Czytaj książkę: «Süßes Wasser»
Peter Pachel
Süßes Wasser
Kommissarin Katharina Waldmann
ermittelt auf Paros
Krimi

Paros-Krimi
Pachel, Peter : Süßes Wasser. Kommissarin Waldmann
ermittelt auf Paros. Paros-Krimi. Hamburg, edition krimi 2022
Originalausgabe
EPUB-ISBN: 978-3-948972-66-0
Das Original ist im Größenwahn Verlag erschienen.
Dieses Buch ist auch als Print erhältlich und kann über den Handel oder den Verlag bezogen werden.
Print-ISBN: 978-3-948972-65-3
Umschlaggestaltung: © Annelie Lamers, edition krimi
Umschlagmotiv: © Peter Pachel
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© edition krimi, Hamburg 2022
Alle Rechte vorbehalten.
https://www.edition-krimi.de
Inhalt
„September 2013“: „Parikia, Paros“
„Katharina Waldmann“: „Parikia, Paros“
„Ein knappes Jahr vorher – Oktober 2012“: „Europazentrale der AquaTop AG, Amsterdam, Niederlande“
„November 2012“: „Koh Samui, Provinz Surat Thani, Thailand“
„Katharina Waldmann“: „Parikia, Paros“
„Takis Papandreou“: „Parikia, Paros“
„Ein knappes Jahr vorher – Oktober 2012“: „Europazentrale der AquaTop AG Amsterdam, Niederlande“
„Georgios Apostolopoulos“: „Náoussa, Paros“
„Dezember 2012“: „Koh Samui, Provinz Surat Thani, Thailand“
„Katharina Waldmann“: „Parikia, Paros“
„Cháris Papadakis“: „Parikia, Paros“
„Filippos Panos“: „Parikia, Paros“
„November 2012“: „Europazentrale der AquaTop AG Amsterdam, Niederlande“
„Dezember 2012“: „Koh Samui, Provinz Surat Thani, Thailand“
„Georgios Apostolopoulos“: „Náoussa, Paros“
„Marika Psará“: „Parikia, Paros“
„November 2012“: „Europazentrale der AquaTop AG Amsterdam, Niederlande“
„Katharina Waldmann“: „Parikia, Paros“
„November 2012“: „Europazentrale der AquaTop AG Amsterdam, Niederlande“
„Dezember 2012“: „Koh Samui, Provinz Surat Thani Thailand,“
„Cháris Papadakis“: „Parikia, Paros“
„Georgios Apostolopoulos“: „Náoussa, Paros“
„Prof. Dr. Sotírios Kourzounáris“: „Athen, Kapodistrias Universität“
„Katharina Waldmann“: „Parikia, Paros“
„Dezember 2012“: „Europazentrale der AquaTop AG Amsterdam, Niederlande“
„Georgios Apostolopoulos“: „Náoussa, Paros“
„Prof. Dr. Sotírios Kourzounáris“: „Athen, Kapodistrias Universität“
„Katharina Waldmann“: „Parikia, Paros“
„Januar 2013“: „Europazentrale der AquaTop AG Amsterdam, Niederlande“
„Georgios Apostolopoulos“: „Náoussa, Paros“
„Angelikí Karafoulidou“: „Athen, Glyfada“
„Januar 2013“: „Europazentrale der AquaTop AG Amsterdam, Niederlande“
„Katharina Waldmann“: „Parikia, Paros“
„Georgios Apostolopoulos“: „Náoussa, Paros“
„Januar 2013“: „Europazentrale der AquaTop AG Amsterdam, Niederlande“
„Angelikí Karafoulidou“: „Athen“
„Katharina Waldmann“: „Parikia, Paros“
„Georgios Apostolopoulos“: „Náoussa, Paros“
„Angelikí Karafoulidou“: „Athen“
„Katharina Waldmann“: „Parikia, Paros“
„Filippos Panos“: „Parikia, Paros“
„Katharina Waldmann“: „Parikia, Paros“
„Katharina Waldmann“: „Amsterdam“
„Angelikí Karafoulidou“: „Athen“
„Filippos Panos“: „Parikia, Paros“
„Katharina Waldmann“: „Amsterdam, Niederlande“
„Filippos Panos“: „Parikia, Paros“
„Katharina Waldmann“: „Parikia, Paros“
„Toon de Vries“: „Amsterdam, Niederlande“
„Katharina Waldmann“: „Parikia, Paros“
„Toon de Vries“: „Amsterdam, Niederlande“
„Katharina Waldmann“: „Parikia, Paros“
„Toon de Vries“: „Amsterdam, Niederlande“
„Katharina Waldmann“: „Parikia, Paros“
„Toon de Vries“: „Amsterdam, Niederlande“
„Katharina Waldmann“: „Parikia, Paros“
„Toon de Vries“: „Amsterdam, Niederlande“
„Studio Madame Karen“: „Amsterdam, Niederlande“
„Toon de Vries“: „Amsterdam Niederlande“
„Katharina Waldmann“ „Parikia, Paros“
„Personen und Lokales:“
„PAROS LANDKARTE“
„Rezepte“
„Biographisches“
„Danke“
Für alle Langzeit-Griechenland-Begeisterten und alle,
die es werden wollen.
Ohne Wasser gibt es kein Leben. Wasser ist ein kostbares, für den Menschen unentbehrliches Gut (Europäische Wassercharta).
Obwohl unser Planet zu mehr als 70 Prozent damit bedeckt ist, wird Wasser zunehmend ein knappes Gut. Denn gerade einmal drei Prozent dieser gewaltigen Mengen sind trinkbares Süßwasser und wiederum nur ein Drittel davon ist für die menschliche Nutzung erreichbar. Die steigende Nachfrage nach Energie, Nahrung und sauberem Wasser wird die ohnehin schon schwelende Wasserkrise noch weiter verschärfen.
(Zitat Weltwasserforum 2012 in Marseille)
September 2013
Parikia, Paros
Kostas Aristidis hatte sich für den heutigen Nachmittag extra eine Stunde früher frei genommen. Er wollte pünktlich an dem vereinbarten Treffpunkt erscheinen, zu dem man ihn mit Nachdruck hinzitiert hatte. Früher wäre er einfach so aus seinem Büro in der Stadtverwaltung von Parikia verschwunden, doch diese Zeiten waren endgültig vorbei, seitdem man das Personal rigoros zusammengestrichen hatte. Einen dringenden Arztbesuch hatte er seinem Kollegen vorgegaukelt und sich auch kurz in dem immer vollen Wartebereich der städtischen Krankenstation sehen lassen. Dann hatte er sich auf den Weg nach Lefkes gemacht, zu dem kurzfristig anberaumten Termin.
Er hatte schlecht geschlafen, nachdem er gestern Abend den Anruf auf seiner Mailbox vorgefunden hatte und die ganze Nacht darüber gegrübelt, was so dringend war und keinen Aufschub zuließ. Eine vage Ahnung hatte er schon, warum man sich mit ihm so kurzfristig treffen wollte und das machte ihm ein wenig Angst, zumal der ausgewählte Treffpunkt eindeutig mit seiner Aufgabe in der Behörde zu tun hatte. Es musste mit dieser sonderbaren Nachricht zu tun haben, die er schon Anfang des Jahres erhalten hatte und mit der er zunächst nichts hatte anfangen können. Wie eine Warnung hatte sie damals geklungen, und jetzt, gute acht Monate später, bekam sie für ihn eine ganz neue Bedeutung. Kostas Aristidis war kein ängstlicher Mensch und hatte sich zu dem Treffen durchgerungen. Er wollte endlich ein paar Antworten haben, nachdem er erst neulich mehrfach vergeblich versucht hatte, den damaligen Absender zu kontaktieren.
Es war zwar nur eine Vermutung, aber vorsichtshalber hatte er umgehend seinen alten Schulfreund Sotírios beauftragt, ihm bei der Aufklärung behilflich zu sein. Morgen früh würde er ihn anrufen und ihm die Details erklären. Vielleicht war man aber auch nur auf seine Forderung eingegangen und wollte die Angelegenheit schnell und ohne große Aufmerksamkeit aus der Welt schaffen. Als technischer Angestellter kümmerte er sich seit vielen Jahren um alle Belange der öffentlichen Trinkwasserversorgung auf Paros, seiner Heimatinsel im Zentrum der Kykladen in der südlichen Ägäis. Vorbei an ein paar spielenden Kindern passierte er den Ortsausgang des idyllischen Bergdorfes und fuhr weiter in Richtung der höchsten Inselerhebung des Ágii Pantes zu der großen Zisterne. Diese hatte früher einige Ortschaften und einzelne Gehöfte mit Trinkwasser versorgt, wurde heute aber bis auf wenige Ausnahmen nur noch zur Bewässerung der Felder genutzt. Der große Wasserspeicher lag weit hinter dem letzten Wohnhaus von Lefkes und war von der ansteigenden Straße nur für Ortskundige wie ihn zu finden. Versteckt hinter mehreren großen Ginsterbüschen, die einen im Sommer grell entgegen lachten, lag der kleine Pfad, der zu dem alten Reservoir führte.
Er parkte seinen Wagen im Schatten der großen Sträucher, seine Augen suchten unruhig die unmittelbare Umgebung ab, Ausschau haltend nach dem unbekannten Anrufer, der ihm in gebrochenem Englisch die Nachricht hinterlassen hatte. Doch er konnte keinerlei Anzeichen von einem weiteren Besucher in der verlassenen Gegend entdecken, so wie meistens, wenn ihn eine Routinebegehung des großen Speichers nach hier oben führte. Diese machte er regelmäßig, um sicherzustellen, dass sich keine Vögel oder sonstiges Getier Zugang zu dem verschlossenen Behälter verschafft hatten und für eine Verunreinigung des Wassers sorgten.
Er war eine gute Viertelstunde früher zu dem Treffen erschienen, um die Ankunft des Anrufers beobachten zu können, und sein Plan schien aufzugehen, dachte er, als er den steinigen Weg bis zu dem kleinen Tor entlanglief, das den Zugang zu dem eingezäunten Areal frei gab. Doch das verwitterte, alte Holzgatter, welches normalerweise mit einer rostigen Eisenkette versperrt war, stand offen, was ihm äußerst seltsam vorkam. Außer ihm hatte nur noch sein Kollege einen Schlüssel, und der saß zweifelsohne in seinem Büro in Parikia und ärgerte sich darüber, den Rest des Nachmittages allein die anstehenden Arbeiten erledigen zu müssen. Vorsichtig betrat er das eingezäunte Gelände, immer damit rechnend den Unbekannten anzutreffen. Er ging langsam weiter auf die beiden massiven Felsblöcke zu, hinter denen sich die dicke Stahltür, die den Zugang zu der eigentlichen Zisterne freigab, versteckte. Fast hätte es ihm den Atem verschlagen, als er erkennen musste, dass auch diese Tür offenstand, und eine innerliche Stimme drängte ihn den Rückzug anzutreten. Doch er wollte wissen, wer sich da unerlaubten Zutritt zu dem Wasserbehälter verschafft hatte und näherte sich vorsichtig der halb geöffneten Tür. Zögerlich setzte er den ersten Schritt in das dunkle Innere des großen, von außen vollständig bewachsenen, unterirdischen Gebäudes. Seine Augen, noch geblendet von der hellen Sonne, konnten schwach die Umrisse der steilen Treppe erkennen, die hinunter zu der Wasseroberfläche führte. Dann nahm er noch für den Bruchteil einer Sekunde einen schwarzen Schatten seitlich von ihm wahr, und ein dumpfer Schlag auf seinen Kopf ließ ihn kopfüber die modrigen Treppenstufen hinabstürzen.
Katharina Waldmann
Parikia, Paros
Katharina Waldmann schaltete gerade die Alarmanlage ein und griff nach ihrer Jacke, um nach einem langen Tag in ihrer Dienststelle endlich den Feierabend einzuläuten, als sie von einem heftigen Klopfen an der Eingangstür unterbrochen wurde. Es war ein eher ruhiger Tag gewesen in der Polizeidienststelle. Die Insel schüttelte langsam die letzten Urlauber ab, sodass nach drei überaus betriebsamen Monaten, der langersehnte Paroanische Alltag wieder einkehren konnte. Ab nächstem Montag würde der Winterfährplan gelten, und das war immer der Startpunkt für die stillere Zeit des Jahres. Zur Zufriedenheit der Bevölkerung hatte der Tourismus auch in diesem Sommer wieder zugelegt, was allen auf Paros guttat und ein wenig über die spürbaren Folgen der Krise hinweghalf. Die Presse sprach zwar davon, dass das Schlimmste überstanden sei, doch bei den normalen Leuten war bisher wenig davon zu spüren. Die hohen Steuern und das Verschwinden des staatlichen Gesundheitssystems hatten viele Inselbewohner an den Rand des Ruins getrieben.
Erneut klopfte jemand ungestüm an die Tür. Katharina stand missmutig auf. Ihr gesamtes Team, welches aus vier männlichen Polizeibeamten und einer Kollegin bestand, war schon vor einiger Zeit gegangen, und sie hatte sich daran gemacht ihren Schreibtisch zu ordnen. In der Hektik von Juli bis September war daran nicht zu denken, und dementsprechend sah das Chaos an ihrem Arbeitsplatz auch aus. Fast zwei Jahre waren jetzt schon vergangen, seit sie die Leitung der Dienststelle in der Hauptstadt von Paros übernommen hatte, und nach wie vor bereute sie es keine Sekunde Athen den Rücken gekehrt und sich auf ihrer Lieblingsinsel neu eingerichtet zu haben. Ihr neuer Lebensmittelpunkt war jetzt Paros, ganz besonders Ambelas, der kleine Ort in der Nähe von Náoussa im Norden der Insel, der ihr so richtig ans Herz gewachsen war. Anfangs hatte sie noch etwas mit den einsamen Wintermonaten in dem beschaulichen Dorf gehadert, aber nachdem Dawid, ihr neuer Lebenspartner, bei ihr eingezogen war, hatte ihr Privatleben nach langer Durststrecke eine positive Wendung genommen. Sie war rundum zufrieden.
Sie lief die Treppe ins Erdgeschoss hinunter, um dem ungeduldigen Fremden die Tür zu öffnen. Draußen dämmerte es bereits, vor lauter Aufräumarbeiten hatte sie total die Zeit vergessen.
»Kalispera. Was gibt’s so Dringendes?«
»Ich brauche Ihre Hilfe! Mein Mann …«
»Was ist mit ihm?«
Vor Katharina stand eine Frau mit ängstlich aufgerissenen Augen. Sie trug einen schwarzen kurzen Rock und hohe Stöckelschuhe. Ihr Haar war wild zerzaust.
»Mein Mann ist weg!«
Mit einer knappen Handbewegung bat Katharina die ihr fremde Person einzutreten. »Mein Mann ist verschwunden!«, wiederholte die Unbekannte aufgebracht. Katharina zeigte ihr den Weg in das Büro ihres Stellvertreters Filippos, das als nächstes zur Eingangstür lag. »Setzen Sie sich erst einmal.«
»Ich will eine Vermisstenanzeige aufgeben «, sagte die Frau mit verzweifelter Stimme. Katharina zeigte auf den Stuhl, auf dem die Fremde Platz nehmen sollte. »Helfen Sie mir!«, flehte sie und legte ihre große rote Handtasche auf den Schreibtisch.
Katharina lies ihre Jacke auf den Bürostuhl fallen und berührte behutsam die Schulter der verängstigten Frau.
»Wie heißt Ihr Mann?« Die Stimme der Kommissarin klang professionell.
Die Frau rutschte nervös auf ihrem Stuhl hin und her.
»Kostas.«
»Und sein Nachname?«
»Aristidis.«
Katharina wurde ungeduldig.
»Wie lange vermissen Sie ihren Mann denn schon?«
»Noch nicht sehr lange«, erklärte die verunsicherte Frau verlegen, während sie aus ihrer Handtasche ein Smartphone hervorkramte und begann nach Bildern zu suchen. »Mein Kostas …«, flüsterte sie leise und legte das Gerät auf den Tisch, um mit Hilfe ihres Zeigefingers und Daumen ein Bild zu vergrößern.
Katharina betrachtete eine Weile das Foto: Ein Mann, Anfang Fünfzig mit schwarzen Haaren und Oberlippenbart lächelte in die Kamera. Seine braunen Augen leuchteten im Sonnenlicht, ein dunkles kleines Muttermal saß markant auf seiner rechten Wange. »Kann es einen Grund für sein Verschwinden geben?« Ohne eine Antwort abzuwarten zog sie ein Formular aus einer Schublade um die Personalien aufzunehmen.
»Was für einen Grund sollte es geben?« Ein beleidigter Blick richtete sich auf die Kommissarin. »Kostas kommt immer sehr pünktlich nach Hause!«
»Wie heißen Sie?«
»Wieso fragen Sie mich nach meinem Namen?« Die Frau blickte Katharina fragend an. »Mein Mann ist verschwunden! Den sollen Sie suchen! Kostas! Kostas Aristidis, heißt er«, wiederholte sie und zeigte hektisch auf das Bild.
Katharina musste sich zusammenreißen. Dramatische Auftritte konnte sie nicht leiden, schon gar nicht um diese Zeit. »Ich muss Ihre Personalien aufnehmen, liebe Frau.«
Die Besucherin erschrak über den bestimmenden Ton der Kommissarin.
»Also! Wie ist ihr Name?«
»Rika«, antwortete die Frau und griff sich in ihr verstrubbeltes Haar. Eine wilde, blond gefärbte Mähne fiel jetzt über ihre Schultern.
»Rika?«, hinterfragte die Beamtin mit leichter Verwunderung. »Das ist doch kein Name! Höchstens ein Kosename!«
»Natürlich ist es ein Kosename!«, bestätigte die Frau aufgewühlt und fügte leise hinzu: »Eine Abkürzung von Marika, aber ich werde immer Rika gerufen.«
»So, so! Marika. Und Ihr Nachname lautet ebenfalls Aristidis?«
»Nein, Psará!«, antwortete die Frau mit brüchiger Stimme.
Die Kommissarin schrieb den Namen in das vor ihr liegende Formular. »Ihren Personalausweis bitte!«
Die Besucherin reagierte nicht, sie saß in sich versunken auf ihrem Stuhl.
Katharina schaute leicht entnervt auf die Uhr an der Wand im Hintergrund. Die Zeiger standen auf 19:10 Uhr, sie wollte endlich nach Hause. Die zierliche Frau schluchzte plötzlich ungehemmt los und betrachtete dabei mit Sehnsucht das Foto ihres Ehemanns auf dem Display ihres Handys.
»Seit wann vermissen Sie Ihren Mann schon?« Die verstörte Frau holte ein Taschentuch aus ihrer Tasche.
Katharina nahm sich zusammen und wartete geduldig, bis Marika sich ihre Nasse geputzt hatte. Danach betrachtete diese sich im Spiegel des Smartphones, schob eine blondierte Strähne aus dem verweinten Gesicht und korrigierte den verschmierten Lidschatten mit ihrem Taschentuch. Dann tippte sie mit dem rot lackierten Zeigefinger auf die Wahlwiederholungstaste ihres Telefons und hielt es ans Ohr. »Sehen Sie! „Er hebt nicht ab!«
»Ihr Mann?« Katharina war irritiert von der späten Besucherin, die mit ihrem farbenfrohen Make Up, ihrer ungestümen Frisur und ihrem Sexappeal auf jede Theaterbühne gepasst hätte.
»Der Kostas, panajá mou! Der Kostas!« Sie bekreuzigte sich und blickte zur Decke, als suche sie nach Erlösung.
Katharina verdrehte ihre Augen, sie konnte es überhaupt nicht leiden, wenn Gott, oder, wie gerade geschehen, die Panajá – die Muttergottes – ins Spiel gebracht wurde. Eine typische Angewohnheit der Griechen, die sie nicht akzeptierte, immer, wenn es tragisch wurde, verlangten sie Hilfe von oben. »Wann haben Sie das letzte Mal mit Ihrem Mann gesprochen?« fragte sie und hoffte, dass das weinende Dornröschen endlich aufhören würde ihr Gesicht in ihrem Smartphone zu begutachten.
»Seit seinem Mittagessen in der Taverna Georgios. Von dort kam sein letztes Lebenszeichen. Die haben die leckerste Keftedakia auf Paros …«
»Und am welchen Tag war dieses besagte Mittagessen?«
Die Katzenaugen von Marika nahmen einen gekränkten Ausdruck an. »Ja, heute, natürlich!«
»Heute?« Katharina legte den Stift beiseite. »Sie vermissen Ihren Mann erst seit heute Mittag?« fragte sie erzürnt.
»Panajá mou!«, Marika bekreuzigte sich wieder mehrfach. »Ja, seit heute Mittag! So gegen 13:00 Uhr hat er sich bei mir gemeldet, wie gesagt, aus dem Restaurant. Danach musste er zurück ins Büro und seitdem habe ich nichts mehr von ihm gehört.«
Katharina riss nun endgültig der Geduldsfaden. »Feierabend!« Sie wollte endlich nach Hause. Das Verschwinden dieses Mannes war gerade einmal ein paar Stunden her. Sie unterbrach das Geschwätz der Besucherin abrupt, was ihr einen tödlichen Blick von Rika bescherte. » Ich werde für einen erwachsenen Mann, der gerade einmal ein paar Stunden verschwunden ist, keine Vermisstenanzeige aufnehmen. Kommen Sie Morgen wieder!» Für Katharina war die Angelegenheit erledigt.
»Was fällt Ihnen ein?«, mokierte sich Marika. »Das ist ja unerhört!« »Ich verlange sofort einen anderen Beamten!«
»Sehen Sie hier jemanden außer uns? Alle sind weg, und das machen wir jetzt auch.« Sie legte das Aufnahmeprotokoll verärgert zur Seite, schnappte sich ihre Jacke und ihre schwarze Ledertasche und klickte die Tischlampe aus.
»Aber, ich will eine Vermisstenanzeige aufgeben.«, beklagte sich Marika verzweifelt und beobachtete, wie die Kommissarin mit schnellen Bewegungen einen Lichtschalter nach dem anderen ausschaltete und zum Verlassen des Büros aufforderte. »Sein Auto steht im Hafen unten auf dem Parkplatz. Verstehen Sie nicht?«
»Liebe Frau Psará«, Katharina packte nun die späte Besucherin sanft an ihrem Elenbogen und geleitete sie in Richtung Ausgang. »Sie machen sich sicher umsonst Sorgen.«
»Aber ich kenne doch meinen Kostas!« Die Frau wollte immer noch nicht aufgeben. »Er geht immer ans Telefon, wenn ich anrufe.«
»Ich kann und werde keine Vermisstenanzeige aufnehmen, weil ihr Mann sich seit fünf Stunden nicht mehr bei Ihnen gemeldet hat!«, erklärte Katharina noch einmal mit Nachdruck. Sie komplementierte die kleine Frau nach draußen und schaute noch einmal zurück ins Gebäude. Alle Lichter waren aus.
»Sie verstehen mich nicht …«
»Nach so kurzer Zeit kann ich da leider noch nichts unternehmen.« Die Kommissarin kannte solche Situation aus Athen und konnte sich gut vorstellen, dass die gesuchte Person nach einem Rausch oder Ehekrach spätestens am nächsten oder übernächsten Tag wieder auftauchen würde. Wahrscheinlich saß ihr Gatte betrunken in einer Taverne und hatte Zeit und Raum hinter sich gelassen. Und mit einer versetzten Ehefrau wollte und konnte sie sich jetzt nicht einlassen. »Bitte telefonieren Sie zunächst alle ihre Bekannten ab«, sagte sie in aller Förmlichkeit und verriegelte die Eingangstür des Polizeigebäudes. »Wenn er bis morgen nicht zu Hause erscheint oder sich meldet, können sie gerne wieder kommen und wir nehmen den Fall auf.«
Zu diesem Zeitpunkt konnte noch niemand wissen, dass das Verschwinden dieses Mannes aus Parikia nur ein kleines Mosaiksteinchen in einem skrupellosen Verbrechen darstellte.
Ein knappes Jahr vorher – Oktober 2012
Europazentrale der AquaTop AG, Amsterdam, Niederlande
Dr. Alexander Brünner hatte gegen 15:00 Uhr zu einer Videokonferenz geladen und konnte es kaum erwarten seinen neuesten Coup öffentlich zu machen. Seit Sechs Uhr in der Früh rannte er schon wie ein aufgeblasener Pfau durch seine Abteilung und raunzte seinen Mitarbeitern Anweisungen zu. Sogar sein Hemd hatte er schon wechseln müssen, so sehr hatte ihn seine innere Erregung zum Schwitzen gebracht. Alle Top-Analysten hatten zugesagt, und er würde einmal mehr zeigen, wer hier der kreative Kopf in diesem Unternehmen war. Schon dreimal hatte er die Videoanlage hoch- und runtergefahren, um absolut sicher zu gehen, dass alles funktionierte. Sogar einen Mitarbeiter aus der IT-Abteilung hatte er zur Sicherheit bestellt, damit im Falle eines Falles auch jemand mit technischem Sachverstand zur Stelle war. Schon mehrfach hatte er die gesamte Konferenz in seinem Kopf durchgespielt, und auf einen Punkt war er ganz besonders stolz. Die Eröffnung der Videokonferenz würde von Tom Polster persönlich – dem CEO der AquaTop AG – direkt live aus dem Headquarter in New York durchgeführt werden um der Bedeutung dieses Deals auch den richtigen Rahmen zu geben. Dabei würde sicherlich auch mehrfach sein Name erwähnt werden, denn er war es ja schließlich, der dieses Projekt federführend zum Abschluss gebracht hatte. Der Gedanke daran erregte ihn enorm, und er plante gedanklich schon den nächsten Sprung auf seiner Karriereleiter. Das wurde auch langsam Zeit, zumal er schon fast zwei Jahre auf seiner jetzigen Position verharrte. Davor hatte er 18 Monate die deutsche Niederlassung geführt, jetzt war es endlich Zeit für etwas Größeres. Hinter vorgehaltener Hand war schon davon die Rede, dass er die Leitung der soeben akquirierten Unternehmung übernehmen sollte, und das war genau der Job, den er brauchte, um in naher Zukunft ganz nach oben zu kommen. Es würde ein hartes Stück Arbeit werden die Firma auf den richtigen Kurs zu bringen, so wie es den Leitlinien der AquaTop AG entsprach, aber genau die richtige Aufgabe um später ins Headquarter nach New York berufen zu werden. Er berauschte sich immer wieder an dem Gedanken, aber jetzt galt es zunächst einmal die erfolgreich abgeschlossene Akquisition gebührend zu verkaufen und zu feiern. OsmoTec, so hieß das mittelständische High Tech Unternehmen mit circa 400 Mitarbeitern, welches nach zähen Verhandlungen nun, wie zahlreiche andere Firmen auch, zu dem Imperium der AquaTop AG gehörte und eine Produktlücke schloss, die dem Konzern auch die Marktführerschaft bei der Meerwasserentsalzung sicherte. Nachdem die Übernahme so gut wie sicher war, hatte man innerhalb von nur zwei Wochen eine eigene Abteilung zusammengestellt, die sich in Zukunft um den bestehenden Kundenstamm der OsmoTec kümmern sollte. Dieser bestand fast ausschließlich aus Betrieben, die ihr Geld mit der Lieferung von Trinkwasser, aufbereitet aus Meerwasser, in vielen Regionen auf der ganzen Welt verdienten. Schon lange plante die Firma in dieses lukrative Business einzusteigen, doch bislang fehlte die richtige Technik und Tom Polster hatte bereits mehrfach das für neue Zukäufe verantwortliche Management ausgetauscht. Erst mit Alexander Brünner war Bewegung in die Sache gekommen, und schnell hatte sich OsmoTec als die geeignete Firma herausgestellt, galt sie doch weltweit als Top-Hersteller von Entsalzungsmodulen zur Trinkwassergewinnung.
Besonders in Südeuropa und in Südostasien war das kreative Unternehmen in den letzten Jahren gewachsen und hatte sich dort viele Lorbeeren auf dem Gebiet der Meerwasserentsalzung verdient. Umso betroffener reagierte die gesamte Belegschaft, als sie von dem geplanten Verkauf ihres so erfolgreich geführten Familienunternehmens überrascht wurden. Zahlreiche Umstrukturierungen wurden befürchtet, so wie es bereits ähnlichen Betrieben ihrer Branche ergangen war, die im Laufe der letzten Jahre von der AquaTop übernommen worden waren. Der alte Eigentümer hätte gerne eine andere Lösung gehabt, aber es fehlte ganz einfach an einem geeigneten Nachfolger und mit seinen 82 Jahren war sein Ausstieg aus der Firma schon lange überfällig. Sein Ziel bestand in der Einbindung seines Lebenswerkes in einen liquiden, weltweit operierenden Konzern und mit diesem Konzept konnte er schließlich auch seine Mitarbeiter überzeugen. Die Verhandlungen dauerten fast ein ganzes Jahr, bis der Deal schließlich in trockenen Tüchern war. Die nächsten Schritte nach einem neuen Einkauf waren bei der AquaTop AG in einer Standardarbeitsanweisung – auch SOP genannt – genauestens dokumentiert und folgten einem festen Muster.
Als allererste Maßnahme würde die Geschäftsführung ausgetauscht und mit einem führenden Angestellten der AquaTop AG besetzt werden, der, wenn alles klappte, Dr. Alexander Brünner heißen sollte. Er rechnete mit der Ernennung innerhalb der nächsten Tage, denn Tom Polster hatte sich für Ende der Woche in Amsterdam angekündigt, und dann würden wohl alle geplanten Personalien im Zusammenhang mit dem Kauf der OsmoTec GmbH offiziell bekannt gegeben werden. Den Gedanken, dass eventuell jemand anderes für diese Position in Betracht gezogen werden könnte, ließ Dr. Brünner erst gar nicht zu, denn die Vorstellung in der zweiten Reihe zu agieren war für ihn vollkommen unakzeptabel. So wie er allgemein nur wenige in seinem direkten Umfeld akzeptierte, darunter zwangsläufig das Seniormanagement der AquaTop AG und Madame Karen, die Betreiberin eines kleinen Domina-Studios in der Kerkstraat. Zu dieser Frau pflegte er eine ganz besondere Beziehung, er war ihr bedingungslos verfallen. Sie war seine Vertraute, bei ihr hatte er sich schon so manches Leid von der Seele geredet. Hierhin verschwand er regelmäßig, wenn sein innerer Druck wieder einmal zu groß wurde und er nach der harten Hand der resoluten Dame gierte. Sie war sein Ventil, und unter dem strengen Blick von Madame Karen konnte er sich der aufgestauten Dinge entledigen um dann, nicht nur um ein paar Hundert Euro erleichtert, wieder an sein Tagesgeschäft zu gehen. Dass er dabei neben seinen kleinen Beichtgeständnissen auch noch Lust empfand, machte einen Besuch in dem intimen Studio ganz besonders attraktiv. Das würde er vermissen, wenn er denn irgendwann einmal in die heiligen Hallen des Headquarters in New York wechseln würde. In dem neuen Unternehmen würde er freie Hand haben, um die im Vorfeld akribisch analysierten Einsparpotentiale schnellstens umzusetzen. Noch in dieser Woche würden zwei Mitarbeiter von Human Resources, der Personalabteilung von AquaTop, sich in dem ehemaligen Familienunternehmen umsehen und von allen Führungskräften ein Profil anlegen. Dabei würden schon in der ersten Runde ein paar kritische Angestellte auf der Strecke bleiben. Kein Job, bei dem man sich Freunde machte, aber das wurde auch nicht von ihnen verlangt, ganz im Gegenteil, hier setzte die AquaTop AG nur auf Köpfe, die ohne Zaudern alle erforderlichen Maßnahmen ohne Rücksicht umsetzten. Die Ergebnisse würde man Brünner sodann sofort zur Verfügung stellen, damit er sich mit seinem neuen Team alsbald an die Arbeit machen konnte. Unter strenger Beobachtung würde er dabei in den nächsten Wochen stehen, und er wusste, dass er sich keinen Fehler erlauben durfte, was das Erreichen der gesteckten Ziele betraf. Der hoch motivierte Manager war nicht zufällig für diese anspruchsvolle Aufgabe ausgewählt worden, so wie auch alle anderen wichtigen Entscheidungen bei der AquaTop AG nicht dem Zufall überlassen wurden. Entscheidend war ein kleiner Vermerk in seiner Personalakte gewesen, dass ihn für heikle Aufgaben wie diese geradezu prädestinierte. Er gehörte zu dem Managertyp mit ausgeprägten soziopathischen Merkmalen, das hatte ein eigens für die AquaTop entwickelter Persönlichkeitstest ergeben. Der hauseigene Konzernpsychologe hatte seinerzeit sogar von einer Einstellung abgeraten, doch höchst angetan von Brünners souveränem Auftritt hatte sich die weibliche Leitung von Human Resources darüber hinweggesetzt. Die entscheidende Stimme kam von Sonja Roberts, der globalen Direktorin der Abteilung, die in Brünner einen exzellenten Nachwuchsmanager sah, der dem Unternehmen nur zu guttun würde. Inwieweit ihre persönlichen Präferenzen für den, von ihr mehrfach als attraktiv und sexy bezeichneten Brünner dabei eine Rolle gespielt hatten, konnte nie geklärt werden. Auf jeden Fall war er bestens geeignet für großangelegte Umstrukturierungen, bei denen die Gefühlswelt gekränkter und verunsicherter Mitarbeiter völlig ausgeblendet werden musste.
Für Dr. Alexander Brünner war es ein Problem, sich in andere Menschen hinein zu versetzen, geschweige denn in deren Seelenleben, was ihm völlig fremd war, so wie er auch äußerst selten von Schuldgefühlen ereilt wurde. Im Fokus seines Handelns stand stets er selbst, immer darauf bedacht im Sinne seiner Auftraggeber zu glänzen. Seiner narzisstischen Neigung folgend, eilte er auf die Toilette um sich im Spiegel zu mustern. Seine Krawatte saß korrekt, er sah weder zu blass aus, noch hatte er Schweißflecken auf seinem Hemd. Jetzt, um Gottes Willen keine Schwäche zeigen, dachte er. Der zugeschaltete Konzernpsychologe würde dies sofort erkennen und ihm negativ auslegen. Er betrachtet sich von allen Seiten, es gab nichts zu mäkeln und so betrat der ehrgeizige Manager mit kühlem Blick wenige Minuten vor 15:00 Uhr den Konferenzraum.
November 2012
Koh Samui, Provinz Surat Thani, Thailand
Michael Kober lehnte sich entspannt zurück und wartete auf seinen Papayasalat, den er sich bei einem seiner Angestellten bestellt hatte und den er fast jeden Mittag zur gleichen Zeit auf der großzügigen Restaurantterrasse zu sich nahm. Das Sun Flower Ressort, welches er nun schon seit gut zwei Jahren leitete, war bereits gut gebucht, obwohl es im November immer noch zu starken Wolkenbrüchen kommen konnte. Doch man spürte längst das nahende Ende der Regenzeit und für die nächsten drei Monate gab es bereits zahlreiche Reservierungen, die die Kasse klingeln ließen. Zum Glück hatten sie den Trend der Zeit früh genug erkannt und das in die Jahre gekommene Ressort zu einer Luxusherberge umgebaut. Die immer zahlreicher kommenden Touristen aus Russland und zunehmend auch aus China waren bereit, für Extravagantes kräftig in die Tasche zu greifen. Die Zeiten der mittellosen Backpacker, die lange die drittgrößte Insel im Golf von Thailand belagert hatten, waren endgültig vorbei und Fünf-Sterne-Hotels wie das Sun Flower gaben zunehmend den Ton auf Koh Samui an. Das Ressort lag ganz im Norden der Insel am weitläufigen Maenam Strand, einer der wenigen Ecken, wo es noch recht beschaulich zuging. Wem mehr nach Nightlife und Abenteuer zumute war, war am Chaweng Beach besser aufgehoben. Michael Kober liebte diesen Strandabschnitt und sein Blick schweifte stolz über den liebevoll angelegten Garten, in dem zwischen viel Grün und blühenden Gewächsen die unterschiedlichen Bungalows versteckt waren.
Als er damals beschlossen hatte nach Asien zu gehen, konnte er sich mehrere Anlagen aussuchen, denn Deutsche Führungskräfte im Hotelgewerbe wurden weltweit gesucht, man schätzte ihre Disziplin und Gründlichkeit. Seine Entscheidung war letztendlich auf das Sun Flower gefallen, denn dort hatte man dem jungen Manager viel freie Hand bei der Umgestaltung gelassen und dazu ein großzügiges Budget zur Verfügung gestellt, von dem er bei anderen Hotels nur träumen konnte. Jetzt war soweit alles auf dem neuesten Stand, bis auf eine notwendige Sanierung, aber auch die war bereits durchgeplant und sollte in der nächsten Woche in Angriff genommen werden.
Die Schattenseiten des in den letzten Jahren stark zugenommenen Tourismus auf dem als »Trauminsel« beworbenen Koh Samui machten sich in unterschiedlichster Form vor allem für die ursprünglichen Einwohner bemerkbar. So beklagten sich viele, ihr Land an Unternehmer vom Festland verloren zu haben und darüber, dass vielerorts die Kokospalmen-Haine, die früher zahlreiche Strände säumten, mehr und mehr verschwunden waren.
Doch am meisten machten ihnen die stark gestiegene Preise für Lebensmittel sowie für Trinkwasser zu schaffen. Denn unter dem rasanten Bevölkerungszuwachs hatten ganz besonders sowohl die Qualität als auch die Quantität des kostbaren Nass’ gelitten. Das hatte zur Folge, dass die Insulaner heute oft auf Wasser aus Flaschen zugreifen mussten, was ein immer größeres Loch in ihren meist kargen Geldbeutel riss. Auch im Sun Flower Ressort war das ein erheblicher Kostenfaktor und Michael Kober war schon länger damit beschäftigt, eine andere, auf Dauer günstigere Lösung zur Trinkwasserversorgung zu suchen. Vor zwei Monaten war er dann auf die Anzeige einer deutschen Firma gestoßen, die in Bangkok ein Büro unterhielt und Trinkwasseraufbereitungssysteme für Hotelanlagen anbot. Sein Interesse war sofort geweckt und nach ein paar Telefonaten mit der Niederlassung in der Hauptstadt war ein Mitarbeiter zu einem Beratungsgespräch zu ihm auf die Insel gekommen.
Der entsandte Berater der OsmoTec GmbH sprach fließend Deutsch und war bestens vorbereitet, als er sein Konzept dem Hotelmanager vorstellte. Er hatte sogar eine Liste bereits abgeschlossener Projekte mit im Gepäck, die ähnliche Probleme mit der lokalen Trinkwasserqualität hatten und bereit waren sich mit dem noch unschlüssigen Manager auszutauschen. Das hatte er dann auch getan und die Rückmeldungen, die er bekam, waren durchweg positiv, was ihn in seiner Entscheidung eine hauseigene Trinkwasseraufbereitung aufzubauen, beflügelte.
Als nächster Schritt mussten gemeinsam mit dem hoteleigenen Hausingenieur die technischen Daten aufgenommen werden um die Bemessung einer geeigneten Anlage vorzunehmen und ein Angebot erstellen zu können. Laut Berechnungen der Firma OsmoTec sollte sich bei dem angegebenen Trinkwasserbedarf des Sun Flower Ressort, die Anlage schon nach knapp zwei Jahren amortisieren, eine Rückfrage bei den gelisteten Referenzen bestätigte Michael Kober diese Daten. Das überzeugte ihn schließlich, und mit diesen fundierten Informationen beantragte er die notwendigen Mittel bei der Hotelzentrale. Schon nach ein paar Tagen erhielt er grünes Licht für die geplanten Umbaumaßnahmen.
Das alles war schon vor einigen Wochen erfolgt, und jetzt war es endlich soweit und das Sun Flower Ressort würde in der nächsten Woche auf eine autarke Trinkwassergewinnung mittels mehrerer Umkehrosmose-Module der Firma OsmoTec umgestellt werden. Er hoffte, dass die ganzen Installationen in der vereinbarten Zeit über die Bühne gehen würden, denn ab Anfang Dezember begann die Hauptsaison und dann war keine Zeit mehr für die Koordination irgendwelcher Bauarbeiten.
Genüsslich widmete er sich seinem Papayasalat mit Limettendressing, den er mittlerweile sogar in der »normalen« thailändischen Schärfe essen konnte. Seine europäischen Geschmacksknospen hatten sich angepasst, so wie er sich auch an die Lebensweise der Thais gewöhnt hatte. Er mochte ihre Ruhe und Gelassenheit, eine vollkommen andere Art zu leben, als die im hektischen Deutschland, und das machte sich positiv in seinem ganzen Leben bemerkbar.
Dass es in wenigen Wochen mit der thailändischen Gelassenheit vorbei sein sollte und er an die Grenzen seiner Belastbarkeit kommen würde, konnte er an diesem entspannten Novembertag noch nicht erahnen.
Katharina Waldmann
Parikia, Paros
Katharina drehte sich im Halbschlaf noch einmal auf die Seite, ihre Hand tastete nach Dawid um die letzten Minuten gemeinsam das warme Bett zu genießen. Doch sie griff ins Leere, denn er war schon vor einer Stunde aufgestanden und frühzeitig zu seiner Werkstatt aufgebrochen. Eine wichtige Arbeit musste nach Naxos geliefert werden, und somit entfiel das gemeinsame Frühstück, an das sie sich so gewöhnt hatten und – bis auf wenige Ausnahmen – auch täglich zelebrierten. Der Wecker hatte jetzt schon das zweite Mal geklingelt und es wurde Zeit aufzustehen, das gab ihr auch Karl, ihr verwöhnter Kater eindeutig zu verstehen. Sie schaltete den Alarm aus und schwang sich aus ihrem großen Bett, das Dawid kurz nach seinem Einzug gebaut hatte.
Den heutigen Tag würde sie auch wieder nutzen um ihre während der Sommerzeit liegen gebliebene Ablage zu sichten und aufzuräumen. Es war Freitag, und sie freute sich auf ihre langjährige Kollegin und Freundin Angelikí, mit der sie so lange in der Athener Mordkommission zusammengearbeitet hatte. Ihr Besuch war schon mehrfach angekündigt, aber immer wieder verschoben worden. Diesmal schien es tatsächlich zu klappen, und sie hoffte eine Menge Neuigkeiten aus ihrer alten Dienststelle zu erfahren. Außerdem schien Angelikí ihr etwas wichtiges Privates mitteilen zu wollen, so geheimnisvoll wie sie am Telefon geklungen hatte. Katharina war schon ganz neugierig. Hektisch schaute sie auf die Uhr – für ein ausgiebiges Frühstück blieb keine Zeit mehr, wenn der Morgen ruhig verlief, könnte sie das aber vielleicht später gemeinsam mit ihrem Team nachholen. Ein gesponsertes Arbeitsfrühstück mit der ganzen Mannschaft, den drei Beamten Takis, Konstantinos und Spyros, die sie von ihrem Vorgänger und Freund Adonis Georgidis übernommen hatte, sowie ihrem Stellvertreter Filippos aus Athen und ihrer Sekretärin Xenia, war stets eine gern gesehene Geste. Eine kleine Entschädigung für die früher stattgefundene Beköstigung durch Adonis’ Frau Nektaria, einer begnadeten Köchin, die es sich nicht nehmen ließ, ihren Mann und dessen Mitarbeiter regelmäßig in der Dienststelle zu bekochen. Katharina wusste von den Kochkünsten Nektarias, war sie doch während ihrer Urlaube auf Paros häufig bei den Georgidis eingeladen gewesen. Nektaria hätte an der langgepflegten Tradition auch gerne festgehalten, doch für die Kommissarin kam das nicht in Frage, sie waren ja schließlich kein Restaurantbetrieb, sondern eine Polizeidienststelle. Eine ihrer ersten Maßnahmen, um etwas frischen Wind in die behäbige Truppe zu bekommen. Die drei alteingesessenen Polizisten hatten es mürrisch zur Kenntnis genommen.
Schnell machte sie sich auf den Weg von Ambelas nach Parikia, eine Strecke, die, wenn es gut lief, in zwanzig Minuten zu schaffen war. Ihr Autoradio dudelte leise vor sich hin, und während sie die Abzweigung in Richtung Parikia nahm, hörte sie in den Morgennachrichten von erneuten Protestkundgebungen in Athen und Thessaloniki. Der Grund dafür war die geplante Privatisierung der öffentlichen Trinkwasserversorgung, und das erregte seit einigen Wochen die Gemüter. Die Bevölkerung befürchtete weitere Kostensteigerungen und wehrte sich mit allen Mitteln, aber unter dem Druck der Troika waren bereits beide großen Versorger in Aktiengesellschaften umgewandelt worden um eine Übernahme durch einen privaten Investor vorzubereiten. An vorderster Front mit dabei war auch die AquaTop AG, und das verantwortliche Management wartete schon ungeduldig auf die Unterzeichnung der entsprechenden Verträge. Katharina missfiel der Gedanke zutiefst, sie hatte Freunde in Großbritannien, die sich oft über die ständig steigenden Trinkwassergebühren beschwerten, seitdem die Thatcher-Regierung in einer großen Welle viele behördlichen Einrichtungen, so auch die öffentliche Trinkwasserversorgung, privatisiert hatte. Doch nicht nur die großen Städte in Griechenland standen auf der Einkaufsliste der AquaTop AG, auch viele Kykladen Inseln waren seit längerem im Visier des Großkonzerns. Besonders auf Mykonos war man aufmerksam geworden, nachdem die Negativschlagzeilen zu Trinkwasserengpässen in den Sommermonaten immer häufiger in der Presse erschienen. Große Tankschiffe mussten mittlerweile jedes Jahr für teures Geld gechartert werden, um den immer weiter sinkenden Grundwasserspiegel auszugleichen und eine einigermaßen ausreichende Trinkwasserversorgung auf der Touristeninsel sicherzustellen. Auch auf Paros hatte der Grundwasserspiegel mittlerweile eine kritische Grenze erreicht, und es bedurfte dringend neuer Konzepte um auch in Zukunft die Insel mit genügend Trinkwasser zu versorgen.
Sie stellte ihren Wagen auf dem für sie reservierten Parkplatz, direkt vor der Polizeistation ab und eilte an die Eingangstür. Schon beim Öffnen der Tür vernahm sie einen angenehmen Kaffeegeruch. Die gute Xenia, von Anfang an ihre Verbündete, war schon da und hatte wie jeden Morgen frischen Kaffee zubereitet. Katharina betrat mit einem fröhlichen »Kalimeraaa« ihre Dienststelle und ging direkt in Richtung Küche.
»Kakí iméra!«, hörte sie eine Stimme aus dem ersten Büroraum und Katharina schaute fragend ihre Sekretärin an, die gerade eine Tasse Kaffee einschenkte und sie ihr übereichte.
»Kaliméra, Katharina«, begrüßte Xenia ihre Chefin und deutete mit einem Kaffeelöffel in der Hand auf das benachbarte Büro.
»Wer ist da drin?«
»Xenias abfällige Handbewegung verhieß nichts Gutes. »Takis nimmt gerade eine Vermisstenanzeige auf«. Sie flüsterte fast.
»Und?« Katharina schürfte an ihrem Kaffee.
»Die Frau sucht ihren Ehemann und … und ist sehr sauer, weil …. ja, weil …«Sie suchte nach den richtigen Worten.
»Weil ich sie gestern weggeschickt habe!«, ergänzte Katharina.
»Genau!« Xenia war sichtlich erleichtert, dass sie keine weitere Erklärungen liefern musste »Takis gibt sein Bestes!« Sie ist seine Nachbarin.«
»Oh, je!« Katharina seufzte tief. Die Insulaner kannten sich fast alle, waren verwandt, verschwägert und vielfach trugen sie Familienfehden über Generationen aus. Sie selbst war in der Paroanischen Gesellschaft eine »Neue« und musste oft feststellen, dass die Bewohner untereinander mit einem sanfteren, manchmal recht kumpelhaften Verhalten ihre Beziehungen zueinander pflegten. Ganz anders, als sie es aus Athen gewohnt war.
»Es ist alles OK«, sagte Xenia beruhigend und lächelte. Die gute Seele der Dienststelle war wie sie, eine »Fremde« vom Festland und obwohl verheiratet mit einem Paroaner, hatte sie manchmal das Gefühl, dass sie nicht wirklich zu den Einheimischen gehörte. Sie hatte das eine oder andere Mal mit Katharina darüber gesprochen, und das verband die beiden Frauen. Katharina, die in Athen aufgewachsen und Jahre lang im Dschungel der Millionenstadt gearbeitet hatte, pflegte einen raueren Ton gegenüber Verbrechern, Straftätern oder Gesetzesbrechern im Allgemeinen als ihre Kollegen aus Paros. Takis, ihr Dienstältester Mitarbeiter, war da genau das Gegenteil. Seine Art, mit den Insulanern zu sprechen, war demonstrativ brüderlich und familiär. Ausdrücke, die Katharina zum Rasen brachten und am Anfang für viel Zoff zwischen den beiden gesorgt hatte. Dabei spielte natürlich auch die Tatsache, dass Takis nicht den Posten des Stellvertreters bekommen hatte, eine große Rolle. Mittelweile hatten sich die Wogen geglättet und Katharina verstand besser, wie die Paroaner tickten. In vielen Fällen überlies sie dann Takis das Feld und agierte im Hintergrund, was der wohlwollend registrierte.
Mit der Erkenntnis, dass wieder einmal ein »Familienfall« vorlag, also ein Fall für Takis, ging sie mit großen Schritten Richtung Flur. Mit der Tasse Kaffee in der Hand lief sie weiter in ihr Büro ohne einen Blick in Takis Zimmer zu werfen, wo der mit sanfter Stimme versuchte der Frau neuen Mut zu geben. Als eine gefühlte Stunde später Takis Marika Psará bis zur Ausgangtür begleitete – rührend und fürsorglich, so als wäre sie seine Schwester – hörte sie ihn mit einer Stimme, die echte Anteilnahme vermuten ließ sagen: »Ich kümmere mich persönlich darum, Rika.«
»Danke, Takis« kam die gehauchte Antwort und das schnell leiser werdende Klacken der Stilettos signalisierte, dass die Psará sich entfernt hatte.
»Kalimera, Katharina« Takis blieb an der geöffneten Tür ihres Büros stehen.
»Der Ehemann ist wohl immer noch nicht aufgetaucht!«, bemerke die Kommissarin knapp, bevor er etwas sagen konnte. »Im Grunde genommen ist selbst nach einer Nacht noch kein dringender Handlungsbedarf gegeben!«
»Aber ich kenne Kostas und Rika persönlich«, protestierte der rundliche Polizist
»Dann solltest wohl auch du die Nachforschungen einleiten!«, sagte sie prompt und führte ihre Kaffeetasse an ihre Lippen.
Takis brauchte einige Sekunden um zu begreifen, dass Katharina ihm gerade offiziell den Fall zugewiesen hatte und er die Vermisstenanzeige, die er aufgenommen hatte, nun abarbeiten durfte.
»Ja, ja sofort«, sagte er zufrieden, »ich beginne bei seiner Arbeitsstelle.«
»Danke, dass du dich um Frau Psará kümmerst«, erwiderte Katharina und damit war die Angelegenheit für Sie erledigt. Ein Routinefall, der sich bestimmt schnell aufklären würde.
Takis blieb mit einem merkwürdigen Gefühl im Bauch zurück. Dieses »Danke« aus Katharinas Mund irritierte ihn. Vielleicht weil er es so selten hörte, ein Danke von seiner Vorgesetzten. War es ironisch oder herzlich gemeint?
Katharina widmete sich wieder dem Chaos auf ihrem Schreibtisch. Beim Anblick des Notizzettels, auf dem die Ankunftszeit von Angelikí vermerkt war, glitt ein Lächeln über ihr Gesicht. Das Wochenende stand vor der Tür.
Takis Papandreou
Parikia, Paros
Takis folgte der Straße entlang der Hafenpromenade in Richtung des Hotels Pandrossos, das auf einer Anhöhe am Ende der Allee lag. Dort machte die Straße eine scharfe Linkskurve, hinter der sich die Stadtverwaltung befand. Er dachte an Rika und ihre vom Weinen geröteten Augen, die sie mit ihrer Sonnenbrille versucht hatte zu verstecken, als sie heute Morgen vor ihm stand. Sie hatte an seine Tür geklopft und er war geschockt gewesen, als sie augenblicklich angefangen hatte zu weinen. Er hatte ihr einfühlsam erklärt, warum Katharina sie weggeschickt hatte. Vorschriften hin oder her, er hätte sofort gehandelt. Wie konnte man nur Rika nicht helfen! Er parkte seinen Wagen in der kleinen Einbuchtung vor dem Gebäude, das hinter einer Treppe und einem großen Vorplatz lag. Obwohl er schon unzählige Male hier gewesen war, schweifte sein Blick aufs Meer hinaus, und er genoss für einen Moment den wunderbaren Ausblick, den man von hier oben hatte. Den weitläufigen Platz schmückte ein uralter Feigenbaum, in dessen Stamm sich über die Jahre unzählige Liebespaare verewigt hatten. Plötzlich musste er sich eingestehen, dass Rikas Anblick ein Kribbeln bei ihm ausgelöst hatte. Er konnte nicht definieren, woran es lag. Waren es die traurigen Augen oder ihre blondierte Haarpracht? Das tiefe Dekolleté? Und dann noch dieser Feigenbaum! Erinnerungen wurden unweigerlich wach und er suchte an dem dicken Baumstamm, bis er die Stelle fand. Ein über die lange Zeit verwachsenes eingeritztes Herz unterlegt mit den Buchstaben »T+R«. Takis, mittlerweile Mitte Fünfzig, blickte zurück auf die Jahre, Sommer und Winter der Vergangenheit. Gefühle überwältigten ihn für einen Moment, Gefühle, die er noch nie geäußert hatte. Rika war sein geheimes Verlangen. Rika, die für ihn Unerreichbare, verheiratet mit Kostas Aristidis, seinem Nachbarn, Schulfreund und entferntem Vetter. Rika, die seit vielen Jahren gegenüber wohnte. Takis holte tief Luft. Das Blau der Ägäis hatte die Kraft ihn zu beruhigen. Ob Kostas tatsächlich etwas zugestoßen war, fragte er sich. Oder wünschte er es sich sogar insgeheim? Er schüttelte energisch den Kopf, löste seine Hände abrupt von dem Feigenbaum und machte sich auf den Weg in Richtung der Abteilung für Trinkwasserversorgung, die in einem Nebengebäude untergebracht war.
Cháris Papadakis telefonierte gerade lautstark, als Takis sein Büro betrat. Er wirkte gestresst, und auf seinem Schreibtisch stapelten sich unzählige Aktenordner. Inmitten der Berge von Papier versteckten sich ein halbleeres Glas Frappé, ein volles Glas Wasser, ein seit Tagen nicht geleerter Aschenbecher, ein Päckchen Assos Filter, Kugelschreiber und ein Foto seiner zwei Kinder. Takis und Cháris kannten sich, waren fast gleichaltrig und pflegten wenig Sympathie zueinander. Der Polizist mochte den angeberischen Ton nicht, den Cháris häufig an den Tag legte. Als sich die Blicke der zwei Männer trafen, wurde Cháris Stimme spontan lauter und prahlender. Er gab ihm ein Handzeichen sich auf den Stuhl an dem zweiten Schreibtisch in dem engen Büro, der nicht besetzt war, zu setzen. Der Polizist nickte dankend, bevorzugte es aber zu stehen. Weder der Raum, noch der Stuhl luden dazu ein Platz zu nehmen oder sogar hier zu verweilen. Das klingelnde Telefon auf dem leeren Schreibtisch nervte dazu gewaltig, und Cháris lautstarkes Telefongespräch über die politischen Auswirkungen in seinem Job interessierten ihn nicht.
»Mensch, Takis!«, rief Charis schließlich als er endlich den Telefonhörer aufgelegt hatte. »Finde um Gottes Willen schnell Kostas!« Eine theatralische Handbewegung unterstrich seine Worte und erst danach reichte er ihm seine Hand. »Rika ist außer sich!«, fügte er noch hinzu.
»Dafür bin ich da!« Takis schüttelte nur widerwillig die angebotene Hand. »Aber dazu brauche ich deine Mithilfe«, sagte er und bewegte sich Richtung Fenster. »Wann hast du Kostas Aristidis das letzte Mal gesehen?«
»Gestern …«
»Und? Was hat er gemacht?«
»Nichts, also nichts Besonderes.«
»Ist er ganz normal zur Arbeit erschienen?«
»Ja, doch …« Charis versuchte sich den Tagesablauf gedanklich in Erinnerung zu rufen. Takis beobachtete, wie sein Gesprächspartner mehrfach den Kopf schüttelte und ein plötzliches Aufblitzen in dessen Augen signalisierte, dass es vielleicht doch etwas Außergewöhnliches gegeben hatte. »Es war eigentlich ein Tag wie jeder andere.« Seine Stimme wirkte künstlich. »Stress pur!«, ergänzte er und zeigte auf die Stapel von Anträgen und Bauzeichnungen, die überall herum lagen. »Kostas ist etwas früher weg, weil er einen Arzttermin hatte.«
Takis horchte auf.
»Er hatte Probleme mit seinem Magen, hat er mir erzählt und wollte das abklären lassen.«
»Ist das sein Schreibtisch?«
»Ja, wir sind zu zweit hier.« Cháris war es unangenehm, als der Polizist in der Unordnung auf Kostas Schreibtisch herumblätterte. Er seufzte. »Wer weiß, ob wir nächstes Jahr unseren Job überhaupt noch haben! Jetzt wollen die auch noch die gesamte Trinkwasserversorgung privatisieren!«
»Das Schicksal Griechenlands …«, murmelte der Polizist resigniert eine Antwort. »Und sonst ist dir nichts aufgefallen?«
»Doch, doch … Wenn ich so überlege, war er irgendwie anders«
»Wie ›anders‹?«
»Anders als gewohnt!«
»Erzähl!« Takis merkte wie sein Gegenüber angestrengt überlegte.
»Er schien furchtbar nervös und gereizt, so kannte ich ihn eigentlich nicht. Ich habe das auf seine Magenprobleme geschoben und ihn in Ruhe gelassen. Ansonsten ist mir nichts weiter aufgefallen.«
Takis blickte auf. »Wusste seine Frau von den Magenproblemen?«
»In Gottes Namen!«, rief Cháris und verdrehte die Augen. »Du kennst doch Kostas! Er ist nicht der Typ, der seiner Frau alles erzählt.«
»Hatte er denn Geheimnisse?«
»Du meinst Frauengeschichten?«, Cháris lächelte schelmisch. »Nee! Wirklich nicht! Du weißt doch, Rika war der Glücksgriff seines Lebens. Die hätte der nie betrogen.« Takis hielt seinen Notizblock fest umklammert, seine Gedanken flogen davon. Er hatte sich oft gefragt, was die wunderbare Rika an Kostas fand. Kostas sah vergrämt aus, gezeichnet von den Jahren. Sie dagegen strahlte auch mit Anfang 50 noch voller Lebensfreude und Sexappeal. Rika, die Göttliche …
»Hey! Takis! Hörst du überhaupt zu?«
Cháris anmaßende Stimme unterbrach Takis sehnsüchtige Ausflüge. Seine wenigen Notizen waren bisher mehr als dürftig, er wollte sich noch nicht zufriedengeben.
»Gab es Vorfälle mit Kunden oder Vorgesetzten?«, fand Takis wieder in das Gespräch zurück.
»Aber nein«, entrüstete sich der Arbeitskollege. »Kostas ist eine ganz treue Seele. Er kann doch keiner Fliege was zu Leide tun! Bis auf …«, er stockte einen Augenblick, »ich weiß nicht, ob das relevant ist …« Cháris unterbrach seinen Redefluss. Er zündete sich eine Zigarette an.
»Erzähl!« Takis hasste das dramatische Verhalten von diesem Chauvi. »Was ist passiert?«
»Vor knapp zwei Jahren, da gab es Gerüchte.« Cháris pustete den Rauch in Richtung Takis. »Ich sage bewusst Gerüchte.« Er nahm einen Schluck von seinem Frappé.
Der Polizist brodelte innerlich.
»Das hat den beiden damals ganz schön zugesetzt.«
»Was für Gerüchte? Mensch Cháris, von was redest du?«
Cháris druckste herum. »Es ist mir unangenehm über einen Kollegen etwas Negatives preis zu geben.«
»Wir wollen Rika helfen! Alles kann relevant sein. Nun sag schon!«
Cháris nahm einen tiefen Zug an seiner Zigarette. »Kostas soll Schmiergelder von einer großen Baufirma erhalten haben, hieß es hartnäckig eine ganze Zeit, aber er hat das vehement abgestritten.«
»Wer hat ihn beschuldigt?«
»Offiziell keiner! Ich habe auch nie daran geglaubt.«
Takis schaute skeptisch.
»Es gab dieses Gerede. Ich sagte ja bereits, ich habe nie daran geglaubt«. Wieder nahm er einen Schluck von dem Frappé und drehte Takis seine Schulter zu.
»Du sagtest ›das hat den beiden damals ganz schön zugesetzt‹. Was meinst du damit?«
»Ach, Takis!«
»Du meinst wohl Rika und Kostas hatten damals Probleme?« Takis wartete gespannt.
»Wie es wohl bei allen verheirateten Pärchen üblich ist … Aber du kannst dir solche Probleme ja schlecht vorstellen!«
»Warum? Nur weil ich nicht verheiratet bin?« Takis Stimme wurde lauter »Also!« Wütend stellte er sich vor Charis Schreibtisch. »Was ist damals zwischen Rika und Kostas passiert?« Seine Augen blitzten vor Wut.
Die beiden ungleichen Männer schauten sich abschätzend in die Augen. Viele Jahre, Jahrzehnte, Sommer wie Winter verbrachten sie schon auf der Insel. Sie teilten unzählige Erinnerungen aus der vergangenen Zeit. Das Leben auf Paros war ein stetiges Fest, insbesondere im Sommer. Wenn die Sommersaison jedoch zu Ende ging, wenn die Herbststürme über die Inseln fegten, wenn die Schiffe häufig nicht anlegen konnten und die Insulaner wieder unter sich blieben, eine eingeschworene Gemeinschaft, dann nahm die Insel ihren rauen Charakter an und die Bewohner folgten ihrem wahren Naturell. Hart, härter, am härtesten. Felsen und Herzen wurden eins. Die Wintermonate auf einer Insel waren immer hart. So hart wie die Erinnerung an ein gemeinsames Fest in jenem Sommer:
Es war der 23. August, ganz Paros hatte sich im Hafen von Naoussa versammelt, der Wind wehte, die Wellen brachen sich gewaltig, die jungen Männer der Insel waren alle als Piraten verkleidet. Man feierte wie jedes Jahr das traditionelle Dorffest Enneamera zur Erinnerung an den heroischen Seesieg der Griechen und Venezianer gegen den türkischen Piraten Barbarossa. Die Dorfjugend spielte diese Schlacht nach, Takis, Cháris und Kostas waren mit dabei, alle um die 18 Jahre jung. Viel Wein wurde getrunken und zu später Stunde, mussten die, während des Angriffs verschleppten Frauen der Insel, zurückerobert werden. Es folgte ein Kampf, bei dem jeder Jüngling seiner Auserwählten imponieren wollte, ein Brauch der seit Generationen gepflegt wurde. Mut und Ausdauer, Glück und Willenskraft, Jungen die zu Männern werden. Und dann passierte es: Rika war zum Greifen nahe, alle drei hatten sich in das zauberhafte Mädchen verguckt, als zwei der verliebten Burschen den Halt verloren und über Bord gingen. Ein letztes Aufbegehren im aufgepeitschten Wasser begann, doch nur einer schaffte es, und im Hintergrund des Meeresrauschens applaudierte bereits das begeisterte Publikum. Verzweiflung und Trauer standen in den Augen der Verlierer und einer triumphierte. Aber es war weder Takis noch war es Cháris. Es war Kostas! Kostas hielt Rika fest in seinem Arm, so als wolle er sie niemals wieder frei geben.
Die Menge tobte, Takis und Cháris sollten diesen 23. August 1976 im Hafen von Naoussa nicht vergessen. Lebenslang sollte er zwischen ihnen stehen. Nur Kostas hatte das große Los gezogen. Sein eher zufälliger Sieg bescherte ihm die Aufmerksamkeit des schönsten Mädchens von Paros und Marika, die von allen nur Rika gerufen wurde, sollte einige Jahre später seine Frau werden. Wie ein einziger Tag das ganze Leben beeinflussen kann! Alle Jungs waren damals verliebt in Rika, nicht nur Cháris und Takis. Cháris würde später eine holländische Touristin heiraten, sich scheiden lassen und die zwei gemeinsamen Kinder jedes Jahr nur für einige Wochen zu sich nehmen dürfen. Takis sollte in einer lauen Vollmondnacht halbbetrunken am Feigenbaum ein Herz mit den Buchstaben »T+R« einritzen und sein eigenes Herz für immer verschlossen halten. Und immer wieder würden die beiden Männer Rika bewundern, die mit den Jahren immer hübscher, immer blonder und begehrenswerter wurde. Was ebenfalls immer blieb, war der Neid auf Kostas. Cháris jeden Tag mit ihm im gleichen Büro. Takis jeden Tag mit ihm als sein Nachbar. Und jetzt sollte er plötzlich verschwunden sein? Hatte Charis vielleicht sogar etwas mit dem Verschwinden seines ehemaligen Rivalen zu tun? Takis Gedanken rasten. Für Charis wäre es ein Wink des Schicksals, nach so langer Zeit eine neue Chance mit Rika! Er erschrak über seine Fantasien und wusste, dass dieses Scenario genauso gut auf ihn zutraf. In seinem Innersten loderte die alte Leidenschaft wieder auf.
»Du liebst sie immer noch! Nicht wahr?«, sagte Cháris überrascht.
»Sei nicht blöd!«, gab Takis zurück und schlug mit der Faust auf den Schreibtisch. »Ich suche Kostas!« Seine Hände packten plötzlich Cháris Kragen und am liebsten hätte er diesem arroganten Fatzke den Hals herumgedreht. »Und jetzt sprich!«
»Ist ja gut! Ist alles gut, Mensch!« Cháris Ton wurde weicher. »Lass los! Ich sage dir, was ich weiß, aber lass mich los!«
Takis löste langsam den Griff, ließ Charis aber nicht aus den Augen.
Cháris ordnete sein Hemd, sammelte die heruntergefallenen Akten wieder auf und erzählte von einer Baufirma. »Name und Adresse«, verlangte Takis. Außerdem erfuhr er noch von einer Verleumdungsklage, die Kostas angeleiert hatte und von der Zeit, als Rika immer wieder nach Athen fuhr und es nach einer Krise in deren Beziehung »roch«.
»Wieso roch?« Takis konnte diese Art von Sprache nicht ausstehen.
»Weil Kostas nie offen darüber sprach«, erklärte Cháris. »Aber ich rieche Beziehungsprobleme von weitem!«
»Da sprichst du wohl aus eigener Erfahrung«, bemerkte Takis ironisch und notierte alles, was Charis außerdem noch preisgab: genaue Details zu den Gerüchten, wann die Vorwürfe erstmals bekannt wurden, an welchen Projekten Kostas in der letzten Zeit gearbeitet, wann er Urlaub und wer alles dieses Büro betreten hatte.
Takis verließ trotzdem unzufrieden das Gebäude. Er hatte auf mehr Konkretes gehofft und das Gespräch als äußerst zäh empfunden. ›Du liebst sie immer noch! Nicht wahr?‹ – Dieser Satz bohrte sich in sein Gehirn, und der Gedanke brannte wie Feuer. Wie konnte Cháris das nur zu ihm sagen? Warum wusste dieser kleine Beamte mehr, als er sich selbst eingestehen konnte? War dieser 23. August nicht längst Vergangenheit?
Takis setzte sich seine dunkle Sonnenbrille auf und bedeckte eine Träne, die ungewollt aus seinem linken Auge rann. Fürchterliche Wut auf sich selbst und Charis bescherte ihm diesen Ausbruch. Der unverschämte Typ hatte ihn durchschaut, es ihm frech ins Gesicht gesagt. Er wusste bis zum heutigen Tag nicht genau, was es bedeutete »nah am Wasser gebaut zu haben«. Er wunderte und schämte sich zugleich – mit 55 Jahren den alten Feigenbaum im Rücken, an der Promenade weinen zu müssen. Sollte Kostas doch für immer verschwunden bleiben! Er erkannte sich selbst nicht mehr.
Schnell stieg er in sein Auto. Radio an, Motor an, Fenster zu, die Musik ganz laut. So konnte er sein eigenes Weinen und Schluchzen übertönen.
Ein knappes Jahr vorher – Oktober 2012
Europazentrale der AquaTop AG Amsterdam, Niederlande
Dr. Alexander Brünner hatte gegen 19:00 Uhr berauscht die Europazentrale der AquaTop AG verlassen, nachdem er von vielen Kollegen zu seinem erfolgreichen Coup beglückwünscht worden war. Wie erhofft, war während der Videokonferenz mehrfach von Tom Polster erwähnt worden, dass man im Headquarter jetzt ganz auf ihn setze, das frisch erworbene Familienunternehmen auf den richtigen Kurs zu bringen. Schon für Montag der kommenden Woche war ein erster Kaizen angesetzt worden, früher hätte man das als Workshop zur kontinuierlichen Verbesserung bezeichnet, der zur Analyse der möglichen Einsparpotentiale dienen sollte. Denn obwohl OsmoTec ein überdurchschnittlich profitables Unternehmen war, reichte das der AquaTop AG bei weitem nicht aus. Erste vorsichtige Berechnungen waren bereits durchgeführt worden und im strategischen Plan des Global Players hatte man eine fünfprozentige Steigerung des operativen Profits in den nächsten zwei Jahren vorgesehen. Eine auf höchster Ebene getroffene Entscheidung, die keine Diskussionen zuließ und Brünner war sich dieses anspruchsvollen Zieles voll bewusst.
In einer E-Mail mit dem Hinweis – Streng Vertraulich – hatte man ihm bereits die durchleuchteten Bereiche, in denen man Optimierungsbedarf witterte, mitgeteilt. Ganz oben an stand wie immer in solchen Fällen das Personal. Human Resources hatte bereits alle Mitarbeiter ab einem bestimmten Einkommen durchleuchtet und Vorschläge zu denjenigen gemacht, auf die man ihrer Meinung nach verzichten könne. Auf Platz zwei der Liste stand ein Produktionsstandort in Deutschland, der schnellstens nach China verlagert werden sollte. Es folgten weitere Hinweise auf andere Abteilungen des Familienunternehmens, die längst nicht das Potenzial wie die beiden ersten Segmente boten, aber durchaus einer Prüfung unterzogen werden sollten. So hatte man unter anderem alle Materialien, die zur Herstellung der Module eingesetzt wurden, in Frage gestellt. Eine Aufgabe des Kaizen-Teams würde darin bestehen, nach billigeren, alternativen Werkstoffen zu suchen. Des Weiteren hatte man alle Verbrauchsmaterialien aufgelistet, die im Routinebetrieb der Anlagen und zur Wartung der Entsalzungsmodule regelmäßig benötigt wurden. Dazu gehörten einige Ersatzteile, die regelmäßig getauscht werden mussten und eine Reinigungslösung, um Kalkablagerungen und andere Partikel aus den teuren Aggregaten zu entfernen. Einige dieser Verbrauchsstoffe waren teuer, weil sie eine spezielle Zertifizierung erforderten, die erst den Einsatz in der Trinkwasseraufbereitung erlaubte. Fast schon zur Routine gehörte die Überprüfung aller Lieferanten von OsmoTec, mit denen man die bestehenden Verträge dringend nachverhandeln musste.
Brünner überflog die aus dem Headquarter geschickte Liste und ging im Kopf die Teilnehmer des anstehenden Kaizens durch. Insgesamt waren 12 Mitarbeiter dafür abgestellt worden, und diese würden sich ab Montag 09:00 bis Freitag 16:00 ausschließlich damit beschäftigen alle Vorschläge, der von Tom Polster persönlich erstellten Übersicht unter die Lupe zu nehmen. Ziel war es, eine Priorisierung aller Punkte festzulegen, um zu erkennen, wo am schnellsten möglichst viel Geld eingespart werden konnte. Zunächst einmal Erfolge aufzeigen, belegen dass was geht, dachte Alexander Brünner euphorisch. Er würde das Kaizen-Team nächste Woche schon richtig fordern. Wenn die Bereiche mit den Top-Einsparungen dann schließlich feststanden, würde es zahlreiche Folge-Kaizen geben, in denen alle Details der einzelnen Maßnahmen erarbeitet werden würden.
Die in Japan entwickelte Methode war Gesetz bei der AquaTop AG sowie in vielen anderen Betrieben auch und wurde zur Qualitätssteigerung und zur Kostensenkung eingesetzt. Fast jede Woche fand eine dieser Veranstaltungen in den unterschiedlichen Niederlassungen des Konzerns statt, und sie hatten meistens einen militärischen Charakter. Es herrschte häufig ein Kasernenton während der drei bis fünf Tage dauernden Meetings, weil die Mitarbeiter unter enormen Druck am letzten Tag ein Resultat präsentieren mussten. Dieses Ergebnis würde bis zum Erreichen der gesteckten Ziele akribisch kontrolliert werden, und für viele Angestellten war es ein Graus, in eine der ständig stattfindenden Arbeitsgruppen einberufen zu werden. Nicht nur, weil die alltägliche Arbeit während eines Kaizen einfach liegen blieb, was zur Folge hatte, dass viele weit über das normale Maß hinaus täglich arbeiteten, um den Arbeitsstau nicht zu groß werden zu lassen. Nein, auch der einem Ritual gleichende Ablauf dieser Kaizens bereitete einigen Mitarbeitern erhebliche Probleme.
Alexander Brünner war sich darüber im Klaren, welche Erwartungen an ihn in den nächsten Monaten gestellt wurden, aber er liebte diese Herausforderungen. Sein Adrenalinspiegel war auf einem extrem hohen Level, und er brauchte jetzt dringend eine Gegenmaßnahme, um wieder auf ein gesundes Niveau herunter zu kommen. In der großen Lobby der AquaTop AG scrollte er die Kontakte auf seinem Handy durch und nach wenigen Sekunden hatte er die Nummer seiner geschätzten Domina im Display. In der Regel bekam er einen kurzfristigen Termin, um bei ihr vorstellig zu werden. Die Dame hatte einen guten Riecher für finanzstarke Kunden. Schon mehrfach hatte er sich während der normalen Arbeitszeit aus seinem Büro gestohlen, um sich in dem kleinen Studio von Madame Karen kurzfristig Erleichterung zu verschaffen.
Er suchte sich eine Nische vor dem großen Eingangsportal, wählte die Nummer des Studios und schon nach wenigen Sekunden vernahm er die raue Stimme seiner Meisterin. Flehend bat er um ein rasches Date, seine Stimmlage hatte jetzt nichts mehr mit dem knallharten Manager zu tun, den die AquaTop AG so sehr schätzte. Mit einem kurzen „Ja, Madame!“ nahm er die Anweisungen seiner Herrin entgegen, und schon das kurze Telefonat mit ihr bescherte ihm eine heftige Erregung. Sie hatte ihm einen Termin in einer Stunde zugesagt, bis dahin sollte er in der winzigen Gasse am Ende der Kerkstraat unmittelbar neben ihrem Etablissement in einer Ecke auf ihren Anruf warten. Das gehörte zum Vorspiel der cleveren Lady, denn von ihrem Studio aus hatte sie Einblick in den dunklen Durchgang und zeigte sich ihren brav wartenden Kunden gelegentlich am Fenster. Für Alexander Brünner war das bereits Teil des Spiels, und zu wissen, dass seine Gebieterin ihn von oben herab aus ihrem Reich beobachten konnte, steigerte seine Lust auf ihr Treffen ins Unermessliche.
Wie ein bestrafter Schuljunge stand er an der alten Backsteinwand und wartete sehnsüchtig auf den Anruf seiner Domina. Doch er musste sich gedulden, sie ließ ihn zappeln und seine Erregung war kaum noch unter Kontrolle zu halten. Schließlich erhielt er den erlösenden Befehl, zu ihr hinauf zu kommen.
Die roten Lackstiefel waren immer das Erste, was er sah, wenn er die nur angelehnte schwarze Eingangstür zu ihrem Playroom öffnete. Mit gesenktem Blick betrat er den engen Flur, das vollkommen in rot und schwarz gestaltete Studio befand sich dahinter. Madame Karen erwartete ihn, sie stand mit dem Rücken zu ihm gewandt. Ohne etwas zu sagen legte er den vereinbarten Geldbetrag in eine Schale und schritt zu seiner Meisterin in ihre Folterkammer. Mit flinken Fingern legte sie Alexander Brünner ein schwarzes Lederband um seinen Hals, das an einer langen Kette befestigt war. Dann befahl sie ihm sein Hemd auszuziehen. Seine Hände zitterten vor Lust, als er sich geschwind Knopf für Knopf vor ihr entblößte und seine geschundenen Brustwarzen zum Vorschein kamen. Madam Karen ließ ihn nun niederknien und zog das Halsband stramm. Seine Hand glitt in seinen Schritt und er öffnete seine Hose, als ihm seine Gebieterin mit einem strengen Blick und einem heftigen Peitschenhieb Einhalt gebot. Er keuchte vor Lust und streckte ihr erwartungsvoll seine Brust entgegen.
Er wusste was jetzt kam und konnte es kaum noch aushalten. Die Domina stellte einen ihrer Lackstiefel zwischen die Schenkel ihres ergebenen Opfers und ließ langsam heißes Kerzenwachs auf den Körper des Managers tropfen. Unterstrichen wurde das Ganze mit heftigen Peitschenhieben auf den Rücken ihres Kunden. Alexander Brünner stieß laute Schreie vor Erregung aus und war kurz vor dem Gipfel, als sie mit der Spitze ihres Stiefels seine Beine weiter auseinanderschob und ihn wiederum mit einem strammen Hieb ihrer Peitsche kurz vor der Explosion in die Schranken wies. Diesen Ritus wiederholte sie noch einige Male, bis er schließlich in äußerster Ekstase zu seiner langersehnten Erleichterung gelangte. Herrisch zog Madame Karen den Kopf des verschwitzten Managers zu ihren roten Stiefeln hinunter und forderte ihn auf diese sauber zu lecken, dann war für sie die Sache beendet. Ohne ein weiteres Wort verschwand sie und ihr erschöpftes Opfer blieb alleine mit sich zurück. Alexander Brünner blieb noch einen Moment lang liegen, bevor er sich grob das erhärtete Wachs von seinem Brustkorb kratzte, sich anzog und das Haus in der Kerkstraat verließ. Jetzt konnte er wenigstens entspannt in seinen Feierabend starten.
Georgios Apostolopoulos
Náoussa, Paros
Georgios Apostolopoulos fand den Zettel von Sophia auf dem großen Küchentisch liegend. Er möge noch Gurken und Tomaten holen, damit sie das Abendessen für ihre Pensionsgäste zubereiten konnte. Das war eigentlich nicht ihre Art, denn normalerweise hätte sie das schnell selbst erledigt, aber Georgios wusste, dass sie seit ein paar Tagen Probleme mit ihrem Rücken hatte. Er übernahm das gerne, denn er fand zunehmend Gefallen an seinem prächtig gedeihenden Nutzgarten, der mittlerweile eine beträchtliche Ernte hervorbrachte. So sehr er das elterliche Anwesen noch vor nicht allzu langer Zeit verachtet hatte, empfand er es jetzt nach der umfangreichen Umgestaltung als einen wahren Glücksfall. Jeden Tag mehr genoss er es, diesen Schritt gewagt zu haben. Besonders das Einbringen von eigenem Obst und Gemüse hatte für ihn eine ganz neue Bedeutung bekommen.
Das mit dem Gemüse passte gut, so konnte er außerdem noch schnell nach dem Bewässerungssystem seines Gartens schauen. Seine alte Kinderfrau hatte ihm schon heute Morgen von einem verstopften Ventil berichtet. Mittlerweile hatte sich zwischen den beiden wieder alles sehr gut eingespielt, nachdem sie im Sommer dieses Jahres endlich ihr Gästehaus nach aufwändigen Umbauarbeiten eröffnet hatten. Fast ein Jahr lang hatte es gedauert, bis alle sechs Zimmer des großen Hauses so hergerichtet waren, wie es ihren Vorstellungen entsprach. Im Juni 2012 hatten die Arbeiten in seinem Elternhaus begonnen. Zusammen mit Louis hatte er fast zwei Monate an dem Konzept gewerkelt. Für den Architekten war es eine große Herausforderung gewesen, einen großzügigen separaten Wohnbereich für sich und seinen Lebensgefährten zu gestalten, sowie neben den sechs Gästezimmern noch genügend Platz für ihre alte Perle Sophia zu schaffen. Gemäß dem Testament seiner verstorbenen Mutter Maroula hatte sie lebenslanges Wohnrecht auf dem Apostolopoulou-Anwesen.
Dank seines Erbes war zum Glück genügend Geld vorhanden, sodass sie sogar in eine neue Küche investieren konnten. Das war eines der schwierigsten Kapitel bei dem Großprojekt gewesen, denn Sophia die ehemalige Haushälterin des Apostolopoulou-Clans, konnte und wollte nicht einsehen, warum ihre über die Jahre so liebgewonnene Küche nun einer neuen weichen sollte. Sie war doch fast vierzig Jahre so gut in der alten zurechtgekommen. Wie ein störrischer Maulesel hatte sie auf die Nachricht reagiert und nur der geduldigen Art von Louis war es zu verdanken, dass sie schließlich einlenkte und einer Veränderung zustimmte. Er war der Vermittler zwischen den beiden und die neue Küchenanschaffung war nicht die einzige Meinungsverschiedenheit gewesen, die er souverän geschlichtet hatte. Die alten Wunden zwischen Georgios und Sophia rissen in der ersten Zeit immer wieder auf, und es dauerte manchmal eine ganze Weile, bis man wieder zu einem normalen Miteinander fand. Das war nicht einfach für die betagte Dame, jahrelang hatte sie zwischen Georgios mit seinem exzessiven Lebensstil und seiner Mutter gestanden. Erst nach deren Tod und nachdem Georgios zur Besinnung gekommen war, hatte es eine langsame Annäherung gegeben. Jetzt liebte sie es für die Urlaubsgäste und ihre beiden Männer zu kochen. Das war schon immer ihre Leidenschaft gewesen und sie spürte, dass sie auch mit ihren 67 Jahren noch gebraucht wurde.
»Es kommt kein Wasser am hinteren Verteiler,« hatte sie Georgios in der Früh zugerufen, als dieser gerade nach Parikia fahren wollte um ein paar Besorgungen zu machen. Der große Garten, der ganz in der Nähe des zum Grundstück gehörigen, weitläufigen Olivenhains angelegt worden war, war von Anfang an ein wesentlicher Teil ihres Konzeptes, denn nur so konnten sie ihren Gästen auch schmackhaftes Obst und Gemüse aus eigenem Anbau anbieten. Für eine ausreichende Bewässerung der Nutzpflanzen sorgte ein aufwändig verzweigtes Rohrnetz, welches von einem großen in der Erde verbauten Kunststofftank am oberen Bereich des Geländes gespeist wurde. Dieser wurde zwei bis dreimal im Jahr von einer alten Zisterne befüllt, die früher das große Anwesen auch mit Trinkwasser versorgt hatte. Zu diesem Zeitpunkt lag das Apostoulópoulos-Areal noch weit weg von dem öffentlichen Trinkwassernetz und Georgios Vater hatte seinerzeit viel Geld investiert, um die lange Versorgungsleitung bis zu dem alten Wasserspeicher bauen zu lassen.
Im Zuge der Umbaumaßnahmen von ihrem Gästehaus hatten sie sich auch Gedanken über ein neues Trinkwasserversorgungskonzept gemacht, zumal sie jetzt Touristen zu versorgen hatten und ihnen hygienisch einwandfreies Wasser zur Verfügung stellen mussten. So standen sie vor der schwierigen Entscheidung, entweder das Gehöft an das öffentliche Versorgungsnetz anzuschließen, oder in eine eigene autarke Wasseraufbereitung zu investieren. Nach reiflicher Überlegung hatten sie sich für Letzteres entschieden, zumal auch mehr und mehr durchsickerte, dass die öffentliche Trinkwasserversorgung auf den Kykladen in Kürze privatisiert werden sollte. Als dann noch der Vertreter der Firma OsmoTec einige Referenzen aufweisen konnte, war das Projekt besiegelt und wurde als eine der ersten Baumaßnahmen umgesetzt. Das war bereits im letzten Jahr erfolgt, und Louis war nach einer umfangreichen Schulung in der Lage, die Umkehrosmose-Anlage zu bedienen. Sie waren zufrieden mit ihrer Entscheidung, und bisher hatte es keinerlei Ausfälle gegeben. Die letzte Wartung bescheinigte ihnen einen einwandfreien Betrieb der Anlage, und das erwarteten sie auch von der zweiten Wartung, die in dieser Woche durchgeführt werden sollte. Die Module waren ausschließlich für die Hausversorgung ausgelegt, für die Bewässerung des großen Gartens und der Olivenhaine hatten sie ja noch den Anschluss an die alte Zisterne.
Das neu verlegte weitreichende Bewässerungssystem für den Garten hatte vier Verteiler, von denen jeweils kleinere Leitungen in die verschiedenen Bereiche der Anpflanzungen führten. Systematisch lief er von unten beginnend die einzelnen Verteilerstationen ab und musste schnell feststellen, dass an beiden unteren Knotenpunkten nur ein schwaches Rinnsal tröpfelte. Sophia hatte also Recht und demnach musste die Ursache wohl weiter oberhalb liegen, überlegte Georgios, während er schnell ein paar Tomaten und Gurken abpflückte, auf die Sofia bestimmt schon ungeduldig wartete. Aber auch die Überprüfung der oberen Verteiler brachte ihn nicht weiter, also konnte es eigentlich nur an dem großen Zwischenspeicher liegen, der bestimmt nur neu befüllt werden musste.
Kurzerhand lief er zu dem großen kreisförmigen Deckel, welcher einen Zugang zu dem unterirdischen Tank zuließ, und holte sich einen Maulschlüssel aus dem nahe gelegenen Geräteschuppen, um die schwere Stahlklappe zu öffnen. Er löste die vier großen Schrauben und klappte schwerfällig den Deckel nach oben. Mit Hilfe eines langen Stabes konnte er recht schnell erkennen, dass tatsächlich der gesamte Tank leergelaufen war, was zunächst für ihn kein größeres Problem darstellte. Jetzt kannte er die Ursache und musste nur noch den großen Schieber öffnen, um den Zwischentank mit frischem Wasser aus der alten Zisterne neu zu befüllen. Das würde eine ganze Weile in Anspruch nehmen, aber dann hätte er wieder genügend Wasser für die nächsten Monate. Geschwind holte er den klobigen Vierkant aus dem alten Schuppen.
Es wurde langsam heiß und er begann zu schwitzen, als er mit Kraft begann den verrosteten Schieber aufzudrehen. Ächzend drehte er Umdrehung um Umdrehung und der Spalt des schweren Ventils wurde langsam größer, während Georgios auf das zischende Geräusch des einströmenden Wassers wartete.
Doch es tat sich nichts, selbst als er den Absperrschieber vollständig geöffnet hatte, hörte er nur ein leichtes Glucksen, keine Spur eines rauschenden Wasserschwalls. Georgios wischte sich die Schweißperlen von der Stirn. Verdammt, hier musste etwas anderes vorliegen, was außerhalb seines Grundstückes lag. Vielleicht führte man gerade Wartungsarbeiten durch und hatte nur kurzfristig die Wasserversorgung unterbrochen, dachte er, als er ansetzte das schwergängige Ventil wieder zu schließen. Er würde sogleich in Parikia bei der zuständigen Behörde anrufen um den Grund der Unterbrechung zu erfahren, jetzt musste er aber zunächst schnellstens zurück um Sofia das angeforderte Gemüse zu bringen.
Dezember 2012
Koh Samui, Provinz Surat Thani, Thailand
Michael Kober stand in der geschäftigen Lobby des Sun Flower Ressorts und winkte einen Kofferboy heran, der seinen Eltern bei dem Transport ihres Gepäcks behilflich sein sollte. Sie waren gerade eingetroffen, und er freute sich riesig, dass sie sich endlich einmal dazu durchgerungen hatten den Jahreswechseln bei ihrem Sohn auf Koh Samui zu verbringen. Gut gelaunt hatte er seine alten Herrschaften persönlich an dem liebevoll angelegten Inselflughafen abgeholt. Der lange Flug von Deutschland nach Bangkok mit anschließendem Weiterflug auf die Insel hatte das Ehepaar deutlich geschafft, und sie wollten sich zunächst etwas hinlegen, um sich von den Strapazen der langen Anreise zu erholen.
Fast ein Jahr war seit ihrem letzten Treffen vergangen, und Michael Kober hatte viel Zeit eingeplant, um ihnen seine Wahlheimat etwas näher bringen zu können. Irgendwie würde er das schon in seinem vollgestopften Terminkalender unterbringen, denn von Dezember bis Februar herrschte Hochsaison in Thailand, und in seinem Ressort gab es kein einziges freies Bett mehr. Die letzten Handwerker hatten wider allen Befürchtungen – Gott sei Dank – alle Renovierungsarbeiten fristgerecht abgeschlossen, sodass er sich jetzt voll auf das Wohlbefinden seiner Gäste konzentrieren konnte. Das gesamte Team war auf Spur, und sie hatten sich zum Ziel gesetzt, in diesem Jahr bei den Hotelbewertungen mindestens eine 9,0 einzufahren, was für alle eine riesige Herausforderung bedeutete. So war dann auch die neue Trinkwasseraufbereitungsanlage pünktlich Ende November in Betrieb genommen worden, und seitdem konnten sie ihre Gäste mit frischem Wasser aus eigener Produktion versorgen. Daran hatte Michael Kober bis zuletzt nicht geglaubt, denn der Installationstermin war von Seiten der Firma OsmoTec mehrfach nach hinten verschoben worden. Es gäbe umfangreiche Umstrukturierungen, hatte man ihm per Mail mitgeteilt und alle Projekte wären um wenige Wochen verzögert. Diese Mitteilung traf den Hotelchef hart, hatte man ihm doch noch bei den Verkaufsverhandlungen fest zugesagt, bis Anfang Dezember mit allen Arbeiten fertig zu sein. Er hatte es sogar schriftlich und erst nach mehreren Telefonaten mit der Zentrale in Hamburg und der Androhung von dem Auftrag zurück zu treten, lenkte OsmoTec schließlich ein und man einigte sich auf den zugesagten Termin. Nun lief das Aggregat reibungslos, und der hoteleigene Haustechniker war nach einem zweitägigen Training in der Niederlassung in Bangkok auch in der Lage, die moderne Umkehrosmose-Anlage selbstständig zu bedienen. Stolz hatte ihm sein Mitarbeiter das während der Schulung erworbene Zertifikat präsentiert, das ihm eine erfolgreiche Teilnahme an der Fortbildung bescheinigte. Jedem gegenüber, der sich seinem neuen Spielzeug näherte, gab er dann auch gern das gelernte Fachwissen ungefragt zum Besten, so auch seinem Chef, der von technischen Anlagen wie dieser wenig verstand.
»Osmose basiert auf einem natürlichen Vorgang«, begann er, als würde er aus einem Lehrbuch vorlesen, und Michael Kober ahnte schon Schlimmes.
»Das weiß ich. Erklär mir ganz einfach, wie das Ding funktioniert!«, unterbrach er den Techniker daher sofort, für wissenschaftliche Referate hatte er weiß Gott keine Zeit.
»Pflanzen nehmen so über ihre Wurzelzellen Feuchtigkeit aus dem Boden auf«, setzte der allerdings unbeirrt seinen Vortrag fort. »Der gleiche Vorgang findet auch im menschlichen Körper statt und bewirkt einen Austausch von Stoffen über die Zellmembran.«
Kober nickte mechanisch, obwohl es ihn kein Stück interessierte. Naturwissenschaften hatte er schon in der Schule gehasst. »Hört sich ziemlich kompliziert an«, er schaute den Techniker ratlos an.
»Ist eigentlich ganz simpel.« fuhr der Angestellte begeistert fort. »Bei der Trinkwasseraufbereitung aus Meerwasser setzt man salzhaltiges Wasser einem Druck aus, sodass nur die Wassermoleküle über eine Membran austreten können und Verschmutzungen oder Salze wie zum Beispiel Natriumchlorid zurückgehalten werden.«
»So wie ein Filter.«
»Ja genau, nur mit viel Druck drauf, je nachdem wie salzhaltig das Wasser ist.« Sein Mitarbeiter freute sich über die Rückmeldung und verbuchte das als Ansporn für weitergehende Erklärungen.
Der Hotelmanager winkte schnell ab, es reichte ihm, mehr brauchte er nicht zu wissen. Die Hauptsache war, dass sein Techniker die Details kannte, dazu hatte er ihn ja schließlich eingestellt. Aber eine Frage lag ihm noch auf den Lippen. »Wenn das denn alles so einfach ist, warum ist die Anlage dann so teuer?«
Als hätte der Handwerker auf diese Frage gewartet, legte er jetzt richtig los, um doch noch ein Teil seines Fachwissens loszuwerden. »Das Herzstück einer solchen Aufbereitungsanlage ist die Umkehrosmose-Membrane, deren Qualität von entscheidender Bedeutung ist«, antwortete er begeistert.
»Und die ist so teuer?«, hakte Kober nach.
»Genau! Diese Membrane, oder nennen wir es Filter, macht auf jeden Teil einen großen Teil der Investition aus, weil die zur Herstellung benutzten Polymere in unterschiedlichen Ausführungen angeboten werden. Dabei spielen die Porenweite, der Durchsatz des produzierten Trinkwassers und die reduzierte Salzfracht eine große Rolle.«
Michael Kober klopfte seinem Mitarbeiter lobend auf die Schulter, die Trainer der Firma hatten einen guten Job gemacht, so begeistert hatte er seinen Haustechniker bislang noch nicht erlebt. OsmoTec sei der Marktführer auf diesem Gebiet, sie hätten die beste Membrane weltweit und das hätte natürlich auch seinen Preis, ergänzte sein Mitarbeiter noch, bevor Kober wieder in seinem Büro verschwand.
Zu dem Modul gehörte ein Servicepaket, welches eine regelmäßige Wartung durch Techniker der Firma OsmoTec vorsah, die erstmalig vier Wochen nach Inbetriebnahme und dann nur noch alle sechs Monate durchgeführt werden musste. Diese erste Wartung stand nun an, und der Servicetechniker von OsmoTec hatte sich für den heutigen Tag bei ihnen angekündigt. Neben dem Sun Flower Ressort gab es bereits drei weitere Hotelanlagen auf Koh Samui, die mit den Aggregaten der Firma betrieben wurden, und so konnte der Wartungstechniker während seines Besuchs auf der Insel direkt mehrere Anlagen betreuen.
Eigentlich nichts von besonderer Bedeutung für den Hotelmanager, gab es doch zahlreiche technische Einrichtungen in seinem Hotel, die einer regelmäßigen Überprüfung bedurften, die komplexe Poolanlage stellte dabei das größte Arbeitspaket dar. Doch diese Anlage war neu und teuer und somit war Kober schon sehr an dem Ergebnis interessiert. Die Koordination dieser Arbeiten überließ er stets seinem Haustechniker, eine verantwortungsvolle Aufgabe, deshalb hatte er bei der Besetzung dieses Postens besonders kritisch hingeschaut und sich schließlich für John Rigby entschieden. Der Mann hatte bereits in verschiedenen großen Hotels in Europa gearbeitet und konnte erstklassige Zeugnisse vorweisen. Er war nicht nur ein exzellenter Techniker, sondern wusste auch, wie man in einem First-Class-Hotel mit technischen Problemen umging, ohne dass die verwöhnten Gäste etwas davon mitbekamen.
Die Überprüfung der Aufbereitungsanlage würde circa zwei Stunden in Anspruch nehmen und war für den frühen Nachmittag geplant. Die meisten Gäste befanden sich zu dieser Zeit entweder am Pool oder am Strand. An diesem Tag hatte Michael Kober nichts weiter geplant, seine Eltern sollten sich akklimatisieren und er würde mit ihnen den Abend im Hotel verbringen. Sie waren das erste Mal in ihrem Leben in Asien, und an die vielen exotischen Eindrücke sollten sie sich langsam gewöhnen. Den schönsten Tisch auf ihrer Sonnenterasse hatte er reservieren lassen, und vorher würden sie zusammen mit einer Pina Colada oder einem Mai Tai auf ihr Wiedersehen anstoßen.
Bis dahin blieb noch etwas Zeit, und er wollte sich gerade in sein Appartement zurückziehen, als ihm John Rigby mit dem Servicetechniker der Firma OsomTec entgegenkam. »Alles klar mit der Anlage«, rief John ihm entgegen und zeigte breit grinsend mit seinem Daumen nach oben.
Gegen 18:00 Uhr war der Hotelchef schließlich mit seinen alten Herrschaften an der Poolbar verabredet, er war schon etwas früher dort und beobachtete, wie vier seiner Mitarbeiter Obst und kleine Blumenarrangements für die anstehende Happy Hour vorbereiteten. Diese bunten Verzierungen machten die süffigen Cocktails zu einem sinnlichen Vergnügen, und zahlreiche Gäste nutzten das Event, um den bevorstehenden Abend einzuläuten. Eine leichte Brise wehte vom Meer hinüber, die Sonne stand schon tief, trotzdem zeigte das Thermometer immer noch dreißig Grad. Der Manager hoffte, dass seine Eltern nicht allzu große Probleme mit dem tropischen Klima hatten. Seine Befürchtungen wurden rasch zerstreut, als er das ergraute Ehepaar freudig winkend Richtung Bar kommen sah. Ganz in Weiß gekleidet, machte das alte Paar einen weitaus jüngeren Eindruck als es tatsächlich war. Sie lächelten beide, als sie an der Poolbar eintrafen, waren sie doch glücklich, dem so fernab der Heimat arbeitenden Sohn für eine kurze Zeit etwas näher zu sein. Michael Kober machte ein kurzes Handzeichen und sofort erschien ein Kellner mit einem großen Tablett in der Hand, darauf drei Cocktails, liebevoll dekoriert mit Orchideen und frischen Ananasstückchen.
»Na dann, auf ein paar schöne Tage hier bei mir!« Er drückte den beiden je ein Glas in die Hand und sog kräftig an seinem Strohhalm. Seine Mutter nahm ihn in den Arm und gab ihm einen Kuss auf die Wange, sein Vater griff gierig nach dem eisgekühlten Drink, trank einen großzügigen Schluck und verzog verzückt seinen Mund.
Es war voll geworden an der Bar und nachdem alle Gäste mit Cocktails versorgt waren, wurde es immer fröhlicher in der internationalen Runde. Gäste aus allen Ecken der Welt kamen hierhin, unter ihnen auch zwei Tauchcrews, die von Koh Samui aus regelmäßige Trips zum Angthong Marine National Park unternahmen. Eine hoteleigene Tauchschule gehörte von Anfang an mit zu dem Ressort und man konnte zahlreiche Tauchgänge mit und ohne Equipment buchen. Sotírios Kourzounáris gehörte zu einer der beiden Gruppen und genoss bereits seit einer Woche zum wiederholten Mal das Ambiente des Sun Flower Ressorts. Ein passionierter Taucher, der in den vergangenen Jahren schon zahlreiche bekannte Tauchreviere in aller Welt bereist hatte und mit dem Hotelmanager im Sun Flower Ressort eine lockere Freundschaft pflegte. Die Gruppe, zu der er gehörte, bestand aus fünf Tauchern, die sich alle einen alkoholfreien Drink bestellt hatten, da sie am frühen Morgen zu einem weiteren Tauchgang aufbrechen wollten. Sotírios hatte am heutigen Abend zunächst gezögert an der Happy Hour teilzunehmen, aber der Rest seiner Truppe hatte ihn schließlich überredet. Ihm war übel und er hatte das Gefühl, dass mit seinem Magen etwas nicht stimmte. Ganz plötzlich war es da gewesen, aber noch hatte er die Hoffnung, dass es genauso schnell auch wieder verschwinden würde. Doch nachdem er mehrmals lustlos an seiner Fruchtsaftmischung genippt hatte, gab er diesen Gedanken auf. Sein Magen revoltierte, und er wurde überraschend von heftigen Krämpfen geschüttelt. Der kräftige Grieche krümmte sich vor Schmerzen und seine Tauchkollegen blickten ihn erschrocken an. Sotírios versuchte sich zusammenzureißen und grübelte, was ihm wohl diesen Zustand eingebrockt haben konnte, als er plötzlich einen fürchterlichen Druck in seiner Darmgegend verspürte. Mit gebückter Haltung rannte er zu der nahe an der Bar gelegenen Toilette und schaffte es gerade noch die Tür hinter sich zu schließen. Verärgert über seinen elenden Zustand und mit schweißnasser Stirn hakte er den für morgen geplanten Tauchgang ab und schlich erschöpft zu seinem Zimmer davon.
Michael Kober hatte mittlerweile mit seinen Eltern an dem reservierten Tisch Platz genommen, nachdem er mit ihnen einen kurzen Rundgang durch die Anlage unternommen hatte. Zur Einstimmung erwartete die drei ein frisch zubereiteter Larb Gai, ein knackiger scharf zubereiteter Hühnchensalat sowie eine große Platte mit gegrillten Tiger Prawns über die sich seine Mutter und er freudestrahlend hermachten. Sein Vater hingegen pickte nur lustlos zwischen den Speisen herum, irgendwie schien er wenig Appetit zu haben. Es folgten verschiedene Currys, alle mit extra zurückhaltender Schärfe angerichtet, seine Eltern kamen schließlich direkt aus Europa.
»Warum isst du nichts?«, fragte Michael Kober seinen alten Herren, während er sich hungrig eine große Portion Gemüse auf seinen Teller lud.
»Ich glaube, ich habe den kalten Cocktail zu schnell getrunken«, gab sein Vater leise zur Antwort und hielt sich dabei eine Hand auf seinem Bauch. »In meinem Alter sollte man doch etwas vernünftiger sein…« Er sah blass aus, und seine Augen schauten gequält in die Runde. Seiner Mutter machte der Zustand ihres Gatten schon einige Minuten länger Sorgen. Dann ging alles furchtbar schnell. „Ich glaube mir wird übel“, stöhnte Kobers Vater plötzlich und schwankte gefährlich, als er sich aus seinem Stuhl erheben wollte. „Lass dir helfen! Du bist ja kreidebleich“, bemerkte seine Frau, und mit einem leichten Schubs bugsierte sie ihn zurück in seinen Stuhl. „Michael Kober erschrak, als er in das fahle Gesicht seines Vaters blickte. Alle Warnungen ignorierend versuchte dieser erneut aufzustehen um zu der im hinteren Teil des Restaurants gelegenen Toilette zu gelangen. Er wankte, klammerte sich mit beiden Händen an der Tischkante fest. Instinktiv ließ Kober sein Besteck fallen, sprang auf um ihm zur Hilfe zu eilen. »Vorsicht«, rief er und riss einen Teller mit sich. Aber es war schon zu spät. Der angeschlagene Mann sackte seitlich weg und schlug hart auf dem steinernen Terrassenboden auf.
»Oh Gott!« Fassungslos hatte Kobers Mutter den Zusammenbruch ihres Gatten miterlebt Sie schlug ihre Hände vors Gesicht und schrie: »Einen Arzt! Wir brauchen einen Arzt«. Blut sickerte aus einer Wunde am Kopf des Gestürzten und bildete eine langsam größer werdende Lache. Michael Kober war einen Moment lang wie gelähmt, so schnell hatte sich alles abgespielt, doch dann besann er sich schnell auf seine Erste-Hilfe-Ausbildung. Mit sicherem Griff brachte er seinen Vater in die stabile Seitenlage. Einer seiner Angestellten rief unterdessen eine Kollegin hinzu, eine ehemalige Krankenschwester, die sich sogleich daran machte die blutende Kopfwunde notdürftig zu versorgen. Der alte Mann röchelte, und sein Körper wurde von starken Krämpfen geschüttelt, sein Puls war schwach, und der Hotelchef machte sich schwere Vorwürfe. War es ein Fehler gewesen, seine betagten Eltern hierher zu holen? Er hatte sie immer wieder bedrängt, ohne dabei ihr hohes Alter zu berücksichtigen. Nun hoffte er, dass es sich nur um ein Kreislaufproblem handelte. Hektisch suchte er nach seinem Handy und wählte die Nummer eines im Ort ansässigen Arztes, der stets zur Stelle war, wenn einer seiner Gäste medizinische Hilfe benötigte.
»Gibt es hier denn keinen Krankenwagen?« In Frau Kobers Augen stand die pure Verzweiflung.
»Mutti wir sind nicht in Europa!«. Er nahm sie in den Arm und versuchte sie zu trösten, noch einen Zusammenbruch konnte er jetzt nicht gebrauchen. »Der Arzt ist schon unterwegs, mach dir keine Sorgen.«
Katharina Waldmann
Parikia, Paros
Katharina sah Angelikí schon von weitem, wie sie ihr vom Oberdeck ungestüm zuwinkte, als die Blue Star Naxos sich scheppernd der großen Kaimauer in Parikia näherte. Es war kurz vor zwölf am Mittag und die Kommissarin hatte vom ersten Stock des Polizeigebäudes die Fähre kommen sehen, wie sie majestätisch Kurs auf die Inselhauptstadt nahm. Ein lautes Tuten der Schiffssirene kündigte das Anlegemanöver an. Sie war zu Fuß zu der nahe gelegenen Anlegestelle gegangen, um ihre einstige Kollegin persönlich in Empfang zu nehmen. Freudig winkte diese ihr zurück. Angelikí war immer schon ein Geheimnis für sich, allein durch ihre Arbeit in der Gerichtsmedizin, aber diesmal hatte sie noch geschickter als sonst die Spannung bei Katharina hochgeschraubt. Es gab wohl einige Neuigkeiten und die Kommissarin war voller Erwartungen. Das ganze Wochenende hatten sie Zeit zum Quatschen, nur sie beide und der Wetterbericht sah fabelhaft aus. Auch einen Strandbesuch hatten sie eingeplant. Im September war das Wasser angenehm warm, und an den Stränden ging es wieder etwas geruhsamer zu als in den heißen Sommermonaten Juli und August.
Angelikí sah total verändert aus, bemerkte Katharina, als ihr die schlanke Gerichtsmedizinerin aus dem dunklen Bauch des Schiffes entgegenkam. »Ich glaub es nicht, das ist nicht die Angelikí, die ich kenne!« Sie umarmte ihre langjährige Kollegin und Freundin. »Mein Gott siehst du gut aus, bei welcher Typberatung bist du denn gewesen?« Sie blickte sie von oben bis unten an und staunte. Angelikí löste sich aus der Umarmung, trat einen Schritt zurück und drehte sich keck einmal um ihre eigene Achse.
»Gefällt es dir?« Sie deutete auf ihre Frisur. Der frische Kurzhaarschnitt und ihre modische Kleidung ließen sie um Jahre jünger aussehen.
»Cool, einfach nur cool! Du siehst spitze aus. Wenn ich das gewusst hätte, wäre ich auch noch zum Frisör gegangen. Ich wirke jetzt neben dir wie eine alte Schachtel.« Katharina griff sich in ihr vom Wind zerzaustes Haar und lachte.
»Nun lass mal gut sein, meine starke Frau Kommissarin. Bei mir wurde eine Typveränderung ja höchste Zeit und nun…« Angelikí strahlte wie ein Honigkuchenpferd, die Komplimente taten ihr erkennbar gut.
»Ein neuer Lover?« unterbrach Katharina ihre Kollegin. »Ich habe da so eine Vermutung nach deinen geheimnisvollen Andeutungen. Oder steckt da vielleicht etwas Anderes dahinter?« Sie lachte laut los und blinzelte.
»Alles zu seiner Zeit.« Die dunkle markante Stimme von Angelikí klang mystisch, und sie spannte ihre Freundin geschickt weiter auf die Folter. »Jetzt lass uns erst einmal hier raus aus dem Trubel.«
»O.K., ich kann es kaum erwarten. Komm erst mal mit ins Büro, später fahren wir zu mir.«
Sie hatte sich bereits umgedreht und war zielstrebig in Richtung ihrer Dienststelle losgegangen, vorbei an ein paar Touristen, die von zahlreichen Griechen mit den Angeboten ihrer Unterkünfte umworben wurden. Angelikí folgte ihr leichten Schrittes den kleinen Schalenkoffer hinter sich herziehend.
Xenia, gerade in einem Gespräch mit der Bezirksverwaltung auf Syros, beendete sofort ihr Telefonat mit dem Hinweis später noch einmal durchzurufen. Auch sie hatte sich auf den Besuch aus Athen gefreut. »Aha, die Grand Dame des Verbrechens. Schön dich wieder einmal hier begrüßen zu dürfen«, empfing sie Angelikí. »Und diesmal ganz privat, so ganz ohne Mord.« In ihrem Gesicht spiegelte sich eine leichte Unsicherheit, es lag wohl daran, dass die Medizinerin so verändert aussah. Ohne zu fragen schenkte sie den beiden Frauen ein Glas kaltes Wasser ein.
Die Athenerin nahm einen Schluck, lächelte zurück, bevor sie mit ihrer rauen Stimme entgegnete: »Ja, kaum zu glauben, aber ich bin tatsächlich ganz privat hier, und wollen wir mal hoffen, dass es auch dabei bleibt«.
Gut gelaunt zogen sich die drei Frauen auf die großzügige Terrasse im ersten Stock des Gebäudes zurück. Lautes Gelächter ließ in keinster Weise vermuten, dass sie sich in einem Polizeirevier befanden. Bislang hatte die Sekretärin mit der Medizinerin immer nur dienstlich zu tun gehabt, zum ersten Mal als es den Mord an Jannis Kostatidis, dem Kellner aus dem Aliportas, aufzuklären galt und zu Ostern im letzten Jahr, als ihr Team von der Spurensicherung zu einem mysteriösen Todesfall im alten Hafen von Náoussa gerufen wurde. Bei diesen beiden Einsätzen hatte sie Katharinas Mannschaft mit ihren Technikern von Athen aus unterstützt und sich durch ihr couragiertes Auftreten großen Respekt verschafft. Xenia hing an den Lippen der Kollegin aus der Mordkommission in Athen, sie war fasziniert und gleichzeitig verängstigt, wenn diese ein paar spektakuläre Szenen aus ihrem Arbeitsleben mit rauer Stimme preisgab. »Mein Gott, ich könnte nachts nicht mehr schlafen. Das ist ja furchtbar!«, entglitt es ihr mehrfach. Trotzdem hätte sie noch stundenlang den schaurigen Geschichten zuhören können.
»So, jetzt machen wir aber Feierabend und fahren nach Ambelas!« Katharina unterbrach die Dreierrunde und machte Anstalten langsam aufzubrechen.
Angelikí nickte zustimmend. »Gute Idee, ich freue mich schon auf was Leckeres von dir. Endlich wieder frisch Gekochtes!« Angeliki machte keinen Hehl aus ihren bescheidenen Kochkenntnissen.
»Na dann, bis auf bald, mit vielen neuen Gruselstories«, verabschiedete sich Xenia von den beiden Kriminalbeamtinnen und begleitete sie zur Tür, als Filippos vorgefahren kam. Sportlich sprang er aus dem Wagen und lief laut pfeifend auf Angelikí zu.
»Habe mich extra beeilt. Wollte dir hallo sagen, bevor ihr euren Mädelsabend startet.« Er gab Angelikí einen Kuss auf die Wange. »Ich muss ja leider arbeiten …«Mit nach Mitleid heischendem Blick schaute er zu seiner Chefin. »Aber mich könnt ihr ja wohl auch nicht dabei gebrauchen?«
»Gut erkannt«, bemerkte Katharina. »Du hältst hier schön die Stellung!« Sie drängte zum Aufbruch.
»Du siehst top aus!« Filippos wandte sich wieder Angelikí zu. »So ganz anders. Willst wohl hier auf Paros jemanden aufreißen?«, scherzte er und seine Augen musterten die ehemalige Kollegin von Kopf bis Fuß.
»Hallo!?« Angelikí stemmte entrüstet ihre Arme in die Hüften. »Ich möchte nicht wissen, wie vielen Damen du hier schon den Kopf verdreht hast! Schon in Athen hast du nichts anbrennen lassen, und daran hat sich doch bestimmt nichts geändert?« Sie hatte sich fragend zu Katharina umgedreht, die spontan ihre Augen verdrehte.
»Die ganzen Namen kann ich mir schon gar nicht mehr merken, ganz zu schweigen von den unterschiedlichen Nationalitäten«.
Filippos wurde leicht verlegen, dann legte Katharina noch nach.
»Und frag mal Xenia, die Arme, die muss die ganzen Verflossenen ständig am Telefon vertrösten.« Sie legte ihren Arm um Filippos Schulter und tätschelte ihn wie einen kleinen Jungen. »Aber solange mein Dandy seine Arbeit gut macht, will ich mich nicht beklagen.«
Der wesentlich jüngere Kollege warf seinen Wuschelkopf in den Nacken und grinste nur frech zurück. »Nur kein Neid Mädels! Das Leben ist kurz und hier auf Paros wird einem schon so Einiges geboten. Ganz besonders im Sommer!«
Er löste sich aus Katharinas Umarmung und ging in Richtung seines Büros. Er hatte Bereitschaft an diesem Wochenende und würde sich um eventuell anstehende Einsätze kümmern. Die Kommissarin hatte ihn schon kurz nach ihrem Dienstantritt auf Paros zu ihrem Vertreter ernannt, und seitdem hatte ihr ehemaliger Zögling aus Athen sich sehr zu Katharinas Zufriedenheit entwickelt. »Macht ihr euch nur ein schönes Wochenende, und lasst es richtig krachen«, rief er den beiden Frauen noch hinterher, als sie das Polizeigebäude in Richtung Katharinas Wagen verließen.
»Filippos vermisse ich total in Athen, da hast du einen wirklich guten Fang gemacht«, sagte Angelikí zu Katharina, als sie in den Wagen einstieg. »Der brachte immer Schwung in unsere verkrusteten Strukturen, aber ich gönne ihn dir. Ihr wart ja schon in Athen ein gutes Team.«
Die Kommissarin nickte zustimmend und startete ihren Dienstwagen. »Der hat die Truppe gut im Griff, auch wenn das am Anfang nicht ganz einfach war für ihn.«
Sie passierten den Kreisverkehr nahe dem Krankenhaus.
»Besonders Takis, unser Dienstältester, hat es ihm in der ersten Zeit nicht gerade leicht gemacht. Spyros und Konstantinos haben sich weitgehend rausgehalten.« Sie fluchte über einen ausscherenden Mopedfahrer und musste scharf abbremsen. »Der hatte die Stelle fest für sich verbucht, hat es mir bis heute nicht verziehen.« Sie zog ihre Schultern hoch. »Aber das war Filippos’ Bewährungsprobe und mittlerweile hat jeder seine Position gefunden.«
»Oh, je! Personalgeschichten! Ganz schön kniffelig«, pflichtete Angelikí ihr bei. Sie wusste, wovon sie redete.
»Und mit seinen Frauengeschichten, das hat sich auch gelegt. Er scheint da jetzt etwas Ernsteres kennen gelernt zu haben.« Katharina grinste. »Auch junge Polizisten werden irgendwann einmal erwachsen.« Sie gab Gas und schon nach wenigen Minuten waren sie auf der Hauptstraße nach Náoussa unterwegs.
»Was hältst du davon, wenn wir noch kurz dem Aliportas einen Besuch abstatten? Von da aus haben wir unzähligen Male telefoniert, als wir damals den Mord an dem Kellner bearbeitet haben.« Katharina kam dieser Vorschlag ganz spontan.
Angelikí erinnerte sich und war sofort Feuer und Flamme, hatte sie doch schon so viel von dem bekannten Café im Herzen von Náoussa gehört. Sie war neugierig, wie es dort wohl aussehen würde. Kurzerhand ließ Katharina den Abzweig auf die Ortsumgehung passieren und fuhr weiter zum Hafen hinunter. Vor der Fußgängerbrücke schwenkte sie nach rechts auf den großen Parkplatz, von hier aus waren es nur ein paar Meter bis zum Aliportas. Es war früh am Nachmittag und es war ruhig im Ort, vorbei der ganze Trubel der letzten beiden Monate, wo sich Scharen von Touristen durch das beliebte Hafenstädtchen im Norden von Paros schoben. Im Café hatten wieder viele bekannte Gesichter das Ruder übernommen, nachdem im Juli und August das Aliportas fast ausschließlich mit Pauschaltouristen belagert wurde. So wie fast in jedem Jahr kamen zahlreiche Besucher der berüchtigten »Touristenfamilie«, die Ende Mai bis Mitte Juni immer auf Paros verweilten, auch im September noch einmal für ein paar Tage auf die Insel, um den zeitlichen Abstand bis zum nächsten Sommer nicht zu groß werden zu lassen.
So wurde die Kommissarin gleich beim Betreten des Lokals freudestrahlend von Matt und Patsy, dem lebenslustigen Londoner Ehepaar, sowie von Seelchen und dessen Gatten Paul begrüßt. Die vier saßen wild gestikulierend um ein Back Gammon Spiel und schienen sich uneinig über die Spielregeln zu sein. Ein paar Tische weiter saßen Mark und Adrian, ein Männerpaar aus Kanada, die auch schon im zehnten Jahr nach Paros kamen. Genau wie Matt und Patsy hatten sie sich in diesem Jahr zum ersten Mal für das neue Gästehaus bei Louis und Georgios entschieden. Adrian, so erfuhr Katharina alsbald von Patsy, hatte vor zwei Tagen für reichlich Gesprächsstoff in Náoussa gesorgt, nachdem er nur mit einem Handtuch bekleidet völlig aufgelöst am Straßenrand nahe des Lageri Strandes stand und um eine Mitfahrgelegenheit bat. Was war passiert?
Angelockt von einem griechischen Schönling, war er diesem in die hinter dem Strand liegenden Tamarisken gefolgt, während ein zweiter Grieche schon auf der Lauer lag, um mit Adrians gesamtem Strandgepäck das Weite zu suchen. Die Geschichte sprach sich in dem kleinen Ort herum wie ein Lauffeuer und hinter vorgehaltener Hand wurde Adrian nur noch »Die Tamarisken-Schlampe« genannt.
Angelikí lachte laut los, als sie die Story hörte und beneidete ihre ehemalige Kollegin einmal mehr um ihren Job auf der Ferieninsel. Angelos, der Besitzer des beliebten »Familiennestes«, wie das Aliportas von den immer wiederkehrenden Urlaubern liebevoll genannt wurde, winkte Katharina freudestrahlend zu. Er hatte Thekendienst, der Job, den er am liebsten machte. „Hier habe ich schon Stunden während meiner Urlaube verbracht und ein Vermögen für Frappé und Wein gelassen“, erzählte Katharina ihrer Freundin, als der Kellner die Getränke brachte. Ein Stück Gelassenheit war an diesen zentralen Platz zurückgekehrt, unterbrochen wurden sie nur durch das laute Kreischen spielender Kinder, die um die beiden großen Eukalyptusbäume ausgelassen herumsprangen. Nachdem die beiden einen Aperitif getrunken hatten, machten sie sich auf nach Ambelas, es wurde höchste Zeit für ein gutes Essen.
»Ein Traumhaus und dann dieser Blick«, schwärmte Angelikí berauscht von der wundervollen Aussicht, als sie Katharinas Heim betraten. Ihr Blick schweifte sehnsüchtig über das Meer hinüber zu der Nachbarinsel Naxos. Als eingefleischte Stadtfrau gab sie jedoch klar zu verstehen: »Für mich viel zu einsam, dieses Nest, ich brauchte den Trubel der Großstadt und den Geruch des Verbrechens.« »Und jetzt hat sich sowieso alles geändert…« In Angelikís Augen lag etwas Verschmitztes, in ihre Stimme schwang Rätselhaftes mit.
Katharina blickte auf. Ließ die Freundin so langsam die Katze aus dem Sack? »Warte, warte! Lass mich zuerst das Essen zubereiten.« Obwohl sie gespannt wie eine Feder war, befand sie, dass es sich bei einer guten Mahlzeit und einem Glas Wein besser plaudern ließ. Flink deckte sie die Terrasse ein und verschwand in der Küche. Sie hatte schon vorgekocht und brauchte die Gerichte nur noch warm zu machen.
Angelikí knurrte schon lange der Magen, und sie machte sich mit Heißhunger über die luftigen Hackbällchen in Tomatensoße her, mit der erneuten Erkenntnis, dass sie selbst nie in der Lage sein würde so fantastisch zu kochen. »Ich beneide dich, dass du neben deinem Beruf noch diese Gabe hast.« Sie sog die mit Zimt geschwängerte Luft ein, strich sich über ihren Bauch und kratzte mit einem Kanten Brot den letzten Rest der Tomatensoße aus der Keramikschale. »Aber meine Qualitäten liegen halt woanders.« Sie warf kokett ihren Kopf in den Nacken. »Mensch war das lecker, deine Keftedes sind unschlagbar, ich platze gleich.« Sie goss sich ein weiteres Glas Wein ein. Die erste Flasche neigte sich bereits dem Ende zu und Katharina schien es, als ob ihre Kollegin sich Mut antrinken wollte.
»Deine äußerlichen Veränderungen …!« Katharina griff den Faden wieder auf. »Ich wäre dann soweit für deine große Geschichte!« Sie hatte ihren Kopf in beide Arme gestützt und schaute erwartungsvoll zu der Gerichtsmedizinerin.
»Na ja, angefangen hat es schon im letzten Jahr…«
»Was hat da angefangen?« Katharina setzte ihr Glas so heftig auf den Tisch, dass es überschwappte. »Und ich erfahre es erst jetzt?«
»Ich habe dir doch von dem chemischen Institut an der Uni in Athen erzählt, erinnerst du dich?«
Die Kommissarin überlegte einen Moment, dann klingelte es. »Die dir bei der Analyse im Fall Pantoulis geholfen haben, meinst du die?«
»Genau! Da habe ich Sotírios das erste Mal getroffen und …« Sie nahm einen großen Schluck Wein. »… es hat gefunkt vom ersten Augenblick an.« Ihre Augen strahlten. »Er arbeitet dort als Chemiker.«
»Aha, Sotírios heißt also der Typ, der dich so viel jünger aussehen lässt. Das hätten wir dann ja schon einmal geklärt.« „Professor Sotirios Koutzunaris!“ betonte Angeliki gekünstelt.
Katharina lächelte und hob ihr Glas um mit Angelikí anzustoßen. »Auf Sotírios … Entschuldige, auf Professor Sotirios! Und auf die Liebe.« Sie stießen an.
»Und wie ist er so? Nun erzähl doch endlich. Du musst hier keinen Autopsiebericht erläutern.«
Sie kicherten beide wie zwei verliebte Teenager.
»Es ist einfach nur schön, und wer hätte gedacht, dass ich noch einmal so richtig Schmetterlinge im Bauch haben würde!« Ihr Gesicht wurde ernst. »Ich hatte das längst abgehakt.«
Die Kommissarin umarmte ihre Freundin. »Das kann ich gut verstehen, das ging mir vor zwei Jahren genauso. Ich freue mich für dich, oder sagen wir, für uns. Dass wir zwei alten Weiber am Ende doch noch unsere Prinzen gefunden haben!«
Sie nickten beide und Angelikí erzählte ausgiebig von ihrem neuen Partner. Auch dass er ihr Leben in so kurzer Zeit vollkommen umgekrempelt und sie sogar schon zu einem Tauchkurs überredet hätte. »Das ist ihm ganz wichtig, er hat mir ein unvergessliches Abenteuer versprochen und du kennst mich ja, für Abenteuer bin ich immer zu haben. Wir planen sogar im nächsten Winter einen gemeinsamen Tauchurlaub in Thailand, daran hätte ich nicht im Traum gedacht.«
»Thailand! Das klingt doch spannend!« Katharina griff nach einer CD und legte sie in den Player. »Das müssen wir feiern!«. Sie war begeistert, denn mit so viel Enthusiasmus hatte Angelikí bisher noch nie von einem Mann gesprochen, und da kamen schon einige zusammen. Bei Musik und Wein vergaßen die beiden Freundinnen vollkommen die Zeit und verquatschten fast die ganze Nacht, bevor sie gegen vier am Morgen stark angeheitert in ihre Betten stiegen und tief und fest bis weit in den Vormittag hinein schliefen. Dass Filippos mehrfach versucht hatte sie telefonisch zu erreichen, war der Kommissarin vollkommen entgangen.
Cháris Papadakis
Parikia, Paros
Cháris Papadakis freute sich auf das bevorstehende Wochenende. Es war Freitag und die beiden letzten Tage waren verdammt anstrengend für ihn gewesen, ganz alleine, ohne seinen Kollegen, der nun schon fast zwei Tage vermisst wurde. Nicht nur die zusätzliche Arbeit belastete ihn, es war auch die Ungewissheit, was Kostas Aristidis zugestoßen war, die ihn nicht zur Ruhe kommen ließ. Obendrein kam dann noch der Auftritt von Takis und die Erinnerung an die alte Geschichte aus dem Sommer 76. Es war schone eine Ironie des Schicksals, dass gerade Takis mit der Suche nach seinem einstigen Konkurrenten beschäftigt war. Der hatte bestimmt nicht zum letzten Mal bei ihm vorgesprochen. Nachts fand Charis keinen Schlaf und zermarterte sich sein Gehirn, warum sein langjähriger Kollege so plötzlich verschwunden war. Immer und immer wieder versuchte er die beiden letzten Tage Revue passieren zu lassen, versuchte sich an ein verändertes Verhalten von Kostas oder außergewöhnliche Vorkommnisse zu erinnern, kam aber zu keiner Lösung. Bis auf … Ja! Da war was! Er glaubte sich zu erinnern, dass Kostas von etwas »Wichtigem« gesprochen hatte, das er noch zu erledigen hätte, aber der genaue Wortlaut fiel ihm nicht mehr ein. Und? Ja, da war noch etwas. Der Anrufer, der Anfang der Woche zwei Mal nach Kostas gefragt und selbst nach mehrmaligen Nachfragen seinen Namen nicht genannt hatte. Er hatte in gebrochenem Englisch gesprochen, das war ihm sonderbar vorgekommen.
Ein Anruf riss ihn aus seinen Gedanken. Ein Blick auf seine Uhr zeigte 16:30 Uhr. Sollte er noch rangehen? Fast hatte er sich schon dagegen entschieden, als er es sich in letzter Sekunde doch noch anders überlegte. Vielleicht war es ja die Polizei oder Rika, die ihm etwas mitteilen wollten? »Nai «, hob er den Hörer ab und bereute schon wenige Sekunden später seinen Entschluss. Der Anrufer beschwerte sich, dass kein Wasser aus der alten Zisterne käme und fragte, ob ihm die Probleme bekannt wären. Cháris überlegte einen Augenblick. Nein, bislang hatte er keine Klagen von anderen Verbrauchern gehört. »Ich werde der Sache nachgehen, sobald ich kann«, wimmelte er den Anrufer ab und legte auf. Dabei fiel ihm eine kleine Notiz inmitten seines vollkommen überfüllten Schreibtisches ins Auge, darauf eine Telefonnummer und der Vermerk: Kunde bittet dringend um Rückruf. Es kommt kein Wasser aus der alten Zisterne. Den Zettel musste er wohl übersehen haben, er war den ganzen Tag auf verschiedenen Baustellen unterwegs gewesen, bestimmt hatte einer seiner Kollegen die Nachricht dorthin gelegt.
Cháris registrierte verärgert, dass es hier tatsächlich ein Problem gab und schlussfolgerte genervt, dass er dem alten Wasserreservoir noch an diesem Wochenende einen Besuch abstatten musste. Er entschied das am nächsten Morgen anzupacken, jetzt wollte er nach einer anstrengenden und sehr aufreibenden Woche sein wohlverdientes Wochenende einläuten.
Früh am Samstagmorgen brach Cháris dann auf in Richtung Ágii Pantes, um dem Übel auf den Grund zu gehen. Es war nicht das erste Mal, dass es eine Verstopfung des Abflusses gab, schon vor einigen Jahren hatte sich einmal eine verendete Ratte im Ventil des unterirdischen Behälters verkeilt. Erst nachdem einer seiner Arbeiter in den circa fünf Meter tiefen Speicher getaucht war, waren sie der Ursache auf die Spur gekommen. Er vermutete einen ähnlichen Vorfall und hatte vorsichtshalber den zuständigen Arbeiter von der Bereitschaft mit zu der Zisterne beordert.
»Lass uns zunächst den außen liegenden Ablaufschieber überprüfen, ob tatsächlich nichts durchgeht«, begrüßte er den bereits wartenden Techniker, der schon ahnte, was auf ihn zukam. Nachdem sie sich vergewissert hatten, dass wirklich nur ein kleines Rinnsal aus dem Reservoir floss, zog sich der Arbeiter einen Neoprenanzug an und sie gingen gemeinsam zum Eingang der unterirdischen Zisterne. Nichts deutete darauf hin, was ihn in wenigen Minuten dort unten erwarten würde.
Cháris suchte nach dem passenden Schlüssel an dem großen Schlüsselbund und wollte gerade aufschließen, als er stutzte. Das schwere Schloss sah beschädigt aus, glänzende Stellen an dem ansonsten korrodierten Metall verrieten, dass mit einem Bohrer nachgeholfen worden war. Intuitiv drückte er die Türklinke nach unten und erschrak, als sich die Tür öffnete. Hier stimmte etwas nicht, aber er konnte sich noch keinen Reim darauf machen. Sein Mitarbeiter hatte wortlos zugeschaute und trat als Erster in das dunkle Innere der Zisterne. Er suche nach dem Drehschalter, der ein wenig Licht in den Wasserspeicher bringen sollte. Nachdem er ihn gefunden hatte, entdeckte er etwas auf der nach unten führenden Treppe.
»Hier, schau dir das an! Hier liegt ein … ein einzelner Schuh«, schrie er laut in Richtung Cháris, der daraufhin sofort in den modrigen Innenraum gelaufen kam. Mit weit aufgerissenen Augen starrte er auf den Halbschuh und stammelte: »Mein Gott! Das wird doch wohl nicht …«Er stockte und inspizierte den Schuh genauer. »Das ist Kostas Schuh. Wie kommt der hierher?« Er wurde kreidebleich und seine Gedanken rotierten: Vermisst – ein Schuh – kein Wasser! Sein Gehirn verwehrte ihm weiter zu denken, als plötzlich sein Mitarbeiter stöhnte: »Das kann ich nicht! Ich kann da nicht runter!“ Er war einen Schritt zurückgetreten.
Einen Moment herrschte tiefe Stille.
»Du musst!«, erwiderte Cháris mit Nachdruck. »Wir müssen wissen, was da unten den Ablauf versperrt. Und lass uns beten, dass es nicht Kostas ist.« Er bekreuzigte sich mehrfach und Schweiß rann ihm den Rücken hinunter.
Der Arbeiter setzte sich widerwillig seine Tauchermaske auf. An seinem rechten Bein trug er eine Unterwasser-Taschenlampe und das Messer, das er immer mit hatte, wenn er auf Oktopus-Jagd ging. Dann stieg er vorsichtig die rutschigen Stufen bis zur Wasseroberfläche hinab. Das Wasser in der Zisterne hatte immer eine konstante Temperatur von ca. 10 °C, weil das Bauwerk komplett in der Erde verbaut war. Ohne Anzug wäre das für jeden Körper eine außerordentliche Belastung gewesen, mit Anzug stellte es jedoch kein Problem dar. Schritt für Schritt stieg der städtische Angestellte in das klare Wasser des Speichers und war nach wenigen Augenblicken bis zum Kopf abgetaucht. Er holte noch einmal tief Luft, bekreuzigte sich und tauchte mit einem gurgelnden Geräusch in die tiefe Dunkelheit ab. Cháris stand derweil an der Treppe und wartete nervös auf das Wiederauftauchen des städtischen Arbeiters. Plötzlich schoss der gerade erst abgetauchte Mann zurück an die Oberfläche, riss sich die Maske vom Gesicht und schrie: »Er ist es! Er ist es! Kostas liegt da unten.«
Cháris drehte sich der Magen um. Was nun? Er musste die Polizei rufen. Brauchten sie einen Arzt? »Wir müssen ihn rauf holen!«, schrie er, noch während sich seine Gedanken überschlugen. »Hol ihn rauf! Ich helfe dir dabei.« Er rannte zu seinem Wagen, holte einen Strick, den er dem Techniker zuwarf. »Binde den Strick an Kostas fest, dann helfe ich dir von hier oben.« Ohne zu antworten setzte sich der Arbeiter wieder seine Tauchermaske auf und verschwand erneut in der Tiefe. Es dauerte gut 40 Sekunden, bis er wieder hochkam. »Wir können ihn jetzt hochziehen. Zitternd kletterte er aus dem Becken und warf Cháris den Strick zu. Schweigend zogen sie mit vereinten Kräften den leblosen Körper an die Oberfläche. Ihre Arme zitterten nicht nur von der Kraftanstrengung, die es kostete, den schlaffen Leib Kostas’ vollständig aus dem Wasser zu ziehen. Vorsichtig legten sie den vermissten Kollegen auf den Boden der Zisterne ab und drehten angewidert ihre Köpfe zur Seite, als sie das dunkelrot angelaufene Gesicht und die aufgedunsene Handinnenflächen des Toten sahen. Dann griff Cháris zu seinem Handy und wählte die Nummer der Polizeistation in Parikia.
Darmowy fragment się skończył.