Czytaj książkę: «Langeooger Dampfer»

Czcionka:

Peter Gerdes

Langeooger Dampfer

Inselkrimi


Zum Buch

Unter Volldampf Kurz vor Beginn der ersten Langeooger Dampfertage wird am Inselstrand ein Toter gefunden – brutal ermordet. Das Opfer, der junge Robin Seefeld, war als Linker und Umweltaktivist bekannt und längst nicht bei jedem beliebt. Sein Geld verdiente er sich nicht allein mit dem Verkauf von Kunstobjekten aus Strandgut, er handelte auch mit billig kopierten E-Zigaretten, sogenannten „Dampfern“. Inseljournalist Marian Godehau versucht zu ergründen, wer sich eine derart ungewöhnliche Mordmethode ausgedacht hat – und warum. Bei seinen Recherchen stößt er nicht nur auf historische Parallelen, sondern kommt auch schon bald Hauptkommissar Stahnke in die Quere. Ihre alte Rivalität flammt wieder auf. Und nicht nur die …

Peter Gerdes, 1955 geboren, lebt in Leer (Ostfriesland). Er studierte Germanistik und Anglistik, arbeitete als Journalist und Lehrer. Seit 1995 schreibt er Krimis und betätigt sich als Herausgeber. Seit 1999 leitet Peter Gerdes die »Ostfriesischen Krimitage«. Mit seiner Frau Heike betreibt der Autor die Krimi-Buchhandlung »Tatort Taraxacum« in Leer.

Impressum

Immer informiert

Spannung pur – mit unserem Newsletter informieren wir Sie

regelmäßig über Wissenswertes aus unserer Bücherwelt.

Gefällt mir!

Facebook: @Gmeiner.Verlag

Instagram: @gmeinerverlag

Twitter: @GmeinerVerlag

Besuchen Sie uns im Internet:

www.gmeiner-verlag.de

© 2020 – Gmeiner-Verlag GmbH

Im Ehnried 5, 88605 Meßkirch

Telefon 0 75 75 / 20 95 - 0

info@gmeiner-verlag.de

Alle Rechte vorbehalten

3. Auflage 2020

Lektorat: Claudia Senghaas, Kirchardt

Herstellung: Julia Franze

E-Book: Mirjam Hecht

Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart

unter Verwendung eines Fotos von: © peno – penofoto.de / stock.adobe.com und © Gouwenaar, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:20180605_kop_met_drietand_door_Georg_Willms_en_museumschip_Prinz_Heinrich_Leer.jpg

Druck: CPI books GmbH, Leck

Printed in Germany

ISBN 978-3-8392-6574-1

Haftungsausschluss

Personen und Handlung sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen

sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

1.

»He, nein! Hör auf, ich bitte dich. Nein, Schluss jetzt. Lass das!«

Sie schlug seine Hand beiseite. Es war mehr ein Klaps als ein Schlag. Sie wollte ja nicht, dass er es wirklich sein ließ … nein, ganz und gar nicht. Nur eben jetzt und hier, da passte es nicht.

Schon wieder waren seine Hände überall. Verdammt, wie viele Hände hatte denn so ein Mann? Sie lachte kehlig. »Lass das, hab ich gesagt! Guck doch, die ganzen Leute.«

»Na und? Lass sie doch gucken, die ganzen Leute.« Seine Pranken lagen jetzt auf ihren Hüften, tasteten durch das locker geschlungene Seidentuch nach dem Gummibund ihres Bikinihöschens und zogen sie gleichzeitig näher an sich heran. Regte sich da etwa schon was in seinen Badeshorts? Der Bursche hatte auch überhaupt kein Timing!

Von oben stießen seine gespitzten Lippen herab wie der Schnabel einer Raubmöwe. Geschickt bog sie sich rückwärts, ließ ihn ins Leere schmatzen. »Echt jetzt mal. Doch nicht hier!«

»Was hast du denn?« Seine gerunzelte Stirn ließ vermuten, dass diese Frage ernst gemeint war. »Alle kleinen Kinder sind doch schon im Bett. Glaub nicht, dass hier irgendjemand schockiert ist! Höchstens neidisch.«

Sie entwand sich seinem Griff, hielt ihn mit dem Hüftknochen seitlich auf Distanz. Warum gab es nie einen Wasserschlauch, wenn man dringend einen brauchte!

Wenigstens stellte sie dabei fest, dass das da in seinen Badeshorts nicht das war, was sie befürchtet hatte. Sondern bloß seine E-Zigarette. Vielmehr seine Dampfe, wie jetzt alle sagten. Oder sein Dampfer.

Dieser Typ war ja ein ganz leckeres Kerlchen, fand sie. Recht groß, feste Disco-Muskeln, nicht allzu geschmacklos tätowiert. Alle Haare ab, soweit sie sehen konnte. Gefiel ihr gut. Konnte man direkt mal antesten.

»Komm, lass uns von der Höhenpromenade runter«, sagte sie. »Zu viele Spaziergänger, das kann noch stundenlag so gehen.« Sie griff nach seinem Handgelenk, zog ihn mit wie ein Riesenkind. »Gehen wir runter an den Strand, ja? Da ist jetzt nichts mehr los.«

»Du willst doch wohl jetzt nicht mehr schwimmen gehen?«, maulte er. »Wird schon dunkel, die Badeaufsicht ist längst weg.«

»Wer redet denn von schwimmen?«, erwiderte sie gurrend.

Sie dirigierte ihn den Strandzugang hinab, erst über die sandigen Planken, dann durch den feinen, tiefen Sand, der die Wärme des vergangenen Tages in sich trug. Ein herrlich heißer Sommertag war das gewesen; im Frühstücksfernsehen hatten sie Festländer gezeigt, die in den aufgeheizten Städten nach Kühlung lechzten. Hier an der Küste, auf der Insel, gab es Wasser und Wind, hier war alles wunderbar. Vor allem am Strand.

Das sahen auch andere so, stellte die Frau fest, als sie unterhalb der Randdünen angelangt waren. Überraschend viele Menschen trieben sich um diese Zeit hier herum, plaudernd, lachend, Frisbees werfend. Hier waren sie zu dicht am Ort, es war eindeutig zu viel los für das, wonach ihnen beiden der Sinn stand.

»Komm!« Sie dirigierte ihn nach Osten, weiter weg von den ortsnahen Gefilden. Sie kannte sich aus auf Langeoog, sie lebte schon eine Weile hier und wusste, dass es jenseits des Pirolatals am Strand deutlich ruhiger zuging, selbst tagsüber, wenn alle Strandkörbe besetzt und alle Beachvolleyballnetze umlagert waren. Noch ein paar Minuten Fußmarsch, schätzte sie, dann konnten sie ungestört zur Sache kommen.

»Wo willst du hin?« Der Typ schritt nicht so willig aus, wie sie sich das vorgestellt hatte. Wie hieß er überhaupt? Sie konnte sich gar nicht erinnern, ob er sich vorgestellt hatte. Dabei war er doch ziemlich flink mit der Zunge.

»Weiter da hinten hin.« Sie legte ihren Arm um seinen Oberkörper, schmiegte ihre Taille an seine Hüfte. Fühlte sich gut an, fand sie, und so ließ er sich noch besser dirigieren.

»Da hinten ist aber gesperrt«, wandte er ein. »Da sind Aufspülungen. Diese und nächste Woche noch, heißt es. Weil so viel Sand weggerissen worden ist letzten Winter. Da darf keiner hin, bis sich der neue Sand gesetzt hat. Ist viel zu weich im Moment.«

»Na und? Umso besser!« Sie schob und drängte ihn weiter. »Wenn da keiner hin darf, dann ist da wohl auch keiner. Und weich ist doch gut, oder?«

Der Osthimmel, auf den sie zugingen, war fast vollkommen dunkel; kein Mond, und aufziehende Wolken verhüllten mehr und mehr Sterne. Sie orientierten sich am Glitzern des Brandungssaums und an den tiefschwarzen Kernschatten der Dünen. Dann tauchten ebenso schwarze, bizarre Monster vor ihnen auf. Ehe sie erschrecken konnte, lief sie in eine weiche Sperre aus Flatterband.

»Ab hier ist Baustelle«, sagte der Mann, die Stimme unwillkürlich gedämpft. »Das da sind Baumaschinen. Komisch, so etwas auf einer autofreien Insel.« Er war wirklich gut informiert für einen Festländer.

Sie hob das Absperrband, lenkte ihn zum Fuß der Dünen. »Siehst du«, hauchte sie, »kein Mensch da.« Sie schob und drehte ihn sich zurecht, ließ ihre Finger über seine Haut, seine Muskeln wandern. Die Vorfreude ließ sie nach Luft schnappen.

Auch seine Hände waren wieder da, waren überall. Weg war das Tuch, das sie sich umgeschlungen hatte, um ihre Oberschenkel vor der Sonne zu schützen, weg war ihr Top. Und im nächsten Moment auch ihr Bikini. Himmel, wie viele Hände hatte dieser Mann?

Sie ließ sich in den Sand sinken, der so weich war wie vermutet, ahnte den Mann mehr über sich, als dass sie ihn sah. Wieder waren seine Hände überall. Oh, er kannte sich aus, er wusste, wie das ging!

Aber nein. So ging das nicht, das war zu schnell, das war noch nicht dran. Und außerdem – warum so kalt?

»Lass das!«, zischte sie. »Nimm deine Hand da weg!«

»Was? Wieso?« Er verharrte, die eine Hand auf ihrem Bauch, die andere an ihrer linken Brust.

Und die dritte, die eiskalte, an der Innenseite ihres Oberschenkels.

Verdammt, wie viele Hände …

Ihr schriller Schrei hallte von den Dünen wider. Er wollte kein Ende nehmen.

2.

»Abschuss!«

Ein breiter Schatten fiel vor Marian auf den Schreibtisch. Der Journalist fuhr erschrocken zusammen.

»Abschuss! Sag mal, geht’s noch?«

Marian fühlte seinen Herzschlag stocken. Eine böse Ahnung überkam ihn. Doch nicht etwa …? Der Schweiß brach ihm aus.

»Abschusskundgebung! Abschuss! Nun guck dir das bloß an! Wie konnte das denn passieren?«

Marian ließ seinen Bürostuhl herumschwingen. Gegen die Morgensonne war nur eine stämmige Silhouette zu erkennen, eine mit Schifferkrause und Schiffermütze, die ihm den einmaligen Blick auf die Randdünen verstellte. Den Ausblick, der einen der Pluspunkte seines Jobs darstellte.

Diese Silhouette war ein deutlicher Minuspunkt. Ein großer dazu.

Ein dicker Zeigefinger mit breitem Nagel stieß wieder und wieder auf die gerade ausgelieferte Ausgabe des »Langeooger Inselboten«, dass es knallte und das Zeitungspapier Risse bekam. In Höhe der Aufmacher-Schlagzeile. »Abschlusskundgebung der Umwelttage: Appell gegen Plastikmüll im Meer«, hatte Alleinredakteur Marian Godehau gestern Abend getextet.

Nein, hatte er nicht. Da stand tatsächlich »Abschusskundgebung«.

»Das war auf den letzten Drücker«, stammelte Marian. »Du hast den Text sehr spät geliefert, da wurde es knapp mit dem Andruck.«

»Eine lahmere Ausrede hast du wohl nicht!«Ocko Onken, umtriebiger Insulaner, halbwegs des Schreibens kundig und damit Marian Godehaus wichtigster freier Mitarbeiter, ließ den zerknitterten »Inselboten« fallen, als wäre ein fauler Fisch darin eingewickelt. »Da notiert man sich alles und schreibt, bis einem die Finger abfallen, und was ist? Du legst mir solch ein Ei ins Nest! Weißt du eigentlich, wie peinlich das ist? Wie stehe ich denn jetzt da!«

Ja, peinlich, allerdings, dachte Marian, während er sich um einen zerknirschten Gesichtsausdruck bemühte. Peinlich, dass sein Zeilengeld-Etat dermaßen knapp bemessen war, dass er sich qualifiziertere Mitarbeiter als den alten Ocko Onken nicht leisten konnte. Dass er vielmehr froh sein durfte, wenigstens den zu haben, und ihn mit Samthandschuhen anfassen musste, um ihn nicht zu verlieren. Das war peinlich! Ein weiterer dicker Minuspunkt seines Jobs.

Plus und minus. Als Alleinredakteur war er stets und ständig auf sich allein gestellt, aber er war eben auch sein eigener Herr. Und solange sich Ocko Onken und ein paar andere freie Mitarbeiter seines Kalibers mit wenig Geld und vielen guten Worten zufrieden gaben und sich über Ego-stärkende Namenszeilen über belanglosen Artikeln auf hinteren Seiten zwischen fetten Anzeigen freuten, solange hatte er die Hände frei für Dinge, die ihn wirklich interessierten. Zum Beispiel die engagierten Umweltschützer, die ihre internationale Konferenz auf der Insel abhielten. Über die hatte er zwei schöne Hintergrundberichte verfasst. Die Abschlusskundgebung zum Thema Vermüllung der Meere war reine Formsache gewesen, deshalb hatte er Ocko Onken dort hingeschickt.

Vielmehr zur Abschusskundgebung.

»Und wie willst du dich bei unseren Lesern für solch eine Panne entschuldigen?«, polterte Onken weiter. »Eine Richtigstellung ist wohl das Mindeste! Aber komm bloß nicht auf die Idee, dich mit Arbeitsüberlastung oder Zeitdruck rauszureden!«

Logisch, dachte Marian, das wäre zwar die Wahrheit, aber die geht ja keinen etwas an. Als ob die Arbeitszeiten eines Alleinredakteurs nicht jeden Tarif sprengen würden! Daran würde auch die geplante europaweite Arbeitszeiterfassung nichts ändern. Dafür gab es ja Kunstgriffe. Er konnte seine Chefredaktion auf dem Festland schon hören: »Zu dieser Veranstaltung wären Sie sowieso gegangen, das kann man nicht als Überstunden werten! Dafür gehen Sie doch nächstens wieder mal während der Arbeitszeit zum Friseur.« Na vielen Dank. Wann denn sonst? Etwa nach Feierabend? Dann hatte kein Friseur der Welt mehr geöffnet. Höchstens in Australien.

»Was grinst du so?«, fragte Onken.

»Ich dachte nur, ich verpacke die Richtigstellung in eine Glosse«, erwiderte Marian. »Glossen werden gelesen.«

»Damit’s auch der Letzte mitkriegt«, grummelte Onken. »Und sonst? Womit willst du die Leser in der morgigen Ausgabe davon abhalten, uns ihre Abos vor die Füße zu werfen?«

»Polizeieinsatz bei Randaleparty in den Dünen«, referierte Marian. »Zwei Leichtverletzte bei Schlägerei vor dem ›Dwaarslooper‹. Und eine Anzeige wegen Zeigens mutmaßlich verfassungsfeindlicher Symbole.«

»Lauter Polizeimeldungen.« Onken schnaubte verächtlich. »Die könnte Lüppo Buss gleich selber schreiben! Etwa nichts Eigenes dabei?«

»Doch. Großer Vorbericht über die ›Langeooger Dampfertage‹.« Den Aufmacher hatte Marian sich längst zurechtgelegt: »Die ›Prinz Heinrich‹ erstmals im Langeooger Hafen. Spannende Geschichte über die bewegte Vergangenheit dieses Schiffs. Und darüber, wie eine Gruppe von Rentnern und anderen Freiwilligen in jahrelanger Arbeit aus einem Wrack ein seetüchtiges Schiff gemacht hat.« Er ließ eine Serie von Fotos über seinen Bildschirm laufen. »Zu diesem Thema fällt für dich bestimmt die eine oder andere Geschichte ab.«

»Soso.« Ocko Onken stampfte in der Redaktionsstube auf und ab und tat so, als mustere er die abgelegten Ausgaben des laufenden Jahres und den Inhalt des Posteingangskörbchens. Dann verabschiedete er sich mit einem Grunzen und rumpelte die Holztreppe hinab zur Geschäftsstelle und zur Anzeigenberatung. Von dort drang der verlockende Duft frisch aufgebrühten Kaffees zu ihm in den ersten Stock. Ob die Kolleginnen diesen Köder bewusst ausgeworfen hatten?

Marian ignorierte das Kaffeearoma und stellte sich ans halb geöffnete Fenster, sog die herrlich frische, leicht salzige Luft tief ein und genoss den geliebten Ausblick über die Dünen.

Über die Dünen und einen Teil der Straße. Die Bewegung dort unten drängte sich ganz automatisch in sein Bewusstsein. Was war denn da los?

Auf den ersten Blick nicht viel; ein Grüppchen Menschen, offenbar gerade am Bahnhof eingetroffen, eilte vorbei. Vier Männer, zwei Frauen, mit Taschen und Aluboxen. Keine Rucksäcke, keine Rollkoffer. Was aber wirklich ungewöhnlich war, waren die Mienen dieser Menschen: angespannt, verkniffen, entschlossen. So guckten keine Urlauber, und auch Leute, die aus dienstlichen Gründen auf die Insel kamen, standen selten so unter Stress – oder stellten ihn jedenfalls nicht so deutlich zur Schau. Das taten höchstens Insulaner zur Hochsaison. Und das da waren bestimmt keine Langeooger.

Schon waren sie verschwunden. Was tun, überlegte Marian – hinterher?

Das Telefon nahm ihm die Entscheidung ab. Lüppo Buss war dran. »Ich dachte, ich informiere dich gleich, ehe du es aus anderer Quelle erfährst«, sagte der Inselpolizist. »Und ehe die Blutblätter vom Festland ihre Geier schicken.«

Schnell anschwellender Lärm verschluckte seine nächsten Worte. Ein Hubschrauber dröhnte über die kleine Redaktion hinweg, so dicht, dass Marian unwillkürlich den Kopf einzog.

»Höhe Pirolatal. Du beeilst dich besser«, war das Letzte, was Marian hörte, als er wieder hören konnte. Dann beendete Lüppo Buss das Gespräch.

3.

Zuerst dachte Marian, der Inselpolizist wollte ihn heranwinken. Erst als er fast an der Absperrung war, erkannte er die Fliegenschwärme, gegen die Lüppo Buss mit seiner Dienstmütze ankämpfte wie Don Quijote gegen Windmühlen. Ebenso erfolglos.

Auch am frühen Vormittag hatte die Sonne allerhand Kraft, der Weg durch den weichen Sand war recht weit gewesen, der schwache Seewind kühlte kaum, und Marian war nicht der Fitteste. Sein Gesicht glänzte vor Schweiß, die Locken klebten ihm auf der Stirn, und von seinem struppigen Bart ging ein mörderischer Juckreiz aus. Unter seinen Achseln fühlte es sich heiß und glitschig an. Marian hatte das Gefühl, dass die beiden Frauen des Kriminalistenteams vom Festland ihn abfällig musterten.

Umso erfreuter reagierten die Fliegen auf seine Ankunft. Marian hatte seinen Notizblock eigentlich aus anderen Gründen gezückt, jetzt musste er als Klatsche herhalten.

Das wahre Objekt der Fliegenbegierde lag jedoch in einer Sandkuhle, von einem flüchtig aufgeworfenen Ringwall umgeben, der nach Kinderbelustigung aussah und doch alles andere war als das. Gebeugte Rücken in weißen Overalls umringten einen Leichnam. Einen männlichen, wenn Marian die rötlichen Fusseln an Kinn und Wangen richtig deutete.

Über all dem lag ein undefinierbarer Geruch. Eindeutig unangenehm, aber so schwach der Seewind auch war, er verhinderte, dass Marian den Geruch einordnen konnte. Vage bekannt – aber woher?

Noch mehr kam ihm bekannt vor. Seine erste Frage an Lüppo Buss blieb Marian im Halse stecken. »Wer ist – ich meine, ist das nicht … doch nicht etwa …«

»Robin Seefeld.« Der Inselpolizist setzte sich seine Dienstmütze auf, prüfte den korrekten Sitz des Mützenschirms mit der Handkante, um sich die Kopfbedeckung im nächsten Moment in den Nacken zu schieben. Der Mückenschwarm hatte sich wieder der Kuhle zugewandt.

»Verdammt.« Marian schlug sich den Notizblock gegen die Stirn, aber was er dort gespürt hatte, war keine Fliege gewesen, sondern eine Schweißperle. »Also deshalb. Und ich hatte mich schon gefragt …« Er verstummte.

»Was hattest du dich gefragt?« Lüppo Buss zog die borstigen Augenbrauen über der Nasenwurzel zusammen und fixierte den Journalisten scharf. »Los, raus damit! Irgendwas Sachdienliches?«

»Nee.« Marian schüttelte den Kopf und schluckte trocken. »Ich hatte mich nur gefragt, warum er gestern nicht dabei gewesen ist. Er als Grüner, ich hatte gedacht, da kommt er bestimmt hin.«

»Wohin? Was meinst du?«

»Na, zu der internationalen Umweltkonferenz gestern! Er war aber nicht dort. Und auf der Abschlusskundgebung auch nicht, sagt Ocko Onken.«

Der Inselpolizist lachte auf, überraschend und so laut, dass der Fliegenschwarm aufstob wie Rauch. »Du meinst wohl die Abschusskundgebung!«

Missbilligende Blicke des Tatortteams beendeten Lüppo Buss’ Heiterkeitsausbruch. Auch Marian schwieg betreten. Nur ein paar Möwen hoch über ihnen stießen unbeeindruckt ihre Schreie aus.

Robin Seefeld also. Noch keine 24 Jahre. Gebürtiger Langeooger, auf der Insel bekannt wie ein bunter Hund. Gewitztes Kerlchen, immer schon gewesen. Als Schüler hatte er angefangen, aus Strandgut Kunstobjekte zu fertigen und an Touristen zu verkaufen; die meiste Arbeit hatte er dabei darauf verwandt, sich fantasievolle Namen für die Fundstücke auszudenken. Später, als der Besuch des Internatsgymnasiums in Esens seine Anwesenheit auf der Insel einschränkte, hatte er jüngere Kinder dafür bezahlt, die Strände Langeoogs nach geeignetem Plunder abzusuchen. Gering bezahlt, gemessen an seinen Erträgen. Die hatten Neider auf den Plan gerufen; immerhin gab es Händler auf der Insel, die ähnliche Geschäfte professionell betrieben. Und Steuern zahlten. Wer von denen Robin Seefeld verpfiffen hatte, kam nie heraus. Vielleicht, weil Lüppo Buss die Anzeige verschleppte und Fusselbart Robin längst andere Einkommensquellen gefunden hatte. Nach dem Abitur hatte Seefeld ein Studium in Oldenburg aufgenommen. Was genau? Marian konnte sich nicht erinnern. Irgendwas mit Umwelt? Oder doch eher BWL, was all die studierten, die nichts mit sich anzufangen wussten? Obwohl, das traf auf Robin eher nicht zu.

Hatte nicht auf ihn zugetroffen, korrigierte sich Marian. Robin Seefeld war tot, dort drüben lag seine Leiche. Und stank. Ja, das konnte man riechen, deutlich sogar, wenn der Wind eine kleine Pause einlegte. Nicht nur als Fliege.

Marian hatte schon früher Leichen gerochen. Dieser Geruch war irgendwie – anders.

»Wie lange liegt er da schon?«, fragte er.

Der Inselpolizist zuckte mit den Achseln. »Ein bis zwei Tage, grob geschätzt. Auf die nähere Eingrenzung warte ich noch.« Mit einem Nicken deutete er auf eine der beiden weiß gekleideten Frauen. Sie hatte sich die Kapuze ihres Einwegoveralls so eng ums Gesicht geschnürt, dass selbst Unterlippe und Augenbrauen darin verschwanden. Unter ihrer Nase glitzerte es. Schweiß oder Heilpflanzenöl?

»Wurde er umgebracht?«, fragte Marian.

»Was denkst du denn?«, schnauzte Lüppo Buss. »Glaubst du, der hat sich selber im Sand verbuddelt?«

Oha, dachte Marian, kurze Zündschnur heute. Da war Vorsicht geboten, sonst setzte es einen Platzverweis. Wenn man Lüppo reizte, kannte der keine Verwandten. Und Freunde auch nicht.

»Könnte ja auch ein Unfall gewesen sein«, stocherte er trotzdem weiter.

»Nein.« Der Inselpolizist verschränkte die kräftigen Unterarme. Deren Muskelspiel wirkte bedrohlich.

»Und … wie … ist es passiert?« Marian setzte seine Worte behutsam und zögernd. Wie Schritte in einem Minenfeld.

»Erstickt«, sagte Lüppo Buss, unterbrach sich dann aber selbst, runzelte die Stirn, schüttelte den Kopf. »Offiziell sage ich nichts dazu. Schon gar keine Details. Täterwissen, du verstehst? Bei diesem Stand der Ermittlungen …«

Du bist gut, dachte Marian. Stand der Ermittlungen! Wohl mehr Stand als Ermittlung. Lüppo konnte froh sein, dass es hier keinen Treibsand gab.

»Apropos«, hakte der Journalist nach, »wer ermittelt denn? Leitest du selbst, oder schicken sie dir wieder einen?«

Die Miene des Inselpolizisten versteinerte. Seine Hände ballten sich zu Fäusten, die Muskeln seiner kräftigen Unterarme traten hervor wie Taue. Er schwieg, aber eine Antwort war auch gar nicht nötig. Natürlich bekam Lüppo Buss wieder einen vor die Nase gesetzt, einen Höherrangigen vom Festland, wie immer, wenn es um mehr ging als Diebstahl, Sachbeschädigung oder leichte Körperverletzung. Marian wusste, wie sehr Lüppo unter diesen ständigen Zurücksetzungen litt. Aber den Mut, einen Fall einfach an sich zu reißen und seine Vorgesetzten mit schnellen Ergebnissen vor vollendete Tatsachen zu stellen, hatte er auch nicht.

Noch schien dieser Außerinsulanische aber nicht vor Ort zu sein. Zu dem weißgekleideten Team, das aus den Kriminaltechnikern und der Ärztin bestand, gehörte er jedenfalls nicht.

Marian musterte die Strandszenerie. Was für eine riesige Baustelle! Die gewaltigen Rohrleitungen und die mächtigen Maschinen passten so gar nicht zum Image einer autofreien, erholsamen und familienfreundlichen »Insel fürs Leben«, wie Langeoog offiziell beworben wurde. Aber was sollte man machen? Die Herbst- und Winterstürme hatten der Insel stark zugesetzt, Strand und Dünen beschädigt und die wertvolle unterirdische Süßwasserlinse bedroht, von der die Wasserversorgung der Bevölkerung mitsamt den Massen geldbringender Touristen abhing. Da mussten Gegenmaßnahmen ergriffen werden, und das ging nur bei zuverlässig ruhigem Wetter. Also jetzt.

Dem Mörder schien das gut zupassgekommen zu sein, überlegte Marian. In diesem frisch aufgeschütteten, weichen Sand war eine Kuhle schnell gebuddelt. Vermutlich war der Täter davon ausgegangen, dass dieses Inselgrab mit weiteren Sandschichten überspült und dauerhaft versiegelt werden würde. Dann wäre es frühestens nach den nächsten schweren Winterstürmen entdeckt worden.

»Wer hat den Toten überhaupt gefunden?«, fragte Marian.

Wenn Oberkommissar Buss darauf hätte antworten wollen, dann wären ihm die Worte buchstäblich von den Lippen gerissen worden, denn wie aus dem Nichts dröhnte plötzlich ein Hubschrauber im Tiefflug über sie hinweg. Vermutlich wieder der von vorhin, dachte Marian, aber erkennen konnte er das nicht. Ehe er seinen Notizblock hochgerissen hatte, bekam er schon eine Ladung Sand in die Augen. Lüppo Buss verbarg sein Gesicht hinter seiner Dienstmütze.

»Diese Geier!«, schrie der Inselpolizist, als er sich wieder verständlich machen konnte. »Wundert mich, dass sie so lange gebraucht haben, um den Tatort ausfindig zu machen. Gibt doch Millionen von Amateurspitzeln, die für die arbeiten! Jetzt wissen sie jedenfalls, wo wir sind. Dauert nicht mehr lange, und sie fallen über uns her. Aber meine beiden Zeugen, die werfe ich denen nicht zum Fraß vor.« Lüppo Buss schnaubte Marian so wütend an, als könnte der etwas für seine Kollegen von der Sensationspresse: »Dir auch nicht! Schlag dir das aus dem Kopf.«

Ungerecht, dachte Marian. Er hasste Ungerechtigkeit. Hatte er sich nicht in all den Jahren seines Inselexils um Fairness bemüht, Anstand und Fairness gegenüber allem und jedem, die Polizei eingeschlossen? Und so wurde ihm das gedankt. Zack, hinein in denselben Topf wie die Schlagzeilenschmiede von der Blutzeitung. War das etwa fair? Nein, war es nicht!

Aber er hielt lieber den Mund. Beschwerden nützten gar nichts, das wusste er aus bitterer Erfahrung. Nicht, wenn Lüppo so aufgebracht war wie jetzt. Da hieß es warten. Launen kamen und gingen, vor allem bei einem aufbrausenden Charakter wie dem des Oberkommissars, und in einer Stunde oder so sah alles schon wieder anders aus.

Außerdem, dachte Marian, habe ich noch andere Quellen.

Eine Frage stellte er trotzdem: »Schon Tätervermutungen? Hatte Robin Seefeld Feinde?«

Wider Erwarten polterte der Inselpolizist nicht, sondern grinste Marian breit an. »Ein umweltschützender Grüner im tourismusintensiven Inselparadies? Mitten im höchst umstrittenen Nationalpark? Was sollte der wohl für Feinde haben? Wo denkst du hin! So einer wird hier doch auf Händen getragen.«

Sarkasmus, dachte Marian, muss Lüppo noch üben. Das hat er noch nicht richtig drauf. Vor allem sollte er die Hände still halten, wenn er von Händen redet. Und nicht so tun, als wollte er gerade jemanden erwürgen.

Er grüßte und wandte sich ab. Nicht mehr lange, und die Meute der Sensationsschreiber, Leichenknipser und Katastrophenfilmer würde den Sand zertrampeln. Ganz zu schweigen von den vielen gaffenden Handyschwingern, die sämtliche Netzwerke mit Voyeurs-Futter vollferkeln würden. Dann wollte er lieber woanders sein.

Nämlich an seinem Arbeitsplatz.

4.

»Kiek, dor is all weer so’n ollen Damper«, krächzte Klaas Reershemius mit angewidertem Gesichtsausdruck.

»Damper?« Harm Bengen reckte den dürren, faltigen Hals und ließ seinen Kopf ein paar Zentimeter höher als sonst wackeln. »Kannst du von hier aus doch gar nicht sehen!« Er rückte seine flaschenbodendicken Brillengläser zurecht: »Oder meinst du den Rauch?«

»Klar mein’ ich den Rauch«, zickte Reershemius zurück, das spitze Kinn kampflustig vorgestreckt. »Oder vielmehr den Dampf. Heißt doch nicht umsonst Dampfer.«

»So’n Dampfer produziert ja nun beides«, mischte sich Bodo Schmidt ein. »Der Rauch kommt vom Feuer, und der Dampf – na ja, der irgendwie auch.«

»Sehen kann ich aber immer noch nix. Weder noch.« Harm Bengen zog seinen Hals zurück in den Kragen, was irgendwie an ein U-Boot-Periskop und an eine Schildkröte zugleich erinnerte. »Der Hafen ist von hier aus ja viel zu weit weg.«

»Himmel hilf!« Reershemius schlug sich mit der flachen Hand an die Stirn; es klatschte nicht, es raschelte. »Ich rede doch nicht von Dampfschiffen, ich meine diese Heinis, die neuerdings egalweg an ihren Apparaten nuckeln! Guck, da ist schon wieder so einer! Na, seht ihr den Dampf jetzt?«

Die Langeooger Inselbahn hatte gerade eine neue Ladung Feriengäste ausgespuckt; der erste Schwung von ihnen hatte sich auf den Weg ins Dorf gemacht, mit Rucksäcken beladen und quietschende Rollkoffer im Schlepp, die sie als Handgepäck deklariert und eigenhändig auf die Fähre und in den Zug gewuchtet hatten. Die übrigen Passagiere sorgten an der Gepäckausgabe für das übliche Chaos, aus dem ärgerliche Kommentare und wütende Schreie herausstachen. Ungehaltene Ordnungsrufe über die Bahnsteiglautsprecher verhallten unbeachtet. Diejenigen Touristen, die sich ihre Koffer erkämpft hatten, zogen in einem unregelmäßig plätschernden Strom an der Sitzbank der drei Rentner vorüber.

Kaum einer der Neuankömmlinge hatte eine Hand frei und überschüssiges Lungenvolumen für eine Zigarette. Nur ganz vereinzelt stiegen Rauchwölkchen auf. Und hier und da eine weit dichtere Wolke, eine, die überwiegend aus Dampf zu bestehen schien.

»Ach so!« Bodo Schmidt war gewöhnlich einigermaßen informiert, darauf hielt er sich viel zugute. »Du meinst die E-Zigaretten!«

»Zigaretten?« Der alte Reershemius kniff die Augen zusammen. »Das da ist doch keine Zigarette! Sieht eher aus wie – weet ick ook neet. Ein Adapter vielleicht?«

Harm Bengen lachte gehässig: »Adapter! Da hast du auch mal was aufgeschnappt, was? Seitdem ist alles, was du nicht kennst und was irgendwie elektrisch aussieht, ein Adapter! Ha!«

Reershemius zischte wütend und versuchte, mit seinem Krückstock nach Bengen zu schlagen. Das ging aber nicht, weil der dicke Schmidt zwischen ihnen saß. Also ließ er es sein.

»Was heißt denn elektrisch«, murrte er stattdessen. »Kann doch nicht elektrisch sein! Guck mal, der geht da mit dem Mund dran! Und dann saugt er. Mann, das hört man bis hier! Also wenn das elektrisch wäre, dann würde er einen gewischt kriegen.«

»Ist es aber«, intervenierte Bodo Schmidt. »Das Ding ist ein Verdampfer, der funktioniert mit Batterie. Das Zeug da drin, das sind Liquids. Gibt’s mit oder ohne Nikotin. Soll ja viel gesünder sein, als sich den ganzen Teer durch die Lunge zu pfeifen.« Er nickte gravitätisch. Die Bahnhofsbank, auf der sie saßen, geriet in Schwingungen.

»Guck mal, jetzt füllt er nach!«, rief Reershemius aufgeregt. »Mit so einer Flüssigkeit. Von wegen Liquids!«

»Liquids sind flüssig!«, stöhnte Schmidt.

Reershemius hörte gar nicht zu. »Hat ja ’nen richtigen Tank, das Ding, wie ein Außenborder! Einer mit Benzin. Seid ihr sicher, dass das elektrisch ist?«

Ein junger Mann schlurfte vorbei, wohl ein Tagesgast, denn außer seinem kleinen Rucksack hatte er kein Gepäck dabei. Sein Kinn lag fast auf dem Brustbein, sein Blick hing an seinem Smartphone wie angetackert. Mit der linken Hand schob er sich eine Metallröhre zwischen die Lippen. Es röchelte und schlürfte.

»Drinkt de dar ut?« Reershemius verzog angewidert den zahnlosen Mund. »Watt’n Schwienkram!«

Bodo Schmidt seufzte und wechselte das Thema. »Wo ist Ocko eigentlich schon wieder?«

»Wor sall de denn woll weer wesen?« Harm Bengen seufzte übertrieben laut. »De sitt wall weer achter watt an! Weetst doch, he schrifft nu alltied vör’t Blattje. Vör disse Marion.«

»Marian«, korrigierte Bodo Schmidt. »Ist doch ein Mann.«

»Ach ja?« Bengen zwinkerte hinter seinen dicken Gläsern. »Wo sall ick datt woll weeten? De mit sien lang Haaren!«

»Nun hör bloß auf!«, schnauzte der dicke Schmidt. »Lange Haare mag er ja haben, aber doch auch einen Bart!«

»Na und?« Auf diese Vorlage hatte Harm Bengen nur gewartet: »Een Bort hett Klaas sein Ollsche ook, un de is doch’n Wief, of watt?« Strahlenförmige Lachfalten erschienen rund um seinen Mund und ließen sein Gesicht aussehen wie eine eingeworfene Fensterscheibe. »Of seggst du dat blots so?«

Klaas Reershemius schnappte nach Luft; dieser Hieb hatte gesessen! Meistens nahm die Viererbande von der Bahnhofsbank, ob vollzählig oder nur zu dritt oder zu zweit, die Inselurlauber ins Visier und ließ kein gutes Haar an ihnen. Das hieß aber nicht, dass nicht auch alteingesessene Insulaner ihr Fett abbekamen. Und natürlich die Mitglieder der Viererbande selbst. Keinen Augenblick durfte man die Deckung sinken lassen! Genau das war dem alten Klaas nun passiert, und man sah ihm an, dass er auf Rache sann.

Dazu kam er aber nicht. Eine vierte Person ließ sich auf die Bank plumpsen, nahm den Platz des abwesenden Ocko Onken ein.

»Watt!«, ließ Reershemius den Anschnauzer heraus, der eigentlich für Bengen gedacht gewesen war. Dann jedoch stutzte er. »Watt denn – Kante? Mann! Sieht man sich auch mal wieder!«

Der Neuankömmling grinste und nickte in die Runde. Er war jung, sicher noch keine 30 Jahre alt, seine kurz gestutzten Haare waren ebenso blond wie sein dichter Vollbart, sein Mund war breit und seine Nase kräftig, die schmalen blauen Augen lagen tief in ihren Höhlen. Breite Schultern krönten einen durchtrainierten, trapezförmigen Oberkörper. Die kräftigen Oberarme, die aus einem rot-weiß geringelten T-Shirt ragten, waren tätowiert, links ein Herz mit Anker, rechts ein martialischer Adler. Die ganze Erscheinung dieses Mannes schrie »Seemann!«. Das machte ihn – rein äußerlich – zum perfekten Ersatz für den abwesenden Ocko Onken. Nur eben deutlich weniger als halb so alt.

»Well is dat?«, krächzte Harm Bengen und ruckelte an den Glasbausteinen seiner Brille.

»Das ist Karl Antes«, wiederholte Klaas Reershemius förmlich. »Alle nennen ihn Kante. Wir beide haben drüben in Leer die ›Prinz Heinrich‹ wieder fit gemacht. Ehemaliges Seebäderschiff, wunderschönes Ding! Perfekt restauriert. Wie neu!«

»Ihr beide?« Bengen wackelte mit dem Kopf, stärker als gewöhnlich. »Wie soll das angehen? Da glaub ich kein Wort von!«

Der Neuankömmling lachte. »Natürlich nicht wir zwei alleine«, korrigierte er. »Außer Klaas und mir waren viele weitere Ehrenamtliche beteiligt. Meist Rentner. Ich selber konnte zuerst gar nicht so viel helfen, wie ich wollte. War ja noch Schüler und hatte nur in den Ferien Zeit.«

»Bei uns Alten hat er mehr gelernt als in der dösigen Schule«, behauptete Klaas Reershemius. »Weil wir ja noch wissen, wie man alles selber macht! Die Mechaniker und Techniker heutzutage, die können ja nur noch Ersatzteile aus dem Regal nehmen. Nach Nummern! Und die bauen sie dann da ein, wo der Computer es ihnen sagt.«

Karl Antes lachte, Bengen und Schmidt jedoch nickten ernsthaft und beifällig. Sie besaßen ein fest gefügtes Weltbild, und was Reershemius da eben von sich gegeben hatte, war kein Witz, sondern Teil ihres Glaubensbekenntnisses.

»Damals bin ich ans Festland rübergefahren, so oft es ging«, erinnerte sich Reershemius versonnen. »Hat meiner Frau gar nicht gepasst, weil sich die Arbeiten so lange hingezogen haben. Wie viele Jahre waren das noch, zehn? Oder zwölf?«

Kante zuckte mit den breiten Schultern: »Keine Ahnung. Als ich eingestiegen bin, war die Sache schon länger am Laufen.«

»Wenn zwölf Jahre man reichen!«, krächzte Harm Bengen dazwischen. »Ging doch allerhand schief dabei, oder? Hab ich jedenfalls so gehört. Zog sich hin wie beim Berliner Flughafen! Irgendwann hieß der Dampfer nur noch Prinz Peinlich.«

»Ja, bei Klaas war das genauso!«, dröhnte Bodo Schmidt, der es ebenfalls nicht ertragen konnte, wenn andere im Mittelpunkt standen. »Da haben zwölf Jahre auch nicht gereicht zum Restaurieren! Und guck dir bloß das Ergebnis an. Das nenne ich peinlich!«

Reershemius schüttelte ärgerlich den Kopf. »Hör nicht auf die Döspaddel, Kante«, knurrte. »Erzähl mal lieber, wie ist es dir ergangen? Bist du Schweißer geworden? Das hattest du jedenfalls vor, das weiß ich. Schweißer auf der Leiner-Werft, große Schiffe bauen.«

»Schweißer ja, aber nicht auf der Werft.« Antes grinste breit. »Ich bin quasi die Stammbesatzung der ›Prinz Heinrich‹! Bin Decksmann und verantwortlich für alles, was so anfällt. Ist ja immer noch ein alter Dampfer, auch wenn er aussieht wie geleckt.«

»Klingt eher nach Hausmeister als nach Seemann«, meckerte Bengen. Aber er tat es leise, und die anderen überhörten ihn geflissentlich.

Im nächsten Moment stand der vermisste Ocko Onken vor der Viererbank, die Wangen hektisch gerötet, die Brust pumpend, die Bartkrause zerzaust. Verwirrt schaute er auf seinen Platz auf der Bank und auf den jungen Mann, der ihn einnahm. Seine Lippen bewegten sich stumm.

»Wat is, Ocko?«, schnarrte Harm Bengen. »Du kiekst so vergrellt. Is een dood bleeven?« Er lachte meckernd. Und verstummte abrupt.

»Jo«, keuchte Onken. »Ein Toter. Ermordet.«

Alle stöhnten auf, Bodo Schmidt am lautesten. Dann rief er: »Schon wieder?«

5.

Lüppo Buss hatte kaum den Telefonhörer aus der Hand gelegt, als sich die Tür öffnete. Er wusste, wer da kam, und wappnete sich. Aber dann schaffte er es doch nicht, seine Gesichtszüge unter Kontrolle zu halten.

»Stahnke! Na, nichts los in Leer, dass sie dir schon wieder Erholung an der Seeluft verordnet haben?«

»Moin.« Der massige Mann schob sich in das Polizeibüro An der Kaapdüne, blickte sich um und verzog den Mund. »Hier könntet ihr auch mal streichen«, brummte er. »Wenn ihr schon sonst nichts zu tun habt.« Er griff nach dem Besucherstuhl und schlenzte ihn dichter vor den Schreibtisch mit der auf Hochglanz polierten Platte. »Und Tee gibt es wohl auch nicht mehr.« Ächzend ließ sich der Hauptkommissar auf den Stuhl sinken. Der ächzte zurück.

»Tee, ja?« Lüppo Buss schmunzelte. »Ich wusste doch, dass du nicht zum Arbeiten hier bist.«

»Ganz im Gegenteil. Tee gehört zum Arbeitsmodus. Ich bin Ostfriese, und Ostfriesen laufen auf Tee. Tagsüber jedenfalls.« Jetzt grinste auch Stahnke: »Solltest du doch wissen, alter Inselsheriff.«

Lüppo Buss’ Drehstuhl hatte Rollen, so musste er sich nur kurz mit dem Fuß abstoßen, schon hatte er den kleinen Aktenschrank, der als Anrichte diente, in Reichweite. Der Wasserkocher war gefüllt, er musste nur die Taste drücken. Alles andere war ebenfalls vorbereitet.

Lüppo Buss war glücklich. Und das nicht etwa aus Vorfreude auf den Tee. Es war ihm richtig peinlich, aber als ihm die vorgesetzte Dienststelle vorhin mitgeteilt hatte, dass weder Aurich noch Wittmund ein Team entbehren konnten und man deshalb die Inspektion Leer/Emden um Amtshilfe gebeten hatte, da war es ihm warm den Rücken hinuntergelaufen. Hoffentlich Stahnke, hatte er gedacht, so inständig wie ein Kind vor Weihnachten. Und die Bescherung war gekommen.

»Bis das Wasser kocht, kannst du mich ja auf Stand bringen«, brummelte der breite, stoppelköpfige Mann auf der anderen Seite des Tisches. »Was habt ihr bis jetzt?«

»Robin Seefeld, 23 Jahre, engagierter Umweltschützer, Grüner, als Student in Oldenburg eingeschrieben. Sammelt Strandgut, produziert und verkauft Kunstobjekte. Überwiegend online.« Der Inselpolizist fasste zusammen. Das konnte er gut. Noch ehe der Wasserkocher zu summen und zu brodeln begann, war er mit seinem Abriss fertig.

»Beim Spülfeld also«, wiederholte Stahnke, was Lüppo Buss zum Fundort der Leiche referiert hatte. »Gefährliches Geläuf. Wer da nicht aufpasst, versinkt wie in Treibsand. Unfall ausgeschlossen?«

»Ja, allerdings. Hundertprozentig.« Der Oberkommissar goss das sprudelnd heiße Wasser über die Teeblätter in der bauchigen Kanne und stellte das Teesieb bereit. Beuteltee kam für ihn natürlich nicht in Frage. Kluntjes fielen klingelnd in die Porzellanbecher.

»Weil?«

Lüppo Buss setzte die Kanne heftiger als beabsichtigt auf das Stövchen; es schepperte, der Kannendeckel klirrte. Dann ließ er seinen Drehstuhl herumschwingen, bis er seinem Gegenüber direkt in die wasserblauen Augen schauen konnte. »Weil«, sagte er, »der Tote gefesselt war. Kabelbinder. Weil er eine Reihe von Verletzungen aufwies, alle prämortal. Weil er Würgemale am Hals hatte. Und weil …« Der Oberkommissar unterbrach sich; sein Husten klang unecht.

»Würgemale? Todesursächlich?«, fragte Stahnke. Er spielte das Spiel mit. Lüppo würde schon sagen, was zu sagen war. Alles zu seiner Zeit.

Der Inselpolizist schüttelte den Kopf. »Jemand hat dem Opfer etwas eingeflößt«, sagte er mit heiserer Stimme. Wieder hustete er. Dann schluckte er hörbar. Und schwieg.

Stahnke wartete. Dann fragte er: »Was macht unser Tee?«

»Ach ja.« Wieder schwang sich Lüppo Buss auf seinem Stuhl herum, griff nach Kanne und Sieb, füllte zwei Becher, die so gar nicht dem ostfriesischen Ritual entsprachen. Dafür knisterte es vorschriftsmäßig, als der heiße Tee auf die Kluntjes traf. »Sahne nimmst du dir selbst?«

Stahnke nickte. Es war nicht leicht, in solch einem Becher ein Sahnewölkchen entstehen zu lassen, aber er bekam es hin. Fasziniert blickte er auf das langsam rotierende Etwas. Sahne-Galaxis im Tee-Universum.

Der Hauptkommissar pustete in seine Tasse und zerstörte damit das Bild. »Etwas eingeflößt«, wiederholte er dann. »Was?«

Die Bürotür öffnete sich, und herein schwebte eine Gestalt, die nicht von dieser Welt zu stammen schien. Nicht einmal aus dieser Galaxis. Sahneweiße Haare, vom Inselwind zu einem Wölkchen zerwühlt, krönten ein hageres, braungedörrtes Gesicht, das zu Andy Warhol gepasst hätte, wenn der zu Lebzeiten jemals in die Sonne gegangen wäre. Der restliche Körper schien wahlweise zu einem unterernährten Marathonläufer oder zu einer Mumie zu gehören. Falls nicht zu einem Alien, so wie der Rest.

»Moin, Herr Doktor.« Stahnke betrachtete den Gerichtsmediziner mit der gleichen Faszination wie beim Erstkontakt, der Jahrzehnte zurückliegen musste. »Auch eine Tasse Tee? Sie sehen so aus, als könnten Sie eine Rehydrierung gebrauchen.«

»Mit Vergnügen, Herr Hauptkommissar«, hauchte Dr. Mergner. Seine geisterhafte Stimme schien ihren Ursprung noch eine Galaxis weiter weg zu haben.

Der Inselkommissar goss erst heißes Wasser in die Kanne nach, ehe er einen dritten Porzellanbecher füllte. Dass Stahnke ihm die Gastgeberrolle entrissen hatte, störte ihn nicht. Wichtiger war, dass er durch Mergners Erscheinen eine weitere Rolle losgeworden war. Die des Berichterstatters.

Wie der Doktor es fertig brachte, den heißen Tee lautlos und ohne sich die Lippen zu verbrühen zu trinken, war für Stahnke ein weiteres Faszinosum. Er selbst schaffte das nicht. Andererseits, tröstete er sich, war es auch gar nicht sicher, ob dieses mumifizierte Gesicht überhaupt Lippen besaß. Sichtbare jedenfalls nicht.

»Dem Opfer wurde also etwas eingeflößt«, setzte der Hauptkommissar erneut an. »Was denn? Und war es todesursächlich?« Er nippte an seinem Tee.

»Eine zweiteilige Frage.« Der Gerichtsmediziner blickte über seine erhobene Tasse und die beiden Ermittler hinweg ins Unendliche. »Darf ich die dann auch in zwei Teilen beantworten? Danke.« Er senkte die Lider. »Die dem Opfer eingeflößte Flüssigkeit enthielt unter anderem Formaldehyd, Glutaraldehyd oder auch Pentandial, dazu Bronopol, Quat-Salze und Chlortriazin Adamantane.«

Stahnke prustete in seine Tasse. »Wie bitte? Was ist denn das für ein Giftcocktail?«

»Wart’s ab.« Lüppo Buss zeigte einen gequälten Gesichtsausdruck. »Unter anderem, hat er gesagt.«

»In der Tat.« Mergner fixierte den Inselpolizisten streng: »Es gilt in unserer Kultur als unhöflich, über Anwesende in der dritten Person zu sprechen. Oder, wie es der Volksmund ausdrückt: Er steht im Stall.«

»Im Stall?« Der Oberkommissar brauchte einen Moment: »Ach so, das Vieh. Über das man in der dritten Person spricht. Verstehe.«

Stahnke war gedanklich schon weiter. Irgendetwas an dieser Chemikalienkombination kam ihm bekannt vor. Aber aus welchem Zusammenhang? Dienst, Arznei, Hobby, Freizeit?

Dann dämmerte es ihm. »Apropos Stall«, sagte er: »Bringt uns dieses Stichwort vielleicht der Sache näher, Herr Doktor?«

»In der Tat.« Mergner lächelte beifällig und nur eine Spur herablassend. »Obwohl ausgerechnet tierische Fäkalien nicht mit diesen Stoffen behandelt werden.«

»Sondern menschliche.« Stahnke nickte. »Es handelt sich um die Bestandteile einer Sanitärflüssigkeit, wie man sie zum Beispiel für Campingtoiletten verwendet, stimmt’s?«

»Exakt.«

»Und diese Flüssigkeit wurde dem Opfer also nicht pur eingeflößt, sondern … äh …«

»Quasi nach Gebrauch«, bestätigte Mergner ungerührt. »Und in Mischung mit teils halbfesten Bestandteilen. Das genaue Mischverhältnis …«

Ein Knall unterbrach ihn. Lüppo Buss hatte seine Teetasse hart auf der polierten Platte seines Schreibtisches abgestellt. »Was für eine Sauerei. Eine Riesensauerei! Wer macht denn sowas?« Seine Gesichtsfarbe, sonst eine gesunde Mischung aus braun und rot, spielte ins Grünliche.

»Genau das müssen wir herausfinden«, sagte Stahnke ruhig, aber nachdrücklich. »Denn das ist unser Beruf.« Er fixierte seinen Kollegen unter zusammengezogenen Augenbrauen.

Der Inselpolizist ließ sich gegen die Lehne seines Drehstuhls sinken. Auch sein Blick senkte sich.

Stahnke wandte sich dem Gerichtsmediziner zu: »Sagt Ihnen der Begriff Schwedentrunk etwas?«

Dr. Mergner zuckte die Achseln. »Klingt nach Magenbitter. Nicht gerade meine Geschmacksrichtung.«

Stahnke schüttelte den Kopf. »Was ist bloß aus dem schönen Studium generale geworden? Ein Minimum an Geschichtskenntnissen steht doch jedem gut zu Gesicht, auch einem Mediziner.« Jetzt war er es, der leicht herablassend grinste: »Dabei waren Sie mit Magen doch schon auf der richtigen Fährte.«

Mergner war nicht halb so weltfremd, wie er aussah, und Kombinieren gehörte zu seinen Stärken. Er schnippte mit den Fingern. »Na klar, Schweden, protestantische Partei im Dreißigjährigen Krieg! Einem der grausamsten und verheerendsten Kriege aller Zeiten. Obwohl es doch angeblich ein Religionskrieg war. Unter Christen.«

»Vielleicht gerade deshalb«, warf der Hauptkommissar ein.

»Wie auch immer.« Der Mediziner winkte ab. »Jedenfalls praktizierten die Schweden seinerzeit eine neue Folter- und Tötungstechnik, indem sie ihre Gefangenen mit Jauche und Gülle vollpumpten. So entstand die Bezeichnung Schwedentrunk.Tja, ich muss sagen, die Übereinstimmung ist evident. Bis auf den beigemischten Chemiecocktail natürlich.«

»Ein Schwede?« Lüppo Buss hatte seine Übelkeit niedergekämpft. »Ein Mörder aus Schweden? Hier auf Langeoog? Ist das euer Ernst?« Er breitete die Arme aus: »Ich meine, in den Schwedenkrimis wimmelt es von wahnsinnigen Serienmördern der grausamsten Sorte. Aber das hat doch mit der Realität nichts zu tun, schon gar nicht bei uns!«

Der Hauptkommissar schüttelte unwillig den Kopf. »Nein, natürlich nicht. Aber das, was sich hinter dem Begriff verbirgt, ist allein schon ungewöhnlich genug. Mord mit Hilfe des Inhalts der Kassette eines mobilen Camping-WCs! Wer kommt denn auf sowas!«

»Genau das müssen Sie herausfinden«, sagte Mergner. »Denn das ist Ihr Beruf.« Seine Stimme klang betont ruhig, und seine Miene war undurchdringlich.

Stahnke war einen Moment perplex, aber der Inselpolizist sprang in die Bresche: »Apropos herausfinden: Wie haben Sie denn in der Kürze der Zeit die genaue Zusammensetzung dieser Sanitärflüssigkeit herausgefunden? Ich wüsste nicht, dass wir auf Langeoog ein entsprechend eingerichtetes Labor hätten.«

»Oh.« Der Gerichtsmediziner spitzte die Lippen: »Erwischt! Natürlich habe ich noch keine Analyse, sondern nur Beobachtungen. Der Geruch, nicht wahr, und die blaue Farbe. Kennt man. Ich habe schließlich auch eine Camping-Vergangenheit.« Er zückte sein Smartphone: »Die Liste der Inhaltsstoffe habe ich dann gegoogelt. Ist alles online zu finden.«

»Nicht nur online, sondern auch in der realen Welt.« Lüppo Buss verschränkte seine imposanten Unterarme. »Allerdings nicht hier auf Langeoog.«

»Nicht?« Stahnke schien noch einen Schluck Tee trinken zu wollen, zögerte jedoch und stellte die Tasse dann ab. »Wieso nicht? Dieser blaue Cocktail wird allgemein in Campingtoiletten verwendet. Und einen Campingplatz gibt es doch auf der Insel. Bei der Jugendherberge, richtig?«

»Richtig. Mit 150 Plätzen – aber ausschließlich für Zelte! Wer zeltet, geht aufs Gemeinschaftsklo, nicht auf die Chemietoilette. Das tun Wohnwagencamper oder Wohnmobilisten. Und die gibt es auf Langeoog nicht. Autofreie Insel, du erinnerst dich?«

Stahnkes Blick kreuzte den von Dr. Mergner. Der Mediziner deutete erneut auf sein Smartphone. »Wenn man Langeoog plus Wohnwagen googelt, bekommt man Bensersiel angezeigt«, sagte er. »Da steht jede Menge von den Dingern, keine 40 Fährminuten von hier entfernt.«

»Jeder Einzelne davon mit Chemietoilette«, ergänzte Stahnke. »Da kommt eine Menge von dem Zeug zusammen.« Er schob seine Teetasse weiter von sich weg.

»Und was schwebt dir jetzt vor? Rüberfahren und Proben nehmen? Von jeder verdammten Klokassette in Bensersiel? Um dann Gentests machen zu lassen und die Resultate mit dem Mageninhalt des Toten zu vergleichen?« Er schüttelte heftig den Kopf. »Also ehrlich! Ich weiß noch nicht einmal, ob das überhaupt möglich ist.«

»Ach, das ginge durchaus«, erklärte Dr. Mergner. »Zunächst müsste gesichert festgestellt werden, inwieweit der Chemiecocktail die Struktur des enthaltenen Genmaterials womöglich verändert. Was wiederum abhängig von Menge und Verweildauer im Mischungsverhältnis sein dürfte. Das ist echtes Neuland, damit kämen wir in die einschlägige Fachliteratur!« Der Mediziner lächelte beseelt: »Und was den Umfang solch einer Maßnahme angeht, die Unmengen von Arbeitsstunden für Polizei und Labore und die damit verbundenen Kosten – damit kämen wir todsicher in die Zeitung!«

»Die Zeitung!« Lüppo Buss sprang auf, so plötzlich, dass Stahnke, der zu einer Erwiderung angesetzt hatte, das Wort im Halse stecken blieb. »Na klar, die Meldung in der Zeitung! Hab ich doch selbst dorthin geschickt. Jetzt fällt es mir wieder ein.«

»Was?«, stieß Stahnke hervor.

Der Inselpolizist schaute auf seine Armbanduhr. »Wenn wir uns beeilen, schaffen wir die Inselbahn zur Fähre noch. Infos bekommst du unterwegs. Herr Doktor, Sie halten die Stellung! In ein paar Stunden sind wir zurück.«

Dr. Mergner bekam den Mund erst wieder zu, als die Tür längst hinter den beiden Kommissaren ins Schloss gefallen war. Er stemmte die Fäuste in die mageren Hüften und schüttelte missbilligend den Kopf. Dann aber stahl sich ein spitzbübisches Lächeln auf seine dünnen Lippen. »Hilfssheriff wollte ich immer schon mal sein«, murmelte er vor sich hin. »Aber einen Sheriffstern hätte er mir wenigstens dalassen können!«

6.

»Himmel nochmal, nun guck dir den an!« Bea Wulf stand breitbeinig vor dem Schaukasten mit Veranstaltungsankündigungen der Kurverwaltung. »Das ist doch mal was! Wird dir da nicht auch gleich ganz anders, wenn du den siehst?«

»Kann ich dir nicht sagen. Dazu müsste ich ihn ja erstmal sehen können.« Sina Gersema drängelte ihre Freundin etwas beiseite, um einen Blick auf das ausgehängte Plakat werfen zu können. Was nicht gerade leicht war, denn Bea Wulf war deutlich größer und breiter als sie; ihre walkürenhafte Weiblichkeit war raumgreifend und gewichtig.

Das Plakat zeigte fünf Kerle. Fünf nackte Kerle. Nackte Kerle in Seestiefeln. Und mit Matrosenmützen auf dem Kopf.

Sina zwinkerte. Nackte Männer in einem Schaukasten der Langeooger Kurverwaltung? Nicht möglich! Nicht einmal als Plakat. Das konnte doch nur ein schlechter Traum sein. Sie musste sich mal kneifen.

»Aua! He, was soll das?« Bea schubste ihre Hand weg, ganz leicht nur, aber Sina geriet dennoch ins Taumeln. »Wieso kneifst du mich?«

»Ach, äh, ich … aber hör mal: Fünf nackte Männer?«

»Mein Gott, Sinchen! Was bist du denn auf einmal so prüde? Das sind doch die ›Steamboat-Boys‹, diese Männer-Strip-Truppe, die demnächst im ›Haus der Insel‹ auftritt! Im Rahmen der 1. Langeooger Dampfer-Tage! Sowas ist doch schon lange kein Skandal mehr, die treten sogar im Fernsehen auf. Und außerdem – die sind ja nur fast nackt. Da, guck! Die entscheidenden Stellen sind bedeckt.«

Jetzt bemerkte auch Sina die knappen Tangaslips. Hautfarben, aha, war ja kein Wunder, dass man erst dachte … Außerdem betonten die Dinger eher, als dass sie etwas verbargen, fand sie.

»Sind doch bestimmt ausgestopft!« Bea knuffte Sina in die Seite; wieder hob es sie fast aus den Schuhen. »Muss auch. Solche Muskelberge züchtet man doch nicht ohne Steroide! Tja, und was an der einen Stelle schwillt, das schrumpft an der anderen. Die Götter geben und die Götter nehmen, so ist das nun mal.«

»Götter, sagst du? Na, das weiß ich nicht.« Unbemerkt war eine dritte Frau zu ihnen gestoßen. Eine ältere Frau, hochgewachsen und hager. Sina kannte sie gut.

»Moin, Gertrud! So hat Bea das nicht gemeint mit den Göttern«, erwiderte Sina. »Obwohl – also früher … Ich meine, diese nordischen Götter … sieht man ja jetzt viel im Kino, in diesen Actionfilmen. Da besteht schon eine gewisse Ähnlichkeit, finde ich.«

Gertrud Reershemius zog die dünnen Augenbrauen hoch. »Also, wenn das eine Anspielung sein soll, dann muss ich dich korrigieren: Auch in meiner Jugendzeit war Ostfriesland bereits christianisiert. Soo alt bin ich nun auch wieder nicht.«

»Oh, äh, Entschuldigung, das wollte ich nicht …« Sina schoss das Blut in die Wangen.

Bea Wulf lachte als Erste los, Gertrud Reershemius stimmte ein. »Ach, Sina, du liebes Schäfchen!«, dröhnte die Walküre. »Dich kann man immer so leicht auf die Rolle nehmen! Vergiss niemals, mit wem Gertrud verheiratet ist. Bei der musst du immer mit allem rechnen, genau wie bei ihrem Kerl.«

Jetzt lachte auch Sina mit, ein bisschen beschämt, aber vor allem erleichtert.

Gertrud hatte inzwischen ihre Lesebrille gezückt, die sie sonst nur trug, wenn sie die Etiketten ihrer Gläser mit selbstgekochter Sanddornmarmelade prüfte. »Mädels, guckt euch bloß mal diese Bauchmuskeln an«, rief sie. »Die sind doch nachgeschminkt, ganz klar! Wetten, die sehen später auf der Bühne nicht halb so definiert aus?«

Bea beugte sich vor. »Respekt, Gertrud!«, dröhnte sie. »Was du alles siehst! Dir macht keiner was vor. Aber wenn schon, wir helfen doch alle ein bisschen nach, oder?« Jetzt knuffte sie Gertrud, und Sina bekam Angst um die dünne alte Frau. Aber die hielt deutlich mehr aus als erwartet.

»Klingt ja so, als würdest du dir das tatsächlich ansehen wollen«, fuhr Bea Wulf fort. »Hätte ich gar nicht von dir gedacht. Was sagt denn dein Klaas dazu? Und teuer sind die Karten auch, Donnerschlag, weiß gar nicht, ob ich mir das leisten kann.« Die Wirtin des Restaurants »Veggie-Paradies« machte kein Geheimnis daraus, dass ihr Lokal alles andere als eine Goldgrube war.

»Klaas soll bloß seinen Rand halten, der glotzt doch nach jeder Touristen-Mieze, dass ihm die Augen rausquellen«, schimpfte Gertrud. Versöhnlicher fuhr sie fort: »Das Geld hab ich übrig, die Touristen sind richtig wild auf meine Marmelade. Komm doch mit, Mädel, ich lad dich ein! Und dich auch, Sina.«

»Ach, danke, aber ich weiß noch gar nicht, ob …«

Weiter kam Sina nicht, denn Bea schnitt ihr das Wort ab. »Aber sagt mal, wieso sind das denn nur fünf Kerle auf dem Plakat? Ich dachte, die wären zu sechst. Da fehlt doch einer.«

»Ja, allerdings«, bestätigte Gertrud Reershemius. »Und zwar ausgerechnet Marco Heidergott. Der, den alle Langeooger unbedingt tanzen sehen wollen. Natürlich vor allem wir Mädels, klar. Aber es gibt auch ein paar vom anderen Ufer, die wären da spitz drauf gewesen. Schade, dass sie nicht reinkommen werden. Guck, hier steht es: Nur für Frauen.«

»Marco Heidergott?« Bea schnappte nach Luft. »Doch nicht etwa der Sohn von Renko? Einer von hier?«

»Ja, genau, der Sohn deines Kochkollegen und ehemaligen Konkurrenten«, bestätigte Gertrud Reershemius. »Marco, der wilde Bengel, der seinem Vater nichts als Ärger bereitet hat. Ist ja auch nicht leicht, solch einen Jungen ohne Mutter großzuziehen. Und dann geht der los, zieht in die weite Welt und wird berühmt. Nicht zu glauben!«

»Ist ja schön, dass er so berühmt sein soll – aber warum ist er dann nicht mit auf dem Plakat?« Bea verschränkte die Arme, so gut ihre Oberweite das eben zuließ. »Ist er sich etwa zu gut dafür, uns auf seiner Heimatinsel etwas vorzutanzen? Mit so gut wie nix am Mors?«

Sina öffnete schon den Mund, konnte sich aber beherrschen. Dazu hätte sie etwas sagen können – aber sie wusste, dass sie das nicht durfte. Also presste sie ihre Lippen aufeinander.

»Nee, er hat sich verletzt«, sagte stattdessen Gertrud Reershemius. »Soll ein Unfall gewesen sein. Wie schlimm, weiß ich nicht, aber auf jeden Fall kann er nicht mit auftreten. Und überhaupt in nächster Zeit nicht, heißt es. Muss wohl was Ernsteres gewesen sein.«

»Ach, das ist ja schade«, sagte Bea; ihr Bedauern klang echt. »Den Marco hätte ich doch zu gerne nackig auf der Bühne herumhampeln sehen.«

»Ach, wirklich? Ist der Kleine nicht ein bisschen grün für dich? Du holst dir doch deine Männer sonst nicht aus dem Kindergarten!« Gertrud lachte derart schamlos, dass Sina stellvertretend gleich rot anlief.

»Nee, deswegen doch nicht!« Schallend stimmte Bea in das Gelächter ein. »Nee, wegen Renko, seinem Papa, dem alten Fischbräter! Dem wär es doch hochnotpeinlich, wenn sein Sohn sich zum nackten Affen machen würde! Auch wenn er seinen Laden letztes Jahr verkauft hat und jetzt in Esens wohnt. Die Peinlichkeit wäre auch bis dorthin gedrungen.«

Was für eine Hassliebe zwischen diesen beiden Gastronomen, dachte Sina, so verschieden und dabei doch so ähnlich. Und vielleicht hätte sie das auch ausgesprochen, wenn nicht im selben Moment ein Hubschrauber im Tiefflug über sie hinweg gedonnert wäre, dass ihr buchstäblich Hören und Sehen verging. Unwillkürlich duckte sie sich; die beiden anderen Frauen rissen schützend die Arme über die Köpfe.

»Der kurvt schon den halben Tag herum«, schimpfte Bea, sobald sie sich verständlich machen konnte. »Was ist da bloß los? Ein Krankentransport wird das ja nicht schon wieder sein. Und der würde auch nicht so bescheuert fliegen.«

Eine Gruppe Touristen stürmte an ihnen vorbei, die Augen geradeaus gerichtet, Handys in Bereitschaft. Einer der jüngeren Männer rempelte Gertrud Reershemius an. »He, pass doch auf, du blinde Bitch!«, pöbelte er und holte aus, als wollte er nach der alten Frau schlagen. Als er bemerkte, wie Bea ihre Fäuste ballte, ließ er das bleiben und eilte den anderen hinterher.

»Die rennen zum Strand«, sagte Bea. »Irgendwas ist da passiert. Bestimmt nichts Gutes.«

Eine junge Frau lief an ihnen vorbei. Sina drückte sich dichter an den Schaukasten, weil sie glaubte, es handele sich um eine Nachzüglerin der Pöblertruppe. Mit ihrer langen schwarzen Hose und dem rot-weiß geringelten T-Shirt wirkte sie jedoch geschäftsmäßig, nicht wie eine Touristin. Dann bemerkte Sina das verzerrte Gesicht und die verheulten Augen. Schlimm sah das aus, vor allem das verlaufene Make-up. Oder hatte die Frau ein blaues Auge? Schon war sie vorbei. Hinten auf ihrem T-Shirt prangte die Aufschrift »Prinz Heinrich«.

»Ich glaube, wir müssen uns dringend umhören«, konstatierte Bea und stapfte los, den Passanten hinterher. Gertrud Reershemius war ihr ein paar Schritte voraus. Sina eilte den beiden nach.

7.

Die Pressekonferenz im »Haus der Insel« fand Marian wenig ergiebig. Jedenfalls, was den Informationstransfer anging; er hatte nichts erfahren, das er nicht bereits gewusst hätte. Manches war bestätigt worden, aber längst nicht alles. Was nicht weiter tragisch war, denn für die morgige Ausgabe hatte er mehr als genügend Stoff.

Als eigenständiges Event dagegen gab die PK weitaus mehr her. Dieses Getümmel von Festlandkollegen jeder Couleur, die sich gegenseitig zu überschreien versuchten, dieses Gerangel von Fotografen und Kameraleuten, die um die besten Plätze rivalisierten! Trittleitern verschiedenster Längen kamen zum Einsatz. Einige trugen noch die Preisschilder der örtlichen Läden. Darüber ließe sich bestens schreiben, fand Marian. Eine bunte Geschichte, eine Art Sittengemälde – eines, auf dem die besseren Sitten durch Abwesenheit glänzten.

Aber das war etwas für die kommenden Tage. Jetzt ging es um das Aktuelle, um die Fakten und deren Einordnung. Mit der ihm eigenen Akribie hackte Marian den neuen Aufmacher in die Tasten, konzipierte dazu einen Infokasten und einen Extrabericht mit Stimmen von Augenzeugen und bedeutsameren Persönlichkeiten. Wie man das halt so machte. Gelernt war eben gelernt. Die Stimmen lieferte ihm überwiegend Ocko Onken, der ein Talent dafür hatte, Leute zum Reden zu bringen. Oder zum Schwätzen, dachte Marian, während ihm der alte Onken ein Bündel Notizen nach dem anderen neben die Tastatur legte, begleitet von Erläuterungen, die die bekritzelten Zettel fast überflüssig machten. Augenzeugen und Persönlichkeiten, repetierte Marian bei sich. Von wegen! Gaffer und Wichtigtuer waren das, nichts anderes. Aber was half es, solcherlei Anreicherungen wurden eben verlangt. »Namen sind Nachrichten, Menschen sind per se interessant«, lautete das gültige Journalismusprinzip. Schon als Volontär hatte Marian sich dagegen aufgelehnt: »Interessant sind doch nur interessante Menschen!« An die Abfuhr, die ihm das eingebracht hatte, erinnerte er sich heute noch.

Irgendwann war es geschafft, der letzte Artikel getippt, auf Zeile gekürzt und Korrektur gelesen, das letzte Foto elektronisch beschnitten und eingepasst, die letzte seiner Seiten fertig gebaut. Noch ein letzter Blick. Und noch ein allerletzter, damit es nicht wieder einen Abschuss gab. Dann klickte er auf »send«. So, das war’s. Für heute jedenfalls. Morgen begann wieder alles von vorn.

Und jetzt? Draußen war es noch einigermaßen hell, und Marian war hellwach. Was tun? Mit ein paar Bieren Helligkeit und Wachheit dimmen? Oder mit ein paar Gläsern Wein? Das tat er in letzter Zeit häufig. Oder vielleicht bei Sina anklingeln? Bisschen zusammensetzen, vielleicht etwas essen, von alten Zeiten erzählen? Immerhin hatten sie mal gemeinsam die Redakteursausbildung im selben Zeitungsverlag absolviert. Und noch mehr hatten sie zusammen gemacht, viel mehr. Aber nein, Stahnke war auf der Insel. Marian hatte ihn bei der Pressekonferenz gesehen, in Aktion, wortkarg und ruppig wie immer. Was fand Sina bloß an diesem Klotz? Warum hatte sie ihn seinerzeit in die Wüste geschickt, nur um sich an diesen Kerl zu hängen, der so viel älter war als sie beide? Sie beide, die doch so viel besser zusammenpassten. Marian schloss die Augen und atmete tief durch. Solche Gedanken hatte er sich doch verboten! Mit dem Erfolg, dass Sina ihn immerhin als Freund akzeptierte und wieder an sich heranließ. Auf Armeslänge sozusagen. »Lass uns doch Freunde bleiben«, hatte sie nie gesagt. Aber nerven lassen würde sie sich nicht von ihm, das stand felsenfest.

Er schloss die Redaktion hinter sich ab und stieg die knarrende Treppe hinunter. Das mit den Bierchen war bestimmt nicht die schlechteste Idee. Aber vorher ein bisschen Bewegung, um Dampf abzulassen. War sowieso besser, denn mit dem Alkohol würde der Hunger kommen, und er fühlte sich mal wieder etwas zu schwer. Spazieren? Nein, lieber das Fahrrad. Das lag ihm mehr, und er liebte den Fahrtwind im Gesicht. Sein Trekkingrad liebte er auch. Es war extrem leichtgängig, durch die beiden Hörner seitlich am Lenker auch auf längeren Strecken sehr bequem und durch die Schaltung mit 21 Gängen sowohl ergonomisch als auch flott. Mancher hatte ihm schon »Elektrospinner« nachgerufen, wenn er ihn mit viel Speed überholt hatte. Dabei hatte das Rad gar keinen Elektroantrieb.

Wenn er so darüber nachdachte, dann waren die unfreundlichen Kommentare in letzter Zeit häufiger geworden. Und die Wortwahl deftiger. Pöbeln lag offenbar im Trend, selbst hier auf Langeoog, wo die meisten Menschen im Urlaub waren und eigentlich entspannt sein sollten! Woher kam das eigentlich? War das die allgemeine Verrohung der Gesellschaft, von der man las?

Marian hörte auf zu treten, ließ sein Rad ausrollen und richtete sich im Sattel auf. Ganz schön weit war er in den letzten zehn Minuten gefahren; er befand sich irgendwo im Niemandsland zwischen Inselbahnhof und Hafen. Musste hier nicht der Golfplatz sein? Ach nein, da war ja der neue Reiterhof, wo man Großpferde und Ponys für Ausritte mieten konnte. Die Betreiber boten Kutschfahrten und andere Freizeitbeschäftigungen an, Lassowerfen und Bogenschießen zum Beispiel. Hatte erst letzte Woche in einer größeren Anzeige im »Inselboten« gestanden. Außerdem hatte er gehört, dass Landwirtschaftliches und Handwerkliches zum Angebot gehören sollten: Käseproduktion, Bier brauen, Holz- und Schmiedearbeiten und solche Dinge. Klang alles in allem nach einer Bereicherung der insularen Infrastruktur.

Zur Straße hin war das Hofgelände eingezäunt. Das breite Holztor der langen, schnurgeraden Einfahrt stand offen. Am Mast vor dem Wohn- und Stallgebäude flatterte eine Flagge. Die deutsche war das nicht. Die Grundfarbe sah nach Orange aus, darauf war ein schwarzer Kreis zu sehen mit etwas Geknicktem innen drin. Ein Ellbogen? Oder etwa ein Bumerang?

Ein Hund!

Nicht auf der Flagge, dafür in der Realität. Ein großer Hund, schwarz wie die Nacht. Und anscheinend schnell. Sein wütendes Knurren klang abgrundtief bis zu Marian herüber. Manche Hunde, so hieß es, wollten ja nur spielen. Dieser Hund spielte eindeutig nicht. Marian hob den Hintern aus dem Sattel. Die Pedale fühlten sich plötzlich an wie einbetoniert, und es dauerte einen Moment, bis er auf die Idee kam herunterzuschalten. Einen kostbaren Moment. Die Bestie hatte fast das offene Gatter erreicht, das drohende Grollen klang lauter und lauter.

Echte Radprofis konnten während voller Fahrt unter der eigenen Achsel hindurch nach hinten schauen, um die Konkurrenz im Auge zu behalten; Marian wusste das von den Tour-de-France-Übertragungen im Fernsehen. Als er das jetzt selbst versuchte, hätte er sich um ein Haar auf die Nase gelegt. Ein Blick zurück gelang ihm trotzdem: Die Zähne dieser Töle waren lang und blendend weiß.

Marian hatte Fahrt aufgenommen, schaltete hoch. Und gleich noch einmal. Viel schneller ging es nicht mehr. Noch ein Blick, diesmal oben über die Schulter: Es würde nicht reichen. Der Hund kam immer näher, und er schien wild entschlossen, seinen Angriff zu Ende zu bringen.

Zu Ende? Zu welchem Ende?

Früher, als Schüler, hatte Marian mal morgens Zeitungen ausgetragen, mit seinem alten Fahrrad. Ein riesiger Hirtenhund war ihm bellend auf die Pelle gerückt; Marian hatte sein Rad als Schild benutzt und das tobende Tier so lange auf Distanz gehalten, bis der verschlafene Besitzer ein Fenster geöffnet und gepfiffen hatte. Ob er das wieder versuchen sollte? Aber dazu müsste er zunächst mal anhalten und absteigen, und in den paar Sekunden hätte er das Biest garantiert am Bein hängen. Oder am Hintern.

Was also tun? Nach dem Tier treten, sobald es nahe genug heran war? Mit dem Sommerschuh samt ungeschütztem Knöchel mitten hinein ins Labyrinth dieser blitzenden Hauer? Außerdem müsste er dazu aufhören zu treten und konnte ins Schlingern kommen, dann war er geliefert. Oder schlagen? Aber womit? Er hatte nichts dabei, nicht einmal einen Regenschirm. Höchstens die Luftpumpe unten am Rahmen. Nur war die aus Plastik und federleicht, darüber lachte diese Riesentöle doch nur! Aber irgendetwas musste er tun. Also bückte er sich und angelte nach dem Ding, ohne dabei aus dem Tritt zu kommen, was nicht leicht war, denn die Pumpe war nicht eingehakt, sondern mit Lochbändern angelascht. Als er sie endlich gelöst hatte, war der Hund neben seinem Hinterrad. Marian spürte, wie die Angst alles in ihm zusammenkrampfte. Andeuten, dachte er, erstmal nur andeuten. Vielleicht lässt sich das Tier erschrecken. Muss ja nur ein bisschen auf Distanz bleiben. Irgendwann sind wir an seinem Territorium vorbei, dann wird es aufhören, mich zu jagen. Allerdings ließ ein Blick auf den schier endlosen Zaun keine nahende Grundstücksgrenze erkennen. Also hob Marian die Plastikpumpe und fuchtelte damit nach hinten, vor der Nase des Hundes vorbei. Überraschenderweise traf seine Finte auf Widerstand. Der Hund jaulte kurz auf, dann wurde sein Grollen lauter.

Und wurde von einem schrillen Pfiff übertönt. »Rasmus!«, rief eine Männerstimme. »Rasmus, hierher!«

Der Hund gehorchte, ohne zu zögern, ließ von Marian ab und rannte auf den Zaun zu. Dort, in Fahrtrichtung, stand ein Mann. Grüßend nickte er Marian zu, während er das Tier mit knapper Geste zum Sitzen aufforderte. Wieder gehorchte der Hund augenblicklich.

Keine Sekunde zu früh, dachte Marian. Er fühlte sich am Ende seiner Kraft. Seine Beine hatten das Treten eingestellt, ohne auf seinen Entschluss zu warten; sie brannten und schmerzten. Das Fahrtmoment trug ihn dennoch an dem Mann am Zaun vorbei. Aus den Augenwinkeln nahm er dessen Bild in sich auf: schwarzes T-Shirt, knielange schwarze Hose, derbe hohe Schuhe. Dunkle Haare, seitlich raspelkurz gestutzt, hinten zu einem kurzen Zopf geflochten. Dichter dunkler Vollbart. Der Mann trug etwas Länglich-Schmales in der Hand, einen Wanderstab vielleicht.

Sollte Marian sich bei diesem Menschen bedanken? Immerhin hatte der ihn durch sein Eingreifen – na ja, wenn nicht gerettet, so doch vor Schaden bewahrt. Andererseits wäre sein Hund der Verursacher dieses Schadens gewesen und damit quasi er selbst. Also wofür bedanken? Aber doch wenigstens grüßen, dachte Marian und hob die freie Hand. Zu spät fiel ihm ein, dass er die Luftpumpe darin hielt.

Der schwarze Mann lachte. Es klang weder böse noch spöttisch, sondern einfach nur heiter.

Im selben Moment wurde Marian etwas klar. Er bremste scharf und hielt an, stemmte ein prickelndes Bein auf den Boden und schwang sein Fahrrad herum. Jetzt stand der Mann in seinem Blickfeld, schwarz gekleidet, den schwarzen Hund neben sich sitzend. Und in der Hand dieses Ding.

Marian stieß sich ab, ließ sein Rad dichter an den Zaun heranrollen. Der Hund zeigte seine scharfen Zähne, aber nur beim Hecheln. Es sah aus, als ob er lachte.

Der Mann am Zaun tat das wirklich. »Clever, das mit der Luftpumpe«, rief er. »Sowas schnallt ein Hund natürlich nicht, dass sich solch ein Ding beim Zuschlagen verlängert. Woher soll er das auch wissen? Also weicht er nicht aus, und zack! Schon bekommt er eins auf die Nase. So verschafft man sich Respekt, ohne dem Tier allzu sehr wehzutun. Was, Rasmus?« Er rubbelte den Hals des Hundes, der daraufhin so heftig mit dem Schwanz wedelte, als gelte es, die ganze Wiese stoppelkurz zu mähen.

»Godehau«, keuchte Marian, immer noch um Atem ringend. »Marian Godehau. Tut mir leid, wenn ich Ihren Hund …«

»Petersen«, unterbrach ihn der Mann. Er mochte Mitte 30 sein, vielleicht auch jünger; die Fältchen in seinem hageren, sonnenverbrannten Gesicht konnten täuschen. »Sven Petersen. Und Sie heißen also Godehau, ja? Ein sprechender Name, sehr interessant. Einer Ihrer Vorfahren war wohl ein angesehener Handwerker. Wissen Sie, was der gehauen hat? Holz oder Stein? Und was hat er hergestellt?«

Marian fühlte sich auf dem falschen Fuß erwischt. »Äh, nein, weiß ich nicht«, musste er zugeben. »Meine Mitschüler früher haben den Namen ganz anders interpretiert. Sie wollten immer, dass ich ihnen beweise, wie gut ich hauen kann.«

»Auch eine mögliche Erklärung.« Er grinste breit. Rasmus hechelte.

Marians Lächeln blieb schmal. Es ging diesen Petersen nichts an, dass er den Beweis guten Hauens schuldig geblieben war.

Lieber wollte er über das Ding reden, das der Schwarzgekleidete in der Hand hielt. »Ein Langbogen. Sie schießen? Auf diesem Gelände?«

»Ja, genau. Hier auf meinem Land.« Er hielt Marian den Langbogen hin; die Sehne war entspannt, weshalb der Bogen keine Krümmung aufwies und für einen unkundigen Betrachter wie eine Stange oder ein Stab aussah. Lediglich die Ledermanschette in der Mitte wies auf den wahren Verwendungszweck hin, ebenso wie die Kerben für die Sehne an beiden Enden.

»Sie sind auch Bogenschütze?«

»Ja, bin ich. Allerdings Recurve. Und ich bin schon ewig nicht mehr dazu gekommen.« Ehrfürchtig betrachtete er die geflochtenen Zierbänder ober- und unterhalb des Ledergriffs. Der Bogen selbst war etwa so lang wie sein Besitzer, vermutlich 1,80 Meter; er war völlig schlicht gehalten, das Holz war dunkel gescheckt, vermutlich mit einem kleinen Brenner geflämmt, und braun lasiert.

»Tja, das ist so eine Sache, wozu man kommt und wozu nicht. Ich sage immer, wo ein Wille ist, ist auch ein Weg.« Er wies hinter sich, quer über die Weide: »Hab mir meine eigene Strohscheibe aufgestellt, abseits der Schießbahn für Touristen, da kann ich trainieren, wann immer ich will.« Auf seinem ausgestreckten Unterarm zeichnete sich eine großflächige Tätowierung ab.

Marian konnte nicht erkennen, was sie darstellen sollte. Vielleicht war es auch nur ein Tribal, ein Muster aus einer anderen Kultur. Tja, dachte er, wenn man sein eigenes Land hat, dann ist der Weg vom Willen zur Zielscheibe natürlich nicht weit. Das behielt er aber für sich. Stattdessen nickte er anerkennend: »Haben Sie den Bogen selbst gebaut?«

»Ja«, sagte Petersen. »Aus Manau-Holz. War mein erster, da ist man mit Manau auf der sicheren Seite, das ist wie Rattan, hat keine Jahresringe. Das kann man bearbeiten, wie man will, ohne dass es bricht.« Spielerisch drehte er den Bogen in der Hand: »Inzwischen habe ich ganz andere Kaliber gebaut. Aber dem hier halte ich trotzdem die Treue.«

Jetzt erst entdeckte Marian die Sehne, ebenfalls geflochten, aus verschiedenfarbigen Strängen; auf der einen Seite war sie eingehakt, auf der anderen Seite mit der Schlaufe, Öhrchen genannt, über den verjüngten Bogenarm nach unten geschoben, sodass das Bogenholz entspannt und nahezu gerade war. Diese Technik hatte den Vorteil, dass solch ein Langbogen sekundenschnell schussbereit gemacht werden konnte: Man legte das eine Ende über den Spann des rechten Fußes, stieg mit dem linken darüber und bog das Holz über den linken Oberschenkel, bis sich das Sehnen-Öhrchen nach oben schieben und einhaken ließ. Fertig, schon konnte man … Apropos, wo hatte dieser Petersen eigentlich seine Pfeile? Am Gürtel, wo Marian immer seinen Köcher trug, baumelte bei ihm nichts.

Der Schwarzgekleidete tätschelte seinen Hund, beugte sich dabei leicht zur Seite. Aha, er trug einen Rückenköcher! Und zwar tief und eng, sodass die Pfeile hinter dem Oberkörper verborgen blieben. Die Haltegurte des Köchers waren ebenso schwarz wie Petersens T-Shirt.

Marian wandte sich Rasmus zu, hielt ihm den Handrücken hin; der Hund schnupperte neugierig, dann schlappte er darüber, ehe Marian zurückzucken konnte. Die Zunge war warm, weich und rau zugleich. Und natürlich nass.

Petersen lachte. »Na, jetzt habt ihr beide ja schon Freundschaft geschlossen! Da könnten Sie doch nächstens mal zum Schießen rüberkommen, oder? Oder darf ich Du sagen, Marian? Macht man doch so unter Sportkollegen.«

»Ja, aber klar, das ist nett.« Marian war ehrlich erfreut über die Einladung. Wäre schön, endlich mal wieder mit dem Bogen zu trainieren! Wär bestimmt auch gut für seinen gestressten Rücken und seine Haltung. »Wann wollen wir denn … ich meine, ich rufe am besten vorher an, oder?«

»Ja genau, mach das. Wir kommen bestimmt zusammen, terminlich. Die Nummer hast du ja, stand letztens in der Anzeige bei euch im Blatt.« Er zwinkerte Marian zu; offenbar war er bestens darüber informiert, wen er vor sich hatte.

Petersen musterte den Himmel, der nach und nach dämmerig wurde. »Ich hätte sonst gesagt, wir schießen gleich mal ein paar Passen mit meinem Bogen, aber das Büchsenlicht kommt uns abhanden. Also ein andermal.«

Marian verabschiedete sich, auch bei Rasmus, der ihm mit vollem Körpereinsatz nachwedelte. Unglaublich, wie schnell solch ein Tier sein Verhalten ändern konnte!

Langsam radelte er in Richtung Wasserturm. Jetzt noch ein Bierchen im »Dwarslooper«, dann war er endgültig reif fürs Bett. Trotz all der Aufregung, die der Tag gebracht hatte, würde er bestimmt gut schlafen.

Interessanter Mann, dieser Petersen, dachte Marian. Typ Waldläufer, aber auf eigenem Terrain. Und dass der auch noch Bogenschütze war! Vielleicht hatte er endlich eine verwandte Seele gefunden. Schöner Bogen, spannender Rückenköcher. Und diese Pfeile – irgendetwas an denen war ihm komisch vorgekommen. Ihm fiel ein, was. Es waren die Federn. Jeder Pfeil trug drei Federn an seinem Ende, gewöhnlich zwei gleichfarbige und eine in anderer Couleur, nämlich die Leitfeder. Damit man den Pfeil immer gleich richtig an der Sehne einnockte. Petersens Federn jedoch zeigten drei verschiedene Farben: Schwarz, weiß und rot. Merkwürdig. Aber auch nicht so wichtig, fand Marian und trat kräftiger in die Pedale.

8.

Inselbahn und Fähre waren nichts für Ungeduldige, das wusste Stahnke aus Erfahrung. Er war kein geduldiger Mensch. Gut, er konnte sich dazu zwingen, geduldig zu sein, wenn es sein musste. Das aber war eine rein rationale Angelegenheit. Von seinem Wesen her jedoch war er ein impulsiver Mensch. Tief in ihm drin brodelte ein Vulkan. Und der stand mal wieder kurz vor dem Ausbruch.

Noch in der Bahn hatte Lüppo Buss ihn aufgeklärt, worum es ihm ging und was ihn so eilig nach Bensersiel trieb. Während sie in der Schlange beim Abfertigungsgebäude darauf warteten, dass die Fähre sich endlich all der Urlaubermassen entledigt hatte und sie an Bord gehen konnten, hatte er ihm auf seinem Smartphone gezeigt, worauf er im Internet gestoßen war. Die Postings waren nur laienhaft anonymisiert. Stahnke hatte durch die Zähne gepfiffen: »Maik Schubert, aha. Mein lieber Mann, ganz schön heftig.« Der Inselpolizist hatte mit düsterer Miene genickt.

Die Fährtour zog sich dann hin, dass es körperlich schmerzte. Das erste Stück der Strecke ging ja noch; da ließ die dröhnende Maschine das Schiff vibrieren, da zerstampfte der Bug die Seegatt- und Wattenmeerwellen zu weißem Schaum und heller Gischt. Das gab ein gutes Gefühl, da kam man richtig voran.

Dann aber kam der Hafenschlauch. Das war das Stück der Fahrrinne, das zwischen Steindämmen verlief, damit das Fahrwasser nicht ständig vom nachdrängenden Schlick verstopft wurde. Je mehr die Flüsse vertieft wurden, um immer gewaltigere Containerriesen, Tanker und Kreuzfahrtschiffe aufzunehmen, desto mehr Schlick sammelte sich im Wattenmeer. Klar, dass man die Fahrrinnen davor schützen musste. Das Fahren in diesen Rinnen war nur in langsamem Tempo möglich. Und das zerrte gewaltig an den Nerven.

So richtig nervig jedoch wurde es, als sie endlich in Bensersiel angekommen waren und sich ausgeschifft hatten. Der Campingplatz war schnell gefunden – kein Problem, denn er war riesig. Was jedoch nicht zu finden war, war jemand, der ihnen die gewünschte Auskunft geben konnte. Wen immer sie auch zu fassen bekamen, kannte sich entweder nicht aus, hatte keinen Zugang zum Büro, kannte das Passwort für den PC nicht oder verstand schlicht kein Deutsch. Es war zum Verzweifeln. Vulkan Stahnke drohte jeden Moment auszubrechen.

Als sie endlich vor dem richtigen Wohnwagen standen, war schon der Abend angebrochen. Die Bewohner, nach denen sie gesucht hatten, waren anwesend. Und die des benachbarten Wohnmobils auch. Lauter junge Männer zwischen 25 und 30. Man hätte sie für Teile einer Fußballmannschaft halten können; was sich da unter den verblichenen Trikots wölbte, ließ jedoch eher auf Fußballfans schließen als auf Aktive. Ebenso die Tatsache, dass die zwei zusammengestellten Campingtische zur Abendbrotzeit mit vollen und leeren Bierdosen und Chips-Tüten bedeckt waren. Die Tischgespräche, laut und aggressiv geführt, verstummten augenblicklich, als die beiden Ermittler die Campingparzelle betraten. Kein Wunder, war Lüppo Buss doch wie stets in Uniform. Sechs Augenpaare starrten ihn und Stahnke an, die meisten blutunterlaufen.

»Guten Abend, die Herren«, grüßte der Inselpolizist betont korrekt. »Ich bin Oberkommissar Buss, das hier ist Hauptkommissar Stahnke. Wir würden gerne mit Herrn Schubert sprechen. Maik Schubert. Ich nehme an, das ist einer von Ihnen?«

Keine Antwort. Jedenfalls keine verbale. Dass sich Arme und Schultern anspannten, Augen zusammengekniffen und Unterkiefer vorgeschoben wurden, konnte durchaus als Antwort gewertet werden. Das Schweigen der Gruppe aber hielt an, und es wurde von Sekunde zu Sekunde bedrohlicher.

Was Lüppo Buss ganz betont ignorierte. Er zückte sein Smartphone und wischte kurz über das Display. »Maik Schubert, oder sollte ich sagen: MaityMaik?«, ergänzte er. »Ihr Profilbild zeigt zwar eindeutig eine Bulldogge, aber zum Glück haben Sie auch einige Partyfotos gepostet. Mit Begleittext. Demnach müssten Sie Maik Schubert sein, stimmt’s?« Er nickte dem jungen Mann zu, der ganz rechts saß, die Ellbogen auf den Tisch und das Kinn auf die Fäuste gestemmt.

»Wer will das wissen?«, fragte der zurück. Seine Worte klangen verwaschen, was an seinem aufgestützten Kinn liegen mochte. Vielleicht auch an den leeren Bierdosen.

»Oberkommissar Buss und Hauptkommissar Stahnke. Wie schon erwähnt«, erwiderte der Inselpolizist freundlich lächelnd.

Oha, dachte Stahnke. Lüppo provozierte. Wenn das mal gut ging!

Ging es nicht. Der Angriff kam sogar schneller als erwartet, und er kam überraschenderweise von links. Einer der Burschen, die den Ermittlern zunächst den Rücken zugewandt und sich dann zu ihnen umgedreht hatten, katapultierte sich förmlich aus seinem Campingklappstuhl hoch. Für einen Sekundenbruchteil nahm Stahnke ein hassverzerrtes Gesicht und gefletschte Zähne wahr, dann folgte der Schlag. Eine mörderische Rechte, unmöglich abzublocken.

Jedenfalls für ihn. Der Schlag jedoch galt nicht Stahnke, sondern Lüppo Buss. Vielleicht auch dessen Uniform. Der Kopf des Inselpolizisten zuckte im letzten Moment nach rechts; der Hieb verfehlte Kinn und Nase, streifte jedoch sein linkes Ohr und brachte den Inselpolizisten aus der Balance. Vom eigenen Schwung vorwärts getrieben, rauschte der Körper seines Gegners auf ihn zu, bestimmt zwei Zentner Muskeln im Speckmantel. Keine Chance mehr auf einen Konterschlag, registrierte Stahnke. Lüppo Buss drohte der Infight. Gegen solch ein Viech von einem Gegner kam das einem Glücksspiel gleich. Der Inselpolizist aber war kein Spieler. Im letzten Augenblick fuhr sein Kopf nach vorn, seine Stirn traf das Nasenbein des Angreifers. Mit unterdrücktem Schmerzgeheul taumelte der zu Boden, beide Hände auf sein Gesicht gepresst. Zwischen seinen Fingern quoll Blut hervor.

Die Reaktion der Tischrunde ließ nicht auf sich warten. Als Erster schoss der Mann rechts von Stahnke in die Höhe. Günstig, dachte der Hauptkommissar, trat einen Schritt vor und rammte ihm seinen Ellbogen gegen die ungedeckte Stirn. Diesmal gab es kein Geheul. Der Mann sackte stumpf und stumm zu Boden.

Stahnke musterte die verbliebenen vier Männer am Tisch. Sie saßen da wie erstarrt.

Der Hauptkommissar wechselte einen Blick mit seinem Kollegen. Der hatte gerade sein Smartphone gezückt. Auf Stahnkes Wink hin stoppte er in der Bewegung, senkte seinen Daumen nicht auf das Anruf-Symbol. Fragend hob er die Augenbrauen.

Stahnke warf einen prüfenden Blick in die Runde. Die Doppelparzelle der Männerrunde war gut abgeschirmt, dichte Büsche und die Wände der umstehenden Campingmobile sorgten für Sichtschutz. Der allgemeine Lärmpegel um sie herum war hoch genug, um Kampfgeräusche und Schmerzlaute zu verschlucken. Bisher hatte offenbar niemand wahrgenommen, was sich hier abgespielt hatte.

»Also gut«, sagte Stahnke und fixierte dabei den Mann, der mutmaßlich Maik Schubert hieß. »Mein Kollege kann jetzt die 110 anrufen – oder die 112. In dem Fall haben die beiden Kollegen beim Bierholen nicht aufgepasst und sind mit ihren Klotzköpfen aneinandergerummst. Die anderen halten ihre versammelten Schnauzen, und wir drei Hübschen« – seine Handbewegung schloss Lüppo Buss, Schubert und ihn ein – »ziehen uns zurück und führen ein vertrauliches Gespräch. Mehr nicht, erstmal jedenfalls. Deal?«

Keine Reaktion. Die vier Männer am Tisch schienen dauerhaft eingefroren zu sein.

»Dann eben 110«, sagte Stahnke. »Dann weiß ich schon, wer heute Nacht härter schläft als sonst. Und wer weiß, vielleicht für länger.«

Der Mann mit dem gebrochenen Nasenbein richtete sich stöhnend auf, seine Augen über den blutverschmierten Fingern vor Schreck geweitet.

»Okay«, ließ sich Maik Schubert vernehmen. »Okay, einverstanden. Holen Sie den Krankenwagen, dann reden wir.«

Wie zur Bestätigung stöhnte auch der zweite Mann, der zu Boden gegangen war, und begann, sich hochzustemmen. Das dauerte eine Weile.

Stahnke nickte Lüppo Buss zu. Der drückte die Ruffunktion seines Handys und wandte sich ab.

»Ach, eine Sache noch, während wir warten«, ergänzte Stahnke. Er nickte zweien der jungen Männer zu, die sich bisher nicht am Geschehen beteiligt hatten. »Sie können mir noch etwas bringen.«

»Was?«, fragte einer der Angesprochenen. Ton und Haltung ließen keinen weiteren Widerstand erwarten.

»Die Klokassetten«, erwiderte Stahnke. »Die aus dem Wohnwagen hier und die aus dem Wohnmobil. Und ehe ihr fragt: Nein, ihr braucht sie nicht auszuleeren.«

9.

Der Mord an Robin Seefeld war Thema Nummer eins im »Dwarslooper« an diesem Abend. Längst waren die ersten Berichte in Funk und Fernsehen gelaufen. Da die Polizei sich partout nicht zur Art und Weise der Tötung äußern wollte, machten wilde Gerüchte die Runde.

»Bestimmt haben die ihn mit einem seiner Treibholz-Machwerke erschlagen«, tönte der dicke Schmidt, der in kleiner Runde das große Wort führte und beim Gestikulieren ständig Bier auf sein ohnehin schon fleckiges Hemd schüttete. »Was soll dieser Müll überhaupt darstellen? Ehrlich, da graust es doch den Kunstsachverständigen!«

»Und wer soll das sein, dieser Kunstsachverständige?«, fragte Ocko Onken scheinheilig. »Wohnt der hier? Bist du dem schon mal begegnet?«

»Immerhin hat Robin den Strand von dem angeschwemmten Zeug gesäubert. Das muss man doch anerkennen«, warf Klaas Reershemius ein. Er war schon im Gehen – vielmehr wurde er gerade gegangen, denn seine Gertrud schleifte ihn förmlich aus dem Lokal. Offensichtlich war sie der Ansicht, ihr Gatte hätte für heute genug gehabt, und ihre Ansicht war die, die zählte.

Sina nahm am Tresen ihr Alster entgegen und wühlte sich durchs Getümmel, weg von der ewig lästernden Viererbande, dorthin, wo sie Bea vermutete. An einem Abend wie diesem brauchte sie jemand Vertrautes. Stahnke war ja nicht hier. Und Marian konnte sie auch nirgends entdecken. In einer der Sitznischen nahm sie ein Pärchen wahr, das in ein intensives Gespräch vertieft war. Albern, diese Partner-T-Shirts, dachte sie und wollte sich weiter zwischen den anderen Gästen hindurchdrängeln. Dann fiel ihr ein, dass sie diese rot-weiß geringelte junge Frau heute schon gesehen hatte. Als die Frau sich vorbeugte, näher ans Ohr ihres Gesprächspartners heran, erhaschte Sina unauffällig einen Blick auf ihren Rücken. »Prinz Heinrich«, aha, alles klar. Das verheulte Mädel mit dem blauen Auge! Ihr Make-up hatte sie inzwischen restauriert, der dunkle Schatten rund um das Auge war nur noch zu erahnen. Und wer war dieser Kerl mit den breiten Schultern und dem trapezförmigen Oberkörper? Womöglich der, der ihr diesen Augenring verpasst hatte? Die beiden waren immerhin Besatzungsangehörige desselben Schiffes. Gehörte so etwas dort womöglich zum guten Ton? Unglaublich, wie vor hundert Jahren!

Jetzt legte der Typ seine Riesenpranke um den Hinterkopf des Mädels und zog sie zu sich heran. Wollte er sie etwa küssen? Ja, allerdings, und er tat es auch. Sie ließ es sich gefallen. Na ja, nicht so ganz, denn sie drehte ihr Gesicht so, dass der Kuss auf ihrer Wange landete. Aber echte Gegenwehr sah anders aus.

»Ach, die arme Tinka!« Unvermutet ragte Bea Wulf neben Sina auf, ein Weizenbierglas in der Hand. »Sie leidet natürlich doppelt.«

»Doppelt? Es ist aber doch nur das eine Auge, oder?« Sina verstand nur Bahnhof.

»Auge?« Völlig ungeniert musterte Bea die junge Frau in der Nische. »Stimmt, du hast recht! Ob Kante ihr eine gefenstert hat? Na warte, dieser Lump, dem sollte man …«

Sina kannte Beas aufbrausende Art ebenso gut wie ihren Beschützerinstinkt gegenüber Geschlechtsgenossinnen und schob sich ihr schnell in den Weg. Zum Glück beruhigte sich die Gastwirtin stets ebenso rasch, wie sie sich echauffierte. »Ja, schlimm, echt!«, stimmte Sina ihr zu. »Aber wieso denn eigentlich?«

»Wieso? Na, weil Tinka doch mit Karl zusammen ist!«

»Wer ist denn Karl? Und wieso ist das ein Grund?«

Bea stöhnte über so viel Uninformiertheit. »Karl Antes ist Kante, der Typ da mit den Schultern! Mit dem ist Tinka zusammen, ein halbes Jahr schon. Aber ich weiß aus sicherer Quelle, dass sie außerdem nebenbei was am Laufen hatte.«

»Deswegen das blaue Auge, aha.« Sina verzog das Gesicht. Was waren das nur für Kerle, die Frauen als ihr Eigentum betrachteten! Oder als Leibeigene, die man züchtigen durfte. Unglaublich, in welchem Land und in welcher Epoche lebten die denn! Dann endlich dämmerte ihr etwas. »Nebenbei was am Laufen? Du meinst doch nicht etwa …«

»Doch, das meine ich.« Beas Miene verdüsterte sich. »Mit Robin. Robin Seefeld. Unserem kleinen grünen Umweltkämpfer Robin Hood.« Ein tiefer Seufzer dehnte ihre Brust; Sina musste ihr Glas eilig in Sicherheit bringen. »Ich hab die beiden mal beobachtet, ganz zufällig natürlich. Total süß waren die zusammen. Das hat echt richtig gepasst mit denen.«

»Ach herrje.« Sina wurde sich bewusst, dass sie Tinka und Karl seit Sekunden anstarrte. Zum Glück hatte Karl, genannt Kante, nur Augen für Tinka, und die hielt ihren Blick gesenkt. »Und was hat dieser Kante dazu gesagt?«

»Na ja, Kante ist kein Freund vieler Worte, auch wenn das im Moment ganz anders aussieht«, sagte Bea. »Und ein Schnellmerker ist er auch nicht. Ist ja auch so, dass er an Bord seines Dampfers viele Arbeiten gerade dann erledigen muss, wenn das Schiff nicht in Fahrt ist, sondern im Hafen liegt. Während Tinka als Servicekraft arbeitet. Wenn die Gäste von Bord sind, kann sie auch an Land. So hatte sie ein gewisses Zeitfenster.«

»Ganz zufällig hast du die beiden mal beobachtet, ja?« Sina konnte nicht anders, sie musste breit grinsen. »Ganz zufällig! Donnerwetter, dafür bist du aber sehr gut informiert.«

»Na ja, man interessiert sich eben für seine Mitmenschen.« Völlig unbeeindruckt trank Bea einen großen Schluck aus ihrem Weizenbierglas.

»Aber irgendwann ist Kante den beiden Süßen auf die Schliche gekommen«, kombinierte Sina. »Dann hat er Tinka verkloppt. Und jetzt sind die beiden trotzdem zusammen. Muss ich das verstehen?«

»Was soll ich sagen, Sinchen, der Mensch braucht eben jemanden zum Anlehnen, nicht? Weißt du doch.« Wieder seufzte Bea. Sie hatte niemanden zum Anlehnen, und zwar schon seit geraumer Zeit, das wusste Sina. Schnell senkte sie ihren Blick in ihr Alsterglas. Bea klopfte ihre Taschen ab. »Ich geh raus, eine dampfen. Kommst du mit?«

»Eigentlich rauche ich nicht mehr.« Sina gefiel der Gedanke, für ein paar Minuten aus diesem Getümmel herauszukommen. »Aber wenn du eine für mich hättest, so ausnahmsweise …«

»Ich sagte dampfen. Nicht rauchen. Mensch, Sina, ich rauch doch nicht mehr. Werde mir doch meine schöne Lunge nicht mit Teer zukleistern.« Sie zog ein Gerät aus der Jackentasche, das entfernt an einen Akku erinnerte – mit einem kleinen Sauger seitlich oben dran. Sina nahm einen fruchtigen Geruch wahr, mit Spuren von Lakritze.

»Du also auch?« Sina zuckte mit den Schultern. »Egal, ich komme trotzdem mit raus. Frische Luft ist auch etwas Feines.«

Im Hinausgehen warf sie einen letzten Blick auf das rot-weiß geringelte Pärchen in der Nische. Auf die kleine Tinka, die sich in Robin Seefeld verliebt und ihren Freund betrogen hatte. Und auf Karl Antes, ihren Freund, nicht ohne Grund Kante genannt. Er war Tinka auf die Schliche gekommen. Jetzt hatte sie ein blaues Auge. Und Robin war tot.

Bea konnte es anscheinend gar nicht abwarten, vor die Lokaltür zu kommen; sie pflügte durch die Menschentrauben wie ein Dampfer durch Schönwetterwellen. Sina folgte in ihrem Kielwasser.

10.

Stahnke legte sein Smartphone auf den Dinettentisch. »Ich zeichne unser Gespräch auf«, konstatierte er. »Nennen Sie bitte Ihren Namen und Ihren Wohnort.«

»Ist das überhaupt zulässig?« Maik Schubert saß breit auf der Polsterbank, die dicken Arme verschränkt. Sein Ton klang schon wieder ganz schön aufsässig. »Dürfen Sie das so einfach, mich verhören? Ohne meinen Rechtsanwalt?«

»Sie haben einen Rechtsanwalt?«, fragte Lüppo Buss zuckersüß. »Wie ist denn wohl sein Name und wo ist seine Kanzlei?«

Schubert zog einen Schmollmund. »Nee, hab ich nicht«, murmelte er.

Dabei hatte er mit seiner Frage vollkommen recht, dachte Stahnke. Für eine Befragung wie diese gab es Regeln! Sie hatte in einem geeigneten Raum der nächstgelegenen Dienststelle stattzufinden, und natürlich war dem Verlangen nach einem Rechtsbeistand umgehend nachzukommen. Das und vieles mehr war einzuhalten, oder die gewonnenen Erkenntnisse konnten in einem eventuellen Gerichtsverfahren nicht verwendet werden. Ganz egal, ob sich dieser Maik Schubert als Zeuge erwies oder als Beklagter.

Was sich hier abspielte, war aber alles andere als der Regelfall. Statt in einer Amtsstube saßen sie zu dritt in einem abgeranzten Wohnmobil, und draußen flickten gerade ein Notarzt und drei Sanitäter zwei Verletzte zusammen, die von Polizeibeamten Prügel bezogen hatten. Von Polizisten, die davon nichts in ihren Berichten erwähnen würden. Und die hofften, damit durchzukommen, weil sie die Betroffenen und deren vier Kumpels unter Druck gesetzt hatten. Mein lieber Mann, dachte Stahnke, wir sind auf ganz dünnem Eis unterwegs.

Ausgeschlossen, jetzt umzukehren.

Der Hauptkommissar deutete auf sein Mobiltelefon. »Aufnahme läuft«, sagte er. »Das – oder doch noch die 110.«

Schubert seufzte. »Okay«, sagte er gedehnt und genervt. »Was wollen Sie wissen?«

»Diese Gruppe hier, Sie und Ihre Kumpels da draußen – was ist das für ein Verein?«, fragte Stahnke.

»Wir sind ein Fußballguckklub«, erwiderte Schubert.

Stahnke blieb ruhig. Der will mich doch auf den Arm nehmen, dachte er. Er schaute auf Lüppo Buss; der dachte offenbar dasselbe, keine Frage, und seine Miene blieb ebenfalls stoisch.

Maik Schubert seufzte; es klang enttäuscht, wohl wegen der überschaubaren Wirkung seiner Worte. »Wir treffen uns immer zum Fußball gucken«, erläuterte er. »Champions League, Länderspiele oder Bundesliga, je nachdem, was es gibt. Wir haben ja alle Sky.«

»Und das nennen Sie einen Klub?«, fragte Lüppo Buss.

»Na ja, nur so, zum Spaß. Immer da, wo wir gerade Fußball gucken, schmücken wir den Vorgarten mit Rum- und Colaflaschen. Und Whiskey. Und natürlich Wodka.«

»Natürlich.« Der Inselpolizist nickte so verständnisvoll, als wüsste er keinen besseren Platz für Leergut als einen Vorgarten.

Schubert zuckte mit den Schultern. »Wir arbeiten alle bei VW in Emden, am Band, in derselben Schicht. Und wir treffen uns regelmäßig im Fitnessstudio. Da brauchen wir einen Ausgleich.«

»Einen Ausgleich. Klar.« Stahnke nickte. Zum Ausgleich könntet ihr auch mal ein gutes Buch lesen, dachte er. Er schaute Maik Schubert ins Gesicht; schon bezweifelte er seinen eigenen Gedanken.

»Und das?« Seine Handbewegung schloss das Wohnmobil und den benachbarten Campingwagen ein. »Ist das auch Teil dieses Ausgleichs?«

»Na sicher.« Schubert nickte eifrig. »Wir wetten immer, auf jedes Spiel, das wir gucken. Spielausgang, klar, aber auch, wer die Tore schießt, wer vom Platz fliegt und so. Wenn’s keiner richtig hat, kommt der Einsatz in die Kasse. Da kommt einiges zusammen! Und als es diese außerplanmäßigen Werksferien gab, wegen Absatzkrise und Dieselskandal und so, da haben wir uns gesagt, jetzt gehen wir campen und hauen alles schön auf den Kopf.«

»Zum Beispiel bei einer Dünenparty auf Langeoog«, warf der Inselpolizist ein. »So richtig schön.«

Schubert stemmte seine Ellbogen auf die Tischplatte. Deren Aufhängungen knackten bedenklich. »Es war so heiß an diesem Tag, wir waren nur am Schmoren, da hat Helmut gesagt, fahren wir doch rüber, auf der Insel ist immer schöner Wind. Baden können wir auch. Und so. Also sind wir zur Fähre.«

»Mit Rucksäcken voller Getränke«, ergänzte Lüppo Buss. »Dosenbier und Schnaps. Außerdem paketweise Grillwürste.«

»Na klar!«, ereiferte sich Schubert. »Wissen Sie, wie teuer da drüben alles ist?«

»Weiß ich«, sagte der Inselpolizist.

»Damit sind Sie über den Strand direkt in die Dünen gestiefelt«, sagte Stahnke.

Schubert nickte.

»Und haben da Ihre Fete abgezogen. Obwohl dort das Betreten aus Gründen des Natur- und Küstenschutzes streng verboten ist«, stellte Lüppo Buss fest.

»Konnten wir doch nicht wissen«, nölte Schubert.

»Weil da ja auch nirgendwo Schilder stehen. Oder Absperrungen.« Lüppo Buss lächelte unbeirrt, und Stahnke ahnte, dass er nicht der einzige Binnenvulkan in dieser Campingbehausung war.

»Als Erstes haben Sie ein Lagerfeuer angezündet«, fuhr Stahnke fort. »Wegen der Würstchen. Und weil Ihnen ja auf dem Festland so heiß gewesen war.«

»Feuer ist immer geil«, sagte Maik Schubert. »Und Holz lag am Strand genügend rum.«

»Dort, wo Sie feierten, lagen dafür sehr bald leere Dosen und Flaschen herum«, warf der Inselpolizist ein. Seine Stimme zitterte nur ganz wenig.

»Hätten wir ja alles wieder mitgenommen!«, brauste Schubert auf. »Ist doch Pfand drauf, oder etwa nicht? Jedenfalls auf den Dosen. Da hätte sich dieser Blödmann gar nicht so künstlich aufregen müssen.«

»Mit Blödmann«, sagte Lüppo Buss, »meinen Sie Robin Seefeld, richtig? Hersteller von Kunstgegenständen aus Treibholz, der bei der Suche nach neuem Material für seine Objekte auf Sie und Ihre Kumpels gestoßen war.«

»Der hat sich aufgeführt, als ob er was zu sagen hätte!«, ereiferte sich Schubert. »Von wegen Feuer verboten, Betreten verboten, Müll entsorgen verboten! Aufgespielt hat der sich wie ’ne Tüte Mücken. Wollte uns sogar fotografieren.«

»Hat er auch.« Der Inselpolizist hob kurz sein Smartphone. »Die Bilder hat er mir geschickt. Ganz schön groß das Feuer, nicht? Bloß für Würstchen?«

»Och. Feuer an der Küste machen, das hat doch Tradition.« Maik Schuberts Blick huschte zwischen beiden Ermittlern hin und her. Worauf war der aus – auf Zustimmung etwa?

»Hier ist ein sehr schönes Foto von den Scherben.« Jetzt war das Beben in Lüppo Buss’ Stimme nicht mehr zu überhören. »Sie haben uns noch gar nicht erzählt, dass Sie ein Wettschießen auf die leeren Wodkaflaschen veranstaltet haben. Mit einer Luftpistole. Wer hatte die dabei? Sie?«

»Ja.« Maik Schubert schrumpfte ein wenig in sich zusammen.»Aber die ist ganz legal. Waffenscheinfrei, damit darf ich überall schießen.«

»Falsch«, korrigierte Stahnke. »Nur auf eigenem, umfriedetem Gelände, und auch nur dann, wenn dafür Sorge getragen ist, dass niemand geschädigt werden kann. Die Langeooger Randdünen gehören Ihnen aber nicht! Auch wenn Sie sich da so aufgeführt haben. Und transportieren dürfen Sie diese Waffe nur in einem geeigneten und verschließbaren Behältnis. Keinesfalls in einem Rucksack! Das bedeutet, Sie haben die Waffe in der Öffentlichkeit nicht transportiert, sondern geführt. Und das ist illegal.«

»Wollen Sie mir deswegen Ärger machen?« Schubert schmollte schon wieder. »Und alles nur wegen diesem Blödmann, diesem Meckerpott, Gutmenschen und Weltverbesserer!«

»Meckerpott?« Lüppo Buss wischte auf seinem Smartphone-Display herum, bis er gefunden hatte, was er suchte. Kein Foto offenbar. »Meckerpott ist neu. Sonst haben Sie allerhand nette Bezeichnungen für Robin Seefeld gefunden. Arschgeige und Wichser sind noch die harmlosesten.«

»Ach, ist doch wahr!«, platzte es aus Schubert heraus. »Was muss der sich auch ungefragt in alles einmischen! Wir haben doch ein Recht darauf, ein bisschen zu feiern. Schließlich arbeiten wir alle hart und zahlen Steuern. Und dann sowas! Nur wegen des Feuers und der paar Scherben hetzt der uns gleich die Bullen auf den Hals!« Anklagend glotzte er die beiden Polizisten an, empört wie die verfolgte Unschuld persönlich.

Stahnke wartete kurz. Aber vergebens, Schubert merkte nichts.

»Reden wir nicht über die Beleidigungen«, fuhr der Hauptkommissar fort, »reden wir über das, was Sie dann geschrieben haben. Auf Facebook. Und dann auf Insta­gram.«

»Das?« Maik Schuberts Augen wollten noch größer werden. Rosa Kreise wurden rund um die Pupillen sichtbar. »Ach Gott, das war doch nur … sowas ist doch … ich meine, da hab ich schon viel Schlimmeres gesehen, also online. Heutzutage ist das doch total üblich.«

»Ich darf zitieren.« Lüppo Buss räusperte sich. »Ich stech dich ab, du Schwein. Ich schlitz dich auf. Ich stopf dir deine Eier in den Hals. Ach ja, und das hier noch: Du sollst Scheiße schlucken.« Er zwinkerte Schubert zu: »Ganz normal, ja?«

»Na ja, vielleicht nicht ganz … aber ja. Ist doch typisch, dass der Kerl sich darüber so aufregt, dass er zu Ihnen läuft und sich ausheult. Anstatt das zu klären, wie es sich gehört, wie man das macht unter Männern.«

»Und wie macht man das so unter Männern?« Auch Stahnkes Stimme bebte.

Schubert zuckte mit den Schultern. »Ja wie. Reden?«

»Reden.« Stahnke schüttelte den Kopf. »Das kann der Herr Seefeld leider nicht mehr.«

Diesmal brauchte Maik Schubert nicht so lange, um zu kapieren. »Ach du Kacke«, murmelte er leise. »Deswegen also.«

»Ja, genau«, sagte Stahnke. »Deswegen.«

Darmowy fragment się skończył.

43,64 zł

Gatunki i tagi

Ograniczenie wiekowe:
18+
Data wydania na Litres:
25 maja 2021
Objętość:
292 str. 5 ilustracji
ISBN:
9783839265741
Wydawca:
Właściciel praw:
Автор
Format pobierania:

Podobne książki