Czytaj książkę: «Ein Blockhaus in der Einsamkeit»
Nicole Lischewski
EIN BLOCKHAUS
IN DER EINSAMKEIT
Kanadas Wildnis als Lebensweg

IMPRESSUM
Ein Blockhaus in der Einsamkeit
Kanadas Wildnis als Lebensweg
Nicole Lischewski
Bibliografische Information der Deutschen Bibliothek
Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der deutschen Nationalbibliografie. Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar
© 2015 360° medien gbr mettmann | Nachtigallenweg 1 | 40822 Mettmann
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Der Inhalt des Werkes wurde sorgfältig recherchiert, ist jedoch teilweise der Subjektivität unterworfen und bleibt ohne Gewähr für Richtigkeit, Vollständigkeit und Aktualität.
Redaktion und Lektorat: Andreas Walter
Satz und Layout: Serpil Sevim
1. digitale Auflage: Zeilenwert GmbH 2015
Bildnachweis: Alle Fotos stammen von Nicole Lischewski und Chris Below
ISBN: 978-3-944921-19-8
Hergestellt in Deutschland
www.360grad-medien.de
Für die Wildnis
Inhalt
Cover
Titel
Impressum
Widmung
Teil 1: Aufbruch in die Wildnis
Lebensfragen
Die Suche nach dem Paradies
Ab in die Wildnis
Hausbau auf Wildnisart
Wettkampf gegen den Winter
Teil 2: Leben in der Einsamkeit
Allein
Der Unglücksrabe
Meine Nabelschnur zur Welt
Im eisigen Griff der Kältewelle
Bin ich noch normal?
Der erste Zweibeiner
Der dem Wolf pfeift
Die 92-Prozent-Rate
Der Sommer lässt grüßen
Der Grizzlykampf durchs Eis
Bären auf Elchjagd
Pilgerfahrt
Unter Menschen
Wie ein Stück Treibholz
Eine Freundin zu Besuch
Jagdzeit
Eine Sorge kommt selten allein
Ungeplantes Wiedersehen
Wieder allein
Danksagung
Teil 1: Aufbruch in die Wildnis
Lebensfragen

In den Bergen außerhalb von Atlin
Lebensfragen
Außerhalb von Atlin, an einem Nachmittag im Herbst 2003.
„Warum ziehen wir nicht raus in die Wildnis?“, fragte Chris.
In die Wildnis? Mir fielen sofort lauter Gründe dagegen ein. Ausweichend schaute ich aus dem Fenster auf das herbstbunte Bergtal und den Wildbach. Schon lange war der Nordwesten British Columbias unser Zuhause, ein Landstrich der Größe Österreichs, der von keinen fünfhundert Seelen besiedelt war – und diese drängten sich in einem einzigen Dorf zusammen, als wollten sie sich in der Weite von Bergen, Flüssen und Seen nicht verlieren.
„Aber ich hab doch die Wildnis schon vor der Haustür!“, protestierte ich. „Den Bären, der mir jeden Herbst den Zaun vom Hühnerauslauf niedertrampelt. Und im Winter manchmal Karibus gleich beim Haus – außerdem die Biberburg unten am Bach.“ Selbst Chris, der nicht so weit außerhalb von Atlin wohnte wie ich, hatte öfter Elch- und Bärenverkehr auf seinem Grundstück.

Chris träumt vom Leben in der Wildnis
„Na ja – aber du lebst hier immer noch an einer Straße“, sagte er triumphierend. Fast hätte er sich auf meiner Kommode, die als Sitzbank diente, ins Leere zurückgelehnt – doch kein Sturz nach hinten beendete das Thema. Erwartungsvoll sah Chris mich an.
Was gab es eigentlich groß zu diskutieren? In der Schublade unter ihm lagen meine Formulare für eine Weidenpacht, denn zusätzlich zu den Hühnern, die im Herbst vom Bären besucht wurden, wollte ich mir endlich Milchziegen und ein Pferd anschaffen. Außerdem hatte ich vor, eine kleine Jugendherberge aufzumachen und Gemüse für die Selbstversorgung anzubauen. Es steckte so viel harte Arbeit in diesem Grundstück, das ich noch keine zwei Jahre lang besaß. Lauter langgehegte Träume waren gerade dabei, Wirklichkeit zu werden. Das sollte ich einfach alles aufgeben? Und für was – für Chris und noch mehr Bären?
„Klar geht die Schotterstraße das Tal hoch.“ Fieberhaft überlegte ich, wie ich ihm dieses Hirngespinst am besten ausreden konnte. Wir verbrachten beide gerne Zeit im Busch, gingen wandern und paddeln. Chris wusste natürlich auch, dass ich mich danach erkundigt hatte, einmal einen Winter in einer abgelegenen Blockhütte im Wald zu verbringen. Aber das hieß noch lange nicht, dass ich jetzt mein gesamtes Leben ändern wollte. „Ich habe doch auch keinen Strom, Telefon oder fließend Wasser! Und immer wieder Tiere in der Gegend.“
Chris runzelte die Stirn. „Aber das lässt sich doch gar nicht vergleichen – in der Wildnis wären wir ganz abgeschnitten, keine Straße, keine Nachbarn bis auf Bären, Karibus und Wölfe. Da wären wir völlig auf uns gestellt! Nur wir zwei, ganz allein … “
Ich sah ihn zweifelnd an. Wir waren noch keine zwei Jahre zusammen und Chris war ein extrovertierter, sozialer Mensch; kein Eigenbrötler wie ich. Erst in Atlin hatten wir uns kennengelernt, obwohl wir fast zeitgleich ausgewandert waren: Ich drei Tage, nachdem ich meinen Diplomabschluss als Sozialpädagogin gemacht hatte, und Chris, als er mit Ende Zwanzig eine Kanadierin geheiratet hatte. Uns gefiel die unbevölkerte Weite dieser Gegend, die legere und unkomplizierte Art der Menschen. Träumer und Idealisten, Ureinwohner, Exzentriker und gescheiterte Existenzen – aus ihnen setzt sich die Bevölkerung des Yukon und nördlichen British Columbia zum Großteil zusammen.
Chris und ich waren grundverschieden und hatten auch noch nie zusammen gewohnt. Wie sollte das gutgehen irgendwo im Wald, wo man ständig beisammen war und keinen andern Menschen zum Reden hatte? Dann fiel mir ein schlagendes Argument ein: Wir konnten uns einen Umzug in die Wildnis gar nicht leisten. Ich hatte nicht einmal genügend Geld, um mein eigenhändig gebautes Häuschen innen fertigzustellen, geschweige denn, mir mit Chris ein neues Grundstück zu kaufen.

Nicoles selbstgebautes Haus
„Und wie willst du das alles finanzieren?“, spielte ich meine Trumpfkarte aus. „Sollen wir etwa jedes Mal ein Buschflugzeug chartern, wenn wir irgendwohin wollen, oder uns ein Boot und Schneemobil kaufen? Außerdem müssten wir in der Wildnis ja auch von irgendwas leben. Wie sollen wir da denn Geld verdienen?“ Als Wildfeuerwacht für die Forstbehörde würde er wohl kaum weiter arbeiten können. Und ich wäre gezwungen, mit meiner Arbeit für eine lokale Umweltschutzgruppe aufzuhören, obwohl sie mir wichtig war und Spaß machte. Das kam gar nicht in Frage.
Chris war von meinen Einwänden nicht weiter beeindruckt. Er wedelte mit der Hand, als ließen sich die Argumente leicht verscheuchen. „Ja, ach, das würden wir eben sehen müssen! Irgendwie geht das bestimmt, da bin ich mir hundertprozentig sicher.“
Mein Blick schweifte wieder zum Fenster. Er war doch so gern unter Menschen – noch ein gutes Argument. „Und unsere Freunde? Die würden wir dann nur noch alle Jubeljahre sehen.“
„Stephen würde uns sicher besuchen kommen und Heidi bestimmt auch. Würdest du nicht jemanden in der Wildnis besuchen wollen? An irgendeinem entlegenen Fluss oder See in den Bergen?“
Ja, schon. Ich sah ihn an und seufzte. Grundsätzlich war ich einem Leben im Busch nicht abgeneigt, aber es würde bedeuten, so vieles aufzugeben. Hätte er mir diese Frage nicht ein paar Jahre früher stellen können?
Den ganzen Herbst und Winter hindurch brachte ich in strategischen Momenten immer wieder meine Argumente gegen ein Leben in der Einsamkeit vor. Fast gegen meinen Willen regte sich in mir allerdings zunehmendes Interesse für Chris' Idee, je mehr wir darüber redeten. Etwas in mir verlangte seit Jahren nach einer engeren Beziehung zur Natur, in der ich eine aktiv Beteiligte sein konnte und nicht nur Zuschauerin blieb; nach Wildnis, die man täglich statt nur am Wochenende am eigenen Leib erfuhr. Wo der nächste Nachbar nicht ein Mensch war. Selbst nach acht Jahren in Kanada und hier im entlegenen Atlin fehlte mir etwas an meinen Begegnungen mit Wildtieren – ich hatte keinen wahren Bezug zu ihnen. Ich fand sie zwar beeindruckend und schön, aber ich kannte ihr alltägliches Leben, ihre Umwelt nicht von innen heraus, sondern hauptsächlich aus Büchern, Dokumentarfilmen und Statistiken sowie kurzen, zufälligen Begegnungen.
Wonach ich suchte, war ein ganzheitlicheres Naturverständnis, das sich nicht in den Details der Photosynthese verlor. In den Mythen der Taku River Tlingit, der Ureinwohner dieser wilden Gegend, lagen andere, Jahrtausende alte Weisheiten verborgen: Der Rabe, der die Sonne brachte; der Bär, dessen Seele der des Menschen am ähnlichsten ist; Gletscher, die lebendig waren. Aber konnte man heutzutage überhaupt noch erahnen, was es damit auf sich hatte und wie man als Mensch mit der Umwelt verwoben ist?

Der Atlin Mountain liegt dem Dorf gegenüber
Wie wäre es, überlegte ich mit zunehmender Begeisterung, wenn man sich dem zyklischen Rhythmus der Jahreszeiten überließ? Könnten wir über die Jahre hinweg mit der Wildnis verwachsen, nachdem das Blockhaus gebaut und uns die Umgebung vertraut geworden war, sodass wir nicht mehr nur an der Oberfläche unserer menschenleeren Nachbarschaft kratzten? Denn es war kein Kurzzeitabenteuer, das Chris im Sinn hatte. Sondern die Wildnis als Lebensweg.
Mein Herz raste, als ich meinen Entschluss schließlich in Worte fasste. „Okay. Lass uns nach einem Stück Land suchen.“
Die Suche nach dem Paradies

Hier wollen wir leben
Die Suche nach dem Paradies
Tagish Lake, im Sommer 2004.
Ein Regenschauer tüpfelte die graublaue Wasseroberfläche und löschte die Berge am Südende des Tagish Lake aus, als wären die spitz gezackten Gipfel nur eine Illusion gewesen. Eng schmiegt sich der See, der zu den Quellgewässern des Yukon River gehört, an die Ausläufer des Küstengebirges: Keine sechzig Kilometer hinter den Bergen liegt schon das Salzwasser des Nordpazifiks.
In dunklen Schleiern löste sich der Regen aus den Wolken und wehte auf uns zu. Selbst das Motorengebrumm der Rubber Ducky, unseres antiquierten Schlauchboots, klang jetzt gedämpft. Meine drei Hunde hatten sich philosophisch auf unserer Campingausrüstung zusammengerollt, mit der das kleine Boot randvoll bepackt war – sie fanden die Suche nach einer neuen Heimat nur in den Momenten interessant, wo es an Land ging.
„Können wir nicht näher ans Ufer da hinten ran?“, fragte ich und zerrte die Ärmel meiner Regenjacke über die Hände hinunter. Die Inseln, zwischen denen Chris das Zodiac-Schlauchboot hindurchsteuerte, waren definitiv zu winzig für ein permanentes Zuhause. Ein Robinson-Dasein wäre zwar romantisch, aber wenn man für jeden Spaziergang erst das Boot ins Wasser lassen müsste? Mein Blick tastete die Steilfelsen des Seeufers ab – auch nicht ideal, irgendwo da oben zu bauen. Dann müsste man jedes Mal bergsteigen, wenn man Wasser vom See hochholte. Ich schaute wieder auf die Landkarte, deren Plastikschutzhülle mit Regentropfen gesprenkelt war, und seufzte.

Suche nach dem Paradies am Tagish Lake
Neben einer geschützten Bucht wollten wir außerdem einen Platz, der eine schöne Aussicht und auch im Winter genügend Sonnenschein bot, und der in einem leicht zu durchwandernden Mischwald gelegen war, denn Pfade oder Straßen gab es hier nirgendwo. Erstaunlich, wie selten ein Ort, der uns gefiel, diese vier Kriterien erfüllte: Vom Yukon Territory aus waren wir nun fast 80 Kilometer weit den See hinuntergefahren und hatten bisher bloß zwei Plätze gefunden, die wir als potenzielle Grundstücke in Betracht zogen. Wir wussten nicht, ob es uns gelingen würde, ein Stück Land vom Staat zu pachten oder kaufen – die Erfolgsaussichten waren gering. Aber einen Antrag auf öffentliches Land zu stellen war unsere einzige Chance, denn von Privatleuten zu kaufende Wildnisgrundstücke waren unerschwinglich.
„Wir brauchen eine gute Bucht fürs Boot“, rief Chris über den Motorlärm. „An einem flachen Ufer könnten wir's bei Sturm auch mit der Seilwinde an Land ziehen, aber bei Steilfelsen geht gar nichts.“
„Laut Karte kommen gleich ein paar Buchten.“ Das Problem war nicht nur das Anlanden mit der uralten Rubber Ducky, deren Schlauchkammern ständig Luft verloren und sich bereits wieder flau anfühlten. Falls wir hier irgendwo Land bekommen konnten, würden wir permanent auf ein Boot angewiesen sein – hoffentlich etwas Seetüchtigeres als das vierzig Jahre alte Zodiac, das Chris und ein paar Freunden gehörte.
Eine von wilden Himbeersträuchern und Zitterpappelwald gesäumte Bucht öffnete sich zu meiner Rechten. Nach den unnahbaren Steilfelsen machte sie einen heimeligen, freundlichen Eindruck. „Lass uns doch hier mal gucken!“
„Aber da ist eine Biberburg! Das Wasser könnte man gar nicht trinken.“
„Ist die denn noch bewohnt?“ Der Bau aus Schlamm und Baumstümpfen war halb zerfallen und keine frisch angenagten, belaubten Äste trieben im Wasser. „Komm, wir schauen einfach mal – und wir müssen sowieso dringend die Rubber Ducky neu aufpumpen.“
Kaum, dass der Kiel über Sand schrappte, sprangen Blizzard, Koyah und Silas an Land.
„So, dann mal los.“ Chris vertäute das Boot und zwinkerte mir zu. Hinter den im Unterholz stöbernden Hunden stapften wir den Hang in Richtung Süden hoch, die dutzendste potenzielle Grundstücksbegehung mit den enthusiastisch wedelnden Vierbeinern als Maklerteam. Hagebuttensträucher leuchteten beerenrot, und plötzlich öffnete sich der Wald auf eine Wildblumenwiese. Ein dunkles Band Fichten säumte das Ende der Wiese ein, über der ein herber Geruch von feuchter Erde hing. Durch die Bäume glitzerte das Wasser.
„Wow, ist das schön hier!“ Hand in Hand schlenderten wir über die Wiese und suchten uns einen Weg den Hang hinunter, bis wir am steinigen Seeufer standen. Es hingen keine Regenschleier mehr über dem Wasser: Vereinzelte Sonnenstrahlen, die durch die Wolken fielen, tasteten sich über die Gletscher, Berggipfel, den See und kleine Inseln. Atlin und die nächste Straße schienen unerreichbar fern, lagen hinter zwei großen Gletscherseen, Bergen und einem reißenden Wildwasserfluss verborgen.

Blumenwiese mit Indian Paintbrush
Meine Kehle war wie zugeschnürt vor so viel wilder Schönheit. Im Gegensatz zu den beiden anderen Plätzen, die mir auch nicht schlecht gefallen hatten, wusste ich sofort: Das hier war, wonach wir suchten! Alles fühlte sich richtig an: Die Mischung aus bunten Wildblumen, offenen Wiesen und Wald, und selbst der raue See wirkte durch die gekrümmte Uferlinie und Inseln kleiner und einladender. Ich räusperte mich: „Also, eine bessere Aussicht finden wir nirgendwo! Und Wintersonne hätten wir hier auch, da ist ja Richtung Süden kein einziger großer Berg im Weg. Dazu noch die kleine Bucht … “
„Ich weiß nicht … “ Chris drehte sich um und musterte den Wald. „Zum Spazierengehen ist der Pappelwald ja eine feine Sache, aber mit dem Holz können wir doch kein Haus bauen!“
Immer dachte er so gottverdammt praktisch! Holz für den Hausbau könnten wir doch von überall her holen. Ich konnte meine Augen kaum von den scharfen Bergzacken und dem schön geschwungenen Hochtal im Südosten losreißen. „Wenigstens müssten wir nicht erst roden, hier gibt es so viele freie Flächen. Und da hinten wachsen doch lauter Fichten.“
„Die paar? Das reicht nicht, oder wenn, müssten wir sie alle abholzen und dann wären sie weg.“
„Vielleicht sind ja weiter oben im Wald noch mehr. Oder wir holen das Bauholz vom andern Ufer.“ Das war dicht mit Nadelwald bewachsen.
„Ob wir für die andere Seite eine Holzschlaglizenz kriegen würden, weiß ich aber nicht.“
Da war sie wieder, die Realität, die sich mit der romantischen Vorstellung von unberührter kanadischer Wildnis biss. Nicht nur, dass man für alles vom Plumpsklo bis zum Feuerholz eine Genehmigung braucht: Was auf der Landkarte wie Natur im Urzustand aussieht, da keine Straßen und Orte eingezeichnet sind, ist in Wirklichkeit mit einem komplizierten Netz von industriellen Pachtverträgen, Trapperkonzessionen, Landrechten der Ureinwohner, Naturschutzgebieten und Jagdarealen für Trophäenjäger bedeckt.
Während große Flächen öffentlichen Landes, die theoretisch dem kanadischen Volk gehören, für Öl- und Erdgasbohrungen, Bergwerke und Kahlschläge freigegeben werden, ist es fast ein Ding der Unmöglichkeit, ein kleines Stückchen Land vom Staat zu kaufen oder auch nur zu pachten, um dort ein bescheidenes Leben zu führen. Sicher ein Grund dafür, dass es heute nur noch wenige Menschen gibt, die ein Blockhüttenleben abseits der Zivilisation führen – die Regierung hat es so gut wie unmöglich gemacht. Selbst Trapper dürfen in den meisten Gegenden nicht ganzjährig auf ihrer Konzession leben.
„Wir können ja das Zelt hier aufschlagen und ein paar Tage hierbleiben“, unterbrach Chris meine Gedanken. „So toll finde ich den Platz jetzt nicht, aber wir können uns ja mal genauer umgucken.“

Der Swanson Galcier am Südende des Tagish Lake
Ich gab ihm einen Kuss und grinste. Dich, mein Freund, werde ich schon noch rumkriegen!
Und so war es auch.
„Aber ich hab doch keine Ahnung, wie viel Chilisoße du im Jahr verdrückst!“ Ich warf den Kuli auf den Tisch meines Atliner Häuschens. „Da musst du halt selbst drauf achten.“
„Was ist der Sinn von zwei separaten Essenslisten? Kochen und essen wir dann jeder für sich?“, empörte sich Chris.
„Quatsch. Aber du isst immer nur Fleisch, Kartoffeln und Karotten.“
„Und du nur Spaghetti!“
„Eben. Also müssen wir doch beide genügend von dem einkaufen, was wir am liebsten essen, damit wir abwechslungsreich kochen können – so, dass es beiden von uns schmeckt!“ Unser Wildnisvorhaben trieb immer seltsamere Blüten: Neben dem Papierkrieg mit der kanadischen Bürokratie auf unseren Landantrag hin waren wir nun damit beschäftigt, nicht nur die Vor- und Nachteile von den Schneemobilmodellen in unserer Preisklasse (derer zwei) abzuwägen, sondern auch, Toilettenpapier, Salz und Käse abzuzählen. Denn häufige Einkäufe würden bald der Vergangenheit angehören. Daher galt es, Antworten auf Fragen zu finden, mit denen man sich im normalen Leben noch nie auseinandergesetzt hat: Wie viel Seife, Mehl und Kaffee verbraucht man eigentlich im Jahr?

Einkaufen für 9 Monate
„Mir ist das zu doof, alles abzumessen.“ Chris starrte auf meinen Zettel. „Ich mach das Pi mal Daumen, das klappt schon.“
„Na gut, also du kaufst Pi mal Daumen ein.“ Ich liebte Listen. Sie vermittelten ein Gefühl von Kontrolle und sahen nach Taten aus, ohne dass man eigentlich viel machte. „Ich hab bei mir jetzt einfach überall zehn Prozent mehr draufgeschlagen, weil wir beim Bauen bestimmt essen wie verrückt.“ Außer einige Monate lang meine Kassenzettel vom Supermarkt zu sammeln, hatte ich drei Wochen lang darüber Buch geführt, was ich in welcher Menge aß. Es waren tatsächlich erschreckend viele Spaghetti.
„Ich muss bestimmt viel hin und her fahren, um das ganze Werkzeug und Baumaterial rüberzuschaffen. Wenn dann irgendwas fehlt, kann ich es ja noch besorgen.“
„Ja schon, aber für den Winter müssen wir auf jeden Fall genug Essen und Hundefutter dahaben. Von November bis … März? Dann können wir auf jeden Fall mit dem Schneemobil übers Eis, oder?“
„Schon im Februar. Aber um auf Nummer sicher zu gehen, planen wir am besten von allem so viel ein, dass es uns von Oktober bis Juni reicht, wenn die Seen wieder offen sind – es kann ja auch sein, dass das Eis schlecht ist. Dann wären wir von Oktober bis zum Sommer abgeschnitten.“
Ich starrte Chris an und dann auf meine Liste. Ein achtmonatiger Spaghettivorrat? „Können wir denn so viele Vorräte überhaupt lagern?“
„Es wird halt eng werden“, grinste er. „Aber wenn wir alles stapeln, passt das schon in unsere Cabin.“
Unsere Cabin … immer gesetzt den Fall, dass wir den Behördenkrieg gewannen und tatsächlich auf das wunderschöne Stück Land am Tagish Lake umsiedeln konnten. Im Dorf kursierten bereits wilde Gerüchte: unser Landantrag sei illegal; wir würden von einer Umweltschutzorganisation finanziert; wir seien Grundstücksspekulanten oder hätten vor, von Sozialhilfe zu leben und den Staat auszunehmen. Die schnöde Realität war wesentlich weniger spannend.
Während die Mühlen der Bürokratie im Schneckentempo mahlten, vertrieben wir uns damit die Zeit, auf dem Papier das erste Blockhaus unserer Wildnisjugendherberge zu entwerfen: Den Gemeinschaftsraum mit Küche und Schlafraum im Loft. In den Folgejahren wollten wir noch ein Schlafhaus bauen und schließlich unsere eigene Blockhütte. Meinen ursprünglichen Plan, in Atlin eine Jugendherberge aufzumachen, hatten wir nun an den Tagish Lake verpflanzt und erhofften uns daraus eine Einnahmequelle. Mein Leben bestand inzwischen fast nur noch aus Hoffnung, hatte ich das Gefühl.
„Aber die Hunde schlafen ja auch alle mit im Haus“, wandte ich ein. „Dann sind wir zwei Leute, drei große Hunde und Vorräte für etwa acht Monate, inklusive Hundefutter, in einer gut fünf mal vier Meter großen Blockhütte!“
„Mit Loft.“
„Na ja, wenigstens haben wir keine Möbel.“ Auch ein Vorteil: Ich hatte es nie geschafft, mehr Mobiliar als eine Kommode und einen Futon anzusammeln, und Chris besaß hauptsächlich Gummistiefel. Viel wichtiger war sowieso, dass wir bereits über den Großteil der benötigten Werkzeuge verfügten, beide mit der Kettensäge umgehen konnten und Erfahrung im Hausbau hatten.
„Das geht schon alles.“ Chris' Mantra, das ich mittlerweile auch ständig vor mir hinsagte. „Und das mit dem Boot kriegen wir auch hin. Sobald Atlin Lake zugefroren ist, werde ich den Fluss ablaufen und mir eine Karte machen. Bei Niedrigwasser im Winter sehe ich ja, wo das Fahrtwasser ist und wo die größten Steine liegen.“
„Und dann weißt du im Sommer, wenn die Steine alle überspült sind, trotzdem noch, wo du lang musst?“
„Das seh ich doch am Wasser, und ich merke mir ja auch Orientierungspunkte am Ufer. Es würde uns einfach so viel Strecke sparen, wenn wir vom Tagish Lake über den Atlin River ins Dorf gelangen können, statt jedes Mal ganz ins Yukon Territory hoch- und dann auf der Straße die 130 Kilometer wieder nach Atlin runterfahren zu müssen.“
Der Fluss ist sehr flach, reißend schnell und mit gefährlich großen Findlingen bestückt. Nur wenige Bootsfahrer trauen sich daher den Atlin River hinunter, aber Chris hatte in seiner Zeit als Guide Wildwassererfahrung gesammelt. „Dann brauchen wir also bloß ein richtiges Boot.“

Der Altlin River verbindet die zwei Seen
Und Geld. Chris besaß immerhin eine eiserne Reserve, aber ich konnte mich einfach nicht entscheiden, ob ich mein Atliner Grundstück verkaufen sollte. Ich hing mit ganzem Herzen daran und hatte hier meine ersten eigenhändig gebauten Häuschen errichtet. Doch was würde ich noch davon haben, wenn ich gar nicht mehr hier lebte? Die Vorstellung, das Stück Land zu verkaufen, drehte mir den Magen um, aber es schien kein Weg daran vorbei zu führen. Wenn ich es nur vermieten würde, wäre es nicht genügend Geld. Sollte ich meine alten Träume für den neuen Wildnistraum verkaufen?
„Vor allem brauchen wir endlich die Bewilligung, dass wir das Land überhaupt haben können!“
Ab in die Wildnis

Unser Zeltlager aus dem Winter dient uns während des Bauens als Unterkunft
Ab in die Wildnis
Atlin, Mitte Juni 2005.
„Das hat eine Heizung?“, fragte ich noch einmal nach.
Der hagere Rentner, dessen Jetboot wir probefuhren, nickte und zeigte auf die Lüftungen in der Armatur. Seine faltige Hand hob und senkte sich mit den leichten Wellen, über die das Boot hinwegflog. Kleine Flecken Sonnenlicht funkelte durch die Scheiben hinein und irrlichterten durch den Innenraum. „Hier. Man kann sie so einstellen, dass es die Scheibe anbläst oder auch nach hinten geht.“
„Damit ist für Nicole alles entschieden“, sagte Chris trocken.
„Heizung! Das ist doch genial – da müssten wir im Boot nie mehr mitten im Sommer Klamotten wie bei minus 30 Grad tragen!“
„Na komm, fahr mal.“ Chris trat breitbeinig vom Steuerrad weg, um die Balance zu halten. Die noch mit Schnee bedeckten Berge am Ufer wippten auf und nieder. „Das hier ist der Gashebel – wenn du den nach vorne drückst, gibst du mehr Gas. Und das Boot ist sehr wendig; die Dinger sind extra dafür gebaut, schwierige Flüsse zu befahren. Durch den Düsenantrieb hat es kaum Tiefgang.“
„Alles klar.“ Ich klappte die Heizungslüftung so, dass mich ein angenehmer Wärmestrahl umfächelte, griff nach dem Steuerrad und gab kräftig Gas. Wie von der Tarantel gestochen schoss das Boot voran, den Bug hoch aus dem Wasser gehoben. Ich trat unwillkürlich einen Schritt zurück, dann krachte es hinter mir. Jemand ächzte. Erschreckt drehte ich mich um: Den dürren Rentner hatte es von den Füßen gerissen. Er lag mit ausgestreckten Armen auf dem Boden und starrte mich großäugig an.

Aufstapeln der Baumstämme im vorigen Winter
„Oh je, sorry – haben Sie sich wehgetan, Chuck?“ Peinlich berührt wollte ich ihm aufhelfen und riss dabei das Steuerrad nach rechts, sodass er an den Bordrand geschleudert wurde.
Kreidebleich klammerte sich Chuck an die Lehne des Beifahrerstuhls. „Ist schon alles okay“, krächzte er.
„Sweetie!“ Chris griff nach dem Steuer und richtete das Boot auf einen geraden Kurs, verbiss sich aber jeglichen frauenspezifischen Kommentar über meine Fahrweise. „Geh's mal ganz langsam und sachte an.“

Chris zog die Stämme mit dem Schneemobil zum Bauplatz
„Kein Problem“, murmelte ich. Das war eine andere Welt als Autofahren oder die flaue Rubber Ducky zu steuern! Ungefähr 500 bis 600 Kilo Ladung konnte man mit diesem Boot transportieren, und es war ideal für den wilden Atlin River. Ich fuhr weiter auf den See hinaus und probierte, eine Kurve zu fahren. Diesmal ganz vorsichtig. Chuck blieb auf den Beinen: Meine Fahrkünste mussten sich bereits drastisch verbessert haben. „Du, das nehmen wir, oder?“, fragte ich Chris leise auf Deutsch.
„Ja, das ist perfekt für uns“, nickte er.
„Noch mehr Schwierigkeiten wird es wohl nicht geben.“ Nach einem Jahr voller Probleme mit den Behörden, die sich in einem fünfzehn Zentimeter dicken Stapel an Genehmigungen, Formularen und Korrespondenz mit der niedrigsten Schreibkraft bis hin zum Minister niederschlugen, Protesten gegen unser Vorhaben von Seiten eines Buschpiloten und Sitzungen mit diversen Bürokraten sowie Abgeordneten der Taku River Tlingit, war das Stück Land am Tagish Lake inzwischen vermessen und uns angeboten worden. Geld hatte die Konten gewechselt, und im Winter hatten wir bereits auf der uns bewilligten Bauholzkonzession Stämme zum Hausbau gefällt.
Was jetzt noch fehlte, war der Grundstücksbrief – und inzwischen hatte der kurze kanadische Sommer längst begonnen. Je später wir mit dem Bauen anfingen, desto schwieriger würde es werden, die Cabin noch vor dem Winter fertigzustellen. Nach den vielen Problemen wollten wir jedoch nichts am Grundstück verändern, bevor wir nicht alle Papiere in der Hand hielten.
„Okay, dann lass uns zurück zur Marina fahren und bezahlen“, sagte Chris. „Falls doch noch was dazwischenkommt, können wir das Boot ja schlimmstenfalls wieder verkaufen.“
„Und die beiden Schneemobile, Fenster, Ofen und Isolierwolle auch … “ Ich wäre dann heimatlos, denn ich hatte im Winter schweren Herzens mein Atliner Grundstück verkauft – für das Leben in der Wildnis alles aufs Spiel gesetzt und am Ende doch verloren?
Sehr viel länger dauerte der Zustand der Ungewissheit zum Glück nicht: Am Tag der Sommersonnenwende lag endlich die lang ersehnte Grundstücksurkunde im Postfach. Zum Feiern blieb uns allerdings kaum Zeit, denn wir hatten bereits wertvolle Wochen für das Bauen verloren und mussten nun sofort vom Kampf mit den Behörden auf den Kampf gegen den Winter umschalten. Immerhin hatten wir einen Bauhelfer zur Seite – Frank, ein Freund von Chris, reiste extra aus Deutschland an, um uns zu unterstützen.
„Du sägst auf der Seite eine Kerbe in den Stamm, in deren Richtung der Baum fallen soll. Also die Kettensäge hier unten ansetzen und dann auf etwa auf ein Drittel des Stammdurchmessers reinsägen.“ Chris trat zurück, während Frank am Anlasserseil der Säge zog. Der Motor heulte auf, verbreitete vertrauten Geruch nach Benzin und Öl in der moskitoschwangeren Sommerluft. Sägespäne sprühten an der Unterseite des Kettenschwerts heraus, und dann fiel ein kleiner Keil aus hellem Fichtenholz aus dem Stamm. Unser Umzug in die Wildnis war bisher nur von Zerstörung geprägt – Minikrater für Fundamente und ein Plumpsklo graben, Sträucher herausreißen und Bäume fällen. Das hatte ich schon beim Bauen in Atlin nicht gemocht, und entschuldigte mich nun auf unserem Wildnisgrundstück andauernd bei der geschändeten Natur.

Unser Baumaterial
Frank wischte sich mit dem Arbeitshandschuh über die mückengesprenkelte Stirn, während die Säge in seiner Hand weiterratterte. „Geht gut!“
Chris zeigte auf die Rückseite des Baumstamms und brüllte über den Lärm: „Hier auf der anderen Seite setzt du den Fallschnitt an – einfach gerade in den Stamm reinsägen, immer auf die Kerbe zu. Je näher du kommst, desto mehr musst du auf den Baum achten. Wenn der Wipfel zu zittern beginnt, hält den Baum nur noch das schmale Stück Holz zwischen Kerbe und deinem Fallschnitt. Ab da ist alles Millimeterarbeit, und du musst die Säge sofort rausziehen und Platz machen, sobald der Baum sich neigt. Okay?“
„Alles klar.“ Frank beugte sich runter und setzte Chris' alte Stihl an.
Ich machte mich aus dem Staub, ehe der Baum zu fallen begann. Nun mussten wir doch einige von den Pappeln auf unserem Grundstück dem Bauvorhaben opfern – der Stapel Stämme, den Chris und ich im Februar gefällt hatten, reichte nicht aus. Das Eis auf Tagish Lake und Atlin Lake, das die Verbindung zwischen unserem neuen Wildnisdomizil und dem Dorf herstellte, war nur 18 Zentimeter dick gewesen und durch tagelanges Tauen und Regenwetter immer dünner statt dicker geworden – dank Temperaturen, die eigentlich erst im April zu erwarten waren. So hatten wir unser Zeltlager nach knapp zehn Tagen Arbeit in unserer Holzschlagkonzession abgebrochen und waren halb verrichteter Dinge mit dem Schneemobil über das mürbe Eis zurück nach Atlin gefahren. Immerhin: In der Zeit hatten wir es geschafft, neunzig Baumstammsegmente von zweieinhalb bis acht Meter Länge aus dem Wald an unseren Bauplatz zu ziehen.
Ich nahm wieder das Schäleisen in die Hand und begann, einem der aufgestapelten Bäume die Rinde abzuziehen. Die beiden Männer kamen mit Nachschub auf den Schultern: Der eben von Frank gefällte Baum war bereits in knapp zweieinhalb Meter lange Stücke zersägt.
„Und – abladen!“
Mit einem Rumms fiel das schwere Holz zu Boden.
„Die Dinger sind wenigstens leicht zu schälen“, sagte ich. „Nicht wie die Fichten vom Winter!“
„Sind ja auch ganz frisch. Noch sechs Pappeln und wir haben genügend Holz für die Wände.“ Chris streckte seinen Rücken.
„Sonst organisieren wir einfach noch ein Fenster“, schlug ich vor. „Das spart Holz, geht schnell und gibt schön viel Licht.“
„Falls diese Baumethode doch nicht hinhaut, haben wir vielleicht nur Fenster.“ Chris und Frank rollten den Pappelstamm zu unserer Baumkollektion. „Das muss klappen. Wenn Chris Czajkowski auf diese Art mutterseelenallein ein ganzes Blockhaus bauen kann, werden wir drei das ja wohl auch noch schaffen!“
Die kanadische Autorin hatte sich innerhalb eines Sommers eine Wildniscabin fernab aller Straßen gebaut, indem sie zwischen zwei Meter lange, aufrecht stehende Stützpfeiler waagerechte Stämme in ähnlicher Kürze eingesetzt hatte. Eine andere Methode, mit handlich kurzen Stämmen zu arbeiten, ist, sie alle senkrecht aufzustellen. Aber rein optisch gefiel uns das nicht, sodass wir lieber in Chris Czajkowsiks Fußstapfen treten wollten – sie hatte ein Buch darüber geschrieben, das allerdings diverse Details der Bauart offen ließ.
„Morgen können wir anfangen, die untersten Stämme zu setzen. Die Fundamente müssen jetzt einfach genug ausgehärtet sein.“ Chris trat probehalber gegen einen der acht Zementsockel, die wir ins Erdreich eingelassen hatten.

Unsere Wiese ist bunt mit Wildblumen
„Seid ihr für heute fertig mit Fällen? Dann fang ich an, Abendessen zu machen. Mich treibt der Hunger.“
„Klingt gut, wir holen nur noch die restlichen drei Stammsegmente aus dem Wald!“
„Okay.“ Ich legte das harzverklebte Schälmesser unter die Leinwandplane, die nicht nur unser Werkzeug vor dem Wetter schützte, sondern auch das Baumaterial.
Koyah, mein Chinook, lag gemütlich auf einem Isolierballen zusammengerollt. Blizzard und Silas streckten sich und gähnten; ihnen war durch unsere ständige Beschäftigung mit den Baumstämmen der Sommer gründlich verdorben. Lange Spaziergänge gab es nicht, dafür fehlte ganz einfach die Zeit, wenn wir bis zum Oktober fertig werden wollten. Blütenduft hing über der Wildwiese, die mit unzähligen Heckenrosen sowie Arnika, Akelei und Indian Paintbrush übersät war. Sehnsüchtig blickte ich auf dem Weg ins Zeltlager in den Pappelwald. Unsere nähere Bekanntschaft mit der Wildnis und ihren Tieren, von denen sich bislang keins gezeigt hatte, ließ noch auf sich warten.
Flammen umzüngelten das Holz in der Lagerfeuerstelle vor dem alten Leinwandzelt, das uns als Schuppen, Küche und Aufenthaltsraum diente. Chris und ich schliefen mit den Hunden in einem anderen Zelt fünfzig Meter weiter, und Frank campierte am Seeufer. So musste sich niemand gezwungen fühlen, extra lange wach zu bleiben, weil das Walltent noch genutzt wurde, und jeder konnte auch einmal seine Ruhe haben. Um mit den Essenssachen keine Bären anzulocken, hatten wir einen Elektrozaun um das Lager gezogen.
Chris stellte den leeren Teller auf die Erde. „Danke, Sweetie! Das war gut.“
Ich nickte. Wir wechselten uns mit dem Kochen und Abwaschen ebenso ab wie bei allen Schäl-, Säge- und Hämmerarbeiten am Bau. „Wie machen wir denn weiter, wenn wir die untersten Stämme gesetzt haben? Wollen wir dann mit den Wänden anfangen oder dem Fußboden?“
„Dem Fußboden, würde ich sagen. Sonst stehen wir ja beim Bauen wegen der Hanglage total tief.“
Frank stieß mit dem Stiefel einen Holzklotz weiter ins Feuer. „Was mir bei der Baumethode aber nicht ganz klar ist … ihr wollt in die aufrechten Stämme zwei Fugen sägen, in die dann links und rechts die waagerechten Stämme per Nut an den Stammenden eingefügt werden?“

Mit der Alaskan Mill werden die Baumstämme zurechtgesägt

Nicole im Zeltlager
„Ja, wir sägen an den beiden Enden aller waagerechten Stämme so eine Art Zapfen heraus, der dann in die Rillen in den Stützpfeilern greift.“
„Aber da müssen wir ja jeden waagerechten Stamm erst ganz nach oben hieven und ihn von oben zwischen die Stützpfeiler treiben!“
„Hm.“ Ich sah Chris an. So weit hatten wir noch gar nicht gedacht. „Vielleicht können wir eine Art Kran konstruieren“, schlug er vor. „Bei der normalen Blockhausmethode werden die langen Stämme doch über eine Art Rampe hochgerollt“, sagte ich.
„Das wird dann aber für das obere Stockwerk schon etwas haarig, meint ihr nicht?“ Frank hob fragend die Thermoskanne und schenkte uns allen Tee ein.
„Die Chris Czajkowski hat das irgendwie anders gemacht“, grübelte ich. „So detailliert hat sie das alles nicht beschrieben, aber ich glaube, sie hat die waagerechten Stämme mit irgendwelche Latten an den senkrechten festgehalten.“
„Und das hält eine ganze Wand?“, fragte Frank. „Habt ihr diese Baumethode denn nicht mal irgendwo angewandt gesehen?“
„Nein, aber da fällt uns schon noch was ein! So kompliziert ist der Hausbau nicht“, sagte Chris. „Für mein Blockhaus in Atlin habe ich auch nur in ein altes Buch geguckt und mir ein paar Häuser im Ort als Muster angesehen.“
„Solange die Wände im Lot bleiben … Viel kann man eigentlich nicht verkehrt machen“, meinte ich und erhob mich, um die Essenssachen wegzuräumen.
Im Zelt stand auf dem zweiflammigen Campingkocher, der von einer Propangasflasche gespeist wurde, noch der Topf mit dem Rest Soße. Ich räumte ihn mäusesicher in eine der Essenskisten, die entlang der Wände neben Kartons und Plastikkisten voller Kleidung, Bücher, Werkzeug, Lebensmittel und Hundefutter gestapelt waren. Bewegen konnte man sich nur in einem schmalen Gang in der Mitte, aber wir veranstalteten ja keine Tanzpartys. Ich streckte meine schmerzenden Arme, spürte die harte Arbeit der letzten Tage in meinen Rückenmuskeln. Anfang Juli war es bereits, und alles, das wir bisher gebaut hatten, waren acht Zementsockel! Ich suchte im Zelt nach dem Buch von Chris Czajkowski, um die Stellen über den Hausbau noch einmal nachzulesen.
Schlimmstenfalls könnten wir auch noch in den Winter hinein im Walltent ausharren, falls der Hausbau länger als geplant dauerte; das Zelt war mit einem Holzofen bestückt, der Chris und mir bereits im Februar während des Bäumefällens gute Dienste geleistet hatte. Aber eine verlockende Aussicht war das nicht. Unruhig blätterte ich im Buch.

Unser Zeltlager
Hausbau auf Wildnisart

Bei der Arbeit mit der Kettensäge liegen oft die Nerven blank
Hausbau auf Wildnisart
Tagish Lake, Mitte August 2005.
Müde tappte ich aus dem Zelt in die Dämmerung hinaus, ganz leise, um Chris nicht zu wecken. Die Hunde, die an ihren Leinen schliefen, damit sie bei mitternächtlichen Geräuschen nicht aus dem Zelt rannten, kuschelten ihre Nasen tiefer unter die Ruten.
Ein kühler Lufthauch umstrich meine nackte Haut, als ich mich einige Meter entfernt zum Pinkeln hinhockte. Zum ersten Mal seit Monaten war es nachts dunkel genug, dass ich Sterne am Himmel funkeln sah. Meine halbgeschlossenen Augen wanderten vom Himmel zu den ersten gelben Weidenblättern – Herbst. Und hinter dem Weidenbusch … ein unförmiger Schatten, der dort nicht hingehörte.
Plötzlich waren meine Augen riesengroß und ich hellwach. Keine zehn Meter von mir entfernt bewegte sich das dunkle Ding – ein Bär!

Erste Begegnung mit einem Bärennachbarn
„Oh, Mist“, flüsterte ich, konnte aber nicht zu pinkeln aufhören. Wie hypnotisiert starrte ich den Schwarzbären an, der mich ebenso gebannt beobachtete. Mein Herzschlag klopfte in meiner Kehle.
„Ich bin ein Mensch“, wisperte ich eindringlich. Das Tier hatte wohl noch nie einen nackten Zweibeiner gesehen, der wasserlassend vor ihm auf der Erde kauerte.
Plötzlich zuckte der Bär zusammen und sprang mit einem gewaltigen Satz in die Büsche, wo ihn sofort die Dämmerung verschluckte. Ich stand auf, froh, dass er das Weite gesucht hatte, aber ich hatte mich zu früh gefreut: Das Laub raschelte, und prompt war der Schwarzbär wieder da. Er richtete sich halb auf und witterte, konnte sich anscheinend keinen Reim auf mich machen. Mein Pulsschlag jagte noch immer in meinen Ohren, dabei waren es doch nur ein paar Meter bis zum Zelt, und das Tier war offensichtlich ganz verdattert. Bedrohlich verhielt sich der Bär nicht. Alles in Ordnung, beruhigte ich mich.
„Buh“, sagte ich und wandte mich zurück zu den Hunden, Chris und dem millimeterdünnen Zeltstoff, der uns vom Geschehen im Gesträuch trennte. Es krachte, und ohne Rücksicht auf Verluste rannte der Bär durchs Gebüsch davon, fort von mir, unter Ästeknacken und -geprassel nichts wie den Hügel hinunter in Richtung See, auf der Flucht vor dem blasshäutigen Zweibeingespenst. Chris' verschlafene Stimme tönte aus dem Zelt und die Hunde schlugen an, wie sie es fast jede Nacht in der letzten Woche getan hatten. Nun wusste ich, warum.
„Alles okay“, rief ich. Meine Haut prickelte vor Aufregung. Ich begann zu zittern, nicht nur vor Erleichterung. Es gab sie also doch, die Wildtiere! Wir hatten sie nicht alle verscheucht. Lebensfreude und Glück durchströmten mich; eine wilde Freude darüber, dass ich hier war, mit meinem Freund, unseren Hunden und einem halbfertigen Blockhaus mitten im herbstlichen Wald, wo man in der Dämmerung Zwiesprache mit einem Bären halten konnte.
„Verdammt noch mal!“ Missmutig setzte ich die Kettensäge ab und betrachtete die Nut, die ich aus dem Stammende herausgesägt hatte. Wie üblich war sie schief geraten. Ich sah zu Frank hinüber, der konzentriert vor seinem Stamm kniete und langsam mit Bleistift anzeichnete, wo er die Säge ansetzen musste.

Unser Nut- und Fugensystem
„Bei mir wird das nie was“, bekannte ich. Wenn ich wenigstens wüsste, was ich verkehrt machte. Es schien, als ob bei identischer Vorgehensweise Franks Stämme jedes Mal gelangen, während meine selbst mit Nachsägen nie so richtig passten. Chris hatte ebenfalls kein Händchen und keine Geduld für die akribische Nut-und-Fugen-Arbeit: Er sägte mit der Alaskan Mill, einem Aufsatz für die Kettensäge, den ganzen Tag lang die Stämme zurecht, sodass sie zwei flache Seiten zum Aufeinanderliegen hatten. In Akkordarbeit stellte er die Dutzende von Brettern her, die wir nicht nur für als Fußbodenbohlen, sondern auch für Fenster- und Türrahmen sowie Dachgebälk benötigten. Eine staubige, laute Arbeit, um die wir ihn nicht beneideten.
Frank zuckte die Achseln. „Schau dir doch das Werkzeug an, mit dem wir arbeiten! Das kann ja nur ungenau werden.“
„Bei mir auf jeden Fall.“ Ich schleppte das bereits geschälte Stämmchen zum Bau, wo sich die Blockhauswände inzwischen in den Himmel reckten. Isolierendes Moos hing zwischen den Stämmen heraus, und an der Südseite gähnten die beiden großen Fensteröffnungen.
Ich schob den Stamm auf die halbfertige Ostwand. Mit einem Ende steckten die waagerechten Stämme bereits in der Fuge des Stützpfeilers, während der zweite Stützpfeiler noch nicht gesetzt war: Unsere Lösung des Problems mit den waagerechten Stämmen. Erst wenn die Wand ganz in die Höhe gezogen war, schoben wir den zweiten Stützpfeiler heran und nagelten ihn an den Fußbodenbohlen fest. So konnten wir die waagerechten Stämme einfach aufeinanderstapeln, statt sie von ganz oben zwischen die Pfeiler hineinhebeln zu müssen.
Ich richtete den zweiten Stützpfeiler auf und schob ihn probeweise gegen das Wandende um zu prüfen, dass auch alle Nuten in der Fuge verschwanden. Die von mir gesägte war zu lang geraten und sah nicht schön aus, aber zumindest passte es.
Chris warf einen weiteren zweiseitig zugesägten Stamm, der eine Nutbehandlung brauchte, vor der Baustelle auf den Boden und wischte sich mit dem Arm über die von Sägemehl gepuderte Stirn und Ohren. „Die Blackflies machen mich noch wahnsinnig!“
„Zeig mal.“ Tatsächlich, rote Punkte tüpfelten seine Haut, wo die blutsaugenden Fliegen zugebissen hatten. „Das Insektenmittel ist hinten beim Werkzeug. Soll ich mal sägen?“ Keine verlockende Vorstellung, auch wenn es eine Abwechslung von der Nutsägerei wäre.

Die Bauarbeiten schreiten voran
Er beugte sich vor und gab mir einen staubigen Kuss, der nach Benzin schmeckte. „Ach, es geht schon. Bald können wir mit dem oberen Stockwerk anfangen!“
„Dann müssen wir uns zur Belohnung aber einen extra Tag freinehmen“, schlug ich vor. „Das muss doch echt drin sein – wir schuften sechs Tage die Woche, und der freie Tag geht immer mit so Sachen wie Brot backen oder Wäsche waschen drauf!“

Chris, gut eingehüllt gegen Mücken und Blackflies
„Oder mit Trips nach Atlin.“ Von Nägeln über Fenster bis hin zu den OSB-Platten für den Fußboden und den Metalldachpaneelen kam dank Chris und seiner winterlichen Flussbegehung alles heil mit dem Jetboot bei uns an. „Ja, dann machen wir einen Tag frei. Aber jetzt weiter, damit wir die Hütte vorm Winter noch fertigkriegen!“
Seufzend kniete ich mich vor den nächsten Stamm, um wieder eine Nut zu sägen. Immerhin lockte der freie Tag in nicht allzu weiter Ferne.
Die Hunde rannten aufgeregt vor Chris und mir her, konnten ihr Glück kaum fassen: Ein Spaziergang! Keine kurze Runde ums Grundstück mit Abstecher in die Bootsbucht wie in den letzten Wochen, sondern eine echte Exkursion in den noch immer unbekannten Wald. Weg- und steglos, wie die Wildnis war, ging es in einer Art Hürdenlauf unter, über und mitten durch das Gesträuch.
Unser Urlaubstag fühlte sich an, als würden wir schwänzen – fast hatte ich ein schlechtes Gewissen, endlich einmal allein mit Chris und den Hunden unterwegs zu sein. Wo wir hingingen, war mir egal; ich wollte nur das Gefühl auskosten, mit Chris durch die Gegend zu streifen, die uns irgendwann ein Zuhause sein würde. Meine Gedanken drehten sich immer noch um die praktischen Fragen des Wildnislebens.

Silas kann sich für die Bauarbeiten nicht begeistern
Ich tastete nach dem Bärenspray an meinem Gürtel, das ähnlich wie Pfefferspray wirkt, aber entsprechend stark für Bären dosiert ist. „Meinst du, wir müssen uns richtige Pfade durch den Wald anlegen?“
Chris duckte sich unter einem umgestürzten Baum hindurch. „Keine Ahnung. Vielleicht finden wir mit der Zeit ja Wildwechsel, die wir nutzen können … wenn wir endlich Zeit haben! Ich würde auch so gerne noch einen Elch schießen, sonst haben wir nur die paar Gläser Einmachfleisch.“
Ich rümpfte die Nase. „Die reichen schon bis zur nächsten Jagdsaison. So das Geschmackserlebnis ist das nicht … riecht wie Hundefutter aus der Dose, wenn man ein Glas aufmacht.“

Weideröschen
„Vielleicht müssen wir es das nächste Mal schon gleich beim Einkochen würzen oder die Soße machen“, schlug Chris vor. „Und wir können ja auch immer einen Teil Elchfleisch in Atlin in meiner Gefriertruhe bunkern.“
„Aber wenn wir mit dem Bauen fertig sind, musst du ja nicht mehr so viel hin und her fahren, oder? Dann kämen wir an deine Gefriertruhe nicht so oft ran.“
Eine winzige Wiese mit wilden Himbeerbüschen tauchte vor uns auf. Der See, an dem wir uns orientierten, glitzerte durch die grünen Bäume. Nur hie und da warnten ein paar Zweige mit frühem Herbstlaub davor, dass der Winter und das Ende der Bausaison nahten. Vom Wasser hallte der geisterhafte Ruf eines Eistauchers zu uns empor.
Chris pflückte ein paar Beeren und steckte mir eine in den Mund. Sie zerplatzte herrlich süß und fruchtig auf meiner Zunge. „Kommt drauf an, wie sich unsere Jugendherberge und Survivalkurse entwickeln.“
Ich kniete mich neben ihn. Wilde Himbeeren! Koyah und Silas schnüffelten interessiert am Busch und begannen mit spitzen Lippen, die besten Beeren zu pflücken. „Nee, sucht euch woanders was“, protestierte ich. Wenigstens betrieb Blizzard, mein blonder Wald- und Wiesenmischling, keinen Mundraub: Hechelnd hatte er sich in den Schatten gelegt. „Wir müssen uns auch bald entscheiden, wie die Leute bei uns überhaupt buchen können.“
„Satellitentelefon oder Funktelefon“, sagte Chris. „Oder Satelliteninternet.“
„Tja, nur was davon?“ Für diesen Sommer und Winter hatten wir nur ein Funkgerät. Telefonisch erreichen konnte uns niemand, und wenn wir ein Problem hatten, würden wir erst per Funk jemanden erreichen müssen, der für uns telefonierte. Auf die Dauer war das kein Zustand.
„Ich bin ja für Satelliteninternet“, meinte Chris und legte sich auf den Rücken. Koyah nutzte sofort die Gelegenheit, ihm quer übers Gesicht zu lecken – er war ein begeisterter Küsser und hatte die schnellste Zunge des Nordens. „Bäh! Geh!“
„Mit Internet in der Wildnis … “ Ich seufzte.
„Ich weiß“, grinste Chris und streichelte mir über den Arm. „Das passt irgendwie nicht und braucht Strom, aber das hier wird doch unser permanentes Zuhause. Funkgerät und Rauchzeichen sind nichts für immer.“
„Dann müssten wir den Generator ja noch mehr laufen lassen“, schmollte ich. Wie sehr hatten wir uns darüber gestritten, einen Stromgenerator anzuschaffen! Ohne Strom könnten wir nicht bauen, hatte Chris behauptet. Wie sonst sollten wir eine Kreissäge und einen Bohrer beim Blockhausbauen benutzen?
Geht auch alles mit der Kettensäge oder per Hand, hatte ich entgegnet. Die Menschheit hat es schließlich ohne Stromgeneratoren geschafft, den gesamten Planeten zu besiedeln. Auch in meinem Bergtal außerhalb von Atlin war es stromlos, still und friedlich gewesen, bis noch zwei Haushalte dazukamen und das elende Gebrumme ihrer Stromgeneratoren das Tal erfüllte. Ich verstand nicht, wie man so abgelegen wohnen wollte, sich aber nicht vom Stromkonsum abnabeln konnte.
Ich hatte dort ohne Elektrizitätsversorgung gebaut und mich auch zuvor in Atlin so arrangiert, dass ich zu Hause für nichts Strom brauchte. Öllampen gaben mir Licht, ich heizte mit Holz, Wasser holte ich mir in Eimern vom Bach, kochte auf Propanflammen und hatte ein Plumpsklo. Den größten Teil des Jahres hielten sich Lebensmittel draußen und sogar auch drinnen in einer kühlen Ecke des Hauses frisch. Im Sommer ging ich einfach öfter einkaufen und benutzte im Ort das Telefon, Internet und den Waschsalon. Einen Verzicht oder Entbehrungen spürte ich dabei nicht, nur ein großes Gefühl der Freiheit.
Ich hatte es für selbstverständlich gehalten, dass das Leben mit Chris in der Wildnis ebenso einfach sein würde, auf die elementarsten Dinge beschränkt. Falsch gedacht.

Blizzard, Silas, Koyah und Nicole
„Du bist da wirklich extrem“, meinte Chris. „Und du kannst hier draußen mit mir zusammen nun mal nicht haargenau so leben wie allein in Atlin.“ Ich stopfte mir noch eine Himbeere in den Mund. Nicht schon wieder streiten! Unser Baualltag war schon stressig genug.
„Du hast in Atlin ja deinen Strombedarf im Ort gedeckt“, fuhr Chris unbeirrt fort. „Ganz darauf verzichtet hattest du doch nicht. Und hier können wir nicht mehr zum Telefonieren kurz mal ins Dorf fahren.“
„Das weiß ich ja.“
„Mit einer Solarzelle bräuchten wir den Generator zumindest im Sommer bestimmt nicht oft laufen lassen. Die Funktelefone sollen ja abgeschafft werden, und billiger und vielseitiger als ein Satellitentelefon ist Internet auf jeden Fall“, sagte Chris. „Wenn wir Internet hätten, wären nicht nur die Reservierungen kein Problem, sondern die Leute könnten auch über PayPal bezahlen. Durch Skype hätten wir sogar eine Telefonverbindung.“

Der Herbst naht
„Hm.“
„Und über E-Mail könnten wir leicht Kontakt zu unseren Freunden und Familien halten.“
„Ach, ich weiß nicht … “ Seufzend befingerte ich die Schwielen an meinen Händen. Sah so das moderne Wildnisleben aus? Mit Satellitenschüssel und Generator im Wald? „Aber erst muss das Haus überhaupt mal fertig werden.“
Wettkampf gegen den Winter

Herbstspaziergang
Wettkampf gegen den Winter
Tagish Lake, Anfang September 2005.
Jetzt sah unsere Cabin nicht mehr wie ein Holzkasten mit Moosbewuchs aus, sondern fast wie ein richtiges Blockhaus: Das untere Stockwerk war fertig. Fünf Rahmen warteten darauf, dass wir die gebraucht gekauften Fenster einsetzten, und die Öffnung für die Tür gähnte in der Wand. Aber erst hieß es, das Loft und Dach fertigzustellen.
„Okay, lass uns die Dinger hochschieben!“ Chris hievte das Ende eines der über vier Meter langen Stämme in die Höhe, die als Bodenbalken für den Loftfußboden dienen sollten. Wir hatten sie bereits vor Wochen geschält, damit sie gut austrocknen konnten und sich mittels Muskelkraft und Seilwinde mühelos in die Höhe befördern lassen würden.

Aus den Stämmen wird ein Haus
Ich kletterte mit Frank auf die Hauswand, um den Stamm in Empfang zu nehmen. „Kannst du den denn allein hochschieben?“, rief ich zu Chris hinunter.
„Ausprobieren. Seid ihr bereit?“ Er umklammerte den dünnen Stamm, ging in die Hocke und begann zu stemmen. „Uuuuaaaah!“
„Okay, weiter!“ Frank und ich griffen nach dem Holz und zogen.
„Wohin damit?“, keuchte ich.
„Quer über die Ecke legen!“
„Okay!“
Wir zogen und rückten, Chris stemmte, und mit einem Schwung hatten wir das Biest oben. Vorsichtig bewegten wir den Stamm, bis er quer über der Hauswandecke lag.
„Super!“ Chris' verschwitztes Gesicht tauchte unter mir auf der Leiter auf. „Ich geh schnell auf die andere Seite, und dann schieben wir ihn in Position.“
„Und das klappt, hier oben die Nut zum Verfugen anzuzeichnen und zu sägen?“ fragte ich. Kettensäge und Leiter waren mir als Kombination nicht so geheuer. Mangels Extrabretter und Zeit arbeiteten wir ohne Baugerüst.
„Klar, ist alles kein Problem.“ Chris war schon auf der gegenüberliegenden Wand und zerrte am Stamm.

Chris schraubt die Dachpaneele an
Langsam bewegten wir ihn über die Wand in die Position, in der wir ihn in die Balken verfugen wollten, die nach oben hin die Wand abschlossen. Er schien haargenau zu passen, nur ein kleines Stück noch – plötzlich schrien wir alle durcheinander. „Scheiße, pass auf!“
„Achtung, das wird knapp!“
„Der ist ja viel zu kurz!“
„Ich kann ihn nicht mehr halten!“
Der Stamm rutschte von den Wänden und knallte auf den Fußboden des unteren Stockwerks. Mit einem lauten Rumms schlug er gegen die Wand, auf der ich saß. Der ganze Bau erzitterte. Panisch klammerte ich mich fest. Der Stamm fiel ganz auf den Boden, die Wand vibrierte noch einen Moment, und dann war alles still.
„Verdammte Scheiße!“
„Seid ihr okay?“
„Wenigstens haben wir stabil gebaut.“ Nervöses Gelächter. Wenn der Stamm vorher abgerutscht wäre, als Chris noch darunter stand … Mit weichen Knien kletterte ich die Leiter hinunter und in die Cabin hinein. In der OSB-Fußbodenplatte, die der Stamm zuerst getroffen hatte, klaffte ein 20 Zentimeter langes Loch.
Chris legte mir den Arm um die Schultern. Ich schmiegte mich an ihn, konnte den Blick nicht von dem Loch in der OSB-Platte reißen. „Hat doch alles gehalten.“
„Das Ding ist zu kurz“, stellte Frank fest und griff nach dem Bandmaß. „Wie breit ist die Hütte?“
„14 Fuß“, sagten Chris und ich wie aus einem Mund. Da in Kanada alles Baumaterial in Fuß und Inches statt metrisch bemessen ist, fährt man besser damit, auch in diesen Dimensionen zu bauen.
Frank hakte das Maßband ans Stammende und zog es lang. „Exakt 14 Fuß.“ Er grinste schief. „Kein Wunder, dass das Ding runtergeknallt ist. Da ist nichts mehr mit Nut raussägen und verfugen! Dafür müsste der mindestens dreißig Zentimeter länger sein.“
Mir drehte sich der Magen um. Hatten wir sie etwa alle zu kurz gesägt? Wir sahen uns an und rannten zu dem Stapel präparierter Stämme, die als Fußbodenbohlen fürs Loft gedacht waren. Wortlos ging Frank mit dem Messband von Stamm zu Stamm und sagte schließlich: „Tja, die sind alle auf genau 14 Fuß zugesägt.“
„So eine verdammte Scheiße“, brüllte Chris los. „Die können wir alle wegschmeißen! Die ganze Arbeit umsonst!“
„Und wenn wir nochmals Bäume fällen?“, fragte ich.
„Wo denn? Das muss Nadelholz sein, weil es tragende Balken sind, und darf weder zu schlank sein wegen der großen Spanne, noch zu dick, weil wir sie sonst nicht hochkriegen“, protestierte Chris. „Selbst wenn wir passende Bäume auf dem Grundstück hätten – ohne erst auszutrocknen sind die viel zu schwer für uns! Und so lange können wir nicht warten!“
„Und wenn du stattdessen Bretter sägst?“, schlug Frank vor.
„Woraus denn? Die paar langen, dicken Stämme, die wir noch haben, brauchen wir alle, um die Bretter für den Dachstuhl herzustellen.“ Beklemmendes Schweigen.
„Und wenn wir auf das Loft verzichten, einfach jetzt das Dach draufsetzen?“, fragte ich.
„Dann zieht im Winter beim Heizen die ganze warme Luft nach oben und unterm Dach sind's 30 Grad, während wir unten im Kalten sitzen“, sagte Chris. „Da muss so oder so ein Boden eingezogen werden.“

Unser Loft muss isoliert werden
„Außerdem wollt ihr das oben doch als Schlafraum für die Jugendherberge nutzen, oder?“ Frank setzte sich auf den Stapel Baumstämme. Koyah, der ein feines Gespür für Missstimmung hatte, kam angetrottet und stupste mich tröstend an.
Chris starrte auf unser Bauwerk. „Also, was machen wir? Hier rumsitzen bringt nichts! Los, Leute, wir müssen fertigwerden!“
Gelbes und oranges Herbstlaub leuchtete um uns herum wie Warnlichter. Auf den Bergen lag bereits der erste Neuschnee. Ich seufzte. „Schlimmstenfalls bleiben wir den Winter über im Walltent. Einen Ofen haben wir ja drin.“
„Ich verbringe doch keinen ganzen Winter im Zelt!“ Chris kniete sich vor die Stämme und befingerte die Enden.
„Und ich geh nicht wieder nach Atlin zurück“, schnappte ich. „Ich will nicht den Winter über in deiner Cabin im Ort sitzen! Das hier ist jetzt mein Zuhause. Meins in Atlin hab ich verkauft.“
Plötzlich sprang Chris auf und lief zu unserem Werkzeugdepot neben der Baustelle. Mit einer Faust voller 40 Zentimeter langer Nägel kam er wieder. „Hier“, rief er triumphierend. „Wir nageln die Stämme in die Wand.“
„Nageln? Aber dann hängen die nur an den Nägeln! Die müssen ja nicht nur die OSB-Platten, sondern unsere ganzen Versorgungsmittel und das Bett inklusive uns tragen!“ Ich starrte die Nägel an. „Das wird doch nie im Leben halten!“
„Könnt ihr nicht Stützbalken daruntersetzen?“, fragte Frank.
„Irgendwie so was können wir noch machen“, sagte Chris. „Ist doch egal, Hauptsache, die Dinger halten erst mal und wir können mit dem oberen Stockwerk weitermachen. Wenn das Haus gedeckt ist und der Ofen drin ist, haben wir Zeit, uns was zu überlegen. Aber jetzt nicht!“
„Also gut. Nageln wir sie fest.“
Die Nägel hielten tatsächlich. Angetrieben vom bunt leuchtenden Herbstlaub und dem Neuschnee auf den Bergen, der sich stetig in die Baumgrenze hinunterarbeitete, bauten wir das Loft in Rekordzeit. Natürlich waren die Wände nur halbhoch, aber inzwischen ging uns die Arbeit auch leichter und schneller von der Hand. In den letzten Wochen waren wir nicht nur zu Muskelpaketen geworden, sondern hatten auch die Tücken jedes einzelnen Vorgangs in- und auswendig gelernt. Sobald es kompliziert wurde, riefen Chris und ich nach Frank, der mit einer Engelsgeduld und viel Konzentration auch der schwierigsten Aufgaben Herr wurde.

Unser Blockhaus ist noch vor dem Winter fertig geworden
Ende September, kurz bevor Frank nach Deutschland zurückfliegen musste, war das Dach fertig gedeckt und der Ofen installiert. Nicht nur das Haus war fertig, sondern wir auch: Je näher der Winter rückte, desto mehr hatte Chris uns bei der Arbeit vorangetrieben. Ich war das Wildnisleben zu dritt herzlich leid, bei dem es durch unseren selbstgemachten Stress und die Isolation des Waldes immer wieder zu Spannungen kam.
Es war eine Ausnahmesituation für uns alle gewesen. Chris hatte sich nicht nur dafür verantwortlich gefühlt, dass wir die Cabin innerhalb von drei Monaten fertigstellten. Ihm war auch wichtig, dass Frank trotz der vielen Arbeit eine Art Urlaub bei uns hatte – und Frank war in der unbekannten Wildnis mit ihren Bären und weglosen Wäldern nur ungern allein.

Innen ist noch alles ein Provisorium
Auf dem Bau arbeitete ich wesentlich lieber mit ihm als dem ständig aufbrausenden Chris zusammen, aber gerade darum fehlten mir in den drei stressvollen Monaten umso mehr entspannte Momente der Zweisamkeit mit meinem Freund. Wir waren alle erleichtert, als nicht nur das Bauen an der Cabin endlich ein Ende hatte, sondern auch unser Leben als Dreiergespann in der Wildnis. Das Kennenlernen der Einsamkeit konnte jetzt beginnen.

Herbst in der Wildnis
„Verdammt noch mal!“ Fluchend drückte ich gegen die nadeligen Äste des verfilzten Tannendickichts. Chris hatte ich schon vor Minuten aus den Augen verloren. Der Fetzen Himmel, den die Bäume freiließen, war bleigrau, und weder Berggipfel noch die Sonne zeigten sich als Richtungsweiser. Mein Herz pochte in meiner Kehle. Ich hatte keine Ahnung, wo zum Teufel ich eigentlich war und in welche Richtung es zu unserem Blockhaus ging. Unsere Erkundungsgänge im Herbstwald endeten fast immer so: in einer Sackgasse aus dichtestem Gesträuch oder mitten im Sumpf, und mit der brennenden Frage, wo genau wir uns überhaupt befanden. So viel zum Thema leicht zu durchwandernder Mischwald.
„Sweetie?!“ Angespannt lauschte ich. Die Hunde blieben stehen und horchten ebenfalls.
„Hier!“, kam es dumpf von links, irgendwo zwischen den Bäumen. „Ist es dahinten besser zu laufen?“, rief ich und spürte die momentane Angst von mir abfallen, dass ich mich nicht nur verlaufen, sondern auch noch Chris im Wald verloren hatte. „Hier ist alles komplett dicht!“
„Warte, ich komme!“
Hektisch nestelte ich in meinem Rucksack nach dem Kompass. Schritte knacksten, und dann stand Chris vor mir, die Mütze und Schultern mit Blättern und kleinen Zweigen bestreut. Er hatte sein GPS in der Hand. „Wir sind hier schon richtig“, sagte er und tippte auf den kleinen Bildschirm des Geräts. „Aber wir müssten doch schon längst den See sehen“, protestierte ich. „Nein, wir kommen bloß zu langsam voran. Jetzt haben wir für 500 Meter geschlagene zwanzig Minuten gebraucht!“
Blizzard sah mich an und ging ein paar Schritte, blieb stehen und blickte mich wieder an. „Ja, ich weiß, Blizzy, wir wollen nach Hause!“ Er ging gemessenen Schrittes weiter in seine eingeschlagene Richtung und sah sich erneut um.
„Du, ich glaub, er will uns nach Hause führen“, sagte ich zu Chris und zeigte auf meinen Hund.
„Die Richtung stimmt schon ungefähr, aber woher soll er den Weg wissen? Wir sind hier ja noch nie gewesen.“
Blizzard und ich tauschten einen langen Blick aus. Er war der Leithund meines kleinen Rudels, und ich hatte ihn erst als erwachsenen Hund adoptiert. Im Reservat der Tlingit geboren, war er bei einem weißen Alkoholiker aufgewachsen, der in einer grob zusammengezimmerten Hütte im Wald hauste und sich eines Tages bei einer illegalen Grabung in einem Minenschaft in die Luft gesprengt hatte. Blizzard kam mir vor, als hätte er in seinem Leben schon alles gesehen.
„Vielleicht weiß er es aber“, sagte ich. „In Atlin habe ich doch immer zu den Hunden 'let's go back' gesagt, wenn ich auf Spaziergängen wieder umgedreht bin.“
„Den gleichen Weg zurückgehen will ich aber nicht unbedingt“, meinte Chris und pflückte sich ein paar Tannennadeln von der Jacke.

Blizzard kennt den Weg nach Hause
„Blizzard, let's go back.“ Ich nickte meinem Hund zu, der mich prüfend ansah. Er machte ein paar Schritte und schaute sich nach mir um. „Komm, wir folgen Blizzy. So ist es fein, let's go back!“
Er setzte sich wieder in Bewegung, und Silas, Koyah, Chris und ich folgten ihm aus dem Dickicht heraus in den offeneren Pappelwald.
Chris starrte auf sein GPS. „Du, der geht genau richtig! Das ist der direkte Weg!“
„Siehst du, er weiß es einfach.“
„Aber wie? Vielleicht kann er Rauch vom Ofen riechen?“
„Aber der Wind geht doch in die andere Richtung.“
Hin und wieder vergewisserte sich Blizzard, dass ihm sein Gefolge noch auf den Fersen war. Unbeirrt, ohne zu wittern oder anzuhalten, schritt er langsam voran, sodass auch wir Zweibeiner mithalten konnten.
„Ist ja der Hammer“, brummelte Chris. „Haargenau auf Kurs – durch eine völlig fremde Gegend!“
Aufgeregt steckte ich meinen Kompass weg. Das war es, genau das war es, das ich lernen wollte: Den Wald nicht als ein Hindernis zum Durchqueren wahrnehmen, sondern sich darauf einlassen können; mit meinen Tieren zu einem Team verwachsen und der Natur näher kommen, als ich es bisher gekonnt hatte. Wie würde es wohl in ein paar Jahren sein, wenn ich nicht nur den Wald, sondern hoffentlich auch das Leben der Wildtiere besser kannte?
Baumstümpfe leuchteten hell aus dem Unterholz – hier hatten wir gefällt. Es ging nun stetig bergab durch lichtes Weiden- und Beerengestrüpp, bis wir kurz darauf auf der Wiese hinter unserem Blockhaus standen. Durch die herbstgelben Bäume leuchteten der See und die schneebedeckten Berge.
„Tja, das GPS brauch ich anscheinend nicht mehr“, sagte Chris und steckte es weg. „Oder ob das Zufall war?“
„Glaube ich nicht, der weiß das irgendwie. Fein, Blizzy, braver Junge“, lobte ich und wuschelte ihm durch sein dichtes Fell. Er quittierte die Aufmerksamkeit mit einem kurzen Schwanzwedeln – wäre er ein Mensch, hätte er wohl mit den Achseln gezuckt. So viel Aufregung um so etwas Selbstverständliches! Aber ich fand es aufregend. Nicht nur unser mühsames Umherlaufen im Wald und das Entdecken von bisher unbekannten Fähigkeiten meines Hundes, sondern auch jedes Mal das Heimkommen zu unserem spartanischen Blockhaus.
In der Cabin sah es noch immer wild aus. Chris und ich hatten es in einem Anfall von Euphorie geschafft, den Umzug vom Zeltlager ins Haus an einem einzigen Tag zu bewerkstelligen. Mit Schubkarren hatten wir unsere Berge an Essensvorräten, Kleidung, Hundefutter, Geschirr, Öllampen und Büchern knapp 300 Meter durch den Pappelwald, dann quer über die Wildwiese und am Rande des Fichtenwäldchens entlang zum Haus befördert.
„Mit ein paar Regalen hätten wir mehr Platz“, stellte ich fest und setzte mich auf den Boden zu den Hunden. Bisher beschränkte sich unser Mobiliar auf einen Sessel und zwei Campingklappstühle, eine Plastikkiste als Tisch und Isomatten als Bett.
„Ich säge kein einziges Brett mehr“, stöhnte Chris. „Den Campingkocher stellen wir einfach auf das kleine Fertigregal, damit hat sich die Küchenanrichte, und wenn ich die letzte Bootsfahrt vor dem Winter nach Atlin mache, gucke ich mal, ob nicht irgendwer im Dorf ein altes Sofa loswerden will.“
„Klingt gut.“ Ich lehnte meinen Kopf an die Wand, von der ich nicht nur jeden Baumstamm, sondern auch jede verpfuschte Nut kannte, und schloss die Augen. „Du, das mache ich jetzt öfter, mich mit den Hunden im Wald verlaufen und dann von Blizzy zurückführen lassen! Das ist so ein tolles Gefühl, sich einfach völlig seinem Hund anzuvertrauen.“
„Na, ob er das jedes Mal schafft?“
„Oh, bestimmt – ich hatte ihnen das doch in Atlin mehr oder weniger beigebracht, weil ich beim Umdrehen immer ‚let’s go back‘ gesagt habe. Auf demselben Weg zurückführen könnte er mich auf Befehl hin sicher, aber dass er einfach die direkte Route nimmt – wow. Und den Kompass und die ganze Notausrüstung habe ich ja zur Sicherheit immer dabei. Ich glaube, wir müssen uns viel mehr von der Vegetation und Unterholzbeschaffenheit leiten lassen, statt stur auf unserm Kurs bleiben zu wollen.“

Herbstfarben
Chris setzte sich neben mich und lehnte sich an mich. „Aber dann kommen wir nicht da an, wo wir eigentlich hin wollen!“
„Vielleicht muss man dann eben immer mal wieder den Kurs korrigieren oder so. Blizzy hat uns doch eine Strecke gefunden, die ganz gut zu gehen war und trotzdem in die richtige Richtung ging.“
„Nun haben wir ja Zeit für so was.“
„Mhm. Schön, dass du diesen Winter hierbleibst!“ Chris war sonst meist für einige Wintermonate unterwegs auf Reisen, um über den Atliner Tellerrand hinausblicken zu können und neue Länder und Menschen kennenzulernen. Mich störte das nicht weiter, ich war gern allein – aber für zumindest diesen ersten Wildniswinter hatte ich mein Veto gegen sein Reisefieber eingelegt. Wobei ich es mir für die Zukunft spannend vorstellte, dann monatelang ohne jegliche menschliche Gesellschaft und von der Welt abgeschnitten im Wald zu sein.
„Ja, finde ich auch“, sagte Chris.
Aber … setzte ich in Gedanken fort und grinste.
„Aber auf die Dauer – ich muss einfach immer mal wieder raus. Etwas Abwechslung haben und neue Leute treffen.“ Chris sah besorgt aus.
„Ja, das weiß ich.“ Ich streichelte Blizzards samtiges Ohr. „Ist doch okay, von mir aus kannst du in Zukunft ja wieder auf Reisen gehen. Wir sind jetzt schließlich den ganzen Rest des Jahres ständig zusammen, vermutlich würden wir uns mit der Zeit auf den Geist gehen – und ich stelle mir das toll vor, hier ganz allein in der Wildnis zu sein. Nur das Land, die Hunde und ich … “
Teil 2: Leben in der Einsamkeit
Allein

Der Winter steht vor der Tür
Allein
Sechs Jahre später. Tagish Lake, 25. Oktober: 1 Grad, Schneefall.
Unruhig kauerte ich im Loft neben dem Funkgerät. Draußen fiel unablässig Schnee in den Gletschersee und wurde hungrig vom graublauen Wasser verschlungen, das ihn mitnahm auf seine lange Reise in die Beringsee. Bleierne Wolken hatten die Berge vollkommen ausgelöscht. Einsam kam es mir vor, wie jeden Spätherbst, wenn Chris für dreieinhalb Monate auf Reisen ging. Obwohl ich mich jedes Mal auf das Alleinsein freute, war die Umstellung von intensiver Zweisamkeit auf intensive Einsamkeit nie ganz einfach – trotz der inzwischen vier Hunde, die mir gute Gesellschaft waren.

Ein letztes Funkgespräch mit Chris
Ich drehte am Lautsprecherknopf. Schon nach drei Uhr; bis zu seinem Abflug nach Südamerika war Chris in Atlin und wollte sich noch einmal melden. Aber bisher herrschte Funkstille. Endlich tönte seine Stimme durch das Loft: „Raven Hill, Raven Hill. Como Lake.“
„Hey, wie geht’s?“, fragte ich. Jegliche Gefühle von Einsamkeit waren plötzlich verflogen.
„Prima.“ Ich hörte das Lächeln in Chris' Stimme. „Und bei dir, alles in Ordnung?“
„Ja. Es hat gerade angefangen, zu schneien. Warst du –“ Meine Worte gingen plötzlich in erbostem Gebell unter. „Du, warte, da ist was, ich muss schnell die Hunde rufen!“
Ich warf das Mikrofon hin und kletterte schnell die steile Treppe in unsere Wohnküche hinunter. Gellend pfeifend lief ich an Koyah und Blizzard, die auf ihren Decken lagen, vorbei zur Tür. Alt und schwerhörig waren die beiden inzwischen geworden, aber draußen kläfften Silas und unser junger Jagdhund Moldy ohne Unterlass.
„Silas! Moldy, komm!“, rief ich und steckte den Kopf gerade rechtzeitig hinaus, um eine Elchkuh mit zwei Kälbern unter lautem Ästeknacken aus dem Wald hervorbrechen zu sehen. Schnee- und Erdklumpen, von Elchhufen aufgeschleudert, prasselten auf die wild hinterherjagenden Hunde herab. Verdammt noch mal, seid ihr taub?
Wütend pfiff ich mit der Hundepfeife. Endlich machte Moldy kehrt und kam eilig zurückgelaufen, beflügelt von seinen im Takt wippenden Schlappohren. Wie ein einziges Tier drehten die Elche ab, den Hügel hoch, ein verwischter Fleck von braun-schwarzem Fell und einer verwirrenden Vielzahl hellsockiger, langer Beine. Hochbeinig rennend, mit steil gereckten Hälsen, erreichten sie die Anhöhe. Die kurzen Mähnenhaare des Muttertieres waren drohend gesträubt. „Si-las! Komm!“, brüllte ich, und nach einem letzten aufgebrachten Blick zu den Eindringlingen bequemte er sich, umzukehren. Die kleine Truppe Elche machte am Wiesenrand halt. Langohrig sah die Kuh zu uns hinab.

Elchkuh mit Zwillingen
Während ich die beiden Elchjäger in die Cabin scheuchte, zog ich mir aufgeregt meine Jacke an. „Los, flott, flott. So ist brav, rein jetzt.“ Blizzard und Koyah, die den Grund für den Lärm verpasst hatten, drängelten sich interessiert an meine Beine. „Nein, ihr bleibt alle drinnen.“
Sollte ich Chris am Funk schnell Bescheid sagen? Ach was. Nur kurz nachsehen, bevor die Tiere verschwanden. Zwillingskälber! Dort oben stand er noch, mein Elchbesuch.
Vorsichtig stapfte ich den Pfad hoch. Die Elchkuh behielt mich genau im Visier, eines der Kälber an ihrer Seite, während sich das andere hinter ihr versteckt hielt. Die Kälber waren jetzt, im Alter von fünf, sechs Monaten, bereits so groß wie ein mittleres Pony. Im Gegensatz zu den bei Begegnungen mit Menschen und Hunden meist recht stoischen Elchkühen waren die Kälber nervös; verständlich, liefen sie doch ein weitaus größeres Risiko, von Bären und Wölfen gerissen zu werden.
Gute hundert Meter vor den Tieren blieb ich stehen. Große Schneeflocken schwebten träumerisch herab. Die Elchkuh wandte ihren ungeschlachten Kopf nach links, zupfte an einer Weide und brach mit einem kurzen Kopfnicken den Endtrieb eines dünnen, kahlen Zweiges ab. Kauend schaute sie mich an.
„Tut mir leid wegen der Hunde. Die hatten sich wohl auch erschreckt. Zwei Babys hast du! Bist aber eine tolle Mama. Und so eine Schöne!“ Die langen Ohren, deren cremefarbenes Innenfell nach außen hin mit einer feinen Linie schwarzer Haare abgegrenzt war, spitzten sich. Erleichtert nahm ich die damit ausgedrückte Wachsamkeit und Interesse wahr – bei angelegten Ohren und einem vorgestreckten, gesenkten Kopf machte man sich besser davon. Ihr Mähnenfell legte sich langsam wieder flach, getüpfelt mit darin verfangenen Schneeflocken. Anscheinend hatte ihr die Hundebegegnung nicht nachhaltig die Laune verdorben. Eines der Kälber versuchte sich hinter ihr unsichtbar zu machen, indem es sich näher an sie drängte, während das andere mich skeptisch beäugte.

Elchkuh und Kalb
„Na, ihr? Ganz schön groß seid ihr schon. Ist alles okay.“ Fröstelnd verschränkte ich meine Arme vor der Brust und trat auf der Stelle. Schade, ich hätte gerne gewusst, welchen Geschlechts die beiden Kälber waren, aber konnte es von hier aus nicht erkennen. Doch ich wollte sie nicht weiter bedrängen – mit etwas Glück würden sie noch eine Weile in der Gegend bleiben. Chris fragte sich inzwischen sicher schon, was geschehen war, fiel mir ein.
„Dann fresst erst mal was auf den Schreck hin. Ich geh jetzt auch wieder.“ Ich wandte mich um und hastete an unserem mannshohen Stapel Feuerholz vorbei zur Cabin zurück.
Die Kanalanzeige des Funkgeräts glühte mir zwischen den Essensvorräten entgegen. „Chris? Bist du noch dran?“
„Ja, was war denn los? Du warst so lange weg.“
„Drei Elche! Eine Kuh mit Zwillingen, direkt bei der Cabin“, sagte ich atemlos und warf meine Jacke aufs Bett. „Ich nehme mal an, dass die Hunde gehört haben, wie sie vom See hochgekommen sind. Mensch, hier ist was los!“ Ich blies mir eine Haarsträhne von der Stirn und lehnte mich gegen einen Sack Reis. Schneewasser lief von meinen Stiefelsohlen langsam auf die Spargeldosen zu. Ich zog die Gummistiefel aus und schob sie zum Treppenaufgang hin. „Da siehst du mal, was du alles verpasst!“
„Ja, ja, das brauchst du mir gar nicht extra zu sagen!“ Chris seufzte. „Irgendwie habe ich gerade sowieso kaum Lust wegzufahren. Ist es wirklich okay, dass du wieder so lange allein bist?“
Bekam er nun plötzlich Gewissensbisse? Unwahrscheinlich – denn weswegen? Mir gefiel es doch gut, das Alleinsein. Ich rückte näher ans Funkgerät. „Ah ja, klar. Du weißt doch, es ist so ein Abtauchen in eine ganz andere Welt. Hast du die nächsten Tage in Atlin noch ein volles Programm?“
Chris stöhnte. „Ja, ganz schön. Ich muss gleich sehen, dass ich ein paar Sperrholzplatten organisiere, um das Jetboot schneesicher einzupacken. Wenigstens hat's gut geklappt, es aus dem Wasser zu ziehen – da fing es gerade erst an, zu schneien. Heute Abend bin ich bei Wayne und Cindy zum Essen eingeladen, morgen bei Ann – und Montag geht ja schon der Flug. Und wie sieht deine Planung aus?“
Darauf, dass er unsere Freunde sah, war ich doch etwas neidisch. Seit Chris gestern über die Seen nach Atlin gefahren war, hatte er nicht nur mit einer ganzen Handvoll Menschen gesprochen, sondern sogar welche gesehen! Ich dagegen war das letzte Mal vor zwei Monaten im Dorf gewesen und plante auch nicht, vor dem Sommer wieder hinzufahren. Meine Ausflüge in die Zivilisation waren auf zwei kurze Exkursionen pro Jahr geschrumpft; ich war dem Wildnisleben inzwischen mit Haut und Haaren verfallen. Klein kam mir meine Welt vor.
„Och … Ich denke, ich gehe noch mal raus, vielleicht sind die Elche ja noch da.“

Die Berge sind bereits verschneit
„Gut, ich mach mich jetzt besser auf, das Sperrholz zu besorgen, bevor es dunkel wird – sollen wir morgen nochmals funken?“
„Okay. Gleiche Zeit?“
„Ja, das sollte gehen. Dann pass auf dich auf und grüß mir die Elche, ja? Ich liebe dich, Sweetie!“
Sagt der das doch tatsächlich über den öffentlichen Funk! Na, wieso eigentlich auch nicht?
„Bis morgen dann. Ich lieb dich auch. Raven Hill clear.“
„Como Lake out.“
Ich stellte das Funkgerät ab und stieg glücklich und beschwingt durch das Gespräch die Stiege hinunter. Da zog er hin, mein Freund, sich unter die Menschen zu mischen und seine sozialen Kontakte zu pflegen. Sollte er doch! Nein, hinaus in die Menschenwelt zog mich inzwischen kaum noch etwas. Fremd, irgendwie unverständlich waren mir die Menschen geworden, deren Leben ungleich facettenreicher als das meine war; die täglich Dutzende, sogar Hunderte anderer Menschen sahen, sich mit ihnen arrangieren mussten; die Arbeitskollegen, Kinder und Chefs hatten, Freunde, die sie mal eben so sehen konnten. Über was konnte ich mit ihnen noch groß reden? Im Laufe der sechs Jahre, die seit dem Bau der Cabin vergangen waren, hatten sich Elche, Schnee, Bären, Bäume und Eis zu meinen Themen entwickelt.
„Wollt ihr mit rauskommen?“
Eine rhetorische Frage. Die vier Hunde waren sofort auf den Beinen und schwänzelten aufgeregt um mich herum. Ich legte Silas und Moldy ihre Teletakthalsbänder an, die uns unter den Elchen, Stachelschweinen, Wölfen und Bären viele Sorgen und potenzielle Tierarztkosten ersparten: Falls der Jagdinstinkt ihr Hirn einmal ausschaltete, kamen unsere auf den fein regulierbaren Elektroimpuls trainierten Hunde sofort.

Moldy
Mir dagegen schnallte ich das Bärenspray um, dazu kamen noch der übliche Tagesrucksack mit dem Notpeilsender und den Erste-Hilfe-Sachen, sodass ich für alles von problematischen Tierbegegnungen bis zu Unfällen abseits der Blockhütte gut gerüstet war. Fliegender Händler, die Wildnisversion – so kam ich mir mit den ganzen Sachen vor. Ich sah auf die von den Schneeflocken verschleierten Zitterpappeln und den wintergrauen See hinaus. Schneller und dichter fiel der Schnee, verwischte das Tageslicht zu einer verfrühten Dämmerung, zog meine Welt noch enger zusammen, als sie sowieso schon war. Bevor ich die Hunde hinausließ, ging ich allein den Pfad hoch und schaute nach den Elchen – aber sie waren nirgendwo mehr zu sehen. Ihre Spuren führten von unserem Grundstück fort.
„Silas, bei Fuß! Moldy!“ Enttäuscht lotste ich die nach der Elchfamilie schnuppernden Hunde in den Pappelwald hinein. Für das nächste Vierteljahr würde ich nicht mehr viele Lebewesen zu Gesicht bekommen, die größer als ein Hund waren. Tierbegegnungen waren mir unsagbar wertvoll geworden.
Ich bohrte meine Hände tiefer in die Jackentaschen. Nach dem Funkgespräch mit Chris, dem Hundegebell und der Aufregung mit den Elchen kam mir der Wald so still vor, als hielte er den Atem an. Eine leichte Brise trug den intensiven Nadelbaumgeruch einer Tannengruppe zu mir herüber. Nichts schien sich in dieser Einsamkeit zu bewegen, außer mir und den Hunden. Plötzlich schweiften alle vier vom Pfad ins Gebüsch ab, ließen kleine Wolken Neuschnee von den Weidensträuchern stieben.
Erregt bebten die Hundenasen über eine frische Spur im Schnee. Am Rande unseres Pfades fand ich einen unversehrten Abdruck, der allerdings von keinem Elch herrührte. Eine ovale Mulde in Handgröße war in den Schnee gepresst: Ein Bär! Ähnlich wie ein breit ausgetretener, menschlicher Fuß sah die Fährte aus, mit einem kleinen Gestirn von fünf Krallen gekrönt. Sogar die Falten der Fußsohle waren zart im Schnee abgezeichnet. Ich legte meine Hand in den Abdruck der nicht viel größeren Pranke. In weiten Schlenkern verlor sich die Spur im Wald. Nur das Hecheln der Hunde zerschnitt die Stille.

Bärenspur im Schnee
„Ein Schwarzbär“, sagte ich leise und fühlte mich beschenkt – es war doch nicht so einsam. Erst die Elche, und nun war ein Bär in der Nachbarschaft. „Na, dann lasst uns mal sehen, wo er hingelaufen ist. Bei Fuß. Fuß!“
Ich wischte meine schneefeuchte Hand an der Fleecehose ab und begann mit den Hunden der Bärenfährte zu folgen. Die knorrigen Äste der Fichten ließen immer wieder einen Teil ihrer kalten Ladung in meinen Jackenkragen fallen, als ich mich unter ihnen hindurchwand. Über umgestürzte Bäume war auch der Bär geklettert: Die Schleifspur seines Hinterteils zog sich zwischen den Tatzenabdrücken über ein paar besonders dicke, quer liegende Stämme. In dem zunehmend moorigen Gelände lehnten die verkümmerten Fichten trunken aneinander, die schwärzlichen Pfützen darunter waren mit hauchdünnem Eis versiegelt. Fahlgelbes Sumpfgras ragte elegant aus dem Schnee und strich gegen meine Beine.
Anders als die festgeklopften Pfade der Schneehasen folgte die Bärenspur keiner bestimmten Richtung. Vereinzelte Hagebutten leuchteten im Unterholz, unter ihnen feine Tupfen von Hermelinspuren, als hätte ein Kind alle fünfzehn Zentimeter zwei Finger in den Schnee gepresst. Das Gezwitscher eines kleinen Schwarms Meisen durchbrach die Stille des Waldes.
Mein Menschsein schien mir fehl am Platz zu sein, hatten doch alle andern Lebewesen um mich herum vier Beine oder Flügel. Bloß einen Einblick in das Leben des Bären wollte ich bekommen, erahnen, mit welchen Gedanken er sich durch den Wald bewegt hatte. Vielleicht folgte ich ihm auch einfach aus meinem Bedürfnis nach Kontakt und dem Wunsch zu wissen, was in meiner Nachbarschaft vor sich ging.
Die Gedanken des Bären – so weit war es mit mir schon gekommen. Für den Fall, dass der Bär noch in der Nähe war, rief ich ab und zu laut nach den Hunden, obwohl sie sich recht dicht bei mir hielten. Die Spuren interessierten mich, aber überraschen wollte ich das Tier nicht; auch wenn ein Bär normalerweise vor so vielen Hunden Reißaus nehmen würde.
Im offenen Pappelwald wanden sich die Spuren zwischen den Bäumen hin und her. Ich pflückte von den dürren Zweigen der Highbush-Cranberry-Sträucher ein paar hellrote, glasige Beeren, die mir sauer und leicht bitter auf der Zunge zergingen. Fast unkenntlich gemacht von den Hundepfoten führte die Bärenspur vor mir weg und hielt auf einmal inne. Tief waren die Tatzenabdrücke in die fünf Zentimeter Schnee gedrückt, hatten die Gräser darunter hervorgeschmolzen, an denen sich jetzt die neuen Schneeflocken verfingen.

Unser Blockhaus in der Dämmerung
Dort hatte er gestanden, der Bär, in den weiß-braunen Winterwald gestarrt und die Neuigkeiten gerochen, die der Wind ihm zutrug. Vielleicht den Rauch aus unserer Ofenröhre, das Nass des großen Gletschersees, die herben Beeren und alte Fährten von Chris, den Hunden und mir. Mit zögernden Schritten, so erzählte die gedrängte Zahl seiner Spuren, hatte der Bär sich wieder umgewandt und war zurückgegangen. Vielleicht dachte er schon an seine Höhle, in der er sich bald zusammenrollen und die kalt und dunkel gewordene Welt bis zum Frühling vergessen würde.
Dir geht es im Moment nicht viel anders als mir, Bär. Fühlst dich auch etwas seltsam in dieser Zeit der Umstellung, der Einkehr, wo es in der Wildnis so still wird. Zögernd kehrte ich um und kürzte zu einem unserer Trampelpfade in Richtung Blockhaus ab. Langsam brach die Dämmerung herein.
Es ist erst in der totalen Einsamkeit, wenn kein anderer Mensch mehr da ist, dass sich alle Sinne dem Land weit öffnen. Lebt man doch als Mensch im täglichen Dialog mit anderen, an denen man sich erkennt und definiert. Fällt das weg, dann greifen die Augen, Ohren, Nase und Hände in ihrem Bedürfnis nach Kontakt und Austausch nach den Bergen, der sterilen Winterluft, dem Ruf eines Raben. Die Handfläche liegt weich im Schnee, der noch vor Stunden die Pranke eines Bären hielt. Die Grenzen zwischen dem, was mich ausmacht, und dem wilden Land um mich herum fangen an, zu verwischen.
Der Unglücksrabe

Zitterpappeln mit Raureif
Der Unglücksrabe
Tagish Lake, 16. November: Eisnebel.
Die Öllampe tünchte das Stillleben aus Teetassen, Tellern und Töpfen auf der Küchenanrichte in ein anheimelnd goldenes Licht, das auch das Innenthermometer erhellte: elf Grad. Brr. Koyah, der mit seinen inzwischen elf Jahren sicher nichts gegen eine Zentralheizung einzuwenden hätte, drängte sich unter meinem Arm hindurch, als ich vor dem Holzofen niederkniete. Ich strich ihm über seine samtweichen Ohren.
„Na, du alter Stinker? Gut geschlafen, hm? Nee, ich will kein Küsschen. Komm, lass mich mal in Ruhe Feuer machen.“ Vorsichtig blies ich auf die Glut, bis die erste Flamme kam, und legte Holz nach. Das Feuer begann an dem winzigen Scheiterhaufen zu lecken und gab prasselnd die Wärme so vieler Sommer frei.

Eisnebel
Der Wasserkessel summte mir auf dem Propangasherd eine leise Hintergrundmusik, als ich das Radio an seiner Handkurbel neu aufwand. Während ich der Wettervorhersage lauschte (kalt und grau im ganzen Yukon und auch Atlin), goss ich das brodelnde Wasser in den Kaffeefilter auf meiner Tasse und mischte mir in einer Schale mit Kondensmilch, Wasser und Müsli mein Frühstück. Das Kaffeearoma vermischte sich mit dem leichten Rauchgeruch des Feuers.
Ich liebte diese winterliche Morgenroutine, das gemächliche Wach- und Hellwerden, in dem das Blockhaus wie ein Schoß der Geborgenheit war: Das sanfte Licht der Öllampe und die Wärme meines Feuers inmitten der dunklen, kalten Wildnis.
Draußen begannen sich die kahlen Äste der Pappeln skelettös gegen den dunkelgrauen Himmel abzuheben. Seit Chris fort war, rückten die Stunden der Helligkeit immer dichter zusammen. Widerwillig nur schob sich die blasse Sonne am späten Vormittag über die Berge, lang angekündigt von einer fast zwei Stunden währenden Morgendämmerung.
Bei minus 10, minus 14 Grad wie heute dampfte der See wie ein riesiger Waschzuber, kühlte aus, obwohl man den von Gletscherwasser gespeisten See selbst im Hochsommer nicht anders als eiskalt bezeichnen konnte. Die grau verhangene Novemberlandschaft verwandelte sich zu einem unwirklichen, verschwommenen Nebelbild, in dem sich die andere Seeseite nur mehr schemenhaft abzeichnete. Morgens, wenn es am kältesten war, verschluckte der feuchte Eisnebel sogar den See. Gerade das Ufer und ein Streifen grau-blaues Wasser ließen sich noch erkennen. Fantastisch lange Eiskristalle setzten sich an den Tannenzweigen und Pappelästen ab, zierliche weiße Federn, die wie Festschmuck an den Bäumen prangten.

Die Sonne kämpft sich durch den Eisnebel
Tagsüber, wenn die Temperaturen anstiegen, hob sich die Nebeldecke stetig, bis sie schließlich auf hundert Metern über dem Wasser festhing. Gespenstisch drehten sich dampfende Nebelschleier über dem See, wirbelten hoch in die Luft wie ein Heer tanzender Geister.
Feucht wie aus einer Gruft legte sich dann der leiseste Windhauch auf mein Gesicht, ein klammer Abschiedsgruß des Sees, bevor er für die nächsten sechs Monate eine Decke aus Eis über sich ziehen würde. Der Nebel setzte an den längsten Spitzen Hundefell und an meinen Haaren winzige Eiskristalle wie feine Spinnweben ab.
Weiter weg vom See dagegen, nur ein, zwei Kilometer entfernt, schien die Sonne aus dem klaren Winterhimmel auf eine kältere und scharf umrissene Landschaft, die nicht von der großen Wasserfläche warmgehalten und eingenebelt wurde.
Kauend überlegte ich mir meine Pflichten für diesen Nebeltag. Die kleinen Arbeiten – Holz sägen und spalten, Wasser holen, mit den Hunden spazieren gehen, um die Cabin herum Schnee schippen, die Öllampen neu füllen – waren das Gerüst eines jeden Tages, das in den Monaten ohne Chris meinem völlig amorphen Leben einen festen Rahmen, eine Routine und Wichtigkeit gab.

Morgenstimmung in der Cabin
Zwei große Stapel Brennholz hatte ich zwar noch, aber … Vorsichtig biss ich wieder zu. Etwas in meinem Mund fühlte sich seltsam an. Im linken Oberkiefer spürte ich einen Backenzahn, der sonst keine Aufmerksamkeit auf sich zog. Er tat nicht weh, aber etwas stimmte daran nicht. Ich schluckte, saß ganz still. Kein Zahn meldete sich. Ich schob mir einen weiteren Löffel Haferflockenmix in den Mund und kaute auf der linken Seite. Da war es wieder: Kein Zahnschmerz, aber die Plombe, die ein gutes Drittel des Backenzahns ausmachte, bewegte sich sachte, ganz leicht, hin und her. Mit Herzklopfen stellte ich die Müslischale auf den Tisch und trank einen Schluck Kaffee zur Nervenstärkung.
Typisch. Fast jedes Jahr passierte zum Winter hin irgendetwas, das keinerlei Problem, höchstens ungelegen wäre, wenn es einige Wochen früher geschehen wäre. Doch kaum, dass die Bootssaison, in der wir die Wildnis noch leicht verlassen konnten, vorbei und Chris irgendwo auf Reisen war, geschah es. Einmal war es ein Formular, das ich ausfüllen, unterschreiben und per Post verschicken sollte, als jemand meine Kreditkartennummer zweckentfremdet hatte; im letzten Winter hatte der inzwischen fünfzehnjährige Blizzard eine Augenentzündung, die nicht besser wurde. Ein anderes Mal ging eine der Kettensägen kaputt – und diesen Winter war es also ein Zahn.
Ein Zahn, von dem nicht mehr viel übrig war. Was, wenn die Plombe herausbrach? Ob dann der Nerv freiliegen würde? Aber jetzt noch zum Zahnarzt – wie denn? Ein Wasserflugzeug konnte aus Atlin nicht mehr kommen, da sie schon längst von ihren Pontons genommen waren. Ich müsste noch gut anderthalb Monate warten, bis sie auf Skis umgerüstet und die Seen sicher genug zum Landen gefroren wären. Hubschrauber? Aber ich bekäme niemals alle vier Hunde und mich in einem Jet-Ranger verstaut. Ich konnte sie ja nicht einfach hier lassen, da es sich nicht an einem Tag erledigen ließ. Und allein die Kosten – schon für die Fliegerei weit über tausend Dollar. Ich könnte vielleicht – ein lautes Rumsen unter der Cabin riss mich aus meinen Gedanken.

Hermelin
Drei Hundeköpfe fuhren hoch, nur der alte Blizzard war schwerhörig und hatte nichts gemerkt. Fragend schauten die Hunde mich an.
„Ich war's nicht. Vielleicht ist das Hermelin auf Mäusejagd“, schlug ich vor. Das im Winter elegant in seinen blütenweißen Pelz und schwarze Schwanzspitze gekleidete Wiesel sorgte regelmäßig für Mord und Totschlag in der Mäusepopulation unter dem Haus.
Schräg unter mir raschelte es laut, dann klang es, als würde etwas durch die Gegend geschleift. Sollte etwa ein Bär …? Unwahrscheinlich. Die waren doch längst im Winterschlaf, auch der kleine Fährtenleger vom Oktober. Aber irgendetwas Großes krabbelte direkt unter mir herum.
„Bleibt“, sagte ich zu den Hunden und stand so leise auf, wie es auf dem knarrenden Sperrholzboden möglich war. Mit dem Bärenpfefferspray in der Hand zog ich vorsichtig die Tür auf und spähte unter die Cabin. Ein Rabe hüpfte unter dem Haus hervor und flog schwerfällig in den nächsten Baum, wo er auf einem tiefliegenden Ast sitzen blieb.
„Hey“, sagte ich überrascht. „Was soll das denn?“

Ein Rabe zu Besuch
Der Rabe fixierte mich mit starrem Blick. Ich schaute unter die Cabin, von wo der große Vogel eine schwarze Mülltüte, in der sich ein Rest Isolierwolle befand, hervorgezerrt hatte. Der Schnee vor dem Blockhaus war gestrichelt mit einer Unzahl von Rabenspuren.
„Du, tut mir leid, aber da ist nichts Essbares. Chris hat den Herbstmüll mit raus auf die Halde genommen.“
Doch offenbar kannte sich der Rabe mit der menschlichen Wegwerfgesellschaft aus. Er blieb sitzen. Ich stopfte die Tüte unter die Cabin, weiter nach hinten. So was Dreistes! Um Probleme mit Bären zu vermeiden, ließen wir nie Abfälle herumliegen und damit war auch für Raben nichts zu holen. Erstaunlich, dass er sich so weit unter die Cabin gewagt hatte, wo doch das Haus unten nach drei Seiten hin abgesiegelt war. Vermutlich war es ein Atliner Rabe, der sich normalerweise auf der Müllhalde durchschlug – darum war er so abgebrüht und kannte sich mit Plastiktüten aus.
Ich ließ ihn in der Pappel sitzen, schwarz und bucklig in der grauen Morgendämmerung. „Die Vögel“ von Hitchcock kamen mir in den Sinn.
In der Küche legte ich mir Seife und Shampoo, Waschlappen und Handtuch zurecht.
Bei dem kurzen Tageslicht schaffe ich das niemals an einem Tag: nach Atlin fliegen, 200 Kilometer nach Whitehorse fahren, zum Zahnarzt, zurück nach Atlin, wieder heimfliegen. Und wenn ich schon draußen bin, müsste ich direkt einen Großeinkauf machen und den Hubschrauber vollladen, damit es sich irgendwie lohnt. Aber so viel Geld habe ich auch nicht mehr übrig, um jetzt noch viel einzukaufen. Mist. Verärgert goss ich warmes Wasser in meine Waschschüssel. Und wen soll ich einfliegen lassen, um solange auf die Hunde aufzupassen?

Alltägliches Anheizen des Ofens
Ich zog mich aus, tunkte den Kopf in die Schüssel und massierte mit fahrigen Fingern Shampoo in meine Haare. Für den Flug müsste ich außerdem ein paar extra Tage einkalkulieren, da sie bei dem Nebel nicht immer fliegen konnten. Selbst wenn ich plötzlich starke Schmerzen bekäme – alles müsste erst organisiert werden, bevor ich raus könnte. Egal, wie weh es tat. Ich hielt meinen Kopf über die Küchenspüle und goss mir Wasser über die Haare. Schaumig kreiselte es in den Abfluss und plätscherte in den Eimer unter der Spüle.
Schon wieder jemanden um einen Gefallen bitten: auf die Hunde aufzupassen und mir eventuell ein Auto zu leihen, da wir keines mehr besaßen. Der Postbus fuhr nur drei Mal die Woche von Atlin nach Whitehorse.
Immer waren meine Zivilisationsbesuche mit diversen Bitten verbunden. Kannst du mich mal hierhin fahren, kannst du meine Post abholen, kannst du mir etwas aus Whitehorse mitbringen. Sicher, ich verließ die Wildnis nur zwei, drei Mal im Jahr, aber stets hatte ich eine ganze Anzahl von Gefallen von meinen Freunden zu erfragen. Und meine Möglichkeiten, mich zu revanchieren, waren sehr begrenzt geworden.
Plötzlich polterte es erneut laut unter dem Haus.
„Jetzt ist aber gut“, rief ich ärgerlich, drückte das Wasser aus meinen Haaren und stapfte nackt und tropfend zur Tür. Vogelterror brauchte ich jetzt nicht! Eiskalte Luft schlug mir entgegen. Der Rabe segelte schwerfällig in einen Baum – diesmal einen andern, wo er erneut auf einem tiefen Ast landete. Normalerweise sitzen sie doch viel weiter oben? Fröstelnd schaute ich den schwarzen Vogel an. Irgendwie machte er keinen gesunden Eindruck. Seine Schwingen hingen leicht herab. Ich seufzte. „Du hast richtig Hunger, was? Wieso fliegst du nicht rüber nach Atlin, das ist doch kein Problem für dich! Zwei Seen und ein Fluss.“
Der Rabe bewegte sich nicht, wie die Vögel es sonst meist tun, wenn man mit ihnen redet. Kein Kopfdrehen, kein auf dem Ast trippeln, nichts. Nur der starre Blick, der sich in meine Augen bohrte.
Vielleicht hat er noch nicht so viele Unterhaltungen mit nackten, nasshaarigen Frauen geführt, dachte ich schaudernd – recht hat er, es ist zu kalt, um splitternackt im Türrahmen zu stehen. Ein paar Sekunden lang sahen wir uns stumm an, dann machte ich die Tür zu und schaute aus dem Fenster. Der Rabe sah von draußen hinein.
„Spanner“, sagte ich und ging zurück in die Küche, um mein Waschritual zu beenden. Sollte ich ihn füttern oder nicht? Eigentlich fanden wir es sinnvoller, wenn Wildtiere sich ihr Futter selbst beschafften. Nur den Kolibris konnten wir nicht widerstehen und hängten jeden Sommer eine Nektarröhre für sie auf.
Ich zog mir wieder meine schwarzen Fleecehosen und das Sweatshirt an, schlich zur Tür und riss sie plötzlich auf. Der Rabe hüpfte flink unter dem Haus hervor, schlug mit den Flügeln und hob sich in die Luft. Diesmal sah ich in seiner linken Schwinge ein Loch in der Größe der kanadischen Ein-Dollar-Münze aufblitzen. Ein Nachbar in Not! Natürlich musste er gefüttert werden.
Blaugraue Wolken hingen tief über den Bergen, hatten die dramatisch gezackten Gipfel am Südende des Sees ganz ausgelöscht, als ich mit zwei Handvoll Hundetrockenfutter zum Ufer hinunterging. Ernst und still sah der dunkle Wald aus, ebenso bleiern der See. Die runden Ufersteine trugen eine schlüpfrige Glasur aus Eis, verziert mit albernen Bommeln, wo die Wellen abgetropft waren.
Ich trampelte eine kleine Schneefläche beim Wasser platt, schaute den Raben an, der mir aus ein paar Metern Entfernung zusah, und schüttete betont langsam und gut sichtbar das Hundefutter auf den Boden. Eine Fichte wuchs in der Nähe, in der er sich vielleicht häuslich einrichten könnte: Futterstelle und Wasser hätte er gleich nebenan und wäre auch vor den Blicken der Raubvögel geschützt.
„So, schau mal – leckere Sachen für dich. Da brauchst du nicht mal eine Tüte zu öffnen.“ Ich ging ein paar Schritte zurück und blieb stehen, doch der Vogel wagte sich nicht vor. Beschämt, das hungrige Tier noch länger warten zu lassen, ging ich zurück zum Haus.
Ein Pflegling! Innerlich jubelte ich fast darüber, so unverhofft eine Aufgabe bekommen zu haben, die sich nicht nur auf meine Hunde, das Heizen und Wasserholen beschränkte.
Raben faszinierten mich schon lange – wunderschön schienen sie mir in ihrem schwarz-blau schillernden Gefieder, ihrer Luftakrobatik, in der so viel Lebensfreude lag. Es ist eine der wenigen Vogelarten, die auch im Winter in unserer Gegend bleibt. Adler und Falken, Gänse und Amseln – sie alle flüchten vor der Härte der kalten Jahreszeit. Doch die Raben blieben, kamen sogar ab und zu auf ein Schwätzchen oder um die Hunde zu foppen vorbei.
Nach einer halben Stunde ging ich nachsehen, ob der Rabe gefressen hatte. So sicher war ich mir nicht, ob er das Hundefutter anrühren würde – misstrauisch sind sie, diese Vögel. Aber die beiden Handvoll Futterbröckchen waren restlos verschwunden und die Stelle im Schnee zerfurcht mit den Zehenabdrücken der Vogelfüße.
Ich strahlte den Vogel an, der wieder in einem der Uferbäume saß. „Oh super, schmeckt dir das wohl? Da kannst du gern mehr von haben. Ich hab auch noch Eier und Käse, eingekochtes Elchfleisch … Dich päppeln wir schon wieder auf!“ Glücklich darüber helfen zu können und gebraucht zu werden, ging ich, um die Vorräte nach potenziellem Rabenfutter zu durchsuchen. Von allem war reichlich da, denn wie üblich hatten wir für den Fall, dass die Seen nicht sicher gefrieren würden, genügend Lebensmittel und Hundefutter bis zum nächsten Sommer da. Auf der Veranda waren Margarine und in Plastik verschweißte Käseblöcke in der Gefriertruhe, dem kanadischen Winter, untergebracht, während die restlichen Dosen, Säcke und Kisten in der zwanzig Quadratmeter großen Wohnküche, dem etwas kleineren Anbau und im Loft verstaut waren – in der Blockhütte, die wir damals als Jugendherberge gebaut hatten und die letztendlich unser Wohnhaus geblieben war. Ein gefiederter Mitesser war kein Problem.

Der Rabe holt sich einen Leckerbissen
Während zwei Eier für das nächste Rabenmahl in der Pfanne brutzelten, schaute ich in unserem homöopathischen Ratgeber nach Mitteln für die Flügelverletzung da. Arnika Globuli konnte ich unter das Rührei schmuggeln sowie auch einige Brösel der Schafgarbe, die ich im Sommer gesammelt und getrocknet hatte. Entzündungshemmend und schmerzstillend, das war hier gefragt. So ganz altruistisch war ich nicht – in mir war die Hoffnung, dass er vielleicht öfter vorbeikommen würde, selbst nachdem er genesen war. Mir Unterhaltung und Gesellschaft, etwas Licht in mein stilles Leben bringen würde. Gut gelaunt summte ich vor mich hin, während sich die umnebelte Sonne endlich über die Berge stahl. Meine lose Plombe war fürs Erste vergessen.
Meine Nabelschnur zur Welt

Unser Blockhaus in der Wintersonne
Meine Nabelschnur zur Welt
Tagish Lake, 19. November: minus 12 Grad.
„Scheiße auch!“ Fluchend stellte ich die knatternde Kettensäge ab, zog, schob und drückte daran, aber das Schwert blieb solide im Baum eingeklemmt. Auf und ab konnte ich die Säge zwar bewegen, doch die Mitte des Schwerts und die Kette saßen fest wie in einem Schraubstock. Aufgebracht blies ich mir eine verschwitzte Haarsträhne, die unter der Fleecemütze herausgerutscht war, von der Stirn.

Nicole ist bereit zum Bäumefällen
Die wie ein Flitzebogen gekrümmte Fichte wurde vom inzwischen kniehohen Schnee mit ihrer Krone unten am Boden festgehalten. Wie schon so manches Mal hatte ich die Spannung eines Baumstammes falsch interpretiert: Ich hatte erwartet, dass er nach oben schnellen wollte, doch offenbar drückte er nach unten. Nach so vielen Jahren mit der Kettensäge sollte ich wirklich in der Lage sein, den Baum zu zerteilen! Aber nein: Zu dumm, zu blöd.
„So ein Mist!“
Ich schaute mich nach Zweigen oder Holzschnipseln um, die ich als Keil in den Spalt treiben konnte, in dem die Säge festhing, aber ohne eine Axt, mit der ich etwas hineinhämmern könnte, war das eine müßige Übung. Auch typisch, hielt ich mir schlechtgelaunt vor: Wieder ohne Axt und Keile unterwegs.
Ich zog an der Anlasserschnur, um zu testen, ob mein Werkeln nicht zumindest die Kette gelöst hatte. Die Säge ratterte los, aber als ich Gas gab, bewegte sich nichts.
„Verdammt! Bin ich denn bescheuert!“ Ich stellte die Kettensäge wieder ab und begann mit den Zähnen zu knirschen, als mir gerade noch rechtzeitig die lose Plombe einfiel. Nicht mal seinem Frust konnte man Ausdruck geben!
Vielleicht, wenn ich von unten drückte …? Es war eine recht lange, aber schlanke Fichte. Ich kletterte unter den gekrümmten Baumstamm unter die Stelle, in der die Säge hing, und presste meine Schulter dagegen.
„Uaaah!“ Auch der Urschrei half nicht. Gleichgültig drückte sich der Stamm in meine Schulter. Es führte kein Weg daran vorbei: Ich musste zur Cabin zurückgehen und eine Axt holen sowie am besten die Plastikkeile, die ich gleich hätte mitnehmen sollen. Verschwitzt, mit schmerzendem Rücken und schlechter Laune kam ich ein paar Minuten später auf unserer Lichtung heraus.
Im Werkzeuglager unter dem Haus ließen sich allerdings keine Keile finden.
Vage erinnerte ich mich, sie zuletzt im Herbst auf der anderen Grundstücksseite benutzt zu haben und sie vermutlich dort in den Schuppen getan zu haben.
Da latsche ich doch jetzt nicht auch noch ganz rüber, dachte ich wütend, und schnappte mir stattdessen ein kleines Handbeil.
Schnipsel für Schnipsel meißelte ich das Holz um die eingeklemmte Husqvarna weg, bis ich endlich die Säge herausziehen konnte. Vorsichtig bewegte ich die Kette mit der Hand und pickte kleine Holzstückchen heraus. Immerhin schienen die Kettenglieder in Ordnung zu sein. Ich schob mir wieder die Ohrenschützer auf und ließ das malträtierte Gerät an – doch, die Kette rotierte, wie sie sollte. Das vertraute Aufheulen und der öligen Benzingeruch verbesserten beim Entasten und Zersägen langsam meine Laune, auch wenn mein Rücken noch vom Kampf mit der Fichte schmerzte.

Eine Ladung Feuerholz
Nachdem ich den Problembaum zerlegt hatte, fällte und zersägte ich ohne Zwischenfälle zwei weitere dürre Bäumchen. Große Mengen an Holz waren es nicht, aber ich ließ es damit gut sein. Es schonte den Rücken und gab meinem Alltag mehr Struktur, wenn ich alle paar Tage Feuerholz schlug, anstatt mir in stundenlangem Sägen einen großen Vorrat anzulegen. Bei der Cabin lagerte außerdem noch eine eiserne Ration für den Notfall, falls ich krank wurde oder mich verletzte und keine Bäume fällen könnte. Ein simpler Hexenschuss wäre schon ausreichend, um mein Leben kompliziert zu machen.
Ich stapelte neun Längen Holz auf den Plastikrodelschlitten und zog meine Ausbeute keuchend zur Cabin, immer noch eingenebelt in den Benzingeruch, der in meiner Kleidung hing. Hinter mir schabte der Schlitten über den Schnee, neben dem Knirschen meiner Stiefelsohlen nun das einzige Geräusch.
Wie mühsam man als Mensch doch seines Lebens fristet: die Behausung, Bekleidung, die Heizmittel, die man benötigt. Oft beneidete ich die Tiere im Wald, denen ihr Fell oder Federn ein Zuhause und Heizung genug waren. Welch Kontrast, von der nierenförmigen Kuhle, die ein schlafender Elch im Schnee hinterlässt, zum behäbigen Blockhaus zu gehen, das sein Blechdach in den Himmel reckt. Der Rest des Planeten mit seinen Menschenmassen, Straßen und Lärm schien unendlich fern zu sein. Ich hörte zwar die Radionachrichten, aber es hätten genauso gut erfundene Hörspiele sein können. Eingehüllt in mein kleines Universum aus Blockhaus, Schnee und Nebel kam es mir oft vor, als würden nur noch die Hunde, der Rabe und ich auf der Welt existieren.

Ein junger Weißkopfadler
Im ersten Jahr unserer Wildnisexistenz war diese Illusion fast perfekt gewesen, als das Funkgerät unser einziges Kommunikationsmittel war. Die Außenwelt schien eine bloße Idee zu sein – keine Webseiten, keine E-Mails, nur hohle Stimmen im Radio und sporadische Unterhaltungen am Funk mit anderen, ebenso isoliert lebenden Leuten, die wir nicht einmal persönlich kannten.
Als ich damals nach sechs Monaten wieder erstmalig ins Dorf kam, erschien mir Atlin vollkommen unwirklich und alles, was ich dort sagte und tat, nur wie ein lebhafter Traum. Es war schwierig, die vielen Neuigkeiten zu verarbeiten, die mich schier erschlugen, als ich endlich telefonieren konnte. Meine Mutter war im Krankenhaus gewesen, eine Freundin wollte heiraten und ein Haus kaufen, und mein Vater musste operiert werden. So war es hier wohl vor hundertfünfzig Jahren gewesen, als man Nachrichten nur sporadisch per Hundeschlitten erhielt, alle auf einmal – und die meisten schon lang nicht mehr aktuell.
Ich kippte meine Holzladung neben den Hackblock vor die Cabin und ging hinein, um die Schnittschutzhose auszuziehen. Ein Schatten huschte über die großen Südfenster. Seit einigen Tagen herrschte ungewöhnlich viel Flugverkehr der gefiederten Art. Drei, vier Raben und nun segelte schon wieder der Weißkopfseeadler vorbei, dessen Gefieder noch jugendlich hellbraun gefleckt war. Erst mit drei Jahren würde er die markanten weißen Kopf- und Schwanzfedern tragen, mit denen man sich diese Adler immer vorstellt.
Mein Blick glitt von dem mit langsamen Flügelschlägen im Nebel verschwindenden Adler zur Ladungsanzeige unserer 12V-Batterien neben dem Fenster: nur noch 12,1V. Zeit, die Batterien zu laden. Im Frühwinter war die 85W Solarzelle, die uns von Mitte Februar bis Mitte September mit Strom für den Laptop und das Satellitenmodem versorgte, komplett nutzlos. Woher das Sonnenlicht nehmen und nicht stehlen?
Von den Bergen sah ich schon seit langen Wochen selten mehr als die unteren hundert Meter. Langsam ging mir das auf die Nerven und wünschte mir, dass der See doch bald zufrieren würde, damit das ganze Gedampfe und Eingenebele endlich ein Ende hätte. Mit E-Mail und Internet konnte ich vor dem grauen Einerlei allerdings für kurze Zeit flüchten – und Geld verdienen.
Ich trug den kleinen tausend Watt Generator hinaus in die Kälte, zog den Choke und an der Anlasserschnur – schon rappelte er los und ertränkte die Stille und die Luft, die sich noch kaum von der Kettensäge erholt hatten, in seinem Gedröhn und Abgasen. Naserümpfend legte ich das Verlängerungskabel zur Cabin hinüber durch die Tür und stöpselte das 12V-Ladegerät und Satelliteninternetmodem ein. Sonst noch etwas, das Strom brauchte? Die Batterien für meine Stirnlampe mussten geladen werden, außerdem die Teletakthalsbänder für Silas und Moldy.
Ironie des Schicksals, dachte ich grimmig. Hier saß ich nun tatsächlich mitten in der Wildnis und setzte eigenhändig den verhassten Generator mit seinem Lärm und Gestank in Betrieb, nur damit ich den Computer und das Internet weiter benutzen, mit der Außenwelt in Kontakt bleiben und auch Geld verdienen konnte. Selbst wenn ich ihn im Winter nur ein, zwei Mal die Woche für jeweils vier Stunden laufen ließ, stieß es mir doch jedes Mal wieder sauer auf. Ich übte Verrat an meinen Idealen – die eben doch nicht so hehr waren, dass ich dafür den Kontakt zu andern Menschen opfern wollte, so unwirklich sie auch inzwischen geworden waren. Selbst wenn sich dieser Kontakt zumeist auf Buchstaben auf einem Bildschirm beschränkte.
Die Telefonverbindung über Skype funktionierte meist mehr schlecht als recht, aber sie ließ mich doch am Leben der Menschen, die mir lieb waren, weiterhin teilnehmen und konnte im Notfall lebensrettend sein konnte. Nach den Zeiten mit dem Funkgerät als einzigem Kommunikationsmittel sehnte ich mich nicht zurück.
Enttäuscht sah ich, dass in meiner E-Mail-Inbox außer einem Gruß von Chris aus Feuerland nichts Neues war. Hatten mich alle anderen vergessen? Ich muss eben selbst mehr schreiben. Aber was schon, außer meinen Nebel-, Raben- und Elchgeschichten? Nach so vielen Jahren, in denen sich meine Neuigkeiten zumeist auf Tierbegegnungen und Wetterreportagen beschränkten, wurde ich zunehmend unsicherer, ob ich damit meine E-Mail-Empfänger nicht ins Koma versetzte. Außer mehr Holz zu sägen hatte ich keine Pläne und Probleme auch nicht, abgesehen von der losen Plombe. Objektiv betrachtet führte ich eine gähnend langweilige und egozentrische Existenz; dennoch (oder gerade deswegen?) machte mich mein Leben glücklich.
Sollte ich Heidi vorsichtshalber fragen, ob sie auf die Hunde aufpassen käme, falls ich wegen der Plombe raus müsste? Immer musste die arme Heidi dran glauben. Da sie ähnlich einfach wie wir lebte, wenn auch mit Straßenanschluss weit außerhalb von Atlin, war sie das nächstliegende Opfer. Abzuwarten schien mir das Beste zu sein, was den Zahn anging. Einfach bis zum Sommer nur auf der andern Seite kauen, vielleicht blieb die Füllung dann gerade noch so lange drin, bis ich im Juni sowieso zum Großeinkauf in die Zivilisation musste. Etwas Festes zu beißen gab es ohnehin kaum unter meinen Lebensmitteln; das Elchfleisch war eingekocht und faserig wie Babynahrung, das Dosengemüse auch nicht viel besser. Was nun ungeahnte, zahnschonende Vorteile mit sich brachte.
Ich klickte mich durch ein Homesteading-Forum, in dem es um Dinge wie Gemüseanbau, Kleinvieh und Bauen ging. Da – die Frage einer Frau, die im Begriff war, mit ihrem Partner von Anchorage in den Busch zu ziehen. Die größte Sorge ihres Mannes, so schrieb sie, war das Geldverdienen in der Wildnis. Ob jemand eine Idee habe, was es für Möglichkeiten gäbe, ohne Straßenverbindung und einen normalen Arbeitsplatz Geld zu verdienen? Ja, ich:
Darmowy fragment się skończył.