Czytaj książkę: «Seifengold»

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Über dieses Buch

Es geht um Millionen. Gold wird unterschlagen, aus dem Land geschmuggelt, gewaschen, eine Schweizer Bank bietet ihre Dienste an. Ein paar wenige scheffeln ein Vermögen. Die Hände schmutzig macht sich kein Reicher, den Dreck erledigen andere.

Der kenyanische Kriminalbeamte Tetu, in die Wüste strafversetzt, untersucht die Ermordung eines Geheimagenten. Die Spur führt in die Hauptstadt, im Dickicht der Stadt ermittelt er gegen eine Bande korrupter Politiker und deren weiße Beraterclique. Trotz Erfolgen scheitert er am Ende doch.

Der ehemalige Privatdetektiv Mettler, der seit ein paar Jahren in Lamu ein Hotel besitzt, steckt in privaten Schwierigkeiten. Sein Sohn Ali heiratet in der Schweiz, ein Kind ist auch schon da. Mettlers Freundin Alice reist in die Schweiz, sie will ihren Enkel sehen. Daß Ali und Alice sich vor einen Karren spannen lassen, der ihnen zum Verhängnis wird, kann Mettler nicht verhindern.

Eine Geschichte von zwei Enden angepackt, die wohl einen glücklicheren Ausgang nähme, fänden ihre Helden zusammen.


Foto Anne Buergisser

Peter Höner, geboren 1947 in Eupen, -aufgewachsen in Belgien und der Schweiz, Schauspielstudium in Hamburg und Schauspieler u. a. in Basel, Bremen und -Berlin. Seit 1981 freischaffender Schriftsteller, Schauspieler und Regisseur, 1986–1990 -Afrikaaufenthalt. Autor von Theaterstücken, Hörspielen und Büchern.

Peter Höner

Seifengold

Limmat Verlag

Zürich

Seifengold. Goldseifen sind in Flußbetten, im Sand oder Kies zu finden. Das Gold kommt in Form von Staub, kleinen Körnern oder Klumpen (Nuggets) vor.

Aus dem ABC der Schweizerischen Bankgesellschaft: Begriffe rund um das Gold

Die Handlung des Romans ist frei erfunden, Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen und Firmennamen sind zufällig. Vor allem soll sich niemand dazu verleitenlassen, in Kenya nach Gold zu suchen.

1

Kurz vor Mitternacht entlädt sich das Gewitter. Der Regen trommelt auf die Blechdächer und schlägt den Staub zu Boden, den Windböen soeben noch um die Baracken fegten. Schon nach wenigen Minuten wird der Wüstensand in den Gassen und auf dem Markt zu Schlamm. Ein schmutziger Brei aus Abfällen und Dreck rutscht auf der Straße ins ausgetrocknete Flußbett.

Seit Tagen flackerten die schäbigen Häuserzeilen Lodwars Nacht für Nacht im Widerschein der Blitze, zuckte das dürre Schattengeäst der Baumriesen über den leeren Marktplatz. Doch die Wolken jagten über die Oase und stauten sich jenseits der Wüste vor einem Gebirge, dessen Flüsse im salzigen Sand versiegten.

Der Polizeichef von Lodwar, Robinson Njoroge Tetu, steht nackt am Fenster seiner Kammer und träumt in die Nacht hinaus. Der Regen hat ihn aus dem Bett gelockt.

Das Gewitter erinnert ihn an Lamu, wo der erste Sturm jeweils eine wahre Erlösung bedeutete. Nicht nur von der Hitze des Aprils. Die Hotels wurden geschlossen, und die Insel gehörte wieder den Einheimischen. Die wenigen Weißen, die in Lamu eigene Häuser besaßen, störten ihn nicht.

Ein Blitz schlägt in einen der Eukalyptusriesen unterhalb des Busbahnhofs. Das grelle Licht gespenstert mit den Fassaden der Hütten. Im Turm der Presbyterianer auf der gegenüberliegenden Straßenseite schlägt die Glocke an.

Im kaltblauen Geflacker entdeckt Tetu eine Gestalt, die rasch näherkommt. Ihr Mantel flattert im Wind. Eine Hand über dem Kopf, den Oberkörper seltsam schief und nach vorne geduckt, hetzt ein Mann die Straße hoch. Er stolpert, strauchelt. Seine Hand fährt zum Rücken, greift in die Luft, verkrampft sich zur Faust. Er fällt, stürzt auf die Knie und kippt in den weichen Schlamm.

«Saufkopf, blöder!» brummt Tetu.

Der Mann rappelt sich wieder auf, stützt sich auf seine Ellenbogen und kriecht durch den Schlamm auf die nächsten Häuser zu.

«Gut, so ist es gut. Und nun mach, daß du weiterkommst.»

«Njoroge? – Was ist denn? Was brummst du? Warum stehst du am Fenster?» fragt leise und beunruhigt eine Frauenstimme.

«Nichts, es ist nichts. Ich schau' dem Regen zu.»

Die Frau schlüpft aus dem Bett und tastet sich durch die Dunkelheit. Der Polizist streckt die Hand nach seiner Wirtin aus und zieht sie an sich.

Der Regen rauscht auf die Oase nieder, eine Wassermusik, die alle übrigen Laute übertönt. Selbst im Zimmer riecht es angenehm nach feuchter Erde, nach nassem Holz, Rost und Staub.

Plötzlich und mit einem Schlag springt die Hüttentüre auf. Tetu und seine Freundin fahren auseinander.

«Was war das?»

«Der Saufkopf», murmelt Tetu. «Ich sah ihn vorhin durch die Straße torkeln.»

«Soll ich Licht machen?»

«Warte. Erst zieh' ich mich an.»

Tetu schlüpft in seine Hosen, angelt nach seinem Uniformhemd. Die Frau verknotet ein Tuch über der Brust. Dann sucht sie nach Streichhölzern und macht Licht. Tetu öffnet die Kammertüre.

Auf der Schwelle zwischen Veranda und Küche kauert eine Gestalt. Aus ihrem Rücken ragt der Griff eines Messers, eines Dolches, wie ihn die Nomaden der Wüste unter ihren Gewändern tragen. Das Gesicht liegt flach auf dem nackten Boden, Ziegendreck hängt in seinen Haaren, der durchnäßte Mantel, vom Schaft des Messers festgehalten, ist bis zum Kragen mit Fasern, Strohstückchen und winzigen Schmutzsplittern übersät, die sich im Gewebe des Stoffes verhaken.

Die Frau schreit und flüchtet ins Zimmer zurück. Tetu fährt dem Mann mit beiden Händen unter die Arme, reißt ihn hoch und zieht ihn ins Haus. Mit dem Fuß schlägt er die Türe zu und schleppt den Verletzten durch die dunkle Küche in die Kammer, wo er ihn, so wie er ihn unter der Türe gefunden hat, vorsichtig auf sein Bett legt.

Der Fremde stößt einen gurgelnden Laut aus. Blut stürzt ihm aus Nase und Mund. Von einem Hustenanfall geschüttelt, würgt er einen Klumpen hervor, endlos, ein zähflüssiges Band aus dunklem Schleim.

«Er braucht einen Arzt! Fatuma, schnell! Nein. Er erstickt. Wir müssen ihn umdrehen. – Los, so hilf mir doch.»

Tetu kippt den Verletzten zur Seite und stopft ein Kissen unter seinen Kopf. Blut und Schleim besudeln das Laken. Dann, jäh und ungestüm, bäumt sich der Mann auf. Ein Blutschwall schießt über Kissen und Bett. Er schreit:

«Lomazzi! Salvatore Lomazzi.»

Einen Augenblick später ist er tot.

Der Regen hat nachgelassen. Manchmal schüttelt ein Windstoß aus den Palmwipfeln eine letzte Tropfenkaskade und läßt sie auf die Dächer prasseln. Das Gewitter hat die Wolkendecke aufgerissen, und aus dem hellen Sturmfenster fällt ein schwaches Licht, gerade stark genug, um die Straße zu erkennen. Zwischen Pfützen und Schlammlachen hasten der Polizeichef von Lodwar und seine Freundin durch den Ort zum Krankenhaus. Sie holen Hilfe, einen Arzt, die Polizei. Damit man den Toten aus ihrem Hause schafft.

Seit der Gewitternacht hofft Robinson Njoroge Tetu auf einen neuen Fall. Eine Aufgabe. Doch heute, eine Woche nach dem häßlichen Tod des Mannes, weiß er kaum mehr als den ominösen Namen.

Er hockt in seinem Büro hinter Lodwars einziger Tankstelle gleich neben der Hauptstraße und spitzt seine Bleistifte.

Aus dem grauen Kraushaar des Polizisten lecken feine Schweißbahnen, kleine Bäche, die den Speckfalten seines Halses entlang fließen und im Kragen der Uniform versickern. Die Augen sind verquollen, die Lider gerötet. Selbst auf der Nase perlt der Schweiß.

Tetu ist nicht freiwillig hier. Weiß Gott nicht. Seine Beförderung zum Polizeichef von Lodwar war die Strafe für einen Erfolg, den niemand gewollt hatte. Zugegeben, er hatte sich schuldig gemacht. Zusammen mit Jürg Mettler. Eine Kompetenzüberschreitung. Er wurde vom Dienst beurlaubt und erwartete eine Geldstrafe. Aber Nairobi hat ihn in die Wüste geschickt. Buchstäblich.

Sein Freund Mettler hatte sich für ihn eingesetzt. Vergeblich. Auch Hemed S. Lali, der mittlerweile zum stellvertretenden Minister im Innenministerium aufgestiegen war, wollte seinen Einfluß geltend machen. Zu Mettler soll er allerdings gesagt haben, daß er Tetus Trotz nicht verstehe. Der Entscheid entspreche der gesetzlichen Praxis. Der Staat berufe seine Beamten und entscheide, wo sie gebraucht würden. Abgesehen davon sei Lamu doch nicht der Nabel der Welt.

Aber was zum Teufel soll er als Kriminalbeamter in Lodwar? In der Wüste. Was hat ein Polizist in einem Nomadenkaff zu tun?

Die Einheimischen haben ihr eigenes Recht. Von einem Polizisten aus der Hauptstadt halten sie nichts. Sie verstehen weder seine Sprache noch seine Gesetze. Wenn sie irgendwelche Händel haben, um Vieh oder Frauen, fragen sie ihre Chiefs.

Auch die Goldgräber und Lastwagenfahrer, die sich um Lodwars Huren streiten, brauchen die Hilfe des Kriminalbeamten nicht. Schlägereien, Raub, Betrug, ja selbst einen Mord regeln die Banden unter sich.

Alle sind froh, wenn er in seinem Büro am zerschlissenen Plastiküberzug seines Stuhles klebt, den Telefonapparat poliert und die Bleistifte spitzt.

Eine erste Untersuchung des Toten noch in der Mordnacht erbrachte wenig. Selbstverständlich war von Tetus Kollegen niemand bereit, die Ermittlungen zu übernehmen. Obwohl die Leiche auf seinem Bett lag, im Haus seiner Wirtin, und er nicht nur als Zeuge, sondern auch als Täter hätte in Frage kommen können. Doch das kümmerte in Lodwar niemanden. Selbst der Arzt der Krankenstation begleitete ihn nur widerwillig.

Auffällig war die Kleidung des Mannes. Mantel und Hose, obschon verdreckt und durchnäßt, waren von guter Qualität, die Schuhe kaum getragen. Tetu durchsuchte die Taschen des Mantels, der Hose. Alle Taschen waren leer. Er fand weder einen Ausweis noch sonst ein Papier, kein Geld, gar nichts. Dann fiel ihm der Ledergürtel des Mannes auf. Ein Uniformgürtel. Ein Gürtel, wie er seit Jahren an Polizisten und Soldaten abgegeben wird. Er öffnete die Schnalle des Gürtels und zog das Leder aus den Hosenschlaufen. Sollte der Gürtel einem Beamten gehören, so müßten auf seine Innenseite eine Nummer und die Initialen des Empfängers eingestanzt worden sein.

005 89-B / S.L. Sein Verdacht bestätigte sich. 005. Die Abkürzung für ihren Geheimdienst.

Tetu verfaßte ein Protokoll, das er sich vom begleitenden Arzt unterschreiben ließ. Danach wurde die Leiche weggebracht.

Auch die anschließende Befragung seiner Freundin Fatuma verlief so gut wie ergebnislos. Die Frau saß verstört in der Küche und starrte auf das besudelte Bett, in dem sie und Tetu vor kurzem gelegen hatten. Der Polizist fragte seine Wirtin, ob sie den Ermordeten kenne? Fatuma schüttelte entsetzt den Kopf und sagte:

«Ja, es heißt, daß er im ‹Eiffeltower› wohnt. Er kaufte Bananen bei mir.»

«Wann war das?»

«Vor … Vor drei Tagen. Er ging von Kiosk zu Kiosk und fragte nach den Goldgräbern. Den Lastwagenfahrern. Die Goldgräber würden die Einnehmer in Sigowa betrügen, weil sie ihr Gold an die Lastwagenfahrer verkaufen.»

«Ein Kontrolleur aus Sigowa?»

«Ja. Aus Sigowa. Er kommt aus Sigowa.»

«Und Lomazzi? Kennst du einen Lomazzi?»

Fatuma schwieg und wollte nichts mehr sagen.

Später hat sie das Haus verlassen und ist zu einer Bekannten gegangen. Bei dem Polizisten konnte sie nicht länger bleiben.

Es ist kurz nach zehn, und das Thermometer in der Polizeibaracke zeigt schon wieder über vierzig Grad. Mit zusammengekniffenen Augen, sich immer wieder den Schweiß aus dem Gesicht reibend, kämpft Tetu gegen die lähmende Glut, die ihm das Gehirn verstopft.

Zornig stemmt er sich aus seinem Sessel und stapft zum Fensterbrett.

Vor Wochen hat er im Kampf gegen die Langeweile eine Sammlung von Kakteen angelegt. Winzige Pflänzchen in sandige Erde gedrückt. Töpfchen, die er auf der Fensterbank hin und her und in die Sonne rückt. Eine Mühe, die ihm die stacheligen Dinger nicht lohnen. – Nie hätte er gedacht, daß Müßiggang ihn einmal derart drangsalieren könnte.

Selbstverständlich hat er den Tod des Geheimagenten der zuständigen Amtsstelle in Nairobi gemeldet.

Glücklicherweise hatte der Sturm weder die Telefon- noch die Telexleitung in die Hauptstadt unterbrochen. Die Bürodame, mit der er schließlich verbunden wurde, behauptete, ihr Vorgesetzter sei nicht da, und sonst gebe es niemanden, der für Todesfälle während des Dienstes zuständig sei. Überdies müsse ja auch erst einmal abgeklärt werden, ob der Mann wirklich ihr Mann sei.

«Lomazzi? Und wo soll der gewesen sein?» Und bestimmt zum dritten Mal erkundigte sie sich nach dem Namen der Oase, den sie sich nicht merken konnte. «… Selbstverständlich sind mir die verschiedenen Aufgaben der einzelnen Detektive nicht bekannt, ich bin nur die Sekretärin des Chefs. Aber daß einer unserer Leute in den Norden geschickt worden ist, kann ich mir nicht vorstellen. Was soll er dort?» Und geradezu entwaffnend fügte sie hinzu: «Wir können Ihnen erst sagen, wer der Tote ist, wenn Sie uns sagen, was da oben los ist.»

Tetu ärgerte sich. Die Sekretärin schien seine Meldung nicht ganz ernst zu nehmen. Ungehalten wiederholte er die Nummer des ermordeten Agenten und sagte:

«Vielleicht gibt es ja bei euch einen S.L. 89-B. Auch wenn ich nicht annehme, daß unser S.L. Salvatore Lomazzi heißt. Warum sollte mir der Mann seinen Namen sagen? Aber wenigstens das könnten Sie ja einmal feststellen.»

Die Frau, vorsichtiger geworden, vielleicht auch beleidigt, nahm, ohne weitere Ausflüchte zu machen, Tetus Personalien auf und versprach, die Angelegenheit ihrem Chef zu melden.

Das war vor einer Woche.

Gut, 24 Stunden nach seinem Gespräch wurde die Telefonleitung unterbrochen, kurz darauf brach auch die Telexverbindung zusammen. Trotzdem. Ein Wagen nach Lodwar braucht zwei Tage. Ein Einsatz, den er eigentlich erwartet hätte.

Unmittelbar nach seinem Gespräch mit Nairobi stürzte sich Tetu in die Arbeit. Woher kam der Mann? Was wollte er? Wie lebte er? Wo hatte er sein letztes Bier getrunken? Routine. In Nairobi vielleicht, in Lamu. Aber nicht in Lodwar.

Wo immer Tetu auftauchte, verschwanden alle Erwachsenen. Schlagartig. Frauen und Männer. Man machte sich aus dem Staub, verdrückte sich zwischen den Lattenzäunen der Hinterhöfe, versteckte sich in Rumpelkammern oder lief in die Wüste hinaus. Tetu fand immer wieder nur ein plärrendes Kind oder stand einem zahnlosen Greis gegenüber.

Das Hotel ‹Eiffeltower›, in dem der Fremde abgestiegen war, besaß einen guten Ruf. Das erste Hotel am Ort. Es war kein Bordell wie die meisten Herbergen der Oase, deren Räume an Dirnen und ihre Kinder vermietet wurden, und in deren Kneipen sich die Lastwagenfahrer mit den Goldgräbern rauften. Die bevorzugten Gäste des Wirtes waren die Ingenieure und Besucher des Balesa-Staudammprojektes. Auch Ärzte, Entwicklungshelfer und Journalisten, die sich von den Eindrücken des Bürgerkriegs im nahen Südsudan erholen wollten, bezahlten für ihre Ruhe. Und so fiel es dem Wirt des ‹Eiffeltowers› leicht, auf den zweifelhaften Kundenkreis der Lastwagenfahrer und Goldgräber zu verzichten.

Als Tetu das Lokal am Morgen nach der Ermordung des Geheimagenten besuchte, war niemand da. Er machte sich mehrmals mit ‹Hallo!› und ‹Ist hier jemand?› bemerkbar und entschloß sich dann, weil er keine Antwort bekam, das Hotel auch ohne Erlaubnis der Besitzer zu durchsuchen.

Die Hotelzimmer waren um einen schmalen Innenhof hinter der Gaststube gebaut. Zehn einfache Zimmer, fünf auf jeder Seite, die hinten durch Toiletten und Duschräume begrenzt wurden. Die Dächer ragten in den Hof hinein und wurden von mehreren Säulen abgestützt, so daß eine Art Klostergarten mit Kreuzgang entstand. Die Zimmertüren standen offen. Vor einem Teil der Räume lagen zerknüllte Bettlaken und Handtücher. In der Nähe der Dusche stand ein Karren mit einem Abfalleimer und ein paar Putzutensilien. Die Zimmer waren kleine, unbehagliche Räume ohne Fenster. Den Wänden entlang waren mehrere Holzpritschen aufgestellt, dazwischen standen wacklige Holzschemel mit Aschenbecher und einem Kerzenstummel. In fast allen Zimmern war von den vielen Betten nur eines benutzt worden. In keinem der Zimmer ließen sich irgendwelche Spuren ihrer Mieter finden. Die Räume waren bereits gereinigt, wenn auch mit jener Lässigkeit, die weder in Zimmerecken fährt noch die Betten anhebt.

Eine Untersuchung des Putzkarrens erwies sich ebenfalls als unergiebig. Ein paar leere Bierflaschen standen neben einem Plastikeimer. Zigarettenkippen und zerknüllte Belege bezahlter Rechnungen schwammen auf der trüben Brühe des Spülwassers. In einem Tontopf lagen ein zerbrochener Kamm, eine ausgepreßte Tube Zahnpasta, mehrere Seifenstückchen, ein Büschel verklebter Haare – wahrscheinlich aus einem Abfluß gefischt – und die aufgeschlitzte Verpackung eines Kondoms. Neben dem Eimer war ein Stoß Zeitungen aufgeschichtet, von denen die meisten bereits mehrere Tage alt waren. Hotelexemplare, die die Gäste mit aufs Zimmer nahmen und die fern der Hauptstadt auch Tage nach ihrem Erscheinen noch mit Interesse gelesen wurden.

Tetu entschloß sich, auf die Wirtsleute zu warten, ging in die Gaststube zurück und setzte sich an einen Tisch. Das Restaurant war winzig, ein düsterer Raum mit zwei kleinen Fenstern. Ein paar Tische und Bänke. In einer Ecke des Raumes eine Theke. An der Wand hinter dem Schanktisch eine Bierreklame: ‹Tusker Premium›. Darüber ein Jugendbild seiner Exzellenz des Präsidenten.

Nach etwa einer Stunde schaute ein kleiner Junge vorsichtig um den Türpfosten. Er spähte lange in den Raum, ohne sich hineinzuwagen. Tetu hockte regungslos hinter seinem Tisch. Er hoffte, der Kleine würde ihn nicht sehen und seinen Eltern melden, der dicke Mann sei nicht mehr da. Vergeblich. Der Knirps entdeckte ihn. Er drehte sich blitzschnell um und rannte davon.

Rund um das ‹Eiffeltower› hatte sich der Alltag längst wieder eingependelt. Aus den Kneipen und Läden der Hauptstraße schmetterten die Kassettenrekorder die immer gleichen Lingala-Schlager. Ziegen meckerten, Kinder plärrten, Besen wischten über die Vorplätze, Matten wurden ausgeklopft, und auf dem Marktplatz lärmten die Hupen der Taxis und Kleinbusse. Nur in Tetus allernächstem Umkreis blieb es still. Im Auge des Zyklons.

Kurz vor Mittag, Tetu wartete mittlerweile über drei Stunden, schlenderte ein junger Bursche vor den Fenstern vorbei. Er drehte sich plötzlich um, stemmte sich gegen den Türrahmen und grinste ins Restaurant. Zwei weitere Männer traten auf, von links kam eine Schar Halbwüchsiger, die am Türsteher vorbei in die Gaststube schlüpften. Dann näherte sich die Familie des Wirts. Seine Frauen. Und sein Vater, ein Chief. Ein schlanker, hochgewachsener Greis. Nur mit einer Toga und einem Lendenschurz bekleidet, die um die hageren Glieder schlotterten. Auf dem Kopf eine Kappe aus Lehm, Federn und Kaurimuscheln. Ein Häuptling der Turkana.

Von überallher drängelten nun Leute in den Raum und scharten sich um den Tisch des Polizeichefs. Sie starrten ihn an, als sei er ein katholischer Pater. Tetu blieb auf seiner Bank hocken und glotzte zurück.

Noch nie hatte er eine solch tiefe Abneigung gegen diesen Ort empfunden. Er sah lauter häßliche Menschen.

Zur Hälfte geschorene Frauenköpfe mit Zöpfchen und Federn im Haar. Männer mit Lehmhauben. Dreiste Gesichter mit schmalen, vom Wüstensand geröteten Augen. Die Ohren von Dornen und Knochen durchbohrt oder voller Ringe. Überall Spangen, Ketten. Die Frauen mit einem wahren Halskranz aus Glasperlen, Dreck und Muscheln. Dumm grinsende Münder mit ausgebrochenen Schneidezähnen. Hagere Körper mit Narben übersät, Verzierungen, die sie sich auf den Bauch und in die Arme schnitten.

Naserümpfend musterte er die notdürftig von Lumpen verhüllte Blöße der Männer, die nackten Brüste der Frauen. Lodwar, ein Reservat.

Tetu zeigte auf eine der wenigen Frauen, die bekleidet waren, und verlangte einen Tee. Die Frau lächelte ihn an und senkte den Blick. Er wiederholte seine Bitte. Die Frau rührte sich nicht. Sämtliche Köpfe drehten sich nun nach dem Alten um. Der Greis murmelte etwas, worauf die Frau mit gesenktem Kopf den Zuschauerring verließ.

Tetu stand auf und streckte dem Häuptling die Hand entgegen. Er begrüßte ihn in dessen Sprache. Der Alte erwiderte seinen Gruß, ohne freilich seine Hand zu nehmen. Ein Mißverständnis, das mehrere Männer dazu veranlaßte, Tetu begeistert die Hand zu schütteln. Der Turkana hielt nun eine längere Rede, von der Tetu kein Wort verstand. Danach verneigte er sich, gab einem seiner Leute ein Zeichen, verneigte sich ein weiteres Mal und verließ, ohne sich noch einmal nach Tetu umzuschauen, den Raum. Die meisten Leute folgten ihm.

Ein paar Frauen blieben, Kinder und der Mann, dem der Alte zugenickt hatte. Offensichtlich der Wirt. Er jagte die Kinder aus dem Haus und schickte die Frauen in die Küche. Er befahl, dem Polizeichef den gewünschten Tee zu bringen, verlangte ebenfalls eine Tasse und setzte sich zu Tetu an den Tisch. Mit dem Arm über die Tischplatte fahrend, als wolle er andeuten, daß nun über alles gesprochen werden könne, fragte er auf englisch:

«Was weiter nun?»

Tetu bat um eine Übersetzung der Ansprache, worauf der Wirt achselzuckend meinte:

«Das Geschwätz eines Greises. Er begrüßte Sie und wünschte Ihnen einen guten Aufenthalt.»

«Weiß er denn nicht, daß ich seit zwei Jahren hier bin, daß ich die Polizeistation leite, daß ich …»

«Doch, er hat davon gehört. Mein Vater ist einer der Chiefs. Er war ein bißchen beleidigt, daß Sie sich so lange nicht bei ihm gemeldet haben.»

Tetu schwieg. Man hatte ihm vor zwei Jahren geraten, sich mit den lokalen Führern zu verständigen. Er ließ sich von seinem Fahrer von Dorf zu Dorf kutschieren und begrüßte reihum alle alten Männer. Die Chiefs lernte er nicht kennen.

Die Frau brachte ein Tablett mit Tassen und Tee, schenkte ihnen ein und verschwand wieder.

Tetu fand, er dürfe nun, ohne deswegen als unhöflich zu gelten, zur Sache kommen, schließlich wollte er nicht viel mehr als eine Auskunft. Und ohne Umschweife fragte er, ob dem Wirt bekannt sei, daß einer seiner Gäste letzte Nacht mit einem Messer im Rücken auf dem Weg ins Krankenhaus gestorben sei?

Der Mann, der eben noch fließend Englisch konnte, wollte plötzlich nichts verstanden haben. Er wischte mit seinem Arm über den Tisch, mehrmals, und wiederholte sein blödes ‹Was weiter nun?›. Eine Floskel, die er wohl für beschlagen hielt.

Kopfschüttelnd begann Tetu dem Mann aufzuzählen, was er über den ermordeten Agenten wußte. Langsam, Schritt für Schritt und auf Suaheli, immer wieder das begreifende Nicken und bestätigende ‹eh› des Mannes herausfordernd, um zu verhindern, daß sich der Schlaumeier anschließend wieder hinter seinem Nichtverstehen verstecken konnte. Schließlich, nachdem er auch den Ermordeten sorgfältig beschrieben hatte, fragte er, ob seine Beschreibung auf einen seiner Gäste zutreffe? Der Mann schüttelte den Kopf, rief die Frau, der er umständlich alles aufzählte, was ihm Tetu berichtet hatte. Die Frau nickte und verschwand wieder in der Küche, der Wirt sagte:

«Die Frau sagt, daß sie den Mann gesehen hat. Ob er hier übernachtet hat, weiß sie nicht, sagt die Frau, weil sie gestern bei einer kranken Schwägerin ausgeholfen hat. Und es war schon Mitternacht, und wegen des Gewitters ist sie nicht mehr nach Hause gegangen. – Ich war in Sigowa und bin erst heute morgen zurückgekehrt.»

«Und all das hat sie Ihnen soeben zugenickt?»

Tetus Spott ließ den Einheimischen zusammenfahren. Doch er gestattete ihm keine erklärenden Ausreden, sondern verlangte ungeduldig:

«Bringen Sie mir jetzt einmal Ihr Gästebuch. Ihre Unterlagen, die Übernachtungsanzeigen, Quittungen … Und rufen Sie Ihre Frau. Sie soll mir sagen, wo das Reisegepäck des Toten geblieben ist.»

Der Wirt rief nach seiner Frau, worauf die Frau in der Küche durch die Gaststube hetzte und aus dem Haus lief. Tetu verstand überhaupt nichts mehr.

Der Inhaber des ‹Eiffeltowers› fischte nun hinter der Theke nach einem Notizblock, einer schmierigen Kladde, in die sich bestimmt keine Gäste eingetragen hatten. Im besten Fall handelte es sich um einen Block mit Quittungen, ein paar Zahlen. Schreiben konnten diese Leute alle nicht. Der Wirt wälzte eifrig die Zettel des Blocks hin und her, knickte schließlich fast den gesamten Blätterwust um die Leimkante und streckte Tetu eine Quittung entgegen.

«Hier! Das ist die Unterschrift des Mannes. Drei Tage und drei Nächte war er unser Gast.»

Tetu schaute sich den Zettel gar nicht erst an.

«Wissen Sie vielleicht, was der Mann in Lodwar wollte? Wie er heißt? Was er gestern gemacht hat?»

«Nein. Alle unsere Gäste bezahlen im voraus, alles weitere …»

«Essen ihre Gäste hier?»

«Manchmal.»

«Hat der Ermordete hier gegessen?»

«Vielleicht.»

«Gehörte der Tote zu einer Hilfsorganisation?»

«Vielleicht.»

«Vielleicht! Manchmal, vielleicht! – Jetzt hören Sie mir einmal gut zu, Sie Schlaumeier: Der Ermordete war von der Geheimpolizei. Er war hinter einer Bande von Betrügern her, die zusammen mit den Goldgräbern krumme Geschäfte machten. Er suchte einen gewissen Salvatore Lomazzi. – In seinen Unterlagen, die ich in seiner Manteltasche fand, entdeckte ich einen Zettel. ‹Eiffeltower! Im Auge behalten.› – Können Sie sich vorstellen, warum?»

Der Wirt ließ sich nicht aus der Ruhe bringen, er schmunzelte und goß Tetu einen Tee nach.

«Die Frauen kommen jeden Augenblick.»

Nach ungefähr einer Stunde kamen drei Frauen. Eine hatte einen kleinen dunkelbraunen Koffer bei sich. Sie legte den Koffer vor Tetu auf den Tisch. Der Wirt übersetzte. Das sei der Koffer eines Mannes, der gestern Abend noch einmal weggegangen und nicht mehr wiedergekommen sei. Seine Frau habe den Koffer heute morgen zur Polizeistation gebracht.

Tetu nahm den Koffer und stand auf. Er hätte die Frau gerne noch gefragt, warum sie den Koffer zur Polizei gebracht und ob sie gewußt habe, daß ihr Gast tot sei, und wenn ja, woher? Aber weil er weder vom Wirt noch von seinen Frauen eine vernünftige Antwort erwartete, fragte er nichts mehr. Er bedankte sich für den Tee und ging.

Der Koffer enthielt ein zweites Paar Hosen, drei Hemden, von denen zwei bereits schmutzig waren, Wäsche, einen Schlafanzug und einen Toilettenbeutel mit Seife, Rasierpinsel und Zahnbürste. Irgend etwas Schriftliches fand Tetu nicht.

Auch seine weiteren Versuche, in Lodwar etwas über den Toten zu erfahren, scheiterten. Auf dem Markt, in den Kneipen, nirgendwo fand er einen Menschen, der ihm etwas erzählen konnte oder wollte. Die meisten taten, als würden sie seine Fragen nicht verstehen. Andere, wie zum Beispiel die Lastwagenfahrer, die in der Oase ihre Löhne versoffen und verhurten, wurden wütend und beschimpften ihn.

Selbst von Fatuma erfuhr Tetu nichts mehr. Sie wollte nichts wissen, nichts sagen. Und Nairobi ließ ihn ebenfalls im Stich.

Am Morgen des vierten Tages entschloß er sich, zusammen mit seinem Adjutanten die Goldgräbersiedlung in den Bergen zu besuchen. Sein Fahrer war entsetzt.

Der Besuch einer Goldgräbersiedlung sei für einen Uniformierten lebensgefährlich. Die Dörfer gälten als Schlupflöcher für Wilderer, Deserteure, enttäuschte Lehrer, Arbeitslose und gescheiterte Politiker.

«Räuber, Mörder, ganze Banden verstecken sich in den Bergen. Sie kennen kein Recht und keinen Gott. – Ein Polizist mit unbequemen Fragen ist dort oben etwa so sicher wie eine Maus unter Füchsen.»

Doch Tetu bestand auf der Fahrt. Sie verpflichteten einen Einheimischen als Führer – einen jungen Turkana, der in Lodwar als Tankwart arbeitete – und beluden ihren Jeep mit einem zusätzlichen Maschinengewehr.

Der Weg in die Berge führte durch die Wüste. Sie rasten über harte Sandpisten quer durch die Ebene. Doch ohne ihren Führer hätten sie sich in den spiegelnden Flächen der Einöde schnell verfahren. Von einer Straße konnte keine Rede sein. Nur ab und zu stießen sie auf Fahrspuren, eine weichere Stelle im Sand oder eine kaum wahrnehmbare Senke, die sich als Furt durch eine ausgetrocknete Wasserader erwies.

Der Turkana hockte neben Tetus Fahrer und zeigte mit seiner Hand die Richtung an. Mit knappen Rechts-Links-Ausschlägen seiner Finger korrigierte er den Polizisten so lange, bis dieser den Wagen in die gewünschte Richtung gelenkt hatte, dann drehte er die Hand in die Waagrechte und deutete mit einem lässigen Schwung der gesamten Hand dem Fahrer an, daß er nun – immer geradeaus! – sein Tempo erhöhen könne. Manchmal streckte der junge Mann seinen Kopf durch das geöffnete Verdeck des Jeeps, stand auf und musterte die Landschaft. Ein junger Krieger unterwegs mit zwei dicken Polizisten in unbequemen Uniformen. Sie waren dem Turkana vollkommen ausgeliefert.

Nach zwei Stunden erreichten sie einen Fluß, der zu ihrer Überraschung ziemlich viel Wasser führte. Hinter dem Fluß schlängelte sich eine Schotterstraße ins Gebirge, und der helle, feste Sandboden verlor sich rasch zwischen einzelnen Lavabrocken, verschwand schließlich unter einer dichten Decke rotbraunschwarzen Schotters. Lavaschutt türmte sich zu Hügeln, durch die sich das rostfarbene Sträßchen in die Höhe schraubte, und im Einerlei der Steinwüste versanken die letzten Grasinseln. Nirgends zwängte sich noch ein Strauchgestrüpp durch die scharfkantigen Gesteinsbrocken der Wüstenei.

Die Straße war steil und schlecht befestigt. Schutt und Geröll rutschten unter den Rädern weg, und größere Blöcke mußten von Hand beiseite geräumt werden. Sie kamen nur sehr langsam voran. Immer wieder mußte der Turkana aussteigen und den Fahrer von Felsbuckel zu Felsbuckel lotsen, über eine ausgeschwemmte Rinne oder durch einen Engpaß. Sie verloren Zeit, schwitzten und fluchten viel.

Bevor sie die Hütten der Goldgräber sahen, rochen sie sie; einen stechend süßlichen Gestank nach Pisse, Scheiße und faulendem Kehricht. Nach einer doppelten Kehrschleife verbreiterte sich das Tal, und unmittelbar vor ihnen standen schief die ersten Hütten des Goldgräberdorfes. Schmutzige Plastikbahnen, alte Bleche, Tierhäute, zerschlissene Matten verwoben sich zu einem Geflecht von Wänden und Dächern, einem wahren Meer allerarmseligster Behausungen. Dicht zusammengedrängt und ineinander geschoben, sich aneinanderlehnend und doch ohne Halt, verstopften sie das Tal.

Sie fuhren vorsichtig tiefer in den Ort hinein. Rechts und links wucherte die Siedlung die Talwände empor. Hütten und Schutt vermischten sich miteinander, so daß sich die rostigen Dächer kaum von der rotbraunen Lava unterscheiden ließen.

Der Wagen rutschte auf der glitschigen Straße von einem Schlagloch ins andere. Es wurde Zeit, daß sie sich nach einem Wendeplatz umschauten. Als dann mehrere Lavabrocken die Straße abriegelten – eine Barriere, die wahrscheinlich von den Goldgräbern gebaut worden war, um das Eindringen in ihre Schürfgebiete zu verhindern – hielt Tetus Fahrer an und schaltete den Motor aus.

Grabesstille lagerte über dem Ort, gespenstisch und unheimlich nistete sie zwischen den Hütten der toten Stadt. Hielt sich denn tagsüber kein Goldgräber zwischen den Baracken auf? Wo waren die Händler, Bierverkäufer, die Frauen, die ihre Dienste anboten? Die Kirche, die sich um die ‹verirrten Schafe› kümmerte?

Tetu befahl seinem Fahrer, den Jeep zu wenden, während er sich ein paar Schritte ins Gewirr der Hütten wagen wollte. Etwas weiter unten kollerte ein Stein den Abhang hinunter. Ein Kind oder eine Frau hüpfte um die Ecke. Das gelbgrün bedruckte Tuch flatterte fröhlich im trostlosen Rost. Hinter einem schmutzigen Plastikfetzen glaubte Tetu, ein Gesicht zu sehen.

Es gab Leute im Dorf, und mit ein bißchen Glück würde er auch die Kneipe finden, in der sich die Männer versammelten. Irgendwo würde einer im Dunkeln sitzen, krank und besoffen, und ihnen erzählen, was für tolle Kerle sie seien, und wie sie irgendwann, demnächst, in die Stadt ziehen würden, die Taschen voller Geld.

Sie fuhren zurück und fanden tatsächlich eine Abzweigung, die sie übersehen hatten. Die Straße führte die Talflanke entlang durch einen älteren und weniger baufälligen Teil der Siedlung, und sie endete vor einer Ladenzeile. Bestimmt an die zehn Dukas reihten sich um einen schmutzigen Platz. Lebensmittel und Gemüsebuden, eine schiefe Kneipe mit Hinterzimmern, ein Eisenwarengeschäft und ein Tuchladen, vor dem sich dünne Matratzen zu einem Berg auftürmten. Sogar ein Matatu stand hier, eines dieser Sammeltaxis, von denen man allerdings nie wußte, ob sie noch fahrtüchtig waren. Aber einen Menschen sahen sie nicht.

Die Holzveranda des ‹Lucky Dog› war leer, auch in der Gaststube saß niemand. Tetu tastete sich durch den schummrigen Raum, der mit Tischen und Bänken verstellt war, zu einer Tür, die vermutlich in den Hof und seine Hinterzimmer führte. Er drückte die Tür auf und überraschte eine ältere, verwachsene Frau, die Wäsche gegen Steine schlug. Die Frau erschrak, ließ ihre Wäsche fallen und versuchte, über den Hof zu entkommen. Tetu erwischte die Alte am Arm und zwang sie, ihn anzuschauen. Er fragte, warum und vor wem sie sich fürchte, und wo die anderen seien? Die Wäscherin verdrehte die Augen und schob ihre schwere Zunge unbeholfen im Maul herum. In einem der Hinterzimmer schrie eine Frauenstimme. Jemand stolperte am Haus vorbei. Irgendwo in der Nachbarschaft knallte eine Türe zu.

Tetu und sein Adjutant hetzten um die Baracke, sie zwängten sich zwischen den Höfen und Hütten hindurch und kletterten auf Felsbrocken. Doch wie sehr sie sich auch anstrengten: Das Hüttenmeer zu ihren Füßen verriet seine Bewohner nicht. Nicht an Tetu und seinen Begleiter, die beiden Männer in Uniform.

Der Jeep und ihr Führer waren inzwischen bestimmt von zehn oder mehr Leuten umringt. Es waren Einheimische, wahrscheinlich Hirten, die ihre Kamele im Abfall der Siedlung weideten. Als die Männer Tetu und seinen Adjutanten kommen sahen, trabten sie davon. Nur einer blieb stehen.

Der Mann, barfuß, aber in Hose und Hemd, stellte sich Tetu als Besitzer der Eisenwarenhandlung vor. Er grinste, als ob er Lob erwarte. Dann behauptete er, Tetu könne jede nur gewünschte Auskunft haben. Und er machte die entsprechende Geste.

Tetu befahl seinem Fahrer, den Motor zu starten und kletterte in den Wagen.

«Ich weiß, was ich weiß. – Hättet ihr ihn nicht umgebracht …»

«Was haben wir? Niemand von uns, niemand», höhnte der Eisenwarenhändler und kreischte: «Arschloch, verdammtes! – Die Polizei! Ihr! Ihr wißt gar nichts wißt ihr!»

«Ach. Und das Messer in seinem Rücken? – Wenn ich erst einmal weiß, wem du das Messer verkauft hast, werde ich den Mörder schnell gefunden haben.»

«Ich verkaufe keine Messer. Wir, wir haben ihn nicht umgebracht. – Der Mann wollte mit uns zusammenarbeiten, er kam aus Nairobi, er wollte uns helfen.»

«Lomazzi! Euch helfen?»

«Lomazzi? Nie gehört», maulte der Mann. «Hinter der Kajarta-Schlucht im Ngoi River wurde Gold gefunden. Nuggets so groß wie Kieselsteine.»

«Und nun wollt ihr das Gold an der staatlichen Einkaufsstelle in Sigowa vorbeischmuggeln? – Was versprach er euch dafür, daß ihr den Staat bescheißt?»

«Von dem, was sie uns in Sigowa bezahlen, können wir nicht leben …»

«Wem gehört denn das Gold? Euch vielleicht?»

«Wer steht in den Bächen? Wer kraxelt die Felswände hoch? Wer …»

«Der Eisenwarenhändler, der den Goldgräbern ein paar rostige Bleche verkauft», spottete Tetu und befahl seinem Fahrer, loszufahren. Der Mann sprang entsetzt zur Seite, und Tetu bog sich wütend aus dem Fenster und schrie:

«Melde dich bei mir in Lodwar. Hol dir eine Lizenz für deinen Laden. Sonst laß ich deine Bude schleifen!»

Es war bereits nach vier Uhr. Tetu trieb seinen Fahrer zur Eile an, und geradezu waghalsig jagten sie die Bergstraße hinunter. Trotzdem erreichten sie den Rand der Wüste erst knapp vor Sonnenuntergang, und weil es unmöglich war, den Weg durch die Wüste im Dunkeln zu finden, mußten sie sich nach einer Übernachtungsmöglichkeit umsehen.

Tetu erinnerte sich an seine Campingnacht mit Mettler vor zwei Jahren und wollte schon ähnliche Vorkehrungen treffen, als ihr Turkana-Führer sie auf die Silhouette eines Gehöfts aufmerksam machte und ihnen vorschlug, die Nacht bei seinen Verwandten zu verbringen. Tetu und sein Adjutant nickten begeistert. Dank ihres Führers konnten sie sogar darauf hoffen, daß man ihnen einen Schlafplatz in einer der Nebenhütten anbieten würde. Ein kleines Trostpflaster für ihren erfolglosen Ausflug.

Seither hockt er wieder in seinem Büro in Lodwar und wartet auf Anweisungen aus Nairobi. Er beschäftigt sich mit dem Aufräumen seines Schreibtisches oder harkt mit einer alten Gabel den Sand seiner Kakteensammlung. Er zwingt sich, alte Aktenstücke zu lesen, oder stapft in seinem Büro herum. Er wirbelt die wenigen Fakten über die Ermordung des Geheimagenten durcheinander, zählt alle Erlebnisse der letzten Tage auf und versucht, aus dem wenigen, das er erfahren hat, irgendwelche Schlüsse zu ziehen. Aber alle seine Anstrengungen enden immer wieder damit, daß er, das Gesicht in den Händen vergraben, kopfüber auf seine Pultplatte sinkt. Mit verdrehtem Kopf und halb geöffnetem Mund verschnarcht er seine Niederlage. Das Wüstenkaff lähmt alle seine Kräfte, und die Sonne, die auf das Blechdach niederbrennt, frißt den letzten Rest seiner Würde auf.

Um halb fünf, eine gute Stunde vor Feierabend, tickert der Telex. Tetu ist mit einem Schlag hellwach. Andächtig und voller Furcht, das altehrwürdige Gerät könnte plötzlich erneut versagen, stellt er sich neben den rasselnden Apparat. Wenn nur der Lochstreifen nicht aus der Rolle springt oder ein Leistungsabfall ihres internen Stromhaushalts das Rattern der Maschine erlahmen läßt. Doch die Botschaft ist kurz, und schon nach wenigen Sekunden wird Tetu akustisch aufgefordert, den Empfang der Mitteilung zu bestätigen. Anschließend spannt er den Lochstreifen in das Hauptgerät, das das gelochte Band entschlüsselt und in Buchstaben, Worte und Sätze verwandelt, die den Sinn der Meldung enthüllen. Eine Antwort der Zentrale.

«17. Juli / R.N.Tetu unverzüglich nach Nairobi kommen / betrifft Akte 005 89-B / sich im Hotel ‹Impala›, Westlands, unter dem Namen Kariuki Gichira melden. / Sekretariat 3, Buffalo House, SSK.»

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Unterschrift: Serge Meili

2

Die Brandung klatscht an die Mauer der Terrasse. Seit Tagen fegt der Wind Gewitter und Regengüsse über die Insel, brüllt das Meer, und der Lärm rund um das ‹Rafiki Beach Hotel› verwandelt seine Räume in stille Oasen wohliger Ruhe.

Jürg Mettler liegt ausgestreckt in seinem Himmelbett und schaut in den dunklen Baldachin. Trotz der geschlossenen Fenster bläht sich das Moskitonetz in den Böen des Sturms. Die gedrechselten Stützen erinnern an die Masten eines Bootes, schemenhafte Striche, die nach oben in der Finsternis des Zimmers verschwinden.

Neben Mettler schläft Alice. Ihr Wuschelkopf ruht auf seiner Brust. Ein Bein, quer über seinen Bauch geschoben, drückt ihm auf die Magengrube.

Die Regenzeit in Lamu ist Mettlers liebste Zeit. Ihr Beginn ein Freudenfest. Schon Tage vorher wird über nichts anderes geredet. Man beurteilt den Himmel, die Wolken und die Farbe des Meeres. Einer weiß: In Malindi hat es letzte Nacht geregnet. Dann, innerhalb weniger Stunden, ist es soweit. Ein scharfer Wind fegt Staub und Hitze aus der Stadt, Wolkenbrüche spülen jeden Winkel aus. Der Dreck eines Jahres wird ins Meer geschwemmt. In der Stadt und auf der Insel herrscht der Sturm.

Nach einem ersten Freudentaumel verkriechen sich die Menschen in ihren Häusern und beginnen zu warten. Sie warten sechs Wochen lang, bis die neue Saison beginnt.

Für Mettler und Alice besitzt die Regenzeit einen zusätzlichen Reiz.

Als brummiger Griesgram ist er nach Lamu gekommen. Ein freudloser, schwitzender Privatdetektiv aus der Schweiz, der verlernt hatte, über sich selbst zu lachen. Er glaubte, zu seinem Alter gehöre eine Lebenskrise, und er war unfähig zu irgendeiner Entscheidung. Dann, im allerletzten Augenblick, entschied der Himmel für ihn. Im wahrsten Sinne des Wortes. Die Regenzeit begann. Völlig durchnäßt flüchtete er durch die Gassen Lamus und rettete sich zu Alice, die ihn liebte, wie er war. Sechs lange Wochen schlossen sie sich im ‹Magharibi Guesthouse› ein und vergaßen die Welt. Nach fast zwanzig Jahren hatten sie sich ein zweites Mal gefunden, der lange Regen kam ihnen gerade recht.

Die Jahre in Lamu veränderten ihn. Nicht nur, daß er schlanker wurde, kräftiger, sportlicher. Nein. Wohl zum ersten Mal erfuhr er, was es hieß, Zeit zu haben. Stunden, Tage, Wochen. Endlich hörte er auf, zu zählen und zu planen, erlebte er eine Art Stillstand. Die Heiterkeit des Augenblicks.

Er gab seinen Beruf auf. Er kaufte zusammen mit Alice das ‹Rafiki Beach Hotel› und wurde Wirt. ‹Wer nichts wird, wird Wirt.› Sagt man in der Schweiz!

Er fand Freunde. Robinson Njoroge Tetu zum Beispiel, den Chef der Kriminalpolizei. Sie mochten sich, weil sie über vieles ähnlich dachten. Und waren doch verschieden. Tetus Ehrfurcht vor der eigenen Uniform. ‹Der Polizist: Ein Diener des Staates.› Sie stritten sich sogar deswegen. Aber dann, nachdem Tetu einen weiß Gott verzwickten Fall bravourös gelöst hatte, schickte ihn ihr Bekannter, Hemed S. Lali, nach Lodwar in die Wüste. Mettler konnte seinem Freund nicht helfen. Einfacher wurde Mettlers Leben nicht. Nein. Dafür sorgte und sorgt sein Sohn Ali. Dieser weigerte sich, mit ihnen in Lamu zu leben, im Hotel zu helfen. ‹Nicht solange du und meine Mutter das ‹Rafiki› leiten!› Eine Haltung, die ihn sehr getroffen hatte. Alice sah das nicht so. ‹Wenn der Junge keine Lust hat …› Jetzt lebt er in der Schweiz, hat vor kurzem geheiratet. Er hatte nichts dagegen, bitteschön, der Junge kann heiraten, wen er will.

Sie waren auf der Hochzeit. Alice und er. Die Eltern des Bräutigams. Aber seit dieser Hochzeit träumt Alice von einem Leben in der Schweiz. Sie ist sogar bereit, das Hotel zu verkaufen und in die Schweiz zu ziehen. Weil ihre Familie jetzt in Europa, in Zürich sei.

Mettler seufzt. Er hat Ali erst kennengelernt, als der Bursche längst auf eigenen Füßen stand. An den zurückgekehrten Vater glaubte in Lamu niemand. Ali war der Sohn von Mama Alice. Natürlich war es falsch zu erwarten, daß sich zwischen ihnen noch eine Art Vater-Sohn-Verhältnis entwickeln würde. Trotzdem. Er versuchte zum Beispiel, Ali in der berühmten Hotelfachschule in Nairobi unterzubringen. Der Bursche lief davon. Mehrmals. Alice und er schickten ihren Sohn in die Schweiz, steckten ihn in ein Internat. Der Junge weigerte sich, seine mangelhafte Schulbildung aufzubessern. Er motzte, ein Besuch der Schweizer Hotelfachschule in Luzern interessiere ihn nicht. Immer war alles falsch, was er für Ali plante. Aber wenn er seinen Sohn fragte, was er denn nun werden wolle, er müsse doch etwas lernen, einen Beruf, lachte der Bursche nur. Alle zwei Monate wollte er etwas anderes. Einmal wollte er eine Musikgruppe gründen, dann träumte er von einer Ausbildung als Sprengmeister. Was ihm gerade einfiel. Oder er wollte studieren, ein Geschäft gründen, irgendetwas, wovon er sich einen Haufen Geld versprach. Seine Alten abgaunern, nannte er das wohl.

Schließlich lernte er die Schweizerin Christina Frank kennen. Vor einem Jahr, vielleicht schon früher. Die beiden wollten in Zürich einen Laden eröffnen, in dem sie allerlei Krimskrams verkauften. Tina und Ali, Kunsthandwerk aus Afrika. Und sie heirateten. An einem kalten 2. Mai.

Mettler schiebt das Bein von seinem Bauch, löst sich vorsichtig aus der Umklammerung von Alice und stiehlt sich aus dem Bett. Er schlüpft in seinen Morgenrock, setzt sich in einen Sessel beim Fenster und zieht die Vorhänge zurück.

Der Sturm hat nachgelassen. Ein gleichmäßiger, schwerer Regen rauscht auf die Hotelbauten nieder. Gleich nebenan plätschert ein Wasserstrahl von einem der Dächer auf die Terrasse. Die Brandung des Meeres ist schwächer geworden, wahrscheinlich weil die Flut ihren höchsten Stand bereits überschritten hat, und die Wellen die Hotelmauer nicht mehr erreichen.

Mettler weiß aus Erfahrung, daß sich sein Gedankenkarussell, einmal in Gang gekommen, noch bis in den Morgen weiterdreht. Er weiß auch, daß er die Fragen, die ihn beschäftigen, nicht lösen kann. Nicht ohne Alice. Trotzdem weckt er sie nicht. Seine Angst, irgendwann im Verlauf der nächsten Jahre wieder nach Europa zurückkehren zu müssen, kann oder will Alice nicht verstehen.

«Was hast du gegen die Schweiz? Was ist denn so schlimm an dem wunderschönen Land?» hatte Alice ihn gefragt, als er nach Ausreden suchte, um ihre Teilnahme am Hochzeitsfest zu entschuldigen. Er antwortete trotzig:

«Die Schweiz ist nicht schön, und Hochzeiten sind ein Greuel.»

Die naßkalten Tage – Graupelschauer, dazwischen kurze Aufhellungen einer stechende Aprilsonne – schienen ihm recht zu geben. Später verhüllte eine diesige Wolkendecke die Sonne, und die Bise trieb ihnen das Wasser in die Augen und fuhr unter Jacken und Pullover.

Die Hochzeit, das Fest an sich, war durchaus erträglich. Das übliche Ritual. Immerhin verzichteten die beiden auf einen Ausflug auf dem Hallwilersee oder ein Fest in einer Waldhütte. Christina und Ali hatten in einem Restaurant einen Saal gemietet, irgendwo hinter Winterthur. Das Essen war ausgezeichnet. Trinksprüche und Kanzelworte beschränkten sich auf ein Minimum. Auf eine Tischordnung wurde verzichtet. Viel Aufwand trieben die beiden wirklich nicht.

Aber die Gäste, Christinas und Alis Freunde, Christinas Familie. Christina selbst.

Natürlich geht es ihn nichts an, wen sein Sohn heiratet. Ali heiratete eine Weiße. Eine Schweizerin. Warum nicht. Nur: Warum heiratete er eine Frau, die zehn Jahre älter ist? Eine Frau, die soviel mehr Erfahrung besitzt und dem schmalen Bürschchen in allem überlegen ist. Sie paßte doch nicht zu ihm.

Zu Christina selbst fällt ihm nicht viel ein. Er hatte sie kaum kennengelernt. Attraktiv ist sie nicht, das kann er sagen, nicht einmal hübsch. Eine kleine Frau und ein bißchen pummelig. Doch das mochte damit zu tun haben, daß sie bereits im siebten Monat schwanger war.

Alice behauptete später, Christina habe feine Züge, Lachfältchen und ein sinnliches Grübchen über der Oberlippe. Grüne Augen. So genau hatte er seine Schwiegertochter gar nicht angeschaut. Ihre Mutter auf jeden Fall war eine kleine, dicke, bösartige Frau, die den ganzen Abend weder mit Alice und ihm noch mit Ali ein Wort gewechselt hatte.

Christina hatte ihnen erzählt, daß sie nach ihrer Banklehre mehrere Jahre in Afrika gearbeitet habe. In einem Hotel an der Diani Beach, dessen Namen er schon wieder vergessen hat. Nebenbei, und weil den Einheimischen der Zutritt zu den Touristenhotels verboten war, gründete sie zusammen mit einem Inder eine Ladenkette. In den Nischen der Hotelhallen verkauften sie den Touristen bedruckte Tücher, Afro-Kitsch, geschnitzt und getöpfert. Selbstverständlich gegen harte Devisen. Später soll ihr dann ihr Chef einen Job als Vermögensverwalterin und Anlageberaterin vermittelt haben. Immobilien.

Jaja, Christina Frank kennt seine Wahlheimat, daran zweifelt Mettler keinen Augenblick. Auch ihm wollte man vor Jahren einen solchen Hotelshop schmackhaft machen. Die Lösung seines Devisenproblems. Wertlose Schillinge würden sich in Dollars, Deutsche Mark und Schweizerfranken verwandeln. Doch er und Alice wollten in ihrem Hotel keine Krämerbude. Abgesehen davon, daß diese Art von Geschäften nicht über jeden Zweifel erhaben war. Doch er sagte nichts. Auch nicht, daß er ihre Firma kannte.

Selbstverständlich gehörten Christinas Freunde aus Afrika zur Schar der Hochzeitsgäste: Judith Kibo, eine bildhübsche Kalenjin, die zusammen mit Christina in die Schweiz gekommen war, als diese von ihren Chefs, Frau Stocker und Lomazzi, in die Schweizer Geschäftsverwaltung berufen wurde. Der indische Geschäftspartner von Christinas Ladenkette, Ralf Vir. Henrik Imbugwa Kimele, ein Sohn oder Vetter des kenyanischen Finanzministers.

Die wichtigsten Gäste aber, zumindest für Christina, waren wohl Esther Stocker, eine etwa fünfzigjährige Frau, von der es hieß, sie sei vor Jahren die Geliebte eines afrikanischen Ministers gewesen, und der Italie-ner Salvatore Lomazzi, der gerade von einer Geschäftsreise aus Ostafrika zurückgekehrt war. Lomazzi kannte Lamu:

«Ein häßlicher Ort. – Da gehe ich doch lieber gleich nach Zanzibar.»

Wenn Mettler sich vorstellt, wie Tetu die Hochzeitsgäste beurteilt hätte … Schmarotzer wäre wahrscheinlich noch die höflichste Bezeichnung gewesen. Leute, die offenbar nichts arbeiten, die kein Vermögen erbten und doch alles haben, die sich aufführen, als gehöre ihnen die Welt, erregen den Verdacht eines jeden gradlinigen Beamten. Nur sehr selten wird ein Reicher durch seine Arbeit reich, und einer wie Lomazzi hat sich bestimmt noch nie die Hände schmutzig gemacht. Mettler kann Tetu verstehen, wenn er solche Leute verdächtigt, Blender, Betrüger – Banditen zu sein.

Der Hotelier späht durchs Fenster und lauscht in die Nacht hinaus. Die Regennacht ist so stockdunkel, daß es nichts zu sehen gibt. Nicht einmal die allernächsten Dinge. Die Mauer, die den Balkon ihres Zimmers vor Wind und Regen schützt. Oder die Stange des Geländers, in der sich immer, vor allem wenn sie naß ist, irgendwo ein Lichtlein spiegelt. Aber das Hotel ist leer, es brennen keine Lichter, und aus dem Wolkenhimmel funkelt kein Stern. Der Regen rauscht. Zu sehen ist er nicht.

Während der Pausen zwischen den Gängen des Hochzeitsessens wurde Mettler Zeuge einer Bemerkung des Italieners zu Ali, die vielleicht witzig gemeint, trotzdem sehr verletzend war. Im Zusammenhang mit Ali und Christinas Laden fragte Lomazzi, ob Ali schon einen Zählrahmen habe, um seine Gewinne zusammenzurechnen. Der Italiener lachte, Ali nickte. Dann klopfte er Ali auf die Schultern und sagte zu Mettler:

«Ihr ‹schwarzes Schaf› wird zum Verkaufsmagnet. Wenn Tina nicht auf ihn aufpaßt, wird er Zürichs Casanova. – Eine Kanga von unserem Adonis aus Afrika.»

Und wieder lachte er. Und Ali nickte. Und lachte. Und versuchte etwas zu entgegnen. Aber Lomazzi ließ ihn einfach stehen. Er winkte jemandem, auf den er zueilte, um ihn zu begrüßen, ganz so, als sei die Hochzeit seine Feier.

Vielleicht war es eher Alis Nicken, sein Lachen, das Mettler irritierte. Die Hilflosigkeit seines Sohnes, die offensichtlich wurde, und die sich bestätigte, als sie zusammen mit Christina den neuen Laden besichtigten.

Das Quartier hinter Zürichs City hatte sich in den letzten Jahren sehr verändert. Viele der alten Häuser waren abgerissen oder renoviert worden. Rund um die ehemaligen Traminseln entstand ein neues Einkaufszentrum. Der Autoverkehr wurde um den Häuserblock geleitet. Eine Maßnahme, von der Christina behauptete, das sei schon immer so gewesen, habe auch mit den Hausbesetzungen nichts zu tun. Sie mochte recht haben. Mettler freilich brachte den Platz immer mit jener bunt beklecksten Hausfassade in Verbindung, die für ihn das Portal zum sogenannten Arbeiterviertel bedeutet hatte. Der Laden selbst lag hinter dem neuen Einkaufseldorado in einer der Seitenstraßen, die noch ein wenig an den ehemaligen Charakter des Viertels erinnerten. Eine Wohn- und Ladenstraße. Die meisten der Wohnungen freilich waren zu Büros umgebaut worden, von den Läden blieben nur die Schaufenster übrig. Werbeschilder und Dekorationen vergilbten in Geschäften, deren Eingänge man vergeblich suchte. Die Straßen lebten von den Restaurants, die wiederum von den Angestellten lebten, die in den ehemaligen Wohnungen arbeiteten und sich über Mittag in einer Pizzeria oder mit einem preiswerten Tagesmenü, gutbürgerlich, verpflegten. Trotzdem war es keine schlechte Lage für einen Laden, wie ihn Ali und Christina planten.

Der Laden sollte im April eröffnet werden. Doch dann verzögerte sich die Renovierung der alten Ladenlokale, weil die junge Architektin, die den Umbau leitete, sich im Dschungel baupolizeilicher Bestimmungen verrannte. Doch als Säulen die Decke stützten, wo früher eine Wand war, konnte der Laden endlich eröffnet werden.

Das Schaufenster war bereits dekoriert. Ein echter Einbaum voller Schätze aus Afrika. In der gläsernen Eingangstüre klebte, über die gesamte Breite der Türe gespannt, ein rosafarbenes Papierband: ‹Eröffnung Donnerstag›.

Im Laden glitt ein getönter Lichtstrahl über falsche Perlen. Neben Muscheln lagen ein paar Armbänder auf dunklem Samt. Drei Kangas tanzten, um Hüften geschlungen, vor einer grob gekörnten weißen Wand. Der Laden verriet Christinas Handschrift, Christinas Geschmack und Geschick. Ein billiges Schmuckstück wurde zu einer wahren Kostbarkeit.

Ein Paar Ohrringe – zwei lanzenförmige Messingplättchen an einer schwarzen Holzperle – und die entsprechende Halskette kosteten als seltenes Einzelstück zweihundertundfünfundsechzig Franken. In Kenya ließ sich Ähnliches in jedem Souvenirshop für ein paar Franken kaufen.

Doch schon Alice erlag Christinas Verkaufstrick. Selbst als sie sich von ihrer ersten Überraschung erholt und die wenigen Stücke ausgiebig bewundert hatte, durchschaute sie Christinas Verkaufsmethode nicht. Verunsichert fragte sie, ob das, was sie hier sehe, alles sei, was Ali und Tina anzubieten hätten?

Eine Bemerkung, auf die Ali offensichtlich gewartet hatte. Und siegessicher trumpfte er auf:

«Nun, siehst du, meine Mutter sagt es auch. Wir müssen mehr ausstellen. Alles! So!» Und er zeigte auf Christinas Altäre der Verkaufskunst: «Wenn jeder Kunde das Gefühl hat, bei der ausgebreiteten Ware handelt es sich um unser letztes Stück, getraut sich doch niemand zu kaufen.»

Ein kurzer Jubel.

Christina fuhr verärgert dazwischen, ein Laden sei doch kein Basar. Daß sie recht habe, dafür habe seine Mutter eben den allerschönsten Beweis geliefert. Selbst Alice, die diese Dinge ja schon tausendmal gesehen, habe sie nun mit neuen Augen angeschaut. Und sie beschwerte sich über Ali, der sich weigere, ihre Taktik zu verstehen.

«Ein unbelehrbarer Dickkopf. Er schwört auf die afrikanisch-indische Auslegeordnung, wo viel schon gut bedeutet.»

Mettler erinnerte sich an den dummen Spruch Lomazzis, ob Ali schon einen Zählrahmen habe, und Ali tat ihm leid. Sein Sprößling zwischen zwei Fronten.

Ali versuchte Christina zu beruhigen, indem er ihr zugestand, daß sie besser wisse, wie sich den Schweizern etwas verkaufen lasse. Eine Einschränkung, die Christina nicht gelten ließ. Sie behauptete, daß sie und Ralf Vir in Afrika haargenau dasselbe Konzept verfolgen würden. Und mit Erfolg. Worauf sich Mettler die Frage nicht verkneifen konnte, ob sie und Vir in Afrika auch derart überhöhte Preise nähmen?

Christina schaute ihn an, als ob sie ihn nicht verstanden hätte. Sie durchbohrte ihn mit ihren grünen Augen, entsetzt und ungläubig. Ein Weißer, ihr Schwiegervater wagte es, sie zu kritisieren? In ihrem eigenen Laden? Vor Alice und Ali?

Mettler hielt ihren Blick nicht aus. Ali wird Christina gesagt haben, wie sie ihn einzuschätzen habe. Obwohl er ihren Laden mitfinanzierte, hielten ihn wohl beide für einen selbstgerechten Blödian. Dann sagte Christina so leise, daß sie kaum zu verstehen war, daß in Zürich das Leben unvergleichlich viel teurer sei, und es, trotz seiner Hilfe, noch lange nicht sicher sei, daß sie aus den Einnahmen des Ladens leben könnten.

«Und in ein paar Wochen sind wir zu dritt.»

Und abermals entstand eine peinliche Pause. Alle starrten ihn an, auch Alice, als ob sie eine Entschuldigung erwarten würden. Er schwieg. Er hätte gerne noch ein paar Worte gesagt. Aber aus Rücksicht auf Alice stellte er keine weiteren Fragen mehr.

Kurz danach verließen sie den Laden, schlenderten durch die sonntäglichen Straßen, spazierten über die Sihl in die Innenstadt und setzten sich in ein Café. Und dort, bei einem späten, zweiten Frühstück, schlug Alice vor, daß sie und er für Christina und Ali eine Art Einkäufer spielen könnten. Kiondos, Matten, Tücher. Eine Idee, in die sie sich augenblicklich verliebte.

Ali war begeistert. Natürlich, es ging ja gegen seinen Vater. Er rühmte den guten Geschmack seiner Mutter und schwärmte von den Möglichkeiten eines Direktimports. Höhere Gewinne. Etwas Besonderes. Ausgewählte Stücke. Die beiden redeten sich in einen wahren Begeisterungstaumel. Eine eigene Firma wollten sie gründen. ‹Mutter und Sohn›. Ganze Schiffsladungen wurden auf die Reise geschickt. Schon wurde der Laden in Zürich zu klein. In Bern, Basel, in Lausanne und Winterthur entstanden weitere Geschäfte. Ali erheiterte sie mit einer Solonummer. Er als Firmenboß, Zigarre rauchend inmitten einer unübersehbaren Kinderschar. Und selbstverständlich sollten seine Kinder allesamt unentbehrliche Stützen der Gesellschaft werden.

Christina merkte rascher als Mettler, daß es ihrer Schwiegermutter mit dem ausgefallenen Plan ernst war. Sie begann, Alice und Ali die Schwierigkeiten auszumalen, die mit dem Export von Kunst verbunden seien.

«Und ein schönes Schmuckstück ist ein Kunstwerk. Strenggenommen ist jede Ausfuhr sogar verboten. Auf jeden Fall braucht man dafür eine ganze Reihe von Verträgen und Bewilligungen, die man ohne gute Kontakte kaum bekommt …»

Alice und Ali lachten.

«Ich rede aus Erfahrung. Aber bitte, versuchen könnt ihr es ja. Ich will auch nicht ausschließen, daß ich und Ali …», und listig sonderte sie Ali aus den Plänen seiner Mutter aus, «… daß Ali und ich einmal zu deiner Kundschaft zählen. Nur, im Moment? – Ist der Zeitpunkt für Experimente nicht ein bißchen ungeschickt?»

Ali wollte widersprechen, doch Christina nahm Alis Hand und legte sie auf ihren Bauch.

Nun machte Alice das Angebot, sie könnte ja einmal eine Art Testlieferung zusammenstellen. Sie hätte früher gute Kontakte zu Frauengruppen gehabt, die sich bestimmt wieder auffrischen ließen. Und wieder überließen sich Alice und Ali ihren Verrücktheiten. Sie fanden immer neue Produkte, die sich in der Schweiz vermarkten ließen: Drahtautos, holzgeschnitzte Bücherstützen und Musikinstrumente, Siwas und Trommeln, Spieldöschen, Aschenbecher aus Seifenstein. Masken, Kangas, Salatbestecke. Ringe, Ketten und Kämme.

Mettler amüsierte sich köstlich. Als er begriff, daß Alice und Ali sich nicht nur in Gedankenspiele verstrickten, war es bereits zu spät. Die beiden ließen sich von ihren Plänen nicht mehr abbringen, und er, der sich allzu lange als Mitverschwörer beteiligt hatte, war nun plötzlich selbst in die Eselei verwickelt. Es half ihm nichts mehr, daß er aufhörte, den Luftschlössern der beiden Beifall zu spenden, daß er Christinas Konzept rühmte und ihre Kontakte lobte. Alice und Ali waren bereits dabei, das ‹Rafiki› zu verscherbeln.

Herrgott, was für ein Unsinn. Er hat keine Lust, das Hotel aufzugeben. Weder jetzt noch in ein paar Jahren. Alice und er gehören nach Lamu, das ‹Rafiki› ist ihr Zuhause. Aber seit dieser Hochzeit benützt Alice jede Mißstimmung zwischen ihnen, um ein Loblied auf die Vorzüge eines Lebens in Europa anzustimmen. Ein Leben, das sie gar nicht kennt, und das ihr nur deswegen reizvoll erscheint, weil sie in Zürich wohnen könnte. In der Nähe Alis. Und, er weiß es wohl, bei der Wiege ihres Enkels.

Der Regen hat aufgehört. Die Wolkendecke reißt auf, und ein schwacher Lichtstrahl läuft vom Wind übers Wasser gepeitscht auf den Strand zu, aufblitzend tänzelt er den Schaumkronen der Brandung entlang.

Der Schein aus dem Wolkenfenster, dessen Fetzenränder vom verdeckten Mond beleuchtet werden, hellt auch das Zimmer auf. Vor der Wand mit der schwarzen Holztüre dämmern die Laken des Bettes, der Baldachin des Moskitonetzes, und im Spiegel, der dem Bett gegenüber an der Wand hängt, entsteht Mettlers Silhouette, kaum wahrnehmbar, ein Schatten im Geviert.

Mettler dreht sich nach Alice um. Nur gerade die leicht gewölbte Linie ihrer Stirne, die Form von Kinn und Nase zeichnen sich vom Kissen ab. Schon die Locken der Haare verlieren sich in den Grautönen der Umgebung. Aus aufgeworfenen Tüchern taucht ein Knie, eine dunkle Sichel vor stumpfem Weiß. Rundungen und Kuhlen verschmelzen mit den Falten des Überwurfs.

Alice ist keine kleine, zierliche Frau, sondern groß und stattlich, eine selbstbewußte Inselkönigin. Ein Vergleich, den sie nicht gerne hört. Sie sei nie eine Prinzessin gewesen. Weder damals, als sie miteinander in die Dünen liefen, noch später, als sie neu verliebt das Hotel übernahmen. Trotzdem hält Mettler Alice für eine zerbrechliche Person. Eine Empfindung, die sich noch verstärkte, als Alice vor zwei Jahren ein Kind verlor.

Nur wenige Wochen nach seiner Bruchlandung auf dem Flugfeld von Lamu – er kehrte zusammen mit Tetu von einer Mission in den Mulika Range Nationalpark zurück – brachte Alice ein Kind zur Welt, mehr als drei Monate zu früh. Die Ärzte Lamus konnten es nicht retten. Fast schlimmer als der Verlust des Kindes aber war der Rat, Alice müsse eine weitere Schwangerschaft vermeiden. In einer späteren Untersuchung wurde sogar festgestellt, daß sie keine Kinder mehr bekommen könne.

Der Befund des Arztes stürzte Alice in ein Unglück, wie es Mettler nicht für möglich gehalten hätte. Nie erlebte er Alice so verzweifelt wie in den Wochen danach. Sie trauerte und weinte. Sie lamentierte, auch sie beide könnten nicht mehr zusammenbleiben. Sie glaubte, er könne doch keine Frau wollen, die ihm keine Kinder gebäre. Ihr Temperament, ihr Stolz, ihr ganzes Wesen waren in einer Weise verletzt, die er nicht verstand. Sie waren beide über vierzig. Ihm waren eigene Kinder nicht so wichtig. Im Gegenteil.

Sie sprachen viel miteinander. Von Liebe und Heirat und Kindern. Doch nur seine uneingeschränkte Zuwendung, seine Beweise, daß er sie nach wie vor begehrte, beruhigten sie ein wenig und erlösten ihn von der Angst, Alice zu verlieren. So richtig froh machte Alice allerdings erst die Mitteilung, daß Ali heiraten werde, daß ihre künftige Schwiegertocher ein Kind erwarte. Die Vorstellung, demnächst Großmutter zu werden, weckte ihre alte Unternehmungslust und erfüllte sie mit einem Eifer, dem er hilflos gegenüberstand.

«Warum bist du denn nicht im Bett?»

Alice richtet sich auf und schiebt sich ein Kissen in den Nacken. Mettler antwortet vorsichtig:

«Der Mond. In ein paar Tagen haben wir Vollmond, der Sturm, ich wollte dich nicht wecken …»

«Du machst dir Sorgen. Ich glaube nicht, daß es Schwierigkeiten geben wird. Eine so problemlose Schwangerschaft. Wie ich damals mit Ali. Vielleicht ist das Baby schon da. Vielleicht wird es gerade jetzt, gerade in diesem Augenblick geboren. Freust du dich?»

«Worauf? Daß ich Großvater werde?»

Alice setzt sich auf, lehnt sich mit dem Rücken gegen die Wand und zieht die Beine unters Kinn. Mettler wundert sich immer wieder, wie leicht Alice erwacht. Eben noch schien sie tief zu schlafen, und jetzt beginnt sie ein Gespräch, als hätte sie nur darauf gewartet, mit Fragen über ihn herzufallen.

«Wenn es ein Junge wird, könnte er das Hotel übernehmen. Was glaubst du, wird es ein Junge oder ein Mädchen? Was möchtest du lieber?»

«Ich? Natürlich einen Jungen. Dann ein Mädchen. Dann wieder einen Jungen, ein Mädchen …»

«So viele Kinder wird Christina nicht haben wollen. Du nimmst mich auf den Arm. Sie werden uns doch benachrichtigen?»

«Vielleicht. Nach den Kiondos mußten wir uns allerdings auch erkundigen.»

«Das stimmt. – Bist du noch böse?»

«Ich?» fragt Mettler verblüfft. «Warum denn das?»

«Wegen der Kiondos?»

«Ich war nicht böse. Wie kommst du denn auf die Idee?»

«Böse ist vielleicht nicht das richtige Wort, aber daß dir nicht gefällt, daß ich für Christina und Ali einkaufe … Auch wenn du so tust, als ob du mit allem einverstanden wärst …»

«Halt, halt. Wer ist hinter Lali hergehetzt? In Nairobi? Wer hat sein Büro im Ministerium gestürmt?»

«Wir beide.»

«Ja. Aber ich habe unseren Herrn Minister gezwungen, sich für uns einzusetzen. Ich lobte deine Idee über den grünen Klee …»

«Das stimmt. Du hast geredet wie ein Buch. Aber das meine ich nicht …»

«Ich habe dich zu diesem Zollbeamten begleitet, zu diesem … Den Lali uns empfohlen hat, der aussah wie ein Frosch? Zu Badawy! Ich habe alle Papiere Badawys mitunterschrieben, Papiere, die dich berechtigen, deine Einkäufe in die Schweiz zu exportieren …»

«Siehst du! Deine, meine. Unsere!»

«Nein, deine. Was um Himmels willen sollte ich in die Schweiz schicken? Ich versteh' doch nichts davon. Will ich auch nicht. Neinnein, das ist nun wirklich deine Sache. Es sind deine Geschäfte, auch wenn die ‹Ken-Art› uns beiden gehört. Die ‹Ken-Art›! Ein Papier, das uns erlaubt, Salatschüsseln und Holzmasken auszuführen. Daß es nicht einfach ist, Alis Laden mit wirklich schönen Waren zu beliefern, wissen wir mittlerweile beide. Allein um diese Kiondos zu finden, bist du drei volle Tage zwischen Mokowe und Malindi hin- und hergefahren …»

«Weil ich sie nicht bei irgendeinem Inder kaufen wollte, sondern von den Frauen, die die Taschen herstellen …»

«Ja, ich weiß. Und genauso müßtest du nun nach den schönsten Ohrringen und Halsketten suchen, nach Bastkörben, Holztierchen, nach allem und jedem. Wir führen ein Hotel. Ganz abgesehen davon, daß Ali und Christina von den Kiondos nicht begeistert waren …»

«Das wissen wir doch gar nicht. Es waren sehr schöne Sisaltaschen, schlichte und kunstvollere, eine ganze Palette …»

«Aber dreihundertundfünfzig!»

«Das ist nicht viel, letztlich ist es nicht viel. Ali kann ja einen Teil weiterverkaufen …»

«Ja, warum nicht. Und du schickst ihm noch einmal dreihundert. Tausend! In ganz Europa wird nur noch mit Kiondos eingekauft. Als hätten wir mit dem Hotel nicht schon genug zu tun.»

«Es macht mir Spaß.»

Mettler schweigt. Es kommt selten vor, daß Alice und er sich streiten. Alice ist nicht nachtragend, und er, du liebe Zeit, woher hätte er das Recht genommen, mit einer Frau zu streiten, der er immer wieder dankbar ist, daß sie ihm seine Schwächen nicht unter die Nase reibt. Er lernte von ihr, daß alte Geschichten nicht bei jeder Gelegenheit hervorgekramt werden müssen. Vorbei ist vorbei. Und sie erwartete, daß er ab und an Dinge zuließ, ohne daß sie seinem europäischen Dickkopf erst ein Licht aufstecken mußte.

Aber diese Kiondo-Geschichte ist etwas anderes. Sie ärgert ihn. Das ganze Brimborium um Badawy, Lali, ihre ‹Ken-Art› in Nairobi.

Alice hat behauptet, er sei eifersüchtig. Auf Ali. Auf Alis Freunde in der Schweiz. Weil der Junge auf Christina höre und nicht auf ihn. Aber so einfach läßt sich sein Unbehagen nicht erklären.

Wahr ist, daß sich durch die Gründung dieser unbedeutenden Firma kaum etwas verändert hat. Er weiß, daß es nicht viel mehr als eine Spielerei ist. Die ‹Ken-Art› bietet Alice die Möglichkeit, Ali ein paar Dinge für dessen Laden zu schicken, unkompliziert und ohne die Ausfuhrbestimmungen des Landes zu verletzen. Sie sind dem stellvertretenden Minister, Hemed S. Lali, der seine Beziehung zu ihnen all die Jahre weidlich ausnutzte, deswegen nichts schuldig. – Lali quartierte bei ihnen seine Gäste ein, nun baten sie ihn ihrerseits um einen Gefallen. – Auch dem Zollbeamten Badawy gegenüber, diesem Frosch hinter seinem Schreibtisch, sind sie zu nichts verpflichtet.

Er weiß, daß seine Vorwürfe lächerlich sind. Alice plant nicht, im Büro der ‹Ken-Art› zu arbeiten, ihrem Büro in Nairobi, das ihnen Badawy mehr oder weniger aufgezwungen hat. Sie lebt mit ihm zusammen, und nach wie vor erledigen sie gemeinsam die Arbeit, die die Führung eines Hotels mit sich bringt. Trotzdem.

«Siehst du, du bist doch böse», nimmt Alice das Gespräch wieder auf.

«Nein, aber ich …»

«Dir gefällt nicht, daß ich mich ein bißchen um Christina und Ali kümmere …»

«Das nennst du ein bißchen?»

Alice lacht. Sie sitzt am Kopfende des Bettes. Die Bettdecke ist zu ihren Füßen geglitten. Leicht nach vorne gebeugt, das Kinn in die Grube zwischen den Knien gestützt und die Arme um ihre Beine geschlungen, schaut sie durch die Dunkelheit zu Mettler, den sie kaum sehen kann. Der große Mann ist zwischen die Polster des Sessels gesunken. Nur gerade die Umrisse seiner kräftigen Schultern, die Wölbung seines eckigen Schädels zeichnen sich vor dem helleren Fenster ab.

«Was sitzst du denn dort am Fenster, wo ich dich nicht sehen kann? Komm doch ein bißchen näher, du alter Murrbär.»

«Brummbär, Alice. Es heißt Brummbär.»

«Nun komm schon, sonst hol' ich dich.»

Mettler steht auf, streckt sich, dehnt seine Glieder. Viel zu lange schon hockte er am Fenster. Er geht zum Bett und zieht das Moskitonetz beiseite. Mit einem Sprung wirft er sich quer übers Lager, rollt zu Alice, wo er ihr zu Füßen liegenbleibt.

Der leichte Schimmer auf der schwarzen Haut ihrer Beine, der sanfte Schwung ihrer Waden überraschen ihn, als sehe er sie zum ersten Mal. Seine Fingerspitzen folgen den schlanken Beinen, kribbeln über ihre Knie, kaum daß er sie berührt.

Ihre Zehen tasten seinen Körper entlang, wühlen sich in den Stoff seines Morgenrocks. Ein Kitzeln, Schaudern. Sie lösen seinen Gürtel und schälen ihn aus seinem Rock. Stückchenweise, ein aufreizender Tanz ihrer Füße.

Dann beugt sie sich über ihn, ihre Zunge berührt ihn, spielt mit ihm, während seine Hände zwischen ihre Beine gleiten. Sein Kopf. Leicht spürt er ihre Brüste. Ihr krauses Dreieck preßt sich gegen seinen Mund. Er genießt ihren Geruch, den leichten Duft nach Gras und Meer. Das Salz ihrer Grübchen.

Für einen Augenblick strahlt das volle Mondlicht ins Zimmer. Gestochen scharf schlagen die Schatten der Fenstersprossen schräg über den blanken Boden. Eine Windböe schleudert einzelne Tropfen gegen die Scheiben. Doch schon erlischt der Mond wieder, das Sturmfenster zieht sich zu, und das Zimmer versinkt erneut in einer tintigen Dunkelheit.

Kurz darauf beginnt es zu regnen. Und nur wenige Sekunden später prasselt ein Wolkenbruch auf die Dächer des Hotels. Das Brausen des Windes vermischt sich mit dem Rauschen des Regens, und aus der defekten Regenrinne plätschert der Wasserstrahl auf die Terrasse.

Mettler und Alice schlafen eng aneinandergepreßt inmitten der zerknüllten Laken. Ihr Kopf ruht auf seiner Brust, und ihr Bein, quer über seinen Bauch geschoben, drückt ihm auf die Magengrube.

Die Regenzeit ist Mettlers liebste Zeit. Nur ein Narr ginge jetzt noch aus dem Haus und zauste sich mit Wind und Wetter.

Wie der Erlös aus dem Goldverkauf auf das Konto einer Finanzgesellschaft in Vaduz, Fürstentum Lichtenstein überwiesen wird.

Schweizerische Kreditgesellschaft

Zürich 13-06-XY

Belastungsanzeige:

VOBIS TREUHAND

Dr. Hans Junghans

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8802 Kilchberg

Konto-Nr. 201/352499 POG

Ihr Auftrag 12-06-XY Begünstigte(r)

INTERVARIA ANSTALT / VADUZ

INTERVEST / Finanzgesellschaft

Konto-Nr. 732 000 / SPO

Val. 13-06-XY SFR 1,705,520.90

Unterschrift: Serge Meili

3

Nairobi zur Mittagszeit. Aus den Bürotürmen quillt das Heer der Angestellten und ergießt sich in die Parkanlagen und Boulevards, vermengt sich mit den abertausend Arbeitslosen, die die Hoffnung auf einen Job aus den Slumgebieten ins Zentrum schwemmt.

Robinson Njoroge Tetu, der Polizeichef von Lodwar, steht in der Schlange vor dem Kino ‹Odeon› in der Tom Mboya Street und bemüht sich um eine Karte für die Mittagsvorstellung. ‹Red Sonja› mit Arnold Schwarzenegger.

Fast zwei Tage dauerte die Reise in die Hauptstadt. Tetu hockte in überfüllten Fahrzeugen und wünschte sich und alle Welt zum Teufel. In Nairobi prasselte ein Platzregen nieder, das Hotel ‹Impala›, in dem er sich melden sollte, war eine Bruchbude, lärmig und schmutzig, und das Bett eine Frechheit. Trotzdem legte er sich, nachdem er ein halbes Dutzend Kakerlaken aufgespürt und zerquetscht hatte, auf den schmuddeligen Überwurf und versuchte zu schlafen.

Am Nachmittag brach er dann in die Innenstadt auf. Er besuchte das ‹Blue Cat›, sein Lieblingsrestaurant, und trank Tee. Er versuchte, seinen Freund in Lamu anzurufen und wurde mit Alice verbunden, die sagte, Mettler sei nicht da. Sie war so unfreundlich, daß er sogar vergaß, ihr die Telefonnummer seines Hotels anzugeben. Ja nicht einmal, daß er in Nairobi sei, sagte er. Und er schlenderte durch die Innenstadt und schaute sich die Auslagen der Geschäfte an.

Nairobi wurde von Mal zu Mal teurer. Seit Jahren träumte er davon, sich einen Fernseher zu kaufen, und jedes Mal mußte er den Kauf wieder verschieben, weil die Preise erneut gestiegen waren. Mittlerweile kostete das billigste Gerät fast die Hälfte seines Jahresgehalts.

Doch er ließ sich nicht verdrießen und genoß seinen freien Nachmittag.

Kurz vor Feierabend, er war bereits auf dem Rückweg ins Hotel, wurde er plötzlich am Arm gepackt und zurückgehalten. Polizeibeamte riegelten den Uhuru Highway ab. Die Polizisten liefen zwischen den Fahrspuren der Prachtstraße hin und her, stoppten wild gestikulierend den Autoverkehr und pfiffen alle Leute zurück, die sich noch auf die Fahrbahn wagten.

Aus der Harambee Avenue bogen sechs chromstahlblitzende Motorräder und donnerten die Schnellstraße entlang. Hinter den Motorrädern rollte ein riesiger Mercedes heran, dunkelblau und sehr schnell, dann folgte erneut eine Motorradeskorte, schließlich mehrere Mercedeslimousinen, alle dunkelblau und auf Hochglanz poliert. Auf den Kotflügeln flatterten die Staatsflaggen und die Wimpel der Einheitspartei und in den getönten Scheiben spiegelte sich die Skyline der Stadt. Die Fahrzeuge schossen mit großer Geschwindigkeit an Tetu vorbei, jagten den Highway hoch und schwenkten um den Verkehrskreisel. Ein Wagen nach dem anderen flitzte funkelnd ins Regierungsviertel.

Ehrfürchtig starrte Tetu hinter der Wagenkolonne her und murmelte:

«Seine Exzellenz der Präsident.»

Spät abends, kurz bevor er ins Bett wollte, hat ihm dann ein Angestellter des Hotels einen Brief gebracht.

«Morgen, den 23. Juli, 12 Uhr. In der Kanzlei Patrick Woieles, ‹Red Sonja› / Kino Odeon, Imbogo House, dritter Stock. In Uniform.»

Eine Mitteilung mit Anweisungen, die er bis jetzt nicht so richtig verstanden hat. Wozu um Himmelswillen braucht er eine Kinokarte? Soll er hineingehen? Wird man ihm während des Films eine weitere Nachricht zuschieben? Oder soll er vor dem Kino warten, bis ihn jemand abholt?

Tetu hat noch nie mit dem Geheimdienst zusammengearbeitet und kennt dessen Methoden nicht. Die Befürchtung, die Nachricht könnte nichts mit dem Geheimdienst und dem toten Agenten zu tun haben, hält er zwar für unbegründet, doch sicher sein kann er nicht. Vielleicht haben die Mörder des Geheimdienstmannes Kenntnis von seinen Nachforschungen in Lodwar? Vielleicht wird er bespitzelt, und ‹Red Sonja› ist eine Falle?

Was er über den Anwalt Woiele weiß, flößt ihm ebenfalls kein Vertrauen ein. Woiele ist ein Führer der Opposition, ein Gegner des Präsidenten. Einer dieser Freunde von Demokratie und Veränderung.

Mit der Karte für ‹Red Sonja› in der Tasche bummelt Tetu um die Ecke in die Latema Road. Das einseitig angebaute Bürogebäude ist etwa ähnlich verwahrlost wie das Lichtspielhaus. Die Fassaden sind voller Taubenschiß, an mehreren Stellen bröckelt der Verputz, die schmutziggelbe Farbe löst sich von den Wänden. Der Werbespruch ‹Sigma colours – helping to paint a happy world› verblaßt hinter der etwas besser erhaltenen Reklame für die beliebteste Zigarettenmarke des Landes: ‹SPORTSMAN Ni sawa hasa!› Die Sonnenblenden hängen schief und lassen sich weder hochziehen noch absenken, klemmen in ihren Schienen und verrotten. Die Stufen der Eingangstreppe sind ausgetreten, und die staubüberzogene Türe scheint sich seit Jahr und Tag nicht mehr schließen zu lassen.

Zwischen den geparkten Fahrzeugen in der Latema Road staut sich ein nervöser Autoverkehr. Passanten schlängeln sich zwischen Stoßstangen hindurch und um Kotflügel herum. Ein zerlumpter Junge schiebt seinen blinden Vater die Wagenkolonne entlang. Kinder, zum Teil so klein, daß ihre Arme kaum die Fenster der Autos erreichen, zwängen ihre Hände ins Wageninnere und betteln mit verstellten Piepsstimmen um einen Schilling; ihre Mütter lauern gebieterisch am Straßenrand. Vor der Einfahrt in die Hauptstraße belästigen Zeitungsverkäufer die Leute in den Autos, reiben ihnen ihre Blätter unter die Nase. Und auf dem schmalen Streifen zwischen den Fahrbahnen buckelt einer eine Ladung Kohlköpfe, ein riesiges Netz, unter dem er kaum noch zu sehen ist.

Rund um das ‹Imbogo House› zwängt sich der Verkehr in die Hauptstraße, ein wütender Kampf um Zentimeter. Alle gegen alle. Und hoch über den Köpfen der Menschen, über Abgaswolken und verkeilten Autodächern, schaukelt unbeachtet eine Ampel, bald rot, bald grün.

Tetu nimmt an, daß das Büro eines oppositionellen Anwalts Tag und Nacht beobachtet wird, und so ist es auch. Die beiden Spitzel werden von einem erfahrenen Polizeibeamten wie Tetu schnell entdeckt. Sie hocken in einem blauen Mazda, der direkt vor dem Eingang des Bürohauses geparkt ist, tragen Sonnenbrillen und spielen ‹Zeitung lesen›.

Tetu grinst. Ihre Kritiker haben Recht. Die mageren Erfolge der Polizei beruhen auf mangelndem Einsatz und Phantasielosigkeit. Trotzdem merkt er sich, so weit dies überhaupt möglich ist, Gestalt und Gesicht der beiden Männer. Auch die Fahrzeugnummer des Mazdas prägt er sich ein.

Das Treppenhaus im ‹Imbogo House› ist voller Menschen. Im Flur vor den Bürotüren wird gekocht, auf den Treppenabsätzen spielen Kinder, in den Ecken und Winkeln hocken, kauern, liegen Männer und Frauen. Es stinkt nach Kohl und Rauch, nach ungewaschenen Leibern und verschwitzten Kleidern.

Tetu zwängt sich durch die Leute. Er fragt sich, was die Menge will? Zu Anwalt Woiele bestimmt nicht. Nein. Die Leute wohnen hier. Die haben sich in den Gängen und auf den Treppenabsätzen eingenistet. Nicht alle und nicht für immer. Wahrscheinlich immer nur so lange, bis einer der Mieter das Treppenhaus von der Polizei räumen läßt. Aber vielleicht ist ein Mann wie Woiele auch froh um die Bagage, vielleicht versammelt sich das Volk zu seinem Schutz.

Die Anwaltspraxis im dritten Stock unterscheidet sich in ihrer Armseligkeit kaum vom Rest des Hauses.

Tetu zögert. Was hat denn der Geheimdienst mit Woiele zu tun? Hätte er nicht doch mit seiner Karte für ‹Red Sonja› vor dem Kino warten müssen? Andererseits … Irgendeine andere Nachricht hat er nicht erhalten. Und lang und kräftig drückt er auf die Klingel.

Ein freundlicher Alter mit wachen Augen öffnet ihm und führt ihn durch einen dunklen Korridor zu einer gepolsterten Türe. Er öffnet sie und klopft an eine zweite Türe, direkt hinter der ersten, und nach einem deutlichen ‹Herein!› öffnet er auch diese und schiebt Tetu ins Zimmer.

Der Anwalt Patrick Woiele sitzt hinter seinem Schreibtisch und blickt Tetu entgegen. In einem Sessel vor Woiele und mit dem Rücken zu Tetu sitzt ein zweiter Mann, ein elegant gekleideter, feingliedriger Herr, der sich nun, da er Tetu kommen hört, verschmitzt lächelnd nach diesem umdreht. Lamus Abgeordneter Hemed S. Lali, der stellvertretende Minister im Innenministerium. Tetus alter Freund und Backgammon-Gegner, den er für seine Strafversetzung nach Lodwar mehr oder weniger verantwortlich macht.

Tetu traut seinen Augen nicht.

«Du? Was machst denn du … Dich hätt' ich nun wirklich zuletzt erwartet.»

Lali strahlt. Die kleinen Augen glänzen listig. Der Minister genießt Tetus Verblüffung.

Doch der Mann im feinen Maßanzug – wahrscheinlich ein Modell seines Schneiders in London – hat kaum noch Ähnlichkeit mit dem Blumenzüchter und Politiker aus Lamu, und Tetus freundschaftliche Gefühle verfliegen schnell. Er ist dünner geworden, denkt er. Das Ministeramt zehrt ihn aus. Oder beginnt er dem Fuchs zu gleichen, der er schon immer war?

Tetu läßt sich in den zweiten Sessel neben Lali fallen und sagt:

«Bitte, meine Herren. Da bin ich aber gespannt, was Sie mir zu sagen haben.»

Lali verzieht das Gesicht, ein säuerliches Schmunzeln, und sagt:

«Du hast recht. Wir sind dir eine Erklärung schuldig. – Was weißt du über den Ermordeten?»

«Ich? – Der Mann starb mit einem Messer im Rücken auf meinem Bett in Lodwar.»

«Und woher wußtest du, daß es sich um einen unsrer Agenten handelt?»

«Eine Vermutung. – Unsere Leute gleichen in Aufmachung und Benehmen nur allzu oft den Schablonen billiger Kriminalfilme. – Aber bitte. Sein Gürtel brachte mir Gewißheit. Die Nummer und die Initialen S.L. – Nun sagt bloß nicht, sein Name sei Salvatore Lomazzi.»

«Lomazzi! Sie kennen Lomazzi?» mischt sich nun auch der Anwalt ein, der die Begegnung der beiden Männer mit gespannter Neugier verfolgt.

Lali schnaubt verärgert:

«Ach was! – Likobele, Simon Likobele heißt der Mann. Er hatte den Auftrag … Woher weißt du diesen Namen?»

«Welchen?»

«Lomazzi!»

«Von Likobele. Er hat ihn mir gesagt. Seine letzten Worte. Bevor er gestorben ist.»

«Und dann?»

«Nichts und dann. – Was wird hier eigentlich gespielt? – Welchen Auftrag hatte Likobele? Wurde er von den Einnehmern in Sigowa geschickt? Was wollte er von den Lastwagenfahrern, den Goldgräbern …»

«Ich habe es gewußt», stöhnt Lali. «Ich habe es gewußt. Du bist und bleibst der alte Querkopf. – Was hast du unternommen, was weißt du? – Weißt du, mit wem du dich da anlegst?»

Tetu zuckt bedauernd die Schultern. Lali flüstert drohend:

«Mit dem Professor. Mit Kimele. Mit Professor Samuel Kimele!»

«Dem Finanzminister?»

«Ja, dem Finanzminister. – Ich weiß nicht, was ich noch für dich tun kann. Du bist geliefert. Simon Likobele wurde ermordet, du bist vielleicht schon der nächste … – Aber bitte. Herr Anwalt, wenn Sie dann … Mir hört der Mann ja doch nicht zu.»

Tetu lächelt. Lali scheint in Schwierigkeiten. Er steckt mit der Opposition unter einer Decke, mit Leuten des Geheimdienstes. Er will dem Finanzminister an den Kragen. Ein weiß Gott gefährliches Spiel.

Der Anwalt steht auf, streckt Tetu seine Hand entgegen und stellt sich vor. Der ruhige, feste Blick Woieles überzeugt. Trotz des Bartes und einer Brille, die den Intellektuellen verraten, strahlt Woieles Gesicht eine gewinnende Freundlichkeit aus.

Er lacht gern, denkt Tetu. Trinkt wahrscheinlich und raucht zuviel. Aber die Bitterkeit des Zynikers, die Tetu mit den Gesichtern von Anwälten und Richtern in Verbindung bringt, entdeckt er in den jungenhaften Zügen nicht. Und ganz gegen seinen Willen beeindruckt ihn der Anwalt außerordentlich.

Beinahe heiter beginnt Woiele seine Ausführungen. Tetu wisse ja wahrscheinlich, daß sich der Staatspräsident und sein Finanzminister nicht gerade grün seien. Finanzminister Kimele und seine Familie hätten sich im Laufe der Zeit zu einer Art Staat im Staat entwickelt. In jeder Behörde säßen irgendwelche Kimele-Leute, in allen Ämtern und den meisten Ministerien.

«Kurz und gut, ich will Sie nicht mit Politik langweilen, aber die Familie des Finanzministers und vor allem der Finanzminister selbst behindern die Amtsausübung des Präsidenten …»

«Ich verstehe. Der Präsident möchte den Professor loswerden und nun … Warum schickt er ihn nicht in die Wüste?»

«Du hast eine Art, die Dinge beim Namen zu nennen!» unterbricht Lali. «Der Finanzminister ist dem Präsidenten unterstellt. Der Präsident trägt die Verantwortung. Der Präsident vertritt unsere Interessen im Ausland. Der Präsident …»

«Das weiß ich. – Und? Weiter?»

«Professor Kimele gehörte zu den eifrigsten Anhängern des Präsidenten. Bis er im Amt war. – Alle wichtigen Geschäfte des Landes gehen über den Schreibtisch des Finanzministers. Und von allem zwackt er sich einen Anteil ab. Schmiergelder, Provisionen, Gebühren, was ihm gerade einfällt. Der Kimele-Clan besitzt Millionen. Milliarden! Keine Schillinge, mein Lieber, sondern Dollars! Und alles im Ausland. London, New York und in der Schweiz. – Finanzminister Kimele ist innerhalb weniger Jahre zu einem der reichsten Männer des Landes geworden …»

«Der Präsident ist auch kein armer Mann.»

«Was willst du damit sagen?»

«Ich denke …»

«Du bist sehr unvorsichtig, mein Lieber. Der Präsident weiß ganz genau, daß unser Land für IWF und Weltbank, für alle wichtigen Donatoren, nur dann kreditwürdig bleibt, wenn seine Führung über jeden Korruptionsverdacht erhaben ist …»

«Jaja! Aber kann mir jetzt vielleicht einmal jemand erklären, was die Ermordung des Agenten Likobele mit dem Finanzminister zu tun hat?»

«Ich bin ja dabei! Wenn du die Güte hättest, mich auch einmal ausreden zu lassen. – Wir sind im Begriff, einen geradezu unglaublichen Fall von Korruption aufzudecken, einen Skandal. Du verstehst: Das Ende Kimeles! Der Innenminister und der Stellvertreter des Finanzministers haben mich ins Vertrauen gezogen. Auch der Präsident …»

«Ich verstehe kein Wort», unterbricht Tetu den immer aufgeregteren Lali. «Warum ließ man mich nach Nairobi kommen? Warum hocke ich hier? Mit einer Kinokarte für ‹Red Sonja› in der Tasche, im Büro eines Anwalts, der dafür bekannt ist, daß er ein Kritiker der Regierung ist?»

Woiele schmunzelt und sagt:

«Der Fall ist tatsächlich nicht ganz einfach. Ich fasse mich kurz. – Sie wissen, daß der Norden eine der unterentwickeltsten Regionen des Landes ist. ‹Der Fortschritt kam bis Eldoret.› Die Nomadenvölker rund um den Turkanasee leben noch wie ihre Ahnen. Sie kennen das. Lodwar und seine Wüsten. Der Präsident, behauptet Minister Lali, unternehme große Anstrengungen, um das Leben der Nomaden zu erleichtern. Eine ganze Reihe von Projekten soll den Völkern des Nordens ein zivilisiertes Dasein ermöglichen …»

«Es ist so ziemlich alles gescheitert, was ich gesehen habe», unterbricht Tetu. «Oder kann man mir erklären, wozu eine Schnellstraße zur Grenze gebraucht wird? Eine Straße mitten in ein Bürgerkriegsgebiet? …»

«Nun hör doch einmal zu!» ereifert sich Lali erneut. Woiele nickt und fährt fort:

«Es geht um den Bau des Balesa-Staudamms. Ein Milliardenprojekt. Der Innenminister hat nun seit einiger Zeit den begründeten Verdacht, daß Finanzminister Kimele bei der Vergabe des Projekts überdurchschnittlich hohe Schmiergelder eingestrichen hat. Es soll um mehrere Millionen Dollar gehen. Ich werde Ihnen die Zahlen zeigen. Später. – Der Innenminister beauftragte einen Beamten des Geheimdienstes, Simon Likobele, Beweise für die Korruption Kimeles zusammenzustellen. Verhandlungspartner Kimeles war, neben vielen anderen, auch eine Schweizer Firma, die ‹Swiss Consulting Group›, zu deren Leitungsteam dieser von Ihnen erwähnte Salvatore Lomazzi gehört. Wobei ich allerdings einschränkend hinzufügen möchte, daß ich nicht glaube, daß die ‹Swiss Consulting Group› derart große Geschäfte vermittelt. Simon Likobele hatte nun den Auftrag, die Aktivitäten dieser Firma, vor allem dieses Herrn Lomazzi, zu überwachen. Warum Likobele nach Lodwar fuhr, ist nicht klar. Warum er dort ermordet wurde, ebenfalls nicht.»

«Likobele ist dem Finanzminister auf die Schliche gekommen», braust Lali auf. «Likobele hat eine heiße Spur verfolgt. Auf eigene Verantwortung, meine Herren. Auf eigene Verantwortung! Niemand wußte, daß er da oben ist. Und der Kimele-Clan hat ihm einen Killer hinterhergeschickt. – Verstehst du nun, warum du hier bist? Ich wußte, daß du da oben bist, und ich kenne dich. Ich wußte, daß du keine Ruhe geben wirst. Ich veranlaßte, daß du nach Nairobi kommst und … Ich kann dir versichern: Ich war einigermaßen erleichtert, als ich hörte, daß du dich gemeldet hast. – Likobele hat seine Kompetenzen überschritten! Warum fährt er nach Lodwar? Was will er dort? Da oben wurden bestimmt keine Verträge abgeschlossen, Schmiergelder ausgehandelt … Doch nirgendwo sonst läßt sich ein Mann so leicht beseitigen als bei euch im Norden. In einer Gegend, in der das Faustrecht gilt.»

«Ich glaube, ich weiß, was Likobele wollte», sagt Tetu.

«Was? Was weißt du?»

«Ihr wißt, daß in den Flüssen des Nordens Gold gefunden wird?»

«Gold! – Winzige Mengen. Ich habe davon gehört. – Laut Bericht der Einnehmerei in Sigowa lohnt sich die Sache kaum …»

«Dein Agent Likobele scheint da anderer Meinung gewesen zu sein. Die Goldfunde hängen mit dem Balesa-Staudammprojekt zusammen. Während der Planung der Talsperre wurden Goldspuren im Wasser des Balesa Rivers entdeckt. Spezialisten aus den USA fanden heraus, welcher der Nebenflüsse den Goldstaub in den Balesa schwemmt. In Sigowa wurde eine bescheidene Sammelstelle eingerichtet, und schon verdiente der Staat mit dem Verkauf von Schürflizenzen. Die Goldmär lockte Tausende in die Flußtäler hinter dem Staudamm. Ich vermute allerdings, daß die Beamten in Sigowa nur gerade die Baustelle in der Balesaschlucht kennen. Ganz bestimmt war keiner je in einer der Goldgräbersiedlungen im Gebirge. Die Gegend gilt als sehr gefährlich. Die wenigen Einnahmen der Sammelstelle in Sigowa ließen Leute wie dich, die Regierung glauben, die Goldfunde im Einzugsgebiet des Balesas seien nicht der Rede wert. Tatsache aber ist, daß sehr viel mehr Gold gefunden wird, als die Beamten von Sigowa einnehmen. Ich weiß nicht, wieviel mehr. Likobele hätte uns wahrscheinlich ein paar Zahlen nennen können. Auf jeden Fall muß es ein Geschäft sein. Ein gutes Geschäft. Sonst würden sich vermutlich weder Lomazzi noch der Professor darum kümmern.»

«Eine bestechende Erklärung. Um das Wort auch einmal in seiner vorteilhafteren Bedeutung zu verwenden», sagt Woiele heiter. «Die ‹Swiss Consulting Group› ist tatsächlich an mehreren Geldinstituten beteiligt, die für Geschäfte dieser Art eine gute Grundlage bieten. Und wie, glauben Sie, kommt das Gold nach Nairobi?»

«Ich vermute», betont Tetu, «ich vermute, daß Lastwagenfahrer den Goldgräbern das Gold zu einem etwas besseren Preis abkaufen, als diese in Sigowa dafür erhalten würden. Lastwagenfahrer im Dienst Kimeles. Wer baut die Straße zur Grenze? Den Staudamm? Wessen Lastwagenfahrer pendeln zwischen Lodwar und Nairobi hin und her? In der Hauptstadt liefern die Lastwagenfahrer das Gold wieder ab. Sie kassieren ein paar Schillinge mehr, als sie den Goldgräbern bezahlten …»

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9783038551140
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