Czytaj książkę: «Märchen aus meinem Luftschutzkeller»

Czcionka:

Oleksij Tschupa

Märchen aus meinem Luftschutzkeller

Aus dem Ukrainischen von Claudia Dathe

Inhaltsverzeichnis

Cover

Titel

Vorwort von Serhij Zhadan

Erdgeschoss

Wohnung 12, 13, 14

Wohnung 12 Flotter Dreier

Wohnung 13 Revolte

Wohnung 14 Gerhard Freis Jugendjahre

Erster Stock

Wohnung 15, 16, 17

Wohnung 15 Stille als Gendefekt

Wohnung 16 Träume und andere schreckliche Dinge

Wohnung 17 Die Insel

Zweiter Stock

Wohnung 18, 19, 20

Wohnung 18 Die Mutterfigur in der ukrainischen Gegenwartsliteratur

Wohnung 19 Good bye, Lenin!

Wohnung 20 Der Tag, an dem mein Sterben begann

Dritter Stock

Wohnung 21, 22, 23

Wohnung 21 July Morning

Wohnung 22 Ruh, die Blumenhändlerin

Wohnung 23 Satan und seine Freunde

Oleksij Tschupa Noch ein paar Worte aus dem Keller

Glossar

Oleksij Tschupa

Zum Autor

Impressum

Vorwort von Serhij Zhadan

Die Literatur hat fantastische Möglichkeiten, Möglichkeiten, wie sie weder die Politik noch die Geografie noch die Anthropologie haben. Der Literatur ist es zu verdanken, dass ein Leser Liebe und Zuneigung zu Orten erfahren kann, die normalerweise nicht geliebt werden, über die normalerweise gesprochen wird, ohne dass Liebe oder Bitterkeit anklingen.

Märchen aus meinem Luftschutzkeller ist so ein Buch. Die Begebenheiten zeigen den ukrainischen Donbass, wie weder Politiker noch Fachleute noch Journalisten über ihn sprechen – mit einer Offenheit, die an Abscheu grenzt, und einer Bitterkeit, die aus Nostalgie erwächst. Durch die dezidierte Subjektivität des Autors und seine offene Empathie kann der Leser etwas entdecken, was in offiziellen Mitteilungen fehlt: lebendige Augen, fragmentierte Biografien und warme Stimmen, die Hoffnung geben.

Das ist wichtiger als alle Geografie, denn es berührt Dinge, die in der Geografie einfach keinen Platz haben. Erinnerung und Glaube zum Beispiel.

Erdgeschoss
Wohnung 12, 13, 14
Wohnung 12
Flotter Dreier

Fast alles, was in der Wohnung Nummer 12 veranstaltet, gesagt, gedacht und getan wurde, fiel unter die philosophische Kategorie Nebel. Das winzig kleine und unscheinbare „fast“, mit dem die Geschichte anfängt, bezieht sich auf ein Nullachtfünfzehn-Leben, das die Bewohner der Zwölf nun wahrlich nicht führten. Das „fast“ war so klein, dass man es im Grunde genommen weglassen konnte. Und das tat ich.

Die Zwölf lag im Nebel. Trubel, Tumult, Radau, Tohuwabohu – das traf es alles nicht. Nebel. Punkt. Die anderen Hausbewohner konnten nicht erklären, wie sie auf das Wort gekommen waren. Doch tief in ihrem Unterbewusstsein schwebten – wie Wale im Ozean – traumatische Erinnerungen, dass Vira, die Kanaille aus der Zwölf, das Haus schon viermal in Brand gesetzt hatte. Das Trauma saß tief, und die anderen Bewohner assoziierten die unselige Wohnung im Erdgeschoss für alle Zeiten mit Nacht und Nebel.

Der Nebel zog vor 30 Jahren auf, unmittelbar vor der Perestroika. Er kam mit Vira Labuha ins Haus, einem Teufelsweib, das damals noch ganz passabel aussah. Vira war Anfang dreißig, hörte Heavy Metal, war mit einem Bonzen aus der Staatsanwaltschaft liiert und von aller Welt gefürchtet wie der Teufel. Wie ein Volksfeind, wäre damals wohl der ideologisch korrekte Ausdruck gewesen. Die Leute hatten solchen Schiss, dass sie sie weder anschauten noch ansprachen und einen möglichst großen Bogen um sie machten. Die Kanaille scherte sich ihrerseits um nichts und niemanden und suchte keinen Anschluss. Bei ihr schaute keiner rein und die Leute ahnten nur vage, was sich in der Wohnung abspielte, wenn sie von draußen durch die gelben Fenster schauten und die kantigen schwarzen Silhouetten von Labuha und ihren Partyfreunden sahen und die Höllenmusik hörten, die nahezu den ganzen Tag aus Viras Wohnung dröhnte.

In ihrer Wohnung herrschte das heillose Chaos. Und da Chaos weitaus widerstandsfähiger als die strengste Ordnung ist, überstand es locker solch fragile Prozesse wie die Herausbildung einer nationalen ukrainischen Identität, den Zerfall des Sowjetimperiums, mehrere Revolutionen, eine Hyperinflation und den darauffolgenden bescheidenen Aufschwung. Vira L. steckte so tief in ihrem Chaos, dass sie überhaupt nicht mitbekam, was sich in der Welt draußen vor ihren im Parterre gelegenen Fenstern abspielte.

Der letzte, der sich offen gegen die Labuha gewehrt hatte, wanderte, nachdem er die Kanaille bei der Polizei angezeigt hatte, zur Verblüffung aller wegen unerlaubten Drogenbesitzes in den Knast und wurde danach nie wieder gesehen. Irgendwann riefen die Hausbewohner nicht mal mehr die Polizei, egal wie rücksichtslos und gesetzeswidrig sich die Labuha und ihre Horde aufführten. Wenn die Streife kam und feststellte, dass es wieder Ärger mit der Zwölf gab, rieten die Polizisten den Hausbewohnern wohlmeinend, sich mit der Kanaille lieber nicht anzulegen und einfach so zu tun, als wäre sie nicht da. ‚So tun, als ob sie nicht da wäre, na, danke‘, sagten sich die Bewohner und deuteten auf Viras Tür. Drinnen wummerte Cannibal Corpse, Flaschen knallten auf den Boden, Viras höllisches Lachen dröhnte durch die Tür. Es war kurz vor Mitternacht, wie sollte man bitte schön bei diesen Schlafliedern ein Auge zu tun?

Die Kanaille konnte, obwohl sie das vielleicht gar nicht wusste, in ihrer Teufelshöhle beliebig schalten und walten. Ihren Verehrer aus der Staatsanwaltschaft, der ihr die Wohnung verschafft hatte, hatte Vira gleich einen Monat später abgeschossen, doch er hielt weiterhin die Hand über sie. Die Liebe eines Dreißigjährigen konnte, war sie einmal entfacht, bis zum Tod anhalten. Und das war hier der Fall. Dass aus dem Genossen Smirnow im Laufe der Perestroika Petro Petrowytsch geworden war – nunmehr Erster Stellvertreter des Generalstaatsanwaltes – brachte den Hausbewohnern im Kampf gegen die Labuha keinerlei Vorteile. Und dass plötzlich Funktionäre aus Donezk auf hohe Posten in Kiew gehievt wurden, gab den Leuten den Rest. 2015 hatte das ganze Haus in geheimer Verschwörung gegen den Donezker Clan gestimmt und gehofft, Petro Petrowytsch würde endlich abgesetzt werden, woraufhin man die Labuha nach dreißig qualvollen Jahren endlich bei Eis und Schnee vor die Tür zu setzen gedachte. „Wenn die Alten am Ruder bleiben, hat’s uns am Arsch.“ Eleganter ließ sich die Situation nicht beschreiben.

Die Kanaille lebte ihr Leben und ignorierte alles, was sich um sie herum abspielte. Alle Verwünschungen und Verschwörungen, alle Gespräche und nächtlichen Polizeivisiten, alle Drohungen, die jemand im Erdgeschoss an die Wand geschrieben hatte, einfach alles. Ihr Leben bestand aus zwei Bausteinen: aus größeren und kleineren Partys. Wenn die Labuha irgendwoher Kohle hatte, lud sie ihre ganze Clique ein und schmiss apokalyptische Feten. Hatte sie keine Kohle, kamen die Leute trotzdem, legten zusammen und machten auch Party, nur etwas bescheidener. Die Typen, mit denen sie sich umgab, waren unscheinbar und faszinierend zugleich, ich habe mich immer gefragt, wo sie die alle aufgabelte. Saboteure, Säufer, Prolls, ewige Loser, dauerhaft Arbeitslose und ständig Obdachlose. Sie brachten es fertig, in Windeseile beliebige Summen zu versaufen. Summen zwischen zwei- und dreitausend Hrywnja rannen als Schnaps durch die Kehlen, so wie bei heidnischen Ritualen das Blut der geopferten Jungfrauen in die Brunnen floss. In den Trinkpausen schnappten sie sich uns kleine Jungs und texteten uns mit ihrem philosophischen Gequatsche zu, bis die nächste Pulle in Sicht kam. Ich war ein williger und aufmerksamer Zuhörer. Erst viel später begriff ich, dass ich durch Zufall Bekanntschaft mit Bukowskis Protagonisten geschlossen hatte, noch ehe ich richtig lesen konnte. Lange bevor ich den Autor kannte. Tja, seinem Schicksal entkommt man wohl nicht.

***

Was ein Samstagmorgen ist, wusste Serhij Platonow eigentlich nicht. Gewöhnlich gab er sich, nachdem er die ganze Woche über seine gesetzlich vorgeschriebenen Stunden in der Bank absolviert hatte, freitagabends mit seinen Kollegen in einer Bar die Kante, kam erst tief in der Nacht nach Hause, warf sich ins Bett und schlief bis zum nächsten Abend durch. Der Samstagmorgen existierte für ihn nicht. Vielleicht gab es ihn, aber seit der Schulzeit hatte Serhij keinen mehr im wachen Zustand erlebt.

An diesem Samstag lagen die Dinge allerdings anders. Gestern hatte er von seinem Chef für heute einen Sonderauftrag bekommen. Nichts Kompliziertes: Er sollte bei einer Tussi zu Hause vorbeischauen und herausfinden, warum sie ihren Kredit nicht zurückzahlte. Wenn möglich, sollte er außerdem klären, warum sie nicht nur die Zahlung verweigerte, sondern ebenso dreist die Anrufe und Briefe der Bank ignorierte, also den von ihr unterschriebenen Vertrag nicht einhielt. In der letzten Woche waren mehrere Mitarbeiter bei ihr gewesen, hatten jedoch niemanden angetroffen, wahrscheinlich war die Dame in der Arbeit. Auf der Arbeitsstelle, die sie im Vertrag angegeben hatte, kannte sie allerdings niemand. Es war eine Minutensache, er brauchte die Frau bloß zu erwischen und herauszufinden, ob wenigstens die Adresse stimmte, die sie angegeben hatte. Da Serhij als Bankmitarbeiter einen seriösen Eindruck hinterlassen wollte, war er Freitagabend nach der Arbeit nach Hause gegangen und hatte sich nüchtern schlafen gelegt. Zum ersten Mal seit langer Zeit.

Mit einem Stadtplan in der Hand lief er von der Haltestelle los. Das Haus, in dem die Klientin wohnte, musste irgendwo ganz in der Nähe sein. Nachdem Serhij ein paar Runden durchs Viertel gedreht hatte, stieß er auf eine breite Straße, die zu beiden Seiten von ausladenden Kastanien gesäumt war. ‚Sieht schön aus‘, dachte Serhij und bog in den Hof ein, an dessen Einfahrt er die gesuchte Nummer fand.

Der Hof war frühsommerlich grün und morgendlich warm. Er wurde von einer roten Ziegelmauer und einem Kindergarten begrenzt. Die Hausmeisterin klapperte mit Eimern, irgendwo rief mit tiefer Stimme der Milchmann, ein paar Katzen sprangen kreuz und quer auf einem asphaltierten Streifen herum. Das Haus erwachte gerade erst zum Leben. Die Chancen, Frau Labuha anzutreffen, standen gut. Lächelnd machte sich Serhij auf die Suche.

Er lief auf die Hauseingänge zu und studierte die Metallschilder, auf denen die Wohnungsnummern des jeweiligen Aufgangs standen. Die Zwölf war im zweiten. Die schwere Metalltür hatte einen Zahlencode. Drinnen dröhnte höllische Musik, der Bankangestellte erschauderte, obwohl es draußen schon heiß wurde. Fröstelnd zog er die Schultern hoch und spürte, wie sich kalte Schweißtropfen in sein blütenweißes Hemd setzten. Jetzt kam der Türcode.

Allzu schwer konnte es ja nicht sein, da die Firmen, die codegesicherte Türen einbauten, sich auf zwei Codes beschränkten. Serhijs zweiter Versuch klappte.

Quietschend sprang die Tür auf. Das Treppenhaus war kühl und verqualmt. Die sommergrünen Bäume und der heiße Asphalt blieben draußen, der Junior-Bankberater betrat das dämmrige Stiegenhaus. Lief ein paar Stufen hinauf und hörte wieder diese schreckliche Musik, fühlte eine glatte, kalte Schlange über seinen Rücken kriechen. Am liebsten wäre er umgekehrt, aber dann fiel ihm ein, dass Mitarbeiter, die Aufträge nicht ausführten, sich nicht lange hielten, also klammerte er sich fester an das hölzerne Treppengeländer.

Als erstes musste er feststellen, dass es im Erdgeschoss kein Licht gab. Nur auf die Tür mit der Nummer Dreizehn vor ihm fiel aus einem winzigen Fenster auf dem Treppenabsatz ein kleiner Lichtkegel. Serhij strengte seine Augen an und suchte an den Türen nach den Wohnungsnummern. Richtig. Zwölf bis Vierzehn. Er holte sein Handy aus der Tasche, um sich Licht zu machen.

Die Tür der Zwölf sah krass aus. Wie die meisten Büroangestellten holte sich Serhij seinen Kick bei Computerspielen, Sportwetten und Fernsehnachrichten. Da die ersten beiden Vergnügungen mit der Zeit auf die Augen und ins Geld gingen, hatte er sich auf die Nachrichten verlegt. Nachrichten aus Politik, Showbiz und Verbrecherwelt waren seine Leidenschaft. Und so hatte er vor einiger Zeit gesehen, wie die Eingänge zu Polizeirevieren nach Zusammenstößen mit griechischen Anarchisten aussahen. Hier bot sich ihm ein ähnlicher Anblick. Die Wand neben der Tür war schwarz vor Ruß, der Holzrahmen war angekohlt, an der rechten Seite baumelte an einem räudigen Draht hilflos wie ein Selbstmörder die Klingel. Die versiffte Tür war mit einem merkwürdigen Papierbild beklebt. Vor der Tür lag ein Fußabtreter aus Kunststoff mit der adretten Aufschrift Home Sweet Home, aber als Serhij versehentlich darauf trat, gluckerte es unter seinen Füßen. Als hätte sich die Hölle aufgetan, stank es plötzlich nach einem Gemisch aus Urin, Blut und Fusel. Blitzartig zog Serhij seinen besudelten Schuh von dem Abtreter zurück. Wieder huschte ihm die kalte Schlange über den Rücken und verschwand in der Leistengegend.

„Scheiße“, zischte Serhij und wischte seinen Schuh mit einem Taschentuch ab.

Serhij brauchte drei Minuten, um sich wieder zu fassen. Auf der Suche nach der richtigen Klingel leuchtete er nochmals die Wände ab, fand aber nichts.

‚Na gut, alles halb so wild. Ich klingle, stelle meine Frage und kratze die Kurve. Ab in die Bar. Dann hole ich den gestrigen Abend nach. Okay?‘, nahm er sich vor.

Der Gedanke an die Bar weckte Serhijs Lebensgeister. Er strich sich seufzend die Haare glatt, holte Mappe und Stift aus der Tasche und setzte sein schönstes Banklächeln auf.

Dann hämmerte er gegen die Tür. Er durchbrach mit den Fingerknöcheln das Papierbild, wischte die Finger an der Jeans ab und klopfte wieder. Einmal, zweimal, dreimal. Wieder diese grauenvolle Musik. Wieder kroch die Schlange unterm Hemd vom Hals abwärts, verschwand aber dieses Mal nicht, sondern rollte sich in der Leistengegend zusammen und zischte. Serhij wurde übel.

Drinnen änderte sich das Lied, die Melodie wechselte von schauerlich-schmachtend zu aggressiv. Platonow wartete kurz und wummerte jetzt mit der Faust gegen die Tür. Schritte erklangen, und eine alte, brüchige Stimme jaulte gegen die Musik an:

„Was iss?“

„Was soll sein?“, rief Serhij verwirrt zurück.

Das Echo flog hoch hinauf bis ins oberste Stockwerk und verklang erst unter dem Dach.

„Was los iss, will ich wissen! Was hämmerst du so gegen die Tür?“

„Ich möchte gern Vira Serhijiwna Labuha sprechen.“ Serhij schlug einen offiziellen Ton an.

„Und wer bist du, dass du mit mir sprechen willst, he?“

‚Sie ist tatsächlich ab und an zu Hause, na, bitte. Dann kann ich ja abhauen‘, dachte Serhij. Aber sein Ehrgeiz und der Wunsch, vor dem Chef gut dazustehen, kamen ihm in die Quere. Platonow war schon fast zur Tür hinaus, aber als er sich ausmalte, was sein Chef für ein Gesicht zöge, wenn er mit brandneuen Informationen über Vira Serhijiwna Labuha aufwartete, rief er:

„Die Bank will Sie sprechen!“

„Was denn für eine Bank zum Teufel?“, krächzte es drohend hinter der Tür.

Die Musik ging aus, und Serhij hörte Schritte von mehreren Personen, die die gerade eingetretene Stille durchbrachen.

„Sie haben bei uns im Februar einen Kredit über 13.000 aufgenommen und bislang noch keine einzige Rate gezahlt“, rief Serhij und fragte sich, wie diese Natascha aus der Kreditabteilung so jemandem überhaupt ein Darlehen gewähren konnte. „Jetzt machen Sie doch auf! Lassen Sie uns vernünftig reden! Ich habe alle Papiere dabei, ich kann Ihnen alles zeigen.“

„Aufmachen? Das könnte dir so passen! Ich mach auf, und du raubst mich aus oder vergewaltigst mich! Ich bin doch nicht blöd!“

Serhij stellte sich vor, was in dieser Bude hinter der verkohlten Tür wohl zu holen war und wie man eine Frau vergewaltigte, die so röhrte und laut Formular schon fast sechzig Jahre auf dem Buckel hatte. Ihn packte der Schrecken.

„Ich bitte Sie! Ich komme im Auftrag der Bank! Wie könnte ich denn?!“

„Ach was, und ob du kannst!“

Serhij überlegte und musste ihr insgeheim recht geben, dass jemand anderes das womöglich fertigbrachte. Aber nicht er.

„Vira Serhijiwna, nun machen Sie doch auf und lassen Sie uns vernünftig reden!“

„Scher dich zum Teufel, du Furz!“, blaffte ein versoffener Bass dazwischen.

„Jetzt mach mich hier mal nicht blöd an, Opi, sonst hol ich die Polizei, die lochen dich ein, da kannst du in der U-Haft deinen Müll ablassen.“ Serhij war auf hundertachtzig.

„Hau ab!“, wiederholte die Stimme, allerdings etwas versöhnlicher.

„Ich hol die Bullen“, erklärte Serhij seine Drohung mit einfachen Worten.

„Tu dir keinen Zwang an, denkst du, du bist der erste, der auf die Idee kommt? Na los, mach schon!“

Mittlerweile konnte Serhij die versoffenen und verrauchten Stimmen zuordnen. Das eben war Frau Labuha gewesen. Der Banker trat von einem Bein aufs andere, weggehen kam nicht in Frage, das würde ja sonst so aussehen, als hätten ihn die beiden vertrieben. Drinnen kam wieder Bewegung auf, die beiden schleppten etwas zur Tür, Serhij Platonow schweifte in Gedanken ab.

‚Warum tue ich mir das eigentlich an?‘, fragte er sich. ‚Ich verziehe mich jetzt, hole Natascha und Katja ab, wir machen eine nette kleine Kneipentour, und ich schau mal, welche von beiden schneller dicht ist, die kommt dann mit zu mir. Oder beide.‘ Sehnsüchtig kniff er die Augen zusammen. Auf einen flotten Dreier hatte er schon lange Lust, leider blieb er fern und unerreichbar wie die Paradiespforte für Politiker. ‚Verdammt, heute nehme ich sie beide. Gleichzeitig!‘, beschloss Serhij, und beflügelt von diesem Gedanken wollte er sich schon umdrehen und diesem spelunkigen Treppenhaus den Rücken kehren, bloß weg von der Labuha und ihrem Saufkumpan, weg von diesem triefenden und stinkenden Vorleger Home Sweet Home und überhaupt weg aus dieser absurden Situation, in die er da geraten war.

Doch genau in diesem Moment brachte sich die Kanaille mit ihrer brüchigen Stimme wieder in Erinnerung:

„Was ist, Banker, schon die Hosen voll?“

„Nein.“

„Zeig mal deine Papierchen her.“

„Wie soll ich Ihnen denn bitte schön die Papierchen zeigen, wenn Sie nicht mal einen Spion in der Tür haben?“ Serhij leuchtete mit dem Handy, konnte aber nirgends ein Guckloch entdecken.

„Schieb sie unter der Tür durch. Ich seh mir alles an, geb sie dir zurück und mache auf, wenn alles okay ist.“

„Vor Ihrer Tür hat einer hingepinkelt und hingekotzt. Wie soll ich da etwas durchschieben?“

„Das passt schon. Immer locker bleiben, Banker“, mischte sich die Männerstimme ein.

„Verpiss dich, du Arsch!“, ätzte Serhij. Diese verdammten Idioten stahlen ihm hier die Zeit und hielten ihn obendrein von seinem herrlichen und erschöpfenden, wenngleich momentan nur imaginären Sex mit Natascha und Katja ab.

Aber er hatte offenbar vergessen, wo er war. Vergessen, dass in den hiesigen Breiten unpassende Äußerungen, der gelaberte Scheiß sozusagen, üble Folgen nach sich ziehen konnten. Serhij hatte die letzte Silbe seiner Schmähung noch gar nicht ganz ausgesprochen, als es drinnen ein trockenes und dürres Krachen gab, dem eine ohrenbetäubende Explosion folgte.

Die Labuha und ihr Kumpan hatten buchstäblich in letzter Minute ihre alte Flinte rausgeholt und hinter der Tür in Position gebracht. Dass sie losging, überraschte nicht nur Serhij, sondern auch die beiden. Die Labuha konnte es nicht ausstehen, wenn jemand ihre Freunde dumm anmachte. Ganz zufällig hatten ihre Finger den Abzug betätigt. Das Gewehr knallte ihr gegen die Schulter, mit einem kinoreifen Krachen durchschlug die Kugel das dünne Holz und zerfetzte das bunte Papier. Im nächsten Moment vollführte Serhij eine elegante Drehung und landete schmerzbenommen neben der Nachbarstür. Seine Schulter fühlte sich an, als hätte man ihm einen Bolzen eingesetzt und festgeschraubt oder besser gesagt mit einem Fünf-Kilo-Hammer eingeschlagen. Sein weißes Hemd war voller Blut, die Hände gehorchten ihm nicht, die Zähne klapperten, als wollten sie die Schrotkugeln im kühlen, stillen Treppenhaus parieren. Wie die Blütenblätter einer Trauerrose lagen die besudelten Quittungen und Bankpapiere um ihn herum verstreut. In der Tür klaffte ein riesiges Loch, aus dem zwei eingefallene Gesichter herausschauten. Hinter den beiden Jammergestalten brannte gelbes elektrisches Licht, einzelne Strahlen fielen ins Treppenhaus und beleuchteten den entsetzten Serhij.

„Verpiss du dich doch!“, sagte der Alte und fletschte die Zähne. „Was ist, Schwuchtel?“ Er spielte auf die langen Haare des Besuchers an, die normalerweise in diesem Stadtteil nicht so getragen wurden. „Ist das Guckloch groß genug? Zeigst du uns jetzt die Papiere?“

„Sie … Sie …“ Zitternd versuchte Serhij, sich wenigstens in eine sitzende Position zu bringen und mit seiner Hand die Wunde zu bedecken, aus der Blut sprudelte. „Sie sind doch übergeschnappt!“

Für ihn war das Gespräch beendet. Er lehnte sich an die Tür und holte mit seiner gesunden Hand das Handy hervor. Dann rief er die Polizei an, gab die Adresse durch und schloss mit einem Seufzer der Erleichterung die Augen.

In seinem Kopf drehte sich alles, als er die Augen wieder öffnete, kamen aus den Gesichtern hinter dem Loch bunte Flecken auf ihn zugeflogen. Plötzlich ging die Tür auf, und zwei dunkle Gestalten traten in den Lichtkegel. Die eine hatte ein kleines Fleischerbeil und einen flaschenförmigen Gegenstand in der Hand, die andere hatte die Flinte geschultert. Serhij zuckte zusammen und wollte rückwärts, stieß aber gegen das kalte Metall der fremden Tür.

„Wir sind nicht übergeschnappt, Banker, keine Angst“, sagte die Gestalt mit der Flinte versöhnlich, in der Serhij Vira Serhijiwna Labuha erkannte.

Die Labuha rückte ihm auf die Pelle – der Junior-Bankberater schaute einer Sensenfrau ins Gesicht. Vira Serhijiwna hatte wasserstoffblond gefärbte Zotteln, die sie mit dem Brenneisen traktiert hatte, weswegen sie spröde und störrisch waren. Die Strähnen standen nach allen Seiten ab und erinnerten an die späte Pugatschowa. Vira Serhijiwna hatte eine Fahne und war grell und wild geschminkt, was Serhij zum wiederholten Mal die Schlange des Schauders über den Rücken jagte. Die Labuha hing leicht schwankend über dem Verletzten, den Finger hielt sie weiter am Abzug. Dass die Flinte wieder geladen war, stand für Serhij außer Zweifel.

„Nimm’s uns nicht krumm, Banker. Wir kennen dich nicht, du kennst uns nicht, so weit, so gut. Du fällst hier ein, machst uns dumm an, kommst mit irgendwelchen Forderungen und pöbelst dann auch noch den Holzfäller an. Was ist das überhaupt für eine Bank, deren Mitarbeiter sich gegenüber ihren Kunden dermaßen im Ton vergreifen?“ Sie tippte ihm mit dem Gewehrlauf an die gesunde Schulter, Serhij drehte sich weg.

Als Beweis, dass er wirklich ein Holzfäller war, holte der Typ mit dem Fleischerbeil theatralisch aus und setzte dann die Flasche an. Serhij verzog das Gesicht. Der Stoß mit dem Gewehrlauf holte den Angeschossenen ins Hier und Jetzt, in die Realität zurück: der unsägliche Schmerz, die blutende, kaputte Schulter, der verrenkte Körper, alles war wieder da.

„Können Sie vielleicht … einen Arzt rufen?“, stöhnte Serhij.

„Kriegst du, du kriegst deinen Arzt, mach dir nur nicht ins Hemd, Kleiner“, sagte der Holzfäller sanft und beugte sich ebenfalls über ihn.

Die Decke über Serhij bewegte sich, mal kam sie näher, mal entfernte sie sich, ihm war schwindelig. Er wollte sich zur Seite beugen und zur Tür kriechen, aber der Holzfäller schob sein Knie dazwischen. Der Alte hielt Serhij die Flasche hin, der schob sie zuerst weg, griff dann doch mit der gesunden Hand zu und nahm ein paar kräftige Schlucke. Wärme strömte durch seinen Körper und spülte den Schmerz fort.

Als die Labuha sah, dass der Banker am Wegtreten war, sagte sie:

„Tschuldigung, jetzt mal. Da ist mir der Kragen geplatzt, als du den Holzfäller angepöbelt hast.“

„Er hat ja angefangen.“

„Halt, halt, Freundchen, jetzt mal halblang. Er ist hier zu Hause, und du bist auf der Arbeit. Und wenn er dir die Krätze in den Arsch bläst, hast du nicht aufzumucken. Wir sind hier nämlich die Kunden, und du bist der Dienstleister. Also, Kumpel, du hast es versaut. Korrekt?“

„Nein.“

„Falsche Antwort. Der Kunde hat immer Recht. Du bist der Dienstleister, vergiss das nicht. Spiel dich hier bloß nicht so auf!“

„Wieso mussten Sie denn schießen, verdammt noch mal?“ Serhij war völlig fertig. „Und dann auch noch in die Schulter! Hätten Sie denn nicht vorbeischießen können?“

„Wollt ich ja“, rief die Labuha beschwichtigend. „Du kannst Gott danken, dass du noch am Leben bist, ich hätte genauso gut den Kopf treffen können, dann hätte sich’s ausgeschwafelt, kapiert?“

Serhij riss dem Holzfäller die Flasche aus der Hand und nahm noch ein paar kräftige Schlucke. Jetzt wurde es ihm richtig heiß, die Wunde fing an zu pulsieren, scharf und schmerzhaft, im Unterbauch rumorte es.

„Das war zu viel des Guten“, brummte der Holzfäller missmutig und setzte sich neben Serhij.

„Gönnst du mir wohl nicht, was? Das ist für den Arm!“

„Der Wodka gehört mir. Und geschossen hat Vira.“

„Na und?“

„Nichts. Du gehst mir auf die Ketten. Lass uns was machen.“

„Was machen?“ Serhij verstand nichts.

„Meine Seele verlangt, Dings, Entschädigung …“ Aus den Tiefen seines Unterbewusstseins hatte der Holzfäller dieses Wort hervorgekramt und ausgesprochen. „Du musst bestraft werden.“

„Wofür denn?“

„Für meinen Wodka, du Idiot!“

„Vira Serhijiwna“, wandte sich Serhij hilfesuchend an die Labuha. „Können Sie nicht beim Holzfäller ein gutes Wort für mich einlegen?“

„Hast du sie noch alle? Der hätte mich vorgestern beinahe zerhackt!“

„Dann kriege ich jetzt also eine Strafe für den Wodka? Und wer bestraft euch für den Arm?“

„Hast du die Polizei gerufen?“

„Ja.“

„Na, dann wart halt, bis sie kommen und uns bestrafen. Und wir bestrafen dich ohne die Bullen. Wir haben die doch nicht gerufen, Vira, oder?“

„Nein, haben wir nicht“, bestätigte sie.

Serhij schaute sie mit glasigen Augen an. Die Labuha setzte sich neben ihn, die altersschwachen Stampfer auf dem kalten Boden aufreizend gespreizt, und steckte sich eine Zigarette an. Hielt dem Holzfäller die Schachtel hin. Bot Serhij eine an. Der nahm sie, zog, und ihm wurde übel.

„Und was ist nun?“, fragte Serhij schicksalsergeben.

„Wir machen die Sache fair, wie bei den alten Wikingern.“ Der Holzfäller kam in Fahrt. „Wir überlegen uns was für dich, eine Bewährungsprobe. Wenn du Glück hast und die Probe bestehst, bist du unschuldig und aus der Sache raus. Wenn nicht, bestrafen wir dich.“

„Okay.“ Serhij gefiel die Idee.

„Also. Ich schlage Folgendes vor“ – der Holzfäller überlegte einen Augenblick – „Du hast deine Zigarette als Letzter angezündet. Wenn die Streife kommt, bevor deine Zigarette ausgeht, hast du Glück gehabt. Wenn nicht, hacke ich dir den Arm ab. Ist ja sowieso Schwachsinn – ein angeschossener Arm. So kriegst du wenigstens Schmerzensgeld. Arbeitsunfall! Geschnallt?“

„Klar.“

„Einverstanden?“

Serhij ließ seinen Blick durchs enge Treppenhaus schweifen, zog an der Zigarette und willigte ein.

Die Schnapsflasche kreiste, jeder nahm immer genau einen Schluck. Serhij blickte wieder und wieder zur geschlossenen Haustür und versuchte sich an ein Gebet zu erinnern. Der Holzfäller fuhr mit seinem kleinen Finger zärtlich über die Klinge des Fleischerbeils und lächelte. ‚Na, Platonow, wie wär’s jetzt mit einem flotten Dreier? Klasse, verdammt, aber irgendwie schräg‘, schoss es Serhij durch den Kopf, schnell hatte sich der Gedanke wieder verflüchtigt.

Als Erste drückte die Labuha ihre Zigarette aus. Eine halbe Minute später der Holzfäller. Er stand auf, presste Serhijs Körper mit dem Knie gegen die Tür und hob dessen verletzten Arm an. Serhij Platonow, der Nachwuchsbanker, hatte wieder Schmerzen und heulte auf. Ihm blieben vielleicht noch zwei Züge. Beim letzten Zug bremste ein Fahrzeug vor der Haustür, Leute stiegen aus, Füße trappelten.

Mit einem Schlag flog die Tür auf, der anrückenden Polizeistreife bot sich ein groteskes Bild: Auf dem Fußboden vor einer blutbespritzten Wand und Tür sitzen drei Leute. Ein junger Mann, in einem ehemals weißen Hemd, betrunken, das sieht man von weitem. Der Zweite, alt, versifft, mit einem Fleischerbeil in der Hand, presst den Ersten gegen die Wohnungstür und hält dessen Arm nach oben in der Absicht, ihn abzuhacken. Neben diesen zwei Vollidioten fläzt Vira Labuha, die ewige Skandalnudel des Viertels. Der Chef der Streife war sofort im Bilde.

„Sauberer Anblick. Was ist hier los, Vira?“

„Dd-der bb-esoffene Hirni da w-wollte bei mir und dem Holzfäller einbrechen“, lallte die Labuha.

„Stimmt das?“, wurde der Holzfäller gefragt.

„Genau so war’s, Genosse Natschalnik, die reinste Wahrheit. Ich wollte ihm einen Denkzettel verpassen, sonst kommen hier noch Hinz und Kunz an.“

„Ihm den Arm abschlagen?“

„Tja, was hilft’s? Ordnung muss sein.“

„Du bist so was von beschränkt, und dabei warst du doch mal am Theater“, mokierte sich der Polizist.

Die Streife fasste den stockbesoffenen Serhij unter und zerrte ihn auf die Straße. Das grelle Grün reizte ihn, ihm wurde schlecht, er musste sich übergeben. Die Polizisten waren anständig. Sie kauften ihm Mineralwasser und gaben ihm ein paar Ohrfeigen, damit er zu sich kam. Nahmen ihn mit aufs Revier.

Eine Stunde später saß der Junior-Bankberater Serhij Platonow auf einer Bank vor dem Polizeirevier, immer noch benebelt, aber immerhin mit einem bandagierten Arm und einem halbwegs frischen Kopf. Er erzählte, was passiert war, oder besser gesagt, das, woran er sich noch erinnerte. Der Oleu hörte ihm zu und seufzte zerknirscht.

„Arschgeige. Nicht mal am Samstag lässt einen die blöde Kuh in Ruhe. Wenn du wüsstest, wie die Alte uns auf den Sack geht. Die hat hier schon Generationen von Polizisten verschlissen.“

„Krasse Omi“, sagte Serhij mitfühlend.

Er raffte sich auf und erhob sich mühsam, um sich auf den Weg zu machen, zuerst zur Haltestelle und dann nach Hause. Aber die kräftige Polizistenhand hielt ihn zurück.

„Moment mal, Kumpel, ’n Fünfer wär eigentlich ganz angebracht.“

„Wofür das denn, verdammt?“, fragte Serhij verwundert.

„Na hör mal, schließlich haben wir wegen dir Benzin verfahren, dir Wasser gekauft, einen Verband gemacht und deine Kotze weggewischt.“

„Ja, stimmt schon …“

„Na, siehst du. Ich will doch gar nicht viel. Eine kleine Entschädigung. Alles ganz fair.“

„Wie bei den Wikingern, ich weiß schon“, sagte Serhij und lächelte schief, weil er dieses seltene Wort heute zum zweiten Mal hörte. Er warf einen zerknitterten Fünfer auf die Bank und torkelte zur Haltestelle.

Wohnung 13
Revolte

„Wie denn?“

„Sieh’s dir selbst an.“ Der ältere der beiden Männer zog ein Schubfach auf und warf einen Stapel Dokumente auf den Schreibtisch.

„Was ist das?“ Über den Tisch gebeugt, schob Raschid die Papiere zusammen und richtete sie an der Tischkante zu einem akkuraten Stapel. Ordnung war ihm wichtig.

Machmed zündete sich eine Zigarette an und rannte in die Küche, um den kurz zuvor aufgebrühten Tee zu holen. Er schickte den Rauch mit einem so glücklichen und geheimnisvollen Blick in Richtung Decke, dass Raschid ihn kopfschüttelnd anschaute und sich dann wieder den Papieren widmete. Irgendwann reichte es ihm und er schob die Unterlagen wieder seinem Kumpel zu.

„Schluss mit dem Zirkus. Ich kapier bloß, dass es irgendein juristisches Dokument ist. Mein Ukrainisch ist ziemlich mau, wie du weißt. Was ist das?“

„Das, mein Lieber, ist unser Ticket in eine glückliche Zukunft.“

„Hör auf mit dem Gelaber!“

„Guck doch mal richtig hin!“

Machmed griff noch einmal in das Schubfach und holte einen broschierten Stadtplan heraus. Er blätterte, fand die Seite mit dem richtigen Stadtteil und legte sie aufgeklappt auf den Tisch. Zwei Wuschelköpfe beugten sich über die Karte.

„Letzte Woche habe ich mich mit Zhorik getroffen. Kannst du dich an den noch erinnern?“

„Ist das der Hirsch von den Märkten? Klar erinnere ich mich an den.“

„Genau der. Der vor ein paar Jahren die ganzen Märkte in Makijiwka aufgekauft hat. Scheiß Monopolist.“

„Und weiter?“

„Na, der sitzt doch seit letztem Herbst für die Regierungspartei im Stadtrat. Im Frühjahr wollte er unsere Leute irgendwie übern Tisch ziehen, die waren kurz davor, ihn abzustechen. Und ich hab ihn rausgehauen.“

„Stimmt, da war was.“

„Also, mit dem habe ich mich letzte Woche getroffen und ihm gesagt, dass ich auf seinem Markt einen großen Laden bauen will. Und dass ich Baugrund brauche.“

„Auf der Puschka?“

„Exakt. Die liegt für uns günstig. Super Platz.“

„Und er? Er hat doch nicht etwa verkauft?“

„Erst hat er ein bisschen rumgezickt, von wegen da gäb’s ein juristisches Problem, ich als Machmed Sultanow könne keinen ukrainischen Grund und Boden erwerben. Dann hab ich ihm klargemacht, wie viele wir hier in der Stadt sind und dass wir ihm ordentlich die Hölle heiß machen können. Und dass er mir sein Leben verdankt, weil ich, Machmed Sultanow, angeordnet habe, dass er in Ruhe gelassen wird. Der ist ja jetzt richtig an der Macht, da oben.“

„Ja, klar.“

„Er soll sich was einfallen lassen, hab ich ihm gesagt, und zwar schnell.“

Raschid schielte auf die Dokumente und sagte lächelnd:

„Der hat vielleicht Schiss! So schnell hat der das hingekriegt?“

„Vor uns haben alle Schiss“, rief Machmed gehässig und blickte auf die Papiere. „Absolut alle. Aber das ist nicht das Ding.“

„Ach so.“

„Diese Ratte hat sich nach unserem Gespräch so ins Hemd gemacht, dass er gestern Morgen im Stadtrat gleich irgendein Gesetz durchgebracht hat, das dieses juristische Problem behebt. Wir können jetzt kaufen. Also habe ich gekauft.“

„Ach, so schnell? Gratuliere!“

„Halt, nicht so schnell. Weißt du, was da alles dahintersteckt?“, wollte Machmed wissen.

„Na, was soll da dahinterstecken? Du ziehst ein neues Business auf. Baust einen Laden, am besten gleich über mehrere Etagen. Das wirft mehr ab. Und dann machst du ordentlich Kohle. Wenn du meine Hilfe brauchst, du kannst auf mich zählen, weißt du ja. Ich kann dir Leute besorgen, wenn’s was zu bewachen oder zu verteidigen gibt. Und Baumaterialien. Kein Problem, du kannst dich auf mich verlassen.“

„Du raffst es nicht. Bei dir muss man immer im Urschleim anfangen.“

Raschid lehnte sich auf seinem Stuhl zurück und schwieg beleidigt. In der Wohnung war es still, nur durch das geöffnete Küchenfenster drangen von draußen sommerliche Geräusche.

„Jetzt krieg dich mal ein, Alter. Was soll das denn? Hör lieber zu.“ Machmed faltete die Hände, als wollte er beten, und schaute seinem Kumpel auf den Nasenrücken. „Zhorik, diese Ratte, hat derart Schiss um sein Leben, dass er sogar bereit ist, den heimatlichen Boden Stück für Stück zu verkaufen. Wir haben Schwein, dass jetzt solche korrupten Idioten am Ruder sind. Und wir machen jetzt Folgendes.“

Machmed schlug den Stadtplan auf und winkte Raschid heran. Der hatte seinen Ärger schon vergessen und beugte sich voll konzentriert über den Tisch.

Der Ältere tippte auf einen Punkt in der Nähe ihres Hauses.

„Hier. Hier werden wir bauen.“

„Puschka, oder?“

„Genau. Und jetzt sieh mal hier“, Machmed blätterte weiter und schlug eine Seite mit einem anderen Stadtviertel auf. „Hier wird sich unser Freund Abdul ein Grundstück holen. Und hier“ – er blätterte noch ein paar Seiten weiter – „die Brüder Achmudow, Achmed und Raschid. Die sind noch neu, Zhorik kennt sie noch nicht so gut, deswegen hat er vor ihnen nicht so viel Angst. Hier könnten wir deine Jungs gebrauchen, um den Ochsen ein bisschen einzuschüchtern. Kapiert?“

„Klar. Dann haben wir auf allen Märkten eigene Läden. Krass, Machmed, voll krass! Da kommt ordentlich was rüber.“

„Das ist noch nicht alles. Guck mal weiter. Das ist nur Makijiwka. Das Gesetz schließt aber den ganzen Oblast ein, das heißt, wir können im ganzen Donbass Land kaufen! Wo’s klappt, machen wir ’n bisschen Druck und holen uns die Flächen für ’n Apfel und ’n Ei, wo nicht, nehmen wir einfach Geld in die Hand. Hauptsache, dass es bis zum Spätsommer auf möglichst vielen Märkten schon mit den Bauarbeiten losgeht.“

„Tss, machst neuerdings einen auf Oligarch, was?“

„Quatsch, wir drehen ein richtig großes Ding.“

„Versteh ich nicht.“ Raschid rieb sich nervös die Stirn.

Anstatt Raschid zu antworten, lief Machmed ins Nachbarzimmer und setzte sich an den Computer. Raschid folgte ihm.

Seine Finger huschten über die Tasten, während er seinen jüngeren Kumpel aufklärte: „Laut der Volkszählung von 2001 leben 45200 von uns in der Ukraine, die meisten in den Städten. So steht’s bei Wikipedia. 8000 im Gebiet Donezk, im Gebiet Charkiw 5600 und genauso viele im Gebiet Dnipro. Wir haben ziemlich zugelegt, zwischen 1960 und 1990 ist die Zahl um das Fünfeinhalbfache gestiegen. Hast du’s begriffen?“

„Mmh, so ungefähr.“

„Nach 2001 hat’s keine Volkszählung mehr gegeben. Keine Ahnung, was mit den Ukrainern los ist, ob sie kein Geld haben oder keine Zeit. Wahrscheinlich ist es den Typen, die da am Ruder sind, einfach scheißegal, was hier im Land abgeht. Deswegen machen die auch keinen Finger krumm.“ Machmed zeigte auf die Wikipedia-Seite, die sich endlich aufgebaut hatte. „Ich war schon hier, als die Zählung 2001 stattgefunden hat. Schon damals waren wir mindestens doppelt so viele, wie in der Statistik steht. Keine Ahnung, wie’s in anderen Oblasts aussieht, von denen sie da noch schreiben, aber im Donbass auf jeden Fall. Schon damals war die Hälfte von uns illegal hier.“

„Das war vor meiner Zeit.“

„Weiß ich, weiß ich doch. Worauf ich hinauswill: Seit der letzten Volkszählung sind wir viel mehr geworden. Wir machen im Prinzip den ganzen Kleinhandel, wir kontrollieren auch die Märkte, obwohl der Boden Leuten von hier gehört. Wenn wir wollten, könnten wir hier in der Region die Macht übernehmen.“

„Das hast du schon gesagt. Aber wie du das anstellen willst, möchte ich mal wissen.“

„Hier in der Region, also in unserem Oblast, leben die meisten von uns. Nach der Statistik von 2001, das heißt nach den Angaben von vor fünfzehn Jahren, sind wir achttausend. Nach meinen eigenen Berechnungen müssten wir vierzig- bis fünfzigtausend sein.“

Raschid antwortete mit einem Pfiff. Er trat vom Bildschirm zurück und lief im Zimmer auf und ab, um die Beine zu lockern. Er steckte sich eine Zigarette an und gab auch Machmed Feuer. Der Rauch stieg nach oben, ein Luftzug wehte ihn hinaus auf die Straße.

„Krass. Jetzt hab ich kapiert, worauf du hinauswillst.“

Raschids Miene änderte sich. Seine Bewegungen wurden forsch und zackig, ein gieriger Glanz trat in seine Augen.

„Ich hab’s verstanden. Wir kaufen möglichst viele Flächen und tun so, als würden wir Geschäfte bauen. Deswegen bist du auf die Märkte aus, weil die uns ja sowieso schon gehören, das fällt nicht weiter auf.“

„Genau, Raschid, ganz genau.“

Fasziniert vom Plan seines Freundes, fuhr er fort: „Und mit der offiziell genehmigten Bautätigkeit legalisieren wir unsere Landsleute, sie werden legale Arbeitnehmer.“

„In einem Land, wo die Regierung keinen Finger krumm macht, bleiben die Zahlen allerdings immer gleich …“

„Und deswegen kommen über die Wege, die wir zwei genommen haben, tausende neue Landsleute nach.“ Raschids Gedanken überschlugen sich.

„Bravo!“

Raschid tigerte durchs Zimmer, dauernd waren ihm ein Tisch, ein Stuhl oder eine Wand im Weg, aber er ignorierte das einfach.

„Und? Weißt du jetzt, wie’s dann weitergeht, du Nase?“, spornte Machmed ihn an.

„Ja! Wir können ja alle mit Waffen umgehen, seit wir klein sind. Na ja, vielleicht nicht alle, aber die meisten. Und wenn erst alle ihre Posten haben, reicht ein Signal, und wir übernehmen die Macht!“

„Perfekt, Kumpel! Ich weiß doch, was ich an dir habe. Du bist also dabei? Wir müssen mal mit denen sprechen, die schon Einfluss haben, bei dem einen oder anderen müssen wir vielleicht mit einer Extraerklärung nachhelfen, aber die meisten machen sicher gleich mit. Der Donbass gehört uns schon lange, jetzt wird’s Zeit, dass wir hier endlich offiziell an die Macht kommen.“

In diesem Augenblick knallte im Treppenhaus ein Schuss. Dann kam ein kläglicher Schrei. Schnell liefen Raschid und Machmed in die Abstellkammer neben der Küche und stürmten dann zur Wohnungstür. Beide hielten Baseballschläger in der Hand, die sie kurz zuvor auf dem Zentralen Basar gekauft hatten, Raschid hatte sich noch ein großes Messer mit einer krummen Klinge in den Gürtel geschoben.

Die beiden Männer lauerten angespannt hinter der Tür. Machmed nahm ein Blatt Papier vom Tisch und wedelte damit vor dem Spion herum, um herauszufinden, ob die Waffe auf ihre Wohnung gerichtet war. Es passierte nichts, draußen vor der eisenbeschlagenen Tür waren Stimmen zu hören.

„Was ist denn da los?“, flüsterte Raschid.

Machmed schaute ihn schweigend an und trat an den Spion. Wieder wedelte er mit dem Blatt hin und her und schaute dann vorsichtig durch das Guckloch.

Mit dem Rücken an die Tür der Nachbarwohnung gelehnt, saß da ein junger Mann in einem weißen, blutverschmierten Hemd. Über ihm hing Vira, die Kanaille, ein Gewehr geschultert, neben ihr ein Typ mit einem Beil. Machmed sah ihn manchmal beim Friseur am Busbahnhof und auf dem Markt an den Ständen mit Katzenfutter. Er hatte einen dämlichen Namen, der irgendwie kriminell klang, Koljan oder Toljan.

Toljan-Koljan reichte dem Jungen eine angebrochene Flasche Wodka, der nahm eine paar kräftige Schlucke und ächzte. Die drei redeten irgendwas, durch die Tür war allerdings nichts zu verstehen. Es sah so aus, als wollten sie den Verwundeten auf der Stelle, mitten im Treppenhaus, kaltmachen.

„Was is’n los?“, fragte Raschid wieder, diese Mal lauter.

Machmed schüttelte den Kopf, keine Panik, nichts weiter, sollte das heißen. Aber er ließ den Schauplatz nicht aus den Augen.

Für den Verletzten sah es nicht gut aus: Die drei hatten sich eine Zigarette angezündet, Labuhas Busenfreund zerrte den Arm des Jungen in die Höhe, presste ihn gegen die Wand und fuchtelte mit seinem Beil herum. Weiter passierte nichts.

„Schweine“, rief Machmed, er riss sich von dem Schauspiel los und überließ seinem Kumpel den Platz.

Raschid sah, was los war, und schaute seinen Freund fragend an.

„Was ist?“, fragte der verständnislos.

„Sollen wir den Jungen raushauen? Die gehen zu weit.“

„Gestern wär das noch was anderes gewesen. Da hätte ich die ausgelutschten Alkis in ihre Hütte zurückgescheucht. Und den Jungen ins Krankenhaus gefahren.“

„Und warum nicht heute?“

„Wir müssen uns für eine größere und wichtigere Sache schonen.“

„Stimmt, verdammt“, zischte Raschid. „Oder soll ich vielleicht doch …? Die zwei rennen doch schon weg, wenn ich nur zur Tür rausgucke!“

„Guck dir die mal an! Denen geht alles am Arsch vorbei! Die rennen nicht weg. Die Kanaille hat ein Gewehr und ihr Alter ein Beil. Lass es lieber, ich brauch dich noch.“

„Na, gut.“ Widerwillig lenkte Raschid ein, und seine Hand ließ das Messer los.

Er schaute nervös durch den Spion ins dämmrige Treppenhaus und hatte vor Wut die Fäuste geballt. Draußen stand das Finale an, alle bis auf den Jungen hatten aufgeraucht, und auch ihm blieben noch höchstens drei Züge. Der Typ fuchtelte mit seinem Fleischerbeil herum, auf dem Gesicht der Kanaille stand ein wildes, wirres Lächeln, plötzlich flog die Haustür auf, und ein paar Polizisten stürmten herein.

Raschid wich zurück und griff wieder nach seinem Messer. Die beiden tauschten ein paar angespannte Blicke, dann kehrte Raschid verunsichert zur Tür zurück. Doch das Treppenhaus war bereits leer. Er sah nur noch den Rücken der beiden Polizisten, die im hellen Viereck der Haustür verschwanden, und eine dunkle Blutlache, deren Ränder fast bis an ihre Wohnungstür heranreichten.

Alles war wieder still.

„Was war denn das?“, fragte Raschid seinen Boss.

„Was schon? Die Alte macht mal wieder Party. Wann holt die endlich der Teufel?“

Die beiden Umstürzler beruhigten sich. Um runterzukommen, machten sie sich einen Tee und rauchten eine, redeten über andere Themen und legten die Baseballschläger und das Messer zurück in die Abstellkammer. Sie liefen noch ein paar Mal zur Tür, horchten auf die Stimmen im Treppenhaus, schauten hinaus, aber dort war es ruhig.

„Also, wo waren wir stehengeblieben?“, fragte Machmed und ging zurück zum Tisch.

„Dass der Donbass uns gehören wird.“

„Eigentlich gehört er uns ja schon. Aber die formale Machtübernahme, die fehlt noch.“

„Moment mal. Alles gut und schön. Aber wozu brauchen wir den Donbass überhaupt? Was machen wir dann damit?“

„Ist doch ganz klar. Wir rufen, sagen wir mal, unsere Republik aus, dann können wir schalten und walten, wie es uns beliebt, können noch mehr Landsleuten herholen, hier ist das Klima doch angenehmer als in der alten Heimat“, erklärte Machmed.

„Die werden uns einfach vernichten. Physisch vernichten. Glaubst du nicht?“

„Nein“, sagte der Boss lächelnd. „Ich schaue mir ja immer die Nachrichten an, und deswegen weiß ich, dass sie mit Terroristen – in ihren Augen sind wir ja Terroristen – verhandeln bis zum Abwinken, und sie schießen erst, wenn alles total danebengeht. In den Verhandlungen müssen wir was rausschlagen. Uns mehr Spielraum verschaffen, als wir bislang haben.“

„Na gut. Und wann? Wann schlagen wir los?“

„Ich hab das mal ausgerechnet. Wenn unsere Leute mitmachen, dann gehen wir folgendermaßen vor: Jetzt haben wir Mitte Juli, korrekt?“, begann Machmed.

„Korrekt.“

„Dann bereiten wir jetzt alles vor, und ab August wird gebaut. Auf den Grundstücken, die wir gekauft haben, legen wir geheime Waffenlager an.“

„Und wo kriegen wir die Waffen her? Das kriegen die doch spitz, wenn wir hier massenhaft Schusswaffen kaufen.“

„Zhorik hat da einen Kumpel, der würde dir seine eigene Mutter verkaufen, der stellt keine Fragen. Den hauen wir an.“

„Leute gibt’s …“

„Und weil sie solche Idioten sind, haben sie hier nichts zu suchen. Wir schalten sie aus … Jetzt hab ich den Faden verloren, Mann … Ab Herbst holen wir uns dann neue Leute aus der alten Heimat. Mit den Bauarbeiten müssen wir uns nicht groß aufhalten, die sind ja nur zur Tarnung.“

„Logisch.“

„Mehr ist es nicht. Und die Macht übernehmen wir, wenn die Leute hier so abhängen, dass sie auf alles scheißen.“

„Wann wäre das?“

„Neujahr. Am 1. Januar gegen fünf Uhr morgens schwärmen wir in kleinen Einheiten zu den wichtigsten strategischen Punkten aus.“

„Eine echte Revolte!“ Raschid war vor Freude ganz aus dem Häuschen.

„Genau. Stück für Stück geht die Macht in der Stadt auf uns über. Hast du mal ausgerechnet, wie viele bewaffnete Männer man braucht, um am 1. Januar morgens den Bahnhof zu besetzen? Ganze fünf! Wir entwaffnen die Polizei und die Wachleute, und schon gehört der Bahnhof uns. So machen wir es auch mit den Busbahnhöfen, der Stadtverwaltung und so weiter. Aber als erstes sind die Netze dran. Eine Stunde vor der großen Attacke besetzen wir die Büros der Mobilfunkanbieter und kappen das Festnetz. Am ersten Januar früh merkt keiner, dass die Stadt uns gehört. Und diejenigen, die es merken, können sich nicht wehren.“

„Zuerst das Internet! Wenn du diesen Ukrainern das Internet abschaltest, sind sie hilflos wie Katzenbabys.“

„Bist du sicher?“

„Absolut sicher. Kriegst du mit, was bei denen los ist? Die haben sich irgendwie total aufgegeben. Ein paar Kommentare und Likes in den sozialen Netzwerken, das ist alles. Richtigen Widerstand können die nicht leisten. Trenn sie vom Netz, und sie wissen gar nichts mehr mit sich anzufangen. Es lohnt sich für sie nicht mehr, sich zu wehren. Und das nutzen wir aus, mein Lieber.“

„Gut, dann fangen wir mit dem Internet an. Was jetzt? Ich rufe heute noch ein paar von den wichtigen Leuten an, dann setzen wir uns in den nächsten Tagen mal zusammen und besprechen alles.“

„Die Sache läuft, Alter!“

„Na dann: Prost!“

Die Umstürzler erhoben die Gläser mit dem kalt gewordenen Tee und stießen auf den Erfolg ihrer Idee an. Sie leerten ihre Gläser auf ex und knallten sie auf den Tisch.

Es war das erste Warnsignal, das in der juliheißen, erschöpften Stadt natürlich niemand hörte.

Wohnung 14
Gerhard Freis Jugendjahre

Wer Gerhard Frei war, weiß heute niemand mehr. Vor über sechzig Jahren war der Name hier in der Stadt in aller Munde.

Nach dem Zusammenbruch des Dritten Reiches kam Frei wie Tausende andere Deutsche als Kriegsgefangener hierher zu uns und musste auf dem Bau arbeiten. Er war kurz vor Berlin gefangengenommen worden. Erst als er von der Kapitulation erfuhr, streckte er die Waffen, und seit er in Gefangenschaft war, verhielt er sich still und fügsam.

Äußerlich wirkte er nicht älter als fünfunddreißig und sah gut aus, deswegen hatte die Frau, die die Gefangenen registrierte und ihnen die Arbeiten zuteilte, ein besonderes Auge auf ihn.

Gerhard Frei saß aufrecht vor ihr und wippte leicht mit dem Stuhl. Ein großer, schlanker Blondschopf. Er lächelte freundlich und schwieg. Nur seine grauen, müden Augen schauten kühl durch die Brille. Die Frau sah ihn an, kurz blieb ihr Blick an dem kindlich blonden Strubbelkopf hängen. Sie musste an Wassyl denken, ihren Mann, der 1941 eingezogen und bei der Befreiung von Kiew als Kanonenfutter geopfert worden war, und seufzte. Ende November hatte man ihr die Gefallenenmeldung überstellt und ihr – pünktlich zum Jahrestag der Oktoberrevolution – zur Einnahme Kiews gratuliert. Für sie war das kein Trost, sie begriff die Symbolkraft und die historische Bedeutung dieser militärischen Operation nicht, vielleicht weil Wassyl wirklich ein Teil von ihr gewesen war, der obere Teil, um genau zu sein. Wassyl hatte sie immer angehalten, Kopf und Herz gleichermaßen zu gebrauchen. Jetzt war Wassyl tot, ein MG-Schütze hatte ihn in den kalten Dnipro befördert, und seitdem fühlte sie sich wie amputiert, als wäre sie nur ein halber Mensch, als fehlte ihr die obere Hälfte. Sie konnte keine Lust mehr empfinden außer auf Essen und auf einen Mann.

„Sag mal, …“ – sie stockte, weil sie den deutschen Namen des Gefangenen nicht so schnell herausbrachte – „Gerhard, warst du vielleicht gerade in Kiew, als unsere Armee die Stadt befreit hat?“

Frei schaute sie noch konzentrierter an. Er konnte kein Ukrainisch, außer „Kiew“ und seinem Namen hatte er nichts verstanden. Er schwieg und überlegte, was sie wohl von ihm wollte. Vorsichtshalber schüttelte er den Kopf.

‚War er also nicht‘, dachte sie und seufzte noch einmal. Dann vertiefte sie sich in seine Papiere.

Die nächsten Minuten vergingen unter dem gleichmäßigen Ticken der Wanduhr und dem Rascheln der Seiten. Plötzlich stutzte die Frau. Als sie den seltsamen Vermerk sah, runzelte sie die Stirn, rieb sie. Zog die Augenbrauen hoch. Blätterte ein paar Seiten zurück, las etwas nach, sprang zum Ende der Unterlagen, dann wieder zum Anfang, presste ihre Finger gegen die pulsierenden Schläfen und las alles noch einmal ganz aufmerksam durch.

Das Ergebnis missfiel ihr, sie schaute Frei verunsichert an. Der Gefangene saß immer noch aufrecht und wippte leicht mit dem Stuhl, um seinen Mund spielte ein feines Lächeln.

„Walera!“ – die Frau nahm das Glöckchen, das neben ihr auf dem Tisch stand – „Walera, kannst du mal kurz kommen?“

Im Nebenraum polterten Schritte, einige Sekunden später wurde die Tür aufgerissen, und Walera, der Übersetzer, kam herein.

„Was gibt‘s, Genossin Mykytenko?“, ratterte er nur halb korrekt, aber in aufrechter Haltung.

„Komm mal her und sieh dir das an“, rief sie und winkte ihn mit einer Hand heran, während sie mit der anderen auf den Stapel Dokumente wies, der vor ihr lag.

Walera beugte sich über den Tisch und starrte auf die Stelle, auf die die Frau getippt hatte. Dann durchforstete er, wie Mykytenko eben, den gesamten Ordner und schaute sie verwirrt an:

„Völlig verrückt. Sicher ein Irrtum oder ein Witz.“

„Jetzt frag ihn doch, Walera, na, mach schon!“

Walera richtete sich auf, und während er vor dem Stuhl, auf dem der Gefangene saß, auf und ab lief, bediente er sich der deutschen Sprache. Allerdings sprach er Frei nicht direkt an, sondern schleuderte die Wörter und Sätze einfach in den Raum:

„Wie heißen Sie?“

„Gerhard Frei.“

„Geburtsort?“

„Köln.“

„Geburtsjahr?“

„1611“, antwortete Frei gelassen und lächelte bissig.

„Bringen Sie da auch nichts durcheinander?“, hakte Walera nach.

„1611“, wiederholte der Gefangene laut und deutlich und räkelte sich, dass seine Gelenke knackten.

„Wissen Sie, welches Jahr wir jetzt haben?“

„Ja, natürlich“, sagte der Deutsche und lächelte weiter.

Walera drehte sich zu seiner Chefin um und sagte:

„Der Deutsche hier behauptet, fast 350 Jahre alt zu sein. Angeblich wurde er Anfang des 17. Jahrhunderts geboren.“ Um seine Worte zu bekräftigen, tippte Walera mit dem Finger auf das Datum, das Genossin Mykytenko stutzig gemacht hatte.

„Aber das kann doch nicht sein, das verstehst du doch.“

„Ja.“

Walera drehte sich noch einmal zu Frei um.

„Sie wollen also über 300 Jahre alt sein?“

„Ja.“

„Wurden Sie bei Ihrer Gefangennahme nach Ihrem Geburtsdatum gefragt?“

„Ja.“

„Und alle haben das so hingenommen?“

„Ja“, antwortete der Deutsche zum dritten Mal.

Walera fragte sich, wie es allen Verantwortlichen in der Armee entgangen sein konnte, dass der Gefangene über 300 Jahre alt sei, und konnte es nicht fassen.

„Na gut, vielleicht haben sie das einfach so hingeschrieben, ohne groß nachzudenken“, sagte er unwirsch. „Aber wir müssen der Sache nachgehen.“

„Tun Sie das!“ Frei lächelte überheblich.

„Still!“, mischte sich Genossin Mykytenko ein, die dem Gespräch nicht folgen konnte, aus dem Lächeln des Deutschen allerdings schloss, dass er überlegen war.

Walera machte eine beschwichtigende Handbewegung, die Frau setzte sich, Frei schwieg.

„Wie haben Sie die 300 Jahre denn geschafft?“

„Ganz einfach.“

„Ich kenne niemand anderen, der so alt ist.“

„Ich auch nicht.“

„Und wie haben Sie das bewerkstelligt? Und noch dazu in einer, wenn ich so sagen darf, mehr als ansprechenden Aufmachung?“ Er spielte auf Freis jugendliches Aussehen an.

„Sie glauben mir ja sowieso nicht.“

„Erklären Sie es mir, ich gebe mir Mühe.“ Mit einem süßlichen Geheimdienstler-Lächeln ging er auf den Gefangenen zu.

Gerhard Frei schaute ihn an und erzählte seine Geschichte:

„Wenn du Deutscher wärst und in Köln leben würdest, könntest du mit dem Namen Frei was anfangen. Wir sind eine Dynastie von Zauberern. Mein Großvater konnte Kunststücke, gegen die eine Lebensverlängerung von dreihundert Jahren ein Klacks ist. Er kam auf den Scheiterhaufen, weil er verdächtigt wurde, mit dem Teufel im Bund zu stehen, was, mit Verlaub gesagt, auch stimmte. Leider bin ich nicht so mächtig, mein Großvater hat es nicht geschafft, mir alles beizubringen, aber fremde Seelen zu holen und den Körper jugendlich zu halten, dafür reicht es gerade noch. Wenn du mir nicht glaubst, können wir uns gern in hundert Jahren noch mal verabreden und das Thema wieder aufgreifen.“

„Na, ganz sicher. Soll das heißen, du bist unsterblich?“

„Na klar, du Trottel. Ich lebe das 336. Jahr, da liegt das doch auf der Hand, oder?“

„Nun gut. Dann treffen wir uns in 100 Jahren wieder.“

Er wandte sich von Frei ab, setzte sich neben seine Chefin, blätterte in den Unterlagen und fragte sie:

„Ist der eigentlich mal beim Psychiater gewesen?“

„Ja, hier ist die Bescheinigung.“ Sie zeigte ihm ein Dokument.

„Perfekt. Hier steht, er ist gesund.“

„Wieso?“

„Er hat mir gerade erzählt, er sei ein Zauberer und damit unsterblich. Wenn Sie mich fragen – der will sich einfach vor der schweren Arbeit drücken. Also …“

„Also“, griff Genossin Mykytenko seinen Gedanken auf, „geben wir ihm die schwerste Arbeit. Oder?“

„Genau. Wir schicken ihn zum Haus Nummer 166. Dort sind sie gerade beim Fundament und brauchen Leute für ganz verschiedene Arbeiten: Ziegel formen und schleppen, Zement mischen, Erde ausheben, tragen und so weiter. Da hat er einen Platz zum Zaubern.“

Zügig stellte die Frau den Zuweisungsschein aus, setzte einen Stempel drunter, rief zwei Wachleute, und schon fünf Minuten später wurde der gehässig lächelnde Frei zu dem Platz eskortiert, wo sieben Jahre Zwangsarbeit auf ihn warteten.

Der Buschfunk trug die Geschichte durch die ganze Stadt, und eine Zeit lang war der Fall in aller Munde, irgendwann ließ das Interesse nach, und die Sache geriet in Vergessenheit. Niemand sprach mehr über den Deutschen.

Und wenn es Walera und der Genossin Mykytenko nicht egal gewesen wäre, was aus Frei geworden war, hätten sie, als sie über drei Ecken davon hörten, dass jemand auf einer Baustelle einen Aufruhr angezettelt hatte, um das Dritte Reich hochleben zu lassen, darauf kommen können, dass es nur Frei gewesen sein konnte.

An einem Herbstmorgen gab Frei das Zeichen, zu den Waffen zu greifen, aber im Nu hatten ihn die Schüsse mehrerer Wachleute niedergestreckt. Gerhard Frei sackte zusammen, fiel in die Grube, die für das Fundament ausgehoben worden war, eine schlecht fixierte Platte kippte um und zerquetschte ihn. Die anderen Gefangenen hatten es noch nicht einmal geschafft sich zu erheben, um die Wachleute zu überwältigen, da war ihr Anführer schon tot. Die Geschichte wurde allerdings vertuscht. Frei, von der Platte zerquetscht, wurde eine halbe Stunde später mit Erde zugeschüttet, und damit verschwanden auch alle Erinnerungen an ihn im Fundament des Hauses Nummer 166.

Heute weiß niemand mehr, wer Gerhard Frei war.

***

Nur Slawisten bringen es fertig, ihre Kinder Kyrill und Method zu nennen. Die Leute aus den hiesigen Arbeiterstädten reagieren auf die Bezeichnung Slawist ähnlich ablehnend und verständnislos wie auf einen, sagen wir mal, exotischen Ausdruck wie „Sadomaso-Pädophilie“. Keiner weiß, was das Wort genau bedeutet, aber ein einfacher Arbeiter weiß instinktiv, dass Menschen mit dieser Berufsbezeichnung sich nur aufspielen und andere geflissentlich übersehen, weswegen man mit ihnen keinen Umgang pflegt, sondern sie einfach diskriminiert. Sie diskriminieren die anderen ja auch ungesagt, indem sie sich als Slawisten bezeichnen.

Natürlich hätten Jaropolk und Fedora Sadoroschnyj, Professoren an der hiesigen Universität, ihren Kindern Namen geben können, die sie in der grausamen Welt der Kinder nicht benachteiligt hätten. Am Anfang hielten sie sich auch noch ganz wacker. Als ihr Sohn geboren wurde, nannten sie ihn Kyrill und wünschten sich danach ein Mädchen. Leider wurde daraus nichts. Nach Kyrill kam ein weiterer Junge, sie bissen die Zähne zusammen und nannten ihn Method. Nachdem der Junge zehn Jahre im Arbeiterviertel hinter sich hatte, wusste er, was es hieß, einen solchen Namen zu tragen, insgeheim nannte er seine Eltern Außerirdische. Method sehnte seinen 16. Geburtstag herbei, denn dann, das wusste er, konnte er einen anderen Namen annehmen, der besser zu den lokalen Gegebenheiten passte.

Jaropolk und Fedora Sadoroschnyj waren wirklich Außerirdische. Ihnen fehlte jeder Bezug zum irdischen Dasein, ihre Welt bestand aus Grammatikübersichten und in der postsowjetischen Ukraine höchst überflüssigen Konferenzen, auf denen sie andere Außerirdische trafen. Die Kinder wurden praktisch ohne Aufsicht groß. Und auch ohne besondere elterliche Fürsorge.

Das Resultat dieser Geht-uns-am-Arsch-vorbei-Einstellung der Eltern gegenüber ihren Kindern war ein schrecklicher Unfall, den Anna, ihr erstes Kind, erlitt. Was genau passiert war, wusste niemand.

Darmowy fragment się skończył.

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191 str. 3 ilustracji
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9783709938959
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Bookwire
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