Czytaj książkę: «Das Elefantengrab»

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Über dieses Buch

Eine junge Elefantenforscherin, die im Mulika Range Nationalpark das Verhalten der Tiere beobachtet, wird nach einer Erkundungsfahrt vermisst. Die Polizei befürchtet, dass sie Wilderern in die Hände gefallen ist. Es geht um das Geschäft mit dem weissen Gold, dem Elfenbein.Der Privatdetektiv Mettler und sein kenyanischer Freund, der Chef der Kriminalpolizei der Insel Lamu, nehmen sich des Falles an und reisen im Privatflugzeug Mettlers in den Park im Landesinnern. Der Nationalpark wird zum Schauplatz einer Mordgeschichte, mit Männern im Mittelpunkt, die sich der Illusion hingeben, in der afrikanischen Wildnis seien ungestraft wahre Abenteuer zu erleben, würden letzte Heldenträume wahr.

Der eigentliche Held des Romans ist aber weder Mettler noch Tetu, sondern der Elefantenbulle Hannibal.


Foto Anne Buergisser

Peter Höner, geboren 1947 in Eupen, ­aufgewachsen in Belgien und der Schweiz, Schauspielstudium in Hamburg und Schauspieler u. a. in Basel, Bremen und ­Berlin. Seit 1981 freischaffender Schriftsteller, Schauspieler und Regisseur, 1986–1990 ­Afrikaaufenthalt. Autor von Theaterstücken, Hörspielen und Büchern.

«Der Zürcher Schauspieler und Schriftsteller Peter Höner ist ein Schalk. Und er ist überdies ein feinsinniger Diagnostiker unserer verirrten und verwirrten Gesellschaftsformen.» Luzerner Zeitung

Petert Höner

Das Elefantengrab

Limmat Verlag

Zürich

I. T E I L

«Ist es nicht herrlich hier?» fragte Joe.

«Prachtvoll!» antwortete Tom.

«Was würden wohl die anderen Jungen sagen, Huck, wenn sie ebenfalls hier sein könnten?»

Mark Twain: TOM SAWYER

Seit Wochen sind die Quellen versiegt. In den Hügeln rund um die Ma-Uri-Plains fiel kein Regen, der Fluß führt kein Wasser mehr. Die Pfützen in den Biegungen des Flusses sind ausgetrocknet, und vom Grund des Beckens unter dem stummen Wasserfall leuchtet der Sand.

Zwischen zwei Inseln dürrer Bergbambusse, vor den Stengeln einer Lobelie, deren Blütentrauben -- wollige Stummelschwänze -- dunkel ins zarte Blau des Himmels wachsen, steht ein Elefant.

Und? Keine Angst?» stört Mettler Tetus Ruhe. Die beiden Männer sitzen im Cockpit einer orangegelben Piper Cup. Hinter dem Steuerknüppel Jürg Mettler. Neben ihm döst der Chef der Kriminalpolizei von Lamu, Robinson Njoroge Tetu.

«Angst? Wovor?»

«Wir, zwei dicke Männer, unter einem Leinwandfetzen, der an ein paar Stangen über unsere Köpfe gespannt wurde. Ein paar hundert Meter über dem Erdboden, auf dem Weg in den Busch. -- Keine Angst vor dem großen Abenteuer?»

«Du hast ja auch keine Angst.»

«Ich fliege, weil ich Angst habe.»

Tetu dreht sich nach Mettler um, schüttelt den Kopf: «Nicht gerade sehr ermutigend. Nicht für mich als Passagier.»

«Du hast mich mißverstanden», besänftigt Mettler und witzelt: «Nur wer sich nicht in Gefahr begibt, kommt darin um ... »

Tetu lacht, verlegen und ein bißchen griesgrämig. Einer dieser Witze, die er nicht versteht und wie sie Weißen gefallen.

Seit gut zwei Stunden folgt das einmotorige Kleinflugzeug dem trüben Mäander des Tanas, der der Maschine den Weg durch die ausgetrocknete Savanne weist.

In der ersten halben Stunde nach dem Start wußte Tetu nicht, worauf er achten sollte. Auf den Piloten? Die vielen Armaturen, Zeiger und Lämpchen, Pedale und Hebel? Auf den Himmel, in den sie hineinflogen, oder auf die Erde, die unter ihnen weg sank? Lamu, das so klein wurde, als ließe sich die Insel in die Tasche stecken. Er drehte sich bald nach hinten, zur Seite, befühlte die kurzen Hebel, die sich ihm in den Oberschenkel bohrten oder beugte sich zur Instrumententafel, auf der die vielen Zeiger in ihren runden Anzeigen kreisten oder zitternd stehenblieben, zwischen minus und plus, als wüßten sie nicht, wo sie hingehörten. Erst die knappe Anweisung Mettlers, er möge doch bitte stillsitzen, wenigstens während ihres Starts, dämpfte seine Neugier, und fast andächtig beschränkte er sich darauf, den Piloten zu beobachten.

Eine feine Schweißspur aus dem kurzen Haar das Ohr entlang schien zu verraten, daß Fliegen, zumindest für den Hotelier aus Lamu, eine anstrengende Sache sei; und, teils pikiert, teils amüsiert, erinnerte Tetu sich an ihre erste Begegnung vor zwei Jahren, als Mettler, ein bleicher Msungu und naß geschwitzt, in seinem Büro aufgetaucht war und ihn mit seiner Pedanterie, der Haarspalterei eines europäischen Privatdetektivs, verärgert hatte. Doch die Jahre in Lamu haben ihn verändert. Der schwere Mann ist leichter geworden. Die buschigen Augenbrauen haben im braungebrannten Gesicht ihre bedrohliche Strenge verloren und gleichen zerzausten Schattendächern über heiteren Augen, deren Wärme Vertrauen und Ruhe ausstrahlt.

Tetu und Mettler fliegen in den Mulika Range Nationalpark, der für seine Elefanten berühmt ist. Vor allem für Hannibal, den ältesten Elefanten Afrikas. -- Hannibal. Eine Schnapsidee von Weißen. Als ob jemand die Geburtstage von Elefanten gesammelt hätte. -- Seit zehn Tagen wird die Elefantenforscherin Jill Parker vermißt, und der letzte, der die Forscherin gesehen hat, ist Tetus Schwager, Stanley Muruti, ein Parkwächter im Mulika Range Nationalpark. Es wird vermutet, daß Muruti die Forscherin ausgeraubt und getötet hat, obwohl bis heute weder ihre Leiche noch ihr Fahrzeug gefunden wurden.

«Wir werden sie finden. Sie lebt», unterbricht Mettler Tetus Gedanken, wohl wissend worüber dieser grübelt.

«Sie ist hinter Hannibal her. Sie wird ihn entdeckt haben, kurz bevor sie den Park verlassen wollte ...»

«Du weißt, daß im Mulika Range Elefanten gewildert werden.»

«Sie lebt. Dein Verwandter hat mit der Sache nichts zu tun.»

Tetu nickt. Er glaubt zu wissen, warum Mettler ihn trösten will. Die Forscherin war oft in Lamu. Sie war Gast des Rafiki Beach Hotels, und Mettler schien eine Schwäche für die grazile Engländerin zu haben, ein Feuer, das weder ihm noch Alice entgangen war, Alice, die zusammen mit Mettler das Hotel in Lamu führt.

«Du warst mit ihr befreundet.»

«Ich bin, ich bin.»

«Die Kleine war verliebt in dich.»

«Um Gottes Willen, wie kommst du denn darauf? -- Sommersprossen, rote Haare. Eine Jill Parker ist doch nicht mein Typ.»

Tetu grinst. -- Nicht sein Typ. Und warum spielte er sich vor ihr auf wie ein Gockel vor der Henne?

Tetu lockert den lästigen Gurt, der ihn an den Sitz fesselt, dreht sich zur Seite und versucht, an seinem Knie vorbei durch das Plexiglas des Seitenfensters die Savanne unter ihnen zu beobachten. Viel zu sehen, gibt es nicht. Staubige Böden, die auf Regen warten, kahle Felsgruppen mit windpolierten Steinrücken, ab und zu ein ausgetrockneter Flußlauf, eingefressen in die rote Erde Afrikas. Nur der Tana führt um diese Jahreszeit noch Wasser, eine rostrote Brühe, die in den Biegungen des Flusses zu versickern scheint.

Unter ihnen auf dem Boden entdeckt Tetu das kleine Schattenkreuz der Piper Cup. Wie es durch kahle Strauchwälder huscht, über dem Wasser des Tanas tanzt, sich durch Astskelette riesiger Affenbrotbäume kämpft, Gräben überspringt, in Senken purzelt, zurückfällt ... Ja, das heißt fliegen. Hoch über Allem, und nur der Schatten müht sich auf der Erde ab, stolpert hinter dem Flugzeug her, das ruhig und gleichmäßig dem fernen Gebirge des Kiriyagas entgegenbrummt.

Verletzt und wütend stapft Alice Maiwa den Strand entlang. Nachdem sie am neuen Spital Lamus vorbeimarschiert ist, verläßt sie den Uferweg, zieht ihre Schuhe aus und platscht durchs Wasser der ausrollenden Wellen. Ein Vergnügen, das ihr als Kind gefiel, jetzt aber keine Freude macht, auch ihre Wut nicht besänftigt, im Gegenteil, und voll Zorn hackt sie ihre Fersen ins Wasser, den Sand.

Sie hat es nicht eilig, zurück ins Hotel zu kommen. Nein, wenn Mettler glaubt, er müßte so kurz vor der Regenzeit noch in den Mulika Range Nationalpark fliegen, dann braucht sie sich auch nicht um seine Gäste zu kümmern, nicht vom frühen Morgen bis in die späte Nacht, tagaus, tagein.

Er und Tetu müßten die verschwundene Forscherin finden, hat er gesagt. Es sei wichtig, auch für sie, sie beide. Warum? Das hat er nicht gesagt. Und warum er und Tetu? Mettler ist kein Polizist mehr, und Tetu hat dort oben ohnehin nichts zu suchen. Tetu ist Chef der Kriminalpolizei von Lamu. In den Bergen bei den Elefanten gilt er nichts.

Bis zuletzt hatte sie gehofft, Mettler ließe sich von seinem verrückten Vorhaben abbringen. Sie begleitete ihn zum Flughafen Lamus, einer Staubpiste, die ihren Namen nicht verdient, sie warnte vor der Regenzeit, behauptete, eine Piper Cup sei nicht wasserdicht. Mettler lachte und hörte gar nicht zu, tänzelte nur um seinen orangegelben Vogel, ohne zu merken, wie lächerlich er sich machte. Minutenlang kroch er im Stauraum des kleinen Flugzeugs umher und verteilte die wenigen Gepäckstücke, rückte und schob die Piper auf der Piste bald hier, bald dorthin und änderte alte Positionen um wenige Zentimeter. Selbst Tetu amüsierte sich.

Ihr Abschied war denn auch kurz und kühl. Was sie an Mettler liebt, ist seine Ruhe. Seine Gelassenheit. Sein bübischer Eifer ärgert sie, einen Mann mit der Zungenspitze zwischen den Zähnen findet sie häßlich und dumm.

Als sich die Piperkiste im Dunst des Horizonts verloren hatte, fuhr Alice auf einer Dieseldau, einem motorisierten Segelboot, nach Lamu Stadt. Sie plante, ein paar Freunde zu besuchen, Freunde von früher, ihre Ratgeberin Gertrud Hornacker, die sie aber dann doch nicht sehen mochte, weil sie mit ihrer Enttäuschung allein sein wollte. Wenigstens die halbe Stunde, die sie brauchte, um zu Fuß von Lamu nach Shela zu gelangen, zurück ins Rafiki Beach Hotel.

Natürlich kann Alice verstehen, daß Mettler sich Sorgen macht. Er kennt die Forscherin, ist mit ihr befreundet. Wie gut, das weiß sie nicht. Es interessiert sie auch nicht. Mein Gott, sie kann es sich nicht leisten, jedes Mal eifersüchtig zu werden, wenn Mettler mit einem ihrer Gäste ein paar freundliche Worte wechselt. Mettlers Flirt stört sie nicht, auf jeden Fall weniger als seine Unruhe, seine Sorge um Jill. Bei allem Verständnis. Aber seit er die Vermißtmeldungen in den Zeitungen gelesen hat, führt er sich wie ein verängstigter Affe auf. Er ist nervös, streitsüchtig und, ja, in gewisser Weise geschmacklos. Unanständig und verletzend.

Warum überläßt Mettler die Suche nach Jill Parker nicht ihren Freunden, zum Beispiel Teddy Huber, dem Surflehrer aus Mombasa? Schließlich war Jill mit Huber im Mulika Range Nationalpark. Nur weil sie eine Autopanne hatten, flog Huber nach Nairobi, um dort die notwendigen Ersatzteile zu suchen, die er Jill in den Park schicken ließ. Warum sucht Huber nicht nach Jill?

Oder Wipf, Jills früherer Freund. Fredi Wipf, der Elefantenfilmer und Abenteurer, der bis heute behauptet, Jill finde wieder zu ihm zurück.

Warum Mettler? Ihr Mettler, der ihr versprochen hatte, nie wieder, und ganz bestimmt nicht in Afrika, auch nicht zusammen mit Tetu, in anderer Leute Schicksal herumzuschnüffeln. Nein, er verstößt gegen ihre Abmachungen, verletzt die Spielregeln. Lamu, das Rafiki Beach Hotel, sollten ihre Heimat werden. Und weiße Frauen, ob blond oder rothaarig, hat Mettler zum Tabu erklärt. Vor allem wenn sie ihre Gäste sind.

Mettler und Tetu unterbrechen ihren Flug in Embu, einem kleinen Provinzhauptstädtchen am Fuß des Kiriyagas. Der Mulika Range Nationalpark gehört verwaltungsmäßig zu Embu, der Fall Jill Parker wird von Embus Kriminalpolizei untersucht, und der verdächtige Stanley Muruti, Tetus Schwager, sitzt in Embu im Gefängnis.

Embu ist die Heimat Tetus. Nur ein paar Kilometer höher liegt Kanja, das grüne Dorf zwischen den steilen Hügeln, in dem er geboren wurde, und wo seine Frau und seine Söhne bis heute die Shamba seiner Eltern bestellen. In Embu besuchte er die Polizeischule, hier erlebte er die Feierlichkeiten zu Kenias Unabhängigkeit, Uhuru, und in Embu verliebte er sich in eine Meru, denen man nachsagt, daß sie die schönsten Frauen Kenias sind. Embu, der Nabel der Welt. Für Tetu auf jeden Fall, und vielleicht seine glücklichste Zeit, bevor er dann als junger Polizist nach Narok, schließlich als Kriminalbeamter nach Lamu versetzt wurde, weil die kenianischen Gesetze einem Polizisten verbieten, in seiner Heimatprovinz zu arbeiten. Eine Vorsichtsmaßnahme, die, Tetu weiß es wohl, Vetternwirtschaft und Korruption verhindern soll. Doch seine Frau ließ ihm schreiben, daß die Familie Stanley brauche. Stanley Muruti habe immer alle seine Schulden bezahlt, den Brautpreis für Tetus Schwester, Schulgeld für Jackson, der jetzt eine höhere Schule in Nairobi besuche, selbst Tetus alter Mutter habe Stanley geholfen, als sie nach Embu zum Arzt mußte ... Sie zählte alle Wohltaten auf, die nicht nur Stanley Muruti als Retter der Familie preisen, sondern Tetu daran erinnern sollten, daß er sich, nach der Meinung seiner Frau, zu wenig um seine Familie kümmere.

Der Polizeichef in Embu, ein Luhya aus Kakamega, begrüßt den Kollegen aus Lamu mißtrauisch und unfreundlich. Was will der Mann aus Kanja? Ein Kriminalbeamter aus Lamu hat in Embu nichts zu suchen, und wäre der Kikuyu nicht in Begleitung eines Weißen, und hätte er ihm nicht diskret ein paar Hundertschillingnoten über den Tisch geschoben, der Luhya aus Kakamega hätte den fetten Berufsvetter, höflich aber bestimmt, wieder nach Hause geschickt. Doch die Banknoten, mit einer Büroklammer hinter Tetus Visitenkarte geklemmt, sind ein überzeugenderes Argument als Vorschriften, die niemand überprüft.

Stanley Muruti, ein dürrer Lümmel mit trotzig vorgeschobener Unterlippe -- im Glauben, daß er zu einem weiteren Verhör abgeholt werde -- brüllt schon unter der Türe, daß er nichts zu sagen habe. Er wolle mit einem Anwalt sprechen, er sei unschuldig und werde sich beschweren. Im Übrigen verlange er seine Entlassung, er habe Familie, andernfalls, und dies, obwohl er nur ein kleiner Parkwächter sei, verfüge er über genügend Freunde, die bessere Kontakte hätten, wenn es sein müsse, bis hinauf in allererste Kreise. Ja, sogar höchste Regierungsstellen würden sich für ihn einsetzen, wüßten sie nur, wie schändlich mit ihm verfahren werde. Erst ein Tritt des Beamten, der Muruti aus seiner Zelle holte, bringt seine Klagen zum Verstummen.

Tetu begrüßt Muruti kaum. Ohne Einleitung, die für Afrika üblichen Erkundigungen nach dem Wohlbefinden der Kinder und Eltern, ohne das Palaver um den heißen Brei, eröffnet Tetu das Gespräch: «Stanley. -- Ich habe dich gewarnt, du erinnerst dich. Daß du dich langweilst. An deiner Hochzeit mit meiner Schwester. Ein Parktor, mitten in der Wildnis. Und du schreibst auf, wer aus und ein fährt. Das ist doch keine Arbeit für einen Bauern. Die Langeweile ist ein mieser Begleiter ... Aber gut, deswegen bin ich nicht hier. Deine, meine Familie hat mich gebeten, deine Haftentlassung zu beantragen. Doch so einfach, wie ihr euch das vorstellt, ist das nicht. -- Was ist mit diesen Büchern, diesen Listen? Was wird denn da eingetragen?»

Muruti beißt die Zähne aufeinander. Seine Unterlippe stößt zur Nasenspitze. Der Alte. Ist er vielleicht gekommen, um ihn zu maßregeln? Andrerseits, der Schwager will ihm helfen. Muruti schluckt seinen Zorn herunter und murrt: «Datum, Ankunftszeit, Anzahl der Personen -- Einheimische, in Kenia wohnhafte Ausländer, Touristen -- Art des Reisewagens und sein Kennzeichen, voraussichtliche Dauer des Aufenthalts.»

«Und was hast du verändert?»

«Gar nichts. Die Frau blieb länger als vorgesehen auf dem Zeltplatz, sie kam mit einem Begleiter, ging ohne ihn, das mußte ich doch ändern ...»

«Und unterschreiben mußtest du es auch?»

«Wenn sie abhaut. Die Bücher müssen in Ordnung sein, sonst bin ich meinen Job los.»

«Deinen Job! -- Jill Parker soll den Park nicht durch das Ura Parktor verlassen haben. Sie wollte quer durch den Park zum Hauptausgang. Ich nehme an, dort liegt ein weiteres Buch, in das sie sich hätte eintragen müssen. Ihr seid doch mit Funkanlagen ausgerüstet. Warum hast du deinen Kollegen nicht mitgeteilt, daß dir Jill Parkers Unterschrift fehlt?»

«Wäre die Forscherin nicht verschwunden, würde sich kein Mensch um das Gekritzel in den Listen kümmern.»

«Und daß du mit deiner Fälschung versucht hast, dir ein Alibi zu verschaffen ...»

«Ich wollte, daß meine Bücher in Ordnung sind.»

«Jaja, ich weiß. -- Als du die Unterschrift fälschtest, wußtest du schon, daß Jill Parker vermißt wird.?»

«Ja, natürlich ... Das heißt nein. Ich habe es gemerkt, als sie losgefahren ist. Ich bin ihr nachgerannt ....»

«Um keine Lüge je verlegen, was? Du bist vielleicht ein Dummkopf. -- Wer außer Jill Parker war am betreffenden Tag am Ura Parktor?»

«Niemand.»

«Niemand? Du warst den ganzen Tag allein? Soll ich das überprüfen?»

Muruti starrt Tetu ungläubig an. -- Sein Schwager ist ein Schwein.

«Meinst du, wir schreiben alles in die Listen?»

«Ach so, natürlich. Die Listen sind für die Bücher. -- Wer sonst benutzte deinen Parkeingang?»

«Wer, das weiß ich doch nicht. Einheimische, Kinder, die die Touristen anbetteln. Wipf ... Nein, der, der kommt auch in die Bücher.»

«Wipf? Wer ist denn das?»

«Ein Safariunternehmer. Tierfilmer. Er und seine Touristen benutzen das Ura Parktor regelmäßig. Es ist einsamer, die Landschaft schöner ...»

«Und? War Wipf am Tag, da Jill verschwand, im Park?»

«Jaah, das müßte ich in meinen Büchern nachschauen, das weiß ich nicht.»

Tetu schüttelt den Kopf. Er hat seine über zehn Jahre jüngere Schwester nie verstanden. Daß sie sich für Muruti einsetzt, begreift er nicht. Stanley muß andere Qualitäten haben, die nur seine Schwester kennt.

«Gutgut, Herr Schlaumeier. Dann sage mir doch einmal, woher die Banknoten stammen, die die Polizei in deinem Haus gefunden hat?»

«Banknoten?»

«Jaja, die Banknoten, das viele Geld.»

«Davon weiß ich nichts. Ehrlich. Banknoten? Vielleicht wollte jemand, daß man Geld in meinem Haus entdecken würde ...»

«Du wirst doch bezahlt?»

«Nein! Bestimmt nicht.»

«Von wem?»

Muruti schweigt. Seine Augen flackern, schließlich senkt er den Kopf und beißt sich auf die Lippen. Tetu verzichtet auf weitere Fragen, und ohne Muruti noch einmal anzusehen, sagt er: «Tut mir leid, aber ich glaube nicht, daß ich viel für dich tun kann.»

Und er gibt dem Beamten, der Muruti brachte, ein Zeichen, diesen wieder zurück in seine Zelle zu bringen. Dann holt er Mettler aus einem muffigen und schäbig möblierten Warteraum,

«Los, wir verlieren hier nur Zeit», bedankt sich unfreundlich im Büro seines Kollegen für die gewährte Hilfe, und stapft entschlossen zum Ausgang der Polizeistation.

Mettler wundert sich. Warum kommt Tetu nur wenige Minuten nach der teuer erkauften Unterredung mit Muruti so schnell zurück? Wollte er für seinen Schwager nicht eine Haftentlassung beantragen? Warum verläßt er die Station ohne ihn? Ohne ein Wort, einen Hinweis, was mit seinem Verwandten zu geschehen habe? Und seinerseits beunruhigt, fragt er: «Neuigkeiten?»

«Allerdings. Muruti lügt. Warum, das weiß ich nicht.»

Im Rafiki Beach Hotel gibt es kurz vor der Regenzeit nicht viel zu tun. Die Gäste, Stammgäste, die wissen, wie ruhig und erholsam die letzten Tage der Saison sind, sorgen mehr oder weniger für sich selbst. Freunde des Hauses, für die Alice und Mettler sowieso nur die gegenwärtigen Besitzer sind, während sie seit Jahren zum Inventar des Hotels zählen.

Alice schlüpft durch einen Hintereingang in die Küche des Hotels, schleicht durchs Treppenhaus und erreicht ungesehen, ohne ‹Hallo, und hatte Mettler einen guten Start?› ihr Büro im ersten Stock. Sie schaltet den Deckenventilator ein, dessen schlappe Drehungen ein mildes Lüftchen durch das Zimmer scheuchen, zieht ihre Kanga aus und läßt sich in einen pompösen Ledersessel fallen. Sie legt die Beine auf Mettlers Schreibtisch, schöne Beine, wie sie ja überhaupt eine schöne Frau ist. Eine selbstbewußte Afrikanerin. Ihre Haltung, ihre Bewegungen verraten eine stolze Sinnlichkeit, die sich in ihren Zügen widerspiegelt, den dunklen, lebhaften Augen, dem weichen Mund und den Grübchen in den Wangen.

Arbeiten mag sie heute nicht mehr, der Tag ist längst verdorben. Es ist zwar nicht das erste Mal, daß sie für ein paar Tage allein ist, Mettler flog schon früher ab und zu in den Mulika Range Nationalpark, mit Touristen, denen er, selbstverständlich gegen Bezahlung, eine Art Privatsafari anbot, aber noch nie verließ er sie, weil ihn eine Arbeit lockte und er einen Fall klären wollte. Warum soll eine Vermißtmeldung ein Fall sein? Aber weil sie insgeheim schon immer, und in letzter Zeit immer häufiger, befürchtete, Mettler könnte sich in Lamu langweilen, macht ihr die überstürzte Reise Angst.

Auf Mettlers Schreibtisch stapeln sich die Zeitungen der letzten Tage. Alles, was über Jill Parkers Verschwinden berichtet wird.

Dabei war sie es, die als erste eine Nachricht darüber entdeckte. In der ‹Daily Nation›. Sie zeigte Mettler die kleine Notiz, und er erschrak, was er aber sofort zu verstecken suchte. Natürlich war es auch ihr nicht gleichgültig, was die Zeitungen über die Forscherin berichteten. Sie kannte Jill ebensolang wie Mettler. Aber seine täglich aufgewühltere Nervosität, mit der er die neusten Berichte der Zeitungen verschlang, verstand sie nicht.

Sich den Stoß alter Zeitungen vom Pult greifend, beginnt sie in den Papieren zu blättern, überfliegt die Titel, deren dicke Lettern und Fettbalken verraten, daß es den Schreibern nicht um Klarheit oder Information geht, sondern um das Aufbauschen einer Geschichte. Sie füllen damit ihre Zeitung, füttern ihre Leser, als wäre eine Vermißtmeldung ein Fortsetzungsroman, ve0rstricken sich in wilde Spekulationen, Behauptungen, an die ernsthaft weder sie noch sonst jemand glaubt. Nur Mettler benimmt sich wie ein aufgescheuchtes Huhn.

Was sollen Schlagzeilen wie: ‹Vermißt im schwarzen Sumpf›? Oder: ‹Rätsel über Rätsel. Die Parkverwaltung gesteht Bankrott. Jill Parker, ein Opfer der Wilderer. Jill Parker tot, ein Parkwächter verhaftet›? -- Ein Quatsch. In der ‹Kenia Times› schreibt ein Joseph Kamau gar unter dem Titel: ‹Die Rache der Elefanten› Fettblock: ‹Die letzten Tage Hannibals. Wurde die Elefantenforscherin Jill Parker Zeuge und Opfer seines Niedergangs?›: «Obwohl Elefanten bislang als äußerst langmütige und friedliebende Tiere galten, ist denkbar, daß diese intelligenten Tiere ihre Strategie geändert haben. Sie sind zu aggressiven und gefährlichen Bestien geworden.

Es liegen zahlreiche Beobachtungen vor, die beweisen, daß Elefanten die Scheu vor dem Menschen in seinem Auto verloren haben. Bekannt geworden ist, daß Elefantenherden Zeltplätze plünderten. Sie zerstörten Feldküchen und warfen Autos um. Der Chef der Parkwächter im Mulika Range Nationalpark, Denis M. Mwilitsa bestätigt uns: ‹... gerade zu einer Zeit, da wieder vermehrt gewildert wird, muß damit gerechnet werden, daß die Elefanten mittlerweile ihre Feinde kennen und diese angreifen ...› Im Mulika Range Park lebt der älteste und größte Elefantenbulle Kenias. Wurde der weise Einzelgänger Hannibal zum brutalen Killer? Wurde Jill Parker mitsamt ihrem Wagen von Hannibal in den Sumpf gestampft? -- Ist der Mulika Range Nationalpark noch sicher?»

Alice weiß nicht, was sie von dieser und anderen ähnlich bizarren Meldungen halten soll.

Mettler allerdings sammelte sie, ordnete sie nach Themen und Motiven und notierte sich Einzelheiten -- Daten, Namen, Widersprüche -- in ein Notizbuch. Und gestern, nachdem Tetu ihn gebeten hatte, mit ihm zusammen nach Embu zu fliegen, packte er seine Notizen und einzelne Zeitungsberichte, die er ausgeschnitten und auf ein Blatt Papier geklebt hatte, in seine Mappe, die ihn offensichtlich überallhin begleitet, wenn er arbeitet, und die sie schon vor zwei Jahren, als er hinter Gertrud Hornacker herschnüffelte, für ein recht überflüssiges Requisit gehalten hat. Das abgewetzte Mäppchen eines Dorfschullehrers.

Der Mulika Range Nationalpark glüht in der brütenden Hitze des frühen Nachmittags. Die verbrannten Böden gleichen aus der Luft einer schier endlosen Wüste, und selbst die Ura Sümpfe verdienen ihren Namen kaum. Die lange Trockenzeit hat die vielen Wasserarme ausgetrocknet, das Grün des Elefantengrases ist grau und fahl, und die Hauptstraße vom Ura Parktor zur Kiriyaga Lodge, ein schmales Band zwischen staubbedeckten, blattlosen Sträuchern, schlängelt sich in scheinbar sinnlosen Kurven durch die baumlose Ebene.

Mettler und Tetu überfliegen den Park in großer Höhe von Süden nach Norden. Sie bemühen sich um einen Überblick über den Mulika Range. Tetu versucht, die Hinweise einer Parkkarte, die sie in vierzig, mehr oder weniger gleich große Quadrate zu 25 Quadratkilometern aufgeteilt haben, auf die Landschaft unter ihnen zu übertragen, und Mettler steuert die Piper Cup.

Vom Ura Parktor fliegen sie Richtung Norden, bei Punkt 68 schwenken sie nach Westen, um, nach ungefähr fünf Kilometern, wieder in den Süden des Parks zu steuern. Über den Sümpfen verschieben sie sich erneut nach Westen, und fliegen nun über die Kiriyaga Lodge zum nördlichen Haupteingang des Parks am Fuß der Berge. Sie drehen nach Westen ab, um dann, erneut gegen Süden, den Ura River entlang in die Sümpfe zu gleiten, und, noch einmal nach Westen verschoben, steigen sie vom Ura Swamp Camp zu den Ma-Uri-Plains, dem höchsten Punkt im Norden des Parks. Mettler schwenkt nun nach Osten, um zwischen Ost- und Westflanke pendelnd, nach Süden in die Sümpfe abzufallen.

Die beiden Männer hoffen, den Suzuki der Forscherin auszukundschaften, ein rotweiß gespritzter Mietwagen, der im eintönigen Braungelb der ausgetrockneten Savanne eigentlich leicht zu entdecken sein müßte. Vor allem aus der Luft. Aber obwohl Mettler den Straßen und Pfaden, die kreuz und quer durch den Park führen, seine besondere Aufmerksamkeit widmet, kann er keinen rotweißen Suzuki entdecken, wie überhaupt der Park von Mensch und Tier verlassen zu sein scheint. Kein Gnu, das einsam der Hitze trotzt, kein Zebra, keine Impalas, nichts. Von einer Elefanten- oder Büffelherde ganz zu schweigen. Vielleicht ist es den Tieren des Parks gelungen, sich im spärlichen Schatten der mageren Buschwälder längs des Ura Rivers zu verstecken, oder sie sind geflohen.

Mettler erinnert sich an eine Feststellung Fredi Wipfs, der auf Mettlers erster Safari, der einzigen, die er zusammen mit dem Schweizer Tierfilmer gewagt hat, behauptete: Der Jäger weiß, daß scheues Wild nach ein oder zwei Schüssen aus einem Gebiet, in dem ein Mann jagen kann, hinauswechselt, ganz gleich ob das Gebiet nun ein Tal, ein Sumpf oder eine Hügelkette ist, in Wyoming, der Lüneburger Heide oder in Afrika liegt. Der Kerl klaut bei Hemingway.

Tatsache ist, daß in den Ura Sümpfen gewildert wurde, und dies nicht nur mit einem Schuß.

Nach gut drei Stunden erreichen Mettler und Tetu erneut den Ausgangspunkt ihrer Pendelflüge, das Ura Parktor im südöstlichsten ihrer Planquadrate. Obwohl sie beide schon rechtschaffen müde sind -- der Lärm des Motors, die Windgeräusche, das ständige Wenden waren, weiß Gott, anstrengend -- entschließen sie sich, wenigstens das Gebiet um das Ura Parktor, in dem die Forscherin das letzte Mal gesehen wurde, genauer anzuschauen.

Mettler drosselt die Geschwindigkeit, läßt die Piper Cup tiefer sinken, bis sie schließlich nur wenige Meter über das Elefantengras der Ura Sümpfe hinwegflitzt. Und wieder beginnt das Pendeln und Kreisen, um das Parktor, zwischen Sumpf und Straße. In immer neuen Bögen, die Piper von einer Schräglage in die andere kippend, sucht Mettler jeden Quadratmeter der Straße und der näheren Umgebung nach Jills Suzuki ab.

Tetu, bald in die unheimliche Bläue des Himmels geschleudert, dann plötzlich zum nahen Boden gedreht, erstarrt. Das hat nichts mehr mit Fliegen zu tun. Die Kiste ist doch keine Schaukel.

Als Mettler nur wenige Meter über der Straße auf die Bäume der Uferböschung zu rast, im letzten Moment das Flugzeug hochzieht und, die Baumkronen streifend, über diesen das Flugzeug wieder abdreht, reißt Tetu eine Papiertüte aus der Ablage und schreit: «Aufhören, verdammt noch mal, bist du verrückt geworden?»

Mettler beschleunigt und fliegt so ruhig als möglich in Richtung Kiriyaga Lodge. Nach ungefähr zwanzig Minuten landet Mettler sanft auf dem Flugfeld etwas außerhalb der Lodge, parkt die Piper im struppigen Grasheu neben der Piste und klappt die Türen hoch. Er weiß, was Tetu braucht. Frische Luft, Ruhe, Wasser. Ein nasses Tuch, um sich abzuwischen. Vor allem die Papiertüte mit dem Erbrochenen muß weg. Mettler versorgt Tetu schnell und routiniert. Dann hilft er Tetu aus dem Flugzeug und setzt sich mit ihm in den Schatten der Flugzeugflügel, dem einzigen Schatten weit und breit.

«Und nun? Was machen wir jetzt? -- Im Schatten deiner Hoppelkiste geht es mir ja wieder gut, doch Jill Parker werden wir so nicht finden.»

«Meinst du, daß wir ... Wieder in die Luft?»

«Um Gottes Willen! Die Tüte, schnell.»

Mettler lacht und schlägt vor: «Laß uns in die Lodge gehen. Ich kenne den Manager...»

«Ja. In die Lodge. Ein kühles Bier. Vielleicht, daß ich mir ein bißchen Mut ansaufe.»

Die Kiriyaga Lodge ist eine Hotelanlage im Busch. Die bestehende Biegung eines Flußchens wurde gewissermaßen kurzgeschlossen. Die so entstandene Insel, die mit der Aushebung des neuen Flußlaufs zu einem kleinen Hugel aufgeschuttet wurde, bildet ein idealer Ausguck in die Steppe. Das Wasser schutzt einerseits den Besucher aus Europa und den USA vor wilden Tieren und lockt andrerseits die Tieren zu den Wasserstellen. Antilopen und Gazellen aller Art, Elefanten, Zebras und Giraffen, nichtsdestoweniger das Warzenschwein, tummeln sich am jenseitigen Ufer. In der Biegung des Flusses gibt es reichlich Futter, und darum besuchen auch immer mehr Hyanen, Geparden, ja selbst der Koenig der Tieren, der majestatische Loewe die Weiden um die Lodge. Der ungekronte Star aber ist Hannibal, der aelteste Elefant von Kenia, dessen Stoßzaehne ueber drei Meter reichen …

Der Fotoprospekt, den Mettler Tetu in die Hand drückt, ist eine kleine Vorbereitung auf den Luxus, mit dem weiße Naturfreunde in der Wildnis verwöhnt werden. Tetu blättert flüchtig ein paar Seiten um, rümpft die Nase und gibt Mettler das Werbeblättchen wieder zurück: «Hier bleib ich nicht, das versprichst du mir.»

Vom Flugfeld führt ein Sträßchen über eine Holzbrücke zum Parkplatz auf der Insel. Mächtige Stoßzähne aus Metall, senkrecht in den Boden gerammt, bilden einen Torbogen, in dessen weiße Farbe die Touristen ihre Initialen, Namen und Herzen ritzten. Ein P.H. liebt eine S.I., Victor was here und der Coiffeurmeisterverband. Auch die üblichen Lebensbäume und Strichmännchen fehlen nicht. Im Gras liegen sonnengebleichte Tierschädel und Elefantenknochen, und die Fahrzeugboxen der Besucher sind mit Massaischildern geschmückt.

Auf dem Platz stehen bestimmt zwanzig Kleinbusse. ‹Mulika Tours›, ‹Wildlife Ltd.›, ‹Hannibal Reisen› und ‹Safari sunshine›. Die Fahrer warten gelangweilt neben den Fahrzeugen auf ihre Gäste, die demnächst zum vorabendlichen Fototrip aufbrechen wollen. Dreißig Kleinbusse rund um fünf schlafende Löwen. Kolonnenfahrt die Ura Senke entlang. Videohalt am ‹Hippopool›. Und, wie könnte es anders sein, die eigentliche Sensation des Mulika Range Nationalparks: ‹Looky, looky! Hannibal!›

Aus der Hotelhalle trudeln bereits die ersten Touristen. Ein begeistertes Lärmen, ein Hallo als breche man zu einer Treibjagd auf. Die Männer in bedruckten T-Shirts, Rangerhüten, Stoffmützen oder eine dieser siebartigen Schirmmützen auf dem Kopf, in kurzen, kunststoffglänzenden Hosen, mit Video- oder Fotoausrüstungen behangen, drängen zum Aufbruch. Die Frauen in viel zu knappen Blusen und Hosen -- weißes Wabbelfett, das aus unmöglich verknoteten Tüchern quillt, die merkwürdigsten Sonnenbrillen auf der Nase, schmuckbeladen und geschminkt, als würden sie als Lockvögel ausgesetzt -- rennen zwischen den Safaribussen und der Lodge hin und her, haben etwas vergessen oder müssen noch ganz kurz auf die Toilette. Amerikanische Riesen mit dicken Teenagern, Herden von deutschen Rentnern, blasse Paare, die sich aus lauter Langeweile, und weil sie zu viel Geld haben, in den Busch verirrten, wo sie sich den Magen verdarben. Italienische Sportvereine, Holländer, Belgier ...

Unter den Gästen entdeckt Mettler den Manager der Lodge, Joseph Mbila, ein Kikuyu wie Tetu. Ein kleiner, untersetzter Mann, dessen Alter schwer zu schätzen ist. Die stark gewölbte Stirn und seine leicht hervortretenden Augen, die immer auf der Spur eines Geheimnisses zu sein scheinen, lassen ihn kindlicher aussehen als er ist. Mbila ist ein Schlitzohr. Die Freundlichkeit, mit der Mbila die Fremden empfängt, seine Galanterie, die jeden, der mit ihm zu tun hat, glauben läßt, Mbila habe ihn aus den vielen Gästen ausgewählt und wünsche seine Freundschaft, gehören zu einer Taktik, die nur darauf abzielt, die weißen Gäste nach Strich und Faden auszunehmen. Trotzdem schätzt Mettler den Manager, der seine Berechnungen wie ein Spiel betreibt. Ein Spiel, das ihm mehr Spaß macht als es ihm einbringt.

Als Mettler vor zwei Jahren das Rafiki Beach Hotel übernahm, glaubte er, von einem kenianischen Kollegen im Hotelwesen mehr lernen zu können als aus europäischen Fachzeitschriften -- die Gastronomie aus der Sicht der Luzerner Hotelschulköche -- und so bat er Mbila, ihn in die Kunst der Verführung weißer Gäste einzuweihen. Und Joseph Mbilas Rezept war so einfach wie erfolgreich: Loben, loben, loben.

Tetu und Mbila verstehen sich auf Anhieb, vor allem nachdem Tetu seinem Landsmann die Probleme mit Mettlers Teufelsmaschine geschildert hat. Daß Mettler sich an der Suche nach Jill Parker beteiligt und auch gleich einen Polizisten mitbringt, erstaunt Mbila zwar, aber weil er ebenfalls hofft, daß Jill Parker bald gefunden wird, und weil Mettler auf keinen Fall in der Lodge übernachten will -- man muß die Vermißte dort suchen, wo sie verloren gegangen ist -- überläßt er den beiden seinen Landrover einschließlich Campingausrüstung und Verpflegung für die nächsten drei Tage. Tetu hat noch nicht einmal sein Bier ausgetrunken, da rumpeln sie schon wieder in den Park hinaus.

Die Gipfel des Kiriyagas sieht man auch während der Trockenzeit nur in der Nacht. Vielleicht noch am frühen Morgen, bevor sich der ewige Schnee in Wolkenschwaden versteckt, die sich um den Sitz Ngais, dem Gott der Kikuyus, versammeln. Während des Tages werden auch die letzten Wassertropfen aus den Ebenen aufgesogen und durch die Täler, Schluchten und Schründe zu den Gipfeln geblasen. Doch jetzt, kurz nachdem der Mond aufgegangen ist, leuchtet der Vulkankegel durch das Geäst der Fieberakazien nah und klar. Im Mondlicht gleißendes Gestein, schroffe Felsformationen, die in den nächtlichen Himmel stoßen.

Mettler und Tetu erreichen den abgelegenen Zeltplatz des Mulika Range Nationalparks kurz nach Einbruch der Dunkelheit. Hier, im Ura Swamp Camp, haben Jill Parker und ihr Freund Teddy Huber zuletzt gezeltet, und hier will Mettler mit seiner Suche nach der Forscherin beginnen.

Das Camp macht einen verwahrlosten Eindruck. Die Türen zum einzigen Duschhäuschen sind aus den Angeln gerissen, das Wasser abgestellt. Eine wacklige Bude, die mit ‹office› angeschrieben ist, wurde zugenagelt. Der Süden des Parks ist seit Monaten für Touristen gesperrt. Wilderer. Trotzdem schlagen Mettler und Tetu hier ihr Zelt auf, ein billiges Nylonzelt, mit dem sie ihre liebe Not haben. Die Heringe lassen sich nicht versenken, werden auf dem harten Boden stumpf und krumm, die Zeltstangen stehen schief, und die Plane wird nicht glatt, wo immer sie auch ziehen und zerren. Schließlich schleppen sie zwei Hocker und eine Bierkiste aus dem Auto und fachen ein Feuer an.

Es ist lange her, seit Tetu im Freien ein Feuer machte. Als kleiner Junge, als er die Tiere seines Vaters hüten mußte. Das Feuer ist Frauensache, ein Mann hat damit nichts zu tun. Und in der Wildnis übernachtet nur, wer sich verstecken muß. Diebe und Gesindel.

Tetu ärgert sich. Über Mettler, die Weißen ... Den ganzen Tag eine einzige Hast, nicht einmal sein Bier ließ er ihn austrinken und jetzt? Camping. Was ist denn an einer Nacht im Freien so spannend? Um ein Feuer sitzen? Ein seltsames Vergnügen, im Grunde genommen geschmacklos. Warum glauben Wasungus, sie müßten mit Sack und Pack, mit einem vollständigen Haushalt und Kisten voller Vorräte, an die entlegensten Orte des Landes fahren, um in der Einöde Spaghetti abzukochen?

Daß er und Mettler nun den gleichen Blödsinn machen, der wahrscheinlich schon Jill Parker zum Verhängnis wurde, nur weil Mettler glaubt, er müsse auf den Spuren der Vermißten wandeln, hätte er noch gestern, als er Mettler bat, mit ihm in den Mulika Range zu fliegen, nicht für möglich gehalten. Der Mann ist gefährlich, nicht nur seine Fliegerei.

Mißmutig stochert Tetu in einer Büchse Corned Beef herum, die Mettler, der darauf bestand, daß sie etwas essen, für sie beide geöffnet hat. Das Fleisch schmeckt ihm nicht, und trotzig, auch verletzt durch Mettlers Bevormundung, entschließt er sich für eine Bierdiät. Dann, bettreif und vergeblich gegen den Schlaf ankämpfend, nickt Tetu auf seinem Stühlchen ein.

Auch Mettler ist müde. Trotzdem hockt er auf seinem Schemel, eine Whiskyflasche zwischen den Knien, und versucht im Schein des Feuers, die Papiere zu lesen, die er aus seiner Mappe kramte. Vor allem der letzte Artikel der ‹Daily Nation› interessiert ihn, in dem der Reporter Johnson Odulla in einem zusätzlichen Kästchen alle Personen und Daten im Zusammenhang mit der Vermißtmeldung aufgelistet hat.

«Fakten und Daten:

Am 28. März meldeten Mr.$ und Mrs.$Parker der Polizei, daß ihre Tochter von einem Ausflug in den Mulika Range Nationalpark nicht wie angekündigt zurückgekehrt sei.

Am 13. März brach Jill Parker zusammen mit ihrem Verlobten, Mr.$Teddy Huber, zu einer mehrtägigen Reise auf.

Am 20. März blieben die beiden mit ihrem Leihwagen in der Nähe der Kiriyaga Lodge liegen.

Am 21. März flog Mr.$Huber nach Nairobi, um dort eine neue Benzinpumpe für die Reparatur des Leihwagens zu organisieren.

Am 22. März wurden die Ersatzteile, auf Anordnung Mr.$Hubers in den Park geflogen, er selbst flog

am Morgen des 23. März nach Mombasa.

Am Nachmittag des 23. März begann der Mechaniker der Lodge, Joseph Waranga, mit der Reparatur des Leihwagens, die er

am 25. März gegen zwölf Uhr beendete. (Waranga behauptet, daß der Wagen nicht wegen der defekten Benzinpumpe liegenblieb, sondern wegen eines Vergaserschadens.)

Am 25. März um 14.30 verließ Jill Parker die Kiriyaga Lodge.

Um 15.00 Uhr traf Jill Parker in der Station der Parkverwaltung ein, und

um 15.15 fuhren sie und der Chef der Parkwächter, Mr.$Denis M. Mwilitsa, zum Ura Swamp Camp, um Jill Parkers Zelt abzubauen. (Die Ura Swamps sind seit Monaten ein beliebtes Tagesversteck der Wilderer aus Somalia.)

Gegen 16 Uhr wurde Mr.$Mwilitsa von Mr.$Peter Hunt, dem Ornithologen des Parks, im Ura Swamp Camp abgeholt, damit Jill Parker ihn nicht mehr in die Station zurückfahren mußte.

16.19 erreichte Jill Parker, vorausgesetzt die Angaben des Parkwächters Stanley Muruti stimmen, den Ura Parkausgang. Muruti behauptet, Miss Parker habe ihm die Zeltplatzgebühren bezahlt und sei dann, ohne auf eine Quittung zu warten, Richtung Kiriyaga Lodge gefahren.

Heute, am 5. April fehlt von der vermißten Forscherin Jill Parker nach wie vor jede Spur.»

Ein kühler Nachtwind aus den Bergen streicht durch die Wipfel der Akazien. Die Zweige des Löwenohrs, die einzigen Büsche, die Mettler kennt, wahrscheinlich nur wegen ihres seltsamen Namens, stachelige Blütenquirlen, die wie Bälle aussehen und in gleichmäßigen Abständen längs der Stengel aufgereiht sind, wiegen sich im Wind, vom Schein des Feuers begleitet. Es riecht würzig nach sonnengetrockneten Kräutern, nach Harz und dürrem Holz, Regen, feuchtem Staub ... Gerüche, wie sie für den Busch, die Sümpfe während der Nacht so typisch sind, und die Mettler zufrieden und glücklich machen; oder sind es der Whisky, der erste des Tages, die Pfeife und das Flackern des Feuers?

In der Luft summen Insektenschwärme. Um die Kronen der Fieberbäume jagen streitend ein paar Fliegende Hunde, auch den seltenen Gesang eines Ziegenmelkers glaubt Mettler zu hören, und hinter dem Duschhäuschen hustet ein Pavian. Aus der Ferne dringt das Quaken der Frösche, ein mehrstimmiges Knarren und Zirpen, der leiernde Atem des nahegelegenen Sumpfes. In der Steppe schreien Zebras, heulen Schakale oder Hyänen -- oder sind es die Brunstrufe eines Nilpferds?

Mettler weiß es nicht. Er kennt die Stimmen der Tiere nicht, deren Schnauben oder heiseres Grunzen ihn mitunter so nahe dünkt, daß er erschrickt. -- Und Tetu schläft.

Mettler steht auf, um neues Holz in die Glut zu legen, als ein Schuß durch die Nacht kracht. Hinter den Sümpfen blenden ein halbes Dutzend Scheinwerfer auf. Weitere Schüsse, kurz darauf das erste Stottern eines Maschinengewehrs. Wilderer. Mettler tritt das Feuer aus, reißt den schlafenden Tetu von seinem Hocker und rollt mit ihm ins nahe Gestrüpp.

Zu keiner Zeit ist die Nacht so still, so finster und abweisend wie kurz vor der ersten Dämmerung. Der Mond ist untergegangen, die Luft ist kalt und feucht, die Winde haben sich beruhigt, und der Himmel bezieht sich mit einem feinen Wolkenschleier, der die Sterne verblassen läßt.

Der Elefantenbulle steht bei einer gut meterhohen Sasimua. Er tastet mit seinem Rüssel den Strauch ab. Er wühlt durch die kurzen Blätter, rollt den Rüssel um die untersten Äste und tritt mit einem Vorderbein die Staude aus dem Boden. Mit dem Rüssel schlägt er nun den Busch gegen seine Knie, befreit die Wurzeln von Erde und Staub und schwingt sich das Futter ins Maul.

Während die alten Backenzähne die Sasimua zermalmen und sich alles, was er nicht verdauen kann, seitwärts aus dem Maul schiebt, greift der Rüssel bereits ins Geäst einer Bleistiftzeder, die nur wenige Schritte neben dem Johanniskrautbusch wächst. Ein alter, zerzauster Baum, der schon einige Elefantenbesuche überstanden hat. Der Rüssel legt sich um einen gesunden Leitast, biegt ihn zur Seite und knickt ihn entzwei. Geschickt wickelt der Elefant seinen Rüssel um das feinere Astwerk und streift die nadelähnlichen Blätter von den Zweigen und führt ein Büschel nach dem anderen ins Maul. Doch nur wenige Minuten später greift er zum nächsten Ast, den er zu Boden reißt, und nachdem er auch diesen leer gefressen hat, bricht er dem Baum die Krone.

Alice schläft nicht gut. Unruhig wälzt sie sich in ihrem Bett von einer Seite auf die andere, verheddert sich in Bettlaken und Moskitonetz, bis sie schließlich verärgert aufsteht. Seit sie mit Mettler zusammen ist, schläft sie nicht mehr gern allein. Sie will sich auf der Terrasse an die frische Luft setzen, und, ohne Licht zu machen, sucht sie nach einer Kanga, einem leichten Baumwolltuch, in das sie sich einwickelt. Im Spiegel erhascht sie ihr nacktes Abbild und stellt amüsiert und befriedigt fest, daß ihre Angst, sie sei zu dünn geworden, sich nicht bestätigt. Sie streckt sich und mit einer koketten Drehung, sich mit beiden Händen über Bauch und Hüften streichend, geht sie auf die Terrasse hinaus.

Hier ist die Temperatur tatsächlich angenehmer. Vom Meer her weht ein strenger Wind, der Alice für einen kurzen Moment sogar frösteln läßt.

Ob Mettler und Tetu jetzt wohl in dem Zelt liegen, das er sich von Mbila leihen wollte? Irgendwo im Busch, am Fuß des Kiriyagas, gut 400 Kilometer von ihr entfernt? Ob er sie wohl ebenso vermißt wie sie ihn?

Alice erinnert sich an ihre Safari mit Mettler, die einzige, die sie je zusammen gemacht haben. Der Schweizer Fredi Wipf hatte sie eingeladen. Wipf und Jill Parker. Die sportlich schlanke Elefantenforscherin.

Wipf besitzt ein kleines Reiseunternehmen, eigentlich nur einen umgebauten Lastwagen, mit dem er quer durch Kenias Nationalpärke fährt, eine Handvoll tollkühner Touristen auf der Ladebrücke, die nach Abenteuern lechzen, je beschwerlicher, desto aufregender, ein dummdreister Haufen, der sich einbildet, diese Art zu reisen, entspreche dem Leben der Nomaden.

Eine Art Hochzeitsreise sollte es werden. Du liebe Zeit. Nachts krabbelten sie in ein Zelt und wickelten sich in Schlafsäcke, in denen sie sich nicht bewegen konnten. Sie lagen beieinander, ohne einander zu spüren, und um zu zweit in einen Sack zu kriechen, waren diese zu klein, oder sie beide zu dick. Jedes Hoteli längs der Straße hätte ihnen einen süßeren Honeymoon beschert. Tagwache um fünf Uhr morgens, Frühpirsch, Essen fassen, Morgen-, Mittag-, Abendpirsch, immer hinter irgendwelchem Großwild her. ‹the big fives›; Büffel, Elefant, Leopard, Löwe und Rhinozeros. Sie langweilte sich entsetzlich, und für Mettler war die Reise eine Tortur. Fredi Wipf benutzte seine Touristen als Statisten für seine Abenteuer, als Publikum, das seinen Heldentaten applaudierte. Jeden Abend saßen sie im Kreis begeisterter Safarifreunde und sangen Lieder, die Mettler auf ihren Wunsch widerwillig übersetzte. Soldaten- und Studentenlieder aus Europa. ‹Auf, auf! Zum fröhlichen Jagen!› oder ‹Wie oft sind wir geschritten auf schmalem Negerpfad ...›

Auch sie besuchten damals das Ura Swamp Camp, in dem Jill Parker mit Teddy Huber war. Alice kichert leise vor sich hin. Ja, das war der erste Abend, an dem es zum Krach zwischen Wipf und Mettler kam.

Sie saßen um das berühmte Lagerfeuer, Wipf spann sein Jägerlatein, als plötzlich ein Mann aus dem Busch auftauchte, der sie anschrie, ob sie alle taub seien, ein Elefant habe sein Zelt, in dem er und seine Frau bereits geschlafen hätten, niedergetrampelt, die Fenster seines Landrovers eingedrückt und den Wagen umgeworfen. Unter Wipfs Anleitung stellten sie den Landrover wieder auf die Räder, derweil der ausgehungerte Elefant den Proviant einer weiteren Reisegruppe vom Autodach fegte. Die Leute kletterten auf den Wasserturm und schrieen um Hilfe. -- Eine Sternstunde für den Safarihelden Fredi Wipf. Nachdem er den Reiseleiter der Konkurrenz bloß gestellt hatte, demonstrierte er, wie der ‹Jäger› eine solche Situation meistert. Er setzte sich ans Steuer seines Geländewagens und fuhr laut hupend auf den Elefanten los. Der Elefant rannte davon. Aber Wipf nahm die Verfolgung auf, er raste hinter dem Elefanten her und fuhr ihm gegen die Hinterbeine. Mehrmals. Und obwohl sich der Elefant längst in die offene Steppe zu retten versuchte, brach Wipf seine Jagd nicht ab.

Die Touristen platzten fast vor Bewunderung, nur Jill und Mettler waren außer sich. Als Wipf triumphierend wieder ins Zeltlager stelzte, schrie Mettler ihn an, mit einem Auto auf einen Elefanten los zu donnern, sei dumm, gefährlich und gemein, schon morgen drehe der Elefant den Spieß um und renne den erstbesten Safaribus über den Haufen. Wipf lachte nur. Dann spottete er, man dürfe sich von einem Elefanten nicht alles gefallen lassen. Die Kerle würden sehr schnell begreifen, wer der Stärkere sei. Der Rotzlöffel, den er in den Busch gejagt habe, greife kein Auto mehr an. Im Gegenteil. Der Lümmel wisse, und werde es sein ganzes Leben lang nicht vergessen, daß sich 140 PS mit einem Elefanten durchaus messen könnten. Zu seinem Glück. Im anderen Fall würde er nämlich abgeknallt, von der Parkverwaltung und auf Drängen der Touristen, da die Tierliebe gewisser Damen und Herren ja bekanntlich dort aufhöre, wo die Angst beginne, und man in die Hosen scheiße. -- Er redete und redete. Jill und Mettler sagten nichts mehr.

War dies der Anfang einer Freundschaft zwischen Jill und Mettler? Einer Beziehung? Nein. Mettler schwärmte für die Forscherin, machte ihr den Hof. Verliebt waren die beiden nie.

Tetu wackelt auf dem Hintern, mit den Füßen voran, aus dem kleinen Nylonzelt. Was für eine Nacht. Der Rücken schmerzt, die Beine sind ihm abgestorben, sein Schädel brummt, kalter Schweiß klebt ihm auf der Stirn; und pinkeln müßte er schon lange.

Halbwegs im Freien, richtet er sich auf und setzt sich unter den Zelteingang, ein mißgelaunter Kloß, der trotzig zu Boden starrt. Er reibt sich die Augen aus, fuchtelt mit seinen Wurstfingern im Gesicht herum, ohne im trüben Dämmerlicht des Morgens irgend etwas zu finden, an dem sein Blick haftenbliebe und ihm das beruhigende Gefühl gäbe, es sei alles nur halb so schlimm, vielleicht ein Traum, der schon bald vergessen sei.

Wolken, am frühen Morgen. Hat die Regenzeit begonnen? Was hat er denn in dieser Einöde verloren, warum ist er überhaupt hier, ist er betrunken? Wäre es möglich, daß er die vielen Bierflaschen ausgesoffen hat? Acht, zehn, zwölf Flaschen, die um eine häßliche Feuerstelle in der Asche stecken? Zwölf Flaschen, er allein?

Tetu schließt die Augen. Irgendwo da unten müssen Sümpfe sein, und in den Sümpfen oder irgendwo dahinter muß ein Gemetzel stattgefunden haben. Ja, jetzt erinnert er sich wieder. Grauenvoll. Quälend, und immer noch einmal, heulten die Motorsägen von Wilderern auf, die Elefanten zersäbelten als wären sie Nichts; Fleischberge, denen man ein Paar Zähne aus dem Maul bricht. Mettler und er saßen im Dunkeln, zum Zuhören verdammt, und tranken Bier, eine Flasche nach der anderen. Dann, nachdem es endlich ruhig geworden war, verkrochen sie sich in ihr Zelt, verzweifelt und erschöpft.

Und jetzt? Mettler ist schon aufgestanden. Er, Tetu, schätzte den Weißen, weil er ihn für einen trägen Menschen gehalten hat, dessen Gelassenheit und Umsicht er liebte, und nun scheint sich Mettler auf der Suche nach Jill Parker in einen kopflosen und übereifrigen Abenteurer zu verwandeln. Es ist noch kaum richtig Tag, und schon hat der Msungu ein Feuer gemacht und Kaffee aufgesetzt. Ja, was soll denn diese Hast?

Mettler sitzt in Mbilas Landrover und bastelt an dessen Funkgerät herum. Mbila scheint das Funkgerät nicht zu benutzen, wenn es nicht überhaupt eine Blindpackung ist, um einen Luxus vorzutäuschen, den Mbila gar nicht braucht. Die Antenne ist abgebrochen, die Kontakte wackeln oder hängen lose aus dem Armaturenbrett, und die Skala der Frequenzen ist derart verstaubt, daß sich die einzelnen Wellenlängen kaum noch entziffern lassen. Doch Mettler kennt den Kasten. Die Anlage in seiner Piper Cup ist auch nicht besser, und nachdem er an den Drähten herumgezogen, sie gesäubert und neu verschraubt hat, beginnt immerhin der Lautsprecher zu rauschen. Mettler verlängert die abgebrochene Antenne mit einem Kupferdraht, den er aus seiner Plastikisolierung schält. Er steckt die beiden Enden des Drahtes in das Antennenstück, verkeilt sie mit einem Hölzchen, und, siehe da, das Rauschen verstärkt sich.

Das Kaffeewasser kocht. Mettler klettert aus dem Wagen und schlendert zur Feuerstelle. Er wünscht Tetu, der immer noch vor dem Zelt hockt, einen guten Morgen, als der Kasten zu knacken beginnt. Eine undeutliche Stimme. Danach eine aufgeregte, ungeduldige, die Mettler nicht versteht, die aber die andere, die undeutliche, plötzlich hellwach rufen läßt: «Was? Was sagst du? Wiederholen bitte, wiederholen.»

Und die Wiederholung, die, immer noch undeutlich, dafür gut gebrüllt, durch den Äther geschickt wird, läßt auch Mettler herumschnellen und zum Auto zurückeilen. Er dreht den Lautsprecher auf, winkt Tetu zu sich und schreit: «Los, ich glaube, sie haben sie, sie haben Jill gefunden.»

Tetu steht brummend auf und wackelt zu Mbilas Landrover hinüber, in dem Mettler vor dem Funkgerät kauert und angestrengt ein Gespräch verfolgt, das unvollständig und schlecht verständlich ist.

«Punkt 81, eine Meile nördlich des Äquators. Over.»

«Auf Buschpfad Richtung Ost. Over.»

«Buschpfad Richtung West. Over.»

«Circa zwei Meilen. Over.»

«Zwei Meilen. Over.»

«Furt Ura Sand River. Over.»

«Ura Sand River. Over.»

«Furt! Ura Sand River. Over.»

«Jaja, Furt. -- Weiter! Over.»

«Etwas oberhalb ...»

«Etwas oberhalb? Das ist ein alter Übergang. -- Wir kommen, sofort. Over.»

«Verstanden. Ihr kommt. -- Landen Ura Sand River. Over.»

«Ja, sehr gut, wir holen euch ab. Over and out.»

«Over and out.»

«Over and out.»

Mettler und Tetu schauen sich an. Tetu runzelt die Stirn und zieht die Schultern hoch. Wie kommt Mettler dazu zu glauben, irgend jemand habe die Forscherin gefunden? Wer landet beim Ura Sand River, wer holt wen ab? Kann das ‹over and out› nicht ebensogut eine Botschaft der Wilderer sein?

Mettler hat bereits die Parkkarte des Mulika Range Nationalparks auf der Motorhaube des Landrovers ausgebreitet. Der Ura Sand River ist ganz in ihrer Nähe, auch Punkt 81. Müßten sie nicht um das südliche Ende des Sumpfes herumfahren, könnten sie in einer halben Stunde dort sein.

Tetu läßt sich von Mettlers Eifer nicht anstecken. Punkt 81, was heißt das überhaupt? Ist das eine Aussicht, eine Straßengabelung, eine Notrufstelle? Und liegt er nicht exakt in der Richtung, aus der gestern Nacht die Schüsse kamen? Punkt 81: Ein Treffpunkt der Wilderer.

Mettler wühlt in Mbilas Landrover und sucht das Fernglas, das, er weiß es genau, zu Mbilas Ausrüstung gehört. Wer demnächst landen will, muß jetzt noch in der Luft sein. Vielleicht erkennt er die Maschine, vielleicht läßt sich so ausschließen, daß es sich bei der Meldung um eine Botschaft der Wilderer handelt? Zwischen Kaugummipapieren und verschütteten Trockenfrüchten findet Mettler das Fernglas, ein gutes, aber verschmutztes Glas, mit dem er sofort den Himmel abzusuchen beginnt. Ohne Erfolg. Im trüben Grau, das über der Steppe lagert und sich mit dem Himmel vermengt, verschmieren Wolkenschwaden und Akazien. Eine Maschine läßt sich nicht entdecken. Und dann erspäht sie Tetu doch. Auch ohne Glas. Auf der anderen Seite des Tals, über den Wäldern am Fluß, kaum mehr als vielleicht fünf, sechs Kilometer entfernt, sinkt ein rot-gelb gestreifter Ballon in die Savanne. Der Ballon der Kiriyaga Lodge, der einer kleinen, zahlungskräftigen Touristengruppe ein exquisites Vergnügen bietet. Und auf einen Kleber hinter der Frontscheibe des Landrovers zeigend, brummt Tetu: «Frühpirsch mit anschließendem Sektfrühstück. -- Dein Funkspruch gilt wohl den Frühstücksköchen der Kiriyaga Lodge.»

Mettler ärgert sich. Immer diese Miesmacherei, diese schlampige Bequemlichkeit, abgestumpft und dickfellig. Er, Mettler, hat keine Lust, hier seine Zeit zu vertrödeln. Wenn der alte Fettarsch ausschlafen will, bitte, soll er doch zu Hause bleiben. Und während Tetu seine Kleider ausklopft, eine Tasse Kaffee schlürft, drängt Mettler zum Aufbruch. Er zieht die Heringe des Zeltes aus dem Boden -- jaja, schau du nur, du trinkst meinen Kaffee. Ich arbeite -- faltet das Oberzelt zu einem Rechteck und schlägt die Plane ein. Schon liegen die Zeltstangen und das Oberzelt auf dem gefalteten Bodentuch, Mettler beginnt, das Ganze zu einer Wurst zu rollen, als er zurückschreckt. Direkt vor seinem Gesicht steht ein grauschwarzer Skorpion, der sich unter der Plane verborgen hielt. Kampfbereit, mit aufgestelltem Stachel, droht er mit klappenden Scheren.

Tetu, der Mettler mürrisch und gereizt zugeschaut hat, schüttelt den Kopf. Was hat er denn jetzt schon wieder? Warum glotzt er wie versteinert in den Sand? Dann erschrickt er ebenfalls. Der Skorpion ist groß, seine Fluchtwege sind versperrt. Wer weiß: Vielleicht reagiert ein Msungu auf das Gift empfindlicher als ein Afrikaner? Tetu läuft zum Wagen, sucht in der Kochkiste mit Vorräten und Kochgeschirr nach einem Glas und schleicht damit zu Mettler. Mit einer raschen Handbewegung stülpt er das Glas über das Spinnentier.

Der Skorpion zuckt zusammen, greift an, stutzt, will fliehen. Das gläserne Gefängnis ist eine Falle, aus dem es kein Entrinnen gibt. Nachdem er sich ein paar Mal um die eigene Achse gedreht und mit seinen Scheren die Glaswände abgetastet hat, verharrt er in der Mitte seines Gefängnisses. Zwei, drei, vielleicht fünf Sekunden bleibt er stehen, erstarrt in einer eigenartigen Anspannung von Ratlosigkeit und Vorsicht. Dann wölbt er seinen stachelbewehrten Schwanz über seinen Leib, langsam und zögernd, verharrt einen letzten Augenblick und ersticht sich selbst.

Alice erschrickt. Zwei Angestellte des Hotels schleppen die leeren Bierkisten aus dem Getränkelager hinter der Küche in ein Motorboot am Strand. Das Geschepper der leeren Flaschen in den Kästen stört die morgendliche Ruhe, so daß Alice ans Geländer der Terrasse eilt, und ihre Angestellten bittet -- sie ruft die beiden ‹Sünder› beim Namen -- sie sollten leiser sein.

Alice ärgert sich. Sie glaubt zu wissen, daß sie ein gutes Arbeitsklima haben, die Kompetenzen sind klar, ihre Löhne anständig. Umso weniger versteht sie, warum solche Kleinigkeiten, die sie den Leuten schon hundertmal gesagt hat, nicht befolgt werden. Vor allem da sie und Mettler sich bemühen, nicht die Unerreichbaren zu spielen. Im Gegenteil, sie pflegen ein geradezu kameradschaftliches Verhältnis zu ihren Angestellten, von denen sie die meisten schon von früher kennt. Aber das Rafiki ist ein Hotel. Die Gäste sind hier, um sich zu erholen. Sie und Mettler, aber auch ihre Angestellten, haben sich nach den Wünschen der Kunden zu richten und nicht umgekehrt.

Zu keiner Tageszeit vermißt sie Mettler so sehr wie jetzt. Normalerweise bringt ihr Mettler, der vor ihr aufsteht, Kaffee kocht und die Zeitungen holt, eine Tasse ans Bett und legt sich noch ein bißchen zu ihr. Sie besprechen die anfallenden Arbeiten des Tages oder sorgen sich um ihren Sohn Ali. Mettler und Ali verstehen sich nicht gut. Ali ist ohne Vater aufgewachsen, läßt sich von Mettler nichts sagen; Mettler möchte Ali helfen, aber weiß nicht wie. Zur Zeit besucht Ali in der Schweiz ein Internat, damit er später in Luzern oder Lausanne an die Hotelfachschule gehen kann, aber die Briefe, die sie aus der Schweiz erhalten, geben wenig Anlaß zu derart hochfliegenden Plänen.

Oft nützen sie die ruhigen Stunden -- wenn nicht gerade Bierkästen verladen werden -- um einander zu verführen, gehen auf Entdeckungsreisen, wie Mettler ihre Liebkosungen nennt. Ein Kindskopf. Und hätte sie nicht die Erfahrung gemacht, daß er sich immer wieder an denselben Überraschungen freut, sie müßte verzweifeln. Oder war das gockelhafte Gehabe, mit dem Mettler sich vor Jill aufspielte, waren seine dümmlichen und gestelzten Schmeicheleien, schon Zeichen der Erschöpfung? War Jills Ironie, mit der sie Mettler behandelte, ein Versuch, sie zu täuschen? Sie kennt das. Weiße Frauen.

Die ‹rote Gazelle›, wie sie Jill heimlich nannte, versteckte sich für ihr Gefühl ein bißchen allzu fadenscheinig hinter einer Süffisanz, die nur schlecht verbarg, was sie von Männern erwartete.

Warum kamen Jill und Wipf nach ihrem Safaridebakel überhaupt noch nach Lamu? Die Beziehung Jills zu Fredi Wipf hielt sie nie für besonders glücklich. Benutzte die Parker Mettler, um sich von Wipf zu lösen? Als Mettler sich schließlich nicht entblödete, Jill auf der Hotelterrasse vor den Gästen den Hof zu machen, gab sie ihm den Ratschlag, er sollte sich die Parker, nachdem er sich so lange vor ihr aufgeplustert hatte, endlich nehmen. Mettler verstrickte sich in eine Flut geschwätziger Erklärungen, die beweisen sollten, daß er dies ja gar nicht wollte. Alice verstand ihn nicht.

Vor gut zwei Monaten tauchte Wipf mit dem Surflehrer Teddy Huber in Lamu auf. Der schneidige Schweizer eroberte Jill in wenigen Tagen, und Alice wunderte sich nicht, als es gerüchtweise hieß, Jill und Teddy würden heiraten. Mettler spielte den Gleichgültigen, Wipf schien einmal mehr getroffen.

Umso weniger versteht sie nun, weshalb Jills Verschwinden Mettler derart aus der Fassung bringt.

Der Holzpfahl Punkt 81 mit den verwitterten Straßenschildern, mitten in einem unberührten Niemandsland, ist ein geradezu grotesker Anblick. Punkt 81. Doch würden die ausgebleichten Wegweiser nicht auf die Straßenkreuzung aufmerksam machen, man würde den Buschpfad vom Hammerkop garden zur Ford Ura Sand river, der hier die etwas breitere Straße Ura gate -- Kiriyaga Lodge kreuzt, kaum entdecken. Nur wer den Park kennt, wird in den schmalen Pfad einbiegen, der von kleinen, weißrosa Blüten -- Papierblumen -- übersät ist, und von dem zu befürchten ist, daß er schon nach wenigen hundert Metern einfach ausgeht, sich im Kraut und Gestrüpp verliert.

Da der Umweg um die Sümpfe weit beschwerlicher war, als Mettler und Tetu angenommen hatten -- die Straße vom Ura Swamp Camp durch den südlichen Zipfel der Sümpfe zum Ura Parktor war in einem schlechten Zustand, da sie offenbar wegen der letzten Überfälle der Wilderer weder benutzt noch gepflegt worden war -- erreichten sie Punkt 81, gut eine Stunde nachdem sie den Funkruf eingefangen hatten.

Mettler und Tetu entdecken eine frische Spur durch die Papierblümchen in Richtung Ura Sand River, und, wider Erwarten, wird die Straße hinter dem Abbruch in die Senke besser. Zwei gut sichtbare Spurrinnen fallen in sanften Schwüngen vom Hochplateau ins Tal, in dem ein schmaler aber kräftiger Baumbestand den Verlauf des Ura Sand Rivers anzeigt. Mächtige, dunkelgrün leuchtende Feigenbäume, dichte Gruppen wilder Dattelpalmen ragen aus dem niederen Gestrüpp des Ufers oder unterbrechen die lichten Wälder der Fieberakazien, Musinen und Zedern, die sich in die Ebene tasten, in der sonst kaum noch Bäume wachsen. Da und dort ein Baobab, eine Kandelabereuphorbie, die auf einem Termitenhügel thront.

Schon von weitem erblicken sie den rot-gelb leuchtenden Ballon der Kiriyaga Lodge, auch einen graubraunen Landrover, und im Ufergebüsch, rotweiß, Jill Parkers Mietfahrzeug. Leute, Männer, die zwischen Landrover und Uferböschung hin- und herlaufen.

«Diese Idioten!»

schimpft Tetu: «Sie machen alles kaputt. -- Hup, hup! Damit die Kerle da unten mit ihrem Humbug aufhören.»

Die krächzende Hupe von Mbilas Landrover unterbricht die Tätigkeit der Männer am Fluß, die nun ihrerseits den Landrover sehen, der, eine gewaltige Staubfahne hinter sich herziehend, den Abhang herunterpoltert, vom Weg abweicht und durch die Steppe auf die Unfallstelle zuschießt. -- Mettler und Tetu springen aus dem Wagen. Tetu schreit: «Was zum Teufel machen Sie da? Hören Sie sofort mit dem verdammten Unsinn auf.»

Und Mettler, nicht weniger aufgeregt, brüllt: «Jill! Wo ist sie? Habt ihr Jill gefunden?»

Die Männer am Ufer haben eine freundlichere Begrüßung erwartet.

«Pole, pole!»

versucht Joseph Mbila, der Manager der Kiriyaga Lodge, das seines Erachtens unangebrachte Geschrei zu dämpfen: «Immer mit der Ruhe. Vielleicht bedankt ihr euch erst einmal bei den Entdeckern von Jill Parkers Wagen. Bei unserem Piloten, Mister Kapur Singh. Und bei Mister Huber aus Mombasa.»

«Bei Huber? Teddy Huber, dem Surflehrer ...»

Mettler und Tetu schauen sich verdutzt nach den Leuten um.

«So ist es, meine Herren. -- Wenn ich denn einmal vorstellen darf, Mister Huber, der Bekannte von Miss Parker. Gestern Abend, kurz nachdem ihr aufgebrochen seid, tauchte Mister Huber in der Lodge auf und verlangte, daß er und Singh in unserem Ballon solange über dem Park schweben, bis die Forscherin gefunden sei. Daß sie gleich bei Ihrer ersten Fahrt wenigstens den Wagen entdeckten, hätte keiner von uns für möglich gehalten. -- Mister Peter Hunt, der Ornithologe unsrer Lodge ...», Mbila zeigt auf einen hochgewachsenen, knochigen Weißen, der eine knappe, steife Verbeugung andeutet, «... Mister Hunt und ich begleiteten den Flug am Boden. -- Ich bin ja froh, daß Ihr unseren Funkruf empfangen habt, auch wenn eine Antwort auf dem alten Ding offensichtlich nicht mehr möglich war, aber ...»

«Und warum habt Ihr Jills Wagen aufgebrochen? Die Spuren zerstört. Warum wartet Ihr nicht, bis die Polizei hier ist?»

unterbricht Tetu den Manager.

«Wir, gar nichts haben wir zerstört. Die Polizei könnte es nicht besser.»

«Das entscheiden doch nicht Sie, mein Herr.»

Die Spuren von Jills Fahrzeug sind auf dem sandigen Boden nicht mehr zu erkennen, die Sträucher um den Wagen zertrampelt, obwohl sich die selbsternannten Hobbydetektive um eine Art Spurensicherung bemühten. Zum einen markierten sie mit frisch geschnittenen Zweigen mehrere Stellen im kurzen Gras der Steppe, zum anderen breiteten sie, weiß der Teufel welcher Strategie folgend, alle Fundsachen aus dem Wagen auf einer Plastikplane aus.

Tetu vermutet: Eine Idee des Surflehrers aus Mombasa. Er kennt diese Art Wasungus, die glauben, Kenia gehöre ihnen, Globetrotter, Hasardeure, Camel-Filter rauchende Helden, die der Meinung sind, sie könnten und dürften Alles. Einheimische sind nichts weiter als Farbtupfer in ihren Abenteuern, mit denen sie sich vor ihren Landsleuten brüsten. Daß so jemand glaubt, er sei dazu berufen, die polizeilichen Ermittlungen zu führen, zumal er mit Sicherheit von der kenianischen Polizei nichts hält, versteht sich von selbst. Und voller Erbitterung sagt er: «Derjenige, der die großartige Idee hatte, Jills Wagen aufzubrechen, möge uns doch bitte erklären, was er sich dabei gedacht hat?»

«Bitte sehr», meldet sich, beleidigt und mit hoher Stimme, der Vogelkundler Hunt: «Wenn die Herren denn so freundlich sind.»

Mettler grinst. Peter Hunt, den er von seinen Besuchen in der Lodge kennt. Ein passionierter Jäger, der die Flinte mit der Kamera vertauschte, Eulen nachsteigt und den Gästen der Kiriyaga Lodge jeden Abend einen faden Lichtbildervortrag hält. Ein dünner Professor auf dürren Stelzen.

Der Mietwagen Jills steckt mit allen vier Rädern unmittelbar hinter der Uferböschung im Sand. Hunt erklärt, daß Jills Wagen, wie er die Sache sehe, über die Böschung geschossen sei wie über eine Schanze.

«Die Räder wühlten sich in den Sand, die Achsen schlugen auf und der Wagen saß fest. Das Auto selbst blieb unbeschädigt, abgesehen von ein paar Kratzspuren auf dem Wagendach, die sich bei genauerem Hinschauen als SOS entziffern lassen, wenn ich auch zu behaupten wage, daß sie nicht von Jill Parker stammen, sondern zu einem früheren Zeitpunkt von irgendwelchen anderen Leuten, die in eine ähnliche Lage gerieten, herrühren, denn, meiner Meinung nach, deutet alles daraufhin, daß Jill Parker sich hier weder auf eine längere Wartezeit einrichtete noch in Gefahr befand. Eine These, die zu belegen ich gerne bereit bin. -- Der Wagen war ordnungsgemäß verschlossen, auch ließen sich in der näheren Umgebung keinerlei Hinweise auf Jill entdecken, zum Beispiel eine Feuerstelle. Interessant dürfte das Folgende sein. -- Wenn ich Sie denn bitten darf, mir ein paar Schritte in den Busch zu folgen.»

Hunt stelzt durch das kurze und spröde Ufergras zu einer der mit Zweigen markierten Stellen. Mit einem schlanken Grasrohr, das er aus dem Gebüsch knickt, deutet er wortlos auf einen kreisrunden Abdruck im Sand, einen gewaltigen Teller mit einem leicht welligen, runden Rand.

«Die Spur eines Elefanten, eines riesigen, schweren Tieres. Eine Fährte, wie ich sie noch nie gesehen habe. In diesem Zusammenhang darf ich Sie darauf aufmerksam machen, daß das Wachstum eines Elefanten während seines ganzen Lebens nicht aufhört. Ein großer Elefant ist immer auch ein alter Elefant.»

Hunt zeigt mit seinem Grashalm auf einen weiteren Punkt, der vielleicht etwa fünfzig Meter entfernt liegt, und, die kleine Schar seiner Zuhörer erneut um Aufmerksamkeit bittend, stolziert er zum nächsten Ort seiner Indizienkette, die Mettler und Tetu längst begriffen haben. ‹Hannibal was here.›

Mettler benutzt die kurze Unterbrechung, um den Surflehrer aus Mombasa zu begrüßen, Teddy Huber, der trotz seines Erfolges als Entdecker von Jills Wagen einen bekümmerten Eindruck macht. Er gibt ihm die Hand.

«Ich glaube, wir kennen uns.»

Die Anrede in seiner Muttersprache überrascht Huber, er reagiert verunsichert. Seine taubengrauen Augen flackern unwillig, der muskulöse, schöne Körper verspannt sich. Einen kurzen Atemzug lang. Dann lacht er, strahlt, jaha, er kennt so viele Leute. Mettler ist froh, daß Huber ihn nicht einordnen kann, ein Umstand, der ihm nur willkommen ist. Und schmunzelnd stellt er fest: Teddy Huber, blondgelockt und braungebrannt. Ein selten schöner Schweizer.

Der Ornithologe versammelt sein Auditorium mittlerweile vor der zweiten seiner Markierungen, einem fast fußballgroßen Elefantenködel.

«Die Losung eines Elefanten, eines sehr alten Tieres, was nach einer genaueren Analyse der Fäzes zu beweisen wäre. -- Der Speisezettel eines Elefanten beschränkt sich, wenn sich die letzte Generation seiner Mahlzähne aufbraucht, auf immer weniger Arten von Gras und Kräutern. Ein alter Elefant stirbt, weil er verhungert. -- Ich vermute nun, daß Jill Parker, dank einer glücklichen Fügung, wenn ich einmal das Steckenbleiben des Wagens so bezeichnen darf, hier dem alten Bullen Hannibal begegnete und seine Fährte aufnahm.»

Hunt räuspert sich und fährt fort: «Weil ich annahm, daß Jill eine Nachricht im Wagen hinterließ, habe ich angeordnet, den Wagen aufzubrechen. Doch leider scheint Jill Parker die Verfolgung des Elefanten aufgenommen zu haben, ohne einen Hinweis auf ihre Entdeckung zu hinterlassen. -- Wenn ich Ihnen denn nun zeigen darf, was wir im Wagen fanden, und nach welchen Gesichtspunkten wir die Gegenstände auf der ausgebreiteten Plastikbahn aufreihten.»

Tetu gähnt. Er bereut, daß er mit seiner Frage einen derartigen Sermon ausgelöst hat, dem er nun, so scheint es, ohne nicht erneut für unanständig gehalten zu werden, nicht mehr entrinnen kann.

Teddy Huber spielt gelangweilt mit einem Ring an seinem Finger, einem elfenbeinernen Skarabäus, einer Imitation eines altägyptischen Siegelrings. Die Erklärungen Hunts interessieren ihn nicht. Gewäsch eines Tierliebhabers.

«Wir bekommen Besuch», unterbricht er unfreundlich die Ausführungen Hunts und zeigt auf ein panzerartiges Fahrzeug, das den Ura Sand River entlang hoppelt. Der häßliche Safarilaster des Reiseunternehmers Fredi Wipf auf seiner Morgenpirsch. Auf der Ladebrücke hocken, quer zur Fahrtrichtung und nach hinten gestaffelt, Wipfs Abenteurer. Seit Tagen eingestaubt und verschwitzt, auf ihren Sitzen durchgeschüttelt, einzelne mit knallrot verbrannten Gesichtern und Armen. Eine stinkende Schar übermüdeter Leute. Sandbleche, Benzinkanister und Werkzeuge panzern die Seiten des alten Bedfords, während die Schnauze durch einen wuchtigen Rammbock mit Seilwinde verstärkt wurde, der dem Wagen ein insektenähnliches Aussehen gibt.

Wipf stoppt den Laster kurz vor dem Ura Sand River, klettert von seinem Fahrersitz und marschiert durchs Gras auf die Männer am Ufer zu. Ein stattlicher Mann in kurzen Hosen. Mitte fünfzig. Eine von Wind und Sonne gegerbte Haut, ein Fuchsgesicht mit einer langen, geraden Nase und eng beieinanderstehenden Augen.

Wipf begrüßt die Männer, die er alle beim Namen nennt, selbst Mettler schüttelt er die Hand, geradezu kameradschaftlich, wozu es eigentlich keinen Anlaß gibt. Einzig Tetu übersieht er, was bei dem großen, grauhaarigen Mann gar nicht so einfach ist. Mettler macht ihn auf sein Versäumnis aufmerksam: «Bevor du glaubst, du müßtest hier das Kommando übernehmen, begrüßt du vielleicht auch unseren Bekannten, den Chef der Kriminalpolizei von Lamu.»

«Oh, Entschuldigung, das war nicht meine Absicht. Robinson Njoroge, alles okay? -- Nun, was ist los, meine Herren, womit kann ich dienen?»

«Wir haben Jills Wagen gefunden.»

Die Nachricht, daß Jill Parker vermißt wird, scheint Fredi Wipf, der von einem zehntägigen Trip an den Turkanasee zurückkehrt, zu überraschen. Er kann seine Verwirrung kaum verbergen, seine Augen irren hilflos von einem zum anderen, dann fragt er tonlos: «Jills Wagen?»

«Ja, gewissermaßen», nickt Mbila, und, obwohl er Wipf und seine Touristen nicht mag, ein Konkurrent, der sich immer wieder als Kritiker seiner Kiriyaga Lodge aufspielt, fügt er tröstend hinzu: «Sie war hinter Hannibal her. Peter Hunt, der Ornithologe unsrer Lodge hat Spuren gefunden. Sie ist eine sehr eifrige Person, ich glaube nicht, daß ihr etwas zugestoßen ist. -- Wir nehmen an, daß sie versucht hat, zu Fuß ...»

«Habt ihr Spuren gefunden, die Uferböschung abgesucht? Wurde die Parkverwaltung informiert, die Polizei, wer außer euch sucht nach Jill?»

«Jawohl. Die Parkverwaltung. Die Polizeistation in Embu, abgesehen davon ist Mister Tetu hier ...»

«Was nützt uns hier ein Beamter aus Lamu, entschuldige Njoroge, aber ist doch wahr. -- Habt ihr versucht, den Wagen aus dem Dreck zu ziehen?»

«Er steckt fest.»

Wipf dreht sich wortlos um und geht zu seinem Wagen zurück. Er befiehlt seinen Touristen, sich festzuhalten, schwingt sich mit einem Satz hinter das Steuer des Bedfords, startet den Motor und fährt langsam auf die Uferböschung zu. Der Lastwagen kracht durch die Büsche, begräbt eine bestimmt an die fünf Meter hohe Fieberakazie unter sich, pflügt sich durch den Sand und rumpelt auf der anderen Seite des Flusses wieder in die Steppe hinaus. Wipf wendet den Wagen und fährt schnurgerade auf Jills Suzuki zu. Millimeter bevor der Bedford in den Fluß kippt, hält Wipf den Wagen an und springt aus der Fahrerkabine des Bedfords. Er löst bei laufendem Motor die Seilwinde und marschiert mit dem Abschlepphaken und Stahlseil zu Jills Wagen, hängt den Haken in die dafür vorgesehene Öse und eilt zum Lastwagen zurück. Er legt, immer in Eile, als ob er unter Zeitdruck stände, bei der Seilwinde einen Hebel um und reißt den Mietwagen aus dem Sand, zieht ihn, trotz der blockierten Räder, durch den Fluß die Böschung hoch bis zu seinem Lastwagen, wo die mittlerweile wieder munteren Touristen Wipfs jüngste Heldentat johlend und begeistert feiern.

Mettler beobachtete fasziniert und verärgert zugleich die verschiedenen Reaktionen Wipfs, um schließlich mehr für sich als zu Tetu zu murmeln, sich für seine mißgünstige Bemerkung schon schämend, bevor er sie richtig formuliert hat: «Großartig, unser Wipf. Der Safariabenteurer, Exrennfahrer, Tierfilmer und Trophäenjäger; der ‹Jäger›, der sich im Busch auskennt und alles kann und weiß.»

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Gatunki i tagi

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Objętość:
200 str. 1 ilustracja
ISBN:
9783038551102
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Bookwire
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