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Sauerland 1976
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4 Wochen später
Nachbemerkung
Impressum neobooks
Böse Obhut
Der zweite Fall für Laura Peters
Kriminalroman
von
Patricia Weiss
Das Buch
Auf den Stufen einer Kirche wird ein totes Mädchen gefunden. Die Spritze steckt noch in ihrem Arm, alles sieht nach einer Überdosis aus. Für die Polizei ein klarer Fall, doch der Leiter der Drogenberatungsstelle hat Zweifel und schaltet die Detektei Peters ein.
Ihr zweiter Fall führt Laura und ihr Team in ein Internat im tiefsten Sauerland. Dort finden sie nicht nur Hinweise auf Verstrickungen mit der internationalen Mafia, sondern geraten auch ins Visier eines erbarmungslosen Mörders. Laura muss feststellen, dass das Böse sich in den Reihen vermeintlicher Beschützer verbergen kann und dass jede Rechnung irgendwann beglichen werden muss ...
Die Laura-Peters-Serie
Böse Obhut ist der zweite Roman, in dem Laura Peters mit ihrem Team ermittelt.
Die gesamte Laura-Peters-Reihe mit
Das Lager– Ein Fall für die Detektei Peters,
Zweiundsiebzig – Der dritte Fall für Laura Peters,
Moloch Unsterblich – Der vierte Fall für Laura Peters,
Monströse Moral – Der fünfte Fall für Laura Peters und
Cäcilie: Eine Halloween-Novelle
ist als Taschenbuch im Internet und als E-Book in allen Online-Shops erhältlich.
Mehr Informationen finden Sie auf der Facebook-Seite ‚Patricia Weiss – Autorin‘, auf Twitter ‚@Tri_Weiss‘, auf Instagram ‚@tri_weiss‘ und auf YouTube ‚Patricia Weiss Autorin‘.
Böse Obhut
Der zweite Fall für Laura Peters
Kriminalroman
von
Patricia Weiss
Böse Obhut ist als Taschenbuch und als E-Book erhältlich.
Impressum
Texte: © Copyright by Patricia Weiss
c/o
Relindis Second Hand
Gotenstr. 1
53175 Bonn
Covergestaltung und Foto: Patricia Weiss
Lektorat: Katharina Abel
Alle Rechte vorbehalten.
Veröffentlichung: 2016
Für Doro.
Medikamentenversuche
Seit den 50er-Jahren bis in die 70er-Jahre des letzten Jahrhunderts testeten Pharmafirmen ihre Medikamente in Kinderheimen. Bis heute hat eine zufriedenstellende Aufarbeitung dieses Themas nicht stattgefunden und es wurden auch keine Entschädigungen gezahlt.
Viele der Firmen profitieren noch heute von den Produkten, die sie damals an den Kindern getestet haben.
Sauerland 1976
„Und auch für mich scheint irgendwann die Sonne ..."
Sie saßen an den Tischen vor den Resten ihres Abendessens und sangen seit über einer Stunde ohne Unterbrechung. Die Liedtexte, die Onkel Heini gedichtet hatte, konnten sie im Schlaf herunterbeten. Michael merkte, dass sein Kopf immer leichter wurde. Hoffentlich wurde ihm nicht wieder so schwindelig, dass er vom Stuhl fiel. Unauffällig versuchte er, sich an der Tischplatte festzuhalten. Sein Mund war trocken und sein Hals schmerzte, aber wer mit dem Singen aufhörte, bekam bei einer Privataudienz Onkel Heinis Gürtel zu spüren. Gleich am allerersten Tag war ihm das passiert. Danach hatte er zwei Tage lang kaum sitzen können und die Kameraden hatten sich über ihn lustig gemacht.
„Mein Leben war ein Scherbenhaufen, jetzt bin ich glücklich, in Waldheim zu sein ..."
Leicht schwankend dirigierte Onkel Heini die Lobeshymne auf sein Internat mit dem leeren Bierkrug. Das war an diesem Abend zum dritten Mal das Signal für Fräulein Jakob, in der Küche zu verschwinden und mit einer vollen Flasche zurückzukehren. Vorsichtig schaute Michael sich um. Die meisten Jungen hielten den Blick gesenkt, nur nicht die drei Ältesten, Onkel Heinis Kapos, um später melden zu können, wer nicht richtig mitgesungen hatte. Das Lied ging in die letzte Strophe über:
„Aus der Gosse kamen wir hierher. Onkel Heini, wir danken dir so sehr!"
Michael hasste alle Lieder, aber diese Zeile widerstrebte ihm dermaßen, dass er sie kaum über die Lippen brachte. Hinter sich hörte er ein Poltern. Bloß nicht umdrehen, bloß nicht hinsehen. Immer nur weitersingen. Gleich würde es vorbei sein. Onkel Heini ließ sie immer nur so lange singen, bis einer von ihnen umfiel. Der war dann der Taugenichts, der zur Strafe und Abschreckung für die anderen noch zwei Stunden im dunklen Flur stehen musste.
Onkel Heini hob die Hand zum Zeichen, dass sie ruhig sein sollten. Alle saßen mucksmäuschenstill, keiner durfte sich rühren, mit den Füßen scharren oder auch nur husten. Leicht schwankend erhob er sich und schlurfte zum Ausgang. Als er den Raum verlassen hatte, stand Fräulein Jakob auf und sah nach dem Jungen, der umgefallen war. Aus den Augenwinkeln konnte Michael erkennen, dass es wieder der kleine Milan war, der dort lag. Er war der Jüngste in der Kameradenschar und wurde am häufigsten bestraft. Michael tat er leid, er hätte ihm gerne geholfen, aber das war nicht möglich. Warum machte er auch ständig Fehler und stellte sich so dumm an?
Fräulein Jakob versetzte Milan drei klatschende Ohrfeigen, um ihn aufzuwecken. Als dies nichts half, nahm sie ein Glas Wasser vom Tisch und schüttete es dem Jungen ins Gesicht. Milan stöhnte, dann öffnete er die Augen und blinzelte benommen.
„Steh auf!" Mit kalten Augen sah die Erzieherin auf den Kleinen herab und stieß ihn mit der Fußspitze in die Seite, als er nicht sofort reagierte.
Unsicher rappelte sich Milan auf. Er war kreidebleich, seine Augen wirkten unnatürlich groß in dem schmalen Gesicht.
„In den Flur!"
Milan nickte ergeben, ging mit wackeligen Knien aus dem Raum und stellte sich mit gesenktem Kopf neben der Treppe auf.
„Gassenlauf!"
Ruckartig sah Michael auf. Gassenlauf? Das war schlimm! Unter den Jungen entstand beunruhigtes Gemurmel.
„Ruhe! Oder möchte einer von euch Milan beim Gassenlauf Gesellschaft leisten?"
Schlagartig wurde es still.
„Aufstellung!"
Die Schüler verließen ihre Plätze und stellten sich in zwei Reihen auf. Fräulein Jakob gab den drei Kapos einen Wink. Die flitzten zum Schirmständer neben dem Eingang und holten jeder einen Armvoll Holzstöcke, die sie an die Kameraden verteilten. Dann klopfte sie an die Tür von Onkel Heinis Arbeitszimmer. Es dauerte eine Weile, bis er öffnete und sich schwankend und mit gerötetem Gesicht an den Türrahmen lehnte.
Die Strafe begann.
Die Jungen standen mit erhobenen Stöcken in Reih und Glied, Milan wurde von Fräulein Jakob unsanft nach vorne geschubst. Ein Schluchzen erschütterte den kleinen Körper. Mit eingezogenem Kopf und gekrümmtem Rücken taumelte er vorwärts. Seine Kameraden prügelten mit den Knüppeln heftig auf ihn ein, wer nicht hart genug zuschlug, durfte gleich als Nächster durch die Gasse laufen. Der Kleine stolperte mehrmals und versuchte, sein Gesicht mit den Händen zu schützen. Doch es gab kein Entkommen.
Auch Michael schlug zu. So fest er konnte.
Tag 1
1
Fröstelnd klappte Laura Peters den Mantelkragen hoch und eilte durch den tristen, winterlichen Vorgarten des Jugendstil-Altbaus, in dem ihre Detektei ihren Sitz hatte. Die blattlosen, grauen Büsche schienen ihre Äste nach ihr auszustrecken und wie jeden Morgen hakte sich die Ranke einer Heckenrose, die weit über den Weg ragte, an ihrem Ärmel fest. Mit klammen Fingern löste sie die Stacheln aus dem dicken Wollstoff und nahm sich zum wiederholten Male vor, etwas gegen den Wildwuchs zu unternehmen. Klienten kamen nicht oft in die Agentur, die meisten Aufträge konnten online abgewickelt werden. Aber wenn sich jemand hierher verirrte, sollte er sich nicht erst durch eine Dornenhecke kämpfen müssen.
Laura strich die braunen Haarsträhnen aus dem Gesicht, die der eisige Wind vor ihre Augen blies. In der Tasche suchte sie nach dem Schlüssel und öffnete die Haustür. Ein Windstoß riss ihr die Klinke aus der Hand, die Tür donnerte gegen die Wand im Treppenhaus. Laura musste einige Kraft aufwenden, um sie wieder zu schließen. Sorgfältig putzte sie die schwarzen Lammfell-Stiefel an der Matte ab und betrat die Büroräume.
Es war so kalt, dass der Atem kondensierte und in Dampfwolken aus dem Mund stieg. Hoffentlich war die Heizung nicht ausgefallen. Der Hausmeister ließ sich immer reichlich Zeit, bis er geruhte, etwaige Problemchen, wie er es nannte, zu beheben. Noch im Mantel drehte sie die Thermostate höher und ging in die Küche, um eine Kanne Kaffee aufzusetzen. Sie füllte ein Glas mit Wasser und warf ein Aspirin hinein.
Während es sich zischend auflöste, lehnte sie den Kopf an den Küchenschrank und versuchte, sich an die letzte Nacht zu erinnern. Eine ekstatisch tanzende Menge, laute Clubsounds, zuckendes Schwarzlicht, ein paar Drinks zu viel. Und ganz verschwommen ein Gesicht, dunkle Augen, sinnlicher Mund, hautenges T-Shirt. Trainierte Muskeln unter ihren suchenden Händen. Laura kramte in der Jeanstasche nach dem Stück Bierdeckel, das er ihr in die Hand gedrückt hatte. Carlos, die Telefonnummer, ein Herzchen. Sie seufzte und leerte das Glas in einem Zug. Immerhin war sie im eigenen Bett aufgewacht.
Allein.
Sie hörte, wie sich die Eingangstür öffnete. Eine unförmige Gestalt schob sich in den Vorraum. Gilda, ihre Assistentin, war vermummt wie ein Eskimo, eingepackt in eine Daunenjacke, die sie, der Größe nach zu urteilen, von ihrem Vater geliehen hatte und umwickelt mit mehreren Schals. Von ihr war fast nichts zu sehen, nur die großen, dunkelbraunen Augen blitzten unter einer bunten Peruaner-Mütze hervor.
„Guten Morgen, Laura. Bist du aus dem Bett gefallen?" Gilda wickelte sich ein grün-rot gestreiftes Ungetüm vom Hals, das strahlende Lächeln wurde sichtbar.
„Morgen, Gilda. Ja, ich bin heute etwas früher. Ich möchte meinen Schreibtisch leer kriegen. Der Papierkram türmt sich bis zur Decke." Laura wandte sich der Kaffeemaschine zu und füllte Wasser in den Behälter.
„Es passt gut, dass du schon da bist. Gleich kommt ein neuer Kunde. Anwalt Herckenrath hat ihn geschickt."
„Worum geht es?", fragte Laura mäßig interessiert.
„Man benötigt unsere Hilfe, um ein Klassentreffen zu organisieren."
Laura verzog einen Mundwinkel und schüttelte den Kopf. „Ich fürchte, ich bin beschäftigt. Das kriegst du allein hin. Informationen im Internet suchen ist dein Fach."
Gilda war die Computer-Expertin im Team und Laura ließ die meisten Recherchen von ihr durchführen.
„Klar, ich kann das übernehmen." Gilda stopfte die abgewetzte Daunenjacke hinter den Schreibtisch. Mit zwei geübten Umdrehungen eines Haargummis fixierte sie die dunkelbraunen Haarsträhnen am Hinterkopf zu einem leicht zerzausten, dicken Chignon. Laura schmunzelte beim Anblick der langen, dünnen Beine in den zerschlissenen Jeans. In der Detektei gab es keine Kleiderordnung, aber die Klienten würden sich auch dann nicht über ihre Mitarbeiterin beschweren, wenn sie einen Kartoffelsack trüge.
„Die Fälle, die Herckenrath in der letzten Zeit an uns weiterleitet, werden immer banaler. Scheidungsgeschichten, Zeitungsdiebe, eifersüchtige Ehefrauen und jetzt das Klassentreffen. Wenigstens leben wir gut davon."
Laura hatte Anwalt Herckenrath im Zusammenhang mit dem ersten großen Fall der Detektei Peters kennengelernt. Er vertrat eine wohlhabende Familie aus Bad Honnef und hatte ihr eine großzügige Kooperation zugesichert, die der Detektei ein mehr als gutes Auskommen garantierte. Für Laura war die finanzielle Absicherung eine Erleichterung, gleichzeitig musste sie sich eingestehen, dass sie sich zunehmend langweilte. Die Aufträge waren meist vom Computer aus lösbar und für Gilda ein Kinderspiel. Nur selten mussten sie sich in die freie Wildbahn begeben und vor Ort recherchieren. Vielleicht sollten sie mehr Werbung machen, um interessantere Jobs an Land zu ziehen. Da war der erste Fall ein anderes Kaliber gewesen. Eine Serie von Mädchenmorden in Bonn hatte bundesweit für Schlagzeilen gesorgt und die Polizei vor ein Rätsel gestellt. Die Detektei Peters hatte den Falls aufklären können und war so zu einiger Berühmtheit gelangt. Sie waren ein gutes Team gewesen und während dieser Zeit eng zusammengewachsen: Marek, Gilda, Barbara, Justin und sie selbst. Laura musste unwillkürlich lächeln, als sie an Marek dachte. Er war bei den Streitkräften in Polen gewesen - und vermutlich auch beim Geheimdienst - und hatte ihr eine Menge beigebracht. Die Zusammenarbeit war freundschaftlich, locker und vertraut gewesen. Sie hatte sich wohlgefühlt mit ihm. Und ihn gemocht. Sehr. Doch er war ihr ein Rätsel geblieben. Und nach der Lösung des ersten Falles war er auf nimmer Wiedersehen verschwunden. Angeblich hatte er eine Auszeit gebraucht, eine Pause, um wichtige Dinge zu erledigen. Das war vor zwölf Wochen gewesen, seitdem hatten sie nichts mehr von ihm gehört. Laura seufzte. Sie vermisste ihn. Es waren aufregende Zeiten gewesen.
Das Büro war noch, wie er es verlassen hatte. Nur der zwölfjährige Justin, den Marek für die Observierung eines Verdächtigen angeheuert hatte, hielt sich regelmäßig darin auf. Er hatte zum Dank für seine Unterstützung von Marek eine Spielekonsole bekommen, die er in Mareks Büro aufgestellt hatte. Justin wollte sie nicht mit nach Hause nehmen, weil sein Stiefvater sie verkaufen und in Bier umsetzen würde, wenn er sie in die Finger bekäme. Laura kannte den Jungen und seine Familie gut genug, um zu wissen, dass die Vorsicht begründet war. Marek fehlte dem Jungen, er war sein großes Vorbild. Die Bewunderung für ihn konnte man fast als Verehrung bezeichnen. Allerdings genoss er es auch, Gilda und ihr in der Detektei Gesellschaft zu leisten.
„Hast du etwas von Marek gehört? Ich vermisse ihn!" Gilda konnte anscheinend Gedanken lesen und hatte wie üblich keine Scheu, ihre Gefühle offen zu formulieren.
„Nein, habe ich nicht. Ich glaube auch nicht, dass er sich meldet. Wir müssen langsam daran denken, jemand Neues einzustellen. Zusätzliche Unterstützung können wir bei den vielen Aufträgen gut gebrauchen." Laura ärgerte es, dass sie einen bitteren Unterton nicht vermeiden konnte. Sie wollte nicht zugeben, dass sie Mareks Verschwinden verletzt hatte.
„Du kannst doch nicht Mareks Büro an jemand anderes vergeben!"
„Wieso nicht? Er ist seit drei Monaten fort und hält es nicht für nötig, uns mitzuteilen, ob er wiederkommt. Keine Firma würde so etwas tolerieren."
Gilda schaute unglücklich auf ihre Tastatur. „Und was ist mit Justin?"
Laura zuckte die Achseln. „Was soll mit ihm sein?“
„Er hält sich so gerne in Mareks Büro auf. Es ist wie sein zweites Zuhause. Vermutlich der einzige Ort, wo er sich sicher fühlt. Bei seiner Familie hat er es nicht leicht. Das weißt du doch.“
„Natürlich weiß ich das. Lass uns ein anderes Mal darüber reden, wir finden einen Weg. Ich muss jetzt loslegen, sonst schaffe ich den Papierberg nicht."
Laura ging mit dem dampfenden Kaffee-Becher an den Schreibtisch und schaltete den Computer ein. Sie wollte nicht darüber nachdenken, welche personellen Änderungen sie über kurz oder lang würde vornehmen müssen. Von dem Team war nicht mehr viel übrig geblieben. Justin mit seinen fast dreizehn Jahren zählte nicht wirklich und ihre Freundin Barbara war nur zufällig in den Fall hineingeraten. Ihre Kontakte zur Bonner Society, über die sie als bekannte Pianistin und Frau eines Universitätsprofessors verfügte, hatten bei der Auflösung sehr geholfen. Aber ihre Unterstützung war eine Ausnahme gewesen. Zurzeit gab es nur noch Gilda und sie. Das war zu wenig Personal, wenn die Detektei auf dem Markt, der ein Haifischbecken war, nicht in der Bedeutungslosigkeit verschwinden wollte. Sie musste bald annoncieren und jemanden finden, der Marek ersetzen konnte.
Aber nicht heute.
Draußen klingelte es. Laura hörte, wie Gilda die Tür öffnete und mit ihrer dunklen, rauen Stimme einen Besucher begrüßte. Sie erhob sich, zog die hellbeige Strickjacke über der Jeans glatt und ging in den Vorraum. Neben Gilda stand ein großer, schlanker Mann im langen Mantel. Sie trat einen Schritt auf ihn zu. „Laura Peters, freut mich sehr!"
„Freut mich auch. Mein Name ist Bernd Schlüter." Mit dem geübten, strahlenden Lächeln eines Hollywood-Schauspielers schüttelte er ihr fest die Hand und sah ihr tief in die Augen. Der würzige Geruch eines teuren Rasierwassers stach ihr in die Nase.
Laura senkte den Blick. „Sie sind ein Bekannter von Anwalt Herckenrath?"
„Ja, wir haben uns auf politischer Ebene kennen- und schätzen gelernt. Er sagte mir, dass Sie auf Bagatellfälle spezialisiert seien, deshalb möchte ich Sie engagieren."
„So. Hat er das gesagt?“ Laura lächelte schmal. Seine Worte klangen wie ein Kompliment, aber sie fühlten sich nicht so an. Eigentlich waren sie eine Unverschämtheit. Nun, sie würde sich über die Rechnung revanchieren können. „Sie möchten ein Klassentreffen mit ehemaligen Mitschülern organisieren?"
„Ja, das ist im Prinzip die Idee. Ein früherer Schulfreund hat den Vorschlag gemacht und bat mich um Hilfe. Ich bin ja nicht gerade unbekannt, da dachte er wohl, ich hätte Mittel und Wege, die alten Kameraden zu finden."
Laura überlegte, ob sie schon von ihm gehört hatte, aber sein Name sagte ihr nichts. Sie nickte und setzte ein unverbindliches Lächeln auf.
Gilda nahm ihm den dunklen Kaschmir-Mantel und einen weinrot gemusterten Seidenschal ab und hängte die Kleidungsstücke an den Garderobenständer. „Möchten Sie etwas trinken? Ich mache einen ganz anständigen, italienischen Caffè." Als er dankend ablehnte, fuhr sie fort: „Wenn es Ihnen recht ist, führe ich mit Ihnen das Gespräch, da ich später die Recherchen übernehmen werde."
Doch überraschenderweise schüttelte er den Kopf und wandte sich an Laura: „Nein, es ist mir nicht recht. Ihre junge Kollegin ist bestimmt kompetent, aber ich möchte mit Ihnen sprechen, Frau Peters. Vermutlich werden sie den Fall danach anders einschätzen. Es geht mir nicht um das simple Auffinden von Adressen. Die Angelegenheit ist etwas delikat und erfordert äußerste Diskretion."
„Also gut", stimmte Laura zurückhaltend zu. „Dann gehen wir am besten in mein Büro. Gilda, kommst du?"
Mit einladender Handbewegung wies sie auf die kleinen Sessel, die um den runden Besuchertisch gruppiert waren.
Schlüter setzte sich, zog die Manschetten seines Hemdes unter dem maßgeschneiderten Jackett hervor und schlug die Beine übereinander. Laura registrierte, dass er trotz des kalten Wetters leichte, schwarze Lederschuhe trug, die frischgeputzt glänzten und sicher ein Vermögen gekostet hatten. Mit zusammengekniffenen Augen sah er sich um. Sein Blick wanderte über die nackten Magnetleisten an der Wand, kein Auftrag war so komplex, dass diese Art der Aufarbeitung notwendig gewesen wäre, streifte das einzige Bild im Raum, eine farbenfrohe Lithografie der wehrhaften Brunhild aus der Nibelungensage, dann blieb er an Laura hängen. Ohne mit der Wimper zu zucken, hielt sie seiner Musterung stand und bekämpfte den Impuls, die Arme vor der Brust zu verschränken. Kühl sah sie ihn an und wartete.
„Sie wundern sich vielleicht, dass ich mit Ihnen beiden sprechen möchte, aber der Fall ist etwas heikel. Vermutlich ist Ihnen bekannt, dass ich Abgeordneter im Landtag von Nordrhein-Westfalen bin. Ich stehe in jeder Hinsicht im Licht der Öffentlichkeit. Es ist wichtig, dass alle Nachforschungen absolut diskret erfolgen und Sie mir Zwischenergebnisse sofort präsentieren."
Laura und Gilda nickten, doch es war ihnen anzumerken, dass sie nicht verstanden hatten, wo die Brisanz lag.
„Unsere Schule ist ein Internat für Problemkinder. In den 60er-Jahren nannte man sie Schwererziehbare. Ich bin da gelandet, weil ich in der Pubertät entwicklungsbedingt etwas unkonzentriert war und meine Eltern wegen unserer Firma wenig Zeit für mich hatten. Eigentlich gehörte ich dort nicht hin. Die meisten meiner Mitschüler stammten aus schwierigen Verhältnissen, sie waren arm, aggressiv und manche sogar kriminell. Ich möchte es nicht an die große Glocke hängen, dass ich dort die Schulbank gedrückt habe. Das könnte die Wähler irritieren."
„Ich verstehe", sagte Laura. „Trotzdem möchten Sie das Schultreffen organisieren und Ihre Freunde wiedersehen?"
Bernd Schlüter lehnte sich vertraulich vor und stützte, nachdem er sich versichert hatte, dass die Oberfläche sauber war, seine Arme auf das Tischchen: „Ich bin mir nicht sicher, ob ich das möchte. Zu meinen Kameraden habe ich, seit ich die Schule verlassen habe, keinen Kontakt mehr. Ich habe eine gute Ausbildung absolviert und eine steile Karriere in der Politik gemacht. Die anderen haben nicht so viel Glück gehabt. Ich bin überzeugt davon, dass es kaum einer von ihnen zu etwas gebracht hat. Natürlich hatten sie es alle nicht leicht und es kann sein, dass sie es nicht ins Leben geschafft haben. Vielleicht sind sie kriminell oder drogenabhängig oder was auch immer. Sie verstehen, dass ich auf ein Wiedersehen mit solchen Gestalten nicht sonderlich erpicht bin. Das kann ich mir nicht leisten. Deshalb habe ich die Organisation übernommen."
Gilda räusperte sich. „Sie wollen also kein Treffen organisieren, wenn Ihnen Ihre früheren Freunde nicht mehr gefallen?" Unschuldig blickte sie ihn an.
Bernd Schlüter zögerte, dann nickte er. „Genau. In dem Fall wird es kein Treffen geben."
„Warum überlassen Sie die Organisation nicht Ihrem Freund und gehen einfach nicht hin?"
„Ich möchte nicht, dass sie sich ohne mich treffen. Hinterher nutzen sie meine Bekanntheit für ihre Zwecke aus und ich habe keinen Einfluss darauf."
„Welche Zwecke meinen Sie?", schaltete sich Laura ein.
„Es war eine schwierige Zeit. Die 60er-Jahre sind berüchtigt für ihre schwarze Pädagogik. In unserem Internat ging es nicht zimperlich zu, das war damals so. Und die Schüler waren keine Engel. Ein früherer Schulkamerad, ausgerechnet einer der ganz üblen Burschen, hat jetzt plötzlich die Idee, Ansprüche an den Heimkinder-Entschädigungs-Fonds zu stellen. Ich halte das für absoluten Blödsinn, schließlich war es eine Schule, kein Waisenhaus. Und wirklich schlimme Sachen sind nicht passiert. Jedenfalls nichts, was über das für die damalige Zeit normale Maß hinausgegangen wäre. Ich möchte nicht, dass die sich zusammenrotten und mich als Aushängeschild vor sich hertragen und für ihren Feldzug missbrauchen."
Laura spielte nachdenklich mit dem Kuli. „Es geht Ihnen also vor allem darum, die Situation unter Kontrolle zu haben. An dem Wiedersehen sind Sie nicht interessiert?"
Er schüttelte den Kopf. „Ganz so ist es nicht. Wir haben dieses Jahr fünfunddreißigjähriges Jubiläum. Das kann man schon mal feiern. Aber ich möchte sichergehen, dass es nicht ausartet und ungeahnte Folgen nach sich zieht."
„Gut." Laura nickte Gilda zu, die bereits Stift und Papier gezückt hatte. „Wo können wir ansetzen?"
„Das Internat heißt Waldheim und liegt in der gleichnamigen Stadt im Sauerland. Sie werden es vermutlich nicht kennen?" Er schaute fragend in die Runde. Laura und Gilda schüttelten die Köpfe. „Macht nichts. Ein Ort mitten im Nichts. Ich war froh, als ich von dort wegkam. Die Schule ist noch in Betrieb. Sie haben einen ausführlichen Internetauftritt und sind auf die besonderen Bedürfnisse von Kindern spezialisiert. Sie bieten Förderunterricht und verschiedene sportliche Aktivitäten an, aber geändert hat sich nichts: Sie verwahren immer noch die Schwererziehbaren."
„Können Sie uns die Namen Ihrer ehemaligen Schulkameraden nennen?" Gilda sah von ihren Notizen auf.
„Ich fürchte, die meisten habe ich vergessen. Oder ich habe sie auch nie gewusst. Wir haben uns eigentlich nur mit Vornamen oder Spitznamen angeredet. Da ist natürlich Michael Ehrling, der mich kontaktiert hat und die Idee mit dem Treffen hatte. Ihn können Sie befragen, vielleicht fallen ihm noch Namen ein. Seine Kontaktdaten habe ich Ihnen aufgeschrieben." Er reichte Gilda ein Stück Papier, das sie stirnrunzelnd musterte.
„Eine Drogenberatungsstelle in Köln?"
Bernd Schlüter nickte. „Richtig. Und das ist genau das, was mir Sorgen bereitet. Drogenberater ist ein ehrenhafter Beruf. Ich bewundere Menschen, die sich für andere, denen es schlecht geht, einsetzten und ihnen helfen, aber es gibt viele Vorurteile. Spontan assoziieren manche Leute damit, dass die Berater selbst Drogen nehmen oder wenigstens früher genommen haben und dass sie vielleicht dealen. Auf jeden Fall bewegt sich Michael in einem Milieu, das meinem Ruf schaden könnte."
„Können Sie uns noch weitere Namen geben?"
„Ja, ich erinnere mich an meinen Kumpel Helmuth. Keine Ahnung, was aus ihm geworden ist. Und dann war da noch der fette Peter. Die Nachnamen weiß ich nicht mehr." Er starrte angestrengt vor sich hin.
„Am besten ist es, Sie überlegen in Ruhe, machen eine Liste und mailen sie uns zu. Es bringt nicht viel und würde zu lange dauern, wenn Sie jetzt versuchen, sich an alles zu erinnern." Laura sah verstohlen auf ihre Armbanduhr.
Bernd Schlüter nickte zustimmend. „Das mache ich. Können Sie die Schule kontaktieren und fragen, ob es Unterlagen über uns gibt? Die frühere Internatsleitung wurde natürlich abgelöst. Das ist ja fast ein halbes Jahrhundert her. Wie ich gehört habe, hat eine der damaligen Erzieherinnen die Schulleitung übernommen. Vielleicht hat sie die Akten aufbewahrt."
„Natürlich." Laura stand auf. „Sie schicken uns die Liste mit den Namen, an die Sie sich erinnern, und wir beginnen mit den Recherchen bei Ihrem Freund und Ihrer Schule. Am Ende der Woche stellen wir Ihnen unsere Ergebnisse vor. Bitte unterschreiben Sie, bevor Sie gehen, bei meiner Kollegin den Auftrag. Sobald wir die Anzahlung erhalten haben, legen wir los."
2
Wenig später klopfte Gilda an Lauras Tür und streckte den Kopf in ihr Büro. „Alles erledigt, der Auftrag ist unterschrieben, die Anzahlung haben wir in bar erhalten, Herr Schlüter ist weg."
Laura, die Papiere auf verschiedene Stapel sortierte, lächelte. „Gut. Fang am besten gleich mit den Recherchen an. Schau mal, was du alles am Computer über diesen Michael Ehrling und über die Schule herausfinden kannst. Ich arbeite mich durch die Rechnungen, dann klinke ich mich auch ein."
Gilda nickte und schloss leise die Tür. Sie kletterte hinter den Schreibtisch. Das war nicht einfach, da sie mehrere Kisten, die mit Computerzubehör und Kabeln gefüllt waren und nicht in die überfüllten Schränke passten, vorsichtig übersteigen musste, ohne auf die dicke Daunenjacke zu treten. Zum Glück hatte der Tisch auf der Vorderseite eine Verblendung, sodass die Besucher das Chaos nicht sehen konnten. Laura bestand verständlicherweise darauf, dass der Vorraum ordentlich und aufgeräumt aussah, und hatte anfangs von ihr gefordert, den Kram, wie sie es nannte, wieder mit nach Hause zu nehmen. Doch sie hatte sie davon überzeugen können, dass dieses Equipment notwendig war, um ihre besondere Art von Recherchen durchzuführen.
Sie setzte sich an den Schreibtisch und gab zuerst den Namen des Klienten in den Computer ein. Er hatte so ein Aufhebens um seine Bekanntheit und seinen guten Ruf gemacht, dass sie wissen wollte, mit wem sie es zu tun hatten. Tatsächlich gab es viele Einträge. Er war Abgeordneter im Landtag und schien jede Möglichkeit zu nutzen, um im Licht der Öffentlichkeit zu stehen. Gelangweilt klickte sie durch eine Reihe von Bildern, auf denen Bernd Schlüter mit den Vorsitzenden von Ortsvereinen jeder Art Bier trank, eine Hundeschau eröffnete, mit Unternehmern für einen guten Zweck Golf spielte und bei christlichen Frauen Rede und Antwort stand. Andere Fotos zeigten ihn beim Wahlkampf, wo er in wenig kleidsamem Orange und mit breitem Lächeln Broschüren an die Wähler verteilte. Als Politiker musste man wirklich jeden Mist mitmachen.
Sie öffnete Bernd Schlüters Webseite und rief seine Vita auf. Ein großes Foto von ihm im dunklen Anzug dominierte die Bildschirmseite, darunter waren die politischen Stationen und Erfolge aufgelistet. Informationen zu seiner Familie oder über die Kindheit im Internat fehlten.
Gilda wechselte zur Suchmaschine und gab Michael Ehrlings Namen ein. Der pflegte einen deutlich zurückgezogeneren Lebensstil, sie fand lediglich einen Eintrag. Sein Name war als Ansprechpartner der Drogenberatungsstelle DROBERA samt Öffnungszeiten gelistet. DROBERA war an eine Pfarrei in der Nähe des Kölner Hauptbahnhofs angeschlossen, die sich um hilfsbedürftige Kinder und Jugendliche kümmerte und vom Pfarrer geleitet wurde. Gilda musste schmunzeln: Der Priester hatte sich vor der Kirche neben einem großen, steinernen Kreuz im Gegenlicht fotografieren lassen. Sowohl das Kruzifix als auch er warfen lange, pechschwarze Schatten und außer seiner Silhouette in der Soutane war nichts von ihm zu erkennen.
Das Foto wirkte wie die Werbung für einen Horrorfilm.
Schließlich rief sie die Webseite des Internats Waldheim auf. Anders als bei der DROBERA machte der Internetauftritt der Schule einen professionellen Eindruck. Die Bilder zeigten ein heimeliges Haus inmitten einer grünen Sommerlandschaft, davor strahlende Kinder und gütig aussehende Pädagogen. Gilda dachte an ihre heruntergekommene Realschule mit den zerkratzten, kaugummiverklebten Bänken und den gefrusteten Lehrern und musste seufzen. Wäre sie auf so eine Schule gegangen, hätte sie bestimmt andere Ergebnisse erzielt. Gute Noten hatte sie wegen ihrer unbehandelten Legasthenie nie gehabt, so sehr sie sich auch bemüht hatte.
Seit sie in der Detektei arbeitete, hatte sich vieles zum Besseren gewendet. Laura war zuerst schockiert gewesen über die Schreibfehler, die sie gemacht hatte. Doch dann hatte sie sie gefördert, hatte ihr Berichte zum Abschreiben gegeben und sie geduldig korrigiert. Vermutlich hatte sie geglaubt, dass Gilda das nicht merken würde, aber es war ihr natürlich sofort aufgefallen. Und sie genoss es. Ihre Eltern hatten sich nie für ihre schulischen Leistungen interessiert. Sie führten ein italienisches Restaurant und ihrer Meinung nach reichte es aus, wenn sie gut kochen konnte, um das Familienunternehmen später zu übernehmen. Nachhilfe und Förderstunden hätten nur Zeit und Geld gekostet und sie daran gehindert, im Lokal zu helfen.
Damals hatte sie resigniert und sich gefügt. Aber ihr Leben am Herd zu fristen, hatte sie sich nicht vorstellen können. Deshalb hatte sie sich nach der Mittleren Reife, sehr zum Missfallen ihrer Eltern, mit Jobben durchgeschlagen. Es war ein unstetes Leben gewesen, von der Hand in den Mund, und oft war am Ende des Geldes noch viel Monat übrig gewesen. Das war jetzt anders. Sie konnte ihre Fähigkeiten und Computer-Kenntnisse erfolgreich einsetzen, die Kollegen respektierten sie. Das gab ihr Selbstbewusstsein und die Motivation, ihr Leben endlich in die Hand zu nehmen und etwas Richtiges daraus zu machen. Mit der Prämie, die sie für die Lösung des Dornheckensee-Falles bekommen hatte, hatte sie den Führerschein gemacht. Jetzt sparte sie auf ein Auto, es musste ja nichts Teures sein, und plante, das Abitur am Abendgymnasium nachzumachen. Und später wollte sie sogar studieren. Leider konnte sie erst im nächsten Sommer mit der Schule starten, dabei hätte sie am liebsten sofort losgelegt. Sie hatte Bücher in der Bücherei ausgeliehen, um sich einzuarbeiten, außerdem leistete sie Justin so oft wie möglich Gesellschaft bei seinen Hausaufgaben. Das frischte ihr Gedächtnis auf und ihm gefiel es, ihr Lehrer zu sein bei den Themen, die sie nicht beherrschte.
Sie griff zum Telefon und rief bei der Kontaktnummer des Internats an. Es klingelte lange, sie wollte schon auflegen, als sich eine Frauenstimme meldete.
„Internat Waldheim."
„Guten Tag, hier spricht Gilda Lambi von der Detektei Peters in Bonn. Ich rufe im Namen eines Klienten an, der ein früherer Schüler von Ihnen ist. Er möchte ein Jubiläumstreffen organisieren und dafür suchen wir die Namen und Adressen seiner Mitschüler. Können Sie uns weiterhelfen?"
„Nein, das geht selbstverständlich nicht. Wir haben anderes zu tun." Gilda spürte, dass ihr Gegenüber auflegen wollte.
„Augenblick, wäre das nicht eine schöne Publicity? Wiedersehensfreude, alte Verbundenheit, glückliche Erinnerungen. Sind Sie nicht neugierig, was aus den Schülern geworden ist?" Am anderen Ende der Leitung herrschte Stille.
„Hallo, sind Sie noch da? Hallo!"
„Ja", ließ sich die Frau vernehmen. „Natürlich wäre es schön zu sehen, dass die Schüler einen guten Weg genommen haben und erfolgreich sind. Aber ich wüsste nicht, wie wir dabei helfen können."
„Ganz einfach: Sie können mir eine Liste der Schüler mailen, die gleichzeitig mit unserem Klienten, Bernd Schlüter, die Schulbank gedrückt haben."
„Bernd Schlüter?", kam es scharf von der anderen Seite. „Das ist doch ewig her."
„Immerhin erinnern Sie sich an ihn", sagte Gilda leicht erstaunt.
„Erinnern wäre zu viel gesagt. Bernd Schlüter ist ein bekannter Politiker und der Berühmteste unserer Ehemaligen."
„Wie dem auch sei, können Sie mir bitte die Namen der Schüler geben, die im Zeitraum von 1970 bis 1976 bei ihnen ...", sie wollte schon 'einkaserniert' sagen, konnte sich aber bremsen. „... waren?"
„Nein, ich sagte es bereits. Die Unterlagen haben wir nicht mehr. Jedenfalls nicht so ohne Weiteres. Vielleicht gibt es noch Ordner im Keller, aber ich habe keine Zeit, das alles durchzusehen."
„Ok." Gilda überlegte in rasendem Tempo. „Und wenn wir vorbeikommen und selbst nachsehen?"
„Auf keinen Fall!"
„Hilft es, wenn Bernd Schlüter Sie kontaktiert und darum bittet? Denken Sie daran, dass er Ihnen nützlich sein könnte."
„Nein, die Mühe kann er sich sparen."
„Dann drücke ich mich anders aus: Bernd Schlüter ist es wichtig, seine Freunde wiederzusehen. Er wäre sehr enttäuscht, wenn sein Vorhaben Ihretwegen scheitert. Als Politiker verfügt er über weitreichende Kontakte. Ich könnte mir vorstellen, dass er die auch zum Nachteil Ihrer Schule nutzen kann. Das wollen Sie sicher nicht. Und alles nur, weil Sie ihm diesen kleinen Gefallen nicht tun möchten."
Die Frau am anderen Ende lachte ärgerlich auf. „Also gut. Ich habe keine Zeit, mich weiter mit so einem Unsinn herumzuschlagen. Sie können jemanden vorbeischicken und sich die Unterlagen ansehen. Aber wenn da irgendetwas nicht mit rechten Dingen zugeht, ist sofort Schluss! Haben Sie mich verstanden?"
3
Michael Ehrling schob den vergilbten Vorhang gerade so weit zur Seite, dass man ihn von draußen nicht sehen konnte, und spähte auf den Kirchenvorplatz.
Das grelle Blaulicht zweier Polizeiautos und eines Krankenwagens blitzte rhythmisch und kalt durch den düsteren Vormittag und wurde von den Pfützen des vom Streusalz geschmolzenen Eises auf dem Asphalt reflektiert. Er wusste, warum sie dort standen, er selbst hatte Zora heute Morgen auf den Kirchenstufen gefunden. Ein Blick hatte genügt, um zu sehen, dass es eine Überdosis gewesen war. Die lange, silberne Nadel der Plastikspritze hatte noch in ihrem mageren Arm gesteckt. Aber verstanden hatte er es nicht. Sie war seit Wochen clean gewesen. Dessen war er sich sicher. Wenn einer so etwas erkennen konnte, dann war er das. Außerdem hatte sie ihre Schlupfwinkel, sie hätte sich niemals mitten auf dem Kirchplatz und direkt vor der DROBERA einen Schuss gesetzt. Das hätte sie ihm nicht angetan. Drogenabhängige hatten wenig moralische Skrupel, doch untereinander hatten sie den Rest eines Ehrenkodex.
Nach einem langen Blick auf ihr blasses Gesicht, das ausgesehen hatte, als würde sie schlafen, war Michael in die DROBERA gelaufen und hatte die Tür zugeschlagen. Mit zitternden Fingern hatte er Kaffee eingeschenkt und nach kurzem Zögern einen ordentlichen Schuss Wodka hinzugegeben. Die Polizei hatte er nicht gerufen. Das brachte er nicht über sich. In seinem Leben war die Polizei nie ein Freund und Helfer gewesen.
„Eh, Alter, hast du gesehen, was da draußen abgeht?" Er drehte sich um und sah Cora in der Tür stehen. Sie gehörte genauso lange zur Gruppe wie Zora.
„Ja, ich weiß, warum die Bullen hier sind. Es hat Zora erwischt."
„Fuck!" Cora wurde blass, ihre dunkel geschminkten Augen dominierten das Gesicht. Blind tastete sie nach einem der Stühle, die um den großen Tisch in der Mitte des Raumes arrangiert waren, und ließ sich darauf fallen. Michael setzte sich zu ihr. Mit fahrigen Fingern nestelte er eine Zigarette aus einer verknitterten Packung, die neben dem überquellenden Aschenbecher auf dem Tisch lag, und zündete sie an. Tief inhalierte er den ersten Zug und ließ den Rauch mit zurückgelegtem Kopf zur Decke aufsteigen.
Cora spielte mit einer schwarzen, langen Haarsträhne und schaute ihn unsicher an. „Voll krass. Was ist passiert?" Ihre Stimme zitterte.
„Überdosis."
„Wie beschissen ist das denn! Bist du jetzt völlig meschugge? Sie war doch so gut drauf! Hatte es geschafft! Unmöglich!" Cora schüttelte den Kopf, dass die Haare flogen.
„Ist aber so. Ich habe sie draußen liegen sehen. Die Spritze war noch in ihrem Arm. Irgendwann erwischt es eben jeden von uns."
„Fuck, nein, nicht Zora!" Cora sprang so heftig auf, dass der Stuhl umkippte. „Sie war clean! Echt! Und wenn sie sich einen Schuss gesetzt hätte, dann never ever eine Überdosis. Sie war ein Pro!" Michael zuckte müde mit den Schultern und nahm einen weiteren tiefen Zug.
„Irgendetwas ist da oberfaul." Cora wanderte aggressiv durch den Raum. „Vielleicht hat ihr so ein Spacko schlechten Stoff untergejubelt. Aber das kann nicht sein. Sie hat nur bei Amdi gekauft. Der hat ihr sogar manchmal was auf Pump gegeben. Der hätte sie nie beschissen."
Michael stellte mit schwerfälligen Bewegungen den Stuhl auf, streckte die Hand aus und zog sie an ihrem dünnen Arm zum Tisch zurück. „Setz dich, du machst mich ganz kirre. Die Polizei wird gleich vorbeikommen und mit uns reden wollen. Wir sollten aufpassen, dass wir keine wilden Anschuldigungen machen. Wir wissen ja auch nichts. Warst du nicht gestern Abend mit Zora unterwegs?"
Cora nickte. „Wir haben in der City abgehangen. Unten am Rhein, am Bahnhof und auf der Domplatte. Haben ein paar Biere gezischt, geguckt, was so abgeht, ob wir was drehen können, du weißt schon", sie warf ihm einen schnellen Seitenblick zu. „Aber Zora war ok. Nicht auf Droge. Echt."
„Ich weiß. Aber vor einem Rückfall ist man nie sicher. Du nicht und ich nicht. Und Zora auch nicht. Keiner von uns. Deshalb müssen wir der Polizei gegenüber vorsichtig sein und dürfen keine wilden Vermutungen anstellen."
Es klopfte an der Tür. Die beiden zuckten zusammen und sahen sich angespannt an. Ohne auf eine Antwort zu warten, traten zuerst zwei uniformierte Polizisten, dann ein kräftiger Mann mittleren Alters im ausgebeulten Anzug und abgestoßener Lederjacke ein.
„Guten Tag, die Herrschaften. Kripo Köln. Wir möchten Ihnen ein paar Fragen stellen. Auf dem Vorplatz wurde eine Frau tot aufgefunden. Könnten Sie bitte mitkommen? Sie ist wahrscheinlich keine Unbekannte für Sie."
Michael winkte ab. „Ich habe sie gesehen. Es ist Zora, sie gehört zu unserer Gruppe."
„Ach ja?" Die Augen des untersetzten Mannes starrten ihn argwöhnisch an. „Sie haben uns aber nicht benachrichtigt. Das war jemand anders. Das können wir nämlich sehen."
Michael senkte den Blick und drückte seine Zigarette aus.
„Ist Rauchen hier nicht verboten?" Der Dicke zeigte auf die Din-A-4-großen Verbotsschilder, die an den Wänden klebten. „Wenn Sie es mit den Zigaretten nicht so eng sehen, nehmen Sie es mit der Drogenabstinenz wohl auch nicht so ernst?"
„Doch." Michael wand sich. „Natürlich nehmen wir das Thema Drogen ernst. Deshalb gibt es uns ja. Aber es ist nicht leicht für die Leute, davon loszukommen. Vielen fällt es schwer, auf alles zu verzichten. Deshalb erlaube ich bei den Gruppensitzungen, dass geraucht wird."
Der Kommissar schaute Michael missbilligend an, verfolgte das Thema aber nicht weiter. „Was können Sie mir über die Tote sagen?"
„Als ich heute zur DROBERA kam, lag sie auf den Kirchenstufen. Die Spritze steckte in ihrem Arm. Ich wollte die Polizei rufen, aber dann sind Sie ja schon gekommen. Und keine Sorge, ich habe nichts angefasst."
Der Kommissar starrte ihn an, dann nickte er und zückte ein Notizbuch. „Wie ist der volle Name der Toten?“
„Sie heißt Soraya. Wir haben sie wegen ihrer roten Haare Zora genannt. Den Nachnamen weiß ich nicht auswendig, wir reden uns nur mit Spitznamen oder Vornamen an. Manche möchten anonym bleiben, wir respektieren das. Zora hat aber an einem Spezialprogramm teilgenommen, dafür musste sie ein Formular mit vollem Namen ausfüllen. Ich sehe in den Unterlagen nach."
Michael stand schwerfällig auf, ging zu einem Regal an der Stirnseite des Raums, zog einen Ordner heraus und blätterte darin. Dann schüttelte er den Kopf, sah hoch und suchte weiter. „Merkwürdig, ihr Antragsformular ist nicht mehr da. Ich weiß genau, dass ich es abgeheftet habe. Aber ich kann auf der Liste nachsehen, die wir zusätzlich führen. Einen Augenblick."
Er schlug einen anderen Ordner auf und fuhr mit dem Finger über eine Tabelle. „Ihr Name ist Soraya Kandikili. Sie ist neunzehn Jahre alt und seit sechs Wochen in dem Projekt."
„Genau", schaltete sich Cora ein, „sie hat nicht mehr gespritzt. Die kriegen so ein Zeug, damit sie von der Droge runterkommen."
„Methadon?", fragte der Kommissar.
Michael Ehrling schüttelte den Kopf. „Nein, eine ganz neue Therapie. Es sind spezielle Medikamente zur Linderung der Entzugserscheinungen und zur körperlichen Kräftigung. Das Projekt beinhaltet auch psychische Unterstützung, Fitness und die Vorbereitung auf eine berufliche Ausbildung. Die Kandidaten werden rund um die Uhr betreut. Es ist nicht leicht, einen Platz zu erhalten. Wir haben Glück, dass die DROBERA den Zuschlag für die Kooperation bekommen hat." Michael stellte den Ordner zurück und schlurfte mit hängenden Schultern zum Tisch.
„Eben." Cora gestikulierte wild mit den Händen. „Sie war total heiß auf den Platz. Es kann nicht sein, dass sie sich einfach ins Jenseits geschossen hat."
„Sind sie auch in dem Projekt?" Der Kommissar musterte Cora zum ersten Mal eingehend, sein Blick blieb an den Piercingringen in ihrer Nase hängen.
„Nein, noch nicht. Aber ich krieg das hin." Sie zupfte an dem viel zu großen, schwarzen Pulli herum.
„Jedenfalls hatte Zora gestern Nacht einen Rückfall. So erfolgreich war das Projekt nicht." Aus dem letzten Satz des Kommissars war die Häme nicht zu überhören.
Michael presste die Lippen zusammen. „Wir haben beachtliche Erfolge mit dem Projekt. Professor Martin ist sehr zufrieden mit den Ergebnissen. Wir haben ihm viel zu verdanken."
„Professor Martin? Von der Suchtklinik für Schöne und Reiche draußen in Marienburg?"
„Genau der!" Michael straffte den Rücken und nickte. „Er hat viel für uns getan. Er hat mit Pfarrer Zieten die DROBERA ins Leben gerufen. Uns gibt es seit dreißig Jahren."
Der Kommissar schaute sich geringschätzig um. „Das sieht man. Der betuchte Herr Professor hätte ruhig mal ein paar Euro für Farbe und neue Möbel lockermachen können. Wie auch immer, es sieht nach einer Überdosis aus, allerdings müssen wir die Ergebnisse der Gerichtsmedizin abwarten, bevor wir den Fall abschließen können. Sollte es Ungereimtheiten geben, kommen wir auf Sie zu, um die Punkte zu klären. Halten Sie sich zu unserer Verfügung." Michael nickte und atmete auf, als sich die Tür hinter den Ordnungshütern geschlossen hatte.
„Wir müssen Prof Martin Bescheid sagen!" Cora war ans Fenster gelaufen und sah den Polizisten hinterher.
„Das mache ich. Er wird nicht begeistert sein. Zora war eine seiner Vorzeige-Exemplare. So hat er sie immer genannt. Jetzt bleiben nur noch Eddie, Nico und Nastja. Hoffentlich schaffen die es und bleiben standhaft, sonst sind wir die Kooperation los und können den Laden über kurz oder lang dichtmachen."
Cora kam zum Tisch, schenkte sich einen Kaffee ein und griff beherzt zur Wodka-Flasche.
„Halt, das ist meiner!"
Ohne auf seinen Protest zu achten, goss sie einen ordentlichen Schluck in die Tasse, gab drei Löffel Zucker hinzu und rührte um. „Das brauche ich jetzt, ich bin total durch. Die arme Zora. Ich kann es nicht fassen. Weißt du, sie war so gut drauf. Hatte alles gecheckt, wusste genau, was sie wollte. Sie hatte irgendetwas in der Hinterhand und meinte, das wäre ihr Sechser im Lotto. Und jetzt das."
„Was für ein Sechser im Lotto?" Michael schaute alarmiert auf.
Cora zuckte die Achseln. „Keine Ahnung. Sie wollte nichts rauslassen. Hat sich wichtig gemacht damit. Meinte, dass sie sich jetzt keine Sorgen mehr um ihre Zukunft machen müsste."
Er lachte bitter.
„Das hat ja gut geklappt. Sorgen muss sie sich jetzt keine mehr machen."
4
Es war Mittagszeit, als Laura die Tür ihres Büros öffnete und zu Gilda in den Vorraum trat.
„Zeit für eine kleine Pause!" Genervt strich sie sich eine dunkle Haarsträhne zur Seite, die sofort wieder ins Gesicht fiel.
Vor einigen Monaten hatte sie sich in einem Anfall von Depression die Haare kurz schneiden lassen und es nach dem ersten Blick in den Spiegel sofort bereut. Mittlerweile hatten die Haare zwar wieder eine halbwegs akzeptable Länge erreicht, waren aber immer noch nicht lang genug, um sie zusammenbinden zu können.
„Hast du Lust, mit mir nach Godesberg zu gehen? Wir könnten Döner oder Hamburger essen."
Zwanzig Minuten später wanderten die beiden Frauen mit ihren Snacks durch die Godesberger Innenstadt und sahen sich die Schaufenster an.
„Lecker!" Gilda leckte genüsslich einen Klecks Ketchup von ihrem Zeigefinger.
„Ja, nicht schlecht", stimmt Laura mit vollem Mund zu. „Hast du schon Informationen gefunden zu unserem Fall?"
Gilda nickte und signalisierte mit dem halb gegessenen Cheeseburger, dass sie erst fertig kauen musste, bevor sie antworten konnte. „Ich habe mich über unseren Auftraggeber schlaugemacht. Er ist tatsächlich ein bekannter Politiker und tritt auf vielen Veranstaltungen auf. Ansonsten unverheiratet, keine Familie, keine Kinder. Vielleicht hat er eine Freundin, aber darüber habe ich nichts gefunden. Über seine Vergangenheit gibt es auf den ersten Blick keine Informationen. Aber ich werde bei Gelegenheit tiefer graben."
Laura nickte zustimmend.
„Dann habe ich das Internat angerufen, um die Namen der früheren Mitschüler zu erfragen. Die waren zuerst nicht sehr kooperativ. Eher das Gegenteil. Aber ich habe den Namen von Bernd Schlüter erwähnt und ziemlich übertrieben, wie viel er für den guten Ruf der Schule tun könnte. Oder dass er ihnen auch schaden könnte. Schließlich haben sie zugestimmt, dass wir die Information bekommen können."
„Gut!" Laura lächelte. „Darauf gönnen wir uns einen Glühwein!" Sie zog Gilda an der Jacke zu einem Bistro und kurz darauf standen sie unter einem Heizpilz und wärmten ihre Hände an den heißen Tassen.
„Es gibt noch einen Aspekt." Gilda blies unschuldig in ihr Getränk.
„Der da wäre?"
„Die Unterlagen vermodern bei denen im Keller und müssen erst gesichtet werden. Natürlich haben sie keine Lust, das für uns zu machen. Das bedeutet, einer von uns muss ins Sauerland fahren und vor Ort recherchieren."
„Oh nein! Das sagst du mir, nachdem ich den Glühwein spendiert habe? Aber im Ernst", Laura verzog das Gesicht, „wir haben so viel zu tun. Das Internat liegt nicht gerade um die Ecke. So viel Aufwand, nur um ein paar Adressen zu finden?"
„Hallo, die Damen! Machen die Detektivinnen eine Pause, oder seid ihr in einem verdeckten Einsatz?"
Barbara Hellmann, Pianistin und Lauras beste Freundin, stand strahlend mit ausgebreiteten Armen vor ihnen, um sie zu umarmen.
„Selbst bei dieser Kälte, wo jeder nur vermummt herumläuft, siehst du glamourös aus! Wie machst du das nur?" Laura zog in gespieltem Unverständnis die Augenbrauen hoch.
Barbara lachte, strich sich durch die schulterlangen, blonden Locken und sah an ihrer goldenen Daunenjacke, den schwarzen, engen Jeans und den Fellboots hinunter. „Glamourös ist wohl etwas übertrieben. Wie ich sehe, seid ihr beim Glühwein. Da schließe ich mich an."
Kurz darauf kam sie mit einer Tasse zurück und stellte sich zu den Freundinnen. „Was gibt es Neues? Verfolgt ihr eine geheimnisvolle Spur?"
Die beiden Detektivinnen schüttelten den Kopf.
„Nicht wirklich", sagte Gilda. „Wir suchen die Adressen ehemaliger Mitschüler eines Politikers aus Düsseldorf. Er möchte ein Schultreffen organisieren."
„Ihr hattet schon spektakulärere Fälle", stimmte Barbara zu. „Aber Düsseldorf ist relativ weit weg. Wie seid ihr an den Auftrag gekommen?"
Laura trat gegen die Kälte von einem Bein auf das andere. „Unser Klient möchte nicht, dass in seinen Kreisen bekannt wird, auf welche Schule er gegangen ist. Deshalb wollte er den Auftrag in eine andere Stadt geben. Er kennt Anwalt Herckenrath, der uns empfohlen hat." Dass Schlüter sie unbedingt hatte engagieren wollen, weil sie auf 'Bagatellfälle' spezialisiert waren, ließ sie weg.
„Was ist das für eine Schule?"
„Sie heißt Waldheim und liegt in Waldheim im Sauerland. Ein Internat für Schwererziehbare." Gilda stellte die Tasse ab und malte mit den Fingern Gänsefüßchen in die Luft.
„Verstehe. Für einen Politiker natürlich keine gute Empfehlung. Waldheim ..." Barbara tippte mit dem Zeigefinger nachdenklich auf die Unterlippe. „Das habe ich schon mal gehört. Allerdings in keinem schönen Zusammenhang. Kann es sein, dass die früher nicht gut mit den Schülern umgegangen sind?"
„Ja, das kann sein. Unser Klient hat erzählt, dass einige Ehemalige Ansprüche an den Fonds für Heimkinder stellen möchten. Irgendetwas könnte also vorgefallen sein." Laura nippte an ihrem Glühwein.
„Genau, jetzt weiß ich es: Bei dem Empfang nach meinem Konzert in Köln hat einer der Gäste über Waldheim gesprochen." Eine zarte Röte stahl sich in ihr Gesicht, sie schaute zu Boden.
„Weißt du, wer?" Laura sah Barbara neugierig an.
„Ich kenne ihn nicht. Ein hagerer Mann, ein bisschen älter als wir. Er sah irgendwie schlecht aus, als wäre er krank, und war mit einem Pfarrer da." Barbara schaute immer noch zu Boden, die Röte auf ihren Wangen hatte sich verstärkt.
„Schade. Was für eine Veranstaltung war das?"
„Eine Wohltätigkeitsgeschichte, aber vom Feinsten. Professor Martin von der Suchtklinik in Marienburg hat sie organisiert. Nach meinem Konzert gab es einen schicken Empfang mit einer Wahnsinns-Tombola. Du glaubst gar nicht, was für Preise da gestiftet worden sind. Eine Reise in die USA, ein Kleinwagen und ein Einkaufsgutschein von Dior. Die müssen unheimlich viel Geld eingenommen haben. Ich hätte gern ein Los gekauft, aber dann wäre meine Gage gleich wieder weg gewesen. Und die ganze Nacht wurde getanzt." Barbara sah weiter hartnäckig zu Boden.
„Wofür wurde gesammelt?", fragte Gilda mit glänzenden Augen.
„Es ging um ein Projekt, das Jugendliche beim Drogenausstieg unterstützt."
„Das könnte der Schulfreund von unserem Klienten gewesen sein, den du da getroffen hast." Laura schaute Gilda nachdenklich an. „Der arbeitet bei einer Drogenberatungsstelle. Wir müssen ihn noch befragen. Am Telefon wird das kaum möglich sein, also steht uns noch eine Reise bevor."
Gilda lachte. „Laura, Köln ist um die Ecke. Ich fahre da abends hin, wenn ich ausgehen möchte. Das ist keine Weltreise."
„Welche Reise habt ihr denn noch vor?", schaltete sich Barbara ein.
Laura seufzte. „Wir müssen ins Sauerland fahren, um Einblick in die Akten der ehemaligen Schüler zu nehmen. Das ist ein ganzes Stück zu fahren, man muss wenigstens einmal übernachten. Ich kann mir im Moment wirklich Besseres vorstellen."
„Das ist doch toll! Solche Örtchen können sehr malerisch sein. Vielleicht liegt dort sogar Schnee? Das ist total romantisch."
Barbaras Begeisterung steckte Laura nicht an. „Dann solltest du fahren."
„Weißt du was? Das mache ich. Ich begleite dich. Zusammen ist es viel lustiger und helfen kann ich dir auch, dann geht es schneller."
Lauras Gesicht hellte sich auf. „Würdest du tatsächlich mitkommen? Das wäre super. Aber ich möchte morgen starten. Kannst du dir so kurzfristig Zeit nehmen?"
Barbara nickte. „Klar, zwei, drei Tage sind kein Problem, das kriege ich hin. Es wird mir gut tun, mal rauszukommen und den Kopf freizukriegen."
„Wunderbar!" Laura freute sich. „Dann starten wir morgen in aller Frühe. Gilda, meldest du uns bei der Internatsleitung an? Und kannst du uns zwei Hotelzimmer buchen? Hoffentlich gibt es in dem Kaff überhaupt eine Übernachtungsmöglichkeit."
Gilda sammelte die mit Weihnachtssternen verzierten Steingut-Becher ein. „Ja, das erledige ich gleich als Erstes, wenn wir im Büro sind. Und dann fahre ich nach Köln und spreche mit dem Mann von der Drogenberatung, sonst ist die Agentur morgen verwaist. Wir können ja schlecht Justin an den Empfang setzten."
5
Gilda trat aus dem Kölner Hauptbahnhof auf den zugigen Vorplatz und zog fröstelnd ihren Schal enger um den Hals. Über ihr ragte der mächtige Dom in den bedeckten Himmel, auf dem Taxiplatz herrschte ein Chaos aus Menschen, Autos und Lärm. Sie tippte die Ziel-Adresse in ihr Handy ein, ließ sich die Route anzeigen und erklomm die Stufen zur Domplatte. Die Handtasche eng an den Körper gepresst musste sie sich fast gewaltsam durch den Strom von japanischen Touristen und einkaufsfreudigen Passanten schieben.
Auf dem Alter Markt wurde das Gedränge sogar noch größer und obwohl es erst Nachmittag war, grölten Betrunkene vor den Kneipen. Gilda zog den Kopf ein, drückte sich rücksichtslos durch die Menge und war erleichtert, als sie die Gasse gefunden hatte, die zur Kirche und zur DROBERA führte.
Erst auf den zweiten Blick entdeckte sie das baufällige Häuschen, das mehr einer Bretterbude glich, in dem die Beratungsstelle untergebracht war. Zu ihrer Überraschung waren Teile des Kirchenvorplatzes mit rot-weißem Plastikband abgesperrt. Auf den Kirchenstufen sah sie mit Kreide gezogene Umrisse eines schmalen, menschlichen Körpers. Ein Schauer lief ihr über den Rücken.
War hier ein Mord passiert?
Sie schüttelte sich und ging entschlossen zum Eingang. Noch bevor sie klopfen konnte, öffnete sich die Tür. Vor ihr stand eine Frau, etwa im gleichen Alter, mit langen, schwarzen Haaren und einem viel zu großen Wollpulli.
„Bist du einer von den Pressefutzies?"
Gilda schüttelte den Kopf. „Nein. Was ist denn vor der Kirche passiert?"
Die Schwarzhaarige ignorierte die Frage. „Was willst du? Schieb lieber ganz schnell wieder ab."
Gilda räusperte sich. „Ich möchte zu Michael Ehrling. Darf ich hereinkommen?"
Das Mädchen warf einen Blick hinter sich in den Raum und gab widerstrebend den Weg frei. Gilda trat ein und sah sich einem hageren, großen Mann mit hängenden Schultern gegenüber, der sie gleichmütig ansah.
„Sind Sie Herr Ehrling?"
„Ja. Worum geht es?" Seine Stimme klang müde, aber angenehm. Gilda ging einen Schritt auf ihn zu, blieb aber ruckartig stehen, als sie den stechenden Geruch von Alkohol wahrnahm. Er hatte getrunken.
„Komme ich ungelegen?"
Michael Ehrling zuckte die Achseln, dann wies er fahrig auf einen Stuhl. Gilda interpretierte das als Einladung, legte die Umhängetasche auf den Tisch und setzte sich.
„Mein Name ist Gilda Lambi von der Detektei Peters in Bonn. Ihr Freund Bernd Schlüter hat uns beauftragt, mit Ihnen zu sprechen. Er sagte, dass Sie ein Schultreffen organisieren möchten, dafür hat er uns um Unterstützung gebeten."
„Soso. Bernd schickt dich und hat gesagt, ich wolle ein Schultreffen organisieren. Na ja, er hatte schon immer seine eigene Sicht auf die Dinge. Wir können uns übrigens duzen." Michael setzte sich schwerfällig, zog eine alte Kaffeekanne zu sich und sah sie fragend an.
„Ja, gerne. Bei der Kälte ist das genau das Richtige." Gilda lächelte breit, um ihr Unbehagen zu verbergen. Der Raum war eiskalt, von den Wänden blätterte die Farbe ab, die Möbel waren abgestoßen und schäbig. Michael hatte einen Drink zu viel gehabt und das Mädchen sah aus wie eine Fixerin, die ihr gleich die Tasche entreißen würde, um den nächsten Schuss zu kaufen. „Was ist passiert? Ist jemand ermordet worden?" Vorsichtig trank sie von dem lauwarmen, bitteren Gebräu.
Michael schenkte sich ebenfalls eine Tasse ein und nickte. „Eine unserer Schutzbefohlenen ist an einer Überdosis gestorben. Sie wurde heute Morgen gefunden. Wir sind total erschüttert. Deshalb haben wir jetzt eigentlich geschlossen."
„Tut mir leid", murmelte Gilda.
Das schwarzhaarige Mädchen schnaubte verächtlich. „Tu nicht so scheißfreundlich. Mir machst du nichts vor! Dir ist das total wurscht! Ihr Luxus-Barbies verachtet uns."
„Cora ..." Kraftlos versuchte Michael, die Attacke des Mädchens zu stoppen.
„Ist doch wahr! Die beachten uns gar nicht. Schauen weg und interessieren sich nicht die Bohne dafür, wie dreckig es uns geht. Als wären sie etwas Besseres. Aber das seid ihr nicht. Hast du mich verstanden? Wir haben nicht immer auf der Straße gelebt. Wir sind nur in die Scheiße geraten. Das kann jedem passieren. Dir auch!"
Gilda hob beschwichtigend die Hände, es fiel ihr nichts ein, was sie hätte entgegnen können, ohne das Mädchen weiter zu reizen.
Michael schlug auf den Tisch. „Schluss jetzt, Cora. Hier geht es um ein anderes Thema. Entweder, du beruhigst dich und setzt dich zu uns, oder du verschwindest."
Gilda erwartete, dass das Mädchen wütend zur Tür hinausrauschen würde, aber überraschenderweise nickte sie und zog sich einen Stuhl heran.
„Tut mir leid, dass ich zu einem ungünstigen Zeitpunkt komme, das konnte ich nicht wissen", begann Gilda erneut.
„Wir konnten das alle nicht ahnen. Zoras Tod ist der totale Schock. Sie war auf einem guten Weg, seit Wochen clean. Keine Ahnung, wie es zu einem Rückfall kommen konnte. Sie war viel zu erfahren für eine Überdosis." Michael schüttelte den Kopf, angelte nach der Wodka-Flasche, die mitten auf dem Tisch stand, und goss einen großzügigen Schluck in den Becher.
Gilda scharrte unbehaglich mit den Füßen. Betrunkene machten ihr Angst. Sie hatte es am eigenen Leib erlebt, wie aufdringlich und gefährlich sie werden konnten. Als sie auf Ibiza in einem Strandklub gejobbt hatte, war sie nur knapp einer Vergewaltigung entgangen. Ein Betrunkener hatte sie nachts auf dem Heimweg in ein Gebüsch gezerrt. Nur dank eines beherzt eingreifenden Touristen war es nicht zum Äußersten gekommen. Sie versuchte, sich auf das Gespräch zu konzentrieren: „Könnte es Selbstmord gewesen sein?"
„Bullshit!" Cora fuhr hoch. „Sie hatte es doch geschafft: Keine Drogen, auf der Warteliste für 'ne eigene Bude und in ein paar Wochen wollte sie eine Ausbildung als Kosmetikerin anfangen. Sie war so happy! Das schmeißt man doch nicht einfach weg."
Gilda zuckte die Schultern. „Vielleicht hat sie Angst vor der Herausforderung bekommen? Der Schritt zurück in ein strukturiertes Leben, in dem man alle Erwartungen erfüllen muss, kann einschüchternd wirken."
„Sag mal, bist du 'ne Psycho-Tussi? Was redest du da für einen Scheiß?“ Cora stützte die Arme auf den Tisch und guckte Gilda an, als wollte sie sich gleich auf sie stürzen.
„Cora, ich sage es nicht noch einmal: Halt dich zurück oder geh!" Michael warf einen strengen Blick auf das wütende Mädchen, dann wandte er sich an Gilda: „Nein, ich glaube nicht, dass sie Panik bekommen hat. Sie war in einem Spezialprojekt zum Drogenausstieg, da wurde sie psychologisch und medikamentös gegen Angstzustände und Depressionen behandelt. Die merken sofort, wenn irgendetwas mit den Teilnehmern nicht stimmt, und steuern dagegen. Zora hatte keine Angst vor der Zukunft. Sie hat sich darauf gefreut."
„Genau." Cora hatte sich wieder beruhigt. „Prof Martin hätte ihr sofort etwas gegeben, wenn sie einen Depri-Trip gehabt hätte. Hatte sie aber nicht. Im Gegenteil, sie war total gut drauf, weil alles so geil lief. Sie war höchstens ein bisschen mitgenommen von der Therapie. Aber so ein Entzug ist auch kein Kinderspiel."
„Prof Martin?", hakte Gilda ein. Hatte Barbara nicht heute Mittag noch von einem Professor Martin erzählt, der sie für eine Wohltätigkeitsveranstaltung gebucht hatte?
Michael lächelte schwach. „Genau der. Man bringt ihn eigentlich mit solchen Sozialprojekten nicht in Verbindung."
Gilda trank einen Schluck von ihrem Kaffee und schälte sich aus der Daunenjacke. Langsam wurde es ihr doch warm. Cora beugte sich vor, schnappte sich Michaels Feuerzeug und entzündete eine halb abgebrannte Kerze, die in einem Nest aus skelettierten Tannenzweigen steckte. Ihre anfänglichen Vorbehalte gegen Gilda schien sie abgelegt zu haben, jetzt wollte sie eine gemütliche Atmosphäre schaffen. Allerdings wirkte das Gesteck so trostlos und vernachlässigt wie die ganze Einrichtung.
„Also schließt ihr Selbstmord aus?" Das Thema ging Gilda nichts an, aber sie war neugierig.
„Ja, auf jeden Fall." Michael nickte entschieden mit dem Kopf. „Sie hätte sich nicht auf den Kirchenstufen direkt vor unserer Haustür umgebracht. Das hätte sie uns nicht angetan."
Cora nickte zustimmend, stellte ihre Füße auf den benachbarten Stuhl und schlang die mageren Arme um ihre dünnen Beine.
Draußen war es stockdunkel geworden, das spärliche Licht der Deckenlampe drang kaum bis in die Ecken. Gilda sah beunruhigt auf ihre Uhr. Zu lange wollte sie sich nicht aufhalten.
„Könnt ihr für uns herausfinden, was mit Zora passiert ist?" Cora sah Gilda durch den Schleier ihrer langen Haare erwartungsvoll an.
„Nein, tut mir leid. Wir übernehmen keine Mordfälle. Und auch nichts mit Gewalttaten. Firmenpolicy."
„Firmenpolicy", äffte sie das Mädchen nach.
„Wieso glaubst du, dass es Mord war? Vielleicht ist nur irgendetwas schief gelaufen." Michael schien noch blasser geworden zu sein, sofern das in dem düsteren Raum überhaupt zu erkennen war.
Gilda beugte sich vor: „Na, entschuldigt bitte, eure Zora hatte keinen Grund, sich umzubringen, war zu erfahren, um eine Überdosis zu nehmen, und hätte nicht vor eurer Tür gespritzt. Was bleibt da noch übrig?"
Michael malte mit den Fingern nervös ein paar Buchstaben nach, die jemand in die gemaserte Holzplatte des Tisches geritzt hatte. „Weißt du, es gibt noch etwas anderes. Unsere Akten sind durchwühlt worden, es fehlen Formulare. Könntet ihr darüber mehr herausfinden?"
„Was meinst du damit?" Cora blickte Michael genauso erstaunt an wie Gilda.
„Jemand hat unsere Ordner durchgeblättert. Es ist bereits vier- oder fünfmal vorgekommen. Genau weiß ich es nicht, weil ich es nicht unbedingt immer bemerkt habe. Und manchmal fehlte ein Blatt."
„Was für Unterlagen?", fragte Gilda.
„Anträge für das Projekt von Prof Martin. Ab und zu fehlte ein Stammblatt mit den persönlichen Angaben einer Teilnehmerin."
„Teilnehmerin? Gibt es keine Männer?"
„Doch, aber von denen fehlt nichts."
„Komm, das war garantiert einer der DROBIES. Manche wollen nicht clean werden und durchsuchen alles, um an Kohle zu kommen." Cora winkte verächtlich ab.
„Wer sind die DROBIES?" Gilda schaute von einem zum anderen.
„Unsere Kunden, wenn du so willst. Die Menschen, die von den Drogen loskommen möchten und bei uns Unterstützung suchen. Das hier ist die DROBERA und die Leute, die wir betreuen, nennen wir DROBIES. Hat sich so eingebürgert."
„Ok", nickte Gilda. „Könnte es einer der DROBIES gewesen sein?"
„Klar", rief Cora, doch Michael schüttelte gleichzeitig den Kopf.
„Nein. Was sollen die mit den Unterlagen? Wenn die etwas mitgehen lassen, dann Bares, Ziggies oder Alk. Manchmal einen Schokoriegel. Alles andere interessiert die nicht. Hier gibt es nichts Wertvolles."
Gilda schaute sich um und musste ihm unwillkürlich recht geben. Die Möbel und das vermackte Steingut-Geschirr, das auf dem Tisch stand, waren höchstens etwas für den Sperrmüll. Den wertvollsten Gegenstand, eine uralte Kaffeemaschine, die auf der Spüle stand, hätte auch keiner freiwillig mitgenommen. „Warum ist dir das Thema so wichtig, dass du uns damit beauftragen willst? Es sind nur Papiere. So wertvoll können die nicht sein.“
„Ja, es sind nur Papiere. Aber sie gehören zu einem Projekt, über das keine Einzelheiten nach außen dringen sollen. Die Therapie ist neu entwickelt worden und befindet sich in der Erprobungsphase. Es wäre fatal, wenn die Konkurrenz jetzt davon Wind bekäme. Es könnte sein, dass jemand die Teilnehmer ausfragen möchte und deshalb die Unterlagen stiehlt. Wenn Prof Martin das erfährt, verlieren wir womöglich die Kooperation. Für uns wäre das eine Katastrophe. Dann können wir den Laden über kurz oder lang dichtmachen."
Gilda nickte. „Verstanden. Tut mir leid, wenn ich das frage, aber könnt ihr uns bezahlen? Ehrenamtlich arbeiten wir nämlich nicht."
Michael lachte hart auf. „Soll Bernd den Auftrag gleich mitübernehmen. Der hat schließlich genug Schotter." Als er Gildas unbewegte Miene sah, lenkte er ein. „Mach dir keine Sorgen. Es gibt ein Budget, das der Pfarrer unter seiner Fuchtel hat. Er wird Geld lockermachen. Hauptsache, wir geben nichts aus für die Renovierung der DROBERA oder für Neuanschaffungen. Seiner Ansicht nach wissen die DROBIES das nicht zu schätzen und machen alles nur kaputt."
Gilda wühlte in ihrer Handtasche und legte ein Formular und einen Kuli vor ihn auf den Tisch. „Das ist das Vertragsformular. Du kannst es gerne direkt unterschreiben, allerdings starten wir mit der Arbeit erst, wenn du den Vorschuss bezahlt hast. Ok?"
Michael nickte, überflog halbherzig den Text und unterschrieb. „Ich spreche noch heute mit dem Pfarrer, er kann morgen das Geld überweisen."
„Gut. Da ich dir glaube, dass du uns bezahlen wirst, kannst du mir gleich eine Liste der verschwundenen Unterlagen machen. Die nehme ich direkt mit."
Aber Michael schüttelte den Kopf. „Sorry, da muss ich mir erst ein paar Gedanken machen. Auswendig kenne ich die Namen nicht."
„Ok, schick sie mir per E-Mail. Hier ist meine Karte. Nun zu dem Thema, dessentwegen ich hier bin. Bernd Schlüter sagte, dass es deine Idee war, ein Schultreffen zu organisieren?"
„Tja, also ich finde auch, dass wir das machen sollten. Es ist alles so lange her. Es interessiert mich, was aus den anderen geworden ist."
„Hast du noch Kontakt zu jemandem? Kannst du mir Namen nennen?" Gilda hatte jetzt einen Block vor sich liegen und wartete mit gezücktem Bleistift.
Michael wand sich. „Bernd natürlich", begann er langsam aufzuzählen, „und Tommy. Mit den beiden habe ich das Zimmer geteilt. Tommy hat ständig gefurzt, er vertrug das Essen nicht."
Cora kicherte schrill, doch Michael nickte ernst.
„Wir haben fast täglich eine widerliche Pampe bekommen, Graupeneintopf mit Mehl. Da konnte es einem schlecht von werden. Onkel Heini hielt uns immer vor, dass er von dem bisschen Geld, das er für uns bekam, uns eigentlich nur verhungern lassen könnte. Wir sollten froh sein, dass es wenigstens das gab."
„Wer ist Onkel Heini?", fragte Cora dazwischen.
„Dem gehörte die Schule. Heinrich Krabost, wir mussten ihn Onkel Heini nennen. Dann würden wir uns wie zu Hause fühlen, hat er gesagt, schließlich wären wir eine große Familie. Aber zu Hause hat man sich da nicht gefühlt. Eher wie in der Hölle. Obwohl, für die meisten von uns machte das keinen Unterschied. War vielleicht doch wie zu Hause." Michael starrte in die Dunkelheit.
„Gibt es weitere Namen, an die du dich erinnerst?", fragte Gilda sanft. Sie wollte nicht gefühllos erscheinen, aber sie musste langsam aufbrechen.
„Es gab noch zwei auf unserer Bude. Wie hießen die? Ede irgendwas. Und Klößchen. Der war ziemlich dick. Dann waren da noch die drei Kapos. Scharfe Hunde, Friedrich, Axel und Werner. Onkel Heini nannte sie seine Augen und Ohren. Damit meinte er, dass sie alles sahen und hörten, was wir machten. Das haben sie ihm brühwarm erzählt. Manchmal bekamen sie den Auftrag, demjenigen, der etwas falsch gemacht hatte, eine gehörige Abreibung zu verpassen. Immer dann, wenn Onkel Heini zu besoffen war, um es selbst zu machen."
Gilda schluckte. Das hörte sich nach einem Horror-Internat an. Im Internet hatte die Schule einen anderen Eindruck erweckt. Aber die Zeiten waren auch besser geworden.
„Warum willst du das Schultreffen auf die Beine stellen? Angenehme Erinnerungen können es nicht sein."
Michael nickte bedächtig. „Stimmt. Es war nicht schön. Überhaupt nicht. Aber es gab ein paar nette Jungs unter den Kameraden, die ich gerne wiedersehen möchte. Und bei einem hätte ich noch etwas gut zu machen.
Aber der wird wohl nicht kommen."
Tag 2
6
Laura stand noch keine zwei Minuten vor der Haustür, als ein schicker Jaguar hupend an der Bordsteinkante hielt. Strahlend sprang Barbara aus dem Auto und machte eine einladende Geste. Laura musterte lächelnd ihr Outfit: Zur schwarzen Daunenjacke trug sie schwarze Hosen mit knallroten Lackstiefeln, eine rote Zipfelmütze saß keck auf ihren blonden Locken. Im Sauerland würde sie auffallen.
„Guten Morgen! Kann es losgehen?"
„Guten Morgen, Barbara. Ich dachte, du wärst ein Morgenmuffel? Davon ist nichts zu merken. Wie kann man am frühen Morgen schon so gut gelaunt sein?" Laura packte ihre Reisetasche in den Kofferraum und setzte sich auf den Beifahrersitz. „Hat dir Heinolf seinen Luxusschlitten freiwillig gegeben oder bist du damit getürmt?"
„Er ist auf Forschungsreise in den USA. Ich dachte, wir fahren hiermit viel bequemer als mit dem Z3."
Barbaras Mann war Universitätsprofessor und häufig unterwegs. Laura mochte ihn nicht besonders. Es fiel ihr schwer, mit ihm ein Thema zu finden, über das sie sich nicht sofort in die Haare kriegten. Barbara hatte ihr erklärt, dass er sich durch sie verunsichert fühlte, aber sie glaubte das nicht. Er konnte sie wahrscheinlich einfach nicht leiden. Aber das beruhte auf Gegenseitigkeit. „Das stimmt. Der Jaguar ist komfortabler als deine Blechbüchse." Laura kuschelte sich wohlig in den beheizten Ledersitz und genoss die Wärme. Sie hatte nur kurz gewartet, doch die Kälte war ihr bereits in die Knochen gekrochen.
„Hast du schon gefrühstückt?", fragte Barbara munter.
„Klar, für mich ist neun Uhr nicht besonders früh. Ich bin keine Künstlerin, die den ganzen Morgen verschlafen kann."
„Also wirklich!" Barbara knuffte Laura spielerisch. „Ich schlafe nicht jeden Tag aus, nur nach Konzerten, wenn es spät geworden ist. Möchtest du Kaffee? Das da ist deiner." Sie zeigte auf einen Thermobecher, der in einer Halterung vor Lauras Sitz klemmte.
„Toll." Laura probierte vorsichtig. „Lecker. Perfekt temperiert."
„Ich habe Croissants gekauft, falls du Lust auf ein zweites Frühstück hast."
„Vielen Dank, im Moment nicht. Ich habe üppig gefrühstückt."
„Ok, aber ich nehme eins. Kommst du an die Tüte auf dem Rücksitz dran?"
Laura angelte mit langem Arm nach den Leckereien und hielt sie Barbara vor die Nase. Die nahm ein Marzipan-Croissant und schaltete das Radio ein. Die Klänge eines romantischen Liedes erfüllten den Innenraum, draußen sausten mit Raureif bedeckte Felder an ihnen vorbei. „... My love will never end ...", sang Laura leise mit, was ihr einen prüfenden Blick ihrer Freundin eintrug.
„Denkst du manchmal noch an Hendrik?"
Hendrik war das große Liebes-Desaster in Lauras Leben gewesen. Sie hatten eine heiße Affäre gehabt. Doch als sie von ihm schwanger geworden war, hatte er sich auf seine Familie und seine Verpflichtungen besonnen und sie zu einer Abtreibung gedrängt. Vor allem Letzteres würde sie ihm nie verzeihen, auch wenn es letztlich ihre eigene Schuld war, schließlich hatte sie sich von ihm überreden lassen. Aber damals war sie nicht klar im Kopf gewesen. Um über ihn hinwegzukommen, hatte sie nach einer langen Phase der Verzweiflung ihr Leben komplett umgekrempelt und sich als Detektivin selbstständig gemacht. Ein Schritt, den sie bis heute nicht bereut hatte.
„Ich denke selten an ihn. Ehrlich gesagt weiß ich gar nicht mehr, was ich an ihm gefunden habe. Es müssen die Umstände gewesen sein."
„Die Umstände?"
„Ja. Er war so erfolgreich, so selbstsicher, so strahlend, alle bewunderten ihn. Das gab ihm so eine Art Aura. Ich war geschmeichelt, dass sich so ein toller und gut aussehender Mann für mich interessierte. Und ich habe mich allein gefühlt. Aber jetzt sehe ich ihn, wie er ist: ein mieser, kleiner Angeber, ein egozentrischer Langweiler und ein Arschloch."
Barbara lachte beifällig: „Genau, gut so!"
„Ich erinnere mich nicht gerne daran, wie dumm ich mich verhalten habe. Am liebsten würde ich die Geschichte aus meinem Gedächtnis löschen. Und aus dem aller anderen Leute. Letztens habe ich eine gemeinsame Bekannte getroffen, die hat mich so merkwürdig angesehen und hämisch gelächelt. Aber vielleicht bilde ich mir das ein, weil mir die Erinnerung unangenehm ist." Laura schaute auf ihren Thermobecher.
„Mach dir nichts draus! Jeder macht Fehler. Vor allem aus Liebe. Man sollte die Fehler nur nicht wiederholen. Warte ab, irgendwann kommt der Richtige."
„Ja, klar!" Laura versuchte, munter zu klingen, doch es wollte ihr nicht recht gelingen.
„Apropos: Hast du was von Marek gehört?"
„Wieso apropos? Möchtest du irgendetwas andeuten?“
Barbara lachte. „Nein, keine Sorge. Ok, ich habe mal gedacht, dass aus euch etwas werden könnte. Ihr seid beide attraktiv, vor allem seit deine Haare wieder etwas länger geworden sind, und ihr habt nicht schlecht zusammengepasst. Aber ich habe verstanden, dass ihr nur Freunde sein wollt."
„Wenn überhaupt", sagte Laura düster. „Ich habe nichts mehr von ihm gehört, seit er fort ist. Als Freund hätte er sich ruhig mal melden können. Und als Mitarbeiter der Agentur erst recht."
Barbara nickte. „Finde ich auch. Schade, dass er verschwunden ist. Er hatte so etwas Abenteuerliches und Verwegenes. Eine Mischung aus James Bond und Iron Man ohne Rüstung."
Laura musste lachen. „Du bist eine hoffnungslose Romantikerin. Aber ich weiß, was du meinst. Er fehlt mir in der Detektei. Mit ihm hatte ich das Gefühl, dass wir alles hinkriegen können. Zum Glück haben wir seit unserem großen Fall mit den Mädchenmorden nur noch Trivial-Aufträge, sonst wären wir ganz schön in Schwierigkeiten. Aber für ihn ist es besser, dass er nicht mehr da ist. Er würde sich zu Tode langweilen, wenn er hinter untreuen Ehemännern herjagen müsste."
„Oder stell ihn dir vor, wie er die Ehemaligen-Liste für das Schultreffen zusammenstellt."
Die beiden Freundinnen lachten.
Lauras Telefon klingelte. Barbara stellte das Radio ab und Laura drückte auf das Lautsprechersymbol.
„Guten Morgen, ihr zwei! Seid ihr schon unterwegs?" Gildas heisere, fröhliche Stimme erfüllte das Wageninnere.
„Guten Morgen, Gilda. Ja, wir sind bereits eine Weile unterwegs. Alles ok in der Agentur?"
„Alles bestens. Ich wollte dir von meinem Besuch bei Michael Ehrling erzählen. Passt es euch?"
„Ja, schieß los!"
„Ich habe ihn in der Drogenberatungsstelle getroffen. Es war eine Frau dabei, Cora, die sich dort betreuen lässt. Oder was auch immer die da machen. Ein giftiges Mädchen, sie hat aber irgendwann ihre Stacheln eingezogen. Dafür ist Michael ein netter Typ: freundlich, ruhig und ohne Sendungsbewusstsein oder Helfersyndrom, wie man das ansonsten häufig in solchen Einrichtungen antrifft. Doch von den Drogen weg ist er nicht. Er hatte schon Alkohol getrunken, als ich gestern Nachmittag dort ankam." Sie machte eine kurze Pause, aber weder Laura noch Barbara sagten etwas. „Vor der DROBERA wurde gestern eine Leiche gefunden. Ein Mädchen, das zu den Klienten der Beratungsstelle gehörte, oder wie man die bezeichnet. Sie starb an einer Überdosis und hatte die Spritze noch im Arm. Michael und Cora sind davon überzeugt, dass es weder Selbstmord noch ein Unfall gewesen sein kann."
„Also Mord?", riefen Barbara und Laura wie aus einem Munde.
„Ja, was sonst? Jedenfalls möchte Michael, dass wir einen Auftrag für ihn übernehmen."
„Wir übernehmen keine Mordfälle", unterbrach Laura automatisch.
„Genau", rief Barbara. „Auf jeden Fall nicht ohne Marek!"
„Weiß ich doch", wehrte Gilda ab. „Das habe ich ihm auch gesagt. Er möchte, dass wir etwas anderes untersuchen. Seit einiger Zeit verschwinden Unterlagen in der DROBERA. Es handelte sich um Informationen über Leute, die an einem Reha-Projekt teilnehmen, das übrigens von Professor Martin geleitet wird. Den kennst du doch, Barbara. Michael hält es für unwahrscheinlich, dass es eines seiner Schäfchen war. Die klauen angeblich nur Geld, Alkohol und Ziggies. Na ja, wenn es weiter nichts ist. Jedenfalls hat er das Auftragsformular unterschrieben und die Anzahlung überwiesen."
„Gut. Guck mal, wie weit du kommst. Wir sind morgen Nachmittag oder spätestens übermorgen wieder da, dann sehe ich mir das an. Hast du etwas zu unserem aktuellen Fall erfahren? Konnte Michael Ehrling sich an Schüler erinnern, die zu dem Treffen eingeladen werden sollen?"
„Ja, ein paar Namen hat er mir gestern genannt, heute will er mir eine Liste schicken. Bisher ist aber nichts angekommen. Wenn ich sie habe, schicke ich sie dir auf dein Handy."
Gilda wünschte ihnen eine gute Fahrt und Barbara legte eine CD ein. Zu den wildromantischen Klängen einer Metal-Rock-Ballade rasten sie über die Autobahn, vorbei an schneebedeckten Feldern und bei strahlendem Sonnenschein.
„Merkwürdige Sache mit dem Todesfall", murmelte Laura nach einer Weile.
„Das habe ich auch gerade gedacht."
„Kein Selbstmord und kein Unfall, also kann es sich nur um Mord handeln. Aber wer bringt eine junge Frau um, die nichts hat und keinem etwas tut?"
Barbara zuckte die Schultern: „Wir wissen doch nichts über die Tote. Es könnte ein Raubmord gewesen sein und man hat ihr den unfassbar wertvollen Diamantring ihrer Mutter gestohlen, den sie versetzen wollte. Oder sie hat jemanden erpresst? Einen verheirateten Liebhaber? Nur weil sie tot ist, muss sie nicht brav gewesen sein. Als Drogenabhängige schon gar nicht."
Laura lachte. „Schon klar. Wir wissen nichts und können nur raten. Selbst das sollten wir lassen, hinterher befinden wir uns mitten in der Mordermittlung. Was mir auffällt, ist, dass der Name von Professor Martin seit gestern schon zum zweiten Mal auftaucht. Erzähl, wie ist er so?"
„Ich kenne ihn nicht gut. Wir laufen uns manchmal bei gesellschaftlichen Anlässen über den Weg. Auf dem Ball von der Uni oder bei einem Vortrag. Und natürlich auf der Wohltätigkeitsveranstaltung, von der ich dir erzählt habe. Er ist furchtbar nett und sehr attraktiv. Ich habe eine Rede von ihm gehört, die hat mich wirklich beeindruckt. Er ist nicht nur klug und reich, sondern auch wohltätig. Tja, was noch? Er ist überhaupt nicht eingebildet, das ist ungewöhnlich. In seinen Kreisen tragen viele Leute die Nase ziemlich hoch, aber er nicht. Und hatte ich schon erwähnt, dass er wahnsinnig attraktiv ist?"
Laura lachte: „Ich glaube, nein. Erzähl es mir doch noch mal: Ist Professor Martin attraktiv?"
„Ja, hatte ich das nicht gesagt? Er ist unglaublich gut aussehend. Groß, schlank, schwarze Haare mit ein paar grauen Strähnen. Faszinierende, dunkle Augen."
„Barbara, wenn Heinolf wüsste, wie du von Professor Martin schwärmst, wäre er garantiert eifersüchtig. Man könnte glauben, du bist in ihn verliebt?"
Barbara lächelte, ihre Wangen röteten sich verdächtig. „Nein, ich glaube nicht", murmelte sie.
Laura schnalzte mit der Zunge und schüttelte den Kopf. „Was soll das heißen? Irgendetwas ist doch mit dir. Gestern warst du schon so merkwürdig. Jetzt hören wir zum fünften Mal hintereinander dieses schmalzige Lied, rück raus mit der Sprache. Habt ihr eine Affäre?"
„Nein. Professor Martin ist verheiratet. Und wenn ich verheiratet sage, meine ich verheiratet. In Großbuchstaben."
„Das bist du auch. Willst du sagen, er ist glücklich liiert und nicht an Seitensprüngen interessiert?"
„Das weiß ich nicht. Falls doch, muss er jedenfalls sehr diskret sein. Seine Frau ist ein Drache, sie lässt ihn keine Sekunde aus den Augen und geht sofort dazwischen, wenn er sich mit einer anderen Frau unterhält."
Laura schmunzelte. „Wenn Professor Martin so ein Sahneschnittchen ist, ist es kein Wunder, dass seine Frau gestresst ist. Wahrscheinlich hat er viele Verehrerinnen und sie hat alle Hände voll zu tun, sie von ihm fernzuhalten. Denk nur an die Krankenschwestern. Die Frau kann einem leidtun."
„Das muss sie nicht", sagte Barbara knapp. „Sie ist ziemlich arrogant. Eine Französin, exquisite Figur, übernervös, kapriziös. Was sie gut kann, ist, einen von oben herab zu behandeln und spitze Bemerkungen zu machen."
„Ich merke, sie ist dir richtig sympathisch. Warum bleibt er bei ihr? Vor allem, wo er so viel Auswahl hat?"
Barbara zuckte die Schultern. „Ist mir ein Rätsel. Aber es kommt ja oft vor, dass Männer ein Faible für strapaziöse Frauen haben."
„Aber du bist in ihn verliebt. Das merke ich doch.“
Barbara schüttelte heftig den Kopf. „Nein. Nicht in ihn.“
„Wer ist es dann?“ Laura ließ nicht locker.
„Ich weiß es nicht.“
„Raus mit der Sprache. Wir sind Freunde, mir kannst du es erzählen.“
Barbara setzte den Blinker und überholte überaus konzentriert einen langsam fahrenden Ford, dessen Fahrer mit dem Versenden von Textnachrichten beschäftigt zu sein schien. Unverwandt sah sie auf die Straße und ignorierte Lauras inquisitorischen Blick. Doch als Laura sich räusperte, musste sie lachen.
„Ok. Mir ist etwas Merkwürdiges auf der Veranstaltung in Köln passiert. Es war ein schöner Abend, ich hatte nach meinem Auftritt einen Sekt getrunken, habe getanzt, mich mit Freunden unterhalten und viele Komplimente erhalten. Kurz gesagt, ich war richtig gut drauf. Irgendwann merkte ich, dass da jemand war, der mich beobachtete, der meinen Arm im Gedränge streifte, leicht seine Hand auf meinen Rücken legte. Doch immer, wenn ich mich umsah, konnte ich niemanden ausmachen, der es gewesen sein könnte. Da war keiner, der mich ansah und meinen Blick suchte. Es war nicht unangenehm. Im Gegenteil. Es war prickelnd. Jemand flirtete mit mir auf eine ungewöhnliche Art. Es war aufregend. Ich stand wie unter Strom. Um einen klaren Kopf zu bekommen, bin ich auf die Terrasse gegangen."
Barbara schien mit sich zu kämpfen, ob sie weitererzählen sollte. „Als ich da draußen im Dunkeln stand, öffnete sich die Tür und ich hörte Schritte. Ich hatte keine Lust auf Smalltalk und Höflichkeiten. Ich wollte die Nacht im Schlosspark mit dem wunderbaren Sternenhimmel genießen. Die Terrasse war groß, Platz genug für uns beide. Doch er steuerte auf mich zu und blieb direkt hinter mir stehen. Er berührte mich nicht, aber ich fühlte ... seine Präsenz. ... wie ein elektrisches Feld. Ich wusste plötzlich, dass er es war. Der Mann, den ich schon den ganzen Abend gespürt hatte." Barbara machte eine Pause. Ihre Gesichtsfarbe war in ein dunkles Rot übergegangen. „Ich habe mich nicht umgedreht und nichts gesagt. Und er auch nicht. Wir standen nur da. Etwas strich über meinen Nacken, vielleicht eine meiner Haarsträhnen, vielleicht sein Atem? Kennst du das, wenn du mit jeder Faser deines Körpers nur auf einen Punkt fokussiert bist?“
Barbara erwartete keine Antwort, ihre Aufmerksamkeit galt ausschließlich dem Abenteuer an jenem Abend.
Laura schüttelte trotzdem den Kopf.
„Mein gesamtes Fühlen war nur auf ihn gerichtet. Er war groß. Sehr groß. Und muskulös. Dann spürte ich seine Lippen auf meinem Hals." Barbaras Stimme wurde heiser, sie räusperte sich. „Ich konnte mich nicht rühren. Er bewegte sich auch nicht." Sie krampfte die Hände um das Steuer und warf einen Blick auf Laura, die ihr mit großen Augen zuhörte. „Plötzlich legte er einen Arm um mich und zog mich an sich. Ich konnte ihn spüren. Du weißt schon ..."
Die beiden Frauen schwiegen, Barbara gefangen in der Erinnerung, Laura in verblüffter Fassungslosigkeit.
Mittlerweile hatten sie die Autobahn hinter sich gelassen und die Landschaft hatte sich in ein ländliches Wintermärchen verwandelt. Die Felder lagen, so weit das Auge reichte, unter einer strahlend weißen Schneedecke.
Laura nahm einen Schluck aus dem Thermobecher und räusperte sich. „Weißt du, wer der Mann ist? Ist es Professor Martin?"
Barbara schüttelte den Kopf. „Nein. Der ist kleiner, schätzungsweise eins fünfundachtzig, und schlanker. Dieser Mann war bestimmt zwei Meter groß. Wobei das geraten ist, denn ich habe ihn nur gespürt, nicht gesehen."
„Und jetzt?"
Barbara zuckte die Achseln und sah mit zusammengepressten Lippen auf die Straße.
„Ich finde die Geschichte sehr ...", Laura suchte nach dem passenden Wort, „... romantisch. Leidenschaftlich. Aber auch ungewöhnlich. Hast du dich mal gefragt, warum er sich so geheimnisvoll gibt?"
Keine Antwort.
Laura schaute sie prüfend an. „Es hat dich erwischt. Du bist verliebt."
Barbara lächelte leicht. „Ich habe so etwas noch nie erlebt. Wenn ich das Gefühl mit etwas vergleichen soll, fällt mir ein Film ein, den ich mal gesehen habe. Ein paar Jugendliche gehen nachts auf einen verlassenen Rummelplatz. Sie brechen in eine Halle voller Spielautomaten ein. Es ist dunkel und schmutzig, überall Spinnweben, Strom gibt es nicht, die Stecker der Kabel liegen auf dem Boden neben den Maschinen im Staub. Plötzlich gehen alle Lichter an. Es wird taghell, die Automaten fangen an zu blinken, zu dudeln und zu rattern. Die ganze Halle erwacht zum Leben. So war das auch mit mir."
„Du bist doch keine verlassene Spielhalle voller Staub und Spinnweben."
„Nein, aber ich hatte das Gefühl vergessen. Dieses Prickeln, das Frisch-Verliebt-Sein. Es war irgendwo tief in mir vergraben. Aber seit ich wieder weiß, wie es sich anfühlt, kann ich an nichts anderes mehr denken."
Laura sah aus dem Fenster und trommelte mit den Fingerspitzen auf dem Kaffeebecher. „Warum hat er sich nicht gezeigt? Findet er das romantisch? Oder ist er ein Perverser und belästigt ständig irgendwelche Frauen? Vielleicht ist er auch hässlich? Es besteht die reelle Chance, dass du ihn siehst und total unattraktiv findest. Sonst hätte er es nicht nötig, sich von hinten anzuschleichen."
Barbara schüttelte entschieden den Kopf. „Er ist nicht hässlich."
Laura sah von ihrem Becher auf, den sie abwesend in ihrer Hand drehte, und unterdrückte ein Lachen. „Ich wusste es, du kennst ihn."
„Ich bin nicht sicher, ich glaube, ich kenne ihn. Seit ungefähr sechs Wochen gibt es einen Mann, der zu allen meinen Konzerten kommt. Er schickt mir Rosen in die Garderobe, belgische Pralinen oder eine Flasche Champagner. Anfangs habe ich mir nichts dabei gedacht, war geschmeichelt, doch dann ertappte ich mich, dass ich nach den Auftritten nach meinen Blumen suchte. Und fast immer standen sie da. Er ist bei meinen Konzerten, sitzt im Publikum und hört mir zu."
„Du hast ihn gesehen?"
„Nein. Ich weiß nicht, wer er ist. Natürlich habe ich versucht, ihn im Publikum zu entdecken. Bei jedem Mann, der mich ansieht, frage ich mich, ob er das ist. Ich versuche mich zu erinnern, wen ich schon öfter gesehen habe. Manchmal habe ich nur eine kleine Zuhörerschar, aber auch in den Fällen konnte ich ihn nicht ausmachen. Vor drei Wochen begann er, mir E-Mails zu schreiben. Meine Mail-Adresse ist auf meiner Homepage, falls mich Konzertveranstalter kontaktieren möchten. Die kann jeder sehen. Erst war es nur eine Nachricht am Tag, dann wurden es mehr. Wir wünschten uns Guten Morgen und Gute Nacht, schrieben kurze Nachrichten zwischendurch und seit Kurzem haben wir angefangen, uns über Whatsapp zu texten. Er schreibt Dinge, die mich ...", Barbara suchte nach dem richtigen Wort, „verzaubern. Ich weiß, das klingt blöd."
„Unsinn. Es ist schön, dass das Leben nicht nur aus Routine und Gewohnheit besteht, sondern auch Überraschungen bereithält.“ Laura versuchte, ihre Stimme fest und überzeugend klingen zu lassen. „Wenn du seine Mail-Adresse und seine Telefonnummer hast, weißt du doch, wer er ist."
„Nein, der Account-Name ist Vukodlak. Ich habe das natürlich gegoogelt, es ist die kroatische Bezeichnung für Werwolf, dadurch bin ich auch nicht schlauer. Und in unseren Nachrichten haben wir andere Namen füreinander."
„Vukodlak? Warum hast du ihn nicht nach seinem richtigen Namen gefragt?"
„Es hat nie gepasst. Es gab so viel anderes zu sagen. Vielleicht wollte ich auch nicht wissen, wer er ist. Es ist so herrlich geheimnisvoll."
Laura schüttelte den Kopf. „Barbara, kennst du das Gefühl, wenn man sich verliebt und es im Bauch kribbelt? Das ist das Zeichen, dass der gesunde Menschenverstand den Körper verlässt. Den Spruch habe ich mal gelesen und jetzt merke ich, dass er stimmt. Wenn sich einer schon selbst Werwolf nennt, dann hat das nichts Gutes zu bedeuten. Zum Glück bist du mit einer Detektivin befreundet. Ich werde herauskriegen, wer er ist. Und wenn es ein Perverser ist ..."
Barbara lachte auf. „Laura, ich bin erwachsen. Du musst nicht auf mich aufpassen."
„Ich möchte sichergehen, dass er nicht gefährlich ist."
„Gut, wenn du es nicht lassen kannst. Aber sag Gilda nichts davon. Und wenn du etwas herausfindest, lass mich bitte vorher entscheiden, ob ich es wissen möchte."
Die Landstraße nahm eine Kurve, sie passierten das Ortsschild von Waldheim. Zuerst säumten schmucklose Häuser und wuchtige Scheunen die Straße. Doch je näher sie dem Zentrum kamen, umso häufiger mischten sich urige Fachwerkhäuschen unter das Bild. Auf dem Dorfplatz funkelten festlich geschmückte Buden und Marktstände in der Vormittagssonne. Rund um den Platz standen sorgfältig renovierte Häuser und einen Block weiter ragte ein mächtiger Kirchturm in den Himmel.
„Ist das schnuckelig", rief Barbara begeistert.
„Ja, ganz nett. Da ist unser Hotel." Laura zeigte auf ein großes, graues Haus mit Fachwerkanbau.
Barbara fuhr langsam die schmale Straße entlang und parkte den Jaguar mit viel Kurbelei in einer engen Parklücke. Die beiden Frauen stiegen aus, holten ihre Reisetaschen aus dem Kofferraum und betraten das Hotel.
So schön es von außen aussah, im Inneren empfing sie funktionale Nüchternheit und abgenutzter 80er-Jahre-Stil. In der Luft lag der Geruch nach erkalteter Tütensuppe und scharfen Putzmitteln. Barbara trat an den Empfang und betätigte mehrmals die Glocke, die auf dem Tresen stand. Aus dem oberen Stockwerk hallten klappernde Schritte und eine Frau mit praktischem Herrenhaarschnitt und schwarzem Kostüm kam herunter. Sie wischte die rotgearbeiteten Hände an einem Tuch ab und schenkte den Freundinnen ein sparsames Lächeln.
„Guten Tag. Wir hatten reserviert auf den Namen Peters. Zwei Einzelzimmer." Laura kramte in ihrer Handtasche nach der Buchungsbestätigung.
„Herzlich willkommen. Ich bin Elisabeth Kaiser. Wir haben Sie erwartet. Frau Peters und Frau Hellmann. Sie bleiben nur eine Nacht?"
„Höchstwahrscheinlich. Genau wissen wir das noch nicht. Können wir gegebenenfalls verlängern?"
Frau Kaiser presste die schmalen Lippen aufeinander, dann nickte sie. „Aber Sie müssen rechtzeitig Bescheid geben. Am besten noch heute. Im Moment gibt es viele Touristen, die zum Skifahren kommen. Und unser Handwerker-Markt ist eine bekannte Touristenattraktion."
„Tatsächlich? Das hätte ich nicht gedacht."
Frau Kaiser, die den beiden die Zimmerschlüssel reichen wollte, hielt inne und sah Barbara misstrauisch an, um zu prüfen, ob ihr Erstaunen echt war. Dann sagte sie mit Nachdruck: „Wir sind eine gut besuchte Ferienregion. Die Touristen kommen aus aller Welt zu uns, um die Landschaft zu genießen oder Wintersport zu treiben."
„Touristen aus aller Welt?" Barbara konnte es nicht lassen.
Frau Kaiser nickte würdevoll. „Viele kommen aus Deutschland, aus den nahe liegenden Großstädten und aus Holland. Von dort haben wir sehr viele Gäste." Laura und Barbara nickten und vermieden es, sich gegenseitig anzusehen, um nicht in lautes Gelächter auszubrechen. Mit ernsten Mienen nahmen sie ihre Schlüssel und stiegen mit den Reisetaschen die Treppe hinauf. Erst als sie sicher waren, dass Frau Kaiser sie nicht mehr hören konnte, prusteten sie los.
„Touristen aus aller Welt aus Deutschland und Holland." Barbara japste nach Luft. „Herrlich. Ich hätte nie gedacht, dass wir in einer Touri-Gegend gelandet sind. Und auch noch in der Hochsaison. Da hatten wir Glück, dass Gilda ein Zimmer für uns ergattern konnte."
Laura schmunzelte. „Was hältst du davon, wenn wir uns kurz frisch machen und dann gleich dem Internat einen Besuch abstatten? Wenn wir schnell durchkommen mit unserer Suche, können wir heute Nachmittag eine Runde Skifahren oder die örtlichen Touristen-Attraktionen besichtigen."
7
Eine Viertelstunde später klopfte Barbara an Lauras Tür.
Laura trat auf den Flur hinaus, eingepackt in eine Daunenjacke, einen riesigen Wollschal und warme Lammfellhandschuhe. Auch Barbara hatte weiter gegen die Kälte aufgerüstet und passend zu ihrer Zipfelmütze ein rotes Kaschmir-Tuch um die Schultern gelegt. In der Hand trug sie einen Papierblock, der zu groß war, um in die rote Handtasche zu passen. Laura lächelte erfreut. Sie war erleichtert, dass Barbara die Fahrt nicht nur als Ablenkung von ihrem exotischen Liebesabenteuer sah, sondern Laura ernsthaft bei der Arbeit unterstützen wollte. Die beiden stapften in dicken Fellboots die Stufen hinunter, durchquerten die Eingangshalle, in der es jetzt nach Bratfett roch, und traten auf die Straße.
„Das Internat liegt nicht weit weg. Wenn wir diesen Weg nehmen, laufen wir direkt auf das Gebäude zu."
„Wollen wir nicht erst Mittagspause machen?" Barbara sah sehnsüchtig zu einer mit Lichterketten dekorierten Würstchenbude, von der ein appetitlicher Duft ausging.
Doch Laura zog sie weiter: „Auf keinen Fall! Ich möchte hier nicht noch eine zweite Nacht verbringen müssen, nur weil wir mit der Pause angefangen haben. Wir gönnen uns das Würstchen, wenn wir die Arbeit erledigt haben. Falls du es bis dahin nicht aushältst, kauf dir einen Schokoriegel."
Barbara schüttelte tapfer den Kopf. „Nein, lieber nicht. Ich sollte auf die Kalorienbremse treten."
„Aber Würstchen sind erlaubt?" Laura lachte amüsiert.
Ein hoher Zaun, der einem Gefängnis alle Ehre gemacht hätte, fasste das Schulgelände ein. Sie mussten mehrmals klingeln, dann schwang das eiserne Portal wie von Zauberhand auf. Barbara und Laura betraten das verschneite Grundstück und schraken zusammen, als direkt hinter ihnen das Tor scheppernd ins Schloss krachte.
„Die sind aber vorsichtig, um nur ja keinen ungebetenen Besuch zu bekommen", murmelte Laura.
„Oder sie wollen sichergehen, dass ihre Schäfchen nicht ausbüxen." Barbara wies bedeutungsvoll mit dem Kopf auf einen dicken Jungen, der auf einer Schaukel hockte und sie durch die fettigen Fransen seines Ponys beobachtete. Neben ihm im Schnee lagen zwei Tüten Chips, in der Hand hielt er eine Tafel Schokolade, von der er wie von einem Butterbrot abbiss.
„Hallo!" Barbara winkte ihm zu, Laura versuchte es mit einem Lächeln.
„Mädchen sind zum Ficken da." Er grinste sie mit schokoladigen Zähnen an.
„Charmant, charmant", flüsterte Barbara. Als sie auf gleicher Höhe mit ihm waren, spuckte der Junge aus und verpasste die beiden nur um Haaresbreite. Dicker, brauner Speichel landete direkt vor Barbaras elegantem Stiefel im Schnee. Laura spürte, wie in der Freundin der Ärger hochkochte. Sie fasste sie am Arm und zog sie weiter.
„Leg dich nicht mit dem an. Der tickt nicht richtig, da kannst du nur den Kürzeren ziehen."
„Mädchen sind zum Ficken da!" Der Junge lachte dreckig, dann spuckte er wieder.
Jetzt hatte Barbara genug. „Was erlaubst du dir? Kannst du dich nicht benehmen?" Sie riss sich aus Lauras Griff los.
Der Junge stand von der Schaukel auf und starrte sie unbewegt an.
Laura schätzte ihn auf vierzehn Jahre. Er war mindestens zwanzig Kilo schwerer und einen halben Kopf größer als sie selbst. Und sie war nicht gerade klein mit einem Meter fünfundsiebzig. Verglichen mit Barbara war der Rüpel ein Hüne. Sie hätte nicht die mindeste Chance, wenn er sich provoziert fühlte und sie angriff. Doch Barbara war das egal. Resolut stapfte sie auf den debil grinsenden Jungen zu, baute sich vor ihm auf und stemmte die Arme in die Seiten.
„Du benimmst dich jetzt, Bürschchen. Hast du mich verstanden? Sonst kannst du was erleben. Und die hier kommt jetzt weg!" Sie riss dem Jungen den Rest der Schokoladentafel aus der Hand und warf sie in hohem Bogen in den Schnee. „Wenn du Hunger hast, iss einen Apfel, nicht dieses süße Zeug. Du bist viel zu dick! Und wasch dir die Haare!"
Laura beobachtete die Szene angespannt. Sie fürchtete, der Junge könnte Barbara attackieren, doch zu ihrer Überraschung senkte er plötzlich den Kopf, schlang die Arme um den Körper und wiegte sich vor und zurück.
„Nils, komm sofort herein. Du sollst Hausaufgaben machen. Und bring die Süßigkeiten in die Küche."
Die Zurechtweisung kam aus einem Fenster im ersten Stock des Schulgebäudes. Eine grauhaarige Frau im weißen Kittel lehnte im Fensterrahmen und sah zu ihnen hinunter. Der Junge senkte seinen Kopf noch tiefer, sammelte die Chipstüten und die Schokolade ein und trottete mit hängenden Schultern davon.
„Was ist mit Ihnen?" Der Ton hatte nichts an Schärfe eingebüßt. Laura sah mit einem Seitenblick auf Barbara, dass auch sie sich wie eine zurechtgewiesene Schülerin fühlte.
„Wir haben einen Termin mit der Schulleitung. Können Sie uns sagen, wo wir hinmüssen?"
„Ich bin die Direktorin. Kommen Sie durch den Haupteingang und nehmen Sie den Gang, der nach rechts führt. Dort erwarte ich Sie in meinem Büro!" Das Fenster wurde geräuschvoll geschlossen, die Freundinnen sahen sich belustigt an.
„Zu Befehl!", murmelte Laura.
Barbara nickte: „Hier ist einer sympathischer als der andere. Ich liebe dieses Dorf!"
„Wahrscheinlich muss man so ein Dragoner sein, sonst tanzen einem die Schüler auf der Nase herum. Ich habe ja schon befürchtet, dass der Kerl dich verprügelt, als du ihm die Schokolade weggenommen hast. Was du ihm alles an den Kopf geworfen hast. Das hätte auch schief gehen können."
Barbara winkte ab. „Quatsch, das ist ein kleiner Junge. Er sieht zwar aus wie ein Riesenbaby, ist aber total harmlos. Ich kenne mich mit diesem Alter aus, schließlich habe ich Heinolfs Sohn oft genug bei uns zu Besuch gehabt. Äußerlich sehen sie aus wie Männer, doch innen drin sind sie Babys."
„Der hatte einen Dachschaden, hast du das nicht gemerkt?"
„Nein, der war ganz normal. Er hat ausprobiert, wie weit er gehen kann. Das ist in der Pubertät nichts Ungewöhnliches. Man darf sich das nur nicht bieten lassen."
Sie hatten das Eingangsportal der Schule erreicht und betraten die Halle, eine breite Treppe mit grau gestrichenem Metallgeländer führte in die oberen Stockwerke. Ein diffuser Geräuschpegel aus Gemurmel, Geschepper und vereinzelten Schritten hallte zu ihnen herab. Aus dem Augenwinkel bemerkte Laura eine schmächtige Putzfrau mit einem bunten Tuch um den Kopf, die den Boden mit einem Wischmopp wienerte. Sie warf ihnen einen kurzen Blick zu und vertiefte sich wieder in ihre Arbeit. Laura und Barbara bogen rechts in den Gang ein und steuerten auf die einzige geöffnete Tür zu.
„Da sind sie ja."
Die Frau, die sie am Fenster gesehen hatten, stand in tadellos gerader Haltung vor ihnen. Ihre grauen Haare waren fest nach hinten gezurrt, den weißen Kittel hatte sie abgelegt, jetzt trug sie ein geblümtes Kleid. Die Oberlippe zierte ein kapitaler Damenbart, von dem Laura nur schwer den Blick abwenden konnte.
„Meine Mitarbeiterin hat mit Ihrem Büro gesprochen." Laura ärgerte sich, dass sie Gilda nicht nach dem Namen der Gesprächspartnerin gefragt hatte, unter dem strengen Blick der hageren Frau wurde sie unruhig. „Wir sind Laura Peters und Barbara Hellmann von der Detektei Peters. Es geht um die Organisation eines Schultreffens. Der Politiker Bernd Schlüter möchte seine Schulkameraden wiedersehen und benötigt dafür die Adressen. Es wurde vereinbart, dass wir heute vorbeikommen und uns Ihre Unterlagen ansehen können."
„Ich weiß Bescheid. Ihre Kollegin hat mit mir gesprochen. Ich bin Fräulein Jakob."
Laura merkte, dass Barbaras Mundwinkel zuckten. Offensichtlich mussten sie sich beide bemühen, bei dem Wort 'Fräulein' ernst zu bleiben.
Sie räusperte sich. „Fräulein Jakob, können Sie uns zeigen, wo wir die Informationen finden? Wir möchten gerne so schnell wie möglich beginnen, damit wir nicht zu viel von Ihrer Zeit verschwenden."
Fräulein Jakob nickte wohlwollend. „Folgen Sie mir. Die Ordner sind im Souterrain." Kerzengerade und in bequemen, hellgrauen Gesundheitsschuhen ging sie mit elastischen Schritten voran, Laura und Barbara liefen wie zwei eifrige Schülerinnen hinterher. Als sie die Halle durchquerten, hörten sie im oberen Stockwerk eine Tür schlagen, das zornige Gebrüll eines Mannes hallte durch die Flure. Fräulein Jakob schritt unbeirrt die Stufen hinunter. Anscheinend gehörten diese Art Geräusche zum normalen Schulalltag.
Im Untergeschoss gab es weitere Unterrichtsräume. Allerdings war es so leise, dass Laura vermutete, dass sie im Augenblick nicht benutzt wurden. Vor einer hölzernen Tür, auf der ein Schild 'Material' klebte, blieb Fräulein Jakob stehen, griff nach dem Schlüsselbund und schloss klimpernd auf. Der Muff von Staub, alten Gegenständen und zu wenig Lüftung schlug ihnen entgegen.
Fräulein Jakob ging zielstrebig auf ein großes Regal und zeigte auf mehrere Ordner. „Hier stehen die Unterlagen aus der ersten Hälfte der 70er-Jahre. Was Sie da nicht finden, haben wir nicht mehr. Eigentlich wollten wir das längst alles wegwerfen."
Laura bedankte sich höflich und seufzte erleichtert, als ihre Schritte sich entfernten.
„Was für ein Drachen. Wenn ich Schüler wäre, hätte ich Angst vor ihr."
„Ja, mit der ist nicht gut Kirschen essen. Sie lässt keinen Fehler durchgehen. Die Kinder können einem leidtun." Barbara zog die Mütze vom Kopf und schüttelte ihre blonden Haare mit den Händen auf.
Laura entledigte sich ihrer Jacke und schaute sich in dem staubigen Raum nach einer Möglichkeit um, sie loszuwerden. Schließlich hängte sie sie an den Haken einer alten Schulkarte, die in der Ecke neben dem vergitterten Fenster stand. Sie schob die Ärmel ihres hellen Wollpullis hoch und zog den ersten Ordner aus dem Regal.
„Oh Mann, hier hat seit den 70er-Jahren keiner mehr sauber gemacht." Barbara zog eine Packung Papiertaschentücher aus der Tasche und wischte mit spitzen Fingern über die Tischplatte.
„Das stimmt nicht", sagte Laura langsam. „Alles ist staubig, aber dieser Ordner nicht." Sie ging zum Regal und begutachtete die Unterlagen aus den nachfolgenden Jahren. „Die anderen Register aus den späteren Jahren sind schmutzig. Jemand hat sich erst vor Kurzem die Unterlagen aus den 70er-Jahren angesehen."
Barbara zuckte mit den Schultern. „Na und? Das war bestimmt Fräulein Jakob. Sie wusste, dass wir kommen, da hat sie vorher geputzt."
„Kann sein. Aber sie hätte ruhig den ganzen Raum putzen können. Guck mal, wie meine Hose aussieht. Egal, das gehört zum Job. Komm, lass uns loslegen, damit wir bald wieder an die frische Luft kommen." Sie schlug den Ordner auf, der mit 1976 beschriftet war, und blätterte die Seiten durch.
Barbara griff sich auch einen, die beiden vertieften sich in die Unterlagen.
„Sie haben alle Themen bunt durcheinander chronologisch abgelegt. So ein Chaos. Lieferantenrechnungen neben Schreiben vom Jugendamt und Ankündigungen zu Schulkonzerten. Ich bin bisher auf keinen einzigen Namen gestoßen. Wie sieht es bei dir aus?" Barbara blickte genervt zu Laura hinüber.
„Genauso. Worum geht es in dem Schreiben vom Jugendamt?"
Barbara nahm das Blatt aus dem Hefter und hielt es in das Licht der Deckenlampe. „Sie fragen an, ob die Schule Kapazitäten frei hat, um Kinder aufzunehmen, da das Kinderheim voll belegt ist."
„Dann war das hier nicht nur eine Schule, sondern auch eine Außenstelle des Waisenhauses? Oh je, Schwererziehbare und Waisenkinder in den 70er-Jahren. Das wird keine Insel der Glückseligen gewesen sein."
Barbara heftete den Brief ein und blätterte weiter. „Ich habe was", rief sie erfreut. „Eine Liste, allerdings nur die letzte Seite. Namen von T bis Z. Die anderen Seiten fehlen." Eifrig notierte sie die Informationen auf ihrem Block.
„Stehen Adressen dabei?"
„Nein. Nur Abkürzungen und Zahlen. Keine Ahnung, was das bedeutet."
„Zeig mal", Laura streckte die Hand aus und Barbara reichte ihr das Blatt über den Tisch. „Sagt mir auch nichts. Solche Kürzel habe ich noch nie gesehen. Bei den Zahlen handelt es sich jedenfalls nicht um Geldbeträge." Laura gab Barbara das Papier zurück und nahm sich den nächsten Ordner vor.
„Endlich! Ein Elternbrief. Mit Absender."
Lauras Handy meldete mit einem Ping, dass eine Nachricht eingegangen war. „Gilda hat die Aufstellung mit den Namen geschickt. Die können wir später mit unseren Ergebnissen abgleichen. Bei dem Tempo, das wir vorlegen, fürchte ich, dass wir heute nicht mehr fertig werden und morgen wiederkommen müssen."
Darmowy fragment się skończył.