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Paul-Heinz Schwan

DIE LETZTE KUGEL

Ein Begleittext zu Peter Sloterdijk "Sphären" Band II "GLOBEN" Frankfurt a.M. 1999, Suhrkamp

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Inhaltsverzeichnis

Titel

poetische nachmittage mit Peter Sloterdijk

Ein Brief an die LeserInnen zum Buch

Zur Einstimmung auf die Tour

poetischer prolog

Prolog: Intensive Idylle

poetische einleitung geometrie im ungeheuren

parmenideischer augenblick

gott tragen

das morphologische evangelium und sein schicksal

Einleitung: Geometrie im Ungeheuren: metaphysischen Globalisierung

I. Der Atlas

II. Parmenideischer Augenblick

III. Gott tragen

IV. Das morphologische Evangelium und sein Schicksal

poetisch zugang zum anthropisches klima

Zugang: Anthropisches Klima

poetisch kapitel 1 aufgang der fern-nähe

Kapitel 1 Fern-Nähe thanatologische Raum, Paranoia, Reichsfrieden

poetisch kapitel 2 gefäßerinnerung

Kapitel 2 Gefäß-Erinnerungen: der Grund der Solidarität in der inklusiven Form

poetisch kapitel 3 archen, stadtmauern, weltgrenzen, immunsysteme

Kapitel 3 Archen, Stadtmauern, Weltgrenzen, Immunsysteme

poetisch exkurs 1 später sterben im amphitheater

Exkurs 1 Später sterben im Amphitheater

poetisch exkurs 2 merdokratie

Exkurs 2 Merdokratie

poetisch kapitel 4 der ontologische kugelbeweis

Kapitel 4 Der ontologische Kugelbeweis

poetisch exkurs 3 autokoprophagie

Exkurs 3 Autokoprophagie Zum platonischen Recycling

poetisch exkurs 4 pantheon

Exkurs 4 Pantheon Zur Theorie der Kuppel

poetisch kapitel 5 deus sive sphaera

Kapitel 5 Deus sive sphaera Das explodierende All-Eine

poetisch exkurs 5 Über Sinn des ungesprochenen Satzes Die Kugel ist tot

Exkurs 5 Über den Sinn des ungesprochenen Satzes: Die Kugel ist tot

poetisch kapitel 6 anti-sphären

zwischenbemerkung depression als ausdehnungskrise

Kapitel 6 Anti-Spähern Erkundungen im höllischen Raum

Zwischenbemerkung

poetisch kapitel 7 das reine medium die Sphärenmitte die Ferne

Kapitel 7 das reine Medium die Sphärenmitte die Ferne

poetisch kapital 8 die letzte Kugel

Kapitel 8 Die letzte Kugel Geschichte der terrestrischen Globalisierung

Ü B E R G A N G Air conditioning

Impressum neobooks

poetische nachmittage mit Peter Sloterdijk

bewegtes leben

aus geborgener hülle

einzigartig

in tosende fülle

neugierig voran

was sonst

luxurierend horizontal

frivol vertikal

sorgend suchend

arglos getarnt

gelockt

enttäuscht

was sonst

im sorgenden suchen

verbirgt es sich

im fröhlichen finden

regt es sich

gefunden gelassen

verlassen

vielleicht morgen

erneut erfreut

was sonst

deshalb will es nicht enden

das nicht finden,

es will sich weiter

bewegen

liebkosen

vernichten

neu

besser

endlos

ewig

regen

leben

was sonst

mensch bedenke:

die kugel ist einzig

bleib artig

Ein Brief an die LeserInnen zum Buch

Sehr geehrte Leserin, sehr geehrter Leser,

herzlich willkommen zur zweiten Sphären-Tour. Was uns hier zusammenbringt, ist ein Dritter, insbesondere dessen drei Bände und die Lust auf lange, ergiebige Wanderungen. So tauchen wir unabhängig voneinander auf einer Lichtung auf, die für eine vertiefte Lesereise oder lange, für immer, die Welt bedeuten kann.

Ich freue mich, Ihnen als Sherpa auf Ihrer Reise zu den Geheimnissen der Sphären zu Diensten sein zu dürfen. Sie können mich vor Ihrer ersten Reise buchen, nach ihrer Erstbesteigung, oder Passage um Passage mit meinen Kurzfassungen gehen, um so die Tour doppelt zu erleben. Rundumservice, eine menschenalte Tradition.

Auch mir als Mehrfachbesteiger bieten sich immer neue oder korrigierte Aussichten.

Meine Referenz:

- autodidaktische mehrfach Besteigung aller drei Bände ohne Sauerstoff

- insgesamt 37 weitere Besteigungen im Sloterdijkmassiv exklusive unzähliger Aufsätze, Videovorträge und Artikel.

Für meine Sherpa Dienste nutze ich zwei Wanderpfade:

1. für jedes Kapitel eine Aussicht über wesentliche Aussagen als Langtext

2. für jedes Kapitel eine poetische Stichwortsammlung

Insofern haben Sie jeweils nur den halben Seitenumfang zu bewältigen wenn Sie sich für nur eine der beiden Routen entscheiden.

Diese Zweiteilung habe ich gewählt, weil sie meinen Weg die drei Bände zu lesen wiedergeben. Ich las Sloterdijk auf einer Ebene „sachlich“, um ihn wie andere Autoren „zu verstehen“. Da ich ihn als Philosophischer Autodidakt las, reichte das nicht, um viele Passagen wirklich zu verstehen. Aber immer, wenn ich das Buch beiseite legte, ließ es mir keine Ruhe sein Denken zu ergründen, oder besser: Mein Denken ließ mir keine Ruhe. Es wollte nach-ziehen, „verstehen“.

Dieses Nachdenken führte zu einem eher poetischen Wort-Wolken-Spiel. Man sieht tausend Wolken aber noch keine schlüssige Wetterlage, keinen Trend dieses Wolkenbildes. Ich spürte, wie ich nach und nach den Zusammenhang besser verstand, aber mir die angemessenen Worte für eine Wiedergabe fehlten, oder besser die angemessenen zwar durch den Kopf zogen, sie aber noch keine Sätze bilden konnten, kein versammeltes Bild schufen. Lauter bedeutungsschwangere Buchstaben, Worte, Sätze.

So biete ich Ihnen beide Varianten an, falls es Ihnen auch so ergehen sollte. Die meisten Aussagen sind im Original oder so Werkgetreu wie möglich wiedergegeben. Die Kapitel entsprechen der Gliederung im Original.

Zur Einstimmung auf die Tour

Nicht, weil ich Denke bin ich. Sondern weil wir kompliziert, komplex, um dreißig Ecken denken, sind wir eine so sonderliche Spezies. Wir denken eben „wild“ und „wirr“. Sagen oft „basta“ und wollen raus aus diesen Körper-Leib-Bauch-Kopf-Erwartungs-Erwartung-Verstrickungen.

Denken ist keine „einfache“ Sache. Nicht nur linear, logisch kritisch reflexiv.

Im Alltag mischen sich Logik mit Fantasie, Glauben mit Wissen, Vermutungen mit Tatsachen, Systematik mit Chaotik. Noch wichtiger: es mogeln sich Freude und Missmut, Unwohlsein und Nervenflattern, Magengrummen und ein Wallen der Gefühle ins Denken. Urplötzlich meldet sich der Darm, der Magen und signalisiert „Defizite“. Dann tauchen Ängste, Vorurteile, Hoffnung auf: und ich „entscheide“ mich.

Oft genug vorläufig: Nach kurzer Zeit kommt der Gedanke: Hätte ich nicht doch dieses oder jenes anders tun oder sagen können. Die Stimmung kippt schlagartig. Der ganze Ansatz wird verworfen, ich greife zum Hörer, ich stelle den Anderen oder mich selber zur Rede, mache eine Radtour oder gehe auf eine lange Wanderung.

Weil wir von Assoziation belebt werden, sind wir. Wir „verknüpfen“ immer etwas mit Etwas aus Etwas zu Etwas. Und das innerhalb von Sekunden, Nano-Sekunden. Wer dann sagt: Das ist doch logisch, das habe ich genau durchdacht, der müsste sagen: Alle meine „wirren“ Assoziationen haben mich zu dieser Aussage geführt. So liegt er vor uns: unser assoziierter Lebensteppich, unsere lange Wanderung aus 2500 Seiten.

Wie im Band 1 möchte ich Sie mit einem Foulspiel zu einer kurzen Einstimmung verhelfen, d.h. „unfaire“ Zusammenfassungen formulieren. Bei Sloterdijks Texten immer ein riskantes Unterfangen. Wenn Sie Ihm schon einmal zuhören konnten, werden Sie seine „wilden Ausflüge“ kennen. Müsste ein Satz für alles stehen, dann vielleicht der, dass die Geschichte „des Menschen“ durch den nie zu beruhigenden Überschuss der Ekstase über die Geborgenheit gelesen werden kann. Der erste unvermeidbare Blick erfasst unglaubliches, der zweite macht zum Sprung bereit, der dritte und vierte lehrt sie etwas. Nur nie lange.

Der Band 2 führt „das kleine Wesen“ aus dem „Basislager der ersten idealen Sphäre“ mit schwärmend-verheißender und ängstlich-bewahrender Grundausstattung, zu rauschenden Höhen und in eisige Höllen: in Gruppen, Horden, Siedlungen, Städte, Reiche, Welt.

Alles grundiert vom Konzept Selbstbergung und Selbstumgebung gegenüber einer unmöglich gewordenen Außenwelt, in: Archen, Stadtmauern, Kuppeln, Weltgrenzen, Immunsysteme.

„Die Stadt ist die Wiederholung der Höhle mit anderen Mitteln“ (Hans Blumberg) und die Höhle eine Reminiszenz an die Uterus-Zeit.

Aber wo es "Erhabene-Sphären" gibt, dort gibt es auch "Anti-Sphären". Dann geht es um die Erkundungen im höllischen Raum. Entzieht man diesem unsäglichen Raum den katholischen Wächter, dann kann die Welt und auch meine eigene Innere zur Höllen-Sphäre werden. Wenn mich alles überfällt, alles um mich herum "einstürzt", dann wird das ehemals bergende zur Höllenfahrt. Dann fällt um das "kleine Wesen" herum alles ins "Nichts".

Schon früh lehrt das Leben sie, dass sie in einem thanatologischen Raum existieren und macht sie „erwachsener“ aber nicht weniger ekstatisch. Es sterben ja immer nur die Anderen. Aber „damit die ganze Welt menschenleer erscheine, genügt es, dass ein einziger Mensch dir fehlt“.

Menschliche Beseelungsverhältnisse kommen nicht einseitig als das Schönste, Größte, Umfassendste unschuldig daher. „Die Geschichte“ aus der es zu lernen gälte: Weinrauschende Feste und blutrünstige Gelage; Blumen-bindende Delirien und kreuze-errichtende Rauscharmeen, verwöhnt getragene Seelen und Waffen-schmiedende Kommunen.

Nicht nur unglaubliche Städte die früh entstehen zeugen bald von der Ästhetik dieser scheinbar nie zu überwindenden Differenz. Wer darf zu ihnen sagen „Du musst Dein Leben ändern“? fragt Sloterdijk folgerichtig in einer anderen Veröffentlichung mit diesem Titel und setzt eine „scheue Vermutung“ als tastende Antwort: die Krise? Im Großen ist nichts, was nicht auch im Kleinen so funktioniert.

Doch warum gibt es noch immer eher große Sphären als kleine? Dabei ist eine Klimakatastrophe nicht allein ein Wetter- sondern auch Sphärenumbruch.

Die Menschen wohnen in ihren Verwöhnungen, in ihren Erfolgsgeschichten anwachsender Nervlichkeit und Symbol-vermittelter luxurierender Selbsterregungen, also umgeben von Attraktoren von denen „assoziierte Befehle“ auszugehen scheinen von denen sie sich "provozieren" lassen.

Denn „sie kommen in die Arena mit dem frühesten an Urteilskraft, dem Atmosphären-gefühl, ausgestattet. Es ist ursprünglicher als der oral-intime Sinn, der Geschmack und öffentlicher als dieser zugleich. Der Raum als Atmosphäre ist noch nicht mehr als Schwingung, aber schon die „Amme des Werdens“.

"Von der alt- und neu-europäischen Vernunft-Kultur wurde diese dritte Größe – neben Wörter und Dinge, sträflich beiseite gelassen. Dass es etwas gibt, was weiträumiger, früher, durchdringender als beide, haben sie nicht wahrhaben wollen. Außer Heidegger und Hermann Schmitz in der Neo-Phänomenologie, sind die Versuche bis heute eher Randgebiete.

Durch die Erfindung des Theoriespiels Philosophie werden die nachfolgenden Gesellschaften endogen gespalten. Es ist ein Denken in die Welt eingebrochen, das sich selber zum Ernstfall erklärt, von dem aber die meisten, auch die Mächtigen, nur Außenansichten gewinnen.

Globalisierung oder Sphäreopoiese im Größten ist das Grundereignis des europäischen Denkens das seit zweieinhalbtausend Jahren nicht aufhört, Umwälzungen in den Denk- und Lebensverhältnissen der Menschen zu provozieren.

Ab jetzt gilt: erst die Sphäre dann die Moral. Menschen müssen sich ab jetzt in einem Umfassenden lokalisieren, nicht mehr Schoß oder vegetative Grotte, ein Herd oder Tanzreigen, sondern in einer logischen und kosmologischen Konstruktionsform von überzeitlicher Geltung.“ (P.Sloterdijk)

Als Reminiszenz an den fragilen Ursprung stehen bereit: Gespür für Atmosphärenstimung, „unstillbares“ Verlangen nach Verwöhnung und Wohlsein, immunisierende, herbergsschaffende und -sichernde Anstrengungen. Umhegt von nie schlafenden Wällen, Zäunen, schutz-meinenden Mauern unter ausgespannten Privaten, Gottes- und Regentenschirmen, Baldachinen, Sternen- und Himmelszelten. Später dann Rechtssysteme, Versicherungen und Wohlfahrtsstaat.

Die „Aufschreie“ gegen überflutenden Regentenluxus, Staatsschulden, unfassbare Kriegsgelüste, Eroberungen und Höchst-Rüstung bleibt leise, wenn sie als Sicherung der fragilen Ursprungsgewöhnungen, als Pflicht aller deklariert oder intern oder extern infrage gestellt werden.

Laufen versorgende, umhegende Bemühungen lange Zeit und an zu vielen vorbei, werden Geburtliche für anders bergende Gralshüter aufgeschlossener.

Die „Vernachlässigten“ votieren innerlich und äußerlich neu-verführbar, für eine Rollenneubesetzung. Dann werden sie „Neu-Religiös“, rufen zu ihren Waffen und „Revolutionen“ bekommen ihre Zeit. Dann erobern „im Sturm“ die „klingenden“ Versprechen von Erlösung, Führer, Heimat, Volk, Vaterland „heim ins Reich“oder Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, Solidarität die „Herzen“ der Fragilen die sich nun noch festere Mauern und Rache an „Verletzer uralter Erwartungen“ versprechen. Koste es was es wolle. Die Rache ist mein –sprachen neuer Herr und alter Diener.

Die hungrig- gierig-wollenden-nährenden Konsequenzen der Geburtlichkeit sprechen in der Ästhetik der privaten, sozialen und politischen Lebens-Architektur erste und letzte Worte. Einflüsternde „Signalworte“ und „Zeichen“ die „Wunder“ wirken und Wunden schließen würden, wenn ALLES passt. Von „irgendwoher“ muss diese Orientierung doch kommen. Entfachtes Leben will „......“ Leben.

Wie? Wie einmal!: Dort.

O Mensch! Gib acht!

Was spricht die tiefe Mitternacht?

"Ich schlief, ich schlief -,

Aus tiefem Traum bin ich erwacht: -

Die Welt ist tief,

Und tiefer als der Tag gedacht.

Tief ist ihr Weh -,

Lust - tiefer noch als Herzeleid:

Weh spricht: Vergeh!

Doch alle Lust will Ewigkeit -,

- will tiefe, tiefe Ewigkeit!"

Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra

Doch oft geht es uns wie dem Panther bei Rilke:

„Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille

sich lautlos auf-. Dann geht eine Bild hineine,

geht durch der Glieder angespannte Stille –

und hört im Herzen auf zu sein.

Aus: Rainer Maria Rilke: Der Panther

Die Welt zeigt sich allen Neuankömmlingen als eine, die sie auch meint, unter Stress setzt, etwas bietet, die sie mit-bauen als zu-er-lebende. Diffus oder gut verstanden, in-Ordnung gehalten, auch irritierend, oft komplett unverständlich als Prekariat.

Sie zeigt sich ihm als von seinesgleichen geliebte, geordnete, ignorierte, bekämpfte, eroberte, regierte, geplünderte, verwüstete. Immer unruhig. Aber immer aus seinem unvergleichlichen „Strahlenkranz“, seinem persönlichen Spinnnetz-Profi blickend.

Ist das alles das „Sein“? Oder schwebt die Welt darüber hinaus in einem sich uns entziehenden „Sein“ für dieses Da-sein - und sie bietet so viel, zu viel für wenige, zu wenig für viele. Kann ich dieses Sein durch Meuterei, Revolution abschaffen oder immer nur ein ähnliches anderes wählen? Gibt es kein zurück nach vorne, in den Ursprung? Wir laufen in Schulen, Akademien, Geld und Gold, in Schlösser, Burgen, Klöster, Wüsten, Büros, Fabriken. Nur ich muss hier bleiben? Warum erwischt es immer mich? Meint mich das Sein überhaupt? Der Mensch ein ewiges dazwischen?

Was genau geht hier eigentlich „ab“?

Welt macht auch müde. Egal welcher Strahlenkranz ihn umgibt. Jetzt ist Abend, mir alles gleich-gültig. Ist nun auch alles „egal“? Abends lässt sich kaum noch etwas machen. Werde ich morgen aufwachen? Ja, die Welt fordert schon morgen früh deine Ein-Stellung. Bis dahin gibt mir eine hoffentlich warme Bettdecke meine nächtliche Reminiszenz an meinen seligen Ursprungsraum.

Will uns das „Sein“ oder das helle Da-sein von Geburtlichkeit ablenken?

Müssen wir abgelenkt werden, nur weil wir sterben werden?

Denn „dazwischen“ könnte es doch viele gute Tage geben, oder?

Ist häufiges irritiert sein nur ein kurzes Zeitgefühl, das Gefühl einer Minderheit.

Rückblickend expandiert Welt doch. Auch und gerade nach Rückschlägen. Wird erkundend entdeckt, expliziter, komplexer: mit der Zahl der Einwohner wachsen Wünsche, Ängste, Ansprüche. Mit entdeckten, eroberten Flächen und Dingen, mit

zunehmendem Wissen und Meinungen, an Vielfalt, an Risiken, an Konflikten.

Das nicht-mehr-Tier wurde munter, bunter, leichtsinniger, erfahrener, vielfältiger, gefährdent-strittiger aber auch „einfangbarer“: für gute und grausame Schandtaten.

Waren die auch alle durch unsere Geburtlichkeit „inspiriert“? Wer gab die Befehle: das „Sein“? Unsere Geburtlichkeit: und was daran genau? Werden Friedens- und Kriegsmenschen, gut veranlagte und böse veranlagte „so fertig“ geboren?

Es lässt sich fangen, wird gefangen, selber Fänger oder fristet ein Leben an äußersten Rändern. Muss es in Gruppen, Kulturen, Ordnungen „eingefangen“ gehegt werden? Würde es freigelassen wild und unberechenbar. Gefährdete es sich gar selber? Ist es dafür ausgelegt?

Wir erinnern an Band 1: Der „Mensch“ ist ursprünglich „zu Zweit“, also primär auf Beziehung, Sozial, angelegt. Dennoch sind die kämpfenden Reiche, die Trennungs-Zeichen unübersehbar unruhig.

Wie also ihn an seinen Ursprung an-binden ohne fest-zu-binden?

Gibt es nichts, was optimal über allem „Ist“. Alles in sich „birgt“, vereint, zusammenhält? Was könnte das besorgniserregte Gemein-Wesen einbinden, zusammenführen, halten, sogar steigernd-übersteigen?

Wie streng, wie übersteigert, wie überwältigend stark, ergänzend, verwöhnend, streng und suggestiv ja wie erotisierend-erotisch müsste das Welt-Konstrukt werden?

Die das alles und so vor 2500 Jahren denken wollten, wählten eine „Intensive

Idylle". Einen Garten vor der Stadt, einen "lieblichen" Rückzugsort. Kein Seminarhotel, keine moderierten Groß-Lerngruppen in Stadien. Lieber eine Akademie aus erlesenen Teilnehmern, vor der Stadt. Fern vom üblichen "Geschwätz des Marktes".

Denn es sollte kein zufälliges intuitives Kunstprojekt, keine schnelle Skizze werden, sondern eine strenges, logisches "for ever". Rund aber vermessen. Gestuft mit einem funktionalen Oben, einer Herz-Mitte, einem beschirmten Unten, aber alles in einem umfassenden Runden, alle einbindend. Die Platzanweiser exklusiv-inklusive. Eine Geometrie im Ungeheuren, die erste metaphysische Globalisierung.

Und sie wurde erotisch für erotisierbare Seelen: das Schönste, das Größte, das Rundeste, komplett beleuchtet vom Sonnenlicht-Sein: Gott und Welt und Volk in einem "hellen Parlament". So sicher, dass keiner aus seinen Rollen und aus dem Rahmen fallen würde, fallen durfte. Wer wollte da zurückbleiben. Angesichts einer solchen Immunität, durch Sicherheit im Größten.

Sokrates war der Sohn einer Hebamme und „Mitglied“ im Projektteam der ersten metaphysischen Globalisierung.

Wer Beherbergen will, muss Unwahrscheinliches-Übergroßes bieten.

Ihr besonders Markenzeichen: Kugeln, Globen, Kreuze. Kreuze auf Kugeln um den Kompromiss der gültigen Hierarchie zu zeigen. Kreuze auf Kugeln in Gottesdienerhände, Kugeln in Regentenhände eingesetzt vom Höchsten. Wahlweise Kugeln unter den Füßen von Regenten und Fromme.

Im gelungenen Pathos trägt Atlas die Himmelskugel auf seinen Schultern. Er präsentiert das Prinzip: Entlastung! So entlastet waren wir im fötalen Frühling.

Das überzeugt jeden: "blind". Ab da weiß es jeder: Da-sein heißt größte Lasten tragen. Nur große Gedanken können große Lasten tragen.

Bald wird die Kugel auch ein Globus, auf den "sehen" die Eroberer was sie haben und was noch fehlt. Ständig erweitert sich die Umsicht. Nun getragen vom Logos der das Schwere-All in Schwebe hält.

"Die Kugel erweist sich als die dynamische wahre Ikone des Seienden: denn indem sie den Betrachter informiert und umgreift, beginnt sie als wirkende Idee in ihm zu leben. Sie bringt das menschliche Auge in die exzentrische Position, die eigentlich nur einem abgetrennten Gott eigen sein könnte: folglich vergöttlicht sie den menschlichen Intellekt, der die Regel der Kugelerzeugung erfasst hat". (Sloterdijk)

Was braucht das kleine, zitternde Wesen im Angesicht des unglaublichen Raumes:

Die Allmacht-Kraft "eines Gottes". Wer mich als "sein Ebenbild" erschafft, dem kann ich nachfolgen, den kann ich auch bald "überwinden= töten".

Was folgt: die Mechanisierung der Mütterlichkeit in der nach-theologischen Zivilisation.

Für Parmenides wird Denken und Sein identisch. Denken in einer freien Umsicht im offenen. Durch einen plötzlichen Augenaufschlag der Blick in das gelichtete Ungeheure der Philosophen. Überall dasselbe Sein. Wohin Du auch gehst oder blickst. Du bist überall dabei. Selbst im nicht-zitternden Herz der Wahrheit.

So wurde das Gute, Runde, Schöne willkommene Blaupause für Religion und weltliche Regenten. Strenge, Befehl, Gehorsam und Disziplin: ein platonischer Nachhall des "Einhegens"? Alles "Züchtigen-Zurichten" ein gut gemeintes "Umsorgen", ein "vom Sein" (=Gott?) gedachtes, also auch für mich?

Angesichts dieser "Kugel" als der einzigen die gilt, wird das "kleine Wesen" zum Optimismus verdammt. Es trainiert sich im exakten Optimismus: Das eine Sein ist der Reichtum schlechthin. Platon hatte es vorgemacht: Entspannung in der Apokalypse des Raums. Wer sich umschaut entdeckt eine Welt voller Kugelsymbole. Auch heute noch und heute wieder besonders.

Doch den Einwohnern wird bald deutlich: Es ist "die letzte Kugel". Seit der terrestrischen Globalisierung -durch Kartografen und Seefahrer, später Klimatologen, Wirtschaftspolitiker, Ökologen zeigt sie sich nicht nur als das Schönste, Rundeste, Beste, sondern ebenso als Halbschön bis Hässlich.

Immerhin war sie 2500 Jahre "gültig". Alles erobernde, ergreifende, strenge, hierarchische, ein Oben und Unten denken, in Vorgaben und Folgen, in Befehl und Gehorsam waren Ihr Nachhall bis in die 1950iger/60iger Jahre das letzte Jahrhundert. In manchen Angelegenheiten ist sie es bis heute. In vielen Rückwärtsbesinnungen klingt sie durch: die Trauer um die vergangenen guten alten Zeiten, als alles noch an seinem Platz gestanden haben soll.

Der Band 2 führt uns in den Band 3. Dort erwarten uns keine harten, feste Brocken, keine neuen Felsen, sondern "Schaum". Das "kleine Wesen" zeigt sich als Blasen und Kugeln vergessenes Wesen. Es wandert in die "Moderne" und findet sich im "Schaum". Der neue Machthaber hat nicht nur seine Geburtlichkeit, sein Aufgehoben-sein -wollen vergessen, sondern auch seine Endlichkeit. Das Feste, logische, zweiwertig, ein real-aufgeklärt objektiv vor uns liegendes, findet eine Ablösung durch flüchtiges, mehrwertiges. Kontingenz wird die neue Zeit-Marke.

In der "Neuzeit", die manche die Moderne nennen, geraten wir in das unglaubliche Experiment, die "Zwei" zu leugnen und den Individualismus in den Mittelpunkt zu stellen. Das große Runde, Schöne, Göttliche, diese allumfassenden Geschichten, sie verblassen. Auch sie hat die Entropie nicht verschont. Nun steht eine andere Zeit, eine andere "Gesellschaft", eine anders geprägte, alles umprägende Kultur auf dem Wanderplan. Verdammt zur Sorglosigkeit nach den Jahrtausenden der Sorge.

poetischer prolog

lernziel: wie eine philosophische schule entsteht

womit und wie sie die (alt europäische) welt in ein einheitsdenken nimmt

das kugeldenken als philosophie wird die vorschule der theologie

warum man etwas absolut rundem, umgreifenden, attraktiven, tragendes, die gefolgschaft nicht verweigern kann (konnte)

wir lernen außerdem, das die entropie auch vor dieser kugel-macht nicht still steht

ideen über das ganze

über eine kugel

machen vor 2500 jahren

die runde

philosophische theoriespiele

spalten die nachfolgenden

gesellschaften endogen

ein anfall von unvermeidlicher

dringlichkeit

eine weltergreifende idee

startet ihren flug

ein ausnahmezustand des denkens

etwas noch nie gedachtes gesagtes

ein fruchtbarer augenblick

kühne gedanken

umkreisen

eine allmächtige kugel

ein heiligenbild

ein denkaltar

ein totalitätssymbol

verehrende forschung

vor dem emblem

des göttlich seienden

symbol des alles

physisch und geistig

umgreifenden

eine die den nachdenklich sterblichen

kein entrinnen lässt

die kugel ein götterbild der denkenden

eines das zu denken gibt

noch nicht zum beten

aber zur analyse

messung

und beweis

präzise erwägungen

wurden sein kult

ihr innenraum

fordert kongeniale geister

die beleben sollen

intelligenz wird sphärenspannkraft

einsicht verschafft umsicht

im nahen und im ungeheuren

logischer enthusiasmus

kommunitarischer enthusiasmus

ein pfingstereignis

der denkgeschichte

staunen

aber bitte mit trockener seele

von überwältigendem

sprechen

sieben eigenschaften riefen sie der

kugel hinterher:

sie sei gott

sie sei das schönste

sie sei die größte

sie sei das weiseste

sie sei erfüllt vom schnellen geist

sie sei mit kraft als stärkstes

sie sei ohne anfang ohne ende

wir sind umgriffen gerettet

obschon wir uns dem

mangel ausgeliefert fühlen

der philosoph ist

zum optimismus verpflichtet

den alten europäern

bleibt weisheit:

sich in kontemplativer dankbarkeit

in diese ur-fülle

einzugliedern

sich den besten gründen auszuliefern

während es uns moderne

zu ursprungsflüchtigen macht

vorwärtslaufend denkend

gegen das heimweh

nach dem unveränderlichen noch-nie-dagewesenen

von-ferne-versprochenem

sie scheint uns zuzurufen:

spielt weiter mit dieser kugel

die königen legitimation

und dichterfürsten

zu denken gaben

der mensch

das ekstatische tier

dem ein weltapfel

in die hand gelegt wurde

angesichts riesiger

fragen und aufgaben

schien es nicht wunder

das wir mängelwesen

zu sein schienen

wer kann als mängelwesen

der fülle schon standhalten

was soll aus der kugel

werden

in zeiten ohne könige

was aus den königen

in zeiten ohne kugel

Prolog: Intensive Idylle

Die Szene spielt im 1. Jhrd. vor Christus. Sieben bärtige Männer sitzen zusammen. Es hat den Anschein, als mache eine Idee die Runde und durchfahre sie wie ein Anfall. Weltergreifende Ideen beginnen ihren Flug.

So wie die Offizianten religiöser Kulte Statuen zu Ehren der von ihnen bevorzugten Gottheiten errichten, so haben die Gelehrten hier das Bild der Seins- und Kosmoskugel vor sich aufgestellt, um sie mit angemessenen Erörterungen zu verehren.

Die Kugel ist das Götterbild der Denkenden. Kästchen, Podium sind ihr tragbarer Altar, der Hain vor den Toren der Stadt ist ihr Tempelbezirk. Die sphaira ist der Gott der zu denken gibt. Aber es sind nicht Gebete und Anrufungen, sondern Analysen, Messungen und Beweise. Verehrende Forschung über ein Symbol für jenes Umgreifende oder Um-Sein, periéchon, das alle physischen und geistigen Gattungen des Seienden in sich fasst und das somit auch die Intelligenzen durchwirkt, die sich hier über die Kugel beugen.

Ihr Innenraum verlangt nach einem kongenialen Geist, der ihn beleben soll, das meint erzeugen und ermessen. Intelligenz ist Sphärenspannkraft; aus Einsicht wird Umsicht im Ungeheuren. In den Evidenzerlebnissen gibt sich der Gott, der Eine, Einstimmige, den Denkenden zu sehen. Logischer Enthusiasmus bestätigt seinen Verehrern, dass er in ihnen gegenwärtig ist.

Im bewährungsmächtigen Begriff und im seinsfähigen Bild kommt der göttliche Geist - der hier unterstellt werden darf - auf den menschlichen zu. Es ist das Pfingstereignis der Denkgeschichte, der Ausguss logischer Feuerzungen.

Jeder der sieben bezieht sich als singuläres, wissendes Leben auf das Eine und setzt sich so in eine ursprüngliche Individualität. Er lässt das Umfassende durch sich selbst, das diskrete Gefäß des Ungeheuren, sprechen.

Hier entsteht eine neue Form der Vergesellschaftung: durch die geteilte Erfahrung des Einheits- und Ganzheitsgedankens entsteht eine Gemeinsamkeit, für die es in der völkischen und familiaren Geschichte kein Vorbild gibt.

Aber schon diese sieben lernen nicht fürs Leben sondern für die Schule.

Durch das Theoriespiel Philosophie werden die folgenden Gesellschaften endogen gespalten: in solche die sich und ihr Wissen selbst zum Ernstfall erklären und in die, die sich entweder als Bewunderer dessen zeigten, was sie nicht verstanden oder die, die ein Leben in Ahnungslosigkeit führten, ohne sich unsouverän zu fühlen.

Im Bild der Sieben liegt Glück und Ungeheure still ineinander.

Zukünftig wird ohne den Willen zu dieser Idylle, keine Theorie zustande kommen.

Ohne Muße keine Schule, ohne Entwurzelung aus der Vulgarität, nichts von alledem, was alteuropäisch Freiheit der Forschung hieß.

Von nun an reicht das Ungeheure in der Ordnung weiter, als das Ungeheure in der Tragödie. Die Kugel bestellt die Betrachter mit zwei unbedingten Imperativen zu sich:

Komm, denke mich!

Und:

Geh in mir auf!

Im Hintergrund eine Sonnenuhr. Philosoph ist, wer eine Uhr im Rücken und eine Kugel vor sich hat.

Wir stehen am Beginn eines messenden, feststellenden, vergegenständlichenden „Zeitalters der Vernunft“. Von einem wortreich dunklen Gewerbe wird die Konstellation von SEIN und ZEIT durchleuchtet.

Einer, der der Zeit den Rücken zukehrt um in den absoluten Raum, die göttliche Immanenz, die sphärische Fülle einzutreten. Hier tut sich das Paradies der Ontologen (Lehrende des Seins) auf.

Auch Hegel und Heidegger waren nur Kommentatoren dieses Mosaiks. Auch Nach- und Anti-Hegelianer kämpften um den Kugelnachlass, von der es heißt, sie sei zersprengt, die ihr ent-stürzenden Menschen würden nur noch im freien Fall existieren.

Die Kugel vor Augen lässt die Sieben zu einer lokalen Funktion des globalen Optimums werden. Sie gab ihnen den stärksten Grund Optimist zu sein, wenn die Sphäre wirklich das Inbild und den Inbegriff des Ganzen geben soll.

Liegt im modernen Fortschritts-Optimismus noch ihr Nachhall?

Der thetische (zu beweisende) Funke springt im Augenblick über: Alles ist Gnade, alles ist im Kreis. Eíso panta - alles ist innen-. Der Intellekt ist nun unheilbar krank von einer Sphären- idee, einem Pathos, von dem sich nicht sagen lässt, ob er hell oder dunkel ist: dem Staunen.

Wer staunt über was?

Die Raumfigur bleibt in jeder Agonie (Qual, Kampf) und Überspannung um sie, wie ein geometrischer Schutzengel, eine unverletzlich exakte Alliierte. Angesichts dieser Kugel ist der Denkende zum Optimismus verdammt: einem exakten Optimismus.

Optimist – das war nun keine Charakter- oder Stimmungsfrage mehr.

Das Eine Sein ist reich, d.h. reich an Differenzen die zu einer Hermeneutik (erklären, auslegen‚ übersetzen) der Fülle zwingt. Nicht das Ressentiment (Neid, Groll) gehört an den Anfang, wie es die Psychoanalyse mit Kastration und Mangel tut. Die Fülle gehört dorthin und schaltet ein aristokratisches Licht auf sie. Das Zufiel erklärt das Seiende im Ganzen.

Sieben exakte Prahlereien verschafften ihr den Rang einer „Kugel des Seienden im Ganzen und brachte sie so in die Vorlage einer theologie- ermöglichenden Funktion.

Es waren die sieben Rühmungen über:

die Kugel sei nichts anderes als der Gott

sie sei deshalb das Schönste

sie sei die Größte, kein Staubkorn sei außerhalb

sie sei das weiseste

sie sei erfüllt vom Schnellsten: dem Geist

sie sei das Stärkste, durch die Kraft der Notwendigkeit

sie sei das Göttliche das weder Anfang noch Ende hat

Das Hinzukommen des Menschen ist überflüssig, macht sie nicht mehr runder, trägt zu dieser ursprünglichen Rundheit nicht bei. Ihm bleibt nur, sich in kontemplativer Dankbarkeit in dieses Optimum einzuordnen.

Aber auch das Optimum unterlag der Entropie, dem "eingebauten" Wandel" Das An- und Eingebundensein Aller in Allem hielt zwar immerhin ein Weltalter lang das alte Europa mit göttlich- Beauftragten, die die Kugel in Händen oder im Wappen trugen in Atem. Aber auch die Zeit brach in die Kugel eine und rief nun den Seinen zu: Spielt weiter.

Es muss doch auch Neues zum Guten geben, wenn die bisherigen Kugelhalter ihren Pflichten zur Pflege des Runden nicht mehr nachkamen?

Wie zum letzten Mal erstellt 1777 ein Dichter in seinem Garten in Weimar einen „Altar des guten Glücks“. Wie? Natürlich als Kugel, die ein Rätsel für die Nachkommenden aufgibt: Was wird aus einer Welt ohne Könige, was aus Königen ohne Kugel?

Gewidmet ist dieses Denkmal der Tyche Agathe. Tyche ist die antike Göttin des guten oder bösen Schicksals, des Zufalls, des Launischen.

Die Kugel ruht auf dem Quader. Er steht für Ruhe, Beständigkeit, Verlässlichkeit, Ausgeglichenheit, die Kugel für das Unbeständige, die rast- und ruhelose Bewegung, das Wechselhafte. Wer wird diese Kombination balanciert in die Zukunft tragen?

poetische einleitung geometrie im ungeheuren

lernziel: wie die globalisierung vor 2500 Jahren metaphysisch startet

wie philosophen für „menschen in der welt“ ein „sicherungs-gerüst“ denkend-bauen

wie die gezügelte vernunft eine affäre mit dem weltganzen eingeht

und theologen ihre göttliche kugel sprengen die immerhin fast zweitausend Jahre hält

das projekt der metaphysischen globalisierung

globalisierung das herrschende motiv

frühen europäischen denkens

metaphysiker mathematiker kosmologen

definierten

den menschen als

kugelnschaffendes kugelnbewohnendes tier

globalisierung wird geometrisierung

des unermesslichen

mensch und natur eine technische kooperation

globalisierung oder sphäropoiese

ist kernstück des denkens

mathematische globalisierung

geht seit 2500 jahren

der terrestrischen voraus

sein ist nicht die zeit zum tode

sondern die zeit die es braucht

zu begreifen was der raum ist:

die allerwirklichste kugel

sie ist der repräsentant

des weltganzen

das wurde die entscheidende

erkenntnistat früher aufklärer

jede intelligenz ist gezwungen

ihre lage zum mittelpunkt

zu überprüfen

bloße umgebung soll kugel werden

geometrie läuft ins ethische

das runde wird der befreundete raum

die sphaira hieroglyphe des weltganzen

inlusive himmel

so werden macht und rund

ein herrschersignal

setzt man das kreuz

auf der kugel

läuft das bild

in sakramentale überhöhung

römische münzen

liefen um die welt

wurden zu globalisierungsboten

sobald die kugel stand

stand die frage nach

ihrem herrn und regenten

wahlweise waren es

siegesgöttinnen fortunen imperatoren

gerne missionare

mit christus als kosmokreator

danach gruppierten wissenschaftler

ihr besteck für wendekreise

meriane und äquator

später wird der globus

vom logos und reklame umzogen

wird spitzensymbol von macht und geist

doch auf welchem fundament

steht sie

wo wäre sie einzubetten

wer oder was soll sie tragen

oder hält das umfassende sich selbst

schwebt ohne anhalt

im äußeren im leeren

so entstanden trägerideen

und lastübernahmebereite figuren

wie atlas

von zeus bestellte olympier

wahlweise auch säulen

berggipfel

prometheus tantalos sysyphos philoktet

alle unlösbar

an leidvolle überanstregung gefesselt

ihr können ist ihr leiden

es wächst die pflicht stark zu sein

in rom zeugen gladiatoren

wie es für die mächtigen

keine erleichterung

für die schwachen

keine nachsicht gibt

parmenideischer augenblick

die kopernikanische wende kränkte nicht

sie beflügelte die europäer

sie macht die erde

zum stern unter sterne

zum ort andere sterne zu beobachten

weltganzheit löst sich

in nüchternes wissen

lässt den himmel verlieren

kugelkonstrukteure

und globenbildhauer

schaffen ein medium

zur nachahmung gottes

menschliche gottessicht

durch mathematische kosmosbilder

der mensch verschafft sich

eine außensicht der welt

die bis dato nur gott hatte

die spaira lockt sterbliche in ein spiel

anfangs joviale herrschaftliche

dann polytechnische verfügungsträume

bis in die gewaltherrschaft des wissens

über dinglich ausgelegtes leben

im ganzen

atlas schwere last wird leichte theorie

das prinzip entlastung kommt zur macht

vorstellen und versuch wird bahnbrechende

verlockung

gewöhnlich sterbliche haften von nun

am alltäglichen verstricken sich

in besorgungen geschichten

meinungen werden inmitten der kugel

kugelblind

es muss ein neu-alter-halt her

denn die menschen sind

nicht nur die sterblichen

sondern die aus dem zentrum gerückten

zum dasein im halbblinden

epizentrum verurteilten

verschlagene randwesen

situativ benommene

marginale gottes

halbsichtig halbklar

das epizentrum des absoluten angehaucht

in mitleidenschaft gezogen

ohne sich mit diesem

verwechseln zu dürfen

gott tragen

ein verhältnis

das mikrosphärische intimbeziehung

auf makrosphärisches niveau hebt:

die in starker beziehung vereinten zwei

jetzt aber auf höhe des logischen

praktisch reifen weltverständnisses

metaphysich denken bedeutet diesen zauber zu meditieren

menschen sollen wie maria denken

nicht mein wille geschehe

sondern so wie du gesagt hast

die makrosphäre nutzt die mikrosphäre ganz für sich

höchste übertragung geglückt

was er will wird nur von

bevollmächtigten vertretern offengelegt

großwelten erlangen so ihr koopertionsmodell

- methaphysik der bevollmächtigten

und

- dienst am zentrum

arbeiter im weinberg der mitte

nicht als ein erleiden

sondern in intelligenter ko-spontanität

auch aktiver ergebung

maria und christophorus:

zwei musterexemplare

die schwere der welt

ist teil der liebesgeschichte

der exemplarische diener trägt den träger

der alles trägt

kolumbus wird der chistophorus der neuzeit

ein exemplar neuzeitlich manischer risikokultur

später zeigen die jesuiten

wie beugung unter größtem gewicht

von gewißheit beflügelt

das nur deren übernahme

reale macht verleiht

gegenwärtige krisen der solidarität

sind vielleicht sinnbild

für den untergang der

mitarbeiter-metaphysik

den klassischen denkern

ging es nicht um letztumfassung

sondern letztimmunität

ein theorie-ritual

zu ehren ihrer majestät

der runden form

jeder noch so weit entfernte

wird vom strahl aus der mitte

ermöglicht und erreicht

alles gute hat immunkraft

ist meine bergung im letztimmunisierenden ganzen

eine beruhigend erheiternde fesselnde botschaft

trost und zwang waren ununterscheidbar

unser herz war unruhig bis es ruhe fand in ihm

doch christus rettet weil die kugel rettet

der gott der morphologen

ist älter als der gott der basiliken

christliche geistesgeschichte:

die ausarbeitung kryptischer identität

von christologie und kugelmetaphysik

theologen werden agenten

eines epochalen immunisierungsprojektes

christus rettet wie schon die kugel rettet

doch die seele ist nur zuhause

wenn sie auf dem strahl aus dem zentrum lebt

außerhalb nichts als hölle

gerade als müsse der mensch

zum bleiben im runden mit gefahren gelockt werden

das morphologische evangelium und sein schicksal

doch das schicksal

des göttlich runden treiben

theologen ins abseits

sie deskreditieren

das göttlich bergende

durch das verwüstende attribut

unendlich

der unterschied zwischen

innen und außen

geht verloren

alles ist im irgendwo

die morphologische tragödie vernichtet

durch unerbittliche infinitisierung

die immunität gottes

hebt sich auf

sie stirbt an überdehnung ins unendliche

man nimmt ihr und ihm

damit die sammelnde kraft

die epizentrischen punkte

werden gezwungen

zu wählen zwischen

sich selbst als mitte

oder in einem herrenlosen spiel

in dezentrierten ereignisströmen zu leben

letzteres wird zeitgenössisch

alles sorgt sich um sich:

individuen statt familien

organisationen

wirtschaftsunternehmen

alles heilige egoisten

ihre askese ist selbstbezug

eine vergleichgültigung des raumes

die anhäufung selbstbezüglicher

exzentrischer punkte

mitsamt ihrer umwelten

in mittelpunktlosen strukturen

das wird sloterdijk

schäume

nennen

man wird sehen

wie menschliche immunität

in der zweiten ökomene

- dem integral aller isoliertheiten-

gewonnen werden kann

Einleitung: Geometrie im Ungeheuren: metaphysischen Globalisierung

Das Zeitalter (ab dem 4./3. Jhdt. v.Ch.) der Metaphysik (Was sind die letzten Ursachen und Prinzipien der Welt?) d.h. die Suche nach der einen Antwort auf die eine Frage, dem „Einen“, archimedischen Punkt der alles hält, er- und umfasst, löst ein Zeitalter der Geschichten der Werdenszappelei zu Gunsten der Wesensruhe ab.

Sterbliche entspannt euch: Nicht Vieles sondern ein Rundes ist Alles. Rund der Himmel Rund die Erde. Man könnte ergänzen: Rund war auch Eure erste Herberge.

Wir erinnern uns: in den Philosophengarten sollten nur Geometer und Liebesaffären-bereite eintreten. Für das Größte und Beste waren nur diese Talente gut genug. Im Garten selber ging es nun um Seminare zu Konstruktions-, Bau- und Tragekunst der „Kugel im Ungeheuren“. Hier zu denken wurde Olympische Disziplin. Schon früh übte man sich darin, das dass wenige für viele taten: Eine nur durch eine Schule definierte Last, auf unbefragte Schultern zu legen. Eine Idee so in Szene zu setzen das sie wie eine Epidemie durch Europa wandert. „Die Eroberung der Welt als Bild“ wird Heidegger das später umschreiben. Wer konnte das wagen?

Im Globus besitzen Macht und Geist ihr gemeinsames Zeichen. Die mathematische Globalisierung geht der terrestrischen um zweieinhalbtausend Jahre voraus.

Die Kugel erweist sich als die dynamische, wahre Ikone des Seienden: denn indem sie den Betrachter informiert und umgreift, beginnt sie als wirkende Idee in ihm zu leben.

Sie bringt das menschliche Auge in die exzentrische Position die scheinbar nur einem abgetrennten Gott eigen sein könnte. Folglich vergöttlicht sie den menschlichen Intellekt, der die Regel der Kugelerzeugung erfasst hat. Dies leitet den Übergang von der sinnlichen Anschauung zum intellektualen Vorstellen ein und vollendet ihn.

I. Der Atlas

Diejenigen die den Sterblichen ihre schicksalhafte Definition „aufzwangen“: kugel-schaffende und kugelbewohnende Tiere zu sein. Mit diesem Herzstück der griechischen theoria nimmt die Frage nach der Stellung des Menschen in der Natur eine radikal technische Bedeutung an. Mensch und Weltganzes können ein intelligibles, (erkennen ohne Objekt) formales und konstruktives Verhältnis eingehen.

Globalisierung und Sphäropoiese im Größten ist das Grundereignis des europäischen Denkens, das seit zweieinhalbtausend Jahren nicht aufhört, Umwälzungen in den Denk- und Lebensverhältnissen der Menschen zu provozieren.

Die Repräsentation des Weltganzen durch die Kugel, ist die entscheidende Tat der früheuropäischen Aufklärung. Wo Umgebung war soll die Kugel werden, ein Seelensprung ins Ganze. Die Sterblichen werden eingeladen, vom Trog der Sorge aufzublicken in den großen befreundeten Raum, in dem alles gleichzeitig, ausgeleuchtet und offen ist.

Die Kugel gelangt auf Münzen, in die Hände von römischen Kaisern, Sphäre und Herrscherportrait wurde Voraussetzung für Machtdemonstrationen, das Kreuz auf der Kugel verschafft sakramentale Überhöhung. Der Fuß des heiligen Franz von Assisi, aufgestützt auf einer Erdkugel ist nur eines von vielen. Auch Geld und Globus gehören zusammen: wer den Kreislauf beherrscht bringt das Ganze an sich. Nicht die Erde läuft um die Sonne, vielmehr das Geld umrundet die Erde.

Aber das Bild der Kugel ruft die Frage nach der Lage in der Mitte, nach Identität und Residenz des Gesamtherrschers hervor, andererseits auch, ob die allesumfassende Kugel ihrerseits auf eine Stütze oder einen Grund gestellt werden kann. Auf welchem Sockel müsste sie zum Stehen gebracht, in welcher Hülle oder Umfassung wäre sie einzubetten? Wer soll tragen, was alles trägt. Oder kann man schon zulassen, dass sie im Leeren schwebt?

Diese Rolle konnte nur von einem titanischen Kandidaten übernommen werden.

Athlet und Denker in einem: Atlas wurde das Symbol für diese gigantische Aufgabe. Wer kennt ihn nicht?

Die Spekulationen um diese Figur gehen uns alle an. Waren sie doch die Geschichten und Denkvorlagen die der Mythos schrieb und schreibt.

Sein Körper ganz auf Anstrengung spezialisiert, bezeugt eine Kultur, die im letzten über nichts anderes spricht, als über die Pflicht, stark zu sein in einer Welt, in der es für die Mächtigen keine Erleichterung und für die Schwachen keine Nachsicht gibt.

Das größte Gewicht kann nur von dem größten Gedanken getragen werden.

Der wahre Himmel will in umfassenden Reflexionen gehalten werden.

Sein Träger oder sein Gestell ist das Denken selbst.

Der Logos ist zum Komplizen, zum fundamentum des Umfassenden geworden.

Die Liebe zur Weisheit und die Liebe zur Schwere des Einen, Ganzen, kommt auf eines hinaus.

II. Parmenideischer Augenblick

In der Kugel verbirgt sich eine monumentale Zweideutigkeit: sieht sich der menschliche Geist in sie selbst eingefügt oder platziert er sich außerhalb von ihr? Die Gefahr dabei: der Betrachter sieht von seinem wirklichen Ort im Dasein ab und flüchtet in ein fiktives Zuschauerleben jenseits der Welt.

Was Heidegger Seinsvergessenheit nennt, beginnt schon mit der antiken Anweisung zum seligen Sehen der Kugel von außen.

Metaphysische Globalisierung: die Einladung zu einem erster Verrat am existentiellen Ort des Menschen?

Atlas selbst - brutal ausgeschlossen von dem Ganzen das er trägt- steht in seiner angestrengten Blindheit unter der Last, weltbildlos da. Er philosophiert mit zusammengepresster Seele. Er kann zu seiner Zeit noch nicht freihändig auftreten, weil er zum Prinzip Entlastung noch nicht durchgedrungen ist. Noch ist man Dulder von Verhängnissen, kein Überwinder von Zuständen. Weisheit ist noch nicht unter das Diktat der Wissenschaftskultur geraten.

Parmenides setzt hier eine erste Ausnahme. Für ihn ist die Kugel kein zu betrachtendes Außen sondern bietet freie Umsicht im Inneren eines offenen, von sich selbst her Aufschluss über sich gebendes Seienden.

Denken und Sein ist dasselbe.

Nur von innen her, immanent, intern bleibend, lässt sich die Kugel des Seienden anschauend in Gedanken fassen.

Für Parmenides ist der Raum der Philosophen das gelichtete Ungeheure. In der Seh-Schule des philosophischen Gesamt-Umblicks begreift oder spürt der Denker, was es heißt alles zu „wissen“, alles Sehrbare zu sehen, alles Umgebende in den Ring des Seins gefasst zu erkennen und dies alles für immer und stets im selben Licht des Bemerkens, eines „dass es ist“ gebracht werden kann.

Gewöhnliche Sterbliche scheuen den Blick oder finden vor lauter aktuellen Sorgen und weil sie am nächstbesten haften, inmitten der Kugel, das sie Kugelblinde sind.

Der Philosoph ist der Günstling der Götter, erhält den Zugang zum besonderen Standort. Außerdem musste er ein Ekstatiker sein, der als absolut kontemplativ, entselbstet umblickende Intelligenz sich ins „nicht-zitternde-Herz-der Wahrheit“ versetzt.

Während die Außensicht der Kugel als Super-Objekt den Super-Betrachter nicht enthält, verkörpert die parmenideische Kugel den Inbegriff einer all-immanenten Einschließungsfigur die die Struktur eines geistigen Sachverhalts mit einem von innen durchseelten, gleichmäßig ausgeleuchteten Gewölbepanorama besitzt.

Der Betrachter im Außen müsste eine absolut exzentrische Position, der Betrachter im Innen eine absolut zentrische Position einnehmen.

Sloterdijk zitiert Alexander Kojève: „..man kann sich in dieser parmenedeiischen Kugel de-platzieren wie man will, man wird überall genau soviel Sein vor sich wie hinter sich haben und es wird überall dasselbe sein.“

Hier liegen zwei Ansichten in Konkurrenz. Der alles Innen bietet den Vorteil, durch das Innere der menschlichen Selbstbeziehung zu gehen und sich damit eher von dem Verdacht eines „archaischen“ All-einheitsgedankens freimachen zu können.

Alles-Innen-Ausläufer reichen über den Deutschen Idealismus bis zu Heideggers In-der-Welt-Sein und Gilles Deleuze Immanenzpathos.

III. Gott tragen

Nun geht es darum offenzulegen, wie das Grundphänomen der mikrosphärischen Welt – der gegenseitigen Evokation („an sich zu ziehen“„hervorrufen“) der in starker Beziehung vereinten Zwei – auch in der Makrosphäre, dem kugelförmigen Universum wiederholt.

Das Paar muss auch die absolute Kugel für sich gewinnen.

Wenn es ein absolutes Zentrum gibt, dann tritt die Frage nach Rolle und Bedeutung der Epizentren auf; nach dem Außen und ihrem Gegenüber auf und was ist mit dem nicht umschlossenen Rest.

Das schöngerundete Ganze der Außensicht-Kugel ist stets vom Sklavenaufstand der äußeren und unteren gefährdet und hat nur solange Bestand, wie das Zentrum, das epizentrische, in Schach halten kann.

Der Innen-Seher Kugel droht Gefahr, durch die, von den gewöhnlich Sterblichen nicht einnehmbaren Mitte-Sicht.

Dadurch entsteht eine zweite Exzentrik: diejenige der gewöhnlich-sterblichen Augen zur optimalen Mitte. Sloterdijk nennt sie Epizentrik: die Spannung zwischen der

zentrierten Sicht in die ontologische Sphäre und er epizentrischen Weltauffassung vom existenziellen Standpunkt her. Die Spannung zwischen „Der/Meiner Mitte“ und „mir normal sterblichem“.

Damit ist ein folgenreicher Urteilsspruch über die kognitive conditio humana gefällt:

Die Menschen sind immer und ohne Einschränkung zum Dasein auf halbblinden epizentrischen Standpunkten verurteilt.

Sie sind die aus dem Zentrum gerückten, die in die Umstände Verschlagenen, die Randwesen, die situativ Benommenen.

Menschen sind die Marginalen Gottes und daher unheilbar epizentrisch, halb sichtig, halb klar,

für alle Zeiten Nicht-Mittelpunkt-Wesen.

Philosophie ist die Zumutung zu verstehen, dass die Mitte anderswo ist.

Epizentrische Existenz bedeutet: sich von den Zusprüchen eines höchsten Zentrums angehaucht und in Mitleidenschaft gezogen wissen, ohne sich mit diesem selbst verwechseln zu dürfen. Und genau damit tritt im Raum des bewussten Lebens ein Verhältnis in Kraft, das exakt der Wiederholung mikrosphärischer Intimbeziehungen auf makrosphärischem Niveau bewirkt.

Metaphysisch denken bedeutet den Zauber zu meditieren, den die Mitte auf die epizentrischen Punkte rings um sie herum ausübt. Das göttliche Zentrum und das menschliche Epizentrum verdoppelnd die ursprüngliche Erweckung der Vorstellung der in starker Beziehung vereinten Zwei.

An den Beispielen der gottesträchtigen Maria und dem legendären Lastenträger Christophorus wird die Analogie von mikrosphärischen Intimbeziehungen und makrosphärischen Weltbeziehungen dargestellt.

Es ist die Form der aktiven Ergebung, der dienenden Einfügung vom Epizentrum zur Mitte. Es ist dies die Matrix aller Dienst-Mystik. Das maßgebliche Kooperations-modell der Großwelten: die Metaphysik der Mitarbeit, der Dienst am Zentrum. Nicht im Modus eines Kadavergehorsams. Das Werkzeug soll seinerseits lebhaft zuvorkommend sein und sich damit für die Intentionen der Mitte in Bewegung zu setzen, sich in eine Art von intelligenter Ko-Spontaneität aktiv fallen lassen ins zentrale Projekt.

Von Christophorus an bedeutet das Spiel mit dem Ball des Seins auch immer eine intime Affäre.

Die Sphäre die die Welt bedeutet, steht nicht mehr nur als geometrische Figur vor dem Betrachter; sie ist auch nicht nur eine universalisierte Umwelt: Sie ist zum Emblem der starken Beziehung zwischen Menschen und Mittelpunkt geworden.

Damit hat das Christentum ein im Dualraum verankertem Prinzip der Solidarität in die Welt gesetzt: Denn es denkt, naiv und reflektiert zugleich, solidarisches Handeln als Mitarbeit des Epizentrums beim Projekt der Mitte.

Dieses dienende Tragen und tragende Dienen zieht sich durch die Geschichte der Menschenfischer, dem dieses Modell der starken Beziehung zu Grunde liegt.

Königshäuser, Weltentdecker, Kaufleute und Jesuiten beugen sich unter die größten Gewichte, von der Gewissheit beflügelt, dass nur deren Übernahme reale Macht verleiht.

IV. Das morphologische Evangelium und sein Schicksal

Es ging in der gelebten und erzählten alteuropäischen Metaphysik des Kugeldenkens nie um Letztbegründung sondern um Letztumfassung oder wie es ab nun auch heißt: L e t z t i m m u n i t ä t. Ein unermesslich umständliches und komplexes Theorie Ritual zu ehren Ihrer Majestät der runden Form in allem.

Es ging um „letzte Sicherungen“ der bis dato umher irrenden.

Seine Aufgabe bestand darin, die menschliche Unruhe in einer gefährlich geöffneten, abgründig geweiteten Welt zu beschwichtigen: durch Initiation in die erbaulichste, umfassendste Immungestalt, das Universum, wörtlich: das mit einem einzigen Umschwung Alles-Umgreifende.

Alles Gute hat Immunkraft.

Auch meine eigene, vor Verlorenheit zitternde Existenz, wird potentiell und aktuell von einem Strahl aus der Mitte ermöglicht und erreicht.

Wie der Gott im Kinderlied die Sterne, so hat das Zentrum die Punkte gezählt, dass auch nicht einer ihm fehle an der ganzen unfassbar großen Zahl.

Ein Umstand, in dem Trost und Zwang ununterscheidbar werden.

Das Denken in einer Gemeinschaft der Teilhabenden am Kugelrunden wird zur rettenden und therapeutischen Übung. Hier konvergieren Sphäre und Psyche.

Die Weltseele weltet hält und sammelt uns im Runden.

Die Theologen waren genötigt, ihren Gott und sein Verhältnis zu den Menschen in die Gussformen der akademischen Zentrums- und Kugelmetaphysik einfließen zu lassen. Der Gott der Morphologen ist älter als der Gott der Basiliken.

Die Besinnung auf die Koexistenz in der Kugel induziert die Kraft der Fernstenliebe.

Die Verpflichtung ihres Gottes, auch die noch so weit entfernten liebend zu halten, zu umhüllen, ist in der Theologensphäre die ontologische Allianzfigur.

So wird die Schalenbesessenheit der Europäer nachvollziehbar. Sie dienen der Weltabdichtung im Sinne einer Universal-Immunologie. Von acht, zehn, zwölf, vierzehn kosmischen Wällen und Gräben umschlossen, genoss die Menschenwelt auf der Erde das demütigende Privileg, in der inneren Burg des Seins zu verweilen.

Was Oben die Schalen, sind auf Erden die Stadt- und Burgmauern.

Gott sichert die Grenzen gegen das Nichts, das Außen und die Unendlichkeit. Nur solange konnte er sich in Kraft halten, wie er in einer zwar riesenhaften aber endlichen Kugel seine schützenden Hände für jeden denk-bar ausstreckte.

Doch sobald die Theologen das Attribut Unendlich ins Denken einwarfen, zerstörten sie die Immunitätskraft ihres Gottes. In einer unendlichen Kugel der metaphysisch brisante und immunologisch bedeutende Unterschied zwischen innen und außen verlorengeht.

Es waren die klügsten Theologen die Gott getötet haben, als sie anfingen ihn unendlich zu denken.

Sobald der Kugel das Prädikat unendlich zugesprochen wird, stirbt sie an Überdehnung ins Unanschauliche. Ihr wurde die sammelnde Kraft genommen, damit vom Interesse der Lebendigen getrennt und somit das Größte heillos gemacht.

Die vormals epizentrischen Punkte werden gezwungen entweder sich selbst als Mitte aller Beziehungen zu wählen, oder sich jenseits der Mitte in ein herrenloses Spiel der dezentrierten Ereignisströme fallen zu lassen.

Aus der ersten Option erwachsen die Systemtheorien aus der zweiten die nach-monossphärischen Philosophien.

Jetzt ist es nicht das (metaphysische) Wesen sondern das Ereignis das den Lauf bestimmt.

Folglich musste das Kernthema der Moderne: Selbstbezüglichkeit, als eine

wie auch immer verspätete und unterdrückte, doch unvermeidliche Konsequenz ins Denken einbrechen.

Die letzte verbleibende Zentrierungschance in der infinitisierten Zeit ist der

Egoismus der Punkte.

Alles, was ein Selbst oder ein System ist, hat sich deswegen um sich selbst zu sorgen, ob Individuen, Staaten, Familien oder Wirtschaftsunternehmen. Sie alle sind heilige Egoisten; ihre Askese heißt Selbstbezug.

Die göttliche Kugel endet in der Vergleichgültigung des Raumes. Kontinente und Ozeane sind von aktuellen Verkehrs- und Kommunikationssystemen erschlossen;

potentiell jeder Punkt im neutralisierten Raum ist ein Standort geworden – das heißt ein Relais für durchkommendes Geld auf der umrundeten Erdoberfläche. Keiner der Punkte kann sich für andere nicht erreichbar machen.

Die Anhäufung selbstbezüglicher exzentrischer Punkte mitsamt ihrer Umwelten in mittelpunktlosen Strukturen wird Sloterdijk in Band III die Schäume nennen.

Eine neue Konfiguration menschlicher Immunitäten in der Zweiten Ökumene, die ein Integral aller Isoliertheiten ist, kann nur in einem Denken gelingen, das sich vom Einen-und-Allen absetzt.

poetisch zugang zum anthropisches klima

lernziel: das alles um homo sapiens herum sphäre, raum, klima wird und ist

das er nur in starken beziehungen lebt, webt und ist

warum das atmosphärengefühl ursprünglicher als geschmäcker ist

auch wenn das Umfeld wächst: von nest, zimmer, höhle, hütte, haus, herd, halle, dorf, paar, familie, stamm, stadt und mehr, immer wächst die sphäre als bergende hülle mit, auch mit wachstumsschmerzen, aber wird auch trotz zerstörung wieder-errichtet

homom sapiens lebt und ist eine unaufhörliche sphärenschaffende regung, unruhige bewegung ohne rast sein bestechendes merkmal

herzlich willkommen in den

wandlosen treibhäusern

der menschlichen nähe-beziehungen

ausgestellt wurden:

von zwei-raum-teilung bis zur welt-gemeinde

menschliche beseelungsverhältnisse

zwischen weinrauschenden festen

und blumenbindender delirien

verwöhnt-geschmeichelten seelen

und blutrünstigen gelagen

kreuz-errichtende komplizenschaft

waffenschmiedendend-grämende herzen

der kurator? anonymos

die sondierungen bisher haben gezeigt:

menschenwesen können nirgendwo

anders sein als in den wandlosen

treibhäusern ihrer nähe-beziehungen

ihrem verhalten im gemeinsamen raum

d.h. proxemische anthropologie

mit dem kern der starken-beziehungen

sie formen autogene gefäße

der primärsolidaritäten

für sie gilt:

sie sind „ihr eigener ort“

als geschöpfe auf das

fördernde mikroklima ihrer frühen binnenwelten angewiesen

dieser fundus setzt alle übertragungen in gang

wir sind zuerst und vor allem

mit einer urteilskraft

über das atmosphärengefühl

ausgestattet

ursprünglicher als geschmäcker

in atmosphären sind wir eingetaucht

über sie spricht das offenbare

zu uns: der raum

als atmosphäre ist sie

die amme des werdens

klima-stimmung-atmosphäre

die dreifaltigkeit des umgreifenden

weil sie nicht-gegenständlich ist

wurde sie bisher beiseite gelassen

aber

wenn die saite der existenz

in einem individuum sich spannt

schwingt sie in den klangfarben

einer stimmung oder eines

prägenden klimas

atmosphären bilden sich nur

als geteilte zwischen mehreren

die nähe-räume für einander durchtönen

einräumen-leben-weben-und sind-

wir sind mikrosphärisch

klimaaktive lebewesen

mit aktionen aufeinander

und leiden aneinander

nähe ist gelebte redundanz

fülle des offenkundigen

in dem die synchronisierten schwingen

wir sind wettermacher

für unwetter und aufklaren

beziehungswetter

bleibt wichtiger und wirklicher

als große politik und hochkultur

nest höhle hütte zimmer haus herd

familie paar stamm dorf stadt

die nie vollständig bedachten

nie vollständig ausgelegten

innenweltschöpfungen

geheimnisse der raumproduktion

in dem von außen so viel

als nötig nach innen

äußeres soviel wie möglich

vom herd des guten lebens

fernzuhalten ist

dazu kommen bilder von abwesende

die integeres wohnen ermöglichen

sammlungen von dingen verraten

den menschen als das tier

dem etwas fehlen kann

kultur ist überreaktion auf absenz

leerstellen werden wiederbesetzt

ergänzungszwänge runden innenwelten ab

der endoklimatische nestbau

geht allen konstruktionen voran

das ursprüngliche menschheitsrisiko

eine klimakatastrophe

alles hängt an der gunst

binnenklimatischer umstände

einem kontinuum von selbstverwöhnung

auch unter härte schwere und misslingen

menschen wohnen in ihrer verwöhnung

die bilanz als homo sapiens

erfolgsgeschichte eine anwachsende nervlichkeit

und symbolvermittelte luxurierende selbsterregung

alles vor dem hintergrund

erbarmungsloser selektionsfatalitäten

ausmerzung und scheitern

als regel

das blasenbild

evoziert die zerbrechlichkeit

menschlicher räume

und doch:

selbstbergung im

selbsterzeugten raum

eine unaufhörliche

sphärenschaffende regung

eine regenerationsfähige hülle

wiederbeseelender solidarität

wird den auflösenden angreifern

entgegengesetzt

ein ewiger kampf

um das integere

integrierende treibhaus

wie ist es möglich

das nicht alles vom wind verweht

wurde

und es noch immer

große sphären gibt

als keine?

Zugang: Anthropisches Klima

Über diesen Band steht:

„Wir laden Sie ein, zur Expertenkonferenz über die inneren Angelegenheiten der Epizentriker. Es möge eintreten, wer sich traut, sich den unvermeidbaren, wandlosen Treibhäusern der menschlichen Nähe-Beziehungen -portable oder fest- vorbehaltlos zu nähern. Ein gesondertes Grund- oder Aufbauwissen ist nicht erforderlich, da bereits jeder den Kompass dazu in sich tätowiert mitführt.

Wer sich umfassender vergewissern möchte, lese unbedingt Band I.“

Auch die Individuen wie die selbstergänzenden Alleinlebenden die ihre Außenkontakte (Adressen, Netzwerke) pflegen, sind ohne Differenz und Aber, auf das fördernde Mikroklima ihrer frühen Binnenwelten angewiesen.

Nur in ihm, als seine typischen Gewächse, geraten sie zu dem, was sie zu ihrem Besten und Schlimmsten sein können. Hier sammeln sie einen Vorrat schöpferischer, ambivalenter, destruktiver Grundstimmungen oder gefühlshafter Vorurteile über das Seiende im Ganzen an, die sich beim Übergang in größere Szenen beharrlich geltend machen.

Sie kommen in die Arena mit dem frühesten an Urteilskraft, dem Atmosphärengefühl,

ausgestattet. Es ist ursprünglicher als der oral-intime Sinn, der Geschmack, und öffentlicher als dieser zugleich. Der Raum als Atmosphäre ist noch nicht mehr als Schwingung, aber schon die „Amme des Werdens“.

Das Klima, die Stimmung, die Atmosphäre, das ist die Dreifaltigkeit des Umgreifenden, in dessen anhaltender Offenbarung die Menschen immer und überall leben, ohne das man sagen dürfte, dass es zu diesen Epiphanien eine Botschaft und ein Überbringer gehörten.

Von der alt- und neu-europäischen Vernunftkultur wurde diese dritte Größe – neben Wörter und Dinge, sträflich beiseite gelassen. Das es etwas gibt, was weiträumiger, früher, durchdringender als beide, haben sie nicht wahrhaben wollen. Außer Heidegger und Herman Schmitz in der Neo-Phänomenologie, sind die Versuche bis heute eher Randgebiete.

Wenn die Saite der Existenz in einem Individuum sich spannt, so schwingt sie in der Klangfarbe einer Stimmung oder eines prägenden Klimas.

Stimmungen bilden sich als geteilte Atmosphären zwischen mehreren, die den Nähe-Raum füreinander tönen und einräumen. Er entsteht durch die Summe unserer Aktionen aufeinander und unserer Leiden aneinander. Daher bleibt für die meisten Menschen ihr Beziehungswetter wichtiger als Politik und „Hoch“-kultur.

Die Menschen wohnen in ihren Verwöhnungen, was meint, in der Verfeinerungs-dynamik lokaler Kulturen und Individuationen. Sie schwingen in ihrem Eigen-Gerede als der basal klimabildenden Funktion von Gesellschaften. Die Theorie erkennt dies spät, nachdem die Gruppen bereits auseinandergefallen und soweit ausdifferenziert sind, dass von Einheit keine Rede mehr sein kann.

In trivialen Orts- und Innenraumwörtern wie Nest, Zimmer, Höhle, Hütte, Haus, Herd, Halle, Dorf, Familie, Paar, Stamm, Stadt, verbirgt sich für immer ein Rest an Ungedachtem, das weitergeträumt zu werden verlangt.

Als evolutionärer Bilanz ist die Existenz von homo sapiens nur als Erfolgsgeschichte anwachsender Nervlichkeit und symbolvermittelter luxurierender Selbsterregung zu begreifen. Deren Erfolgslinien heben sich ab vor einem Hintergrund erbarmungsloser Selektionsfatalitäten, in denen Ausmerzen und Scheitern die Regel sind.

Seit jeher sind die Menschen engagiert in dem Vorhaben, so viel wie nötig von dem was außen begegnet, nach innen zu ziehen und soviel Äußeres wie möglich vom Herd des guten Lebens fernzuhalten.

Ist Kultur nicht insgesamt die Überreaktion auf Absenz? Leerstellen werden wiederbesetzt, als dulde der Fülle-Raum keine dauernden Vakanzen.

Durch den Ergänzungszwang werden Innenwelten der Selbstrundung wieder- genährt. Weniger als eine gerundete, innenraumgebende Kugel kann dabei nicht genügen.

Allen Niederlagen und Zerstörungen zum Trotz, gibt es offensichtlich eine regenerationsfähige Hülle von wiederbeseelender Solidarität, die auflösenden Angriffen, so lange es irgend geht, ihre schöpferischen Wiederstände entgegensetzt.

Es ist immer ein Kampf um das integre und integrierende Treibhaus.

Der Band II versucht eine Antwort auf die sich dabei aufdrängende Frage: Warum gibt es noch immer eher große Sphären als keine?

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Ograniczenie wiekowe:
0+
Objętość:
240 str. 1 ilustracja
ISBN:
9783753190617
Wydawca:
Właściciel praw:
Bookwire
Format pobierania:

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