Czytaj książkę: «Der Librettist»

Czcionka:

Niklas Rådström
Der Librettist

Roman

Aus dem Schwedischen von

Maike Dörries und Frank Zuber

Saga

Für Thomas

I. In der Neuen Welt

1.

In letzter Zeit muss ich immer öfter an den Tod des armen Amadeo denken. Wie oft wurde ich über meinen Freund und die Umstände seines Hinscheidens ausgefragt, und nun, da mein eigenes Ende unweigerlich näher rückt, verdichten sich diese Fragen zu einem Funkenregen, der in mir die Lust entfacht, noch einmal meine Lebensgeschichte zu erzählen. Dass ich so oft an Amadeo denke, liegt wohl an der launenhaften Ungerechtigkeit des Schicksals. Manche Menschen lässt es jung sterben wie Pflanzen, die mit der Wurzel ausgerissen werden, bevor sie ihre volle Blüte erreichen oder Frucht tragen. Mein hohes Alter dagegen hat mich mit dem Tod versöhnt; er ist mir nicht mehr unbegreiflich. Vielleicht wird auch der Leser dieser Zeilen besser verstehen, was der Tod von uns will, vielleicht wird er sogar Amadeos trauriges Ende verstehen. Der Tod ist die letzte Konsequenz jener Erniedrigung, der das Alter uns aussetzt, außer er nimmt eine Abkürzung und kommt uns entgegen, wie es bei meinem Freund und vielen anderen, die mir nahestanden, der Fall war. Ich selbst bin nun so alt, dass ich mich daran gewöhnt habe, den Tod auf den Fersen zu haben. Er ruft mir höhnische Worte hinterher über die Krämpfe, die Unbeholfenheit und Verwirrung, mit denen das Alter mich ausstattet wie ein böswilliger Theaterdirektor, der seinen Schauspielern groteske Masken aufsetzt, um Zuschauer in eine hoffnungslos misslungene Aufführung zu locken. Manchmal habe ich das Gefühl, wieder zum Säugling geworden zu sein; mein Mund ist weich und zahnlos, die Lippen eingefallen, meine Hände zittern und meine Beine sind so schwach, dass sie mich kaum noch tragen. So geht die Zeit mit uns um – die Musik behandelt sie liebevoller.

Manch einer mag sich fragen, warum Amadeo so jung gestorben ist, warum er in der Blüte seines Lebens aus unserer Mitte gerissen wurde. Man hat mich gefragt, ob er bei dem neuen Kaiser in Ungnade gefallen sei und als störende Position willkürlich aus dem Register gestrichen wurde. Der eine oder andere hat den Verdacht geäußert, dass er ums Leben gebracht wurde, weil er mit Zweiflern und Freimaurern, mit Landstreichern und Gaunern Umgang pflegte, was seine Gesellschaft in jenen Kreisen unmöglich machte, die eine feste Ordnung verlangen. Man deutete mir gegenüber sogar an, dass Antonio Salieri, für den meine Feder ebenfalls Verse komponiert hat, ihn aus purem Neid vergiftet oder sonst wie ermordet haben sollte. Zwar war der gute Salieri bisweilen ein neidischer und herrschsüchtiger Intrigant, aber dass er so boshafte und destruktive Impulse in sich trug, mag ich nicht glauben. Er war sich natürlich bewusst, dass Mozarts Talent das seine in den Schatten stellte, das konnte schließlich jeder sehen! Der Salieri, den ich kannte, war vielleicht kein Sinnbild der Bescheidenheit, aber es war immer sein größtes Streben, der Musik nahe zu sein. Na ja, wohl auch der Macht, ein Wunsch, der seine musikalischen Ambitionen bisweilen überschattete. Aber ich habe die Tränen in seinen Augen gesehen, wenn er Amadeos Musik lauschte, seine unverhohlene Freude über gut getroffene Passagen einer Partitur, seine Verzückung, wenn Amadeo eine Improvisation auf dem Klavier spielte. Aber habe ich je gesehen, dass er die Fäuste vor Neid ballte oder das Gesicht zu einer missgünstigen Grimasse verzog? Ich weiß es nicht. Vielleicht war ich dafür blind. Mag sein, dass Amadeo durch die Hand eines Meuchelmörders starb, aber bislang hat niemand laut ausgesprochen, wer sich hinter der bleichen Maske verborgen haben soll. Meine Meinung in dieser Frage werde ich zum angemessenen Zeitpunkt äußern.

Ich habe bereits Instruktionen erteilt, welche Klänge mich zur letzten Ruhe geleiten sollen. Manche meinen, das könne nur ein Stück »meines Freundes Mozart« sein, aber das habe ich mir verbeten. Bei meiner Beerdigung soll Gregorio Allegris Miserere gesungen werden. Darin glitzern die Töne wie Sonnenstrahlen auf dem Wasser, wenn man an einem Frühlingstag von Venedig aus, wo ich in meiner Jugend viele glückliche Tage verbrachte, zum Lido hinüberschaut. Sie schimmern darin wie das Herbstlaub in den Alleen des Praters, in der Stadt, in der ich einige meiner besten Jahre verlebte. Und sie funkeln wie Raureif auf dem Gras an einem Wintermorgen in den Parks von London, wo ich die ersten Jahre mit der Liebe meines Lebens lebte. Diese Töne sind wie der reinste Kristall, eingefasst in strahlendes Silber. Andere Kristalle verbleichen daneben, anderes Silber wird unweigerlich schwarz, aber diese Töne leuchten für immer klar.

Vielleicht hätte ich das Stück ohne Amadeo nie kennengelernt. Ich erinnere mich, wie verzückt und ergriffen ich war, wie sich das Herz aus meiner Brust befreite und unter dem Kirchengewölbe zu schweben schien. Der hohe Klang! Die aufsteigenden Stimmen! Ton um Ton um Ton zwischen den Säulen der Kathedrale. Damals waren diese Töne Privateigentum des Papstes und wurden ausschließlich in der Passionswoche von Sängern gesungen, denen es bei Strafe der Exkommunikation verboten war, das Werk außerhalb des päpstlichen Herrschaftsbereiches aufzuführen. Und dann kam Amadeo, der »mein Freund Mozart« werden sollte, auf der italienischen Reise mit seinem Vater nach Rom und schrieb das Werk aus dem Gedächtnis auf, nachdem er es in der Matutine gehört hatte. Er saß unter Michelangelos Fresken zwischen ein paar Kardinälen, die ihn für einen bayerischen Prinzen hielten, und noch am selben Abend brachte er die neun mäandernden Stimmen für Doppelchor im Gästezimmer des päpstlichen Kuriers, bei dem sie logierten, zu Papier. Als sie am Karfreitag erneut die Mette in der Sixtinischen Kapelle besuchten, um Allegris Meisterwerk noch einmal zu hören, hatte Amadeo das Notenblatt im Hut versteckt, um einzelne Fehler zu korrigieren. Das nenne ich Konterbande! Töne, die allein dem Papst vorbehalten waren, in der Phantasie und Schöpferkraft eines vierzehnjährigen Jünglings aus dem Allerheiligsten geschmuggelt und aus reiner Lust und Neugier im Kerzenschein einer Gästeklause auf Notenlinien gemalt! Amadeos Großtat erweckte eine solche Bewunderung bei meinen Landsleuten, dass sie jegliches Gerede über Exkommunikation vergaßen.

Nun glaube ich nicht, dass der Klang, den man an meiner Bahre hören wird, sich in irgendeiner Weise mit dem messen kann, was ich bei meiner ersten Begegnung mit dem Werk erlebte. Der Chor, den man hier zusammenkratzen wird, ist wohl eher für Trinklieder oder frivole Serenaden in einem verrauchten Saloon geeignet, fürchte ich. Ich habe versucht, meinen neuen Landsleuten den wahren Gesang ans Herz zu legen, der aus dem tiefsten Innern des Menschen aufsteigt wie eine Quelle aus der Erde, klar, erfrischend und perlend. Hat man wie ich hören dürfen, wie sich das erste Instrument unseres Herrn, die menschliche Stimme, aus Liebe zur Schöpfung und zum Gesang kunstvoll und inniglich erhebt, so hat man ein Stück Himmelreich erlebt. Diejenigen, die Allegris Meisterwerk singen werden, wenn ich zur letzten Ruhe gebettet werde, können dies unmöglich erreichen. Aber ich muss ihnen ja nicht zuhören im Dunkel des Sarges. Ich stelle mir vor, ich liege dort wie eine Skalenübung oder eine melodische Figur aus einer Sonate, die im Klangkörper eines nach dem Konzert abgelegten Instrumentes verweilt. Vielleicht eine Violine oder ein Violoncello. So klingt mein Dasein langsam aus und wird eins mit dem Holz des Instrumentes. Wenn sich dann die Sänger des zusammengewürfelten Chores im Tonlabyrinth des Miserere verirren, zehren bereits die Mächte der Verwesung an meinen Körper, und wenn mein Gott mir gnädig ist, worauf ich trotz meines abenteuerlichen Lebens vertraue, höre ich dann schon andere, engelgleiche Stimmen.

Vor einigen Jahren hat mich meine geliebte Nancy verlassen. Ein Schnupfen wuchs sich zu einem Husten aus, der sich in ihrer Lunge festsetzte, und nach nur sechs Tagen wurde mir die Freude meines Lebens entrissen, mein Engel, meine Geliebte, Heim und Hirtin, Mutter meiner Kinder und Quelle meines Glücks. Ihr schweißnasser, zitternder Körper im Bett, ihre heißen Hände wie die eines kleinen Mädchens in meinen alten, ihr bleiches Antlitz mit geschlossenen Lidern, hinter denen die Augäpfel im Fieberwahn zuckten. Ich sehe sie noch vor mir, die schweißfeuchten Haarsträhnen auf ihrer Stirn und ihre glasigen Augen, die, als sie sie endlich aufschlug, an mir vorbeistarrten, als wartete hinter meinem Rücken bereits ein anderer Gast auf sie. Ihr Atem ging schneller, wie beim Liebesakt oder als wolle sie eine Arie aus einem modernen Oratorium singen, die auf unendlich kleinen Notenwerten aufbaut. Kürzer und kürzer wurden die Atemzüge, wie vor Viertelnoten, Achtelnoten, Sechzehntelnoten, bis die große, dunkle Generalpause einsetzte und nichts als Schweigen den Raum erfüllte.

Meine Nancy starb in ihrem zweiundsechzigsten Jahr, und die Trauer, die sie hinterließ, trieb ein längeres Poem und achtzehn Sonette zu ihrem Andenken aus mir heraus. Ich ließ sie auf eigene Kosten unter dem Titel Versi composti da Lorenzo Da Ponte per la morte d’Anna Celestina Ernestina drucken, für all jene, die sie gekannt und geschätzt haben, für alle, die Interesse an meiner Dichtung zeigten und die Macht der Poesie anerkannten, und für all diejenigen, auf deren mitmenschliche und finanzielle Hilfe ich angewiesen war. Meine Nancy war eine liebevolle Mutter gewesen, für sie gehörte jeder Mensch in Not zur Familie. Ihr Tod riss nicht nur ein Stück meines Herzens aus meiner Brust, er bedeutete auch erhebliche Schwierigkeiten hinsichtlich meiner Versorgung. Ich gestehe, dass die Gedichte, die ich nach ihrem Tod schrieb, nicht allein von tiefer Trauer inspiriert waren, sondern auch von der Knauserigkeit ihrer Verwandten. Das Erbe ihres Vaters, das einen beträchtlichen Teil unseres materiellen Glücks ausgemacht hatte, ging nun an unsere Kinder über, und ich, der auf die Neunzig zuging, blieb mittellos zurück. Mit einem Unterhalt von zweihundert Dollar im Jahr von meinem Schwiegersohn Henry bezog ich bei meinem Sohn Lorenzo ein Zimmer. Seine Gattin Cornelia übernahm das Pensionat, das ich viele Jahre zusammen mit meiner Frau geführt hatte, unter anderem als Internat für junge Männer und Frauen, die sich in italienischer Sprache und Literatur vervollkommnen wollten. Dort, bei meinem Sohn, strandete ich also mit meinen Träumen und meinen Büchern. Meine Bücher! Neben Nancy galt meine Liebe immer meiner Muttersprache und der Poesie und Musik, die sie beseelt. Meine Sprache duftet nach blühenden Zitronenbäumen und schäumendem Meer. Jedes Wort schmeckt nach Frühling und jede Silbe ist voller Musik. Ich habe nie aufgehört, das Italienische zu lieben, und diese Liebe wollte ich mit anderen teilen.

Sie hat in mir die Sehnsucht entfacht, noch einmal meine Füße auf italienischen Boden zu setzen, den Meeresduft der Lagune einzuatmen, mein faltiges Gesicht in den Sonnenstrahlen zu wärmen, die meine Kindheit erhellten. Dennoch bereue ich es nicht, meiner Nancy auf diesen fernen Kontinent gefolgt zu sein, wo ich auch nach Jahrzehnten noch ein Fremder bin, obwohl ich seit mehreren Jahren zu seinen naturalisierten Bürgern gehöre. Ich bereue es nicht einen Augenblick, weil hier ein Leben an der Seite meines großen Schatzes, meiner Hirtin, möglich war. Ohne sie war ich niemand, nur durch sie wurde ich zu dem, der ich heute bin. Mein Motto ist immer gewesen: Alles wagen, immer hoffen! Gewagt habe ich viel, nun bleibt nur noch die Hoffnung, dass ich ihr bald ans andere Ufer folgen darf, wie ich ihr damals übers Meer gefolgt bin, und dass sie mich dort erwarten wird.

Noch immer nähre ich die leise Hoffnung, die Menschen, die ich in der Neuen Welt kennen und lieben gelernt habe, für die Oper begeistern zu können, wie ich sie auf Europas Bühnen erlebt habe. Im Theater hat es Augenblicke gegeben, in denen ich glaubte, Gottes Reich sei uns schon auf Erden vergönnt. Gott weiß, dass ich versucht habe, meine neuen Landsleute zu überzeugen, nicht nur von der Oberhoheit der katholischen Kirche, sondern auch davon, dass die Opernmusik zur Krone der Schöpfung gehört, besonders wenn sie in der Sprache meines Heimatlandes gesungen wird. Seit dem großartigen Erfolg von Garcías Auftritt und den – wie ich gestehen muss – weniger fruchtbaren Versuchen, die Gesangskarriere meiner Nichte Giulietta diesseits des Ozeans zu fördern, habe ich Jahr für Jahr versucht, Italiens beste Kompanien zu überreden, auch hier ihr Glück zu versuchen. Ich bin der festen Überzeugung, dass die italienische Opernkunst mit dem rechten Willen selbst das raubeinige Gemüt der Amerikaner erweichen könnte. Wer kann schon Zerlinas pochendem Herzen widerstehen? Wer wird nicht von Figaros Aufruhr ergriffen? Wer bleibt von Susannas Schicksal ungerührt?

Da es mir auch nach über einem Jahr intensiver Bitten, Pläne und Vorbereitungen nicht gelungen war, den großen Impresario Barbaja aus Neapel hierher zu locken, versuchte ich, den ebenso bedeutenden Montresor aus Bologna von den Möglichkeiten und dem Wert einer solchen Reise zu überzeugen. Ich versicherte ihm, wie sehr das Publikum in New York Mozart und Rossini liebte, und schlug ein Repertoire von sechzehn Opern vor, wobei mir meine Bescheidenheit verbot, mehr als sechs Werke zu empfehlen, für die meine Feder die Worte geformt hatte, welche die Handlung vorantrieben und den Sängern den Geschmack der Poesie auf die Zunge legten. Ich schrieb, er solle seinen eigenen Maestro am Cembalo mitbringen sowie einen Soloviolinisten, einen Oboisten, eine Hornistengruppe und einen Souffleur, weil dieses junge Land noch keine hinlänglichen Talente auf diesen Gebieten hervorgebracht habe. Und natürlich so viele Sänger wie möglich, auch Chorsänger. Aus unerfindlichem Grund sind die Stimmen auf diesem Kontinent zu derb und undifferenziert, um die Musik auf ein angemessenes Niveau zu heben. Während ich den Maestro in Bologna bearbeitete, sammelte ich durch den Verkauf von Subskriptionen Mittel für mein Vorhaben, und als Montresors Kompanie endlich an einem schönen Hochsommertag im Hafen von New York von Bord stieg, hatte ich eine erkleckliche Summe vereint. Aber die Kompanie war alles andere als klein! Ich hatte etwa zwanzig Sänger und Musiker erwartet, und musste nun für fast fünfzig Personen sorgen. Fünfzig! Und darunter war nicht einmal eine Primadonna. Ich stand mit einem gigantischen Strauß Lilien am Kai und hoffte, Giuditta Pasta in Empfang zu nehmen, aber die eingetroffenen Sänger taugten nur für kleinere Partien. Zu allem Überdruss hatte gerade ein anderer Gast in der Stadt Einzug gehalten: Die Cholera, der Dämon, der ungebeten von Haus zu Haus geht und seinen üblen Gerüchte verbreitet. Ich musste die Neuankömmlinge sofort aus der Stadt schicken – zu Kosten, von denen ich nicht zu träumen gewagt hätte –, bis der dunkle Engel sein Schwert abgewetzt hatte und unsere Mitbürger wieder ihre Heime beziehen konnten.

Als die Kompanie im Herbst endlich in die Stadt zurückkehrte, waren sowohl das Park Theatre als auch das Bowery Theatre für, wenn man so sagen will, deutlich banalere Spektakel ausgebucht. Aber wir fanden eine Bühne, das Richmond Hill Theatre, die umgebaute Residenz eines alten Ehrenmannes, und tauften es um. Fortan hieß es »The Italian Opera House«. Am sechsten Oktober 1832 konnten wir die Saison mit Rossinis La Cenerentola eröffnen. Welch ein Licht! Welche Kostüme! Welches Dekor! Hier wurde dem Publikum anderes geboten als die zerschlissenen, schmutzigen Lumpen, in denen die Sänger für gewöhnlich im Park Theatre auftraten. Inzwischen hatten wir Adelaide Pedrotti aus Havanna für uns gewinnen können, eine Sopranistin, wie sie New York kaum je gehört hatte. Und Luciano Fornasari, der zur Kompanie gehörte, galt unter den Damen bald als der schönste Mann, der je auf einer New Yorker Bühne gestanden hatte; dabei sang der Mann nur Bariton, nicht einmal Tenor! Montresor wurde ebenfalls gefeiert, wenn auch nicht wie García, der noch immer einen Ehrenplatz im Gedächtnis der Stadt einnahm. Aber obgleich kein Orchester, das man bisher hier gehört hatte, sich mit der Kraft und dem Schwung unserer Opernkapelle messen konnte, und obgleich die großartige und farbenprächtige Bühnenausstattung, gebaut und bemalt von Handwerkern, die der Maestro selbst aus Bologna mitgebracht hatte, alles übertraf, was man auf dieser Seite des Ozeans je gesehen hatte, ließ uns das Publikum im Stich. Es half nichts, dass wir die Vorstellungen ins Bowery Theatre verlegten, auch die Tournee nach Philadelphia, die ich arrangierte, war ein herber Rückschlag. Die Rechnungen für Kost und Logis, die ich Montresor und seinem Gefolge zugesagt hatte, türmten sich auf. Und sie ließen nichts aus! Sie lebten, als hätten sie keine Geduld, auf das Himmelreich zu warten, und als ich nach einem unglücklichen Sturz in Philadelphia mehrere Wochen das Bett hüten musste, erkundigte sich keiner von ihnen, wie es mir ging. Der Einzige, der mich besuchte, war der Kapellmeister, weil er Geld leihen wollte, um Spielschulden zu begleichen. Gesindel!

Am Ende holte mein Sohn Lorenzo mich nach New York zurück, aber da war die Sache bereits verloren. Ein weiteres Mal war ich vom Ruin bedroht und sah mich gezwungen, zwei Drittel meiner schönen, dreitausend Bände umfassenden Bibliothek zu verkaufen. Meine geliebten Bücher, in alle Winde zerstreut, in den lüsternen Händen fremder Menschen, der Ledereinband von unbekannten Fingern liebkost, die Seiten vorm Umblättern mit fremdem Speichel befeuchtet. Wie ich hörte, befinden sich die wertvollsten Bände nun in der Library of Congress in Washington, nachdem man die Sammlung in die Hauptstadt verlegt hat. Dort sind aus meiner Bibliothek ein paar wunderschöne Bände mit den Werken unserer alten Meister zu finden: Ariosto und Boccaccio, das erste Exemplar der Rerum Italicarum Scriptores, das diesen Kontinent erreichte, und eine prächtige Ausgabe meiner geliebten Divina Commedia von Dante. Aber auch zeitgenössische Dichter wie Alfieri, Tiraboschi und Ugo Foscolo, den ich persönlich in Ferrara getroffen habe, wo er sich einen Ruf als Dichter schuf. Foscolo, das Genie, das nicht einmal geboren war, als ich meine ersten Gedichte schrieb, und den ich nun überlebt habe. Wenn ich mit meinen fast neunzig Jahren der jung Verstorbenen gedenke, die so intensiv gelebt haben, dass mehrere Lebensläufe in ihren gepasst hätten, erscheint mein eigenes Leben planlos und bescheiden. Dass meine Nachwelt sich an der Dichtung ergötzen kann, die ich geliebt habe, sollte mir eigentlich Freude bereiten, aber welcher normale Mann freut sich schon, wenn seine Frau in fremden Betten liegt? Nicht einmal mein guter alter Freund Casanova, der wahrlich nicht zimperlich mit Schlafzimmersorgen umging, konnte so etwas gleichgültig hinnehmen.

Hätten wir nur unser eigenes Opernhaus gehabt, wäre diese erste Saison nicht im Sand verlaufen. Das Montresor-Da Ponte Theater, dessen Gründung ich meinem zukünftigen Kompagnon in Briefen vorgeschlagen hatte, hätte mehr als ein Luftschloss sein können. Es hätte eine wahrhaftige Stätte zur Huldigung der Schönheit werden können, die dieser junge Kontinent nie zuvor gesehen hatte. Es fehlte uns nicht an Realismus, auch nicht an Willen und Fleiß. Was uns fehlte, waren stabile Finanzen. Immer verfolgt mich dieser Geldmangel! Dabei war es der Italienischen Operngesellschaft schon nach unserer ersten Vorstellung im Richmond Theatre gelungen, sage und schreibe sechsundneunzig geldkräftige Musikliebhaber zu bewegen, je tausend Dollar in den Bau eines neuen Opernhauses für unsere Stadt zu investieren. Dort hätte ich mich einbringen können, aber auch daraus wurde nichts. Montresor war als Impresario vorgesehen, und meine Rolle in diesem Vorhaben wäre nicht weniger bedeutend gewesen, wenn nicht mein alter Freund Rivafinoli, der in Mexiko für mich Bücher verkauft hatte, meinen Kompagnon herausgefordert hätte. Montresor kämpfte um den Posten, wobei ich ihn treu unterstützte, bis der alte Hasenfuß (der er wahrscheinlich schon immer gewesen war) sich nach Havanna davonstahl. Und damit war auch ich aus dem Spiel. Keiner wollte mir helfen, die viertausendfünfhundert Librettohefte zu verkaufen, die ich hatte drucken lassen, um den Siegeszug der Opernkunst in der Neuen Welt sicherzustellen. Als das Theater dann mit La gazza ladra eröffnete, wollte man mir nicht einmal eine Freikarte geben. Oben, unter der mit Apollo und den Musen bemalten Kuppel, saßen die Gesellschafter auf Samtsofas in ihren vergoldeten Logen, die mit Wilton-Teppichen und Samt und Seide aus Neapel dekoriert waren. Ich dagegen, nach allem, was ich für die Musik und die Verbreitung der Oper getan hatte, sollte zwischen den zahlenden Gästen unten im Parkett sitzen. »Nein, danke«, antwortete ich ihnen. »Tausend Dank, aber nein.«

Als dann die Saison zu Ende und der Konkurs ein Faktum war, musste sogar Rivafinoli das Feld räumen. Porto und Sacchi versuchten, den Ruin mit Bällen und anderen Spektakeln abzuwenden. Ich schrieb ein hämisches Gedicht über die Angelegenheit, Frottola per far ridere. Es war ein Mahnruf an alle Landsleute, die die schönen Künste lieben, dass die Oper uns bald verloren gehen würde. Mein Leben mit der Musik war vorbei. Als mein Sohn in ein Haus in der Spring Street zog, folgte ich ihm wie ein Teil des Inventars. Doch dem Straßennamen zum Trotz erwartet mich kein Frühling – nur Winter, die kalte Jahreszeit des Todes. Ein einziger Schüler ist mir geblieben, der die Sprache meiner Heimat lernen möchte, und der ist vollkommen untalentiert. Ich kämpfe für die Einheit unserer katholischen Kirche, ich streite für den rechten Glauben. Aber inzwischen habe ich meine letzten Bücher verkaufen müssen. Meine Regale sind so leer wie mein zahnloser Mund. Wenn ich könnte, würde ich nach Italien zurückgehen, um dort zu sterben und in der geweihten Erde meines Heimatlandes zu ruhen, aber nicht einmal das ist mir vergönnt.

Wie ein tapferer Soldat bin ich in meinem Kampf für die Künste gegen die Kanonenmündungen der Gleichgültigkeit angestürmt, wie ein hingebungsvoller Liebhaber habe ich mich in die Arme einer Frau geworfen, die mich verstoßen hat. Die Hoffnung, dass all diese Mühen meinen Namen post funera unsterblich machen werden, habe ich nun aufgegeben. Die Inspiration, die mir die Theater an der Themse, der Donau und der Moldau einst gegeben haben, habe ich nur zu einem kleinen Teil an meine neuen Landsleute weitergeben können. Sei’s drum. Die Musik überlebt, wenn wir schon längst vermodert sind. Ich träumte von Rosen und Lorbeeren, aber die Rosen hatten Dornen und der Lorbeer schmeckte bitter. So ist unsere Welt! Der Gesang, der mich jetzt erwartet, kommt von Engelschören und himmlischen Harfen. Ich stelle ihn mir so schlicht und schön vor wie die Melodien, die Amadeo für mich pfiff und summte, während wir uns über seine Noten beugten. So schön und natürlich wie die Stille zwischen den Sternen der Nacht.

2.

Wie tritt man seinem Tod entgegen? Am besten wie der Abenteurer, den ich mit erschaffen habe, Don Giovanni, der furchtlos die Hand des steinernen Gastes ergreift und sich ins unterirdische Dunkel stürzt – nicht schreckerfüllt, sondern neugierig. So wollen wir am liebsten dem Tod entgegentreten: mit Neugier. Mit demselben Lebensdurst wie am Anfang unseres Lebens. Amadeo sagte einmal, er wäre schrecklich gern in dem Moment dabei, wenn der Tod eines Menschen eintritt. In jenem Augenblick, in dem ein Mensch die Schattenwelt betritt, glaubte er, würde das Leben in klarstem Licht vor ihm stehen, entblößt aller Verlogenheit und aller falschen Masken.

Wie allgegenwärtig der Tod ist und wie oft er uns brandschatzt, erfuhr Amadeo schließlich im Alter von dreiundzwanzig Jahren, als er sich zum ersten Mal in einem Raum mit der Schattengestalt befand und deren düsteres Handwerk bezeugen konnte. Es war Amadeos Mutter, die der Todesengel in eine seiner kalten Leichen verwandelte. Amadeo war mit ihr nach Paris gereist. Auf der letzten Etappe waren sie Sturm und Regen ausgesetzt gewesen, und sie kamen durchnässt und völlig unterkühlt an ihrem Ziel an. Kein Pianoforte, kein Klavier befand sich in ihrem Zimmer, dessen einziges Fenster auf einen düsteren Hof hinausging, und Amadeo musste tagsüber zu einem seiner Auftraggeber gehen, um dort zu komponieren. Wie er darunter litt, seine geliebte Mama einsam in dem dunklen Zimmer zurücklassen zu müssen, wo sie ein paar Stunden stickte, solange das Licht ausreichte, und sonst nur dasaß und wartete, erschöpft und krank von der langen Reise.

Als der Frühling kam, plagten sie Zahnschmerzen, Halsweh und Ohrenreißen, und die feuchten Holzscheite in dem kleinen Kamin wollten sie nicht wärmen. Der Sommer hatte seinen Höhepunkt erreicht, als sie starb. Man hatte sie zur Ader gelassen, aber der Schüttelfrost und das Fieber wollten sie nicht verlassen. Am Ende konnte sie weder hören noch sprechen. Amadeo erzählte, dass er ihr ins Ohr schreien musste, um sich verständlich zu machen. Ihr fahler Blick, das blutbefleckte Laken und die Schatten – die Schatten. Ich erinnere mich an seinen Bericht, als wäre ich selbst dabei gewesen. »Ihr Lebenslicht flackerte wie die Flamme einer Kerze«, sagte er mit gebrochener Stimme und Tränen in den Augen, noch zehn Jahre später. Drei Tage vor ihrem Tod hatte sie gebeichtet und die Sakramente empfangen. »Es war der traurigste, finsterste Tag meines Lebens«, sagte er.

Die ganze Zeit saß er bei ihr und sprach mit ihr, hielt ihre Hand und trocknete ihre Stirn, aber jedes Gefühl war aus ihren Händen gewichen, und sie nahm ihn nicht mehr wahr. Das ist die Einsamkeit, in die der Tod uns stößt. Im Augenblick ihres Todes war nichts verklärt oder entblößt, sagte er. Sein einziger Wunsch war, ihr folgen zu dürfen. Er wollte nur noch in ihre Arme sinken und wie ein Säugling die bitterkalte Dunkelheit des Todes aus ihrer Brust trinken. Wäre er allein mit ihr gewesen, er wäre den Schatten gefolgt und hätte sich aus dem Fenster in den Hinterhof gestürzt. Aber einer seiner Pariser Freunde, ein Trompeter der königlichen Garde, hielt die Totenwache mit ihm und geleitete sie wenige Tage später zur letzten Ruhe. So hat Amadeo es mir erzählt. Amadeo sagte, er sei nie darüber hinweggekommen – weder über ihren Tod noch über die Vorwürfe, die ihm sein Vater später machte. Er habe nicht genug für sie gesorgt, der Aderlass sei nicht ausreichend gewesen, er habe den Arzt zu spät gerufen, sie einfach im Bett liegen lassen und mit der Schonkost noch Geld sparen wollen. Die ewigen Schelten seines Vaters waren eine harte Prüfung.

Sogar, dass er die Mutter durch seine Geburt in Lebensgefahr gebracht hatte, warf ihm der Vater vor. »Meine Geburt hätte meine Mutter fast das Leben gekostet, schrieb mein Vater wenige Wochen, nachdem sie vor meinen Augen gestorben war. Aber sie sei bereit gewesen, sich für mich, ihr Lieblingskind, zu opfern. Genau wie sie sich opferte, mich auf der Reise von Mannheim nach Paris zu begleiten. Auch das warf er mir vor. Dabei wollte ich überhaupt nicht nach Frankreich! Ich wäre viel lieber mit der Familie Weber verreist, bei der wir in Mannheim wohnten, um deren fröhliche, ungezwungene Gesellschaft zu genießen. Aber Vater verlangte, dass ich nach Paris reiste und zwang Mutter, mich zu begleiten. Und doch trug am Ende ich die Schuld. Ich war immer schuld, von meiner Schuld und Scham wollte Vater mich nie freisprechen ...« Die Verzweiflung wütete wie ein gefangenes Tier in ihm. Er weinte wie das Kind, das er in vielerlei Hinsicht war, Amadeo, Mozart, mein Freund und Bruder.

Schuld und Scham. Ja, sein Vater – alles, was ich über ihn gehört hatte, bestätigte sich, als ich ihm das erste Mal begegnete. Er war ein widerwärtig strenger Geselle, der die Zügel so stramm hielt, dass das Zaumzeug den Mund des Jungen einriss. Sein Leben lang versuchte Amadeo, sich von Schuld und Scham zu befreien, aber jeder Ausbruchsversuch schien zu misslingen. Vergeblich. Vergeblich. Ihm die Schuld am Tod der Mutter zu geben! Wenn ich an die Geburt meiner eigenen Kinder denke ... Ich stand hinter der geschlossenen Tür und hörte, wie meine Frau mit Hilfe der Amme zu einer glücklich erschöpften Mutter wurde, die ihr Kind an die Brust legt. Das kleine Geschöpf, für das sich plötzlich die Welt eröffnet: vom Licht geblendet, verblüfft über die Luft, die in die Lungen strömt und mit einem Schrei wieder ausgestoßen wird, die Hände, die es betasten, als wollten sie ein himmlisches Instrument spielen. Schon in Amadeos ersten Schreien war eine Andeutung von Gesang zu hören, schon sein erster Atemzug barg einen Klang, und schon im Mutterleib forderten seine Glieder mit unbewussten Bewegungen zum Tanz auf.

Ich weiß nicht, warum ich ausgerechnet jetzt darauf komme. Vielleicht weckt der Gedanke an Nancys Tod diese Erinnerungen. Auch mein Leben war nicht frei von Scham, und der Herr weiß, wie viel Schuld ich auf mich geladen habe. Auch bei mir hat sie Narben hinterlassen. Aber sie hat nie mein Leben bestimmt! Amadeo weigerte sich, zu kapitulieren. Immer wieder wappnete er sich mit Stolz und stritt für seine Ehre. Hören Sie nur seine Musik! Dort siegt die Ehre über die Scham, dort besänftigt die Ewigkeit die Schuld. Hätte ich die Scham über mein Leben bestimmen lassen, hätte ich nicht viel erreicht. Die Scham habe ich abgestreift und die Schuld abgegolten. Und doch bin ich fest davon überzeugt: Wenn alles kommt, wie es kommen muss, am Tag der Abrechnung, so wird sich zeigen, dass der Tod nicht über das Leben gesiegt hat. Dann wird meine Nancy wieder an meiner Seite sein, und auch unsere Kinder. Zwei von ihnen wurden vor ihrer Mutter ans jenseitige Ufer gerufen, nachdem wir in unser neues Heimatland gekommen waren. Die Schwindsucht hat sie uns geraubt. Joseph kam von seinen Studien in Philadelphia zurück, bleich und abgemagert, und nach wenigen Wochen verloren wir ihn, gerade zwanzig Jahre alt.

Mein Sohn hinterließ mir unsäglichen Schmerz und herzzerreißende Trauer, bitter, fremd und überwältigend. Außerdem hinterließ er mir Schulden und beträchtliche Arztrechnungen. Und in gewisser Weise könnte man sagen, dass er die Poesie in mein Leben zurückbrachte. Einer meiner Schüler konnte nicht mehr mit ansehen, dass mir jegliche Lebenslust abhanden gekommen war. In einem Versuch mich zu trösten, schenkte er mir ein Werk des jungen Poeten Lord Byron – der, wie ich hörte, auch längst verstorben ist –, nämlich sein großartiges Gedicht The Prophecy of Dante. Möglicherweise rettete dieses Gedicht mein Leben. Es wandelte meine tiefe Trauer in süße Melancholie, und ich beschloss, es zu übersetzen. Ich fuhr mit meiner Familie auf das Landgut eines Freundes am Hudson River, und jeden Morgen nach dem Frühstück mit meinen Kindern suchte ich einen ruhigen Platz, etwa unter einem Pfirsichbaum oder in einem Apfelhain, und übertrug dort Strophe für Strophe das Gedicht, das meinen salzigen Tränen eine milde Süße gab. Für mich war es die erste größere dichterische Arbeit seit vielen Jahren, und mir kam zu Ohren, der junge Poet habe sie selbst gelesen und seine Wertschätzung geäußert. Auch habe er ein längeres Poem über die Gestalt geschrieben, die ich als die Krone meiner Dichtkunst betrachte, Don Giovanni, oder, wie seine Landsleute ihn nennen, Don Juan. Auch dieses Gedicht würde ich gern kennenlernen und in die Sprachtracht meines Heimatlandes kleiden.

So kam es, dass die Dichtung wieder einen wichtigen Platz in meinem Leben einnahm. Mit Hilfe meines jüngsten Sohnes, Charles, brachte ich meine Buchhandlung zum Florieren. Wir führten über tausend Bände italienischer Klassiker und hatten berühmte Kunden, darunter Joseph Bonaparte, Napoleons Bruder und ehemaliger König von Spanien. In meiner Schule und dem zugehörigen Pensionat kamen und gingen Schüler und Bewohner und füllten mein Leben und meine Gedanken. Ich durfte mich Professor für Italienisch an der Columbia University nennen und war somit der erste Träger dieses Titels in der Neuen Welt. Und zu dieser Zeit wurde mir meine Tochter Louisa entrissen. Sie hatte ein Jahr zuvor ihr erstes Kind verloren, ein Mädchen von fünf Monaten, und hinterließ eine achtjährige Tochter namens Matilda, die von ihrem Vater großgezogen wurde.

Matilda. Eine andere Matilda war eines der großen Mysterien meines Lebens. Ich war jung, frisch geweihter Priester in Venedig, träumte von einem Leben als Dichter und war in eine bezaubernde Frau verliebt. Angela vergoldete und verdunkelte meine Tage. Eines Tages saß ich im Caffè dei letterati, als ein Gondoliere auf mich zukam und mir ausrichtete, dass eine Dame am Kanal auf mich warte. Ich dachte natürlich, es sei meine geliebte Angela, die mich immer rief, wenn sich die Gelegenheit zu einer zärtlichen Stunde ergab. Aber in der Gondel erwartete mich eine andere Frau, die junge Tochter eines neapolitanischen Herzogs, der ihr durch seine Heirat eine böse Stiefmutter vor die Nase gesetzt hatte, die nun verlangte, dass sie einen hässlichen alten Mann heiraten sollte. Es war ein Urbild alles Venezianischen: Im Glauben, ich sei ein anderer, werde ich in eine Gondel bestellt, wo eine andere auf mich wartet, als ich erwarte! Wie in einer Verwechslungskomödie saßen wir in der Gondel, zwei junge Schicksale in einer fremden Welt. Als sie die Heirat verweigerte, hatte die Stiefmutter sie in ein Kloster geschickt, aus dem sie nun nach Venedig geflohen war, der einzigen Stadt der Welt, wo sie ungehindert maskiert auftreten konnte. Ein junger Mann – mit dem mich der Gondoliere verwechselt hatte – hatte sich ihrer angenommen, aber er war ein unverbesserlicher Spieler und Zecher und überließ sie bald ihrem Schicksal. Ich möchte gern glauben, dass sie mir nicht nur aus Verzweiflung ihre Schönheit antrug, und nicht nur dies. Ohne zu zögern, bot sie mir eine Handvoll Juwelen und einen Beutel Goldmünzen, die sie heimlich von zu Hause mitgenommen hatte, wenn ich sie zur Frau nähme und beschützte. Ein kurzes Zögern, das Versprechen, ihr am nächsten Morgen meinen Entschluss mitzuteilen, ein Blick in ihre samtweichen Augen, ein flüchtiger Kuss und der Duft ihres Haares – immer noch höre ich das Glucksen des Wassers an der Gondel, als ich wieder an Land stieg und dem schlanken Boot hinterher sah, das wie ein Schatten aus dem Totenreich zwischen den Fassaden davonglitt. Als ich sie am nächsten Morgen aufsuchen und ihr den einfachen Schutz erbieten wollte, den ein Leben an meiner Seite gewähren konnte, hatten die Agenten der Inquisition sie entführt und in ein Kloster gesperrt.

Matilda. Meine Enkelin. Viele Jahre lang erleuchtete sie mein Heim mit ihrer Schönheit, Lebensfreude und ihrem Talent. Im Alter von vierzehn konnte sie den gesamten dritten Gesang unserer geliebten Divina Commedia auswendig. Drei Jahre später war auch sie tot. Nichts ist so schmerzlich wie der Verlust eines Kindes oder eines geliebten Enkels, nichts stellt den Sinn des Lebens mehr in Frage. Die Kinder und Enkel, die ich um mich habe, erhellen meine Tage, während die, die ich verloren habe, ihre Schatten dazwischen werfen. Nicht einmal der sonnigste Sommertag kann diese Schatten vertreiben. Ich fürchte ständig, dass meine Liebsten vor ihrer Zeit ihres Lebens beraubt werden.

Ein Adoptivkind habe ich ins neue Land mitgenommen. Ich habe viel Kraft in seine Erziehung gesteckt und wage daher zu hoffen, dass es trotz seiner schwierigen Kindheit zu einem geachteten Mitbürger heranwachsen wird. Das adoptierte Kind ist die Kunst der Oper und ich fühle mich ihm so nah, dass ich mich kühn als einen seiner leiblichen Väter bezeichne. Gott weiß, dass dieses Kind mir grenzenlose Freude, aber auch tiefen Kummer bereitet hat. Nichtsdestotrotz liebe ich meine Nachkommen mehr als mein eigenes Leben. Als dieses allerliebste meiner Adoptivkinder nach jahrelangem Warten endlich in Amerika ankam, war dies einer der glücklichsten Momente meines Lebens. An jenem Tag, dem sechsten November 1825, als Manuel Vicente García an Land stieg, hatte seine Kompanie bereits ganz Europa erobert. Nun fehlte bloß noch die Neue Welt. Ich sehe sein Gesicht bei unserem ersten Treffen vor mir, als wäre es gestern. Er begann sofort mit den Proben im damals einzig echten Theater New Yorks, dem Park Theatre. Unter den mitgebrachten Sängern waren sein Sohn, der ebenfalls Manuel hieß, und die wunderbare Maria, seine junge Tochter, deren Stimme frei wie eine Lerche durch den Laubwald der Partituren flog. Das einfache Orchester, das sie zusammengetrommelt hatten – noch immer gab es nur einen brauchbaren Oboisten auf unserem Kontinent, und dieser war in New Orleans gestrandet –, stimmte gerade die Instrumente und versuchte, ihren Klang zu einem reifen Ganzen zu vereinen, als ich ankam und mich dem Maestro vorstellte. Wie sein Gesicht zu strahlen begann! Er schloss mich in die Arme und führte mich tanzend durch den Raum, während er Don Giovannis Champagnerarie Fin ch’han dal vino sang. Meine Worte, Amadeos Töne und Garcías brillante Stimme. So wurden wir Freunde.

Ich setzte sofort alle Hebel in Bewegung, damit der erste große Coup der Opernkunst in unserem wilden Kontinent mit Erfolg gesegnet sei. Alle Freunde, die ich im Lauf der Jahre gewonnen hatte – gebildete, einflussreiche Leute, die jedoch keinerlei Kenntnis der italienischen Oper besaßen –, versuchte ich auf die Schnelle in den Grundlagen der Oper zu unterrichten. Ich brachte ihnen den Unterschied zwischen einer Arie und einem Rezitativ bei und zeigte ihnen, wie Dichtung und Musik in ihrer szenischen Vereinigung auf der Bühne eine ganze Welt erschufen, die Zeit anhielten oder in einem Taktwechsel ganze Jahrhunderte übersprangen. Ich versuchte, ihnen die Angst vor der fremden Sprache zu nehmen, indem ich ihnen versicherte, dass die Pracht meiner Muttersprache die einfache ebenso wie die komplizierte Melodie veredelt und mit ihr zu einer Legierung aus Mitgefühl und Liebe verschmilzt. Eine Klatschkolumnistin legte ihnen nahe, wie sie sich kleiden und benehmen sollten, um den Ansprüchen eines Opernabends gerecht zu werden – passenderweise unter dem Pseudonym Aschenputtel. Sie betonte, dass es in der europäischen Oper obligatorisch sei, die eleganteste Festkleidung zu tragen. Wer als Dame auffallen wolle, solle besonderen Wert auf hochgestecktes Haar und Dekolletéschmuck legen. Von Federschmuck und breiten Musselinkragen solle man jedoch Abstand nehmen, und die Männer sollten allzu grell gemusterte Krawatten und Hüte meiden.

Als ich dann, nur elf Tage, nachdem García und seine Kompanie in Manhattan an Land gestiegen waren, in der ersten Vorstellung von Rossinis Barbier von Sevilla saß – die mir von allen Opern, deren Libretto nicht aus meiner Feder stammt, die liebste ist –, war es, als wären die Bildung, die gute Erziehung und die Moral der Alten Welt endlich auch in der Neuen angekommen. Die angesehensten Familien New Yorks waren anwesend, sogar der Bruder des Kaisers. Mein Freund, der Dichter Fitz-Greene Halleck, stellte mich dem Schriftsteller James Fenimore Cooper vor. Halleck war Mitglied des sogenannten Ugly Club, der sich der Verbreitung aller möglicher Unschönheit verschrieben hatte, selbst jedoch ein gut aussehender junger Mann mit einem ausgeprägten Gespür für die edlen Werte seiner Sprache. Die Damen trugen die bezauberndsten Kreationen, zurückhaltend und aufreizend zugleich in ihrer Eleganz. Aber nichts von alledem, keiner der von aller Munde geflüsterten Namen, keine weibliche Haarpracht, kein seidengeschmücktes Dekolleté, keiner der reichen, mächtigen Männer, die wie Fürsten durch die Menge schritten, konnte sich mit dem Augenblick der plötzlich eintretenden Stille messen, mit der Spannung, als die Musiker ihre Instrumente stimmten und der Maestro die ersten Takte der Ouvertüre schlug. García dirigierte selbst, wenn er nicht in der Titelrolle auf der Bühne stand. Diese Freiheit, diese Seligkeit, diese Anteilnahme an allem Lebendigen! Mir stiegen Tränen in die Augen, und durch diesen Schleier sah ich sie auftreten: Figaro und Rosina, Graf Almaviva und Doktor Bartolo. Liebe, alte Freunde, die ich für immer verloren geglaubt hatte, standen wieder vor mir und hießen mich, nur mich, aufs Neue willkommen in ihrem Kreis.

Musik. Dieser Atemspender des Lebens, wie natürlich sie dem Schlag des Herzens folgt, wie sie in uns den wahren Menschen erkennt. Dass ich das noch einmal erleben durfte, gab meinem Leben wieder Sinn. Die Rückkehr der Musik vergoldete im Nachhinein die langen Tage des Wartens in meiner Buchhandlung, in die sich nur wenige Kunden verirrten. Auch die folgenden Monate hielt sie mich am Leben, auch wenn der Reiz des Neuen langsam verschwand und das Interesse der Öffentlichkeit Woche für Woche schwächer wurde. Schon die Premiere des Barbiers rief die eine oder andere entsetzte Reaktion hervor. Unser höchster Richter, Kanzler Kent, verließ schimpfend das Theater. Die italienische Oper sei eine Verunglimpfung der menschlichen Natur. Verunglimpfung! Dabei zeigt sie uns bald, wie wir sind, und bald, wie wir sein sollten – das ist das Wesen der Dichtung, und von ihr sollte der Mensch lernen. Neun Monate, ebenso lang wie ein Kind den Schutz des Mutterleibes braucht, um ein lebenstauglicher Mensch zu werden, blieb García mit seiner Kompanie bei uns. Da ich mit Hilfe meiner Freunde und Studenten genügend Mittel gesammelt hatte, um Don Ottavios Rolle mit einem guten Sänger zu besetzen, wurde endlich der größte Wunsch meiner alten Tage erfüllt: Don Giovanni auf einer amerikanischen Bühne zu erleben, gesungen in den italienischen Versen, die ich vor vielen Jahren in Wien drucken ließ – unter den gleichen Mühen und Wehen, aber auch mit dem gleichen Glücksgefühl, das eine Mutter bei der Geburt ihres Kindes verspürt. Ich saß im Saal wie ein Mann, der gerade erwacht und sich in einem seiner schönsten Träume wiederfindet.

Und dann reisten sie ab, García und seine Freunde. Die Abende zu Beginn ihres Engagements, die bis zu zweitausend Dollar einbrachten, waren längst vorbei. Nun konnte es sein, dass man nach einer spärlich besuchten Vorstellung mit fünfundzwanzig Dollar dastand. Also zogen sie weiter nach Mexiko, mit Kostümen und Bühnendekoration, Sängern und Musikern, um dort ihr Glück zu versuchen. Das verlangt das Theater von seinen Dienern: ein Leben in ständiger Rastlosigkeit, immer unterwegs. Wie ich hörte, habe ich auch García überlebt. Offenbar hatte er Erfolg in Mexiko, aber nach der Rückkehr nach Europa verlor er sein gesamtes Vermögen. Wie, weiß ich nicht. In seiner Not nahm er Gesangsschüler an, und seine Kinder arbeiteten als Bühnenhelfer. Nun ist auch García tot. Und ich war, nachdem er New York verlassen hatte, wieder allein mit meiner Sehnsucht nach Musik.

In dieser Lage fielen mir mein Halbbruder Agostino und seine Tochter Giulia ein, von der ich gehört hatte, ihre Stimme könne sich mit den besten des Fachs messen. Sie studierte bei meinem Freund Antonio Baglioni, dem ersten Don Ottavio, der je auf einer Bühne stand – vor langer Zeit, als Amadeo und ich in Prag letzte Hand an das Werk legten. Ich sah mich in der Schuld meines Bruders, weil er für einen mir sehr nahestehenden kleinen Jungen gesorgt hatte, der stets in meinen Gedanken war und schwer auf meinem Gewissen lastete. Deshalb wollte ich etwas für ihn tun, besser gesagt für sein Kind Giulia. Monatelang, ja fast ein ganzes Jahr, versuchte ich sie zum Antritt einer Reise nach Amerika zu bewegen. Ich schickte meinem Halbbruder Geld für die Überfahrt und bot ihnen an, so viele Begleiter mitzunehmen, wie sie für nötig hielten. Ich schickte ihm auch Mittel, um Seidenraupen, Weinstöcke und Bücher über die Herstellung von Wein mitzubringen, die Grundlagen für Produkte, die meiner Überzeugung nach eine strahlende Zukunft auf dem amerikanischen Markt hatten. Ich verbreitete Gerüchte über ihre baldige Ankunft und mietete sogar das Bowery Theatre für ihren ersten Auftritt. Es sollte an jenem Abend leer bleiben, weil es meinem Halbbruder und seinem Singvogel nicht behagte, zur vereinbarten Zeit anzulanden.

Als ihr Schiff – mehr als ein halbes Jahr später! – im Hafen anlief, hatte dieser Traum mich bereits so viel gekostet, dass ich erneut vor dem Ruin stand. Sie waren wie Fürsten über den Atlantik gereist, nicht unter den bescheidenen Verhältnissen, die ich vor Jahrzehnten erlebt hatte, und überreichten mir gleich am Kai eine Rechnung, die mir die Luft abschnürte. All dies hätte ich vielleicht ertragen, wenn es die Rückkehr der Musik in mein Leben bedeutet hätte, aber jegliche Hoffnung zerfiel zu Staub, sobald Giulia den Mund aufmachte und zu singen begann. Sie hatte eine schöne Stimme, aber viel zu schwach, um einen größeren Konzertsaal zu füllen, und darüber hinaus fehlte ihr jegliches Bühnentalent. Sie war ein unbedeutender Spatz auf einer Parkbank, keine Nachtigall, deren Gesang eine ganze Landschaft erfüllte. Für einen Wanderer, der sich kurz auf der Bank ausruht, mag der Spatz eine erbauliche Gesellschaft sein, aber sein Gesang ist kein Balsam fürs Herz wie der Gesang der echten Singvögel. Sie wohnten eine paar Monate bei uns, die in meiner Erinnerung wie Jahre scheinen, und verursachten große Kosten. Alle Meinungsverschiedenheiten zwischen mir und meinem Halbbruder kamen wieder an den Tag, und als sich Giulia von einem Handelsmann aus Triest verführen ließ und ihn hastig heiratete, fuhren sie zurück in die Alte Welt, ohne Lebewohl zu sagen. Meine Träume, wieder in der Musik zu leben, sah ich verwelken und sich wie Blumen im Herbst zum Schutz gegen das Schweigen des Winters schließen.

Wie lautete noch gleich die Frage? Wie man seinem Tod entgegentritt, dem Verfall des eigenen Körpers und dem großen Schweigen, das Vergänglichkeit über die Welt deckt. Mit Trotz, denke ich. Mit zäher Unverdrossenheit. Man sollte ihm auf dieselbe Weise entgegentreten wie dem Leben. Man wird aus dem Schoß der Mutter gedrängt, und plötzlich ist die Welt da, ein großes Geschenk, das es zu erforschen, erobern und beschützen gilt. Aber wer erinnert sich schon an seine Geburt? Ebenso wird es uns mit dem Augenblick des Todes ergehen. Vielleicht ist die Geburt wie Musik, wenn sie am mächtigsten ist, wenn sie uns ergreift und alle Sinne erfüllt. Noch während wir schreiend den Verlust des warmen Paradieses im Mutterleib beklagen, erfüllt uns bereits brennende Neugier auf die phantastische neue Welt, die uns empfängt. Ich erinnere mich an die Blicke meiner neugeborenen Kinder, wenn sie an der Brust ihrer Mutter lagen. Sie blinzelten geblendet und kniffen die Augen zu, als sei diese Welt aus Licht und Farben, beweglichen Formen und lebendigen Gestalten zu viel für einen Augenblick. Sie sahen mich wie einen Fremden an, den man wiederzuerkennen glaubt, wie einen engen Freund aus einem anderen Leben, unbekannt und zugleich eigenartig vertraut.

Manchmal denke ich an Giacomos Flucht aus dem Gefängnis, in dem er sechzehn Monate saß, fast doppelt so lang, wie ein Kind im Mutterleib. Sie hatten ihn wegen Unzucht, Betrugs, Glücksspiels und Spielschulden eingesperrt, aber vor allem wegen Gotteslästerung und schwarzer Magie. Mein Freund Giacomo Casanova, Venezianer wie ich, geweihter Priester wie ich und ebenso lebenshungrig. Man hatte ihn als Mann ohne Tugenden eingesperrt. Und in der Tat hat er sich selbst den meisten seiner Tugenden beraubt, indem er sein Leben lang Bestätigung, Befriedigung, Genuss und die Macht über den Augenblick gesucht hat. Auf der Jagd nach diesen Dingen verlor er alle Tugenden außer einer: die Lebenslust. Auch für mich war diese Tugend stets die wichtigste.

In einem Loch ohne Tageslicht, so niedrig, dass er nicht aufrecht stehen konnte, eng und unerträglich heiß, wenn tags die Sonne auf das Bleidach brannte, sollte er Verbrechen sühnen, von denen er nichts wusste. Sein Verbrechen war, dass er gelebt hatte, so intensiv wie möglich, skrupellos und ohne Scham. Monatelang hatte er an einem Fluchtweg aus dem Gefängnis gearbeitet und war fast fertig mit den Vorbereitungen, als er plötzlich in eine andere Zelle verlegt wurde. Er brachte einen wohlwollenden Wärter dazu, ihm Bücher zu besorgen und geheime Nachrichten an den Gefangenen in der Zelle über ihm weiterzuleiten, einen Mönch adeliger Herkunft, dessen Charakter von Dummheit, Undankbarkeit und Eitelkeit geprägt war, wie er bald herausfand. Nichtsdestotrotz war er auf die Hilfe des Mönches angewiesen, um zu fliehen, und es gelang ihm irgendwie, dass dieser alle in den Briefen geschmuggelten Instruktionen ausführte. Die Monate des Ausharrens in der Flaute, die Kälte der Nacht und die Hitze des Tages, während draußen das Leben weiterging. Eines Nachts bebte seine Zelle, die Deckenbalken senkten sich, Putz rieselte herab – es waren die Ausläufer jenes Erdbebens, das zur selben Stunde Hunderte von Meilen entfernt Lissabon zerstörte. Bald darauf, in einer sternenklaren Nacht, gelang es ihnen, einen Durchschlupf zu öffnen. Endlich, Ausbruch, Flucht, Wiedergeburt! Mit einem Seil aus zerrissenen Laken und Kleidern wie eine Nabelschnur um den Bauch gebunden, zwängte sich Giacomo aus den Bleikammern des Dogen, hinaus unter den Sternenhimmel. Er muss sich gefühlt haben wie Vergil und Dante, als sie der Hölle entstiegen und unter einem klaren Sternenhimmel am Fuß des Läuterungsberges standen. Ermattet lag er auf dem von der Feuchtigkeit der Lagune rutschigen Bleidach und sah hinauf ins endlose Universum. Mein Gott! Heiliger, allmächtiger Gott, so ist das Leben, und so sollte auch der Tod sein! Geburt und Wiedergeburt. In die Freiheit hinaus, wo Versöhnung und Zuversicht möglich sind, wo das Dasein in unseren Händen liegt. Dieses Gefühl habe ich mein Leben lang gesucht. Die Liebe hat es mir gegeben und die Musik hat es mir wiedererschaffen.

Giacomo. Ich sehe ihn, wie er dort auf dem Dach liegt, verschwitzt, keuchend, auf dem Rücken. Was er in diesem Moment gefühlt haben muss, hat mir die Musik beschrieben. Es heißt, Giacomo sei vor Erschöpfung dort eingeschlafen, wie ein Kind, dessen glückliche Träume freies Spiel mit seinen Sinnen haben. Als er schließlich wach wird, weiß er zuerst nicht, wo er sich befindet, bis ihm bewusst wird, dass er entkommen ist und unter freiem Himmel liegt. So stelle ich mir den Tod vor, so stelle ich mir die Geburt vor. Dort liegt er, Giacomo, den Sternen so nah, dass er sie fast greifen kann, und über ihm wölbt sich das Universum. Doch erst einmal muss er vom Dach herunterkommen, über Wände, die steil in gepflasterte Höfe und schlammige Kanäle abfallen. Aber in diesem Moment zählt nichts als die Freiheit, der Himmel und die Stille. Glück – welch ein Gefühl, welche Möglichkeiten.

3.

Viele Jahre lang fristete ich in der neuen Heimat meine Tage ohne die Bereicherung der Musik. Obgleich ich nicht ganz auf die allumfassende Kraft der Musik verzichten musste. Wie bereits berichtet, habe ich sie in der Dichtung wiedergefunden, und auch die Natur hat mich zeitweilig wie eine Mutter in ihren Armen gewiegt und mit der ozeanischen Fülle ihres Reichtums überschüttet. Vor meiner zweiten Periode in New York lebte ich mit meiner Familie fast ein Jahrzehnt in einer pastoralen Idylle am Susquehanna River. Der Ort lag zehn Meilen westlich von Philadelphia und hieß Sunbury. Auch wenn die Macht der Musik, die uns die Kultur gegeben hat, sich hier auf bescheidene Ansätze in Form von Kirchenliedern, Volksweisen und Tänzen beschränkt, so ist die Natur umso überwältigender. Ich wünschte, ich könnte von mir sagen, dass ich ein mutiger Mensch bin, der sein Glück aus seelischer Stärke und Eroberungsdrang schöpft. Dem ist nicht so. Nicht der Mut hat mich um den halben Globus getrieben, sondern Rastlosigkeit und eine unselige Neugier, verstärkt durch Missgeschicke und Zwänge. Aber keiner, der Sunbury gesehen hat, würde sagen, dass mich dies hier zum Verlierer gemacht hat. Auf einem von Farnen, Büschen und Bäumen gesäumten Weg näherte man sich unserem neuen Domizil am Fuß der Berge, die fast so mächtig wie die Alpen erschienen, die ich bei meinen Reisen und Fluchten durch die Alte Welt unzählige Male überquert hatte. Durch Wälder aus Lorbeerbäumen, deren Blütenpracht im Sommer jeden botanischen Garten übertrafen, vorbei an rauschenden Bächen, klaren Wasserfällen, sanften Hügeln und steilen Klippen, Marmorfelsen und grünen Hainen, kam man durch zwei tiefe Täler zu dem Ort, der viele Jahre unser Heim war. Forellen glitzerten im klaren Wasser des breiten Flusses, und in den Wäldern lebten nicht nur Hirsche, Rebhühner, Fasanen und anderes Wild, sondern auch Wölfe, Bären und Klapperschlangen – um uns zu mahnen, dass auch der schönste Lustgarten tödliche Gefahren bergen kann.

Die Familie meiner Frau lebte dasselbe Nomadenleben, zu dem das Schicksal mich schon in jungen Jahren gezwungen hatte, aber obwohl sie über die ganze Welt zerstreut waren, gab es unter ihnen einen Zusammenhalt, der uns schon manches Mal aus den Schwierigkeiten gerettet hatte, in die uns meine Impulsivität und nicht immer wohl überlegten Geschäftsideen gebracht hatten, wie ich zugeben muss. In Sunbury jedoch hatten einige ihrer engsten Verwandten ein festes Heim eingerichtet. Hier wohnten mein Schwiegervater John Grahl, mein Schwager Peter und meine Schwägerin Louisa. Louisas Mann, der Arzt Charles Niccolini, hatte uns mit den Zukunftsaussichten dieses ländlichen Idylls aus der wachsenden Großstadt herausgelockt. Abgesehen davon, dass mein Auskommen in New York immer schwieriger wurde, schien der Umzug einen Traum zu erfüllen, den ich lange gehegt hatte. Nachdem ich mein ganzes Leben in den größten Städten der Welt verbracht hatte und mir die Pforten meines Heimatlandes verschlossen waren, wollte ich meinen Lebensabend gern an einem ruhigen Ort auf dem Lande verbringen. Also beschloss ich, meine Tage in dem schönen Flusstal zu beenden und schließlich im Dunkel des Grabes mit seiner fruchtbaren Erde eins zu werden. Es kam anders, aber unseren Träumen können wir keine Vorwürfe machen, wenn sie nicht in Erfüllung gehen.

Unser Aufenthalt in Sunbury war viele Jahre lang glücklich. Ich hatte mehrere Tausend Dollar für unser altes Heim bekommen, und für den Anfang mietete ich uns eine kleinere Hütte am Flussufer. Den Rest investierte ich in verschiedene Handelswaren, auf Anraten meines Schwagers vor allem Medikamente, die er über seine Arztpraxis verkaufen konnte. Dummerweise mangelte es trotz regen Handels in der Gegend an flüssigen Mitteln. Mein Schwager schlug vor, ich solle den Leuten Kredit geben, und prompt begann der Verkauf zu florieren. Aber während sich die Regale leerten, blieb die Kasse leer, und am Ende hatte ich weder Waren noch die nötigen Mittel, neue zu kaufen. Stattdessen hockte ich auf einem Bündel Schuldbriefe, die ich erfolglos in Philadelphia zu veräußern versuchte. Wer wollte in dieser Stadt, die lange die größte unseres Kontinents war, schon unsichere Forderungen auf dem Land übernehmen? Hätte ich selbst das getan? Auf diese Frage kann ich keine ehrliche Antwort geben. Berechnung und Misstrauen haben nie meine Entscheidungen bestimmt, sondern Neugier und bisweilen auch Eitelkeit und Gutgläubigkeit, wie ich gestehe. Meine lange Lebenserfahrung hätte mir sagen sollen, dass auf meine Mitmenschen kein Verlass war, aber wenn das Leben je versucht hat, mir derartiges beizubringen, habe ich wohl nicht zugehört.

Nichts wünschen wir Menschen mehr, als geliebt zu werden, und all unser Streben ist auf die Erfüllung dieses Wunsches ausgerichtet. Deshalb habe ich, obwohl mir immer wieder das Gegenteil bewiesen wurde, stets an das Beste im Menschen geglaubt. Meine Kindheit ließ nicht viel Raum für Liebe und Fürsorge; vielleicht wollte ich diesen Mangel mein Leben lang ausgleichen und zum Besseren wenden. Nein, was wir für unsere Zeit auf Erden am meisten wünschen, ist Liebe. Wir wollen geliebt werden, und wer der Welt mit Misstrauen und Berechnung begegnet, hat die Aussicht auf Liebe bereits verwirkt. Und wer die Hoffnung aufgegeben hat, geliebt zu werden, gibt sich mit wesentlich ärmlicheren Bestätigungen zufrieden: mit dem Respekt, den eine hohe gesellschaftliche Stellung oder eine Uniform gibt, mit der Furcht, die auf Herrschsucht und Grobheit beruht, der Verachtung, die auf Verfall und Verarmung folgt. Wenn Gutgläubigkeit der Preis ist, den man zahlt, um den Glauben an die Liebe aufrecht zu erhalten, dann ist er nicht zu hoch. Wer die Fähigkeit zu lieben und geliebt zu werden aufgibt, riskiert, sich selbst zu verpfänden, und diese Schuld ist am schwersten abzubezahlen und raubt einem jede Würde.

Amadeo sprach oft von seinem unendlichen Bedürfnis nach Liebe und dem brennenden Verlangen nach Liebesbeweisen in seiner Kindheit. Manchmal warf er sich wildfremden Menschen um den Hals und fragte sie verzweifelt, ob sie ihn liebten. Wenn sie einen Moment zögerten, brach er in untröstliches Weinen aus und fühlte sich von der ganzen Welt verstoßen. Ein einziges Wort seiner Eltern stürzte ihn in tiefste Verzweiflung, wenn er es als abweisend verstand. Als er mit fünf Jahren vor dem Habsburgischen Hof spielte, sprang er auf den Schoß der Kaiserin, bedeckte sie mit Küssen und verlangte die zärtlichsten Liebesbezeugungen von ihr. Zu Marie Antoinette sagte er, dass er sie heiraten wolle, sobald er groß genug sei. Er war hingefallen und hatte sich wehgetan, aber sie hatte ihm zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Ein kleiner Junge, kaum der Mutterbrust entwöhnt, auf Freiersfüßen! Er verriet mir, dass es ihm schier unerträglich war, nicht den Ansprüchen seines Vaters – oder seinen eigenen – zu genügen. Das Klavierspiel brachte er sich selbst bei, indem er zusah, wie sein Vater die ältere Schwester unterrichtete. Ich glaube nicht, dass er dies aus Neid tat, Amadeo war nie neidisch oder knauserig. Er gab viel und nahm viel. Ich glaube, dass er vor allem dabei sein wollte, nicht einsam. Er wollte dazugehören, und die Musik machte dies möglich. Sie erlaubt es einem, in Gesellschaft anderer man selbst zu sein. Sie nimmt uns nichts weg, um es anderen zu geben, sondern ist für alle da. Diese Eigenschaft teilt sie mit der Liebe.

In Den Haag, nach einer langen Tournee durch fast alle Königshäuser und Metropolen Europas, auf die Vater Leopold seine Kinder geschickt hatte, war Amadeos Schwester dem Tode nah. Marianne, das geliebte Nannerl, von der Amadeo so oft sprach. Soviel ich weiß, besuchte sie ihn nie in Wien. Sie hatten ihre gesamte Kindheit zusammen verbracht, zwei gottbegnadete Kinder, deren Leben einzig aus Musik bestand, berühmt in ganz Europa und einander ebenbürtig. Sie war die Ältere und musste stets Rücksicht auf ihren Bruder nehmen; das kleine Genie, das schon im Alter von fünf seine Schwester an Talent und Schöpferkraft überflügelte. Dennoch war er abhängig von ihr, denn sie war Spielkamerad, Vorbild und Vermittlerin zwischen der Welt der Kinder und Erwachsenen. Nach der italienischen Reise jedoch, die sein Vater mit Amadeo unternahm, blieb es ihr Los, zu Hause zu bleiben. Sie heiratete einen älteren Witwer, Amadeo zufolge ein verhärmter, freudloser Mensch. Ich weiß nicht einmal, ob sie noch lebt. Man hat mir gesagt, sie sei als Witwe nach Salzburg zurückgekehrt, mehr weiß ich nicht.

In Den Haag also war sie an einer hartnäckigen Erkältung erkrankt. Die Familie war gerade an allen Höfen Bayerns und des Rheinlandes aufgetreten, vor französischen und englischen königlichen Hoheiten und nicht zuletzt auch in bürgerlichen Konzertsälen. In London nannte man Amadeo das größte Wunderkind aller Zeiten. Nachdem er mit verbundenen Augen Klavier- und Violinsonaten gespielt hatte, wurde er an eine Orgel gesetzt, wo er improvisierte, bis er auf der Orgelbank einschlief. Mehr als drei Jahre dauerte diese Reise, aber in Den Haag war sie vorbei. Nannerl war von Fieber und Schüttelfrost geplagt, ihr Hals war geschwollen, und obwohl die von ihren Eltern herbeigerufenen Ärzte sie zur Ader ließen, ihr Brust und Rücken mit Ölen und Kräuterextrakten einrieben und ihr Mineralpulver in einem Sud aus Wurzeln und Heilpflanzen zu trinken gaben, wollte die Krankheit nicht weichen. Der Priester, der ihr das Abendmahl verabreichte, war so besorgt über ihren Zustand, dass er darauf bestand, ihr auch die letzte Ölung zu geben. Er mischte den Fieberschweiß auf ihrer Stirn mit geweihtem Öl.

Ich sehe sie an der Krankenstatt stehen, die Mutter neben dem Bett mit einem Tuch für die feuchte Stirn ihrer Tochter, der Vater rastlos auf und ab schreitend, und dazu pausenlos Amadeos Klavierspiel im Nebenzimmer. Der Junge hat den Ernst der Lage verstanden, und die Akkorde und Melodien, die er den Tasten entlockt, haben einen neuen Klang. Nicht düster und beklemmend, nicht resignativ, sondern melancholisch, tröstend. Ich kann sie hier in meinem engen Zimmer hören, sehe sie über die Buchrücken in den Regalen huschen, ich fühle sie auf der Haut, wie den Tropfen eines milden Sommerregens. Was der Mensch nicht zu denken oder auszusprechen wagt, hat die Musik längst verstanden. Alle Sprachen, die das Mädchen auf ihrer langen Reise gehört hat, vermischen sich in ihren verwirrten Sinnen und kommen im Fieberwahn aus ihr heraus, wie ein bunt gemischtes Kartenspiel. Französische Worte klingen, als wären es deutsche, englische Phrasen ähneln italienische Arien. Trotz aller Sorge und Todesnähe müssen ihre Eltern über diesen sprachlichen Mischmasch lachen, und plötzlich verstummt das Klavier nebenan und ihr kleiner Sohn steht in der Tür. »Ist Nannerl wieder gesund?«, fragt er. »Wann können wir spielen?«

Wenige Tage später, als das Mädchen zu genesen begann, lag ihr kleiner Bruder mit bleichem Gesicht und glasigen Augen im Bett und hustete. Der jüngste Spross der Familie, dessen Begabung sie ihre Stellung verdankten, von der sie nie zu träumen gewagt hatten, lag todkrank in einem Gästezimmer in Den Haag. Sein Tod – abgesehen von der Verzweiflung, die jedes verlorene Kinderleben bedeutet – würde sie diesem Traumreigen an den Höfen und Konzertsälen entreißen und in ihr altes, bürgerliches Leben nach Salzburg zurückzwingen. Jeder Atemzug des Jungen im Krankenbett hielt den Traum am Leben, aber jedes Stolpern im Herzrhythmus und jedes Auflodern des Fiebers konnte bedeuten, dass die immer kürzere Pendelbewegung des Atems ganz stehen blieb. Amadeo erzählte mir, dass er eine Woche lang stumm dalag, nachdem das Fieber seinen Griff gelockert hatte, als hätte der Tod ihm ein Geheimnis anvertraut, das er nicht verraten durfte.

Als schließlich beide Geschwister wieder gesund waren, erfand Amadeo – oder Wolferl, wie ihn seine Eltern nannten – ein Spiel für sich und seine Schwester, in dem die Möbel des Gästezimmers, Passanten vor dem Fenster, Wasserfuhrwerke, Nachtwächter und Straßenhändler, kurz gesagt alle und alles in ihrer Umgebung, Rollen spielten, deren Sinn und Zweck nur er verstand. In diesem Spiel war Amadeo, das genesene Wunderkind, König in seinem eigenen Reich. Nannerl war seine engste Vertraute in dieser Kindermonarchie. Er beauftragte einen der Dienstboten, eine riesige Karte des Reiches nach seinen Instruktionen zu zeichnen und die Namen aller Städte und Dörfer, Flüsse und Seen sowie Ebenen und Berge einzutragen. Es war der Entwurf eines Kinderreiches, ein Zufluchtsort jenseits aller Pflichten und Ansprüche, ein Ort, wo die Macht den Träumern gehört.

Ich frage mich, wie sehr diese Flucht in eine andere Welt dazu beigetragen hat, dass Amadeo schon als kleiner Junge zu komponieren begann – dies und der Wunsch, seinen Vater mit immer neuen Leistungen zu erfreuen. Leopold Mozart. Ich traf ihn ein paar Mal. Er war ein kleiner, introvertierter Mann mit einer blassen Aura der Verbitterung. Die ersten Kompositionsversuche seines Sohnes tat er als Kleckserei ab. Aber ein befreundeter Musiker, der gerade zu Besuch war, nahm sich das Notenblatt vor und erkannte die Stimmen, Verzierungen und Variationen hinter den Tintenklecksen. Die Noten waren nicht einfach nur verwoben und spielbar, das Resultat war auch noch schön und originell. Der Vater sagte seinem Sohn, dem Vieroder Fünfjährigen mit den klaren, blauen Augen und den sonnig runden Wangen, dass diese Komposition zu schwierig sei. Es seien zu viele Noten, die niemand spielen könne. Da antwortete Amadeo: »Das ist ein Konzert, Papa. Man muss üben, um es spielen zu können.« Man muss üben! Welch eine Antwort an alle Zweifler. Man muss üben!

Mir wurde die große Ehre und Freude zuteil, Amadeos geträumtes Kinderreich zu betreten. Ich habe die Welt mit den unschuldigen Augen des kindlichen Monarchen betrachtet. Auf meinen Geschäftsreisen zwischen Sunbury und Philadelphia stellte ich mir die weiten Buchenwälder, die rauschenden Bäche, die steilen Felsen und tiefen Täler als meine Landschaft vor, als mein Reich, das ich erobern und beherrschen konnte. Die Waren, mit denen meine Kunden ihre Schulden abgegolten hatten – Jagdbeute, Naturalien und kleinere Handwerksprodukte –, verkaufte ich in Philadelphia. Für das Geld, das ich dafür bekam, erstand ich Essenzen und Medikamente, Blutholzbäume und Mandeln, Würste und Trockenfrüchte. Von meinen Kunden und Nachbarn kaufte ich Pelze und Häute, Bienenwachs und Getreide, die ich in der großen Stadt weiterverkaufte, wo unser stolzer Bundesstaat ans Meer grenzt. Von dort wiederum kehrte ich mit Nägeln, Öl, Baumwollstoffen und Schuhen zurück. Und nicht zuletzt behielt ich das beste Getreide, um daraus einen Schnaps zu destillieren, der sich mit dem hervorragendsten französischen Branntwein messen konnte, wie viele meinten. Nicht mehr der Jüngste mit meinen fast siebzig Jahren, arbeitete ich tagsüber und verbrachte die Abende mit gemütlichen Mahlzeiten, inspirierenden Gesprächen oder Tanzveranstaltungen auf kleinen Volksfesten. Der Ausbruch des Krieges gegen England wirkte sich positiv auf meine Geschäfte aus. Die Preise stiegen, und ich musste für mein expandierendes Unternehmen einen Lagerraum am Marktplatz mieten. Es war ein gutes Leben, und da mir diese Art von Geschäften durchaus vertraut war und meine Erwartungen bei Weitem übertroffen wurden – was mich innerhalb kurzer Zeit zum zweitgrößten Steuerzahler der Gemeinde machte – konnte ich uns nach einigen Jahren ein prachtvolles Backsteinhaus an der westlichen Ecke des Marktplatzes bauen lassen, mit seinen drei Stockwerken ohnegleichen in der Gegend.

Aber selbst in diesem ländlichen Idyll, das ohne Weiteres das Reich eines gutgläubigen Kindes hätte sein können, trat bald die harte Wirklichkeit auf die Bühne, diesmal in Gestalt von Neid und Wucher, verkleidet mit dem schmutzigen Mantel schnöder Gewinnsucht. Der Mann, von dem ich mein Lager mietete, war ein grobschlächtiger Kerl namens Thomas Robins, ein unverbesserlicher Trinker und Intrigant, getrieben vom Spielteufel und Gott weiß welch anderen bösen Geistern. Er war so tief gesunken und verhärtet, dass er fast jedes Wochenende in Schwierigkeiten geriet. Immer wieder musste er Bußgelder bezahlen. Sie nannten ihn Tom mit den hundert Beinen, als wäre er ein alter Indianer, den die Wilden vergessen hatten, als sie in die Gründe weiterzogen, wo sie heute zu Hause sind, wo immer das ist. Ich will mir gar nicht ausmalen, was gegenüber in seinem Haus vorging. Dabei will ich nicht leugnen, dass ich in der Alten Welt unzählige Orte des Lasters gesehen und mich sogar dort aufgehalten habe. Nach vielen Jahren in Ländern, die von gewissenlosen Monarchen und Aristokraten regiert werden, nährte ich die Hoffnung, dass das Freiheitsideal der Neuen Welt und der Geist der Pioniere mit dieser Abart menschlichen Benehmens reinen Tisch machen würde. Aber macht die Freiheit den Menschen automatisch gut? Ich fürchte nein.

Meine Schwierigkeiten nahmen ihren Anfang während einer weiteren Geschäftsreise zwischen Sunbury und Philadelphia. Eine Radachse brach und die Pferde gingen vor Schreck durch. Ich wurde aus der Kutsche geschleudert und brach mir das Schlüsselbein sowie ein paar Rippen. Es dauerte drei Monate, bis ich mich von allen Verletzungen erholt hatte. Mein Arzt in Philadelphia, Doktor Philip Physick, der einen guten Ruf genoss, verordnete mir außerdem eine strenge Diät, die meiner Laune keineswegs zuträglich war: zwei Kartoffeln und vier Austern am Tag. Der Gehilfe, den ich angestellt hatte, um meine Geschäfte fortzuführen, kündigte ohne Vorwarnung und ritt auf einem der besten Pferde, die man vor Ort kaufen konnte, nach Westen. Ich hätte gleich wissen müssen, dass er nicht nur eine freie Stellung zurückließ, sondern auch eine leere Kasse. Auch der Schuft, den ich anheuerte, um in Philadelphia während meiner Abwesenheit meine Interessen zu vertreten, betrog mich um so große Anteile des Verdienstes, dass ein Großteil meines Kapitals verloren ging. Darüber hinaus beschaffte er mir ein lahmes Pferd und eine unbrauchbare Kutsche, bevor auch er verschwand und nur Schuldbriefe und leere Regale zurückließ.

Wenige Monate nachdem ich mich von meinem ersten Unfall erholt hatte, fuhr ich in einer Postkutsche durch unser schönes Tal, deren Kutscher so betrunken war, dass er die ganze Equipage in den Graben fuhr. Dabei brach ich mir das andere Schlüsselbein und verletzte mich so schlimm am Rücken, dass ich drei Wochen in einem Wirtshaus liegen musste. Das Unglück hätte mich fast das Leben gekostet, und die Einquartierung zehrte an meinen Ersparnissen. Als dann 1814 Frieden mit England geschlossen wurde, fielen die Preise in den Keller, und ich sah mich gezwungen, meine Waren für die Hälfte des Preises zu verkaufen, für den ich sie erworben hatte. Mein Schwager kommentierte mit schelmischer Schadenfreude, es gebe kein Vermögen auf der Welt, das ich nicht im Handumdrehen in Luft verwandeln könne. Und er hatte Recht, meine Stärke als Geschäftsmann hat immer in meinem ungebrochenen Enthusiasmus und Zukunftsglauben gelegen, nicht in Geldgier und Hintergedanken. Nach einem meiner gescheiterten Händel war ich auf einer Ladung Spitzen und gemusterten Stoffen sitzen geblieben, woraufhin ich mit bescheidenem Erfolg ein Modistengeschäft in Philadelphia eröffnete, das von meiner fünfzehnjährigen Tochter Fanny geleitet wurde. Ich verließ mich auf Nancys Fertigkeit, künstliche Blumen, üppige Rosetten und Applikationen für Ballkleider zu nähen. Mit meinem Selbstgebrannten ließ sich trotz des überaus guten Rufes, der ihm vorauseilte, leider nicht viel verdienen, weil unangemessene Steuern jeden Gewinn untergruben.

Am Ende konnten uns weder Kredite noch der Verkauf meiner goldenen Uhr und des Pianofortes vor dem Ruin retten. Während ich unterwegs war, maßte sich Tom mit den hundert Beinen an, die Schulden, die ich angeblich bei ihm hatte, durch einen Raubzug in unserem Haus einzutreiben. Vor den Augen meiner Frau verwüsteten er und seine Rohlinge unser Heim und trugen Herd und Möbel, Hausgerät und Leinen heraus. Sie holten Pferd und Wagen aus dem Stall und ließen nichts als Schmutz und Demütigung zurück. Natürlich versuchte ich, die Dinge auf rechtlichem Wege zurückzubekommen, aber der Polizeichef war gerade in den Ruhestand getreten, und keiner hatte den Mut, seinen Platz einzunehmen. Ein weiterer Schuft, der mich als seinen Schuldner betrachtete und dafür bekannt war, seine Forderungen mit Fäusten und Waffen einzutreiben, zwang uns zum Umzug aus unserem dreistöckigen Haus in eine ärmliche Hütte, woraufhin der Große Tom auch den Rest unseres alten Hausrates beschlagnahmte. Erst als ich ihn auf Knien anflehte, bekamen wir wenigstens unsere Betten zurück. Als meine Schwägerin wenige Monate später starb, hinterließ sie ein ansehnliches Erbe. Nancys Anteil hätte uns durchaus aus unserer betrüblichen Lage retten können, aber es waren so viele Bedingungen daran geknüpft, die in der Hauptsache dafür sorgten, dass ich nicht über die Mittel verfügen konnte, die unserer Familie zustanden. Meine geliebte Nancy bekniete den Friedensrichter, der mit der Erbteilung beauftragt war, wenigstens genügend Mittel freizugeben, dass wir wieder in unser altes Heim ziehen konnten, aber vergebens. Und ausgerechnet in dieser schweren Stunde verlangte mein Schwager die Rückzahlung einer Schuld, was ich nicht von ihm gedacht hätte.

Nicht ohne Bitterkeit reiste ich am Ende mit meinem Sohn Joseph nach Philadelphia, in der Hoffnung, meine Familie durch Unterricht versorgen zu können. Aber nur zwei Schüler wollten sich in die Bildung und Kultur der Alten Welt vertiefen. Die Zukunft sah trübe aus. Warum, dachte ich, sollte ich mir nicht meine in vieler Hinsicht großartige Vergangenheit zu Nutze machen, wenn die Zukunft nichts Besseres versprach? Ich begann, meine Memoiren aufzuschreiben, die ich nun, im zweiten Versuch, in ein neues Licht rücken will. Ich schrieb an meinen alten Freund Nathaniel Moore in New York und bat ihn, einen Verleger zu suchen und wenn möglich einen Vorschuss auszuhandeln, um die Fertigstellung des Buches zu gewährleisten. Ich schrieb, dass dies nicht nur mich freuen würde, sondern sicher auch unsere Wirtin, eine mürrische alte Dame, die trotz ihrer Zahnlosigkeit genug Biss hatte, um unsere Tage mit ihren ständigen Mietforderungen zu verpesten.

Als Antwort erhielt ich eine Geldsumme, die viel größer war, als ich zu träumen gewagt hätte. Selbst hatte ich einen bescheidenen Betrag vorgeschlagen, in der Hoffnung, eventuell das Doppelte zu bekommen. Aber die Menge Dollar, die ich nun in der Hand hielt, war zwölfmal so hoch, als ich begehrt hatte! Und doch war es nicht genug, um meiner Familie eine neue Zukunft zu sichern. Ein Zufall brachte mich mit einem Reisenden aus meinem Heimatland zusammen, der 140 exklusive Bände der besten italienischen Klassiker im Gepäck hatte: Classici Italiani di Milano. Und weil mein neuer Freund bald weiterreisen wollte und die kleine Bibliothek viel zu sperrig war, vermachte er sie mir zu einem guten Preis. Meine Versuche, die Bücher in Philadelphia zu verkaufen, waren fruchtlos, und am Ende schickte ich meinen Sohn mit ihnen nach New York. Er kam mit beachtlichem Gewinn von der Reise zurück, aber vor allem mit einem Brief von Nathaniel Moores Cousin Clement, einem meiner früheren Gönner. Er forderte mich auf, umgehend nach New York zurückzukehren, um dort die Sprache und Literatur meines Heimatlandes zu verbreiten – diesmal mit dem Titel eines Professors an der Columbia University, die erste Professur dieses Faches. So zog ich also wieder nach New York, der Stadt, die ich immer mehr zu schätzen lernte und der ich seitdem treu geblieben bin. Nancy und der Rest der Familie sollten nachkommen, sobald ich eine passende Wohnung gefunden hatte. Meinen Sohn Joseph nahm ich mit, da ich mir ein wenig Sorgen machte wegen des leichtsinnigen Umgangs, den er bei seinem Jurastudium pflegte. Mein einziges Gepäck waren die Kleider, die ich trug, und eine reichhaltige Büchersammlung, der Grundlage für alle Tätigkeiten, die mein hoffentlich langes Leben noch für mich bereithalten mochte.

4.

Das New York, in das ich zurückkehrte und wo ich nun diese Zeilen schreibe, war ein anderer Ort als die von Geburtswehen geschüttelte Stadt, in der wir unsere erste Zeit in der Neuen Welt verbrachten. Die Stadt wächst unablässig im gleichmäßigen Quadratmuster weiter, in das man Manhattan zwecks zukünftiger Bauvorhaben eingeteilt hatte. Erhebungen in der Landschaft werden planiert und füllen entweder Täler oder neue Piers in dem Hafen, der auf immer neue Siedler in immer größeren Schiffen aus immer neuen Ländern wartet. Wasserläufe werden zugeschüttet, Feuchtgebiete entwässert, und Bäume, so alt wie unsere Kenntnis des neuen Kontinentes, werden gefällt, um Platz zu schaffen für alles von wackligen Schuppen über kasernenähnliche Baracken voller kinderreicher Familien bis zu Villen und Palästen, deren Pracht sich mit den Fürstenhöfen Europas messen kann. Bei meinem ersten Aufenthalt gab es noch Hügel, Lärchenwälder, mit Kiefern bewachsene Felsen und lauschige Täler mit Laubwäldern, rauschenden Bächen und duftenden Wiesen. In steilen, kurvigen Straßen und namenlosen Seitengassen, die sich kreuz und quer durch die Landschaft zogen, wohnten Menschen, die eigensinniger und ungehobelter waren als Barbaren aus der tiefsten Wildnis, rastloser als Quecksilber und lebenshungriger als ein Epikureer. Sie waren alles, was Philadelphias wohlgeordnete Quäker-Bevölkerung nicht war und auch nicht sein wollte. In New York bezeichnete sich jeder Einwohner als Geschäftsmann, jede Straßenecke war ein Handelsplatz und das wichtigste Werkzeug aller Mitspieler war die Erfindungsgabe, der eigene Glanz.

Dass wir New York für unseren zunächst glücklichen und dann frustrierenden Aufenthalt in Sunbury verließen, hing mit ebendieser Habsucht zusammen, die bei gewissenlosen Seelen im tiefsten Unterholz des Geschäftslebens Nahrung findet. Und im Grunde nicht nur dort, sondern überall, wo Geld als höchster Wert gilt. Der Mensch hat sich aufgeschwungen und feilscht um seinen Platz als Herr über Gottes Schöpfung. Vielleicht bin ich nur deshalb als Geschäftsmann gescheitert, weil ich das Geld nicht an erster Stelle sehe. Nach meiner Ankunft in Amerika war ich sowohl Feinkosthändler als auch Lehrer. Ich unterrichtete, wie gesagt, die Sprache und Literatur meines Heimatlandes. Mehrere Schüler wohnten bei uns im Pensionat, für das meine geliebte Nancy unermüdlichen Einsatz leistete. Die Söhne und Töchter der besten Familien gingen dort ein und aus, um sich die Bildung anzueignen, die ihrer hohen gesellschaftlichen Stellung entsprach – egal, ob sie in diese hineingeboren waren oder sie aus eigener Kraft erlangen wollten. Für sie wurde der Rhythmus in Petrarcas Sonetten ebenso selbstverständlich wie das Rauschen der Wellen auf dem Hudson River. Sie kannten die Gestalten aus Dantes Unterweltsgesängen so gut, als wohnten sie nebenan am Washington Square, und Boccacios Geschichten erweckten in ihnen die gleiche Neugier wie die neuesten Gerüchte aus Manhattans Oberklasse. Früher hätte ich nie geglaubt, dass ich einmal einen Laden besitzen würde. Dieselben Hände, die Libretti für die erfolgreichsten Komponisten der Gegenwart geschrieben hatten, wogen nun ein Pfund Tee ab, maßen einen halben Fuß Tabakrolle für einen Schuhflicker oder schenkten einem Kutscher seinen Morgenschnaps ein. Aber diese Verrichtungen machten mir Freude. Vom Drama zum Schnaps, was für eine Karriere! Ich freute mich über jedes neue Gesicht. Die Neue Welt war wie ein Konzertsaal, in dem Sprachen und Dialekte aus aller Welt als vielstimmige Musik erklangen. Wieder einmal hatte mich das Leben an einen neuen Strand gespült, als ich dachte, ich müsse ertrinken.

Aber wie so oft trübten meine Gutgläubigkeit und meine Neugier mein Urteilsvermögen. Überzeugt von der Ehrenhaftigkeit meiner Mitmenschen nahm ich anstelle von Geld Waren an, deren Wert angeblich der Summe entsprach, die meine Kunden mir schuldeten. Doch die Pferde erwiesen sich als lahm, die Achse der Kutsche war gebrochen, die Möbel hatten lose Fugen, die Butter war ranzig, die Schuhe abgelaufen, die Eier faul, der Cidre verwässert, der Besen ausgefranst, die Rüben verschimmelt und die Kartoffeln ungenießbar. Die Schnäpse, die ich in meinem Laden ausschenkte, hatte ich selbst gebrannt. Mein reiches Leben hat mir nicht nur Erfahrung geschenkt, sondern auch einen ausgeprägten Geschmack für die Freuden des Lebens. Da ich im Grunde ein praktisch veranlagter Mensch war, begann ich starke Getränke für meine neuen Landsleute zu produzieren. Als Gehilfen hatte ich einen jungen Mann angeheuert, der zwar eine gute Hand bei der Herstellung wohlschmeckender Destillate hatte, aber wenig Sinn für deren Wirkung. Jedenfalls gehe ich davon aus, dass es der Schnaps war, der ihn jedes Ehrgefühl vergessen ließ, sodass er im Lauf weniger Monate über tausend Dollar meines Geldes unterschlug. Er gab mir drei wertlose Schuldscheine, bevor er nach Jamaica verschwand, um dort mit einem großen Teil meiner Ladenkasse als Startkapital sein Glück zu versuchen. Ein Ire aus New Jersey wollte mich für eine erheblich geringere Schuld, die durch ein verrutschtes Komma entstanden war, ins Gefängnis werfen lassen. Da brach das Gelbfieber in der Stadt aus, und um meine Familie zu schützen, kaufte ich ein bezauberndes Holzhaus in Elizabethtown, wo einige Verwandte meiner Frau wohnten. Trotz aller Schwierigkeiten leuchtet diese Zeit hell in meiner Erinnerung, weil dort unser fünftes Kind, Charles Grahl, das Licht der Welt erblickte. Mein geliebter kleiner Carlo, geboren und aufgewachsen auf dem neuen Kontinent, er war seinem Vater so lieb wie das Leben selbst, und seine Mutter bedachte ihn täglich mit vielen Küssen.

Von diesem Idyll aus versuchte ich, mein Geschäft durch gelegentliche Besuche in der Stadt aufrecht zu erhalten. Muss ich noch sagen, dass ich kein Glück mit meinen Mitarbeitern hatte, und dass mein Geldbeutel aufgrund weiterer Schicksalsschläge oder unglücklicher Zufälle bald leer war? Während ich nachts wach lag und über die Schwierigkeiten nachgrübelte, in die uns meine Gutgläubigkeit manövriert hatte, amüsierten sich die Verwandten meiner Frau über mein Unglück. Nun gut, es war nicht das erste Mal, und – wie der Leser inzwischen weiß – auch nicht das letzte Mal, dass ich selbst an meinem Schicksal schuld war, und dafür verlange und verdiene ich kein Mitleid. Wie oft haben die Überraschungen, die das Leben bereithält, mich gezwungen, Hals über Kopf einen neuen Kurs einzuschlagen. Wie ein Schiffskapitän, der in einem plötzlichen Wetterumschwung das Ruder herumreißen muss. Das Segel knattert laut und bläht sich schließlich neu in Richtung Bug, die Sterne am Nachthimmel drehen sich und formen neue Konstellationen, während das Schiff einen neuen Kurs einschlägt.

Als ich aus meiner Quarantäne nach New York zurückkehrte, war ich so gut wie pleite. Meine Pläne, die jungen Amerikaner in der Sprache und Kultur der Alten Welt zu unterrichten, trafen auf breite Ablehnung. Man behauptete, es gebe in dieser expandierenden Stadt keine wissensdurstigen Jugendlichen, die die lateinische Kultur von einem älteren Herren aus Italien erlernen wollten, wie charmant dieser auch sein mochte. Vielleicht gebe es überhaupt keine solchen Schüler diesseits des Atlantiks. Und in der Tat, wenn ich mich umschaute, konnte ich nirgendwo Anzeichen eines solchen Interesses entdecken. In den wenigen Buchläden waren Bücher in meiner Muttersprache ein so seltener Anblick wie Rosen in Sibirien. Als ich eines Wintermorgens den größten Buchladen der Stadt besuchte, Riley’s am Broadway, hatten sie nur eine Hand voll Bücher auf Italienisch, und der Inhaber teilte mir mit, dass kein Mensch danach verlangte. Als ich ihm klarzumachen versuchte, dass dieser Kontinent bereit war, große Gruppen freiheitsliebender Menschen von den Küsten des Mittelmeeres aufzunehmen, gesellte sich ein junger Mann zu uns. Er hatte kurz zuvor das Geschäft betreten, den Schnee von seinem eleganten Mantel mit Pelzkragen geklopft und sich am Ofen gewärmt. Der liebenswürdige Mann sagte mit sanfter Stimme, dass er sich darauf freue, wie die Literatur der Alten Welt mit all ihren Sprachen und Traditionen in einer neuen Ausdrucksweise vereint werde, geprägt vom Freiheitsideal der jungen Republik.

»Vielleicht kann gerade hier die Alte Welt in neuer Gestalt auferstehen«, sagte er hoffnungsvoll, »und dann umgekehrt der Alten Welt neues Leben einhauchen.« Wir unterhielten uns lange miteinander – ich, der nun seit mehreren Jahren verstorbene Herr Riley, und mein neuer Bekannter, Clement Clarke Moore – und schließlich fragte ich ihn, ob er mir erklären könne, warum die italienische Literatur in einem so aufgeklärten Land wie Amerika derart stiefmütterlich behandelt wurde. Der junge Mann erwiderte, dass sich die italienische Literatur der Gegenwart trotz allem nicht mit jener der lateinischen Antike messen könne. Sie sei die Alleinherrscherin und ihre einzige ernsthafte Rivalin die griechische Antike. In den letzten sechshundert Jahren habe es höchstens fünf oder sechs italienische Dichter gegeben, behauptete er, die dem Vergleich mit den antiken Vorbildern standhielten. Mit einem sardonischen Lächeln bat ich ihn, die Namen zu nennen, und er zählte sie an den Fingern ab: »Dante, Petrarca, Boccaccio, Ariosto, Tasso ...« Er hielt inne, den kleinen Finger der linken Hand zwischen Daumen und Zeigefinger der rechten.

»Ich kann mich für mein Leben nicht an den sechsten Namen erinnern«, sagte er.

Da umschloss ich seine Hände wie für ein gemeinsames Gebet und sagte:

»Halten Sie Ihren kleinen Finger ruhig einen Monat lang fest, während ich Ihnen alle großen Männer aufzähle, die die italienische Geschichte in den letzten sechshundert Jahren hervorgebracht hat.«

»Aber wir kennen sie nicht«, wandte der junge Mann ein, während ich weiter seine Hände hielt.

»Das sehe ich«, sagte ich. »Aber glauben Sie nicht, dass ein Lehrer der italienischen Sprache und Literatur diesen Mangel beheben könnte?« Davon sei er überzeugt, unterstützte mich der Buchhändler, und ich fügte rasch hinzu: »Vielleicht fällt mir ja die Rolle des glücklichen Italieners zu, der Amerikas gebildeten Gentlemen die Kunde über sein Heimatland und die Vielfalt und Verdienste seiner literarischen Köpfe bringt?«

Und damit war mein Glück geschmiedet. Drei Tage später hatte ich nicht weniger als ein Dutzend Schüler, junge Damen und Herren aus New Yorks vornehmsten Familien, und Mitte Dezember kamen noch einmal so viele dazu. Der Unterricht fand im Hause des Vaters meines neuen Freundes statt, der Bischof war, und wenn ich an diese Zeit zurückdenke, muss ich sagen, dass sie zu den glücklichsten Perioden meines langen Lebens gehört. Hier hoffte ich den Grundstein für eine glückliche und lobenswerte Karriere in meinem neuen Heimatland zu legen. Aber wie ich bereits berichtet habe, warf das Schicksal mir Stöcke zwischen die Beine und erschwerte meinen Weg mit Hindernissen. Manchmal frage ich mich, in welchem Maße ein Menschenleben vom Zufall abhängt oder von unseren bewussten Entscheidungen. Wenn der launische Kaiser Joseph nicht einen seiner guten Tage gehabt hätte, hätte ich nie eine Stelle bei Hofe bekommen und hätte nie die Gelegenheit gehabt, meine Worte von Europas besten Musikern vertonen zu lassen. Hätte einer meiner vielen Fluchtwege mich nicht nach Triest geführt, wären unsere fünf Kinder nicht auf die Welt gekommen, um den Bund zwischen mir und meiner Frau zu bekräftigen. Hätte ich nicht die Gebrüder Memmo getroffen, einst Freunde des großen Goldoni, dann hätte ich vielleicht nie meinen Dichterbruder Gasparo Gozzi kennengelernt und wäre nie in Pietro Zaguris Haus geführt worden, wo ich meinen Mentor Giacomo Casanova kennenlernte, der mir Vorbild und abschreckendes Beispiel zugleich war. Oft wird mir klar, dass ich mein Leben nicht gewählt habe, sondern umgekehrt mein Leben mich gewählt hat. Wenn es für mich einen Beweis für die Vorsehung des Herrn gibt, dann ist es das Leben, das er mir zugedacht hat. Es ist ein Geschenk, das ich nicht erwidern kann, außer ich lebe, wie ich glaube, dass es meinem Schöpfer gefällt. Aus einem Leben wird etwas bewahrt und erinnert, aus einem anderen etwas verdrängt oder vergessen, aber kein Leben geht spurlos verloren. Unser himmlischer Vater sorgt dafür, dass jeder von uns seinen Platz in der Welt findet.

Amadeo erzählte mir einmal, wie er und seine Familie während der letzten Wochen ihrer langen Reise durch Europa, auf dem Weg von Dillingen nach Augsburg, die Wallfahrtskirche in Markt Biberbach besuchten. Es war Spätherbst und die schwäbische Hochebene war kahl und braun, die umgepflügten Äcker graphitgrau, die nackten Bäume streckten ihre schwarzen Äste den grauen Wolken entgegen. Die Wälder waren finster und abweisend, als wollten sie das Geheimnis bewahren, wo die Quellen der Donau lagen – jenes Stromes, der als Rinnsal beginnt und dann mäandernd seinen Weg sucht, wie gedachte Worte, die zu einer Verszeile werden, dann zu einer Strophe und schließlich zu einem Gedicht, ja einem ganzen Zyklus. Oder wie eine melodische Phrase, die beim Komponieren zu einem Lied erblüht, sich mit anderen Stimmen vereint und dabei neue Akkordfolgen und einen rhythmischen Fluss bildet, bis eine ganze Landschaft erklingt, eine gewaltige Tondichtung.

Dort in dem weißen Kirchengebäude auf einem Hügel vor der Stadt, um die sich die Hochebene mit ihrem Flickwerk aus Äckern, Weiden und Wäldern erstreckt, waren sie eingeladen, einen Jungen zu treffen, der nur wenige Jahre älter als Amadeo war und von dem es hieß, dass er ihm ebenbürtig sei. Die Krankheit der Geschwister in Den Haag hatte ihre unglaublich erfolgreiche Europatournee unterbrochen und lukrative Auftritte in Regensburg verhindert. Amadeos Vater, der ehrgeizige und gleichermaßen strenge wie auch gutmütige Mann, dachte häufig nur an die Kosten, die ihre lange Reise verursachte, und vergaß, was sie ihnen einbrachte. In wenigen Wochen würden sie nach mehr als drei Jahren Abwesenheit nach Salzburg zurückkehren, aber ihr Ruf war ihnen schon vorausgeeilt, und mit ihm Bosheit, Neid, Gerede, Missgunst. Es hieß bereits, die Familie Mozart sei sich zu fein, um in ihrer alten Heimat zu bleiben. Das Gerücht ging um, sie wollten schon im Frühjahr wieder abreisen, nach Skandinavien, Russland, vielleicht auch China ...

Dort in Biberbach wurden sie ein weiteres Mal aufgehalten. Der Junge, der Amadeo angeblich ebenbürtig war, hatte die verwachsenen, unförmigen Glieder der Pubertät, von der Amadeo noch unberührt war. Im Gesicht blühten die ersten Pickel, die Nase glänzte und war von schmutziggrau verstopften Poren übersät, der Flaum auf der Oberlippe war schon etwas dunkler. Seit dem Morgengrauen hatte er mit einem Pater in der Kirche auf sie gewartet. Ein paar Mönche aus dem nahe gelegenen Kloster waren mitgekommen, um den Balg der Orgel zu treten. Initiator des Treffens war der Bischof von Augsburg, Joseph I., in dessen Dillinger Residenz die Familie einige Tage übernachtet hatte, um den Leuten Gelegenheit zu geben, die Fertigkeiten der jüngsten Gäste zu bewundern. Aber zur Wallfahrtskirche in Biberbach war der Bischof nicht mitgekommen. Er hatte schon am Vortag ein Gefolge dorthin geschickt, um Vorbereitungen zu treffen, und bat sich ausführliche Berichte über den Ausgang des Treffens aus. Selbst blieb er in seiner Residenz, des feuchten Wetters überdrüssig und müde nach einem langen Musikabend. Er klagte über die schweren Pflichten seines Amtes und befahl schlaftrunken seinen Dienern, das Bett wieder aufzuwärmen. Als sie am frühen Morgen aufgebrochen waren, hatte er Amadeo einen Goldring mit eingefassten Edelsteinen in die Hand gedrückt und ihm über die Wange gestreichelt. »Weil er meine Tage vergoldet hat«, hatte der Bischof gesagt, und da hatte Amadeo die Hand des hohen Herren geküsst, wieder und wieder. In der Kutsche spielte er mit dem Ring, der natürlich viel zu groß war. Er schob ihn vor und zurück und drehte ihn, sodass die Edelsteine im bleichen Morgenlicht glänzten. Als der Kutscher ins Dorf abbog, gab es einen Ruck, und das kostbare Stück glitt ihm vom Finger und fiel auf den Boden.

Und so erblickten ihn die Biberbacher, das Hinterteil in die Höhe gestreckt, auf dem Boden der Kutsche herumkriechend, als sie die Tür öffneten, um die berühmte Familie Mozart mit ihrem Wunderkind willkommen zu heißen. Er richtete sich auf und hielt den glitzernden Ring in die Luft. »Den habe ich heute Morgen vom Bischof bekommen«, sagte er. Das Wunderkind von Biberbach stand zitternd in der Kälte und versuchte, Wärme in seine Finger zu blasen. Schüchtern und flüchtig begrüßte der Junge Amadeo und seine Eltern, aber sobald sie die Kirche betreten hatten und er Amadeo die Orgel präsentierte, erklärte er lebhaft die Pfeifen, die sich über einen Flügel des Kirchenraums erhoben, und das Regierwerk des Instrumentes, die Mensur und den Klang, den die verschiedenen Register ergaben, die schwarzen und weißen Tasten der Klaviatur aus Ebenholz und gelaugter Eiche, die Pedaltastatur und die Registerzüge der Manuale. Vielleicht zeigte er ihm, wie man die Jalousien am Schwellwerk regulierte, um Crescendi und Diminuendi zu erzeugen, aber ich gestehe, dass dies meiner Phantasie entspringt. Ich weiß nichts über die Orgel in Biberbach, wie groß sie war oder wie sie klang. Ich weiß bloß, was Amadeo mir persönlich erzählt hat und was meiner Phantasie entspringt. Aber warum sollte die Erinnerung an eine Erzählung zuverlässiger sein als die Einbildungskraft, die viel mehr aus den schlummernden Quellen des Gedächtnisses zu holen vermag? Amadeo erzählte mir, wie die beiden Jünglinge auf die Tritte der Orgel stiegen und begannen, Leben in die Bälge zu pumpen. »Wie wenn ein in einem Berg eingeschlossener Drache schnaubend zum Leben erwacht, das Moos der Jahrhunderte abschüttelt und sich erhebt, um über die Welt zu blicken.«

Der Junge hieß Bachmann, mit Vornamen Joseph oder Johann, Sigismund oder Stephan, Erasmus oder Eugen. Wie man sein Talent entdeckt hatte, weiß ich nicht, auch Amadeo konnte darüber nichts sagen. Ein Schreiber des Bischofs, der seinen Herren Bericht erstatten sollte, fragte Amadeo, was er von der Orgel hielte, denn er sei ja eher das Cembalo oder Pianoforte gewohnt, worauf Amadeo wie üblich antwortete, dass die Orgel die Königin der Instrumente sei, die größte Herrscherin über Klang und Raum.

»Aber ihr fehlt die Leichtigkeit, der weiche Klang. Sie spielt die ganze Zeit ohne Variation«, sagte der Schreiber. »Man kann Pfeifen wählen und Klappen einstellen, aber es gibt keinen individuellen Ausdruck, nur die Ornamentik der Musik.«

Aber Amadeo, ein starrköpfiger Zehnjähriger, blieb bei seiner Meinung, dass die Orgel das höchste aller Instrumente sei, das einzige, das der Mensch nicht ganz überblicken könne, obwohl es seine eigene Schöpfung sei, das einzige, in dem man sich verirren könne und das einzige, das so groß wie die Musik selbst sei. Der Junge, Sigmund oder Sebastian oder wie er nun hieß, sagte nichts, er sah sie nur mit scheuen Augen an und nickte, um kundzutun, dass er einer Meinung mit Amadeo war. Dann bot er Amadeo mit einer zagen Geste an, das Instrument auszuprobieren, das leise fauchte und grunzte, wie ein wildes Tier, kurz bevor es aus dem Winterschlaf erwacht. Der Junge strahlte einen stillen Ernst aus, wahrscheinlich weil er seit Jahren unter Mönchen gelebt hatte, wie Amadeo meinte – Schweigen und Gebet, die eintönigen Tage, einer wie der andere: Messe und Gottesdienst, Matutine und Vesper ... Amadeo testete die Klaviatur und die Pfeifen mit einem kleinen Präludium und verinnerlichte danach den Klang mit einigen Variationen von Fischer, die er weiterführte, ohne sich in mechanischer Kontrapunktik zu verfangen. Er sagte immer, dass der Kontrapunkt von selbst seine natürliche Form fände, und dass man ihn weder zu studieren noch sich ihm zu unterwerfen brauche.

Als er die Hände sinken ließ und von der Orgelbank aufstand, fragte der junge Bachmann, ob Amadeo ihm eine Aufgabe zum Extemporieren geben wolle. Als er das bleiche, traurige Gesicht des Jungen sah, bat er ihn, etwas in g-Moll zu spielen. Diese Tonart gab ihm das traurige Gefühl der Vollendung, wenn alles erfüllt war und es nichts mehr zu tun gab. Bachmann nickte düster, setzte sich auf die Orgelbank und spielte ein paar wunderschöne Phrasen in der gewünschten Tonart, die Amadeos Gemüt erweichten und ihn ergriffen. Dann wuchsen die Phrasen zu Stimmen und Gegenstimmen an, wie wenn zwei Freunde einander in spielerischem Streit anspornen und scherzhaft beschimpfen. Es war, als kehre der Junge plötzlich eine verborgene, verspielte Seite nach außen, die Eingebung floss ungezwungen und schelmisch aus ihm heraus, wie ein artesischer Brunnen, dessen kristallklares Wasser perlend an die Oberfläche tritt und alles überschwemmt. Mitten in der Fuge wechselte er in eine Dur-Tonart, spielerisch leicht und im selben Tempo, drehte das ursprüngliche Thema um und wiederholte es in noch mehr Variationen. Seine Finger jagten über die Tasten, während die Spitzen seiner Holzschuhe tänzerisch über die Pedale klapperten, als er das improvisierte Stück abschloss, indem er die ersten Phrasen der Fuge triumphierend umspielte.

»Neid«, sagte Amadeo. »Niemals zuvor hatte ich Neid und Rivalität empfunden. Überall war man mir mit Liebe und Bewunderung begegnet, auf unserer langen Reise hatten Monarchen und Adlige meinen Geist bewundert, als hätte der Herr mir etwas gegeben, das er keinem anderen gönnte. Und dann kommt dieser Junge, schüchtern und täppisch, nur wenige Jahre älter als ich, aber mir völlig ebenbürtig. Ich gestehe dir, Lorenzo mio, dass ich innerlich vor Wut kochte. Ich hätte ihn am liebsten in seine verdammten Stiefelschäfte gedrückt, als er mich mit seinen schlechten Zähnen angrinste und mich fragte, ob ich etwas spielen wollte. Spielen! Ich würde es ihm schon zeigen! Ich stieß ihn fast von der Orgelbank. Ich würde in allen Tonarten spielen, in allen Taktarten und Tempi. Ich würde ihm das Grinsen aus seinem Gesicht spielen. Alles, was ich in der Musik beherrschte, wollte ich ihm zeigen, jeden kleinen Knecht und Knappen aus meinem Reich der Töne. Ich bemerkte, dass Vater, Mama und Nannerl mich anstarrten. Stolz oder erschrocken? Nervös oder zuversichtlich? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass ich es ihnen zeigen wollte, diesen Mönchen ... diesen Wichsern und höfischen Geldsäcken.«

Dann setzte er sich an die Klaviatur, mein Amadeo. Alle seine Kräfte würde er brauchen. Wie alt war er? Zehn? Hundert? War er ein Neugeborener? Ein tausendjähriges Gespenst? Jeden einzelnen Landsknecht, jedes Peloton, jedes berittene Heer und jede marschtaugliche Division, jedes kampfwillige Regiment und jede segelbereite Flotteneinheit, Artillerie-Stoßtrupps sowie Nachhut, alle musterte er und vereinte sie unter dem Befehl des Violin- und des Bassschlüssels. Sie waren bereit zum Angriff: Pizzicatos Patrouillen, Battutas Bataillone, Diminuendos Divisionen, Calmatos Kolonnen, Briosos Brigaden, Fortissimos Vortruppen, ein Kadenzen-Korps, Ritardandos Regiment, Crescendos Kavallerie und Tranquillos Tross. Zuerst rückte er in einer zerstreuten Formation aus, aber dann, wie aus dem Nichts, griff er mit allen Stärken auf einmal an. Die Töne stritten mit Hieb- und Stichwaffen, eine ganze Note richtete ihre Mündung auf eine Gruppe flüchtender Triolen, ein Trupp Sechzehntelnoten hieb seine Hellebarden in einem hemmungslosen Marcato in eine gefallene Generalpause. Auf dem Schlachtfeld der Improvisation schlossen sich Ton, Takt, Tempo, Tremolo, Timbre, Thema und Terzen zu einem gewaltigen Espressivo zusammen, und dort, zwischen flatternden Fahnen und Fanfaren, wehenden Wimpeln, brennenden Bannern, steifen Standarten, fechtenden Floretts und sausenden Säbeln, streckte die Harmonik schließlich die Waffen für eine Lärche, die kreiselnd zum Himmel aufstieg, für das Gras, das langsam und still wuchs, für das Rascheln der Blätter im Wind und das Plätschern eines Baches. Der andere, Bachmann, der findige Junge mit den dicken Fingern und den fettigen Haaren, Johann oder Joseph, hatte sich neben ihn auf die Bank gesetzt, aber er leistete keinen Widerstand gegen Amadeos Angriff. Er weckte nur das Trillern der Lärche, brachte das Gras zum Wachsen, liebkoste die Blätter und watete durch den Bach. Dort gingen sie, Seite an Seite, über ein wogendes Feld, durch riesige Laubwälder, unter dem Blattwerk der Baumkronen und über steinige Strände, während die Musik die Waffen streckte und in sich selbst ruhte. In langen Wellen rollte sie an den Strand, in sanften Brisen raschelte sie in den Bäumen, war in schäumenden Schauern, in Flügelschlägen, im rauschenden Wind über wogenden Feldern.

So saßen sie den Rest des Tages dort und spielten, füreinander, miteinander. Manchmal schwiegen sie auch gemeinsam, während der Schreiber und das Gefolge des Bischofs mit Amadeos Vater über die jeweiligen Verdienste der Knaben zankten. Ich fragte Amadeo, ob er wisse, was aus dem Jungen geworden sei, aber er hatte nie wieder von ihm gehört. Das Gerücht ging um, dass er bei den Mönchen geblieben und selbst zum Bruder geworden sei.

»Es wurde also nichts aus seinem Talent«, sagte ich.

Amadeo sah mich verwundert an. »Seine Musik«, versuchte ich, »es ist nichts aus ihr geworden.«

»Orgeln stehen in Kirchen«, antwortete er trocken. »Und da gehören auch Mönche hin.«

»Aber er ist in Vergessenheit geraten«, sagte ich. »Es ist nicht mehr aus ihm geworden, meine ich.«

Amadeo fragte, was denn aus ihm hätte werden sollen?

»Mehr? Was könnte es mehr geben?«

Ich zeigte mit der ganzen Hand auf Amadeo und dann auf das Notenblatt, das vor uns auf dem Tisch lag, und auf mein Libretto, das er in eine Partitur umsetzte, auf das Hammerklavier in der Ecke und die Geige, die im flackernden Kerzenschein auf einer Kommode lag. Amadeo kicherte, als wäre er tief in Gedanken versunken oder als würde ich die Sache nicht begreifen.

»Er lehrte mich das Wichtigste. Das einzig Wichtige«, sagte er, und ich fragte, ob er die Technik meinte, oder vielleicht die Zurückhaltung, oder irgendetwas Abstraktes über die Natur der Schönheit.

»Nein, nein«, sagte Amadeo. »Technik hatte er, obwohl sein Fingersatz noch ein wenig Hilfestellung gebraucht hätte. Und die Zurückhaltung kann sowohl gut als auch schlecht sein. Manchmal muss man sich ein bisschen zurückhalten mit der Zurückhaltung. Und die Schönheit ... Was können wir schon über die Schönheit sagen, außer dass wir wissen, wenn sie da ist?« Er tauchte den Stift ins Tintenhorn und setzte seine Arbeit fort. »Nein, lieber Abbé Lorenzo, er hat mich gelehrt, dass nichts in der Musik auf Kosten von etwas anderem geschieht, dass alles in ihr Platz hat. Es gibt nichts, das keinen Platz in der Schöpfung hat.« Und schon war er wieder in ein Duett vertieft, formulierte meine Verse um und brachte sie zum Klingen.

Es gibt nichts, das keinen Platz in der Schöpfung hat. Und dort stand ich später, viele Jahre später, mittellos und geschwächt nach der langen Seereise, erschöpft nach der Fahrt von Philadelphia, mit meinem schäbigen Gepäck, meinem einzigen Besitz außer der Liebe zu der Frau, die nun auf der Schwelle des Hauses in New York stand, wo sie und unsere Kinder auf mich warteten. Platz für alles. Alles, was man mir gesagt hatte, war, dass sie nicht mehr in Philadelphia wohnte. Ich wusste nur einen Straßennamen, als ich in New York aus der Postkutsche stieg. Ich schleppte mein Gepäck zum erstbesten Haus der Straße, um zu fragen, wo ich meine Familie finden konnte, klopfte an, und als die Tür aufging, stand sie dort, meine Nancy, mit Tränen in den Augen und weit geöffneten Armen. Sie küsste mich, sie wusch mich, sie gab mir zu essen, und so entstand unser jüngstes Kind, Carlo, unser Stern, unsere Sonne. Es gibt Platz für alles in der Musik.

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310 str. 1 ilustracja
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9788711449417
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Bookwire
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