Czytaj książkę: «Glühende Retterliebe»
Oswald J. Smith
Glühende Retterliebe

Bibliografische Information Der Deutschen Bibliothek
Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar.
ISBN 9783865064332
21. deutschsprachige Auflage 2010
© 1952 by Joh. Brendow & Sohn Verlag GmbH, Moers
Originaltitel: THE PASSION FOR SOULS
© Marshall, Morgan & Scott, Ltd., London
Übersetzung: Siegrid Riedel
Umschlaggestaltung: Brendow Verlag, Moers
Titelfoto: Getty Images
Satz: Hans Winkens, Wegberg
1. digitale Auflage 2013
Digitale Veröffentlichung: Zeilenwert GmbH
www.brendow-verlag.de
Inhalt
Cover
Titel
Copyright
Ulrich Parzany: Immer noch dieselbe Glut!
Des Meisters Ruf
1. Satans Niederlage
2. Von Gott beschlagnahmt
3. Was ist die Hauptaufgabe der Gemeinde Jesu Christi?
4. Wie Gott mich in einen weltweiten Dienst berief
5. Wird Christus auf die Erde zurückkehren, ehe die Welt evangelisiert worden ist?
6. Gewinnen wir den Kampf gegen das Heidentum?
7. Warum hat die Gemeinde Jesu versagt und das Evangelium nicht der ganzen Welt verkündigt?
8. Wie Gott mich lehrte, Missionsopfer zu geben
9. Was uns heute Not tut
10. Verkündigung des Evangeliums! Gottes Antwort auf das Sehnen und Seufzen der Menschheit
11. Gottes Macht offenbart sich durch eine Erweckung
12. Die bleibende Frucht der Evangelisationsarbeit und der Erweckungen
13. Wie kann heute eine Erweckung unter uns geschehen?
Roland Werner: Die Dringlichkeit der Evangelisation und die Erneuerung der Herzen
Ulrich Parzany
Immer noch dieselbe Glut!
Ich war 16 oder 17 Jahre alt, als ich zum ersten Mal die Geschichte von dem waghalsigen kanadischen Holzfäller, dem High Rigger, las. Ich habe die Geschichte als junger ehrenamtlicher Mitarbeiter oft in der Jugendarbeit erzählt. Ein junger Kerl, der vor Gottes Berufung in die Weltevangelisation weglaufen wollte und dann doch von Gott beschlagnahmt wurde.
Das Buch »Glühende Retterliebe« war ein Stachel in meinem Gewissen. Ich wusste, Oswald Smith hatte Recht. Die weltweite Evangelisation war der Auftrag Nr. 1, den Jesus uns Christen gegeben hat. Aber ich wagte nicht, das auf mein Leben zu beziehen.
Ich hatte immer ein schlechtes Gewissen, wenn ich andere auf den Auftrag zur Weltevangelisation hinwies, weil ich selber in Deutschland blieb. Wie sollte ich da andere für die Weltevangelisation motivieren?
Als Vikar leitete ich einen Hausbibelkreis in Bethlehem.
Eine über 80 Jahre alte Missionsärztin aus Assuan in Ägypten erzählte mir ihre Geschichte. Sie behauptete fest und klar: »Man braucht keine besondere Berufung, um in die Weltmission zu gehen. Jesus hat gesagt: ›Geht in alle Welt …‹ Man braucht eine besondere Berufung, um zu Hause zu bleiben.«
Also betete ich und sagte Gott: »Hier bin ich. Sende mich wohin du willst. Ich bin bereit, in die islamische Welt zu gehen.« Mit diesem Entschluss kam ich nach meiner Vikariatszeit aus dem Nahen Osten nach Deutschland zurück. Dort traf mich der Ruf, als Jugendpfarrer nach Essen zu gehen. Ich sträubte mich ein halbes Jahr lang. Dann wurde mir bei einem Abendmahlsgottesdienst gewiss: Du musst diesem Ruf gehorsam sein.
Von da an hatte ich alle Freiheit, für die weltweite Evangelisation zu werben. Ich wusste, dass mein Dienst in Deutschland keine Flucht war. Ich war mein Leben lang bereit, dem »normalen« Ruf in die weltweite Arbeit des Herrn Jesus Christus zu folgen. Wer weiß, was Gott noch vor hat?
Dieses Buch von Oswald Smith ist ein »Klassiker«. Die Lebensverhältnisse sind heute weltweit völlig anders als zu seiner Zeit. Aber dieses Buch strahlt immer noch die heiße Glut der Liebe Gottes aus. »Gott will, dass allen Menschen geholfen wird und sie zur Erkenntnis der Wahrheit kommen.« »Wen soll ich senden? Wer will unser Bote sein?« Ich bete, dass durch das Lesen dieses Buches viele zu der Antwort geführt werden: »Hier bin ich, Herr. Sende mich!«
Ulrich Parzany
Des Meisters Ruf

Satans Niederlage
»Was gibt’s Neues?«, fragte der Satan und schaute forschend auf den gerade eintretenden Fürsten von Alaska.
»Großartig! Ausgezeichnet!«, war die Antwort.
»Hat schon einer der Eskimos davon gehört?«, fragte er gespannt und heftete seinen Blick auf den gefallenen Engel.
»Keiner! Bestimmt keine Menschenseele!«, antwortete der Fürst mit tiefer Verbeugung. »Dafür habe ich schon gesorgt«, fuhr er hämisch fort, als weide er sich an einem eben errungenen Sieg.
»Hat’s einer versucht?«, fragte sein Herr gebieterisch.
»Wollte jemand in dein Reich eindringen?«
»Das schon, doch der Versuch scheiterte, bevor sie auch nur ein Wort der Sprache lernen konnten«, erwiderte der Fürst mit verhaltenem Triumph in der Stimme. Jetzt war der Satan ganz Ohr. »Was? Erzähl doch! Wie kam das?«
»Ich durchstreifte mein Reich kreuz und quer«, hob nun der Fürst an, »war tief bis in die Arktis vorgestoßen und wollte eben einen der abgelegenen Stämme besuchen, als ich plötzlich die überraschende Nachricht erhielt, dass sich zwei Missionare aus Übersee aufgemacht haben und nach guter Landung schon tief in mein Reich Alaska eingedrungen sind. Sie steuerten geradewegs auf einen großen Eskimostamm in der Arktis zu.«
»Und was hast du gemacht?«, unterbrach ihn Satan, der ungeduldig auf den Höhepunkt der Erzählung brannte.
»Zuerst berief ich die Heerscharen der Finsternismächte unter meinem Befehl zu einer Beratung. Es wurden viele Vorschläge gemacht. Endlich einigten wir uns auf das einfachste Mittel: sie erfrieren zu lassen.
Da sie gerade nach diesem entfernt wohnenden Stamme aufgebrochen waren und höchstwahrscheinlich einen vollen Monat zur Durchquerung der dazwischenliegenden Eisfelder brauchten, machten wir uns sogleich an die Arbeit. Sie waren mit brennendem Herzen hinausgezogen, das Evangelium zu verkündigen. Mutig stapften sie voran. So verstrich etwa eine Woche. Eines Tages fuhr ihr Verpflegungsschlitten plötzlich über eine dünne Eiskruste; sie barst unter der Last auseinander, und im nächsten Augenblick war der Schlitten verloren.
Tapfer schleppten sie sich vorwärts, trotz Müdigkeit und Erschöpfung. Sie waren in einer hilflosen Lage und dabei noch über drei Wochen von ihrem Ziel entfernt. Als Neulinge im hohen Norden waren sie den Schwierigkeiten dieses großen Landes nicht gewachsen.
Als sie schließlich gar nichts mehr zu essen hatten, müde und ausgemergelt waren und fast die Flinte ins Korn werfen wollten, gab ich das Signal zum Angriff. – In kurzer Zeit schwoll der Wind zum Orkan an. Dichtes Schneegestöber setzte ein. Und weil du, o mein Gebieter, Herrscher der Gewalten in der Luft bist, waren sie vor Morgengrauen ein Opfer des Todes, kalt und steif.«
»Ausgezeichnet! Großartig! Du hast mir gut gedient«, bemerkte der gefallene Cherub mit dankbarem Lächeln auf seinem einst schönen Gesicht.
»Und was hast du mir zu melden?«, wandte er sich nun an den Fürsten von Tibet, der mit sichtlicher Befriedigung der Unterhaltung gelauscht hatte.
»Auch ich kann mit einem Bericht aufwarten, der Eure Majestät mit größter Freude erfüllen wird«, entgegnete der Angeredete.
»Ha, Fürst, hat man denn auch versucht, in dein Reich einzudringen?«, fragte der Satan mit wachsendem Interesse.
»Jawohl, das schon«, antwortete der Fürst.
»Wie? Erzähl doch!«, drängte der Satan gespannt.
»Ich tat meine Pflicht im Herzen Tibets«, erläuterte der Fürst, »als mir plötzlich zu Ohren kam, dass sich eine Gesellschaft eigens zu dem Zweck gebildet hat, das Evangelium in mein Reich zu tragen. Du kannst dir denken, mein Herr, dass ich sofort auf dem Posten war. Ich berief meine Heere zu einer eingehenden Besprechung, und bald hatten wir einen Plan ausgeheckt, der guten Erfolg verhieß.
Zwei Männer, die von dieser Gesellschaft ausgesandt waren, kamen mit großer Entschlossenheit durch China und überschritten kühn die Grenze des ›Verbotenen Landes‹. Wir ließen sie etwa drei Tagesreisen weit hereinkommen; dann, als die Dunkelheit hereinbrach, wurden sie von zwei wilden Hunden angefallen, die dort sehr häufig sind. Mit äußerster Verzweiflung kämpften sie um ihr Leben, doch schließlich wurde einer von ihnen zu Boden gerissen und getötet. Den anderen jedoch schützten unsichtbare Mächte, die wir nicht überwinden konnten. Er entkam.«
»Was, er entkam!?«, schrie Satan mit scheußlicher Gebärde.
»Er konnte entfliehen!? Hat er ihnen die Botschaft gebracht?«
»Nein, mein Herr«, antwortete der Fürst von Tibet im Brustton der Überzeugung. »Dazu hatte er keine Gelegenheit. Bevor er auch nur ein Wort der Sprache erlernen konnte, hetzten unsere Heerscharen die Eingeborenen auf ihn. Er wurde schnell vor ein Gericht gestellt und zum Tode verurteilt. Das war eine Szene, die Euer Majestät das höchste Vergnügen bereitet hätte. Sie nähten ihn in eine nasse Büffelhaut ein und ließen ihn dann in der Sonne braten. Drei Tage lang währte es. Die Haut schrumpfte immer mehr zusammen, langsam krachten seine Knochen, bis endlich das Leben entflohen war.«
Während der Fürst von Tibet sprach, hatte sich das Zimmer rasch immer mehr gefüllt, und als er seinen Bericht beendet hatte, brach die ganze Versammlung in lauten Beifall aus. Alle beugten sich in Ehrfurcht vor der majestätischen Gestalt Satans, der noch immer schön zu nennen war, trotz der entstellenden Spuren der Sünde.
Doch schon einen Augenblick später legte sich der Jubel. Eine Handbewegung Satans ließ sie alle verstummen.
Er wandte sich an einen anderen gefallenen Engel: »Und was hast du zu berichten, mein Fürst? Bist du noch unumschränkter Herr von Afghanistan?«
»Jawohl, Eure Majestät«, erwiderte der Angeredete; »doch möchte ich bezweifeln, ob ich es allein geschafft hätte ohne die Hilfe meiner tapferen Getreuen.«
»Dann ist dein Reich also auch angegriffen worden?«, schrie Satan laut.
»Jawohl, mein Gebieter«, entgegnete der Fürst. »Aber hör nur mal zu, ich will alles der Reihe nach erzählen.«
Mit einer Handbewegung verschaffte er sich Ruhe, dann begann er:
»Wachsam beobachteten wir ihr Vorrücken; sie waren zu viert – alle beseelt von dem einen brennenden Eifer, Ihn zu verkündigen.
Nun weißt du doch, mein Herr, dass jeder Reisende gleich an der Grenze meines Königreichs auf ein Plakat mit folgender Inschrift stößt:
›Afghanisches Hoheitsgebiet! Überschreiten der Grenze strengstens verboten!‹
Sie knieten rings um die Warnungstafel nieder und beteten; aber trotzdem behielten unsere tapferen Heere die Oberhand. In fünfzehn Meter Entfernung von dem Plakat saß ein afghanischer Wachtposten auf einem Haufen Felsblöcke, sein Gewehr im Anschlag. Nach dem Gebet machte sich die kleine Gesellschaft mutig auf und überschritt die Grenze in das ›Verbotene Land‹. Der Posten ließ sie noch zwanzig Schritte herankommen, wie der Blitz feuerte er dann drei Schüsse ab, und drei von ihnen stürzten zu Boden. Zwei waren tot, der dritte verwundet. Hastig zerrte sein Kamerad den Verwundeten zurück zur Grenze, wo er nach kurzem Krankenlager starb. Der letzte im Bunde verlor den Mut und floh aus dem Land.«
Lang anhaltendes Beifallsgeschrei folgte auf diesen Bericht. Alle frohlockten, Satan selbst am meisten. War er denn nicht noch im Besitz der »Verbotenen Länder«, hatte er nicht auf der ganzen Linie gesiegt? Seine ungezählten Horden hätten dafür gesorgt, dass die Frohe Botschaft noch abgewehrt worden war; noch hatte niemand dort den gefürchteten Namen vernommen.
»Mächtiger Gebieter, willst du uns nicht sagen, warum du so ängstlich darauf bedacht bist, gerade aus unseren Reichen diese Erkenntnis fern zu halten? Weißt du nicht, dass starke Heereskräfte in die Königreiche des Fürsten von Indien, des Fürsten von China und Seiner königlichen Hoheit des Fürsten von Afrika eingedrungen sind und dass sich täglich Menschen zu Christus bekehren?«
»O ja, das weiß ich nur zu gut; doch passt auf, ich will euch erklären, warum ich so eifersüchtig über den verschlossenen Ländern wache«, antwortete Satan, während alle gespannt an seinem Munde hingen.
»Es gibt mehrere Weissagungen«, hob er nun an, »die wohl am besten in dieser einen zusammengefasst sind: ›Es wird gepredigt werden das Evangelium vom Himmelreich in der ganzen Welt zu einem Zeugnis über alle Völker, und dann wird das Ende kommen‹« (Matthäus 24, V. 14). Leiser fuhr er dann fort: »Nun liegt es ja auf der Hand, dass Gott die Heiden heimsucht, ›um sich aus ihnen ein Volk für Seinen Namen zu erwählen‹, und ›danach‹, spricht Er, ›will Ich wiederkommen‹ (Apostelgeschichte 15, V. 14–16). Weiter heißt es im großen Missionsbefehl, dass alle Völker gelehrt und zu Jüngern gemacht werden sollen (Matthäus 28, V. 18–20).
Also kann Jesus Christus nicht zurückkehren, um hier zu herrschen«, rief er ingrimmig, »bis alle Völker die Frohe Botschaft vernommen haben; denn es steht weiter geschrieben: ›Ich sah eine große Schar, die niemand zählen konnte, aus allen Nationen und Stämmen und Völkern und Sprachen‹ (Offenbarung 7, V. 9). Daher spielt es für uns keine Rolle, wie viele Missionare noch in Länder ausgesandt werden, die schon bereits evangelisiert sind, noch wie viel Menschen sich dort bekehren; denn nicht eher wird Er zurückkehren, um hier Seine Herrschaft aufzurichten, als bis die Botschaft des Evangeliums in Alaska, Tibet, Afghanistan und in unseren anderen Besitzungen verkündigt worden ist, in denen sie bis jetzt noch nie gehört wurde.«
Da fuhr der Fürst von Französisch-Indochina plötzlich auf: »Dann können wir also Seine Wiederkehr und die Aufrichtung Seiner Herrschaft auf dieser Erde verhindern, wenn wir alle Seine Boten aus den verschlossenen Ländern fern halten und somit den Willen des Allerhöchsten durchkreuzen!«
»Gerade das wollen wir ja«, rief der stolze Fürst von Kambodscha und fuhr dann fort: »Neulich schrieb gerade noch ein Missionar: ›Im Augenblick können wir noch von keinem einzigen Eingeborenen hier sagen, dass er die Heilsgewissheit durch unsern Herrn Jesus Christus gefunden hätte.‹ Wir wollen schon dafür sorgen. Eure Majestät, dass uns keiner entwischt.«
»So ist’s recht«, sprach Satan. »Wir wollen noch viel wachsamer sein und jeden Angriff auf die verschlossenen Länder mit aller Gewalt im Keim ersticken.«
Als ihnen dieser großartige Plan aufgedämmert war, brachen sie in ein lautes Freudengeheul aus und eilten zu ihren Königreichen zurück, fester denn je entschlossen, das Entwischen auch nur einer einzigen Seele zu verhindern.
Fünfzig Jahre waren seitdem ins Land gegangen. Unstet schreitet Seine Satanische Majestät auf und ab. Finstere, unheilverkündende Schatten lagern auf seiner gerunzelten Stirne. Etwas ganz Ungewöhnliches musste ihm seine Ruhe geraubt haben.
»Es darf nicht sein«, murmelte er vor sich hin, und lauter werdend: »Dazu auch noch der ganze Plan! Oh, dieser Plan macht mir zu schaffen! Schließlich müssen sie die Sache doch klar durchschaut haben. ›Evangelisieren‹, ›Pionierarbeit‹, ich kann diese Wörter nicht ausstehen. Und dann noch erst ihre Richtlinien: ›Die Gesellschaft erstrebt Folgendes: Beschleunigung der Rückkehr unseres Herrn, indem wir Seinen Befehl für unsere heutige Zeit befolgen‹, ›Aller Welt das Evangelium zu predigen zu einem Zeugnis für alle Völker‹ und ›Aus ihnen ein Volk für Seinen Namen zu gewinnen‹, wie Er gesagt hat: ›Gehet hin in alle Welt und predigt das Evangelium aller Kreatur!‹ Ziel der Gesellschaft ist es, sich nur an solchen Unternehmungen zu beteiligen, die tatsächlich zur Weltevangelisation beitragen. Wir wollen keine Verdoppelung schon bestehender ausländischer Missionsgesellschaften, sondern wir wollen unsere ganze Kraft der Pionierarbeit unter den Völkern, Stämmen und Nationen zuwenden, wo der Name Christi noch nicht bekannt ist.‹
›Jenseits liegende Regionen!‹ ›Unerreichte Zonen!‹ ›Pionierarbeit unter Völkern, Stämmen und Nationen, wo Christi Name noch nicht genannt wird!‹ Und ›Beschleunigung der Wiederkunft unseres Herrn, indem wir Seinen Befehl an unsere Generation in die Tat umsetzen‹. Dann weiter ihre Redensart: ›Den König zurückbringen.‹ – ›Den König!‹ Immerfort: ›Der König!‹ – Es darf nicht sein! Ich muss ihre Absicht vereiteln! Wie wird es mir ergehen, wenn Er kommt? Ich muss sofort den Kriegsrat einberufen.«
Einige Minuten später waren sie alle versammelt. Von den äußersten Enden der Welt kamen sie herbei – mächtige gefallene Engel, hohe Würdenträger, Fürsten, Gewaltige, Weltbeherrscher im Finsternisreich dieser Zeit. – In zahllosen Scharen sammelten sie sich um ihren Gebieter, der mit bitterem Ingrimm unter ihnen stand. Stille, tiefe Grabesstille lastete auf ihnen. Jetzt ergreift Satan das Wort:
»Fürst von Alaska, vortreten!«
Zitternd vor Furcht nähert er sich seinem schrecklichen Monarchen. Die zusammengekauerte Gestalt erinnert nicht im Geringsten an sein stolzes Auftreten vor fünfzig Jahren.
»Fürst von Alaska«, fragt Satan, »sind sie bei dir schon eingedrungen?«
Langsam bejaht der Fürst, der vor Angst kaum mehr die Augen aufzuheben wagt.
»Wie! Was!«, donnert Satan jetzt los. Er weiß sich kaum mehr zu beherrschen. »Warum hast du mein Reich nicht besser bewacht?«
»Eure Majestät, wir taten unser Bestes – doch alles umsonst. Die Sache war irgendwie bekannt geworden; man entdeckte die Leichen der beiden ersten, die erfroren waren. Dadurch wurde die ganze Gemeinde zu neuer Tat angefeuert. Andere wagten’s. Verschiedene konnten wir vernichten. Mehrere verloren den Mut und kehrten um. Endlich kamen sie aber doch durch, all unsrer Abwehr zum Trotz. Wohlbeschützt unter der wachsamen Bedeckung von Millionen von Engeln drangen sie hinein und behaupteten sich da; wir konnten sie auch nicht mehr hinaustreiben. Hunderte von Eskimos haben heute das Reich Gottes angenommen, Tausende hörten die Frohe Botschaft!«
Die nun folgende Szene spottete aller Beschreibung. Satan schäumte und kochte vor Wut. Selbst die Luft schien von Millionen von bösen Geistern zu wimmeln. Seine hohen Fürsten wanden sich vor ihm, um nur seinen fürchterlich lodernden Blicken zu entgehen.
Einen Augenblick später brüllte der rasende Teufel:
»Fürst von Tibet, vortreten!« Und als jener bedeutende Anführer nach vorne kam, setzte er hinzu: »Hoffentlich weißt du Besseres zu berichten!«
»Nein, Euer Gnaden, es ist mir nicht viel besser ergangen«, antwortete der Fürst.
Jetzt polterte Satan los: »Wie, Fürst, hat irgendjemand in deinem Reich den Namen vernommen?«
»Keine mir zu Gebote stehende Macht konnte es hindern«, erwiderte der Fürst gelassen. »Wir taten unser Bestes. Tag und Nacht mühten unsere Heere sich ab, um sie zu besiegen. Anscheinend ist eine Bewegung ins Leben gerufen worden, die nur das eine Ziel verfolgt, dorthin zu gehen, wo noch niemand vorher war, und in den so genannten ›Unerreichten Zonen‹ der Welt das Evangelium zu predigen. Umsonst versuchte der Fürst von China, sie mit seinen Armeen zu vernichten. Unter dem Schutze von Legionen von Engeln blieben sie lebendig. Hunde wurden auf sie gehetzt. Mit tödlichem Hass erfüllten wir die Priester gegen sie. Überall legten wir ihnen Fallen. Wir griffen zur Aushungerungstaktik. Krankheiten und Seuchen mussten ihr Teil mit dazu beitragen. Doch umsonst! Immer weiter drängten sie voran. Heute sind Scharen von Tibetanern auf ewig für uns verloren. Tausende hörten die Botschaft, weit und breit wurde sie bezeugt.«
Die rasende Wut Satans kannte nun keine Grenzen mehr. Ohne auch nur einen Augenblick zu zögern, wandte er sich ab und erteilte den letzten Befehl:
»Fürst von Afghanistan, vortreten!«
Kurzes Zaudern; dann kommt der Angeredete mit langsamem Schritt und gesenktem Blick näher. Nun steht er zitternd vor seinem obersten Gebieter.
»Fürst von Afghanistan«, hebt der Satan wieder an, »du treuer Wächter meiner Besitzungen, solltest du mich auch noch im Stich lassen, dann weiß ich nicht mehr, wohin ich mich wenden soll.«
Keine Antwort! Wie gebannt lauscht die große Versammlung in das Schweigen.
»Fürst, sprich! Sind sie bei dir eingedrungen?«
»Jawohl, Hoheit!«
In rasender Wut sprang der Erzfeind auf. »Fürst von Afghanistan, wo bleibt deine Treue?« fuhr er ihn an.
»Mein Herr und Gebieter, es half alles nichts. Wir taten unser Bestes. Bis vor einem Jahr hatte keine Menschenseele etwas davon gehört. Aber dann wurden zwei junge Männer von dieser Pioniergesellschaft ausgesandt, und –«
»Verfluchte Bande!« knirschte der Satan dazwischen.
»Die ganze Gemeinde vereinigte sich zum Gebet«, fuhr der Fürst fort. »Anscheinend wissen sie alle, dass Er Seine Herrschaft nicht eher aufrichten wird, bis das Evangelium in jeder Sprache gepredigt worden ist. Engelmächte hielten die Wacht. Wir haben gekämpft, konnten ihnen aber nicht widerstehen. Immer weiter drangen sie vorwärts, vor einer Woche hat ein Mann Christus angenommen, verschiedene andere haben das Evangelium schon gehört.«
Wutschnaubend brüllte Satan: »Jetzt ist alles aus! In Indien und China sind Tausende errettet, aber was ich eben hören musste, schlägt dem Fass den Boden aus. Er kann jetzt kommen. Lange wird’s nicht mehr dauern; denn bei der klaren Blickrichtung dieser Leute werden sie nicht eher ruhen, als bis jeder Stamm, jede Sprache und Nation vom Evangelium erreicht worden ist. Dann aber wehe, wehe mir!«
Von Gott beschlagnahmt
Das war eine glänzende Spitzenleistung. Selbst für einen »High Rigger«1 galt sie als einzigartig und ganz ungewöhnlich. Niemals werden die sorglosen Holzfäller an der Pazifischen Küste vergessen, wie es ihnen eiskalt über den Rücken lief, als sie hinaufstarrten zu jener Gestalt, die dort hoch oben unbekümmert, ohne jegliche Angst und Nervosität zwischen Himmel und Erde schwebte. Das war ein Erlebnis gewesen, das sich tief in ihre Erinnerung eingegraben hatte.
Der Baum war am Tage zuvor ausgesucht worden – eine große, dreihundert Fuß (neunzig Meter) hohe Douglastanne von anderthalb Meter Durchmesser am Boden, kerzengerade gewachsen und fast kahl bis zur Spitze. Sie war kein ungewöhnlicher Baum, wenigstens nicht für Britisch-Kolumbien, und doch war dieser Baum besonders ausgesucht worden und gut geeignet für das »High Rigging«. Der »High Rigger«, ein Bursche von etwa neunzehn Jahren mit einem frohen, unbekümmerten Gesichtsausdruck, stand im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit, wenigstens für heute. Nach wochenlanger Übung war er einer der besten »High Riggers« an der Küste geworden.
Er sprang an dem Baumstamm empor, mit Steigeisen an seinen Schuhen und mit einem Gürtel um seine schlanke Hüfte, wie ein Eichhörnchen kletterte er die ersten fünfzehn Meter in die Höhe und war hoch über der Gruppe der kräftigen Holzfäller, die unten standen, fast ehe es ihnen überhaupt zum Bewusstsein gekommen war, dass er schon fort war. Er schlang sich ein Seil um, bohrte die Klettereisen fest in die Baumrinde und arbeitete sich mit zurückgeworfenem Kopf Meter um Meter höher hinauf, dabei waren die Muskeln seines Körpers genau auf jede einzelne Bewegung eingespielt.
Höher und höher kletterte er, und der Wipfel des Baumes bog sich und schwankte hin und her bei jeder Bewegung, die er machte. Den Männern unten wollte der Nacken schmerzen, ihre Augen flimmerten vor Anstrengung, dann legten sie sich auf den Rücken, um ihn besser sehen zu können. Von allen Seiten hörte man Jubelrufe und ehrliche Bewunderung, alle spornten ihn an. Spontane Ausbrüche der Begeisterung drangen himmelwärts bei jedem weiteren Schritt. Kein Wunder bei solch einer Leistung! Heute war sein Tag, und jetzt war er hier, um sein Möglichstes herauszuholen.
Plötzlich hielt er an. Sechzig Meter hoch! Das genügte.
Nun frisch ans Werk! Mit einem Ruck riss er die Axt heraus und begann loszuhauen. Ringsherum ging er, lehnte sich in seinem Gürtel weit zurück und holte zu großen, wuchtigen Schlägen aus, während Holzsplitter und Späne auf die Menschenmenge herabregneten.
Auf zwei Dinge musste er nun besonders achten; zwei Gefahrenmomente drohten ihm, vor denen es sich zu hüten galt. Sollte er seine Kerbe verfehlen und stattdessen den Riemen treffen, mit dem er sich angeschnallt hatte, dann war alles aus. Das war gerade erst vor einer Woche auf den Vancouver-Inseln geschehen, und der zerschmetterte, verstümmelte Körper des sorglosen Finnen war sechzig Meter tiefer am Fuße des Baumes aufgehoben worden. Zum andern musste der Stamm auch sehr gut geschlagen sein und genau gleichmäßig ringsum, damit der Baum beim Abbrechen nicht splitterte, sonst würde sein Körper von seinem eigenen Gürtel durchgeschnitten, wenn der stürzende Baumwipfel die eine Hälfte mit sich riss. Auch dieser Unglücksfall war schon einmal eingetreten, und die Erinnerung daran war noch allen frisch im Gedächtnis.
Aber er war auf der Hut, und alles ging glatt. Der Baumwipfel war gut abgeschlagen und stürzte krachend zu Boden, die Holzfäller spritzten auseinander, um ihm auszuweichen. Gerade dann ist der »High Rigger« in wirklich großer Gefahr. Wenn das obere Stück des Stammes abgebrochen ist, dann schwankt der restliche Stamm durch die Erschütterung um vier bis sechs Meter hin und her. Wenn der »High Rigger« jetzt nicht auf der Hut ist und sich den Schwingungen nicht rechtzeitig anpasst, dann wird sein Gesicht zu Brei zermalmt. Niemals konnten die Männer jenen »High Rigger« vergessen, dessen Gesicht zu einer unkenntlichen Masse zerschlagen worden war, als ihn der Baumstamm immer wieder heftig traf, ehe es ihm gelungen war, sich den Schwingungen anzupassen. Plötzlich hielt er inne. Was nun? Sie sahen, wie er seinen Gurt lockerte, die Stacheln seiner Steigeisen herausriss, etwa drei bis vier Meter herunterkletterte, um sich in Sicherheit zu bringen für den Fall, dass der Stamm noch splitterte; dann bohrte er seine Steigeisen wieder fest ins Holz ein, legte sich in seinem Gurt weit nach hinten zurück, schnallte seine Füße an und verhielt sich dann in Wartestellung, während der große Wipfel dreißig Meter über seinem Kopf krachte, brach und herabstürzte. Sie sahen ihn hinund herschwingen, kraftlos und machtlos, regungslos wie eine Bildsäule hing er da, bis die starken Schwingungen aufgehört hatten.
Nun musste er nach den Gesetzen des »High Rigger« an die Arbeit gehen und die Verspannung herrichten. Ein eiserner Flaschenzug, der allein fünf Zentner Gewicht hatte, musste mit einer Hilfsmaschine heraufgeholt und oben auf dem Baumstamm angebracht werden. Ein etwa vier Zentimeter dickes Tragseil musste da hindurchgeführt werden und sein anderes Ende an einem ähnlichen Baum in etwa vierhundert Meter Entfernung befestigt werden. Längs dieses Kabels mussten die Baumstämme, große, gewaltige Riesen – nicht die Zahnstocher von Nord-Ontario –, hoch in die Luft gehoben werden. Also, Arbeit genug in Hülle und Fülle. Aber er tat nichts dergleichen. Stattdessen tat er etwas, das ihn noch Monate später zum Gesprächsthema der Wälder werden ließ.
Der Durchmesser des Baumstammes betrug an der Stelle, wo er abgehauen worden war, gerade sechzig Zentimeter. Der »High Rigger« hatte innegehalten. Sie warteten. Und im nächsten Augenblick – war es ein Traum? War es ein Trugbild ihrer Augen? – Nein, da oben schwebte er zwischen Himmel und Erde, sechzig Meter hoch über ihren Köpfen stand er aufrecht auf einem vierundzwanzig Zoll breiten Baumstamm.
Sie hielten den Atem an. Lautlose Stille herrschte unter den kühnen Holzfällern, als sie nach oben spähten und den furchtlosen »Rigger« beobachteten. Außer den schweren Atemzügen hörte man keinen Laut. Manchen von ihnen schlug das Herz wie toll, wollte dann fast stillstehen, eiskalt lief es ihnen über den Rücken, es wurde ihnen übel und schwindelig, als wollte ihnen der Boden unter den Füßen wanken, und doch waren sie wie gebannt und konnten die Augen nicht abwenden.
Dort oben stand er, scharf hoben sich die Umrisse seiner Gestalt gegen den blauen Himmel ab. Würde er fallen? Konnte er lange genug das Gleichgewicht halten, um seine Stellung zu behaupten? Jetzt schwang er die Axt. Etwa ein Meter von seinem Platz entfernt wiegte sich der Ast eines anderen Baumes im Wind hin und her. Was machte er da? War er von allen guten Geistern verlassen? Was für eine Verrücktheit!
Doch sieh! Die Axt ist niedergesaust. Der Ast ist getroffen, nein, glatt abgeschlagen und stürzt zu Boden. Jetzt bückt er sich. Atemlose Spannung hält die Zuschauer gefangen. Langsam gewinnt sein Körper sein Gleichgewicht zurück. Und fünf Minuten später langt er sicher und siegreich auf dem Boden an. Lauter Beifall begrüßt ihn von den erregten Holzfällern, die sich alle um ihn herumdrängen.
Der »High Rigger« hatte sich seine Lorbeeren verdient.
In der folgenden Nacht konnte der »High Rigger« nicht schlafen. Stundenlang warf er sich von einer Seite auf die andere und konnte keine Ruhe finden. Bilder aus vergangenen Tagen tauchten vor seinem geistigen Auge auf. Längst vergessene Taten kamen ihm in den Sinn. Das alte heimatliche Gehöft, seine Mutter, die Kirche seiner Knabenzeit und eine Menge heiliger Erinnerungen zogen wie eine Sturmflut durch seine aufgeschreckte Seele.
»So geht’s nicht mehr weiter«, rief er. »Was ist nur mit mir los?«
Er stützte sich auf die Ellenbogen und lauschte in den Schlafsaal, bis er sich davon überzeugt hatte, dass alle, außer ihm, fest schliefen. Dann kroch er leise aus dem Bett, schlüpfte in seine Kleider und ging geräuschlos nach draußen.
Es war eine mondhelle Nacht. Die großen, langen Schatten der Bäume fielen über die Lichtung in einiger Entfernung. Jedes Haus war klar erkennbar. Kein Geräusch störte die Stille der Nacht. Selbst der mächtige Wald schien in Schlummer gehüllt.
Schnell glitt er zwischen den Bäumen dahin, geradewegs auf die Stelle zu, wo er vor einigen Stunden seine wunderbare Spitzenleistung vollbracht hatte. Er glaubte, der Gang durch die Nachtluft würde ihn von seiner Schlaflosigkeit befreien und die störenden Erinnerungen bannen.
Nach einer Stunde kehrte er zurück und kroch wieder lautlos in seine Schlafkoje. Jetzt verfiel er in leichten Schlaf, doch bald erschreckten sonderbare, merkwürdige Traumbilder seinen Schlummer. Wieder kletterte er an dem Baume hoch, aufs Äußerste angespannt, um die waghalsige Tat zu vollbringen.
Er holte mit seiner Axt weit aus, mit fieberhafter Energie begann er, das obere Stück des Baumes von dem größeren Stamm zu trennen. In einigen Augenblicken war er fertig mit Schlagen. Als dann der Wipfel zu schwanken begann, ließ er sich plötzlich tiefer herab, grub seine Steigeisen fest in den Stamm ein, warf sich an seinem Gurt zurück und erwartete den Gegenschlag. Schon im nächsten Augenblick setzte er ein, doch zu seinem Schrecken verpasste er die rechte Schwingung. Gleich darauf fühlte er den mächtigen Stamm gegen sein Gesicht schlagen. Weiter schwankte der Baum hin und her, bis es schien, als seien ihm alle Knochen zerbrochen. Er fühlte das heiße rote Blut hervorströmen, und als er aufwachte, war sein Gesicht in Schweiß gebadet, seine Nerven flogen vor Erregung.
Wieder schlief er ein. Dieses Mal schwang er seine Axt hoch oben auf dem Stamm und war nur durch seinen Gurt gehalten. Plötzlich verfehlte er den rechten Schlag, und in einem Augenblick war sein Gurt durchschnitten. Er fühlte, wie er in die Tiefe stürzte, und mit einem Mark und Bein durchdringenden Schrei wollte er sich krampfhaft an einem Ast festhalten, griff aber daneben. Dann kam das schreckliche Gefühl, das er so oft als Junge gehabt hatte, wenn er träumte, dass er fiel. In einem Augenblick war alles vorbei, als er mit schwerem, dumpfem Aufprall auf die Erde aufschlug. Er erwachte zum zweiten Male und fand sich auf dem Fußboden neben seinem Bett.
Er hatte Angst, sich wieder schlafen zu legen, noch einmal verließ er den Schlafsaal und wanderte zwischen den hohen Douglastannen, er wusste selbst nicht, wohin. Immer weiter ging er, achtete weder auf die Zeit noch auf die Richtung, und als er so dahinschritt, überkamen ihn wieder die Erinnerungen, gegen die er sich vergeblich gewehrt hatte.
Er sah sich zurückversetzt in die große Stadt. Es war vor einem Jahr gewesen. Eine Woche lang waren große Versammlungen gehalten worden, an denen auch er teilnahm. Durch die magnetische Kraft des Sprechers angezogen oder unter dem Zwang eines ihm unerklärlichen Einflusses hatte er plötzlich seinen Platz verlassen und sich einer Reihe von jungen Männern und Mädchen angeschlossen, die nach vorne gingen, um der Aufforderung nach Freiwilligen für die Missionsarbeit zu folgen. Es war ein ergreifender Augenblick in seinem Leben gewesen. Noch fühlte er die erhabene Weihe, die ihn bei diesem bedeutenden Erleben überkommen hatte.
Ja, auch er hatte es ganz aufrichtig gemeint. Doch bald schloss die Versammlung, und die große Begeisterung ließ nach. Er sah sich harten Tatsachen gegenübergestellt und musste die Kosten überschlagen. Als der zauberische Glanz verschwunden war, trat der heilige Entschluss immer mehr zurück. Weltliche Vergnügungen gewannen wieder ihre Macht über ihn, und in einigen Wochen hatte er die innere Stimme erstickt, und es war ihm wenigstens für geraume Zeit gelungen, sein Gelübde zu vergessen.
Doch ab und zu, besonders in ruhigen Augenblicken, war das Mahnen tief in der Brust wieder da und forderte Anerkennung. Mochte er kämpfen, wie er wollte, ganz vergessen konnte er doch nicht, was er einmal getan hatte. Endlich hatte er sich eines Tages in einem plötzlichen Anflug von Verzweiflung auf die Reise nach dem fernen Westen begeben und, um es kurz zu machen, war schließlich ein geschickter »High Rigger« in den großen Holzfällerlagern von BritischKolumbien geworden. Nachdem jetzt ein Jahr darüber verflossen war und er alles endgültig begraben glaubte, war er nun noch einmal unausweichlich seinem Ruf gegenübergestellt worden.
Zwei Stunden lang kämpfte und rang er mit sich selbst.
Drohend ragte der Preis vor ihm auf, den er zu zahlen hatte. Das darin einbegriffene Opfer sollte auch nicht einfach unterschätzt werden. Der Ruhm, den er sich als »High Rigger« erworben hatte, zog ihn zu den Wäldern. Seine Freiheit in dem Lager der Holzfäller, der Genuss des ungebundenen Lebens ließen ihn zögern und schwanken.
Doch plötzlich tauchte ein anderer vor seinem geistigen Auge auf, der auch versucht hatte, vor Gott zu fliehen. Und in einem Augenblick kam es ihm zum Bewusstsein, wie nutzlos das doch alles war. Jona war es schlecht ergangen. Ihn könnte sogar noch ein schlimmeres Ende treffen. Es konnte ihm teuer zu stehen kommen, wenn er die Entscheidung noch länger hinausschob.
Er ließ sich auf den Boden niedersinken, barg den Kopf zwischen seinen Knien und schluchzte, als sollte ihm das Herz brechen. Er vergoss Tränen bitterer Reue, als er in abgebrochenen Sätzen seine Schuld bekannte und Vergebung für seinen Ungehorsam suchte, indem er sich Gott aufs Neue für den Missionsdienst verpflichtete. Und als alles vorbei war, da senkte sich ein Friede auf ihn, den er nie zuvor gekannt hatte.
Der »High Rigger« war von Gott beschlagnahmt worden.
Was ist die Hauptaufgabe der
Gemeinde Jesu Christi?
Wir wollen gemeinsam einen Schriftabschnitt aus Hesekiel 3, V. 17–19 betrachten. Ich werde in diesem Text einige Worte abändern, um ihn auf unsere heutige Lage anzuwenden. Bitte achte genau auf die Veränderungen. Ich möchte unseren Text auf das Missionsfeld anwenden. Wir lesen von Vers 17 an:
»Knecht Gottes, ich habe dich zum Wächter gesetzt; du sollst aus meinem Munde das Wort hören und die Menschen in meinem Auftrag warnen. Wenn ich dem Heiden sage: ›Du musst des Todes sterben‹, und du warnst ihn nicht und sagst es dem Heiden nicht, damit er sich vor seinem heidnischen Wesen hüte, auf dass er lebendig bleibe; so wird der Heide um seiner Sünde willen sterben. Aber sein Blut will ich von deiner Hand fordern. Doch wenn du den Heiden warnst und er sich nicht bekehrt von seinem Heidentum und von seinem heidnischen Wesen, so wird er um seiner Sünde willen sterben; aber du hast deine Seele errettet.«
»Sein Blut will Ich von deiner Hand fordern.« Wenn ich diese Worte lese, dann fange ich an zu zittern. »Sein Blut will Ich von deiner Hand fordern.«
Jahrelang waren es immer große missionarische Parolen, die mein Leben ungeheuer beeinflussten und mich wie ein Motor unentwegt weiter vorwärts trieben. Eins dieser Worte, das mir besonders wichtig geworden ist, wohl noch mehr als alle anderen, lautet: »Die Hauptaufgabe der Gemeinde Jesu Christi ist die Evangelisierung der Welt.« Davon bin ich felsenfest überzeugt. Die allerwichtigste Arbeit, die die Kirche Jesu Christi zu leisten hat, ist die Weltevangelisierung.
Die Welt
Ich möchte drei Worte aus diesem Motto herausgreifen und sie eins nach dem andern besonders beleuchten. Ich fange bei dem letzten Wort an, die »Welt«. »Die höchste Aufgabe der Gemeinde ist die Evangelisierung der Welt.« Als Gott liebte, da liebte Er eine Welt. Als Er Seinen Sohn dahingab, da gab Er Seinen Sohn für eine Welt. Als Jesus Christus starb, da starb Er für eine Welt. Gott hat die ganze Welt im Auge, und darauf soll auch unser Blick ausgerichtet sein.
So viele von uns haben einen eng begrenzten Blick. Wir sehen nur unseren eigenen Sprengel, unser eigenes Dorf oder unsere Stadt und nichts darüber hinaus. Es gibt solche Leute, die nur an ihre eigene Kirche oder Gemeinschaft denken und nicht das geringste Interesse für andere und ihre Arbeit aufbringen. Es gibt auch Menschen mit einem weiten Blick. Vor ihrem geistigen Auge steht eine ganze Stadt oder eine Provinz, und sie sind bereit, ihr Leben und ihre Arbeit für die Evangelisation dieses Gebietes einzusetzen. Doch auch sie haben noch Scheuklappen an, sie schauen niemals weiter über die Grenzen ihrer Stadt oder Provinz hinaus. Dann gibt es aber auch noch Menschen mit einem weiteren Herzen; sie denken an ein ganzes Land und wollen sich für die Evangelisationsarbeit dieses Landes einsetzen. Doch auch ihr Blickfeld ist noch begrenzt; denn sie sehen niemals über die Grenzen des Landes hinaus, in dem sie leben. Es gibt auch Leute, deren Blick noch weiter reicht. Vor ihrem geistigen Auge steht ein ganzer Kontinent, und sie wollen mit allen Kräften an der Evangelisierung ihres Kontinentes arbeiten. Doch ist auch ihr Blick noch örtlich begrenzt; denn sie machen an den Grenzen ihres Kontinents halt. Dann gibt es aber auch noch Menschen, auf denen die Verantwortung für eine ganze Welt lastet. Sie sehen Europa, Asien, Afrika, Nord- und Südamerika und alle Inseln im Meer. Sie schauen die Sache mit Gottes Augen an, und Er will, dass wir diese Blickrichtung haben sollen: einen Blick für die ganze Welt.
Wie kommt es nur, dass so viele von uns solch einen eng begrenzten Horizont haben? Warum denken wir nur an uns selbst? Liegt Gott denn an den Schwarzen, die hier wohnen, mehr als an den Gelben, die weit dort drüben leben? Bekümmert Er sich um jene braunen Leute mehr als um die weißen? Liegt es in unserer Kurzsichtigkeit begründet, dass wir uns keinen Blick für die ganze Welt schenken lassen? Als ich bei meiner Abreise von Jamaika ins Flugzeug stieg, sah ich zuerst nur die allernächste Umgebung. Als wir höher stiegen, sah ich Felder und Bauerngehöfte. Als wir noch höher waren, konnte ich in der Ferne Täler und Gebirge erkennen. Endlich konnte ich auf die Insel Jamaika herabschauen, die wie ein Juwel im Busen des Karibischen Meeres lag, und wenn unser Flugzeug nun noch höher gestiegen wäre, so hätte ich mit einem einzigen Blick alle Westindischen Inseln sehen können.
Gott kann von Seiner erhabenen Stellung aus auf eine ganze Welt herabschauen und zur gleichen Zeit jedes Land, jeden Kontinent und jedes Inselchen sehen. Wenn wir nur den genügenden Abstand nehmen könnten, dann sähen wir die Welt so, wie Jesus sie sah. Aber einige von uns sind niemals gereist und haben auch nie denen zugehört, die weit herumgekommen sind. Wir lernen keine Geografie. Wir wissen nur wenig von dem, was sich außerhalb von unserem Blickfeld zuträgt.
Woher kommt es nur, dass wir uns für das patente Volk halten, dem eine weitaus größere Bedeutung zukommt als irgendeinem anderen Volk der Welt? Ich kann kommen, wohin ich will, überall stoße ich auf die gleiche Überzeugung. Als ich in Großbritannien war, fand ich die gleiche Meinung: »Wir sind das Volk.« Als ich nach Australien und Neuseeland kam, genau dieselbe Geschichte: »Wir sind das Volk.« Wenn ich durch die Vereinigten Staaten fahre, kann ich es von allen Seiten hören: »Auf uns kommt’s an, wir sind das Volk.« Ich war einmal auf einer winzig kleinen Insel im Pazifischen Ozean, und selbst da sagten die Eingeborenen zu mir: »Wir sind die Leute, die allein zählen.« In ihrer Unterhaltung mit mir hieß es ungefähr so: »Wie kommt es nur, dass ihr Amerikaner so weit abseits wohnen müsst, gerade noch an der äußersten Grenze der Zivilisation? Warum wohnt ihr nicht näher bei dem Zentrum aller Dinge?« Ihre Meinung war die, dass wir Briten und Amerikaner gerade noch an dem allerletzten Zipfel der Zivilisation hängen und sie, diese Eingeborenen auf dem Inselchen im Pazifischen Ozean, im Angelpunkt der Welt leben. Die Schwierigkeit liegt eben darin, dass ihr Blick viel zu örtlich begrenzt war, sie hatten keine Weltperspektive. Sie hielten sich für das Volk der Welt, das allein die ausschlaggebende Bedeutung besitze.
Ob wir uns wohl deshalb für besonders wichtig halten, weil wir vielleicht glauben, zahlenmäßig die stärkste Nation zu sein? Manchen von uns ist die Tatsache wohl nicht ganz bewusst geworden, dass es auf der Welt noch andere Nationen mit größerer Bevölkerungszahl gibt, dass wir nicht die einzigen Edelsteine in der Krone der Schöpfung sind.
Ich war in Niederländisch-Ostindien und bereiste die Insel Java. In etwa zwölf Stunden konnte ich sie von einem Ende zum andern durchqueren und von Norden nach Süden etwa in vier Stunden. Ob man es mir wohl glaubt, dass Java zu den Gebieten mit der größten Bevölkerungsdichte der Erdoberfläche gehört? Auf dieser kleinen Insel leben fünfzig Millionen Menschen. Man könnte Java fünfzehnmal in Kanada hineinstecken und dabei noch viel Platz übrig behalten, und doch hat Java fast ein Drittel der Bevölkerungszahl der Vereinigten Staaten. Wenn Gott ein Interesse an Zahlen hätte, dann müsste Ihm Java bestimmt mehr am Herzen liegen als mein Vaterland, das Dominion Kanada; denn den achtzehn Millionen Einwohnern von Kanada stehen, wie bereits erwähnt, fünfzig Millionen in Java gegenüber.
Wäre Gott an Zahlen interessiert, dann müsste Ihm an den Vereinigten Staaten mehr liegen als an Java; denn wenn Java auch fünfzig Millionen Einwohner hat, so sind es doch in den Vereinigten Staaten von Amerika einhundertundachtzig Millionen. Und wiederum, sollte Gott ein Interesse an Zahlen haben, so müsste Er mehr Anteil an Russland als an den Vereinigten Staaten nehmen; denn den einhundertundachtzig Millionen Einwohnern der Vereinigten Staaten stehen zweihundert Millionen in Russland gegenüber. Russland ist mit seinen zweihundert Millionen Einwohnern die größte weiße Nation auf der Erdoberfläche. Und doch, sollte Gott an Zahlen interessiert sein, dann müsste Er Indien noch lieber als Russland haben; denn wenn Russland auch zweihundert Millionen Einwohner hat, so gibt es doch in Indien vierhundert Millionen Einwohner, also genau doppelt so viel. Aber nun noch eins zum Schluss: Sollte Gott wirklich an Zahlen interessiert sein, dann müsste Ihn China noch mehr als Indien interessieren; denn wenn auch in Indien vierhundert Millionen Menschen leben, so sind doch in China siebenhundert Millionen Menschen. China ist die größte Nation der Welt. Jedes vierte Kind, das auf dieser Welt geboren wird, ist ein Chinese. Irgendjemand hat einmal gesagt: »Gott muss doch die Chinesen sehr lieb haben, weil Er sie so zahlreich erschaffen hat.«
Vom zahlenmäßigen Standpunkt aus gesehen ist mein Vaterland, das Dominion Kanada, nur wie eine Stecknadel auf der Landkarte. Und wenn die Fluten des Atlantischen und des Pazifischen Ozeans sich über Nacht erheben würden und Kanada überschwemmten, dann wäre am andern Morgen nach meiner Schätzung in den amerikanischen Zeitungen eine 2,5 cm breite Notiz zu lesen, die besagen würde: »Gestern abend ist Kanada aus der Völkerfamilie verschwunden.« Gerade so viel sind wir wert, nicht mehr. Wenn es auf die Zahlen ankommt, dann beläuft sich unser Wert nicht sehr hoch. Warum sollten wir uns selbst denn dann noch als das Volk betrachten? Warum sollten wir in unserer Ansicht so engstirnig sein? Warum sollten wir uns für wichtiger halten als irgendein anderes Volk auf dem weiten Erdenrund? Warum sollte Gott an uns mehr interessiert sein als an anderen Nationen? O dass Er uns einen weiten Blick schenken möge, dass wir die Welt mit Seinen Augen sähen, damit wir für die Evangelisierung der ganzen Welt arbeiteten, der Welt, für die Christus starb. Ach, dass wir die Welt so sehen möchten, wie Er sie sieht!
Die Hauptaufgabe
Nun wollen wir ein anderes Wort aus unserem Motto betrachten, das Wort »die Hauptaufgabe«. Die Hauptaufgabe der Gemeinde Jesu Christi ist die Evangelisierung der Welt.
Wenn die Weltevangelisierung unsere alleroberste Aufgabe ist, dann sollten wir alles andere stehen und liegen lassen, wenn eine Missionskonferenz abgehalten wird, und bei jeder einzelnen Versammlung zugegen sein, sonst setzen wir ja etwas anderes an die erste Stelle und glauben gar nicht, dass sie wichtiger als alles andere ist. Durch unsere Tat beweisen wir damit, dass wir die Missionsarbeit erst an die zweite Stelle setzen.
Zweitens, steht die Weltevangelisierung wirklich an erster Stelle bei uns, dann konzentrieren wir uns mit unsern Gaben auf die Mission und überlassen es anderen, die diesen Blick und diese Erkenntnis nicht haben, ihr Geld für andere Zwecke zu geben. Es wird dann doch immer noch genug für die Arbeit in der Heimat übrig bleiben; denn es gibt immer noch Menschen, denen die Arbeit in der Heimat vorgeht. Die vielen wertvollen Werke der Inneren Mission werden doch noch genügend Unterstützung finden, da ja doch nur die kleine Minderheit an der Hauptaufgabe der Gemeinde Jesu Christi innerlich ganz beteiligt sein wird.
Setzen wir die Äußere Mission an die erste Stelle, so werden unsere Gaben für die Mission größer sein als unser Beitrag für irgendeine andere Sache. Sonst haben wir eben den allerersten Platz einer anderen Sache eingeräumt. Wir haben Geschäftsleute unter uns, von denen jeder sein eigenes Geschäftsunternehmen leitet. Nun gibt es einen Zweig in deinem Unternehmen, den du für weit wichtiger hältst als alle übrigen Zweige. Wo wirst du nun vorwiegend dein überschüssiges Geld anlegen? Doch natürlich in dem wichtigsten Zweig! Aber warum denn? Weil du den wichtigsten Zweig deines Geschäftsunternehmens am meisten ausbauen willst. Genauso verhält es sich auch mit der Missionsarbeit. Wenn die Weltevangelisierung die allerwichtigste Arbeit ist, die die Gemeinde Jesu zu leisten hat, dann sollten wir auch unser Geld in diesen wichtigsten Teil unserer Arbeit stecken. Andernfalls haben wir die Mission eben nicht an die erste Stelle gesetzt und glauben es nicht, dass die Evangelisierung der Welt die oberste Aufgabe der Kirche Christi ist. Ich kenne sehr wenige Reichsgottesarbeiter, die es wirklich glauben, dass die Evangelisierung der Welt ihre allerwichtigste Aufgabe ist.
Das führt mich zu der Feststellung, dass jede Gemeinde mehr für die Mission als für sich selbst ausgeben sollte. Das ist doch logisch! Wenn wir glauben, dass an erster Stelle die Weltevangelisierung steht, dann werden wir mehr Geld an den jenseits liegenden Gebieten anlegen, als wir für uns hier in der Heimat verbrauchen.
»Aber«, wirst du mich jetzt fragen, »wie steht es denn damit in deiner eigenen Kirche? Wie verhält sich die ›Volkskirche‹ (The Peoples Church) in Toronto, der du als Pfarrer vorstehst, in diesem Punkt? Gibt denn deine Gemeinde für die Äußere Mission mehr Geld, als sie für sich selbst ausgibt?« Ich freue mich, an dieser Stelle sagen zu dürfen, dass in keinem einzigen Jahr, seit ich Pfarrer in der »Volkskirche« bin, für unsere Gemeindebedürfnisse auch nur annähernd so viel gebraucht worden ist, wie wir auf die Missionsfelder der Erde geschickt haben.
Im Januar stellte ich unserem Rechnungsrevisor durch unseren Kassierer zwei Fragen. Erstens: »Wie viel haben wir im vorigen Jahre für uns selbst verbraucht?«
Nachdem sie die Bücher daraufhin nachgeschlagen hatten, bekam ich die Antwort: »Dr. Smith«, sagten sie, »im verflossenen Jahre haben Sie 45 000 Dollar für Ihre Arbeit in der Heimat verbraucht.«
Dann stellte ich meine zweite Frage: »Wie viel Geld wurde auf die Missionsfelder geschickt? Wie viel wurde für die Missionsarbeit aufgebracht?«
Die Antwort lautete: »In dem verflossenen Jahr haben Sie 298 000 Dollar für die Mission gegeben.«
»Das ist fein«, sagte ich. »Aber haben Sie sich auch gewiss nicht geirrt? Haben wir nicht 298 000 Dollar für uns selbst gebraucht und nur 45 000 Dollar für die Mission gegeben?«
»Nein«, sagten sie, »wir haben uns nicht geirrt. Sie haben 298 000 Dollar für die Mission gegeben und nur 45 000 Dollar für die Arbeit zu Hause verwandt.«
»Ausgezeichnet«, sagte ich darauf, »so ist es immer gewesen, und so soll es auch bleiben.« Und sollte jemals eine Zeit kommen, in der die Ältesten der ›Volkskirche‹ den Entschluss fassen würden, hier in der Heimat mehr Geld auszugeben, als an Gaben für die Missionsarbeit hinausgesandt wird, so werden sie augenblicklich mein Abschiedsgesuch erhalten. Ich wollte nicht Seelsorger an einer Kirchengemeinde sein, die in selbstsüchtiger Weise hier zu Hause mehr verbraucht, als sie in die jenseits liegenden Regionen schickt. Ich bin froh darüber, dass wir für die Mission 298 000 Dollar gegeben haben und für uns selbst nur 45 000 Dollar ausgelegt haben.
Als ich vor vielen Jahren Pfarrer an der »Volkskirche«
auf der Gerrardstraße wurde, hatte man mich über alles informiert, bis auf eine Ausnahme. Als ich dann am Sonntagmorgen meine Antrittspredigt halten sollte, kam der Kassierer mit sehr finsterer Miene auf mich zu. »Dr. Smith«, sagte er, »wir haben mit Ihnen alles besprochen, was über die Gemeinde zu sagen ist, bis auf einen einzigen Punkt.« Dann machte er eine Pause. Ich wartete, was er mir nun weiter zu sagen haben würde. Nach einem Augenblick fuhr er fort: »Diese Kirchengemeinde steckt tief in Schulden. Wir haben einige unbezahlte Rechnungen und haben nichts in der Kasse.« Dann schaute er mich erwartungsvoll an, als sollte ich jetzt meine Hand in die Tasche stecken, das Geld herausziehen, es ihm überreichen und ihn dann auffordern, jetzt spornstreichs hinzulaufen und die ausstehenden Rechnungen zu begleichen.
Stattdessen wandte ich mich um, stieg auf die Kanzel und betete im Gehen: »Herr, seit langer Zeit wollte ich es erproben, ob ein bestimmter Abschnitt in Deinem Wort sich bewahrheitet oder nicht.« »Sich bewahrheiten« meinte ich vom praktischen Gesichtspunkt aus. Ich stützte mich auf den Vers: »Trachtet am Ersten nach dem Reich Gottes (nach der Ausbreitung des Reiches Gottes über die ganze Welt), so wird euch solches alles zufallen!« An jenem Morgen hielt ich eine Missionspredigt.
Der Sonntagabend kam heran. Es war mein erster Sonntag. Eigentlich hätte ich eine evangelistische Botschaft bringen sollen, aber wieder fühlte ich mich innerlich gedrängt, über die Mission zu sprechen, und das tat ich auch. Dann bat ich die Leute, in der kommenden Woche jeden Abend wiederzukommen. Sie kamen, und am Montagabend wurde ihnen wieder eine Missionspredigt aufgetischt. Am Dienstag kriegten sie eine neue Dosis über die Mission. Am Mittwochabend mussten sie noch einer anderen Missionspredigt zuhören. Am Donnerstagabend – schon wieder Mission. Am Freitag war ihre Schar zusehends gewachsen, vielleicht trieb sie auch die Neugierde herbei, und wieder wurde ihnen eine Dosis über die Mission verabfolgt.
Ich glaube, dass sie dann wohl ihre Arme verschränkt haben und zueinander sagten: »Dieser neue Pastor, den wir da bekommen haben, ist aber doch ein komischer Kauz! Er scheint keine anderen Predigten auf Lager zu haben als nur über die Mission. Na ja, jetzt kommt bald sein zweiter Sonntag. Vielleicht hält er uns dann mal ’ne anständige Predigt, wie sich das gehört.«
Der zweite Sonntag kam herbei. Ich sehe alles noch so deutlich vor mir, als sei es gestern gewesen. Im Morgengottesdienst machte ich bekannt: »Wir halten heute drei Gottesdienste ab und werden drei Missionskollekten erheben: eine heute morgen, die zweite heute Nachmittag und die letzte heute Abend.« Da haben wohl manche von ihnen die Augen aufgerissen vor Erstaunen, aber ich hatte mein Werk einmal begonnen, unter Mithilfe eines Missionars eine Missionstagung abzuhalten, und ich wollte auch meinen Entschluss bis zu Ende durchführen. An jenem Morgen sprach ich über die Mission und ließ ein Missionsopfer einsammeln. Genauso machte ich es auch am Nachmittag und am Abend. Da war ich nun, sprach kaum ein Sterbenswörtchen über unsere Nöte in der Heimatgemeinde und nahm doch alles Geld, das ich nur von ihr bekommen konnte, für die Mission. Was war nun aber die Folge davon?
Sie bekamen solch ein lebendiges Interesse, wurden so aufgerüttelt und ringsherum wach, dass sie in immer größeren Scharen herbeiströmten. Seelen kamen zur Heilsgewissheit, und in sehr kurzer Zeit war in unserer Kirche der letzte Platz besetzt. Es dauerte nicht lange, da hatten sie die Sachlage erfasst, und sie fingen an zu geben, so viel zu geben wie nie zuvor, und innerhalb von wenigen Wochen war jede Schuld bezahlt und jede Rechnung beglichen, ohne dass kaum etwas über unsere hiesigen Verpflichtungen gesagt zu werden brauchte, und von dem Tage an bis zu diesem Augenblick haben wir das Wort »Schulden« in Verbindung mit unserem Werk und unserer Arbeit nicht mehr gekannt. Eins hatten wir gelernt: Wenn wir nur ernste Dinge an die oberste Stelle setzten, dann fing das Handeln Gottes an.
Die Not der Durchschnittskirchen besteht darin, dass bei ihnen das Pferd am Schwanz aufgezäumt wird, und dann soll der Pfarrer aufsteigen und losfahren. Kein Wunder, wenn er nicht weiß, wie er das Gefährt in Gang bringen soll. Wenn wir nur die ganze Sache umdrehen und Gottes Plan annehmen wollten, dann würden wir es schon zu etwas bringen und leicht vorwärtskommen. Trachtet zuerst nach der Ausbreitung des Reiches Gottes auf der ganzen weiten Welt, und alles andere wird euch zufallen. Gottes Programm versagt nie.
Sollte ich einmal an eine andere Gemeinde berufen werden und diese Gemeinde verschuldet antreffen, so würde ich wieder ganz genauso handeln wie vorher. Ich würde eine große Missionstagung abhalten, so viel Geld wie nur eben möglich für die Mission sammeln und dann erwarten, dass Gott mir zu Hilfe kommt und für die Verpflichtungen in der Heimatgemeinde Sorge trägt – und Gott würde mich nicht im Stich lassen. Unsere Aufgabe ist es einzig und allein, den wichtigsten Dingen den ersten Platz einzuräumen und dann zuzuschauen, wie Gott für uns handelt.
Die Gemeinde Jesu Christi
Als drittes Wort möchte ich das Wort »Gemeinde« hervorheben. »Die Hauptaufgabe der Gemeinde Jesu Christi ist die Evangelisierung der Welt.« Wenn ich an die Gemeinde denke, so meine ich die ganze Gemeinde Jesu Christi und nicht nur einen besonderen Zweig oder eine Organisation innerhalb der Gemeinde. Wir haben z. B. keinen Frauen-Missionsbund in unserer »Volkskirche«. Wir haben bis jetzt keine derartige Organisation gehabt und werden sie auch nicht einführen. Es ist nicht etwa so, als sei ich ein Gegner einer solchen Einrichtung. Ich bin Gott sogar sehr dankbar für jeden Frauen-Missionsbund. Manchmal wird das missionarische Licht nur noch in einem Frauen-Missionsbund auf den Leuchter gestellt und scheint dann von da aus in die Gemeinde; aber ich will euch in zwei Minuten beweisen, warum wir eine solche Organisation nicht gebrauchen können.
Angenommen, ich sollte jetzt eine kleine Gruppe Frauen um mich sammeln, etwa ein Dutzend oder mehr, und sollte dann zu diesen Frauen sagen: »Ihr bildet also von nun an einen Frauen-Missionsbund, und eure Aufgabe besteht in der Evangelisation der Welt. Das ist alles, was ihr zu tun habt, nicht mehr und nicht weniger, als gerade die Welt zu evangelisieren.« Was sollten wir denn dann allen übrigen Gemeindegliedern sagen und all den anderen Organisationen in der Gemeinde? Wir müssten ihnen dann sagen: »Das ist nicht die allerwichtigste Arbeit, die der Gemeinde übertragen ist, sondern nur eine Nebenaufgabe, gerade eine einzige von den vielen Verpflichtungen, die die Gemeinde zu erfüllen hat. Diese Frauen sollen sich nur darum kümmern. Sie können die Evangelisierung der Welt übernehmen, und alle anderen – besonders wir Männer –, wir wollen wirklich etwas unternehmen, was unserer Mannesehre würdig ist.«
Nein, meine lieben Freunde, so geht das nicht! Jeder Mann und jede Frau meiner Gemeinde ist Glied des Frauen-Missionsbundes, und ich sorge dafür, soweit es nur möglich ist, dass jeder von den achtzig und mehr Mitgliedern meines Chores seine und ihre Verantwortung mitträgt und dass jeder Einzelne von meinen Ältesten, Vorstehern und Diakonen, einhundertundfünfzig an der Zahl, sein Teil Verantwortung mit auf seine Schultern nimmt, dass jeder Küster, jeder Sonntagsschulhelfer und dienende Bruder, jeder Junge und jedes Mädchen sein Scherflein für die Mission gibt. Bei uns geben die Eltern nicht für die Kinder. Wir erziehen die Kinder dazu, dass sie von ihrem eigenen Ersparten geben. Wenn sie fünf oder sechs Jahre alt sind, werden sie zum systematischen Geben angehalten. Wenn sie dann größer geworden sind, haben wir keine Last mit ihnen. Dann haben sie es schon gelernt, wie man gibt.
Diese Arbeit ist viel zu wichtig, um irgendeiner Organisation übertragen zu werden. Sie ist die Aufgabe der ganzen Gemeinde, und wenn jedem Einzelnen dafür die Augen aufgegangen sind und er sich an seinem Teil dafür einsetzt, dann wird unser Ziel erreicht und unsere Aufgabe erfüllt.
Unser Motto lautet: »Jeder Christ ein Missionar!« Weltevangelisierung ist die Aufgabe der gesamten Gemeinde Jesu Christi.
Wie gehen wir zu Werke?
Wohin ich auch komme, überall stellt man mir die Frage: »Wie kommen Sie an solch hohe Kollekten? Woher kommt das Geld? Sie müssen ja eine Gemeinde von lauter Millionären haben!« – So dachte auch der Schriftleiter der Römisch-Katholischen Zeitschrift Kanadas, als er unseren Bericht in der Tageszeitung las. Er schrieb an mich und erkundigte sich, ob das der Fall sei, und als ich verneinte, war er sehr erstaunt. Er schrieb dann einen langen Artikel in seinen Römisch-Katholischen Bekanntmachungen und stellte darin fest, dass eine protestantische Kirchengemeinde, die, wie er sich ausdrückte, von einem eifrigen Pfarrer geleitet sei, mehr für die Mission gebe als alle katholischen Gemeinden von Ontario bis zur Küste zusammengenommen. »Wir sind die wahren Hüter des Glaubens und der reinen Lehre«, sagte er, »und doch lassen wir uns gefallen, dass eine protestantische Kirchengemeinde es uns noch zuvortut. Das ist eine Schande für uns!« Natürlich war es seine Absicht, die Katholiken dadurch anzufeuern, noch mehr für ihre Sache zu tun. Nein, unter uns sind keine Millionäre. In unserer Gemeinde gibt es tatsächlich keinen richtigen Wohlstand. Unsere Gaben werden von einer großen Schar von einfachen Leuten zusammengetragen.
Einmal erkundigte sich ein leitender Bruder einer größeren Gemeinschaft, der in ihrem Ausschuss für Äußere Mission tätig war, bei mir nach dem Geheimnis und wollte dann wissen, warum die Gebefreudigkeit in seiner Gemeinschaft abgenommen hätte. Ich sagte darauf: »Herr Dr. Sowieso, Sie haben die Mission in einen papiernen Plan hineingesetzt und fordern dann die Leute auf, für diesen toten, kalten Plan zu geben, und dann verteilen Sie die eingekommenen Gaben nach Ihrem Gutdünken. So kann es niemals gut gehen. Die weltweite Evangelisation ist viel zu wichtig, um in solch einen Plan hineingesetzt zu werden. Sie müssen die Mission aus Ihrem papiernen Plan herausziehen und vorne aufs Podium stellen, wo sie von allen Leuten gesehen wird. Sie müssen zurückkehren zu den großen Missionsversammlungen aus den Tagen der Freiwilligen Studentenbewegung, in der die jungen Männer und jungen Mädchen in Scharen den Missionsruf bekamen. Die Leute werden niemals nur für eine Liste geben. Sie müssen für eine Sache begeistert werden und ganz von ihr erfasst sein.« Er gab zu, dass ich Recht hatte.
Wie bekommen wir denn nun unsere Missionsopfergaben? Vielleicht sage ich am besten erst einmal, wie wir es nicht machen. Wir nehmen das Geld nicht ein durch Veranstaltung von Abendessen, von Basaren oder durch musikalische Darbietungen aller Art, durch Versteigerungen von Ramschware oder Verkäufen von gebackenen Austern; es ist nicht so, als sei ich gerade ein Gegner dieser Methoden, sondern wir wenden sie nicht an, weil nicht genug dabei herauskommt. Was tut denn ein Geschäftsmann, wenn er entdeckt, dass sich eine Arbeitsmethode nicht rentiert? Ich denke doch, dass er sie sofort abschafft, nicht wahr? Passt auf! Menschlich gesprochen bin ich für den Lebensunterhalt von 350 Missionaren verantwortlich. In jedem Monat meines Lebens muss ich über 20 000 Dollar aufbringen, oder sie müssen, menschlich gesprochen, verhungern. Wie viele Geschäftsleute tragen wohl solch eine schwere Verantwortung? Was würdest du tun, wenn du monatlich 20 000 Dollar aufbringen müsstest und wenn der Lebensunterhalt von 350 Männern und Frauen von dir abhängig wäre? Ich darf es hier bezeugen, dass Gott nicht ein einziges Mal versagt hat. Ob ich zu Hause oder auf einem ausländischen Arbeitsfeld bin, ganz gleich, ob ich Evangelisation in Großbritannien oder in Australien halte, das Geld kommt ein, und die festgesetzte, für jeden bestimmte Summe geht hinaus auf die Missionsfelder.
Wer kann mir nun sagen, ob er jemals von einer Versteigerung oder Auslosung von Ramschware gehört hat, durch die ein Gewinn von 20 000 Dollar erzielt wurde? Wenn nicht, was nützt mir dann diese Methode? Kann man mich dafür tadeln, wenn ich eine Methode ablehne, die mir nicht das einbringt, was ich brauche? Bisher kam noch kein Zukurzkommen vor. Was ich mache? Natürlich wende ich eine andere Methode an, die den notwendigen Betrag einbringt. Viele Menschen haben die Vorstellung, als sei der Gott Georg Müllers auch gestorben, als Georg Müller starb. Gott ist aber nicht tot. Der Gott Elias lebt heute noch. Er kann gar wohl das notwendige Wunder wirken. »Habe ich dir nicht gesagt, so du glauben würdest, du solltest die Herrlichkeit Gottes sehen?«
»Alle Dinge sind möglich dem, der da glaubt.«
Seit mehr als dreißig Jahren halten wir alljährlich eine Missionskonferenz ab. Gewöhnlich dauerte sie eine Woche lang. Jetzt halten wir sie vier Wochen lang, den fünften Sonntag noch inbegriffen. Nachdem die Leute durch die Versammlungen morgens, nachmittags und abends einen Blick und ein brennendes Herz für die Mission bekommen haben, sammeln wir zum Schluss als Opfergabe eine »Glaubensverpflichtung« ein. Darin zeichnen unsere Zuhörer die Geldsummen ein, die sie im Laufe der nächsten zwölf Monate beisteuern wollen. Ob dabei wohl etwas herauskommt? Hierzu zwei Beispiele:
Ich wurde einmal von der Gemeinde in der Parkstraße in Boston aufgefordert, dort eine Evangelisation zu halten. Ich ging hin; der Zuhörerraum war dicht gedrängt voll, und viele standen noch auf den Treppen. Große Scharen von Menschen, meist junge Leute, fanden Christus. Der leitende Pfarrer, Dr. Harald Ockenga, ließ mich in sein Amtszimmer bitten. »Dr. Smith«, sagte er, »diese Kirche hat in den 135 Jahren ihres Bestehens noch nie eine Missionskonferenz erlebt. Wir hören, dass Sie alljährlich eine Konferenz abhalten. Wären Sie wohl bereit, uns in der Parkstraße eine Missionskonferenz zu halten?« Ich fragte Herrn Dr. Ockenga, wie viel Gaben in seiner Kirchengemeinde zurzeit für die Mission einkämen. Seine Antwort lautete: »Jährlich 3200 Dollar.«
Im folgenden Jahr nahm ich noch eine Reihe Missionare mit und hielt in der Kirche auf der Parkstraße eine Missionskonferenz ab. Sechs Jahre lang kam ich jedes Jahr wieder. Im Jahre 1961 gab die Kirche auf der Parkstraße über 276 000 Dollar für die Mission. Man stelle sich vor: vor wenigen Jahren 3200 Dollar und jetzt 276 000 Dollar! Und das alles als Ergebnis einer jährlichen Missionskonferenz.
Das andere Beispiel ist meine eigene Kirche. Vor über dreißig Jahren hielt ich meine erste Missionskonferenz ab. In dem Jahr betrug das Missionsopfer 3500 Dollar. Die letzte habe ich in diesem Jahr (1962) abgehalten. Das Missionsopfer betrug 325 000 Dollar. Die gesamten Gaben für die Mission belaufen sich jetzt auf weit über fünf Millionen Dollar. Solch ein Ergebnis erzielt man durch Konferenzen. Auf diese Weise bekommen die Menschen einen klaren Blick, um was es geht, und wenn ihnen erst einmal die Augen aufgegangen sind, dann kommt das Geben ganz von selbst.
Das ist gar keine Kunst, jede andere Kirche könnte das ganz genauso gut. In unserer Hand liegt es, nur dafür zu sorgen, dass jeder Einzelne mit klarem Blick diese wichtigste Aufgabe erfasst und dass alle Gemeindeglieder sich daran beteiligen. Vor einigen Jahren hatten wir je Person einen Durchschnittsbetrag von 5,– Dollar im Jahr. Das bedeutet aber bei dreitausend Gebern im Jahr eine Summe von 15 000 Dollar. Später gab jeder durchschnittlich 10,– Dollar im Jahr, das machte also insgesamt 30 000 Dollar im Jahr. Dann gab jeder durchschnittlich 15,– Dollar, das brachte also zusammen 45 000 Dollar für die Missionsarbeit ein. Und das war erst nur ein Kinderspiel. Aber sicher, fast jeder kleine Junge kann sich doch im Jahr 15,– Dollar verdienen; auf den Monat umgerechnet, macht das ja nur etwas über 1,– Dollar aus. Mein Sohn Paul stellte vor Jahren allerlei Tand her und verkaufte ihn auch, und er gab gerade so viel. Ich habe Hausangestellte in meiner Gemeinde, die mehr als doppelt so viel geben. Schließlich betrug das Missionsopfer durchschnittlich je Person 96,– Dollar. Alles, was wir zu tun haben, besteht darin, dass der ganzen Gemeinde die Augen für ihre Hauptaufgabe geöffnet werden, und wenn jeder Einzelne es gelernt hat, systematisch zu geben, so ist das Problem gelöst.
Es gibt eine Legende, die über die Rückkehr Jesu in den Himmel berichtet. Als Er Gabriel traf, sagte Er, dass Er die Ihm von Gott zugewiesene Aufgabe erfüllt hätte.
»Und was ist nun Dein Plan?«, fragte Gabriel. »Wie soll das Evangelium ausgebreitet werden? Hast Du auf Erden eine starke Organisation mit klar umrissenen Richtlinien und Plänen zurückgelassen?«
»Nein«, antwortete der Heiland. »Ich habe keine Organisation hinterlassen, nur eine kleine Schar von Jüngern, von denen die meisten aus sehr bescheidenen Verhältnissen stammen. Sie sollen der Welt die Frohe Botschaft sagen.«
»Aber für den Fall, dass sie versagen und Dich im Stich lassen«, fuhr Gabriel hartnäckig fort, »was für einen anderen Plan hast Du dann?«
»Ich habe keinen anderen Plan«, antwortete der Heiland bekümmert.
Eines Tages werden Millionen und Abermillionen aus dem Heidentum an dem Thron Gottes vorbeiziehen; voll Verachtung werden sie mit Fingern auf uns zeigen und klagen:
»Niemand hat sich um meine Seele gekümmert!«
Und dann stehen wir da, du und ich, und wir werden versuchen, uns selbst zu rechtfertigen, und werden sagen:
»Aber Herr, soll ich denn meines Bruders Hüter sein?«
Und Gott wird antworten: »Die Stimme des Blutes deines Bruders schreit zu Mir aus Afrika, aus China und von all den Inseln im Meer.« Die Stimme des Blutes deines Bruders! Ja, und du wirst selig und gehst zum Himmel ein, aber – deine Hände sind mit Blut befleckt, das Blut all der Seelen klebt an dir, die du hättest retten können, wenn du hinaus aufs Missionsfeld gegangen wärst oder einen anderen Menschen an deiner Stelle hinausgesandt hättest.
Es ist nicht leicht, ein Wächter zu sein. »Sein Blut will ich von deiner Hand fordern.« Die Hauptaufgabe der Gemeinde Jesu Christi ist die Weltevangelisierung. Wie willst du dich dazu stellen?
Darmowy fragment się skończył.