Czytaj książkę: «Bern ... und seine Machenschaften»
Peter Baumgartner
Bern ... und seine Machenschaften
Roman
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Bern ... und seine Machenschaften
Menschenhandel, Drogenhandel …
Ein Auftrag für Philippe
Erste Erkenntnisse
Eine Dienstreise in den Süden
Eine weitere Dienstreise
Die Erkenntnisse
Paris ist eine Reise wert
Immer diese Geheimagenten
Fred, ein wahrer Freund
Der Fail-Dienstag
Frau Sütterli vom EDA
Ein neuer Auftrag für Philippe
Frau «X1»
Pointe de la Calle
Louis Canal
Bericht zh EDA
Wohin dies alles führen kann
Ruhigere «Gewässer» oder etwa doch nicht?
Erholung in Sainte-Maxime
Und wieder holt der Alltag Philippe ein
Louis … und kein Ende
Der Hinterhalt
Wunder geschehen
Paul Simson
Never say never again
Grossrat Mäusli
“Life is what happens to you while you‘re busy making other plans”
Impressum neobooks
Bern ... und seine Machenschaften
PETER BAUMGARTNER
Bern und seine Machenschaften

Roman
IMPRESSUM
Alle Rechte vorbehalten, einschliesslich derjenigen des auszugsweisen Abdrucks und der elektronischen Wiedergabe.
© 2021 Peter Baumgartner, Bern/Schweiz
peter.baumgartn@bluewin.ch
ISBN
Das Leben ist manchmal schon eigenartig. Da denkt man, alles oder zumindest das meiste im Griff zu haben, und dann holt einem die Realität plötzlich wieder ein.
Gedanken des Autors
Den Inhalt dieses Buches verdanke ich meiner Fantasie. – Ähnlichkeiten mit toten oder lebenden Personen oder realen Ereignissen sind nicht beabsichtigt und wären rein zufällig.
Einmal mehr klingelte das Telefon von Philippe, dieses Mal war es sein Handy. Die Nummer war ihm völlig unbekannt, und so beschloss er, den Anruf zu ignorieren. Der Alltag hatte ihn fest im Griff und so ging es darum, Einkäufe zu tätigen, das Haus aufzuräumen und das Essen zu kochen. Die letzte Aufgabe übernahm er gern.
Das Telefon meldete sich erneut und es war dieselbe Nummer. Philippe liess den Anrufer abermals ins Leere klingeln. Der Anrufer hatte nun aber die Frechheit, eine Nachricht im Voice Mail zu hinterlassen. Philippe überlegte sich, ob er sie überhaupt abhören wollte. Nach längerem Zögern tat er es trotzdem und er wusste nicht, ob er seinen Entscheid bereuen würde.
«Hier spricht Pasquale Sütterli. Darf ich sie bitten mich zurückzurufen?», so der Kurztext in der Mitteilung. Eine Frau mit Namen Pasquale Sütterli kannte Philippe nicht und so war er unschlüssig, ob er dem Wunsch folgen wollte. Er wollte sich das Ganze vorerst einmal durch den Kopf gehen lassen. Es erschien ihm eigenartig, woher die Frau seine Nummer hatte, diese kannten nur die Wenigsten.
Im Verlauf des Nachmittags war die Neugier dann doch grösser als der Verstand, und er wählte die Nummer der Unbekannten. Eine sympathische Stimme nahm nach kurzem Klingeln den Anruf entgegen. Sie sei Mitarbeiterin im Aussendepartement, und es gehe um etwas Wichtiges. Aus diesem Grund würde sie es vorziehen, wenn sie Philippe persönlich treffen dürfte, um ihm ihr Anliegen kundtun zu können. Philippe war etwas überrascht, willigte dann aber ein, und sie vereinbarten das Treffen am darauffolgenden Morgen um 1000 Uhr im Restaurant Della Casa in Bern.
Das Eidgenössische Departement für auswärtige Angelegenheiten EDA oder eben das Aussendepartement ist eines von sieben Departementen in der Schweiz und wird von einem Bundesrat oder einer Bundesrätin geführt. Es entspricht von den Aufgaben her den Aussenministerien in anderen Ländern.
Das ‘Della Casa’ befindet sich in der Oberen Altstadt von Bern und ist von seiner Aufmachung her wenig spektakulär, hingegen ist es bekannt für sein feines bürgerliches Essen.
Der Ort passte Philippe, der Zeitpunkt auch, und das Treffen würde wahrscheinlich auch nicht allzu lange dauern, da das Restaurant um die Mittagszeit stets gut besucht war, und sie ihren Tisch sicher wieder freigeben müssten, wollten sie nicht auch etwas essen. Aber davon war nicht die Rede.
Philippe erschien pünktlich. Er wählte für den Weg in die Stadt den ÖV, nicht zuletzt deshalb, weil in der Stadt Bern, mit Ausnahme der Parkhäuser, welche horrend teuer sind, kaum Parkplätze auszumachen sind. Bern wandelte sich je länger je mehr zu einer Velo- und Fussgänger Stadt, wo Motorfahrzeuge irgendwelcher Art nur noch mit Argwohn – wenn überhaupt – geduldet sind. Auf der einen Seite ist dies aufgrund der engen Platzverhältnisse sogar irgendwie verständlich, auf der anderen Seite ist es dem Konsum und den Ladengeschäften in der Stadt doch mehr als abträglich. Und so kommt es nicht von ungefähr, dass je länger je mehr alteingesessene Lokalitäten ihren Betrieb mangels Umsatzes schliessen mussten. - Das ‘Della Casa’ war hier eine Ausnahme, was vielleicht damit zusammenhängt, dass das Restaurant sich in der Nähe des Bahnhofes befindet.
Frau Sütterli betrat das Gastlokal und wie sie bereits im Vorfeld gesagt hatte, werde sie Philippe erkennen. Sie werde zu ihm an den Tisch treten und sich ihm vorstellen. So war es denn auch, und eine attraktive Dame mittleren Alters gesellte sich zu ihm. «Pasquale Sütterli ist mein Name und ich arbeite, wie ich es ihnen schon gesagt habe, fürs Aussendepartement. Ihre Telefonnummer habe ich von einem gemeinsamen Bekannten erhalten, um damit ihre Frage vorweg zu nehmen. Auch weiss ich, dass Sie seit rund zwei Jahren in Pension stehen und somit über eine gewisse freie Zeit verfügen. Schliesslich ist mir bekannt, dass sie nicht allzu gut auf die Politik und die Politiker in unserem Land zu sprechen sind. Ihnen eilt der Ruf voraus, dass sie alles hinterfragen und dem Säuhäfeli und Säudeckeli nichts abgewinnen können.» - «Garçon, ich hätte gerne einen Cappuccino und was wünschen sie?»
«Danke, ich habe schon bestellt. Ich nehme einen Kaffee.» - Nach der Vorstellung von Frau Sütterli hätte Philippe jedoch am liebsten noch einen grossen Cognac dazu bestellt, aber dafür war es nun doch noch etwas früh am Morgen.
Frau Sütterli führte in der Folge aus, was folgt: Das Aussendepartement habe von einer vertraulichen Quelle aus Athen Informationen erhalten, wonach ranghohe Beamte beim Bundesamt für Polizei und auch bei der Bundesanwaltschaft in eine Korruptionsaffäre verwickelt seien. Auch hohe Mitarbeiter bei einzelnen Kantons Polizeien der Schweiz seien darin verwickelt. Es gehe um Millionenbeträge und das Ausmass der Verbrechen sei momentan noch völlig offen. Schlimm sei, dass nach dem heutigen Wissensstand niemand ausgeschlossen und folglich auch niemandem vertraut werden könne. Sie selber sei von der Generalsekretärin des EDA damit betraut worden, sich in geeigneter Art und Weise der Sache anzunehmen.
Philippe konnte kaum glauben, was er da zu hören bekam. Als erstes erkundigte er sich danach, woher sie denn ihre Informationen habe. Frau Sütterli präzisierte, dass die Quelle ihrer Informationen von einer Vertrauensperson aus Pristina stamme, und diese ihre Informationen wiederum von einem Mittelsmann aus Tirana habe. – Also, alles vom Hörensagen, dachte Philippe. Nichts Handfestes, was soll denn das Ganze?
«Und wie sieht es in diesem Zusammenhang mit dem verhaften Polizeichef aus der Schweiz in Tirana aus?», erkundigte sich Philippe beiläufig. «Woher wissen sie das? Das dürften sie gar nicht wissen. Und überhaupt …». – Frau Sütterli war völlig perplex und sie verstand die Welt nicht mehr. Eines der bestgehüteten Geheimnisse wurde ihr eben in einem Nebensatz preisgegeben. Sie war sich schlagartig bewusst, dass wollte sie mit ihrem Unterfangen, Philippe für ihre Zwecke einzuspannen, Erfolg haben, einen anderen Ton anschlagen musste.
Philippe Baumann ist pensionierter Polizist – Rentner. Das Wort kann man bekanntlich von beiden Seiten her lesen und kommt immer wieder zum gleichen Schluss: Der letzte Lebensabschnitt hat begonnen.
Philippe wohnt zusammen mit seiner Frau Deborah in einem einfachen Eckeinfamilienhaus in der Nähe von Bern. Das Haus umfasst einen recht grossen Garten, den sie auch brauchen, stellt ihr Hund Enrico doch so seine Ansprüche. Und so kann es nicht falsch sein, den Garten einigermassen in Schuss zu halten.
Philippe hatte seine Informationen von Bernard; dieser hatte ihn vor kurzem angerufen. Und obschon Philippe es hasste zu telefonieren, hatte er den Anruf entgegengenommen. Er hatte die Nummer auf dem Display seines Handys erkannt und er freute sich über den Anruf. «Salut Philippe, c’est Bernard. Comment vas-tu?» - « Très bien et à toi?»
Auch Bernard Picard ist Frührentner und er bezieht bereits seit über einem Jahr seine Pension. Leider fällt diese nicht allzu reichlich aus, womit er regelmässig ein anderes kleines Zubrot verdienen muss, um über die Runden zu kommen.
Bernard wohnt in Frankreich; dort ist er auch aufgewachsen. Nach unzähligen Umzügen hat er sich zusammen mit seiner Frau Isabelle in Sainte-Maxime niedergelassen. Dort bewohnen sie seit einem Jahr ein älteres Haus mit Meersicht und eigenem Pool. Die Gelegenheit zum Kauf bot sich ihnen vor ein paar Jahren, und sie konnten der Versuchung nicht widerstehen, ihren Traum vom Eigenheim mit Meeresblick zu verwirklichen.
Philippe und Deborah verbrachten ihre Ferien oft in Südfrankreich; damals noch mit der ganzen Familie, ihren beiden Söhnen und den beiden Hunden. Und so kam es, dass sich alle im Verlauf der Zeit näher kennengelernt hatten. Noch heute wird reger Kontakt gepflegt. Vor allem Philippe und Bernard sind in der Zwischenzeit gute Freunde geworden.
Obschon sich Philippe und Bernard schon eine ganze Weile kennen, ist die Konversation der beiden nicht immer einfach. Philippe konnte sich zwar einigermassen in Französisch ausdrücken, jedoch fehlte ihm ab und zu oder zumeist der gewünschte Wortschatz, um sich fliessend und der Situation angepasst ausdrücken zu können. Ähnlich erging es Bernard. Auch er hatte im Verlauf der Jahre einige deutsche Wörter und Redewendungen kennen gelernt, jedoch ist ihm die Sprache Goethes nach wie vor sehr fremd.
So gab es bei den beiden eben nur eines: sich mich Händen und Füssen zu verständigen und dies klappte in aller Regel recht gut; namentlich nach einem «quart» oder noch besser nach einem «demi de Rosé». Am Telefon war dies nun aber doch deutlich schwieriger. Hier musste hin und wieder nachgefragt werden, was der andere denn nun wollte und zu sagen hatte.
«Um was geht es Bernard?» - «Écoute moi mon ami.» «Ich habe gehört, dass der Polizeichef der Schweiz in Tirana verhaftet worden sein soll. Mein Freund Gérard, du kennst ihn, der ‘Journi’, der über Jahre hinweg für den Var-matin geschrieben hat, und nun ebenfalls in Pension steht, hat mir dies gesteckt; ihm ist ja bekannt, dass du Schweizer bist und in der Nähe von Bern wohnst.»
«Ja schon, aber was heisst hier der Chef der Polizei der Schweiz?» «Du weisst, lieber Bernard, dass das Ganze in der Schweiz nicht eben einfach ist. Hier gibt es Gemeindepolizisten, Kantonspolizisten und Polizisten der Bundespolizei. Daneben gibt es die Transportpolizei und auch die Grenzwache verfügt über polizeiliche Kompetenzen.»
In der Tat ist der Wirrwarr polizeilicher Kompetenzen in der Schweiz nicht ganz einfach zu verstehen. In der Schweiz gibt es rund 2250 Gemeinden; allein im Kanton Bern gibt es derzeit rund 350 und alle diese Gemeinden verfügen über gewisse polizeiliche Kompetenzen; die einen umfassender, die anderen weniger. Daneben gibt es 26 Kantons Polizeien, die Halbkantone mitgezählt. Ihnen obliegt die Hauptharst der Aufgaben im polizeilichen Bereich. Über Mord und Totschlag bis hin zum einfachen Ladendiebstahl haben sie alles zu bearbeiten, was Kriminelle oder Langfinger anstellen. Daneben gibt es noch die «Supertruppe» der Bundespolizei, welche sich vor allem der Organisierten Kriminalität und der Wirtschaftskriminalität widmet. Schliesslich, aber nicht zuletzt, gibt es noch die Transportpolizei, welche den Nah- und Fernverkehr im Auge behält, und die Grenzwache, welche dafür besorgt ist, dass der illegalen Einwanderung von Personen und Sachen gebührend Einhalt geboten wird.
Insgesamt stehen der Schweiz rund 20'000 Polizisten oder Grenzwächter zur Verfügung, welche für Sicherheit und Ordnung sorgen sollen. – Im Vergleich zu Frankreich mit seinen rund 220'000 Polizisten mutet die Zahl bescheiden an. Jedoch gilt es nicht zu vergessen, dass Frankreich flächenmässig rund 15-mal grösser ist als die Schweiz und über rund 8-mal mehr Einwohner verfügt. – Trotzdem und vielleicht auch deshalb lassen einige Parallelen ziehen.
Umgerechnet verfügen nämlich beide Länder in etwa über gleichviele Polizeikräfte, berücksichtigt man die Einwohnerzahl und die geographische Fläche.
Und trotzdem gibt es markante Unterschiede: in Frankreich wird zwischen der Police nationale, der Gendarmerie nationale und der Police municipale unterschieden. Die Nationalpolizei, welche dem Innenministerium untersteht, verfügt über umfassende Kompetenzen. Sie unterteilt sich in die Police administrative mit eingeschränkten Vollzugsrechten und die Police judiciaire, die eigentliche Kriminalpolizei, mit umfassenden Kompetenzen.
Auch die militärisch organisierte Gendarmerie nationale, für die sowohl das Verteidigungs- als auch das Innenministerium verantwortlich sind, verfügt über umfangreiche Kompetenzen. Sie umfasst personell rund die Hälfe des Polizeibestandes und ist für ländliche Gebiete und Kleinstädte bis zu einer Größe von ca. 20’000 Einwohnern zuständig. – Trotz dieser Kompetenzabgrenzung kommt es immer wieder zu Zuständigkeitsgerangel, wovon Bernard ein Lied singen könnte.
Bernard ist nämlich ebenfalls pensionierter Polizist. Während über 35 Jahren hat der für die Gendarmerie national gearbeitet und sich von der Pike auf hochgearbeitet. Aufgewachsen und zur Schule gegangen ist Bernard in der Bretagne in der Nähe von Quimper. Als Sohn eines Fischers wusste er um die Mühen dieses Berufes. Und so war für ihn klar, dass er den gleichen Weg wie sein Vater nicht einschlagen wollte. Für seine Eltern war dies kein Problem. Sie liessen Bernard alle Optionen offen.
Grossgewachsen und von stattlicher Statur, gepaart mit gesundem Menschenverstand und einer ansprechenden Grundausbildung bewarb er sich bei der Gendarmerie. Die Ausbildung wollte er etwas entfernt vom Elternhaus leisten, womit ihm das Centre de Recrutement in der Normandie nahe bei Rouen, der Hauptstadt der nordfranzösischen Region, richtig erschien. Seinerzeit und zum Teil noch heute wird die Ausbildung zum ‘Agent de Police’ bei der Gendarmerie sehr militärnah ausgeübt, was dazu führt, dass der Grossteil der Ausbildung kaserniert und umzäunt stattfindet. Dies führte dazu, dass Bernard seine Eltern und seine beiden Geschwister, Sophie und Jean-Luc, nur noch selten zu sehen bekam. Sie alle waren für ihn mit ihren warmen Begegnungen in weite Ferne gerückt. – Aber Bernard hatte dies ja so gewollt.
Ab und zu nahm Bernard die beschwerliche Reise nach Quimper unter die Füsse. Mit den öffentlichen Verkehrsmitteln musste er über Paris kehrt machen, um danach via Le Mans und Rennes nach Hause zu gelangen. Die Reise war eine Tagesreise und so nutze Bernard zuweilen die Gelegenheit, eine Nacht in Paris zu verbringen. Die Metropole hatte ihren Reiz, doch entsprach sie nicht seinen Wünschen und Vorstellungen: zu oberflächlich, zu weiträumig, zu fremd. – Bernard liebte das Ländliche, das Ursprüngliche, das Echte im Leben. Er liebte das Meer mit all seinen Schattierungen. Kurzurlaube verbrachten die Polizeiaspiranten in Le Havre oder vielleicht in Saint-Malo. Doch schon Saint-Malo liegt rund 300 km von Rouen entfernt.
Die Mutter von Bernard arbeitete in einer in Corcarneau ansässigen conserverie. Dort wurden und werden noch heute vor allem Sardinen und Thunfisch mit entsprechenden Gewürzen und Marinaden zu Delikatessen verarbeitet. Zumeist bringen die Männer den Fisch in den Hafen von Corcarneau, bekommen dort ihren Lohn und versuchen auf diese Weise ihre Familien über Wasser zu halten. So kommt es nicht von ungefähr, dass auch die Frauen zum Einkommen der Familie etwas beitragen müssen.
Madame Picard tat dies mit Stolz! Sie war sich bewusst ob ihrem Schicksal und dem Glück, mit Pierre, ihrem Mann, verheiratet zu sein und drei wunderbare Kinder zu haben. Nichts war ihr zu viel. Sie verstand es, Mühsal und Freude zu vereinen und dem Glück zum Durchbruch zu verhelfen. – Diese Einstellung wurde Bernard zu teil, und er war seiner Mutter hierfür zeitlebens dankbar.
Jedes Mal, wenn Bernard nach Hause kam, wurde er herzlich empfangen. Zumeist war seine Mutter Florence zu Hause, zuweilen auch sein Vater Pierre. Oftmals gesellten sich auch Jean-Luc, sein älterer Bruder, und Sophie, seine jüngere Schwester, dazu. – War die Familie vereint, so war das Glück perfekt!
Gemeinsam wurde geplaudert, erzählt und natürlich fein gegessen. Bernard erzählte von seiner Ausbildung zum Polizisten, Jean-Luc war Angestellter in einer Bank in Bordeaux und Sophie Primarschullehrerin in einem Vorort von Paris. – Solche Zusammenkünfte kamen leider nicht allzu oft vor und so galt es sie zu geniessen. Es ging allen gleich und alle waren am Schluss irgendwie traurig, aber vor allem glücklich, dass sie wieder einmal zusammen waren und sich gegenseitig austauschen konnten.
Die Reise von Bernard beinhaltete verschiedene Stationen. Dies war für die Arbeit bei der Gendarmerie nationale normal. Nach der Grundausbildung wurde man von A nach B geschickt und man hatte dort auszuhelfen, wo Not am Mann war. Eine der nächsten Reisen führte Bernard nach Velaux. Velaux ist eine kleine französische Gemeinde in der Region Provence-Alpes-Côte d’Azur mit rund 9000 Einwohnern. Die Gendarmerie nationale verfügt dort über einen Stützpunkt; und weil drei der Mitarbeiter ausgefallen waren, lag es nun an Bernard hier zum Rechten zu schauen.
Velaux liegt rund 35 km von Marseille entfernt und rund 70 km entfernt von Arles. Beide Städte also in Greifnähe. Und obschon Marseille als pulsierende Metropole des Südens vielleicht viel mehr zu bieten hatte, interessierte sich Bernard mehr für Arles. In einer knappen Stunde würde er mit dem Auto dort sein und er könnte die freie Zeit voll und ganz geniessen.
Ach ja, Bernard hatte sich in der Zwischenzeit ja ein Fahrzeug zugelegt: einen «deux chevaux» oder Döschwo (2CV). – Hier von Auto zu sprechen ist zwar etwas übertrieben, aber eben … meistens oder zumindest ab und zu lief das Gefährt. Giftgrün war die Farbe des Vehikels. Rückblickend betrachtet wäre es wahrscheinlich nicht ganz falsch gewesen, wenn Bernard noch eine Weile zugewartet und gespart hätte, um sich ein «anständiges» Auto zu leisten. Aber so ist es nun halt mal, wenn man jung ist: Herz und Verstand sind einfach zwei Sachen.
Sein Gefährt hatte so seine Eigenheiten. Jedes Mal, wenn er eine Verabredung hatte, streikte es – aus welchem Grund auch immer. Da halfen weder Kurbel noch gutes Zureden, meistens half nur die Zeit, bis es den zwei Pferden wieder passte loszutraben. Zumeist sehr gemächlich, dann aber doch wieder recht flott, sodass die Bremsen und vor allem die Reifen kaum mehr mitkamen. – Bremsen und Pneus waren nämlich schon in die Jahre gekommen, und so konnte es nur noch eine Frage der Zeit sein, bis sich hier unliebsame Kosten einstellen würden.
Ungeachtet dieser Tatsachen machte sich Bernard auf den Weg nach Arles. Diese 50 Minuten würde sein Auto schon noch schaffen, dachte er. Ob er dann allerdings auch wieder zurückkäme, interessierte ihn in diesem Moment nicht. Er wollte den Stierkämpfen in der Arena zuschauen. Arles mit seinen rund 50'000 Einwohnern ist eine Stadt am Ufer der Rhone in der südfranzösischen Region Provence. Arles war einst Provinzhauptstadt des Römischen Reiches und ist auch bekannt wegen der vielfältigen Überreste aus dieser Zeit, darunter eben das Amphitheater, in dem unter anderem heute Stierkämpfe stattfinden.
Eigentlich konnte Bernard mit Stierkämpfen nichts anfangen und trotzdem wollte er einmal eine solche Veranstaltung besuchen, damit er wusste, wovon er sprach. Schon nach kurzer Zeit war ihm das Ganze zu blöde, und er verliess das Stadion mit einem schalen Geschmack im Mund. Dieser rührte nicht von einer Krankheit her, sondern von seiner Abscheu, wie mit den Tieren umgegangen wird. – Bernard liebte nämlich Tiere und solches Unterfangen war ihm zutiefst zuwider.
Um dem Ganzen entgegen zu wirken, beschloss er im nahen gelegenen Restaurant «un demi de bière» zu trinken. Das Restaurant trug den Namen «La Cigale». Schon beim Eintreten fiel ihm die wunderschöne, junge Frau auf, die ihn freundlich begrüsste. Sie fragte ihn, ob er Platz nehmen möchte und ob er etwas zu trinken wünschte. – Bernard brachte nur ein knappes «Ja» hervor. Und trotz seiner Grösse und der körperlichen Statur kam er sich auf einmal sehr klein vor. Hier stand eine Frau vor ihm, die ihm die Sinne raubte: Jung, schön, anmutig, schlank und einfach bekleidet. Das dunkle Haar offen getragen, kein Makeup auf dem makellosen Gesicht, kein Modeschmuck, welcher die Silhouette verändern musste, einfache, flache Schuhe, Jeans und T-Shirt. - Natur pur!
Das war seine Frau, die er sich wünschte und mit der er Kinder haben wollte! Aber wie anstellen?
Bernard blieb an seinem Platz sitzen, die Augen auf die Unbekannte gerichtet. Irgendwann fragte diese, ob er noch ein zweites Bier wünschte, was er verneinte. Er blieb weiter stumm sitzen, bis er irgendwann nicht mehr anders konnte, den ganzen Mut zusammennahm, und sie nach ihrem Namen fragte. – «Ich heisse Isabelle und wie heisst du?»
«B…B…Bernard», stammelte er. «Woher kommst du, Bernard?», fragte Isabelle. «Aus Velaux», antwortete er. «Oh, das ist aber ganz schön weit weg.» «Soweit auch wieder nicht. Eine knappe Stunde mit dem Auto», erwiderte Bernard. - «Ok – möchtest du noch etwas trinken oder essen?»
Bernard hätte am liebsten die ganze Speisekarte rauf und runter bestellt, nur um noch länger hier bleiben zu können, jedoch musste er um 2300 Uhr zurück auf seinem Stützpunkt sein. Er hatte nur noch wenig Zeit, um die Gunst der Stunde zu nutzen. Aber wie?
Auf einmal hatte er ‘die Idee’. Er bat Isabelle an seinen Tisch und er frage sie: «Isabelle, willst du meine Frau werden?» - Die Antwort kam prompt, aber nicht wie von ihm erwartet. Sie antwortete: «Mal schauen, vielleicht, wir werden sehen. Wann wollen wir uns das nächste Mal treffen?» - Bernard war abermals baff und er antwortete: «In einer Woche.» «Oh, das ist aber lang, aber ok! Dann sehen wir uns also in einer Woche wieder. Hier im Restaurant. Mach’s gut und tschüss.»
Bernard war ob er Reaktion völlig verunsichert und er konnte sie gar nicht richtig einordnen. Er bezahlte sein Bier und verliess das Restaurant.
Die Tage zwischen dem letzten Sonntag und der folgenden Woche verliefen alles andere als befriedigend. Zum einen konnte Bernard an nichts anderes als an Isabelle denken, zum andern war das Alltagsgeschäft mehr als mühsam. Neben den administrativen Arbeiten standen unzählige Kleindelikte an, die es zu bearbeiten galt: Ladendiebstahl im Einkaufszentrum Carrefour, Vandalismus bei der Präfektur und häusliche Gewalt in einer scheinbar ehrbaren Familie. Was Bernard hingegen am meisten beschäftigte, war der Umstand, dass ab einem Ausflug im nahen gelegenen Parc Naturel Régional de Camargue ein 12-jähriges Mädchen vermisst wurde. Das Mädchen war mit ihren Eltern und den beiden Geschwistern unterwegs und ab einem Zwischenhalt im lichten Wald war das Kind plötzlich verschwunden.
Die Nachsuche der Eltern verlief ergebnislos und sie konnten sich nicht erklären, wo das Mädchen stecken könnte. Der Naturpark war riesig mit Vögeln, freilaufenden Stieren und Pferden, aber auch mit unberechenbaren Sümpfen. Endlich alarmierten die Eltern die Polizei. Bernard war sofort zur Stelle und er organisierte in Abwesenheit seines Chefs das Notwendigste. Vor allem musste es darum gehen, unverzüglich und mit dem grösstmöglichen Aufgebot die Suche nach dem Mädchen einzuleiten. Hilfreich für diese Zwecke waren jeweils die «Sapeurs-Pompiers», die Feuerwehr im Zuständigkeitsbereich. Sie half stets unkompliziert und war sich gewohnt, in unwegsamem Gelände zu wirken.
So zum Glück auch heute. Nach nur kurzer Zeit konnte das Mädchen bei einem Flussbett gefunden werden. Sie wollte einige Fische beobachten und ist dabei ins Straucheln geraten. Der verknackte Fuss erlaubte es ihr nun aber nicht mehr zu laufen und so blieb ihr nichts anderes übrig, als auf Hilfe zu hoffen. – Überglücklich nahmen die Eltern ihr Mädchen gegen Abend in die Arme und sie dankten den Hilfskräften für die Unterstützung. Der Tag war ein voller Erfolg für Bernard, und er ging zufrieden und mit einem Wohlgefühl nach Hause, schloss im Bett die Augen und sah Isabelle vor sich. Wow, welch schöne Frau! Hoffentlich werden wir eins!
Isabelle war die ältere Tochter von Fabienne, der Ehefrau von Paul Bertrand. Fabienne führte das Restaurant «La Cigale», welches für seine Muschelspezialitäten bekannt war. Fabienne war eine gewiefte Geschäftsfrau, welcher man so schnell nichts vormachen konnte. Sie hatte den Laden im Griff. Ab und zu wurde sie von ihren beiden Töchtern, Isabelle und Désirée, unterstützt. Die beiden jungen Frau lebten jedoch zumeist ihr eigenes Leben und so kam es nicht oft vor, beide im Restaurant anzutreffen. Désirée war von Beruf Kunstschmiedin, Isabelle Photographin. Beide hatten ihr künstlerisches Talent wahrscheinlich von ihrem Vater mit auf den Weg bekommen. Paul war von Beruf Künstler, der naiven Malerei zugetan. Leben konnte die Familie Bertrand kaum von den Einkünften des Mannes, womit es mehr als willkommen war, dass Fabienne ein solch glückliches Händchen im Umgang mit Geld hatte.
Bernard konnte es kaum erwarten, bis wieder Wochenende war. Er sehnte sich nach Isabelle, obwohl er sie kaum kannte. Sie hatte ihn einfach verzückt, ihm den Verstand geraubt. Am Sonntag, kurz nach dem Mittagessen, wollte er sich auf den Weg machen. Sein Döschwo zeigte ihm die Schnauze und signalisierte: Ich bin bereit. – Aber weit gefehlt. Die erste Zündung fiel ins Leere, ebenfalls die zweite und bei der dritten klang die Batterie schon erstaunlich müde. Was tun? Glücklicherweise konnte man einen 2 CV auch mittels Kurbel im Motorraum zum Starten bringen, sofern das Vehikel denn wollte. Also setzte Bernard den Hebel an und er bekam prompt den Rückschlag der Kurbel ins Handgelenk zu spüren. Du verfluchtes «Mistding», ging Bernard durch den Kopf, aber er äusserte es nicht, da er wusste, dass seine «Ente» pfleglich behandelt werden wollte. Also sprach er ihr gut zu und siehe da, beim zweiten Mal sprang die Karre an.
Angekommen in Arles platzierte er sein Entchen so, dass er es leicht anschieben konnte, sollte es wieder bocken. Zum Glück gab es in der Nähe des Restaurants «La Cigale» eine Seitenstrasse, die leicht abwärts zum Rhone Ufer führte. Hoffentlich hielt die Handbremse und löste sich der eingelegte Rückwärtsgang nicht. Mit dieser Hoffnung begab sich Bernard ins Restaurant. Dort angekommen hätte seine Enttäuschung nicht grösser sein können. Anstelle von Isabelle begrüsste ihn ein junger Mann, gutaussehend, etwa in seinem Alter und sehr adrett gekleidet. Er erkundigte sich nach seinen Wünschen und wies ihm einen Tisch zu. Bernard bestellte wie beim letzten Mal ein «demi».
Nach etwa einer halben Stunde und einem zweiten «demi» wollte Bernard bereits aufbrechen, als zwei junge, hübsche Damen das Restaurant betraten. Die eine von den beiden war Isabelle, die andere kannte er nicht. Sofort erkannte Isabelle Bernard und sie trat zu seinem Tisch. «Darf ich dir vorstellen? Dies ist meine Schwester Désirée. Wir helfen unserer Mutter ab und zu hier im Restaurant. Der gutgekleidete Kellner ist übrigens unser Bruder Claude. Auch er hilft hier ab und zu aus; so wie heute.»
«Hast du schon etwas gegessen, Bernard? Wie wäre es mit ‘moules et frites’? Eine Spezialität des Hauses. Meine Mutter versteht es hervorragend Muscheln zu kochen und diese sind heute Morgen frisch reingekommen.»
«Liebend gern, wenn du oder ihr auch mitesst», gab Bernard zur Antwort. Natürlich würde er am liebsten nur mit Isabelle alleine essen. Aber, sei es wie es soll, er genoss auf jeden Fall die Nähe zu seiner Angebeteten. Kurz darauf servierte Isabelle zwei Teller; wohlgefüllt und unglaublich fein riechend nach Knoblauch, Kräutern und frisch geschlagenem Rahm. Beide fingen an zu essen und nach kurzer Zeit sagte Isabelle: «Ja, ich will! Ja, ich will dich heiraten.»
Bernard wäre fast vom Stuhl gefallen, verschluckte sich an einem Pommes frites und konnte sich erst wieder langsam fassen, als ihm Isabelle liebevoll auf den Rücken klopfte. «Aber du kennst mich ja noch gar nicht richtig. Du weisst auch nicht wo und was ich arbeite», stammelte Bernard unbeholfen. «Doch», erwidert Isabelle. «Ich denke sehr wohl, dass ich dich kenne, so wie du bist, und dass ich dich richtig einschätzen kann. Ich liebe dich, und der Rest ist mir egal.» Zärtlich legte sie die Hand auf die seine, und der weitere Verlauf des Tages und des Abends soll ihr Geheimnis bleiben.
So kam es, wie es kommen musste. Wenige Wochen später wurde aus Mademoiselle Bertrand Madame Picard. Isabelle und Bernard heiraten in Arles, natürlich im Restaurant ihrer Mutter. Es war ein wunderschönes Fest, und wie auf wundersame Art und Weise verstanden sich die beiden Familien, Picard und Bertrand, auf Anhieb bestens.
Das Ehepaar Bernard und Isabelle musste schon bald wieder weiterziehen: Bernard wurde in die Aquitaine in der Nähe von Bordeaux versetzt. Dort sollte das Ehepaar auch eine Weile bleiben. Schon im Verlauf des ersten Jahres kam zusätzliches Leben in den Ehealltag: Michelle, die ältere Tochter der beiden erblickte das Licht der Welt. Zwei Jahre später gesellte sich Danielle dazu. – Von nun weg war klar, wer das Sagen hatte. Die beiden Mädchen verstanden es von Kindsbeinen an, ihre Eltern um den Finger zu wickeln und sich in der Familie durchzusetzen. Heute sind beide, Michelle und Danielle, erwachsen und wunderschön anzusehen: die eine gross und blond, die andere etwas kleiner und brünett, beide mit vollem langem Haar, ihrer Mutter Isabelle wie aus dem Gesicht geschnitten.
Aber nicht nur die äussere Erscheinung der beiden lässt keinen Zweifel offen, wer die Mutter ist. Auch im Charakter sind sie ihrer Mutter sehr ähnlich: offen, natürlich, spontan und äusserst herzlich. Bernard könnte sich keine liebevollere Familie wünschen.
Menschenhandel, Drogenhandel …
«Sie haben recht, Herr Baumann, ich muss offen mit Ihnen reden. Unseren Informationen zufolge geht es in diesem Fall um grossangelegten Menschenschmuggel, ja gar um Menschenhandel. Aber nicht nur das, auch Drogenschmuggel und Drogenhandel spielen hier mit, letztlich steht aber der Handel mit Organen im Vordergrund. Das Ganze spielt sich nach unseren Informationen über die Balkanroute ab, und wie sie sicher wissen, ist in Albanien alles machbar, was Gott verboten hat, wenn man nur genügend dafür bezahlt. Das Geschäft ist äusserst lukrativ und hat deshalb schon so manchen in seinen Bann gezogen. Doch jetzt scheint das Ganze eine neue Dimension anzunehmen, von der nur zu erahnen ist, welchen Umfang sie noch annehmen könnte. Wir haben nämlich konkrete Hinweise, dass nicht nur Polizeifunktionäre in die Sache verwickelt sind, sondern auch deren politische Vorgesetzte.»
Jetzt wurde Philippe doch etwas hellhöriger. «Und wie sehen denn diese Hinweise aus?», wollte Philippe wissen. – «Ich muss sie darauf aufmerksam machen, Herr Baumann, dass das Ganze streng vertraulich ist und ich nicht – oder vielleicht noch nicht – befugt bin, Ihnen nähere Angaben anzuvertrauen.»
«Also gut, liebe Frau Sütterli, dann ist für mich das Gespräch hiermit beendet. Eigentlich interessiert es mich auch gar nicht richtig, was Politiker und Funktionäre so alles treiben. Ich will mein Rentendasein geniessen und meinen Frieden haben.»
Mit diesen Worten erhob sich Philippe, legte 5 Franken auf den Tisch und verabschiedete sich von Frau Sütterli mit einem kühlen «à Dieu». – Zurück blieb die EDA-Mitarbeiterin, abermals die Welt oder zumindest Philippe nicht richtig verstehend, zumal diesem so schnell nichts vorzumachen war.
Zuhause angekommen erzählte Philippe die Geschichte seiner Frau Deborah. Diese beglückwünschte ihn zu seinem Verhalten, gab dann allerdings doch zu bedenken, dass sollten die Informationen stimmen, ernsthaft dagegen angetreten werden müsste. Selbstverständlich hatte Deborah recht, aber dann musste man auch offen und ehrlich mit einem reden und nicht mit wesentlichen Informationen zurückhalten. Schliesslich hatte Philippe überhaupt keine Lust, sich mit der Sache näher zu befassen. Zum einen glaubte er, dafür nicht die richtige Person zu sein, zum andern hatte er auch den Glauben daran verloren, die Welt oder zumindest einen kleinen Teil davon verändern zu können. In all seinen Jahren als Kriminalpolizist war es ihm vielleicht ein- oder zweimal gelungen, nachhaltig zu wirken, um Schlimmeres zu verhindern. Natürlich brauchte es die Polizei, und natürlich sollen Straftäter ins Recht gefasst werden, aber hier wie dort sollte mit Augenmass gearbeitet und den Umständen entsprechend geurteilt werden. Diese Einstellung vermisste Philippe zuweilen in seinem Berufsleben und so machte Ernüchterung oftmals der Realität Platz.
Auch in diesem Fall konnte Philippe sich nicht vorstellen, wie er in der Sache weiterhelfen könnte. Auf sein ursprüngliches Beziehungsnetz konnte er nicht mehr zurückgreifen, da all seine ehemaligen Kollegen dem Amts- oder Berufsgeheimnis unterstanden. Auch hatte er keinen Zugriff mehr auf Datenbanken, die Recherchen doch einiges erleichtern würden. Schliesslich, und das war der Hauptpunkt, fehlte ihm auch die Erfahrung in nachrichtendienstlicher Tätigkeit. Quellen zu führen und mit diesen zusammenzuarbeiten war nie sein Metier, und Ermittlungen im Ausland fielen zumeist ebenfalls nicht in seinen Zuständigkeitsbereich.
In diesem Fall wäre es aber höchstwahrscheinlich und unabdingbar, der Sache vor Ort auf den Grund zu gehen. Namentlich wäre von Interesse zu erfahren, um welchen Polizeichef es sich hier handelte und was ihm konkret vorgeworfen wird.
Philippe wendete sich lieber wieder seinem Hund zu, zumal dieser ihm mit freundlichem Blickkontakt den anstehenden Abendspaziergang signalisierte. Viel lieber kam er dieser Einladung nach, als noch länger der anderen Sache gedanklich nachzuhängen.
Es war dunkel geworden, und Philippe und Enrico machten sich für den Spaziergang bereit. Bei Enrico bestand dies darin, dass er sich nochmals kräftig streckte und einen tollen Schluck Wasser nahm, bei Philippe, indem er sich möglichst warm anzog und Enrico das Leuchtband über den Kopf zog. Jedes Mal in dieser kalten Jahreszeit bewunderte er seinen Hund, wie dieser mit dem gleichen «Kleid» locker 20 Grad Temperaturunterschied aushalten konnte; mehr noch, dass es ihm gefiel, wenn es draussen stürmte und regnete oder gar schneite, und die Temperaturen unter dem Gefrierpunkt lagen. – Aber eben, Tiere sind keine Weicheier, und er selber wollte auch keines sein, womit er sich zusammenriss und der Kälte trotzte.
Auf dem Weg zum nahen gelegenen Wald hielt plötzlich ein Fahrzeug neben ihnen still. Dies war an und für sich nichts Ungewöhnliches, da es oftmals vorkam, dass Ortsunkundige sich bei ihm nach dem Weg erkundigten. Diesmal war es allerdings anders. Die Scheibe wurde elektronisch geöffnet und im Innern des Wagens sassen drei Personen. Auf dem Beifahrersitz erkannte Philippe Frau Sütterli. Der Mann am Steuer stellte sich als Michael Pulvermacher vor und er sprach in Hochdeutscher Sprache. Selbstverständlich entging Philippe nicht, dass er unter dem rechten Oberarm eine Waffe trug, vermutlich eine Walther P99. Die Walther P99 verfügt über keinen sogenannten Anti-Stress-Abzug, womit die Waffe im geladenen Zustand jederzeit schussbereit ist. Die Tragart liess darauf schliessen, dass Pulvermacher Linkshänder war. Im Fond des Wagens sass ein gewisser Tom Smith.
Frau Sütterli entschuldigte sich für den «Überfall» und sie bat Philippe, kurz im Wagen Platz zu nehmen. Dieser verneinte selbstverständlich, wollte er seinen Hund schliesslich nicht allein auf der Strasse zurücklassen. Folglich bat Frau Sütterli Philippe, er möge doch bitte morgen um 1000 Uhr ins Bundeshaus West kommen, dort werde er von der Generalsekretärin des Bundesrates erwartet. Zähneknirschend, und um nicht noch länger in der Kälte stehen zu müssen, nahm Philippe die Einladung an und setzte seinen Spaziergang mit Enrico fort.
Also wussten sie, wo er und Deborah wohnten. Das war zwar nicht allzu schwierig ausfindig zu machen und trotzdem kam ihm der Besuch in Dreierbesetzung merkwürdig vor.
Der Wagen entfernte sich in gleicher Weise, wie er gekommen war, und Philippe merkte sich das Kontrollschild. Eine AT Nummer, was auf eine Botschaft schliessen liess. Das konnte viel bedeuten, aber auch nichts. Frau Sütterli arbeitete schliesslich im Auswärtigen Amt und da waren Kontakte mit ausländischen Stellen an der Tagesordnung. Interessant war höchstens die Tatsache, dass sie ihn mit einem Diplomatenfahrzeug aufsuchten und dies doch schon recht spät am Abend. Überdies liess sich Frau Sütterli von einem hochdeutsch sprechenden Mann chauffieren, und der Mann auf dem Rücksitz des Wagens war wahrscheinlich amerikanischer Staatsbürger.
Philippe und Enrico setzten ihren Spaziergang fort und für den Moment war Philippe sich nicht mehr ganz sicher, ob es schlau war, den nahen gelegenen Wald zu durchqueren. Ach was, dachte er: mach dich nicht konfus und schritt weiter. Nachdem nun aber Enrico, was er sonst nie tat, sich von ihm löste und wie von einer Tarantel gestochen durch den Wald rannte, hinterfragte Philippe seinen Entscheid, und es war ihm schon ein wenig mulmig zu Mute; erst recht, als Enrico auch noch für eine kurze Zeit aus seinem Blickfeld verschwand. Philippe beruhigte sich in der Annahme, dass Enrico wohl eine Katze aufgescheucht hatte und dieser hinterhergejagt war. – Aber hatte es so spät am Abend überhaupt noch Katzen im Wald?
Auf jeden Fall kehrten Philippe und Enrico nach einer guten halben Stunde wieder nach Hause zurück und Philippe erzählte Deborah auch von diesem Vorkommnis. Sie machte sich natürlich so ihre Gedanken und hoffte nur, dass Philippe da nicht in etwas hineingeraten war, aus dem er schwerlich – wenn überhaupt – wieder herauskam. Natürlich sagte sie ihm dies nicht so direkt.
Nachdem die beiden das Abendessen eher schweigsam eingenommen hatten, verabschiedete sich Philippe damit, dass er im Bett noch ein wenig lesen wolle. Er machte dies oft, und so war es für Deborah auch nicht ungewöhnlich, wenn er sich bereits um 2100 Uhr von ihr verabschiedete. Sie selber wollte noch den Film im Fernseher zu Ende schauen.
Die Nacht verlief für Philippe unruhig, und er musste immer wieder an das Vorgefallene denken. Es war schon eigenartig, dass Frau Sütterli ihn in Begleitung von zwei Ausländern aufsuchte und ihn fast ultimativ ins Generalsekretariat des EDA aufbot. So etwas hatte er noch nie erlebt und auch nicht gehört, dass dies einer anderen Person widerfahren wäre. Irgendetwas stimmte hier nicht, und Philippe sagte sich innerlich: Bleib auf der Hut!
Am nächsten Morgen stand also das Treffen mit der Generalsekretärin im Bundeshaus West an. Was sollte er bloss anziehen? Früher war es für ihn klar, mit Hemd und Krawatte, Bundfaltenhose und Jackett zur Arbeit zu gehen. Jedoch seit seiner Pensionierung hatte er nie wieder eine Krawatte getragen oder sich sonst irgendwie bemüht, möglichst herausgeputzt daherzukommen. Und so sollte es auch heute sein. Er entschloss sich weiterhin seine Jeans zu tragen, dazu ein T-Shirt, Pullover und eine dem Wetter entsprechend passende Jacke.
Abermals nahm er den ÖV um nach Bern zu gelangen. Beim Eingang zum Bundeshaus West musste er sich der Security stellen und er unterstrich, dass er um 1000 Uhr von der Generalsekretärin erwartet werde. Der Sicherheitsmitarbeiter checkte seine Angaben und gab ihm kurze Zeit später zur Antwort, dass er im Wartezimmer abgeholt werde.
Wie nicht anders zu erwarten, war die Person, die Philippe abholte, Frau Sütterli. Sie schien wirklich eine zentrale Rolle zu spielen und sich in nächster Nähe zur Generalsekretärin zu befinden. Die Generalsekretärin hiess Vögtli, wie Philippe in seiner Unwissenheit dem Staatskalender der Bundesverwaltung entnommen hatte. Frau Irène Vögtli sollte hier also das Sagen haben.
«Guten Tag Herr Baumann, mein Name ist Irène Vögtli. Ich bin die Generalsekretärin von Bundesrat … ja sie wissen schon von wem. Ich danke Ihnen, dass Sie meiner Einladung gefolgt sind und möchte sogleich in ‘medias res’ gehen, wenn ihnen das recht ist.»
Frau Vögtli wusste sich auszudrücken und signalisierte dadurch, ihren Willen durchzusetzen. Offensichtlich war sie es auch gewohnt, Befehle zu erteilen und deren Umsetzung zu kontrollieren. Sie schien die Sache im Griff zu haben, auch wenn das Ganze nicht nur sympathisch herüberkam. Überdies liess sich Frau Vögtli gerne als ‘Madame’ ansprechen. Dies hängt mit ihrer Kindheit zusammen, denn sie wuchs mit ihren Eltern unter französischem Namen in der Westschweiz auf. Den Namen Vögtli hatte sie behalten, wenngleich sie sich von ihrem Mann vor ein paar Jahren hatte scheiden lassen. Wie es schien und so wird es auch portiert, hatte in der Ehe Vögtli Madame die Hosen an.
«Die beiden Herren an meinem Tisch haben Sie ja bereits kennengelernt. Herr Pulvermacher ist Mitarbeiter des deutschen Bundesnachrichtendienstes und Herr Smith ist Mitarbeiter beim CIA. Beide Herren geniessen mein volles Vertrauen, ebenso wie Frau Sütterli, die sie ja auch schon kennengelernt haben.» «Aber nehmen sie doch bitte Platz, Herr Baumann.»
Vom Tonfall her klang dies mehr wie ein Befehl als eine Einladung, und Philippe wusste eigentlich gar nicht, was er hier sollte. Am liebsten wäre er auch jetzt wieder aufgestanden und hätte Frau Vögtli die kalte Schulter gezeigt, so unfreundlich wollte er dann aber doch wieder nicht sein und er harrte er der Dinge, die da kommen mochten.
Frau Vögtli wurde nun einiges direkter als Frau Sütterli. Sie stellte vorweg fest, dass der Bundesrat voll im Bild sei und sie das ‘Pleinpouvoir’ erhalten habe.
Philippe hielt sich nicht dafür nachzufragen, ob dieses ein Entscheid des Gesamtbundesrates war oder «nur» von ihrem Departements Vorsteher. Damit hätte er den Bogen wohl überspannt und das wollte er nun auch wieder nicht. Also beschloss er, sich einmal anzuhören, was Madame Vögtli zu sagen hatte.
«Wie Sie wissen, und es würde uns dann schon noch interessieren, woher Sie Ihr Wissen haben, sitzt seit gut einer Woche ein hochrangiger Polizeichef in Tirana in Untersuchungshaft. Ein übereifriger, neugewählter Minister hatte dies veranlasst, wahrscheinlich um sich gegenüber der EU zu profilieren. Sie wissen ja, dass Albanien EU- Kandidat ist, und da gilt es zu markieren, wo man nur kann. Leider kam uns der «liebe» Minister in die Quere; wir hatten den Polizeichef nämlich schon seit längerem im Auge, und so mussten wir neu disponieren. Für die hiesigen Stellen ist der Polizeichef erkrankt und liegt in einem Spital in Tirana. Besuche sind vordergründig aufgrund seines Gesundheitszustandes nicht möglich.»
Philippe interessierte sich natürlich vorweg, um wen es sich bei diesem Polizeichef denn handelte und er erkundigte sich danach. Frau Vögtli schrieb den Namen auf einen Zettel und sie zeigte ihn ihm. Der Name war Philippe nicht unbekannt, er vermied es allerdings, sich anmerken zu lassen, wie gut er diese Person kannte.
«Nennen wir die Person einfach Zielperson Nr. 101», befand Frau Vögtli. – Also gut, warum nicht, dachte Philippe. Aber wer sind dann Zielperson 100 und Zielperson 102, und wer waren die Zielpersonen 1 – 99? – Philippe stellte diese Frage nicht.
Nun wurden von Seiten von Frau Vögtli die Spielregeln bekannt gegeben. Sie hielt fest, dass dieser Besuch bei ihr einmalig bleiben müsse und weitere Kontakte nur über ihren Mittelsmann, allenfalls über Frau Sütterli erfolgen sollten. Sie nannte ihm als Mittelsmann einen ihm vertrauten Journalisten namens Fred Würgler.
Fred oder Freddy Würgler – niemand nannte ihn Alfred – war jahrelang Auslandkorrespondent für das Radio SRF und zuständig für den Balkan und den Nahen Osten. Er gilt als profunder Kenner dieser Regionen, wobei es historisch betrachtet und mit Blick auf die Entwicklung des «Osmanischen Reiches» Sinn macht, hier aus einer Hand zu berichten. In der Zwischenzeit war Fred allerdings ins Mutterhaus zurückberufen worden und moderiert dort nun Sendungen mit Auslandbezug, vornehmlich zu den eben erwähnten Regionen.
Philippe hatte Fred zuletzt vor etwas mehr als einem Jahr getroffen und sie tauschten sich über ihre Zukunft aus. Fred war allerdings einiges jünger als Philippe und so war es für ihn noch nicht richtig an der Zeit, darüber nachzudenken, was er einmal machen würde, wenn er pensioniert wäre. Dies muss auch nicht verwundern, gibt es doch kaum einen Journalisten, wenn dieser seinen Beruf mit Herzblut ausübt, dass er zwischen Berufsleben und Rentendasein unterscheiden kann. Die ihnen angeborene Neugierde begleitet sie zeitlebens und hält sie dadurch auch wach an Geist. – So wird es mit Sicherheit auch einmal bei Fred sein.
«Was wird denn nun aber der Zielperson 101 konkret vorgeworfen?» So die Erkundigung von Philippe. «Unseren Informationen zufolge soll die betreffende Person im grossen Stil mit Drogen handeln.» Was, das konnte Philippe sich nun ganz und gar nicht vorstellen. «Und wie kommen Sie darauf?» «Unsere Vertrauensperson in Athen, respektive seine Vertrauensperson in Tirana hat uns folgendes berichtet»:
Sie hätten Zielperson 101 schon seit Längerem auf dem Radar gehabt. Er sei dadurch aufgefallen, dass er immer wieder Kontakt zu einflussreichen Personen in Tirana gesucht habe. Seine Frau sei zwar Kroatin, spreche aber aufgrund ihrer ursprünglichen Abstammung fliessend Albanisch und besitze grössere Ländereien in der Umgebung von Tirana. Die Ferien verbrächten die beiden deshalb oft in dieser Gegend.
Nun sei den Behörden aufgefallen, dass Zielperson 101 sehr oft den Eigenkonsum übersteigende Mengen an Olivenöl eingekauft habe und dieses in Eichenfässer zu 5 Litern habe abfüllen lassen. Das Olivenöl sei von hervorragender Qualität, sei kalt gepresst und stamme von Bäumen, die teilweise weit mehr als hundert Jahre alt seien. Die Erstehungskosten für Olivenöl in dieser Qualität sei in Albanien sehr gering und betrage pro Liter gerade mal wenige 100 Lek. Der Handelspreis für Olivenöl dieser Qualität lasse sich im Ausland fast nach Belieben nach oben schrauben.
Nun wollte es aber der Zufall, dass eines dieser Fässer beim Verlad in die Brüche gegangen sei. Das Öl habe sich auf den Platz ergossen, aber nicht nur das, auch ein bräunliches Pulver habe sich daruntergemischt. Die diskrete Untersuchung habe ergeben, dass es sich dabei um Heroin von bester Qualität handelte. Das Heroin sei feinsäuberlich verpackt und im Innern des Eichenfasses versteckt, und das Fass selber mit Olivenöl aufgefüllt worden. Für Drogenspürhunde sei es unmöglich, das Heroin so ausfindig zu machen. Das Heroin stamme vermutlich aus Afghanistan und werde über die Balkanroute nach Albanien gebracht.
«Und warum haben all die Informationen das EDA und nicht das Justiz- und Polizeidepartement (EJPD) oder zumindest das Verteidigungsdepartement (VBS), wo der Schweizer Nachrichtendienst angesiedelt ist?», wollte Philippe nun wissen. – «Ja, die Geschichte geht weiter und lässt sich wie folgt zusammenfassen»:
Zielperson 101 sei mit dem Vorfall konfrontiert worden. Er sei zwar aus allen Wolken gefallen und wollte von Drogen nichts wissen, trotzdem liess er sich dem Anschein nach mit einem Schweigegeld und der Zusicherung, dass den Ländereien seiner Frau nichts geschehen werde, dazu überreden, Stillschweigen zur Sache zu halten. Mehr noch, es wurde ihm angedroht, sollte er nicht kooperieren, so würden er und seine Frau alles verlieren, was sie hätten. Ob dieser Drohung sah sich Nummer 101 veranlasst, wohl oder übel einzulenken. Damit war er natürlich erpressbar und für die Drahtzieher des Verbrechens ein gefundenes Fressen.
Und so kam es wie es kommen musste. Nummer 101 sollte der Mittelsmann in der Schweiz werden. Der Olivenölexport lief wie bis anhin über die gewohnten Kanäle in die Schweiz und von dort ins benachbarte Ausland, vor allem nach Deutschland. Was die Zielperson 101 jedoch nicht gewusst haben will, dass seine Frau hier ihre Hände im Spiel haben soll. Olivenöl wurde nämlich erst seit 2016 in die Schweiz importiert, vorher nur nach den USA und China. Die «liebe» Ehegattin soll es verstand haben, ihre Beziehungen zu nutzen und den Vertriebskanal sicherzustellen.
Die Ermittlungen hätten zudem ergeben, dass Frau 101 auch in der Reisebranche tätig sei. So sei sie eingetragene Geschäftsführerin eines Reisebüros in Dubrovnik, welches spezialisiert für Kreuzfahrten auf dem Mittelmeer sei. Die Frau sei ganz schön geschäftstüchtig.
Unseren Erkenntnissen zufolge dienten die Schiffe nun aber, nota bene unter Schweizer Flagge fahrend, dem Menschenhandel und dem Menschenschmuggel. Personen würden «gesammelt» und in den Häfen von Dubrovnik und Durrës, dem grössten Hafen in Albanien, an Bord gebracht. Dort würden sie den übrigen Touristen entsprechend eingekleidet, um sie alsdann an geeigneter Stelle, vorweg in Nizza und Marseille wieder von Bord zu lassen. Selbstverständlich würden die betreffenden Personen dort von Schleppern in Empfang genommen und ihren Zielorten und Zwecken zugeführt. Eine raffinierte Art und Weise, um Personen einzuschleusen und sie der Sklaverei - in welcher Form auch immer - zuzuführen.
«Und wusste Herr 101 davon?», wollte Philippe ergänzend wissen. «Das wissen wir ja eben auch nicht. Und deshalb brauchen wir ja Sie. Sie sollen Licht ins Dunkel bringen.»
Was auffällig sei, dass die Visaanträge beim SEM, dem Staatssekretariat für Migration, welches dem EJPD untersteht, stets von demselben Reiseveranstalter, einem Ableger des Reisebüros von Frau 101 in der Schweiz, gestellt würden. Auf mysteriöse Art und Weise würden die betreffenden Personen jedoch den Schengenraum nie wieder verlassen und so seien sie auch auf die Unstimmigkeit aufmerksam geworden.
«Hmm, in der Tat merkwürdig. Und sie vermuten nun, dass es auch im EJPD, respektive bei fedpol, dem Bundesamt für Polizei, Mitarbeiter gibt, welche davon Kenntnis haben – in welcher Form auch immer?» «Und wie sieht es denn mit der Bundesanwaltschaft aus? Das wäre doch ein Fall für die Bundesanwaltschaft?»
«Ja, das stimmt. Aber die haben momentan andere Probleme.» - Auch das stimmte natürlich, nachdem wichtige Funktionäre dem Anschein nach an Amnesie leiden und sich an nichts mehr oder zumindest nicht an wesentliche Treffen erinnern können, wie der Tagespresse zu entnehmen war.
«Gut, und wie sieht es nun mit dem Organhandel aus, welche Frau Sütterli ebenfalls angesprochen hat?» - «Hier sind wir noch in den Anfängen, hingegen glauben wir, dass Herr Smith uns hier weiterhelfen kann.»
Tom Smith führte in der Folge aus, dass der Handel mit Organen in den USA ein florierendes Geschäft sei. Für Bauchspeicheldrüsen werde je nach Klientel ein sechs- bis siebenstelliger Betrag bezahlt. Auch die Milz sei sehr gefragt, nebst Nieren und anderer Eingeweide. – Das Ganze tönte zwar sehr makaber, schien aber Realität zu sein. Immerhin haben Milliardäre nichts zu verlieren, auch wenn sie noch so hohe Summen zahlen, um ihr Leid abzuwenden. Bekanntlich hat das letzte Hemd auch für sie keine Taschen.
Ob der ganzen Tragik bleibt zu berücksichtigen, dass die meisten Organspender dies wohl nicht nur freiwillig machten, namentlich dann, wenn der Körper lediglich über ein Organ für die Lebenserhaltung verfügt.
Philippe war ob der Nüchternheit des Referenten erstaunt und er fragte sich, wie man nur so abgestumpft werden kann. Liegt doch jedem Fall ein Schicksal zugrunde, das es nur zu erahnen gilt. Auch werden wohl kaum nur Verkehrsopfer mit tödlichem Ausgang oder andere bedauernswerte Geschöpfe in die Lage versetzt, ihre Organe zu spenden. Hier gilt es Verbrechen zu vermuten, welche unter dem Straftatbestand der vorsätzlichen Tötung stehen.
«Und was wollen Sie nun konkret von mir, Frau Vögtli?», erkundigte sich Philippe. «Eben, dass Sie Licht ins Dunkel bringen.» - So einfach dies tönte, so schwierig schien die Aufgabe, und Philippe bedingte sich eine Bedenkzeit aus, um über die ganze Sache nachzudenken. Ihm war momentan völlig unklar, sollte er den Auftrag annehmen oder nicht, und wie er Licht ins Dunkel bringen könnte. Auch hatte er momentan keine Ahnung, wie die Verdächtigungen entkräftigt oder eben auch bestärkt werden könnten. Ebenfalls wusste er nicht, was er sich mit dem Ganzen einhandeln würde, schien doch eine grössere kriminelle Organisation dahinter zu stehen und in einer One-Man-Show liesse sich diese wohl kaum hinter Schloss und Riegel bringen.
Philippe verabschiedete sich von den Anwesenden und er stellte Frau Vögtli eine Antwort innert Wochenfrist in Aussicht, selbstverständlich über ihren Mittelsmann.
Ein Auftrag für Philippe
In der Zwischenzeit stand Weihnachten vor der Tür. Philippe rang nach wie vor mit sich, wie er sich in der ganzen Angelegenheit verhalten wollte. Auch war ihm unwohl dabei, dass er bereits schon so viel wusste. Das war nie gut. Weniger oder nichts zu wissen, liess einem zumeist besser schlafen.
Schliesslich besprach er das Ganze nochmals mit Deborah. Diese hielt dafür, dass er besser die Finger davonlassen und sich seinem Rentendasein widmen sollte, im Wissen darum, dass dies nur leere Worte waren. Sie kannte ihren Mann nur allzu gut, als dass dieser, hatte er einmal Lunte gerochen, der Sache nicht auf den Grund gehen wollte. Und so war es auch hier.
Philippe liess Frau Vögtli über ihren Mittelsmann per E-Mail ausrichten, dass er unter den folgenden Voraussetzungen bereit sei, den Auftrag anzunehmen:
Er wolle einen konkreten, schriftlichen Auftrag vom Bund, welcher ihn ermächtige, tätig zu werden. Wer diesen unterzeichne sei ihm egal.
Er verstehe seine Tätigkeit im Auftrag der Aufsichtskommission des Bundes, wo es darum gehe, die Abläufe im EJPD, namentlich im Bundesamt der Polizei, dem SEM und in der Bundesanwaltschaft, aber auch in einzelnen Polizeikorps zu überprüfen, mit dem Zweck Doppelspurigkeit zu vermeiden.
Er wünsche verbindliche Ansprechpersonen in diesen Diensten; zudem eine den Umständen entsprechend möglichst offene Kommunikation mit diesen und ein fixes Büro bei fedpol.
Schliesslich erhoffe er sich auch eine der Brisanz des Falles entsprechende Honorierung, sei er doch als Rentner einem Zustupf nicht abgeneigt.
Last but not least sei das Honorar unabhängig vom Ergebnis seiner Abklärungen geschuldet.
Weihnachten war für Philippe immer etwas Besonderes. Man kam in der Familie zusammen und genoss die gemeinsame Zeit. Schon als Kind hatte er diesen Moment in sich aufgesogen, und er wollte Gleiches auch seinen Kindern schenken. Es kam nicht auf die Geschenke an, es kam darauf an, wie man sich gab und wie man miteinander umging. Das Fest der Liebe war für ihn wichtiger als Ostern oder Pfingsten, obschon in der Bibel etwas anderes steht. Die Geburt Jesu verstand er als Auferstehung und dies gleichsam der Geburt eines jeden Kindes.
Die wärmenden Lichter erfüllten sein Herz, und er liebe es, am Abend durch die Stadt zu laufen, um eben diese Lichter einzufangen. Das Ganze hatte für ihn etwas Mystisches, etwas Verborgenes und dieses galt es zu erforschen. – Eben ähnlich der Frage, auf die er noch keine Antwort hatte. Philippe war neugierig, wissbegierig und hungrig nach Antworten. Er stellte sich trotzig der Unwissenheit und er verzweifelte manchmal schier ob seiner Unfähigkeit, Dinge nicht oder nicht richtig erkennen und einordnen zu können. Er wollte alles und noch viel mehr wissen, im Wissen darum, dass dies unmöglich war. Und trotzdem hatte er den inneren Antrieb, Sachen auf den Grund zu gehen. – So auch im Fall Nummer 101.
Das Fest der Liebe kam mit Riesenschritten auf sie zu, und es galt doch noch das eine oder andere vorzubereiten und zu erledigen. Der Weihnachtsbaum wollte geschmückt werden, der Kühlschrank gefüllt und das Haus noch einmal von unten nach oben oder umgekehrt gesäubert werden. Schliesslich kamen die Söhne mit ihren Freundinnen und da wollte man eben einen guten Eindruck machen.
In all den Vorbereitungen klingelte das Handy von Philippe, und er erkannte auf dem Display die Nummer von Bernard. «Salut Bernard, comment vas-tu?» «Trés bien et à toi?» «Auch sehr gut, danke.» «Hör mal Philippe, Isabelle und ich hatten eine Idee. Nachdem wir uns schon so lange nicht gesehen haben, würden wir euch liebend gern wiedersehen, vielleicht zu Neujahr. Was hältst du davon?» «Sehr viel, lieber Bernard, aber nicht bei euch, sondern bei uns, wenn es euch recht wäre! Ihr seid herzlich willkommen und Deborah würde sich sehr über euren Besuch freuen. Was meinst Du?» - Deborah nickte zustimmend im Hintergrund und sie konnte Philippe nur unterstützen. Es würde sie ehrlich freuen, die beiden bald wieder einmal zu sehen.
«Ok, das ist auch eine sehr gute Idee. Isabelle hat auch freudig zugestimmt, womit wir uns, wenn es für euch stimmig ist, am 31. Dezember treffen werden. Ist das für euch so in Ordnung?» «Mehr als in Ordnung. Das sind ja nur noch 10 Tage. Ich freue mich schon jetzt. In diesem Fall à bientôt et bonne fête de Noël.» «Adieu, mon cher, à bientôt, tout bon et aussi une bonne Fête de Noël à tous et à toutes.»
Das war nun wirklich eine freudige Überraschung, und Philippe und Deborah waren sich einig, dass der Jahreswechsel mit Sicherheit schön sein werde. Sie alle verstanden sich wirklich gut und da gab es immer viel zu erzählen. Philippe fügte noch an, dass Dissan, der Hund von Bernard und Isabelle, ebenfalls mit dabei sein werde; aber auch das würde kein Problem darstellen, so wie sie Enrico kannten.
Die Zeit verging wie im Flug, das Weihnachtsfest war bereits vorbei und es war wie immer wunderschön, aber viel zu kurz. Die Söhne und ihre Freundinnen mussten bereits wieder ihrer Arbeit nachgehen, und nur Philippe und Deborah konnten den Alltag so gestalten wie sie ihn wollten.
In der Zwischenzeit meldete sich Freddy und er ersuchte um ein Treffen. Er wisse ja, um was es gehe und er schlage ihm das Restaurant ‘Lorenzini’, im hinteren Teil an der Hotelgasse in Bern vor. Wenn es ihm recht sei, so werde er morgen so gegen 1000 Uhr dort sein. Philippe bestätigte den Termin und er war ein wenig überrascht, wie kurzangebunden Fred war.
Fred war ein wenig verschnupft, wurde er doch vom EDA zum Briefträger oder Handlanger degradiert. Dies hat man nun davon, wenn man allzu leutselig Bekannten unter die Arme greift und ihnen einen Gefallen erweisen will, dachte er. So auch hier: gibt man den kleinen Finger, so wird bald einmal die ganze Hand genommen.
«Ciao Freddy, wie geht es dir?», erkundigte sich Philippe. «Na ja, so lala», gab im Fred zur Antwort. Er sei nicht nur glücklich über seine Rolle in dieser Sache, sondern mache sich auch ernsthaft Sorgen um Philippe, ob das Ganze nicht eine Spur zu gross für ihn sei. Er wisse ja, dass er ihn gut möge und schätze und deshalb seine Befürchtungen. In seiner beruflichen Tätigkeit als Journalist und vor allem während seiner Zeit als Korrespondent im Nahen Osten habe er zu oft mit angesehen oder zumindest mitbekommen, wie kriminelle Kreise im Balkan operieren würden. Urplötzlich würden Bekannte von der Oberfläche verschwinden und niemand wisse, wo sie steckten oder was mit ihnen passiert war. Er hoffe nur, dass Gleiches nicht auch mit ihm geschehen werde.
«Ja, das hoffe ich natürlich auch, Fred. Aber ich denke, mein Auftrag wird kaum so dramatisch sein. Auch glaube ich, dass ich zu jeder Zeit mein Mandat niederlegen kann, sollten die Ermittlungen aus dem Ruder laufen. So verstehe ich zumindest den Auftrag.»
«Dein Wort in Gottes Ohren, mein Lieber. Ich werde Dir auf jeden Fall zur Seite stehen, so gut es geht» … und er händigte ihm das nachfolgende Schreiben der Generalsekretärin aus:
An das Eidgenössische Justiz- und Polizeidepartement;
An das Eidgenössische Departement für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport;
An die Bundesanwaltschaft
und
An die Polizeikorps der Kantone Bern und Zürich
Herr Philippe Baumann, pensionierter Kriminalbeamter, wird hiermit im Namen des Bundesrates und der Aufsichtskommission des Bundes ermächtigt, folgende Handlungen auszuüben:
Überprüfung der Organisationsstruktur eines jeden Dienstes, mit dem Zweck die vorhandenen Personalressourcen und die Abläufe zu optimieren.
und
.
Überprüfung der Schnittstellen untereinander, mit dem Zweck Doppelspurigkeit zu vermeiden und gegeben falls Verbesserungsvorschläge zu unterbreiten.
Es ergeht hiermit der Auftrag an alle Betroffenen, Herrn Baumann in seiner Aufgabe zu unterstützen.
Freundliche Grüsse
Im Namen des Bundesrates
GS Vögtli
Der Auftrag war zeitlich unbefristet und dies freute Philippe natürlich, da er dadurch nicht unnötig unter Druck gesetzt wurde und er auf diese Weise doch ein ansehnliches Sümmchen verdienen konnte. Der Stunden- respektive Tagesansatz, welcher ihm mit separatem Schreiben geboten wurde, war zwar nicht umwerfend, aber auch nicht abzulehnen. Das obige Schreiben war zudem mit einem Stempel versehen, der dem Ganzen einen gewissen seriösen Anstrich gab, wenngleich es ja nicht allzu schwer wäre, einen solchen zu fälschen. Immerhin hatte das Papier eine gewisse Stärke, was ebenfalls auf einen offiziellen Charakter schliessen liess.
«Ja, das sieht ja mal nicht so schlecht aus. Ich werde dann also Anfang des neuen Jahres tätig werden und dich regelmässig auf dem Laufenden halten. Wollen wir als Treffpunkt das «Lorenzini» beibehalten oder hast du einen besseren Vorschlag.» «Nein, das ist für mich so in Ordnung; pass nur gut auf dich auf. Dann warte ich also, bis du dich wieder meldest.» - «Genau. In der Zwischenzeit wünsche ich dir alles Gute und bereits jetzt einen guten Rutsch ins neue Jahr.» «Das wünsche ich dir auch.» Womit das Treffen beendet war.
Weihnachten war wie gesagt bereits vorüber und so schön wie in den vorangegangenen Jahren. Philippe genoss die Zeit und er freute sich auch darüber, dass Frau Holle sich gnädig gezeigt und rechtzeitig zum Weihnachtsfest ihre Decke kräftig geschüttelt hatte. Rund fünf Zentimeter Neuschnee lagen in und rund um Bern. In höheren Lagen waren es natürlich deutlich mehr. Dies würde Bernard und Isabelle sicherlich freuen, haben sie wahrscheinlich doch schon längere Zeit keinen Schnee mehr gesehen oder gar angefasst. Eine kleine Schneeballschlacht sollte dann schon drin liegen; kann es ja nicht falsch sein, wenn Erwachsene es den Kindern gleichtun und sich am Schnee erfreuen.
Punkt vier Uhr nachmittags klingelte die Glocke, und Bernard und Isabelle mitsamt ihrem Hund Dissan standen vor der Tür. Enrico war kaum zu bremsen und er kam mit seiner Begrüssung Philippe und Deborah zu vor. Sie seien gut gereist und es habe erstaunlich wenig Verkehr gehabt.
Nach einem herzlichen «bienvenue», und nachdem sich Bernard und Isabelle ein wenig frisch gemacht hatten, begaben sich alle ins Wohnzimmer. Dissan und Enrico mussten vorher natürlich noch den Garten ein wenig unsicher machen und selbstverständlich die eine oder andere Schnauze voll Schnee fressen. Für Dissan war es das erste Mal, dass er Schnee sah und somit war das Ganze für ihn völlig neu. Enrico schien ihm jedoch schnell erklärt zu haben, was man mit Schnee so alles machen kann.
Es gab viel zu erzählen und mit der Zeit stellte sich doch langsam der Hunger ein. Philippe präsentiere den beiden Gästen die Menükarte mitsamt einem Rezeptvorschlag und diese waren hellbegeistert.
‘Chinesisch’ à la mode du chef
Zutaten für 4 Personen
200 – 300 g Rindfleisch in feine Scheiben geschnitten
250 g rohe, geschälte Crevetten
1 kg frisches Gemüse (Spargeln, Kohlrabi, Rübli …) in mundgerechte Stücke schneiden
4 Portionen chinesische Nudeln
Marinade für das Rindfleisch (ca. 20 Min. marinieren)
1 Knoblauchzehe fein gehackt
1 Scheibe Ingwer fein gehackt
1 Essl. dunkle Sojasauce
1 Essl. Wein
1 Essl. Öl (Erdnussöl)
½ Teel. Maispuder
½ Teel. Salz
1 Prise Zucker
1 Prise chinesischer Pfeffer
Marinade für die Crevetten (ca. 20 Min. marinieren)
1 Teel. Maispuder
2 Essl. Sherry
½ Teel. Salz
Würzmischung (in einer kleinen Schüssel vermischen)
½ Tasse Wasser
½ Teel. Maispuder
½ Teel. Zucker
3 Essl. Austernsauce
Zubereitung
- Nudeln in siedendem Wasser garkochen – anschliessend mit kaltem Wasser abschrecken und beiseitestellen
- etwas Öl (Erdnussöl) und etwas Salz in den Wok geben
- das Rindfleisch unter ständigem Rühren anbraten, bis es Farbe annimmt, aber noch teilweise roh ist – anschliessend sofort vom Feuer nehmen und beiseitestellen
- die Pfanne reinigen und für die Crevetten gleich vorgehen
- die Pfanne nochmals reinigen und wiederum etwas Öl und Salz in den Wok geben; anschliessend das frische Gemüse beigeben und ca. 1 Minute lang rühren – die Würzmischung dazu geben und weiterrühren
- wenn das Gemüse gar, aber immer noch etwas knackig ist, das Fleisch und die Crevetten beigeben – gut verrühren
- abschliessend die Nudel dazu fügen und alles gut vermischen
et voilà … bon appétit
Als Wein sollte eine Flasche Bergerac Rouge, Clos des Verdots, aus dem Jahr 2015 herhalten, dies in Anlehnung an die Zeit von Bernard und Isabelle in Bordeaux und in Anspielung an ihren «gemeinsamen Freund» Bruno, Chef de Police. - Deborah und Isabelle wünschten zum Essen lieber Tee und Wasser.
Während seiner Zeit in Bordeaux war Bernard auf die Kriminalromane von Martin Walker gestossen, die seit einiger Zeit auch auf Französisch erhältlich sind. Bruno, ‘Chef de Police’ in Saint-Denis, führte ihn nach Bergerac und seiner geschichtsträchtigen Umgebung. Und so kam es, dass sich Bernard vertiefter mit der Widerstandsbewegung in dieser Gegend auseinandersetzen wollte. – Mit der Lektüre der Bruno Romane hatten Bernard und Philippe eine weitere Gemeinsamkeit, die sie verband und worüber es einiges zu diskutieren gab. Philippe genoss die Romane von Martin Walker ebenso, und er freute sich jedes Mal bereits auf den nächsten Band, wenn er wehmütig den aktuellen Roman zur Seite legte, da er diesen auch schon wieder fertiggelesen hatte.
Das Essen mundete vorzüglich und wurde – comme il faut – mit Stäbchen aus Reisschalen gegessen. Lediglich der Salat wurde auf einem separaten Teller serviert und «durfte» mit einer Gabel verspeist werden. Das Menü aus dem Wok erlaubte es, immer wieder eine Pause einzuschalten, um danach das Gericht von Neuem zu geniessen.
Die Vier sassen sicher fast zwei Stunden am Tisch und sie staunten, als es bereits 2300 Uhr war. Eigentlich wollten sie noch auf den Münsterplatz in Bern gehen, um das Glockenspiel zum Jahreswechsel zu hören, jedoch war es dafür nun doch schon etwas spät und Bernard und Isabelle waren ob der langen Reise auch recht müde, so dass alle bereits kurz nach Mitternacht ins Bett gingen; natürlich nicht, bevor sie sich vorgängig alles Gute zum neuen Jahr gewünscht und sich mit ihren Kindern in gleicher Weise ausgetauscht hatten.
Am nächsten Morgen sah die Landschaft aus wie auf einer Neujahrskarte; es hatte die ganze Nacht hindurch leicht geschneit. Strahlender Sonnenschein, gepaart mit ein wenig Neuschnee und der dazu passenden Temperatur: nicht zu kalt aber auch nicht zu warm. Bernard und Philippe konnten es kaum erwarten, mit ihren Hunden auf einen Säuberungsspaziergang zu gehen. Es gab kaum etwas Schöneres, denn als Erster seine Spuren in den Schnee zu legen und den eigenen Abdrücken nachzublicken. Und so war es an diesem Morgen. Noch vor dem Frühstück atmeten Philippe und Bernard die frische, saubere Luft ein und sie genossen ihren Rundgang.
«Aber nun erzähl einmal Philippe. Wie ist es dir seit deiner Pensionierung so ergangen?», dies die einleitende Frage von Bernard. «Eigentlich ganz gut, dann aber doch nicht nur meinem Wunsch entsprechend», antwortete Philippe. «Weisst du, am Anfang war alles super, aber dann überkam mich auf einmal ein Unwohlsein und ich sah mich im Krankenhaus wieder. Ich dachte, ich hätte einen Herzinfarkt erlitten und gleiches dachten am Anfang auch die mich behandelnden Ärzte.»
Philippe musste sich am Tag vor seinem sechzigsten Geburtstag in Spitalpflege begeben. Ein Unwohlsein nötigte ihn dazu. Hoher Blutdruck und Pulsschlag, gekoppelt mit Unwohlsein und Schmerzen in Brust und Rücken deuteten für ihn auf eine Herzattacke hin. Da Philippe nun aber keinen Hausarzt hatte, weil er eigentlich und glücklicherweise nie ernsthaft krank war, erkundigte er sich telefonisch im nahen gelegenen Spital nach dem weiteren Vorgehen. Der Kardiologe riet ihm dringendst, sofort vorbei zu kommen und sich untersuchen zu lassen. Was dann geschah, war äusserst interessant, zum Teil aber auch befremdend.
Deborah fuhr Philippe postwendend ins erwähnte Spital, nachdem sich Philippe endlich dafür hatte, ihr sein Unwohlsein mitzuteilen. Besorgt um Philippe fuhr sie nicht eben langsam und absolvierte die Strecke in halb so langer Zeit wie Philippe normalerweise hätte. Trotzdem war er ihr dankbar, bald in ärztliche Hände zu gelangen. Im Spital angekommen, wussten die Ärzte auch nicht so genau, was sie von ihrem neuen Patienten halten sollten. Der Blutdruck war nach wie vor sehr hoch, der Puls raste, und die Schmerzen in Brust und Rücken waren auch nicht geringer geworden. Medikamente wurden verabreicht und es wurde entschieden, Philippe den Spezialisten im Kantonsspital zuzuführen. Auf dem Weg dorthin verabreichte ihm der Rettungssanitäter nochmals eine gehörige Portion eines Blutdrucks senkenden Mittels.
Auf der Notfallstation wurde nun schnell gehandelt. Diverse Ärzte standen um das Bett des Patienten, gaben ihm erneut irgendwelche Medikamente und beratschlagten sich. Deborah und auch Marwin und Rouven konnten in der Folge nur noch mitverfolgen, wie Philipp ohnmächtig wurde. Er selber hatte dies insofern wahrgenommen, als ihm zuerst speiübel, alsdann schwarz vor Augen wurde …
Kurze Zeit später erwachte Philippe aus der Ohnmacht und er fühlte sich eigentlich viel besser, allerdings hundemüde. Am liebsten hätte er nur noch geschlafen, jedoch ging es jetzt erst richtig los. Jeder wollte etwas von ihm wissen: Wie stark sind die Schmerzen von 1 bis 10? An was können Sie sich noch erinnern? Wissen Sie, wo Sie sind? Und so weiter …
Philippe wäre am liebsten aufgestanden und wieder nach Hause gegangen. Aber, das ist nun nicht so einfach, wenn man einmal im Spital ist. Alles wird durchgecheckt und sämtliche Apparaturen werden amortisiert. Unzählige Ärzte drücken an einem rum und stellen immer wieder die gleichen Fragen: Wie stark sind die Schmerzen von 1 bis 10 und an was können Sie sich noch erinnern? Wissen Sie noch wie sie heissen und welches ihr Geburtsdatum ist?
Irgendwann fängt man dann an, am eigenen Verstand zu zweifeln und fragt sich, was das Ganze denn soll. In der Zwischenzeit, das heisst am Folgetag, wurde Philippe 60 Jahre alt. Nebst dem Besuch der Familie gab es an diesem Tag ein weiteres Highlight. Ein junger Arzt, dunkler Hautfarbe, kam zu Philippe und sagte ihm: «Für mich sind Sie gesund». – Punkt und fertig.
Ok. – Philippe nahm dies gerne so zur Kenntnis, nur sahen andere Ärzte dies leider nicht ebenso, mit der Konsequenz, dass weitere Untersuchungen anstanden. Letztlich wurde mittels Katheter das Herz untersucht. Und weil der Eingang in die rechte Herzkammer nicht offenstand und auch die dicksten Kanülen nicht halfen, dies zu ändern, standen der behandelnde Assistenzarzt, der Oberarzt und letztlich auch der Chefarzt vor einem Problem. Sowas hatten sie offensichtlich noch nie oder schon lange nicht mehr erlebt. – Eine Herzanomalie! Geburtsfehler, da kann man nichts machen.
Mit dieser Diagnose wurde Philippe nach Hause entlassen, und er selber war glücklich darüber, wieder daheim sein zu dürfen. Was sein Unwohlsein ausgelöst hatte, weiss er zwar noch heute nicht, ist für ihn aber weiter auch nicht schlimm. Hauptsache, er konnte das Spital verlassen und dies auf eigenen Beinen.
«Und du, lieber Bernard, wie ist es dir ergangen seit deiner Pensionierung?», erkundigte sich Philippe. «Sehr gut!», kam die spontane und ehrlich klingende Antwort von Bernard. «Jetzt habe ich endlich Zeit, mich meinen Hobbies zu widmen. Du weisst, dass ich liebend gern male und mich auch stundenlang und mit Freude mit unterschiedlichster Lektüre auseinandersetze. Dabei spielt es für mich keine Rolle, ob es sich hierbei um ein hochliterarisches Werk handelt, oder eben um einen Kriminalroman von Georges Simenon. Beides ist für mich Entspannung pur, und ich verstehe es eben auch als Abwechslung zur ebenfalls geliebten Gartenarbeit. Daneben ist es für mich natürlich immer wieder wunderschön, mich mit Isabelle austauschen zu können oder eben mit lieben Freunden wie euch zusammen sein zu dürfen.»
Den Neujahrstag verbrachten alle vier mit einem gemütlichen Schwatz, begleitet von leichter Musik aus dem Radio und einem Tariquet Classic 2013 aus der Gascogne. Philippe wählte diesen Wein ebenfalls in Anspielung an die Zeit von Isabelle und Bernard in der Aquitaine. Philippe schmeckte der Wein zwar nicht sonderlich, er bevorzugte den Schweizer Weisswein und dort vorweg den Saint-Saphorin aus Chexbres, einem kleinen, lieblichen Winzerdorf am Genfersee; aber eben, Geschmäcker sind verschieden und so soll es auch sein. Vielleicht wollten sie später noch eine solche Flasche öffnen und degustieren. Man musste Bernard ja schliesslich auf den Geschmack bringen.
Plötzlich wurde das Thema auf den in Tirana verhafteten Polizeichef gelenkt, und Bernard wusste folgendes zu berichten: Gérard, der ehemalige Journalist beim Var-Matin habe ihm erzählt, dass seinen Informationen zufolge, der Polizeichef mit Drogen im grossen Stil handeln soll. Er sitze nun nach offiziellen Quellen in einem Polizeigefängnis etwas ausserhalb von Tirana und dürfe keinen Besuch empfangen. Das Ganze sei ‘top-secret’. Diese Information habe er von einem befreundeten Journalisten aus Ankara erhalten und dieser wiederum habe die Information von einem Freund aus Tirana.
Nun aber werde es richtig interessant. Von einer anderen Quelle habe er allerdings erfahren, dass das Ganze gar und gar nicht stimme. Der Polizeichef werde nicht zurückbehalten, und es werde ihm auch nicht der Kontakt zur Aussenwelt verwehrt. Er halte sich auch nicht in einem Gefängnis, sondern in der Sommerresidenz des neugewählten Ministers auf, wo er jeglichen erdenklichen Luxus sich leisten könne. Die Residenz befinde sich direkt am Meer und verfüge über einen eigenen Hafen, wo regelmässig Schnellboote anlegten. Mit diesen Schiffen würden Fässer mit Olivenöl in einen Vorort nördlich von Brindisi verbracht. Vom Flughafen Brindisi, dem Aeroporto del Salento, würden die Fässer dann mittels Privatflieger nach Bern-Belp in der Schweiz und von dort weiter in ein dubioses Geschäft in der Stadt Bern gebracht. Speziell sei nicht nur der Weg, wer benütze schon den Privatflieger für den Transport für Olivenöl, sondern auch der Umstand, dass mit Olivenöl nun doch wieder nicht so viel Geld gemacht werden kann, damit sich das Ganze lohnen würde.
«Wow, das tönt wirklich interessant», und Philippe erzählte nun Bernard seine Geschichte, so wie sie ihm bislang präsentiert worden war. - Die beiden Frauen, Isabelle und Deborah, hörten gespannt zu.
Tatsächlich gab es einige Parallelen, aber auch Unterschiede in den Darstellungen. Auch wäre die Rolle des neugewählten Ministers völlig neu, würde sie denn den Tatsachen entsprechen. Ebenfalls wurde bislang nicht erwähnt, dass in den Eichenfässern vermutlich Heroin geschmuggelt werde. Auch von Menschenschmuggel oder gar Menschenhandel wusste die Quelle von Gérard nichts zu berichten. – Gut, er wurde auch nicht danach gefragt.
Und trotzdem war erstaunlich, selbstverständlich nur dann, wenn die Informationen auch tatsächlich stimmten, dass der oder die Informanten von Gérard mehr wussten als die involvierten Nachrichtendienste. Gut, vielleicht hatten diese oder Frau Vögtli ihm auch nicht alles erzählt. Auf jeden Fall galt es die Informationen in die weiteren Überlegungen miteinzubeziehen. Ein altes Sprichwort lautet ja bekanntlich: Wo Rauch ist, ist auch Feuer.
Nun wollten sich die Anwesenden aber doch lieber wieder der leichteren Kost bedienen, und Philippe schlug vor, das Abendessen vorzubereiten. Natürlich waren alle damit einverstanden. Philippe hatte vorgesehen, einen Fisch zu servieren. Er entschied sich beim Einkauf für Rotzungenfilets und zwar nicht nur, weil sie besonders gut schmecken, sondern auch noch einigermassen bezahlbar sind. Seezungenfilet hatte er zwar noch lieber, diese sprengten jedoch sein Rentengeld und somit gab es eben Rotzunge, immerhin Wildfang aus dem Atlantik. Dazu sollte es Reis und Salat geben. Philippe war bekannt für seine Salatsauce und die Gäste rühmten diese zumeist. Philippe war sowieso erstaunt, dass er in Frankreich noch nie eine wirklich gute «französische Salatsosse» gegessen hatte, obschon in der Schweiz dieser Begriff auch verwendet wird.
Seine Sauce besteht aus drei Teilen Sonnenblumenöl, einem Teil Weinessig, Aromat (!) und Pfeffer, Mayonnaise und Senf, gut proportioniert, und einen Schuss Halbrahm; als vegane Alternative kann auch Soja verwendet werden. Das Ganze wird dann mit einem kleinen Schwingbesen verrührt und mit frischen Zwiebeln, Radieschen und Tomaten und allenfalls mit frischen Kräutern wie beispielsweise Schnittlauch verfeinert. Letztlich kommt es aber darauf an, dass der Salat frisch ist und nicht in geschnittener und in Plastik abgepackter Form daherkommt. Bei Philippe sträubten sich jedes Mal die Nackenhaare, wenn er einen Plastiksack Fertigsalat mit elend langem Verbrauchsdatum öffnete. Der Geschmack war einfach nur widerlich.
Das Abendessen war köstlich und Philippe und Bernard gönnten sich nach dem Essen noch einen Digestif. Dieses Mal sollte es ein Marolo, Grappa di Barolo, 12-jährig sein. Bernsteinfarben leuchtend im Glas, mit einem leichten Duft nach Zwetschen und Zitrusfrüchten, geschmeidig und elegant, erfreute dieser Grappa die beiden. Deborah und Isabelle zogen abermals einen Tee vor, dieses Mal einen Bio-Früchtetee mit Zichorie und Lindenblüten, welcher unter dem Namen Lemon Sorbet von Special.T angeboten wird.
Leider neigte sich der Besuch von Bernard und Isabelle schon bald dem Ende zu. Morgen Vormittag wollten sie zurückfahren, da die Mutter von Isabelle, Fabienne Bertrand, ihren 80-igsten Geburtstag feiern werde. Es werde sicherlich ein schönes Fest, auch wenn ihr Mann Paul, der Vater von Isabelle, nicht mehr dabei sein werde. Paul sei vor gut einem Jahr verstorben, jedoch habe sich Fabienne einigermassen gefasst und sie freue sich nun auf das Fest, an welchem auch Désirée, die Schwester von Isabelle, und die beiden Töchter von Bernard und Isabelle, Michelle und Danielle, teilnehmen werden.
Nach einem nochmaligen kurzen Umtrunk begaben sich alle zu Bett. Vorgängig durften Enrico und Dissan nochmals kurz in den Garten, und sie liessen es sich nicht nehmen, den Schnee noch einmal mit allen Sinnen zu geniessen.
Der Abschied am nächsten Morgen viel kurz aus, und es wurde vereinbart, sich bald wieder zu treffen, es gelte schliesslich, auch in die Zukunft zu blicken, was das denn auch immer heissen mochte. Ein letztes Händeschütteln und ein letztes Winken und fort waren sie. Enrico schaute dem Fahrzeug traurig hinterher, sass darin doch sein neu gewonnener Freund und nun war dieser schon wieder weg. Philippe und Isabelle mussten Enrico richtiggehend trösten und nur ein ‘Goodie’ konnte hier Abhilfe schaffen. Nach dem zweiten Leckerchen legte sich Enrico noch ein wenig in seinem Korb nieder und träumte vielleicht von seinem neuen Freund.
Darmowy fragment się skończył.