Czytaj książkę: «Schüchterne Gestalten»
Sonnabend, 13. November 2010, am ganz frühen Morgen
Sonnabend, 13. November 2010, in den späten Abendstunden
Sonntag, 14. November 2010, noch früh am Morgen
Montag, 15. November 2010, ein Novembertag
Dienstag, 16. November 2010, noch tief in der Nacht
Dienstag, 16. November 2010, sehr spät abends
Mittwoch, 17. November 2010, ein besonders grauer Tag
Mittwoch, 17. November 2010, am Abend
Donnerstag, 18. November 2010, zu früh
Freitag, 19. November 2010, Geburtstag
Freitag, 19. November 2010, spät am Abend
Sonnabend, 20. November 2010, auf der W36
Sonnabend, 20. November 2010, in der Nacht
Sonntag, 21. November 2010
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Schüchterne Gestalten – ein IT-Krimi
Wie lange war er eigentlich schon unterwegs?
Schwer zu sagen. Nein, eigentlich wusste er es schon sehr genau. Sie sind gegen Mittag weggefahren, weil er bis zum Einbruch der Dunkelheit wieder in Deutschland sein wollte. Die Paranoia befiel ihn immer, seit er und seine Familie einmal auf einer Raststätte in Polen überfallen wurden. Mitten in der Nacht. Nichts war mehr übriggeblieben. Der Stress danach war ihm noch in allerbester Erinnerung; mit Versicherungen und Behörden musste er sich monatelang herumschlagen.
Heute war die Fahrt ziemlich dumm gelaufen. In der Nähe von Krakau verloren sie infolge eines Unfalls viel zu viele Stunden. Aber anhalten kam nicht in Frage, auch wenn sie neben ihn einfach nur nervte.
Sie saß auf dem Beifahrersitz, wollte schon vor Stunden aufs Klo und schluckte es mindestens seit Krakau runter. Frauen schienen nicht so richtig auf Ausdauer programmiert zu sein. Immer muss man für sie anhalten. Wollte er aber nicht. Nicht hier und nicht jetzt! Nach kurzem Streit setzte er sich durch und sie arrangierte sich notgedrungen. Seitdem herrschte zwischen ihnen eisiges Schweigen. Zum Glück hatte er auf seinem Smartphone genug Musik gespeichert, die jetzt für ihn die Spannungen im Wageninneren erträglich machte.
Denn er musste nachdenken, und kam ihm seine ruhige Beifahrerin gerade recht.
Die Gespräche in Lemberg waren sehr gut gelaufen. Fast zu glatt, wie er meinte. In der nächsten Woche sollten die Chefs aus der Ukraine nach Vesberg kommen und die Verträge unterschreiben. So war es abgemacht. Sie sollte oder wollte schon jetzt mitkommen. So genau konnte er es nicht einordnen, was genau ihr Auftrag in Vesberg war.
Jedenfalls hatte er jetzt ein Problem; ein etwas Größeres sogar. Er war schon einige Male in Lemberg und jedes Mal ging es dort heftig, meist recht feucht, zur Sache. Das was er sonst tagsüber an Wasser trank, ging dort üblicherweise als Wodka durch die Kehle. Auch durch seine. Gezwungener weise konnte dem Gelage nie ausweichen.
Als er eines Morgens mit heftigen Kopfschmerzen in seinem Hotelzimmer aufwachte, lag sie neben ihm. Er schleppte sich ins Bad und dachte über die letzten Stunden nach. Ein Grinsen überkam ihm, als er sich nach und nach an die Nacht erinnerte. Oh Mann, sie war richtig gut. Das Grinsen wurde größer, als ihm einfiel, dass er noch öfter nach Lemberg musste und er viel Spaß mit ihr haben kann.
Nun saß sie als Problem neben ihm. Sie hatten es mit dem Paten so verabredet, dass sie mit nach Vesberg kommt und sich dort ein Bild von seiner Firma machen durfte. Pate, so hatte er seinen Vater heimlich getauft, weil der nichts anderes war: ein Pate.
In Lemberg regierte wie überall auch die Vorsicht. Dort noch mehr als in Vesberg. Bevor Verträge gemacht und begossen wurden, wollten die Bosse ziemlich genau wissen, ob seine Firma seriös war, wie sie arbeitete und überhaupt wer sie eigentlich waren. Ihm fiel nichts dagegen ein und so musste er widerwillig zustimmen; sie mit nach Vesberg zu nehmen und sich um sie zu kümmern. Was die Bosse wohl nicht wussten – er und sie verbrachten inzwischen einige Nächte zusammen.
Quatsch, die Bosse wussten es ganz sicher. Dessen war er sich sicher.
Und nun stand er vor einem Problem – wie soll er sie vor seiner Frau und seiner Familie geheim halten? So groß war Vesberg nicht, Deutsch konnte sie kaum und dass er sich um sie kümmerte, davon gingen ihre Chefs, seine künftigen Geschäftspartner einfach aus. Alles andere wäre tödlich für das Geschäft; für beide Seiten.
Seine Frau… Ach nein, um die ging es ihm nicht. Sie war früher sehr hübsch; jetzt aber eher fad. Die Wiedervereinigungsphase verstand Sie als ehemalige Mitläuferin nie so richtig, geschweige denn machte aktiv als Widerstandskämpferin mit. Jetzt lebte sie in der Vergangenheit weiter. Sein Sohn war ihm viel wichtiger und wenn bekannt wurde, dass er mit der Schönen, die jetzt verkniffen auf der Beifahrerseite saß und missmutig nach draußen in die Nacht schaute, schon sehr vertraut war, flog er zu Hause ganz sicher raus.
Geschäft hier, Familie da und etwas Freude nebenbei. Warum muss das Leben immer so verdammt kompliziert sein? Wenn er mit ihr und seinem Sohn zusammen neu anfangen würde, dann … ach nein, seine spießige Frau, diese verkappte Genossin war so verkrampft, sie würde extra für ihn ein neues Bautzen aufmachen und ihn dort alleine verhungern lassen.
Für ihn gab es nur einen Ausweg aus dieser Misere: Er musste mit seinem Vater reden. Noch verstanden sich beide recht gut, aber er wurde immer älter und unübersehbar schrulliger. Von Lemberg aus versuchte er das Schlimmste zu verhindern und ihn dazu zu bewegen, dass sie in Lemberg blieb. Aber was hatte sein Vater im Sinn? Natürlich, nur das Geschäft. Und ein Zucken ein paar Körperregionen weiter unten wohl auch. Nein, er freue sich, wenn sie mitkommt und er ihr Vesberg zeigen kann. Wohl nicht nur Vesberg. Immerhin blieb ihm nicht verborgen, dass sein Vater kein Kostverächter war und sich schon immer das genommen hatte, was ihm gefiel.
Unterwegs, irgendwo im Nirgendwo, hatte sein Vater einige Male versucht, ihn anzurufen. Als dann wegen der schlechten Verbindungen das Gespräch doch noch zustande kam, wollte er nur wissen, ob seine Verhandlungen in Lemberg gut waren, ob alles klappt und das Geschäft in der nächsten Woche unter Dach und Fach gebracht werden könne. Wie es ihm ging, nach einer Woche Komasaufen in der Ukraine, war seinem Vater völlig egal.
Warum er seinen Vater Pate nannte, wusste er nicht mehr ganz genau. Er buchte es einfach als unverarbeitetes Kindheitstrauma ab. Sein Alter war nie leicht, sehr auf sich fixiert und in den letzten Jahren nur noch die Firma im Kopf. Spätestens als er auf Druck seines Vaters, Enterben und ähnlicher Unsinn begleiteten heftige Streitereien, in die Firma eintrat und sich als Außenminister, wie er sich sah, profilierte, wurde ihm klar: sein Vater hätte durchaus auch in Italien seinen Weg gemacht: Sein Reich, seine Familie und manchmal etwas skrupellos, wenn es dann der Sache diente, seine Firma. Wobei skrupellos immer relativ zu sein schien, denn sein Geschäftspartner dürfte seinem Vater in dieser Hinsicht um Längen voraus sein.
Aber jetzt, wo sie neben ihm saß, brauchte er ihn, seinen Vater trotzdem. Vielleicht hatte er ja auch das Zeug zu einem Paten. Probieren kann man das ja mal. Also, wenn sein Vater sich in den nächsten Tagen mit ihr beschäftigen würde und sie ihm bereitwillig die Zimmertür im Hotel öffnen…
Scheiße, nein!
Nicht Sie und Er!
Er mag Sie schon.
Aber warum denn nicht? Sein Vater würde ihm damit ein Problem abnehmen; ein nicht Unerhebliches sogar. Aber so richtig wollte er das auch nicht. Sie und Er. Vielleicht könnte er nach Lemberg gehen und dort…
Was für blöde Gedanken? Diese öde Fahrerei, monotone Geräusche, Musik, die er schon tausendmal gehört hatte, dunkle Nächte auf der Autobahn. Verdammt, ich will das hier alles nicht!
Sie schmollte, weil sie… Okay, wir sind gleich in Deutschland. Ein paar Kilometer hinter der Grenze gab es eine Raststätte; ein Kaffee würde ihn nicht nur wach machen, sondern hoffentlich auf andere Gedanken bringen.
Jetzt, Stunden nach seiner Ansage, war sie wieder ganz lieb, schmiegte sich etwas an ihn. Vielleicht noch eine halbe Stunde, dann würde es ernst werden. Er wohnte einige Kilometer außerhalb von Vesberg, schöne Randlage. Zuerst würde er sie im Hotel in der Nähe der Firma unterbringen. Dort werden immer alle Geschäftspartner einquartiert. Dann wollte er nur noch nach Hause. Vielleicht schaute er noch kurz bei seinem Vater vorbei. Der wohnte zwei Straßen weiter oben. Wenn noch Licht in seinem Arbeitszimmer war, machte er es ganz bestimmt. Die Entscheidung war schnell getroffen. Kann sein, dass der Pate ihn jetzt mal verstehen und mit einer Idee aushelfen kann.
Hatte er etwa Angst vor zu Hause, vor seiner Frau?
Ja schon, denn wer hatte schon seine Familie und sein Schmusi gerne in direkter Nähe? Wer wollte schon freiwillig Streit mit einer Frau, die man tief im Inneren hasste? Er machte da keine Ausnahme. Er brauchte das ganz bestimmt nicht. Hätte er bloß nichts mit ihr in Lemberg angefangen…
Die nächste Abfahrt, dann noch etwas Landstraße, Vesberg konnte man schon riechen. Hier war es etwas hügelig. Viel Wald. Eigentlich ganz schön. Er nahm gerne sein Mountainbike und powerte sich bis zur Erschöpfung in der Gegend aus. Das brauchte er; diese Freiheit nahm er sich. Er hatte nicht vor, mitten im Leben stehend schlapp zu machen und den Rest seines Lebens nach dem ‚Tote-Augen-Prinzip‘ zu leben. Seine Arbeit und vor allem sein Pate, er musste wieder grinsen, verlangten viel von ihm. Schon deshalb bestand sein Körper auf regelmäßigen körperlichen Ausgleich.
Im Wald machte er zusätzlich das Nebellicht an, denn hier gab es immer wieder Wildunfälle. Und er hatte kein Bock darauf, so kurz vor dem Ziel einem Hirsch das Geweih abzufahren. Mit dem Fernlicht reichte es, bis zur nächsten Kurve. Dann musste er immer wieder abbremsen, man kann ja nie wissen. Scheiß Fahrerei. Scheiß Monotonie.
So langsam wirkte der Kaffee auch nicht mehr, mit etwas Frischluft versuchte er, die letzten Minuten munter zu bleiben. Sie fand das überhaupt nicht gut und fing schon wieder Zoff an.
Nach einer Kurve beschleunigte er, denn er wusste, dass nun ein längeres gerades Stück kam.
Mist, was war das?
Er riss die Augen entsetzt auf und versuchte mit voller Kraft zu bremsen. Sie schrie wie verrückt und zog plötzlich an der Handbremse. Blöde Kuh, dachte er noch, als sie sich exakt einmal um die eigene Achse drehten, er das Auto wieder auf den Asphalt und in die richtige Richtung brachte und sie mit voller Wucht gegen etwas auf der Straße prallten.
Sein Airbag kam ihm vor wie ein Ruhekissen.
Nach der langen Fahrt eine wohltuende und angenehme Art, sich schlafenzulegen. Dachte er noch, als er kurz vor dem Einschlafen war.
Im Halbdunkel seiner Wahrnehmung nahm er noch auf, dass irgendwer die Autotüren aufriss und an den Gurten zerrte.
Was ging hier vor?
Nein, dieser Frage konnte er jetzt nicht mehr widmen. Können wir das nicht morgen besprechen?
Jetzt schön schlafen nach der langen Fahrt. Beschützt von einem Airbag.
Wer war das?
Warum riss jemand die Türen auf?
Was wollte er von ihm?
An ein anderes Auto konnte er sich nicht erinnern. Hinter ihm war kein Licht gewesen. Entgegen kam auch keines; sonst hätte er das Fernlicht doch abgeblendet. Musste er aber nicht.
Das klären wir morgen, wenn ich ausgeschlafen habe.
Falls!
Und sie schläft sicher auch schon. Das klären wir alles morgen.
Mit dem Paten.
Und mit ihr…
Wenn ich ausgeschlafen habe…
Jetzt verlor er endgültig die Kontrolle, sein Bewusstsein. Die dunkle Nacht erschien ihm jetzt ganz nah.
Der Airbag machte es wohltuend sanft und warm.
Die Nacht, der Wald – alles war so greifbar.
Und er war mittendrin.
Sonnabend, 13. November 2010, am ganz frühen Morgen
„Wer ist sie?“ Remsen schrie förmlich in sein Telefon. Wer Jan Remsen mitten in der Nacht weckt, sollte wissen, dass die Begegnung mit einem ausgehungerten Bären deutlich mehr Chancen auf ein Überleben bietet. Der raue Umgangston war Remsen egal. Sollte irgendjemand damit ein Problem haben, konnte der ja gerne den Job wechseln und Rollatoren verkaufen; die gehen hier weg wie geschnitten Brot – erzählte man sich in der Gegend.
Keine Antwort war auch eine Aussage, fiel ihm dazu ein, als nichts mehr zurückkam. Sein Gegenüber legte einfach auf. Wieder einer von der Blaumanntruppe; die wie immer keine Lust auf Nachtdienst mit Außeneinsatz, schon gar nicht an einem Wochenende Mitte November hatten.
Dich werde ich mir nachher gleich persönlich vornehmen, dachte Remsen sich noch, als sein Telefon wieder klingelte.
„Ja“, die Freundlichkeit war so einladend, dass erst einmal eine längere Pause entstand.
„Remsen?“, war die knappe Gegenfrage.
„Wer sonst?“, war die erneute Gegenfrage.
Das lustige Spiel hätte sich noch ewig fortgesetzt, wenn Nöthe nicht kühlen Kopf bewahrt und das Gespräch auf den Unfall gelenkt hätte.
Nöthe und Remsen oder besser Remsen und Nöthe waren aufeinander angewiesen, denn sie mussten zusammenarbeiten. Zwangsweise. Auf seine Gefühle nahm in Vesberg scheinbar niemand Rücksicht. Denn Remsen sah in Benjamin Nöthe, einem Assistenten der Mordkommission, einen äußerst limitierten Anwärter für einen Job, den der nie verstehen, geschweige denn gut machen wird. Die nehmen auch alles, was sich nicht wehrt oder wegrennt. Was soll’s, er musste mit ihm auskommen.
Ein ‚leider‘ schwang noch mit in seinen Gedanken, als Nöthe ansetzte: „Es muss wohl einen Wildunfall gegeben haben, denn der tote Hirsch lag mitten auf einer Straße, gleich hinter einer Kurve. War nur eine Frage der Zeit, bis jemand auf diesen Kaventsmann auffuhr und abhebt.“
Nöthe war froh, dass er halbwegs was brauchbares Remsen weitergeben konnte.
Remsen sah das komplett anders: „Nöthe, Sie wissen doch überhaupt nicht, was Kaventsmänner sind. Haben Sie schon mal einen gesehen oder so was erlebt?“
Ganz langsam kam er in Fahrt. Wach war zwar etwas anderes, aber dafür war Remsen in Nähe seiner Betriebstemperatur: „Nöthe, Kaventsmänner sind Riesenwellen und haben nichts mit Hirschen zu tun. Die sind nicht nur groß, sondern richtig überdimensional. Ich erklär Ihnen das mal.“
Bevor Nöthe dem etwas entgegnen konnte, entlud sich über Ihn eine ganze Ladung Remsenschen Wissens über Kaventsmänner, die schon mal als Monsterwelle daherkamen und Leute vom Strand gezogen hatten. Oder einfach etwas Übergroßes sind. Oder so. Ein Hirsch, nein. Eher nicht. Remsen rede sich in Rage, „…verstehen Sie Nöthe?“
„Ja, aber der Hirsch war wirklich riesengroß und es musste zu einem schweren Unfall kommen, so wie der auf der Straße lag. Schauen Sie sich das doch selbst an, was davon noch übriggeblieben ist.“
Nöthe versuchte hilflos, seinen sprachlichen Ausflug in die Umgangssprache zu rechtfertigen.
„Raten Sie, mal was ich gerade hier mache, Nöthe? Die Blaumänner chauffieren mich schnurstracks zum Festschmaus. Und seien Sie sicher: Wenn es nur ein Wildunfall war und ich deswegen mitten in der Nacht raus musste, heißen Sie ab morgen Benjamina. Finden Sie irgendwas, was nach Arbeit für mich aussieht.“
Er legte einfach auf.
Kurz und knapp, wie immer, brachte Remsen sein Team zur Verzweiflung. Wer war sie? Eine Unfalltote war gemeldet, aber wer war sie?
Wieder griff er nach seinem Telefon. „Nöthe, wer ist die Tote? Schon einen Namen, einen Hinweis?“.
Nöthe war auch nur ein Mensch, der inzwischen ziemlich genervt war: „Wenn ich es wüsste, wüssten Sie es schon längst.“
Jetzt war es an Nöthe, das Telefonat zu beenden. Remsen empfand es als eigenmächtigen Abbruch, eigentlich seine Kompetenz und nahm sich vor, es nicht zu vergessen.
Armer Nöthe.
Drei, vier Stunden Schlaf in der letzten Nacht. Oder doch nur zwei? Keine Ahnung. Er hing gedanklich im Nirwana zwischen dem, was da auf ihm zukam und dem Nebel in seinem Kopf. Draußen wie drinnen, alles etwas unscharf.
Sind wir hier bei den Wildhütern? Umweltschützern oder so?
Mit den Leuten in Vesberg kam Remsen noch immer nicht klar. Schon gar nicht nach einem Abend im Refill. Wie an jedem Freitagabend war er auch gestern dort und hatte sich das eine oder andere Bier genehmigt. Der Laden entwickelte sich als so etwas wie sein Stammlokal. Als er hierher zog, kam trotz einiger Suche nichts so richtig für ihn in Frage. Er vermisste die heimatliche Kneipenkultur. Bei ihm in Hamburg konnte er egal wo reingehen; es war meistens angenehm: Gesprächspartner, die ihm zuhörten, viel Bier, Korn und jede Menge Spaß drum herum.
Das Refill wurde dann in der Nähe seiner Wohnung eröffnet, ein unschlagbarer Vorteil. Schon im Namen war das Geschäftsmodell erkennbar: einmal zahlen und trinken bis zum Anschlag. Viele Trinker trotteten gemeinschaftlich in das Refill und belagerten die Tresen, wovon es mehrere gab. Normalos wie er wurden schon kurz nach der Eröffnung immer weniger dort angetroffen und der Betreiber vom Refill ging recht schnell pleite.
Jetzt mit angeschlossenem Lokal und verändertem Konzept ist es zu einer neuen Pilgerstätte geworden, eher zu einer Szenekneipe. Der Name blieb. Remsen war gerne dort, aß meistens etwas und bleibt solange sitzen, bis das Personal mehr oder weniger freundlich die letzten Gäste zum Gehen auffordert.
So auch gestern. Er hatte sich auf ein entspanntes Wochenende eingestellt und im Refill darauf eingestimmt. Nach einer Kur an der See – seine Lunge und seine Bronchitis waren sein Dauerproblem- zumindest eines von vielen, und mehreren stressigen Fällen gleich zu Beginn seiner Zeit in Vesberg, schien nun etwas Ruhe einzukehren. Remsen wollte die nächste Zeit mehr dazu nutzen, um Vesberg und die Leute besser kennenzulernen. Bisher hatte er das eher vermieden; es war wohl beidseitig mit den Vorbehalten.
Vesberg ist eigentlich nicht so schlimm, wie man denkt. Klar, gegenüber Hamburg ist es ein Kaff. Obwohl, knapp eine halbe Million Menschen wohnten in der Stadt und im Speckgürtel. Muss mal fragen, fiel ihm dazu ein. Remsen war sonst nicht so voreingenommen, aber provinziell war das die Gegend hier schon.
Schon zu DDR-Zeiten war Vesberg so etwas wie eine kleine Oase. Nicht ganz so heruntergekommen, wie Remsen nach der immer noch präsenten Wende viele Städte im Osten Deutschlands gesehen hatte, gab es hier viele gut erhaltene Häuser; ganze Stadtviertel machten einen ganz angenehmen Eindruck. Vesberg ist schon seit zwei Jahrhunderten eine Universitätsstadt, was dem Ort etwas Elitäres und Junges zugleich gab. Wenig Industriebrachen waren zu sehen. Dafür sorgten Unternehmen aus der Elektronik und Informatik für genug Arbeitsplätze und verschandelten die Stadt nicht so arg.
Remsen ist zwar kein aktiver Freizeitsportler, wie scheinbar jeder hier, aber er ist gerne draußen im Umland, wenn es sein Beruf zulässt. Leider ist das nicht allzu oft, aber man kann ja nicht alles haben.
Die Büros auf der W36 sahen aus wie verkappte Wohnzimmer, nur viel schlimmer. Blümchen, Bilder von Oma, Kindern, Hund und Garten auf den Schreibtischen und allerlei Firlefanz an den Wänden. Fehlen nur noch die bunte Tapete und Nierentische in den Vernehmungsräumen. Die Hausmannskost in der Kantine lehnte er kategorisch ab. Remsen und seine Befindlichkeiten. Es könnten auch Vorurteile sein; er muss es noch ergründen. Demnächst mal, wenn es die Zeit hergibt. Leicht sich anzupassen, ist es für Leute wie ihn nicht.
Und zu allem Überfluss saß er jetzt in einem Blauwagen und wurde zu einem toten Hirsch chauffiert. Mit einer Unfalltoten. Aber er ist Leiter der Mordkommission und nicht bei der Unfallaufnahme. Warum wurde er aus dem Bett geholt? Hoffentlich war es ein Mord. Nicht weil er Tote und damit viel Arbeit gerne hatte, sondern für den, der ihn in der Nacht geweckt hatte, könnte dieser Sachverhalt zu einem unschätzbaren Vorteil werden.
„Ist der schwarz?“
An der Absperrung fand sich gleich der erste Beamte ohne Kaffeebecher wieder, nachdem er Remsens Frage bejaht hatte. So ist es, Remsen war der Chef am Tatort und entsprechend verhielt er sich.
Nöthe kam direkt auf ihn zu: „Der Wagen ist auf eine Firma namens CodeWriter GmbH zugelassen. VES CW 500, kein direkter Fahrer.“
„Sagt mir nichts.“, entgegnete Remsen. „Was machen die?“
Nöthe zuckte mit den Schultern, obwohl er diese Frage beantworten konnte. „Entwickeln Software für Sicherheitsfirmen und übernehmen Auftragsarbeiten für die Universität und andere wissenschaftliche Einrichtungen.“
„Steht auf deren Homepage. Die Firma ist schon gut fünfzehn Jahre aktiv.“
Jutta Kundoban grinste Nöthe an. „Was so ein kleines Smartphone nicht alles kann.“ Nöthe bekam richtig große Augen.
Das Stichwort für Remsen: „Na Nöthe, das mit dem Internet ist ganz einfach. Das können Sie noch gar nicht wissen; ich erklär Ihnen das mal.“ Arrogant und verblüffend entwaffnend, wie alle fanden.
Gottlob, dazu kam es nicht, denn der Chef der Spurensicherung Reiken wartete schon auf Remsen. Beide hatten schon oft und unangemeldet das Vergnügen; sie kannten und schätzen sich.
„Jan, der Bock war schon länger tot.“
Remsens Puls begann um sich zu schlagen: „Was interessiert mich ein toter Zwölfender? Außer ein Teil davon liegt auf meinem Teller. Dann schon…“
„Es gibt außer den Versprengungen durch den Aufprall keinen weiteren Hinweis darauf, dass der Hirsch hier auf der Straße angefahren wurde. Das solltest du wissen.“
„Wo ist die Tote? Besondere Merkmale?“ Remsen verspürte keine Lust mehr, den Tierschützer zu spielen.
„Da hinten. Recht erhebliche Frakturen am Kopf und im Halsbereich. Der Airbag löste zwar aus, aber obwohl sie angeschnallt war… Die Jungs von der Rechtsmedizin untersuchen sie gerade.“
„Wer ist heute dran?“ Remsen hatte eine leise Vorahnung.
„Dr. Ansbaum.“ Beide kannten Dr. Ansbaum als äußerst zuverlässigen und genauen Mann, dem kein Detail entging und der oft recht schnell die richtigen Schlussfolgerungen zog. Natürlich unter Vorbehalt, die Gerichtsmediziner sollten ja auch ihre Arbeit machen.
„Na wenigstens ein Lichtblick in dieser Nacht.“ Remsen konnte es nicht lassen, denn er stellte klar, dass er bereits Anwesende nicht schätzte.
Entsprechend wurde Reiken stinksauer: „Jan, wenn du meinst, dann kannst du ja gerne unseren Job übernehmen. Um diese Zeit pflege ich üblicherweise zu schlafen. Solltest du übrigens auch so handhaben.“
Remsen ruderte zurück: „War nicht so gemeint Günther. Irgendein Hinweis von Gewalteinwirkung oder so?“
„Noch nichts gehört, aber lass uns mal zum Doc. rüber gehen.“
Zum Glück hatte die Spurensicherung inzwischen Lichtmasten aufgestellt, sodass man die herumliegenden Einzelteile des Hirsches gut um kurven konnte. In diesem Licht gesehen sah der Kaffee in seinem Becher eher wie eine klebrige Substanz aus. Entnommen aus der nahegelegenen Entwässerungsanlage, wie Remsen vermutete. Nicht gesund, entschied er. Und schwupp landete der Becher im Straßengraben.
„Schon mal was von Unversehrtheit des Tatorts gehört?“ Jetzt war es an Günther Reiken, den launigen Remsen aus der Reserve zu locken.
„Wenn ich nicht gleich etwas höre, was auf keinen Unfall hinweist, sitze ich im nächsten Taxi nach Hause.“ Wer der Stärkere ist, werden wir noch sehen. Remsen fand seinen Konter recht gelungen.
„Hallo Dr. Ansbaum, schon was gefunden? Woran ist sie gestorben?“
Dr. Ansbaum bewegte sich nicht mehr so schnell. Das lag einerseits an seinem Alter; nur noch wenige Jahre und er wird pensioniert. Andererseits empfahl sein Therapeut ihm schon oft, mal seine Sportsachen in direkter Verbindung mit Körperertüchtigungsabsicht zu nutzen. Ja, er war richtig fett und tat nichts dagegen. Der Doktor wird schon wissen, was für ihn gut und richtig war.
„Der Unfall müsste so vor etwa 4 Stunden, plus minus wie immer, passiert sein. Hämatome eigentlich überall am Körper, am Kopf und am Hals besonders.“ Dr. Ansbaum schien nachdenklicher als sonst. Und offensichtlich nicht ganz sicher, wie Remsen bemerkte.
Er wollte sich nicht lange bitten lassen: „Todesursache?“
„Höchstwahrscheinlich war es ein Genickbruch. Zumindest hatte ein solcher endgültig für das Aus dieser Kleinen hier gesorgt.“
„Doktor, wenn sie angeschnallt war und der Airbag funktionierte, dann ist doch ein Genickbruch nicht drin, oder irre ich mich? Das Auto ist fast neu und Kopfstützen haben heute alle.“ Dafür war Remsen bekannt: scharfer Spürsinn und glasklarer Sachverstand mit einer Prise Sarkasmus. Er war gedanklich allen anderen meistens voraus.
Reiken schaltete sich ein: „Wenn ich mir hier die Teile vom Hirsch anschaue, dann hat sie locker mit mehr als 100 km/h den Hirsch geküsst. Jan, du kennst doch den Zubringer zur Autobahn: So schnell fährt hier an dieser Stelle noch nicht einmal Montoya.“
Reiken war Hobbyrennfahrer, ein Draufgänger wie der Kolumbianer. Dieser war zwar nicht so erfolgreich, stand aber trotzdem bei ihm hoch im Kurs. Denn Reiken war es, der gerne spektakulär überholte und sonst gerne mal die Regeln vergaß.
„Also, da hat jemand nachgeholfen!?“ Diese von Remsen teils als Aussage formulierte Frage brachte Ansbaum endgültig in Zugzwang; er musste sich festlegen. Unter Vorbehalt natürlich.
„Wenn Sie mich so fragen…“
„Ja, das tue ich. Und ich erwarte sogar eine Antwort.“ Remsen wurde ungeduldig und deutete dem Chef der Spurensicherung, beim Rechtsmediziner etwas nachzuhelfen.
„Jan, du weißt, wie so was läuft. Hier wird die erste Analyse gemacht, untersucht wird alles später in der KTU und der Gerichtsmedizin. Ich denke Doc., dass wir es bis zum Mittag es genauer wissen.“ Auch Reiken verstand es, Aussagen als Fragen zu formulieren.
Dr. Ansbaum überlegte genau, was er sagte: „Ein Unfall allein war es definitiv nicht. Die Hämatome am Hals deuten auf zusätzliche Einwirkungen hin, die letztlich zum Tod geführt haben könnten. Aber Genaues wirklich erst nach der Untersuchung. Ich denke, es war nicht nur ein Unfall.“
„Vielleicht haben noch ein paar Renntiere mitgeholfen.“ Jan Remsen zog mit Reiken, der ihm folgte, davon und ließ Dr. Ansbaum und sein Team stehen. Halb im Umdrehen rief er zurück: „Um Punkt 12 Uhr will ich es genau, ganz genau wissen. Und denken Sie daran, ich esse pünktlich.“
„Jan, der Doc. tut was er kann. Wir untersuchen gerade das Auto, die Spuren auf der Straße. Bisher scheint klar zu sein, dass sie gleich nach der Kurve da vorne gebremst und sich dabei gedreht haben. Wie es aussieht, haben sie dabei nur wenig Geschwindigkeit verloren und ist mit voller Wucht auf den Hirsch aufgefahren. So einen Unfall hatten wir noch nicht. Wir müssen morgen alles nachstellen.“
Reiken war auf Zeitgewinn und Beruhigung aus. Er wusste, dass Geduld nicht gerade eine Stärke von Jan Remsen war. Außerdem mochte er es nicht, wenn die Cops, wie die Mordkommission unter der Hand genannt wird, seine Arbeit nicht anerkannten.
„Glaubst du wirklich“, Remsen hatte Günthers Taktik durchschaut, „dass ein Auto mit, sagen wir mal 100 Stundenkilometern, auf einen Hirsch auffährt und die Fahrerin trotz Sicherheitsgurt und Airbag mit einem Knick im Genick das Leben aushaucht. Das stinkt gewaltig, nicht nur nach Hirsch. Und Ansbaum geht auch davon aus, dass am Hals jemand nachgeholfen hatte.“
„Ja, ja, mag ja alles sein. Aber solange wir das nicht wissenschaftlich belegt haben, kannst du anbrüllen, wen du magst. Vorher können wir dir nicht verbindlich sagen, was passierte.“
Jetzt reichte es Reiken auch so langsam. Wenn das alles hier vorbei ist, müsste er mit Jan mal wieder ins Refill, so von Mann zu Mann mit ihm reden. Aber nicht jetzt.
Einer seiner Mitarbeiter winkte ihn zu sich rüber. „Sieh mal, hier auf dem Beifahrersitz befinden sich jede Menge Haare, lang, blond. Die scheinen unser Kleinen zu gehören.“
„Sag nicht immer Kleine zu ihr. Die hat doch sicher einen Namen.“ Reiken war ein guter Chef, forderte aber von seinen Mitarbeitern volle Konzentration und vor allem Ergebnisse, hier in Form von Erkenntnissen.
„Ein wenig komisch ist es schon, Günther: Einen Raubmord kannst du ausschließen. Geld, Schmuck sind noch da. Aber weder ein Ausweis noch eine Kreditkarte oder so. Frauen haben immer so viele Karten im Koffer. Nichts da. Bis jetzt kein einziger Hinweis auf ihre Identität. Nur dass sie eine Frau ist, so um die 30, recht attraktiv“. Remsen war mit seiner ersten Einordnung wie immer schnell zur Hand.
„War. Sie war eine Frau. Ok, danke.“ Reiken ging dann doch noch mal zu den Rechtsmedizinern rüber. Jedoch nicht, ohne sich vorher zu vergewissern, dass Jan Remsen weit genug weg und mit anderen Dingen beschäftig war.
„Dr. Ansbaum – wir haben hier ein Problem. Wir wissen nicht, wer sie ist. Kein Ausweis, keine Bankverbindung, Gesundheitskarte oder so. Kein Hinweis auf ihre Identität. Hat sie ein Tattoo oder etwas Markantes, eine auffällige Narbe oder irgendwas anderes?“ Reiken schaute fast schon verzweifelt Dr. Ansbaum an, denn jeder Hinweis würde ihm Arbeit abnehmen und vor allem Zeit gewinnen.
„Herr Reiken, wir haben sie noch nicht weiter untersucht. Bisher ist mir nichts aufgefallen. Sorry, aber wenn Sie mich fragen? Ich tippe auf Osteuropäerin.“ Dr. Ansbaum machte Anstalten, sich wieder seiner Arbeit zu widmen.
„Osteuropäerin? Polin? Russin? Wie kommen Sie darauf?“ Jeder Hinweis könnte ein Lichtblick sein; so viel Erfahrung hatte Reiken allemal.
„So ein Gefühl, Intuition vielleicht. Vom Gesicht und ihrer Kleidung her würde ich es so einschätzen, muss aber nicht stimmen. Vielleicht weiß ich nach der Untersuchung mehr.“
Reiken war sich unsicher: „Soll ich Remsen davon was sagen?“
„Kann nicht schaden, aber bitte…“
„Ja, ja – ich weiß; unter Vorbehalt.“ Dr. Ansbaum sicherte sich wie immer mehrmals ab.
Remsen sah sich gerade mit Kundoban und Nöthe den Unfallort etwas genauer an. Von der Spurensicherung hatten sie sich dafür Lampen besorgt.
„Wissen Sie Jutta, das Ganze hier ist entweder wirklich nur ein Unfall oder eine ganz große Sauerei.“ Remsen begann wie immer sehr früh mit seiner Analyse.
„Der Tipp ‚Sauerei‘ stimmt in jedem Fall.“ Kundoban hatte auf ihre Art sicher Recht.
Remsen mochte sie – hier aufgewachsen, in NRW Kriminalistik studiert und noch ein paar Praktika in Skandinavien und Irland drangehangen. Im Team war sie noch nicht so lange, machte sich aber erstaunlich gut. War sogar richtig zuverlässig. Was sie sonst noch so macht, privat zum Beispiel, hatte Remsen bislang nicht in Erfahrung bringen können. Bis auf ein paar gemeinsame unverfängliche Abende im Refill ging nichts. Nein, Ambitionen hegte er nicht, denn er könnte fast als ihr Vater durchgehen. Sein Instinkt sagte ihm aber, dass sie … na mal sehen.
„Hier fahren doch regelmäßig Autos lang, gegen 10 Uhr abends doch sicher noch so viele, die den Hirsch, den Unfall oder was auch immer bemerkt haben müssten. Liegt keine Meldung vor?“
„Ich kümmere mich sofort darum.“ Nöthe wollte bei Remsen wieder Boden gutmachen und sich als fleißiger Assistent beweisen.
„Bitte gleich, besser sofort.“ Remsen hatte nämlich genau dieses Detail in der selbstformulierten Anweisung von Nöthe vermisst.
„Ja, ja.“ Nöthe war schon fast unterwegs.
„Und bekommen Sie raus, wer hinter CodeWriter steckt.“ Bisschen Arbeit kann nicht schaden. Unser Assistent sah richtig schläfrig aus, dachte sich Remsen.
„Wissen Sie Jan, solange es nicht hell wird, werden wir wohl auf weitere Erkenntnisse warten müssen.“
Jutta Kundoban war erst knapp ein Jahr bei der Mordkommission; der W36 wurde sie jedoch erst vor kurzem zugeteilt. Sie sollte von Remsen und den anderen lernen. Bislang bereute sie ihre Versetzung nicht. Remsen war nicht so ein Einzelgänger, wie alle von ihm dachten. Ja, er war manchmal wie ein alter Kauz, zu direkt und wirkte dadurch abweisend. Aber Jutta mochte ganz gerne mit ihm arbeiten, war er doch der Beste in der Truppe. Aber auch der Unbeliebteste.
„Was haben wir bis jetzt?“ Remsen beantwortete seine Frage gleich selbst. „Einen kapitalen Hirsch, nicht mehr unter uns, der nach Aussagen der Kriminaltechniker scheinbar erst nicht bei der Überquerung der Straße seine letzten Schritte machen durfte. Ein demoliertes Auto, welches in Vesberg auf eine Firma CodeWriter zugelassen ist. Oder war. Und eine unbekannte Tote. Kein Hinweis wer sie war, wo sie herkam und wohin sie wollte“.
„Doch, Osteuropäerin.“ Reiken trat zu den Kollegen der Mordkommission. „Dr. Ansbaum hat so eine Ahnung. Nein, Jan“, Reiken hob die Hand, „es gibt keine Hinweise darauf, aber du weißt ja, so schlecht sind seine Deutungen noch nie gewesen.“
„Zu spekulativ.“ Remsen entwickelte keine Lust auf großes Kino am Wochenende. „Wenn wir wissen, wer hinter CodeWriter steckt, werden wir dort einen Besuch abstatten. Vielleicht sind die Herren schon bei der Arbeit.“
„Oder Damen. Immerhin haben wir eine weibliche Leiche“ Kundoban achtete gerne auf Gender-Korrektheit. „Kann ja sein, dass die Firma von Frauen geführt wird. Nicht ungewöhnlich in Vesberg, sind doch damals in der DDR beide Geschlechter ausgebildet und zum Arbeiten genötigt worden. Egal ob ein Kind da war oder nicht.“
Mit damals meinte Jutta Kundoban die Zeit der Staatsdiktatur, die sie noch als Heranwachsende miterlebt, aber nie verstanden richtig hat. Jutta pflegte deshalb zu ihrer DDR-Vergangenheit ein eher entspanntes Verhältnis, was ihr einige Leute aus ihrem Umfeld übelnahmen.
Gerade die ältere Generation im Osten Deutschlands betrieb noch immer einen eigenartigen Umgang mit dieser Zeit. Während die Profiteure von einst, Parteigänger, Mitläufer, Schmarotzer, die diktatorischen Vorzüge und die sozialen Wohltaten priesen und wieder zurückhaben wollten, üben sich die Gewinner der friedlichen Revolution in Anklage und Verdammung.
Remsen wusste, dass Jutta in der DDR geboren und aufgewachsen war und kannte aus vielen Diskussionen ihre Variante vom Verständnis der Zeit ‚damals‘. Er selber tat sich schwer damit und folgte meist stumm den unendlich langweiligen Erzählungen von ‚damals‘. Okay, nicht ganz fair, aber es ging ihm schlicht nichts an und er wollte überhaupt nichts mit dieser Zeit zu tun haben.
„Entweder ist die Tote eine Angestellte von CodeWriter oder das Auto geklaut worden. Soll recht oft vorkommen, in der Gegend.“ Jetzt teilte Reiken seine Idee. Er verfolgte anscheinend den Verdacht, dass das Auto für eine illegale Grenzübertretung Richtung Osten geklaut war und in der Nacht hergerichtet werden sollte.
„Wenn jemand ein Auto klaut, dann tauscht man doch sofort die Schilder aus, oder nicht?“ Remsen hing der Theorie nach, konnte ihr aber nichts Entscheidendes abgewinnen.
„Vielleicht hatte es jemand erst unmittelbar davor gestohlen!?“ Reiken ließ nicht locker. Es war halb eine Frage, halb eine Feststellung. Ein Gestochere.
„Liegt eine Meldung vor, Nöthe?“ Remsen schielte nach seinen Assistenten. Von dem war weit und breit nichts zu sehen. Macht nichts, der wird kein ruhiges Wochenende haben, dessen war sich Remsen sicher.
„Kann ja sein, aber was macht dann ein Hirsch auf der Straße? Wollte den Autoklau verhindern und ist dabei selbst zu Schaden gekommen?“ Jutta musste selbst über ihren Gedanken lächeln.
„Ein toter idealistischer Hirsch? Vielleicht haben die es tatsächlich besser und ein Leben nach dem Leben.“ In einer Gourmetpfanne wollte Remsen noch hinzufügen. Jetzt war er wieder der, so wie ihn seine Kollegen kennen – der beste und bekannteste Zyniker in Vesberg.
„Hier können wir nichts mehr ausrichten. Jutta, Sie fahren mich nach Hause und halten dann die Stellung in der Arkadenstraße. Wir treffen uns später dort.“ Vielleicht fiel noch etwas Schlaf für ihn ab. Remsen fühlte sich hundemüde.
„Günther ich will, dass bei Tagesanbruch das ganze Programm anläuft. Also mit Rekonstruktion des Tathergangs, Untersuchung der Unfallstelle, Durchkämen des Waldes bis zur Autobahn, Hubschrauber mit Wärmebild, KTU vom Unfallwagen, Abschlussbericht der Obduktion. Die Straße bleibt komplett gesperrt. Sobald ihr was rausbekommen habt, will ich es wissen. Abfahrt Jutta.“
Auf der Rückfahrt dudelte das Radio. Beide hingen ihren Gedanken nach, wollten sich erst einmal ihre Theorien selbst zurechtlegen, Wissen und Spekulationen voneinander trennen. Für diese Konzentrationsübung braucht es keine Gesprächspartner. Jutta Kundoban lernte recht früh, dass die Klarheit der eigenen Überlegungen immer auch gut für den Fall und die immer notwendige Selbstdarstellung ist. Also suchte keiner von beiden das Gespräch.
Jutta kannte Remsens Adresse ohnehin, sodass es keinen Grund für irgendwelche Kommunikation gab.
Remsen bewohnte eine geräumige Dachgeschosswohnung, eine 3-Raumwohnung wie man hier sagt, in einem, gut einhundert Jahre alten Haus. Entweder hatte es den Krieg überstanden oder es mit wenig Liebe zum Detail danach wiederaufgebaut. Altbau eben, funktional und in die Jahre gekommen. Für Remsen war es ausreichend, denn die Wohnung hatte neben der Nähe zum Refill durchaus ihre Vorteile. Sie lag in einer ruhigen Nebenstraße, in der es immer Parkplätze gab. Seine Wohnung im Dachgeschoß war die einzige Wohnung. Damit verschonte er seine Nachbarn von seinen musikalischen Vorlieben, wenn er nachts und ohne Ohrschützer in diese, in seine Welt abtauchte.
Noch im Mantel suchte er gezielt in seiner Vinylsammlung nach einem seiner Lieblingsalben; genau die richtige Platte für jetzt. Gefunden! Van Morrisons „Astral Weeks“ sollte es sein. So richtig schon laut, wie immer auf dem Boden liegend, wollte er seine Gedanken sortieren. Zweimal dreißig Minuten, dann unter die Dusche und ab in die W36, sein Büro wie er die Wache in der Arkadenstraße nannte.
An Schlaf war nicht mehr zu denken. Obwohl…
Van Morrison versuchte sich an „In The Beginning“. Dazu röhrte ein Hirsch in weiter Ferne Was für ein Exemplar? Wollen wir ihn gleich erledigen? Die blonde Russin neben ihm vertrat die Absicht, mit dem Wagen weiter heranzufahren. Warum ist Van Morrison so leise. Ja, vielleicht steht der Hirsch wieder auf und reitet mit uns weg. Und überhaupt, wo kommt das viele Blut an der Russin her?
Sein Telefon weckte ihn unsanft.
Remsen fand den Hörer erstaunlich schnell und öffnete nur rein mechanisch den Mund: „Ja?“
„Jan, wir haben jede Menge Arbeit.“ Jutta Kundoban klang etwas gehetzt.
„Ja, ja, ich weiß. Muss wohl eingeschlafen sein. Ich komm gleich“. Remsen war es sichtlich peinlich, dass seine Selbstdisziplin nicht mal die erste Seite von „Astral Weeks“ überdauerte.
„Wir haben eine zweite Leiche.“ Jutta musste es schnell loswerden.
„Noch eine Frau? Wieder aus Osteuropa? Oder jetzt zur Abwechslung mal ein Elch?“ Remsen hatte sich erstaunlich schnell wieder im Griff und mit Sarkasmus gewürzt fanden seine Gedanken ungeprüft und ganz spontan den Weg in das Telefon.
„Wir sehen uns an der Unfallstelle Jan. Sie wissen wo.“ Jutta Kundoban wurde sauer, weil Remsen sie nicht ernst genommen hatte. Und sie tat etwas Mutiges– sie legte einfach auf.
„Okay, ich fahre jetzt selbst.“ Remsen legte auf und bekam nicht mit, dass er mit sich selbst telefonierte. So schnell wie er geduscht und wieder in neuen Sachen im Auto saß, hatte er es noch nie geschafft. Er sollte mal einen Wettbewerb daraus machen, befand er.
Seinen Buick Enclave liebte er über alles. Sein Monster, wie er ihn liebevoll nannte, denn darin kann er im Prinzip die ganze Mordkommission mitnehmen. Vor allem, weil er sich schon beim Kauf einen Sound nachinstallieren ließ, den wahrscheinlich noch niemand so gehört hat. Astrein, glasklar und mit jeder Menge Volumen; fast wie in einer Konzerthalle. Dieser schwarze SUV ist ohnehin ein Unikat. Nicht nur in Vesberg. Er erinnerte sich an den Papierkram, bis er das Gefährt endlich in Deutschland zulassen konnte. Es ist sein zweites Zuhause und leider einen riesengroßen Nachteil: Für Observationen ist es denkbar ungeeignet. Das hatte Remsen nicht bedacht und tauscht seinen Buick trotzdem nicht ein. Stattdessen musste er dann auf den Flottenbestand der W36 zurückgreifen.
Der kleine Bäcker um die Ecke hatte noch auf, obwohl die am Sonnabend immer so früh zumachen. Ein unschätzbarer Vorteil, einen richtigen Bäcker in Reichweite zu haben. Remsen schätzte schon, dass einige seiner neu erworbenen Kilo auf das Konto genau dieses Bäckers gehen. Er müsste mal mit dem Meister darüber reden; müsste mal…
„Wollen Sie auch Bohnenkaffee? So wie immer Herr Kommissar?“ Mit der freundlichen Verkäuferin war er fast schon befreundet. Denn immerhin reichte neuerdings ein Anruf und kurz danach hängt die Einkaufstüte an seiner Wohnungstür. Vielleicht gewöhnt er sich doch noch an Vesberg. Nichts ist unmöglich…
Sein Buick steuerte fast alleine Richtung Autobahn. Noch eine Leiche. Wer oder was ist eigentlich CodeWriter?
Die Nachrichten liefen inzwischen und berichteten von einer Straßensperre auf dem Autobahnzubringer. Seit der Nacht schon. Remsen registrierte erst nach der Nachricht die Meldung und rätselte, was der Nachrichtensprecher gesagt haben könnte. Aber er hatte eine Idee und wählte die Nummer seines Assistenten.
„Nöthe, was haben Sie über CodeWriter herausbekommen?“ Vielleicht konnte er doch was in Erfahrung bringen. Darauf spekulierte Remsen ein wenig.
„Ja, Chef. Das ist eine Softwarefirma. Die wird von einem Georg Weilham und einem Karl Hausmann geführt. Nichts Auffälliges. Kleines Team. Meistens in den schwarzen Zahlen. Sind wohl bei einigen Ministerien und Forschungseinrichtungen in der Gegend und deutschlandweit im Geschäft. Verkaufen Software für Sicherheitssysteme. Selbst entwickelt. Die soll wohl richtig gut sein.“
Remsen wurde neugierig: „Sind die auch im Ausland aktiv? In Osteuropa vielleicht?“
„Kann ich leider noch nicht sagen.“ Mit nur einer einzigen Frage war Nöthe schon wieder verunsichert.
„War die Tote eine Angestellte von denen? Konnte die schon identifiziert werden?“ Remsen machte wie gewöhnlich Druck und verunsicherte Nöthe damit weiter.
„Nein, noch nichts rausbekommen. Hausmann befindet sich im Jahresurlaub, ist wohl in Südamerika und Weilham ist wie jeden Sonnabend auf Selbstfindungstrip.“
Wahrscheinlich hinter der Grenze, um seine Kondition im Bett zu testen, murmelte Remsen vor sich hin.
„Was haben Sie gesagt?“ Nöthe wollte sich wieder fangen und vor allem Remsen beeindrucken.
„Nichts, nichts. Nöthe. Woher wissen Sie das?“, wollten Remsen wissen.
„Hat mir seine Frau gesagt; die vom Weilham. Wer mit dem Auto gestern Abend unterwegs war, wusste sie angeblich nicht. Vielleicht ihr Sohn.“
„Nöthe, gute Arbeit.“, lobte Remsen. „Fahren Sie zu dieser Frau und holen Sie aus ihr alles raus, was wir wissen müssen. Ach ja Nöthe, noch was: Ich habe ich den Nachrichten von einer Straßensperre heute Nacht auf dem Autobahnzubringer gehört. Und zwar bevor wir dort waren. Das kommt mir komisch vor. Prüfen Sie das mal. Bis später.“
Remsen stieg aus seinem Buick aus.
„Wer ist es? Wo ist er? Todesursache?“
Die Fragen kamen wie ein Stakkato und prasselten auf die armen Kriminaltechniker wieder. Nur auf Kundoban nicht, denn die wusste inzwischen sehr genau damit umzugehen.
„Richten Sie sich auf eine kleine Wanderung ein. Da hinten im Wald ist die Fundstelle.“ Kundoban ging voraus.
„Fundstelle? Gleich Tatort?“ Remsen kam mit so ungenauen Angaben einfach nicht klar.
„In diesem Fall wohl eindeutig ja.“ Jutta Kundoban hatte recht verlässliche Informationen, dass es genau dort passiert ist.
„Haben wir schon einen Namen, eine Idee wer es sein könnte?“ Remsen hatte immer noch den Kaffeebecher von seiner Bäckerei in der linken Hand. Obwohl der Kaffee längst kalt war, brauchte er seinen Koffeinspiegel, um klar denken zu können. Selbst wenn er kalten Kaffee nicht ausstehen konnte, kam wegwerfen nicht in Frage.
„Kann ich ein Stück davon haben?“ Da Jutta inzwischen die kleine Tüte vom Bäcker trug, schielte sie schon mal rein. Ihr Hunger machte sie unberechenbar. Das wusste Remsen ganz genau.
„Nur zu, ich hab schon. Und Sie ohnehin mit eingerechnet.“ Charmant wie immer erteilte er Jutta Kundoban die Erlaubnis, sich zu bedienen.
Auf dem Weg zur Fundstelle, wie Kundoban den Ort nannte, dem sie sich inzwischen näherten, waren beide mit Essen beschäftigt. Von Reiken wollte sich Remsen nicht wieder eine Ohrfeige einholen, deshalb behielt er den inzwischen leeren Kaffeebecher bei sich und enthielt sich jeglicher Entsorgung.
„Wie ist es passiert?“ Es war jetzt Reiken an der Reihe, Fragen zu beantworten. Nebenbei erteilte Remsen ihm kurzerhand mit der Übergabe des Kaffeebechers den Auftrag, diesen kriminalermittlungstechnisch korrekt zu entsorgen. Nach seiner Meinung die beste Lösung; für alle Beteiligten.
„Wahrscheinlich wie immer. Typisches osteuropäisches Muster. Erst windelweich klopfen, dann ausziehen und an den Füßen aufhängen. Wie so ein Schwein, welches abgeschlachtet wird. An genau den Stellen geschickt angeschnitten, sodass das Blut möglichst schnell, nicht zu schnell, entweicht und die arme Sau übel verblutet.“
Man sah Reiken an, dass ihn die Schilderung des mutmaßlichen Tathergangs an die Nieren ging.
Der Tote war inzwischen abgeschnitten und lag auf einer Plane, zugedeckt.
„Wie lange hat’s gedauert Doc?“ Remsen traf an diesem Tag schon zum zweiten Mal auf Dr. Ansbaum.
„Würde sagen keine Stunde. Muss so kurz nach Mitternacht gewesen sein. Mehr kann ich noch nicht sagen.“ Dr. Ansbaum hatte regelrecht aufgequollene Augen und bräuchte sicherlich mehrere Tage Schlaf. Wie Remsen auch, irgendwie.
„Ja, ja, unter Vorbehalt. Ich weiß. Sonst irgendwelche Besonderheiten?“
„Nicht erkennbar.“ Dr. Ansbaum wollte nur noch seine Arbeit machen und dann möglichst schnell in sein geliebtes Reich, in die Pathologie. Dort fühlte er sich wohler; würde sich doch dorthin kaum jemand verirren und ihm dauernd Fragen stellen.
„Wir haben die Hunde im Auto riechen lassen. Die haben recht schnell die Fährte aufgenommen und uns zur Leiche gebracht. Kein schöner Anblick Jan.“ Günther Reiken sah ein, dass er nicht nur heute, sondern auch noch den Sonntag wird abschreiben müssen.
„Und heute Nacht wussten wir nicht, dass die Frau in dem Auto nicht alleine unterwegs war?“ Remsen schaute in die Runde und suchte nach jemand, der ihm eine plausible Antwort darauf gehen würde. Allerdings war nur betretenes Schweigen, was er zurückbekam.
Dann meldete sich Reiken doch noch: „Wir werden das Auto auseinandernehmen. Irgendetwas muss zu finden sein. Den ersten Anzeichen nach waren mehr blonde Haare der Toten auf der Beifahrerseite zu finden, obwohl sie eindeutig die Fahrerin war. Meine Kollegen von der Spurensicherung sagten mir, dass sie aber mehr Schuppen und Haare vom Toten auf der Fahrerseite gefunden haben. Vielleicht haben die zwischendurch gewechselt. Keine Ahnung, wir finden das raus. Jan, das ist jetzt kein Unfall mehr. Es ist dein Fall. Viel Glück.“
„Klarer Fall von Ablenkung.“ Jutta Kundoban hatte so einen Gedanken. „Es sollte wie ein Unfall aussehen. Man hat die Beifahrerin auf die Fahrerseite bugsiert, um mit dem Fahrer noch ein Gespräch zu führen. Bevor auch er…“
„Klingt nach einem schlecht konstruierten Krimi, Jutta.“ Remsen war anderer Ansicht, aber welcher konnte auch er nicht sagen.
„Und noch was“, mischte sich Reiken ein. „Die Veterinärer haben sich den Hirsch oder das was davon noch übrigblieb, genauer angesehen. Der war schon einige Zeit tot, mindestens ein, zwei Tage und hatte einige unerklärliche Druck- oder Reibungsstellen. Als wenn das Fell von Seilen oder so abgerubbelt worden war.“
„Also hat jemand das Tier ganz bewusst geschossen und gezielt auf die Straße gelegt. Wenn dahinter ein Plan steckt, dann auch eine größere Logistik. Der Zeitpunkt musste ganz genau gewählt und der Verkehr auf der Straße angehalten werden. Wer kann so etwas?“
Remsen ahnte langsam auch, dass es mehr als ein Routinefall werden könnte. Hoffentlich nicht wieder so eine Mafia-Geschichte, die nur Ärger und nie einen Erfolg einbringt. Europa und die Öffnung bringen eben nicht nur Gutes mit sich.
„Doktor, wann können Sie uns mehr zu beiden Toten sagen?“ Irgendwo musste Remsen ja anfangen.
„Die Verabredung um 12 Uhr zum Essen kann ich jetzt nicht mehr einhalten. Bis zum Abend haben Sie den ersten Bericht, sicher noch nicht vollständig.“
„Gut, gut. Bis dahin kümmern wir uns mal um die CodeWriter. Vielleicht kann die Überwachungskamera von der Grenze was liefern. Schaut so aus, als ob die beiden tatsächlich in Polen oder woanders unterwegs waren.“
„Haben wir schon angefragt. Wir bekommen die Aufnahmen zugeschickt.“ Jutta Kundoban hatte für Remsen diese gute Nachricht parat.
„Doc., wenn Sie was rausbekommen haben, rufen Sie mich bitte gleich an – okay?“ Wer weiß, was hier noch alles los ist. „Bitte!“ Remsen wusste, dass genau dieses Wort bei Dr. Ansbaum Berge versetzte.
„Fahren wir zusammen?“ Remsen verspürte Gesprächsbedarf und wieder etwas Hunger. Solange Jutta Kundoban die noch halb gefüllte Tüte festhielt, hatte er schlechte Karten.
„Gerne, ich bin eh mit einem der blauen Taxen hier rausgefahren.“ Auch sie liebte den Komfort des Buick und diesen klasse Sound, auch wenn es nur für die eine Fahrt war.
Remsen steuerte seinen Buick wieder Richtung Vesberg und hoffte auf mehr Informationen. Deshalb hatte er den Nachrichtenkanal eingestellt, der regelmäßig, sogar viermal in der Stunde neue Nachrichten brachte. Manchmal konnte man sich schon wundern, woher und vor allem wie schnell die an neue Informationen kommen. Vielleicht sollten wir den einen oder anderen für uns rekrutieren.
„Haben wir schon was Neues von Nöthe und seiner Frau?“ Remsen nahm den Gesprächsfaden wieder auf.
„Wieso Frau? Nöthe hat meines Wissens keine Partnerin, aktuell zumindest.“ Kundoban war etwas irritiert.
„Nein, nein. Ich habe ihn zu einer Frau Weilham geschickt. Das ist die Frau eines der beiden Geschäftsführer der CodeWriter. Er ist wohl nicht da, sonnabends immer auf Selbstfindungskurs. Nöthe soll rausbekommen, wer das Auto gefahren hat, wer die beiden Toten sind usw. Vielleicht taucht Weilham inzwischen bei seiner Frau oder in seiner Firma wieder auf.“
Jutta Kundoban saß etwas gedankenversunken auf dem Beifahrersitz und traktierte ihr Smartphone. Das ist eine andere Generation, dachte sich Remsen. Die bekommen heute schon so ein Ding mit Internetanschluss in die Wiege gelegt.
„Also wenn ich das hier richtig sehe, dann gibt es in der Firma zwei Weilham's. Der eine, Georg Weilham scheint der Geschäftsführer zu sein, sein Sohn, nur Weilham jun. auf der Website genannt, ist auch mit dabei. Account Manager, was immer das sein soll.“
Jutta strahlte, weil sie mit dem kleinen Ding mehr Informationen zu den Ermittlungen beisteuerte als der kleine Benjamin. Der verstand es immer noch nicht, sich vorteilhaft in die Ermittlungen einzubringen.
„Finden Sie raus, wo der wohnt. Nöthe ist bei einem Weilham in der Nähe von Vesberg, wahrscheinlich beim Senior. Da kann der junge Weilham auch nicht weit weg sein.“ Remsen kombinierte und sinnierte. „Hoffentlich ist das nicht unser Freund im Wald. Ich meine, der Junior. Vom Alter her ist es jedenfalls nicht der Alte.“
Jutta Kundoban telefonierte sofort mit der Zentrale und gab die Anweisung weiter.
Remsen hatte schon wieder seine Telefonliste auf dem Display aktiviert und ließ die Nummer von seinem Assistenten, Benjamin Nöthe wählen. Vielleicht wird doch noch mal was aus dem. Remsen muss ihn nur fordern. Es wäre aber besser, für ihn und vor allem für uns hier, wenn er auf egal was, jedenfalls etwas Anderes umschulte.
Nach mehrmaligem Wiederholen baute sich endlich eine Verbindung auf, das Klingeln war äußerst schwach. „Ja, Kriminalassistent Nöthe hier.“
„Remsen – was erreicht bei der Weilham?“ Remsen machte es kurz und kam wie immer gleich zur Sache.
„Moment, ich gehe mal schnell vor die Tür.“ Anscheinend war Nöthe nicht allein.
„So, jetzt. Soweit sie weiß, kommt ihr Mann am Nachmittag zurück. Wegen der Geschäfte von CodeWriter kann sie nicht viel sagen, da hat sie keinen Einblick. Sie weiß nur, dass ihr Mann oder irgendwer von der Firma Kontakte zu neuen Kunden nach Osteuropa aufgebaut hat. Vielleicht in die Ukraine, aber genau weiß sie es auch nicht.“
Für den Nöthe war das schon fast ein vollständiges Referat, doch Remsen hatte einfach keine gute Meinung von seinem Assistenten. Normalerweise bekommt der keinen formal richtigen Satz zustande.
„Das Auto von heute Nacht; haben Sie da was erfahren können?“, wollte Remsen wissen.
„Nur, dass sie es kennt und es als Poolfahrzeug von den Mitarbeitern und regelmäßig von ihrem Mann genutzt wird. Wer gestern damit unterwegs war, konnte sie nicht sagen. Wenn ich eine Einschätzung geben darf: Mir scheint es so, dass sie wirklich nicht viel weiß.“
„Nöthe, überlassen Sie das einfach mir. Bringen Sie mir Fakten und Informationen.“ Er legte auf.
Jeder hing jetzt seinen Gedanken nach. Die Anspannung, die Müdigkeit. So nach und nach spürte jeder den Druck, den dieser Fall ausgelöst hat. Und niemand weiß genau, was die Ermittlungen noch alles an Arbeit und Nachtschichten bringen werden.
CodeWriter. Osteuropa. Unfall? Mord? Vielleicht ein Unfall und ein Mord? Nein, an dem Hirsch wäre bei normalem Unfallverlauf niemand gescheitert. Hier wurde kräftig nachgeholfen. Genickbruch die Frau; am Baum aufgeknüpft und arg zugerichtet der Mann. Die Geschichte ist mit größter Sorgfalt und nicht unerheblichem Aufwand vorbereitet worden. Generalstabsmäßig sozusagen. Das gelingt keinem Gelegenheitstäter. Wer hat was gegen CodeWriter? Oder sind die beiden nur zufällig zwischen die Fronten geraten? Jede Menge Fragen und noch keine Antworten.
Das machte Remsen nervös und vor allem hungrig.
„Pizza oder Thai?“ Die erste Frage nach der Ankunft in seinem Büro galt der Wahl des Mittagsmenüs. Jutta Kundoban ist da eher für die traditionell leichtere Kost zu haben, aber heute; sie sollte eigentlich nicht. Aber an so einem Tag darf man mal über die Stränge schlagen und sich seit langer Zeit wieder eine, na ja nicht ganz so gesunde Pizza gönnen. Obwohl lecker sind die schon, manchmal jedenfalls.
„Kriminalhauptkommissar Remsen.“ Das Telefon brachte die Reihenfolge in der Aufmerksamkeit durcheinander.
„Ja guten Tag, hier ist Dr. Mayer, der verantwortliche Redakteur der Nachrichtenredaktion. Ich wurde gebeten, mich bei Ihnen wegen der Straßensperre heute Nacht zu melden. Sind Sie der richtige Ansprechpartner dafür?“ Remsen bestätigte das mit einem Grunzen.
„Also, wir hatten eine Information, dass Autofahrer bei uns im Sender angerufen haben und wissen wollten, was auf dem Autobahnzubringer los ist. Es gab wohl eine Straßensperre, in beide Richtungen. Sie wissen ja, die Leute sind hier immer so neugierig und wollen gleich alles genau wissen. Als ob wir im Sender immer alles wissen und die Straßensperre aufheben können.“
„Ja und, das müssen Sie in den Nachrichten gleich melden, oder was?“
Obwohl Kundoban schon auf seinen Fingerzeig hin für beide die Bestellungen abgab und die Pizza bald geliefert werden würde, wurde sein Hunger unendlich größer, als das Interesse für eine Straßensperre jemals sein könnte.
„Wann waren etwa die Anrufe? Wie viele waren das denn? Können Sie das überprüfen?“
„Ich habe eine Liste hier. So etwa 20 Anrufer, nicht alle sind identifizierbar.“ Dr. Mayer begann die Zeitpunkte und Namen aller Anrufe und die dazugehörigen Telefonnummern herunterzurasseln.
„Stopp, stopp. Sie haben sicher ein Faxgerät. Schicken Sie es bitte rüber. Das kann sich ja sonst keiner merken. Was heißt eigentlich ‚nicht identifizierbar‘?“ Remsen kaute mal wieder auf seinem Stift rum.
„Da war keine Nummer mit dabei. Anonym. Wahrscheinlich haben die Anrufer das ausgeschaltet.“
„So, und dann haben Sie daraus gleich eine Headline gemacht?“ Wenn der Mayer nicht gleich die Hosen runterlässt und quatscht, lasse ich ihn vorladen, durchdachte Remsen die nächsten Schritte.
„Nein, wir haben bei der Feuerwehr, der Polizei und der Straßenverwaltung nachgefragt. Immerhin ist das eine der wichtigsten Straßen, um nach Vesberg oder wieder hinaus und um zur Autobahn zu kommen. Niemand wusste von irgendwas, alles sonderbar. Wir haben einen Ü-Wagen Richtung Autobahn geschickt. Die Kollegen haben tatsächlich Sperrschilder gefunden und Autofahrer, die entnervt umgedreht haben. Niemand dort wusste was los ist.“
„Wann war das?“
„So gegen halb zehn etwa, vielleicht etwas später.“ Dr. Mayer gefiel das Kreuzverhör am Telefon nicht.
„Und ihr Pressefuzzis seid dann weitergefahren?“
„Nein, die Kollegen hatten Order umzudrehen und eine Kurzmeldung für die nächste Sendung daraus zu machen. Damit wir wenigstens das Thema auf dem Radar haben. Man weiß nie.“
Remsen roch sie schon, bevor die Tür aufging. Der Wachhabende brachte seine Pizza. Auch Kundoban saß schon ziemlich unruhig vor ihrem Bildschirm.
„Dr. Mayer, danke bis hierhin. Schön, dass Sie angerufen haben. Sie haben uns wirklich geholfen. Ich warte auf hr Fax und rufe Sie später noch mal an.“
„Bin aber nur noch bis 18 Uhr im Dienst, dann erst morgen Abend wieder.“ Dr. Mayer wollte sich offensichtlich aus der Sache herauswinden. Mit der Polizei und irgendwelchen Ermittlungen nichts zu tun haben.
„Dann geben Sie bitte dem Wachhabenden Ihre mobile Nummer durch und sorgen Sie dafür, dass Sie immer erreichbar sind, okay? Ich verbinde Sie jetzt mit der Zentrale. Bis später.“
Remsen stellte das Telefonat zurück an die Zentrale. Mit unerträglichem Heißhunger stürzte er sich auf seine Pizza, bevor diese eine Chance hatte, kalt zu werden.
„He, he – wir sind hier nicht bei den wilden Vandalen. Und Zeit haben wir auch. Vorerst kommen wir hier nicht weg.“ Jutta Kundoban war Remsen schon voraus und amüsierte sich über die Art und Weise, wie ihr Kollege die Pizza förmlich verschlang.
„Wer war sie? Wer war er? Da müssen wir anfangen. Wir brauchen Profile von beiden und müssen alles von CodeWriter rausbekommen. Ich setze 10 zu 1, dass der Tote am Baum Weilham jun. ist. Gibt’s keine Fotos, in den sozialen Netzwerken oder so? Heute wird doch jeder Mist veröffentlicht. Surfe mal im großen Teich danach. Solange…“, er schluckte und würgte sich, denn er war ja noch mit der Pizza im Gefecht.
„Langsam Jan, sprechen und essen nacheinander. Sie wissen doch, Ihr Männer seid einfach nicht Multitasking-fähig. Also versuchen Sie es doch gar nicht erst.“ Kundoban fand es witzig, ihren Kollegen mal wieder zu ärgern. Solange sie sich inzwischen kennen und miteinander arbeiteten, war es fast immer ein Running Gag.
Jan Remsens Hunger war ebenfalls gestillt, die Pizzaschachtel wanderte rein zufällig auf die seiner Kollegin; die Vorzüge der Hierarchie.
„Keine Widerrede, ich besorge den Kaffee.“ Remsen war schon fast durch die Tür, als er sich für seine Art der Entsorgung entschuldigte. „Das mit den Vandalen sehe ich übrigens anders.“ Und raus war er.
Na, wenigstens besaß er Anstand, auf seine Art, freute sich Kundoban und brachte die Verpackungen weg. Der Nachmittag wird heftig werden, so viel war jetzt schon klar. Aber die Frage war doch, wer steckt hinter beiden Morden. Wie es aussah, war das Ganze richtig gut vorbereitet. Organisiertes Verbrechen? Osteuropäische Mafia? Wenn ja, welche?
Was macht eigentlich CodeWriter? Klingt so, als wenn die Software programmieren. Zumindest stand es so auf der Website. Jutta schmunzelt: Sie ist mit dem Internet, den vielen Netzwerken und Kontakten und den E-Mails und SMS groß geworden; aber sie hat überhaupt keine Ahnung, was dahinter an Technik und Software gebraucht wird, um all die Information und Kommunikation zu ermöglichen. Alles funktioniert so reibungslos, Tag und Nacht, weltweit. Toll, dass sie heute völlig anders kommunizieren können als noch wenigen Jahren. Remsens Kommunikationsstrategie kannte sie schon: abends im Refill. Da erfuhr er alles.
„Schon kalt.“ Remsen saß bereits wieder an seinem Schreibtisch, als sie zurückkam und hatte seinen Kaffee inzwischen ausgetrunken.
„Und Sie verbrennen sich noch mal die Zunge.“ Jutta Kundoban kannte Remsen und seine Art, auf Verschleiß zu leben. Sie ging da doch sorgsamer mit ihrem Körper um.
Dafür schwang er sich aus seinem Sessel an die Wandtafel und bemühte sich, die Fläche von allerlei alten Notizen und Fotokopien freizumachen.
„Dann mal los: Was haben wir?“ Remsen nahm gleich mal die Rolle eines Oberlehrers, Moderators und Ermittlungsleiters, alles gleichzeitig, ein.
„Ein Unfall der keiner war. Aber damit fing alles an. Eine Tote, die offensichtlich nicht beim Unfall gestorben ist; also ermordet wurde. Die Unfallursache ist mysteriös, denn irgendwer hat den Hirsch auf die Straße gelegt, die Straße in beide Richtungen und dann noch zur richtigen Zeit abgesperrt.“ Jutta zeigte auf ihre Notizen. „Dr. Ansbaum äußerte die Ansicht, dass sie eine Osteuropäerin sein könnte“.
„Und das kann Dr. Ansbaum einfach so erkennen?“
Remsen bemühte sich, das Gesagte mitzuschreiben und sich damit ein Bild zu machen. Mit minimalem Gestaltungstalent.
Remsen dachte laut nach: „Wissen wir von ihr noch mehr? War sie Mitarbeitern bei CodeWriter? Oder eine Bekannte, Partnerin oder so? Geliebte des Toten? Wer kann sie sein.“
„Nichts dergleichen. Vielleicht bekommt Benjamin bei der Frau Weilham noch was raus. Oder ihr Mann taucht bald mal auf.“
„Hat der Nöthe den denn nicht erreichen können? Seine Frau muss doch die mobile Nummer haben.“ Remsen wollte mal wieder alles auf einmal erfahren.
„Wahrscheinlich nicht, denn dann wüssten wir schon was. Wir müssen wohl warten, bis Weilham sen. aus dem Nirwana wieder auftaucht.“ Jutta Kundoban schaute wieder auf ihre Zettel.
„Das Unfallauto, wenn man so sagen kann, ist zugelassen auf eine Firma CodeWriter. Die machen irgendwas mit Software, entwickeln welche für Sicherheits- und Überwachungsfirmen und erledigen Auftragsarbeiten für Forschungsinstitute. Geschäftsführer der CodeWriter sind Georg Weilham und Karl Hausmann. Im elektronischen Bundesanzeiger war zu lesen, dass die zuletzt veröffentlichten Abschlüsse ganz ordentlich waren. Viel verstehe ich davon nicht.“
Das Bild an der Tafel wurde langsam aussagekräftiger. „Hausmann macht Urlaub und scheint nicht erreichbar zu sein und Weilham sen. ist mal kurz abgetaucht. Ich schätze hinter der Grenze, um seine Potenz auszutesten. Nur ´ne Vermutung, keinen Kommentar bitte.“
Typisch Remsen, typisch Mann. Kundoban lächelte in sich rein; vielleicht hat er noch nicht mal Unrecht.
Remsen befragte sein Gedächtnis und malte weiter an der Tafel.
Jetzt war wieder Kundoban dran: „Sein Sohn, vermutlich ist er das, ist auch bei CodeWriter und ist laut der Homepage dort Account Manager. Was macht man da?“
„Soweit ich das weiß, ist das der Verbindungsmann zu den Kunden, die regelmäßig besucht werden, damit keiner unzufrieden wird und sich vernachlässigt fühlt. Sind alle sensibel heutzutage. Vielleicht muss er sich auch um neue Kunden kümmern. Zumindest könnte es sein, dass er genau deshalb gestern unterwegs, vielleicht sogar im Ausland war.“
Das klang logisch für Remsen und auch Kundoban hatte nichts dagegen zu sagen, also malte Remsen sein Bild weiter.
„Das würde auch erklären, dass die unbekannte Tote eine Osteuropäerin sein könnte.“
Remsen hob die Hand: „Moment, noch ist nicht klar, ob der Tote wirklich der Junior der Weilham's ist. Dieser Teil ist hoch spekulativ. Und das mit der Osteuropäerin auch.“
„Weiß ich; ab jetzt deuten wir mangels Fakten.“ Das mochte Jutta Kundoban eigentlich nicht, könnte aber ganz hilfreich sein, sich auf diese Art und Weise die nächsten Schritte zurechtzulegen.
„Ja, okay; aber nur bis wir mehr wissen.“ Remsen war es durchaus ganz recht; vielleicht ergeben sich für die weiteren Ermittlungen ganz brauchbare Überlegungen.
„Zurück zum Unfall. Das Ganze erscheint mir sehr professionell und mit großem Aufwand gemacht zu sein. Offensichtlich hat sich jemand den Wagen von CodeWriter gezielt ausgesucht. Wenn also die Straße zum exakten Zeitpunkt gesperrt und der Hirsch für den Unfall angerichtet wurde, dann musste der Wagen überwacht worden sein.“
Remsen freute sich, dass seine junge Kollegin einen so scharfsinnigen Verstand hatte. Der Gedanke war nicht von der Hand zu weisen.
Elvis Costello – ;Accidents Will Happen‘, fiel Remsen da nur rein. Halb murmelte er es vor sich hin.
„Was meinen Sie? Hab leider nichts verstanden.“ Jutta Kundoban war ganz neugierig, Remsens Gedanken zu verstehen.
„Unfälle passieren eben, sang Elvis Costello mal. Irgendwann um 78/79. Das dürfte nicht eines Ihrer Kinderlieder gewesen sein, nehme ich mal an.“
„Hab verstanden – Sie und Ihre Musik. Ich sollte mal wieder mit einer Flasche Wein zu Ihnen kommen und dann in Ihrer Sammlung stöbern. Sie wissen ja, ausnahmslos Musik vor meiner Zeit hören wir dann, okay?“.
Remsen war inzwischen schon weiter: „Wie macht man das am besten, so eine Verfolgung? Mit einem Peilsender. Oder mit Verfolgung.“ Remsen dachte nach und wählte die Nummer von Reiken.
„Prüft mal bitte, ob am Auto ein GPS-Tracker oder so etwas zu finden ist.“
„Jan, haben wir schon untersucht, da ist nichts. Auf jeden Fall schauen wir uns das Auto noch mal an. Vielleicht haben wir ja was übersehen. Ich melde mich, wenn ich mehr weiß.“ Reiken unterbrach die Verbindung.
„Hallo, Frau Kundoban.“ Er zog seine Ansprache gestikulierend in die Länge und winkte mit der Hand. Entweder war sie etwas weggetreten und schlief mit offenen Augen oder aber sie war gedanklich mit sich allein.
„Nein, meine Einschätzung von professionell nehme ich zurück. Schauen Sie mal, wie lange wir gebraucht haben, um festzustellen, dass es überhaupt kein Unfall war; dass der Hirsch schon lange vorher tot war und die Tote hinter dem Fahrersitz dort eigentlich gar nicht hin gehörte. Mag sein, die Vorbereitung und die Idee waren sicher aufwendig, aber die Ausführung eher dilettantisch.“
Das war es also, über was sie gerade nachdachte. Aber sie hatte Recht, dachte sich Remsen. Außerdem hätte ein Profi den Toten im Wald verschwinden lassen. Passt alles nicht so recht zusammen.
„Stimmt, Sie haben Recht. Das ergibt ein uneinheitliches Täterprofil, wenn man davon überhaupt reden kann. Und jede Menge Arbeit. Wir brauchen jetzt einen Anfang, sonst stochern wir ewig in Hypothesen rum.“
Remsen sah auf die Uhr und stellte fest, dass eine halbe Stunde ohne Kaffee echt anstrengend war. „Auch noch einen? Kaffee meine ich.“
Kundoban schüttelte mit dem Kopf und verschwand auf dem Klo. Remsen marschierte zur Zentrale am Eingang und ließ sich einen Becher Kaffee geben. Den genoss er vor der Tür bei frischer Luft. Das Rauchen hatte er schon längst aufgegeben, aber ein paar Minuten alleine können Blockaden lösen. Auch ohne Glimmstängel hielt er an diesem geliebten Ritual fest.
„Wir müssen uns mit CodeWriter beschäftigen. Alles rausbekommen was die tun, mit wem die Geschäfte machen; welche natürlich auch und mit wem die zusammenarbeiten. Alles!“ Remsen schrieb an seiner Tafel wieder mit. „Wurden die erpresst? Hatten sie Feinde? Wenn ja wen?“
Einen Namen kreiste er ein: „Georg Weilham, mit dem müssen wir zuerst anfangen. Haben wir von Nöthe schon was gehört? Trinkt der immer noch bei der Weilham Kaffee?“
So langsam war Remsen nicht nur auf Betriebstemperatur, sondern weit darüber hinaus.
„Jutta, sie kümmern sich mal um alles rund um CodeWriter. Wir brauchen so schnell wie möglich ein komplettes Bild von der Firma. Und von Weilham. Von beiden natürlich. Und von Hausmann auch. Nehmen Sie alle, die verfügbar sind und treiben Sie mir den Hausmann auf. Auch wenn der auf den Amazonas rumschippert, ich brauche ihn am Telefon. Ich fahre jetzt zu Weilham und sehe mich dort mal um.“
Remsen fand den Plan ganz brauchbar und griff nach seinem Mantel. Auf dem Weg zu den Weilham‘s wird er noch mal mit Ansbaum und Reiken telefonieren. Vielleicht haben die inzwischen neue, brauchbare Anhaltspunkte. Und seine Truppe musste sofort aufgestockt werden. Darum muss er sich auch noch kümmern und seinen Chef anrufen. Wenigstens auf die Kundoban ist Verlass; den Vorschlag zum Vinylabend wird er annehmen. Warum auch immer – er grinste bei der Vorstellung.
Die Tür ging auf und sein Kollege Ulrich stand im Büro. „Dietering hat angerufen. Ich soll dich unterstützen Jan. Mach dir nichts draus, du wirst es überleben. Ich hoffe, du hast schon eine heiße Spur.“ Nein, das war keine Frage; mehr eine Feststellung, eine Hoffnung vielleicht.
„Alles was hier heiß ist, ist die bestialische Brühe vorne von der Zentrale.“
Remsen hatte bis soeben noch das Gefühl, dass der Fall bei ihm in den besten Händen war. Dass aber der Sepp, sein Chef, die Absicht verfolgte, die Ermittlungen zu behindern, und ihm den Hansi aufgehalst hat, machte seine Hoffnungen zunichte.
Ein letzter Versuch von Remsen sollte helfen, das Schlimmste zu verhindern: „Was ist denn mit dem Raubmordfall von der Raststätte? Habt Ihr da schon einen Täter?“
„Nein, sind nah dran. Dietering meinte aber, dass Unfall und die zwei Morde heute Nacht mehr Aufmerksamkeit in den Medien erzeugen werden und ich hier mehr gebraucht werde. An der Sache mit dem Überfall an der Raststätte wird weiter recherchiert; soll die Regionalliga machen.“
Remsen schätzt Kriminalrat Karl Dietering durchaus. Mehr als Mensch, weniger als Chef. Nicht, dass sie beide erfolglos zusammenarbeiten, aber beide wissen, was sie voneinander haben. Und wann es besser ist, sich aus dem Weg zu gehen.
Dietering war als Westimport schon länger in Vesberg und machte sich als Besserwessi einen eher unrühmlichen Namen. Erst nach einigen Querelen mit den Einheimischen hatte er sich doch durchsetzen können und genoss inzwischen sogar einen guten Ruf. Als Remsen vor einigen Jahren von Hamburg hierher nach Vesberg kam, gab es einigen Streit untereinander, den Remsen mochte sein übertriebenes bayerisches Auftreten von Beginn an nicht. Aus dieser Zeit stammt der heimliche Spitzname Sepp. Außerdem nahm Dietering Remsen als eine Art Konkurrent war, was Remsen allerdings nie war und vorhatte. Das ist jetzt alles Schnee von gestern.
Dietering brauchte nicht mehr lange bis zu seiner Pensionierung. Er wollte sich von den Alleingängen Remsens nicht kurz vor Schluss der öffentlichen Kritik aussetzen. Remsen, der gerne mal die Vorschriften großzügig auslegt, wandelte fast schon traumwandlerisch an der Grenze des gerade noch Erlaubten. Das mochte Dietering überhaupt nicht. Wenngleich – die nicht zu leugnenden Ermittlungserfolge, welche Remsen inzwischen aufweisen konnte, kommen ja auch ihm zugute.
Der Trick, auf den Dietering immer verfällt, ist zwar gerade nicht schön, schützt dann doch vor unliebsamen Erklärungen gegenüber dem Polizeipräsidenten und der Presse. Außerdem hatte es Kriminalrat Dietering inzwischen satt, sich immer schützend vor Remsen stellen zu müssen. Seine Geheimwaffe und damit sein Trick ist Ulrich, Kriminaloberkommissar. Mit ihm an der Seite fühlt sich Remsen eingeengt, kontrolliert, ja vielleicht sogar bevormundet. Die Doppelspitzennummer ist bestimmt nicht fair, geht jedoch für Dietering völlig in Ordnung. Für Remsen umso weniger.
Ulrich wusste recht genau, dass Remsen ihn maximal kollegial schätzt – mehr aber auch nicht. Remsen. Beide sind komplett unterschiedlich. Während Ulrich schon vor der Vereinigung bei der Polizei war und sich staatskonform arrangiert hat, ist Remsen derlei Anpassung völlig fremd. Schon in Hamburg legte er gekonnt Regeln für sich aus und ignorierte Anweisungen seiner Chefs konsequent. Soweit es eben ging. Hansi, wie ihn Remsen kurz nannte, war äußerst korrekt und vergab damit reichlich Chancen in den Ermittlungen. Das wusste Ulrich sicherlich, war aber für ihn gesehen subjektiv noch immer besser als das drohende Damoklesschwert einer Suspendierung. Diese Angst hatte Remsen so nicht, machte er doch nur seinen Job, intensiv, manchmal schmutzig, immer legal und belegbar. Also, wo war das Problem? Für Remsen gab es keines. Punkt.
Im Laufe der Zusammenarbeit entwickelte sich eine eigenartige Spannung. Diese drückte sich in Reibereien zwischen beiden aus; sehr oft von Ulrich initiiert, der regelmäßig versuchte, Remsen zu disziplinieren. Der perfektionierte allerdings als Anti- und sogar Abwehrreaktion seine Form der Alleingänge, dass Ulrich oft das Nachsehen hatte oder viel zu spät über den Ermittlungsverlauf informiert wurde. Information ist Macht; das erkannte Remsen schon lange als seine Maxime und so arbeitete er auch; vor allem wenn sein Hansi mit an Bord war.
Remsen beabsichtigte auch heute nicht, sich von Hanns-Peter aufhalten zu lassen. Seinen Drang zur Frau Weilham zufahren, unterstrich er mit der Bemerkung: „Die Kollegin Kundoban ist bestens informiert und wird dich über alles in Kenntnis setzen. Ich muss jetzt los.“
Und raus war er.
Jetzt auch noch der Hansi. Kann denn kein Fall mal ohne diese Spaßbremse ablaufen? Remsen bog noch schnell zur Toilette ab, da die ganz praktisch auf dem Weg zum Hinterausgang lag. Erleichtert hielt er noch kurz an der Zentrale an und fragte nach neuen Informationen von Nöthe oder der Spurensicherung.
„Und aus dem Keller?“ Der Wachhabende verstand, dass Remsen die Pathologie meinte, schüttelte aber den Kopf und erinnerte Remsen daran, dass dieser sofort informiert wird, wenn in der Zentrale Informationen auflaufen.
Na bestens, dachte sich noch Remsen, als er die Tür am Hintereingang zum Parkplatz aufdrückte. Eigentlich meinte er die gute Organisation der Zentrale, auf die er sich verlassen konnte. Es könnte aber auch auf das Abbild auf Remsens Augen passen. Jedenfalls saß der Schreck richtig tief, als er Ulrich an seinem Auto stehen sah.
„Keine Widerrede Jan, ich komme mit. Unterwegs kannst du mich aus allererster Hand informieren. Die Kollegin hast du ja mit Arbeit komplett eingedeckt.“
Die Körperhaltung von Ulrich ließ keinen Zweifel aufkommen: Ich fahre hier mit, ob im schwarzen Ungeheuer oder im blauen Streifentaxi hinterher.
Remsen resignierte innerlich und erinnerte sich an den weisen Ratschlag: Nicht jede Schlacht muss geschlagen werden. Immerhin hat auch er eine Geheimwaffe, nämlich seinen unübertroffenen Sound im Auto. Dazu noch seinen, na ja nicht mehrheitsfähigen Musikgeschmack. Thin Lizzy mit „Bad Repuation“ könnten helfen.
Hanns-Peter Ulrich ist Kriminaloberkommissar, aber nicht sein Chef. Beide werden sie immer wieder von Dietering zusammen losgeschickt. Ulrich, der hier zu Hause ist, die Leute kennt und meist schon im Voraus ahnt, warum sie so oder so denken und handeln, genießt sicher seinen Heimvorteil. Remsen, mit großer Erfahrung aus vielen Jahren Hamburger Ermittlungsarbeit, kennt sich mit vielen Formen des Verbrechens aus, insbesondere mit internationaler organisierter Kriminalität. Davon gab es in Hamburg leider jede Menge und Remsen geht davon aus, dass das weniger geworden ist. Ulrich respektiert ihn ganz sicherlich, jedoch sind beide gerne auch zwei Pole, die sich aneinander reiben oder wenn es übel kommt sprichwörtlich polarisieren. Zu unterschiedlich sind beide, wenngleich trotz allem die Arbeit miteinander nicht die schlechteste ist.
„Gut, gut, wenn es sein muss, dann steige ein.“ Remsen startete den Buick, gab die Adresse in das Navigationssystem ein und verließ den Hof.
So langsam wurden sie wach. Der Job kostete jede Menge Nerven und war nicht so leicht zu erledigen. Obwohl, sie werden immer wieder zu Aufträgen ähnlicher Art gerufen. Aber hier in Deutschland ist es sehr gefährlich. Anders als zu Hause in Moldawien ist die Polizei hier gut ausgestattet und vor allem unbestechlich. Die Gefahr, entdeckt zu werden, ist nicht zu unterschätzen.
Sie machten keinen Fehler. Nein, sie waren richtig gut. Der Hirsch wurde wie vorhergesagt zur richtigen Zeit geliefert und die Straßensperren scheinen funktioniert zu haben. Ein Anruf würde Gewissheit verschaffen, ob alles tatsächlich funktionierte. Das würde allerdings gegen die Anweisung sprechen, in Deutschland jemals ein Telefon einzuschalten. Ansonsten wäre die Ortung möglich und die gesamte Geschichte könnte auffliegen. Der Auftrag hieß eindeutig: Am Sonnabend noch bei Tageslicht mit den vorbereiten Autos Deutschland verlassen. Einzeln und auf unterschiedlichen Routen. Jeder von Ihnen sollte einen eigenen Grenzübergang wählen. Aussehen sollen sie wie Deutsche, also keinen Schnauzbart haben, sauber, rasiert und in typisch deutscher Kleidung die Grenze passieren. In den Autos lagen Pässe, extra für jeden von ihnen. Nichts darf schief gehen, bis zum Schluss. Alles war penibel durchgeplant. Erst wenn alle wieder zurück in Moldawien sind und keiner hochging, fließt der zweite Teil der Vereinbarung. Das Honorar. So war es ausgemacht.
„Los, hoch. Wir müssen uns fertig machen und weg von hier.“
Seine beiden Mitstreiter schliefen noch oder waren gerade dabei, wach zu werden. „Wir haben noch maximal eine Stunde, dann müssen wir hier raus sein. Bevor es dunkel wird, müssen wir über die Grenze in Polen sein. Also macht jetzt.“
Sie erhielten als Unterschlupf nach ihrem Aufträgen Schlüssel für ein kleines Häuschen in der Nähe von Vesberg von ihrem Auftraggeber. Dort durften sie weder Licht anmachen noch heizen. Kein Anzeichen, dass das Häuschen, eher eine Hütte bewohnt war, war die Abmachung. Gelegentlich gehen Hundebesitzer mit ihren Vierbeinern tagsüber eine Runde um den nahe gelegenen See. Außerdem ist die Hütte Teil einer Gartenanlage. Zwar geht da im November kaum noch jemand hin, aber man kann ja nie wissen.
Inzwischen war alle drei wach, wuschen und rasierten sich – sie sollten einen gepflegten Eindruck machen, falls es doch zu einer Kontrolle kommt. Der Grenzschutz schickte in unmittelbarer Umgebung der Grenze schon länger mehr Zivilfahrzeuge als früher in die Schleierfahndung. Das war die Information des Auftraggebers. Sie mussten auf der Hut sein, um weder hier in der Gartenanlage noch auf dem Weg zur Grenze irgendwelche Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.
Mit großer Sicherheit ist die Fahndung nach dem Unfall bereits gestern Nacht angelaufen. Und wenn im Wald Teil II ihres Werks auch noch entdeckt wird, dann darf man von erhöhter Präsenz der Polizei, überall ausgehen. Eigentlich verlangte er als Anführer von den Auftraggebern, erst einen Tag später zu verschwinden. Das wäre wohl viel zu heikel geworden. Die Auftraggeber wollten die drei so schnell wie möglich wieder los sein. Jetzt sind wir die heiße Kartoffel, mal wieder. Er war sicher, die nächsten zwei Stunden werden vielleicht sein Leben und das seiner Kumpels hier verändern. Hoffen wollte er es nicht.
Nach dem Essen begann die Observierung des Umfelds des Gartenhäuschens. Dafür deponierte der Auftraggeber oder wer auch immer ein richtig gutes Fernglas in der Hütte. Zum Glück ist dieser Sonnabend so, wie man einen Tag im November erwarten durfte: grau, trübe und regnerisch. Das kann helfen, um hier ungesehen wegzukommen.
Gut zwanzig Minuten brauchten sie, um die Gewissheit zu haben, dass sie unbeobachtet das erste Auto erreichen. Und es sah gut aus, denn nirgends war jemand zu sehen. Der Erste konnte es versuchen.
Als Spaziergänger angezogen ging er aus dem Garten und spazierte den Weg entlang, entgegen der Richtung zum Auto. Dieses stand nicht einsam auf einem Parkplatz, sondern war etwas weiter weg, in der Nähe des Flusses, an einer gut befahrenen Straße geparkt. Dort standen jede Menge Baufahrzeuge, kleine Autos, Pritschenwagen und sogar einige Wohnmobile. Wer sollte da schon auffallen, wenn jemand zu seinem Auto geht und sich reinsetzt.
Ausgemacht war, dass nach knapp 10 Minuten der Zweite folgte, jedoch einen anderen Weg nimmt. Sollte der irgendetwas Auffälliges bemerken, muss er über einen Seitenweg wieder umdrehen und zur Hütte zurückkommen. Kein Risiko war ihnen ausdrücklich eingeschärft worden.
Jetzt war er dran. Er schloss das Gartenhaus ab und deponierte den Schlüssel am vereinbarten Ort. So unauffällig wie möglich durchquerte er den Garten und die Anlage. Eine Sackgasse noch und dann erreichte er auf der Uferstraße.
Teil I der Flucht ist gelaufen, dachte er sich noch, als er in Sichtweite des Autos kam. Oh Scheiße, da steht ein zweites Auto seitlich hinter ihrem Fluchtwagen und blinkt. Er verlangsamte seinen Schritt, um sich das Auto genauer anzusehen; besonders die Insassen. Zwei Typen, kurz geschorenes Haar und offensichtlich nicht übergewichtig; durchtrainiert. Zivilstreife?
Gefahr!
Alarm!
Er nahm den kleinen Weg als Abkürzung, bog von der Uferstraße wieder ab in die Gartenanlage. In aller Ruhe, äußerlich. Denn in ihm kursierten die Gedanken: Was machen, wenn die uns schnappen? War es überhaupt eine Streife? Zurück?
Nein jetzt nicht gleich. Erst mal ab in die sichere Hütte.
Sammeln!
Der Plan sah für diesen Fall vor, es nach maximal zehn Minuten nochmals zu versuchen. Er zitterte am ganzen Körper. Ihm fehlte der Mut. Aber er musste, denn die Auftraggeber waren schlau und verteilten die Fluchtinformationen auf alle drei. Minimiertes Risiko, wie sie es nannten. So hatte er keine Ahnung, wo die anderen Autos standen.
Er nahm allen Mut zusammen und versuchte innerlich ganz ruhig zu bleiben. Scheiße, schon wieder Leute in der Nähe des Gartens. Ein altes Pärchen. Trotzdem, er musste warten, bis die außer Sichtweite wagen.
Nichts riskieren, bloß nicht auffallen.
Weiter!
Er nahm den entgegengesetzten Weg, sodass die alten Leutchen ihn nicht so schnell sehen konnten. Dafür war diese Richtung zum Auto etwas weiter. Egal, jetzt Augen zu und durch.
Es lief glatt. Nichts Aufregendes mehr unterwegs, kein Spaziergänger, kein Mensch weit und breit. Erleichtert bog er auf die Straße zum Auto ein. Hier fiel er nicht mehr so auf. Jemand, der auf dem Weg zum Auto ist, ist nicht auffällig. Normalerweise nicht.
Die letzte Kurve noch, dann würde er gleich das Auto sehen. Hoffentlich ist die andere Karre inzwischen weg, dachte er sich, als er in Sichtweite des geparkten Autos kam.
Entsetzen in seinen Augen: Das Auto war weg. Ihr Fluchtauto war nicht mehr da! Hilflos sah er sich um. So ein Mist, wo sind die anderen beiden hin? Wie komme ich jetzt hier weg?
Nein, nein, nein!
Verdammter Mist!
Das geht nicht gut aus. Er rannte los; vielleicht stehen sie etwas weiter vorne und warteten auf ihn. So würde er es machen. Ihm war jetzt jede Tarnung egal. Er musste das Auto finden, egal wie.
Auf Höhe der Stelle, wo das Auto vorher geparkt war, blieb er abrupt stehen. Was war das? In der Parklücke stand jetzt das Auto, welches vorher in zweiter Reihe auf der Straße stand und er als Zivilstreife ansah. Drinnen saß jetzt niemand mehr. Wenn das Zivilbullen waren, dann trieben die sich bestimmt noch hierum.
Los, weiter die Straße runter!
Nach einigen Minuten begann er nicht nur langsamer zu werden, sondern es dämmerte in ihm: Die beiden sind weg!
Jetzt ist er ganz alleine auf sich allein gestellt. Er hatte keine Chance, die beiden irgendwie zu finden oder mit ihnen zu telefonieren.
Wo sind die ihn?
In welche Richtung könnten sie gefahren sein?
Er weiß ja nicht, wo die anderen Fluchtautos stehen und auf ihn warten könnten. Das hier war eigentlich sein Auto gewesen. Und jetzt? Ihm muss was einfallen, damit er so schnell und sicher wie möglich aus Deutschland rauskommt.
Eigentlich war er auf solche Situationen vorbereitet. Damals in Sibirien, als sie noch alle zur Roten Armee eingezogen und zwei Jahre paramilitärisch gedrillt wurden, war das Wetter noch viel schlechter, die Kleidung zwar tauglich, aber alt und ramponiert. Das Essen dort war ohnehin nichts für Rekruten. Schikaniert wurden sie die ganze Zeit.
Also, was soll’s: Schlimmer als damals kann es jetzt auch nicht sein.
Mindestens zweimal war er knapp dem Tod entkommen, Unfälle und Knochenbrüche überstanden. Als Aufklärer waren sie trainiert, in entferntesten Regionen ausgesetzt und über lange Distanzen zurückzufinden. Überleben am Rande des Vorstellbaren war die Regel. Ernähren von selbst gefangenen Tieren. Schlafen in Erdlöchern. Wochenlang nicht entdeckt zu werden und sich trotzdem durchschlagen. Manchmal hat’s nicht geklappt und man wurde gestellt.
Jetzt ist wieder Überleben angesagt. In einem fremden Land. Mit einer Polizei, die ihn sicher sucht. Die Aufgabe könnte nicht größer sein.
Er muss hier raus, einfach nur raus. Raus aus Deutschland.
Georg Weilham saß gedankenverloren in seinem Auto und befand sich auf dem Weg nach Hause. Sonnabends ist sein Tag. Er brauchte diesen Freiraum. Schon seit Jahren arbeitete er an der Grenze seiner Leistungskraft. Seine Ärzte forderten ihn mehrmals und eindringlich auf, etwas kürzer zu treten. Sollen sie doch reden, hatte er sich immer gedacht. Bis zu dem Zeitpunkt, als gleich nach dem Jahreswechsel ein Schwächeanfall ihn für längere Zeit aus dem Verkehr zog. Es begann mit Panikattacken, schon länger davor. Ihm wurde immer mal wieder schwindlig. Bekam kalte nasse Hände, Herzrasen und Atemnot. Obwohl er schon vor Jahren zu rauchen aufgehörte und er versuchte, seinen täglichen Stress zu reduzieren, ließen diese Symptome einfach nicht nach.
Anfangs sagte er keinem etwas. Seiner Frau nicht, seinem Sohn nicht, seinem Geschäftspartner gleich gar nicht. Carl wird es schon einzuordnen wissen; dessen war er sich gewiss.
Dann ging er doch zu seinem Hausarzt, der gleich allerlei Tests mit ihm machte. Und Medikamente ihm verschrieb. Er musste zu Internisten und Kardiologen; erhielt Diagnosen, die ihn mal positiv stimmten, mal depressiv machten.
Im Januar dann war er nach einem überaus langen Tag im Büro auf dem Weg zum Auto…
Irgendwie war die Seuche damals in der Firma zu Hause. Zum Jahreswechsel waren zwei gute Entwickler zum Konkurrenten gewechselt. Obwohl, Konkurrent sind die eigentlich nicht. Der Auftrag aus dem Innenministerium ließ auf sich warten. Der stellte so etwas wie eine Lebensversicherung CodeWriter dar; Karl hat ihn immer wieder vertröstet. Und Neugeschäft war nicht in Sicht. Kurzum: Die Zukunft seiner Firma, seines Traums, seiner Altersvorsorge war in nicht unerheblicher Gefahr. Ohne rechte Perspektive drehen sich die Probleme immer schneller. Komisch, warum tauchen die dann immer gleich in Scharen auf? Aus Missverständnissen wurden Probleme, aus Problemen wurden Konflikte. Streit wurde immer mehr zur Norm in der Firma.
Mit Karl konnte er ja reden. Ein gemeinsamer Abend im Pub, beide waren leidenschaftliche Guinness Trinker, half für kurze Zeit. Karl und er funktionierten einfach nicht mehr synchron. Über das berüchtigte siebente Jahr waren sie längst hinaus; jedoch stagnierten sie in der Entwicklung. Karl wie er wissen recht genau, dass Stillstand in der Informatik mit Rückschritt gleichzusetzen ist. Woanders wohl auch, aber das interessierte ihn nicht. Er war Informatiker, schon früh der Logik einer CPU verfallen und hat sich zu einem leidenschaftlichen Entwickler, inzwischen zum Generalisten entwickelt. Selbst die Wirren der Vereinigung konnten seiner Entwicklung nur kurz etwas anhaben.
Er nutzte gleich nach dem Abitur die Chance, um nach dem Pflichtdienst bei der [...], nee, das Kürzel von damals hatte er aus seinem Wortschatz gestrichen, also beim Bund wie man heute sagt, Technische Informatik zu studieren. Das bekam er ganz gut hin, denn er interessierte sich vor allem für die Entwicklungsseminare und verstand die Infrastruktur von Rechnern eher als viele seiner Mitstudenten. Gleich danach fand er damals im einzigen EDV-Konzern hier in Vesberg eine Anstellung. Er hing sich rein, forschte, programmierte, konstruierte und wurde für viele seiner Kollegen schnell zum gefragten Kollegen.
Weilham fühlte sich in seiner kleinen Werkstatt, die eigentlich ein großes Büro für viele EDV’ler war, richtig wohl. Wäre da nicht die Staatsmacht gewesen, die vor höheren Aufgaben eine Bedingung gesetzt hat: Eintritt in die Partei. Das kam für ihn niemals in Frage. Wie hasste er die Gleichmachung, die Unterordnung seiner Informatik gegenüber der Politik, seiner Entwicklung dem des Wohlergehens einer Diktatur. Für ihn war sie menschenfeindlich, hemmend, abstoßend. Ja, er eckte laufend an, ließ sich nicht disziplinieren und anketten. Er, ein Weilham vom Schlag eines Vesbergers, die wievielte Generation auch immer, war von seinen Vorstellungen vom Leben überzeugt und blieb stur.
Basta!
Zum Glück für ihn fegte die Revolution hier in Ostdeutschland die Diktatoren weg; wahrscheinlich nach Russland, Nordkorea oder auf dem Mond. Es war ihm egal, denn es begann seine Zeit der Entfaltung.
Die sollte nur kurz anhalten.
Denn eines Tages saß er vor einem Personalchef, der von so komischen Sachen wie Entlassung sprach. Und dazu in einem Dialekt sprach, mit dem er sich überhaupt nicht anfreunden konnte. Wahrscheinlich mal wieder so ein Westimport; typischer Klugscheißer. Davon gab es damals in Vesberg viele, zu viele, wie er überzeugt war.
Weilham fühlte sich getroffen, schwer beleidigt und wäre zum Terroristen geworden; hätte man ihn gefragt. Es war aber keiner da, der ihn entsprechende Angebote gemacht hätte, sondern nur die gelangweilten Mitarbeiter vom Arbeitsamt, die ihm Hoffnung machten, an die sie selbst nicht glaubten. Er bekam von ihnen immer wieder Geschenke in Form von Qualifizierungen. Diesen Unsinn sich anzuhören nahm er als Folter wahr. Die Schlaumeier meinten, uns was erzählen zu müssen. Nur weil sie ausgestattet mit einer Buschzulage extra die weite Reise bis hier nach Vesberg gemacht haben.
Dünnbrettbohrer!
So langsam begann er, seine Sinne neu zu schärfen. Zu justieren, redete er sich immer ein. In ihm wuchs eine Idee heran, eine Geschäftsidee, mit der er Geld verdienen könnte. Vom Arbeitsamt und sonst wo her holte er sich Informationen und studierte den Hürdenlauf einer Firmengründung. Für ihn war das eine komplett fremde Welt, in der er sich einfach nicht reindenken konnte.
So musste mal wieder der Zufall nachhelfen und er traf auf einer Party einen Bekannten. Nein, eigentlich war es kein richtiger Bekannter – oder? Karl Hausmann, wer war er? Jedenfalls hatten beide das Gefühl, dass sie sich kannten: Wir haben uns doch schon irgendwann mal gesehen? So kamen sie ins Gespräch. Klar, dass das waren zwei gemeinsame Semester Systemtechnologie mit Schwerpunkt Mainframe-Infrastruktur. Stimmt, das waren doch die IBM-kompatiblen Maschinen, nichts anderes als geklonte Originale. Nur mit kyrillischer Schrift versehen. Das Betriebssystem war ein unerträgliches Kauderwelsch aus schlecht verstandenem übertragenem Englisch und viel Russisch.
Weit nach Mitternacht sprudelte es aus Weilham heraus. Sein Bauch sagte ihm: Es ist die Chance.
Zugreifen!
Weilham erläuterte Hausmann seine Geschäftsidee, schmückte alles überdimensioniert aus und infizierte ihn dann in der letzten Kneipe, die im Morgengrauen noch offen hatte. Das muss der Zeugungszeitpunkt für die CodeWriter gewesen sein. Zumindest erzählen seitdem beide überall die Geschichte herum.
Die Zeit war hart. Beide hängten sich überaus in die Aufbauarbeit rein. Sie kamen gut voran, der Schuldenberg war immer noch überschaubar, ließ sich sogar mit der Zeit drücken. Spätestens als die Astrophysiker ihnen den Auftrag zur Auswertung und Analyse von unendlichen Messreihen gaben, war das Gröbste erstmal geschafft.
Aber nach vielen Jahren des Erfolgs ging es einfach nicht mehr weiter. Weilham, der sich nie schonte und gerne auch mal unangenehm mit seinen Mitarbeitern umsprang, wurde anfälliger, unruhiger, sensibler. Immer öfter geriet er mit Karl Hausmann aneinander, auch wenn sie sich beim Guinness immer wieder aussprachen. Der Wurm war drin. Seit wann etwa? Weilham dachte nach und machte nach einigen Überlegungen den verlorenen Prozess vor knapp zwei Jahren aus. Ein Kunde fing gegen CodeWriter einen Rechtsstreit an, obwohl der aus seiner Sicht im Unrecht war. Trotz allem: Der Kunde hat gewonnen und CodeWriter Image und viel Geld verloren.
Zum letzten Jahreswechsel nahm er sich vor, mit Karl zu sprechen, um auszusteigen. Karl hatte ihm im Jahr davor immer wieder dazu angestiftet, mehr ins Ausland zu gehen. Besonders im Osten Europas herrscht Goldgräberstimmung; da muss doch für CodeWriter auch was zu holen sein. Weilham ist prinzipiell vielen neuen Überlegungen gegenüber offen eingestellt, aber der Osten Europas wehte für ihn immer noch den Hauch des Staatskommunismus. Und dort wo er definitiv nicht mehr zu finden ist, regiert die Mafia. Not oder Elend – was ist die bessere Alternative? Hausmann sah das alles nicht so eng. Schutzgeld, Erpressung, Korruption lassen sich umgehen. Reichlich naiv der Karl, dessen war sich Weilham sicher.
An einem dieser Tage, schon im neuen Jahr muss das gewesen sein, war es mal wieder recht laut zwischen Ihnen geworden. Irgendwann mal war Weilham soweit und sprach Karl auf einen Ausstieg seinerseits an. Der explodierte förmlich, denn faktisch war ohne Weilham die Firma am Ende. Wenn er jetzt Kasse machen will, kann die Firma gleich ganz aufgegeben werden. Ohne wirkliches Verständnis hat sich Weilham dann irgendwann spätabends auf den Weg nach Hause aufgemacht.
Innerlich aufgewühlt, richtig sauer auf Karl, stapfte er zum Auto. Mit der Zentralverriegelung öffnete er das Auto, legte die Tasche auf dem Rücksitz hinterm Fahrer und war gerade im Begriff, selbst einzusteigen. Ein stechender Schmerz im Brustkorb verhinderte zunächst weitere Bewegungen. Weilham zuckte und sackte zusammen. Vor Schmerz krümmend versuchte er sein Handy zu greifen. Die Kräfte verließen ihn.
Der Retter war Hausmann, wie er später erfuhr. Lange, sehr lange brauchte Weilham, um wieder fit zu werden. Karl besuchte ihn, er kümmerte sich um Weilham, wie der es nie vermutet hätte. Wie auf Verabredung vermieden beide, auf die Probleme in der Firma einzugehen. Karl gab ihm das Gefühl, dass mit CodeWriter alles in Ordnung sei und er das Geschäft im Griff hatte. Auch, dass er ihn, Georg Weilham, im Geschäft vermessen würde. Weilham‘s Sohn, der auch bei CodeWriter arbeitet, war und ist noch immer für Hausmann ein mäßiger Ersatz.
Das tat Weilham gut. Er erholte sich wieder und begann zunächst mit allgemeiner Routinearbeit, zeitweise. Nur nicht aufregen, schön langsam. Stück für Stück fand er wieder zurück und wurde immer mehr belastbar. In der Firma hatte jetzt Hausmann allein das Sagen. Karl war der ungekrönte König und bestimmte, wo es lang ging, welche neuen Funktionen die Produkte bekommen sollten und wie insgesamt die Softwareentwicklung künftig aussehen sollte. Vor allem trieb Hausmann den Aufbau neuer Kundenstrukturen voran, machte Kontakte, führte Gespräche.
Ein halbes Jahr nur und schon ist alles anders? Weilham fand sich nur schwer mit der neuen Situation ab, konnte aber nichts dagegen machen. Vorerst. Karl intensivierte in die Ausweitung des Geschäfts nach Osteuropa; eine Entwicklung, die Weilham nicht behagte. Er fand einfach keine Mittel, sich dagegen zu wehren und um Hausmann zu stoppen. Weilham hatte gelernt: Sein zum Glück leichter Herzinfarkt erinnerte ihn daran, dass er künftig nicht mehr grenzenlos belastbar sein wird und dass er sich Zeit nehmen muss.
Weilham änderte nach dem Kurzschluss auch privat viele Dinge. Seine ohnehin langweilige Ehe interessierte ihn schon lange nicht mehr. Warum also weitere Energie für etwas zu verwenden, um zu kitten, was nicht mehr hält? Einfach laufen lassen, tut ja nicht weh so eine Beziehung.
Das Zusammensein mit seiner Cordula funktionierte anfangs ganz gut. Mit der Zeit entwickelte sie sich aber zur Spießerin und verfiel immer mehr dem Kaufrausch. Überall wo sie beide waren, kaufte sie förmlich die Geschäfte leer. So was nannte sich mal Wissenschaftlerin. Was aus Menschen so alles werden kann…
So verfiel er immer mehr darauf, egoistisch seinen Interessen nachzugehen. Es kamen sogar Neue hinzu. Sport machte er schon lange nicht mehr; dass konnte er leicht ändern. Weilham kaufte sich ein tolles neues Fahrrad, ein ultraleichtes Trekkingrad, mit dem er regelmäßig unterwegs ist. Alleine natürlich. Die beste Medizin für sein Herz; davon war er erstaunlicherweise selbst und vor allem sehr schnell überzeugt. Sein Arzt freute sich, dass die Werte für Blutdruck und Kreislauf sich verbesserten und vor allem sein Fettgehalt immer weniger wurde.
Sonnabend wurde zu seinem Tag. Den Freiraum nahm er sich.
Als personifizierter Frühaufsteher war er meistens schon um fünf Uhr auf den Beinen. Besonders in den Sommermonaten verfrachtete er schon am Abend zuvor sein Fahrrad ins Auto, legte sich seine Sportsachen zurecht und freute sich auf eine großartige Radtour. Er war nicht wetterfühlig; ihn störten weder Regen noch die oft gegen mittags aufkommende Hitze. Mindestens 100 km sollten es am Tag werden, dann fühlte er sich richtig gut. Das zog er durch. Immer sonnabends…
Seine Touren verlegte er immer weiter in die Hügellandschaft rund um Vesberg. Es machte schlicht Spaß, sich nach einer Woche mit endlosen Meetings, mit viel zu viel Kaffee, Telefonaten und Entscheidungen, mal so richtig auszutoben. Vor allem war es für seinen Körper eine Wohltat. Im Laufe der Monate wuchs die Lust auf noch mehr Wohltaten. Ihm war im Laufe der Monate klar geworden: Wenn es schlecht für ihn lief, kann sein Leben viel zu schnell vorbei sein.
Was soll’s?
Auf der anderen Seite der Grenze war die Verlockung in Form wunderhübscher Frauen unübersehbar. Warum sollte er sich nicht was Gutes tun, bevor gar nichts mehr geht?
Wie in den letzten Wochen immer öfter, war er auch heute auf dem Rad unterwegs und ließ sich dann in einem Club, inzwischen seine regelmäßige Anlaufstelle, massieren. Auch heute wieder blieb es natürlich nicht nur dabei. Köstlich, wenn er in Gedanken an die Stunden dachte, die er sich vorhin dort gönnte.
An diesem grauen Sonnabendnachmittag saß Georg Weilham gedankenverloren in seinem Auto und auf dem Weg zurück in Deutschland. Er sollte sein Handy anmachen und seine Frau anrufen. Sein Sohn wusste ja, dass er sonnabends nicht zu erreichen war. Ihn müsste er dringend sprechen. Vor allem wegen den Verhandlungen in der vergangenen Woche, in Lemberg. Hoffentlich konnte er den Deal gut vorbereiten; CodeWriter brauchte das Geschäft. Die Telefonverbindung gestern in die Ukraine war mal wieder unbrauchbar. Ach, die Vertriebslady war mit dabei; vielleicht ist sie hübsch. Sicher warten ein paar angenehme Pflichten die nächsten Tage auf ihm. Aber wie er seinen Carsten kennt, hatte er die, wie hieß sie doch gleich … Larissa, ja Larissa, bestimmt schon flachgelegt, wenn sie hübsch war. Sein Sohn, das wusste er nur zu gut, ist keiner, der eine schöne Frau unberührt stehen lässt. Seine Gene…
Er grinste in sich rein.
Ja, den Carsten wird er gleich mal anrufen. Plötzlich hörte er genauer hin. Die Nachrichten brachten gerade eine kuriose Unfallmeldung von letzter Nacht. Den Anfang der Meldung nahm er nur halb wahr; jetzt sagte ihm eine Stimme aus dem Unterbewusstsein: Hinhören!
Einordnen konnte er das nicht, vielleicht ist das alles nicht so tragisch. Ein schwarzer Audi war zu Schaden gekommen. Ja, sie haben im Firmenpool einige davon, auch ein solches Auto, mit dem Carsten gestern aus Lemberg zurückgekommen war. Audis gibt es jede Menge und die Tote ist eine Frau; kein Mann; keine zwei Personen.
Weghören.
Er wählte die Handynummer seines Sohnes an und wartete auf das Rufzeichen. Recht schnell kam die Meldung, die er noch mehr hasste als … egal: "The person you have called is temporarily not available"!
Wo treibt der sich rum? Warum ist sein Handy aus? Das war nicht seine Art. Er suchte nach dem Eintrag mit dem Festnetzanschluss von Carstens Wohnung und drückte auf „Wählen“. Nach einigem Klingeln kam der Anrufbeantworter zu Wort: „Wahrscheinlich sind wir beim Entenfüttern oder machen gerade bei Aldi die neuesten Schnäppchen. Deshalb sprechen Sie bitte mit unserem Anrufbeantworter. Wir melden uns bei Ihnen, wenn wir Zeit dazu haben.“
Eine innere Unruhe beschlich ihn. Handy vom Sohnemann aus; zu Hause keiner erreichbar. Der letzte Versuch galt der Büronummer seines Sohnes. Vielleicht war Carsten mit Larissa in der Firma und zeigte ihr die Räumlichkeiten. So richtig glaubte er nicht dran; trotzdem wählte er die Durchwahl von ihm an. Niemand erreichbar. Schon komisch, denn normalerweise sind Eva, Carstens Frau, und Paul sein einziger Enkel um diese Zeit zu Hause. Das Wetter heute lädt nicht ja gerade zum Rausgehen ein.
Warum machte er sich solche Gedanken? Wo kam bloß diese Unruhe her? Es gefiel ihm überhaupt nicht. Er musste schnellstens nach Hause.
„Frau Weilham, ich kann nicht richtig glauben, dass Sie von den Geschäften der Ihres Mannes so gar nichts wissen.“ Remsen mochte die Art der Frau durchaus; sie war nicht unsympathisch. Dafür war sie überhaupt nicht auskunftsfreudig. Sein Instinkt sagte ihm, dass die Frau mehr weiß, also mehr verschweigt, als sie sagt und zugibt.
Remsen und Ulrich waren recht schweigsam zum Anwesen der Weilham‘s gefahren. Schon der konzertähnliche Hall der Thin Lizzy CD verhinderte jede Konversation. Besonders ‚Soldier Of Fortune‘ gefiel Remsen so gut, dass dieser Titel nicht nur einmal, sondern auch besonders intensiv im Buick zu hören war.
Der Mann wird nie mehr erwachsen; Hanns-Peter Ulrich war auf seinen Partner richtig sauer. So musste Ulrich auf das warten, was der Besuch bei Weilham bringt und Kriminalassistent Nöthe was ihm erzählen wird.
Das Haus der Weilham‘s war nicht allzu groß, recht nett für die Gegend und offensichtlich kürzlich umfassend modernisiert worden. Nicht schlecht, dachte sich noch Remsen, aber aufregend monströs war das Anwesen nun auch wieder nicht. In Blankenese…
Die Tür ging auf und Frau Weilham, wahrscheinlich war sie es, trat heraus.
„Ich bin Kriminaloberkommissar Ulrich, das neben mir ist Kriminalhauptkommissar Remsen.“ Parallel zur förmlichen Begrüßung seines Kollegen, Remsen machte es immer kürzer, nickte andeutungsweise mit dem Kopf, zeitgleich zuckten beide ihre Legitimationen. Das war es auch schon für Remsen. Frau Weilham bekam gerade noch Zeit, den Weg freizumachen, denn Remsen suchte seinen Assistenten. „Nöthe, draußen wartet Ulrich auf Sie, geben Sie ihm bitte ausführlichen Bericht und dann ab auf die W36. Ihre Kollegin wartet schon sehnsüchtig auf Sie.“
Die üblichen Formalitäten: „Frau Weilham, gestern Abend ist ein Auto der CodeWriter verunglückt. Wir haben eine Tote und ermitteln in der Sache. Wissen Sie wer mit dem Audi unterwegs war?“
„Nein, wirklich nicht. Mein Mann war die letzten Tage in Vesberg, ist mit seinem Wagen, kein Audi, gefahren und war gestern Abend so ab 22 Uhr etwa zu Hause. Er war nach der Arbeit bei einem Geschäftsessen in der Stadt und fuhr anschließend hierher.“
„Mit wem war er essen?“ Remsens zuckte sein Notizbuch. „Äh, haben Sie bitte mal was zu schreiben, irgendwie habe ich meinen Stift verloren.“ Hatte er nicht, denn er hatte die Vorliebe, seine Bleistifte, mit Vorliebe abzukauen. Den Stummel in der Jackentasche konnte selbst er nicht mehr als Stift bezeichnen.
Frau Weilham griff in eine Schublade und reichte ihm einen Kugelschreiber. Ein Werbegeschenk, wie Remsen erkannte.
„Ja, besten Dank. Name?“ Remsen konzentrierte sich auf seine Befragung.
„Das weiß ich nicht. CodeWriter gibt es jetzt schon seit 1995. Mein Mann kennt viele Leute, Geschäftspartner und solche, die es werden wollen. Außerdem sagt er immer, dass Kontakte das A und O für Geschäfte sind. Bis zu seinem Zusammenbruch war er abends fast immer irgendwie verabredet.“
„Was war das für ein Zusammenbruch? Zu viel Arbeit? Druck? Konflikte? Oder was anderes?“
„Heute sagt man glaube ich Burnout dazu. Besser passt: schlicht und einfach überarbeitet. Das passiert vielen in der Branche, die sich nicht einschätzen können. Georg geht in seiner Arbeit voll auf. Er denkt wohl, dass CodeWriter seine letzte Chance ist, zu einigermaßen Wohlstand, auch für später im Alter zu kommen. Aber was ist schon Geld, Haus und viel Schein gegenüber Gesundheit? Wissen Sie es?“
Remsen beachtete die Frage lieber nicht, denn der Zustand vom Weilham könnte ohne Probleme auf ihn übertragbar sein. Auch wenn er als Beamter auf eine einigermaßen gute Pension hoffen kann, gehen ihm viele Fälle oft sehr nahe. Privatleben und Gesundheit kommen dann bei ihm nicht mehr vor. Manchmal spielt er neben seinen Ermittlungen auch noch Weltverbesserer und hofft, dass seine Arbeit, seine Aufklärungsrate dazu beitragen kann.
„Burnout. Ihr Mann ist also ein Workaholic? Seine Droge die Firma?“
„Kann man so sagen. Ich habe ihm schon vor seinem Zusammenbruch immer wieder in den Ohren gelegen, kürzer zu treten und mehr an sich zu denken. Er hat einen Enkel, mit dem er gerne was unternimmt. Regelrecht gefreut hat er sich, als Carsten und Eva die Nachricht überbracht haben, dass er Opa wird.“
„Carsten und Eva?“ Wenn Carsten sein Sohn ist, äh war, der da draußen heute Morgen am Baum hing, dann bleibt ihm wirklich nur noch der Enkel.
„Carsten ist unser Sohn. Paul, sein Enkel, schon fast in der Schule. Die beste Zeit für Opas, da sind die Kinder noch frei, unbelastet und erfreuen sich ihrer Kindheit. Wenn dann erst mal die Schule anfängt, ändert sich auch das.“
„Frau Weilham, Ihr Sohn Carsten arbeitet doch bei CodeWriter?“
„Ja, ja, das tut er. Georg und Carsten hatten viel Streit miteinander. Georg wollte unbedingt, dass Carsten zu ihm in die Firma kommt, was von Nachfolgeregelung gesprochen, schleichender Übergang und so. Carsten wollte nicht. Der war schon immer ein schlaues Kerlchen, ein Einser-Abi hingelegt und ist danach nach München gegangen, um Bioinformatik zu studieren. Das Zeug dazu hatte er und für Molekularbiologie interessierte er sich schon früh. Mir schien, er besaß den Ehrgeiz, seinem Vater Konkurrenz zu machen und wollte sich mit biologischer Informatik profilieren. Junghirsch gegen Platzhirsch, ein völlig unsinniger Machtkampf.“
Frau Weilham trank von ihrem Kaffee und ließ sich nicht aufhalten, auch von Remsen nicht. Der schielte auf den Kaffee und entschied für sich, dass er dringend einen davon bräuchte. Schon wollte er danach fragen, da legte Frau Weilham nach.
„Carsten verfolgte die fixe Idee, die theoretische und die bisherige praktische Informatik zu verknüpfen und mit neu entwickelten Technologien im Bereich der Bioinformatik Fuß zu fassen. Georg verstand das alles nicht und blockierte Carsten, wo immer es ging. Sie redeten nicht viel miteinander, geistige Funkstille zwischen beiden. Viele Jahre.“
Remsen war inzwischen ausgestiegen. Für sich nahm er wahr, dass seine Gesprächspartnerin mal eben die Sprache gewechselt haben muss. Davon, was sie gerade sagte, verstand er nichts. Andersherum verstand die Frau sehr viel davon, zumindest tat sie so.
„Frau Weilham, bei allen Respekt: Ich verstehe nur Bahnhof davon. Wie es kann es sein, dass Sie sich so gut auskennen?“
„Ich habe bis vor einigen Jahren als Mikrobiologin hier an der Universität in Vesberg gearbeitet. Damals während der DDR-Diktatur haben die Kommunisten viel Wert daraufgelegt, dass alle eine gute Ausbildung erhielten. Mit der Datenverarbeitung, sagt man glaube ich heute nicht mehr, oder? … Mit den Rechnern hatte ich schon früh zu tun. Wir haben mit den Leuten vom Rechenzentrum viele Laborauswertungen gemacht. Etwas versteh ich schon noch davon.“
Remsen war beeindruckt. Doch, das passte zum Bild, was er von Anfang an von ihr hatte: Stil, Haltung und so etwas von feiner Dame, dabei aber nicht dumm und nicht nur bloß die Frau an der Seite eines Geschäftsmannes. Mit dieser Frau wird er noch einmal intensiver auseinandersetzen müssen, geschäftlich natürlich. Wieder ein Eintrag in seiner imaginären Taskliste.
Frau Weilham entwickelte offensichtlich ein überbordendes Mitteilungsbedürfnis: „Carsten lernte dann in München eine Freundin kennen. Ich habe die einmal, zweimal gesehen. Sie war nicht gut für ihn, nur Partys, nächtelang. Wahrscheinlich viel Alkohol, vielleicht auch Drogen, keine Ahnung. Irgendwann schmiss er das Studium; seine Freundin verließ ihn. Georg bekam Oberwasser und trieb Carsten förmlich vor sich her. Ja, man kann sagen er zwang ihn im Schwäbischen, in Furtwangen war das, Marketing und Vertrieb zu studieren.“
„Und das kann man so einfach, jemanden zwingen?“
„Georg hatte die Argumente auf seiner Seite und setzte Carsten unter Druck.“
Bevor Remsen mit einer vertiefenden Frage nachlegen konnte, ging sie selbst in die Offensive: „Georg machte ihm unmissverständlich klar, dass Carsten nicht einen Cent von ihm erben werde. Er hatte sogar entsprechende Dokumente von seinem Anwalt anfertigen lassen, die er Carsten vorlegte. Es fehlte nur noch seine Unterschrift.“
Vaterliebe grenzenlos … ‚Father and Son, Cat Stevens‘, als Cat Stevens noch Cat Stevens war. Den letzten Teil murmelte er fast vor sich hin. Ist doch schön, wenn es immer wieder Analogien zur Realität gibt.
„Was meinten Sie bitte?“ Frau Weilham schaute etwas irritiert drein.
„Nichts weiter. Mein Kollege ist ein ausgesprochener Kenner der Musikszene und sucht dort immer wieder Verbindungen mit der Wirklichkeit.“ Hanns-Peter Ulrich war inzwischen zum Gespräch hinzugekommen. Von Kriminalassistent Nöthe ließ er sich dessen Erkenntnisse kurz zusammenfassen; diese jedoch abgebrochen, weil er die Zeit dafür als Verschwendung betrachtete.
„Nach dem Studium, vor etwa drei Jahren, ist Carsten dann als Account Manager zu CodeWriter gegangen. Anfangs haben beide den Streit von damals weiter ausgetragen. Karl Hausmann, Georgs Partner, spielte den Vermittler, um zu schlichten. Als das nichts brachte und das Klima bei CodeWriter nicht besser wurde, fing er mit Georg an, über einen Verkauf der Firma zu sprechen und drohte dabei, dass das für beide ein schlimmes Verlustgeschäft werden würde. Irgendwie haben sie sich dann doch arrangiert; einige Abende im Red Rooster und jede Menge Guinness und Malts gingen wohl dafür drauf.“
Oh ha, mal lernt noch was bei der Arbeit. Remsen notierte sich eifrig den Namen des Pubs notiert. Gehört hatte er schon davon, er sollte in nächster Zeit den Laden mal testen. Klang auf jeden Fall verlockend.
„Gibt es denn zwischen Ihrem Mann und dem Karl Hausmann Konflikte?“
„Ich denke ja. Nicht offen, aber so latent, unterschwellig wie sagt man: Ein kalter Krieg mit freundlicher Maske? Spätestens seit dem Herzinfarkt hatte Georg auch nicht mehr die Lust, wahrscheinlich auch die Kraft nicht mehr, um sich gegen Hausmann zu stellen. Beide beschäftigten sich schon länger mit anderen Ideen, um die Firma weiterzuentwickeln. So richtig haben beide sich nicht mehr verstanden. Sagen wir mal so: Als Georg so nach und nach im Sommer mit der Arbeit wieder anfing, ließ sich Hausmann die Rolle des Tonangebers nicht mehr streitig machen.“
„Wo war Ihr Mann gestern Abend, Frau Weilham?“ Kriminaloberkommissar Ulrich wollte sich in das Gespräch einbringen; eher wichtigmachen, dachte sich Remsen, denn Fragen wiederholt man in einem Interview nicht.
So glich Remsen selbst diesen Fauxpas aus: „Hier zu Hause und ist heute früh zu seinem freien Tag aufgebrochen. Ist mit dem Auto und dem Rad unterwegs.“ Zu Frau Weilham gewandt: „Frau Weilham: Wissen Sie, wann er wieder hier ist? Ist er auf seinem Handy erreichbar?“
Jetzt schaute Remsen seinen Kollegen an, denn der müsste wissen, ob vorhin Nöthe und Frau Weilham ihn erreichen konnten. Gib wenigstens ein Zeichen Hansi! Er tat es tatsächlich, nickte kurz, nur für Remsen wahrnehmbar. Sein Grinsen im Mundwinkel signalisierte, dass er erkannte, in welche Situation sich Remsen selbst manövrierte. Der spekulierte und versuchte seine Wissenslücken vom Nachmittag zu überbrücken. Immerhin verfügte Ulrich von Nöthe Informationen aus erster Hand. Hätte Remsen geahnt, dass Nöthe nichts zu vermelden hatte und Ulrich auch nicht mehr als er wusste, wäre er sicher forscher vorgegangen.
„Meist am frühen Abend. Er schaut gerne die Sportschau und verfolgt die Bundesliga. Wird wohl bald hier sein; seine Bayern müssten heute wieder dran sein.“
„Nah dran, die spielen erst morgen gegen Nürnberg.“ Ulrich strahlte. In der Bundesliga kannte er sich auch; hatte ihm doch sein alter Herr zum Eintritt zum 50. ein Jahres Abo von dem Pay TV Sender geschenkt, der alle Spiele live überträgt. Seitdem ist Hanns-Peter ein wandelnder Statistiker.
Remsen war beeindruckt. Ja, gelegentlich schaute auch er Fußball. Seit St. Pauli wieder oben mitspielt, interessierte er sich etwas mehr dafür. „Könnte also noch etwas dauern?“
Das Gespräch war seltsamerweise ins Stocken geraten. Bisher wissen sie nur, dass ein Firmenwagen der CodeWriter gestern in den Unfall verwickelt war. Und dass die Insassen ermordet wurden. Mehr erzählten sie der Weilham auch nicht, man weiß ja nie. Wie es aussah, hielt Nöthe dicht und zerstörte nicht gleich mit einem Anfängerfehler die übliche Vernehmungstaktik.
„Frau Weilham, wir müssen noch mal auf ihren Sohn zurückkommen. Wissen Sie, ob er gestern unterwegs war, wo er jetzt ist? Wir müssen auch ihn vernehmen.“
„Das sollte kein Problem sein, er eigentlich ist er mit Eva und Paul zu Hause. Heute bei dem Wetter macht es draußen ohnehin keinen Spaß. Die wohnen zwei Straßen weiter unten. Ich kann ja mal anrufen…“
„Nein, nein – wir gehen dort gleich mal vorbei.“
Remsen liebte Überraschungseffekte, denn sie brachten ihm Vorteile. Gerade bei der Erstvernehmung kommt es darauf an, dass für die Betroffenen keine Zeit der Vorbereitung blieb. Selbst wenn der Befragte wenige Minuten Zeit fand, sich auf Vernehmungen einzustellen, könnten die Ermittlungen unendlich lange dauern. So seine Erfahrungen, auf die er auch dieses Mal bauen würde.
„Könnten Sie aber bitte noch meine Frage beantworten?“ Remsen war nicht gerade ein geduldiger Mensch und Frau Weilham war nur bedingt auskunftsfreudig, weshalb sie erneut die Abwehrhaltung einnahm. „Welche meinen Sie denn? Wo er gestern war oder wo er sich jetzt aufhält?“
Bevor Remsen in die Luft gehen konnte, kam ihm Ulrich zuvor: „Beide bitte, wenn es keine Umstände macht.“ Der Seitenhieb saß, denn Frau Weilham merkte, dass ihre Art des Zeitspiels bei beiden Kommissaren auf keine Gegenliebe stieß. Hoffentlich kommt der Georg gleich. Was interessiert mich das Firmenauto und eine unbekannte Tote?
„Soweit ich es mitbekommen habe, war Carsten in der letzten Woche zu einem Kundentermin unterwegs. Bitte nicht fragen, ich weiß nicht wo und habe auch keine Ahnung bis wann. Er müsste gestern oder vorgestern zurückgekommen sein. Warum auch nicht?“
Sie verzögerte die nächste Aussage, weil sie nicht nur Zeit gewinnen wollte, sondern weil sie natürlich nicht wusste, was Carsten und Eva heute machen. Manchmal fahren sie auch ganz spontan übers Wochenende zu Freunden.
„Ob Carsten zu Hause ist, kann ich nicht sagen. Wenn sie wegfahren, mal für ein, zwei Tage, fragen sie mich nicht extra – sie machen es einfach.“
Remsen und Ulrich schauten sich nur kurz an und wussten, was der jeweils andere dachte. Auch wenn beide sowas von grundverschieden waren und sich nur bedingt mochten; sie waren Partner und Profis bei der Arbeit.
Remsen stand auf: „Frau Weilham, mein Kollege bleibt bei Ihnen, er hat noch einige Fragen an Sie. Ich schaue mal bei Ihrem Sohn vorbei. Könnten Sie mir bitte die genaue Adresse geben und mir den Weg beschreiben?“
Frau Weilham ging mit Remsen zur Tür, nannte die Straße und Hausnummer und zeigte ihm den Weg dorthin. Remsen bedankte sich und war froh, einige Minuten frische Luft zu schnuppern und in Ruhe nachzudenken.
Er fand das Haus der jungen Weilham‘s dunkel vor. Eigenartigerweise empfand es das überhaupt nicht dramatisch, denn wenn keiner da ist, wird auch keiner vermisst. Remsen sinnierte über zwei, ihm logische Szenarien: Wenn Carsten Weilham gestern in dem Auto saß und hier zu Hause nicht angekommen ist, würde seine Frau doch hier sein und warten. Und wahrscheinlich wüsste, dass Cordula Weilham auch. Das für ihn wahrscheinlichere Szenario war demnach aber, dass Carsten Weilham gestern bei seiner Familie war und diese heute einen ganz normalen Sonnabend verlebte, irgendwo auf dieser Welt, nur nicht hier in seinem Haus.
Trotzdem klingelte er, einmal, zweimal, mehrmals. Inzwischen wurde es dunkel; an einem Tag, an dem es ohnehin nicht richtig hell geworden ist; kalt war es auch. Nichts regte sich, kein Licht ging an. Er schlich um das Haus, ein Hund war weder zu sehen noch zu hören; auf eine Begegnung mit einem Vierbeiner hatte er nun wirklich keine Lust. Auch von hinten sah das Haus ziemlich verlassen aus. Okay, wieder zurück zur Plauderrunde mit Hansi.
In Gedanken spielte er die Optionen durch, die ihn jetzt blieben. Solange der Weilham nicht wiederauftaucht, kommen wir nicht weiter. Hausmann ist im Urlaub, Südamerika, da wird sich vorerst auch nichts tun. Wir sollten das einmal überprüfen, ob der Mann wirklich dort unten ist.
„Kundoban.“ Gleich nach dem ersten Klingeln war sie dran.
„Haben wir schon überprüft, ob Hausmann wirklich in Südamerika ist. Visum? Flugbuchungen? Ausreisen, usw.?“
„Jan, wir sind dran, haben aber bisher noch nichts gehört. Kommt Ihr voran?“
„Nein, nicht wirklich. Die Weilham weiß fast nichts, zumindest tut sie so. Der Alte ist noch auf Selbstfindung und beim Junior ist das Haus dunkel. Haben wir schon Informationen von der Bundespolizei? Ist gestern Abend an eine der Grenzübergangstellen der Audi auf wenigstens einer Überwachungskamera aufgetaucht?“
„Fehlanzeige bisher. Wir haben erst von zwei kleineren Übergängen das Material von gestern Abend erhalten; vom Autobahnübergang dauert es leider länger. Die haben mehr Kameras, Schichtwechsel usw. Wir wurden auf heute Abend vertröstet.“
Kundoban war noch mitten beim Sprechen, als sie das Freizeichen in der Leitung wahrnahm. Remsen hatte bereits aufgelegt.
Komischer Kauz!
So komisch, dass Kundoban auch fand, Remsens Aufmerksamkeit war schlagartig verflogen, als ein schwarzer SUV auf das Haus von Weilham jun. zusteuerte. Im Auto saßen zwei Frauen, soweit das erkennbar war. Ausgelöst von der Fernsteuerung ging das Tor genau in dem Moment auf, indem der SUV recht zügig auf das Grundstück einbog und in der Garage verschwand. Das Tor schloss sich nach kurzer Zeit selbst wieder. Von außen war zunächst nicht zu bemerken, dass jetzt jemand im Haus war. Remsen wollte noch etwas warten; vielleicht ging im Haus das Licht an, sodass klar erkennbar war, dass sich jemand darin befindet.
So war es denn nach einigen Minuten auch. Gleichzeitig wurden an allen Fenstern gleichzeitig die Jalousien heruntergelassen. Remsen machte sich fertig, um wohl wieder eine der bedrückendsten Aufgaben in seinem Job zu erledigen: Die Übergabe einer äußerst schlechten Nachricht an einen nahen Verwandten. Ob der Tote im Wald wirklich Carsten Weilham ist, muss noch geklärt werden.
Nach mehrmaligen Klingeln wurde ihm geöffnet. „Frau Weilham?“ Die Frau in der Tür trat zur Seite und deutete auf eine zweite Frau, die weiter hinten im Haus stand. „Ich bin Kriminalhauptkommissar Remsen, darf ich kurz reinkommen?“ Noch während er die Frage formulierte, stand er bereits im Flur, zückte seinen Ausweis und ließ die zweite Frau an der Eingangstür stehen.
„Frau Weilham, ich würde gerne Ihren Mann sprechen.“
Eva Weilham machte nicht gerade den allerbesten Eindruck. Ihr Gesicht war gerötet, wahrscheinlich stressbedingt; sie hatte verweinte Augen. Auch jetzt war sie wieder kurz davor, in Tränen auszubrechen.
Remsen war durchaus irritiert. Es kann nicht sein, dass sie mehr weiß, als bisher in den Medien zu hören und im Internet zu lesen war. Wir haben keine PK abgehalten, kein Journalist kann bisher mehr wissen.
Ausgeschlossen!
„Der ist gestern nicht wiedergekommen. Wahrscheinlich liegt er in den Armen einer Schnepfe und macht sich ein schönes Wochenende. So ein Schwein, ich will die Scheidung!“
Das Geld dafür kann sie sich wahrscheinlich sparen, dachte sich Remsen, während er darüber nachdachte, ob er gleich mit der Tür ins Haus fallen sollte. Zuvor wären ihm aber noch ein paar Informationen ganz lieb. Man muss immer abwägen, welche Taktik am besten greift.
„Gab es zwischen Ihnen beiden Streit? Schon länger? Intensiver? Hatte denn Ihr Mann einen Grund, offen für neue Freundinnen zu sein? Sie haben doch einen gemeinsamen Sohn?“
„Wissen Sie, Liebe ist eine Illusion für Schwächlinge. Ich spüre es, dass er mit mir und mit anderen Frauen seinen Spaß hat. Außerdem, was geht Ihnen das an? Das ist Privatsache.“
Die Frau kann ja richtig giftig werden. Trotzdem legte Remsen nach: „Frau Weilham, wo war ihr Mann genau. Mit wem hat er sich getroffen. Bitte helfen Sie mir, vielleicht finden wir ihn.“
„Warum hat eigentlich die Polizei Interesse an der Dienstreise meines Mannes? Können Sie mich mal bitte aufklären? Um was geht es hier eigentlich?“ Jetzt ging Eva Weilham in die Offensive; die letzte Frage schleudert sie fast aus sich heraus.
„Haben Sie noch nichts in den Nachrichten gehört?“
„Lieber Inspektor…“
„Hauptkommissar bitte.“ Remsen lächelte sie an.
„Wenn Ihre Frau die ganze Nacht nicht nach Hause kommt, dann hören Sie aufmerksam die Nachrichten, ja?“
Sie kämpft, das war augenscheinlich.
„Wahrscheinlich nicht, glaube ich zumindest.“ Bei mir kann keiner wegbleiben, kleiner Vorteil Lady.
„Gestern Abend gab es so gegen 22:00 Uhr einen Unfall mit Todesfolge. Da…“
„Ja, habe ich gehört. Und? Was hat das mit meinem Mann zu tun?“
„Das wollen wir rausfinden. Das Unfallauto war auf eine Firma CodeWriter zugelassen. Ein schwarzer Audi.“
„Wollen Sie sagen, dass mein Mann…?“ Das blanke Entsetzen stand ihr ins Gesicht. Jetzt war sie bleich und nicht mehr so rot; in Ihrer Haut möchte Remsen jetzt nicht stecken.
„Nein, wir haben eine Tote.“ Erstmal die halbe Wahrheit. „Und wer sind Sie denn?“ Remsen wandte sich an die Frau, die ihn ins Haus gelassen hat.
Sie nannte ihren Namen und konnte sich ausweisen. Eva rief nach einer durchweinten Nacht ihre beste Freundin heute Morgen an. Sie war sofort zu ihr gefahren, um bei ihr zu sein. Als beste Freundin von Eva Weilham stand sie im engen Vertrauensverhältnis zu ihr und wusste nur zu gut, dass Carsten Weilham nichts anbrennen ließ, wenn sich die Gelegenheit ergab. Das führte in den letzten Monaten zu viel Streit in der Familie geführt. Aber eine ganze Nacht war Carsten noch nie weggeblieben. Bis Mittag warteten sie. Dann rief Eva bei ihren Schwiegereltern an, erreichte aber nur Cordula. Georg war wie sonnabends immer nicht da, auch telefonisch nicht erreichbar. Sie konnte Eva kaum beruhigen, kein Wunder, wenn sie von ihrem Mann so enttäuscht wird. Immer und immer wieder versuchte Eva, Carsten auf dem Handy zu erreichen – vergeblich. Am Nachmittag haben sie sich in der Stadt etwas abgelenkt, sofern das überhaupt möglich war. Den Paul konnten sie dann bei einem Freund aus der Kita über Nacht unterbringen; der hat sich gefreut und die Eltern waren ganz unkompliziert. Wie es weitergeht, weiß sie auch nicht.
Oh doch. Remsen legte sich seinen Plan zurecht und arbeitete ihn jetzt genauso ab. Er entschied sich für einen Frontalangriff.
„Könnten Sie bitte uns kurz alleine lassen?“ Diese Bitte ging an Evas Freundin. Ihre Augen suchten etwas verzweifelt Eva, die aber nur kurz nickte und zu verstehen gab, dass es für sie okay ist.
Wieder allein nahm Remsen sich Eva vor. „Bitte antworten Sie genau: Wo war Ihr Mann? Wen hat er getroffen? Wer waren auf der Dienstreise seine Gesprächspartner?“
Eva beschlich ein ganz komisches Gefühl. So unsicher, so kotzelend fühlte sie sich noch nie. Hoffentlich war Carsten nicht in dem Unfall verwickelt. Trunkenheit am Steuer, Fahrerflucht. Oh Gott, wie schnell kann man in so etwas verwickelt sein. Sie hatte ganz tief im Inneren die leise Vorahnung, dass ihr Leben kurz davorstand, eine unselige Wendung zu nehmen. Jetzt durchhalten, Eva! Sie machte sich selbst Mut, soweit das in dieser Situation noch möglich war.
„Er ist am Dienstag zu einer Dienstreise nach Lemberg aufgebrochen. CodeWriter waren wohl schon länger dort in Kontakt zu neuen potenziellen Kunden. Carsten, Georg und ein, zwei andere der Firma waren im Laufe des Jahres auf einige Messen und Kongresse in Russland, Polen und der Ukraine. In anderen Ländern wohl auch; weiß aber nicht genau wo überall. Mit einem Interessenten aus der Sicherheitsbranche waren sie sich handelseinig; soweit ich das mitbekommen habe. Das ist eine Firma aus der Ukraine, aus Lemberg oder der Umgebung. Genaueres, kann ich Ihnen wirklich nicht sagen. Die Firma kenne ich nicht.“
„Aber Sie haben doch mit Sicherheit im Laufe der Woche mit Ihrem Mann telefoniert. Ich glaube Ihnen nicht, dass Sie so gar nichts wissen wollen. Wer bei CodeWriter wusste was von dem geplanten Deal?“
„Vor allem Karl Hausmann. Der muss das eingefädelt haben. Hausmann war schon seit längerer Zeit drauf und dran, die Geschäfte in Richtung Osteuropa auszuweiten. Georg, mein Schwiegervater, stand deswegen dauernd mit ihm im Clinch. Ich gehe auch davon aus, dass der Herzinfarkt Anfang des Jahres auf den Dauerstreit zurückzuführen ist.“
Remsen wurde nun doch langsam ungeduldig. „Wer wusste noch was? Ich kann mir nicht vorstellen, dass vor so einem wichtigen Auftrag nicht die halbe Firma mitgefiebert hat, ob der Vertrag auch tatsächlich zustande kommt.“
„Das müssen Sie Georg fragen, wenn er von seinen Wochenendeskapaden zurück ist. Aber was hat das alles mit Carsten zu tun?“
„Sie gehen davon aus, dass er eine Bekannte hat, bei der er sich gerade vergnügt, richtig?“ Gegenfrage, das beliebte Rezept von Remsen, seine Gesprächspartner unsicher zu machen.
Eva war wieder kurz davor, die verlassene Ehefrau zu geben und loszuheulen: „Was glauben Sie denn? Gestern noch telefonierte er auf der Rückfahrt mit mir und erzählte etwas vom Stau auf der Autobahn. Als wenn in Polen alle genau am Freitagnachmittag dort unterwegs sind, wo mein Carsten gerade langfährt. Geglaubt habe ich ihm das sowieso nicht.“
„Wissen Sie, mit dieser Art von Glauben kann ich nichts anfangen. Wo ist Ihr Mann?“ Die Frage formulierte Remsen so, dass selbst Frau Eva Weilham aufwachen musste. Ein letzter Versuch, dann wird es ernst. Er musste noch mehr von ihr herausbekommen; allerdings erschien ihm das immer mehr aussichtslos.
Remsen ließ nicht locker. „Was ist mit Ihrem Mann, Frau Weilham? Sie wissen, wo er ist. Falsche Scham bringt uns hier nicht weiter. Wir ermitteln in einem Unfall mit Todesfolge und Sie geben hier die verlassene Ehefrau.“ Das kam jetzt nicht mehr so angsteinflüsternd rüber, da Remsen es auf die ruhige und sanfte Tour versuchte.
„Ich kann Ihnen nichts sagen. Gestern am späten Nachmittag rief von seinem Handy aus an und sagte, dass er auf der Rückfahrt sei und noch vor Mitternacht zu Hause sein würde. Ich habe aber an seiner Stimme gespürt, dass da was war. Sie klang anders, angespannter als sonst. Der war nicht allein im Auto, ganz sicher.“
„Hatte er öfters mal, na ja sagen wir, sich woanders ausprobiert?“ Höflicher ging’s für Remsen nicht.
„Hören Sie, wie können Sie annehmen, dass Carsten ein Frauenheld ist? Er liebt mich und seinen Sohn über alles.“ Innerlich brach in ihr etwas zusammen, wohl ihr letzter Mut an Widerstand. „Na ja, im letzten Jahr war er öfter geschäftlich ja in Osteuropa; da soll für etwas Geld alles zu haben sein. Vielleicht hatte Carsten sich da öfter…“, bedient, dachte sich Remsen.
Ihm war inzwischen jede Rücksichtnahme egal: „Frau Weilham, ist das ihr Mann?“ Er holte ein Foto vom Unfalltoten aus seiner Tasche, legte es vor ihr hin und fixierte die Frau.
Ein herzzerreißender Schrei. Sie riss die Augen entsetzt auf und sackte in sich zusammen. Remsen stand unschlüssig daneben: Was jetzt tun? Diese Entscheidung nahm die verbannte Freundin ab, die wie auf Kommando in das Zimmer stürzte und sich um Frau Weilham kümmerte. Die lag halb schluchzend, halb heulend und ziemlich verkrampft auf dem Zweisitzer. Ihre Freundin nahm sie in die Arme und versuchte sie zu beruhigen. Dabei sah sie das Foto auf dem Tisch und nickte Remsen zu.
Schöne Scheiße!
Er suchte die Küche, verlief sich dabei im dunklen Haus, fand sie aber doch. Nachdem er ein einem der Schränke Gläser fand, ließ er den kalten Hahn eine Zeitlang offen und vergewisserte sich mit dem Hausfrauenfingertest, dass das Wasser angemessen kalt war. Die ersten zwei Gläser gehörten ihm. Er füllte ein zweites Glas und wollte es der Frau Weilham zur Stärkung bringen.
Sein Handy hielt ihn davon ab. Auf halben Weg kehrte er um, stellte das Glas ab und nahm das Gespräch entgegen. Dr. Ansbaum.
„Es war vergleichsweise einfach: Es ist Carsten Weilham. Wir konnten eine auffällige Narbe am rechten Oberschenkel entdecken und damit die einschlägigen Krankenhäuser in Vesberg kontaktieren. Bei einer privaten Chirurgie mit angeschlossenem Bettenlager haben wir einen Treffer gelandet. Der Abgleich der Bilder brachte die Bestätigung. Carsten Weilham spielte in seiner Jugend recht professionell Fußball und erlitt dabei eine heftige Fleischwunde. Muss länger gedauert haben, bis er wieder laufen konnte. Er ist es, kein Zweifel.“
„Danke Dr. Ansbaum, seine Frau hat mir das gerade auch bestätigt. Das hilft mir weiter. Wissen Sie schon, wer die Tote ist? Haben Sie schon was rausgefunden?“
„Nein. Keine Auffälligkeiten; keine Fußballernarbe, kein Tattoo, Piercing am Bauchnabel und im Scharmbereich. Auch im Zahnbereich nichts Auffälliges festzustellbar. Sollte es tatsächlich eine Osteuropäerin sein, dann haben die bei der Zahnpflege jede Menge hinzugelernt.“
„Osteuropa könnte stimmen; wahrscheinlich war Weilham die letzten Tage dort und hat seine Gespielin gleich mitgebracht. Jetzt wissen wir aber, wo wir ansetzen. Vielleicht erfahren wir über den alten Weilham oder CodeWriter noch mehr. Danke Ihnen Doc.“ Remsen drückte das Gespräch weg.
Frau Weilham fing sich inzwischen wieder etwas; zumindest sah es so aus, als er wieder ins Zimmer eintrat. Mit ihrer Freundin führte sie eine Art stumme Kommunikation.
„Frau Weilham, ich hoffe es geht Ihnen wieder besser?“ Remsen schaute etwas genauer hin, um zu prüfen, ob er sie mitnehmen kann. Sie sparte mit Worten, legte ihre Antwort in einen besonderen Blick ihrer Augen. Remsen deutete das als ein ‚Ja‘.
„Bitte machen Sie sich etwas frisch. Draußen wartet ein Streifenwagen. Sie müssen ihn identifizieren. Bekommen Sie das hin?“ Er reichte ihr das Glas Wasser.
Ihre Freundin spielte nun ungefragt ihre Beschützerin: „Sie sehen doch, wie es ihr geht. Das kann doch bis morgen warten. Nehmen Sie doch Rücksicht.“ Etwas hysterisch die Frau, zumindest für Remsen.
„Nein, das kann nicht warten. Es muss schnell gehen; wir suchen jetzt immerhin einen Mörder, vielleicht auch zwei oder mehr. Und wir haben hier zwei Tote und müssen ganz schnell die Spur aufnehmen. Das werden Sie doch verstehen. Begleiten Sie Frau Weilham?“
Sie gab auf, nickte nur und wandte sich Eva Weilham zu.
Remsen holte einen Beamten aus dem Streifenwagen ins Haus, instruierte ihn und schickte ihn ins Zimmer. Er selbst hatte jetzt jede Menge zu tun und begann zu telefonieren.
„Dr. Ansbaum? Frau Weilham wird gleich von den blauen Chauffeuren zur Identifizierung zu Ihnen gebracht. Noch ist sie etwas durcheinander, aber in einer Stünde müsste sie spätestens da sein. Eine Freundin wird sie begleiten. Ich gehe nochmal zu seinen Eltern; vielleicht erhöht sich bei Ihnen heute Abend die Besucherzahl noch einmal.“
Die Ausbeute kann sich sehen lassen: Wir kennen den Toten, wissen dass er in der Ukraine und nicht allein im Auto war und das CodeWriter mit drinsteckte. Das nenn ich mal einen Faden. Remsen klopfte sich virtuell auf seine eigenen Schultern.
Er rief in der W36 an und teilte seiner Kollegin die neue Entwicklung mit. „Er ist es. Der Tote ist Carsten Weilham. Nöthe soll alles über ihn und seiner Familie rausfinden. Wo er studiert hat, welche Freunde und Geschäftspartner er hatte, welche Hobbys er pflegte, wo er sein Bier trank und ja, wenn es sein muss, wo er seinen Testosteronspiegel abgebaut hat. Ich will alles wissen.“
Remsen war in Fahrt gekommen und holte nur kurz Luft: „Machen Sie sich über die Firma schlau; wir müssen alles über CodeWriter rausbekommen. Irgendwelche Unregelmäßigkeiten, Rechtsstreit, Steuern usw. Und nehmen Sie mir mal den Hausmann unter die Lupe. Notfalls holen wir ihn aus den Anden oder vom Amazonas wieder zurück. Und vom Weilham dem Alten auch. Ich will von dem alles, aber auch alles wissen. Keine Ahnung wo der gerade steckt; Sie vielleicht?“ Blöde Frage dachte sich Remsen gerade noch, als er sie gestellte.
Kundoban schien alles mitgeschrieben zu haben, jedenfalls machte sie nicht unbedingt den Eindruck, als wenn der Schwall an diktierten Aufgaben sie überforderte. „Wir haben schon von beiden Weilham's die Handyverbindungslisten vom Provider angefordert. Hausmanns Nummer haben wir noch nicht. Bei CodeWriter ist am Sonnabendabend niemand erreichbar.“
„Der Provider muss das wissen, die Nummer kennen. Die Firmen haben doch meistens so was wie Firmenverträge und alle Nummern bei einem Provider. Fragen da doch nochmal nach.“ Und Schluss; er drückte das Gespräch einfach weg.
Auf dem Weg zurück zu den Weilham‘s und zu Ulrich checkte er noch kurz seine Mails. Kundoban teilte ihm inzwischen mit, dass der Audi der CodeWriter etwa kurz nach 21 Uhr gestern Abend den Grenzübergang nach Deutschland passiert hat. Hat sie mir gar nicht erzählt, dachte er sich beim Lesen. Auf der Überwachungskamera war nur zu erkennen, dass zwei Personen im Auto saßen. Wie üblich, ein Mann am Lenkrad, eine Frau auf dem Beifahrersitz. Der Grenzschutz will noch andere Kameras auswerten, die tiefer hingen und so angebracht waren, dass sie bei guten Lichtverhältnissen auch die Gesichter in den Autos erkennen konnten. Das dauert aber, da das nicht die neuesten Geräte waren und keine Remote Bedienung möglich war.
So langsam wurde das Bild von gestern Abend zumindest für ihn etwas klarer. Für seine Ermittlungen hoffte er, dass der Fahrer im Auto tatsächlich der junge Weilham war. Es würde passen und vieles erleichtern. Während er noch den Gedanken nachhing und sich die nächsten Schritte überlegte, klingelte sein Handy erneut.
„Jan, komm her, der Weilham ist jetzt da und brüllt hier rum. Seine Alte ist einem Nervenzusammenbruch nah.“ Hansi der alte Polizist hat die Flatter. Und Remsen dafür eigentlich kein Verständnis, aber das so dringend nach ihm gerufen wird, kam ihm, egoistisch gedacht, nicht gerade unrecht.
„Werde bloß nicht zum Terroristen; halt dich zurück, ich bin gleich da.“ Remsen beschleunigte seinen Schritt. Nebenbei beorderte er per Telefon einen weiteren Streifenwagen zum Anwesen der Weilham's. Wenn der Alte durchdreht, kann man jede Hilfe gebrauchen.
Er klingelte; sein Kollege öffnete ihn sofort; hat wohl an der Tür gelauscht.
Remsen stürmte ins Haus und hielt schon im Flur seinen Ausweis in der Hand. „Remsen. Sie sind Herr Georg Weilham?“
Derart überrumpelt nickte Weilham nur und wollte gleich wieder zu neuen Tiraden ansetzen. Remsen schnitt ihm das Wort: „Wir ermitteln in einem Mordfall, betreffend Ihrer Familie und Ihrer Firma. Ist Ihnen das klar?“ Fast brüllte er die Frage raus und den Firmenchef an.
Weilham schüttelte entsetzt den Kopf und bekam kein Wort raus. Vielleicht war es Atemnot, er ist ja vorbelastet, oder der Mann war einfach nur überrascht. Dafür sprang Frau Weilham ein: „Mord in der Familie? Was wollen Sie damit sagen? Was ist hier los?“ Ihr Temperament schien mit ihr durchzugehen und sie stürzte auf Remsen zu. Hansi kam ihm überraschenderweise zu Hilfe; hätte Remsen gar nicht gedacht, und hielt Frau Weilham zurück.
„Wir haben Grund anzunehmen, dass bei dem Unfall gestern Abend zwei Insassen zu Tode kamen; ermordet wurden. Einer der Toten war eine Frau, der andere …“ Jetzt schnürte Remsen die Kehle; sein Mund war ganz trocken. Einer der beschissenen Momente in seinem Job.
Ulrich nahm ihm die Bürde ab: „Der Tote ist höchstwahrscheinlich Carsten Weilham. Wir haben von der Kriminalmedizin recht verlässliche Hinweise und müssen jetzt sichergehen. Wir brauchen deshalb Ihre Bestätigung, ob er es wirklich ist. Könnten Sie…?“
Cordula Weilham brach in tiefes Schluchzen aus. Für eine Mutter recht gefühlsarm, aber nicht ganz echt, konstatierte Remsen, der sich inzwischen wieder im Griff hatte. „Kann ich ein Glas Wasser bekommen? Hole ich mir auch selbst.“ Als beide Weilham's instinktiv nickten, suchte er heute Abend zum zweiten Mal eine Küche.
Georg Weilham schien inzwischen so etwas wie einen Zusammenbruch zu erleiden. Ulrich trat auf ihn zu, nahm den linken Arm und fühlte seinen Puls. Schaut weniger schlimm aus, entschied er, als er sich sicher war, dass der Rhythmus halbwegs in Ordnung war.
„Herr Weilham, ich muss Ihnen einige Fragen stellen; wird es gehen?“ Weilham zuckte nichtssagend mit den Achseln, halb nickte er und schien sich innerlich auf die Fragen vorzubereiten.
„Ich muss Sie jetzt fragen, wo Sie gestern Abend waren?“
Weilham dachte kurz nach und antwortete langsam: „Nach dem Büro war ich zum Essen in der Innenstadt verabredet. Danach bin ich nach Hause gefahren und habe mich auf den Tag heute vorbereitet. Sachen gepackt, Fahrrad auseinandergenommen usw. So gegen 22:30 Uhr sind wir schlafen gegangen, stimmt’s Cordula?“
Frau Weilham nickte zustimmend.
„Wo waren Sie mit wem zum Essen?“ Ulrich hielt schon Notizbuch und Stift bereit.
„Bei L’Angelo in der Sonnenstraße.“
„Mit wem?“ Weil Remsen sich in das Gespräch mit einschaltete, schaute Weilham etwas irritiert. „Mit einem Kunden, der einer unser sensiblen ist.“ Scheinbar wollte er nicht so einfach mit den Namen rausrücken. Remsens Erfahrung aber sagte, dass Weilham gleich aufgeben wird; also nicht nachlassen.
„Der Kunde hat sicher einen Namen – oder gibt es diesen überhaupt nicht?“
Weilham stutzte tatsächlich nur kurz. „Igor Abtowiz, Inhaber der Safety Objects. Es war ein übliches Routineessen, um die Kunden bei Laune zu halten. Wasserstandsmeldungen abfragen; Kundenbindung – mehr war da nicht.“
Ulrich, korrekt und ordentlich wie immer: „Wir werden das überprüfen.“
„Machen Sie doch; Sie werden nichts finden. Wir waren dort, gestern Abend.“ Weilham kam das alles so bedeutungslos, gar sinnlos vor; es geht um seinen Sohn und eine unbekannte Tote an seiner Seite.
Bei Remsen allerdings schrillten derart die Alarmglocken, dass er fast ein Schädeltrauma bekam. Die Tote eine Osteuropäerin, vermutlich. Weilham ist mit einem Russen beim Essen. Sein Sohn macht in der Ukraine Geschäfte. Da stinkt was ganz gewaltig.
„Ist Safety Objects denn schon Ihr Kunde? Was für eine Art Kundenbeziehung haben Sie mit dem Herrn Abtowiz?“ Ulrich wollte es mal wieder; dieses Mal musste er es ganz genau wissen.
„Vor etwa 4 Jahren gab es die ersten Kontakte, dann irgendwann haben die unsere Software gekauft. Wir sind auf Sicherheitssoftware spezialisiert; besser für Software die Sicherheitsfirmen einsetzen. Seitdem gab es immer mal wieder Anpassungen, Ergänzungen, Zusatzaufträge. Aber das ist doch jetzt egal, oder? Wie geht’s denn jetzt weiter? Wo ist mein Sohn?“
Ulrich übernahm die Antwort: „Das klären wir noch. Ich würde Sie beide bitten, mitzukommen. Sie müssen Ihren Sohn identifizieren. Ich begleite Sie; in ein paar Minuten?“
Zusammen mit seinem Kollegen ging Ulrich vor die Tür. Da beide nicht rauchten, eine echte Seltenheit in diesem Beruf, gingen sie vor dem Haus etwas auf und ab. Zunächst wortlos, nachdenklich. Dann machte Remsen den ersten Zug: „Organisierte Kriminalität. Sicherheitsfirma; von einem Russen geführt.“
„Da ist was schiefgelaufen und der Junior musste dran glauben. Mittelpunkt oder Versehen?“ Ulrich spielte im Kopf einige Szenarien durch. „Geschäftemacher? Mittelpunkt! Und wer ist die Tote?“
„Fragen wir gleich mal nach, wenn die beiden da sind. Bin gespannt ob der Weilham weiß, dass sein Sohn nicht alleine unterwegs war; ob es eine Freundin, Geliebte oder was auch immer war.“
„Die verheimlichen uns was, das sagt mir meine innere Stimme.“
„Was meinst du: Zeugen oder Verdächtige die beiden?“
„Sowohl als auch. Der alte Weilham ist mit Sicherheit unser Hauptverdächtige, zurzeit zumindest; auch wenn es sein Sohn ist oder jetzt war. Das muss aber nichts heißen.“
„Mal ehrlich, geht hier bei euch Geschäft über Familie?“
„Mensch Jan, deine Vorurteile sind so was von hartnäckig. Wie lange geht das noch?“
Remsen zuckte nur mit der Schulter und wählte inzwischen schon wieder Kundoban‘s Nummer.
„Hallo, können Sie bitte mal alles über Safety Objects und einen Igor Abtowiz in Erfahrung bringen.“ Nein, das war keine Frage, eher die versteckte Form einer klaren Anweisung.
„Jan, wir stecken hier voll in Arbeit; mehr Leute sind nicht verfügbar. Wir tun, was wir können.“
„Okay. Okay. Ich bin gleich bei Ihnen; muss jetzt auflegen.“ Die Weilham's fingen sich leidlich und traten gerade aus dem Haus.
„Herr Weilham, noch eine Frage: Wo war Ihr Sohn gestern eigentlich?“
„Bei einem Kunden, in der Nähe.“ Kurz und knapp, aber tonlos und ohne nachzudenken gab Weilham seine Antwort. Trotzdem mit Kalkül, denn die Polizei muss ja nicht gleich alles wissen. Er aber wollte jetzt wissen, was ihr überhaupt los ist. Und natürlich, ob sein Sohn wirklich tot ist. Das wäre sein Ende. Und er würde es durchziehen.
„In der Nähe? Geht es auch genauer?“ Remsen deutete Ulrich, den Firmennamen und die Adresse zu notieren. Am Tatort und eigentlich immer bei Ermittlungen ist er der Chef. Hanns-Peter notierte, was Weilham ihm diktierte. Beide Kommissare waren sich einig: Wir fragen später nach. Zwischendurch lassen wir die Angaben überprüfen. Doch Remsen sah sich schon in dieser Nacht bei einem langen Verhör mit Weilham, denn jetzt war klar: Er greift zu Lügen.
Cordula Weilham zeigte sich langsam ungeduldig und drängelte zum Aufbruch. Die nasse Kälte an diesem dunklen Novembertag hat sicher genauso dazu beigetragen, wie die Sorge um ihren Sohn.
Remsen hatte aber noch nicht genug: „Wissen Sie, wer die Tote sein könnte? Die…“ Er brach den Satz ab, da er kurz davor war, gegenüber den Weilham's ihren Sohn als tot zu deklarieren und herauszustellen, dass Frau Weilham jun. sich bester Gesundheit erfreute.
Jetzt war es an Frau Weilham, etwas lauter nachzufragen: „Wieso eine Tote? Soll die auch im Auto gewesen sein? Carsten war doch alleine unterwegs. Georg sag du mal was.“
Der hatte nichts Besseres zu tun, als nur zu nicken und in den Streifenwagen einzusteigen, dessen Türen für die beiden inzwischen geöffnet waren.
„Dauert es länger?“
Frau Weilham bekam entweder nichts mit oder war tatsächlich unwissend: Sie soll ihren Sohn identifizieren und es unklar, wo der die letzten Tage war und wer die Dame an seiner Seite war. Mutmaßlich.
Remsen setzte seinen ahnungslosesten Blick auf, denn er anbieten konnte und drehte sich weg. Sein Buick stand einige Parklücken weiter vorne.
Auf dem kurzen Weg dahin sog er die frische Luft tief auf. Dann im Auto entschied er, nicht gleich loszufahren. Er musste nachdenken. Ausnahmsweise blieb seine Soundanlage still. Wer Remsen genau kannte, das war eigentlich niemand, wusste, dass er damit seine Energie kanalisierte. Nichts sollte ihn stören; nicht einmal sein einzigartiger Musikgeschmack.
In einem kleinen, typischen Backsteinhaus in einem Vorort von Delft klingelte ein Telefon.
Lange.
Recht lange.
So war es ausgemacht.
„Ja.“ Der Angerufene nahm nach quälender Dauer dann doch das Gespräch entgegen.
Er hatte es erwartet. Und er war sich sicher, dass keiner diesen Anruf verfolgen kann. Seine Techniker leisteten ganze Arbeit und entwickelten ein eigenes IP-Protokoll. Damit wird das übliche SIP überlagert. Nach einem zufällig zusammengestellten Verwirrkurs wird jede Einzelverbindung, jede Strecke mit differenten Anonymisierungsalgorithmen geschützt, bevor sein eigenes Telefon angewählt werden kann. Über eine Funkstrecke mit bisher ungenutzten Frequenzbereichen. Der Anrufer ruft keine Nummer an, sondern wählt ein Codewort. Mit den zurückgegebenen Sequenzen und speziellen Signaturen als ganz individuellen Key, muss der dann ein weiteres, gerade erst zusammengestelltes, neues Codewort anwählen. Erst dann startet der Verbindungsaufbau. So arbeitete er schon immer.
„Auftrag ausgeführt. Vollständig.“ Der Anrufer hatte es merklich eilig, seine Botschaft loszuwerden und das Gespräch beenden zu wollen.
Der Angerufene ließ sich Zeit, sehr viel Zeit. Seine Irritationen musste er verbergen; der Anrufer sollte seine Erregung, besser Erzürnung, keinesfalls spüren. Keine Schwächen zeigen.
„So manche Wahrheit geht von einem Irrtum aus. Oder Lüge.“
Der Anrufer war fassungslos. Keine Antwort, keine Reaktion, die ihm daraufhin einfiel.
Wieder verging eine unerträglich lange Zeit, bis der Angerufene erneut sprach: „Bis morgen früh ist es erledigt.“ Er brach das Gespräch ab.
Der Angerufene wandte sich seinen Monitoren zu. Er sah Georg Weilham und seine Frau in ein Polizeiauto steigen. Er sah den verfluchten Kommissar, der selbstsicher zu seinem Auto ging. Er sah, dass überhaupt nichts erledigt war.
Verdammte Scheiße!
Sonnabend, 13. November 2010, in den späten Abendstunden
Remsen roch es schon auf dem Gang in sein Büro. Die haben doch nicht…? Doch, sie haben es getan: wieder beim Thailänder so eine Mischung aus halbgarem Fleische, gedünsteten Grashalmen und matschig-süßem Grünzeug bestellt. Reiskörner klebten dem Nöthe noch zwischen den Zähnen, als dieser den Chef erkannte und eine Begrüßung loswerden wollte. Dabei verteilte Nöthe etliche der Körner in seinem Umfeld. ‚Teilen‘ ist doch das Motto in der heutigen Facebook-Generation, oder nicht? Remsen schüttelte nur den Kopf.
Jutta Kundoban wischte sich die überschüssigen Körner ihres Kollegen mit Servietten weg. Vor allem jene, die es bis in ihre unmittelbare Nähe geschafft hatten und schmollte Nöthe mit einem derartigen Gesichtsausdruck, weil wenn es ihr Kollege fertigbrachte, ihr den Appetit gehörig zu vermasseln.
Remsen schaute von oben herab entsetzt in Kundoban‘s Styroporbehälter und meinte darin etwas krabbeln zu sehen. Zumindest kam es ihm so vor. Kundoban schaute ihn an und signalisierte ihm, dass sie eigentlich nicht …
Remsen war es egal und riss das Fenster auf: „Riecht ja hier wie in einer Frittenbude. Das Zeug kann doch keiner essen.“
Im Büro wurde es schnell recht kalt, sodass sein Team anfing zu murren. Es war ihm recht, denn er hatte sich für den Abend, gerade was sein Abendessen betraf, einen anderen Plan ausgedacht.
„Das Fenster bleibt auf. Wir treffen uns in drei Minuten alle am Kaffeeautomaten.“ Kaum gesagt, war er schon auf dem Weg dorthin, ohne nicht noch mal kurz im White Room reinzusehen.
Am Automaten angekommen, ließ eine brühend-heiße, dunkelbraun eingefärbte Flüssigkeit in einen Becher laufen, die nach Meinung der Automatenhersteller Kaffee sein sollte. Wenn Kaffee helfen soll, die Müdigkeit zu vertreiben, so weiß Remsen, dass er spätestens nach zwei von diesen Bechern hier Herzrasen mit aufgerissenen Augen bekommt. Deshalb versucht er meistens, diesen hier zu meiden. Aber jetzt am Sonnabendabend gab hier keine Alternativen, in der Zentrale vielleicht noch, doch bis dahin wollte er nicht… Und besser war die Brühe dort auch gerade, so seine Erfahrungen.
„Hier sind die Fotos der Überwachungskameras vom Grenzübergang. Exakt um 21:07 Uhr gestern Abend passierte Weilham jun. mit einer jungen Begleiterin und dem Audi VES CW 500 die Grenze und reiste nach Deutschland ein. Wir haben Fotos aus einschlägigen sozialen Netzwerken im Internet von ihm gefunden und mit diesen hier abgeglichen: Kein Zweifel: Carsten Weilham war da drin und jetzt tot.“
Jutta Kundoban war die erste aus dem Team, die zu ihm stieß, jedoch aus guten Gründen keinen Bedarf an Kaffee mehr hatte. Nöthe und die beiden Reservisten trafen inzwischen auch am Automaten ein; alle drei mit jeder Menge Unterlagen unterm Arm.
„Wir nehmen den Tisch da.“ Remsen deutete auf eine Besprechungsecke und steuerte darauf zu. „Dr. Ansbaum hat das auch schon festgestellt und Eva Weilham brach zusammen, als ich ihr das Foto ihres toten Mannes zeigte.“
„Jan, waren Sie mal wieder so einfühlsam wie der berühmte Holzklotz?“ Kundoban wusste einerseits, dass das Überbringen von Todesnachrichten auch ihr nicht leicht fiel, aber andererseits, dass Remsen nach dem „Jetzt-oder-Nie-Verfahren“ die Betroffenen einfach mit der Tatsache konfrontierte und abwartete was danach passiert. Wenn es irgendwie ging, dann überließ sie immer einem anderen ihrer Kollegen diesen Job.
„Haben wir inzwischen irgendwelche Anhaltspunkte, wer die Tote auf dem Beifahrersitz sein könnte?“
Da alle am Tisch mit dem Kopf schüttelten, war klar, dass sie in dieser Angelegenheit dringend mehr Informationen bräuchten. Möglichst schnell, möglichst viele.
„Herr Nöthe, was hat Ihnen die Frau Weilham erzählt?“ Bevor der junge Mann einschläft, wecken und befragen wir ihn doch mal. Remsen war angespannt und erwartete von seinem Team, dass alle sich ebenso in die Ermittlungen reinhängen. So wie er es vorlebte.
Benjamin Nöthe schaute etwas unsicher: „Naja, nicht so viel Verwertbares. Sie sprach von ihrem Mann, dem Herzinfarkt Anfang des Jahres und von der vielen Arbeit bei CodeWriter. Sie meinte, dass ihr Mann wohl schon ziemlich lange mit dem Partner bei CodeWriter, Karl Hausmann, im Clinch lag, unterschiedliche Auffassungen zur Firmenführung und zur weiteren Entwicklung hatten, aber auch, dass nach dem Zusammenbruch die Rangfolge bei CodeWriter geklärt sei. Etwas süffisant, eher abwertend betonte sie das.“
„Ja und, das war’s? Mehr nicht?“
„Sonnabends geht der alte Weilham immer seine eigenen Wege. Sie weiß wohl nur, dass er mit sich alleine sein will, viel Sport macht, immer sein Rad dabei hat. Meistens ist er zur Sportschau wieder zurück.“
„Okay, das kennen wir alles. Was meinte sie dazu früher? Vor CodeWriter? Vor der Vereinigung? Wie haben sie sich kennengelernt?“
„Da war sie sehr zugeknöpft. Hat an der Universität gearbeitet und lebt seit einiger Zeit zurückgezogen. Sie verbringt wohl viel Zeit mit ihrer Schwiegertochter und dem Enkel. Von Konflikten oder so erzählte sie nichts. Habe wirklich einige Male nachgefragt. Wie mir schien, ist sie mit sich und der Situation recht zufrieden; oder hat sich arrangiert – wie man’s nimmt.“
„Partei? Stasi? War da was?“ Musste Remsen dem jungen Assistenten alles einzeln aus der Nase ziehen? Er kam sich wie ein HNO-Arzt vor; nur wollte er nicht mit der Zange ...
„Von einer Parteikarriere war nicht die Rede, aber das lasse ich überprüfen.“ Nöthe deutete auf einen der beiden Verstärker im Team, der den Hinweis nur bestätigte. „Sie hat sich eher kritisch zur Situation vor der Vereinigung geäußert. Ich glaube nicht, dass sie mit den Diktatoren gemeinsame Sache gemacht hat.“
„Wie lange sind die beiden eigentlich schon zusammen, ein Paar?“ Jutta Kundoban, eine Frau, pragmatisch und scharfsinnig. Die Frage kam von ihr, nicht ganz ohne Hintergedanken, denn heutzutage ist es fast schon unanständig, wenn eine einmal eingegangene Beziehung ewig hält.
„Keine Ahnung, auch das sollten wir rausbekommen.“ Der Assistent vom Assistenten machte sich dazu einige Notizen.
Kundoban sah jetzt Remsen an: „Hat denn Georg Weilham oder die Eva Weilham nichts dazu gesagt, mit wem Weilham jun. unterwegs war?“ Der Angesprochene zuckte nur mit der Schulter und verneinte die Frage. Er konzentrierte sich auf die Frage, von woher Weilham gestern Abend wieder zurückkam.
„Bekommen wir von polnischer Seite Informationen, wo er überhaupt war? Die müssen doch auch eine Autobahnüberwachung haben; bei so vielen Fördergeldern, wie die von der EU bekommen. Es muss doch rauszubekommen sein, ob sein Auto gesichtet wurde.“
„Jan, du weißt doch, da brauchen wir ein offizielles Amtshilfegesuch, muss von ganz oben genehmigt werden. Jetzt am Sonnabendabend?“
Oh, da war sie wieder, die schlimme Stelle in ihm: „Diesen Sepp muss ich ohnehin heute noch informieren; da kann er gleich mal loslegen und uns helfen.“
„Hat keiner gehört.“ Das war mehr eine Anweisung in Richtung der beiden Unterstützer, dichtzuhalten und Remsens Entgleisung zu vergessen; ist ja immerhin der Chef.
„Gibt’s was Interessantes zu CodeWriter?“
„Eher nicht. Zumindest der erste Eindruck bringt nichts Außergewöhnliches. Die Bilanzen scheinen zu stimmen. Wenig Öffentlichkeitsarbeit von denen. Hausmann ist gelegentlich auf Konferenzen im Sicherheitsbereich unterwegs. Auf einer internationalen Fachmesse der Astrophysiker in Kairo ist er mal von einigen Jahren als Redner aufgetreten. Es ging angeblich um irgendwelche Verfahren für Auswertungen eines Forschungsteams für einen Kometen. CodeWriter entwickelte die Software dazu. Sonst eher nichts Aufregendes.“
Nöthe setzte ein strahlendes Lächeln auf, weil er weiß, dass er bei den Nachforschungen für CodeWriter recht viel beisteuern konnte.
„Machen Sie hier ein Schülerpraktikum oder was?“ Remsen hatte seine eigene, andere Meinung zu den Ergebnissen seines Assistenten. „Sie sollen Unregelmäßigkeiten feststellen. Nur die helfen uns weiter. Da kommt der Junior Chef von einer Dienstreise aus Osteuropa zurück und sie erzählen mir was von einem Astrologenkongress in Kairo.“
„Astrophysiker, Jan.“ Kundoban‘s schlechter, unnützer Versuch, zu schlichten.
„Mir doch egal. Ich brauche Indizien, wer hinter der Tat stecken könnte. Warum und mit welchem Motiv. Hatten die Weilham's Feinde? Oder der Hausmann? Oder alle zusammen? Das will ich wissen und nicht wie die Sterne stehen.“
Bei Remsen stiegen der Unmut und natürlich auch der Puls in ungekannte Höhen. „Verdammt lange dauert mir das. Zu viert wart Ihr dran und dann so was.“
„Ein Grashalm wird auch nicht länger, wenn man daran zieht, Jan.“ Kaum sprach sie dieses, hier und jetzt unselige Zitat aus, wusste sie: Das war blöd von ihr.
„Klar, jetzt liegen die gegrillt bei uns im Büro und alle werden satt davon.“ Grashalme, Thai-Fraß. Remsen schüttelte nur den Kopf und stand auf, um sich einen zweiten Becher dieser Brühe zu genehmigen. Er schlürfte uninspiriert zum Automaten und ließ seine Truppe am Tisch zurück. Einmal Self Pain Soup bitte.
„Remsen.“ Hansi meldete sich auf seinem Handy: „Was gibt’s Neues von der Identifizierung des Toten?“
„Ja – er ist es. Die Alte ist erstaunlich cool geblieben; nur unser Weilham wäre uns beinahe aus den Latschen gekippt. Einmal Herz, immer Herz. Ich lass die beiden jetzt nach Hause fahren.“
„Nein. Frau Weilham kann fahren, aber Georg Weilham bringst du bitte gleich her, am besten in den VR3. Ich erwarte dich dort.“ Jetzt kommt Bewegung in die Sache und Remsens Plan für heute scheint aufzugehen. Minimale Erfolge befeuern den Eifer, erleichtern weitere Schritte und hartnäckiges Nachfassen. Nur so lassen sich auch die kniffligsten Fälle lösen.
Der Vernehmungsraum Nr. 3 ist ihm von allen der Unangenehmste. Dort gibt es kein Fenster und nicht mal eine Heizung. Remsen liebt diesen Raum, weil dort die Vernehmungen erstaunlich kurz dauern. Muss wohl an der ganz speziellen Atmosphäre liegen; Remsen grinste in sich hinein. Was bisher noch niemand bekommen hat, ist immer noch sein Geheimnis: Von Hamburg her hatte er eine ganz besondere Vernehmungsmethode mitgebracht: die Qual des Stillsitzens. Eines Nachts kürzte er ganz einfach die beiden vorderen Beine des Stuhls. Jener Stuhl, auf dem die Vorgeladenen saßen, um etwa 6 bis 7 Millimeter. Seitdem achtete er peinlich darauf, dass der Stuhl niemals ausgetauscht wird und ausschließlich den Gästen vorbehalten blieb.
„Nöthe, Sie und Sie beide…“ er deutete auf die Verstärkung, „recherchieren weiter: CodeWriter; Weilham's, beide Sippen: Ob jung oder alt – heute und früher, ich will alles wissen; Hausmann ganz besonders und ach ja, gibt es schon Informationen zu Igor Abtowiz?“
„Noch nicht allzu viel Verwertbares. Er ist Inhaber einer Sicherheitsfirma, die sich interessanterweise recht seriös gibt. Nichts Auffälliges.“
„Nichts Auffälliges? Ein Russe führt ganz sauber eine Sicherheitsfirma? Klingt ganz so, als wenn ein Wahnsinniger die Klicke in Nordkorea zu Superdemokraten auf Lebenszeit ernannt hat.“
„Pole.“ Der ganz diskrete Hinweis aus dem Hintergrund kam von Kundoban. „Abtowiz ist ein Pole, kein Russe.“
„Okay liebe Leute, ab morgen sind eure Autos sicher.“ Schlechter Scherz, aber mehr fiel Remsen dazu nicht ein. „Das macht die Sache auch nicht besser. Und jetzt? Wenn bei der Sicherheitsfirma nicht mindestens eine Leiche im Keller liegt, verkaufe ich meine Vinylsammlung bei eBay – komplett.“
„Wenn es dafür Abnehmer gibt…“ Jutta Kundoban konnte sich das nicht verkneifen, denn sie wusste, dass Remsen das niemals übers Herz bringen würde und dass Safety Objects mit absoluter Sicherheit nicht sauber war. Tolles Wortspiel, so spät am Abend, fiel ihr aber erst später auf.
„Also los, worauf warten wir noch. Morgen früh um 8:00 Uhr sehen wir uns alle hier wieder.“ Remsen stand auf und wollte schon losmarschieren, drehte sich aber wiederum: „Hat jemand eine Kaffeemaschine, die er mal entbehren kann? Mit Kaffee dazu natürlich, bitte.“
Holla, aus dem Hintergrund kam eine Antwort: „Gebongt.“ Ulrich trudelte gerade heran, hatte die Frage, war wohl mehr eine Bitte, noch mitbekommen und wedelte so mit dem Arm, dass allen klar war: Morgen am heiligen Sonntag gibt es vernünftigen Kaffee.
„Was machen wir mit Weilham? Er sitzt im VR3 und wird von Minute zu Minute nervöser.“ Ulrich besaß zwar seine eigene Theorie, wie er vorgehen würde, aber er weiß, dass sein Partner bei Vernehmungen äußerst geschickt und clever vorzugehen weiß. Genau deshalb überlässt er bei Befragungen gerne Remsen das Feld.
Remsen deutete an, dass sie sich erstmal Zeit lassen und im Büro die Dokumente sichten werden. Sofern dort Luft und Temperatur wieder Normalwerte annehmen. Der Thai-Geruch war fast nicht mehr vorhanden und die Heizung voll aufdreht. Also rein.
Remsen griff sich die Fotos von der Überwachungskamera und zeigte sie Ulrich. „Sollte Weilham uns weiterhin anlügen, dass darf er gleich für heute Nacht hier einchecken. Mal sehen, welche Taktik er sich zurechtgelegt hat. Haben wir noch etwas in der Hand?“ Ulrich schüttelte mit dem Kopf und sah nicht so aus, als wenn er mit Euphorie der kommenden Befragung entgegensah.
„Herr Weilham, mein Beileid. Vielen Dank, dass Sie uns geholfen und Ihren Sohn identifiziert haben.“ Remsen machte eine Pause, auch wenn ihm das außerordentlich schwerfiel. Immerhin log der Mann nachweislich. Er wartete auf eine Reaktion, aber Weilham rutschte nur etwas unbeholfen auf seinem Stuhl umher. „Dürfen wir Ihnen was zum Trinken anbieten, Wasser oder Kaffee?“
Weilham reagierte kaum wahrnehmbar ablehnend und war mehr mit sich selbst beschäftigt, als auf die Fragen der Polizisten zu achten. „Ich will nach Hause; meine Frau ist alleine. Das ist einfach nicht gut. Ich muss zu ihr.“
„Wir haben da noch ein paar Fragen an Sie. Wenn wir alles geklärt haben, dann bringen wir Sie nach Hause.“ Ulrich mischte sich ein und versuchte Weilham zu beruhigen.
„Kommen wir noch mal auf die Dienstreisen Ihres Sohnes der letzten Woche zurück. Sie sagten vorhin aus, er hätte Kunden besucht. Wer war das genau?“ Remsen begann mit einer ganz perfiden Vernehmungstaktik; ganz harmlos anfangen und dann richtig zermürben.
„Ich sagte doch er war bei Safe Guard United; einem langjährigen Kunden, um über Budgets und Aufträge für das neue Jahr zu sprechen. Planungsphase eben, wie jedes Jahr.“
Während sein Hansi den Assistenten mimte, tippte Kundoban auf ihrem Smartphone herum.
„Wo finden wir den Kunden? Wer ist dort Ansprechpartner?“
„In Berlin, irgendwo in Mitte glaube ich. An den Namen des Ansprechpartners kann ich mich nicht genau erinnern; irgendwas mit ‚Berg‘, Linderberg oder so. Muss aber nicht stimmen; aus der Kundenbetreuung bin ich komplett raus.“
Remsen legte nach: „Und wann war Ihr Sohn beim Kunden? Bitte ganz genau Her Weilham.“
„Was wollen Sie denn? Glauben Sie mir nicht? Carsten war dort, soweit ich mich erinnere. Er fährt kurz vor dem Jahreswechsel alle Kunden an und macht mit ihnen die Planungen. Ist doch überall so – bei Ihnen nicht?“
„Unsere Kunden überlegen es sich meistens kurzfristig, ob sie mit uns in Kontakt treten. Das kann man so nicht planen. Zumindest kennen wir hier keine Planwirtschaft.“ Allgemeines Gelächter im Raum bestätigte, dass Remsen mit seiner Art des Sprüche Klopfens gerade zur Höchstform auflief. Remsen der Meister des objektiven Sarkasmus. Obwohl sich seine Kollegen nicht sicher waren, ob an ihm nicht schon Züge eines ausgeprägten Zynismus erkennbar waren.
„Vielleicht Herr Weilham können Sie jetzt noch die Angaben zu den Reisedaten nachliefern oder sind Sie da auch raus?“ Remsen ließ mit seinen sarkastischen Sprüchen nicht locker. Wenn er einmal in Fahrt war…
„Hören Sie, mein Sohn liegt da unten auf dem Seziertisch oder vielleicht schon im Kühlregal und ich soll mich hier auf Kleinigkeiten konzentrieren, die mich eigentlich nichts angehen.“ Weilham versuchte sich am Delinquenten-Aufstand; ja, er stand sogar auf und rieb sich am Hinterteil.
Schmerzt wohl etwa, dachte sich Remsen. „Hinsetzen.“ Recht schneidend kam von ihm der Befehl zur Herstellung der Vernehmungsordnung. Weilham tat es auch. Widerwillig, das sah man ihm an.
„So, und jetzt bitte Tag und Uhrzeit für alle Dienstreisen und Termine der letzten Woche Ihres Sohns.“ Bei Remsens unmissverständlicher und mit knallharter Stimme formulierten Anweisung zuckten alle etwas zusammen.
„Meines Wissens von Dienstagmorgen bis gestern Abend. Genauer müsste ich es im Reisekalender nachschauen. Hier habe ich keinen Zugriff darauf.“
Jutta Kundoban dachte wie gewohnt recht pragmatisch: „Herr Weilham, Sie sind Informatiker, Softwareentwickler, und Sie wollen uns erklären, dass Sie kein Smartphone haben? Hier auf Ihrer Website…“ sie zeigte auf ihr eigenes Smartphone „bewerben Sie Ihre Apps. Sie wissen doch was Apps sind. Oder soll ich Ihnen das erklären?“
Remsen mischte sich ein: „Ich erklär Ihnen das mit den Apps mal.“ Logischerweise hatte Remsen davon keine Ahnung, aber als Laie könnte er einen hervorragenden Schulmeister abgeben. Seine Kollegin schaute skeptisch drein.
Es war die entstandene kurze Pause, die das Gespräch ins Stocken brachte. Weilham schaute jetzt doch etwas verdutzt drein und beendete diese mit einer Gegenfrage: „Welche Frage soll ich zuerst beantworten?“
„Meine!“, mischte sich Remsen wieder ein. „Meine erste Frage nach den Dienstreisen. Dann können Sie uns gerne einen Vortrag zu Ihren Apps halten. Wir hören dann auch nicht zu.“ Wir müssen uns ja nicht jeden Unsinn anhören, dachte sich Remsen. Doch Zynismus der ausgeprägten Art, Arroganz oder eine Mischung aus beiden; das war auf jeden Fall Remsens schärfste Waffe. Selbst Ulrich musste das immer wieder anerkennen.
„Ich sagte doch, von Dienstag bis gestern.“ Er wollte in die Innentasche seines Jacketts greifen, aber wie auf ein unsichtbares Kommando sprangen Remsen und Ulrich nach vorn, um Weilham daran zu hindern.
„Lassen Sie uns das bitte machen, morgen soll ein schöner Tag werden.“ Und den will ich gerne erleben, wollte Remsen noch anfügen, aber er griff nach dem Smartphone und beließ es dabei. Die Dinger sind nicht ganz sein Ding, sodass er es gleich an Kundoban weiterreichte.
Die stand bislang an der Wand gegenüber von Weilham gelehnt, legte ihr eigenes Smartphone weg und nahm jetzt an der Seite von Weilham Platz.
„Die PIN bitte.“ Remsen erkannte, dass Weilham in dieser Phase des Gesprächs ohne Druck überhaupt nicht mehr funktionierte. Denn der schüttelte den Kopf und rührte sich nicht.
„Herr Ulrich, könnten Sie bitte mal bei der Rezeption einen späten Gast anmelden und nach einem Einzelzimmer nachfragen?“ Remsen bekam sichtlich seinen Spaß, was man von Weilham nicht sagen konnte. Aber, er war plötzlich bereit, der Polizistin seine vier Ziffern zu nennen.
Sie tippte diese ein und bekam Zugriff auf alle Apps. „Wie finde ich den Reisekalender?“
Weilham half ihr beim Navigieren, bis sie beim Kalender von Carsten Weilham waren. Kundoban machte dessen Kalender auf, suchte die vergangene Woche und staunte nicht schlecht. Nein, sie schaute richtig irritiert. Remsen merkte das natürlich und schaute verblüfft auf das Display des Gerätes, welches Kundoban ihm vor die Nase hielt: Kein Eintrag!
Weilham schaute auch verunsichert drein: „Ja, was ist jetzt? Was steht da?“
Remsen übernahm die Antwort: „Wenn Sie raten dürften, würden Sie auf ‚Nichts‘ tippen?“
„Nein, da muss was stehen. Carsten ist, äh war, recht gründlich. Sein Kalender war immer gepflegt.“ Jetzt schaute auch er verdutzt auf das Smartphone und stellte fest, dass der Kommissar nicht gebluffte. „Wie kann das sein?“
„Die Frage gebe ich gerne wieder an Sie zurück, Herr Weilham.“ Ulrich wollte auch mitmischen und brachte sich mit dieser Antwort wieder ins Gespräch ein.
„Aber er war dort. Ich habe mit ihm mehrere Male die letzten Tage telefoniert. Das können Sie doch da sehen.“ Er deutete auf sein Smartphone; jetzt in den Händen der Polizistin. Sie scrollte schon durch die Anruflisten und sah in der Tat einige Anrufe von Carsten an Georg Weilham; den letzten gestern Nachmittag, etwa 7 Minuten lang.
Remsen stand etwas abseits und war mit sich beschäftigt: Ich mag keine Karussells, aber der Gesprächsverlauf erinnerte ihn an die permanente Rückkehr zum Ausgangspunkt. So ahnungslos kann er als Firmenchef und Vater doch gar nicht sein. Fakt ist: Carsten Weilham war unterwegs, nicht allein und vor allem nicht in Deutschland.
Sein Trumpfass wollte er aber noch nicht ausspielen. Er will Weilham dazu bringen, dass er seinen Irrtum selbst korrigiert, so etwas wie eine zweite Chance erhält. Wenn Weilham nur unter den besonderen Umständen des Todes seines Sohnes die Spur verloren hat und sich nicht traut, das ohne Gesichtsverlust zuzugeben, will er ihm wenigstens eine Brücke bauen. So hat er das schon oft gemacht und damit jede Menge erreicht. Seine innere Stimme jedoch sagt ihm, dass hier was nicht stimmt und der alte Weilham, trotz des Verlusts seines Sohnes, immer noch klar im Denken ist. Also, warum lügt dieser Mensch? Was verheimlicht er uns? Und warum tut er das? Was spielt er uns hier vor?
Er muss sich mit diesen Fragen beschäftigen und Antworten finden. Heute noch. Remsen weiß, dass die ersten 48 Stunden ganz entscheidend sind, ob ein Mord aufgeklärt wird oder sich die Ermittlungen quälend lange hinziehen, bis sie dann ohne richtiges Ergebnis eingestellt werden. Außer den Ermittlern hilft ein Zufall. Daran mag Remsen nicht glauben. Andererseits ist Weilham sen. ja kein Verdächtiger, noch nicht. Zum Tatzeitpunkt war er nach gesicherten Erkenntnissen zu Hause und scheidet zumindest vorerst aus. Dumm nur, dass er falsche Angaben zur Dienstreise seines Sohnes machte, wissentlich und bewusst oder nur, weil er unter Stress stand. Es muss jetzt was passieren.
Karl-Heinz Egger, Chef der Unlimited IT Equipment AG in Vesberg, ist ein begüterter Geschäftsmann. Er ist es gewohnt, dass der Erfolg an seiner Seite ist und er die Geschicke selbst bestimmt. KHE, wie ihn Freunde und Hasser gleichermaßen nannten – von beiden gab es in seinem Umfeld jede Menge, war selbstbewusst, eigentlich mehr arrogant. Denn er sah sich als personifiziertes Alphatier; als eines jener Exemplare, die kein weiteres neben sich akzeptieren. Das machte es ihm leicht, sich gegenüber Mitarbeiter und Geschäftspartner so zu artikulieren, wie er es für richtig hielt. Kompromisse sah er immer dann angebracht, wenn sie nach seinen Vorstellungen eingegangen wurden. Er war sich seiner Starke, bestimmte die Spielregeln und überlies es allen anderen, sich diesen unterzuordnen. Jede Menge Leichen pflasterten seinen Aufstieg. Nicht Leichen im eigentlichen Sinn, sondern ehemalige Mitstreiter, die er aus recht unterschiedlichen Gründen aus dem Weg räumen musste.
Das war nicht immer so. KHE galt zu Beginn seiner Laufbahn eher mittelmäßig. Das war in der DDR damals aber kein Problem. Sein Studium schaffte er irgendwie und danach wenig motiviert, sich zielstrebig eine Karriere aufzubauen. Schnell wurde ihm klar, dass es in der ehemaligen DDR mehr Chancen des Aufstiegs und der Anerkennung gab, wenn er sich auf die staatstreue und parteipolitische Linie einließ.
Als Parteimitläufer begann er als kleines Rad im Parteiengetriebe. Egger lernte recht schnell, wie man sich unentbehrlich machen konnte. Klug brachte er sich in die Parteiarbeit ein und wurde zu einem Eiferer, der ihm neue Freunde und immer mehr Feinde einbrachte. Weil er sich als aktives Parteimitglied bewährte, wurde für ihn in einem Staatskonzern eine Position als Abteilungsleiter freigemacht.
Er gab den Wonneproppen, fühlte sich in der Aufgabe richtig wohl und drangsalierte die Mitarbeiter seiner Abteilung. Weniger aus fachlichen Notwendigkeiten heraus, mehr als Parteifunktionär und Agitator. Egger wollte aus seiner Abteilung eine Vorzeigeorganisation, vor allem in politischer Hinsicht machen. Die Partei sollte sich auf ihn und seine Mitarbeiter voll verlassen können. Denn er nahm sich Größeres vor: Er wollte der hauptamtliche Hauptparteifunktionär im Kombinat, wie man die großen Unternehmen damals nannte, werden. Das versprach ganz viel Geld, enorme Achtung ihm gegenüber und vor allem Macht. Macht, um über das ganze Unternehmen, die Generaldirektion, die Möchtegernchefs und vor allem die Mitarbeiter herrschen zu können. Dieser Weg war für ihn vorbestimmt; davon war Karl-Heinz Egger überzeugt.
Es kam anders, ganz anders.
Als die Ära des politischen Ungehorsams auch in der DDR einzog, wurde es zunächst für ihn recht ungemütlich. Einige wenige der Revoluzzer, wie Egger sie bezeichnete, setzten ihm heftig zu; Parteisoldaten wie er hatten von nun an keine ruhige Minute mehr. Glück für ihn war, dass anders als in anderen ehemals kommunistischen Frontstaaten, hier keine Hetzjagden veranstaltet wurden. Natürlich, es gab recht heftige Auseinandersetzungen mit den Reformern, aber es blieb bei Wortgefechten. Meistens jedenfalls.
Über seine Zukunft machte er sich immer noch wenige Gedanken, denn er war fest davon überzeugt, dass sich alles wieder einrenkt und so wird, wie er es gewohnt war. In diesem Verständnis war er erzogen, Alternativen dazu sah sein Lebensentwurf nicht vor. Bis zu jenem Tag, der im Oktober 89 alles, auch sein Leben veränderte. Nachdem die Parteiführung sich zum letzten Mal feiern ließ und alle Versuche, die sich anbahnenden Veränderungen bis zu diesem Tag im Keim zu ersticken relativ erfolgreich waren, verhinderte der Liebesentzug des großen Freundes Blutvergießen nach der Party. Die eigentliche Wende war da und KHE spürte es.
Egger dachte um und verließ seine Partei. Je eher, umso weniger erinnern sich die neuen Machthaber später daran, welche Rolle er in der Diktatur einmal gespielte. KHE war clever und inszenierte sich als Welterneuerer. Er setzte sich durch und übernahm die freigewordene Leitung im Unternehmen, dieses Mal als Direktor. Egger besorgte sich Bücher über Marktwirtschaft und Unternehmensführung. Nächtelang verschlang die Seiten und wandelte sich zum „Direktor gnadenlos“. So nannte ihn die Belegschaft immer mehr.
So paradox es auch klingen mag: Aus seiner Sicht kamen KHE die wegbrechenden Aufträge, später waren es ganze Märkte und der immer weniger wirksame Schutz der kommunistischen Finanzglocke zu Hilfe. Er betätigte sich als harter Sanierer und entließ vor allem jene Eiferer, die ihn selbst noch vor Kurzen aus dem Unternehmen vertreiben wollten. Obwohl monatlich die Umsätze immer weniger wurden, verstreute er bei seinen Auftritten vor der verbliebenen Restbelegschaft Zuversicht und appellierte an das Durchhaltevermögen. Egger konnte aber ebenso wenig verhindern, dass das Unternehmen der Insolvenz entgegen schlitterte, wie die Tatsache, dass damit seine Tage als Unternehmenschef gezählt waren.
Es musste Hilfe her.
Die kam in Gestalt der Treuhand. Noch vor der offiziellen Vereinigung gegründet, erhielt sie den Auftrag, die Unternehmen der DDR zu einem Spottpreis zu verscherbeln und den sogenannten Investoren den Zugriff auf neue Märkte zu sichern. Zumindest nahm Egger das so wahr und ihm konnte eigentlich nichts Besseres passieren. Da sein Unternehmen trotz der schlechten Entwicklung der letzten Monate noch über ausreichend Reputation, Wissen und gute Mitarbeiter verfügte, dauerte es nicht lange, bis er mit Anstaltsvertretern an einem Tisch saß.
Deren Plan war bereits beschlossene Sache; Egger konnte nur noch versuchen, das Beste daraus zu machen. Er nutzte seine Kontakte zu seinen damaligen Parteifreunden, von denen es einige in die Treuhand geschafften. Egger brachte Details zur geplanten Privatisierung in Erfahrung und empfahl sich bei den potenziellen neuen Eigentümern. Die Verhandlungen waren nervenaufreibend, denn die Rolle, in der er sich hierbei befand, war eher die eines Bittstellers. Und darin kannte er sich einfach nicht aus. Die Hoffnung, im neuen Unternehmen an vorderster Front mitzuspielen, schien sich lange Zeit nicht zu erfüllen. Das Unternehmen wurde für einen lächerlichen Preis einem global agierenden IT-Konzern zugesprochen; es entstand die Unlimited IT Equipment AG. Vesberg war anscheinend für die neuen Eigentümer ideal, um erst einmal hier und dann in Osteuropa gute Geschäfte zu machen.
Egger begrub beinahe seine Ambitionen, als das Schicksal es wieder gut mit ihm meinte. Aus lange für ihn unerklärlichen Gründen, zeigten die Besitzer der uIT AG doch Interesse an seiner Person, sodass recht schnell und im Stillen über seine Anstellung verhandelt wurde. KHE stieg zum mächtigen Vorstandsvorsitzenden der uIT AG auf und begann sofort, sich sein eigenes Reich zu bauen. Seine neuen Geschäftspartner brachten reichlich Kapital mit, machten klaren Vorgaben und ließen ihm jede freie Hand der Umsetzung. Egger wäre nicht Egger, wenn er diesen Spielraum nicht für sich genutzt hätte.
Inzwischen sitzt er fast 15 Jahre fest im Sattel. Mit eiserner Disziplin hat er die uIT AG zu einem erfolgreichen Unternehmen gemacht; ohne zu vergessen, Mitbewerber zu attackieren, ihnen mit legalen und durchaus auch anderen Mittel den Marktzugang zu erschweren oder gar die Kunden ganz abzuwerben. Sein Steckenpferd war von Beginn an die Geschäftserweiterung in Richtung Osteuropa. Oh, wie schön war es doch, dass die alten Kanäle und Kontakte noch immer funktionierten und sich auch dort viele ehemalige Kommunisten in Unternehmen oder Behörden festsetzen konnten.
Traumhaft!
Egger war realistisch genug, um sich seiner Sache nie sicher zu sein. Die uIT AG hatte jede Menge Feinde; viele davon befanden ganz speziell mit KHE im Streit. Denn KHE nannten ihn nicht nur Freunde. Es waren vor allem Feinde, alte Feinde, die nicht vergessen wollten. Die einen staunten ehrfürchtig, weil er trotz allem Erfolge nachweisen konnte; die anderen mit Abscheu, weil sie seine Skrupellosigkeit kannten und hassten.
An diesem trüben Sonnabend war Egger, wie so oft am Wochenende, in seinem Büro gewesen. Diese Tage ohne Störungen und ständige Unterbrechungen nutzte er ganz gerne, um nicht nur Liegengebliebenes aufzuarbeiten. Hier in seinem Büro fand er die notwendige Ruhe, um über Geschäfte, neue Kunden, Chancen und Risiken zu sinnieren. Er legte sich seine Strategie für die nächsten Tage zurecht und brütete darüber, wie er die uIT AG noch erfolgreicher und seine Geschäftspartner in Holland noch zufriedener machen konnte.
Am späten Nachmittag des 13. November klingelte sein Mobiltelefon. Erst wollte er es ignorieren, denn Störungen mochte er besonders an den Wochenenden überhaupt nicht. Unwirsch griff er sich doch das Handy, um nachzusehen, wer von ihm was will. Ein wohlbekannter Name leuchtete auf dem Display. Jemand, den er lieber nicht ignorieren sollte.
„Hallo Torsten?“ KHE ergriff wie gewohnt die Initiative.
„Hallo Kalle, wollte mal hören, was du so treibst. Wir sollten uns mal wieder zum Essen verabreden.“
„Du, gerne. Warum nicht gleich heute Abend? Hätte ohnehin Lust, auswärts was zu essen. Kommst du mit? Jetzt hab ich leider wenig Zeit, muss noch ein paar Dinge fertigmachen.“
„Das wird leider nichts, muss gleich noch mal ins Präsidium. Die Kollegen der W36 haben einen recht abstrusen Fall vor der Brust: Mord mit einem Hirsch oder so ähnlich. Das wird mal wieder ein unruhiger Sonntag. PK und so weiter, du weißt ja.“
„Was es nicht alles gibt. Lass doch mal den Nachwuchs ran und gönn dir ein ruhiges Wochenende. Weiß man schon Genaueres?“ Informationen schaden eigentlich nur dem, der keine hat. Immer wachsam bleiben, Genosse. Ex-Genosse.
„Ein Auto einer IT-Firma ist an einen Hirsch geraten, CodeWriter glaube ich heißen die. Aber mehr weiß ich auch noch nicht und Kalle; ich würde es dir übrigens auch nicht sagen.“
Staatsanwalt Torsten Stiegermann nimmt es mit seiner Schweigepflicht sehr genau. Er weiß ganz genau, wem er wann Informationen gibt. Noch immer fühlt er sich gut vernetzt. Das war durchaus nicht immer so, denn gerade die unruhigen Wellen der Vereinigung hätten ihn beinahe weggespült. Aber eben nur beinahe.
„Wenn von dem Hirsch noch eine Portion übrig ist, dann denke bitte an mich. Im Herbst ist Jagdzeit. Mach’s gut und denke daran: Wir sollten mal wieder Essen gehen.“ KHE legte auf, um sofort einen anderen Eintrag seiner unendlich langen Kontaktliste zu suchen. Er fand ihn auch recht bald und wählte dessen mobile Nummer.
„Hallo?“ Ein kurzes Knacken in der Leitung machte ihn unsicher.
„Ja, was gibt’s?“ Scheinbar erkannte der Angerufene inzwischen, wer ihn da anrief.
„Die Polizei ermittelt in einem Mordfall. CodeWriter. Habt ihr was damit zu tun?“ KHE war dieses Mal direkt und unverschlüsselt. Egal wer hinter dieser Geschichte steckte; es gefiel ihm ganz und gar nicht.
Statt einer Antwort beendete sein Gegenüber einfach das Gespräch. Wortlos.
Fuck!
Jetzt bleibt nur abwarten. Stiegermann wird ihn schon informieren. Rechtzeitig, sodass er immer noch früh genug eingreifen kann. Hoffentlich geht die Geschichte für ihn und seine uIT glimpflich aus. Obwohl, ihm fiel überhaupt nicht ein, warum ein Mord bei CodeWriter mit ihm zu tun haben könnte. Nein, da ist nichts und da wird auch nichts sein.
Egger hatte trotz seiner Versuche, sich zu beruhigen, jetzt keine Lust mehr, im Büro zu bleiben. Er konnte sich nicht mehr konzentrieren. So ein Mist! Ich habe bis Montag noch jede Menge fertigzustellen. Dann eben morgen, am Sonntag; geht halt nicht anders. Er griff sich seine Dokumente und Unterlagen für morgen, um von zu Hause aus arbeiten zu können; führte schnell eine Sicherung durch und war sich richtig unschlüssig, was er jetzt mit dem Sonnabendabend anstellen soll. Er könnte ja über die Grenze in den Club fahren; wäre doch schön ein Bad mit einer Massage danach. Vielleicht ist die schlanke Lettin wieder da, die konnte so richtig gut… Nein, auch darauf meinte er, sich heute nicht freuen zu können.
Dieser Anruf vom Stiegermann versetzte ihn immer mehr in Unruhe. Viel schlimmer war, dass er überhaupt nicht ergründen konnte, warum. Für heute Abend blieben nicht mehr viele Alternativen: Was essen gehen, ein paar Bier oder ein guter Roter und dann morgen weitersehen.
Licht aus; Alarmanlage an.
Moldawien ist weit. Hier in Vesberg bricht langsam die Nacht herein. In Moldawien dürfte es schon dunkel sein. Die nasse Kälte schlich an seinen Beinen hoch; es wurde richtig ungemütlich. Ist er nicht mehr immun dagegen? Zweifel kamen auf, nagten an ihm. Scheiße, dass brauche ich jetzt nicht; überhaupt nicht. Zurück in die Gartenhütte war nicht mehr möglich. Obwohl? Die Dunkelheit wäre dafür sein Freund; aber nur ein Aufschub; nicht mehr. Nein, die Nacht musste er ausnutzen, um die Grenze zu überqueren und Deutschland zu verlassen. Wenn er erst mal in Polen ist, geht es sicher einfacher weiter. Dort sucht ihn keiner. Dort ist die Polizei längst nicht so gut wie hier, schon gar nicht nachts.
Er muss weg hier, das war ihm klar. Nur wie? Geld hatte er nur wenig, mit den paar Euros kommt er nicht weit. Das war ihm klar. Ihm würde ein Auto reichen, vollgetankt bitte, damit er es wenigstens bis zur Grenze schafft. Danach müsste er neu planen. Ein Auto muss also her. Darauf musste er sich jetzt konzentrieren.
Hier an der Uferstraße ist die Gelegenheit recht günstig; kaum Anwohner in der Gegend. Jetzt gegen Abend ist immer weniger Verkehr hier; viele abgestellte Wohnwagen und Transporter stehen herum. Da sollte eine kleine Selbstbedienung kaum auffallen. Er entschloss sich, es in einer angrenzenden kleinen Sackgasse zu probieren. Unauffällig, wie er es hunderte Male schon gemacht hatte, inspizierte er die Gegend, beobachtete die wenigen Passanten, die umstehenden Häuser und suchte sich ein Fahrzeug aus. Das hier wäre doch cool, nicht zu protzig, nicht zu alt, wenig auffällig. Seine Entscheidung: Der Ford im dunklen Grün soll es sein. Mit der Marke kennt er sich aus; die Fords lassen sich leicht überbrücken. Der hier hat noch keine Wegfahrsperre. Cool, dass die Ostdeutschen so wenig Geld für neue Autos haben. Damit ergeben sich jede Menge Mitnahmegelegenheiten für einen Profi wie ihn.
Die Grundausrüstung für so einen Bruch hatte er ohnehin dabei. Also – jetzt oder nie. Kein Kopfkino aufkommen lassen. Das verunsichert nur. Nicht nachdenken, handeln. So hämmerte man es ihm damals in der Ausbildung ein. Mut zur Tat oder sein lassen. Er musste. Er musste jetzt handeln, um hier wegzukommen.
Der Bruch ging recht schnell. Wie er es gelernt hat, versuchte er es an der Heckklappe. Die Verriegelung war bei den älteren Modellen noch mit einem weiteren Seil zur Sicherheit, quasi als Noteinstieg, gesichert. Das war den meisten Besitzern nicht bekannt; auch weil die Hersteller es natürlich in einem kleinen Versteck im unteren Rahmenbereich nicht sichtbar und zugänglich gemacht haben. Für ihn kein Problem; er brach das Gehäuse mit seinem Besteck auf und suchte das Seil. Ein kurzer Ruck und die Heckklappe gab nach. Hat doch prima geklappt. Jetzt muss er den Ford nur noch kurzschließen und hoffen, dass die Karre voll genug betankt war.
Irgendetwas irritierte ihn.
Er schaute.
Er schaute nochmal und stellte ziemlich erstaunt fest, dass der Ford hinten zumindest ein polnisches Nummernschild angeschraubt war. Mach ich hier alles falsch? Das geht überhaupt nicht. Ausländische Autos, so hatte er bei der Übernahme des Auftrags gelernt, werden vorzugsweise von der deutschen Polizei überprüft. Deshalb waren die Fluchtfahrzeuge ja auch mit deutschen Kennzeichen ausgestattet.
So ein Mist!
Los, denke nach. Du musst klar denken. Lass dir was einfallen. Er kannte die Motivationstechniken, die viel Kraft verlangten und immer dann zum Einsatz kamen, wenn die Lage hoffnungslos war. Seinem Eindruck, nach zu urteilen, war es eher komisch, aber nicht langweilig. Denke nach, sonst schaffst du hier nicht raus. Zu Fuß wird’s nicht gehen. Es ist viel zu weit bis zur Grenze. Niemand würde helfen. Jeder, den er nach etwas Essen und eine warme Unterkunft bitte würde, alarmiert mit Sicherheit die Polizei. Und in Erdlöchern übernachten, dazu war er weder motiviert, noch hatte er dazu die richtigen Klamotten an. Darauf ist er heute einfach nicht eingerichtet, das muss man doch verstehen – oder nicht?
Wo ist der Plan?
Wie kann es funktionieren, wenn er keinen Derartigen hatte? Zunächst: Mit polnischen Nummernschildern kommt er nicht. Ein zweites Auto aufbrechen? Wäre eine Option, ist aber auch ein Risiko. Er könnte auf einen Zug ausweichen, der ihn zur Grenze bringt. Mit den Kontrolleuren würde er schon fertig werden. Dunkel erinnerte er sich an eine eindringliche Warnung seiner Auftraggeber: Überwachungskameras. Somit fielen jeder Bahnhof und damit die Option ‚Zug‘ aus. Fahrrad? Für die rund 70 Kilometer bräuchte er gut drei bis vier Stunden, bei normaler Fahrt. Aber nachts, ohne Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, mit Sicherheit das Doppelte. Außerdem würde ein Fahrradfahrer ohne Licht im nasskalten November prinzipiell verdächtig wirken. Fällt auch aus. Einen dieser Transporter hier? Die lassen sich auch recht leicht knacken; das weiß er aus Erfahrung – wenn nicht er, wer denn sonst. Viel zu auffällig: Es ist Wochenende, da haben selbst die Leiharbeiter mit den Transportern frei und saufen – natürlich in ihren schäbigen Unterkünften.
Bleibt also doch das Auto als die für ihn als sicherste Variante, um aus Vesberg rauszukommen. Aber nicht mit polnischen Kennzeichen. Ok, der Reihe nach – ganz ruhig, du hast es gelernt. Nur anwenden, handeln – nicht mehr. Schon gar nicht denken, nachdenken und zweifeln.
Kein Kopfkino.
Erst muss er rein, ins Auto und die Überbrückung hinbekommen. Wenn es sich starten lässt, muss er den Füllstand des Tanks prüfen. Mit einer zu geringen Restmenge darin braucht er mit diesem Auto keine weiteren Risiken eingehen. Dann muss er alle Lichter checken. Die Deutschen nehmen es damit sehr genau; in den Wintermonaten hält die Polizei alle Autos mit defektem Licht an. Selbst wenn nur eine Lampe schräg eingesetzt ist und blendet, gibt’s dafür einen Strafzettel. Typisch, die Deutschen. Bin ich froh, dass ich in Moldawien lebe. Hier wäre das nichts für mich. Jetzt braucht er erst mal deutsche Nummernschilder. Die gibt es hier zuhauf. Kein Problem für ihn; leichte Übung, das bekommt er hin.
Sein Plan!
Bevor er sich wieder unterm Auto hervor wand, spähte er erst einmal 360 Grad rundherum. Kein Fußgänger, auch kein Raucher an irgendeinem Fenster oder ein Hündchen, welches sein Frauchen oder Herrchen durch den nassen und kalten Abend führt. Sieht alles sehr gut und ruhig aus. Also hoch und rein ins Auto. Ganz gekonnt schlängelte er sich an der Rückseite hoch und schwang sich in den Kofferraum. Der Kofferdeckel blieb leicht angelehnt; einerseits als Sichtschlitz nach außen und andererseits als möglicher Fluchtweg. Als Aufklärer weiß er es ganz genau: Begebe dich nie in eine Situation, für die du keinen Plan B hast.
Niemals!
Im Kofferraum orientierte er sich erst einmal. Ruhe und Besonnenheit sind immer gute Ratgeber, um keine Fehler zu machen. Er ertastete etwas Kaltes im Inneren, konnte damit aber nichts anfangen und beachtete es nicht weiter. Mit ein paar Handgriffen, für ihn einfach und unendlich viele Male geprobt, konnte er die Verriegelung der asymmetrischen Rückbank lösen, dann die Rückenlehne umklappen und sich ins Wageninnere hangeln. Leichte Aufwärmübungen eines Aufklärers; genauso sportlich nahm er es.
Drinnen orientierte er sich erst mal und wagte einen Rundumblick nach draußen. Nicht, dass inzwischen jemand sich in der Nähe des Autos befand und sein Treiben beobachtete. Alles ruhig. Jetzt muss es schnell gehen. Bevor er die Kabel hinter dem Zündschloss suchte, stellte er schon mal den Sitz und den Spiegel so ein, dass er gleich nach dem Start wegfahren konnte. Tür auf, runter an den Kabelschacht und sich die richtigen Drähte geschnappt. Mit seinem Universalwerkzeug überhaupt kein Problem. Bevor er sich zum Kurzschluss entschloss, warf er nochmal einen Blick in die Umgebung. Er musste sicher gehen, dass er unbemerkt das Auto startete, da von da an bis zum Losfahren die gefährlichste Zeit ist. Jeder der etwas beobachten könnte, würde den Diebstahl bemerken und die Bullen verständigen. Sicherheitshalber schaute er sich im Auto nochmal um; nein, nichts Auffälliges.
Er öffnete das Handschuhfach, prüfte den Inhalt. Seine Finger erstarrten als seine Augen erkannten, dass die Schrift auf den paar Papierfetzen im Fach Deutsch war. Hier sind doch polnische Nummernschilder dran.
Oh nein!
Bitte nicht!
Seine Gedanken erfassten blitzschnell mögliche Szenarien: War das Auto von Deutschen verkauft worden? Oder hatten es polnische Autoknacker geklaut und bereits mit eigenen Nummernschildern umgerüstet? Er erinnerte sich an das kalte Metall im Kofferraum; sprang aus dem Auto und schaute nach: deutsche Nummernschilder. Das Prüfsiegel war noch gültig und nicht zerstört. Das war alles nicht gut; es beschlichen ihn düstere Ahnungen. Aber ein Weg zurückkam für ihn jetzt nicht mehr in Frage: Starten und nichts wie weg hier. Die Schilder müsste er später tauschen; nicht vergessen!
Das Überbrücken klappte wunderbar und schon stöhnte der Motor auf. Hauptsache er schafft es bis zur Grenze. Da würde er die Karre ohnehin stehen lassen und wird zu Fuß nach alter Aufklärer Art in Richtung Polen verschwinden.
Türen zu, Licht an; noch mal raus und prüfen, ob alle Lampen funktionieren. Er will keinen noch so kleinen Vorwand liefern, um angehalten zu werden. Alles los jetzt. Allerdings kam ihm jetzt in den Sinn, dass er sich einen viel zu komplizierten Rückweg aus dieser Seitenstraße aussuchte. Wird er alt? Scheinbar, denn sonst wäre er nicht so blöd gewesen, und hätte sich ein Auto von der anderen Straßenseite ausgesucht. Eines, mit dem er ohne Wendemanöver aus dieser Sackgasse hätte verduften können. Viel zu viel Zeit würde das Wenden kosten.
Trotzdem, er musste jetzt los – kein Kopfkino alter Aufklärer. Nicht nachdenken; einfach nur handeln jetzt. Er fuhr vor, suchte sich eine freie Stelle zum Wenden und stieß vor zur Uferstraße. So richtig gewöhnte er sich noch nicht an das Auto; wie auch, es war fremd und erst wenige Sekunden in seinem Besitz. Auch die Scheiben waren beschlagen; sonst hätte er erkannt, dass der Weg in die Uferstraße plötzlich versperrt war. Mist, was wollen die denn? Skinheads oder vermummter Mob? Er begann zu registrieren, dass sich vier dunkle Typen so auf der Straße aufgebaut hatten, dass er nur mit größtem Schaden die Uferstraße erreichen würde. Ein Blutbad war aber nicht vorgesehen und würde die Bullen schneller als gedacht auf ihn aufmerksam machen. Verfolgungsjagden mit diesem Auto hier – keine Chance. Er zitterte und konnte sich nicht konzentrieren. Ruhig, denke ruhig nach. Lass dich nicht in die geistige Enge drängen, finde einen Ausweg. Genauso lernten sie es damals bei der Roten Armee. Jede Situation, ist sie noch so ausweglos, kann beherrscht und gelöst werden. Immer! Die Ausbilder damals waren die skrupellosesten Menschen, die er jemals kennenlernen musste. Hoffentlich stimmt das auch jetzt noch, denn dann würde er mit vier Angreifern locker fertig werden.
Er ist Kampfsportler. Ok, er war es. Komm, erinnere dich. Versuche es mit Sambo oder noch besser Systema. Diese Kampfsportart ist im körperlosen Nahkampf präzise anwendbar und ausschließlich die sofortige Vernichtung des Gegners zum Ziel. Erinnere dich. Los konzentriere dich. Mit vier Typen wirst du fertig. Du schaffst es. Dafür bist du ausgebildet.
Nochmals checkte er das Umfeld vor weiteren unliebsamen Überraschungen und konnte durch die beschlagenen Scheiben nichts erkennen. Es musste jetzt schnell gehen; nur dann hatte er eine Chance. Er bremste kurz vor den Angreifern, zog die Handbremse an und war schon draußen. Was er noch mitbekam, war, dass sie polnisch sprachen und sofort zum Angriff übergingen. Eigentlich mussten sie das gar nicht mehr, denn gerade als er aus dem Auto sprang, traf ihn ein Schlag. So hart wie in keiner Folterzelle damals in den sibirischen Ausbildungslagern. Er sank zu Boden und sah sich Tritten ausgesetzt, die einfach nicht aufhören wollten. Polnisches Kauderwelsch drang anfangs an seine Ohren; allerdings ließen sich die aufgefangenen Informationen nirgends mehr speichern. Ihm tat alles weh. Völlig zwecklos versuchte er sich einzurollen, um wenigstens die Wucht der Schläge abzufedern.
Hatte er die Autodiebe überrascht? Waren sie einfach nur zu ihrem Beutefahrzeug zurückgekommen? Oder sie sich das Auto auf einem der Märkte gekauft und wollten jetzt nach Hause fahren? Fragen über Fragen … die klären wir aber heute nicht mehr … warum eigentlich nicht … woher wussten sie, dass ich … schlafen, einfach nur schlafen … aufhören … nicht mehr schlagen.
Er verlor das Bewusstsein.
Ulrich saß im Buick seines Kollegen. Dieser steuerte seinen SUV Richtung Innenstadt. Die Soundanlage war wieder aktiv: ‚Comes a Time‘, Neil Young. Etwas ruhiger als der Krach heute Nachmittag, fand Ulrich. Bis auf den Song, der Motorcycle Mama hieß; angeblich, denn es stand so am Display. Noch nie verstand Ulrich, warum Remsen solche unwirkliche und in seinen Ohren brachiale Musik mochte.
Sie waren auf dem Weg in das Stadtzentrum. Remsen versuchte sich an der Idee, etwas essen zu wollen. Von diesem Thai-Matsch Geruch, so verkündete Remsen, wird er sich wohl nie wieder erholen können. Er will was Festes haben; sein inzwischen leerer Magen hat sich zwischenzeitlich mehrmals und nachdrücklich gemeldet. Ulrich ahnte, dass es eine lange Nacht werden könnte und schon deshalb zugestimmt, mitzukommen. Denn Remsen bekam in solchen Situationen schon öfter geniale Gedanken und gab damit schon so manches Mal laufenden Ermittlungen die entscheidende Richtungsänderung.
Remsen stoppte die Befragung von Weilham und erklärte ihm, dass er im VR3 auf sie warten sollte bis sie wieder zurück waren. Nein, dessen Wunsch, nach Hause zu fahren, konnten die Herren Kommissare nicht entsprechen – noch zu viele offene Fragen. Nach dem Austausch der üblichen Floskeln willigte Weilham dann plötzlich ein, die beiden zum Essen zu begleiten. Auch für ihn könnte es heute etwas länger werden. Weilham durfte allerdings in einem der blauen Taxen Platz nehmen, die den Buick begleiteten.
Remsen lenkte seinen SUV zielsicher in die Theresienstraße. Spätestens jetzt wusste Ulrich, dass Jan ins Red Rooster will. Er hat davon gehört; halb Pub, halb Restaurant. Egal, was Gutes zum Essen und ein Bier wird’s wohl geben. Zu dritt betraten sie den Gastraum; Remsen vorneweg. Eine junge Kellnerin, Studentin mit Aushilfsjob nahm Ulrich an, kam auf Remsen zu. Beide tauschten kurz ein paar Informationen aus und schon deutete die mutmaßliche Studentin mit den Speisekarten in der Hand auf einen Tisch in der hinteren Ecke; Weilham und hinter ihm Ulrich hinterher.
Auf dem Weg dahin blieb Weilham urplötzlich stehen und starrte einen Mann an. Der saß auf einer Art Barhocker an einem der Bistrotische; vor ihm ein Bier. Äußerlich nichts Auffälliges, was Ulrich hätte beunruhigen müssen. Nur, der Angestarrte tat jetzt das Gleiche und ließ Weilham nicht mehr aus den Augen. Remsen flirtete mit der Kellnerin und war schon am Tisch, auf seinem Platz. Und wedelte mit der Speisekarte.
Da passierte es: Weilham stürzte sich mit der Kraft seiner gut 100 Kilogramm auf den Mann, den er zuvor angestarrte.
„Du Schwein, hast uns fertiggemacht. Ich bringe dich um; dich und deine verfluchte Bagage.“ Das wüste Geschrei ließ sämtliche Gespräche im Red Rooster urplötzlich verstummen. Schneller als Ulrich hätte eingreifen können, begann zwischen beiden eine wüste Keilerei. Der Angegriffene versuchte, den Attacken zu entkommen, was ihn aufgrund seiner Fitness ganz gut gelang. Ulrich und inzwischen auch Remsen zogen und zerrten an Weilham herum, bis dieser kapitulierte und von seinem Opfer abließ.
„Sind Sie Igor Abtowiz?“ Während Ulrich den noch immer wütenden Weilham zurückhielt, nahm Remsen Kontakt zum vermeintlichen Opfer auf.
„Ja, der bin ich und wenn ich richtig gehe, haben Sie mich hierher bestellt, ja?“ Remsen nickte kurz. „Ich wollte nur sichergehen, ob Weilham gestern Abend wirklich mit Ihnen essen war. Sie haben eine Legitimation für mich? Sicher, ist sicher.“ Remsen grinste Abtowiz an und prüfte das ihm entgegengehaltene Dokument.
„Moment.“ Remsen ging hinaus und ließ von seinen dort wartenden Kollegen den Ausweis prüfen. Ulrich stand wie ein überfahrenes Karnickel herum und konnte seine Gedanken nicht ordnen: Habe ich das richtig mitbekommen? Remsen arrangiert eine Gegenüberstellung und weihte ihn nicht ein? Das hat ein Nachspiel für seinen Partner, das wusste er jetzt ganz genau.
Wieder drinnen wollte Remsen von Abtowiz wissen, ob es gestern Abend auch so laut zwischen beiden zuging. Weilham versuchte zu stören, aber Ulrich drängte ihn an den reservierten Tisch.
„Nicht direkt, wir waren in einer Besprechung.“ Abtowiz fühlte sich richtig unwohl in der Situation. Der Bulle stellte ihm offensichtlich eine Falle.
„Die muss anscheinend einen schlechten Ausgang genommen haben oder warum war er so wütend auf Sie?“
„Herr Kommissar, ich denke, dass ich jetzt nichts mehr sage und auf meinen Anwalt warte. Wenn ich das gewusst hätte, wäre ich nicht hierhergekommen.“
„Hatten Sie eine Wahl, Herr Abtowiz? Wenn Sie sich geweigert hätten, würden Sie jetzt nicht beim Bier, sondern in einem unsere schönen Vernehmungsräumen sitzen.“ Remsen überlegte: „Morgen um 9 Uhr bei uns in der W36, Arkadenstraße. Pünktlich, ich muss nämlich in die Kirche.“
Abtowiz sah seine Chance hier zu verschwinden und wollte zahlen.
Remsen kam ihm zu Hilfe: „Mach ich und raus jetzt. Vergessen Sie nicht 9 Uhr, von mir aus mit Verstärkung.“
Der Beamte, der Abtowiz’ Ausweis geprüft hatte, betrat gerade das Lokal, als Abtowiz durch die Tür entschwinden will. Er sah Remsen und schüttelte den Kopf. Remsen bedeutete mit einem Kopfnicken in Richtung Abtowiz, dass dieser den Ausweis wieder zurückhaben und gehen kann.
„Ach ja, und den hier nehmen Sie wieder mit auf die W36.“ Er deutete auf Weilham, der noch immer deutlich verunsichert in die Runde sah. Weilham stand auf und ging mit dem Beamten hinaus. Er sah sich kurz vorher nochmals um, aber Remsen und Ulrich hatten für ihn keine Aufmerksamkeit mehr. Dafür Hunger.
Während des Essens entspann sich einfach kein Gespräch. Der Tag war lang, vor allem Remsen kam sich vor, als wenn er seit Beginn der Zeitenrechnung nicht mehr geschlafen hatte. Er musste sich krampfhaft wachhalten, während sein Partner Hansi auf seinem Smartphone herum klimperte. So viele Mails und News kann man doch nicht erhalten, dachte sich Remsen.
„Was meinst du Hanns, war das gespielt oder warum ist Weilham so auf Abtowiz losgegangen?“
„Gegenfrage: Was macht Abtowiz genau im diese Zeit hier im Red Rooster?“
Remsen zuckte nur die Achseln: „Ich wollte gerne mit eigenen Augen sehen, wie Weilham mit seinen Geschäftspartnern auskommt. Weißt du, bisher hat er so heftig gelogen, dass ich ihm nichts mehr glaube. Gestern waren die zusammen essen und heute prügeln sie sich. Was soll man da noch glauben?“
Remsen war mit seiner Leistung zufrieden. Mit Überraschungsmomenten Fakten schaffen, war keine schlechte Idee von ihm. „Ja klar, Safety Objects ist ein Kunde von CodeWriter; die nutzen die Software von denen. Und dann ist deren Chef auch noch ein Russe. Sein Sohn kurvt in der Ukraine rum, sagt zumindest dessen Frau und der alte Weilham sagt uns, der Junge war in Berlin. Seit wann gehört Berlin zur Ukraine? Hanns, was sagt dein Handy dazu?“
„Pole.“
„Äh, Polen? Ich denke der Junior war in der Ukraine? Gehören die jetzt zusammen? Die veranstalten doch nur Fußballturnier in zwei Jahren miteinander?“
„Abtowiz ist ein Pole, sagt zumindest Kundoban. Die muss das wissen, denn sie hat das recherchiert.“
„Vorstrafen? Auffällig der Mann?“
„Wahrscheinlich, ich habe ihn zwar nur kurz gesehen, aber er besaß die Aura eines Professionellen mit langer Vergangenheit. Das finden die anderen ganz sicher raus, wenn die nicht schon wieder beim Thai sind.“
„Wenn die beiden gestern Abend tatsächlich zusammen essen waren, dann wundert mich der Angriff von Weilham umso mehr. Der war ja richtig brutal auf den Russen losgegangen.“
Ulrich schaute leicht verzweifelt seinen Kollegen an; der merkte seinen Denkfehler, oder war es ein absichtlicher Versprecher, recht schnell.
„Ja, ja, er ist Pole. Da war jede Menge angestaute Wut zu spüren. Und das in unserem Beisein. Sorry, da stinkt es gewaltig Hanns. Wenn wir buddeln, finden wir garantiert einige Leichen im Keller; bei beiden Unternehmen. Wetten?“
„Du weißt doch, ich spiele noch nicht einmal Lotto. Wetten kommt in meinem Kulturkreis nicht vor. Sollte für dich keine neue Information sein.“
Remsen hielt etwas länger als normal sein Bierglas in der Hand, starrte auf den dunkelgelben Inhalt des noch halbvollen Glases. Er würde es sicher noch eine Weile länger tun, wenn die junge Kellnerin nicht mit dem Essen erschien. Das war Grund genug, das Denken einzustellen und diesen Mordshunger zu bekämpfen. Den Fall lösen kann man später immer noch.
Unisono waren beide mit dieser Überlegung, unabhängig voneinander, einverstanden.
Viel später saß Remsen in seinem Buick. Er war einfach zu faul, um sich eine neue CD aus seinem Fundus herauszusuchen. So musste Neil Young noch mal ran. Comes a Time passte mit der untypisch ruhigen Gangart von Crazy Horse, die nur bei ein paar Titeln auf dieser CD mit ran durften, ganz gut in seine Stimmung. Er schloss die Augen und fühlte sich in die Weiten Kanadas versetzt. Er will dahin; jetzt und nicht irgendwann. Vesberg kam ihn so klein und provinziell vor; hier wird er bestimmt niemals heimisch. Kanada; on the Road again; Wälder; Berge; Bären. Fast wäre er eingeschlafen, würde nicht jemand an die Seitenscheibe klopfen.
Politessen, wer denn sonst.
Er ließ die Scheibe etwas runter und fragte lächelnd mit seinem Dienstausweis in der Hand, wie spät es denn wohl sei. Noch gilt hier etwa eine dreiviertel Stunde die Regel mit der Parkgebühr, musste er sich belehren lassen. Er parke hier ja gar nicht, er wäre im Einsatz; ob man das nicht sieht? Wohl kaum, sonst hätte Sie ihn nicht geweckt und ihn an seine Abgabepflichten erinnert. Die Stadt brauche eben alle Einnahmen, auch die seinen. Sie erkenne jetzt aber und sah ein, dass beide nur ihre Arbeit machten. Freundlich verabschiedete sie sich von Remsen. Zu einer Verabredung mit ihr schaffte es Remsen nicht mehr, denn die Dame vom Ordnungsamt war bereits anderen Parksündern auf der Spur.
Remsen parkte schon geraume Zeit vor dem L’Angelo in der Sonnenstraße. Jetzt spät am Sonnabendabend war nicht mehr viel Betrieb beim Italiener; ist ja keine typische Kneipe, in der man länger als nötig bleibt. Remsen würde dort ohnehin nur essen und im Refill sein Bier trinken. Kundoban hatte inzwischen Mails mit Bildern von Abtowiz und dem alten Weilham geschickt, sodass er eigentlich reingehen und nachfragen könnte.
Welche Verbindung gibt es noch zwischen den beiden? Immerhin war im Auto des jungen Weilham eine Frau; offensichtlich recht hübsch. Mädchenhandel, Prostitution?? Beschaffen die Weilham's Material für Abtowiz’ Geschäfte jenseits der Sicherheit? Was läuft da noch?
Er hatte schon im Büro von Safety Objects angerufen, aber dort niemanden am Sonnabendabend erreicht. Morgen ist auch noch ein Tag; ein Sonntag und ein arbeitsreicher dazu. Oder war es nur der Unfall, der Mord an seinen Sohn, der Weilham hat ausrasten lassen? Vermutet Weilham Abtowiz dahinter und ist er deshalb auf ihn losgegangen? Das macht man doch nicht, schon gar nicht, wenn man mit jemanden Geschäfte macht, vor allem wenn die etwas … na ja … illegal sind. Mutmaßlich. Auch wenn der eigene Sohn jetzt im Kühlfach liegt.
Gestern Abend lief zwischen beiden irgendein Deal ab und dabei etwas ist schief gegangen. Davon war Remsen fest überzeugt. Mal sehen…
Er stieg aus und schloss sein Auto ab. Tatsächlich, im Lokal war vor allem Personal unterwegs, räumte schon die Tische ab und begann den Raum zu säubern. Die noch wenigen Gäste sollten animiert werden, sich zu verdrücken. Jedenfalls sollten die bereits auf einigen Tischen gestellte Stühle dazu animieren. So kam es Remsen vor; so kennt er es von den Italienern; immer schön gastfreundlich, bis die Rechnung bezahlt ist. Der Chefkellner, zumindest spielte er sich Remsen gegenüber so auf, stürzte auch gleich auf ihn zu und gestikulierte wild herum.
„Schade Signore, wir habe schon geschlossen. Cucina finito. Morgen gibt’s ganz feine Pasta mit Trüffel von Mama. Musst du kommen, habe guten Platz für dich. Und ganz feinen Wein von meine Onkel.“
Der hört ja gar nicht mehr auf. Remsen grinste ihn an und keine Intention, hier jemals etwas zu essen oder sich mit dem Menschen ein Rededuell zu liefern. Das verliere ich doch sicher, das war Remsen mehr als klar. Also zückte er seinen Dienstausweis und deutete auf das Bild darauf und auf ihn: Das hier bin ich und ich will überhaupt nicht essen.
„Dottore.“ So schwellt bei den Jungs gleich der Kamm; da wird jeder Italiener gleich zehn Zentimeter größer. „Gestern Abend, waren Sie da auch hier?“ Remsen stellte sich auf eine lange Rede ein, die aber recht knapp ausfiel.
„Si, si, si. Ja, ich bin Chef hier; muss jeden Tag meine Gäste arbeiten.“
„Erkennen Sie diese beiden hier wieder?“ Remsen deutete auf das Display seines Smartphones und zeigte dem Kellner nacheinander die Fotos der beiden. Hin und her; her und hin. Immer wieder.
„Ja, die waren gestern da; haben ganze Menü gehabt. Weißt du Antipasti della Casa, die Beste von de Küchechef, Risotti verschieden, ganz feine Schiena di agnello und eine Flasche Nero trinken. Die beste Wein musst du wissen; trinken alle mit Schlips. Ist nicht billig, weißt du. Conti Zecca, tre Bicchieri, phantastico.“
„Wann waren die beiden gestern hier und wie lange? Aber bitte Dottore, ich möchte nicht wissen, was sie gegessen und getrunken haben. Prego.“ Fast bettelte er um eine kurze Antwort.
„Signore, ja feine Herren; so um 7 Uhr Abend; dahinten in der Ecke; dort am Tisch waren sie. Ja, so gegen 7 Uhr.“
„Danke und wann sind die gegangen?“
„Die eine Mann hat telefoniert und ist dann gegangen. Schnell ist die Mann raus. Die andere war noch langer da und hat Wein getrunken. Hat einen Grappa von mir bekommen. Die Mann. War so allein und traurig.“
„Ok, der hier ist zuerst raus, ja?“ Remsen zeigte auf Abtowiz. Der Kellner bestätigte durch sein Nicken, dass Remsen richtig getippt hat. „Wann war das etwa, um welche Uhrzeit herum?“
Der Kellner dachte nach und tauschte sich auf Italienisch mit einem Kollegen aus, der gerade vorbeikam. „So um 9 Uhr, oder eher. Nicht so lange da. Weißt du, wir Italiener essen in Ruhe; das ist ganz wichtig wegen die Bauch. Die Deutsche immer so schnell essen, musst du Grappa trinken, sonst ganz schwer in Bauch.“
„Ja, ja. Wann ist dann der hier gegangen?“ Remsen hatte von dem Gequatsche so langsam genug und machte auf Tempo.
„Nicht lange, halb nach 9 so, denke ich.“ Das könnte passen: Weilham sagte aus, dass er gegen 22 Uhr zu Hause war. Seine Frau bestätigte das. Abtowiz ist eher raus, bekam vorher einen Anruf und ließ Weilham sitzen. Der Unfall passierte so gegen 22 Uhr; da war Abtowiz nicht mehr hier? Gestelltes Alibi? Und jetzt vergiss Jan, dass es ein Unfall war: Es war Mord. Vieles deutete darauf hin.
„Wer hat von beiden die Rechnung beglichen?“ Die Antwort könnte ein Hinweis über den Status der beiden Geschäftspartner untereinander sein.
„Hat die erste Mann gemacht. War gut Coperto. Sehr großzügig.“
„Gut, danke. Vielen Dank Sie haben mir geholfen.“ So überschwänglich geht Remsen eigentlich nie mit seinen Gesprächspartnern um. Aber hier musste er sein Gegenüber mit den gleichen Waffen bekämpfen, um wegzukommen.
Nur raus hier!
„Signore, einen feinen Grappa. Ist kalt draußen.“
Remsen ließ ihn stehen, grüßte recht freundlich und entfloh dem Temperament des italienischen Restaurantbesitzers. Wie hält man das nur den ganzen Tag aus? Wahrscheinlich arbeitet dort kein Deutscher? Und wenn ja, dann landet der sicher schneller in der Klapse, wir es jemals erlauben würden.
Schon von weitem öffnete er das Auto und ging langsam auf seinen Buick zu. Kurz davor blieb er stehen und grinste die Frontscheibe an: Remsen griff sich den Strafzettel der hinter dem Scheibenwischer geklemmt war und wollte ihn schon zerreißen. Er überlegte es sich anders und ließ ihn in die Jackentasche verschwinden. Vielleicht wird es doch noch etwas mit dem Abendessen und der Politesse seiner Wahl.
Im Auto sitzend startete er den Motor und beschloss, dass der Tag lang genug war.
Sonntag, 14. November 2010, noch früh am Morgen
Es war noch dunkel. Remsen tapste schlafwandlerisch von seinem Bett in den Flur, um sein Telefon gegen die Wand zu… Nein, ich brauche es noch. Außerdem fiel ihm ein, dass er es sein würde, der die Scherben wegzukehren hätte. Das war für ihn das ausschlaggebende Argument, pfleglich mit dem kleinen Quälgeist umzugehen.
„Guten Hansi.“ Um diese Zeit hatte er seine Zunge einfach nicht im Griff; Aussetzer waren vorprogrammiert. Das muss der Anrufer schlicht verstehen.
Auf seinen ungeliebten Spitznamen war Hanns-Peter Ulrich überhaupt nicht gut zu sprechen. Ich bin doch kein Wellensittich, ist dann immer seine Antwort.
Meistens kanalisierte Remsen zu erwartende Wutausbrüche seines Kollegen mit der Frage: „Streikt etwa die Kaffeemaschine oder warum rufst du an?“
Ulrich musste sich zusammenreißen, um nicht ausfallend zu werden. „Heute Nacht gab es ein kleines Feuerwerk. War aber letztlich nicht allzu schlimm.“
„Falsch verbunden; hier ist die Mordkommission. Übrigens die einzige von Vesberg.“ Trotz dieser Tageszeit war Remsen doch langsam auf Temperatur und seinen Spaß.
„Weilham sen. hat’s getroffen. Es war eine Art Molotow Cocktail, der durch das vordere Fenster ins Haus geworfen wurde. Nein zwei; beide vorderen Fenster sind angegriffen und zertrümmert worden. Weilham's haben ihr Schlafzimmer im Obergeschoß, zur Seite raus. Die Frau Weilham, Cordula Weilham hat sich bei uns gemeldet und gesagt, dass sie einen schwarzen SUV wegfahren sah. Marke und Kennzeichen hatte sie nicht erkannt; nimmt aber an, dass es deutsche Kennzeichen waren. Wahrnehmung im Unterbewusstsein meinte sie wohl. Die Feuerwehr war schnell da und konnte das Ganze genauso schnell unter Kontrolle bringen. Hätte deutlich schlimmer ausgehen können.“
„Fertig?“ Remsen war es überhaupt nicht gewohnt, von seinem Partner so lange Vorträge zu hören. Noch besser; er tat sich um diese Uhrzeit und vor allem vor dem ersten Kaffee richtig schwer, irgendetwas aufzunehmen und vor allem das auch noch zu verarbeiten.
„Ok, Hanns, wo bist du, in der Arkadenstraße?“
„Nein, noch zu Hause, schon fast auf den Weg dahin. Treffen wir uns da?“
Remsen dachte kurz nach: „Fahr du mal zu der Weilham und bringe alles in Erfahrung. Ich knöpfe mir den Alten vor. Wir sehen uns dann später.“ Remsen wollte schon fast auflegen: „Ach ja, mach vorher den Abstecher zur W36 und lass uns deine Kaffeemaschine da.“
Unter der Dusche fragte er sich einmal mehr, warum er sich diesen verfluchten Job ausgesucht hatte. Das muss in einem Anflug von Wahnsinn oder Schwachsinn passiert sein; er konnte sich nicht mehr daran erinnern.
Freizeit? Fehlanzeige.
Beziehung? Äußerst schwierig.
Gesundheit? Lieber nicht danach fragen.
Anerkennung? Dieser Mensch müsste erst geboren werden.
Politesse wäre doch was für ihn oder wie sagt man da bei einem Mann? Hilfspolizist? Politeur? Egal, ich bin Bulle; ein richtig Guter noch dazu. Nach kurzem Nachdenken beschloss er, dass er den besten Job auf der Welt machen durfte.
Zum Glück hatte die kleine Bäckerei bei ihm um die Ecke vor einiger Zeit den Sonntagsverkauf eingeführt. So bestand eine reelle Chance auf warme Brötchen; vielleicht einen Kuchen und vor allem richtig guten Kaffee; Soll ich Ihnen wieder einen Bohnenkaffee machen, fragt ihn seine Lieblingsverkäuferin jedes Mal.
Mit einem Blick auf die Uhr verließ ihn kurzfristig die Hoffnung; um diese Zeit hatte auch seine Lieblingsbäckerei noch nicht auf. Die am Bahnhof vielleicht schon? Oder soll er schon wieder auf die Aufbackdinger an der nächsten Tanke zurückgreifen?
Alles zu weit und umständlich obendrein; er setzte eine andere, viel einfachere Idee einfach um. Remsen hielt seinen Buick im laufenden Motor direkt in der Einfahrt zur Bäckerei und hielt seine Nase in den Nachthimmel von Vesberg. Ja, da war er wieder, dieser unwiderstehliche Geruch nach frischen, noch warmen Brötchen. Okay, für den Bauch ist gesorgt; da war er sich sicher. Und sein Biorhythmus? Der braucht immer und jeden Tag seine Menge Koffein morgens.
Auf sein Klopfen hin wurde ihm aufgebaut; der Bäckergeselle kannte ihn nicht und wollte gleich wieder schließen.
„Du wirst doch einem alten Nachtbullen was zu essen geben wollen?“ Normalerweise machte er so etwas nicht gerne, aber jetzt ging es ausnahmsweise einmal um ihn selbst: Da war ihm jedes Mittel recht. Er zückte seinen Dienstausweis und schindete damit beim Knaben richtig Eindruck. Und schon war er in der warmen Backstube; gab seine Bestellung auf.
„Habt Ihr vielleicht schon, noch, also habt Ihr Kaffee, bezahl ihn auch.“
Beide Weißmützen schüttelten so energisch den Kopf, sodass Remsen einsah, dass er hier und jetzt keinen Kaffee bekommen wird. Er zahlte die Brötchen und den Kuchen und verschwand.
Wieder im Buick verbreitete sich der Geruch nach Backstube in seinem Auto. Er griff zu und hielt sich an der Brötchentüte nicht lange auf; der Kuchen blieb unangetastet. Die Soundanlage gab Velet Underground – Sunday Morning her; muss in den späten 60er Jahren gewesen sein. Sein Instinkt sorgte dafür, beim Verlassen der Wohnung noch schnell die CD zu greifen. John Cale, Lou Reed – hier in Vesberg in seinem fahrenden Castle. Schade, dass es bis zur Arkadenstraße nicht so weit war…
Kundoban kam ihm eher zufällig entgegen: „Sie ist schon da und wartet auf Sie“, war ihre spröde Art der Sonntagmorgenbegrüßung.
„Guten Morgen erst einmal. Gut geschlafen? Ausgeruht für heute?“ Remsen entging nicht, dass durch die offene Bürotür ein wunderbarer Kaffeegeruch den Flur vereinnahmte und Körper und Geist sich gemeinsam darauf freuten. „Wer wartet denn auf mich?“
„Frau Weilham natürlich.“ Kundoban war patzig ihm gegenüber. Auch sie hatte kaum geschlafen und wurde heute schon früh wieder in die W36 gerufen.
„Sie war ziemlich fertig und hatte schon mehrmals nach Ihnen gefragt.“
Remsen verlegte ich jetzt auf Zeitspiel, denn er brauchte seine Anlaufphase. Er marschierte in sein Büro und prüfte in der Kaffeeecke, ob Ulrich die Maschine auch wirklich vorbei gebracht hatte. Sie war da und passte so gar nicht in die Rumpelbude: So toll sah das gute Ding aus. Und wurde hier dringend gebraucht. Die Grünpflanzen befanden sich halb in der Sommerdürre, halb im Winterschlaf und sahen durchweg traurig aus; die spießigen Bilder aus der Zeit vor der Vereinigung und der überall drapierte Firlefanz machten aus dem Büro eher ein Begegnungszimmer für Nostalgiker, als ein Raum zum Arbeiten. Hier müsste man mal ... Nicht sein Problem; jetzt nicht!
Mit dem Kaffeetopf in der einen und einem Stück Kuchen in der anderen Hand schaute Remsen sich um, wer um diese frühe Morgenstunde schon anwesend war. Neben Kundoban und ihm selbst, war nur einer der Verstärkertruppe bereits am Abtippen der Ermittlungsprotokolle von gestern.
Und Ulrich natürlich. Aber der war schon wieder weg, weil er auftragsgemäß zur Weilham gefahren ist. Das ist unsinnig, fiel Remsen gerade auf. Der alte Weilham schläft hier im W36-Hotel und seine Frau sitzt im Vernehmungsraum. Da draußen wird Hansi wohl niemanden mehr antreffen…
„In welchem VR ist die Weilham?“ Kundoban stellte sich schon auf das Gespräch ein und klemmte die Unterlagen unterm Arm. Sie hielt auf Remsens Frage hin den linken Daumen hoch: „Im ersten, da ist immer die Heizung über die Nacht an.“
„Was für eine Verschwendung; das muss wieder der Steuerzahler tragen.“ Remsen ist trotz der frühen Morgenstunde der Meister im Austeilen. „Ist Ulrich beim Gespräch mit von der Partei?“
„Warum denn, der ist doch zur Weilham gefahren, wegen heute Nacht. Ich wüsste nicht, dass er schon wieder zurück ist.“
Jutta Kundoban hielt kurz inne und dachte nach. Dann war ihr klar, warum Remsen so herum eierte. „Die Eva Weilham wartet hier, nicht die Cordula Weilham. Gestern Abend war sie in der Pathologie und hat ihren Mann identifiziert. Das nicht aushaltend ist sie schreiend zusammengebrochen. Ihre ach so tolle Freundin hat das noch getoppt. Die gab schon beim Geruch von Desinfektionsmitteln auf; halten doch nichts mehr aus die jungen Ladys aus der Upperclass. High Heels an, jede Menge Schminke in der Visage und eine Widerstandskraft wie ein Stück Schokolade in der Sonne.“
„Und Sie Jutta sind aus anderem, aus kernigem Holz. Richtig?“ Remsen wunderte sich wieder einmal, dass seine Kollegin so selbstbewusst austeilen konnte.
Die aber ignorierte die Bemerkung von Remsen und ließ sich in ihrem Redefluss nicht beirren: „Die Weilham ist dann nebenan im Krankenhaus behandelt worden; aber nur kurz, denn sie wollte unbedingt noch mal ihren Mann sehen. Ihre Freundin hängt noch immer am Tropf. Ihre Besucherin, Jan, hatte einige Zeit bei ihrem Mann zugebracht und ziemlich geweint. Sie fragte irgendwann nach Ihnen und ist bestimmt schon gut zwei Stunden hier.“
„Gut, dann hat sie uns ganz sicher jede Menge zu erzählen. Könnten Sie bitte den Weilham in den VR3 bringen?“ Remsen drehte sich um und instruierte den eifrigen Jungen aus dem Verstärkerteam, der noch immer Vernehmungsprotokolle übertrug, mit Anweisungen.
„Auf geht’s. Mal sehen was wir Neues von der Frau Weilham erfahren. Die Geschichte mit dem Brandanschlag auf das Haus ihrer Schwiegereltern behalten wir vorerst für uns, verstanden?“
Kundoban nickte und folgte ihrem Chef, inzwischen auch mit einem Kaffee in der Hand, in den VR1.
„Guten Morgen Frau Weilham, schon auf den Beinen heute Morgen? Ich hoffe, es geht so?“ Remsen musste gleich sticheln, damit das Gespräch sofort aus dem Schlafmodus erwachte. Mit der Beantwortung seiner Fragen rechnete er ohnehin nicht.
„Ich will wissen, wie es passiert ist und wer es war. Verstehen Sie; wir haben uns geliebt, haben einen gemeinsamen Sohn und plötzlich ist das alles weg?“
„Warum weg Frau Weilham? Ihrem Sohn geht’s doch gut, oder nicht?“ Remsen gab sich nach hin außen besorgt, war aber ansonsten der Taktiker; wie immer bei Vernehmungen. Sie nickte nur kurz.
„Wie es passiert ist, können wir recht genau sagen. Aber warum es passiert ist und wer es war – das wissen wir noch nicht. Das würden wir gerne von Ihnen erfahren. Dürfen wir das Aufnahmegerät hier einschalten?“ Er deutete auf das Gerät in der Tischmitte. Nachdem Frau Weilham genickte, startete er die Aufnahme, nannte die Namen der Anwesenden und den Zeitpunkt zu Beginn der Aufzeichnung.
„Ich kann Ihnen nichts sagen. Carsten ist am Dienstag zu einer Dienstreise in die Ukraine aufgebrochen und wollte gestern Abend zurück sein. Er rief jeden Tag an und gab mir das Gefühl, wie sehr ich ihm fehle. Und, dass die Gespräche dort ganz verliefen; richtig erfolgreich aus seiner Sicht. Dabei habe ich mich doch so sehr auf seine Rückkehr gestern und auf das Wochenende zu Dritt gefreut.“ Sie war den Tränen wieder sehr nah.
Remsen musste gegensteuern, um mehr zu erfahren: „Na ja, gestern bei der Befragung wollten Sie sich noch von ihm scheiden lassen. Sie waren überzeugt davon, dass er eine andere hat. Sie erinnern sich?“
Eva Weilham stellte ihre Trauerarie kurz ein, sah verzweifelt Remsen und Kundoban an. Sie wusste nicht, wie sie darauf reagieren sollte.
Kundoban versuchte es, von Frau zu Frau: „Haben Sie es gewusst oder nur vermutet, dass Ihr Mann eine Geliebte hatte? Ich meine, das spürt man als Frau doch, oder nicht?“
Remsen war das definitiv zu viel Gefühlsduselei. „Also, wenn da was dran war und ihr Mann eine Freundin hatte, dann kennen Sie doch sicher ihren Namen. Frauen sind immer so neugierig und bekommen das ganz bestimmt schneller raus, als ein Mann sich den Namen seiner Geliebten merken kann. Vor allem, wenn es mehrere sind.“ Der letzte Satz rutschte einfach so raus.
Kundoban sah ihn entsetzt an und schüttelte fast unmerklich den Kopf. Wenn er sie nicht schon so gut kennen würde, hätte Remsen es nicht bemerkt. Es wäre auch egal gewesen, denn es hätte Remsens Strategie ohnehin nicht beeinflusst.
„Fakt ist, Ihr Mann saß gestern Abend mit einer jungen Frau im Auto. Schon schade, denn beide haben’s nicht überlebt.“ Remsen setzte sein trauriges Gesicht auf; es blieb beim Versuch.
Kundoban übernahm wieder: „Sie sagten, er war in der Ukraine. Das muss bei CodeWriter doch jemand gewusst haben. Georg Weilham? Karl Hausmann? Oder wer?“
Eva Weilham antwortete prompt und pikiert: „Keine Ahnung; ich weiß nicht, wer da mit wem spricht und wer von der Dienstreise und den Kunden etwas gewusst haben könnte.“ Sie schaute unentschlossen rum; „Und wer da neben meinem Mann im Auto saß – keine Ahnung.“
„Sie wissen dann auch nicht, wie die Firma hieß, die Ihr Mann besuchte?“ Weil Frau Weilham den Kopf schüttelte, machte Remsen weiter: „Okay, Sie warten schon recht lange hier auf mich: Ich höre dann mal, was Sie uns zu sagen haben.“
Der Ball lag wieder im Feld der Frau Weilham: „Von Ihnen will ich wissen, was passiert ist. Wer war das, verdammt noch mal.“ Wie es aussah, war sie gleich wieder vor einem Zusammenbruch.
Jutta Kundoban versuchte sie zu beruhigen. „Wissen Sie irgendwas von Konflikten oder von Feinden oder so, die Ihr Mann hatte? Sie haben doch sicher mit ihm über seine Arbeit gesprochen. Ihrem Schwiegervater gehört die Firma; Ihr Mann war der potentielle Nachfolger. Die Arbeit Ihres Mannes war Teil Ihres Lebens. Erzählen Sie uns, was Sie wissen. Alles, im Detail und ganz genau, egal wie lange es dauert.“ Nachdem Remsen auf seine Art Frust über den unergiebigen Verlauf der Befragung rausgelassen hat, schien Eva Weilham doch noch was loswerden zu wollen.
„Georg und Karl Hausmann, also die beiden Partner, verstehen sich schon länger nicht mehr. Georg hat sich aufgerieben und einen Zusammenbruch gehabt.“
Remsen unterbrach sie: „Das ist nicht neu für uns. Ihre Schwiegermutter war schon so frei und berichtete davon. Was hat das jetzt alles mit dem Mord an Ihrem Mann zu tun? Vermuten Sie da was?“
Die letzte Frage ignorierte Eva Weilham: „Hausmann war schon immer für eine Ausdehnung der Aktivitäten in Richtung Osteuropa. Spätestens seit dem Ausfall von Georg Anfang des Jahres war niemand mehr da, der mutig genug Hausmann davon abhielt. Carsten auch nicht. Er hat also angefangen, in Polen und anderen Ländern ein Netz von potenziellen Kunden und Geschäftspartnern aufzubauen; aber der große Wurf gelang nicht. Carsten kann nichts dafür; da drüben ist einfach vieles anders.“
„Wie lange ist Hausmann eigentlich schon im Urlaub?“
„Genau weiß ich es nicht, er müsste glaube ich noch eine Woche weg sein. Möglicherweise.“
Remsen nickte: „Dafür das Sie angeblich nicht viel von CodeWriter intern wissen, ist diese Angabe aber recht genau. Das überprüfen wir natürlich.“ Er ließ die Worte kurz einwirken und fragte nach: „Gab es zwischen Hausmann und Ihrem Mann Stress? Hatte er mal was davon erzählt? Führte Hausmann mit ihm einen Stellvertreterkrieg?“
„Kann schon sein … nein, ich glaube nicht. Nur die üblichen Meinungsverschiedenheiten, wie sie nun einmal in Unternehmen zwischen Chef und Mitarbeiter vorkommen. Hausmann fasste Carsten nicht gerade mit Samthandschuhen an, nur weil er der Sohn seines Partners war. Vielleicht gerade deshalb nicht. Wer weiß das schon. Aber darüber hinaus ging der Streit nicht.“
Jutta Kundoban fiel eine weitere Frage ein: „Sagen Sie: hat Ihr Mann Ihnen alles von CodeWriter erzählt? Hatten Sie das Gefühl, dass er offen mit Ihnen gesprochen hat?“ Sie betonte etwas eigenartig das Wort ‚Gefühl‘.
„Wissen Sie, ob Ihr Freund oder Ihr Mann Ihnen alles erzählt. Wer will das schon wissen? Ich glaube, dass Carsten ganz ehrlich war. Wie heißt es doch: Wer nichts weiß, muss alles glauben. Ich glaube es für mich.“
Remsen sah auf die Uhr und deutete seiner Kollegin an, dass er vom Gespräch nichts mehr erwartete. Also verließ er den Vernehmungsraum und überließ es seiner Kollegin, diese Befragung zu Ende zu bringen.
Über die Hintertür trat er hinaus an die frische Luft. Es war November: Grauhell, nass, arschkalt und der Sonntag versprach, nicht besser zu werden, als der Sonnabend war.
Hausmann könnte ein Schlüssel in dem Fall sein, muss aber nicht. Was hätte er davon, Carsten Weilham nebst Freundin zu beseitigen? Ob ein Dauerstreit oder gar die drohende Nachfolgeregelung eine mögliche Ursache sein könnte? Hat Georg Weilham vielleicht schon was in diese Richtung unternommen und Hausmann wollte das verhindern? Was sollte er dagegen haben? Dafür gleich zwei Leichen in Kauf nehmen? Unwahrscheinlich. Vielleicht wusste der Mörder nicht, dass neben Weilham noch eine Frau im Auto saß. Trotzdem, wir brauchen Hausmann; der muss doch da unten auffindbar sein.
Weilham sen. hatte einen Zusammenbruch und ist bislang nur halb wiederhergestellt. So richtig fit sah der Junge gestern nicht aus. Er musste die Nachricht vom Tod seines Sohnes zu verkraften, war aber trotz allem ziemlich anfällig. Welchen Grund sollte der haben, seinen Sohn… Nein, das passt nicht. Gut, die hatten in den Wanderjahren von Carsten etwas Zoff; das ist heutzutage eher normal, denn den Leuten würde sonst was fehlen; die Hörner müssen abgestoßen werden. Nein, als Täter oder Mitwisser scheidet der Senior erst einmal aus.
Aber warum lügt der?
Welchen Grund dazu hat er?
Und was war das gestern Abend im Red Rooster?
Weilham geht doch nicht am Freitagabend mit Abtowiz essen, um ihn einen Tag später zu verhauen. Bringt Weilham seinen Geschäftspartner Abtowiz mit dem Tod seines Sohnes in Verbindung? Und wenn ja warum? Genug Stoff für eine weitere Fragestunde.
Der VR3 war im Gegensatz zum VR1 wie immer ungeheizt. Weilham saß auf einem Stuhl vor einem Kaffee. Er sah verdammt schlecht aus; wahrscheinlich schlecht geschlafen? Seine Kollegin Kundoban beschäftige sich gerade mit dem Aufnahmegerät.
„Guten Morgen.“ Remsen sah Weilham überhaupt nicht an, sondern deutete gleich auf ein Foto. Beim Eintreten hielt er es Weilham vor die Nase.
Ihm fiel ein, dass er die Formalien zur Befragung und zur Tonaufnahme noch klären musste, bevor er die Vernehmung beginnen konnte.
Nachdem das erledigt war, legte Remsen los: „Vielleicht kommen wir der Wahrheit heute etwas näher. Was halten Sie davon?“
Weilham sah sich das Foto ganz genau an, lehnte sich zurück und ließ sich mit der Antwort Zeit; zu viel, wie Remsen fand. „Und? Der Audi VES CW 500 gehört doch Ihrer Firma und der Fahrer ist Ihr Sohn Carsten Weilham? Wer könnte die Dame auf der Beifahrerseite sein?“
Langsam, ganz langsam und sehr leise begann Weilham.
„Karl hatte auf einem Anwendertreffen in Moskau Geschäftsleute aus Lemberg kennengelernt, die aus der Sicherheitsbranche waren und in der Ukraine investieren wollten. Unsere Software überzeugte sie scheinbar. Carsten war auch mit und konnte denen alles zeigen. Wir überwachen mit unserer Software nicht nur Türen und Fenster; wir können viel mehr. Die Standards in der Übertragungstechnik, wie die bekannten IP-Protokolle, haben wir adaptiert und weiter ausgebaut. Wir haben eigene Uni- und Multicast-Szenarien entwickelt mit denen wir völlig unterschiedliche Tunneltypen nutzen. Der Vorteil ist: alle IP-fähigen Geräte lassen sich damit absolut sicher, abgeschirmt und anonym nutzen. Wir brauchen nur von der Netzwerkadministration die entsprechenden Löcher, der Rest ist unsere Sache, ganz allein. Dann…“
„Bahnhof.“
Remsen setzte Weilham ein Stoppzeichen, da er und augenscheinlich auch seine irritierte Kollegin nichts verstanden haben. „Was heißt das jetzt übersetzt?“
„Unsere Kunden können von einem Leitstand aus alles überprüfen und steuern. Dieser kann im Unternehmen oder bei uns, abgeschirmt und in sicherer Umgebung, betrieben werden. Wenn zum Beispiel nachts oder an Wochenenden eine Tür oder ein Fenster aufgeht oder die Scheiben eingeschlagen werden, können speziell angebrachte Sensoren das genau registrieren und Alarm schlagen.“
Remsen dachte kurz nach: „Das ist aber nicht so einzigartig; das können viele andere auch. Ganz bestimmt.“
„Schon, aber wir konnten Wärmesensoren entwickeln, die Veränderungen außerhalb eines festgelegten Toleranzbereichs feststellen können. Das sind Geräte für die Thermografie, die IP-fähig sind, also mit einem Leitstand verbunden werden können. So etwas Ähnliches wie eine Wärmebild- oder Infrarotkamera; aber nur so ähnlich. Wenn sich ein Mensch in einem Raum aufhält, dann kann die ausgestrahlte Wärme aufgenommen und analysiert werden. Wir können sogar für jeden einzelnen Menschen Wärmeprofile erstellen und beispielsweise Sicherheitsleute aus der Überwachung herausnehmen. Jede andere Bewegung wird registriert und verfolgt. Mit sofortigen Eskalationen und Alarmen…“
‚Thanks fort the Information‘, Van Morrison; Mitte der 80er Jahre eine grandiose Platte; irgendwie ‚no guru…’ hieß das Album; phantastisch, sollte ich mir heute Abend gönnen. Merk dir das Mal Jan.
„Und das ist die hohe Kunst von CodeWriter?“ Remsen blieb skeptisch; einerseits, weil er sich noch immer schwer tat, etwas zu verstehen; andererseits weil das Ganze sicher auch andere können, die Software für Sicherheitsfirmen entwickeln.
„Sicher. Wir haben das so weit getrieben, dass wir sämtliche Kartenleser, Türöffner und Zahlenschlösser mit in die Überwachung integriert haben; inklusive von Videoaufzeichnungen. Das ist rundum perfekt und erlaubt Sicherheitsfirmen, mit wenig Personal hochgradig effektiv Baustellen, unbewachte Fuhrparks oder Parkhäuser, Gewerbegrundstücke und universelle Gebäude wie Werkhallen oder Bürohäuser zu überwachen.“
„Dafür interessieren sich Kunden aus Osteuropa? Normalerweise verfügen die dort über genug Anabolika-Muskelprotze und jede Menge eigene Waffen. Technik ist doch für die ein absolutes Fremdwort. Old School, würde ich sagen.“
„Das denken Sie Herr Kommissar. Die Korruption dort ist weit verbreitet; unvorstellbar und vor allem undurchsichtig. Wenn jemand zum Beispiel einen Einbruch plant, dann besticht er einfach das Personal. Auf einen netten Nebenverdienst verzichtet dort niemand, das können Sie mir glauben. Je mehr ein Sicherheitsunternehmen auf Technik setzt, umso geringer wird das Problem der Bestechung. Klar, man könnte auch die Technik manipulieren; aber glauben Sie mir: Das hat bei uns noch niemand geschafft. Wir haben in der Entwicklung und während der Tests Nerds beauftragt, uns zu knacken. Selbst die Chaos Hacker haben es nicht geschafft. Für unsere Kunden ist das eine runde Sache; da nur ganz wenige die Software und die Technik wirklich verstehen, die Software ausgesprochen sicher ist und selbst die Übertragungswege nicht anzapfbar sind.“
„Gut. Aber wenn ich das richtig in Erinnerung habe, dann waren Sie doch immer gegen die Ausdehnung Ihrer Geschäfte in Osteuropa. Warum jetzt der Schwenk?“ Weilham rückt nicht mit der ganzen Wahrheit raus; dessen war sich Remsen ziemlich sicher.
„Wenn ich von Korruption spreche, dann betrifft es natürlich alle, die Deals dort machen wollen. Wer ist sich denn sicher, einen seriösen Gesprächspartner vor sich zu haben? Ist er von den Sicherheitsdiensten? Von welchem? Von der Mafia? Für wen arbeitet er? Wer weiß das schon? Gerade in der Sicherheitsbranche, da haben Sie sicher recht, regiert das Faustrecht und das Recht des Skrupellosen. Da können wir nur verlieren. Deswegen bin ich eigentlich dagegen gewesen.“
„Kommen wir zurück zu Ihrem angeblichen Kunden in der Ukraine. Wir hätten gerne den Firmennamen und die Adresse. Bekommen wir das hin?“
Weilham schaute etwas missmutig, nickte aber. „Zentrale Gebäudeüberwachung Lemberg heißt die Firma in Deutsch; hier ist die Visitenkarte vom Geschäftsführer dort.“ Er kramte aus seiner Jacke sein Etui mit den Karten hervor und buchstabierte den Firmennamen: ‚Штаб-квартира будівлю моніторингу Львів‘. Ein gewisser Dmytro Lypar. Karl setzte gleich nach seiner Rückkehr aus Moskau einen Privatdetektiv auf den an, um rauszubekommen, woher der kommt, wer seine Freunde sind usw. Negativ; der schien sauber zu sein, war früher so ein Apparatschik, sie wissen schon, Parteisoldat. Nicht auffällig, offensichtlich seriös.
„Die Karte können Sie uns doch sicher geben, ja Herr Weilham?“ Frau Kundoban ist erwacht und mischte wieder mit: „Wir werden das überprüfen. Zur Frau im Auto: Haben Sie eine Ahnung, wer das sein könnte? Wer war sie?“
„Larissa irgendwie. Sie war dort so etwas wie eine Vertriebsmitarbeiterin. Carsten hat es letzte Woche geschafft und die Vertragsgespräche recht weit getrieben. Der Deal war, dass er Larissa mit nach Vesberg bringt und sie sich hier von CodeWriter einen Eindruck verschafft. Quasi als Vorbereitung auf den eigentlichen Besuch des Chefs. Herr Lypar wollte nächste oder übernächste Woche herkommen und den Kauf perfekt machen. Sie wissen ja selbst: in der Sicherheitsbranche kann man nicht vorsichtig genug sein. Das ist nicht nur bei uns so.“
„Larissa irgendwie? Genauer geht’s nicht?“ Remsen baute weiter Druck auf Weilham auf. Der aber schüttelte den Kopf und lieferte keine Antwort zur Frage.
„Jetzt würde mich noch interessieren, warum Sie uns angelogen haben, Herr Weilham. Das hat Ihnen immerhin jede Menge Ärger und eine Nacht hier bei uns eingebracht. Warum?“
Weilham war offensichtlich noch immer nicht bereit oder einfach nicht in der Lage, hierauf eine verwertbare Antwort zu geben. Nach einiger Bedenkzeit formulierte er es so: „Mit Safety Objects gibt es seit einiger Zeit Schwierigkeiten. Herr Abtowiz hat viele Kontakte nach Osteuropa und damit gedroht, dass wir dort kein Fuß auf den Boden bekommen. Deshalb wollten wir alle unsere Aktivitäten so geheim wie möglich halten. Das mussten wir auch, weil bei diesem Deal die Lemberger das ausdrücklich von uns verlangt haben. Wir sind dem nachgekommen, aber Abtowiz hat irgendwoher erfahren, dass wir in der Ukraine aktiv sind.“
„Moment mal: In der angespannten Situation waren Sie friedlich am Freitagabend mit ihm zum Essen? Das passt doch nicht zusammen. Was für Schwierigkeiten waren das?“
Remsen grübelte nach einer eigenen Erklärung, fand aber keine geeignete. Mal sehen, was Weilham liefern kann. „Er bat sogar darum; die Initiative ging von ihm aus. Als Geschäftsmann sollte niemand die Türen jemals komplett zuschlagen; meistens gibt es immer einen Weg zur Zusammenarbeit, auch wenn es manchmal schwierig ist. Aber dann drehte sich das Gespräch immer mehr um Osteuropa, den vielen Chancen und so. Ich hatte das Gefühl, dass er mich nur aushorchte. Ich fand das nicht gut und erklärte ihm das auch. Nach einem Telefonat hat er mich sitzengelassen und ist einfach gegangen.“
„Um ihn einen Tag später zusammenzuschlagen?“
„Abtowiz ist für CodeWriter ein Alptraum.“
„Glauben Sie, dass er etwas mit dem Mord an Ihrem Sohn zu tun hat? Aber bitte keine Ausflüchte Herr Weilham. Wir bekommen das sowieso raus.“
„Das kann niemand wissen. Aber da Sie mich fragen: Ja, ich traue dem das zu.“ Er schaute kurz auf seine Uhr: „War es das jetzt?“ Bei Weilham war jetzt nicht nur die Geduld, sondern auch die Kraft für weitere Fragen zu Ende. Er hoffte wohl, dass er nach Haus kann.
Remsen überlegte, ob er ihn jetzt mit dem Anschlag auf sein Haus konfrontieren sollte. Er schien abzuwägen, was mehr bringen würde: Ihm das jetzt zu sagen oder es darauf ankommen lassen, bis er zu Hause sieht, was passiert ist. Und ihm war noch immer nicht klar, um welche Schwierigkeiten es sich zwischen CodeWriter und Safety Objects handelte.
Er machte Kundoban ein Zeichen, die Aufnahme zu beenden. Das tat sie dann auch, entnahm das Band und verschwand mit Remsen aus dem VR3.
„Kaffee? Ich habe sogar noch Kuchen mit, frisch vom Bäcker heute Morgen.“
Auch wenn Remsen es nie zugeben würde, aber jetzt wünschte er sich, dass Hansi von seinem Einsatz wieder zurück wär. Vielleicht gibt es inzwischen Neuigkeiten im Büro. Fehlanzeige, er war noch nicht zurück.
Remsen und Kundoban holten sich frischen Kaffee und suchten mit der Kuchentüte in der Hand Plätze in unmittelbarer Nähe des Kaffeeautomaten. Beide brauchten eine kleine Auszeit, mussten sich regenerieren und nachdenken.
Jetzt wussten sie mit ziemlicher Sicherheit, dass die Tote im Auto eine Ukrainerin war und wahrscheinlich auf den Name Larissa hörte. Jetzt ist auch bekannt, dass es Stress zwischen Abtowiz und Weilham, eigentlich zwei Geschäftspartnern, gab. Warum, das muss noch ergründet werden.
Wenn endlich Hanns-Peter aufkreuzen würde, könnten sie etwas über den Brandanschlag heute Nacht bei Weilham's erfahren.
„Nöthe? Haben Sie mal einen Moment Zeit?“ Remsen erspähte seinen Assistenten, wie er sich gerade ins Büro schleichen wollte.
„Ja klar, was kann ich für Sie tun?“ Benjamin Nöthe, der ewig eifrige und selten gute Assistent in seinem Team. Remsen hatte davon durchaus klare Vorstellungen: „Nöthe, ich möchte Sie morgen im Flieger nach Lemberg sehen.“
Nöthe schluckte heftig: „Ich kann doch überhaupt kein Russisch. Das Glück des Spätgeborenen.“
Kundoban grätschte dazwischen: „Dort wird Ukrainisch gesprochen.“
„Und wo ist der Unterschied? Kalaschnikow, Balakov, Nemiroff. Was ist daran so schwer Nöthe? Soll ich Ihnen das mal erklären?“ Remsen sah das wie immer nicht so eng.
„War Balakov nicht ein bulgarischer Fußballspieler?“ Nöthe schaute richtig unsicher drein und war sich über die Reaktion seines Chefs ganz sicher im Unklaren.
„Seien Sie nicht so kleinlich Nöthe. Das bisschen Russisch oder Ukrainisch bekommen Sie schon hin; haben ja noch einen ganzen Tag Zeit dazu. Hier ist die Karte eines gewissen Dmytro Lypar; Chef einer Sicherheitsfirma. Carsten Weilham hat die Firma letzte Woche in Lemberg besucht. Wie es aussieht, war die Tote, eine Larissa irgendwas, eine Angestellte dieser Firma und auf den Weg nach Vesberg, um eine Vertragsunterzeichnung vorzubereiten. Dieser sollte nächste Woche von diesem Lypar unterschrieben werden. Bekommen Sie alles raus; alles, was Carsten Weilham und CodeWriter mit denen gemacht und besprochen haben. Vielleicht haben die Ukrainer Weilham beschatten lassen; soll nicht ganz unüblich dort sein. Schon gar nicht in der Sicherheitsbranche; alles nur Paranoiden.“
Nöthe stand jetzt ziemlich unsicher rum und suchte krampfhaft nach Ausreden. Er hatte keine Lust dorthin zu fliegen und fürchtete sich davor, sich in einer fremden Sprache versuchen müssen.
Ein letzter, zaghafter Versuch „Vielleicht geht morgen kein Flieger dorthin…“
„Dann nehmen Sie den Zug, das Auto, Ihr Fahrrad, aber bewegen Sie Ihren Arsch dorthin. Und zwar morgen!“
Klare Ansagen waren schon immer Remsens Stärke, auch wenn seine Kollegin missbilligend zu ihm rüber schaute.
„Dann müsste ich erst mal schauen, ob dort jemand wenigstens Englisch kann. Deutsch darf man ja nicht voraussetzen.“
„Nöthe, besorgen Sie sich ein Wörterbuch, machen Sie diesen Lypar ausfindig und melden Sie sich für morgen zum Gespräch an. Denken Sie an unsere Brüder in Lemberg; die müssen Sie vorher informieren, sonst landen Sie für viele Jahre in Sibirien.“
Eine Steilvorlage für Jutta Kundoban: „Jan, Sibirien gehört zu Russland und nicht zur Ukraine“.
„Na und? Tauschen die nicht immer noch Gefangene aus, weil da in Sibirien die Lager leer stehen?“
Nöthe war jetzt richtig blass. Das lag bestimmt nicht nur an dem frühen Sonntagmorgen und an die kurze Nacht davor. Nöthe drehte plötzlich ganz schnell ab und suchte den weißen gefliesten Raum.
„Und Nöthe noch ein Tipp: Drug‘s sind dort nicht immer Freunde. Schön vorsichtig sein bei dem, was Sie sagen und was Sie naschen“, rief Remsen seinem fliehenden Assistenten hinterher.
Kundoban tadelte ihn: „Das war nicht nett. Der hat jetzt schon die Hose voll.“
Prof. Eilers warf einen Blick auf die Krankenakte des in der Nacht neu eingelieferten Patienten. Eilers ist Chef der chirurgischen Intensivstation im Universitätsklinikum Vesberg, die sich um mehrfach verletzte Unfallopfer kümmert. Je nach Schwere liegen die Verletzten für längere Zeit im Koma und werden nach Möglichkeit wiederhergestellt. Einen derart lebensbedrohlich verprügelten Patienten hatte selbst Prof. Eilers in seiner langen Laufbahn in der Intensivmedizin noch nicht gesehen. Er runzelt seine Stirn und scheint davon überzeugt, dass dieser Mann längere Zeit sein Gast sein wird; sofern der seine Verletzungen überlebt.
Als Sofortbehandlung wurden gleich nach der Einlieferung alle Organfunktionen auf Beeinträchtigungen hin untersucht. In den Intensivzimmern stehen mehr Rechner und Monitore als in jedem Rechenzentrum eines mittelgroßen Unternehmens. Der Patient ist an allen Versorgungs- und Kontrollgeräten angeschlossen, die dem Klinikum zur Verfügung standen. Jetzt befindet er sich in einem künstlichen medikamentösen Schlaf, allgemein auch als künstliches Koma bekannt. Die inneren Verletzungen sind mutmaßlich so schwerwiegend, dass Prof. Eilers dem Patienten nur eine mittlere bis minimale Überlebenschance einräumte. Wahrscheinlich werden die Schäden an Lunge und den Nieren schwer zu reparieren sein. Nur wenn der Patient stark genug ist, kann er es schaffen. Äußerlich schien der Mann in sehr guter Verfassung zu sein, durchtrainiert und kaum Fett am Körper. Ob das reicht, kann in dieser frühen Phase noch nicht abgeschätzt werden.
Mit seinem Team machte Prof. Eilers an diesem Morgen seinen Rundgang und Station im Intensivzimmer Nr. 3. „Wissen wir schon, wer er ist?“
Die diensthabende Schwester, die schon bei der Einlieferung mit dabei war, schüttelte den Kopf. „Gefunden wurde er gestern Abend, etwa gegen 22 Uhr in einer kleinen Sackgasse, unten an der Uferstraße. Er besaß keine Papiere, kein Portemonnaie und kein Geld bei sich. Wir haben keine Hinweise auf eine Identität gefunden.“
„Wer hat das gemeldet?“, wollte Prof. Eilers wissen.
„Im Protokoll der Samariter stand, dass es ein Anwohner war. Der war angeblich mit seinem Hund eine Runde gegangen und fand den Verletzten. Name und Adresse sind notiert. Der hier wurde richtig übel zusammengeschlagen. So etwas habe ich noch nie gesehen.“
Der junge Arzt der Wochenendbereitschaft war sofort in der Aufnahme, als die Einlieferung avisiert wurde. Auch die Erstaufnahme stammte von ihm. Der Arzt setzte darauf eine Sofortoperation an und trommelte aus dem Klinikum die besten Ärzte zusammen. Auch nach Meinung von Prof. Eilers konnte damit das Leben des Mannes gerettet werden. Vorerst zumindest. Jetzt muss der sich im Koma erst einmal stabilisieren und danach zusammengeflickt werden. Ein langer, sehr langer Weg zurück ins normale Leben.
Prof. Eilers schmeckte es nicht, dass sich ein nahezu totgeschlagener Mann mit unbekannter Identität in seiner Obhut befindet. Aus Erfahrung weiß er, dass das immer mit jeder Menge Ärger verbunden ist. „Ist die Polizei informiert?“
Der Bereitschaftsarzt bestätigte, dass das ein Routinevorgang sei und gleichzeitig mit den Samaritern die Polizei in der Aufnahme war. „Die Jungs meinten, dass es sich um einen Ausländer, vielleicht Osteuropäer handeln könnte. Sie konnten mir aber nicht erklären, woher sie diese Ahnung hatten.“
„Kommen die noch mal vorbei? Gibt es eine Vermisstenmeldung oder so? Angehörige müssten doch merken, wenn ein Mann nachts nicht nach Hause kommt. Wie ein Obdachloser sieht der nun wahrlich nicht aus – oder?“ Prof. Eilers beschlich das mulmige Gefühl, dass mit fortschreitender Genesung und Vernehmungsfähigkeit des Patienten die Polizei Stammgast in seiner Station werden würde. Prinzipiell ist das für ihn kein Problem, aber schön ist es auch wieder nicht.
Die Stationsschwester schaltete sich in das Gespräch ein: „Soweit ich das mitbekommen habe, wusste die Polizei gestern Abend noch nichts von einer entsprechenden Vermisstenmeldung. Die tauchen bestimmt heute nochmal auf und werden sicher versuchen, mehr über unseren Unbekannten zu erfahren. Jetzt können wir nur abwarten und hoffen, dass er sich stabilisiert.“
„Gut, seht gut.“ Prof. Eilers deutete auf den Bereitschaftsarzt: „Sie informieren mich umgehend, wenn die Polizei wieder ist. Auch wenn ich nicht hier auf der Station bin; Sie melden sich auf jeden Fall bei mir. Wir müssen erreichen, dass die Polizei unseren Betrieb hier nicht behindert.“
Damit drehte der Professor ab und auf das Zimmer Nr. 4 zu.
Kriminalrat Karl Dietering empfand nach so vielen Dienstjahren kein Vergnügen mehr daran, dass er am Wochenende aktiv werden sollte. Gestern am Samstag war es noch ganz einfach: Er hatte Kriminaloberkommissar Ulrich den von ihm wenig geliebten Remsen an die Seite gestellt und sich von dem auf den Laufenden halten lassen. Nachdem Remsen gestern Abend ihn über den aktuellen Ermittlungsstand unterrichtete, entschloss er sich, am Sonntag selbst in die W36 zu fahren und sich persönlich über die Arbeit seiner Mordkommission zu informieren. Wahrscheinlich steht heute noch eine PK an, denn die Pressegeier haben sicher schon vom Unfall erfahren. Dass es Mord war, wusste außerhalb des Teams aber noch niemand. Hoffentlich!
Er fand Remsen und die Kriminalassistentin Kundoban beim angeregten Plauschen in der Kaffeeecke. Kaum ist man mal nicht im Haus, schon lässt die Ernsthaftigkeit und das Engagement zu wünschen übrig. Dietering dachte sich seinen Teil und daran, dass Remsen keinen ruhigen Sonntag haben wird.
Remsen sah ihn kommen und fand, dass der Sonntag bisher ausgesprochen ruhig war. Das würde ab jetzt ändern und fragte sich, warum ihm plötzlich Van Morrison, „Hymns to the Silence“, in den Sinn kam. Eine Platte, die erst kürzlich aufgelegt und immer wieder und wieder hörte. Stimmt, auf der einen Platte dieser Doppelausgabe erinnerte er sich an „Village Idiot“: kurz und knapp: Trottel.
Immer diese nicht einfangbaren Assoziationen. Jan, mit dir wird’s noch einmal böse enden.
„Ach guten Morgen Herr Kriminalrat.“
Remsen machte noch nicht einmal Anstalten aufzustehen, um seinen Chef an einem Sonntagvormittag zu würdigen. „Setzen Sie sich doch zu uns, wir haben den allerbesten Kaffee in der W36 und sogar noch Kuchen von meinem Bäcker um die Ecke. Möchten Sie?“
„Kriminalhauptkommissar Remsen, wir sehen uns in meinem Büro. Umgehend, wenn ich bitten dar. Sie kommen bitte mit.“ Kriminalrat Dietering deutete auf Jutta Kundoban, die einen virtuellen Kampf mit Ihrer Kaffeetasse führte. Irgendwie sah man auch ihr an, was ihr Kollege Remsen von der Störung und der an ihm herangetragenen Besuchsaufforderung hielt. Sie nickte nur und konzentrierte sich auf den nächsten Schluck.
Im Büro des Kriminalrats Dietering bat dieser, seine Besucher Platz zu nehmen.
„Heute Nachmittag müssen wir eine PK ansetzen; die Medien haben schon Wind von dem Unfall bekommen. Lange können wir nicht mehr verhindern, dass es Mord war. Übernehmen Sie das Remsen?“
„Aber nur, wenn Sie mich begleiten Chef. Wie es aussieht, wird die Geschichte größere Kreise ziehen und einigen Rummel verursachen. Beide Toten waren auf dem Rückweg von einer Geschäftsreise aus der Ukraine. Dort führte Carsten Weilham mit einem potentiellen Kunden, einer Sicherheitsfirma aus Lemberg, Gespräche. Die waren wohl schon so weit, dass die Account Managerin der Ukrainer mit hierhergekommen ist, um sich die Firma CodeWriter genauer anzuschauen. Als Vorhut sozusagen, bevor die Chefs kommen und die Verträge unterschrieben werden.“
„Was macht CodeWriter? Ich kenne die Firma nicht. Sind die aus der Ukraine?“
Jutta Kundoban übernahm die Beantwortung der Frage: „Die sind hier in Vesberg ansässig und entwickeln Software für Überwachungsfirmen. Nicht allzu groß, aber doch recht erfolgreich und stabil im Geschäft. Die Interessenten aus Lemberg waren oder sind es vielleicht immer noch, Neukunden für CodeWriter.“
„Das klinkt nicht gut. Internationale Verwicklungen können wir uns hier nicht gebrauchen. Wo wir doch auf die grenzüberschreitende Zusammenarbeit, gerade im wirtschaftlichen Bereich, angewiesen sind. Wenn rauskommt, dass eine Ausländerin hier ermordet wurde, fragen nicht nur die Medien ganz genau nach.“
„Bei allem Respekt Chef, das kann uns nicht interessieren. Wir haben zwei Tote, die gewaltsam um die Ecke gebracht wurden. Etwas stümperhaft wie es aussieht, aber effektiv.“
Dietering und Kundoban sahen ihren Kollegen leicht entsetzt an.
„Na ja, wenn man das Ergebnis betrachtet war es ganz sicher effektiv – oder nicht?“ Remsen musste was sagen.
„Herr Remsen, einen Mord mit effektiv zu beschreiben würde ja bedeuten, man könnte ihn in ein Lehrbuch für Nachahmer aufnehmen. Ist das nicht etwas sarkastisch?“
Der Ermittlungsleiter ging nicht weiter darauf ein und resümierte weiter: „Der alte Weilham, einer der beiden Chefs von CodeWriter, hat bis vorhin ein Spielchen mit uns gespielt und uns angelogen. Angeblich wäre sein Sohn bei einem Kunden in Berlin und nicht in der Ukraine gewesen. Dass die schöne Larissa neben dem saß, aus der Ukraine stammte und jetzt auch tot ist, konnte oder wollte er uns nicht erklären. Erst als wir ihm ein Beweisfoto vorgelegt haben, fing er an zu erzählen.“
„Was für ein Beweisfoto?“, wollte Dietering wissen.
„Grenzübertritt gestern Abend, exakt 21:07 Uhr. Mit dem Audi der CodeWriter VES CW 500 und mit der Beifahrerin. Weilham wusste ganz genau, wo sein Sohn die letzten Tage war. Nur wir sollten es möglichst nicht erfahren.“
„Danke Frau Kundoban für die Informationen. Haben wir noch etwas, was wir in der PK erzählen können?“
„Heute Nacht gab es einen Brandanschlag auf das Haus der Weilham's. Es ist aber nicht viel passiert, Cordula Weilham informierte sehr schnell die Feuerwehr und dann uns. Den Weilham behielten wir im Gewahrsam. Ulrich war heute Morgen rausgefahren und bisher aber noch nicht zurück. Vielleicht findet er Anhaltspunkte, wer das gewesen sein könnte. Die Medien fragen bestimmt danach, kann ich mir gut vorstellen.“
Dietering war klar, worauf Remsen hinaus holte: „Trotzdem; Sie kommen mit in die PK. Lassen Sie sich vorher von Ulrich alles erzählen; wir legen dann fest, was wir rauslassen.“
Es entstand eine Pause, in der alle drei so taten, als waren sie mit den Unterlagen beschäftigt, die sie jeweils vor sich hatten.
„Noch was?“
Remsen war jetzt wieder dran: „Weilham traf sich am Freitagabend mit einem Menschen, namens Abtowiz zum Essen...“
„Abto... wer?“
„Igor Abtowiz, Inhaber der Firma „Safety Objects. Eine Überwachungsfirma: Gebäude allgemein, Büros und Gewerbeparks, Parkhäuser und so weiter. Klingt etwas abenteuerlich, aber Abtowiz ist Pole und kein Russe. Und er hat aktuell zumindest eine weiße Weste. Safety Objects ist Kunde der CodeWriter und nutzt deren Software. Für Abtowiz haben die anscheinend jede Menge besondere Wünsche eingearbeitet, was wohl nicht reibungslos geklappt hat.“
Jetzt war Jutta Kundoban etwas konsterniert, denn die letzte Information kannte sie bislang nicht.
„War das die Ursache des angeblichen Streits zwischen den beiden?“
Remsen sah ein, dass er etwas aufklären musste: „Ich hatte gestern Abend Abtowiz angerufen und ihn ins Red Rooster bestellt. Natürlich musste ich mir eine Geschichte ausdenken, damit er neugierig wird und wirklich erscheint. Der Trick mit der Gegenüberstellung hat funktioniert.“
„Und das war dann diese Softwaregeschichte?“ Kriminalrat Dietering fand noch immer nicht den Anfang des Fadens, den Remsen schon eine gewisse Zeit spann.
„Nein, nein. Abrechnungsbetrug bei Spesen und vor allem Restaurantrechnungen mussten herhalten. Weil die beiden einen Tag vorher zusammen beim Italiener waren, hat Abtowiz offensichtlich kalte Füße bekommen und sich gleich über Weilham und CodeWriter ausgelassen.“
„Frau Kundoban, kümmern Sie sich doch bitte mal darum, was an dem Streit zwischen diesen beiden Unternehmen dran ist. Vielleicht hilft uns das weiter.“ Kriminalrat Dietering war in seinem Büro ganz der Chef und verteilte munter Aufträge.
„Das bringt uns heute in der PK keine Punkte. Noch nicht.“ Remsen empfand keinerlei Lust, sich auf dieses dünne Eis zu begeben und auf messerscharf gestellte Fragen der Journalisten keine brauchbaren Antworten parat zu haben.
„Das weiß ich Remsen. Was haben wir noch an Informationen, die wir ohne Probleme weitergeben können?“
Da beide Ermittler schwiegen und nicht den Eindruck vermittelten, weitere Fakten beisteuern zu können, richtete sich Dietering auf eine kurze PK ein. Sofern nicht Ulrich noch etwas Brauchbares bis dahin liefert.
„Okay, schaffen Sie mir den Ulrich herbei. Ich möchte Sie beide gegen halb vier hier in meinem Büro haben. Um 16:00 Uhr gehen wir vor die Presse. Und Remsen: Eine Rasur wäre bis dahin nicht schlecht. Vielleicht finden Sie noch eine vorzeigbare Krawatte.“
Ja Sepp, dachte sich Remsen, als er gemeinsam mit seiner Kollegin das Weite suchte. Ohne sich vorher nicht noch einmal zu seinem Chef umzudrehen: „Mein Typberater hat mich eindringlich davor gewarnt, Krawatten zu tragen. Wollen Sie seine Telefonnummer haben?“
Nachdem Dietering allein war, überlegte er, was noch tun könnte. Da er nun einmal schon im Büro war, sollten seiner Meinung nach auch andere keinen ruhigen Sonntag haben. Er suchte auf seinem Smartphone den Eintrag vom zuständigen Staatsanwalt, um ihn prophylaktisch zu informieren oder schlicht dem die Sonntagsruhe zu nehmen. Melden macht frei und belastet andere. Ein probates Mittel, um mögliche Angriffsflächen gar nicht erst anzubieten.
Nach einigem Klingeln nahm jemand auf der Gegenseite den Anruf entgegen: „Stiegermann hier.“
„Hallo Torsten, Karl Dietering. Muss dich leider stören, auch wenn es Sonntag ist. Vielleicht hast du schon gehört; wir haben einen Mordfall an der Backe: Internationale organisierte Kriminalität. Hier in Vesberg.“
„Davon habe ich noch nichts gehört Karl. Was ist genau passiert? Erzähl.“ Stiegermann schien wirklich noch überhaupt nichts zu wissen. Davon war Dietering überzeugt. Also erzählte er dem Staatsanwalt die wenigen Dinge, von denen er bisher erfuhr.
„Seit wann wisst Ihr, dass es Mord war, Karl?“
„Um ehrlich zu sein, schon bald nach der Besichtigung des Tatorts am Freitagabend. Zumindest äußerte Dr. Ansbaum recht schnell die Vermutung, die sich gestern dann bestätigte.“
„Sag mal, du willst mir erklären, dass Ihr seit gestern wisst, dass wir einen Mord mit zwei Toten haben und Ihr habt mich davon nicht unterrichtet.“ Was ganz ruhig begann, entwickelte sich bei Stiegermann zu einem echten Schreianfall. Trotz Sonntagnachmittag.
„Karl, kann ich mich überhaupt nicht mehr auf dich verlassen?“
Dietering brachte kein Interesse auf, ein Kräftemessen an einem Sonntag und am Telefon zu veranstalten. „Wenn du aufhören würdest so rumzuschreien und deinen Arsch hierher bewegen könntest, wären wir schon weiter. Die PK mit der Meute steigt nicht ohne dich. Um 16 Uhr, um ganz genau zu sein.“ Dietering drückte das Gespräch weg und warf sein Telefon auf das Sofa in seinem Büro.
Er selbst plumpste hinterher und fühlte sich genervt.
In Delft war die Stimmung auf dem Tiefpunkt. Diese Dilettanten sind noch nicht einmal in der Lage, ein Haus nebst Bewohner abzufackeln. Einfach nur einen Auftrag auszuführen; ist das zu viel verlangt?
Der Plan war gestern Nacht gründlich schief gegangen. Dabei bestand er immer darauf, nur echten Profis den Auftrag zu geben. Aber nein, er ließ sich breitschlagen und griff schlussendlich auf unbekanntes Personal zurück.
Wird er alt und weich?
Auf einmal?
Oder kommt das schleichend?
Das kennt er nicht von sich. Seine Pläne zieht er in der Regel ohne Gezeter durch. Bisher war das immer so, sonst wäre er nie so weit gekommen.
Nicht mit mir Kollegen.
Was soll er jetzt tun?
Ihm läuft die Zeit davon.
Wem kann er jetzt noch vertrauen?
Er braucht eine Idee, schnell und gut.
Jetzt!
Sofort!
Aufgeregt lief er seinem Büro herum. Das könnte eher als kleines Rechenzentrum durchgehen. Der Raum war vollgestopft mit Servern, Monitoren, Kabeln und jede Menge Telefonen.
Eine Lösung muss her, sofort!
Er schaute wiederholt auf seinen Monitor und sah, dass der Schaden an beiden Fenstern von Weilham's Wohnhaus notdürftig behoben wurde. Auch im Haus drinnen scheinen die Beeinträchtigungen nicht so groß zu sein. Das Haus ist bewohnbar.
Entsetzt sah er auf seinen Monitoren, dass die Alte von Georg Weilham unversehrt mit einem Polizisten und offensichtlichen Handwerkern von außen die Schäden der Molotov-Cocktails begutachtete. Richtig erbost war er, als er Weilham putz und munter aus einem Taxi aussteigen sah.
Dabei ordnete er an, wirksamere Waffen zu verwenden; vom ihm aus Handgranaten. Von Weilham und der CodeWriter-Pest hatte er den Hals gestrichen voll.
Jetzt Ruhe bewahren.
Was war mit seinem Plan C?
Er goss sich einen doppelten Malt ein und ließ das hellbraune flüssige Gold über seinen Gaumen genüsslich in die Kehle fließen. Sofort stellte sich ein wärmendes und wohliges Gefühl ein. Augenscheinlich korrigierte der zweite Schluck seinen Puls auf beruhigendes Betriebsniveau.
Jetzt ist Nachdenken angesagt.
Er dachte über seinen Sicherheitsplan nach. Ein Plan, gedacht als Fallback-Taktik.
Für alle Fälle.
Für den Notfall.
Ist der jetzt eingetreten? Er sinnierte darüber und befand: Ja! Die Zeit drängte und Weilham ist noch immer der Störfaktor.
Als er seinen leistungsfähigen Rechner und die Kryptologie-Programme gestartete, gab er seine individuellen Eingangsinformationen ein. Stolz war er auf seine kryptografische Hashfunktion, die definitiv nur eindimensional verwendbar und niemals nachvollziehbar sein wird. Den HMAC lässt er zusätzlich mit zufälligen Kompressionsverfahren ermitteln. So ist nie ein Anruf, keine einzige Aktivität seinerseits durch niemanden nach verfolgbar. Selbstverständlich benutzte er dynamische Routing- und Anonymisierungsverfahren, um definitiv auszuschließen, dass er jemals lokalisiert werden konnte.
Obwohl er wusste, dass die Berechnungsverfahren trotz seines im Giga-Flop Bereich arbeitenden Rechners etwas länger dauerten, wurde er unruhig. Als aber die Töne des Wählverfahrens hörbar wurden – er war ein hoffnungsloser Nostalgiker und konnte auf die analogen Geräusche des Verbindungsaufbaus der Uralt-Telefonie nicht verzichten – konzentrierte er sich auf seine Botschaften.
Auf der Gegenseite nahm nach genau zweiminütigem Klingeln jemand ab: „Ja, hallo.“
„Wie abgesprochen. Holt sie euch und macht es hinter der Grenze.“
Soweit die knappe Anweisung. Weiteres war dem nicht hinzuzufügen.
„Überall ist Polizei. Wir kommen unbeobachtet nicht an die ran. Das Haus wird bewacht.“ Der Angerufene klang richtig verzweifelt und suchte nach Ausreden, um den erneuten Auftrag nicht ausführen zu müssen.
„Nicht mein Problem. Ich erwarte Vollzugsmeldung morgen früh. Wenn nicht, dann hole ich dich. Ich finde dich überall.“ Er legte auf und war zufrieden. Sie wussten nicht, wer er war und wer sie drängt, solch einen riskanten Auftrag zu erledigen. Diese Ahnungslosen; sollen sie doch im Ungewissen bleiben.
Nein, zufrieden sieht anders aus. Aber vorerst konnte er nichts mehr tun, also musste er sich mit dem begnügen, was er jetzt in die Wege geleitet hatte.
Bis morgen musste er warten und sich in Geduld üben.
Aber, wenn wieder nicht…
„Ulrich, was konnten Sie über den Anschlag noch rausbekommen?“
Dietering und Ulrich saßen im Büro des Kriminalrats. Nur Remsen widersetzte sich der mehrmaligen Aufforderung, stand am Fensterbrett angelehnt und schaute ausdruckslos auf die beiden. Er musste seinem Chef beweisen, dass er, Remsen immer noch derjenige ist, der mit genialen Ideen die beste Aufklärungsrate für sich reklamieren kann. Das sollte der Sepp nie vergessen.
Außer die üblichen Informationen über Zeitpunkt, Beobachtungen und Befragungen in der Nachbarschaft und der Begutachtung des Schadens, kam von Ulrich nicht viel. Dafür ergoss er sich in Spekulationen, die das Ergebnis des Einsatzes des Kriminaloberkommissars nicht wirklich aufbesserten.
„Sie machen einen Sonntagsausflug auf Kosten der Steuerzahler und liefern nichts? Ulrich, da habe ich mehr erwartet. Was sollen wir nachher der Presse erzählen? Spekulationen weitergeben, oder was?“
Ulrich sank auf seinem Stuhl immer mehr zusammen und konnte dem nichts entgegnen. Soll doch der Chef ihn abkanzeln: Wo nichts war, wollte er auch nichts erfinden. Dietering muss sich damit abfinden, dass weder die Weilham noch irgendein Nachbar mitten in der Nacht irgendetwas beobachteten.
So war es eben, basta!
Wenn es ganz eng wird, hilft auch Murphy nicht: Das hier ist eine Katastrophe für ihn. Zum Glück gab es jemanden, der ausnahmsweise mal nicht das Falsche machte. Eine Negation des Gesetzes von Murphy?
Ohne Anklopfen flog die Tür des Büros auf und Staatsanwalt Stiegermann trat ein. Wie es seine Art war, erwartete er, dass alle Anwesenden ihm die Aufmerksamkeit schenkten. Sein Auftritt. Als Erster drehte sich jedoch Remsen um und schaute aus dem Fenster; hinaus in den mausgrauen Novembersonntag. Leck mich, mehr fiel Remsen nicht ein.
Torsten Stiegermann galt als Überflieger in der Staatsanwaltschaft. Hier in Vesberg sah er seine Aufgabe nur als Übergang an. Kurzfristig und immer auf dem Sprung nach Größerem. Er verspürte keinerlei Lust, einen Tag länger als nötig auf diesem Provinzposten zu verharren. So ging er recht rigoros in seiner Arbeit vor und scheute sich durchaus nicht, auch mal die Falschen anzuklagen. Hauptsache für ihn war, dass seine Ermittler eine hohe Aufklärungsquote lieferten und er fleißig anklagen konnte.
In der Zeit der damaligen DDR konnte er Jura studieren. Ein Privileg, welches nur wenige genießen durften. Remsen kümmerte sich eigentlich nie darum, was Stiegermann früher so gemacht hatte. Es interessierte ihn schlicht nicht. Der Mann interessierte ihn ganz und gar nicht. Und er hätte auch nichts dagegen, wenn Stiegermann morgen nach Berlin oder Timbuktu versetzt werden würde. Wichtigtuer, Lackaffe mit eher primitiven Showfähigkeiten. Die bislang wenigen gemeinsamen Auftritte bei Pressekonferenzen und Gerichtsverhandlungen waren es wert, in einem Fortsetzungsroman erwähnt zu werden. Während Remsen Stiegermann überhaupt nicht akzeptierte und auch nicht mehr vorsah, das zu ändern, wusste zumindest der Staatsanwalt, dass er ohne die oft grenzgeniale Vorarbeit von Remsen nicht so blendend dastehen würde, wo er heute ist: immer mit einer Hand an der nächsten Sprosse der Karriereleiter.
„Was haben wir Greifbares? Können wir den Pressefutzis genug anbieten?“ Sein Blick schweifte durch den Raum und blieb zunächst beim Kriminalrat Dietering hängen. Der Ranghöchste war immer sein erstes Opfer, bevor er gerne den anderen Ermittlern dessen Grenzen aufzeigte. Nur die Anwesenheit von Remsen behagte ihm überhaupt nicht.
„Guten Tag Herr Stiegermann“, Dietering war im Dienst immer förmlich, während sich beide privat duzten. Da war mal ein Grillabend, den Kriminaloberkommissar Ulrich gegeben hat, mit jeder Menge Bier und viel Hochprozentigem, da haben sich beide auf das ‚Du‘ geeignet; halbherzig, wie es heutzutage üblich ist.
„Wir wissen wer die beiden Toten sind, können den Tathergang rekonstruieren und wissen auch, dass die beiden am Freitagabend über den Autobahn-Grenzübergang nach Deutschland eingereist sind.“ Viel mehr bot Dietering nicht.
„Russin“, lieferte Remsen nach, da sein Chef diese wichtige Information vergessen hatte.
„Ukrainerin, wie wir inzwischen wissen Jan. Carsten Weilham, so der Name des Toten war im Auftrag seiner Firma CodeWriter in Lemberg, um ein Geschäft dort einzufädeln. Das war offensichtlich so weit, dass die Account Managerin des neuen Kunden gleich mit zurück nach Vesberg gekommen ist, um die Vertragsunterzeichnung vorzubereiten. Das war die zweite Tote.“ Jetzt war es an Hanns-Peter Ulrich, einen weiteren Erkenntnisbaustein beizusteuern.
„Und das ist alles?“, wollte der Staatsanwalt wissen.
Dietering übernahm jetzt wieder das Zepter: „Auf das Haus des Vaters von dem Toten, Georg Weilham, ist in der Nacht ein Brandanschlag verübt worden. Das Ganze wurde von der Straßenseite des Hauses aus, gleich durch zwei Fenster, versucht; führte aber letztlich nur zu geringem Schaden. Offensichtlich sollte Weilham sen. beiseitegeschafft werden. Ob beide Taten miteinander im Zusammenhang stehen, wissen wir noch nicht.“
Staatsanwalt Stiegermann war es inzwischen anzusehen, dass sein Puls bedrohliche Frequenzen angenommen haben muss. Gestik und Gesichtsfarbe deuteten auf einen baldigen Ausbruch hin.
„Sind Sie denn hier alle bekloppt? Für was bezahlt sie der Steuerzahler eigentlich? Seit 48 Stunden haben wir zwei Tote und sie haben noch immer keine Ahnung, wer dahintersteckt. Was machen sie eigentlich den ganzen Tag? Soviel Ablenkung hat Vesberg doch gar nicht zu bieten. Wir haben gleich eine PK und nichts zu liefern. Ich nehme sie mir alle einzeln vor.“
Stiegermann nahm sich eine kurze Pause, um nicht minder leiser weiterzumachen. „Sie sind die längste Zeit in der Mordkommission gewesen. Remsen, sehen Sie mich an, wenn ich mit Ihnen rede.“
Remsen zeigte sich unbeeindruckt und hegte keinerlei Ambitionen, seine deutlich sichtbar ablehnende Position am Fenster zu ändern oder gar aufzugeben: „Ein Gespräch findet mindestens zwischen zwei Personen statt. Bisher haben Sie hier nur rumgeschrien. Ich für meinen Teil beteilige mich nicht an ein Gespräch; mit Ihnen gleich gar nicht. Sir, bei allem Respekt.“
„40 bitte; 40 Stunden ist die Tat etwa her, dazwischen zwei Nächte und ein ganzes Wochenende.“ Kriminaloberkommissar Ulrich setzte auf Deeskalation, wohlwissend, dass auch er noch nicht mehr Informationen zur Aufklärung beisteuern konnte.
„Wir haben eine PK, mit Fernsehen. Heute Abend sehen die da draußen, wie dilettantisch die Mordkommission in Vesberg arbeitet. Und ich soll das vertreten?“
Wenn Stiegermann so weitermachte, kollabiert der Mensch und die PK findet tatsächlich ohne ihn statt. Eine amüsante Vorstellung, wie Remsen fand, denn prinzipiell gehört ein schreiender Staatsanwalt nicht in die Öffentlichkeit. „Hören Sie: Die Tote ist eine Ukrainerin. Gleich den großen Fall dahinter zu vermuten, klingt eher nach Karrieregeilheit. Vielleicht war das ein Auftragsmord von jemandem, der mit CodeWriter oder dem Weilham über Kreuz lag. Wir haben das Umfeld ausgeleuchtet und noch nicht viel gefunden. Weilham's Frau, ich meine die Junge, sprach von einer intakten Familie und ein Umfeld mit dem üblichen Stress.“
„Remsen, das klingt ja alles ganz toll. Darf ich das der Presse nachher erzählen?“
„Das kann der Herr Krimimalrat machen, der hätte nicht so viele Probleme damit. Wenn Sie aber auf Fahndungserfolge aus sind, die Sie verkaufen wollen, dann denken Sie sich was aus. Meinen Segen haben Sie dabei jedenfalls nicht.“ Remsen fand Gefallen an dem Spiel und trieb inzwischen Stiegermann vor sich her. Nur merkte der das noch nicht.
„Vergessen Sie es Remsen. Sie machen da. Ich will Sie dort oben auf der Bühne haben. Sie werden Rede und Antwort stehen und schön auf die Fragen antworten. Zeigen Sie der Öffentlichkeit, wie wenig Sie an zwei Tagen zustande bringen. Versager.“ Man sollte Stiegermann irgendwelche Tabletten besorgen; die könnte er bei dem roten Kopf jetzt gut brauchen, befand Remsen.
Die anderen im Raum haben sich wohlweislich aus dem Streit herausgehalten. Entweder trauten sich Ulrich und Dietering nicht, dem Staatsanwalt Paroli zu bieten oder aber sie waren selbst mit der bisherigen Arbeit nicht zufrieden und hatten für den Streit nicht das richtige Blatt. Soll Remsen doch den ‚Bad Guy‘ spielen und allein den Schutzwall für die Mordkommission bilden. Immerhin ist er deren Leiter.
Der legte aber kräftig nach. „Während Sie Herr Staatsanwalt den Sonnabend im Wellnesstrakt eines Bordells hinter der Grenze verbracht haben, haben wir noch nicht einmal die eigenen Betten seit Freitagabend gesehen. Die Gerichtsmedizin hat gestern ganze Arbeit geleistet und uns ganz genau die Todesursachen erläutert. Wir haben die letzten Tage des Toten, sein Umfeld, seine Freunde und Feinde beleuchtet. Alles harte Polizeiarbeit, Herr Staatsanwalt. Nichts, aber auch gar nichts wird uns geschenkt. Was meinen Sie, wie viele Leute da draußen für uns Akten studieren, Informationen auswerten und Protokolle verfassen. Haben Sie jemals den Stallgeruch von Ermittlungsarbeit in der Nase gehabt?“
„Was interessiert mich Ihr Stallgeruch? Sie könnten übrigens durchaus mal eine Dusche vertragen, Remsen.“
Remsen drehte sich jetzt tatsächlich um und sah sein Gegenüber ins Gesicht. Er starrte ihn verächtlich an und machte Stiegermann damit klar, was er von ihm hielt.
„Wenn Sie bei der PK schmückendes Beiwerk brauchen, dann bedienen Sie sich draußen im Gewerbegebiet-Nord. Da im Thai-Puff werden Sie ganz sicher fündig. Wegen dem Stallgeruch müssten Sie allerdings die Nase nicht so hochtragen; die Damen dort sollen etwas kleiner sein. Einen schönen Tag noch.“
Während der Staatsanwalt vor einigen Minuten seinen ganz speziellen Auftritt zelebrierte, gönnt sich Remsen jetzt seinen Abgang. Gelassen, nahezu majestätisch ging Remsen auf die Tür zu, der er ganz andächtig öffnete und kräftig wieder zuschlug, als der draußen auf dem Flur war.
‚Your Mind is on Vacation‘, sang Van Morrison Mitte der 1990er. Und wird wohl auch nicht mehr wiederkommen, davon war Remsen fest überzeugt.
Was jetzt? Einen Plan B hatte auch Remsen auf die Schnelle nicht. Er sollte mal mit Van Morrison telefonieren, vielleicht fällt ihm ein Song dazu ein. Apropos einfallen: Er könnte sich ja einen ruhigen Sonntagabend machen und die noch ungeöffnete DVD ‚Live at the Hollywood Bowl‘ von ihm anschauen. Das wäre doch ein guter Plan B für heute. Die Ironie in der Idee erkannte Remsen erst später.
Die zum Nachmittag angesetzte Pressekonferenz wurde wie erwartet ein Fiasko. Oben auf dem Podium saß neben dem Staatsanwalt Stiegermann und Kriminalrat Dietering noch Kriminaloberkommissar Ulrich. Dietering gab der Kriminalassistentin Kundoban für den Rest des Tages frei. Er war davon überzeugt, dass die nächsten Tage von der Mordkommission insgesamt und auch von Jutta Kundoban jede Menge abverlangen werden. Sie war schon das ganze Wochenende voll im Einsatz, sodass einige Stunden Freizeit ihr sicher guttun würden.
Er rechnete jedoch fest mit Remsen, der mit Sicherheit die meisten Fakten beisteuern könnte. Auf seine spezielle Art, eine Mischung aus kumpelhaftem Gehabe und freundlich bestimmten Ausweichen von Antworten auf messerscharf gestellte Fragen schaffte er es immer wieder, die Pressemeute auf Distanz zu halten. Remsen ließ dabei nie ein Zweifel aufkommen, dass die Kollegen der W36 hoch professionell und mit Engagement ihrem Job nachgehen.
Dietering versuchte nach dem Crash mit Remsen, den Staatsanwalt zu besänftigen. Er musste bis zur Pressekonferenz Ruhe reinbringen und sich vor allem um Remsen kümmern. Einerseits brauchte er ihn; ihn, den erfahrenen und in vielen Hamburger Jahren gestählten Ermittler. Ja, er war schon sehr eigenwillig; deshalb akzeptierte ihn überhaupt nicht. Andererseits kollaborierte er durchaus mit seinen Kollegen und gab vielen Ermittlungen mit seinen unkonventionellen Ideen immer wieder den entscheidenden Kick. Wenn Remsen bei den Ermittlungen mitmischte, konnte Dietering eine recht hohe Erfolgsquote nachweisen. Auch und vor allem in seinem eigenen Interesse.
Remsen aber war nach dem Streit mit Stiegermann von der Bildfläche verschwunden. Sein Handy war aus, sein Büro unbesetzt und zu Hause schaltete sich der Anrufbeantworter ein.
Dietering konnte Remsen durchaus verstehen. Torsten Stiegermann war karrieregeil und menschlich ein widerlicher Kerl. Im Grunde wusste das jeder im Kommissariat und bei der Staatsanwaltschaft, aber nur Remsen traute sich, seine Antipathie offen zu zeigen.
Das Ganze interessierte ihn jetzt nicht, er brauchte Remsen für die PK. Der Pager war die letzte Möglichkeit, ihn direkt zu erreichen. Remsen durfte den Pager nie ausschalten; eine der wichtigsten Regeln bei der Mordkommission. So ließ er Remsen anfunken und hoffte auf dessen Rückmeldung; kurzfristig oder besser sofort.
Remsen meldete sich nicht.
Der Presseraum war für einen Sonntag sehr gut gefüllt. Es waren die üblichen Verdächtigen der Boulevardpresse, aber auch Journalisten seriöser Zeitungen erschienen. Sogar drei Fernsehsender beorderten Kamerateams in die PK. Vor dem zentralen Platz auf dem Podium war eine ganze Batterie von Mikrofonen aufgebaut.
Dietering und Ulrich standen etwas abseits und redeten aufeinander ein. Der Kriminalrat verlegte sich auf die Strategie, eine simple Erklärung rauszugeben, die Ulrich auf die Schnelle verfasste. Weiteren Fragen wollte Dietering nur wenig Zeit einräumen, denn er war davon überzeugt, dass bei dem Aufgebot auf beiden Seiten die Mordkommission kaum Chancen haben dürfte, als Sieger aus der PK hervorzugehen. Außerdem war es noch nie seine Stärke, auf spontane Fragen genauso spontane Antwort zu geben. Er kannte seine beiden Mitstreiter nur zu gut und wusste, dass sich beide im Zweifel hinter ihm verstecken würden.
Remsen tauchte nicht mehr wie erhofft auf, dafür betrat Staatsanwalt Stiegermann unmittelbar vor Beginn der PK den Presseraum, schritt entschlossenen Schrittes nach vorne und nahm auf dem Podium rechts außen Platz. Ganz passend, fiel Dietering dazu nur ein.
Der Kriminalrat verlas im monotonen Ton die von Ulrich verfasste Erklärung. Ohne Emotionen. Ohne den Anschein zu erwecken. Ohne PK unnötig in die Länge zu ziehen. Als Dietering zum Ende kam, stellte er für sich fest, dass der Kriminaloberkommissar den bisherigen Verlauf und den Stand der Ermittlungen so gut zusammengefasste, dass er, Dietering, sich ganz spontan entschlossen hat, keine Fragen zuzulassen.
„Da wir zum aktuellen Stand der Ermittlungen nichts mehr sagen können, bitte ich Sie, auf weitere Fragen zu verzichten. Sobald wir belastbare Ergebnisse haben, werden diese an Sie weitergeben. Bis dahin bitte ich Sie, sich zu gedulden.“
Dietering sah zufrieden auf die Meute und machte Anstalten aufzustehen. Ohne auf Stiegermann und Ulrich zu achten, die aus unterschiedlichen Gründen keine Anstalten machten, ihn zu unterstützen, sah er die Pressekonferenz für beendet an.
Er machte allerdings seine Rechnung ohne die Presse. Sie drängten vor zum Podium oder schrien Fragen in den Raum. Dietering verglich die Situation mit einem Aufruhr eines Publikums am Ende einer Opernpremiere, welches sich äußerst schlecht unterhalten fühlte. Wie er spürte, hinkte der Vergleich, denn die Journalisten fühlten sich vor allem schlecht informiert.
So war es an Guther, einem Vertreter der überregionalen Tageszeitung, seine Fragen so zu stellen, dass Dietering und seine beiden Kollegen diese nicht ignorieren konnten.
„Herr Kriminalrat Dietering, nach meinen Informationen wurde auf dem Haus des Vaters eines der Opfer heute Nacht ein verheerender Brandanschlag verübt. Darüber haben Sie uns nicht informiert. Was können Sie dazu sagen?“
Kai-Uwe Guther war Journalist des Vesberger Tageblatts, eine Zeitung, die aufgrund ihres informellen Netzwerks und der sehr guten Recherchearbeit bekannt und viel beachtet war. Die Mitarbeiter des VT waren phänomenal in Politik, Gesellschaft und in der Wirtschaft vernetzt. Guther hatte sich über viele Jahre seinen Respekt und reichlich Anerkennung beim Vesberger Tageblatt hart erarbeitet.
Er wurde nach der Schulzeit Informatiker, EDV-Facharbeiter wie es damals exakt hieß. Diese Ausbildung musste er machen, da ihm das DDR-Regime aus unerklärlichen Gründen sein Traum, ein Jurastudium, verwehrte. So musste sich Guther mit der EDV arrangieren, was ihm mit der Zeit gelang. Er wurde sogar richtig gut darin, da er sich im Laufe der Jahre in der Kryptographie, den Netzwerkprotokollen und in dem Aufbau von Rechnerverbunden immer besser auskannte. Noch während der Wirren um die Wiedervereinigung sah er seine Chance gekommen und begann mit dem der Journalistik. Guther spezialisierte sich auf Gerichtsberichte, dem Aufarbeiten, vor allem dem Aufdecken von spektakulären Fällen insbesondere der Wirtschaftskriminalität. Vesberg war dafür ein dankbares Pflaster.
Guther beschäftigte sich schon seit geraumer Zeit mit der Entwicklung von IT-Firmen im Großraum Vesberg. Sein Chef war fest davon überzeugt, dass nicht alle davon legal zu Ruhm und Ehre gekommen sind. Guther sollte herausbekommen, welche Geschäfte die Start-ups von damals gemacht haben und welche Beziehungen es in Richtung Osteuropa gibt.
Im Visier hatte er auch CodeWriter. Obwohl die Firma nicht übermäßig groß war, sich seriös gab, war das Umfeld der Kunden von CodeWriter mehr als spannend. Guther war der Meinung, dass in der Sicherheitsbranche kaum etwas ohne illegale Absprachen und Korruption ablaufen würde. Speziell die Beziehung zwischen Hausmann und Weilham, die beiden Macher von CodeWriter und dem Igor Abtowiz, Chef der Safety Objects war Guther suspekt.
Der Anruf gestern Vormittag warf seine Wochenendplanungen komplett über‘n Haufen. Guther war im Presseraum anscheinend der Einzige, der wusste, wer der Tote war und dass dieser von einer Dienstreise aus der Ukraine zurückkam.
Nur wenige seiner Kollegen stellten den Zusammenhang vom Brandanschlag auf das Haus vom alten Weilham und den Toten vom Freitagabend im Wald so her, dass die daraus sprießenden Spekulationen den Kriminalrat Dietering wieder auf seinen Stuhl fesselten.
„Also, ich sag mal so: Wir haben keine Hinweise, dass der Tod von Carsten Weilham mit dem Brandanschlag auf das Haus der Familie Weilham sen. in direkter Verbindung steht. Wir ermitteln aber in alle Richtungen und gehen jeden Hinweis nach.“ Dietering erging sich wie immer in vergleichbaren Situationen in Plattitüden.
„Sicher, die Hinweise, die wir Ihnen geben.“ Der Spott der versammelten Presse war die zu erwartende Reaktion auf das inhaltsleere Statement des Kriminalrats.
Dietering versuchte sich auf dem unsicheren Terrain – der Offensive: „Gehen Sie davon aus, dass wir zum Tathergang jede Menge Hinweise aus der Nachbarschaft haben, die wir sorgfältig auswerten.“
„Herr Dietering, stimmt es, dass die Firma CodeWriter mit einigen ihrer Kunden im Rechtsstreit liegt? Können Sie Zusammenhänge zum Mord an Carsten Weilham herstellen?“
Kai-Uwe Guther war offensichtlich verdammt gut informiert. Jetzt war es an Stiegermann, nicht ganz unterzugehen. „Von welchem Rechtsstreit sprechen Sie Herr Guther? Die Firma CodeWriter hat sich nichts zu Schulden kommen lassen und arbeitet nach unseren Erkenntnissen absolut seriös.“
Stiegermann hatte vor lauter innerer Panik die schlimmste aller Taktiken angewandt und in aller Öffentlichkeit Unkenntnis kundgetan. Eine Steilvorlage, die sich Guther nicht entgehen lassen konnte.
„Herr Staatsanwalt: Die Firma Safety Objects hat vor einiger Zeit gegen CodeWriter Klage eingereicht. Hintergrund ist ein Streit mit dem Softwarehersteller über Funktionen in der Software, mit der sich die Arbeit von Safety Objects ausspähen lässt. Reden Sie nicht mit Ihren Kollegen vom Wirtschaftsdezernat?“
Kriminaloberkommissar Ulrich, der bis jetzt völlig unbeteiligt der Pressekonferenz beiwohnte, sackte innerlich zusammen. Sollte das der Grund sein, warum Weilham gestern bei der missglückten Gegenüberstellung auf Abtowiz losgegangen ist, sinnierte er, ohne gleich eine Antwort darauf zu finden. Er musste an Remsen rankommen, irgendwie.
„Herr Guther, Wirtschaftsdelikte stehen hier nicht zur Diskussion. Er haben zwei Tote und müssen herausfinden, wer Interesse an den Tod der beiden hat und Mörder der beiden ist. Geschäftliche Streitigkeiten können Sie gerne morgen bei der Pressestelle der zuständigen Wirtschaftskammer recherchieren. Andere Fragen bitte.“
Stiegermann versuchte mit seiner aufgesetzt arroganten Art die PK wieder in den Griff zu bekommen und ignorierte die Fragen der Journalisten.
Guther war im Laufe der Jahre Profi geworden und konnte abwarten. Genau in dem Moment, als seine Kollegen mit ihren mehr oder weniger verbalen Fragen durch waren, meldete er sich wieder zu Wort: „Soweit ich weiß, gab es gestern Abend zwischen Herrn Weilham und Herrn Abtowiz ein handgreifliches Treffen; im Beisein Ihrer Ermittler. Können Sie uns den Hintergrund erklären?“
Nein, das wollte Stiegermann nicht. Auch Kriminalrat Dietering verfügte weder über Detailkenntnisse noch über die Bereitschaft, dazu Stellung zu nehmen. So musste wohl oder über Kriminaloberkommissar Ulrich irgendetwas dazu sagen: „Wir erhielten gestern während der Ermittlungen davon Kenntnis, dass sich am Freitagabend beide zum Essen getroffen haben. Unser Ziel war es, mit einer Gegenüberstellung das zu überprüfen und das Verhältnis der beiden zu klären.“
„Herr Kriminaloberkommissar“, Guther legte nach, denn er sah sich als professionell an, „Warum steht eigentlich nicht der Leiter der Ermittlungskommission Remsen hier Rede und Antwort? Wir haben ein berechtigtes Interesse an Informationen aus erster Hand; das möchte ich unmissverständlich anmerken.“
„Remsen kümmert sich weiter um die Aufklärung und hat zu tun. Sie haben sicher Verständnis dafür, dass er hier nicht persönlich anwesend sein kann. Die ersten 48 Stunden sind immer entscheidend, für einen Ermittlungserfolg.“ Dietering stellte sich vor sein bestes Pferd im Stall und machte damit klar, dass die PK hiermit für ihn beendet war.
„Der Streit muss wohl so heftig gewesen sein, dass Georg Weilham gleich über Nacht von Ihnen in Gewahrsam genommen wurde? Welchen Grund führen Sie an, uns das bisher verheimlicht zu haben?“ Guther schien jetzt so richtig auf Betriebstemperaturen zu kommen.
Dietering ließ sich den Hieb nicht anmerken und antwortete lapidar: „Herr Guther, haben Sie Nachsicht, dass wir aus ermittlungstaktischen Gründen nicht alles im Detail erläutern. Wir hatten Grund zur Annahme, dass Weilham so erregt war, dass er durchdreht und noch weiteren Unsinn anstellt. Eine Schutzmaßnahme, so würde ich es sehen.“
„Auf Kosten der Steuerzahler? Nur um jemanden zu schützen, der selbst wegen Geschäftsbetrug und Vertrauensmissbrauch im erheblichen Umfang von Kunden angeklagt wurde? Wie rücksichtsvoll von Ihnen. Seine Frau sitzt alleine zu Hause und wartet auf Abtowiz. Da haben Sie sicher das Haus der Weilham's rund um die Uhr bewacht. Nur scheinbar sind Ihre Beamten eingeschlafen, sodass Abtowiz oder wer auch immer den Anschlag verüben konnte. Dürfen wir das so morgen drucken?“ Guther legte recht geschickt nach und erhoffte sich so, weitere Informationen.
„Herr Guther, das sind doch alles nur Spekulationen.“ Staatsanwalt Stiegermann würde jede Menge darum geben, diese PK möglichst schnell und ohne Gesichtsverlust zu beenden.
„Wenn Abtowiz nicht hinter dem Brandanschlag steckt, wen haben Sie denn im Visier?“ Die Frage von Guther, der inzwischen so etwas wie eine Privatfehde mit dem Podium führte, ging wieder an die Ermittler.
„Wie gesagt Herr Guther, wir ermitteln in alle Richtungen und können zum derzeitigen Stand der Ermittlungen noch keine weiteren Informationen dazu rausgeben.“ Dietering versuchte erneut, die Diskussion regelrecht abzuwürgen.
„Vielleicht weiß Remsen mehr darüber. Können Sie ihn bitte hierher beordern, Herr Kriminalrat?“ Ein Affront eines Journalisten gegenüber den Ermittlern. Jemand, der genau wusste, wie die Kräfteverhältnisse in der W36 waren und welche Rolle der Staatsanwalt spielte.
„Nein, das lässt sich nicht arrangieren Herr Guther.“ Basta, aus, Dietering hatte jetzt wirklich von den penetranten Nachfragen genug.
„Aber Herr Ulrich, Sie waren doch gestern Abend bei der Schlägerei mit dabei – können Sie uns darüber was erzählen, warum Sie ganz bewusst das Risiko einer Konfrontation und dann noch in einem Restaurant, in der Öffentlichkeit eingegangen sind?“ Guther grinste siegessicher den Kriminalbeamten an.
„Sie müssen wissen, dass Remsen die Gegenüberstellung veranlasste und sicher dafür seine Gründe hatte. Mehr kann ich dazu nicht sagen.“ Ulrich fühlte sich offenkundig unwohl in seiner Haut.
„Ach so, Sie arbeiten gar nicht zusammen. Das ist bemerkenswert und ganz bestimmt für unsere Leser höchst interessant. Die Ermittler behindern sich untereinander, stimmen sich nicht miteinander ab. Ja, sie reden noch nicht einmal über ihre Arbeit. Also, so könnten wir nicht arbeiten.“
„Herr Guther, Sie spekulieren hier nur rum und versuchen, die Arbeit unserer Mordkommission in den Dreck zu ziehen. Ich denke, wir können jetzt die Pressekonferenz beenden.“
Das halbherzige Machtwort vom Staatsanwalt Stiegermann krepierte schon auf halber Strecke, denn Guther legte nach: „Dann ist es sicher auch nur eine Spekulation, dass der Tote Carsten Weilham gestern Abend aus dem Osten zurückkam; genau aus der Gegend, in der sich Abtowiz sein langes Vorstrafenregister erarbeitet hatte. Was sagen Sie dazu Herr Staatsanwalt?“
Der Mann schien besser informiert zu sein als ich. Stiegermann war auf Dietering, nein, eher auf Remsen jetzt richtig sauer. Jetzt half nur noch die Flucht nach vorne: „Wir geben in den nächsten Tagen eine Pressemitteilung heraus, aus der Sie alles Weitere entnehmen können. Bis dahin bitte ich Sie, sich zu gedulden. Einen schönen Tag noch.“
Stiegermann schaltete sein Mikrofon ab und zeigte den anwesenden Journalisten im Saal damit deutlich, dass die Show für ihn jetzt vorbei ist. Egal, was die TV-Sender heute Abend dazu zeigten oder süffisant kommentierten. Die PK ist einzigartig schlecht gelaufen; das wird ein Nachspiel der besonderen Sorte haben.
Dietering und Ulrich folgten ihm und ließen die Journalisten mit ihren unbeantworteten Fragen im Presseraum zurück.
Jutta Kundoban ließ es sich nicht zweimal sagen und verplante den unverhofft freien Abend schnell. Jetzt saß sie bei ihrer Freundin Claudia. Während beide auf das Eintreffen ihrer bestellten Pizzen warteten, zappten sie durch die Programme.
Was soll an einem Sonntagabend vor dem Tatort schon Interessantes zu sehen sein? Als Jutta bei Claudia angerufen und sich angekündigte, erklärte diese ihr, dass Bit auch noch kommen würde. Wenn sie, Jutta nichts dagegen hätte, wäre sie willkommen.
Da Bit noch nicht da war, musste der Fernseher herhalten. Denn Jutta verspürte nach der kurzen und herzlichen Begrüßung plötzlich nur noch das Gefühl, erschöpft zu sein. Sie wollte sich einfach nur noch dahintreiben lassen. Jede Erklärung, jede Diskussion erschienen ihr mit einem Mal zu viel. Inzwischen bereute sie es, überhaupt hierhergekommen zu sein. Andererseits war sie auf der Suche nach Nähe, nach der Nähe zu ihrer Freundin, ohne sich gleich erklären zu müssen.
Jutta stibitzte sich die Fernbedienung und hangelte sich durch die Sender. Sie blieb bei einem lokalen Sender hängen, denn was da gezeigt wurde, fesselte sofort ihre Aufmerksamkeit. Unschwer konnte sie erkennen, dass es eine nahezu unkommentierte Übertragung der Pressekonferenz war, der sie entfliehen konnte. Dietering musste wohl schon seine Eingangserklärung vorgelesen haben, übrigens ein Ritual was er aus dem tiefsten Bayern mitbrachte. Sie wartete nun darauf, dass die Kamera auf Remsen schwenkte, denn der wird ja wohl der meist gefragteste auf dem Podium sein.
Dachte sie sich zumindest so!
Einigermaßen erstaunt stellte sie mit der Zeit fest, dass neben Dietering nur der Staatsanwalt und Hanns-Peter anwesend waren. Wo war Jan Remsen geblieben? Jutta suchte nach ihrem Handy und wählte die Nummer von Jans mobilem Telefon an. Nach einiger Zeit sprang seine Mailbox an; von ihm war nichts zu hören. Mist, die anderen Telefone bringen ganz sicher nichts, da Jan ohne sein Smartphone keine Sekunde mehr lebensfähig war.
Das kann doch nicht sein? Jan ist der Leiter der Mordkommission und nicht bei der PK dabei? Hat der alte Sepp; Jan hatte eine Vorliebe für schräge Spitznamen, ihn abkommandiert oder eine Spezialaufgabe verpasst? Dann wäre er doch an das Telefon gegangen; ihre Nummer hätte Jan bestimmt nicht ignoriert. Mit Hanns-Peter kann es nichts zu tun haben, die beiden mögen sich zwar nicht sonderlich, respektieren sich dennoch. Kann also nur Stiegermann dahinter stecken. Wenn Remsen ab- und bei der PK nicht wiederauftauchte, werden beide Krach miteinander haben.
Jutta war so angespannt, dass sie überhaupt nicht mitbekam, wie einer der Reporter ihre Kollegen in die Enge trieb. Ihre Freundin Claudia stand schon einige Zeit hinter ihr und massierte ihr den Nacken. Sie musste dringend ins Bett und mal so richtig ausschlafen.
„Den kenne ich“, meinte sie und deutete mit dem Kopf auf den Fernseher, „das ist einer vom Vesberger Tageblatt. Die müssen verdammt gute Drähte zu Informanten haben oder stellen es einfach geschickter als andere an. Die Zeitung liegt bei uns im Warteraum für Kunden, ich lese mir immer die regionalen Seiten durch. Da schreibt der Typ, Gutmann oder so, ziemlich viel.“
Jutta fand inzwischen den Faden und ihre Aufmerksamkeit wieder und korrigierte ihre Freundin ungern: „Guther heißt der Mann, meine Liebe.“
„Ach ja, Kai-Uwe Guther. Der schreibt aber nur Dinge, die er selbst recherchiert hat. Woher weiß der eigentlich, was ihr bei der Polizei so macht?“
Gute Frage, dachte sich Jutta. Von den wenigen Fetzen, die sie mitbekommen hat, gewann sie mittlerweile auch den Eindruck, dass der Mann wirklich gut Bescheid wusste. Daraus folgte nur die eine Frage: Wer ist das Leck bei uns?
An der Wohnungstür klingelte es; könnte nur die Pizza sein. Claudia ließ von Juttas verspanntem Nacken ab und drückte auf den Türöffner. Es war aber nicht der Pizzabote, sondern ihr gemeinsamer Freund, eher ein Bekannter aus alten Kinderzeiten und Schultagen: Edwin Bittling. Er stürmte in die Wohnung, umarmte Claudia mit einem Küsschen und bahnte sich den Weg in Richtung Fernseher.
Mann, ist der fett geworden, entfuhr es beinahe Jutta. Sie hatte Bittling schon eine geraume Zeit nicht gesehen. Sie konnte aber ihre Entrüstung gut verbergen und heuchelte ein freundliches Hallo.
„Habe ich schon im Autoradio gehört, spannende Geschichte. Bist du nicht mit dabei Jutta?“ Das obligatorische Küsschen bekam auch sie ab.
„Oh doch, seit Freitagabend fast durchgängig. Habe aber einige Stunden frei bekommen, um mich zu entspannen. Die nächsten Tage werden richtig anstrengend.“ Jutta brachte wirklich keine Lust auf, Bit vom Ermittlungsverlauf zu berichten. Abgesehen davon, dass sie eh nichts berichten durfte.
Rettender weise klingelte es erneut und jetzt war es der Mann mit der Pizza. Claudia bezahlte für alle und brachte strahlend neben den drei Kartons noch ein Präsent in Form einer Flasche Rotwein mit an den Tisch.
„Abendbrot meine Lieben. Kalte Pizza schmeckt scheußlich.“ Wie auf Kommando stürmten Bit und Jutta an den Tisch. Bit erbot sich als Mann, die Flasche Wein zu öffnen, während Jutta Besteck und Gläser aus der Küche holte.
Beide Freundinnen mochten Bit, der sich in den letzten Jahren als IT-Mann einen Namen gemacht macht. Davon verstanden sie aber nichts, sodass sie mit ihm darüber nie sprachen. Wobei, eigentlich hatte Claudia mehr Kontakt zu ihm. Sie war es auch, die ihren Edwin dabei half, mit der Frauenwelt zurechtzukommen. Zugegeben, ein hoffnungsloser Fall. IT-Freaks halten von Frauen wohl überhaupt nichts oder sie sind schwul. In etwa in dieser Gegend ist auch das Gefühlsleben von Bit angesiedelt.
Und sie stehen auf Kriegsfuß mit Weinflaschen, wie beide Freundinnen amüsiert mit ansahen. Offensichtlich war Bit gerade dabei, die erste Weinflasche seines Lebens zu öffnen. Entsprechend fielen die Kommentare aus. Jutta, die es genoss, mit Remsen bei sich oder bei ihm in der Wohnung einen guten Wein zu trinken und fast schon nebenbei die Fälle zu lösen, erlangte inzwischen Übung beim Öffnen von Weinflaschen. Sie half Bit nach einigen belehrenden Hinweisen aus der Bredouille und entkorkte gekonnt die Flasche. Das Einschenken übernahm sie gleich selbst. Die Pizza wurde kalt und Bit inzwischen dunkelrot, im Gesicht.
„Ich habe gehört, CodeWriter steckt da mit drin? Soll ich das mal checken? Die machen doch Sicherheitssoftware; wer weiß, was die da alles mit eingebaut haben.“ Edwin war froh, dass Jutta ihm aus dieser Peinlichkeit erlöst und mit jetzt Werbung plärrenden Fernseher gleich das richtige Thema geliefert zu haben.
„Wieso eingebaut? Software ist Software oder nicht?“ Jutta schüttelte verständnislos den Kopf und schob sich das erste Stück Pizza in den Mund. Sie kaute und wartete auf Erklärungen.
Bit war schon beim zweiten Stück Pizza, wobei bei ihm die Stücke etwa doppelt so groß waren.
So wartete er, bis er einigermaßen Luft zum Atmen und Sprechen bekam: „Wie naiv von dir. Die Entwickler stöpseln Funktionen an, die nicht dokumentiert werden. Keiner weiß, was die Software noch alles kann. Die Hersteller selbst können nur hoffen, dass die Entwickler keinen Scheiß machen. So ist das.“
„Und bei CodeWriter ist das so?“ Jutta kam aus dem Staunen nicht mehr raus und vergaß ihre Pizza. Claudias Gesten nach zu urteilen, konnte sie nicht einmal erahnen, wovon die beiden sprachen.
„Nein, das habe ich nicht gesagt. Ich weiß aber, dass die Entwickler mit Bausteinen, das sind vorgefertigte Bibliotheken, arbeiten, und selbst nicht immer nicht wissen, was alles an Möglichkeiten die SDK-Hersteller da reinprogrammiert haben. Dann heißt es immer, geheime Funktionen entdeckt‘, die alles testende und nichts verstehende Boulevardpresse, die es auch für die Computer gibt.“
Auch wenn Jutta fast nichts kapiert hat, fiel ihr die Frage ein: „Was sind SDK-Hersteller?“
„Du wirst es nicht glauben Jutta, aber auch bei den Softwareentwicklern gibt es so etwas wie Arbeitsteilung. Keiner schreibt mehr alles selbst. Viele Funktionen mit einfachen und immer mehr komplizierten Aufgaben stellen Firmen her, die sich darauf spezialisiert haben. CodeWriter wird mit Sicherheit solche Programmierumgebungen auch nutzen oder ganze Programme zukaufen, damit die nicht mehr alles noch einmal entwickeln müssen. Aber leider, was in den zugekauften Modulen wirklich steckt, weiß dann niemand mehr so genau.“
„Aber was hat das jetzt mit meinem Fall zu tun? Also ehrlich Bit, ich verstehe nicht, was du willst?“ Jutta tat nicht nur so, nein, sie war verzweifelt. Dafür schmeckte der Wein so gut, dass sie sich bereits ein zweites Glas eingeschenkte.
„Ich weiß es nicht. Aber der Zeitungsreporter vorhin auf der PK sprach von einem Abtowiz. Der hat eine Sicherheitsfirma und die sind Kunde bei CodeWriter; haben bisher deren Software für die Überwachung genutzt.“
„Wieso bisher?“ Jutta biss sich beinahe auf die Zunge, denn Dietering gab ihr ja die Aufgabe, herauszubekommen, was zwischen den beiden Firmen in letzter Zeit gelaufen ist. Außerdem sprach der Journalist auf der PK von einem Verfahren vor der Wirtschaftskammer.
„Jutta, ich habe die Ohren offen. Vor einigen Jahren wäre ich beinahe bei CodeWriter gelandet, aber dann bekam ich ein tolles Projekt im Gameboard; das war spannender, also wurde nichts daraus. CodeWriter und Safety Objects streiten vor Gericht darum, dass CodeWriter angeblich eine Backdoor in deren Software eingebaut hat, mit der es möglich sein soll, über peer-to-peer Informationen abzusaugen. Gut für CodeWriter wenn das klappt, schlecht für die Kunden.“
Bit kaute weiter genüsslich an der Pizza und verschmähte die Weinangebote seiner Gastgeberin Claudia. Da es kein Bier gab, musste er mit einer Apfel-Rhabarber-Schorle vorliebnehmen. Was soll’s, er fühlte sich immer dann richtig gut, wenn er mit seinem Wissen Gesprächsgegenübern prahlen konnte.
„Jetzt verstehe ich wirklich nichts mehr. Um was streiten die sich?“ Jutta schaute Bit fragend an. „Was bitte Bit ist eine Backdoor? Ein Hintereingang oder so?“
„Angeblich kann CodeWriter illegal Verbindungen zu Kunden aufbauen, die deren Software einsetzen. Einmal im Netz der Kunden drin, können die wohl mit Agenten, das sind kleine Programme, die bei hergestellter Verbindung eingeschleust werden, gezielt nach Informationen suchen und diese zu sich übertragen.“
„Ach, du sprichst von Trojanern. Das habe ich schon einmal gehört.“ Jutta fühlte sich wieder auf etwas sicherem Terrain.
„Vereinfacht gesagt, ja. Aber in Wirklichkeit geht das heute viel komplexer ab. Man kann über die Rechner seiner Kunden weiter in andere Firmennetze eindringen, die mit den Kunden der CodeWriter zusammenarbeiten. Wie weit man das treiben kann, hängt vom Geschick der Entwickler ab.“ Das letzte Stück Pizza kämpfte ums Überleben, aber Bit war mit seinem Mahlwerk stärker.
Jutta hörte inzwischen mit dem Essen auf. Zu sehr beschäftigte sie sich mit dem, was Bit gerade Gesagte. Sie hatte weder eine Vorstellung noch irgendwelche Ahnung, wie so ein Ausspähen funktionierte. Kundoban beschlich das Gefühl, dass sie bei diesem Thema verloren war und ohne Hilfe versagen würde. Sie fühlte eine große Leere in sich und befand unbedingt mit Remsen darüber sprechen. Ansonsten würde sie als Schwachpunkt in der Ermittlungskommission wahrgenommen werden. Ihr war unwohl, fühlte sich überfordert, ausgelaugt.
Es entstand eine kleine Pause. Claudia schaltete zwischendurch den Fernseher aus, sodass es unheimlich ruhig im Zimmer wurde.
Jutta hatte plötzlich einen Gedanken. Jedoch überlegte sie es sich mehrmals und wog ab, ob sie es wagen könnte. Da Remsen telefonisch nicht erreichbar war, entschied sie sich, Bit einfach zu fragen.
„Sag mal Bit, könntest du nicht…?“ Sie kam überhaupt nicht zum Ende ihrer Frage. Aus zweierlei Gründen: Sie kannte das Ende der Frage gar nicht und wurde dazu noch von Bit und seinem übermäßigen Grinsen voll ausgebremst.
„Jutta, das mache ich doch gerne. Wo soll ich unterschreiben?“
Jutta konterte jetzt: „Du, das war kein Auftrag, sondern nur eine Bitte.“
„Klar, ich meine doch nur den Geheimhaltungsvertrag.“ Bit grinste immer breiter.
„Wenn du der Presse irgendetwas sagt, dann nehme ich dich in U-Haft. Untersteh dich.“
„Gerne, aber nur, wenn wir beide eine Gemeinschaftszelle bekommen.“ Bit entwickelte sichtlich Spaß, Jutta zu verunsichern und mit seinen Kenntnissen zu prahlen. „Keine Sorge Mädchen, ich schweige wie ein Grab. Wir Nerds reden ohnehin nicht gerne.“
„Sag nicht Mädchen zu mir. Und außerdem: Für einen Nerd bist du heute sehr gesprächig.“
Sie saßen noch etwas beisammen und tranken den Rest des Weins. Claudia schaltete Musik ein; irgend so ein Mainstream-Getöse, würde zumindest Remsen dazu sagen. Dessen war sich Jutta sicher, denn ihr selbst ging die Musik auf die Nerven.
Bit war inzwischen gegangen. Gleich nach Juttas Bitte oder Auftrag, egal wie er es sah, machte er Anstalten, um zu gehen. Wahrscheinlich sitzt er schon wieder zwischen seinen Servern und Monitoren und sucht nach „Backdoors“. So ein Typ, denkt sie sich. Wahrscheinlich ist er der Überzeugung, dass sein Schaffen nur durch Schlafen unterbrochen werden muss. Und Pizzaessen natürlich. Weltveränderer oder sowas. Wie überleben eigentlich Nerds?
Der Wein wirkte bei Jutta. Sie spürte eine unendliche Müdigkeit und haderte noch, ob sie gehen oder bei Claudia bleiben sollte. Nach dem Wochenende und in Erwartung einer nicht minder anstrengenden Woche wünschte sie sich nichts sehnlicher als eine lange Nacht, mit Tiefschlaf und möglichst ohne Traum.
Claudia erahnte wohl die Gedankenwelt ihrer Freundin und schickte sich an, in die sonntägliche Badewanne zu steigen. „Kommst du mit? Ich massiere dich auch, damit du richtig gut schlafen kannst.“
Ob Jutta die Frage noch registriert hat, kann sicher keine der beiden beantworten. Jutta war eingeschlafen und offensichtlich in Schallgeschwindigkeit in die Tiefschlafphase entschwunden. Claudia seufzte, sie wäre so gerne mit Jutta in die Wanne gestiegen. Aber gut; sie besaß Verständnis für den Job ihrer Freundin. Sie zog ihr die Schuhe aus und brachte Jutta in eine etwas bequemere Stellung, die morgen beim Aufwachen nicht gleich Nackenschmerzen verspricht. Mit einer Decke sorgte sie dafür, dass Jutta über Nacht nicht friert. Claudia dämmte das Licht im Zimmer und schlich ins Bad.
Jutta wehrte sich nicht dagegen gewehrt. Ihr fielen einfach die Augen zu; sie fand es ganz gut, denn sie fühlte sich hier bei Claudia aufgehoben. Zu mehr konnte sich sie sich ohnehin nicht mehr aufraffen.
Jetzt schlief sie tief und fest, solange bis ihr Telefon klingelte.
Mitten in der Nacht.
In Delft.
Er telefonierte aufgeregt und organisierte seinen Plan C. Besser: Er korrigierte ihn.
Eigentlich wollte er bis morgen warten, aber nach vielem Hin und Her rang er sich dazu durch, es selbst in die Hand zu nehmen. Auf die Leute in Vesberg war noch nie Verlass. Ihm war das schon immer klar, nur hörte niemand auf ihn.
Lass uns das machen, wir bekommen das schon hin, damit vertrösteten sie ihn immer und immer wieder. Wie dumm von ihm, dass er darauf vertraute, als sie ihm die besten Auftragskiller aus ganz Osteuropa versprachen.
Dilettanten waren das und nicht mehr.
Wieder aktivierte er die Maschinerie, denn er wollte absolut sicher sein. Er wählte eine Nummer an. Eine, die er bisher als eiserne Reserve zurückhielt und nie nutzen wollte.
Nachdem der Angerufene sich meldete, begann er auch schon: „Ihr holt sie euch aus dem Haus. Wenn ich das richtig sehe, müsstet ihr im Dunklen über das linke Nachbargrundstück ungesehen rankommen. Euren VAN könnt ihr daneben parken, da müssten ein paar Büsche oder so etwas sein. Betäubt beide und weg damit. So schnell es geht verschwindet ihr mit denen. Ich will keine weitere Leiche im Haus, verstanden? Morgen muss Weilham weg sein, sonst wird es für euch ungemütlich, verstanden? Lenkt die Bullen ab und inszeniert in der Nähe einen Unfall oder eine Schlägerei. Das bekommt ihr wohl noch hin, oder?“
Er legte auf und begab sich in seinen Ankleideraum. Auf der Ablage neben der Tür lag sein Koffer, in den er lustlos und unkonzentriert Wechselsachen warf. Diese Reise wollte er so nicht antreten. Aber er musste die Geschichte jetzt durchziehen, ansonsten wird er selbst eines Tages als Treibgut aus der Nordsee gefischt. Mit seinen Auftraggebern ist nicht zu spaßen.
Sein Flugdienst signalisierte ihm, dass sie noch eine Flugerlaubnis bekamen, wenn er sich beeilen würde und sie innerhalb der ein bis zwei Stunden starten würden.
Zweifel überkamen ihn. Soll er oder soll er nicht? Er überlegte hin und her und irgendwann wischte er alle Gedanken beiseite: Ja, er musste es tun.
Es war schon 20 Uhr durch, als sich in der Geertryt van Oostentraat in Delft ein Garagentor öffnete und ein schwarzer Jaguar XJS sich in Richtung Flughafen auf den Weg machte. Der Fahrer wusste, dass es sehr schwierige Reise, vielleicht seine letzte, werden würde. Aber er trat sie an.
Remsen fühlte sich wohl, so richtig wohl. Er genoss seinen Laphroaig. Getreu seiner Devise, je älter umso besser, zeigte Stahlburg stolz den Ältesten seiner Schätze vor. Und teilte diesen mit ihm.
Oberstudienrat a.D. Dr. Kurt Stahlburg ist einer der wenigen Vertrauten in seiner neuen Heimat. Remsen hatte in einem seiner ersten Fälle in Vesberg mit einem Mord in Verbindung mit illegaler Schwarzarbeit zu tun. Ein Informatikprofessor ist Opfer seines eigenen Geschäftsmodells geworden. Dieser ließ Studenten seines Lehrstuhls für sich arbeiten und kassierte gleichzeitig bei seinen Kunden kräftig ab. Einer seiner Studenten fand das irgendwann nicht mehr witzig und wollte seinen Prof erpressen. Mit Hilfe von Dr. Stahlburg fand Remsen die richtige Spur. Studenten halfen ihm dann, den Fall aufklären.
Remsen ist seitdem mit ihm lose verbunden. Anfangs war Stahlburg noch im aktiven Dienst und leitete eine höhere Berufsfachschule für Informatik. Inzwischen ist er pensioniert und ein äußerst dankbarer Gesprächspartner für Remsen. Stahlburg ist im Alter noch immer rege und beschäftigt sich mit den Verwerfungen nach der Einheit. Er trennt säuberlich zwischen dem, was die Menschen hier erreicht haben und dem, was aus seiner Sicht den Bach runtergegangen ist.
Stahlburg ist ein Kind des Ostens. In den Wirren des Zweiten Weltkriegs ist er mit seinen Eltern in einem Flüchtlingstreck in der Nähe hängengeblieben. Seine Eltern akzeptierten nie, dass sie aus der Heimat vertrieben wurden. So sahen sie den Aufenthalt in Vesberg nur als Übergang an und planten immer eine Rückkehr. Die Grenzen zogen für sie aber andere und sorgten dafür, dass aus den Plänen nie etwas wurde. Stahlburg machte Karriere in der DDR, obwohl er sich nie als angepasst, schon gar nicht als Mitläufer oder als Eiferer sah. Er konzentrierte sich auf seinen Beruf, ließ sich nicht beirren oder gar anwerben und umschiffte viele Klippen in der Diktatur; etwas geheimnisvoll manchmal, in jedem Fall mit Geschick und etwas Glück.
Mit dem, wie es heute gerne beiläufig heißt, Wendegeschehen, hat er so seine Probleme, noch immer. Was ist hier Mitteldeutschland? Die Mitte von oben und unten oder links und rechts? Stahlburg kam nie und kommt noch immer nicht mit der wenig differenzierten Betrachtung der Entwicklung seit ’89 klar. Für die Zeit der Pensionierung dachte er sich etwas Besonderes aus und machte keinen Hehl daraus: Er wird alles so aufschreiben, wie er es erlebte, es er es sieht und für sich als richtig befindet. Ob das Buch je erscheinen wird, ob es je gelesen wird, war ihm egal. Darauf angesprochen antwortete er, dass es seine Art des Friedenmachens ist.
Remsen holte sich in den Gesprächen mit Dr. Stahlburg Ideen und ließ sich davon leiten, so zu denken, wie es die Leute hier seit vielen Jahren tun und noch nicht so richtig ablegt haben. Stahlburg erläuterte ihm an den besonders langen Abenden, warum Skepsis und Misstrauen noch immer fester Bestandteil der geistigen Kultur in Vesberg und Umgebung sind. Und warum die Menschen hier so sind.
„Was bedrückt Sie Herr Remsen? Heute war ja die Pressekonferenz Ihrer Kollegen. Ich hab davon etwas mitbekommen im Fernsehen und mich schon gefragt, warum Sie nicht dabei waren. Sie sind doch der leitende Ermittler?“
„Ich hatte noch einen Termin für ein Essen. Schon länger, aber heute war mir so, die Einladung anzunehmen.“
Remsen schaute leicht schmunzelnd drein, sodass Stahlburg es eine mehr oder wenige geschickte Ausrede quittierte. Oder war es schon die Wirkung des Whiskys, die bei seinem Gesprächspartner eine aufgesetzt entspannte Stimmung erzeugte?
„Mal ehrlich Herr Remsen, der Staatsanwalt – halten Sie den für gut? So wie er auf die Journalisten losgegangen ist. Wie er sich gibt zeigt doch, dass er nichts in der Hinterhand hat. Dünnheutig, aufgesetzt, gereizt. Das macht man doch nicht. Schon gar nicht im Fernsehen.“
„Seit ich hier bin und mit ihm arbeite, komme ich mit ihm nicht zurecht. Ja, das stimmt. Aber er ist der Staatsanwalt und muss mit unseren Ermittlungsergebnissen umgehen können. Kann er aber nicht immer und versucht deshalb unsere Arbeit zu beeinflussen und sich dabei gleich noch zu profilieren.“
„Sie meinten wohl, Sie müssen zusammenarbeiten. Immerhin ist ein Procurator fast Ihr Vorgesetzter. Sie müssen sich arrangieren, denke ich.“
Remsen hielt noch immer sein Whiskyglas in der Hand. Mit beiden Händen tat er so, als wollte er das flüssige Gold darin wärmen und für immer und ewig konservieren. Nach einigem Nachdenken entschloss er sich für einen weiteren Schluck. Die Flüssigkeit drang durch seine Kehle sehr schnell bis in die Magengegend und wärmte ihn durch. Ein angenehmes und Remsen wohliges Gefühl. Mit einer Antwort ließ er sich Zeit.
„So ein Karrieretyp liegt mir einfach nicht. Stiegermann macht alles, um die Fälle möglichst schnell abzuschließen und manchmal klagt er einfach Unschuldige an. Hauptsache ‚Ergebnis‘ und ‚abgeschlossen‘. Überhaupt nicht fein ist er. Nein, der Mann ist mir nicht nur unsympathisch, er ist ein Widerling.“ Remsen setzte an und kippte einen weiteren Schluck Whisky in sich hinein. Er kannte sich und verspürte so nach und nach eine Wirkung seines Lieblingsgetränks.
„Wissen Sie, die Leute hier denken entweder ganz zurückhaltend, fast noch devot und unterwürfig oder ganz die Macher. So oder so! Das ist anders als bei Ihnen in Hamburg. Wenn wir hier früher nicht Mitläufer waren, mussten wir uns eine Strategie ausdenken, um nicht in die Fänge der Staatssicherheit und in deren Gefängnissen zu landen. Dieses perfide System machte es möglich, dass es selbst in Familien Spitzel gab; ja sogar Ehepartner sich dafür hergaben, ihre bessere Hälfte zu denunzieren. Wenn es sein musste mit Fotos und anderen Beweisen, sogar in ganz intimen Situationen. Schlimm nicht?“
Remsen dachte darüber nach, was Dr. Stahlburg gerade Gesagte. Er fand darauf keine Antwort, denn er war nicht von hier und wollte sich nicht darauf einlassen, zu verstehen, warum die Leute so sind.
Heute nicht, morgen nicht, niemals!
„Nordkorea lässt grüßen. Aber was hat das mit mir und dem Stiegermann zu tun?“ Für Remsen ist Stiegermann ein typischer Lackaffe, mit durchschnittlicher Begabung und so gepolt, möglichst schnell und ohne Hindernisse auf seiner Karriereleiter hinaufzukommen.
„Herr Remsen, Stiegermann ist ein lebendes Beispiel, wie jemand mit Hilfe des Apparats hochkommen konnte. Das müssen Sie wissen. Die Familie Grundberg war in Vesberg während der DDR-Diktatur stramm linientreu. Ich kannte noch den alten Grundberg, als der aus der russischen Gefangenschaft, lange nach Ende des Krieges, zurückkam und begann, hier die Zügel in die Hand zu nehmen. Er und ein paar seiner Gefolgsleute mit Russlanderfahrung fanden sich recht schnell zu einer Clique zusammen, drängten Unwillige aus den Ämtern oder waren sie gleich in Gefängnisse. Unberechtigterweise, ohne Grund. Oh doch, einen Grund hatte man schnell erfunden: Sie standen Grundberg und seiner Kommunistengarde im Weg oder wetterten gegen die aufkommende Diktatur. Jeder Widerstand wurde systematisch ausgetreten, die Leute brutal fertiggemacht. Sie kennen Bautzen II, Hoheneck, Brandenburg? Mitten in Berlin folterte die Staatssicherheit, niemand außerhalb der Mauern wusste etwas davon. Oder interessierte sich dafür. Hier in Vesberg gab es auch so einen Ort. Im Volksmund ‚Endstation Hölle‘ genannt; heute ein Museum. Wir schauen uns das mal an; ich nehme Sie mit. Und vergessen Sie Remsen, über Rechtsstaatlichkeit zu debattieren.“
Remsen brachte nach den letzten anstrengenden Tagen nicht mehr die Energie auf, all die Details zu durchdenken, von denen Dr. Stahlburg gerade sprach. Und nein, er wollte sich keinen Stasi-Knast ansehen.
Nicht mit Stahlburg!
Nicht mit einer Larissa, wenn sie noch leben würde!
Nein, niemals!
Nicht seine Welt!
Aus!
Vorbei!
Ich will heute nicht mehr. Seine Aufmerksamkeit ließ merklich nach. War es die Wirkung des Laphroaig oder machte sich der Stress der letzten Tage bemerkbar? Oh ja, jünger wurde auch ein Jan Remsen nicht. Er begann sich einen Plan für einen stilvollen Abgang zurechtzulegen, um den Abend nicht unnötig auszudehnen. Aber ein paar Informationen brauchte er noch.
„Dr. Stahlburg, kennen Sie vielleicht Georg Weilham, einen der beiden Geschäftsführer der CodeWriter? Das ist eine Softwarefirma, nicht groß, müsste Ihnen aber bekannt sein.“
Der Oberstudienrat a.D. dachte lange nach und tat so, als hoffte er mit seinen suchenden Augen einen Hinweis in seinem Studierzimmer auf die Frage seines Gegenübers zu finden.
„Eigentlich mehr den anderen, Hausmann. Das ist ein alter Informatiker, immer neugierig auf neue Ideen und Techniken. Er hat bei uns öfter Vorlesungen gehalten. Die Schüler waren begeistert und wollten alle in der IT bleiben und groß rauskommen. Sind sie natürlich nicht, aber er hat nebenbei ganz lebendig Werbung für seinen Beruf gemacht. Er versteht was davon, sehr viel sogar. Als er dann mit Weilham CodeWriter gründete, habe ich beide etwas beraten. Na ja, ein paar kluge Ratschläge gegeben. Zur Seite gestanden eben.“
Dr. Stahlburg schaute recht zufrieden Remsen an, der immer noch hoffte, hier schnell und elegant wegzukommen. Auf der anderen Seite war er neugierig; vielleicht erfuhr er doch noch etwas wirklich Neues von ihm.
„Sie sagten, Hausmann hat mit Weilham... Wer war der Bestimmende, der Tonangebende? Soweit ich Georg Weilham kennengelernt habe, kann der nicht der Motor gewesen sein. War CodeWriter mehr Hausmanns oder mehr Weilham's Idee?“
CodeWriter! Das ist schon lange her, sehr weit weg für einen alten Mann. Stahlburg war ganz in sich versunken und versuchte sich, an die Zeit damals zu erinnern. Die verrückten Ideen von Karl, diesem Self-Made Menschen, der sich für viele Dinge begeistern ließ und dem selten was gelang. Er mochte ihn richtig und gab sich dafür her, mit ihm die Ideen für die neue Firma zu entwickeln, über Marktchancen und Potentiale zu diskutieren und ihn auf Risiken aufmerksam zu machen. Damals, so erinnerte er sich, gefiel es ihm, Karl und dann Georg Weilham als vertrauter Berater zur Seite zu stehen und von beiden gefragt zu werden.
„Das ist lange her, Herr Remsen. Es ist doch wie immer: Zwei Leute, Meister ihres Fachs, haben eine tolle Idee und wollen damit die Welt retten und nebenbei reich werden. Dann kommt jemand daher und rückt die Geister zurecht. Beliebt ist man da nicht. Nicht, dass ich etwas damals dagegen hatte. Nein, nein. Ich habe mich eher den Realisten gegeben und Fragen gestellt, die beide nicht hören wollten. Egal, CodeWriter wurde gegründet und hat in den letzten 15 Jahren einen guten Weg eingeschlagen. Ich glaube, dass eher Hausmann derjenige war, der in der Firma das Sagen hat. Wenn ich ehrlich bin, habe ich CodeWriter etwas aus den Augen verloren und erst wieder Anfang des Jahres von denen etwas gehört. Cordula rief mich an und erzählte von Torstens Zusammenbruch. Mir war klar, dass er an die Grenzen der Leistungsfähigkeit gehen würde. Nicht klar war mir allerdings, dass die Ursache des Infarkts Karl war. So schätzte ich das nicht ein und erwartete es nie. Scheinbar waren beide so zerstritten, indem Karl Hausmann Torsten so unter Druck setzte, dass der sein Lebenswerk in Gefahr sah und der Konflikt dessen Gesundheit angriff. Was soll man machen, wenn man sich zwanghaft einigen muss, Herr Remsen?“
Remsen lauschte zwar den Ausführungen vom Studienrat a.D. Dr. Stahlburg, jedoch stellte er fest, dass er sich nichts davon merkte. Sollte er es zugeben oder einfach mit Fragen sein Interesse heucheln?
Stahlburg kam ihm zuvor und konfrontierte Remsen mit seiner Sicht auf die Dinge. „CodeWriter war erfolgreich die ersten Jahre, nicht übermäßig, aber immerhin. Nachdem Hausmann bei den Behörden anfangs Aufträge für wissenschaftliche Einrichtungen gewinnen konnte, kam Stillstand in die Entwicklung von CodeWriter. Die Astrophysiker-Geschichte, sagte ich damals immer, wird euch niemals ernähren: Ihr braucht neue Geschäftsfelder, habe ich immer gesagt. Dann kam der Deal mit Safety Objects, der mir nicht gefiel.“
Dafür, dass er nur anfangs mit dabei war und sich für die Anfänge von CodeWriter interessierte, war dieser Mann gut informiert. Remsen begann zu erahnen, dass er heute doch noch etwas Interessantes für seine Ermittlungen erfuhr. Seinen Abgang wird er etwas schieben müssen.
„Wir sprechen doch von Igor Abtowiz, dem Inhaber der Safety Objects. Was wissen Sie von dem?“ Remsen spitzte die Ohren, denn er hoffte, dass ihm sein Gegenüber jetzt von seinen eigenen Recherchen berichtete. Tatsächlich, er tat es.
„Wenn Abtowiz nicht ein Pole wäre, würde ich ihn als Wendehals bezeichnen. So wie viele andere hier auch. Zunächst dachte ich, er wäre auch einer dieser zwielichtigen Gestalten, die etwas legale und jede Menge illegale Geschäfte miteinander vermischen. Geldwäsche, Prostitution, Türsteher und Bodyguards – Sie wissen schon Herr Remsen, wie so etwas läuft. Ihr habt doch in Hamburg jede Menge davon.“
Remsen nickte nachdenklich und versuchte mehr oder minder geschickt mit dem Glas in der Hand die Aufmerksamkeit des Spenders dieser edlen Flüssigkeit auf sich bzw. auf das inzwischen leere Glas zu lenken. Dr. Stahlburg verstand schnell, denn auch sein Glas war leer. Gegen einen zweiten Whisky hätte auch er nichts einzuwenden.
Stahlburg schien Remsens Gedanken lesen zu können. „Noch einen Stimmungsmacher zum Manipulieren der Gedanken?“ Er stand auf, griff sich die Flasche Laphroaig und goss beiden nach. Sich zeitlassend nahm er in aller Ruhe wieder Platz, prostete Remsen zu und sog das braune Gold äußerst genüsslich ein.
„Bis Anfang der 1980-iger Jahre, als in Polen die Solidarnosc begann, den Kommunisten dort das Leben schwer zu machen, war Abtowiz bei einem berüchtigten Ableger der polnischen Staatssicherheit, dem Ministerium für Öffentliche Sicherheit und darauf spezialisiert Informanten zu gewinnen, zionistische und feindlich gesinnte Leute ausfindig und wenn es sein muss, mundtot zu machen. Ich habe meine Erkundigungen eingeholt und Karl informiert.“
„Wusste Weilham davon?“ Remsen zweifelte an Dr. Stahlburgs Darstellungen; eine innere Stimme warnte ihn.
Der Oberstudienrat a.D. rutschte etwas nervös in seinem Sessel herum und zeigte sich unwirsch ob der Unterbrechung seines Gegenübers.
„Nein, nein. Weilham hätte dem Deal mit Safety Objects niemals zugestimmt, wen er gewusst hätte, mit wem sie es zu tun hatten. Schon früh schien sich Abtowiz tatsächlich als Chef einer üblen Truppe von Drogenbeschaffern versucht zu haben. Zumindest saß er einige Jahre deswegen hinter Gittern und musste für seine untauglichen Versuche büßen. So genau habe ich das nie rausbekommen. Was ich weiß ist, dass er über Verbindungen in Kaukasien an richtig harte Sachen rangekommen war und das Zeug in Polen und in Russland oder wie sich die Staaten gerade nannten, verkaufte. Es gab die üblichen Revierkämpfe, Tote und Ärger mit der Staatsgewalt. Seine eigenen Leute von einst spürten ihn auf. Ironie der Wende damals.“
Remsen dachte nach und suchte die Verbindung zum Mord an den jungen Weilham und seiner hübschen Mitfahrerin. Betrieben parallel zum Geschäft mit der Sicherheitssoftware Hausmann und Abtowiz noch illegale Dinge? Wenn ja, welche? Ist ihnen der junge Weilham in die Quere gekommen? Ahnungslos, zufällig? Setzte er sie unter Druck und wollte mit abkassieren? Musste er das mit dem Tod bezahlen?
Dr. Stahlburg genoss sichtlich einen weiteren Schluck aus seinem Glas, sog den Duft tief ein und ließ den Whisky langsam, ganz langsam durch die Kehle gleiten.
„Ich stellte mir dann die Frage, wie Abtowiz es schaffte, zu uns nach Vesberg und als Chef einer Sicherheitsfirma zu Ruhm und Ehre zu kommen.“
Remsen unterbrach ihn und wollte wissen, ob Hausmann und Abtowiz sich schon vor dem Deal kannten; wenn er sich in seiner Zeit als Pensionär schon einmal als Detektiv betätigte.
„Das glaube ich nicht, zumindest habe ich keine Indizien dafür. Abtowiz verließ nach seiner Haft Polen und wollte irgendwo in England neu anfangen. Viele Polen versuchten sich seit dem Fall des Eisernen Vorhangs dort. Unser Freund war aber wenig bereit, regelmäßig zu arbeiten. Also verlegte er wieder sich auf illegale Geschäfte und importierte junge Frauen aus Osteuropa für Liebesdienste auf die Insel. Er versprach denen Jobs und gutes Geld, was ja nicht einmal gelogen war. Abtowiz hatte das Pech, den Yakuza, Sie wissen schon, der japanischen Mafia in die Quere zu kommen. Die waren gerade dabei, von Amsterdam aus in England Fuß zu fassen. Abtowiz kehrte der Insel den Rücken und ging nach Deutschland und blieb in Vesberg hängen.“ Stahlburg unterbrach sich selbst, sah selbstgefällig drein, denn er wusste ganz genau, dass er mit dieser Geschichte Remsen beeindruckte.
Oder auch nicht!
„Dr. Stahlburg, das ist ja fast schon ein richtiges Dossier. Das kostet Zeit und Geld. Und braucht vor allem Verbindungen, Kontakte. Mal ehrlich, warum haben Sie sich so sehr für Abtowiz interessiert? CodeWriter alleine ist mir ein zu dünnes Brett, rein argumentativ.“
„Warum so skeptisch Herr Remsen? Ich hab das für Karl gemacht. Der Junge hatte es endlich mal in der Hand, was aus seinem Leben zu machen. CodeWriter war damals ein noch kleines Pflänzchen, um es Leuten wie Abtowiz auszuliefern.“
„Eine Frage Dr. Stahlburg: Sind Sie an CodeWriter beteiligt? Kommt daher Ihr Interesse?“
„Selbst wenn ich unehrlich wäre, bekommen Sie es ja ohnehin raus. Ja, als Minderheitsbeteiligter, aber ohne Mandat, operativ in die Geschäfte einzugreifen.“
„Wer hat die Recherche finanziert? Hausmann? Sie? Oder wer?“ Remsen sah sich mal wieder bestätigt, nicht gleich alles zu glauben, was einem so erzählt wird. Selbst wenn eine vertraute Quelle, wie ein Dr. Stahlburg, als durchaus glaubwürdig einzustufen ist.
Da Stahlburg nicht antwortete, fragte Remsen weiter nach.
„Hören Sie Dr. Stahlburg, hier könnten Verbindungen bestehen, die uns helfen, den Mord aufzuklären. Sagen wir mal so: irgendetwas stimmt hier nicht. Hausmann ist angeblich in Südamerika, der alte Weilham vögelt jeden Sonnabend Nutten drüben in den Clubs und sein Sohn baumelt zeitgleich mitten in der Nacht an einem Baum. Seine unbekannte Mitfahrerin stammte wahrscheinlich aus der Ukraine und ist auch hinüber. Erklären Sie es mir!“
Dr. Stahlburg bat um eine Auszeit. Er erhob sich und schlürfte zur Toilette. Unnatürlich lange, für Remsen viel zu lange, hielt sich Stahlburg in seinem selbstgewählten Schutzraum auf. Remsen überlegte, wie er reagieren sollte. Er vernahm keine Anzeichen, dass sich bei Stahlburg im Bad irgendwas regte. Unruhig, ungeduldig wie er war, klopfte er an der Tür und horchte. Er vernahm einen dumpfen Hall und hörte, dass irgendwelche Gegenstände auf den Boden fielen.
„Dr. Stahlburg, alles in Ordnung?“ Nichts regte sich, keine Antwort, keine Geräusche mehr. Remsen entschied sich und drückte die Klinke. Die Tür war verschlossen. Remsen sah sich um und stellte fest, dass in dieser alten Villa die Türen noch aus richtigem Holz und einigermaßen dick waren und wahrscheinlich nicht nur blaue Flecken garantieren. Remsen hörte noch einmal an der Tür und konnte noch immer nichts in drinnen hören.
Versuchen wir es. Er prüfte die Anlaufstrecke im Flur, versuchte aber erst einmal mit geringem Schwung. Wie erwartet regte sich nichts, die Tür gab nicht nach.
Ja, er musste.
Mit etwas mehr Anlauf startete Remsen den zweiten Versuch und sprang schwungvoll gegen die Tür. Mit einem heftigen Knall sprang die Verriegelung auf und die Verankerung des Schlosses löste sich. Holzspäne ragten heraus. Remsen trat energisch mit dem linken Fuß gegen die Tür, die nun endlich nachgab und auf ging.
Er stürmte in das geräumige Bad und sah Stahlburg mit heruntergelassener Hose neben der Kloschüssel liegen. Remsen nahm seinen linken unterm Arm über dem Handgelenk und fühlte von Stahlburg den Puls. Er lebte. Remsen schaute sich um und konnte nichts von einem Suizidversuch erkennen. Kein Messer, kein Blut, keine offenen Tablettenschachteln nichts.
Herzinfarkt!
Remsen rief auf der W36 an, gab seine Adresse durch und orderte einen Rettungswagen. Das Herz wahrscheinlich. In jedem Fall ein Zusammenbruch. Remsen war erschüttert, verzweifelt und vor allem entsetzt. Über die Wendung, die das Gespräch nahm, die enge Vernetzung des ehemaligen Studienrats mit CodeWriter und die unglaubliche emotionale Nähe von Stahlburg zu Abtowiz.
Warum beschäftigte sich Stahlburg so sehr mit Abtowiz? War es nur wegen Hausmann? Warum nur? Welche weiteren Verbindungen gab es zwischen den beiden? Leider schaffte es Stahlburg nicht mehr, ihm zu erklären, wer das Ganze bezahlt. So detaillierte Recherchen, in England, Polen und sonst wo auf dieser Welt kosten eine Stange Geld. Aus Eigennutz? Aus Welchem? Gut, er ist an CodeWriter beteiligt. Solange die Geld verdienen, verliert er keines. Das ist keine ausreichende Motivation, sich so zu engagieren. Und was ist, wenn Hausmann, Abtowiz und er, Stahlburg, so ganz nebenbei krumme Geschäfte machen. Hatte Stahlburg etwas mit dem Mord an Weilham jun. zu tun?
Am späten Sonntagabend landete die Cessna Citation Excel gut 150 km von Vesberg entfernt auf einem kleinen Flugfeld. Der Umstieg in den bereitgestellten Mittelklassewagen älterer Bauart dauerte nur wenige Minuten, um gleich darauf über den Autobahnzubringer in die Nacht zu verschwinden.
Nach wenigen Minuten Fahrtzeit schaltete er die Beleuchtung des Autos aus und hielt am Straßenrand.
Sicher ist sicher!
Er durchsuchte sein Gepäck und fand den eigens gebauten Peilsender. Jeder Laie würde das Gerät so nennen, aber es konnte viel mehr. Jetzt ging es erst einmal um seine Sicherheit. Mit eingeschaltetem Gerät umrundete er mehrmals das Auto. Er musste absolut sichergehen, dass ihn niemand orten und verfolgen konnte.
Nachdem er seiner Sache sicher war und er sich vergewisserte, verstaute er das Gerät wieder und setzte seine Fahrt fort.
Ziel war ein Anwesen, ein schon vor Jahren modernisierter und gekaufter Komplex von Wohnhaus und Werkstatt, welcher regelmäßig für diskrete Treffen mit Geschäftspartnern genutzt wurde.
Im Kellerbereich des Hauses hatten seinerzeit seine Mitarbeiter ähnlich wie in Delft damit begonnen, eine sichere Arbeitsstation aufzubauen. Wie von zu Hause aus, konnte er sicher und nicht verfolgbar telefonieren.
Die Fahrt dahin dauerte maximal zwanzig Minuten. Als er die Ortschaft erreichte und in die Straße einbog, suchte er in der Ablage nach dem Öffner, fand ihn und bestätigte den Knopf „Open“. Etwa dreißig Meter weiter vorne begann sich die massive eiserne Doppeltür langsam zu öffnen. Vorausschauend verzichteten sie beim Bau gänzlich auf Signalleuchten und Außenbeleuchtung, beziehungsweise sorgten dafür, dass diese wunschgemäß ausblieben.
Als sein Mittelklassewagen in der Einfahrt verschwand, schlossen sich die beiden Tore unmittelbar danach selbständig.
Jutta Kundoban schlug um sich, vergrub sich in ihr Kissen und unter die Decke, mit der Claudia sie vor dem Einschlafen zugedeckt hatte.
Nein, nein, nein. Jetzt nicht!
Ihr Telefon gab weder nach noch Ruhe. Der Anrufer war hartnäckig und legte nicht auf. Okay, jetzt war sie wach. Sie suchte nach dem Quälgeist und sah auf das Display „Jan Remsen“. Mehr widerwillig als mit Enthusiasmus nahm sie den Anruf entgegen.
„Wissen Sie, wie spät es ist?“
„Ja Moment, ich schaue mal nach.“ Remsen war tatsächlich auf dem Weg zur Uhr, um Jutta die Zeit anzusagen.
Dieser Spießer!
„Weit nach Mitternacht. Hatten Sie schon geschlafen? Es täte mir leid, Sie geweckt zu haben.“
„Wo waren Sie denn heute Nachmittag? Der arme Dietering war auf der PK richtig hilflos. Was gibt’s eigentlich? Warum haben Sie mich mitten in der Nacht angerufen?“
„Sagt Ihnen der Name Grundberg etwas? Sie sind doch von hier?“
„War mal ein Parteibonze in der Gegend, schon lange her. Entweder ist der jetzt uralt oder schon unter der Erde. Warum interessieren Sie sich für den?“
„Ich frage mich die ganze Zeit, warum CodeWriter mit Safety Objects Geschäfte gemacht hat, obwohl Abtowiz nicht gerade als seriös daherkommt.“
„Was wissen Sie, Remsen?“
„Ich probiere gerade eins und eins zusammenzuzählen und komme auf kein Ergebnis. Der alte Weilham geht zu der Zeit mit Abtowiz essen, in der sein Sohn einen Hirsch umfährt und danach am Baum bammelt. Abgeschlachtet, ausgeblutet. Tags darauf fallen beide übereinander her. Gefällt mir nicht.“
„Ja und, können wir das nicht morgen durchgehen? Ich möchte jetzt schlafen.“ So langsam wurde sie ungnädig mit ihrem Kollegen.
„Da ist noch was. Eigentümer von CodeWriter sind nicht nur Weilham und Hausmann. Da gibt es noch einen Dr. Stahlburg. Der wurde gerade in die Notversorgung gebracht. Umgefallen, irgendwie?“
„Den kenn ich, denke ich. Woher wissen Sie das?“
„Was, das mit dem Kollaps?“ Remsen mauerte, wie immer.
„Nein, das mit der Beteiligung von dem Dr. Stahlburg an CodeWriter. Warum hat uns das Weilham nicht erzählt?“
„Sie haben doch gesagt, steht alles im Internet. Ein wenig surfen und schon weiß man, dass Hausmann und dieser Stahlburg partiell miteinander arbeiteten. Stahlburg kannte den Hausmann schon sehr lange und assistierte ihm bei der Gründung von CodeWriter. Hausmann hielt immer mal wieder an der Berufsschule von Stahlburg Vorträge, so als Mann aus der Praxis; glaubwürdiger.“
„Was hat das alles mit unserem Fall zu tun?“ Jutta stierte ihr Telefon an und warf es wütend auf die Couch.
Remsen legte einfach auf.
Ich weiß es nicht, murmelte Remsen als Antwort.
Montag, 15. November 2010, ein Novembertag
Der Montagmorgen war, wie ein Montagmorgen im November sein muss: Trist, grau, wolkenverhangen. An solchen Tagen muss Remsen sich besonders motivieren, diesen Tag als seinen Freund zu betrachten.
Remsen saß im Taxi und studierte das Vesberger Tageblatt. Der Guther ist ein Meister seines Fachs. Fast schon übermütig spitz nahm er die Pressekonferenz auseinander, führte mit einem Tag Verzögerung ein zweites Mal Stiegermann vor und ließ ihn in recht schlechtem Licht erscheinen.
Nichts, aber auch gar nichts wusste die Polizei. Nur scheinbare Teilerfolge, mutmaßliche Indizien und Hinweise, denen nachgegangen wird. Und ganze PKs bestritten werden. Faktisch haben die Ermittler nichts vorweisen können.
Zwei ganze Tage ohne ein Ergebnis!
Remsen hatte seinen Spaß beim Lesen, besonders dann, als Guther recht vehement nachfragte, warum der Leiter der Ermittlungen bei der PK nicht mit anwesend war. Soll er doch. Jeder, der es wollte, konnte gesehen, wie gelackt und blasiert Stiegermann Fragen abwies und die Journalisten ins Leere laufen ließ.
Wieder in seinem Buick, suchte er im Handschuhfach nach einer passenden CD, die nach seiner Einschätzung dem mausgrauen Morgen angemessen erschien. Seine Wahl fiel auf Neil Young, der ein Solokonzert, nur auf der Gitarre bestritten, mit der Veröffentlichung viel später auch Remsen zugänglich machte. Sein „Dreamin‘ Man“ ist genial, Remsens Lieblingsstück mit Abstand ist „Old King“. Das passt heute, also rein damit und schön laut.
Im Büro ging es schon laut zu. Jutta Kundoban telefonierte mit irgendwem und schrie dabei ins Mikrofon. Sie beachtete Remsen nicht, als dieser leicht grinsend und zustimmend nickend an ihr vorbei zu seinem Schreibtisch ging.
Die beiden Verstärker in seinem Team bestückten inzwischen die Ermittlungswand mit Bildern, Zeitungsausschnitten und Fragmenten von Dokumenten und Notizen. Er erkannte die beiden Weilham's und Igor Abtowiz. Zum ersten Mal sah er Karl Hausmann auf einem der Bilder. Auf ihn wirkte dieser überhaupt nicht wie ein Macher. Da hatte Stahlburg mit Sicherheit viel rein interpretiert. Ach ja, Stahlburg – der fehlte natürlich auf die Landkarte.
Remsen suchte sich einen schwarzen Filzstift und notierte „Oberstudienrat a.D. Dr. Kurt Stahlburg“ oberhalb der CodeWriter und zog Verbindungspfeile von Hausmann und Georg Weilham zu ihm.
„Wer bitte ist das denn? Muss ich den kennen?“ Kundoban stand mit einem Zettel in der Hand jetzt auch der Wand und sah Remsen fragend an.
„Ein alter Freund von mir. Na, Freund ist vielleicht etwas überzogen, aber jemand, der eine ganze Menge weiß und mir schon einige Male mit Informationen weitergeholfen hat.“
Remsens lässige Antwort ließ seine Kollegin leicht explodieren. Zumindest nahm ihre Gesichtsfarbe kräftigere Züge an, als draußen das Wetter sich heute gab.
„Und was hat dieser Oberstudienrat a.D. Ihnen denn so alles erzählt? Wäre doch schon, wenn Sie Ihre Informationen mit uns teilen würden – oder nicht?“
Remsen plante das ohnehin, denn schließlich wusste er, was er an seiner jungen Kollegin hatte. Sie war zuverlässig und selten beleidigt, wenn er mal wieder ein Fettnäpfchen nicht ausließ. Persönlich nahm sie das nie, deshalb verdiente sie es sich in seinen Augen, mit Sonderinformationen einen Montagsmorgenmotivationsschub von ihm zu bekommen. Zumal er ihr gegenüber wegen gestern Nacht ein schlechtes Gewissen hatte. Ein wenig zumindest.
„Als ich hier nach Vesberg kam und die Geschichte mit der illegalen Schwarzarbeit bearbeitete, konnte mir Stahlburg helfen und Informationen liefern, damit wir die Mörder des Professors finden konnten.“
Im Schnelldurchlauf fasste Remsen seine Erkenntnisse aus dem Gespräch mit Stahlburg gestern Abend zusammen und sparte dabei auch nicht mit Schlussfolgerungen. Was er allerdings nicht erwähnte, war, dass der ehemalige Oberstudienrat nach einem Kollaps jetzt auf der Intensivstation lag. Remsens Meinung nach könnte seine Kollegin nur auf dumme Gedanken kommen und ihn als möglichen Hauptbelasteten ansehen.
Er wollte ihre Aufmerksamkeit ablenken und erkundigte sich nach dem merkwürdigen Telefonat vorhin: „Was war das vorhin für ein lautes Geschrei am Telefon?“
„Da war Nöthe dran. Er ist jetzt in Lemberg und etwas Stress mit der Einreise. Ihm dauerte die zu lange und ganz geheuer war die Prozedur der Befragung auch nicht, sagte er. Jedenfalls war er schlecht zu verstehen und klang ziemlich genervt.“
„Wahrscheinlich kann er kein Russisch und versteht dort kein Wort. Kann ich mir schon lebhaft vorstellen, wie Nöthe schwitzend in der Schlange steht. Wann trifft er unsere Kollegen dort? Holen die ihn vom Flughafen ab?“
„Ja, schaut so aus. Nöthe meinte, die hätten gleich auch einen Termin bei diesem Dmytro Lypar. Danach will sich Nöthe wieder melden.“
„Der fehlt hier!“ Remsen deutete auf die Wand mit den Bildern und Pfeilen.
„Wer? Nöthe?“
Remsen ließ die Frage unbeantwortet und beteiligte sich erneut als Zeichner und malte in der Nähe von Carsten Weilham ein weiteres Kästchen, schrieb darin „Zentrale Gebäudeüberwachung Lemberg“ und den Namen des Chefs. Zum Schluss verband er mit einem weiteren Pfeil sein Werk mit dem Konterfei vom toten Weilham.
Ganz unbemerkt versammelte sich die gesamte Mordkommission an der Wand. Die allmorgendliche Zeremonie hat etwas von einer Arbeitseinteilung.
Remsen übernahm das Kommando. „Haben wir schon den Abschlussbericht von Dr. Ansbaum?“
Einer der beiden Verstärker schüttelte den Kopf: „Noch nicht, soll aber bis Mittag vorliegen. Bis jetzt kennen wir die Aussagen, dass Carsten Weilham an übermäßigen Blutverlust gestorben ist. Er hatte erhebliche Verletzungen und Stauchungen, als man ihn im Wald aus seiner misslichen Lage befreite und vom Baum abschnitt. Seine Beifahrerin ist tatsächlich eine Ukrainerin, so wie es der Doc. schon vermutete. Hier müssen wir noch das genaue Untersuchungsergebnis abwarten. Bis jetzt steht die Vermutung im Raum, dass ihre Todesursache ein Genickbruch war.“
Remsen nickte seinen Kollegen zu: „Danke und bitte bleiben Sie dran, damit wir recht schnell die Abschlussberichte erhalten. Hatte die Spurensicherung noch mehr herausgefunden, als wir ohnehin schon wussten? Autospuren? Fingerabdrücke am Hirsch oder so?“
Seine Mitstreiter schüttelten die Köpfe.
„Wegrennen konnte der Hirsch ja wohl kaum. Okay, dann fragen Sie bitte bei Günther Reiken nach. Der war Freitagnacht am Tatort und hat die Untersuchungen geleitet. Wer übernimmt das?“
Wieder nickte der erste der beiden Verstärker und machte sich eine Notiz.
Remsen lag nach: „Bis Mittag brauche ich von den Kollegen der Spurensicherung alle Informationen, damit wir nichts übersehen und in alle Richtungen ermitteln.“
Wie auf Kommando nickte das gesamte Team.
Bis auf einen!
„Guten Morgen.“ Kriminalrat Dietering trat zur Ermittlungswand, sah zunächst in die Runde und dann auf die Wand. Lange, sehr lange studierte er alle Informationen, wiegte den Kopf nach links und rechts und dachte nach.
„Wo ist eigentlich Ulrich?“ Remsen war gleich wieder angefressen: Warum musste Dietering gleich wieder den Chef raushängen lassen.
„Hier!“ Hanns-Peter Ulrich, der gerade ins Büro kam, deutete auf zwei Tüten in der Hand, die eindeutig aus einem Bäckerladen stammten.
„Gibt’s was Neues? Habe ich was verpasst?“
„Nöthe versucht gerade, in die Ukraine reinzukommen. Der hat tatsächlich den ganz frühen Flieger genommen.“
Dietering stufte die Informationen nicht als neu und interessant ein und schaute weiter angestrengt auf die Wand. „Typisch Stahlburg“, murmelte er. „Woher kennen Sie ihn denn?“ Er wandte sich dabei an Remsen, da er sicher davon ausging, dass Remsen diesen Kontakt beisteuerte.
„Guter Bekannter von mir, hat viele Informationen beigesteuert und mir gestern eine ganze Menge von Weilham und Hausmann und vom Anfang der CodeWriter erzählt. Er ist, nee er war viele Jahre an der Berufsfachschule für Informatik hier aktiv. Stahlburg hat erstaunlich gute Kontakte in die Informatiker-Clique hier, weiß jede Menge und hat die beiden damals vor 15 Jahren bei der Gründung von CodeWriter beraten.“
„Was Konkretes hat er nicht gesagt? Klingt alles so banal Remsen.“
„Das Gespräch gestern, es war keine Vernehmung, vernahm einen er ungeplanten Verlauf. Der Mann hat das Gespräch beinahe nicht überlebt und einen Kasper bekommen. Jetzt liegt er in der Intensivstation. Was immer er noch zu sagen hätte, ich werde es hoffentlich bald erfahren.“
Remsen schaute etwas verlegen seine Kollegin an, in deren Augen ganz deutlich der Vorwurf abzulesen war, den Remsen jetzt erwartete. Wenn Blicke töten könnten, wäre für ihn die Ermittlung gelaufen. Das mit dem Kollaps hätte er Kundoban sagen müssen.
Mia Culpa.
„Was meinen Sie – kann man da noch was erwarten? Oder versiegt die Quelle wie bei Ihnen schon so oft?“ Dietering schien es überhaupt nicht zu gefallen, wenn Remsen mit verdeckten Karten spielt. Ja klar, der Remsen kommt so an Informationen, die schon manche Ermittlung zum Durchbruch verholfen haben. Aber muss das immer sein Ermittlungsleiter sein, der dann die Früchte erntet? Er, Dietering, war hier der Boss und nur er sah sich in der Rolle, Ergebnisse, und zwar in Form von Erfolgen, zu präsentieren.
Remsen nicht, basta!
„Kann ich nicht sagen Chef. Diese Quelle sprudelte, bis sie vorerst versiegte. Ich glaube nicht, dass Stahlburg uns wirklich weiterhelfen kann und wird.“
„Bleiben Sie dran Remsen. Sobald er aufwacht, soll er Ihr Gesicht erblicken und weiter mit Informationen sprudeln.“
Remsen antwortete nicht; er dachte nach: Wie war er bloß auf die Idee gekommen, seinen Informanten an der Ermittlungswand preiszugeben? Andererseits wäre es irgendwann allen aufgefallen, dass er, und zwar nur er, mal wieder mehr weiß, als seine Kollegen.
Also zuckte er nur mit den Achseln und wechselte das Thema: „Hanns-Peter, was wissen wir inzwischen über den Brandanschlag vom Sonnabendabend auf das Haus der Weilham's?“
Sein Partner biss gerade in so etwas wie eine Streuselschnecke, die er aus einer seiner Tüten fischte. Den Mund voll und damit unfähig, jetzt und ohne Schäden für die Umstehenden zu sprechen, tat er es Remsen gleich und zuckte auch nur mit den Schultern. Parallel dazu schüttelte er den Kopf.
Einer der beiden Verstärker übernahm für ihn: „Die Kriminaltechniker haben gut gemachte Molotow Cocktails identifiziert. Es schaut so aus, als ob da Profis am Werk waren. Wir warten noch auf einen Bericht von Reiken.“
„Zwei, jetzt sind es zwei Berichte.“ Remsen war wieder einmal der Spielverderber. „Ich gehe davon aus, dass Reiken uns beide Berichte bis Mittag vorlegt. Bleiben Sie bitte dran, denn je eher wir alles ganz genau wissen, umso besser können wir unsere Ermittlungen koordinieren. Jede verlorene Stunde verschafft unseren unbekannten Freunden einen weiteren Vorsprung.“
Ulrich schaffte es inzwischen, wieder am Gespräch teilzunehmen: „Die Befragung der Nachbarn hat absolut nichts ergeben. Wir wissen nur, dass Frau Weilham gesehen haben will, wie ein schwarzer SUV ziemlich schnell davongefahren ist. Auch wenn die Frau recht wirr erschien, ist das der einzige und bislang beste Hinweis auf mögliche Täter. So viele schwarze SUVs fahren in Vesberg nun mal nicht rum.“
„Aber in Osteuropa, die Grenze ist nah und der SUV ist mit Sicherheit in Sicherheit.“ Remsen musste grinsen, denn solch ein doppeltes Wortspiel gelang ihm selten aus dem Stand. Schon gar nicht am Montagmorgen!
„Ich werde mich gleich um den Streit zwischen CodeWriter und Safety Objects kümmern. Was immer dahinter steht, ich finde es raus. Mal sehen, wie behilflich das Landgericht ist. Vielleicht finden wir dort einen Hinweis zu einem möglichen Mordmotiv. Es kann doch nicht sein, dass Weilham und Abtowiz sich vor Gericht streiten, gemeinsam essen gehen und nebenbei sein Sohn, der junge Weilham aufgeknüpft wird. Das passt einfach nicht.“ Die Frau in der Runde, Jutta Kundoban, wollte sich auch am Gespräch und an den weiteren Ermittlungen beteiligen.
Dietering schlich noch immer an der Ermittlungswand herum und konzentrierte sich auf die rechte Seite. Rechts bedeutete hier Osteuropa. Ein Pfeil zeigte von Abtowiz in Richtung Polen. Kleine Kreuze auf polnischem Gebiet deuteten bisher bekannte Kunden oder einfach nur Geschäftspartner von CodeWriter dort an. In der Ukraine gab es nur die Zentrale Gebäudewirtschaft, die Weilham jun. in Lemberg besuchte. Mehr Kontakte schien CodeWriter bisher nicht in die Ukraine zu haben. Jetzt nahm er sich einen Stift und kreiste den Namen ‚Dmytro Lypar‘ ein und verband das Kästchen mit dem von Igor Abtowiz. Er drehte sich zu seinem Team um und zeigte mit dem Stift auf das Fragezeichen, welches jetzt die Verbindungslinie zwischen beiden zierte: „Kennen sich die beiden? Was wissen wir von diesem Lypar aus Lemberg? Was ist, wenn Abtowiz mit seiner Firma auf Expansionskurs und diesem Lypar in die Quere gekommen ist?“
„Oder umgekehrt?“ Ulrich grinste in die Runde. „Kann ja sein, dass die Ukrainer hier aktiv waren oder es vorhaben. Wenn Lypar ein Oligarch ist oder hinter ihm einer anderer die Fäden zieht, dann ist es doch nicht unwahrscheinlich, dass CodeWriter in bester Absicht Geschäfte machen wollte und zwischen die Fronten geraten ist. Kann doch sein.“
„Wir werden sehen, was uns Nöthe erzählt. Der ist hoffentlich gerade bei diesem Lypar und hört sich dessen Geschichte an.“ Kundoban wollte daran glauben, dass die Reise ihres Kollegen nicht umsonst war.
Dietering war allerdings anderer Meinung: „Wie gut sind denn die Sprachkenntnisse unseres Kollegen. Ich glaube kaum, dass der Ukrainer perfekt Englisch oder sogar Deutsch spricht. Schon alleine deshalb gebe ich nicht viel auf die Aussagen.“
„Ja, ja, aber Nöthe ist ja nicht allein dort unterwegs. Die Kollegen aus Lemberg helfen und übersetzen.“
„Wenn Lypar irgendwas mit Oligarchen zu tun hat, dann gehen Sie bitte davon aus, dass von dem keine Hilfe zu erwarten ist und Nöthes Reise nichts Verwertbares bringt.“ Dietering blieb pessimistisch.
Irgendwie gerat die Runde ins Stocken, niemand konnte oder wollte irgendetwas zur Besprechung mehr beitragen. So schauten alle abwartend Remsen an, der verdutzt zu seinen Kollegen sah und verlegen den Kaffeebecher drehte.
Dietering versuchte, seinen Ermittlungsleiter in der Runde unter Druck zu setzen: „Und Sie Remsen, was haben Sie heute vor?“
Remsen war mit einem Mal gar nicht mehr verlegen und entgegnete: „Chef, ich habe gleich eine Verabredung an der Berufsschule. Dort treffe ich den Direktor, der auch schon zu Zeiten von Stahlburg dort aktiv und angeblich lange Zeit ein enger Kollege von ihm war. Ich...“ Sein Telefon klingelte, Remsen sah auf das Display und meinte lapidar: „Da muss ich rangehen, Entschuldigung.“
Er entfernte sich von der Runde und nahm das Gespräch an. Obwohl Dietering und wahrscheinlich auch die anderen versuchten, ganz genau hinzuhören, konnten sie definitiv nichts aufschnappen. Remsen redete für seine Verhältnisse lange und gestikulierte mit dem freien Arm herum. Dann schien er einige Zeit seinem Gesprächspartner zuzuhören, um sich danach in Rage zu reden. Abrupt beendete Remsen das Gespräch und verließ auf direktem Weg das Büro.
Remsen saß in seinem Buick und drehte kräftig an der Lautstärke. Ziemlich intensiv dröhnte Neil Young mit seinen Crazy Hourse, Like A Hurricane; super Aufnahme von denen in SFO. Die Solo-CD von heute Morgen lag verächtlich hingeworfen auf dem Beifahrersitz. Wenn Stahlburg abkratzt, dann geht mir eine richtig gute Quelle verloren. So erfahren wie er war, so sehr beschlich ihn die Angst, dass mit Stahlburg jemand aus dem Spiel ausscheiden könnte, der verdammt viel zur Lösung des Puzzles beitragen könnte.
Vielleicht sogar mehr!
Er bekam einen Anruf von der Intensivstation und war mehr als besorgt. Seine vor Stahlburg‘s Zimmer platzierte Wache war am Telefon. Diese sollte ihm jede Regung, jedes Wimpernzucken des Patienten sofort mitzuteilen. Allerdings war der junge Beamte hoffnungslos überfordert, als Ärzte und Schwestern in einiger Aufregung in das Zimmer von Stahlburg stürmten. Wen sollte er jetzt benachrichtigen und wer müsste überhaupt wissen, dass es dem Patienten schlechter ging? Also rief er Remsen an.
Offensichtlich schlug einer der Apparate Alarm und Remsen seinerseits am Telefon so einen Terz, dass es der Beamte dann doch geschaffte, einen der Ärzte ans Telefon zu bekommen. Was Remsen da hörte, deutete auf ein schnelles Ende von Stahlburg hin.
Trotz allem hielt sich Remsen mit seinem Buick an die Regeln, beachtete Ampeln und übertrieb es nicht mit der Geschwindigkeit. Er hätte durchaus Anlass genug gehabt, die beliebte blaue Lichtorgel auf dem Dach anzubringen, um damit vielleicht einige Augenblicke eher am Klinikum anzukommen.
Nein, das war nicht nötig. Er beschäftigte sich zu sehr mit der möglichen Rolle, die Stahlburg bei CodeWriter gespielt haben könnte. Das Dreieck Stahlburg – Abtowiz – Hausmann biss sich in seinem Hirn fest. Immer wieder ging er mögliche Verbindungen durch, dichtete für jedem Motive für einen Mord, nein für alles an, verwarf alles wieder und begann erneut mit seinen Theorien.
Welche Feinde sollte der junge Weilham haben? Denn er war es ja, der am Freitagabend dran glauben musste. War das so geplant oder hatte er aus welchem Grund auch immer einfach nur Pech gehabt?
Beinahe übersah er die Einfahrt zum Klinikum. Da er keinen Parkplatz fand, nahm er sich einen der für die Geschäftsleitung reservierten Plätze; nicht ohne vorher noch seine staatliche Autorität deutlich sichtbar hinter die Frontscheibe zu platzieren.
Remsen erkundigte sich nach der Intensivstation und danach, wo er den Patienten Stahlburg finden könnte. Selbst das war nicht einfach, aber als er seinen Dienstausweis zückte, bekam er die gewünschten Informationen.
Der üble Geruch von Jod und Tinktur. Remsen hegte seit seiner Kindheit eine Aversion gegen jede Form von Krankenhaus, inklusive seiner Pflichtbesuche in der Pathologie. Die dunkle Seite seines Berufs, so sah er es.
„Jan, du hier?“
Remsen schrak förmlich auf, erstarrte kurz und drehte sich in die Richtung, aus der er die Stimme vermutete: Prof. Eilers!
„Schön dich zu sehen. Wie geht’s? Wir sollten mal wieder...“
„Hör auf Jan. Du und ich sind mit unseren Berufen mehr verheiratet als mit unseren Frauen. Sofern vorhanden, natürlich. Warum sollten ausgerechnet wir zwei Zeit für einen gemeinsamen Abend finden. Ausgeschlossen. Es sei denn, ich rufe deine Sekretärin an.“
„Kenn ich nicht. Du, ich suche einen Dr. Stahlburg, der wurde gestern eingeliefert und soll hier auf der Station sein.“
„Ich bin zwar von der Chirurgischen, aber so ganz unbekannt ist mir der alte Informatikprofessor nicht. Hier in Vesberg kennt die Elite sich eben. Hab gehört, dass das Herz nicht mehr so richtig mitmacht und er wohl schon unterm Messer liegt.“
„Doktor. Er hat es nur bis zum Doktortitel gebracht. Weißt du, wer mir sagen kann, ob der durchkommt? Wer ist dort der Chef?“
„Keiner wird dir das sagen, Jan. Ärztliche Schweigepflicht, auch gegenüber Polizisten. Erst wenn er hinüber ist, wirst du von uns etwas erfahren. Ich habe was anderes Interessantes für dich – wenn du schon mal da bist. Komm mal mit.“
Beide wechselten in die Richtung zurück, aus der Prof. Eilers gekommen ist und trotteten nebeneinanderher.
„Was willst du mir zeigen, großer Professor?“
Remsen kannte Erwin Eilers seit seiner Ankunft in Vesberg. Beide waren auf einer Wellenlänge, sich auf einer Geburtstagspartie vom Polizeipräsidenten getroffen und den Kontakt nicht abreißen lassen. Remsen hatte kaum Bekannte, schon gar keine Freunde in Vesberg und war deshalb an einen regelmäßigen Austausch mit Eilers interessiert. Aber, der hatte recht: Beide leben in ihren Universen und werden genau deshalb über Absichten nicht hinauskommen.
„Jan, am Sonnabendabend haben wir einen übel Zugerichteten hinzubekommen. Keine Ausweise, keine Andeutungen, wer er sein könnte“.
„Mit Verlaub Prof., ich bin von der Mordkommission und suche Mörder, keine Schläger.“
Prof. Eilers entschied sich, nach kurzem Überlegen nicht auf die Einwürfe einzugehen.
„Ich hab schon viel gesehen Jan. Aber der Typ hat offensichtlich so eine Abreibung bekommen, dass er nur mit Glück durchkommt. Wenn überhaupt. Brüche, Quetschungen, Schnittwunden und ein fast komplett entstelltes Gesicht sieht man auch nicht alle Tage. Die meisten Zähne dürfte er bei der Rauferei eingebüßt haben.“
„Wie oft denn noch, ich will Stahlburg am Leben wissen und mich nicht von deinen chirurgischen Analysefähigkeiten überzeugen lassen. Weißt du: Mörder ist zu finden ist meine Profession.“
Der Professor machte einfach weiter.
„Er wurde am späten Samstagabend in der Nähe der Uferstraße gefunden. Ein Anwohner war mit seinem Hund nochmal unterwegs. Wir haben nichts gefunden; keine Ausweise, kein Geld – rein gar nichts. Was mich aber wundert, der Mann erscheint sehr gut austrainiert und er hat am linken Unterarm ein Tattoo.“
„Wirklich, das klingt nach einer Rauferei, einem Bandenkrieg oder schlicht nach einem Raubüberfall. Ich hoffe, ihr habt das zuständige Dezernat informiert. Auf jeden Fall ist das nicht meine Baustelle“. Remsen zeigt seinem Freund, wie sehr er genervt war, recht deutlich.
Inzwischen standen sie beide am Bett des Patienten. Nahezu der gesamte Körper war eingegipst oder verbunden. Es wird sicher Wochen dauern, bevor dieser Mann wieder alleine die Klobrille hochklappen kann. Prof. Eilers deutete auf eine gips- und verbandsfreie Stelle und auf ein Tattoo. Remsen sah sich das genauer an: Kyrillische Buchstaben und dazwischen etwas, das aussah wie eine Rose und ein Tiger, der zum darüber Sprung ansetzen will. Oder was man davon noch erkennen kann.
Russische Mafia offensichtlich – hier in Vesberg? Vesberg ist so nahe an Osteuropa dran, dass es fast schon Normalität geworden ist, sich mit den Kriminellen des Ostblocks auseinanderzusetzen.
„Kann ich davon mal ein Foto machen?“
„Also doch interessant Herr Kommissar? Aber nur zum privaten Gebrauch bitte.“
Remsen war ganz konzentriert. „Sieh mal, das Tattoo können Symbole der russischen Mafia sein. Es kann aber auch sein, dass damals in der Sowjetunion Eliteeinheiten sich mit speziellen Symbolen so etwas wie einen Zusammenhalt, eine Identität gegeben haben. Das Bild würde ich gerne mal prüfen lassen. Sonst weiß man gar nichts von ihm hier?“
Er deutete auf den Patienten, der unter den vielen Verbänden lag und machte mit seinem Smartphone einige Aufnahmen.
„Wie gesagt: Mr. ohne Namen, so wurde er hier getauft.“
„Okay, gibt es hier keine Wache vor dem Zimmer? Soll ich das organisieren?“
„Das ist jetzt wirkliche eure Baustelle Jan. Wir flicken ihn zusammen, wenn er mitmacht natürlich nur. Das ist unser Teil der Aufgabe. Ich mag nur nicht, wenn hier auf der Station Scherereien entstehen und jemand versuchen würde, ihn endgültig übern oder in den Jordan zu befördern. Das käme nicht sonderlich gut.“
„Gut, ich frage mal nach. Damit hat sich aber mein Interesse erledigt, den Rest müssen die Kollegen ermitteln. Vielleicht ist es wirklich nur eine Schlägerei gewesen; keine Ahnung.“ Remsen zuckte mit den Schultern, schaute desinteressiert drein und wollte nur noch raus hier.
Benjamin Nöthe fühlte sich unwohl. Erst diese ewige Warterei bei der Einreise, gespickt mit Schikanen der Beamten, die an diesem Montag überhaupt keine Lust verspürten, irgendjemand in ihr gelobtes Land zu lassen. Nöthe konnte sich aber des Eindrucks nicht erwehren, dass er morgen oder nächsten Montag wahrscheinlich ebenso wenig freundlich empfangen worden wäre. Remsen verpasste ihm gestern spontan diese Dienstreise und jetzt musste er sehen, wie er schnellstens nach Lemberg kam.
Das frühe Aufstehen war noch nie eine seiner Schokoladenseiten, sodass er vor Aufregung ohnehin kaum schlafen konnte. Seine leise Hoffnung, dass sein Reisepass abgelaufen war und er um diese Reise einfach herumkam, zerschlug sich schnell. Jetzt nach dem Flug verfolgte ihn immer noch das Gefühl, auf einem Campingstuhl durch die Lüfte gesegelt zu sein. Diese Airline dürfte seiner Meinung nach, nicht in der EU, schon gar nicht Vesberg landen; aber ihn fragt ja keiner.
„Hallo Jutta, bist du das? Ich kann dich nicht verstehen. Sprich bitte lauter.“
Nöthe entschloss sich, auf die Roaming-Kosten zu pfeifen und diese sich von seiner Dienststelle wieder zurückzuholen. Er wollte sich von Jutta den aktuellen Stand der Ermittlungen durchgeben lassen, da er hoffte, dass sein Chef über Nacht zu neuen Erkenntnissen gekommen sein könnte, die ihn hier weiterbringen würden.
„Benjamin, bist du es? Hast du schon mit Lypar gesprochen? Was hast du rausbekommen?“
Nöthe erzählte ihr, nein er schrie ins Telefon, dass er ab jetzt ein Flugtrauma hat und ihm die ganze Reise nach Lemberg überhaupt stinkt. Auch davon, dass er sich gut bewacht fühlte und überhaupt nur müde ist.
Nach einigem Hin und Her beendeten beide das Telefonat, da die Gesprächsqualität unbrauchbar war und es darüber hinaus keine Neuigkeiten auszutauschen gab.
Seine Kollegen fand er schnell; die Trachtengruppe war ja nicht zu übersehen. Einer von Ihnen, Daniil konnte sogar ein passables Englisch sprechen, sodass der erste Austausch ganz entspannt verlief.
Nöthe kapierte schnell, dass Arbeitseifer nicht Teil des Anforderungsprofils für ukrainische Beamte sein kann, denn Daniil und sein Begleiter suchten erst einmal eine Bar auf. Gegen einen Kaffee hatte Nöthe nichts einzuwenden; aber er wies auf den Termin bei dem Sicherheitschef und auf seinen Rückflug hin.
Daniil klärte ihn auf: „Der Termin bei der Überwachungsfirma ist verschoben worden, weil Herr Lypar am Wochenende nicht in Lemberg war und erst gegen Mittag zurückerwartet wird. Außerdem sind es bis dahin nur wenige Kilometer. Und zur Sicherheit haben sie ja die Autorität, die für eine schnelle Fahrt sorgen wird.“
Nöthe beruhigte sich und versuchte, etwas von der Firma und von Lypar selbst zu erfahren. Beide ukrainischen Polizisten waren redselig, auch wenn die konkreten Auskünfte insgesamt und von Daniil‘s Begleiter besonders dünn waren. Das mag an den Sprachproblemen liegen oder eben daran, dass beide wirklich nichts wussten. Nöthe blieb wachsam und machte sich seine Notizen.
Beim Kaffee schwenkten seine ukrainischen Kollegen auf Smalltalk um und beantworteten Nöthe sogar nicht gestellte Fragen über Land und Leute.
Redselig? Zeitvertreib? Lange Weile? Oder gar Ablenkung?
Nöthe war sich nicht sicher, sah auffallend oft seine Uhr und wurde von Minute zu Minute immer nervöser.
Daniil bekam einen Anruf und entfernte sich etwas. Seinen Gesten nach zu urteilen, nahm er eine devote Grundhaltung ein, gestikulierte zurückhaltend und nickte ständig.
Großer Boss ruft an, dachte sich Nöthe.
Doch plötzlich ging alles ganz schnell. Daniil beendete das Gespräch, klappte sein Telefon zu und steckte es ein und drückte aufs Tempo. Ohne zu bezahlen forderten sie Nöthe auf zu folgen und stürmten sie zum Auto.
Wie im Film wähnte sich Nöthe, fühlte aber immer noch sicher, da er ja seine Kollegen um sich wusste.
Tatsächlich – mit Blaulicht und lautem Getöse umkurvten sie einige Staus, überquerten waghalsig große Kreuzungen und gaben auf der Tangente Richtung Norden Vollgas.
Hoffentlich geht das gut. Nöthe war sich dessen nicht mehr sicher. Verdammt, wo fahren die hin; kennen die überhaupt keine Verkehrsregeln. Nöthe wurde schweißnass.
Weniger Stress mit der Raserei hatten seine beiden Kollegen, die sich auf den Sitzen vorne ganz gut amüsierten und ihre Witze machten. Natürlich in Russisch oder Ukrainisch. Das war Nöthe nicht ganz klar.
Bevor sich Nöthe auf irgendwas einen Reim machen konnte, bogen sie von der Nordwesttangente ab, schnitten dabei mindestens einen Transporter und diverse PKWs. Nöthe beschlich das Gefühl, dass die Arroganz der Macht hier in der Ukraine noch etwas zählt und sich die Polizei weder an Gesetze hält noch die Menschen respektiert. Das Ganze kam ihm bekannt vor. Immer dann, wenn seine Eltern sich in der Zeit ‚vor der Wende‘ gedanklich verlieren, erzählten sie von Einschränkungen, Bespitzelungen und Willkür. Erlebt haben sie es anscheinend nie; es war wohl der Stoff, aus denen Geschichten gesponnen wurden. Trotz allem, die Zeit der Diktatur hat er selbst nur noch ganz schwach in Erinnerung, denn als die Mauer fiel und sich viele Dinge veränderten, trug er noch Windeln. Die zum Kochen selbstverständlich.
„Wir sind da.“ Daniil‘s Kollege riss seine Tür auf und forderte Nöthe auf, auszusteigen. Etwas freundlicher wäre nicht schlecht, dachte sich Nöthe, griff seine Tasche und schwang sich aus dem Auto.
‚Штаб-квартира будівлю моніторингу Львів‘ stand über dem Eingangsportal. Dieses gehörte zu einem eher neueren Gebäudekomplex, welches sich in einen nicht ganz so grauen und heruntergekommenen Zustand befand, wie die Häuser, die Nöthe vom Auto aus gesehen hat. Das Gelände war baulich betrachtet sehr gut gesichert und noch viel besser bewacht. Scheinbar ist das wirklich eine Marotte in Osteuropa, aufgepumpte Glatzköpfe als Sicherheitspersonal anzustellen, die in den Muckibuden nicht nur Eisen stemmen,
Ein weiterer Glatzkopf, aber im eleganten Outfit und von zwei Bodyguards begleitet, kam ihnen entgegen, wechselte im Vorbeigehen mit Daniil ein paar Worte, die Nöthe natürlich nicht verstand. Der streckte instinktiv seine Hand einer Pranke entgegen, die zum Glatzkopf, scheinbar dem Dmytro Lypar gehörte.
Grinsend zerquetschte Lypar Nöthe‘s rechte Hand und tat so, als würden sich beide schon ewig kennen. Im ganz passablen Englisch begrüßte Lypar seinen Besucher aus Deutschland und entschuldigte sich für das Wetter heute. Als wenn der Typ für das Wetter irgendetwas kann oder sogar dafür verantwortlich wäre. Eigenwillige Gesprächseröffnung.
Nöthe verfügte über eine Intoleranz gegenüber selbsternannten Sonnenkönigen. Schon von klein auf, als diese gelackten Herren in den einheitlichen Anzügen bei ihnen zu Hause klingelten und ohne Aufforderung zum Eintreten bereits im Wohnzimmer standen. Sich aufführten, als würden sie bei ihnen wohnen und die Chefs seiner Eltern sein. Er muss mal mit beiden reden, denn Kindheitserinnerungen halten lange an und können im Alter aufs Gemüt schlagen, wenn die nicht irgendwann mal aufgearbeitet werden. Hat Nöthe einmal gehört oder gelesen. Genau weiß er auch nicht mehr.
Jedenfalls muss er so gequält geschaut haben oder er war schon auf dem Weg, in die Knie zu gehen, dass sein Gegenüber ihn abrupt losließ und alle drei Ankömmlinge aufforderte, ihm zu folgen.
Daniil klopfte ihn aufmunternd auf die Schulter und schupste Nöthe in Richtung des Bürogebäudes. Nöthe bekam einen leichten Schock, denn er sah sich in der Rolle eines Gefangenen, der in den Kellern jetzt gefoltert und das Gebäude maximal im toten Zustand wieder verlassen wird.
Du spinnst ja Ben, ermunterte er sich selbst und nahm seinen letzten verfügbaren Mut zusammen und folgte Lypar und dessen Bewacher, eingekreist von Polizisten.
„Jede Woche bekommen wir Besuch aus Deutschland, das ist schön. Wir wollen gerne mit euch Geschäfte machen.“ Lypar eröffnete jetzt offiziell und etwas unbeholfen das Gespräch.
Nöthe hatte sich nervlich in dem Gesprächszimmer wieder im Griff, auch weil nur er und Lypar alleine anwesend waren. Ihm ließ das Gefühl nicht los, dass Lypar entweder noch nicht wusste, was mit seiner Mitarbeiterin passiert oder er tiefer in die Geschichte verstrickt war, als das Ermittlungsteam bis jetzt annahm.
Das finde ich raus!
„Kennen Sie die Frau hier, Herr Lypar?“ Nöthe zeigte ihm ein Foto seiner toten Mitarbeiterin.
Sein Gesprächspartner nahm es in die Hand und blickte recht erstaunt auf die tote Frau.
„Ja, das ist meine Mitarbeiterin, Larissa Kongratuwa. Eine ganz Tüchtige im Vertrieb. Sie ist am Freitag mit dem Vertreter dieser Softwarefirma nach Deutschland gefahren, weil sie dort Vertragsabschluss vorbereiten soll. Sie ist tot!?“
Nöthe rätselte, ob das eine Aussage oder eine Frage war, und war sich dessen nicht sicher. Er ging in die Offensive.
„Herr Lypar, die Frau Larissa...“.
Lypar hilft gerne aus: „Kongratuwa“.
„Die Frau Kongratuwa ist Opfer eines Unfalls geworden und leider verstorben. Wir ermitteln gerade, ob es ein Unfall oder ein Mord war. Deshalb musste ich Sie recht schnell hier treffen. Vielen Dank, dass es geklappt hat.“ Nöthe atmete durch, denn Englisch spricht er nicht jeden Tag.
„Woran ist sie gestorben? Wie ist sie…?“ Lypar verlor kurzzeitig die Geduld; die Schwingungen in seiner Stimme deuteten darauf hin. Toll, die Ausbildung war doch nicht umsonst. Nöthe freute sich, die nonverbalen Signale lesen und interpretieren zu können.
„Sie ist mit Carsten Weilham, so hieß übrigens der Mann von der IT-Firma, in der Nähe von Vesberg mit dem Auto in einen Unfall geraten. Leider haben beide das nicht überlebt und waren sofort tot.“ Die wahren Todesursachen mochte er nicht preisgeben.
„Sofort?“ Lypar nickte nachdenklich und sinnierte, „Beide? Sofort tot? Was war das dann für ein Unfall?“
„Ein Autounfall eben...“ Nöthe wollte einfach nicht mehr preisgeben.
„Aber das Tier, warum war es dort?“
Upps! Was ist hier los? Der weiß ja viel mehr. Er weiß schon länger, dass seine Mitarbeiterin tot und macht ihm gegenüber auf überrascht. Nöthe ersann eine neune Strategie; ich muss ihn aus der Reserve locken.
„Herr Lypar, wie haben Sie erfahren, dass Ihre Mitarbeiterin tot ist?“
„Herr Weilham rief mich am Sonnabend an und erzählte, was passiert war. Er sagte auch, dass der andere Herr Weilham nicht im Auto, sondern im Wald gestorben ist.“ Lypar blickte dazu, aber durchaus angriffslustig in die Augen von Nöthe. Nicht lange, denn abrupt sprang er auf, schlug mit der Hand auf den Tisch und schrie: „Sagen Sie mir, warum Larissa sterben musste?“
Die Tür sprang auf und seine Bodyguards, gefolgt von der Trachtengruppe stürmten in den Raum. Lypar, wieder ganz ruhig, hielt per Handzeichen alle auf, die prompt stehen blieben.
„Es ist alles gut, ich habe mich nur aufgeregt. Mehr nicht. Lasst uns alleine.“ Diese kurze Anweisung reichte und sie waren wieder zu zweit im Raum.
„Herr Lypar, wir haben noch am Freitag die Ermittlungen aufgenommen, um genau das ganz schnell herauszubekommen. Deshalb muss ich ihnen einige Fragen stellen. Wollen Sie uns helfen?“
Weil Lypar nur kurz nickte, stellte Nöthe seine Fragen: „Kennen Sie Igor Abtowiz?“ Kein Wort zu viel, dachte er sich. Sollte Lypar doch rätseln.
„Abtowiz? Nein, wer soll das sein? Ein Russe? Wenn das einer ist, dann gehen Sie davon aus, dass er bestimmt nicht zu meinen Freunden gehört.“ Lypar hatte offensichtlich keine Ahnung von Abtowiz.
Ein paar Informationen können ja nicht schaden, dachte sich Nöthe.
„Er ist Pole, war während der kommunistischen Herrschaft bei der Sicherheit und ist danach nach England gegangen, um dort seine Geschäfte zu machen. Primär Prostitution, vielleicht auch Drogen. Das ging schief und er nach Vesberg. Jetzt macht er so etwas Ähnliches wie Sie hier. Gebäudesicherheit, Überwachung und so.“
„Das ist mir egal, ich kenne den Menschen nicht. Hat er was mit dem Unfall zu tun? Ich kümmere mich um den.“ Kurz hielt Lypar inne. „Das ist wohl kein Unfall gewesen? Stimmt‘s?“
„Das wissen wir nicht. Sagt Ihnen die Firma ‚Safety Objects‘ etwas, Herr Lypar?“
„Nein auch nicht, warum? Auch so eine Gebäudesicherheitsfirma? Aus England?“
Jetzt log Nöthe etwas: „Wir ermitteln noch und können dazu noch nichts sagen. Ich dachte, Sie können uns helfen und mir etwas zu dieser Firma erzählen? Man kennt sich doch in der Branche, oder nicht?“
Keine Reaktion von Lypar. Das gefiel dem deutschen Polizisten nicht. Nöthe überlegte gerade, mit welchem Schachzug er seinen Gesprächspartner aus der Reserve locken könnte, aber da übernahm dieser wieder das Wort. Zögerlich.
„Ich glaube, der Weilham von der IT-Firma hat diese Firma erwähnt. So als Referenz glaube ich. In meinem Büro liegen noch ein paar Unterlagen; ich kann die holen lassen.“
Darauf wollte Nöthe jetzt nicht eingehen. Er machte mit seinem Fragenstakkato weiter.
„Wie haben Sie eigentlich die Firma CodeWriter kennengelernt? Die sind ja kein Weltkonzern, da muss man schon genau recherchieren, um so eine kleine Firma zu finden?“
„Da war Anfang des Jahres in Polen, in Krakau eine Fachmesse. Wir sind hingefahren und haben uns die Software für die Überwachung von denen angeschaut. Danach haben wir Informationen aus Deutschland bekommen und über das Internet wurde uns die Software in allen Details vorgestellt. Wir haben uns dann entschieden, nicht nur auf Bodyguards zu setzen, sondern mit guter Technik und Software besser zu sein, als die anderen. Irgendwann wurde es dann konkret, sodass Weilham uns letzte Woche besuchte, um Gespräche über den Vertrag, natürlich über den Preis und andere Konditionen und Bedingungen zu führen. So macht man bei uns seriöse Geschäfte, bei euch etwa nicht?“
Lypar zeigte mit seiner Körpersprache, dass er seine innere Unruhe abgelegen konnte und jetzt wieder ganz der Geschäftsmann mimte. Er war es ganz offensichtlich gewohnt, die Gesprächsführung bei sich zu behalten und nicht auf die Fragen eines Polizisten antworten zu müssen. Sofern er es nicht wollte.
Trotzdem, die Fragen stelle ich, dachte sich Nöthe.
„Kennen Sie einen Karl Hausmann?“
Lypar dachte kurz nach, und schien seine Antwort sich genau zu überlegen. Diese kam für Nöthe eine Spur zu langsam, sodass er aufmerksam wurde: Der verbirgt etwas.
„Ja klar, er ist einer der beiden Chefs von der IT-Firma, von CodeWriter. Ich traf ihn einmal auf dieser Messe in Krakau. Netter Mensch, guter Geschäftsmann denke ich.“
Da haben wir es doch – Hausmann auf einer Vertriebsmesse? Soweit Nöthe wusste und die Ermittlungsunterlagen richtig gelesen hatte, war Hausmann gelegentlich als Redner auf wissenschaftlichen Fachmessen engagiert, um CodeWriter als Hersteller individueller Software, gerade für wissenschaftliche Belange, zu empfehlen. Mehr aber auch nicht. Auf einer Vertriebsmesse? Davon hörte oder las Nöthe bisher noch nichts.
„Wissen Sie Herr Lypar, ob CodeWriter in der Ukraine schon Geschäftspartner hat? Oder wären Sie der erste Vertragspartner hier?“
Lypar hatte bemerkt, dass Nöthe zwischenzeitlich in seinen Gedankengängen gefangen war und offensichtlich im Kopf seine Aussagen mit Ermittlungsergebnissen abglich. Anscheinend stieß er wohl auf Unstimmigkeiten.
„Soweit ich weiß nicht. Die wollten sich stärker nach Osteuropa ausbreiten, um neue Kunden zu gewinnen. Ist ja okay, immerhin dehnt sich die EU ja auch immer weiter nach Osten aus. Eines Tages sind wir auch in der EU und Geschäfte miteinander zu machen wird immer einfacher. Soweit der Weilham gesagt hat, gibt es wohl einen ersten Kunden in Moldawien, glaube ich zumindest zu wissen. Sollte doch leicht sein für Sie, das herauszufinden.“
Nöthe nickte zufrieden: „Okay, das bekommen wir schnell raus. Wann haben sie Hausmann zuletzt gesehen?“
So, und jetzt sag nichts Falsches mein Lieber. Nöthe richtete sich gespannt auf und erwartete die Antwort.
Lypar schien nachzudenken, viel länger als man normalerweise annehmen würde und sich seine Antwort zurechtzulegen. Mal wieder, dachte sich Nöthe.
„Vor zwei Wochen etwa, in Südamerika. Hausmann wusste, dass wir nahe dran waren, uns zu entscheiden und wollte wohl noch etwas nachhelfen und sicher gehen, das Nichts mehr schief. Er machte dort gerade Urlaub und mich eingeladen, eine Runde Golf miteinander zu spielen. Glauben Sie mir, dass machen alle Geschäfteleute weltweit so. Ich bin runtergeflogen und wir waren einige Tage zusammen, auf dem Golfplatz, haben eine Amazonas-Safari gemacht, gut gegessen und viel getrunken. Ich hab doch gesagt, interessanter Mann die Hausmann.“
Wieso hat Weilham uns nichts davon gesagt? Er ruft hier bei Lypar an und informiert diesen über den Tod seiner Mitarbeiterin, während Lypar sich mit Hausmann in Südamerika rumtreibt. Na ja, nicht zur gleichen Zeit, aber erst vor kurz davor.
„Ich gehe doch davon aus, dass Herr Weilham von Ihrem Treffen mit Herrn Hausmann informiert war.“
Nöthe ließ ganz bewusst die Frage so offen, dass sie als Aussage, als Feststellung im Raum stand. Jetzt lag es an Lypar, darauf einzugehen und die These richtigzustellen.
Lypar dachte aber nicht daran und entschied für sich: Wo keine Frage, da keine Antwort.
Leicht angesäuert saß Nöthe nun da und war mit sich unzufrieden. Ihm wurde viel zu spät klar, dass er eine gute Chance leichtfertig vergab. So einfach ließ sich Lypar keine weiteren Informationen entlocken.
Er musste es anders versuchen. „Sagen Sie Herr Lypar, wie lange gibt es Ihre Firma schon? Das Gebäude sieht recht neu aus. Laufen Ihre Geschäfte hier gut?“
Aber Lypar war zu erfahren, als dass er Nöthe den Gefallen tat, umfassend zu antworten. Stattdessen verlor er sich in Banalitäten: „Wir expandieren hier schon länger und sind erst im Sommer in diese Gebäude eingezogen. Wir Ukrainer bereiten uns auf den Eintritt in die EU vor. Ihr Deutsche wollt doch immer, dass die neuen Länder in Europa wirtschaftlich stark sind.“
„Schon, schon, aber was haben Sie vorher gemacht? Bevor es diese Firma hier gab? Können Sie mir dazu etwas sagen?“
Nöthe wollte unter allen Umständen irgendetwas aus seiner Vergangenheit herausbekommen. In Osteuropa kommt niemand mal soeben wie ein Phönix aus der Asche. Entweder hatte Lypar allerbeste Verbindungen zum Staat, weil er damals vielleicht mit dazu gehörte, oder aber er war und ist noch immer skrupellos, um mit dunklen Geschäften zu jeder Menge Geld zu kommen.
Lypar grinste ihn aber nur an und verlor augenscheinlich die Lust an diesem Gespräch. Nein, diesem Deutschen wird er nichts mehr sagen, befand er einfach.
Nöthe musste einen letzten Versuch starten, seinen Gastgeber aus der Reserve zu locken.
„Sagen Sie, waren Sie schon einmal in Vesberg? Wenn ja, wann und warum?“
Kurz entglitten Lypar jetzt doch die Züge, aber ebenso schnell hatte er sich wieder im Griff.
„Herr Inspektor“, fast väterlich war jetzt der Ton, „das hat doch mit diesem Unfall, oder sagen wir doch besser Mord, nichts zu tun. Also kann ich dazu Ihnen überhaupt nichts sagen.“ Das Grinsen in seinem Gesicht wurde immer breiter.
„Gut, halten wir fest: Sie waren noch nie in Vesberg, kannten vorher Karl Hausmann nicht, auch keinen Kurt Stahlburg. Und die Weilham's sind Ihnen zum ersten Mal in Krakau begegnet.“
Ist doch gut, wenn man zwischendurch bei seiner Truppe anrufen kann. Denn seine Kollegin erklärte ihm das Wichtigste in drei Sätzen zum Dr. a. D.
„Jetzt ist aber gut. Ich habe Ihre Frage nicht beantwortet, soweit ich mich erinnere. Also gibt es nichts festzuhalten. Klar?“ Lypar legte sein Grinsen ab und wurde richtig unruhig, eher ungeduldig und dabei beinahe so laut, dass Nöthe befürchten musste, erneut Bekanntschaft mit den Wachhunden des Firmenchefs zu machen.
Nöthe hielt stand.
Wenn er etwas in seinen jungen Jahren gelernt hat, dann vor allem seinen Standpunkt zu vertreten, nein durchzusetzen. Er wird Ulrich und Remsen schon noch zeigen, dass er nicht nur ein kleiner Assistent ist. Nöthe kann mehr.
Lypar nutzte die Nachdenkpause seines Gegenübers und sah die Chance gekommen, Nöthe hinaus zu komplimentieren.
„Wenn Sie jetzt keine weiteren Fragen mehr hätten, würde ich mich gerne wieder meiner Firma widmen. Ich habe jede Menge zu tun. Vielen Dank.“
Stil hat er ja, dachte sich Nöthe und zog seinen letzten Trumpf, mit dem er hoffte, Lypar zu verunsichern und an Informationen ranzukommen.
„Dr. Kurt Stahlburg, der Name sagt Ihnen wirklich nichts?“
„Nein, überhaupt nicht. Wer soll das sein? Ein Arzt bei Ihnen oder wo oder was?“ Lypar war mehr als gereizt, denn Nöthe wagte es, seine Autorität zu untergraben und sich dem Willen seines Gesprächspartners nicht zu beugen.
„Und Grundberg?“
„Raus jetzt!“ Lypar explodierte und sofort waren seine Bodyguards zur Stelle.
Nöthe blieb stur und ließ nicht locker. „Es würde mich interessieren, ob Sie einen der beiden kennen. Sie wollen doch wissen, wer Larissa Krum...“
„Kongratuwa!“
„...warum Ihre Mitarbeiterin Kongratuwa sterben musste oder etwa nicht?“
Da Lypar definitiv keine Anstalten mehr machte, zu antworten, sann Nöthe über eine Strategie nach, wenigstens als Sieger das Feld zu räumen. Er schien davon überzeugt, mit seiner Art der Interviewführung einem Ganoven der Lemberger Unterwelt den Schneid abgekauft zu haben.
Im Rausch seines vermuteten Sieges fiel ihm beim Rausgehen seine mutmaßlich allerletzte Frage ein.
„Sagen Sie Herr Lypar“, Nöthe blieb stehen, drehte sich um und stierte Lypar in ganz kurzer Entfernung direkt in die Augen, „erzählte Ihnen Herr Weilham auch, dass er bei diesem Unfall seinen Sohn verloren hat. Wir haben hier zwei Tote und ermitteln wegen zweifachen Mordes.“
Lypar nahm diese Nachricht so auf, als wisse er es tatsächlich nicht.
Großer Schauspieler oder tatsächlich betroffen? Nöthe konnte zunächst Lypars Verhalten nicht einordnen, denn dieser ließ sich schwer beeindruckt auf dem nächsten Stuhl wieder. Zumindest waren jetzt beide Augenpaare in etwa auf gleicher Höhe. Denn Nöthe übersah unter dem Einfluss jeder Menge Adrenalins völlig, dass Lypar gut 1,95m, also einen ganzen Kopf größer war.
Aber viel mehr beschäftigte er sich mit der Frage, warum der Tod seines Geschäftspartners Lypar offensichtlich sehr nahe ging und vor allem, warum dieser davon noch nichts gewusst haben wollte. Ist es nur das entgangene Geschäft, wobei das ja durchaus noch zustande kommen kann, oder steckte da mehr dahinter?
Nöthe stellte sich gerade die Szene vor, in der ein Boxer nach einigen selbst eingesteckten Schlägen seinen Gegner ziemlich am Boden hatte.
Er grinste.
„Wann geht Ihr Rückflug, Herr Inspektor?“ Lypar und diese unerwartete Frage. Von einer Sekunde auf die nächste war es jetzt Nöthe, der zumindest irritiert schaute.
„Am späten Nachmittag. Warum?“
„Lassen Sie uns was essen, ich glaube ich muss Ihnen einige Dinge erklären. Die Streife haben wir schon weggeschickt, ich lasse Sie nachher zum Flughafen bringen.“
Obwohl Nöthe das erst einordnen wollte, ließen ihn die Bodyguards des Firmenchefs dazu keine Zeit, sondern drängten zu einem Monstrum von Auto, einen Cadillac wie Nöthe sah. Er erinnerte sich, einmal auf der Automesse in einem Escalade gesessen zu sein; das hier könnte auch so einer sein.
Er nahm auf der hinteren Reihe Platz oder besser er schob sich auf den Platz, den ihn einer der unfreundlichen Muskelmänner zuwies. Nach einiger Zeit kam dann auch Lypar. Der stieg ein und setzte sich neben Nöthe.
Das Gefährt setzte sich in Bewegung: Alles war schwarz, natürlich. Gespiegelte Scheiben und jede Menge edles Design und schwarzes Leder prägten das Bild des Cadillacs. Jetzt war sich Nöthe sicher: Es ist ein Escalade, eines der größten Autos, die er gesehen hatte.
Und in eines, welches er nicht einsteigen sollte…
Mitten in seinen Gedanken beschlichen Nöthe einige Ängste. Das Ganze hier kam ihm wie in einem schlechten Film vor. Wahrscheinlich bringen sie ihn jetzt in einen Wald und dann ... Nein, das glaubte Nöthe nicht. In Vesberg und hier bei der Polizei wissen alle, dass er hier ist. Lypar kann ihn nicht einfach verschwinden lassen; das würde sofort auffliegen. Obwohl – sicher ist er sich mit jedem gefahrenen Kilometer mit mehr.
Lypar selbst machte keine Anstalten, mit ihm ins Gespräch zu kommen. Also versuchte Nöthe sich in Konversation: „Wohin fahren wir eigentlich? Ist das weiter weg vom Flughafen?“
Lypar starrte aus seinem Seitenfenster und antwortete nur kurz: „Nein, wir sind gleich da. Ein Restaurant mit dem besten Essen in Lemberg. Und den besten Service.“ Beim letzten Satz grinste Lypar, für Nöthe nicht erkennbar, in sich rein.
Lange dauerte die Fahrt nicht. „Okay, wir sind da.“ Das Ungetüm hielt vor einem Restaurant, welches für Nöthe eher als Rotlichtlokal durchgehen würde. Egal, vielleicht ist es drinnen wirklich ganz angenehm.
Während Nöthe noch immer unsicher war, ob er wirklich aussteigen sollte, befand sich Lypar schon auf dem Weg. Offensichtlich wurde er erwartet, denn kaum als sie hielten, kamen zwei Damen heraus und winkten dem Ungetüm von Cadillac zu. Eher Lypar.
Der Bekleidung und Aufmachung nach zu urteilen war Nöthe sich jetzt ganz sicher: Lypar wollte mit ihm in einen Puff. Allerdings ließ ihn einer der Bodyguards keine weitere Zeit zum Nachdenken und drängelte Nöthe, auszusteigen und Lypar zu folgen.
Augen zu und durch, war jetzt seine Devise. Welches Interesse sollte dieses ukrainische Zwielicht haben, ihn nicht seinen Flieger erreichen zu lassen?
Rein jetzt!
Schweißnass, gepaart mit einer Heidenangst betrat er das angebliche Restaurant. Im Inneren angekommen, wurde er gleich von zwei äußerst netten Frauen in Empfang genommen. Das sind ja fast noch Mädchen; da war er sich sicher. Er versuchte dennoch, einen Eindruck vom Etablissement zu erhaschen, und stellte fest, dass es sich wohl doch um ein Restaurant handeln musste. Es standen Tische und Stühle herum, vereinzelt Gäste waren anwesend und es roch gut. Allerdings war ihm r beim ersten Rundblick entgangen, dass die Gäste augenscheinlich nicht mit ihren Frauen, sondern eher mit dem leicht bekleideten Personal an den Tischen saßen. Dem armen Nöthe blieb wenig Zeit zur Orientierung, denn seine weiblichen Begleiter hingen sich an ihm und zogen ihn, Lypar folgend, in eine Art Nebenraum; Separee oder was auch immer. Eine Welt von der Nöthe bisher nur hörte, tat sich mit einem Mal auf. Unsicher, ja verängstigt, folgte er den Anweisungen seines Gastgebers. Lypar spielte in Nöthe‘s Wahrnehmung zumindest bisher diese Rolle; er sollte das korrigieren. Der zeigte inzwischen kaum noch Interesse an dem Wohlergehen seines Gastes aus Deutschland, da er sich für Nöthe‘s Verhältnisse hemmungslos dem weiblichen Personal hingab.
Nöthe wusste, dass noch genug Zeit bis zum Abflug blieb. Jedoch sann er danach, um aus dieser, für ihn nicht einzuordnenden, Situation so schnell wie möglich rauszukommen. Vielleicht könnte er sich ein Taxi rufen lassen ...
Ein Blick in Richtung Tür sorgte für eine glatte Vereisung des Gedankens: Einer der Muskelfratzen befolgte ganz sicher die Anordnung, ihn nicht durchzulassen. Jedenfalls fixierte ihn Mr. Universum ausdrücklich unfreundlich.
Eine seiner Begleiterinnen gab sich zudem allerbeste Mühe, dass er sich rundum wohl fühlte. Das Glas kann man ja annehmen, welches sie ihm reichte. Allerdings hatte er noch nie etwas mit einer Nutte zu tun, sodass er keine Erfahrungen besaß, wie er auf ihre intensive Anmache reagieren sollte. Und dass sie ganz eindeutig eine Nutte war, davon ging Nöthe aus.
Na ja, ganz hübsch ist sie schon. Warum eigentlich nicht?
...dachte sich Nöthe noch, als er plötzlich recht müde wurde. Mit einem hübschen Mädchen im Arm wäre doch eine tolle Geschichte, sich etwas auszuruhen. Der Tag war lang, sein Flieger war am Morgen ganz früh der Erste. Sie bemühte sich doch so sehr um ihn. Nein, das konnte Nöthe nicht unbeantwortet lassen.
Es war so schön, so bequem, so weich und einfach nur herrlich. Nöthe‘s Gedanken kreisten um Schlaf, um Liebe machen, um gutgehen lassen.
Betrunken!
Ja, er war wohl betrunken. Ein Glas kann doch nicht schaden. Ich will noch etwas haben, war sein Wunsch, den ihm niemand mehr erfüllte.
Nöthe schlummerte in den Armen seiner außerordentlich hübschen Begleitung ein. Die Welt kann doch so schön sein, sogar hier in der Ukraine ...
Jutta Kundoban war in die Falsbacher Straße gefahren und hielt am Tresen des Eingangs vom Landgericht dem Bediensteten ihren Dienstausweis vor die Nase. Das Gebäude ist eines dieser Bausünden aus der DDR-Zeit: Ein hässlicher Betonkasten, mehr grau, eher in einer Farbe für die es keine RGB-Farbpalette gibt. Wer diese Farbe jemals erfunden hat, müsste heute den Preis für Augenkatarrh täglich 12 Stunden durch die Stadt spazieren tragen, eigenhändig und ohne Pause.
„Kundoban, Mordkommission, Arkadenstraße, W36. Ich möchte jemanden sprechen, der sich mit Wirtschaftsverfahren vertraut ist und zur Firma CodeWriter mir Auskünfte geben kann. Die sind in Verfahren mit Kunden verwickelt und wurden verklagt.“
Sichtlich überfordert bewegte sich der Mann erst einmal nicht.
„Hallo, habe ich Sie gerade geweckt oder was?“
Doch, er lebte und bewegte sich. Langsam zwar, aber eindeutig erkennbar.
„Nur weil Sie von der Polizei sind, müssen Sie mich nicht gleich beleidigen. Ich überlege gerade, wen ich anrufen könnte.“
Das war’s. Andere Synapsen, auf ‚langsam‘ eingestellt, beamtentauglich.
Kundoban brachte keine Lust für diese Spiele auf. Ungeduldig trommelte sie mit der rechten Hand auf den Tresen. „Es wird doch mal möglich sein...?“
Weiter kam sie nicht, denn der Beamte im Eingangsbereich machte Anstalten, aufzustehen. Mehr als ein Versuch – mehr kam dabei nicht heraus. Er schien keinerlei Motivation zu verspüren, seinen beträchtlichen Leibesumfang wegen einer nervösen Polizistin überanstrengen zu wollen.
Nicht er!
Nicht in seinem Alter!
Nicht so kurz vor der Pensionierung!
Doch, er schaffte es, einen rechten Arm nahezu waagerecht anzuheben: „Da entlang, dritte Etage. Aber vergessen Sie es, der Lift geht seit der Wende nicht mehr.“
Kundoban verzichtete auf jede Form einer Danksagung und stapfte in die dritte Etage zur Wirtschaftskammer. Dort kam ihr eine junge freundliche Angestellte mit jeder Menge Akten unterm Arm entgegen und half ihr auf der Stelle.
Recht unkompliziert und vor allem in angemessen kurzer Zeit saß sie einem Dr. Bachmann gegenüber.
„Vielen Dank Herr Dr. Bachmann, dass Sie sich so schnell für mich Zeit nehmen.“ Bachmann war Richter für Wirtschaftsdelikte am Landgericht in Vesberg, sah ganz adrett aus und muss ein Westimport sein.
Als Kriminalassistentin lernte sie früh, bei Erstbegegnungen von dem Gegenüber ein Ad-hoc Profil zu erstellen. Der erste Eindruck ist unschlagbar, wenn es darum geht, einen Menschen einzuordnen. Ihre Erfahrungen zeigen, dass sie mit dieser Fähigkeit durchaus sehr weit kommt.
Seit Bachmann die Polizistin sah, war er sofort in den Flirtmodus gegangen und versuchte alles, um seiner Gesprächspartnerin zu beeindrucken. Der Kundoban ging diese Balz so langsam auf die Nerven; sie musste bei Gelegenheit gegensteuern.
„Das ist doch kein Problem, Frau Kommissarin. Wir leisten sehr gerne und unkompliziert Amtshilfe. Was kann ich für Sie denn tun“?
Nein, kein Westimport. Dieser Dialekt ist heimisch, wie der ihrige auch. Warum eigentlich muss man nach 20 Jahren noch immer zwischen Ossi und Wessi unterscheiden? Noch nie war ihr klar, warum seid dieser Wende die Leute hier einen Volkssport daraus machen. Sie nahm vor, einmal mit ihren Eltern darüber sprechen. Wenn sie Zeit hat, zwischen den Jahren vielleicht.
„Wir ermitteln in zwei Mordfällen. Sie haben sicher von dem Autounfall am Freitagabend auf dem Autobahnzubringer gehört. Wie sich herausgestellte, waren fremde Kräfte am Werk, um dem Junior vom Chef der CodeWriter und dessen Begleiterin…“
„Ich hab davon gehört, aber dass es Mord sein soll? Ist nicht der Hauptkommissar Remsen mit der Leitung der Aufklärung beauftragt? Warum begleitet er Sie nicht?“
Kundoban biss sich auf die Zunge.
So ein blöder Typ.
Ossi und arrogant.
Kreuzdämlich dieser Mensch.
„Ich soll Ihnen einen Gruß ausrichten, aber diesem üblen Stahlbetonbau aus grauer Vorzeit wollte er dann doch keinen Besuch abstatten. Sie verstehen?“
Ein Grinsen huschte über Dr. Bachmanns hohe Wangenknochen, die er extra dazu anspannte. Klug, die Kleine.
„Worum geht es genau?“
„Der Tote ist Carsten Weilham, Account Manager der CodeWriter GmbH. Die Tote war seine Begleiterin im Auto, eine Ukrainerin.“
Dr. Bachmann zog erneut sein Grinsen auf, dieses Mal etwas breiter: „Verstehe.“
„Sie verstehen nichts. Sie war nicht Weilham's Geliebte, sondern seine Geschäftspartnerin. Ebenfalls Account Managerin eines neuen Kunden von CodeWriter. Aus der Ukraine.“
„Ja, ja. Heutzutage lässt sich doch problemlos beides miteinander verbinden.“
Kundoban explodierte: „Warum seid Ihr Männer immer so schwanzgesteuert?“
Ihr Gesprächspartner wurde etwas rot, kurzzeitig nur, dann fasste sie sich wieder. Kundoban weiter: „Wir ermitteln in alle Richtungen und haben von einem Journalisten erfahren, dass die Firma CodeWriter mit Kunden über Kreuz liegt und verklagt wurde. Genaues würde ich gerne hier erfahren. Ich weiß bis jetzt nur, dass es ein Verfahren mit der Firma Safety Objects geben soll. Wissen Sie etwas davon?“
Dr. Bachmann ließ sich jetzt auffällig viel Zeit und schien seine Antwort genau abzuwägen. „Ja, ich selbst habe in zweiter Instanz eine Klage verhandelt, die von Safety Objects eingebracht wurde. Recht unschön das Ganze, kann ich Ihnen sagen.“
Darmowy fragment się skończył.