Czytaj książkę: «Die Insel der Einsamen»
Paul Keller
Die Insel der Einsamen
Eine romantische Geschichte
Saga
Die Insel der Einsamen
© 1923 Paul Keller
Alle Rechte der Ebookausgabe: © 2016 SAGA Egmont, an imprint of Lindhardt og Ringhof A/S Copenhagen
All rights reserved
ISBN: 9788711517376
1. Ebook-Auflage, 2016
Format: EPUB 3.0
Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach Absprache mit Lindhardt und Ringhof und Autors nicht gestattet.
SAGA Egmont www.saga-books.com – a part of Egmont, www.egmont.com
Das erste Kapitel.
Die Vorgeschichte der Insel.
Das, was ich hier erzähle, steht in Raum und Zeit; denn da es in meiner Seele ist, muss es auch noch sonstwo gewesen sein. Wenn Ihr mich aber befragt nach Jahr und Land, Orts- und Zeitgrenze, so muss ich Euch sagen, dass ich kein Geograph und Historiker, sondern ein Fabulant bin, der das schöne Recht hat, auf solche Fragen zu antworten: Ich lass mir meine Singvögel in keinen Stall sperren, und Ihr dürfet dreist einem Fabulanten mehr glauben als einem Geschichtsschreiber. Wen es jedoch gar zu sehr nach der Zeitfolie verlangt, dem will ich sagen, dass über die Jahre, da neben dem Herrgott nur der Kaiser Napoleon auf der Erde regierte, vielerlei Kriegs-, Hof- und andere Geschichten entstanden sind, mir aber abseits vom grossen Welttheater jener Zeit eine romantische Mär erwuchs, mit der ich nun beginne.
Irgendwo in deutschen Landen rann ein Fluss, der seltsame Manieren hatte. Es kam vor, dass die Wasser in seinem Lauf uneins untereinander wurden, wie es zuweilen bei den Völkern eines Bienenstockes geschieht, und dass dann die Hälfte des Gewässers ausschwärmte, zur Seite wich und einen eigenen Weg ging. Während aber die ausgewanderten Immen nicht wieder in den alten Stock zurückkehren, besannen sich die abtrünnigen Gewässer des Flusses immer recht schnell wieder auf die alte Heimat, schlichen in gedrückter Stimmung zurück und wurden vom alten Mutterstrom mit etwas Gebrumme zwar, aber doch herzlich gern wieder aufgenommen.
Wenn sich in einem Flusse solche Dinge ereignen, dann bilden sich Inseln, nicht so grosse, wie sie draussen im offenen Meere liegen, aber doch Inseln, kleine, rings von Wasser bespülte Eilande. Und alle Inseln haben ein Eigenleben, auch wenn sie vom „festen Lande“ nur einen Steinwurf weit entfernt liegen. Es ist, als ob das Wasser eine Isolierschicht um sie legte, so dass viele Ströme des gemeinen Lebens nicht zu ihnen gelangen können.
Die grösste Insel, die der Fluss bildete, hiess seit alter Zeit die „Fraueninsel“, wie es deren viele in der Welt gibt, überall da, wo frommer Sinn der Gottesmutter, „Unserer lieben Frau“, auf einem Eiland ein Kirchlein errichtete. Das Kirchlein unserer Insel lag auf einem Hügel und war von den Mönchen gegründet, die auf der Ostseite des Flusses ihr reiches Klostergut hatten und denen die Insel so lange gehörte, bis die Herren von Höffingen, die auf der Westseite des Flusses sassen, meinten, den Mönchen erginge es schon allzugut, und es sei empfehlenswert, dass sie ihnen die Insel, die gutes Acker- und Wiesenland sowie schönen Waldbestand aufwies, ohne Kaufbrief und andere Formalitäten auf gut Räuberrecht abnähmen. Der Bischof tat auf die Klage der Mönche hin die von Höffingen in den Bann, aber die Kerle machten sich nichts daraus, sondern behielten die Insel und bauten sich auf der zweiten Anhöhe des Eilands ein Lustschlösslein, allwo es oftmals sehr wild zugegangen sein soll. Zwei Jahrhunderte vergingen, der Bann war ins Vergessen geraten, die Höffingen waren immer noch die Herren der Insel.
Aus jener Zeit stammt die Sage vom Liebesbrunnen. Ein fahrender Spielmann, der sich Volker nannte wie sein grosser Vorfahr aus der Nibelungenzeit, kam auf die Insel und wurde im Lustschloss als gerngesehener Gast aufgenommen. Und da ereignete sich das, was so oft im Laufe der Zeiten geschah: ein Edelkind fiel in Liebe zu einem gemeinen Manne, des Grafen von Höffingen blondes Töchterlein Irmtraud entbrannte in heisser Glut zu dem jungen Spielmann und er zu ihr. Des Nachts, wenn alles schlief, lockte eine zarte Liebesweise das schöne blonde Kind nach dem Walde, wo der liederkundigste Mund sie küsste und von den Wonnen der Jugend sprach. Ach, der Graf entdeckte das zarte Geheimnis, und er war ein roher, jähzorniger Mann, wilder Phantasie voll, wenn es galt, jemanden zu strafen, der seinen Groll erregt hatte. Die Schlosswächter — drei an der Zahl — liess er henken, seinem Kinde und dem Spielmann ersann er eine besondere Strafe.
„Liebtest du meine Tochter?“ fragte er mit böser Arglist den Spielmann, der vor seinem Richterstuhle stand.
„Ich liebe sie tausendmal mehr als mein Leben,“ sagte Volker.
„Und glaubst du, was jener spricht?“ wandte sich der Graf an seine Tochter.
„Ich glaube es,“ sagte sie, und ihre trüben Augen wurden hell.
„Nun wohl,“ versetzte der Graf, „so wollen wir die Probe machen, ob er dich wirklich mehr liebt als sich selbst.“
Auf der Insel stand ein Ziehbrunnen. Er streckte einen hölzernen Arm empor, der sich niederneigte, wenn es galt, Wasser zu schöpfen. Dann stand der Brunnenschwengel auf einen Augenblick wie eine Wage. Darauf gründete der Graf seinen barbarischen Racheplan. Er liess sein Töchterlein in den Schöpfeimer hineinbinden, so dass sie über dem Brunnenschacht schwebte, und liess als Gegengewicht an den anderen Arm des Brunnenschwengels den jungen Spielmann an einem dünnen Faden aufhängen. Dann gab er ihm ein haarscharfes Messer in die Hand und sprach mit teuflischem Hohn:
„Wenn du sie nun mehr liebst als dein Leben, so bleib’ hängen, und sie ist gerettet; willst du aber nicht sterben, so schneide dich los, und sie fährt zur Tiefe!“
Nie stand eine schrecklichere Wage auf dem Erdenstern. Der Spielmann schleuderte das Messer weit von sich. Als aber die schaurige Not um Luft und Lebensatem eintrat, reichte ihm der Graf das Messer zum zweiten Male.
„Schneide dich los, und du bist frei!“
Der Spielmann liess das Messer fallen.
Die Todesangst kam, der Mund öffnete sich, die Zunge trat heraus, der Körper zuckte. Da gab der Graf dem Sterbenden zum drittenmal das Messer. Der hob mit der letzten Kraft der Verzweiflung die Klinge über sein Haupt — der Graf trat dicht vor ihn, sah ihm in das verzerrte Gesicht — und es senkte sich die Hand blitzschnell, und das Messer sass dem Grafen im Herzen. Er starb mit dem Spielmann zur selben Sekunde, und ihre grollenden Seelen traten zusammen vor Gott.
Die schöne Irmtraud wurde vom Volke befreit und als Gräfin und Herrin ausgerufen. Sie liess den Leichnam ihres Vaters in den Fluss werfen, den Krebsen und Fischen zum Frass, und errichtete dem Geliebten ein kostbares Denkmal von Marmor aus dem Lande Italia. An seinem Grabe sass sie oft mit geschlossenen Augen, und wenn ein Vogel ganz weich und zärtlich im Geäste sang, lächelte ihr bleicher Mund.
Der Ziehbrunnen aber wurde berühmt im ganzen Reiche. Sein Wasser war von wundertätiger Wirkung. Wer von ihm trank, war gefeit gegen alle Untreue, weshalb junge Mädchen mit diesem Wasser heimlich ihren Liebsten den Wein mischten; es galt aber auch als Schutzmittel gegen allerhand Roheiten, so dass geplagte Ehefrauen sich von ihm eine Flasche voll holten, die sie in ihr Waschwasser ausgossen, auf dass es nicht so schmerze, wenn sie geschlagen wurden. Es war eine herbe Zeit.
Die schöne Irmtraud blieb unvermählt und starb als die letzte ihres Stammes, worauf die Klosterbrüder die Insel wieder besetzten, die ihnen aber schon nach fünf Jahren von dem neuen Edelgeschlecht am Westufer des Flusses, denen von Heyburg, abgenommen wurde. Die Heyburger kamen in den Bann, machten sich nichts daraus ... es ging alles wie damals.
Und auch mit den Heyburgern nahm es ein böses Ende auf der Insel. Der letzte von ihnen war schon hoch in Jahren, als er ein junges Weib ehelichte und damit das tragische Schicksal von König Marke und Isolde auf sich herabbeschwor. Wenn Sommer und Winter in einen Bund treten wollen, liegt böser Herbststurm in der Mitte.
Ob wirklich ein Tristan durch Frau Sophiens Leben ging oder ob es nur niederträchtige Zungen waren, die den Alten an ihr irre werden liessen, weiss niemand genau. Die eine Kunde aber erfüllte mit Entsetzen das Land, dass ein furchtbarer Streit sich erhoben habe zwischen dem alten Herrn und seiner jungen Frau, dass er sie verfolgte, als sie vor dem Rasenden floh, dass sie durch den Fluss nach der Insel schwamm, dass er ihr auch dahin folgte und die Unglückliche, die sich in das Gnadenkirchlein geflüchtet hatte, vor dem Bilde Mariens, „der Zuflucht der Sünder“, erschlug.
Der alte Heyburg trank und lachte darauf drei Tage und drei Nächte lang und war voll wilder Freude; dann kamen die Diener des Gerichts und holten ihn ins Gefängnis. Er wurde aber bald freigelassen, ledig gesprochen aller Sühne. Aber er lachte, nicht, als er auf die sonnige Strasse trat. Er beichtete einem Mönch seine Sünden, doch sein Auge wurde nicht mehr froh. Durch die Welt irrte er und dort, wo sie am schönsten und friedlichsten war, weinte er oder träumte. Vor jedem Christusbild, das am Wege stand, erschrak er; jedes junge Weib, das er sah, war ihm ein qualvoller Anblick, und jedes Kinderlachen erweckte ein brennendes Heimweh in ihm.
Von allen diesen Gefühlen war das Heimweh nach dem Kinde das stärkste. Aller innere Kampf dagegen nutzte nichts; weit in der Ferne winkten zwei kleine, unschuldige Hände, winkten Tag und Nacht durch laute Lust und tiefe Einsamkeit, und eines Tages war der alte Heyburg daheim. Er rief den Knaben und sah ihm lange prüfend ins Gesicht; es war aber, als ob er ins Antlitz der Sphinx schaue: er sah nur die Züge seiner Frau. Ein paarmal war er kurz und barsch zu dem Kleinen, sonst war er gut zu ihm, und bei seinem Tode sagte er: „Mein Sohn, Gott segne dich!“
Nach dem Testament des alten Heyburg kam der Knabe zu den Mönchen auf dem Ostufer des Flusses zur Erziehung; das Gut, dessen Herrenschloss von marodierenden Kroaten niedergebrannt worden, war an profitlustige Händler verkauft worden, die es parzellierten.
Als das Kind zehn Jahre alt war, zog es mit den Klosterbrüdern in die Verbannung. Politische Machthaber hatten das Klostergut auf der Ostseite des Flusses „säkularisiert“, sich also noch sehr viel weniger um Kaufbriefe und derartige Formalitäten geschert wie ehedem die Höffingen und Heyburger.
Schöner und besser war es durch die neue Zeit am Flussufer nicht geworden: hüben kleine, kümmerliche Ackerbauern, die das erworbene Feld den Unternehmern viel zu teuer bezahlt hatten und nun ein jämmerliches Leben führten, um die Zinsen aufzubringen; drüben ein Reichsfürst, der das Klostergut um ein Lumpengeld „gekauft“ hatte und sich im übrigen das ganze Jahr in der „öden Gegend“ nicht sehen liess, so dass das zu einem Herrensitz gewandelte prachtvolle Kloster eigentlich nur noch von Lakaien bewohnt war. Vor dem alten Portal, vor dem ein Kunsthistoriker oder Architekt in Träume versinken konnte, pendelte nun zeitweilig ein Portier in einer hanswurstigen Livree einher; im alten Refektorium spielten alberne Bediente alberne Kartenspiele, und in einen Palma vecchio stiess ein Stubenmädel mit dem Kehrbesen ein Loch, worauf sämtliche „Schlossinsassen“ das beruhigende Urteil abgaben, um solch altes Gerümpel sei es nicht schade.
Ein heftiger Streit entspann sich um die Insel. Der durchlauchtigste Reichsfürst, der das Klostergut unter so günstigen Umständen gekauft hatte, besass einen pfiffigen Justitiarius, der nichts anderes zu tun hatte, als tagaus, tagein die „verbrieften Rechte seines hohen Herrn“ wahrzunehmen. Und als solches Recht erachtete dieser es auch, dass die „Insel“ nicht den Juden drüben gehöre, die — pfui Teufel! — „ein Gut schlachteten“, sondern dem allergnädigsten Herrn eigne, der das Klostergut gekauft hatte. Die Insel, meinte der Herr Doktor, sei ursprünglich und nachweislich Besitztum der Mönche gewesen, die ihr Besitzrecht formell niemals aufgegeben hätten, wie aus ihren Protesten, den verschiedenen Bannsprüchen usw. genugsam hervorgehe. „Res clamat ad dominum.“
Der Ausgang des Prozesses war der, dass der Reichsfürst mit seiner Klage abgewiesen, die Insel also den Händlern zugesprochen wurde.
Aber auch die Händler hatten mit der Insel, die ihnen nun gehörte, kein Glück. Das Eiland war verrufen. Entheiligt war die Kapelle, in der Blutschuld geschah, verloren war der Zauber des Liebesbrunnens, aus dem Graf Heyburg und seine Frau am Hochzeitstage Treue getrunken und der seine Kraft so schlecht bewährt hatte. Die Frauen mieden die Insel, die Hütejungen sträubten sich, ihre Herden hinüberzubringen, die Fischer hielten sich fern von ihrer Küste. Ach, das Volk war so furchtsam und so abergläubisch, dass nicht einmal die billigste Graspachtung sie verlocken konnte, auf verrufenem Gebiet ihr Leben zu riskieren. Die Händler zogen in die Ferne, anderen Grosstaten entgegen, und das Eiland lag verödet.
Nach einigen Jahren hiess es, allerhand lichtscheues Volk habe sich auf der Insel angesiedelt. Niemand kümmerte sich darum, nur wurde das Eiland von der Uferbevölkerung jetzt noch strenger gemieden, und die Bauern schraken zusammen, wenn ein Schuss oder ein Hammerschlag von dem bösen Grunde herüberschallte.
So blieb es, bis sich eines Tages die abgearbeiteten Bauersleute auf der Westseite wie die pokulierenden Lakaien auf der Ostseite gleichzeitig erzählten, etwas Grosses habe sich ereignet: ein fremder, finster aussehender Mann sei gekommen und habe von der Insel Besitz ergriffen. Er sei ein Graf und heisse Raimund. In seiner Gesellschaft sei ausser einiger Dienerschaft nur ein zehnjähriges Mädchen gewesen. Eine Reihe von Wagen mit allerhand Möbeln und Gerät war auf der Landstrasse erschienen. Fremdes Arbeitsvolk hatte alle diese Sachen nach der Insel gebracht, die einheimischen Bauern waren nicht eines Dienstes oder Wortes gewürdigt worden. Die fremden Arbeiter waren mit den Wagen wieder verschwunden; im alten, seit langer Zeit leeren Fischerhause am Strande aber war ein Fischer namens Kajetan mit seinem jungen Weibe angesiedelt worden, und der Graf hauste mit seinen Bedienten und dem Kinde auf der Insel.
Das war es, was die Bauern und was die Lakaien wussten. Mehr erfuhren sie nicht. Der neue Herr der Insel schickte keinerlei Botschaft nach dem alten Klosterhaus, und mit den Bauern am anderen Ufer gab sich auch niemand ab. Da übrigens das Kloster eine halbe Stunde stromaufwärts und die Bauernhäuser eine halbe Stunde stromabwärts lagen, alles verborgen hinter hügeligem Waldland, so war die Insel völlig vereinsamt, und es vergingen Tage, ja Wochen, ohne dass ein fremder Blick sie streifte.
Auf der Insel selbst aber mehrte sich dennoch die Bevölkerung. Finstere Gesellen zogen ein, die nie einen ihresgleichen am Uferland ansahen oder grüssten, Handwerker, Bauern und anderes Volk. Es wurde eine ganze Anzahl von Häusern und Gehöften auf der Insel errichtet, alles von fremden Zimmerleuten aus Holz aufgebaut. Die Zimmerleute kamen und verschwanden wieder, ohne dass sie mit der Uferbevölkerung in irgendeine Verbindung getreten wären. Ja, selbst ein Stücklein Vieh wurde bei keinem Bauern gekauft. Dagegen sahen die Stromansassen oft Lastkähne den Fluss herabkommen, Fahrzeuge, auf denen allerhand Haus- und Ackergeräte und auch Kühe, Pferde, Ziegen und Hühnervolk verladen waren. Die Schiffe kamen von weit her, landeten nur an der Insel und verschwanden wieder, wenn sie ihre Ladung abgesetzt hatten.
Dieses geheimnisvolle Treiben beschäftigte die Uferbevölkerung durch viele Jahre. Alte Märchen wachten wieder auf, neue Sagen entstanden, und alle Gerüchte, die um die Herdfeuer summten oder um die Schenktische der Wirtshäuser schwirrten, wurden geglaubt. Viele meinten, der Graf sei einer, der sich dem Teufel verschrieben habe und Spiessgesellen werbe, die in der Welt allerhand böse Gewerbe getrieben hätten und nun auf der Insel eine Zuflucht fänden. Ein Bauer, der nach der Insel zog und dort Aufnahme fand, war in der Stadt, die ein bis zwei Wegstunden unterhalb der Insel lag, von einem Herbergswirt als ein früherer Totschläger erkannt worden.
Christenmenschen konnten es nicht sein. Niemals wieder klang das Glöcklein von der Frauenkapelle herüber übers Wasser. Böse Geister trieben ihr Spiel auf der Insel, und der Rat jener Stadt, die stromabwärts der Insel lag, wurde von der Bevölkerung ermahnt, achtzugeben, dass sich nicht unweit der Stadtmauern ein gefährliches Räuber- und Diebsvolk einniste.
Die Insel blieb verfehmt. Nur der Fischer Kajetan, den der Graf als Fährmann ans Ufer gesetzt hatte, galt nicht als gefährlich. Die Leute sagten nur, dass er sehr hochmütig und sehr faul sei.
Das zweite Kapitel.
Der Fischer Kajetan feierte seinen Namenstag. Deshalb arbeitete er nicht. Wenn er nicht den Namenstag hatte, arbeitete er auch nicht. Es war eine schöne Gleichmässigkeit in seinem Leben.
Falls Kajetan überhaupt einmal etwas tat, tat er es nur zu seiner Unterhaltung. So, wenn er seinem Knecht Befehl gab, wie er die Fischreusen auslegen, oder wie er einen Pfahl oder eine Planke teeren, oder zu welchem Preise er die Barsche und zu welchem die Schleien verkaufen sollte. Der Knecht beachtete diese Befehle niemals, aber Kajetan hatte das Gefühl, er sei ein tüchtiger Mann seines Gewerbes, überall vonnöten und überall die wichtigste Person.
Am Morgen dieses schönen siebenten Augusttages nun lag Kajetan im Grase am Ufer des Flusses, ganz in der Nähe seiner Fischerhütte, blies den Rauch seiner Pfeife in die sonnenblaue Luft, blinzelte manchmal schläfrig über die Wasserfläche nach der Insel hinüber und gähnte oder betrieb einen lässigen Kampf mit einer Brummfliege, die seine grosse Spitzbubennase bedrohte. So befand er sich wohl und hatte nur den einen Wunsch, dass der Knecht nicht allzuspät aus der Stadt zurückkommen und ihm die bestellte Flasche Wacholderschnaps bringen möge.
Die Luft war still, die Sonne schien warm, das Wasser gluckste träumerisch am Ufer, und Kajetan schlief ein. Als er aber kaum zwei Stunden geschlafen hatte, rüttelte ihn eine kräftige Hand an der Schulter, und eine lachende Stimme sagte:
„Heda, Mann, tut Euch keinen Schaden; denn Eure Nase singt ein so lautes Lied, dass sie heiser werden wird, und es wäre schade um ihre schöne Stimme.“
„Meine Nase geht Euch nichts an,“ sagte Kajetan verschlafen und rieb sich die Augen. „Wer seid Ihr?“
„Dieser oder jener,“ erwiderte der Fremde leichthin, „ich möchte nur gern hinüber nach der anderen Seite — ins Klösterliche — und da ich vermute, dass Ihr der Fährmann seid, so muss ich Euch zu meiner Betrübnis aus dem wohlverdienten Schlummer wecken.“
„Hinüber ins Klösterliche?“ wiederholte Kajetan gähnend. „So wartet, bis mein Knecht aus der Stadt zurück ist, er kann nicht mehr lange sein.“
„Ja, könnt Ihr selbst mich denn nicht hinüberfahren?“ fragte der Fremdling. „Ich sehe doch, dass Euer Kahn leer steht und dass Ihr auch Zeit habt!“
„Zeit! — Zeit hat jeder! Aber seht, mein Knecht ist ein fauler Bursche. Er tut den langen lieben Tag nichts, und ich sehe nicht ein, warum ich eine Arbeit, wenn es wirklich einmal eine solche gibt, für ihn verrichten sollte.“
„Das ist richtig, edler Meister!“ erwiderte der Fremdling belustigt und setzte sich zu Kajetan ins Gras. „Man soll sich nie überstürzen. Wenn die Menschen alles doppelt so langsam täten, als sie es tun, gäbe es doppelt mehr glückliche Leute auf der Welt.“
Kajetan sah ihn beifällig an und dachte bei sich: dieser ist ein Mann von Bildung, den du über dies und das ausfragen kannst. So sagte er:
„Bleibt immer ein wenig bei mir. Es liegt sich gut hier. Und wenn Ihr mir einen Gefallen tun wollt, so erzählt mir was. Wir leben hier so einsam und verlassen, dass wir nicht das mindeste von dem wissen, was in der Welt vorgeht.“
„Kommt Ihr nicht manchmal nach der Stadt?“
„Nein, bis nach der Stadt sind es anderthalb Stunden Weg, und ich sehe nicht ein —“
„Ihr seht nicht ein,“ unterbrach ihn der andere, „warum Ihr dahin nicht lieber Euern Knecht gehen lassen sollt. Da habt Ihr ganz recht!“
„Ja,“ sagte Kajetan; „er ist sowieso ein fauler Bursche, er soll nach der Stadt gehen, nicht ich!“
„Erzählt er Euch denn nichts, wenn er zurückkommt?“
„Keine Spur! Er ist sehr dumm und heimtückisch. Ich sehne mich immer nach Neuigkeiten; aber es ist niemand da, der mir etwas erzählt. Wir sind ja hier wie verschollen. Alle Leute, die in den Dörfern hier herum und in der Stadt leben, sind sehr dumm und schlecht. Da freut man sich, wenn einmal einer kommt, der in der Welt herum ist. Das seid Ihr doch? Denn so seht Ihr aus! Ihr könnt nicht aus der Gegend sein!“
Der Fremde, ein starker schöner Jüngling in schmucker Wandertracht, nickte mit dem Kopf und sagte, ja, er sei weit her und es passiere schon so allerlei draussen in der Welt, und wenn es Herrn Kajetan recht sei, wolle er ihm gern einige pläsierliche Neuigkeiten zum besten geben.
Darauf erzählte der Fremde der Reihe nach, dass die Griechen mittels eines hölzernen Pferdes die Stadt Troja erobert hätten, dass eine andere Stadt, namens Pompeji, von einem feuerspeienden Berg zerstört worden sei, und dass ein Mönch, namens Berthold Schwarz, das Schiesspulver erfunden hätte.
Kajetan hatte gespannt zugehört und sagte zum Schluss: „Von all dem erzählt mir mein Knecht, der Halunke, kein Wort und hat es gewiss doch auch schon gehört.“
„Ein Mönch — soso, ein Mönch macht das Pulver?“ fuhr er fort. „Dann gehöre ich zu seiner Kundschaft; denn ich habe auch eine Flinte und schiesse auf tausend Schritt eine Möwe im Fluge. Ich sollte sogar drüben Jäger werden.“
Er wies mit seiner Tabakspfeife hinüber nach der Insel, die im blendenden Glast der höher steigenden Sonne lag. Der Fremdling lauschte auf.
„Da drüben auf der Insel solltet Ihr Jäger werden? Wolltet Ihr denn nicht?“
„Nein,“ sagte Kajetan, „es geht mir dort zu stupid zu.“
„Aber Ihr seid bekannt auf der Insel?“
Kajetan lächelte hochmütig.
„Ich heisse Kajetan und bin der Vertrauensmann des Grafen Raimund, und ohne mich gäbe es diese Insel gar nicht.“
„Wieso?“
Kajetan zuckte die Achseln.
„Ja, wieso! Eine Insel ist eigentlich keine Insel, müsst Ihr wissen. Und zwar warum? Weil Wasser darum herum ist und weil man auf dem Wasser fahren kann. Was nützt eine Insel, wenn jeder, dem es einfällt, auf seinem Kahne hinfahren kann oder wenn die Leute, die auf der Insel wohnen, von ihr herunterkönnen?“
Der Fremde sann diesen Worten nach, ohne ihren tieferen Sinn zu begreifen.
„Erklärt es mir näher,“ bat er.
„Das will ich tun,“ sagte Kajetan, „denn Ihr habt aus dem, was Ihr wisst, auch kein Geheimnis vor mir gemacht. Diese Insel ist die Insel der Einsamen, und die Leute, die darauf wohnen, heissen Pessimisten.“
Der junge Mann sah verdutzt auf den armseligen Fischer.
„Pessimisten? — Woher habt Ihr dieses Wort?“
Kajetan lächelte wieder.
„Ja, ich behalte mir viel in meinem Kopf, auch dieses schwere Wort! Und ich hab’s von einem, der drüben auf der Insel wohnt. Der war früher ein Dichter, und jetzt ist er mein Freund. Er war der grösste unter allen Dichtern; aber die Leute kauften immer die Bücher von anderen Dichtern, die nichts taugen, und seine Bücher kauften sie nicht. Da wurde er ein Pessimist.“
Kajetan machte eine kleine Pause; dann fuhr er fort:
„Allen Pessimisten ist es so ergangen. Sie waren gut und tüchtig; alle anderen Menschen waren schlecht und dumm; aber den Dummen ging’s gut und den Klugen ging es schlecht; und da wurden sie eben Pessimisten.“
„Seid Ihr auch einer?“ fragte der andere mit einem schiefen Seitenblick.
„Natürlich bin ich einer,“ rief Kajetan und räkelte sich wieder lang ins Gras. „Oder haltet Ihr mich etwa für einen Dummen? Wenn ich kein Pessimist wäre, hätte mich der Herr Graf nicht angestellt, dass ich seine Insel bewache.“
„Ah, Ihr seid der Inselwächter?“
„Was sonst? Eine Insel ist eigentlich keine Insel, müsst Ihr wissen. Denn warum?“
„Weil Wasser drum ist,“ fiel der andere ein.
„Ja, so, das sagte ich Euch schon. Nun, wer soll verhindern, dass Leute auf die Insel fahren, die dort nichts zu suchen haben? Ich verhindere es! Wer soll verhindern, dass die Leute, die auf der Insel sind, herunterkönnen? Ich verhindere es!“
„So ist die Insel ganz abgeschlossen von der Welt?“
„Vollständig! Und zwar nicht nur durch das Wasser, sondern durch mich!“
Der andere lachte.
„Diese Insel ist also ein Stück Land, das ringsum von Meister Kajetan umgeben ist?“
„Nein, nicht ringsum. Wie könnte ein einzelner Mann eine so grosse Insel bewachen, selbst wenn er einen Knecht hat? Es gibt nur eine Landungsstelle auf der Insel, alles andere ist flaches Sandufer.“
„Die Insel ist hübsch gross!“
„O, sie ist über viertausend Schritte lang und an den breitesten Stellen an die zweitausend Schritte breit. Sie hat viele Berge, Wälder, Felder, Gänse-, Kuh- und Schafherden, Ziegen, Hasen und Hühner.“
„Wieviel Menschen wohnen darauf?“
„Achtzehn — ohne die Weiber.“
„Wieso ohne die Weiber? Zählen die Weiber nicht mit?“
„Nein, denn alles Unheil kommt vom Weibe.“
„Das habt Ihr wohl auch wieder von dem Dichter?“
„Ich habe es von ihm; aber ich weiss es auch von selbst.“
„Habt Ihr eine Frau?“
Kajetan zog mit der Hand eine Linie durch die Luft.
„Gehabt! — Futsch!“
„Gestorben?“
„Nein, ausgerückt!“
Der Fremde sah Kajetan mitleidig an. Der hatte die Stirn in finstere Falten gelegt.
„Mit ihrem Vater ist sie ausgerückt,“ knirschte er. „Er hat sie wieder nach Hause geholt, als ich sie kaum zwei Jahre lang hatte. Er sagte, sie müsse bei mir zu viel arbeiten!“
Der andere lächelte abermals.
„Das ist Pech. Und so seid Ihr also ein Pessimist geworden?“
„Jawohl, da bin ich ein Pessimist geworden und habe mir einen Knecht halten müssen, den ich nicht nötig hatte, als die Frau noch da war.“
„Wie lange lebt denn der Graf schon auf der Insel?“
„An die acht Jahre. Seine Tochter ist jetzt achtzehn.“
„Eine Tochter hat er auch?“
„Sie heisst Klotildis.“
„Ist sie schön?“
„Nein, keine Frau ist schön. Der Dichter sagt, die Schönheit der Weiber ist Schwindel. Und Klotildis braucht auch nicht schön zu sein, denn es gibt niemand etwas darauf. Der Dichter sagt, sie ist ätherisch, das soll heissen, sie ist sehr mager.“
Kajetan schloss die Augen. Von dem vielen Reden schien er müde geworden zu sein, und namentlich das Thema über die Weiber hatte ihn sehr gelangweilt. Nach einer halben Minute schon begann seine Nase die Einleitungstakte zu einer grossen Symphonie. Darauf wollte sich nun der andere nicht einlassen; er rüttelte also Kajetan und sagte:
„Schlaft nicht, lieber Meister, sondern erzählt mir lieber noch ein wenig von der Insel.“
Kajetan gab verdrossen zur Antwort:
„Ich kann mich nicht zu Tode reden. Ihr habt mir das Neueste von der Welt erzählt, und ich habe Euch von der Insel erzählt, also sind wir quitt. Jetzt will ich schlafen; denn ich bin müde und habe ausserdem heute den Namenstag.“
„Der Tausend!“ rief der andere, „den Namenstag habt Ihr? Das trifft sich gut. Da sollten wir ein Fest feiern.“
Er bastelte an seinem Reisegepäck herum und reichte Kajetan eine kleine Flasche hin.
„Da, nehmt das zum Angebinde! Lasst es Euch gut bekommen: es ist edler Burgunder.“
Kajetan war mit einem Male wieder munter. Er bedankte sich und sagte dann:
„Ich habe es bald gemerkt, dass Ihr ein Mann von Bildung seid, hätte es aber gern, wenn Ihr mir Euren Stand und Namen nennen wolltet. Ihr wisst, wer ich bin, und ich weiss nicht, wer Ihr seid, und also steht die Wage schief.“
Der Fremdling erhob sich sogleich, machte eine zierliche Verneigung und hub an:
„Gestattet demnach, edler Meister Kajetan, grosser Admiral dieser Inselflotte, dass ich mich vorstelle: Ich heisse Günther, Freier von Echtelfingen, bin der vierte Sohn meines Herrn Papa und meiner Frau Mama, stamme aus der Gegend zwischen Köln, Rom, Konstantinopel und Danzig und habe mein Leben lang nichts getan als Allotria, indem ich nämlich Jurisprudentia studierte, mit welch lächerlichem Zeitvertreib ich eben fertig geworden bin. Darauf bin ich in die Welt gezogen, um nach Herzenslust zu wandern, und habe vorläufig keinen anderen Plan, als hinüber ins Klösterliche zu fahren, wenn sich dazu durch die Rückkehr Eures Knechtes eine Gelegenheit bieten wird.“
Kajetan hatte aus dem ganzen Wortschwall nur das eine behalten, dass sein Gast und Nachbar ein Edelmann sei; er sprang also mit einer für ihn ganz unpassenden Geschwindigkeit empor, zog seine Zipfelmütze ab, so dass sein dicker, struppiger, schon etwas angegrauter Schädel in Erscheinung trat, stammelte eine Entschuldigung und erbot sich, Herrn Günther augenblicklich selber hinüber ins Klösterliche zu rudern.
Doch Günther nahm ihm die Mütze, zog sie ihm eigenhändig wieder über die Ohren, gab ihm einen sanften Stoss, der Kajetan einlud, wieder im Grase Platz zu nehmen, und sagte:
„Machen wir nur keine Faxen, lieber Freund; ich bin froh, dass ich bei Euch bin, und habe es gar nicht so eilig, fortzukommen. Ruht Euch erst ein wenig aus, sammelt Euern Geist und erzählt mir dann noch etwas von dieser geheimnisvollen Insel, um derentwillen ich in diese sehr entfernte Gegend gekommen bin.“
„Wisst Ihr schon etwas von der Blutkapelle?“ fragte Kajetan leise.
„Ja, davon hörte ich in den Herbergen weiter den Strom hinauf. Und ich hörte auch, Graf Raimund, der nun diese Insel besitzt, sei der Sohn jenes Mannes, der seine Frau an der Schwelle des Heiligtums erschlug.“
Kajetan wälzte sich mit einem Ruck nahe an Günther heran und hielt ihm seine mächtige Pranke auf den Mund.
„Pst! Um Gottes Willen — das darf niemand sagen. Das ist bei schwerster Strafe verboten. Wenn Ihr darauf zu sprechen kommen wollt, so mache ich nicht mit.“
Der Fischer flüsterte es und machte ängstliche Augen.
„Vom Herrn Grafen soll niemand sprechen, auch nicht von dem, wie er lebt und was er tut.“
„Und was tut er?“ fragte der andere unbekümmert.
„Das sage ich nicht,“ erwiderte Kajetan. „Nehmt Euren Wein zurück und lasst mich in Ruh.“
„Oho, Meisterchen, jetzt werdet Ihr unfreundlich. Wenn Ihr mir also nichts vom Grafen erzählen wollt, so erzählt mir wenigstens von den anderen Leuten, die auf der Insel wohnen.“
Aber Kajetan war misstrauisch geworden. Er berief sich darauf, dass er der Vertrauensmann des Grafen sei und dafür zu sorgen habe, dass das Leben auf der Insel ein tiefes Geheimnis bleibe.
„So — so,“ sagte der andere und sonst kein Wort mehr. Nach einer Weile hörte Kajetan neben sich ein leises Klingen. Er wandte den Kopf und sah zu seinem gewaltigen Erstaunen, dass der andere eine ganze Anzahl goldener Dukaten auf das grüne Gras gezählt hatte.
„Was macht Ihr?“ fragte er beinahe atemlos.
„Ich zähle mein Geld,“ sagte der andere lässig; „es muss noch auf einen Monat ausreichen.“
„So reich seid Ihr?“
Günther antwortete nicht. Er raffte das Gold zusammen und füllte es in einen ledernen Beutel. Dann stand er auf.
„Lebt wohl,“ sagte er; „Euer Knecht ist mir zu lange; ich werde versuchen, weiter unterhalb über den Fluss zu kommen; wenn nicht eher, dann in der Stadt, wo ja eine Brücke ist.“
„Herr, ich will Euch ja doch hinüberrudern.“
„Das nehme ich nicht an,“ sagte Günther; „es liegt mir auch nichts daran. Etwas anderes wäre es, wenn Ihr mich zur Nachtzeit einmal nach der Insel rudern wolltet. Da solltet Ihr ein paar stattliche Goldfische von mir zu fangen bekommen.“
„Herr, das darf ich nicht. Ihr dürft die Insel nicht betreten.“
„So — aber der Dichter, Euer Freund, durfte es doch wohl. Oder ist er vom Himmel geschneit?“
„Ihr seid kein Pessimist.“
Herr Günther lachte fröhlich.
„Nun, ein so arger Pessimist wie Ihr seid, bin ich immerhin auch. Also könnt Ihr es schon wagen.“
„Ich darf es nicht, Herr. Die Insel nimmt keine neuen Bewohner mehr auf, und Besuche sind ganz und gar verboten.“
„So wird sie nach und nach aussterben?“
„Das soll sie! Es sind nur ältere Eheleute auf der Insel, die keine Kinder mehr bekommen, und das Heiraten ist verboten. Der frühere Jäger fing eine Liebschaft mit der Tochter des Wasserweibes an. Die Mutter zeigte sie selber beim Inselgericht an, und die beiden Sünder wurden verbannt.“
„Was ist aus ihnen geworden?“
„Zugrunde gegangen sind sie. In die grosse Stadt gezogen, geheiratet, drei Kinder gekriegt und Arbeit von früh bis spät.“
„Das ist ja eine scheussliche Geschichte!“ sagte Günther.
„Ja, und seit der Zeit ist die Insel ganz abgesperrt, kein Mensch darf mehr hinüber oder herüber, keine Zeitung, kein Brief kommt hin.“
„Brauchen sie nicht manchmal einen Arzt, gehen sie nicht zur Kirche?“
„Der Herr Graf kennt alle Wissenschaften und kuriert die kranken Leute selber. Zur Kirche gehen sie nicht, denn sie sind Pessimisten.“
„Aber sie haben doch Bedürfnisse; sie brauchen doch Geräte, Instrumente, Kleider, Nahrungsmittel.“
„Die Insel bringt alles in Hülle und Fülle, was der Mensch braucht: Getreide, viel Obst, Wild, allerhand Tiere; und auch für das andere ist gesorgt, denn sie haben drüben einen Schneider, einen Schmied, einen Schuster, einen Leinwandweber, einen Müller, fünf Bauern und zwei Polizisten.“
Günther wiederholte langsam die Aufzählung und sagte:
„Das sind mit dem Grafen zusammen dreizehn Männer. Ihr sprachet aber von achtzehn.“
„Ja, da ist noch der Dichter, der Oberst, der Gärtner, der Hühneraugenschneider und der Narr.“
„O,“ rief Günther, „das ist eine gediegene Kumpanei! Wozu brauchen sie so notwendig einen Hühneraugenschneider?“
„Alle Pessimisten haben Hühneraugen,“ sagte Kajetan tiefsinnig.
„Und wer macht die feineren Arbeiten, so zum Exempel, wenn eine Uhr entzwei gegangen ist?“
„Sie brauchen keine Uhr,“ erklärte Kajetan. „Kein Mensch braucht eine Uhr. Wenn die Sonne steigt, ist Vormittag, wenn sie fällt, ist Nachmittag, und wenn sie gar nicht da ist, ist Nacht.“
„Was seid Ihr für glückliche Leute,“ seufzte Günther. Er schwieg eine Weile; dann sagte er:
„Der Herr Graf hat gewiss viele Bücher. Gibt er davon auch den anderen zu lesen?“
Kajetan schüttelte energisch den Kopf.
„Auf der ganzen Insel gibt es nicht ein einziges Buch. Habt Ihr gesehen, was in den Büchern für schwarze Reihen sind? Die Menschen nennen das Buchstaben. Ich aber sage Euch: das sind Heerlinien von Gauklern und Verbrechern, die darauf losmarschieren, die Menschen zu belügen und zu betrügen, ihnen das, was sie selbst an Gold in sich haben, gegen Blech und Scherben einzutauschen. Die Leute, die nicht lesen können, sind gegen sie gefeit; die anderen aber kriegen sie alle unter, und diejenigen, die die Klügsten sein wollen, zu allererst.“
„Mann,“ rief Günther bewundernd, „was habt Ihr für ein Gedächtnis; denn das habt Ihr doch auch wieder von dem Dichter!“
„Nein, das habe ich vom Herrn Grafen, der manchmal eine Andacht hält, bei der ich dabei sein darf. Die meisten auf der Insel können gar nicht lesen.“
„Auch des Grafen Tochter nicht?“
„Klotildis? Nein, die kennt keinen Buchstaben.“
Günther schlug die Hände zusammen.
„Sagt einmal, Meister Kajetan, ganz im Vertrauen: ist der Graf ganz klar im Kopf?“
Wieder fuhr Kajetan mit seiner Hand erschrocken nach dem Mund des Sprechers, der längst wieder bei ihm im Grase lag.
„Pst! Um Gottes willen! Ihr seid ein gefährlicher Mensch. Euch erzähle ich auch nicht ein Wort!“
Er äugte furchtsam nach der Insel hinüber, als könne er von dort beobachtet werden.
Nach einer Weile fragte Günther:
„Wie haltet Ihr es eigentlich mit dem Gelde, Meister Kajetan?“
Kajetan seufzte.
„Ich halte es gar nicht mit ihm, denn ich habe keines. Die Leute auf der Insel dürfen kein Geld haben, sie brauchen auch keines. Ich aber dürfte es haben und brauchte es auch; aber ich bekomme keines. Seit drei Tagen seid Ihr der erste Mensch, der um einen Dreier über den Fluss gesetzt sein will, und da ist nicht einmal der Knecht zu Hause. Was ist das für ein elendes Geschäft!“
„Ihr verkauft doch die Fische!“
„Lieber Herr, verkauft einmal Fische, wenn durch die ganze Welt dieser Fluss läuft, aus dem sich jeder selber sängt, was er an Fischen braucht. Der Fischfang bringt kaum so viel, dass ich meinen Knecht erhalten kann, der sehr viel isst und jährlich acht Taler Lohn will.“
„Was bekommt Ihr denn als Inselwächter?“
„Nichts! Alle Jahre drei geschlachtete Schweine, zwei Kähne voll Kartoffeln, zwei Kähne voll Obst und Kohl, sonst eben Hasen, junge Ziegen, Tauben, mal einen Hammel oder ein Kalb, sonst nichts, rein nichts.“
„Das ist ein Hungerleben!“ rief Günther mitleidig. „Da kenn’ ich Euch einen Mann auf den Besitzungen meines Vaters, der lebt ganz anders als Ihr. Er ist ungefähr Eures Alters und Eurer Statur, nur dass er — wie ich gleich bemerkte — viel ungeschickter und dümmer ist als Ihr. Aber was für ein Leben hat er. Er ist Zollwächter. Den ganzen Tag sitzt er in einem Lehnstuhl vor seinem schönen Zollhaus, raucht Tabak und hat die Füsse auf einem gepolsterten Schemelchen. Der Schlagbaum sperrt die Strasse ab, und wenn eine feine Kutsche kommt, springt der gnädige Herr selbst heraus, nimmt den Hut ab und sagt: „Bitte, Herr Zollwächter, lasst mich durch!“ Der Zollwächter hält die Hand auf, in die der gnädige Herr ein Silberstück legt, dann macht der Knecht die Schranke auf, der gnädige Herr steigt in den Wagen, grüsst und fährt davon, und der Knecht macht die Schranke wieder zu.“
Kajetan riss die Augen auf.
„Oh! Oh!“ Mehr brachte er nicht heraus.
„Kommt noch besser,“ fuhr Günther gleichmütig fort. „Zu dem Zollhaus gehört eine Wirtsstube. Abends erscheinen die Bürger der Stadt, der Zollwächter setzt sich zu ihnen an den Tisch, und dann geht es ans Geschichtenerzählen. Was nun überhaupt in der Welt passiert, wird erzählt. Zum Exempel, die Geschichte von den Griechen und dem hölzernen Pferde wusste unser Zollwächter schon vor drei Monaten; der Kuchenbäcker hatte sie mitgebracht. Natürlich wird viel getrunken: Wacholder, Kümmel und auch Wein. Und der Wirt hat alles umsonst.“
Kajetan warf sich weit hintenüber und strampelte mit den Beinen. Günther betrachtete ihn und sagte:
„Das erzähle ich Euch so nebenher. Was habt Ihr auch für ein Interesse an dem Zollwächter meines Vaters!“
Kajetan keuchte.
„Ist er noch gesund?“ fragte er.
„Wer? Mein Vater?“
„Nein, der Zollwächter! Hat er nicht die Gicht oder die Wassersucht oder ist er nicht wenigstens so alt, dass er bald sterben muss?“
„Nein, er ist ganz gesund, und wie ich Euch schon sagte, nur ebenso alt wie Ihr.“
„So — na dann —!“
Kajetan hieb die Faust ins grüne Gras und rührte sich nicht mehr.
Auch Günther sagte nichts mehr. Er nahm aus seinem Felleisen ein Fernrohr, schob es auseinander und suchte die Küste der Insel ab. Es dauerte eine ganze Weile, ehe Kajetan diesen Vorgang bemerkte und eine Menge höchst verwunderter Fragen tat. Günther gab ihm kurze, konfuse Auskünfte und sagte am Schluss:
„Lieber Admiral, ich weiss jetzt, wo Eurer Insel verwundbare Stelle ist. Ringsum ist flache Sandküste, wo kein Kahn heran kann. Aber dort, wo am Strande die hohen Ulmen stehen und gleich dahinter der Eichenwald aufsteigt und links das Erlengestrüpp am Ufer hinläuft, da ist die Landungsstelle. Ich sehe deutlich, dass ein Eisenzaun am Ufer ist, der übrigens so niedrig ist, dass ein Schulbube darüber springen kann. Dahinter führt eine Steintreppe empor.“
„Das ist ein Teufelsrohr,“ rief Kajetan; „gebt es her, ich muss auch einmal durchsehen.“
„Mit nichten!“ erwiderte Günther zurückhaltend, „denn erstens wisst Ihr genau, wie es da drüben aussieht, und dann habe ich mir als Lebensgrundsatz auserwählt: Wer mir seinen Kahn nicht leiht, dem leihe ich mein Fernrohr nicht. Von diesem Grundsatz gehe ich niemals ab.“
Wie er das kaum gesagt hatte, stiess er einen erstaunten Ruf aus.
„Da! — Da kommt jemand über die Steintreppe herunter ans Ufer. Eine Frau! Eine Frau mit einem Pferd —“
Kajetan riss ihm das Rohr vor den Augen weg und riss ihn selbst um ins Gras.
„Um des Himmels willen, Herr, haltet Euch still; bleibt liegen — sonst sind wir verloren — das ist sie — das ist Klotildis — Klotildis mit ihrer Fuchsstute!“
Günther schob den Fischer ohne Mühe beiseite, blieb aber liegen.
„Das ist Klotildis! Sie hat Augen scharf wie das Sonnenlicht. Wenn sie Euch sieht und mich beim Inselgericht anklagt, verliere ich mein Brot!“
Kajetan weinte, als er das sagte.
„Bleibt liegen, edler Herr!“ fuhr er in kläglichem Tone fort; „wenn sie Euch auch wirklich schon gesehen hätte, kann sie immer noch meinen, es sei mein Knecht, der auch manchmal neben mir liegt, weil er ein so fauler Bursche ist.“
Günther beachtete ihn gar nicht. Halb aufgerichtet hielt er ununterbrochen sein Fernrohr nach der Insel gerichtet.
„Ah, nun geht sie fort! Was war das für ein schönes Bild!“
Neben ihm der Fischer redete, schalt, jammerte; Günther hörte nicht darauf. Er lag auf dem Rücken und sah in den blauen Himmel. Drüben über dem Wasser lebte ein Dornröschen; er hatte es gesehen, und nun sollte ihn gewiss kein Stachelwald aufhalten, bis zu der Holden vorzudringen.
„In dieser Nacht werde ich nach der Insel hinüberfahren,“ sprach er vor sich hin. „Schweigt, lieber Nachbar, lasst mich reden! Ich werde mir, noch ehe der Mond hochsteigt, den Kahn des Fischers Kajetan losbinden und hinüberrudern. Sollte mich besagter Kajetan daran hindern wollen, so würde ich ihn nehmen und mit dem Kopfe drei Minuten lang unters Wasser halten, bis er genug getrunken hätte, um stille zu sein. Sollte er sich als vernünftiger Mann erweisen, so würde ich ihm drei goldene Dukaten in seinem Kahn hinterlassen, wenn ich am Morgen zurückkehre.“
Kajetan lugte angstvoll den Waldrand entlang, von da sein Knecht kommen musste. Nach einiger Zeit kam wirklich ein Mann daher, dem Kajetan eilends entgegenlief. Es war aber nicht sein Knecht, sondern ein Landstreicher von sehr zerlumptem Aussehen, der ihm mit halbtrunkener Stimme entgegenrief:
„Seid Ihr der Fischer Kajetan?“
„Der bin ich.“
„Dann soll ich Euch schön grüssen von Eurem Knecht. Er lässt Euch sagen, Ihr wäret ein altes Faultier, und er käme nicht mehr zu Euch zurück.“
„Was? — Nicht mehr zurück — und — mein Geld — und — und mein Wacholder?“
„Der Wacholder war gut,“ schrie der Landstreicher und verschwand eilends im Gebüsch, als er Günther bemerkte.
Kajetan warf sich lang hin, dort, wo er stand, schlug mit Händen und Füssen auf die Erde, heulte und schrie:
„Ich habe keinen Knecht — ich habe kein Geld — ich habe keinen Wacholder und ich hab’ doch den Namenstag.“
„Da habt Ihr immerhin etwas!“ sagte Günther vom Ufer her.
Er liess den Mann jammern und weinen und schürte so lange seine Verzweiflung, bis Kajetan sagte:
„Nehmt den Kahn, fahrt hinüber. Mir ist alles gleich — alles gleich — ich muss ja jetzt doch verhungern!“
Nach einer Weile aber kam die Furcht wieder, und er sagte:
„Wenn Ihr nun durchaus hinüber wollt, so tut mir wenigstens den Gefallen und bindet mir vorher Hände und Füsse zusammen.“
„Ah,“ sagte Günther, „damit Ihr, wenn es doch herauskommt, die Ausrede habt, Ihr seiet überfallen und überwältigt worden.“
„So ist es,“ sagte der kluge Mann, „und damit der Herr Graf einsieht, dass ich nicht allein bleiben kann, sondern wieder einen Knecht haben muss.“
„Ich will nach Eurem Wunsche tun und Euch so fest binden, dass auch der Ungläubigste einsehen muss, dass Ihr das unschuldige Opfer einer Gewalttat geworden seid!“
Das dritte Kapitel.
Die Sonne war längst in einen fernen blauen Wald versunken, der späte Mond noch tief unter dem Horizont, da band Günther Kajetanen Hände und Füsse, fesselte ihn ausserdem noch mit einem Strick an ein Bein des riesigen Eichentisches in der Fischerhütte, wünschte dem bitterlich klagenden Manne eine geruhsame Nacht und trat hinaus ins Dunkle. Bald glitt der Nachen unhörbar über den Fluss.
In der Nähe der Steintreppe, dort, wo das Erlengebüsch über das Wasser hinaushing, barg Günther den Kahn und setzte den Fuss auf das verbotene Land.
Ein paar Grillen zirpten im Gras, ein paar Unken riefen im Wasser, sonst war tiefe Stille. Selbst die Blätter der Bäume regten sich nicht; nur Nachtschmetterlinge wiegten sich im Reigen auf dem bunten Tanzplatz schlummernder Blumen.
Günther stand eine Zeitlang, ohne sich zu bewegen. Röte zog in sein Gesicht; es wollte eine Scham in ihm aufdämmern, dass er unberufen eingedrungen war in einen so tiefen Frieden. Wie er noch so stand, sprach eine Stimme dicht hinter ihm:
„Warum geht Ihr nicht weiter?“
Günther erschrak so, dass seine Knie ein wenig bebten, und er stiess einen kurzen Schreckensruf aus. Vor ihm stand eine Frau in schwarzem Gewand. Ihr Haupt trug einen Witwenschleier. Sie war noch nicht alt, kaum über dreissig Jahre, und es quollen reiche blonde Haare unter dem Schleier hervor; aber in ihr Gesicht waren tiefe Male von Groll und Herzeleid gegraben, es war hart, und die Augen blickten tot.
„Warum geht Ihr nicht weiter?“ wiederholte sie; „fürchtet Ihr Euch?“
Günther überwand mühsam das peinliche Gefühl, ertappt worden zu sein.
„Verzeiht — verzeiht, dass ich hier — gehört Ihr zu dieser Insel?“
„Ja. Und ich hörte Euch kommen. Warum kamet Ihr hierher?“
„Aus Neugierde!“ gestand Günther.
„Das ist ein guter Grund,“ sagte sie freundlich, „ein guter Grund, wenn man jung ist. Geht nun und seht Euch um, aber lasst Euch nicht erwischen. Ich werde derweil auf den Kahn Obacht geben, dass er nicht entdeckt wird. Denn wenn Ihr auch den Fischer Kajetan ans Tischbein gebunden habt, so wird man ihm diesmal nicht mehr glauben, dass er überfallen worden sei.“
„Ah — hat er das — hat er das schon einmal so gemacht?“ fragte Günther überrascht.
„Er hat es schon zweimal so gemacht,“ sagte sie, und um ihren harten Mund ging ein Lächeln.
„Geht nun,“ fuhr sie fort, immer in mildem Ton; „aber sagt mir erst noch, ob Ihr eine Waffe tragt.“
„Ihr seht es,“ sagte Günther, „ich trage meinen Degen, und ich habe ein Pistol.“
„Ich kann es nicht sehen,“ erwiderte sie; „denn ich bin fast blind. Lasst die Waffen hier zurück!“
„Ich trenne mich nie von meinen Waffen.“
„So wird er Euch zum Duell herausfordern, wenn er Euch trifft.“
„Der Graf?“
„Nein, ein anderer.“
„Wer?“
„Ich nenne seinen Namen nicht. Er wird Euch töten.“
„Ah,“ rief Günther fröhlich; „mich hat noch keiner getötet, der mich zum Zweikampf gefordert hat.“
„Geht!“ sagte sie und machte eine Handbewegung, die eine Verabschiedung ausdrückte.
Günther verneigte sich vor ihr.
„Ich danke Euch für Eure Güte, Madame,“ sagte er und ging.
Ein Waldweg führte dicht am Flussufer hin; Erlengebüsch und Ulmenbäume säumten ihn ein. Der Weg war mit Gras bewachsen, und Günthers Schritt blieb unhörbar. Einmal zuckte er vor einer weissen Gestalt zurück; er erkannte aber bald, dass es eine verwitterte Bacchusfigur war, wohl ein Denkmal aus fröhlicher Zeit. Jenseits des Flusses ging der Mond auf. Es war noch nicht lange nach Vollmond, und so war das Licht ganz hell. Sehr vorsichtig ging Günther, immer im Schatten der Bäume. Bei einer Walddichtung blieb er stehen. Im klaren Mondschein lag eine Wiese, und mitten darauf sassen zwei Männer. Der eine war wie ein Soldat aus Kaiser Josephs Zeiten gekleidet und hielt eine Lanze, deren Schneide sein Kumpan, ein kleines, dürres Männlein im Handwerkerkittel, mit regelmässigem Streichen rieb, wobei das Männlein laut zählte: „90, 91—98, 99, 100!“
„100mal — nun wollen wir sehen, ob sie magnetisch ist!“ sagte das Männchen.
„Ja, das wollen wir sehen,“ erwiderte der Kriegsmann und nahm einen riesigen Schlüssel aus der Tasche, den er an die Klinge der Lanze hielt; der Schlüssel fiel ins Gras.
„Bist wohl verrückt, Lukas?“ schrie der Handwerker; „vielleicht willst du gleich Marzells Ambos an die Klinge hängen! Da sieh her“ — er nahm etwas Feines, Blinkendes aus der Tasche — „da sieh her, wie das hängt, wie ich sie dir magnetisch gemacht habe!“
„Für so einen Stüber gebe ich dir doch meine Tabaksdose nicht,“ knirschte Lukas, der Krieger, unmutig; „da klebe ich mir ja, wenn ich will, mit Spucke viel schwerere Dinge an meine Lanze und brauche deinen Magnet nicht. Streiche sie tausendmal, und ich werd’ mir’s mit der Dose überlegen!“
„Den Buckel werde ich dir streichen, du Lump!“ schrie jähzornig der Kleine. „Entweder du gibst mir augenblicklich die Dose oder ich streich dir die Lanze gegen den Strich und mache sie unmagnetisch.“
Der Kriegsmann das hören, seine riesige Gestalt aufrichten und mit seiner magnetisierten Lanze Reissaus nehmen, geschah alles in drei Sekunden. Der andere drohte in ohnmächtigem Zorn mit seinem Magnetstab hinter ihm her und wünschte alles Unheil der Welt über das Haupt des Betrügers. Dann legte er sich lang ins mondbeglänzte Gras und begann zu schluchzen.
Günther lachte leise. „Das sind ja Kinder,“ dachte er. Der Riese war wohl einer der Polizisten und Inselwächter, von denen Kajetan gesprochen hatte. Der liess sich also bei Mondschein seine Lanze „magnetisch“ machen und hatte keine Ahnung, dass mittlerweile ein Eindringling die verbotene Insel betreten hatte. Mit viel weniger Vorsicht ging Günther weiter. Der Weg führte ins Innere der Insel. Ein Bauernhof wurde sichtbar, ein Bild des Friedens. Das Mondlicht brach sich in den kleinen Fensterscheiben, ein Storch stand schlafend hoch auf dem Dachfirst, ein Hund steckte neugierig den Kopf aus seiner Hütte, zog ihn aber bald zurück. Ein Stückchen weiter lag eine Kuhherde auf der Weide; die schönen buntgescheckten Tiere schliefen oder kauten mit geschlossenen Augen, kaum, dass einmal der Klang einer Glocke verloren durch die Stille klang. Kein Wächter war bei den Kühen; der Hirt schlief in seiner Kammer, der Hund in seiner Hütte.
Nun stieg der Wald bergan. Zwei Hügel hatte die Insel; auf dem einen sollte die Kapelle stehen, auf dem anderen das alte Schlösslein. Welcher von den beiden Hügeln war es? Ein Weg stieg empor. Links und rechts war dichter Wald, der Weg war verwachsen von hohem Gras. Viele Jahre lang war hier keine Sichel, keine Harke mehr tätig gewesen. Dicke Stauden hatten den Weg überwuchert, die breiten Steinstufen, die den letzten Teil bergan führten, waren vom Regen verwaschen oder ganz unter Gras und Gestrüpp vergraben. Das war der Kapellenweg. Da hinauf war jahrzehntelang niemand mehr gegangen als vielleicht ein Jäger auf einsamer Pürsch. In alter Zeit, als die Marmorstufen noch weiss im Sonnenlicht schimmerten, waren hier Scharen frommer Christen singend und betend zur Gnadenkapelle gezogen, Priester und Volk, mit Fahnen und in bunten Gewändern, die Hymnen hatten über die Insel und über das Wasser geschallt, und tausend Herzen waren voll Andacht und Hoffnung gewesen; mancher auch war in tiefer Reue über eine dunkle Stunde im Leben von einer Stufe auf die andere gekniet, um Gnade zu finden und den Frieden des Herzens wiederzuerlangen.
Vergangen, verloren, vergessen! Die Farnkräuter, die zwischen den Stufen wuchsen, waren wie Palmwedel auf dem Grabe einer toten Zeit. Alle, die hier gebetet, gesungen und geweint hatten, waren weit über alle Berge und Hügel der Welt, und die letzte Frau, die hier hinaufeilte, in Todesnot, in Verzweiflung, und der letzte Mann, der ihr folgte, das wilde, schreiende Weh im Herzen und das Messer in der Hand — auch sie waren schon lange still geworden. Wie vergänglich ist der Mensch auf dieser Erde, ein Baum überdauert ihn, die Steinstufe wird hundertmal älter als der Menschenfuss, der sie tritt. Alles stolze Lachen und alles wehe Weinen verweht im Wind, ja, alles was heut gross und trotzig ist und zum Anbeten schön oder zum Verzweifeln schrecklich, ist flüchtiger als der Wind, denn der Wind weht jeden Tag, und was unser ist, ist eine kleine Weile, verschwindet in Vergessenheit und kehrt nie wieder. Kaum, dass aus den Tausend und Millionen Geschehnissen, die auch die kleinste Menschensiedelung hat, einmal eines im Gedächtnis der Menschen stehen bleibt, wie ein altes, totes, nicht mehr gebrauchtes Haus, und mit seinen ruinenhaften Umrissen einen späten Wanderer schreckt oder neugierig macht.
Günther stieg im Andenken an den tollen Grafen, der sein Weib in den Tod hetzte, den Kapellenberg hinauf. Und er fand das alte Kirchlein. Es war ein runder Backsteinbau von geringem Umfang; rechts und links hatte es ein Rundbogenfenster, das spitz zulaufende Dach trug kein Kreuz mehr. Das hatte wohl der Sturm heruntergebrochen. Aber die Fenster waren noch ganz, und die Tür war noch fest. Obwohl Günther überzeugt war, dass die Tür verschlossen sei, drückte er doch fest auf die Klinke. Da gab es einen schrillen Laut, wie den hässlichen Schrei eines Tieres, die Tür sprang auf, und dumpfe Moderluft quoll aus dem Raum, der durch das einfallende Mondlicht gut erhellt war. Günther wich erst ein wenig zur Seite, dann nahm er den Hut ab und trat in die Kapelle. Rechts und links standen zwei Reihen von Bänken, steif und feierlich, wie offene Särge. Im Hintergrund war der Altar. Über den Altartisch war ein schwarzes, arg verstaubtes Tuch gebreitet, das leere Tabernakel stand offen, die eine Hälfte seiner kleinen Tür war ausgebrochen, vier Leuchter lagen umgeworfen mit ihren gelben Kerzen auf dem Altar, eine alte Lampe ohne Licht hing von der Decke herab. Das Altarbild an der Wand war von tiefem Staub bedeckt, es war kaum noch zu erkennen, dass es eine Madonna darstellte; aber das Kreuz stand noch auf dem Altar, schief vornübergeneigt war es, als ob es die Last des sterbenden Heilands nicht länger ertrage.
Günther stand inmitten der Kapelle still. Schwere Gedanken bedrückten ihn. Das war die Kirche der Einsamen, war die Kirche des alten Grafen da unten, das Denkmal an das schreckliche Geschehnis, das seine Jugend und sein Leben verdüsterte, da der Vater die Mutter erschlug und die Kapelle entweiht wurde. Wurde auch sein Herz entweiht, war es auch so ein verlassener Tempel Gottes, in dem die Leuchter umgefallen waren und das Tabernakel leer stand, in dem alles, was fromm, lieb und gut war, unter Staub und Moder vergraben wurde? War es so ganz entgöttert, so ganz verloren, oder war noch unter Staub und Schutt ein heiliges Erinnern in ihm wie ein altes Bild; stand noch ein windschief Kreuzlein in seinem öden Raum?
Der junge Mann wandte sich rasch zum Gehen, und wie er die Tür schloss, war es wieder wie ein hässlicher Schrei, und dann war alles still. Ein fahrender Händler hatte Günther von der Blutkapelle erzählt und auch, dass jene unglückliche Frau bei ihr begraben sei. Ihr Grab würde nicht zu finden sein, meinte Günther. Vielleicht hatten die Leute der Sünderin keinen Hügel gegönnt, oder wenn sie doch einen gewölbt hatten, so würde er versunken sein, verwaschen vom Regen, zertreten von rohem Volk.
Langsam ging Günther um die Kapelle und blieb erstaunt stehen, als er einen Grabhügel sah, der ganz frisch schien; ein Strauch von roten Rosen blühte an seinem Kopfende, und zwei Kränze von ganz frischen Blumen lagen auf ihm.
Wer pflegte dieses Grab? Wer dachte in Liebe der Toten, die darin schlief? Günther nahm den Hut ab. Eine kleine Weile stand er noch in dieser wundersamen Welt, dann stieg er den Kapellenweg rasch wieder hinab. Er hatte nun das Gefühl, dass er die Insel verlassen müsse, und wollte zur Landungsstelle zurückkehren, liess sich aber durch ein zweites Bauerngehöft, das dem ersten ähnlich war, irreführen und geriet tiefer in die Insel hinein.
Von fernher kam ein leises Singen. Günther ging dem Klang nach. Er hörte bald, dass es eine gute, wohlgeschulte Stimme war, die da durch die Stille der Nacht sang. Noch unterschied er nicht die Worte des Liedes, aber wenige Schritte weiter sah Günther die Sängerin. Sie lehnte am alten Liebesbrunnen, der seinen hölzernen Arm hoch in die Luft streckte. So war also auch die Sage vom Sänger und seinem Edelliebchen kein blosser Traum, so war wirklich der grause Brunnenschacht vorhanden, über dem ein gefangenes Edelkind in eigener Todesnot den vielgetreuen Buhlen sterben sah? Ja, sass nicht dort selbst jenes schöne Mädchen im hohen Gras, ganz dicht am Brunnen? Das Mondlicht spielte mit prangendem Blondhaar, das lang herniederrann und in goldenen Wellen auf den Wiesengrund flutete. Musste es nicht jenes Schätzelein sein, um das es sich lohnte, jung zu sterben, war solche Schönheit zweimal auf der Welt?
Das Lied war aus, die letzten Worte sprachen vom Scheiden. Die Sängerin, die am Brunnen lehnte, strich sich die grauen Haare aus der Stirn und wandte sich zu dem Mädchen:
„Am besten wäre es, du hörtest niemals Lieder, Klotildis!“
„Warum?“
„Das Singen macht nur unglücklich. Wenn man ganz ruhig und friedlich ist, braucht man nur singen zu hören, und es ist aus mit der Ruhe. Man wird unruhig, man bekommt Sehnsucht. Ich wollte, ich hätte niemals einen Ton singen gehört.“
„Aber du singst so schön. Das ist, weil du es gelernt und auf dem Theater gesungen hast.“
„Rede nicht davon!“
„Warum erzählst du mir nie vom Theater?“
Die Sängerin trat dicht vor das Mädchen und sagte mit viel Bitterkeit:
„Weil es das Elendeste ist von der ganzen Welt. Weil es junge Menschen anlockt, die voller Ideale, voll königlichen Hochsinns sind, Menschen, die ausgezeichnet sind mit Gütern, die andere nicht haben, und nie mit Geld bezahlen, nie durch Fleiss erwerben können, und weil das Theater diese Menschen zwingt, tausendmal ihre Seele zu enthüllen vor unreinen Augen, sich zu verkaufen und sie selbst langsam schlecht macht. Immer aus Not!“
Das Mädchen zuckte die Achseln. Mit gleichmütiger Stimme sagte es:
„Ich denke, so, wie du vom Theater redest, so ist es doch überall in der Welt. Mein Vater sagt: Die Menschen können nur sich selbst lieben; selbst wenn sie einmal etwas Gutes tun, lieben sie doch nur sich selbst; denn sie glauben, dass sie einen Lohn dafür bekommen. Und wenn sie anständig oder ehrlich sind, sind sie es bloss, weil sie Strafe erhalten, wenn sie es nicht sind. Der Eigennutz ist die Wurzel, aus der der ganze Baum des Lebens wächst, den Satz sagte mir mein Vater oft; man sollte nur Lohn und Strafe aus der Welt wegnehmen, und wir hätten lauter wilde Tiere.“
Die grauhaarige Sängerin strich dem Mädchen über den Scheitel.
„Wie ist das traurig, dass ein junges, schönes Kind so spricht! Dass es so früh die Wahrheit weiss!“
Klotildis erhob sich; der Mond beleuchtete ihr Gesicht, das von reiner Schönheit und Frische war. Sie lachte und sagte:
„Traurig — wieso? Ich mache mir gar nichts daraus. Ich rede auch gar nicht gern von solch dummen Dingen. Du hast mich bloss darauf gebracht, weil du vom Theater sprachst. Was geht mich all das an? Was geht es dich an? Wir leben auf der Insel und haben damit nichts zu tun. Wir sind draussen! Aber weisst du, manchmal möchte ich doch in die Welt und einmal diese wilden Tiere sehen.“ Nach einer kleinen Pause fuhr sie fort: „Wir hier auf der Insel haben ja nicht mal richtige wilde Tiere — nur ein paar Füchse. Ich schiesse nie einen Fuchs tot; die Füchse sind mir viel lieber als die zimperlichen Rehe oder gar die albernen Hasen. Wie ich das erste Mal hätte einen Fuchs schiessen können, war ich vierzehn Jahre alt. Ich hatte ihn gut vor der Büchse; aber er beschlich gerade einen Hasen, der in seiner Todesstunde nichts besseres vorhatte, als sich seine Löffel zu putzen. Da dachte ich: Friss ihn erst, dann werde ich dich schiessen. Und er frass ihn! Er zerkrachte ihm erst das Genick, dann riss er ihm den Leib auf, trank sein Blut —“
„Klotildis!“
„O, ich habe geschaut! Und dann, wie er satt war, wollte ich ihn schiessen; aber ich dachte, vielleicht fängt er wieder mal einen Hasen. wenn ich’s sehe, und ich liess ihn leben.“
„Kind! Kind! Wenn das nur gut tut!“
Die Sängerin fasste Klotildis an der Hand, und sie gingen noch ein paar Schritt näher auf Günther zu, der hinter einer Hecke stand. Die Wangen glühten dem jungen Mann. Er war ein Lauscher. Aber — wenn es auch erbärmlich, wenn es gemein gewesen wäre, er hätte sich nicht von seinem Platze rühren können. Nein! Deutlich hörte er in der tiefen Stille des späten Abends jedes Wort.
Dann aber wandten sich die Frauen, gingen Arm in Arm über die hellbeleuchtete Wiese und ihre Stimmen waren nicht mehr deutlich zu vernehmen. Günther schaute ihnen nach und rührte sich noch immer nicht vom Platze.
Plötzlich knackte es im Gesträuch. Ehe sich Günther umwenden konnte, fühlte er, dass sich zwei riesige Pranken um seinen Hals legten, und eine mächtige Stimme brüllte:
„Ich hab’ einen! Ich haaab’ einen! Zu Hilfe! Ich hab’ einen gefangen!“
Günther machte sich mit einem kräftigen Ruck frei und sah sich Lukas, dem Mann mit der magnetisierten Lanze, gegenüber. Dieser fuhr fort zu brüllen und fasste Günther aufs neue. Im Kämpfen gerieten beide auf die offene Wiese, stolperten über des Polizeimanns grosse Lanze und wälzten sich bald darauf im Grase.
Mit einem langgezogenen schrillen Freudenschrei stürmte Klotildis über die Wiese.
„Wen hast du? Wer ist das?“
„Ich — ich weiss nicht —“ keuchte der Polizist; „ich habe halt einen — ich halte ihn fest — oooh —“
Günther befreite sich mit einer geschickten Wendung und stand auf den Füssen Er hielt die Lanze in der Hand und drohte dem sich ebenfalls erhebenden Kriegsmann.
„Vergreif’ dich nicht mehr an mir, oder ich jage dir die eigene Lanze durch den Leib, du Esel!“
Da grunzte der Polizeimann halb drohend, halb überrascht und furchtsam, dann schrie er:
„Ich hole den Oberst! Ich hole den Oberst!“ und jagte auf seinen Riesenbeinen davon.
Günther sah ihm nach, machte dann eine Verneigung vor Klotildis und sagte:
„Ihr habt keine gute Polizei hier, Komtesse. Aber es ist selbstverständlich, dass Ihr mir gegenüber gar keines Schutzes bedürft.“ Er warf die Lanze ins Gras. Klotildis bückte sich blitzschnell und ergriff die Waffe.
„Nun bleibt stehen,“ sagte sie drohend, „oder Ihr sollt sehen, wer die Lanze durch den Leib bekommt, Lukas oder Ihr!“
Sie hielt ihm die Klinge dicht vor die Brust. Günther machte eine lässige Wendung, entwand ihr die Lanze mit leichter Mühe, schleuderte sie weit von sich und sagte lächelnd:
„Gebt Euch keine Mühe! Ich bin kein Hase, und Ihr seid kein Fuchs.“
„Ooh — ooh — er hat gehorcht — hörst du, Wanda, er hat gehorcht — pfui!“
„Eine Waldwiese ist kein Boudoir, gnädiges Fräulein!“
„Wie konntet Ihr Euch erdreisten, diese Insel zu betreten?“ herrschte sie ihn an.
„Ich bin ein Wandersmann,“ sagte er gemütlich; „und die Welt ist frei. Selbst des Kaisers Gärten stehen offen.“
„Aber diese Insel steht nicht offen, Ihr werdet es büssen!“
„Nun, so werde ich es büssen!“
„Wenn Ihr einen Kahn hier habt, wie ich vermute, so macht, dass Ihr fortkommt,“ riet ihm nun die Sängerin; „es ist streng verboten, die Insel zu betreten, und Ihr setzet Euch der grössten Gefahr aus. Es war unrecht von Euch, dass Ihr hierher kamet!“
„Es war vielleicht unrecht, aber ich fürchte mich nicht,“ sagte Günther; „und ich werde die Insel nur auf Befehl dessen verlassen, dem sie gehört.“
„Sie gehört meinem Vater!“ rief Klotildis zornig.
„Nun wohl, Komtesse, so werde ich warten, bis ich mit Eurem Vater gesprochen habe.“
„Er ist frech,“ sagte Klotildis verdutzt, „komm, Wanda, wir wollen ihn stehen lassen und sehen, ob er dann nicht von selber fortläuft.“
Sie ging mit ihrer Freundin zurück zum Brunnen. Günther blieb ruhig auf seinem Platz. Da schallte das Geschrei des Polizisten durch den Wald:
„Er kommt! Der Oberst kommt! Haltet ihn! Haltet den Kerl! Der Oberst kommt!“
Der Soldat stürzte keuchend aus dem Walde, fand seine Lanze, stellte sich drohend vor Günther auf und sagte:
„Ich lass dich nicht entkommen, du Bursche!“
Günther nickte ihm lachend zu.
„Ja, wenn du willst, kannst du mich wohl an deine magnetische Lanze kleben!“
In diesem Augenblick trat eine hohe Gestalt aus dem Gebüsch. Ein Fünfziger mit energisch geformter Nase, starkem Kinn, dunklen, sehr ausdrucksvollen Augen und angegrautem Haar.
„Was geht hier vor? Wer seid Ihr? Was wollt Ihr auf dieser Insel?“
Er stellt die drei Fragen in schneller, herrischer Weise. Günther blieb ruhig. Er sagte:
„Ehe ich Euch Antwort gebe, möchte ich Euch fragen, ob Ihr der Besitzer dieses Geländes seid.“
„Nein!“
„Nun, so geht es Euch nichts an, warum und wieso ich hier bin, es sei denn, dass Ihr etwa als angestellter Nachtwächter ein Recht auf Eure Fragen hättet.“
Hei, flog der Degen des Schwarzen aus der Scheide.
„Wehre dich, du unverschämter Bursch!“
Darauf hatte Günther gewartet. Er hatte auf der Hochschule als einer der rauflustigsten Gesellen gegolten und lag im Nu im Anschlag.
Wieder schrillte ein Schrei über die Wiese, und Klotildis flog herbei und stellte sich mit blitzenden Augen dicht neben die Kämpfenden.
„Weiber weg!“ rief der Oberst und fuhr mit mächtigen Streichen seinen Gegner an. Der war ein Meister der Fechtkunst. Nach zwei Minuten schon klaffte dem Oberst eine tiefe Wunde über die Wange.
„Weiter!“
Abermals Minuten ergrimmten Kampfes. Dem Obersten rieselte das Blut vom Schädel.
„Weiter! Bursch, dich lohnt es abzustechen!“
Die Klingen klirrten, die Kämpfenden keuchten, das Mädchen stiess kurze, erregte Schreie aus, die Sängerin rang die Hände, der Polizist stand vorsichtig abseits, kein Erfolg hüben noch drüben, aber immer wilder wurde die Kampflust, immer kühner wurden Angriff und Abwehr. Nach langen Minuten erwies es sich, dass der Oberst die stärkeren Nerven hatte; kurz nachher sass seine Klinge in Günthers rechter Lunge.
„So! — So ficht ein Nachtwächter!“ rief der Sieger mit grimmer Freude. Dann beugte er sich über den Bewusstlosen.
„Es ist ein guter Kerl!“ sagte er voll Anerkennung, selber völlig erschöpft; „ruft den Grafen!“
„Kerl,“ schrie er den fassungslos dastehenden Polizisten an, „hol den Grafen, lauf schnell, oder ich schlag’ dich krumm und lahm!“
Da schulterte der Polizist Lukas seine Lanze und raste davon.
„Ist er tot?“ fragte Klotildis und beugte sich mit weit geöffneten Augen über Günther.
„Nein!“ sagte der Oberst; „der Stich sitzt hoch, dicht unter der rechten Schulter.“ Er öffnete Günther das Wams und drückte ein weiches Tuch auf die Wunde. —
Da kam eine langsam über die Wiese — die Blinde. Als der Oberst sie gewahrte, richtete er sich auf und stand stumm und steif. Die Blinde kam heran, beugte sich tief über den Verwundeten, suchte mit dem letzten Licht, das ihre Augen noch hatten, nach der Wunde, richtete sich dann empor und fragte mit hasserfüllter Stimme:
„Habt Ihr wieder einen auf dem Gewissen?“
Der Oberst lachte spöttisch.
„Jawohl, Madame! Es hat mich wieder einmal nach Menschenblut gelüstet, und so habe ich diesen unschuldsvollen Jüngling, der mir mit freundlichen Worten entgegentrat, über den Haufen gestochen. Ich empfehle ihn Eurer Pflege.“
Damit wandte er sich um und ging davon. Die Blinde kniete bei dem Verwundeten. Auch Klotildis kniete sacht nieder. Es war aber von ihrem Gesicht viel mehr Neugierde als Mitleid zu lesen.
„Was wird mit ihm?“ fragte sie gespannt.
Die Blinde antwortete auf die Frage nicht.
„Holt eine Trage,“ sagte sie.
Die Sängerin und Klotildis brachten bald eine der Tragen, wie sie zum Fortschaffen des Heues verwandt werden und zahlreich auf der Insel umherstanden. Sie legten den Verwundeten darauf.
„Nach dem Schusterhaus,“ gebot die Blinde, „das ist am nächsten.“
Klotildis und die Sängerin mussten je einen Holmen vorn an der Trage fassen, die hinteren beiden Holmen nahm die Blinde. So ging der stille Transport über die Wiese.
Inzwischen kam der Polizist Lukas angetrabt. Schon von weitem schrie er:
„Der Graf lässt sagen — ins Schusterhaus! Er kommt gleich mit dem Verband!“
Klotildis rief zurück, Lukas solle nicht so brüllen, er sehe doch, dass sie einen Schwerkranken trügen, und es sei ganz selbstverständlich, dass es zum Schusterhaus gehe.
Da kam Lukas mit seinen Siebenmeilenbeinen vollends heran, schulterte die Lanze und gab den Frauen und ihrer Last das Ehrengeleite.
Der Schuster, ein dürres Männlein mit eisgrauem Ziegenbart und spiegelblankem Schädel, fuhr aus seinem kleinen Haus heraus, und als er sah, was für einen stillen Gast er bekam, füllten sich seine treuherzigen Äuglein mit Tränen.
Günther wurde vorsichtig auf das Bett gelegt. Bald darauf kam der Graf. Er war von hoher Erscheinung und trug einen langen schwarzen Rock.
Schweigend beugte er sich über den Verwundeten, untersuchte seinen Zustand nach Art der Ärzte, legte einen Verband an und setzte sich dann an das Bett.
„Bis morgen früh bleibe ich hier!“ sagte er. „Wer pflegt ihn dann?“
„Ich!“ sagte die Blinde, die ganz in den Schatten getreten war, als der Graf eintrat.
Er nickte schweigend.
Zu seiner Tochter Klotildis und der Sängerin, die Hand in Hand an der Wand lehnten, sagte er nach einer Weile:
„Gehet nach Haus!“
Sie gingen. Und so war der Graf mit der Blinden bei dem Kranken allein. Der Schuster sass im Nebenzimmer auf einem Schemelchen und harrte geduldig, ob ein Befehl an ihn ergehen werde. Draussen wurde es finster; der Mond verschwand hinter den Wolken, die Grillen und die Unken schwiegen. Ein müder Nachtwind sang ums kleine Haus, darin ein junges Leben mit dem Tode rang.
Tiefe Stille. Nur ein wenig abseits vom Schusterhaus hörte man einen leise zählen: 888, 889, 890!
Der Polizist Lukas hatte die Gelegenheit benutzt, dem Schuster den Magnetstab zu entwenden, und strich damit seine Lanze.
Tausendmal!
Das vierte Kapitel.
Der wehmütige Schuster, dem grosse Tränen in die Äuglein gekommen waren, als er sah, welch stillen Gast man in sein Haus brachte, und der so treulich wartete, ob er nicht zur Krankenpflege gebraucht werde, war bald auf seinem Schemelchen eingeschlafen. Als nun sein kahler Kopf hin und her pendelte, erschien Lukas’ schnauzbärtiges Gesicht am Fenster, spähte, ob alles sicher sei, und gleich darauf schlich der rauhe Krieger auf allen Vieren in die Stube und legte den Magnetstab auf den Schustertisch zurück, von da er ihn entwendet hatte. Denn er war ein ehrlicher Mann. —
Im Krankenzimmer war schwere Wache. Der Verunglückte lag noch ohne Bewusstsein; er hatte sehr viel Blut verloren und sein Puls ging kaum fühlbar.
„Die Hauptsache ist, dass er sich nicht bewegt!“ sagte der Graf „damit nicht eine neue Blutung eintritt!“ Darauf hielten sie den Kranken mit Gewalt fest, wenn er sich umwälzen wollte. Gegen Morgen wurde Günther ruhig und schlief.
Der Graf hatte mit der Blinden die ganze Nacht kein Wort gewechselt mit Ausnahme der unerlässlichen Anordnungen, die er gab. Erst als das Morgenlicht durchs Fenster sah, sagte er:
„Madeleine, du hast gestern abend den Oberst wieder beschimpft!“
Die Blinde wies mit einer Handbewegung nach dem Kranken und sagte:
„Wieder sein Werk!“
„Nein,“ sagte der Graf mit leiser, zorniger Stimme, „nicht sein Werk, sondern das Werk dieses übermütigen Burschen selbst, der widerrechtlich auf die Insel drang, den Oberst durch dreiste Beleidigung zum Kampfe zwang und ihn dabei zuerst verwundete. Wenn er schliesslich doch der schlechtere Kämpfer war, so ist das sein Unglück, aber nicht des Obersten Schuld.“
„Der Oberst ist nie in der Schuld,“ sagte sie müde; „aber es kommt immer Unglück durch ihn!“
„Es ist mit dir darüber nicht zu reden.“
„Nein,“ erwiderte sie ruhig.
Dann schwiegen sie. Die Spatzen lärmten vor dem Fenster, die Stare pfiffen, und das Morgenlicht wurde heller und weckte in gleich neckischer Weise wie bei jedem Tagesbeginn so auch heute den Schuster; es schien ihm auf die Augendeckel, so dass er niesen musste und durch die schwere Erschütterung erwachte.
Heute rieb sich Meister Fridolin erst lange die hohe Stirn, besann sich, warum er nicht in seinem Bett liege, sondern ganz steifbeinig auf dem Schusterschemel sitze, orientierte erst sein Gedächtnis und im Anschluss daran seine Gefühle und seine Mienen und trat mit einem Jammergesicht in die Krankenstube.
„Lebt er noch?“ schluchzte er.
Der Graf nickte.
„Ach Gott — ach Gott, ich habe die ganze Nacht —“
„Geschlafen!“ ergänzte der Graf rauh. „Geh hinaus und koch’ dir dein Frühstück!“
Da ging Fridolin weinend hinaus und kochte sein Frühstück. Eine Stunde verging wieder, Günther schlief weiter. Da erhob sich Graf Raimund. Das Morgenlicht beschien sein Gesicht. Sein Bart war dunkel, sein dichtes volles Haupthaar ganz weiss. Nase, Mund und Kinn hatten weiche, wenig energische Formen; aber die Augenbrauen waren über einer tiefen Falte fast vereinigt und die gelblichgrauen Augen hatten einen misstrauischen Ausdruck. Einer der von Haus aus Gutmütigen, Fröhlichen, sanft Gearteten, dem aber böse mitgespielt worden war, dessen Seele in tausend Zwiespälte kam, ein Edler, ein Unglücklicher, aber in allem nur ein Halber.
Graf Raimund fühlte noch einmal Günthers Puls und sagte dann zu der Blinden:
„Ich gehe jetzt — ich muss ruhen — und du kannst auch nicht allein bleiben.“
„Ich kann noch den ganzen Tag wachen,“ erwiderte Madeleine.
„Nein! Du darfst nicht allein mit ihm bleiben, schon, weil dein Augenlicht zu schwach ist.“
„Der Schuster sieht noch gut!“
„Der Tropf! — Ich werde dir Klotildis schicken. Einen Kranken zu pflegen, das soll sie lernen.“
Die Blinde lächelte geringschätzig.
„Das wäre wohl gar sehr gegen Eure Erziehung,“ sagte sie.
„Wieso?“
„Wenn der Eigennutz die Wurzel alles Lebens ist, warum pflegt man denn Kranke? Warum lasst Ihr diesen jungen Mann nicht sterben? Was nützt es Euch, dass er lebt?“
Er sah verdrossen zur Seite.
„Was es nützt? Dass sein Vater nicht sagen kann, sein Sohn sei hier auf meiner Insel erschlagen worden und mir den Landrichter auf den Hals hetzt — das nützt es!“
„Daraus würde sich aber Klotildis nichts machen; es würde sie vielleicht sehr ergötzen, wenn ein Paar Gendarmen nach der Insel kämen und hier eine Untersuchung hielten.“
„Das ist nicht wahr!“
Die Blinde zuckte die Schultern.
„Ich kann Klotildis nicht brauchen. Wenn Ihr jemand schicken wollt, schickt die Sängerin oder das Wasserweib.“
Der Graf sah die Blinde finster an.
„Madeleine, wenn du einen solchen Hass auf mich und Klotildis hast, warum bleibst du auf der Insel?“
Das Gesicht der Blinden wurde steinhart.
„Hass? Das Mädel bemitleide ich nur, und ich hasse auch Euch nicht — ich verachte Euch nur!“
„Weib!“
„Warum schreit Ihr denn? Ich habe mit Euch nicht reden wollen. Ihr wisst wohl, wir haben drei Jahre lang nicht miteinander gesprochen. Was fingt Ihr heute an?“
„Weil du wieder den beleidigt hast, der mein einziger Freund ist, der mich nie hinterging.“
Höhnisch kam die Antwort:
„Der Euch nie hinterging! Der Euch nur den Sohn erschoss, meinen Mann!“
Der Graf wollte zornig auffahren, aber er mässigte sich und sagte:
„Ja, es war unrecht, ich hätte nicht davon reden sollen. Es ist ganz zwecklos und längst genug der Qual. Es ist aber das letzte Mal gewesen!“
Dann wies er auf den Kranken.
„Wenn er aufwacht und Durst hat, gib ihm Tee von Eichenrinde und Hirtentäschchenkraut!“
Er ging. Die Blinde sass regungslos auf ihrem Stuhl. Draussen spielte das goldene Licht der Sonne und die Vögel sangen so hell, als sei nichts als Lust und Friede in der Welt. Die Natur ist nie sentimental. Die Menschen lassen sich so leicht von der Natur stimmen und bestimmen, sie lachen im Frühling und sind traurig am Herbsttag; sie haben Sehnsucht, wenn die Wolken am Himmel ziehen, und wollen mit den Quellen plaudern und mit den Stürmen fliegen. Die Natur ist fühllos ihnen gegenüber; sie sendet einen Regenschauer auf den bunten Hochzeitszug, sie lässt über einem offenen Grab die Lerchen jubilieren und die Schmetterlinge tanzen. Der Natur am nächsten kommen die Naturkinder; sie sind auch souverän, leben immer nur dem eigenen Trieb, der eigenen Stimmung.
Klotildis war ihrem Vater begegnet und, da dieser ihr befahl, sich nie um den Kranken zu kümmern, schleunigst nach dem Schusterhaus getrabt. Sie traf Fridolin über einem kleinen rauchenden See von Milchsuppe und mit einer Zähre an der Wimper.
„Warum heulst du denn schon wieder?“ fragte sie verwundert. „Ist sie dir angebrannt?“
Sie wies auf die Milchsuppe.
Er schüttelte den Kopf.
„Es tut einem halt leid,“ sagte er und wies mit dem Löffelstiel nach dem Krankenzimmer.
„Ach der!“ sagte sie. „Um den tut mir’s gar nicht leid. Der hat eben eins abgekriegt. Das hat dem Spass gemacht; ich hab’s ja gesehen!“
„Er wird sterben!“ schluchzte Fridolin.
„Ja, ja,“ sagte sie, „wie dir dein grosser Karnickel gestorben ist, hast du noch mehr geheult. Du heulst immer, wenn einer stirbt!“
„Wisst Ihr, Komtesse, das ist ein junger Edelmann,“ sagte der Schuster mit grossem Ernst, „ich hab’s ihm gleich auf den ersten Blick angesehen, denn er hat eine Krone in sein Hemd eingestickt.“
Die Tür öffnete sich; die Blinde erschien.
„Fridolin, lauf’ rasch zum Wasserweibe. Sie soll Eichenrinden- und Hintertäscheltee schicken. Und sie soll selber herkommen.“
Sie zog sich gleich wieder zurück.
„Was soll sie schicken?“ fragte Fridolin stupide.
„Eichenrinden- und Hirtentäscheltee schicken,“ wiederholte Klotildis. „Und selber herkommen! Nun geh rasch!“
„Ich bin gerade am Frühstück,“ sagte Fridolin mit wehklagender Stimme; „Klotildis, Ihr lauft wie ein Reh — wie ein schlankes Rehlein im grünen Klee, so rasch springt Ihr.“
„Gib dir keine Mühe, Alter! Ich gehe nicht! Ich werde für dich frühstücken. Gib her!“
Sie nahm ihm den Hornlöffel aus der Hand, schlenkerte ihn in der nahen Wasserkanne etwas ab und machte sich über den Rest der Milchsuppe her.
Fridolin sah ihr mit Herzenswehmut zu, dann machte er sich traurig auf den Weg. Klotildis frühstückte.
Plötzlich rief die Blinde drinnen:
„Haltet Euch still — Junker, haltet Euch still! — Fridolin! Fridolin!“
Klotildis riss die Tür auf.
„Fridolin ist zum Wasserweib —“
„So hilf du — komm her — halte ihn hier an der linken Schulter fest — so — er darf sich nicht rühren —“
„Warum nicht?“
„Weil sonst die Wunde wieder aufbricht.“
„Ja so! Na wart’, ich halt’ ihn wie eine eiserne Klammer!“
„Drück’ ihn nicht so — das tut ihm weh!“
Klotildis lachte leise.
„Hu, das feine Männchen! Wie er blass ist! Den hat der Oberst ordentlich verwalkt!“
Die Blinde antwortete nicht. Klotildis erkannte, dass sie bereits wieder Anstoss erregt habe, und mässigte ihre Stimme zu einem sanften Geflüster.
„Madeleine, ich bitte dich, lass mich hier, bis er das erste Mal aufwacht! Ich werde dir auch ganz gut folgen!“
„Warum willst du dabei sein, wenn er aufwacht?“
„Weil ich gern hören möchte, was er sagt. Was er zuerst sagt! Er wird ja furchtbar giftig sein, dass er so ins Eisen gegangen ist und wird schimpfen!“
Die Blinde erwiderte sehr ernst:
„Vielleicht wird er nur aufwachen, um der Welt Lebewohl zu sagen und bald darauf zu sterben!“
Da schwieg das Mädchen nachdenklich eine kleine Weile, sagte aber dann:
„Ja, das möchte ich auch gern hören!“
Die Blinde schüttelte den Kopf.
„Lass ihn jetzt los, Klotildis, du brauchst ihn nicht mehr festzuhalten.“
Eben steckte der Schuster seinen Kahlkopf zur Tür herein.
„Das Wasserweib lässt sagen, Eichenrinde und Hirtentäschchenkraut hätte sie nicht; aber den Hexenschuss hat sie und kann nicht kommen.“
Klotildis lachte über diese Botschaft. Die Blinde aber dachte nach.
„Ich habe in meinem Hause den Tee,“ sagte sie.
„Sage mir, wo er liegt, und ich werde ihn holen!“
„Nein!“
„Ach, du lässt ja niemand in dein Haus!“
„Ich werde den Tee selber holen!“ sagte die Blinde. „In einer Viertelstunde bin ich zurück. Ich hoffe, dass er noch so lange schläft. Fridolin, du wirst aufpassen. Wenn er sich regen oder umwälzen will, beuge dich über ihn und halte ihn sanft fest!“
Dem wehmütigen Schuster schossen wegen des vertrauensvollen Auftrags Tränen in die Augen und er versprach, sein Bestes zu tun.
„Und ich?“ fragte Klotildis.
„Du wirst dich um den Kranken nicht bekümmern und überhaupt nicht an ihn herangehen,“ sagte die Blinde in strengem Befehlton und ging.
Das Mädchen schnitt ein Gesicht hinter ihr, blieb am Fussende des Bettes stehen und sah mit ihren stahlblauen Augen neugierig auf den Schlummernden.
„Wenn er nur jetzt aufwachte!“ sagte sie.
„Um Gottes willen nicht!“ flüsterte der Schuster erschrocken. „Pst! Pst!“
Nach einer Minute sagte das Mädchen in ganz zärtlichem Tone:
„Fridolin, tu mir den Gefallen: geh einmal ein wenig vors Haus hinaus und lass mich ein paar Minuten bei ihm wachen!“
Fridolin schüttelte sich, als ob ihm ein Verbrechen zugemutet würde.
„Fridolinchen,“ lockte sie, „kennst du mein Hänschen?“
„Den weissen Karnickelbock?“ fragte er mit einer Wendung des Kopfes.
„Den grossen, weissen Karnickelbock!“ sagte sie; „den schenke ich dir, wenn du jetzt einmal ein wenig hinausgehst!“
„Ich darf nicht!“ sagte er in schwerem Kampf.
„Sie sieht dich doch nicht, Fridelchen,“ sprach die Versucherin weiter; „du kommst schnell wieder hereingehuscht, wenn du sie kommen siehst! Was hast du denn da zu riskieren?“
„Ihr lasst ihm was geschehen!“ wandte er noch ein.
„Ich lasse ihm gar nichts geschehen! Ich kann ihn besser festhalten als du; ich habe der Madeleine vorhin auch schon geholfen.“
Fridolin kämpfte noch eine Minute wider sein Gewissen; dann siegte der Karnickelbock. Er ging hinaus.
Mit leisen Katzenschritten schlich Klotildis zum Kopfende des Bettes. Sie beugte sich tief über den Kranken und beguckte sein Gesicht von allen Seiten. Es zuckte mit keiner Miene.
Da tippte sie mit ihrem Zeigefinger dreimal dem Kranken auf die Stirn. Er rührte sich nicht.
„Er schläft wie ein Bär!“ flüsterte sie.
Dann nahm sie eine ihrer langen blonden Haarflechten und fuhr mit deren Ende wie mit einem weichen Pinsel Günther über den blossen Hals. Der Kranke verzog das Gesicht und bewegte belästigt ein wenig den Kopf.
„Ah, das hilft!“ flüsterte die Krankenpflegerin befriedigt, und ihre Augen funkelten. Darauf pinselte sie neugierig mit ihrem Zopf dem Pflegebefohlenen die Nasenspitze.
Der schüttelte sich und schlug plötzlich die Augen auf.
„Aaaah!“
Sie fuhr doch ein wenig zurück. Er starrte sie geistesabwesend an. Erst ganz allmählich kam ein wenig Leben in seine Augen.
„Was — was ist?“ fragte er matt.
„Ihr habt ein Duell gehabt und Ihr seid sehr krank!“ sagte sie eindringlich und beugte sich über ihn.
„Ja!“ hauchte er und schloss die Augen wieder.
Aber sie liess nicht locker. Sie schüttelte ihn sanft.
„Habt Ihr nicht irgend etwas zu sagen, ehe Ihr sterbt? Ein Lebewohl an die Welt?“ fragte sie in lautem, begierigen Ton.
Er riss die Augen auf und besann sich gewaltsam. Dann sagte er mühsam:
„Der — der Fischer — Fischer Kajetan — ist — ist an sein Tischbein gebunden!“
Damit sank er in die Bewusstlosigkeit zurück.
Klotildis aber bekam einen feuerroten Kopf, rannte hinaus und brach vor dem Hause in ein schallendes Lachen aus. Die Blinde, die auf dem Rückweg war, hörte es, beeilte sich und hielt, da der Schuster ohne weiteres alles eingestand, ein zornvolles Strafgericht über die Übeltäter. Klotildis, der streng das Haus verwiesen wurde, sagte keck: die Ausweisung sei ihr recht gleichgültig, sie hätte nun schon genug, da sie das Lebewohl des Kranken an die Welt gehört habe. Fridolin aber wusch stundenlang sein Gesicht mit Reuetränen und hielt seine Fassung nur durch die Hoffnung auf den Kaninchenbock aufrecht.
Die Blinde sass wieder bei dem Kranken und überzeugte sich bald, dass der Überfall der unberufenen Krankenwärterin keine schlimmen Folgen gezeitigt habe. Gegen Mittag kam der Graf, sah nach dem Kranken und gab ein paar Anordnungen, ohne die Blinde auch nur anzusehen. Und am Abend erschien Wanda, die Sängerin, um Madeleine abzulösen. Inzwischen war Günther mehrmals vorübergehend bei Bewusstsein gewesen, ohne dass ihm seine gewissenhafte Pflegerin gestattet hätte, ein Wort zu reden.
*
Klotildis, die liebevolle Maid, war voller Seligkeit. Dass es ihr gelungen war, einem Kranken ein so merkwürdiges Abschiedswort an die Welt zu entlocken, erfüllte sie mit grosser Genugtuung. Zehnmal galoppierte sie auf ihrer Fuchsstute in der Runde den Reitweg entlang, der dicht am Ufer um das ganze Eiland lief. Ein Plan war in ihr gereift. Sie überlegte lange, ob sie jemanden einweihen solle, vielleicht den Polizisten Lukas, aber sie beschloss, ihr Vorhaben ganz allein auszuführen.
In den stillen toten Stunden des Sommertages, zwischen ein und drei Uhr am Nachmittag, da sie sich am sichersten fühlte, bestieg Klotildis Kajetans Kahn, den sie mit leichter Mühe unter dem Erlengebüsch entdeckt hatte, und ruderte hinüber zu des Fischers Hütte. Sie war noch mitten auf dem Wasser, da hörte sie schon Jammerlaute und Hilferufe.
„Der — der Fischer Kajetan — ist — an sein — sein — Tischbein gebunden!“ ahmte sie Günthers verlöschende Stimme nach, und kicherte in grosser Vergnügtheit. Am Ufer angekommen aber zwang sie ihrem Gesicht einen düsteren Mienenwurf auf und trat mit dem Gebahren einer Richterin in die Fischerhütte.
Kajetan stiess einen Schrei aus, als er sie sah.
„Ihr — Ihr, Klotildis — ich hoffte, es sei — es sei endlich jener Günther — und nun — nun seid Ihr’s! Das ist schrecklich!“
„Ja, es ist schrecklich!“ sagte sie finster. „Ich komme, dich in Haft zu nehmen, du Lump!“
„Mich in —“, der Mund blieb ihm offen stehen — „ja, seht Ihr denn nicht, in welch jammervoller Verfassung ich bin? Macht mich los! Gebt mir zu essen! Gebt mir zu trinken! Ich halte es nicht mehr aus!“
„Wie kommt Ihr denn in diese Lage?“ fragte sie streng.
„Ooh — ich hatte — hatte gestern zufällig den Namenstag — jawohl, seht mich nicht so ungläubig an — es steht doch im Kalender — und deshalb hatte ich mich ein ganz klein wenig — als es schon sehr, sehr spät am Abend war, weil ich so müde war von der Arbeit, die ich alles allein — ja, Ihr wisst ja noch gar nicht, dass mir mein Knecht fortgelaufen ist — fortgelaufen mit meinem Gelde — der Lump, der Betrüger, der faule Teufel der —“
„Schwatzt nicht alles durcheinander!“ rief sie. „Erzählt es vernünftig! Wer hat Euch angebunden? Der Knecht?“
„Nein, nein, wie ich am späten Abend — weil ich von der Arbeit so müde war —“
„Also wie Ihr Euch früh um 8 Uhr ans Ufer schlafen gelegt habt — was war da?“
„Wie ich mich abends um acht —“
„Früh!“
„Wie ich mich um acht ein wenig schlafen gelegt habe, ist ein starker Kerl mit einer Pistole und einem Säbel über mich hergefallen und hat mich gefesselt und mich hier festgebunden, und was er dann gemacht hat, weiss ich nicht.“
„Was er dann gemacht hat, wisst Ihr nicht? Nun, ich will’s Euch sagen: er hat weiter gar nicht viel gemacht; er ist auf Eurem Wächterkahn nach der Insel gerudert und hat sich dort totstechen lassen.“
„Totstechen! O, dieser Kerl! Und er wollte mir doch drei Goldstücke geben.“
Klotildis ging auf Kajetan zu und riss ihn am rechten Ohr, dass er quietschte.
„Drei Goldstücke wollte er dir geben? So! Nun habe ich dich, du geliebtes Gaunerchen! Jetzt kommst du in den Turm, wo dich weder Rost noch Motten mehr bescheinen werden!“
Kajetan bat, weinte, gestand seine ganze Schuld, gelobte felsenfeste Besserung — es nutzte ihm nichts. Sie band ihn zwar vom Tischbein los und löste auch die Fesseln seiner Füsse, liess aber seine Hände gebunden und gebot ihm, aufzustehen und ihr zu folgen.
Er erhob sich mit einem Schmerzenslaut, dehnte seine gefolterten Glieder und sank auf einen Stuhl.
„Ich kann nicht,“ ächzte er; „ich bin auch zu verschmachtet.“
Sie ergriff einen Wasserkrug, hob ihn an Kajetans Lippen und sagte: „Trink!’“ Er trank ein paar tiefe Züge, dann stöhnte er, dass er grausamen Hunger habe — nebenan im Kellergewölbe hänge der geräucherte Schinken.
„Ich werde dich räuchern, du Schweinsbraten!“ sagte sie. „Weisst du nicht, was Verbrecher und Räuber zu essen kriegen? Wasser und Brot! Das Wasser hast du schon, jetzt kommt das Brot!“
Sie fand einen mächtigen Laib Brot, schnitt ein grosses Stück ab, liess Kajetan abbeissen, nahm ihn dann fest um den Hals und stopfte ihm so viel Brot in den Mund, dass er beinahe erstickt wäre. Dann ging sie nach dem Kellergewölbe, sah dort einen saftigen Schinken hängen, bekam selber Appetit und trug den Schinken nach der Stube, wo sie herzhaft zuzulangen begann. Kajetan sah ihr gierig zu und kaute Brot. Nach einer Weile hielt sie die Leiden des anderen nicht aus und schob ihrem Gefangenen ein Stück Schinken in den Mund, wobei sie sagte:
„Da friss, du ungetreuer Wächterhund!“ Damit meinte sie, etwas sehr Niederschmetterndes gesagt zu haben, aber Kajetan fasste das Wort anders auf. Er hegte fortan wieder Hoffnung auf Befreiung und brachte es dahin, dass Klotildis ein grosses Stück Schinken in lauter Würfel schnitt, wovon sie immer einen sich selbst und einen dem Kajetan in den Mund steckte. Dazwischen hinein versuchte sie, ihrem Gefangenen Angst und Schrecken einzujagen.
Sie erzählte Kajetan: falls er nicht die ganze Zeit geschlafen habe, möge es ihm wohl auch schon aufgefallen sein, dass seit drei bis vier Wochen kein richtiger Wind mehr gegangen sei. Da habe man nun auf der Insel Not und Mühe, mit der einzigen Windmühle, über die man verfüge, das notwendige Brotmehl zu schaffen. Gar nicht daran zu denken sei, mit der Windmühle das Futter für das Vieh zu schroten. Also müssten die Handmühlen in Gang gesetzt werden, und Kajetan dürfe nun zunächst mal vier Wochen lang täglich zwölf Stunden lang Getreide schroten. Was dann komme, werde sich finden.
Darmowy fragment się skończył.