Czytaj książkę: «Eine Zukunft für meine Kinder»
Pacem Kawonga
Eine Zukunft für meine Kinder
Eine mutige Frau
und ihr Kampf gegen Aids
PACEM KAWONGA
Eine Zukunft für meine Kinder
Eine mutige Frau
und ihr Kampf gegen Aids
Aus dem Italienischen übersetzt
von Gabriele Stein

Die Originalausgabe erschien unter dem Titel
»Un domani per i miei bambini« bei Edizioni Piemme, Segrate
© 2013 Edizioni Piemme
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über ‹http://dnb.d-nb.de‹ abrufbar.
© für die deutschsprachige Ausgabe : Echter Verlag GmbH, 2015
Genehmigte Lizenzausgabe für den Echter Verlag, 2015
Umschlag : Peter Hellmund
(Umschlagbild : © Zack Pixel, Fotolia)
Satz : Hain-Team (www.hain-team.de) Druck und Bindung : CPI – Clausen & Bosse, Leck ISBN 978-3-429-03834-2 (Print) 978-3-429-04818-1 (PDF) 978-3-429-06235-4 (ePub)
INHALT
Eine dünne rote Linie
Der Tanz der Ngoni
Jenseits der Mauer
Was habe ich dir getan ?
Ein anderes Lilongwe
Der Vater meiner Kinder
Hunger
HIV
Melinda
Das Ergebnis
Wieder im VCT
Sechs
Der erste Termin
Warum (Dr. Jere)
Allein in der Nacht
Auf der Straße
Eheberater
Befürchtungen und Bestätigungen
6. Januar 2006 : noch eine Veränderung
Das Antenatal Care von Mponela
James
Der erste Lohn
Die Ausbildung
Ich bin nicht allein
Lehrer
Kinder
Jugendliche
Kleine Hoffnungen
I Dream
Mosambik
Ein Angebot, das man nicht ablehnen kann
Koordinator
Die Macht der Worte
Heute
Manifest der Bewegung I Dream
Dream in Zahlen
EINE DÜNNE ROTE LINIE
Es war ein Tag wie viele andere und die gewaltige Scheibe der Sonne färbte den Himmel rot. Die Regenzeit verspätete sich in jenem Januar des Jahres 2005, und wir konnten nichts tun, als zum Himmel zu schauen und zu warten. Die ersten Monate des Jahres sind hart in Malawi und werden nicht umsonst die »Jahreszeit des Hungers« genannt. Die Vorräte gehen zur Neige, wenn sie nicht schon aufgebraucht sind, und den Menschen bleibt nichts anderes übrig, als die Zähne zusammenzubeißen und auf die neue Ernte zu warten. Auch wenn wir Mais anbauen, wo es nur geht – Mais ist das Hauptnahrungsmittel des Landes : Wir bereiten daraus einen weißen Brei zu, die Nsima, die wir fast täglich essen ; dazu gibt es Trockenfisch, Gemüse, Ziegenfleisch oder, an Festtagen, Rind oder Hühnchen –, haben wir doch nie genug. Tag für Tag werden die Portionen kleiner und die Teller leerer.
An jenem Morgen war ich früh aufgewacht, und weil die Sonne schien, hatte ich beschlossen zu waschen. Mein Mann war zur Arbeit in Salima und würde die ganze Woche dort bleiben, und weil die Schulen geschlossen waren, war Maupo, mein Ältester, bei meinem Bruder in Kasungu.
Ich hatte eine lange und unruhige Nacht hinter mir. Die x-te. Seit etwa drei Monaten, seit Melindas Geburt, war mein Kopf mit Ängsten und Sorgen angefüllt, die in der Dunkelheit noch tückischer wurden. Eine Mutter spürt, wenn etwas nicht stimmt, und mit Melinda stimmte etwas nicht, da war ich mir sicher. Sie fieberte oft und nahm einfach nicht zu. Seit ihrer Geburt wurde sie in immer kürzeren Abständen von Erbrechen und Durchfall geplagt. Mit Maupo, der inzwischen sechs Jahre alt war, hatte es nie solche Probleme gegeben.
Ich war gerade auf dem Weg, um das Waschwasser zu holen, als mein Entschluss mit einem Mal feststand. Ich hatte schon länger darüber nachgedacht, aber nun würde ich es wirklich tun. Ich setzte die Schüssel mit der schmutzigen Wäsche ab, ging wieder ins Haus und wühlte in meinen Sachen. Ich steckte die wenigen Münzen ein, die ich beiseitegelegt hatte, nahm die Chitenge, ein langes Tuch aus buntem Stoff, und band mir Melinda auf den Rücken.
Meine Schwägerin, die in der Nähe der Tür ein paar Töpfe sortierte, fragte mich : »Wohin willst du denn so eilig ?«
»Zu meiner Familie, nach Lilongwe«, antwortete ich und ging rasch weiter.
An der Minibus-Haltestelle in Mponela stieg ich in den ersten Kleinbus, den ich fand. Er war überfüllt, wie immer. Die Busse, die in Malawi für den öffentlichen Verkehr eingesetzt werden, haben neun Sitzplätze, befördern aber manchmal bis zu 27 Personen. Die Polizei weiß das, aber sie drückt ein Auge zu. Sonst könnten die Fahrgäste die Fahrt nicht bezahlen und die Fahrzeughalter und Fahrer nichts verdienen. Alle Kleinbusse aus dem Norden des Landes, die in die Hauptstadt Lilongwe fahren, kommen über Mponela. Sie sind nur in den seltensten Fällen leer, zumal sie in der Regel nicht abfahren, ehe sie so viele Fahrgäste eingesammelt haben, dass wenigstens die Benzinkosten gedeckt sind.
Während der Fahrt drängten sich die Gedanken in meinem Kopf genauso dicht wie die Menschen in dem klapprigen Kleinbus, doch tief in meinem Inneren spürte ich, dass ich das Richtige tat. Endlich hatte ich auch ohne die Zustimmung meines Mannes den Mut gefunden, etwas zu tun, mich dem Problem zu stellen und die Antwort auf eine Frage zu suchen, die mich seit Monaten quälte.
Ich stieg in der Nähe der Klinik von Mtenga Wa Ntengha aus, die etwa zehn Kilometer von meinem Dorf entfernt lag. Doch noch während ich durch die Marktstände im Eingangsbereich hindurchschritt, löste sich die Sicherheit, die ich auf der Fahrt gespürt hatte, plötzlich in Nichts auf. Das VCT, die ehrenamtlich betriebene Ambulanz, wo man den HIV-Test machen kann, befand sich gleich hinter dem Haupteingang. Ich war fast da, doch ich konnte diesen letzten Schritt nicht tun. Wollte ich den Test wirklich machen ?
Ich wusste nicht viel über Aids. Ich hatte gehört, dass es Medikamente gab, aber ich war davon überzeugt, dass jemand, der infiziert war, nur noch ein oder zwei Jahre zu leben hatte. Ich hatte so viele Menschen krank werden und sterben sehen : Männer, junge Mädchen und Kinder, die noch ein paar Wochen zuvor scheinbar kerngesund gewesen waren und dann innerhalb weniger Tage dahingerafft wurden. Sonntagnachmittags gab es auf 2FM eine Radiosendung, Der Wind der Hoffnung. Alle meine Informationen stammten von dort. Die Kranken erzählten ihre Geschichte und berichteten von ihren schwierigen Lebenserfahrungen. Ich hörte zu und staunte : »Wenn sie krank sind und überlebt haben, dann gibt es auch für mich noch Hoffnung, wenn ich positiv getestet werde. Ich muss nur den Test machen«, so sagte ich mir, »und diese Bürde hinter mich bringen. Es ist sinnlos, noch länger zu warten.«
Ich ging zwischen den Marktständen und dem Hof der Ambulanz hin und her, ohne auf meine Umgebung zu achten. Ich nahm mir Zeit. Ich traf einige Bekannte, die mich begrüßten. Eine Nachbarin, die ihre Schwester besuchte, fragte mich : »Was tust du hier ?«
Ich erfand eine Ausrede. »Ich habe Melinda hergebracht, zu einer Kontrolluntersuchung«, improvisierte ich.
Ich fühlte mich beobachtet, als ob alle Augen auf mich und mein kleines Mädchen gerichtet waren.
Ich näherte mich der Tagesklinik. Jemand vom Reinigungspersonal bemerkte mich : »Mama«, sprach er mich an, »musst du den Test machen ?«
»Nein …«, antwortete ich zögernd. Und nahm meine Runde zwischen Hof und Eingang wieder auf, bis ich mich schließlich immer weiter von der Ambulanz entfernt hatte.
Ich war ratlos. Mein Mann wollte nicht, dass wir uns untersuchen ließen, er sagte, das sei nicht nötig. Er hatte immer versucht mich zu beruhigen. Doch irgendetwas stimmte nicht mit mir. Ich brauchte Gewissheit, ganz gleich, wie das Ergebnis ausfallen würde. Ich wandte mich um, holte tief Luft und trat mit entschlossenem Schritt durch die Tür. »Ich darf nicht länger davonlaufen«, sagte ich mir, »ich muss die Wahrheit wissen.« Ich ging hinein. Niemand war im Raum, nur ich und mein kleines Mädchen, das ich auf dem Rücken trug. Ich wollte schon wieder umkehren, doch es war zu spät : Eine Krankenschwester kam auf mich zu und bat mich hinein.
»Einen Moment«, sagte ich. Ich spürte, dass ich noch nicht bereit, dass ich nicht überzeugt war. Woher sollte ich den Mut nehmen, weiterzugehen ?
Die Frau kam näher und sagte freundlich : »Mach dir keine Gedanken, wenn dir nicht danach ist, kannst du ein andermal wiederkommen …«
»Nein«, sagte ich, »es hat keinen Zweck, länger zu warten. Ich will den Test machen. Jetzt.«
Sie bat mich in ein kleines Zimmer mit sauberen weißen Wänden und ließ mich Platz nehmen. Dann fragte sie mich : »Warum bist du gekommen ?«
Ich wusste nicht, ob ich mich ihr anvertrauen, ob ich ihr eine ehrliche Antwort geben und mit ihr über meine tiefsten Ängste sprechen sollte. Doch wenn ich ihr nicht die Wahrheit sagte, würde sie mir vielleicht nicht alles erklären, was ich wissen musste.
Statt einer Antwort fragte ich sie : »Wie viele von den Leuten, die herkommen, um den Test zu machen, sind positiv ?«
»Warum willst du das wissen ?«
»Ich will es eben wissen. Wie viele ?«
»Viele. In der Regel machen sie den Test, weil sie schon erste Symptome haben oder glauben, sie hätten sich infiziert …«
Ich wusste nicht, was ich tun sollte. Ich sagte mir : »Wenn sich so viele Kranke ihrer Krankheit stellen, kann ich das auch.« Doch gleichzeitig dachte ich, dass es dumm sei, sich zu ängstigen. »Ich kann nicht HIV-positiv sein, James hat immer gesagt, ich soll mir keine Sorgen machen, er hätte kein Aids, der Husten würde schon wieder weggehen, das sei noch von der Tuberkulose …«
Dann brach ich zusammen, verlor die Beherrschung. Ich schüttete mein Herz aus und erzählte ihr, dass ich gekommen sei, weil ich so viel Gerede über meinen Mann gehört hätte. Anfangs hätte ich noch gedacht, das sei nur böser Tratsch, doch dann hätten mich mehrere Frauen angerufen, die gesagt hätten, sie seien mit meinem Mann verlobt, und ich hätte es mit der Angst bekommen. Und dann hätte ich mich entschieden : »Wenn das Ergebnis negativ ist, gehe ich nach Hause, nehme meine Sachen und meine Kinder und verschwinde für immer.«
»Warum willst du gehen, wenn du nicht krank bist ?«, fragte sie erstaunt.
»Weil ich sicher bin, dass ich die Kraft habe, ein neues Leben anzufangen, und dass ich auf mich selbst und meine Kinder aufpassen kann. Doch wenn ich positiv bin, dann wird mein Mann sich um uns kümmern müssen.«
Die Frau ließ mich reden und hörte mir zu, während ich meinen Gefühlen Luft machte. Als ich beinahe atemlos zum Ende kam, erklärte sie mir einfach nur, wie der Test funktionierte. Sie würde mir mit einer Lanzette in den Finger stechen, Blut abnehmen und einen Tropfen davon auf jeden der beiden Teststreifen geben, die sie vor sich auf dem Tisch liegen hatte. Dann würde sie einen Tropfen Reagenzflüssigkeit hinzufügen, und nach einigen Minuten hätten wir die Antwort. Wenn eine dünne rote Linie erscheine, sei das Ergebnis negativ, bei einem positiven Ergebnis seien es zwei Linien. Meine Zukunft und die Zukunft meiner Kinder hingen von einer einzigen farbigen Linie ab.
Nach der Blutabnahme ging ich zurück ins Wartezimmer. Es war leer, Melinda und ich waren allein. In diesem Augenblick der Anspannung betete ich mit aller Kraft. Ich war aufgewühlt, ich hatte Angst. Mein Herz klopfte laut, es gelang mir nicht, stillzusitzen. Melinda schlief zum Glück ahnungslos in ihrem Tuch. Nach einer gefühlten Ewigkeit stand die Krankenschwester wieder in der Tür und rief mich beim Namen. »Pacem«, sagte sie, »komm.«
Ich ging hinein und setzte mich auf den Stuhl.
Sie fragte : »Was hast du für ein Gefühl ?«
Plötzlich wollte ich weglaufen und wünschte mir von ganzem Herzen, ich wäre niemals durch diese Tür gegangen. »Ich will es nicht mehr wissen«, antwortete ich.
Die Frau schüttelte den Kopf. Sie lächelte. Sie sagte mir, ich solle ruhig sein, es sei ja nun geschehen. Sie nahm den Teststreifen und blickte darauf. Sie hob den Blick. Dann senkte sie ihn wieder. Ich konnte nicht mehr, ich hielt es nicht mehr aus : »Los, sag schon !«
»Was hast du für ein Gefühl ?«, fragte sie wieder.
»Das ist mir egal, aber mach schnell. Ich werde es akzeptieren, ganz gleich, wie es ausgeht.«
Ich weiß nicht, warum ich das gesagt habe ; tief in meinem Herzen war es nicht wahr, und doch sagte ich es : »Ich werde es akzeptieren, ganz gleich, wie es ausgeht.«
DER TANZ DER NGONI
In Malawi leben viele ethnische Gruppen friedlich beieinander. Die größte von ihnen sind die Chewa, deren Sprache, das Chichewa, unsere Landessprache ist ; daneben gibt es die Yao, die Lomwe, die Sena, die Tumbuka, die Ngoni und andere. Jede Ethnie hat ihre Traditionen und ihre Wurzeln, doch Umsiedlungen und die zunehmend häufigen Mischehen haben die Unterschiede verwischt. Ich bin eine Tumbuka wie mein Vater, weil sich bei uns – anders als bei den Chewa oder den Lomwe, die in den südlichen Regionen leben – die ethnische Zugehörigkeit über den Vater vererbt. Auch Mzimba, das Dorf meiner Mutter, ist größtenteils von Tumbuka bewohnt, doch dort leben auch viele Ngoni. Meine Großmutter zum Beispiel. Sie war nicht nur eine Ngoni, sondern außerdem Mitglied einer traditionellen Tanzgruppe, die den Präsidenten auf seinen Reisen begleitete.
Hastings Kamuzu Banda wurde der erste Präsident von Malawi, als das Land nach Jahren der englischen Herrschaft 1964 unabhängig wurde. Banda hatte in den Vereinigten Staaten Medizin studiert und in Großbritannien und Ghana gearbeitet. Als er 1958, nach über 40 Jahren, zurückkehrte, wurde er zunächst Vorsitzender des Nyasaland African Congress (NAC) und danach der Malawi Congress Party (MCP). Der Präsident betrachtete sich als Vater der Nation und ließ sich feiern wie ein Familienoberhaupt. Insbesondere die Frauen und die Kinder mussten ihn ehren und ihm zujubeln, und der Tanz, der einen festen Bestandteil unserer Kultur und unseres Alltags darstellte, war eine Möglichkeit, ihm diese Ergebenheit zu zeigen. Für Banda zu tanzen wurde zu einer Pflicht. Jedes Mal, wenn er von einem Auslandsbesuch zurückkam, wurden die Leute in den Dörfern abgeholt und auf Lastwagen zum Empfang ihres Präsidenten und Vaters gebracht. Meine Großmutter gehörte einer Gruppe von etwa 20 Tänzerinnen an und hatte so die Gelegenheit, ihn persönlich kennenzulernen. Und mit Mama Kadzamira zu sprechen, seiner Krankenschwester und Mitarbeiterin, die, weil sie ihm nie von der Seite wich, im Grunde so etwas wie eine First Lady in pectore war. Als wir nach dem Tod meiner Großmutter ihre Sachen durchsahen, fanden wir unzählige Stoffe und Chitenges, die anlässlich der jeweiligen Feiern mit Bandas Bild bedruckt worden waren. Es waren so viele, dass wir sie an unsere Freunde im Dorf und an Verwandte verteilten. Auch ich habe den Präsidenten einmal gesehen und zu seinen Ehren getanzt, als ich noch ein kleines Mädchen war. Nach Schulschluss ließen unsere Lehrerinnen uns auf einen großen Lastwagen aufsteigen und brachten uns zu seiner Residenz im Distrikt 3 von Lilongwe. Nach der Vorführung kam Banda, um uns einzeln zu begrüßen. Er tätschelte mir den Kopf, und ich schenkte ihm ein strahlendes Lächeln.
Mein Vater sprach nicht gerne über seine Kindheit. Ich wusste nur, dass er aus Chitipa stammte, einem Dorf im Norden, fast an der Grenze zu Tansania ; dass seine Eltern sehr arm gewesen waren und dass er hatte kämpfen müssen, um ein Auskommen zu haben und etwas zu lernen. Er hatte einen starken und entschlossenen Charakter, und das hatte ihm geholfen, so weit zu kommen : aus einem elenden und vergessenen Dorf bis in die Hauptstadt, wo er für die Regierung arbeitete. Manchmal, wenn wir abends zuhause saßen, entspannte er sich und erzählte oder dachte laut nach. Er ermahnte uns und erinnerte uns daran, wie sehr er sich hatte anstrengen müssen, um seine Lage zu verbessern : »Als ich jung war«, sagte er dann, »trug ich nie Schuhe an den Füßen, aber ich habe hart gearbeitet, ich habe mich angestrengt und viel gelernt, und ich bin weit gekommen. Heute«, sagte er zufrieden, »kann ich für euch alle sorgen.« Ich glaube, dass seine Vergangenheit sehr hart gewesen ist. Wie die vieler Menschen, die – manchmal auch heute noch – geboren werden, leben und sterben, ohne jemals ein Paar Schuhe an den Füßen getragen zu haben.
Nach der Heirat und einer ersten Anstellung bei Air Malawi in Lilongwe wurde mein Vater Untersekretär im Außenministerium. Er war viel auf Reisen. Er war wochen- und manchmal sogar monatelang unterwegs und besuchte im Rahmen seiner Arbeit viele fremde Länder. Er kannte den Präsidenten persönlich und arbeitete eng mit Aleke Banda, einem seiner wichtigsten Vertrauten, zusammen. Er war ein zurückhaltender Mann und bestrebt, Arbeit und Privatleben auseinanderzuhalten. Wenn er zum Beispiel im Gottesdienst zufällig einem Kollegen begegnete, grüßte er ihn nur förmlich. Vater redete nicht viel und war stets verschlossen. Wenn wir ihn ansprachen, meine beiden Brüder und ich, waren wir immer ein wenig befangen. Doch als er krank wurde, änderte er sich von Grund auf, und kurz vor seinem Tod wurde mir klar, wie gern er uns hatte.
Dass meine Mutter die Schule besuchen konnte, verdankte sie einem Onkel, der für die ADMARC arbeitete, eine malawische Institution, die für Produktion, Verkauf und Ausfuhr der landwirtschaftlichen Erzeugnisse zuständig war. Bei uns im Land war es Sitte, dass jeder, der ein Gehalt bezog oder über anderweitige finanzielle Mittel verfügte, den übrigen Familienmitgliedern half. Der Onkel bezahlte ihr die weiterführende Schule und danach auch das Teachers Training College.
Ich weiß nicht genau, wann die beiden einander begegnet und wann sie endgültig in die Hauptstadt gezogen sind. Ich weiß nur, dass sie sich in dem Kleinbus kennengelernt haben, der sie zu ihrer jeweiligen Schule brachte, und dass ihre Eltern ihre Verbindung befürworteten und unterstützten, sobald sie davon erfuhren. Sie heirateten 1976, der erste Sohn wurde 1977 geboren, ich, das einzige Mädchen, kam 1978 und der jüngste Sohn 1984 zur Welt. Eigentlich bekamen sie nach mir noch eine weitere Tochter, doch sie starb gleich nach der Geburt. Obwohl ich damals noch klein war, erinnere ich mich, dass meine Mama geweint hat und dass es ihr schlecht ging. Doch sie kam wieder auf die Beine, wie so viele afrikanische Frauen. Meinen Namen, Pacem, hat mein Vater ausgesucht. Er ist einzigartig : Mir ist in meinem ganzen bisherigen Leben kein zweiter Mensch begegnet, der diesen Namen trägt. Einmal habe ich ihn gefragt, was mein Name bedeute, und er hat mir geantwortet, es sei der Titel eines lateinischen Texts, den er vor meiner Geburt gelesen habe ; später habe ich mir gedacht, dass es sich wohl um die Enzyklika Pacem in terris von Papst Johannes XXIII. gehandelt hatte.
Lilongwe, das Präsident Banda 1975 zu seiner Hauptstadt gemacht hatte, war in 50 Viertel unterteilt, die Bezirke genannt wurden. Anfangs, als meine Mutter noch an den weiterführenden Schulen unterrichtete, wohnten wir in Bezirk 15. Danach zogen wir in Bezirk 11, und 1984, als mein Vater die Stelle im Außenministerium bekam, übersiedelten wir in den zehnten Bezirk, einen der schönsten und exklusivsten der Stadt, der mitten im Grünen lag und von Regierungsmitgliedern und Diplomaten bewohnt war.
Mein Vater war häufig auf Reisen und blieb lange fort. Er war in den Vereinigten Staaten, in Deutschland, in Äthiopien. Jedes Mal, wenn er zurückkam, brachte er uns Geschenke mit ; oft war es etwas zum Anziehen. Am Tag seiner Ankunft holten wir ihn in einem Wagen mit Fahrer, den sein Büro zur Verfügung gestellt hatte, am Flugplatz ab. Das war immer ein Fest, und wir genossen die wenigen Minuten, die wir mit ihm hatten. Zuhause sahen wir ihn wenig oder gar nicht. Wenn er in der Stadt war, kam er spät heim, manchmal erst nach Mitternacht. Er sagte dann, dass er im Büro aufgehalten worden sei, dass er so viel zu tun habe. Meine Mutter sagte nichts. Sie vertraute ihm. Wir vertrauten ihm.
JENSEITS DER MAUER
1989 hatte mein Vater Meinungsverschiedenheiten mit seinem Vorgesetzten im Außenministerium. Ich weiß nicht genau, worum es dabei ging, aber es kann nichts Ernstes oder allzu Schwerwiegendes gewesen sein – auch deshalb, weil man damals ohne Umschweife ins Gefängnis geworfen wurde, wenn man die Regierung allzu deutlich und ausdrücklich kritisierte. Im Fall meines Vaters handelte es sich lediglich um kleinere Differenzen, und er wurde in den Süden versetzt : Ab sofort sollte er in Mulanje, einem der 27 Verwaltungsdistrikte des Landes, als District Commissioner, Präfekt, tätig sein.
Die Region Mulanje war nach dem gleichnamigen Gebirgsmassiv benannt, dessen höchster Gipfel, der Sapitwa, über 3000 Meter hoch ist. Er ist der höchste Berg im südlichen Zentralafrika und liegt nahe der mosambikanischen Grenze. Mulanje ist eine landwirtschaftliche Region ; hier wird vor allem der exklusive Tee angebaut, den Malawi in die ganze Welt exportiert. Wir wohnten in einem schönen Haus, das uns von der Regierung zugewiesen worden war und nichts mit den Baracken und Hütten gemeinsam hatte, von denen das Umland übersät war. Für mich war Mulanje eine »neue Welt«, die ich fasziniert beobachtete. Sie machte mich neugierig und zog mich magisch an. Mir wurde bewusst, dass sich mein Horizont Schritt für Schritt erweiterte. Die Menschen, die zu uns kamen, um mit meinem Vater zu sprechen, hatten ihre Geschichten, kamen aus ganz unterschiedlichen Verhältnissen und kämpften mit vielerlei Problemen, auch wenn ihre Sorgen, um ehrlich zu sein, größtenteils um die Ernährung kreisten. Damals begann ich die Welt und ihre Bewohner zu entdecken und die Unterschiede zu erkennen, die sie charakterisierten. Da waren die Armen und die Reichen, die Ehrlichen und die Gauner, die Faulen und die Fleißigen … Zum ersten Mal sah ich über die Mauer jener kleinen, geschützten Welt hinweg, in der ich aufgewachsen war. Zum ersten Mal begegnete ich dem echten Leben, dem Leben der ländlichen Bezirke, wo etwa 80 Prozent der Bevölkerung lebten ; dem Leben der Bauern und Viehzüchter und all der Menschen, die sich durchschlagen und anstrengen und Tag für Tag immer wieder neu um ihre Zukunft kämpfen mussten.
Ich weiß nicht, ob meine Mutter glücklich war. Sie war eine sehr zurückhaltende Frau und folgte meinem Vater ohne Kommentare und ohne Klagen. Doch ihm merkte man die Unzufriedenheit an. Er setzte alles daran, die Kontakte zu seinen ehemaligen Kollegen nicht zu verlieren : Die meisten waren Funktionäre, die wie er selbst aus dem Norden stammten und Positionen in Sichtweite der Regierung bekleideten, oder ehemalige Studienkollegen. Es half. Sie setzten sich für ihn ein. 1992 wurde er zum stellvertretenden Sekretär des Finanzministeriums in Lilongwe ernannt. Wir kehrten zurück in den zehnten Bezirk, und nach meinem achten Schuljahr erhielt ich das Abschlussdiplom der Primary School.
Mein Vater meldete mich an einer Privatschule in Rumphi im Norden des Landes an. Miteigentümer dieses renommierten Instituts war Chakufwa Chihana, ein entschiedener Gegner des Präsidenten, der sich – insbesondere nachdem Banda sich 1971 selbst zum Präsidenten auf Lebenszeit ernannt hatte – mit der von ihm gegründeten Partei AFORD, Alliance for Democracy, für Demokratie und freie Wahlen einsetzte. Die politische Lage änderte sich jedoch erst 1992, nachdem die malawische Bischofskonferenz den »Vater des Vaterlandes« in einem Hirtenbrief zum Rücktritt aufgefordert hatte. 1993 stimmte die Bevölkerung in einem Referendum für die Demokratie. 1994 wurde Bakili Muluzi von der UDF (United Democratic Front) zum neuen Präsidenten gewählt.
Ich blieb zwei Jahre in Rumphi. Wenn ich heute als erwachsene Frau auf die damalige Zeit zurückblicke, dann ist mir klar, dass ich als Schülerin weder ernsthaft bemüht noch respektvoll gewesen bin. Ich kam aus einer guten Familie, mir fehlte es an nichts, ich hatte schöne Kleider und immer genug zu essen. Ich begriff nicht, wie wichtig die Ausbildung für meine Zukunft war. Am Lernen lag mir nichts, es interessierte mich nicht. Ich hatte anderes im Kopf. Ich liebte die Musik und das Tanzen und ging oft in die Diskothek. Die Schnelllebigkeit dieser Welt zog mich an und machte mich neugierig. Die Schule war eine Art Internat und nahm einen großen Teil des Tages in Anspruch. Der Unterricht fand morgens statt. Die Nachmittage mussten wir im Klassenzimmer verbringen und lernen, bis es Zeit zum Abendessen war. Es war eine Qual. Ich passte während des Unterrichts nicht auf und machte auch keine Hausaufgaben. Stattdessen redete und lachte ich mit meinen Freundinnen. In diesen Jahren entstanden einige der wichtigsten Freundschaften meines Lebens. Zu einigen habe ich noch heute Kontakt. Wir stehen über das Internet und die sozialen Netzwerke miteinander in Verbindung. Die meisten sind ausgewandert, vor allem nach England, und haben sich ein neues Leben aufgebaut. Ich weiß nicht, ob sie glücklich sind. Wenn wir voneinander hören, dann sagen sie, dass es ihnen gut geht und dass sie eine Arbeit haben, aber wenn ich nachfrage, sind die Antworten vage. Ich habe das Gefühl, dass das Leben eines Malawiers im Ausland nicht gerade leicht ist. Nicht umsonst kommen viele nach einigen Jahren zurück und investieren all ihre Energie und das Wenige, was sie gespart haben, in ihr Heimatland. Andere dagegen sind niemals weggegangen. Sie sind in Malawi geblieben und haben sich mithilfe ihrer Familie oder aus eigener Kraft eine gute Position verschaffen können. Vor einiger Zeit ging ich über die Straße, als ein Mann mit dunkler Sonnenbrille aus einer großen Limousine ausstieg und sich vor mir aufbaute : »Pacem, bist du das ?«, fragte er mich.
Ich hatte ihn nicht erkannt, ich hatte keine Ahnung, wer er war. Ich machte Anstalten, weiterzugehen. Da nahm der Mann seine Sonnenbrille ab und lächelte breit. Es war Kondwani, ein alter Schulfreund, dessen Familie so arm gewesen war, dass sie meinen Vater oft hatte um Hilfe bitten müssen. Er war groß geworden : ein gut aussehender, kräftiger junger Mann, der mit einem teuren Auto herumfuhr und eine Sonnenbrille trug. Das bewies, dass man es auch in unserem Land zu etwas bringen kann, wenn man sich anstrengt, Glück hat oder das bisschen Hilfe, das man bekommt, zu nutzen weiß. Man kann sich aus einer Situation der Armut befreien und sein Leben in die Hand nehmen und selbst gestalten. Man kann sich eine Zukunft sichern. Ich weiß nicht, ob das oft geschieht. Ich glaube nicht. Aber die Möglichkeit besteht. Und das ist schon nicht wenig.
WAS HABE ICH DIR GETAN ?
Mein Vater war sehr zornig über meine bescheidenen schulischen Erfolge. Er warf mir vor, ich hätte mir keine Mühe gegeben, ich hätte ihm schlecht gedankt für sein Vertrauen und für die Opfer, die er gebracht habe, und ich hätte ein so privilegiertes Leben gar nicht verdient : »Ich kann es einfach nicht glauben«, sagte er wieder und wieder, »dass du so oberflächlich bist !« Er meldete mich an einer anderen Schule an, die ebenfalls im Norden lag, in Mzuzu.
Das war weit weg, und so sah ich meine Familie selten, das heißt nur in den Ferien. Bei einem dieser Besuche erlebte ich den ersten echten Streit zwischen meinen Eltern. Nach diesem Streit – sie hatten einander angeschrien, und es waren böse Worte gefallen – kam meine Mutter zu mir und meinen Brüdern ins Zimmer und schlief dort auf dem Boden. Am Morgen danach war ihr Gesicht verweint und ihr Blick verstört. Ich fragte sie, was geschehen sei, doch sie antwortete nicht.
Am Tag danach fanden sich die üblichen »Eheberater« ein – die Verwandten, die sich immer einschalten, wenn ein Paar Probleme hat. Von meinem Zimmer aus hörte ich meine Mutter sagen : »Bevor ich so weiterlebe, gehe ich lieber wieder zurück in mein Dorf.« Ich spitzte die Ohren. Ich lauschte. Ich begriff. Vor unserem Umzug nach Mulanje hatte mein Vater ein Verhältnis mit einer anderen Frau gehabt, seiner Sekretärin. Meine Mutter hatte es herausgefunden und sich gewehrt : Sie hatte dafür gesorgt, dass mein Vater versetzt wurde. Unser Umzug, davon war sie überzeugt, würde der Affäre ein Ende bereiten – doch sie hatte sich getäuscht. Papa drängte seine ehemalige Sekretärin, ihre Stelle zu kündigen, bezahlte ihr die Schwesternschule in Mulanje – und traf sich weiterhin mit ihr.
Von da an sagte meine Mutter jedes Mal, wenn ich wieder zur Schule aufbrach, zu mir : »Pacem, wenn ich nicht mehr da bin, dann sei stark, sei ein braves Mädchen !« Ich war noch sehr jung, nicht einmal 18 Jahre alt, und hielt das Ganze für einen Scherz ; ich dachte, sie wolle mich provozieren und schauen, wie ich darauf reagierte. Als ich im Januar 1995 nach den Ferien wieder nach Mzuzu abreiste, sagte sie : »Pacem, ich werde bald sterben. Ihr werdet mit einer anderen Frau zusammenleben müssen, das wird nicht leicht sein. Kümmere dich um deinen kleinen Bruder.«
Ich konnte es einfach nicht glauben. Ich dachte, sie wolle mich auf den Arm nehmen oder habe eine Depression. Es war das letzte Mal, dass ich sie lebend sah.
Den Rest der Geschichte habe ich erst nach ihrem Tod von meiner Großmutter erfahren.
Mama war krank gewesen, doch sie hatte mit niemandem darüber sprechen wollen. Auf eigene Faust hatte sie die besten Privatkliniken der Stadt aufgesucht und sich Medikamente verschreiben lassen. An einem Freitag im März war sie ins Bottom Hospital in Lilongwe gegangen. Sie fühlte sich derart elend, dass sie kaum laufen konnte. Man überwies sie sofort an ein anderes Krankenhaus, das Kamuzu Central Hospital. Gleich nach ihrer Ankunft kam eine Schwester in ihr Zimmer und bat sie um die Ergebnisse der im Bottom durchgeführten Blutuntersuchung. Meine Mutter gab sie ihr. Die Frau ging hinaus. Kurz darauf kam sie mit einer Kollegin zurück. Mama lag mit geschlossenen Augen da, schwach, abgemagert und kraftlos. Die Krankenschwestern dachten, sie sei eine ungebildete Frau, und unterhielten sich am Fußende ihres Bettes auf Englisch miteinander.
»Was sollen wir mit ihr machen ?«, fragte die eine.
»Nichts, sie ist HIV-positiv, da kann man nichts machen.«
Meine Mutter hörte zu. Sie verstand jedes Wort. Aids zu haben war damals ein sicheres Todesurteil. Es hieß, alles aufzugeben, es hieß, sich von jeder Vorstellung einer möglichen Zukunft zu verabschieden.
Als sie näherkamen und ihr einige Tabletten reichten, weigerte meine Mutter sich : »Ich habe euch zugehört, ich habe alles gehört. Ihr braucht mir nichts vorzumachen, diese Medikamente helfen nicht, ich kann nicht gesund werden.«
Die Krankenschwester versuchte sich herauszureden : »Aber nein, du irrst dich. Wir haben von einer anderen Patientin gesprochen.«
»Das ist nicht wahr«, schnitt sie ihr das Wort ab, »ich weiß, dass ihr von mir gesprochen habt.«
Sie beschloss, keine Medikamente und auch keine Nahrung und kein Wasser mehr zu sich zu nehmen. Bis mein Vater kam, sprach sie kein einziges Wort. »Was habe ich dir getan ?«, fragte sie ihn, als sie ihn eintreten sah. »Was habe ich dir getan«, wiederholte sie, »womit habe ich das verdient ?«
Mein Vater schwieg. Schuldbewusst.
Und Mama, zerbrechlich und erschöpft, zornig und verzweifelt, setzte hinzu : »Wer wird sich um meine Kinder kümmern ?«
Das waren ihre letzten Worte, ihre letzten Gedanken.
In den darauffolgenden Tagen verweigerte sie jegliche Therapie und Nahrung. An einem Montag um zwei Uhr rief mein Onkel in der Schule an. Er sagte mir, dass es meiner Mutter sehr schlecht gehe und ich rasch kommen müsse.
Er holte mich ab und brachte mich nach Hause, nach Lilongwe.
Mama war bereits tot.
Wir begruben sie in Chitipa, dem Dorf meines Vaters. So wollte es die Tradition.
Wenige Wochen später begann auch er sich schlecht zu fühlen. Er erkrankte an Tuberkulose, doch dank der Therapie wurde er gesund und kam wieder etwas zu Kräften. Ich hörte ihn oft weinen, vor allem nachts. Ich nahm all meinen Mut zusammen, holte tief Luft und fragte ihn, weshalb. Er antwortete, ich hätte mich geirrt, er habe nicht geweint. Noch am selben Abend hörte ich ihn wieder schluchzen und ging in sein Zimmer : Diesmal konnte er es nicht abstreiten. Er sagte, dass es ihm schlecht gehe und dass ich meinen Brüdern nichts sagen solle.
Drei Monate nach dem Begräbnis seiner Frau kam er mit einer Frau nach Hause, die wir nie zuvor gesehen hatten. Wir waren überrascht und fragten uns, wer das wohl sein mochte. Er stellte sie uns vor und erklärte, er wolle sie zur Frau nehmen. Für den Moment sagte niemand etwas. Wie schon gesagt : Mein Vater hatte einen harten und strengen Charakter, und es war sehr schwierig, mit ihm zu sprechen. Wir waren eingeschüchtert und hatten keine Möglichkeit, seine Entscheidungen zu beeinflussen. Doch die Krankheit veränderte ihn nach und nach. Die Strenge und Autorität, die er ausstrahlte, machten einer Verletzlichkeit Platz, die ich an ihm noch nie wahrgenommen hatte. Er tat mir leid. Ich fasste mir ein Herz : »Papa«, fragte ich ihn, »geht es dir schlecht, weil du wieder heiraten und diese Frau ins Haus bringen musst ?«
Er sah mir direkt in die Augen : »Pacem, es geht mir schlecht und es wird täglich schlimmer. Du kannst dich nicht um mich kümmern. Ich habe beschlossen, wieder zu heiraten, weil ich jemanden brauche, der mir hilft und der uns allen zur Hand geht.«
»Aber wenn du stirbst … wenn das passieren sollte … wird diese Frau dann für uns sorgen ?«
»Nein, das ist nicht ihre Aufgabe. Aber ich habe mein Testament schon gemacht«, sagte er, »und ihr werdet genug zum Leben haben.«
Dieses Gespräch veränderte alles. Mein Vater flößte mir keine Angst mehr ein. Ich fing an, ihm eine unendliche Reihe von Fragen zu stellen, wir unterhielten uns stundenlang. Mir wurde bewusst, dass er uns bei all seiner Strenge und Unnachgiebigkeit innig liebte. Doch ich konnte mir nicht erklären, was mit ihm geschehen war. Er war immer so stark und unabhängig gewesen. Jetzt dagegen schleppte er sich nur noch dahin, er schien beinahe aufgegeben zu haben. Er klagte nicht über Schmerzen, sprach nicht von seinen Beschwerden, doch sein Körper war von der Krankheit gezeichnet. Er magerte zusehends ab und wurde immer schwächer. Die Durchfallattacken wurden immer häufiger, seine Haut war von Erythemen übersät und im Mund hatte er offene Stellen, die brannten.
Die Frau kam und wohnte in unserem Haus. Obwohl sie uns einigermaßen gut behandelte, änderte sich unser Leben. Sie gab uns nie Geld, und sie machte uns nie etwas zu essen, wie meine Mutter es immer getan hatte. Wenn sie kochte, dann nur für sich und meinen Vater. Wir drei mussten uns selbst versorgen. Ich sprach mit meinem älteren Bruder darüber und sagte zu ihm : »Schicken wir sie weg, sie kann nicht hierbleiben.«
Wir sprachen mit ihr, und sie antwortete sehr entschieden, dass sie keine Widerrede dulde und auf unsere Gefühle keine Rücksicht nehme : »Ich bin nicht euretwegen, sondern wegen eures Vaters hier, und für ihn ist es gut so.«
Wir waren inzwischen groß und bereit, Verantwortung zu übernehmen, und wir scheuten die Auseinandersetzung nicht : »Du bist wegen des Geldes hier ! Du interessierst dich doch weder für uns noch für ihn, geh weg !«
Ich und mein kleiner Bruder waren besonders angriffslustig, mein älterer Bruder war toleranter ; darin ähnelte er unserer Mutter. Das Leben zuhause wurde immer schwieriger. Die Frau kümmerte sich inzwischen auch um die Familienfinanzen und sogar Papa, so erschöpft er auch war, hatte begonnen, sich darüber zu beklagen. Wir waren hin- und hergerissen zwischen dem Drang, fortzugehen, und dem Wunsch, ihm beizustehen. Schließlich kamen wir überein, seinen Bruder zu rufen ; er war Clinical Officer* und konnte uns vielleicht helfen zu verstehen, woran er erkrankt war und was wir tun konnten, um ihm zu helfen.
Mein Onkel sagte uns, mein Vater sei nur deshalb so abgemagert, weil er wegen der offenen Stellen in seinem Mund nicht ausreichend Nahrung zu sich nehme. Papa antwortete : »Du bist ein Schwindler, du willst mir nicht die Wahrheit sagen. Ich habe Aids, und du willst es mir verheimlichen !« Obwohl die Symptome der Krankheit damals noch nicht so bekannt waren wie heute, war ihm sein Zustand voll und ganz bewusst.
Er ging nicht mehr ins Büro. Sein Lebenslicht flackerte von Tag zu Tag schwächer. Sechs Monate später starb er.
Innerhalb von wenig mehr als einem Jahr hatte unsere Familie aufgehört zu existieren.
EIN ANDERES LILONGWE
Nach dem Tod meiner Eltern schien mein Leben keinen Sinn mehr zu haben. Ich dachte viel nach und blickte zurück. Papa hatte enorme Opfer gebracht, damit ich etwas lernte, er hatte mich an den besten Schulen angemeldet und alles getan, um mir ein unbeschwertes Leben und eine sichere Zukunft zu ermöglichen. Und ich ? Was hatte ich getan, um ihm das zu danken ? Nichts, absolut nichts. Und da stand ich nun, kaum 18 Jahre alt, ohne Eltern und ohne Perspektiven.
Doch zu unserem Glück hatte Papa für uns gesorgt und das große Haus im zehnten Bezirk, in dem wir wohnten, ohne unser Wissen gekauft. Wir blieben einige Zeit dort und vermieteten es dann, um Geld zu haben. Wir drei trennten uns. Lapken, mein kleiner Bruder, ging zu einem Cousin, mein älterer Bruder Keegan und ich jeweils zu einem anderen Onkel. Wir blieben alle in Lilongwe, doch unser Leben veränderte sich und war plötzlich mit Hindernissen angefüllt, die wir uns bis zu diesem Augenblick nicht einmal hatten vorstellen können. Solange ich noch zuhause gewohnt hatte, also bis zum Tod meiner Mutter, hatte ich nie einen Handschlag getan. Ich hatte mir um nichts Sorgen machen müssen und hatte alles gehabt, was ich brauchte. Die Hausangestellten hatten für uns geputzt, gekocht und gewaschen. Bei meinem Onkel war das anders. Ich hatte Pflichten ihm gegenüber. Ich musste mir Kost und Logis verdienen. Ich bekam nichts geschenkt. Ich stand jeden Tag um drei Uhr morgens auf, um das Haus aufzuräumen, Essen zu machen und die Wäsche zu waschen. Anders als mein Vater war mein Onkel nicht reich und hatte keine Angestellten. Manchmal gab es zum Frühstück nicht einmal etwas zu essen, sondern nur Tee. Ich war diese Einschränkungen nicht gewohnt und träumte von einem Teller Nsima.
In dieser Zeit begegnete ich meinem ersten Verlobten Wilson, einem ehemaligen Mitschüler. Nach der weiterführenden Schule war er nach Lilongwe gegangen und hatte die Universität besucht. Wir hatten uns zufällig getroffen und begonnen, miteinander auszugehen. Ich war glücklich, es ging mir gut. Ich erzählte ihm, was gerade alles passiert war, und schilderte ihm meine neue Welt. Er war sehr lieb und hatte gewisse finanzielle Mittel. Er fing an, mich zu unterstützen. Er brachte mir Essen und gab mir immer ein bisschen Geld, damit ich mir kaufen konnte, was ich brauchte. Er riet mir, niemandem davon zu erzählen : »Wenn sie es erfahren«, sagte er, »dann wirst du ihnen mit dem Geld ihre Gastfreundschaft bezahlen müssen, und dir wird nichts bleiben.«
Mein älterer Bruder, das neue Familienoberhaupt, erfuhr, dass ich verlobt war. Ich erklärte ihm, dass Wilson ein anständiger Junge war, ernsthaft und aufmerksam, und dass er nach seinem Studium eine Arbeit finden und mich heiraten würde.
»Ich freue mich für dich«, sagte er, »aber tu mir einen Gefallen : Denk auch an deine Zukunft.«
Ja, die Zukunft … Zum ersten Mal hing sie ausschließlich von mir ab. Sie lag in meinen Händen, ich war allein dafür verantwortlich. Ich sprach mit meiner Tante, und es gelang mir, sie zu überzeugen. Erneut schrieb ich mich an der Schule von Mzuzu ein. Das war für mich eine Möglichkeit, wieder in der Realität Fuß zu fassen, auch wenn diese Realität sich so rasch veränderte, dass man Schwierigkeiten hatte, Schritt zu halten. Während der Ferien oder am Wochenende kam ich zurück in die Hauptstadt und ging mit meinem Verlobten aus, doch ich fühlte mich unbehaglich : Ich begriff, dass ich so nicht leben, dass ich nicht immer von seiner Unterstützung abhängig sein konnte.
Am Ende des Schuljahrs begann ich in Mponela zu arbeiten.
Ich unterrichtete an einer privaten Sekretärinnenschule und war für ein praktisches Fach zuständig : die Daktylographie, die man damals noch fürs Maschineschreiben brauchte. Die Bezahlung war nicht fest, sondern hing von der Zahl der Kursteilnehmer ab. Die Schülerinnen zahlten die Kursgebühr an den Schulträger, der einen Anteil davon an mich weitergab. Manchmal verdiente ich fast nichts, manchmal lief es besser. Mir ging es gut damit : Ich konnte ein Zimmer mieten und war nicht mehr völlig von der Familie meines Onkels abhängig. Mein Verlobter war jedoch nicht gerade glücklich darüber, dass ich in Mponela blieb und dazu noch allein. Wir diskutierten und stritten uns. Beinahe hätten wir uns getrennt, doch er war zu verliebt, und so blieben wir am Ende doch zusammen. Doch etwas war zerbrochen.
Es ging mir gut in Mponela. Ich hatte viele Freunde, ich war unabhängig, und ich konnte für mich selber sorgen. Ich nahm mein Leben in die Hand, ich ging der Zukunft entgegen.
DER VATER MEINER KINDER
Mponela war eine große Ortschaft im Zentrum des Landes, und der Markt war ein konzentriertes Gemisch aus Gerüchen, Geräuschen und Farben. Dort lernte ich James, den Vater meiner Kinder, kennen. Er eroberte mein Herz im Sturm. Er war viel größer als ich, und bei ihm fühlte ich mich geliebt und beschützt. In den Tagen nach unserer ersten Begegnung behandelte er mich respektvoll und sanft. Obwohl alle schlecht von ihm redeten, machte ich mir nichts daraus und glaubte niemandem. Ich dachte, sie seien eifersüchtig und neidisch, weil ich einen schönen und freundlichen Mann gefunden hatte, der mich mit Aufmerksamkeiten überschüttete, aus einer guten Familie kam – sein Vater war Lehrer – und eine gute Stelle in einem staatlichen Büro bekleidete. Auch meine Verwandten waren nicht glücklich und wollten, dass ich nach Hause, nach Lilongwe, zurückkehrte, doch das interessierte mich nicht. Ich hatte den Richtigen gefunden. Und ich konnte über meine Zukunft entscheiden. Ich fühlte mich frei.
Nach etwa einem Jahr wurde ich schwanger, und 1999 kam mein erster Sohn, Maupo, zur Welt.
Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich trotz allem ein privilegiertes Leben geführt. Ich kam aus einer wohlhabenden Familie, hatte studiert und in der Stadt gelebt. Verglichen mit dem größten Teil meiner Altersgenossinnen war ich eine Ausnahme. Doch mit einem Mal und ohne es wirklich zu begreifen, hatte ich alle meine Privilegien verloren. Als mein früherer Verlobter aus Lilongwe, der in der Zwischenzeit sein Studium abgeschlossen und eine Stelle angetreten hatte, erfuhr, dass ich ein Kind bekommen hatte, litt er heftig und war sehr enttäuscht. Ich machte ihn ausfindig und traf mich mit ihm. Er war zornig und verbittert, er fühlte sich hintergangen. Ich bat ihn, mir zu verzeihen, und dankte ihm für alles, was er für mich getan hatte. Ich fühlte mich schuldig und war ehrlich zu ihm. Wir gingen als gute Freunde auseinander, er verstand mich.
Zwei Jahre vergingen. Meine Verwandten weigerten sich, ihre Zustimmung zur Ehe zu geben. Ich fühlte mich allein, isoliert. Ich war gekränkt. Aber ich liebte James und wusste, dass ich tun musste, was ich für richtig hielt. Ich blieb hart, und am Ende gaben sie nach. Sie akzeptierten einen Brautpreis von sechs Kühen und gaben uns ihren Segen : 2001 heirateten wir vor dem District Commissioner der Stadt.
Mein Leben änderte sich, es nahm eine für mich völlig unerwartete Wendung.
James schlug mir vor, das Unterrichten aufzugeben, er sagte, ich solle mich um das Haus und um den kleinen Maupo kümmern. Ich wehrte mich, doch er bestand darauf, und so gab ich nach. Anfangs war es kein Problem, es machte mir nichts aus. Ich war in meinem Zuhause und hatte unzählige Dinge zu tun. Außerdem konnte ich mich, anders als bei meinem Onkel, einrichten und organisieren, wie ich es selbst für am besten hielt. Ich stand um fünf Uhr morgens auf – das ist in Afrika ganz normal : Die Tage beginnen früh, weil man das Sonnenlicht ausnutzen muss –, brachte das Wasser zum Kochen und kümmerte mich um die Mahlzeiten, ich wusch die Wäsche, putzte und räumte auf. Nachmittags ging ich zu den Nachbarn, und wir hielten vor den Haustüren ein Schwätzchen, wie es in den afrikanischen Dörfern üblich ist. Um vier, ehe James von der Arbeit zurückkam, ging ich wieder nach Hause. Nach dem Abendessen ging er aus, und ich musste zuhause bleiben. Mein einziger Trost war der Fernseher, wahrscheinlich einer der ersten in ganz Malawi, den mein Vater gekauft hatte, als wir nach mehreren Umwegen wieder nach Lilongwe zurückgekehrt waren. Ich blieb also dort und tat nichts. Ich schlug die Zeit tot.
Meine Brüder und den Rest der Familie sah ich praktisch nie. Sie waren gegen meine Heirat gewesen und besuchten mich nur ungerne. Und auch ich besuchte sie selten. James kam nie mit. Er war immer in der Bar. Er trank. Wenn er heimkam, schlug er mich. Er brauchte keinen Grund, ein Nichts genügte. Er schrie, dass ich eine Null sei, dass ich in meinem Leben nichts zustande gebracht hätte. Er war gnadenlos und aggressiv. Ich wusste, dass die Frauen in Malawi oft von ihren Männern geschlagen wurden, aber ich hätte nie gedacht, dass es mir auch einmal so ergehen würde. Und dass ich es einfach so hinnehmen musste, machte alles nur noch schlimmer. Nach einiger Zeit gab er mir kein Geld mehr, um Lebensmittel zu kaufen, er sagte, er hätte nichts, obwohl er seine Abende nach wie vor in der Bar verbrachte. Trotzdem erwartete er, dass es immer etwas zu essen gab. Ich wusste nicht, was ich tun sollte. Ich fragte den Direktor der Sekretärinnenschule, ob ich wieder bei ihm arbeiten dürfe, wenigstens ein paar Stunden pro Woche, doch er lehnte ab, er sagte, er könne das nicht tun, er wolle keinen Ärger. Er nannte keinen Namen, aber es war klar, dass er dabei an James dachte.
Ich warnte ihn : »Wenn du mir kein Geld gibst, mache ich dir nichts zu essen.« Doch es half nichts, er änderte sich nicht. Er war nicht mehr der Mann, den ich geheiratet und von dem ich geglaubt hatte, dass er ein Ruhepol in meinem Leben sein würde. Ich war verängstigt, eingeschüchtert und hatte niemanden, mit dem ich reden konnte. Meine Verwandten ahnten wahrscheinlich etwas : Jedes Mal, wenn sie mich sahen, war ich dünner und schlimmer zugerichtet. Obwohl ich versuchte, mir nichts anmerken zu lassen, zeigte mein Körper allzu deutlich, wie es in meinem Inneren aussah. Doch meine Brüder stellten nicht viele Fragen, und ich erzählte ihnen nichts. Sie hatten mich gewarnt, ich hatte meinen Kopf durchgesetzt, und jetzt musste ich die Folgen tragen. Ich hätte gerne jemandem mein Herz ausgeschüttet, geweint, geschrien. Ich hätte gerne jemanden gehabt, der mich verstand und dem ich alles erzählen konnte. Ich fühlte mich allein, es war furchtbar. Manchmal vertraute ich mich den Nachbarn an, aber ich brachte es nicht über mich, mich ganz zu öffnen. Meine Zukunft wurde immer düsterer. War das die Familie, von der ich geträumt hatte ? War das der Mann, mit dem ich mein Leben teilen sollte ? Dieser Mann, der alles Geld vertrank, statt es in die Ausbildung seines Sohnes zu investieren ? Dieser Mann, der mich nicht einmal eines Blickes würdigte ?
»Ich habe mich geirrt«, sagte ich mir, »aber wie mache ich es wieder gut ?«
Ich ging zu meinen Brüdern und bat sie um Geld. Ich erzählte ihnen nichts, aber das war auch gar nicht nötig. Sie dachten sich ihren Teil. Mit dem Geld organisierte ich ein kleinen »Laden« : Ich kaufte drei Paletten Eier, insgesamt etwa neunzig Stück, die ich am Morgen kochte und auf der Straße verkaufte. Das ging nicht lange gut. Kaum hatte er davon erfahren, zwang James mich auch schon, damit aufzuhören und auf dieses Wenige zu verzichten, das uns weitergeholfen hätte. Das uns geholfen hätte, zu überleben. Wieder gab ich nach. Ich wollte immer noch glauben, dass er mich auf seine Weise liebte, dass es zu unserem Besten war, wenn er mich so behandelte. Damals war mir die Bedeutung der Arbeit und insbesondere der Frauenarbeit noch nicht klar. Arbeiten heißt nicht nur Geld verdienen. Es bedeutet viel mehr. Arbeiten hilft dir, einen Platz in der Gesellschaft zu finden, es bringt dich mit anderen Menschen in Kontakt. Es öffnet dir die Augen und lässt dich von einer anderen Zukunft träumen. Es gibt dir Unabhängigkeit, Entscheidungsfreiheit. Würde. Es spielt keine Rolle, ob du auf der Straße Eier verkaufst, als Sekretärin arbeitest oder Schreibmaschinenkurse hältst. Wichtig ist nur, dass du es tust, dass du etwas auf die Beine stellst. Als ich jung war, glaubte ich wie so viele Frauen, dass es nur auf die Familie ankomme und dass mein Partner der einzige Mensch sei, auf den ich mich verlassen und auf den ich zählen könne. Doch so war es nicht, ich hatte mich getäuscht. Er wurde immer eifersüchtiger und hörte nicht auf, mich zu schlagen. Ich bereute meinen Starrsinn. Ich war die Gefangene meiner eigenen Entscheidungen.
Im Viertel gingen inzwischen Gerüchte um. Die Nachbarn erwähnten seine vorige Frau, die seit einigen Jahren tot war. Sie tratschten und sagten, er gehe zu anderen Frauen. Ich verschloss Augen und Ohren und redete mir ein, das sei alles üble Nachrede und ein Produkt ihrer Eifersucht. Doch es ging mir schlecht. Ich fühlte mich nicht geliebt. Ich ertrug es nicht, dass ich mit niemandem darüber sprechen konnte und so völlig auf mich alleine gestellt war.
HUNGER
In Mponela lernte ich zum ersten Mal in meinem Leben den Hunger kennen.
Die Probleme begannen im Vorfeld der Regenzeit 2002, zwischen Oktober und November, und dauerten bis Ende Februar, als die Maisernte anfing. Es war ein furchtbares Jahr, es regnete wenig, und die Ernte war nicht ausreichend. Meine Familie gehörte zum Glück nicht zu denen, die es am härtesten traf, weil mein Mann eine Arbeit und ein festes Gehalt hatte und wir nicht völlig von den Erträgen der Landwirtschaft abhingen – anders als die Bauern und viele andere arme Menschen.
Ich erinnere mich noch gut an ihre Verzweiflung.
Alles war geschlossen, kam zum Erliegen. Die Kinder gingen nicht zur Schule, weil sie bei der Nahrungsbeschaffung helfen mussten. Die Preise waren astronomisch hoch, und auch die Viehzüchter hatten Schwierigkeiten. Wenn man Ziegen und Hühner hatte, musste man mit Bedacht vorgehen : Man durfte sie nicht alle auf einmal essen, konnte das Fleisch jedoch der Hitze wegen auch nicht konservieren. Die einzige Möglichkeit war, sie zu verkaufen und Nsima davon zu kaufen, die haltbar war und den Magen für einige Tage füllte. Doch die Tiere waren ein grundlegendes Kapital und eine Investition, die große Opfer verlangt hatte, und so war es schwer, sich – zumal zu einem Schleuderpreis – von ihnen zu trennen. Hinzu kam, dass der Maispreis explodierte und unter den armen Leuten Gerüchte kursierten, wonach einige große Konzerne, die über die entsprechenden Mittel verfügten, genau darauf spekuliert hatten : Sie hätten große Vorräte für wenig Geld aufgekauft und würden sie nun zu exorbitanten Preisen weiterverkaufen.
Die Straßen waren voller erschöpfter und verzweifelter Menschen, die alles Mögliche aßen, nur um sich den Magen zu füllen. Einige starben, weil sie giftige Wurzeln gegessen hatten, andere, weil sie nicht einmal mehr die Kraft hatten, zu reagieren. Zuhause aßen wir nur einmal am Tag, mittags. Ich kochte keinen Maisbrei mehr, sondern eine Art Porridge aus Getreide, Wasser und Zucker. Das war alles, was wir uns erlauben konnten. Dabei konnten wir uns, verglichen mit der Mehrheit der Bevölkerung, noch glücklich schätzen. Die Nachbarn und die Freunde wurden argwöhnisch. Jeder misstraute jedem. Sie waren neidisch. Sie hatten Angst, bestohlen zu werden. In den Straßen der Stadt herrschte eine leidende, resignierte Stimmung. Die Tage verstrichen immer langsamer, immer leerer.
HIV
In der Schule hatte ich zum ersten Mal von Aids gehört.
Eine meiner Freundinnen hatte die gleiche Zahnbürste wie ich : dieselbe Marke und dasselbe Modell, und einmal hatte ich aus Versehen ihre genommen. »Vorsicht !«, schrie sie. »Das ist meine !«
»Woher weißt du das ?«
»Ich habe den Griff markiert.«
Ich fragte sie nach dem Grund, ich wollte wissen, weshalb sie so sehr auf ihre Zahnbürste achtete. Wir waren Kinder, Freundinnen, und hatten schon oft unsere Seife oder unsere Kleider getauscht. Das war zwar etwas anderes als eine Zahnbürste, aber ihre Reaktion kam mir trotzdem übertrieben vor. Sie erklärte mir, dass wir vorsichtig sein müssten, weil es eine neue Krankheit gebe, Aids, die sich über das Blut übertrage, und dass ich sie, wenn ich damit infiziert wäre, hätte anstecken können, wenn ich mir beim Zähneputzen das Zahnfleisch verletzt hätte.
Meine zweite, sehr viel schmerzlichere Begegnung mit Aids hatte ich – auch wenn es im Grunde niemand hatte zugeben wollen –, als meine Eltern daran starben. Bis zu diesem Augenblick hatte ich nur eine vage Vorstellung, worum es sich handelte. Ich wusste, dass es eine unbekannte Krankheit und anders als alle anderen Krankheiten war, aber ich kannte weder ihren Charakter noch ihre Wirkung. Ich versuchte mich zu informieren, aber ich wurde zum Schweigen gebracht. »Frag nicht und sprich mit niemandem darüber«, schärften mir meine Großeltern und der Rest der Familie ein. Wer an dieser Krankheit starb, musste das im Stillen tun und durfte keine Spuren hinterlassen.
In den darauffolgenden Jahren war Aids jedoch in der gesamten Region südlich der Sahara zu einem wirklichen und echten Notfall geworden. Im Radio brachten sie ständig Berichte und gaben Anweisungen, wie man mit dem Virus und mit den Menschen umgehen sollte, die sich damit infiziert hatten. Ich traf mich mit den Nachbarn zu stundenlangen Diskussionen an der Türschwelle. Am besten wäre es doch wohl, so sagten wir, jeden Kranken mit einem Zeichen auf der Stirn zu markieren. Das sei das Nächstliegende. Da er eine Gefahr für den Rest der Bevölkerung sei, könne man ihn ebenso gut kenntlich machen und von den anderen fernhalten. Die Straßen der Stadt hatten sich geleert und waren stiller geworden. Beinahe täglich wurde jemand beerdigt. Der Präsident hatte die Straßen mit großen Bekanntmachungen plakatiert, auf denen er eine einzige Lösung propagierte, das »Rezept der drei A«: »Abstinenz, Abstinenz, Abstinenz.«
Ich begann darüber nachzudenken, ob es nicht angebracht sei, den Test zu machen. Ich wollte sichergehen, dass ich nicht krank war, und falls doch, dann wollte ich mir die nötigen Medikamente verschaffen. Mir war bewusst, dass sie mich nicht würden retten können, aber sie hätten zumindest die Beschwerden gelindert und mein Leben um einige Jahre verlängert, das Ende hinausgezögert. Ich wusste, dass ich im Fall der Fälle stark, fest und entschlossen würde sein müssen. Dass der gesellschaftliche Tod dem physischen vorangehen würde. Dass ich wahrscheinlich im Stich gelassen, verraten und diskriminiert werden würde. Dass das Wenige, was die Krankheit unversehrt ließ, von Angst, Unwissenheit und Hoffnungslosigkeit getroffen werden würde.
MELINDA
Wenn ich durch unser Viertel ging, traf ich oft meine Schwäger, die viel jünger waren als James. Eines Tages begegnete ich dem Kleinsten von ihnen, der das vierte Jahr der weiterführenden Schule besuchte, und einem Mädchen, das ich zunächst für seine Mitschülerin hielt. Im Näherkommen hörte ich jedoch, wie mein Schwager zu dem kleinen Mädchen sagte : »Sag Pacem guten Tag, sie ist deine Tante.«
Ich verstand nicht, weshalb er das sagte, und achtete nicht weiter darauf. Doch von diesem Tag an lächelte das Mädchen mich an, wann immer wir uns begegneten, und gab mir die Hand.
Ich fragte einen anderen Schwager, wer sie sei.
»Das ist eine von James’ Töchtern«, sagte er ganz unbefangen.
Ich wurde zornig, ich war schockiert. Ich verstand nicht, warum er mir nie etwas gesagt hatte. Wir lebten seit einigen Jahren zusammen, wir waren eine Familie – wie hatte James etwas so Wichtiges vor mir geheim halten können ? Ich wusste, dass er schon einmal verheiratet gewesen war, aber er hatte nie erwähnt, dass er Kinder hatte. Als ich ihn zur Rede stellte, tat er es mit einem Achselzucken ab, als sei die Sache nicht der Rede wert. Dann teilte er mir wenige Tage später mit, wir müssten das Haus aufgeben und zu seiner Familie ziehen. Er sagte es einfach so, als ob das keine große Sache wäre und als ob es keine Alternative gäbe. Er versuchte nicht, sich zu rechtfertigen oder irgendetwas zu erklären.
Ich reagierte nicht, ich wehrte mich nicht. Ich nahm es hin.
Wir zogen einige Blocks weiter in ein großes Haus, das im selben Bezirk lag.
Wir lebten mit seinen drei Kindern aus erster Ehe, mit seiner Schwägerin, die sich um ihre Nichten und Neffen kümmerte, seinen beiden jüngsten Brüdern, seiner Schwester und einigen Cousinen und Cousins zusammen. Mit mir und Maupo waren wir zwölf.
Ich fühlte mich verloren, im Stich gelassen. Aber ich hatte keine Wahl. Was konnte ich schon tun ? Ich war allein und hatte ein kleines Kind. Wenn ich fortgegangen wäre und meinen Mann verlassen hätte, hätte ich auf niemanden zählen können. Ich hätte aufs Geratewohl losziehen und mir einen Mann suchen müssen, der bereit gewesen wäre, sich um mich und Maupo zu kümmern. Um was zu erreichen ? Zu welchem Zweck ? Wahrscheinlich hätte er ein Kind von mir haben wollen, und ich hätte mich wieder an demselben Punkt, in exakt derselben Situation befunden, der ich vermeintlich entronnen war. Und dann hätte ich wieder fortgehen und mir wieder einen anderen Mann suchen müssen, und womöglich wäre diese Irrfahrt mein ganzes Leben lang so weitergegangen. Das war nicht die Zukunft, die ich mir vorgestellt hatte. Ich wollte doch nur Stabilität, Frieden. Ich biss die Zähne zusammen, versuchte mit aller Kraft, durchzuhalten. Wieder und wieder sagte ich mir, dass James sich ändern, dass er wieder der werden würde, der er gewesen war : der Mann, in den ich mich verliebt hatte.
Seine Brüder und seine Schwester, die noch zu jung waren, um alleine zu leben und auf eigenen Füßen zu stehen, waren grob und unerzogen und respektierten mich nicht im Geringsten. Nie bezogen sie mich mit ein, und sie sprachen nur das Allernotwendigste mit mir. Jedes Mal, wenn ich sie beim Wasserholen oder Feuermachen um Hilfe bat, erhielt ich eine Abfuhr. Also gab ich es auf und bemühte mich, das Haus auf Vordermann zu bringen. Ich konnte nicht anders, obwohl es nicht mein Zuhause war und sich für mich auch nicht so anfühlte. Ich hatte niemanden, bei dem ich mich aussprechen und mit dem ich meine Gedanken und Gefühle hätte teilen können. Manchmal, wenn ich ein wenig Zeit übrig hatte, unterhielt ich mich ein bisschen mit den Nachbarn, aber ich vertraute mich ihnen nicht an. Ich fragte mich, was sie wohl von mir denken, was James und seine Verwandten ihnen erzählt haben mochten. Meine Brüder sah ich selten, und wenn, dann blieben unsere Gespräche an der Oberfläche : Ich erzählte ihnen nicht, wie die Dinge in Mponela wirklich standen. Sie hatten mich gewarnt, und ich hatte meinen Kopf durchgesetzt. Jetzt musste ich für meine Fehler bezahlen. Wenn ich an jene Jahre zurückdenke, erinnere ich mich vor allem an die große Traurigkeit, die mich in den Momenten der Einsamkeit überkam. Mein einziger Trost war Maupo, der zu einem hübschen und kräftigen Jungen heranwuchs. Er war meine Hoffnung und meine Kraft.
Eines Abends kam James wieder betrunken nach Hause und schlug mich ohne Grund. Das war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Der letzte, der entscheidende Tropfen. »Es reicht«, sagte ich mir. »Ich halte es nicht mehr aus. Ich gehe fort.« Am nächsten Morgen packte ich meine Sachen, band mir meinen Sohn auf den Rücken und machte mich auf den Weg nach Lilongwe zu meinem älteren Bruder.
Ich ging nicht ins Detail, ich erzählte ihm nicht, dass James mich schlug und all das. Ich sagte nur, dass ich eine Weile bei ihm bleiben wolle, dass ich Abstand bräuchte von der Familie meines Mannes. Ich bat ihn um Verzeihung für all die Sorgen und Probleme, die ich ihm bereitet hatte, und vor allem dafür, dass ich seinem Rat nicht gefolgt war. Er war verärgert und billigte mein Verhalten nicht, doch er nahm mich auf in sein Haus, das er gemeinsam mit seiner Frau und seinen beiden Kindern bewohnte. Es war ein kleiner, bescheidener Bau mit nur einem Schlafzimmer. Maupo und ich mussten uns mit dem Gemeinschaftsraum begnügen, der an Regentagen als Esszimmer diente.
Während meines ganzen Aufenthalts dort brachte ich es nicht über mich, meinem Bruder alles zu erzählen und ihm zu sagen, wie es mir wirklich ging. Ich arbeitete nicht und verbrachte viel Zeit alleine. Es gab nicht viel zu essen, und es war nun einmal nicht mein Leben. Nach etwa einem Monat fasste ich einen Entschluss, ich sagte zu meinem Bruder : »Ich gehe zurück zu meinem Mann.«
Er antwortete nicht. Er widersprach nicht. Ich packte meine wenigen Habseligkeiten und machte mich auf den Weg – in der Hoffnung, dass er sich verändert, dass mein Weggang etwas genutzt hatte. Ich betete : »Mach, dass er wieder der ist, der er früher war.«
Es ging weiter, wie es aufgehört hatte. Ich wurde schwanger.
Während der Schwangerschaft tat ich alles, was ich konnte, um das Leben zu schützen, das in mir heranwuchs, und ging regelmäßig zum besten Antenatal Care der Region in Mtenga Wa Ntengha. Ein Antenatal Care ist eine medizinische Station, die sich auf die Schwangerschaftsbetreuung spezialisiert hat und sich bis zur Geburt um schwangere Frauen kümmert. Diese Stationen sind im ganzen Land verbreitet. Es handelt sich um eine öffentliche Dienstleistung, die vollkommen kostenlos ist. Die in Mtenga Wa Ntengha war die beste. Die Ärzte maßen meine Größe und mein Gewicht und verschrieben Medikamente, wenn es nötig war. Sie rieten mir, ein Eisenpräparat gegen die Blutarmut zu nehmen, die infolge der Ernährungslage und der Malaria in Malawi weit verbreitet ist. Außerdem gaben sie mir Tipps für die Hygiene und Lebensweise. Eine Schwester riet mir, zum VCT zu gehen und den HIV-Test machen zu lassen, und sie sprach mit mir über Aids. Die Untersuchung war noch nicht obligatorisch, das wurde sie erst einige Jahre später, aber sie war gratis und wurde nachdrücklich empfohlen.
Ich sprach mit James darüber, und er antwortete : »Damit bin ich nicht einverstanden.« Ich insistierte, doch er wollte nichts davon wissen. Er sagte, es gebe keinen Grund zur Sorge, ich solle ihm vertrauen, und seine erste Frau sei an einer Lungenerkrankung gestorben, die nichts mit Aids zu tun gehabt habe.
Das überzeugte mich nicht, ich machte mir Sorgen. Immer wieder musste ich an den Tratsch und die Gerüchte denken, dass er zu anderen Frauen ging. Hinzu kam, dass er sich in letzter Zeit zunehmend schlecht fühlte. Er schluckte ein Paracetamol pro Tag und hustete ständig.
»Keine Sorge«, sagte er dann, »das sind noch die Nachwirkungen der Tuberkulose.«
Im Oktober 2004 kam meine zweite Tochter zur Welt, Melinda, während mein Mann Blut und Schleim aushustete.
»Das reicht«, dachte ich bei mir, »wir dürfen nicht länger warten, wir müssen den Test machen.« Wenn er nicht dazu bereit war, würde ich es eben alleine machen, heimlich. Und wenn ich das Ergebnis hatte, würde ich entsprechend reagieren. Wir waren für unsere Familie verantwortlich, für Maupo und für die kleine Melinda. Wir konnten nicht einfach so tun, als ob nichts wäre.
Darmowy fragment się skończył.