Czytaj książkę: «Lotta und ich»

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Lotta und ich

von Nicole Kunkel

Buchbeschreibung:

Die angehende Assistenzhündin Lotta und ihr Frauchen Nicole berichten über die Herausforderungen ihres Alltags.

Was ist ein Assistenzhund?

Was bedeutet es, mit Einschränkungen das Leben zu meistern und wie können Tiere den Menschen dabei helfen? Welche Probleme und Hürden muss ein solches Hund-Mensch-Team im Alltag überwinden? Und wie sieht es aus der Sicht des Hundes aus, der kein Roboter ist, sondern ein fühlendes Wesen? Begleite Lotta und Nicole auf ihrer spannenden Reise und erfahre, wie sie es schaffen, trotz aller Stolpersteine und Belastungen, zu einem guten Team zusammenzuwachsen.

Das Buch gewährt einen tiefen und persönlichen Einblick in die Thematik. Es macht Mut, sensibilisiert, klärt auf und setzt ein klares Statement für das Wohl der Tiere, das ebenso wichtig und schützenswert ist wie das des Menschen.

›Lotta und ich‹ erzählt von realen Ereignissen, aber alle Namen und Orte darin, außer von Lotta und der Autorin selbst, wurden zum Schutz noch lebender Personen geändert.

Über die Autorin:

Nicole Kunkel wurde 1982 in Potsdam geboren. Sie lebt mit ihrer Assistenzhündin Lotta und drei Katzen in Koblenz.

Schon früh entdeckte die Autorin das Schreiben als Zuflucht und Ventil für sich und verfasste im Alter von zwölf Jahren ihre ersten Gedichte und Kurzgeschichten. Einige davon wurden bereits in Anthologien veröffentlicht.

Wenn sie nicht gerade schreibt oder liest, tobt sie sich gerne mit Pinsel und Farben an der Leinwand aus oder streift mit ihrer Hündin durch die Natur, wo sie neue Kraft und Inspiration tankt.

Impressum

© 2022 Baltrum Verlag GbR

BV 2211 – Lotta und ich – Nicole Kunkel

Umschlaggestaltung: Baltrum Verlag GbR

Cover, Illustrationen und Foto: Nicole Kunkel

Lektorat, Korrektorat: Baltrum Verlag GbR

Herausgeber: Baltrum Verlag GbR

Verlag: Baltrum Verlag GbR, Weststraße 5, 67454 Haßloch

Internet: www.baltrum-verlag.de

E-Mail an info@baltrum-verlag.de

Druck: epubli – ein Service der neopubli GmbH, Berlin

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Lotta und ich

Von Nicole Kunkel

Baltrum Verlag

Weststraße 5

67454 Haßloch


»Happiness can be found, even in the darkest of times, if one only remembers to turn on the light.«

(Zitat: Albus Dumbledore, ›Harry Potter und der Gefangene von Askaban‹ von Joanne K. Rowling)

Für Lotta, mein Licht in der Dunkelheit

VORWORT

Hintergrund zum Buch

Wenn das Leben zum Kampf wird, gehst du entweder unter, oder du lernst aufzustehen – immer und immer wieder.

Ich sehe mich lieber als eine Überlebende. Die Bezeichnung Opfer mag ich nicht, denn sie bedeutet Hilflosigkeit, und die zieht sich wie ein roter Faden durch mein bisheriges Leben oder eher wie ein viel zu dunkler Schatten, den ich einfach nicht abschütteln kann.

Niemals wieder will ich mich hilflos und ausgeliefert fühlen. Und doch bin ich täglich damit konfrontiert. Unverständnis, blöde Kommentare, Ablehnung und Kopfschütteln von außen gibt es gratis dazu. Sogar von Ärzten und Psychologen, für die Einfühlungsvermögen immer mehr zum Fremdwort wird. Ein Arzt sagte einmal zu mir: ›Sie können sich nicht ständig in der sozialen Hängematte ausruhen‹. Ein speziell für Traumatherapie ausgebildeter Psychotherapeut schmetterte mir ein ›Sie sind anstrengend‹ an den Kopf. Das war dann unsere letzte Sitzung und meine Suche ging von vorne los. Das Vertrauen in die Medizin, die Psychotherapie und nicht zuletzt in mich selbst bröckelte mehr und mehr, während ich Sprüche à la ›Stellen Sie sich nicht so an‹ und ›Da müssen Sie einfach jetzt durch, ist noch keiner dran gestorben‹ sammelte, anstatt professionelle Hilfe zu erhalten. Das Leid, das keiner sieht und das oft niemand sehen will, ist nicht weniger schlimm, nur weil es den Menschen nicht direkt ins Auge springt wie ein gebrochener Arm oder eine körperliche Behinderung.

Gut ausgebildete therapeutische Hilfe zu finden ist verdammt schwer und die Wartelisten dieser Raritäten sind lang. Ein bis zwei Jahre auf Hilfe zu warten, die keinen Aufschub duldet, wenn es um Leib und Leben geht, ist leider bittere Realität.

Der mühselige Kampf mit den Behörden raubt einem nebenbei die letzten Kraftreserven. Unzählige Male war ich kurz davor, frustriert aufzugeben. Immer wieder habe ich mein Krönchen gerichtet, mich aufgerappelt und dabei viel zu oft die Schuld bei mir gesucht: Ich bin zu schwierig, zu unnormal. Mir ist nicht mehr zu helfen. Ich passe nirgends rein. Genau diese Gedanken führen in einen Abgrund, aus dem Betroffene nur schwer wieder herauskommen. Zum Glück habe ich die Hoffnung nie aufgegeben. Die Stimme tief in mir wird niemals müde mir zuzurufen, dass es irgendwo genau die Hilfe gibt, die ich brauche; nur da unten, im Abgrund, finde ich sie mit Sicherheit nicht.

Wie sieht es auf der anderen Seite aus? Was ist, wenn nicht nur die Seele krankt, sondern auch der Körper? Wer sieht genau hin? Wo finde ich Heilung, wenn ich den Psycho-Stempel habe oder besser gesagt, aufgedrückt bekomme? Dabei geht es doch darum, endlich einmal verstanden und GESEHEN zu werden. Stattdessen werde ich von einer Schublade in die nächste geschubst. Das Nicht-Ernstgenommen- Werden bleibt, so dass sich eine Erkrankung namens Endometriose jahrelang in meinem Körper unerkannt ausbreiten konnte. Diese gemeine, chronische und nicht heilbare Erkrankung hätte bei Weitem nicht so viel Schaden an meinen inneren Organen angerichtet, wäre sie früher erkannt worden. Leider sind meine Beschwerden über sechs Jahre lang in die Schublade ›das ist nur psychosomatisch‹ gewandert und auf sture, oft taube Ohren gestoßen. Für die Götter in Weiß war es naheliegender, dass die Unterleibsbeschwerden und die weiteren unangenehmen Symptome nichts Organisches sind. Nein, nicht bei der Trauma-Geschichte in meiner Akte, auf der groß und breit der ›Psycho-Stempel‹ prangt. Ist doch klar, dass das alles vom Trauma kommt. Wozu genauer untersuchen? Flehen, betteln und versichern, dass dies jetzt aber andere Beschwerden sind, half nichts. Und so putzte ich die Klinken unzähliger Arztpraxen und Krankenhäuser. Die meisten haben mich mit Augenrollen als Simulantin abgewimmelt, bis ein Spezialist nachgegeben und mir geglaubt hat, dass das, woran ich litt, nicht normal war. Endlich! Leider hatte zu diesem Zeitpunkt die Endometriose schon Organe zerstört. Meine Gebärmutter war nicht mehr zu retten, die Eierstöcke verklebt. Mein Bauchfell war komplett vernarbt und musste raus. Im Gegensatz zu meinem Uterus wächst das aber glücklicherweise nach. Nur ein Kind wird niemals mehr in mir wachsen, ob ich das will oder nicht. Wenigstens wusste ich nach den ganzen Jahren endlich, was mich mit diesen abartigen Schmerzen peinigte.

Die ganze Odyssee mit zahlreichen schmerzhaften Untersuchungen und Operationen hat jedoch Spuren hinterlassen.

›Re-Traumatisierung‹ nennen es die Fachleute. Der Krater meiner alten Wunden von den traumatischen Kindheitserlebnissen wurde nicht nur wieder aufgerissen, sondern mit Benzin übergossen und angezündet. Und auf einmal ist heute selbst simples Blutabnehmen für mich ein Höllentrip. Mein Bewusstsein macht, was es will. Entweder spaltet es sich komplett ab oder es schaltet in den Kleinkindmodus. Ich kann nichts mehr steuern und breche von jetzt auf gleich schreiend in Tränen aus.

Kurz gesagt: Fast zwanzig Jahre Therapie und harte Aufarbeitung, die mir bis dahin einen einigermaßen stabilen Alltag ermöglicht hatten, sind wie weggewischt und meine Trauma-bedingten Symptome schlimmer denn je.

Hier sitze ich, fühle mich immer noch oft wie ein hoffnungsloser Fall und on top steht die Diagnose Endometriose. Bis heute gibt es kein Heilmittel. Also heißt es, damit leben zu lernen, irgendwie. Die Krankheit ist weit verbreitet, aber man sieht sie den Betroffenen äußerlich meist genauso wenig an wie psychische Leiden. Das bringt uns wieder an den Ausgangspunkt zurück und zu der Frage:

»Wozu braucht denn eine äußerlich kerngesunde junge Frau einen Assistenzhund und was ist das überhaupt?«

Oft stoße ich im Alltag auf Unverständnis und beinahe unüberwindbare Hürden. Ob in Supermarkt oder Arztpraxis. Sprüche wie den Folgenden höre ich leider immer wieder: »Stopp mal! Hier dürfen Hunde nicht rein! Können Sie denn nicht lesen? Was denken Sie sich denn eigentlich dabei?«

Ja, was denke ich mir eigentlich? Immer brauche ich eine Extrawurst. Wer bin ich, dass ich mir sowas herausnehme? Ich bin die, die dafür kämpft, ein einigermaßen selbstständiges und vor allem selbstbestimmtes Leben zu führen, ohne mich ständig dafür erklären und rechtfertigen zu müssen. Ich habe es satt, an meine Wohnung gefesselt zu sein. Auch ich möchte und muss einmal raus vor die Tür. Zumindest will ich es versuchen können, und zwar jeden Tag aufs Neue. Muss ich meine Hilflosigkeit für jedermann nach außen hin sichtbar machen? Muss ich dafür mehrmals täglich fremden Menschen auf die Nase binden, dass ich für die ganz alltäglichen Dinge Hilfe benötige, weil ich das allein nicht schaffe? Muss ich jedem erklären, dass es eben nicht dasselbe ist, wenn mir fremde Menschen helfen, anstatt ein speziell dafür ausgebildeter Hund, den ich kenne und dem ich vertraue, wenn ich mal wieder die Orientierung verliere oder eine Panikattacke bekomme?

NEIN! Muss ich nicht, kann ich nicht und will ich nicht.

Mehr Aufklärung ist wichtig. Ich möchte Mut machen, damit sich mehr Menschen trauen, aus ihren Gefängnissen auszubrechen und ins Leben zu springen. Dafür sollte sich niemand rechtfertigen müssen. Erst recht nicht für die Hilfsmittel, die dafür nötig sind, damit ein Mensch den Sprung wagen kann.

Das ist einer der Hauptgründe, weshalb ich dieses Buch schreibe, und ich finde es super, dass ihr Interesse an der Thematik habt und wissen wollt, was alles so dahintersteckt.

Ich hoffe, dass ich euch einen guten Einblick verschaffen kann.

Ich weiß noch, wie viele Fragen und Zweifel ich zu Beginn hatte. Viele davon habe ich mich kaum getraut zu stellen.

Meine Unsicherheit war grenzenlos und wurde immer stärker, je mehr ich gegoogelt und nach Antworten gesucht habe.

Ich möchte hier vermitteln, was es bedeutet, einen Assistenzhund zu haben – mit allen Konsequenzen, allen Vor- und Nachteilen.

Ich möchte aufklären, wie wichtig Verständnis und Unterstützung für Betroffene sind.

Lotta und ich erzählen euch von den Stolpersteinen und Herausforderungen, die sich aufgetan haben und die wir tagtäglich überwinden. Wir erzählen auch von den Dingen, die wir besser mal vorher gewusst hätten, damit uns eine Menge Ärger und Leid erspart geblieben wäre.

Eine besondere Stellung in diesem Buch hat der Hund, dieses treue Wesen, das in der Lage ist, so viel für den Menschen zu tun und zu verändern.

Mir ist es ein großes Anliegen, hervorzuheben, dass der Hund kein Roboter ist, kein Mittel zum Zweck, kein Dienstleister, der 24/7 wie einprogrammiert funktioniert und ansonsten ausgetauscht wird. Der Hund ist weder Rollstuhl noch Krücke. Er ist ein fühlendes Wesen, das an der Seite seines Menschen im Stande ist, Wunder zu vollbringen.

Mit diesem Buch möchte ich für Interessierte und Betroffene etwas mehr Klarheit und Verständnis in Assistenzhund-Mythen bringen, wobei die Betroffenen mir aus persönlichen Gründen besonders am Herzen liegen, müssen sie doch viel zu oft für Verständnis und Hilfe kämpfen und diese suchen wie den Heiligen Gral.

In diesem Sinne wünsche ich euch viel Freude beim Lesen und hoffe, dass ihr nicht nur Antworten auf offene Fragen, sondern auch Mut, Kraft und Hoffnung im Buch findet.

Nicole Kunkel – Koblenz, im Juli 2021

1

Bauchgeflüster

Lotta – Sommer 2019

Kuschelig ist es hier drin. Wohlig warm, aber so langsam wird es eng. Ich kann mich gar nicht strecken und ständig tritt mich irgendwer. Wie viele sind eigentlich mit mir hier drin? Bestimmt 'ne ganze Fußballmannschaft. Leute, macht mal ein bisschen Platz, ja?

Mal fühlen. Eins, zwei, drei. Menno! Was für ein Gewusel. Haltet doch mal still. So kann ich gar nicht zählen. Nochmal von vorne. Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs. Ja! Sechs Köpfe mit meinem und eins, zwei, drei, …, 24! Sage und schreibe 24 Beine, wenn ich mich nicht vertan habe. Kein Wunder, dass ich ständig eins davon im Magen oder am Kopf habe …

Ich halte also fest:

Wir sind insgesamt sechs süße Schokowelpen. Labradore, genauer gesagt. Und das noch dazu in einer perfekten Mischung. Haargenau drei Mädels und drei Jungs sind wir. Meine Brüder haben etwas weniger Braun abbekommen. Sie sind heller als wir Mädchen. Unser Fell hat die Farbe von Zartbitterschokolade und ist fast schon schwarz, während die Jungs aussehen, als hätten sie nur kurz in Latte Macchiato gebadet. Aber, dass ihr mir jetzt nicht auf blöde Ideen kommt, von wegen Schokolade und Kaffee. Beides ist für uns Hunde hochgiftig. Lasst bitte niemals Süßes, Chips, Nüsse oder so Zeug herumliegen, denn wir Labradore stellen in Sachen Futtervernichtung alle Hunde in den Schatten. Wir sind wahre Fressmaschinen und saugen in Millisekunden alles auf, was nicht bei drei auf den Bäumen ist. Dabei sind wir nicht wählerisch. Selbst vor Plastik, Glas und ähnlich gefährlichen Dingen schrecken wir nicht zurück. Und solche Sachen haben in einem Hundemagen rein gar nichts zu suchen. Die bringen uns schneller in lebensgefährliche Situationen, als ihr »Aus« sagen könnt. Passt also immer gut auf. Denn wie heißt es so schön? Ordnung ist das halbe Leben, vor allem, wenn ein neugieriges und gefräßiges Hundebaby bei euch herumspringt.

Aber, wo war ich stehen geblieben? Genau! Bei meinen Geschwistern und mir. Noch sind wir im Bauch von Mama Emma. Unser Papa ist der beeindruckende Balu. Ein stattlicher Kerl ist das, aber unsere Mama ist auch nicht von schlechten Eltern. Ihre Mutter Lilli, also meine Oma, ist nämlich eine waschechte Assistenzhündin. Ich habe keinen Schimmer, was das genau ist. Auf jeden Fall habe ich schon mitbekommen, dass es etwas ganz Besonderes ist, das nicht jeder Hund werden kann und dass wir das im Blut haben. Jedenfalls sagen das alle hier. So viel ich verstanden habe, ist nicht jeder in unserer Familie so ein besonderer Typ von Hund. Mit Glück ist aber manchmal eine oder einer dabei, der mit diesen speziellen Charakterzügen ausgestattet und damit für diese Karrierelaufbahn geeignet ist. Dabei kommt es gar nicht auf die Rasse an. Auch Mischlinge können das im Blut haben. Ist das nicht voll spannend? Soll ich euch mal was verraten? Ich will sowas machen. Menschen helfen – das ist eine gute Sache. Ich wünsche mir, dass ich so eine Assistenzhündin werden kann. Das wäre stark. Hach, ich bin so aufgeregt. Die anderen hier sind das auch alle. Wir werden sehnsüchtig erwartet. Erst gestern war eine junge Frau bei uns zu Besuch, die hat Mama über ihren Bauch gestreichelt. Sie wünscht sich einen Assistenzhund. Nicole heißt sie. Auch, wenn das jetzt verrückt klingt, ich habe ihre Berührung und ihre Hoffnung gespürt. Noch dazu war sie meganervös. Warum auch immer, hat sie Sorge, dass Tina, unsere Züchterin und die Chefin hier, ihr keinen Hund gibt. So ein Unsinn. Unsere Chefin fragt sie nur so aus, um zu schauen, was für einen Charakter der Welpe haben muss, wer zu ihr am besten passen wird, und was er oder sie später alles bei ihr leisten soll. Klar will sie Nicole abchecken, ob sie sich der Verantwortung bewusst ist und ein Welpe bei ihr gut aufgehoben ist. Das macht sie bei allen, die einen Welpen aus unserer Zucht adoptieren wollen. Schließlich will sie nur unser Bestes. Wir sollen in gute Hände kommen. Warum Nicole denkt, dass ihre Hände nicht gut genug sind für einen von uns, und warum sie diese komische innere Überzeugung hat, dass ihr kein Hund zusteht, verstehe ich nicht. Verrückt, oder? Warum hat sie solche Gedanken? Warum denkt ihr Menschen immer so viele und komplizierte Dinge? Keine Ahnung, wo das bei Nicole herkommt. Jeder hat doch einen treuen Wegbegleiter verdient. Warum auch nicht? Auf jeden Fall geht mir Nicole durch und durch. Ich glaube, ich kann ihr helfen. Hoffentlich, oh hoffentlich bin ich die Richtige.

2

Und täglich grüßt der ganz normale Ausnahmezustand

Nicole – Sommer 2019

Gleich geht die Sonne auf und ich habe keine Minute geschlafen. Die Nacht hat sich wie Kaugummi gezogen. Jede Sekunde davon eine einzige Qual. Ich habe aufgegeben, die Panikattacken zu zählen, die sich, wie fast immer, nahtlos aneinanderreihen, als ob sie sich wie grausame Nachtwächter zum Tor der Hölle gegenseitig ablösen.

Ich stürze ins Bad, wo der Eimer schon vor der Toilette bereitsteht. Rechtzeitig schaffe ich es, die gewohnt, verhasste Position einzunehmen, in der ich verkrampft auf der Kloschüssel hocke, den Eimer umarme und das Gefühl habe, meine kompletten Eingeweide herauszuwürgen, die nicht untenrum in die Keramik platschen. Einige Strähnen rutschten mir bei der Aktion in die bittersaure Gallensuppe. Wie Slimer von den Ghostbusters kleben sie dort, weil ich es wieder einmal nicht rechtzeitig geschafft habe, meine Mähne zu bändigen.

Duschen. Ich muss duschen, dringend.

Ich ignoriere bewusst mein Spiegelbild. Dieses zitternde Elend, das mehr einem ES oder einem gruseligen Zombie ähnelt als einer Frau, möchte ich jetzt nicht sehen, auf gar keinen Fall. Ich muss mich beruhigen. Atme. Nicole, atme. Eins, zwei, drei, vier, fünf. Einatmen. Eins, zwei, drei, vier, fünf. Ausatmen. Nein, du musst jetzt nicht schon wieder kotzen. Atme und denk an was Schönes und riech auf gar keinen Fall an deinen Haaren!

Ich schleppe mich unter die Dusche und versuche ein- und auszuatmen, ohne dass mir dabei der säuerliche Geruch meiner besudelten Strähnen in die Nase weht.

Das viel zu heiße Wasser läuft an mir herunter. Ich werde das aber erst später an den roten Flecken auf der Haut bemerken.

Mein Körpergefühl hat sich schon lange ins Nirwana verabschiedet, falls ich es überhaupt jemals besessen habe.

Ich kämpfe gegen die Übelkeit, die in meinem Bauch zu einer weiteren Runde ruft: »Wer will noch mal, wer hat noch nicht? Auf geht der Spaß.«

Eine neue Riesenwelle der Panik rollt in mir an. Zu blöd, dass Erbrechen sowie die Angst davor seit meiner frühesten Kindheit Trigger sind, die die ganze Panikkugel erst lostreten. Was für ein beschissener Kreislauf.

Ich greife mir ein Handtuch und hechte aus der Dusche zum Klo. Triefendnass rutsche ich mehr, als dass ich sitze mit dem Eimer im Arm auf dem Toilettensitz hin und her. Es fühlt sich an, als würde meine gesamte Speiseröhre in Flammen stehen, während ich Benzin hochwürge, das den Brand in Schach hält.

Es muss ein sehr einladendes Feuer in mir sein, denn nun stoßen auch noch Blase und Unterleib in die lustige Runde am Lagerfeuer dazu.

Sie krampfen und brennen alle zusammen um die Wette, als gäbe es kein Morgen mehr. Ich sterbe, denke ich und mir fällt die äußerst aufbauende Bemerkung meines letzten Psychiaters wieder ein:

»An einer Panikattacke ist noch keiner gestorben.«

Stimmt. Ich lebe noch, aber eine gruselige Sehnsucht nach dem Tod, nach einer Erlösung, danach, dass das alles endlich aufhört, wabert in meinem Kopf wie erstickender Rauch.

Ich kann nicht mehr. Alles um mich herum dreht sich und vor lauter Tränen und Schweiß sehe ich nur verschwommen. Trotzdem erkenne ich sowohl das alte als auch das hellrote, frische Blut in der Kloschüssel, als ich das kurze Abebben der Würge- und Schmerzflut nutze und mich aufrappele.

»Sehr wahrscheinlich hat die Endometriose Ihren Darm befallen«, schießen mir die letzten Worte meines Frauenarztes in den Kopf, bei dem ich schon wieder viel zu lange nicht mehr zur Kontrolle war. Aber die Darmspiegelung hatte doch nichts Besorgniserregendes zu Tage gebracht.

»Das heißt gar nichts«, hatte mein Arzt gesagt. »Die Wucherungen können von außen am Darm liegen. Das sieht man dann nicht in der Koloskopie. Genau das ist das Heimtückische an dieser Erkrankung.« Natürlich lässt sich dieser Verdacht nur in einer weiteren Operation ergründen, bei der sie dann direkt in einem Abwasch die neuen Herde mit samt betroffenem Gewebe – in diesem Fall Darmstücke – entfernen. Schlimmstenfalls würde ich mit einem künstlichen Darmausgang aufwachen. »Nein, daran will ich nicht denken!« Ich drücke die Spülung.

Da ist sicher wegen der ganzen Anstrengung und Würgerei nur ein Äderchen geplatzt, beruhige ich mich. Jeder Gedanke in die andere Richtung würde wieder eine weitere Panikattacke folgen lassen. Ich schaffe es ja nicht einmal mehr zu meinem einfühlsamen Gynäkologen, nach dem ich so lange gesucht habe. Wie soll ich da eine weitere Operation überstehen?

Außerdem kommen diese blöden Wucherungen ohnehin kurz darauf wieder. Wozu das alles?

Ich schiebe diese Gedanken in meinem Kopf so weit nach hinten, wie ich kann, und schleiche in die Küche.

Inzwischen ist es sieben Uhr und mein Magen hat sich so weit beruhigt, dass ich es mit einem Tee versuchen will.

Vielleicht mildert der die schlimmsten Krämpfe und das erdrückende Schwindelgefühl etwas ab.

Ich warte darauf, dass das Wasser kocht. Ein Schmerz, der mir den Atem raubt, schießt durch meinen Unterleib, gefolgt von einem Flashback-Gewitter in meinem Kopf aus längst vergangenen Bildern, die schlimmer sind als jeder Horrorfilm.

Es ist vorbei. Dir passiert nichts. Du bist hier in Sicherheit. Atme, Nicole, atme. Das geht vorbei, wiederhole ich in meinem Kopf das Mantra, das ich in der Traumatherapie gelernt habe und das mir in Fleisch und Blut übergegangen ist. Aber es hat keinen Zweck. Unnötig mich zu fragen, warum. Mein Mund wird immer trockener, ich zittere, als ob Starkstrom durch meinen Körper jagt und spüre, wie sich ein Tsunami aus Panik in meinem Inneren formiert.

Hilfe. Ich brauche Hilfe. Verzweiflung lähmt jeden anderen Gedanken. Ich stolpere durch die Wohnung. Vor und zurück. Hin und her. Wie ein Tiger im Käfig, der nach einer Fluchtmöglichkeit sucht. Doch es gibt keine. Inzwischen meldet sich eines der Kinder in meinem Kopf und übernimmt die Kontrolle. Ich bin im Kleinkindmodus, schluchze, weine und hätte ich nicht so eine Angst vor fremden Menschen, würde ich jetzt mit hundertprozentiger Sicherheit runter zur Nachbarin rennen, um sie anzuflehen »Bitte mach, dass das aufhört. Bitte hilf mir!« Nichts wünsche ich mir mehr als eine tröstende Umarmung, jemanden, der mich einfach nur festhält und mein verrücktes Nervensystem beruhigt. Dabei weiß der erwachsene und erfahrene Teil in mir genau, dass ich eben das gar nicht aushalten kann. Ich würde es nicht zulassen, selbst wenn es eine solche Person gäbe, die das tun würde.

Wenn du zu oft die Erfahrung gemacht hast, dass du keinem Menschen vertrauen kannst, dann ist das so.

Es gab Menschen, die für mich verantwortlich waren und für die ich meine Hand ins Feuer gelegt hätte. Genau das wurde mir zum Verhängnis und sogar lebensgefährlich. Sowas brennt sich ein.

Es ist ein langer Weg, andere Erfahrungen zuzulassen und ein noch viel längerer zur Heilung. Ich gehe ihn auf wackligen Beinen, auch wenn ich das Ende des Weges nicht sehen kann.

Das Kind in mir greift zum Telefon und ruft Chris, meinen Lebensgefährten, an. Vor lauter Schluchzern, die ihm durch den Hörer ins Ohr plärren, muss er mehrfach nachfragen und legt fast wieder auf. »Nici? Beruhige dich. Du musst dich beruhigen.«

»Ich kann nicht. Bitte komm. Du musst heimkommen. Bitte. Bitte hilf mir doch«, jammere ich ins Telefon und kann förmlich sehen, wie er mit den Augen rollt. Ob er genervt ist oder überfordert, kann ich nicht genau sagen. Vielleicht ist er nur in seiner eigenen Ohnmacht und Hilflosigkeit gefangen. Er seufzt. »Das geht nicht. Ich muss arbeiten. Beruhige dich.«

»Hab solche Angst. Mir ist so schlecht. Bitte, ich kann nicht mehr«, schluchze ich und fühle mich immer verlorener. Gleichzeitig schäme ich mich, kann aber nicht anders und höre mich flehen: »Bitte komm doch nach Hause. Ich brauche dich.«

Er seufzt diesmal eine Oktave lauter. »Du schaffst das schon. Mach dir was zu Essen. Du musst etwas essen, dann beruhigt sich dein Magen. Und dann schnappst du dir eine Katze und legst dich hin. Versuche einfach zu schlafen. Du musst dich beruhigen.«

Ich lege auf, ohne noch etwas zu sagen. Das Gefühl, allein und vollkommen hilflos zu sein, schwappt in eine neue Dimension.

Ich schlucke den riesigen Kloß aus Scham runter und schwöre mir, ihn in solch einer Situation nie wieder anzurufen. Verhalte dich nicht wie ein Baby. Du bist erwachsen, verdammt, beschimpfe ich mich und fühle mich dabei unsagbar unfähig und einsam. Warum ist das alles so schwer? Einfach beruhigen. Einfach atmen. Einfach nur leben. Einfach. Ja, alles easy peasy, denke ich und komme mir saublöde vor.

Tiere! Mit denen ist's leichter und sie sind immer für mich da. Ich suche die Wohnung nach einer meiner drei Katzen ab. Wo liegen die nur wieder herum? Ich finde keine meiner Fellnasen. Katzen eben. Ich spüre diesen brennenden Kloß im Hals und wünsche mir, Lara wäre noch da. Das war meine Seelenkatze.

Damit hier keine Missverständnisse aufkommen: Ich liebe jede meiner schnurrenden Fellknäuel mehr als mich selbst. Jede ist auf individuelle Art etwas Besonderes. Ich schätze Katzen vor allem wegen ihrer Unabhängigkeit und ihrem eigenen Kopf, auch wenn es oft Situationen gibt, in denen ich es mir anders wünsche, weil ich Trost brauche. Genau dann vermisse ich Lara am meisten, meine wuschelige, graue Maunz-Kugel. Sie war vom Charakter her mehr Hund als Katze, immer an meiner Seite und doch eigensinnig speziell. Still war es mit ihr nie, da sie immer etwas zu erzählen hatte und lautstark genau die Liebe von mir eingefordert hat, die sie mir entgegenbrachte. Sie hat mich sogar aus Albträumen geweckt, liebevoll abgeschleckt, beruhigt und wieder in den Schlaf geschnurrt. Sie wäre eine gute Assistenzkatze gewesen, wenn es so etwas gäbe. Leider ist sie 2018 mit fast 16 Jahren über die Regenbogenbrücke gegangen und ich vermisse sie seitdem jeden einzelnen Tag.

Mein Magen krampft und ich spüre eine neue Welle aus Übelkeit in mir anfluten.

Ganz ruhig. Atmen. Nicole, atme. Ein, aus.

Mein Bauch grummelt. Hunger spüre ich keinen, nur Angst und neue Wellen, die sich zur nächsten Panikattacke formieren. Ablenkung. Muss mich ablenken. Essen, hat er gesagt. Ja. Ich sollte versuchen, etwas zu essen.

Ich suche in der Küche und im Vorratsschrank nach irgendetwas Essbarem, von dem ich denke, es im Magen behalten zu können.

Ein Nutella-Brötchen ist da eine eher schlechte Wahl. Cornflakes auch. Vielleicht Zwieback oder eine Banane. Nichts. Nicht einmal Knäckebrot ist da. Stimmt, heute ist Dienstag – Einkaufstag. No way. Das schaffe ich nicht. Nicht allein. Vor die Tür zu gehen ist undenkbar. Ich fühle mich verloren. Und da ist sie wieder, diese beschämende Hilflosigkeit. Sie macht sich in mir breit und droht mich innerlich zu zerreißen.

Und dann ist der Panik-Tsunami da und reißt binnen Sekunden all diese Gefühle mit sich.

3

Vorfreude

Lotta

Hach Leute, es ist alles so aufregend. Inzwischen weiß auch Tina, die Chefin hier, dass wir existieren.

Die Tierärztin hat dieses Ultraschalldings gemacht. Das ist ein Gerät, mit dem sie Mama in den Bauch leuchten, um uns zu sehen. Alle freuen sich jetzt wie Bolle.

Die Assistenzhundesache wird immer öfter Thema. Mir entgeht hier nichts.

Gestern habe ich aufgeschnappt, dass Nicole bei einer Frauenberatungsstelle war. Tina kennt die Chefin von dort – Frau Schmitt. Die beiden stehen in engem Kontakt. Chefs unter sich eben. Auf jeden Fall hat Frau Schmitt Nicole bei diesem komplizierten Antrag geholfen. Sie hat ihr Mut gemacht.

Nicole hat sich dann getraut, bei einem speziellen Fonds, finanzielle Unterstützung zu beantragen, und zwar für die Anschaffung, Ausbildung und Haltung eines – jetzt haltet euch fest – Assistenzhundes. Das heißt, sie glaubt an mich und will mich zu sich holen. Jetzt guckt nicht so. Wenn ihr denkt, dass wir hier im Bauch von Mama nichts mitbekommen, dann täuscht ihr euch gewaltig. Auch, wenn ich nicht alles begreife, geht nichts an mir vorbei. Ich spüre mehr, als ihr denkt und die Dinge, die ich nicht verstehe, die schnappe ich von meiner Mama oder Oma Lilli auf.

Assistenzhund zu werden, das ist mein großer Traum, meine Bestimmung, das liegt mir einfach im Blut. Den Rest macht nachher meine Spezialausbildung. Aber es schadet ja nichts, gut vorbereitet zu sein. Deshalb saug ich über die Nabelschnur und mit meiner übermenschlichen Wahrnehmung alles dazu auf.

Ich will unbedingt Nicoles Assistenzhündin werden.

Wir gehören zusammen. Das spüre ich.

Ich erfahre jeden Tag Neues. Zum Beispiel, dass es verschiedene Arten von Assistenzhunden gibt, mit komplett unterschiedlichen Aufgaben. Je nach Einschränkungen des Menschen, den sie unterstützten. Das können Menschen mit körperlichen Behinderungen sein, aber häufig auch welche mit psychischen Problemen. Oft gibt es Zusatzaufgaben, die die Assistenzhunde leisten, die sie dann gleichzeitig zu sogenannten Warnhunden machen. In solchen Fällen können sie spüren und erschnuppern, dass sich im Körper ihres Menschen etwas gefährlich verändert.

Ob der Blutzuckerspiegel sinkt, oder ob ein epileptischer Anfall droht. Das ist der Hammer. Will ich unbedingt lernen, wenn ich groß bin. In Nicoles Fall müsste ich beides sein, hat Oma gesagt. Wenn man es genau nimmt, sogar drei in einem. Quasi ein Assistenz-Warn-Schutzhund. Seelentröster bin ich obendrein.

Nicole hat zwar keine Epilepsie aber die Anfälle, die sie hat, ähneln diesen sehr. Sie ist dann vollkommen hilflos und im besten Fall warne ich sie später einmal so früh, dass der Anfall sie gar nicht erst überwältigt. Beschützen tue ich sie auch noch. Vor den Menschen, die ihr oft Angst machen. Da wäre ich ihre Rückendeckung. Ich schirme sie ab oder verbelle einen aufdringlichen Menschen, wenn es sein muss. Ich führe sie aus Menschenmengen an einen ruhigeren, sicheren Ort, wenn sie Angst bekommt oder die Orientierung verliert.

Wenn ich Tina richtig verstanden habe, dann schafft Nicole es gar nicht mehr allein raus. Könnt ihr euch das vorstellen?

Gar nicht mehr vor die Tür zu gehen? Das ist doch furchtbar.

Mit mir könnte sie das aber wieder lernen. Das sind alles wichtige und spannende Aufgaben und ich will diesen Beruf unbedingt machen. Hoffentlich klappt es! Ich lerne, so gut ich kann. Ich weiß schon ganz viel über diese Trauma-Sache. Jeder Mensch braucht unterschiedliche Aufgaben von einem Assistenzhund. So individuell, wie wir Hunde sind, sind eben auch Menschen und so geht jeder anders mit schlimmen Erfahrungen um. Die Symptome sind vielfältig und doch werden sie alle unter dem Begriff PTBS zusammengefasst. PTBS steht für Posttraumatische- Belastungsstörung. Die haben Menschen, wenn ihnen was ganz Schreckliches zugestoßen ist. Zum Beispiel, wenn sie eine schwere Krankheit bekommen, die sie belastet oder wenn ihnen jemand anderes wehgetan hat und sie sich nicht wehren konnten.

Das kann in der Kindheit passiert sein oder später.

Viele Soldaten haben das zum Beispiel, wenn sie aus dem Krieg wieder nach Hause kommen.

Was genau Krieg ist, weiß ich nicht, aber es muss etwas Schlimmes sein, weil es mit Kämpfen und Tod zu tun hat. Auf jeden Fall sind da immer, wenn Menschen davon reden, unangenehme Gefühle dabei. Hass, Wut und Verzweiflung habe ich schon gespürt. Es ist gar nicht so leicht, weil alles so heftig in den Menschen durcheinanderwirbelt. Bei Nicole habe ich das auch bemerkt.

Ob in ihr drin Krieg herrscht? Das muss ich unbedingt herausfinden.

Sie braucht einen PTBS-Assistenzhund. Ihr sind nämlich schlimme Sachen zugestoßen. Bestimmt hat sie deshalb auch solche Probleme mit dem Vertrauen in Menschen. Ja, sie kämpft innerlich mit extremen Gefühlen. Ihre Angst, die Unsicherheit und wie verloren und verletzt sie ist, habe ich sogar durch Mamas Bauch gespürt. Jetzt weiß ich schon ein wenig, wieso sie so fühlt, und ich will ihr unbedingt helfen. Ich spüre, dass ich das kann. Hoffentlich sieht das die Chefin auch. Sie kennt sich ja auf dem Gebiet gut aus. Wäre doch gelacht, wenn ihr das nicht direkt ins Auge springt, sobald ich hier endlich rauskomme und sie mich sieht. Ich bringe die Eigenschaften für einen solchen Job mit. Das ist schon mal sicher, oder? Und ich strenge mich an, noch so viel wie möglich zu erfahren, damit ich bestens vorbereitet bin.

Das muss klappen. Drückt mir die Pfoten!

4

Hoffnung und Zweifel

Nicole

Eine weitere schlimme Nacht liegt hinter mir. Die Sonne lugt zaghaft durch dicke, schwere Wolken hindurch. Die Übelkeit und Panikwellen haben etwas nachgelassen. Tee und der Zwieback sind im Magen geblieben. Chris und ich haben einen kleinen Vorrat eingekauft, damit immer etwas davon da ist.

Der Darm grummelt und krampft zwar noch missmutig vor sich hin, aber immerhin hat mich die Toilette jetzt über eine Stunde nicht mehr gesehen.

Alles tut weh, am schlimmsten Unterleib und Kopf.

Es ist, als würde eine grausame, unsichtbare Kraft an jedem Zentimeter meines Körpers so lange herumzerren, bis ich endlich zerreiße. Als Sahnehäubchen obendrauf treibt mich dieses abartige Brennen in Blase und Becken in den Wahnsinn. Ich kann nicht sitzen. Liegen ist genauso unerträglich. Also rutsche ich von einer Pobacke auf die andere, während ich meinen Kräutertee trinke. Ich stehe immer wieder auf und wandere ziellos durch die Wohnung, als könnte ich den Schmerzen und unangenehmen Bildern von früheren Erinnerungen entkommen, die auf mich einströmen wie ein Blitzlichtgewitter.

Den Traum vom eigenen Hund, träume ich schon seit Kindertagen. Schon immer wünschte ich mir einen treuen Begleiter, der an meiner Seite ist, dem ich vertrauen kann, der mich aufrichtig liebt, ohne Bedingungen und Forderungen zu stellen. Dem ich das auch glauben kann. Gibt es so etwas?

Ein Hund, der mir all das schenkt und mir dazu noch hilft, die Hürden meines Lebens zu überwinden?

Darf ich mir das wünschen?

Im Moment ist das Ganze so unrealistisch wie Weihnachten im Juli.

Die Angst, dass ich wieder einer Wunschvorstellung hinterherjage, die niemals in Erfüllung gehen kann, verdunkelt jeden kleinen Funken Hoffnung. Zu oft bin ich bei meinen Versuchen gescheitert, etwas zum Besseren zu verändern.

Will ich zu viel? Ich möchte doch nur ein normales Leben führen. Darf ich das erwarten? Habe ich die Kraft, gegen noch mehr hartnäckige Windmühlen zu kämpfen? Steht mir solch ein Hund überhaupt zu? Wie finanziere ich das Ganze auf lange Sicht? Stiftungen und Fonds sind nicht auf Dauer dafür da und die Krankenkasse übernimmt erst gar keine Kosten. Gesetzlich sind sie nur für die Finanzierung von Blindenführhunden verpflichtet und selbst das müssen sich die meisten hart erkämpfen, da der ›Medizinische Dienst der Krankenversicherungen‹ oft der Meinung ist, ein Blindenstock hätte denselben Nutzen.

Hoffnung und Verzweiflung spielen Tauziehen in meinem Kopf.

»Das klappt eh nicht. Wird bestimmt genauso abgelehnt wie alles andere«, sagt meine innere Stimme, der ich mit jedem Tag mehr Glauben schenke. Aber immer, wenn ich im Internet auf Beiträge über Assistenzhunde stoße und sehe, wie sie Menschen mit PTBS helfen, kommen mir die Tränen. Dann flammt die Hoffnung neu auf, dass mir ein Hund den Alltag auf diese Weise erleichtern könnte. Aber bin ich den Belastungen, die durch Haltung und Ausbildung dieses Hundes neu hinzukommen, gewachsen?

Vom ganzen im Kreis drehen wird mir schwindelig. Ich fühle mich unsagbar müde.

Wie soll das werden, wenn ich mich zusätzlich noch um einen Hund kümmern muss? Ich bin doch null belastbar. Solche Tage wie heute sind die Regel bei mir. Was mache ich dann mit dem Hund?

Wer geht Gassi? Wer sorgt für Auslastung und Beschäftigung, wenn ich nicht vom Klo komme oder mich vor Schmerzen kaum bewegen kann? Chris hat mir zwar Hilfe versprochen, aber er ist durch seine Vollzeitstelle als Fahrer die meiste Zeit des Tages gar nicht zu Hause.

»Mach dir nicht immer so einen Kopf. Das kriegen wir schon hin«, hat er gesagt. Er sieht das alles nicht so eng und ist der Meinung, dass ich generell zu viel und zu oft zweifle.

Das stimmt zwar, aber es geht hier nicht um die Anschaffung eines neuen Computers. Es geht um ein Lebewesen. Das tauscht man nicht mal eben wieder um oder gibt es zurück, wenn es dann doch nicht funktioniert. Nein. Das Ganze muss schon vorher gut durchdacht sein.

Was ist, wenn ich wieder ins Krankenhaus muss oder von jetzt auf gleich zur Krisenintervention in eine Klinik?

Wer versorgt dann den Hund? Chris kann ihn nicht mit auf die Arbeit nehmen und einen Welpen acht bis zehn Stunden zu Hause allein lassen geht auf keinen Fall.

Ein gutes soziales Netzwerk zur Unterstützung wäre hier mehr als sinnvoll, aber wo soll ich das jetzt auf die Schnelle hernehmen? Ich habe nur Chris. Er und die Katzen sind meine Familie.

Die Online-Kontakte auf den Social-Media- Plattformen können mich mit dem Hund zu Hause nicht unterstützen und die paar Freunde, die ich habe, wohnen entweder zu weit weg oder kämpfen selbst mit ihrem Alltag.

Sabrina, die Hunde-Trainerin, zu der ich Kontakt aufgenommen habe, hat mich versucht zu beruhigen. »Ich bin auf jeden Fall für dich da und helfe dir, wo ich kann. Das packen wir zusammen schon. Die vielen Zweifel sind völlig normal. Das legt sich, glaub mir«, hat sie im letzten Telefonat zu mir gesagt. Das liegt jetzt schon Wochen zurück und ich erreiche sie nicht mehr. Das ist ein Problem und gibt mir ein mulmiges Gefühl.

Als ich den Kostenvoranschlag für den Antrag beim Fonds von ihr gebraucht habe, musste ich ihr auch ewig hinterhertelefonieren. Sie hat tagelang nicht reagiert, weder auf Anrufe noch auf Mails. Kein gutes Zeichen. Aber, wenn ich sie endlich einmal an der Strippe habe, dann ist sie immer nett und einfühlsam. Ich habe das Gefühl, dass sie mich und meine Probleme versteht.

Noch dazu gibt es kaum Hundetrainer, die auf die Ausbildung von Assistenzhunden spezialisiert sind. Erst recht nicht bei einer komplexen PTBS, unter der ich leide.

Es ist nicht leicht, einen guten Trainer zu finden. Teuer sind sie aber alle. Fast 10.000 Euro sollen die Stunden bei Sabrina insgesamt kosten, bis Lotta ein fertig geprüfter Assistenzhund ist. Dafür reicht das Geld vom Fonds gerade so aus. Nur für die Ausbildung. Alles andere muss ich anders finanzieren. Aber wie?

Die vielen Unsicherheiten und Zweifel treiben mich in den Wahnsinn und schieben mich eher in die entgegengesetzte Richtung: Ich sollte mir besser keinen Hund anschaffen.

Wenn überhaupt, dann wäre es besser, er würde in einer Patenfamilie großgezogen werden und dort die Ausbildung erhalten, wie es zum Beispiel in den USA Usus ist.

Überall lese und höre ich, wie anstrengend die Welpenzeit ist und egal wie ich es drehe und wende, ich bin nicht belastbar.

Ich sehe mich schon heulend allein mit dem Hund hier sitzen, einem Nervenzusammenbruch nahe und völlig überfordert, während das arme Fellbündel völlig verunsichert um mich herumspringt.

Was, wenn ich es mit dem Hund nachher doch nicht raus vor die Tür schaffe? Wenn ich dem kleinen Würmchen nicht das bieten kann, was er oder sie braucht? Was, wenn ich als hundeunerfahrene, blutige Anfängerin Fehler mache und dem Hund schade?

Was, wenn der die Prüfung nachher dann gar nicht schafft oder nicht mehr geeignet dafür ist?

Was, wenn ich heillos überfordert bin und den Hund zurückgeben muss? Eine Horrorvorstellung.

Also den Hund doch lieber in die Fremdausbildung oder bei einer Patenfamilie aufwachsen lassen?

Nein, wenn ich es mir recht überlege, will ich meinen Hund gar nicht in eine fremde Familie oder in so ein Drill-Institut geben. Der gehört an meine Seite, von Anfang an. Wie soll er sich denn sonst auf mich und meine ganzen Baustellen einstellen?

Wie soll ich mich an den Alltag mit Hund gewöhnen, wenn der gar nicht bei mir ist?

Mal abgesehen davon, dass ich es mir gar nicht leisten könnte, den Hund fremdausbilden zu lassen. Das würde nochmal mindestens das Dreifache kosten als die Selbstausbildung mit Trainerunterstützung. Woher soll ich die mindestens 30.000 Euro dafür nehmen? Und will ich das überhaupt?

Nein, ich will meinen Hund vom ersten Tag an begleiten und an meiner Seite wissen. Ich möchte keinen Tag mit ihm verpassen und er soll sich auf mich einstellen können. Oder besser gesagt: Wir wollen uns aufeinander eingrooven.

Ja, das wäre der Optimalfall, aber bin ich dem Ganzen gewachsen?

Das Vorhaben kann ich ohnehin abhaken, wenn mein Antrag beim Fonds abgelehnt wird.

Ich habe nicht einmal das Geld für die Anschaffung, geschweige denn für die Ausbildung, die mehr kostet als ein neues Auto.

By the way – ich hoffe, mein alter Toyota hält durch.

Wie blöd bin ich eigentlich? Ich bin doch finanziell schon mit dem Unterhalt und der Pflege meiner Katzen heillos überfordert. Ist noch gar nicht lange her, da hat mich die Nabelbruch-OP meines blinden, kleinen Katzen-Neuzugangs Stevie über 500 Euro gekostet. Also mehr als das Doppelte an Geld, das mir monatlich zur Verfügung steht, um Lebensmittel und andere Dinge des täglichen Bedarfs zu bezahlen. Stevie hätte ich streng genommen erst gar nicht aufnehmen dürfen.

Ich war und bin unvernünftig, was Tiere – vor allem Katzen – angeht, und verzichte für sie auf vieles.

Das, was sie mir schenken, ist unbezahlbar.

Neben unbeschwerten, glücklichen Momenten lassen sie mich durchhalten, geben mir eine Aufgabe und vor allem Liebe, die ich von Menschen nicht zulassen könnte. Tiere lieben bedingungslos.

Bei Menschen frage ich mich immer, was dahintersteckt, was sie im Gegenzug dafür erwarten. Und die meisten erwarten nach meinen Erfahrungen immer etwas im Gegenzug. In solchen Dingen bin ich ein Totalversager. Freundschaften zu knüpfen und zu halten ist etwas, das ich letztlich fast immer vergeige.

Ich bin gut darin, Leute zu vergraulen. Wo kein Vertrauen ist, kann leider keine Freundschaft wachsen, egal wie sehr ich mir die wünsche.

Ohne meine Katzen wäre ich heute nicht mehr hier.

In den Momenten, in denen ich verzweifle und das Gefühl habe, keine Sekunde länger durchzuhalten, sind sie wichtig.

Wenn ich nicht mehr will und nicht mehr kann und überlege, wie ich es am besten anstelle, mein Leben zu beenden, ist der erste Gedanke, der mir in den Kopf schießt: »Was wird aus meinen Katzen?«

Das reicht, um den lebensmüden Mist bleiben zu lassen, und ich mache weiter – mit dem stärkenden Schnurren und Liebesbekundungen meiner Fellnasen im Ohr.

Nun ist aber so ein Hund um einiges teurer als eine Katze.

Ich will ja keinen Handtaschenhund. Ich brauche einen Hund, der mir Sicherheit gibt, mich im Notfall beschützt und verteidigt.

Am besten direkt einen Dobermann oder einen Rottweiler, aber an diese Rassen traue ich mich als Hunde-Anfänger nicht ran.

Es soll daher, wenn überhaupt, ein Labrador werden.

Ein Labrador-Retriever ist anfängerfreundlich, gutmütig und leicht zu trainieren, habe ich gelesen.

Für Unterhalt und Futter nehmen wir also zum Vergleich den Labrador. Der wiegt locker das Zehnfache einer Katze und frisst entsprechend mehr. Beim Tierarzt fallen auch schnell mal ein paar Hunderter, im schlimmsten Fall sogar Tausender an, die genauso bezahlt werden müssen wie das teure Futter. Ganz zu schweigen von den Mehrkosten, wenn der Hund aus gesundheitlichen Gründen einmal Spezialfutter oder Medikamente benötigt. Und nicht zu vergessen die Hundesteuer. Alles zusammen sprengt meinen winzigen finanziellen Rahmen gewaltig.

Mache ich mir zu viele Sorgen oder bin ich einfach nur dumm und hoffe auf ein Wunder? Auf jeden Fall kommt nichts einfach so auf einen zugeflogen, erst recht kein Geld.

Und was ist mit meinem Alltag, den ein Hund auf den Kopf stellen wird? Auf der einen Seite soll genau der anders werden, aber kann ich das zulassen? Wenn mich an manchen Tagen bereits das unerwartete Klingeln des Telefons in Panik versetzt?

Veränderung ist harte Arbeit und bedeutet oft Rückschläge. Sie sind ein ständiges Tauziehen zwischen Angst und Hoffnung.

Allein der Gedanke an Veränderung und daran, dass etwas an meinem Alltag anders laufen könnte, löst unangenehme Gefühle bei mir aus. Dabei wünsche ich mir doch, dass mein Leben anders verläuft. Ich will raus aus meinem Gefängnis. Warum bereitet mir das Ganze denn eine solch große Angst? Das ist doch paradox.

5

Die Liste

Lotta

Mensch Leute, ich wüsste zu gerne, was auf dieser Liste steht. Nicole hat sie Tina geschickt.

Es geht da um meine zukünftigen Aufgaben. So habe ich das zumindest aus den Gesprächen hier rausgehört.

Dieselbe Liste hat auch die Trainerin bekommen.

Nicole hat all das da draufgeschrieben, was sie sich von mir als Assistenzhund wünscht.

Für Tina ist das wichtig, um mich dahingehend zu prüfen. Also ob ich diese Arbeiten später mal schaffen kann. Und die Trainerin muss wissen, was sie mir genau beibringen muss.

Die Einzige, die wieder einmal im Dunkeln tappt, bin ich.

Zu blöde, dass ich noch in Mamas Bauch bin. Von hier komme ich auf keinen Fall an diese Liste dran.

Warum liest die keiner vor?

Geduld ist gar nicht meins. Habe ich euch das schon gesagt?

Dafür bin ich aber gut darin, Dinge hinzunehmen, und ärgere mich nicht allzu lange über die Tatsache, dass ich diese Liste vorerst nicht in die Pfoten bekomme. Es gibt so viel, was meine Aufmerksamkeit verlangt. Bei euch Menschen ist das anders. Ihr könnt euch tagelang über Kleinigkeiten aufregen, die gar nicht zu ändern sind. Was für eine Energieverschwendung.

6

Kampf gegen Windmühlen

Nicole

Auseinandersetzungen mit Behörden, Ämtern und Versicherungen sind für mich gleichbedeutend mit einem Kampf gegen Windmühlen.

Und damit meine ich nicht die schnuckeligen Fachwerkmühlen aus Holz, sondern diese riesigen, unkaputtbaren Elektro-Windräder. Selbst der starke Hulk hätte seine Probleme, dagegen anzukämpfen. Ich wage mich einen Schritt vor, schöpfe Hoffnung, noch einen weiteren zu schaffen, und schon werde ich mindestens zehn zurückgepustet. Das ist Frust pur und macht mich auf Dauer mürbe. Anscheinend eine gut funktionierende Taktik bei diesen Institutionen.

Oft bin ich einfach nur müde und versuche vieles gar nicht erst.

Erschöpfung ist ein Zustand, der mir immer wieder aufs Neue beweist, wie wichtig es ist, gut mit den eigenen Kräften zu haushalten. Gleichzeitig lerne ich, dass immer etwas geht, selbst wenn ich denke, dass ich am Ende bin. Genau hier fängt dann die Gratwanderung an. Keine Ahnung, ob ich es jemals schaffe, ein Körpergefühl zu entwickeln, das mir sagt: »Stopp, Nicole. Es reicht.«

Ein Assistenzhund, der entsprechend trainiert wird, könnte mich darauf aufmerksam machen, wenn ich den Punkt mal wieder verpasse und über meine Belastungsgrenze sprinte.

Ich bemerke es nicht, übergehe oft diesen Punkt und tue Dinge, die ich besser lassen sollte. Was ist nötig und wichtig zu tun? Wann muss ich auf mich achtgeben, und gut zu mir sein?

Wann ist der Punkt der Überforderung? Bin ich nicht ständig überfordert? Verlangt mir dieses Leben nicht andauern Unmögliches ab, oder bin ich nur – wie so viele sagen, und vor allem aber meine eigene gemeine Stimme, – faul und unfähig?

Wie soll ich da die Balance finden und das tun, was erforderlich ist, um die eine entscheidende Veränderung herbeizuführen? Das lassen, das mir nur schadet und hoffnungslos ist.

Woher weiß ich, wann ein Kampf aussichtslos ist? Schließlich gibt es da noch die Sache mit den Behörden. Ja, das sind die wichtigen Angelegenheiten, um die man sich kümmern muss, egal was ist.

Ein Paradoxon der Extraklasse. Du musst diese Dinge regeln – immer aber vor allem dann, wenn du krank bist. Gerade dann. Ich will etwas an meinem Zustand ändern und trotz allem, müssen die Rechnungen weiterhin bezahlt werden. Wovon willst du leben, wenn du nicht mehr arbeiten kannst? Ich habe es zwar bis zur letzten Minute versucht, mich immer wieder auf die Arbeit geschleppt, blöderweise die Arbeitszeit reduziert, in der Hoffnung wenigstens eine Halbtagsstelle bewältigen zu können, aber da hatte ich mir mal wieder zu viel vorgenommen. Dabei war besonders die Arbeit in der Apotheke für mich in den letzten Jahren ein großer Halt, den ich mir hart erkämpft hatte. Vorne im Kundenverkehr hinter der Beratungstheke zu stehen und mich nicht mehr nur im Labor zu verstecken, war nicht immer leicht, aber die vielen positiven Erfahrungen, die ich mit den Kunden machen durfte, haben mir geholfen, den Mut zu behalten. Sie haben mich darin bestärkt, dass ich sowas doch kann: mit Menschen real interagieren und anderen helfen. Aber das war alles vor dem ganzen Operationshorror, der den bisherigen Erfolg meiner Trauma-Arbeit nicht nur wieder auf Null, sondern in den Minusbereich katapultiert hat.

Vor allem die älteren Kunden, die nicht nur für ihre regelmäßige Medikation in die Apotheke kamen, sondern hauptsächlich für einen Plausch, für den sozialen Austausch, haben mir damals geholfen. Ihre Einsamkeit war auch mein ständiger Begleiter und so trafen diese Menschen bei mir auf verständnisvolle Ohren und schenkten mir das Gefühl, etwas dagegen tun zu können.

Das Bewusstsein dafür, einen wichtigen Beitrag in dieser Gesellschaft zu leisten, sogar etwas verändern zu können, ist in mir essenziell. Das ist die Kraft, die ich brauche, um weiterzumachen und auch schlechte Tage durchzustehen.

Nach der letzten großen Operation ging dann plötzlich gar nichts mehr. Es dauerte eine Weile, bis ich mir das eingestehen konnte. Ich wollte lange nicht wahrhaben, dass das Leben, in das ich mich fast zwanzig Jahre lang zurückgekämpft hatte, auf einmal so nicht mehr funktionierte. Es ging mir schlechter als jemals zuvor. Nichts half. Der tiefe Fall und der soziale Abstieg waren unvermeidbar.

Der Abgrund, der sich vor mir auftat, wurde mit jedem Tag größer und dunkler. Ich wollte kein Sozialfall werden. Dann lieber die Stunden reduzieren. Ich dachte, dass ich die halbe Arbeitszeit pro Woche packen könnte. Ein fataler Fehler. Obendrein haben diese vergeblichen Bemühungen, mich nachher unter das Existenzminimum katapultiert. Das Kranken- und Arbeitslosengeld sowie die Rente, die prozentual aus dem zuvor verdienten Lohn berechnet werden, sinken bei einem Teilzeitjob enorm. Dabei war das Krankengeld noch viel, im Vergleich zu dem finanziellen Loch, in das ich danach gefallen bin, als mein Anspruch nach anderthalb Jahren aufgebraucht war und ich von der Versicherung ausgemustert wurde.

Na ja, zum Glück haben wir überhaupt ein Sozialsystem, auch wenn es überarbeitungsbedürftig ist und einen Papierkrieg erfordert, der weltweit einzigartig ist.

Der Kampf mit Arbeitsamt, Jobcenter und Rentenversicherung hat fast zwei Jahre gedauert. Seit 2017 stapeln sich die Akten in ungeahnte Höhen.

Den Überblick in diesem Chaos zu behalten, ist ein Ding der Unmöglichkeit für mich, aber ich versuche es.

In der ganzen Zeit werde ich hin- und hergeschoben. Keine Behörde fühlt sich für mich zuständig. Noch mehr Untersuchungen sowie völlig sinnfreie und oft demütigende Gutachten folgen. Ständig falle ich durch irgendein blödes Raster. Na hallo, roter Faden meines Lebens, da bist du ja wieder! Nirgendwo passe ich rein. Zum Arbeiten bin ich wegen meiner Krankheiten nicht vermittelbar. Maßnahmen zur Rehabilitation sind inzwischen alle ausgeschöpft. Nur die Rentenversicherung, zu der mich alle hinschieben, sieht das komplett anders, schließlich bin ich doch noch so jung.

Es dauert, bis ich den neuen Stempel ›Erwerbsunfähigkeit‹ erhalte, der mir von allen am unangenehmsten ist. Ich will den nicht. Ich will doch arbeiten! Ich will nicht unfähig sein.

Aber was kann ich in meinem Zustand denn schaffen?

Vom Schreiben, das ich zur Selbsttherapie betreibe, kann man ja nicht leben, es sei denn, man wird der nächste Stephen King oder haut den neuartigen Harry Potter in die Tasten. Ein schöner Traum, aber kaum zu realisieren.

Die Erde dreht sich trotzdem weiter und bald spielen Ärzte und Therapeuten dasselbe Lied: ›Ich kann Ihnen nicht mehr helfen‹. ›Austherapiert‹ heißt der neue Stempel auf meiner Akte und der Eindruck, ein hoffnungsloser Fall zu sein, wird mein neues Lebensgefühl.

»Das alles ist ambulant auf keinen Fall in den Griff zu bekommen«, höre ich immer öfter von Therapeuten und Psychologen, bei denen ich Hilfe suche.

Blöd, dass stationäre Aufenthalte für mich zurzeit unmöglich sind, weil sie meinen psychischen Zustand verschlimmern würden, anstatt ihn zu verbessern.

Jeden Tag komme ich mir vor wie ein Jammerlappen, dem sein Leben entgleitet. Ich kann mich selbst nicht mehr ausstehen. Konnte ich das jemals? Soll das das Ende sein? Das war's jetzt also?

Die Wahrheit fühlt sich so an. Manchmal muss man den Tatsachen ins Auge sehen und die brüllen mich an.

Ich habe mir mein Leben definitiv anders vorgestellt.

Wofür habe ich überlebt? Wofür habe ich so lange gekämpft?

Sicher nicht, um jetzt hier zu hängen, wie ein Schluck Wasser in der Kurve, der von Tag zu Tag durch Horrornächte plätschert und in einem See aus Selbstmitleid ertrinkt.

Ich kann mich nicht damit abfinden, kein Teil der Gesellschaft mehr zu sein, keinen Job mehr zu schaffen. Mutter kann ich nicht mehr werden, ganz zu schweigen davon, vernünftig meinen Haushalt zu schmeißen.

Unfähig.

Ich schiebe das Gefühl beiseite und krame nach der Hoffnung in meinem Kopf. Irgendwas muss doch da noch für mich sein.

Das kann es nicht gewesen sein. Ich bin immer noch da. Ich bin doch wer. Ein Mensch mit Gefühlen, Wünschen und Träumen, auch wenn einige dieser Träume nicht mehr in Erfüllung gehen werden. Trotzdem will und darf ich doch etwas anderes in meinem Leben erfahren als Schmerz, Verlust, Angst und Verzweiflung.

Da gibt es noch jede Menge Leben, das ich erfahren möchte. Ich will leben. Aber wie?

Mein Schrank quillt über mit starken, verschreibungspflichtigen Medikamenten. Meine eigene, kleine Apotheke des Grauens. Beruhigungsmittel, Psychopharmaka, starke Schmerzmittel, wie Tilidin, Morphium und andere Betäubungsmittel.

Bei mir haben viele dieser Mittel leider dieselbe Wirkung wie ein Bonbon – nämlich gar keine. Manche haben dann wiederum so starke Nebenwirkungen, dass sie mich in regelmäßigen Abständen in die Notaufnahme schießen.

Der Behördenwahnsinn ebbt nicht ab. Der Kampf mit meiner Krankenversicherung, der nun fast vier Jahre andauert, zermürbt mich mehr und mehr.

Es geht darin um die Kostenübernahme für ein Medikament, das seit 2017 zur Schmerztherapie zugelassen ist und bis dahin als Kiffer-Droge verpönt war. Auf Deutsch: Es geht um die Kostenübernahme für medizinischen Cannabis.

Mittlerweile liegt mein Fall seit Ende 2017 beim Sozialgericht und kann sich noch Jahre hinziehen. Die Logik dahinter ist mir bis heute ein Rätsel.

Warum soll ich für den Rest meines Lebens stark abhängig machende Schmerz- und Beruhigungsmittel sowie Psychopharmaka einwerfen, die mir mehr schaden als helfen? Warum soll ich meinem Körper noch mehr Leid zufügen? Warum soll ich weiterhin Tabletten einwerfen, die ich gar nicht vertrage?

Mal abgesehen davon, dass eben diese Medikamente für die Krankenkasse um ein Vielfaches teurer sind.

Die Wirkstoffe der Cannabispflanze lindern die schlimmsten Schmerzen. Die ›Nebenwirkungen‹ helfen zudem noch, die Daueranspannung, Panikattacken und Angstzustände in den Griff zu bekommen und lassen mich wieder schlafen. Sogar die Depressionen, meine Albträume und Trauer werden davon weniger.

»Die will doch nur auf Rezept kiffen«, höre ich immer wieder. Aber ich habe nie gekifft. Ich hatte viel zu viel Schiss vor den Folgen. Hatte ich doch, weiß Gott, schon genug Probleme an der Backe. Auch sonst hatte ich in meinem Leben keinen Kontakt zu Drogen, außer zu Alkohol und Zigaretten.

Die Kontrolle über meinen Körper und über jede Situation zu behalten, ist für mich nach wie vor ein großer Schutzmechanismus, weshalb ich anfangs skeptisch war, was Cannabis angeht. Das Gefühl ›stoned‹ zu sein und nicht mehr reagieren zu können, will ich überhaupt nicht haben. Ich muss immer Herrin der Lage bleiben, so gut ich das vermag. Ich will mich nicht abschießen. Die Verzweiflung, sehr viele positive Berichte und die Hoffnung auf weniger Schmerzen waren dann aber stärker und ich habe Cannabis ausprobiert. Von einer Bekannten bekam ich eine kleine Menge für einen Joint. Ich hatte große Angst davor und es hat enorme Überwindung gekostet, dieses ›gefährliche‹ Kraut anzuzünden und zu rauchen. Vor allem hat es stärker gestunken als die nach alten Socken muffelnden Baldrian-Mäuse meiner Katzen. Zu meiner Überraschung ist nichts Schlimmes passiert, im Gegenteil. Plötzlich war diese fiese Übelkeit wie weggewischt. Auch die Schmerzen, die mich kaum haben atmen lassen, traten auf einmal in den Hintergrund. Ich konnte zum ersten Mal seit Jahren wieder entspannen und schlafen. Ich glaube, ein Lottogewinn hätte mich kaum glücklicher gemacht.

Ich habe mit meiner Schmerztherapeutin sofort einen Antrag bei der Krankenkasse gestellt, damit sie mir diese Therapie genehmigen. Gesundheit und die Befreiung von Leid sind mehr wert als alles andere, also habe ich das Geld vorgestreckt, so gut ich konnte. Ich hatte nicht vor, mich derart zu verschulden. Naiv wie ich war, dachte ich, dass die Therapie laut neuem Gesetz von der Krankenkasse problemlos übernommen werden würde, und dass ich das Geld für die Privatrezepte auf jeden Fall wiederbekäme, sobald der Bescheid da wäre. Es ist mir zu dem Zeitpunkt nicht in den Sinn gekommen, dass mein Antrag abgelehnt werden oder sich über Jahre hinziehen könnte.

Ich kämpfe weiter vor Gericht. Cannabis aus der Apotheke ist teuer. Die Kosten der Privatrezepte haben mich in noch mehr Schulden gestürzt und ich musste die Therapie Anfang 2019 letztlich erst einmal abbrechen. Entzugserscheinungen hatte ich keine, aber ich habe lange gebraucht, damit klarzukommen, dass ich nun ständig wieder Übelkeit, extreme Schmerzen und die Panikattacken ertragen muss, obwohl es da ein Mittel gibt, das alles lindern kann. Mir das Kraut illegal zu besorgen, davor habe ich zu viel Angst. Nicht nur vor den Dealern, die ich bei meinem Erfahrungsspektrum auf dem Gebiet wahrscheinlich noch mit Beamten in Zivil verwechseln würde, sondern auch vor gestrecktem Zeug. Ich bin krank genug, da muss ich mich nicht auch noch vergiften. Egal wie verzweifelt ich bin, das Ganze geht nicht ohne die Kostenübernahme der Krankenkasse, die nach wie vor darauf besteht, dass mir dieses ›gefährliche‹ Medikament nicht zusteht, und in meinem Fall eine zu große Gefahr darstellt, mich süchtig zu machen. Nicht auszudenken, wenn ich von diesem Pflänzchen abhängig werden würde und das teurere Morphium samt Valium nicht mehr bräuchte, die ja überhaupt kein Abhängigkeitspotenzial haben. Ironie aus.

Aber ich schweife ab. Das ist ein anderes Thema. Allein damit könnte ich ein weiteres Buch füllen über Sinn und Unsinn neuer, unausgereifter Gesetze. Ich habe da noch etwas in der Hinterhand, das Hoffnung auf Besserung verspricht: ein Assistenzhund.

Ob es Zufall ist, dass erst vor kurzem hierfür ein schon lange überfälliges Gesetz verabschiedet wurde? Nein! Genau das hat mich angetrieben, diese Zeilen hier endlich zur Veröffentlichung zu bringen. Denn das Gesetz ist, wie so viele, die auf die Schnelle neu ins Buch der Bücher gekritzelt werden. Es ist ausgesprochen lückenhaft, wenig durchdacht und fördert genau das, was es eigentlich verhindern soll: Die perfiden Machenschaften der unseriösen Assistenzhund-Firmen und Zertifikatshändler, denen es nur um das viele Geld geht. Leider auf Kosten unwissender Betroffener und armer Hunde, in denen von diesen Menschen nicht mehr gesehen wird als ein roboterhaftes Hilfsmittel, das auf dem Weg dorthin Kohle einbringt. Aber ich schweife schon wieder ab. An dieser Stelle ist Lotta noch gar nicht bei mir eingezogen. Ihre Geburt steht kurz bevor. Es kann jeden Tag so weit sein, dass die kleine Maus zur Welt kommt, und doch ist sie im Moment nur ein Hoffnungsschimmer in meinem Kopf. Mehr Traum denn Realität.

7

Neues Leben

Lotta – 8. September 2019

Hallo Welt. Da bin ich!

Die Wurfkiste, in der ich jetzt liege, ist nicht ganz wie Mamas Bauch, aber Tina hat alles mit viel Liebe gemütlich eingerichtet. Es ist ruhig und schön warm und kuschelig. Genau das Richtige nach dieser Tortur. Das Ganze mit der Geburt war anstrengender, als ich dachte. Der Weg war verdammt eng und so unendlich lang, aber ich habe mich unbeirrt herausgewunden und hier bin ich nun. Welt, ich komme!

Stolze 440 g bringe ich schon auf die Waage. Damit bin ich eine der Schwersten im Wurf. Ich bin sogar schwerer als zwei meiner Brüder. Mit dem Dritten bin ich gleich auf. Und ich habe einen Hunger, sag ich euch. Im Moment kann ich an gar nichts anderes denken, außer vielleicht noch, dass ich unsagbar müde bin.

Gut, sehen kann ich nicht. Meine Augen sind noch geschlossen und meine Beine fühlen sich hier draußen ganz wackelig an. Muss an dieser Schwerkraft liegen, der ich nun stärker ausgesetzt bin. Aber riechen kann ich. So viele Gerüche gibt es, das könnt ihr euch gar nicht vorstellen. Hier draußen ist die Welt viel lauter. Sie ruft nach mir. Jedem Klicken, Summen und Brummen muss ich auf den Grund gehen. Überall riecht es nach Abenteuer. Meine Kraft reicht leider nicht aus, um alles zu erkunden. Das ist nämlich ziemlich anstrengend. Schlafen und Fressen bestimmen meinen Tag. Wenn ich nur nicht so verdammt müde wäre. Leute, ich sage euch, es ist wie verhext. Die Tage ziehen an mir vorbei. Ich schlafe und schlafe. Das Einzige, was diese unendlich langen Phasen unterbricht, ist mein Hunger. Wie ein Schnellzug kommt der in regelmäßigen Abständen vorbeigerast und weckt mich auf. Dann torkele ich zu Mamas gefüllter Milchbar, trinke mich satt und schlafe wieder. Wer hätte gedacht, dass das dermaßen anstrengend ist. Das alles plättet mich.

In meinen Träumen flitze ich auch noch durch die Gegend. Ich übe und verarbeite im Schlaf alles, was ich am Tag erlebt habe. Das ist wichtig fürs Lernen. Schließlich wird man ja nicht von alleine ein Assistenzhund.

Meine Neugier ist ungebrochen, aber dieser Hunger ist stärker als jedes verlockende Geräusch. Zum Glück ist Mamas Milchbar gut gefüllt. Blöd ist nur, dass alle da dran wollen. Da darf ich keine Müdigkeit vorschützen und muss mich durchsetzen. Im Notfall füttert Chefin Tina zwar zu – auf sie ist Verlass in allen Belangen –, aber die Milch von Mama ist einfach die Beste.

Noch dazu kann es nicht schaden, Durchsetzungsvermögen zu erlernen. Das ist eine wichtige Eigenschaft für einen angehenden Assistenzhund, genauso wie Gleichmut. Also bloß keine Panik. Ich weiß, was ich will und lasse mich nicht abwimmeln. Aufgeben ist nichts für mich.

Habe ich schon erwähnt, dass ich tierischen Hunger habe?

Ich bin dann mal Milch tanken, bevor mir die anderen alles weggesüppelt haben. Bis später.

8

Das erste Treffen – nur gucken, nicht anfassen

Lotta – Ende September 2019

Leute, seit gestern ist's vorbei mit meiner inneren Ruhe und Gelassenheit. Da freue ich mich, dass Nicole mich bald besuchen kommt, und dann sowas!

Es wird ernst, und zwar richtig ernst. Zum Glück habe ich das Telefonat mitbekommen. Nicole bringt ihre Trainerin mit.

Die ist speziell ausgebildet und zertifiziert, um PTBS-Assistenzhunde zu trainieren, und will mich direkt mit ihren geschulten Adleraugen begutachten. Ja, sogar einen Eignungstest will die schon machen. Stellt euch das mal vor! Die spinnt doch! Ich bin gerade mal zarte drei Wochen alt und die verlangt schon einen knallharten Eignungstest, dabei kennt die mich noch nicht einmal. Unfassbar! Chefin Tina ist auch ganz baff deswegen.

Sie passt auf. Das beruhigt mich wenigstens ein bisschen.

Mir schießen tausend Fragen durch den Kopf und in meinem Bauch rumort ein komisches Gefühl. Ich habe Angst. Was, wenn ich durchfalle? Was muss ich alles leisten? Was wird die mit mir machen? Und vor allem, was muss ich machen? Ich muss mich vorbereiten. Ganz schnell. Ich muss das schaffen. Oma Lilli muss mir helfen. Die wird ja wissen, was und wie das alles vonstattengeht. »Ganz ruhig, Braune«, sagt sie immer.

Na ja, ruhig ist anders. Das geht gerade gar nicht.

Ich muss weg, Leute. Hab' noch viel zu tun. Drückt mir die Pfoten!

Omaaa! Wo bist du? Ich muss dich was fragen!

Nicole – 29.09.2019

Es ist wie auf einer Achterbahn. Eben noch spüre ich Hoffnung in mir aufsteigen, und dann rase ich im Affenzahn in die Tiefen aus Zweifel und Angst. Aber der Traum ist zu süß, um aufzuwachen und ihn jetzt schon abzuhaken. Ich möchte ihn weiter träumen, solange er währt.

Heute ist es endlich so weit. Heute darf ich Lotta zum ersten Mal besuchen und sie leibhaftig sehen.

Dass mein zukünftiger Hund eine Hündin werden soll, hat Tina mir geraten. Aus dem Grund, dass ich zurzeit mal wieder nur knapp über 40 kg wiege und durch die Schmerzen kaum Kraft habe, mich selbst über die Wege zu schleppen. Mit einem Rüden, der es locker auf bis zu 50 kg Körpergewicht bringen kann, würde es schwer werden, diesen an der Leine zu halten. Der würde mehr mit mir spazieren gehen als ich mit ihm und ich wäre ein wehendes Fähnchen am anderen Ende der Leine. Mit einer Hündin, die bis zu 35 kg auf die Waage bringen und jede Menge Kräfte entwickeln kann, wenn sie ausgewachsen ist, werden die Spaziergänge schwer genug für mich sein.

Vielleicht wäre ein kleiner Mischling, ein Yorkshire-Terrier oder ein Chihuahua in meinem Fall die bessere Wahl. Die sind süß und sicherlich auch ganz toll sowie lernfähig, aber wie soll ich mich bei so einer Miniaturausgabe von Hund sicher und beschützt fühlen? Es muss ein großer Hund sein, der etwas her macht, vor dem andere Respekt haben und auf Abstand bleiben. Am besten ein Herdenschutzhund oder ein Dobermann. Rottweiler finde ich klasse. Aber das ist keine gute Idee für einen Hundeanfänger wie mich. Nein. Ein Labrador passt sicher am besten zu mir. Kein großer, schwerer Rüde, in Ordnung. Ich widerspreche Tina da nicht, boxe die Zweifel meiner Eignung als Hundebesitzerin betreffend aus meinem Kopf, die sich bei diesen Gedanken zwangsläufig mal wieder einschleichen und versuche, an das Unmögliche zu glauben, bald Hundemama zu sein. Ein Kindheitstraum.

Der Gedanke, tatsächlich bald mit einem Hund an meiner Seite durch die Natur zu streifen, die ich so liebe, wärmt mein Herz. Ich vermisse meine Kraftorte im Grünen. Alles mit viel Wald und Wasser fehlt mir. Als ich noch im Stande war, allein durch die Wälder zu streifen, habe ich mir oft vorgestellt, wie schön es wäre, dabei einen hündischen Begleiter an meiner Seite zu haben. In den letzten Jahren wurde aus der Vorstellung dann ein sehnsüchtiger Wunsch. Ehrlich gesagt, ist mir das Geschlecht meines Hundes dabei so was von egal.

Ich bin unheimlich aufgeregt.

Drei Wochen ist Lotta jetzt schon alt und die Zeit hat sich gezogen wie Kaugummi. Der Name steht dafür schnell fest: Lotta. Bei dem Gedanken, dass sich bald ein Kindheitstraum von mir erfüllt, der Freude, Leichtigkeit und neue Hoffnung in mein Leben bringt, springt mir ein Bild von Pipi Langstrumpf in den Kopf. Ein selbstbewusstes Mädchen, das Spaß am Leben hat und sich nicht reinreden lässt. Pipi eignet sich aber für einen Hundenamen nicht wirklich, deshalb suche ich den zweiten Vornamen dieses großartigen Mädchens aus: Lotta. Passt!

Ich kann es gar nicht mehr erwarten, die süße, kleine Maus endlich zu sehen.

Wer hätte gedacht, dass drei Wochen so lang werden können?

Tina hat mir in der Zeit viele Fotos geschickt und als wir den Termin für heute ausgemacht haben, hat sie verkündet, dass sie sich inzwischen sicher ist, dass Lotta die richtige Wahl für mich ist.

So langsam zeichnen sich die Charaktere der kleinen Schoko-Monster ab und sie entwickeln individuelle Eigenarten.

Tina hat schon die ersten kleinen Tests gemacht, um zu schauen, ob Lotta spezielle Charakterzüge eines Assistenzhundes zeigt. Zum Beispiel, ob sie mutig und unerschrocken vorangeht, sich nicht aus der Ruhe bringen lässt und nicht zu sensibel ist. Diese letzte Eigenschaft ist sehr wichtig. Das wollte mir zunächst auch nicht ganz einleuchten. Ich dachte, dass ein Assistenzhund ganz besonders feinfühlig sein sollte. Meiner Meinung nach haben alle Hunde generell empfänglichere Antennen als Menschen und übertreffen damit selbst das sensibelste Gemüt. Nicht zu sensibel sein, meint aber hier eher eine hohe Frustrationstoleranz zu haben. Diese kann man später mit speziellen Übungen noch erweitern, aber für einen Assistenzhund ist es wichtig, dass er von Anfang an ein nicht so empfindliches Gemüt mitbringt.

Wie bei uns Menschen gibt es unter Hunden eben auch vor Selbstbewusstsein strotzende Draufgänger und kleine Sensibelchen, so wie ich eines bin. Letzteres wäre eine ziemlich ungünstige Konstellation, auch wenn ich dann nicht mehr alleine völlig überfordert irgendwo in einer Ecke der Stadt kauern würde. Dies würde mich allerdings keinen Schritt weiterbringen. Zudem benötigt ein solcher Typ von Hund einen selbstsicheren Menschen, an dem er sich orientieren und seine eigene Unsicherheit ablegen kann. Nichts gegen Feinfühligkeit, aber ein zu sensibler Hund wäre schnell frustriert und verunsichert, wenn der Halter nicht direkt reagiert. Genau das kann aber eine Person mit Einschränkungen oft nicht und ein PTBS-Betroffener erst recht nicht.

Eines der häufigsten Symptome ist die Dissoziative-Störung. Bei einer Dissoziation ist der Betroffene von jetzt auf gleich völlig weggetreten. Das kann durch alle möglichen Auslöser geschehen, die dem Betroffenen meist gar nicht bewusst sind, zum Beispiel ein Geruch, ein Geräusch oder ein Körpergefühl. In so einem Moment bekommt man nichts mehr mit, ist handlungsunfähig und hilflos. Ein Hund, der sensibel darauf reagiert, würde darunter leiden. Er wird, wie gelernt und wie in so einem Fall auch gewünscht, versuchen, diesen Zustand zu unterbrechen, mit Lecken, Bellen, mit den Pfoten oder seinem ganzen Gewicht. Das funktioniert aber vielleicht nicht immer. Je nach Situation und Intensität kann es lange dauern, bis der Mensch wieder zurück in der Realität und in seinem Körper ist. Dann ist es enorm wichtig, dass der Hund nicht direkt frustriert das Handtuch schmeißt – nicht nur für den betroffenen Menschen, sondern auch für das Wohlbefinden des Hundes. Denn der leidet darunter, wenn sein Handeln nicht von Erfolg gekrönt ist. Ein vor Selbstbewusstsein strotzender Charakter hingegen wird hartnäckig am Ball bleiben. Er wird sich davon nicht beeindrucken lassen. Selbst dann nicht, wenn der Besitzer trotz aller Bemühungen nicht reagiert. Schlimmstenfalls wird er irgendwann sein eigenes Ding machen, anstatt fix und fertig in einer Ecke vor sich hin zu leiden oder gar aggressiv zu reagieren.

Lotta bringt bereits ein paar wichtige Eigenschaften mit. Bin ich froh, dass Tina sich da so gut auskennt. Aufgrund ihres jahrelangen Erfahrungsschatzes kann sie ihre Welpen super einschätzen und die Kleinen spielerisch, ohne sie zu überfordern, testen.

Laut Tina ist Lotta enorm selbstbewusst und läuft unbeirrbar ihrem jeweiligen Ziel entgegen. Lotta lässt sich von nichts aus der Ruhe bringen. Das, was sie sich in den Kopf gesetzt hat, zieht sie unbeirrbar durch. Sie fragt nach und schluckt nicht das erst beste Kommando, das man ihr vorkaut. Das ist einerseits eine wertvolle Eigenschaft für ihre späteren Aufgaben als Assistenzhündin, anderseits verlangt es der Erziehung einiges ab. Bereits die Grundausbildung mit Lerninhalten wie »Sitz«, »Platz« und »Bleib« wird mich viele Nerven kosten. Später jedoch wird Lottas Unbeirrbarkeit und ihr Durchsetzungsvermögen Gold wert sein, wenn sie mich, zum Beispiel, vor einem drohenden Anfall warnt und ich sie mit einem »Nein« wegschicken will. Super, wenn Lotta mein Kommando in diesem Fall nicht gelten lässt und so lange weiter anzeigt, bis ich die Gefahr erkannt und gebannt habe.

Bei diesem Thema fällt mir direkt wieder die andere Herausforderung ein, die ich auf diesem Weg unbedingt bewältigen muss. Ich komme nicht drum herum, eine selbstbewusste Grundeinstellung und Ausdrucksweise zu erlernen und an den Tag zu legen, die ein Hund ernst nimmt. Womit wir wieder bei meinen guten alten Zweifeln wären. Irgendwie ist es paradox, dass ich einen Assistenzhund brauche, weil ich Einschränkungen habe, die eine unsichere Persönlichkeit miteinschließen, ich aber eben genau diese ablegen muss, um erfolgreich einen Hund zu erziehen. Vielleicht ist das die nötige Motivation, die ich brauche.

Ich muss selbstsicherer werden, damit ich Lotta die nötigen Fertigkeiten beibringen kann, die mir das Leben erleichtern.

Mit dieser tierischen Unterstützung beschreite ich dann einen neuen Weg. Einen, der nicht mit Hilflosigkeit gepflastert ist.

All das geht mir auf der langen Fahrt zum ersten Treffen mit Lotta durch den Kopf.

Chris fragt mich mehrmals, ob alles in Ordnung ist.

»Ja«, »Nein« und »Keine Ahnung«, sind meine Antworten, woraufhin er nur seufzt und zum gefühlt hundertsten Mal sagt, dass ich mir nicht immer so den Kopf zerbrechen soll, woraufhin wir beide dann mit den Augen rollen und er noch »Typisch Nici«, hinterherschiebt.

Ein Gedanke ist gleichzeitig traurig, aber durchaus beruhigend: Ich bekomme das Ganze sowieso nicht genehmigt. Der Fonds lehnt die Kostenübernahme sicher ab. Alles bleibt, wie es ist.

Der Traum wird ein Traum bleiben und Lotta zieht in ein anderes, vielleicht sogar besseres Zuhause.

Chris und ich stehen vor Tinas Haus, alles ist unwirklich und weit weg, als ich klingele.

Die Tür geht auf und eine Horde liebesverrückter Labradore stürmt auf uns zu. Sie springen an uns hoch und lecken uns überall dort ab, wo sie nackte Haut erwischen, was im Sommer bei knapp 30 Grad nicht gerade wenig Stellen sind. Die Bande begrüßt uns, als wären wir lang vermisste Familienmitglieder. Ich fühle mich willkommen, ohne dies auch nur ansatzweise in Frage zu stellen, so wie ich es üblicherweise tue.

Alle Bedenken, Zweifel und komischen Gefühle rutschen in den Hintergrund, als mich Tina zur Wurfkiste samt Auslauf führt.

Überall verstreut liegen die niedlichen Welpen mit ihren Knautsch-Gesichtern. Sie schlafen in den unmöglichsten Positionen. Als wären die Kleinen bei einem gefährlichen Kampf mit einer Decke oder einem Kissen plötzlich, so wie sie waren, in den Schlaf gefallen. Sie piepsen und ihre kleinen Beine zucken.

Was sie wohl Spannendes träumen, frage ich mich, während ich von einem zum anderen spähe, in der Hoffnung, Lotta zu erkennen.

»Die mit dem lila Halsband dahinten, das ist Lotta«, sagt Tina, als hätte sie meine Gedanken gelesen.

Mein Herz macht einen Sprung. Am liebsten würde ich zu Lotta in den Laufstall, sie in die Arme schließen und an meine Brust drücken. Tina scheint auch dieser Gedanke nicht zu entgehen: »Nur gucken, nicht anfassen. Sie sind noch zu klein. Das Infektionsrisiko ist zu groß und wir wollen doch nicht, dass die Kleinen krank werden.«

»Natürlich nicht«, erwidere ich, versuche, so vernünftig wie möglich dabei zu klingen, kann aber die Enttäuschung, die unweigerlich in meiner Stimme mitschwingt, nicht unterdrücken, genauso wenig, wie ich meine Augen von den kleinen Schokoladenkugeln vor mir lassen kann.

Ich könnte den ganzen Tag hier stehen und die Bande beobachten. Es gibt aber noch viel zu besprechen und so folge ich Tina ins Wohnzimmer. Mein Herz klopft wie verrückt, dabei ist sie ganz lieb und will nur sicherstellen, dass ich gut vorbereitet bin. Meine Zweifel wachsen in ungeahnte Höhen. So viel gibt es zu beachten, so viel vorzubereiten und zu wissen.

Ganz schön viel zu tun mit einem Welpen und das alles natürlich auch an Tagen, an denen es mir nicht gut geht.

Ein Welpe ist nicht stubenrein und die kleine Blase kann noch nicht viel speichern. Am Anfang heißt das also schlimmstenfalls alle zwei bis drei Stunden vor die Tür, auch nachts. Wie soll ich das schaffen? Meine Ängste klopfen wie irre gegen meine Brust. Mir wird mal wieder bewusst, wie eingeschränkt ich bin. Kann ich das mit einem Welpen wirklich schaffen?

Lotta ist so winzig und hilflos. Ich werde noch eine ganze Weile auf sie aufpassen müssen und ein süßer Labrador-Welpe wird wohl kaum einen bösen, aufdringlichen Fremden, dem ich nachts draußen begegne, abschrecken können. Blöd, dass ich keinen Garten habe. Noch so ein Zweifel, der laut schreit: »Um einen Hund zu halten, brauchst du auf jeden Fall ein Haus mit Garten. Eine Mietwohnung ist kein geeigneter Ort für einen Hund.«

Keine Ahnung, wo ich diese Annahme herhabe, aber sie hält sich hartnäckig. Solange der Hund regelmäßig nach draußen kommt, beschäftigt wird und ausreichend Auslauf hat, ist eine Wohnungshaltung auf kleinerem Raum kein Problem. Dem Hund ist wichtig, dass sein Mensch in der Nähe ist, nicht wie groß und nobel das Domizil aussieht. Das bewahrt mich allerdings nicht davor, nachts nach draußen zu müssen, ins Freie, und zwar allein. Also nicht ganz allein, mein Würmchen von Lotta ist ja da. Nur dass ich sie in der ersten Zeit beschützen muss und nicht umgekehrt. Ich bezweifle, dass ich allein im Dunkeln in der Lage bin, nur einen Schritt vor die Tür zu wagen. Ist mein Vorhaben jetzt gescheitert?

Wir könnten eine kleine Pipi-Ecke auf dem Balkon einrichten.

Nur für den Übergang, solange Lotta nachts noch nicht einhalten kann und ich mich im Dunkeln nicht auf die Straße traue.

Ein Stück Wiese auf einer Plane oder in einer flachen Schale sollte seinen Zweck übergangsweise und im Notfall erfüllen.

Ich bin fürs Erste erleichtert. Genauso machen wir's.

Der nächste Punkt, den Tina anspricht, ist die welpensichere Wohnung. Darüber habe ich mir schon viele Gedanken gemacht und habe tatsächlich die wichtigsten Dinge, die Tina erwähnt, berücksichtigt.

Das, was jetzt noch Bauchschmerzen macht, sind meine Katzen.

Wie werden sie auf Lotta reagieren? Es kann schnell zu gefährlichen Situationen kommen, nicht unbedingt für meine Katzen, sondern für Lotta. Katzen hauen, wenn sie zuschlagen, ins Gesicht, also auf Lottas empfindliche Hundenase. Im schlimmsten Fall treffen sie die Augen. Das wäre eine Katastrophe.

Gut aufpassen ist da angesagt und beten, dass alle gut miteinander auskommen oder sie es zumindest mit der Zeit lernen. Zur Not hilft die Hundetrainerin, falls es überhaupt in diesen Punkten zu Problemen kommt. Meistens arrangieren sie sich untereinander, heißt es.

»Lass sie mal machen. Das regeln sie unter sich«, hat die Trainerin dazu gesagt und Tina stimmt dem zu.

Wahrscheinlich mache ich mir mal wieder zu viel Kopf.

Dass ich mir bei dem Thema ›Hundetrainer‹ gar nicht genug Kopf machen kann, weiß ich hier noch nicht. Ich bin zwar ein bisschen verunsichert, dass ich Sabrina nicht mehr erreiche, obwohl sie zu diesem Termin hier mitkommen wollte, aber sowas kann ja passieren, denke ich und ahne nichts Böses.

Ich sitze hier, nicke alle Fragen von Tina ab und stelle selbst welche, in der Hoffnung, meine Zweifel etwas zu minimieren.

Je mehr wir reden, umso öfter denke ich, dass ich mir zu viel zumute, dass ich der ganzen Sache nicht gewachsen bin.

»Ich bin ja auch noch da und helfe dir, wo ich kann«, sagt Chris. Tina nickt. »Das ist gut und wird auch Lotta entlasten, wenn sie bei dir mal abschalten kann, Chris. Es ist wichtig, dass sie auch Auszeiten von Nicole bekommt. Sie soll vor allem auch Hund sein dürfen und auch spielen und toben.«

Ich komme aus dem Nicken gar nicht mehr raus. Ja, klar soll Lotta das sein dürfen. Sie muss nicht die ganze Zeit auf mich aufpassen. Ja, es ist wichtig, dass ich jemanden habe, der mir hilft. Jemand, der mit dem Hund auch mal tobt, spielt und Lotta die Möglichkeit gibt, ein bisschen Auszeit von mir zu nehmen.

Die Hilfe von anderen Menschen in den Zeiten, in denen ich nicht in der Lage bin, mich zu kümmern, ist unerlässlich. Ich muss ein gutes Netzwerk haben, Menschen, denen ich vertraue, die Lotta nehmen und sich um sie kümmern, wenn ich zu krank bin, zu starke Schmerzen habe oder ins Krankenhaus muss. Nun besteht mein Netzwerk nur aus meinem Lebensgefährten, der Trainerin und Tina. Ich habe keine Familie im Rücken, keine Freunde. Jedenfalls keine, die in meiner Nähe wohnen und sich diese Verantwortung zutrauen. Ob das ausreicht?

Ich mache mir Sorgen, vor allem, weil es immer mal wieder Probleme mit meinem Lebensgefährten gibt. Ich bin kein einfacher Mensch und habe mit Beziehungen sowie deren Aufrechterhaltung so meine Probleme. Dazu kommt, dass Chris voll berufstätig ist. Das heißt, er ist unter der Woche von morgens fünf bis zum Teil in den späten Nachmittag gar nicht zu Hause. Wer soll mir dann helfen, wenn ich nicht vom Klo komme oder nicht aufstehen kann? Die Hundetrainerin fällt mir in diesem Moment wieder ein. Sie ist so nett und hat mir ihre volle Unterstützung angeboten. Ich habe sie im Ohr, wie sie mich beim letzten Telefonat beruhigt hat: »Ich kann Lotta auch mal tagsüber zu mir nehmen. Das ist überhaupt kein Problem. Ich kann dann auch mit ihr das ein oder andere allein trainieren. Langfristig könnten wir für euch eine Patenfamilie suchen, die dich mit Lotta unterstützt und in Notfällen einspringt.«

Ob sowas das Richtige für mich ist, wage ich zu bezweifeln. Lotta fremden Leuten anzuvertrauen, wird keine leichte Nummer für mich werden, auch wenn mir Sabrina versichert hat, dass sie mir dabei hilft, gute und erfahrene Menschen zu finden, die mich mit Lotta unterstützen.

Noch lange nach meinem ersten Besuch bei Lotta, wirbeln mir viele Sorgen und Gedanken durch den Kopf und mein Bauch krampft mit einem mulmigen Gefühl um die Wette.

Der Abschied fällt mir schwer, auch wenn ich Lotta in zwei Wochen wieder besuchen darf, und sie dann endlich auch knuddeln kann.

Wir verabschieden uns und ich werfe einen letzten Blick auf Lotta. Sie liegt im Laufstall neben einem Kissen, das dreimal so groß ist wie sie. Ihre Beinchen zucken, als würde sie auf der Stelle laufen, wahrscheinlich flitzt sie im Traum durch ein Hunde-Abenteuerland. Mir wird warm ums Herz. Ihr Gesicht sieht aus wie eine Mischung aus Robbenbaby und Teddybär.

Wie friedlich und zufrieden sie aussieht.

Bis zum nächsten Mal, mein Schatz.

Lotta

Wie, was, wo? Nein! Oh, nein! Ich habe doch nicht etwa Nicoles ersten Besuch verschlafen? Nein, das kann nicht sein.

Ich habe doch so schön von ihr geträumt. Tina hat mich aus dem Laufstall gehoben und mich Nicole gezeigt. Leider durfte sie mich nicht anfassen. Wegen der Keime und sowas. Dabei hätte Nicole mich so gerne in den Arm genommen. Das habe ich genau gespürt. Oder habe ich das nur geträumt? Moment mal. Da war ich doch kurz wach, oder? Gar nicht so leicht, die Realität von der Traumwelt zu unterschieden. Vor allem, wenn man so viel schläft wie ich.

Egal, es war schön, egal ob ich das jetzt nur geträumt habe. Nicoles Herz hat einen Hüpfer gemacht, als sie mich gesehen hat, das habe ich gemerkt. So habe ich mir das vorgestellt. Ich kann ihr zeigen, was Freude und Liebe ist. Ich werde ihr meine bedingungslose Freundschaft und Liebe schenken. Dafür war das schon mal ein guter Anfang. Findet ihr nicht?

Aber Moment mal. Da war doch noch was. Genau! Wo war diese Trainerin? Die ist nirgends vorgekommen. Nicht im Traum, nicht als ich wach war, und auch nicht dazwischen. Die wollte mich doch prüfen. Dafür habe ich mich extra vorbereitet. War das nun umsonst? Ich wollte ihr doch zeigen, was ich alles schon kann, und dass ich die beste Wahl für die Ausbildung zum Assistenzhund für Nicole bin. Ich habe so viel geübt.

Okay, ich gebe zu, ich bin eh immer die Erste, die vorangeht. Furchtlos und unerschrocken. Aber ich habe das verfeinert, damit mich auch wirklich nichts aus der Bahn werfen oder verunsichern kann. Und jetzt? Jetzt bin ich doch verunsichert.

Die ganze Aufregung und Vorbereitung umsonst, und dann habe ich noch Nicoles Besuch verschlafen.

Ich muss unbedingt in Erfahrung bringen, wann Nicole das nächste Mal kommt. Ich weiß, dass sie nochmal zu Besuch kommen wird. Tina hat sie vertröstet. Im Halbschlaf habe ich mitbekommen, wie sie zu Nicole gesagt hat, dass sie Geduld haben soll, und dass sie mich in zwei Wochen in den Arm nehmen und streicheln darf.

Aber wird sie auch in genau zwei Wochen kommen? Was, wenn sie früher kommt? Und wenn, bringt sie dann diese unzuverlässige Trainerin mit, die mich prüfen soll? Hoffentlich habe ich bis dahin nicht alles wieder vergessen. Die Aufregung reißt nicht ab. Ich werde mich weiter vorbereiten. Ja! Ich werde Oma weiter mit Fragen löchern. Ich werde …

Oje, bin ich schon wieder müde. Fürs Erste werde ich ein Schläfchen einlegen.

Gute Nacht, ihr Lieben.

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Gatunki i tagi

Ograniczenie wiekowe:
0+
Objętość:
245 str. 42 ilustracji
ISBN:
9783754943984
Wydawca:
Właściciel praw:
Bookwire
Format pobierania:

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