Czytaj książkę: «Die Anatomie der Potency»
Die Anatomie der Potency!
Aus dem Englischen von
PD Dr. Martin Pöttner
Lizensierte Ausgabe von:
Anatomy of Potency
© Nicholas Handoll
All rights reserved. Published 2000
Osteopathic Supplies Ltd.
ISBN 0-9511356-5-1
© 2004, JOLANDOS
Ammerseestr. 52 – 82396 Pähl
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Herausgeber
Christian Hartmann
Bildrechte
© Nicholas Handoll
Satz
Dr. Martin Pöttner
Druck
ALFAPRINT, Slowakei
Ebook-Gestaltung
Zeilenwert® GmbH
Schwarzburger Chaussee 74 – 07407 Rudolstadt
www.zeilenwert.de
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ISBN 3-936679-63-0
Inhaltsverzeichnis
Cover
Titel
Impressum
Verzeichnis der Abbildungen und Tabellen
Vorwort zur deutschen Ausgabe
Vorwort
Hinführung
Danksagungen
1. Ein Kampf
2. Sutherland
Was verstand Sutherland unter „Respiration“?
Was verstehen wir unter dem Ausdruck „Bewegung“?
Worin bestehen die mechanischen Eigenschaften von Knochen?
Interossäre Kompressionen und intraossäre Kompressionen
3. Der Primäre Respiratorische Mechanismus
1. Die Beweglichkeit der Schädelknochen
Synchondrosis sphenobasilaris
2. Die Mobilität des Sakrum zwischen den Ilia
Das funktionelle Sakrum
3. Die Reziproke Spannung der Dura mater
4. Die Motilität des Zentralen Nervensystems
5. Die Fluktuation der Zerebrospinalen Flüssigkeit
Zusammenfassung
4. Muster
Flexions- und Extensions-Muster
Torsions-Muster
Sidebending/Rotations-Muster
Schub-Muster
Kompression
5. Diagnose, Prognose und Behandlung
Diagnose
Prognose
Behandlung
6. Wer sieht?
Zusammenfassung
7. Was sehen wir an?
Die Allgemeine Relativitätstheorie
Zusammenfassung
8. Wie ist es aufgebaut?
Atomare Teilchen
Die Symmetrie der atomaren Zustände
Der Absolute Nullpunkt
Die Struktur der Atome
Subatomare Teilchen
Zusammenfassung
9. Und woraus bestehen sie?
Ladung
Masse
Spin
Bosonen – Kraftteilchen
1. Die elektromagnetische Kraft
2. Die starke Kraft
3. Die schwache Kraft
4. Gravitation
Die Vereinheitlichung der Kräfte
Fermionen – Materieteilchen
Leptonen
Elektronen
Muonen
Tau-Teilchen
Neutrinos
Hadronen
Quarks
Baryonen
Mesonen
Anti-Teilchen
Virtuelle Teilchen
Die Dichte des Vakuums
Elektronen
Protonen und Neutronen – die Nukleonen
Zusammenfassung
10. Woher kommt das alles?
Der Big Bang
Zeitrahmen 1
Zeitrahmen 2
Zeitrahmen 3
Zeitrahmen 4
Zeitrahmen 5
Zeitrahmen 6
Zeitrahmen 7
Zeitrahmen 8
Die Krümmung
Die Inflationstheorie
Das Universum als kostenloses Mittagessen
Zusammenfassung
11. Immer merkwürdiger
Die merkwürdige Theorie des Lichts, der Unbestimmtheit und der Verwicklung
Betreten Sie das Quantum!
Heisenbergs Prinzip der Unbestimmtheit
Die minimalistische Position
Die Kopenhagener Interpretation
Die Interpretation als Viele Welten
Viele Geschichten – Richard P. Feynman
Verwicklung
Das EPR-Paradox
Zusammenfassung
12. Immer mehr sonderbar
Schwarze Materie
Die Dichte des Vakuums
Zusammenfassung
13. Eine alternative Betrachtungsweise
Die Theorien von David Bohm
Zusammenfassung
14. Was können wir nun damit anfangen?
Appendix A
Die Bewegung der Schädelbasis und des Vomer
Das Os sphenoidale
Das Os occipitale
Das Os ethmoidale
Das Vomer
Appendix B
Torsions-Muster, Sidebending/Rotations-Muster und das Gesicht
Appendix C
Schub-Muster
Laterale Strains
Vertikale Strains
Literaturverzeichnis
Index
Über den Autor
Fußnoten
Verzeichnis der Abbildungen und Tabellen
Foto 1: Hereford Cathedral 30
Abb. 1: Das Sakrum 34
Tabelle 1: Elektromagnetische Strahlung 73
Tabelle 2: Atome 109
Tabelle 3: Die Teilchen 112
Tabelle 4: Tabelle der Stabilen Teilchen 115
Abb. 2: Feynman-Diagramm 1 137
Abb. 3: Feynman-Diagramm 2 137
Abb. 4: Feynman-Diagramm 3 137
Abb. 5: Feynman-Diagramm 4 138
Abb. 6: Feynman Diagramm 5 138
Abb. 7: Feynman Diagramm 6 138
Abb. 8: Feynman-Diagramm 7 138
Abb. 9: Feynman-Diagramm 8 139
Abb. 10: Feynman-Diagramm 9 139
Abb. 11: Feynman-Diagramm 10 139
Abb. 12: Feynman-Diagramm 11 140
Abb. 14: Hafenmauer mit breitem Durchbruch 161
Abb. 15: Hafenmauer mit engem Durchbruch 162
Abb. 16: Hafenmauer mit verdoppeltem engen Durchbruch 162
Abb. 17 - 19: Sinuswellen 164
Abb. 20: Diagramm einer Basiseinheit zur Spaltung von Lichtstrahlen 178
Abb. 21: Doppelspalt-Experiment 1 179
Abb. 22: Doppelspalt-Experiment 2 180
Abb. 23: Doppelspalt-Experiment 3 181
Foto 2: Nicholas Handoll 251
Vorwort zur deutschen Ausgabe
Die deutsche Ausgabe des Buches von Nicholas Handoll, The Anatomy of Potency, Herfordshire 2000, ist in enger Zusammenarbeit von Martin Pöttner und Christian Hartmann entstanden. Die erste Übersetzung von Martin Pöttner wurde von Christian Hartmann durchgesehen und insbesondere auf osteopathische Genauigkeit hin überarbeitet. Darauf wurde der Text von Martin Pöttner nochmals durchgesehen und geglättet. So ist hoffentlich ein gut lesbarer deutscher Text entstanden, welcher der sprachlichen, rhetorischen und gedanklichen Subtilität des englischen Textes von Handoll einigermaßen gerecht wird. Insbesondere Handolls angelsächsisch geprägte, lapidar-freundliche Distanziertheit sollte in der deutschen Übersetzung nicht untergehen.
Nicholas Handoll ist praktizierender Osteopath und lehrt Osteopathie. Er bezieht sich auf die Kraniale Osteopathie William Garner Sutherlands, die ihm u. a. durch Rollin Becker vermittelt wurde. Darüber ist auch der Zugang zur Osteopathie Andrew Taylor Stills vermittelt. So legt Handoll in seinem Buch Wert darauf, die Prinzipien Stills und insbesondere Sutherlands zu vertreten und neu zu interpretieren. Dabei geht es vor allem um die wechselseitige Beziehung von Struktur und Funktion, die Einheit des Körpers und das Verständnis des Körpers als selbst-heilenden, selbstregulierenden und sich-selbst-anpassenden Organismus. Die z. T. traumatisch verursachten Verformungen des Primären Respiratorischen Mechanismus (PRM) werden als „Muster“ interpretiert, in die ein nach optimaler Gesundheit und Leichtigkeit strebender Körper „entweicht“ (escape), um auf diese Weise den PRM „ausführen“ (express) zu können. Dieses Entweichen folgt dem Evolutionsprinzip des „geringsten Widerstands“ (Herbert Spencer, Die ersten Prinzipien der Philosophie, JOLANDOS, Pähl 2004) – und auf diese Weise legt Handoll seine tiefe Verwurzelung im osteopathischen Denken dar.
Nach Handoll besteht der vollständige PRM demnach aus zwei unterschiedlich quantitativ nicht erfassbaren Komponenten: Einem anamnestisch wesentlich bedeutsameren „Muster“, das sich der gewöhnlichen Palpation entzieht und einer „Fluktuation“ in den Flüssigkeiten als Ausdrucksform eben jenes Musters. Beide Komponenten können nur in einem Zustand „erfühlt“ und anamnestisch zu beurteilt werden, in dem sich das Bewusstsein des Behandlers möglichst frei von den üblichen quantitativen Denkmustern befindet. Dieser Ansatz steht im krassen Gegensatz zu den Prämissen sämtlicher wissenschaftlicher Arbeiten im Sinne der evidence based medicine. Interessanterweise scheinen aber gerade die ganz in diesem Sinne entworfenen und durchgeführten Untersuchungen aufgrund ihrer widersprüchlichen Ergebnisse Handolls These zu stützen.
Darüber hinaus stellt Handolls Konzept historisch betrachtet einen Versuch dar, jene metaphorischen Chiffren zu entziffern, die Sutherland seinerzeit ohne weitere Erläuterungen aufgebaut hatte. Was bewegt die ZSF? Sutherland sprach vom „ATEM DES LEBENS“, vom „flüssigen Licht“, von der „Potency“ als „Flüssigkeit in der Flüssigkeit“ usf. In Sutherlands Texten wird immerhin deutlich, dass er an ein Energiepotenzial denkt (Sutherland-Kompendium, JOLANDOS, Pähl 2004) und bereits in seiner Schule begann schon die Interpretation dieser Idee im Kontext der Quantentheorie (Rollin Becker; vgl. als ersten Ansatzpunkt auch Anm. 186, II, 254 im Sutherland-Kompendium). Für Handoll scheint es recht deutlich, dass der bei Sutherland und in der Sutherland-Interpretation recht schwankende Ausdruck potency als „Potenzial“ wiederzugeben und entsprechend auch zu übersetzen ist (vgl. Seiten 214 f). Für die deutsche Übersetzung wurde jedoch der in der Sutherland-Tradition eingeführte Begriff „Potency“ beibehalten.
Handoll unterstellt die Existenz der mit den herkömmlichen Methoden nicht nachweisbaren Potency. Mithin lautet die Kernfrage in seinem Buch nicht mehr, ob es sie gibt, sondern schlicht: Woher kommt die Potency? Ihm zufolge entstammt sie nicht dem Körper. Sie lässt sich als etwas „wahrnehmen“, dass sich selbst nicht bewegt, aber anderes bewegt. Sie ist ein „Begehren“ (desire), Bewegung auszudrücken. Sie bewegt sich nicht selbst und findet ihre Quelle außerhalb des Körpers. Aber woher? Handolls umfangreicher Versuch, die nachklassische Physik zu rezipieren, soll darauf eine Antwort geben. Sie läuft darauf hinaus, dass es sich um die Energie der Dichte des Vakuums handelt. Dies wird in einzelnen, sehr gut nachvollziehbaren Schritten begründet. Dabei zeigt sich auch, dass das frühere Ideal einer „objektiven“ Messbarkeit gegenstandslos wird. Subatomare Partikel antworten nur auf die Frage, die man an sie stellt. Wird die Frage anders gestellt, antworten sie anders, wie sich besonders nachdrücklich im Doppelspalt-Experiment zeigt. Insofern muss man sich über die schwankenden Ergebnisse bei der Messung der Fluktuation der ZSF nicht sonderlich wundern. Denn offenbar hat es diese mit den fundamentalen Energieverhältnissen im Universum zu tun. Jeder Eingriff bestimmt mithin das Ergebnis mit. Auch die Palpation erweist sich somit nicht als „objektiv“.
Quantentheoretisch belehrt kehrt die Osteopathie der Art Handolls sicherlich bei Still und Sutherland ein. Denn diese hatten ja unterstellt, dass die Behandlung allenfalls die Hemmnisse beseitigen kann, welche die evolutionär ausgebildeten Selbstheilungskräfte des Körpers blockieren. Für Handoll besteht diese Blockade in einem unausgeglichenen Verhältnis der Energie im Körper des Patienten zur homogenen, glatten Energie des Universums. Der Behandler nimmt diese Störung wahr und versucht durch ein Bewusstsein, das auch die umgebenden Energien einschließt dem Patienten eine Möglichkeit zu schaffen, sein Verhältnis zur Energie des Universums wieder zu harmonisieren: „Ein Individuum stellt eine Störung in der Energie des Universums dar. Wenn diese Störung verworren ist, dann entsteht Krankheit. Wenn sie in Harmonie mit dem Universum ist, dann besteht Gesundheit.“ (218) Wenn also zusätzlich zur Störung der Energie des Universums, die in der Existenz des Individuums besteht, eine weitere Störung hinzukommt, dann entsteht Krankheit. Gesundheit besteht, wenn die zusätzliche Störung verschwindet. Die große therapeutische Aufgabe des Behandlers besteht dabei nicht mehr in einem aktiven eingreifenden Veränderungsprozess (Stichwort: Macht), sondern im stillen Gewahrsein der Existenzen von Behandler und Patient innerhalb einer weiter reichenden und für unsere Messmethoden unzugänglichen bestimmten Wirklichkeit. Gelingt es dem Behandler diesen Zustand während der gemeinsamen Zeit mit dem Patienten zu erreichen, wirkt er als stiller Mediator einer vollkommen unabhängig ablaufenden Harmonisierung des PRM-Musters des Patienten mit der Glätte der universellen Energie. Um in Stills Jargon zu sprechen: Der Behandler wird zum Werkzeug des großen Architekten.
Diese Position Handolls wird sicher kritisch erörtert werden. Dazu soll diese Übersetzung beitragen. Mit Handolls Buch wird die Osteopathie aber darüber hinaus insgesamt an verschiedene Diskurse anschlussfähiger. Handoll teilt die Überraschung der Quantenphysiker, dass die klassische Physik nur unter ganz streng definierten Bedingungen gültig ist. Das bleibt aus der Sicht von Außenbeobachtern innerhalb des physikalischen Diskurses und ist insofern gerechtfertigt. Doch die Newtonsche Physik wurde in weiten Bereichen von Philosophie, Wissenschaften und Gesellschaft in der Regel nicht als „gesunder Menschenverstand“ (common sense) empfunden, sondern angesichts der relativ unscharfen und fluktuierenden Alltagserfahrung doch als eher abstrakt. Der Erfolg dieser Theorie im Alltag besteht freilich in ihrer technisch-praktischen Anwendbarkeit. Mit ihr konnten die Dampfmaschine, die Eisenbahn bis hin zum Computer gebaut werden. Diese technischen Produkte bestimmen den Alltag der Menschen, weil sie den ökonomischen Erfolg der westlichen Gesellschaften ermöglicht haben. Aus dieser Perspektive wurde manches andere weggedrängt.
Doch die romantische Physik, die Kunstlehre des Verstehens (Hermeneutik), die antike Philosophie, auch die Evolutionstheorien im 19. Jahrhundert erkannten auf je eigene Weise, dass die z. T. unscharfe, diffuse Alltagserfahrung sehr viel näher an der Erfassung der Wirklichkeit liegen könnte, als es die technisch klare Anwendung der klassischen Physik vermochte. So war es auch für den bedeutenden Evolutionstheoretiker Herbert Spencer klar, dass es in der Wirklichkeit keine kontradiktorischen Gegensätze geben kann (Wenn etwas der Fall ist, dann kann sein Gegenteil nicht der Fall sein – und umgekehrt). Diese auch sonst in der Philosophie seit Platon beachtete Wahrheit ist durch die Quantenphysik überraschend bestätigt worden. Im subatomaren Bereich zeigt sich, dass unsere oft harten Wirklichkeitskonstruktionen eher illusionär sind und die Frage aufwerfen, warum wir gelegentlich mit kontradiktorischen Gegensätzen arbeiten möchten. Es überrascht eher nicht, dass Werner Heisenberg von seiner experimentellen Erfahrung her Interesse an Goethes Farbenlehre entwickeln konnte. Im Kern der Realität gibt es keine kontradiktorischen Gegensätze, so etwa zwischen Quantitäten und Qualitäten, sondern immer nur Übergänge und das Zugleich verschiedener Möglichkeiten. Mithin kehrt die Physik mit der Quantenphysik aus einer Außenperspektive betrachtet zur allgemeinen Vernunft des Abendlandes zurück, und wird dort – mit Ausnahme der auf harte Fakten pochenden Behandler – gerne begrüßt. In diesem Zusammenhang dürfte es sehr spannend sein zu sehen, welche Möglichkeiten Handolls Buch für die Osteopathie erschließen wird – und welche potency sie tatsächlich besitzt.
PD Dr. Martin Pöttner
Christian Hartmann
Heidelberg/Pähl, 2004
Vorwort
Wir sind gewöhnlich mit zwei Konzepten konfrontiert: Zunächst mit linearen Konzepten, die aus logischen Schlussfolgerungen entstehen, sodann mit nicht-linearen Konzepten, die Sprünge in den Schlussfolgerungen, in der Überzeugung und der Wahrnehmung erfordern können. Wir brauchen beide Konzepttypen, um die Welt um uns herum zu erfassen, wie Nicholas Handoll in Die Anatomie der Potency eindrücklich vorführt. Wir müssen sowohl die Physik Newtons als auch die Quantenphysik verstehen. In der Praxis der Kranialen Osteopathie verhält es sich entsprechend. Wir müssen die wesentlich linearen Konzepte der Anatomie und Physiologie verstehen. Genauso essenziell sind die nicht-linearen Konzepte, die von der Energie handeln, welche das System zusammenhält und ausführt.
Insofern sind die Lehrenden der Osteopathie im kranialen Bereich fortwährend darum bemüht, die Studierenden mit einem Verständnis der differenzierten Teile und der Werkzeuge zu versorgen, mittels derer das Ganze erfahren werden kann. In Die Anatomie der Potency vollzieht Handoll beides. Auf liebenswürdige und humorvolle Weise führt er unsere intellektuelle Aufmerksamkeit von den Details hin zu einer umfassenden Perspektive. Aufgrund der Fülle von Informationen und Einsichten, die jenseits unseres gewöhnlichen Wissens liegen, lockert das Buch sanft die Grenzen unserer denkerischen Erfassung und Erfahrung der Sachverhalte.
Handoll wird durch eine dramatische Erfahrung nicht-linearer Realität dazu motiviert, das gegenwärtige Wissen der Quantenphysik verständlich darzustellen. Vor diesem Hintergrund versucht er folgende Fragen zu beantworten: Worin besteht Realität? Was verstehen wir unter sinnlicher Wahrnehmung? Wie interagieren diese beiden Aspekte? Zudem bespricht er viele der scheinbaren Absurditäten und Kontroversen in der Kranialen Osteopathie, die sich auf die Mechanik und auf die implizierte Dynamik beziehen. Dabei bringt er seine eigenen Interpretationen dieser Sachverhalte zum Ausdruck. Seine Interpretationen gründen auf soliden Schlussfolgerungen und Beobachtungen. Sie verdienen unsere sorgfältige Beachtung.
Dieses Buch ist allen zu empfehlen, die jemals ihre Hände auf einem Patienten platziert haben und dabei über die Fähigkeit des Lebens zu agieren staunten – und den Wunsch spürten, den Prozess besser zu verstehen. Mit anderen Worten: Ich empfehle dieses Buch allen, die Osteopathie praktizieren.
Hinführung
Die Anatomie der Potency ist der Versuch des Autors, seiner Erfahrung in der Praxis einen verständlichen Sinn zu geben. Das Buch wurde geschrieben, um ihm zu helfen, die physiologischen Prozesse etwas besser zu verstehen, die hinter William Sutherlands Konzept des Primären Respiratorischen Mechanismus stehen können. Dazu kommt als weiterer Schwerpunkt die Interaktion zwischen Behandler und Patient. Es geht um eine Untersuchung des Selbstheilungspotenzials des Körpers und um die Art und Weise, wie die Osteopathie mit ihm in Kontakt tritt.
Der erste Teil des Buchs diskutiert die Hypothese Sutherlands und spricht einige Fehlinterpretationen und verwirrende Themenbereiche an. Der zweite Teil versucht in Bezug auf die Relativitätstheorie Einsteins und die Quantenmechanik zu verstehen, wer wir als Menschen in unserer Umwelt sind. Sobald wir erfassen können, wer wir sind, was wir sind und wo wir uns befinden, werden wir besser verstehen, was wir tun und vielleicht auch, wohin wir gehen.
Das Buch arbeitet auf der Verständnisebene der Philosophie der Osteopathie und ihrer Ausprägung bei Sutherland, so wie sie in Einige Gedanken und den Unterweisungen in der Wissenschaft der Osteopathie enthalten ist. Es setzt zudem anatomisches Wissen voraus. Daher werden die meisten anatomischen Begriffe nicht erklärt.
William Sutherlands Konzept des Primären Respiratorischen Mechanismus ist keine Theorie, sondern stellt eine Hypothese dar. Eine Theorie besteht in einer Unterstellung, die Beobachtungen erklärt und Ereignisse voraussagt. Eine Theorie lässt sich nicht beweisen, sondern als Modell verwenden, bis dieses als falsch erwiesen wird und eine bessere Theorie an ihre Stelle tritt. Eine Hypothese besteht hingegen in einer Unterstellung, die als Basis von Schlussfolgerungen dient. Sutherlands Hypothese besteht in einem Arbeitsmodell, das auf den Prinzipien der Osteopathie beruht, die zuerst von A. T. Still benannt wurden. Sie dienen als praktische Anleitung für Osteopathen bei der Behandlung von Patienten. Es handelt sich ebenfalls um ein Modell, das solange gilt, bis es durch ein anderes ersetzt wird. In diesem Buch wird eine Erklärung dafür angeboten, wie der Primäre Respiratorische Mechanismus funktioniert.
Im Text werden die Ausdrücke „Praktiker“, „Kliniker“ und „Behandler“ weithin austauschbar verwendet und beziehen sich insbesondere auf den osteopathischen Praktiker, Kliniker und Behandler.
Ich werde über Energie sprechen. Die Energie ist das Potenzial einer Wirkung. Es handelt sich um die Potency oder das Potenzial, damit etwas geschieht bzw. sich etwas verändert.
Gelegentlich wird der Text redundant erscheinen. Das ist bewusst so konzipiert. Manchmal stellen Wörter eine unangemessene Übertragung der Bedeutung dar. Daher habe ich zuweilen versucht, dasselbe auf verschiedene Weise auszudrücken, um Verwirrung oder Fehlinterpretation zu minimieren. Ich hoffe, dass dadurch ein übermäßiges Vertrauen in bestimmte Wörter vermieden wird und so eine Bewegung entsteht, welche die zugrunde liegenden Bilder deutlicher macht. Ich entschuldige mich bei allen, denen das zu langweilig erscheint.
Es wirkt in einem derartigen Text unbeholfen, immer weibliche und männliche Wörter zu unterscheiden. Insofern habe ich mich dazu entschlossen, ein Pronomen zur Bezeichnung beider Geschlechter zu verwenden. Da ich männlich bin, würde es sehr künstlich erscheinen, wenn ich weibliche Pronomina wählte. Daher bitte ich Sie mir zu glauben, dass in diesem Buch „er“, „ihm“ und „sein“ immer auch „sie“, „ihre“ und „ihr“ bezeichnet. Ich hoffe, dass meine Kolleginnen dies ertragen können.
Letztlich befassen wir uns nicht mit Strukturen, sondern mit Prozessen. Wir schätzen den Prozess durch die Struktur ein. Wir erfassen die Struktur und verstehen die Funktion der Struktur. Wir werden mit dem Funktionieren der Struktur vertraut und erfahren den Prozess der Struktur. Schließlich entfällt die Bedeutung der Struktur und wir sind ohne Einschränkungen mit dem reinen, unvermischten Prozess konfrontiert.
Ob wir eine lebendige Antwort finden, hängt oft von dem adäquaten geistigen Rahmen ab, der es uns ermöglicht, die angemessene Frage zu stellen.
Nicholas Handoll
Fields Place
Herfordshire
Danksagungen
Ich schulde vielen Menschen für direkte oder indirekte Beiträge zu diesem Buch Dank. Ich danke Simon Dunmore, Ph. D., Dozent der Biomedizinischen Wissenschaften, School of Health Sciences, University of Wolverhampton, für seine unschätzbare Kritik am ersten Entwurf. Ebenso schulde ich meinem guten Freund Glenn Storhaug von Five Seasons Press Dank für seine Liebe zu Worten, Büchern und zur literarischen Gestaltung, sodass er den letzten Entwurf redigierte und die Textproduktion begleitete. Besonderer Dank gilt meinem Sohn für die Bearbeitung der Grafiken.
Vielen Kollegen bin ich zu Dank verpflichtet. Ich hebe drei aus Amerika hervor. Dr. Anne Wales und Dr. Louis Hasbrouck danke ich für die gewissenhaften Überprüfungen des Textes, für ihre lebenslange Hingabe an die Osteopathie und die langjährige Vermittlung ihres reichen Wissens- und Erfahrungsschatzes an Studenten. Besonderer Dank gilt Dr. Rachel Brooks für ihre sorgfältige Kritik des Textes. Dazu hat sie außerordentlich großzügig ihre Ideen und ihre Liebe zur Osteopathie mit mir geteilt.
Fünf in Großbritannien ausgebildete Osteopathen möchte ich erwähnen. Ich danke Colin Dove, dem früheren Rektor der British School of Osteopathy, für seine unerschöpfliche Unterstützung, Ermutigung und seinen Rat über die Jahre hin, Jacques Duval in Paris, für seine Inspiration und die Leidenschaft für die Osteopathie, Carol Penn für ihre Freundschaft, Inspiration und stetige Unterstützung, schließlich Suzanna Thorpe in Perth, Australien, für das inspirierende Gespräch auf der Reise nach London nach dem S. C. C.-Kurs in Leeds 1995.
Ich möchte meinen besonderen Dank an drei weitere Osteopathen aus Amerika richten. Sie können ihn nicht erhalten, doch ohne sie wäre das Buch nicht möglich gewesen. Es handelt sich um Rollin Becker, William Sutherland und Andrew Still.
Vermutlich muss sich mein größter Dank an meine Patienten richten. Denn ich habe von ihnen mehr gelernt als mich sonst irgendjemand hätte lehren können.
Schließlich – aber keineswegs am Unwichtigsten – möchte ich Jane und auch Guy, Edward und Beth danken. Sie ertrugen jahrelang, dass sich ihr Vater auf einem anderen Planeten befand, sodass „Nicht schon wieder Photonen!“ zu einem Familienslogan wurde.
1. Ein Kampf
Während der frühen 1980er Jahren dachte ich längere Zeit darüber nach, worin der Primäre Respiratorische Mechanismus besteht und wovon er angetrieben wird. Ich nahm immer mehr Ereignisse bei meinen Patienten wahr, die ich nicht erklären konnte. Mir wurden verschiedene Qualitäten der Gewebestrukturen bewusster. Unter meinen Händen ereigneten sich Veränderungen, die ich nicht erwartet und initiiert hatte. Stets spürte ich nach einer derartigen Veränderung, dass sich die Gewebe angenehmer, entspannter und leichter anfühlten. Sie schienen sich glücklicher zu fühlen. Gelegentlich schienen die Gewebe des Patienten vermittelt durch meinen Tastsinn tatsächlich zu lächeln. Nach einem derartigen Ereignis berichteten die Patienten stets, dass sich die Symptome deutlich verbessert hatten oder sie sich allgemein besser fühlten. Manchmal vermochten sie dies sprachlich nicht angemessen auszudrücken. Sie wussten aber, dass sie sich leichter, lockerer fühlten und aktiver sein konnten. Plötzlich verschwand die Erfahrung von Steifheit, Schmerz und Beschwerden nach einer Aktivität. Ebenso verhielt es sich bei anderen Tätigkeiten wie Autofahren und Gartenarbeit, die ihnen gewöhnlich Schmerzen bereiteten. Oft teilten die Patienten mit, dass sie gar nicht wahrgenommen hätten, wie schlecht es ihnen ging, bevor sie sich besser fühlten. Sie sagten, dass sie sich schlicht gut fühlten, gelegentlich besser als in vielen Jahren zuvor.
Ich entdeckte, dass ich die Inspiration und Exspiration des Primären Respiratorischen Mechanismus – wie Sutherland dies beschrieben hatte – am deutlichsten nach solcher Veränderung der Gewebestruktur wahrnehmen konnte. Eine sanfte, plötzliche Erleichterung, tief innen im Körper, war für mich zu spüren. Diese ereignete sich unmittelbar und ging zart vor sich. Sie kam ohne Vorankündigung und gelegentlich konnte ich nicht herausfinden, wo sie sich ereignete. Wenn ich ihrer gewahr wurde, war die Veränderung schon verschwunden, wie ein winziges Flackern. Manchmal folgte ihm eine gesamte Neuanpassung der Körpergewebe, als ob große Faszienschichten ihre Position langsam und überlegt zueinander neu anpassten. Oft seufzte der Patient tief. Dann folgte massives Einatmen, tiefer und voluminöser als beim Füllen der Lungen. Es kam von irgendwo her im Körper, so als atmete die ganze Person ein, sodass meine Hände ausgedehnt und vom Körper weggestoßen wurden. Die Gewebe wollten auf der anschwellenden Tide der Energie balanciert treiben. Anschließend begehrten sie danach wieder auszuatmen, wobei sie in einigen Bereichen leichter zurückgingen als in anderen. Dann atmete der Körper überall in seiner ganzen Gestalt erneut ein. Mir schien es so, als ob dies selbstgesteuert vor sich gehe.
Ich begriff bald, wann es Zeit war aufzuhören und den Körper alleine dasjenige Ziel der Veränderungen suchen zu lassen, worauf er hinauswollte.
Ich war sehr daran interessiert herauszufinden, was dabei geschah. Ich las, was mit vor die Augen kam. Ich überprüfte meine Anatomiekenntnisse. Meine Physiologiebücher stellten dabei keine große Hilfe dar. Wenn ich meine Patienten palpierte, spürte ich, dass das Zentrale Nervensystem (ZNS) und die Zerebrospinale Flüssigkeit (ZSF) wesentlich an der Quelle des Primären Respiratorischen Mechanismus beteiligt waren.
Das Zentrale Nervensystem fließt in der Zerebrospinalen Flüssigkeit und reagiert mit ihr als eine Einheit, so als ob es ein Teil von ihr wäre. Das spezifische Gewicht des Gehirns beträgt ungefähr 1,04, während das spezifische Gewicht der Zerebrospinalen Flüssigkeit ungefähr 1,007 ausmacht. Daher ist das Gehirn, das an der Luft über 1500 Gramm wiegt, mit einen Gewicht von 50 Gramm gleichmäßig in der ZSF aufgehängt. Man sagt, dies sei der Fall, um das Gehirn vor physischen Erschütterungen zu schützen. Das ist zweifellos zutreffend. Doch der wesentliche funktionale Punkt wird damit verfehlt. Das Gehirn schwebt nahezu ohne Gewicht in der ZSF, folglich arbeiten Gehirn und ZSF mechanisch als eine Einheit zusammen. Gehirn und ZSF bewegen sich und reagieren so, als ob sie ein und dasselbe seien.
Gleichwohl ermöglicht es der geringe Unterschied im spezifischen Gewicht der Beiden, dass durch Palpation gefühlt werden kann, ob es sich um die Bewegung des Gehirns oder um die Bewegung der ZSF handelt. Für mich fühlt es sich nicht so an, als treibe das ZNS den Mechanismus an. Das Gewebe des Gehirns besitzt wahrscheinlich keine hinreichende Zähigkeit. Das ZNS hat aus meiner Wahrnehmungsperspektive keine eigene Kraft. Aus meiner Sicht ist das ZNS daher passiv. Mir erscheint es vielmehr so, dass die Bewegung aus der ZSF stammt. Sutherland pflegte zu sagen, dass die bewegende Kraft von der ZSF komme. Gleichwohl erschien es mir, als ich versuchte, diese Lebenskraft zu ertasten, immer deutlicher, dass sie nicht von der ZSF komme. Es schien eine antreibende Kraft jenseits von ihr zu geben, die durch die ZSF kam.
So drängte sich mir der unausweichliche Schluss auf, dass irgendetwas anderes diesen Mechanismus antreibt. Worum es sich auch handelte, es induzierte offensichtlich eine Fluktuation im Körper, wie dies Sutherland beschrieben hatte. Meine Empfindungen entsprangen wahrscheinlich nicht aus mir selbst oder waren bloß eingebildet. Denn trotz ihrer Art als konsistente und (wieder)erkennbare Bewegung handelte es sich bei jedem Patienten immer um einen einzigartigen Ausdruck und Charakter. Wenn sich eine Veränderung ereignete, wurde sie von mir nicht bewusst induziert oder geleitet. Ich hatte auch nicht die Absicht, dass sie irgendwann oder irgendwo im Körper stattfinde. Häufig wurde ich davon überrascht, was passierte. Dies ist auch heute noch so. Doch was trieb diesen Mechanismus an? Was verursachte seine Veränderung und worin bestand die Quelle seiner Energie?
Bald verstand ich, dass es an der Zeit sei loszulassen und den Körper alleine diejenigen Veränderungen vollenden zu lassen, die er vollziehen wollte.
Ich fragte Dr. Rollin Becker um Rat. Becker war Schüler Sutherlands und sehr mit ihm vertraut. Beckers Vater war Schüler von A. T. Still und hatte später mit ihm gemeinsam an dessen Schule in Kirksville gelehrt. Rollin Becker befasste sich also schon früh mit der osteopathischen Philosophie. Rollin Becker war einer der wenigen Behandler, gegenüber denen es sich Sutherland erlaubte, seine Gedanken und Ideen hinreichend frei zu äußern. Er glaubte, dass Becker verstehen könne, was er auszudrücken versuchte. Becker war ein inspirierender Lehrer, der mittels Beispielen lehrte. Allerdings war er für seinen sparsamen Umgang mit Worten bekannt. Einer seiner besten Freunde und Kollegen beschrieb sein Verhalten gegenüber Kranken liebevoll als das einer Kobra. Als ich ihn über die Quelle des Primären Respiratorischen Mechanismus befragte, lautete sein charakteristisch „exaltierter“1 Rat: „Beschäftigen Sie sich mit Quantenmechanik!“ Das war alles. So war Becker. So lautete sein Rat. Und nun fangen Sie etwas damit an.
Ich kämpfte weiter um eine verständliche Interpretation meiner Palpation. Schließlich machte ich ohne Vorwarnung eine fremdartige und unerwartete Erfahrung: Eines Nachmittags saß ich während einer Besprechung in einem Raum. Ich lehnte mich mit meinem Stuhl so weit gegen die Wand, bis ich spürte, dass die Lage so bequem war, dass ich mich nicht mehr bewegen wollte. Ich war keineswegs schläfrig, sondern sehr, sehr wach. Plötzlich veränderte sich der Raum. Alles Feste umher war nicht mehr fest. Der Tisch, der Stuhl, die Wände waren nicht mehr fest und starr, sondern ein weiches Gallert. Das Gebäude war beweglich und breiig. Die Granitwände des gegenüberliegenden Gebäudes, das ich durch das Fenster sah, erschienen mir wie Gazegardinen, die von einem Windhauch bewegt wurden. Der gesamte materielle „Stoff“ um mich her, auch ich selbst und die anderen Menschen im Raum, tauchte unter und floss wie eine Qualle im Meer. Ich empfand, dass wir alle völlig der Macht der Wellen und Strömungen unterworfen waren, die uns umgaben und von denen wir hochgehoben und herumgewirbelt wurden. Die gesamte Realität um mich war einer enormen Energie von unglaublicher Kraft unterworfen, sodass unsere armseligen Gebäude im Angesicht einer letzten Realität unbedeutend wurden. Wir kommen von ihr her und hängen ganz von ihr ab. Ich saß gebannt da und beobachtete – oder fühlte eher wie bei einer Innenwahrnehmung – die überwältigende Energie, Kraft und Macht. Wir schwammen unter Wasser, ganz einbezogen in die Quelle aller Dinge. Es gab kein Oben, kein Unten, bloß Überall.
Mir schien dies zehn Minuten zu dauern, obwohl es wahrscheinlich nur zwei waren. Ich wollte nicht, dass es aufhört. Doch langsam begann die Wahrnehmung zu verblassen und schließlich erfasste die gewöhnliche Realität mein Bewusstsein. Ich hörte die Menschen noch sprechen, aber ich war ganz still. Was war das? Was hatte sich da ereignet? Ich hatte den Eindruck, eine [von der Alltagserfahrung] verschiedene, tiefere Ebene der Realität erfahren zu haben. Mir drängte sich die merkwürdige Empfindung auf, als wolle mir jemand etwas zeigen. Mir war ein kurzer Blick hinter den Vorhang gewährt worden.
Wie konnte ich dies erforschen? Ich musste diese Bewusstseinsebene erneut erreichen und herausfinden, was sie bedeutete. Zwar hatte ich nicht gerade eine Folge des Films Star Wars gesehen. Doch war es unmöglich, die Worte „Die Macht umgibt dich überall!“ nicht zu hören. Irgendwie wusste ich nun, dass die Kraft des Primären Respiratorischen Mechanismus ihren Ursprung nicht innerhalb des Körpers hatte.
Ich kämpfte darum, die Bedeutung jener Erfahrung herauszubekommen. Es galt herauszufinden, was uns funktionieren lässt. Darauf reagierte Dr. Beckers Rat: „Beschäftigen Sie sich mit Quantenmechanik!“ Ich legte die gewöhnliche wissenschaftliche Literatur beiseite, um eine Erklärung dafür zu finden, was geschehen war, und eine Verstehenshilfe für zumindest einen Aspekt der überwältigenden Erfahrung zu bekommen. Ich wusste überhaupt nichts über Quantenmechanik. Folglich musste ich ins Wasser springen und schwimmen lernen.
Durch meine Lernerfahrung verwandelte sich wesentlich meine Wahrnehmung dessen, was ich für meine Patienten tun kann – und die Resultate scheinen dies zu bestätigen. Ich bin in der Lage, eine größere Palette von Fällen zu behandeln. Ich erreiche eine tiefere Ebene als zuvor. Bei den Patienten zeigt sich keine Neigung zu rezidivierenden Symptomen. Ihre Symptome verbessern sich nicht bloß, sondern sie fühlen sich wohl. Ich habe den Eindruck, dass ich eine tiefere Ebene der Physiologie des Körpers als zuvor erreiche, um es dem Körper besser zu ermöglichen, das zu tun, was er will und braucht.
Gleichwohl gibt es keinen magischen Schalter. Es gibt kein besonderes Geheimnis, das erschlossen werden müsste, damit dies funktioniert. Es gibt keinen Heiligen Gral einer unbekannten Kraft. Die Arbeit besteht in der Anwendung eines gründlichen Wissens in Anatomie, Physiologie und Mechanik. Sie erfordert Konzentration, Praxis und die Entschlossenheit etwas zu entdecken, was jenseits des Horizonts liegt. Mein eigener Horizont befindet sich immer noch so weit von mir entfernt wie immer. Doch in der Retrospektive habe ich unterschiedliche Horizonte durchschritten. Jetzt akzeptiere ich, dass ich niemals den letzten Horizont erreichen werde. Er wird sich stets so entfernt von mir befinden wie immer. Mir ist die Einsicht erschlossen, dass es stets mehr zu verstehen und zu entdecken gibt. Dies ist ein beachtlicher Anreiz und Ansporn. Nicht zuletzt ist es schön zu wissen, dass ich niemals gelangweilt sein werde.
Zunächst verstand ich vom Primären Respiratorischen Mechanismus, dass er nicht in gewöhnlichen Begriffen erklärt werden kann. Wir müssen uns davor hüten eine Frage zu stellen und sofort festzulegen, in welchen Begriffen die Antwort erfolgen soll. Beispielsweise lassen sich die Umlaufbahnen der Planeten um die Sonne nicht nur mit der Newtonschen Mechanik erklären. Um dies zu erfassen, musste Einstein eine andere Perspektive darauf einnehmen. Entsprechend muss auch eine andere Perspektive bei der Erklärung des Primären Respiratorischen Mechanismus gewählt werden.
Dieses Buch versucht genau dies zu beschreiben. Es basiert auf der rezipierten und verarbeiteten Weisheit zahlreicher Autoren. Ich hoffe, dass ich sorgfältig auf sie Bezug nehme. Der Zugang in diesem Buch beginnt nicht dort, wo ich selbst begonnen habe. Ich habe bei der Darstellung einen Zugang gewählt, der es anderen Menschen hoffentlich erlaubt, die dargelegten Sachverhalte leichter zu verstehen als dies bei mir der Fall war. Ich hoffe, dass ich etwas von dem enormen Reiz mitteilen kann, der sich mir geboten hat.
2. Sutherland
1939 veröffentlichte William Garner Sutherland, ein Osteopath aus Mankato, Minnesota, in den Vereinigten Staaten, eine bescheidene Studie mit dem Titel Die Schädelsphäre2. Darin stellte er den damaligen Stand seiner Hypothese vor, nach der sich das Gehirn unwillkürlich und rhythmisch im Schädel bewegt. Er behauptete anfangs, dass diese unwillkürliche rhythmische Bewegung die Dilatation und Kontraktion der zerebralen Ventrikel einschloss, welche die zirkulierende Aktivität der Zerebrospinalen Flüssigkeit beeinflusste. Dies beeinflusst die Bewegung der Membrana arachnoidea und der Dura mater, was wiederum eine Beweglichkeit in den Gelenkverbindungen an der Schädelbasis bedingt.
In den folgenden 15 Jahren verfeinerte Sutherland seine Hypothese und entwickelte sie weiter. Sie ist in den Transkriptionen seiner Vorträge in Einige Gedanken und Unterweisungen in der Wissenschaft der Osteopathie3 zugänglich. Daraus entstand schließlich die Hypothese eines Primären Respiratorischen Mechanismus (PRM). Danach umfasst der PRM fünf Komponenten: die Beweglichkeit der Schädelknochen, die Beweglichkeit des Sakrum zwischen den Ilia, die reziproke Spannung der kranialen und spinalen Dura mater, die Motilität des Zentralen Nervensystems und die Fluktuation der Zerebrospinalen Flüssigkeit.
Sutherland entwickelte die Überzeugung, dass der PRM nicht so sehr auf das Gehirn, sondern vielmehr auf eine Eigenschaft der Zerebrospinalen Flüssigkeit zurückzuführen sei. Er bezeichnete sie lebendig als „Flüssiges Licht“ und „ATEM DES LEBENS“ und gewann die Überzeugung, dass es sich dabei um einen wesentlichen Teil des Lebens und der Physiologie handele. Als er seine Lehrtätigkeit ausdehnte, führte er seine Studenten in Techniken ein, die ihnen halfen, ihre Kunstfertigkeiten zu entwickeln. Er selbst setzte die Erforschung des Ursprungs und der Charakteristika des entdeckten Phänomens fort.
Sutherland hatte Osteopathie bei Dr. Andrew Taylor Still studiert. Er bestand darauf, dass sein [Kraniales] Konzept ausschließlich eine Entwicklung jener Prinzipien der Osteopathie darstellte, die sich Dr. Still 1874 erschlossen. Still war 1828 als Kind einer frommen Methodistenfamilie in Virginia, USA, geboren worden. Er diente im Amerikanischen Bürgerkrieg auf der Seite der Union und ließ sich schließlich als ärztlicher Behandler der Gemeinde in Kirksville, Missouri, nieder. 1864 erschütterte eine Serie von Todesfällen in seiner Familie sein Vertrauen in jene primitiven Medikamente, die dem Behandler zu seiner Zeit zur Verfügung standen. Daher suchte er nach alternativen Wegen, um für seine Patienten zu sorgen. So kam er zum Verständnis der Bedeutung, welche die Mechanik für die Gesundheit des Körpers hat.
Die menschliche Mechanik bestimmt die Bewegung des Körpers. Wenn der Körper sich wie eine gut geölte und gut abgestimmte Maschine leicht und frei bewegt, dann läuft er besser und problemloser, kann seine Funktionen optimaler ausführen und ist in der Lage sich wirksamer bei Krankheiten selbst zu reparieren. Die mechanische Behandlung hat in vielen Kulturen weltweit in irgendeiner Form überlebt. Doch die formalisierteren Gesundheitsprofessionen der Westlichen Kultur tendieren eher zur Biochemie als zur Biomechanik in der Gesundheitspflege, insofern ursprünglich Kräuter, Infusionen und zuletzt elaborierte Medikamente verwendet werden. Zur Zeit Stills verschrieben die Ärzte Aderlässe, Blutegel, Gifte und Alkohol – nicht selten in heroischen Mengen.
Still hörte damit auf, diese Substanzen zu verschreiben, und begann mit seinen Händen zu diagnostizieren und zu behandeln. 1892 eröffnete er eine Schule, um diese Methode zu lehren. Er hinterließ kein Rezept für seinen Zugang zur Gesundheitspflege. Er stellte keinen Prozess oder eine Prozedur dar, der zu folgen war. Stattdessen hinterließ er Prinzipien.
Hier kann nur ein sehr kurzer Überblick über die Prinzipien der Osteopathie gegeben werden. Still erkannte, dass der Körper mit frischer Luft, frischem Wasser und frischer Nahrung basal versorgt sein muss, um ihm die gesamte Palette der Ernährung zu bieten, die er benötigt. Wenn diese basale Versorgung vorhanden sind, lassen sich Still zufolge drei bedeutende Prinzipien formulieren: die Einheit des Körpers, die wechselseitige Beziehung von Struktur und Funktion sowie das Prinzip, dass der Körper ein sich-selbst-heilendes, sich-selbst-regulierendes und sich-selbstanpassendes System darstellt.
DIE EINHEIT DES KÖRPERS: Es handelt sich um die schlichte Einsicht, dass der Körper eine Einheit darstellt und als ein einzelnes, integriertes System konzipiert ist. Alles, was in einem Teil geschieht, hat Auswirkungen für das Ganze.
DIE WECHSELSEITIGE BEZIEHUNG VON STRUKTUR UND FUNKTION: Die Integrität der Struktur des Körpers unterstützt die wirksame Ausführung seiner Funktion. Umgekehrt unterstützt die Wiederherstellung der Funktion die Regeneration der Struktur. Beispielsweise stellen viele Aspekte der internen Struktur und der externen Topografie der Knochen eine Widerspiegelung ihrer Funktion dar.
DER KÖRPER IST EIN SICH-SELBST-HEILENDES, SICH-SELBST-REGULIERENDES UND SICH-SELBST-ANPASSENDES SYSTEM: Der gesunde Körper stellt einen komplexen sich-selbst-regulierenden Organismus dar, der die Gesundheit aufrechterhält. Im kranken Zustand strebt der Körper kontinuierlich zur Verbesserung der Situation. Mithin sind alle Veränderungen, die der Körper selbst initiiert, auf die Gesundheit gerichtet. Er kann also nicht von sich aus zur Krankheit tendieren. Wir hätten als Art nicht überlebt, wenn unser Körper sich nicht derart um uns sorgte.
Viele Aspekte von Stills Botschaft lassen sich durch die Feststellung zusammenfassen, dass sich die Osteopathie nicht ausschließlich mit der Identifikation und Behandlung von Krankheit beschäftigt. Sie befasst sich eher mit der Identifikation einer Krankheit in einem bestimmten Patienten, insofern dabei bewusst bleibt, dass der Körper eigene Mittel zur Wiederherstellung der Gesundheit besitzt, wenn er die Chance dazu bekommt. Mithin besagt die Anerkennung dieses Sachverhalts, dass die körperlichen Gesundheitsmechanismen Unterstützung benötigen, um wirksamer zu funktionieren. In diesem Sinne arbeitet die Osteopathie mit dem Körper, mit der Gesundheit des Körpers – und der Osteopath hat die Aufgabe, diese Gesundheit zu entdecken. „Der [osteopathische] Arzt sollte die Gesundheit finden“, sagte Still, „jeder kann die Krankheit finden!“4
Sutherland übernahm die Ideen Stills und entwickelte sie weiter. Seine zentrale Botschaft besteht darin, dass der Körper selbst die Möglichkeit haben sollte, seine Veränderungen von innen heraus zu vollziehen – anstelle Gegenstand erzwungener Veränderungen von außen sein zu müssen, selbst wenn diese gut gemeint sind. Der Körper weiß, was er will. Und jede Veränderung, die er selbst vollzieht, wird ihm mehr dienen und angemessener sein als alle übrigen.
Bevor wir fortfahren, müssen wir einige Punkte klären, die den Studierenden häufig unnötiges Kopfzerbrechen bereiten. Was verstand Sutherland unter dem Begriff „Respiration“? Was verstehen wir unter „Bewegung“? Schließlich: Woher wissen wir, dass es eine Bewegung im Knochen gibt? Mit anderen Worten: Worin bestehen die mechanischen Eigenschaften von Knochen?
Was verstand Sutherland unter „Respiration“?
Dorlands Medizinisches Wörterbuch definiert „Respiration“ als „den Akt bzw. die Funktion des Atmens; den Akt, mittels dessen Luft von den Lungen eingesogen und ausgestoßen wird“5. Dies bezieht sich auf die thorako-diaphragmatische Respiration, die Sutherland als „sekundäre Respiration“ bezeichnete. Gleichwohl ist die Respiration nicht auf die Lungen begrenzt. Die Zellen selbst respirieren in sauerstoffabhängiger Respiration, „der oxidierenden Transformation bestimmter Substanzen in sekretorische Produkte; die freigesetzte Energie wird im Prozess der Anpassung verwendet“6 – oder in nicht sauerstoffabhängiger Respiration, „der Form der Respiration, bei der Energie mittels chemischer Reaktionen ohne freien Sauerstoff freigesetzt wird“7. Es geht hier wesentlich darum, dass die Respiration mit der Freisetzung von Energie beschäftigt ist.
Sutherland befasste sich mit der Respiration auf der zellulären Ebene, mit der mechanischen Ausführung der physiologischen Respiration bzw. der Freisetzung von Energie beim Stoffwechsel. In einem Vortrag von 1953 bezog sich Sutherland auf Dr. Harold I. Magouns Definition der Respiration, in der er physiologische Respiration als zellulären Stoffwechsel beschrieb8. Gesundes lebendiges Gewebe besitzt eine eigene Qualität. Es fühlt sich so an, als ob jede einzelne Zelle respiriere, als ob sie einatme und ausatme. Wir können ertasten, wenn die Körpergewebe sich nicht in einem angenehmen Zustand befinden – als ob die Respiration mühevoll oder schwierig sei. Ebenso können wir ertasten, wenn sie wieder befreit wurden. Es fühlt sich so an, als ob die Zellen lebendig würden. Sie scheinen einzuatmen und auszuatmen. Sie lächeln Sie an und sie beginnen damit die Bewegung auszuführen, für deren Ausdruck sie ursprünglich entworfen worden sind. Genau darum geht es bei der Primären Respiration in Sutherlands Konzept.
Gleichwohl ist dazu noch mehr zu sagen. Sutherland sprach zugleich vom „Funken“, der ein Lebewesen im Leben beseelt. Diesen nannte er „ATEM DES LEBENS“, der so lange wirkt wie das Leben selbst besteht. Er interpretierte die Zerebrospinale Flüssigkeit als „fundamentale Einheit“ des PRM und verglich sie im Prinzip mit einem Koaxialkabel, das einen zentralen isolierten Kupferdraht enthält und von einer Kupferröhre umgeben ist. Das Kabel vermag zur selben Zeit Tausende von Botschaften „nur mittels der elektrischen Spannung im Raum bzw. Feld zwischen den beiden metallischen Elementen“9 zu übertragen. Damit nahm er auf etwas jenseits der Struktur Bezug. Ich erwähnte oben, meine Erfahrung spreche dafür, dass die Quelle des PRM nicht dem Körper innewohnt. Es besteht eine Beziehung zwischen dem Körper und etwas anderem. In diesem Austausch besteht der fundamentale Respiratorische Mechanismus, den Sutherland entdeckte. Er wird detaillierter in den folgenden Kapiteln erörtert.
Was verstehen wir unter dem Ausdruck „Bewegung“?
Was empfindet ein Osteopath, wenn sie oder er den Primären Respiratorischen Mechanismus ertastet? Er empfindet eine unwillkürliche rhythmisch fluktuierende Bewegung, die überall im Körper festgestellt werden kann. Sie umfasst die von Sutherland so genannte Flexion und Extension der medialen Strukturen bzw. die Außenrotation sowie Innenrotation der bilateralen Strukturen. Wie können wir plausibilisieren, dass diese Bewegung existiert? Es gibt verschiedene Experimente, die belegen, dass eine Bewegung existiert. Aus meiner Sicht ist aber keines eindeutig. Allerdings ist es bloß von akademischem Interesse, ob die Empfindung eines Osteopathen mit objektiver reproduzierbaren Mitteln als der Palpation erforscht und so als belegbar interpretiert werden kann. Entscheidend ist dies aus einer klinischen Perspektive nicht. Klinisch ist ausschlaggebend, was der Praktiker interpretiert.
Wir müssen dasjenige, was wir primär empfinden, als so genannte Bewegung interpretieren. Der Körper fühlt sich so an, als ob er sich bewege. Es handelt sich um eine Reaktion im sensorischen Kortex des Behandlers auf eine physiologische Affizierung seitens des Körpers des Patienten. Ob dieser sich in einem gewöhnlichen Verständnis bewegt oder nicht, ob es sich dabei um eine Veränderung der Materie von einer Position im Raum zu einer anderen handelt, mag zwar von akademischem Interesse sein. Klinisch ist dies freilich nicht sehr relevant. Klinisch bedeutungsvoller ist der taktile Eindruck der palpierenden Finger des Behandlers. Wir nehmen eine Qualität wahr. Dem Palpieren erschließt sich eine Qualität der Gewebe, die als eine stetige, regelmäßige Fluktuation erscheint. Es fühlt sich so an, als ob die Gewebe im gesamten Körper auf eine langsame Kraft von Ebbe und Flut reagieren.
Die Hypothese Sutherlands ermöglicht eine Interpretation der klinischen Erfahrung und hilft dabei, einen therapeutischen Erfolg zu prognostizieren. Wenn zukünftig mit hinreichend empfindlichen Instrumenten objektiv und eindeutig bewiesen werden könnte, dass es keine irgendwie geartete Bewegung gibt, würde sich unsere Empfindung immer noch nicht ändern. Denn wir fühlen den Index einer Aktion. „Bewegen“ und „Bewegung“ sind die zurzeit besten Worte, die wir haben, um unsere Empfindung zu beschreiben und einen Ausdruck für die Aufgabe der Lehre zu finden. Wenn irgendwann gezeigt werden kann, dass es keine Bewegung gibt, werden wir neu darüber nachdenken müssen, was es mit der sinnlichen Erfahrung auf sich hat. Es könnte sich beispielsweise um ein bislang unbekanntes physiologisches Phänomen handeln. Um Verwirrung zu vermeiden, gelten daher in diesem Buch Wörter wie „Bewegung“, „bewegen“ bzw. „Fluktuation“ als Zeichen für dasjenige, das wir als „Bewegung“, „bewegen“ und „Fluktuation“ interpretieren.
Worin bestehen die mechanischen Eigenschaften von Knochen?
Knochen sind nicht steif. Der lebendige Knochen ist flexibel, geschmeidig und plastisch. Es handelt sich nicht um das trockene, starre Exemplar aus unserem anatomischen Labor. Ein trockener, toter, brüchiger Zweig auf dem Waldboden weist auch nicht die gleiche Struktur wie das flexible und geschmeidige Exemplar auf, das sich zuvor am Baum befand. Beim Knochengewebe handelt es sich um eine visköse, biphasige, nachgiebige und elastische Substanz wie Fiberglas10ist. Es absorbiert verformend wirkende Kräfte, gibt nach und nimmt wieder die ursprüngliche Form an. Darin besteht hauptsächlich seine Stärke. Denn vollständige Starrheit ließe den Knochen brüchiger werden. Eine erheblich größere Masse und Menge wäre erforderlich, um dieselbe Stärke zu erreichen. Das Knochengewebe ähnelt in seiner Flexibilität eher Stahl als Eisen.11 Die gelungene Mischung harter anorganischer und nachgiebiger organischer Komponenten im Knochen leistet ungefähr den gleichen Widerstand gegenüber Druck und Spannung12. Man kann das ganz einfach messen. Die Verformung der Tibia durch die Kontraktion des M. tibialis anterior kann beispielsweise mit gängigen Instrumenten beobachtet werden13.
Knochen erweist sich als hoch vaskularisiertes, lebendiges, sich fortwährend veränderndes, mineralisiertes Bindegewebe14. Es besteht aus Zellen, die in einer amorphen und faserigen organischen Matrix eingebettet sind. Diese Matrix ist von anorganischen Knochensalzen durchzogen15. 20 % des Gewichtes der Grundsubstanz bestehen aus Wasser. 30 bis 40 % des Trockengewichtes besteht aus organischem Material, hauptsächlich aus Kollagen. Bei 60 bis 70 % handelt es sich um anorganische mineralische Salze wie Kalzium, Magnesium, Phosphat und Karbonat16. Die mineralischen Bestandteile des Knochens lassen sich durch schwache Säuren auflösen. Der verbleibende organische Knochen erhält seine Form, ist jedoch höchst flexibel, kann mit einem Messer durchgeschnitten werden und lässt sich verknoten17. Das Vertrocknen von Knochenexemplaren belegt einen fortschreitenden Verlust der mechanischen Charakteristika lebendiger Knochen wie Elastizität, plastische Verformung sowie druck- und spannungsbezogene Eigenschaften. Wenn der Knochen freilich feucht gehalten wird, behält er einige seiner lebendigen mechanischen Eigenschaften18.
Die aus ossifizierter Haut entstandene Form der Knochen des Schädeldaches teilt als Invasion mineralischer Salze in der Mitte der mesenchymatösen Schicht des embryonalen Schädels die Membran in zwei Bereiche. Die äußere Schicht wird zum Periost des Schädeldaches und die innere Schicht wird zur intrakranialen Dura mater. Bei der Sektion eines frühgeborenen Embryos kann ein Os parietale wie bei einer Tasche aus seinem meningealen Einschluss herausgezogen und wieder hineingesteckt werden19. Knochen sollten daher als verfestigte Membrane verstanden werden, die dem Körper Form verleihen – wie dies bei einem Bügel an der Garderobe der Fall ist, der den Kleidungsstücken Form verleiht. Die Knochen des Schädeldaches, die Gesichtsknochen, die Mandibula und die Clavicula ossifizieren auf diese Weise unmittelbar aus Membranen. Demgegenüber werden die Schädelbasis und das übrige Skelett in Knorpel vorgeformt. Gleichwohl erlaubt der Knochen auch nach der Ossifikation sämtliche Bewegungsmuster, die in der knorpeligen Form möglich waren. Ungeachtet dieser Plastizität besitzt der Knochen jedoch allein nicht genügend Flexibilität, um den körperlichen Erfordernissen zu entsprechen. Daher sind Scharniere vonnöten. Diese Scharniere werden als Gelenke und Suturen bezeichnet.
Die üblichen [anatomischen] Lehrtexte verwenden einen beachtlichen Anteil darauf, die Flexibilität und Elastizität der Knochen zu betonen, zugleich aber betonen sie möglicherweise mit dem gleichen Aufwand die Starrheit der kranialen Suturen. Doch dies ist mutmaßlich irreführend. Entsprechende Passagen aus Grays Anatomy lassen sich außerhalb ihres Kontextes so verstehen, als ob ein Knochen flexibler als seine Suturen sei. Doch das ist schwerlich so gemeint. Wahrscheinlich ist eher von der Starrheit menschlicher mentaler Prozesse die Rede als von derjenigen der kranialen Suturen: „Die anspruchsvolle Flexibilität der Knochen ähnelt mehr derjenigen von Stahl als derjenigen von Eisen … Das Vertrocknen von aufgequollenen Knochen belegt … einen langsam fortschreitenden Verlust der mechanischen Eigenschaften wie Elastizität, die sich beim lebendigen Knochen finden … Die Suturen sind in jeder praktischen Hinsicht unbeweglich … Es ist offensichtlich notwendig, dass die Suturen nach der Geburt so schnell wie möglich aufhören als bewegliche Gelenke zu fungieren.“20 Wenn Knochen flexibel und elastisch sind, ist es wohl vernünftigerweise zu erwarten, dass Suturen doch eher flexibel und elastisch sind.
Die Suturen stellen den überlebenden Rest der Mesenchymschicht an der Begrenzung der aus ossifizierter Haut [Membran] entstandenen Knochen dar. Sie sind am weitesten von den Ossifikationszentren entfernt und stellen die Wachstumszonen in der Jugend dar. Sie enthalten kollagene, gelbe elastische Fasern und Sharpey’sche Fasern sowie retikuläres Bindegewebe. Diese Aspekte indizieren allesamt das Potenzial für Bewegung21. Die kranialen Suturen bleiben solange geöffnet, wie sie als Ergänzung der Plastizität des Knochens benötigt werden, um die körperlichen Beweglichkeit zu ermöglichen. Sie können jedoch ossifizieren, sobald die Bewegungsvoraussetzungen reduziert sind. Im Alter wird der Bewegungsumfang fortschreitend reduziert – gelegentlich mit paralleler Verwischung einiger kranialen Suturen. Die Sutura metopica des Os frontale ossifiziert beispielsweise bei den meisten Menschen vor dem achten Lebensjahr, weil in diesem Alter die reduzierten Bewegungsreize allein durch die Biegsamkeit des Knochens kompensiert werden können. Nach meiner Erfahrung zeigen Fälle, in denen die Sutura metopica bis ins Erwachsenalter geöffnet bleibt, dass es irgendwo einen oder mehrere Bereiche mit veränderter Bewegung im Cranium gibt, die darauf hindeuten, dass noch zusätzliche Bewegung im frontalen Bereich erforderlich ist, um eine Abweichung vom normalen Bewegungsmuster andernorts zu kompensieren. Die langfristigen Auswirkungen einer durch ein Trauma blockierten Sutur können schließlich in ihrer vorzeitigen Ossifikation bestehen. Die unterbrochene Beweglichkeit ist oft mit der Geschichte eines Traumas verbunden. Ein derartiges Trauma kann etwa aus einem einzelnen größeren Ereignis wie einem Verkehrsunfall entstehen. Aber es kann sich auch aus einer Serie kleinerer Ereignissen wie rezidivierende Sportverletzungen oder einer chronischen haltungsbedingten Verformung aufbauen. Dabei muss das Trauma nicht physisch sein. Jedes Trauma kann eine Auswirkung besitzen. Beispielsweise kann ein emotionales Trauma wie ein Trauerfall eine signifikante Auswirkung auf den mechanischen Ausdruck der Gesundheit eines Menschen aufweisen.
Die Unterbrechung kann sich bei der Palpation als Dysfunktion der suturalen Beweglichkeit zeigen – etwa als suturale oder als intraossäre Kompression im Knochen selbst. Im klinischen Alltag ist mir keine isolierte Blockade oder Kompression einer Sutur begegnet. Es kann sein, dass sie nicht oft vorkommen oder auch, dass sie, wenn sie vorkommen, sich in den meisten Fällen spontan selbst beheben. Ich habe herausgefunden, dass suturale Kompressionen gewöhnlich mit einem größeren mechanischen Problem zusammenhängen. Wenn dies der Fall ist, ist die suturale Kompression sekundär abhängig von einer ossären Kompression – und genau so klassifiziere ich sie.
Interossäre Kompressionen und intraossäre Kompressionen
Interossäre Kompressionen bestehen aus Kompressionen zwischen zwei Knochen. Intraossäre Kompressionen beziehen sich auf eine Kompression in der Knochenstruktur selbst. Wenn die Verformung eines Knochens in der Kindheit stattfindet, bevor der Knochen voll ossifiziert ist, kann die Kraft der Kompression die verbleibenden knorpeligen Verbindungen verformen. Falls dies nicht behandelt wird, ossifiziert der Knochen in dieser Verformung. Diese Kompressionen besitzen nahezu immer einen traumatischen Ursprung. Dabei muss das Trauma nicht einmal sehr ernst sein. Es muss lediglich den Widerstand des nicht-ossifizierten Knorpels so überwinden, dass der Körper diesen Impakt nicht spontan auflösen kann. Dies ist sehr verbreitet und es gibt dafür viele typische Beispiele. Das gewöhnlichste findet sich im Os occipitale. Bei der Geburt besteht das Os occipitale aus vier Anteilen: der Squama, der Basis und den paarigen Partes condylares. Wenn die Kraft des Impakts stark genug ist, um die knorpeligen Verbindungen zwischen einem dieser Teile zu verformen, und weder die Aktion des PRM noch das Saugen des Säuglings oder sein Schreien ihn auflösen können, dann persistiert die Verformung. Die Partes condylares werden posterior mit der Squama am Ende des zweiten Lebensjahres und mit der Basis occipitalis im sechsten Lebensjahr verschmelzen. Danach ist jede Verformung der Form faktisch nicht mehr reversibel. Die Spannung der mechanischen Verformung im Knochen kann danach reduziert werden. Doch nach meiner Erfahrung ist es unrealistisch eine Veränderung der Form zu erwarten.
Das Os sphenoidale stellt eine weitere häufige Seite der intraossären Verformung dar. Bei der Geburt besteht das Os sphenoidale aus drei Anteilen. Der Körper und die Alae minores bilden jeweils einen und jeder der beiden Alae majores und die pterygoidalen Einheiten umfassen die beiden anderen Teile. Sie sind an beiden Seiten des Corpus knorpelig am inferioren Ende der Fissura supraorbitalis befestigt. Diese kugelgelenkartige Verbindung bzw. Gomphosis ist verdrehenden und verwindenden Verformungen unterworfen, die dauerhaft werden, wenn die Alae majores sich im ersten Lebensjahr mit dem Corpus verbinden.
Ebenso üblich sind intraossäre Dysfunktionen des Sakrum. Das Sakrum ist während des Lebens häufigen Verletzungen und Traumen unterworfen. Doch die einzelnen rudimentären Wirbel, die das Sakrum bilden, bilden sich als einzelne Einheiten erst im Alter von acht Jahren und diese einzelnen vertebralen Elemente beginnen sich erst nach der Pubertät mit ihren Nachbarn zu vereinigen. Die epiphysealen Platten der aurikulären Gelenkflächen ossifizieren nicht vor dem 25. Lebensjahr. Während der Adoleszenz unterliegt das Becken oft ziemlich schweren Traumen, die diese noch nicht vereinigten knorpeligen Verbindungen verformen können.
Der zweite Typ intraossärer Kompression ist ebenso üblich und kann jederzeit auftreten. Die elastischen und plastischen Eigenschaften der Knochen wurden schon beschrieben. Das bedeutet, ein lebendiger Knochen verformt sich bis zu einem gewissen Grad durch Strains und federt wieder zurück – und er wird auch „fließen“. In jeder Lebensphase kann ein Knochen einem schweren Trauma unterworfen sein und sich verformen. Wenn die elastische Fähigkeit eines Knochens überschritten wird, wird der Knochen zu der Grenze seiner elastischen Fähigkeit zurückkehren. Doch etwas von der Verformung bleibt im Knochen als intraossäre Kompression zurück. Sie zeigt sich nicht als eine Veränderung der Form des Knochens oder seiner Position, sondern als Veränderung der Qualität des Knochens, die durch Palpation erschlossen werden kann. (Gelegentlich ist es besser für den Körper, wenn er etwas von der Energie durch eine Fraktur abbaut. Einige der schwersten intraossären Kompressionen entstehen dadurch, dass der Patient eigentlich eine Fraktur hätte erleiden müssen, aber er dies noch vermeiden konnte.) Die verbleibende Kompression ist im Knochengewebe verschlossen und verbleibt auch dort, wenn dies nicht behandelt wird. Der Körper versucht in den folgenden Monaten und Jahren die Kompression zu lösen und entwickelt entsprechende Kompensationen, weil ihm dies nicht gelingt. Die Kompensationen passen sich an und verändern sich über die Jahre hin. Dabei wird die Lösung zunehmend komplizierter.
Diese Dysfunktionen beeinflussen allesamt die Ausführung der Bewegung der Primären Respiration.
Im nächsten Kapitel werden wir den Primären Respiratorischen Mechanismus selbst erörtern.
In diesem Kapitel haben wir Dr. Sutherlands Fortentwicklung der Osteopathie dargelegt, die ursprünglich von Dr. Andrew Still erfasst worden war. Zudem haben wir verschiedene mögliche Verwirrungen erörtert.
3. Der Primäre Respiratorische Mechanismus
Der Primäre Respiratorische Mechanismus (PRM) bringt die Hypothese von William Garner Sutherland über den Ausdruck einer Energie im gesamten Körper zur Darstellung. Dieser Ausdruck wird mittels der Palpation als Fluktuation erfasst. Er ist zu fein, um visuell wahrgenommen werden zu können. Gleichwohl ist er dem Tastsinn zugänglich.
Obgleich Sutherland konventionelle anatomische Begriffe verwendete, um die Aktivität in seiner Hypothese zu beschreiben, gebrauchte er diese Begriffe dennoch auf unkonventionelle Weise. In Sutherlands Sprache bezeichnen die Ausdrücke Flexion und Extension nicht die Annäherung gebeugter oder gestreckter Flächen, sondern sie beziehen sich auf die Bewegung, die bei medialen Strukturen des Körpers auftritt. Außenrotation und Innenrotation beziehen sich auf die Bewegung paariger bzw. bilateraler Strukturen. Inhalation und Exhalation beziehen sich auf die Bewegungen von Zentralem Nervensystem und Zerebrospinaler Flüssigkeit. Man sollte der Versuchung widerstehen diese Begriffe mit einer gewöhnlichen Begrifflichkeit zu vergleichen, denn sie sind nicht darauf bezogen. Es ist gut möglich, dass die Verwirrung späterer Schüler vermieden hätte werden können, wenn Sutherland andere Begriffe geprägt hätte, um sein Konzept auszudrücken – was er freilich nicht tat.
Sutherland beschrieb eine fluktuierende Bewegung im gesamten Körper. In der Inhalationsphase bewegen sich alle medialen Strukturen zur Flexion. Gleichzeitig rotieren die bilaterale Strukturen nach außen. In der Exhalationsphase bewegen sich die medialen Strukturen in Extension und die bilateralen Strukturen rotieren nach innen.
Für das Verständnis der Funktion des PRM ist es hilfreich, sich der allgemeinen Veränderungen der Körperform gewahr zu werden, die während der Flexion und Extension stattfinden. (Um aufgrund des Gesagten ganz präzise zu sein, betonen wir, dass wir jeweils implizit alle Komponenten des Mechanismus einbeziehen: Wenn wir beispielsweise von Flexion oder Flexions-Phase sprechen, sind immer auch beispielsweise Außenrotation und Inhalation präsent, weil sie zur selben Zeit stattfinden.) Es handelt sich um äußerst subtile Veränderungen der Form. Sie sind nicht auf den ersten Blick sichtbar. Aber sie erschließen sich sorgfältiger und fokussierter Palpation. Als allgemeine Regel kann präsent gehalten werden, dass der Körper während der Flexions-Phase dazu tendiert, sich in der lateralen Ebene auszuweiten. In der anterior-posterioren Ebene und der superior-inferioren Ebene tendiert er dazu, sich zu verkürzen. Umgekehrt verhält es sich in der Extensions-Phase. Wie dies körperlich funktioniert, wird deutlicher, wenn wir das System detaillierter untersuchen.
1. Die Beweglichkeit der Schädelknochen
Die Bewegung der einzelnen Schädelknochen wird in Lehrbüchern wie Magouns Osteopathy in the Cranial Field und Sutherlands Unterweisungen in der Wissenschaft der Osteopathie beschrieben. Hierbei handelt es sich um Exzerpte aus Sutherlands Vorlesungen, die von Dr. Anne Wales, einer Schülerin Sutherlands, herausgegeben worden sind. Dabei erweist es sich als hilfreich, wenn die Knochen nicht isoliert, sondern als Teil des gesamten Systems betrachtet werden. Die Knochen stellen eine Verfestigung im ursprünglichen mesenchymalen Gewebes des Körpers dar, die ihm Gestalt und Form verleiht. Die Form jedes Knochens und die Abgrenzung der Suturen zwischen ihnen stellt eine komfortable Grenzziehung dar, die nicht nur ein Wachstum zulässt, sondern es auch der Bewegung im membranösen System, die vor der Ossifikation stattfand, erlaubt nicht abzuebben. Stattdessen soll sich die Bewegung mit einem Minimum an Widerstand, Strain, Energieverlust und Anspannung vollziehen können. Die Form und Abschrägung jeder Sutur ist daher weniger von einem genetischen Muster, sondern vielmehr von der Möglichkeit der Ossifikation innerhalb eines bereits bestehenden freien Bewegungsmusters bestimmt. Die Bewegung hat sich nicht verändert. Entsprechend mussten die Membranen sich so ossifizieren, dass sie daran angepasst wurden.
Der Schädel entwickelte sich aus einem mit Flüssigkeit gefüllten membranösen Beutel, den Sutherland als Ei mit weicher Schale beschrieb, das nach der Ossifikation die gleiche Bewegung wie zuvor aufrechterhielt. Um dies deutlich zu erfassen, betrachten wir nicht die einzelnen Knochen, sondern das Schädeldach und die Schädelbasis als die wesentlichen funktionellen Komponenten des Schädels.
Das Schädeldach ist der Teil des Schädels, der direkt aus Membranen ossifizierte. Es entwickelte sich aus der Mesenchymschicht, die das Vorderhirn bedeckte und wird ausgedehnt, sobald die ursprünglichen zerebralen Hemisphären wachsen und sich unter ihr ausdehnen, so wie der Wind zwei Fallschirme aufbauscht. Es umfasst die Ossa parietalia, die Squama der Ossa temporalia, das Supraocciput, die Ossa frontalia und die Spitzen der Alae majores des Os sphenoidale. (Das Gesicht wurde aus Membranen ossifiziert, doch es wird nicht als Teil des Schädeldachs klassifiziert.)
Die Funktion des Schädeldaches besteht in seiner Anpassungsfähigkeit. Es handelt sich um den Teil der ossifizierten Membran, der dazu entworfen wurde, sich während der Geburt zu verformen, sich dem Geburtskanal anzupassen und so die Passage zu ermöglichen. Danach soll er sich aufgrund des Drucks, der durch das Saugen des Neugeborenen und sein Schreien erzeugt wird, erneut ausdehnen und die ursprüngliche Gestalt und Form wiedererlangen. Diese Eigenschaft der Anpassungsfähigkeit bleibt klinisch bis in das Erwachsenenalter bestehen. Im Allgemeinen ist das Schädeldach während des Lebens bei Verletzungen und Verformungen durch Verletzungen anpassungsfähiger als die Schädelbasis. Ein Trauma, welches ausschließlich das Schädeldach betrifft, hat gewöhnlich weniger gesundheitliche Komplikationen zur Folge als ein Trauma an der Schädelbasis. Ebenso tendieren Verformungen des Schädeldachs dazu sich schneller aufzulösen. Entsprechend ist die Prognose für nicht komplizierte Strains des Schädeldachs gewöhnlich aussichtsreich. Selbstverständlich sprechen wir hier nur von den mechanischen Wirkungen des Traumas, nicht über Verletzungen extrakranialer und intrakranialer Weichteile.
Stellen Sie sich vor, dass sich in der Flexions-Phase des PRM die Gesamtheit des Schädeldachs weitet. Es dürfte hilfreich sein, dies an einem disartikulierten Schädel zu untersuchen. In der Flexions-Phase weiten sich die Ossa parietalia gelenkvermittelt an ihrem inferioren Anteil entlang der Sutura sagittalis und eröffnen dabei wie eine Auster Gleitbahnen. Die Sutura sagittalis selbst sinkt leicht ab. Gleichzeitig weiten sich die Ossa temporalia nach außen. Die Squama der Ossa temporalia weitet sich mit den Ossa parietalia. Die Ossa frontalia weiten sich ebenfalls. Sie weiten sich an ihren lateralen Winkeln und treten posterior an der Linie der Sutura metopica zurück. Bedenken Sie, dass das Os frontale funktionell im Plural zu betrachten ist, weil es sich immer noch so bewegt als handele es sich um einen paarigen Knochen, obgleich die beiden Teile etwa im Alter von acht Jahren miteinander ossifizieren. Der nach der Kindheit erforderliche reduzierte Grad an Bewegung im frontalen Bereich kann durch die Biegsamkeit des Knochens kompensiert werden. Am Hinterkopf weitet sich das Os occipitale und aufgrund seiner Form als flache Schale tendiert die Squama occipitalis dazu sich medial leicht anterior zu bewegen.
Bei der Schädelbasis handelt es sich um den Teil des Schädels, der chondrär ossifiziert. Während der vierten Woche im Uterus bildet das Vorderhirn die so genannte Chorda dorsalis (mesenchymiales Gewebe) aus, die von der Masse des primitiven Herzens bedrängt wird. Entsprechend krümmt sich das Vorderhirn ventral um das Ende der Chorda und formt so die Krümmung des Schädels. Dadurch wird seine mesenchymiale Abdeckung an der ventralen Oberfläche komprimiert. Dies führt zur Entwicklung des Knorpels, im Chondrocranium, der späteren Schädelbasis. In diesem Prozess bildet sich der hypophyseale Knorpel um die Hypophysis cerebri und verschmilzt zum Corpus sphenoidalis, während die Ala orbitales die Alae minores des Os sphenoidale formen. Die Trabeculae cranii formen das Corpus ethmoidalis. Der parachordale Knorpel bzw. die basale Platte bildet sich um das kraniale Ende der Chorda, verschmilzt mit dem Knorpel, der aus den sklerorisierenden Bereichen der okzipitalen Mesoderme stammt. Dann verteilt sich diese knorpelige Masse zur Schädelbasis. In der neunten Woche erscheinen die Ossifikationszentren.
Die Funktion der Schädelbasis besteht darin, dem Cranium Form, Unterstützung und Stabilität zu verleihen. Während das Schädeldach nach der Geburt die Fähigkeit besitzt, seine Form wiederzuerlangen, ist die Schädelbasis nicht derartig nachsichtig. Sie ist nicht dazu entworfen, ihre Form wiederzuerlangen. Wenn die Kräfte des Geburtsvorgangs so massiv sind, dass die Anpassungsfähigkeit des Schädeldaches überschritten wird, werden einige dieser Kräfte auf die Schädelbasis einwirken und zumindest ein Teil der dortigen Verformung wird wahrscheinlich persistieren. Wenn der Säugling nicht bald, bevor die Ossifikation stattfindet, behandelt wird, kann die Verformung für das restliche Leben des Kindes fortbestehen. Dieses Prinzip gilt für das ganze Leben. Wenn durch Traumen am Schädel die Anpassungsfähigkeit des Schädeldachs überschritten wird und sich sodann eine Verformung auf die Schädelbasis überträgt, dann zieht sich der Fall wahrscheinlich hin, wird komplizierter und die Prognose für eine vollständige Auflösung ist nicht besonders gut.
Die medialen Knochen der Schädelbasis sind miteinander verzahnt. Aus der Seitenperspektive rotieren bei Flexion und Extension die drei medialen Knochen der Schädelbasis (das Os occipitale, das Os sphenoidale und das Os ethmoidale (dazu der vierte mediale Knochen, das Vomer, das freilich strenggenommen zum Gesicht gehört) in die entgegengesetzte Richtung zu dem Knochen, mit dem sie artikulieren – als ob es sich um vier Zahnräder handelte. Gleichwohl besitzen Os occipitale, Os sphenoidale und Os ethmoidale ebenfalls paarige Muster. Entsprechend rotieren sie ebenfalls nach außen und innen. Knochen ist flexibel. Daher drücken diese Knochen komplexe kombinierte Bewegungsmuster aus. Sie flektieren und expandieren sie nach medial. Lateral rotieren sie zur selben Zeit nach innen bzw. außen.
In Appendix A werden die Bewegung der Knochen der Schädelbasis, die Weise in der sie in Bezug aufeinander funktionieren, dazu einige spezielle mechanische und funktionelle Sachverhalte beschrieben.
Synchondrosis sphenobasilaris
Die Schädelbasis erstreckt sich entlang der Basis des Os sphenoidale und der Basis occipitalis, von den pneumatischen sphenoidalen Räumen anterior bis zum Foramen magnum posterior. Vor der Ossifikation im Alter von etwa 25 Jahren ist die Synchondrosis sphenobasilaris (SSB) ungefähr in der Mitte zwischen Os sphenoidale und Os occipitale lokalisiert. Zur Vereinfachung werde ich von SSB sprechen. Damit ist aber der gesamte Pars basilaris des Os sphenoidale und der Pars basilaris des Os occipitale gemeint – mit einem konzeptionellen Drehpunkt am Mittelpunkt, an dem sich die Symphyse zuvor befand.
Wir haben schon bedacht, dass die SSB in der Flexion dazu tendiert, sich anzuheben. In der Extension neigt sie dazu abzusinken. Dieses Konzept hat den Studenten jahrelang beachtliche Schwierigkeiten bereitet, weil die SSB im Alter von 25 Jahren ossifiziert. Insofern stellte sich die Frage, wie Bewegung überhaupt möglich sei. Magoun erklärt, dass dies aufgrund der überall in der SSB präsenten Rückfederung möglich sei22. Sie befand sich zuvor bis zum 25. Lebensjahr in der Gelenkverbindung und diese Tendenz – so das Argument – bleibt stets zu einem größeren oder kleineren Grad bestehen. Andere unterstellen, dass die Spongiosa eo ipso Flexibilität ermögliche. Beide Ansichten sind in gewisser Weise zutreffend. Gleichwohl laden sie zu Fehlinterpretationen ein. Andere wiederum behaupten, dass es sehr schwer sei, die Unterstellung zu akzeptieren, dieser dem Anschein nach starre Knochen könne sich bewegen. Ich hege durchaus Sympathie für diese Position.
Man kann gut behaupten, die SSB sei nicht für Bewegung entworfen. Die SSB verleiht dem Cranium Form, Unterstützung und Stabilität. Die SSB ist der Kiel des kranialen Schiffs. Der Kiel ist das „Rückgrat“ des Schiffs. Ein Kiel verleiht einem Schiff Form, Stabilität und die Fähigkeit zur Rückfederung. Ebenso verhält es sich mit der Schädelbasis. Der Kiel eines Schiffes wird nicht dazu entworfen sich zu bewegen, sondern im Sturm, wenn die Wellen gegen das Schiff schlagen, besitzt der Kiel die Funktion das Drehmoment (im Sinne von Belastung und Neigung) verarbeiten und absorbieren zu können, das von der Energie der Elemente erzeugt wird. Der Kiel eines Fahrgastschiffs wird durch schweres Wetter auf seiner gesamten Länge beachtlich verformt. Darin besteht u. a. seine Stärke. Denn eine starrere Widerstandskraft würde erheblich mehr Masse und Material erforderlich machen. Man braucht beispielsweise erheblich mehr starres Eisen, um einem Schiff den gleichen Grad an Stärke und Stabilität am Kiel zu verleihen, als dies bei dem flexibleren Stahl der Fall ist. Knochen gleicht im Blick auf die Flexibilität eher dem Stahl als dem Eisen23. Und die SSB verleiht dem Cranium die gleiche Leichtigkeit.
Im Sommer 1998 stand ich auf dem Dach des Turms der Hereford Cathedral. Die Kathedrale der Heiligen Jungfrau Maria und des Heiligen König Ethelbert ist ein prächtiges normannisches Bauwerk aus altem rotem Sandstein, eine der 26 großen Kathedralen in England und Wales. Sie überragt den Fluss Wye und steht auf der Seite, die mit dem Christentum seit 676 d. Z. verbunden war.
Foto 1: Hereford Cathedral
Der erste historisch nachweisbare Steinbau einer Kirche wurde bei Athelsan im frühen 11. Jahrhundert erbaut. Und unsere Kathedrale wurde wahrscheinlich um 1080 von Bischof Robert von Lorraine begonnen. Der Turm, auf dem ich stand, wurde zwischen 1295 und 1315 errichtet.
Es war ein schöner Tag und ich hatte einen wunderbaren Blick auf die Herfordshirer Landschaft – von den Malvern Hills im Osten bis hin zu den Black Mountains in Wales im Westen. Plötzlich begannen im Turm knapp unter mir die Glocken der Kathedrale zu läuten. Ich machte die überraschende Erfahrung, dass der Turm von einer Seite zur anderen schwankte. Ich hatte den Eindruck, dass sich das Dach um einige Zentimeter bewegte. Der ganze Turm wackelte wie Gallert. Es kam mir vor wie ein Erdbeben. Glücklicherweise war der Kathedralenbaumeister da und erklärte, der Turm sei so entworfen, dass er sich bewegen kann. „Keine Angst!“, sagte er, „ein beweglicher Turm ist gesund. Sie müssen sich nur Sorgen machen, wenn der Turm sich nicht bewegt.“ Sogar dieser feste, mit Zinnen versehene 700 Jahre alte Steinturm war dazu entworfen sich zu bewegen, um die Energie der Glocken zu absorbieren.
Wie wir dargelegt haben, ist Knochen wesentlich ein flexibles, biegsames und plastisches Gewebe – und sogar stärker als Sandstein. Es handelt sich um verfestigte Membrane. Das hat zur Konsequenz, dass jeder Knochen, sogar ossifizierte Spongiosa, einen bestimmten Grad an Verformung erlaubt. Die SSB ist wie ein Kiel als Punkt der Stabilität, der Stille entworfen, um den die Bewegung herum stattfinden kann. Sie kann sich freilich ausreichend verformen, um die Kräfte der Verformung zu absorbieren. Sie ist zur Stabilität entworfen, allerdings um die Verformung des PRM zu verarbeiten. Wie beim Os frontale ist der erforderliche Grad der Bewegung beim Erwachsenen jedoch auf einen gewissen Grad reduziert, sodass sie ausschließlich durch die Biegsamkeit des Knochens angepasst werden kann. Daher ossifiziert die ursprüngliche Synchrondosis.
Mithin ist die SSB dazu entworfen, die durch Spannung erzeugten Verformungen des PRM zu verarbeiten. Gleichwohl ist noch nicht einmal das der entscheidende Punkt. Es geht stattdessen darum, dass es sich klinisch so anfühlt, als ob sich die SSB bewege. Die Bewegung des PRM kommt nicht von der SSB. Die Bewegung wird woanders generiert. Gleichwohl ist die SSB als das Fulkrum der Bewegung der Schädelknochen derjenige Punkt, auf den die Bewegung der Knochen des Cranium bezogen ist. Daher fühlt es sich für die Palpation so an, als ob die durchgehende Bewegung des gesamten knöchernen Cranium sich auf ihren Fulkrumpunkt an der SSB beziehe. Für die abtastende Hand fühlt es sich tatsächlich so an, als ob die SSB sich in Flexion anhebe und in Extension absenke. Ob es sich um eine messbare Anhebung oder eine Absenkung handelt, ist klinisch unerheblich. Entscheidend ist, dass die gesamten Bewegungsveränderungen des Cranium an den Händen des palpierenden Behandlers für den Behandler als ein organisiertes Bewegungsmuster erscheinen, das sein Fulkrum an der SSB besitzt. Die SSB ist ein konzeptioneller Fokus aller Energien, welche die Schädelknochen in ihrer kombinierten Ausführung des PRM affizieren. Der Kliniker fühlt Bewegung. Und genau dies kann für die Therapie verwendet werden. Klinisch ist es nicht besonders von Bedeutung, ob an der SSB physisch Bewegung stattfindet oder ob das nicht der Fall ist. Denn dies beeinflusst nicht die Empfindungen bei der Palpation.
Zusammenfassend gilt daher, dass aus meiner Perspektive die SSB dazu entworfen wurde, sich nicht zu bewegen. Es handelt sich stattdessen um einen Fulkrumpunkt funktioneller Stabilität. Um ihn drücken die Schädelknochen die Bewegung der Primären Respiration aus. Gleichwohl ist angesichts der plastischen Gestalt des Knochens ein gewisser Grad von „Impakt“ darin präsent, der durch Palpation identifiziert werden kann und von uns als Bewegung konzeptionalisiert wird, um die Mechanik des Cranium zu interpretieren.
Entsprechend werde ich mich auf die SSB so beziehen, als ob sie sich bewegte. Denn das entspricht auch dem klinischen Bild. Sutherlands Hypothese sieht einen Bewegungsmechanismus im ganzen Körper vor, der die Knochen mitsamt allen anderen Geweben beeinflusst. Für die Palpation erschließt es sich so, als ob das Fulkrum der gesamten Bewegung aller Schädelknochen auf der Seite der SSB liege. Es handelt sich um einen konzeptionellen Punkt der mechanischen Funktion.
2. Die Mobilität des Sakrum zwischen den Ilia
Aus einer anterior-posterioren Perspektive erscheint das Sakrum als dreischenkliger Knochen, der den posterioren Teil des Beckens einnimmt. Beachten Sie, dass die Triangel auf dem Kopf steht – mit dem Apex nach unten und der Basis nach oben. Das Sakrum wird oft als Schlussstein des Beckenbogens oder als ein Keil zwischen den Beckenschaufeln beschrieben24, der durch die starken Ligg. sacroiliaci fixiert wird. Freilich handelt es sich hierbei um statische Konzepte. Doch der Körper ist dynamisch. Man wird dem Sakrum besser durch die Beschreibung als Differential gerecht. Ein Differential besteht aus einer Ansammlung von Zähnen in der Welle eines motorgetriebenen Fahrzeugs. Es ist dazu entworfen, die Rotation der Antriebswelle der Maschine mit beiden Rädern auszugleichen, wenn sie unterschiedliche Umdrehungsgeschwindigkeiten aufweisen. Dies wird erforderlich, wenn das Fahrzeug um eine Ecke biegt. Bei einer Biegung muss das äußere Rad einen größeren Radius umschreiben als das innere Rad. Folglich muss es sich schneller bewegen. Auf die gleiche Weise gleicht das Sakrum die potenziell gegensinnige Bewegung der beiden unteren Extremitäten durch mediale Ausrichtung aus. In der Primären Respiration bewegt sich das Sakrum entlang der Lförmigen aurikulären Gelenkflächen der Iliosakralgelenke um ein transversales Fulkrum auf der Ebene S2. Dabei ermöglicht es, dass die Rotation der beiden unteren Extremitäten nach innen und nach außen ausgeführt werden kann.
Die sorgfältige Betrachtung eines trockenen Präparats zeigt, wie dies zustande kommt. Ein typisches Sakrum ist in einer anterior-posterioren Richtung gebogen, wobei sich nach vorne eine konkave und nach hinten eine konvexe Gelenkfläche ergeben. Auf diese Weise umfasst das Sakrum die posteriore Komponente der Beckenschale. Es unterstützt das Körpergewicht, das durch die Lendenwirbelsäule von oben übertragen wird und biegt sich posterior, um die Beckenorgane von hinten zu umfassen. Inferior fügt es sich in die Muskeln und Faszien des Diaphragma pelvis ein, sodass die Spitze des flexiblen Steißbeins nach vorne in die Mitte des Beckenzwerchfells ragt.
Die aurikulären Gelenkflächen der Gelenkverbindung mit den Ilia weisen freilich eine andere Orientierung auf. Mit individuellen Variationen sind die aurikulären Gelenkflächen im Allgemeinen L-förmig und posterior konkav. Sie stellen das Segment eines Kreisumfangs dar, dessen Zentrum sich einige wenige Zentimeter hinter dem Sakrum näherungsweise auf der Ebene S2 befindet. Das Sakrum ist ein Knochen im Körper, dessen Ossifikation sich sehr spät vollzieht. Die epiphysären Platten der aurikulären Gelenkflächen beginnen nicht vor dem 25. Lebensjahr zu ossifizieren. Mithin ist die endgültige Gestalt des Sakrum beim erwachsenen Menschen zu einem hohen Grad wie beim Cranium von der zuvor existierenden Gestalt bestimmt.

Abb. 1: Das Sakrum
Der Sakrum. Rechte laterale Ansicht mit der anterior-posterioren Biegung des Knochens und der Form der aurikulären Gelenkflächen. (Gray [s. Anm. 10], Seite 280).
Entsprechend der Beschreibung des Respiratorischen Mechanismus durch Sutherland hebt sich das Sakrum in der Flexions-Phase superior an, während die Basis sich in posteriorer und der Apex in anteriorer Richtung bewegen. Es bewegt sich um ein schmales Segment eines Kreisumfangs, dessen Zentrum sich genau hinter S2 befindet. Wenn man die aurikulären Gelenkflächen einige Augenblicke sorgfältig betrachtet, dürfte dies deutlich werden. Bedenken Sie entsprechend, dass das Sakrum zwei Teile der Respiratorischen Bewegung umfasst. Der erste Teil besteht im Anheben des Sakrum nach oben im Körper in Richtung Kopf. Der zweite Teil besteht in der Rotation nach hinten, sodass sich die Basis nach posterior und der Apex nach anterior bewegt. Das Liften im Körper nach oben während der Flexions-Phase wird von Praktikern oft vergessen. Das Gegenteil vollzieht sich in der Extensions-Phase.
Das funktionelle Sakrum
Es gibt einen weiteren Aspekt in der Mechanik des Sakrum, den ich als „funktionelles Sakrum“ bezeichnet habe. Die spinale Dura mater verbindet sich fest mit dem Periost des Spinalkanals des Sakrum auf der Höhe S2. Das Fulkrum der Bewegung des Sakrum in Flexion und Extension während des PRM liegt genau hinter S2. Folglich befindet sich der untere Pol des PRM genau hinter S2. Der triangelförmige Knochen ist nur da, um zu stützen. Der untere Pol des PRM ist ein funktioneller Punkt. Wenn der untere Pol des PRM mit dem Fulkrumpunkt des anatomischen Sakrum zusammenfällt, bietet es maximale Leichtigkeit und den geringsten Widerstand in der Ausführung der Primären Respiration.
Gleichwohl kann das Sakrum im Verlauf des Lebens Gegenstand von ziemlich schweren Belastungen durch Stürze, Strains durch Beschleunigung und Abbremsung, sogar durch die Geburt eines Kindes werden, die nicht nur intraossäre Strains im Sakrum selbst verursachen können – wie im vorigen Kapitel dargestellt –, sondern auch Strains in der Wirbelsäule, im Becken, am Rumpf und in den unteren Extremitäten. Dabei kann ein Ungleichgewicht in den Geweben des Beckens entstehen und die Mechanik des Beckens stören. Als Ergebnis kann es zu einer örtlichen Verschiebung des unteren Pols des Mechanismus von seiner anatomischen Stelle am Fulkrum des Sakrum auf Höhe S2 kommen. Das knöcherne Sakrum befindet sich immer noch an seiner anatomischen Position zwischen den Ilia. Für die Palpation fühlt es sich freilich so an, als ob die Gewebe glücklicher wären, wenn sie mit einem Fulkrum arbeiten könnten, dass sich nicht an S2 befindet. Den Klinikern erscheint es so, dass sie oder er durch eine Verschiebung der anatomischen Position des Sakrum zwischen den Ilia zu einer anderen Position eine Situation erzeugt haben, die von der Gewebespannung als gut bezeichnet wird, in der alles gut erscheint und der PRM glücklich atmet. Da dies nicht möglich ist, muss der Körper einen Konflikt in den Geweben bewältigen. Das funktionelle Sakrum ist der Punkt im Raum, den der Körper gerne mechanisch als unteren Pol der Reziproken Spannungsmembran verwenden würde (siehe unten). Je weiter sich dieser Punkt vom Fulkrum des Sakrum entfernt befindet, um so größer ist auch die Schwierigkeit, die der Körper dabei hat, die Primäre Respiration auszuführen. Mithin ist die Belastung bei der Ausführung des PRM um so größer und entsprechend größer die sakrale Dysfunktion. Wenn der Behandler den Sachverhalt anerkennt, dass die Position des Fulkrum am anatomischen Sakrum an S2 nicht notwendig jener Punkt ist, den der Körper gerne als unteren Pol des PRM zu dieser Zeit und bei diesem Individuum verwenden würde, wird sein oder ihr Bewusstsein frei dazu, die Störung bei diesem Patienten identifizieren zu können. Der Kliniker ist dazu in der Lage herauszufinden, wo der Körper gerne den unteren Pol des PRM hätte.
Wenn das funktionelle Sakrum mit dem Fulkrum des anatomischen Sakrum übereinstimmt, ist alles gut. Die häufigste Störung besteht darin, dass sich das funktionelle Sakrum im unteren Brust- oder im oberen Lendenbereich befindet – als Ergebnis eines Sturzes oder von Stürzen auf den Apex des Sakrum. Es fühlt sich so an, als ob das Sakrum dorthin gestoßen worden wäre. Entsprechend besteht ein Konflikt und eine Anspannung. In der gleichen Weise kann das Sakrum aufgrund eines seitlichen Sturzes zu dieser Seite gehen oder sich auch sonst irgendwo befinden. Eine Mutter, die gerade entbunden hatte, suchte mich auf, weil sie sich seit der Geburt ihres Säuglings vor einer oder zwei Wochen sehr schlecht fühlte. Offensichtlich gab es ein Problem in der zweiten Phase des Geburtsvorgangs und der Säugling musste mit großem Kraftaufwand mittels der Geburtszange herausgezogen worden. Es fühlte sich so an, als ob das Abdomen der bedauernswerten Dame ebenfalls herausgezogen worden sei. Es fühlte sich so an, als ob sich ihr funktionelles Sakrum irgendwo zwischen ihren Knien befinde und sie nur sehr kurze Beine besäße. In dem Augenblick, als ich dies identifizierte, wollte ich spontan meine Palpation anpassen, um dies anzuerkennen. Plötzlich trat ein großes Herauswinden und Anheben in ihrem Körper auf. Und bevor ich begriff, was vor sich ging, befand sich ihr Sakrum wieder zwischen den Ilia und atmete glücklich in Flexion und Extension. „Ohhh, das ist viel besser!“ – sagte sie.
3. Die Reziproke Spannung der Dura mater
Die Dura mater, welche die Schädelschale umhüllt, die äußere Oberfläche des Cranium als Periost bedeckt, die intrakranialen Membranen bildet und das Rückenmark umgibt, bis sie auf Höhe S2 mit dem Periost des Sakralkanals verschmilzt, bildet eine kontinuierliche Membran, die Sutherland als Reziproke Spannungsmembran (RSM) bezeichnete. Die Dura mater wird als dicke, dichte unelastische Membran aus weißen fibrösen Kollagenfasern beschrieben, die dicht in einem Gitter tangential orientierter Platten angeordnet sind und welche durch elastische Fasern und Hohlräume getrennt werden25. Magoun betrachtet sie als ziemlich unelastisch26. Sie ist in der Tat relativ unelastisch, ermöglicht gleichwohl einen Grad an „Zugabe“, etwa wie dies bei einem Gartenzaun aus vertikalen und horizontalen Holzlatten der Fall ist, die sich verformen und sich parallelogrammförmig zu „dehnen“ scheinen.
Die Dura mater befindet sich in ständiger interner Balance wie die Fäden eines hängenden Mobiles, sodass eine Bewegung oder Störung in einem Teil überall Resonanz findet und ein Trauma eines Teils vom Ganzen kompensiert und angepasst wird. Wie ein Mobile steht sie unter reziprok balancierter Spannung. Daher bezeichnete Sutherland sie als „Reziproke Spannungsmembran“. Sie organisiert den PRM als eine Einheit und schützt ihn durch ihre Fähigkeit, Strains im Ganzen auszubreiten und zu zerstreuen. Sie übermittelt nicht die Bewegung vom Kopf bis zum Rumpfende. Es gibt in ihr keinen stärkeren Stoß oder Ruck als dies bei einem in Luftströmungen schaukelnden Mobile der Fall ist. Allerdings spiegelt sie im Ganzen Störungsmuster wie die Fäden eines Lenkdrachens wider, sodass beispielsweise ein Störungsmuster, das im Sakrum entstanden ist, im Os occipitale reflektiert wird – und umgekehrt.
Wie zuvor beschrieben ist die Dura mater des PRM aus der mesenchymen Umgebung des ursprünglichen Zentralen Nervensystems (ZNS) gebildet worden. Sie ist daher funktionell sehr eng mit dem Zentralen Nervensystem verbunden. Innerhalb der ersten vier Wochen des embryonalen Daseins wird das Zentrale Nervensystem durch eine hohle Röhre aus ektodermalen Zellen repräsentiert, die das zukünftige Gehirn und das Rückenmark bilden. Innerhalb von fünf Wochen hat sich das cephale Ende der Röhre geneigt und an beiden Seiten der Spitze erscheinen zwei Knospen. Es handelt sich um die telencephalischen Vesikel des Prosencephalon, dem ursprünglichen Vorderhirn, welche die erste Entwicklung des zerebralen Kortex repräsentieren. Die Zellen der telencephalischen Vesikel prolifieren und nehmen schließlich im Schädel eine Gestalt an, als ob sie auf jeder Seite des Hirnstamms einen Purzelbaum rückwärts um 360° geschlagen hätten – wie beim Horn eines Widders27. Entsprechend werden beim Erwachsenen die cephalischen Enden des ursprünglichen ZNS durch die anterioren Spitzen beider Temporallappen repräsentiert.
Denken Sie daran, dass diese ektodermalen Zellen eng von Mesenchym bedeckt werden, der ursprünglichen Dura mater. Wenn das Telencephalon einen Purzelbaum rückwärts schlägt, dehnt es sich aus und bläht das es bedeckende Mesenchym auf jeder Seite auf wie ein Paar Fallschirme. Das Mesenchym wird medial durch den sich ausdehnenden ursprünglichen Kortex auf jeder Seite zurückgelassen und komprimiert. Auf die gleiche Weise wird das Mesenchym zwischen dem sich entwickelnden Kortex und dem Zerebellum zurückgelassen und komprimiert, um das Tentorium cerebelli zu bilden. Folglich bestimmt das sich entwickelnde ZNS die Gestalt der intrakranialen Membranen und der inneren Topografie der kranialen Dura mater. Dadurch zeigt sich dasjenige, was Willard als „Fußabdruck“ des Gehirns auf der inneren Oberfläche des Schädelknochens bezeichnet hat28.
Wenn es sich bei Knochen um verfestigte Membranen handelt, dann sind wir wesentlich membranös und wenn die Membranen der Dura mater durch das Zentrale Nervensystem bestimmt wird, dann ist es erforderlich nun das ZNS zu betrachten.
4. Die Motilität des Zentralen Nervensystems
Die Aspekte der Entwicklung des Zentralen Nervensystems wurden schon skizziert. Das ZNS erhält seine röhrenförmige Struktur im gesamten Leben aufrecht. Beim erwachsenen Menschen wird das Lumen der ursprünglichen Neuralröhre im Rückenmark durch den Zentralkanal repräsentiert, obgleich dieser im Laufe der Lebenszeit obliterieren kann. Im Gehirn wird es durch den vierten Ventrikel, das zerebrale Aquädukt und den dritten Ventrikel repräsentiert. Die Lumina der telencephalischen Vesikel werden seitlich des dritten Ventrikel durch das Foramen monroi in den lateralen Ventrikeln und den Cornu inferiores der Temporallappen aufrechterhalten. Während der Primären Respiration verkürzt, verdickt, verlängert und verdünnt sich diese Röhre mit ihrem gabelförmigen Ende.
Um dies zu visualisieren erinnern Sie sich, dass sich die paarigen telencephalischen Vesikel ausdehnen und einen Purzelbaum rückwärts um 360° ausführen, damit die Gestalt eines Widderhorns entsteht. Es handelt sich um eine bemerkenswerte Vorgehensweise des Körpers, eine lange Geweberöhre ordentlich in eine kompakte sphärische Form zu packen. Um die Bewegung des ZNS zu verstehen, stellen Sie sich vor, das Gehirn sei ausgestreckt. Imaginieren Sie, dass die telencephalischen Vesikel ihre Spiralform verloren und die Form von zwei geraden Röhren angenommen hätten. Sie wachsen oben aus dem Kopf heraus und die Spitzen der Temporallappen sind aufrecht in die Luft gestreckt. (Wenn Sie im nächsten Science Fiction-Film eine bizarre Figur aus dem Weltraum sehen, vergessen Sie nicht, wie bizarr wir selbst aussehen könnten. Denken Sie nur, was das für die Hutmacher bedeuten könnte …) Das ZNS verkürzt und verdickt sich in der Inhalations-(Flexions-)Phase. Dann verlängert und verdünnt es sich in der Exhalations-(Extensions-)Phase. Das ist alles. Es ist genauso schlicht. Es verkürzt und verdickt bzw. verlängert und verdünnt sich. Bei jeder Inhalationsbewegung des ZNS sind die Spitzen der Temporallappen an den kranialen Enden und der Conus medullaris am kaudalen Ende ein wenig enger zusammen und das Ganze der ZNS-Röhre wird etwas dicker. In der Exhalations-Phase geschieht das Umgekehrte. Während der Inspiration verkürzt und verdickt sich das ZNS, während der Exspiration verlängert und verdünnt es sich. Die Lamina terminalis stellt den Balancepunkt bzw. den Stillpunkt dieser konvergierenden und divergierenden Bewegungen dar, die anteriore Wand des dritten Ventrikels an der Gabelung der telencephalischen Vesikel.
Rollen Sie nun das Gehirn mental in seine angemessene Gestalt als Widderhorn im Schädel auf und setzen Sie sich ruhig eine Zeitlang hin, um zu visualisieren, wie die Verkürzung und Verdickung, die Verlängerung und Verdünnung ausgeführt werden. Stellen Sie sich vor, wie die Spitzen der Temporallappen in der Inhalationsphase leicht zurückweichen, während sich das Ganze des Temporallappens verdickt und sich seitwärts ausdehnt, indem die Ossa temporalia auf beiden Seiten herausgedrängt werden, um seine Aufwölbung auszugleichen. Dann ist es ganz leicht zu verstehen, wie die kranialen Knochen und Membranen die Bewegung des ZNS innen genau ausgleichen. Die Knochen bewegen sich mithin nicht von selbst.
Man hat die Meinung geäußert, das ZNS sei während des Lebens kontraktil und dazu in der Lage, die Bewegung des PRM durch das Pumpen der Zerebrospinalen Flüssigkeit (ZSF) in die und aus den kranialen Ventrikeln hervorzurufen. Um diese Ansicht zu stützen, wurde behauptet, dass Oligodendrozyten kontraktil seien29.
Man weist ebenso darauf hin, dass im Gehirngewebe Actin und Myosin nachgewiesen worden sind. Gleichwohl wurde von anderen eingewandt, dass es zu wenige Oligodendrozyten mit der entsprechenden Kraft gibt, um das Gehirn so zu bewegen. Und die Frequenz der Kontraktion dieser Zellen zeigt sich in vitro als zu langsam. Es wurde ebenfalls behauptet, es sei unwahrscheinlich, dass Nervengewebe eine hinreichende Ausdehnungsfähigkeit besitze, um als hydraulische Pumpe diese Bewegung hervorzurufen30. Wenn ich den PRM ertaste, fühlt es sich für mich nicht so an, als ob die Kraft bzw. die Energie hinter dem Mechanismus vom ZNS käme. Aus meiner Sicht ist das ZNS passiv.
Das spezifische Gewicht des Gehirns beträgt 1,04, während das spezifische Gewicht der Zerebrospinalen Flüssigkeit 1,007 ausmacht. Daher wiegt das Gehirn in der ZSF nur 50 g, während es in der Luft 1,5 kg wiegt. Das Gehirn ist in der ZSF aufgehängt wie Pudding in der Milch. Mechanisch legt es sich nahe, das Gehirn als Teil der ZSF zu verstehen – im Sinne einer einzelnen Einheit. Jede Bewegung, die bezogen auf die ZSF geschieht, bezieht sich fast ebenso auch auf das ZNS – als ob es sich um ein und dasselbe handele. Wenn wir mithin den Ursprung der Bewegung des ZNS betrachten wollen, sollten wir die Bewegung der ZSF untersuchen.
5. Die Fluktuation der Zerebrospinalen Flüssigkeit
Die ZSF ist eine klare, leicht alkalische Flüssigkeit, die das Gehirn im subarachnoidalen Raum umgibt. Sie unterstützt und schützt das ZNS und dämpft physische Schocks ab. Über 70 % der Flüssigkeit werden von den Plexi choroidei im dritten, im viertem und den lateralen Ventrikeln produziert. Beim Erwachsenen sind dies 500 ml pro Tag. Dies ist erheblich mehr als das gesamte Volumen der ZSF von 140 ml umfasst. Die Geschwindigkeit der Produktion ist so hoch, dass die Flüssigkeit ungefähr alle sechs Stunden am Tag erneuert wird. Anders gesagt: Die Flüssigkeit wird ungefähr vier Mal am Tag ausgetauscht. Die ZSF ist kein Plasmafiltrat. Es handelt sich um eine aktive Sekretion. Der Körper verbraucht Energie, um sie zu produzieren. Ihr Gehalt an Elektrolyten entspricht nicht dem des Plasmas oder einer anderen Extrazellularflüssigkeit. Der Gehalt an Natriumionen ist relativ hoch. Dagegen finden sich weniger Kaliumionen. Sie enthält hohe Konzentrationen von Nährstoffen wie Ascorbinsäure und Folat, doch nur eine geringe Konzentration an Glukose. Mit Plasma verglichen ist der Gehalt an Proteinen und anderen großen Molekülen etwa 250 Mal geringer. Es stellt sich die interessante Frage, warum der Körper eine derartige Menge an ZSF produziert und warum er so stark bemüht ist, dass Proteine und andere große Moleküle nur schwach in ihr vertreten sind.
Die ZSF stellt eine lymphatische Funktion für das Gehirn zur Verfügung, um Makromoleküle, Ionen, Abfall und toxische Substanzen zu reduzieren und zu entsorgen. Das Gehirn fließt in der ZSF, wird von der ZSF umgeben und ist intrinsisch von ihr durchdrungen. Sutherland zitiert John Hilton, Rest and Pain, der den subarachnoidalen Raum als „Wasserbett, auf dem das Gehirn ruht“, bezeichnete31, weil er dies als hilfreiches Bild verstand. Ich finde ein anderes Bild hilfreicher. Danach wird das Gehirn nicht bloß von der ZSF gestützt, sondern umschlossen und durchdrungen wie eine Qualle im Ozean schwebt.
Die ZSF schwemmt aus dem subarachnoidalen Raum heraus durch das Filum terminale und die perineuralen Scheiden der Spinalnerven. McGabe und Lowe zufolge verhält sich jeder periphere Nerv am subarachnoidalen Winkel, also an der lateralen Grenze des subarachnoidalen Raums, wo die Nervenwurzeln eintreten und hinausgehen, kontinuierlich zur Dura mater. Das Endoneurium setzt sich zentral in den Nervenfasern fort. Das Perineurium verlässt die Oberfläche des peripheren Nervs und erstreckt sich zwischen der Dura mater und der Arachnoidea. Das Perineurium ist entsprechend bezogen auf den subarachnoidalen Raum offen.32 Es scheint daher, als könne die ZSF im subarachnoidalen Raum in die perineuralen Hülsen eindringen, welche die Nervenfasergruppen oder sogar einzelne Nervenfasern der Spinalnerven umgeben. Es legt sich daher nahe, dass eine weitere Funktion der ZSF darin bestehen könnte, das periphere Nervensystem und das Zentrale Nervensystem zu „bewässern“, indem sie die Faszikel der Länge nach durchschwemmt, um schließlich in die extrazelluläre Flüssigkeit am Nervenende abzulaufen und endlich vom Lymphsystem ausgewaschen zu werden.
Man darf spekulieren, ob eine der Eigenschaften der ZSF für die Aufrechterhaltung der mechanischen Eigenschaften des Nervensystems unerlässlich ist – wie dies bei Wasser für die Struktur einer Pflanze der Fall ist. Dann legte sich auch eine andere Funktion der Granulationes arachnoidales nahe. Die Granulationes arachnoidales bzw. die Arachnoidalzotten stellen die Divertikel der Arachnoidea dar, die sich in den Sinus sagittalis superior und auch in die Venen wölben. Diese sind mit den Wurzeln der Spinalnerven verbunden. Welch und Pollay stellten bei einem Mönch fest, dass eine Anzahl von Spinalnerven Arachnoidzotten besaßen33. Die Granulationes arachnoidales öffnen sich bei einem ZSF-Druck von nur 5 mm Wasser wie Ventile und erlauben in einer Richtung den Abfluss von ZSF-Substanz aus dem subarachnoidalen Raum, ohne dass die Größe der ZSF-Moleküle dabei von Belang wäre.
Dadurch wird nicht nur die Drainage von Abfall und großen Molekülen seitens der ZSF möglich. Darüber hinaus können sie auch einen empfindlichen Druckausgleichmechanismus bilden, der zu jeder Zeit und unter allen Umständen eine konstante und variationsfreie Versorgung mit ZSF für die Erfordernisse des Körpers sicherstellt. Genau wie die Nieren bei einem Prozess der Filtration von Substanz und selektiver Reabsorption funktionieren, kann der Körper wohl eine konstante und beständige Verfügbarkeit von ZSF für das gesamte Nervensystem in allen Situationen und unter allen Bedingungen durch einen konstanten Prozess der Überproduktion von Substanz und eine kontinuierliche ventilgesteuerte Reabsorption von Substanz sicherstellen.
Das erinnert an die Worte von A. T. Still, der schrieb: „Die Zerebrospinale Flüssigkeit ist eines der höchsten bekannten Elemente, welches der menschliche Körper enthält. Solange das Gehirn diese Flüssigkeit nicht in großer Menge liefert, bleibt die invalide Kondition des Körpers erhalten … Dieser große Fluss des Lebens ist anzuzapfen und die verdorrten Felder müssen auf der Stelle gewässert werden, sonst ist die Ernte der Gesundheit für immer verloren“34.
Wenn das ZNS sich zusammen mit der ZSF bewegt, wodurch wird dann die ZSF bewegt? Dazu gibt es eine beachtliche Kontroverse. Wir werden zunächst einige Ideen anderer Autoren betrachten, die sich mit dem Thema beschäftigt haben.
Sutherland beschrieb ursprünglich einen unwillkürlichen Rhythmus der Schädelknochen, der von rhythmischen Veränderungen der Form des Gehirns hervorgerufen werde. Später erkannte er die Fluktuation der ZSF als primär. Doch es dauerte lange, bevor er öffentlich darüber sprach35. Woods and Woods stellten 1961 bei einer Gruppe von 61 normalen Erwachsenen fest, dass die gewöhnliche Frequenz zwischen 10 - 14 Impulsen pro Minute lag, bei einem Durchschnitt von 12,47 pro Minute. Sie prägten dafür den Begriff „Rhythmischer kranialer Impuls“36. 1992 fanden dann Norton, Sibley und Broder-Oldach bei 24 offensichtlich gesunden Studenten und Fakultätsmitgliedern der New England School of Osteopathic Medicine heraus, dass die Frequenz des Impulses nur 3,7 Amplituden pro Minute aufwies (± 0,6). Aus meiner Perspektive hat die Frequenz der Bewegung nur geringe klinische Bedeutung. Sie repräsentiert die Interpretation des Behandlers vom Ausdruck der Energie, die sich im Patienten manifestiert – und diese kann mit Zeit und Umgebung variieren. Klinisch relevanter ist die Qualität der Bewegung, die wir entdecken: die Bequemlichkeit, mit welcher der Körper die Primäre Respiration ausführen kann. Rollin Becker versuchte dies mit der Begrifflichkeit von „Elektrischer Spannung“ zu erfassen, um damit die Kraft und Zuverlässigkeit deutlich zu machen37.
Upledger und Vedgewood entwarfen 1983 ein Druckregler-Modell, um die antreibende Kraft der kranialen Bewegung zu verstehen38. Das Modell ist auf die Überproduktion von ZSF an den Plexi choroidei fokussiert. Sie behaupteten, diese Produktion erhöhe den intrakranialen ZSF-Druck. Dieser werde durch einen negativen homöostatischen Feedback-Mechanismus reguliert, der die Produktion von ZSF abschaltet. Dem Modell zufolge muss der Körper in seiner normalen Funktion empfindlich genug sein, um auf eine Zunahme des ZSF-Drucks in der Größenordnung von 0,5 % zu reagieren. Die Wirkung auf eine unterstellte Druckänderung der Granulationes arachnoidales, die sich bei einem Druck von nur 5 mm öffnen, ist nicht bekannt.
Andere beschreiben die kraniale Bewegung in vasomotorischer Begrifflichkeit. Bering behauptete 1962, dass die Kraft, die den PRM antreibt, direkt von einer pulsierenden Expansion und Kontraktion der Plexi choroidei abgeleitet ist39. Cardoso, Rowan und Galbraith unterstellten, dass die pulsierende Welle der Zerebrospinalen Flüssigkeit teils von den pulsierenden Bewegungen der Plexi choroidei, teils von solchen leitender intrakranialer Blutgefäße herrühre40. Feinberg und Mark stellten ein Modell für die pumpende Aktion des Gehirns vor, demzufolge die arterielle Pulswelle durch Veränderungen des intrakranialen Blutvolumens und der Expansion der Arterien zu einer radial gerichteten, inneren Kraft im zerebralen Kortex transformiert wird41. Während einer Operation sah ich das Pulsieren der ZSF zwischen dem dritten und den lateralen Ventrikel durch das Foramen monroi. Gleichwohl war in allen diesen Fällen die Frequenz synchron mit der Herzschlagfrequenz. Es handelte sich nicht um die Fluktuation, die Sutherland beschrieb.
Andere Autoren beschreiben die kraniale Bewegung mit der Begrifflichkeit muskulärer Aktionen. Upledger42 berichtet, dass Frederick Becker, ein Anatom an der Universität des Staates Michigan, unterstellte, sie stamme von der tonischen Reaktion extraduraler Muskulatur auf die Schwerkraft. Ferguson schlug vor, sie müsse durch das Nervensystem und beteiligte Muskeln koordiniert werden, weil er durchschlagend darauf hinweist, dass „Muskeln die einzigen Strukturen darstellen, die Bewegung verursachen“43. Meine Erfahrung zeigt, dass muskuläre Aktivität die Ausführung der kranialen Bewegungsmusters beeinflussen kann – wie das Zusammenbeißen der Zähne die relative Position der Gesichts- und der Schädelknochen beeinflussen kann. Gleichwohl vermag dies nicht die zugrunde liegende Ausführung der Bewegung zu erklären. Beispielsweise führt die Einschränkung von einem oder mehreren Fäden eines aufgehängten Mobiles, das in einer Luftströmung schaukelt, zu einer veränderten Reflexion der Luftströmung durch das Mobile. Doch dies hat weder einen Bezug zur Luftströmung noch auf den Sachverhalt, dass Mobiles auf sie reagieren.
James Norton brach als erster mit dem Konzept, die Bewegung müsse innerhalb des Körpers des Patienten generiert werden. 1991 stellte er ein Gewebe-Druck-Modell vor, demzufolge die Bewegung in den Geweben von Patient und Behandler entsteht. Er behauptete, dass die Frequenz und Amplitude der Bewegung von einer komplexen Interaktion der Fluktuationen des Drucks der Gewebeflüssigkeit und der Eigenschaften der Mechanorezeptoren in den Händen des Behandlers abhängig sei. Das Konzept der Interaktion in diesem Modell stellt einen wertvollen Fortschritt dar. Allerdings kann man die kraniale Bewegung bei sich selbst spüren, ohne dass ein Behandler dabei wäre44.
Sutherland hatte geschlossen, dass „es innerhalb dieser cerebrospinalen Flüssigkeit ein unsichtbares Element gibt, das ich als den ‚ATEM DES LEBENS ’ bezeichne. Visualisieren Sie diesen ‚ATEM DES LEBENS’ als eine Flüssigkeit innerhalb der Flüssigkeit, etwas, das sich nicht vermischt, etwas, was diese Potency hat als die Kraft, die es sich bewegen lässt“45. Er betonte fortwährend, dass er seine Studenten dazu veranlassen wollte, die Potency inder Fluktuation der Zerebrospinalen Flüssigkeit wahrzunehmen (meine Kursivsetzung), eine Potency – wie er zu sagen pflegte – auf deren zuverlässige Arbeit für uns wir uns verlassen könnten.
Was meinte Sutherland damit? Eine Flüssigkeit in einer Flüssigkeit, etwas, das sich nicht vermischt, eine Potency in einer Potency, die alle Arbeit für uns erledigt? So lautet die Botschaft, die Rollin Becker, der langjährige Student, Freund und Vertraute Sutherlands nach seinem Tod fortwährend kommunizierte. Becker betonte den Flüssigkeitscharakter des PRM und dass er für die Physiologie und Gesundheit des Körpers primär sei. Oft mussten aus seiner Sicht lokale Dysfunktionen nicht behandelt werden, weil der Körper ein selbst-korrigierender, selbstanpassender, selbst-heilender Organismus sei. „Behandeln Sie den Mechanismus!“, würde er sagen, „und er leistet die Arbeit für Sie!“ „Behandeln Sie die Gesundheit, nicht die Krankheit!“ Becker betonte, jeder Patient besitze einen „inneren Behandler“, „einen stillen Partner“, der besser als alle anderen wisse, wie die Gesundheit des Patienten erlangt und aufrechterhalten werden könne.
Was ist damit gesagt? Nun, es gibt verschiedene Qualitäten in der Ausführung des Primären Respiratorischen Mechanismus. Zuerst gibt es eine expansive und kontraktile Qualität. Damit ist keine Zunahme des Volumens gemeint. Das Volumen bleibt konstant. Es fühlt sich ungefähr so an, also ob ein Ballon langsam innen pulsiere, etwa wenn ein Teil des Körpers sich auszudehnen und ein anderer gleichzeitig abzunehmen scheint. Beispielsweise ist dies der Fall, wenn der Kopf sich während der Flexions-Phase lateral ausdehnt und gleichzeitig anterior-posterior und superior-inferior abnimmt. Die Bewegung fühlt sich sehr schwach an, gleichzeitig aber sehr mächtig. Wenn wir sie in einem Bereich blockieren, verschwindet sie still und arbeitet an einer anderen Stelle weiter, bis wir verschwinden. Die Qualität besitzt eine innewohnende Kraft und kann überall vom Schädel bis zum Becken ertastet werden, wo die ZSF auftritt. Eine weitere synchrone Qualität zur Bewegung der ZSF kann in den Gliedern und im Gesicht festgestellt werden. In den Extremitäten geht es um eine membranöse Qualität, eine mit Flüssigkeit gefüllte Honigwabe, die auf Bewegung wie eine Marionette reagiert. Es handelt sich um eine flüssige, gelatinöse Bewegung, eine völlige Veränderung in der Form in der gesamten Struktur. Im Gesicht handelt es sich um eine eher mechanische Qualität, wie bei Zahnrädern und Hebeln, gleichwohl immer noch um einen flüssigen, membranösen Charakter. Diese beiden drücken eine andere Qualität aus als dies in den Regionen der Fall ist, welche die Ventrikel, Zisternen und den subarachnoidalen Raum enthalten.
Es gibt eine weitere Qualität. Sie existiert am deutlichsten in den Bereichen der ZSF. Sie ist tiefer, feiner und entspringt im wahren Kern des Individuums. Ich kann sie nur als Begehren bezeichnen, Bewegung auszuführen.
Die beiden anderen beschriebenen Qualitäten können durch Ereignisse gestört werden. Ein akuter Strain des Ellbogens blockiert beispielsweise die Ausführung von Bewegung in einem Teil des Arms. Die Gewebe arbeiten daran, die Schwellung zu entwässern und den Druck zu reduzieren. Die Verformung bei einer ernsten Beinverletzung, ob es sich nun um eine Fraktur handelt oder nicht, kann noch Jahre danach im Knochen selbst als Beugung oder Verdrehung empfunden werden, obgleich das Bein selbst vollkommen gerade aussieht. Schläge ins Gesicht können jahrzehntelang später als Invaginationen im Viscerocranium ertastet werden, während das Gesicht ganz normal erscheint.
Ähnlich kann sich die Qualität der ZSF als Reaktion auf Ereignisse im Leben verändern. Die Qualität der Bewegung der ZSF bei einem gesunden jungen Kind ist glatt, glücklich, gut geölt und kraftvoll. Diese ist sehr verschieden von der schwachen Qualität bei einem Erwachsenen mit einer entkräftenden Krankheit. Sie unterscheidet sich von der Qualität eines Mechanismus, der von Ereignissen des Lebens erschüttert ist. Derartige Ereignisse des Lebens umfassen eine breite Palette – von physischen Vorfällen wie einem Verkehrsunfall bis hin zu emotionalen Anspannungen wie sie bei einem Trauerfall auftreten. Sie unterscheidet sich von der trockenen und verdorrten Qualität bei chronischen Krankheiten oder der Qualität bei einem lokalen Trauma, die sich als vollkommen blockiert anfühlt.
Es ist schwierig zu beschreiben, was jemand fühlt. Es ist unmöglich, die Variationen der Qualität des Ausdrucks der Fluktuation der ZSF zu beschreiben – es gibt dafür keine Wörter oder Konzepte in der Sprache. Es ist schwer genug, die feinen Nuancen von Farben und Geschmack auszudrücken. Doch ich muss sagen, dass es mindestens ebenso viele Variationen in der Qualität der Fluktuation der ZSF gibt wie verschiedene Eigenschaften von Gesichtern existieren.
Bedeutungsvoll ist, dass ungeachtet des Krankheitsgrades oder der Verletzung, wie verschlossen, blockiert oder eingezwängt der Ausdruck der Bewegung der ZSF auch sein mag, das Begehren nach dem Ausdruck der Bewegung konstant bleibt, solange der Patient lebendig ist. Unterhalb des Konflikts, der Anspannung und der Krankheit ist das Bedürfnis die Bewegung auszudrücken noch immer da, es ist immer dasselbe. Es ist fein, es ist ruhig, es bewegt sich nicht selbst. Es ist still. Es befindet sich in der ZSF, es ist kein Teil von ihr und es vermischt sich nicht mit ihr. Das erinnert mich an Kahlil Gibrans poetische Zeile: „Das Leben sehnt sich nach sich selbst“46. Sutherland bezeichnete es als „Potency“, als „ATEM DES LEBENS“, als „Still Small Voice“. Becker nannte es „die Stille“47.
Das Begehren Bewegung auszudrücken, das Bedürfnis Bewegung auszudrücken, die Stille, die Potency – das sind alles Begriffe, die dasselbe Phänomen bezeichnen – ist eine Konstante im gesamten Leben, die sich dennoch nicht selbst bewegt. Es ist bezogen auf Individuen konstant. Es ist das Gleiche für jeden einzelnen und für alle von uns. Es ist für alle identisch im gesamten Leben. Es wird von uns nicht geformt oder gebildet. Und es wird nicht durch unsere Handlungen verändert. Aufgrund meiner Erfahrung bin ich davon überzeugt, dass die Quelle der Potency in uns nicht aus dem Körper stammt, sondern in Relation zu etwas anderem außerhalb steht.
Darmowy fragment się skończył.