Czytaj książkę: «Das Raunen des Flusses»

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Fotografie Yvonne Böhler

Oscar Peer (1928–2013), geboren und im Unterengadin aufgewachsen, gehört zu den bedeutendsten rätoromanischen Autoren der Gegenwart. Eigentlich mit einer Lehre als Maschinenschlosser angefangen, drängte ihn sein Weg nach deren Abbruch zum Lehrerberuf. Nach dem Lehrerseminar in Chur begann er ein Studium der Romanistik, das er mit einer Dissertation zum surselvischen Schriftsteller Gian Fontana 1958 abschloss. Auch danach widmete sich Oscar Peer dem Rumantsch. Mit dem «Dicziunari rumantsch, ladin-tudais-ch» ist ein Basiswerk für die romanische Sprache entstanden. Viele Jahre unterrichtete er an Mittelschulen, daneben entstand kontinuierlich sein literarisches Werk.

Oscar Peer

Das Raunen des Flusses

Limmat Verlag

Zürich

Carolina, ein Prolog

Den ersten Wohnort meines Lebens hatte ich schon seit langem nicht mehr gesehen, hatte auch keinen zwingenden Grund, ihn aufzusuchen nach so viel Jahren. Was tue ich in Carolina? Zu sehen gibt es ja nicht viel in dieser einsamen Gegend – kein Dorf, kein reizendes Engadin, keine Postkartenlandschaft, kein Sils-Maria. Hier haben weder Giacometti noch Segantini ge­malt.

Carolina ist nichts als eine Station der Rhätischen Bahn, fünf Kilometer von Zernez entfernt, fünf von Cinuos-chel, eine Kreuzungsstation mitten im Wald: zwei auf braunem Schotter schimmernde Geleise, vier Serienhäuser für Bahnangestellte, die heute längst weggezogen sind. Ausser einem Alternativen wohnt niemand mehr da, die meisten Züge fahren vorbei ohne zu halten. Irgendwo ein ausgetrockneter Brunnen, am äussersten Ende des Areals ein Materialmagazin, gleich dahinter die Schlucht und der hohe Viadukt. Im Übrigen ringsum Wald, nichts als Wald.

Jemand hat gesagt, es sei nicht gut, an den Ort seiner Kindheit zu­rückzukehren. Vielleicht hatte er recht. Ein Wiedersehen, man weiss es, kann enttäuschen, weil unterdessen so vieles geändert hat, die ­Gegend aussen und die Gegend innen. Die Kindheit, die noch ein ­Ver­­sprechen war, liegt schon weit zurück, eine verdämmernde Traum­welt; und was nachher kam – ein Leben mehr oder weniger frag­­würdig, eine Kette von Widersprüchen, Niederlagen und Versäumnissen, fragmentarisch wie alles. Hat man sich überhaupt gekannt? Weiss man, wer man gewesen ist und wer man hätte sein können?

Mit dem Auto kann man nicht bis Carolina hinauffahren, ich habe es unten parken müssen, bei der Landstrasse, wo eine Steinbrücke über den Inn führt. Die gedeckte Holzbrücke von einst ist verschwunden, doch der schmale Weg über dem Ufer ist noch da. Ir­gendwo geht es über Felsen senkrecht auf den Fluss hinunter. Kein Zaun. Hier nahmen mich die Grossen immer an der Hand. Der Abgrund beeindruckte mich so sehr, dass ich nachts von ihm träum­te: ich fiel aus grosser Höhe in die Tiefe, unten rauschte der Fluss, ich fiel endlos, dachte aber dabei, alles sei vielleicht nur Traum und jemand werde mich schon auffangen. Einmal, wäh­rend ich fiel, hörte ich meine Mutter rufen, worauf ich erwachte. Wenn sich später dieser Fall-Traum wiederholte, wartete ich halb unbewusst auf ihre Stimme.

Ich erreiche die Mündung des Val Tantermozza, steige über den Bach, beziehungsweise über eine Wüste von Steinen und Ge­röll. Ein Pfad führt den Wald hinauf; irgendwo der schwarze Teich, der zerfallene Kalkofen, Föhrenstämme, Erikablumen, Ge­ruch von Harz und Moos. Oben das Pfeifen eines nahenden Zu­ges, man sieht ihn über den Viadukt kommen und wieder verschwinden. Dabei ein Gefühl des Déjà-vu, wie eine exakte Wie­derholung aus der Kindheit, jedoch ohne Emotion. Empfindungen sind nicht abrufbar; das Ma­gische, das erlebte man damals.

Hier endlich die Lichtung, eine planierte Terrasse am Fuss der Bahnböschung. Unser Haus und das der Nachbarn (reichere Leu­te, die hier ihre Sommerferien verbrachten), beide verlassen, Tü­ren und Fensterläden geschlossen, weit und breit kein Mensch, keine Stimme, nichts als Vogelgezwitscher.

Ich setze mich auf die kleine Bank unter dem Vordach. Es herrscht schönes Wetter, ein Vormittag Mitte August. Der von einer Mauer eingefasste Vorplatz scheint kleiner geworden, in meiner Kind­heit war er riesengross. Jetzt, da niemand hier wohnt, wächst überall Gras, kein getretener Platz mehr, kein Holz, kein Scheitstock, keine Axt. Jemand hat neulich gemäht, am Rande mo­dert ein brauner Grashaufen. Vom unteren Boden, wo Mutter ihren Garten hatte, führen ein paar Steinstufen hier herauf. Ich stelle mir vor, wie ich da als Knirps nach oben kletterte – die Haustüre offen, man sieht in den Flur hinein, zuhinterst die Küche, Mamas Silhouette. Hie und da kam sie heraus, um zu schauen, ob ich noch da sei. Manchmal rief sie nach mir, und zwar nicht mit meinem Taufnamen, sondern mit einem spontan von ihr erfundenen «Kini», was der Kopfstimme besser entgegenkam – «Kii­nii!», das hörte man auch von weitem und wurde daher zu meinem eigentlichen Ruf-Namen. Auch die andern nannten mich öfters so, bis ich annahm, dass ich tatsächlich so heisse.

Ich sehe Vater, wie er energisch den Pfad herunter schreitet. Er war Linienarbeiter und Streckenwärter, trug eine Dienstmütze mit Buchstaben dran, oft auch eine blaue, nachthemdähnliche Überziehbluse, die er, weil sie so gross war, hie und da unten aufrollte und am Gürtel befestigte. Er war mittelgross, hatte einen markanten Kopf, dunkles, dichtes und leicht krauses Haar, eine kräftige und gebogene Nase und den forschen Blick des Willensmenschen. Mutter war gleich gross wie er, wirkte aber als Frau grösser, auch korpulenter und stattlicher, was an ihrer Frauenkleidung liegen mochte, vielleicht auch an einer gewissen Vornehmheit ihrer Erscheinung. Auch sie war dunkelhaarig, eine schöne Frau mit blaugrauen Augen und einem offenen Gesicht.

Es war mir nicht gleich, wer von beiden mich auf dem Arm hielt. Bei Mama war mir wohl, ihre Arme waren dick und weich, man fühlte sich darin geborgen; bei Vater störte mich die Härte seiner Hände, oft auch die Bartstoppeln, der Schnauz, die Uhrkette an meinen nackten Füssen.

Morgens und abends hatte er seine Streckenkontrolle. Wenn er gegen Abend wegging, sah man ihn oben über den Viadukt schreiten. Er trug ein Futteral mit den Signalfahnen wie ein Gewehr an der Schulter, in der Hand die Karbidlampe. Mutter nahm mich auf den Arm, öffnete das Fenster und rief huhuu!, worauf er stehen blieb und winkte. Manchmal trug er auch dort seine nachthemdähnliche Überziehbluse, sie flatterte, dabei schien mir, als könnte er auf einmal vom Wind davongetragen werden.

Der Bahnhof auf dem höher gelegenen Trassee ist von hier kaum mehr sichtbar, weil unterdessen an der Böschung Bäume gewachsen sind, ein Dickicht jugendlicher Tannen und Lärchen. Früher sah man oben die beiden Häuser, wo die Kochs und die Müllers wohnten – die Kochs mit zehn, Müllers mit zwölf Kindern. Man sah Holzstapel, einen abgestellten Güter- oder Viehwagen, einen Gartenzaun, eine Wäscheleine mit flatternden Tüchern, Rauch aus einem Kamin.

Im Sommer, dank Farben und Geräuschen, war der Ort noch einigermassen belebt. Ich konnte mit meinen zwei oder drei Altersgenossen spielen, gelegentlich sah man auch Bahnarbeiter. Im Winter war alles verwandelt. Draussen lag Schnee, oft meterhoch, kein Weg mehr, kein Laut, die Tannen, weiss verhangen, schwiegen wie im Mär­chen. Morgens sah man oben die Schüler, die auf den Zug nach Zernez warteten, etwa fünfzehn Knaben und Mädchen, alle mit Schultasche, dickem Pullover und Wollmütze. Man sah Koch, den kleinen Stationsvorstand, wie er die Signalkelle hochhielt, den Lokführer am Fenster seiner Maschine, an den Leitungsdrähten ein violettes Blitzen. Und wenn der Zug vorbei war, wieder Schatten, Frost, Winterstille.

Mittags blieben die Schüler in Zernez. Die Kochs und meine zwei älteren Brüder assen bei Bekannten oder Verwandten; die Müllers, Kinder der grössten der drei Familien, nahmen ihre Mahl­zeit am Bahnhof ein, und zwar im Güter­schup­pen. Ihre Mutter übergab dem Zugsschaffner einen Korb mit dem Essen, in Zernez nahm ihn der Stationsvorstand in Empfang und behielt ihn in seinem warmen Bü­­ro, bis sich mittags die Schar meldete. Der geheizte Warteraum kam als Esslokal leider nicht in Frage, und so blieb ihnen nur der kalte Schuppen.

Hier zuoberst am Hang das Materialmagazin, ein kleiner Holzbau mit rostigem Blechdach, in dem die Eltern damals den Fremden übernachten liessen. Eines Abends spät klopfte jemand ans Fenster, sie gingen hinaus, vor der Türe stand ein zerlumpter Mann, braunhäutig und kraushaarig, mit fremdländischem Gesicht. Er sagte etwas in einer Sprache, die sie nicht verstanden. Nach einigem Zögern liessen sie ihn hereinkommen, Mutter tischte etwas auf, wärmte einen Rest Kaffee. Er schien ausgehungert. Er hatte dicke Lippen, dunkelbraune, fiebrig schimmernde Augen. Vater zeigte ihm, wie man Butter aufs Brot streicht. Er nahm das Butterbrot und ass, sagte dann etwas, das vielleicht «danke» bedeutete. Natürlich keine Rede von Deutsch oder Romanisch, er schüttelte nur den Kopf. Vater versuchte es mit den Überresten seines Sekundarschulfranzösisch, worauf der Fremde immerhin lächel­te, als hätte er so etwas auch schon ge­hört. Seine eigene Sprache klang merkwürdig rau, er versuchte etwas zu erklären, zeichnete dabei mit dem Finger auf den Tisch. Man verstand nur ein paar Namen – Casablanca, Tunis, Italy, Triest –, vielleicht Wegzeichen seiner Reise. Dann fügte er hinzu: «Deserteur – Francia.»

Sie beschlossen, ihn oben im Magazin schlafen zu lassen. Mama hatte zuerst an die Couch in der Stube gedacht, doch Vater wollte nicht – man konnte nie wissen. Da der Fremde nebst einem Hals­tuch nur Lumpen und zerschlissene Sandalen trug, holte man ihm Hosen und Schuhe von Vater. Die Hosen waren ein bisschen zu kurz, worüber er lachen musste. Er hatte blendende Zähne. Es waren Vaters ehemalige Militärhosen, auf die er verzichten konn­te, doch die Schuhe wollte er unbedingt zurückhaben, sie waren noch relativ neu, Bergschuhe mit Gummisohlen; man gab sie dem Mann nur für heute, weil es draussen regnete. Die Eltern versuchten, es ihm mit Zeichen verständlich zu machen. Er nickte. Vater führte ihn die Böschung hinauf, wahrscheinlich hat­te er die Karbidlampe dabei, die er jeweils in den Tunneln brauchte, dazu zwei Wolldecken. Im Magazin zeigte er ihm eine Ecke, wo man bequem schlafen konnte. Als er herunterkam, hatte Mutter einen alten Rucksack mit Proviant gefüllt, so dass er nochmals hinauf musste.

Später machte er sich Sorgen um seine Schuhe, bereute es, ihm nicht die ganz alten gegeben zu haben. Er sprach noch im Bett darüber, wäre vielleicht noch einmal hinaufgegangen, doch Mutter mein­­te, jetzt könne er ihn nicht mehr stören, der arme Teufel sei sicher todmüde.

Am nächsten Morgen früh, als Vater vor seiner Linienkontrolle die Magazintüre öffnete und hineinschaute, war der Fremde nicht mehr da. Vielleicht Angst vor der Polizei. Die beiden Wolldecken lagen sauber zusammengelegt auf einer Kiste, der Rucksack und die Schuhe waren weg.

Wie sich später herausstellte, war der Mann, als morgens der erste Zug talaufwärts fuhr, unter einen Waggon gekrochen und so, zwischen Achsen und Eisenstangen bis ins Oberengadin gelangt, dann irgendwo heruntergefallen und neben dem Geleise liegen ge­blieben. Man brachte ihn ins Spital von Samaden. Vater musste hin, um ihn zu identifizieren. Jemand führte ihn in ein Zimmer, wo der Verletzte in einem Bett lag, an Kopf und Armen verbunden. Er erkannte ihn sogleich – sein braunes Gesicht, das gekräuselte Haar, die Augen mit dem Wüstenglanz. Ein Arzt war anwesend, eine Krankenschwester, dazu zwei Polizisten. Als der Fremde etwas murmelte, fragte man Vater, was er gesagt habe. Er wusste es so wenig wie sie, wahrscheinlich sei es Arabisch. Wieso Arabisch? Weil er gestern etwas von Tunis und Casablanca gesagt habe, das sei doch dort unten.

Die Leute fragten sich, ob in der Gegend jemand zu finden wäre, der Arabisch konnte, vielleicht ein St. Moritzer Feriengast. Einer der Polizisten machte ununterbrochen Notizen. Vater blick­te sich um. Der Rucksack war nirgends zu sehen, der lag vielleicht noch irgend­wo auf der Bahnlinie; doch auf einer Stuhllehne sah er seine Militärhosen, unter dem Stuhl seine Bergschuhe mit den Gummisohlen. Er war nahe daran, den Leuten zu erklären, dass die eigentlich ihm ge­hörten und dass er sie mitnehmen möchte – schliesslich hatte er sie dem Mann nicht geschenkt; doch er konnte sich nicht entschliessen, wollte vielleicht nicht als mieser Kerl erscheinen, der einem Unglück­lichen etwas wegnimmt, und so verabschiedete er sich und ging davon.

Sonst waren Besucher selten. Gelegentlich eine italienische Hausiererin, die sogar in Carolina Halt machte und die uns, wenn niemand zu Hause war, die frischen Eier aus dem Hühnerschlag klaute. Hie und da der Bahnmeister Riffel, Verantwortlicher für den Liniendienst, ein grosser, hagerer und grundehrlicher Mann, der nur vorbeikam, um mit meiner Mutter zu plaudern. Dass er deshalb kam, wusste ich damals noch nicht; ich sah nur, wie er in seiner Bähnler­uniform am Tisch sass und Kaffee trank, während Mutter Wäsche bügelte.

Dann ab und zu der Jagdaufseher, um zu schauen, ob nicht gewildert wurde. Wild gab es in Hülle und Fülle, vor allem Rehe und Hirsche, die nachts in unsere Gärten sprangen, den Salat frassen und das je nachdem mit dem Leben zahlten. Jemand fällte verbotenerweise die schönsten Bäume, bis ihn der Förster Renold heimlich fotografierte, gerade während der Baum fiel; später kam er und hielt dem Frevler lächelnd das Foto unter die Nase, zeigte ihn aber nicht an. Man sagte, dass solche Spielereien zu ihm passten, weil er überhaupt gerne spielte – mit Foto- und Filmapparaten, mit Geld, mit den Leuten, vor allem auch mit Frauen. Er spielte auch glänzend Theater, das heisst in Zernez, wo er zu Hause war und wo ein reges Dorfleben herrschte. Carolina war leider kein Dorf, hier gab es nur den Wald, den Viadukt, am Himmel kreisende Raubvögel, meines Vaters Handharmonika, meine zwei oder drei Gespielen und die vorbeifahrenden Züge.

Wenn sie von Westen kamen, wo die Bahnlinie schnurgerade verlief, schienen sie fast stillzustehen, waren dann plötzlich da, hielten an oder fuhren vorbei. Auf der unteren Seite, jenseits der Schlucht, drangen sie aus einer Felsschneise und kamen über den Viadukt daher. Das Nahen der Züge vernahm man auch im Haus. Ich rannte ins Freie, sah oben die Wagen vorbeigleiten. Es kam vor, dass mir jemand zuwinkte. Ein Fräulein mit blonden Haaren und rotem Béret warf mir einmal eine Schokolade herunter. Tagelang wartete ich vergebens, dass die hübsche Person wieder erscheinen würde.

Geheimnisvoll, fast unheimlich, war der Lokführer, der vorne in der Maschine stand und steif wie ein Zinnsoldat geradeaus schaute. Manchmal, wie gesagt, hielt der Zug gar nicht, eilte dahin mit einem langgezogenen Pfeifen – es widerhallte durch die Ge­gend wie der Schrei eines geplagten Geistes. Ich stellte mir dann vor, dieser Geist wäre der Lokführer selber, ein zum Dahinrasen Verdammter, der nie zur Ruhe kam. Oder vielleicht ein Zauberer, Bewohner dieser dunkelroten Lokomotive. Mich beeindruckte vor allem die Vorderseite der Maschine, weil sie mit ihren zwei Fens­tern oben, einer runden Lampe dazwischen und zwei auseinanderliegenden Lampen weiter unten genau einem menschlichen Gesicht ähnelte.

Einmal, als der Zug hielt und die Lokomotive gerade in meiner Nähe zum Stehen kam, liess der Mann (vermutlich immer derselbe) das Seitenfenster herunter und schaute her­aus. Sein Gesicht kam mir ungewöhnlich vor, auch die Art, wie er in diesem schmalen Fens­ter eingeklemmt schien, den Kopf senkte und zu mir herabschaute, wobei ihm eine Haarsträhne in die Stirn fiel. Er hatte sehr dunkle Augen, und als er mich fragte, wie ich heisse, brachte ich kaum mein «Kini» aus der Kehle. Der Zauberer!, dachte ich, wahrscheinlich war er das ... Als der Zug langsam weiterfuhr, schaute er nach wie vor zu mir herab, schaute zurück statt nach vorn, lächelte und winkte leicht mit der Hand.

Ueli, Richard und Johanna waren mit mir die Kleinsten der drei Familien. Oft spielten wir auf der Fahrbahn, am liebsten beim Magazin, unmittelbar vor der Brücke. Wir legten rostige Nägel aufs Geleise, um zu schauen, wie sie platt gedrückt wurden. Wenn es vorne beim Bahnhof klingelte, wussten wir, dass bald ein Zug kam. Wir drückten das Ohr auf eine der beiden Schienen, vernahmen ein leises Klopfen, das sich langsam näherte, dann ein Brummen aus dem Erdinnern. Wir horchten mit wachsendem Kitzel, und wenn jenseits der Brücke plötzlich die Lokomotive sichtbar wurde, sprangen wir die Böschung hinab, pissten dabei fast in die Hosen. Ich sehe noch Johanna, wie sie mit nacktem Hintern im Gras kauert.

Brücken ... Ich staune über ihre Eleganz, vor allem über ihre Dauerhaftigkeit. Sie wurden anfangs des letzten Jahrhunderts gebaut, sind also hundert Jahre alt und halten noch immer. Es gibt eine in der Nähe von Cinuos-chel, direkt vor einem Tunnel, bei deren Bau zwölf Menschen ums Leben kamen – Fremdarbeiter, alles Italiener. Das Baugerüst, eine gewaltige Holzmasse, hatte sich plötzlich ein biss­chen seitwärts geneigt; elf Männer standen darauf, jemand hatte ei­nen Schrei ausgestossen. Ich stelle mir die schattige Schlucht vor, Felsen und Bäume, ganz oben vielleicht noch etwas Sonne, unten ein kleiner Bach. Man rät dem Bauführer, die Männer so schnell wie möglich in Sicherheit zu bringen, doch der Mann, ebenfalls Italiener, behauptet stur, es fehle nur der letzte Stützbalken in der Mitte. Da niemand mehr den Mut hat, aufs Gerüst zu steigen, beauftragt er damit seinen vierzehnjährigen Sohn. Der zögert, doch als ihn der Alte anbrüllt, nimmt er den Balken auf die Schulter und schreitet auf einem Brett vorsichtig hinüber. Vermutlich herrscht Totenstille, nur unten das Geräusch des Baches, bis es irgendwo knarrt; dann beginnt sich alles langsam zu neigen und donnert mit Lärm und Getöse in die Tiefe. Nachher wieder Stille ... Am Eingang des Tunnels steht im Felsen eine Marmorplatte mit den Namen der Verunglückten. Auch der Na­me des Bauführers ist dabei, obwohl der nicht hinunter­gestürzt war, sondern noch am selben Abend Selbstmord begangen hatte.

Ich schaue zum jenseitigen Talhang hinüber, wo es wenig Wald gibt, dafür Wiesen und Weiden. Auf der Landstrasse, die sich durchs Ge­län­de dahinzieht, fahren Autos vorbei, geräuschlos wie in einem Stummfilm.

Eine Weile befinde ich mich auf dem Viadukt. Er ist sehr hoch, unten schlängelt sich der Bach durch Sand und Geröll, die Riesenschlucht mit einem vage-monotonen Geräusch füllend. Ohne dieses Eisengeländer könnte es einem leicht schwindeln. Es wurde uns Kindern eingeschärft, den Viadukt niemals zu betreten. Einmal war ich trotzdem mit Ueli Müller da oben, die Versuchung war zu gross. Wir sahen den Abgrund, die Brückenpfeiler; im Übrigen passierte nichts, es kam auch kein Zug. Wir begannen, Steine hinunterzuwer­fen; zwischen den Geleisen gab es deren genug, Steine grösser als unsere Hän­de. Wir versuchten, den Bach zu treffen, was wegen der Höhe nicht leicht war. Dann schauten wir, welcher Stein zuerst unten ankam, der meine oder der seine, dabei neigten wir uns über die untere Ge­länderstange hinaus und blickten in die Tiefe. Von Schwindel keine Spur. Wir sahen nichts als das Spiel, bemerkten weder den Zug, der jenseits der Brücke daherkam, noch meine Mutter, die sich uns von hinten näherte. Ich weiss nur noch, wie wir plötzlich gepackt und davongetragen wurden, wie sie mit uns über die Brücke rannte, von Pfeifsignalen begleitet. Drüben schwenkte sie seitwärts ab, fiel mit uns ins Gras, blieb dort liegen und hielt uns fest, bis der Zug vorbei war.

An jenem Abend, als ich im Bett lag, versuchte sie, mir ein Dankgebet beizubringen. Ich konnte zwar meinen kleinen Vers, den ich allabendlich hersagte. Dieses Gebet war der Situation angepasst. Sie erklärte mir, der liebe Gott habe uns gerettet. Vielleicht stimmte es, wer weiss. Natürlich ist man nie sicher, man kann’s nicht beweisen, doch jedenfalls wurde man irgendwie beschützt, sonst wäre man nicht mehr da – vom lieben Gott oder vom Zufall oder von den Eltern, die unterdessen längst gestorben sind ... Unsere Versuche, in die Vergangenheit zurückzuschauen: Zum Beispiel abends die Petrollampe über dem Tisch, Nachtessen bei Dämmerlicht. Wenn es Vater nicht hell genug schien, zündete er seine Karbidlampe an. Die Flamme war gelblich und dicht, es verbreitete sich ein ätzender Geruch, den ich gern hatte. – Erst als wir schon einige Zeit in Carolina wohnten, wurde das elektrische Licht installiert. Freudenschrei, als der Monteur mit der Arbeit zu Ende war und jemand den Schalter herumdrehen durfte; das ganze Haus, die Zimmer schienen wie verwandelt. Doch eines Abends, als Vater nicht da war und wir mit Mutter allein am Tisch sassen, stand sie einmal auf, löschte das elektrische Licht und zündete die alte Petrollampe an. Auf unsere Frage, warum sie das mache, antwortete sie, wir müssten Strom sparen.

Oder der kleine Brunnen an der unteren Hausseite, der jeden Win­ter zufror, das gedämpfte Gurgeln, das Spiel des Wassers unter dem Eis.

Oder Val Verda, eine halbe Stunde von hier entfernt, eine Wald­lichtung, wo wir im Sommer die Ziegen hüteten, etwa zwanzig Ziegen und fast ebenso viele Hirten und Hirtinnen. Genau genommen hüteten wir sie nicht, wir assen und spielten, während sich die Tiere unbeachtet entfernen, immer bergwärts, die Kühle suchend, kletterfreudig im Gebirge umherschweifend, wie die Ziege des Monsieur Seguin. Einmal fanden wir sie nicht mehr und kehrten abends ohne sie zurück, worauf der gutmütige Vater Müller die Tiere mit der Lampe suchen ging und sie um Mitternacht nach Hause brachte.

Liebenswürdigkeit der Müllers. Ihr Rheintaler Dialekt, wenn die Kinder mit den Eltern redeten, die nicht Romanisch konnten. Das überfüllte Haus, vierzehn Personen, die etwas muffige Luft. In der Küche der lange Esstisch, an dem jedoch kaum alle Platz hatten, doch sie waren es gewohnt, auf engem Raum miteinander auszukommen; oft mussten die Kleineren warten, bis die Grossen gegessen hatten und einige Plätze freigeworden waren. Die erwachsenen Söhne spiel­ten miteinander Ländlermusik, oft auch vor dem Haus, sodass es abends vom Wald zurücktönte. Manchmal nahm dann Vater seine Harmonika und ging zu ihnen hinauf. Ihr Familiensinn. Paul zum Beispiel, der sich als Jüngling vornahm, die Schulden seiner Eltern zu bezahlen; es gab im Estrich einen ominösen Holzkoffer voll unbezahlter Bäcker- und Ladenrechnungen; von Zeit zu Zeit kamen Reklamationen. Er war eben der Schule entlasssen, ein Sechzehnjähriger, der jetzt aus eigener Initiative Waldakkorde übernahm, ein paar Leute anheuerte, unermüdlich schuftete, Geld zusammensparte und daranging, die Familienschulden abzutragen, eine nach der andern, bis sie nach Jahr und Tag alle getilgt waren.

Ich denke an die Raubvögel, die aus ihren Waldungen aufstiegen und über Carolina kreisten, auf unsere Hühner erpicht, vermutlich Sperber oder Habichte – schöne, braun und grau schimmernde Vögel, hie und da ihr heiserer Schrei. Solange sie Menschen sahen, blieben sie oben, doch oft waren die Hühner allein, dann schossen sie blitzschnell herunter und machten einem von ihnen den Garaus. Nachher fand man nur die Federn. Wenn Raubvögel in der Luft kreis­ten, holte Koch, der Stationsvorstand, eine grosse Pistole aus dem Haus, zielte in die Höhe und gab ein paar Schüsse ab. Ich weiss nicht, ob er je einmal getroffen hat. Je­denfalls verschwanden die Vögel, aber sie kamen immer wieder; vermutlich hatten sie sich an die Knallerei gewöhnt. Ein Habicht hatte sich an eine unserer Hennen herangemacht, mittags, wäh­rend wir drinnen assen; grosse Aufregung im Haus, Vater schoss mit dem Jagdgewehr zum Fenster hinaus, traf aber leider das Huhn, während der Raubvogel mit schweren Flügelschlägen über die Baumwipfel davonflog.

Unsere beste Eierlegerin war spurlos verschwunden, wir fanden nicht einmal die Federn. Mutter trauerte ihr nach; doch eines Tages, während sie im Freien Wäsche aufhängte, erschien die Hen­ne aus dem Wald und kam gluckend die Wiese herauf, gefolgt von einer Schar weisser Kücken.

Hie und da sah man einen Adler. Auch er kreiste geduldig über unseren Häusern, meistens abends nach Sonnenuntergang, wenn wir unten bereits im Schatten lagen und er oben noch im rötlichen Licht. Wir staunten, wie lange er kreisen konnte, ohne ein einziges Mal die Flügel zu bewegen.

Ich denke an Grass, den Fotografen aus Zernez, der uns hier vor dem Haus fotografiert hat. Das Foto besitzen wir noch immer. Mich, den Kleinsten, hat man auf ein Tischchen gesetzt, die Geschwister stehen daneben, geputzt, gekämmt, die beiden Brüder mit dem Sonntagspullover, die Schwester mit zwei festgedrehten Zöpfchen. Die Geschwister würde man auf dem Bild leicht erkennen, mich wahrscheinlich noch nicht – zweieinhalbjährig, ich käme jedenfalls kaum darauf, dass ich das selber bin, mit diesen Locken, einem weichen, noch traumbefangenen Kindergesicht. Un­ser Jüngster fehlt noch; der kam erst Jahre später zur Welt, hat unterdessen gelebt und ist bereits wieder gegangen, so wie auch die andern drei. Schade, dass die Eltern auf diesem Foto fehlen. Es wäre eine Gelegenheit gewesen, wenigstens einmal alle zusammen auf ein Bild zu bringen. Doch Vater wird in seinen Tunneln gewesen sein, Mama wird beiseite gestanden haben, um zu schauen, wie Grass seinen Apparat einstellte und fotografierte. An sich selbst dachten sie kaum.

1933 zogen wir von Carolina weg. Es war Ende April, es schneite ein bisschen, leichter Flockentanz wie oft im Frühjahr. Ich hatte zum Geburtstag neue Schuhe bekommen, deren Lederduft mich bezauberte. 1933 – ein berüchtigtes Jahr, nur wusste man in jenem Alter noch nichts von Politik und Weltgeschichte. Wir lebten unbehelligt von einem Tag zum andern, wir hatten genug zu essen, wir wurden nie vertrieben, wir mussten nie fliehen. Als wir den Ort verliessen, geschah das friedlich, und man hatte Zeit genug, alles sorgfältig einzupacken. Nachdem unser Hausrat weg war und wir hier die Türe zumachten, hörten wir deutlich, wie es innen widerhallte. Meine Schwester und ich waren mit der Mutter als letzte hier geblieben; ich weiss nicht, warum Mutter zögerte, nochmals öffnete und in den verdunkelten Flur hineinschaute.

Unterdessen ist mehr als ein halbes Jahrhundert vergangen, andere Leute sind hier eingezogen und später wieder fortgegangen. Nun ist das Haus nicht mehr bewohnt, Türen und Läden ge­schlos­sen. Schade, dass man nicht durch ein Fenster in die Stube hineingucken kann, oder durch jenes andere in die Küche. Es wäre ein flüchtiger Blick in den rätselhaften Raum der Vergangenheit. Geschlos­­sen auch der kleine Stall dort, wo wir unsere Ziegen unterbrachten. Eine von ihnen war gemsrot, eine andere (die «Tog­gen­bur­gerin») war braun, eine hell und dunkel gefleckt. He­di, die hörnerlo­se, war ganz weiss; sie mochte ich am liebsten, und es schien mir, sie rieche geradezu nach Milch.

Es gibt Erinnerungen, die mit einer gewissen Regelmässigkeit wiederkehren, andere scheinen für immer gelöscht. Doch es kommt vor, dass etwas plötzlich wieder auftaucht, wie die Tigerkatze mit den grünen Augen, die einen Sommer lang verschwunden blieb und dann unerwartet zurückkam, einen Tag vor Winter­einbruch.

Da oben die Bahnlinie, eben geht ein Zug vorbei, ohne zu halten. Man sieht die Strombügel der Lokomotive, die Dächer einiger Wagen, die Böschung dämpft das Geräusch. Sonst ist nichts zu hören als weit unten der Fluss, den man von hier nicht sieht. Die Lärchen sind noch hellgrün, einige Wipfel werfen ihre Schatten über den Vorplatz, am Himmel ein paar leichte Wolken.

Dass etwas einmal war und dass es jetzt nicht mehr ist, kommt uns oft merkwürdig vor. Wir achten nur nicht immer darauf, weil die Zeit geräuschlos vergeht, und weil das ihre uralte Gewohnheit ist, zu vergehen.

Mutters Eigenwille

Immer wieder die Frage: bis wohin reicht das Gedächtnis zurück, diese mysteriöse Fähigkeit, längst Vergangenes von innen her zu sehen. Manches hat sich schon in der Kindheit verankert, wenn auch nur schemenhaft. Oft bin ich nicht sicher, ob etwas Erinnerung ist oder blosse Imagination. Zum Beispiel wie ich im Bettchen liege, wie die Türe aufgeht und meine Mutter lautlos neben mir erscheint, wie sie mit mir redet – wobei ich, im vorsprachlichen Stadium, ihre Worte vermutlich nur als freundliches Gelalle wahrnehme.

Das war noch in Carolina, dessen Welteinsamkeit mich möglicherweise für immer geprägt hat. Kaum zu ermessen, wie sehr Umwelten an uns hängen bleiben. Schon die Mutter selber war eine Umwelt. Ich sehe noch, wie sie mich morgens vom Bett holt, mich auf den Arm nimmt, mit mir in die Stube geht und regelmässig vor den Spiegel tritt. Für sie wahrscheinlich ein heiterer Tagesbeginn, wäh­rend ich selbst den Spiegel nicht mochte und mir das Gesicht verhüllte. Nachher stand sie mit mir am Fenster.

Ich war noch im Nachthemd, sie selber noch im Schlafrock und mit gelöstem Haar. Sie spazierte mit mir auf dem Arm in der Stube umher; wenn ich kalte Füsse hatte, setzte sie mich auf einen Stuhl, sie selber setzte sich nahe vor mir und nahm meine Füsse, um sie zu wärmen, zwischen ihre Beine. Ich hatte das nicht gern, etwas sträubte sich dagegen, so sehr ich sonst ihre Nähe suchte. Nachts zum Beispiel war ich glücklich, neben ihr zu schlafen und noch im Schlaf ihre Wärme zu spüren. Es bekümmerte mich, wenn ich morgens erwachte und statt ihrer meine Schwester oder einer meiner Brüder neben mir lag. Nächtliche Bettwechsel gab es immer wieder, umständehalber oder weil eines der Grösseren unerwartet auch zur Mutter ins Nest kroch und sie ihn dann nicht vertreiben wollte; nur war für drei zu wenig Platz vorhanden, weshalb sie, sobald der Zuzüger eingeschlafen war, das eigene Bett verliess und im freigewordenen weiterschlief.

Bevor Johann, unser Jüngster, zur Welt kam, genoss ich acht Jahre lang das Privileg des Nestkückens. Vielleicht der Grund einer starken Mutterbindung. Ich frage mich, ob mir aus dieser Bindung nicht sogar Eigenschaften erwachsen sind, die man sonst als erblich bezeichnet, während sie vielleicht durch lange leibliche und seelische Nähe einfach übertragen wurden – in meinem, beziehungsweise unserem Fall eine gewisse Schwerblütigkeit, Stimmungsschwankungen, Wech­­sel zwischen Geselligkeit und Ein­sam­keit, gelegentliche Ge­sellschaftsflucht, Festtagsallergien, Müdig­keit am Morgen und Aufleben bei Nacht. Vielleicht sogar gewisse nervlich bedingte Herzschwächen bei Bise oder Föhn.

Wenn sie hie und da auf Reisen ging, nahm sie mich mit, wobei ich mich schon als Kleiner daran gewöhnt hatte, dass wir fast im­mer den ersten Zug verpassten. Ich weiss nicht, ob sie nicht auf die Uhr schauen konnte oder ob sich in ihr irgendetwas gegen Uhren und Fahrpläne sträubte. Vielleicht wusste sie schon im voraus ganz genau, dass wir den ersten Zug verpassen würden. Sie hatte ihren eigenen Rhythmus, vor allem eine für sie offenbar lebensnotwendige Mor­gen­langsamkeit, war dann auch eigenwillig ge­nug, sich von der Welt nichts aufzwingen zu lassen. Eine Hoteldirektorin in St. Gallen, bei der sie einst als erwachsenes Mädchen angestellt gewesen war, soll ihr einmal gesagt haben: «Du hast einen Kopf, und der gehört dir!»

Unsere Reisen fanden meistens an Sonntagen statt. Manch­mal gingen wir nach Sent zu ihrer jüngeren Schwester Hermina. Falls wir ausnahmsweise den ersten Zug erwischt hatten, konnten wir in Scuol das Postauto besteigen, das auf uns wartete, durch die Ortschaft fahren und uns dann in sanften Kurven bergwärts tragen lassen. Hinter uns blieb eine Staubwolke zurück, die Strasse war von Bäumen gesäumt. Bei schönem Wetter war das Autodach geöffnet, dann huschten grüne Laubkronen über uns hinweg ... Doch wenn wir erst den zweiten Zug benützt hatten, gab es kein Postauto, dann stand uns ein langer Marsch bevor; zuerst das langgezogene Scuol mit Hotels, Läden und Schaufenstern, und wenn wir die Ortschaft endlich hinter uns hatten, erklärte sie: «Jetzt haben wir schon fast die Hälfte.» Ich widersprach nicht, obwohl ich wusste, dass es nicht stimmte. Kurz nach dem Dorfausgang gab es oberhalb der Strasse eine schwefelhaltige Mineralquelle. Wir gingen hinauf, man konnte eine Röhre nach unten drücken, worauf das Wasser kam. Ich fand es scheusslich, trank aber trotzdem, weil es gratis war und weil Mutter erklärte, das fördere den Appetit für das herrliche Mittagessen, das uns in Sent erwarte. Nachher ging es den Berg hinauf, Kurven hin und her, Naturstrasse, am Rande die staubige Böschung, graue Wer­mutsträucher, Disteln und Grillengezirp. Sie musste mich ein biss­chen ziehen und immer wieder aufmuntern. Irgendwo sah man auf dem Berg endlich das Dorf, eine kompakte Häuserkulisse im blauen Himmel, aber noch unendlich fern. Man sah den schlanken Turm, vernahm etwas Glockengeläute. Irgendwo machten wir eine Pause, sie nahm ihr Taschentuch, benetzte es mit Speichel und putzte irgendeine Stelle an meinem Gesicht. Doch unsere Ankunft in Sent, das Haus der Verwandten, die Begrüssung und das herrliche Mittagessen, mit dem sie mir den Marsch schmackhaft gemacht hatte, das ist weg, vergessen, ausgelöscht, als wären wir nie in Sent angekommen. Es bleibt nur Mama, die Mühsal und der unendliche Weg.

Ich denke an jene Reisen mit ihr, an den Knirps, den sie an der Hand mitzog, frage mich, ob das schon die gleiche Person war wie die­jenige, die sich jetzt zu erinnern versucht.

Sie nahm mich wie gesagt immer mit. Erstens war niemand zu Hause, um mich zu hüten, zweitens gab ihr meine Begleitung vielleicht eine gewisse Sicherheit. Sie war zwar eine starke Persönlichkeit, doch kann ich mir vorstellen, dass bei längeren Reisen eine leichte Weltbangigkeit mitging und dass sie dann froh war, sich an mir festhalten zu können. Chur zum Beispiel war schon sehr weit weg. Die Reise nach Chur war schon deshalb aufregend, weil es nach Bever, wo man umsteigen musste, durch einen langen Tunnel ging. Wenn man jenseits herauskam, schien die Welt irgendwie verändert. Zuerst noch Wald und Felsen, doch bald gelangte man in sanftere Täler hinab, die im Gegensatz zum noch winterlichen Engadin schon grün schimmerten. Man sah ganze Haine weiss blühender Obstbäume, die meine Mutter zu Freudenausrufen bewegten. Unter einer hallenden Metallbrücke strömten zwei Flüsse zusammen, um dann gemeinsam weiter zu ziehen. Merkwürdig schien mir, dass wir, nachdem es zuerst immer westwärts gegangen war, auf einmal wieder nach Osten fuhren, und ich fürchtete, wir könnten, trotz der veränderten Gegend, wie durch Zauberei plötzlich wieder zu Hause ankommen.

In Chur wohnten die Grosseltern väterlicherseits, zudem ein Onkel und eine Tante. Bei Grossmutter Berta kam einem ein be­stimm­ter Hausgeruch entgegen, den ich jedesmal wieder erkannte – unten duftete es nach Waschküche, zwei Treppen weiter oben nach Gasherd. Wir betraten jeweils die Wohnung ohne zu läuten, weil nona schwerhörig war und das Läuten gar nicht gehört hätte. Hinter dem Glas der Küchentüre sah man ihren Schatten. Mutter klopfte, öffnete dann vorsichtig, um sie nicht zu er­schre­cken. Wenn man sich mit ihr unterhielt, musste man sehr laut reden. Ich fand es merkwürdig, dass sie dann selber ebenfalls laut redete, als wären alle taub. Wenn man sass, bediente sie sich eines hornartigen Geräts, das sie sich ans Ohr hielt und in dessen muschelartige Öffnung man hineinreden musste.

Im Gegensatz zu allen andern Verwandten war sie blond und bleich, im übrigen auch die einzige Katholikin in der Familie. Zu Hause unterhielt man sich oft darüber, dass sie von Zeit zu Zeit Erscheinungen hatte, fragte sich, ob das mit ihrer Schwerhörigkeit zusammenhängen könnte. Ihr Mann, Grossvater Andri, glaubte nicht daran, weil sie nämlich schon früher Visionen gehabt hatte; er war überzeugt, die Sache habe etwas mit ihrem katholischen Glauben und ihrer Religiosität zu tun – sie denke zu viel ans Jenseits und an die Toten, und dann kämen sie eben. Hie und da, etwa bei Tisch, konnte es geschehen, dass sie plötzlich erschrak, das Besteck fallen liess, verwirrt ins Leere blickte und hastig flüsterte: «Schau da! Schau da! Habt ihr gesehn?» Das Ganze dauerte nur ein paar Sekunden, dann war der Spuk vorbei. Nachher schien sie noch blasser als sonst. Sie hatte jemanden gesehen, der zur Türe hereinkam, etwas im Kü­chenschrank suchte und dann durch die Mauer verschwand. Sie erkannte die Person nie genau, manchmal war diese wie durchsichtig, doch sie war überzeugt, es handle sich um ihre Tochter Chatrina, die mit dreiundzwanzig Jahren gestorben war. «Mein böses Gewissen», sagte sie. Sie dachte an damals, als Chatrina mit Lungentuberkulose darniederlag und sie selber ihre Tochter, aus Angst vor Ansteckung, durch jemand andern pflegen liess und nicht einmal in der Nacht ­ihres Todes bei ihr blieb – aus purer Feigheit. Dafür hatte sie jetzt ihre Heimsuchungen, die sie, wie sie behauptete, manchmal schon eine Weile vorher kommen spürte. Wenn sie dann plötzlich aufhorchte und zur Türe starrte, fragte Grossvater ganz ruhig, die Suppe löffelnd: «Kommt sie wieder?»

Grossvater Andri war ein grosser, starker Mann, damals in Chur als Bauarbeiter tätig. Bei ihm sah ich übrigens zum ersten Mal im Leben ein Grammofon. Er führte mich in die Stube, holte ein Köfferchen herbei, öffnete es, nahm eine schwarz schimmern­de Platte mit feinen Rillen aus einer Papierhülle und legte sie auf den beweglichen Teller des Ap­pa­rates, drehte an einer Kurbel, bewegte einen mit einer dünnen Nadel versehenen Metallarm, senk­te ihn vorsichtig auf die Platte herab. Eine Weile vernahm man ein kratzendes Geräusch, dann plötzlich Ländlermusik – jene Musik, die ich von zu Hause kannte, wenn Vater mit den Müllers spielte – doch hier tönte sie aus diesem kleinen Kasten, was für mich an Zauberei grenzte. Grossvater schaute mir ernst nickend ins Gesicht, wie jemand, der tatsächlich zaubern kann. «Siehst du?», sagte er. «Hörst du die Klarinette und die Bassgeige? Und die Handorgel, das ist dein Vater! Die sind jetzt alle da drin!» Ich staunte, konnte mir nicht erklären, wie die Männer in diesem Köfferchen Platz hatten und noch so gutgelaunt aufspielten. Nach einer Weile jedoch, während sich die Platte drehte und es drauflos ländlerte, akzeptierte ich das Unglaubliche als etwas Naturgegebenes. Zuletzt schien alles möglich. Als die Musik zu Ende war und es wieder kratzte, legte Grossvater die Platte auf die andere Seite, dann kam ein neues Stück, und diesmal glaubte ich, meinen Vater noch viel deutlicher herauszuhören.

Am nächsten Tag hätte ich die Musik gern nochmals gehört, doch mittags schien Grossvater schlechtgelaunt, und abends warteten wir vergebens mit dem Nachtessen auf ihn. Grossmutter Berta schien besorgt. Da er nicht kam, assen wir allein. Als später eine meiner Cousinen (sie war ein Jahr älter als ich) auftauchte, schickte man sie zu einem nahe gelegenen Wirtshaus, um nachzuschauen, ob der «Neni» dort sei. Sie eilte davon, kam bald wieder wie ein Sturmwind zur Türe herein und meldete ausser Atem, er sei tatsächlich dort, man höre ihn bis auf die Strasse heraus. Nona Berta forderte sie auf, so rasch wie möglich ihre Mutter zu holen, die Cousine rannte wieder davon, etwas später erschienen sie beide. Es wurde diskutiert, was zu tun sei. Meine Mutter, tapfer wie sie war, anerbot sich, in jene Beiz zu gehen und den Grossvater nach Hause zu bringen, doch wur­de ihr davon dringend abgeraten. Am besten, meinte die Tante, wir würden so rasch wie möglich unsere Sachen zusammenpacken, mit ihr kommen und bei ihr übernachten. Das geschah denn auch, wir verabschiedeten uns von der Grossmutter, wechselten das Quartier, wanderten mit unserem Gepäck durch heiter beleuchtete Strassen, kamen auch an jener berüchtigten Kneipe vorbei, aus der es tat­säch­lich laut tönte. Bald erreichten wir das Haus an der Paradiesgasse, in welchem die Tante wohnte. Es gab noch etwas Obst und Schoko­lade, dann steckte man mich ins Bett, und zwar zu meiner Cousine, die sich über die Ereignisse des Abends geradezu riesig freute und vor Vergnügen mit den Beinen strampelte.

Als ich älter war, erfuhr ich übrigens, dass meine Mutter da­mals, während ich schlief, doch noch jenes Wirtshaus aufgesucht und Grossvater herausgeholt hatte. Sie brachte ihn nach Hause und blieb dort, bis er den von ihr verordneten schwarzen Kaffee getrunken hat­te und dann zu Bett ging.

Unsere längste Reise führte uns ins Ausland, das heisst ins Liechtensteinische. Ich wusste nicht, was «Ausland» bedeutete, merkte nur, dass die Fahrt länger dauerte als sonst. Verwandte hatten wir dort keine, doch in Liechtenstein waren die Zahnärzte billiger als bei uns. Mutter musste ihre Zähne behandeln lassen, und da sie als Frau eines Bähnlers eine Gratisfahrkarte besass, konnte sie durch die lange Reise etliche Franken einsparen.

Den ersten Zug hatten wir diesmal nicht verpasst. Ich vermute, dass wir gegen Mittag in Vaduz ankamen. In einer Konditorei kauften wir etwas Patisserie, dann wanderten wir aufs Feld hinaus, setzten uns neben einem Zaun ins Gras und assen zu Mittag. Vielleicht war es Frühling, ich glaube mich an Löwenzahn zu erinnern, an weidende Schafe, auf einem Felsen ein imposantes Schloss, vom Dorf herüber Glockengeläute.

Nach der Mahlzeit benetzte Mutter ihr Taschentuch und putzte mir den Mund. Sie lehnte mit dem Rücken am Zaun, ich lag neben ihr, mit dem Kopf auf ihrem Schoss. Morgens waren wir früh aufgestanden, jetzt nickten wir bald ein und schliefen eine ganze Weile. Doch plötzlich fuhr sie zusammen und sprang auf. Wir mussten uns beeilen, rannten über das Feld in Richtung Dorf, sie zog mich mit sich fort, einmal fiel ich hin, darauf trug sie mich ein Stück weit. Wir betraten ein Haus, das sich gerade neben der Konditorei befand. Während sie sich dann stundenlang vom Zahnarzt behandeln liess, schlief ich in einem Zimmer mit rosafarbenen Tapeten. Ich erinnere mich nicht mehr, wie man mich dort zu Bett brachte, sondern nur an mein Erwachen: ein Fräulein in weissem Kittel kam lächelnd auf mich zu, sagte etwas auf Deutsch, nahm mich auf den Arm und verliess mit mir das Zimmer. Unten wartete Mama.

In St. Moritz wohnte ihre Schwester Ottilia. St. Moritz grenzte ans Märchenhafte: unten der schimmernde See, oben die schloss­ähnlichen Gebäude mit Türmen und Terrassen. Es gab rötliche Plätze, wo Männer und Fräuleins miteinander Ball spielten; es gab duftende Bäckereien, zauberhafte Schaufenster, Warenfülle – ein Schla­raffenland, man hätte sich durch Berge von Pralinen, Kuchen und Bananen hindurchfressen mögen. Auf den Strassen Fahrzeuge mit oder ohne Dach, Pferdekutschen, Kummetgeklingel. Die Leute grüss­ten nicht. Mutter sagte: «Hier reden sie nicht mehr romanisch, hier wimmelt es von Fremden, und die sind anders als wir.» Sie hatten glättere Gesichter, waren anders gekleidet, sie be­wegten sich mit einer gewissen Trägheit; manche trugen Sonnenbrillen, irgendeine buntscheckige Mütze. Man sah Frauen mit blutroten Lippen, und mir schien, dass sie ihre Münder bewusst nach vorn hielten, damit man sie besser sehe. Es gab sogar alte Frauen mit solchen Lippen, wobei das Rot merkwürdig von ihren bleichen Gesichtern abstach.

In einer Parkanlage nahe der Strasse sass ein Fräulein auf einer Bank, neben ihr ein älterer Herr, der sie um die Schulter hielt und ihre Haare streichelte. Das Fräulein war mir aufgefallen, weil sie nicht nur die Lippen, sondern das ganze Gesicht gefärbt hatte – die Wangen rötlich, die Augenlider wie mit Grafit bemalt und zudem dunkel umrandet, Brauen und Wimpern schwarz –, so dass ich zuerst glaubte, sie trage eine Maske. Sie schien traurig zu sein, weshalb ihr der ältere Herr das Haar streicheln mochte. Vielleicht starrte ich sie an, denn plötzlich zeigte sie mit dem Finger auf mich und begann zu lachen. Mutter zog mich mit sich fort, einige Schüler lärmten an uns vor­bei, einer von ihnen warf seine Schultasche weit von sich auf die Strasse, ein Auto hupte. Ir­gendwo hörte man Musik, dann gerade über den Dächern das Gesurre eines Flugzeugs.

Der Ort hatte etwas Verwirrendes. Auf dem Dorfplatz, mitten im Mittagsverkehr, blieb Mutter auf einmal stehen: ein gewisser Onkel, den ich nicht kannte, war hier Polizist und hatte offensichtlich etwas mit diesem Verkehr zu tun. Sie sagte: «Siehst du dort drüben – das ist Onkel Gisep!» Der Mann stand, in grüner Uniform und mit weissen Handschuhen, auf einem Podest, gestikulierte mit Armen und Händen, schien den Automobilisten Befehle zu erteilen. Die Autos kamen von verschiedenen Seiten, einzelne blieben stehen, andere fuhren los und überquerten den Platz; er winkte, spedierte sie nach links oder rechts ... Wie ging das zu? Entweder wählten die Fahrer genau die Richtung, die er ­ihnen angab, das heisst sie gehorchten ihm, oder es verhielt sich so, dass er genau wusste, wohin sie fahren mussten.

Die Wohnung der Tante kannte ich, auch den Blick zum Stubenfenster hinaus – Dächer und Kamine, irgendwo eine grosse Kuppel, in der Nähe ein Kirchturm, der ganz schief stand, weit unten der See, einige Segelschiffchen. Doch was mir in diesem Haus am besten gefiel, war die Toilette, ein längliches Lokal, an dessen Türe ein farbiger Karton hing; man sah darauf einen sommersprossigen Spitzbuben mit einer Zahnlücke, der mir kameradschaftlich zugrinste.

Bevor wir uns verabschiedeten, musste ich der Tante zu­­liebe immer ein bestimmtes Lied singen, das ihr, wie sie sagte, so gut gefiel. Manchmal, vor allem wenn noch andere Leute da waren, sträubte ich mich dagegen. Dann liess man mich im Nebenzimmer singen, wäh­rend die Türe einen Spalt offen blieb.

Abends, auf dem Weg zum Bahnhof, fragte ich mich, ob wir noch­mals das Fräulein mit dem Maskengesicht treffen würden. Es reizte mich, sie noch einmal zu sehen. Doch als wir an jener Stelle vorbeikamen, war das Bänkchen verlassen.

Einmal war Mutter ohne mich verreist. Vater war auch nicht da, wir Kinder allein zu Hause. Es dunkelte schon, als Betta von der Terrasse hereinrief, wir sollten schnell herauskommen. Mutter hatte dort ihre Blumen, unter anderem einen Kaktus, der soeben zu blühen begann. Aus der dornigen Schale entliess er eine herrliche weisse Blüte, auf die Mutter jahrelang gewartet hatte. Nun war sie da. Wenn man genau hinschaute, glaubte man, sie langsam wachsen zu sehen – eine füllige Dolde, zuerst noch aufgerichtet, dann durch das eigene Gewicht sich neigend.

Wir staunten über dieses Weiss, das wie Schnee im Dunkel schim­merte. «Wie schade, dass Mama nicht zu Hause ist», meinte Betta. «Sollte man nicht zum Nachbarn gehen und nach Zürich anrufen, damit sie es wenigstens weiss?» – «Das hat keinen Sinn», sagte Adrian. «Wenn sie es weiss, kann sie die ganze Nacht nicht schlafen.» Hier­auf Thom: «Aber morgen kommt sie nach Hause, dann sieht sie’s.» – «Ja, dann sieht sie’s», sagte Adrian, «aber morgen ist sie wahr­schein­lich schon verblüht – was so schön ist, dauert nicht lange.»

Leider stimmte es. Als Mama am nächsten Tag heimkam, war die Blüte schon halb verwelkt, ihr Zauber dahin, das Weiss gelblich verfärbt. Mutter war sichtlich enttäuscht. Sie schaute, kehrte in die Küche zurück, ging später nochmals hinaus: «Vielleicht hättet ihr den Kaktus in den Flur tun sollen, wo es kühl und schattig ist. Die Sonne hat ihm nicht gut getan.» Betta tröstete sie: «Aber der wird sicher wieder einmal blühen.» – «Ja, ja, aber das dauert wieder Jahre, und wer weiss, ob wir dann noch da sind.»

Ich war sechsjährig (wir wohnten damals schon in Zernez), als ich zu stehlen begann. Ich stahl Geld, sonst nichts, nur Geld, und zwar aus Mamas Haushaltbörse. Diese befand sich in einer kleinen Schublade des Küchenbüffets. Ich nahm immer nur Kleingeld, weil ich vermutete, das falle weniger auf. Angefangen hatte ich mit einem Zehnrappenstück, für das ich im Laden bei Regi, knapp zwei Minuten von uns entfernt, einige Zuckerplätzchen oder einen Schokoladestengel bekam. Später nahm ich dann mehr, zwei Zehnräppler, einen Zwanziger, dann einen Fünfziger, je nach Börseninhalt. Die Fünfziger waren kleiner als die Zwanziger, versteckten sich manchmal auch in den Falten des Beutels und schienen mir schon deshalb geeigneter zu sein. Als ich einmal in der Börse einen einzigen Zehner vorfand, liess ich ihn drin und kam mir dabei sehr klug vor. Am günstigsten war es, wenn Mutter gerade vom Laden kam und dort mit einem grösseren Geldschein bezahlt hatte. Ich sass dann in der Küche und schaute zu, wie sie Brot, Spaghetti, Kaffee, Konservenbüchsen auspackte, wobei der Geldbeutel eine Weile wie ein Kätzchen vor mir auf dem Tisch liegen blieb.

Ich erinnere mich, wie leicht mir das Stehlen fiel und wie der Reiz zunahm. Es war der intensivste Reiz, den ich je erlebt hatte. Das geklaute Geld steckte ich jeweils in die Tasche, schlenderte vor mich hin pfeifend die Treppe hinunter und aus dem Haus, ging dann entweder zu Regi oder in die Bäckerei Füm, kaufte Schokolade, Makrönchen oder Mohrenköpfe, was ich dann in irgend einem verborgenen Winkel verspeiste.

Süssigkeiten waren das eine, der Diebstahl das andere, denn wäh­rend ich stahl, dachte ich noch kaum an den Bäckerladen, da war das Klauen noch Selbstzweck. Mit leichtem Kitzel betrat ich die Küche, dann die Stube, ich rief: «Hallo, ist jemand da?» Wenn sich niemand meldete, näherte ich mich dem Büffet, öffnete die kleine Schublade, griff nach dem Geldbeutel, spürte die Berüh­rung mit dem weichen Leder. Jetzt nahm ich gelegentlich auch Einfrankenstücke. Für einen Franken bekam man allerhand, oft reichte es sogar für eine der grossen Schokoladen und einige Makrönchen. Von bösem Gewissen war nicht die Rede, vielleicht war ich mir nicht einmal bewusst, etwas Böses zu begehen. Im Gegenteil, in einem Anflug von Generosität war ich dazu übergegangen, das Gekaufte jeweils mit ein paar Kameraden zu teilen. Ich merkte, dass sie mich schätzten. Wir vereinbarten einen stillen Ort, wo sie auf mich warteten, bis ich mit meinem Papiersack auftauchte. Es wurde nie gefragt, woher ich das Geld hätte, um die Sachen zu kaufen. Vielleicht ahnten sie es, sagten aber kein Wort.

Einmal hätte es mir schlecht ergehen können. Ich war mit zwei Kirschen aus Zuckerguss heimgekommen. Auch die bekam man bei Füm; sie waren gross, rot glasiert, hingen voll und appetitlich an einem zweigähnlichen Goldfaden, wie zwei richtige Kirschen, die mir schon ihrer Farbe und Grösse wegen gefielen. Ich hielt sie in der Hosentasche versteckt, ging auf die Terrasse hinaus, um sie dort in aller Stille zu geniessen. Ich zerriss den Goldzweig, steckte eine der beiden Früchte wieder in die Tasche, die andere in den Mund. Die Türe stand offen, doch niemand störte mich; ich be­gann zu lutschen, genoss die leckere Kugel in meinem Mund, zumal sie kompakt schien und nicht so bald zergehen würde. Doch eine Weile später, als sie kleiner geworden schien und ich sie schlucken wollte, blieb sie mir im Halse stecken; ich hatte mich verrechnet, brachte sie weder hinunter noch in den Mund zurück, konnte auf einmal nicht mehr atmen, schreien ging auch nicht; ich erstickte, stiess vermutlich nur stöhnende Laute hervor, schüttelte die Arme und stampfte mit den Füssen ... Ein Schutzengel kam mir zu Hilfe, genau im richtigen Moment wie alle Schutzengel, nämlich Frau Giamara, die Gattin unseres Hausvermieters, die zufällig einige Ferientage hier verbrachte. Sie erschien an der Terrassentüre, sah meinen grotesken Tanz, eilte heraus. Am Vor­abend (das wurde mir erst später erzählt) hatten meine Eltern, die Frau Giamara sonst sehr schätzten, über sie gesprochen und sich dabei über ihre langen Fingernägel gewundert. Doch gerade diese ka­men mir jetzt zugute: die Frau hielt mich mit dem linken Arm fest, steckte mir den Kleinfinger der Rechten in den Rachen, grübelte darin mit ihrem langen Fingernagel, bis es ihr gelang, die stecken gebliebene Kugel herauszuholen. Dabei rief sie laut nach meiner Mutter, und als diese herbei rannte, war ich bereits gerettet und konnte einen Schrei ausstossen. Später sagte man mir, ich sei schon ganz blau gewesen.

Merkwürdig übrigens, wie Frau Giamara die Zuckerkirsche in der flachen Hand hielt und fragte: «Was soll ich damit tun?» – «Wegwerfen!», sagte meine Mutter. Später, als ich allein war, warf ich auch die andere weg.

Leider kam mir diesmal der liebe Gott, den ich sonst in kritischen Situationen herbeirief, nicht in den Sinn, sonst hätte ich den Vorfall als Fingerzeig von oben deuten können. Stattdessen klaute ich weiter.

Mit der Zeit begann Mutter, die Dieberei zu bemerken, schien aber im Zweifel, welches ihrer Kinder dahinter steckte. Vielleicht dass sie mich, als ihren Jüngsten, vorerst ausschloss. Eines Abends bei Tisch sagte sie enttäuscht: «Heute ist mir schon wieder Geld gestohlen worden; ich frage mich, welches meiner Kinder ein Dieb ist.» – Betretenes Schweigen, man blickte sich um. Dann Betta, halb zornig weinend: «Also mich müsst ihr nicht anglotzen, ich habe noch nie gestohlen.» Hierauf Thom, die Ruhe in Person: «Ich auch nicht.» Adrian, damals schon Sekundarschüler, erklärte tro­cken: «Wenn jemand stiehlt, hat er das im Blut, dann ist ihm nicht zu helfen.» Vater fragte ihn: «Woher weisst du das? – Hast du es genommen? Zum Beispiel für Zigaretten?» Adrian war empört: «Für wen hältst du mich? Übrigens habe ich noch nie geraucht, wenn du es wissen willst!» Vater meinte: «Also wenn es niemand von euch war, dann ist es wahrscheinlich die Katze gewesen.»

Ich selber tat, als hätte ich kaum zugehört. Eine Weile herrschte Schweigen, doch als ich das Gesicht vom Teller hob, sah ich, dass alle Blicke auf mich gerichtet waren. Vor allem Vater musterte mich mit einer unheimlichen Miene. Ich weiss nicht, ob es mir ge­lang, Unschuld vorzutäuschen, jedenfalls passierte diesmal noch nichts.

Ich war entschlossen, nicht mehr zu stehlen. Nie wieder. Doch einige Tage später, da mich niemand zur Rede gestellt hatte und die Sache schon vergessen schien, tat ich es wieder. Es war Nachmittag, Mutter hatte erklärt, sie müsse zu einer Nachbarin. Ich hör­te, wie sie die Treppe hinunterstieg, die Haustüre öffnete und wieder zumachte. Etwas später, als ich in der Küche die kleine Büffetschublade öffnete, vernahm ich ein Geräusch: sie beobachtete mich, ich sah ihr Gesicht im Türspalt.

Es folgte eine Gerichtsszene, nicht laut, aber schrecklich. Ich stand da, vermutlich mit kurzer Hose und Hosenträgern, sie sass nahe vor mir, schaute mir ins Gesicht: «Dann bist du es also? Mein jüngster Sohn, den ich am liebsten hatte, und der nun ein Dieb ist, ein richtiger Dieb, der seiner Mutter Geld stiehlt. Ich hätte nie gedacht, einen solchen Sohn zu haben. Wie konnte ich mich nur so täuschen ...» Ich weinte nicht, ich schwieg, verstand vielleicht erst jetzt, was ich getan hatte.

Für den Tag darauf war ein Ausflug des Kindergartens geplant. Doch daraus wurde nun nichts: «Morgen bleibst du zu Hause», sagte sie, «kommt gar nicht in Frage, dass du auf die Schulreise gehst. Wenn ich der tanta Maria (das war un­sere geliebte Kindergärtnerin) erzählen würde, was du getan hast, würde sie dich gar nicht mehr sehen wollen. Jetzt gehst du sofort ins Bett, bevor die andern heimkommen, damit ich mich nicht für dich schämen muss.»

Ich ging ohne Widerrede, eilte ins Schlafzimmer hinauf, zog mich bis auf die Unterhose aus und schlüpfte ins Bett. Ich kam nicht mehr dazu, an das Vorgefallene zu denken, weil ich bald einschlummerte. Während der Nacht begann ich einmal im Schlaf zu weinen, erwachte aber erst, als ich merkte, dass Mutter neben mir im Bett lag. «Hör nur auf zu weinen», sagte sie, «das hat jetzt keinen Sinn.»

Am nächsten Morgen frühstückte ich allein. Als ich vom Schulplatz herüber Lärm hörte, ging ich ans Fenster, sah, wie sich die Gesellschaft dort besammelte, alle mit Rucksäckchen und Wander­ausrüstung. Auch einige Mütter waren dabei. Später er­schien tanta Ma­­ria, unser Zauberengel, ebenfalls mit Rucksack, auf dem Kopf ein hübsches grünes Hütchen. Man umgab sie von allen Seiten, sie reich­te allen die Hand. Zuletzt sangen sie noch ein Lied, das wir eben gelernt hatten, dann zogen sie davon. Ich setzte mich wieder an den Tisch. Ich war hungrig, seit dem Vortag mittags hatte ich nichts mehr gegessen. Einmal kam Mutter herein, setzte sich an den Tisch, blätterte in der Zeitung, wortlos und ohne dass wir uns ins Gesicht schauten. Sie trank einen Schluck Kaffee, stand wieder auf und entfernte sich.

Um Bussebereitschaft zu demonstrieren, ging ich nach dem Frühstück wieder ins Bett, lag dort lange auf dem ­Rü­­cken und verbrachte die Zeit damit, aus den Ästen und ­Maserungen in den Brettern der Zimmerdecke allerlei Gesichter und Fratzen herauszulesen, wobei ich sie mit Zu­hilfenahme der Hände und mit Au­genzukneifen verändern konnte. Eine Weile hielt ich die Augen geschlossen, sah dann im eigenen Innendunkel farbige Tupfen umherschweifen, versuchte auch, sie mit dem blossen Willen nach rechts oder nach links zu bewegen. Später holte ich vom Nachttisch der Eltern den grossen Wecker, spielte ein bisschen damit, liess ihn wiederholt klingeln, drehte die Zeiger nach vorn und nach hinten, zog ihn wieder auf, steckte ihn schliesslich unter mein Kissen, legte mich hin und horchte, wie er darunter tickte. Fast wäre ich dabei wieder eingeschlafen, doch da erschien Mutter, legte ein sauberes Hemd und saubere Hosen auf einen Stuhl, sagte, ich solle mich anziehen und dann sofort hinunterkommen. Als ich die Küche betrat, hatte sie meine hohen Schuhe geputzt, erklärte, wir würden jetzt gleich gehen; ich beeilte mich, die Schuhe anzuziehen und die Bändel festzuknüpfen, schweigend, während sie noch etwas in den Rucksack steckte. Man wusste, wo die Gesellschaft hingegangen war – es handelte sich um eine Berg­terrasse mit einem kleinen See –, eine knappe Stunde vom Dorf ent­fernt.

Wir machten uns auf den Weg, ich trug den Rucksack. Es war unsere schweigsamste Wanderung. Wenn ich etwas sagte, antwortete sie kaum oder dann so einsilbig, dass ich bald wieder verstummte. Ziemlich erstaunt war ich dann über die fröhliche Art, wie sie oben, als wir den Ort erreichten, tanta Maria begrüsste und sich für unsere Verspätung entschuldigte. Ich hatte mich bald zu den andern gesellt und sprang mit ihnen umher. Etwas später bemerkte ich, wie sie irgendwo am Rande stand und mich beobachtete. Nachher entfernte sie sich, wanderte um den See herum, blieb irgendwo stehen und schau­te eine Weile ins Wasser, ging dann weiter und verschwand beim Waldweg, wo wir heraufge­kom­men waren.

Der Vorfall wurde später nur mehr sporadisch erwähnt, hinterliess aber in mir einen beharrlichen Schatten. Hie und da vergass ich ihn, dann war er plötzlich wieder da, vor allem morgens, wenn ich erwachte, je nachdem auch wenn ich zum Essen kam und mich zu den andern an den Tisch setzte. Es kam vor, dass jemand eine kleine Anspielung machte; Adrian erkundigte sich etwa, ob ich der Familie etwas Süsses zum Nachtisch mitgebracht hätte. Betta, zwei Jahre älter als ich und damals in der zweiten Schulklasse, fragte mich, ob ich die zehn Gebote kenne; ich schüttelte den Kopf, wusste nicht einmal, was das Wort bedeutete, ahnte aber, was da­mit gemeint sein könnte. Eine Verwandte war auf Besuch, ich sass mit ihr und den Eltern am Tisch; einmal begannen sie zu murmeln und deutsch zu reden, obwohl ich schon Deutsch verstand und genau merkte, worum es ging. Als ich etwas später mit der Frau allein am Tisch zurückblieb und von dem feinen Kuchen ass, den sie mitgebracht hatte, schaute sie mir ernst ins Gesicht und fragte mich, ob ich kein böses Gewissen hätte. Ich antwortete nicht, ich ass ihren Kuchen, der geradezu nach Sünde schmeckte. Vielleicht lernte ich damals das entsetzliche Gefühl der Schuld kennen.

Eines Nachmittags, als ich die Küche betrat, lag der schwarz­lederne Geldbeutel auf dem sauber abgeräumten Tisch, genau in der Mitte. Ich berührte ihn nicht einmal mit dem Finger.

Sie hatte ihre Grillen. Eine davon bestand darin, dass sie oft noch abends spät mit einem Zuber voll Wäsche an den Brunnen ging und dort stundenlang wusch, mit Vorliebe, wenn es regnete. Man sah sie dann im Schein der Strassenlampe über den Brunnentrog gebeugt, eine Pelerine oder Vaters ehemaligen Waffenrock über die Schultern geworfen. Ab und zu kam sie ins Haus, ging wieder ins Freie. Wir sas­sen in der Stube, hörten ihre Schritte. «Sie arbeitet noch immer», sagte Betta.

Glücklich war sie, wenn es ihr abends gegen zehn Uhr gelang, die ganze Meute, inklusive Familienvater, ins Bett zu schicken, um noch eine oder zwei Stunden allein zu sein. Oft buk sie dann noch einen Kuchen. Kuchen waren ihre Spezialität, beispielsweise die Engadiner Nusstorte. Bei letz­terer musste sie vorher eine Menge Nüsse knacken, was sie jeweils mit dem Hammer bewerkstelligte, sodass man, wenn man im Bett lag, von unten ein dauerndes Klopfen vernahm, an dem man immer wieder erwachte. Einmal hörten wir, wie Vater auf die Treppe hinausging und hinunterrief: «Wenn du nicht bald aufhörst, steh ich wieder auf!»

Während später der Kuchen im Backofen lag, sass sie am Tisch und las die Zeitung, trank dabei schwarzen Kaffee und ass ein Stück Schokolade. Ich habe das öfters gesehn, weil ich dank ihrer Klopferei wach geblieben war, wieder aufstand und hinunterging. Sie war eine leidenschaftliche Zeitungsleserin, und zwar las sie alles – Leitartikel, Feuilleton, mit Vorliebe auch die kleineren Notizen, «Unglücks­fälle und Verbrechen», sogar die Inserate und natürlich die Todesanzeigen. Schokolade hatte sie übrigens sehr gern, eigentlich lieber als die Kuchen, die sie uns zubereitete. Wenn einer von uns auf Reisen gewesen war und wieder heimkehrte, gehörte es zu einer Art Tradition, dass man ihr eine Schokolade mitbrachte. Sie war dann jedes Mal glücklich wie über ein unerwartetes Geschenk, konnte andrerseits verstimmt sein, wenn man es vergessen hatte.

Sie arbeitete auch an Sonntagnachmittagen, flicken oder Strümpfe stopfen, allerdings nie ohne sich sonntäglich umgezogen zu haben, auch wenn sie allein zu Hause war.

An Weihnachten, besonders am Morgen des Weihnachtstages, war sie oft schlecht gelaunt, unterschwellig gereizt. Ich weiss nicht, ob das mit der Jahreszeit zusammenhing, etwa mit den winterlichen Raunächten und den langen Morgendämmerungen, oder dann mit dem Fest an sich, dieser programmierten und verbrämten Feierlichkeit, die sie vielleicht als verlogen empfand, und die auch schlecht ins Gewühl der eigenen Befindlichkeiten hineinpasste. O du selige, Gna­den bringende Weihnachtszeit ... Der geringste Anlass genügte dann, um eine Szene auszulösen; sie drohte, die angekommenen Geschenke wieder den Verwandten zurückzuschicken und keinen Christbaum zu machen. Natürlich kam später die Feier trotzdem zustande; gegen Abend holte sie das Tännchen herein, ging damit in die Stube und schmückte es stundenlang, schien dabei, im Gegensatz zum Morgen, auffallend still und zufrieden.

Ihr Bild hier auf meinem Büchergestell, ein schwarzweisses Foto, zwei Jahre vor ihrem Tod entstanden. Sie sitzt auf dem Brunnenrand, einen Kupferkessel haltend, hinter ihr der Garten mit dem Kirschbaum, die gedeckte Holzbrücke. Hier sieht sie noch gesund aus, während sich die Krankheit wahrscheinlich schon in ihr eingenistet hatte, unbemerkt wie ein Schatten. Nun ist sie seit vielen Jahren tot, zu Erde geworden, während ein Teil von ihr in mir noch weiterdauert – vielleicht ihre Gesichtszüge, ihr Blick, ihr Zorn oder ihr Verstummen, ihre Schwere und ihre Zähigkeit, ihre Härte und ihr Erbarmen, ihr Unfriede und ihre gelegentliche Hei­ter­keit.

Wenn in meinen Träumen die Jugend zurückkehrt, ist oft auch sie da. Ich träume zum Beispiel, dass ich eben vom Seminar heimgekehrt bin und fast allein die ganze Ernte bewältigen muss. Ich sehe die Riesenarbeit vor mir, das Gras steht dicht und hoch, ich zähle die Wiesen auf, die ich alle zu mähen habe, vor allem auch die unseligen Böschungen der Rhätischen Bahn, die wir gepachtet haben ... Ich träume, dass von Mitleid mit mir keine Rede ist, ich bin noch ein Jüngling und muss die Arbeit von Erwachsenen erledigen, ohne Lohn; es gibt das Essen, saubere Kleider und Wäsche, während der Schulzeit das Geld für Schulsachen und Konvikt, etwas über tausend Fran­ken pro Jahr, beim bescheidenen Einkommen Vaters gewiss keine Kleinigkeit. Aber Jugend habe ich keine, frei bin ich nie, entweder Schule oder Fronarbeit. Ich träume, dass Mutter unerbittlich ist; wenn es regnet und man nicht ernten kann, muss ich den Stall ausmisten, Holz spalten, oder sie schickt mich mit Axt und Säge in den Wald. Sie ist die Liebe in Person, sie würde für mich in den Tod gehen, doch sie gönnt mir keinen freien Tag.

Zornig wurde ich, wenn ich den ganzen Morgen auf einer Bergwiese gemäht hatte, mittags müde und hungrig war und sie mit dem Essen auf sich warten liess. Sie kam einfach nicht, während andere Leute im Schatten eines Baumes sassen und gemütlich speisten. Ich stellte mir dann vor, wie Mutter, statt zu Hause vorwärtszumachen, vielleicht noch die Zeitung las und wieder einmal nicht auf die Uhr schaute. Zuletzt, des Wartens überdrüssig, warf ich die Sense hin und ging ihr entgegen, entschlossen, ihr einmal gründlich die Leviten zu lesen. Ich bereitete eine Strafpredigt vor, doch wenn ich sie hinter einer Strassenbiegung oder in einem buschigen Hohlweg daherkommen sah, mit Kopftuch, sauberer Ärmelschürze, den Ess­korb und die Kaffeekanne mit sich tragend, blieb ich stehen und wartete, während sich meine grosse Wut wie ein Sommerdunst auflöste.

Natürlich mussten auch die Geschwister arbeiten, wenn sie zu Hau­­se waren; doch der Älteste studierte, die andern hatten ihre Berufslehre, während ich für meine langen Sommerferien zu büssen hatte.

Kleine Parenthese: Am Lehrerseminar hatte ich Kla­vier­un­ter­richt, ich übte mit Leidenschaft, Klaviermusik wurde zur Be­sessen­heit. Ich machte Fortschritte, der Lehrer lobte mich. Ein Problem waren meine dank Schwerarbeit gross und knochig ge­­wordenen Hände – Bauernpranken, deren Mittelfinger kaum zwischen den schwarzen Tasten Platz hatten. Wenn ich mit meinem Lehrer, einem liebenswürdigen Mann aus Ftan, darüber sprach, meinte er, meine Hände seien schon recht, lieber gross als klein, ich müsse sie nur entspannen und häufig Lockerungsübungen machen. Grosse Hände, die hätte zum Beispiel auch Rubinstein, und ich müsse hören, wie der spiele. «Das mag schon sein», sagte ich, «aber der war doch nie bei den Bauern – Rubinstein mit Sense oder Mistgabel, das kann man sich nicht vorstellen.» Er lachte, klopfte mir auf die Schulter. Das komme schon, sagte er. «Nur fleissig üben, üben, üben, und die Hoff­nung nicht aufgeben.» Nach zweieinhalb Jahren Unterricht spielte ich die «Pathétique» auswendig. Weiss Gott wie das tönte, aber ich spielte mit Leidenschaft.

Leidenschaften ... Vielleicht sind sie es, die uns über die Dauermühsal des Lebens hinweghelfen. Mein Vater zum Beispiel hätte in Sachen Leidenschaften eine Balzac-Figur sein können. Auch Mutter waren sie nicht fremd, im Gegenteil. Zum Beispiel eben das Zeitungslesen, das Briefeschreiben, das Kuchenbacken, die Haustiere. Dann vor allem Pilze und Beeren. Preisel- und Heidelbeeren gab es in höher gelegenen Regionen, Himbeeren, Hagebutten und Holunder auch un­ten im Tal. Sie wusste, wo sie zu finden waren, schweifte dann tagelang durch verlassene Schluchten, an Waldrändern und Geröllhalden ent­lang. Sie dachte an die Beeren, war aber dabei wohl unbewusst von Naturmagie durchdrungen. Oft vergass sie dann, nach Hause zu gehen, liess sich von der Nacht überraschen. Wir warteten mit dem Essen auf sie, man forderte mich auf, ihr entgegenzugehen. Ich wanderte bis zum Dorfausgang, wo die Strassenbeleuchtung aufhörte und sich die Dunkelheit verdichtete. Dort blieb ich stehen, zählte bis hundert, dann bis zweihundert. Je nachdem kam noch ein Bauer vom Feld, ich fragte ihn, ob er meine Mama gesehen hätte; wenn er verneinte, ging ich ein Stück weiter, bis zu einer Weggabelung, wo ich, um sie nicht zu verpassen, Halt machen musste. Ich wartete wieder, begann zu rufen. Wenn ich endlich im Dunkeln ihre Gestalt auftauchen sah, schwand die Beklemmung dahin und ich atmete auf.

Im Gegensatz zu Vater, der gewisse Besucher (besonders die vornehmeren und gut gekleideten) nicht leiden mochte, war sie ausgesprochen gastfreundlich, und zwar schätzte sie gerade die Gebildeten – einen bekannten Zürcher Professor, einen Zeitungsredaktor aus Bern, der hier mit der Familie Ferien verbrachte, ein Ehepaar aus Florenz –, Leute, die einen Hauch von Urbanität ins Haus brachten. Sie wusste sie würdig zu empfangen, bewirtete sie mit Kaffee und selbstgebackenen Kuchen, zeigte ihnen unsere Stube mit dem alten Nussbaumschrank, die grosse Bibel aus dem siebzehnten Jahrhundert, führte die Gäste sogar in den Stall. Sie sollten nur sehen, was es in ihrem Haus gab und worauf sie stolz war – ihre grossäugigen Kühe, die Kälblein, Ziegen und Schafe; vor allem auch die grosse Sau mit ihren zwölf oder vierzehn Ferkeln, die ihr besonders am Herzen lag. Sie betrat den Koben, streute frisches Stroh hinein, hob eines der noch frisch duftenden Schweinchen auf und zeigte es den Gästen, sagte ihnen, sie sollen es mit der Hand streicheln. «Das interessiert doch die Leute nicht!», meinte Vater. Er täuschte sich, es interessierte sie sogar sehr, nicht nur die rührenden Ferkel mit dem geringelten Schwanz, sondern der ganze Stall, der Geruch von Heu und Mist und tierischer Wärme – ein einfacher Stall wie zu Bethlehem, was sie noch nie im Leben gesehen hatten.

Einzig mit einer Besucherin (wir nannten sie Tante Didi) hatte auch sie Mühe, weil die Frau zu viel redete. Sonst eine liebe Person, eine gut aussehende Fünfzigerin mit lebendigem Gesicht und grossen braunen Augen, nur konnte sie einen mit ihrer Redseligkeit fertigmachen. Zuerst, wenn sie erschien, war man von ihr an­getan, sie hatte einen gewissen Charme. Man setzte sich zu Tisch, sie begann zu erzählen, und das konnte sie ausgezeichnet. Nur hörte es nie auf, es ging immer weiter, über die Mahlzeit hinaus, stundenlang, sie redete und redete, schilderte uns Leute, de­nen sie irgendwo in der Welt begegnet war, sie erzählte, was diese Leute ihr erzählt hatten, was ihnen widerfahren war, rüh­rende, lustige oder schreckliche Geschichten. Sie wusste noch alles bis in kleinste Details, hatte leider ein phänomenales Gedächtnis.

Man hoffte umsonst, dass sie gelegentlich alles gesagt hätte, denn der Vorrat war unerschöpflich. Ein lockeres Gespräch gab es nie. Wenn Adrian oder Vater einmal das Wort an sich rissen, um ihren Re­defluss zu stoppen, mimte sie Aufmerksamkeit, lächelte ins Leere, wobei man genau merkte, wie sich hinter ihrer konkaven Stirn eine neue Geschichte bereithielt und dann unweigerlich auch kam. Man war blockiert, ermüdet, und gegen Mitternacht glücklich, ins Bett zu gehen. Doch am nächsten Morgen ging es weiter.

Adrian, damals schon Student, behauptete, diese Redebesessenheit sei wahrscheinlich eine Form verdrängter Se­xu­a­lität. «Scha­de», sagte Mutter, «sie meint es sicher gut, aber ich habe einfach keine Zeit, ihr den ganzen Tag zu­zuhören.» Sie ging trotz allem ihrer Arbeit nach, spülte das Geschirr oder bereitete das Schweinefutter, während Didi neben ihr stand und redete. Wenn Mutter mit dem Schweinefutter in den Stall ging, kam sie mit und plauderte weiter, um die angefangene Geschichte nicht unterbrechen zu müssen.

Einmal hatte Mama genug, hörte ostentativ nicht mehr zu, liess die Erzählerin mitten in ihrer Geschichte stehen und ging hinaus. Später, als Didi wieder loslegte, sagte sie trocken: «Entschuldige, ich habe jetzt leider keine Zeit.» Abends bei Tisch merkten wir, dass etwas nicht mehr stimmte, Tante Didi schwieg, ging nach dem Essen gleich zu Bett. Tags darauf, als sie mit Mutter allein war, fragte

sie: «Was ist eigentlich los? Störe ich euch? Habe ich etwas falsch gemacht? Ich wäre froh, wenn du es mir ganz offen erklärtest.»

«Es tut mir leid, Didi», sagte Mutter, «ich möchte dir nicht wehtun, aber du redest zu viel ... Es ist sicher interessant, was du sagst, aber du machst einen fertig. Es gibt auch keinen Dialog mit dir, du stellst kaum je eine Frage, du redest einfach drauflos. Im Grunde hast du dein Leben zerschwätzt ...»

Es half nichts, dass sie sich später entschuldigte. Noch am selben Tag packte die Besucherin ihre Koffer, kam damit die Treppe herunter, verabschiedete sich von Mutter im Hausgang. Sie umarmten sich flüchtig, beide mit nassen Augen. Ich begleitete die Frau mit ihrem Gepäck an den Bahnhof, wo sie mir etwas Geld zusteckte und mich bat, Mutter auszurichten, sie danke ihr für die Gastfreundschaft.

Später wurden zwischen ihr und Mutter trotz allem noch Kartengrüsse gewechselt. Freundschaft auf Distanz, doch sahen sie sich nie wieder.

Besondere Anteilnahme zeigte sie für Randexistenzen, für Ge­stran­dete oder Ausgestossene. Zum Beispiel für Veronica C., die sie wäh­rend ihres ersten Ehejahres in Sent kennen lernte, eine Frau, die dort als Hexe verschrien war, zwanzigstes Jahrhundert hin oder her. Na­türlich wurde Veronica nicht gefoltert und nicht verbrannt, das gab es zum Glück nicht mehr, aber sie war geächtet.

Die Frau hatte einfach Pech gehabt. Man suchte offenbar eine Hexe und man fand sie; drei oder vier zufällige Vorkommnisse ge­nüg­ten, zudem fand jemand auch, sie habe den bösen Blick: Ein Steuereinnehmer, der ihr in ihrer eigenen Stube ihr letztes Bargeld abgezwackt hatte, wobei es zu einem Streit gekommen war, glitt beim Verlassen des Hauses auf der Türschwelle aus, fiel hin und verrenkte sich den Fussknöchel. Einem Bauern, der mit einer Heuladung vom Feld kam, war das Fuder, auf dem er selber sass, unmittelbar vor Ve­ro­nicas Haus umgestürzt, und zwar gera­de, als Veronica zum Fenster herausschaute; er hatte sogar deutlich gehört, wie sie dabei lachte. Ein Kaminfeger, der ihren Stubenofen putzte, zog sich eine Gasvergiftung zu. Und zu guter Letzt, als Veronica im Spätherbst nach Italien verreist war, wo sie jeweils den Winter verbrachte, entdeckte jemand, dass zuhinterst in ihrem Hausflur ein kleines Licht brannte. Es brannte den ganzen Winter hindurch, doch kurz bevor Ve­ronica im folgenden Frühling wieder zurückkam, war es plötzlich erloschen. Jetzt schien alles klar. Man wich ihr aus, man grüsste sie kaum mehr.

Mein Vater, selber in Sent aufgewachsen, traute ihr auch nicht. Mutter fand das lächerlich, vor allem unmenschlich. Als sie eines Sonntags zum Gottesdienst ging, war die Kirche schon voll (das gab es damals noch), eine einzige Bank leer, und dort zuhinterst sass Veronica, allein. Es herrschte Stille, doch wie Mutter sich zu ihr setzte, ging durch den Raum ein Gemurmel. Jemand berührte von hinten ihre Schulter, flüsterte: «Hier wäre noch ein Platz frei.» Sie blieb sitzen, die Glocken verstummten, der Pfarrer erschien auf der Kanzel. Während der Predigt bemerkte sie immer wieder Leute, die sich nach ihr umwandten.

Ab und zu begegnete sie Veronica auf der Strasse, fand sie übrigens durchaus anständig, eine bleichgesichtige Frau mit dunklen Augen und einer sanften Stimme. Sie wirkte verunsichert, einmal sagte sie: «Ich weiss nicht, was die Leute gegen mich haben.» Es war schon viel, dass sie im Laden und beim Bäcker bedient wurde. Eines Tages sah sie Mutter mit ihrem Erstgeborenen, sie näherte sich, neigte sich über das Wägelchen, um das Kind zu sehen. Mutter nahm es her­aus und gab es ihr auf den Arm. Veronica war entzückt, drückte das Kind an sich, herzte es, gab ihm einen Kuss auf die Stirn. Drei Frauen, die am Brunnen wuschen, hatten zugeschaut. Eine von ihnen traf abends meinen Vater und erzählte es ihm, aus Pflichtgefühl. Zu Hause gab es eine Szene. Ich stelle mir vor, wie er mit seiner Frau schimpft: Bist du eigentlich wahnsinnig? Wie kannst du so etwas tun – unser Kleines einer solchen Person in die Hände zu geben? Sie lacht ihn aus, ist zugleich empört: Mein Gott, was für ein Volk seid ihr hier! Man muss sich geradezu schämen, in einem solchen Dorf zu leben. Das ist noch Mittelalter, grotesker Aberglaube, und du selber bist ebenso abergläubisch wie die andern! Vater antwortet, das habe mit Aberglauben rein nichts zu tun, er wisse genau, dass mit der Person etwas nicht stimme – je­denfalls, wenn es alle sagen, müsse etwas daran sein. – Und du wärst wohl dafür, dass man die Frau verbrennt ...?

Vielleicht ihr erster Ehestreit, wegen einer armen Hexe. «Ich behaupte nicht, sie sei eine richtige Hexe», sagt er, «aber wenn nächs­tens mit dem Kleinen etwas passiert, dann wissen wir warum.»

Zum Glück passierte nichts. Einige Zeit danach bekam Vater eine andere Stelle, sie kehrten dorthin zurück, wo sie sich kennen gelernt hatten, das heisst nach Lavin, in Mutters Dorf, wo die Leute um einiges intelligenter und vernünftiger waren als die von Sent. Die von Sent, da bestand für Mutter kein Zweifel, hatten das Mittelalter noch nicht überwunden, lagen jedenfalls in ihrer Entwicklung mindestens ein Jahrhundert zurück.

Ich glaube nicht, dass sie der Frau je wieder begegnet ist. Später erfuhr sie, dass Veronica in Sent alles verkauft hatte und definitiv nach Italien gezogen war. Man erzählte auch, ihr Treuhänder habe lange suchen müssen, bis er für ihr Haus einen mutigen Käufer fand.

Grossvater Tumasch

Vor der Ankunft in Lavin kam immer jene lange Kurve, dann sah man auf einmal das Dorf. Ich bemerkte gerade noch, wie die Häuser schief auf uns zuschwebten, und schon musste man aussteigen. Wenn wir nach Lavin kamen, läuteten meistens die Glocken und man sah Leute zur Kirche gehen. Mutter kannte sie alle, blieb dann immer wieder stehen, um sie zu begrüssen. Ich hatte das nicht gern, mochte es auch nicht, wenn man mir das Haar streichelte und ich die Hand reichen musste. Doch als irgendwo der Pfarrer mit Frau und Töchtern daherkam, alle in Schwarz, zog mich Mama hinter eine Hausecke, und dort warteten wir, bis sie vorbei waren.

Ich kannte die steile Steintreppe, den Pfad, der zum Fluss hinunterführte. Hier die Holzbrücke, der Brunnen, der Garten mit dem Vogelbeerbaum und dem schiefen Zaun. Grossvaters Haus. Auch drinnen vernahm man noch den Fluss, doch nur mehr dumpf wie in einer Muschel. Ich sehe den Flur mit dem unebenen Boden, Gross­vater, der die Stalltreppe heraufsteigt, sein Gesicht, den Schnurrbart, die Fuhrmannsmütze. Ich wusste, wie er uns begrüssen würde, weil sich das immer wiederholte: «Sieh mal, wer da kommt.»

Einmal, kurz nach Grossmutters Tod, war bei unserer Ankunft noch alles geschlossen. Wir kletterten durch ein Scheunenfenster ins Haus. Drinnen herrschte Stille, Mama schien besorgt. Wir fanden ihn oben in einem Abstellraum, er schlief auf einer dunkelroten Couch, in den Kleidern, ohne Bettdecke. Mama berührte seine Schulter, wo­rauf er erschrak, sich aufrichtete und uns mit wirren Augen anstarrte.

Sie hatte ihm saubere Wäsche mitgebracht. Während er sich rasierte, bereitete sie das Frühstück. Die nicht sehr grosse Küche war dunkel, das Gewölbe schwarz vom Räuchern des Fleisches. Vier Eisenhaken an der Decke trugen zwei ­geschwärzte Holzlatten. Über dem Herd öffnete sich ein ­rie­siges Kaminloch, das sich nach oben verengte; zuoberst schimmerte etwas Licht. Bei offener Türe windete es in dieser Küche, und zwar kam der Wind vom Flur herein und drängte sich das Loch hinauf. Oft wehte es im Kamin, klagend, als wäre irgendwo ein Geist gefangen.

Ich schaute zu, wie Mama Feuer anmachte, verstand nicht, wie­so sie dabei feuchte Augen bekam. Sie sagte, an diesem Herd habe ihre eigene Mutter oft gestanden, die habe ein Leben lang den Wind gespürt und kalte Beine gehabt. Auch ich hatte sie noch vor diesem Herd gesehen, Kartoffeln oder Polenta röstend – in meiner Erinnerung ein schattenhaftes Wesen, dessen Gesicht, wenn sie sich bückte und Holz ins Feuer tat, sich rötlich färbte.

Das Haus war schon damals sehr alt, ein simples Bauernhaus ohne bestimmten Stil, ohne Symmetrie, aber nicht ohne Reiz. Küche und Vorratskammer, beide mit Gewölbe, waren durch eine dicke Mauer voneinander getrennt. Scheune, Stall und Wohnung befanden sich wie auch in andern Häusern unter demselben Dach; vom Flur gelangte man in den Stallvorraum hinunter, wo die Hühner neben dem Miststock hausten, von dort in den eigentlichen Stall. Tiere, Dünger, Heu und dürres Holz ergaben zusammen eine bestimmte Geruchsmischung, die einem beim Betreten des Hauses vertraut entgegenkam. Ich mochte diesen Geruch, ich mag ihn noch heute, etwas von ihm ist noch zurückgeblieben, auch wenn es unten seit langem weder Dünger noch Tiere gibt. Damals waren die Tiere noch da: ein paar Ziegen und Schafe, eine Kuh, in einem Verschlag ein Kälblein mit dunklen Augen und gekräuseltem Haar, in einer Ecke ein kolossaler Stier. Dann, unter einem fahlen Fenster, Nina, die dun­kle, nervöse Stute, von der in der Familie oft geredet wurde. Wenn man den Stall betrat, wieherte sie, begann oft zu trappeln. Sie sei nicht böse, sagte Mama, sondern nur scheu. Grossvater rief ihr etwas zu, dann beruhigte sie sich und schaute zurück, mit grossen Augen, die mir traurig schienen.

Aber oft bin ich nicht mehr sicher, ob all diese Tiere noch da waren, als Grossvater allein lebte, oder ob meine Erinnerungen an unsere Sonntagsbesuche sich mit früheren Erinnerungen vermengen, mit Dingen, die eben anfingen, im Gedächtnis haften zu bleiben – jenen frühen Bildern der Kindheit, die noch etwas Fragmentarisches haben, als hätte man sie nur geträumt. Ich bin mit Mutter und Gross­vater beim Frühstück, und dann sitzt, wie aus dem Nichts entstanden, ein italienischer Knecht mit uns am Tisch; er trinkt Kaffee und isst vom Schokoladekuchen, den Mutter mitgebracht hat. Sein Gesicht bleibt mir konturlos, aber ich höre seine Stimme. Er sagt mir, er werde mir eine kleine Sense beschaffen, damit ich ihm beim Mähen helfen kann.

Vom Flur gelangte man direkt in die Scheune. In der Mitte lag die Tenne, seitlich davon ein Heustock, der hoch hinaufreichte. Die zwei Holzböden oder Tennreiten über uns bedeckten nur die Hälfte des Raumes, die andere Hälfte war leer und luftig, man konnte auf Leitern und steilen Treppen bis zum Dach hinaufsteigen. Ich kletterte hinauf, Grossvater folgte mir, mich an der Hose festhaltend. Zuoberst erreichte man einen Estrich mit federndem Boden, durch eine Luke drang etwas Licht herein. Er hielt mich eine Weile empor: ich sah vor mir das steile Dach, den Kamin, aus dem ein ätzender Rauch kam. Unten die zum Ufer abfallende Wiese, einige Erlen, der Fluss.

Im ersten Stock des Hauses gab es ein verzaubertes Zimmer. Man nannte es die «Werkstatt», weil der Urgrossvater hier noch geschreinert hatte. Jetzt diente es als Abstellkammer, enthielt eine Fülle von Dingen – hölzerne Milcheimer, Rossgeschirre, Peitschen, Kuhglocken, Seile und Lederriemen. In einer Ecke fünf oder sechs Gewehre – Karabiner, Jagdstutzen, auch der Vorderlader, mit dem der Urgrossvater seine fünf Bären erlegt hatte. Dann ein paar Tierfallen, unter anderem ein sogenanntes Tellereisen; man konnte zwei von einer Feder zusammengehaltene Spangen auseinanderziehen, dann sah man ein paar spitze Zacken, die da­zu gedacht waren, das eingeklemmte Bein des gefangenen Tieres festzuhalten.

Am meisten fesselten mich die zahlreichen, an der De­cke hängenden Kuhglocken. Sie klangen hell oder dumpf, morsch oder blechern; wenn man die Latte schüttelte, an der sie hingen, tönte es wie eine ganze Herde. An der Wand, zwischen dürren Bündeln von Arnika und Wermut, hing ein farbiges Bild: Adam und Eva unter einem Apfelbaum, beide splitternackt; Adam lag bequem im Grase, wäh­rend Eva, vollbrüstig und heiter, ihm einen roten Apfel reichte; über ihnen wand sich eine Schlange um den Stamm. Ferner gab es in diesem Zaubergemach noch einen Stuhl, mit dem man Musik machen konnte; unter dem Sitz war eine Metalldose angebracht, man drehte einen Schlüssel herum, dann erklang ein Lied, es klimperte hurtig drauf­los, Grossvater trällerte mit: «Freut euch des Lebens, weil noch das Lämpchen glüht ...»

Einmal, nach dem Mittagessen, stahl ich mich vom Tisch weg und ging in die Werkstatt hinauf. Ich weiss nicht, was mich mehr lockte – die Kuhglocken, die Musikdose oder die zwei nackten Menschen –, vielleicht alles zusammen, vielleicht auch der Geruch des Zimmers. Als man mich später suchte, gab ich keine Antwort. Ich hörte ihre Stimmen, merkte, wie sie das Haus verliessen. Vielleicht hatten sie Angst, ich sei zum Fluss hinuntergegangen. In einem Bodenbrett gab es ein Loch von der Grösse eines Fünffrankenstückes; ich legte mich auf den Bauch und spähte einäugig hinunter; man sah den Flur, Mama und Grossvater, wie sie aufgeregt ins Haus hereinkamen. Wieder rief man meinen Namen. Ich verhielt mich mäus­chenstill, doch als ich hörte, dass sie die Treppe heraufeilten, pisste ich in die Hosen.

Es war übrigens nicht das einzige Mal, dass ich in der Werkstatt pisste: Etliche Jahre später, als wir selber hier wohnten, schlief ich in diesem selben Zimmer, zusammen mit meinem um vier Jahre älteren Bruder Thom. Unsere Schwester hatte hier ihre Spielzeuge, unter anderem eine Kartonschachtel mit zierlichem Küchengeschirr. Manchmal nachts, wenn es uns drängte und wir den um­ständlichen Weg bis zur Toilette (das heisst bis in den Stall) scheuten, benützten wir jeweils ihre hübschen Küchengefässe als Nachthafen, Milch- und Kaffeekrüge, Kochtöpfe, sogar die klei­neren Tassen, bis sie im Lauf der Nächte voll waren. Wir achteten immer darauf, die als Kü­chenbüffet gestaltete Kartonschachtel jedes Mal sorgfältig zu verschliessen, dachten aber kaum mehr daran, unsere brüderliche Bescherung jeweils am nächsten Tag zu entsorgen. Offenkundig wurde die Sache erst später, als die Schwester an ihrem Geburtstag ein paar Freundinnen eingeladen hatte und ihnen ihr Küchengeschirr zeigen wollte.

Grossvater hatte mit zweiundzwanzig Jahren geheiratet. Statt aber bei seiner jungen Gattin zu bleiben und sich den Schafen und Kü­hen zu widmen, emigrierte er auf Beschluss eines Familienrates nach Italien. In La Spezia gab es einen Kolonialwarenladen, an dem seine Eltern beteiligt waren. Er sollte dort eine kaufmännische Lehre absolvieren, um vielleicht später einmal, wenn alles gut ging, die Leitung des Geschäftes zu übernehmen. Simeon, der älteste Bruder, der sich dort vielversprechend bewährt hatte, war plötzlich an einer Grippe oder an deren ärztlicher Behandlung ge­stor­ben; Peider, ein anderer Bruder, Simeons Nachfolger im La­den, hatte eine Sardin aus Sassari geheiratet und war seither spurlos verschwunden. Nachforschungen blieben erfolglos. Duosch endlich, der zweitjüngste Bruder, war nach Frankreich gezogen und ebenfalls verschollen; es wurde erzählt, er habe sich in einem öffentlichen Park von Paris erschossen und sei dann, als eine Art Inconnu du Luxembourg, auf ei­nem der riesigen Pariser Friedhöfe begraben worden – wo genau konnte später nie ermittelt werden, vermutlich weil sich die französische Polizei um den Fremden foutierte. Es gab noch drei Schwestern, doch die hatten zu Hause zu bleiben, darüber wurde nicht einmal diskutiert. Je­mand musste aber in La Spezia sein, wenn man von den Mitteilhabern des Ladens nicht übervorteilt werden wollte. So blieb keine Wahl, und Grossvater zog als letzte Geschäftshoffnung nach Sü­den.

Ich sage noch immer «Grossvater», obwohl er damals noch ein junger Mann war, frisch verheiratet, noch nicht einmal Vater, sein ers­ter Sohn erst noch unterwegs, während er sich an der Riviera als Kaufmann versuchte ...

Ein gutes Jahr später war er wieder zu Hause. Ich weiss nicht warum, ob man ihn vielleicht im Laden nicht brauchen konnte – Zahlen interessierten ihn nicht, im Rechnen war und blieb er eine Null – oder ob ihm ganz einfach Italien nicht gefiel. Vielleicht war es auch wegen der jungen Gattin, die vor Heimweh starb und ihm endlich den Sohn zeigen wollte, den sie unterdessen zur Welt ge­bracht hatte. Sie war ei­ne geborene Bonorand, auch ihre Familie besass ein blü­hen­des Auslandgeschäft, in Leipzig, allerdings keinen Laden, son­dern eine Gaststätte, das sogenannte «Bono­rand­sche Ka­f­feehaus».

Ich stelle mir vor, wie sie in dem bescheidenen Bauernhaus mit­einander leben. Im Stall haben sie ihre paar Tiere, man hört die Schafe blöken, die Ziegen meckern, das Pferd schnauben. Es riecht nach Heu, nach Stroh und gärendem Mist. Das Kind gedeiht. Man muss es vor dem Wind schützen, der durch den Flur in die Küche hereindringt. Hie und da, wenn die Sonne höher steigt und über den Berg herab scheint, sitzen sie mit dem Kleinen auf der Laube. Ich stelle mir vor, wie Tumasch, noch ein junger Mann, hinter seinem Gaul und seinem Karren aufs Feld geht. Manchmal ist man dort ganz allein, weit und breit kein Mensch, nur unebenes Wiesengelände, ein Flurweg, ein Stoppelfeld voller Raben. Dann kommt ihm vielleicht der Laden von La Spezia in den Sinn, die Warenfülle, die vollen Kas­ten und Gestelle, Duft von Schokolade und Kaffee, Duft von Wohlstand und Zivilisation – während er hier eine Wiese mistet oder mit einer Holzfuhre nach Hause kommt. Je nachdem beschleicht ihn das Fernweh, vielleicht auch die Reue, nicht geblieben zu sein. Er denkt an andere, die es ausgehalten haben; die sind nicht nur reich geworden, sie haben mit der Zeit auch ein städtisch mediterranes Wesen an­genommen, eine gewisse Eleganz, auch sanftere Augen, eine weichere Gesichtshaut, während man hier rau ist wie der Wind, der aus dem Ge­birge weht. Vielleicht hat er die Chance seines Lebens verpasst. Nachts träumt er, er sei wieder dort unten, er sieht die Gegend in einem magischen Glanz, das Meer, Leute, die am Strand dahinwandeln, Damen mit blumigen Hüten und Sonnenschirmen, Herren mit Spazierstock und Zigarre, beflaggte Schiffe, die am Ho­rizont verschwinden ...

Da oben ist man von Halden und Wäldern eingeschlossen, Wiesen und Äcker wechseln mit Geröllhalden, das Tal ist eng, unten rauscht der Fluss. Wenn man sonst nichts hört, wird dieses Rauschen zum monotonen Gesang. Im Winter hört man auch den Fluss nicht mehr, er bewegt sich nur stumm zwischen Schnee und kahlen Erlen. Man lebt im launischen Wechsel der Jahreszeiten; im Sommer brennt die Sonne auf trockene Berghänge, man schwitzt für ein paar Heubündel, für ein bisschen Roggen und Gerste; der Sommer ist eine Plackerei, man kämpft mit einer geizigen Erde, mit der Hitze und mit den Fliegen. Der Winter hingegen eine Blockade, von Eisenbahn noch keine Spur, die Bergpässe sind oft geschlossen, überall Schnee und einsame Dörfer.

Aber der Winter kann auch schön sein, zum Beispiel in Mondnächten. Das Dorf liegt am Fuss einer Schneewoge, der Tannenwald hat einen bläulichen Glanz. Manchmal sieht man Hirsche oder Rehe, ihre Silhouetten auf dem flimmernden Weiss.

*

Ich weiss nicht, weshalb der Laden von La Spezia und das Bono­randsche Kaffeehaus in Leipzig liquidiert wurden. Ich weiss nur, dass alle Teilhaber eine gewisse Summe ausbezahlt bekamen. Die Gross­eltern insgesamt vierzigtausend Franken. Damals, um 1910, war das ein Kapital. Was tun damit? Grossmutter überliess die Entscheidung ihrem Mann, und der verstand von Geld so viel wie nichts. Mit diesem plötzlichen Wohlstand hätte er ein zweites Haus erwerben können, dazu einige Wiesen, eine Waldparzelle. Er hätte das eigene Haus renovieren und ausbauen können, so wie es andere taten, die mit vollen Taschen aus der Fremde heimkehrten. So etwas kam ihm offenbar nicht in den Sinn. Ein reicher Nachbar, von Beruf Kaufmann, gab ihm den Rat, das Geld zu investieren, zum Beispiel in das Kurhaus Tarasp. Grossvater investierte, und zwar, der Einfachheit halber, alles gleich dort. Vermutlich war er froh, auf diese Weise die Sorge um das verfluchte Geld los zu sein und wieder in Ruhe schlafen zu können. Mit den Dividenden würde man schon fertig werden. – Doch zwei oder drei Jahre später machte das Kurhaus Tarasp Konkurs, er verlor alles auf einen Schlag, das Erbe war dahin. Weiss Gott, wie er darauf reagierte, ob er aus den Wolken fiel, ob er in Verzweiflung geriet, sein Kapital nicht schlauer angelegt zu haben, ob es vielleicht einen Familienkrach gab. Doch Streitereien passten nicht zu ihm. Er konnte grollen oder schimpfen, aber nicht streiten. Auch seine Frau nicht. Ver­mutlich waren sie beide betroffen, es gibt das Schwindelgefühl der schlimmen Überraschungen. Doch dann vergehen die Tage, das Ungemach versickert allmählich im Schoss der Vergangenheit, bis man es allmählich vergisst.

Ihrem ersten Kind waren noch vier andere gefolgt, drei Töchter und ein zweiter Sohn, Hermann, der aber schon als fünfjähriges Knäb­lein an einer Grippe starb. Damals war der Tod ein bekannter Gast, er kam unangemeldet, trat geräuschlos ins Haus und nahm jemanden mit, mit Vorliebe die Kleinen.

Die Eröffnung der Eisenbahn, 1913, ein Weltereignis, brachte der Gegend einen bescheidenen Toursimus. Das Dorf wurde nicht zum Kurort, doch ab und zu erschienen Alpinisten, um den Piz Linard zu besteigen, den höchsten Berg in der Region, eine imposante, ihre Nachbarn stolz überragende Pyramide. Tumasch be­schloss, Bergführer zu werden, um sich ein paar zusätzliche Batzen zu verdienen. Ich weiss nicht, wo er seinen Bergführerkurs absolvierte. Es ist niemand mehr da, den ich fragen könnte, die Leute sterben dahin, ihre Gräber versinken, ihre Namen verwittern, sie selber geistern noch als Schatten durch unsere Erinnerung. Ich berichte nur, was man mir in der Jugend von ihm er­zählte oder was ich noch selber mit ihm erlebte. Jedenfalls war er ein guter Berggänger, zudem mochte er den Kon­takt mit fremden Menschen. Er nahm es auch in Kauf, dass er gelegentlich die Feldarbeit liegen lassen musste, um sich seinen Kunden zu widmen.

Er stieg mit ihnen bis zur Klubhütte von Glims hinauf, am folgenden Tag nahm man den Gipfel in Angriff. Englisch und Französisch konnte er nicht, mit seinen Klienten sprach er deshalb immer hochdeutsch. Er beherrschte es ordentlich, hatte es in der Schule gelernt, er sprach es auch sehr gern – Hochdeutsch, das bedeutete damals noch Bildung. Wenn er mit den Leuten die Höhe des Berges erreich­te und ihnen erklären wollte, das Schwerste sei nun überwunden, sagte er offenbar immer: «Herrschaften, jetzt sind wir drüber!» Er hatte eine kräftige Bassstimme, er sagte es auch mit einer gewissen Würde. Lange Jahre später, da er als alter Mann nicht mehr klar im Kopf war und nachts schwafelte, kam es von Zeit zu Zeit wieder: «Herrschaften, jetzt sind wir drüber!»

Seine Kunden waren reiche Leute, die etwa in St. Moritz oder Davos ihre Ferien verbrachten. Einmal zum Beispiel ein deutscher Fürst aus Württemberg, mit Frau und Söhnen; von dem bekam er nebst Honorar, als zusätzliche Aner­kennung, ein komplettes Silberbesteck, das später nie gebraucht, doch oft den Gästen oder Verwand­ten gezeigt wurde. Einmal ein Mister Scott, ein liebenswürdiger Eng­länder, ganz in Manchester gekleidet, der aber nur englisch sprach. Grossvater unterhielt sich auch mit ihm auf Deutsch. Er hätte ebenso gut romanisch reden können, vieles tönt ja ganz ähnlich; zum Beispiel englisch «mountain» und romanisch «muntogna», «atten­tion please» und «attenziun per plaschair»; sehr steil heisst «very steep» und «vaira stip», «difficult» gäbe «diffi­cil», «a flower» – «üna fluor», «quiet silence» – «quaid silenzi» und so weiter. Doch es blieb auch hier beim Deutschen. Wenn der Bergführer etwas auf Deutsch sagte, antwortete Mr. Scott irgendetwas auf Englisch. Grossvater wies auf einen am Ho­rizont aufsteigenden Berggipfel und nannte dessen Namen, worauf der Brite prompt seine Karte entfaltete und nachschaute, ob es stimmte. Irgendwo hörte man Pfiffe, Grossvater hielt ihm den Feldstecher vor die Nase und erklärte: «Murmeltiere! Das sind Murmeltiere.» Auch hier wäre das romanische «marmotta» dem englischen «marmot» näher gewesen. Sie erreichten den obersten Berg­kamm, Grossvater sagte: «So, mein Herr, jetzt sind wir drüber!», und Mr. Scott antwortete gutgelaunt: «Oh, yes.»

Auf dem Gipfel machten sie eine längere Rast. Da der Engländer nur Zwieback und zwei Äpfel bei sich hatte, gab ihm Grossvater ein Stück Käse, Bündner Alpkäse, von den eigenen Kühen. Sein Gast dankte höflich, schien den cheese of Switzerland zu schätzen, reichte dann dem Bündner seine Whiskyflasche. Grossvater dank­te ebenfalls, nahm aber nur einen winzigen Schluck. So etwas hatte er noch nie getrunken; er fand es grässlich. Zudem war es so, dass er Alkohol praktisch nicht vertrug, nicht einmal Wein. Alkohol stieg ihm gleich in den Kopf, und nachher bekam er regelmässig Lachkrämpfe. Nach dem Essen rauchten sie beide die Pfeife. Der süssliche Tabak des Engländers schmeckte ihm nicht; als Mr. Scott hinter einem Stein verschwinden musste, klopfte er das Zeug heraus und stopfte die Pfeife mit seinem ­bewährten Burrus.

Mr. Scott hatte einen Fotoapparat dabei, mit Selbstauslöser. Er suchte einen geeigneten Stein, um ihn draufzustellen, blickte zur Sonne hinauf, bat den Bergführer, sich etwas nach links zu verschieben, dann stellte er ein, kam rasch her­über und setzte sich zu ihm. Dies alles erinnerte Grossvater an einen Alpinisten, Alleingänger, der vor Jahren dank eines Selbstauslösers tödlich verunglückt war, und zwar genau an dieser Stelle. Er war zu weit nach rückwärts gegangen und dann in die Tiefe gestürzt. Man hatte ihn hundert Meter weiter unten gefunden, den Apparat oben auf dem Gipfel, vermutlich dort, wo er ihn hingestellt hatte. Auf dem Foto sah man gerade noch seine Beine und einen hochgestreckten Arm. – Abends waren sie wieder im Dorf. Er war mit dem Mann zufrieden, er sagte, das sei einer seiner angenehmsten Kunden gewesen, sie hätten sich ausgezeichnet unterhalten.

Sein prominentester Kunde ist zweifellos der belgische König gewesen, Albert I, bekannt als passionierter Bergsteiger. Vor der Ankunft des Zuges, mit dem er in Lavin ankommen sollte, hatten sich am Bahnhof einige Leute eingefunden, um ihn zu sehen, weil sie noch nie einen König gesehen hatten. Er kam in einem eigenen Bahnwagen, erste Klasse. Nur kam er nicht allein, mit ihm stiegen noch zwei oder drei Männer aus, alle alpinistisch gekleidet, so dass man nicht wusste, welcher von ihnen der König sei. Wahrscheinlich wusste es auch Tumasch nicht, er hatte ihn ja noch nie gesehen. Ich stelle mir vor, wie er dasteht und wartet, mit Pickel, Bergseil und etwas Herzklopfen, bis die Männer auf ihn zukommen und ihn dem König vorstellen. Von dieser Führung weiss ich sonst nichts anderes, als dass Grossmutter Chatrina in der Nacht, die ihr Mann mit dem Monarch oben in der SAC-Hütte verbrachte, vor lauter Lampenfieber nicht schlafen konnte. Sie stellte sich vor, der König trage auch dort oben seinen Purpurmantel und seine Krone. Als sie endlich einschlummerte, sah sie im Traum die Py­ramide des Berges in einem sanften Regen von Goldmünzen, und irgendwo zwei kleine Figuren, die sich langsam nach oben bewegten.

Ein König ist ein König, das wusste auch Grossvater Tumasch. Nachträglich soll er erzählt haben, dass er in jener Nacht kaum geschlafen habe, aus Angst, es könnte etwas passieren – Schwächeanfall, Blitz, Steinschlag oder so etwas, irgendein blöder Unfall –; dann war man bedient: Bergführer als Verantwortlicher des Un­glücks, Schlagzeilen, sein Bild neben demjenigen des Königs in den Zeitungen ... Es passierte nichts. Erst Jahre später sollte Al­bert I tödlich verunglücken, und zwar auf einem ziemlich harmlosen Hügel in den Ardennen.

Indessen seine allerschwierigste Tour, gleichsam die Tour seines Le­bens, die verdankte er einer deutschen Frau. Nicht dass sie ihm zwischenmenschliche Schwierigkeiten bereitet hätte, etwa in der Klubhütte, wo sie allein übernachteten – jedenfalls habe ich nie etwas davon gehört –, sondern weil die Frau von der Bergsteigerei keine Ahnung hatte und offenbar meinte, in Begleitung eines guten Führers sei das überhaupt kein Problem. Sie hatte ein gewinnendes Wesen, hatte ihm schon zu Anfang gesagt: «Nennen Sie mich einfach Ingrid.» Sie war gross und schön, jedoch für eine Alpinistin etwas zu üppig. In Familiengesprächen nannte man sie später immer wieder «die Frau von hundert Kilo» – vermutlich eine scherzhafte Übertreibung, womit man den ­Familienvater neckte, weil er erzählt hatte, er habe beim ­Ab­­stieg die völlig entkräftete Dame buchstäblich tragen müssen.

Aufwärts war es problemlos gegangen, aufwärts ging es immer. Man brauchte sich nicht zu beeilen, man setzte einen Fuss vor den an­dern, an schwierigen Stellen kroch man auf allen Vieren. Tumasch ging voraus, sicherte das Seil, zog langsam nach. Wenn die Frau müde war, machten sie eine Pause. Er war ein gütiger Mensch, hatte vor allem als Bergführer eine Engelsgeduld. Es herrschte schönes Wetter, ringsum strahlende Berge, das Tal schon weit unten, irgendwo schimmerte der Fluss. Ingrid war begeistert. «Diese Luft!», sagte sie, «diese Luft!»

Doch der Abstieg wurde schwieriger als gedacht. So etwas hatte er noch nie erlebt, obwohl er die typischen Abstiegsschwierigkeiten kannte: Abgründe, die man beim Aufstieg kaum beachtet, weil man den Kopf oben hat und meistens in die Höhe schaut, sehen plötzlich anders aus, sie erscheinen unter den Füssen, man blickt hinunter, sieht nichts als gähnende Leere, die Tiefen geistern herauf, man bekommt es mit dem Schwindel zu tun, es flimmert einem vor den Augen. Von Zeit zu Zeit machten sie eine Pause. Irgendwo unter ihnen kreis­ten schwarze Vögel. Die Frau setzte sich, hielt sich die Stirn. «Mir dreht sich alles im Kreis», sagte sie. Er beruhigte sie: «Nur ganz ge­mütlich; solange wir angeseilt sind, kann uns nichts passieren.» Ein Stück weit ging es wieder, bis zu einem steilen Couloir. Er blieb oben und hielt das Seil, sprach ihr Mut zu, gab ihr Anweisungen, wo sie die Füsse hinsetzen, wo sie sich festhalten solle. Er sah ihre braunen Lo­cken, ihren Busen und ihre verzweifelte Miene. Sie hatte einfach Angst, und die konnte er ihr nicht wegzaubern. Hie und da stiess sie einen spitzen Schrei aus.

Zuerst hatte er seine gewohnte Ruhe bewahrt, doch allmählich ging ihm die Geduld aus. Schliesslich war auch er nur ein Mensch. Fluchen durfte man nicht, das ging gegen die Berufsethik, doch seine Stimme wurde spürbar energischer. Mit dem Wetter stand es leider nicht zum Besten, von Westen nahte dunkles Gewölk, es war schon Nachmittag, die Stunden eilten dahin. Als die Frau einmal erklärte, einen solchen Berg habe sie noch nie erlebt, antwortete er ziem­lich schroff: «Das ist ein Berg wie ein anderer, wenn man hinaufsteigt, muss man nachher wieder herunterkommen.»

«Das ist merkwürdig», sagte sie, «von fern sehen viele Berggipfel wie vereinfachte Skulpturen aus, und wenn man dort ist, wird alles zum Labyrinth.» Statt darauf zu antworten, fragte er sie, ob sie ein bisschen Schnaps möchte. Schnaps nahm er immer mit, für alle Fälle. Er reichte ihr das Fläschchen, sie nahm einen Schluck und grimas­sierte. Er selber trank nicht, um nachher nicht lachen zu müssen.

«Wir sollten gehen, gute Frau, sonst holt uns das Gewitter.»

Gewitter im Hochgebirge, das kannte er, und das war dann überhaupt nicht zum Lachen. Das sagte er ihr, doch an einer bestimmten Stelle erklärte sie, hier gehe sie auf keinen Fall hinunter: «Machen Sie mit mir, was Sie wollen, Sie können meinetwegen allein weitergehen und mich hier lassen ... ich sterbe lieber hier oben.»

Sie hatte sich wieder gesetzt. Als gütliches Zureden nichts half und die Frau sich sogar weigerte, aufzustehen, verlor Tumasch die Nerven. Er schrie sie an, wobei ich mich frage, was ihm für hochdeutsche Ausdrücke einfielen, vielleicht fluchte er auch romanisch ... Er erlebte jene merkwürdige Umkehrung der Gefühle, nämlich dass ihm diese Person zuerst so gut gefallen hatte, und dass er sie jetzt hätte verprügeln können. Die Zeit verrann, der Berg war noch tief, der Himmel bedenklich, es grollte immer näher. Als er sie anfass­te, um sie wenigstens einmal auf die Füsse zu stellen, und sie ihm dabei Widerstand leistete, versetzte er ihr plötzlich eine Ohrfeige. Das kam wie von selbst. Sie starrte ihn an. Unwillkürlich strich er mit der Hand durch ihre Locken, wor­auf sie sein Gelenk fasste und sich daran festklammerte, dass er ihre Fingernägel spürte. Sie schaute ihm verloren ins Gesicht, mit Tränen in den Augen. Endlich richtete sie sich auf, sie versuchten es wieder, Meter um Meter. Irgendwo blieb sie plötzlich stehen, reichte ihm ihr seidenes Halstuch und bat ihn, es ihr um die Augen zu binden. «Wieso – was soll das?» Da er zögerte, ihren Wunsch zu erfüllen, band sie sich selber das Tuch um den Kopf. «So», sagte sie, «jetzt sehe ich nichts mehr – jetzt sind Sie ganz allein für mich verantwortlich.» Vielleicht fragte er sich, ob er sich so etwas gefallen lassen müsse, doch zum Streiten war nicht mehr Zeit. Er führte sie über einen Steilhang hinweg, irgendwo fass­te er sie mit dem Arm um die Hüften, glitt mit ihr eine lange Schnee­zunge hinunter. Sie hielt sich an ihm fest, sie schrie wieder, aber jetzt beinahe fröhlich. Zuunterst, am Rande einer Geröllhalde, blieben sie stehen. Ingrid nahm sich das Tuch weg, rieb sich die Augen. Sie war völlig erschöpft von diesem Zauberberg, sie lachte, aber die Beine tru­gen sie nicht mehr. Erschöpft war auch er, doch da es eilte, entschloss er sich, sie ein Stück weit zu tragen, wenigstens über diese Ge­­­röllhalde hinweg. Vermutlich trug er sie huckepack, vorsichtig von einem Stein zum andern balancierend, während sie sich an seinen Schultern festhielt, mit den Beinen an seinen Hüften.

Gerade als sie die SAC-Hütte erreichten, begann es zu blitzen, dann entfesselte sich ein filmisches Gewitter. Es war niemand da, Ing­rid legte sich auf eine Pritsche, wickelte sich in eine Wolldecke. Tumasch machte Feuer an und bereitete eine Suppe. Nachher setzte er sich mit einem vollen Teller an den Tisch, war aber kaum mehr imstande, den Löffel zu halten. Er zog das Schnapsfläschchen aus dem Ruck­sack, zögerte, nahm einen Schluck, steckte es wieder zurück, nahm es aber bald wieder hervor und trank nochmals, während der Regen ans Fenster prasselte. In der Hütte war es fast dunkel, draussen blitzte es, bläuliche Wurzeln jagten am Himmel dahin, dann donnerte es ganz nahe. Der Schnaps wirkte wie ein sanftes Feuer. Er begann, vor sich hin zu summen.

Die Frau war eingeschlafen. Als sie später erwachte, hörte sie ein unterdrücktes Prusten. Sie meinte, es wäre noch jemand gekommen. Doch er sass allein am Tisch, fast lautlos vor sich hin lachend. – Abends spät erreichten sie das Dorf. Die Frau übernachtete im Hotel, das übrigens gleich hiess wie der Berg, auf dem sie gewesen waren. Am nächsten Morgen erschien sie bei ihm zu Hause, um sich zu verabschieden. Sie war jetzt ganz heiter, hatte wieder ihre Rosawangen. Die Familie sass beim Frühstück, man offerierte ihr eine Tasse Kaffee; dabei erzählte sie den Leuten, was ihr Vater für ein grossartiger Bergführer sei. Als sie gehen musste, begleitete er sie hinaus. Draussen im Flur bat er sie um Verzeihung für die Ohrfeige von ges­tern, so etwas sei ihm noch nie passiert. Sie sagte lachend, die habe sie weiss Gott verdient, zahlte ihm dann hundert Franken Honorar. Er zögerte, eine solche Summe anzunehmen, worauf sie ihm den Geldschein in die Hand drückte, ihn flüchtig umarmte und rasch davon­ging. Als er zum Frühstückstisch zurückkehrte, wirkte er leicht verlegen.

Ich frage mich übrigens, ob man später diese hundert Franken mit dem angeblichen Körpergewicht der Frau verwechselte. Doch jedenfalls vergass er sie nie mehr, weder ihre Begeisterung noch ihre Tränen, vor allem auch nicht ihr Gewicht, während er sie über die Geröllhalde trug. Ich kann mir vorstellen, dass sie ihm noch deutlicher in Erinnerung blieb als der belgische König.

*

Jäger war er früh geworden, hatte schon als Knabe seinen Vater auf die Jagd begleitet. Gisep Wieser, mein Urgrossvater, in der ersten Hälf­te des 19. Jahrhunderts geboren, als es im Tal noch Bären gab, war weit herum als Bärenjäger bekannt. Wurde irgendwo ein Bär gesichtet, so ging man ihn holen. Einmal sogar aus der Kirche, wäh­rend des Gottesdienstes. Ein Bauer aus Susch, ein gewisser Cazin, kam ge­räusch­los zur Türe herein, blickte sich um, fand ihn irgendwo, flüs­terte ihm etwas ins Ohr, worauf beide die Kirche verliessen. Natürlich war der Gottesdienst gestört, die Leute tuschelten miteinander; der Pfarrer, masslos verärgert, wollte mit seiner Predigt weiterfahren und man hörte ihm nicht mehr zu.

Gisep eilte mit Cazin nach Hause, um das Gewehr zu holen. Er zog sich nicht einmal um – er steckte bereits im Jagdfieber, obwohl er gerade aus der Kirche kam. Er lud die Waffe mit Pulver und Blei, dann zogen sie davon. Natürlich war der Bär nicht mehr dort, wo ihn Cazin gesehen hatte, doch vielleicht lungerte er umher und würde zurückkommen. Sie kletterten auf einen freistehenden, von Gras und Moos bewachsenen Felsen, mussten dort ziemlich lange warten. Nach einiger Zeit tauchte er tatsächlich auf. Sie sahen ihn am Waldrand daherschnüffeln. Er bemerkte die zwei Männer, blieb stehen, setzte sich auf den Hinterteil und schaute herunter. Gisep lag schon auf dem Bauch und zielte. Er drückte auf den Abzug, doch statt zu knallen, machte es nur «klick» – der Schuss war nicht losgegangen: sie sassen hier auf taufeuchtem Moos, wobei der Feuerstein oder die Zündkapsel nass geworden sein musste. Es hiess, so schnell wie mög­lich handeln, das Zeug herausnehmen und nochmals laden (was beim Vorderlader im­merhin eine Weile dauerte). Der Braune, statt sich wieder zu entfernen, kam langsam näher, vielleicht neugierig geworden, was diese zwei Menschen da trieben. Am Fuss des Felsens blieb er stehen, setzte sich wieder und schaute mit seinen kleinen Augen herauf. Von oben gesehen schien er riesig. Gisep manipulierte mit Pulver und Ladestock, während Cazin vor Angst zitterte. Es brauchte nur einen leichten Sprung, und dann war er da – klettern konnten sie ohnehin wie der Teufel, das wusste man. Vorläufig kam er nicht, ging stattdessen schnüffelnd um den Felsen herum, verschwand und tauchte wieder auf, richtete sich empor, die Vordertatzen anlehnend.

«Gisep», sagte Cazin, «falls ich sterben sollte ...»

«Du stirbst nicht, Idiot ... Hier, nimm mein Sackmesser, und wenn er kommt, stichst du ihm in die Augen.» Cazin konnte vor Auf­regung nicht einmal das Messer öffnen, klammerte sich stattdessen an Gisep fest, dass ihn dieser mit dem Ellbogen wegstossen musste. Endlich war es so weit, er nahm die Waffe in Anschlag, zielte und drück­te ab. Diesmal knallte es, einen Augenblick befanden sie sich in blauem Rauch, dann sahen sie unten das getroffene Tier, auf den Rücken zurückgeworfen, noch ein bisschen die Beine bewegend.

Ein Bauer brachte es mit Ross und Wagen ins Dorf. Der Bär war mit Blumen und Tannenreisig geschmückt, Leute kamen von überall herbei, man hob die Kinder empor, damit sie ihn mit der Hand be­rühren konnten. Cazin hatte einen Schock erlitten. Ob es stimmt, dass sein Haar innert kürzester Zeit grau geworden sei, bleibe dahingestellt.

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts waren die Bären praktisch ausgerottet. Wölfe und Luchse hatten schon vorher dran glauben müssen, jetzt waren sie dran. Weiss Gott, welch seltsame Lust die Menschen antrieb, sie zu vertilgen. Taten sie es ihrer Kühe und Schafe wegen, die ihnen oft tatsächlich zum Opfer fielen? Oder war es nur ein dunkler Drang, eine Art Verfolgungslust, so wie oft Völker mit der gleichen Lust Angehörige eines andern Stammes liquidieren?

Während Jahren schienen sie ausgerottet, bis unerwartet ein Nach­fahre ihrer Sippe auftauchte, gemütlich durch die Gegend streif­te und friedliche Schafweiden heimsuchte. Man wusste nicht, woher er gekommen war, vielleicht vom Balkan herauf. Doch ein Heimat­recht wurde auch ihm verweigert. Die zwei Jäger, die ihn zur Strecke brachten, wurden als Helden gefeiert, man führte ihn auf geschmücktem Wagen durchs Dorf, die Bevölkerung jubelte.

Meinem Grossvater Tumasch blieben noch Rehe und Gemsen. Hirsche gab es damals in der Gegend noch nicht, die kamen erst später vom Nationalpark herüber. An die gesetzlich festgelegte Jagdzeit hielt er sich nur bedingt, im Prinzip jagte er das ganze Jahr. Die verbotene Jagd reizte auch ihn noch mehr als die er­laubte. Wenn er zum Beispiel Holz rüsten ging, nahm er das Ge­wehr mit, versteckte es in einem Sack oder unter der Pelerine. Einmal – eine Verrücktheit, obwohl er sonst überhaupt nicht verrückt war – erlegte er ein Tier in Gegenwart eines Jagdwächters, der zufällig herbeikam. Während sie miteinander plauderten, tauchten am Berghang Gemsen auf, Tumasch konnte nicht widerstehen, holte schnell sein Gewehr, zielte und traf. Es kam zu einem heftigen Streit, der Wächter war ausser sich, versicherte ihm, er werde ihn noch heute anzeigen, worauf Tumasch antwortete, er solle es ruhig tun, nur werde er dann auch hängen; ein Jagdwächter, in dessen Gegenwart man ungehindert wildern könne, sei ohnehin erledigt.

Während Tagen war ihm mulmig zumute. Er wartete, doch es pas­sierte nichts.

Wer ein Jahr später auf ihn schoss, ohne ihn zu treffen, haben seine Angehörigen nie erfahren. Er allein wusste es, er hatte den Mann sogar gestellt, hatte ihn aber nicht angezeigt. Er sprach einzig mit seiner Frau darüber, ohne ihr jedoch zu verraten, um wen es sich handelte.

Es passierte während der Jagdzeit, an einem regnerischen Septembertag, in der Nähe eines felsigen Wechsels, wo er jeweils Salz streute. Es war grau und neblig, die Felsen schimmerten nass. Einmal gingen Steine nieder. Er schaute mit dem Feldstecher, sah aber weder Tiere noch Menschen, nichts als graue Schwaden, Legföhren und Geröll. Eine Weile später, als er sich aufrichtete, geschah etwas Merkwürdiges: irgendwo fiel ein Schuss, er hörte eine Kugel nahe an seinem Kopf vorbeipfeifen (genau genommen zuerst das Pfeifen und dann den Knall), spürte dabei, wie sein Hut einen leichten Stoss erhalten hatte. Er duckte sich, nahm den Hut ab, sah, dass er durchlöchert war. Vielleicht hatte er leichtes Ohren­sausen, je nachdem etwas Herzklopfen. Er glaubte, Schritte zu vernehmen, entsicherte das Gewehr, kroch um einen Felsen herum, kletterte eine Runse hinauf. Als er sich wieder aufrichtete, fiel ein zweiter Schuss, diesmal ganz matt, ohne Widerhall. Doch dann sah er einen Mann auf dem nebligen Pfad dahineilen, knapp hundert Meter von ihm entfernt. Er erkannte ihn nicht, auch nicht mit dem Feldstecher. Er eilte ihm nach, einmal stolperte er, während der andere immer schneller zu gehen schien, im Nebel verschwand, dann plötzlich wieder sichtbar wurde. Von Angst, dass es nochmals knallen könnte, war nicht die Rede, Haupt­sache, dass er den Kerl erwischte. Er keuchte, er schwitzte trotz Regen. Dabei spürte er jetzt am linken Arm ein eigenartiges Kribbeln ...

Wie er in einen Lawinenzug einbog, sah er den Mann ­unerwartet vor sich, kaum zehn Meter entfernt, so dass er erschrocken stehen blieb. Jetzt erkannte er ihn auch. Der andere bemerkte ihn nicht, er lag flach auf dem Bauch und trank Wasser, Gewehr und Mütze hinter ihm am Boden. Doch plötzlich hob er den Kopf und schaute zurück, sah, dass jemand auf ihn zielte, wobei er zusammenfuhr und einen merkwürdigen Laut von sich gab ...

Ich versuche, mir die Situation vorzustellen: eine Schneise in grauem Mergel, Geräusch eines kleinen Baches, der Mann da am Bo­den, sein Gesicht, während der andere die Waffe schussbereit hält – zwei Männer vom gleichen Dorf, vielleicht Nachbarn. Ich kann mir denken, dass es Tumasch selber schwindelt, weil er nicht weiss, was er jetzt tun wird, abdrücken oder nicht –, vielleicht verliert er die Selbstkontrolle und es kommt alles, wie es der Augenblick will oder die Einsamkeit des Ortes. Ich stelle mir vor, wie er, als der Feind aufstehen möchte, ihm befiehlt: «Bleib dort und rühr dich nicht.» Er kommt langsam näher, stösst das Gewehr am Boden mit einem Tritt beiseite, nimmt seinen Hut ab, zeigt ihm das Loch: «Du hast ein biss­chen zu hoch gezielt – wahrscheinlich wegen des Nebels. Nebel verändert die Perspektive ... Abgesehen davon könnte ich dich jetzt niederknallen wie einen Hund; wir wären hier ganz allein, vielleicht würde man nicht einmal den Schuss hören. Leider hast du Familie. Aber ich werde einen versiegelten Brief hinterlassen; falls mir etwas passiert, wird man wissen, wer es gewesen ist. Und jetzt hau ab, und zwar schnell!» Er hält noch immer seine Waffe halb im Anschlag, der andere richtet sich zaghaft auf, bückt sich nach seiner Mütze, stolpert, entfernt sich, blickt flüchtig nochmals zurück und verschwindet. Sein Gewehr liegt noch da.

Erst jetzt zieht Tumasch seinen Tschopen aus, bemerkt den Riss am Ärmel, sieht, dass sein linker Unterarm blutet. Er krempelt den Hemdärmel hoch und schaut. Streifschuss, etwa fünfzehn Zentimeter lang, nicht sehr tief, ein roter Striemen. Merkwürdig, dass er zuerst nichts gespürt hatte. Schmerz empfindet er auch jetzt nicht, höchstens ein Brennen. Er setzt sich, nimmt das Ta­schentuch heraus und versucht, sich die Wunde zu verbinden. Man müsste einen Knoten machen, was ihm einhändig nicht gelingt. So wickelt er das Tuch notdürftig um den Arm, zieht wieder die Jacke an, nimmt den Rucksack, die beiden Gewehre. Dasjenige des andern entlädt er, steckt die Patrone in die Seitentasche. Jetzt hat auch er Durst, er kauert nieder und trinkt, an der gleichen Stelle wie vorhin sein Gegner.

Dann macht er sich auf den Heimweg, ohne Jagdbeute, steigt vor­sichtig auf dem schon dämmerigen Pfad talwärts. Hie und da bleibt er stehen und horcht. Um ihn herum noch immer Nebel, es tropft im Gebüsch.

Als er das Dorf erreicht, ist es schon Nacht. Irgendwo tritt er leise in einen Hausflur und lehnt das Gewehr, das nicht ihm gehört, an die Wand. Er hatte gehofft, unbemerkt verschwinden zu können, sieht dann eine Frau aus dem Dunkeln auf ihn zukommen. Er kennt sie, er kennt ihre Gestalt, ihre Stimme. Sie flüstert: «Was bringst du?» – «Nur das Gewehr deines Mannes – er hat es irgendwo vergessen.»

Abends trinkt er gegen seine Gewohnheit ein Glas Wein, ohne nach­her lachen zu müssen. Später, im Schlafzimmer, überrascht ihn seine Frau dabei, wie er sich mit einem Gazestreifen den linken Arm verbindet. Er erzählt ihr, er sei ausgerutscht – einfach ausgerutscht und dann auf eine spitze Felskante gefallen. Sie will seinen Arm sehen, nimmt den Verband weg, reinigt die Wunde mit einem Desinfektionsmittel.

Darmowy fragment się skończył.

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340 str. 1 ilustracja
ISBN:
9783038550167
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Bookwire
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