Czytaj książkę: «Ich hatte einen Schießbefehl»

Über den Autor:
Paul Küch, Jahrgang 1963, wuchs als einziges gemeinsames Kind seiner Eltern in einem kleinen Dorf im Brandenburgischen auf. Nach erfolgreichem Abitur absolvierte er seinen Grundwehrdienst bei den Grenztruppen der DDR, studierte an der Humboldt-Universität in Berlin und ist bis heute in der Lebensmittelindustrie tätig.
PAUL KÜCH
Ich hatte einen Schießbefehl
Gezählte Tage im Eichsfeld
Laumann-Verlag
Die Namen der Handelnden wurden aus rechtlichen Gründen geändert. Jede Ähnlichkeit mit lebenden oder toten Personen wäre rein zufällig und vom Autor nicht beabsichtigt.
Für die freundliche Bereitstellung des Titelbildes danke ich Herrn Jürgen Ritter. Der Fotojournalist hat zu Zeiten der deutschen Teilung die Grenzanlagen vom Westen aus fotografiert und ein Archiv mit mehreren Tausend Motiven aufgebaut. Ein Besuch im Internet unter www.grenzbilder.de lohnt sich.
Satz und Layout erstellt und unverändert übernommen von Paul Küch
| Bildnachweis: | Privatfotos von Horst Zbierski, Uwe Vogt und Paul Küch |
| Buchumschlag: | Polina Graf |
2., überarbeitete Auflage 2018
Copyright © 2018 by
Laumann Druck & Verlag GmbH & Co. KG
Postfach 1461
48235 Dülmen/Westf.
ISBN 978-3-89960-466-5 (gedrucktes Buch)
ISBN 978-3-89960-491-7 EPUB
www.laumann-verlag.de
Inhalt
Cover
Titel
Impressum
Vorwort
Frühjahr 1983
Kindheit und Schulzeit
Im wehrpflichtigen Alter
Aller Abschied fällt schwer
Eisenach
Vorgesetzte
Freizeit
Ich schwöre, …
Bewachte Weihnacht
Heimaturlaub
Radieschen
Wie ich Grenzer wurde
Hundeführerausbildung
Ankunft in Weidenbach
An die Grenze
Jungfernschicht
Ungebetener Besuch
TAPI
Ich erhalte den Schießbefehl
Führungsstelle und Kontrollstreife
Sicherheit
EK-Bewegung auf der Huscha
Ausgang
Schweigeschicht
Vertrauen ist gut, Kontrolle besser
Die Unsichtbaren kommen
Zur Reserve an den Kanten
Der Ball rollt wieder
BiWaK
Kaffeekränzchen
Auf den Hund gekommen
Wein, Weib und Gesang
Strafversetzt
Endlich nach Hause
Herbst 2008
Nachwort
Glossar
Für Katharina,
die immer alles genau wissen möchte.
Vorwort
Als ich am 27. April 1984 aus dem Grundwehrdienst bei den Grenztruppen der DDR entlassen wurde, dachte ich, dass dieses Kapitel für immer abgeschlossen wäre. Meine Erlebnisse waren mir damals nicht wertvoll genug, um sie zeitnah aufzuschreiben. Außerdem durfte man solche Erfahrungen im ehemaligen Arbeiter- und Bauernstaat nicht veröffentlichen.
Nach der politischen Wende im Jahr 1989 erschienen zahlreiche Bücher zu diesem Thema. Einige Autoren verallgemeinerten die Geschehnisse an der innerdeutschen Grenze. Andere verurteilten unser Verhalten, obwohl sie sich selbst nie in einer ähnlichen Situation befanden. Menschen, die keine Uniform und keine Kalaschnikow trugen, wussten auf einmal ganz genau, wie wir Grenzer damals fühlten, dachten und im Ernstfall gehandelt hätten. Das erschien mir zu oberflächlich und ich begann Vergleiche anzustellen, wie es mir persönlich an der Grenze erging.
Diejenigen, die die Existenz des Schießbefehls leugnen, müssen sich heute fragen lassen, warum es überhaupt Tote an der innerdeutschen Grenze gab. Der Standpunkt der ewig Gestrigen bildete zusätzlichen Ansporn, Aufklärung zu betreiben. Mein Buch sollte keine wissenschaftliche Abhandlung über den Schießbefehl werden. Vielmehr wollte ich zeigen, wie ich als junger Mensch damit umgegangen war. Meine Geschichte soll nachfolgenden Generationen zur Information dienen.
Zufällig entdeckte ich die Bilder auf dem Buchumschlag, zwischen denen mehr als zwei Jahrzehnte liegen. Sie zeigen die Gemeinde Asbach in Thüringen, deren Einwohner besonders unter der Teilung Deutschlands litten, weil sie in Folge des Wanfrieder Abkommens vom 17. September 1945 von Hessen nach Thüringen wechselten. Diese Fotos steigerten mein Bedürfnis, mir die Umgestaltung des ehemaligen Todesstreifens selbst anzuschauen.
Im Jahre 2008 kehrte ich nach Asbach zurück und beschloss, mein Schweigen zu brechen.
Frühjahr 1983
Samstag, 19. März 1983. Wir fahren von Weidenbach in Richtung Staatsgrenze. Die malerische Landschaft im Eichsfeld mit Zäunen und Minen? Für mich unvorstellbar. Ich denke an Corinna und meine Eltern, denen ich keine Schande bereiten will. Das ist leichter gesagt als getan, denn ich bin mit Schießbefehl, Kalaschnikow und genug Munition unterwegs, „um Grenzdurchbrüche nicht zuzulassen, Grenzverletzer festzunehmen oder zu vernichten“. Dieser Befehl belastet, wenn man ihn zum ersten Mal bei der Vergatterung hört. Das Kopfsteinpflaster am Ortsausgang von Weidenbach schüttelt mich ordentlich durch.

Der Weg in den ehemaligen Grenzabschnitt heute
Eine verschlossene Schranke am Waldrand verhindert das Passieren fremder Kraftfahrzeuge. Der Fahrzeugverantwortliche, mein neuer Zugführer, springt aus dem Fahrerhaus, öffnet das Schloss und den rot-weißen Schlagbaum. Da wir spät dran sind, bleibt die Schranke nach unserer Durchfahrt oben. Wenn das der Kompaniechef erfährt, gibt es Ärger für den ganzen Zug. Unser Lkw rast mit einer Geschwindigkeit von 60 Stundenkilometern den schmalen, holprigen Waldweg entlang. Hoffentlich kommt uns kein Fahrzeug entgegen. Vorbei am Altenstein erreichen wir Asbach. Das hört sich nach feinem, altem Weinbrand an. Doch hier liegt nicht der Geist des Weines, sondern ein provokationsgefährdeter Abschnitt. Was damit gemeint ist, werde ich bald erfahren. Der Lkw stoppt am Ortseingang von Asbach. Mein Postenführer ist längst herunter geklettert und auf dem Weg zum Grenzsignalzaun (GSZ), während ich wie versteinert auf der Ladefläche verharre.
„Achtzig, absitzen!“, dieses Kommando gilt mir, einem 19-jährigen Soldaten der Grenztruppen der DDR, der schwerfällig über die hintere Ladeklappe springt und unsanft auf dem Hosenboden landet. Meine Postentasche liegt neben mir im Dreck. Eine dampfende, dunkle Brühe rinnt aus der Tasche, die unsere Verpflegung für acht Stunden enthält. Zum Glück ist nur eine Thermosflasche zu Bruch gegangen. Mein Postenführer schüttelt mit dem Kopf. Er schaut ausdruckslos und soll mir damit ein Vorbild sein. Das Postenpaar der Frühschicht übergibt uns den Bereich Asbach ohne Anzeichen einer Grenzverletzung. Unsere Vorgänger klettern müde auf den Lkw, der weiter nach Sickenberg braust. Mit einem abgenutzten Ast verwische ich alle Fußabdrücke auf dem 2 m-Kontrollstreifen und verschließe das Tor im Grenzsignalzaun von innen. Über das Grenzmeldenetz (GMN) formuliert der Gefreite den Entschluss, zum Beobachtungsturm (BT) Asbach zu wechseln. Dorthin gelangen wir über die bestgesicherte Straße der Republik, den Kolonnenweg, der hier parallel zum Grenzzaun 1 verläuft. Hinter diesem über drei Meter hohen Monstrum aus Streckmetall erkenne ich eine schwarz-rot-goldene Grenzsäule. Das silberne Blechschild mit dem Emblem der DDR kann man nicht sehen, weil es auf der Rückseite montiert ist, die nach Westen zeigt. Gleich dahinter steht ein weißer Pfahl mit rotem Kopf, der einem Streichholz ähnelt. Auf dem gegenüberliegenden Wirtschaftsweg ist eine Fußstreife vom Bundesgrenzschutz (BGS) unterwegs. Noch nie war ich so nah am Klassenfeind. Wie ferngesteuert straffe ich meine Anzugsordnung und nehme Haltung an, während mein Vorgesetzter wieder mit dem Kopf schüttelt. Im Gegensatz zu uns Grenzern tragen die Beamten saubere Uniformen, die wie angegossen passen. Einer der beiden beobachtet uns neugierig durchs Fernglas als wären wir Außerirdische. Mein Postenführer nimmt die Streife demonstrativ ins Visier der Kalaschnikow. Die Geste ist unmissverständlich. Für einen Moment zweifle ich am Verstand meines Vorgesetzten. Wir befinden uns hier an der Grenze zweier Staaten unterschiedlicher Gesellschaftsordnungen, an der Nahtstelle verfeindeter Militärblöcke, wo die kleinste Provokation den Dritten Weltkrieg auslösen kann. Dazu kommt es an diesem Nachmittag zum Glück nicht. Die Männer vom BGS verabschieden sich mit Scheibenwischer und Stinkefinger. Diese abfälligen Handbewegungen gelten meinem Vorgesetzten, der schadenfroh lacht. Ich weiß nicht, ob ich das ganze Theater acht Stunden lang aushalte und gehe schweigend die hellgrauen Betonplatten entlang, die kein Ende nehmen wollen. Tänzelnd versuche ich, den rechteckigen Löchern auszuweichen. Mit meiner normalen Schrittlänge klappt das nicht, denn jede Platte besitzt vier Reihen mit jeweils sieben Stolperfallen.
Von meinem Postenführer erhalte ich Asbach als Beobachtungssektor zugewiesen und verstehe nur Bahnhof. Obwohl der Feind im Westen steht, soll ich nach Osten schauen? Was drüben hinterm Zaun passiert, würde mich viel mehr interessieren, aber Befehl ist Befehl. Gehorsam blicke ich hinüber zum Ort, der wie ausgestorben wirkt. Müsste ich hier wohnen, würde ich mich nicht auf die Straße trauen. Die Fassaden betteln nach Farbe. Das Grau der Fachwerkhäuser scheint auf das Wetter abgefärbt zu haben, dunkle Wolken ziehen auf. Ein einziges Grau in Grau bestimmt das Bild wie vielerorts im Lande. In meinem Heimatdorf hing wenigstens ein knallrotes Banner mit der Aufschrift „Schöner unsere Städte und Gemeinden - mach mit!“ vor dem Büro des Bürgermeisters. Die republikweite Masseninitiative hat es nicht bis nach Asbach geschafft.
Das melodische Plätschern des Alten Hainsbaches wird von lautem Hundegebell aus Richtung Sickenberg übertönt. Einige Trassenhunde winseln. Wahrscheinlich haben die Tiere nur Hunger und Durst. Als Hundeführer hätte ich ihnen gern die Postenbrote überlassen, aber mein Vorgesetzter ermahnt mich zur Eile, weil wir uns von oben auf dem Beobachtungsturm melden müssen, der sich wie ein Koloss vor mir erhebt. Er passt genauso wenig in diese Landschaft wie die beiden Zäune, zwischen denen wir Grenzdienst schieben. Für Vögel gibt es keine Barrieren, sie fliegen von Ost nach West. Vielleicht kehren sie sogar zurück. Mir bleibt leider keine Zeit für die Natur und keine Zeit zum Nachdenken. Wo bin ich nur gelandet?

Blick vom Westen auf Asbach (1984)
Kindheit und Schulzeit
Kaum zu glauben, dass erst ein Flugzeug in unserem Dorf abstürzen musste, um einen Namen für den Berg in der Nachbarschaft zu finden. Ohne den Fliegerberg hätte es mich wahrscheinlich nie gegeben. Nachdem die Rote Armee im Frühjahr 1945 die Oder überquerte und sich auch auf das Gehöft meiner Vorfahren einschoss, hielt dieser Berg viel Unheil von der Familie ab. Wenn mich meine Eltern suchten, spielte ich in der Nähe des Fliegerbergs. Meistens war unser Hund dabei, der mich beschützte. Bello hauchte sein Leben aus, als ihn mein Cousin Hartmut mit dem linken Vorderrad seines Famulus erwischte, weshalb ich besonders wehmütig an diesen Hund zurückdenke. Zum Fliegerberg verirrte sich keiner, um mir etwas zu verbieten. Soweit das Auge reichte, lagen Felder, Gärten, Wiesen und Wälder direkt vor unserer Haustür. Hier konnte ich den ganzen Tag herumtoben, ohne Rücksicht auf andere nehmen zu müssen. Ob wir Ostern buntbemalte Eier durch das Gras trudelten, im Sommer Burgen in der Sandkute bauten, im Herbst Drachen steigen ließen oder im Winter Schlitten fuhren, es störte uns niemand. Selbst der ländliche Atem, der von den Schweineställen der landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft (LPG) Tierproduktion herüberwehte, konnte uns nicht abschrecken. Als unsere Republik am 7. Oktober 1969 den 20. Jahrestag ihres Bestehens feierte, ging ich längst in den Kindergarten und durfte nicht mehr machen, was ich wollte. Wie an jedem Feiertag gab es Kartoffelsalat mit Bockwurst zum Mittagessen und wer seinen Teller leer aß, bekam noch Pudding zum Nachtisch. Ich mochte keinen Kartoffelsalat, Bratkartoffeln mit Spiegelei wären mir lieber gewesen. Deshalb beförderte ich den ekligen Salat auf den Teller meiner Tischnachbarin Carola, die losheulte. Zur Strafe verfrachteten mich die Erzieherinnen in eine Ecke des abgedunkelten Schlafraumes. Wer sich daneben benahm, musste in der Ecke stehen, sich die kahle Wand besehen und über sein Fehlverhalten nachdenken. In einer anderen Ecke stand Matthias, der beim Festumzug durch die Gemeinde den Namen des mächtigsten Mannes im Staate vergessen hatte. „Walter Ulbricht, er lebe hoch, hoch, hoch!“, „hatten wir oft genug geübt“, entschuldigte sich die Kindergartenleiterin beim Bürgermeister, der noch dazu ihr Ehemann war. Frau Fleischer ärgerte sich, wenn wir die Namen der Politiker unseres Landes nicht wussten, weil das ihre pädagogischen Fähigkeiten in Frage stellte. Zum Glück konnte Matthias die letzten Buchstaben des Alphabetes noch nicht schreiben, sonst hätte er zur Strafe hundertmal Walter Ulbricht notieren müssen wie die Älteren in der Schule. Nach mir kam Gabi in die dritte Ecke, weil sie beim Essen das Messer in die linke und die Gabel in die rechte Hand nahm. Im Kindergarten brachten uns die Erzieherinnen eine Art Gerechtigkeit bei. Bemerkten sie eine Prügelei, durfte der vermeintlich Unterlegene dem Überlegenen eine kräftige Ohrfeige verpassen und der Sieger musste zur Strafe in die Ecke. Die Meinungsverschiedenheiten klärten wir auf dem Nachhauseweg unter uns.
Ich hasste die Tage, an denen mich meine Eltern vor lauter Arbeit im Kindergarten vergaßen. Dann ging ich mit in die Wohnung von Frau Fleischer, wo es zu meiner Erleichterung keine freien Ecken gab. Überall standen Blumentöpfe herum und es roch stets nach frischer Farbe. Ich war froh, wenn mein Vater am späten Abend vor der Tür stand, um mich abzuholen.
Meine Vorfreude auf die Schule wurde bereits bei der Einschulung getrübt. Ich traf neue Kontrahenten, gegen die ich mich durchsetzen musste. Am ersten Schultag im September 1970 rannte ich deprimiert nach Hause, weil mich ältere Schüler Schweinebacke, Dickwanst oder fette Sau riefen. Alle Schimpfwörter trafen zweifelsohne zu. Ich fühlte mich hässlich und minderwertig. Das ist umso schmerzvoller gewesen, weil ich nicht dumm war, denn das Lernen fiel mir leicht und machte Spaß. Diese Konstellation schuf Minderwertigkeitskomplexe bei mir, was meine Flucht als Kurzschlussreaktion erklärte. Ich kam ganz nach meiner Mutter, die sich nur daheim geborgen fühlte. Außerhalb ihrer vertrauten Umgebung wirkte sie unsicher. Allein die Fahrten zu Ärzten in die Stadt oder lästige Behördengänge bildeten Strapazen für sie. Die Bürokraten auf den Ämtern erteilten uns selten die gewünschten Genehmigungen für Kindergeld und staatliche Subventionen, die der Familie laut Gesetz zustanden. Stattdessen dachten die Amtsschimmel über fadenscheinige Gründe nach, unsere Anträge einfach abzulehnen. Immer wussten andere Menschen besser als wir selber, was gut für uns wäre. Diese Bürokratie machte meiner Mutter so sehr zu schaffen, dass wir oft unverrichteter Dinge nach Hause fuhren. Trotzdem belohnte sie mich und sich selbst mit Muscheleis für Schmerzen, Misserfolge und Wartezeiten. Unser bescheidenes Glück kostete 30 Pfennige pro Portion und bestand aus jeweils einer Kugel Vanille-, Erdbeer- und Schokoladeneis sowie zwei Waffeln in Form einer Muschel.
Mein Vater war aus anderem Holz geschnitzt. Auf Grund seiner Lehre im ehemaligen Landratsamt der Kreisstadt wusste er genau, wie man Beamte bequatscht, um Recht zu bekommen. Davon hätte sich meine Mutter eine Scheibe abschneiden können. Trotz dieses Defizits wird sie ein ganz besonderer Mensch für mich bleiben. Meine Mutter verkörperte Disziplin, Fleiß, Ordnung und erwartete, dass ich instinktiv alles nachmachen würde. Auf ihre Art und Weise vermittelte sie mir moralische Werte wie Bescheidenheit, Dankbarkeit und Respekt vor anderen Menschen. Ich durfte nicht dazwischen reden, wenn sich Erwachsene unterhielten. Sicher spielte auch die Angst meiner Mutter eine Rolle, dass ein Fehlverhalten von mir auf mangelnde Erziehung im Elternhaus zurückfallen könnte. Obwohl sie mich anständig erzog, tanzte ich oft aus der Reihe. Schon als kleiner Junge schoss ich einen Gummiball mit voller Wucht gegen den Hausgiebel und fing die Abpraller wie ein Torwart. Mein Vater verbot mir diesen Spielplatz, weil im Treppenhaus bereits der Putz von der Wand bröckelte. Ich wich auf die Kuhweide vor dem Fliegerberg aus, doch ohne Mitspieler ging es nicht. Mein Freund Hardy zirkelte den Ball aufs Weidegatter, das ich als Torwart hütete. Anfangs fehlte uns die richtige Ausrüstung, aber wir machten das Beste daraus. Ich trug blauweiße Stoffturnschuhe und Wollhandschuhe, die mir meine Mutter für den Winter gestrickt hatte. Hardy spielte barfuß in Gummistiefeln bis er Blasen bekam. Meine ersten Fußballschuhe aus schwarzem Stoff mit roten Nähten und einer Sohle mit Gummistollen hielten zwar nicht lange, man hatte dafür aber ein gutes Ballgefühl in den Tretern. Eines Tages schenkte mir der zwei Jahre ältere Detlef seine ausgedienten Lederschuhe mit Schraubstollen. Da mir diese Töppen drei Nummern zu groß waren, stopfte ich die Fußspitzen mit Watte aus. Von meinem Taschengeld kaufte ich einen braunen Lederball, der viele neugierige Kinder anlockte. Meine Neffen Thomas und Ronny sowie Hardy und ich spielten auf der Dorfstraße gegen ein marodes Scheunentor. Wir waren richtige Straßenfußballer. Nachdem meiner Schwägerin der Verkehr auf der Hauptstraße zu gefährlich wurde, wichen wir auf den Wäscheplatz aus, wenn dort keine Klamotten zum Trocknen hingen. Als Tor diente eine Teppichklopfstange und der Zaun dahinter war das Fangnetz. Bei einem tollkühnen Sprung über die Holzlatten riss sich Ronny seinen Hintern auf, was einen Platzverweis für uns alle zur Folge hatte. Im Sommer 1973 nahm mich Hardy zum ersten Mal mit auf den Fußballplatz des Nachbarortes, wo die Männermannschaft in der Bezirksklasse Frankfurt/ Oder spielte. Das eindeutige 0:5 der Platzherren gegen den überlegenen Spitzenreiter aus der Kreisstadt entfachte meine Fußballleidenschaft. Ich wollte unbedingt in diesem Verein spielen.
Die Betriebssportgemeinschaft (BSG) Traktor kann mit Stolz auf eine lange Tradition zurückblicken. Seit Mai 1930 wurde offiziell gegen den Ball getreten. Im Laufe der Jahre entstand eine gepflegte Anlage mit zwei Rasenplätzen. Dieses herrliche Fleckchen Erde am Sportlerweg wurde mein zweites Zuhause. Unser Biologielehrer und amtierender Vorsitzender des Sportvereins entließ Hardy und mich an den Samstagen eine halbe Stunde früher aus dem Unterricht, sodass wir kein Heimspiel der Männermannschaft verpassten. Auf dem Weg zum Sportplatz kauften wir in der Bäckerei Tubandt Streuselschnecken. Bei den Spielen fieberte ich kräftig mit. Die Position des Torhüters imponierte mir besonders. Nach dem Abpfiff kopierten wir beide die Spielzüge, die zu fünf Gegentoren führten. Abwechselnd schossen wir meinen Lederball auf die großen Tore mit richtigen Netzen und keiner verletzte sich beim Ballholen. Oft kehrten wir erst am späten Abend heim, weil wir noch drei Kilometer mit dem Fahrrad fahren mussten. Nichts gegen Hardy, Thomas, Ronny und alle anderen Straßenfußballer, aber ich habe mir immer gewünscht, dass mein Vater einmal mit mir gekickt hätte, um meine Begeisterung für diesen Sport zu verstehen. Der Wunsch erfüllte sich leider nicht.
Dafür fuhren wir am 13. März 1974 zu einem Länderspiel nach Berlin, wo die DDR-Elf gegen Belgien für die bevorstehende Fußballweltmeisterschaft probte. Als einer von 30.000 Zuschauern erlebte ich, wie Joachim Streich zum 1:0-Sieg einköpfte. Auf der Heimfahrt diskutierten wir eifrig über das Spiel und ich merkte, dass mich mein Vater als gleichberechtigten Gesprächspartner akzeptierte. Fußball symbolisierte in meinen Augen das wahre Leben. Wer gut war, der eroberte den Ball, schoss ihn ins Tor oder daneben. Wer noch besser war, dachte vorausschauend, spielte ab und bekam den Ball wieder zurück. Das Leben funktionierte nur gemeinsam, nicht im Alleingang. Nach dieser Devise spielten sich mein Vater und ich die Bälle gegenseitig zu. Wir einigten uns, dass unsere Nationalmannschaft als krasser Außenseiter zum Turnier ins Nachbarland fuhr. Es war die erste Fußballweltmeisterschaft, die ich bewusst miterlebte. Den 22. Juni 1974 werde ich nicht vergessen, weil ich noch Bier für das Spiel am Abend holen musste. Der Sommer gehörte zu den Feinden der Getränkeindustrie, denn die Hitze machte selbst um unser kleines Land keinen Bogen. Im Dorfkonsum waren sämtliche Getränke ausverkauft. Nachschub kam frühestens in drei Tagen, denn die Brauerei lieferte zwecks Transportoptimierung dienstags und donnerstags. An diesen Tagen musste man sich mit Getränken bevorraten, wollte man nicht auf dem Trockenen sitzen. Notgedrungen fuhr ich mit einer Emaillekanne los, um Fassbier zu kaufen. Die Dorfgaststätte hatte wegen Urlaub geschlossen und der Wirt der Bahnhofskneipe machte Betriebsferien. Solche Zustände gab es nur bei uns. Die Zeit drängte, denn ich wollte das innerdeutsche Duell unter keinen Umständen verpassen. Als ich mit der leeren Kanne heimkehrte, rastete mein Vater aus. „Dann fährst du eben ins Nachbardorf!“, schnauzte er mich an. Zuerst glaubte ich, mich verhört zu haben, aber mein alter Herr meinte es ernst. „Beeil dich, sonst entgeht dir der Anpfiff!“ Mir blieb nichts anderes übrig, als mit dem Fahrrad ins drei Kilometer entfernte Nachbardorf zu radeln. Zum Glück war das marode Kopfsteinpflaster bereits mit einer Asphaltschicht überzogen. Auf dem Weg zur Gaststätte beleidigte ich meinen Vater mit übelsten Schimpfwörtern, die mir gerade einfielen. Ständig dachte er sich Schikanen aus, die mich vom Fußball ablenkten. Ich weiß bis heute nicht, warum er das tat. Die geöffnete Kneipe und das vorhandene Bier vom Fass im Nachbarort ließen meinen Ärger nicht abebben. Um meinem Vater einen kleinen Denkzettel zu verpassen, habe ich die halbe Kanne ausgetrunken, im Vorgarten mit Wasser aus der Regentonne aufgefüllt und ordentlich geschüttelt. Hätte er über die Blume gemeckert, wäre kein Tropfen Bier im Gefäß geblieben. Bei der Direktübertragung vom Spiel aus Hamburg schlief mein alter Herr dünnbierselig vor dem Fernseher ein. Als Sparwasser zum 1:0 einschoss, begann das große Zittern. Eine Viertelstunde später sprang ich vor lauter Freude aus dem Sessel, denn ich hatte das Ergebnis nie und nimmer für möglich gehalten. Es war nicht der Sieg der sozialistischen DDR gegen die kapitalistische BRD, wie es am Montag danach in unseren Zeitungen stand. Diese Propaganda habe ich in dem Alter noch nicht verstanden. Aber ich begriff, dass man mit festem Willen, höchstem Einsatz und hartem Kampf jeden Gegner schlagen konnte.
Diese Erkenntnis prägte mein weiteres Fußballerleben, denn ich habe stets 100 Prozent für die Mannschaft gegeben, in der ich spielte. Es war eine Auszeichnung, das blaue Trikot mit dem gelben Bruststreifen zu tragen, mit dem mein Heimatverein im Jahre 1966 den Pokal „Goldener Traktor“ des Bezirkes Frankfurt gewann. Darin fühlte ich mich dem Verein und den Zuschauern gegenüber verpflichtet. Ich wollte den Menschen, die uns bei Wind und Wetter die Treue hielten, unbedingt etwas zurückgeben. Da das nicht immer klappte, stiegen wir in die Kreisliga ab. Doch wir kämpften bis zum Umfallen, wofür uns die Einwohner auf Biegen und Brechen unterstützten. Manchmal blieb sogar ein Krückstock am Knie eines gegnerischen Spielers hängen, um dessen Tatendrang zu stoppen. Für die Zuschauer in meiner Heimat ist Fußball eine Art Weltanschauung oder zweite Religion gewesen. Ich erinnere mich an eine handgreifliche Auseinandersetzung zwischen den eigenen Schlachtenbummlern und unserem Trainer während eines Punktspiels. Wir lagen deutlich hinten und fanden keine Mittel, das Spiel noch zu drehen. Laut Meinung unserer Fans hatte der Übungsleiter die falschen Leute aufgestellt und bezog dafür eine ordentliche Abreibung. Das Spiel musste vom Schiedsrichter unterbrochen werden, um die Prügelknaben auseinander zu bringen. Jede Partie werteten unsere Kritiker abends in der Gaststätte aus. Im Falle einer Niederlage brauchten wir uns dort nicht blicken lassen. Mir gefiel es im Nachbardorf besser als in unserer 500-Seelen-Gemeinde, die im tiefen Dornröschenschlaf schlummerte. Dieser Stillstand sah auf den ersten Blick romantisch aus, befriedigte mich jedoch nicht. Drei Kilometer weiter östlich ging die Post ab. Der Nachbarort stellte eine Republik mit eigenen Gesetzen dar, wozu die Dorfbewohner im patriotischen Sinne standen. Auswärtigen war es bei Strafe verboten, Annäherungsversuche gegenüber einheimischen Mädels zu starten. Meine Mitgliedschaft im Fußballverein brachte mir automatisch den Status der Zugehörigkeit im Ort ein.
Früh entwickelte ich eine Schwäche für das weibliche Geschlecht. Leider stieß meine Neugier nicht auf Gegenliebe bei den Mädchen. Vielleicht war ich den meisten zu pummelig und daher auffällig, anderen wiederum zu unauffällig, weil ich immer in den gleichen Klamotten herumrannte. Ich musste die abgelegten Sachen meines Vaters tragen, denn meine sparsame Mutter konnte sich von keinem Stück trennen. Sie fragte ständig, ob das nicht alles zu teuer wäre und wozu ich denn ihr Geld bräuchte. Dabei begnügte ich mich mit nachgemachten Westjeans und -nickis vom Markt im polnischen Stettin. Meine Fahrten mit dem Zug dorthin gestalteten sich zu unvergesslichen Erlebnissen. Bei der Ankunft auf dem Bahnsteig sah ich zum ersten Mal richtige Bettler, die es im real existierenden Sozialismus gar nicht geben durfte. Arme Menschen, die da vor uns auf Knien hockten, verfrachtete man hinter das Gebäude, wo sie nicht gleich ins Auge fielen. Aus Mitleid bot ich einem alten Mann meine Frühstücksbrote an. Auf die Idee, mein Taschengeld zu verschenken, kam ich nicht. Beim illegalen Geldumtausch auf der Straße wurden wir oft übers Ohr gehauen. In dunklen Fluren drehte man uns alte, ungültige Zloty-Noten an. Auf dem Markt konnten wir mit Ostmark bezahlen. Die Händler nahmen unser Spielgeld gern, um damit in der DDR einzukaufen. So schloss sich der Kreis und die Alu-Chips, die kaum etwas wogen und genauso wenig wert waren, landeten wieder im Inland.
Meine übrige Kleidung stammte von der volkseigenen Stange unserer Jugendmodeläden. Die Klamotten fand ich praktisch und mich störte es nicht, dass andere in den gleichen Sachen herumliefen. Auf Modelle unserer Jeansklassiker Boxer und Wisent verzichtete ich, weil sie den Eindruck vermittelten, dass der Träger keinen Hintern in der Hose haben durfte. Die mir fehlende Attraktivität versuchte ich mit netten Gesten und Geschenken auszugleichen.
Während der Jugendstunden zur Vorbereitung auf die Jugendweihe absolvierte ich einen Knigge-Grundkurs, um den Mädchen jeden Wunsch von den Augen ablesen zu können. Ich lernte, freundlich und hilfsbereit zu sein, ohne dabei aufdringlich zu wirken. Außerdem brachte man mir die Standardtänze bei.
Auf einer Klassenfahrt zur Nationalen Mahn- und Gedenkstätte nach Buchenwald machte ich eine äußerst unangenehme Erfahrung, als ein Mitschüler versuchte, mir näher zu kommen. Wir übernachteten in der Jugendherberge auf dem Ettersberg. Bei der Vorstellung, in einer ehemaligen SS-Kaserne zu schlafen, lief mir ein eiskalter Schauer über den Rücken. Während die anderen in den Fernsehraum zogen, um sich abzulenken, blieb ich mit Dirk im Zimmer. Wir saßen auf dem Bett, quatschten miteinander und leerten eine Flasche Rosenthaler Kadarka. Dabei muss ich irgendwann eingenickt sein. Plötzlich bekam ich keine Luft mehr. Ich öffnete die Augen und blickte in das Gesicht meines Klassenkollegen, der auf mir lag. Sein Herz raste. Bevor er mich küssen konnte, packte ich den schmächtigen Kerl an den Oberarmen und schubste ihn von der Matratze. Dirk verkroch sich vor Scham unter seiner Bettdecke, wo ich ihn schluchzen hörte. Wahrscheinlich hatte er damit gerechnet, dass ich seine Zärtlichkeiten erwidern würde. Der Mensch tat mir echt leid, weil er sich falsche Hoffnungen machte. Ich blieb im Zimmer und hörte mir Dirks Entschuldigung an, die auf Erlebnissen aus dem Konfirmandenunterricht basierte. Der Pfarrer seiner evangelischen Kirchengemeinde nutzte die Nachmittage, ihn und die anderen Jungen des Seminars unsittlich zu berühren. Aus dem Verhalten des kirchlichen Würdenträgers schloss er, dass die Kontakte völlig normal seien. Ich konnte meinen Mitschüler nicht trösten und musste ihm versprechen, diese Vorkommnisse zu verschweigen. Heute weiß ich, dass mein Schweigen ein Fehler war. Ich hätte bestimmt einige Jungen vor Übergriffen schützen können, denn der Pfarrer blieb weitere Jahre in Amt und Würden.
Während eines Besuches auf der Leipziger Frühjahrsmesse lernten Hardy und ich Rosemarie kennen, die uns mit ihren weiblichen Argumenten fast erschlug. Die waschechte Sächsin aus der Provinz flüsterte uns ständig zu, was ich anfangs für einen Sprachfehler hielt. Aus dem Wortfetzen „… Dreier“ schloss ich, dass Rosemarie für die Staatliche Lottogesellschaft arbeitete und uns zum Glücksspiel einladen wollte. Erst als das Mädel Westgeld verlangte, war mir klar, dass Rosemarie einem Gewerbe nachging, welches laut Staatsbürgerkundeunterricht nur im faulenden, parasitären und menschenfeindlichen Kapitalismus angeboten wurde. Rosemaries Irrtum bestand darin, dass sie uns Milchbubis in den nagelneuen Jugendweiheanzügen mit reichen Westlern verwechselt hatte. Unser Klassenlehrer klärte die peinliche Situation, indem er uns wieder auf die andere Straßenseite zurückholte, wo der übliche Gruppenzwang herrschte. Nach Leipzig wussten wir, was sozialistisch lernen, lieben und arbeiten in unserem Lande bedeuteten. Meine Jugendweihe 1978 bildete den Abschluss einer unbeschwerten Kindheit. Wir wurden feierlich in die Reihen der Erwachsenen aufgenommen und die Lehrer siezten uns von nun an im Unterricht. Die Deutsche Volkspolizei stellte zur gleichen Zeit den Personalausweis aus. Die Geschenke am Tag des Gelöbnisses hatten es in sich, weil die Jugendweihe ein einmaliges Ereignis im Leben darstellte. Von lieben Verwandten und Bekannten bekam ich das nötige Bargeld, um mir ein Moped vom Typ S 50 zu kaufen, mit dem ich übers Land zur Disko fuhr. Für den Preis von 1500 Mark hätte meine Mutter ganze vier Monate arbeiten müssen. Ein Levis-Jeansanzug von Tante Doris aus dem Westen verschaffte mir mehr Aufmerksamkeit. Unser Klassenlehrer verteilte am Tag der Jugendweihe Blumen, Urkunden und die obligatorischen Buchbände „Der Sozialismus - Deine Welt“. Der junge Erzieher brachte frischen Wind in unsere verstaubte Bildungseinrichtung. Er gründete einen für diese Zeit revolutionären Schulfunk, leitete viele Jahre den Fotozirkel und begleitete uns zu Konzerten sowie zum Fußball. Damit weckte er in uns die Lust auf das Leben und begeisterte indirekt für die Schule. Leider stieß mein Klassenlehrer mit seinen fortschrittlichen Erziehungsmethoden an Grenzen, die der Direktor unserer Schule bestimmte. Herr Klippenroder zog daraus die Konsequenzen. Auf Grund seines chronischen Heuschnupfens, wie später von offizieller Seite zu hören war, siedelte er an die Ostsee um, wo er heute mit seiner Familie ein kleines Eiscafé betreibt. Er schuf Arbeitsplätze und bereitet kleinen und großen Naschkatzen viel Freude.
Doch zurück zu mir. Im Sommer 1978 delegierte mich der Direktor an die Erweiterte Oberschule (EOS) der Nachbarkreisstadt. Ich war zwar ein ausgezeichneter Schüler, aber die Lehrer übertrieben die positive Benotung bei mir. Im Grunde genommen musste man nur genau das sagen, was die Pauker von uns hören wollten. Der Lehrer, der uns in die sozialistische Produktion einführte, verlangte alle Definitionen Wort für Wort, als käme es in der Praxis nur darauf an. Manchmal war es mir regelrecht peinlich, dass man mich mit Einsen überhäufte. Sogar in den Kopfnoten Betragen, Fleiß, Mitarbeit und Ordnung standen nur sehr gute Zensuren. Meine Lehrer entschieden damit, dass ich Abitur machen durfte. Die Anzahl der Abiturienten, die sich nach volkswirtschaftlichem Bedarf richtete, bestimmte der Staat. Mit Beginn der neunten Klasse sollte ich mich zwei Jahre lang an die höheren Anforderungen der Abiturstufe gewöhnen. Da man mich in der Penne nicht mehr wegen meiner Leibesfülle hänseln konnte, prangerten die Älteren meine Herkunft an. Ich kam nicht vom Lande, sondern man nannte mich den Bauern. Das war eines der schlimmsten Schimpfworte im Osten und folgte gleich hinter Assi, dem Kürzel für asoziale Elemente, die keiner geregelten Arbeit nachgingen und täglich zehn Mark für Verpflegung vom zuständigen Amt bekamen. Von diesem Geld konnte ein DDR-Bürger auf Grund staatlich subventionierter Preise für Grundnahrungsmittel satt werden. Wer wenig Alkohol vertrug, wurde sogar besoffen davon. Die armen Menschen tauchten in keiner Arbeitslosenstatistik auf, weil es die im Sozialismus nicht gab.
Der neue Schulleiter hätte es gern gesehen, wenn alle Pennäler in den gleichen Uniformen herumgelaufen wären. Morgens stand er auf der Treppe vor dem Eingang und musterte jeden Schüler von oben bis unten. Lange Haare und Ohrringe bei den Jungen mahnte er an, spitze Kanülen verschwanden sofort vom Kragen. Die Spritzenaufsätze wurden getragen, um zu zeigen, dass man sich den Sozialismus nicht einimpfen lassen wollte. Herr Doktor hatte Spaß, Pins der Rolling Stones einzusammeln. Wenn wir Glück hatten, durften die beschlagnahmten Abzeichen am Ende des Schuljahres im Sekretariat wieder abgeholt werden. Bei einem Pfarrerssohn aus meiner Klasse beanstandete der Direktor den Aufnäher „Schwerter zu Pflugscharen“ am Ärmel. Das Zitat aus der Bibel, das für Frieden und Abrüstung stand, wurde seit 1980 zum Symbol der Friedensbewegung in unserem Lande. Propagandaträchtig setzte sich die DDR international für den Weltfrieden ein, aber Frieden schaffen ohne Waffen wollte unser Staat nicht. Aus dem Grund zwang der Direktor meinen Mitschüler, den Aufnäher abzutrennen. Der Schulleiter quälte nicht nur Schüler, sondern auch die Mitarbeiter der Schule. Von den Reinigungsfachkräften verlangte er, ihn stets mit „Herr Doktor“ anzusprechen. Die klugen Putzfrauen revanchierten sich, indem sie den Titel mehrmals in einem Satz verwendeten. „Herr Doktor, wünschen Herr Doktor, dass wir die Aula putzen, Herr Doktor?“ Diese Provokation schien dem Direktor zu gefallen. Der einzige Mensch, der dem Oberpauker Paroli bot, war unser Hausmeister. Sobald der alte Egon das Lied „Flieg nicht so hoch, mein kleiner Freund!“ durch seine dritten Zähne pfiff, verschwand der Schulleiter mit bösem Blick im Lehrerzimmer.
In der EOS galt unter den Schülern eine spezielle Hackordnung. Wer die Rolling Stones nicht mochte, wurde als Weichei verschrien. Also beschäftigte ich mich intensiv mit dieser Musik, ohne die Texte richtig zu verstehen. Nächtelang überspielte ich mit einem befreundeten Schallplattenunterhalter die Lieder der rollenden Steine vom Tonband auf meine Kassetten. Ich trug das Abzeichen der Gruppe am Kragen und die herausgestreckte Zunge am Ärmel meiner Jeansjacke, denn mit meiner Vorliebe für die City-Rockband aus Ostberlin wäre ich weit weg vom Fenster gewesen.
Als Jüngling zählte man ebenfalls zu den Außenseitern. Deshalb bevorzugte ich ältere Mädchen, die Erfahrung mitbrachten und nicht von der Penne stammten, um späterem Getratsche vorzubeugen. Ich wollte nicht, dass die Mädels in der Schule erzählten, was gelaufen war und was nicht.
Nach Unterrichtsschluss lernte ich zufällig eine hübsche Verkäuferin kennen, die zu den freundlichen ihrer Zunft gehörte. „Haben wir heute leider nicht, bitte fragen sie morgen wieder nach!“, lautete eine ihrer versierten Alibiantworten. Anstelle von Alkohol kaufte ich täglich 200 Gramm Kokosflocken mit Schokoladenüberzug, wenn Kirsten am Süßwarenstand bediente. Ich schaute ihren spröden, zierlichen Händen gern beim Eintüten zu. Mit einer kleinen, silbern glänzenden Schippe transportierte sie leckere Süßigkeiten in eine spitze Papiertüte mit dem Aufdruck „Gut gekauft - gern gekauft“. Jeden Tag fielen mehr Pralinen daneben. Ich merkte der errötenden Verkäuferin an, dass ich sie mit meinem Schmunzeln zur Verzweiflung brachte. In ihrer Verlegenheit fragte sie stets, ob es denn ein wenig mehr sein dürfte. Natürlich wollte ich mehr von ihr als kalorienreiche Süßigkeiten, aber sollte ich deshalb gleich mit der Wahrheit herausrücken? Das gehört sich doch nicht. Nach genau zwei Wochen, zwei Kilogramm Kokosflocken und 14 Mark weniger in der Geldbörse, traute ich mich endlich, Kirsten einzuladen. Ich überraschte sie beim Sortieren in der Leergutannahme. Während mich Kirsten anstarrte, zerschellten einige Flaschen auf dem Steinfußboden. Das Scherbenaufsammeln beruhigte mich. Als leidenschaftlicher Kinogänger schlug ich für den Abend einen Besuch im Filmtheater vor, weil der schummrige Kinosaal eine hervorragende Kulisse zum Näherkommen bot. Sie schien sprachlos, willigte aber sofort ein. Meine Freude war riesig. Gleich nach Ladenschluss holte ich Kirsten ab. Dem Glaskasten am Eingang der „Uckermärkischen Lichtspiele“ konnten wir entnehmen, dass ein preisgekrönter sowjetischer Heimatfilm auf dem Programm stand. Die Vorstellung fiel aus, weil der Filmvorführer das Gerät für vier Leute nicht anwerfen wollte. Kamen weniger als fünf Besucher ins Kino, durfte die Veranstaltung abgesagt werden.
Ersatzweise knutschten wir auf einer ramponierten Parkbank, während eine Gruppe alkoholisierter Rentner nebenan darüber stritt, ob die Erde eine Kugel oder ein Diskus wäre. Da die Verkäuferin zwei Jahre älter war, bekam sie von meinen Erzeugern keine faire Chance. Ich schlich mich abends aus dem Haus und fuhr zu Kirsten, um die Nächte mit ihr zu verbringen. Wenn meine Eltern morgens von der Arbeit aus dem Stall kamen, saß ich müde am Frühstückstisch. Den fehlenden Schlaf holte ich im Unterricht nach, was auf Dauer nicht gut gehen konnte. Obwohl wir einander nicht treu waren, verlobten wir uns heimlich. Wahrscheinlich fühlten wir uns beringt erwachsener, dabei waren wir eigentlich noch Kinder. Irgendwann begannen Streitereien, bei denen wir ständig aneinander vorbeiredeten. Über die Monate trennten wir uns einige Male und rauften uns wieder zusammen. Unsere Beziehung endete im Fiasko. Wir warfen uns nicht nur schmutzige Wörter an den Kopf, sondern auch die für Ostverhältnisse teuren Verlobungsringe. Trotzdem blieben wir sprichwörtlich gute Freunde und grüßen uns noch heute. Um im Falle einer Entlobung nicht ohne Freundin dazustehen, hielt ich parallel Kontakt zu einem Mädchen aus dem Nachbarort. Jana verkörperte in meinen Augen den Kumpeltyp, mit dem man Pferde stehlen konnte. Sie hörte verständnisvoll zu, wenn ich meine Probleme schilderte und tröstete mich über die beschriebenen Misserfolge hinweg. In der Woche arbeitete Jana im Halbleiterwerk der Bezirksstadt, wo sie Mikrochips nach japanischem Vorbild fertigte. An den Wochenenden halfen wir ihren Eltern und dem Opa in der Landwirtschaft. Die Freizeit verbrachten wir entweder in der freien Natur oder in der Disko. Leider kamen wir uns körperlich kein bisschen näher. Außer kuscheln und küssen passierte nichts. Jana wies all meine Bemühungen energisch in die Schranken und pochte vehement auf das Recht der ersten Nacht. Das fand ich zum Kotzen, doch meine Freundin blieb eisern. Angeblich waren wir nie allein, was ich nicht kapierte, da ich die Gelegenheiten stets günstig abpasste. Eines Tages hieß es, dass ihre Mutter das Essen vorbereitete, in der Küche war aber niemand. Deshalb durchsuchte ich die Wohnung, um den wahren Grund für Janas Zurückhaltung zu finden. Wie erwartet blieb meine Suche erfolglos. Der einzige Mensch, der kochte, war ich, allerdings innerlich. Enttäuscht über diese Begebenheit habe ich mich einfach aus dem Staub gemacht. So verloren wir uns drei Wochen vor meiner Einberufung für immer aus den Augen. Derart beschäftigt, fiel es mir schwer, mich auf den Lehrstoff zu konzentrieren. Mein Zensurendurchschnitt sank von 1,0 in der achten Klasse auf 3,0 in der Abiturstufe. Diese Note galt als die Eins des kleinen Mannes, mit der ich mich leider zufrieden gab. Ich ähnelte einem Pferd, das nur so hoch sprang wie es unbedingt musste. Statt Anschluss an die Leistungsspitze in der Klasse zu suchen, sammelte ich fleißig Tadel für undiszipliniertes Verhalten und wäre um ein Haar von der Penne geflogen.
Den ersten Tadel gab es fürs Schulschwänzen, so formulierte es der Klassenlehrer später. Dabei war ich am Tag der vierstündigen Matheklausur krank, was ein Attest bestätigte. Die ganze Woche blieb ich zu Hause und hütete das Bett. Da ich am Sonntag Fußball spielen wollte, fuhr ich am Samstag zur Penne in der Annahme, dass die Klausur längst geschrieben wäre. Auf dem Schulhof traf ich einen Streber aus meiner Klasse, der mir mitteilte, dass die Klausur genau auf diesen Tag verlegt wurde. Das hatte mir gerade noch gefehlt. Sicherheitshalber machte ich mich wieder auf den Heimweg, denn die Mathematikarbeit wollte ich nicht verhauen. Mein Mitschüler verpetzte mich, sodass ich am nächsten Montag vor die Klasse treten durfte, um Farbe zu bekennen. Als ich meine kurzfristige Anwesenheit an dem besagten Samstag leugnete, erhob sich der Streber vom Platz und widerlegte meine Version der Geschichte. So stand Aussage gegen Aussage und es blieb dem Klassenlehrer nichts anderes übrig, als mich zu bestrafen. Den zweiten Tadel zog eine Nichtteilnahme am Sportunterricht, meinem Lieblingsfach, nach sich. Unser Lehrer hatte in der Vorwoche versprochen, mit uns Hallenfußball zu spielen. Als die Sportstunde anbrach, wollte er nichts mehr von seinem Versprechen wissen. Er jagte alle Schüler aus der Turnhalle nach draußen auf den Sportplatz, wo sie Ausdauerlauf trainierten. Nur der harte Kern der Klasse wehrte sich gegen diese Verfahrensweise. Gemeinsam mit drei anderen Jungs blieb ich in der Halle sitzen. Unsere Sturheit wurde zu einem regelrechten Politikum aufgebauscht, das sich angeblich am 1980 begonnenen Streik auf der Lenin-Werft in Danzig orientierte, aus dem später die freie Gewerkschaft Solidarnosc entstand. Der dritte Tadel war politisch noch brisanter als der zweite. Ausgangspunkt der Strafe bildete der 60. Geburtstag meines Vaters, wofür ich an diesem Freitag schulfrei bekam. Am folgenden Samstag hätte ich wieder zur Penne gemusst, doch ich lag verkatert im Bett und dachte überhaupt nicht ans Aufstehen. Meine Mitschüler hatten an diesem Samstag unterrichtsfrei, weil sie am Vortag in Berlin eine Delegation aus Laos verabschieden mussten, die vom 11. bis 16. April 1981 am
X. Parteitag der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) teilnahm. Natürlich hätte ich mit in die Hauptstadt fahren müssen, aber die aufgezwungene Stimmungsmache ging mir mächtig gegen den Strich. Freiwillig beteiligte sich niemand aus der Klasse am Personenkult, da dieser von ganz oben befohlen wurde und mit hohem Aufwand verbunden war. Im Kunstunterricht bastelten wir rote Nelken, weiße Friedenstauben und blaue Papierfähnchen. Mit diesen Winkelementen wedelte man in der Luft herum bis das Flugzeug abhob. Im Bus nach Berlin wurden Verpflegungsbeutel verteilt. Sie waren mit einem Kakaotrunk, zwei trockenen Brötchen, einer Wurstkonserve, einem Riegel Schmelzkäse und einem Apfel bestückt. Jeder Abiturient erhielt eine Spalierkarte mit genauer Platzangabe, um sich auf dem großen Rollfeld nicht zu verlaufen. Dabei konnte man sich bei dem Aufgebot an Sicherheitskräften überhaupt nicht verirren, wie mir meine Mitschüler berichteten. Wahrscheinlich befürchteten die Genossen, dass man bei dieser Gelegenheit ein Flugzeug in den Westen besteigen könnte.
Meine Mitschüler fuhren mit in die Hauptstadt, um am Samstag nicht zur Penne zu müssen. Keiner gab offen und ehrlich zu, was er über derartige Pflichtveranstaltungen dachte. Nur ich tanzte wieder aus der Reihe. „Ich fahre doch nicht nach Berlin, nur um dort den Haufen zu vergrößern“, prahlte ich in einem benachbarten Partykeller, wo wir uns nach Tanzveranstaltungen trafen und gemeinsam feierten. Die Tochter des Hauses war mit einem Stasi liiert, flüsterte man sich im Dorf. Diese Bezeichnung für Nachwuchskader des Ministeriums für Staatssicherheit ist üblich gewesen bei uns. Schon als Kind hielt ich ihn für ein unbeschriebenes Blatt, denn er war ruhig und zurückhaltend. Mit seinem unauffälligen Äußeren konnte der Stasi keinem Menschen Angst einflößen. Als ich die neunte Klasse der Penne besuchte, legte er dort gerade das Abitur ab und gab mir wertvolle Tipps über einzelne Lehrer und deren Klassenarbeiten. Den wahren Grund seines Kriminalistikstudiums, die Karriere im obersten Kontrollorgan des Staates, erwähnte der Stasi nicht. Der Freund der Tochter des Hauses reagierte verzögert auf meine Prahlerei, was wohl am Alkohol lag. Schwankend erhob er sich vom Stuhl und blickte mich vorwurfsvoll an. Der Stasi zog seinen Ausweis aus der Tasche, hielt mir diesen vor das Gesicht und fragte, ob ich den Satz wiederholen würde. Was folgte, war Totenstille. Niemand traute sich, etwas zu sagen. Ich hatte mit meinem unüberlegten Satz eine Linie überschritten und keiner wusste, wie damit umzugehen war. Alle schwiegen, versteckten sich, um die Angst vor den Folgen einer eigenen Meinungsäußerung zu ertragen. Ich sah dem Stasi in die Augen und spürte, wie mein Gesicht rot anlief. Während die Gastgeberin noch versuchte, ihren Freund zu besänftigen, stichelte dieser munter weiter. Anscheinend erwartete er eine Reaktion von mir. Die anderen Gäste schauten still auf den Fußboden, um den Blicken des Stasi auszuweichen. „Das wird mir jetzt zu heiß hier“, antwortete ich wütend und lief die paar Schritte nach Hause. Nachts konnte ich nicht schlafen, weil ich Angst davor hatte, dass man mich in der Penne verpfeifen würde. Dann wäre mein Abitur dahin und ohne Abi durfte man nicht studieren. Ich befürchtete Verhaftung, Jugendwerkhof oder Knast. Den ganzen Vormittag lag ich im Bett und grübelte. Mittags besuchte mich mein Kumpel Hardy, der als Augenzeuge alles mitbekommen hatte. „Du hast doch nur ausgesprochen, was du gedacht hast, Paule!“ Genau da lag mein Problem. Man durfte nie offen sagen, was man wirklich dachte. Schweigen wäre besser gewesen, das hatte ich für einen Moment vergessen. „In der DDR existieren zwei Wahrheiten“, predigte mein Vater stets. Die erste, die man im Herzen trug, kursierte in den eigenen vier Wänden und durfte nicht nach außen dringen. Die andere Wahrheit galt für Schule, Arbeitsstelle und Partei. Überall traf man diese Doppelzüngigkeit bei uns an. Etwas zu wissen und nicht darüber reden zu dürfen, die eigene Meinung zurückhalten und lieber schweigen oder nur das Geforderte sagen. Man hatte eine Rolle zu spielen und viele machten mit. Bereits als Jugendlicher war ich genauso verlogen wie Erwachsene. Entweder belogen wir uns gegenseitig oder man belog sich selbst und hielt damit das kaputte System in unserem Staat am Leben. Das wurmt mich noch heute. Die politische Wende in der DDR wäre früher gekommen, wenn mehr Menschen den Mut gehabt hätten, sich die Wahrheit ins Gesicht zu sagen. „Der Stasi wird dich nicht verpetzen“, meinte Hardy. Sein ehrliches, aber naives Mitgefühl konnte mich nicht aufheitern. Würde mich der Stasi anzinken, um Pluspunkte für seine Laufbahn zu sammeln? Ich war mir nicht sicher und rechnete mit dem Schlimmsten. Der folgende Montag sollte endgültig Klarheit bringen.
Meine Eltern waren morgens im Stall, als ich meine Garderobe auswählte. Ich kleidete mich seriös, wollte die erwarteten Anfeindungen umgehen und verzichtete auf Jeans, Abzeichen und Aufnäher. Stattdessen entschied ich mich für eine braune Anzughose aus Präsent 20, einem Stoff aus Chemiefasern, den man zum 20. Geburtstag unserer Republik kreiert hatte. Dazu trug ich ein helles Oberhemd und eine beigefarbene Cordjacke von Jumo, dem Ausstatter für Jugendmode in unserer Republik. Die braunen Halbschuhe polierte ich, bis ich mich darin spiegeln konnte. Mir fehlte nur der Schlips und ich wäre selbst als Pauker durchgegangen. Die neugierigen Blicke auf dem Weg zum Bahnhof, die meine ungewohnte Verkleidung anzog, verunsicherten mich noch mehr. Ich spürte, dass dieser Montag nicht mein Tag werden würde. Im Zug geriet ich prompt in eine der eher seltenen Kontrollen und stellte entsetzt fest, dass meine Wochenkarte bereits abgelaufen war. Wütend warf ich das alte Ticket auf den frisch geölten Fußboden des Abteils. Mein rowdyhaftes Verhalten veranlasste den Schaffner, die Bahnpolizei am Zielbahnhof zu verständigen. Auf dem letzten Bahnsteig trainierte ein freundlicher Ordnungshüter mit mir, wie man einen ungültigen Fahrausweis zielsicher in den Papierkorb wirft. Der Bahnpolizist entließ mich mit der Maßgabe, eine neue Wochenkarte zu kaufen. Nun musste ich noch an den asozialen Elementen vorbei, die an der Ecke vorm Intershop auf milde Gaben der Kundschaft lauerten. Abwechselnd hielt einer der Gelegenheitstrinker seine Bierflasche gegen das erwachende Sonnenlicht und prüfte, ob der Inhalt noch für einen Schluck ausreicht. Sein Kumpel wedelte mit einem lilafarbenen Forumscheck, um seinen Reichtum zu zeigen. Ich bog um die Ecke in die Heinrichstraße und erkannte von weitem unseren Direktor, der auf der obersten Treppenstufe thronte wie Lenin vorm Olympiastadion in Moskau. Alle Schwerter samt Pflugscharen passierten den Schulleiter, sogar die rollenden Steine durften dieses Mal rein. Herr Doktor ignorierte sämtliche Embleme, denn er wartete nur auf mich. Obwohl ich auffällig unauffällig gekleidet war, verwehrte er mir den Zutritt ins Schulgebäude. „Küch, folgen sie mir ins Lehrerzimmer!“, fuhr mich der Pauker energisch von der Seite an. Im Sekretariat redete ein Mann, den ich noch nie gesehen hatte, auf den Parteisekretär unserer Schule ein, der Geschichte und Staatsbürgerkunde lehrte. Mein Eintreffen beendete den lauten Monolog. Der Unbekannte trug eine Kombination aus abgewetztem, grauem Cordstoff, ein weißes Oberhemd und eine weinrote Krawatte. Mit seiner grünen Studentenkutte konnte er nur ein Mitarbeiter unserer Sicherheitsorgane sein. Ich musste mich an die Stirnseite des Lehrertisches setzen, die mir wie eine Anklagebank vorkam. Mir schwante Böses, als der Unbekannte dem Doktor ein Blatt Papier übergab. Es handelte sich um das Protokoll von Samstagnacht, eine Seite in DIN A4, mit Schreibmaschine getippt. Der Ordnung halber erhielt ich eine Kopie auf Durchschlagpapier. Nach Verlesen des Tatbestandes verlangte der Direktor eine Stellungnahme von mir. Zunächst schwieg ich, weil ich nicht wusste, ob mit dem Begriff Vorkommnis die Nichtteilnahme an der Berlinfahrt oder die verbale Rechtfertigung dafür gemeint war. Mein Schweigen werteten die Richter wie ein Schuldeingeständnis. Die Äußerungen konnte ich nicht leugnen, die Anklageschrift lag vor mir auf dem Tisch. Die Unterschrift vom Stasi aus unserem Dorf fehlte. Stattdessen las ich einen anderen Namen mit Dienstgrad unter dem Bericht.
Innerlich triumphierend begann der Direktor, die Strafe gemäß Schulordnung vom 29. November 1979 zu verlesen. Danach verbot mir der Unbekannte unter Androhung ernsthafter Konsequenzen, den wahren Tatbestand offen kundzutun. Mit meinem Verhalten hätte ich genug Schaden für Eltern, Schule und Staat angerichtet. Meine Verfehlung war keineswegs die Nichtteilnahme allein, sondern auch die Begründung. Angeblich hätte ich meinen Platz in der sozialistischen Gesellschaft noch nicht gefunden. Nach der Moralpredigt geleiteten mich Direktor und Parteisekretär zum Klassenraum. Meine Mitschüler, die nichts Konkretes wussten, schauten mich fragend an, während ich offiziell getadelt wurde. Mit diesem Strafmaß bin ich glimpflich davongekommen, man hätte mich auch von der Schule verweisen können. Beim harten Kern der Klasse erntete ich Anerkennung für mein wiederholtes Anecken. Die Streber wandten sich demonstrativ von mir ab, wollten die eigene Karriere nicht gefährden. Ich habe zu wenig über die Konsequenzen meines Verhaltens nachgedacht, hatte leichtfertig Abitur und Studium aufs Spiel gesetzt. Insofern waren die drei Tadel die berühmten Schüsse vor den Bug, die mich zum Zurückrudern zwangen. Man handelte ständig in Angst vor negativen Folgen für sich selbst und andere. Diese Furcht war so tief in unserer Gesellschaft verwurzelt, dass man sich dessen oft nicht mehr bewusst war.
Im wehrpflichtigen Alter
Der Druck auf uns Jugendliche, sich für einen längeren Armeedienst zu verpflichten, nahm ab der neunten Schulklasse immer mehr zu. Wir wurden ständig agitiert, eine Offizierslaufbahn einzuschlagen oder wenigstens drei Jahre als Unteroffizier zu dienen. Einige Lehrer verbogen sich regelrecht, um Nachwuchs für die NVA zu gewinnen. Konnte ich mich bis zur zehnten Klasse erfolgreich vor Arbeitsgemeinschaften wie Flugmodellbau, Kraftsport und Schießen drücken, gab es in der Abiturstufe keine Ausreden mehr, eine Mitgliedschaft in der Gesellschaft für Sport und Technik (GST), die das Sprungbrett zur Armee bildete, zu verweigern.
Im elften Schuljahr absolvierten wir Jungen einen militärischen Lehrgang auf der Insel Rügen. Während der Zugfahrt ins Wehrlager fielen unsere graugrünen Uniformen und schwarzen Schnürschuhe auf, weil sie sich krass von der knappen Mode der Urlauber unterschieden. So standen wir beim Umsteigen auf den Bahnhöfen in Stralsund und Sagard isoliert da.
Die Ausbildung mit Holzgewehren in den Wäldern zwischen Breege und Juliusruh machte uns zu einer absoluten Lachnummer. Nach Dienstschluss übten wir Nahkampf in den Dünen am Tromper Wiek, tranken Bier und bändelten mit vernachlässigten Urlauberinnen an. Heute tummeln sich Camper auf dem Gelände des ehemaligen GST-Lagers in Breege, wo nur der verwahrloste Schießplatz an alte Zeiten erinnert. Zum Glück war unser Lehrer ein überaus verständnisvoller Vorgesetzter, der dem Pseudodrill nichts abgewinnen konnte und unsere Freizeitaktivitäten tolerierte. Da fünf Mitschüler ihr Hobby zum Beruf wählten, brauchte ich keine Verpflichtungserklärung für eine längere Dienstzeit zu unterschreiben. Zwei wollten unbedingt, zwei mussten von den Eltern aus und einer wurde mitgerissen. Die hohe Quote überraschte selbst den verantwortlichen Lehrer, so dass ich überhaupt nicht gefragt wurde. Ich sah die 18 Monate Grundwehrdienst als notwendiges Übel, denn ich verabscheue den Umgang mit Waffen aus Respekt vor deren Wirkung. Trotzdem musste ich wie die meisten männlichen Jugendlichen zur Fahne. So hieß es früher, wenn der Grundwehrdienst in der NVA bevorstand. Seit Einführung der allgemeinen Wehrpflicht in der DDR am 24. Januar 1962 waren anderthalb Jahre Pflicht. Alles darüber hinaus war freiwillig. Rekruten mussten Anfang Mai oder Anfang November einrücken. Bei den Grenztruppen wurde zusätzlich im Februar und August eingezogen. Ich wusste damals wohl, dass man den Dienst an der Waffe ablehnen durfte. Nach Verordnung des Nationalen Verteidigungsrates vom 7. September 1964 bot sich die Chance, den Militärdienst in Baukompanien abzuleisten.
Eine solche Verweigerung wäre für mich nicht in Frage gekommen, weil ich meinen Eltern keine Schwierigkeiten bereiten wollte. Zudem hatte ich ein abschreckendes Beispiel vor Augen, als ein Freund von mir die Uniform mit dem kleinen Spaten auf den Schulterstücken anzog. Trotz pazifistischer Einstellung wurde Detlef Teil der Arbeiter-und Bauernarmee. Der gelernte Betonfacharbeiter mauerte dicke Wände auf einer abgesperrten Baustelle in der Nähe von Berlin, wo ein Militärobjekt entstand. Das emsige Treiben beobachtete ich heimlich durch ein winziges Astloch im übermannshohen Bretterzaun, wenn ich Detlef am Wochenende mit dem Moped abholte. Die schwere körperliche Arbeit war mein Kumpel gewöhnt, aber der militärische Drill machte ihm zu schaffen. Aus grauen Lautsprechern schepperte Marschmusik, die das monotone Geschrei der Vorgesetzten übertönte. Trotzdem konnte ich das Gebrüll bis auf die Straße hören. Überall standen bewaffnete Aufpasser, die dafür sorgten, dass sämtliche Tätigkeiten im Laufschritt erledigt wurden. Die befohlene Eile führte zwangsläufig zu Pfusch am Bau, was Strafen nach sich zog. Detlef musste Überstunden leisten, so dass ich freitags oft vergeblich auf meinen Freund wartete. Er sprach nicht über den Dienst, weil ihm die Verweigerung nur Nachteile einbrachte. Niemand interessierte sich für die Gründe, warum Detlef keine Waffe in die Hand nehmen wollte. Er galt fortan im Dorf als Drückeberger, was ich unter keinen Umständen wollte. Berufliche Perspektiven für Spatensoldaten waren eingeschränkt und Studienplätze gab es nicht mehr für sie. Davor hatte ich Angst.
Mit dem obligatorischen Musterungsbescheid forderte man mich zur Überprüfung meiner Diensttauglichkeit auf. Ein Nichterscheinen beim Wehrkreiskommando hätte strafrechtliche Folgen gehabt.
Geprägt durch die Erziehung im Elternhaus machte ich mir selbst Mut, denn ich wollte nicht vor der Verantwortung davonlaufen. Das war ich mir persönlich und meinen Eltern schuldig. An die Verpflichtung dem Staat gegenüber dachte ich weniger. Wenn man genau das tat, was von einem verlangt wurde, hatte man seine Ruhe.
In meinem Bekanntenkreis fragte ich ehemalige Grundwehrdienstler nach ihren Erinnerungen. Leider konnte ich daraus keinen Nutzen ziehen, weil die Auskünfte zwiespältig waren. Einige Leute prahlten damit, bei der NVA erfahren zu haben, wer man wirklich war. Bei anderen gewann ich den Eindruck, dass sie die Armeezeit bewusst verdrängten, da sie abwertend über diesen Lebensabschnitt sprachen. Folglich beschlich mich ein Gefühl zwischen Angst und Neugier.
Die Untersuchung meiner körperlichen und geistigen Eignung für den Wehrdienst erfolgte am 21. April 1981 in unserer Kreisstadt. Ich war vorher beim Friseur und trug keine Matte mehr wie die Hippies im Musical Hair. In der Nacht vor dem Termin träumte ich vom Hochstapler Felix Krull aus dem Roman von Thomas Mann, der mit einem epileptischen Anfall seine Ausmusterung erreichte. Das lag mir fern. Schon beim Aufstehen am frühen Morgen begann das Muffensausen, das sich in dem Maße steigerte, je näher der Termin rückte. Mein Zug bekam am Umsteigebahnhof keine Einfahrt, sodass ich befürchtete, den Anschlusszug zu verpassen. Ich war Pünktlichkeit gewöhnt, was man von unseren öffentlichen Verkehrsmitteln nur bedingt behaupten konnte. Deshalb plante ich reichlich Zeit für die Anreise ein, um viel zu früh am Musterungsstützpunkt einzutreffen. Hinter einem Tross orangefarbener Rangierloks auf dem Nachbargleis sah ich den D-Zug von Stralsund zur Weiterfahrt nach Berlin-Lichtenberg stehen. Ich spurtete los und erreichte ihn auf den letzten Drücker. Hastig schlug der Schaffner die Tür von außen zu. Im selben Augenblick fuhr der Zug an. Das heftige Rucken schleuderte mich in den überfüllten Gang, wo man überhaupt nicht umfallen konnte. Wer nun hoffte, dass bei dem Gedränge keine Fahrausweise kontrolliert wurden, der hatte sich getäuscht. Rechtzeitig fiel mir ein, dass mein Musterungsbescheid gleichzeitig Fahrkarte 2. Klasse war. Zwei Stunden zu früh erreichte ich den Musterungsstützpunkt, der direkt hinter dem Bahnhof lag. Bei der Anmeldung musste ich nicht warten. Jeder Kandidat ist sofort abgefertigt worden, was mir ermöglichte, den Mittagsbus nach Hause zu schaffen. Ein weiterer Vorteil bestand darin, dass mich niemand kannte. Ich brauchte keine Zeugen, die mir später nachsagten, dass ich mich blöd angestellt hätte. Diese Anonymität ließ meine Unsicherheit langsam weichen und meine Angst, den Kittel-und Uniformträgern hilflos ausgeliefert zu sein, schien unbegründet. Die Übermacht hatte ich mir größer vorgestellt. Natürlich flößten mir Menschen in Uniformen Respekt ein, aber ich gewöhnte mich schnell an die durchdringenden Blicke. Die Prozedur selbst bestand aus vier Abschnitten, die akribisch im Gesundheitsbuch festgehalten wurden. Dieses G-Buch musste ein wichtiges Dokument sein, denn auf der Titelseite prangte das Wappen unseres Arbeiter- und Bauern-Staates. Teil A beinhaltete Namen, Adresse, Geburtsdatum und Schulbildung. Im Teil B erfolgte eine Aufnahme von Erkrankungen in unserer Familie. Ein freundlicher Weißkittel mit Hornbrille auf der untersten Nasenspitze fragte nach Unfällen, ambulanten und stationären Behandlungen. Als er das mächtige Gestell abnahm, glich er einem schlitzäugigen Chinesen. Er rieb sich ein Auge und kniff das andere zu, was Krähenfüße in den Winkeln entstehen ließ. Der Brillensteg hatte auf der Nase einen terrassenähnlichen Abdruck hinterlassen. Sein Zinken wirkte wie eine Skisprungschanze. Der Arzt hauchte gegen die Gläser, polierte sie blitzblank und riskierte einen flüchtigen Kontrollblick. Das benutzte Stofftaschentuch verschwand jedoch nicht wieder in seiner Hosentasche. Er zwirbelte eine Ecke zu einer fingerdicken Wurst und steckte sich die Spitze abwechselnd in beide Nasenlöcher. Dazu bückte er sich unter den Schreibtisch, wobei seine Stirn beinahe gegen die Tischkante gestoßen wäre. Ich verschwieg, dass mein Vater während des Afrikafeldzuges im Zweiten Weltkrieg mit Malaria im Lazarett lag. Besonderen berufsbedingten Einflüssen wie Lärm, radioaktiven Strahlen und giftigen Substanzen war ich als Schüler der elften Klasse nicht ausgesetzt. Die Frage nach Nikotin konnte ich verneinen, der Gestank ekelte mich an. Erste heimliche Versuche, Filterzigaretten zu rauchen, lagen hinter mir. Schokolade schmeckte mir besser. Beim Thema Alkohol nickte ich zwar, aber der Doktor fand keine Anzeichen einer Abhängigkeit. Bettnässer war ich schon lange nicht mehr. Die Schwimmfertigkeit lag mit erreichter dritter Schwimmstufe vor. Bei sportlicher Betätigung trug der Arzt ein, dass ich organisiert Fußball spielte.
Teil C umfasste die körperliche Untersuchung durch den Musterungsarzt. Nur in Unterhosen betrat ich barfuß einen Raum, in dem Einzelabfertigung herrschte. Bei einer Körpergröße von 185 Zentimetern wog ich 82,5 Kilogramm. Als mir der Doktor einen trockenen Holzspatel in den Rachen schob, musste ich würgen. Die Blutentnahme wurde von der Krankenschwester vorgenommen, die Protokoll führte. Der Musterungsarzt prüfte Ohren, Augen, Nase, Mundhöhle, Hals, Wirbelsäule, Lunge, Herz, Milz, Nieren und die Haut. Mein leichter Silberblick störte ihn nicht. Den dezenten Griff an die Männlichkeit begleitete ein „Husten sie mal!“, was die Schwester animierte, genauer hinzuschauen.
Auf Grund der Befunde sollte im Teil D eine geeignete Waffengattung für mich festgelegt werden. Die Entscheidung der Musterungskommission bestand aus zwei Worten, motorisierter Schütze. Das hieß Angehöriger der Landstreitkräfte der NVA, kurz Mucker. „Ich, warum ausgerechnet ich?“, bohrte sich eine Frage in mein Hirn, die gewiss tausende Rekruten vor mir beschäftigt hatte. War das Zufall oder Schicksal? Keine andere Waffengattung hätte mich mehr treffen können, denn motorisierte Schützen galten im Krieg bestenfalls als Kanonenfutter. Enttäuscht von dieser Einstufung hätte ich fast die Frage nach der Dauer der Dienstzeit überhört. Länger als 18 Monate zu dienen, stand für mich nicht zur Debatte. Ich erhielt den grauen Wehrdienstausweis und eine persönliche Erkennungsmarke, auf der meine Personenkennzahl und die Staatsangehörigkeit DDR eingeprägt waren. Die sogenannte Hundemarke sollte im Ernstfall um den Hals getragen werden. Von meinem Vater wusste ich, dass er einmal das ovale Aluminiumschild eines Kameraden in der Mitte auseinanderbrach, als der Soldat im Zweiten Weltkrieg verstarb. Er nahm den unteren Teil mit und gab ihn beim Vorgesetzten ab. Der obere Teil verblieb zur Identifizierung bei der Leiche. In dem Zusammenhang erzählte mein Vater auch von ehemaligen Kameraden, die vor ihrer Erschießung im Kriegsgefangenenlager die Hundemarken zusammenrollten und verschluckten, um später erkannt zu werden. An ein solches Szenario wagte ich nicht zu denken.
Trotz düsterer Aussichten fiel mir ein Stein vom Herzen, weil ich die Musterung überstanden hatte. Dafür belohnte ich mich mit Bier in der Wildgaststätte „Weidmannsheil“. Kurz nach 11.00 Uhr war ich der erste Gast, der den kalten Rauch vom Vorabend einatmen musste. Das vergilbte Schild „Bitte warten, Sie werden platziert!“ am Hirschgeweih überm Eingang ignorierte ich bewusst. Ich setzte mich an den verwaisten Stammtisch vorm Tresen und orderte hastig ein Bier, weil mir nur eine halbe Stunde bis zur Abfahrt des Busses blieb. Das erste Glas leerte ich in einem Zug und bestellte sofort ein zweites Bier nach. Als ich Soljanka verlangte, riet mir die kesse Kellnerin ab, weil die Suppe vom Vortag angeblich aus dem Topf stank. Dafür bekam ich einen doppelten Kräuterlikör auf Rechnung des Hauses, mit dem der Objektleiter einen Eintrag ins Gästebuch, dem Beschwerdebuch in Kneipen, verhindern wollte. Entgegen der Annahme des Wirtes war ich nicht der Typ, der sich beklagte. Wenn mir etwas nicht schmeckte, habe ich es stehengelassen, meine Rechnung bezahlt und das Lokal künftig gemieden.

Hundemarke des Autors

Wehrdienstausweis des Autors
Ein Jahr später, am 10. September 1982, fand meine Einberufungsüberprüfung statt, was dafür sprach, dass ich bald zur Armee musste. Jede Veränderung gegenüber den früheren Musterungsbefunden trug ein Militärarzt penibel ins Gesundheitsbuch ein. Übereinstimmungen hakte er gewissenhaft ab, ohne sich dabei aus der Ruhe bringen zu lassen. Die trügerische Routine unterbrach ein Offizier mit einer Frage, die so viel Sprengstoff in sich barg, dass ich ihre Bedeutung nicht gleich erfassen konnte. „Genosse Küch, würden sie bei einem Angriff auf ihre Person von der Schusswaffe Gebrauch machen?“, bohrte der Uniformierte. In diesem Moment, in dem man mich mit einer scheinbar simplen Frage konfrontierte, deren Tragweite ich nicht übersah, fühlte ich mich total überfordert. Sollte ich ja sagen, um mein Studium nicht zu gefährden? Durfte ich überhaupt nein sagen und wenn ja, welche Konsequenzen würde das für mich haben? Selbstverständlich hätte ich mich verteidigt. Jeder Mensch verteidigt sich, wenn er angegriffen wird und mit einer Waffe ist das einfacher als mit bloßen Händen, sagte mir meine innere Stimme. Deshalb antwortete ich mit dem Wort aus zwei Buchstaben. Ich hielt mein Ja in dieser Situation für normal und merkte, dass alle Anwesenden mit der Antwort gerechnet hatten. Die Mitglieder der Einberufungskommission, die nicht an meiner grundsoliden sozialistischen Einstellung zweifelten, werteten meine Zustimmung als Bereitschaft und steckten mich an die innerdeutsche Grenze.
Grenztruppen der Deutschen Demokratischen Republik hörte sich plötzlich so bedeutend an, viel wichtiger als motorisierter Schütze oder Mucker. Man hätte fast annehmen können, es würde sich um eine Auszeichnung handeln, denn ich war ein Kind zweier Genossenschaftsbauern, die in der Hierarchie der Klassen und Schichten im Lande hinter den Angehörigen der Arbeiterklasse lagen. Irrtümlich dachte ich, dass nur Söhne von Betriebsleitern, Kombinatsdirektoren oder Parteisekretären an die Grenze kamen. Bei den Grenztruppen herrschte eine bunte Mischung, was die Herkunft der Rekruten betraf. Damals habe ich dem Grenzdienst gleichgültig gegenübergestanden, weil ich wenig darüber wusste. Ich kannte die olivgrünen Uniformen, die mit dem Muster aus einem Strich und dann wieder keinem Strich abwechselnd verziert waren. Von dieser Anordnung stammte der Begriff Einstrich-Keinstrich, das Kurzwort für unsere Uniformen.
Zur Ausbildung sollte ich ab November 1982 ins Grenzausbildungsregiment 11 nach Eisenach einrücken. Mit dieser Stadt verband ich die Wartburg und den gleichnamigen Pkw, das Aushängeschild der einheimischen Automobilindustrie. Dabei zählte Eisenach neben Weimar zu den deutschen Kulturhochburgen. Martin Luther versteckte sich hier auf der Wartburg, übersetzte als Junker Jörg das Neue Testament aus dem Griechischen ins Deutsche und schuf somit die Grundlage der deutschen Schriftsprache. Johann Sebastian Bach wurde am Frauenplan 21 geboren, Walter von der Vogelweide und Goethe waren in der Stadt zu Gast und der Dichter Fritz Reuter verbrachte hier seine letzten Jahre. Auf Grund ihrer Bedeutung in der deutschen Geschichte präsentierte sich Eisenach in einem für DDR-Verhältnisse erstaunlich gepflegten Zustand. Unsere Staatsführung verwendete erhebliche finanzielle Mittel, dass nicht nur die Wartburg für Touristen vorzeigbar war. Die Besucher aus dem Westen konnten bedenkenlos Kirchen, Museen und Fachwerkhäuser der Stadt besichtigen.
Warum wird man aus dem Bezirk Frankfurt an der Oder in den Bezirk Erfurt befohlen? Einfach deshalb, weil unser Staat kriegsähnliche Verhältnisse simulierte und junge Leute so weit wie möglich von zu Hause wegschickte. Aus dem Osten des Landes verfrachtete man sie an die Westgrenze und umgekehrt. Jungs aus dem Norden mussten im Süden dienen und anders herum.
Die Aussicht, dass mir zwei Winter an der Grenze bevorstanden und nicht zwei Sommer, war vorteilhaft, da man sich in der warmen Jahreszeit angenehmer vergnügen konnte als in der kalten. Das galt vor allem, wenn eine Freundin, Verlobte oder Ehefrau daheim existierte. Der Grundwehrdienst bildete einen echten Prüfstein für die Liebe. Genau an diesem Punkt begann mein Problem. Sollte ich so kurz vor der Armeezeit das Risiko einer neuen Beziehung eingehen?
Aller Abschied fällt schwer
Auf dem Weg zur Penne kam mir täglich eine junge Frau mit einem Moped entgegen. Man konnte die Uhr nach ihr stellen, denn pünktlich um 7.00 Uhr brauste sie an mir vorbei und grüßte jedes Mal freundlich. Wie sich Corinna mit ihrer orangefarbenen Schwalbe in die Kurven legte, war sehenswert.
Sie arbeitete als Sekretärin in der LPG, wo auch meine Eltern unseren Lebensunterhalt verdienten. Corinna gefiel mir mit ihrer mittelblonden Mähne und dem schelmischen Lächeln auf Anhieb. Sie hatte graugrüne Augen, einen begehrenden und zugleich begehrenswerten Blick sowie Kurven satt. Ihre Weiblichkeit verlieh jedem Kleidungsstück etwas Besonderes, das nicht nur meine Sinne, sondern auch mein Herz berührte. Wenn ich Corinna sah, ging es mir gut.
Um an Informationen über sie zu kommen, bemühte ich ihren jüngeren Bruder, der die Berufsschule in der Nachbarkreisstadt besuchte und ebenfalls mit dem Zug fuhr. Doch Ralf verstand nicht, dass ich Gefallen an seiner Schwester gefunden hatte. Er war so verschlossen, dass ich nichts aus ihm herausbekam. Also musste ich mich selber kümmern. Sehnsüchtig fieberte ich dem wöchentlichen Training der Damen-Gymnastikgruppe unseres Dorfes entgegen und beobachtete Corinna, die sich elegant über den Mattenboden bewegte. Während der Festumzüge am 1. Mai und 7. Oktober stand ich am Straßenrand, um Corinna zu sehen, die im Gleichschritt des Deutschen Turn- und Sportbundes (DTSB) der DDR marschierte. Die pure Lebensfreude, die von ihr ausging, wirkte ansteckend. Wenn ich Corinna mit meinen bisherigen Eroberungen vergleiche, müsste ich die jungen Frauen kränken. Um nicht missverstanden zu werden: Alle Mädels waren auf ihre Art nett, liebenswert und ich bereue keine der Beziehungen. Jedoch steckte der Damennachwuchs wie ich in der pubertären Erkundungsphase. Corinna wirkte mit ihrer Lebenserfahrung wesentlich reifer. Ich machte mir wenig Hoffnung, da sie fünf Jahre älter war und zwischenzeitlich auch verheiratet. Mit diesen Tatsachen wollte ich mich nicht abfinden. Auf der Suche nach einer passenden Gelegenheit, meinen Schwarm wiederzusehen, half mir der Zufall.
Mein lahmes Moped, das ich mir vom Jugendweihegeld kaufte, hatte ich mit Wertausgleich gegen ein Motorrad vom Typ MZ TS 150 eingetauscht, das nicht anspringen wollte. Trotz neuer Zündkerze gab das Motorrad keinen Laut von sich. Wütend warf ich das Werkzeug durch die Garage, bis diese einem Schlachtfeld glich. Ich gebe zu, dass ich von Technik keine Ahnung hatte. Auch mein Sinn fürs Praktische ließ zu wünschen übrig, aber ich erkannte, dass ich fachmännische Hilfe brauchte. Da nur ausgewählte Haushalte in unserem Dorf über einen Telefonanschluss verfügten, radelte ich zum LPG-Büro. Von dort aus wollte ich eine Werkstatt anrufen, um einen Reparaturtermin zu vereinbaren.
Als ich schüchtern den Raum betrat, verflog der ganze Ärger mit dem Motorrad. Meine Traumfrau, die auf eine Optima-Schreibmaschine einhämmerte, grüßte freundlich, ohne das Tippen zu unterbrechen. Hinter ihrem rechten Ohr klemmte ein angespitzter Bleistift, was mir Respekt einflößte. In dem Moment vergaß ich alle Komplimente, die ich mir mühsam ausgedacht hatte. Ich war so nervös, dass ich erst nach einigen Augenblicken den Mut fand, sie anzusprechen. Mit hochrotem Kopf schilderte ich das technische Problem und bat die Sekretärin um Unterstützung. Corinna unterbrach ihre Arbeit und musterte mich von oben bis unten. Wenn ich das geahnt hätte, wäre mein Blaumann in der Garage geblieben. Wer bei uns im Dorf nicht in Arbeitsklamotten oder im Trainingsanzug umherlief, der hatte entweder Geburtstag oder es war Feiertag. Corinna verschränkte beide Arme, sah mitleidig zu mir rüber und bemerkte, „dass der Teufel so manches Mal direkt im Detail stecken würde.“ Ich hielt die treffliche Fehlerdiagnose der Tippse für blanken Wahnsinn und sah sie mit einer Mischung aus Erstaunen und Zuneigung an. Corinna blätterte im Telefonbuch, wählte die Nummer der Werkstatt und reichte mir den Hörer. Aufgeregt griff ich daneben und spürte ihre warme, weiche Hand, die ich nicht loslassen wollte. Mein Telefonat geriet völlig zur Nebensache, als sie sich lässig zurücklehnte und die Arme hinterm Kopf verschränkte. Verlegen schielte ich auf ihr pralles Dekolleté, das die Rüschenbluse in Altrosa ausfüllte. Mir wurde schlagartig klar, dass Corinna mehr verdient hatte als meine heimliche Bewunderung.
Diese Frau hätte man mit Zärtlichkeiten überschütten müssen in jeder Sekunde des Tages und warum sollte ich das nicht tun. Wenn der LPG-Vorsitzende nicht ins Zimmer geplatzt wäre, hätte ich wahrscheinlich die Beherrschung verloren. Stattdessen bedankte ich mich höflich und verließ das Büro in der Hoffnung, dass ich der freundlichen Sekretärin in Erinnerung bleiben würde.

Der Autor mit seiner MZ TS 150
Ein anderes Mal traf ich Corinna in unserem Dorfkonsum, wo sie in der Mittagspause regelmäßig einkaufte. Sie trug ein braunes Sommerkleid, das vorne durchgehend zu knöpfen war. Die oben und unten offene Knopfleiste gestattete mir tiefe Einblicke. Ich hätte beinahe die Konsummarken vergessen, die meine Mutter sammelte. Corinna stand vorm Feinkostregal, sah einmal nach links, einmal nach rechts und wieder nach links. Scheinbar unbeobachtet, griff sie gezielt nach dem Mostrich aus Bautzen. Es blieb jedoch nicht bei einem Becher. Sie hortete emsig, denn ich zählte 36 Stück in ihrem Einkaufskorb. Wofür brauchte man nur so viel Senf? Während ich noch überlegte, fand der Hamsterkauf bereits erste Nachahmer. Alle Kundinnen, die Corinna beobachtet hatten, griffen eilig zum Mostrich. Es entbrannte ein heißer Kampf um die verbliebenen Becher im Regal. Die Leute tuschelten, dass demnächst ein Senfmangel im Handel bevorstände. Ich staunte über das auffällige Kaufverhalten, das meine Traumfrau mit ihrer Hamsteraktion auslöste. Während sie die Ware an der Kasse bezahlte, ging ich zurück und packte sicherheitshalber zwei Becher Senf in meinen Einkaufskorb. Man konnte ja nie wissen, wann es wieder Mostrich gab. Ich hätte mehr genommen, aber das Feinkostregal war leergefegt.
Genau 14 Tage vor meiner Einberufung sah ich Corinna bei einer Disko, wo sie in einem grünen Strickpulli und hautengen Bluejeans den Saal rockte. Dieser Anblick bestätigte meinen Entschluss, endlich anzugreifen. Aber das Auseinandertanzen lag mir nicht. Die Frau auf diesem Wege zu erobern, fiel also aus. Ich tanzte lieber zusammen oder rockte bei „Hiroshima“ von Wishful Thinking kniend auf dem Fußboden. Dabei konnte man keinem auf die Schuhe treten. Einen Kompromiss bildete die langsame Runde, die häufig als seichtes Vorspiel am Ende der Veranstaltung gespielt wurde. Im Dunkeln hätte niemand einen Fehltritt bemerkt. Wenn ich schon nicht alt genug war, musste ich wenigstens für mein Alter perfekt wirken. Ich bestellte mir beim Diskjockey mein Lieblingslied, „Am Fenster“ von City, das er sowieso zum Abschluss spielen wollte. Als die ersten Geigenklänge aus den Lautsprecherboxen auf der Bühne zu hören waren, forderte ich Corinna zum Tanzen auf. Sie lächelte verschmitzt und folgte mir aufs Parkett. Die neugierigen Blicke ihrer staunenden Freundinnen ignorierte ich. Beim Tanzen bewegten wir uns kaum von der Stelle. Während ich ihre Nähe genoss, plapperte Corinna munter drauflos wie das Frauen so an sich haben. Da ich nur die Hälfte der Nettigkeiten verstand, schmiegte ich mich noch enger an sie heran. Für diesen Augenblick hatte ich den ganzen Aufwand betrieben und wurde nicht enttäuscht. Irgendwann küsste ich Corinna flüchtig auf den Mund. Sie erwiderte meinen Kuss und ich legte nach. Das klebrige, rote Zeug auf ihren weichen Lippen reichte für zwei. Unsere kleinen, heimlichen Zärtlichkeiten bestärkten meinen Wunsch, dass der gemeinsame Abend kein Ende nehmen sollte. Nach der Disko brachte ich Corinna bis vor die Haustür und fragte zuerst nach dem Senf, worauf eine simple Erklärung für den Hamsterkauf folgte. Corinnas Mutter, die Verkaufsstellenleiterin des Konsums in der Nachbargemeinde, hatte einfach vergessen, Senf zu bestellen. Die kluge Geschäftsfrau beauftragte ihre Tochter, Mostrich im Nachbardorf zu kaufen, um einem Mangel im eigenen Laden vorzubeugen. Der Senf, der mir nur als Vorwand diente, spielte in meinen Gedanken längst keine Rolle mehr. Ich küsste Corinna zärtlich und streichelte ihr sanft über das Haar. Natürlich begehrte ich diese Frau, die energisch versuchte, mich abzuwimmeln. Warum bemühte sich Corinna, mir zu widerstehen? War ich tatsächlich zu jung für sie? Sie blieb hartnäckig und rückte den Haustürschlüssel nicht heraus. Allein die Kälte dieser Oktobernacht wäre ein guter Grund gewesen, mich aus reiner Nächstenliebe mit nach oben zu nehmen. Kurz vorm Morgengrauen gab sie endlich nach und zog mich die Treppe hoch in ihre Einraumwohnung unterm Dach des Mehrfamilienhauses. Verrückt nach Liebe landeten wir auf der gemütlichen Klappcouch, wo ich eine so bedingungslose Hingabe und Leidenschaft spürte, wie ich sie bisher nicht kannte. Ich schloss Corinna in die Arme und drückte ihren weichen, warmen Körper zärtlich gegen meinen. Sie wehrte sich nicht und wir liebten uns in tiefer gegenseitiger Hingabe. Noch Tage später atmete ich ihren unwiderstehlichen Duft an meinem Körper. Die Frau ging mir förmlich unter die Haut. Von Beginn an stand für mich fest, dass Corinna eine Nummer zu groß für mich war. Liebevoll erzog sie ihre kleine Tochter Meike. Pflichtbewusst arbeitete sie als Sekretärin im LPG-Büro. Während der Urlaubszeit half sie auf dem Feld oder im Stall. In ihrer praktisch eingerichteten Mansarde herrschten Ordnung und Sauberkeit. Corinna konnte waschen, kochen und backen. Sie mochte Rockmusik aus England, romantische Liebesfilme und verschiedene Literaturklassiker. Mir imponierte, dass sie die Bücher in ihrem Regal tatsächlich alle gelesen hatte. Was sich Corinna in den Kopf setzte, zog sie konsequent durch und vergeudete dabei keinen Augenblick. Damit legte sie hohe Maßstäbe an sich selbst. Von dieser Frau konnte ich mir eine ordentliche Scheibe abschneiden, denn sie wusste, worauf es im Leben ankam. Obwohl ich mir kaum Hoffnung auf eine feste Beziehung machen durfte, schwor ich mir damals, die oder keine.
Nach meinem Abschiedsspiel vor dem Grundwehrdienst gab es nicht nur Siegerbier in der Umkleidekabine. Mein Torwartkollege Norbert brachte selbstgemachten Pflaumenschnaps mit. Der Likör schmeckte lecker und verursachte anfangs kein Kopfweh, doch nach einer gewissen Zeit drehte sich alles vor meinen Augen.

Mannschaftsfoto vorm Abschiedsspiel am 30.10.1982
Zwei Mitspieler brachten mich nach Hause, wo ich meinen Rausch ausschlief. Als mich Norbert am Abend zur Abschiedsparty abholte, hätte ich lieber weiter geschlafen, aber meine Freunde erwarteten mich in der Bahnhofsgaststätte. Auf dem Weg dorthin bekam ich mächtig Schlagseite. Allein hätte ich die Strecke sicher nicht geschafft. Vorm Dorfkonsum begegnete uns eine Nachbarin mit ihrem Hund Scharik. Der Name entstammte dem treuen Gefährten von Janek aus der polnischen Fernsehserie „Vier Panzersoldaten und ein Hund“. Ich muss mächtig getorkelt sein, weil mich der Schäferhund in diesem Zustand nicht erkannte. Auf gleicher Höhe angekommen, sprang Scharik an mir hoch und biss mir in den linken Unterarm. Vor Schreck war ich sofort wieder nüchtern. Glücklicher Weise trug ich meine Jeansjacke unterm Anorak, so dass Fleisch und Knochen wenig abbekamen.
Trotz des Missgeschickes wurde es ein geselliger Abend. Die Wirtsleute Emmi und Heiner hatten den Billardtisch zu einer festlichen Tafel umgestaltet. Heiner schützte den grünen Filz mit einer exakt angepassten Holzplatte, Emmi deckte ein weißes Tafeltuch darüber. Ich mochte das freundliche Ehepaar mit den kleinen Macken. Emmi sah heimlich Westfernsehen. Wenn Heiner sie dabei überraschte, schaltete er sofort auf einen Ostsender um. Als aktives Mitglied der Kampfgruppe des Ortes befürchtete er, dass sich Emmi im Dorf verplappern könnte. Dabei guckten viele Einwohner täglich ARD und ZDF, aber nur wenige sprachen darüber. Den Abschied feierte ich gemeinsam mit Jörg, der wie ich zur Ausbildung nach Eisenach musste. Mein Mitstreiter war ein Jahr älter als ich und wohnte direkt neben der Gaststätte. Wie unser Land im Großen bildeten wir eine geschlossene Gesellschaft im Kleinen an diesem Abend, was ein Schild am separaten Eingang zum Billardraum dokumentierte. Im hinteren Teil der Gaststätte lief der normale Kneipenbetrieb weiter. Emmi und Heiner hatten viel Arbeit. Zur Einstimmung auf den Grundwehrdienst übten wir zu zweit marschieren. Anstelle einer Waffe schulterte jeder einen Billardqueue. Der Gleichschritt stellte für Jörg kein Problem dar, nur ich verlor das Gleichgewicht und rammte den Tresen. Päckchenbauen beendete unser vormilitärisches Treiben. In Anlehnung an das Fertigmachen zur Nachtruhe bei der Armee wurden sämtliche Klamotten nach Größe geordnet auf einem Hocker zusammengelegt. Wir übten mit der Kampfgruppenuniform und der langen Baumwollunterwäsche vom Gastwirt. Leider verstand Jörg die Aufgabe falsch, denn er zog sich vor den Anwesenden splitternackt aus, was einigen Mitschülerinnen die Schamesröte ins Gesicht trieb. Wie ein schwankender Leuchtturm versuchte er, die Unterwäsche überzustreifen. Da er mit beiden Beinen in ein und dasselbe Hosenbein stieg, kam mein Freund ins Schwanken. Als er sich am Tisch abstützte, verlor er das Gleichgewicht und landete mit den Händen auf den Tellern seiner Nachbarinnen. Zwei Zigeunersteaks und ein Teil der Sättigungsbeilage landeten auf der Tischdecke. Fettflecken zierten das weiße Tafeltuch und die lange Unterwäsche von Heiner. Während der Wirt sich den Ärger nicht anmerken ließ, starrten die Mädchen ihren Mitschüler Jörg entsetzt an. Der Rest der Feier fehlt in meinem Gedächtnis.
Am nächsten Morgen war das Aufwachen umso schöner. Gemeinsam mit Corinna und Meike genoss ich den vorläufig letzten Sonntag in ziviler Freiheit. Meine äußerliche Gelassenheit war gespielt. Seit ich den Einberufungsbefehl in der Tasche hatte, zerriss es mir das Herz, sobald ich an Abschied dachte. Ich wollte nicht weg, befürchtete den Verlust menschlicher Wärme und Geborgenheit. Abseits von persönlichen Verpflichtungen, Planerfüllung und Vorbildwirkung in der Gesellschaft hatten wir eine Nische gefunden, in der der Altersunterschied zwischen Corinna und mir keine Rolle mehr spielte, wo wir gleichberechtigte Menschen mit Träumen, Wünschen und Hoffnung waren. Insofern bildeten die beiden Wochen vor meiner Einberufung die glücklichste Zeit meines Lebens, die Lust auf mehr machte. Von der großen Liebe hatte ich keine Ahnung, weil ich das Gefühl bisher nicht kannte. Noch nicht. Ich war damals zu jung, um zu begreifen, dass ich bereits liebte. Wahrscheinlich überforderte mich dieses Eingeständnis, mit dem ich mich konkret auf einen Menschen festlegte. Dabei hatte ich die Liebe des Menschen, den ich am meisten mochte, längst angenommen.
Am 3. November 1982 brach eine neue Zeitrechnung für mich an, 542 Tage Grundwehrdienst lagen vor mir. Die Kälte dieses Herbsttages stand in krassem Gegensatz zu meinem Abschied von Corinna. Ein langer Kuss beschrieb alles, was wir in diesem Augenblick für einander empfanden. Immer wieder riss ich mich los und kam zurück, um sie noch fester zu umarmen. Schließlich kehrte ich nicht mehr um. Mein Vater fuhr Jörg und mich zum Bahnhof in die Kreisstadt, dem so genannten Gestellungspunkt, wo sich alle Rekruten des Kreises zur Abfahrt nach Eisenach trafen. Ich hatte keinen Alkohol eingepackt, wollte mit klarem Kopf im Grenzausbildungsregiment ankommen. Meine Haare waren kurz, dass ich in der Ausbildung nicht aneckte. Wäre ich mit meinem Vater allein im Auto gewesen, hätte ich wieder gefragt, wie viele Menschen er im Krieg erschossen hatte, um sein Leben zu verteidigen. Die Antwort blieb er mir leider schuldig. Vor Aufregung brachte ich kein Wort heraus. Mein Leidensgenosse hinter mir blieb ebenfalls still. Er machte Blasen mit seinem Kaugummi, was den nervösen Fahrer sichtlich störte. Regelmäßig schaute er in den Rückspiegel. Mir war klar, dass er etwas auf dem Herzen hatte. Der Vulkan neben mir brodelte heftig. Es schien eine Frage der Zeit, wann er ausbrechen würde. Mit einem Glückspfennig schob ich die Haut über die Halbmonde meiner Fingernägel zurück und wünschte mir nichts sehnlicher als eine Autopanne, um den Zug zu verpassen. Aber unser 408er Moskwitsch, Baujahr 1970, lief zuverlässig wie ein Schweizer Uhrwerk. „Diese Russenkarren sind unverwüstlich“, prahlte unser LPG-Vorsitzender oft und der musste es wissen. Schließlich transportierte er mit seinem Mossi riesige Findlinge vom benachbarten Acker in seinen Steingarten.
Der Motor vom Moskwitsch dröhnte in den unteren Gängen fast so laut wie ein Traktor. Ein Autoradio auf voller Lautstärke hätte es nicht geschafft, dieses Geräusch zu übertönen. Wir besaßen kein Radio im Fahrzeug, mein Vater musste sich auf den Verkehr konzentrieren. Er hielt sich konsequent an die Bestimmungen der Straßenverkehrsordnung. Manchmal rollten wir im Leerlauf die Lieper Berge hinunter oder schlichen untertourig im höchsten Gang. Kurz vorm Abwürgen des Motors schaltete er herunter. Dabei umklammerte er in Zehn vor Zwei-Stellung das Lenkrad wie im Lehrbuch. Wenn Vati am Steuer saß, wusste ich nie so richtig, ob ich die Augen öffnen oder besser schließen sollte. Doch zum Meckern fehlte mir die Lust. Ich gebe zu, dass wir uns nicht immer verstanden haben. Aber ich zweifelte nie daran, dass ich mich auf meinen Vater verlassen konnte. Wenn ich ihn brauchte, war er für mich da. Selbstverständlich mochte ich den Griesgram über alles, doch in den letzten Tagen fanden wir nur selten eine gemeinsame Sprache. Dieser Zustand machte mir Angst. Über der Stille lag eine seltsame Spannung. Wir schwiegen nicht miteinander, sondern gegeneinander. In Gedanken ließ ich die beiden Wochen mit Corinna Revue passieren und bereute keinen Augenblick. Plötzlich überwand mein Vater seine Zurückhaltung und sprach von einer Episode im Leben, woraus ich schlussfolgerte, dass er gegen diese Beziehung war. Wahrscheinlich hatte ihn Mutti damit beauftragt. Ich fühlte mich wie vor den Kopf gestoßen und es verstrichen Minuten, in denen keiner etwas sagte. Der Ratschlag meiner Eltern missfiel mir, obwohl ich Verständnis dafür hatte. In der Vergangenheit mussten sie sich oft neue Namen einprägen. Ob Kirsten oder Jana bei mir aktuell waren, wussten meine Eltern nie. Ihnen fehlte die Kontinuität in meinen Beziehungen. Wie nur sollte ich ihnen glaubhaft vermitteln, dass Corinna die Richtige für mich war? Die Fahrt in die Kreisstadt reichte dafür nicht aus. Da ich beim Abschied keinen Streit wollte, blieb ich stumm. Jörg schmunzelte auf dem Rücksitz. Selbst er hatte bemerkt, dass Corinna zu mir passte. Von diesem Glück musste ich den Vati überzeugen, denn ich brauchte einen Fürsprecher in der Familie. Mein alter Herr stand auf meiner Seite, seit ich ihn beim heimlichen Rauchen erwischte. Meine Mutter schickte mich ins Dorf, um ihn zu suchen. Mir war klar, dass er sich in einer unserer beiden Gaststätten aufhalten würde. Neugierig betrat ich die Bahnhofskneipe und sah meinen Vater, der am Stammtisch saß und genüsslich an einer Jägerstolz-Zigarre zog. Sein knallrotes Gesicht signalisierte mir, dass er den glimmenden Stummel am liebsten verschluckt hätte. Mein alter Herr fühlte sich ertappt. Verunsichert nahm ich neben ihm Platz. Obwohl der stinkende Stumpen im Aschenbecher landete, begann ich zu husten von dem ganzen Qualm. Mein Vater spendierte eine Fassbrause und bat mich, seinen Rückfall ins ungesunde Laster daheim zu verschweigen, denn er galt seit einigen Jahren als Nichtraucher. Meine Verschwiegenheit belohnte er großzügig mit vielen Freiheiten.
Mein Vater ist ein großartiger Mensch gewesen, mit dem ich gern die Zeit verbrachte. Er war immer dabei, wenn Höhepunkte in meinem Leben anstanden und vermittelte mir Sicherheit. Leider habe ich ihm nie gesagt, dass ich mich in seiner Obhut geborgen fühlte. Wir hatten nur wenige Gemeinsamkeiten. Mein alter Herr war kein Mannschaftssportler wie ich, sondern ein verbissener Einzelkämpfer, der ehrgeizig Kraftsport betrieb und sich beim Angeln entspannte. Ich fuhr mit zum See, weil ich von ihm lernen wollte. Anfangs konnte ich nie meine große Klappe halten und fragte ständig, ob ich denn schon still sein müsse, um die Fische nicht zu verscheuchen. Wir hatten nicht einmal richtige Angelgeräte. Mein Vater brachte mir bei, wie man mit einem scharfen Taschenmesser eine Rute vom Baum abschnitt. Dabei mahnte er, mit dem Messer vom Körper weg zu schneiden. Während ich diese Prozedur früher als Erziehung empfand, rechne ich sie heute zur Familientradition, die von einer Generation an die nächste weitergegeben wird. Wenn ich meinen alten Herrn darum bat, spannende Geschichten von früher zu erzählen, schilderte er detailliert, wie er im Jahre 1936 das Reichssportjugendabzeichen ablegte. Fragte ich ihn nach seiner Rolle im Zweiten Weltkrieg, verstummte er. Er redete nicht gern vom Überlebenskampf 1944 in der Wüste Nordafrikas. Wie viele andere zwang man ihn in den Krieg, obwohl er jede Form von Ungerechtigkeit verabscheute. Mein Vater sprach von Angst und nie vom Mut, diese Angst zu besiegen. Daher sehe ich seinen Eintritt in die Sozialdemokratische Partei Deutschlands (SPD) nach Kriegsende als konsequente und mutige Entscheidung. Ich erinnere mich an seinen Wutanfall, als er mich beim Lesen des verbotenen Buches „Mein Kampf“ erwischte, das er unter seinen Socken im sicheren Versteck wähnte. Mein Vater wollte mich vor dieser größenwahnsinnigen Lektüre schützen, die für die historische Einordnung des deutschen Faschismus wichtig ist. Für seinen Einsatz in Afrika hätte er sich nicht gerühmt, denn er war nur ein einfacher Militärkraftfahrer, der gesund nach Hause kommen wollte. Wenn die Reifen seines Jeeps in der Wüste qualmten, musste er anhalten und dagegen pinkeln, um den Gummi abzukühlen. Nannte er das etwa Kampf? Meine Gedanken wurden in diesem Moment so ungerecht und verletzend, dass ich mich selbst vor ihnen fürchtete. Mein alter Herr war kein Held, aber ein Vorbild, und ich wollte ihn unbedingt bei internen Wettkämpfen schlagen, die da lauteten: Wer fing den ersten und den letzten Fisch und wer hatte am Ende die meisten geangelt? Einmal gewann ich alle drei Disziplinen, obwohl ich nur einen einzigen Fisch fing. Der Vati redete den ganzen Tag kein Wort mehr mit mir. Manchmal sind wir richtige Rivalen gewesen, weil ich alles besser machen wollte als er. Warum gönnte mir mein Vater, der selbst nichts anbrennen ließ im Leben, das Glück mit Corinna nicht? Hielt er diese Frau für ein Flittchen, das kleine Jungs verführte oder war er einfach nur neidisch auf seinen Sohn? Das Gerede meiner Eltern vom großen Altersunterschied konnte ich nicht verstehen, denn Corinna und ich harmonierten bestens. Hatte ich ihnen bisher alles recht machen können, missfiel mir der Gedanke an ständigen Gehorsam. Irgendwie musste ich mich doch abnabeln. Ich wollte Corinna um jeden Preis, dessen war ich mir sicher. Schließlich kann man nicht alles über den Haufen werfen, wenn es unbequem wird oder den Eltern nicht in den Kram passt. Mein Vater schwieg. Vorwurfsvoll blickte ich ihn beim Aussteigen an und merkte, dass mein Vorbild zu bröckeln begann. Mir fehlten Verständnis und Toleranz, die er mir selbst stets vermittelte. Obwohl der Sonderzug nach Eisenach reichlich Verspätung hatte, verabschiedete sich mein alter Herr hastig von uns. Eine herzliche Umarmung verwehrte er mir. Wortlos fuhr mein Vater auf und davon.
Eisenach
Während der Fahrt nach Eisenach blieb ich bei Jörg, da er der Einzige war, den ich kannte. Wir wählten einen Waggon in der Mitte des Zuges, weil mein Kumpel meinte, dass dort bei einem Unfall weniger passieren würde als vorne, direkt hinter der Lok. Sicherheitsdenken zeichnete Jörg aus, der mit Leib und Seele in die Eisenbahnerlehre ging. Der Sammeltransport hielt nur in größeren Städten, wo weitere Soldaten zustiegen. Aussteigen durfte niemand. Im Nachbarabteil traf ich einen guten alten Bekannten, der in der gleichen Kreisliga Fußball spielte wie ich. Er beschwerte sich lautstark über das Getümmel auf den schmalen Gängen, das kein Ende nehmen wollte. Angetrunkene Rekruten nutzten die kurzen Aufenthalte, um sich mit Alkohol zu versorgen. Durchs geöffnete Fenster baten sie Wartende auf den Bahnsteigen, Schnaps einzukaufen. Die meisten Soldaten verzichteten aufs Wechselgeld und gaben 20 Mark für eine Flasche Juwel, die für 14,50 Mark am Bahnhofskiosk verkauft wurde. Das Geld saß locker, als gäbe es kein Leben mehr nach der Armeezeit. Bei dem feuchtfröhlichen Durcheinander fehlte mir die nötige Ruhe, in meinem Lieblingsroman von Alexandre Dumas zu schmökern. Da ich das Buch mehrmals gelesen hatte, ist es eine Art Talisman für mich geworden. Obwohl eine Militärstreife im Zug von vorne nach hinten und wieder zurück patrouillierte, spielten sich in einigen Abteilen chaotische Szenen ab. Übermäßiger Alkoholgenuss stellte die Evolution vollkommen auf den Kopf, erwachsene Menschen torkelten herum wie Primaten. Zum Glück setzten sich die Krakeeler irgendwann hin und schliefen ein. Ich zog den „Graf von Monte Christo“ aus der Tasche und las die kurze Zusammenfassung auf den Innenseiten des Buchumschlages. Weiter bin ich nicht gekommen, denn die Umrisse der Wartburg waren bereits durchs Fenster zu erkennen. Kurze Zeit später erreichte der Sonderzug den Bahnhof von Eisenach. Auf dem abgesperrten Vorplatz trieb man uns zusammen, um einigermaßen geordnet in Richtung Ernst-Thälmann-Straße zu laufen. Marschieren hätte bei den Schnapsleichen unmöglich ausgesehen. Inmitten einer orientierungslosen Herde trottete ich Jörg hinterher. Uniformierte Schreihälse sorgten vor, neben und hinterm Pulk dafür, dass wir auf dem Bürgersteig blieben. Wer trotzdem auf die Straße ausscherte, sammelte die ersten Minuspunkte. Wir überholten Betrunkene, die sich kniend auf dem Kopfsteinpflaster übergaben.
Im Schutze der Dunkelheit erreichten alle das Grenzausbildungsregiment „Theodor Neubauer“. Das um 1930 angelegte Kasernengelände der ehemaligen Wehrmacht bildete ursprünglich die nördliche Grenze der Stadt Eisenach. Die Kasernen waren drei- und viergeschossige Zweckbauten mit Satteldach, die in traditioneller Bauweise errichtet wurden. In diesen Gebäuden sollte ich meine Ausbildung absolvieren. Hinterm Kontrolldurchlass (KDL) bogen wir links auf die Regimentsstraße ab. Dahinter lag rechts der beleuchtete Appellplatz, der sich mit Zivilisten füllte. Nur Vorgesetzte trugen Uniformen. Ein kleiner, pummeliger Major schrie uns herzlich willkommen, stellte die Führung des Grenzausbildungsregimentes vor und übergab das Wort an den ranghöchsten Offizier in Eisenach. Der Regimentskommandeur beauftragte uns, im Angesicht der Bedrohung durch den Klassenfeind die sozialistischen Errungenschaften zu schützen. Was er vom Vaterland, von der Waffenbrüderschaft mit der Sowjetarmee und den Bruderarmeen, vom politisch bewussten Soldaten, von Befehl und Gehorsam, von der sozialistischen Soldatenkameradschaft und vom Ansehen der Grenztruppen der DDR erzählte, war mir nicht neu, doch am Abend dieses Tages hing einem das langweilige Gesülze zum Halse heraus. Mir wurde langsam kalt und müde war ich sowieso, aber das Begrüßungszeremoniell schien kein Ende zu nehmen. Zu guter Letzt erfolgte eine zentrale Anwesenheitskontrolle, bei der jedem einzelnen Rekruten eine Nummer zugeordnet wurde, die der künftigen Kompaniezugehörigkeit entsprach. Hier trennten sich die Wege von Jörg und mir. Auch den bekannten Fußballer verlor ich vorläufig aus meinen Augen.
Auf der Kompanie sahen alle Stuben gleich aus. Trotzdem durfte man sich keine aussuchen, die Zimmerbelegung stand vorher fest. Sogar die Betten hatte man mit winzigen Namensschildern versehen. Ich lag unten rechts, gleich neben der Tür, und musste immer den Lichtschalter betätigen, weil ich am dichtesten dran war. Die neuen Kameraden, alle älter als ich, kamen aus der Hauptstadt, aus Sachsen-Anhalt und dem Spreewald. Auf einer Stube wohnten sechs Mann, die eine Gruppe bildeten. Ein Zug bestand aus zwei Gruppen. Am ersten Abend blieb wenig Zeit zum Kennenlernen, weil der Unteroffizier vom Dienst (UvD) ins Zimmer platzte, um verschiedene Anzugsordnungen zu befehlen, obwohl wir noch gar keine Uniformen hatten. Offensichtlich fehlte dem Vorgesetzten der militärische Durchblick und mir das Verständnis für eine Dialektik in seinen Überlegungen.
Anschließend marschierten wir in Zivilklamotten zum Speisesaal, der am Ankunftstag ausnahmsweise bis 22.00 Uhr geöffnet hatte. Die Schlange vor der Küchenluke war übersichtlich, denn viele Kollegen verzehrten den mitgebrachten Proviant. Ich zog das hiesige Abendbrot vor und merkte auf den ersten Blick, dass die Zusammensetzung des Essens dem Abiturlehrstoff in Biologie entsprach. Ausgewogene Mahlzeiten sollten alle Nährstoffgruppen enthalten. Es gab Kohlenhydrate in Form von Mischbrot, Fett stammte aus der Butter und ein Schmelzkäseriegel in goldenem Stanniolpapier, lieferte Eiweiß. Dabei hätte die warme Milch ausgereicht, um uns mit den notwendigen Nährstoffen zu versorgen. Nach einer Katzenwäsche fiel ich müde ins Bett. Für Leute mit langen Haaren wurde es weit nach Mitternacht, weil beim Friseur ein Riesenandrang herrschte. Manch ein Rekrut musste mehrmals zum Nachschneiden, da den Vorgesetzten die Schnittlänge missfiel. Meine Frisur war für die Ausbildung praktisch und pflegeleicht.
Die offizielle Einkleidung fand erst am nächsten Morgen nach dem Frühstück statt. Übereifrige Offiziere trieben uns in ein verwirrendes Labyrinth, das sich Zentrale Bekleidungs- und Ausrüstungskammer nannte. Zuerst erhielten wir eine große Zeltplane, die alle Utensilien aufnehmen sollte. Die verantwortlichen Unteroffiziere wurden bei der Ausgabe von Soldaten unterstützt, die zu rotieren begannen, nachdem uns die Vorgesetzten mit bloßen Augen vermessen hatten. Für meine tatsächliche Konfektionsgröße interessierte sich niemand. Schuhe, Stiefel, Koppel und Stahlhelm flogen in hohem Bogen auf die Zeltbahn. Die Stiefelpaare waren der Ordnung halber mit derbem Bindfaden aneinander gebunden. Beim Anprobieren musste man aufpassen, um nicht zu stolpern. Ich kam nur schleppend voran, weil der Kollege hinter mir ständig auf meiner Plane rumtrampelte. Ein weißer Kreidestrich am Boden wies den Weg von einer zur nächsten Station. Überall roch es streng nach Waschpulver. Ein Teil der Klamotten kam direkt aus der chemischen Reinigung. In der ganzen Hektik fiel es schwer, an jeder Station das passende Wäschestück zu ergattern. Vorgesetzte achteten mehr auf die Vollständigkeit der Klamotten. Eine Dienstuniform, eine Ausgangs- bzw. Paradeuniform und zwei Felddienstuniformen für Sommer und Winter nannte ich mein eigen. Um die Winter-Felddienstuniform in der Ausbildung zu schonen, bekamen wir eine steingraue Watteuniform, die offiziell bereits lange ausrangiert war.
Auf unserem Zimmer herrschte ein heilloses Durcheinander, als sechs Leute ihre gefüllten Seesäcke vor dem Spind einfach fallen ließen. Die Sachen purzelten kreuz und quer durch die Stube, dass niemand mehr genau wusste, welches Kleidungsstück zu wem gehörte. Um die Bezeichnungen der einzelnen Uniformen zu trainieren, befahlen die Vorgesetzten verschiedene Anzugsordnungen und es begann eine richtige Modenschau. Raus aus den Klamotten, rein in die Klamotten. Auf diese Art und Weise überprüfte man die Vollständigkeit unserer Ausrüstung. Kleidung, die nicht passte, durfte innerhalb einer Woche umgetauscht werden. Es dauerte den ganzen Vormittag, die einzelnen Uniformteile zusammenzubasteln. Mit einem scharfen Taschenmesser wurden widerspenstige Knopflöcher vergrößert. Die Lederriemen der Hosenträger schmierte man mit Melkfett ein, um sie geschmeidig zu machen. Beim Anknüpfen der Schulterstücke half mir ein freundlicher Ausbilder, weil ich mich so ungeschickt anstellte, dass er an mir ein Exempel statuieren konnte. Das Dummstellen brachte Vorteile mit sich, wenn man es nicht übertrieb. Während dieser Modenschau demonstrierte der Gehilfe des Unteroffiziers vom Dienst (GuvD) das ordnungsgemäße Einräumen der Schränke. Sportzeug, Pullover, Hemden, Unterwäsche und Kragenbinden gehörten auf Kante, Geldbörse und Wehrdienstausweis ins abschließbare Wertfach, Essbesteck und brauner Plastikbecher ins Lebensmittelfach mit dem Lüftungsschlitz auf der Rückseite, Schuhe und Stiefel ins Fach links unten, alle Uniformen auf Kleiderbügel sowie Teil 1 und 2 mit Schutzanzug, Gasmaske und Stahlhelm auf den Spind. Der UvD kontrollierte. Missfiel ihm die Ordnung, kippte er die Schränke so weit nach vorne, dass alle Klamotten herausfielen. Nach diesem Geduldspiel streiften wir die normale Winterdienstuniform über und marschierten zum ersten Mittagessen in Eisenach. Es gab langen Kohl, kurz gekocht, mit reichlich Kümmel für die Verdauung.
Am Nachmittag ging es in Ausgangsuniform zum Regimentsfotografen, da wir im Wehrdienstausweis ein Passbild in Uniform brauchten. Der anfängerhafte Gleichschritt hin und zurück erinnerte mich an den von der Abschiedsparty mit Jörg daheim. In Eisenach mussten wir ein Bein stramm durchdrücken und das andere mindestens 30 Zentimeter über den Erdboden anheben. Das nannte man richtig marschieren.
Auf der Kompanie wurde die Modenschau fortgesetzt. Wir streiften die braunen Trainingsanzüge über und liefen zum Med-Punkt, wo uns Doktor Schnelltod eine Tetanusspritze verabreichte. Das Lazarett beherbergte zu dieser Zeit zahlreiche Innendienstkranke, die ungeniert mit erschlichenen Attesten prahlten und Dienstbeflissene auslachten. Im Med-Punkt lernte ich Nachtblinde kennen, die sich bei Einbruch der Dunkelheit am Koppel des Vordermannes festhielten, wenn wir marschierten. Anfangs hatten wir nur einen einzigen Nachtblinden auf der Kompanie. Während der Ausbildung wurden daraus drei, weil diese Rekruten von bestimmten Nachtübungen befreit waren. Die Rolle eines Simulanten kam für mich nicht in Frage.
Nach dem Abendbrot verabschiedeten wir uns endgültig vom Zivilleben. Jeder Soldat erhielt einen Karton, um seine Privatklamotten nach Hause zu schicken. Am Ende dieses hektischen Tages hatte ich nur das Bedürfnis, schnell ins Bett zu kommen. Trotzdem nervte uns der UvD mit einem wissenschaftlich erprobten, minutiös geplanten Tagesdienstablaufplan, der ab sofort praktiziert werden sollte. Ich lag auf meiner Pritsche, verfluchte den Kerl mit der roten Armbinde und fragte mich, warum er die Unteroffizierslaufbahn eingeschlagen hatte? War er ein Mensch, der aus politischer Notwendigkeit drei Jahre zur Fahne ging oder ein Intellektueller, bei dem ein künftiger Studienplatz als intensives Druckmittel eingesetzt wurde? Da dieser Mann weder überzeugt noch sonderlich schlau wirkte, konnte es nur das Geld gewesen sein, das ihn zur Fahne brachte. Die vierte Möglichkeit, als Unteroffizier herauszufinden, was er im späteren Leben machen wollte, konnte ich an diesem Abend nicht mehr abwägen, denn der Schlaf übermannte mich.
Am nächsten Morgen machten die Vorgesetzten ernst, um 6.00 Uhr ertönte der erste Pfiff aus einer Trillerpfeife auf dem Flur. Das schrille Weckkommando konnte man nicht überhören. Ich sprang unverzüglich aus dem Bett, schaltete das grelle Neonlicht im Zimmer an, warf die Zudecke zum Auslüften über den vorderen Bettgiebel und streifte die knallrote Turnhose mit aufgenähter Tasche, das gelbe, gerippte Turnhemd, den braunen Trainingsanzug und die schwarzen Lederturnschuhe über. Wer gleich beim Aufstehen trödelte, handelte sich unnötige Strafrunden beim Frühsport ein. Während sich die selbstbewussten Berliner nochmal im Bett umdrehten, beeilte ich mich, aufs Klo zu kommen, weil ich einer der Ersten an den Urinalen sein wollte. Niemand mag es, den Andrang auf der Toilette in zweiter oder gar dritter Reihe abzuwarten, wenn man pinkeln muss. An der täglichen Morgengymnastik hatten alle gesunden Soldaten teilzunehmen, die Innendienstkranken mussten während dieser Zeit spazieren gehen. Drückeberger standen in dunklen Ecken und rauchten. Im Vergleich zur militärischen Körperertüchtigung (MKE) bei den Streitkräften der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken (UdSSR) empfand ich Frühsport in Eisenach äußerst human. Die Soldaten der ruhmreichen Sowjetarmee traf ich daheim kilometerweit von der Kaserne entfernt, wo sie in Stiefeln, mit Uniformhose und freiem Oberkörper durch die Wälder rannten. Bei den Grenztruppen hingegen begnügte man sich mit gemütlichen Dauerläufen und gymnastischen Verrenkungen, die selbst Schwangere kurz vor der Entbindung hinbekommen hätten.
Im Anschluss an den Frühsport war eine Viertelstunde für Toilette, Körperpflege und das Anlegen der Uniform eingeplant. Jeder Armeeangehörige hatte sein Bett exakt zu bauen und die Schrankordnung herzustellen. Es folgte das Stuben- und Revierreinigen. Dazu ist das Kasernengelände in Außen- und Innenreviere aufgeteilt worden. Am frühen Morgen draußen die Regimentsstraße zu fegen und den Müll aufzusammeln, kostete Überwindung. Trotzdem entschied ich mich immer fürs Außenrevier, wenn ich wählen durfte.
Um 7.10 Uhr marschierten wir unter „Spaniens Himmel“ zum Frühstück, wobei unsere Stiefel im Takt auf den Boden knallten. Das Echo, das von den Häuserwänden zurückhallte, brachte einen wieder aus dem Rhythmus, was Ehrenrunden auf dem Appellplatz nach sich zog. Die Zeit für den Umweg fehlte beim Essen. Das Frühstück durfte zehn Minuten dauern, woraus locker fünf Minuten wurden, wenn wir zu lange vor der Ausgabe standen. Die Qualität des Essens war einfach und gut. Den Grenztruppen gewährte man den höchsten Verpflegungssatz innerhalb der militärischen Einheiten des Landes, um die Moral in der Truppe aufrecht zu halten. Also hätte es täglich qualitativ hochwertige Mahlzeiten geben können, wären nicht ständig Lebensmittel aus dem Lager in Eisenach verschwunden. Angeblich sind diese gegen Alkohol eingetauscht worden. Es reichte aber für Weißbrot, Butter, Marmelade und Schmelzkäse zum Frühstück. An Sonn- und Feiertagen lag sogar ein Stück Kuchen vom Vortag auf dem Teller. Muckefuck, lauwarmer Malzkaffee, ersetzte gewohnten Bohnenkaffee. Wir mussten uns zwar einschränken, aber verhungert ist keiner.
Bis zum Morgenappell wurde das Stuben- und Revierreinigen abgeschlossen, wobei die Wasch- und Sanitärräume einen Schwerpunkt bildeten. Die Nahrungsaufnahme hatte die Verdauung der Rekruten in Gang gebracht, so dass der Revierdienst nur mit Schutzmaske aufs Klo konnte. Beim Organisieren von Toilettenpapier erfuhr ich, dass jedem Soldaten laut Dienstvorschrift täglich genau 60 Zentimeter graues, raues Klopapier zustanden, die auch den letzten Hintern rot kriegen sollten. Pünktlich um 8.00 Uhr fand vorm Kompaniegebäude der Morgenappell statt, auf dem zuerst die Anzugsordnung überprüft wurde. Auffällige Soldaten mussten wegtreten, oberflächliche Rasur, Sauberkeit der Kragenbinde oder mangelhaften Stiefelputz verbessern. Selbst wenn alle Rekruten rein äußerlich der Dienstvorschrift entsprachen, pickten sich die Vorgesetzten ein Opfer heraus, das vor versammelter Mannschaft gemaßregelt wurde, was der Abschreckung dienen sollte. Dann verkündete der Offizier vom Dienst (OvD) den Tagesplan, der sich aus Politunterricht, Grenz- und Gefechtsausbildung zusammensetzte. Grundlagen des Gefechtes waren Taktik-, Schieß-, Schutz-, Exerzier- und Sanitätsausbildung, MKE sowie die Topografie. Berufskraftfahrer durchliefen eine Spezialisierung zum Militärkraftfahrer. Ich hatte mich anfangs für einen Hundeführerlehrgang eingetragen, der nach der Grundausbildung in Hildburghausen stattfinden sollte.
Von diesen Ausbildungsfächern gefiel mir MKE mit dem Achtertest und einem Härtetest, der unter anderem einen 1000-m-Lauf in Uniform mit Stiefeln und einen 15-km-Marsch vorschrieb, am besten. Nur die Sturmbahn, eine Anlage mit genormten Hindernissen aus Kriechstrecke, Sprunggraben, Klettertau, Eskaladierwand, Tunnel und Giebelwandfenster, bereitete mir Schwierigkeiten. Mich beschlich ein beklemmendes Gefühl, wenn ich durch die engen Betonröhren des dunklen Tunnels kroch, in denen immer Regenwasser stand. Einmal rutschte ich aus, knickte um und zog mir eine schmerzhafte Mittelfußprellung zu. Ein junger Militärarzt, der berufsbedingt in jedem Soldaten einen vorsätzlichen Simulanten sah, sprach von einer Glanzleistung und befreite mich die nächsten drei Tage von der gehassten Sturmbahn.
Die Innenausbildung fand oft in überheizten Schulungsräumen statt, wo niemand lüften durfte. Deshalb zog ich in einer Politstunde meine Uniformjacke aus und hängte sie über die Stuhllehne. Als sich der Oberleutnant hinterm Pult erhob und meine unvollständige Anzugsordnung entdeckte, begann er zu toben. Anfängliches Erstaunen wich blankem Entsetzen. Ich sah, wie sich das Gesicht des Lehrers zur Faust ballte. Auf dem Gipfel seiner Entrüstung fragte er, ob ich mir eine Erkältung wünschte. Genau die wollte ich unbedingt vermeiden. Nachdem sich der Offizier wieder gesetzt hatte, glaubte ich, dass er sein Pulver an Temperament verschossen hätte, doch weit gefehlt. Der Oberleutnant holte tief Luft und startete neue Hasstiraden gegen meine Person. Ich musste mir die Jacke anziehen und durfte den Rest der Stunde stehen, um anderen Rekruten als abschreckendes Beispiel zu dienen. Für unerlaubtes Ablegen von Uniformteilen in Tateinheit mit Wehrkraftzersetzung erhielt ich Urlaubs- und Ausgangssperre für zwei Wochen. Die Strafe hätten sich die Vorgesetzten sparen können, weil wir Rekruten bis zur Vereidigung sowieso nicht aus der Kaserne durften.
Das Mittagessen unterbrach den Ausbildungstag. Während der Außenausbildung auf dem Wartenberg wurde in der Feldküche gekocht. Ich suchte mir ein warmes Plätzchen an der Gulaschkanone und dachte beim Essen an die frisch zubereiteten Eintöpfe daheim. Die Suppen meiner Mutter schmeckten lecker, weil alles drin war, was im Garten geerntet wurde. In Eisenach musste man deutliche Abstriche machen. Meistens schwamm nur wenig Gemüse im Henkelmann, der Rest war verkocht. Gerüchte von überschrittenen Mindesthaltbarkeitsdaten beim Dosenfutter ignorierte ich. Daneben mochte ich jede Form von Eierteigwaren. Ich fand Nudeln mit Gulasch und Rot- oder Weißkohl lecker. Da nicht alle Rekruten so dachten, herrschte kein Andrang, wenn ich mir Nachschlag holte. Eine zusätzliche Portion verlängerte automatisch die Mittagspause. Leider mangelte es an frischem Obst und Gemüse. Grüne Äpfel, meistens Gelber Köstlicher, standen kistenweise herum.
Auf dem Wartenberg war immer etwas los. Mir fallen spontan einige ausrangierte Panzer ein, an denen wir die Nahbekämpfung trainierten. Nachdem uns die rostigen Wracks überrollt hatten, sprangen wir von hinten auf, um die Fahrer durch Auflegen von Zeltplanen zu blenden oder wir warfen Übungshandgranaten auf die Panzer. Die Auseinandersetzungen mit den unverwüstlichen Eisenschweinen bildeten nicht den Hauptgrund für die oft mühseligen Märsche zum Wartenberg. Häufig praktizierten wir Grenzausbildung, um das taktisch richtige Verhalten im Grenzdienst zu schulen. Dabei lernten wir den Aufbau der Grenzsicherungsanlagen anhand einer Übungsgrenze kennen. Die Lehrgrenze auf dem Wartenberg sollte ein originalgetreuer Nachbau der echten Grenze sein, aber man konnte auf den ersten Blick sehen, dass die teils maroden Hindernisse einen Anfang und ein Ende besaßen. Es war offensichtlich, dass die Sperranlagen so angelegt wurden, dass sie eine Flucht von Osten nach Westen verhinderten, was in krassem Gegensatz zur Argumentation der Offiziere stand, die von einer ständigen Bedrohung durch die Bundeswehr sprachen. Unser Hauptfeldwebel, kurz Spieß genannt, beendete mit dem Abendappell um 17.00 Uhr den Ausbildungstag. Die „Mutter der Kompanie“ kümmerte sich um Ausrüstung, Bekleidung, Essen, Post und Urlaub. Ihm unterstanden UvD und GuvD als Laufburschen sowie der Schreiber als Sekretär. Unser Spieß war Fähnrich und Parteisekretär der Kompanie.
Darmowy fragment się skończył.