhaus hatte sie sich ja immerhin sehr gut unterhalten. Das war doch durchaus ein Anfang. Alles Weitere sollte sie einfach abwarten.

Die Straßenbahn hielt, und sie ging den Rest bis zu Charlottes Wohnung zu Fuß. Charlotte wollte sie von ihrer Begegnung mit Emil Weinhaus vorerst nichts erzählen. Mina wollte sich erst einmal selbst über alles klarwerden.

FÜNF

DER BESUCH BEI MARTHA EBELING war nicht angenehm. Das Photo, das die Frau Kappe überreichte, war erst wenige Monate alt, und es fiel ihm nicht schwer, darauf sofort die Ähnlichkeit mit der Toten aus der Chausseestraße zu entdecken. Trotz allem musste er die Frau bitten, die Tote zu identifizieren.

Sie wollte es schnell hinter sich bringen, und so fuhren sie direkt ins Leichenschauhaus. Martha Ebeling brach unmittelbar neben dem Leichnam ihrer einzigen Tochter zusammen und wurde anschließend in die Charité gefahren.

Nun konnte als gesichert gelten, dass es sich bei der Toten tatsächlich um Anna Ebeling handelte, geboren am 2. Januar 1906. Kappe fügte diese Angaben der Akte hinzu.

Er blätterte in den wenigen Seiten herum. Da bisher niemand sachdienliche Hinweise geben konnte, mussten sie sich auf das konzentrieren, was bis dato feststand. Sie würden die Freunde und Bekannten Annas befragen müssen. Sobald die Mutter wieder ansprechbar war, müssten sie sich deren Namen und Adressen geben lassen. Und sie mussten dringend herausfinden, wer Arthur Brause eigentlich war und wo er sich aufhielt.

Kappe seufzte ein wenig zu laut, verschränkte die Hände im Nacken und lehnte sich in seinem Stuhl zurück. Er schloss kurz die Augen, öffnete sie jedoch sofort wieder, da ihm sogleich das Bild der geschändeten jungen Frau vor Augen stand. Er nahm noch einmal das Photo zur Hand, das Martha Ebeling der Polizei überlassen hatte, und starrte minutenlang darauf. Anna Ebeling hatte frappierende Ähnlichkeit mit Klara, wie sie damals aussah, als er und sie noch in Wendisch Rietz lebten. Wenn er sich vorstellte, dass jemand seiner Klara so etwas angetan hätte… oder es womöglich noch tun würde! Man konnte ja nicht wissen, auf welche Ideen so ein Serienmörder kam, wenn man ihn nur lange genug morden ließ. Hermann Kappe wurde es schlagartig kalt.

Er suchte im Telefonbuch nach Arthur Brause. «Ich kriege dich!», murmelte er verbissen. Er griff zum Telefon, wählte interne Nummern und wies Galgenberg und von Grienerick an, alle Männer mit Namen Brause ausfindig zu machen. Zunächst sollten sie sich auf Berlin beschränken, doch wenn sie dort niemanden finden konnten, der der Gesuchte sein könnte, sollten sie sich auch das Umland vornehmen. Er ignorierte, dass sowohl von Grienerick als auch Galgenberg bei dem Auftrag tiefe Seufzer ausstießen. Doch es half alles nichts. Irgendwo mussten sie ja ansetzen. Vielleicht stießen sie wenigstens auf jemanden, der mit der Bestie verwandt war oder etwas Brauchbares wusste. Er selbst würde mit einem Zeichner zu Heidelinde Fuchs gehen, um ein Phantombild von diesem Arthur Brause anfertigen zu lassen. Dann hätte er etwas zur Hand, das er in der Umgebung des Tatorts herum zeigen konnte. Auf jeden Fall kam eine Menge Arbeit auf sie alle zu.

Mina war früh aufgebrochen an jenem Tag, denn sie wollte sich erkundigen, ob die Stelle bei den Mudrack-Eiswerken noch frei wäre, aber nicht ausgerechnet während der Mittagspause dort erscheinen.

Sie hatte wieder schlecht geschlafen, und das lag nicht nur daran, dass ihr der Herr Weinhaus einfach nicht aus dem Kopf gehen wollte. Das schmale braune Sofa, auf dem sie nächtigte, war durchgesessen und hatte auf Höhe ihrer Lendenwirbel eine Kuhle gebildet. Der Rücken tat ihr nach dieser Nacht besonders weh, und somit stand fest, dass sie nun tatsächlich so schnell wie möglich einen anständigen Schlafplatz benötigte. Und den bekam sie nur, wenn sie Arbeit fand.

Die U-Bahn hatte sie zur Seestraße gebracht. Sie musste sich an dieses quietschende Ungetüm erst gewöhnen. So viele Menschen standen dichtgedrängt in den Waggons. Sitzplätze waren hinter der stehenden Masse nur zu erahnen. Nun bereute Mina, dass sie so früh aufgebrochen war. Später am Vormittag wären die meisten Leute bereits an ihrer Arbeitsstelle gewesen, und sie hätte nicht auf Tuchfühlung mit schwitzenden Fremden gehen müssen. Eigentlich hätte sie die zweieinhalb Stationen auch laufen oder gleich die Straßenbahn nehmen können, aber sie hatte gehofft, auf diese Art ein wenig schneller zu sein.

Ein Mann schubste sie am Bahnhof Schwartzkopffstraße aus dem Zug, als er sich an ihr vorbei drängeln wollte.

Voller Panik sah sie zu, dass sie wieder in den überfüllten Waggon hineinkam. Sie war froh, dass sie überhaupt herausgefunden hatte, wo sie aussteigen musste. Da wollte sie nicht auf halber Strecke verlorengehen.

Als Mina die Endstation am U-Bahnhof Seestraße erreichte, lief sie, so schnell die drängenden Massen es erlaubten, nach oben an die frische Luft. Sie fühlte sich, als hätte sie während der gesamten Bahnfahrt die Luft angehalten, und atmete einige Male tief durch, bevor sie sich daranmachte, die Straßenbahn ausfindig zu machen, die sie zum Ziel bringen würde. Sie fragte einige Passanten und kam schließlich glücklich in einem Omnibus zu sitzen, der nicht so überfüllt war wie die U-Bahn.

Am Schäfersee stieg sie aus. Der See war beinahe kreisrund, als hätte ihn jemand künstlich angelegt. Der Kontrast zu den rechteckigen Eisteichen der Mudrack-Werke war beeindruckend. Mina lief daran entlang über den Hof der Firma, auf dem geschäftiges Treiben herrschte. Männer in grauer Arbeitskleidung und mit Kiepen auf dem Rücken beluden Transportwagen mit eingewickelten Eisblöcken. Sie lief an ihnen vorbei, nicht ohne einige anerkennende Pfiffe zu ernten, die sie jedoch nicht beachtete. Zu Hause in Bückgen hätte sie sich umgedreht und den Bengels die Zunge herausgestreckt.

Schließlich gelangte sie an ein Gebäude, über dessen Eingang ein weißes Emailleschild in schwarzer Frakturschrift verkündete, dass dort das Bureau zu finden war. Sie verlangsamte ihre Schritte. Wer war sie denn, dass sie einfach unangemeldet hier erscheinen konnte? Würde man sie nicht sofort abweisen? Sicher war die Stelle längst vergeben. Dann rief sie sich innerlich zur Ordnung. So zurückhaltend kannte sie sich nämlich gar nicht. Offenbar schüchterte diese große Stadt sie mehr ein, als sie erwartet hatte. Sie nahm sich vor, dringend etwas daran zu ändern, und wollte gerade anklopfen, als jemand sie von hinten ansprach.

«Kann ich Ihnen helfen, Frollein?»

Mina hatte gar nicht bemerkt, dass ein älterer Herr hinter ihr die Treppe hinaufgestiegen war, während ihr das Herz bis zum Hals geklopft hatte. «Ick… ich komme wejen der Stellenanzeige.» Ein wenig unkontrolliert wedelte Mina mit der Zeitungsseite herum, die Charlotte ihr mitgegeben hatte.

Der Mann nahm sie ihr aus der Hand und überflog die angestrichene Anzeige. Dann sagte er: «Die Stelle ist bereits vergeben.»

Es gelang Mina nicht, ihre Enttäuschung zu verbergen.

Der ältere Herr lächelte und gab ihr die Zeitung zurück. «Na, na, Mädchen, lassen Sie nur den Mut nicht sinken! Kommen Sie doch erst einmal mit hinein!» Der Mann stellte sich als Anton Mees vor, derzeitiger Geschäftsführer der Eisfabrik Mudrack. Er reichte Mina die Hand.

Sie musste die Zeitung erst in die andere Hand wechseln, um den Gruß er widern zu können, und ließ sie dabei beinahe zu Boden fallen. «Wilhelmina Kowalewski.»

«Sie sind nicht von hier, was?»

«Wie kommen Sie darauf, Herr Mees?»

«Sie sehen so anständig aus.» Er deutete auf ihre Zöpfe. «Nicht wie die meisten Mädchen heutzutage, die sich ihre Haare kurz schneiden lassen und nächtelang Charleston tanzen.» Anton Mees seufzte, lächelte aber dabei. «Ich habe eine Tochter. Dürfte in Ihrem Alter sein.» Er musterte Mina noch einmal. «Sagen Sie mal, können Sie denn auch kochen?»

Ach herrje, dachte Mina. Vor dem Kochen habe ich mich ja bei Muttern immer schon gedrückt. Doch sie nahm ihren Mut zusammen und sagte keck: «Jeder kocht anders!»

Anton Mees lächelte. «Wir suchen schon länger ein Mädchen für alles. Nicht hier für die Firma, sondern zu Hause bei meiner Familie. Unsere Erna, die bei uns in der Mädchenkammer wohnte und sich ums Kochen und Putzen kümmerte, ist uns vor einigen Monaten weg geheiratet worden, und wir konnten noch keinen gleichwertigen Ersatz finden.»

Mina knüllte die Zeitung in ihrer Hand. «Meinen Sie, dass ich… Soll ich, ich meine, darf ich?»

«Es käme auf einen Versuch an, junges Fräulein. Meinen Sie nicht? Kommen Sie doch heute Abend zum Essen zu uns! Dann können Sie meine Frau und meine Tochter kennenlernen, und wir besprechen die Formalitäten.»

«Gerne, das tu ich gerne.» Minas Gedanken schlugen Purzelbaum. Wieso wiederholst du dich andauernd, dumme Gans? Er denkt sonst noch, du hättest den Job so bitter nötig. Aber das hab ich doch auch, berichtigte sie sich selbst. Ich will es in Berlin zu etwas bringen!

Anton Mees, der glücklicherweise nicht in ihren Kopf schauen konnte, schrieb ihr die Adresse auf. «Neunzehn Uhr! Wir erwarten Sie!»

Mina sah ihn an und strahlte wider Willen. Dann las sie, dass das Haus in der Ruppiner Chaussee in Berlin-Heiligensee lag. «Können Sie mir bitte sagen, ob dort eine Bahnstation in der Nähe ist oder welchen Bus ich nehmen muss? Ich bin nämlich noch nicht sehr lange in der Stadt.»

Er nahm ihr den Zettel aus der Hand und schrieb S-Bahnhof Schulzendorf dazu. «Von dort müssen Sie noch ein paar hundert Meter nach rechts laufen. Die Hausnummer ist gut zu lesen. Sie können es gar nicht verfehlen.»

Sie verabschiedeten sich, und Anton Mees hielt Mina die Tür auf. Als Mina draußen stand, schien die Sonne ein wenig heller.

Es gehörte nicht zur normalen Aufgabe eines Polizeibeamten, der Beisetzung der Opfer beizuwohnen. Kappe hatte jedoch die heimliche Hoffnung gehegt, der Mörder würde sich unter die Trauergäste mischen oder sich zumindest in der Nähe aufhalten. Also hatte er seinen schwarzen Anzug angezogen und war zum Dorotheenstädtischen Friedhof an der Liesenstraße gefahren.

Kappe mochte Beerdigungen nicht, aber Friedhöfe faszinierten ihn. Erstellte sich gerne die Menschen hinter den Namen und Geburtsdaten vor. Marie zum Beispiel, 1907 bis 1925. Weißer Grabstein, eingravierte Rose. Kein Nachname. Der Stein deutete darauf hin, dass die Eltern ein gewisses Vermögen besaßen. Zumindest war ihnen ihre Tochter einiges wert. Was war dem Mädchen passiert? War sie blond, dunkelhaarig, musikalisch, sportlich, dick, dünn? War sie an einer Krankheit gestorben, an einem Unfall? Mord schied aus, das hätte Kappe mitbekommen.

Das erinnerte ihn daran, weshalb er eigentlich an diesem Ort war. Zügig ging er in die Richtung, in der er die Friedhofskapelle vermutete. Auf dem Weg dorthin zog er ein Taschentuch heraus und tupfte sich die Stirn ab. Es war unglaublich, was Ende September für hoch sommerliche Temperaturen herrschten, nachdem der eigentliche Sommer eher durchwachsen gewesen war.

Schließlich hörte er Glockenläuten, ging auf das Geräusch zu und wartete vor der Kapelle, bis die kleine Trauergemeinde heraustrat. Die Tür öffnete sich, und die Orgelmusik, die Kappe zuvor nur leise gehört hatte, schwoll an.

Totengräber trugen den schlichten Sarg. Martha Ebeling lief hinterdrein, völlig aufgelöst und gestützt von zwei Frauen, die vermutlich ihre Schwestern waren, wie Kappe wegen der Ähnlichkeit mit Martha Ebeling vermutete. Dahinter ein sehr altes Ehepaar. Annas Großeltern? Vier Mädchen in Annas Alter. Kein weiterer Mann.

Kurz dachte Kappe darüber nach, dass der Mörder natürlich auch einer der Totengräber sein könnte. Die Tarnung wäre nahezu perfekt. Laut Dr. Kniehase war es so gut wie sicher, dass das Opfer vor dem Tod noch Geschlechtsverkehr gehabt hatte. Die Möglichkeit, dass sie diesen mit ihrem späteren Mörder ausgeübt hatte, war ziemlich hoch. Und Lustmörder blieben gerne bis ganz zum Schluss in der Nähe ihrer Opfer. Dennoch war es unwahrscheinlich, denn alle Mädchen waren bislang auf einem anderen Friedhof beigesetzt worden. Kappe wollte lediglich keine Vermutung außer Acht lassen.

Nur dass es eine der Frauen oder Mädchen aus dem Trauerzug sein könnte, schloss Kappe kategorisch aus. Er traute keinem weiblichen Wesen solche bestialischen Morde zu. Und allem Anschein nach lauerte auch kein Finsterling hinter einem der angrenzenden Grabsteine.

Dass keiner der Totengräber auch nur annähernd Ähnlichkeit mit dem von Heidelinde Fuchs erstellten Phantombild hatte, konnte allerdings auch darauf zurückzuführen sein, dass die Angaben von Frau Fuchs sehr vage und widersprüchlich gewesen waren. Der Zeichner war beinahe verzweifelt, weil er immer wieder wegradieren musste, was Frau Fuchs kurz zuvor noch als richtig empfunden hatte. Am Ende hatte das Phantom beinahe wie ein Ebenbild von Kappe ausgesehen. Trotzdem hatte Kappe die Zeichnung den Nachbarn gezeigt und sie in angrenzenden Lokalen herumgereicht. Niemand konnte damit etwas anfangen, bis auf den Scherzkeks, der bereits vormittags eine halb leere Molle vor sich stehen hatte und ausrief: «Det sind doch Sie, Herr Kommissar! Rufen Se mal Ihre Kollejen, damit die Se festnehmen könn’!»

Kappe blieb nur so lange, wie es nötig war, um festzustellen, dass er den Weg umsonst gemacht hatte. Er hatte Frauen noch nie weinen sehen können, und diese massive Ansammlung schluchzender Weiblichkeit schlug ihn geradezu in die Flucht.

Auf dem Weg zur Friedhofspforte sah er sich noch ein wenig um. Vor einem großen Grabstein aus schwarzem Granit blieb er stehen. Der Steinmetz hatte ein Kunstwerk daraus gemacht. Unter einem muschelförmigen Halbkreis hielten zwei pummelige Engelchen einen großen Lorbeerkranz. Der Grabstein war in goldenen Lettern beschriftet:

Hier ruht in Gott

Rudolph Hertzog

*1815 †1894

Kappe wusste, dass hier die sterblichen Überreste des Kaufmanns lagen, der das Kaufhaus Rudolph Hertzog gegründet hatte. Dort hatte nämlich seine Klara gearbeitet, bevor die kleine Margarete geboren worden war.

Das gesamte Grab war mit einem Mäuerchen umgeben, das ebenfalls aus schwarzem Granit gefertigt war.

Da kann man sehen, wo das Geld steckt, dachte Kappe. Der Lohn, den Klara bekommen hatte, hätte sicher nicht einmal für ein anonymes Rasengrab ausgereicht. Aber so war das eben: Die einen schaufelten das Geld im Keller hin und her, damit es nicht schimmelte, und die anderen überlegten von einem Tag zum anderen, wie sie die Butter zum Brot bezahlen sollten.

Der nächste Grabstein, den er wahrnahm, war deutlich schlichter. Keine Engel, kein Gold. Der Stein war grau, und in schwungvollen Lettern war der Name Karl Friedrich Ferdinand von Brause eingemeißelt.

Der Brause verfolgt mich, dachte Kappe, und trotzdem bleibt er unsichtbar.

Galgenberg und von Grienerick hatten die ersten Herren dieses Namens schon verhört, aber das waren alles so alte Zausel.

Kappe entschuldigte sich in Gedanken für dieses Wort –, dass sie kaum in der Lage gewesen wären, die junge Dame mit solcher Brutalität umzubringen, geschweige denn den Geschlechtsverkehr mit ihr zu vollziehen. Außerdem ging er ja davon aus, dass der Mörder von Anna Ebeling auch die anderen beiden Mädchen auf dem Gewissen hatte. Kappe war der Ansicht, dass sie nach jungen, kräftigen Männern Ausschau halten mussten. Und zwar am besten nach solchen, die möglichst wenig Ähnlichkeit mit der Phantomzeichnung aufwiesen.

Mina durchsuchte ihren Koffer nach dem besten Kleid, das sie besaß. Viel zu durchsuchen hatte sie allerdings nicht, und das einzige Kleid, das nicht geflickt war, war ein sehr biederes Modell mit weißem Kragen.

«Minchen, so kannste nicht gehen! Das Kleid macht dich unnötig dick. Du sollst ja nicht aussehen, als wärste guter Hoffnung, wenn du bei deinem zukünftigen Arbeitgeber die Aufwartung machst. Warte mal!» Charlotte machte ihren Kleiderschrank auf und suchte einen blauen wadenlangen Rock heraus und eine schlichte weiße Bluse ohne Kragen. «Hier! Die Sachen müssten dir passen. Probier mal!» Sie legte Rock und Bluse über die Sofalehne und verließ den Raum.

Mina hörte sie nebenan in der Küche rumoren.

Darmowy fragment się skończył.

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Data wydania na Litres:
22 grudnia 2023
Objętość:
231 str. 2 ilustracji
ISBN:
9783955520083
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