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Czcionka:

Moloch Unsterblich

1 Prolog

2 Sonntag

3 Montag

4 Wohnung Südstadt

5 Detektei

6 Detektei

7 Rheinallee, Bad Godesberg

8 Schweinheim

9 Detektei

10 Turnhalle, Bad Godesberg

11 Café Negro

12 Beuel

13 Detektei

14 Kirche St. Evergislus

15 Tierarztpraxis

16 Café bei der Kirche

17 Beuel

18 Bad Godesberg

19 Detektei

20 Beuel

21 Rheinallee

22 Barbaras Wohnung, Südstadt

23 Detektei

24 GoldRush Bar

25 Dienstag Detektei

26 Südstadt

27 Rheinallee

28 Südstadt

29 Gymnasium, Bad Godesberg

30 Südstadt

31 Kurpark

32 Detektei

33 Gotenstraße

34 Pfadfinder

35 Beuel

36 Detektei

37 Rheinallee

38 Detektei

39 Una Notte Speciale, Königswinter

40 Moonbar

41 Mittwoch Detektei

42 Gotenstraße

43 Friedhof, Beuel

44 Nähe Rheinallee

45 Friedhof, Beuel

46 Bad Godesberg

47 Detektei

48 Beuel

49 Kurpark, Bad Godesberg

50 Detektei

51 Jugendamt, Bonn

52 Pennenfeld

53 Detektei

54 Beuel

55 Pennenfeld

56 Kneipe No More, Bad Godesberg

57 Detektei

58 Mittwoch Abend

59 Mittwoch auf Donnerstagnacht

60 Donnerstag

61 Beuel

62 Detektei

63 Schweinheim

64 Beuel

65 Detektei

66 Beuel

67 Nähe Rheinallee

68 Detektei

69 Krankenhaus, Venusberg

70 Beuel

71 Detektei

72 Andrea Sattlers Wohnung, Bad Godesberg

73 Nähe Rheinallee

74 Detektei

75 Beuel, Friedhof

76 Nähe Rheinallee

77 Detektei

78 Schweinheim

79 Detektei

80 Friedhof Beuel

81 Schweinheim

82 Allerseelen Kinderheim

83 Friedhof, Beuel

84 Allerseelen, Bad Godesberg

85 Friedhof, Beuel

86 Allerseelen, Bad Godesberg

87 Friedhof, Beuel

88 Allerseelen, Bad Godesberg

89 Detektei

90 Hauptbahnhof Bonn

91 Detektei

92 Ehemaliger Atomschutzbunker, Bonn

93 Detektei

94 Nacht von Donnerstag auf Freitag, Gotenstraße

95 Freitag

96 Ehemaliger Atomschutzbunker, Bonn

97 Gotenstraße

98 Villa Anton, Bad Godesberg

99 Schweinheim

100 Nähe Rheinallee

101 Bad Godesberg, Villa Anton

102 Detektei

103 Drakes Wohnung, Südstadt

104 Hauptbahnhof, ehemaliger Atomschutzbunker

105 Südstadt

106 Hauptbahnhof, ehemaliger Atomschutzbunker

107 Barbaras Wohnung, Südstadt

108 Hauptbahnhof, ehemaliger Atomschutzbunker

109 Allerseelen Kinderheim, Bad Godesberg

110 U-Bahn Station, Hauptbahnhof

111 Hauptbahnhof, ehemaliger Atomschutzbunker

112 Allerseelen Kinderheim, Bad Godesberg

113 Samstag

114 Sonntag

115 6 Wochen später

116 Personenregister

117 Nachbemerkung

Impressum neobooks

Moloch Unsterblich

Der vierte Fall für Laura Peters

Kriminalroman

Das Buch

„Die Kamera zoomte auf die Machete, die er hoch über den Kopf erhoben hielt, und fuhr die lange, verschmutzte Klinge entlang. Das Sichtfeld glitt zurück in die Totale. Zeigte die junge Frau, deren Gesicht ein einziges Entsetzen war.“

Laura Peters wird ein Video zugespielt, in dem ein Mord gezeigt wird, und macht sich auf die Suche nach dem Täter. Als die Leiche eines kleinen Jungen, der fünf Jahre zuvor spurlos verschwunden ist, in einer verborgenen Kammer auf einem Dachboden gefunden wird, erkennt sie, dass sie es nicht nur mit einem Mörder, sondern auch mit einem jahrhundertealten System des Bösen aufgenommen hat. Doch sie stößt auf eine Mauer des Schweigens und muss lernen, dass nicht jeder das ist, was er zu sein scheint, und dass Vertrauen tödlich enden kann ...

Die Laura-Peters-Serie

Moloch Unsterblich ist der vierte Roman, in dem Laura Peters mit ihrem Team ermittelt. Alle Bände der Laura-Peters-Serie sind als Taschenbuch im Internet erhältlich und als E-Book in allen Online-Shops.

Patricia Weiss freut sich auf den Austausch mit ihren Lesern auf der Facebook-Seite ‚Patricia Weiss – Autorin‘, auf Twitter ‚Tri_Weiss‘, auf Instagram ‚tri_weiss‘ und auf YouTube ‚Patricia Weiss Autorin‘.

Moloch Unsterblich

Der vierte Fall für Laura Peters

Kriminalroman

von

Patricia Weiss

Moloch Unsterblich ist als Taschenbuch und als E-Book erhältlich.

Impressum Texte: © Copyright by Patricia Weiss c/o Relindis Second Hand Gotenstr. 1 53175 Bonn patriciaweiss@gmx.net

Covergestaltung und Foto: Patricia Weiss / Model: Christian Sydow

Lektorat: Katharina Abel

Alle Rechte vorbehalten.

Veröffentlichung: 2019

Der Kuss der Muse, nur gehaucht, entfesselt den Sturm ...

Für meine lieben Eltern.

Und für die Beste Gruppe der Welt.

Love life, stay weird!

Moloch

* Der Moloch wird in der Bibel erwähnt und ist ein Gott oder ein König, dem Kinderopfer dargebracht wurden.

* Moloch ist ein Synonym für eine gnadenlose Macht,

die alles verschlingt.

Am Ende des Buches gibt es ein Personenregister.

1 Prolog

Die Ästhetik des Tötens gewinnt an Schönheit mit der passenden Musik.

Der Übergang vom Leben zum Tod ist ein harter Cut. Kein sanftes Dahingleiten, kein langsames Entschweben, kein seichtes Diffundieren in eine andere, bessere Welt.

Jedenfalls nicht für den Beobachter.

Im einen Moment ist ein Körper noch voller Leben, im nächsten nur noch eine leere Hülle. Und dazwischen ist lediglich ein schmaler Grat.

Ein sehr schmaler.

Mit der Fernbedienung schaltete er den CD-Player aus und der Raum versank in tiefe Stille. Er stützte den Ellenbogen auf die massive Eichenplatte des Esstisches, legte das Kinn in die hohle Hand und studierte sein Gegenüber. Noch vor wenigen Minuten hatte das Objekt gestöhnt und geschnauft, sich zu den monumentalen Klängen von Orffs O Fortuna aufgebäumt und gewunden, gesabbert und mit fetten, kleinen Händen versucht, den Kragen zu öffnen, um das kommende Schicksal abzuwenden.

Sein Blick wanderte über den kaum angerührten Teller mit Rotkohl, Klößen, Rinderbraten und Soße und den seelenlosen Koloss dahinter, dessen Leibesfülle ihn zwischen den Lehnen des Stuhles und der Tischplatte festklemmte und am Umfallen hinderte. Der Anblick der hervorgequollenen Augen, die zu Lebzeiten kaum über die runden, rot-glänzenden Backen hervorgesehen hatten, des rot-blau angelaufenen Gesichts, der heruntergeklappten Kinnlade, aus der die Zunge heraushing, weckte kein Gefühl in ihm. Keine Regung. Nicht einmal Ekel. Die Hände blieben auch im Tod in den weißen Hemdkragen gekrallt und zeugten von der verzweifelten Gier der letzten Atemzüge nach Sauerstoff.

Das war gut.

Auf den ersten Blick sah es aus wie ein Unfall durch Ersticken. Doch er wollte noch ein bisschen nachhelfen. Ohne Eile erhob er sich, näherte sich dem Teller, der vor dem Objekt stand und griff nach dem Besteck. Durch die dünne Membran der Einmalhandschuhe meinte er, einen Rest von Wärme zu spüren, die die Finger des Toten auf das verzierte Silber übertragen hatten. Eine letzte Erinnerung an das Leben, die Lebendigkeit, die noch bis vor wenigen Augenblicken den Körper des Kolosses erfüllt hatte, bevor sie als winziger Tropfen vom ewigen Ozean der kosmischen Energie absorbiert worden war. Sorgfältig schnitt er ein ordentliches Stück vom Rinderbraten ab, dann drückte er mit dem Messer die Zunge des Objektes nach unten und stopfte mit der Gabel das Fleischstück so tief in den Rachen, wie er konnte. Einen aufmerksamen Gerichtsmediziner würde er damit nicht täuschen können, aber die Behörden waren überlastet – mit etwas Glück würde dieser Körper nicht lange auf dem Seziertisch bleiben.

Im offenen Kamin prasselte und knackste das Feuer und verbreitete eine Hitze im Zimmer, die die Kerzen auf dem Tisch zum Schmelzen brachte. Schweißtropfen liefen über sein Gesicht. Hervorgerufen durch die Wärme ... oder durch das überdimensional große Bild, das über dem Kamin hing und einen gütig dreinschauenden Pfarrer in Soutane zeigte, der von schwarzen Kindern umringt war. Es stammte aus der Zeit, als das Objekt noch nicht so fett gewesen war wie ein Walross. Die eine Hand umfasste den Stab,

... du warst ein böser Junge, ein elender Taugenichts ...

die andere streckte er den Kindern entgegen, Handrücken oben, die Finger leicht nach unten gekrümmt

... braver Kerl, das hast du gut gemacht ...

Er wischte sich mit dem Ärmel über die feuchte Stirn. Die Angst, in der Kindheit sein ständiger Begleiter, schien zurückzukommen. Ein Kloß im Bauch, der sich ausbreitete, ihn lähmen wollte. Doch das ließ er nicht zu. Er war kein Opfer mehr. Er wehrte sich jetzt. Schlug zurück. Vernichtend. Seine Finger krampften sich um das Messer. Am liebsten hätte er ...

Er straffte die Schultern, streckte den Rücken, hob das Kinn, atmete bewusst dreimal tief durch. Der stinkende Giftnebel der Erinnerungen verflüchtigte sich, wich der kühlen Brise trostspendender Ratio.

Der Plan.

Er musste sich an den Plan halten, dann war alles gut. Sorgfältig die einzelnen Schritte abarbeiten. Einen nach dem anderen. Improvisation war etwas für Versager und führte ins Verderben. Sunzi sagte in ‚Die Kunst des Krieges‘ Handle umsichtig, rasch und unkompliziert. Das war jetzt gefordert.

Wieder ruhiger geworden sah er sich um. Im hinteren Teil des Raumes stand ein Ohrensessel vor einem wandhohen Regal mit unzähligen gelehrten Schriften.

Komm näher, mein Sohn ... knie dich hier neben mich ...

Die Wucht der plötzlichen Erinnerung, seit Ewigkeiten verschüttet, ließ ihn taumeln, blendete gleißend seine Seele. Er keuchte, kämpfte den Gedanken nieder. Richtete die Aufmerksamkeit gewaltsam wieder auf die Gegenwart. Das Hier und Jetzt, wo er die Regeln machte.

Und sie exekutierte.

Gnadenlos, kaltblütig, präzise.

Er ließ den Blick weiterwandern. Prunkstück des Raumes war der Esstisch, lang und massiv wie eine Rittertafel, an dessen Kopfende das Objekt soeben sein letztes Abendmahl eingenommen hatte.

Und es hatte ihm Vergnügen bereitet, es ihm zu kredenzen.

Die Chili-Thai-Koriander-Suppe, als Vorspeise serviert in einem Tässchen, das man auf einen Zug austrinken sollte, war die richtige Wahl gewesen. Die scharf-seifige Gewürzmischung hatte jeden irritierenden Fremdgeschmack überdeckt. Allerdings setzte die Wirkung erst nach zweiundzwanzig Minuten und siebenundreißig Sekunden ein. Er hatte die Stoppuhr gestellt, um die Information in seine Tabelle einzutragen.

Ohne Musik war das Sterben banal und nichtssagend.

Mit Musik ein dramatisch zerstörerischer Akt von beklemmender Schönheit.

Aber es musste sorgsam aufeinander abgestimmt sein. Wie eine gut inszenierte Oper. Der Zeitraum, bis die Reaktion eingesetzt hatte, war länger gewesen als beabsichtigt. Er schätzte den Koloss auf gute 130 Kilo. Wenn er es noch mal mit so einem Kaliber zu tun hatte, würde er die Dosierung hochsetzen. Dafür war der Todeskampf unerwartet kürzer verlaufen.

Enttäuschend kurz.

Fünf Minuten zweiundvierzig zwischen den ersten Anzeichen und dem letzten Atemzug. Herzschwäche, Bluthochdruck und Adipositas hatten ihn bei seinem Vorhaben unterstützt. Allerdings hatte er das Stück mehrfach von vorne spielen müssen. Ärgerlich. Vielleicht musste er es auswechseln. Etwas von Wagner nehmen. Oder Vivaldi. Aus den Vier Jahreszeiten. Das gäbe dem Akt des Tötens eine ganz neue Interpretation, eine charmante Leichtigkeit, Beschwingtheit. Aber das würde viel Arbeit bedeuten. Und er wollte nicht mehr warten. Seine Zeit war gekommen.

Jetzt.

Das Objekt hatte natürlich versucht, Hilfe zu alarmieren. Hatte sich zuerst an ihn gewandt. Flehend die Hände in seine Richtung gestreckt. Doch er hatte ihn nur unbewegt angesehen. Vielleicht hatte auch der Hauch eines Lächelns um seine Mundwinkel gespielt und ihn verraten. Sicher war er sich da nicht. Zu lange hatte er auf diesen Augenblick gewartet, ihn immer wieder im Kopf durchgespielt. Möglich, dass er für einen kurzen Moment die Kontrolle über seine Gesichtszüge verloren hatte. Dann war das Dämmern der Erkenntnis auf dem Gesicht des Objekts sichtbar geworden. Dass es zu spät war. Dass er ihn nicht retten würde, ja, dass er sogar der Verursacher der Notlage war.

Ein Verräter.

Eine Natter, die das Objekt an seinem Busen genährt hatte.

Reue traute er ihm nicht zu. Selbstgerecht und gnadenlos war er gewesen. Sadistisch und brutal. Hatte sich gesonnt in der Gewissheit der Absolution von ganz oben. Von ganz, ganz oben. Eigentlich hätte er schon damals seinen Glauben verlieren müssen. Als er noch klein, hilflos und dumm war und das Objekt ihm gezeigt hatte, dass die Hölle keine abstrakte Vorstellung vom Jenseits war, sondern im Diesseits äußerst real existierte.

Erschaffen von Teufeln, wie das Objekt einer war.

Und von denen es so viele gab.

Doch er hatte weiter fest geglaubt, gebetet, um Besserung gefleht, um Erleuchtung. Damit er erlöst würde aus dem Martyrium. Doch nichts hatte sich geändert. Heute wusste er, dass es dort oben niemanden gab, der zuhörte und half. Dass er sich nur selbst befreien und retten konnte. Es stimmte, das Objekt hatte ihn an seinem Busen genährt. Oder streng genommen an einem anderen Körperteil, weiter unten. Aber mit Gift. Und hatte ihn dadurch zur Natter gemacht, zu einem Taipan, der giftigsten Schlange der Welt.

Und jetzt war er auf der Jagd.

Das Objekt hatte versucht, zu fliehen. Doch damit hatte er gerechnet und ihn mit einer Jacke, die er um ihn geworfen und hinter der Lehne zusammengehalten hatte, auf dem Stuhl gehalten. Sicher wäre Festhalten oder Fesseln leichter gewesen, aber das hätte Verletzungen hinterlassen, Hämatome, die einen Leichenbeschauer stutzig machen konnten.

Er blickte auf die Uhr, wie er es den Abend über schon hundert Mal gemacht hatte. Zeit aufzuräumen und die Spuren zu verwischen. Oder die Brücken hinter sich abzubrechen, wie Sinzu sagte. Er kontrollierte den Sitz der Einmalhandschuhe und arbeitete seine Liste ab. Das Gedeck spülen, das er benutzt hatte, und zurück in den Schrank räumen. Die Fingerabdrücke von all den Stellen wegputzen, die er berührt hatte, als er keine Handschuhe getragen hatte, um das Objekt nicht misstrauisch zu machen. Mit dem Kleberoller über den Teppich fahren, um Haare oder sonstige Partikel von ihm zu entfernen. Natürlich würde er Spuren hinterlassen, aus denen man seine DNS ermitteln konnte.

Aber dazu musste erst mal jemand bemerken, dass ein Mord stattgefunden hatte.

2 Sonntag

Panoramapark, Rüngsdorf

Opfer im Labyrinth des Blutrausches

Es kratzte an der Tür. Jaulen, Krallen auf dem Parkett im Flur. Erneutes Scharren an der Schlafzimmertür. Schlaftrunken richtete sich Laura Peters auf, tastete im Dunkeln nach dem Schalter der Nachttischlampe und knipste sie an.

Der Wecker zeigte fünf Uhr.

Seufzend sank sie zurück in die Kissen und zog sich die Decke über den Kopf. Die Nacht war ein einziger Albtraum gewesen. Wie fast jede Nacht in den letzten Wochen. Diabolische Augen hatten sie durch ein Labyrinth gejagt, aus dem es kein Entkommen gab. Sie rannte durch verschlungene Gänge, flüchtete vor dem Unvorstellbaren. Doch am Ende wartete das Skalpell auf sie. Die Klinge, die vor ihren Augen stählern aufblitzte, um dann in ihr Fleisch zu schneiden. Auf sie niederfuhr, tiefe Wunden in ihren weichen Bauch, ihre Arme und Beine riss und ihr Blut in leuchtend hellroten Tropfen durch die Luft spritzen ließ. Und die Stimme, emotionslos und seltsam hell:

Schneiden, um zu verletzten, Stechen, um zu töten.

Immer wieder war sie keuchend hochgefahren, hatte sich aufgesetzt, das Licht angeschaltet und die verschwitzte Stirn abgewischt. Versucht, sich zu beruhigen. Nur um im Dunkeln erneut als Opfer im Labyrinth des Blutrausches zu enden.

Sie hatte das Gefühl, erst vor fünf Minuten Ruhe gefunden zu haben. Und sie brauchte den Schlaf dringend. Doch das Kratzen und Jaulen konnte sie nicht ausblenden.

„Ich komme ja schon“, murmelte sie und schälte sich aus dem Bett. Barfuß tappte sie über das kalte Parkett zur Tür und öffnete sie. Vor ihr saß der betagte Dackel der Nachbarin, legte den Kopf schief und wedelte.

„Friedi.“ Sie bückte sich und streichelte über das weiche, rotbraune Fell. „Geh wieder schlafen. Es ist noch viel zu früh.“ Doch der Hund war anderer Meinung. Schwanzwedelnd watschelte er den Flur entlang zur Wohnungstür, drehte den Kopf und sah sie an. Es war klar, was er vorschlug.

„Oh Mann. Echt jetzt? Warte, ich ziehe mir wenigstens etwas über. Draußen ist es eisig.“ Laura verspürte wenig Lust, so früh in die Kälte hinausgejagt zu werden, aber wenn der Hund musste, wollte sie kein Risiko eingehen und hinterher Friedis Häufchen vom Teppich entfernen müssen.

Sie zog sich die Jeans und einen Wollpullover über das Schlafshirt und stieg barfuß in die weich gefütterten Boots. Vom Haken im Flur angelte sie die Daunenjacke.

Als der Dackel sah, dass seine Bemühungen Früchte trugen, vollführte er ein paar schaukelnde Hüpfer mit den Vorderpfoten und wedelte stärker.

„Komm, Friedi.“ Laura beugte sich zu ihm hinunter und hielt ihm das abgewetzte Halsband entgegen. Doch der Hund zog den Kopf weg und duckte sich an ihr vorbei.

„Jetzt mach schon“, seufzte sie und verfolgte ihn gebückt durch den Flur, bis sie ihn in eine Ecke drängen und ihm das Geschirr überziehen konnte. Sie hakte die Leine ein, schnappte sich die Schlüssel von der Kommode neben der Tür und verließ die Wohnung.

Die Kälte traf sie wie ein Schlag.

Ihr Körper, der noch die Bettwärme gespeichert hatte, begann unkontrolliert zu zittern. Sie schlang die Arme um sich und verkroch sich tief in der Jacke. Dem Dackel schienen die Minusgrade nichts auszumachen, die Nase dicht am Boden verfolgte er konzentriert schnuppernd eine Spur den Bürgersteig entlang. Ohne auf sie zu achten, schlug er den Weg zum Panoramapark ein und zerrte sie hinter sich her.

Laura setzte die Kapuze auf, zog den Ärmel über die Hand, in der sie die Leine hielt, und vergrub die andere tief in der Jackentasche. Mit gesenktem Kopf und hochgezogenen Schultern lief sie dem Dackel hinterher.

Es war stockdunkel, lediglich die Straßenlaternen tauchten den Weg in regelmäßigen Abständen in goldgelbe Lichtkegel. Die Straßen lagen ruhig da, die Häuser schliefen friedlich vor sich hin. So früh am Morgen war noch niemand unterwegs.

Der Park, von dem aus man tagsüber einen schönen Blick auf den Rhein hatte, lag unbeleuchtet vor ihnen. Hohe Bäume reckten sich in den frühmorgendlichen Himmel. Es war ein idyllisches Fleckchen. An sonnigen Tagen spielten Kinder auf dem Klettergerüst, Senioren spazierten die sandigen Wege entlang und Hunde tollten über die Wiesen. Doch der Park hatte auch eine andere Seite: Gegen Abend wechselte das Publikum und Jugendliche belagerten die Bänke, um Drogen zu nehmen und Bier zu trinken. Und im Sommer hatte Lauras Assistentin Gilda hinter einem Busch sogar eine Leiche gefunden.

Kein schöner Gedanke.

Laura hätte es vorgezogen, an der Straße weiterzugehen, doch der Dackel zog sie zielstrebig in die Grünanlage. Die Wege schienen ihn nicht sonderlich zu interessieren, er steuerte quer über die Wiese auf ein Gebüsch zu. Laura holte mit klammen Fingern das Handy aus der Tasche und aktivierte die Taschenlampe. Der Lichtkegel war schmal und nicht besonders hell. Mehrmals strauchelte sie in dem unebenen Gelände und traf schließlich eine Entscheidung.

„Friedi, warte.“ Sie zog den unwilligen Dackel zu sich heran und leinte ihn ab. Wedelnd verschwand er in der Dunkelheit. „Komm aber zurück, wenn ich dich rufe!“ Sie wusste, wie entlarvend hilflos das klang. Aber es brachte nichts, hinter dem Tier her durch das Gras zu stolpern.

Wenige Meter vor sich hörte sie ihn durch die Büsche rascheln. Unbeholfen tastete sie sich mit den Füßen in seine Richtung vor, doch bevor sie ihn erreicht hatte, entfernte er sich wieder von ihr.

„Friedi!“ Sie rief ihn nur leise, um die Anwohner in den benachbarten Häusern nicht zu wecken. Erwartungsgemäß hörte er nicht auf sie.

Stattdessen schlug er an. Bellte wie rasend.

„Friedi! Aus!“ So schnell wie möglich versuchte sie, zu ihm zu gelangen. „Sei ruhig!“ Ein Ast ratschte ihr durchs Gesicht, sie tauchte nach unten und schlug blind danach.

„Verdammt noch mal, Friedi, sei still!“

Endlich hatte sie ihn erreicht. Sie griff nach seinem Geschirr und hakte die Leine ein. Dann leuchtete sie mit der Taschenlampe die Umgebung ab. Vor ihr befand sich eine Bank, auf der etwas Dunkles lag. Sie ließ den Lichtstrahl darüber wandern: Beine, eine Hand, ein Kopf, der zur Seite gefallen war.

„Oh mein Gott!“

Ein Mann!

War er tot?

Er musste tot sein. Bei diesen Minusgraden konnte niemand auf einer Parkbank herumliegen, ohne zu erfrieren. Sie griff nach der Hand, prüfte, ob sie noch warm war. Aber natürlich war sie kalt. Ihre Eigene fühlte sich ja auch wie ein Eisklumpen an. Vorsichtig schob sie ihre Finger in den Kragen seiner Jacke, um nach einem Puls zu suchen.

„Nein!“

Sie schreckte zurück. Er lebte! Ein Glück. Aber vielleicht war er gefährlich? Wer bei diesen Temperaturen und zu der Uhrzeit hier herumlag, führte womöglich nichts Gutes im Schilde. Innerlich wappnete sie sich, jederzeit die Flucht anzutreten.

„Sie können hier nicht liegen bleiben, es ist zu kalt!“ Sie griff seine Schultern und schüttelte ihn.

„Lass mich in Ruhe!“ Er versuchte, sie wegzuschieben.

„Jetzt kommen Sie schon!“ Laura ließ sich nicht abwimmeln. „Wo wohnen Sie? Sie können nicht hierbleiben. Soll ich jemanden anrufen?“

„Nein!“

Mit viel Mühe gelang es ihr, ihn aufzurichten, doch er sank sofort nach vorne.

„Jetzt helfen Sie mir doch ein bisschen. So geht das nicht.“

Plötzlich krampfte sein Körper sich zusammen, er erbrach sich. Direkt auf ihre Füße.

„Scheiße!“ Sie sprang zur Seite, ohne ihn loszulassen. „Ich rufe die Polizei. Oder einen Krankenwagen.“

„Nein!“ Seine Stimme klang verzweifelt, brüchig.

Friedi stupste die Hand des Mannes an. Der schluchzte auf und fing an zu schniefen. „Nicht die Polizei. Sie dürfen nichts erfahren. Er bringt mich um! Was soll ich bloß tun?“

„Ruhig.“ Laura überlegte, während sie abwesend seine Schulter tätschelte.

Dann ließ sie den Lichtstrahl ihres Handys erneut über ihn wandern. Schmal, Daunenjacke, Jeans, Sneakers. Das war kein Mann. Jedenfalls noch kein richtiger. Er war vielleicht siebzehn, achtzehn Jahre alt. „Junge, was treibst du dich nachts im Park herum?“

Sie erwartete keine Antwort und bekam auch keine.

Der Lichtstrahl streifte den Dackel, der mit den Vorderpfoten mitten in der Lache aus Erbrochenem stand und wedelte.

„Friedi, komm da raus.“ Sie zerrte den Hund zu sich. „Was soll ich denn mit dir machen?“ Sie hatte Mitleid mit dem Jungen. Wenn sie die Polizei rief, würde er sicher Ärger bekommen. Und bestimmt hatte er das auch verdient, sie brachte es trotzdem nicht übers Herz.

„Kannst du laufen?“

Er weinte weiter, ohne zu reagieren. Ihre Hand, die noch auf seiner Schulter lag, drückte sanft zu. „Hey, kannst du laufen, habe ich gefragt!“

Zum ersten Mal schien er sie wahrzunehmen, das Schluchzen versiegte.

„Du kannst erst mal mit zu mir kommen. Ich wohne nur ein paar Häuser weit weg. Da wärmst du dich auf, trinkst einen Kaffee und dann überlegen wir weiter. Ist das ein Vorschlag?“

Im Licht der Handylampe nickte er.

„Ist dir noch schlecht?“

Er schüttelte den Kopf.

„Gut, dann steh auf. Ich helfe dir. Stütz dich auf mich. Ich halte dich schon. Ich bin stärker, als ich aussehe.“ Sie versuchte, munter zu klingen. Auch, um sich selbst Mut zu machen. „Und tritt nicht in dein Erbrochenes“, fügte sie hinzu. Doch sie sah ein, dass das zu viel verlangt war.

Der Weg zurück war mühsam. Nach anfänglicher Scheu hatte sie alle Zurückhaltung fahren lassen, sich seinen Arm um die Schultern gelegt und den eigenen Arm fest um seine Hüfte geschlungen. Zu ihrer großen Erleichterung trugen ihn seine Beine und er ließ sich widerstandslos mitführen.

Nicht so der Dackel.

Friedi hatte eine interessante Stelle entdeckt und war nicht bereit, mitzukommen. Und als sie ihn hinter sich her zerrte, änderte er die Taktik und lief kreuz und quer vor ihren Füßen her, sodass sie ständig über ihn stolperten. Als sie in den Vorgarten des Mietshauses einbogen, in dem sich ihr Apartment befand, war sie schweißgebadet.

In der Wohnung angekommen, entledigte sie sich ihrer verschmutzten Stiefel und feuerte sie in die Ecke. Dann half sie dem Jungen aus seinen Sneakers und bugsierte ihn aufs Sofa.

„So, du kannst dir die Decke nehmen. Soll ich den Kamin anmachen?“

Ihr Besucher sah sich um, sein Blick wanderte über die Umzugskisten, die überall im Raum verteilt waren, und blieb am Kaminofen hängen, der in der Ecke stand.

„Ok, ich nehme das mal als ein Ja.“

Laura wohnte erst seit ein paar Wochen hier. Ein Einbrecher, der sich als sadistischer Stalker entpuppt hatte, hatte sie in der alten Wohnung heimgesucht und ihre Sachen durchwühlt. Auch wenn sie wusste, dass er ihr nichts mehr tun konnte, hatte sie sich dort nicht mehr sicher gefühlt und sich nach einer anderen Unterkunft umgesehen. Das neue Domizil lag nur wenige Schritte von ihrer Detektei entfernt, hatte Rheinblick und Kamin, da hatte sie nicht lange überlegt.

Sie schichtete Holzscheite auf, gab ein paar Stücke Kaminanzünder dazu und entfachte das Feuer. Dann ging sie in die Küche und schaltete die Kaffeemaschine an. Während das heiße Getränk in die Tasse lief, suchte sie die Schränke nach Keksen und Schokolade ab. Da sie nicht der gut organisierte Vorratstyp war, fanden sich nur eine geöffnete Tüte mit ein paar hart gewordenen Gummibärchen und das letzte Rippchen einer Nussschokolade. Besser als nichts.

Als sie mit zwei Kaffeetassen zurück ins Wohnzimmer kam, bot sich ihr ein idyllisches Bild. Der junge Mann hatte sich auf den weichen Polstern des Sofas in eine Decke gewickelt, Friedi lag neben ihm und hatte den Kopf auf sein Bein gelegt. Im Kaminofen loderte das Feuer und verbreitete eine angenehme Wärme. Laura widerstand dem Impuls, den Hund von der Couch zu scheuchen, und verdrängte den Gedanken an seine schmutzigen Pfoten.

„Kaffee“, sagte sie munter und stellte eine Tasse vor ihn. „Und etwas Süßes. Das ist gut für die Nerven.“ Sie setzte sich ihm gegenüber in den Zwanzigerjahresessel mit den Löwenfüßen, zog die Beine auf das Polster und vergrub die nackten Füße unter einem Kissen. „Es ist schon sechs Uhr, so langsam fängt der Tag an. Selbst ein Sonntag.“ Der Versuch, den Jungen durch belanglose Konversation und einen Scherz aus der Reserve zu locken, misslang. Er wärmte die Finger an der Kaffeetasse und starrte ins Feuer.

„Was ist passiert? Warum hast du im Park auf der Bank gelegen? Du bist doch kein Obdachloser, das sehe ich. Hattest du Ärger? Oder hast du Drogen genommen und nicht mehr nach Hause gefunden?“

Die Wärme und der Kaffee hatten den Jungen wieder etwas aufgerichtet. Trotzdem schwammen in den blauen Augen immer noch Tränen, die er tapfer wegzuschlucken versuchte. „Danke, dass Sie mich mitgenommen haben. Es war verdammt kalt dort draußen. Hätte schiefgehen können.“

Laura lachte trocken. „Das ist wohl wahr.“

„Es stimmt, ich habe ein paar Bier getrunken. Und etwas geraucht.“

„Im Park? Allein?“

„Nein, bei einem Freund.“

„Dann hast du es nicht mehr bis nach Hause geschafft.“ Laura war erleichtert, dass er keine Selbstmordabsichten gehabt hatte. Sonst hätte sie seine Eltern oder einen Notdienst informieren müssen. So konnte sie ihn einfach gehen lassen, wenn er sich wieder besser fühlte.

„Ja. Nein. Ich wollte nachdenken. Und ich war ... durcheinander. Ich weiß auch nicht.“ Er beugte sich zu Friedi hinunter, streichelte über das Fell und eine Träne lief seine Wange hinab. Er biss sich auf die Lippen.

„Liebeskummer?“, riet Laura das Erstbeste, was ihr in den Sinn kam.

„Quatsch. Liebeskummer ist ein Scheiß.“ Er schob sich eine Strähne aus der Stirn und sie sah, dass seine Hand zitterte. „Es ist gestern Nacht etwas Schlimmes geschehen. Das werde ich nie wieder aus meinem Kopf kriegen. Ich weiß nicht, wie ich damit leben kann.“

Laura wurde es unbehaglich. War er doch ein Selbstmörder? „Was ist passiert?“, fragte sie hart.

„Das kann ich nicht sagen. Dann kriegt mein Kumpel echt Ärger. Und dann lässt er es mich büßen. Nein, das geht nicht.“ Er schüttelte heftig den Kopf und Kaffee schwappte aus seiner Tasse. „Oh, Entschuldigung!“

„Macht nichts.“ Laura winkte ab. Nach Friedis Schmutzpfoten machte das auch keinen Unterschied mehr. Sie wohnte in der Wohnung, es war keine Möbelausstellung. „Was hat dein Freund getan? Gib mir wenigstens einen Hinweis. Handelt es sich um etwas Kriminelles? Eine Straftat?“

Der Junge nickte unmerklich, sah zu Boden und hielt sich die Hand vors Gesicht.

„Jetzt sag schon. Du brauchst keine Angst zu haben, dass ich dich verpetze. Ich bin Detektivin, da ist Diskretion nicht nur Ehrensache, sondern gehört zu meinem Job.“

„Detektivin?“ Er sah hoch. Zum ersten Mal zeigte er Interesse an ihrer Person. „Das hätte ich nicht gedacht.“

„Warum? Weil ich eine Frau bin? Wir haben auch unsere Methoden.“ Sie zwinkerte ihm aufmunternd zu. „Los, was ist passiert?“

„Ach, vielleicht war es ja gar nicht so schlimm. Ich hatte ja echt einiges geraucht. Da kann man sich schon mal Sachen einbilden.“

„Los jetzt!“ Lauras Ton wurde unbarmherzig.

„Also, wir waren bei meinem Kumpel. Er ist kein richtiger Freund. Ich kann ihn eigentlich nicht ab. Ein Lauch. Total toxic. Aber meine Bros und ich hängen zusammen mit ihm ab. Er hat ein cooles Haus. Mit Pool. Und gut gefüllter Bar. X verschiedene Ginsorten und son Zeug. Und seine Eltern sind fast nie zu Hause. Aber er baut ständig irgendeinen kranken Scheiß. So richtig. Als wäre er nicht ganz sauber im Kopf. Vielleicht kifft er einfach zu viel. Ich versuche, mich immer da rauszuhalten. Geht mich ja auch nichts an, was er macht. Aber gestern Abend ...“ Er stockte, schluckte hart und presste die Lippen aufeinander.

Laura sah ihn unverwandt an.

„Also gestern hatten wir ziemlich viel getrunken. Und noch mehr geraucht. Und er hat einen Dackel. So einen wie den hier.“ Er streichelte sanft über Friedis Rücken. „Er hat den Hund den ganzen Abend geärgert. Und wir haben gelacht. Dabei war es nicht lustig. Überhaupt nicht. Ich mag Hunde. Und ich habe auch gelacht. Obwohl ich es gar nicht wollte. Aber wenn man zu viel Gras geraucht hat, lacht man über alles.“ Wieder rollten die Tränen.

Laura räusperte sich. „Ich verstehe. Und dann hat er dem Hund etwas Schlimmes angetan. Richtig?“

„Ja.“ Der Junge nickte. „Er hat eine Weinflasche genommen ... und ... und ... sie kaputt geschlagen ... der Hund hat so geschrien ...“ Weiter kam er nicht, da er heftig würgen musste.

Laura sprang auf, rannte in die Küche und kam mit einer Teigschüssel zurück.

Doch der Junge winkte ab. „Geht schon wieder.“ Aber er sah käsebleich aus.

„Ok, ich glaube, ich habe verstanden, was passiert ist.“ Laura war es auch ganz schlecht. Am liebsten hätte sie mit ihm geweint. Geweint um diese unschuldige, vertrauensvolle Kreatur, die zum Zeitvertreib von einem sadistischen Arschloch gequält worden war. In ihrem Beruf hatte sie viel zu sehen bekommen und war sogar selbst in die Hände eines Monsters geraten, das sie gefoltert hatte, nur um seinen Spaß zu haben. Die Erinnerung daran bereitete ihr schlaflose Nächte und machte es schwer, einfach nur den Alltag zu bewältigen. Doch Tierquälerei und Gewalt gegen Kinder waren für sie weit schlimmer. Diese Zerstörung von Vertrauen und Unschuld stand an der Spitze der Skala der Scheußlichkeiten, zu denen Menschen fähig waren. Solche Taten machten sie fassungslos und riefen unendliche Traurigkeit und rasende Wut in ihr hervor.

„Ich muss nachdenken“, murmelte sie. Mehr zu sich selbst als zu ihrem Besucher.

„Vielleicht geht es dem Hund ja gut?“ Seine Augen bettelten nach einer Lüge. Wie ein kleiner Junge, dem man sagen soll, dass alles wieder gut wird.

Aber Laura fühlte sich nicht danach, ihm diesen Trost zu spenden. Er hatte zugesehen. Hatte nichts getan. Hatte nicht verhindert, dass die widerliche Tat vollzogen worden war. Hatte dem armen Hund nicht geholfen. Am liebsten hätte sie sich vor lauter Abscheu in die Schüssel übergeben. Stattdessen nahm sie einen tiefen Schluck abgekühlten Kaffee.

„Du konntest nichts tun, um das zu verhindern?“ Sie versuchte, neutral zu klingen, kühl, beherrscht. Aber sie musste die Lippen zusammenpressen, um nicht loszuschreien.

„Nein. Ich war stoned. Betrunken. Ich weiß auch nicht. Du kennst ihn nicht. Man kann ihn nicht aufhalten, wenn er sich etwas vorgenommen hat. Er ist völlig crazy. Der hätte das Gleiche mit mir angestellt.“

„Du weißt, dass es mit dem Kerl nicht so weitergehen kann? Das war sicher nicht seine erste Schandtat.“ Sie schnaubte. Schandtat. Das Wort klang so harmlos, so überhaupt nicht angemessen. Schändung? Frevel? Ruchlosigkeit? Für manche Dinge gab es keine Bezeichnung, die ausreichte, um auch nur im Mindesten das Ausmaß des Abartigen wiederzugeben. Sie verschränkte die Arme vor der Brust und ballte die Hände zu Fäusten. „Und du weißt, dass es nicht seine letzte ... Schandtat ... sein wird.“

„Ich weiß. Alle wissen es. Seine Eltern auch. Er hatte schon oft Ärger mit der Polizei. Muss sogar jede Menge Sozialstunden abbrummen. Wenn ich ihn jetzt verpetze, kriegt er garantiert Jugendknast. Der Richter hat ihm gesagt, dass es seine letzte Chance sei.“

„Ich glaube, es wäre das Beste für ihn, wenn man ihn aus dem Verkehr zöge. Das Beste für alle. Für den Hund war es ein Desaster, dass man ihn nicht eingebuchtet hat.“

„Ich weiß.“

„Was machen wir jetzt?“

Der Junge fuhr hoch, sah sie erschrocken an, zuckte die Schultern. „Keine Ahnung. Wir können nichts tun. Das sind Bonzen, total reich. Die Eltern kaufen jeden. Da kommt man nicht gegen an. Man kriegt nur jede Menge Ärger!“

„Das werden wir ja sehen!“ Laura hob das Kinn und machte schmale Augen. „Wie heißt das Bürschchen? Den knöpfe ich mir vor.“

„Aber du verrätst mich nicht!“ Beschwörend starrte er sie an.

Sie zögerte, dann nickte sie. „Ist ok. Ich halte dich da raus.“

„Es ist Moritz Anton.“

„Anton. Von Anton Vandenberg? Der Baufirma?“

„Genau. Die sind so reich, das kann man sich nicht vorstellen. Deshalb kann Moritz sich alles erlauben. Ihm kann keiner was.“

„Wir leben in einem Rechtsstaat, nicht in einer Bananenrepublik. Niemand kann sich über das Gesetz stellen, nur weil er reich ist.“ Laura setzte die Tasse auf einem Umzugskarton ab. „Ich denke, es wird langsam Zeit, dass du nach Hause kommst. Deine Eltern machen sich bestimmt Sorgen, wenn du die ganze Nacht weg bist.“

„Stimmt, ich hau ab. Vielen Dank für deine Hilfe. Und den Kaffee. Und denk dran, du verrätst mich nicht. Sonst bin ich am Arsch. Du hast es versprochen.“ Er wickelte sich aus der Decke und erhob sich.

„Ja, ich habe es versprochen. Mach dir keinen Kopf. Wie heißt du überhaupt?“

„Leo Wagner. Ich bin der, der den Jugend-Forscht-Preis gewonnen hat.“

„Und ich bin Laura Peters. Die, die deinem Freund die Hölle heißmachen wird.“

3 Montag

Detektei

Mit dem Ellenbogen drückte Laura die rostige Klinke herunter und schob das schmiedeeiserne Gartentor auf. Die Tasche an ihrer Schulter wog schwer und schien jeden Augenblick zu Boden rutschen zu wollen. Friedi, dessen Leine sie zusammen mit einem Stoffbeutel in der rechten Hand hielt, hatte Bedenken, ihr auf das Grundstück zu folgen, und versuchte, sie zur Straße zurückzuzerren. Laura hielt dagegen, blies eine Haarsträhne vor den Augen weg und drehte sich zu ihm um.

„Jetzt komm, Friedi, sonst fällt mir alles hin.“ Sie bemühte sich um einen freundlichen Tonfall, obwohl sie am liebsten alles hingeworfen hätte. Warum erzählte sie dem Hund das überhaupt? Er verstand sowieso nicht, was sie sagte. Und wenn doch, dann war es ihm egal. Sie trat in den Vorgarten und zog ihn hinter sich her.

Es war bereits acht Uhr, trotzdem war es noch nicht richtig hell. Friedi blieb stehen, schnüffelte an einem Busch und hob feierlich das Bein, dann trottete er neben ihr den Weg entlang. Ein eisiger Windstoß blies ihr ins Gesicht und wehte eine Dornenranke von der Mauer. Laura zog den Kopf ein und tauchte nach unten.

„Ha! Diesmal nicht!“ Sie freute sich, dass sie der Heckenrose, die sich gerne in ihrer Jacke festhakte, entkommen war und wertete es als gutes Omen für den Tag.

Laura schloss die Haustür auf, zog den Dackel hinter sich her in den Hausflur und öffnete die Tür zur Büroetage. Im Vorraum traf sie auf ihre Assistentin Gilda.

„Guten Morgen, Laura.“ Gilda strahlte sie an. Dann entdeckte sie den Dackel, sprang auf und kam hinter dem Schreibtisch hervor. „Wen haben wir denn da? Du bist ja ein Süßer!“ Sie kniete sich auf den Boden und wuschelte den Kopf des Tieres mit beiden Händen.

„Das ist Friedi.“ Laura stellte die Taschen ab und hakte die Leine aus.

„Seit wann hast du einen Hund?“, fragte Gilda.

„Er gehört mir nicht. Ich passe nur eine Weile auf ihn auf. Meine Nachbarin, eine ältere Dame, musste am Samstag überraschend ins Krankenhaus. Da sie niemanden hat, der ihn zu sich nehmen kann, hat sie mich gefragt. Oder vielmehr der Sanitäter hat gefragt, der sie abtransportiert hat. Das konnte ich nicht abschlagen.“

„Wie lieb von dir! Kennst du dich mit Hunden aus?“

„Überhaupt nicht. Und er hört nicht für fünf Cent. Er hat seinen eigenen Kopf.“

Gilda lachte. „Hast du deinen eigenen Kopf?“ Amüsiert zauste sie durch das rotbraune Fell. Dann strich sie sich die langen, dunklen Haare nach hinten und schaute zu Laura hoch: „Friedi ist ein lustiger Name.“

„Das ist sein Spitzname. Eigentlich heißt er Friedensreich. Aber auf den Namen reagiert er auch nicht.“

„Friedensreich? Das hört sich sehr würdevoll an.“ Gilda streichelte jetzt den Bauch des Dackels, der sich hilfreich auf den Rücken gelegt hatte.

Laura hängte die Jacke an die Garderobe, griff nach den Taschen und zwängte sich im Krebsgang an den beiden vorbei in ihr Büro.

„Wenn du möchtest, gehe ich zwischendurch mit ihm spazieren“, hörte sie Gilda rufen.

„Das wäre nett. Er ist auch wirklich lieb. Wenn man macht, was er will.“

Laura setzte sich hinter den Schreibtisch, warf den Computer an und prüfte den Posteingang der Mails. Erfahrungsgemäß erhielten sie die meisten Anfragen am Wochenende. Anscheinend hatten die Leute dann mehr Zeit, über ihre Mitmenschen nachzudenken und sich zu entschließen, einen Detektiv zu beauftragen. So war es auch heute. Neun Interessenten hatten sie kontaktiert und baten um einen Rückruf oder direkt um einen Terminvorschlag. Sie machte sich eine Notiz, sie später zu kontaktieren.

Aus der Küche nebenan hörte sie das verheißungsvolle Brummen der Kaffeemaschine, kurz darauf trat Gilda mit zwei Tassen in ihr Büro und stellte eine vor sie auf die Tischplatte.

„Herrlich, danke, das ist jetzt genau das Richtige.“ Laura nahm genüsslich einen Schluck von dem ungesüßten Milchkaffee. Dann bückte sie sich, zog eine Papiertüte aus der Tasche, die neben ihrem Stuhl stand, und legte sie auf den Tisch. „Komm, setz dich. Ich habe Schokocroissants mitgebracht. Bei dieser Kälte und Dunkelheit braucht man jede Menge Kohlehydrate, sonst kriegt man Depressionen.“

„Da hast du recht.“ Gilda lachte, zog sich einen Sessel vor den Schreibtisch und bediente sich.

„Welche Termine stehen für heute an?“ Laura warf einen Blick auf den Tischkalender, ein analoges Arbeitsmittel, das sie vor allem für ihre Kritzeleien beim Nachdenken nutzte.

„Gleich kommt eine Interessentin vorbei, die mich über unsere Webseite kontaktiert hat. Sie hat das Gefühl, verfolgt zu werden, mehr Details kenne ich nicht. Du musst nicht dabei sein. Das kriege ich allein hin. Ist bestimmt kein großes Drama, eher das Übliche.“

Laura nickte.

Die Fälle, die sie bearbeiteten, waren in gewisser Weise alle gleich und meist keine große Herausforderung: Zeitungsdiebe, Fremdgeher, Auskünfte über Vermögensverhältnisse während und nach Scheidungen. Gilda hatte daneben ein zweites Standbein aufgebaut und stellte Nachforschungen im Internet über Fake-Accounts, Love-Scammer und untreue Liebhaber an. Für jemanden mit ihren Computerfähigkeiten keine schwierige Aufgabe. Doch es hatte auch große Fälle für die Detektei gegeben, die bundesweit Schlagzeilen gemacht und ihnen einiges an Berühmtheit eingebracht hatten.

Eine leise Wehmut überkam Laura bei dem Gedanken. Es waren spannende, geradezu berauschende Zeiten gewesen. Das Team hatte eng zusammengehalten, sie hatte sich so lebendig gefühlt. Aber sie waren auch jedes Mal in Gefahr geraten. Der Hauch von Wehmut ließ abrupt nach und wich eisiger Beklommenheit. Bei ihrem großen Fall im Sommer war Laura von einem Sadisten entführt worden. Er hatte sie übel zugerichtet. Das Wort ‚Folter‘ versuchte sie aus ihrem Kopf zu verdrängen, damit es nicht zu dominant wurde und irgendwann allen Platz in ihrem Gehirn einnahm. Erst in letzter Sekunde hatten ihre Kollegen sie retten können. Gerade noch rechtzeitig.

Oder vielleicht auch nicht.

Sie spielte es gerne herunter, auch vor sich selbst, aber sie hatte neben Narben am ganzen Körper ein Trauma davongetragen. Der Mann hatte ihr in einer Diskothek aufgelauert, ihr K.O.-Tropfen in den Drink gemischt und sie entführt. Er konnte ihr nicht mehr gefährlich werden, trotzdem hatte sie die nächtlichen Ausflüge nach Köln zum Tanzen und Spaß haben eingestellt. Es war irrational, aber sie traute sich nicht mehr. Hatte einen regelrechten Horror davor. Und auch in ganz normalen Alltagssituationen konnte es mittlerweile passieren, dass die Angst sie hinterrücks überfiel und sie die Erinnerungen an das schreckliche Erlebnis übermannten.

Wahrscheinlich musste sie einen Therapeuten oder Psychologen aufsuchen. Aber dazu konnte sie sich nicht durchringen. Die Vorstellung, auf der Couch zu liegen und ihre tiefsten Geheimnisse und Ängste jemandem preiszugeben, der vermutlich selbst noch viel ernstere psychische Störungen hatte, schreckte sie ab. Natürlich war sie sich im Klaren darüber, dass das ein Vorurteil war, aber sie konnte es nicht abschütteln. Sie war einfach nicht der Typ, der sein Innerstes nach außen kehrte. Es widerstrebte ihr schon, sich Freunden zu offenbaren. Fremden gegenüber verursachte es ihr Übelkeit. Sie war eben mehr der „Reiß-dich-zusammen-Typ“.

Doch wenn sie nichts gegen die Panikattacken unternahm, würde es schlimmer werden, das war ihr klar.

Natürlich hatte sie über Alternativen nachgedacht. Aber Selbsthilfegruppen für Betroffene von Gewalt waren erst recht keine Lösung. Wie sah das aus, wenn die Chefin einer Detektei mit anderen Opfern in einem Stuhlkreis über ihre Ängste jammerte? Angeblich konnte man anonym bleiben, aber sie würde es nicht lange verheimlichen können. Bad Godesberg war ein Dorf, sie war hier bekannt. Und auch in Bonn. Und im Prinzip im ganzen Land. Nach der Lösung des letzten Falles war ihr Bild in allen Zeitungen gewesen. Und wenn herauskam, dass sie sich therapieren ließ, konnte sie den Laden dichtmachen.

Niemand würde eine verschüchterte Detektivin beauftragen, die sich vor Angst in die Hosen machte.

„Laura?“ Gilda schnipste mit den Fingern vor ihrem Gesicht und riss sie in die Wirklichkeit zurück. „Alles ok? Du siehst blass aus.“

Laura winkte ab. „Alles gut. Ich hatte nur wenig Schlaf am Wochenende. Friedi ist ein Frühaufsteher. Mach dir keinen Kopf.“

„Das verstehe ich. Aber ihr werdet euch schon aufeinander einspielen. Wann kommt Marek eigentlich wieder?“ Die Assistentin war aufgestanden und sammelte die leeren Tassen ein.

„In ein paar Tagen. Wer weiß das schon so genau.“

Ihr zweiter Detektiv, den sie gerne als polnischen James Bond bezeichnete, hatte sich wieder abgeseilt. Wohin und weshalb wusste keiner, aber sie ging davon aus, dass er einen Privatauftrag erledigte. Er hatte angedeutet, dass er immer noch Kontakte zu den polnischen Polizeibehörden und, wie sie stark vermutete, auch zum Geheimdienst hatte und dem einen oder anderen einen Gefallen schuldete.

„Drake hat übrigens angerufen und gesagt, dass er nachher vorbeikommt“, rief Gilda im Hinausgehen über die Schulter.

„Soso. Hat er wirklich gemeint, dass er zu uns kommt? Oder will er zu einer Nachbarin?“ Laura zwinkerte. Der dritte Detektiv war im Hauptberuf Schriftsteller und hatte bei ihnen angeheuert, um für einen Thriller zu recherchieren und die Arbeit in einer Detektei kennzulernen. Die Zusammenarbeit mit ihm war erfolgreich gewesen, er hatte einiges dazu beigetragen, dass sie den dritten großen Fall lösen, einen Mörder entlarven und ein Attentat hatten verhindern können. Doch neben seinem umfassenden Wissen auf vielen Gebieten zeichnete er sich auch durch seine Beliebtheit bei den Nachbarinnen aus, die er reihum und ausdauernd beglückte.

Das Klingeln an der Haustür ersparte Gilda die Antwort.

4 Wohnung Südstadt

Wer sagt, Gewalt löse keine Probleme, macht es nicht richtig.

Swetlana Braun wollte auf Schatzsuche gehen. Sie schüttelte die langen, schwarzen Haare nach hinten, setzte den Helm auf, schwang sich rittlings auf den Motorroller und brauste los. Der Chef der Reinigungsfirma Clean-and-Quick, in der sie mit viel Glück vor zwei Jahren einen Job ergattert hatte, war heute nicht da und der Sekretärin hatte sie erzählt, dass sie einen Arzttermin hatte. Die hatte zwar die Augen zusammengekniffen und misstrauisch geguckt, sie dann aber gehen lassen. Vermutlich war es ihr sogar recht, dass Swetlana sich aus dem Staub machte.

Schwungvoll brauste sie die Straße entlang, schlängelte sich durch die Autos, die vor einer roten Ampel warteten, und kürzte über den Bürgersteig ab. Haarscharf an den auf Hochglanz polierten Budapestern eines Anzugträgers vorbei, dem sie mit der Schulter die Zeitung aus der Hand wischte. Die erbosten Rufe quittierte sie im Davonfahren mit einem lauten Lachen und erhobenem Mittelfinger.

Den Schlüssel für die Wohnung, die sie unter die Lupe nehmen wollte, hatte sie am Morgen aus dem Büro ihres Vaters mitgehen lassen. Er war der Chef einer Entrümpelungsfirma und hätte es niemals erlaubt, dass sie in einem Objekt, wie er es nannte, schon vor ihm nach Wertgegenständen suchte. Und würden seine Mitarbeiter das spitzkriegen, ginge es ihr erst recht schlecht. Natürlich erhielten sie ihren Lohn, aber Fundstücke von Wert wurden nach einem bestimmten Verteilungsschlüssel unter ihnen und ihrem Vater aufgeteilt und waren ein schönes Zubrot. Wenn sie ihnen das vor der Nase wegschnappte, wäre Schluss mit lustig. Da würde es auch nicht helfen, dass sie die Tochter des Chefs war.

Doch bisher hatte sie nie jemand erwischt.

Jeder Mensch hat einen Schatz, sagte ihr Vater immer. Man musste nur gründlich genug danach suchen. In den meisten Fällen hatten die Hinterbliebenen das bereits getan, aber manche Dinge waren so gut versteckt, dass sie nicht gefunden wurden. Jedenfalls nicht von normalen Leuten. Von ihrem Vater schon. Er hatte mal einen ziemlichen Batzen Geld tief unten in einem Stapel Zeitungen ausgegraben, ein Kästchen mit Schmuckstücken hinter den Kacheln über einem Toilettenkasten freigelegt und einen goldenen Ring im Schirm einer Wohnzimmerlampe entdeckt. Man musste nur wissen, wo man suchen musste.

Da die Entrümpelung der Wohnung erst für den nächsten Tag anstand, wollte Swetlana die Gelegenheit nutzen, sich ungestört umzusehen. Sie bremste den Roller ab, zog das Handy aus der Jackentasche und überprüfte die Adresse, die sie aus den Unterlagen ihres Vaters abfotografiert hatte. Auf dem Fußweg ließ sie das Fahrzeug ausrollen und kam vor einem schmiedeeisernen Gitter zum Stehen. Das Haus war ein Altbau. Nicht im Bestzustand, aber gut in Schuss. Das war vielversprechend. Wer hier wohnte, musste Geld haben. Jedenfalls ein bisschen. Mittlerweile waren es nämlich nicht mehr nur die Messi-Buden und Armen-Unterkünfte in den schlechten Wohnsiedlungen, zu denen ihr Vater bestellt wurde. Immer häufiger beauftragten ihn auch gut betuchte Hinterbliebene, die keine Zeit oder Lust hatten, sich mit dem Leerräumen einer Wohnung zu beschäftigen. Natürlich verlangten diese Kunden, dass alles, was von Wert gefunden wurde, abgeliefert werden sollte. Manche ließen es sich sogar schriftlich geben, setzten Verträge auf. Swetlana grinste bei dem Gedanken. Wie wollten sie es denn nachprüfen? Schön blöd.

Und gut für sie.

Sie schloss die Haustür auf, schlüpfte in das Halbdunkel des Hausflurs und erklomm leise die Marmorstufen der Treppe bis zum obersten Stockwerk. Die Nachbarn mussten nicht unbedingt mitbekommen, dass sie da war. Das Leben war voll dummer Zufälle und sie erzählten es morgen womöglich ihrem Vater. Die Wohnungstür klemmte, doch als sie dagegen drückte, schwang sie auf.

Die Schatzsuche konnte beginnen.

In Swetlanas Bauch kribbelte es. Sie liebte diesen Moment, wenn sie das erste Mal eine fremde, verlassene Wohnung betrat. Die Vorstellung, einen Haufen Geld und Schmuck zu finden, den Jackpot zu knacken und endlich zu den Reichen und Schönen zu gehören, berauschte sie. Sie blieb einen Augenblick im Flur stehen und spürte in die kalten Räume hinein, um sicherzugehen, dass die Wohnung wirklich leer war.

Geräusche gab es immer. An keinem Ort der Erde herrschte absolute Stille. Jedenfalls an keinem, an dem sie sich jemals aufgehalten hatte. Doch bewohnte Wohnungen hörten sich anders an als leer stehende: Das Surren eines Kühlschranks, das Glucksen einer Heizung oder Verkehrslärm, der durch ein auf kipp stehendes Fenster drang, verrieten, dass der Bewohner nur kurzzeitig abwesend war. Alles Geräusche, die in unbewohnten Räumen fehlten. Und der Geruch unterschied sich: Die Aura des Bewohnten, hervorgerufen durch einen Hauch von Parfüm, Seife oder Putzmittel in der Luft, den Duft von Blumen oder des letzten Essens schlug schnell um in die abweisende Atmosphäre des Verlassenen, geprägt durch Staub, Müll oder verrottende Essensreste.

Swetlana konzentrierte sich auf ihren Radar. Aber außer dem leisen Ticken einer Uhr dem gedämpften Lärm, der von der Straße drang, war es totenstill. Im wahrsten Sinne des Wortes. In den Notizen ihres Vaters hatte sie gelesen, dass die alte Frau, die hier gewohnt hatte, tot in ihrem Bett aufgefunden worden war. Eigentlich ein gutes Ende. Besser, als ewig in einem Pflegeheim halb bewusst- und bewegungslos vor sich hin zu vegetieren. Nicht ganz so schön war, dass man sie erst nach drei Tagen entdeckt hatte. Das deutete darauf hin, dass sie einsam gewesen sein musste. Und es erklärte den Muff. Diese Mischung aus saurer Milch, Moder, einem Hauch Maiglöckchen-Parfüm. Wie der Geruch der uralten Frau Schmitz-Wedecke, die früher zwei Stockwerke über Swetlana gewohnt hatte und sich nicht mehr waschen konnte. Sie hatte ihr immer alte Bonbons geschenkt, die sie später heimlich weggeworfen hatte.

Swetlana war den Geruch gewöhnt. Sie hatte schon schlimmere Buden betreten, in denen sie kaum hatte atmen können und in denen es vor Ungeziefer nur so gewimmelt hatte. Es machte ihr nichts aus. Sie war abgehärtet.

Aber die Mädchen in der Schule damals hatte es gestört.

Die rosa Marzipanschweinchen, die nach Niveacreme und Plätzchen rochen, in der Stunde hinter ihrem Rücken getuschelt und sie in der Pause geärgert hatten. In der ersten Klasse hatten sie sie Zigeunermädchen genannt. Das hatte sie eigentlich gar nicht schlimm gefunden. Im Gegenteil, es hatte wie etwas Besonderes geklungen. Und es stimmte ja auch. Swetlanas Vater war Roma. Und sie hatte den deutschen Pass, weil er eine Deutsche geheiratet hatte. Eine richtige Deutsche. Mit blonden Haaren und blauen Augen, so wie die Frauen, die samstags die Straße fegten und Apfelkuchen backen konnten. Was ihre Mutter leider nie gemacht hatte. Aber optisch schlug Swetlana mit der schwarzen Mähne, den dunklen Augen, der gedrungenen Figur und vor allem ihrem Temperament nach seiner Familie. Und auch ihre Kleider waren anders gewesen. Bunter, lustiger. Zusammengesammelt von Flohmärkten und Säcken aus der Kleidersammlung, die die Leute abends an die Straße stellten. Nicht die Standard-Ausrüstung, die alle trugen und die die gepflegten Mamis im Supermarkt am Tchibo-Stand gekauft hatten.

Die Lehrerin hatte dem Treiben eine Weile zugesehen und den Schweinchen dann verboten, sie Zigeunerin zu nennen. Warum, hatte sie nicht verstanden. Man sagt das nicht, war die lapidare Erklärung gewesen. Als wäre Zigeuner ein Schimpfwort. Und wie sie dann gelernt hatte, war es auch eins. Ein Wort, durchtränkt von einer Ewigkeit an Vorurteilen, Verfolgung und Diskriminierung. Und schlechten Erfahrungen. Das musste sie zugeben. Aber das waren die Leute selbst schuld. Wenn eine Gesellschaft einem mit Ablehnung und Repressalien begegnete, musste sie damit rechnen, dass man sich andere, manchmal nicht legale Wege suchte, um zurechtzukommen.

Die rosa Mädchen hatten sich artig gefügt – und einen neuen Schimpfnamen für sie gefunden.

Stinkerbell.

Damals hatte sie ein Hausaufgabenheft benutzt, auf dem die Fee Tinkerbell aus Peter Pan abgebildet war, die ihr so gut gefiel, weil sie frech und unabhängig war, Streiche spielte und so gar nicht in das Klischee der braven Prinzessin passte. Die Mädchen hatten gemeint, dass Swetlana müffelte. Sie hatten Müffeln gesagt, nicht Stinken. Stinken war ein ordinäres Wort, das benutzten sie nicht, dazu waren sie zu fein. Aber Müffeln hatte sie noch mehr getroffen, es hatte den Abgrund zwischen ihr und den anderen viel größer erscheinen lassen. Sie hatten sie damit gehänselt, dass ihr Vater so einen dreckigen Job hatte und die Scheiße der Toten wegräumte. Für das Wort Scheiße waren sie sich nicht zu fein gewesen.

Da war Stinkerbell die richtige Bezeichnung.

Eine Zeit lang hatte ihr der Schimpfname etwas ausgemacht. Vor allem, weil sich die rosa Schweinchen hinter dem Rücken der Lehrerin die Nase zuhielten, wann immer sie sie sahen, und nichts mit ihr zu tun haben wollten. Das hatte sie so traurig gemacht, dass sie nicht mehr in die Schule gehen wollte. Den Eltern hatte sie gesagt, dass sie sich nicht gut fühle und zu Hause bleiben müsse, aber sie waren hart geblieben. So war ihr nichts anderes übrig geblieben, als irgendwann den Spieß umzudrehen, sich die Mädchen zu schnappen, wenn sie allein unterwegs waren, und sie gehörig zu verdreschen.

Wer sagte, Gewalt löse keine Probleme, machte es nicht richtig.

Keins der Mädchen hatte jemals von den Prügeln erzählt. Sie hatten zu viel Angst vor ihr gehabt. Den Spitznamen hatte Swetlana trotzdem behalten. Sie war so daran gewöhnt, dass sie sich manchmal selbst als Stinkerbell vorstellte. Eine Weile hatte sie sogar mit dem Gedanken gespielt, sich den Namen auf das Schulterblatt tätowieren zu lassen. Als Kampfname. Zusammen mit einer mit einer Kalaschnikow bewaffneten Elfe. Aber dann hatte sie doch einem reich verzierten Totenkopf mit Schlapphut und Rose zwischen den Zähnen den Vorzug gegeben.

Swetlana schüttelte die Erinnerungen ab, blickte auf die Uhr und gab sich einen Ruck. Zu lange durfte sie sich nicht hier aufhalten. Die Zeit lief. Die Wohnung war nicht groß, nur vier Türen gingen vom Flur ab. Sie öffnete die erste und betrat ein Wohn-Esszimmer. Schrankwand Eiche, Tisch Eiche, Stühle Eiche. Eine Sitzgarnitur aus Cord, ein gefliestes Tischchen mit gedrechselten Füßen. Kein Fernseher, den hatten die Hinterbliebenen gebrauchen können und selbst abtransportiert. Mit geübten Fingern durchwühlte sie Papiere in Schubladen, blätterte durch die wenigen Bücher, Standardwerke wie Krieg und Frieden, Doktor Schiwago, Liebesküsse auf der Intensivstation und den ADAC-Atlas, und schüttelte Zeitschriften aus. Nichts. Mit der Taschenlampe des Handys leuchtete sie hinter die Verkleidung der Heizung und griff tief in den Spalt zwischen Polster und Lehne des Sofas. Sie förderte einen Kuli, ein paar Metallhaarspangen und zwei Euro zutage.

Ein Anfang.

Sie schob den Tisch zur Seite und rollte den Teppich ein. Fehlanzeige. Kein Geld darunter, keine losen Dielen. Sie räumte die Sachen wieder an ihren Platz, ohne sich allzu große Mühe zu geben. Fast alle Wohnungen, in die ihr Vater mit seinem Räumkommando kam, waren vorher von Angehörigen durchsucht worden. Da wäre es eher aufgefallen, wenn es zu aufgeräumt war.

Im Schlafzimmer wurde der muffige Geruch stärker. Zwar war ausgiebig gelüftet worden, sonst hätte sie es hier drin nicht ausgehalten, aber die fleckige Bettwäsche und die Matratze, auf der die Tote drei Tage gelegen hatte, waren noch da.

Das Bett war durchwühlt worden, das war deutlich zu erkennen. Vermutlich auf der Suche nach Geld. Allerdings nicht von einem Profi. Swetlana zog dünne Einweghandschuhe aus der Jackentasche und streifte sie über. Sorgfältig strich sie von allen Seiten über den Bezug der Matratze. Nichts. Sie öffnete die Schublade des Nachtschränkchens und schob achtlos Tabletten, eine Lupe, Heiligenbildchen, eine Lesebrille und Hustenbonbons durcheinander. Dann zog sie die Lade komplett heraus und kippte den Inhalt auf das Bett.

Aus dem Augenwinkel sah sie etwas Schimmerndes zu Boden fallen und unter das Bett rollen.

Was war das?

Ihr Jagdinstinkt erwachte. Sie kniete sich auf den Bettvorleger, legte den Kopf schräg und versuchte, den Gegenstand zu entdecken. Er war bis hinten an die andere Wand gerollt. Swetlanas Herz hüpfte. Bestimmt ein Ring. Und sicher aus Gold. Sie rappelte sich auf und zerrte mit beiden Händen die heruntergerutschte Jeans wieder ein Stück höher über die Hüften. Dann trat sie ans Fußende und zog an dem massiven Bett, bis der Spalt zur Wand breit genug war, dass sie dazwischen passte. Seitlich schob sie sich bis zum Kopfende, ging in die Hocke und tastete den Boden ab. Ihre Finger schlossen sich um den filigranen Gegenstand. Sie hielt ihn gegen das Licht und betrachtete ihn mit zusammengekniffenen Augen.

Sie hatte recht. Es war ein Goldring. Zwar ohne Stein, aber ein bisschen was wert war er. Sie lächelte und steckte das Schmuckstück in die Jackentasche. Dann trat sie Schritt für Schritt den Rückweg an, sorgfältig darauf bedacht, möglichst wenig mit der versifften Bettwäsche in Kontakt zu kommen.

Unter ihrem Fuß wackelte ein Dielenbrett.

Sie war wie elektrisiert. Das war es, wovon jeder Entrümpler träumte. Ein Versteck zu finden, in dem ein Schatz verborgen war. Solche Geschichten las man in den Zeitungen immer wieder: Ein armer Mann, der von Brot und Wasser lebte und in dessen Sofapolster ein Vermögen eingenäht war. Oder die Klofrau, in deren Garage Kleingeld im Wert von mehreren Millionen lagerte. Swetlana hatte es sich oft ausgemalt, wie dieser Moment sein würde. Und jetzt war er vielleicht gekommen: Eine Planke wackelte unter ihrem Fuß. Das konnte die Eintrittskarte in das Leben sein, das sie sich immer erträumt hatte.

Mit aller Kraft schob sie das Bett weiter von sich, kniete sich hin und probierte, das Brett zu entfernen. Doch das gestaltete sich als schwierig. Mit den Fingernägeln krallte sie sich durch das dünne Plastik der Handschuhe in den Spalt, um die Seite anzuheben, rutschte aber jedes Mal ab. Als ein Nagel abbrach, fluchte sie durch die Zähne. So hatte es keinen Zweck.

Wie war die alte Frau an das Versteck herangekommen? Schon um das Bett wegzuschieben, hätte sie ein Herkules gewesen sein müssen. Vermutlich war es doch nur eine Diele, die sich mit der Zeit gelockert hatte. Trotzdem. Sie konnte jetzt nicht aufgeben, sie musste sichergehen.

Schwer stützte sie sich auf die Matratze, erhob sich ächzend und zog das eng sitzende T-Shirt über dem Bauch glatt. Abwesend schob sie sich eine Strähne aus dem Gesicht und sah sich nach einem geeigneten Werkzeug um. Lang, schmal und stabil musste es sein. Natürlich! Ein Messer. Da hätte sie gleich drauf kommen können. In der Küche prüfte sie das Besteck und entschied sich für ein Brotmesser. Es war von minderer Qualität, der Griff aus verblichenem, abgestoßenem Plastik, aber die Klinge schien stabil zu sein.

Das Herz klopfte ihr bis zum Hals, als sie die Schneide in den Spalt schob und langsam zur Seite hebelte. Die Klinge bog sich gefährlich weit durch, doch endlich hob sich das Brett ein Stück.

In dem ungeheizten Schlafzimmer herrschte Eiseskälte, ihr floss der Schweiß nur so von der Stirn. Sie krallte die Finger in das Holz, zog so stark sie konnte und stocherte mit dem Messer nach.

Endlich drehte sich das Brett, fiel mit lautem Klonkern auf das Parkett und gab den Blick auf einen Hohlraum frei.

Sie beugte sich vor und schob die Haarsträhnen, die an ihrer feuchten Stirn klebten, zur Seite, um besser sehen zu können.

„Yes!“

In dem Versteck lag etwas.

Vor Aufregung zitterten ihr die Finger, als sie den Gegenstand herausnahm. Doch was sie in den Händen hielt, war nicht das, was Swetlana sich erhofft hatte. Es war ein Heft, Din-A-5, wie man es in der Schule benutzte. So verstaubt und angegilbt, wie es war, schien es lange dort gelegen zu haben. Sie legte es zur Seite und tastete den Hohlraum erneut ab. Doch das Versteck war ansonsten leer.

„Fuck!“

Ihre Euphorie wich grenzenloser Enttäuschung.

Sie lehnte sich mit dem Rücken an die Wand und stützte den Kopf in die Hände. Ein Tagebuch oder sonst so ein Mist. Damit konnte sie nichts anfangen. Es war wertloser Scheiß, auch wenn es der alten Frau, oder wer auch immer das geschrieben hatte, so wichtig war, dass es unter den Dielen versteckt worden war. Am liebsten hätte sie sich eine Zigarette angezündet und den Frust zur Decke gequalmt. Aber dann würde ihr Vater sofort merken, dass sie vor ihm da gewesen war. Das durfte sie nicht riskieren.

Ein Blick auf die Armbanduhr sagte ihr, dass sie sich bereits seit einer Stunde hier aufhielt. Sehr viel länger würde sie nicht bleiben können, sonst nahm man ihr den Arzttermin nicht ab. Sie passte das Brett wieder in den Boden ein und rückte das Bett zurück.

Das Heft konnte sie in irgendeine Schublade zu anderen Papieren stopfen. Keinem würde es auffallen. Ohne großes Interesse blätterte sie durch die Seiten: Notizen, Aufzeichnungen, eingeklebte Zeitungsartikel und Fotos.

Zuerst schien sich ihr Kopf gegen die Erkenntnis zu wehren, wollte nicht wahrhaben, was das alles bedeutete. Doch dann traf es sie wie ein Blitz.

Sie hielt den Jackpot in den Händen.

5 Detektei

Der Wind pfiff eisig und die von einem vorbeifahrenden Auto entfachte Böe wirbelte ihr die Haare um den Kopf und machte sie für einen Moment orientierungslos. Amarant Domberger kniff die tränenden Augen zusammen, blieb vor dem Gartentor stehen, zog das Handy aus der Jackentasche und prüfte mit einem Tap auf das Display die Uhrzeit. Neun Uhr fünfundzwanzig. Fünf Minuten zu früh. Genau wie sie es geplant hatte. Pünktlichkeit war ihr wichtig. Es machte sie nervös, wenn sie der Zeit hinterherlaufen musste, das konnte ihr den ganzen Tag verderben. Es gab in ihrem Leben bereits zu viele Dinge, die schief liefen. Wenigstens die Zeit wollte sie im Griff haben. Sie steckte das Telefon zurück und warf einen Blick in den Vorgarten: Ein altes Herrenrennrad lehnte an der Ziegelmauer, die das Grundstück vom Nachbargarten trennte, und eine schwarze Katze saß auf den Stufen vor dem Eingang und ignorierte sie. Sie drückte die Klinke herunter, schob das quietschende Tor auf, sah sich um, ob ihr jemand gefolgt war, und ging dann auf das Haus zu.

Die Gegend gehörte zu den wohlhabenderen Wohngebieten Bad Godesbergs, der Villa sah man das nicht an. Die letzte Renovierung schien länger her zu sein, an einigen Stellen war der Putz abgeplatzt und ein tiefer Riss zog sich quer über die Fassade. Das Modernste war ein Messingschild, das neben der Haustür angebracht war und auf dem in geschwungenen Lettern der Name einer adeligen Rechtsanwältin stand. Doch die war nicht ihr Ziel. Sie wollte zu der Detektei, von der sie in der Zeitung gelesen hatte. Die die großen Fälle gelöst hatte. Die hatten das Zeug, um mit ihrer Misere klarzukommen.

Natürlich war sie zuerst zur Polizei gegangen. Aber die hatten sie abgewimmelt. Geradezu mitleidig hatten sie sie betrachtet, als sie ihnen das Video gezeigt hatte. Und hatten ihr kein Wort geglaubt. Sie spürte wieder die Panik in sich hochsteigen. Die würden sich erst bewegen, wenn es zu spät war. War es denn nicht deren Job, Katastrophen zu verhindern? Aber sie hatten nur mit den Schultern gezuckt. Bedauernde, mitfühlende Mienen aufgesetzt. Und waren sicher erleichtert gewesen, als die Tür hinter ihr zugefallen war.

Aber sie brauchte Hilfe. Dringend. Ihr Leben war in Gefahr. Jeder Tag konnte der Letzte sein. Und ihr konnte nur jemand helfen, der es schon mit Mördern und kriminellen Vereinigungen aufgenommen hatte. Wie die Detektei Peters.

Entschlossen drückte sie die Klingel und stemmte sich, als der Summer ertönte, gegen die Tür.

...

Gilda öffnete die Tür und Friedi schoss durch ihre Beine hindurch ins Treppenhaus.

„Friedi, bleib hier. Entschuldigen Sie bitte, Friedi! Friedi!“ Sie beugte sich vor und klopfte auf ihre Oberschenkel. Doch der Dackel beschnüffelte erst ausgiebig die Schuhe des Neuankömmlings, bevor er ohne Eile zurückkam und sich unter dem Garderobenständer auf seinem Kissen einrollte.

Gilda begrüßte die neue Klientin. „Immer hereinspaziert. Ich bin Gilda Lambi von der Detektei Peters. Kann ich Ihnen die Jacke abnehmen?“

Das Erste, was ihr an der Frau auffiel, war der silberne Piercingring in der Oberlippe. Und die große Brille in dem schmalen, blassen Gesicht.

Die Besucherin nickte, sah sich im Vorraum, in dem Gildas Schreibtisch stand, um, dann wickelte sie einen Schal vom Hals und schlüpfte aus dem Parka. „Ich bin Amarant Domberger. Wir hatten Kontakt über ihre Webseite.“ Sie schlang die Arme um den dünnen Körper, als wüsste sie nicht wohin mit den Händen.

Gilda nickte lächelnd. „Stimmt. Möchten Sie einen Kaffee? Oder vielleicht sogar einen richtig guten, italienischen Caffè? Es gibt nichts Besseres bei diesen Temperaturen.“

„Gern.“

„Kommen Sie mit in die Küche? Da können wir beim Kaffee über ihr Anliegen sprechen.“

Amarant Domberger folgte ihr und nahm an dem Bistrotisch Platz.

„Erzählen Sie mir, warum Sie hier sind. Was können wir für Sie tun?“ Gilda griff nach der Metallkanne, schraubte sie auf und füllte sie mit Wasser.

„Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll.“ Die Klientin spielte mit dem Zeigefinger an dem Piercingring herum und sah an die Decke.

„Einfach irgendwo“, half Gilda und löffelte Pulver in den Blechfilter.

„Ich werde verfolgt. Jemand will mich ermorden.“

Gilda fiel der Filter aus der Hand, das Kaffeepulver verstreute sich über den Boden. „Mist. Entschuldigung. Jemand will Sie ermorden?“

„Ja.“

„Wer? Warum?“

„Ich habe keine Ahnung. Wirklich nicht. Ich weiß nur, dass es so ist.“

„Es fällt Ihnen keiner ein, den Sie gegen sich aufgebracht haben? Niemand?“

„Nicht, dass ich wüsste. Privat habe ich keine Feinde. Ich bin mit niemandem zerstritten. In der Uni ist alles in Ordnung. Es läuft sogar sehr gut. Meine Bachelorarbeit habe ich mit dem Assistenten besprochen und den Prof kriege ich auch noch überzeugt, der sperrt sich gerade noch ein bisschen. Keine Ahnung, warum.“ Amarant Domberger zeichnete eine kaum sichtbare Linie auf der steinernen Tischplatte nach.

Gilda bemerkte, dass ihre Hand zitterte.

„Ansonsten engagiere ich mich gegen Klimawandel und für Tierrechte. Aber nicht radikal. Ich bin keine von den Verrückten, die in Legebatterien einbrechen und die Hühner befreien. Und ich besprühe auch keine Frauen in Pelzjacken mit Farbe. Manchmal gehe ich zu Demos oder unterzeichne Petitionen. Das ist alles.“

„Ok. Was ist denn passiert, dass Sie glauben, jemand möchte Sie töten?“ Gilda füllte die Metallkanne erneut mit Kaffee und stellte sie auf den Herd.

Amarant Domberger starrte aus dem Fenster in den kahlen Wipfel des Walnussbaums. „Es fing damit an, dass ich mich beobachtet fühlte. In der Mensa, auf dem Nachhauseweg, abends in der Kneipe. Aber ich war mir nicht sicher. Da war niemand. Jedenfalls keiner, der mir auffiel. Doch dann wurde ich eines Nachts überfallen, als ich durch den Hofgarten an der Uni ging. Ich kam aus einer Bar, die dort in der Nähe ist. Es war noch relativ früh, vielleicht elf Uhr. Ich war an dem Abend müde, hatte den ganzen Tag in der Unibib gelernt und mir schwirrte der Kopf, deshalb bin ich nach Hause gegangen. Allein. Vor den anderen. Ich weiß noch, dass da ein Geräusch war, doch es war zu spät. Plötzlich lag ich auf dem Boden, jemand warf sich auf mich. Ich wurde geschlagen und getreten. Ich konnte nichts tun, habe nur versucht, meinen Kopf zu schützen. Es mussten zwei Männer gewesen sein. Der eine lag auf mir, der andere trat auf mich ein.“

„Furchtbar, du Ärmste.“ Gilda, die das Kaffeepulver auffegte, hielt in der Bewegung inne und gluckste. „Ups. Wie unprofessionell.“ Sie schlug die Hand vor den Mund.

„Ist in Ordnung. Das Siezen kommt mir eh komisch vor. Macht man doch eigentlich nie. Außer bei alten Leuten. Nenn mich Mara. Amarant klingt immer so, als hätte mich meine Mutter dabei erwischt, dass ich wieder was ausgefressen habe.“

Gilda zwinkerte ihr zu, füllte Kaffee in zwei Tassen und setzte sich zu der Klientin an den Tisch. „Wie bist du entkommen?“

„Ich glaube, sie wurden gestört. Vielleicht Geräusche von der Straße. Ich weiß es nicht. Jedenfalls sind sie plötzlich abgehauen.“

„Hast du die Typen angezeigt?“

„Natürlich. Obwohl der eine mir noch ins Ohr gezischt hat nix verraten, sonst tot. Komisch eigentlich.“

„Man hat die Männer nicht gefunden, nehme ich an? Sonst wärest du ja nicht hier.“

Mara nickte. „Ich konnte sie nicht beschreiben. Es war dunkel und sie kamen von hinten. Aber es waren Schwarze. Da bin ich mir absolut sicher. Ich habe es gerochen.“

„Du kannst die Hautfarbe riechen?“ Gilda zog die Augenbrauen hoch.

„Ja. Weiße Männer haben einen anderen Geruch. Ich habe ein Auslandsemester in Südafrika verbracht. Seitdem weiß ich das.“

„Sorry, wenn ich das so sage, aber das klingt total rassistisch.“

„Ich weiß“, Mara nahm es nicht übel. „Es ist aber so. Der Schweiß riecht süßlicher, stechender, ich kann es nicht genau beschreiben. Vielleicht liegt es an der Ernährung. Essen beeinflusst den Körpergeruch. Aber Hormone oder Krankheiten auch.“

„Und die Angreifer haben schwarz gerochen?“, nahm Gilda skeptisch den Faden wieder auf.

„Ja. Hinzu kam aber auch dieser ... animalische Gestank. Ich habe es wahrgenommen in dem Augenblick, bevor ich attackiert wurde. Wie eine Warnung: Es roch nach Gefahr. Als lauerte ein Raubtier in nächster Nähe. Ich wollte sofort fliehen.“

„Hm“, Gilda presste die Lippen zusammen und stellte die Tasse heftig auf den Tisch zurück. „Ich kann verstehen, dass die Polizei nichts mit deiner Beschreibung anfangen kann. Einzig vom Geruch auf die Hautfarbe zu schließen ist“, sie suchte nach der richtigen Formulierung, „extrem politisch unkorrekt. Um es vorsichtig zu sagen. Aber warum soll ich vorsichtig sein? Du bist es ja auch nicht. Der Überfall auf dich ist schrecklich, das will ich nicht kleinreden. Aber wenn du ein Nazi bist und möchtest, dass wir dich bei deinem rassistischen Verfolgungswahn unterstützen, bist du hier falsch.“

Mara hob abwehrend die Hände und rutschte auf ihrem Stuhl herum. „Spinnst du? Ich bin kein Rassist. Und erst recht kein Nazi. Warum glaubst du, habe ich in Südafrika studiert? Ich interessiere mich für andere Kulturen und habe viele Freunde überall auf der Welt. Nach meinem Studium möchte ich in die Entwicklungshilfe gehen. Du hast einen völlig falschen Eindruck von mir.“

„Ist das so?“ Gilda musterte Mara von oben bis unten, dann nickte sie. „Ok. Ich glaube dir. Aber du musst zugeben, dass es ziemlich abgedreht klingt, was du mir erzählst.“

Mara zuckte die Achseln. „Ich wollte dir halt alle Informationen geben. Wenn ihr den Auftrag annehmt, müsst ihr doch wissen, dass ich von zwei Schwarzen verfolgt werde. Vermutlich Afrikanern.“

Gilda verdrehte die Augen und sparte sich eine Antwort.

„Soll ich gehen?“

„Nein. Ich weiß es nicht. Erzähl erst mal weiter. Glaubst du, dass die beiden noch hinter dir her sind? Du hast gesagt, dass sie dich umbringen wollen, aber sie haben es nicht getan.“

„Ja, aber sie werden es tun. Deshalb bin ich ja hier. Sie verfolgen mich. Zuerst habe ich es nach dem Überfall nicht gemerkt. Ich dachte, der Angriff wäre ein Zufall. Dass ich einfach zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen war. Doch dann hat man mir das Video geschickt.“ Mara nahm einen Schluck und Gilda bemerkte, dass sie die Tasse kaum halten konnte, so sehr zitterten ihre Hände. „Darauf sind zwei Afrikaner. Und ein weißes Mädchen. Ich kenne sie. Kitty. Ich habe mit ihr in Johannesburg studiert, wir waren befreundet. Und die Männer kenne ich auch. Ich bin sicher, dass sie es sind, die hinter mir her sind.“

„Kannst du mir den Film zeigen?“

Mara nickte.

„Aber der ist schlimmer als alles, was du je gesehen hast.“

...

Gilda warf Mara, die neben ihr am Schreibtisch saß, einen fragenden Blick zu, dann klickte sie mit dem Mauszeiger auf das nach rechts zeigende Dreieck und das Video lief los.

Sofort wurde ihr klar, dass Maras Warnung berechtigt war.

Ein Mädchen wimmerte, streckte den Arm abwehrend aus, taumelte rückwärts. Gilda hielt den Film an und betrachtete das Standbild. Braune Haare bis zu den Schultern, ein ärmelloses, blaues Top, rote Shorts, nackte, blasse Beine und weiße Sneakers. Anfang zwanzig. Höchstens.

Etwa so alt wie Mara und sie.

„Das ist deine Freundin?“

„Ja, das ist Kitty.“

Gilda lief ein Schauer über den Rücken. Sie ahnte, dass das, was jetzt folgte, ihr Albträume bereiten konnte und zögerte, das Video weiterlaufen zu lassen. Stattdessen studierte sie die Umgebung auf dem Standbild. Um sich eine Pause zu gönnen und zu wappnen vor dem, was bevorstand.

Maras Freundin befand sich in einem Park oder in der freien Natur. Im Hintergrund waren Büsche zu sehen, auf dem erdigen Boden wuchsen vereinzelt bräunliche Grasbüschel. Gilda machte einen Screenshot, um später herauszufinden, um welche Pflanzen es sich handelte. Ob dieses Video wirklich in Südafrika gedreht worden sein konnte. Zögernd bewegte sie den Cursor wieder auf das Play-Symbol. Ihr Zeigefinger verharrte über der linken Maustaste. Dann gab sie sich einen Ruck. Sie war stark genug, um das zu sehen, was jetzt passieren würde. Es war ihr Job als Detektivin. Sie straffte die Schultern und klickte.

Die Schreie setzten wieder ein.

Ein schwarzer, sehniger Arm hob sich in die Kamera, Muskeln und Adern zeichneten sich deutlich unter der Haut ab. Die Klinge eines langen Messers blitzte in der Sonne auf, fuhr herab. Stach in den Arm, den Kitty abwehrend von sich streckte. Sie schrie, flehte, stöhnte. Versuchte auszuweichen. Wurde von einem zweiten Mann zu Fall gebracht. Schwer fiel sie auf den Rücken, das T-Shirt nach oben gerutscht, die Beine gespreizt. Die blassen Schenkel schimmerten schutzlos in der Sonne. Dann kam das Messer wieder ins Bild, hob und senkte sich, stach in den Bauch, in die Hand, die schützend darüber lag. Blut spritzte hervor, lief über den weißen Körper in den Sand.

Gilda unterdrückte ein Würgen. Sie hätte das Video gern unterbrochen, doch sie war wie gelähmt. Verurteilt, dem Grauen weiter zuzusehen.

Die Perspektive wechselte, ein zweiter Mann kam ins Bild. Hager, sehnig, schwarz. Seine Miene war angespannt, die Kiefer aufeinandergepresst, der Blick konzentriert. Die Kamera zoomte auf die Machete, die er hoch über den Kopf erhoben hielt, fuhr die lange, verschmutzte Klinge entlang. Das Sichtfeld glitt zurück in die Totale. Zeigte die junge Frau, deren Gesicht ein einziges Entsetzen war. Die verzweifelt versuchte, mit den Händen den Bauch zu schützen, das Leben im Inneren ihres verletzten Körpers. Die sich mit den Füßen in den Boden stemmte, um sich auf dem Rücken liegend aus der Gefahrenzone zu schieben.

Dann zoomte das Bild auf den Hals, fokussierte auf die weiße Kehle, die ungeschützt dalag.

6 Detektei

Die Klingel im Vorraum ertönte und Laura warf einen Blick auf die Uhr. Fast halb zehn. Gildas Klientin war pünktlich. Ein guter Beginn einer Geschäftsbeziehung. Ihrer Erfahrung nach waren pünktliche Menschen auch zuverlässige Zahler. Sie nahm hinter dem Schreibtisch Platz und rief die Suchmaschine im Computer auf. Die Geschichte, die Leo Wagner am Tag zuvor erzählt hatte, ging ihr nicht aus dem Kopf. Sie wollte herausfinden, was aus dem armen, gequälten Tier geworden war.

Zuerst gab sie den Namen Anton ein und wurde bombardiert mit Fundstellen. Die Baufirma gehörte zu den gewichtigen Kalibern im Markt und war dementsprechend präsent im Internet.

Doch Laura interessierte sich für das Privatleben der Familie. Und auch hierzu gab es einiges zu finden. Ragnar und Isabel Anton waren beide in den Vierzigern, gestylt und braun gebrannt auf jedem Foto und Mittelpunkt vieler Veranstaltungen in Bonn und Bad Godesberg.

Ragnar Anton spielte Golf, war der Schirmherr des jährlichen Benefiz-Unternehmer-Frühstücks zugunsten kirchlicher Projekte in Godesberg und wurde zu jedem Event eingeladen, das irgendein Verein, eine Partei oder eine Bürgerbewegung veranstaltete. Als Bauunternehmer brauchte man Kontakte und die schien der Mann in Hülle und Fülle zu haben. Natürlich war es ein Vorurteil zu glauben, dass Baulöwen nur durch Korruption und Mauschelei so erfolgreich waren, trotzdem konnte sie den Gedanken nicht abschütteln. Obwohl sie keinen einzigen Hinweis auf Unregelmäßigkeiten fand. Anscheinend hatte er eine weiße Weste.

Ganz anders als der Sohn.

Laura hörte gedämpfte Stimmen, dann drangen Schreie aus dem Vorraum, die ihr das Blut gefrieren ließen. Sie unterdrückte den Impuls, aufzuspringen und nachzusehen, ob alles in Ordnung war. Gilda sah sich offensichtlich mit ihrer Klientin einen Film an und hatte die Situation im Griff. Sie würde sich melden, wenn sie in Schwierigkeiten war.

Laura blendete die Geräusche aus und konzentrierte sich auf die Bilder. Isabel Anton war dünn und durchtrainiert und strahlte die Entschlossenheit einer Frau aus, die täglich ihre Bahnen im hauseigenen Pool schwamm und Stunden im Gym verbrachte. Aufgespritzte Schlauchbootlippen dominierten das Gesicht, blonde Haare spielten gepflegt um die Schultern, die Kleidung in höchstens Größe 34 war auch für den ungeübten Blick als Designer-Ware erkennbar. Sie strahlte auf allen Fotos, sei es auf dem Tennisplatz, sei es bei Vernissagen oder in der Bar beim Wein mit Freundinnen, doch das Lächeln wirkte auf Laura maskenhaft und aufgesetzt.

Lediglich ein Bild zeigte auch den Jungen. Anscheinend war er Einzelkind, dafür gab es mehrere Hunde unterschiedlicher Rassen, die vor der Familie ausgestreckt auf dem Rasen in der Sonne lagen. Sie zoomte das Foto größer. Isabel hatte den Arm um ihren Sohn gelegt und sah ihn liebevoll an. Auf den anderen Fotos hatte sie oberflächlich gewirkt, glatt, doch die Zuneigung zu dem Jungen wirkte echt und unverfälscht. Auch Ragnar schien seinen Sprössling mit einer Mischung aus Stolz und Wohlwollen anzusehen. Nach sozialer Verwahrlosung und Desinteresse am eigenen Kind sah das nicht aus. Damit schieden die Eltern für Laura vorerst als Grund für das krankhaft sadistische Verhalten des Tierquälers aus.

Moritz stand in der Mitte, breitbeinig, Hände in den Taschen, Kinn hoch erhoben, Augen leicht zusammengekniffen. Er wirkte arrogant. Zu selbstsicher für einen Jungen dieses Alters. Wenn man nicht gerade Justin Bieber war und von klein auf an Millionen von Fans gewöhnt war, war das ungewöhnlich. Aber vielleicht interpretierte sie zu viel in das Foto. Sie kannte das Martyrium des Dackels, da fiel ihr Unvoreingenommenheit schwer.

Es klopfte, dann wurde die Tür geöffnet und Friedi kam hereingeschossen. Wedelnd rannte er durch Lauras Büro und sprang an ihren Beinen hoch.

„Jajaja.“ Sie bückte sich und streichelte ihn. „Willst du einen Spaziergang machen?“

Der Hund wedelte mit dem Schwanz.

„Klar will er“, meldete sich Gilda von der Tür her. „Er ist die ganze Zeit unruhig, ich glaube, er muss mal. Soll ich ihn in den Garten lassen oder eine Runde mit ihm drehen?“

Laura schaute durch die Terrassentür nach draußen in den grauen, winterlichen Vormittag. Es war immer noch nicht richtig hell und ein feiner Graupelschauer hatte eingesetzt.

„Würdest du mit ihm gehen? Schau dir mal das Wetter an. Eigentlich jagt man keinen Hund auf die Straße. Im wahrsten Sinne des Wortes.“

„Ach, mir macht das nichts. Und mir würde es ehrlich gesagt guttun, ein bisschen an die frische Luft zu kommen. Der neue Auftrag hat mich geschockt.“

„Ja, du siehst blass um die Nase aus. Und ich habe die Schreie gehört. Grauenhaft. Wie aus einem Horrorfilm. Worum geht es?“

„Meine Klientin ist eine Studentin, die von zwei Männern verfolgt wird. Sie glaubt, sie wollen sie umbringen. Die haben ihr ein Video geschickt, auf dem sie ihre Freundin aus Südafrika ermorden. Es ist brutal. Widerlich. Dem Mädchen wird vor laufender Kamera der Kopf abgehackt und dann schwenken sie ihn an den Haaren herum. Mir ist ganz schlecht. Und ich habe eine solche Wut auf diese ...“, sie suchte nach einer passenden Bezeichnung, „... Bestien, die ihr das angetan haben. Am liebsten würde ich das Gleiche mit ihnen machen. Aber ganz langsam.“

„Hilfe, nein. Keine Alleingänge und keine Selbstjustiz mehr, verstanden?“ Laura zwinkerte ihrer Assistentin beruhigend zu, um ihr zu signalisieren, dass sie ihr diese Brutalität nicht ernsthaft zutraute. „Wir sammeln Beweise, der Rest ist Sache der Polizei und der Justiz.“

„Das weiß ich. Du brauchst mich nicht jedes Mal daran zu erinnern, dass ich damals einen Fehler gemacht habe. Du kannst dich auf mich verlassen. Lass mich die Runde mit Friedi drehen, dann werde ich mich schon wieder berappeln und auf andere Gedanken kommen. Und später in der Teambesprechung erzähle ich euch die Details.“

„In Ordnung. Es ist nicht gut, dass dich der Auftrag so mitnimmt. Professionelle Distanz ist unerlässlich in unserem Job.“

Laura sah dem aufgeregten Dackel und der Assistentin nachdenklich hinterher, bis sie aus ihrem Blickfeld verschwanden.

7 Rheinallee, Bad Godesberg

Je weniger man zu verlieren hat, umso mehr wächst die Macht über das eigene Schicksal.

Manfred Herder schlurfte die Rheinallee entlang. Den Kopf hatte er zum Schutz gegen den Graupelschauer tief in den Kragen gezogen. Er hatte am Kiosk eine Zeitung und eine Flasche Bier gekauft und sich nach kurzer Überlegung noch ein Käsebrötchen einpacken lassen. Geiz brachte ihm in seinem Zustand nichts mehr. Das letzte Hemd hatte keine Taschen. Und einen Erben, für den sich das Sparen lohnte, hatte er auch nicht. Nicht mehr. Der Gedanke an seinen Sohn, der so früh gestorben war, schmerzte wie am ersten Tag und stach wie ein glühender Dolch in sein Herz. Zeit heilte Wunden. Aber nicht alle.

Diese nicht.

Eigentlich hätte er längst tot sein müssen. Aus Kummer. Und wegen seiner ungesunden und auszehrenden Lebensweise. Doch der Wille, herauszufinden, warum und vor allem durch wen sein Sohn in den Selbstmord getrieben worden war, hatte ihn am Leben gehalten. Er hatte sich geschworen, nicht eher zu sterben als bis der Tod gesühnt war. Es war schwer gewesen, an Hinweise zu gelangen. Überall war er auf eine Mauer des Schweigens gestoßen, auf den unheiligen Zusammenhalt von Komplizen, alten Seilschaften und einer jahrhundertealten Tradition des Vertuschens. Doch jetzt spürte er die Ratten in ihrem Nest auf und räucherte sie rigoros aus. Je weniger man zu verlieren hatte, umso mehr wuchs die Macht über das eigene Schicksal.

Hinter ihm näherten sich rasche Schritte, jemand bemühte sich aufzuholen. Aus dem Augenwinkel erkannte er sie. Die alte Hexe von gegenüber. Die hatte es auf ihn abgesehen.

„Nur damit Sie es wissen“, japste sie. „Ich werde Ihrem Treiben nicht länger tatenlos zusehen. Am besten packen Sie ihre Sachen und verschwinden. Sonst können Sie was erleben.“

Er gönnte ihr keine Reaktion, nicht mal einen Blick.

„Sie müssen mir nicht antworten. Ich weiß, dass Sie mich verstanden haben. Packen Sie am besten gleich, oder es wird verdammt ungemütlich für Sie!“

Stoisch setzte er seinen Weg fort. Wenn sie wüsste, dass er gar nicht die Absicht hatte, noch lange dortzubleiben. Doch das ging sie nichts an. Wenn er seine Mission erfüllt hatte, würde er sich verabschieden. Endgültig. Aber den Zeitpunkt bestimmte er selbst.

Sollte sie ihn allerdings bei seinen Plänen behindern, würde er Mittel und Wege finden, sie auszuschalten.

Notfalls auch für immer.

8 Schweinheim

Alex Starck warf einen Blick in den Taschenkalender, obwohl er die Termine für den Tag genau kannte. Den letzten Patienten, einen Jungen aus dem Kinderheim, der, laut seiner Betreuerin, zu zappelig und unkonzentriert war, hatte er einige Minuten früher aus der Therapiestunde geschickt, um ein paar Augenblicke für sich zu haben, bevor die Studentin kam.

Abwesend starrte er auf die eng beschriebenen Seiten, bis er merkte, dass seine Hände zitterten. Er warf das Büchlein auf die Schreibtischplatte, verschränkte die Arme und klemmte die Hände unter den Achseln ein.

Sein Blick wanderte zur Schreibtischschublade. Er beugte sich zur Seite, machte Anstalten, sie zu öffnen. Dann besann er sich eines Besseren, sprang auf und ging mit großen Schritten ans Fenster. Der Ausblick in den Hinterhof mit dem Mülltonnenkasten und dem rostigen Fahrradständer war trostlos. Er drehte sich um und setzte sich wieder an den Schreibtisch. Rückte ein paar Stifte gerade. Betrachtete das Foto von seiner Ehefrau und den beiden strahlenden Kindern. Seinen Kindern.

Das perfekte Leben.

Er schnappte sich das Bild und legte es unter die Schreibtischplatte auf die Ablage. Zur Zeit konnte er den Anblick nicht ertragen. Hatte er es eigentlich jemals gekonnt? Warum hatte er sich überreden lassen, diese Frau zu heiraten? Sie kam aus gutem Hause, hatte man ihm erzählt. Das war aber alles, was es Positives über sie zu sagen gab. Und so gut war das Haus auch nicht. Weder finanziell noch vom sozialen Status her. Nur gläubig. Sehr gläubig. Ihr praktischer Kurzhaarschnitt war das Einzige, was ihm an ihr gefallen hatte. Und dass sie sich nicht schminkte oder auftakelte. Die eher unförmige, aber halbwegs schlanke Figur war durch die Schwangerschaften zerstört worden. Sie nannte die Rundungen Kurven. Aber wenn man ihren Leib entlang fahren müsste, hatte man es mit einer einzigen, lang gestreckten Außenkurve zu tun. Vielleicht lag es auch an ihm, dass sie so dick geworden war. Er wusste, dass sie ihn liebte. Sie war dankbar wie ein Hündchen, wenn er ihr ein Lächeln schenkte. Wahrscheinlich rannte sie jeden Tag in die Kirche und betete, dass der Herrgott ihm den Weg zu ihr weisen möge. Aber da konnte sie lange warten. Tief im Inneren hasste er sie. Machte sie für seine Misere verantwortlich. Dabei konnte sie nichts dafür. Er musste aufpassen, dass er sich nicht hinreißen ließ und sie quälte. Mit grausamen Spielchen, die in ihr Hoffnungen aufsteigen ließen wie Seifenblasen, die er dann mit diabolischer Freude platzen ließ.

Es war nicht ihre Schuld.

Er hätte sie nicht heiraten dürfen.

Heutzutage konnte ein Mann sehr gut allein leben, ohne dass sich die Nachbarn das Maul über ihn zerrissen. Man konnte sogar offen homosexuell sein und keiner nahm daran Anstoß. Jedenfalls in den Städten. Und erst Recht im Umkreis von Köln. Trotzdem hatten sie ihn gedrängt, den klassischen Weg einzuschlagen, sich zu vermählen, wie der Pastor es ausdrückte. Und er hatte getan, was von ihm gefordert wurde. Die gemeinsame Vergangenheit und das schreckliche Geheimnis funktionierten wie eine eiserne Fessel, die ihn auf ewig an die anderen kettete. Und ihn zwang zu tun, was sie von ihm erwarteten.

Bis in den Tod.

Aber warum hatte er zu allem Überfluss Kinder in die Welt gesetzt? Er hatte es einfach nicht geschafft, ihr das abzuschlagen. Ständig hatte sie ihm damit in den Ohren gelegen. Irgendwann war es leichter gewesen, dem Drängen nachzugeben, als ihr die Wahrheit zu sagen. Wenn man einmal mit dem Lügen begonnen hatte, konnte man nicht mehr aufhören. Ein Teufelskreis. Er hasste sich für seine Schwäche. Und jetzt wartete jeden Abend eine Familie auf ihn, bei der er sich regelmäßig fragte, wer diese Menschen überhaupt waren.

Wessen Leben lebte er eigentlich?

Das Klingeln an der Haustür riss ihn aus seinen Gedanken. Wieder so ein Gefallen, um den die anderen ihn gebeten hatten. Verdrießlich warf er einen Blick auf die Uhr, verließ das Sprechzimmer und durchquerte den breiten Flur, der als Warteraum fungierte. Sie war fünf Minuten zu früh. Wie immer. Er setzte ein Lächeln auf und öffnete die Haustür.

„Kommen Sie rein, Frau Domberger, ich habe Sie schon erwartet.“

9 Detektei

Laura hatte sich tief in die Recherchen um die Familie Anton eingegraben, deren Wohnort herausgefunden - sie bewohnten gleich zwei Häuser, eines in Bad Godesberg und eines in Villip - und die Tierärzte der Umgebung angerufen. Sie hatte sich als Isabel Anton ausgegeben und behauptet, dass sie eine Frage zu der Rechnung hätte. Die Geschichte war dünn, aber sie hatte ihren Zweck erfüllt. Eine Sprechstundenhilfe hatte ihre Befürchtung bestätigt: Der Dackel war am Sonntag eingeschläfert worden. Und hätte es sich nicht um eine so furchtbare Angelegenheit gehandelt, wäre die Tierarzthelferin vermutlich misstrauisch geworden. Aber so hatte die Abscheu ihre Wachsamkeit vernebelt. Ihr Ton war eisig, die Worte gerade noch in den Bereich des Höflichen einzusortieren gewesen. Welche Erklärung Isabel Anton auch immer gegeben haben mochte, sie hatte sie ihr nicht abgenommen. Das spürte Laura deutlich. Ärzte hatten einen Blick für Gewalttaten, egal ob sie Menschen oder Tiere behandelten. Und Sprechstundenhilfen auch.

Es klopfte sachte an der Terrassentür, Laura schreckte aus ihren Gedanken hoch. Auf der Veranda stand ihre Freundin Barbara und winkte ihr zu. Erfreut sprang sie auf und öffnete.

„Hallo, meine Liebe. Du kommst mir gerade recht!“

„Das hört man gern“, lachte Barbara und umarmte sie. Dann zog sie sich die schwarze Mütze mit dem Fellbommel von den blonden Locken und knöpfte den Mantel auf. Darunter kam ein eng anliegendes, dunkelgraues Kaschmirkleid zum Vorschein.

„Warum so schick?“

„Ich hatte einen Termin. Die Zeitung bringt einen Bericht über mich, weil nächste Woche meine Konzerttournee startet. Wir haben die Fotos in der Kunsthalle gemacht. Eigentlich wollten wir das Shooting draußen machen, aber bei dem Mistwetter ist das ja unmöglich.“

„Das ist ja toll! Wann bringen sie den Bericht?“

„Vermutlich nächstes Wochenende. Im Feuilleton. Falls nichts Wichtigeres dazwischen kommt.“ Barbara zwinkerte.

„Was sollte im Kulturteil so wichtig sein, dass man spontan dafür einen vorbereiteten Artikel sausenlässt?“

„Keine Ahnung. Vielleicht wenn ein berühmter Künstler stirbt? Irgendsowas. Warum komme ich dir gerade recht?“

„Ach, ich war ein bisschen depri. Aufmunterung kann ich jetzt gut gebrauchen.“

„Was ist passiert?“ Barbara ließ sich auf einem Sessel nieder und schlug die Beine in den schmalen, hochhackigen Wildlederstiefeln übereinander.

Doch bevor Laura den Mund öffnen konnte, wurde die Tür aufgerissen und Friedi flitzte ins Zimmer, dicht gefolgt von Gilda. Begeistert stürzte sich der Hund auf Laura und ließ sich von ihr begrüßen. Danach warf er einen langen Blick auf Barbara und drehte ihr dann langsam und unmissverständlich den Rücken zu.

„Ja, wer ist das denn?“ Barbara musste über den kleinen Kerl lachen. „Ich glaube, er mag mich nicht.“

„Unsinn. Ich hole dir ein Stückchen Wurst, dann schließt er dich direkt in sein Herz.“ Die praktisch veranlagte Gilda hatte immer eine Lösung parat.

Doch so schnell ließ sich der Dackel nicht überzeugen. Zwar nahm er mit in Falten gelegter Stirn das Salamirädchen an, streicheln ließ er sich von Lauras Freundin trotzdem nicht.

„Warum hast du plötzlich einen Hund?“ Barbara wischte sich die Finger an einem Taschentuch ab.

„Meine Nachbarin, wurde am Samstag überraschend ins Krankenhaus eingeliefert. Verdacht auf Herzinfarkt. Ein Sanitäter hat mich gefragt, ob ich mich um Friedi kümmern könnte. Ich konnte schlecht Nein sagen. Außerdem möchte ich nicht, dass sein Frauchen sich um ihn Sorgen macht.“

„Ich verstehe. Dann weißt du wohl auch noch nicht, wie lange dein Mitbewohner bleiben wird. Aber er wirkt ganz verträglich. Wenn man von seiner Abneigung gegen mich absieht.“

„Ach komm, ihr werdet schon Freunde werden. Deinem Charme kann keiner widerstehen. Leider ist er ein Frühaufsteher. Ich hoffe, ich kann ihm das noch abgewöhnen.“

„Und er mag keine anderen Rüden“, warf Gilda ein. „Auf unserer Runde durch den Park hat er jedes Mal ein Höllenspektakel veranstaltet, wenn wir einen getroffen haben. Zum Glück ist das Wetter so schlecht, dass kaum jemand unterwegs ist. Sonst hätte es anstrengend werden können.“

Barbara sah auf die Uhr und wechselte das Thema. „Ich bin eigentlich vorbeigekommen, um euch zu einem frühen Mittagessen zu überreden. Habt ihr Zeit? Oder steckt ihr tief in der Arbeit? Was wolltest du mir überhaupt erzählen, Laura?“

„Mittagessen klingt gut. Was meinst du, Gilda? Dann kannst du uns von deinem neuen Fall berichten.“

Gilda nickte heftig. „Nach dem Schock mit dem Video habe ich plötzlich einen Bärenhunger. Friedi nehmen wir mit. Er freut sich immer über Abwechslung.“

„Und erzählen wollte ich dir, Barbara, was mir Sonntagmorgen passiert ist. Ich mache das aber besser jetzt und nicht beim Essen, sonst habt ihr keinen Appetit mehr.“ In knappen Worten beschrieb sie ihre Begegnung mit Leo im Panoramapark und was er über seinen Freund und dessen Hund erzählt hatte. „Und ich habe vorhin herausgefunden, dass das arme Tier gestern aufgrund der Verletzung eingeschläfert werden musste.“ Laura presste die Lippen zusammen, um sich nicht von ihren Gefühlen hinreißen zu lassen. Die beiden Frauen sahen sie fassungslos an.

„Das darf doch nicht wahr sein!“ Barbara fand als Erste die Sprache wieder. „Die kleine Ratte knöpfe ich mir vor. Das kann man nicht ungestraft hinnehmen. Wer ist das Bürschchen?“

„Genau“, stimmte Gilda mit vor Wut zitternder Stimme zu. „Wir schnappen ihn uns. Und dann kann er was erleben. ... und wir informieren die Polizei“, fügte sie nach kurzem Nachdenken hinzu.

Laura nickte zustimmend. „Ihr habt ja recht. Aber so einfach ist das nicht. Ich habe Leo versprochen, diskret zu sein und ihn nicht zu verraten. Und ich möchte mein Wort halten. Aber wenn ihr trotz der abscheulichen Story noch Appetit habt, dann können wir beim Essen Pläne schmieden.“

„Lasst uns gehen“, stimmte Gilda zu. „Allerdings wird euch meine Geschichte auch nicht besser gefallen.“

10 Turnhalle, Bad Godesberg

Der Blick auf das Display seines Smartphones ließ Timo zusammenschrecken. Sechzehn Nachrichten. Er wusste, was das bedeutete. Am liebsten hätte er sie gar nicht geöffnet. Aber nicht zu wissen, was sie über ihn hetzten, war noch schlimmer, als es zu lesen. Er rief die App auf und scrollte durch die Texte im Klassenchat. Zuerst drehte es sich nicht um ihn. Nur um die Hausaufgaben in Mathe für diejenigen, die nicht selbst rechnen wollten, und dass morgen die erste Stunde frei war. Doch dann ging es wieder los.

Clara-Anna: Habt ihr gesehen, wie der Schwuli heute am Berger geklebt hat? Ekelhaft! Wahrscheinlich hat er ihm einmal von hinten angeboten, um eine bessere Sportnote zu kriegen.

Sanni: Ist ja auch Sport hahaha

Luca X: Quatsch keine Scheiße, der Berger ist kein Arschficker.

Sanni: Woher weißt du das? Bist du auch schwul?

Luca X: Hahaha kannste ja mal abchecken

WoBi: Hab den Schwuli gestern bei den Pfadfindern gesehen. Als wenn der im Wald auch nur 5 min überleben könnte.

Clara-Anna: ... aber er kann die Schlafsäcke schön anwärmen ... hahaha

WoBi: Hoffentlich fressen ihm die Ameisen im Wald seinen winzigen Pimmel auf.

Sanni: Schwuli, du liest doch mit? Tu uns einen Gefallen und geh sterben.

Am liebsten hätte Timo das Handy im hohen Bogen gegen die Wand gefeuert. So ging das die ganze Zeit. Lange würde er es nicht mehr aushalten. Wann hatte es eigentlich angefangen? Oder war es schon immer so gewesen, dass sie ihn gepiesackt hatten? Es kam ihm wenigstens so vor.

Dabei hatte er niemandem etwas getan. Und schwul war er auch nicht. Glaubte er jedenfalls. Denn mit einem Jungen hatte er nie etwas gehabt. Mit einem Mädchen allerdings bisher auch nicht. Wie auch? Sie verspotteten ihn nur. Keine wollte etwas mit ihm zu tun haben. Am liebsten hätte er ihnen mal so richtig gezeigt, wie wenig schwul er war. Dann würden sie staunen. Und endlich Respekt vor ihm haben. Aber das ging natürlich nicht.

Was konnte er nur tun?

Er hatte schon so viel probiert. Versucht, sich mit den coolsten Jungs aus der Klasse anzufreunden. Er hatte ihnen Süßigkeiten mitgebracht. Die hatten sie natürlich genommen und ihn dann noch mehr verspottet. Auch seine Kleidung hatte er versucht zu ändern. Möglichst männlich mit Biker-Boots und Lederarmband. Aber der Schuss war auch nach hinten losgegangen. Lederschwuli hatten sie ihn genannt und noch mehr gelacht. Die Boots hatte er im Rhein versenkt. Als Höhepunkt eines wirklich schlimmen Abends.

Sanni hatte ihm geschrieben ‚geh sterben‘. Am liebsten würde er ihr antworten ‚ok, mache ich‘. Und das wäre gar nicht mal gelogen. Denn irgendwann würde er es tun. Was hielt ihn schon hier? Seit seine Mutter tot war, hatte er eigentlich jeden Tag daran gedacht, allem ein Ende zu setzten. Endlich Ruhe zu haben. Nicht mehr in die Schule zu müssen. Ob Sanni und die anderen dann schockiert wären? Vermutlich nicht. Im Gegenteil, sie würden sich feiern, dass es ihnen gelungen war, ihn für immer loszuwerden.

Er schluckte die Tränen hinunter und stemmte die Hände gegen den eisigen Niesel tief in die Taschen. Selbstmitleid war was für Weicheier, sagte sein Vater immer. Mit diesem Spruch hatte er ihn abgespeist, wenn er aus der Schule erzählen wollte. Hör auf mit deinem weinerlichen Scheiß. Mein Sohn ist keine Memme. Timo zog die Schultern hoch und sah auf die Armbanduhr. Er musste sich beeilen, sonst kam er zu spät. Gleich war das Training zu Ende und er hatte dem Coach versprochen, beim Aufräumen zu helfen. Die Halle sollte repariert werden und dafür musste der Geräteraum ausgeräumt werden. Natürlich hatte er seine Hilfe zugesagt. Der Coach war immer so nett zu ihm, da war es klar, dass er sein Bestes gab. Manchmal hatte er das Gefühl, dass der Coach wusste, wie Scheiße sein Leben war. Obwohl er nie davon erzählt hatte. Es tat gut, verstanden zu werden. Und gemocht. Ja, der Coach mochte ihn. Er wählte immer ihn, wenn etwas vorgemacht werden sollte. Und er lobte ihn am meisten. Allerdings lobte er Chrissie auch. Dabei war der eine Vollpflaume.

Timo trat heftig gegen einen Stein, der hüpfend im Gebüsch landete.

Aber der Coach hatte den Blödmann nicht gebeten, den Geräteraum mit auszuräumen, sondern nur ihn. Bei dem Gedanken fühlte sich er wieder besser.

Er betrat die Halle, in der es nach stinkenden Socken und verschwitzten Leibchen roch, und sah, dass das Team schon in den Umkleiden war. Der Coach stand an dem Schwingtor des Geräteraums und winkte ihn zu sich.

Es war nicht alles Scheiße in seinem Leben.

Lächelnd nahm er, obwohl er Straßenschuhe trug, die Abkürzung über das Spielfeld. Er wollte den Coach nicht warten lassen, wollte ihn nicht enttäuschen.

„Hi, Coach.“

„Hallo, Timo.“

Der Coach legte Timo die Hand auf die Schulter, drückte sie kurz, ließ die Hand liegen und zog ihn mit sich in das Dunkel des Geräteraums. Timo kämpfte ein vages Gefühl des Unbehagens nieder.

Es war nicht alles Scheiße im Leben. Und für manche Dinge musste man Opfer bringen.

11 Café Negro

Die drei Frauen drängten sich fröstelnd durch die Glastür in die bullernde Wärme des gesteckt vollen Cafés am Römerplatz, in dem es einladend nach Kaffee und frischem Gebäck roch. Gilda ging vor und ergatterte im Hinterzimmer einen Tisch, der gerade frei wurde. Fröhlich winkte sie den anderen, ihr zu folgen.

„Das war Glück“, freute sich Laura und zog Friedi, der interessiert nach den Düften am Nachbartisch schnupperte, zwischen ihre Beine.

Sie bestellten Flammkuchen und Ingwertee und sprachen über Belangloses. Erst als das Essen vor ihnen stand, griff Barbara das Thema mit dem Dackel wieder auf. „Ich kenne die Familie Anton. Jedenfalls die Eltern, den Sohn habe ich nie getroffen. Sie sind sehr zugänglich und kontaktfreudig. Und sehr großzügig. Ich spiele gern auf ihren Wohltätigkeitsveranstaltungen, die Gage ist immer Bombe.“

„Dachte ich mir, dass du sie kennst, du kennst ja jeden in Bonn und Bad Godesberg. Jedenfalls jeden, der wichtig ist.“ Laura biss von dem knusprigen Flammkuchen ab und Friedi kratzte an ihrem Schienbein, um ihr zu signalisieren, dass er auch noch da war. Sie brach ein Stückchen vom Teig ab und fütterte ihn unter dem Tisch.

„Gibt es denn Skandale? Bei dem Sohn kann der Vater doch kein Lämmchen sein. Im Internet habe ich nichts gefunden.“

„Doch, gibt es.“ Barbara beugte sich verschwörerisch vor. „Vor ein paar Jahren ging das Gerücht um, dass er gemeinsame Sache mit einem Clan in Leverkusen macht. Das ist eine Sinti oder Roma Familie, keine Ahnung, was der Unterschied ist, die durch den Enkeltrick und ähnliche Betrügereien reich geworden ist.“

„What the ...“ Gilda pfiff durch die Zähne.

„Du willst mir nicht erzählen, dass Anton hilflose Senioren übers Ohr haut und ausnimmt? Er hat ein Bau-Imperium.“ Laura war skeptisch.

Barbara verdrehte die Augen und gluckste. „Natürlich nicht. Du glaubst doch nicht im Ernst, dass der berühmte Baulöwe von Tür zu Tür geht, um ein Glas Wasser bittet und alte Damen beklaut. Es geht um Geldwäsche. Der Clan erbeutet mit kriminellen Machenschaften Schwarzgeld, das er angeblich in Antons Unternehmen waschen lässt. In der Baubranche läuft viel Bares durch viele Kanäle, da kann man eine Menge Schwarzgeld unterbringen.“

„Ich verstehe. Wurde er dafür belangt?“

„Nein. Man konnte ihm nichts nachweisen. Oder wollte nicht. Er ist ja sehr gut verdrahtet. Außerdem hat er die Diskriminierungs- und Rassismus-Karte gezogen. Hat behauptet, dass man ihnen kriminelle Handlungen unterstellte, nur weil der Clan eine Roma oder Sinti Familie ist. Dabei seien es alles ehrbare Leute, die hart arbeiten und wirtschaftlichen Erfolg haben, den man ihnen neidet.“

„Und den Clan hat man auch nicht drangekriegt? Für die Betrügereien meine ich?“ Gilda leckte ihren Zeigefinger ab.

Barbara zuckte die Schultern. „Ich glaube, es hat eine Razzia gegeben und ein paar protzige Autos wurden beschlagnahmt. Wenn ich mich recht erinnere, wurde ihnen Steuerhinterziehung vorgeworfen. Was eine gewisse Komik hat. Denn so wurde ja auch Al Capone zu Fall gebracht. Der Staat sieht über vieles hinweg, aber bei Steuerhinterziehung gibts kein Pardon. Ob man die Familie eingebuchtet hat? Keine Ahnung. Dabei soll ein Mitglied der Sippe in Facebook sogar ein Foto mit einer Omi im Arm und einem Bündel Geld gepostet haben. Untertitel ‚meine liebste Kundschaft‘. Der blanke Hohn.“

„Unglaublich, dass die Polizei da nicht einschreitet.“ Gilda schüttelte den Kopf.

„Na ja, es läuft eben alles korrekt“, warf Laura ein. „Der winzigste Vorwurf von Diskriminierung oder Rassismus macht jeden Ermittlungserfolg kaputt. Das nutzen manche Kriminelle schamlos aus. Erinnert ihr euch an den Fall in England? Dort hat eine organisierte Bande von Pakistanis sehr junge, weiße Mädchen über Jahre hinweg missbraucht und zur Prostitution gezwungen. Ich glaube, Rotherham hieß der Ort, aber es gab auch andere Städte, in denen das passiert ist. Sie haben sich die Kinder von der Straße geangelt. Ich habe damals, als es bekannt wurde, viel darüber gelesen, weil es mich einfach entsetzt hat. Angeblich gab es, konservativ geschätzt, weit über tausend minderjährige Opfer. Kleine Mädchen, elf, zwölf Jahre alt. Und viele wussten Bescheid: Sozialarbeiter, Politiker, Apotheker, Ärzte, Lehrer. Auch die Polizei. Aber weil sie sich dem Vorwurf des Rassismus nicht aussetzen wollten oder durften, haben sie stillgehalten und jahrelang nichts unternommen. Es soll Polizisten gegeben haben, die auf die Missstände aufmerksam gemacht haben und deswegen vom Dienst suspendiert wurden.“

Sie zog eine Grimasse und streichelte abwesend Friedis Kopf.

„Wegen der Political Correctness wurden die missbrauchten Kinder im Stich gelassen. Da kann einem schlecht werden. Und eine Anekdote am Rande: Als die ersten Berichte über den Skandal erschienen, wurde ganz vorsichtig nur von asiatischen Tätern gesprochen, dabei waren es ausschließlich pakistanische Muslime. Andere asiatische Gruppen haben sich dann beschwert, dass sie dadurch ebenfalls unter Verdacht und in Misskredit gerieten. Womit sie vollkommen recht hatten. Die gute Absicht, Minderheiten nicht zu diskriminieren, führte dazu, dass auch andere ethnische Gruppen diskreditiert wurden. Und die Kriminellen hatten Narrenfreiheit.“ Laura hatte sich in Rage geredet.

„Das war eine tolle Rede. Aber vielleicht ab jetzt wieder ein bisschen leiser, wir haben schon jede Menge Publikum.“ Barbara wies mit dem Kopf auf die Gäste an den Nachbartischen, die zu ihnen herübersahen. „Du hast recht. Political Correctness darf nicht dazu führen, dass die Gesetze nicht mehr für alle gelten. Doch Deckmäntel gibt es viele und in unterschiedlichen Formen. Nicht nur die Gefahr des Diskriminierungs- oder Rassismusvorwurfs. Wenn ich zum Beispiel an die Missbrauchsskandale in der katholischen Kirche denke: Ewig hat es keiner gewagt, dagegen vorzugehen. Autorität durfte man nicht hinterfragen. Was im Namen Gottes geschah, konnte nicht falsch sein. Gleiches Thema bei Lehrern, besonders an Eliteschulen. Wenn reiche Eltern die Schule unterstützten, dann konnte da ja nichts Schlimmes vor sich gehen. Manche Berufsgruppen scheinen einen Tarnmantel zu haben, der sie vor dem Vorwurf des kriminellen Handelns schützt. Obwohl jeder weiß, was sie tun. Aber die Leute verschließen die Augen davor.“

„Genauso wie bei Moritz Anton, dem Früchtchen“, schloss Laura den Kreis wieder, „dem traut auch keiner etwas Böses zu. Jedenfalls keiner, der ihn nicht gut kennt. Was ich nicht verstehe, ist, warum die Eltern nichts dagegen unternehmen? Sie können doch nicht dabei zugucken, wie dieser kleine Psychopath die scheußlichen Taten verübt. Was geht in denen vor?“

„Ja, das fragt man sich in der Tat“, stimmte Barbara zu. „Ich hatte ja nur wenig mit meinem Stiefsohn zu tun, weil er bei seiner Mutter lebte und schon relativ groß war, als ich seinen Vater geheiratet habe. Aber ich bin mir sicher, Heinolf wäre sofort eingeschritten, wenn der Junge solche Sperenzchen gemacht hätte. Er hätte sich das nicht lange angesehen, das weiß ich genau. Was meint ihr, sollen wir der Familie einen Besuch abstatten? Oder hast du dir etwas anderes überlegt, Laura?“

„Ich habe noch keinen Plan. Zuerst musste ich doch herausfinden, ob an dieser Horrorgeschichte überhaupt etwas dran war. Leo hätte sich in seinem Drogenrausch ja alles Mögliche eingebildet haben können. Aber es ist passiert und ich bin so wütend, dass ich mir das Bürschchen am liebsten sofort vorknöpfen möchte.“

„Da komme ich mit! Wenn ich an den armen Hund denke, könnte ich sie alle erwürgen.“ Gilda war Feuer und Flamme.

„Nicht so hastig.“ Laura versuchte, die Wogen, die sie aufgepeitscht hatte, wieder zu glätten. Ihre Assistentin hatte sich Anfang des Jahres dazu hinreißen lassen, einen Mörder, der ungestraft davongekommen war, auf eigene Faust zu jagen, und hatte damit die Hölle losgetreten. „Du weißt, dass es nicht unsere Aufgabe ist, solche Menschen zu bestrafen. Mach nicht wieder so einen Fehler wie damals. Das hätte gewaltig schiefgehen können. Nein, es IST gewaltig schiefgegangen.“

„Du hast recht.“ Gilda zog den Kopf ein. „Das war falsch, was ich gemacht habe. Und es wird nicht wieder passieren. Ehrenwort. Also reite bitte nicht mehr ständig darauf herum. Aber irgendetwas müssen wir unternehmen. Wir können den Kerl nicht so weitermachen lassen.“

„Natürlich nicht. Wir legen uns nachher im Büro einen Schlachtplan zurecht. Er wird uns nicht entkommen. Jetzt erzähl erst mal von deinem neuen Auftrag.“

Gilda berichtete von Mara Domberger und dem Video, das sie gesehen hatte.

„Bist du sicher, dass der Film echt ist? Sie haben das Mädchen wirklich getötet? Es gibt viele Produktionen, die gut gemacht sind und sehr real wirken, obwohl es nur gestellt ist. Im Internet tummeln sich alle möglichen Verrückten.“ Laura schüttelte sich.

„Auf mich wirkte es echt. Aber ich werde das Video noch genauer untersuchen, um sicher zu sein.“

Barbara legte über den Tisch hinweg die Hand auf Gildas Arm. „Das war bestimmt nicht leicht für dich. Kommst du klar?“

„Natürlich. Ich bin Detektivin.“ Gilda sah der Freundin fest in die Augen.

„Und deine Klientin sagt, dass sie das Mädchen, das sie in Südafrika ermordet haben, kennt und dass die Mörder jetzt hinter ihr her sind?“

Gilda nickte. „Ja, es handelt sich um ihre Freundin, Kitty. Mara hat sie während ihres Auslandsemesters in Johannesburg kennengelernt.“

„Und die Männer sind jetzt hier in Bonn und wollen Mara töten?“

„Das behauptet sie. Ja.“

„Dann sollten wir uns darum kümmern, dass sie so schnell wie möglich aus dem Verkehr gezogen werden.“

12 Beuel

Swetlana hatte die Sekretärin angerufen und sich auch für den Rest des Tages abgemeldet. Der Arzt habe ihr Ruhe verordnet. Etwas Besseres war ihr in der Aufregung nicht eingefallen. Doch sie kam damit durch.

Dann war sie auf direktem Weg nach Hause gefahren und hatte sich in ihr Zimmer verzogen. Die Eltern waren Arbeiten, sie hatte sturmfreie Bude bis zum frühen Abend.

Bäuchlings warf sie sich aufs Bett, zündete sich eine Zigarette an und nahm sich den Schatz vor, ihr Ticket in ein besseres Leben.

Samstag, 15 Uhr

2 Baldrian in einer Tasse Kakao / Junge schläft

Vom Nachttisch angelte sie sich die geöffnete Colaflasche, trank einen Schluck und blätterte weiter durch das Heft.

Samstag, 19 Uhr

Psycho war da, um nach dem Jungen zu sehen / spielt sich auf wie ein Arschloch, aber ich habe gehört, was er gemacht hat / hat Medikamente für den Jungen dagelassen und ein Tütchen für mich – geiziger Wichser

Sonntag, 3 Uhr morgens

Junge hat geschrien und herumgetrampelt / 2 Baldrian in einer Tasse Kakao / scheiße – Psycho, Tom und Prof angerufen, aber sie nehmen den Jungen nicht, lassen mir die Arschkarte

Sie las jede Notiz, jeden Eintrag. Betrachtete ausgiebig die eingeklebten Zeitungsfotos und Artikel. Zwischendurch stützte sie das Kinn auf die verschränkten Hände, blies Rauchwölkchen in die Luft und starrte aus dem Fenster in den grauen Himmel. Sie musste sich genau überlegen, wie sie vorgehen wollte. Durfte keinen Fehler machen. Jetzt, wo der Reichtum zum Greifen nahe war.

Leider gab es keinen Hinweis darauf, wer dieses Tagebuch des Grauens geschrieben hatte. Die alte Frau war es jedenfalls nicht. Hatte sie einen Sohn? Aber der hätte das Heft entfernt, bevor er den Entrümpelungsdienst bestellte. So etwas vergaß man nicht. Vielleicht war es jemand, der vor der Alten die Wohnung gemietet hatte? Doch warum hatte der die Aufzeichnungen bei seinem Auszug nicht mitgenommen? Oder war der Verfasser tot?

Dann ging ihr auf, dass es keine Rolle spielte zu wissen, wer er war. Er hatte Namen genannt.

Und einige davon kannte sie.

13 Detektei

Zurück in der Detektei begaben sich die drei Frauen in Lauras Büro. Gilda holte aus dem Bad ein Handtuch, kniete sich auf den Teppich und frottierte den nassen Dackel trocken, der sich das gerne gefallen ließ. Die beiden anderen hatten es sich in den Sesseln gemütlich gemacht.

„Wenn es tagsüber so kalt und dunkel ist, werde ich immer total müde.“ Barbara unterdrückte ein Gähnen.

„Das geht mir auch so“, stimmte Laura zu. „Dagegen hilft nur eins: sich in die Arbeit stürzen. Was müssen wir heute erledigen?“

„Ich nehme das Video unter die Lupe. Vielleicht kann ich die Gesichter der Täter so klar abfotografieren, dass wir sie damit finden können. Und natürlich möchte ich sichergehen, dass das Video überhaupt echt ist.“

„Hoffentlich ist es nicht echt.“ Barbara schlang die Arme um den Körper. „Dadurch, dass man jederzeit alles filmen und im Internet für ein Millionenpublikum einstellen kann, scheinen sich solche Verbrechen in ihrer Brutalität zu potenzieren. Da kann einem übel werden.“

„Aber dass die Polizei nichts unternimmt, wundert mich.“ Laura schüttelte den Kopf. „Sie haben den Beweis auf Video und die Mörder laufen frei durch Bonn und attackieren junge Frauen, da können sie doch nicht untätig bleiben.“

Gilda zuckte die Achseln und verzog einen Mundwinkel. „Das Verbrechen an Kitty gehört in die Zuständigkeit der Behörden von Südafrika. Und Mara glauben sie nicht, weil für die deutsche Polizei vermutlich alle Schwarzen gleich aussehen.“ Sie verdrehte die Augen. „Da kann sich ein Mädchen in der Hysterie nach einem Überfall schnell einbilden, es wären dieselben Täter. Immerhin haben sie Mara angeboten, mit einer Psychologin über ihre Ängste zu sprechen. Super, oder?“

„Zu freundlich. Aber wenn ich ganz ehrlich bin, finde ich Maras Geschichte auch ziemlich abgedreht. Zu viele Fragezeichen. Ist das Video überhaupt echt? Handelt es sich wirklich um ihre Freundin? Sind die Mörder wirklich die Täter, die sie auf der Hofgartenwiese attackiert haben? Im Dunkeln zwei schwarze Männer aus einem Video wiederzuerkennen, ist schon eine Kunst. Ich gebe zu, ich bin auch nicht überzeugt.“

Im Vorraum klingelte ein Handy.

Gilda sprang auf und die beiden Freundinnen hörten sie durch die geöffnete Tür telefonieren.

„Wo bist du jetzt?“

„...“

„Alles klar. Bleib in der Nähe von Leuten. Sprich vielleicht einfach jemanden an.“

„...“

„Niemand? Scheiße. Ich komme.“

„...“

„Ich beeile mich, ok?“

Sie erschien in der Tür, einen Arm bereits in der Jacke. „Ich muss sofort los. Mara hat angerufen, sie hat die beiden Männer wieder gesehen.“

Barbara sprang auf. „Ich fahr dich hin. Es wird eh Zeit für mich. Kommst du mit, Laura? Und sollen wir Friedi mitnehmen?“

„Nein, danke. Ich möchte bei dem Tierarzt noch ein paar Fragen zu der Familie Anton stellen und ob es früher schon solche Unfälle“, sie zeichnete Gänsefüßchen mit den Fingern in die Luft, „gegeben hat. Da ist Friedi die beste Tarnung.“

„Das stimmt.“ Barbara verabschiedete sich von Laura mit einer Umarmung. „Wer hält die Stellung? Soll ich zurückkommen und warten, bis ihr wieder da seid?“

In diesem Augenblick klingelte es an der Tür.

Die drei grinsten sich an und Laura hob den Daumen:

„Justin!“

14 Kirche St. Evergislus

Barbara brauchte mehrere Züge, bis sie den Wagen, der zwischen einem Baum und einem Handwerkerauto eingezwängt war, aus der Parklücke manövriert hatte. Gilda hatte sich auf dem Beifahrersitz zurückgelehnt und betrachtete sie von der Seite: „Hast du mal was von Heinolf gehört? Wie weit ist eure Trennung?“

Barbara zuckte die Schultern. „Gemeldet hat er sich schon lange nicht mehr. Aber es scheint ihm in Amerika gut zu gehen. Und die Scheidung ist eingereicht. Zu regeln gibt es ja nichts mehr. Wenn man keine gemeinsamen Kinder hat und sich nicht gegenseitig übers Ohr hauen möchte, ist das keine große Sache. Jetzt muss das Gericht nur noch einen Termin finden, dann ist Heinolf nur noch eine Erinnerung in meinem Leben.“ Sie entkuppelte und rollte auf eine rote Ampel zu.

„Bist du traurig?“, nahm Gilda den Faden wieder auf.

„Nein. Sollte ich vielleicht, aber eigentlich nicht. Du weißt ja, dass wir schon lange vor der Trennung nur noch ein eher freundschaftliches Verhältnis hatten. Wir passten einfach nicht zusammen. Es ist gut für uns beide, separate Wege zu gehen.“

„Und das mit seiner neuen Freundin macht dir nichts aus?“

„Beach Barbie?“ Barbara lachte hart auf. „Sie ist mir egal. Wenn Heinolf mit ihr glücklich ist, dann ist doch alles bestens.“

„Und du? Bist du auch glücklich?“

„Ach ja, klar. Alles im grünen Bereich.“ Die Pianistin lächelte unverbindlich, jetzt war der falsche Moment, um über ihr Privatleben zu sprechen.

Bis zu der Adresse, die Mara genannt hatte, war es mit Barbaras Flitzer ein Katzensprung. Sie hielt den Wagen vor einem schäbigen Mietshaus und starrte durch das schlechte Wetter auf die Straße. „Willst du das wirklich allein durchziehen? Soll ich nicht besser mitkommen?“

„Nein, danke. Ich bin Detektivin und an solche Situationen gewöhnt.“ Gilda verstellte die Stimme und sprach betont tief, was sie bei ihrer von Natur aus schon recht dunkel-heiseren Tonlage klingen ließ wie ein Detektiv aus einem Film Noir, der zu viele Whiskys gehabt hatte. „Ich hole Mara allein. Sie muss hier irgendwo sein. Ich rufe sie an, damit sie weiß, dass ich da bin.“

Barbara lächelte. „Ich warte auf dich. Falls etwas passiert, kann ich dich retten. Und ansonsten bringe ich euch nach Hause. Oder ins Büro.“

Gilda stieg aus dem Auto und lief mit Handy am Ohr die Straße entlang. Barbara sah ihr hinterher, dann schaltete sie das Radio an und suchte nach einem passenden Sender. Kurz darauf tönte „Can’t stop the feeling“ von Justin Timberlake durch den Innenraum. Die Beats hellten die triste Schlechtwetter-Atmosphäre auf und rissen Barbara mit. Zuerst wippte sie verhalten, dann bewegte sie die Schultern im Takt und schließlich wurde es eine ausgefeilte Choreografie, soweit es der beengte Platz auf dem Fahrersitz zuließ. In dem Augenblick, als sie mit Schmollmund den Kopf zur Seite warf und mit ausgestrecktem Arm rhythmisch auf das Mietshaus zeigte, öffnete sich die Haustür.

Zwei Männer sprinteten auf die Straße.

Beide schwarz.

Barbara erstarrte in der Bewegung und riss die Augen auf. Ein älterer Mann im dunklen Mantel folgte ihnen und schrie etwas, das sie nicht verstehen konnte. Dann bückte er sich, nahm einen Stein und schleuderte ihn den Flüchtigen hinterher. Die drehten sich johlend um und zeigten ihm den Mittelfinger, bevor sie um die nächste Ecke verschwanden. Barbara überlegte, ob sie den Motor anlassen und die beiden verfolgen sollte. Aber sie hatte Gilda versprochen zu warten. Der Alte war jetzt direkt neben ihr, im Vorbeigehen warf er einen kurzen Blick auf sie, ohne sie wirklich wahrzunehmen. Barbara drehte das Radio leiser.

Plötzlich wurde die Beifahrertür aufgerissen.

„Hast du die beiden Männer gesehen? Der mit dem gelben Schal und sein Kumpel? Das waren die Angreifer aus dem Hofgarten. Mara ist sich sicher. Scheiße. Diesmal haben sie den alten Mann da hinten belästigt. Los, wir verfolgen sie. Das ist übrigens Mara.“ Gilda klappte den Beifahrersitz nach vorne und eine schmale Braunhaarige quetschte sich mit eingezogenem Kopf auf den Rücksitz. Gilda hüpfte ins Auto und schnallte sich hastig an.

Barbara ließ den Motor aufheulen und brauste los. „Sie sind da drüben um die Ecke gerannt. Seht ihr sie irgendwo?“

Sie fuhren die Straßen ab, doch die Männer waren wie vom Erdboden verschwunden.

„So ein Mist!“ Gilda hieb mit der Faust in die Luft. „Wir haben sie verloren. Was jetzt?“

„Keine Ahnung. Soll ich euch in die Detektei fahren?“

„Nein. Ich habe eine bessere Idee: Wir verfolgen den Opa, auf den sie es abgesehen hatten. Vielleicht ist es kein Zufall, sondern etwas Persönliches, und sie haben ihn genauso im Visier wie Mara. Möglicherweise kommen wir so doch noch an sie ran.“

Barbara nickte, wendete und fuhr zum Ausgangspunkt zurück. Hundert Meter vor sich sahen sie den Alten durch den Nieselregen schlurfen.

„Ok. Wie stellst du dir das vor? Der Mann ist zu Fuß, wir im Auto. Soll ich im Schritttempo hinter ihm herschleichen? Das merkt er doch. Und wir sitzen in einem Jaguar Sportwagen, nicht gerade unauffällig. Dieses Baby fällt jedem auf.“ Barbara streichelte liebevoll über das hellbraune Leder des Lenkrads. Eine ältere Dame, die ein großer Fan von ihr war und fast alle ihre Konzerte besuchte, hatte ihn ihr günstig überlassen. Sie hatte den Wagen geliebt, wollte ihn aus Altersgründen aber nicht mehr fahren. Da war es ein schöner Gedanke für sie gewesen zu wissen, dass Barbara genauso viel Freude daran hatte wie sie. Manchmal hat man Glück.

„Wir gehen zu Fuß. So schlimm ist das Wetter nicht.“ Gilda ließ sich durch nichts aufhalten.

Barbara beugte sich vor und starrte zweifelnd in den düsteren Himmel. „Nein. Wir bleiben im Auto. Warten wir, bis er irgendwo abbiegt, und fahren dann hinterher. Es ist sonst kaum jemand unterwegs, da werden wir ihn schon nicht verlieren. So schnell wie die beiden Sprinter ist er weiß Gott nicht.“

Langsam fuhr sie die Straße hinunter und hielt an der Ecke, an der der Alte abgebogen war. Sie beobachteten ihn, wie er in mäßigem Tempo durch das Wohngebiet trottete.

„Mara“, nutzt Gilda die Gelegenheit. „Das ist übrigens Barbara. Sie gehört auch zur Detektei Peters.“

„So kann man mich natürlich auch vorstellen. Aber eigentlich bin ich Pianistin und helfe nur manchmal aus. Freut mich.“ Barbara winkte im Rückspiegel in Richtung Rückbank, auf der Gildas Klientin mit angespanntem Gesichtsausdruck kauerte. „Was hast du eigentlich hier gemacht? Wohnst du hier?“

„Nein. Ich war auf dem Rückweg von einem Termin. Ich schreibe meine Bachelorarbeit über Kinderheime, die von der katholischen Kirche geleitet werden. Mein Prof hat mir einen Psychologen als Kontakt vermittelt, der Heimkinder betreut und mich bei der Interpretation von Studien unterstützt. Echt nett. Als ich in den Bus eingestiegen bin, habe ich plötzlich gemerkt, dass meine Verfolger auch darin saßen. Hinten auf der letzten Bank. Ich habe die totale Panik geschoben und wusste nicht, was ich tun sollte. Deshalb bin ich an der nächsten Haltestelle raus und habe mich in einem Hauseingang versteckt. Die beiden sind an derselben Station ausgestiegen. Aber ich war mir sicher, dass sie mich nicht entdeckt hatten, und ich bin ihnen gefolgt. Ich dachte, das wäre unsere Chance herauszufinden, wer sie sind und habe Gilda angerufen.“

„Es geht mich nichts an, aber das war nicht sehr klug von dir. Die Kerle sind gefährlich. Du solltest vorsichtiger sein.“ Barbara starrte durch die Windschutzscheibe.

„Ich weiß“, Mara klang kleinlaut. „Aber niemand glaubt mir. Was soll ich machen? Zu Hause sitzen und warten, bis sie mir auch den Kopf abhacken? Wie Kitty? Ich hatte die Hoffnung, dass sie vielleicht hier wohnen und ich ihre Namen herausfinden könnte.“

Gilda drehte sich zu ihr um. „Ich verstehe dich gut. Es ist schrecklich, wenn einem niemand glaubt. Trotzdem übernehmen wir ab jetzt. Wir sind solche Situationen gewöhnt, aber für Zivilisten ist das zu gefährlich.“

Barbara warf einen amüsierten Seitenblick auf die junge Assistentin, sagte aber nichts. Sie ließ den Motor an und kroch durch die Seitenstraße bis zur nächsten Abzweigung. Das Manöver veranstalteten sie noch einige Male, bis der Mann auf einen Kirchhof einbog. Die Glocken läuteten, aus verschiedenen Richtungen kamen dunkel gekleidete Menschen herbeigeeilt und verschwanden in der Kirche. Barbara parkte den Wagen vor der Einfahrt des Pfarrheims.

„Eine ungewöhnliche Zeit für eine Messe. Und ziemlich viele Leute. Lass uns kurz einen Blick hineinwerfen. Wir müssen ja nicht lange bleiben.“ Gilda zog die Mütze tiefer, sprang aus dem Auto und rannte über die Straße.

Barbara ließ Mara aussteigen und die beiden folgten in gemäßigterem Tempo. Der Parkplatz neben der Basilika mit der schmucklosen Backsteinfassade war gesteckt voll. Dicke SUVs von Mercedes, BMW und Porsche, dazwischen ein Maserati. Vor ihnen ragte der mächtige Glockenturm in den tristen Dezemberhimmel. Als sie das Portal öffneten, drang ihnen tosende Orgelmusik entgegen. Gemessenen Schrittes und mit züchtig gesenkten Blicken betraten sie den Kirchraum. Gilda schob sich in eine Bank, Barbara und Mara ließen sich neben ihr nieder. Die Kirche lag im Halbdunkel, Kerzen am Altar und in den Nischen an den Seitenwänden zauberten eine feierliche Atmosphäre. Ein Gesteck aus roten Weihnachtssternblüten und Tannenzweigen kündete von den kommenden Feiertagen, Messdiener knieten mit gefalteten Händen auf den Stufen zum Chor. Der Priester kam aus der Sakristei, wartete, bis die Orgel verstummte und begrüßte die Anwesenden.

„Wir sind heute hier zusammengekommen ...“ Barbaras Aufmerksamkeit verpuffte. Bei solch monotonem Singsang setzte bei ihr sofort ADS ein. Gekoppelt mit schlagartiger Müdigkeit. „Einer unserer demütigsten und bescheidensten Brüder ist von uns gegangen ...“

Eine Trauerfeier.

Sie sah sich um. In den vorderen Bänken hockten Kinder und Jugendliche, scharrten mit den Füßen oder flüsterten. Trotzdem zogen sie es vor, hier zu sitzen und nicht in der Schule. Dahinter Erwachsene, gekleidet in Schwarz. Zu ihrer Überraschung stellte sie fest, dass sie viele kannte. Jedenfalls vom Sehen. Auch Isabel Anton war da. Und daneben der Ehemann, der so großkotzig und breitbeinig da hockte, dass kaum noch jemand neben ihn in die Bank passte.

In Bad Godesberg war die Welt klein.

Leider hatte sie den Namen des Betrauerten verpasst. Sie reckte den Hals, konnte aber kein Foto des Verstorbenen entdecken. Vielleicht hatte sie ihn gekannt? Sie versuchte, sich zu erinnern, wer in letzter Zeit das Zeitliche gesegnet hatte, es fiel ihr jedoch niemand ein. Erst recht niemand, auf den die Beschreibung ‚demütig und bescheiden‘ passte. Vielleicht war ein Priester gestorben. Mit der Kirche hatte sie nicht viel am Hut, auch wenn sie den örtlichen Pfarrer von ihren Auftritten bei Wohltätigkeitsveranstaltungen kannte.

„... sein Leben gewidmet und war nie müde geworden, sich für die Interessen der Schwachen und Bedürftigen, der Kinder und Jugendlichen in unserer Gemeinde einzusetzen.“

Ein Schnauben hallte durch das Gewölbe. Alle drehten die Köpfe, auch Barbara. Es war der alte Mann, den sie verfolgt hatten. Er stand aufrecht im hinteren Bereich der Kirche und trotzte den tadelnden Blicken hocherhobenen Hauptes. Der Priester räusperte sich, dann fuhr er fort. Lauter als vorher. „Bad Godesberg hat unserem Bruder viel zu verdanken. Sein unermüdlicher, selbstloser Einsatz für die Jugend ...“

„Ein Arschloch war er! Ein dreckiges, perverses Schwein!“

Die Worte hallten durch die alten Mauern wie ein Fluch.

Jetzt starrten alle nach hinten, einige waren aufgesprungen. Gemurmel entstand, wurde lauter, bedrohlich.

„Ich glaube, wir haben hier jemanden, den die Trauer so übermannt hat, dass er nicht mehr weiß, was er sagt.“ Der Priester hob die Hände, versuchte, den Lärmpegel zu dämpfen. „Vielleicht helfen ihm ein paar Brüder und Schwestern nach draußen, damit er frische Luft schnappen und sich sammeln kann?“

Ein paar handfeste Gemeindemitglieder erhoben sich und näherten sich dem Alten.

„Fasst mich nicht an“, schrie der. „Ihr seid Heuchler. Scheinheilig seid ihr! Und steckt alle unter einer Decke. Aber ich werde euch ausräuchern und aus euren Löchern treiben. Ich kriege euch! Jeden Einzelnen. Und dann fahrt zur Hölle!“

Bevor ihn die Männer ergreifen konnten, drehte er sich um und verließ erhobenen Hauptes die Kirche.

Die mächtige Holztür knallte hinter ihm zu mit Donnerhall.

Barbara, Gilda und Mara sahen sich an. Hinterher? Oder bleiben? Wortlos einigten sie sich auf bleiben.

„Liebe Brüder und Schwestern, die Trauer um geliebte und geachtete Menschen hat viele Gesichter und äußert sich auf mannigfaltige Weisen.“ Der Priester versuchte, die Situation zu retten. „Manche geraten so in Verwirrung, dass sie irregeleitet werden und Dinge sagen, die sie nicht meinen. Wir wollen ein Gebet sprechen, damit dieses verirrte Schäfchen seinen Frieden findet und den Weg zurück zu Gott einschlägt. Und wir beten für unseren Bruder, den der Herr zu sich geholt hat. Vater unser ...“ Die Anwesenden sammelten sich, einer nach dem anderen stimmte in das Gebet ein.

Schließlich spendete der Priester den Segen und entließ die Gemeinde mit dem Hinweis, dass geladene Gäste sich gleich im Pfarrheim treffen würden.

Der eisige Nieselregen hatte aufgehört, die dichten Wolken ließen jedoch immer noch keine Sonnenstrahlen durch.

„Was war denn das?“ Barbara knöpfte den Mantel zu und schüttelte ungläubig den Kopf, dann konnte sie ein Glucksen nicht mehr unterdrücken. „Jemand, der von seiner Trauer übermannt wurde ... Der Priester hat Humor!“ Sie legte die Hand vor den Mund, um nicht laut zu lachen. Missbilligende Blicke erntete sie trotzdem.

Gilda, die von Hause aus katholisch erzogen worden war und an Feiertagen zur Messe ging, zwinkerte, schaffte es jedoch, ernst zu bleiben. „Ja, da war richtig was los. So etwas erlebt man nicht oft. Aber wer geht denn zu einer Trauerfeier, um zu randalieren? Das macht man nicht. Das ist Stören der Totenruhe. Warum war der Alte so wütend? Kennst du ihn wirklich nicht, Mara?“

Die Klientin zog den Parka enger um den Körper, schob die dunkle Brille hoch und schüttelte den Kopf. „Ich habe den Mann noch nie gesehen. Vielleicht ist es Zufall, dass meine Verfolger es auch auf ihn abgesehen haben.“

„Wartet mal, da ist jemand, den ich kenne.“ Barbara ließ die beiden stehen und steuerte auf eine Person zu, die gerade aus der Kirche trat. „Andrea, hallo! Wir haben uns ja ewig nicht gesehen. Was machst du denn hier? Wie geht es dir?“

Die Frau sah überrascht auf, ein Lächeln hatte sie nicht für Barbara übrig. „Hallo Barbara. Was soll ich schon hier machen. Das, was alle anderen auch hier tun, schätze ich. Du etwa nicht?“

„Ähm, ja, natürlich.“ Barbara bemühte sich um einen angemessenen Gesichtsausdruck. Schließlich war eine Trauerfeier ein Ereignis, an dem man für gewöhnlich mit voller Absicht teilnahm und nicht zufällig hereinschneite. Deshalb verzichtete sie vorerst darauf zu fragen, wer der Tote war. Das hätte noch merkwürdiger gewirkt.

„Ich freue mich, dich zu sehen. Möchtest du mit uns einen Kaffee trinken? Gleich um die Ecke ist ein nettes Café. Wir haben uns lange nicht gesehen.“ Sie wandte sich zu Gilda und Mara um und erklärte: „Andrea und ich haben zusammen an der Musikhochschule studiert. Jedenfalls am Anfang. Dann haben sich unsere Wege getrennt.“ Sie drehte sich wieder zu ihrer früheren Kommilitonin und musterte sie. „Hast du den Studienort gewechselt? Irgendwann warst du plötzlich verschwunden. Ich erinnere mich, dass das bei einigen die Fantasie ganz schön in Gang gesetzt hat. Aber das sollten wir alles bei einem Kaffee besprechen. Hast du Lust?“

Erst schien Andrea zu zögern, doch dann ließ sie sich von Barbara mitziehen.

15 Tierarztpraxis

Laura hatte sich die Öffnungszeiten nicht angesehen und je länger sie mit Friedi unterwegs war, umso größer wurde ihre Befürchtung, dass der Tierarzt geschlossen hatte und sie den Weg umsonst machten und grundlos pitschnass wurden. Doch auf dem Schild der Praxis stand, dass montags auch am Nachmittag Sprechstunde war. Laura seufzte erleichtert auf. Jetzt musste sie nur noch einen Grund erfinden, warum sie mit Friedi vorbeikam. Vielleicht sollte sie sagen, dass er schwerhörig war, weil er nie kam, wenn sie ihn rief. Das war natürlich ein Scherz, dem Dackel fehlte nichts. Er fraß mit Appetit, war munter und unternehmungslustig und sein Fell glänzte. Außer seinem Hang zum extrem frühen Aufstehen gab es nichts zu beanstanden.

Sie musste improvisieren.

Entschlossen drückte sie auf die Klingel und schob, als der Türsummer ertönte, die Tür auf. Friedi schien sofort zu wissen, um welchen Ort es sich handelte. Und offensichtlich war er kein Freund von Tierärzten.

„Jetzt komm schon.“ Laura zerrte an der Leine. Doch der Dackel hatte sich auf den Boden gelegt und tat keinen Schritt. Laura stellte einen Fuß in die Tür, ging in die Grätsche, hob den Hund auf die Arme und drängte sich ins Wartezimmer. Als sie die Haare, die ihr ins Gesicht gefallen waren, wegblies, sah sie direkt in die amüsierten Augen einer kräftigen Arzthelferin.

„Geschafft“, japste Laura, lächelte und setzte den Dackel auf den Boden.

„Der Name?“

„Friedi. Und Laura Peters.“

„Sie waren noch nicht bei uns. Beide nicht“, stellte die Sprechstundenhilfe fest.

„Nein. Das ist auch nicht mein Dackel. Er gehört einer Nachbarin, ich passe nur auf ihn auf.“

„Was können wir denn für ihn tun?“

„Ähm, sein Schwanz wurde heute in der Tür eingeklemmt. Er scheint ganz in Ordnung zu sein. Aber ich wollte lieber noch eine Expertenmeinung einholen.“

Ihr Gegenüber warf einen kurzen Blick auf den Dackel, dann einen längeren auf sie. Vielleicht durchschaute sie das Manöver, aber das war jetzt egal.

Laura trat die Flucht nach vorn an. „Sie wurden mir empfohlen von einer Bekannten, Isabel Anton. Ihr Hund musste leider gestern bei Ihnen eingeschläfert werden. Schreckliche Sache.“

Der Blick der Tierarzthelferin wurde stechend, dann kniff sie die Augen zusammen. „Sie haben eben angerufen. Ich erkenne ihre Stimme. Dem Tier fehlt nichts, richtig?“

Laura schluckte. Dieser Frau konnte sie nichts vormachen. Jedenfalls nicht, wenn es um Hunde ging. „Sie haben recht. Das war ich. Und Friedi geht es gut. Ihm ist nichts passiert.“

„Das sehe ich.“

„Ich weiß nicht, wie ich es Ihnen erklären soll ...“ Laura stockte, dann ergriff sie die Flucht nach vorn. „Der Hund der Familie Anton, warum mussten Sie ihn einschläfern?“

„Das geht Sie nichts an. Tierärzte haben Schweigepflicht. Und wir Sprechstundenhilfen auch. Sind Sie von der Zeitung?“

Laura schüttelte den Kopf. „Nein. Ich kenne nur jemanden, der bei dem, was dem Dackel geschehen ist, dabei war. Er war sich allerdings nicht sicher, ober er es sich vielleicht im Rausch eingebildet haben könnte. Nun macht er sich schreckliche Sorgen. Und Vorwürfe. Ich möchte ihm helfen und herausfinden, was passiert ist.“

„Er war bei dem Unfall dabei?“

„Der Hund hatte einen Unfall?“ Laura sah sie überrascht an. Doch irgendetwas an dem Tonfall erschien ihr merkwürdig.

„So hat uns das Frau Anton gesagt.“ Die stämmige Frau in Weiß verschränkte die Arme vor der üppigen Brust.

„Ok“, sagte Laura langsam, „und ansonsten ist Ihnen auch nichts an dem Hund ungewöhnlich vorgekommen?“

„Ich habe keine Ahnung, worauf Sie hinauswollen. Aber ich bin mir sicher, dass Sie jetzt gehen möchten.“ Der Ton war eisig wie das Wetter draußen.

Laura atmete tief durch, nickte ergeben und wandte sich zum Gehen. Doch Friedi war nicht einverstanden. Schwanzwedelnd ging er auf die imposante Arzthelferin zu und vollführte seine schaukelnden Hüpfer mit den Vorderpfoten.

Und deren Herz schmolz.

Die Dame mit dem harten Gesichtsausdruck lächelte, ging in die Hocke und streichelte den kleinen Kerl. „Sie haben recht. Der arme Hund hatte keinen Unfall. Er wurde so schlimm gequält, dass er nicht mehr zu retten war.“

Laura setzte sich auf einen der Stühle, die an der Wand standen. Sie hatte es gewusst. Warum traf sie die Bestätigung trotzdem so hart?

„Sie wissen, was man mit ihm gemacht hat?“

Laura nickte.

„Eine Schweinerei so was.“ Die Arzthelferin massierte Friedis Bauch, der sich auf den Rücken gelegt hatte und verzückt zur Decke sah.

„Das arme Tier.“ Fast wollte Laura die Stimme versagen, sie räusperte sich. „Hat das denn keine Folgen? Ich meine, müssten Sie nicht die Polizei einschalten? Es gibt doch Gesetze.“

Die Arzthelferin schnaubte und rappelte sich vom Boden hoch. „Einmal haben wir das gemacht. Das gab einen Ärger, fragen Sie nicht nach Sonnenschein. Üble Nachrede, Verleumdung und Stümperhaftigkeit bei der Behandlung war noch das Netteste, was uns vorgeworfen wurde. Wir hätten fast die Praxis dichtmachen müssen.“

In Lauras Kopf ratterten die Informationen durcheinander. „Augenblick. Es gab vorher schon mal so einen Fall? Ein Hund von derselben Familie?“

„Ja. Und nicht nur einen. Immer unterschiedliche Verletzungen, aber alle Tiere mussten eingeschläfert werden.“

„Warum behandeln Sie die Familie noch? Also die Hunde?“

„Pfff. Wir würden die liebend gern loswerden, aber wir können es nicht. Sie lassen uns keine Wahl. Sie drohen uns nicht direkt, aber es ist klar, was passiert, wenn wir sie ablehnen.“ Plötzlich kamen der Sprechstundenhilfe Bedenken. „Sie sind aber nicht mit denen befreundet?“

Laura schüttelte heftig den Kopf. „Ich kenne die Familie nicht. Und nach allem, was ich von ihnen gehört habe, soll das auch so bleiben. Trotzdem verstehe ich nicht, warum sie mit diesen Untaten davonkommen? Man kann doch sehen, was den Tieren passiert ist?“

„Leider ist es nicht so eindeutig. Der Mann geht auf die Jagd, da kann allerhand passieren. Dann haben sie scharfe Hunde, die das Gelände bewachen. Die können schon mal ungemütlich werden und zubeißen. Wir haben es aufgegeben. Deren Anwälte sind gewieft, dagegen kommen wir nicht an.“

„Dann muss ich etwas unternehmen. Das kann nicht so weitergehen.“

Laura war zu allem entschlossen.

16 Café bei der Kirche

Mara hatte sich verabschiedet und den Bus genommen, weil sie zu einer Vorlesung musste. Barbara, Gilda und Andrea, Barbaras frühere Kommilitonin, saßen im Café an einem Bistrotisch, studierten die Karte und schwiegen vor sich hin. Als die Kellnerin kam, bestellten sie alle nur Kaffee.

„Was für ein netter Zufall, dass wir uns nach so langer Zeit wiedergetroffen haben.“ Barbara lächelte und spielte mit einem Miniaturweihnachtsstern herum, der auf dem Tisch stand.

Gilda merkte ihr an, dass die Zurückhaltung ihrer Bekannten sie verunsicherte. Die Situation fühlte sich angespannt an. Warum war sie überhaupt mitgekommen? Eigentlich hatte sie gar keine Zeit, im Büro warteten Aufträge, die bearbeitet werden wollten. Sie hätte sich Mara anschließen sollen, statt hier herumzusitzen.

„Wohnen Sie auch in Bonn?“, fragte sie aufs Geratewohl, um das peinliche Schweigen zu brechen.

„Ja, ich bin für das Studium hierher gezogen. Und geblieben.“ Andrea presste die Lippen zusammen und schaute auf ihre Hände.

„Und wer ist eigentlich gestorben?“, platzte Gilda heraus. Wenn es keinen Small Talk gab, wollte sie wenigstens Informationen. Und mit der Frage hatte sie Andreas Interesse geweckt.

„Ihr wisst das nicht? Warum wart ihr dann da?“

„Ich bin Detektivin, wir haben eine Zielperson bis in die Kirche verfolgt.“

„Wie bitte? Bist du auch Detektivin, Barbara?“

„Nein.“ Barbara lachte. „Ich bin nach wie vor Pianistin. Ich war heute nur Begleitung. Wenn ich Zeit habe, mache ich das manchmal.“

„Ihr schnüffelt hinter Leuten her?“ Andrea schaute die beiden an, als wären sie zwei Küchenschaben, die sie im Salat entdeckt hatte.

„So würde ich das nicht ausdrücken“, begann Barbara, wurde jedoch von Gilda unterbrochen: „Ja, genau das ist unser Job. Und in den meisten Fällen aus gutem Grund.“

„Und was wollt ihr von mir? Wollt ihr mich aushorchen? Ich sage euch bestimmt nichts. Das sind alles ehrbare Leute und ich werd einen Teufel tun und vor euch schlecht über sie reden.“

Gilda hätte ihr am liebsten eine saftige Antwort gegeben, aber Barbara legt ihr unter dem Tisch beruhigend die Hand auf das Knie. Sie verstand den Wink und drehte stattdessen eine ihrer langen, braunen Haarsträhnen um den Finger und sah aus dem Fenster. Sollte Barbara ihr Glück bei diesem verhärmten Weißbrot versuchen.

Die Kellnerin stellte drei große Tassen mit Milchkaffee auf den Tisch und rettete damit die Situation.

„Herrlich“, schwärmte Barbara nach dem ersten Schluck und leckte sich den Milchschaum von der Oberlippe. „Andrea, wir wollen dich nicht aushorchen. Ich habe mich gefreut, dich wiederzusehen. Deshalb habe ich vorgeschlagen, dass wir ins Café gehen. Aber du könntest uns mit einigen Informationen weiterhelfen.“

„Das gefällt mir nicht.“

„Wir wollen doch nur von dir wissen, für wen die Trauermesse war. Aber wir können das auch im Pfarrzentrum erfahren. Kein Problem.“

Andrea schien sich zu beruhigen. „Sorry, ich bin ein bisschen angespannt in letzter Zeit. Die Messe war für Pfarrer Wiese. Ein Urgestein aus Bad Godesberg. Er ist Mittwoch verstorben. Ganz überraschend. Beim Abendessen. An einem Fleischstückchen erstickt. Es stand in der Zeitung.“

„Das habe ich gelesen. Und ich habe auch von ihm gehört“, schaltete sich Gilda in die Unterhaltung ein. „War er nicht Leiter von Allerseelen in Bad Godesberg? Dem Kinderheim? Er war früher sehr bekannt. Zwei Mitschüler von mir haben bei ihm im Heim gewohnt. Ist aber schon etwas her.“

„Ja, er war dort lange Zeit tätig, hat sich überhaupt vorbildlich in der Jugendarbeit engagiert. Aber jetzt hat ja Pfarrer Schmitz das Ruder übernommen.“ Andrea rührte durch ihren Kaffee, dann schien sie zu einem Entschluss gekommen zu sein und sah die beiden direkt an: „Was glaubt ihr, warum dieser alte Mann in der Kirche so herumgeschrien hat?“

„Vielleicht ist er verwirrt“, vermutete Barbara.

„Er schien mir nicht so. Ich hatte den Eindruck, er wusste genau, was er sagte.“

Barbara wollte etwas erwidern, als ein Mann zu ihnen an den Tisch trat. „Hallo Andrea. Schön, dass wir uns mal wieder treffen. Kommst du aus der Kirche? Ich dachte, ich hätte dich dort gesehen.“

„Ja, natürlich war ich da. Hallo, Sascha.“

Gilda sah sie zum ersten Mal lächeln und drehte den Kopf, um den Neuankömmling in Augenschein zu nehmen. Neben ihr stand Mr Perfect. Alles an ihm gefiel ihr. Die dunklen Augen mit dem warmen Zwinkern, der amüsierte Zug um den Mund, das schmal geschnittene Gesicht, die trainierte, schlanke Figur, die Klamotten, die Schuhe. Selbst das Rasierwasser rief bei ihr angenehme, geradezu prickelnde Assoziationen hervor.

Er musste ein Riesenarschloch sein.

Gilda merkte, dass Barbara sie beobachtete, und wurde rot. Schnell starrte sie in ihren Kaffee und ließ die langen Haare als schützenden Vorhang vors Gesicht fallen.

„Darf ich mich zu euch setzen?“ Ohne eine Antwort abzuwarten, zog er sich einen Stuhl mit der Lehne nach vorne heran und nahm rittlings darauf Platz. „Hi, ich bin Sascha.“

Gilda sah auf und schüttelte seine Hand, die er ihr entgegengestreckt hatte.

„Gilda“, antwortete sie knapp.

„Und ich bin Barbara, freut mich, dich kennenzulernen. Du warst auch bei der Trauerfeier?“ Die Pianistin lächelte strahlend und versprühte ungezwungenen Charme.

„Ja, ich kannte Pfarrer Wiese sehr gut. Ich war sein Zögling, er hat mir in seinem Heim ein Zuhause gegeben. Ich bin dort aufgewachsen. Er war wie ein Vater zu mir.“

Gilda starrte ihn überrascht an. Offensichtlich war es ein Vorurteil zu glauben, man könnte erwachsenen Heimkindern die Vergangenheit ansehen.

Als hätte er ihre Gedanken gelesen, lachte er sie gutmütig an. „Ja, die Zeiten haben sich zum Glück geändert. Wir müssen nicht mehr in Lumpen herumlaufen und betteln wie Oliver Twist.“

„Entschuldigung, nein, das habe ich gar nicht gedacht. Ja doch, ein bisschen. Aber nicht im negativen Sinne ...“ Sie ärgerte sich, dass sie keinen klaren Satz herausbrachte.

„Nicht schlimm, das geht vielen so, die nichts mit Heimen zu tun haben. Die Schreckensbilder aus früheren Zeiten haben sich bei den meisten im Kopf festgesetzt. Ich verstehe das. Aber wir sind wie alle anderen auch. Roland Schmitz, der Pfarrer, der heute die Messe gehalten hat, gehört auch zu uns. Merkt man auch nicht.“ Ein Schatten schien über sein Gesicht zu fallen.

„Wir haben gerade über den Mann geredet, der die Trauerfeier gestört hat. Hast du vielleicht eine Ahnung, Sascha, wer das war und warum er das getan hat?“, schaltete sich Barbara ein.

„Nein, ich weiß nicht, warum er das gemacht hat. Aber ich kenne ihn, wenn auch nicht besonders gut. Manfred Herder heißt er. Er war der Dad von Benny Herder, meinem Freund, der mit mir im Heim war. Er wurde in Obhut gegeben, als die Mutter gestorben war. Sein Vater konnte sich nicht kümmern, weil er nur selten zu Hause war. Ich glaube, er hat auf einem Rheinschiff gearbeitet und war oft monatelang weg. Da es keine Verwandten gab, kam Benny zu uns ins Heim. Sein Dad hat ihn oft besucht und ich durfte manchmal zu einem Ausflug mitkommen.“

„Du sagtest, er ‚war‘ Bennys Vater?“, hakte Gilda nach.

„Ja, mein Freund ist tot. Drogen. Furchtbar. Doch dafür kann Pfarrer Wiese nichts, eher sein Erzeuger, der nie für ihn da war. Aber vielleicht will er die Schuld dem Pfarrer unterjubeln. Ist ja auch viel einfacher, andere für die eigenen Fehler verantwortlich zu machen.“

„Die beiden sind Detektivinnen.“ Andrea schien ihren Freund warnen zu wollen, dass er nichts Unüberlegtes sagte.

„Also ich nicht. Ich bin Pianistin.“

„Cool, ich liebe Musik. Auch klassische. Leider spiele ich kein Instrument, aber dafür singe ich im Chor.“ Sascha zwinkerte ihr zu, um sich dann Gilda zuzuwenden. „Detektivin. Das nenne ich mal einen außergewöhnlichen Beruf.“

„Deshalb waren sie in der Kirche“, warf Andrea erneut ein. „Sie haben eine ... wie sagtet ihr? ... Zielperson verfolgt.“

„Wirklich? Davon musst du mir bei nächster Gelegenheit mehr erzählen.“

Sascha sah Gilda tief in die Augen.

17 Beuel

Dienstag, 19 Uhr

Jo ist ein Arschloch, nimmt sich den Kleinen immer wieder vor / werde ihn nicht mehr reinlassen / der Junge isst nicht / 2 Baldrian in Kakao

Donnerstag, 18 Uhr

Prof hält uns hin, das weiß ich, das Arschloch hat bestimmt gar keine Kontakte, seilt sich einfach ab / wehe, ich kriege das Geld nicht, dann bringe ich ihn um / Junge isst nicht genug, schlechter Zustand, stinkt / lange halte ich das nicht mehr aus / 2 Baldrian in Kakao

Freitag, 10 Uhr

Junge wird nicht wach / Psycho hat sich um ihn gekümmert / Habe Prof eine gezimmert, als er mich wieder vertröstet hat, lasse mich nicht mehr verarschen

Swetlana hatte Stunden damit verbracht, bäuchlings auf dem Bett zu liegen, Rauchwolken zur Decke zu blasen und nachzudenken. Nur unterbrochen von gelegentlichen Gängen in die Küche, um sich mit Schokolade, Keksen oder Cola zu versorgen.

Die Notizen waren verstörend. Herzzerreißend. Was hatten die Bestien dem Jungen angetan? Hätte sie Skrupel bei ihrem Plan empfunden, nach der Lektüre des Grauens waren sie wie weggeblasen. Im Gegenteil, es fühlte sich gerecht an, diesen Monstern eins auszuwischen. Eigentlich war das Zahlen des Schweigegeldes zu wenig, am liebsten würde sie sie leiden lassen. Aber das konnte sie auf einen späteren Zeitpunkt verschieben, zuerst wollte sie den Plan durchziehen.

Bei dem Vorhaben kam es auf die Details an. Alles musste gut durchdacht sein. Dies war ihre Chance und die durfte sie nicht vermasseln.

Wie viel Geld konnte sie wem abknöpfen? Sicher waren nicht alle gleich zahlungskräftig. Da bedurfte es Fingerspitzengefühl. Wenn sie zu viel verlangte und jemanden an den Abgrund drängte, konnte er sie mitreißen.

Sollte sie alle gleichzeitig kontaktieren? Oder einen nach dem anderen? Würden sie sich gegen sie verbünden? Oder war das Verbrechen unter ihnen ein Tabu?

Wie konnte sie anonym bleiben? Eine Mail mit einer Adresse, die sie extra dafür einrichtete, wäre praktisch. Doch jeder Nerd würde sie im Netz damit aufspüren können. Schade, dass sie niemanden kannte, der ihr helfen konnte, unsichtbar zu werden. Ein Junge aus ihrer Klasse war so ein Phänomen gewesen. Der hatte sich in den Computern anderer Leute ausgekannt wie in seiner Hosentasche. Allerdings war er auch ein Arschloch gewesen. Sie hatte gedacht, sie hätten Freunde sein können. Beide Außenseiter, gemobbt und voller Hass auf die Mitschüler. Doch er hatte sich über sie lustig gemacht, sie vor allen anderen verhöhnt.

Zisch ab, du fette Kuh. Ich kriege Augenkrebs, wenn ich dich ansehe.

Es hatte sie verletzt, wütend gemacht. Tagelang hatte sie überlegt, wie sie sich rächen konnte. Doch das Schicksal war ihr zuvorgekommen. Die Polizei hatte ihn erwischt und er hatte die Schule verlassen müssen. Sie verscheuchte den Gedanken an den Widerling und zündete sich eine Zigarette an. Das Risiko mit der Mail würde sie eingehen. Aber wie kam sie an das Geld? Es musste auf jeden Fall in bar sein. Nur Bares war Wahres.

Und irgendwo mussten die Männer das Geld deponieren. Nur wo?

Plötzlich hatte sie die Idee für den Übergabeort. Sie strahlte und klopfte sich innerlich auf die Schulter. Außer am 1. November war dort kaum etwas los, es gab viele Verstecke, sie würde den Überbringer von Weitem kommen sehen und es gab genügend Orte, an denen das Geld deponiert werden konnte.

Aber war das Tagebuch als Druckmittel ausreichend? Sie glaubte zwar nicht, dass der Verfasser sich alles aus den Fingern gesogen hatte, dazu passte es zu genau zu den Informationen, die sie im Internet gefunden hatte, doch die Männer würden es vielleicht behaupten. Zur Sicherheit würde sie Auszüge aus den Notizen beilegen. Fotos und Textpassagen.

Sie rollte sich auf den Rücken, verschränkte die Arme unter dem Kopf und starrte an die Decke. Langsam nahm der Plan Formen an.

Ihr Traum vom Leben im Paradies war zum Greifen nahe.

18 Bad Godesberg

Andrea Sattler dachte während des Rückwegs über das Gespräch im Café nach. Hatte Barbara sie wirklich nur eingeladen, weil sie sich gefreut hatte, sie wiederzusehen? Oder war es ein hinterhältiges Spiel gewesen, um an Informationen zu gelangen? Sicher war sie sich nicht.

Sie waren Kommilitoninnen gewesen. Privat hatten sie sich selten getroffen. Barbara spielte Klavier, sie Geige, ansonsten hatten sie nicht viel gemeinsam. Heute im Café war es ihr wieder aufgefallen. Ihre Lebenswege hatten sich zu unterschiedlich entwickelt: Barbara hatte sich als Konzertpianistin ihren Lebenstraum erfüllt, wohingegen sie den Brotjob als Angestellte im Jugendamt brauchte und nur nebenher unwilligen Kindern Musikunterricht gab.

Andrea hatte anfangs auch von einem Leben als Solistin geträumt. Doch ihr fehlten die Beziehungen und sie hatte keine Angebote bekommen. Anders als bei Barbara. Der die Professoren wie die läufigen Hunde mit heraushängender Zunge hinterhergedackelt waren. Und die mit ihrem exaltierten Gehabe und der Vorliebe für ausgefallene Kleidung Konzerte in eine Germany’s-Next-Top-Model-Posse verkehrte. Sie hatte Talent, doch die Art, nichts ernst zu nehmen und sich über alles lustig zu machen, war eine Herabwürdigung der Musik. Eine Respektlosigkeit gegenüber der Kunst. Aber ein Star war nicht aus ihr geworden. Sie war im Köln/Bonner Raum bekannt, aber berühmt war sie nicht. Bestimmt hatte sie sich mehr versprochen. Ob Barbara zufrieden war? Glücklich? Oder spielte sie Detektiv, um ein bisschen Abwechslung in ihr Leben zu bringen?

Andrea parkte das Auto am Straßenrand, suchte ihre Sachen zusammen und betrat das Fünfzehn-Parteien-Mietshaus, in dem ihre Wohnung lag.

Dass Sascha sich zu ihnen gesetzt hatte, hatte sie gefreut. Sie kannten sich lange, waren beide im Kirchenchor. Und sie mochte ihn. Fand ihn sympathisch. Sehr sogar. Schade, dass er nach dem Café nicht mit zu ihr hatte kommen wollen. Ob er ihr die Entgleisung im Sommer noch übel nahm? Die Einsamkeit war übermächtig gewesen und sie hatte ein Glas Wein zu viel gehabt, sonst wäre ihr das nie passiert. Der laue Sommerabend, der Sternenhimmel, sein nackter Arm neben ihrem, so nah, dass sich die Härchen auf ihrer Haut prickelnd aufgestellt hatten.

Sie hatte sich sofort entschuldigt. Ihn um Verzeihung gebeten für den plumpen Übergriff, den missratenen Kuss, der ihn quer über die Wange und den Hals gestreift hatte. Er war zurückgeschreckt wie von der Tarantel gestochen. Sie hatten den Vorfall nie wieder erwähnt. Er war ein Ehrenmann, verhielt sich, als ob nichts geschehen wäre. Aber besucht hatte er sie seitdem nicht mehr. Dabei hätte sie sich gerne mit ihm unterhalten. Nur geredet. Ganz zivilisiert und harmlos. Sie brauchte dringend jemanden, mit dem sie sprechen konnte. Über den Tod des Priesters und den Mann in der Kirche. Manfred Herder. Warum hatte der Alte randaliert? An geistige Verwirrung glaubte sie nicht, er schien genau gewusst zu haben, was er tat. Irgendetwas warf er Pfarrer Wiese vor. Etwas Gravierendes. Sie musste erfahren, was das war. Vielleicht wusste er auch von den Vorfällen, denen sie auf der Spur war? Sascha kannte ihn, konnte ihr bestimmt sagen, wo er wohnte. Doch sie traute sich nicht, ihn anzurufen, wollte ihm nicht auf die Nerven gehen. Natürlich könnte sie sich bei Barbara melden und fragen. Sie hatte von einer Zielperson gesprochen, vielleicht war es Herder.

Am besten beauftragte sie die Detektei, ihr bei dem Thema zu helfen, auf das sie gestoßen war. Doch Andrea verwarf den Gedanken wieder. Wenn herauskam, dass sie Externen persönliche Akten und Daten zugänglich machte, war sie geliefert. Man würde sie sofort feuern. Sollte die Sache allerdings bekanntwerden und sie hatte nichts unternommen, würde es ihr auch an den Kragen gehen. Wenn allerdings die Leute, die in den Horror verwickelt waren, spitz kriegten, dass sie ihnen auf den Fersen war, dann konnte sie ihr Testament machen. Ihre Gedanken kreisten. Es war unmöglich, heil aus dieser Sache herauszukommen.

Sie sah keinen Ausweg.

Darmowy fragment się skończył.

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Gatunki i tagi

Ograniczenie wiekowe:
0+
Objętość:
390 str.
ISBN:
9783748592587
Wydawca:
Właściciel praw:
Bookwire
Format pobierania:

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