Czytaj książkę: «Goettle und der Kaiser von Biberach»
Olaf Nägele
Goettle und der Kaiser von Biberach
Kriminalroman

Zum Buch
Der Kaiser ist zurück! Zwei Schwimmer machen im Badesee bei Ummendorf einen grausigen Fund: In einem Plastiksack verpackt, treibt ein toter Mann an der Oberfläche des Gewässers. Hinweise auf seine Identität gibt es nicht. Hauptkommissarin Greta Gerber hofft, durch die Veröffentlichung eines Fotos des Toten Hinweise aus der Bevölkerung zu erhalten. Der Plan geht auf. Biberachs Gemeindepfarrer Andreas Goettle erkennt in dem Toten Karlheinz Kaiser, einen der führenden Köpfe beim 1. FC Oberschwaben, der kurz vor dem Aufstieg in die 3. Fußball-Bundesliga steht. Nur: Kaiser ist vor Jahren bei einem Segeltörn in der Ägäis ertrunken. Als wenig später der Mittelfeldspieler Maik Riemenschneider schwer verletzt aufgefunden wird, scheint die Spur unweigerlich zu dem Fußballclub zu führen. Doch nicht nur beim 1. FC Oberschwaben geht es um viel, das es mit allen Mitteln zu verteidigen gilt. Je näher Greta Gerber und Andreas Goettle der Wahrheit kommen, desto gefährlicher wird ihre Situation.
Olaf Nägele, 1963 in Esslingen geboren, hat nach langen Aufenthalten in München, Stuttgart und Hamburg den Weg in seine Heimatstadt zurückgefunden. Dort feilt der Kommunikationswirt (KAH) an PR- und Werbetexten, verfasst als Journalist Artikel für diverse Zeitungen und arbeitet als Redakteur bei der Landeshauptstadt Stuttgart. Der Spaß, Geschichten zu erzählen, hat ihm Beiträge in Anthologien eingebracht, Hörspiele für den SWR, Kurzgeschichtenbände, Romane und Radio-Kolumnen für Neckaralb Live Reutlingen folgten. Für die Kurzgeschichte „Die Sache mit Gege“ erhielt er einen Ehrenpreis der Akademie Ländlicher Raum in Baden-Württemberg und seine Radiokolumne »Ingo lernt schwäbisch« wurde 2020 für den Medienpreis der Landesakademie für Kommunikation nominiert.
Impressum
Personen und Handlung sind frei erfunden.
Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen
sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.
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Alle Rechte vorbehalten
»Goettle und der Kaiser von Biberach« erschien erstmals
2015 beim Silberburg-Verlag.
Herstellung/E-Book: Mirjam Hecht
Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart
unter Verwendung eines Fotos von: © bajo57 / stock.adobe.com
ISBN 978-3-8392-6828-5
1
Das Telefon klingelt. Schrill.
Eine Hand ergreift den Hörer, führt ihn langsam zum Ohr.
»Ja?«
»Er ist wieder da!«
Die Stimme am anderen Ende klingt rau, gebrochen.
Knisterndes Schweigen.
»Wer?«
»Na, er. Frag doch nicht so bescheuert. Er ist wieder da! Er!«
Was folgt, ist Stille. Eine Ruhe, die schmerzt.
»Das gibt es doch nicht. Dieser Idiot. Was soll das?«
Heiseres Keuchen, wie der grollende Atem eines wilden Tieres.
»Was will er?«
»Was wird er wohl wollen? Er ist nicht dumm. Er bietet uns ein reines Gewissen, hat er gesagt. Und dafür will er zwei Millionen.«
Empörungsstöhnen.
»Wo ist er?«
»Ich weiß es nicht. Er will uns auf dem Stadionparkplatz treffen. Morgen um Mitternacht. Mit dem Geld.«
»Das geht jetzt nicht. Unmöglich.«
»Das habe ich ihm auch gesagt. Aber er klang sehr entschlossen.«
Wieder Stille, endlos.
»Vielleicht gäbe es da noch eine andere Lösung …«
»Aber wir können ihn doch nicht …?«
»Fällt dir etwas Besseres ein? Er muss wieder weg!«
Ein Knacken unterbricht die Verbindung.
Ruppig, es klingt fast wie ein Schuss.
2
»Und jetzt konzentriert euch. Der Atem fließt direkt in eure Muskeln, der Körper ist angespannt. Bündelt eure Energie und nehmt sie mit in den Schlag. Eure Hände werden zu geschärften Äxten, die sich butterweich durch das Holz arbeiten.«
»Jetzt leg scho des Brettle na. I han a g’scheite Wuat, da muss i koi Energie mehr bündla, um Kleinholz draus zum macha.«
Karatetrainer Daniel Bischoffsberger öffnete die Augen und sah den Eleven strafend an, der es gewagt hatte, seine Konzentrationsphase auf das Empfindlichste zu stören.
Andreas Goettle erwiderte seinen Blick in seiner ureigenen Weise, die man fast als rebellisch bezeichnen konnte. Es hatte keinen Zweck, den etwas untersetzten Mittfünfziger mit hohem Haaransatz, dessen dunkle Augen unter buschigen Brauen angriffslustig funkelten, zurechtzuweisen. Goettle, der in seinem weißen Kampfanzug wie eine unkolorierte Version seines sonstigen Erscheinungsbilds wirkte – schließlich trug er als katholischer Gemeindepfarrer von Biberach ausschließlich schwarze Kleidung –, ließ sich von nichts und niemandem in die Schranken weisen, und schon gar nicht, wenn er im Harnisch stand.
Bischoffsberger seufzte, legte ein Holzbrett auf die dafür vorgesehene Vorrichtung, machte eine einladende Geste und überließ dem Geistlichen mit dem blauen Gürtel den Vortritt. Mit stoischer Miene und ausgeprägter Zornesfalte auf der Stirn brachte sich Goettle in Position, presste die schmalen Lippen aufeinander, holte mit dem rechten Arm weit aus und zerschmetterte unter dem Ausstoß eines wilden Schreis – der sich rein lautmalerisch an der Kante eines beliebten schwäbischen Fluchs entlanghangelte – das Brett. Die anderen Karateschüler applaudierten.
»Reschpekt, Herr Pfarrer. Des Brettle hot koi Schahs ghet«, befand Renate Münzenmaier, mit 65 Jahren die älteste Teilnehmerin des Kurses. Eigentlich hatte die rüstige Dame gar keine Karateausbildung nötig. Sie hatte eine Zunge, die schärfer war als eine geschliffene Axt. Wenn sie sich in eine ihrer gefürchteten Litaneien hineinsteigerte, dann ermüdete jegliches Material. So sah es zumindest Andreas Goettle, der sich tagtäglich mit seiner Haushälterin konfrontiert sah und sich nicht selten ihrer bissigen Angriffe erwehren musste.
»I kann mir des scho denka, wem der Schlag g’olta hot«, krächzte die agile Seniorin und kicherte. Wenn sie lachte, dann schien es, als rollte eine Welle durch ihren massiven Leib, die sich langsam von unten ausdehnte, Bauch und Busen ergriff und schließlich den Kopf zum Wackeln brachte. 94 Kilogramm, ohne Schuhe.
Die anderen Karateschüler grinsten. Es war ein offenes Geheimnis, dass es vor allem einer war, der das Blut des Gemeindeseelsorgers in Wallung bringen konnte. Landrat Helmut Mössinger. Durch seine unbestreitbare Nähe zur Industrie – schließlich hatte er lange die Geschicke der IHK geleitet – förderte er so ziemlich jede Idee, die das Zeug hatte, das oberschwäbische Idyll aus seinem Dornröschenschlaf zu wecken. Auf sein Geheiß wurden Wellness-Tempel inmitten von Naturschutzgebieten errichtet und für den Stadion-Neubau des 1. FC Oberschwaben vor den Toren Ummendorfs waren mehrere Hektar landwirtschaftliche Nutzfläche vernichtet worden. Mobilfunkmasten und Windräder wurden in die Landschaft gesetzt, als gälte es, sein Revier zu markieren. Die Steuergelder wurden mit offenen Händen ausgegeben, als kämen sie aus einer nie versiegenden Quelle, und selbst Umweltschützer und Naturfreund Goettle hatte wenig Verständnis für die sündhaft teure Errichtung der beiden Fledermausbrücken, die über die Nordwestumfahrung führten. Offenbar wollten auch die kleinen Vampire nicht mit dem Bauwerk in Verbindung gebracht werden, denn bislang nutzten sie es so gut wie nicht.
Für Andreas Goettle war jeder Eingriff in die Schöpfung eine unverzeihliche Sünde. »Niemand vergeht sich ungestraft am Werk Gottes«, lautete seine Devise, und wann immer Landrat Mössinger mit einer neuen Idee aufwartete, scharte der rührige Geistliche Oppositionelle um sich, um einen Sturm der Revolte anzuzetteln. Mal mit Erfolg, mal ohne.
»Welche Idee ist es denn dieses Mal, die dich so aufbringt, Andreas?«, erkundigte sich Daniel Bischoffsberger. Ihm war klar, dass er das Training so nicht fortführen konnte. Der aufgebrachte Pfarrer würde jede Gelegenheit nützen, um die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.
Goettle strich sich mit der linken über die schmerzende Schlaghand und verzog das Gesicht. »I sag bloß oins: Fracking. Der Siach verhandelt mit a paar Engländer, die hier in der Region nach Erdgas sucha wellet. Dabei presset se an Haufa Gift in de Boda, damit Risse em Stoi entstandet ond des Gas entweicha kann. Des Gift hemmer dann au em Trinkwasser, ond irgendwann laufet mir älle mit zwoi Köpf rum.«
»Bloß net. Bei meiner Migräne halt i des net aus«, warf Renate Münzenmaier ein.
Der Karatelehrer legte seinem Schüler die Hand auf die Schulter und hoffte, ihn durch diese versöhnliche Geste beruhigen zu können.
»Ja, wir haben alle gesehen, wie sehr dich das aufregt. Aber du solltest dich da mehr aus der Energie nehmen.«
Goettle betrachtete einen Moment lang die zwei Hälften des Brettes, das er eben zerschlagen hatte, und senkte mit schuldbeladener Miene den Kopf, als wollte er das Holz um Verzeihung bitten.
»’s isch doch wohr. Die machet älles he, als dät denne älles g’höra. Und des bloß, weil der Schofsegg… des verirrte Schaf seinen Hals net voll g’nuag kriaga kann. Ond sei Kumpel, der Erlbacher von der Sparkass, isch sofort mit a paar Milliona dabei.«
»Das stimmt. Aber wenn unsereins einen Privatkredit will, dann wird erst ein umfangreiches Rating durchgeführt, bei dem immer nur ein Ergebnis herauskommt: Nix gibt’s«, meldete sich Eleni Theadopoulo zu Wort.
Die Deutschlehrerin mit griechischen Wurzeln am Pestalozzi-Gymnasium gehörte einer Vereinigung von Naturschützerinnen an, die sich den exotischen Namen »Grüne Minnen Oberschwaben« gegeben hatten. Zehn Damen hatten sich zu einer schlagkräftigen Truppe zusammengerottet, die, wann immer sich die Gelegenheit bot, durch Störaktionen von sich reden machte. Besonders unter dem Engagement der Frauen zu leiden hatte der Erlebnistierpark Jägerhof in Pfullendorf. Bereits drei Mal war es ihnen gelungen, nächtens einzudringen und die Tiere aus ihren Stallungen zu befreien. Sehr zur Freude von Pfullendorfs Bevölkerung, die sich kräftig amüsierte, als ein Lama in die Bäckerei Schockenrieder hineinspazierte und eine ordentliche Pfütze auf den Streuselkuchen aus eigener Herstellung spie. »Des Tierle hot halt G’schmack«, hieß es da, und: »Des war’s erschde Mol, dass der Kucha net furztrocka war.«
Die Ordnungshüter wiederum hatten für die Aktionen der Widerständlerinnen kein Verständnis. Einen ganzen Tag lang pirschten sie Hasen, Meerschweinchen, einem Esel und drei Ponys hinterher, die den Verkehr in der Stadt lahmlegten.
Eigentlich wäre ein Diener des Herrn, wie es Pfarrer Goettle nun mal war, zu mehr Neutralität verpflichtet gewesen, aber er unterstützte die »Minnen«, so gut er konnte. Und wenn er nur während seiner leidenschaftlichen Sonntagspredigten in St. Frieder zum Sympathisantentum aufrief.
»Oifach mol a bissle mitdenka«, brüllte er die Kirchgänger zuweilen an, wenn sie ihm zu viel Lethargie an den Tag legten. »Au mol nolanga. Wenn der liebe Gott g’wollt hätt, dass ihr bloß bled guckat, no dätet ihr als große Glotzbebbel durch die Landschaft kugla. Er hot euch aber au a Hirn geba, ond des darf mr au mol benutza.«
Gleichgültigkeit, Diplomatie oder Zurückhaltung gehörten nicht zum Portfolio der Eigenschaften, die Goettle in sich vereinte. Er war einer, der sich einmischte, der den Menschen Hoffnung gab, der in seinem Leben viel bewirkt hatte. Schon als Schüler hatte er sich in der Katholischen Kirchenjugend engagiert. Er hatte sich für die Belange von älteren oder sozial schwachen Menschen eingesetzt und damit den Grundstein für sein Engagement in praktizierter Nächstenliebe gelegt. Als Referendar hatte er die Friedensaktivitäten der katholischen Kirche in der ehemaligen DDR begleitet, und später zog es ihn in die Favelas von Rio de Janeiro, in denen er Schulen aufgebaut hatte.
Andreas Goettle war einer, der seinen Worten Taten folgen ließ. Wenn er verkündete, dass es an der Zeit sei, die Kindertageseinrichtung im Ort auf Vordermann zu bringen, dann stand er am nächsten Morgen mit seinem Werkzeugkasten vor der Tür und legte Hand an. Wenn er den Senioren im Altenstift versprach, einen Ausflug zu organisieren, den sie so schnell nicht vergessen sollten, dann konnten die Damen und Herren schon die Rucksäcke packen. Die Bierverkostung in der Schussenrieder Brauerei vor einigen Jahren war noch allen Beteiligten in bester Erinnerung geblieben, zumal sich der Geistliche einen Zweiliterkrug aus dem Bierkrugmuseum mit Gerstensaft füllen ließ und diesen tatsächlich in einem Zug leerte. Ja, Andreas Goettle wusste, wie man sich Respekt bei den Gemeindemitgliedern verschaffte. Und demzufolge war er auch sehr beliebt. Anders konnte man es wohl nicht erklären, dass er seit Jahren den Beinamen »Liebs Herr Goettle von Biberach« hatte.
3
»Sieh mal einer an. Welche Ehre. Ich hätte nicht gedacht, dass ich euch hier treffe.«
»Es wäre gelogen, wenn ich sagen würde, dass ich mich freue, dich zu sehen. Was willst du? Warum bist du hier?«
»Oh, ich dachte, das hätte ich schon am Telefon erwähnt. Zwei Millionen Euro. Zurzeit sind ein paar Zahlungen fällig. Einige Leute werden sehr ungeduldig und haben mir schon ihren Besuch angedroht. Das ist gar nicht gut.«
»Du hast Geld bekommen. Genug, um unterzutauchen. Alles andere geht uns nichts an. Das ist dein Ding. Es ist eben eine schwierige Zeit.«
»Schwierige Zeiten gibt es immer. Ich will davon nichts hören. Ich bin an Lösungen interessiert. Genau wie meine Kunden. Und dafür brauche ich Geld. Schnell. Ist das klar?«
»Du hättest nicht hierherkommen dürfen. Es hat sich viel verändert, seit du weg bist. Du machst alles kaputt.«
»Aber nein. Ihr gebt mir mein Geld, und schon tauche ich wieder unter. Ich löse mich praktisch in Luft auf.«
»Wir haben das Geld nicht. Wir haben investiert. Außerdem lief es in letzter Zeit nicht so, wie wir es geplant haben. Wir brauchen Zeit.«
»Das interessiert mich nicht. Ich will meinen Anteil, und zwar sofort.«
»Bist du verrückt? Steck die Waffe weg!«
»Zwingt mich nicht, sie zu gebrauchen. Und sag dem Bürschchen, er soll stehen bleiben, sonst puste ich ihm das bisschen Hirn weg, das er mit sich spazieren trägt.«
»Lass den Scheiß. Los, nimm ihm die Knarre ab … Sei vernünftig … Das ist doch Wahnsinn … Wir können doch noch mal reden … Hört auf … Nein … Nicht … Aufhören! Sofort!!!«
…
»Oh mein Gott. Das wollte ich nicht. So viel Blut. Ist er … tot?«
4
»Du bist also auch nicht aus Biberach. Genau wie ich. Ursprünglich stamme ich aus Hannover, aber die letzten Jahre habe ich in New York zugebracht. Eine geniale Stadt, am liebsten würde ich da sofort hinziehen. Die Leute dort sind so offen und frei, so ganz anders als hier. Allein dieser Dialekt, den sie hier reden. Furchtbar.«
Greta rührte mit dem Strohhalm in ihrem Hugo und betrachtete das Pfefferminzblatt, das auf der Oberfläche schwamm, als wäre darauf eine geheime Botschaft zu entdecken. Zum Beispiel, wie sie diesen Kerl gegenüber wieder loswerden konnte, der seit einer geschlagenen halben Stunde ohne Punkt und Komma aus seinem ereignislosen Leben erzählte. Natürlich hatte sie sich mit Joachim getroffen, um ihn kennenzulernen, aber war davon ausgegangen, dass auch sie einmal zu Wort kommen würde. Das war bislang noch nicht der Fall gewesen.
Der sportliche, schlanke Mittdreißiger ohne Altlasten, der »mit beiden Beinen im Leben stand, der in Anzug und in Jeans eine gute Figur machte, mit dem man lachen und auch mal weinen konnte, der sich für Kunst, Theater und Musik interessierte, gerne reiste und auch kulinarischen Freuden nicht abgeneigt war«, hatte sich in einen Rausch geredet. Davon hatte nichts in seinem Profil gestanden, das er im Flirtportal »www.ausgesinglet.de« eingestellt hatte, um ein weibliches Pendant zu finden.
Greta fragte sich, warum sie immer wieder auf diesem Wege versuchte, jemanden kennenzulernen. Konnte sie nicht einfach in eine Kneipe gehen, ein bisschen flirten, sich auf einen Drink einladen lassen?
Nein, konnte sie nicht. Wenn sie von einem Mann angelächelt wurde, sah sie sofort an sich herunter, um einen Fehler an sich zu suchen. Einen Fleck auf der Bluse zum Beispiel oder einen offenen Reißverschluss der Jeans.
Das Selbstbewusstsein, das Greta im Job an den Tag legte, schien sie jeden Abend an der Pforte des Kriminalkommissariats abzugeben. Dann verwandelte sich die toughe Hauptkommissarin in ein unscheinbares Mäuschen, das so gar nichts mit sich anzufangen wusste und so wirkte, als existierte es gar nicht.
Dabei hatte sie sich fest vorgenommen, in der neuen Stadt alles besser zu machen als in ihrer Heimatstadt Freiburg. Der Job in Biberach hatte der erste Schritt in diese Richtung sein sollen. Es war nicht der berufliche Aufstieg, den sie sich gewünscht hatte, aber die Stelle hatte Vorteile: Neue Kollegen, ein interessantes Aufgabengebiet und vor allem war sie schnell verfügbar gewesen. Hier konnte Greta einen Neuanfang wagen, ohne die Last der Erinnerung, die sie in den ruhigen Momenten niederdrückte.
Wenn der Boden zu rutschen beginnt, muss man die Zelte abbrechen, um sie auf festem Grund wieder zu errichten, hatte ein Freund geraten.
Das hatte sie getan und bereute diesen Schritt keinen Moment. Von Anfang an hatte sie sich in das malerische Städtchen verliebt. Die bunten Fassaden in der Innenstadt, die Fachwerkbauten, die Türme und Erker der Häuser am Marktplatz. Dieser ruhige, unaufgeregte Strom, in dem sich die Menschen durch die Stadt treiben ließen, oder dieses Laisser-faire, mit dem sie in den zahlreichen Cafés saßen, um sich dem Müßiggang hinzugeben. Allerdings, und das war wohl das berühmte Haar in der Wohlfühl-Suppe, verwandelte sich das Zentrum nach Ladenschluss in ein Postkartenmotiv. Schön anzusehen, aber viel zu ruhig für Gretas Geschmack, die etwas mehr Umtriebigkeit von der einstigen badischen Heimat gewohnt war.
Eine Wohnung hatte sie sofort gefunden: zwei Zimmer, Küche, Bad in einem lindgrün gestrichenen Haus mit roten Fensterläden in der »Neuen Gasse«, ganz nah am Zentrum. Das Beste daran, fand Greta, war jedoch die räumliche Nähe zur Chocolaterie Maya, gleich um die Ecke. Dort genehmigte sich die Hauptkommissarin hin und wieder eine der »süßen Versuchungen«. Das half ihr beim Nachdenken.
Und doch war sie auch nach vier Monaten im Oberschwäbischen noch nicht so richtig heimisch geworden, geschweige denn, dass sie in ihrer neuen Stelle gefordert gewesen wäre. In Biberach und Umgebung dachte anscheinend niemand daran, ein Verbrechen zu begehen, das über einen Einbruchdiebstahl, eine Körperverletzung oder einen Raub hinausging.
Auch den Kollegen oder den Nachbarn war sie nicht nähergekommen, was mitunter an deren Sprache lag. Greta mochte den warmen Klang des Schwäbischen, was aber nicht hieß, dass sie alles verstand. Ständig musste sie sich das Gesagte wiederholen lassen, und dieses stetige Nachfragen nervte wohl auch die Mitarbeiter, die sie deutlich spüren ließen, dass sie eine »Reig’schmeckte« war. Eine Badenerin obendrein.
In dem Bemühen, Anschluss zu finden, war sie in den katholischen Kirchenchor eingetreten. Nicht, dass sie besonders gläubig gewesen wäre, aber der Ruf, der dem Sangeskollektiv vorauseilte, hatte sie neugierig gemacht. Denn der Leiter, Pfarrer Andreas Goettle, war ein eingefleischter Rockfan, und entsprechend war die Auswahl der Songs eher modern ausgerichtet.
Für das nächste Sommerfest hatte er die Aufführung der Rockoper »Jesus Christ Superstar« geplant. Greta war als Besetzung der Prostituierten Maria Magdalena vorgesehen. Pfarrer Goettle hatte das als »Pfondsidee« eingestuft, dass ausgerechnet eine Hauptkommissarin diese verruchte Rolle bekleiden sollte. »Da könnet Se au mol die donkle Seite ausleba«, hatte er ihr augenzwinkernd zugeflüstert. Ungewöhnliche Worte aus dem Mund eines Geistlichen.
»Weißt du, die Leute denken immer, Versicherungsmakler sei so ein langweiliger Beruf. Aber das stimmt gar nicht. Wenn man erfolgreich sein will, muss man sehr individuell auf die Wünsche der Kunden eingehen. Das erfordert ein hohes Maß an Kreativität. Ich hatte da mal eine Unternehmerin, die den Betrieb des Vaters übernommen hatte …«
Von Versicherungsmakler hatte in dem Inserat ebenfalls nichts gestanden, und auch in der sonstigen Beschreibung hatte Joachim selbstgefällig beide Äuglein zugedrückt. Eine gute Figur würde er weder in Jeans noch im Anzug machen, über dem Gürtel seiner Hose spannte ein prächtiger Bauch den Stoff seines Hemds. Die Brille, den Schnauzbart und die Halbglatze hatte er auch nicht erwähnt, und für welche Art von Literatur und Musik er sich interessierte, das wollte Greta eigentlich schon nicht mehr wissen. Dem bisherigen Gespräch nach zu urteilen, kam Joachim über die Lektüre der Micky Maus nicht hinaus und zählte bestimmt Andrea Berg zu seinen Lieblingsinterpretinnen.
»Ich muss mal kurz für kleine Mädchen«, unterbrach Greta das Geschwurbel des Gegenübers und erhob sich. Sie zog den engen Rock, der hochgerutscht war, nach unten und stakste auf den für ihre Verhältnisse hochhackigen Schuhen in Richtung Toilette. Sie spürte Joachims Blicke auf ihrem Hintern und schwor sich, zum nächsten Blind Date, sollte es je wieder zu einem kommen, in Jeans und Sneakers zu erscheinen. Das fehlte noch, dass sich dieser personifizierte K.-o.-Tropfen an ihrem Outfit aufgeilte, während sie Mühe hatte, nicht ins Wachkoma zu fallen.
Im Vorraum des WCs baute sie sich vor einem Spiegel auf, strich mit einem Finger eine Verwischung ihres Kajalstrichs weg und sah sich kritisch an. Gut, die Nase war ein bisschen zu spitz, was die schmalen Wangen noch mehr betonte. Und ja, ein Friseurbesuch konnte auch nicht schaden, und sei es nur, um die ersten grauen Strähnchen wieder in den dunklen Fluss der schulterlangen Haare zu integrieren. Aber sonst sah sie doch gut aus. Nicht zu dick, nicht zu dünn, die wenig ausgeprägten Rundungen saßen zumindest an den richtigen Stellen, und schließlich gab es ja textile Mittel und Wege, diese zu betonen. Hatte sie es wirklich nötig, noch mehr Abende wie diesen mit den männlichen Vertretern der Resterampe zu verbringen?
Greta schüttelte den Kopf.
Sie zog ihr Handy aus der Tasche und wählte die Nummer des Kollegen Schneider. Nach einigen Sekunden nahm er ab und versuchte, das Gebrüll im Hintergrund zu übertönen. Offenbar hatte er mehr Spaß als sie.
»Hallo, Herr Schneider, hier ist Greta Gerber. Hören Sie. Sie müssen mir einen Gefallen tun.«
Schneider war wenig begeistert von dem Vorschlag, aber die Hauptkommissarin wusste, dass sie sich auf ihn verlassen konnte. Als sie wieder an den Tisch trat und sich setzte, wurde sie von Joachim aufmerksam gemustert.
»Was machst du eigentlich so? Ich meine … beruflich.«
Diese Pause, dieser süffisante Ton gab seiner Frage eine anzügliche Note, und einmal mehr bedauerte Greta, ein Outfit gewählt zu haben, das ihre Weiblichkeit so eindeutig betonte. Am Ende dachte dieser Hinterhof-Casanova noch, dass sie es nur für ihn angelegt hatte.
Sie zog am Strohhalm, verschluckte sich, hustete, um den fehlgeleiteten Tropfen aus der Luftröhre hinauszubefördern, und überlegte, ob sie Joachim die Wahrheit sagen oder ihm eine Notlüge servieren sollte. Sie würde ihn ohnehin nicht wiedersehen, das stand fest. Und irgendwie hatte sie keine Lust, über ihren Beruf zu reden. Schon gar nicht mit ihm, dem Versicherungsmakler mit seinem so aufregenden Leben.
»Ich bin Sekretärin bei einer Gebäudereinigungsfirma«, sagte sie und sah dabei zu, wie Joachims Mimik den Fahrstuhl nach unten nahm. Offenbar hatte er sich ein spannenderes Date gewünscht.
»Hm, ja, das ist bestimmt auch ganz nett«, hakte er ein. »Ich sage ja immer: Ein Beruf ist so interessant, wie man ihn sich macht. Ich zum Beispiel stelle mir jede Woche eine neue Herausforderung …«
Er zog ein Smartphone aus der Tasche, wischte wie wild auf dem Display herum und präsentierte eine Liste. »Hier. Nächste Woche will ich zwei Neukunden besuchen und insgesamt mindestens 1.500 Euro Umsatz machen. Das ist hart, oder? Ich meine, ich kenne die Kunden noch gar nicht und ich habe keine Idee, wie und wo ich sie finden soll. Aber man wächst mit seinen Aufgaben. Das ist einer meiner Grundsätze. Nur so kommt man weiter …«
Die Melodie der TV-Serie »The Munsters« erklang. Der Klingelton ihres Telefons unterbrach Joachims einsetzende Wortkaskade. Mit geweiteten Augen starrte er Greta an, als sie ihr Handy aus der Tasche zog und ihn entschuldigend anblickte.
Sie nahm ab. »Gerber? Ja … Ach so … Jetzt gleich? … Gut, ich komme.«
Sie legte Joachim eine Hand auf die Schulter.
»Es tut mir leid, aber ich muss dringend weg. Einer unserer Fensterputzer ist vom Gerüst gefallen. Nicht schlimm, nur aus dem ersten Stock. Das macht er oft. Wahrscheinlich will er sich eine Krankmeldung erschleichen. Ich muss die Unfallversicherungsunterlagen für ihn raussuchen. War wirklich nett mit dir.«
»Aber wir wollten doch noch einen Nachtisch …«, stammelte Joachim und sah ihr dabei zu, wie sie sich die schwarze Jeansjacke über die Schulter warf.
»Vielleicht ein anderes Mal. Ich ruf dich an«, sagte Greta und rauschte davon, ohne sich noch einmal umzudrehen.
Sie biss sich auf die Unterlippe, um nicht loszuprusten. Eine dümmere Ausrede hätte sie wohl kaum finden können, aber offenbar zog Joachim die Geschichte keine Sekunde in Zweifel. Blieb zu hoffen, dass dieser Langweiler ihre Aussage richtig interpretierte und seine Balz anderweitig fortsetzte.
»Was soll denn der Blödsinn, Frau Gerber?«, quäkte Denis Schneiders Stimme aus dem Handy. »Haben Sie getrunken?«
»Ich bin derartig stocknüchtern, das können Sie sich gar nicht vorstellen. Und ernüchtert. Danke, Schneider, Sie haben etwas gut bei mir«, sagte Greta und legte auf.
Vor der Tür der Cocktailbar atmete sie tief ein und ließ die frische Frühlingsluft in die Lungen strömen. Sie fröstelte. Obwohl die Temperaturen tagsüber schon ab und an die 20-Grad-Marke überstiegen, waren die Nächte noch kühl.
Aus der Grünanlage neben der Stadthalle war jugendliches Johlen zu hören. Flaschen rollten über den Boden, Gelächter. Die jungen Biberacher schienen sich schon auf den nahenden Sommer einzustimmen, der, wie in anderen Städten auch, mit Alkoholgenuss in Freianlagen einherging.
Greta wurde ein wenig wehmütig, als sie daran dachte, dass sie die warmen Abende wohl allein verbringen musste. Einen Moment schoben sich die Gesichter ihrer Mutter und ihrer Schwester ins Gedächtnis und legten sich wie ein Band aus Stahl um den Brustkorb. Sie ließ sich von einer Heimwehwelle überrollen und kämpfte gegen die Selbstmitleidstränen an. Sie sah zum Weißen Turm, der sich stolz und mächtig über die Innenstadt erhob. Wie oft war sie in den letzten Wochen den Weg hinauf zu ihm gestiegen, hatte seine Nähe genossen und sich von ihm behütet gefühlt.
Geduld, das war es, was ihr fehlte. Und Gelassenheit. Es war alles eine Frage der Zeit, bis sie sich zurechtfand und nette Menschen kennenlernte. So viel besser war es ihr in Freiburg schließlich auch nicht gegangen. Der Beruf und die vermeintliche Karriere standen dem privaten Glück im Weg, und sie konnte in diesem Punkt auch nicht aus ihrer Haut. Vielleicht war sie keine gute Freundin, womöglich hatte sie als Liebhaberin Schwächen, aber eines war sie ganz gewiss: eine gute Polizistin. Das würde sie den Menschen hier in Biberach schon noch beweisen.
»Wenn nur mal etwas Interessantes passieren würde«, murmelte sie. Langsam schlenderte Greta die Theaterstraße in Richtung Marktplatz hinunter und nahm sich vor, sich in ihrer Wohnung noch ein Glas Rotwein zu genehmigen.
5
»Ist er tot?«
»Keine Ahnung … Warte … Nein, er atmet noch …«
»Lass uns abhauen.«
»Das können wir nicht riskieren.«
»Was schlägst du vor?«
»Heb die Knarre auf!«
»Wieso …?«
»Mach schon!«
»Aber das geht doch nicht.«
»Gib sie ihm in die Hand.«
»Was soll das denn?«
»Leg seinen Finger an den Abzug und drück ihm das Ding an die Schläfe …«
»Soll das wie ein Selbstmord aussehen, oder wie? Das glaubt doch kein Mensch.«
»Ich … Nein … Ich kann das nicht. Oh Gott, er kommt zu sich …«
»Drück ab!«
»Er macht die Augen auf.«
»Drück ab!«
»Ich kann das nicht!«
»Mach schon. Er wird keine Ruhe geben, bis er hat, was er will. Er liefert uns ans Messer. Wenn er auspackt, dann ist alles aus. Ist es das, was du willst?«
»Er will etwas sagen. Ich glaube, er hat mich erkannt.«
»Dann drück endlich ab.«
»Nein … Ich …«
»Drück ab!«
…
»Hör auf zu zittern. Wir müssen ihn wegbringen. Schnell.«
»Ich … Ich hab ihn umgebracht.«
»Unsinn. Du hast ihn wieder dahin befördert, wo er schon lange war. Wir müssen ihn wegschaffen. Ich kann ihn nicht mehr sehen.«
»Fass mit an, ich kann ihn nicht alleine tragen.«
»Mir ist schlecht. Ich muss kotzen.«
»Reiß dich zusammen und nimm seine Beine.«
»Wo bringen wir ihn hin?«
»Wir helfen ihm unterzutauchen. Endgültig.«
6
1. FC Oberschwaben schon bald drittklassig?
Andreas Goettle überflog den Bericht über den Club, der drauf und dran war, eine Institution im Profi-Fußball zu werden. Nach einem miserablen Start in die neue Saison stand das Team nun, kurz vor dem Ende der Rückrunde, an der Spitze der Regionalliga Südwest und konnte den Aufstieg in die dritte Bundesliga schaffen. Es war kein gewachsener Erfolg, sondern einer, der vom Kapital bestimmt wurde. Vor einigen Jahren hatte der Spielervermittler Siegfried Röder einige Großsponsoren um sich geschart und die Idee entwickelt, die nur bedingt erfolgreichen Fußballabteilungen von Olympia Laupheim und des FV Biberach zusammenzuführen. Unter dem neuen Clubnamen 1. FC Oberschwaben wurde eine schlagkräftige Mannschaft geformt, die, verstärkt durch einige ehemalige Bundesligaprofis, den Platz von Olympia Laupheim in der Verbandsliga übernahm und sofort um den Aufstieg mitspielte, den sie letztlich knapp verpasst hatte, in den folgenden beiden Spielzeiten jedoch erreichte.
Andreas Goettle hatte diese Entwicklung zähneknirschend verfolgt. Zum einen war er glühender Fan des FV Biberach gewesen und hatte kein Heimspiel versäumt. Zum anderen ärgerte es ihn, dass aus den beiden Traditionsclubs eine Söldnertruppe entstanden war, die seiner Ansicht nach wenig mit der Region gemein hatte. Dementsprechend konnte er es auch nicht gutheißen, dass auf dem Gelände von Olympia Laupheim ein Fußballleistungszentrum zur Förderung junger Talente und ein Fußballinternat errichtet worden waren. Die Liebherr-Arena, den Stadionneubau vor den Toren Biberachs, der 20.000 Zuschauer fasste, hatte er aus Protest nie betreten. Daran würde sich auch nichts ändern, wenn der 1. FC Oberschwaben in der obersten Spielklasse ankommen würde.
»Saubande, elendige«, resümierte Andreas Goettle und legte die Zeitung zusammen. Er nahm einen Schluck von seinem bereits erkalteten Milchkaffee und sah Renate Münzenmaier zu, wie sie die Post sortierte.
»Isch was G’scheids dabei?«, fragte er angesichts des mürrischen Ausdrucks seiner Haushälterin.
»Awa, bloß Rechnunga ond Werbung«, grummelte sie und rückte einem weiteren Umschlag mit dem Brieföffner zu Leibe. Einen Moment sah sie hoch, dann brannte sich ihr Blick fest auf Goettles Hemd. »Och noi, Herr Pfarrer, Sie hen ja immer no des Hemd an, des Sie geschdern mit dem Oi versaut hen. Sie sen doch ein Allmachtsschlamper.«
Goettle erhob mahnend einen Finger und setzte eine finstere Miene auf. »Versündiget Se sich net, Frau Münzenmaier. So schwätzt man nicht mit sei’m Vorgesetzten. Außerdem isch des mei Lieblingshemmad.«
»Was isch denn an dem so b’sonders? Die sen doch älle schwarz.«
»Aber des isch halt a besonders Schwarz. So leuchtend.«
»A leuchtendes Schwarz. Jetzt sen Se no so guad. Se gebet jetzt des Hemmad her, des kommt in d’ Wäsch. So könnet Se doch koi Beicht abnehma.«
Die Haushälterin hatte sich neben ihm aufgebaut und die Hände in die Hüfte gestemmt. Goettle war klar, dass sie keine Ruhe geben würde.
Widerwillig und umständlich widmete er sich der Knopfleiste. Er streifte das Textilstück ab und überreichte es der streng blickenden Ordnungskraft.
»Ihr Wille geschehe, alter Plog’goischd.«
Renate Münzenmaier nahm ihm das Hemd ab und blickte zum Fenster hinaus. »Sie solltet sich was azieha. Do kommt scho Ihre beschde Sünderin.« Goettle sah, wie sich Joanna auf hochhackigen, grell rosafarbenen Pumps, in sehr kurzen Shorts und einem schulterfreien Top der Kirche näherte.
»I möcht mol wissa, was des Menschle älleweil zum beichta hot. Die isch jo jede Woch do.«
Goettle errötete ein wenig und winkte ab. Joanna war eine junge Frau, die bereit war, alles dafür zu tun, um ihren Traum zu verwirklichen. Sie wollte ins Showgeschäft, egal wie. Da kam so einiges an Verstößen gegen die Zehn Gebote zusammen. Aber die junge Brasilianerin war auch eine gottesfürchtige Person und erleichterte das Gewissen regelmäßig durch ihre Beichte. Kann sein, dass sie auch zu Goettle eine besondere Beziehung hatte, da er sie auch verstand, wenn sie portugiesisch mit ihm sprach.
»Des was die beichtet, des kennet Sie alles net, Frau Münzenmaier. Ond i glaub, des isch au ganz guad so.«
Er verließ die Küche, um sich aus dem Schrank im Schlafzimmer ein neues Hemd zu holen, zog es an, streifte sich sein Priestergewand über und verließ das Haus in Richtung Kirche.
7
»Wie geht es dir?«, schnarrte es aus dem Telefonhörer.
Greta Gerber erstarrte. Seine Stimme genügte, um sie unverzüglich in den Gefühlssumpf zu stoßen, dem sie so mühsam entkommen war.
»Was willst du?«, erwiderte sie scharf. Sie war wütend. Wie konnte er es wagen, im Büro anzurufen? Was erdreistete er sich, sich noch einmal in ihr Leben zu drängen, nachdem er den knallharten Schnitt vollzogen hatte?
»Ich vermisse dich. Ich muss dich sehen.«
Er sagte es so zärtlich, dass ihr ein wohliger Schauer über den Rücken lief. Sie vermisste ihn auch, aber wusste, dass sie besser beraten war, ihm das nicht zu zeigen. Richards Problem war, dass er Entscheidungen traf und sie kurz danach widerrief. Daran würde sich nie etwas ändern, das war ihr im letzten Jahr immer wieder schmerzhaft in Erinnerung gerufen worden.
»Was ist? Lässt dich deine Frau wieder mal nicht ran? Hat sie endlich erkannt, was für ein Drecksack du bist?«, fauchte sie ihn an.
Greta senkte die Stimme und legte eine Hand um die Muschel des Telefons. Kollege Schneider sah herüber und grinste frech. Für einen Moment hatte sie vergessen, dass sie nicht allein im Raum war, zudem mit einem Menschen, den sie nicht besonders gut kannte. Sie senkte die Stimme und wandte sich wieder ihrem Gesprächspartner zu.
»Lass mich in Ruhe, hörst du?«
»Wir können doch noch mal über alles reden.«
»Sag nicht reden, wenn du vögeln meinst. Ich will weder das eine noch das andere. Um genau zu sein: Ich will dich nie, nie, nie mehr wiedersehen.«
Sie knallte den Hörer auf die Gabel und schlug mit der Faust auf den Tisch. Was bildete sich dieser Typ eigentlich ein? Dass sie bereitstand wie eine läufige Hündin, wenn er nur mit dem Schwanz wedelte? Wie viel räumliche Distanz musste denn noch zwischen ihm und ihr liegen, damit er sie endlich in Frieden ließ? Noch einmal ließ sie die Faust auf den Schreibtisch krachen.
»Guten Morgen, Frau Gerber. Wenn Sie mit der rabiaten Behandlung des Arbeitsplatzes fertig sind, würde ich gern mal mit Ihnen über die Sache Seitz sprechen. Sind Sie schon ein Stück weitergekommen?«
Kriminalrat Seidel, Leiter des Kriminalkommissariats Biberach, war hinter sie getreten und sah seine neue Mitarbeiterin über die Ränder seiner Brille an. Seine Stirn hatte er in Falten gelegt, was bei ihm ein untrügliches Zeichen des Missfallens war. Greta bemerkte, wie ihr das Blut ins Gesicht schoss. Zu peinlich, dass ihr neuer Chef die emotionale Entgleisung am Telefon mitbekommen hatte.
Sie sortierte die Unterlagen aus der Akte Seitz und schüttelte den Kopf. Die bisherige Ermittlung hatte noch keine neuen Anhaltspunkte ergeben.
In die Villa von Kurt Seitz im Panoramaweg war eingebrochen worden. Außer ein bisschen Kleingeld war nichts entwendet worden, der Schaden belief sich auf wenige Hundert Euro. Wesentlich brisanter war jedoch die Entdeckung, dass auch eine Pistole, die Seitz als Mitglied des Schützenvereins besitzen dufte, aus dem Waffenschrank fehlte. Und das wiederum konnte bedeuten, dass der nun bewaffnete Täter vorhatte, weitere Schandtaten zu begehen. Die unausgesprochene Mahnung ihres Vorgesetzten zur Eile war also durchaus berechtigt, fand Greta.
»Wir warten noch auf den Abschlussbericht der Spurensicherung«, antwortete sie. »Wir haben am Tatort Blut gefunden, das höchstwahrscheinlich von dem Einbrecher stammt. Er hat sich offenbar verletzt, als er die Scheibe eingeschlagen hat. Vielleicht haben wir jemanden im Datenbestand, auf den die DNA passt.«
Seidel schob seine Brille nach oben und schnaubte. »Gut, aber beeilen Sie sich. Mir wird ganz flau bei dem Gedanken, dass in unserer Stadt ein Bewaffneter sein Unwesen treibt. Wir müssen ihn unbedingt dingfest machen, bevor etwas passiert.«
Greta hätte gern erwidert, dass nicht zwingend davon ausgegangen werden konnte, dass sich der Täter noch in der Stadt aufhielt, aber sie kam nicht mehr dazu. Der Vorgesetzte verschwand so schnell durch die Tür, wie er aufgetaucht war.
Sie nahm sich die Akte und besah sich die Fotos, die die Spurensicherung vom Tatort gemacht hatte. Der Einbrecher war ziemlich plump vorgegangen. Er hatte eine Fensterscheibe mit einem Stein eingeworfen, den Hebel umgelegt und sich so Zutritt zur Villa verschafft. Ein paar Schränke waren durchwühlt und die Haushaltskasse geleert worden, in der sich laut Seitz’ Aussage 200 Euro befunden hatten. Relativ zielstrebig schien er zu den Waffenschränken geschritten zu sein. Den massiven Holzmöbeln hatte er heftig mit einer Axt oder einem Beil zugesetzt. Aus dem einen hatte er eine kleinkalibrige Pistole entnommen und aus dem anderen die Munition dazu. Offenbar hatte er gewusst, dass Waffe und Munition getrennt aufbewahrt werden müssen.
Dennoch: Ein Profi war das nicht, dachte Greta.
Für diese Vermutung sprach, dass er sämtliche wertvollen Gegenstände in der Villa unberührt gelassen hatte. Die Pokale, die Medaillen, eine Münzsammlung, die auf dem freien Markt einige Tausend Euro eingebracht hätte – alles befand sich noch an den angestammten Plätzen. Und es war relativ eindeutig, dass sich der Täter in dem Haus der Familie Seitz gut ausgekannt hatte und wusste, an welchen Stellen er suchen musste.
Die Befragung des Hausherrn und seiner Gattin hatte keine Anhaltspunkte ergeben. Sie waren zum Zeitpunkt der Tat bei einer Lesung in der Stadtbibliothek gewesen. Und leider gab es auf dem Seitz’schen Anwesen keine Alarmanlage.
»Bei ons gibt’s doch nix Rechts zum hola. Für des bissle Gruschd lohnt sich der Aufwand net«, hatte Kurt Seitz Gretas Frage abgeschmettert. »Außerdem isch mei Frau so dappig, die dät andauernd die Sirene auslösa.«
Während er seine Freude über den eigenen Witz hinausgluckste, hatte seine Gattin neben ihm gestanden und süßsauer gelächelt.
Auch die Befragung der Nachbarschaft hatte keine Anhaltspunkte gebracht. Niemand hatte etwas gesehen oder gehört.
Nach dem Mittagessen gehe ich mal im Labor vorbei und mache denen ein bisschen Feuer unter dem Hintern, dachte Greta, schlug die Akte zu und begab sich in Richtung Kantine.
»Was haben Sie denn an vegetarischen Gerichten?«
Greta wusste inzwischen, dass es eigentlich überflüssig war, den Kantinenpächter Amesmaier danach zu fragen. Vegetarier oder gar Veganer deklarierte er als persönliche Feinde, er hielt Menschen, die sich so ernährten, für pervers.
»Kässpätzle könnet Se han«, lautete seine Antwort.
»Ich ernähre mich seit drei Wochen fast ausschließlich von Kässpätzle. Und heute ist mir nicht danach. Haben Sie noch etwas anderes?«
Amesmaier rührte mit seiner Schöpfkelle in dem Behälter mit Soße und sah sie angriffslustig an. »No esset Se halt an Salat. Onser Kartoffelsalat isch ganz frisch.«
»Ja klar, den Sie sicher mit Fleischbrühe angemacht haben.«
»Jo freilich, wie denn sonschd?«
Der Küchenchef wischte sich die Hände an der nicht mehr ganz sauberen Kochjacke ab. Greta stöhnte. Er begriff es einfach nicht.
»Dann geben Sie mir ein Käsebrötchen.«
»Die sen aus.«
»Meine Güte, gibt es wenigstens einen Apfel?«
»Hem mer heut net. Heut gibt’s Rote Grütze zum Nochtisch.«
»Die natürlich mit Gelatine gemacht ist. Und somit für Vegetarier auch ausscheidet.«
»Do isch bloß Obschd dren ond koi Floisch.«
Greta verzichtete darauf, Amesmaier über den Zusammenhang von Gelatine und Rinderknochen aufzuklären. Ihr knurrte der Magen, außerdem war es verplemperte Zeit, dem Koch etwas über die vegetarische Esskultur zu erläutern. Selbst wenn er es verstanden hätte, würde er nicht von seinem bisherigen fleischgerichtsatten Speiseplan abweichen.
»Na gut, dann nehme ich die Kässpätzle«, seufzte sie.
»Warom et glei so«, antwortete der Kantinenchef und schöpfte mit der Kelle, die eben noch in Soße gebadet hatte, die gelbe, schleimige Masse auf einen Teller. Wortlos nahm die Hauptkommissarin ihn in Empfang.
Ganz ruhig bleiben, befahl sie sich und nahm sich fest vor, am nächsten Tag das Essen von zu Hause mitzubringen.
Ihr Mobiltelefon klingelte. Greta schob den Teller, den sie nur halb geleert hatte, zur Seite und nahm ab. Kriminalrat Seidel atmete schwer.
»Zwei Badegäste haben eine männliche Leiche am See bei Ummendorf gefunden. Das Opfer weist offenbar eine Schusswunde auf und war in einem Sack verpackt. Unfassbar.«
»Okay, ich fahre sofort hin.«
Greta notierte sich die Adresse des Fundorts, wollte aufspringen und besann sich dann doch einer gemächlicheren Bewegung, zumal die Kässpätzle im Magen zu einem mächtigen Gebilde aufgequollen waren, dessen Gewicht sie in den Stuhl drücken wollte. Auf dem Weg zum Ausgang sah sie Schneider mit Kollegen an einem Tisch sitzen. Sie legte ihm eine Hand auf die Schulter.
»Wir haben einen Fall. Ein Toter am Badesee bei Ummendorf. Erschossen. Wir müssen da sofort hin.«
»Ein erschossener Toter? Och Mönsch, ich esse doch gerade«, maulte Schneider und sah sein fast unberührtes Schnitzel wehmütig an.
»Dann nehmen Sie halt das Stück totes Tier mit«, grantelte Greta. »Aber wehe, Sie krümeln damit im Dienstwagen rum. Dann sorge ich dafür, dass Ihnen die nächste Innenreinigung in Rechnung gestellt wird.«
Schneider grummelte noch ein paar Flüche in seinen nicht vorhandenen Bart, warf sein Besteck auf den Teller und folgte ihr.
Durch und durch Schwabe, dachte Greta. Dieser Schneider hungerte lieber, als die Kosten für eine Autoreinigung zu übernehmen.
Am Ufer des Sees waren die Kolleginnen und Kollegen der Spurensicherung schon zugange. Es wurde fotografiert, jeder Grashalm umgedreht, nach Haaren, Hautschuppen, Zigarettenkippen, Fußspuren, nach Kleinigkeiten gesucht, die einen Hinweis auf den Täter geben konnten. Greta blinzelte gegen die blendende Maisonne an, die alle Pflanzen und Gegenstände zum Leuchten brachte.
Sie kroch unter dem Absperrband hindurch, bewegte sich auf die Spurensicherer zu, kniete sich neben den Mann, der die Leiche untersuchte, und stellte sich vor.
»Oliver Raible von der Gerichtsmedizin in Ulm«, erwiderte der Mittdreißiger, der in seinem weißen Schutzanzug ein wenig wie ein Spermium aus Woody Allens Film »Was Sie schon immer über Sex wissen wollten …« aussah.
Greta Gerber nickte anerkennend. Trotz der längeren Anreise war er noch vor der Polizei vor Ort.
»Sie sind wohl hergeflogen. Respekt«, sagte sie.
Raible lächelte. »Ich wohne in Biberach, daher musste ich meine Flugkünste nicht unter Beweis stellen.«
»Lässt sich schon etwas über die Todesursache und den Zeitpunkt der Tat sagen?«
Raible drehte den Kopf des Opfers zur Seite. Greta kämpfte angesichts der klaffenden Wunde an der rechten Schläfe mit dem Würgereiz, und auch Schneider nahm eine Gesichtsfarbe an, die ihm mühelos einen Nebenjob in einer Geisterbahn verschafft hätte.
»Ich würde sagen, Kopfschuss mit einer kleinkalibrigen Pistole aus nächster Nähe. Und vorher hat er mit einem schweren Gegenstand offenbar eins übergebraten bekommen. Der Todeszeitpunkt liegt schon ein paar Tage zurück. Mehr kann ich erst …«
»Nach der Obduktion sagen«, ergänzte Greta den Satz.
Raible schnitt eine Grimasse. »Na ja, er lag eine ganze Weile im Wasser. In diesem weißen Plastiksack hat er gesteckt, der wahrscheinlich mit Steinen beschwert war, um ihn am Grund zu halten. Irgendwann ist das Plastik gerissen und er wurde nach oben geschwemmt. Ein Glück, dass noch nicht so viele Badegäste hier sind.«
Greta schauderte bei dem Gedanken, dass planschende Kinder den Toten hätten entdecken können. »Haben wir die Tatwaffe?«
Raible schüttelte den Kopf. »Die Taucher sind bestellt und werden den See absuchen.«
»Hatte das Opfer Papiere bei sich?«
Erneut verneinte der Mediziner. »Keine Brieftasche, keine Papiere. Er hatte lediglich ein bisschen Kleingeld dabei.«
»Wer hat ihn gefunden?«
»Die zwei Athleten da drüben.«
Raible wies mit dem Kopf nach links.
Greta sah zwei übergewichtige Männer in Badehose auf einer Bank sitzen, die einem Polizisten Rede und Antwort standen. Sie ging zu ihnen, stellte sich vor und begann mit der Befragung.
»Ist Ihnen irgendetwas aufgefallen?«
»Mir waret beim Schwemma und hen den Sack g’seha ond na hab i zum Markus g’sagt: Guck amol, da schwemmt a Gugg. Do hen welche wieder ihren Gruschd ens Wasser g’schmissa. I sag’s Ihne, i ben ganz fertig.«
Greta sah Schneider Hilfe suchend an.
»Die beiden haben den Sack, in dem sich der Tote befand, im Wasser treiben sehen und waren der Meinung, dass da Umweltsünder Unrat entsorgt haben. Er ist sehr aufgewühlt«, übersetzte ihr Assistent.
»Ja, ond dann hem mir die Gugg rausg’fischt ond no isch ons erschd an Chrischtboom uffganga.«
»Chrischtboom«, wiederholte die Hauptkommissarin Greta Gerber tonlos, Schneider verdrehte die Augen.
»Sie haben den Sack an Land gebracht und haben entdeckt, welch brisanter Inhalt in ihm steckt. Da sei ihnen ein Licht aufgegangen.«
Sie nickte und gab dem Sprecher der beiden ein Zeichen fortzufahren.
»Der Markus isch dann zum Bademoischder g’wetzt ond hot d’Polizei angrufa.«
Schneider holte Luft, um zur Übersetzung anzusetzen, doch Greta stoppte ihn mit einer Handbewegung. »Haben Sie etwas angefasst?«
»Ag’langt hem mer nix.«
»Was?«
»Nein, hat er gesagt.«
Greta wandte sich an den Polizisten, der alles eifrig mitnotiert hatte.
»Nehmen Sie die Personalien der beiden Herren auf und versuchen Sie, ein Porträt des Toten anzufertigen. Also eines, das ihn unversehrt zeigt. Es ist davon auszugehen, dass wir einen Aufruf über die Medien machen müssen, und wir wollen die Bevölkerung ja nicht schocken. Und Sie, Herr Schneider, fahren ins Büro zurück und sehen den Ordner mit den Vermisstenanzeigen durch. Vielleicht befindet sich dieser Herr ja darunter.«
Schneider schnaubte empört. »Und was machen Sie?«
»Ich sehe mich hier noch ein bisschen um. Die Frage ist, wie konnte der Täter die Leiche hierherbringen? Das Gelände ist doch eingezäunt.«
»Aber et überall«, meldete sich einer der beiden Badegäste. »Dohenta, beim Angel- und Gewässerschutzverei, da kommt mr ans Ufer. Isch aber verbota.«
Da hat sich der Täter wohl mehrfach strafbar gemacht, dachte Greta.
Als sie drei Stunden später das Büro betrat, bereitete sich Denis Schneider gerade auf seinen Feierabend vor. Die blonden Haare hatte er nach hinten gegelt, eine schwere Duftwolke umwaberte seine Gestalt, seine Alltags-Uniform hatte er gegen ein blaues Poloshirt, eine ockerfarbene Chino-Jeans und Sneakers mit Troddeln getauscht. Vor allem Letzteres empfand Greta Gerber als schweren Verstoß gegen jegliche Ästhetik. Die Bommel an den Schuhen, ein Symbol der 80er, dieser Dekade, in dem sich nahezu jeder modemäßig zum Affen gemacht hatte, hatten in dieser Zeit nichts zu suchen. Oder sollte tatsächlich die Rückkehr zu Schulterpolster und Dauerwelle auf der Agenda der Modeschöpfer stehen?
»Wo wollen Sie denn hin?«
Schneider richtete den Kragen seines Shirts und sah sie erstaunt an.
»Es ist Freitagabend. Ich gehe zum Fußball. Wieso?«
Greta konnte es nicht fassen. Sie hatte sich schon oft mit der oberschwäbischen Gemütlichkeit konfrontiert gesehen, vor allem in Dienstleistungsbereichen wie Restaurant, Bäckereien und Ämtern, aber dass der Kollege eine solche Wurstigkeit bei einem Mordfall an den Tag legte, sprengte alle Grenzen. Sie musste sich beherrschen, damit sie nicht die Contenance verlor.
»Haben Sie irgendeinen Hinweis auf die Identität des Opfers gefunden?«, fragte sie gedämpft.
»Nein, es wird im Moment niemand im näheren Umkreis vermisst.«
Schneider besah sich im Spiegel, strich mit der Hand über seine gebändigte Haarpracht und nickte selbstgefällig.
»Ist das Bild von dem Toten fertig?«
»Liegt auf Ihrem Schreibtisch.«
Greta betrachtete das Bild des Mannes genauer. Der Vollbart konnte seine markanten Züge nicht kaschieren, seine braunen Augen lagen tief in den Höhlen. Sie starrten leblos in die Ferne, es waren die Augen eines Avatars, an einer Maschine rekonstruiert, der Natur lediglich nachempfunden. Und dennoch war das durch und durch ein Mensch, der hier abgebildet war. Die Haare waren eindeutig gefärbt, das Schwarz wies einen deutlichen Blaustich auf.
»Das Foto ist schon an die Medien raus. Es wird in den Regionalnachrichten gesendet, und die Zeitung wird es morgen auch drucken. Außerdem hat der Chef mich gebeten, Ihnen auszurichten, dass er morgen eine Pressekonferenz geben will. Er möchte, dass Sie dabei sind.«
Greta schluckte. Sie war nicht unbedingt erpicht darauf, mit Journalisten zu sprechen, die ihrer Meinung nach nur auf eine Schlagzeile aus waren. Diese Typen lauerten doch nur auf eine Chance, der Polizei irgendeinen Ermittlungsfehler nachweisen zu können, um die Öffentlichkeit in Angst und Schrecken zu versetzen. Sie schüttelte den Gedanken ab.
»Und wer verfolgt Ihrer Meinung nach die Hinweise, die wir durch den Aufruf bekommen?«
Gretas Stimme klang aggressiver, als sie es wollte.
Schneider sah sie an, als hätte sie ihm eröffnet, er könne nun mit der Raumreinigung beginnen.
»Frau Behrmann ist noch da. Und Sie. Sie leiten doch die Ermittlungen. Außerdem bin ich jederzeit zu erreichen. So wie gestern, als ich Sie von Ihrem Date erlöst habe.«
Er zog sein Smartphone aus der Tasche und hielt es in die Höhe.
Greta spürte, dass hinter Schneiders Zynismus noch etwas anderes steckte. Er verhielt sich ihr gegenüber korrekt, aber nicht kollegial, befolgte ihre Anweisungen mit Unmut, machte nicht mehr als nötig. Dienst nach Vorschrift nannte man das wohl, aber diese Einstellung war bei der Polizei, und erst recht bei einem Mordfall, mehr als fehl am Platz.
Greta änderte die Strategie. »Herr Schneider, ich weiß, das ist neu für Sie. Aber wir haben es mit einem Mord zu tun, ich brauche Sie hier. Und sei es nur, um mir die Anrufe zu übersetzen.«
Sie lächelte, um die Scherzhaftigkeit der Bemerkung hervorzuheben, doch ihr Kollege hatte den Humor offensichtlich bereits in den Feierabend geschickt.
»Ich bin Polizist, nicht Übersetzer. Und ich bin auch nicht der, der die gesamte Drecksarbeit macht. Außerdem bin ich dienstlich im Stadion.«
Er schnappte sich seinen Lederblouson vom Garderobenständer, schlüpfte in einer fließenden Bewegung hinein und klopfte sich mit dem Zeigefinger auf die Brust.
»Das Bild des Toten habe ich natürlich bei mir. Vielleicht kennt einer der rund 5.000 Fans des 1. FC Oberschwaben das Opfer. Ich muss los, damit ich noch alle befragen kann.« Er lächelte schief und verschwand.
Greta starrte dem Kollegen mit offenem Mund hinterher, dann ließ sie sich auf ihren Schreibtischstuhl sinken.
»Herzlich willkommen in Biberach«, seufzte sie.
8
Im VIP-Zelt des 1. FC Oberschwaben herrschte dicke Luft. Eine große Videoleinwand zeigte die Zusammenfassung des Spiels gegen den FC Homburg, das vor knapp einer Stunde abgepfiffen worden war.
»Jetzt guck dir den Fliegafänger a«, entrüstete sich ein älterer Herr über die Leistung des Torwarts Thomas Heimerdinger, der soeben an einer Flanke vorbeisegelte, die vom Homburger Mittelstürmer kompromisslos per Kopf zum 1:2 ins Netz befördert wurde.
Schneider schüttelte den Kopf. »Das ist echt nicht zu begreifen. In einem Spiel zeigt dieser Heimerdinger Weltklasseformat, und heute hätte er nicht einmal gegen die Damenmannschaft von Bad Waldsee eine Chance gehabt«, maulte er, was ihm einen Ellbogencheck von seiner Begleitung einbrachte. Christine war selbst Fußballerin und schätzte es gar nicht, wenn sich Männer abfällig über ihre Sportart äußerten.
»Entschuldigung, aber es ist doch wahr. Schau dir das an.«
Schneider wies auf die Leinwand, auf der die Szene lief, in der Heimerdinger einen Homburger Spieler im Strafraum in einer sehr robusten Art zu Fall brachte. Einer seiner Teamkollegen zeigte ihm den Vogel und wurde daraufhin vom Tormann geohrfeigt. Die Rote Karte war die unweigerliche Folge.
»Der isch doch net ganz sauber. Haut der sei’m oigena Mann oine an dr Grend«, wetterte der ältere Herr.
Ein kollektives Empörungsstöhnen füllte das Zelt, als Präsident Siegfried Röder vor die Kamera trat. Buhrufe und Pfiffe ertönten.
»Natürlich hätten wir das Spiel gern gewonnen, aber Thomas hat heute einen rabenschwarzen Tag erwischt. Dennoch bleibt unbestritten, dass er ein Ausnahmetalent ist. Wir wissen, was wir an ihm haben«, kommentierte der große Mann des 1. FC Oberschwaben die Leistung seines Schützlings.
Wie immer sah er aus, als käme er von einer Gala und befände sich nicht im Stadion eines Viertligisten. Seine grauen Haare hatte er sauber in der Mitte gescheitelt, die dunkelblaue Krawatte setzte eine dezente farbliche Nuance zum hellblauen Hemd, das Sakko saß wie angegossen.
Er ließ sich von dem Reporter, der immer wieder die schwankenden Leistungen des Torhüters ins Gespräch brachte, nicht aus der Ruhe bringen. Lediglich bei der Frage, ob die handgreiflichen Entgleisungen Heimerdingers vereinsintern verfolgt würden, geriet der Präsident in Rage. »Natürlich können wir eine solche Tat nicht dulden. Thomas hat sich bereits bei Harry entschuldigt, aber das kann nicht genügen. Wir werden uns überlegen, welche Konsequenzen das haben wird.«
»Isch des älles, was der zum saga hot? 1:5 verlora, auf oigenem Platz. An Skandal isch des!« Der Alte schleuderte seine Faust in Richtung Videoleinwand und verließ heftig fluchend das Zelt.
Schneider wäre ihm am liebsten gefolgt, doch Christine machte keine Anstalten zu gehen. Sie war eine der glühendsten Verehrerinnen des FC und kostete jede Minute aus, die sie im VIP-Zelt verbringen konnte. Schneider hatte sie mit den Karten überrascht, als sie seinem Drängen, sich mit ihm zu treffen, nachgegeben hatte.
Kennengelernt hatte er die junge Frau beim »Weißen Fest« im »Alten Haus«. Alle Gäste dieser Party waren in Weiß gekleidet gewesen.
Christine war ihm sofort aufgefallen. Ihre dunklen Haare schienen durch die fast blendende Umgebung an Schwärze zu gewinnen, der rot geschminkte Mund strahlte wie ein Leuchtturm-Signal und zog ihn magisch an. Und dann dieses umwerfende Lächeln, das sie ihm mehr als einmal zusandte – er konnte nicht anders, er musste sie anstarren.
Dass er sie angesprochen hatte, war das Resultat einer Wette gewesen: Sein Freund Charlie hatte 50 Euro gesetzt, dass er, Denis Schneider, nicht den Mut besäße, zu ihr zu gehen und Kontakt aufzunehmen. Tatsächlich hatte es noch dreier Anfeuerungsschnäpse bedurft, bis er sich im schwankenden Tänzelschritt auf sie zubewegte und ihr mit »Du tanzt wie eine Feder im Wind« ein äußerst gut getarntes Kompliment ins Ohr lallte.
»Bisch du aus em Lyrik-Seminar ausbrocha?«, hatte sie erwidert, ihn dabei aber aufmunternd angelacht – und da war es um Schneider geschehen gewesen.
Eine bildhübsche Frau mit Humor und Esprit, einem Flirt offensichtlich nicht abgeneigt, die sich anmutig bewegte und die trotz ihres Stylings eine frische Natürlichkeit ausstrahlte, die musste er einfach näher kennenlernen.
Alles wollte er wissen: Wer sie war, wie sie lebte, wo sie wohnte, was sie beruflich machte – und: Wann sie mit ihm ausging.
Sie brüllte ihm gegen das Hämmern der Musik Antworten ins Ohr, nur bei der letzten Frage blieb sie zunächst stumm, zog am Strohhalm ihres Cocktails und sah ihn lange an.
»Gut, i gang mit dir aus«, hatte sie schließlich gesagt. »Zum Fußball. Aber nur, wenn du mi ins VIP-Zelt vom 1. FC einlädsch.«
Schneider hatte sofort zugestimmt. Das VIP-Zelt des 1. FC Oberschwaben strahlte zwar die Romantik einer Hocketse der örtlichen Feuerwehr aus, war jedoch gleichzeitig ein unverfänglicher Ort. Und für Christine gab er gern die 40 Euro aus, die für eine Karte verlangt wurden.
Allerdings hatte sich der Kommissar einen anderen Ausgang des Spiels erhofft. Er hatte sich ausgemalt, dass ihm Christine im Rausche des Torjubels um den Hals fallen würde, dass sie, erregt vom mitreißenden Spiel der Mannschaft, den Sieg auf amouröse Art mit ihm feiern würde.
Bei einem 1:5 gab es jedoch nicht viel zu feiern, die aphrodisierende Wirkung des Ergebnisses entsprach den gewonnenen Punkten, sie war gleich null.
Er sah Christine an, die sich dem Studium der Tabelle in der Stadionzeitschrift »Der Wadenbeißer« gewidmet hatte. Sie erörterte gerade die neue Tabellensituation nach dem misslungenen Heimspiel.
»Des dät no lange zum Aufstieg. Es sen no zwoi Spiel, ond die misset se halt g’winna«, erläuterte sie.
Schneider lachte. »Ja, aber die kann die Mannschaft nur gewinnen, wenn Heimerdinger nicht mitspielen darf.«
Christine funkelte ihn angriffslustig an. Sie hatte ein Faible für den jungen Torhüter und ließ keine schlechte Äußerung über ihn zu.
»I würd sage, dass der Tom der Garant für dr Aufstieg isch.«
Ein junger Mann im FC-Fan-Ornat drehte sich zu ihr um und schnaubte. An seiner Gesichtsfarbe war zu erkennen, dass ihn das Spiel seiner Mannschaft ziemlich mitgenommen hatte, und seiner Ausdünstung nach zu schließen, hatte er den Frust mit reichlich Bier hinuntergespült.
»Wenn’s noch mir gange dät, dürft der Heimerdinger maximal die Linia vom Spielfeld nochzieha. Der taugt doch nix. Beim 0:1 gega d’Kickers Offenbach getunnelt, beim 2:3 gegen Trier lenkt der den Eckball ins oigene Tor. Do könntsch moina, der kriagt von de andere Geld für seine Aussetzer.«
Christines Lippen bebten. Schneider kam nicht umhin, auch diese Geste süß zu finden.
»Ond wer hot beim 2:1 gega Saarbrücka zwoi Elfer g’halta? Überhaupt: Wer hot in de erschde sechs Spiel sein Kaschda sauber g’halta? Der Tom. I sag’s, wie’s isch: Aus dem wird no was. Außerdem kann er ja nix für seine Aussetzer. Des kommt älles von sei’m Unfall.«
Schneider dachte nicht daran, sich in dieses Gespräch einzumischen. Christines Tonlage wurde immer schriller und die Argumente giftiger. Sie kannte sich aus in der Historie des FC, schüttelte Berichte und Analysen aus dem Ärmel ihres Trikots – das sie in einer Größe gekauft hatte, die ihre atemberaubenden Kurven bestens zur Geltung brachte – und nahm dem Kritiker sämtlichen Wind aus den Empörungssegeln. Dass sie sich darüber hinaus mit der Biografie des Torhüters intensiv beschäftigt hatte, stieß Schneider sauer auf. Allerdings eignete sich die tragische Geschichte des Jungen, der seit einem Autounfall, bei dem er seine Eltern verloren hatte, unter demenzartigen Störungen litt, bestens, um jedes Sommerloch in den Gazetten zu füllen. Und die regionalen Blätter kamen auch immer wieder gern auf das Thema zurück und bauten es herzergreifend aus. Trotz seiner Erkrankung und der Trauer um die Eltern hatte sich Thomas Heimerdinger ins Leben zurückgekämpft. Er hatte diszipliniert trainiert und galt nun als Ausnahmetalent der Liga.
Christines Meinung nach gab es ganz andere Kandidaten, die geeigneter waren, um die Spielfeldlinien nachzuziehen. Verteidiger Dragoslav Melic zum Beispiel, der wahrscheinlich alle Schuhsohlen seiner Gegenspieler en Detail beschreiben konnte, da er sie nur von hinten sah.
Oder Mittelstürmer Antonio Puntini, bei dem jeder Jungvogel Flugunterricht nehmen konnte. »Es isch a Wonder, dass der scho fünfmol troffa hot. Aber bloß, weil er dem Ball nemme ausweicha konnt, als er angschossa worda isch.«
Christine redete sich immer mehr in Rage und arbeitete sich ausführlich am Mittelfeld-Ass Maik Riemenschneider ab, der heute durch Effektlosigkeit, um nicht zu sagen, durch seine Bewegungsstarre, aufgefallen und nach einer Stunde vom Platz genommen worden war.
Der junge Mann starrte sie mit offenem Mund an, während sie ihm ihre taktischen Änderungen ausführte, die unweigerlich zum Aufstieg des FC führen würden.
»Ich geh mal kurz für Königstiger«, warf Schneider dem Streithahn und dem Streithuhn zu und trat vor das Zelt.
Die sternenklare Nacht verhieß einen sonnigen nächsten Tag, die Luft war angenehm kühl, der Geruch von Bratwurst und Grillfleisch ließ den nahenden Sommer mit all seinen Biergartenausflügen erahnen. Ein Sommer der Liebe, schoss es Schneider durch den Kopf. Er musste es sich eingestehen, dass Christine ein lang verschollen geglaubtes Gefühl in ihm auslöste. Er war verliebt. Aber empfand sie auch etwas für ihn? So wie das Treffen verlaufen war, deutete nicht viel darauf hin. Er hätte Fußballer werden sollen, das hätte seine Chancen bei ihr eindeutig erhöht.
Die Reihe mit den Dixi-Toiletten befand sich am Ende des VIP-Parkplatzes. Etwa 50 Meter davon entfernt standen zwei dunkle Gestalten, die heftig aufeinander einredeten. Der Ältere versuchte, dem anderen eine Hand auf die Schulter zu legen, doch der stieß sie zurück.
Schneider schlich sich im Schutz der parkenden Fahrzeuge näher an die beiden heran, schließlich erkannte er die Männer.
»I kann nemme!«, brüllte Thomas Heimerdinger den Präsidenten Siegfried Röder an und heulte auf. Es klang wie der Klagelaut eines verletzten Tieres.
Röder sprach beschwichtigend auf ihn ein.
Schneider konnte nicht verstehen, was er sagte. Er versuchte, die Entfernung zu dem Spieler und dem Funktionär zu verringern.
»Zwei Spiele, es sind nur noch zwei Spiele«, raunte Röder. »Die wirst du noch durchhalten.«
Er packte den jungen Torhüter an den Schultern und schüttelte ihn. Aus Thomas Heimerdinger war jede Körperspannung gewichen, kraftlos hingen seine Arme an der Seite herab, den Kopf hatte er auf die Brust gesenkt.
»I kann aber nemme«, schluchzte er. »Die Fans, der Trainer, die andere, die hasset mi älle. I halt des nemme aus.«
Heimerdinger wurde von einem Weinkrampf geschüttelt.
Schneider wollte sich aufrichten, stieß mit der Stirn an den Außenspiegel eines parkenden Fahrzeugs, was einen dumpfen Laut verursachte.
Der Präsident und der Torhüter fuhren erschrocken herum und entdeckten den Kommissar. Der rettete die Situation, indem er sich suchend umsah.
»Können Sie mir sagen, wo die Toiletten sind?«, fragte er. Er versuchte, nicht wie ein beim Lauschen Ertappter zu klingen.
»Dahinten«, raunte Röder und wies in Richtung der blauen Dixi-Häuschen. Er wandte sich ab, legte dem unglücklichen Heimerdinger den Arm über die Schulter und führte ihn mit sich.
»Danke. Schönen Abend noch!«, rief Kommissar Schneider hinterher. Er erhielt keine Antwort.
Schneider sah den beiden nach, bis sie von der Dunkelheit geschluckt wurden. Der Motor eines Wagens wurde gestartet, zwei Lichtpunkte leuchteten kurz auf, drehten dann ab.
»Würde mich wirklich interessieren, was den Heimerdinger so mitgenommen hat«, murmelte der Kommissar.
Diese Frage sollte ihn die ganze Nacht beschäftigen.
Und natürlich das Rätsel, wieso Christine ohne ihn nach Hause gegangen war.
9
An der Tür läutete jemand Sturm und ließ ein energisches Klopfen folgen.
Greta Gerber schreckte aus dem Tiefschlaf und sah auf die elektronische Anzeige ihres Digitalweckers.
5.15 Uhr.
Wer sich erdreistete, sie so rabiat um diese Zeit zu wecken, der konnte sich warm anziehen. Es sei denn, er hatte einen guten Grund dafür.
»Frau Gerber, sen Sie drhoim?«, polterte eine laute Männerstimme vor der Tür. Es dauerte nur wenige Zehntelsekunden, dann wusste Greta, wem sie gehörte. Sie warf sich ihren Morgenmantel über, schlurfte zur Tür und öffnete. Das Licht im Flur blendete, sie blinzelte dagegen an.
»Herr Pfarrer. Hab ich eine Chorprobe verpasst?«
Andreas Goettle hatte rote Flecken im Gesicht und schien sehr aufgeregt zu sein. Er schob sich an der Hauptkommissarin vorbei in den Flur ihrer Wohnung und wedelte mit einer Ausgabe des »Schwäbischen Tagblatts«.
»Wollen Sie nicht reinkommen?«, schickte Greta ihm hinterher und schlich ihm gähnend nach.
»Den Typa, den ihr am Badesee g’fonda hen, den kenn i«, purzelte es aus Pfarrer Goettle heraus, während er mit der flachen Hand auf die Zeitung schlug. Greta versuchte, zwischen dem Gesagten und der Geste einen Zusammenhang herzustellen. Nur langsam dämmerte es ihr, dass in der Morgenausgabe das rekonstruierte Foto des Toten erschienen war.
»I hab a bissle braucht. Den Bart hot der früher net ghet ond seine Hoor waret au andersch. Überhaupt isch der schlanker g’worda. Aber die Narbe onder ’m Aug, die hat dahanna rum bloß oiner.«
»Dahanna rum«, murmelte Greta und dehnte dabei die Vokale, dass es wie »Daa-Haa-Naa-Ruuum« klang. »Tut mir leid, Herr Pfarrer, ich fürchte, meine Synapse, die für die Schwäbisch-Deutsch-Übersetzungen zuständig ist, schläft noch. Was bedeutet Daaa-Haaa-Naaa-Ruuum?«
Der Geistliche hob beide Arme gegen den Himmel und verdrehte die Augen: »So lasset uns nicht schlafen wie die andern, sondern lasset uns wachen und nüchtern sein. Erster Thessalonicher, Kapitel fünf, Vers sechs.«
Greta sah ihn verdutzt an und entlockte Pfarrer Goettle ein schelmisches Grinsen. »Isch ja au egal jetzt. Also auf Hochdeutsch: Der Tote besitzt eine Narbe, die hier in der Gegend nur einer hat. Die hot er sich anscheinend beim Rombuabla, also bei einer Rauferei mit dem Hirlesberger Hannes eig’fanga, hot mir mei Vorgänger verzählt. Mitten in der Heiliga Kommunion hen die ag’fanga, mit ihre Kerza zum fechta. Ond wie die Jonga halt so sen: Der Hannes knallt dem Karlheinz des Deng auf dr Riassel nuff, des hot blutet wie net ganz ganz g’scheit. Mit fümf Stich hat mr die Wunde näha müssa.«
Goettle machte eine kurze Pause, um seine Worte auf die im Halbschlaf vor sich hindämmernde Hauptkommissarin wirken zu lassen.
»Okay, und wie heißt unser Narbengesicht?«
»Karlheinz Kaiser hoißt der. Beziehungsweise hot der g’hoißa, da er ja nemme onder ons weilt. Der war a ganz großes Tier bei der EVB.«
Nach und nach erreichte Greta die Bedeutung dieser Information. Sie riss die Schublade des Sekretärs auf, suchte hektisch nach einem Blatt Papier und einem Stift. Sie probierte einen Kugelschreiber aus, der natürlich nicht funktionierte.
»EVB?«, fragte sie, während sie ihre Handtasche auf dem Wohnzimmertisch durchwühlte und einen Kajalstift hervorzog. Sie sah ihn abschätzend an. Besser als nichts.
»Energieversorgung Biberach. Von denne bekommt halb Oberschwaben Strom. Die Windräder hen Se bestimmt scho g’seha: furchtbar. Ond dem Kaiser hem mr’s au zum verdanka, dass es den FVB nemme gibt.«
»FVB?«
»Den Fußballverein Biberach. Mit sei’m Geld hat er dafür g’sorgt, dass der FV und Olympia zum 1. FC g’worda sen.«
Greta besah sich die Buchstaben, die in bröckeliger Kajalschrift auf dem Papier standen, und verstand rein gar nichts.
»Jetzt mal langsam zum Mitmeißeln. Wofür hat er gesorgt?«
Pfarrer Goettle stöhnte und winkte ab. »Des war klar, dass Sie als Badenerin nix vom Fußball verstandet.«
»Moment mal …«, hob Greta an und wollte gerade ihre Kenntnisse über den SC Freiburg und den Karlsruher SC anbringen. Sie war auch schon mal im Dreisamstadion gewesen, als Volker Finke noch Trainer war, und was eine Abseitsfalle war, wusste sie auch.
Goettle legte ihr eine Hand auf den Arm, bevor sie ihr Fachwissen anbringen konnte, und begann, ausführlich die Zusammenhänge zwischen den einstigen und dem jetzigen Fußballverein zu erklären.
»Okay, jetzt hab ich es. Zwei Fußballvereine gingen in einem auf, um die Kräfte zu bündeln. Und Kaiser hat durch das Sponsoring der EVB und durch das Engagement bei der Sponsorengewinnung die Entwicklung des 1. FC Oberschwaben vorangetrieben.«
Greta besah die Aufzeichnungen. Aus den Kürzeln der Vereine hatte sich eine simple Formel entwickelt. FV + Olympia = 1. FC.
Nur: Warum musste Kaiser sterben? Wer brachte einen Menschen um, der einem Verein dabei half, professionelle Strukturen anzunehmen?
Goettle hatte die Hände vor dem Bauch gefaltet und schien darauf zu warten, dass sie ihren Gedanken zu Ende dachte.
»Mr munkelt übrigens, dass es auch ein privates Sponsoring war, das er in dr Verei eibrocht hot. Damit hot der sich in die Vereinsspitze eikauft und natürlich wichtige Leute kenneng’lernt«, sagte er nach einer Weile.
»Wie Privatsponsoring? Woher hatte er denn so viel Geld?«
»Des woiß mr net so genau. Des müsst mr vielleicht rausfinda. A propos rausfinda. Gibt’s eigentlich a Belohnung für mein Hinweis? I frog net für mi. Aber des Kinderhaus Sonnenschein braucht obedengt a neue Schaukel. Die alt isch so mend. Net, dass no oins rahaglet.«
Greta verzog das Gesicht und tippte sich an die Stirn. »Herr Pfarrer, meine Übersetzungssynapse …«
Goettle lachte und wiederholte sein Anliegen. »Die alte Schaukel des Kinderhauses Sonnenschein ist nicht sehr sicher, daher muss sie ersetzt werden … um zu verhindern, dass ein Kind herunterfällt und womöglich physischen Schaden nimmt.«
Greta Gerber machte sich erneut eine Kajalnotiz.
»Ich werde es weiterleiten. Aber nochmals zurück zu diesem Kaiser. Meinen Sie, dass er sich durch sein Engagement beim 1. FC Oberschwaben Feinde gemacht hat?«
Goettle rückte ein wenig näher an die Tischplatte heran.
»Net bloß oin. Die Fans und die eingeschworene Mitglieder vom FV und Olympia waret net begeistert, dass es ihre Clubs nemme gibt. Aber durch den Zusammaschluss isch halt ein Verein entstanda, der es vielleicht irgendwann in die Bundesliga schafft. Da gab’s au viele Neider. Aber in letzter Zeit hat des den Kaiser nemme g’juckt«, flüsterte er.
»Wieso denn nicht?«
»Weil er scho seit drei Johr he isch.«
Der Pfarrer machte eine dramatische Pause, die Greta nutzte, um die Lücken zu füllen, die das Oberschwäbisch des Pfarrers hinterlassen hatte.
»He?«
»Tot. Karlheinz Kaiser isch scho seit drei Johr tot. Umkomma bei einem Segelunfall in der Ägäis. Hot’s g’hoißa. Komisch, oder?«
»Sehr komisch«, brummte die Hauptkommissarin. »Ein Toter, der plötzlich wieder auftaucht, um ermordet zu werden. Welchen Sinn ergibt das?«
»I kann den Frieder froga, der war früher Chefredakteur beim ›Schwäbischa Tagblatt‹«, schlug Pfarrer Goettle vor.
Er war aufgestanden, hatte auf dem halben Weg zur Tür noch einmal Halt gemacht und sich umgedreht. »Der Frieder hot sich sehr intensiv mit dem 1. FC Oberschwaben befasst. Da soll net älles mit rechte Dinge zuganga sei. Vielleicht woiß der ebbes, was ons weiterbringt. I meld mi wieder. Ond vergesset Se die Schaukel net. Grüß Gott.«
Goettle schob sich aus der Tür und verschwand. Greta hörte, wie er auf dem Gang sein Vorgehen mit sich selbst besprach. War vielleicht gar nicht schlecht, göttlichen Beistand bei diesem Fall zu haben, dachte sie. Oder besser: den Goettle’schen.
10
»Die hasset mi! Die hasset mi! Die hasset mi!«
Wie ein Unglücksmantra spuckte Thomas Heimerdinger diese drei Worte immer wieder aus. Schemenhafte Bilder wirbelten in seinem Kopf herum. Die scheußlichen Grimassen der Fans nach dem Spiel, die geschwungenen Fäuste. In seinen Ohren dröhnten noch die Verwünschungen der Zuschauer, die Schmährufe, die seinen Ausschluss aus der Mannschaft forderten. Er zog sein Kissen über den Kopf, als könnte er die Schreie und die Bilder dadurch verdrängen. Aber er konnte diese Eindrücke nicht ausblenden, auch nicht die Szenen aus der Umkleidekabine, die Rempeleien der Mannschaftskameraden, die hasserfüllten Blicke, die abweisenden Gesten des Trainers.
»Die hasset mi! Die hasset mi! Die hasset mi!«
Im Rhythmus der Worte schlug Thomas seinen Kopf gegen die Wand. Er spürte den Schmerz und war erleichtert. Erlösende Pein.
Immer heftiger stieß er die Stirn nach vorn, Blut rann ihm aus einer geplatzten Braue über die Wange, tropfte auf das Kissen, färbte das Weiß des Überzugs, breitete sich aus wie Wein aus einem umgestürzten Glas.
Das Pochen nahm zu, löste die Schreckensbilder ab, die sich aufbäumten und dennoch zerfielen. In viele kleine Mosaikstückchen, die so gar nicht zusammenpassen wollten. Thomas lachte. Stieß immer wieder zu und lachte.
Bis eine Hand ihn am Schopf zog und ihn festhielt.
Thomas blickte in die entsetzten Augen seines Großvaters, der ihn kräftig an sich presste. »Ruhig, Bua, ganz ruhig.«
»Die hasset mi, Opa. Älle hasset mi«, keuchte Thomas Heimerdinger.
»Des isch doch gar net wohr«, erwiderte Walter Heimerdinger, wiegte seinen Enkel und summte dabei eine kleine Melodie: Der Mond ist aufgegangen.
Thomas begann zu weinen. Das Lied hatte ihm seine Mutter vorgesungen, als er noch klein war. Als er noch eine Familie gehabt hatte. Als das Unfassbare noch in weiter Ferne lag. In einem Leben ohne den Nebel.
Und aus den Wiesen steiget
der weiße Nebel wunderbar.
»Mama«, schluchzte Thomas.
»I woiß, Bua. I woiß. Sie fehlt mir doch au.«
Sein Großvater drückte ihn noch fester an sich. Sein Enkel sollte nicht sehen, dass auch er mit den Tränen kämpfte.
11
»Okay, fassen wir zusammen. Wir haben ein Opfer, das vor drei Jahren für tot erklärt worden ist, offenbar irgendwo unter anderer Identität gelebt hat, nun wieder auftaucht und ermordet wird. Warum war Kaiser hier, warum hat er sein Versteck aufgegeben? Und warum haben sich seine Frau, Freunde oder Bekannte nicht gemeldet? Lesen die alle keine Zeitung, sehen die nicht fern?«
Greta sah in die konzentrierten Gesichter ihrer Kollegen, die sie zur »Soko Kaiser« zusammengetrommelt hatte. Kommissar Denis Schneider pulte mit einem kleinen Holzstäbchen zwischen den Zähnen herum – in der Kantine hatte es Rostbraten gegeben – und starrte vor sich hin. Kommissaranwärterin Laura Behrmann, die Jüngste im Team, machte sich auf einem Blatt Papier Notizen, und Polizeiobermeister Ernst Fritz, von den Kollegen liebevoll mit POM Fritz bespöttelt, zwirbelte die Spitzen seines Schnurrbartes.
»Offenbar hat ihn niemand erkannt«, durchbrach Greta die Mauer aus betretenem Schweigen. »Laut Pfar… laut einem Hinweis aus der Bevölkerung hat sich Kaiser seit seinem Verschwinden vor einigen Jahren sehr verändert. Ist der Obduktionsbericht eigentlich schon da?«
»Noch nicht vollständig. Die Leiche lag wohl drei bis vier Tage im Wasser, deshalb sind viele Spuren verwischt. Aber eines ist sicher: Das Blut, das wir bei dem Einbruch in die Villa Seitz gefunden haben, stammt eindeutig von Kaiser«, erwiderte Laura Behrmann.
»Dann hat er den Einbruch begangen und auch die Waffe mitgehen lassen«, folgerte Greta. »Kaiser hat sich im Hause Seitz offenbar bestens ausgekannt, wusste, wo er die Pistole und die Munition finden konnte. Herr Fritz, könnten Sie sich mit Kurt Seitz in Verbindung setzen, um zu erfahren, ob und woher sich die beiden gekannt haben? Versuchen Sie, ein bisschen mehr über Kaiser herauszubekommen. Laura, Sie ermitteln bitte die Adressen von Freunden und Bekannten und fragen nach, ob sich Kaiser in letzter Zeit mit ihnen in Verbindung gesetzt hat. Und wir zwei« – Greta wandte sich an Schneider – »statten einmal seiner Ehefrau einen Besuch ab. Es ist doch äußerst merkwürdig, dass sie sich noch nicht gemeldet hat.«
Auf dem Weg nach Schemmerhofen sprach Schneider kein Wort. Zumindest nicht mit Greta. Für die anderen Verkehrsteilnehmer hatte er die eine oder andere Schmähung auf Lager. Eine Hand lag permanent in Nähe der Hupe, nur um sie stetig erklingen zu lassen, ob es nun einen Grund gab oder nicht. Kommissar Schneider hielt sich für einen hervorragenden Autofahrer, im Vergleich zu ihm schnitten alle anderen schlecht ab, und er ließ keine Gelegenheit aus, ihnen seine Missachtung entgegenzutröten.
»Wie war es denn beim Fußball gestern Abend?«, fragte Greta, um ihn abzulenken und dadurch eine gemäßigtere Fahrweise zu erreichen. »Verloren. 1:5«, kam es einsilbig zurück.
Hauptkommissarin Gerber sah ein, dass sich dieses Thema wenig eignete, um den Kollegen aufzuheitern oder ein Gespräch in Gang zu bringen.
Sie sah aus dem Fenster: Kühe grasten auf den Wiesen, bunte Blüten beklecksten das Grün, die Schatten der Wälder zeichneten Silhouetten in die Landschaft. Greta malte sich in Gedanken aus, wie schön es wäre freizuhaben, im Kofferraum einen Picknickkorb und eine Decke, die an einem lauschigen Plätzchen ausgebreitet werden könnte und auf der ein Sahneschnittchen der ganz anderen Art Platz nahm.
Sie sah Schneider an und ihr Tagtraum platzte. Bei dem Anblick seiner Leichenbittermiene konnte einem die Lust auf eine romantische Ausfahrt vergehen, und von Sahneschnittchen war der Kollege meilenweit entfernt.
Nach zehn Minuten stoppte Hauptkommissar Schneider den Dienstwagen vor einem schmiedeeisernen Tor. Hinter einer weißen Steinmauer ragte ein mehrgeschossiges Fachwerkgebäude in die Höhe, ein großer Park mit wuchtigen Bäumen umsäumte das Haus. In der Einfahrt parkte ein blauer Porsche Cayenne, der in der Sonne leuchtete wie ein Saphir.
Greta entließ einen kleinen Pfiff durch die Zähne.
»Nicht schlecht. Die Dame haust ja nahezu fürstlich und hat offensichtlich auch einen Chauffeur, der täglich den Wagen wienert.«
Schneider nickte. »Hier stand früher ein Wasserschloss. Es ist im Jahr 1487 abgebrannt. Und dann wurde dieses Gebäude hier errichtet. Schauen Sie sich die Fassade an, Renaissance. In den 60er-Jahren wurde das Schmuckstück grundlegend restauriert, natürlich wurden originale Bauelemente verwendet. Und der Garten, ist der nicht herrlich? Es gibt sogar einen Brunnen.«
Greta betrachtete ihren Kollegen genauer. Es war das erste Mal, das Schneider so etwas wie Begeisterung zeigte.
»Aha, und woher wissen Sie das alles?«
»Das Haus stand lange zum Verkauf. Damals hatte ich eine Freundin, die bei dem Immobilienmakler arbeitete, der das Schloss an den Mann bringen wollte. Sie hat mich mal herumgeführt.«
Er errötete.
Greta bohrte nicht weiter nach und hatte Mühe, die semierotischen Bilder zu verdrängen, die Schneiders Unsicherheit hervorgelockt hatten. Gab es einen Ausschaltknopf für Kopfkino?
Sie drückte auf die Klingel und eine blecherne Stimme ertönte aus der Sprechanlage: »Ja, bitte?«
»Frau Kaiser? Kommissar Schneider und Hauptkommissarin Gerber von der Kripo Biberach. Wir würden gern mit Ihnen reden.«
Eine Sekunde herrschte Stille, dann summte der Türöffner.
Wenig später saßen die beiden Polizisten im Arbeitszimmer von Ilka Kaiser, das mehr einem Raum in einem Museum ähnelte als einem Büro. In der Ecke erinnerte eine Ritterrüstung an die einst hochherrschaftliche Geschichte des Gebäudes, an den Wänden hingen Ölgemälde. Schwere Vorhänge nahmen dem Zimmer das Tageslicht.
Ilka Kaiser saß auf einem reich verzierten Holzstuhl mit hoher Rückenlehne und erinnerte in diesem Ambiente mit ihrer rotblonden Lockenpracht, den kirschrot geschminkten Lippen und dem tief dekolletierten blauen Kleid, das nicht verbergen konnte, dass die Mittvierzigerin den leiblichen Genüssen zugeneigt war, an die Konkubine eines Adligen. Sie sah die beiden Polizisten durchdringend an.
»Was kann ich für Sie tun?«, fragte sie. Sie fingerte eine Zigarette aus einer Schachtel, nahm Feuer von einer Kerze und blies den Rauch in die Luft.
Diese Coolness ist nicht ganz echt, dachte Greta.
Die Fußspitzen der Dame wippten auf und ab.
»Haben Sie heute schon Zeitung gelesen?«, begann Schneider.
Frau Kaiser nahm noch einen Zug von der Zigarette, inhalierte tief, dann schüttelte sie den Kopf. »Nein, ich bin gestern erst spät von einem Außendreh nach Hause gekommen. Und heute Morgen war Kostümprobe, da bin ich noch nicht dazu gekommen, mich um das Weltgeschehen zu kümmern.«
»Ah, sind Sie Schauspielerin?«, hakte Greta nach.
»Nein, Produzentin. Ich unterstütze einen jungen Filmemacher, der kurz davor ist, seinen internationalen Durchbruch zu erleben. Arthur Kessler, wahrscheinlich haben Sie schon von ihm gehört. Sehr begabter Mann.«
Ilka lächelte selbstgefällig.
Durchbruch. Fragt sich nur in welche Richtung, dachte Greta Gerber.
»Nein, habe ich nicht«, antwortete sie. »Frau Kaiser, wenn Sie heute Morgen Zeitung gelesen hätten, dann hätten Sie dieses Foto sehen können.«
Die Hauptkommissarin überreichte Ilka Kaiser die Seite mit dem Artikel über den Toten. »Kennen Sie den Mann?«
Ilka Kaiser kniff die Augen zusammen.
Typischer Fall von Altersweitsichtigkeit, aber zu eitel, um eine Brille zu tragen.
Die Ehefrau des Toten las den Artikel, betrachtete das Foto, zögerte einen Moment, dann gab sie das Stück Papier zurück.
»Nein, den Mann habe ich noch nie gesehen.«
Greta bemerkte, dass etwas nicht stimmen konnte. Ilka Kaiser vermied den direkten Augenkontakt, während sie das Erkennen leugnete.
»Frau Kaiser, sehen Sie genau hin. Wir haben Hinweise bekommen, dass es sich bei dem Toten, den wir am Badesee bei Ummendorf gefunden haben, um Ihren Ehemann handelt.«
Schneider schob ihr den Zeitungsausriss noch einmal hin. Greta ärgerte sich über die ungestüme Vorgehensweise des Kollegen; in solchen Situationen galt es, Empathie zu beweisen. Aber Schneider war so einfühlsam wie eine Abrissbirne im Einsatz.
Die Befragte beugte sich noch einmal über das Foto, sie sah ganz genau hin, dann begannen ihre Mundwinkel zu zucken und die Hände zu zittern. Die Zigarette entglitt ihr, fiel auf die Tischplatte. Schneider ergriff den Glimmstängel, bevor es zu einem Brandloch kommen konnte, öffnete ein Fenster und warf die Zigarette hinaus.
Ilka Kaiser sackte in sich zusammen. Sie starrte in die Leere, eine einsame Träne rollte ihr über die Wange.
»Aber … wie kann denn das sein? Er ist doch schon tot«, schluchzte sie.
»Ist das Ihr Mann?«, fragte Greta Gerber.
Ilka Kaiser schniefte und betrachtete das Bild noch einmal. Sie zuckte leicht die Schultern. »Er sieht so anders aus. Aber die Augen. Und die Narbe. Er könnte es sein. Aber auch wieder nicht. Er ist doch schon so lange tot.«
Die Schlossherrin schlug die Hände vor das Gesicht und wurde von einem heftigen Weinkrampf geschüttelt.
Im Gang ertönten Schritte, die Tür wurde aufgerissen, ein junger Mann, den Greta auf maximal Ende 20 schätzte, trat herein. Seine langen Haare hatte er zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden, ein Dreitagebart betonte seine markanten Konturen. Er steckte in einem teuren Anzug, vermutlich maßgeschneidert, der seine athletische Figur noch mehr zur Geltung brachte.
»Schatz, ich muss dringend los. Hast du die Verträge für die Special-Effects-Leute schon fertig?«, rief er, als er das Zimmer betrat.
Er stutzte, als er die beiden Polizisten sah. »Oh, du hast Besuch?!«
»Hauptkommissarin Gerber und Kommissar Schneider. Guten Tag.«
Greta Gerber zückte ihre Dienstmarke, Kollege Schneider tat es ihr nach.
»Und wer sind Sie?«
Der junge Mann lächelte nervös, warf Ilka Kaiser einen flüchtigen Blick zu, erkannte, dass sie weinte, rauschte auf sie zu und nahm sie in den Arm. »Schatz, was ist los?«
»Ach, Arthur, es ist alles so schrecklich. Mein Mann. Er ist wieder da. Nein, er ist tot.«
Sie verbarg ihr Gesicht an seiner Schulter und wurde von einem erneuten Weinkrampf geschüttelt.
Der junge Mann namens Arthur blickte Greta Gerber verständnislos und Hilfe suchend an.
»Machst du Witze? Dein Mann ist ertrunken. Bei einem Segeltörn in der Ägäis.«
»Ertrunken? Das können Sie getrost ausschließen«, schaltete sich Schneider ein. »Aber tatsächlich wurde er im Wasser gefunden. Allerdings nicht in der Ägäis, sondern in einem Badesee. Sorgsam verpackt in einem weißen Sack. Ach ja, bevor er versenkt wurde, hat man ihm mit einem harten Gegenstand auf den Hinterkopf geschlagen und zum Schluss erschossen.«
Greta verzog das Gesicht. Wie ein Nilpferd trampelte sich Schneider seinen Weg durch das Verhör. Aber nun stand die Wahrheit im Raum, konnte nicht mehr ungesagt gemacht werden.
Das Schluchzen der erneut zur Witwe Gewordenen steigerte sich. Schließlich wandte sie den Polizisten wieder das Gesicht zu.
»Aber wer … Wer macht denn so etwas?«, flüsterte sie tonlos.
Arthur streichelte ihr über das Haar. Aus seinem Gesicht war jede Farbe gewichen, seine Augen starrten ins Leere.
»Das würden wir auch gern wissen. Natürlich setzen wir alles daran, um die Tat zu rekonstruieren. Aber dazu benötigen wir Informationen.«
Greta Gerber versuchte, so sanft wie möglich zu klingen, um die unsentimental vorgetragene Faktenlage des Kollegen auszugleichen.
»Ich glaube, das ist jetzt nicht der richtige Zeitpunkt für eine Befragung. Sie sehen doch, dass meine Lebensgefährtin unter Schock steht«, ereiferte sich Arthur. Er drückte Ilka Kaiser an sich, und sie sah ihn dankbar an.
»Ach, Sie sind der Lebensgefährte von Frau Kaiser? Wie war Ihr Name doch gleich? Ich habe ihn nicht verstanden.«
Schneider gefiel sich sichtlich in der Rolle des bad cop und machte keinen Hehl daraus, dass er den Schönling an der Seite der wesentlich älteren Frau nicht ausstehen konnte.
»Mein Name ist Kessler. Arthur Kessler. Filmemacher. Sie werden meinen Namen sicher schon gehört haben«, erwiderte der junge Mann in einem Tonfall, in dem das Unverständnis mitschwang, dass er von dem Kommissar nicht erkannt wurde.
Ilka Kaiser wischte sich über die Augen, die von einer erschreckenden Röte waren. »Diese Nachricht muss ich erst verdauen. Sie ist so un-fass-bar. Un-be-liev-able«, sagte sie.
»Gut, dann kommen Sie bitte morgen früh ins Präsidium. Wir haben eine Menge Fragen. Wir müssen alles über Ihren Mann wissen. Wer er war, was er beruflich gemacht hat, wie er seine Freizeit verbracht hat, mit wem er Umgang pflegte. Wie und wann er verschwunden ist. Warum er wieder aufgetaucht ist. Meinen Sie, Sie können das schaffen?«, fragte Greta.
Ilka Kaiser nickte unmerklich und ergriff Kesslers Hand.
»Und es wird Ihnen auch nicht erspart bleiben, in die Gerichtsmedizin nach Ulm zu fahren, um Ihren Mann zu identifizieren. Sieht nicht schön aus«, legte Schneider nach.
Kessler streichelte Ilka Kaiser über die Wange.
»Gemeinsam stehen wir das durch. Ich bin für dich da.«
Es klang, als würde er aus einem Drehbuch rezitieren. Allerdings aus einem nicht sehr originellen. Seine Geliebte lächelte ihn dankbar an.
»Bringst du Frau Gerber und Herrn Schneider zur Tür, Liebling? Ich glaube, ich muss mich hinlegen. Ich habe plötzlich furchtbare Kopfschmerzen.«
Sie stand auf, gab den Polizisten die Hand und taumelte in Richtung Treppenhaus. Aus ihren Bewegungen war sämtliche Kraft gewichen. Greta Gerber und Denis Schneider sahen ihr nach, bis sie den Treppenabsatz erreicht hatte, wandten sich dann an Arthur Kessler, der ihnen den Weg zur Tür wies.
»Wir finden allein hinaus«, entgegnete Hauptkommissarin Gerber und ging. Schneider blickte Kessler noch einmal grimmig an und folgte seiner Kollegin.
»Was halten Sie von den beiden?«
Gretas Frage durchbrach das Schweigen, das die Rückfahrt zur Dienststelle begleitete. Es war eine andere Form der Stille als auf der Herfahrt. Eine konzentrierte, nach innen gerichtete.
Es dauerte einen Moment, bis sich Schneider zu einer Antwort durchrang.
»Es ist doch sonnenklar, was da läuft. Sie, eine reiche, aber welkende Schönheit, sucht sich einen jungen Adonis, der sie vergessen lässt, dass sie eine alternde Frau ist. Und er lässt sich diesen Dienst vergüten und dreht mit ihrem Geld Filme, die die Welt nicht braucht. Krank ist das.«
Greta seufzte. Sie hätte es ahnen können, dass die Beziehung zwischen dem ungleichen Paar in Schneiders von Testosteron gesteuerter Weltsicht auf wenig Verständnis stieß.
»Das meine ich nicht. Ist Ihnen an den Reaktionen nichts aufgefallen?«
Schneider zuckte die Schultern.
»Na ja, nichts Außergewöhnliches. Sie hat geweint, und er hat versucht, sie zu trösten.«
»Und dass sie dabei nur eine einzige Träne vergossen hat, finden Sie nicht außergewöhnlich«, schob Greta Gerber nach.
»Wieso, sie hat doch geheult wie ein Seehund vor der Fütterung.«
Schneider grinste selbstgefällig, wischte sich aber dann den Anflug von Frohsinn aus dem Gesicht, als er merkte, dass die Kollegin nicht darauf reagierte.
»Ich sage Ihnen was: Da steckte kein bisschen Trauer dahinter. Mit ein bisschen Training … kann … daaas … jeheder … Lai…ai…aie.«
Gretas Worte gingen in einem markerschütternden Schluchzen unter.
Schneider wandte seinen Blick von der Fahrbahn und sah seine Kollegin an. Sie wischte sich eine echte Träne aus den Augenwinkeln und wies ihn mit strenger Miene an, wieder auf den Verkehr zu achten.
»Was wollen Sie damit sagen?«
»Ich denke, dass wir eben ein durch und durch inszeniertes Theaterstück gesehen haben. Und es war noch nicht einmal besonders gut.«
12
Als sie im Kommissariat ankamen, saß POM Fritz an seinem Rechner und hämmerte mit zwei Fingern auf die Tastatur ein, als sollte sie dafür büßen, dass er seinen Bericht nicht handschriftlich abfassen durfte. Immer wieder erschütterte ein Fluch seine Bartspitzen und brachte sie zum Wippen.
Laura Behrmann hielt den Telefonhörer ans Ohr und brüllte hinein.
»Nein, ich bin nicht die Klara. Laura Behrmann heiße ich … Von der Polizei. Nein, mit der Klara ist alles in Ordnung … Nein, sie ist nicht zu schnell gefahren … Ach so, sie hat gar keinen Führerschein mehr … Den hat sie mit 92 abgegeben, fährt aber dennoch heimlich mit dem Porsche ihres Enkels … Verstehe … Nein, ich rufe wegen Karlheinz an … Ja, ich weiß, der ist tot … Der hatte auch einen Porsche … und auch keinen Führerschein mehr … Das ist interessant …«
Greta Gerber konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen, während Laura Behrmann die Augen verdrehte. So spannend Ermittlungsarbeit sein konnte, manchmal brauchte man auch Nerven aus Stahl.
»Die schwätzt mit einer Großtante vom Kaiser. Die hört a bissle schwer«, klärte Ernst Fritz auf. »Ich hab Kurt Seitz erreicht. Karlheinz Kaiser und er waret Sportkamerada. I schreib grad mein Bericht.« Angewidert wies er auf den Bildschirm.
Greta Gerber ließ sich eine Kurzfassung der Befragung geben. Nach Aussage von Kurt Seitz war Karlheinz Kaiser ein sehr engagierter Mensch gewesen, dem es am Herzen lag, den Sport und die Kultur in der Region voranzubringen. Er pflegte Verbindungen zu politischen Instanzen in der Region, sammelte eifrig Sponsorengelder, trieb die Geschicke des FV Biberach voran und entwickelte schließlich die Idee, dass es in Oberschwaben Bundesliga-Fußball geben müsse. Er hatte einen Architekten damit beauftragt, einen Plan für ein Stadion zu entwickeln, in dem 20.000 Menschen Platz finden, ohne zu wissen, wohin man den Fußballtempel bauen konnte. Er förderte eine Fußballschule in Laupheim, die es jungen Talenten ermöglichte, mehrere Stunden am Tag unter professionellen Bedingungen zu trainieren, ohne die Schulbildung zu vernachlässigen. Die Schützlinge bekamen Privatunterricht.
Er war es auch, der Spielern aus dem Ausland den Besuch der Fußballschule ermöglichte. Als er Siegfried Röder, Immobilienmakler und Spielervermittler von zweifelhaftem Ruf, kennenlernte, nahm die Vision Kaisers Gestalt an. Mit ihm hatte er den Partner an der Seite, mit dem er die professionellen Strukturen aufbauen konnte. Seitz habe hie und da ein Projekt unterstützt, aus diesem Grund war Karlheinz Kaiser zu Lebzeiten oft zu Gast, meist in Begleitung seiner Frau Ilka, die sich nach seinem Tod jedoch sehr zurückgezogen habe.
»Gute Arbeit, Herr Fritz, vielen Dank. Damit wäre also der Einbruch in der Villa Seitz geklärt. Karlheinz Kaiser hat die Pistole entwendet. Die Frage ist, wo ist die Waffe?«
Greta sah ratlos in die Runde.
Laura Behrmann hing erschöpft in ihrem Bürostuhl und starrte das Telefon an. »Wenn ich noch mal so ein Telefonat führen muss, bin ich ein Fall für den polizeipsychologischen Dienst«, schnaubte sie.
»Den gibt es in Baden-Württemberg gar nicht«, schnitt ihr Denis Schneider das Wort ab.
»Klugscheißer«, gab die junge Polizistin zurück.
»Leute, bitte! Gibt es Hinweise aus dem Freundeskreis? Hat sich Kaiser bei irgendjemandem gemeldet?«, fragte Greta.
Laura Behrmann verneinte. »Ich habe eine Liste von Namen angelegt, die mir sein Bruder genannt hat. Aber bislang gibt es keine Spur. Allerdings wissen wir jetzt, wo er hier in Biberach gewohnt hat. Die Rezeptionistin vom Parkhotel Jordanbad hat ihn auf unserem Bild erkannt. Allerdings hat er sich unter einem anderen Namen mit einem englischen Pass angemeldet. Als Jonathan Richman.«
»Herr Reichmann, wie originell. Habt ihr schon sein Zimmer durchsuchen lassen?«
Laura Behrmann nickte. »Ja, wir haben die Spusi hingeschickt, und Herr Fritz und ich waren auch vor Ort. Aber außer sehr aus der Mode gekommenen Klamotten und ein paar Habseligkeiten haben wir nur ein Flugticket gefunden. Von Singapur nach Stuttgart und zurück. Offensichtlich wollte er nur drei Tage bleiben, den Rückflug hätte er zwei Tage nach seinem Tod angetreten. Ansonsten haben wir weder Computer oder Handy noch die Waffe gefunden. So wie es aussah, hat er im Hotel keine Nacht zugebracht. Das Bett war unbenutzt.«
Greta starrte zum Fenster hinaus. Unendlich viele Fragen stoben durch ihren Kopf. Warum tauchte ein für tot Erklärter plötzlich wieder auf? Wen wollte er treffen? Für wen stellte sein Erscheinen eine Gefahr dar?
Ihr erster großer Fall in Biberach erwies sich als ziemlich harte Nuss.
Darmowy fragment się skończył.