Czytaj książkę: «ZwölfUhrTermin»
ZwölfUhrTermin
Roman
Nora Adams
Erstausgabe im September 2020
Alle Rechte bei Verlag/Verleger
Copyright © September 2020
Booklounge Verlag
23923 Schönberg
Johann-Boye-Str. 5
Bild: @artofphoto - CanStockPhoto
978-3-947115-13-6
Inhalt
Bilanz
Vermögensplanung
Portfolio
Wealth Management
Start-up
Venture Capital
Börse
Rendite
Konzern
Bonität
Zinssätze
Franchise
Bitcoin
Investment
Währung
Rating
Wertpapier
Immobilien
Budget
Finanzmarkt
Stiftung
Sparquote
Private Banking
Gesellschaft
Liquidität
Volatilität
Devisenkurse
Epilog
Über die Autorin
Fangirlgruppe
Bilanz
»Einen Kaffee, bitte.«
Die Frau, die vor Marc an der Theke stand, zückte einen Schein aus ihrem Geldbeutel und sah verwundert auf, als sie keine Antwort erhielt.
»Einen normalen Kaffee?«, erkundigte sich der Verkäufer und stutzte dabei dämlich.
»Gibt es einen unnormalen Kaffee?«, entgegnete sie schlagfertig, stemmte eine Hand in ihre Seite.
Diese Frau hatte Temperament, dachte Marc und übte sich in Geduld. »Ist es denn so sonderbar, dass ich Filterkaffee ohne künstlich hinzugefügte Aromen und tonnenweise Sahne oder Milchschaum mag?« Marcs Mundwinkel zuckte. Wenn die mal keinen schlechten Tag hatte … Oder war sie immer so aggressiv? Im Grunde genommen war es ihm egal, denn was zählte, war, dass er einen Termin hatte, den er verpassen würde, sollte sie nicht gleich zum Ende kommen.
»Boah! Mom!« Der Junge, der neben ihr stand, rammte einen Ellbogen in ihre Seite. »Chill mal dein Gesicht! Aaalter, das geht ja gar nicht!«
Was zum Teufel?, fragte er sich in dem Moment, als sie sich ruckartig dem kleinen Möchtegern-Coolio zuwandte, sodass Marc die zarten Konturen ihres Gesichtes erblicken konnte. Winzige Sommersprossen schmeichelten ihren Wangenknochen, während sich ihre langen, roten, welligen Haare über ihre Schulter ergossen. Eine schwarze Brille stand im Kontrast zu ihrer hellen Haut. Das war mal eine extrem heiße Erscheinung, dachte er sich, während er ihren vorwurfsvollen Gesichtsausdruck beobachtete und sich dabei fast schon amüsierte.
»Marius, sprich nicht so mit mir. Wie oft soll ich dir das sagen?«, zischte sie dem Jungen leise zu, anscheinend darauf bedacht, dass nicht alle in der Schlange mitbekamen, wie sie ihren Sohn rügte. Augenrollend wendete dieser sich ab. »Voll LOL, Mom! Du bist so peinlich!«, sagte er in voller Lautstärke.
»Du spielst gerade um deine Playstation, mein lieber Freund!«, platzte es beherrscht aus ihr heraus.
Die Zeit rannte ihm davon, indes Marc wie angewurzelt hinter diesem Schauspiel stand und sich keinen Zentimeter vom Fleck bewegte. Er musste sich eingestehen, dass es ihm trotz des Termindrucks nicht so viel ausmachte, weil seine Gedanken momentan ein verfluchtes Eigenleben entwickelten.
Er stellte sich vor, wie sie nackt auf ihm saß und ihre sündhafte Muschi – er nahm an, dass sie bei diesem Erscheinungsbild eine mehr als nur appetitliche Spalte hatte – immer wieder über seine Erektion rieb. Ihre langen Haare fielen nach vorne, umschmeichelten ihre hübsche Figur, während ihre schmalen Finger sanft über seine Brust streichelten. Ihr Stöhnen glich einem leisen Hauchen. Doch das genervte Aufstöhnen vor ihm, brachte ihn in die Realität zurück. »Tall, grande oder venti?«, fragte er mit viel zu hoher Stimmlage und stemmte seine Hand in die Seite, während er mit hochgezogener Augenbraue auf sie blickte.
Mein Gott, hatte der Barista Schraubzwingen um seine Eier, oder warum piepte er so abartig? Shit! Ging ihm das hier auf die Nerven! »Geben Sie dieser Frau sofort ihren«, nach Worten suchend, gestikulierte Marc mit einer Hand in der Luft herum, »Retro-Kaffee«, forderte er stockend auf, während er sich an den beiden vorbeischob, die ihn erstaunt musterten. Er knallte einen Fünfzigeuroschein auf die Theke und tippte, untermalt von einem genervten Kopfschütteln, die Fingerspitzen ungeduldig auf die Holztheke. »Groß und einen Latte macchiato«, warf er etwas zu laut hinterher und warnte ihn mit einer ebenfalls provokant hochgezogenen Augenbraue – ja, er konnte das auch -, keine weiteren dummen Fragen zu stellen. »Und wenn das Ganze heute noch geschieht, wäre das ein glanzvoller Dienst an die Menschheit.«
Während er wartete, sah er sich das kleine Übel, was neben der Schönheit stand und schändlicherweise ebendiese Mutter nannte, etwas genauer an. Mit offenem Mund und großen Augen starrte er Marc an und rammte den Ellbogen erneut mehrmals in die Seite seiner Mutter. »Was ist mit dir? Kannst du dich nicht anständig artikulieren?«
Gedanklich rügte er sich, denn wenn Marc ehrlich war, sagte er selbst bestimmt zehnmal am Tag Alter, fuck oder ähnliche katastrophale Worte, wobei er erwachsen war und ein Unternehmen leitete. Der einzige Unterschied war, dass Marc es nicht in der Öffentlichkeit tat. Außerdem musste der Furzknoten das nicht erfahren. »Und was ist das mit diesem deutsch-englisch Kauderwelsch? Ist das eine Art Sprachstörung?«
Marius schluckte schwer, das konnte Marc an seinem Kehlkopf sehen. »Mom, du kannst doch nicht zulassen, dass der so mit deinem Sohn spricht?«, sagte er in einer merkwürdigen Mischung aus kleinlautem Aufbegehren. Als Marc den Blick hob, konnte er erkennen, wie sich kleine Lachfältchen um ihre Augen bildeten. Sie war scheinbar amüsiert und erstaunt, wie man dem skeptischen Zucken ihrer Augenbraue entnehmen konnte. »Doch, Marius, genau das kann ich«, antwortete sie und erwiderte Marcs Blick.
Fuck. Augenblicklich dachte er abermals, dass sie sexy und dabei fast schon niedlich aussah. Sie wirkte irgendwie zerbrechlich, wobei sie nicht dürr war und ein paar geschmeidige Rundungen vorzuweisen hatte.
»Wie ist denn Ihr Name?«, fragte der Typ hinter der Theke gelangweilt und Marc hätte ihn am liebsten auf der Stelle vergiftet. So ein ungehobelter Klotz störte ihn beim Gaffen und offensichtlich hatte er nicht nur ihn gestört, sondern auch sie, denn ihre Wangen erröteten. »Das ist Rotschopf und ich bin Superman«, entgegnete er prompt, ohne den Blick von ihr abzuwenden. Als ein lautes Lachen aus ihr herausplatzte, konnte er sich ein Grinsen ebenfalls nicht verkneifen. Hot!
Das Klingeln seines Telefons riss ihn ins Hier und Jetzt zurück, woraufhin er es aus der Tasche nahm. Das war Sina. Shit, der Termin. »Eden«, meldete er sich, in weiser Voraussicht, dass seine Sekretärin ihn gleich fragen würde, wo er denn blieb. Dabei hatte er ihr bereits vor einer Stunde geschrieben, als sein Auswärtsmeeting beendet war, dass er sich auf den Weg machen würde.
»Es ist drei Uhr, Ihr Termin ist da, von Ihnen ist aber weit und breit keine Spur.«
Schnell reichte er Miss Beauty ihren schwarzen Kaffee, die ihn dankend entgegennahm. Ohne dass sie es merken konnte, prägte er sich ihre Erscheinung ein, denn sie würde er wohl nicht flachlegen. Wenn sie schon einen Balg hatte, standen die Chancen nicht schlecht, dass sie verheiratet war.
»Ciao, Rotschopf«, sagte er leise und zwinkerte ihr zum Abschied zu.
»Tschüss und danke.« Sie hob ihren Kaffee und lächelte ihn an. Ihre Augen strahlten, sie verströmte pure Lebensfreude. Was für ein positiver Mensch, wenn sie auch definitiv eine andere Seite hatte, wie sie zuvor bewiesen hatte. Doch dieses Lächeln ließ ganze Eisklötze – so wie Marc ebenso einer war – dahinschmelzen.
»Marc?«, blaffte Sina durch den Hörer.
»Bin in fünfzehn Minuten da«, sagte er und beendete die Unterhaltung, während er den Laden verließ und auf die Fußgängerampel zusteuerte. Auf der anderen Straßenseite stand sein Auto, mit dem er gleich zu seiner Firma ED – Eden Dynamics fahren würde. Marc hasste nichts mehr als Unpünktlichkeit und gerade er kam zu spät zu einem wichtigen Projekt-Kick-Off-Gespräch. Immerhin entschied sich, ob seine Firma den Auftrag des Kölner Uniklinikums erhielt, in dessen komplettem Haus im Zuge einer Qualitätsmanagements-Auffrischung alle PCs sowie Softwares optimiert werden sollten.
Im Grunde hatte Marc mit seiner Music-App sowieso den Jackpot geknackt, denn die bescherte ihm Einnahmen in Millionenhöhe. Aber ein verantwortungsbewusster Geschäftsmann wusste, dass der Hype um solche Plattformen rasant abflachte, sobald ein anderer etwas Neues und Geniales auf den Markt brachte. Deshalb war es ihm ein Bedürfnis, für seine Angestellten eine gute Basis zu schaffen, die ihre Gehälter auch im Ernstfall abdeckten. Davon war aktuell noch lange keine Rede und selbst wenn der Notfall eintrat, hatte er genug auf seinen Konten, um ED eine gewisse Zeit aufrecht zu halten.
Okay, wenn er ehrlich war, ging es hier im Grunde nur darum, dass er den Hals nicht voll bekam. Kurz lachte er auf und schüttelte den Kopf über seine wirren Gedanken, die wie immer in einer strengen selbstreflektierenden Einsicht endeten.
Endlich angekommen, stieg er aus dem Auto und begab sich unverzüglich auf den Weg in die Büroräume.
»Man, Chef!« Mit einem vorwurfsvollen Blick kam Sina ihm entgegen, als er den Aufzug verließ, nahm ihm den Becher aus der Hand, seine Tasche ab und lief geradewegs voraus in sein Büro. »Was ist los mit Ihnen? Unpünktlichkeit ist für Sie ein Kündigungsgrund, wenn ich Sie erinnern darf?« Sina hatte Recht, dennoch war es jetzt nun einfach mal so und er konnte es nicht ändern.
»In welchem Raum sind sie?«
»Im Jazzraum«, antwortete sie, drückte ihm einen Stapel Unterlagen in die Hand, die er gestern schon vorbereitet hatte, und machte sich auf den Weg. Als er den Raum betrat, fiel ihm zu allererst sein Geschäftspartner – es sträubte ihn innerlich, diesen Flachwichser so zu nennen – auf, der dort saß, vor sich auf den Tisch starrte und die möglichen Neukunden ignorierte. Er musste damals nicht zurechnungsfähig gewesen sein, als er sein Unternehmen zur Hälfte an Alexander Kramer überschrieb.
Es war in der Zeit seines Start-ups, als die Firma Startschwierigkeiten hatte, ihm alles über den Kopf zu wachsen drohte und die inneren Dämonen Marc auffressen wollten. Damals war es eine gute Lösung gewesen, dass sich sein ehemaliger Kommilitone anbot, sein Partner zu werden und sich in die Firma einkaufte. Das war der Startschuss für Marc Edens Karriere. Er behielt sich den Namen des Unternehmens vor und das Stimmrecht im Streitfall. Schon schnell nach dem Zusammenschluss fragte er sich, was für ein Teufel ihn da geritten hatte, ihn mit ins Boot zu nehmen.
Die Zeit würde kommen, da verpasste er dem Nichtsnutz einen heftigen Arschtritt. Die Firma befand sich dort, wo sie jetzt stand, und zwar an der Spitze der internationalen IT-Unternehmen, weil Marc sie dorthin brachte. Marc Eden und nicht Hohlbirne Alexander Kramer. Er hatte nichts dazu beigetragen. Er delegierte vermeintlich die Arbeit im Haus, zumindest dachte er das, wenn er mal wieder stundenlang durch die Büros der Angestellten flanierte, sich überheblich auf die Tischkanten setzte und die Leute bei der Arbeit beobachtete. Letztendlich lief eh alles über Marcs Tisch. Seine Projektmanager meldeten sich ausschließlich bei ihm oder eben Sina, wenn es etwas außerhalb der regulären Meetings zu besprechen gab. Marc war stolz auf sein mittelständisches Unternehmen und würde keineswegs zulassen, dass dieser Miesepeter ihm das Geschäft ruinierte. Sollte er halt schweigsam sein, jedoch nicht am Tisch potenzieller Kunden. Idiot!
»Herzlich willkommen bei Eden Dynamics.« Bestimmt trat er auf die beiden zu und reichte ihnen die Hand. »Marc Eden«, stellte er sich vor und setzte sich an den Kopf des Tisches. »Entschuldigen Sie meine Verspätung, der Verkehr steckt manchmal voller Überraschungen.« Nickend stimmten sie zu, indes Marc eine Erleichterung durchflutete, als es merkte, dass noch nichts verloren war. Das Eis war gebrochen.
Nach fünf Stunden, einer kurzen Unterbrechung, um einen vom Caterer bereitgestellten Snack zu sich zu nehmen, verließ Marc mehr oder weniger zufrieden den Konferenzraum.
»Wir haben den Auftrag«, murmelte er Sina zu, als er auf dem Weg in sein Büro ihren Schreibtisch streifte, setzte aber gleich hinterher: »Kannst du Alexander rufen?« Auch wenn jetzt alles gut lief, so konnte es nicht weitergehen. Sein Geschäftspartner arbeitete nicht für das Unternehmen.
»Was hat er denn schon wieder angestellt?«, murmelte sie die rhetorische Frage vor sich hin und griff zum Hörer. »Hier ist Sina, Herr Eden möchte Sie gerne sprechen!«
Marc verkniff sich ein Lachen, als er sah, wie Sina die Augen rollte. Seine Sekretärin wusste genau, wer welche Leistungen für dieses Unternehmen vollbrachte. Und wenn ihr Alexander dumm kam, ertrug sie es stillschweigend. Das war kein Zeichen von Schwäche, nein. Sie respektierte ihn einfach nur nicht und nahm ihn nicht ernst. Jedem anderen würde Marc etwas erzählen, wenn einer der Angestellten gegenüber der Geschäftsführung respektlos werden würde. Denn egal welchen Krieg sie ausfochten, Marc würde das niemals nach außen zeigen. Was sie sich letztendlich dachten, lag nicht in seinem Ermessen. Sina hatte sich diesen Freifahrtsschein allerdings hart erarbeitet. Sie war mehr an Marcs Seite, als es Alexander jemals war. Sina machte Überstunden, sobald er mit dem Finger schnippte, war Beraterin in allen Lebenslagen und diente oftmals als eine Art Schutzpanzer, sortierte Anfragen jeglicher Art nach Wichtigkeit aus und reichte nur an Marc weiter, was Priorität hatte. Sie wusste über seinen Frust detailliert Bescheid, nicht selten half sie Marc, etwas auszubügeln, was Alexander verbockt hatte.
»Was willst du?« Alexander kam kurz darauf in sein Büro geplatzt, setzte sich vor Marcs Schreibtisch und sah ihn mit dem Fuß wippend an, als hätte er keine Zeit.
»Wir sollten uns über deine Zukunft in diesem Unternehmen unterhalten«, begann er, räumte ein paar Unterlagen zur Seite und betrachtete ihn mit ernster Miene.
»Ich wüsste nicht, was es da zu besprechen gibt. Ich bin dein Partner und das wird auch so bleiben.«
»Alexander, mach dir nichts vor. Du bist für das Unternehmen eine Last, denn sind wir mal ehrlich, welche Kunden hast du uns gebracht? Was trägst du im Geschäftsalltag bei? Wann kann ich mich nur einmal auf dich verlassen?«
»Hey«, sprang Alexander auf und stützte sich drohend auf der Tischplatte ab. »Wer ist eben zu spät gekommen, werter Herr Eden?« Seine Stimme triefte vor Sarkasmus. »Das warst du, nicht ich. Merkst du noch was?«
»Merkst du noch was?«, wiederholte Marc zornig und baute sich ebenfalls in einer drohenden Haltung vor diesem Idioten auf. »Du fragst mich allen Ernstes, ob ich noch etwas merke, nachdem ich uns einen Deal mit einer geschätzten monatlichen Marge im fünfstelligen Bereich eingehandelt habe? Du hast dazu genau was beigetragen? Verzeih mir, wenn ich so stutzig bin, aber ich kann mich daran erinnern, dass du dort schweigend wie ein Mönch gesessen hast und dann über die Canapés hergefallen bist. Und jetzt sieh mir in die Augen und erkläre mir noch einmal, was hier falsch läuft!« Alexander fokussiert, blickte er ihm unerbittlich entgegen. Nein, vorher musste er sich die Zunge abbeißen, sie zerkauen und über den Darm ausscheiden, doch keinesfalls würde er den Blick vor diesem Vollhonk senken.
Es dauerte eine ganze Weile, bis Alexander sich dem Duell der Titanen entzog und leise flüsterte: »Du wirst mich niemals loswerden. Denn ohne meine finanzielle Spritze wäre die Firma nicht da, wo sie jetzt ist, vergiss das nicht.«
Das hörte sich wie eine Drohung an und Marc wusste genau, dass es auch eine war. Alexander war ein Meister im Manipulieren und Quälen anderer Menschen. Er würde so schnell nicht hinwerfen, aber Marc würde auf keinen Fall aufgeben, das stand fest. Dennoch wusste er, dass er in dieser Situation nichts mehr erreichen konnte, weshalb er schwieg. Ein letztes siegessicheres Seufzen, als würde er denken, dass er tatsächlich Recht hatte und Alexander verließ sein Büro. Arschloch! Ja, es stimmte sogar. Ohne seine anfängliche Unterstützung hätte Marc seine Träume nie verwirklichen können, aber dass die Firma nun erfolgreich war, war auf seine Fähigkeiten zurückzuführen – Marcs Unternehmensführung und Know-how. Wenn es ihm nur um das Geld gehen würde, könnte er ihm mehr als genug in den Rachen schütten. Doch mehr als einmal hatte er bereits bekräftigt, dass er sich nicht aus der Firma kicken ließ.
Ein Klopfen ertönte und kurz darauf betrat Sina sein Büro. »Alles okay hier?«, wollte sie von ihm wissen.
»Das Übliche!«, gab Marc knapp zurück. Er musste diesen Abschaum loswerden und das am besten sofort!
Vermögensplanung
»Alter, da sind wir bei Starbucks, Mom wieder voll peinlich mit ihrem Filterkaffee, und auf einmal steht da Marc Eden neben mir und labert mich an. Marc Eden! Kannst du das glauben?« Während er seiner Zwillingsschwester von dem Höhepunkt des Tages berichtete, leuchteten Marius’ Augen, als hätte er den Allmächtigen höchstpersönlich gesehen. Dabei war er vorhin sehr kleinlaut und fand es gar nicht mal so toll, wie er von ihm angesprochen wurde.
»Nenn Amalia nicht Alter, Marius!«, fuhr Anni dazwischen. »Was ist heute nur los mit dir?« Kopfschüttelnd stand sie in der Küche und wusste nicht, was sie am meisten aufregte. War es ihr Sohn, der scheinbar von allen guten Geistern verlassen war, oder der Löffel, der in einem angetrockneten Joghurtbecher klebte, an dem wiederum ein benutztes Taschentuch hing. Großer Gott, das hier war ein verdammter Schweinestall, anders konnte sie sich das kaum erklären. Ihre Tochter stand an den Kühlschrank gelehnt und beobachtete unbeeindruckt das Schauspiel, während sie eine Banane aß.
»Außerdem hat er dich nicht bloß angesprochen, er hat dich gerügt und darauf hingewiesen, dass du dich anständig artikulieren sollst!« Innerlich jubelte sie, als sie an diesen Moment zurückdachte. Der Typ hatte solch ein Selbstvertrauen, dass selbst sie kurz innehielt, um ihn anzuschauen.
Zuerst fielen ihr seine Tätowierungen auf. Lange verschnörkelte Ausläufer sah man unter dem Jackett hervorlugen. Am Hals konnte man das Porträt eines Mannes erahnen, während seine Haare zu einem unordentlichen Knoten am Hinterkopf zusammengebunden waren. Er war groß, stolz und hatte sie schon selbstbewusst erwähnt? Den knallharten Geschäftsmann, der er war, nahm man ihm ohne mit der Wimper zu zucken zu einhundert Prozent ab. Dass er das war, wusste Anni wiederum, weil man Marc Eden, den Entwickler der die angesagteste Music-App geschaffen hatte, in Köln einfach kannte. Für die einen war er der begehrte Junggeselle, für die anderen ein Mann, den man aus den Tratschspalten diverser Zeitungen, in denen er immer mal wieder mit irgendwelchen Schönheiten abgelichtet wurde, kannte. Für ihren Sohn war er weitaus mehr. Er sammelte sogar Magazine, in denen The Godfather of IT-Mist ein Interview nach dem anderen gab, stapelte sie fein säuberlich in seinem Regal, wenngleich der Rest des Zimmers einem Trümmerfeld glich.
»Aber er hat mich angesprochen, das ist der springende Punkt!«, triumphierte Marius, hievte sich zeitgleich mit den Handballen auf die Arbeitsfläche der Küchenzeile und nahm einen Schluck aus der Sprudelflasche. Nun gut, wenn er das so sehen wollte, bitte.
»Gott, Marius. Komm mal wieder klar«, entgegnete Amalia belustigt. »Hoffentlich träumst du heute Nacht nicht von deinem Zuckerberg 2.0.«
»Halts Maul, Sis! Du hast doch keine Ahnung. Geh mit deinen Barbies spielen.«
»Hey, Leute! Jetzt ist Schluss hier. Habt ihr für die Deutscharbeit gelernt?« Anni wartete nicht auf Antwort, denn diesem Gezanke durfte man erfahrungsgemäß keinen Raum zum Reifen geben, sonst schaukelte sich das pubertäre Rumgestreite im Nu zu einem monströsen Kleinkrieg hoch. »Geht lernen, damit verbringt ihr eure Zeit wenigstens sinnvoll!«
Auch wenn die zwei sie aktuell an den Rande eines Nervenzusammenbruchs trieben, eins funktionierte immer. Ihre Kinder waren wissbegierig und ehrgeizig, was sie oftmals freiwillig hinter ihre Schreibtische bewegte und zum Lernen animierte. Das ersparte Anni eine Menge unschöner Motivationsarbeit, wenn sie daran dachte, wie häufig sich die anderen Mütter darüber beschwerten.
Amalia ging zum Küchentisch, um dort ihre Bananenschale abzulegen, und verließ den Raum. Kopfschüttelnd stand Anni da und betrachtete den Tisch mit großen Augen. Ja, war es denn zu fassen? Der Mülleimer befand sich genau an jener Stelle, wo sie zuvor gestanden hatte und dann wunderte sie sich, warum sie in letzter Zeit so ausgelaugt war? »Amalia, räum deinen Müll weg. Manchmal frage ich mich, wie ihr beide es aufs Gymnasium geschafft habt. Das ist doch unglaublich!«, rief sie in den Flur und wartete, bis ihre Tochter zurückgekehrt war, die Aufgabe erledigt hatte und wortlos die Treppen herauflief.
Als Anni letztendlich zwei Türen zuknallen hörte, wusste sie, dass sie jetzt mindestens ein paar Stunden Ruhe haben würde. Ermüdet stützte sie sich an der Tischkante ab und atmete tief durch.
Anni war normalerweise eine Powerfrau. Sie regelte Haushalt, Kinder, war überaus engagiert in der Dorfgemeinschaft und ging regelmäßig zur Kirche. Zudem arbeitete sie im Backoffice, inklusive der Buchhaltung, in der Firma ihres Mannes, der Vermögensberater war. Anni war mit ihm liiert, seit sie sich beim Schwimmunterricht in der Schule unsterblich ineinander verliebt hatten.
Heute noch hatte sie das Bild vor Augen, wie er mit seinen Klassenkameraden am Beckenrand stand und sich über irgendetwas amüsierte. Sein Lachen bewirkte, dass sich kleine Grübchen auf den Wangen bildeten, die sie umhauten. Zwanzig Jahre war das her und natürlich hatte sich die Faszination um Constantins Grübchen gelegt. Sie verbrachten so viel Zeit miteinander, wie es für eine Unternehmerfamilie möglich war. Zugegebenermaßen war das nicht unbedingt oft. Wenn er mal wieder auf Geschäftsreise war, waren zum Ausgleich die Dorffrauen, die sie mehrmals wöchentlich sah, für sie da. Anni hatte alles, was eine Bilderbuchfamilie ausmachte. Sie hatte tolle Eltern, Schwiegereltern, großartige Kinder, wenn sie manchmal auch ein bisschen nervten, und einen treuen Ehemann.
»Hi.« Constantin trat hinter sie, gab ihr einen Kuss aufs Haar und setzte sich an den Küchentisch.
»Hallo«, grüßte sie ihn müde. »Wie war dein Tag?«
»Anstrengend! Dieser Meier ist so ein Idiot. Er ist absolut beratungsresistent«, sagte er und blickte Anni nach Zustimmung suchend an.
»Ein unsympathischer Kerl«, bestätigte sie, drückte einen Espresso aus dem Kaffeevollautomaten und stellte ihn auf dem Tisch vor ihm ab.
»Aber was bringt es? Er bezahlt nun mal anständig und auch wenn ich weiß, wie du diese abgedroschenen Sätze verabscheust: Der Kunde ist König!« Er pustete in die Tasse, nippte vorsichtig an dem heißen Getränk, und stellte sie mit einem schmerzverzerrten Blick wieder ab, während er sich die verbrannte Lippe rieb. Skeptisch beäugte er Anni kurz darauf. »Alles okay? Du siehst müde aus!«
»Das bin ich. Vielleicht ist eine Erkältung im Anmarsch, wer weiß?«, erwiderte sie und spürte in der Tat diese auslaugende Schwere, die sie seit einigen Tagen begleitete.
»Leg dich hin. Ich mach hier Klarschiff!« Mit einer ausladenden Bewegung zeigte er auf die vollgestellte Küchenzeile, was er nicht näher erläutern musste.
Entschuldigend hob Anni die Schultern. Es brauchte keine weitere Erklärung, schließlich wusste Constantin, welches Pensum Anni tagtäglich erfüllte und was für Schweine in puncto Sauberkeit ihre Kinder waren. Er stand schon immer hinter ihr und würdigte, was sie tat.
»Bin im Bett!«, sagte sie, warf ihm einen dankbaren Blick zu und ließ die chaotische Küche mit ihrem geordneten Ehemann im Einklang zurück. Schnell entledigte sie sich ihrer Klamotten, putzte sich die Zähne, zog sich ein viel zu großes Shirt über, welches sie zum Schlafen gerne trug, und flochte sich ihre fast hüftlangen Haare zu einem Zopf. Als sie endlich die kühlen Bettlaken auf ihrer Haut spürte, merkte sie, wie sich zumindest ihre Muskeln entspannten und sie langsam runterfahren konnte. Das Kissen unter ihrem Kopf mit den Händen zurechtgerückt, betrachtete sie akribisch die Zimmerdecke, während sie den Tag Revue passieren ließ: Sie weckte die Kinder, fuhr ins Büro, kochte für Amalia vegetarisch, für Marius fleischhaltig und räumte das Haus auf, wie jeden Tag. Daraufhin fuhr sie mit ihrem Sohn in die Stadt, denn er brauchte dringend ein Zubehörteil für seinen Laptop, ohne das sein Leben scheinbar spätestens am Abend sinnlos gewesen wäre. Dass ein Weg bis in Kölns Innenstadt im Feierabendverkehr eine Stunde dauerte, versuchte sie, zu verdrängen. Denn diesen Weg mussten sie immerhin zweimal fahren, um nach Hause zu kommen. Und dann wollte sie sich einfach nur einen Kaffee genehmigen, da tickte ihr Sohn wortwörtlich aus, weil sie auf diesen IT-Guru trafen. Wie er sie genannt hatte: »Rotschopf und Superman«, murmelte sie leise vor sich, bevor über ihre Lippen ein Lächeln huschte. Er war wirklich süß. Nein, das passte nicht. Er war eher sexy, ja. Seine ganze Haltung strotzte vor Selbstbewusstsein und dieses gewisse Fünkchen Arroganz stand ihm außerordentlich gut. Eine Gänsehaut überzog ihre Arme. Er war auf eine Art unnahbar und dennoch war er, den sie normalerweise nur von gedruckten Zeitungsfotos kannte, für Anni heute wahrhaftig greifbar. Er hatte es geschafft, sie zum Lächeln zu bringen, und automatisch fragte sie sich, wann Constantin das zum letzten Mal fertiggebracht hatte. Ein ungutes Gefühl mischte sich zu dem zarten Kribbeln, was durch den Gedanken an Marc erweckt wurde. Einen solchen Vergleich hatte sie noch nie gezogen, fiel ihr in diesem Moment auf und gleichzeitig auch, dass es schon sehr lange her war, dass sie, bis auf ein nettes und respektvolles Lächeln, seit Monaten nicht mehr mit ihrem Mann herzhaft gelacht hatte. Die Augenbraue zusammengezogen, rollte sich Anni zur Seite. Was sollte sie nun mit dieser Erkenntnis anfangen? War es überhaupt von Bedeutung? Klar, war es das. Bisher existierte in Annis Leben nur ein Mann und das war Constantin, den sie liebte. Er war fürsorglich, hilfsbereit, kultiviert und stand für seine Familie ein. Aber ein Bauchkribbeln gab es ewig nicht mehr.
Das war normal, wenn man bedachte, dass sie bereits seit so langer Zeit ein Paar waren. Der Alltag hatte sie fest im Griff, da blieb keine Zeit für derartige Liebeleien, die auch nur ansatzweise etwas in ihr auslösen könnten. Dass das völliger Quatsch war, war ihr durchaus bewusst und trotzdem versuchte sie sich mit dem Ergebnis ihrer geistigen Arbeit zufriedenzugeben.
Unweigerlich dachte sie an Marc, wie er sie, mit seiner lockeren Art, bestimmend und überlegen vor diesem dämlichen Kaffeeheini gerettet hatte. Er konnte es einfach, da war nichts geschauspielert, er war, wie er war. Das Kribbeln kehrte wieder in ihren Bauch zurück. Er war definitiv eine Marke für sich und gar nicht so abgehoben, wie er in der Presse dargestellt wurde. Was hätte ihr Constantin in dieser Situation getan? Er hätte sie wahrscheinlich aufgefordert, etwas anderes zu bestellen, um kein Aufsehen zu erregen, und Marius hätte er ebenfalls zurechtgewiesen, aber ganz sicher nicht so cool wie Marc Eden, stellte sie schmunzelnd fest. Wenn sie nur daran dachte, wie Marius sich in der Schule mit dem Treffen brüsten würde, musste sie sich ein Auflachen verkneifen. Unter den Nerds konnte er damit Eindruck schinden, das war Fakt. Nun gut, sie gönnte ihm seinen glanzvollen Moment.
Anni wälzte sich von einer Seite zur anderen, fand keine Ruhe. Ihre Gedanken drehten sich im Kreis, ließen sie aufgebracht zurück. Und immer, wenn sie knapp davor war, in einen entspannten Schlaf abzudriften, tauchten Marcs Augen vor ihren auf und machten sie von der einen auf die andere Sekunde wieder hellwach. Gedanklich durfte sie sich diese entgleisenden Ausrutscher ruhig erlauben, solange Constantin das nicht mitbekam.
Ein kurzes Klopfen ertönte an der Zimmertür: »Mom!«, flüsterte Marius leise, als er nähertrat.
»Hm?«, brummte Anni, nicht gewillt, auch nur ein Wort von sich zu geben. Müde, schlafen, Gehirngulasch … Lasst mich doch alle in Frieden. In Gedanken spulte sie noch mal einen Schritt zurück und ergänzte, heißer und scharfer Gehirngulasch. So weit war es schon mit ihr gekommen, dass sie so einen geistigen Unfug fabrizierte.
»Mom!«, erklang eine vorwurfsvolle Stimme.
Marius. Ihr Sohn, ach Gott, da war doch was. Widerwillig schaltete sie das Nachtlicht an. »Was?«, fragte sie monoton.
»Meinst du, wir könnten morgen noch mal zu Starbucks fahren? Wir setzen uns einfach ein bisschen dahin und warten, vielleicht kommt Marc Eden ja wieder. Dann könnte ich mich richtig mit ihm unterhalten.«
»Hä?« Er musste durchgedreht sein. Und sie gleich mit, denn jetzt war es um ihre Artikulation geschehen. Was sollte man zu solch einem Vorschlag nur sagen? Ihr Sohn wollte sich in ein Café setzen, Stunden dort verbringen, nur um möglicherweise sein Vorbild anzu-treffen. »Marius, ich sags nur ein einziges Mal: Geh sofort in dein Bett!«
»Alter, bleib mal cremig. Du gehst ja ab.«
Jetzt setzte sich Anni doch auf. »Du glaubst doch nicht ernsthaft, dass ich meine Zeit mit dir irgendwo in Köln vergeude, nur weil dieser Eden sich dort einmal einen Kaffee geholt hat? Fernab davon, dass das total bescheuert ist, weißt du nicht mal, ob er regelmäßig da ist oder doch nur sporadisch. Lass mich damit einfach in Ruhe, okay? Ich möchte schlafen.«
»Darf ich denn wenigstens nach der Schule dahin? Ich könnte meine Hausaufgaben da machen.«
»Raus!«, forderte Anni schroffer, als es geplant war und registrierte beruhigt, dass er die Tür hinter sich geschlossen hatte. Himmel Herrgott, wie konnte man nur in einen derartigen Fanmodus verfallen, das war ja schon fast krankhaft.
Portfolio
»Soll ich dir einen blasen?« Nancy drückte sich scheinbar unauffällig, aber doch irgendwie aufreizend, an sein Bein und raunte ihm ins Ohr, bevor sie die Getränke auf dem runden Tisch abstellte, an dem Marc und seine Kumpels saßen.
»Lass mal, ich bin heute nicht in Stimmung«, wiegelte er in normaler Lautstärke ab und kassierte vier vorwurfsvolle Blicke. Nein, fünf, wenn man Nancy mitzählte. »Sorry!«, murmelte er und nahm einen kräftigen Schluck von dem Whiskey, den er soeben serviert bekommen hatte. Seine Jungs wussten, dass sie fickten, da musste sie nicht so ein Affentheater abhalten und sich fast das Genick ausrenken, nur um ihm ins Ohr zu flüstern, und außerdem sollte er das Ganze eh beenden, da sie eine für ihn wichtige Grenze überschritten hatte.
»Was war das denn? Sonst treibt ihr es doch immer wie die Rammler, egal wann und wo«, brachte Finn es ohne große Umschweife auf den Punkt und erhielt sogleich nickende Bestätigung von Vince, Tom und Björn, die ebenfalls mit am Tisch saßen.
Marc und Nancy trieben es tatsächlich oft und ja, er musste zugeben, es kam schon mal vor, dass sie es im Personalraum machten oder eben in der Küche, die sowieso nie benutzt wurde. Das Hells Bells, die Stammkneipe der Jungs, bot ihnen so einige Ecken, in denen man ungestört schnell abspritzen konnte. Mehr als das war es nicht. Nancy hatte einen Orgasmus, Marcs Eier waren leer, das Vergnügen war beidseitig erfolgt, also ging jeder wieder seiner Wege.
»Dass ich das noch erleben darf«, murmelte Björn.
»Ach, komm. Selbst ein triebgesteuerter Marc braucht irgendwann mal eine Verschnaufpause«, warf Vince verteidigend ein, was die Meute zum Auflachen und ihm ein Lächeln auf die Lippen brachte.
»Was ist los?«, fragte Finn, der ihn von seinen Jungs am ehesten zu durchschauen schien. Nicht nur dort, im Hells Bells am Tisch, sondern in allen Lebenslagen war er stets der richtige Ansprechpartner und stand ihm auf eine ganz besondere Art und Weise zur Seite. Er schwieg, wenn es angebracht war und er brachte ihn zum Reden, sofern es nötig war. Wie auch immer, er hatte ein gutes Händchen für Marc.
»Ich weiß nicht, wie ich Alexander aus der Firma kicken soll. Er schadet mir und dem Unternehmen, was ich faktisch natürlich nicht nachweisen kann, da er diesbezüglich wirklich mal seine drei Gehirnzellen anstrengt und die Schneise der Verwüstung ohne große Beweise hinterlässt. Heute hat er es echt übertrieben, das ist nicht mehr tragbar.«
»Er war schon immer ein Volltrottel«, bemerkte Tom nebenbei. »Du hättest es damals ohne seine Hilfe geschafft!«
»Tja, das weiß ich heute, nur bringt mich das meinem aktuellen Ziel keinen Schritt näher.« Gedankenverloren nahm er einen weiteren Schluck von der goldenen Flüssigkeit, die ihm ein angenehmes Brennen im Hals bescherte.
»Hast du mit deinen Anwälten gesprochen?«, wollte Finn wissen, während er seinen Freund mit ernster Miene musterte.
»Berger ist im Urlaub und da ich nichts akut Handfestes vorzuweisen habe, bleibt er auch dort.«
»Du kriegst das hin, Alter. Es findet sich eine Lösung«, warf Tom ein.
»Hoffen wir es!« Wenn Marc nach außen auch immer der Taffe war, keine Schwäche zeigte und unnahbar wirkte, wie man ihm nachsagte, so waren es genau die Menschen an diesem Tisch denen er uneingeschränkt vertraute und die seine andere Seite kannten. Er konnte nicht zugucken, wie sein Baby, wie er ED liebevoll nannte, den Bach herunter ging und zu einer von vielen Firmen mutierte. Das würde ihn zerstören.
»Und was ist mit Nancy?«, hinterfragte Björn, der somit alle Aufmerksamkeit wieder auf Marc lenkte.
»Was soll mit ihr sein? Ich mag nicht, wenn sie klammert. Neulich stand sie abends vor meiner Tür, das müsst ihr euch mal vorstellen. Ficken, ja. Beziehung, nein. Das waren die Rahmenbedingungen und so machen wir es seit Monaten. So gut kann sie gar nicht sein, dass ich ihr Eintritt in mein Privatleben gewähre. Außerdem hab ich derzeit andere Sachen im Kopf.«
»Gut zu wissen«, blaffte plötzlich eine grelle Stimme hinter ihm. Das vollgestellte Tablett wurde etwas zu schwunghaft auf den Tisch geschoben, sodass die Gläser leicht überliefen und eine stinkwütende Bedienung davonlief.
Na, super, Marc! Gratulation.
»Heute hab ich leider keinen Nerv, um mich mit so einem Kindergarten zu befassen.« Er warf einen Fünfzigeuroschein auf den Tisch, sah einmal in die verwunderten Augen seiner Kumpels, verließ die Bar und fuhr auf direktem Weg nach Hause.
Gerade hatte er es sich auf der Couch gemütlich gemacht, die Beine auf dem Tisch abgestellt und das Bier, welches er sich zuvor aus dem Kühlschrank genommen hatte, angesetzt, als sein Smartphone eine WhatsApp Nachricht ankündigte.
Finn: Soll ich dir vielleicht einen blasen, Honey?
Marc: Massierst du mir dabei die Eier?
Finn: Mal gucken … Quatsch, soll ich vorbeikommen?
So war Finn – herzensgut und selbst in solchen Situationen brachte er ihn zum Lächeln. Wenn er das auch zu schätzen wusste, stand ihm der Kopf gerade nicht nach Besuch. Er würde sich gleich ins Bett legen und versuchen, eine Mütze Schlaf abzubekommen.
Marc: Mach dir keine Sorgen, ich bin nur gestresst, das wird morgen besser sein.
Finn: Du weißt, wo ich wohne. Bis dann, Alter.
Ein klein wenig Wärme, verursacht durch den Rückhalt, den er durch Finn und die Jungs erfahren durfte, legte sich schützend um sein Herz. Dass die Tür seines Seelenverwandten für ihn offenstand, war ihm bewusst, ohne dass Finn ihm das sagen musste. Das galt auch für die anderen, dennoch war es unerklärlicherweise meistens Finn, zu dem es ihn hinzog, wenn es ihm schlecht ging. Marc wusste, dass er ein Spaßvogel war und als diesen gemocht wurde. Aber es gab tief in seinem inneren eine Wunde, die immer wieder aufriss und ihn überfordert und schmerzerfüllt zurückließ. In diesen Momenten war er einfach froh, die Jungs zu haben. Schnell schob er den Gedanken beiseite, denn heute hatte er genug ungelöste Rätsel im Kopf, sodass er sich nicht mit seinen Dämonen auseinandersetzen konnte.
Alexander musste raus, das hatte Prio! Vielleicht hatte Berger tatsächlich einen entscheidenden Hinweis parat, sodass das Ganze endlich ins Rollen kam.
Er nahm den letzten Schluck aus der Flasche, stellte diese in die Küche und ging auf direktem Weg ins Bad. Achtlos warf er seine Klamotten neben den Wäschekorb und drehte schon mal das Wasser der Dusche an. Zwischenzeitlich stellte er sich vor den Spiegel, entfernte den Haargummi, und putzte sich die Zähne, während das prasselnde Geräusch des Wassers wie immer eine beruhigende Wirkung auf ihn hatte.
Frisch geduscht, lag Marc nur Minuten später in seinem Bett, schaltete den Bildschirm neben ihm ein, aktivierte den Timer und streamte über Netflix eine amerikanische Lawyer-Serie, die er ganz unterhaltsam fand und ihm beim Einschlafen half, weil er seine Gedanken auf etwas anderes als die aktuellen Probleme lenkte.
Schnell drückte Marc seinen Wecker aus. Er schlug die Decke zur Seite und schlurfte in die Küche. Während ihm schon der Duft des frisch aufgebrühten Kaffees in die Nase stieg, den sein getimter Vollautomat ihm jeden Morgen zuverlässig in eine Tasse einlaufen ließ, checkte er die E-Mails auf seinem Handy. Wenn heute nichts Großes anstand, würde er von Zuhause arbeiten. Marc war einfach müde. Keine Nachrichten, die nicht Sina für ihn beantworten konnte, der Kalender gab nur einen wichtigen Termin am Nachmittag vor, den er auch vor Ort wahrnehmen würde, aber bis dahin blieb er im Homeoffice.
Er schrieb Sina eine Mail, dass er von zuhause arbeitete und setzte sich erst mal mit seinem Kaffee an den Tisch, um online die Tageszeitung zu lesen.
Er fühlte sich krank, nachdem er wieder so unruhig geschlafen hatte. Marc war kein Typ, der viel litt. Er gehörte eher zu der Kategorie ›Augen zu und durch‹, war stets zum Scherzen aufgelegt und liebte es, in Gesellschaft zu sein. Doch wenn es ihn erwischte, dann richtig!
Nachdem er sogar einen zweiten Kaffee getrunken hatte, und auf dem neuesten Stand des weltlichen Geschehens war, hörte er, wie sich die Tür öffnete. Ein Schrei, der direkt darauf folgte, ließ ihn zusammenzucken. Er hatte ganz vergessen, dass seine Reinigungskraft heute bei ihm sauber machte.
»Guten Morgen, Monsieur Eden. Sie sind daheim!«, stellte sie erschrocken fest und sah ihn irritiert an, bis sie sich rasch schützend eine Hand vor die Augen hielt und nach Luft schnappte. Sie stand dort wie ein kleines Kind, das sich selbst die Sicht nahm, weil es etwas nicht sehen durfte, dachte er sich schmunzelnd.
»Hallo, Angelique«, grüßte er sie und ging erhobenen Hauptes, nur mit seiner Boxershorts bekleidet und sich am Bauch kratzend, lässig an ihr vorbei. »Sie können jetzt wieder gucken, die Luft ist rein«, sagte er amüsiert, woraufhin sie sich tatsächlich in Bewegung setzte, was er an den Geräuschen im Abstellraum hörte, wo die Putzsachen gelagert wurden. Himmel, sie war fast sein Alter und doch so verklemmt, dass sie ihn nicht mal anblicken konnte? »Bin im Büro«, rief er ihr zu, nachdem er eine Jogginghose und ein Shirt übergezogen hatte. Es dauerte nicht lange, bis es an seiner Tür klopfte.
»Pardon, Monsieur Eden. Ich will Entschuldigung sagen, ich wollte nicht gucken, aber sie waren da und ich war überrascht und …«
»Es ist nichts geschehen, Angelique. Woher hätten Sie wissen sollen, dass ich mich halbnackt in der Küche aufhalte?« Er zwinkerte ihr zu, während ihr abermals die Röte in die Wangen schoß. Okay, das war etwas unangebracht. »Es ist alles okay«, sagte er abschließend und lächelte sie beruhigend an, bevor sie zufrieden dreinblickend ging.
Sie war ein Goldstück, aus tiefstem Herzen loyal und ehrlich. Sie sabberte ihm nicht hinterher wie andere Weiber, die ihn aus irgendwelchen Zeitungen oder dem Internet kannten. Sie erledigte ihre Arbeit zuverlässig und war höflich, sorgte nicht nur für Ordnung und Sauberkeit, sondern auch dafür, dass sein Kühlschrank stets voll war und die Wohnung gemütlich aussah. Sie traute sich zudem, ab und zu etwas Dekoration aufzustellen, und war immer ziemlich nervös, ob es von ihm akzeptiert wurde. Lieber würde er sich die Zunge abbeißen, als irgendetwas zu kritisieren, was sie liebevoll arrangierte. Selbst wenn es mal nicht Marcs Geschmack entsprach, eines war es immer: Es kam aus tiefstem Herzen und das verlieh seinem Zuhause eine angenehme Wärme. Kurz um, er mochte sein Mädchen für alles und sollte sich lieber nicht allzu viele Scherze mit ihr erlauben, denn er wollte sie noch ein wenig behalten.
Wealth Management
»Macht euch eine Pizza in den Ofen, ich komm heute erst am späten Nachmittag aus dem Büro«, sagte Anni in den Hörer, den sie mit der hochgezogenen Schulter gegen ihr Ohr drückte.
»Da wird sich unsere Biotonne aber freuen, wenn es nichts Vegetarisches zum Futtern gibt«, erwiderte Marius schadenfroh und keuchte daraufhin scharf, als er sich vermutlich einen Schlag von Amalia eingefangen hatte. »Mom, deine Höllenbrut schlägt mich!«, meckerte er gleich vorwurfsvoll los und bestätigte Anni ihren vorausgegangenen und wohlwissenden Gedankengang.
»Amalia soll sich den Backfisch warm machen«, riet sie, während sie die Rechnungen von Constantins letzter Geschäftsreise abheftete.
»Mach ich!«, hörte sie sie im Hintergrund rufen.
»Wie war die Deutscharbeit?«
»Easy«, erklärte Marius kurz. »See you, Mom. Ich hab jetzt Kohldampf«, womit er das Gespräch beendete.
»Tschüss, Kinder. Eure Mutter hat euch lieb. Seid schön brav und vertragt euch. Lasst euch das Essen schmecken«, murmelte sie sarkastisch vor sich hin. Tja, diese Zeiten waren vorbei, was einerseits in Bezug auf die Selbstständigkeit der Kinder angenehm war und andererseits dazu führte, dass sie immer größer wurden und auf derartige Aussagen keinen Wert legten. Realistisch gesehen konnte sie eh nichts dagegen tun und somit war das Thema schon beendet.
Ein Blick auf die Uhr bestätigte ihr, dass es bereits halb vier war. Ihr Schädel rauchte vor lauter Papierkram, den sie heute erledigt hatte. Man sollte nicht meinen, was in einem Einmannbetrieb, plus Telefonistin an der Anmeldung, die die Termine ihres Mannes vereinbarte, alles anfiel. Gut, es war nicht immer so stressig, aber aktuell war es einfach zu viel, als dass Anni pünktlich aus dem Büro käme.
Sie stand von ihrem Schreibtisch auf, öffnete das Fenster, um frische Luft reinzulassen, und machte sich auf den Weg in die Küche, um einen Kaffee zu kochen, den sie jetzt dringend brauchte. Gerade griff sie in die Keksdose, die für alle zugänglich stand, als Constantin den Raum betrat.
»Kaffee?«, fragte sie ihn, doch er lehnte dankend ab. »Alles okay?«
»Hab gleich einen Neukunden«, sagte er bloß und Anni wusste sofort, dass ihr Mann mehr als nur hundert Prozent geben würde, um einen guten ersten Eindruck zu hinterlassen. Daher goss sie sich ihren Kaffee ein, ohne ihn in seiner Konzentration zu stören, und verließ den Raum mit einem leise gemurmelten Viel Glück.
Als sie an der Anmeldung vorbeiging, öffnete Susanne, die Telefonistin, via Funkanlage die Tür, während sie Anni nett zulächelte. »Eine tolle Bluse haben Sie an, Frau Weishaupt.«
»Danke. Ich hab sie mir erst kürzlich neu gekauft.«
Die Tür öffnete sich und herein kam … »Superman?«, platzte es erschrocken aus ihr heraus, bevor sich ihre Gehirnzellen vereint gegen diesen Schwachsinn stellten, den sie dort rausgehauen hatte. »Verzeihung, ich meinte, Herr Eden. Oh Gott, das tut mir leid!« Die Farbe ihres Gesichtes musste der einer Tomate gleichen. Das war mehr als unprofessionell, es war peinlich und dumm. Ein tonnenschwerer Stein der Erleichterung fiel sogleich von ihren Schultern, als eben angesprochener ihr grinsend zuzwinkerte.
»Hi, Rotschopf. Lebt der Barista noch?«, fragte er flapsig, während er die Tasse in ihrer Hand ins Auge fasste. Das Gefäß fest umklammert, brach sie in ein Lachen aus, was auch seine Lippen breiter werden ließ.
Wie er da stand, der große stolze Mann, in einem feinen Anzug und doch so locker und lässig. Seine verzottelten Haare, die wieder zu einem Zopf zusammengebunden waren, diese Tattoos, die ihn verwegen wirken ließen … Dann kam Anni um die Ecke und betitelte ihn als Superman, was er humorvoll hinnahm. Ihr Herz schlug fälschlicherweise einen Takt zu schnell, sodass sie sich rasch mit einem freundlichen Nicken von ihm verabschiedete und in ihr Büro zurücklief.
Die Tür hinter sich geschlossen, lehnte Anni sich dagegen und starrte einige Sekunden den Fußboden an. Würde er sich bitte auftun, damit Anni darin verschwinden konnte? Marc Eden war der Neukunde von Constantin? Oh Gott, wie blamabel war ihr Auftritt nur. Professionalität ging Constantin über alles und wenn er das mitbekommen hatte, würde sie sich später eine Standpauke anhören können. Denn eins musste man mal klar sagen: Constantin war nicht nur ihr Ehemann, sondern hier und jetzt war er ihr Chef und als dieser verlangte er von seinen Mitarbeitern absolute Konzentration und Perfektion.
Ein Grinsen schlich unweigerlich auf ihre Lippen, es war unvermeidbar. Marc Eden konnte sich an sie erinnern. Kopfschüttelnd versuchte sie, den Gedanken beiseitezuschieben, begab sich stattdessen wieder an die Steuerunterlagen, die sie vorhin am Sortieren war.
Als sie eine Stunde später den PC herunterfuhr und in den Flur trat, hörte sie die Männer durch die verschlossene Bürotür sprechen. Noch einmal lauschte sie Supermans Stimme, die ihr in diesem Augenblick eine Gänsehaut verpasste, dann machte sie sich auf den Heimweg. Innerlich ermahnte sie sich selbst, als ihr bewusst wurde, dass sie den Kunden ihres Mannes ganz offensichtlich anhimmelte und das in seinem Beisein. Am Sonntag würde sie drei extra Vater Unser in der Kirche beten und hoffen, dass ihr diese gedankliche Sünde vergeben wurde. Um Gottes willen, was dachte sie da nur für einen unfassbaren Mist?
Endlich stellte sie das Auto in der Garage ab und betrat das Haus, in dem ihr lautstark die Musik entgegen plärrte. Im Flur lag ein Zettel von Amalia, dass diese heute bei Sophie war und gerne dort übernachten würde. Ein Blick in die Küche brachte ihr Stresslevel augenblicklich fast zum Überlaufen. »Unmöglich«, murmelte sie. Eine Pizza und ein Backfisch sollten die zwei sich machen. Es sah allerdings aus, als hätte ein Tornado sein Unwesen in der Küche getrieben. Heute würde zumindest Marius ihr helfen, das stand fest. Diesen Saustall bereinigte sie nicht alleine: ein Topf mit angebrannten Puddingresten, verschüttete Milch auf Tisch und Boden, benutzte Schüsseln, Pizzareste, offene Getränkeflaschen. Sogar ein verwelkter Kopfsalat lag neben dem Kühlschrank. Warum? Was hatten sie vor? Wollten sie einen Vitaminangriff starten? Niemals würden ihre beiden Kinder freiwillig und ohne Aufforderung auch nur ein Blatt Salat anrühren. Oder wollten sie nur schon mal vorsorgen, damit Anni ja nicht auf die Idee kam, ihnen das Grünzeug vor die Nase zu setzen? Immerhin war er welk und konnte somit in den Mülleimer. Nicht zu vergessen waren die Schuhe, die mitten in der Küche auf dem Boden lagen, als hätten sie kein Schuhregal im Flur stehen. Das Licht brannte, weil die Stromrechnung offenbar noch nicht hoch genug war. Entschlossen machte sie sich auf den Weg nach oben, betrat nach einem kurzen Klopfen Marius’ Zimmer und fragte sich zugleich, warum sie das getan hatte, denn bei dieser Lautstärke würde man nicht mal sein eigenes Wort verstehen, geschweige denn ein Anklopfen.
»Marius, mach die Musik …« Ein wildes aufspringendes Etwas, was sich von dem Schoß ihres dreizehnjährigen Sohnes schlagartig entfernte, schaffte es tatsächlich, dass Anni sprachlos war. Während Marius den Lärm leiser stellte, verabschiedete sich das junge Fräulein mit einem knallroten Gesicht und hängenden Schultern zur Tür heraus.
»Hi, Mom.« Er drehte sich zu seinem Laptop und tippte etwas scheinbar sehr Wichtiges.
»Hi, Mom?«, fragte Anni perplex und hoffte verzweifelt, dass da noch weitere Informationen aus seinem Mund kommen würden. Vergeblich. »Mehr fällt dir nicht ein? Was war das gerade? Und sieh mich gefälligst an, wenn du mit mir sprichst!«
»Bleib mal smooth, es ist doch nichts passiert!«
Das waren Situationen, in denen sich selbst liebevolle, liebende und fürsorgliche Mütter daran erinnern mussten, dass Gewalt egal in welcher Form keine Lösung war. Okay, ruhig bleiben, Anni. »Können wir bitte darüber reden?«
»Es gibt nichts zu bereden, ich hab sie nicht flachgelegt, Mann!«, motzte er.
Wenn eines feststand, dann war es das, dass Anni definitiv in der falschen Stimmung war, um ein solch fragiles Thema gegen seinen Willen und mit Samthandschuhen an den Fingern, die ihn am liebsten gerade erwürgen würden, zu besprechen. Sie würde Constantin darum bitten, das zu übernehmen. Wenn sie ehrlich war, fehlte ihr die Kraft dazu, weshalb sie nur sagte: »Das Thema ist noch nicht vom Tisch. Du kommst jetzt runter und räumst mit mir zusammen die Küche auf.«
Anstandslos folgte Marius ihr, was ihr einen weiteren kleinen Schock verpasste. Innerlich aufgewühlt fand sich Anni nur Sekunden später in dem Saustall wieder, während sie das Spülwasser einließ und Marius den Salat in den Kühlschrank legen wollte. »Müll!«, kommentierte sie etwas zu harsch und beobachtete aus dem Augenwinkel, wie er ihrem Wort stumm folgte. Offensichtlich hatte Marius ein schlechtes Gewissen und versuchte es sich mit Hausarbeit reinzuwaschen. Um das Gespräch würde er dennoch nicht drumherum kommen. Dreizehn Jahre war er alt. Ja, ist es denn zu fassen? Annis Mutter war wirklich lieb, dennoch hätte sie sich eine zweimonatige Ausgangssperre eingehandelt, wäre sie in dem Alter beim Knutschen erwischt worden. Womöglich hätte sie auf ein Mädcheninternat wechseln müssen. Ihren Kindern musste man nicht erklären, wo die Babys herkamen, sie wussten, was Sex war. Außerdem waren sie heute definitiv aufgeklärter, als sie es selbst damals war und doch beschlich sie ein ungutes Gefühl dabei, dass ihr Sohn sich scheinbar alt genug fühlte, um sich dem anderen Geschlecht auf dieser Ebene zu nähern.
Marius half ihr die Küche aufzuräumen und lief daraufhin wortlos in sein Zimmer, nur um kurz darauf wieder die Musik anzustellen, die man im ganzen Haus hörte.
Müde. Anni war erschöpft, sie fühlte sich schlapp und doch wusste sie, dass sie sich eine Auszeit nicht gönnen konnte, denn dann würde Familie Weishaupt sang- und klanglos untergehen. Einen kurzen Moment gönnte sie sich jedoch, indem sie sich einfach an den Tisch setzte, die Füße auf dem gegenüberliegenden Stuhl ablegte und mit den Händen die Ohren zuhielt, sodass sie wenigstens ein paar Minuten Ruhe finden konnte.
Nachdem Anni später das Essen für alle vorbereitet hatte, machte sie sich auf den Weg zum Sport. Sie mochte es, dass es ein derartiges Angebot in der Gemeinde gab und sie nicht erst nach Köln fahren musste, um das nächste Fitnessstudio nutzen zu können. Wenn man in solch einem kleinen Kaff wohnte, lernte man, genau die Angebote anzunehmen, die man auch mal ohne Auto erreichen konnte.
»Hi, Anni, spät dran heute!«, wurde sie von der Trainerin begrüßt, die ihr mit ausgestreckter Hand eine bereitliegende Gymnastikmatte zuwies.
»Ging nicht eher«, antwortete sie knapp und begann, ihre Muskeln zu dehnen und sich aufzuwärmen. Der Altersdurchschnitt in dieser Gruppe lag definitiv über fünfzig, weil Bodengymnastik bei der jüngeren Generation scheinbar nicht mehr so angesehen war. Annis Rücken dankte es ihr jedoch jede Woche, dass sie sich um ihren Körper kümmerte.
Einige Sportübungen später räumten sie gemeinsam die Matten in den Geräteraum und fanden sich in der Umkleidekabine, wo das Geschnatter der älteren Damen längst volle Fahrt aufgenommen hatte, wieder.
»Nein, und sie hat ihn wirklich verlassen?«, hinterfragte Hiltrud geschockt. Anni wusste sogleich, um wen es sich handelte, denn, dass die Eheleute Rommelfangen sich getrennt hatten, war am Sonntag schon das Top-Thema nach der Kirche.
»Ja. Das muss man sich mal vorstellen. Da gehen die mit großem Tamtam heiraten, bauen einen Luxusbunker …«
»Es ist ein normales Haus«, warf Anni ein. Nicht dass man sie wahrgenommen hätte, die Faszination alles zu dramatisieren, ließ die Dorfgemeinde über Leichen gehen.
»… setzen drei Kinder in die Welt – Gott hab sie selig – und dann trennen sie sich, weil der Mann eine andere hat«, endete sie mit ihrem Vortrag und kassierte zustimmendes Nicken aller Anwesenden.
»Die Kinder sind nicht tot, sie haben jetzt lediglich getrennte Eltern«, versuchte Anni auf das unfassbar übertriebene ›Gott hab sie selig‹ einzugehen. Im Aufplustern waren diese Damen unschlagbar.
»Lediglich?«, echauffierte sich Brunhilde augenblicklich. Ganz toll, Anni. Sonst hört dir hier keine Sau zu und wenn du dich mal unglücklich ausdrückst, wird direkt darauf hingewiesen.
»Ich wollte das keineswegs verharmlosen, sondern einfach darauf hinweisen, dass die Kinder heute viel stärker sind, gewisse Situationen meistern können. Sicher ist das schwer für sie und ich wünsche es keinem, aber …«
»Kindchen, man heiratet nicht, um sich dann zu trennen, nur weil der Mann sich mal nach einer anderen umgeguckt hat«, fuhr ihr Brunhilde abermals über den Mund.
Wie bitte? »Frau Rommelfangen wird von ihrem Mann hintergangen und ihr nehmt ihn in Schutz?« Was war das denn für eine haarsträubende Logik?
»Früher hat man solche Krisen überstanden. Die Leute haben heute kein Durchhaltevermögen mehr.«
»Also jetzt schlägt es ja Dreizehn!« Anni stemmte ihre Faust in die Hüfte und sah in die Runde, die ihre volle Aufmerksamkeit auf sie gerichtet hatte. »Sie wurde verdammt nochmal betrogen und hat alles Recht der Welt sich von ihm zu trennen. Zumal uns das überhaupt nichts angeht. Wenn die beiden denken, dass ihre Ehe beendet ist, haben wir das stillschweigend zu akzeptieren. Warum sollten sie sich durch ihr Leben quälen, wenn sie beide glücklich sein können? Man lebt nur einmal!«
Vereinzelt senkten sich die Köpfe, was Anni als ein Schuldeingeständnis auffasste. Nicht so Brunhilde, die sich gerade vor ihr aufbäumte.
»Pass mal auf, Kindchen. Komm du erst in unser Alter. Erlebe du das, was wir erlebt haben, dann reden wir weiter. Du hast doch keine Ahnung, wie das Leben funktioniert.« Sie griff sich ihre Sporttasche und verließ die Halle.
Als Anni ihre Sachen ebenfalls zusammengepackt hatte und auf dem Heimweg war, fragte sie sich, warum sie das eigentlich mitmachte? Klar, der Sport war wichtig, aber jede Woche dieses gleiche stupide Gerede und Geläster über die Dorfbewohner? Anni wollte gar nicht wissen, was sie über ihre Familie sprachen. Ihr Mann war oft unterwegs, weil er für manche Gespräche zu den Kunden reisen musste. Ihre Kinder wurden recht locker erzogen, gingen beide nicht auf die hiesige Schule, sondern auf ein privates Gymnasium in Köln. Familie Weishaupt fügte sich ins Dorfleben ein, ja. Dennoch waren sie speziell, wenn man das aus der Sicht der Gymnastikdamen sah.
Start-up
»Morgen, Sina. Gibt’s was Akutes?«, fragte Marc, während er an ihr vorbeiging und sein Büro betrat. Denn wenn es nichts Brennendes gab, würde er nach dem Acht-Uhr-Termin erst mal die Investitionsmöglichkeiten studieren, die ihm dieser Weishaupt gestern mitgegeben hatte.
Traf er doch tatsächlich den heißen Rotschopf in dessen Büro. Ein Grinsen schlich sich auf seine Lippen. Diese Frau hatte es ihm angetan. Unfassbar hübsch, sich ihrer Schönheit aber keineswegs bewusst. Sie war so erfrischend. Vor allem war sie verdammt nochmal mit seinem Vermögensberater verheiratet, wie sich im Gespräch herausstellte. Noch immer verpasste ihm dieser Gedanke einen unangenehmen Stich in der Magengegend.
Gerade setzte er sich hin, als Sina hereinkam – elegant gekleidet wie immer, eine Seidenbluse und ein Bleistiftrock umschmeichelten ihre Hüften. Sie war wirklich eine Augenweide, wenn man es so wollte. Ihr Verlobter konnte sich glücklich schätzen, so eine tolle Frau an seiner Seite zu haben. »Der Becker aus der Finanzabteilung möchte gleich mit Ihnen sprechen«, verkündete sie und stellte einen Kaffee vor ihm ab.
»Was will der denn?«, fragte er und zog die Tasse näher, während er dankend nickte.
»Es eilt, meinte er nur und da Ihr Acht-Uhr-Termin abgesagt hat, Sie jetzt demnach einen einstündigen Slot zur Verfügung haben, hab ich ihn reingeschoben«, erklärte sie und machte auf dem Absatz kehrt.
Klar doch. Es wäre ohnehin zu viel verlangt, ihm einfach etwas Zeit zu gönnen. Dass das kein wirtschaftliches Denken war, wusste er selbst und dennoch, waren wir mal ehrlich, wer freute sich nicht darüber, wenn ein Termin kurzfristig abgesagt wurde und man unverhofft ein bisschen Zeit hatte, um andere wichtige Dinge zu erledigen. Nun gut, das Ganze galt nur, wenn es ein unwichtiger Termin war und dann auch nur, wenn ihm dadurch keine Unkosten entstanden. Ach, was redete er da, eigentlich war es immer scheiße, wenn man nicht zu einem vereinbarten Termin auftauchte.
Es klopfte, und hereinkam Becker, der Chef seiner Finanzabteilung. »Moin, Marc«, grüßte der schlaksige junge Kerl, der ein wahres Zahlengenie war. Klar, gab es einen gewissen Dresscode im Haus zu beachten, aber Becker war eh und je in Jeans und Shirt angetanzt, sogar zum Vorstellungsgespräch. Dieser Kerl hatte Marc mit seiner fachlichen Kompetenz beeindruckt und deshalb beschloss er schon damals, dass er, was die Kleidung betraf, einen Freifahrtsschein erhielt. Immerhin legte er ein Statement ab, als er in ebenjenem Dress zum Interview erschien: Man bekommt mich so oder gar nicht, strahlte er aus und Marc wollte ihn genau so und nicht anders.
»Becker«, grüßte er nickend und wies ihm seinen Platz vorm Tisch zu. »Was haben Sie auf dem Herzen?« Innerlich hoffte er, dass er nicht gleich eine mündliche Kündigung seinerseits erhalten würde, denn das wäre wirklich schade. Aber Becker war eigentlich nicht unzufrieden, zumindest vermittelte er ihm nicht den Eindruck.
»Mir ist etwas aufgefallen, was ich mit Ihnen besprechen muss«, eröffnete er das Gespräch.
»Schießen Sie los!« Marc lehnte sich im Stuhl zurück und betrachtete einen seiner besten Mitarbeiter skeptisch.
»Vom Stammkapital wurde eine Million Euro abgezweigt«, sagte er und legte seine Fingerkuppen aufeinander. Wofür wurde so viel Geld abgehoben? Eine größere Investition stand nicht an. Ungeduldig sah er ihn an. »Das Geld wurde benutzt, um eine hochriskante Investition zu tätigen.«
Unverzüglich spürte Marc, dass ein unfassbarer Zorn in ihm aufkochte. Er musste Becker anschauen, als wäre er ein Alien, denn seine Gesichtsmuskulatur fühlte sich plötzlich gelähmt an. Ihm könnte der Speichel aus dem Mund tropfen, es wäre ihm egal. »Alexander!«, knurrte er mehr, als er es normal aussprach, denn keiner sonst hatte freien Zugriff auf die Firmenkonten, woraufhin Becker nickend bejahte.
»Die Ausgabe ist auf Alexander Kramer zurückzuführen.« Becker erhob sich, zog eine geknickte Mappe aus seiner Gesäßtasche. Marc griff nach den zerknitterten Unterlagen, die Becker ihm entgegenhielt und wusste sogleich, dass das, was er ihm hier offenbart hatte, unangenehm enden würde. Fuck! Was hatte dieser Penner sich bloß gedacht? Während Marc sein privates Vermögen versuchte, sinnvoll und gewinnbringend anzulegen, sich informierte, schmiss Alexander das Firmenkapital zum Fenster hinaus. Denn wenn er die Art des Unternehmens betrachtete, den Forschungsstand und die Sicherheit, die Becker hier detailliert aufgelistet hatte, wurde ihm speiübel.
»Danke! Gute Arbeit«, sagte er zu Becker, dem er die Hand schüttelte und ihn somit entließ.
Die nächsten Minuten zogen an ihm vorbei, während er die Unterlagen studierte und immer wieder fassungslos den Kopf schüttelte. »Chef, Ihr nächster Termin ist …«
»Jetzt nicht!«, blaffte er Sina an, die sich daraufhin zurückzog und die Bürotür, die meist offenstand, hinter sich zuzog. Er musste sich sammeln, stellte sich deshalb vors Fenster und atmete einige Male tief durch. Was hatte der Typ sich dabei gedacht? Die Frage war rhetorisch gemeint, denn alles, was dieser Mistkerl neuerdings machte, musste man doppelt und dreifach kontrollieren, weil man nie sicher sein konnte, was seine Beweggründe waren. Kramer dachte einfach gar nicht nach, bevor er etwas tat, zumindest kam es ihm so vor.
Marc bewegte seinen Kopf nach links und nach rechts, ließ Gelenke knacken, ehe er die Sprechanlage zu Sina betätigte. »Sina, holst du bitte Alexander her? Es eilt!«
»Wird erledigt«, erwiderte Sina.
Einen Entschluss gefasst, setzte er sich hin und wartete.
»Marc?«, fragte Alexander, als er wie immer, ohne zu klopfen, sein Büro betrat. Nicht, dass er sowieso schon reichlich gut gelaunt gewesen war, dieser Vollpfosten schaffte es immer wieder, ihn selbst in ruhigen Momenten aus der Fassung zu bringen, wobei er aktuell meilenweit von ruhig entfernt war.
Marc warf Beckers Unterlagen quer über den Tisch, sodass sie knapp vor der Kante liegen blieben, dann überschlug er die Arme und wartete seine Reaktion ab. Arme überschlagen war im Übrigen eine sehr gute Idee, so waren die Körperteile, mit denen er ihm Schmerzen zufügen konnte, erst mal verhindert und er kam nicht in Versuchung, ihm direkt eine reinzuknallen.
»Marc …«, setzte er an, den Blick auf die Unterlagen gerichtet. Mit einem Mal wirkte er fahl, seine Gesichtsfarbe war gewichen. Marcs Augen fokussierten ihn und nahmen das Unbehagen, welches er ausstrahlte, wahr. Jede Faser seines eigenen Körpers war angespannt und durstig nach der Erklärung, die er ihm gleich abliefern würde. Er erwartete eine bombastische Begründung für sein Verhalten, denn alles andere wäre unzureichend. Na gut, wenn Marc ehrlich war, konnte ihn bei dieser Faktenlage vermutlich gar nichts besänftigen.
Alexander begann ganz unbewusst, seine Finger zu einer Faust zu ballen und machte dabei eine pumpende Bewegung. Nicht eine jener, die einem Angst einjagen sollten, sondern eine, bei der man genau wusste, dass derjenige nervös und verunsichert war. Das war Alexanders Spezialgebiet. Entweder pumpte er mit den Händen oder er zog seine Lippen minimal auseinander, was so viel zum Ausdruck bringen sollte wie: Shit! Erwischt!
»Ich kann das erklären!«
»Nur aus diesem Grund habe ich dich herzitiert. The stage is yours!«, forderte er ihn in einem unterkühlten, aber ruhigen Ton auf, endlich zu sprechen.
»Die Zeit lief mir davon«, sagte er leise und hob daraufhin die Unterlagen an, als müsste er sie genau studieren. Das war reine Ablenkungstaktik, um seine Nervosität zu vertuschen. Dabei hatte Marc ihn schon längst durchschaut und das nicht erst seit diesen Sekunden.
»Es wäre toll, wenn ich dir nicht jedes Wort aus der Nase ziehen müsste. Werde konkreter, um meine Geduld steht es heute nicht sehr gut«, platzte es aus Marc heraus, während er die Hände auf die Tischplatte stemmte. Er könnte schwören, dass sich Schaum vor seinem Mund bilden würde, wenn sich diese unbändige Wut noch weiter steigerte.
»Andere wollten diese Investition tätigen, dabei steht das Start-up kurz vor seinem Durchbruch. Die werden ganz groß, Marc. Das ist unsere Chance«, redete er ihm mit einer plötzlichen Euphorie zu.
Alexander erinnerte ihn ein wenig an einen kleinen Jungen, der am Montag nach Weihnachten jedem in der Schule von seiner tollen Carerra Bahn, die unter dem Baum gelegen hatte, erzählte. Verstand er denn verdammt nochmal nicht, dass ED längst groß rausgekommen war? Und zwar durch Marcs Entwicklung? Sie waren die verfickte Nummer Eins der internationalen IT-Unternehmen.
Tief durchatmen, sprach er sich zu. Vergiss nicht, Marc Eden, dass du einen gewissen Ruf in der Branche genießt. Versau es dir nicht, indem du diesem Drecksack die Fresse polierst. Er legte den Zeigefinger und Daumen an seine Nasenwurzel und zählte innerlich bis drei, bevor er weitersprach: »Eine Million Euro? Willst du mich eigentlich verarschen?« Na ja, professionell war anders, aber hey, sein Gegenüber lebte wenigstens noch. »Weshalb bist du so sicher, dass das Geld gut angelegt ist? Du hast jetzt genau fünf Minuten. Wenn du dieses Büro verlassen hast und wieder hereinkommst, möchte ich deine gut recherchierten Unterlagen sichten, in denen die Fakten, die besagen, dass das Start-up kürzlich seinen Durchbruch erreichen wird, detailliert aufgeführt sind. Fünf Minuten, Alexander. Keine Sekunde länger!«
Als Alexander die Hände, mit den Flächen zum Boden gerichtet, vor seinen Körper hielt, die ihn scheinbar beruhigen sollten, wusste Marc augenblicklich, dass er nichts vorzuweisen hatte.
»Beruhige dich! Du musst mir vertrauen.«
»Ich verlasse mich eher auf die Klofrau im Kölner Bahnhof als auf dich«, sagte er mehr zu sich selbst. Marc war heilfroh, dass sich sein Schreibtisch in der Mitte von ihnen beiden befand, das brachte ein wenig Abstand zwischen sie. »Die Papiere, Alexander!«, forderte er ihn ein letztes Mal auf.
»Es gibt keine. Wie gesagt, du musst mir glauben. Das ist sicher!« Ein selbstgefälliges Grinsen schlich sich auf seine Lippen. War er wirklich so dumm? Es gab keine verdammten Papiere, die ihm zu der Entscheidung verhalfen, einen Großteil des Firmenkapitals zu investieren.
»Ich hab einen heißen Tipp bekommen«, trat er näher und flüsterte verschwörerisch.
Bevor Marc umkippen würde, ließ er sich nach hinten in seinen Stuhl fallen, der daraufhin ein knarrendes Geräusch von sich gab. Er hatte einen Tipp bekommen? Ja, war es denn die Möglichkeit! Die Hand vor die Stirn gelegt, schüttelte er ungläubig den Kopf. »Der Tipp basiert auf welchen Fakten? Von wem stammt er?« Bei so viel Dummheit verschlug es selbst einem Marc Eden die Sprache.
»Kennst du Louis Felten noch? Einer unserer Kommilitonen. Der arbeitet für das Unternehmen und er hat mir einen Insidertipp gegeben, damit wir die Ersten sind und uns keiner in die Quere kommt.«
Er kannte diesen Louis und konnte ihn noch nie leiden: »Hast du auch nur eine Sekunde daran gedacht, dass das für jedes kleine Start-up einem Ritterschlag gleichkommt, wenn ED mit drin hängt? Was ist los, Alexander, dass du auf Insiderinformationen hin so viel Geld investierst? Bist du dir dessen bewusst, dass du dir hiermit deine Kündigung eingehandelt hast?«
Erst wurden seine Lippen schmal, die Stirn legte sich in Zornesfalten, dann wiederum erkannte Marc, dass er begriff, was gerade passiert war.
Marc stellte sich hin, schob seine Schultern etwas nach hinten und blickte Alexander direkt in die Augen. Er war kein Jurist, doch ein gewisses Grundmaß an Kenntnissen hatte er vorzuweisen. »Das Agieren, basierend auf Insiderinformationen, ist strafbar. Hiermit bist du fristlos entlassen. Der Vertrag, der uns beide aneinanderbindet, ist somit aufgehoben.«
Diesen Moment hatte er sich irgendwie festlicher vorgestellt. Wie oft hatte er davon geträumt, wie es sein würde, wenn er Alexander endlich einen Laufpass geben durfte. Doch was er jetzt spürte, war reine Frustration, Zorn und eine lähmende Schwere, die immer wieder die gleiche Frage in ihm hervorrief: Wie kann ein Mensch so dumm sein?
»Das kannst du nicht bringen!« Fassungslosigkeit machte sich auf seinem Gesicht breit.
Alexander ignorierend drückte er den Sprechknopf, der ihn automatisch mit Sina verband: »Vereinbare einen Termin mit Berger. Es eilt!« Provokant sah er Alexander entgegen, während er die Rechtsberatung orderte. Selbst ihm müsste somit klar werden, dass das wohl das Ende ihrer langjährigen Partnerschaft war. »Und jetzt darfst du gehen und wage es nicht, auch nur einen Schritt in meine«, er betonte das letzte Wort, indem er ihm den Finger entgegenstreckte, »Firma zu setzen!«
Stumm stand er da, starrte Marc mit offenem Mund an und verharrte. Seine Augen schlossen sich für einen kurzen Moment, ehe er leise sprach: »Das wirst du bereuen!« Dann verließ er endlich Marcs Büro.
»Chef, Berger ist im Urlaub«, stand Sina plötzlich vor ihm, die ihn in einer Mischung aus Stolz und Schock anblickte.
»Ruf ihn her! Du hast ja mitbekommen, was los ist.« Kurzentschlossen trat Sina hinter den Schreibtisch, sah ihn einen Augenblick an und legte die Arme um ihn. »Ich weiß, die Umstände sind katastrophal, aber, Chef … Mein Gott, er ist weg, ich kanns gar nicht glauben«, beteuerte Sina beinahe flüsternd, mit einem ehrlichen Strahlen in den Augen, das ihm zeigte, dass das, was hier gerade geschehen war, die Realität war. Sie hatte verfickt nochmal recht und doch hoffte er jetzt in erster Linie, dass ED keinen größeren Schaden davontrug. Sina klopfte ihm fast schon aufmunternd auf die Schulter, bevor sie ihm einen Kuss auf die Wange drückte und zu ihrem Schreibtisch zurücklief, um zu telefonieren.
Er öffnete eine E-Mail, fügte den Verteiler der befugten Personen im Unternehmen ein, entfernte Alexander und verfasste einen Text, aus dem knapp hervorging, dass sich ED mit sofortiger Wirkung von ihm getrennt hatte und veranlasste, dass alle relevanten Zugangsdaten und Passwörter neu vergeben wurden. Das war definitiv nicht übertrieben, denn heute hatte Alexander gezeigt, wie kopflos er agierte.
Um sein Geld machte er sich keine Sorgen, denn das würde er vermutlich ohne Probleme zurückbekommen, wenn Berger das Ganze über den juristischen Weg ins Rollen gebracht hatte. Die Gesetze standen eindeutig auf seiner Seite.
Venture Capital
»Anni?« Erschrocken zuckte sie zusammen, als Constantin kurz vor Feierabend in ihr Büro stürmte. »Die Kinder hab ich bei deinen Eltern geparkt, du musst heute Abend mit zu einem Geschäftsessen kommen.«
Immer wenn Constantin das sagte, wusste Anni, dass der Neukunde alles andere als gut zu händeln war. Ihr Mann hatte ein glückliches wirtschaftliches Händchen, auch was die Konversation mit Kunden betraf, aber wenn es schwierig wurde, hatte er sie gerne an seiner Seite, das war schon immer so gewesen und irgendwie machte es Anni stolz, dass sie eine beruhigende Wirkung auf ihn hatte. Schmunzelnd nickte sie: »Kein Problem.«
Constantin erwiderte ihr Lächeln und hockte sich auf die Tischkante, sodass er gleich neben ihr saß. »Und sonst, Engelchen? Du siehst müde aus«, stellte er fest. Anni nahm seine Hand und legte sie sich auf ihre Wange. Viel zu selten spürte sie diese Nähe.
»Ich bin auch müde. Keine Ahnung, was los ist, im Augenblick fühle ich mich täglich ausgelaugt, selbst wenn ich zwölf Stunden geschlafen habe.«
»Kann ich dir was abnehmen?«, fragte er und sah sie besorgt an. Doch im selben Moment wusste sie, dass Constantin genug zu tun hatte und sie ihm niemals mehr Arbeit als nötig aufbürden würde. Wobei sich der Gedanke schlagartig in Luft auflöste, als sie an ihren Sohn dachte.
»Du kannst tatsächlich was tun«, platzte es aus ihr heraus. Aufrecht saß sie da, war plötzlich angespannt und auch etwas aufgeregt, Constantin endlich von diesem Kuss erzählen zu können. »Ich hab Marius …«
Abrupt wurde sie unterbrochen. »Anni, lass uns jetzt nicht über die Kinder reden. Wir sind auf der Arbeit und hier sollten wir die Zeit in Berufliches investieren. Wir sprechen daheim über Marius, okay?«
Was zum Teufel? Wie vor den Kopf gestoßen betrachtete sie ihn mit offenstehendem Mund. Das hatte gerade wehgetan!
Natürlich sprachen sie Zuhause. Nur wann? Morgens, wenn sie sich die Türklinke in die Hand gaben, oder abends, wenn Anni vor Müdigkeit die Augen zufielen und sie nur noch ins Bett wollte? Wer hätte ahnen können, dass sich sein großzügiges Angebot nur auf das Büro bezieht. Sie wandte sich ihrem PC zu und begann mit der Aktualisierung der Excel-Tabelle, die auf ihrem Bildschirm erschien, sobald der Bildschirmschoner erloschen war.
Constantins Aussage hatte Anni gekränkt, immerhin waren es genauso seine Kinder und Anni saß in diesem Augenblick, den sie eigentlich mit ihnen verbringen sollte, im Büro und arbeitete, weil er sie brauchte. Das war ein Ungleichgewicht und versetzte Anni einen gefühlten Stich in der Magengegend. Pff, morgen würde sie um Punkt zwei Uhr das Büro verlassen und keine Sekunde länger bleiben, dachte sie trotzig, wenn auch wenig erwachsen. Bisher lebten sie nach dem Motto, füreinander da zu sein, aber dass er ihr so eine Abfuhr erteilte, verletzte sie.
Schnell schrieb sie Amalia: Benehmt euch bei der Oma. Ich drück dich, bis später!
Während sie ihre Tochter noch in die Arme schließen konnte, gehörte Marius schon eher der coolen Fraktion an und verzichtete auf derartige Gefühlszuneigungen in der Öffentlichkeit. Scheinbar nahm er sich diese neuerdings woanders, dachte sie sarkastisch.
Amalia: Nur eventuell bis später, es schneit ohne Ende. Vielleicht pennen wir hier, außerdem hat Oma Pfannkuchen gemacht.
Anni: Das möchte ich vorher mit Oma besprechen. Guten Appetit!
Amalia: Wenn das bis dahin noch möglich ist. Opa sagt, sein Bein juckt.
Automatisch schlich sich ein Lächeln auf Annis Züge. Wenn das Bein ihres Vaters juckte, war das keine gute Wettervorhersage. Je schlimmer es ihn ärgerte, desto heftiger wurde das Unwetter. Wer brauchte einen unzuverlässigen Wetterdienst, wenn man Vaters vernarbtes Bein hatte, welches er sich bei einem Arbeitsunfall vor dreißig Jahren verstümmelt hatte? Es war immer wieder bahnbrechend, wie man sich auf dieses eine familiäre Gliedmaß verlassen konnte.
»Scheiße! Scheiße! Scheiße!«, brüllte Constantin plötzlich aus seinem Büro, was Anni erschrocken aufspringen ließ. Schon im Flur kam er ihr entgegengerannt und wedelte wild mit Unterlagen in der Luft herum. Die freie Hand schlug er sich gegen den Kopf. »Verdammte Scheiße!«
Ihm jetzt zu sagen, dass er sich wiederholte, käme wohl nur semigut an, dachte sie sich, noch etwas beleidigt von seiner Abfuhr. »Was ist denn?« Mutlos hielt er ihr das Blatt vor die Nase und schüttelte immerzu den Kopf. »Eine Datenschutzerklärung?« Fragend blickte sie ihn an. »Sprich, Constantin! Ich kann nicht hellsehen!«
»Nicht bloß eine, das ist die von Marc Eden und fällt dir was auf?« Was machte er für einen Aufstand? Sie war nicht unterschrieben, aber das konnte doch nicht der Grund für seinen Ausbruch sein. Weiterhin blickte sie ihn verwirrt an. »Da fehlt die Unterschrift!«
»Ja«, reagierte Anni zögerlich auf das Offensichtliche.
»Fakt ist, ich darf ohne diesen unterschriebenen Wisch keinerlei Daten speichern und verarbeiten. Ich brauche sie, wenn ich seine Geldanlagen berechnen will und ebenfalls Fakt ist, dass ich damit schon begonnen habe. Weil wiederum ein dritter Fakt ist: Einen Marc Eden lässt man nicht warten! Kapierst du das?« Sein Gesicht war feuerrot, während er seine Hände knetete.
»Sag ihm halt nicht, dass du bereits angefangen hast«, fuhr sie ihn verständnislos an. Bei jedem anderen Kunden würde er keinen Aufstand machen. Sie kannte ihren Mann gar nicht so promifokussiert. Automatisch fragte sie: »Gehts dem Unternehmen schlecht?« Gott, das war ihre Existenz, wenn die Firma auf der Kippe stand, konnte sie es doch plötzlich nachvollziehen.
Constantin blickte sie an, als hätte sie einen fetten Herpes auf der Lippe. »Was?«, fragte er bloß und verneinte entgeistert mit einem Kopfschütteln.
»Na, ich kann leider nicht verstehen, warum du bei Eden so einen Aufriss machst!«
Es dauerte gefühlte Minuten, bis er redete – ruhig, bedacht und wieder ganz fokussiert. »Pass auf, wie du mit mir sprichst, Anni. Wir sind hier auf der Arbeit und ich bin dein Boss, vergiss das nicht.« Unfassbar, jetzt stritten sie sich wegen einer bescheuerten Datenschutzerklärung. Wie konnte es nur so weit kommen, dass so viel Feindseligkeit zwischen ihnen lag? Resignierend schloss sie die Augen, immerhin hatte sie im Gefühl, dass jegliche Art, das Ganze jetzt anzusprechen, zum Scheitern verurteilt war. Sie griff sich das Blatt aus seiner Hand und steuerte die Garderobe in ihrem Büro an. »Was tust du?«
»Ich werde zu ihm fahren!« Ihren Mantel zugeknöpft, legte sie die Datenschutzerklärung anschließend schnell in ein Kuvert, rief Marc Eden in der Datenbank auf, schrieb sowohl die Adresse des Firmensitzes, als auch seine private auf und ergriff ihre Tasche.
»Anni …« Er hielt sie am Arm fest, bevor sie den Raum verlassen konnte.
»Was, Constantin?« Sie wusste, dass ihre Stimme etwas zu laut war und doch wollte sie ihren Frust nicht unterdrücken.
»Ich wollte dich eben nicht so anfahren, aber das ist ein überaus wichtiger Kunde. Es tut mir leid.«
»Ich habe es begriffen und jetzt lass mich los, wir sind hier schließlich auf der Arbeit«, sprach sie, wohlwissend, dass sie gerade seine vernichtenden Worte benutzte, die sie eben verletzt hatten. Heute sollte er sie bloß in Ruhe lassen.
»Pass auf dich auf, es wurde ein Schneesturm angekündigt. Vielleicht nimmst du lieber die Bahn, damit du pünktlich zum Abendessen da bist. Adresse schick ich dir per Mail«, rief er, als sie die Tür schon erreicht hatte, allem Anschein nach vollkommen einverstanden damit, dass sie sich jetzt auf den Weg machte, um ihn zu retten, höhnte ihr Inneres. Ohne zu reagieren, verließ sie das Büro.
Na toll! Das auch noch! Sie blickte zum Himmel und es fiel ihr schwer, irgendetwas zu erkennen, außer die weiße, dichte Flockenpracht, die auf sie nieder rieselte. Ihr Auto war schon von einer dicken Schneeschicht bedeckt und doch entschied sie sich für diesen Weg. In der Stadt wurden die Straßen recht schnell geräumt, sodass sie optimistisch war. Immerhin hatte sie so eine Heizung unterm Hintern und musste sich nicht durch die kühle Dämmerung schlagen. Womöglich war es einfach nur Trotz, weil Constantin ihr geraten hatte, mit den öffentlichen Verkehrsmitteln zu fahren.
Sie entriegelte ihr Auto, setzte sich seitlich auf den Sitz und stieß mit ihren Stiefeln aneinander, sodass der ganze Schnee abfiel. Dann drehte sie sich nach vorne, schloss die Tür und hoffte, dass der Scheibenwischer den Neuschnee wegfegen würde. Es war zwar viel, aber nicht fest. Etwas verlangsamt, dennoch zielsicher, schob er sich über die Scheibe und sorgte für eine freie Sicht.
Langsam schlängelte sie sich durch Kölns Straßen, immer darauf bedacht, ihr Auto nicht zu schrotten. Constantin würde sie killen, nachdem er ihr vorhin noch angeraten hatte, die Bahn zu nehmen. Allmählich fragte sie sich, ob das so eine gute Idee gewesen war, seinen Rat zu ignorieren. Die Flockendichte wurde immer gewaltiger und von einem Räumdienst war weit und breit keine Spur.
Es dauerte eine knappe halbe Stunde, bis Anni endlich die Adresse der Firma anvisiert hatte. Einen Parkplatz zu bekommen, war heute mal ausnahmsweise kein Problem, weil alle anderen offenkundig vernünftiger waren und ihr Auto bei diesem Chaoswetter Zuhause stehenließen. Oder aber sie fuhren aus reiner Vorsicht heim und bewegten sich nicht mehr vor die Haustür, was definitiv sehr vernünftig gewesen wäre.
Gerade trat sie auf das imposante und berühmte Fährhaus zu, welches am Rheinufer stand, als ihr Handy klingelte. »Weishaupt?«, nahm sie das Gespräch entgegen und versuchte ohne Knochenbrüche ihr Ziel zu erreichen.
»Das Essen heute Abend fällt aus. Der Kunde hatte eine Autopanne und hat abgesagt«, erklärte Constantin ihr seelenruhig.
Immer noch leicht angesäuert, antwortete sie kurz angebunden: »Danke, dass du Bescheid gibst! War sonst noch was? Es ist schweinekalt und ich muss schauen, dass ich vorankomme.«
»Nein, sonst war nichts. Ich schau jetzt, dass ich nach Hause komm. Pass auf dich auf, Engelchen.«
Anni legte auf. Engelchen? Blödmann! Das Engelchen steht gerade mitten in einem Schneesturm, über eine Stunde von ihrem Haus entfernt, und versucht dem Blödmann seinen Arsch zu retten. Aber schön, dass Herr Weishaupt schon mal nach Hause fährt. Ist ja auch wirklich das Vernünftigste bei dem Wetter, wenn man sich nicht auf den Straßen herumtreibt. Ha! Ha!
Endlich hatte sie das warme Foyer betreten und ging zur Anmeldung. »Ich möchte gerne zu Eden Dynamics«, sagte sie und wartete.
»Ihr Name, bitte?«, fragte eine rundliche Mittvierzigerin, während sie den Telefonhörer in die Hand nahm.
»Weishaupt. Ich habe keinen Termin«, gestand sie, bevor ihr das Offensichtliche eh gleich mitgeteilt wurde.
»Eine Frau Weishaupt, hat keinen Termin!« Die Dame sah Anni ins Gesicht, während sie den Hörer weiterhin ans Ohr hielt. »Was ist Ihr Anliegen?«, fragte sie.
»Das sind Unterlagen, die von Herrn Eden dringend unterschrieben werden müssen«, verdeutlichte sie, indem sie lächelnd den Umschlag hochhielt.
»Herr Eden ist nicht mehr im Haus. Sie sollen die Unterlagen bei mir hinterlassen, seine Sekretärin wird sie ihm vorlegen«, erklärte sie, indes sie den Hörer ohne ein Wort des Abschieds aufgelegt hatte.
Oh Mann! Dann hätte sie es einfach per Post schicken können, das wäre derselbe Effekt gewesen, dachte sich Anni deprimiert. »Ist Herr Eden denn zuhause?«, fragte sie, als sie sich erinnerte, dass sie seine private Anschrift ebenfalls notiert hatte.
Argwöhnisch wurde sie betrachtet: »Bei allem Respekt, junge Dame. Selbst wenn ich es wüsste, würde ich Ihnen diese Information nicht geben dürfen.« Verständnislos schüttelte sie den Kopf. »Einen schönen Tag«, murmelte sie, wendete sich ihrer Arbeit zu und ignorierte Anni. Man konnte es wenigstens versuchen, auch wenn sie die Reaktion jetzt wenig überraschte.
Frustriert verließ sie die Anmeldung und als sie heraustrat, fragte sie sich nur eines: Wie lange war sie in diesem verdammten Gebäude? Es konnten doch höchstens fünf Minuten gewesen sein. Der neu gefallene Schnee machte eher den Anschein, dass sie mindestens ein paar Stunden darin verbracht haben musste. Genervt stapfte sie zu ihrem Auto, welches schon wieder nicht mehr sichtbar war. »Mann!«, fluchte sie, während sie ausgelaugt die Autotür, fester als nötig, hinter sich ins Schloss zog. Tief durchatmen, Anni. Kurz überlegte sie, auf direktem Wege heimzufahren und Constantin diese dämliche Datenschutzerklärung mit Schwung um die Ohren zu hauen, entschied sich aber dann dafür, bei Marc Eden anzuhalten, dessen Adresse auf ihrem Heimweg lag. Zumindest musste sie keinen großen Umweg fahren, wenigstens etwas Gutes.
Mittlerweile war der Verkehr fast komplett zum Erliegen gekommen. Autos standen im Graben, sodass Anni im Schritttempo weiterfuhr. Auf einen Unfall konnte sie getrost verzichten. Das war das Letzte, was sie jetzt brauchte.
Für einen Weg, den sie normalerweise in zwanzig Minuten zurücklegen würde, benötigte sie sage und schreibe eineinhalb Stunden. Inzwischen war es Abend, die Fenster in dieser ruhigen Wohngegend, in der Eden wohnte, waren beleuchtet. Familien saßen an ihren Esstischen, lachten, unterhielten sich und sahen dem fröhlichen Schneetreiben zu und sie? … Ja, Anni verfluchte ihre Situation, wünschte sich nach Hause in eine heiße Wanne, mit einem Glas Rotwein und einem tollen Buch. Doch von diesem Gedanken konnte sie sich verabschieden. Wenn sie heute, oder auch morgen, je nachdem wie lange sie unterwegs war, heimkam, würde sie todmüde und voller Schmerz durch ihre verkrampften Muskeln ins Bett fallen und drei Tage durchschlafen. Aber davon war sie sowieso noch meilenweit entfernt, also musste sie sich deswegen kein Kopfzerbrechen bereiten.
Sie parkte auf einem kleinen Parkplatz, wo zuvor ein anderer mit seinem Fahrzeug gestanden hatte, denn sonst wäre der Schnee dort dicker gewesen, ergriff ihre Tasche, die Unterlagen und stieg aus. Constantin saß mittlerweile in ihrer warmen Küche, hatte er ihr eben eine Nachricht geschickt, und sie saß tief und fest im Schlamassel. Anni hob bei jedem Schritt ihr Bein ganz hoch, anders wäre es ihr nicht möglich, durch den Schnee zu stapfen. Sie stieg eine Treppe hinauf, die zu einer Reihe von Wohnhäusern führte, wo er laut Adressangabe wohnen musste, hielt sich dabei an dem vereisten Geländer fest, denn man wusste ja nicht, wie glatt es unter alldem war. Gestreut hatte hier definitiv niemand, vermutlich machte das eh noch keinen Sinn.
Sie hatte den Gedanken noch nicht zu Ende gebracht, da rutschte sie mit einem Fuß aus, knallte kurz darauf mit beiden Knien auf die Stufen. Ihr Gesicht konnte sie noch schützen, indem sie heftig mit den Händen auf den Beton aufschlug und doch landete auch ihr Kopf im Schnee. »Ahh!«, gab sie einen krächzenden Laut von sich. Was war hier gerade passiert? Fuck! Lebte sie noch? Ja, denn sonst würden ihr nicht sage und schreibe alle verdammten Stellen an ihrem Körper wehtun. Sie musste aufstehen, es wurde kalt, vor allem wäre sie aber im Nu völlig durchnässt und die Unterlagen … »Mist, die Unterlagen!«, schimpfte sie, ignorierte den Schmerz und griff nach dem Umschlag, in dem sich das heilige Dokument befand. Verdammt, warum hatte sie ihn nicht zugeklebt? Schnell sprang sie auf, schüttelte das Kuvert, aus dem daraufhin eine Menge Schnee herausfiel. Ganz toll, Anni! Grandiose Leistung!
Resignierend setzte sich Anni auf die Stufen und kämpfte darum, nicht in Tränen auszubrechen. Das hatte sie aber so was von versemmelt. Und dieser ätzende Schnee hörte nicht auf, sich zu vermehren. Sie streckte ihre Beine aus und betrachtete das Dilemma. Ihre Strumpfhose war voller Schnee, an den Knien war der Stoff aufgerissen, ihre blutende und verletzte Haut kam zum Vorschein. Anni hatte keine Kraft mehr, sie war sowieso schon täglich so müde und diese Strapazen brachten sie fast um. Eines war Fakt, durchs Rumsitzen würde sie keinesfalls schneller nach Hause kommen. Deswegen rappelte sie sich endlich auf, raffte ihre Tasche vom Boden, schüttelte den Umschlag noch einmal aus, wenn das auch nicht mehr viel bewirkte, und ging zu Hausnummer fünfzehn.
Sie klingelte.
Börse
Wer verdammt nochmal klingelte abends um halb neun bei ihm? Marc überlegte, ob er überhaupt aufmachen sollte, denn eigentlich war der Tag heute so beschissen, dass er genug Arbeit nachzuholen hatte und jetzt keine Störung mehr brauchen konnte. Er schaltete die Überwachungskamera an, die genau auf den Eingang seines Hauses ausgerichtet war, kniff die Augen zusammen und beugte sich näher zum Bildschirm. Zeugen Jehovas? Bettler? Mein Gott, was war das denn für eine Gestalt? Angewidert schloss er das Programm und befasste sich wieder mit der E-Mail.
Alexanders Rauswurf hatte viel unnötige Arbeit mit sich gebracht. Ein Meeting reihte sich an das andere. Einige Telefonate mussten geführt werden, die ihm die Zeit geraubt hatten.
Es klingelte erneut. Abrupt sprang er auf, marschierte los, bereit, den Frust seines ganzen bekackten Tages an diesem Bettlervolk auszulassen. Er öffnete schwunghaft die Tür und erstarrte. Zerrissene und dreckige Klamotten, ein in Schnee panierter Mensch? Haare, die nass und unordentlich an den Wangen klebten … und, was zum verfickten Teufel? Das hübscheste Gesicht, das er jemals gesehen hatte. Er hob eine Augenbraue und begann erneut mit der Musterung. Ja, Marc Eden war für eine Nanosekunde sprachlos. »Rotschopf? Sind Sie heute als Schneeweißchen unterwegs?«, fragte er schockiert. Gleich darauf wurde ihm bewusst, dass sie in ihrer aktuellen Lage möglicherweise keinen Scherz vertragen konnte. Trotz allem bildeten sich um ihre wunderschön strahlenden Augen, Gott sei Dank, kleine Lachfältchen, die gefolgt von einem kaum wahrnehmbaren Schluchzer standhaft blieben. Die Irritation nahm gewaltige Ausmaße an! »Kommen Sie rein!«
Sie trat lediglich einen Schritt in seinen Flur, fast schon vorsichtig und sah sich hilfesuchend um. Scheinbar besorgt darum, dass sie ihm alles schmutzig machen könnte.
»Es ist nicht so, dass ich mich nicht freuen würde, Sie zu sehen. Trotzdem frage ich mich: Was führt Sie her?« Schweigend stand sie da, ihre Augen glänzten, als wäre sie kurz vor einem Tränenausbruch und dennoch versuchte sie, nett zu schauen. Eine anständige Dame, wenn man mal das Äußerliche unbeachtet ließ. Entkräftet hielt sie einen durchnässten Umschlag hoch. »Unterlagen? Von Ihrem Mann?«, erkundigte er sich. Was konnte so wichtig sein, dass sie hier dermaßen zerstört ankam? Warum war sie nicht Zuhause im Warmen, bei ihrer Familie?
»Die Datenschutz…« Mitten im Wort brach sie ab, beugte sich nach vorne und hielt sich den Bauch. Kurz dachte Marc, sie hätte Krämpfe, würde sich übergeben müssen, oder sogar zusammenbrechen, doch ein glockenhelles und aus den Tiefen ihres Inneren stammendes Lachen, überzeugte ihn sofort vom Gegenteil. Was zum Teufel ging hier vor sich? Sie klang, als wäre sie von einem Wahnsinn befallen. »Die Datenschutzerklärung«, krächzte sie plötzlich in einem prustenden Unterton, der so komisch ertönte, dass Marc kurz auflachte, sie dann aber wieder anstarrte wie eine bombastische Naturkatastrophe. »Sie … Sie müssen sie unterschreiben, sonst … sonst kann mein Mann nicht für Sie arbeiten.« Inzwischen schlich sich auf Marcs Lippen ein Grinsen, während er beobachtete, wie Rotschopfs Augen sich mit Tränen füllten, die sie vor lauter Lachen nicht mehr zurückhalten konnte. Es klang auf eine Art dramatisch und dann wiederum wie ein Ventil, welches kontrolliert ihren inneren Druck abließ, nur dass der Druck hier so gewaltig war, dass das Ventil aus allen Nähten platzte – eben so, als würde ihr ganzer Körper von Lachkrämpfen geschüttelt werden.
»Und weshalb sehen Sie so aus?«, wollte Marc wissen und konnte sich das Lachen nun endgültig nicht mehr verkneifen. Warum er mit einstimmte, wusste er noch nicht genau, aber diese hysterische Heiterkeit war irgendwie ansteckend. Wie sie da stand … Mittlerweile drückte sie ihre Beine zusammen, die Knie leicht gebeugt, als müsse sie zur Toilette und wedelte sich mit diesem nassen Etwas, das gleich in seine Einzelteile zerfallen würde, wenn sie so weitermachte, Luft zu. Ihr Kopf war rot angelaufen und die Schminke unter ihren Augen verschmiert.
Marc legte sich die Hand auf die Stirn und fragte sich, während er selbst fast einen Erstickungstod durch den harten Lachanfall erlitt, wie das, was auch immer hier vor sich ging, passieren konnte? Gerade saß er noch völlig verärgert und deprimiert im Büro und jetzt stand er in seinem Flur und verstand die Welt nicht mehr. Wegen einer verschissenen Datenschutzerklärung?
Ein tiefes, brummendes, wenig sexy Geräusch verließ ihre vom Lachen verzerrten Lippen, wahrscheinlich in der panischen Hoffnung, ihren Lungen so ausreichend Sauerstoff zufügen zu können. Es war zu komisch! Marcs Körper schüttelte sich, während ihm Tränen die Wange hinabliefen.
Es dauerte gefühlte Stunden, bis sie sich beide etwas beruhigt hatten und Rotschopf ihm nur noch kopfschüttelnd das aufgeweichte Papier hinhielt, das kurz bevor er es ergreifen konnte, auseinanderfiel und zu Boden klatschte. »Die Datenschutzerklärung?«, fragte Marc neckisch und bückte sich, um sie aufzuheben.
»Ja«, bestätigte sie und wischte sich mit der anderen Hand die Tränen aus dem Gesicht. »Diese scheiß, verfluchte Datenschutzerklärung, die so wichtig ist, dass ich bei diesem Dreckswetter mein Leben riskiere!« Sie ließ ihren Blick an sich hinabschweifen. »Verzeihung«, setzte sie kurz hinterher. »Normalerweise fluche ich nicht, jetzt bin ich allerdings seit Stunden unterwegs, mir ist kalt, ich bin genervt und einfach heilfroh, dass ich endlich bei Ihnen ankommen bin, nachdem ich schon in Ihrer Firma war. Und dann fällt mir dieser dämliche Wisch in den Schnee und ich gleich mit und …« Sie begann wieder zu kichern und verschluckte den Rest des Satzes.
»Ziehen Sie erst mal diesen Mantel und die Schuhe aus«, forderte Marc sie grinsend auf. Während sie das tat, verschwand er kurz in sein Schlafzimmer, nahm einen Hoodie sowie dicke Wollsocken und ging zurück. »Kommen Sie ins Wohnzimmer, hier ist es schön warm.« Er reichte ihr wortlos die Klamotten, die sie dankbar entgegennahm. »Sie haben sich ja verletzt!«, merkte er an und führte sie zu einem Stuhl in der angrenzenden Küche.
»Ach, das ist wirklich nur halb so wild. Bei dem aktuellen Verkehr dort draußen, ist es ein Wunder, dass ich überhaupt noch lebe. Ich sags Ihnen, die Straßen sind dicht. Es gibt kein Durchkommen mehr.«
»Warum haben Sie mir das nicht per Post geschickt?« Unverständnis machte sich in ihm breit, denn das hätte böse enden können.
»Nun ja, wie bereits gesagt, dürfen wir ohne ihre Unterschrift nicht mit der Arbeit beginnen und da mein Mann da sehr genau ist, habe ich mich auf den Weg gemacht.«
»Was für ein Arsch!«, platzte es unüberlegt aus Marc heraus, was er zusätzlich mit einem Kopfschütteln bekräftigte. Ein Anruf, oder eine Information per E-Mail, oder seine Angelegenheiten wurden eben erst zwei Tage später bearbeitet, was sollte es schon? Großer Gott, er konnte schwören, dass er bei jedem anderen nicht so einen Aufriss gemacht hätte. Diese Promiaasgeier!
»Bitte?«, ruckte Rotschopf überrascht nach hinten.
»Er kann Sie doch nicht bei so einem Wetter losschicken!« Durchatmen. Er nahm ein feuchtes Tuch, legte es auf dem Stuhl neben ihr ab. Mit den Fingerspitzen griff er vorsichtig nach dem Zipfel des zerrissenen Stoffs, der um ihr Knie spannte und riss ihn mit Schwung weiter auf. Sie wehrte sich keinesfalls, auch nicht, als er das Gleiche mit ihrem zweiten Bein machte. Dann tupfte Marc die Knie ab, entfernte das Blut und die kleinen Steinchen. Ohne zu zucken, ließ sie es über sich ergehen. Vermutlich war ihr noch so kalt, dass sie eh nichts spürte.
»Wissen Sie was?«, sagte sie plötzlich. »Ich weiß, dass es höchst unprofessionell ist, aber ja: Was für ein Arsch! Genau das habe ich mir heute schon ein paar Mal gesagt.« Sie nickte bekräftigend.
Ha, da hing der Hausfrieden aber extrem schief, wenn sie so sprach. Marc stellte sich aufrecht vor sie und stemmte seine Fäuste in die Hüften. »Gehts Ihnen sonst gut?« Wie sie da saß, in dem ihr viel zu großen Pulli, ihre nassen Haare, die wie trostlose Strähnen an ihr herabhingen. Diese goldigen Sommersprossen, ihre zarten Knie, wie sie verletzt und entblößt vor ihm stand. Wie schon beim ersten Treffen dachte er sich, sie war verfickt nochmal heiß wie die Hölle und sich dessen nicht bewusst.
»Entschuldigen Sie, ich hätte das nicht sagen sollen.« Sie stand abrupt auf und ging wieder zum Flur.
»Stopp!«, rief Marc etwas zu laut, sodass sie leicht zusammenzuckte. »Erstens möchte ich, dass Sie Marc zu mir sagen. Zweitens, entschuldigen Sie sich nicht für Ihre Gedanken und überhaupt, lassen Sie dieses zu Kreuze kriechen sein. Drittens werden Sie heute definitiv nicht mehr dieses Haus hier verlassen!« Okay, letzter Satz könnte rein theoretisch auch von einem Serienmörder stammen, weshalb er schlichtend ein sanftes Lächeln aufsetzte. »No Way«, betonte er und stellte sich zur Verdeutlichung mit verschränkten Armen vor seine Haustür. »Wein?« Gott, das hier war ja an Skurrilität nicht zu übertreffen.
Es dauerte einen Moment, bis sie reagierte und Marc hatte den Eindruck, als wäre da ein Hauch von Dankbarkeit, der über ihre Gesichtszüge huschte, als sie ihre Augen kurz schloss.
»Ich bin Anni«, entgegnete sie ihm, »und ja, ein Wein wäre toll. Ich muss nur schnell telefonieren.«
»Prima, komm danach einfach wieder in die Küche.« Er sah noch, wie sie sich nach der Tasche bückte, die immer noch auf dem Flurboden lag, dann ließ er sie zurück. Marc nahm den Rotwein und zwei Gläser aus dem Schrank, eine Box aus dem Kühlschrank, in dem sich frischer Käse befand. Marc liebte das Zeug, nicht umsonst hatte er Angelique beauftragt, immer dafür zu sorgen, dass es reichhaltig und stets verfügbar war.
Das Essen sowie ein Käsemesser und ein paar Stücke Brot legte er auf ein Holzbrett. Wenn sie so lange unterwegs gewesen war, musste sie hungrig sein. Alles auf dem Wohnzimmertisch platziert, setzte er sich, öffnete die Flasche und goss ein, während er gespannt auf die Wortfetzen achtete, die ihn aus dem Foyer erreichten.
»… das habe ich selbstverständlich nicht«, motzte sie in einem ärgerlichen Ton, die Stimme leise gehalten, sodass Marc nichts davon mitbekommen sollte. »Constantin …« Durch die Glastür sah Marc sie auf und ab wandern. »Möchtest du es nicht verstehen? Es gibt kein Durchkommen mehr. Es wäre fraglich, ob ich den Heimweg überhaupt schaffen würde!«
Okay, jetzt reichte es. Eigentlich hatte er diesen Weishaupt als einen anständigen Menschen kennengelernt und die Gelder sollten bei ihm in guten Händen sein. Er wurde ihm immerhin von Finn empfohlen und wenn er sagte, er war okay, dann musste das so sein. Aber, wie um alles in der Welt, ging er mit seiner Frau um? Es kostete ihn sämtliche Beherrschung, nicht aufzuspringen und diesem Wichshänschen die Eier abzureißen. Doch dazu kam es gar nicht, denn in dem Augenblick schien sie das Gespräch beendet zu haben, als sie plötzlich in der Tür stand.
»Ärger?«, fragte Marc überflüssigerweise, denn er hatte es bereits mitbekommen.
Sie zog den Stoff von seinem Hoodie über ihre Fäuste und wippte von den Zehenspitzen auf die Ferse und zurück. Anscheinend zögerte sie. »Na ja«, begann sie. »Du bist Constantins Geschäftskunde.« Nicht mehr lang, wenn das so weiter ginge, dachte er sich sarkastisch. »Constantin ist ein guter Mensch, aber was das Geschäftliche angeht, gibt er mehr als hundert Prozent, deswegen ist er diesbezüglich empfindlich. Und wie du dir sicher vorstellen kannst, sieht ein Ehemann es generell nicht so gerne, wenn die Frau sich über Nacht bei einem Fremden einquartiert.«
»Komm, setz dich!«, wies er ihr den Platz auf der Couch zu und ignorierte das Gerede über ihren Mann. Weishaupt war ihm ab heute unsympathisch, beschloss er. Sie könnte ihm die plausibelst klingenden Argumente vorlegen, es hatte keinen Sinn.
»Darf ich kurz in dein Bad?«
Nickend zeigte er in die Richtung, in der sich sein Bad befand und lehnte sich zurück. Was für eine verkorkste Situation. Er war scharf auf Anni Rotschopf. Es kribbelte ihm unentwegt in den Fingern, wenn er sie ansehen musste. Müde fuhr er sich mit der Hand durch sein Haar. Was würde er jetzt dafür geben, wenn er sie berühren durfte? Was war das nur mit ihr? Schwunghaft lehnte er sich nach vorne, um nach seinem Glas zu greifen. Er musste sich ablenken, sonst hätte er gleich ein Problem, denn die dünne Hose, die er trug, würde es keine Sekunde verbergen können.
»Da bin ich«, sagte sie und setzte sich auf die Couch. Ihre Strumpfhose, beziehungsweise den zerfetzten Lumpen, legte sie zusammengeknüllt neben sich auf den Boden, während der braune Faltenrock locker ihre heißen Beine umschmeichelte. Was für eine Ironie, dass sich auf ihrer zarten Haut eine Gänsehaut zeigte, ihr musste es kalt sein. Marc griff automatisch nach der Wolldecke, die hinter ihm lag und reichte sie ihr. Ihre Haare musste sie im Bad zu einem Zopf geflochten haben, denn zuvor hatte sie den definitiv nicht gehabt. Er reichte ihr den Wein, den sie mit leicht zitternder Hand entgegennahm. Trotzdem nahm sie direkt einen Schluck und verdrehte genussvoll die Augen: »Mh, ein Primitivo«, sagte sie. »Mein Lieblingswein!«
Da waren sie beide auf einer Wellenlänge, denn auch Marc bevorzugte diesen verhältnismäßig günstigen Wein allen anderen gegenüber. Er schnitt den Appenzeller an und hielt ihr das Messer hin. Wieder verließ ein genussvolles Geräusch ihre Lippen, was Marc augenblicklich in die Lenden fuhr und dort ein sanftes Kribbeln verursachte. Warum sprechen, wenn man auch auf der Genussebene kommunizieren konnte. Grinsend beobachtete er sie.
Rendite
Da saß sie nun im dicksten Winter, nur in einem Röckchen, fremden Wollsocken und einem wärmenden Hoodie in Marc Edens Haus, auf seiner Couch und trank Wein, der zufällig auch noch ihr Lieblingswein war. Das würde ihr keiner glauben, dachte sie und verkniff sich ein Lachen. Sie hatte sich vorhin schon aufgeführt wie eine Irre. Außerdem war sie verantwortlich dafür, dass er Constantin nicht mehr mochte und wenn der Geschäftsabschluss aufgrund dessen scheitern sollte, trug sie die Schuld daran. Er hatte ihr am Telefon klar und deutlich gesagt, dass ihr Verhalten, einfach bei einem Kunden Unterschlupf zu suchen, mehr als unprofessionell war. Im Grunde hatte sie das ja gar nicht getan, erinnerte sie sich an den Moment, als er ihr den Weg zur Tür heraus versperrte und klarmachte, dass sie heute Nacht bleiben würde. »Danke, Marc. Das ist wirklich nett von dir, dass ich hierbleiben darf.«
»Keine große Sache«, winkte er ab und nahm einen Schluck.
»Du hast ein tolles Haus. Es ist wunderschön eingerichtet, sehr gemütlich«, stellte sie fest und ließ ihren Blick umherschweifen.
»Wenn ich ehrlich bin, ist das das Werk meiner Putzfrau. Sie ist ein Goldstück und umsorgt mich mit diesen typischen Frauensachen wie Deko, Gemütlichkeitsfaktor und Pflanzen.« Anni schmunzelte. Dass er das so frei ausplauderte, machte ihn noch sympathischer. Bisher hatte sie ein anderes Bild von ihm im Kopf, oder besser gesagt, die Medien hatten ihr dieses Bild vermittelt. »Was?«, fragte er neugierig, eine Augenbraue emporgezogen.
»Nichts, ich dachte nur nicht, dass du Wert auf solche Kleinigkeiten legst«, entgegnete sie und lehnte sich an die Couchlehne. Es war so kuschelig unter der warmen Decke, dass sie sich augenblicklich pudelwohl fühlte.
»Nun ja, wenn man den Medien glaubt, ficke ich den ganzen Tag durch die Gegend und staple im Keller mein Geld wie Dagobert Duck!« Er zwinkerte ihr zu, sodass ihr ganz warm wurde. Eigentlich dachte sie auch, dass er sich gewählter ausdrückte. Das hieß allerdings nicht, dass ihr das nicht gefiel. Marc Eden steckte voller Überraschungen.
»Dem ist nicht so?«, wollte sie keck von ihm wissen.
»Na ja, wie du weißt, lagere ich mein Geld neuerdings bei Weishaupts«, konterte er und grinste fast schon spitzbübisch in sein Glas hinein.
»Ach, komm. Wenn das dein ganzes Geld ist, bin ich schwarzhaarig«, warf Anni kichernd ein und hob eine ihrer knallroten Strähnen zur Verdeutlichung an. Sie hatte mitbekommen, dass sich sein Anlagewert vorerst im sechsstelligen Bereich befand und, dass Marc Eden um einiges reicher war, das wusste sie definitiv. Als Angestellte und Ehefrau eines Vermögensberaters entwickelte man dafür im Laufe der Jahre ein Gespür.
»Zumindest ein Teil des Geldes«, korrigierte er sich.
»Ha!«, entgegnete sie siegessicher. »Und was das andere betrifft …«, begann sie und wurde unterbrochen.
»Du willst ernsthaft über mein Sexleben reden?«, fragte er mit festem Blick. Gott, diese Hitze war plötzlich unerträglich. Was hatte er für hübsche und willensstarke Augen. Er fokussierte sie, inspizierte ihre Lippen, und erwiderte wieder ihren Blick. Sein Mundwinkel zuckte.
»Ähm, nein, sorry!«, entgegnete sie schnell. Mist, sie musste so rot wie eine Tomate sein. Was geschah hier nur mit ihr? Dieser Mann setzte etwas in ihr frei, was ein Kribbeln in ihrem ganzen Körper auslöste. Himmel!
»Schade«, sagte er und zwinkerte ihr zu. Dieses Lächeln, was er nun zu Tage trug, machte das Ganze nicht besser. Moment mal! Was hieß hier eigentlich schade? Wollte er tatsächlich mit ihr über Sex sprechen? Wie lange kannten sie sich jetzt? Sie war verheiratet, hatte eine Familie, saß gleichzeitig mit dem Helden ihres Sohnes in einem Raum und erkannte beschämt, dass sie seine Anwesenheit anmachte. Sein Blick war so eindringlich, fordernd und … Gott, so hinreißend, dass Anni am liebsten von dieser Sünde auf zwei Beinen kosten würde. Reiß dich zusammen, rief sie ihre innere Mutter Beimer zur Räson. Du verhältst dich wie ein spätpubertäres kleines Mädchen, dabei war sie doch eine erwachsene und gestandene Frau. Und dieser Kapuzenpulli war so unfassbar weich und roch nach Mann, nach einer verheißungsvollen Umarmung. Nach mehr. Sie nahm noch einen Schluck von der köstlichen Flüssigkeit und bemerkte erst dann, dass Marc sie, während ihres inneren Kleinkriegs mit Mutter Beimer, die ganze Zeit beobachtet hatte. Ein lautes Lachen verließ seinen Mund und automatisch blickte Anni genau dorthin und stimmte mit ein.
»Erzähl mal«, begann er im Plauderton. »Was ist denn heute alles schiefgelaufen, dass du so einen Groll auf deinen Mann hegst?«, fragte er und Anni wollte sich gleichzeitig in den Allerwertesten beißen, dass sie den Kommentar vorhin, dass Constantin ein Arsch war, nicht lieber heruntergeschluckt hatte.
»Ach«, winkte sie ab und wurde abermals unterbrochen.
»Das kannst du dem Schneemann vor der Tür erzählen. Ich sehe, wenn Menschen wütend sind und das warst du vorhin definitiv. Also red es nicht schön.«
»Ich möchte Constantin nur nicht schlecht machen, weil er das nicht ist und du eine geschäftliche Bindung zu ihm hast.«
»Wenn du wüsstest, mit wie vielen Arschlöchern ich tagtäglich zusammenarbeite.«
»Er ist kein Arschloch«, versuchte sie, klarzustellen.
»Aus dieser Nummer kommst du nicht mehr raus. Vorhin war er es noch«, wies er keck darauf hin.
»Ich hab mich heute einfach geärgert, weil ich ihm seit zwei Tagen hinterherlaufe, dass er ein Gespräch mit Marius suchen soll, er mir aber nicht mal ansatzweise die Möglichkeit gibt, ihm meine Bitte vorzutragen. Außerdem …« Kurz dachte sie nach, weil das seine Meinung über Constantin garantiert nicht aufbessern würde.
»Was?«
»Es fuchst mich, dass er mich hat fahren lassen und mir dann noch eine Nachricht schickt, dass er mittlerweile gut Zuhause angekommen ist und jetzt etwas isst«, komplettierte sie das Chaos, indem sie ihrem Mann wohlwissend in den Rücken fiel.
»Nicht dein ernst!« Er ballte seine Hand zu einer Faust und pumpte diese, scheinbar völlig unbewusst.
»Ich hätte das nicht sagen sollen. Er ist normalerweise sehr fürsorglich, aber irgendwie ist momentan der Wurm drin.« Sie sah Marc zu, wie er ein Stück des Brotes nahm und es ihr hinhielt.
»Nimm so viel du möchtest. Ich könnte dir auch was kochen.«
Annis Herz schlug etwas schneller, während ihr von dieser lieben Geste warm wurde. »Danke, der Käse und das Brot reichen vollkommen. Ich bin nicht sehr hungrig, die Sache an sich hat mich nur geärgert.« Das Klingeln ihres Handys ertönte und bevor sie das Gespräch annahm, entschuldigte sie sich für die Störung mit einem scheuen Grinsen. »Hallo, Marius.«
»Opas Bein hat gejuckt!«, erklang seine vorwurfsvolle Stimme und Anni strich sich lächelnd die Hand über die Stirn.
»Ja, Amalia hatte mich schon vorgewarnt. Ich sitze in Köln fest. Alles okay bei euch?«
»Amalia könnte ruhig mal eine Runde chillen, die ist nicht mehr ganz fresh in der Birne. Will hier die ganze Zeit Brettspiele zocken und frisst Oma noch die Haare vom Kopf. Plus Toupet. Ich sags dir, Mom. Die Lage ist ernst!«
»Marius!«, rügte sie ihren Sohn, konnte sich aber ein Glucksen nicht verkneifen. Das musste der Wein sein, der sie lockerer machte, als sie es sonst war. Normalerweise versuchte sie immer, zu schlichten. Ein lautes Lachen neben ihr ließ sie zusammenzucken. Oh Mist, bei dieser Ruhe im Raum hatte Marc alles mit anhören müssen und schien sich köstlich zu amüsieren.
»Das war nicht Dad«, sagte Marius plötzlich todernst. »Wo bist du, Mom?«
»Sorry«, murmelte Marc neben ihr und zog die Lippen leicht auseinander, wie Kinder es tun, wenn sie voraussehen, dass es Ärger gibt.
»Ich bin bei Marc Eden«, sagte sie und hielt das Telefon ein wenig vom Ohr weg, schon mal gewappnet für den Redeschwall, der sie gleich erreichen wird. Doch nichts geschah. Fragend sah sie ihr Telefon an, nein, sie hatte nicht aufgelegt. »Marius?«, fragte sie deswegen.
»Aaaalter!«, erklang seine Stimme bloß. Leer und heiser.
Den Mund weit aufgerissen, wendete sie sich kurz an Marc und flüsterte: »Er ist sprachlos!« Und das sagte sie nicht, um ihm zu schmeicheln, sondern weil sie ganz einfach geschockt war. Marius Weishaupt hatte immer, wirklich verdammt nochmal immer etwas zu sagen. Außer man stellte ihn wegen diverser Knutschereien zur Rede, dann verfiel er in eisiges Schweigen. Aber das war keine vergleichbare Situation.
Beachtlich zog er eine Augenbraue empor, und nickte mit einem Nicht-schlecht-Blick. So musste er gucken, wenn einer seiner Kollegen einen Millionendeal an Land zog. »Glückwunsch«, sagte er und Anni sah, wie sich kleine Lachfältchen um seine Augen bildeten.
Nach Minuten des Schweigens meldete sich Marius, der scheinbar doch nicht in Ohnmacht gefallen war, erneut zu Wort. »Mom, du musst mir unbedingt einen Gefallen tun«, sagte er ganz verschwörerisch. »Du musst mir sein Equipment fotografieren. Ich wollte schon immer wissen, was für …«
Sie drückte den Hörer dichter ans Ohr, in der Hoffnung, dass Marc nichts mitkriegte, doch sein freches Grinsen, offensichtlich kurz vor einem ausgereiften Lachkrampf, sowie sein Kehlkopf, der hüpfte, zeigten ihr, dass es Anni nicht gelungen war.
»Moooom, sprich mit mir. Boah, ich halts nicht aus, ey. Unfassbar! Benimm dich, ja?«
Laut lachte sie auf, bevor sie weitersprach. »Marius, es reicht! Krieg dich ein!« Wenn er wüsste, wie treffend dieses ›Benimm dich‹ war … Ein bisschen peinlich war ihr das schon. »Ich beende jetzt das Gespräch. Bis morgen.« Sie hörte noch, wie er durch den Hörer plärrte, dass sie das nicht einfach machen kann, ihren geliebten Sohn abwürgen, da hatte sie das Handy bereits zur Seite gelegt. Sie spürte, wie ihre Wangen leicht erröteten, und wagte einen vorsichtigen Blick zu ihm. Er saß nach wie vor da, lässig nach hinten gelehnt, seine Tattoos ließen ihn verwegen, wild und unbändig wirken, genau wie seine Haare, die unfrisiert von einem Gummi am Hinterkopf gehalten wurden. »Tja, was soll ich sagen?«, begann sie und nahm erst mal einen Schluck Wein. Grinsend schüttelte Marc den Kopf.
»Er …« Marc schien nach Worten zu suchen. Marius machte es einem nicht leicht und doch liebte sie ihren Sohn genau so. »Er scheint smart zu sein«, erklärte Marc, während er sie fest im Blick behielt.
Ein Lächeln schlich sich auf ihre Lippen. »Ja, Marius ist toll. Genau wie Amalia. Es sind Zwillinge.«
Darmowy fragment się skończył.