Czytaj książkę: «Eine Sache des Vertrauens»

Czcionka:

NILS PETRAT

EINE SACHE DES VERTRAUENS

Mitten im Leben glauben


Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen

Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über

http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Klimaneutrale Produktion.

Gedruckt auf umweltfreundlichem, chlorfrei gebleichtem Papier.

© 2021 Bonifatius GmbH Druck | Buch | Verlag, Paderborn

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des

Verlags wiedergegeben werden, denn es ist urheberrechtlich geschützt.

Umschlaggestaltung: Weiss Werkstatt München, werkstattmuenchen.com

Umschlagfoto: Erzbistum Paderborn

Satz: Bonifatius GmbH, Paderborn

Druck und Bindung: CPI books GmbH, Leck

Printed in Germany

eISBN 978-3-89710-960-5

Weitere Informationen zum Verlag:

www.bonifatius-verlag.de

„Das Wagnis Glaube, Gott zu vertrauen, führt mich in einen Raum der Verbundenheit, der Geborgenheit und der neuen Identität. Ich betrete sinnbildlich heiligen Boden. Äußerlich betrachtet ist diese Erfahrung eher unspektakulär, aber in meinem Innern entdecke ich einen neuen Kontinent. Darin besteht für mich das Abenteuer Glaube.“

Nils Petrat

Inhalt

Mitten im Leben

Einleitung

1.Faktencheck: Glaube heute

2.Glaube bedeutet Vertrauen

3.Was hindert mich?

4.Da ist so eine Ahnung

5.Dem Gefühl nachspüren

6.Warum die Bibel lesen?

7.Jesus, der Fragensteller

8.Nachfolgen – mein „Ja!“

9.Dem Heiligen Raum geben

10.Das Abenteuer Glaube gestalten

Literaturverzeichnis

Mitten im Leben

Samstagabend, weit und breit ist nix los. Ich entscheide mich, noch eine Runde zu gehen durch mein Viertel. Rausgehen kann ja nicht schaden, nach diesem irgendwie schweren und anstrengenden Tag.

Alles scheint wie gehabt: leere Straßen, die ersten Frühlingsboten in den Vorgärten, frische Luft und etwas Abendsonne. Meine Gedanken wandern hin und her.

Dann, etwa nach der Hälfte meiner Runde, begegne ich einem Jungen. Er ist circa sieben oder acht Jahre alt und mir absolut fremd. Schnurstracks kommt er mir auf dem Gehweg entgegen und spricht mich an: „Darf ich Ihnen einen Kartentrick zeigen?“

Ich bin völlig perplex. Noch nie hatte mich auf meiner Abendrunde jemand Fremdes angesprochen, geschweige denn ein kleiner Junge. Und dann solch eine überraschende Frage. Was solls? „Ja, gerne“, antworte ich ihm spontan.

Der Junge strahlt. In meinem Hinterkopf fängt es aber schon zu rattern an: Was passiert hier gerade? Gibt es da einen Haken? Will der nachher Geld von mir?

Er beginnt seinen Trick. Ich soll eine Karte aus dem Stapel ziehen, mir das Blatt anschauen und merken. „Haben Sie sich alles gemerkt?“ – „Ja!“ Nun nimmt der Junge seine Kappe, die er auf seinem Kopf trug, ab und zeigt mir die Unterseite. Darauf war eine Karte eingestickt und er fragt: „Ist das die Karte, die Sie gezogen haben?“

Tatsächlich! „Ja, das ist genau die Karte, die ich mir gemerkt habe“, bestätige ich dem Jungen, der nun noch mehr strahlt, sich die Kappe wieder aufsetzt und zu mir sagt: „Dann wünsche ich Ihnen jetzt noch einen schönen Abend.“ Lächelnd zieht er an mir vorbei und setzt seinen Weg fort.

Was war das denn, frage ich mich. Ich merke, wie irritiert ich über die überraschende Begegnung mit dem Jungen bin. Aber ich spüre, wie in mir auf einmal große Freude aufsteigt und auch ich lächeln muss.

Meine Stimmung veränderte sich komplett. Jegliche Schwere, die Sorgen und der ganze Ballast, den ich auf meine Abendrunde mitgenommen hatte, waren auf einmal verschwunden. Durch diese Begegnung. Der Abend war gerettet, sogar das weitere Wochenende verlief von da an anders.

So etwas hatte ich bis dahin noch nie erlebt und habe ich seitdem auch nicht wieder: Ein Junge mit einem Kartentrick holt mich aus meinem Loch und schenkt mir etwas Leichtigkeit und Zuversicht. Vielleicht war das Ganze bloß ein Zufall, vielleicht aber auch mehr. Auf meinem Weg nach Hause denke ich daran: Das war so, als wäre dir Jesus begegnet. Mitten im Leben. Völlig unerwartet, aber mit ganz viel positiver Kraft und Ausstrahlung.

Vielleicht dauert es nur wenige Minuten, dann ist diese Begegnung wieder vorbei, doch du bleibst zurück anders als bisher: mit einem Lächeln auf den Lippen und einem inneren Frieden und einer Gelassenheit im Herzen.

Einleitung

„Glauben Sie das wirklich?“ – Diese Frage wird mir als Priester immer wieder gestellt. Nach Gottesdiensten, in denen ich über einzelne Glaubensfacetten gepredigt habe, wie auch in persönlichen Gesprächen. Andere haben mir schon häufiger zurückgespiegelt: „Sie machen mir Hoffnung; wenn jemand wie Sie daran glaubt, dann erleichtert mir das auch den Zugang …“

Die Frage nach der Glaubwürdigkeit der christlichen Botschaft ist somit über die Jahre zu einem Topthema meines Wirkens und Lebens geworden. Mit ihr habe ich auch persönlich lange gerungen: Ist die ganze Sache mit diesem Jesus wahr? Kann ich dem trauen, was in der Bibel steht? Und dann noch die Geschichte mit der Kirche … viele Fragen sind da, aber auch eine tiefe Einsicht: Es ist am Ende eine Sache des Vertrauens.

Daher habe ich mich entschieden, dieses Buch zu schreiben. Ich möchte davon erzählen, warum ich der christlichen Botschaft vertraue, was das Ganze mit einer Grundahnung, mit der Bibel und natürlich mit Jesus Christus zu tun hat. Dabei spielen Beispiele von Menschen, denen ich begegnen durfte, eine wichtige Rolle. Menschen, die Glaubenserfahrungen gemacht haben – positiver wie fragender Art: Wie wirkt sich der Glaube konkret auf das Leben aus? Kann man da was „spüren“? Das habe ich mir doch nur eingebildet, oder?

Inspiriert sind die Gedanken in diesem Buch von meinen Erfahrungen als Seelsorger, besonders von den vielen Jahren als Studierendenpfarrer und Dompastor in Paderborn. Sie spiegeln aber auch meine ganz persönliche Suche und den zurückgelegten Weg des Vertrauens wider. Beides begann bei mir als ich etwa 15 war. Auf solch einen Weg, eine spirituelle Reise, möchte ich Sie nun gerne mitnehmen.

Zu einer Reise gehört, dass man auf dem Weg innehält, ausruht, eine Etappe nach der anderen nimmt und manchmal erneut zu einem bereits besuchten Ort zurückkehrt. So dürfen Sie an dieses Buch herangehen. Es muss nicht in einem von Anfang bis Ende gelesen werden, Sie können es in Etappen lesen, an beliebigen Stellen verweilen oder auch gleich an interessante Abschnitte springen. Letztlich habe ich versucht, so vielseitig wie möglich, ein spirituelles Panorama zu schaffen, auf das man aus unterschiedlichen Perspektiven schauen und zugehen kann. Da es dabei schon auch recht persönlich wird, switche ich ins Du. Ich hoffe, du nimmst mir das nicht übel. Danke schon da für deinen Vertrauensvorschuss!

Das Buch verstehe ich als Einladung wie auch als Ermutigung, sich bewusst auseinanderzusetzen mit der eigenen Beziehung zu Gott. Welche Hindernisse muss ich überwinden, um Gott Vertrauen zu schenken? Wem vertraue ich mich da eigentlich an? Und wie geschieht der „erste Schritt“, die Kontaktanbahnung zwischen Gott und mir als Mensch? Wo fange ich an? Oder widerfährt mir Gott einfach so? Unmittelbar? Mitten im Leben?

Ich lade dich ein, mit all deinen Fragen dieses Buch zu lesen. Und ich wünsche mir, dass du dabei einen Freiraum für sie und deine Suche erlebst und zugleich Inspiration und Orientierung findest, die dir im Alltag helfen. Vielleicht steht am Ende ja dann für dich eine Sache fest. Dass da ein großes Ja entstanden ist, dass du es wagen möchtest, zu glauben.

1. Faktencheck: Glaube heute

Woran glaubst du? Diese Frage kann die Stimmung an einem gemütlichen Abend unter Umständen ganz schön runterreißen. In Freundes- und Familienkreisen scheint es heute kaum eine intimere und tabuisierte zu geben als eben diese: Wie hältst du’s mit der Religion?

Die Gretchenfrage ist umweht von massiver Sprachlosigkeit und auch von erstaunlich großer Scham. Die „Zeit“-Journalistin Verena Friederike Hasel schrieb in einem Leitartikel zum Thema „Glaube in Deutschland“ mal sehr treffend: „Jemanden zu fragen, wie er sich das Jenseits vorstellt, ist etwa so, als würde man sich erkundigen, ob er regelmäßig masturbiert.“1

Ein Aha-Erlebnis war für mich in diesem Zusammenhang eine Sendung der Talkshow „Kölner Treff“ mit Bettina Böttinger im WDR-Fernsehen, die ich gerne schaue. Darin war die Autorin Husch Josten zu Gast, die einen Literaturpreis für ihren Roman über den Glauben erhalten hatte. Das Buch hieß „Land sehen“ und wurde im Internet beworben mit den Sätzen: „Du kannst nicht vielleicht glauben. Du tust es. Oder eben nicht.“ Im Zuge des Talks mit dieser Autorin stellte Bettina Böttinger die Frage in die Runde ihrer Gäste: „Woran glaubst du?“ Bei den darauffolgenden Antworten war ich echt fassungslos. Die bekannte Sängerin Sarah Connor zum Beispiel, eigentlich eine toughe und weltgewandte Frau, fabulierte, dass sie „an das Universum glaube, an Energien“; ja, und sie glaube „an die Grundwerte“. Applaus des Publikums. Ein Schauspieler meinte: „Ich glaube an gar nichts.“ Und auf Rückfrage dann: „Ich glaube an mich.“ Applaus des Publikums.

Geht’s eigentlich noch? Da sitzen sehr eloquente Persönlichkeiten, die ihre eigenen Projekte höchst professionell, spannend und sympathisch schildern können. Und bei der Frage nach dem Glauben setzt es dann auf einmal bei ihnen aus. Die Autorin Josten antwortete selbst übrigens: „Ich glaube an Gott. Ich bin katholische Christin.“ Prompt kam die Nachfrage der Moderatorin: „Kann man das noch so sagen, ohne das Thema Missbrauch zu nennen?“ – Antwort der Autorin: „Ja.“ Punkt! Kein Applaus des Publikums.

Für mich wird hiermit die stimmungsmäßige „Großwetterlage“ zum Thema Glauben sehr gut eingefangen. Viele empirische Studien belegen auch, dass der Glaube an christliche Grundelemente wie die Schöpfung der Welt durch Gott, die Gottessohnschaft und Mittlerschaft von Jesus Christus oder die Hoffnung auf die Auferstehung der Toten und ein paradiesisches „Jenseits“ schwindet und mehr und mehr verdunstet.2 Das „alte Europa“ hat seinen christlichen Glauben verloren oder ist kurz davor.

Glaube ist eine Sache zwischen dir und Gott. Und zwar eine Sache des Vertrauens.

Kirche und Glaube

Allerdings bedeutet das nicht, was vielfach schon beschrieben wurde, dass das Thema „Religion“ generell von der Bildfläche verschwindet. Da sind zum einen die Präsenz und die Sichtbarkeit der Religion des Islam zu beobachten und zum anderen gibt es einen gewissen Trend zu einer „entkirchlichten Spiritualität“, den einige „Patchwork-Religiosität“ nennen. Wie man es nun dreht und wendet: Die christliche Religion, die in unseren Breiten ja immer auch ihre kirchliche Ausdrucksform mit einschloss, steckt in einer tiefen Krise. Und während bei der Frage „Woran glaubst du?“ eher herumgedruckst wird, sind die Antworten auf die Frage „Wie hältst du‘s mit der Kirche“ mittlerweile ziemlich eindeutig und fallen recht auskunftsfreudig aus.

In meinem Kontext ist mit Kirche ja fast immer die katholische Kirche gemeint. Die Meinungen zu ihr sind oft gepfeffert: komisch, uncool, altmodisch, undemokratisch, frauenfeindlich, homophob, regiert von alten Männern. Wobei das noch die harmloseren Aussagen sind. Wenn es um das Thema „Missbrauch in der Kirche“ geht, fliegen verbal schon ganz schön die Fetzen.

Wie emotional das Thema besetzt ist, habe ich selbst auch schon mal am eigenen Leib erfahren: Vor einigen Jahren war ich spätabends mit einigen Priesterkollegen in der Innenstadt von Münster unterwegs. Wir kamen von einem eher förmlichen Abendessen und trugen alle die schwarze Priesterkleidung. Als wir dann einer Gruppe schon etwas alkoholisierter Männer begegneten, pöbelten diese uns direkt an und beschimpften uns mit der Parole: „Ihr seid doch alle pädophil!“

Dieser verbale Schlag ins Gesicht hatte gesessen. Und mir ist da ein für alle Mal deutlich geworden: Das Thema Missbrauch ist eine klaffende Wunde in meiner Kirche. Wenn wir hier nicht in der Aufarbeitung, Prävention und „Heilung der Wunden“ weiterkommen, dann ist die Kirche nicht mehr zu retten. Denn sonst ist all ihre Glaubwürdigkeit verspielt. Wen wundert es da noch, dass viele Medien angesichts der Geschehnisse in Köln mittlerweile die Grundsatzfrage stellen: „Ist die Kirche noch zu retten?“ Oder sie – so wie der „Spiegel“ – das Bodenpersonal der Kirche als „Gottes ignorante Diener“3 bezeichnen.

Fakt ist: 2019 sind knapp 273.000 Menschen aus der katholischen Kirche ausgetreten, 2020 schon wieder weit über 200.000. Auch die evangelische Kirche verzeichnet hohe Austrittszahlen. Die Gründe für die Austritte sind verschieden.4 Jahrelange Entfremdung, die finanzielle Seite der Frage wegen der Kirchensteuer und ein fehlender Bezug zu einer ansprechenden Gemeinde oder attraktiven kirchlichen Angeboten spielen sicher eine wichtige Rolle; auch die schon benannte allgemeine Glaubensverdunstung. Ein weiterer wichtiger Faktor ist zudem der Vertrauensverlust. Laut einer „Spiegel“-Umfrage vom Mai 2021 halten 57 Prozent der Katholiken ihre Kirche für wenig oder gar nicht vertrauenswürdig, bei den ehemaligen Katholiken sind es sogar 91 Prozent.

Die Frage wird daher drängender: Brauchen wir die Kirche noch?

Die Covid-19-Pandemie hat diese Frage zusätzlich weiter angeschärft: Im vielleicht größten Menschheitsdrama nach dem Zweiten Weltkrieg haben viele die Kirche und ihre Amtsträger als unsichtbar und unbedeutend erlebt. Dabei sind wir doch eigentlich die Experten für die existenziellen Fragen des Lebens, wenn es um Leiden, Trauer und Tod geht.

Beim Thema Kirchenaustritt haben die Erschütterungen längst auch mein privates Umfeld erreicht. Ein guter Seismograf ist mir da meine Jugendclique aus dem Ruhrgebiet. Immer kurz nach Weihnachten treffe ich mich mit drei anderen Jungs von früher in der Heimat. Während wir an den Festtagen 2018 noch alle katholisch waren, stand ich ein Jahr später auf einmal als einziger Katholik da: Zwei waren mittlerweile ausgetreten und einer war zur evangelischen Kirche konvertiert. Ich möchte es mir lieber nicht ausmalen, wie es ganz generell in meinem Abi-Jahrgang (2000) aussieht: Wie viele der rund 100 Personen, die heute alle so um die 40 Jahre alt sind, mögen wohl noch Kirchenmitglieder sein?

Glaube und Tun

Der große Vertrauensverlust der Kirche beeinflusst auch die Frage nach dem Glauben. Denn für viele Menschen hängt die Hinwendung oder Abkehr vom christlichen Glauben eng zusammen mit dem, was die Kirche tut, sagt oder lässt. Ist oder erscheint das Tun und Sagen der Kirche in gewissen Bereichen unglaubwürdig oder doppelbödig, wachsen die Zweifel, ob der Glaubensbotschaft der Kirche zu trauen ist. Jeder Skandal in der Kirche rund um Geld, Sex oder Macht wirft für viele „normale Gläubige“ einen Schatten auf die kirchliche Verkündigung. Wenn sich bestimmte Gruppen von Menschen von der Kirche zurückgesetzt und ungerecht behandelt oder von Wortmeldungen von kirchlichen Vertretern oder von „Rom“ gar beleidigt fühlen, dann stellt sich für viele die Frage, wie das mit dem hoffnungsfrohen, barmherzigen und wahrhaft inklusiven Evangelium zusammenzubringen ist. Hier entstehen Risse und Wunden, die nicht so leicht zu kitten und zu heilen sind.

Der aktuelle Zustand der Kirche schadet demnach auch der christlichen Botschaft. Das tut mir sehr weh. Denn ich halte das Evangelium und insbesondere die Person und das Lebensschicksal von Jesus Christus für absolut überzeugend und vertrauenswürdig. Dieser Jesus ist wie ein Licht und aus meiner Sicht ist es die Aufgabe der Kirche, diesem Licht zum Strahlen zu verhelfen. Ganz im Sinne der ermutigenden Worte aus der Bergpredigt: „Ihr seid das Licht der Welt. Eine Stadt, die auf einem Berg liegt, kann nicht verborgen bleiben […]. So soll euer Licht vor den Menschen leuchten, damit sie eure guten Taten sehen und euren Vater im Himmel preisen“ (Matthäus 5,14ff).

Mit diesen Worten benennt Jesus ganz klar: Erfahren die Menschen bei den Christen und der Kirche etwas vom göttlichen Licht und erkennen deren gute Taten, dann wird auch ein Weg zu Gott und zum Lobpreis Gottes geöffnet. Daher ist es so schmerzhaft, wenn viele Menschen – oft zu Recht – den Eindruck haben, dass die Kirche das Licht Christi eher hinter kalten Paragrafen und „gnadenlosen“ Kategorisierungen und Entscheidungen dimmt oder nahezu auslöscht. Dabei will die Kirche doch auch laut eigenem Bekunden einen gnädigen und liebenden Gott verkünden. Nur leider wirkt sie oft wie die Verkünderin eines großen Neins statt eines bedingungslosen Jas.

Das persönliche Wagnis

Für mich ergeben sich daraus zwei Folgerungen: Zum einen geht es darum, die Spannung und die Unterschiede zwischen „der“ Kirche und dem persönlichen Glauben auszuhalten und einen gewissen Spagat zu wagen. Ich weiß, es gibt keine hundertprozentige Deckungsgleichheit zwischen meiner Vorstellung vom Evangelium, meinen Glaubensidealen und der real existierenden Kirche und übrigens auch meines konkreten Versuchs, den Glauben zu leben und Kirche zu gestalten. Ich plädiere daher dafür, nicht nur zu dekonstruieren und nur das Schlechte zu sehen, sondern auch positiv Kirche zu konstruieren, mitzuprägen und trotz allem Leiden an der Kirche und aller Abgründe die Verbindung zu halten und vielleicht sogar die Kirche neu schätzen und lieben zu lernen.

Zum christlichen Glauben gehört immer auch die Gemeinschaft, die Vernetzung von Vergangenheit und Zukunft, das größere Ganze. Ohne tragende Glaubensgemeinschaft, also ohne Kirche, ist eine beständige christliche Existenz für mich kaum oder gar nicht denkbar. Daher habe ich die Kirche noch nicht aufgegeben und möchte vor allem in Kapitel 9 zeigen, wie man in der Kirche Gott „livehaftig“ erfahren kann. Ich bin überzeugt, jeder und jede kann einen Platz in der Kirche finden.

Zum anderen scheint es aber zugleich Gebot der Stunde zu sein, der ganz persönlichen, individuellen Ebene des Glaubens große Aufmerksamkeit zu schenken – weg von den Negativmeldungen über Kirche und ihre Vertreter und weg von bloßen allgemeingesellschaftlichen Trends.

Der Glaube richtet sich zunächst an das Du, an das konkrete und persönliche Du. Und damit sind wir wieder bei der Frage vom Anfang des Kapitels: Woran glaubst du?

Glaube ist eine Sache zwischen dir und Gott. Und zwar eine Sache des Vertrauens. Kannst du dich von Jesus, von seinem Evangelium, vom Licht des Glaubens angesprochen fühlen? Lösen die Worte Jesu, die Hoffnung des Glaubens eine Resonanz in dir aus? Dazu möchte ich in den folgenden Kapiteln meine zentralen Gedanken mitteilen und aufzeigen, inwiefern Glaube bedeutet, das Wagnis Vertrauen einzugehen.

2. Glaube bedeutet Vertrauen

Nicht nur die Kirche und viele christliche Gemeinschaften haben ein Glaubwürdigkeitsproblem und leiden unter Vertrauensverlust. Auch bei anderen gesellschaftlichen Gruppen und Institutionen gerät etwas ins Wanken. Werden sie durch Skandale erschüttert, gelten sie daraufhin als wenig vertrauenswürdig. Das betrifft politische Parteien genauso wie Interessensverbände, Automobilkonzerne, Sportvereine, und zwar nicht nur den DFB, bis hin zu kleinen Ortsgruppen. Denkt man daran, kommen einem eigene Bilder aus der Vergangenheit und entsprechende Skandale in den Kopf. Doch die damit schnell verbundene Einsicht „auch andere haben viel Dreck am Stecken“ macht selbstverständlich das Tun und Lassen der Kirche nicht besser. Der Blick auf „die anderen“ ist mir an dieser Stelle nur wichtig für die Gesamteinordnung, um zu verdeutlichen, wie ausschlaggebend Glaubwürdigkeit und wie fatal ein Vertrauensverlust für eine Gemeinschaft oder Gruppe sind.

In unserem Alltag wissen wir aus eigener Erfahrung: Werte wie Vertrauen, Verlässlichkeit, Verantwortung und Treue können in unseren Beziehungen enttäuscht werden. Wir erleben Beziehungen, Cliquen, Partnerschaften und Ehen als zerbrechlich. Für Liebe und Freundschaft gilt so gesehen auch das treffende Bild, das der Apostel Paulus in der Bibel für den Glauben benutzt. Nämlich dass wir diesen Schatz in „zerbrechlichen Gefäßen“ tragen (vgl. 2. Korinther 4,7). Es handelt sich um fragile und daher um besonders schützenswerte Güter. Wohl gerade deshalb ist da bei vielen, insbesondere bei jungen Menschen, eine große Sehnsucht nach Klarheit, verlässlichen Haltungen und Werten. In Umfragen werden regelmäßig Familie und Freunde als die beiden wichtigsten Werte für das Leben angegeben.

Nach Ansicht einiger Zukunftsforscher ist die Familie sogar die neue Glaubensgemeinschaft der Deutschen: Die Menschen könnten einfach nicht anders, als im Leben an etwas Unangreifbares zu glauben, um den Halt und Sinn des Lebens nicht zu verlieren; daher „glaubten“ sie vor allem an die Familie, weil sie ohne das Gefühl der Geborgenheit nicht leben könnten.5 Gerade in der letzten Zeit, insbesondere verstärkt nach den Erfahrungen in der Coronapandemie, werden vor allem von Psychologen und Soziologen gute Freunde und tragende Freundschaften als noch zentraler als die Familie angesehen. Und wissenschaftliche Studien zeigten immer wieder, dass sich Beziehungen positiv auf Körper und Seele auswirken würden. Wer von guten Freunden umgeben sei, habe sogar eine höhere Lebenserwartung.6 Der Psychologe und „Freundschaftsforscher“ Wolfgang Krüger stellt dazu fest: „Herzensfreundschaften dauern länger als viele Ehen.“ Und weiter: „Wir brauchen Freundschaften quasi als den Ort einer großen Verlässlichkeit im Leben.“7 Das alte Lied der Comedian Harmonists „Ein Freund, ein guter Freund, das ist das Beste, was es gibt auf der Welt“ hat demnach nichts von seiner Gültigkeit verloren.8

Glauben heißt, sich auf etwas zunächst Unbekanntes einzulassen

Ein Zeitalter des Vertrauens?

Die Bedeutung und Wertschätzung von Freundschaft und Familie lassen sich wohl auch einordnen in eine aktuelle Großwetterlage, in der in vielen Kontexten der Slogan vertreten wird: „Wir brauchen wieder mehr Werte.“ Man spricht von den „Werten Europas“ oder einer „Werte-Gemeinschaft“. Einiges deutet darauf hin, dass dieser Trend – man erfährt vielfältigen Vertrauensverlust und sehnt sich gleichzeitig nach Halt, Werten und Stabilität – sich durch die Coronapandemie weiter verstärkt. Die Krise hat vieles, was schon unterschwellig da war, sichtbarer gemacht und wie unter einer Lupe vergrößert. Vielleicht hast du in den Monaten des Lockdowns auch innegehalten sowie klarer gesehen und stärker gespürt, was du wirklich brauchst und im Leben vermisst. So ein Blick richtet sich schnell auf zwischenmenschliche Beziehungen und gesellschaftliche Phänomene: Auf wen konnte ich mich in der Krise verlassen? Wer oder was gibt mir Hoffnung? Wie möchte ich zukünftig mein Leben gestalten?

Optimistische Zukunftsforscher wie der medial viel zitierte und interviewte Matthias Horx sind jedenfalls davon überzeugt, dass eine neue soziale und gesellschaftliche Wirklichkeit entstehe, dadurch dass sich unsere Wahrnehmung in der Krise verändert habe.9 Es könnte ein neues Zeitalter beginnen, in dem Vertrauen und das Spüren von tragenden Verbindungen eine noch größere Rolle spielen.

Allerdings wird der Übergang in dieses „Neue“ nicht leicht. Viele sind durch die Erfahrungen der Pandemie ängstlich geworden, haben psychische Schwierigkeiten oder leben in einer – auch materiell – unsicheren Lebenssituation. Wie also fassen wir Mut, uns auf etwas Neues einzulassen? Ob wir da vom Glauben lernen können?

Glaube heißt doch, sich trotz aller Umstände auf etwas Unbekanntes einzulassen, Neuland zu betreten. Oder mit den schönen Worten aus dem Hebräerbrief der Bibel gesprochen: „Der Glaube ist der tragende Grund für das, was man hofft: Im Vertrauen zeigt sich jetzt schon, was man noch nicht sieht“ (11,1; Hfa). Glaube bedeutet also: hoffen und vertrauen.

Ich mag den Satz der deutschen Lyrikerin Hilde Domin (1909-2006) sehr: „Ich setzte den Fuß in die Luft, / und sie trug.“10 Einen Schritt muss ich zunächst selbst unternehmen, setzen und mich vertrauensvoll vorwagen – so kann ich erfahren, dass tatsächlich ein neuer Weg entsteht, der mich und mein Leben trägt.

Die Sache mit dem Blick

An das Bild vom Schritt in die Luft muss ich auch immer denken, wenn ich die Berufungserzählungen aus den Evangelien lese. Da sind Männer und Frauen, die an einem bestimmten Punkt ihres Lebens auf Jesus von Nazareth treffen, von ihm angeschaut und angesprochen werden, und die sich dann auf ihn einlassen und ein neues Leben beginnen. Was hat sie dazu getrieben? Wie konnten sie einfach so aufbrechen in etwas Neues? Woher haben sie die Kraft und den Mut genommen?

Es hat mit der Faszination an der Person Jesu zu tun. Dem Gefühl, diesem Mann und seiner Botschaft der anbrechenden neuen Welt Gottes intuitiv trauen zu können. Meist fing alles damit an, dass sie gesehen, ja angesehen wurden. Die Jüngerinnen und Jünger Jesu fühlten sich von seinem aufmerksamen, liebevollen, aber auch herausfordernden Blick wahrgenommen. Und sie ahnten: Da ist noch eine andere Welt, ein anderer Horizont, der sich meinem Leben öffnet. Neue, bisher ungeahnte Perspektiven, die locken.

Die Bibel beschreibt diesen Blickkontakt mehr als einmal: Jesus „sah“ Simon (Petrus) und Andreas, die auf dem See die Netze auswarfen, ebenso „sah“ er Jakobus und Johannes im Boot sitzen (vgl. Markus 1,16–20). An anderer Stelle, im Johannesevangelium, führt Andreas seinen Bruder Simon zu Jesus und dort wird berichtet: „Jesus blickte ihn an und sagte: ‚Du bist Simon, der Sohn des Johannes, du sollst Kephas heißen, das bedeutet: Petrus, Fels‘“ (Johannes 1,42).

Durch die Sache mit dem Blick kommt alles ins Rollen. Wir wissen nicht genau, in welcher konkreten Lebenssituation Jesus diese Männer „erwischt“ hat. War ihr Leben in Ordnung? Hatten sie gerade Probleme? Bestand schon ein Draht zu Gott? Es ist reizvoll, diese „Leerstellen“ mit fiktiven Bildern und Szenen zu füllen. So geschieht es beispielsweise in der aktuellen Film-Serie über das Leben Jesu „The Chosen – der Auserwählte“. Hier wird die Situation des Simon Petrus beim ersten Blick Jesu auf ihn, beim ersten Angeschaut-Werden, folgendermaßen dargestellt: ein Mann an dem Tiefpunkt seines Lebens. Die Netze des Fischers vom See bleiben oft leer, seine Steuerschuld ist erdrückend, in der Ehe kriselt es. Er ist am Boden zerstört. Da begegnet ihm Jesus und fordert ihn auf, ihm zu folgen. Trotz anfänglichen Misstrauens lässt er alles stehen und liegen und schließt sich dem zunächst unbekannten Mann an.11

Neben dem Sehen spielt in anderen Berufungserzählungen auch das Hören eine wichtige Rolle. Paulus „hört“ eine Stimme, die sich als die Stimme Jesu zu erkennen gibt: „Auf seiner Reise nach Damaskus, kurz vor der Stadt, umgab Saulus plötzlich ein blendendes Licht vom Himmel. Er stürzte zu Boden und hörte eine Stimme: ‚Saul, Saul, warum verfolgst du mich?‘ ‚Wer bist du, Herr?‘, fragte Saulus. ‚Ich bin Jesus, den du verfolgst!‘, antwortete die Stimme. ‚Steh auf und geh in die Stadt. Dort wird man dir sagen, was du tun sollst‘“ (Apostelgeschichte 9,3–6).

Klarkommen, aufleben, loslegen

In der Begegnung mit Jesus (sehend wie hörend) entsteht – zunächst wohl recht spontan und eben intuitiv – eine neue Vision für das Leben. Und mit dieser Vision im Herzen wagen einige den Sprung nach vorne, den Sprung ins Vertrauen, dass diese Lebensvision trägt und eine erfüllende Zukunft verheißt.

Zum Glauben und Vertrauen gehören also auch Sinneserfahrungen. Es geht darum, gut hinzuhören und hinzuschauen und sich anschauen zu lassen. Leider hören wir heute häufig nicht mehr richtig (zu); wir hören zwar Musik, aber oft als Berieselung und alleine mit unseren „Ego-Tunneln“ (Kopfhörern). Oder wir sehen nicht mehr richtig hin: Wir sind schnell unterwegs und achten mehr auf das Machen eines Fotos oder Selfies, aber verweilen nicht an Ort und Stelle und lassen die Umgebung auf uns wirken. Steckt hinter der Glaubenskrise also auch eine Krise der Sinne? Ich glaube, da ist etwas dran.

Besser wahrnehmen und verstehen, was wir eigentlich brauchen und was unserem Leben (noch) fehlt, was wir vermissen – das ist die Initialzündung für jeden Schritt nach vorne, für den Eintritt in eine neue Lebensphase. Und oft steht eine Begegnung am Beginn eines solchen Erkenntnisprozesses. Bei den biblischen Jüngern war es die mit Jesus von Nazareth. Die Folge: In ihrem Innern entsteht auf einmal ein großer Freiraum. Sie stellen sich ihren Fragen und Themen. Vielleicht mag es dann zunächst etwas chaotisch in ihnen zugegangen sein. Aber das ängstigt sie nicht. Sie wissen: Jedes Chaos will ein Anfang sein. Durch die Begegnung mit Jesus erleben sie eine Inspiration. Sie lernen kreativ und originell mit neuen Augen und mit Gott auf ihr Leben zu blicken. Und schließlich treffen sie Entscheidungen: Sie finden Mut, souverän anzugehen, was vor ihnen liegt.

Ein befreundeter Jesuitenpater, der viele junge Menschen bei Entscheidungsfindungen begleitet, drückt diesen Prozess in einem Dreiklang aus: Klarkommen. Aufleben. Loslegen.

Glauben heißt, sich auf etwas zunächst Unbekanntes einzulassen, Vertrauen zu wagen. Klar ist aber auch, dass es bei diesem Weg, vielleicht schon ganz zu Beginn, Hindernisse gibt. Da sind Blockaden in mir und von außen. Da können Ängste aufsteigen, die mit meiner bisherigen Lebensgeschichte und gewissen Lebenserfahrungen zu tun haben, aber auch diffuse Ängste, die ich gar nicht so leicht zuordnen kann. Ein wenig vergleichbar ist das mit dem Prozess, sich auf einen anderen Menschen ganz und gar einzulassen, ihm Vertrauen zu schenken. Auch da gilt es oft, Hindernisse zu überwinden und sich zu trauen, Ja zum Gegenüber zu sagen. Ein „klassisches“ Beispiel für solche Ängste und Hindernisse wäre vielleicht der Mann, der als kleiner Junge in der Schule als Dickerchen gehänselt worden ist, und nun – trotz Waschbrettbauch – immer noch schambehaftet hofft, dass er selbst genug ist für die Beziehung mit seiner Freundin, dass er „reicht“.

Für den eigenen Glaubensweg jedenfalls hilft es, sich zu fragen: Welcher Beziehungs- oder Bindungstyp bin ich eigentlich? Eher abwartend und unsicher oder eher extrovertiert und neugierig auf Neues? Und welche Hindernisse muss ich überwinden, um den Glauben zu entdecken und Gott Vertrauen zu schenken? – Darum soll es im nächsten Kapitel gehen.

3. Was hindert mich?

Gründe, die Menschen daran hindern, sich auf eine persönliche Begegnung mit Gott einzulassen, den Sprung in den Glauben zu wagen, gibt es viele. Vorweg sei gesagt: Natürlich muss ich zunächst einmal davon überzeugt sein, dass eine solche Begegnung überhaupt möglich ist. Insofern birgt es eine fundamentale Herausforderung, wenn eine amerikanische Studie zu dem Ergebnis kommt, dass die Mehrheit der Katholiken in den USA eine persönliche Beziehung zu Gott nicht sicher für möglich hält.12 Viele glauben eher an einen unpersönlichen Gott, eine „unpersönliche Macht“. Doch mit einer bloßen Macht ist selbstverständlich keine vertrauensvolle Beziehung möglich. Die Annahme, dass ich zu Gott gar keine persönliche Verbindung aufbauen und mit ihm leben kann, ist der Hauptgrund, der viele daran hindert, Gott zu begegnen. Anders gesagt: Ein „Date mit Gott“ halten sie nicht für möglich.

Wie ich im weiteren Verlauf des Buches noch darlegen möchte, bin ich vom Gegenteil überzeugt. Ich möchte dazu Erfahrungen aus der Bibel, der spirituellen Praxis der Kirche und persönliche Glaubenserfahrungen schildern. Aber selbst wenn ich ein „Date mit Gott“ prinzipiell für möglich halte oder sogar schon mal erlebt habe, gibt es dennoch einige Hindernisse, die ausschlaggebend dafür sind, dass Menschen den „Sprung in den Glauben“ nicht wagen.

In meiner Arbeit in der Hochschulgemeinde sowie vorher in der Pfarrgemeinde und bei den Begegnungen mit Passanten in der Kölner Innenstadt rund um den Dreh des Pro7-„Motzmobils“ sind mir da schon so manche Gründe geschildert worden. Hier die vier häufigsten:

1. Kirchliche Hindernisse

Was viele Menschen daran hindert zu glauben, ist oft kirchengemacht. Oder wie eine befreundete Theologieprofessorin mal in launiger Runde sagte: „der ganze Kirchen-Scheiß“. Rund um Kirche – in Geschichte wie in der Gegenwart – gibt es so viele Negativthemen, die Menschen schon von vornherein davon abhalten, den Gedanken an den christlichen Glauben ernst zu nehmen oder sich darauf näher einzulassen. Die „Klassiker“ sind: die Kirche und die Kreuzzüge, die Kirche und die Hexenverbrennungen und die Rolle der Kirche in Diktaturen. Dazu gesellen sich wiederkehrend die Dauerbrenner-Themen wie Zölibat, Sexualmoral, Männerkirche oder Kirchensteuer. Und die skandalösen Umstände rund um den Umgang der Kirche mit Fällen des Missbrauchs lassen viele buchstäblich vom Glauben abfallen. Nicht nur das, sie hindern sie, es auch neu mit dem Glauben zu versuchen. Wer will ihnen das verübeln? Schließlich haben einige richtig schlechte Erfahrungen mit dem „Bodenpersonal“ der Kirche gemacht, die vieles kaputtgemacht haben. Beispiele gibt es vielerorts genug und sind nicht von der Hand zu weisen: ein lieblos und unpersönlich gehaltener Beerdigungsgottesdienst für den nahestehenden Angehörigen (im schlimmsten Falle noch mit der Verwechslung des Namens), ein oberflächliches und unter Termindruck geführtes Taufgespräch, eine permanente Nicht-Erreichbarkeit des Pfarrbüros vor Ort („Servicewüste“ Kirche) und vieles mehr. Unter dem Strich könnte man sagen: Für viele ist die Kirche das größte Hindernis, nicht der Glaube an sich oder das Date mit Gott.

Was viele Menschen hindert zu glauben, ist oft kirchengemacht

2. Gottesbilder

Ein anderes Hindernis, das davon abhält zu glauben, kann mit dem Gottesbild zusammenhängen. Oder salopp ausgedrückt: das falsche Bild vom Dating-Partner.

Mich überrascht und irritiert es teilweise immer wieder, mit welchen Gottesvorstellungen eine große Anzahl von Christen herumläuft, allen voran viele junge Menschen, denen ich begegne. Diese Gottesbilder existieren sowohl als bloße Zuschreibungen an die Kirche („das glaubt ihr doch so“) als auch als tief liegende eigene Gottesbilder.

Weit verbreitete sind der strafende Gott, oder ein Gott, der wenigstens ein bisschen böse oder gar sadistisch ist. Eng damit verwandt ist der Überwacher-Gott, der jegliche Handlung genau registriert und der dann irgendwann mal die Menschen einteilen wird in Richtung Himmel oder Hölle. Auch das extreme Gegenteil kommt häufig vor: der „liebe Gott“, ein Gott, der wie ein harmloser, etwas seniler älterer Herr auf die Menschen schaut und dem letztlich alles ziemlich egal ist, was so auf der Erde passiert. Wie soll ich vor einem solchen Gott Respekt haben und Vertrauen aufbauen?

Und dann ist da noch der „Superman-Gott“, der in diese Welt und damit selbstverständlich auch in die Naturgesetze eingreifen kann, wann und wie immer er will. Auf derselben Stufe befindet sich der wörtlich und banal verstandene Schöpfer-Gott (abgeleitet aus Genesis 1), der die Welt in sieben oder ein paar mehr Tagen geschaffen hat.

An meiner ersten Priesterstelle waren in diesem Zusammenhang die Gespräche mit den Firmlingen zum Abschluss ihrer Vorbereitungszeit besonders aufschlussreich. Die Gespräche ähnelten sich sehr, etwa nach diesem Muster: „Ich glaube ja irgendwie an Gott, aber mir fällt es schwer zu glauben, dass Gott die Welt in sieben Tagen erschaffen hat. Da glaube ich eher den Naturwissenschaften. Und an die Hölle, da kann ich auch nicht so wirklich dran glauben.“ – Da habe ich mich schon gefragt, wie 15-jährige Gymnasiasten darauf kommen, dass sie in der Kirche in erster Linie an die Hölle oder an einen wörtlich verstandenen Schöpfungsbericht glauben müssten. Das kann doch eigentlich nicht an der Katechese und am Religionsunterricht liegen. Oder gibt es so etwas wie „vererbte“ religiöse Vorstellungen: Weil die Eltern dieses und jenes noch „glauben mussten“, muss ich das sicher auch? Oder werden vielleicht viele von folgendem Denkmuster geleitet: Weil „die“ Kirche in gewissen Bereichen so einen „Unsinn“ lehrt (Jugendliche würden hier wohl vor allem auf die Sexualmoral anspielen), trau ich ihr auch diese unaufgeklärte Gotteslehre zu.

Mir ist jedenfalls deutlich geworden, dass es zwei wiederkehrende Problemhorizonte gibt: Die Frage nach der Schöpfung (Was bedeutet: „Gott ist Schöpfer und Erschaffer der Welt“?) und die nach dem rechten Verständnis der biblischen Schriften. Gerade beim Thema „Bibel“ wird häufig gefragt: Wie soll ich eigentlich all die schrecklichen Texte des Alten und teilweise auch Neuen Testaments verstehen? Warum lässt Gott unzählige Menschen geradezu abschlachten? Was ist eigentlich historisch in der Bibel? Oder ist die Bibel nur ein religiöses Märchenbuch?

In Seelsorgegesprächen, bei Kondolenzbesuchen oder beim Krankenbesuch begegnet mir auch die Frage nach dem Eingreifen Gottes und in diesem Zusammenhang natürlich die nach dem (Bitt-) Gebet. Es scheint mir nach wie vor nicht hinterfragt zu werden, dass für die meisten Christen Gott so gedacht wird, als sei er in dem Sinne allmächtig, dass er jederzeit ins Weltgeschehen eingreifen könnte. Natürlich könne er Krankheiten heilen, mich vor Krebsdiagnosen bewahren und vieles mehr. Macht der Einzelne dann gegenläufige Erfahrungen, wird vielfach nicht etwa dieses Gottesverständnis infrage gestellt, sondern Gott und seine Existenz selbst. Die Frage nach dem Leid im Allgemeinen und warum Gott dieses zulasse, hindert viele Menschen daran, einen vertrauensvollen Schritt auf Gott zuzumachen, ganz nach dem Motto: „Wenn man ihn braucht, ist er ja doch nicht da…!“ Und dieser Aspekt leitet schon über zum nächsten Grund.

3. Enttäuschung über Gott

Hier gibt es wieder eine Analogie zur zwischenmenschlichen Ebene: Von einem Partner oder einer Partnerin kann man enttäuscht sein bzw. werden. Einige haben vielleicht versucht, sich auf Gott einzulassen, wollten ihn näher kennenlernen, aber es „funkte“ und „knisterte“ nicht. Oder das Feuer des Anfangs verflog schnell. Manche sagen mir: „Es kommt ja eh nichts zurück von Gott; ich bete und rede mit ihm, aber er schweigt. Er will nichts mit mir zu tun haben.“ Andere stoßen sich an der Unsichtbarkeit Gottes: „Wie soll ich jemanden kennenlernen, den ich nicht sehe oder berühren kann? Ist das nicht alles Einbildung?“ Letztlich gibt es auch ganz konkrete Situationen, die einige dazu bewegen, sich enttäuscht von Gott abzuwenden und keinen neuen Anlauf mehr in seine Richtung unternehmen wollen. Vor allem wenn jemand sich ungerecht von Gott behandelt oder im Stich gelassen fühlt. Ein älterer Mann hat mir einmal gesagt: „Ich war mein ganzes Leben ein frommer Mann, habe viel gebetet und meine Kinder im Glauben erzogen. Und heute will keines meiner Kinder mehr etwas mit dem Glauben zu tun haben. Meine Frau ist kürzlich an einer Krankheit verstorben und ich selbst kann kaum noch gehen. Warum hat mich Gott verlassen und mir einen solchen Lebensabend beschert? Ich kann seit Monaten nicht mehr beten oder in die Kirche gehen.“

Enttäuscht von Gott zu sein, ist ein harter Brocken, weil Enttäuschungen sich tief in uns festsetzen können und weil wir alle große Angst vor ihnen haben. Ist Gott nicht besser als mein Freund oder mein Verwandter, der mich kürzlich arg enttäuscht hat? Enttäuschung und Zweifel liegen hier eng beieinander.

Bleibt noch die letzte Kategorie der Hindernisse, die für mich die größte Herausforderung darstellen.

4. Kein Interesse

Kurz gesagt: In der Beschäftigung mit Gott oder dem Glauben sehen viele einfach keine Notwendigkeit. „Ich habe einfach kein Interesse an einem Date mit Gott. Das Ganze ist mir egal. Ich habe genug anderes zu tun und im Übrigen geht es mir ohne Gott ganz gut.“

Eine solche Haltung begegnet mir in vielen Traugesprächen, wenn der eine Partner mit dem Glauben verbunden ist, der oder die andere aber schlichtweg nichts damit anfangen kann. Oder bei zufälligen Begegnungen auf Geburtstagsfeiern oder Festen.13 Wenn wir da auf meinen „Job“ zu sprechen kommen, sagen manche: „Das ist ja ganz nett, dass du dich mit solchen Dingen beschäftigst. Für mich ist das nix. Ich komme gut ohne Gott klar.“

Der Religionssoziologe Tomáš Halík nennt solche Personen „Apatheisten“. Menschen, die der Religion gegenüber apathisch, gleichgültig sind – und zwar nicht hinsichtlich religiöser Antworten, sondern auch den Fragen, die der Glaube stellt. Ein Apatheist lasse sich nicht vom Glauben und von den Überlegungen zum Thema Religion behelligen, er verliere nicht einmal Zeit damit, gegen den Glauben zu polemisieren.14

In meinem Bild vom Date hieße das: Der Dating-Partner sitzt da, aber es besteht keinerlei Interesse, Kontakt mit ihm aufzunehmen. Warum? Vielleicht weil das eigene Leben bestimmt ist von vielen anderen, noch viel spannenderen Dates. Oder, um das Bild weiter zuzuspitzen: Es verhält sich wie beim „Speeddating“, wo der beste Partner (Gott) eigentlich schon vor einem sitzt, aber der Blick zu den anderen verführerisch schauenden „Göttern/Götzen“ an den Nebentischen abschweift.

Vielleicht hängt dieser Apatheismus auch mit der zu Beginn des Kapitels genannten grundsätzlichen Blockade zusammen, nämlich eine persönliche Gottesbeziehung gar nicht für möglich zu halten. Denn wo es um nichts Persönliches geht, ist es auch nicht spannend und es besteht kein Interesse.

Fassen wir zusammen: Es gibt eine Reihe von sehr unterschiedlichen Gründen, skeptisch gegenüber einem Date mit Gott zu sein oder gar ganz die Finger davon zu lassen. Gott begegnen zu wollen, darin sehen viele alles andere als eine Notwendigkeit, eher eine Option oder eben auch ein Potenzial.

Um Letzteres soll es im Folgenden gehen. Denn Gott konkret zu begegnen, birgt viel Potenzial für den eigenen Glaubensweg und wirkt sich stark auf die Lebensweise aus. Meist beginnt alles damit, eine Sehnsucht wahrzunehmen, die einen treibt. Oder man hat so eine Ahnung, dass da doch „mehr“ sein muss im Leben. Es herrscht in einem selbst eine innere Unruhe, die letztlich unerklärlich ist. Ob all das dann die Kraft hat, alle Hindernisse abzubauen, die Begegnung mit Gott zu suchen, bleibt zunächst offen. Aber vielleicht kann ich im Folgenden neue Sichtweisen erschließen – Perspektiven, die helfen wollen.

4. Da ist so eine Ahnung

Auch wenn es vieles gibt, das Menschen hindert, Gott zu suchen und sich auf ihn einzulassen – die Frage nach Gott oder dem Sinn des Ganzen, was wir erleben, verstummt nie ganz. Sie bleibt oftmals eine nicht erklärbare Sehnsucht, das Gefühl eines unruhigen Herzens, ein das Leben begleitendes „Hintergrundrauschen“. Warum sind wir hin und wieder so angerührt von der Schönheit der Natur? Gibt es da etwas, das in leisen Momenten zu uns spricht? Etwas, das bei uns anklopft? Irgendeine Art Ahnung? – Vielleicht genauso, wie der Kirchenvater Augustinus sie unnachahmlich formulierte: „Unruhig ist unser Herz, bis es Ruhe findet in dir, o Gott.“ – Die Suche nach Gott beginnt eben mit einer Art Gespür, einer Ahnung, letztlich einer Sehnsucht.

Für mich gibt es so etwas wie ein „Gottesgespür“. Mir wurde das als Jugendlicher mit 15 oder 16 erstmals deutlich. Wenn ich an diese Zeit zurückdenke, sind für mich die nächtlichen Gespräche mit zwei, drei engen Freunden im Ruhrgebiet, nach Partys oder Feiern, sehr markant. Mitten in der Nacht, über uns der Sternenhimmel, waren wir unterwegs nach Hause und unterhielten uns über Fragestellungen wie diese: Unser Leben ist so großartig, wird das irgendwann einfach alles aus und vorbei sein? Oder bleibt dann so ein Gefühl wie jetzt in dieser Nacht? Könnte es so sogar dauerhaft sein nach dem Tod? Und wie ist das eigentlich: Gibt es einen Gott? Kann man den erfahren?

Das sanfte Wehen und Wirken Gottes zu erahnen, ist für viele der Anfang ihres Weges mit Gott

So etwas meine ich mit Ahnungen und Gottesgespür. Gab es schon Momente bei dir, wo davon etwas aufblitzte? Vielleicht sind die schon länger her, aber schlummern dennoch in dir.

Das Setting „Nächtliche Glaubens- und Sehnsuchtsgespräche mit Freunden“ hat sich jedenfalls bei mir auch später weiter fortgesetzt: im Studium, in römischen Nächten während meiner Auslandssemester, als Vikar, als Pastor in Paderborn und auch zuletzt wieder in der Corona-Zeit.

Die Ahnung dahinter lässt sich vielleicht so zusammenfassen: Es muss doch „mehr“ geben als nur das Vordergründige, die Oberfläche, das schnell Vorbeiziehende. Und das muss etwas Kraftvolles sein. Etwas Geheimnisvolles. Etwas, das dem Leben Kraft und Schwung verleiht.

Vor Kurzem bin ich auf ein Zitat von Paul Claudel gestoßen: „In mir lebt etwas, das mehr ist als ich selbst.“ Das bringt es auf den Punkt. Also, es beginnt mit einer Ahnung und dieser zu trauen. Unser Herz ist da wohl schon einen Schritt weiter – und dann geht die konkrete Suche los.

Gottes Hauch

Die Begegnung mit dem Geheimnis Gott muss nicht immer das große Brausen sein, ein lauter Donnerschall und etwas Spektakuläres. Sie kann überraschend anders sein: unscheinbarer, leiser, sanfter. Die berührendste Episode in der Bibel, die uns genau darauf aufmerksam macht, ist die Gottesbegegnung des Propheten Elija im Alten Testament am Berg Horeb (1. Könige 19,1–13). Der verängstigte und des Lebens müde Elija erfährt in seiner desolaten Situation die Gegenwart und Nähe Gottes – das „Vorüberziehen Gottes“, wie die Bibel sagt. Und die Überraschung, die er erlebt, ist: Gott ist weder im Sturm noch im Erdbeben, geschweige denn im Feuer. Er begegnet ihm in einem „sanften, leisen Säuseln“. Elija erfährt einen Hauch Gottes, er wird von Gott sanft berührt und gewinnt dadurch neue Lebenskraft und Perspektive.

Dieses sanfte Wehen und Wirken Gottes zu erahnen, ist für viele der Anfang ihres Weges mit Gott. Dazu gehören die Bereitschaft und Sensibilität, das persönliche Erleben und Erfahren als wichtigen Ort der Begegnung mit dem Heiligen zu betrachten. Wann gerate ich ins Staunen? Wann empfinde ich tiefen Frieden und innere Ruhe? Wo begegnen mir unverfälschte Liebe und Zuneigung? Wo rühre ich an ein Geheimnis, das größer ist als ich selbst? In welchen Situationen kann ich Kontrolle abgeben und einfach „ganz da“ sein? In all diesen Dimensionen kann ich dem Heiligen begegnen und von Gott berührt werden.

Wir dürfen und können wieder neu „geheimnisfähig“ werden. Das heißt, wir dürfen damit rechnen, dass es noch ganz andere Antworten gibt, als wir sie uns selbst ausmalen und zurechtdenken können. Wir dürfen darauf bestehen, dass eine Antwort des Glaubens nicht kleiner sein darf als die Sehnsucht und der Durst, den wir in uns tragen. Anders formuliert: Ich will auf einen Glauben setzen, der Gott Gott sein lässt. Einen Gott suchen, den man nicht einfach so besitzen kann. Ich spüre, da zeigt sich eine Wirklichkeit, die ich nicht wirklich ergreifen oder gar begreifen kann, sondern eine, die mich ergreift und umgibt; über die kann ich nicht verfügen wie über sonstige Dinge des Denkens und Lebens.

Von Elija wird berichtet, dass er als Reaktion auf die Erfahrung des Hauches Gottes sein Gesicht in den Mantel hüllt, sich so sinnbildlich von Gott umgeben lässt. Und er richtet sich auf, verlässt die Höhle, in die er sich verkrochen hat, und stellt sich an den Eingang der Höhle. Er ist bereit für einen neuen Aufbruch (1. Könige 19,13).

Dem Heiligen begegnen

Wie fühlt sich eine Begegnung mit dem Heiligen also an? Ich habe schon kurz von meinen nächtlichen Glaubens- und Sehnsuchtsgesprächen erzählt, die für mich in die ersten inneren Begegnungen mit dem Heiligen, Geheimnisvollen, eben mit Gott führten. Das Gefühl, dass es noch „mehr“ geben müsse, war dabei entscheidend.

Als Seelsorger durfte ich mittlerweile mit vielen sehr unterschiedlichen Menschen tiefgründige Gespräche über ihre Gottessuche wie auch ihre Gotteserfahrungen führen. Einiges möchte ich hier andeuten und mitteilen:

Bei vielen Menschen stehen am Anfang ihres Weges mit Gott Erfahrungen, die eine Sehnsucht in ihnen wecken. Momente des Lebens, in denen sich eine bis dahin unbekannte innere Weite und Freiheit auftaten. Es geht dabei um das innere Fühlen und Spüren einer anderen, geheimnisvollen Gegenwart. Einige werden davon bei einer Auszeit oder einem Schweigewochenende im Kloster ergriffen, andere bei einer Wanderung in den Bergen und wieder andere in einem Gespräch mit einem Freund, in dem es auf einmal wirklich um „Gott und die Welt“ geht. Für viele ist diese Erfahrung auch mit dem Erleben von sakralen Räumen verbunden. Der Besuch in einer lichtdurchfluteten Kathedrale auf der Urlaubsreise, die besonderen Gerüche dort, die vielen aufgestellten Opferkerzen, der Anblick betender Menschen, die Stille in einer kleinen Seitenkapelle. Ein heiliger Ort kann in Menschen die Sehnsucht nach dem Heiligen, nach Gott beflügeln oder wieder neu anregen. Gleiches gilt für bestimmte Bilder oder Kunstwerke.

Eine ältere Dame hat mir mal erzählt, dass ihr größter Trost und ihre beständige Verbindung zum Himmel der Anblick des Bildes „Die Rückkehr des verlorenen Sohns“ von Rembrandt sei. In schwierigen Situationen habe sie stets einen Druck des Bildes angeschaut und bei sich getragen, so habe sie wieder inneren Frieden und Ruhe gefunden.

Und dann ist da natürlich noch die Musik. Einige, oft eher ältere Menschen oder begeisterte Chorsängerinnen und -sänger, führt die klassische geistliche Musik zu einer tiefen Erfahrung von Verbundenheit und Berührung mit dem Heiligen.

Viele junge Menschen schätzen heute die „Worship“-Musik und erleben durch diese an den Pop angelehnte Art des Lobpreises Gottes eine Ahnung des Heiligen. Ich kenne zwei Studierende, die selbst Worship-Texte schreiben und die Musik dazu komponieren. Allein dieser kreative Prozess ist für die beiden schon eine Berührung mit Gott. Die Stunden, in denen sie an ihren Liedern „arbeiten“, sind für sie heilige Zeiten – wie ein Gottesdienst.

Manchmal sind es auch aktuelle Songs aus den Charts sowie Lieder aus den Playlists deutscher oder internationaler Künstler, die einen neuen Horizont eröffnen oder eine Atmosphäre vermitteln, die das Alltagsbewusstsein übersteigt. Ein bekanntes Beispiel dafür ist der Song „Hallelujah“ von Leonhard Cohen oder bei Trauungen „Sag einfach Ja“ von Tim Bendzko.

In der Hochschulgemeinde hatten wir vor Kurzem als Semesterthema „Let the music heal your soul“ – Lass die Musik deine Seele heilen. Es wurde deutlich, dass Klänge, Töne, Melodien und Rhythmen Menschen verbinden und Bindungen stärken können. Musik lässt schließlich etwas in uns erwachen und unseren Körper schwingen. Für manche ist Musik eine Tür zu ihrer Seele und damit auch zu Gott, ein Türöffner in neue innere Räume.

In diesem Zusammenhang bin ich auf die Texte des Geigenbauers Martin Schleske aufmerksam geworden.15 Schleske reflektiert auf sehr tiefgründige Weise die Schritte des Geigenbaus und erkennt darin viele Gleichnisse zum Leben und Glauben. Äußerlich, meint er, gleiche vieles zunächst dem bloßen Gang durch seine Werkstatt, einem technischen Prozedere, aber zugleich sei dies auch ein innerer Weg in die Welt des Glaubens. Immer wieder werden ihm beim Arbeiten in seiner Werkstatt Zusammenhänge zwischen dem Leben und Glauben bewusst. Dabei gehe es beispielsweise um die Suche nach dem richtigen Holz für die Geige, wie bedeutsam es also sei, das passende Holz zu finden. Welche Eigenarten muss es haben, damit das Instrument, das daraus entsteht, am Ende gut klingt? Es geht um Klangfarben, den Duft der Pigmente, die Vielfalt der Harze, die Bedeutung der Formen und Wölbungen.

Begeistert und selbst sehr ergriffen von den Gedanken Schleskes habe ich einmal im Advent im Paderborner Dom eine Predigtreihe zum Thema „Lauschen auf den Klang des Lebens“ angeboten. Die Resonanz war überwältigend und die Broschüren mit den abgedruckten Predigten wurden uns im Dom quasi aus den Händen gerissen.

Hier scheint also ein wichtiger Punkt in uns angerührt zu werden: im Vielerlei der äußeren Stimmen sowie der inneren Gedankenfluten ein Gespür für die tiefer liegenden Klänge und Resonanzen zu bewahren oder neu zu erlernen – für die Herztöne und Seelenklänge.

Augenöffner im Alltag

Das macht deutlich: Glaube ist nichts, worüber man einfach verfügen kann. Er ist eher etwas, dem man sich zur Verfügung stellt. Glaube ist ein entstehendes Werk. Darin ist er einem Kunstwerk ähnlich, zum Beispiel einem Musikstück.

Im Leben und im Glauben ist also eine schöpferische Kraft wirksam, eine heilige Gegenwart, aus der man leben kann. Das gilt gerade auch hinsichtlich alltäglicher Erfahrungen: bei der Arbeit, in meinen Beziehungen, in der Freizeit, in der Natur. Es gibt so etwas wie Offenbarungsmomente des Alltags: Erlebnisse, die zum Gleichnis für tiefe Wahrheiten und Einsichten werden können. Augenblicke, die dem Leben einen neuen Klang schenken. Damit bekommt der Glaube etwas Behutsames und Sanftes, eine Ehrfurcht gegenüber dem Heiligen. Die Frage des Glaubens wäre dann nicht nur „Worauf vertraust du?“, sondern auch „Was ist dir anvertraut?“.

Am Anfang stehen also Ahnungen, „Offenbarungsmomente“ im Alltag oder zu besonderen Zeiten des Lebens eben immer auch ein Vertrauen: ein Grundvertrauen ins Leben und die schöpferische Kraft, die darin und in allen Dingen anwesend ist und uns widerfahren und berühren kann.

Die Frage ist dann, ob wir offen dafür sind, wie Gott uns begegnen möchte. Dass er uns eben für gewöhnlich nicht mit großen, äußeren Spektakeln überwältigt, sondern uns in alltäglichen und zuweilen unscheinbaren Momenten der Erleuchtung und des Vertrauens anspricht.

Aber könnte es nicht sein, dass wir manchmal von Anfang an einen Filter besitzen? Das wäre dann wieder wie bei einem Date. Oder anders gefragt: Kann nicht auch mein „Match“ ganz anders aussehen als meine bisherigen Idealvorstellungen, die das Äußere und andere Eigenschaften betreffen, wenn ich mich einfach mal auf „das Andere“ einlasse? Wo unterscheiden sich meine Vorstellungen vielleicht also von dem, wie Gott mir persönlich und „livehaftig“ begegnen möchte?

5. Dem Gefühl nachspüren

Gott zu erahnen und dieser Spur Vertrauen zu schenken, ist der Anfang von allem. Wie aber geht es weiter? Es verhält sich bei der Gottsuche wohl wie bei vielen anderen Erlebnissen: Wer dranbleiben will, wer einer ersten Erfahrung nachgehen will, muss von der bequemen Couch aufstehen, in Bewegung kommen und sich auf die Suche begeben. Will ich zum Beispiel erleben, wie herrlich eine Landschaft riecht oder aussieht, die ich in einer TV-Doku gesehen habe, muss ich mich aufmachen: hinfahren, erleben, spüren, wahrnehmen. Oder wenn ich an ein erstes Date anknüpfen möchte, dann muss ich doch an meinem Gegenüber dranbleiben, ihm oder ihr texten und weitere Treffen vereinbaren, um miteinander Zeit verbringen zu können. Manche versuchen auch, mehr über die sozialen Medien herauszufinden: Was mag er oder sie? Welche Fotos wurden gepostet? Welche Freunde sind verlinkt?

Ich muss jedenfalls dranbleiben und aufbrechen, wenn ich jemanden (näher) kennenlernen will. Eine treffende biblische Kurzformel für diese Haltung ist die verheißungsvolle Aufforderung von Jesus an seine ersten Jünger: „Kommt und seht!“ (Johannes 1,39).

Glaubensgespräche können das Leben grundlegend verändern

Berufung fängt in der Bibel damit an: kommen und sehen. „Sehen“ hat dabei im biblischen Sinne mit „Erkennen“ zu tun, es meint also ein tieferes Sehen, ein Wissen vom anderen. „Kommen“ ist als Ruf zum Aufbruch zu verstehen: sich auf Jesus einlassen, ihn erleben, mit ihm gehen. So werde ich nach und nach erfahren, wer er ist und wer er für mich persönlich sein möchte.

Für die ersten Jünger wie Simon Petrus und Andreas war es die Sternstunde ihres Lebens, als „sie sahen (erkannten), wo Jesus wohnte“ und wie er lebte. Sie verstanden auf einmal, wo er zu Hause, beheimatet und verwurzelt war: nämlich in Gott, seinem Vater. Daher wollen sie bei ihm bleiben und bei ihm in die „Jünger-Schule“ gehen. Sie bleiben nicht zu Hause „auf dem Sofa“ liegen, sie wagen den Aufbruch.

Der Aufbruch hin zu einem neuen Bleiben, beziehungsweise einer neuen Bleibe, ist also die Folge des Kommens und Sehens. Nach dem Johannesevangelium ist dies der Raum der Liebe: „Bleibt in meiner Liebe“ (Johannes 15,9), fordert Jesus seine Vertrauten auf. Das ist im Übrigen auch ein Sinnbild für die Kirche als Glaubensgemeinschaft: mit Jesus und den anderen verbunden bleiben, weil alle kommen, sehen und bleiben.

„Kommt und seht!“, diese Aufforderung Jesu ist für mich eine Einladung des Vertrauens – mitten im Leben – im ganz praktischen Sinne: Es geht um Wohnen, Freundschaft, Zusammensein. Sie erinnert mich auch an die Einladung aus den Psalmen: „Kostet und seht, wie gut der Herr ist“ (34,9). Oder wie Luther übersetzt: „Schmecket und sehet.“ In seinen Worten spielt demnach auch der Genuss eine Rolle. Gott zu begegnen bedeutet, das Leben richtig zu schmecken.

Vergraben wir das Anvertraute?

Eine ähnliche Dynamik hat das berühmte Gleichnis Jesu von den anvertrauten Talenten (Matthäus 25,14–30). Es handelt davon, wie das Leben in Fluss kommen kann, wie Menschen Verantwortung übernehmen und damit etwas vom Himmelreich erfahrbar wird. Es ist eine Vertrauens- und Motivationserzählung von Jesus, die uns beflügeln kann, an den uns geschenkten ersten „Glaubenserfahrungen“ dranzubleiben und diese nicht wieder schnell zu begraben.

Das Setting des Gleichnisses ist sicher vielen bekannt: „Mit dem Himmelreich ist es wie mit einem Mann, der auf Reisen ging. Er rief seine Diener und vertraute ihnen sein Vermögen an. Dem einen gab er fünf Talente Silbergeld, einem anderen zwei, wieder einem anderen eines, jedem nach seinen Fähigkeiten. Dann reiste er ab.“ Das Gleichnis erzählt anschließend davon, wie die ersten beiden Diener anfangen, mit dem Geld zu wirtschaften, während der dritte das Geld in einem Erdloch versteckt und nichts weiter damit macht. Bei der späteren Rückkehr des Mannes werden die ersten beiden als „treu und tüchtig“ gelobt und erhalten die Einladung: „Komm, nimm teil am Freudenfest deines Herrn!“ Der andere Diener hingegen wird als „schlecht und faul“ getadelt und „hinausgeworfen“.

Das Gleichnis stellt allgemein die Frage, wie wir mit unserem Leben, dem größten Geschenk, das wir haben, umgehen. Nutzen wir es, um tatsächlich zu leben? Oder vergraben wir das Anvertraute? Ertragen wir es eher, als es zu gestalten?

Und im Hinblick auf unser Thema, wie Gott sich erahnen lässt, fragt das Gleichnis uns: Folgst du der Spur deiner Sehnsucht und deiner Ahnung von einer größeren Freiheit und Wirklichkeit? Beginnst du mit dieser zu „wirtschaften“, also etwas zu gestalten, Dinge auszuprobieren, Verantwortung zu übernehmen? Oder vergräbst und verschüttest du deine Sehnsucht – deine vielleicht erst zaghaften Ahnungen des Heiligen, einer göttlichen Gegenwart in deinem Leben?

Das Gleichnis ist auch eine große Befreiungserzählung. Diesen Dienern, gemeint sind wohl die Sklaven eines wohlhabenden Mannes, wird viel zugetraut. Es werden ihnen Räume der Freiheit geschenkt: „Hier habt ihr die Vermögensteile, jetzt seid ihr dran. Fühlt euch frei.“ Das Wirtschaften war damals nur gewissen Gruppen vorbehalten. Dass nun diese Sklaven frei wirtschaften dürfen, war eigentlich undenkbar. Doch zwei der Sklaven gehen auf das entgegengebrachte Geschenk des Vertrauens ein und lassen sich befreien. Der dritte Sklave nicht; er hat Angst vor dem Scheitern, offenkundig auch Angst vor dem Geber der Talente. Er möchte die Kontrolle bewahren.

In der Tat hat eine Freiheits- und Befreiungserfahrung ja auch immer mit Kontrollverzicht zu tun. Es könnte etwas schiefgehen; das Wirtschaften könnte ja auch misslingen. Das Evangelium aber lädt immer wieder zu Freiheitserfahrungen und Kontrollverzicht ein und steht hier deutlich auf der Seite der ersten beiden Sklaven.

Für mich ist das Gleichnis eine wunderbare Ermutigung, auf das Vertrauensangebot und die Vermögensübergabe (oder Talentvergabe) von Gott einzugehen. Dass ich Verantwortung für diese Leihgabe übernehme und so in den Lebensfluss komme. Dabei geht es immer um ein Sich-beschenken-Lassen, Sich-durchfließen-Lassen und Im-Fluss-Bleiben. Und um in diesen Lebensfluss zu kommen – in die Befreiungsdynamik von Jesus – darfst und musst du immer wieder mal die Kontrolle abgeben; nur so werden kreative und überraschende Prozesse angestoßen.

Aber vielleicht fragst du dich jetzt: Wo und wie fange ich konkret an? Wo ist heute meine „Jünger-Schule“, in der es heißt: „Kommt und seht“? Wie kann ich mehr über Gott erfahren? Wem vertraue ich mich an?

Die Kirche im Dorf

Manches im Leben ist oft viel nahe liegender, als wir meinen – so wie die sprichwörtliche „Kirche im Dorf“. In vielen Dörfern und Städten steht eine Kirche ganz selbstverständlich im Zentrum und das Leben hat sich um sie herum gebildet: Markt, Cafés, Geschäfte. Also, warum nicht mal einfach hingehen in diese Kirche? Am Morgen vor der Arbeit oder gegen Abend, um den Tag Revue passieren und ausklingen zu lassen? Mir Momente der Stille in einem Kirchenraum gönnen oder auch hin und wieder eine Kerze entzünden als Zeichen für eine Bitte, einen Wunsch, einen Dank, oder als Ausdruck meiner Sehnsucht und Suche? Ich könnte es vielleicht ja auch „wagen“, einen Gottesdienst zu besuchen. Ich werde die Glocken, die dazu rufen, sicher häufiger zwischendurch hören. Vielleicht ist es der erste Gottesdienst nach langer Zeit. Da darf ich mich durchaus am Anfang zunächst verstecken: in der letzten Reihe, hinter einer Säule, in „Fluchtnähe“ zum Ausgang. Was löst diese Teilnahme am Gottesdienst in mir aus? Wir wirken der Raum, die Musik, die gesprochenen Worte, die Rituale auf mich? Und selbst wenn ich mich vielleicht fremd fühle, ästhetisch und atmosphärisch nicht wirklich „abgeholt“, gibt es möglicherweise doch einen kleinen Moment, wo etwas in mir angerührt wird? Eine Person, die ich beim Beten beobachte, ein Wort, das verlesen wird, eine Zeile aus einem Kirchenlied?

Der Besuch einer Kirche oder eines Gottesdienstes, ob zu Hause im Ort oder auf Reisen, kann ein nahe liegender Beginn sein.

Darmowy fragment się skończył.

Ograniczenie wiekowe:
0+
Objętość:
171 str. 2 ilustracji
ISBN:
9783897109605
Właściciel praw:
Bookwire
Format pobierania:

Podobne książki