Czytaj książkę: «Über Herbert den Greisen und Leo den Weisen»

Czcionka:

Peter-Erwin Jansen (Hg.)

Über Herbert den Greisen

und Leo den Weisen

Aufsätze

Mit Briefen von Herbert Marcuse und Leo Löwenthal

sowie einer Einleitung von Martin Jay


© 2021 zu Klampen Verlag · Röse 21 · 31832 Springe

www.zuklampen.de

Umschlaggestaltung: Groothuis. Gesellschaft der Ideen und Passionen mbH · Hamburg, unter Verwendung eines Fotos von Herbert Marcuse und Leo Löwenthal (© Peter-Erwin Jansen)

Satz: Germano Wallmann · Gronau · www.geisterwort.de

E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH · Rudolstadt

ISBN Printausgabe 978-3-86674-790-6

ISBN E-Book-PDF 978-3-86674-899-6

ISBN E-Book-EPUB 978-386674-900-9

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über ‹http://dnb.dnb.de› abrufbar.

Inhalt

Cover

Titel

Impressum

Vorwort

Peter-Erwin Jansen

Lebenslange Freundschaft als Präfiguration der Utopie

Martin Jay

Teilweise unveröffentlichte Fotos

Brutale Pragmatiker und zynische Sachlichkeit.

Marcuses Analysen über Nazideutschland

Peter-Erwin Jansen

Die absurde Rationalität des Fortschritts.

Herbert Marcuses weitsichtige Technologiekritik

Peter-Erwin Jansen

Die Begierde nach Gesellschaft.

Herbert Marcuses Blick für die Unzulänglichkeiten staatlicher Utopien

Peter-Erwin Jansen

Sprache und technologische Gesellschaft

Herbert Marcuse

Kommentar

Peter-Erwin Jansen

Hat Demokratie eine Zukunft?

Ein Podiumsgespräch mit Nat Hentoff, Herbert Marcuse, Norman Mailer und Arthur M. Schlesinger Jr. im Mai 1968

Kommentar

Peter-Erwin Jansen

Leo Löwenthal – Herbert Marcuse: Briefauswahl 1934–1979

Lehrjahre – Wanderjahre – Arbeitsjahre.

Leo Löwenthals vielfältige Aktivitäten im wissenschaftlichen Feld in der zweiten Hälfte der 1920er Jahre

Peter-Erwin Jansen

Shakespeare veraltet?

Leo Löwenthal

Die Weltrevolution steht um die Ecke – Leo Löwenthal in Heidelberg

Peter-Erwin Jansen

Das Wesen der Kritischen Theorie ist die unerbittliche Analyse des Bestehenden

Peter-Erwin Jansen

Die Doppelfunktion literarischer Werke: Ideologiekritik und Utopie.

Zu den ersten literatursoziologischen Arbeiten Leo Löwenthals aus den Zwanzigerjahren

Peter-Erwin Jansen

Siegfried Kracauer, Leo Löwenthal und der geheime Dritte: Theodor W. Adorno

Peter-Erwin Jansen

Literaturverzeichnis

Drucknachweise

Vorwort1

Peter-Erwin Jansen

Die Verbindung zwischen Leo Löwenthal und Herbert Marcuse reicht bis zum Jahr 1932 zurück. Löwenthal ist es, der im Auftrag von Max Horkheimer im letzten Quartal 1932 mit Herbert Marcuse Kontakt aufnimmt. Marcuse, dessen Habilitationsverfahren Anfang der 1930er Jahre bei Martin Heidegger nicht abgeschlossen wurde, ist gezwungen, sich einen neuen wissenschaftlichen Zusammenhang zu suchen.2 Wohl ermutigt durch eine Besprechung seiner vorab veröffentlichten Arbeit zu Hegels Ontologie in der Zeitschrift für Sozialforschung3, die er als Habilitationsschrift verfasst hatte, und mit Zuspruch des damaligen Direktors der Frankfurter Universität, Kurt Rietzler, verstärkt Marcuse seine Bemühungen, sich dem Institut für Sozialforschung anzuschließen. Marcuse tritt dem Institutszirkel am 30. Januar 1933, dem Tag der offiziellen Machtergreifung Hitlers, bei. Löwenthal bestätigte mir in einem Gespräch, dass dies von Marcuse eine sehr bewusste Entscheidung gewesen sei. Bereits drei Monate später schließen die örtlichen Behörden das Institut, das dann am 14. Juli über eine Verordnung der Gestapo wegen »staatsfeindlicher Bestrebungen« aufgelöst wird. Marcuse betritt nie das im Juni 1924 eröffnete Institut an der Viktoria-Allee, das im Zweiten Weltkrieg fast völlig zerstört wurde.

Von Freiburg aus begibt sich der neue Mitarbeiter direkt an die Zweigstelle des Instituts nach Genf, wo er mit Erich Fromm und gelegentlich auch mit Leo Löwenthal, der seit 1926 Mitarbeiter am Institut war, bereits an den Studien über Autorität und Familie arbeitet4.

Die Schweizer Behörden stellen Marcuse am 23. Juni ein Visum aus, das es ihm erlaubte, bis zum 1. Oktober 1933 in der Schweiz zu bleiben. Nach zahlreichen bürokratischen Hindernissen mit Schweizer, deutschen und französischen Behörden erhält Marcuse vom deutschen Konsulat in Zürich ein einjähriges Visum. Es ist an die Bedingung geknüpft, dass er bis zum 1. Januar 1934 Deutschland offiziell zu verlassen habe. Um den 20. Juni 1934 reist Marcuse in die Normandie, in die Hafenstadt Cherbourg. Am 28. Juni 1934 checkt er ohne Ehefrau Sophie und ohne Sohn Peter auf dem Passagierschiff Majestic ein, das ihn nach New York bringt.5 Der erste abgedruckte Brief Marcuses erreicht Löwenthal kurz vor dessen Abreise aus Frankfurt nach Bremerhaven. Von dort geht es nach Southampton und dann mit der Olympic weiter nach New York, die am 8. August 1934 die erste Station der Institutsmitarbeiter erreicht. Beide werden amerikanische Staatsbürger und folgen Berufungen auf Lehrstühle an dortige Universitäten. Eine Remigration in die alte Welt, zurück nach Deutschland, kommt für sie nicht mehr infrage.6 Aus den ersten distanzierten Begegnungen in Genf entsteht in dem von den Nationalsozialisten erzwungenen Exil eine lebenslange Freundschaft. Martin Jay verweist in seiner Einleitung auf die allgemeine Bedeutung des Freundschaftsnetzwerkes der Kritischen Theoretiker.

Die Auswahl der abgedruckten Briefe beginnt mit dem ersten Brief Marcuses nach dessen Ankunft in New York und Löwenthals letztem Brief aus Deutschland. Kriterium für die Auswahl der Briefe sind bedeutende Veränderungen der Wohn- und Arbeitssituation, aber auch wichtige politische und private Ereignisse. Weitere Anlässe, sich postalisch auszutauschen, sind Marcuses Europareisen zwischen 1967 und 1974. Diese Aufenthalte werden in einigen der Schreiben angesprochen. Insgesamt umfasst die Korrespondenz der beiden Freunde circa 120 Briefe. Ein großer Teil davon bezieht sich auf Anfragen, wann und an welchem Ort wieder persönliche Treffen möglich sein werden. Als Marcuse im Alter von 66 Jahren 1964 eine Professur an der University of California in San Diego annimmt, mehren sich die persönlichen Begegnungen und Gespräche der beiden kritischen Theoretiker und ausführliche Briefe werden seltener. Einige der abgedruckten Korrespondenzen geben Auskunft über die mehrmaligen Treffen Marcuses in Löwenthals Wochenendhaus im Carmel Valley, die zum Teil zu Diskussionen über Buch- oder Aufsatzskripte genutzt wurden.

Die hier zusätzlich versammelten Beiträge sind in den letzten zehn Jahren entstanden, einige von ihnen als Einzelaufsätze veröffentlicht. Teilweise liegen den Arbeiten Vorträge zugrunde, die bei Konferenzen der Internationalen Herbert Marcuse Society (IHMS) gehalten wurden. Andere Beiträge wurden im Rahmen von Einladungen verschiedener Institutionen wie Universitäten oder Museen verfasst. Sie folgen daher keiner stringenten Chronologie, sondern erschließen sowohl biografische als auch ideengeschichtliche Zugänge zu den in den Vereinigten Staaten gebliebenen Wissenschaftlern der Kritischen Theorie. Inhaltliche Überschneidungen sind dem Umstand geschuldet, dass unterschiedliche thematische Schwerpunkte in manchen Arbeiten ähnliche Kontextualisierungen erforderlich machten.

Die Arbeiten sind von der Intention inspiriert, Dokumente der Archive von Herbert Marcuse und Leo Löwenthal einem größeren – sowohl akademischen als auch nicht akademischen – Publikum zugänglich zu machen. Darüber hinaus erweckten die vorgestellten Themen, Materialien und Briefe wissenschaftliche Neugierde, den einen oder anderen Aspekt tiefergehend zu erforschen. Das zeigen die zahlreichen Dissertationen, Studien und Bücher, die in der letzten Dekade im Zusammenhang mit den Archivalien aus den Archiven Marcuses und Löwenthals entstanden sind. Die Auswahl der schon erschienenen und erstmals gedruckten Texte, sowohl die des Herausgebers als auch die Beiträge Marcuses und Löwenthals, möchten mit diesem Band ein wenig das Nischendasein in diversen Zeitschriften verlassen. Bereits in Sammelbänden veröffentliche Texte wurden nicht aufgenommen. Erstmals sind Fotografien aus dem Privatalbum von Herbert Marcuse zu sehen.

Die Anregung zu diesem Band verdankt sich unter anderem dem Zuspruch von Susanne Löwenthal sowie Peter und Harold Marcuse. Die seit über dreißig Jahre währende Freundschaft mit Susanne Löwenthal ist eine stete Herausforderung in einem sehr positiven Sinne und wird auch getragen von dem Geist, den Leo Löwenthal in seiner freundlich-warmen Art ausstrahlte. Peter und Harold Marcuse gilt mein Dank für ihr Vertrauen. Harold Marcuse danke ich für die freundschaftliche und intellektuelle Verbundenheit über Jahrzehnte hinweg. Martin Jay unterstützte dieses Vorhaben nicht nur mit der Einleitung zu diesem Band. Seinen Einladungen an die University of California in Berkeley und seine Beiträge zu Leo Löwenthal und der Kritischen Theorie insgesamt eröffneten mir stets neue Perspektiven und regten zum Weitermachen an. Hilfreich sind auch die intellektuellen Auseinandersetzungen mit meinen Kolleginnen und Kollegen aus der IHMS. Charles Reitz und Douglas Kellner gilt in dieser Hinsicht mein besonderer Dank. Seit ihrer Gründung 2005 organisiert die IHMS alle zwei Jahre an Universitäten der USA und Kanada internationale Konferenzen. Über viele Jahre hinweg erfuhr ich darüber hinaus unkomplizierte und freundliche Unterstützung von Mathias Jehn, Oliver Kleppel und Stephen Roeper aus dem Archivzentrum der Universitätsbibliothek.

1 Die in den Texten verwendeten geschlechtsspezifischen Bezeichnungen schließen prinzipiell alle unterschiedlichen Geschlechtszuschreibungen ein.

2 Vgl. Jansen (1990), S. 141–150.

3 Vgl. Adorno (1932/1989), S. 409.

4 Horkheimer, Fromm u. a. (1936/2005).

5 Vgl. Brief vom 7. Juli 1934.

6 Vgl. Jansen (2009), S. 264–277.

Lebenslange Freundschaft als Präfiguration der Utopie1

Martin Jay

Kaum jemand wird die ehrgeizigen Ziele der talentierten und heterodoxen Gruppe von in Deutschland geborenen, streitbaren Intellektuellen des zwanzigsten Jahrhunderts bezweifeln, die mit dem Institut für Sozialforschung, das später unter dem Namen Frankfurter Schule bekannt wurde, verbunden sind. Oft gemeinsam, manchmal aber auch alleine, widmeten sie sich den dringlichsten Problemen ihrer Zeit. Sie kombinierten Erkenntnisse aus vielen verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen und versuchten, ihre theoretischen Überlegungen durch innovative empirische Untersuchungen zu bereichern und zu überprüfen. Inspiriert von einer Vielzahl philosophischer Traditionen und Impulsen aus religiösen und ästhetischen Quellen, stellt ein bedeutendes Motiv ihrer moralischen Empörung das unnötige Leid und die Ungerechtigkeit der Welt, die sie umgab, dar. Das Spektrum ihrer Themen reichte von der Weltwirtschaft bis zur Krise der bürgerlichen Familie, von den hohen Künsten bis zur Populärkultur, vom autoritären Staat bis zur autoritären Persönlichkeit. Sie versuchten nicht nur, die Ära des Kapitalismus zu verstehen – sei es in seiner entstehenden, klassischen, monopolistischen oder staatlichen Phase –, sondern sie spekulierten auch kühn über den Verlauf der gesamten Menschheitsgeschichte und erweiterten das Konzept der »Aufklärung« um die frühesten Bemühungen der Menschheit, eine feindliche Umwelt zu meistern und die Selbsterhaltung der Spezies und ihrer einzelnen Mitglieder sicherzustellen. Trotz des Misstrauens gegenüber der hegelianisch-marxistischen Kategorie der Totalität, die sich auf eine triumphale Metaerzählung der Menschheitsgeschichte als dialektischen Fortschritt in Richtung einer sozialistischen Zukunft stützte, verloren sie nie vollständig ihre ganzheitliche Perspektive. Auch die nachfolgenden Generationen der Kritischen Theorie waren überzeugt davon, dass grundlegende Fragen auch umfassende und tiefgreifende Antworten erforderten, die nur durch die Synthese und die gemeinschaftlichen Anstrengungen der kritischen Theoretiker geklärt werden konnten. Das zeigt sich noch in Jürgen Habermas’ bemerkenswertem, 1.700 Seiten umfassenden Abschiedsgeschenk Auch eine Geschichte der Philosophie2.

Paradoxerweise konnten viele Intellektuelle der Frankfurter Schule die Hindernisse nicht ignorieren, die eine systematische Gesamtdarstellung ihrer theoretischen Erkenntnisse über eine Welt, die zunehmend undurchsichtig schien, verhinderten. Das taktische Mittel einer »Kritischen Theorie kleingeschrieben« reagierte performativ auf das, was Habermas als »die neue Unübersichtlichkeit«3 der modernen Welt bezeichnet hatte. In Werken wie Horkheimers Dämmerung, Walter Benjamins Einbahnstraße und Theodor W. Adornos Minima Moralia finden sich meist komprimierte Aufsätze, Aphorismen und Epigramme. Die gelegentlich gnomisch-kryptischen Formulierungen, die sich nur indirekt auf nachhaltigere Argumente und erweiterte Beobachtungen stützten, wurden bewusst nie vollständig ausgeführt. Zuweilen begnügten sich die Autoren mit Fragmenten. Es finden sich Ausführungen und Positionen mit scheinbar unvereinbaren Widersprüchen. So widersetzen sich ihre Analysen einer konsequenten Harmonisierung und Vereinnahmung durch den traditionellen Wissenschaftsbetrieb.

Wie Georg Simmel vor ihnen und Siegfried Kracauer und Ernst Bloch in denselben Jahren, verließen sie sich eher auf Denkbilder als auf die starre Präzision wissenschaftlicher Literatur. Diese Denkbilder sollten Funken entzünden, die die Düsternis durchdringen und zu den »profanen Erleuchtungen« führen, die, wie Benjamin hoffte, einen Einblick in eine andere und bessere Welt liefern könnten.4

Die nie gelöste Spannung zwischen ihren totalisierenden Bestrebungen und der Schwierigkeit, einen Weg zu finden, die gesellschaftliche Totalität darzustellen, war mehr als ein Spiegelbild intellektueller Einschränkungen. Es drückte auch auf experimenteller Ebene die Auswirkungen dessen aus, was Adorno bekanntermaßen als »beschädigtes Leben«5 bezeichnete, das geprägt war von der Zerstörung ihrer politischen Hoffnungen, dem erzwungenen Exil und der hartnäckigen Widerstandsfähigkeit eines erstickenden Status quo.

Eine der äußerst beunruhigenden Prognosen der Kritischen Theorie war, dass der Ort für eine sinnvolle individuelle Entwicklung, der einst von der bürgerlichen Familie angestrebt wurde und als mögliches Modell künftiger Emanzipation auf einer allgemeineren Ebene hätte gelten können, fragwürdig geworden war. Mit dem Niedergang der traditionellen Familie, die einst als »Zufluchtsort in einer herzlosen Welt«6 und Quelle ethischer Orientierung galt, wurde die Sozialisierung der Heranwachsenden zunehmend anfällig für Marktanforderungen, staatliche Interventionen und den Einfluss professioneller Eliten. In der Tat konnten sich nur wenige Beziehungen in der modernen Welt der Anziehungskraft dieser mächtigen Kräfte entziehen.

Es existierte jedoch eine verdeckte Ausnahme, die für den eigenen Kampf der Frankfurter Schule, dem Druck, der Assimilation und Konformität zu widerstehen, von entscheidender Bedeutung war: die Bindungen persönlicher Freundschaften. Sie dienten als lebenswichtige Sehnen, die der Skelettstruktur des Instituts seine Flexibilität und Anpassungsfähigkeit verliehen. So konnten die zahlreichen Ortswechsel des Instituts, zu Beginn innerhalb des europäischen, dann des amerikanischen Kontinents, darauf von Kontinent zu Kontinent und wieder zurück, überleben. Für viele deutsche Denker unterschiedlicher politischer Überzeugungen schien das Ideal freundschaftlicher Bindungen eine Perspektive für eine zukünftige ideale Gemeinschaft zu sein, die als sogenannte präfigurale »Utopie kleingeschrieben«7 gedacht werden konnte. Das anschaulichste Beispiel war die außergewöhnliche, praktisch lebenslange Verbindung zwischen Max Horkheimer und Friedrich Pollock.8 In einem Vertrag, den sie als Jugendliche im Jahr 1911 schlossen, verpflichteten sich die Freunde gegenseitig, ihr Leben der Erfüllung eines gemeinsamen Schicksals zu widmen. Die Verbindung erneuerten sie 1935 während des amerikanischen Exils in einem zweiten Vertrag. Pollock erkannte bereitwillig den Vorrang von Horkheimers intellektueller Arbeit an und widmete den Löwenanteil seiner Energie der Verwaltung des unabhängigen Forschungsinstituts, obwohl er auch weiter wichtige Beiträge zu den Wirtschaftsanalysen der Frankfurter Schule verfasste. Pollock sorgte dafür, dass die Forderungen des Direktors Horkheimer umgesetzt wurden. Trotz seiner Ambivalenz, nach dem Krieg nach Europa zurückzukehren, folgte Pollock Horkheimer (und Adorno) und half beim Wiederaufbau des Instituts 1950 in Frankfurt, bevor er sich anschließend in die Schweiz, nach Montagnola zurückzog. Horkheimer und Pollock hatten dort benachbarte Häuser gebaut. Was Horkheimer in einem frühen autobiografischen Roman als sogenannte île heureuse bezeichnet hatte, blieb ein beständiger Mikrokosmos proto-utopischer Befriedigung in einer Welt voller Leid und Ungerechtigkeit.9

Dank der Veröffentlichung ihrer Korrespondenzen und anderer Archivquellen können wir nun die Bedeutung von Freundschaftsnetzwerken in der Geschichte anderer Mitglieder der Schule sowie ihre persönlichen Beziehungen zu assoziierten Persönlichkeiten wie Siegfried Kracauer, Paul Tillich und Alfred Sohn-Rethel10 erkennen. Horkheimers wachsende Intimität mit Adorno, Marcuses Nähe zu Franz Neumann, die anfängliche Wärme und spätere Distanzierung zwischen Erich Fromm und Löwenthal sind ebenso integrale Bestandteile der Geschichte des Instituts wie die intellektuellen und persönlichen Beziehungen zwischen Adorno und Benjamin. Manchmal spielten Frauen eine wichtige Rolle als Vermittler – Gretel Adorno stand Benjamin besonders nahe, Inge Neumann heiratete Marcuse nach dem Tod ihrer jeweiligen ersten Ehepartner, Felix Weils Ehefrauen gaben Horkheimer und Pollock oft Anlass zur Sorge –, aber im Großen und Ganzen drückten ihre Interaktionen die vorherrschenden homosozialen Beziehungen der Männer ihrer Zeit aus.11

Eine der langlebigsten und sich gegenseitig unterstützenden Verbindungen knüpften Leo Löwenthal und Herbert Marcuse, die sich kurz vor ihrer Flucht nach Amerika kennenlernten. Obwohl Marcuse Schüler Martin Heideggers gewesen und seine Dissertation über Hegels Ontologie bereits fertiggestellt war, die Heideggers Einfluss zeigte – Adorno publizierte 1932 eine etwas gemischte Rezension in der Neuen Zeitschrift für Sozialforschung –, empfahl Kurt Rietzler, ein Philosoph und ehemaliger Diplomat, der damals Kurator der Universität Frankfurt war, Horkheimer, Marcuse in den Kreis des Instituts aufzunehmen. Bald darauf wurde Löwenthal entsandt, um Marcuse in die neue Zweigstelle des Instituts nach Genf einzuladen. Marcuse hatte Freiburg im Dezember 1932 verlassen, als sich zunehmend herausstellte, dass seine Hoffnungen auf eine von Heidegger betreute Habilitation nicht verwirklicht werden konnten. An dem schicksalhaften Tag, dem 30. Januar 1933, als Hitler Reichskanzler wurde, trat Marcuse offiziell dem Institut bei. Nach einem Jahr in der Schweiz schloss er sich den anderen Institutsmitgliedern in ihrem neuen Zuhause in New York an. Wie aus einem scherzhaften Brief vom 7. Juli 1934 hervorgeht, den Marcuse an Löwenthal sandte, der als letztes Mitglied des Instituts12 Europa verlassen hatte, waren beide bereits enge Freunde geworden. In einer sarkastischen Anspielung lästern sie, es sei eine »Ehre mit dem Direktor [Horkheimer] am Montag in einem Pullman-Schlafwagen nach Lake Placid fahren zu dürfen.«

In Anbetracht seiner späteren internationalen Berühmtheit ist daran zu erinnern, dass Marcuse in jenen frühen Jahren weniger prominent war. Löwenthal, der 1926 zum Institut kam, war nach 1930 zusammen mit dem Ökonomen Henryk Grossmann einer der Hauptassistenten von Horkheimer. Als die Zeitschrift für Sozialforschung 1932 mit ihren Veröffentlichungen begann, übernahm Löwenthal eine wichtige redaktionelle Rolle. Er war verantwortlich für den umfangreichen und bald schon hoch angesehenen Rezensionsteil. Marcuse veröffentlichte zwei Jahre später seinen ersten Aufsatz in der Zeitschrift. Zu diesem Zeitpunkt hatte Löwenthal bereits drei veröffentlicht, unter anderem seinen wichtigen Aufsatz Zur gesellschaftlichen Lage der Literatur.13 Als Adorno in den Institutsangelegenheiten bedeutender wurde und Horkheimers Vertrauen als dessen wichtigster theoretischer Mitarbeiter gewann, sah sich Marcuse zunehmend an den Rand gedrängt.14 Letztendlich wurde er aus dem Gemeinschaftsprojekt ausgeschlossen, das dann in der Dialektik der Aufklärung mündete.

Obwohl Marcuse und Löwenthal in der interdisziplinären Organisation des Instituts unterschiedliche Aufgaben zugewiesen wurden, trugen sie zur kollektiven Entwicklung der Kritischen Theorie bedeutend bei. Sie teilten beide ein starkes Interesse an ästhetischen und kulturellen Fragen. Ihre Freundschaft vertiefte sich während der Zusammenarbeit des Instituts mit der Columbia University in New York, die aber schon Anfang der 1940er Jahre langsam nachließ.15 Nach einem Jahr, das Marcuse mit Horkheimer, Pollock und Adorno in Los Angeles verbrachte, während Löwenthal an der Ostküste blieb,16 wurde ihre Beziehung nach der Rückkehr nach Washington erneuert. Dort arbeiteten beide in den amerikanischen Organisationen, die das nationalsozialistische System analysierten. Marcuse war zusammen mit Neumann und Otto Kirchheimer im Büro für strategische Angelegenheiten, während Löwenthal, der seine Kollegen im Office of Strategic Service (OSS) beneidete, für das Büro für Kriegsinformationen, das Office of War Information (OWI), arbeitete17. Als Horkheimer, Adorno und – mit einiger Zurückhaltung – Pollock nach dem Krieg nach Frankfurt zurückkehrten, blieben Marcuse und Löwenthal in den Vereinigten Staaten. Letztendlich lehrten beide an der University of California, Löwenthal in Berkeley und Marcuse in San Diego.

In dieser Zeit entdeckte die Neue Linke auf beiden Seiten des Atlantiks das Erbe der Kritischen Theorie und Marcuse erlangte als kritischer, aber auch solidarischer Vertreter der Bewegung der revoltierenden Jugend Ende der 1960er Jahre internationalen Ruhm18. Ab den 1970er Jahren vertiefte sich ihre enge Verbindung. Marcuse schrieb 1970 eine glühende Einführung für eine neue Ausgabe von Löwenthal und Gutermans Prophets of Deceit, in der Marcuse die Relevanz des Buches für das Amerika dieser Zeit betonte (eine Behauptung, die nach fünfzig Jahren immer noch aktuell erscheint)19. Löwenthal gab Marcuse Unterschlupf in seinem Sommerhaus in Carmel Valley, Kalifornien, als Rechtsextremisten und der Ku-Klux-Klan Marcuses Leben mit Morddrohungen bedrohten. Beide drückten ihre Solidarität mit den Frankfurter Studenten aus. Die Revoltierenden kritisierten Horkheimers und Adornos Ambivalenzen gegenüber deren Aktionen und forderten, die militanten Implikationen der klassischen Kritischen Theorie zu verwirklichen.

Marcuses und Löwenthals jahrzehntelange Freundschaft in einer Welt, in der die Integrität anderer traditioneller Werte wie Solidarität und Selbstlosigkeit immer wieder zerstört wurden, zeugt von der bedeutenden Kraft, die von diesen engen Bindungen damals ausging.

Die im Band präsentierten Aufsätze, Kommentare, Primärtexte und Briefe zeigen die persönliche Zuneigung der beiden in den Staaten verbliebenen Theoretiker. In den vielen verschiedenen Anreden und Abschiedsgrüßen der Briefe, die im Laufe der Jahrzehnte ausgetauscht wurden – »Untier«, »Lieber Vater Marcuse«, »Dear Loontool«, »Dear LL«, »Leochen«, »Dear Herb«, »Leo Dear« –, spüren wir die Wärme, sogar gelegentlich regressive, kindliche Freundschaft, die ihren zwischenmenschlichen Kontakt belebte. In Eros and Civilization lobte Marcuse Friedrich Schillers »Spieltrieb« als Quelle einer utopischen Version von Schönheit und Freiheit, die den instrumentellen Erfordernissen der Arbeit und dem Fetisch der Produktivität entgegengesetzt ist.20 Marcuse und Löwenthal waren engagierte Mitarbeiter bei der Entwicklung der Kritischen Theorie und arbeiteten mit ihren Kollegen zusammen, um die ernsthafte wissenschaftliche Agenda des Instituts umzusetzen und vielleicht letztendlich die Welt zu verändern. Aber in der spielerischen Intimität, die ihre dauerhafte Freundschaft ermöglichte, lag etwas von der Präfiguration der Utopie.

*

Dies ist nicht das erste Mal, dass Peter-Erwin Jansen Materialien aus den Archiven von Marcuse und Löwenthal auswählt und kommentiert. Die Beziehung, die sich zwischen einem literarischen Herausgeber und den im Archiv zurückgelassenen Materialien, die er oder sie sortiert, bearbeitet, zusammenstellt, zur Publikation für andere Wissenschaftler freigibt, kann gelegentlich so emotional sein, dass dies das Interesse der Öffentlichkeit blockiert. Allzu oft kann es zu einer eifersüchtigen Torhüterrolle für den Herausgeber werden, der entschlossen ist, den idealisierten Ruf einer verehrten Figur nicht zu beeinträchtigen. Die Erlaubnis, unveröffentlichtes Material zu lesen, kann verdächtig verweigert werden und möglicherweise werden peinliche Dokumente unter Verschluss gehalten. Das gegenteilige Ergebnis ist auch möglich, wenn der Zugang zu privaten Materialien zeigt, wie viel Ton sich tatsächlich in den Füßen eines scheinbaren Helden befindet, und ein bewundernder Redakteur sich in einen desillusionierten Staatsanwalt verwandelt. Kein Mann ist, wie eine bekannte Formulierung sagt, ein Held für seinen Diener, der mit seiner schmutzigen Wäsche umgehen muss. Aber es ist wichtig, sich auch an Hegels berühmte Korrektur dieses Ausspruchs zu erinnern: »Es ist nicht so, weil Helden keine Helden sind, sondern weil Kammerdiener Kammerdiener sind.«

Ein kluger und rücksichtsvoller Redakteur wird die Extreme zwischen einer Idealisierung der Helden und des desillusionierten Zynismus eines Kammerdieners vermeiden. Er oder sie wird die Werke, die das anhaltende Interesse an einem Autor rechtfertigen, sorgfältig auswählen und präsentieren, während die allzu menschlichen Eigenschaften, die ungefilterte Archivunterlagen offenbaren könnten, sensibel kommentiert werden. In den Fällen von Marcuse und Löwenthal erfordert dies auch die Geduld und Standhaftigkeit, um etwa 40.000 Seiten des Ersteren und 75.000 Seiten des Letzteren im Archiv in Frankfurt durchzulesen.21 Im Laufe der Jahre wurden die Mitglieder der Frankfurter Schule von Redakteuren gut betreut, die eine Vielzahl unveröffentlichter Materialien zur Verfügung gestellt und sorgfältig ediert haben. Seit Adorno und Gershom Scholem in den 1960er Jahren bei der ersten Ausgabe von Benjamins ausgewählten Werken zusammengearbeitet haben, haben die »Frankfurter« von der intimen Kenntnis nicht nur der Texte, sondern auch der darin enthaltenen Ideen profitiert, die von ihren Herausgebern publiziert wurden.

Allerdings wurden die Ergebnisse, wie auch das Beispiel der Adorno-/Scholem-Ausgabe von Benjamin zeigt, nicht immer allgemein anerkannt, insbesondere von jenen, die politische Motive für redaktionelle Entscheidungen unterstellten.22 Solche Anschuldigungen konnten jedoch einer genauen Prüfung nicht standhalten, und im Großen und Ganzen sind ihre Nachlässe nicht unbeachtet geblieben. Jetzt wird erkennbar, dass die immer noch wachsende internationale Rezeption der Frankfurter Schule nur durch die außerordentlichen Bemühungen von Rolf Tiedemann, Alfred Schmidt, Gunzelin Schmid Noerr, Robert Hullot-Kentor, Helmut Dubiel und Douglas Kellner ermöglicht wurde, um nur einige herausragende Beispiele zu nennen. Sie waren nicht nur die Vermittler zwischen dem Archivprotokoll und der öffentlichen Rezeption der Figuren, deren Werke sie sorgfältig bearbeitet haben, sondern sie haben auch maßgeblich zur Interpretation der Hinterlassenschaften beigetragen, für deren Bewahrung sie so viel getan haben. Peter-Erwin Jansen ist ein würdiges Mitglied ihres angesehenen Unternehmens.

1 Übersetzung von Peter-Erwin Jansen. Für die Unterstützung bedanke ich mich herzlich bei Harold Marcuse.

2 Habermas (2019).

3 Habermas (1985).

4 Richter (2007).

5 Adorno (1951).

6 Diese Formulierung stammt von Christopher Lasch (1995): Haven in a Heartless World: The Family Besieged, New York. Die problematische Geschlechterdynamik der patriarchalischen Familie und deren Erosion wurde von denjenigen betrauert, die diese Dynamik nur unzureichend erkannten. Horkheimers ambivalente Bemerkungen zur Verbreitung der Geburtenkontrolle bei Frauen veranschaulichten die Gefahren einer solchen Position. Siehe auch: Horkheimer, Max (1970): Die Sehnsucht nach dem ganz Anderen, Hamburg, S. 74.

7 Explizit behandelt Siegfried Kracauer das Thema Freundschaft in: Über die Freundschaft, Frankfurt a. M. 1917/18. Zur Diskussion über die Bedeutung für »rechte Denker« siehe: Bures, Eliah Matthew (2014): Fantasies of Friendship: Ernst Jünger and the German Right’s Search for Community in Modernity, Ph. D. Dissertation, U. of California, Berkeley.

8 Vgl. Emer (2015) und Lenhard (2019).

9 Lenhard/Pollock (2019), S. 41.

10 Kracauers Beziehungen zu Adorno und Löwenthal zeigen dies am deutlichsten. Siehe dazu: Martin Jay (2003), ders. (2005) und ders. (2018).

11 Die kulturelle Bedeutung homosozialer Beziehungen im Gegensatz zu homosexuellen Beziehungen wurde erstmals herausgearbeitet bei Kosofsky Sedgwick, Eve (1985): Between Men: English Literature and Male Homosocial Desire, New York. Solche Beziehungen bestehen sowohl zwischen Frauen als auch zwischen Männern. Aber die führenden Persönlichkeiten des Instituts waren alle Männer. Gelegentlich wird argumentiert, dass Frauen als Vermittler von Begierden im homosozialen Bereich zwischen Männern auftreten, eine Behauptung, die die Rolle von Inge Werner Neumann Marcuse neu beleuchten könnte. Laut Sohn Thomas, der später den Namen Osha annahm, haben DNA-Tests bewiesen, dass er tatsächlich Marcuses leiblicher Sohn war, der gezeugt wurde, als sie mit Neumann verheiratet war. Vgl. Defender of the Homeless, The San Francisco Chronicle, 16. Juni 2019.

12 Adorno, der erst 1938 emigrierte, war in diesen Jahren kein vollwertiges Mitglied des Instituts.

13 Löwenthal (1932/1980), S. 309–328.

14 Adornos negative Einstellung gegenüber Marcuse war bereits bekannt, so in seinem Brief vom 15. Mai 1935 an Horkheimer, worin er über Marcuse urteilt, er halte ihn »für einen durch Judentum verhinderten Faszisten«, der aus dem Institut geworfen gehöre. Vgl. Horkheimer (1995), S. 347. Siehe auch: Adorno an Walter Benjamin vom 25. April 1937, als er Marcuses Aufsatz Über den affirmativen Charakter der Kultur als »mäßig«, »mit Weimarer Bildungsstoff aufgefüllt« und als Arbeit eines »fleißigen Oberlehrers« beschreibt. In: Adorno/ Benjamin (1994), S. 235/236. Dort finden sich ebenfalls abwertende Äußerungen gegenüber Löwenthal und Fromm.

15 Vgl. Thomas Wheatland (2009), Kapitel 2.

16 Löwenthal (1987), S. 82.

17 Vgl. Katz (1989), Kapitel 2 und Neumann/Marcuse/Kirchheimer (2016).

18 Zur amerikanischen Rezeption dieser Jahre siehe: Robert Zwarg (2017).

19 Löwenthal/Guterman (1949/1970). Vorwort Marcuses übersetzt aus dem Englischen und mit einer ausführlichen Einleitung, Jansen, P.-E. (1993), S. 40–42.

20 Vgl. Marcuse (1967), Kapitel 9.

21 Angaben von Jochen Stollberg, Nachlass Leo Löwenthals im Archivzentrum der Stadt- und Universitätsbibliothek Frankfurt a. M., in: Jansen (2000) (Hrsg.), S. 175.

22 Vgl. hierzu: Heissenbüttel, Helmut (1967): Vom Zeugnis in Fortleben der Briefe, Merkur 21. Dies war der erste Teil einer Reihe von Kritiken, die hauptsächlich in der radikalen Zeitschrift Alternative (Berlin) auftauchten. Einen weiteren Angriff aus einer anderen Perspektive löste Hannah Arendt aus. Vgl. Müller-Dohm (2011).

Teilweise unveröffentlichte Fotos1


Herbert Marcuse und Leo Löwenthal im Sommer 1934.


Herbert Marcuse. In Marcuses Album steht unter dem Foto: »Horkheimers Hund. 1934, Genf«.


Von links nach rechts: Peter Marcuse, Leo, Golde und Daniel Löwenthal sowie Sophie Marcuse.

Die beiden anderen Personen konnten nicht ermittelt werden. Vermerk im Album: »Genf, Route des Ferney 1934«.


Golde, Daniel und Leo Löwenthal, ca. 1942/1943.


Herbert, Sophie und Peter Marcuse, ca. 1942/1943.


Sophie, Herbert und Peter Marcuse, ca. 1934.


Herbert Marcuse, ca. 1935.


Daniel und Golde Löwenthal.


Leo, Golde und Daniel Löwenthal, ca. 1937.


Leo und Golde Löwenthal, ca. 1936.


Peter Marcuse und Daniel Löwenthal, Genf 1933.


Herbert und Sophie Marcuse auf der Reise nach Los Angeles, 1934.


Sophie und Herbert Marcuse 1934, Reise nach Los Angeles.


Herbert und Peter Marcuse, ca. 1974.


Leo Löwenthal und Herbert Marcuse zu Beginn der 1970er Jahre.


Herbert Marcuse und Leo Löwenthal, ca. 1977.

1 Bis auf die beiden Fotos, die Marcuse und Löwenthal in den 1970er Jahren zeigen, sind alle Fotos aus dem Privatalbum von 1933/34 von Herbert Marcuse. Die Rechte der Fotos liegen bei Peter und Harold Marcuse sowie bei Peter-Erwin Jansen.

Brutale Pragmatiker und zynische Sachlichkeit

Marcuses Analysen über Nazideutschland

Peter-Erwin Jansen

Die sozialpsychologische Studie Der autoritäre Charakter. Studien über Autorität und Vorurteil des Instituts für Sozialforschung orientiert sich an der Erscheinungsform des sich in Europa ausbreiteten Faschismus der 1930er Jahre. Weitere wichtige Mitarbeiter waren Daniel J. Levinson, R. Nevitt Sanford und die im polnischen Lemberg geborene, in Wien ausgebildete Psychologin und Psychoanalytikerin Else Frenkel-Brunswik. Sie lehrte bis zu ihrem Tod 1958 in Berkeley.

Adorno sah im Nationalsozialismus eine »kleinbürgerliche Massenbewegung« und stellte davon ausgehend die Hypothese auf, »dass die Anfälligkeit für faschistische Propaganda weniger mit politischen, wirtschaftlichen und sozialen Vorstellungen per se zusammenhänge, sondern dass solche Meinungen als Reaktionen auf psychische Bedürfnisse zu verstehen seien«.1

Daraus resultierend ging es den an der Studie beteiligten Wissenschaftlern nicht alleine um eine Enthüllung autoritärer Persönlichkeitsstrukturen, sondern um die Analyse potenziell faschistischer Einstellungen, die auch unter nicht-totalitären – also durchaus auch demokratischen – gesellschaftlichen Bedingungen überdauern und unter bestimmten Veränderungen dieser Gesellschaften ähnliche Einstellungen erneut freilegen können. Was hier als Charakter benannt ist, meint nicht eine unveränderbare Konstante, die, wie es heute in ideologischer Absicht heißt, als »bestimmter Charakterzug einer Volksgruppe« angesehen wird. Was Adorno anspricht, ist ein dynamischer, sich unter bestimmten sozialen Bedingungen verändernder Begriff der Persönlichkeitsstruktur, die auf eine autoritäre Grundhaltung treffen kann. Erst in ständiger Wechselbeziehung von gesellschaftlichen Einflüssen, biografischen Brüchen und gruppenspezifischen Orientierungen etablieren sich individuelle Einstellungen, Meinungen, Haltungen und Wertvorstellungen. Diese werden umso stärker in »autoritäre« Bahnen gelenkt, je früher sich die eigene Persönlichkeitsentwicklung mit fest gefügten Bildern und Vorurteilen abschottet gegen einen offenen Erfahrungshorizont, der darüber die eigenen Veränderungen als Teil seiner Persönlichkeitsentwicklung zulassen könnte und diese Veränderungen dann nicht als Bedrohung empfindet.

Gegenteiliges findet aber statt, wenn das Individuum eine übermäßige und überhöhte Identifikation mit der eigenen Gruppe gegenüber einer »Fremdgruppe« als Sinnersatz für drohenden Werteverfall oder für einfache Deutungsmuster einer konfliktreichen »flüchtigen Moderne« (Zygmut Baumann)2 einsetzt. Abschottung wird zur Überlebensfrage. Ein Instrumentarium, welches schnell und unkompliziert dabei hilft, ist das Vorurteil. Es erhält eine alles erklärende Kraft und verfestigt irreale Annahmen zu leicht einsetzbaren Sinnkrücken und Erklärungsstützen für reale Missstände. Die Tatsache der leichten und leichtfertigen Verallgemeinerung mithilfe des Vorurteils etwa gegen die Juden ist allein durch (negative) individuelle Erfahrungen nicht zu erklären. Adorno schreibt: »Die objektive Situation des Individuums kommt als Ursprung solcher Irrationalität kaum in Frage«. Obwohl die Erforschung antisemitischer Stereotypen und Vorurteile einen großen Teil der Studie einnimmt und von den ersten Resultaten des »Antisemitismus-Projekts« der Berkeley-Gruppe um Levinson und Sanford bereits unterfüttert war, blieb die Studie nicht auf die Erforschung des antisemitischen Vorurteils beschränkt. Untersucht wurden minoritätenfeindliche Vorurteile, die sich zu ideologischen und charakterologischen Dispositionen verdichten.3

Lügenpropheten – Prophets of Deceit

Nun bedarf es derjenigen politischen Propagandisten oder Demagogen, die genau diese Dispositionen ansprechen. Wer ist das? Wie geschieht das? Welche Tricks wenden sie an? Auf welche Voreinstellungen und Grundhaltungen ihrer Gefolgschaft treffen sie real? Mit diesen Fragen beschäftigt sich der fünfte Band der Studie Prophets of Deceit, der von Leo Löwenthal und Norbert Guterman im Zusammenhang mit den oben erwähnten Vorurteilsstudien erstellt wurde.

Gesellschaftspolitische Defizite können individuelle Leiderfahrungen hervorbringen, die Stabilität des Individuums bedrohen und sich als Unzufriedenheit bis hin zur Gewalt gegen Minderheiten äußern. Nun geht es dem politischen Propagandisten nicht darum – so Löwenthal –, »das Wesen der besagten Unzufriedenheit rational zu definieren. Vielmehr versucht er jede bei seinem Publikum existierende Desorientierung zu bestärken, indem er alle rationalen Demarkationen verwischt und stattdessen spontane Aktionen vorschlägt«. Diese »spontanen Aktionen« sind umso erfolgversprechender, je klarer zu erkennen ist, gegen wen sich die Aktion richten soll.

Der »Lügenprophet«, so die Verfasser, reduziere politische und gesellschaftliche Missstände oder soziale Verwerfungen auf ethnische Gruppen, auf personifizierte Feinde. Er betont mantraartig die »notwendige Eliminierung von Personen«, aber nicht die Veränderung der gesellschaftlichen Ursachen. Dort also, wo nach einem »Was ist schuld an der Misere?« gefragt werden müsse, stellen die Demagogen die immer wiederkehrende rhetorische Frage »Wer ist schuld an der Misere?«. Und die Propheten der Täuschung antworten am lautesten: »Wir wissen, wer schuld ist, lasst uns nur machen.« Die Personifizierung des Unbehagens an den herrschenden Verhältnissen löst sich so von der politischen Kritik und der rationalen Argumentation ab und der Gedanke über die politischen und ökonomischen Ursachen tritt völlig in den Hintergrund. An die Stelle rationaler Argumentation über soziale Probleme tritt eine scheinbar einhellige Meinung über die Schuldigen, die schnell von allen geteilt werden kann. An diesem Punkt treffen sich Propaganda und Machtwille des Agitators mit seiner Gefolgschaft. Löwenthal schreibt: »Die Anklagen [des Agitators] beziehen sich zwar auf eine soziale Wirklichkeit, aber nicht in der Form rationaler Begriffe.«4

Diese emotionalen Sedimente weiß der Agitator besonders in gesellschaftlichen Krisensituationen für seine Zwecke zu nutzen. Er aktiviert, spielt mit individuellen Angstgefühlen, die längst zum Grundbestand des Lebens in modernen kapitalistischen Gesellschaften gehören. Heute sprechen wir von »Entsolidarisierung, von sozialer Entgrenzung, von Exklusion«.5

Löwenthal nennt diesen Zustand des Menschen im heutigen Dasein: »das große Unbehagen«. Die Mobilisierung der Ängste unter den sich rasant verändernden Lebensumständen und globalen Entwicklungen, ist ein zentrales Motiv der Propaganda. Dem Agitator liegt daran, die Ängste und die Enttäuschungen an die Oberfläche der Unzufriedenen zu spülen, um sie aus ihrer Passivität zu lösen und sie als Instrument gegen die scheinbaren Verursacher zu mobilisieren. Aus Ängsten aufgrund einer unsicheren Situation kann Hass werden auf die scheinbaren Verursacher, die an der eigenen Misere schuld sein sollen. Der Agitator erzeugt das Unbehagen zwar nicht, »aber er verstärkt und verfestigt es, weil er den Weg zur Überwindung der Ursachen versperrt«. Die individuelle Enttäuschung über die vom System vorgegaukelten Glücksversprechen wird gewendet in die gesellschaftliche Lossagung von geteilten Werteorientierungen, gedeutet als Zerfall und Auflösung von quasi naturgesetzlichen Zusammenhängen, die nur zum Abgrund führen können. Daher setzt der Agitator gar nicht auf wirkliche Alternativen, sondern er »verkündet den Untergang«.6

Die scheinbare Alternative, die er formuliert, beschränkt sich auf ein Entweder-oder. Sie ist nur eine scheinbare, da die Grundprinzipien menschlichen Zusammenlebens reduziert werden auf ein Gegeneinander und nicht auf ein Miteinander. Das ist aber eine unhintergehbare Konstante für friedfertige Gesellschaften und ein grundlegender normativer Wert, der »soziale Kitt« (Adorno), der eine heterogene Gesellschaft zusammenhält: gegenseitige Anerkennung als Form gerechter, gleichberechtigter und materieller Partizipation.

In der Propagandasprache, so interpretieren die Autoren, seien widersprüchliche gesellschaftliche Verhältnisse so nachhaltig auf die individuell erfahrene Erniedrigung reduziert, dass nur ein autoritärer Befreiungsschlag einen Sieg im Kampf um das Überleben sichern könne. Das verspricht der Agitator und er weiß auch, gegen wen sich das zu richten hat. Daher nimmt die Beschreibung eines Feindbildes in der politischen Agitation einen solch zentralen Stellenwert ein. Die vermeintlichen Einwanderer, Andersgläubige, Fremde, Flüchtlinge, Menschen, die nicht ins Bild der Heteronormativität passen, seien verantwortlich für Gottlosigkeit, moralischen und geistigen Zerfall, für das Auflösen der natürlichen Volksgemeinschaft, wie es auch heute in der neonazistischen und fremdenfeindlichen Propaganda rechtsextremer Gruppen und deren verlängertem parlamentarischen Arm heißt.7

Der Agitator vermeidet jedoch das Wort »Ausgrenzung«. Er spricht von notwendiger Säuberung, oder wie Löwenthal es nennt: von »häuslicher Reinigung«, die an den alltäglichen Hausputz erinnere, der schließlich in jedem ordentlichen Haushalt notwendig ist. Hier trifft die Propaganda auf die Alltagssprache, die weiß, was das bedeutet. Was der politische Agitator zur Behebung der Misere vorschlägt und seinem Publikum bildhaft vermittelt, sind nicht selten handfeste Aktionen. Sie kommen in solchen Metaphern wie »wegwerfen, rausschmeißen, beseitigen« zum Ausdruck und suggerieren die Notwendigkeit, das Heft nun selbst in die Hand nehmen zu müssen. Nur wenn die vermeintlich Schuldigen vertrieben, eliminiert sind, ist der »Feind« besiegt.

Löwenthal notiert Zitate aus verschiedenen Reden der Demagogen: »Alle Flüchtlinge […] müssen in die Länder zurückkehren, aus denen sie kamen« und »alle Ausländer und ehemaligen Ausländer müssen deportiert werden«.

Das klingt heute allzu bekannt, auch wenn sich verschiedene rechtsradikale Demagogen mittlerweile um eine moderatere Sprache bemühen und die Feinde vielfältiger geworden sind. Heute sind es nicht nur Juden und Muslime. Es sind Menschen, die nicht in das stromlinienförmige, einfache Weltbild einer wie auch immer »ursprünglichen Zugehörigkeit« zum deutschen Volk passen. Und ich möchte hinzufügen: Wer der Meinung ist, rassistische Hetze, rassistische Gewalt, gar Morde träfen uns alle, hat nicht verstanden, was Rassismus ist. Es trifft nicht uns alle, sondern Menschen, die sich von diesem konstruierten alle in Hautfarbe, Kultur, Religion, sexueller Orientierung unterscheiden! Die zerstörerische Missachtung, dass Menschen durchaus unterschiedlich sind und anders leben, betrifft eben nicht alle!

Als Juden und kritische Intellektuelle wurden Marcuse, Löwenthal, Adorno, Horkheimer und andere Mitarbeiter des Instituts von den Nazis 1933 zur Flucht und ins Exil gezwungen. Die Columbia University in New York war die erste Station in den Staaten. Ebenso für Hannah Arendt, die Beobachterin des Eichmann-Prozesses 1961 in Israel, den sie analysierend zusammengefasst hat in ihrem nicht unumstrittenen Band Die Banalität des Bösen. Sie schreibt in ihrem 1943 publizierten Aufsatz Wir Flüchtlinge: »Als Flüchtling hatte bislang gegolten, wer aufgrund seiner Taten oder seiner politischen Anschauungen gezwungen war, Zuflucht zu suchen. Es stimmt, auch wir mussten Zuflucht suchen, aber wir hatten vorher nichts begangen, und die meisten unter uns hegten nicht einmal im Traum irgendwelche radikalen politischen Auffassungen. Mit uns hat sich die Bedeutung des Begriffs ›Flüchtling‹ gewandelt. ›Flüchtlinge‹ sind heutzutage jene unter uns, die das Pech hatten, mittellos in einem Land neu anzukommen, und auf die Hilfe der Flüchtlingskomitees angewiesen waren.«8

Knapper werdende Finanzmittel Ende der 1930er Jahre erfordern von den Institutsmitarbeitern, sich nach neuen Beschäftigungsmöglichkeiten in amerikanischen Arbeitszusammenhängen umzusehen. Horkheimer und Adorno verlassen New York 1940 in Richtung Westküste nach Los Angeles. Dort beginnen sie mit ihrer Gemeinschaftsarbeit Dialektik der Aufklärung, präziser formuliert, mit der Arbeit zu Elemente des Antisemitismus.

Enttäuscht darüber, dass Marcuse nicht in der Nähe der Verfasser der Dialektik der Aufklärung in Kalifornien bleiben kann, geht er Ende der 1930er Jahre nach Washington, wo Franz Neumann bereits beim Office of Strategic Services (OSS) arbeitete.9 Dort nimmt Marcuse, vermittelt durch Löwenthal, erst eine Stelle im Office of War Information (OWI), dann ein Jahr später (1941) im OSS an. Mit Neumann erarbeitet er dort den Text Staat und Individuum im Nationalsozialismus. Die Verfasser deuten die Zustimmung weiter Teile der deutschen Bevölkerung zum Nationalsozialismus zentral unter zwei Aspekten: Zum einen biete das NS-System eine neue »wirtschaftliche Sicherheit« und zum anderen ein »Zugehörigkeitsgefühl«, das sich gerade in den Umbrüchen der Weimarer Zeit diffus aufzulösen schien. »Die individuelle Freiheit der präfaschistischen Ära war für die Mehrheit der deutschen Bevölkerung gleichbedeutend mit ständiger sozialer Unsicherheit. Seit 1923 hatte es keine Versuche mehr gegeben, eine wirklich demokratische Gesellschaft zu etablieren. Stattdessen breiteten sich Resignation und Verzweiflung aus. Kein Wunder, dass die Freiheit nur allzu bereitwillig für ein System eingetauscht wurde, das allen deutschen Familien ein sicheres Leben versprach. Der Nationalsozialismus verwandelte das freie in das wirtschaftlich abgesicherte Subjekt, und an die Stelle des gefährlichen Ideals der Freiheit trat die schutzversprechende Realität der sicheren Existenz.«10

Das OSS war eine Forschungsgemeinschaft exilierter Wissenschaftler, meist aus Europa, die das nationalsozialistische Deutschland, dessen Ideologie und Propaganda, gestützt auf Antisemitismus, Rassismus und Ariertum, die Verwobenheit von Politik, Wirtschaft, Militär und Recht – hier zu nennen Franz Neumanns Werk Behemoth. Struktur und Praxis des Nationalsozialismus 1933–1944 (1942/1944) – und die Vorbereitung, dann Durchführung des systematischen Massenmords an Juden, Sinti und Roma, Homosexuellen, Oppositionellen sowie die Kriegsrhetorik und militärischen Eroberungsfeldzüge untersuchte. Das geschah durch Auswertungen von Reden unterschiedlicher Nazifunktionäre, von Radiobeiträgen, von Propagandaschriften, politischen Publikationen, von Befehlsanordnungen an die SS und SA und administrativen Anweisungen der Nazibehörden.

In den 1940er Jahren erstellten Dossiers identifiziert Marcuse die für den technischen Erfolg notwendigen und in sich logischen Handlungsabläufe, die effizient und wirkungsvoll sein sollten, aber in ihrem Gesamtergebnis zerstörerisch wirkten, als eine »irrationale Rationalität«. Eine Rationalität, die alles an Kriterien von Effizienz, Erfolg und Nützlichkeit messe, folge nur einem pragmatischen Zweck: die Mittel erfolgreich einzusetzen. Letztlich griff im NS-System alles gut ineinander: vom Sammeln der jüdischen Bevölkerung auf den öffentlichen Plätzen – jeder konnte es sehen – und dem Lösen der Fahrscheine für die Deportationszüge über die Kontrolle durch die Schaffner und Lokführer bis zu den Selektionsbeamten an der Rampe und den »Beschäftigten« an den Gaskammern. Schließlich gab es die politische Propaganda der antisemitischen Ausgrenzung, die Gleichschaltung der gesellschaftlichen Sphären, der Aufschwung und die Aufrüstung im militärischen Bereich, alles war durchschaubar. »Technokratie« nannte Marcuse diese Verflochtenheit von Gesellschaft, Politik und Großindustrie in dieser Zeit.

Die Katastrophen des zwanzigsten und 21. Jahrhunderts bestätigen die Aktualität dieser Kritik. Kriege – wir sehen es in Syrien –, die flüchtende und schutzlose Menschen durch die Welt treiben, zur Verhandlungsmasse degradieren, in Lagern isolieren sowie aktuell globale Umweltkrisen, verursacht auch durch den ungezügelten Kapitalismus, bedrohen das Aufklärungsprojekt, das einmal mit der Idee einer vernünftig organisierten und freien Gesellschaft verbunden war.

Neben den politischen und propagandistischen Strategien der Nazis müsse aber noch etwas anderes dazu geführt haben, dass die große Mehrheit der deutschen Bevölkerung dazu brachte, sich von Hitlers Politik so viel zu versprechen, dass, wenn nicht zu aktiver Unterstützung des Systems, aber doch zu mehrheitlicher Gleichgültigkeit gegenüber den europäischen Juden führte, die dann in den Vernichtungslagern ab Ende 1941/Beginn 1942 vergast, erschossen oder erschlagen wurden.

Im Zentrum der Feindanalysen steht der Text »Die deutsche Mentalität – Memorandum zu einer Untersuchung über die psychologischen Grundlagen des Nationalsozialismus« und im Untertitel heißt es weiter etwas zu optimistisch »und die Möglichkeiten ihrer Zerstörung«, datiert vom Juni 1942.11

Diese Möglichkeiten scheinen bei Marcuse schon sehr früh in realistischen Pessimismus umzuschlagen. So schreibt er am 16. August 1944 an Max Horkheimer: »Wenn wir wüßten, dass mit dem Zusammenbruch Deutschlands die ›bösen Mächte‹ eliminiert wären, dann wäre es tatsächlich ein heller Horizont, der sich vor uns abzeichnete. Aber wir wissen es besser und alle Anstrengungen können vergebens sein, sogar für die Generationen, die noch kommen. Wie auch immer, Wunder können geschehen. So fühle ich es. Was wir hier (im OSS) tun können, um eine halbwegs sensible Politik auf den Weg zu bringen, tun wir, und wenigstens einige Dinge scheinen in das Denken und Tun der ›jeweiligen Verantwortlichen‹ einzudringen.«12

Letztlich kapitulierte Marcuse vor der Weigerung der amerikanischen Politik, die Empfehlungen zur Entnazifizierung zu übernehmen. Er verließ das OSS, das dann am 18. September 1947 durch den Central Intelligence Act, vom CIA abgelöst wurde.

Wie wir heute wissen, verlief während der Gründungsphase der Bundesrepublik Deutschland die Auseinandersetzung mit den Naziverbrechen nur schleppend. Die Politik hatte weitgehend kein Interesse, die meisten Menschen im Lande waren überzeugt, verführt worden zu sein. Hitler – ein verwirrter Einzeltäter? Hitler und seine Mittäter manipulierten also 17,3 Millionen Soldaten, die in der Wehrmacht nur ihre Pflicht erfüllten, egal wie der Befehl auch lautete?13

Es sind mutige Menschen wie der hessische Staatsanwalt Fritz Bauer, die sich trotz gewaltiger Widerstände in der frühen Phase der Bundesrepublik vehement dafür einsetzen, dass die Verbrechen des NS-Systems nicht verschwiegen und dessen mörderische Schergen zur rechtlichen Verantwortung herangezogen werden sollten. Es drohte die Verjährung von Mord. Die »Aufarbeitung der Vergangenheit« ist politisch weitgehend nicht gewollt. Die gut funktionierenden neuen Systeme, getrieben von einem kapitalistischen Markt, sollten so schnell es geht wieder ins Laufen kommen.

Theodor W. Adorno hat in seiner Arbeit Was bedeutet Aufarbeitung der Vergangenheit?14 1959 eindrucksvoll herausgearbeitet, wie schwer es sein würde, mit Bildungsmaßnahmen, zum Beispiel gegenseitigem Kennenlernen – sozialarbeiterisch ausgedrückt: interkulturellen Begegnungen –, den erneut auftauchenden antisemitischen Vorurteilen entgegenzuwirken:

»Ich glaube auch nicht, daß durch Gemeinschaftstreffen, Begegnungen zwischen jungen Deutschen und jungen Israelis und andere Freundschaftsveranstaltungen allzu viel geschafft wird, so wünschbar solcher Kontakt auch bleibt. Man geht dabei allzu sehr von der Voraussetzung aus, der Antisemitismus habe etwas Wesentliches mit den Juden zu tun und könne durch konkrete Erfahrungen mit Juden bekämpft werden, während der genuine Antisemit vielmehr dadurch definiert ist, daß er überhaupt keine Erfahrung machen kann, daß er sich nicht ansprechen läßt. Ist der Antisemitismus primär objektiv-gesellschaftlich begründet, und dann in den Antisemiten, dann hätten diese wohl, im Sinn des nationalsozialistischen Witzes, die Juden erfinden müssen, wenn es sie gar nicht gäbe.«15

Der Antisemitismus ist keine Charaktereigenschaft irgendeiner bestimmten Volksgruppe! Juden haben auch kein »besonderes Gen«, das sich durch »Selektionsdruck« (Sarrazin) weitervererbt hat und so der Antisemitismus als Reflex darauf biologisch zu begründen versucht wird. Das ist nichts anderes als ein Motiv des dumpfen, tiefbraunen biologistischen Rassismus. Es waren Etienne Balibar und Stuart Hall, die in den letzten Jahrzehnten darauf hinwiesen, dass dieser Biorassismus zwar noch unterschwellig existiere, aber einem »Rassismus ohne Rassen« gewichen sei. Oder, wie es Albert Memmi formuliert hat: »Der Rassismus ist die verallgemeinerte und verabsolutierte Wertung tatsächlicher oder fiktiver Unterschiede zum Nutzen des Anklägers und zum Schaden seines Opfers, mit der seine Privilegien oder seine Aggressionen gerechtfertigt werden sollen.«16

Längst verschleiern rechtsextreme Gruppierungen ihre rassistischen und nationalistischen Ausgrenzungsideologien mit modernen Begriffen wie Ethnopluralismus oder führen die Eigenständigkeit der Kulturen als Beleg dafür an, das Eigene gegen das vermeintlich Fremde abschotten zu müssen. Schon 1955 schrieb Adorno in Schuld und Abwehr: »Das vornehme Wort Kultur tritt anstelle des verpönten Ausdrucks Rasse, bleibt aber ein bloßes Deckbild für den brutalen Herrschaftsanspruch.«17

Marcuses Analysen einer »neuen deutschen Mentalität« kommen ohne rassentheoretische Erklärungen aus. Es ist sein Verdienst, dass er Begriffe wie »Rasse« oder »Blut und Boden« auch in modernen Gesellschaften als nicht veraltet interpretiert, sondern diese durchaus als ideologische Sedimente in modernen Gesellschaften abgelagert und auch abrufbar sind.

»Neue deutsche Mentalität«

Für Marcuse stellt die »deutsche Mentalität«, die er 1942 konstatiert, eine politische Kategorie dar, die sich auf die uneingeschränkte Politisierung aller gesellschaftlichen Sphären im nationalsozialistischen System bezieht. Zwischen privaten und öffentlichen Bereichen verlieren jede Grenzmarkierungen ihren Sinn. Erziehung, Intimsphäre, Sexualität, Geburt, Familie finden ihre Bedeutung in der NS-Ideologie, für die Volksgemeinschaft. Einhergehend mit dieser Aufhebung sei auch eine normative Rechtfertigung verschwunden, sowohl in der Politik, aber auch im Handeln der einzelnen Menschen – eine »psychologische Neutralität« habe sich über jede humanistische Verhaltensweise gelegt. So »neutral«, dass menschliches Leiden nicht mehr emphatisch wahrgenommen wurde.

Marcuse schreibt: »Die Deutschen erweisen sich gegenwärtig an gänzlich anderen Werten und Maßstäben, und sie sprechen eine Sprache, die sich von den Ausdrucksformen der westlichen Zivilisation wie auch von denen der einstigen deutschen Kultur grundlegend unterscheidet. Um eine wirksame psychologische und ideologische Offensive gegen den Nationalsozialismus lancieren zu können, müssen wir die neue Mentalität und die neue Sprache eingehend untersuchen.«18

In seiner Einleitung zu den Feindanalysen verdeutlicht der Frankfurter Soziologe Detlev Claussen den besonderen Zugang der Analysen Marcuses:

»Die Naziideologie wird weder mit der Realität verwechselt noch wird sie mit Mitteln der klassischen Ideologiekritik bearbeitet; es wird versucht, ihre soziale Funktion zu bestimmen. Deswegen sucht Marcuse auch nach neuen Kategorien: In einer Fußnote schlägt er ›Haltung‹ als Terminus für Mentalität vor. Weder bringt der Nationalsozialismus ein theoretisches Bewußtsein hervor, das in Praxis umgesetzt wird, noch produziert er überhaupt ein an Wahrheit orientiertes Bewußtsein.«19

Die Schwächen der Weimarer Verfassung

Deutlich wird, dass sich die »deutsche Volksgemeinschaft« weder aus einem irrgeleiteten Glauben noch einem verblendeten Führerheroismus für die Nazis entschieden hat, sondern es war eine rationale, am Pragmatismus orientierte Entscheidung. Politisch legale Vorteilsnahme durch Vorurteilsbestätigung. Dafür war man bereit, Freiheit gegen Sicherheit zu tauschen. Nachdem die »Gefährder« dieser Sicherheit wie politisch Oppositionelle, engagierte Gewerkschafter und christliche Mahner inhaftiert waren, verabschiedete sich, u. a. mit dem Versprechen auf Vollbeschäftigung und Heroismus, auch die breite Masse der Arbeiterschaft von allen sozialistischen Utopien einer solidarischen Welt. Auf das unterwürfige, nie stark ausgeprägte Selbstbewusstsein des Bürgertums und dessen brüchiges Verhältnis zur Weimarer Demokratie sowie auf seine eigenen Enttäuschungen gegenüber einem Neuanfang und dem Scheitern der Novemberrevolution 1918 weist Marcuse in späteren Äußerungen immer wieder hin. Über den aufkommenden Antisemitismus finden sich dagegen nur wenige Stellungnahmen bei Marcuse. Explizit findet sich dies in jenen Jahren bei Leo Löwenthal, zum Beispiel in Briefen schon 1918 während seiner Militärzeit in Hanau, oder auch in seiner Zeit in Heidelberg, als er dort 1927 mit Frieda Fromm-Reichmann und Erich Fromm eng befreundet war. In seinen Ferienzielen auf den ostfriesischen Inseln, so erinnerte sich Löwenthal, hingen schon ab Mitte der 1920er Jahre die Hinweise »Juden unerwünscht«, so auf Borkum und Norderney.

Löwenthals 1946 verfasster Artikel Individuum und Terror20, der im Zusammenhang mit seiner Arbeit beim OWI steht, ist in weiten Teilen vor dem Hintergrund der Antisemitismusstudien aus der zweiten Hälfte der 40er Jahre zu verstehen. Als die grausamen Einzelheiten der Tötungsmaschinerie der Nazis sichtbar wurden, sah die Welt, dass der nationalsozialistische Terror Menschen tatsächlich als »leblose Objekte« behandelt hatte. Menschen sind zur Ware geworden, zu einem Verbrauchsgut. Aus den Schilderungen der Überlebenden, die Löwenthal im Auftrag des OWI interviewt, erfährt er, dass die konkreten Individuen zu anonymen Nummern degradiert worden waren, die dann als »nützliche« und »unnütze« Ware in der Vernichtungsmaschinerie verschwanden. »Wer keine Nummer bekam, war Ausschussware und wurde vernichtet«, schreibt Löwenthal in seinem erschütternden Text.21

Im Namen der »inneren Feinde«, die sich als Teil einer gigantischen jüdischen Weltverschwörung im »gesunden deutschen Volkskörper« eingenistet hatten, diskreditierte die nationalsozialistische Propaganda Prinzipien wie soziale Gerechtigkeit, Chancengleichheit, Wahlrecht, Gleichheit vor dem Gesetz und Garantien eines gerechten juristischen Verfahrens, die Pressefreiheit und damit auch Ideen einer demokratisch verfassten Gesellschaft, wie sie ansatzweise in der Weimarer Verfassung zu finden waren. Die propagierte Bedrohung durch die inneren und äußeren Feinde war die Schweißnaht zwischen dem, was die Nazis den Massen in Aussicht stellten, sowohl materiell als auch psychologisch, und den Demokratiedefiziten der Weimarer Verfassung. Dem Tempo der technischen-industriellen Dynamik folgte in Deutschland kein entsprechender gesellschaftlicher Veränderungsprozess, der feudale, aristokratische Überbleibsel und gewichtige Partikularismen beseitigt hätte. Marcuse sieht diese Entwicklung als eine »typisch deutsche Form der Technokratie« – die gesellschaftliche Anpassung an die Großindustrie, die »eine Transformation der Moral in Technologie zur Folge hat«.

Ich komme zu meinem letzten Punkt, den ich auch für die gegenwärtige Analyse zahlreicher aktueller Gesellschaftsentwicklungen als bedeutend ansehe: Für Marcuse bestand die Leistung der Nazis gerade darin, die Ebene zwischen Ideologie und gesellschaftlicher Wirklichkeit so zu verzahnen, dass sich im Verhalten der Menschen eine Art nüchterner Opportunismus als »aufrechte Haltung« verfestigte, getragen von einem scheinbar individuellen materiellen Eigeninteresse und einer die Gesellschaft prägenden, aber verschleierten irrationalen Rationalität, die sich in den Köpfen als heilsbringende Mythologie einbrannte: »Die extreme Sachlichkeit, mit der die Deutschen demokratische Freiheiten gegen wirtschaftliche Sicherheit eintauschten, wurde von der nationalsozialistischen Mythologie nicht bekämpft, sondern gefördert. Paradoxerweise macht nämlich die Erziehung zu zynischer Sachlichkeit den Geist der Mythologie aus. In ihren Leitbegriffen ersetzt sie die gesellschaftlichen Verhältnisse durch ›natürliche‹, scheinbar konkretere und anschaulichere Begriffe […]. Volk und Rasse werden zu ›Tatsachen‹ erklärt, denn die durch Herkunft und Ort bestimmte Geburt ist eine Tatsache, der gegenüber Klasse und Menschheit scheinbar nur abstrakte Ideen sind.«22

Bevor ich mit einem Zitat Marcuses enden werde, möchte ich Jürgen Habermas zu Wort kommen lassen. Ich sehe seine Anmerkungen in engem Zusammenhang der Veranstaltungen, die über »Demokratie leben!« auch hier in Koblenz stattfinden: »Im Bündnis mit einer pessimistischen Anthropologie gewöhnt uns der Neoliberalismus täglich mehr an einen neuen Weltzustand, in dem soziale Ungleichheit und Exklusion wieder als Naturtatsachen gelten. Der Wortlaut unserer Verfassungen legt eine ganz andere Betrachtungsweise nahe. Brauchen wir vielleicht doch eine renovierte Sprache, damit diese normative Sicht der Dinge gegenüber Zwängen zur Anpassung an funktionale Imperative nicht in Vergessenheit gerät?«23

Da ich niemals ein Referat zu Herbert Marcuse abschließe, ohne seinen träumerischen Optimismus zur Sprache zu bringen, folgt ein letztes Zitat aus seinem kleinen Beitrag Ist eine freie Gesellschaft gegenwärtig möglich? Verfasst wurde er mitten in der brutalen Vernichtungspolitik 1940: »Handelt es sich dabei [die Grundlagen der Freiheit; PEJ] nicht lediglich um subjektive Werturteile? Sie beruhen auf einer Annahme, die sich nie beweisen lassen wird, nämlich der, dass die Menschen frei sein sollten. Dieses ›sollten‹ ist zwar, mit positivistischen Kriterien gemessen, keine wissenschaftliche Behauptung, aber es ist die Voraussetzung allen Denkens und die Bedingung der Wissenschaft selbst. […] Der Ort der Wahrheit ist das Denken […].«24

1 Adorno u. a. (1950), S. 10.

2 Vgl. Bauman (2003).

3 Adorno u. a. (1969), Bd. 2, S. 209.

4 Löwenthal (2021), S. 26.

5 In sozialer Hinsicht bedeutet das heute, dass der Zugang zum gesellschaftlichen Leben, zum politisch gestaltbaren Raum und zur politischen Öffentlichkeit annähernd nur noch ökonomisch privilegierten Gruppen, Global Playern und/oder deren politischen Marionetten möglich ist. Der neoliberale Wahn, würden sich alle sozusagen »moralisch neutral« nach einem ökonomisch rationalen Nutzenkalkül verhalten, dann ginge es allen gut, verkennt die Bedeutung normativer Grundlagen oder, wie es Axel Honneth in seiner Anerkennungstheorie beschreibt: die Formen gesellschaftlicher Missachtung als Ursache eines gewaltigen Legitimitätsdefizits moderner Gesellschaften.

6 Gerade in den Krisenzeiten nach dem Ersten und vor dem Zweiten Weltkrieg verkündeten von Heidegger über Ernst Jünger bis Oswald Spengler viele Intellektuelle »den Untergang des Abendlandes« oder die Zerstörung der westlichen Zivilisation. Der »Zivilisationsbruch« (Dan Diner (1988)) und die »Zerstörung des moralischen Bewusstseins« (K. O. Apel (1988)) ereilte Europa allerdings in einem anderen Sinne: mit der barbarischen Vernichtungspolitik der Nationalsozialisten.

7 Ich erinnere in diesem Zusammenhang an den norwegischen Mörder Anders Breivik. Die »Bedrohung« des scheinbaren Untergangs des westlich-christlichen Europas stellen nach ihm »die Muslime« dar, aber daran, dass es so weit kam, sind die »toleranten Multikulturalisten« und die Kulturmarxisten wie die Vertreter der Kritischen Theorie, besonders auch Herbert Marcuse mit seiner »sexuellen Befreiung«, schuld. Die Kritische Theorie, namentlich Adorno und Marcuse, nennt er in seinem Pamphlet. Darauf wollte er mit seiner verbrecherischen Bluttat aufmerksam machen.

8 Arendt, Hannah (1943/1986), S. 7.

9 Vgl. Marcuse, Herbert (1998/2007).

10 Marcuse (1998/2007), S. 158.

11 Vgl. Jansen (1998/2007).

12 Marcuse (1998), S. 11.

13 Die Wehrmachtsausstellung des Hamburger Instituts für Sozialforschung, die zwischen 1995 und 2004 zu sehen war, dokumentiert die aktive Rolle weiter Teile der Wehrmachtsoldaten in dem Vernichtungsprozess und führte damals zu Aktionen rechter Gruppen. Die Zahl der Soldaten ist zitiert nach dem Offizier und Militärhistoriker Rüdiger Overmans.

14 Vgl. Adorno (1959/1963), S 125–146. Dem Beitrag liegt eine Rede zugrunde, die Adorno im Herbst 1959 vor dem Koordinierungsrat für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit in Wiesbaden gehalten hat.

15 Adorno (1981), S. 26.

16 Memmi (1987), S. 164.

17 Vgl. Adorno (1955/1977), S. 121–324, S. 276.

18 Marcuse (1998/2007), S. 42 ff. Genau das taten nicht nur Marcuse, sondern auch Franz Neumann und Otto Kirchheimer im OSS und Leo Löwenthal im OWI. Angeregt durch die Publikation der Feindanalysen untersuchen die weiterführenden und detailreicheren Publikationen von Müller, Tim B. (2010): Krieger und Gelehrte. Herbert Marcuse und die Denksysteme im Kalten Krieg und Laudani, Raffaele (2016): Im Kampf gegen Nazideutschland: Die Berichte der Frankfurter Schule für den amerikanischen Geheimdienst 1943–1949 weitere Memoranden und Texte der Frankfurter im OSS. Diese neuen Dokumente lagen in den Archiven in den USA.

19 Claussen, Detlev (1998/2007), S. 17.

20 Vgl. Löwenthal (1946/1982), S. 161–174.

21 Löwenthal (1946/1982), S. 168.

22 Marcuse (1998/2007), S. 42.

23 Habermas (1998), S. 239.

24 Marcuse (1998/2007), S. 169.

Die absurde Rationalität des Fortschritts

Herbert Marcuses weitsichtige Technologiekritik

Peter-Erwin Jansen

Prolog aus Der Krieg mit den Molchen1

»[…] Und ist Zivilisation etwas anderes als die Fähigkeit, Dinge zu gebrauchen, die andere ausgedacht haben? Selbst wenn den Molchen, nehmen wir an, eigene Gedanken fehlen, können sie recht gut eine Wissenschaft haben. Sie haben zwar keine Musik oder Literatur, aber sie kommen vorzüglich ohne sie aus. Und die Menschen beginnen sich der Ansicht zuzuneigen, daß das von den Salamandern eigentlich fabelhaft modern ist. Siehe da, schon kann der Mensch von den Molchen mancherlei lernen – kein Wunder: Sind denn die Molche nicht unerhört erfolgreich? Und woran sollen sich die Menschen ein Beispiel nehmen, wenn nicht am Erfolg? Noch nie in der Geschichte der Menschheit ist so viel erzeugt, gebaut und verdient worden wie in dieser großen Zeit. Es läßt sich nicht leugnen, mit den Molchen ist ein ungeheurer Fortschritt in die Welt gekommen und ein Ideal, das ›Qualität‹ heißt. ›Wir, die Menschen des Molchzeitalters‹, sagt man mit berechtigtem Stolz. Da kann sich das überlebte Menschenzeitalter mit seiner langsamen, läppischen, nutzlosen Tändelei, die sich Kultur, Kunst, reine Wissenschaft oder wie sonst noch nannte, verkriechen! Die echten, bewußten Menschen des Molchzeitalters werden ihre Zeit nicht mehr mit Grübeleien über das Wesen der Dinge vergeuden, sie werden allein mit deren Anzahl und Massenerzeugung genug zu tun haben. Die ganze Zukunft der Welt liegt darin, Erzeugung und Konsum ständig zu erhöhen, und deshalb muß es noch mehr Molche geben, damit sie noch mehr erzeugen, noch mehr fressen. […] Was fehlt also noch, damit das ›glückliche neue Zeitalter‹ allgemeiner Zufriedenheit und Prosperität wirklich eintritt? […]«2

Verehrtes Publikum, herzlichen Dank an Frank Kämpfer, der vorschlug, mich an dem Projekt Echo 68 mit einem Beitrag zu Überlegungen um die Arbeiten von Herbert Marcuse zu beteiligen. Ich sage bewusst: mich hier nicht nur mit einem Beitrag zu Marcuses Rolle während der 68er Studentenrevolte zu engagieren. Die Reduzierung dieses kritischen Gesellschaftstheoretikers auf die Rolle des Gurus der Revolte, des dritten Ms nach Marx und Mao ist eine krude Verkürzung des philosophischen Denkens Marcuses. Einer derjenigen, die diese spektakuläre Alliteration sarkastisch deutete, war Marcuses langjähriger Freund Leo Löwenthal, neben Adorno und Horkheimer, einer der Begründer kritischer Gesellschaftstheorie während der 1930er Jahre. Später gelabelt als Frankfurter Schule. Der weise Freund Leo schrieb dem greisen Freund Herbert – eine Anspielung auf die zwei Jahre, die Löwenthal jünger war als Marcuse – kurz nach Marcuses Teilnahme an dem spektakulären Londoner Kongress Dialectics of Liberation3 im August 1967:

»Lieber Herbert, die Bezeichnung ›Messias‹ in Deinem lieben Brief vom 10. August fügt Dir nun ein weiteres ›M‹ hinzu. In einer deutschen Zeitung sah ich einen Artikel, der über die neue ›M-Tradition‹ berichtete, nämlich Marx, Mao und Marcuse! Das macht mich zutiefst ehrfürchtig.« Marcuse hatte in seinem Brief erwähnt, er sei in London wie ein »Messias« empfangen worden. Mit einem kritischen Seitenhieb gegenüber den Protagonisten der Bewegung fährt Löwenthal fort: »Nebenbei bemerkt, anhand der Presseberichte stelle ich fest, daß Du die gleichen Gefühle gegenüber unseren jungen Freunden in Deutschland hast wie ich, die wegen all der Bäume weltumspannender Ideologien den Wald eines qualitativen Lebens nicht sehen«.

Nun genug mit 68 – egal, ob Mythos, Chiffre oder Revolte! Die Barrikadenkämpfe sind gefochten, die politischen Forderungen sind angekommen, die Protagonisten haben ihre Funktionsstellen; manche sind wieder draußen, altersbedingt. Keine Neuauflage also nach fünfzig Jahren! Keine Konkurrenzen mehr zwischen K-Gruppen, Spontis, Ökokämpfern, Friedensaktivisten. Mit einem Augenzwinkern sei Marcuses Kritik an der Neuen Linken von 1974 zitiert. Den Zerfallsprozess der Neuen Linken vor Augen, aber getragen von einem altersstarsinnigen Optimismus schreibt der 76-Jährige: »Die Neue Linke ist nicht gescheitert; gescheitert sind ihre aus der Politik geflohenen Anhänger.«4

In den politischen Institutionen herrscht entweder störrische Ruhe oder apokalyptische Beunruhigung. Der Kapitalismus und diejenigen, die davon profitieren, sehen die hiesige Gesellschaft bedroht und verteidigen ihn mit allen Mitteln. Der drohende »Untergang des Abendlandes« birgt im wahrsten Sinne des Wortes Sprengstoff.

Doch in der kapitalistischen Hängematte lässt sich prima nach vorn schauen: »Wir leben und sterben rational und produktiv. Wir wissen, dass Zerstörung der Preis des Fortschritts ist wie der Tod der Preis des Lebens, dass Versagung und Mühe Vorbedingungen für Genuss und Freude sind, dass die Geschäfte weitergehen müssen und die Alternativen utopisch sind. Diese Ideologie gehört zum bestehenden Gesellschaftsapparat; sie ist für sein beständiges Funktionieren erforderlich und ein Teil seiner Rationalität«5: einer irrationalen Rationalität. Auf diesen Begriff, der in den Werken Marcuses immer wieder angesprochen wird und im Laufe seiner Publikationen eine interessante Interpretationsverschiebung erfährt, werde ich im Laufe des Vortrages zurückkommen. Nun sind sie alle tot: Marx ist tot – nicht in diesem Jahr, er lebt, hat seinen zweihundertsten Geburtstag. Mao ist tot – nicht so ganz, die Mao-Bibel verkauft sich noch gut und am 26. Dezember 2018 wurde er vor 125 Jahren geboren –, Marcuse ist tot – nicht so ganz, er wäre in diesem Jahr, am 19. Juli, 120 Jahre alt geworden. Und seit Nietzsche wissen wir: Der Messias kann nicht mehr kommen, denn Gott, der ihn schickte, ist auch tot.

Was bleibt mir hier? Ich rette mich mit dem Spruch: Totgesagte leben länger, wenn auch nicht physisch, so doch in einigen Gedanken zur fortgeschrittenen Industriegesellschaft, die Herbert Marcuse vor mehr als fünfzig Jahren durchdacht, analysiert und damit späteren Generationen kritische Denkwerkzeuge mit auf den Weg gegeben hat. Vieles von dem ist durch die Selbstinszenierung nicht weniger 68er Helden und ihrer immer wieder auftauchenden Gegenspieler sowie der Jahrestagfetischisten verschüttet worden. Eine Falle, die auch bei Marcuse zuschnappte: Die Funktionalisierung zum politischen Übervater der Bewegung überschattet bis heute viele seiner kritischen Analysen und philosophischen Überlegungen.

Dialektiker der Aufklärung

Denn er ist von Haus aus Philosoph, auch wenn er 1922 mit Der deutsche Künstlerroman in Literaturwissenschaften an der Universität Freiburg promoviert. Danach kehrt Dr. Marcuse in seine Geburtsstadt Berlin zurück und führt ein Antiquariat mit einem wöchentlichen Diskussionszirkel. Ab 1927 studiert er erneut in Freiburg u. a. bei Edmund Husserl, Karl Jaspers und Martin Heidegger. Bei Letztgenanntem beabsichtigte er zu habilitieren. Das Verfahren scheitert, auch aufgrund von Heideggers Sympathien mit den Nationalsozialisten und dessen antisemitischen Anspielungen. Die Emigration erfolgt 1934 über Genf nach New York. Während Marcuses erster Deutschlandreise nach dem Zweiten Weltkrieg besucht er 1947 seinen ehemaligen Philosophieprofessor in Todtnauberg. Nach einem Briefwechsel über Heideggers Verstrickung ins NS-System bricht der Kontakt 1948 völlig ab. Bei Heidegger hatte Marcuse die Klassiker der griechischen Antike gelesen und sich erstmals mit dem Begriff der techné auseinandergesetzt. Mit Kant, Schiller, Hegel und Marx kannte er sich blendend aus.

Schauen wir uns die fünfmalige zehnjährige Wiederkehr des Immergleichen nach 68 an, so scheint Horkheimers und Adornos These aus dem Kulturindustrie-Kapitel der Dialektik der Aufklärung nicht ganz falsch zu sein: »Kultur schlägt heute alles mit Ähnlichkeit«6. Nivellement hat Hochbetrieb, nicht nur bei den Erzählungen vieler Alt-68er, sondern auch im Identifizieren von Schuldigen, die schnell für ein mittlerweile undurchsichtiges Geflecht von weltpolitischen Problemen ausgemacht werden. Ganz im Geiste der Dialektik der Aufklärung findet sich in den Werken Marcuses nach dem Zivilisationsbruch von Auschwitz (Dan Diner) jener kritische Stachel, der das euphorische Kant’sche und der Aufklärung geschuldete Diktum, der Mensch könne unter zur Hilfenahme seiner Vernunft sich »aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit« befreien, scharf hinterfragt. Die Antwort der Kritischen Theorie auf das Scheitern dieses aufklärerischen Vernunftglaubens, das Versprechen einer rationalen, auf Mythos- und Herrschaftsfreiheit basierenden Gesellschaft, welches in den Konzentrationslagern endete, findet in der »Dialektik der Aufklärung« ihren sperrigen Ausdruck. Diesem Geiste sind auch Marcuses Arbeiten verpflichtet.

Schon in den 1940er Jahren erstellten Dossiers für das Office of Strategic Services (OSS), das in einer Forschungsgemeinschaft Hunderte von Wissenschaftlern aus Europa in Washington zusammenführte, um Wissen über das nationalsozialistische Deutschland zu sammeln, identifiziert Marcuse die für den technischen Erfolg notwendigen und in sich logischen Handlungsabläufe, die effizient und wirkungsvoll sein sollen, aber in ihrem Gesamtergebnis zerstörerisch wirken, als eine »rationale Irrationalität«. »Eine Rationalität, die alles an Kriterien von Effizienz, Erfolg und Nützlichkeit misst«7, folge nur einem pragmatischen Zweck: die Mittel erfolgreich einzusetzen. Letztlich griff im NS-System alles gut ineinander: vom Lösen der Fahrscheine für die Deportationszüge bis zu den Gaskammern, von der politischen Ideologie bis zu den Eroberungskriegen des Militärs. »Technokratie« nannte Marcuse diese Verflochtenheit von Politik und Großindustrie in dieser Zeit.

Die Katastrophen des zwanzigsten und 21. Jahrhunderts bestätigen die Aktualität dieser Kritik. Kriege, Konzentrationslager, Atomwaffen und aktuell globale Umweltkrisen bedrohen das Aufklärungsprojekt, das einmal mit der Idee einer vernünftig organisierten und freien Gesellschaft verbunden war. Dennoch klammern sich die Verantwortlichen in Politik und Ökonomie an eine quantitative Rationalität, an eine instrumentelle Vernunft (Horkheimer), die sich dem Primat der Verwertbarkeit beugt und sich vor den scheinbar alternativlosen Sachzwängen des Kapitalismus tief verneigt. Und die nationale Brille sitzt auch wieder fest auf der Nase.

Schauen wir kurz auf den Begriff Rationalisierung, der von Max Weber entwickelt wurde. Für ihn stellt Rationalisierung ein systematisches Ordnungsprinzip, ein Steuerungsinstrument für den Einsatz von Ressourcen sowie die Anwendung von Handlungsprinzipien und Wissensbeständen auf soziale Prozesse dar. Weber nahm an, dass Organisationen in den modernen Gesellschaften des »rationalen Betriebskapitalismus« (Dirk Kaesler)8 eine strenge Regulierung von oben erfordern. Das sinnhafte, rein zweckrationale Handeln, nachdem sich die Menschen richten, bliebe so vor Störungen wie irrationalen Affekten »gestählt«9. Diese Sicht wird von Marcuse kritisiert und Rationalisierung als reines Berechnungs- und Kontrollinstrument gedeutet, das für den Erhalt des Kapitalismus notwendig wurde und selbst die Werteeinstellungen der Menschen erfasst. Marcuse spricht von einer Transformation von Moral- und Wertvorstellungen in Technologie.10 Der menschliche Arbeitsprozess, der die Mühen des Reichs der Notwendigkeit erleichtern soll, wird im beginnenden Kapitalismus der Operationalisierung der Maschine unterworfen. Diese bestimmt den Takt des Arbeitsprozesses und ihr gleichen sich die menschlichen Verhaltensweisen an. Ein Motiv, das in Charlie Chaplins Moderne Welten mit genialem Witz filmisch umgesetzt wurde.

Die historischen Ereignisse haben jenen ungebrochenen Fortschrittsglauben, der eng an die technische Entwicklung gekoppelt war, sei er nun damals kommunistisch mit der Elektrifizierung der Eisenbahn oder heute markt- und neoliberal mit den Dieselfahrzeugen unterwegs, ad absurdum geführt. Immanuel Kants Optimismus, der Gebrauch der öffentlichen Vernunft könne helfen, Missstände in einer von Vernunft bestimmten, argumentativen Auseinandersetzung transparent zu thematisieren, ist längst getrübt. Doch das Ideal bleibt: Die öffentliche Debatte zwischen freien Individuen in einer demokratisch verfassten Gesellschaft ist immer noch ein Imperativ der kritischen Vernunft. Der Maßstab des Gelingens dieser Debatte bleibt der Idee der Freiheit, der Solidarität und den Menschenrechten verpflichtet.

Mittlerweile hat sich der Streit um Meinungsfreiheit in der politischen Positionierung und im Kulturbetrieb voraufklärerisch radikalisiert. Das ist auch Resultat der Möglichkeiten moderner Informationstechnologie und sozialer Netzwerke, die nicht selten im Schutz der Anonymität und in einer Art autopoetischen Manipulationslernen Usermeinungen als Tatsachen verbreiten. Mit Fake News und schnellen Tweets wird gezielt Desorientierung gestiftet, die bald als frei flottierende und irritierende Wahrheiten einen konkurrierenden Informationshorizont erschaffen.11

Eine wilde Kakophonie zieht durchs Land

Nun treibt das Echo aus 68 seltene Stilblüten. Jungminister rufen die »konservative Revolution« aus. Nach fünfzig Jahren müsse zu Ende sein, was einst die Dutschkes, Teufels, Roths, Sanders, Fischers, Cohn-Bendits und die an der Kritischen Theorie der Frankfurter Schule orientierten Wissenschaftler während ihrer Wanderjahre durch die Institutionen an linker Politik hinterlassen haben. Schluss mit den »Meinungsverkündern, selbst ernannten Volkserziehern und lautstarken Sprachrohren einer linken Minderheit«, so Alexander Dobrindt. Bei AfD-Chef Jörg Meuthen ist die Sprache deftiger. Ende mit dem »rot-grün versifften Deutschland«.

Eine Kakophonie von lautstarken Halbstarken ertönt mal wieder durchs Heimatland: Die 68er Bewegung habe die Republik fest im Griff, betreibe »Gesinnungsprüfung« in den Medien, habe einen »Gesinnungskorridor« errichtet, durch die alle Meinungen durchgezwungen würden, Flüchtlinge seien schuld am Rentenloch, an der Wohnungsknappheit, an Hartz IV und der Begriff »Schutzsuchende« verharmlose den politischen »Warnbegriff Flüchtling«. Das linke »moralische Narrativ« brandmarke einen national geprägten Egoismus als schlecht, stelle diese Menschen gleich in eine rechte Ecke und die Nazis entstünden erst, weil die Dominanz der links-liberalen Medien die kritischen Positionen von rechts zensierten, selbst zivilgesellschaftliche Organisationen seien Ergebnis einer anti-nationalen »Lobbypolitik«, die einen selbstkasteienden Gedenkterror betreibe, so einige unzensierte öffentliche Aussagen des Schriftstellers Uwe Tellkamp. Gerade öffentlich gesagt, kommt hinterher, das dürfe man gar nicht und nirgends sagen. So wird dann angeprangert, dass dieses Land unter strenger Zensur der 68er stehe. Schauen wir uns die Länder an, die Meinungsfreiheit verwehren, wo Journalisten ermordet wurden, weil sie Missstände, Korruption, Misshandlungen, Morde aufdecken. 2017 in Malta Daphne Caruana Galizia, in der Slowakei Ján Kuciak und Freundin Martina Kušnírová und alleine in Mexiko sechs Journalisten. Laut Reporter ohne Grenzen wurden im letzten Jahr 65 Journalisten und Blogger getötet, weil sie kritisch über die Politik in ihren Ländern berichteten oder dazu recherchierten12 und ihnen eine freie Berichterstattung verwehrt wurde.

In seiner Rede am 8. März in Dresden prangert der bedrohte Uwe Tellkamp vehement die Einschränkung der Meinungsfreiheit in der hiesigen Gesellschaft an. Hat es denn keine Entwicklung in der Informationstechnologie gegeben, die er selbst nutzt? Des Schriftstellers freie Meinung, untermauert von Sensationsheadlines, konnte er gefahrlos ohne jede Störung oder Zwischenrufe in aller Bedächtigkeit ausführen. Unzensiert findet sie sich im Netz, für alle zugänglich. Doch eigene Ängste verallgemeinern und Ängste schüren, erklärt nichts. Diffuse Ängste zu personalisieren, damit man weiß, wer der Feind ist, stellt bloß eine entlastende Variante politischer Vereinfachung dar. Im Zusammenhang mit propagierten Ängsten vor Veränderung, Neuem, Unsortiertem, Fremden schreibt Leo Löwenthal in seiner Arbeit Prophets of Deceit von 1950: »Die gefährlichste Abart des Fremden ist in den Augen des Agitators der Flüchtling«.13

Löwenthal und Marcuse waren Flüchtlinge, als Juden und kritische Intellektuelle aus dem Kreis der Frankfurter Schule wurden sie von den Nazis 1933 zur Flucht und ins Exil gezwungen. Hannah Arendt, die ebenfalls vor den Nationalsozialisten in den Staaten Schutz fand, schreibt in ihrem 1943 verfassten Aufsatz Wir Flüchtlinge: »Als Flüchtling hatte bislang gegolten, wer aufgrund seiner Taten oder seiner politischen Anschauungen gezwungen war, Zuflucht zu suchen. Es stimmt, auch wir mussten Zuflucht suchen, aber wir hatten vorher nichts begangen, und die meisten unter uns hegten nicht einmal im Traum irgendwelche radikalen politischen Auffassungen. Mit uns hat sich die Bedeutung des Begriffs ›Flüchtling‹ gewandelt. ›Flüchtlinge‹ sind heutzutage jene unter uns, die das Pech hatten, mittellos in einem Land neu anzukommen, und auf die Hilfe der Flüchtlingskomitees angewiesen waren.«14

Sowohl in den angsttreibenden Statements freier Bürger als auch bei den zahlreichen Erinnerungsmeetings in den revolutionären Alten-WGs bleibt unbeachtet, was der 2012 verstorbene Philosoph und Marx-Kenner Alfred Schmidt, für selbst-tätiges Denken als unabdingbar ansah. Es ist die Anstrengung des Begriffs (Hegel) oder wie der oben schon erwähnte Kant in seinem wunderbaren Aufsatz Was ist Aufklärung? bemerkt: Den eigenen Verstand zu nutzen, hieße, diesen nicht von Dummheit, Faulheit, Bequemlichkeit und Ängsten überwältigen zu lassen.

Michel Foucault brachte zu Beginn der 1970er Jahre den Terminus technicus »Archäologie« in die sozialphilosophische Diskussion. Diese stellt eine Forschungsmethode dar, die Beschränkungen von Freiheit und die Blockaden von individuellen und gesellschaftlichen Handlungsoptionen aus einer Macht- und Disziplinierungsperspektive heraus untersucht. Obwohl Marcuses methodisches Vorgehen eher der dialektischen Methode Hegels folgt, finden sich Parallelen zu Foucaults Analysen. »Der Eindimensionale Mensch wird durchweg zwischen zwei einander widersprechenden Hypothesen schwanken: 1. dass die fortgeschrittene Industriegesellschaft imstande ist, eine qualitative Änderung für die absehbare Zukunft zu unterbinden; 2. dass Kräfte und Tendenzen vorhanden sind, die diese Eindämmung durchbrechen und die Gesellschaft sprengen können. […] Die erste Tendenz ist die herrschende, und alle Vorbedingungen eines Umschwungs, die es geben mag, werden benutzt, ihn zu verhindern.«15

Die neuen Technologien – Fortschritt?

Soziale Kontrollen und eine geplante Obsoleszenz, also gezielt eingebaute Verschleißfunktionen in den Konsumgütern, graben sich mit verfeinerten und »autodidaktischen« Technologien immer verdeckter in den Alltag ein. Die subtilen Anwendungen verbannen gesellschaftliche Alternativen in die unterirdischen Gänge der Geschichte (Walter Benjamin). Sie auszugraben, freizulegen, zu überprüfen, neue zu erarbeiten, die aktuellen gesellschaftlichen Veränderungen auf den Begriff zu bringen, um Auskunft darüber zu erhalten, wer oder was denn die Schatten in der Höhle unserer Wohlstandsfluchtburgen verursacht, das ist nicht einfacher geworden, aber umso dringender. Niemand soll heute aus der Höhle entkommen. Sie ist die virtuelle Wirklichkeit, die leicht zu steuern ist und in der sich unbekümmert leben lässt. Diese Unbekümmertheit bröckelt. Aber anstatt zu fragen, was der Grund dafür ist, ist längst ausgemacht, wer daran schuld ist.

Die Menschen rücken in den neuen Welten näher zusammen. Das ist auch Folge eines globalen Kapitalismus, von dem der reiche Norden aufgrund seines ungezügelten Fortschrittsglaubens, seines Machbarkeitswahns, seines Wachstumsfetischismus, seiner Ausbeutung, seiner Zerstörung, seines Konsumzwangs profitiert. Bleibt uns noch Zeit, die Realitäten in dieser schnelllebigen Welt zu sortieren, die im Zeitalter des Digitalismus, des Web 4.0 in rasendem Tempo neu geschaffen werden?

Der in Jena lehrende Soziologe und Politikwissenschaftler Hartmut Rosa greift in seinem Band Beschleunigung und Entfremdung16 eine lange Tradition auf, die zahlreiche vergangene Philosophien schon zu erklären versuchten: Wie verändert sich durch beschleunigte technische Entwicklungen die Bedeutung von Raum und Zeit als Ordnungskategorien menschlicher Wahrnehmung und gesellschaftlichen Zusammenlebens? Mit dem Terminus »technische Beschleunigung« identifiziert Rosa die rasanten Eingriffe in die Lebenswelten unseres Zeitalters, die sich besonders durch die modernen Logistik- und Kommunikationsprozesse bemerkbar machen. Für Kant waren Raum und Zeit a priori – also vor aller Erfahrung – die transzendental notwendigen Bedingungen, die alle unsere Vorstellungen von der gegenständlichen Welt begleiten sollten. Heute werden die Bedeutung des Raumes und die Erfahrung im und mit Räumen für die menschliche Wahrnehmung und Orientierung von einem digitalisierten Zeitraffer an den Rand gedrängt. Rosa schreibt: »Im Zeitalter der Globalisierung und der Ortlosigkeit des Internets wird Zeit mehr und mehr so verstanden, dass sie den Raum komprimiert oder gar vernichtet.«17

Die Möglichkeiten, Arbeitsabläufe heute schneller zu verrichten als zum Beispiel vor dreißig Jahren, müssten doch zu freien Zeitkapazitäten ohne Arbeitsstress für den Menschen führen, neue Perspektiven im Reich der Freiheit eröffnen. Stattdessen werden Arbeitsabläufe, Privatleben und Freizeitverrichtungen in ein Zeitkorsett gezwängt, das immer weiter zugeschnürt wird. Anstatt freier atmen zu können, bleibt uns die abgasgetränkte Luft weg.

Im Arbeitsprozess nimmt der Zeitdruck auf die Individuen nicht ab, sondern er verstärkt sich. Karl Marx hatte schon 1857 in den Grundrissen auf dieses Phänomen hingewiesen und es als eine Folge der Ausweitung des Weltmarktes interpretiert. »Während das Kapital einerseits danach streben muss, jede örtliche Schranke des Verkehrs i. e. Austauschs niederzureißen, die ganze Erde als seinen Markt zu erobern, strebt es andererseits danach, den Raum zu vernichten durch die Zeit; das heißt die Zeit, die die Bewegung von einem Ort zum anderen kostet, auf ein Minimum zu reduzieren. Je entwickelter das Kapital, je ausgedehnter der Markt, auf dem es zirkuliert, der die räumliche Bahn seiner Zirkulation bildet, desto mehr strebt es zugleich nach größerer räumlicher Ausdehnung des Marktes und nach größerer Vernichtung des Raums durch die Zeit.«18

Vergewissern wir uns die Situationen, Bilder, Ereignisse, Umweltkatastrophen, denen sich Menschen weltweit im Namen des sogenannten ökonomischen Fortschritts ausgesetzt sehen, dann ist Hannah Arendts oben zitierter Blick auf Menschen, die in Zukunft gezwungen sind, ihren Ort zu verlassen, ein sehr aktueller. Die »unterentwickelten« Gebiete werden ihrer wertvollen Ressourcen beraubt, die Natur zerstört – alles im Namen des Fortschritts. »Die institutionalisierte Zerstörung [schließt] die allgemeine Vergiftung und Verschmutzung unserer Umwelt [mit ein].«19

Brennstoffe, Erze, Holz, seltene Erden, selbst vor existenznotwendigen Ressourcen wie Wasser, Nahrung und Klima machen die neoliberalen, kapitalistischen reichen Länder des Nordens und die dominierenden Global Player nicht halt. Im Norden ist der Wohlstand gesichert. Ein sozialer Wandel, gar eine grundlegende Veränderung zugunsten der armen Länder des Südens, nicht in Sicht. Pessimistisch bemerkt Marcuse im Eindimensionalen Menschen: »Die Unterbindung des sozialen Wandels ist vielleicht die hervorstechendste Leistung der fortgeschrittenen Industriegesellschaft […]«.20 Es ist der ungebrochene Wachstumsglaube, der die reichen Gesellschaften zusammenschweißt. Im Namen einer technologischen Machbarkeitsreligion werden die sogenannten rückständigen Länder mit modernem Technologietransfer missioniert. Der Mensch schafft es nicht bis zum »Homo Deus« – bestenfalls die Maschinenmenschen, die er kreiert.

Viele, aber längst nicht alle, profitieren von den technischen Innovationen: nicht nur die Global Player der Netztechnologie und deren Betreiber wie Mark Zuckerberg (Facebook), Jeff Bezos (Amazon), Larry Page (Google), Peter Thiel (Paypal), auch die Regierungen in den Industriestaaten, einheimische Unternehmen, Angestellte, Arbeiterschaft, Autofahrer, Handynutzer, Urlauber – und wir wissen genau auf wessen Kosten.

»In der Überflussgesellschaft kommt der Kapitalismus zu sich selbst. […] Diese Gesellschaft ist insofern obszön, als sie einen erstickenden Überfluss an Waren produziert und schamlos zur Schau stellt, während sie draußen ihre Opfer der Lebenschancen beraubt […].«21

In dem lesenswerten Beitrag von Adrian Lobe Amerika ist abgebrannt, wir leben jetzt in Google-Land22 wird der millionenschwere Investor Tim Draper zitiert: »Ich würde einen Google-Staat sehr begrüßen.« Alles, was heute Staaten mehr schlecht als recht für ihre Bürger an Leistung erbringen, das könne längst die Suchmaschine Google leisten. Die Datenmengen und Datenbanken wissen über die Bedürfnisse der Menschen viel besser Bescheid als der Staat, ja, als diese selbst. Zu Recht verweist Lobe auf eine 1967 verfasste Arbeit23 von Paul Baran, einem guten Freund Marcuses und Löwenthals. Er stellt dort die Prognose auf, dass wir auf ein Zeitalter zusteuern, in dem »die Informationsverarbeitung und Nutzung in demselben Masse verfügbar werden, wie wenn jemand Strom kauft«. Die Datenkunden von Facebook und DHL machen es uns vor.

Mit der Entwicklung des technischen Fortschritts in den nächsten Jahrzehnten lesen sich Yuval Noah Hararis Aussichten in seinem umfassenden und imposanten Buch Homo Deus erschreckend realistisch: »Liberale Gewohnheiten wie demokratische Wahlen werden obsolet werden, denn Google wird in der Lage sein, sogar meine politischen Überzeugungen besser zu repräsentieren als ich selbst.«24 Eine Studie zum Facebook-Algorithmus kommt gar zu dem Ergebnis, dass bei dreihundert Likes »der Facebook-Algorithmus Ihre Meinungen und Wünsche besser vorhersagen kann als Ihr Mann oder Ihre Frau«.25

Die Dataisten kommen

Mittlerweile wird der noch vor einem Jahrzehnt gefeierten Euphorie über die informationstechnische Demokratisierung mit verhaltener Skepsis und Kritik begegnet. Was machen die Dataisten von Facebook mit neunzig Millionen und mehr Daten? Wird daraus politisches Steuerungswissen? Manipulieren sie menschliche Bedürfnisse? Produzieren sie bloß Konsumwünsche, die bereits Teil unserer ersten Natur geworden sind? Die Suche nach dem Urlaubsziel wird übersetzt in Algorithmen, die bald besser wissen, wohin die Reise gehen soll. Aus dem handelnden, mündigen Konsumenten wird plötzlich ein entmündigtes Produkt. Nicht mehr das Konsumbedürfnis, wie auch immer es bisher zustande kam, sondern das Produktbedürfnis bestimmt den Erwerb eines Konsumgutes. Die Produkte werden mit Bewusstsein ausgestattet, der Konsument wird zum bewusstlosen Objekt.

»Die immer neu geschaffenen und sogleich darauf unerfüllten Bedürfnisse, etwa nach einer Facebook-Funktion, die Nearby Friends anzeigt, nach internetfähigen Uhren, nach neuen, smarten Apps, lassen vergessen, dass mit der schwindenden Privatsphäre auch die Freiheit und Individualität verloren gehen. Wir sind Virtuosen des Virtuellen – Meister der Bewusstlosigkeit. […] Die Warenpluralität mit imperativem Konsumappell transportiert eine glückliche Botschaft: Wir haben keinen Grund zur Klage […].«26

Facebook trifft keine Schuld, sondern die User machen sich selbst gläsern, weil die Rationalität des Kapitalismus es erforderlich macht. Einfach abschalten könnte helfen – aber ist das noch möglich?

Anhänger des Dataismus drehen den Erwerb von Wissen und die Reflexion über mögliche Erkenntnisse daraus einfach um. Big Data sammelt menschliches Wissen. Big Data wird befähigt zu gestalten, politische Entscheidungen zu treffen, von denen wir in einer Tausendstelsekunde später überzeugt sind, wir hätten diese selbst getroffen. Hararis düstere Prognose: Die Welt rings um die Menschen herum verändere sich so, dass sie nicht mehr verstünden, »wie und warum das alles« geschehe.

Als Frankfurter darf auch in Köln Goethe zitiert werden:

»[…] Ach, ich merk es! Wehe! wehe!

Hab ich doch das Wort vergessen!

Ach, das Wort, worauf am Ende

Er das wird, was er gewesen.

Ach, er läuft und bringt behende!

Wärst du doch der alte Besen!

[…] O, du Ausgeburt der Hölle!

Soll das ganze Haus ersaufen?

Seh ich über jede Schwelle

Doch schon Wasserströme laufen.

Ein verruchter Besen,

Der nicht hören will!

Stock, der du gewesen,

Steh doch wieder still!«

Alten Hexenmeister sind neue gefolgt, die nicht mehr auf die Worte der Zauberlehrlinge hören. Es mag sein, dass die Worte schon veraltet sind, bevor sie verstanden werden können. Und an wen sind sie gerichtet? An Alexa?

Das globale Datensystem muss sich weiterentwickeln. Es ist das intrinsische Prinzip des Dataismus, wie der Konsum und das Wachstum das des Kapitalismus. Gesellschaftliches Nachdenken findet keine Zeit. Millionen neuer Daten bieten wieder neue Ergebnisse, neue Produkte, neue Wege an. Es sind Highways ohne Limit. Künstliche Intelligenz, die lernend entsteht, braucht den Speed Dataismus. »Manche Menschen versetzt diese Entwicklung tatsächlich in Angst und Schrecken, aber Tatsache ist auch, dass Millionen Menschen sie bereitwillig akzeptieren«27, so Harari.

Die qualitativen Erfolge der Zivilisation weichen den quantitativen und operationalisierbaren Forderungen des Neo-Kapitalismus. »In der gegenwärtigen Periode erscheinen die technologischen Kontrollen als die Verkörperung der Vernunft, selbst zugunsten aller sozialen Gruppen und Interessen – in solchem Maße, dass aller Widerspruch irrational erscheint und aller Widerstand unmöglich.«28

Eindimensionalität ohne Alternative?

Besonders im Eindimensionalen Menschen entwickelt Marcuse Argumente, die in der angewandten modernen Technik nicht mehr das Instrument der Herrschenden, sondern die Gestalt gewordene Herrschaft selbst erblickt. Die »Neutralität der Technik«, wie sie Jürgen Habermas in Technik und Wissenschaft als Ideologie29 interpretiert hat, ist für Marcuse längst parteiisch geworden. »Heute verewigt und erweitert sich die Herrschaft nicht nur mittels der Technologie, sondern als Technologie, und diese liefert der expansiven politischen Macht, die alle Kulturbereiche in sich aufnimmt, die große Legitimation.«30 Habermas interpretiert in seinen frühen Werken Wissenschaft und Technik im Wesentlichen als indifferent gegenüber gesellschaftlichen Interessen und gegenüber ideologischer Funktionalisierung. Er folgt damit weitgehend Webers Deutung, die ich vorher knapp angesprochen habe. Im Sinne von Rationalisierungsprozessen der Moderne werden Technik und Wissenschaft als Systeme in Absehung ihrer Inhalte und Verwertungsinteressen interpretiert. Aber, so kritisiert Marcuse, sobald diese im Kontext der historisch-gesellschaftlichen Realität analysiert würden, falle der neutrale Schleier der Technik. Die Fragen lauten dann: Wer fordert, entwickelt technische Innovation? Wem nutzt und wer verwendet die Technik zu welchem Zweck während welcher historischen Konstellation? Eine »neutrale Technik« stellt für Marcuse eine »falsche Abstraktion« dar, die von den wirklichen gesellschaftlichen und machtdominierten Prozessen im Kapitalismus absieht. »Technik als solche kann nicht von dem Gebrauch gelöst werden, die von ihr gemacht wird; die technologische Gesellschaft ist ein Herrschaftssystem, das bereits im Begriff und Aufbau der Techniken am Werke ist.«31

Hier sei auf eine doppelte Verwendung des anfangs erwähnten Begriffs »rationale Irrationalität« hingewiesen. Sie ist der gesellschaftlichen Entwicklung und dem Abstand von fast 25 Jahren geschuldet. In den 1940er Jahren kritisiert Marcuse mit dieser Formulierung einzelne effiziente und erfolgreiche Handlungsabläufe, die ein gesamtes System, begleitet von Gewalt und Terror, am Laufen halten. Was aber den Gesamtprozess als irrational, der menschlichen Vernunft und Vorstellungskraft entzogen, erscheinen lässt, sind seine barbarischen Folgen. Marcuse hatte die Handlungsabläufe des NS-Systems vor Augen, das in all seinen einzelnen Schritten gut funktionierte und dann in der Barbarei der Tötungsmaschinerie endete.

In den Arbeiten der Sechzigerjahre, in seiner Kritik an der kapitalistischen Konsumgesellschaft und verwalteten Welt hält Marcuse an dem Begriff der »rationalen Irrationalität« zwar fest: »[…] die rationalen Fähigkeiten verbergen die Irrationalität des Ganzen«32, aber die nun entstandene Eindimensionalität wirke bis in die Triebstruktur und beeinflusse die Bedürfnisbefriedigung der Menschen.

»Soziale Kontrollen [erzwingen] das überwältigende Bedürfnis nach Produktion und Konsumtion von unnützen Dingen; … [eine] freie Auswahl zwischen gleichwertigen Marken und nichtigem Zubehör bei grundsätzlichem Konsumzwang.«33 Aus der rationalen Irrationalität entsteht in der Überfluss- und Konsumgesellschaft eine irrationale Rationalität. Diese Verschiebung, so könnte man Marcuse interpretieren, besteht darin, dass die »wahren (Existenz-) Bedürfnisse zu falschen (Konsum-)Bedürfnissen« geworden sind. Die Befriedigung der künstlich erzeugten (Konsum-)Bedürfnisse und der Folgen wird irrational, erweist sich aber für das kapitalistische System im Ganzen als rational. »Die Menschen erkennen sich in ihren Waren wieder; sie finden ihre Seele im Auto, ihrem Hi-Fi-Empfänger, ihrem Küchengerät.«34

Heute sind es andere Waren, die zur ersten Natur des Menschen geworden sind. Aber in der Werbung von Bora, dem Hersteller der Abzugshaube nach unten, stimmt das auch noch für Küchengeräte: »Freiheit für ihre Küche […] Eine Revolution […] Bora.«35 Für die Freiheit der Produkte! Befreien wir endlich menschliche Organe aus den ethischen Verbotszwängen. Auf den freien Markt mit den menschlichen Nieren, kostengünstig aus den Ländern des Südens! Erhöhen wir die Organangebote, dann fällt der Preis im Norden – wir retten Leben. Eine rationale Logik!

Der Grad menschlicher Freiheit ist in Marcuses Denken – und hier folgt er Karl Marx – eng verknüpft mit dem Stand der Naturbeherrschung, in dessen Dienst die Technik zu stehen hat. Wo er Marx aber untreu wird, ist der Moment, in dem technischer Fortschritt Teil der marxistischen Ideologie wird und nicht mehr im Dienste des Menschen steht, nicht als »Mittel der Befriedung des Existenzkampfes« dient, sondern sich als »technisch-wissenschaftlicher Apparat der Kontrolle, Steuerung, Manipulation, als Apparat der Unfreiheit«36 erweist. »Die Archetypen des Grauens wie der Freude, des Krieges wie des Friedens verlieren ihren katastrophalen Charakter. Ihr Erscheinen im täglichen Leben der Individuen ist nicht mehr das von irrationalen Kräften – ihre modernen Ersatzgötter sind Elemente technischer Herrschaft und ihr unterworfen.«37

Prognosen, die in die digitale und von künstlicher Intelligenz dominierte Zukunft weisen, kommen vielleicht bald ganz ohne den Homo sapiens aus. Für Ilija Trojanow erweisen sich Menschen bereits als überflüssig, für Yuval Harari werden sie nutzlos. Wenn es die Molche doch noch schaffen, dann haben die Menschen immerhin noch eine Aufgabe: Sie werden den Molchen dienen.

Darmowy fragment się skończył.

Gatunki i tagi

Ograniczenie wiekowe:
0+
Data wydania na Litres:
22 grudnia 2023
Objętość:
290 str. 18 ilustracji
ISBN:
9783866749009
Właściciel praw:
Автор
Format pobierania:

Podobne książki