Czytaj książkę: «Animalische Schattenseiten»
Norbert Böseler
Animalische Schattenseiten
Unheimliche Tiergeschichten
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Federflut
Gedankenleser
Netzfänger
Tohuwabohuzoo
Spätfolgen
Inselbankett
Blutmond
Impressum neobooks
Federflut
Marcel grüßte den Pförtner und verließ das Firmengelände. Er überlegte kurz, ob er noch in seiner Stammkneipe einkehren sollte, entschied sich jedoch dagegen. Sabrina wartete sicherlich sehnsüchtig auf ihn. Es könnte aber auch sein, dass seine Frau bereits schlief. Sie war in letzter Zeit häufig abgespannt und müde. Oftmals lag sie schon im Bett, wenn er von der Spätschicht nach Hause kam. Die harte Arbeit im Warenlager machte ihr sehr zu schaffen, doch auf das zusätzliche Einkommen waren sie beide angewiesen. Marcel zog die Kapuze über seinen Kopf und ging über den Bürgersteig, der entlang der Hauptstraße ins Dorf führte. Die anderthalb Kilometer lief er meistens zu Fuß. Die frische Luft tat ihm gut, sie vertrieb den Gestank, der seine Nase während der Arbeit permanent malträtierte. Der Abend war kalt und dichter Nebel verschleierte seinen Blick. Er konnte gerade mal von einer Straßenlaterne zur nächsten schauen. Die Lichter des Ortes waren nur zu erahnen. Dichtes Strauchwerk säumte den Bürgersteig, dahinter floss ein kleiner Bach, in dem sich gerne Enten tummelten. Leises Plätschern begleitete Marcels Schritte. An seiner Nasenspitze sammelte sich ein feuchter Tropfen. Er wischte ihn mit dem Jackenärmel ab. Er durfte jetzt nicht krank werden. Auf dem Haus lastete ein Haufen Schulden, und die Leiharbeiter würden sich um seinen Job reißen. Er hatte zwar einen unbefristeten Vertrag, doch was zählte das heutzutage noch. Jeder war ersetzbar, erst recht, wenn man körperlich nicht mehr mithalten konnte. Ein weiterer Tropfen schlich aus seiner Nase, er schnippte ihn mit dem Zeigefinger weg. Um den aufkommenden Schleimfluss zu stoppen, schnäuzte er in ein Taschentuch. Als er das durchnässte Tuch in seiner Jackentasche verstaute, vernahm er hinter den Sträuchern ein leises Rasseln. Marcel blickte zu der Stelle, konnte aber nichts erkennen. Der Nebel verdichtete sich zusehends. Die Straßenlampen durchbrachen den grauen Schleier nur schemenhaft. Ein Auto rauschte vorbei. Die roten Rücklichter wurden förmlich vom Nebel verschluckt. Marcel beschleunigte seinen Gang. Die nasskalte Luft hatte sich durch seine Kleidung gefressen. Er wollte möglichst schnell nach Hause. Wieder hörte er dieses Rasseln aus dem Gebüsch, diesmal deutlich lauter. Marcel reduzierte sein Tempo und spähte in die dunkle Wegbepflanzung. Plötzlich sprang etwas aus den Sträuchern und attackierte seine Beine. Marcel geriet ins Stolpern, konnte jedoch einen Sturz im letzten Moment vermeiden. Er erkannte eine Ente, die sich in seiner Hose verbissen hatte. Marcel schlug mit dem Bein nach vorne, versuchte, auf diese Methode seinen Widersacher loszuwerden. Doch der Schnabel hatte sich so fest in den Stoff verankert, dass sich die Ente auf diese Weise nicht abwimmeln ließ. Marcel wollte sich gerade bücken, als etwas Dunkles auf ihn zugeflogen kam. Eine zweite Wildente prallte frontal gegen seinen Kopf. Der harte Schnabel riss die Haut seiner Stirn auf. Marcel stürzte, Blut rann in seine Augen. Die Entenfüße samt Schwimmhäuten krallten sich in seine Haare. Der flache Schnabel hackte auf seinen Hinterkopf ein. Marcel griff nach hinten und bekam den Hals der Wildente zu fassen. Er schleuderte das aggressive Tier mit einem Ruck über die Büsche. Er hörte, wie es in den Bach platschte. Die andere Wildente ließ von seiner Hose ab und flatterte nach oben auf sein Gesicht zu. Marcel stoppte den Angriff mit einem beherzten Faustschlag. Das gefiederte Tier landete auf dem Bürgersteig und taumelte gackernd durch die Büsche. Mühsam richtete Marcel sich auf und vergewisserte sich, ob er die wildgewordenen Viecher wirklich in die Flucht geschlagen hatte, oder ob er mit einem erneuten Angriff rechnen musste. Alles verhielt sich still, nur das Plätschern des Baches war zu hören. Marcel holte das Taschentuch aus seiner Jacke und wischte das Blut aus seinem Gesicht. Er drückte das Tuch auf die Wunde und setzte seinen Heimweg fort. Eilig marschierte er auf das Dorf zu, dabei blickte er sich immer wieder um, stets bereit, etwaige Angreifer abzuschütteln. Niemand griff ihn an. Er erreichte den Ort, kam an der Stammkneipe vorbei, in der er oft mit seinen Kumpels über Gott und die Welt philosophierte. Er würdigte der Gaststätte keines Blickes, er hatte nur ein Ziel vor Augen. Das Haus, wo seine geliebte Frau auf ihn wartete. Ein roter Tropfen fiel von seiner Nasenspitze auf den Boden. Sabrina würde als erstes seine Wunde verbinden müssen. Was war nur in diese verfluchten Enten gefahren? Marcel konnte sich das aggressive Verhalten der Tiere nicht erklären.
Zwischen den Häusern lichtete sich der Nebel etwas. Marcel stand vor seiner Haustür und führte mit zittriger Hand den Schlüssel ins Schloss. Ihm war kalt, sein Kopf schmerzte. Das blutdurchtränkte Taschentuch hatte er in die Mülltonne geworfen. Er öffnete die Tür und trat ins Haus. Wohltuende Wärme schlug ihm entgegen. Auf der Fußmatte streifte er die Schuhe ab. Die Feder, die auf der Matte lag, beachtete er nicht. Er hängte die Jacke an die Garderobe und ging durch den Flur ins Wohnzimmer. Sabrina war nicht zu sehen. Er rief nach ihr, erhielt aber keine Antwort. Im Haus herrschte absolute Stille. Wahrscheinlich schlief seine Frau bereits. Leise schritt Marcel die Treppe nach oben und suchte zuerst das Badezimmer auf. Er wollte seine Frau nicht mit einem blutverschmierten Gesicht erschrecken. Er knipste das Licht an und stellte sich vor den Spiegel. Auf seiner Stirn klaffte eine dunkelrot umrandete Platzwunde. An der Nase klebte geronnenes Blut. Er drehte den Wasserkran auf, wartete bis das Wasser warm wurde und schaufelte es mit geöffneten Händen vorsichtig in sein Gesicht. Die aufgeplatzte Haut brannte. Gerötetes Wasser floss in den Abfluss. Nachdem er das Gröbste abgewaschen hatte, nahm er ein weiches Tuch und säuberte zaghaft die Wunde. Er hoffte, dass Wildenten keine Tollwut übertragen konnten.
Marcel ging auf den Flur und wandte sich der Schlafzimmertür zu. Vor der Tür lagen drei kleine weiße Federn. Marcel sah sie, schenkte ihnen aber keine Beachtung. Er wollte zu seiner Frau, mit der er seit fünf Jahren verheiratet war. Leise drückte er die Klinke nach unten. Der Raum lag im Dunklen. Marcel betätigte den Lichtschalter. Diesmal fielen ihm die Federn sofort auf, die auf dem Boden verstreut herumlagen. Marcel machte einen Schritt in das Zimmer hinein. Beim Anblick seiner Frau verschlug es ihm den Atem. Sie lag mit weitaufgerissenen Augen im Bett. Ihr Gesicht war blutig und mit Kratzwunden übersäht. Aus dem offenen Mund ragte ein Knäul aus weißen Federn. Die Daunenkissen und Bettdecken waren zerfetzt. Auf dem Ehebett verstreuten sich haufenweise kleine Daunenfedern. Marcel überwand seine Schockstarre und hastete zum Bett. Er fasste seine Frau an und rüttelte vorsichtig an ihren Schultern. Er rief ihren Namen, zuerst leise, dann lauter, zuletzt schrie er sie verzweifelt an. Er erhielt keine Antwort. Leblos lag die Frau, die er so sehr liebte, in seinen Armen. Er griff behutsam nach ihrem Mund und zog einige Federn heraus. Die Daunen in der Mundhöhle waren mit Speichel durchtränkt. Immer tiefer fuhren seine Finger in ihren Schlund und zogen Federn heraus. Selbst in Sabrinas tiefsten Rachen steckten sie und verstopften die Luftröhre. Marcel konnte die hinteren Federn nicht erreichen und stellte niedergeschlagen seine Bemühungen ein. Wie in Trance fühlte er nach Sabrinas Halsschlagader, dann fing er an zu weinen.
Eine Woche nach Sabrinas Beerdigung, nahm Marcel seine Arbeit wieder auf, was ihm äußerst schwerfiel. Er mochte seinen Job nicht, verabscheute ihn regelrecht. Das Piepen, das Rattern der Maschine, der widerliche Geruch. All das nahm er nach Feierabend mit nach Hause. Manchmal verfolgte die Arbeit ihn noch bis in den Schlaf, wo sie entsetzliche Alpträume hervorrief. Doch was sollte er machen, das Leben ging weiter, obwohl er in den letzten Tagen oft daran gedacht hatte, es einfach zu beenden. Sabrinas Tod hatte ihn in ein tiefes Loch fallen lassen. Ohne sie kam er sich hilflos und nutzlos vor. Die Umstände ihres Ablebens blieben ein Rätsel, anfängliche Ermittlungen auf ein Fremdverschulden wurden schnell eingestellt. Marcel stand vor dem Nichts. Auch wenn er frustriert seiner Arbeit nachging, musste er das Haus höchstwahrscheinlich veräußern. Mit seinem Einkommen konnte er die Schulden niemals tilgen. So ging er zur Arbeit, tat das, was getan werden musste und legte sich mit klagenden Gedanken ins Bett. Im Schlaf hörte er das Piepen.
Die erste Arbeitswoche nach dem Schicksalsschlag verlief relativ normal. Stoisch, wie ein Roboter, verrichtete Marcel seine Tätigkeit. Lust - und Emotionslos. Beim Schichtwechsel tauschte er sich nur kurz mit seinem Kollegen aus und ging dann gemächlich nach Hause. Seine beiden Kollegen, mit denen er sich die 24 Stunden-Schicht teilte, hatten keine Probleme mit den erschwerten Arbeitsbedingungen. Marcel hingegen haderte mehr und mehr. Am liebsten würde er den Job hinschmeißen, besonders jetzt, seit Sabrina nicht mehr an seiner Seite war. Umso erleichterter war er, als es nach der anstrengenden Arbeitswoche in ein langes Wochenende ging. Erst am Dienstagmorgen musste er wieder zur Frühschicht.
Damit er nicht zu viel nachdenken musste, stürzte Marcel sich in die Hausarbeit. Er wusch Wäsche und saugte den Boden. Unter dem Ehebett fand er noch ein paar Federn, was bei ihm sofort eine Gänsehaut verursachte. Wieder keimten Gedanken auf, die sich nicht in seinen Kopf einnisten sollten. Um sich abzulenken, legte er sich aufs Sofa und sah fern. Er zappte durch die Programme und entschied sich für eine Dokumentation über das Amazonasgebiet. Auch die berauschenden Naturaufnahmen konnten seine Selbstzweifel nicht vertreiben. Erst als seine Augenlider vor Müdigkeit schwer wurden und er in einen sanften Schlaf fiel, hatte er Ruhe.
Etwas tippelte über seinen Brustkorb. Ein flauschiges Kitzeln unter der Nase. Dann ein brennender Schmerz, der Marcel aufschrecken ließ. Er schmeckte Blut. Etwas stach in seine Lippe. Schlaftrunken öffnete Marcel die Augen. Noch von Müdigkeit benebelt, erkannte er dicht vor seinem Gesicht ein gelbliches Gebilde. Zunächst dachte er an einen Tennisball, doch dieses gelbe Etwas hatte zwei kleine Beine. Es drehte sich langsam um und Marcel blickte in zwei kreisrunde schwarze Äuglein. Vor ihm stand ein kleines Küken. Das eigentlich niedliche Tier strahlte eine bedrohliche Aura aus, die stecknadelkopfgroßen Augen sahen Marcel hasserfüllt an. Der blutverschmierte Schnabel hob sich und hackte erneut in Marcels Unterlippe. Marcel holte aus und schlug mit der flachen Hand nach dem Tier. Das Küken flog mit voller Wucht gegen den Fernsehschrank und landete zappelnd auf dem Boden. Marcel setzte sich auf und sah hinunter. Das Hühnerküken zuckte noch einmal und hauchte dann sein Leben aus. Marcel bückte sich und nahm es in die Hand. Der kleine Kopf baumelte am gebrochenen Genick zwischen seinen Fingern. Einige Blutspritzer hatten auf dem gelblichen Flaum rote Flecken hinterlassen. Marcel ging mit dem toten Federvieh nach draußen und warf es in die Mülltonne. Wieder im Haus schwelgten seine Gedanken zwischen Sabrina, seiner Arbeit und dem Küken. Er dachte an die Federn im Mund seiner Frau.
Den Abend verbrachte Marcel in seiner Stammkneipe, wo er seine Sorgen mit Alkohol hinunterspülte. Verkatert schleppte er sich durch den Sonntag. Am Montag ging er früh zu Bett, da er am nächsten Tag zeitig zur Frühschicht musste. Mitten in der Nacht wurde er von seinem Handy geweckt. Der Kollege von der Nachtschicht rief ihn an. Er klang aufgebracht und verstört. Die Maschine würde Probleme machen und überhaupt herrsche in der Halle ein fürchterliches Chaos. Von der Firmenleitung könne er niemanden erreichen und so bat er Marcel um Hilfe. Der versprach, sofort zu kommen. Marcel zog sich eilig an, holte sein Fahrrad aus dem Schuppen und fuhr zur Brüterei.
Er führte seine Karte in den Türöffner und gab seinen Pin ein. Mit einem Summen wurde die Tür entriegelt. Marcel schob sie auf und fuhr mit dem Rad aufs Firmengelände. Das Pförtnerhäuschen war um diese Zeit nicht besetzt. Im Grunde genommen stand der Betrieb während der Nacht still. Nur die Brutanlagen wurden von zwei Mitarbeitern überwacht und auch in seiner Abteilung musste immer jemand vor Ort sein. Die Halle, in der sein Kollege scheinbar gravierende Probleme hatte, befand sich abseits der anderen ganz hinten auf dem Betriebsgelände. Marcel näherte sich dem fensterlosen Gebäude, das mit grauen Trapezblechen verkleidet war. Aus den vergitterten Boxen, hinter denen sich normalerweise die Ventilatoren der Lüftung geräuschvoll drehten, drang kein Laut. Anscheinend war die Lüftungsanlage ausgefallen. Marcel kam die nächtliche Stille unheimlich vor. Auch die Leuchtstoffröhre über der Eingangstür strahlte kein Licht ab. Marcel lehnte sein Fahrrad an die Blechwand und führte seine Karte in den Schlitz der Türsicherung. Wieder gab er seinen Pin ein, woraufhin die schalldichte Tür sich öffnen ließ. Das Erste, was Marcel auffiel, als er den Vorraum betrat, war der Gestank nach Verbranntem. Er konnte den Geruch nicht genau definieren. Es roch nach verbranntem Fleisch, aber auch nach Gummi und Kunststoff. Rauch konnte er nicht erkennen. Was ebenso unangenehm war, war die Geräuschkulisse, die sich in seine Ohren bohrte wie ein spitzer Pfeil. Eine markerschütternde Mischung aus Piepen, Pfeifen, Zirpen und Kreischen. Als er die Tür zum Technikraum öffnete, nahm der Geräuschpegel noch um etliche Dezibel zu. Was ebenfalls zunahm, war der beißende Gestank, der Tränen in seine Augen trieb. Marcel hielt sich die Nase zu und musste husten, als er die von Gasen zersetzte Luft einatmete. Ihm wurde schwindelig, der Boden unter seinen Füßen schien im wahrsten Sinne des Wortes lebendig geworden zu sein. Auf dem Boden wimmelte es von kleinen Küken. Er konnte es nicht vermeiden auf die winzigen Hühnchen zu treten. Marcel stützte sich an der Wand ab und blickte auf die Schaltkästen, die regelrecht aufgepickt worden waren. Die Türen der Schränke standen offen und legten Kabel und Sicherungen frei. Die Küken hatten mit ihren Schnäbeln die Kabel beschädigt und Sicherungen demoliert. In den Kästen lagen verschmorte, angekokelte Tiere, deren schwarzgewordener Flaum noch glühte. Überall sprühten knisternde Funken unkontrolliert hin und her. Sterbende Küken lagen zitternd auf dem Boden und wurden einfach von anderen Tieren überrannt, um das Werk ihrer Artgenossen zu vollenden. Die Notbeleuchtung flackerte, dann gab es einen lauten Knall aus dem hinteren Sicherungskasten und das Licht im Versorgungsraum erlosch. Marcel wandte sich der letzten Tür zu, die in die Halle führte. Als er sie öffnete, stockte ihm der Atem.
Der Hallenboden bestand aus einem Meer aus Küken. Eine bräunlich gelbe Welle schwappte durch die Halle, begleitet von einem ohrenbetäubenden Lärm, der durch das Gebäude schallte. Das Kreischen der Eintagsküken bohrte sich unaufhaltsam in Marcels Ohren. Er hielt sich die Hände an den Kopf, versuchte, das Heulen des tierischen Sturmes zu ersticken. Aus den Augenwinkeln sah er, dass der Gang zur Sortierung offenstand und noch mehr Tiere in die Halle strömten. Vermutlich war auch die Schleuse zu den Brutanlagen geöffnet. Das Förderband, das von der Sortierung in die Halle führte, ragte aus dem Gang wie eine eitrige Zunge, die mit flauschigen Tieren bedeckt war. Wenn Küken vom Band fielen, sah es aus, als würde Schleim zu Boden tropfen. Marcels Augen folgten dem Band bis zum Ende, wo sich der Schredder befand. Was er dort sah, versetzte ihn in Angst und Schrecken. Der Kollege, der ihn um Hilfe gebeten hatte, lag leblos auf dem Förderband. Sein ausgestreckter Arm steckte bis zur Schulter im Schredder. Die scharfen Zinken der Walze hatten sich in sein Fleisch gefressen und die Knochen zermalmt. Die Maschine war mit seinem Blut besudelt. Marcel konnte das Entsetzen und den Schmerz in seinen Augen erkennen. Das war auch das Einzige, was er von seinem Arbeitskollegen sehen konnte, denn sein ganzer Körper war von Küken verhüllt, die ihn wie ein fleischgewordenes Laken bedeckten. Die amoklaufenden Jungtiere hackten wild auf den Mann ein, rissen ihm förmlich die Kleider vom Leib, um ihre Schnäbel in sein Fleisch versenken zu können. Die Meute kämpfte um die besten Plätze, Flaumfedern flogen wie gelbe Schneeflocken durch die Luft. Marcel erwachte aus seiner Schockstarre. Er musste seinem Kollegen helfen, obwohl er vermutete, dass jede Hilfe zu spät kam.
Er trat einen Schritt in die Halle hinein und wurde sofort von den Küken attackiert, die sich in sein Hosenbein verbissen. Marcel ignorierte sie und watete weiter in das gelbe Meer. Einige Tiere wurden von seinen Schuhsohlen zerquetscht. Je weiter er in die Halle hineinschritt, umso mehr nahm er einen anderen Geruch wahr. Es roch nach Gas. Marcel blickte zur Gaskammer, die nur benutzt wurde, wenn besonders viele männliche Küken getötet werden mussten. Die Kammer war aufgebrochen worden und Gas strömte aus, welches sich unter der Hallendecke sammelte. Dort oben flackerte bedrohlich die Industriebeleuchtung und untermalte den kreischenden Geräuschpegel mit diffusen Lichteffekten. Marcel näherte sich dem Förderband, wo immer noch ein reger Kampf um seinen Kollegen tobte. Auch er wurde vermehrt angegriffen. Seine Hose war bis zur Wade zerfetzt, die Haut aufgerissen und Blut lief in seine Schuhe. Er erreichte das Band und schlug die Küken vom Leib des Mannes. Wie aufgeplatzte Tennisbälle katapultierten die Tiere durch die Luft und klatschten teilweise gegen die Hallenwand. Marcel legte einen zerpickten Körper frei, dem kein Leben mehr innewohnte. Erst jetzt schien das Meer der Küken ihn als Bedrohung wahrzunehmen.
In der Mitte der Halle stapelte sich eine wahrhaftige Welle aus kreischenden Hühnerküken auf. Als die Welle überzuschwappen drohte, setzte sie sich in Bewegung und trieb auf Marcel zu. Binnen Sekunden wurde er von der Federflut verschlungen. Marcel ruderte mit den Armen, verlor das Gleichgewicht und den Boden unter den Füßen. Er stürzte in das totbringende, gelbe Meer. Es fühlte sich an, als landete er auf einem weichen Federkissen. Er empfand es anfangs als angenehm, die Wärme des Flaums zu spüren. Die Wärme wurde mit der seines Blutes angereichert. Selbst der Schmerz hatte etwas Erfüllendes. Die Federflut spülte ihn dem Tod entgegen, den er sich nach Sabrinas Verlust sehnlichst gewünscht hatte. Nach Ansicht der Tiere, hätte er ihn vielleicht sogar verdient. Die Welle brach und gab für Marcel einen letzten Blick frei. Er sah zur Hallendecke hinauf. Die Beleuchtung flackerte. Eine Industrielampe zerplatzte. Das Gas umarmte gierig die aufsprühenden Funken. Ein Feuerball flammte auf und blendete Marcels Augen, bevor er von ewiger Dunkelheit umgeben wurde.
Gedankenleser
Der alte Hund ließ sich bereitwillig anleinen und zum Auto führen. Er sprang freiwillig in den Kastenwagen. Als sich die Heckklappe hinter ihm schloss, war er erleichtert.
Max arbeitete seit über zehn Jahre in dem städtischen Tierheim. Das vom gemeinnützigen Tierschutzverein organisierte Heim finanzierte sich hauptsächlich von Spendengeldern. Max und seine Kollegin waren jedoch fest bei der Stadt angestellt. Der Tierpfleger liebte seinen Job fast so sehr wie seine Familie. Er war glücklich verheiratet und hatte zwei Kinder. Er freute sich über jede Minute, die er mit seiner Frau und den beiden Jungs verbringen konnte. Er genoss aber auch seine Arbeitszeit, die er überwiegend mit den Tieren verbrachte. Viele der Heimbewohner benötigten genauso viel Aufmerksamkeit wie Kinder, insbesondere Jungtiere und neu hinzugekommene Haustiere. Max hatte seine letzte Runde für heute gedreht und die Tiere für die Nacht versorgt. Später würde Frau Landwehr, die ehrenamtlich im Tierheim aushalf, nochmal nach dem Rechten sehen. Max holte seine Tasche aus dem Aufenthaltsraum, als es an der Eingangstür klingelte. Vor der Tür standen zwei Männer vom Ordnungsamt, die er gut kannte. Er öffnete die Tür.
„Hallo Max, entschuldige die späte Störung, aber wir haben einen Neuankömmling für dich im Wagen“, sagte der ältere der beiden Männer.
„Ist schon okay. Was habt ihr denn Schönes für mich?“
„Einen Rottweiler älteren Jahrgangs. Der ist den ganzen Nachmittag durch die Stadt gestreunt. Wir haben ihn lange beobachtet, er scheint harmlos zu sein. Jedenfalls konnten wir keinen Besitzer ausfindig machen und es hat sich auch niemand über den Hund erbarmt, deshalb haben wir ihn eingeladen, um ihn dir auszuhändigen. Du hast doch bestimmt ein warmes Plätzchen für ihn übrig, Max?“, meinte der jüngere der beiden.
„Ja klar. Ich hol nur schnell eine Leine.“
Wenige Minuten später legte Max dem Rottweiler ein Halsband an und hakte den Karabinerhaken der Leine ein. Der Hund ließ ihn anstandslos gewähren, er schien tatsächlich ein ruhiges Gemüt zu haben. Max zog etwas an der Leine, woraufhin der Hund aufstand und schwerfällig aus dem Wagen sprang. Max entfernte sich einige Schritte vom Auto und verabschiedete sich von den Männern. Als sie zur Tür gingen, stellte Max fest, dass der Hund mit dem linken Vorderbein humpelte. Oberhalb des Gelenks war eine Verknorpelung zu erkennen, die von einem unbehandelten Bruch herrühren könnte. Max zog die Tür auf und der Hund ging ohne zu zögern in das Gebäude. Auf der rechten Seite des Eingangsbereiches führte eine Feuerschutztür in den Gebäudetrakt, der nur für Hunde reserviert war. Max öffnete die Stahltür und wurde gleich mit unterschiedlichsten Belllauten begrüßt. Als der Rottweiler in den Flur trat, wurde das Bellen um einige Dezibel erhöht. Der Flur glich mit seinen vergitterten Boxen einem Gefängnis, hatte aber eine ganz andere Bedeutung. Hier wurde ausgesetzten und herrenlosen Tieren ein Heim geboten. Hier wurden sie gepflegt, hier hatten sie die Chance auf einen Neuanfang, falls ein anderer Besitzer sich ihrer annehmen würde. In dem Trakt gab es dreißig Hundeboxen, die alle über einen Außenzwinger verfügten, den die Tiere durch eine Klappe erreichen konnten. Bei Hunden, die nicht nach draußen sollten, konnte man den Durchgang schließen. Es gab nur noch drei freie Boxen, alle anderen waren mit Hunden unterschiedlichster Rassen belegt. Fast die Hälfte davon waren Mischlinge, die potenziell interessierte Hundeliebhaber oft mit ihrem Niedlichkeitsfaktor überzeugen konnten. Die Mehrheit der Vierbeiner war eher kleinwüchsig. Die größeren Hunde waren am Ende des Flures untergebracht. Ein Dobermann, ein Labrador, ein Schäferhund und ein Collie belegten die letzten Zellen. Max ließ den Rottweiler in die letzte Box, somit lagen zwischen ihm und den Dobermann zwei leere Gehege. Max band die Leine an eine Stange und holte zwei Futternäpfe mit Wasser und Trockenfutter. Bevor er den Hund von der Leine befreite, stellte er noch einen großen Korb mit einer weichen Auflage in die Box. Max löste den Karabiner und schloss die vergitterte Tür. Der Rottweiler schnüffelte am Trockenfutter und begann zu fressen. Max sah sich den Hund genauer an, der sehr alt zu sein schien. Das bräunliche Fell an der Schnauze war ergraut, der Rest des ansonsten dunklen Felles wirkte farb- und leblos. Zahlreiche Narben zeichneten sich auf dem abgemagerten Leib des Hundes ab. Sie könnten von Bissen oder von Schlägen herrühren. Eine besonders lange Narbe zog sich über die Hüfte des Rottweilers. Seine Ohren sahen ausgefranzt aus, als hätte man keilförmige Hautlappen herausgerissen. Der alte Hund war schwer vom Leben gezeichnet, nur seine Augen wirkten jung und lebendig. Der Neuankömmling stellte sich vor das Gitter und sah Max an. Die hellwachen, schwarzen Augen strahlten ihn entgegen, sie schienen ihn förmlich zu durchbohren. Er hielt den Blick des Hundes gebannt stand. Er glaubte ein grünliches Flackern in den Augen erkennen zu können, was ihn noch mehr faszinierte. Max spürte ein leises Pochen in seinem Kopf, das sich langsam ausweitete und dumpfe Schmerzen verursachte. Als die Schmerzen schlimmer wurden, wandte Max seinen Blick ab. Der Dobermann nebenan fing an zu jaulen und die anderen Hunde stimmten mit ein. Max hielt sich die Ohren zu, bis der Klagegesang verstummte. Anschließend sah er in die Box des Rottweilers. Der alte Hund lag in dem Korb und hatte die Augen geschlossen. Max Kopfschmerzen schliefen ebenfalls ein.
Am nächsten Tag fuhr Max früher als gewohnt zur Arbeit. Eigentlich müsste er erst mittags anfangen, weil seine Kollegin die Frühschicht hatte. Ihre Schichten tauschten die beiden im wöchentlichen Wechsel. Er hatte den Rottweiler zwar im Übergabebuch erwähnt, dennoch wollte er vor Ort sicherstellen, ob alles in Ordnung war. Der Rottweiler wirkte zwar harmlos, doch Max quälte ein ungutes Gefühl. Er hatte in der Nacht nicht gut geschlafen und von dem Hund geträumt. An den Traum konnte er sich nicht wirklich erinnern, aber er war davon aufgewacht, weil er ein schreckliches Ende genommen hatte, an das er sich ebenfalls nicht erinnern konnte.
Tanja war in der Kleintierabteilung beschäftigt und unterhielt sich mit einer Frau, die für ihre Tochter einen Hamster suchte. Max wollte sich nicht einmischen, deshalb ging er geradewegs zu den Hunden. Auf dem Flur war es verhältnismäßig still. Viele Hunde waren bei dem schönen Wetter draußen, andere ruhten in ihren Körben. Der Rottweiler war nicht in seiner Box, was Max sofort beunruhigte. Er öffnete die Tür am Ende des Flures und ging nach draußen. Der Rottweiler lag im Außenzwinger und genoss scheinbar die Sonne. Er zwinkerte kurz mit den Augen, dann schloss er die müden Lider und döste weiter. Max ließ ihn in Ruhe und ging wieder hinein. Später sprach er mit Tanja, die ihm nichts Ungewöhnliches zu berichten hatte. Sie freute sich nur über seine frühe Ankunft und fragte ihn, ob sie vielleicht eine Stunde eher gehen könne. Max willigte ein und begab sich missmutig ins Büro, wo jede Menge Papierkram auf ihn wartete. Die Büroarbeit war ihm ein Graus. Nachdem Tanja gegangen war, rief er beim Ordnungsamt an und fragte nach, ob sich irgendjemand zu dem Rottweiler gemeldet hätte, was nicht der Fall war. Max hatte auch nichts anderes erwartet. Max hatte das Gespräch gerade beendet, als er von draußen ein wütendes Bellen hörte. Er sprang auf und rannte in den Außenbereich. Der Dobermann stand aufrecht am Gitter und bellte unentwegt. Max sah noch, wie ein großer Hund in den Büschen der Anlage verschwand. Nach dem Körperbau zu beurteilen, den er kurz erblicken konnte, könnte es ein Rottweiler gewesen sein. Max redete beschwichtigend auf den Dobermann ein, der sich daraufhin tatsächlich beruhigte. Dann ging er zwei Zwinger weiter zu dem alten Hund. Der saß seelenruhig auf dem mit Spänen ausgestreuten Boden und spitzte seine ausgefranzten Ohren. Max glaubte, in seinem ergrauten Antlitz ein Lächeln erkennen zu können.
Max ging wieder rein und säuberte diverse Käfige in der Kleintierabteilung. Danach machte er seine Fütterungsrunde. Am Nachmittag kamen vier Schulkinder, die mit bestimmten Hunden ausgingen. Von den großen Hunden durfte nur der Collie mit. Die Kinder kamen jeden Tag und führten die Hunde mit großer Freude aus. Vor den Sommerferien bekamen sie für ihre Bemühungen einen kleinen Obolus. Während die Kinder unterwegs waren, ging Max zu dem Rottweiler, den die Kinder vermutlich nie ausführen würden. Irgendetwas stimmte mit dem Hund nicht, davon war Max felsenfest überzeugt. Der Hund stieg aus dem Korb und stellte sich vors Gitter. Er sah Max eindringlich mit seinen dunklen Augen an. Max hielt den Blick des Hundes stand. Selbst als der schleichende Schmerz wieder seinen Kopf vereinnahmte, schaute er nicht weg. Erneut flackerte es in den Augen des Rottweilers. Diesmal eindeutig. Grüne Blitze funkelten in der schwarzen Iris. Die Blitze bündelten sich in der Pupille zu einem grünen Punkt. Wie in Trance starrte Max auf die unheimlichen Pupillen. Das Pochen in seinem Kopf wurde lauter. Der Schmerz verwandelte sich in eine Stimme, das Pochen formte sich zu Worte. Zunächst klangen sie undeutlich und weit entfernt, dann rückte die Stimme immer weiter nach vorne und die Worte wurden klarer.
„Hörst du mich?“
Max schüttelte den Kopf. Das konnte nicht sein. Er unterbrach den Blickkontakt und sah in den Flur. Dort war niemand, der ihn angesprochen hatte. Er war allein. Nur die Hunde leisteten ihm Gesellschaft, insbesondere der alte Rottweiler. Die Schmerzen kehrten zurück. Der Rottweiler knurrte. Max sah ihn wieder an, blickte konzentriert in die grünen Pupillen, und der Schmerz bekam einen Klang.
„Hörst du mich?“
Max hielt seine Ohren zu, doch die Stimme blieb in seinem Kopf
„Hörst du mich?“
Klar und deutlich konnte er die Worte verstehen.
„Hörst du mich? Wenn ja, zeige mit dem Daumen nach oben, wenn nein, zeige mit dem Daumen nach unten!“
Max streckte seinen Daumen nach oben.
„Das ist gut. Ich habe sofort gewusst, dass du meine Gedanken lesen kannst. Du bist einzigartig und deshalb musst du mir helfen. Aber nicht heute, denn ich bin müde. Morgen kommst du wieder zu mir und liest meine Gedanken. Hast du das verstanden? Wenn ja, zeige mit dem Daumen nach oben, wenn nein, zeige mit dem Daumen nach unten. Und wenn du unsicher bist, zeigst du mit dem Daumen zur Seite!“
Max wusste nicht, wie ihm geschah. Wie konnte der Hund über eine Stimme verfügen, mit der er seine Gedanken übertrug? Wie konnte es sein, dass er diese Stimme hörte? War es etwa seine eigene? Max konnte keine klaren Gedanken fassen, denn er teilte seinen Kopf mit etwas Fremdartiges.
„Hast du das verstanden?“
Max erschreckte förmlich und zeigte mit dem Daumen zur Seite. Er wartete auf eine Erklärung, doch das Grün in den Augen des Rottweilers erlosch. Der Hund wandte sich ab und legte sich in den Korb. Der Schmerz, die Stimme und das Pochen der Worte flauten ab wie ein unwirklicher Sturm. Max war wieder allein in seinem Kopf. Bevor er weiter über das Phänomen nachdenken konnte, klingelte es an der Eingangstür. Die Kinder waren mit den Hunden zurückgekehrt. Gemeinsam mit den hilfsbereiten Kindern sperrte er die Hunde in die Boxen. Später kam noch die Tierärztin, um ein paar Impfungen vorzunehmen, danach machte Max seine abendliche Fütterungsrunde. Der Rottweiler schlief immer noch tief und fest.
Max fand in der Nacht kaum Schlaf. Er hatte nicht mit seiner Frau über den Vorfall gesprochen, das wollte er zunächst mit sich selber ausmachen, bevor sie ihn für verrückt erklärte. Die schlaflose Nacht führte zu keiner logischen Erklärung. Als er am Folgetag zum Tierheim fahren wollte, stand auf der anderen Straßenseite ein kräftiger Rottweiler. Er beobachtete aufmerksam, wie Max zu seinem Auto ging. Max stellte seine Tasche ab und ging zur Straße. Der Hund fletschte die Zähne, was Max dazu veranlasste, Abstand zu halten. Er blieb auf seinem Grundstück und betrachtete den Rottweiler aus der Ferne. Es handelte sich um einen Hund im besten Alter. Sein wuchtiger Körperbau strotzte nur so vor Kraft. Das Fell sah ungepflegt aus. Am Hals erkannte Max eine Wunde, die ziemlich frisch wirkte. Max meinte, verkrustetes Blut an dem Fell erkennen zu können. Er machte einen Schritt nach vorne, woraufhin der Hund ihn anknurrte. Dann bellte er zweimal und rannte anschließend davon. Max sah ihm nach, bis er hinter einer Abzweigung verschwand. Max glaubte nicht an Zufälle, das plötzliche Auftauchen des Rotweilers musste etwas mit dem alten Hund im Tierheim zu tun haben, zumal dieser im Außenbereich Besuch von einem größeren Vierbeiner erhalten hatte. Von neuen Gedanken geplagt, ging Max zum Auto und fuhr zur Arbeit.
Der normale Arbeitstag wurde erst ungewöhnlich, als Max dem alten Rottweiler sein Futter brachte. Tagsüber hatte der Hund die ganze Zeit im Außenzwinger gelegen. Jetzt stand er vorm Gitter seiner Box und blickte Max erwartungsvoll an. Max tat ihm den Gefallen und erwiderte seinen Blick. Nach einem kurzen Aufflackern in den Augen, färbten sich die Pupillen wieder grün und Max spürte die pochenden Schmerzen aufkeimen. Er sah gebannt in die Augen des Hundes und wartete auf die Stimme, die den Schmerz hoffentlich aus seinem Kopf verdrängen würde. Max musste nicht lange warten.
„Hörst du mich?“
„Ja, ich höre dich“, antwortete Max. „Wieso kann ich dich hören? Was hat das alles hier zu bedeuten?“
„Stopp! Du kannst nicht mit mir sprechen, ich verstehe nicht, was du sagst. Es gibt einige Laute in eurer Sprache, von denen ich weiß, was sie bedeuten, zum Beispiel sitz oder fass. Und ich kenne den Namen, mit dem man mich gerufen hat. Ich heiße übrigens Bruno. Doch ansonsten verstehe ich eure Worte nicht. Ich habe dir gestern erklärt, wie du mir antworten kannst. Also nochmal, hörst du mich?“
Max reckte seinen Daumen nach oben.
„Sehr gut. Ich habe ja gestern bereits erwähnt, dass ich deine Hilfe benötige. Ich gehe mal davon aus, dass du mir hilfst, falls nicht, werde ich dafür sorgen, dass du es tust. Ich bin alt und müde, wahrscheinlich bleibt mir nicht mehr viel Zeit, deshalb solltest du meine Bitte möglichst schnell erledigen. Was ich will, ist schlicht und ergreifend Rache. Wenn alles so läuft, wie ich mir das vorstelle, werden wir ganz nebenbei einige Hundeleben retten. Sie werden dann nicht mehr die Qualen erleiden müssen, wie ich sie erlitten habe. Ich habe die Zeit meines Lebens in einem Hundecamp verbracht. Ich wurde dort geboren, um dort zu sterben. Viele Hunde erblickten in dem Camp das Licht der Welt, viele sind unter Qualen gestorben, viele haben ihr Leben im Kampf gelassen. Ein Ehepaar und ein erbarmungsloser Hundetrainer züchten dort Kampfhunde und richten sie ab. Viele Tiere wurden verkauft, andere mussten an Hundekämpfen teilnehmen, die dort regelmäßig stattfanden und immer noch stattfinden. Zu diesen Veranstaltungen kommen dubiose Leute mit ihren Kampfhunden und setzen viel Geld auf das teuer erworbene Tier. Für die Hunde geht es in den Kämpfen um Leben und Tod. Unverletzt kommt da keiner raus. Viele meiner Narben habe ich mir im Kampf zugezogen, andere wurden mir zugefügt, wenn ich nicht gehorsam war. Manchmal wurde ich einfach aus einer Laune heraus gefoltert, nur um festzustellen, wieviel Schmerzen ich aushalte. Man hat mich mit Messern geritzt, mit Zangen hat man meine Ohren verstümmelt, man hat Zigaretten auf meinem Fell ausgedrückt. Mir wurden Medikamente eingeflößt, die mich krank werden ließen. Mir wurde ein Bein gebrochen, weil ich im Kampf versagt habe, aber nicht gestorben bin. Ich werde dafür sorgen, dass diese Menschen ihre Taten bereuen. Konntest du mir soweit folgen?“
Die Stimme in Max Kopf verstummte. Automatisch hob er seinen Daumen. Er hatte den Ausführungen des Hundes gut folgen können. Jedes Wort hatte er verstanden. Konnte ein Hund so klare und zusammenhängende Gedanken fassen? Max wusste es nicht, doch er hatte eindeutig die Stimme gehört, was schon unglaublich genug war. Der Rottweiler namens Bruno trank aus seinem Napf und kehrte anschließend zum Gitter zurück. Die Stimme setzte wieder ein.
„Gemeinsam mit meinem Sohn Brutus habe ich einen Plan für unsere Flucht geschmiedet, den wir vor wenigen Tagen erfolgreich umgesetzt haben. Die drei Betreiber des Camps schäumen sicherlich vor Wut. Brutus war ihr bester Kämpfer gewesen, der ihnen viel Geld eingebracht hatte. Bei seinem letzten Kampf wurde er am Hals verletzt, weil er sich absichtlich kaum zur Wehr gesetzt hatte. Als unser sadistischer Trainer in den Kampf eingreifen wollte, um ihn abzubrechen, hat Brutus ihn in die Hand gebissen. Blut spritzte, Chaos brach aus. Brutus nutzte die Gelegenheit und sprang aus der Kampfarena. Er lief mit gefletschten Zähnen auf die Frau zu, die mich an der Leine hielt, und stieß sie zu Boden. Ich riss mich los und rannte mit Brutus zu einer ungesicherten Luke, durch die wir nach draußen fliehen konnten. Wir haben für Brutus ein Versteck gesucht und anschließend habe ich mich solange in der Stadt aufgehalten, bis mich die Männer aufgegriffen haben. Ja, und jetzt bin ich hier bei dir, meinem Gedankenleser. Du bist meine Verbindung nach draußen, du bist derjenige, der meine Rache ausüben wird. Brutus wird dich dabei unterstützen. Du hast ihn sicherlich schon gesehen. Falls du nicht gehorchen solltest, wird mein Sohn drastische Maßnahmen ergreifen. Eigentlich sind wir eine liebevolle Rasse, doch man hat uns zu Kampfmaschinen ausgebildet. Die Menschen haben Hass in unsere Seelen gepflanzt. Bevor ich dir unseren Plan erkläre, muss ich wissen, ob du uns hilfst. Gib mir das entsprechende Zeichen.“
Eine bedrückende Stille breitete sich aus. Während er den Hund ansah, zweifelte Max an seiner Wahrnehmung. Er hatte lautlose Worte gehört, die er nicht glauben konnte. Er war so von dem Hund fasziniert, dass sein Verstand ihm einen Streich spielte. Er bildete sich Dinge ein, die es nicht gab. Fortan würde er den Rottweiler ignorieren, deshalb zeigte er mit dem Daumen nach unten. Das Grün in den Augen des Hundes verdunkelte sich. Bruno drehte sich stillschweigend um und legte sich in den Korb.
Frau Landwehr wohnte nur zwei Straßen vom Tierheim entfernt. Jeden späten Abend, wenn sie ihren Yorkshire Terrier ausführte, sah sie nach den Tieren im Heim. Sie fühlte sich dem Heim eng verbunden, da ihr verstorbener Mann dem Tierschutzverbund angehört hatte, der die Einrichtung immer noch förderte. Meistens hielt sie sich nicht länger als eine Viertelstunde in dem Heim auf, es sei denn, etwas Außergewöhnliches war vorgefallen, was aber nur selten zutraf. Falls es ein Problem gab, dass sie nicht lösen konnte, rief sie Tanja oder Max an. Ansonsten kontrollierte sie nur die einzelnen Unterbringungen und füllte manchmal etwas Trinkwasser nach. Sie erreichte den Parkplatz des Gebäudes, der noch völlig im Dunklen lag. Erst als sie sich dem Eingang näherte, schaltete ein Bewegungsmelder die Beleuchtung an. Ihr kleiner Terrier blieb plötzlich stehen und fing an zu knurren. Frau Landwehr zerrte an der Leine, doch der Hund verharrte mitten auf dem Parkplatz. Rechts aus den Büschen vernahm die ältere Frau ein Rascheln, was den Terrier dazu veranlasste, wütend zu kläffen. Plötzlich kam ein bulliger Rottweiler aus den Büschen gesprungen und baute sich bedrohlich vor Frau Landwehr auf. Er entblößte durch hochgezogene Lefzen seine Zähne. Der Yorkshire Terrier war nicht mehr zu bremsen, er riss sich los und stürmte auf den Rottweiler zu. Doch bevor der kleine Hund dem Rottweiler etwas anhaben konnte, wehrte dieser mit einem gezielten Biss in den Nacken den Angriff ab. Der Terrier jaulte auf, als die Schmerzen seinen zierlichen Leib durchfuhren. Der Rottweiler schleuderte den kleinen Hund in die Büsche und wandte sich dann Frau Landwehr zu. Die Frau versuchte sich ins Gebäude zu retten, doch bevor sie den Schlüssel einstecken konnte packte der Rottweiler nach ihrer Wade. Seine Zähne gruben sich in das Fleisch der alten Frau, die schreiend zu Boden fiel. Sie trat mit dem anderen Bein nach dem Hund, der daraufhin seinen Biss löste und zurückwich. Frau Landwehr sah, wie ihr Blut aus der Wunde quoll. Der Anblick trieb sie in die Ohnmacht.
Max fiel der dunkle Fleck vor der Eingangstür sofort auf. Tanja berichtete ihm von dem bedauerlichen Vorfall. Frau Landwehr läge im Krankenhaus. Sie hätte zwar viel Blut verloren, wäre aber außer Lebensgefahr. Ein Passant hätte sie bewusstlos auf dem Parkplatz vorgefunden. Am Morgen seien zwei Polizisten gekommen, die von einem Rottweiler berichteten, der Frau Landwehr angegriffen hätte. Die Frau würde ihren kleinen Hund vermissen. Tanja und einer der Polizisten hätten den Yorkshire Terrier in den Büschen neben dem Parkplatz tot aufgefunden.
Max war schockiert. Er dachte an seine ganz spezielle Unterhaltung mit Bruno. Ob er nun wollte oder nicht, er musste den alten Rottweiler zur Rede stellen. Nachdem Tanja gegangen war, suchte er Brunos Unterkunft auf. Der Rottweiler schlief.
„Bruno!“, brüllte Max in die Box.
Der alte Hund schlug die Augen auf. Er erhob sich aus dem Korb und streckte seine maroden Muskeln. Schwerfällig wankte er auf das Gitter zu. Max sah ihn auffordernd in die Augen. Als Bruno bereit war, flackerten die grünen Blitze auf.
„Hast du das mit Frau Landwehr veranlasst?“, fragte Max, ohne auf die Stimme in seinem Kopf zu warten.
„Hast du es immer noch nicht kapiert? Ich verstehe deine Worte nicht! Aber ich kann mir vorstellen, was du von mir willst. Wir mussten dir eine Lektion erteilen, damit du uns ernst nimmst. Brutus sollte der Frau, die hier nachts immer auftaucht, Schmerzen zufügen, aber nicht umbringen. Lebt sie noch? Du erinnerst dich an die Zeichen?“
Max zeigte Bruno den erhobenen Daumen. Dass der kleine Hund aber tot sei, konnte er Bruno nicht mitteilen, da der zwar seine Gedanken transportieren konnte, selber aber nur die Daumensprache beherrschte.
„Dann musst du ja kein schlechtes Gewissen haben. Ich hoffe, unsere Maßnahme hat bei dir trotzdem Wirkung hinterlassen. Jetzt nochmal zu den Regeln. Solltest du meine Forderungen nicht erfüllen, wird sich Brutus deinen Sohn vornehmen, erst den jüngeren, und falls das nicht hilft, den älteren. Wahrscheinlich wird er bei deinen Söhnen nicht so viel Gnade walten lassen wie bei der alten Frau. Wenn du auf die Idee kommen solltest, mir etwas anzutun oder mich umzubringen, wird Brutus deine Frau zerfleischen. Falls Brutus etwas zustößt, werde ich deine Familie eigenhändig auslöschen. Auch wenn ich alt bin, glaube mir, ich werde einen Weg finden, um sie ins Jenseits zu befördern. Sind die Regeln bei dir angekommen?“
Max war von den kaltblütigen Gedanken entsetzt, die Bruno ihn übermittelte. Innerlich verwirrt hob er den Daumen.
„Nun zum Ablauf unseres Rachefeldzuges. Da das Ehepaar geldgierig ist und sich gerne am Leid der Tiere erfreut, werden die Hundekämpfe weiterhin stattfinden. Eine arme Seele wird Brutus Platz übernehmen. Am Samstag wird die Arena wieder seine Pforten öffnen und viele Hundebesitzer werden wie die Geier ihre abgerichteten Lieblinge anfeuern. Das Ehepaar wohnt abseits der Stadt auf einem Resthof. Das alte Anwesen liegt in einem Wald und ist nicht von der Straße einzusehen. Die Hunde sind in einem ehemaligen Schweinestall untergebracht, der direkt an das Wohnhaus angrenzt. Es wäre gut, wenn du sie freilassen könntest. Die Kämpfe finden in einer großen Scheune statt, die dicht neben dem Wald steht. Die Autos der Menschen parken vor der Scheune. Wenn die vierbeinigen Gladiatoren die Arena betreten, werden alle Menschen drinnen sein. Du wirst sie Brüllen hören. Die Scheune besteht überwiegend aus Holz, was es uns leichter macht. Du sollst den Tempel in Brand setzten, während sich die Geier am Blut meiner Artgenossen ergötzen. Verteile Benzin rund um das Gebäude, gieße es über ihre Luxuskarossen und entfache ein Feuer, aus dem es kein Entkommen gibt. Am besten wäre es, wenn du das Tor von außen verriegelst. Ich will, dass die Sadisten zu Asche zerfallen. Sie sollen ihre Sünden im Fegefeuer büßen. Am kommenden Samstag musst du zuschlagen. Ich glaube, es sind noch zwei Tage. Ist das richtig?“
Max zeigte mit dem Daumen nach unten.
„Drei Tage?“
Max drehte den Daumen nach oben.
„Umso besser, so hast du genügend Zeit, um alles vorzubereiten. Brutus kommt jede Nacht zu mir an den Außenzwinger, wo wir uns beraten. Er wird dich unterstützen und mir alles berichten. Morgen werdet ihr zu dem Hof gehen, dann kannst du dir alles genau ansehen. Sei vorsichtig und lass dich nicht erwischen. Denke immer an deine Kinder. Brutus wartet am Abend vor deinem Haus auf dich. Ich kann dir den Weg nicht beschreiben, von daher muss dich mein Sohn zur Stätte der Abrechnung führen. Ihr werdet ein paar Stunden unterwegs sein, am besten du nimmst eine Taschenlampe mit. Am nächsten Tag besorgst du Benzin und was du sonst noch benötigst. Samstagabend kommt Brutus wieder zu dir. Du packst das Benzin in dein Auto und fährst mit Brutus zu den Geiern. Du trägst das volle Risiko, also hinterlasse keine Spuren. Wenn du im Gefängnis sitzt, werden deine Kinder sicherlich sehr traurig sein. Das Schicksal deiner Familie liegt allein in deinen Händen. Leider kannst du jetzt nicht mit mir kommunizieren, ich werde dich nicht verstehen und deine Gedanken kann ich auch nicht lesen. Es gibt also keine Kompromisse. Du entscheidest mit deinem Daumen, wer sterben muss. Deine Familie oder die sadistischen Geier. Meine abschließende Frage lautet: Hilfst du uns und legst das Fegefeuer?“
Max zweifelte nicht mehr an der Stimme in seinem Kopf. Bruno wartete mit einem eiskalten Blick auf seine Entscheidung. Einen Daumen, der zur Seite zeigte, würde der hasserfüllte Rottweiler nicht akzeptieren. Max durfte das Leben seiner Familie nicht in Gefahr bringen. Er konnte das Risiko nicht abwägen, konnte seinem Gegenüber keine Fragen stellen. Ein Hund verlangte von ihm den Tod anderer Menschen, die er nie zuvor gesehen hatte. Würde er solch eine Tat jemals mit seinem Gewissen vereinbaren können? Wenn seiner Familie etwas zustoßen würde, würde sein Gewissen ihn um den Verstand bringen, dessen war er sich sicher. Demzufolge gab es nur eine Entscheidung. Max hob zitternd seinen Daumen. Bruno neigte seinen Kopf, als wolle er Demut oder Dankbarkeit ausdrücken wollen. Das Grün erlosch. Zufrieden legte sich der alte Hund in den Korb.
Am Folgetag nahm Bruno keinen Kontakt zu Max auf. Scheinbar war seiner Ansicht nach alles gesagt. Max hatte in der Nacht kaum geschlafen, zu viele Gedanken taumelten unentschlossen durch seinen Kopf. Auf was hatte er sich da eingelassen, einlassen müssen. Er wurde von einem alten Hund erpresst und wusste keinen Ausweg. Selbst wenn er beide Hunde töten sollte, traute er Bruno zu, längst andere Artgenossen beauftragt zu haben, die später seiner Familie Leid zufügten. Er würde nie wieder ruhig schlafen können, wenn er sich nicht an die Regeln hielt. Max quälte sich durch den Tag und sehnte sich den Abend förmlich herbei. Seine Mission musste beginnen, bevor er komplett an seinem Verstand zweifelte.
Seiner Frau erzählte Max, er würde sich mit Freunden treffen um eine Runde Skat zu spielen, was durchaus länger dauern könnte. Er spähte solange aus dem Fenster, bis der Rottweiler auf der anderen Straßenseite auftauchte. Max zog seine Jacke an, in der er heimlich eine Taschenlampe verstaut hatte, und verabschiedete sich von seiner Frau. Er überquerte die Straße und stellte sich vor Brutus, der ihn misstrauisch ansah. Max erwiderte den Blick, wartete auf ein grünes Leuchten in den Augen des Hundes, obwohl er sicher war, dass Brutus keine Gedanken übertragen konnte. Diese Gabe besaß nur sein Erzeuger. Statt Informationen zu senden, knurrte der bullige Rottweiler Max an und setzte sich anschließend in Bewegung. Er ging nach rechts die Straße hoch und Max folgte ihm wie ein Untergebener, was er in gewisser Weise auch war. Brutus beschleunigte seine Schritte und Max hatte Mühe, das Tempo mitzugehen. Als sie die Siedlung verlassen hatten und nach links an der Hauptstraße entlanggingen, zog Max seine Jacke aus, weil er bereits ins Schwitzen gekommen war. Brutus marschierte vorweg, ohne sich ein einziges Mal umzublicken. Nach einigen Kilometern bogen sie auf eine Landstraße ab. Die kurvenreiche Straße wurde von dicken Bäumen flankiert, von denen manche vernarbte Rinden aufwiesen. Vermutlich hatten diese Bäume Bekanntschaft mit verunfallten Autos gemacht. Max kannte die Strecke, auf der er schon mal beinahe ein Reh überfahren hätte, wobei er beim Ausweichmanöver um Haaresbreite vor einen dieser Bäume gekracht wäre. Er, das Reh, sein Auto und der Baum hatten die Schrecksekunde schadlos überstanden. Jetzt wurde er von einem Hund über den Radweg geführt, der sich parallel zur Straße zwischen den Bäumen schlängelte, ohne zu wissen, wo dieser Marsch enden würde. Die Dämmerung setzte bereits ein, als Max und sein vierbeiniger Begleiter das Ende der Straße erreicht hatten. Die beiden gingen nach rechts und kamen an eine Bushaltestelle vorbei, hinter der sie die Straße überquerten. Nach einer langgezogenen S-Kurve bogen sie in einen schmalen asphaltierten Waldweg ein. Das verbliebene Tageslicht wurde von den Blättern des Mischwaldes gefiltert, sodass auf dem Weg absolute Dunkelheit herrschte. Max schaltete seine Taschenlampe an. Der Lichtkegel auf dem Asphalt veranlasste Brutus dazu, zum ersten Mal während ihres abendlichen Marsches stehenzubleiben. Er vergewisserte sich, von wem das Licht stammte, das so plötzlich den Weg erhellte. Ohne einen Laut von sich zu geben, setzte er seinen Gang fort. Die schmale Straße zog sich wie eine gerade Schnur durch den Wald. Max kannte diesen Streckenabschnitt nicht. Standen an der Landstraße noch vereinzelte Häuser, wohnte in dieser Gegend nicht eine Menschenseele. Dafür bot der Wald Unterschlupf für einheimische Tiere. Es zwitscherte, zirpte und raschelte im dunklen Dickicht des Unterholzes. Max mochte die nächtliche Geräuschkulisse, sie lenkte vom eigentlichen Sinn der Wanderung ab. Der Weg schien nicht enden zu wollen. Begleitet von den Klängen des Waldes, setzte Max einen Fuß vor den anderen. Nach endlosen Metern stoppte Brutus und stellte sich vor Max. Seine Augen leuchteten im Licht der Lampe. Er stieß Max mit dem Kopf an und knurrte leise. Als sein Blick zur Lampe wanderte, begriff Max, was der Hund von ihm wollte. Max schaltete die Taschenlampe aus, woraufhin Brutus weiterging. Jetzt marschierte er gemächlich vorweg, damit Max in der Dunkelheit seiner Silhouette folgen konnte. Nur kurze Zeit später, schimmerte vor ihnen ein diffuses Licht durch die Bäume. Je näher sie kamen, umso mehr erhellte es den Wald. Aus der Ferne erkannte Max bereits ein Gebäude. Er hoffte, dass sie ihr Ziel erreicht hatten. Rechts zweigte ein mit Schotter ausgestreuter Weg ab. Spurrillen hatten sich in den steinigen Untergrund gefräst. Brutus ging langsam über den Schotterweg auf einen mächtigen Eichenbaum zu, wo er auf Max wartete. Max stellte sich hinter den Baum, von wo aus er den Hof gut einsehen konnte. Die Außenbeleuchtung erhellte eine große gepflasterte Fläche, die sich vor den Gebäuden befand. Auf der rechten Seite parkten zwei Autos. Links stand das Wohnhaus, durch dessen Fenster Licht schimmerte. Direkt an dem Haus grenzte ein altes Stallgebäude, in dem sich nach Brunos Aussage die Hunde befinden mussten. Neben dem Stall gab es eine Zufahrt, durch die man hinter den Hof gelangen konnte. Rechts davon stand die große Scheune, in der die Hundekämpfe stattfanden. Wie Bruno beschrieben hatte, bestand die Fassade aus Holz. Ein doppelflügeliges Holztor führte in die Scheune hinein. Max erkannte vier Metallbügel, durch die eine Stange geschoben war, damit das Tor nicht aufging. Vielleicht sollte er sich solch eine Stange besorgen, überlegte er. Er wurde aus seinen Gedanken gerissen, als sich die Tür des Stallgebäudes öffnete. Ein großgewachsener Mann mit Halbglatze betrat den Hof. Er hatte eine Bulldogge angeleint und ging mit dem Tier über die Pflasterung. Max rückte strammer an die Eiche, damit der Mann ihn nicht entdeckte. Brutus fletschte die Zähne und fing an böse zu knurren. Max zischte den Rottweiler kurz an, der daraufhin verstummte. Seiner Reaktion nach, musste es sich bei dem Mann um den Hundetrainer handeln, unter dessen Methoden Brutus und all die anderen Hunde so gelitten hatten. Ein Verband an der rechten Hand des Hünen bestätigte Max Vermutung. Die Verletzung hatte ihn Brutus bei der Flucht zugefügt. Der Mann brüllte der Dogge einige Kommandos zu. Als der Kerl wieder in Max Blickfeld kam, schlug er mit einem Rohrstock auf den Hund ein. Die Bulldogge jaulte auf und wurde von dem wütenden Trainer mit der Leine zurück in den Stall gezerrt. Die Tür schlug mit einem lauten Knall zu. Brutus spannte seine Muskeln. Er zitterte am ganzen Leib. Man konnte ihm seine Wut ansehen. Max wies mit ausgestrecktem Arm zum Weg und zischte den aufgebrachten Rottweiler wieder an. Brutus verstand und lief zurück zum Schotterweg. Sie machten sich auf den Rückweg. Auf halber Strecke verschärfte Brutus das Tempo und rannte einfach davon. Max legte den restlichen Weg alleine zurück. Begleitet wurde er lediglich von umherschwirrenden Gedanken.
Am folgenden Tag kaufte Max in unterschiedlichen Baumärkten Kanister und tankte sie an mehreren Tankstellen voll. Außerdem besorgte er sich eine stabile Eisenstange und eine Fackel. Die Sachen verstaute er im Kofferraum seines Autos und deckte sie mit einer Plane zu. Jetzt gab es kein Zurück mehr. Bruno nahm keinen Kontakt mehr zu ihm auf, was Max eher als beruhigend empfand, weil der alte Rottweiler ihn anscheinend vertraute. Ein Vertrauen, das nicht auf Gegenseitigkeit beruhte. Falls er versagen sollte, würde Bruno wahrscheinlich keine Rücksicht auf seine Familie nehmen. Er, Brutus oder ein anderer von Bruno beauftragter Hund könnte seinen Liebsten schreckliche Dinge antun. Max durfte sich keine Fehler leisten.
Max war die Ruhe in Person, als am Samstag die untergehende Sonne die Stunde der Vergeltung einläutete. Er hatte gut geschlafen und den Tag über im Garten gearbeitet. Alle Zweifel waren verflogen wie dunkle Wolken im Sommerwind. Er würde sich in Brunos Namen für das Leid der Tiere rächen und alles würde gut werden. Seiner Frau erzählte er, dass es im Tierheim ein Notfall gäbe und er nicht genau wüsste, wann er wieder zurück sein würde. Er setzte sich ins Auto, fuhr aus dem Carport und wartete an der Straße auf Brutus. Als der Rottweiler über den Bürgersteig angelaufen kam, öffnete Max die hintere Tür und ließ den Hund auf die Rückbank springen. Brutus hechelte und schien nervös zu sein. Max kümmerte sich nicht weiter um ihn und fuhr los. Ohne Probleme fand er den unscheinbaren Waldweg wieder. Als er sich dem Hof näherte, stellte er die Scheinwerfer seines Wagens aus und rollte mit geringer Geschwindigkeit durch den dunklen Wald. Die Lichter des Hofes tauchten vor ihm auf, was ihn dazu veranlasste, noch langsamer zu fahren. Brutus stellte sich auf die Rückbank und sah ungeduldig aus dem Seitenfenster. Die Zunge ragte weit aus seinem Maul, Sabber tropfte auf den Stoff des Rücksitzes. Max fuhr auf den Schotterweg und rollte leise auf die Eiche zu, hinter der sie sich bei der ersten Besichtigung versteckt hatten. Nach der Eiche kam eine unbewachsene Fläche, auf der er das Auto abstellte. Bis zum Hof waren es noch etwa fünfzig Meter, die er zu Fuß zurücklegen wollte. Max stieg aus und öffnete die hintere Tür. Brutus sprang sofort aus dem Auto und wollte direkt zum Hof rennen. Max zischte ihn energisch an, woraufhin der Hund neben dem Auto stehenblieb und Max mit erwartungsvollen Augen anstarrte. Max legte einen Finger vor seine Lippen und hoffte, dass der Hund die Geste verstand. Auf der gepflasterten Fläche vor den Gebäuden parkten mindestens zehn Fahrzeuge. Aus der Scheune drang eine wilde Geräuschkulisse. Grölende Männer gepaart mit lautem Hundegebell. Das Tor der Scheune war geschlossen, doch nicht mit einer Stange verriegelt. Max hoffte, dass die Männer so euphorisch mit sich selbst und den Hunden beschäftigt waren, dass niemand die Kampfarena verlassen würde. Er öffnete den Kofferraum und holte die Eisenstange, die Fackel und einen Benzinkanister heraus. Er näherte sich über den steinigen Weg dem Hof, jederzeit bereit, sich hinter einem Baum zu verstecken. Brutus folgte ihm wie ein vierbeiniger Schatten. Der Geräuschpegel aus der Scheune übertönte alles. Auch aus dem Stallgebäude drang Hundegebell nach draußen. Er brauchte keine Angst zu haben, dass ihn jemand hörte. Allen Anschein nach, hatten die Personen in der Scheune großen Spaß. Max stellte die Sachen hinter einem der parkenden Fahrzeuge ab. Mit der Eisenstange ging er zum Tor und schob sie vorsichtig durch die halbrunden Bügel. So ließ sich der Ausgang von innen nicht mehr öffnen. Max lief noch zweimal zu seinem Auto, um die restlichen Kanister zu holen. Brutus wich nicht von seiner Seite. Als er alles auf dem Hof deponiert hatte, rannte Max zuerst einmal um die gesamte Scheune, um sicher zu gehen, dass es keine weitere Tür gab. Nur auf der Rückseite befanden sich ein paar kleine Luken, durch die Bruno und Brutus geflohen waren. Ein ausgewachsener Mann würde wohl kaum durch die teilweise verbretterten Öffnungen passen, eine Erkenntnis, die Max einigermaßen beruhigte. Auf der Stirnseite der Scheune lagerte unter einem Überstand trockenes Stroh, was Max dazu veranlasste, an dieser Stelle mit dem ersten Feuer zu beginnen. Er holte einen Kanister und die Fackel, die er zuerst mit seinem Feuerzeug anzündete und in den Boden stach. Er verteilte das Benzin der Länge nach im unteren Bereich des Strohs. Der Geruch der Dämpfe reizte seine Nase. Mit dem Rest aus dem Kanister zog er eine kurze Rinne über den Boden. Ein letztes Mal tauchten Zweifel bei ihm auf. War es wirklich richtig, was er hier tat? Innerlich bejahte er diese Frage, weil er keinen anderen Ausweg wusste. Er griff nach der brennenden Fackel und holte nochmal tief Luft. Der ätzende Gestank brannte in seinen Lungen. Er neigte die Fackel nach unten und zündete das Benzin am Ende des Rinnsals an. Das Benzin fing sofort Feuer, welches sich gierig in das trockene Stroh fraß. Binnen Sekunden standen die gepressten Strohballen in Flammen. Das Fegefeuer war entfacht. Max hielt sich nicht lange auf und brachte die Fackel hinter die Scheune, wo er sie zunächst in den Boden rammte. Er rannte nach vorne und holte zwei weitere Kanister. Eilig verteilte er die leicht brennbare Flüssigkeit an der Holzfassade. Aus den Augenwinkeln sah er, wie Brutus ihn interessiert beobachtete. Mit der lodernden Fackel setzte er das Holz der Scheune in Brand. Die Flammen schmiegten sich an die uralten Bretter und züngelten langsam nach oben. Aus der Scheune vernahm Max immer noch gutgelaunte Stimmen. Einige schrien, andere lachten, noch hatte niemand die nahende Katastrophe bemerkt. Dies wollte sich Max zu Nutze machen und rannte schnell nach vorne. Das restliche Benzin verteilte er an der Gebäudefront und zwischen den Autos. Die beinahe leeren Plastikkanister stellte er vor das verriegelte Scheunentor. Er begab sich hinter das letzte Auto und warf die Fackel in eine Lache Benzin. Die auflodernde Flamme schlängelte sich um die Autos wie eine feuerspeiende Schlange. An den ersten Reifen stieg dunkler Rauch auf. In Windeseile erreichte das Feuer die Holzfassade und verteilte sich zu beiden Seiten. Die mit Dämpfen angereicherten Kanister vor dem Tor pufften explosionsartig zu einem Feuerball auf, der die Flammen in die Höhe trieb. Erste Ausläufer flackerten am Dachstuhl auf. Die Geräuschkulisse in der Kampfarena veränderte sich. Niemand lachte mehr, die Freudenschreie wichen derben Flüchen. Max erkannte aufkommende Panik, die von wild bellenden Hunden untermauert wurde. Jemand rüttelte an dem Holztor, doch die massive Eisenstange versperrte den Weg aus dem Fegefeuer. Die Schreie wurden lauter, die Panik größer. Max hörte, wie etwas krachend gegen das Tor geschlagen wurde. Irgendwann würden die Bügel mit der Stange von dem verbrannten Holz abfallen. Bis dahin musste er verschwunden sein. Max rannte zur Mitte des Platzes, der in einem gespenstisch flackernden Licht gehüllt war. Grauer Rauch trieb über die Baumwipfel. Einige Fahrzeuge brannten bereits lichterloh. Max blickte auf die verheerenden Ausmaße seiner Tat, doch Reue verspürte er nicht. All das hatten die Tierquäler einem alten Hund zu verdanken. Bruno konnte stolz auf ihn sein. Doch jetzt wollte Max den Ort der Vergeltung schnellstmöglich verlassen. Er bewegte sich schon Richtung Auto, als Brutus ihn auffordernd anbellte. Der Rottweiler stieß an sein Bein und rannte dann zum Stallgebäude. Wieder bellte er solange, bis Max auf ihn zukam. Max ahnte, was der Hund wollte. Er öffnete die Stalltür und verängstigte Laute schlugen ihm entgegen. Während Max und Brutus in das Gebäude gingen, durchfuhr ein Vorschlaghammer das verbrannte Holz des Scheunentores.
Darmowy fragment się skończył.