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Czcionka:

Peter Splitt

Pussycat

Ein erotischer Krimi aus der Zeit des kalten Krieges

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

Prolog

August 1968

Oktober 2002

Oktober 1973

September 1976

Oktober 2002

Oktober 1976

Kapitel 2

Oktober 2002

Juli 1977

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Oktober 2002

März 1979

Oktober 2002

März 1979

Kapitel 6

März 1980

April 1980

Mai 1980

Juli 1980

Dezember 1980

Kapitel 7

April 1981

August 1981

September 1981

Oktober 2002

Kapitel 8

Oktober 1982

Kapitel 9

Kapitel 10

Oktober 2002

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Epilog

Kapitel 1

Impressum neobooks

Prolog
Oktober 2002

Das gleichmäßige Brummen der Triebwerke versetzte mich in eine Art Dämmerzustand. Ich lehnte den Kopf gegen das heruntergezogene Plastikrollo des ovalen Jet-Fensters und versuchte, mich zu entspannen. Ich wollte nach New York, wo ein Flieger nach Deutschland auf mich wartete. Nach vielen Jahren würde ich zum ersten Mal mein Heimatland wiedersehen. Was für ein komisches Gefühl, jetzt zurückzukehren. Wie würde es dort aussehen? Was hatte sich verändert?

Es war auch viele Jahre her, seit ich Paul zum letzten Mal begegnet war. Ich vermisste ihn noch immer. Selbst nach all den Jahren. Wo mochte er sein? Lebte er noch? Ging es ihm gut?

Ich erinnerte mich daran, wie wir uns das erste Mal geliebt hatten. Es war ein unglaubliches Erlebnis gewesen. Wann immer ich daran dachte, spürte ich dieses innere Kribbeln, spürte seinen Mund auf meinen Brüsten, fühlte, wie sich seine Hände auf meinen Körper legten und sich seine Männlichkeit an mich schmiegte. Dabei blickte er direkt in mein Gesicht. Ich wusste, ich konnte, wenn ich wollte, einen richtigen Schlafzimmerblick aufsetzen, nämlich dann, wenn ich meine Augenlider bis über die obere Hälfte der Iris fallen ließ. Auch deswegen durfte ich seit meinem zwölften Lebensjahr keinem Mann mehr in die Augen sehen. Tat ich es doch, so maß er mit Sicherheit meinen noch so belanglosen Worten irgendeine sexuelle Bedeutung bei. Meine Gedanken waren immer noch bei Paul. Er knöpfte mir die Bluse auf, bevor er mich auf das große Doppelbett zog. Seltsamerweise spürte ich keine Spur von Verlegenheit, keine Scham, nur ein unbändiges Verlangen. Meine Brüste bebten, als sie freikamen. Pauls Hände berührten sie sanft. Daraufhin richteten sich meine Brustwarzen steil auf. Sein Körper reagierte umgehend. Ich sah die Erregung in seinen Augen, während er mich beobachtete. Eilig wollte er sich seiner Jeans entledigen, doch ich kam ihm zuvor, kniete mich neben ihn, schob seine Hände beiseite und begann, den Reißverschluss seiner Hose zu öffnen. Meine Finger berührten jede neue freigelegte Stelle seines Körpers. Ich spürte sein Schaudern, hörte, wie er etwas Unzusammenhängendes vor sich hin murmelte. In diesem Augenblick begehrte ich ihn wie noch niemals einen Mann zuvor. Stolz wie eine Venus baute ich mich vor ihm auf. Im Lichtschein der großen Stehlampe wirkte meine Haut makellos fein, ließ an Marmor denken. Ich spürte, wie sich Pauls Herz überschlug. Sein Atem passte sich der heftigen Bewegung meines Brustkorbes an. Unser Verlangen nacheinander wuchs mit jeder Berührung. Die Küsse wurden fordernder, die Zärtlichkeiten dringlicher. Unsere zunehmende Erregung parfümierte die Atmosphäre. Suchend, verführend, ließ ich die Lippen über seinen Körper gleiten, bis ich fühlte, wie seine Haut glühte. Danach rollte ich mich mit einer nie für möglich gehaltenen Kraft auf ihn. Bei diesem ersten Mal brauchte sich niemand von uns beiden großartig anzustrengen. Unsere Körper verstanden sich blind. Ich empfand es als äußerst angenehm, dass ich mich nicht um seine Lust kümmern musste. Sein Gesichtsausdruck gab mir zu verstehen, wie sehr seine Erregung von meinem Verlangen dirigiert wurde. Ich hörte meinen Namen, der sich von seinen Lippen losriss. Die dann folgende Vereinigung befreite mich von der Welt um mich herum, während ich meinen Körper fester und fester auf seinem bewegte. Doch dabei blieb es nicht. Nach unserem ersten Höhepunkt liebten wir uns ein zweites Mal. Diesmal kam Paul über mich, meine Lustschreie hallten in dem Gästeschlafzimmer wider. Was die anderen Mitbewohner in diesem Augenblick von uns dachten, war mir vollkommen egal. Es zählte nur dieses großartige Gefühl. Irgendwann ließen wir voneinander ab. Wir waren völlig erschöpft. Paul hob den Kopf und sah, wie mir die Müdigkeit die Augen verschleierte.

„Du wirst jetzt schlafen, Katharina!“ Es war eine Anordnung, die er mit einem Kuss bestätigte.

Oktober 2002

Dies war heute auf den Tag genau vor zwanzig Jahren geschehen, und trotzdem kam es mir so vor, als wäre es erst gestern gewesen. Mit meinen vierundvierzig Jahren war ich noch nicht alt, aber auch nicht mehr so jung und knackig wie damals. Der Zahn der Zeit und ein reichlich turbulentes Leben hatten ihre Spuren hinterlassen. Mein Haar trug ich jetzt kürzer, meine Figur war runder und irgendwie üppiger geworden. Auch Fältchen und Krähenfüße hatten sich eingestellt, obwohl ich sie mit Make-up zu überdecken versuchte. Ich wusste, meine Augen hatten den Glanz der Jugend verloren, aber trotzdem fühlte ich mich noch immer als eine attraktive Frau.

„Bitte anschnallen, wir fliegen jetzt hinaus auf den Atlantischen Ozean, und es könnte zu Turbulenzen kommen“, ertönte eine verzerrte männliche Stimme durch die Bordlautsprecher. Das Geräusch ließ mich zunächst zusammenzucken, allerdings fing ich mich schnell wieder und versuchte, mich zu beruhigen. Hier oben über den Wolken war ich allein mit meinen Erinnerungen, nahm diesen Moment der trügerischen Geborgenheit in mich auf und wollte ihn so lang wie möglich festhalten.

Doch dann, so plötzlich, wie er gekommen war, ging der Moment vorbei und ich spürte, wie eine nicht für möglich gehaltene Nervosität von mir Besitz ergriff, mich nicht mehr loslassen wollte. Allein bei den neuen Gedanken, die sich mir aufdrängten, spürte ich eine tiefe innere Unruhe aufkommen. Trotzdem schaffte ich es, der jungen Stewardess in dem dunkelblau-roten Outfit zuzulächeln, als sich diese nach meinem Getränkewunsch erkundigte. Meine Stimme zitterte in keinster Weise. Ich hatte gelernt, damit umzugehen, auch wenn es mir noch so schwerfiel. Es war so manches, was ich jetzt tun musste, von dem ich vorher geglaubt hatte, niemals dazu fähig zu sein. Diese ständigen Veränderungen, die mein bewegtes Leben mir abverlangte, sowie die vielen Schicksalsschläge, die ich wie selbstverständlich hinnahm, hatten mich letztendlich am Leben gehalten.

Die silberne Boeing 737 flog über Rhode Island hinweg und nahm Kurs auf New York. Ich traute mich zum ersten Mal, das Plastikrollo nach oben zu schieben. Die riesige Stadt versank unter mir im bleichen Dunst der Ferne, als die Maschine eine Schleife zog und langsam ihre Flughöhe verringerte. In etwas weniger als zwanzig Minuten würde sie auf dem internationalen Flughafen John F. Kennedy landen, und danach würde ich mit etwas Glück an Bord einer Lufthansa-Maschine die USA verlassen können. Das heißt, für den Fall, dass man mich nicht an der Ausreise hinderte. Bis dahin verblieben noch ein paar lange Stunden, in denen ich mich weiter lächelnd und unschuldig locker geben musste. Ich blickte hinunter auf das Land, in das ich voller Hoffnung auf eine sichere Zukunft gekommen war. Das war vor siebzehn Jahren gewesen – nachdem ich alle verraten hatte.

Wie immer war die Ankunftshalle brechend voll. Besonders lästig war die erneute Einreiseprozedur, bei der ich mein Gepäck identifizieren und wieder aufgeben musste. Ich folgte den Schildern bis zur Gepäckentnahme. An dem Rollband schnappte ich mir meinen Koffer, passierte die Einreisekontrolle und steuerte auf den Flugschalter zu. Dabei sah ich nervös auf meine Armbanduhr. Bis zum abermaligen Einchecken blieben mir noch drei Stunden. Eine verdammt lange Zeit, wenn man warten musste und der Kloß im Hals immer größer wurde. Einige Polizisten in Uniform standen herum, nahmen aber keine Notiz von mir. Aber ich wusste, dass sie da waren. Die Leute vom Geheimdienst. Irgendwo warteten sie. Ich spürte, wie ich immer nervöser wurde. Einer stand in der Nähe des Flugschalters. Das hatte mir gerade noch gefehlt. Ausgerechnet dort, wo man meine Bordkarte für den Weiterflug hinterlegt hatte – und wo ich unbedingt hin musste. Der Mann wirkte teilnahmslos, seine Augen jedoch waren starr auf die Menschenmenge gerichtet. Sie überflogen jeden, der sich dem Flugschalter näherte.

Ich setzte mir die Sonnenbrille auf, obwohl das völlig verrückt war. Ich hatte mich betont lässig gekleidet. Alles hatte den Anschein, als würde ich nur eine kurze Reise unternehmen. Ich spürte einen Schubser. Jemand drückte mich von hinten vorwärts. Jetzt war ich an der Reihe, stand direkt vor dem Flugschalter. Eine freundliche Dame lächelte mich an. Ich lächelte zurück. Alles lief glatt. Problemlos bekam ich meine Bordkarte ausgehändigt. Sie stellte meinen Koffer auf die Waage.

„Möchten Sie Ihr Gepäck direkt bis Hannover durch buchen?“, fragte sie mit überlauter Stimme.

Verdammt! Musste sie so schreien, ausgerechnet jetzt?

Aber es war zu spät. Der unauffällig wirkende Beamte blickte zu mir hinüber und bewegte sich auf den Ausgang mit dem Schild Embarkation zu. „Madam, Ihre Bordkarte bitte“, sagte er höflich, aber bestimmt.

Ich hoffte, er würde nicht das Zittern bemerken, das durch meinen Körper ging. Gehorsam reichte ich ihm die Karte und machte auf lockere Konversation mit einem Nebenmann.

„Sie kommen aus Philadelphia und fliegen weiter nach Frankfurt?“, fragte der Beamte weiter.

Jetzt kam es.

„So können Sie aber nicht abfliegen“, sagte er, genau wie ich es befürchtet hatte. Der Mann mit dem kurzen Haarschnitt und dem dunklen Schnauzbart sah mich zunächst ernst an, dann aber huschte doch ein Lächeln über sein Gesicht.

„Sehen Sie, Madam. Sie haben die Ausreisesteuer noch nicht bezahlt. Dies ist ein internationaler Flug, und da werden fünfzig Dollar fällig. Die müssen sie noch begleichen. Ohne die Steuermarke auf der Bordkarte kann ich Sie leider nicht ausreisen lassen.“

Mir fiel ein Stein vom Herzen. Hatte ich richtig gehört? Diese verfluchte Ausreisesteuer! Daran hatte ich überhaupt nicht mehr gedacht.

Ich schenkte ihm ein strahlendes Lächeln und griff nach dem Pappstreifen. „Wird sofort erledigt, Mister.“

Das ‚Mister‘ schien ihm zu gefallen. Ich tauchte in die Menschenmenge ein und ging zu einem der Bankschalter, wo man ein paar Devisen tauschen – und eben auch jene lästige Steuer entrichten konnte. Als ich dem Beamten kurz darauf den Karton mit der Steuermarke in die Hand drückte und ihm zunickte, grinste er breit und riss gleichzeitig den Kontrollabschnitt meiner Bordkarte ab. Danach entließ er mich in den Abflugbereich.

Nach zwei Stunden Wartezeit wurde meine Maschine nach Deutschland aufgerufen. Gate 29, Lufthansa-Flug LH 329 nach Frankfurt am Main.

Ich ging durch die Gangway und betrat den großen Airbus. Glücklicherweise befand sich mein Platz im vorderen Drittel der Maschine. Somit würde ich in Frankfurt als einer der ersten Passagiere aussteigen können. Langsam schob ich mich vorwärts und wartete geduldig, bis mir die Mitreisenden, die noch in aller Ruhe ihre Kleinigkeiten im Gepäckfach verstauten, Platz boten.

Reihe fünf – Fensterplatz, endlich!

Beim Hinsetzen blickte ich mich verstohlen um. Der Mann, mit dem ich es bereits im Flughafengebäude zu tun hatte, stand zwischen den Sitzen und beobachtete die einsteigenden Passagiere. Diese Wachmänner waren wirklich überall. Ein Seufzer stieg in mir hoch, doch ich wusste ihn zu unterdrücken. Ich lehnte die Stirn an das Fenster und glaubte, in der Ferne das Empire State Building erkennen zu können. Ein Sonnenstrahl blitzte in das ovale Fenster, worauf ich hastig das Plastikrollo nach unten zog. Erst als die Motoren brummten und endlich die Türen geschlossen wurden, fühlte ich mich einigermaßen sicher. Die Maschine fuhr auf das Rollfeld und reihte sich in die Schlange wartender Flugzeuge ein. Auf einmal knackte der Lautsprecher. Eine angenehme männliche Stimme meldete sich.

„Guten Tag, liebe Fluggäste. Mein Name ist Rheinhard. Ich bin der Co-Pilot auf Ihrem Flug nach Frankfurt. Leider wird sich der Abflug wegen des hohen Flugaufkommens um fünfzehn Minuten verspäten. Ich bitte um Ihr Verständnis und wünsche Ihnen eine angenehme Reise. Ich melde mich nach dem Start wieder, wenn wir unsere Flughöhe erreicht haben.“

Es knackte ein weiteres Mal, dann verstummte der Lautsprecher. Die kleine Verzögerung war nicht weiter schlimm. Ich hatte alle Zeit der Welt, fragte mich, was mich in Deutschland erwarten würde. Siebzehn Jahre lautete die magische Zahl. Siebzehn verdammt lange Jahre war ich nicht mehr in Deutschland gewesen. In der Zwischenzeit war die Mauer gefallen. Ich hatte davon gelesen, hatte gebannt die Berichte im Fernsehen verfolgt. Für mich war der Zusammenbruch der DDR eine Sensation gewesen. Aber ich hatte auch die Anzeichen von Resignation gespürt. Wofür hatte ich all die Jahre gekämpft, meine Energie und meinen Körper eingesetzt?

Der Zweck meiner Agententätigkeit hatte darin bestanden, die Ideale, für die ich lebte, zu verteidigen. Sollten sie heute nicht mehr bestehen, dann wäre ich gescheitert. Aber falls es sie noch gab, hätte ich gewonnen. Oder hatten die anderen bloß verloren? Vielleicht fingen die Schwierigkeiten auch gerade erst an, nachdem sie die Fesseln des ideologischen Konflikts abgestreift hatten.

Wenn ich überhaupt etwas bedauerte, dann, auf welche Art und Weise ich meine Zeit und Fähigkeiten vergeudet hatte. All die Sackgassen, die falschen Freunde, die vertane Energie. Aber der Job hatte irgendwie zu mir gepasst. Wahrscheinlich war Mutter daran schuld. Oder war es dieses Buch gewesen, worin ich als Kind immer geblättert hatte? Ich wusste es nicht. Meine Vergangenheit lag viel zu weit zurück, und doch hatte sie mich diesmal eingeholt. Durch die Nachricht von Vaters Tod. Von einem Mann, den ich niemals richtig gekannt hatte.

Ich bildete mir ein, seine Stimme zu hören. Es war eine Stimme, die mir fremd war. Oder besser gesagt, ich konnte mich nicht mehr an sie erinnern, auch wenn mir die Worte vertraut vorkamen: „Komm zu mir Mariechen, komm …“

Ich stellte ihn mir vor, wie er auf der geräumigen Holzveranda unseres Hauses in einem alten Schaukelstuhl saß und gemütlich eine Pfeife rauchte. Damals hätte meine Welt noch in Ordnung sein können, aber sie war es nicht. Immerhin hatte ich noch geglaubt, dass mir niemals etwas wirklich Schlimmes widerfahren könnte. Hatte mich Vater hochgehoben, auf seine Knie gesetzt und mir dann eine nicht enden wollende Geschichte erzählt? Ich wusste es nicht, doch die Vorstellung trieb mir Tränen in die Augen, meiner Kehle entwich ein kaum hörbares Schluchzen. Aber ich wollte mir nichts anmerken lassen, wollte nicht, dass jemand erfuhr, dass ich im Begriff war, dieses Land zu verlassen, um in meine alte Heimat zurückzukehren. Das galt besonders für den finster dreinschauenden Typen in der vordersten Reihe, der direkt an der Trennwand zur Businessklasse saß. Wachsam wie ein Fuchs waren seine Augen beim Einsteigen über die Gesichter der Mitreisenden gewandert. Dabei hatte er keine Miene verzogen und versucht, mit eiskaltem Blick jede verdächtige Regung zu registrieren. Und genau daran glaubte ich, ihn erkannt zu haben. An dem ruhelos lauernden Ausdruck in den Augen. Bestimmt war er ein Mitglied der National Security, oder was vielleicht noch schlimmer war, vom amerikanischen Geheimdienst CIA, und die hatten mich mit Sicherheit noch auf ihrer Liste.

Tief unter mir glitt der Atlantische Ozean vorüber. Mir fielen die Augen zu, aber schlafen konnte ich nicht. Wie sollte ich auch, entfernte ich mich doch immer mehr von jenem Land, in dem ich in Frieden und Freiheit gelebt hatte. Fast unmerklich lichteten sich draußen die Wolken, und ein sanfter Lichtstrahl beförderte die tosende Gicht des Meers aus einem tiefen Schatten. Kleine Inseln leuchteten wie grüne Punkte in einem endlosen Blau, aber diese Schönheit der Natur nahm ich kaum wahr. Stattdessen befand ich mich in einem Zustand der Schwerelosigkeit. Ohne ein Gewicht, das mich am Boden hielt, pendelte ich zwischen gestern und morgen hin und her, losgelöst von einem Leben, an das ich mich so sehr gewöhnt hatte. Ich wusste, ich tat es für meinen Vater, den ich kaum gekannt hatte. Ich erinnerte mich nicht einmal mehr an sein Gesicht. War es leicht von der Sonne gebräunt gewesen? Hatte er intelligente Augen, einen sanften Mund, vielleicht ein Bärtchen gehabt?

Ich hatte versucht, die Fassung zu bewahren, als der Brief von seinem Tod gekommen war. Der Brief, von einem gewissen Notar Lehmann aus Göttingen aufgesetzt, hatte mich über Umwege erreicht. So einfach kam niemand an meine Adresse heran. Danach hatte ich zum ersten Mal mit Tante Ingeborg telefoniert. Obwohl ich mich bei dem Telefonat sehr bemüht hatte, meine Emotionen unter Kontrolle zu halten, musste sie sofort gespürt haben, wie nervös ich gewesen war. Beinahe vermochte ich mir das Telefongespräch nicht mehr ins Gedächtnis zurückzurufen, denn zu sehr hatte die Nachricht von Vaters Tod meine Gefühle und Sehnsüchte im Keim erstickt. Etwas begann an meinem Inneren zu nagen. Etwas, dass mich nicht mehr loslassen wollte.

Nach gut zehn Stunden Flugzeit verlor der Airbus A 320 der Lufthansa langsam an Höhe und war im Begriff, sich dem Rhein-Main-Flughafen von Frankfurt zu nähern. Ich drückte meine Nase gegen das ovale Fenster und beobachtete die Umgebung des Flughafens in der grellen Herbstsonne. Die Umstände, die zu meiner Reise geführt hatten, kamen mir jetzt fantastisch vor, und doch freute ich mich irgendwie auf die Rückkehr in meine Heimat. Die Räder des enormen Jets berührten den Boden und verursachten eine Erschütterung in der Kabine. Einige der Passagiere applaudierten, froh, wieder festen Boden unter ihren Füßen zu wissen. Das Flugzeug blieb nach einem letzten Rütteln endlich stehen, der Lärm der Motoren verstummte. Eine allgemeine Mobilität machte sich unter den Passagieren breit, als sie auf das Verlassen der Maschine vorbereitet wurden. Ich blieb noch sitzen und beobachtete die Wolken über dem Himmel der Main-Metropole. Fast kam es mir so vor, als wollten sie sagen: „Herzlich willkommen daheim in Deutschland.“

Letztendlich erhob ich mich aber doch, verließ den Flieger durch die Vordertür und folgte der Menge auf dem schmalen Gang hinüber zur Abfertigung meines Inlandsfluges nach Hannover. Die Menschenmenge sammelte sich um mich herum, aber niemand schien etwas anderes zu sein als einfach ein Reisender ohne Eile.

August 1968
August 1968

Das große Tor öffnete sich, und ich stand einfach nur da, mit einem alten Koffer in den Händen. Umgeben von hohen Mauern und Stacheldraht, dachte ich: Dies ist ein Gefängnis für Kinder, hier komme ich so schnell nicht wieder raus.

Ich trat zögerlich einen Schritt nach vorn. Jemand kam mir entgegen, schickte mich auf den Flur. Ich wusste nicht, wohin ich gehen sollte. Meine fragile Blase verlangte dringend nach einer Toilette, aber hier war keine. Endlich kam eine Erzieherin. Sie trug eine Uniform. Ich wollte sie fragen, wo sich die Toilette befand, bekam aber keine Antwort. Stattdessen schrie mich die streng dreinblickende Dame an und meinte, ich solle mich an eine Wand stellen. Eingeschüchtert, wie ich war, tat ich, was sie verlangte. Dabei kniff ich die Beine zusammen und stammelte einen undeutlichen Satz vor mich hin. „Aber ich wollte doch nur … ich meine, ich muss dringend auf die Toilette.“

Statt zu antworten, schlug die Erzieherin zu. Mit einem Bambusstock auf meinen Rücken. Ich klappte zusammen. Die Erzieherin hob abermals den Stock und schlug mich erneut. Und ein drittes Mal. Ich zitterte am ganzen Leib. Dabei spürte ich, dass ich nicht mehr einhalten konnte. Meine Notdurft lief in die Hose und auf den gebohnerten Fußboden. Dafür hagelte es weitere Schläge. Und damit war noch lange nicht Schluss. Die Erzieherin zog eine Schere aus der linken Uniformtasche, drückte mich brutal nach unten und schnitt mir die Haare ab. In Sekundenschnelle lagen meine schönen blonden Locken auf dem Boden – in meinem eigenen Urin. Und der Albtraum ging weiter. Ein männlicher Erzieher brachte mich in den Waschraum. So lief das hier. Die männlichen Erzieher kümmerten sich um die Mädchen und die weiblichen um die Jungs. Das war eine Frage der Würde. Sie sollte uns Neuankömmlingen genommen werden.

Der Waschraum war feucht und kalt. Ich fror und musste mich auch noch vor dem fremden Mann entkleiden. Ich wäre am liebsten vor Scham im Boden versunken. Der Mann schmierte mich mit einem groben Scheuermittel ein und steckte mich unter die kalte Dusche. Anschließend rieb und tastete er meinen kleinen, jungen Körper ab, ehe er mich in eine Zelle steckte. Ich fühlte mich hundeelend und trotz der Behandlung mit dem Scheuermittel schmutzig. Mein Körper brannte und schmerzte, und ich war allein. Alleingelassen von meiner Mutter, von meiner Schwester, von der ganzen Welt. Dazu befand ich mich in einer Hölle, die sich Spezialheim nannte. Was hatte ich nur verbrochen, dass man mich derart bestrafte?

Nach einer Ewigkeit öffnete sich die Tür.

Vielleicht brachte man mir endlich etwas zu essen?

Weit gefehlt.

Vor mir stand derselbe Mann, der mich vorhin gesäubert und abgetastet hatte. „Meldung machen!“, verlangte er von mir.

Ich verstand nicht sofort, was er wollte. „Wie, Meldung machen?“, fragte ich vorsichtig.

„Ich denke, du solltest bereits wissen, was das ist“, antwortete der Mann barsch.

„Ich weiß nur, dass ich wissen wollte, wo sich die Toilette befindet und dafür Schläge bekommen habe“, erwiderte ich kleinlaut.

Die Antwort darauf kam prompt und beinhart.

„ Hier wird nicht gefragt! Du hast zu warten, bis du Anweisungen von den Erziehern bekommst! Du gehörst zum ‚Strandgut der Gesellschaft‘. Du bist hier, um zu lernen, Anweisungen zu befolgen, dich ein- und unterzuordnen!“

Ich sank auf die harte Matratze und fing an zu weinen.

Wo war ich? Was passierte mit mir?

Bald darauf wusste ich es. Ich war in einer Disziplinierungseinrichtung gelandet, in der man mich fertigmachen und meinen Widerstand brechen wollte. Sowohl psychisch als auch körperlich. Und das alles zum Zweck der Umerziehung zu einer ‚sozialistischen Persönlichkeit‘.

Ich betrat den Gang, fragte mich, ob es nicht besser wäre, umzukehren. Der Gang war dunkel und roch nach Feuchtigkeit. Linker Hand befand sich der sogenannte Empfang. Hier hatte ich damals Meldung machen müssen, nachdem mich der Erzieher unsanft von der Matratze gestoßen hatte. Hier waren meine Daten aufgenommen worden.

Die Tür war morsch und stand halb offen. Ich stieß mit meiner Stiefelette dagegen. Sie öffnete sich sofort. Im Inneren des Raumes lag ein umgekippter Stuhl. Sein Metallrahmen war verrostet. Das Holzregal, in dem damals die Akten standen, lag zertrümmert und in allen Einzelteilen verteilt auf dem Boden. Daneben befanden sich mehrere vergilbte Blätter. Ich bückte mich und hob eins davon auf. Es war eine Seite aus einer alten Personalakte. Auf der Vorderseite stand der Name Magdalena Zorn mit Schreibmaschine geschrieben. Ich kannte keine Magdalena Zorn. Vielleicht war das auch nur ein Deckname. Ein Pseudonym für all die vielen Leidensgenossen, die man hier eingesperrt hatte.

Was wohl mit meiner Akte geschehen sein mag?

Ich wusste es nicht.

Natürlich lief ich davon. Einmal, als der Wäschewagen kam, gelang es mir, durch das geöffnete Tor zu verschwinden. Erst danach wurde mir bewusst, dass ich keinen einzigen Ort, keine einzige Person kannte, zu der ich gehen konnte. So versteckte ich mich eine Zeit lang in einer alten Scheune. Aber Hunger und Durst ließen nicht lang auf sich warten. Ich verließ mein Versteck und versuchte, auf den Hinterhof einer Bäckerei zu gelangen. Dabei schnappten sie mich und brachten mich in ein noch stärker gesichertes Heim. Hier gab es keine Schule, sondern nur Akkordarbeit nach Norm, und nach der Arbeit militärischen Drill auf dem Hof bis zum Zusammenbrechen. Noch schlimmer waren die Demütigungen durch Erzieher und höherrangige jugendliche Insassen. Ich hielt es nicht mehr aus, versuchte erneut, zu fliehen, doch der Versuch misslang. Jemand hatte meine Fluchtpläne verraten. Dafür bekam ich die schlimmste Strafe, die es gab: tagelange Einzelhaft in dem sogenannten Fuchsbau, einer winzigen, fensterlosen Zelle ohne Behälter für die Notdurft.

Oktober 2002
Oktober 2002

Den Fuchsbau gab es noch immer. Ich wusste noch ganz genau, wo er sich befand. Im Untergeschoss ganz am Ende des Flurs. Bis dahin schaffte ich es noch, dann musste ich mich übergeben.

Verdammt, was tat ich hier eigentlich? Was wollte ich mir beweisen? Dass mir die Vergangenheit nichts mehr anhaben konnte?

Ich blieb vor der kleinen Zelle stehen, betrachtete die schwere, massive Holztür. Sie war noch intakt, nur die Schlösser fehlten. In den Putz der Wände waren einzelne Worte und ganze Sätze eingeritzt. Ich wusste, was hier geschrieben stand. Es waren die verzweifelten Worte jener Insassen, die man hier eingesperrt hatte.

Wenn ich nur wüsste, wer mich damals bei den Erziehern verpfiffen hatte? Aber war das überhaupt noch wichtig?

Für die Missstände verantwortlich war auch die Hierarchie unter den Kindern. Natürlich war das von der Obrigkeit so gewollt. Die Kinder sollten gezielt gegeneinander aufgehetzt werden. Für kleinere Vergehen gab es Essensentzug. Dann wurde gesagt: „Ihr wisst ja, wem ihr das zu verdanken habt.“

Und dann rechneten die Kinder unter sich ab. An so manchem Morgen war ich mit einer aufgeplatzten Lippe oder einem blauen Auge aufgestanden. Und der Erzieher hatte noch hämisch gefragt: „Marie, bist du gefallen?“

Man versuchte mit allen Mitteln, die Persönlichkeit der Insassen zu brechen. Viele gingen an der unmenschlichen Behandlung zugrunde, ließen ihr Leben im Fuchsbau oder funktionierten danach genauso, wie es das System von ihnen verlangte. Für uns Mädchen kam ab einem bestimmten Alter noch eine ganz andere Gefahr hinzu: Vergewaltigung. Ich wurde innerhalb von fünf Monaten zehn bis zwölfmal vergewaltigt. Nicht von den Mithäftlingen, sondern von meinen Erziehern und vom Anstaltsdirektor, der auch noch stolz verkündete, man brauche in seinem geschlossenen Jugendwerkhof durchschnittlich drei Tage, um die Jugendlichen auf seine Forderungen einzustellen.

Wie ich sie alle hasste!

Oktober 1973
Oktober 1973

Mit fünfzehn wurde ich schwanger. Dieses Problem erledigte die Obrigkeit auf ihre Art und Weise. Ein sogenannter Facharzt stocherte so lange mit einem Kleiderbügel in meiner Gebärmutter herum, bis alles Mögliche aus mir heraus lief und ich glaubte, verbluten zu müssen. Aber ich überlebte. All die genannten Grausamkeiten und Repressalien vermochten meine Willensstärke nicht zu brechen, auch wenn mich der Hass auf das politische System und auf die Stasi beinahe wahnsinnig werden ließ. Nicht dass die Heimerziehung von der Stasi als ein vorrangiges Ziel betrachtet wurde, so wichtig war sie nun auch wieder nicht, aber dennoch existierte eine enge Zusammenarbeit zwischen allen Einrichtungen der Jugendhilfe und der Staatssicherheit. Informationen über die Spezialheime wurden akribisch gesammelt und ausgewertet. Bei Fehlentwicklungen und negativen Einstellungen zur DDR übernahm die Stasi die Ermittlungen. Inoffizielle Mitarbeiter kamen in der Jugendhilfe und Heimerziehung zum Einsatz.

Ich wuchs zu einem attraktiven Teenager heran, mit Rundungen genau an den Stellen, wo sie sein mussten. Mit festen Brüsten, vollen Lippen, einer schlanken Taille und Hüften, die sich mit einem provozierenden Versprechen bewegten. Mit sechzehn fing ich an, meine körperlichen Reize gezielt einzusetzen. Ich sammelte Kontakte und Informationen über Personen, die mir später einmal von Nutzen sein konnten. Mein erstes Opfer war Bertram König, ein junger Erzieher, der gerade seine Ausbildung absolviert hatte. Eines Abends klopfte er an meine Zellentür, wollte sich nach irgendetwas erkundigen. Er bekam keine Antwort. Unsicher blickte er auf seine Uhr, öffnete vorsichtig die vergitterte Tür und trat ein. Der Raum war dunkel. Mein Schatten näherte sich ihm.

„Bertram …“, flüsterte ich mit heiserer Stimme.

Er erkannte sie und drehte sich um. „Marie, ich möchte etwas mit dir besprechen.“

Weiter kam er nicht. Ich näherte mich ihm langsam und kam so nah, dass er sehen konnte, dass ich nackt war.

„Großer Gott“, Bertram verhaspelte sich. „Was ist …“

Ich nahm seine Hand und legte sie auf meine Brust. „Ich möchte, dass du mit mir schläfst.“

„Du? D… du bist doch noch nicht volljährig!“ Bertram war sichtlich überrascht. „Ich glaube, es ist besser, wenn ich jetzt gehe.“ Er trat einen Schritt zurück und wandte sich der Tür zu, aber ich ahnte, was er vorhatte.

„Geh nur weiter, und ich erzähle dem Direktor, dass du mich zwingen wolltest …“

„Das wagst du nicht …“

„Mach dich nur davon, und du wirst es erleben!“

Er hielt inne. Er wusste, wenn ich wirklich ernst machte, wäre seine letzte Stunde gekommen. Also versuchte er es auf die sanfte Tour. „Katharina, Kleines, sei doch vernünftig …“

„Ich mag es, wenn du mich Kleines nennst.“

„Jetzt hör schon auf, Katharina! Sei vernünftig! Der Direktor wird mich entlassen, wenn du ihm das sagst.“

„Ach was, der doch nicht.“

Er versuchte es abermals. „Ich bin doch erst seit Kurzem hier. Ich würde bei allen in Ungnade fallen.“

„Aber nein! Da waren schon ganz andere, vor dir …“

„Wie bitte?“

„Ach, nichts.“

Es war hoffnungslos.

„Was willst du nun wirklich von mir?“

„Dass du es mit mir tust.“

„Aber das geht doch nicht. Wenn der Direktor davon erfährt … er würde mich auf der Stelle hinauswerfen.“

„Ganz bestimmt nicht. Er muss ja auch gar nichts davon erfahren. Nur wenn du jetzt gehst, dann erzähle ich ihm, dass du es bei mir versucht hast und dann …“

„Marie, bitte nicht.“

Ich blickte ihn herausfordernd an. „Du hast keine andere Wahl, oder?“

Er starrte mich an, ich sah Panik in ihm aufsteigen. „Warum denn gerade ich, Katharina?“

„Weil ich dich mag. Du bist immer freundlich und nett zu mir.“ Ich nahm seine Hände und führte sie vorsichtig an meinen Schoß. „Siehst du, ich bin eine richtige Frau. Zeig mir, wie es ist. Lass mich fühlen, wie eine Frau liebt.“

Was konnte er anderes tun?

Ich führte ihn zu meinem Bett, half ihm sogar aus Hose und Shorts. Dann kniete ich mich vor ihm nieder und berührte seine Männlichkeit mit den Lippen, so, wie es mir die älteren Mädchen erzählt hatten. Er stöhnte auf. Kurz darauf nahm ich sein Ding ganz in den Mund.

Ich spürte, wie hart er war, ließ von ihm ab und legte mich auf ihn. Bertram schlang seine Hände um meinen Nacken und drang von unten tief in mich ein. Er spürte keinen Widerstand, sah mich erschrocken an, aber ich drückte mich noch enger auf ihn, während sich meine Hüften fordernd an die seinen pressten.

„Mein Gott, das ist umwerfend.“

Ich fühlte mich gut. Es kam mir so vor, als wäre ich dafür geboren. Instinktiv wusste ich genau, was ich zu tun hatte. Mein Körper übernahm allein die Initiative. Als es vorbei war, blieb ich noch ein Weilchen neben ihm liegen. „Und morgen machen wir es gleich noch einmal.“

Von diesem Zeitpunkt an war Bertram König mein Verbündeter. Durch ihn genoss ich Freiheiten, von denen meine Mitgefangenen nicht einmal zu träumen wagten.

Ich bekam gesonderte Essensrationen, Süßigkeiten und Obst, und ich durfte sogar ab und zu fernsehen. Zu diesem Zeitpunkt wurde mir klar, es waren nicht die Heime, in denen ich es nicht aushielt, es war das ganze Land.

In der Folgezeit lernte ich, wie der Hase lief, wurde abgebrühter und emotionslos. Ich nahm mir mehrere Liebhaber, von denen ich mir gewisse Vorteile erhoffte. Mit dem Erreichen der Volljährigkeit wurde ich aus dem Heim entlassen. Bei der Entlassung musste ich mich verpflichten, über das Erlebte zu schweigen. Das brachte das Fass zum Überlaufen. Ich hatte meinen Hass besiegt, ihn umgedreht, sogar Kraft aus ihm gezogen, nur, um meine ganz persönliche Rache zu nehmen. Meine ersten Schritte in Freiheit führten mich nach Wolfersdorf und danach direkt zu den Sowjets.

September 1976
September 1976

Das Gebäude der Besatzungsbehörde in Berlin Karlshorst sah ganz anders aus, als ich erwartet hatte. Ich hatte angenommen, das Hauptquartier der russischen Staatssicherheit wäre in einem historischen Prachtbau untergebracht. So etwas wie das alte Bankgebäude mit seinen kunstvoll gemeißelten Pfeilern, die den Platz zweier Ladenfronten auf dem Alexanderplatz einnahmen, doch dem war nicht so.

Die Dienststelle der sowjetischen Staatssicherheit befand sich in einem rechteckigen Gebäudekomplex, dessen Mittelbau über einen erhöhten Sockel mit Kellerfenstern verfügte. Darüber streckten sich vier Vollgeschosse in die Höhe und mündeten in ein leicht geneigtes und deutlich über die Fassade reichendes Flachdach. Der mit einer Sicherheitsschleuse versehene Eingang im erhöht liegenden Erdgeschoss war über eine Freitreppe zu erreichen. Auch wenn dieser Komplex den Charme anderer historischer Gebäude vermissen ließ, so war er dennoch ziemlich beeindruckend.

Ich stand vor dem Tor und wusste nicht so recht, was ich tun sollte. Ein Wachsoldat in dunkelgrüner Uniform trat aus einem der kleinen Kontrollhäuschen, sah mich und kam auf mich zu. Als er beinahe vor mir stand, bemerkte ich sein ernstes Gesicht.

„Sie wünschen, bitte?“

Ich versuchte, meine Nervosität zu unterdrücken, und setzte eine Unschuldsmiene auf. „Ich möchte jemanden vom KGB sprechen.“

Der Soldat musste offensichtlich an sich halten, um nicht gleich laut loszulachen. „Hören Sie, Kindchen. Das hier ist das Hauptquartier der sowjetischen Besatzungsmacht. Von einem KGB weiß ich nichts. Zu wem genau möchten Sie denn?“

Ich sah ihn ratlos an. Das war schon mal schiefgegangen. „Leider ist mir hier keine bestimmte Person bekannt. Ich weiß nur, dass ich mit jemanden vom Geheimdienst sprechen möchte.“

Der Uniformierte schenkte mir ein breites Grinsen. „Ich glaube, Sie gehen zu oft ins Kino. Wenn Sie nicht wissen, zu wem Sie wollen, darf ich Sie nicht hineinlassen.“

Mein Mut fiel wie ein Kartenhaus in sich zusammen. „Aber es ist dringend.“

„Nun kommen Sie mal runter, gnädiges Fräulein. Ich habe die Order, hier niemand Unbefugten passieren zu lassen, und Befehl ist Befehl. War mir eine Ehre.“ Der Mann hob seine Hand zum Gruß und ließ mich einfach vor dem Tor stehen.

Und jetzt? Ich glaube, ich war ein wenig blauäugig, zu denken, ich könnte einfach so in das Gebäude der sowjetischen Staatssicherheit hinein marschieren und irgendwer würde sich schon um mich kümmern.

Ich überlegte, was ich tun konnte, wandte mich zum Gehen, zögerte und blieb wieder stehen. In diesem Moment näherte sich eine schwarze ZIL Limousine dem großen Tor. Der Wachsoldat nahm Haltung an und grüßte formell. An der Limousine wurde ein Seitenfenster heruntergelassen. Jetzt trat der Soldat näher an den Wagen heran. Seine Mimik entspannte sich. Anscheinend kannte er die Insassen.

„Hallo Ivan. Na, schiebst wohl eine ruhige Kugel heute, was?“

„In der Tat. Ist nicht viel los heute, Genosse Oberst.“

„Na, ist doch besser als umgekehrt.“

„Das stimmt, Genosse Oberst. Aber gerade ist mir etwas Komisches passiert. Kommt doch die Kleine, die da hinten steht, zu mir und sagt, dass sie zum KGB will. Ich habe mir fast in die Hose gemacht vor Lachen.“

Der Oberst beugte sich aus dem Fenster. Seine Augen folgten Ivans Blickrichtung. Und dann sah er mich. Ich stand einfach nur da, rührte mich nicht und bestaunte die glänzende Limousine.

„Na, die ist vielleicht einfältig. Hat sie gesagt, was sie von uns will?“

„Nein, sie meinte nur, es sei sehr wichtig. Aber zu wem sie wollte, konnte sie mir nicht sagen, und da habe ich sie natürlich auch nicht passieren lassen. Schließlich kenne ich die Dienstvorschriften.“

„Hm … gut. Aber sieht doch ganz manierlich aus, das junge Fräulein. Ich sehe sie mir mal etwas genauer an.“ Der Mann bewegte seinen Oberkörper nach vorn, um sich weiter aus dem Fenster lehnen zu können. „Hey, Sie, kommen Sie doch mal her.“

Ich starrte noch immer auf den glänzenden Wagen, meine Gedanken waren bereits ganz woanders. Erschrocken zuckte ich zusammen, als ich merkte, dass ich angesprochen wurde. Wie in Trance bewegte ich mich auf die Limousine zu. Ein älterer Herr mit grauem Haar und einem großen Schnauzbart lächelte mich freundlich an. Er war der Typ Vater, den ich gern gehabt hätte.

„Ich höre gerade, Sie möchten jemanden von der Botschaft sprechen?“ Er bluffte.

„Äh, nein, eigentlich möchte ich zu jemandem vom Geheimdienst KGB. Leider kenne ich mich hier nicht aus, und der Wachsoldat will mich nicht so einfach in das Gebäude lassen.“

„Um was geht es denn? Kann ich etwas für Sie tun?“

„Nun ja, ich dachte …, ich wollte …“

Der Mann wurde ungeduldig. „Was denn nun, junges Fräulein, zu wem wollten Sie?“

„Äh … ich weiß nicht so recht, nur dass …“ Mein Gestammel ging mir selbst auf den Geist.

Die Miene des Mannes wurde wieder ernst. „Also gut, haben Sie irgendwelche Referenzen?“

Mit fiel etwas ein. Bluffen konnte ich auch. „Ich komme von Oberstleutnant Gregori.“

Die Miene des Mannes erhellte sich. „Ah, der Genosse Theo Gregori. Der ist mir bekannt. Also schön, was haben Sie auf dem Herzen?“

„Soll ich das hier draußen mit Ihnen besprechen, einfach so?“

„Wie bitte? Ach so. Aber nein. Kommen Sie, steigen Sie ein. Haben Sie schon einmal in einem ZIL gesessen?“

„Nein.“

Die Fahrertür öffnete sich, der Chauffeur stieg aus und bequemte sich dazu, mir die linke Seitentür zu öffnen. Ich staunte nicht schlecht, als ich den Luxus im Inneren des Fahrzeugs sah. Da war ein Telefon, eine Trennscheibe aus Glas, sogar eine kleine Bar und Chromleisten, so weit das Auge reichte. Mit einem Seufzer ließ ich mich auf die bequemen Polster fallen. Hinten auf der Rückbank saß noch ein Mann. Auf einmal richteten sich sechs neugierige Augenpaare auf mich.

„Na, dann erzählen Sie mal!“

Ich bemerkte erst jetzt, dass der Mann mit dem Schnauzbart eine Uniform trug, an der mächtig viel Lametta baumelte. Dann erzählte ich ihm meine Geschichte.

„Also, mein Name ist Katharina Böhm. Ich meine, ich besitze einen deutschen Pass, der auf diesen Namen ausgestellt ist. In Wirklichkeit stammt meine Familie aus Russland, zumindest mütterlicherseits. Meine Großmutter wurde in Bolschaja Poljana, dem früheren Paterswalde geboren. Das ist ein kleines Dorf in der Oblast Kaliningrad. Sie nannte mich immer Marischka. Meine Familie ist damals aus Paterswalde geflohen, als die Faschisten kamen. An der Grenze hat man ihnen ein Dokument gegeben, aus dem hervorging, dass sie rassisch rein seien und im Großen und Ganzen dem deutschen Wesen entsprachen. Das Dokument war ausgestellt auf den Namen Böhm. Ich wurde am 10. Juli 1958 in Wolfersdorf geboren. Das liegt in Thüringen. Meinen Vater habe ich kaum gekannt. Er verschwand, als ich fünf Jahre alt war. Ich glaube, er ist in den Westen gegangen. Danach hat meine Mutter andere Männer kennengelernt. Die beschwerten sich immer über die Last der mitgebrachten Kinder. Wir waren zu zweit, müssen Sie wissen. Ich habe noch eine Zwillingsschwester. Der neue Freund meiner Mutter hielt es nicht lange bei uns aus. Danach kam wieder einer, und so ging das immer weiter, bis ich zehn war. Da steckte mich Mutter in ein Heim.“

„Ich verstehe. Wo sind Sie zur Schule gegangen?“

„In Wolfersdorf auf die Grundschule. Allerdings nur für drei Jahre. Danach folgten weitere drei Jahre sozialistischer Unterricht in einem Spezialkinderheim, inklusive gemeinsamem Zeitungslesen und FDJ-Abenden. Aber von dort bin ich dann abgehauen.“

„Was Sie nicht sagen. Wie alt waren Sie da?“

„Warten Sie. Das war im Jahr 1971. Ich muss damals dreizehn gewesen sein. Allerdings haben sie mich sehr schnell wieder geschnappt und in den Jugendwerkhof gebracht. Dort habe ich dann keinen regelmäßigen Unterricht mehr bekommen.“

„Sie haben sich also bewusst gegen das System gestellt?“

„Ach was, nein! Eine Verräterin bin ich nie gewesen. Das kommunistische System ist schon ganz in Ordnung, nur die ausführenden Personen sind unfähig und handeln aus niedrigen Beweggründen. Die meisten Erzieher sind nur daran interessiert, ihr eigenes Selbstbewusstsein an der Machtausübung gegen Wehrlose aufzurichten. Und daran möchte ich gern etwas ändern.“

Er sah mich fragend an.

„Sie meinen, Sie handeln aus echter Überzeugung?“

„Nun, der Genosse Oberstleutnant Gregori hat mir das wenigstens geglaubt. Wir haben uns im Jugendwerkhof in Wolfersdorf kennengelernt und viel miteinander gesprochen. Er wollte mich sogar in die Parteispitze mitnehmen, aber dann hat mich die Geheimpolizei abgeholt und mich nach Torgau gebracht. Nicht einmal der Genosse Oberstleutnant hat das verhindern können.“

„Ich verstehe. Bitte erzählen Sie weiter.“

„Der dortige Jugendwerkhof war die Hölle, und natürlich habe ich versucht, von dort auszubrechen, das gebe ich zu.“

„Was, schon wieder?“

„Ja, ich wollte zurück nach Wolfersdorf, aber sie haben mich nicht gelassen. Stattdessen haben sie mich in den Fuchsbau gesteckt. Sie wissen, was das ist?“

„Aber sicher. Das Konzept stammt von unserem Pädagogen Anton Semjonowitsch Makarenko. Übrigens eine sehr erfolgreiche Umerziehungsmaßnahme. Nun gut, aber irgendwann sind Sie dann entlassen worden?“

„Ja, als ich achtzehn wurde.“

„Und warum sind Sie nach Ihrer Entlassung nicht zurück in Ihre Stadt gegangen?“

„Ich bin dort gewesen, aber niemand von meiner Familie hat mehr in Wolfersdorf gewohnt. Meine Mutter nicht, und auch nicht meine Schwester. Ich weiß nicht, wo sie abgeblieben sind. Wahrscheinlich verschollen. Es gibt keinerlei Nachricht von ihnen.“

„Und was haben Sie dann getan?“

„Ich bin zurück ins Heim gegangen, doch der Oberleutnant war nicht mehr da. Man wollte mich auf irgendeine FDJ-Fakultät schicken, aber das habe ich abgelehnt.“

„Und dann?“

„Ich habe mir stattdessen ein Bahnticket nach Berlin gekauft, und jetzt bin ich hier. Vielleicht haben Sie irgendeine Verwendung für mich?“ Ich sah ihm in die Augen, war mir bewusst, wie das auf Männer wirkte.

Er blickte mich zunächst nachdenklich an, dann erschien prompt ein Lächeln auf seinem Gesicht. Er schob seinen Sitz nach vorn und reichte mir die Hand über seine Kopfstütze.

„Schön, ich bin Oberst Kurganow.“

Ich war baff. „Der Oberst Kurganow?“

„Ja, mit Leib und Seele. Vielen Dank, dass Sie zu uns gekommen sind, Fräulein Böhm. Aber jetzt müssen Sie gehen. Sie werden bald von uns hören. Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Tag.“

Das war alles? Ich war einigermaßen überrascht, doch die freundliche Art des Obersten beruhigte mich. Ich wusste, ich würde ihn bald wiedersehen, stieg aus dem Wagen, ließ einen letzten Blick durch den Innenraum schweifen und ging.

„Vielen Dank, dann bis bald, Genosse Oberst Kurganow.“

Er beobachtete, wie ich die Tür hinter mir schloss und sagte etwas zu seinem Sekretär, das ich nicht mehr verstehen konnte.

Oktober 2002
Oktober 2002

Trotz des beklemmenden Gefühls, das die finstere Umgebung des Fuchsbaus in mir auslöste, musste ich grinsen, als ich daran dachte, wie naiv ich mich damals bei den Russen angestellt hatte. Ich hatte tatsächlich geglaubt, ich könnte einfach so zum KGB marschieren und man würde mir mit Kusshand eine interessante Agententätigkeit anbieten. Obwohl, wenn ich recht darüber nachdachte, war es beinahe so gewesen, denn der Anruf aus Oberst Kurganows Büro kam genau zehn Tage später.

Oktober 1976

Oktober 1976

Die Hauswirtin, bei der ich wohnte, beobachtete mich argwöhnisch, als ich den Hörer entgegennahm. „Keine Männerbesuche“, hatte sie ausdrücklich betont, als ich mich bei ihr vorgestellt und nach dem Zimmer gefragt hatte. Es war winzig, aber billig. Also hatte ich es genommen. Auf eine Kontaktaufnahme seitens der Russen hatte ich bereits sehnlichst gewartet, aber dass die einfach bei mir anrufen würden, hatte mich doch überrascht. Woher die wohl die Telefonnummer meiner Hauswirtin hatten? Und überhaupt, wie konnten sie wissen, dass ich jetzt hier wohnte? Na ja, Geheimdienste wussten eben alles. Das beruhigte mich sogar.

„Fräulein Böhm?“

„Ja, am Apparat.“

„Bitte seien Sie morgen um 15:00 Uhr am Schloss Hohenschönhausen.“

„Wo?“

„Na, an dem alten Gutshaus, Hauptstraße 44.“

„Ja gut. Soll ich …?“

„Nicht am Telefon! Und seien Sie bitte pünktlich!“

Klick, aufgelegt. Schweißperlen bildeten sich auf meiner Stirn, aber ich wusch sie sogleich mit dem Handrücken trocken. Das waren Profis. Ich befand mich auf dem richtigen Weg.

Der nächste Tag kam, und ich fuhr mit dem alten verrosteten Fahrrad meiner Hauswirtin nach Hohenschönhausen. Ich schauderte, als ich an der Untersuchungshaftanstalt der hiesigen Staatssicherheit vorbeifuhr. Die hohen Mauern und Wachtürme erinnerten mich an Torgau. Damit wollte ich nie wieder etwas zu tun haben. Das Schloss lag in Alt-Hohenschönhausen. Ich lehnte das Fahrrad an eine der wuchtigen Mauern und wartete. Ein gelblicher Doppeldeckerbus fuhr an mir vorbei. Dann sah ich die mir bereits bekannte schwarze Limousine. Sie kam schnell näher und hielt vor mir an der Bordsteinkante. Der Chauffeur stieg aus und öffnete mir wieder die hintere Tür. Oberst Kurganow saß auf dem Beifahrersitz. Er grüßte freundlich. Mir fiel auf, dass er in Zivil war. Er trug einen hellen Mantel und einen schwarzen Hut.

„Ich komme direkt aus Moskau“, erklärte er mir.

„Alle Achtung, war es dort schön?“

„Und ob! Der Gorky Park, die Moskwa. Katjuscha und Kalinka … ein Gedicht.“

„Sie waren bei Ihren Töchtern?“

Der Oberst grinste über das ganze Gesicht. „Wie, Sie kennen Katjuscha und Kalinka nicht? Von wegen Töchter. Das sind russische Volkslieder. Sie müssen noch sehr viel lernen, mein Kind, wenn Sie eines Tages wirklich zu uns gehören wollen. Hier, ich habe Wodka mitgebracht. Mögen Sie einen Schluck?“

Er reichte mir die Flasche. Sie war in ein Zeitungsblatt der Neuen Zeit eingewickelt. Ich griff danach und führte sie an den Mund.

„Pajéchali, auf geht’s, Nastrovje.“

Ich ließ die klare Flüssigkeit durch meine Kehle laufen. Der Wodka brannte und kitzelte meine Magenwände. Ansonsten war er gar nicht schlecht. „Ah, das tut gut.“

„Nicht wahr? Ist einer der besten, den wir bei uns in Russland haben.“

„Moskau, da möchte ich auch gern mal hin …“

„Nun ja, vielleicht kann ich Ihnen sogar dabei behilflich sein. Möchten Sie noch einen Schluck?“

„Warum nicht?“ Ich spürte bereits die Wirkung des Alkohols.

„Mögen Sie Kaviar?“

„Ich weiß nicht. Ich habe noch nie …“

Der Oberst nahm eine kleine Blechdose und einen Silberlöffel aus dem Handschuhfach.

„Hier, probieren Sie, zur Feier des Tages. Aber Achtung, der schmeckt ein wenig salzig.“

„Zur Feier des Tages? Haben wir denn etwas zu feiern?“

„Ja, das haben wir. Ich habe mich in Moskau für Sie starkgemacht. Aber zuerst verlangt man natürlich einen Beweis Ihrer Loyalität.“

Damit wusste ich nichts anzufangen. Ich zerkleinerte den Kaviar mit den Zähnen und schluckte ihn hinunter. Er schmeckte tatsächlich salzig. An die russischen Spezialitäten musste ich mich erst noch gewöhnen.

„Loyalität?“, fragte ich. „Wie kann ich die denn unter Beweis stellen?“

„Indem Sie für unsere Sache kämpfen.“

Ich blickte den Oberst ungläubig an. „Wo soll ich denn kämpfen? Der Krieg ist doch längst vorbei.“

„Ja, sicher ist er das, aber mit jeder neuen Nation, die sich aus dem Eis hervorwagt, mit jeder Wiederentdeckung alter Identitäten und Leidenschaften, mit jeder Auflockerung des alten Status Quo bekommen unsere Agenten haufenweise Arbeit. Wenn Sie nur einmal Ihre schönen blauen Augen öffnen, werden Sie erkennen, dass der imperialistische Feind uns stetig einkreist und bedroht. Aber wenn man die Gefahr erkennt, ist sie keine mehr, und das verdanken wir nur den wachsamen Augen unserer Spione. Wir haben in bösen Ländern gute Leute, die ihr Leben für unsere Sache riskieren. Hier, trinken Sie noch einen Schluck Wodka. Auf unsere lautlosen Helden!“

„Ja, hicks, auf die Helden.“

Ich war schon leicht beschwipst. So viel Wodka hatte ich noch niemals zuvor in meinem Leben getrunken. Dafür schien der Oberst umso nüchterner zu sein.

„Katharina, ich darf Sie doch Katharina nennen?“

„A… aber sicher, Genosse Oberst.“

„Also gut, Katharina, was würden Sie sagen, wenn Moskau auch Sie …?“

„Mich?“

„Wie ich bereits anfangs erwähnte, habe ich mich mächtig für Sie ins Zeug gelegt.“

„Aber wieso denn gerade für mich? Ich habe doch keinerlei Erfahrung?“

„Nun, ich habe denen erzählt, wie Sie bei uns aufgetreten sind, und glauben Sie mir, die in Moskau verstehen sich darauf, zu beurteilen, wen sie gebrauchen können und wen nicht. Sehen Sie sich das hier einmal an.“ Er griff in die Seitentasche seines Mantels und holte ein Schriftstück hervor.

Ich nahm es an mich und las.

Hiermit verpflichte ich mich zu vollkommener Loyalität dem sowjetischen Staat gegenüber. Des Weiteren werde ich strengsten Gehorsam leisten, sämtliche Aufträge befolgen, sowie alle Hemmungen und Scham über Bord werfen. Ich bin bereit, notfalls auch meinen Körper sowie mein Leben in den Dienst der Sache zu stellen.

Ich schluckte. Das war verdammt starker Tobak.

Oberst Kurganow reichte mir seinen Kugelschreiber. „Hier, unterschreiben Sie.“

Ich dachte nicht lange nach und unterschrieb. Was sollte ich auch anderes tun? Schließlich hatte ich den Stein ins Rollen gebracht und damit mein Schicksal herausgefordert.

Oberst Kurganow saß in seinem geräumigen Dienstzimmer und dachte über seine neuste Rekrutierung nach. Sie war ein Glücksfall. Hübsch, klug, ehrlich und unverbraucht. Er würde sie nach Belieben formen können. Sie war etwas anderes als diese Stümper, die die Rekrutierungen an Hochschulen normalerweise hervorbrachten. Wenn er nur an die letzte Veranstaltung dachte, die er in Leipzig organisiert hatte. Das sogenannte ‚Konfliktforschungsseminar‘ war ein großer Flop gewesen. Niemand hatte sich wirklich für sein Anliegen interessiert. Und dann stand da so ein Prachtmädchen quasi direkt vor seiner Haustür und fragte an, ob er eine Verwendung für sie hätte. Natürlich hatte er die. Er würde …

Das Telefon klingelte, und das penetrante Geräusch unterbrach seine Gedanken, auch wenn er den Anruf erwartet hatte.

„Boris?“

„Dobryy vecher, Juri. Hat alles geklappt?“

„Ja, sie hat unterschrieben.“

„Und jetzt?“

„Na, ich werde sie perfekt ausbilden lassen. Du weißt schon: Treffs, Mikrofone, Geheimschrift, Funk, Code, Fototechnik, das volle Programm. Die Kleine ist sehr begabt. An der werden wir viel Freude haben.“

„Und ideologisch?“

„Ich habe sie auf Herz und Nieren geprüft. Das Mädchen ist klasse. Sie hat Charakter, falls du verstehst, was ich meine.“

„Du meinst, sie hat Format?“

„Ja, und gute Umgangsformen. Sie ist wirklich ganz außergewöhnlich.“

„Wie alt ist sie eigentlich?“

„Gerade achtzehn geworden.“

„Was, noch so jung? Na, in dem Alter stellt man sich unsere Tätigkeit noch als großes Abenteuer vor.“

„Na und? Ist es das etwa nicht?“

„Schon, aber nicht so, wie sie sich unsere Arbeit vorstellen wird. Glaub mir, sie träumt wahrscheinlich noch davon, sich im Kleiderschrank des Bundeskanzlers zu verstecken oder das Hauptquartier der amerikanischen Armee in die Luft zu sprengen.“

„Ach was. So naiv kann sie nicht sein. Wir sind doch hier nicht bei der RAF.“

„Das sagst du was. Andreas Baader, Gudrun Ensslin, Jan-Carl Raspe sitzen schon längst in Stammheim, und Ulrike Meinhof weilt schon nicht mehr unter uns.“

„Das ist mir bekannt. Sie hat sich am 9. Mai in ihrer Zelle erhängt. Somit ist die gesamte Führungsmannschaft der RAF ausgeschaltet.“

„Und dafür haben sie sich 1970 extra in Jordanien ausbilden lassen. Aber es gibt doch sicher eine Nachfolgeorganisation?“

„Sicher, die gibt es. Nennen sich ‚Die zweite Generation‘. Da hatten sogar unsere Jungs die Finger mit im Spiel. Wusstest du, dass sie aus dem 1970 gegründeten Sozialistischen Patientenkollektiv entstanden ist?“

„Mein Gott, Juri, was für ein Wort. Ne, das wusste ich allerdings nicht. Wer ist denn dabei?“

„Zwei Typen namens Haag und Mayer sollen die Anführer sein.“

„Ist mit denen etwas anzufangen?“

„Keine Ahnung. Unsere Leute versuchen gerade, einen Kontakt herzustellen, was sich allerdings als sehr schwierig erweist. Die beiden sind äußerst misstrauisch.“

„Verstehe. Also was ist nun mit der Kleinen? Ist sie naiv oder nicht?“

„Ich denke schon. Immerhin hat sie einen unserer Wachsoldaten nach dem KGB gefragt.“

„Ich würde sie mir ja gern selbst ansehen, aber leider schaffe ich es nicht, von hier wegzukommen. Du weißt schon, das Z. K. bereitet gerade die große Militärparade vor. Da brauchen sie jeden Mann.“

„Kann ich mir vorstellen.“

„Also, du willst sie ausbilden und dann als Kundschafterin nach Westdeutschland schicken?“

„Als einfache Kundschafterin? Ich weiß nicht. Ich glaube nicht, dass sie davon sehr begeistert sein wird.“

„Nicht? An was hast du dann gedacht?“

„Daran, dass sie einmal einen prima Führungsoffizier abgeben würde.“

„Was, du willst sie Führungsaufgaben übernehmen lassen?“

„Später einmal wird sie bestimmt so weit sein.“

„Das verstehe ich nicht. Solch einen Posten muss man sich doch erst erarbeiten. Führungsoffiziere werden nur unsere besten Leute. Sie hat noch nichts für uns geleistet! Warum setzen wir sie nicht erst einmal als Lockvogel ein? Auf dem Foto, das du mir mitgebracht hast, sieht sie ja ganz passabel aus. Typ Unschuld vom Lande, na, du weißt schon, auf so etwas fliegen die Männer.“

„Du wohl auch, was?“

„Aber natürlich. Jedenfalls weiß ich, wovon ich spreche.“

„Alter Schlawiner … obwohl, darüber habe ich auch bereits nachgedacht, nur eigentlich bräuchten wir dringenden Ersatz für Werner Metzger. Du weißt schon, unser Agent, der bei einem Autounfall ums Leben gekommen ist. Die Sache hat ziemlich viel Staub aufgewirbelt. Besonders, als die im Westen das mit der doppelten Identität geschnallt haben. Dabei war seine Identität hervorragend. Nun ja, sei’s drum. Wir müssen nach vorn blicken, müssen unsere alten Träume in den Köpfen junger Leute entfachen und uns am Feuer ihrer Jugend wärmen.“

„Das hast du aber schön gesagt, Juri. Bist du unter die Poeten gegangen?“

„Nein, ich bin mit Leib und Seele Geheimdienstler, das weißt du doch.“

„Na gut. Den Agentenjob können auch andere erledigen, denn wenn die Kleine ihre Sache gut macht, dann werden wir alle davon profitieren.“

„Du meinst also, Anika soll sie mal unter ihre Fittiche nehmen?“

„Kann jedenfalls nichts schaden. Die bringt ihr die richtigen Kniffe bei, und ich übernehme alles Weitere. So bekommen wir eine neue ‚Schwalbe‘, die bereit sein wird, ihren Körper als Waffe einzusetzen. Na, was meinst du?“

„Klingt gut. Wir schicken sie nach Westdeutschland. Dort kann sie sich erst einmal bewähren und sich die ersten Sporen verdienen. Ich möchte jedenfalls nicht, dass sie ein anderer Verein bekommt.“

„Denkst du dabei an das Ministerium für Staatssicherheit?“

„Unter anderem.“

„Ach was, das kommt überhaupt nicht in Frage. Nur was, wenn sie überläuft und auspackt?“

„Nie im Leben! Wenn ich mit ihr fertig bin, kenne ich sie besser als sie sich selbst. Glaub mir, sie ist die Beste, die ich jemals bekommen habe. Wir müssen ihr nur das Gefühl geben, dass wir sie anerkennen und dass sie eine von uns ist. Eine Soldatin, die sich für das Wohl ihres Vaterlandes einsetzt. Dann können wir alles von ihr haben.“

„Bist du sicher? Sollen wir sie nicht erst einmal tote Briefkästen leeren lassen?“

„Aber Boris!“

„Ist ja schon gut, Juri. Ich kann das sowieso nicht allein entscheiden. Die Entscheidung, ob jemand an der umfangreichen Ausbildung teilnehmen darf, trifft einzig und allein das Präsidium.“

„Von dem du ein wichtiger Teil bist. Du könntest zumindest ein gutes Wort für sie einlegen.

„Also gut, ich werde sehen, was ich tun kann. Das MFS bekommt sie jedenfalls nicht!“

„Do svidaniya.“

Kapitel 2
April 1977

Als im April 1977 in Karlsruhe der Generalbundesanwalt Siegfried Buback, sein Fahrer Wolfgang Göbel und der Leiter der Fahrbereitschaft der Bundesanwaltschaft Georg Wurster von einem Motorrad aus in ihrem Auto erschossen wurden, hatte ich es geschafft, eine waschechte Spionin zu werden. Wir waren die heimlichen Helden, hatten alles, was wir brauchten: einen bösen Feind, nachsichtige Verbündete, eine brodelnde Welt. Es ging darum, die Menschheit vor ihren eigenen Exzessen zu schützen. Wir hatten einen sehr gefährlichen Planeten geerbt.

Die Ausbildung dauerte sechs Monate. Gleich in der ersten Woche bekam ich einen Decknamen und einen Lehrplan. Alles war neu und verwirrend. Abends in einem Bistro probierte ich meine neue Identität aus, den neuen Namen, und verquatschte mich prompt nach ein paar Minuten. An den Namen ‚Larissa Orloff‘ musste ich mich erst noch gewöhnen, aber Fehler konnte man nicht verhindern. Die Frage war halt, wie man damit umging – indem man improvisierte. Wenn man darüber nachdachte, was man gelernt hatte, dann hatte man schon verloren. Und man durfte keine Angst haben. Ängstliche Menschen lernten nie etwas, hatte ich mal irgendwo gelesen. Die neue Identität musste so nah wie möglich an der Wirklichkeit sein. Ansonsten verstrickte man sich viel zu schnell in Widersprüche. Agenten waren eben keine Schauspieler!

Vier Wochen lang wurde ich alias Larissa Orloff in die Organisation und in die einzelnen Abteilungen des KGB eingewiesen. Fünf Monate lang brachte man mir bei, wie man konspirativ fotografierte, tote Briefkästen und Verstecke für geheime Nachrichten anlegte, wie man Kontaktberichte verfasste und bei den Chefs Geld für verdeckte Operationen beantragte. Außerdem bekam ich Unterricht in Staatsrecht, internationaler Politik und Psychologie.

Wie erkannte man, wenn jemand lügt? Das war eine der Fragen, um die es ging. Und eine, auf die es offenbar trotz aller Forschung keine eindeutige Antwort gab. Nebenbei lernte ich Sprachen. Russisch war Pflicht, Englisch fand ich spannend. Die Schule, auf die man mich zeitweise schickte, hatte etwas von einem alten Schullandheim der Sechzigerjahre. Es gab eine Kegelbahn, einen Aufenthaltsraum, Schlafräume und einen Hörsaal. Alles lag dicht beieinander. Morgens, wenn ich ins Bad ging, schlurfte mein Professor oder einer der Dozenten im Bademantel über den Gang. Man musste sich mit den anderen unterhalten, ob man wollte oder nicht. Ich war von Menschen umgeben, die sehr akribisch waren, und das entsprach genau dem, was mir gefiel und was ich mir aneignete.

„Larissas Präzision ist eine Waffe“, hatte einmal ein Kollege gesagt, und ein anderer hatte bestätigt: „Ja, sie ist beeindruckend. Aber mit der darfst du nicht verheiratet sein, da hast du nichts mehr zu melden.“

Dem KGB war das egal. Den hohen Genossen interessierte es nicht, ob jemand mit ihren Agenten verheiratet sein wollte. Sie wollten nur die besten Leute in ihren Diensten sehen. Ansonsten entsprach der erste Teil der Ausbildung genau meinen Vorstellungen. Er ähnelte den Handlungen aus den Agentenfilmen im Fernsehen, die sich die Leute immer ansahen. Nervtötend war allerdings die bürokratische Trägheit des Verwaltungsapparates. Es dauerte ewig, bis ein Bericht freigegeben wurde. Hierarchie hoch, Hierarchie runter, erneut Überarbeiten. Dann alles wieder von vorn tippen. Ich war erst zufrieden, wenn ich nach einer Recherche ein gutes Lagebild anbieten konnte. Ich schrieb Berichte, die durch viele Hände gingen. Jeden Tag arbeiteten Dutzende Agenten an solchen Berichten. Sie schrieben Tagesberichte, Wochenberichte, Monatsberichte, Meldungen, Warnungen, verbrauchten eine Unmenge an Papier, je nachdem, wie vertraulich das Material war. Von dem, was sie schrieben, kam ein Bruchteil dort an, wo es tatsächlich hingehörte – in die Politik. Das war manchmal frustrierend, aber man musste mit dem Abenteuer und mit der Bürokratie klar kommen. Es war nicht immer einfach, zu verstehen, wie beides zusammengehörte, aber mit der Zeit würde ich es lernen. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich keinen festen Freund. Hätte ich einen gehabt, ich hätte ihm niemals erzählen dürfen, wer mein Arbeitgeber war. Eine Legende, ein erfundenes Leben war für mich ein Schutz, aber halt auch eine Lüge, und den Menschen zu belügen, den man liebte, das ging nicht. Sobald jemand in mein Leben trat, würde ich es melden müssen. Der KGB würde entsprechende Untersuchungen anstellen. Das bedeutete, ich durfte nichts mehr zu Hause auf dem Schreibtisch liegen lassen. Nichts Persönliches, nichts Berufliches, keine Kontaktliste, keinen Kalender, in dem stand, wo ich wann war und wen ich getroffen hatte. Ich versuchte, vorsichtig zu sein, aber nicht übervorsichtig. Ich wurde schnell misstrauisch, wenn Typen zu viel fragten. Ein Mann, der zu viel redete, war nichts für mich. Kollegen, die zu viel redeten, waren auch nicht mein Ding. Das Zauberwort hieß Verschwiegenheit. Darum allein drehte sich beim Geheimdienst alles. Am Ende meines Einführungslehrgangs war ich bereit, die Welt zu retten, und wenn ich sie von einem Ende zum anderen hätte ausspionieren müssen. Überall drohte die imperialistische Gefahr, und ich war bereit, es mit ihr aufzunehmen.

Der zweite Teil meiner Ausbildung umfasste einen Punkt, der in meinem Vertrag als Kleingedrucktes aufgeführt war und den ich bereitwillig unterschrieben hatte: Alle Hemmungen und Scham sind über Bord zu werfen, und auch der eigene Körper soll in den Dienst der Sache gestellt werden. Das betraf die ganze Skala weiblicher Persönlichkeit, von der geistig-kulturell hochstehenden wissenschaftlich gebildeten Frau über die elegante-charmante Gesellschafterin, die geachtete Kollegin bis zur vermeintlichen Partnerin, die mit ihrem bezaubernden Liebreiz lockte und intime Abenteuer versprach. Entsprechend lasen sich die Protokolle über Anwerbungsgespräche und Leistungsbeurteilungen von KGB-Schwalben, die für die gezielte Vorbereitung ausgewertet wurden. Dabei ergaben sich folgende Frauentypen:

Typ 1 – Die Chefsekretärin: steht auf finanzkräftige Männer, sehr gute äußere Erscheinung, macht auf unnahbar, luxuriös und exquisit. Sie ist dezent-berechnend, hochwertig gekleidet, feiert Partys, gibt sich tolerant und weltoffen.

Typ 2 – Die unabhängige Frau: 50 Jahre, alleinstehend; intime Verhältnisse zu diversen Kollegen, raucht, trinkt, lesbische Veranlagung.

Typ 3 – Die Blondine, gesellig, offenherzig, selbstbewusst, 35 Jahre, häufig wechselnder Geschlechtsverkehr, charmant, witzig, leicht ironisch, sie weiß, dass sie mit ihrer Art bei den Männern ankommt.

Typ 4 – Die Studentin: 20 Jahre, ledig; macht auf Männer einen starken sexuellen Eindruck. Sie ist gut aussehend, charmant, flirtet gern.

Typ 5 – Die Schülerin: jugendlich, 17 Jahre, festes Verhältnis zu einem geschiedenen Mann. Sie nimmt an Sexpartys teil, lässt sich von mehreren Jungen am Abend vernaschen, raucht, trinkt, liebt es, öffentlich unsittlich berührt zu werden.

Damit konnte ich noch einigermaßen umgehen, doch dann zeigte mir Anika, was weibliche Intuition und sexuelle Erfahrung zu bewerkstelligen vermochten. Anika war eine alternde Blondine mit einem unförmigen Po, schweren Brüsten und langem Haarzopf. Sie hatte den Zenit ihrer Jugend schon lange überschritten, dafür war sie sexuell erfahren und mit allen Wassern gewaschen. Sie führte mir eine ausgewählte Serie an Pornofilmen vor, die zeigten, wie professionelle Frauen jeglichen Wunsch ihrer männlichen Kunden erfüllten. Ich war gewiss nicht prüde, aber die Filme schockten mich. Zum ersten Mal begann ich zu begreifen, auf was ich mich eingelassen hatte. Ich erfuhr von sexuellen Praktiken, deren Existenz ich mir vorher nicht einmal in meinen kühnsten Träumen hatte vorstellen können. Anika gab mir eine Tonbandaufnahme, in der sie mir Instruktionen gab, wie ich mit den Männern umzugehen hatte. Diese Instruktionen klangen wie Grundregeln für die weibliche Kunst des Verführens oder wie Pflichten, die eine devote Frau zu erfüllen hatte.

Berühre ihn mit den Händen, gleite unter sein Hemd, unter seinen Gürtel, fahre mit den Fingernägeln über seinen Brustkorb, seinen Bauch, seine Schenkel. Öffne seine Hose. Streife leicht über die Gegend seiner Geschlechtsteile. Zieh deinen Slip aus und hebe den Rock. Lass den Rocksaum über verschiedene Gegenstände gleiten, seine Arme, seine Beine. Zeig es ihm, wie du es dir machst. Fahre mit deinen Händen über deinen Körper, knie nieder, spreize die Beine. Stöhne und erkläre ihm, dass du es ganz allein für ihn machst. Beschreibe deinen Orgasmus. Frage ihn, was er gern mag. Ruf ihn an und sag ihm, dass du nackt auf der Couch liegst, ein Kissen zwischen die Beine geklemmt hast und mit dir selbst spielst. Bitte ihn, dich nicht so lange allein zu lassen.

Das KGB beauftragte seine Sex-Agentinnen, private Beziehungen mit ausgewählten Männern einzugehen. Zum Aufgabenbereich dieser Damen gehörten Sex, gemeinsame Aufenthalte im kapitalistischen Ausland oder in Städten der Nato-Staaten. Auf diese Weise gewann der sowjetische Geheimdienst Erkenntnisse über westliche Diplomaten, Journalisten und Wirtschaftsvertreter, die er als ‚operativ-interessante Ausländer‘ bezeichnete.

Aber noch war die Theorie eben nur Theorie, und ich hoffte inständig, gewisse sexuelle Praktiken niemals in der Praxis anwenden zu müssen.

Oktober 2002
Oktober 2002

Auf der anderen Seite des Fuchsbaus lagen die Waschräume und die Toiletten. Ich verließ den Ort, der mir die schlimmsten Qualen meines Lebens beschert hatte. Die Räume mit den sanitären Anlagen sahen genauso trostlos aus wie alles andere in dem ehemaligen Erziehungsheim. Die Metallteile waren stark verschmutzt, oxidiert oder lagen herausgerissen auf dem staubbedeckten Boden. Ich blickte auf die alten blassblauen Fliesen. Wie hässlich sie waren. Genauso hässlich wie das, was hier mit mir geschehen war. Genau an dieser Stelle war ich von einem der männlichen Erzieher unsittlich berührt und vergewaltigt worden. Noch nicht einmal in den Waschräumen hatten sie mir eine gewisse Intimsphäre zugestanden. Ich fühlte eine innere Leere in mir. Da war kein Gefühl mehr, einfach nur ein leeres Nichts. Ich hatte mich damals beinahe daran gewöhnt, missbraucht zu werden. Jetzt bedeutete es mir nichts mehr. Ich hegte keine Hassgefühle gegen meine Peiniger. Viel wichtiger war das, was danach kam – mein neues Leben im Westen.

Juli 1977
Juli 1977

Die ersten Gehversuche fielen mir schwer. Ich war eine gerade flügge gewordene Spionin, und Westdeutschland war halt doch ganz anders, als ich es mir vorgestellt hatte. Sicher, ich hatte durch Oberst Kurganow eine vorzügliche Ausbildung genossen, und danach hatte mir Anika gezeigt, wie ich auf die sexuellen Fantasien der Männer reagieren musste, doch die Realität sah zunächst ganz anders aus. Ich reiste über den Grenzübergang Heinrich-Heine-Straße in den Westsektor Berlins ein. Natürlich mit neuen Papieren, die erstklassig waren. Die Sowjets machten keine halben Sachen. Eine neue Identität besaß ich auch, und einen neuen Namen: Larissa Orloff. Dafür war ich extra mit meinem Betreuungsoffizier nach Kaliningrad gefahren, hatte mir jedes Dorf, jeden Hof und jede landschaftsspezifische Eigenschaft eingeprägt. Gemäß meinen neuen Dokumenten stammte ich aus Akulowo. Dort hatte es sogar mal eine Larissa Orlow gegeben, aber die war längst tot. Ich hatte ihr Grab auf dem kleinen Dorffriedhof gefunden. Alles Weitere hatte der örtliche Bürgermeister für mich arrangiert – unter anderem, meinen neuen Namen in sämtliche Register eintragen lassen. So war quasi aus dem Nichts eine neue Larissa Orlow alias Orloff als Tochter einer deutschen Landarbeiterin auferstanden. Mein Pass war so echt, wie er nur echt sein konnte. Das hatte ich wiederum einem von Oberst Kurganow im Polizeirevier Lichtenberg eingeschleusten Kontaktmann zu verdanken.

Von Westberlin aus fuhr ich mit dem Reisebus zu meinem ersten Einsatzort – nach München. Meine Aufgabe war schlicht und einfach. Ich sollte Westbürgerin werden und mich in die westdeutsche Gesellschaft integrieren. Neben meinem Pass bekam ich eine Geburtsurkunde, einen Taufschein, die Sterbeurkunde meiner Mutter, eine Arbeitserlaubnis und ein wenig Startgeld. Das war alles. Von nun an war ich auf mich allein gestellt. Das heißt, nicht ganz. Es gab noch den Betreuungsoffizier Ogoneck und die zweimal wöchentliche Kontaktaufnahme seitens der Russen mittels verschlüsseltem Funkspruch über Kurzwelle.

Ich kam in München an, als die zweite Generation der RAF den Vorstandssprecher der Dresdner Bank, Jürgen Ponto, ermordete. Dies geschah am 30. Juli 1977. Das RAF-Mitglied Susanne Albrecht war mit dem Bankier persönlich bekannt, sodass dieser sie in seinem Privathaus in der Oberhöchstadter Straße in Oberursel empfing. Susanne Albrecht, Brigitte Mohnhaupt und Christian Klar erschienen in Pontos Villa, um ihn zu entführen. Als sich Ponto zur Wehr setzte, schossen Klar und Mohnhaupt fünf Mal auf ihn, woraufhin er im Krankenhaus verstarb.

Die Zeiten waren unruhiger geworden. Etwas Unheimliches ging in Westdeutschland vor sich.

Ich saß ich in einem Café an der Pestalozzistraße und trank einen Kaffee. Draußen war es ungewöhnlich warm, oder kam mir das nur so vor, weil ich jetzt weit im Süden war?

Alles, was ich besaß, war meine neue Identität und einen alten Lederkoffer mit ein paar Habseligkeiten. Das war nicht gerade viel. Was ich jetzt am dringendsten benötigte, war eine Unterkunft und eine legale Arbeit.

„Am besten, Sie suchen sich etwas Öffentliches, wo Sie persönlichen Kontakt zu den Menschen bekommen, Katharina“, hatte mir Oberst Kurganow eingebläut.

Nun, der Oberst war weit weg, und ich hieß auch nicht mehr Katharina, sondern Larissa. Dafür musste ich mich ab sofort irgendwie allein durchbeißen. Und genau das tat ich, indem ich die Tageszeitung studierte. Am meisten interessierten mich die Kleinanzeigen. Bei den Arbeitsangeboten handelte es sich meistens um Vertretertätigkeiten beziehungsweise um Putzjobs. Das war nicht unbedingt das, was ich suchte. Ich blätterte gedankenversunken in der Zeitung, nippte an meinem Kaffee. Irgendetwas musste mir einfallen, und zwar schnell. Später war meine Tasse leer, ich stand auf und bezahlte das Getränk an der Kasse. Dann schlenderte ich zur Garderobe, nahm meine Strickjacke vom Haken und ging weiter in Richtung Ausgang. Da sah ich das Schild. Es hing im Schaufenster neben der Tür. Serviererin gesucht, stand da beidseitig in großen Lettern geschrieben. Ich machte auf dem Absatz kehrt und ging zurück zur Kasse. Die ältere Dame, bei der ich vorhin den Kaffee bezahlt hatte, lächelte freundlich.

„Haben Sie noch etwas vergessen, junges Fräulein?“

„Äh, nein, ich habe nur gerade das Schild im Fenster gesehen. Komisch, dass es mir nicht schon beim Betreten Ihres Cafés aufgefallen ist. Nun, ich bin neu in der Stadt und suche dringend einen Job.“

Der Gesichtsausdruck der älteren Dame veränderte sich. Reine Neugierde ersetzte die Höflichkeit. Trotzdem schien ihr zu gefallen, was sie sah. Ich musste einen adretten und gepflegten Eindruck auf sie gemacht haben.

„Und woher kommen Sie?“, lautete ihre erste Frage.

„Aus Berlin. Äh, Westberlin natürlich“, fügte ich schnell hinzu.

„Natürlich. Und Sie heißen?“

„Larissa Orloff.“

„Haben Sie schon einmal im Service gearbeitet?“

Ich beschloss, die Unwahrheit zu sagen. „Aber sicher! Ich habe mehrfach im vergangenen Sommer bei uns in den Biergärten ausgeholfen.“

„Und warum sind Sie weg von Berlin? Ich meine, eine so schöne große Stadt bietet doch sicher unzählig viele Möglichkeiten?“

Das genau war der Knackpunkt. Hier musste eine einfache, aber glaubhafte Antwort her. Die hatte ich parat. Ich erzählte ihr die Geschichte, die ich mir zurechtgelegt hatte. „Das hat eher persönliche Gründe, verstehen Sie? Ich habe mich von meinem Freund getrennt.“

Jetzt lächelte die ältere Dame wieder. „Ah, ich verstehe, Liebeskummer. Das tut weh, was? Na ja, ihr jungen Leute nehmt die Gefühlsangelegenheiten einfach viel zu ernst. Das Leben geht immer weiter!“

„Ja, schon, aber ich mochte einfach nicht mehr in der gewohnten Umgebung bleiben, wenn Sie verstehen, was ich meine.“

„Aber sicher, Kindchen. Luftveränderung, was? Und da haben Sie sich gerade München ausgesucht?“

Auch darauf wusste ich eine passende Antwort.

„Warum denn nicht München? Ich habe immer gehört, dass München eine fantastische Stadt sein soll, und dann die Nähe zu den Bergen. Ich liebe die Berge, müssen Sie wissen.“

„Wann können Sie anfangen?“

Diese direkte Frage hatte ich so nicht erwartet, aber anscheinend hatte ich die ältere Dame mit meinen Antworten zufriedengestellt.

„Von mir aus gleich morgen. Allerdings muss ich mich noch um eine Unterkunft bemühen …“

„Was, die haben Sie auch nicht?“

„Nein, ich habe Ihnen doch erzählt, dass ich gerade erst in München angekommen bin. Eine entfernte Tante von mir wohnt in Traunstein, aber das ist wohl zu weit, was?“

„Viel zu weit, Kindchen. Da können Sie sich auch gleich in Österreich eine Arbeit suchen.“

„O nein, vielen Dank, ich denke, ich möchte lieber hier in München bleiben.“

„Warten Sie mal, ich habe da oben noch eine Dachkammer frei. Die könnte Ihnen mein Mann ein wenig zurechtmachen. Ich meine, es ist nicht gerade eine Luxuswohnung, aber zum Schlafen reicht es allemal. Und wenn ich mich recht erinnere, steht da oben sogar noch ein alter Elektroofen herum, damit Sie es in den kälteren Jahreszeiten warm haben.“

Das war meine kleinste Sorge. „Passt schon!“

Ich brachte eine der Redewendungen an, die ich vorab einstudiert hatte. Innerhalb von ein paar Minuten hatten sich meine Probleme gelöst. Ich hatte einen Job und eine Unterkunft. Außerdem würde mir der Job als Kellnerin direkten Kontakt zu den Gästen ermöglichen.

Na, Genosse Oberst Kurganow, wie habe ich das gemacht?, dachte ich im Stillen.

Bereits am nächsten Tag begann mein neues Leben als Bundesbürgerin. Ich richtete mich in dem kleinen Dachgeschoss oberhalb des Cafés häuslich ein. Das war nicht weiter schwer, denn ich hatte ja kaum etwas mitgebracht. Trotzdem versuchte ich, es mir irgendwie gemütlich zu machen. Tagsüber ging ich meinem Job als Serviererin nach. Ich nahm meine Aufgabe sehr ernst. Am Anfang war ich noch unbeholfen, aber lernwillig. Und ich lernte schnell. Meine Chefin, Frau Obermayr, zeigte mir sämtliche Kniffe, die Frau brauchte, um den meist männlichen Gästen ein gutes Trinkgeld zu entlocken. Dabei kam mir mein angeborener Charme zugute, und nach ein paar Tagen ging mir die Arbeit wie von selbst von der Hand. Fast kam es mir so vor, als hätte ich in meinem noch so jungen Leben nie etwas anderes getan als Servieren. Neben Frau Obermayr arbeitete auch eine junge Auszubildende in dem Café. Sie hieß Sabine, war siebzehn, nur unwesentlich jünger als ich. Wir schlossen schnell Freundschaft. Sabine stammte aus München und wusste immer, wo etwas los war. So arbeitete ich mich immer mehr in die westdeutsche Mentalität ein. Das war beileibe nicht so schwer, denn der westdeutsche Kleinbürger liebte Geld, Fußball und Autos. Darauf ließ sich aufbauen …

War ich einmal nicht mit Sabine unterwegs, fing ich an, all das zu fotografieren, von dem ich glaubte, es könnte die Sowjets interessieren. Ich unternahm Ausflüge zu Kasernen und fotografierte militärische Einrichtungen, wann immer ich in ihre Nähe kam. Des Weiteren interessierte ich mich für industrielle Anlagen und Güter. Aus diesem Grund schloss ich mich sogar einer Gruppe ausländischer Investoren an, die verschiedene Betriebe besuchte. Nach zwei Wochen hatte ich meinen ersten Film voll. Mit einem gehörigen Gefühl von Stolz steckte ich die Filmrolle in den toten Briefkasten, den man mir zugewiesen hatte. Ich fühlte mich gut. Das war eine Tätigkeit genau nach meinem Geschmack. In der Zwischenzeit ließ mich Frau Obermayr sogar die Kasse machen. Ich hatte ihr Vertrauen gewonnen, erledigte meinen Job zu ihrer vollsten Zufriedenheit. Doch dann kam die bedenkliche Nachricht von meinem Führungsoffizier Ogoneck. Ich wurde zu einer Aktivität gebeten, bei der meine körperlichen Reize gefragt waren. Demzufolge hatte das KGB Akten über potenzielle männliche Opfer angelegt, die lange observiert worden waren und neben beruflichen und privaten Informationen auch deren bevorzugte sexuelle Praktiken enthielten. Es war im September 1977, als man mich in das Haus eines einflussreichen Industriellen schickte, wo an einem ganz bestimmten Tag eine ganz bestimmte Party stattfinden sollte.

Woanders in Deutschland erreichte der Linksterrorismus seinen Höhepunkt. Am 5. September 1977 wurde der Präsident des Bundesverbandes der Arbeitgeber, Hanns Martin Schleyer, in Köln entführt. Die vier Begleiter Schleyers wurden erschossen.

„Leopoldstraße“, verkündete der Taxifahrer mit schlaftrunkener Stimme. „Wir sind gleich in Schwabing.“

Ich öffnete meine Handtasche, nahm einen kleinen Taschenspiegel hervor und überprüfte mein Make-up. Alles war perfekt. Also legte ich den Spiegel zurück und zog stattdessen eine Maske heraus, die ich mir extra für diesen Abend zugelegt hatte. Keine zwei Minuten später waren wir am Ziel. Das Taxi hielt an einer Straßenecke. Ich bedankte mich bei meinem Chauffeur, bezahlte und stieg aus. Da war ich nun. Wie würde es jetzt weitergehen? Mit gemischten Gefühlen näherte ich mich dem Haus mit der Nummer 22 und betrachtete das Gebäude. Von außen wirkte es schlicht und einfach. Anscheinend wollte der Eigentümer kein großes Aufsehen erregen. Jetzt stand ich vor der Eingangstür und versuchte, meine Nervosität in den Griff zu bekommen. Dann betätigte ich die Klingel. Im Hintergrund ertönte ein tiefer Gong. Oberhalb der Tür bewegte sich eine Kamera. Während ich so dastand und wartete, erinnerte ich mich an das, was mir Anika beigebracht hatte. Das Opfer in ein Gespräch verwickeln, dem Mann schöne Augen machen und bereit sein, den eigenen Körper für den Erhalt wichtiger Informationen einzusetzen. Jemand betätigte die Sprechanlage.

„Das Kennwort, bitte“, sagte eine monotone Stimme.

„Adel verpflichtet.“

Die Tür öffnete sich, ich betrat das Haus und staunte. Das Innenleben war ganz anders, als man es aufgrund der äußeren Fassade erwarten durfte. Anscheinend hatte der Eigentümer die Ausstattung seinen extravaganten Wünschen angepasst. Allein die Ausmaße des Salons verschlugen jedem Besucher die Sprache. Mit mehr als hundert Quadratmeter Größe übertraf er alles, was die meisten bisher gesehen hatten. Eine exklusive Auswahl an Antiquitäten und teuren Teppichen auf blitzblank geputzten Marmorböden vermittelten den Eindruck von Wohlstand und Vermögen. Ich fühlte mich zunehmend wohler. Meine Nervosität war wie weggeblasen.

„Na, was haben wir denn da für ein hübsches Kätzchen?“ Es war eine angenehm männliche Stimme, die mich begrüßte.

Ich drehte mich um und blickte in das Gesicht eines Dobermanns. Es war natürlich eine Maske, sie gehörte zu meinem Gastgeber. Und sogleich stach mich der Hafer. Zum Dank für das Kompliment machte ich brav einen Knicks, wobei ich gleichzeitig meinen Mantel öffnete und kokett lächelte. „Ich hoffe, dieses hier wird Ihnen noch besser gefallen.“

Mein Gastgeber pfiff durch die Zähne und half mir aus dem Mantel. Darunter trug ich einen schwarzen hautengen Hosenanzug und rote Pumps mit hohen Keilabsätzen. Mein Gesicht hielt ich hinter einer Katzenmaske versteckt.

Meinem Gastgeber schien zu gefallen, was er sah. Er ließ ein weiteres Kompliment folgen. „Freut mich sehr, dass Sie kommen konnten. Sie sehen hinreißend aus.“

Er nahm mich bei der Hand und zog mich mit sich. Ich schaute mir alles genau an. Die Party war bereits voll im Gange. Die Gäste tanzten, tranken und flirteten, was das Zeug hielt. Ich sah, wie sich die ersten Pärchen bildeten. Auf einem Sofa verführten zwei Herren, maskiert als Helmut Schmidt und Franz Josef Strauß, eine Dame mit einer Maske von Margaret Thatcher. Ein Typ mit einer Ayatollah Khomeni-Maske filmte die ganze Aktion. Hinter dem Salon befand sich der berühmte Springbrunnen. Davon hatte ich bereits gehört, wusste sogar, was er beinhaltete – Fruchtbowle mit Zusätzen.

Ich hielt es für besser, bei Mineralwasser zu bleiben, denn ich wollte wissen, was ich tat, während ich über die frivole Menge staunte, die sich zusammengefunden hatte, um eine ausschweifende Party zu feiern. Ich spazierte weiter durch das Haus.

Hoffentlich ging das gut für mich aus.

Mein Gastgeber hatte überall Bildschirme aufgestellt, auf denen schmutzige Filme liefen, selbst draußen auf der Terrasse. Und wie selbstverständlich wurde der Fruchtbowlen-Springbrunnen häufig frequentiert. Ich schaute mich weiter um. Die meisten der Gäste standen bereits unter Alkoholeinfluss. Um eine gewisse Anonymität zu bewahren, trugen sie Masken. Dahinter konnte man sich so wunderschön verstecken, wenn man die Sau rauslassen wollte. Ich machte mir einen Spaß daraus, das Verhalten der Partygäste zu beobachten. Manch einer befand sich bereits im fortgeschrittenen Stadium. Ein Individuum mit einer Piratenmaske starrte mich an. Als ich in ein anderes Zimmer ging, schlich er mir nach und trat genau in dem Moment aus einer Ecke hervor, an der ich vorbeigehen musste. Er stand ganz plötzlich vor mir, als ich mich umdrehte. Durch die Augenschlitze der Maske konnte ich seine Augen sehen – hellblau und eiskalt. Wie grausig! Ich fröstelte. Schnell drehte ich mich um, hielt Ausschau nach jemandem, mit dem ich mich unterhalten konnte, aber da war niemand, der so war, wie ich es mochte – charmant und witzig.

Gegen 23:00 Uhr war ich die Einzige, die noch ohne fremde Hilfe aufrecht stehen konnte. Alle anderen hatten kräftig einen sitzen. Ein Mann mit einer Affenmaske lag tief schnarchend unter einem antiken Holztisch. Seine Hose war verschwunden, dafür hatte jemand sein bestes Stück rot angemalt. Ich musste grinsen, als ich sein kümmerliches Geschlechtsteil sah.

Die meisten der kostbaren Möbelstücke waren beiseitegeschoben worden. Überall standen halb volle Gläser und Becher mit Fruchtbowle herum. Reste von Gebäck und Lachsschnittchen schmückten sich mit Konfetti und Luftschlangen. In den Salatschüsseln schwamm alles Mögliche, nur kein Salat. Es sah aus wie flüssige Pizza. Ich hielt Ausschau nach meinem Gastgeber – ohne Erfolg. Anscheinend wollte er sich nicht finden lassen. Weitere geeignete Kandidaten gab es nicht. Entweder waren die Typen betrunken und vulgär, oder aber bereits besetzt.

Auch gut. So, wie die Dinge jetzt lagen, würde es heute wohl nichts werden mit Informationen.

Ich fand, dass der richtige Zeitpunkt gekommen war, um mich unbeobachtet aus dem Haus zu schleichen. Ich sah die beiden schmalen Türen, die dicht nebeneinanderlagen und von denen eine hinaus auf die Terrasse führen musste. Ich tat genau zwei Schritte auf sie zu, da spürte ich es. Von hinten senkte sich ein gewaltiges Gewicht auf mich. Hastig drehte ich mich um, nur um festzustellen, dass ein übergewichtiger Bursche mit einem Löwenkopf im Begriff war, sich um meinen Rücken zu schlingen.

„Hi, isch bin de Leo.“

Ich hatte alle Mühe, ihn von mir fernzuhalten, wollte ihn unbedingt loswerden. „Ich wollte gerade gehen, trinken Sie doch noch einen.“

Leo rülpste und lallte. „Isch will nischs su drinken. Nur ma so Hallo sagen. Du bisssu süß. D…das wollte ich dir nua sagen.“

„Vielen Dank.“ Ich versuchte weiterhin, den Löwen von mir abzuschütteln.

Der war gerade dabei, meinen Hals mit seinen Händen zu umklammern, was nicht gerade angenehm war. Ich krächzte ihm etwas ins Ohr in der Hoffnung, dass er verstand und dahin verschwand, wo er hergekommen war. „Ich glaube, du brauchst dringend etwas frische Luft, Leo!“

Tat er aber nicht, sondern klammerte sich noch fester an mich, während ich panisch versuchte, nach hinten auszubrechen. Durch den Mundschlitz sah ich seine sabbernde Zunge, die sich leicht nach außen schob, während er mich rückwärts auf die Veranda drückte. Ein eng umschlungenes Paar stand in der hinteren Ecke, fest an das schmiedeeiserne Geländer gepresst. Eine Frau hinter einer Vampirmaske kicherte und ließ ihre Hand im Hosenschlitz des Mannes verschwinden. Danach zog sie ihn mit sich in die Dunkelheit des anliegenden Gartens. Dort verwandelte sich der Klang des Kicherns allmählich zu einem Laut des Schleckens und Stöhnens.

„Willst du dich nicht setzen?“

In mir glomm eine gewisse Hoffnung, den Störenfried bald loszuwerden. „Nein!“

Leo zog mich zu sich hinunter, mit einer Kraft, die ungefähr dem Doppelten meines Gewichts zu entsprechen schien. „Isch will mit dir bumsen.“

„Äh, nun …“

Angesichts seiner geballten Unverschämtheit wollte ich gerade etwas erwidern, da sackte Leo plötzlich in sich zusammen, seine Arme rutschten von meinem Hals. Der Alkohol hatte ihm den Rest gegeben.

Gott sei Dank!

Ich versuchte erst gar nicht, ihn aufzufangen und vor einem Sturz zu bewahren, sondern lehnte mich erleichtert gegen das Geländer und atmete tief durch. Die Luft war klar und sauber, und es war immer noch warm hier draußen und allemal angenehmer als in der gerammelt vollen Bude mit dem Gestank nach Zigaretten, Schweiß und Alkohol.

Die hintere Tür quietschte, ich drehte mich um. Zum Glück war es nicht Leo, der sich erholt hatte, sondern ein weiteres Pärchen, das bis auf die Masken kaum noch etwas am Körper trug und ebenfalls in Richtung der schützenden Dunkelheit des Gartens verschwand. Meine Füße schmerzten fürchterlich in den neuen Schuhen mit den hohen Keilabsätzen, und so überließ ich Leo seinem süßen Schlaf mit den taufeuchten Träumen von wildem Sex und ging zurück ins Haus.

„Juhu, die Stripperinnen sind da!“

Auch das noch. Blieb mir denn heute gar nichts erspart?

Die erste Tänzerin, eine resolut wirkende Rothaarige mit einer Augenblende, begann sich hin und her zu schlängeln, während sie sich einiger unnötiger Kleidungsstücke entledigte. Als sie fast nackt war, setzte sie sich auf den Schoß eines männlichen Gastes und leckte an seinem Ohrläppchen. Während sie mit dem Po wackelte, zwang sie den Kopf des betrunkenen Mannes zwischen ihre Brüste, bog ihren Rücken durch und sprang nach hinten weg. Eine vollbusige Blondine wiederholte den Vorgang, beugte sich allerdings dabei so weit vor, dass ihre Brüste über sein Gesicht strichen. Der Mann versuchte, nach ihnen zu grapschen, war aber viel zu voll, um einen Treffer zu landen. Also versuchte er es erneut, grölte etwas in die Menge und schnalzte mit der Zunge. An dieser Stelle brachte jemand den Tänzerinnen Gläser mit Fruchtbowle, die sie rhythmisch wackelnd tranken.

Großer Gott! Brauchten Männer wirklich so etwas?

Ich drängte mich vorsichtig an der Meute vorbei, ging auf die Haustür zu und wurde prompt wieder aufgehalten. Diesmal war es der Hausherr persönlich. Er war mir gefolgt und bugsierte mich zurück in sein Haus. Er schien kein bisschen betrunken zu sein.

„Sie wollen doch nicht etwa schon gehen, hübsches Fräulein?“

„Ihre Party ist wirklich wunderbar, aber ich muss leider …“

„… etwas trinken!“ Schnell hielt er einen Becher in den Springbrunnen und stieß ihn mir entgegen, sodass etwas von der Flüssigkeit auf meine Seidenbluse schwappte. Dann hielt er seine eigene Tasse hoch, prostete mir zu und ließ das Zeug in seine Kehle laufen. Jetzt sah er mich lüstern an, nahm mich bei der Hand und zog mich mal wieder mit sich fort.

Der Raum, in den er mich brachte, sah aus wie die Bühnenaufmachung in einem nie enden wollenden Märchen. Dazu kam der penetrante Geruch nach Laster und Verderbnis. Wie viele Frauen vor mir mochten hier durchparadiert sein? Ich konnte es nur erahnen. Jedenfalls hatte jede das ihrige zu dem Geruch beigetragen.

Ich zog mich aus und harrte der Dinge, die auf mich zukommen würden. Zunächst geschah gar nichts. Ich wunderte mich über meine eigene Gelassenheit, während ich nackt und unbeweglich auf dem Bett lag und auf die über mir befindliche Decke blickte. In der waren acht Spiegelplatten eingesetzt. Der violette Samtüberwurf auf dem Bett vermittelte mir ein eigenartig prickelndes Gefühl. Es war ein Teil des fragwürdigen Vergnügens, dass ich noch vor mir hatte. An den Wänden hingen Poster von europäischen Großstädten und von exotischen Frauen. Sie waren alle nackt, so wie ich.

Mein Gastgeber hatte es keineswegs eilig. Er wartete gelassen ab, genoss den Anblick meines nackten Körpers. Erst nach einer Weile des Beobachtens griff er hinter sich, wo ein Wandbrett stand, auf dem ein Kästchen lag, das die Form einer Harfe hatte. „Ach ja, meine Süße, ich hab da noch was für dich.“ Er drückte mir das Kästchen in die Hand. „Mach auf!“

Ich zögerte einen Augenblick, wusste nicht, was ich davon halten sollte. Mein Gastgeber hinter der Dobermann-Maske nahm mir das Kästchen wieder ab, öffnete es und entnahm ihm einen Gegenstand, der eine gewisse Ähnlichkeit mit einem Hufeisen hatte. Ich staunte nicht schlecht. Was sollte das sein?

Er ließ das Ding zwischen seinen Fingern baumeln und gab mir durch ein Zeichen zu verstehen, was ich damit machen sollte. So langsam dämmerte mir, was es war. Zunächst zeigte ich jedoch keine Reaktion, sondern schaute meinen Gastgeber mit einem etwas ratlosen Gesichtsausdruck an. Dabei spielte ich ihm etwas vor. Er grinste, formte mit Daumen und Zeigefinger einen Ring und ließ den gabelförmigen Gegenstand hindurchgleiten. Jetzt musste ich ihm zu erkennen geben, dass ich wusste, was es war. Vorsichtig berührte ich die glatte Oberfläche.

„Oh … es ist kalt!“

Er grinste wieder. „Natürlich, im Augenblick schon.“

„Das ist ein Doppeldildo“, nicht wahr? Mit Befriedigung registrierte ich, dass meine Stimme völlig ruhig blieb.

Mein Gastgeber grinste noch immer. „Es wird dir gefallen, Schätzchen. Es ist außerordentlich interessant.“

„Wirklich?“ Ich war der Meinung, ich hätte bereits alles kennengelernt, aber das hier …

Er gab mir keine Antwort, gab sich völlig entspannt.

Offensichtlich wartete er auf eine Entscheidung, die nicht seine sein würde. Wieder sah ich ihn an, erkannte die Geilheit in seinen Augen. Dann setzte ich alles auf eine Karte. Mein Körper zitterte leicht, als ich mir die kalte Spitze des Dildos einführte.

Kapitel 3

Am nächsten Morgen klingelte in seinem Büro in Berlin Karlshorst das Telefon.

„Dobryy vecher, Juri, Sergej hier. Wie geht es dir?“

„Danke, am liebsten gut! Was kann ich für dich tun?“

„Ich rufe an, um dir zu sagen, dass die Kleine, die du mir gestern vorbeigeschickt hast, wirklich eine Wucht ist.“

„Ist das wahr? Das freut mich, zu hören. Ich hoffe, ihr hattet viel Spaß miteinander?“

„Worauf du dich verlassen kannst. Deine Larissa ist ein Naturtalent, mein Kompliment an deine Spürnase. Verrätst du mir, woher du sie hast?“

„Sagen wir, sie ist mir einfach zugeflogen, Sergej. Der Rest soll mein Geheimnis bleiben. Du bist also mit ihr zufrieden gewesen?“

„Absolut, Juri!“

„Dann kann ich sie also auch für richtige Aufgaben einsetzen?“

„Aber sicher! Sie hat den Test mit Bravour bestanden! Die kannst du überall einsetzen, glaub’s mir.“

„Das höre ich wirklich gern, Sergej. Mir hat sie auch direkt gefallen. Sie ist ein Glücksfall für uns. Jemanden wie sie bekommen wir nicht alle Tage.“

„Da ist was Wahres dran. Übrigens ist sie bei den anderen Besuchern meiner kleinen Party auch gut angekommen. Weil sie nicht prüde ist, sich aber eine gewisse Naivität bewahrt hat.“

„Nun, sie ist ja auch noch sehr jung.“

„Wie alt ist sie denn?“

„Neunzehn.“

„Oh, da habe ich sie ein wenig älter eingeschätzt. Vielleicht lag es an der Maske, oder am Make-up. Ihr Gesicht habe ich allerdings erst so richtig beim Sex gesehen.“

„Du alter Lüstling!“

„Ha, ha, ha … du wärst wohl selbst gern an meiner Stelle gewesen, was?“

„Kein Kommentar, Sergej.“

„Na ja, sie ist halt ein Klasse-Mädchen und ich freue mich, dass ich euch zu Diensten sein konnte. Immer wieder gern!“

„Ha, von wegen! Beim nächsten Mal schicke ich dir unsere gute, alte Anika vorbei.“

„O bitte nein, bloß das nicht!“

„Ist ja schon gut, du Schlawiner. Ich bedanke mich für deine Auskunft.“

„Nichts zu danken, Juri. Wie gesagt, ein Mädchen wie Larissa kannst du mir jederzeit vorbeischicken.“

„Lustmolch! Habe ich das nicht bereits gesagt?“

„So etwas Ähnliches, Juri. Mach es gut.“

„Do svidaniya.“

Alles war perfekt gelaufen. Die eigentliche Arbeit konnte beginnen.

*

Von dem Geld, das ich als Serviererin bekam, kaufte ich mir ein Kofferradio. Damit konnte ich die verschlüsselten Nachrichten der Russen bequem von meinem kleinen Dachzimmer aus über Kurzwelle empfangen.

„77203 – Achtung 77538 – Achtung 76326, 80348 …“, lauteten die Codes, die sie mir schickten und die ich entschlüsseln musste.

Dazu bediente ich mich einer bestimmten Tabelle mit Symbolen, die mir der Genosse Ogoneck mitgegeben hatte. Zugegeben, am Anfang kam mir das Gewühl aus Buchstaben und Zahlen noch reichlich verwirrt vor, aber mit der Zeit bekam ich den Dreh raus. Es war alles reine Übungssache, mehr nicht.

Am 13. Oktober 1977 wurde die Lufthansamaschine „Landshut“ entführt. Ein Kommando der mit der RAF kooperierenden palästinensischen Volksfront zur Befreiung Palästinas zwang das Flugzeug mit siebenundachtzig Menschen an Bord zum Flug nach Mogadischu in Somalia, um den Druck auf die Bundesregierung zu verstärken. Die Geiselnahme wurde am 18. Oktober 1977 gegen Mitternacht durch die GSG 9 der Bundespolizei gewaltsam beendet. Sechsundachtzig Geiseln wurden bei dieser Aktion befreit, und drei der vier Terroristen erschossen. Flugkapitän Jürgen Schumann war zuvor bei einem Zwischenstopp vom Anführer der Terrorgruppe erschossen worden. Wenige Stunden nach der Befreiung der Geiseln beging die inhaftierte RAF-Spitze kollektiven Selbstmord. Hanns Martin Schleyer wurde noch am 18. Oktober 1977 erschossen, als seine Entführer vom Tod der RAF-Häftlinge erfuhren. Seine Leiche wurde am 19. Oktober 1977 im französischen Mühlhausen aufgefunden.

In dieser turbulenten Zeit vergingen die Tage und Wochen wie im Flug. Der Winter kam, und ich versuchte, mein halbwegs normales Leben weiterzuführen. Ich schmückte die kleine Dachkammer von Frau Obermayr gemäß den festlichen Anlässen, stellte Kerzen und Weihnachtssachen auf. Außerdem hatte ich mir einen Adventskalender mit Schokoladenfüllung, einen einfachen Adventskranz mit Tannenzapfen und einen winzigen Weihnachtsbaum besorgt. Kleinbürgerlicher ging es schon bald nicht mehr. Tagsüber ging ich zum Servieren ins Café, abends traf ich mich mit Sabine. Sie kannte den neusten Tratsch und die Lokale, die gerade trendy waren. So erhielten die Sowjets gezielte Informationen direkt aus der Schickeria. Ich gab ihnen durch, wer sich wann und wo mit wem traf, und sie fügten diese Hinweise ihren Akten bei. Spuckten die dann ein neues potenzielles Opfer aus, war ich zur Stelle und stellte den Kontakt her. Dabei hielt ich mich stets an die Vorgaben, die ich von Anika bekommen hatte. Natürlich ging ich nicht gleich mit jedem Mann ins Bett. Zunächst ging es nur um die Kontaktaufnahme. Ich traf mich mit den Männern, verwickelte sie in unzählige Gespräche, versuchte, etwas herauszufinden, was meine Auftraggeber interessieren konnte. Ich ging ins Theater, ins Kino, in Bars, in Konzerte, in die Oper, zum Fußball und auf Messen. Ich war jung, liebte das Leben, genoss es in Saus und Braus. Die Männer waren großzügig und nett. Für mich war es eine Zeit voller neuer Eindrücke und Ideen. Ich war nicht prüde. Wenn mir ein Mann gefiel, dann nahm ich ihn mir. Danach bekam Oberst Kurganow seine Informationen und bedankte sich auf seine Weise – mit Geld und Geschenken.

Mit der Zeit spürte ich, wie langsam eine unheimliche Veränderung in mir vorging. Ich begann bei meinen heimlichen amourösen Abenteuern eine nie gekannte Lust zu empfindlich. Eine Lust, die sich im gleichen Verhältnis steigerte, in dem meine Angst abnahm. Wie eine Kartenleserin verließ ich mich auf die Zeichen, Symbole und körperlichen Reaktionen der Männer, mit denen ich zusammenkam. Mit einem einfachen, leichten Griff öffnete ich ihre Hosen, führte ihre Hände an meine Scham, ergötzte mich an ihrer Wollust, wenn sie mich berührten und spürten, dass ich vollkommen nackt unter meiner Kleidung war. Von meiner Blöße waren sie überrascht und angetan zugleich. Ich vermochte ihr Geschlechtsteil zu kontrollieren wie ein Formel-Eins-Fahrer seinen Rennwagen. Der männliche Phallus wurde zu meinem Spezialgebiet. Jedermanns Phallus, denn die meisten Männer, mit denen ich zusammen war, kannte ich nicht wirklich. Ich kannte nur das, was ich in meinen Händen hielt, kannte es besser als meinen eigenen Körper. Unter meinen weichen Händen wurden die Männer gefügig und erzählten mir ihre Geheimnisse.

„Die machen, was du willst, wenn du weißt, was sie wollen“, hatte Anika mir immer eingebläut, und genau so war es auch.

Im schwachen Licht einer Zimmerlampe wirkte mein Körper anziehend und geheimnisvoll. Er bot einen aufregenden Anblick. Ich zeigte ihn, um die Augen der Männer zu verführen und sie für ihre Geilheit zu belohnen. Doch bei der Vereinigung empfand ich weder Lust noch Mitleid. Ich tat es aus Überzeugung, wir würden einander geben, was jedem von uns fehlte. Glaubte der ausgewählte Mann dann, in mir die Partnerin seiner Träume gefunden zu haben, schnappte die Falle zu. Schnell wurde er eines Besseren belehrt, nämlich dass er von nun an keine andere Wahl hatte, als für das KGB zu arbeiten, wenn er nicht wollte, dass wir sein Sexualleben der Öffentlichkeit preisgaben. Nach außen hin blieb ich unverändert, in meinem Inneren jedoch wurde ich eine andere. Das, was ich lernte, war Folgendes: Geh mit den Männern genauso um, wie sie es mit dir tun würden. Durchschaue sie, lenke sie, werde eins mit ihnen, indem du zum Kern ihrer Sehnsüchte vordringst, der sich hinter der Leere ihres Seins verborgen hält.

Am 11. Mai 1978 wurden die RAF Terroristen Brigitte Mohnhaupt, Peter-Jürgen Boock, Sieglinde Hofmann und Rolf Clemens Wagner im jugoslawischen Zagreb verhaftet. Für mich erwachte im Frühling das Leben zu alter Gewohnheit. Die Morgen waren melancholisch schön. Die Sonne stand wie verschütteter Honig im Dunst über der bayrischen Hauptstadt. Frühling, das bedeutete saftiges Grün auf den Grasflächen, Blumen mit voll aufgebrochenen Knospen, Blätter, goldgrün wie alte Juwelen mit Smaragden, und junge Mütter mit Kinderwagen am Ufer der Isar. Ich liebte den Frühling.

Ogoneck setze mich auf einen prominenten Arzt an. Was mich hätte stutzig machen müssen, war die Tatsache, dass er mir zusätzlich eine Packung Stimmungsaufheller mitgab und dabei zweideutig grinste.

Ich traf den Arzt wie zufällig in seiner Mittagspause und verwickelte ihn in ein Gespräch.

„Im Frühling hat man das Gefühl, man könne die Landschaft, die Stadt, die Natur in den Körper eines jungen Mädchens stecken, bevor man mit ihr ins Bett geht“, sagte er. „So etwas nennt man Personifizierung.“

„Was Sie nicht sagen“, erwiderte ich. „Na, dann personifizieren Sie mich doch.“

Er grinste. „Sie wollen die Welt auffressen, nicht wahr? Nun, vielleicht kann ich zeigen, wo Sie zuerst hinbeißen müssen.“

So war der Frühling.

Der Arzt hieß Ralf Frohsinn. Er brachte mich in seine Praxis. Die kam mir reichlich halbseiden vor. Sie hatte einen großen Vorraum, die Wände waren hell gestrichen, an einer stand ein großes Waschbecken. Dann gab es noch einen Schreibtisch, der aussah, als wäre er beim Trödler gekauft worden, eine Stehlampe mit braunem Samtschirm und einen faltbaren Paravent. Dahinter befand sich ein etwas altersschwach wirkender Untersuchungstisch auf Chrombeinen. Ich schenkte dem Doc ein Lächeln, das ich allen Männern schenkte, wenn ich sagen wollte, mit mir stehe alles zum Besten. Vermutlich würde er gleich zur Sache kommen. Das dachte ich jedenfalls, aber zunächst beachtete er mich überhaupt nicht. Dafür lümmelte er sich auf seinem Schreibtisch und hantierte mit dem Telefon. Anscheinend wartete er auf eine Verbindung mit irgendeinem Krankenhaus. Auf einmal nickte er mir zu, deutete auf eine Tür, die ich öffnen sollte, um einen Blick in die Räumlichkeiten dahinter zu werfen.

„Mein Reich“, sagte er. „Hier lebe ich, wenn es mir nicht gut geht. Aber derzeit wohne ich woanders.“

Also ging es ihm gut.

Während er telefonierte, durchschritt ich die Räume hinter der Tür. Es sah nicht so aus, als verstünde er unter Armut dasselbe wie ich. Hier sah es aus wie in einem Museum. Es gab ein Wohnzimmer und ein Schlafzimmer, Marmorböden, Veloursvorhänge, schwere, alte Möbel, Ölgemälde in goldenen Rahmen. Ich besah mir das Bett. Es hatte einen Baldachin mit Fransen, wie Schneewittchen bei den sieben Zwergen. Ich legte mich darauf, um es auszuprobieren. Die Matratze war hart, genau richtig. Ich drehte mich auf den Rücken und blickte nach oben, da sah ich sie – die Kamera. Sie war in die Holzverkleidung eingebaut. Anscheinend pflegte sich der Herr Doktor beim Sex mit seinen Eroberungen zu filmen. Nun, das konnte er haben. Ich gähnte und wartete. Wartete darauf, dass er kam, um nach mir zu sehen, doch nichts geschah. Ich zog meinen Rock so weit hinauf, dass man den Ansatz meiner Strümpfe sehen konnte. Dann drehte ich mich auf den Bauch und begrub mein Gesicht in den Armen. Ich war bereit, doch er kam nicht. Ich erinnerte mich daran, dass ich manchmal zu trocken war. Also schob ich meine linke Hand unter mein Höschen. Manchmal half das, und es tat auch weniger weh, wenn ich ein wenig an mir spielte, bevor es losging. Wie ich da so lag und die wohlige Wärme in meinem Körper spürte, nickte ich ein.

„Larissa …? Larissa!“

Ich schreckte auf. Doktor Frohsinn stand über mich gebeugt. Er deutete an, ich solle mit ihm in den Vorraum gehen. Dort habe er etwas ganz Spezielles vorbereitet.

Ich stand auf und folgte ihm. Dann sah ich die Bescherung. Der Untersuchungstisch hatte auf einmal schalenförmige Halterungen bekommen.

„Leg dich hin, Larissa!“

Er duzte mich und ich tat, was er von mir verlangte, hängte meine Beine in die dafür vorgesehenen Schalen. Er schnallte mich fest und bekam so einen unbeschränkten Zugang zu meinem Anus und zu meiner Vagina. Das schien ihm zu gefallen. Überhaupt schien er das erotische Rollenspiel verdammt ernst zu nehmen, denn er zeigte mir eine Anzahl medizinischer Geräte und Hilfsmittel, die er anscheinend an mir ausprobieren wollte. Ich kam mir ziemlich hilflos vor. Mit so etwas hatte ich nicht gerechnet. Ich stand nicht auf Kliniksex. Vor mir lag eine Auswahl an Spritzen und Zangen, ein Katheter, ein Spekulum, Löffel und Gummihandschuhe. Ich fühlte mich zunehmend unwohl, wusste, es ging um Kontrollverlust. Um das Gefühl der Ohnmacht Ärzten und Pflegenden gegenüber, um die Unterwerfung unter ihren Entscheidungen sowie um die Vorstellung eines absoluten Zwangs, dem man als Patient unterliegt.

Ich lag vor ihm, meine Schenkel weit gespreizt. Er nahm auf einem Stuhl zwischen meinen Beinen Platz. Ich ahnte, was jetzt kam. Er stülpte sich die Gummihandschuhe über, genoss den Moment, ließ sich Zeit. Ich war ängstlich und erregt zugleich. Doktor Frohsinn strich vorsichtig über meinen Bauch und über meine Scham. Dann brachte er eine Lampe in Position. Mit seinem Daumen und Zeigefinger ertastete er meine Schamlippen. Ich atmete hektisch, versuchte, meine Erregung zu unterdrücken. Er griff zu dem Spekulum, gab etwas Gleitcreme darauf und führte es langsam in mich ein. Das Ding saß perfekt. Er konnte meinen Muttermund betrachten. Er schien zu mögen, was er sah, tastete mich ab, sein Mittelfinger glitt zu meinem Anus. Ich spürte die Creme und die Anspannung. Er überwand den Muskel, drang weiter in mich ein. Ich schloss die Augen. Es tat nicht weh. Er entfernte das Spekulum, versuchte, die Untersuchung so realitätsnah wie möglich auszuführen. Seine Hände wussten die geheimsten Dinge über mich, doch sie machten sich nicht darüber lustig. Aber sie begehrten mich auch nicht, versuchten nicht, mich in Erregung zu versetzen. Ich zitterte. Er tat so, als merkte er es nicht, nahm einen Waschlappen, seifte ihn ein und fuhr damit zwischen meine Beine. Ich ließ ihn machen, hörte, wie er tief atmete, spürte, wie sich das flimmernde Pochen von meiner Schamgegend in meinen Beinen fortsetzte. Plötzlich hörte ich das Geräusch eines Schlüssels, der sich im Schloss der Eingangstür drehte. Ich konnte es ganz deutlich hören, lauschte mit angehaltenem Atem, wie das Schloss aufsprang. Dem folgte das Klappern hoher Absätze auf dem Marmorboden.

„O Gott“, sagte er. „Ich fürchte, ich habe etwas vergessen, meine Liebe. Bitte entschuldige mich für einen Augenblick.“

Ich wusste nicht, wie mir geschah, riss an den Ledergurten herum, mit denen meine Knöchel an den Kunststoffschalen festgebunden waren. Mein erster Gedanke war, dass seine Frau oder die Sprechstundenhilfe gekommen waren. Ich hätte mich am liebsten in dem Untersuchungstisch verkrochen, wenn er nur groß genug gewesen wäre.

„Etwas vergessen, tzz …“, ich war einem Verrückten in die Hände gefallen, der vergaß, dass Ehefrauen und Sprechstundengehilfinnen kamen, wann immer es ihnen passte. Ich griff nach einer Zange. Immerhin besaß ich jetzt etwas, womit ich mich verteidigen konnte.

„Larissa?“ Ich hörte seine Stimme. „Larissa, Liebes, das ist meine Frau Iris.“

Wahnsinn! Eine Frau, wenigstens Einmeterachtzig groß, kam direkt in den Vorraum und sagte einfach: „Hallo.“

Der Doc erklärte es mir. „Ich habe vergessen, dass ich ihr versprochen habe, heute Abend etwas mit ihr zu besprechen. Warte, ich binde dich los. Du kannst dich anziehen. Ich mach uns schnell einen Kaffee. Bitte ruf mich, wenn du noch etwas brauchst.“

Na, der hatte vielleicht Nerven. Die große Frau musterte mich mit einem schnellen Blick und machte eine mitleidsvolle Geste.

„Lassen Sie sich nicht von mir stören, Larissa. Ich bin sowieso gleich wieder weg. Und fallen Sie nicht auf seine Streiche herein. Er liebt es, mit den Frauen zu spielen.“

Ich wäre vor Scham am liebsten im Erdboden versunken. Und der Gipfel von allem war, dass sie meine Kleider mitnahmen. Doktor Frohsinn fischte sie einfach vom Boden auf, bevor die beiden wieder hinausgingen.

„Wir werden für dich etwas Neues finden“, sagte er noch.

Wer sollte daraus klug werden?

Ich wartete und wartete, und je länger es dauerte, desto unwohler fühlte ich mich. Es musste eine Viertelstunde vergangen sein, als die Tür aufging und Iris hereinkam. Sie brachte mir tatsächlich neue Kleider.

„In diesen Räumlichkeiten geht es zu wie in einer Kommune. Die Leute kommen und gehen. Hier, das müsste Ihre Größe sein.“

Ich nahm ihr die Kleider ab, versuchte, kühl und unbeteiligt zu bleiben. Was gingen mich die Perversitäten eines alternden Ehepaares an? Die würden mich nicht unterkriegen, niemals.

Die Kleider passten, ich zog mich an. Dabei konnte ich nicht anders, als ihr einen sanften Seitenhieb zu verpassen. „Ist Ihr Mann ein Warmer?“

„Wie bitte?“

„Ich meine, ist er schwul?“

Sie lächelte. „Er führt ein merkwürdiges Leben, aber schwul ist er nicht, eher geistvoll.“

Ich fragte mich, ob sie die Wahrheit wusste. Bestimmt ahnte sie nicht die Dimensionen, die sich hinter dem verbargen, was sie geistvoll nannte, auch wenn in ihrem sexuellen Horizont mehr Platz war als für ein junges Mädchen auf einem Untersuchungstisch. So wusste sie, dass er vor dem Liebesakt mit ihr regelmäßig Prostituierte mit in seine Praxis nahm und dass er mit Leuten verkehrte, die ihre sexuellen Fantasien auf kleine Zettel schrieben und auf Anschlagstafeln im Supermarkt hefteten. Sie wusste, dass er einiges von dem, was er ihr in ihren Experimenten beibrachte, vorher mit jenen verirrten Publizisten ausgetüftelt hatte. Und doch war er für sie ein Traummann aus einem Roman oder einer alten Legende, der wirklich und unwirklich zugleich in ihr Leben getreten war.

Ich spürte wieder, wie mich der Hafer stach. „Und Sie? Wollen Sie es mit mir machen?“

„Mhm …“, machte sie.

Fast schien es so, als wägte sie ab, ob die Verlockung groß genug wäre. Dann schüttelte sie den Kopf. „Nein danke, Liebling.“

Ich legte noch einen drauf. „Du liegst nackt auf dem Bett und siehst mir zu. Ich stehe vor dem Spiegel und ziehe mich langsam aus. Du siehst mir dabei zu. Ich bin stolz, denn du bist erregt, deine Brustwarzen sind hart und steif. Jetzt bin ich ganz nackt, knie mich nieder und beginne ganz langsam, an mir herumzuspielen. Du siehst es, Liebling. Du machst es dir auch. Kommst du? Komm mit mir zugleich! Ich will sehen, wie dein Körper bebt. Komm, Liebling …“

Sie lachte. Was sollte sie auch anderes tun? Nur dass ihr Lachen irgendwie gequält klang.

Nützliche Informationen bekam ich an jenem Abend keine. Außer Spesen nichts gewesen.

Darmowy fragment się skończył.

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Gatunki i tagi

Ograniczenie wiekowe:
0+
Objętość:
320 str. 1 ilustracja
ISBN:
9783742737960
Wydawca:
Właściciel praw:
Bookwire
Format pobierania:

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