Czytaj książkę: «Rosaleen Norton»

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Impressum

Original title: Homage to Pan

Copyright © 2009 by Nevill Drury.

Published under arrangement with Nevill Drury, Milton, Australia

1. Auflage August 2013

Copyright © 2012 by Edition Roter Drache.

Edition Roter Drache, Holger Kliemannel, Postfach 10 01 47, D-07391 Rudolstadt.

edition@roterdrache.org; www.roterdrache.org

Titelbildmotiv: Loosing of the Whirlwind von Rosaleen Norton.

Illustrationen aus dem Buch The Art of Rosaleen Norton wurden mit freundlicher Genehmigung von Walter Glover Snr. abgedruckt.

Abbildung S. 343: T. Ketola.

Buch- & Umschlaggestaltung: Edition Roter Drache.

Übersetzung aus dem Englischen: W.H. Müller.

Lektorat: Anne-Kathrin Gurke.

1. digitale Auflage: Zeilenwert GmbH 2013

Alle Rechte vorbehalten.

Kein Teil dieses Buches darf in irgendeiner Form (auch auszugsweise) ohne die schriftliche Genehmigung des Verlags reproduziert, vervielfältigt oder verbreitet werden.

ISBN 9783944180366

Inhaltsverzeichnis

Cover

Titel

Impressum

Vorwort

Danksagung

Einleitung

KAPITEL EINS

Die Tochter des Pan

Nortons frühe Dichtung

Das Leben nach dem Smith’s Weekly

Gavin Greenlees und seine Dichtung

Die Bohème von Kings Cross

Rosaleen Nortons Kunst – und was sie Bewirkte

Norton und der „Teufelskult“

Die Hexe und der Dirigent

„Die Hexe von Kings Cross“

Auktionen und Erinnerungen

KAPITEL ZWEI

Begegnungen im Magischen Universum

Hekate, Lilith und Luzifer

Luzifer/Gegenspieler

Die Kraft von Janikot

Der kabbalistische Baum und die Qliphoth

Selbsthypnose und Trance

Nortons magisches Universum

Götter und Göttinnen

KAPITEL DREI

Sexualmagie und Hommage an Pan

Trance-Reisen

Magie im Hexenzirkel

Doreen Valientes Bericht über Nortons Zirkel

KAPITEL VIER

Astrale Transformationen

Drogen und Zauberei

KAPITEL FÜNF

Okkulte Visionen und Magische Kunst

Nortons früheste Zeichnungen

Die Kunst von Rosaleen Norton

Spätere Kunstwerke

Rosaleen Norton und Austin Osman Spare

Die Todesstellung

Magische Sigillen

Was Spare und Norton unterscheidet

KAPITEL SECHS

Rosaleen Norton und der Pfad der Linken Hand

War Norton eine Satanistin?

Die neue Heiligsprechung der Natur

ANHANG A

Die Wiedergeburt der Magie

Mathers autokratische Ordensführung

Magische Symbolik des Golden Dawn

Dion Fortune und das Innere Licht

Gerald Gardner & die Wiedergeburt des Hexentums im 20. Jahrhundert

Feminismus und die Spiritualität der Göttin

ANHANG B

Aleister Crowley und der Ordo Templi Orientis

Pfad der Linken/Pfad der Rechten Hand

Aleister Crowley und das Magick des Neuen Äons

Crowleys Thelemische Offenbarung

Der Argenteum Astrum und Victor Neuburg

Der Aufstieg des Ordo Templi Orientis

Crowleys Schriften zur Sexualmagie

Sexualmagie vor der Zeit des O. T.O

Der O. T.O. nach Crowley

Tantra und Kundalini-Yoga

Magie und der Pfad der Linken Hand im Tantra

ANHANG C

Transkript eines Gesprächs zwischen Rosaleen Norton und L.J. Murphy

Bibliographie

Der Autor

Anmerkungen


Vorwort

Aus einem Gedicht in The Art of Rosaleen Norton:

I drink living silver in moon-quickened streets,

And star-voices ringing:

All Strangeness is with me

Towering, invisible, changing the Earth.

(Ich trinke lebendes Silber in Mond-belebten Straßen,

und Sternenstimmen klingen:

Alle Andersartigkeit ist mit mir

Hoch aufragend, unsichtbar, die Welt verwandelnd.)

Wir sollten dieses Vorwort stilvoll beginnen. Hier geht es um Kunst; um gute, inspirierende und magische Kunst. Es geht um Rosaleen Norton, eine der wichtigsten Magierinnen des zwanzigsten Jahrhunderts. Doch wie beschreiben wir eine Person, die den meisten Menschen noch nicht einmal als Künstlerin bekannt ist? Es wäre schön, wenn Rosaleen hier selber über ihr Leben sprechen könnte. Sie hätte, um ihr Leben und Werk zu beschreiben, erst einmal eine längere Zeit in der Badewanne verbracht. Nach Sonnenuntergang, oder vielmehr, reichlich spät nach Sonnenuntergang, hätte sie sich in ihrem Kämmerchen vor einem der vielen Pan-Bilder, an denen ihr Herz so hing, niedergesetzt. Pan hat sie ihr Leben lang begleitet. Wir könnten zudem annehmen, dass sie Räucherwerk verbrannt und aus einem stilvollen Gefäß Wein getrunken hätte. Aber vielleicht wäre es auch eine Kaffetasse gewesen, denn für stilvolle Gefäße reichten ihre Finanzen nur selten. Sie hätte sich auf sich selbst besonnen, oder sich selber aufgelöst – doch worauf sie dabei gestoßen wäre, ist schwer zu sagen. Rosaleen Norton verbachte ihr ganzes Leben damit, diesen unergründlich tiefen Brunnen auszuloten. Wenn sie versucht hätte, ihre Persönlichkeit selbst darzustellen, wäre das Ergebnis entschieden schwieriger zu verstehen, als es dieses wundervolle Buch ist. Nevill Drury hat geschafft, was Rosaleen Norton selbst ihr Leben lang unmöglich war. Er hat ihre Persönlichkeit und ihr Werk in immer tieferer und prägnanterer Weise erkundet, bis aus dem multidimensionalen Portrait ein magisches Hologramm entstand, in dem sich nicht nur Rosaleen, sondern auch die Leser spiegeln.

Rosaleen drückte sich auf so vielen Ebenen und auf so viele Weisen aus, dass ihr Selbst, wie auch immer sie es zu einem beliebigen Zeitpunkt ihres Lebens hätte beschreiben wollen, stets über alles hinausging, was sich erkennen, beschreiben und wissen lässt. Doch dort wo Worte versagen, können Bilder erschüttern und erwecken. Die Bilder kommen von ihr – das Erleben ist unsere Sache.

Als ich in den frühen neunziger Jahren ein Exemplar von Nevill Drurys Pan’s Daughter. The Magical World of Rosaleen Norton erhielt, fühlte ich mich zutiefst erschüttert. Mogg Morgan hatte das Buch gerade neu aufgelegt und wollte wissen, was ich davon hielt. Die Frage erschien mir ein wenig sonderbar, denn wenn man auch nur einen kleinen Augenblick die ungeheure Kraft und Inspiration von Rosaleen Nortons Bildern erfühlt, erübrigt sich jeder Kommentar.

Pan’s Daughter ist ein erfrischendes, aber viel zu kurzes Buch. Im Gegensatz zu dem wunderschönen und wesentlich detaillierterem Buch, welches du jetzt in den Händen hältst, umschreibt Rosaleens Leben wie eine flüchtige Skizze. Viele bedeutsame Aspekte von Rosaleens Magie, wie z. B. ihre sexualmagischen Experimente, werden darin kaum erwähnt. Doch es war ein Anfang, ein bedeutender Anfang, und Nevill Drury hat seit dem viel Zeit damit verbracht, Rosaleen Norton weiter zu erforschen. Dem heutigen, deutschsprachigen Leser ist Drury möglicherweise nur wenig bekannt. Schon in den siebziger Jahren gehörte er zu den wichtigsten englischsprachigen Autoren, welche bemüht waren, über das klassische Okkultismus-Denken hinauszugehen und neue Perspektiven zu eröffnen. Damals gab es in Deutschland zum Glück noch eine lebendige Hippiekultur, die sich für die Schriften indischer und chinesischer Mystiker begeisterte, doch über die neuere magische Bewegung war herzlich wenig bekannt. Wenn ich ein paar gute Bücher wollte, musste ich nach London fahren, wo ich dann nächtelang im Regen auf dem Campingplatz hockte, um tagsüber die großartigen Buchhandlungen und Museen zu erforschen. Hierzulande gab es gerade mal ein paar extrem schlechte Crowley-Übersetzungen, während Fortune, Spare, Grant, Symonds, Regardie, Skinner und eben Drury praktisch unbekannt waren. Ich erwarb Drurys In Search of Abraxas von einem Vertreter der alten fossilen Ordenskultur, der, wie so viele seiner Generation, weder mit den Ideen noch der englischen Sprache klarkam. Es war ein finsteres Zeitalter. Als dann endlich im zurückgebliebenen Deutschland die ersten (und oft sehr fragwürdigen) Übersetzungen von Spare erschienen, kam es zu einem erstaunlichen Phänomen.

In der frischgebackenen deutschen Magiebewegung wurden Crowley und Spare als eine Polarität magischer Archetypen empfunden. Hier galt Crowley als extrovertiert und Spare als introvertiert; Crowley als weitgereist und Spare als heimatgebunden; Crowley als Gruppenmensch und Spare als Einsiedler. Auch ihre Lebensweise schien deutliche Gegensätze aufzuzeigen: wo Crowley sein Leben lang von ererbtem und anderer Leute Geld lebte (seine gesamte Erfahrung mit ‚Arbeit‘ beschränkte sich auf eine kurze Zeit als Journalist), kam Spare aus der Arbeiterklasse und kämpfte schon als Jugendlicher darum, von seiner Kunst existieren zu können. Während Crowley viele Menschen kannte und niemals enge Freunde hatte, beschränkte sich Spare auf einen kleinen Kreis echter Freunde, zu denen er bis ins Alter herzliche Beziehungen pflegte. Dafür hatte Crowley definitiv mehr Sex. Das ganze Bild war ausgesprochen simpel und unrealistisch, und es verleitete viele nicht sonderlich gut informierte Magier, sich selber der einen oder anderen ‚Seite‘ zuzuschreiben; als ob die beiden so zu Archetypen stilisierten Meistermagier die einzigen möglichen Formen spiritueller Lebensweise verkörperten. Vieles an diesem Bild entstand aus der reichlich einseitigen Informationslage. Crowley hatte sich selbst ja schon zu Lebzeiten zur Genüge gefeiert, und seine bizarren Erlebnisse mit vielen Übertreibungen und fiktiven Ereignissen ausgebessert. Spare hatte ähnlich viele Märchen erzählt. Ein Teil seiner Anekdoten geht auf ein ziemlich prägnantes Ereignis zurück: Als er von der deutschen Luftwaffe aus seinem Haus gebombt wurde, bekam er einen Balken an den Kopf, welcher eine monatelange Amnesie auslöste, in deren Folge er seine eigene Lebensgeschichte Stück für Stück wieder zusammensetzen musste. Dabei scheinen sich auch einige Episoden eingeschlichen zu haben, von denen er ursprünglich nur gelesen hatte. Während der junge Spare von den höheren Gesellschaftsschichten als ein Wunderkind gefeiert wurde, fühlte sich der ältere Spare mit den einfachen Menschen verbunden, mit denen er täglich in den Kneipen verkehrte. Gavin Semple erzählte mir, dass es in diesen Kreisen zu den typischen Pub-Ritualen gehört, haarsträubend unglaubwürdige Geschichten über sich selbst zu erzählen. Als Spare dann die jungen Grants kennenlernte, war dies eine wundervolle Gelegenheit für ihn, voll aufzudrehen und eine bizarre magische Geschichte nach der anderen zu erfinden. Dazu gehörte einige Mythen über Mrs. Paterson, seinen Aufenthalt in Ägypten (Spare verließ England nur einmal im Leben, nämlich als offizieller Kriegs-Künstler, um nach Ende des Kriegs in Frankreich die Schrecken der Schützengräben zu illustrieren) und sein angeblich so ausschweifendes Sexualleben (eigentlich war er sehr schüchtern). Kenneth Grant mag solchen Anekdoten geglaubt haben oder auch nicht, aber er nahm sie freudig in sein Tagebuch auf und vermittelte sie später einer wachsenden Zahl von Spare-Anhängern. Weder Spare noch Crowley hätte es nötig gehabt, sich mit solchen Mythen zu schmücken. Doch immerhin hatten ihre Geschichten hohen Unterhaltungswert und waren vielfach gute, surreale Kunst. Das bringt uns, auf verschlungenen Wegen, zu Rosaleen Norton zurück.

Auch Rosaleen kam aus Verhältnissen, die nur wenig Verständnis für ihr zutiefst magisches Wesen aufbrachten. Ihre ausgesprochen frühe Hingabe zur Magie scheint ein schönes Beispiel für die Wiedergeburt zu bieten. Denn wen auch immer Rosaleen Norton in ihren vielen Rollen und Bewusstseinszuständen verkörperte: Hier haben wir es mit einer alten und ausgesprochen spirituellen Seele zu tun. Wer hätte gedacht, dass es im zurückgebliebenen, spießigen Australien der vierziger und fünfziger Jahre eine selbsternannte Hexe gab, die es wert ist, in einem Atemzug mit Crowley und Spare genannt zu werden? Und ganz nebenbei: Wie wäre es mit Rosaleen als Rollenmodell für magisch aktive Frauen? Trotz aller männlicher Macht-, Hierarchie- und Territorial-Spiele hat die okkulte Bewegung ja schon sehr früh mutige, originelle und bemerkenswerte Frauen hervorgebracht. Blavatsky erfand eine verwirrende, überwältigende und inspirierende Weltanschauung, die mehrere Generationen von Okkultisten und Künstlern prägte. Ob wir von Frank Baum (‚Der Zauberer von Oz‘), Max Beckmann, Rudolf Steiner, Jiddu Krishnamurti oder von Thomas Mann reden: Hier eröffnete sich dem Westen eine ganz neue Denkweise. Oder denken wir an Dion Fortune, deren Bedeutung und Originalität immer noch unterschätzt wird. Doch Rosaleen war deutlich anders und wesentlich finsterer. Es wäre eine Versuchung, Fortune mit Mozart zu vergleichen, Blavatsky mit unverdaulicher Zwölf-Ton Musik und Rosaleen mit phantasievollem, romantischem Hardrock. Wie könnte man das Bedürfnis, mit einem schwarzen Leoparden zu vögeln, denn sonst vertonen? Was diese ungeheuer begabte und mutige Frau schuf, während sie ihr ganzes Leben am Rande der Gesellschaft verbrachte, wurde nicht nur gelebt, sondern auch mit Herzblut erkämpft. Rosaleens Geschichte ist die einer hingebungsvollen Pionierin. Sie war ihrer Zeit und Kultur um viele Jahrzehnte voraus. Und genau wie alle anderen Mutanten hatte sie es mit einer ausgesprochen feindlichen Umwelt zu tun. Auch bei ihr erleben wir den Zwang zur Mythologisierung der eigenen Person. Genau wie Crowley und Spare umgab sich Rosaleen mit einer Aura des Geheimnisvollen, ohne sich dabei immer an die eigentlich profanen Tatsachen zu halten. Die junge Rosaleen wurde von Presse und Mitmenschen zur Hexe abgestempelt, und beugte sich dieser Mehrheitsentscheidung, indem sie den erwarteten Klischees entsprach. Sie machte einen Kult aus ihrem Ruf und schwelgte in dunkler, samtener Romantik. Ob sie dies wirklich nötig hatte sei hier dahin gestellt. Schließlich werden Menschen nicht zu Hexen, indem sie sich als solche verkleiden, sondern indem sie ganz spontan und natürlich ihrer tiefsten Selbstnatur folgen; egal in welche dunklen und geheimnisvollen Winkel des Inneren Multiversums es sie führen mag. Magie, Kunst und Wissenschaft verlangen volle Hingabe. Lange, bevor sie ihren zweifelhaften Ruf erwarb, praktizierte Rosaleen eine ausgesprochen ‚hexenhafte‘ Lebensweise, ohne ihre Praktiken mit solchen Begriffen zu beschreiben oder einzuschränken. In ihren frühen Beschreibungen spricht sie von Selbsthypnose und Trance-Experimenten. Dabei ging sie viel weiter als es die meisten heutigen Hexen tun. Und auch ihre zahlreichen frühen Trance-Erfahrungen entstanden aus einer bewundernswerten Selbstverständlichkeit heraus. Bei der Recherche nach den magischen Praktiken von Rosaleen Norton hat Nevill Drury hervorragende Arbeit geleistet. Ohne seine Fähigkeit, die Praxis hinter den Bildern zu identifizieren, wäre Norton bloß als eine begabte und schrullige Künstlerin in die Geschichte eingegangen. Da wäre zum Beispiel die Trance-Praxis namens ‚Big Things and Little Things‘, die sie bereits als Kind ausübte. Diese beinhaltete, sich bis ins All auszudehnen und sich dann bis ins Nichts zusammenzuziehen. Im ausgesprochen fortgeschrittenen Krama Tantra aus Kaschmir (welches übrigens auch von einer Frau, Mangalā Devī, begründet wurde) heißt diese Praxis Kramamudrā: das ‚Siegel der Kontinuität‘. Hier sind die grundlegenden Meditationen, welche ihre Wurzeln in der Upanisadenzeit haben, ‚Ich bin Das‘ und ‚Das bin Ich‘. Erstere impliziert die Erfüllung der Allheit mit der Ich-Erfahrung, letztere die Auflösung des Ichs in der Allheit. Beide Erfahrungen folgen in immer schnellerer Reihenfolge aufeinander, bis beide ihren Sinn verlieren und sich völlig neue Wahrnehmungen eröffnen. Das, was hier immer wieder zwischen Nichtsein und Allheit pulsiert, ist nämlich Krama, das Mysterium der Kontinuität. Wer sich an diese Praxis macht, muss damit rechnen, dass ‚ich‘ und ‚alles andere‘ durcheinander geraten, sich auflösen und neu formieren. So etwas ist alles andere als Wellness Yoga, und setzt jahrelange tägliche spirituelle und meditative Praxis voraus. Rosaleen scheint ganz von selbst darauf gekommen zu sein. Mehr noch, sie meisterte diese Prozesse ohne komplett durchzudrehen, was eine wirklich eindrucksvolle Leistung darstellt. Eine andere typische Trance-Praxis des Linke-Hand-Tantras, die für sie wichtig war, bestand in der völligen Auflösung. Rosaleen machte solche und viele andere sonderliche Erfahrungen, weil dies ihrem Wesen entsprach. Wie viele verrückte Heilige entdeckte sie das Göttliche in immer neuen Formen. Dabei eröffneten sich ihr ständig Türen zu anderen Kulturen, anderen Zeiten und anderen Wahrnehmungen. Rosaleen hätte sich nie auf eine einzelne Religion oder Glaubensrichtung beschränken können. Und sie schuf Kunst und noch mehr Kunst, bis ihr ganzes Leben zu einem bezaubernden, faszinierenden und Geist-erschütterndem Kunstwerk wurde. Denn ihre Bilder sind keine Extras zur Magie. Vielmehr manifestiert sich gut gelebte Magie so oder so als Kunst. Crowley hatte den Mut zuzugeben, dass Künstler den Magiern in vielen Weisen überlegen sind, denn wo Magier sich den Weg zu den Pforten des Unbewussten mühsam erarbeiten, stehen bei guten Künstlern die Türen sperrangelweit offen. Dies war für ihn Grund genug, sein Leben lang eher schlecht als recht mit Pinsel und Leinwand zu kämpfen. Ich wünschte, die jetzige Generation von Magiern und Hexen würde dasselbe tun. Wo sind die Pioniere, die ihre Inspiration in Wort und Bild, Musik und Tanz erden, unser Verständnis der Wahrnehmung erweitern, und ihre Erfahrungen in die Welt tragen?

Hier ist es vielleicht nützlich, ein paar Worte über Rosaleens Bilder zu sagen. Wir leben in einer Zeit, in der visuelle Informationen zunehmend schneller und schludriger verarbeitet werden. Die Subliminals, welche uns die Werbeindustrie reindrückt, sollen nach einer Betrachtungszeit von weniger als einer halben Sekunde wirken. Hingegen ist das letzte, was die Werber wollen, dass sich die potentiellen Kunden die Anzeigen und Filmchen gründlich ansehen, oder sich womöglich auch noch Gedanken darüber machen. Ähnlich ist es bei Spielfilmen; heute scheint jeder Erfolgsfilm für ein Publikum von Vierzehnjährigen konzipiert zu sein, dessen Aufmerksamkeitsspanne unter einer Minute liegt. Wir werden zum gehetzten Multitasking erzogen, wobei natürlich die Qualität auf der Strecke bleibt. Frühere Generationen nahmen vieles intensiver wahr. Ich denke hier gerne an Chinas berühmteste Dichterin, Li Qingzhao (1084 – ca. 1151) und ihren Mann Zhao Mingzhen, die zusammen als erste systematische Archäologen der Weltgeschichte tätig waren. Die beiden schrieben ein einzigartiges Werk über die Kunstwerke der frühesten Dynastien, welches, obwohl es längst verloren ist, zum Modell für alle darauffolgenden Werke wurde. Li ist für ihre stark alkoholisierten Verse berühmt, doch sie praktizierte auch Daoistische Innere Alchemie und hatte einige Angewohnheiten, die heute nützlicher sind denn je. Wenn die beiden eine Antiquität erworben oder eine Inschrift auf Papier abgerieben hatten, setzten sie sich für die Dauer eines Räucherstäbchens davor, um sie in Stille zu betrachten. Das ist eine ausgesprochen gute Meditation. Heutigen Menschen mag so eine Praxis zeitraubend und nervtötend erscheinen. Doch sie garantiert, dass die Wahrnehmung ungeheuer intensiv wird, und dass sich alle Bewusstseinsebenen entfalten. Wer sich Zeit nimmt, still und leer zu werden, kann viel erleben, was weit über das bewusste Denken hinaus geht. Genau das würde ich mir für Rosaleens Bilder wünschen. Wer schnell durch die Seiten dieses Buchs blättert oder sich auf die Worte beschränkt, verpasst das Beste. Jedes von ihren Bildern ist es wert, ganz für sich und in aller Ruhe betrachtet zu werden. Dabei kommunizieren die Geister hinter den Bildern mit dem, was jenseits unseres Oberflächenbewusstseins wirkt. Wir erfahren eine Kommunion und tragen das Feuer und die Lust in unser Leben. Und genau das ist Rosaleens Vermächtnis.

Ich möchte Nevill Drury dafür danken, diese geniale Künstlerin und Magierin vor der Vergessenheit bewahrt und in so zugänglicher, sensibler und intelligenter Art präsentiert zu haben. Dieses Buch gehört zu den wichtigsten in der modernen magischen Literatur. Wer echte Magie sucht, kann von Rosaleen und Nevill vieles lernen.

Jan Fries

chinesisches Neujahr, Jahr der Schlange



Danksagung

Zuerst muss ich den drei Menschen danken, die dieses Buch in seiner ursprünglichen Form möglich machten: Rosaleens Schwester Cecily Boothman, der sich zwischenzeitlich im Ruhestand befindliche Wally Glover, sowie der Musiker und Kunstsammler Jock McKenna. Bedauerlicherweise weilen diese drei Personen heute nicht mehr unter uns.

Hommage an Pan stellt eine beträchtlich erweiterte und überarbeitete Version einer früheren und weitaus kürzeren Fassung dieses Manuskripts dar, welche den Titel Tochter des Pan trug und erstmalig im Jahre 1988 veröffentlicht wurde. Als ich meine Recherchen für besagtes, früheres Buch anstellte, boten mir Cecily, Wally und Jock ihre Unterstützung an und ermutigten mich dazu, es auch zu schreiben. Zu Beginn zögerte Cecily damit, eine Biographie über ihre Schwester zu genehmigen. Doch schließlich konnte sie sich mit der Idee anfreunden, als ich ihr versprach, die Einzelheiten aus Rosaleens Leben auf eine faktische und unsensationelle Weise darzustellen. Wally erwies sich als eine Quelle wundervoller und faszinierender Informationen, teilte seine Erinnerungen an die Jahre mit Roie (der Name, unter dem sie den meisten Menschen bekannt gewesen war) und ihrem Liebhaber Gavin Greenlees mit mir, und stellte mir sogar wertvolle Einzelheiten zu den Ereignissen nach Rosaleens Tod im Jahre 1979 zur Verfügung. Doch war es Wallys Freund Jock McKenna, der mir den wahrscheinlich größtmöglichen Gefallen tat – und zwar indem er mir Materialien aus seiner umfangreichen Sammlung von Zetteln und handschriftlichen Zeitungsnotizen lieh, die ursprünglich aus dem Besitz von Rosaleen Norton stammten und bis in die 1940er Jahre zurückreichten. Jock hatte Roie damals, genauer gesagt im Jahre 1944, in Kings Cross während eines Besuchs bei dem Abenteurer Tex Clarke kennen gelernt, und war sofort von ihrer Freundlichkeit und persönlichen Wärme beeindruckt gewesen. Aus diesem Grunde hatte er in Folge dessen auf umfassende Weise Zeitungsnachrichten über ihre Karriere gesammelt. Diese waren für mich natürlich eine wunderbare Quelle. Ohne Jocks Sammlung, Wallys liebenswerte Erinnerungen und Cecilys Unterstützung hätte dieses Buch niemals geschrieben werden können.

Des Weiteren möchte ich mich an dieser Stelle auch für die wertvolle Hilfe von Dr. Marguerite Johnson, Dozentin an der University of Newcastle, bedanken, die meine langjährige Faszination und mein Interesse an Rosaleen Nortons Kunst und Magie mit mir teilt. Marguerite überwachte meine Doktorarbeit, welche diesem Buch zugrundeliegt, und hat mich bei meinen neueren Forschungen auf dem Gebiet von Rosaleens okkulten Praktiken und ihrer visionären Kunst stark unterstützt. Auch war es schließlich sie, die mir Kopien der Briefe von Eugene Goossens an Roie, die aus der Mitte der 1950er Jahre stammten, zur Verfügung stellte. Diese Briefe wiederum versetzten mich in die Lage, Nortons Thelemischen Verbindungen zu Aleister Crowley und der Praxis ritueller Sexualmagie zu erforschen – ein wichtiges Thema, das in Tochter des Pan nicht behandelt wurde und in dem vorliegenden Buch ausführlich beschrieben wird. Das unmittelbare Bindeglied zwischen Crowley und Goossens war der Komponist Philip Heseltine, der auch als Peter Warlock bekannt und sowohl ein enger Freund Goossens in England als auch Mitglied in Crowleys Ordo Templi Orientis war. Ich bin Marguerite für das überaus wichtige Forschungsmaterial, das sie mir zu Verfügung stellte und durch welches ich in die Lage versetzt wurde, den Umfang meiner Untersuchungen erheblich zu erweitern, zu tiefem Dank verpflichtet. Hommage an Pan würde es ohne sie nicht geben.

Auch andere Menschen halfen mir mit Informationen und wertvollem Feedback, unter ihnen Jim Russell, der das Material zu Smith’s Weekly Korrektur las; aber auch Robert Ansell von Fulgur Publishers London, der mein Material zu dem britischen Okkultisten und Trance-Künstler Austin Osman Spare las. Spares kreative Arbeit, auf die in Hommage an Pan ausführlich Bezug genommen wird, weist viele Parallelen zu Rosaleen Norton auf. Indirekt muss ich mich auch bei Mrs. Y. Raphael-Oeser bedanken, die im Jahre 1982 Wally Glover nach der Veröffentlichung der Faksimile-Ausgabe von The Art of Rosaleen Norton Einzelheiten von Roies psychologischer Analyse zusandte. Diese Materialien aus den 1940er Jahren enthielten faszinierende Einsichten in Roies Trance-Techniken und ihrer Haltung zur Sexualität. Sie sind im Anhang des vorliegenden Buches veröffentlicht.

Schließlich möchte ich noch besonders hervorheben, dass der verstorbene Wally Glover das Urheberrecht aller Kunstwerke und Schriften von Rosaleen Norton inne hält und ihm dafür danken, dass er mir die uneingeschränkte Erlaubnis erteilte, Roies Gemälde und Zeichnungen in meinen Büchern und Artikeln zu reproduzieren. Hommage an Pan wird hoffentlich dazu beitragen, das internationale Interesse an Roies visionärer Kunst und Magie dauerhaft zu wecken – etwas, das Wally als ihr Erstverleger unbedingt unterstützt hätte.


Einleitung

In den 1950er Jahren war Rosaleen Norton in Australien als die „Hexe von Kings Cross“ bekannt und wurde in der Boulevardpresse als eine farbenfrohe, jedoch „bösartige“ und unbürgerliche Gestalt aus Sydneys Rotlichtbezirk dargestellt. Ihre provokante „heidnische“ Kunst, die erstmalig im Jahre 1949 in der Bibliothek der University of Melbourne und später in den Coffee-Shops „Apollyon“ und „Kashmir“ in Sydneys Kings Cross Bezirk ausgestellt wurde, verursachte eine Rechtskontroverse, woraufhin ihr im Jahre 1952 in Australien veröffentlichtes Buch The Art of Rosaleen Norton wegen angeblicher Obszönitäten auf den Index gesetzt wurde. Norton nahm an einer Reihe von Gerichtsanhörungen teil und wurde währenddessen von der Presse weitestgehend dafür kritisiert, bizarre sexuelle Praktiken mit ihrem Liebhaber, dem Dichter Gavin Greenlees, zu vollführen. Später wurde sie mit jenem Skandal in Verbindung gebracht, der die berufliche Karriere des bekannten Komponisten Sir Eugene Goossens ruinierte, welcher im Jahre 1947 nach Australien gekommen war und in der Folgezeit ein Mitglied in Nortons magischem Hexenzirkel in Kings Cross wurde.

Norton wurde in der Boulevardpresse einheitlich als eine „heidnische Rebellin“ dargestellt und mit unwürdigen Bezeichnungen wie z. B. „notorische, Pan verehrende Hexe von Kings Cross […] eine Person, die der Polizei durch zwei Verfahren wegen Obszönitäten bekannt geworden ist„1 belegt.

Die Berichterstattung in den meisten großen Printmedien Australiens wurde durch weit verbreitete Tratsch-Magazine wie The Australasian Post, People, Truth and Squire, die überwiegend sensationslüsterne Artikel veröffentlichten, sowie Boulevardblätter wie The Daily Telegraph, The Daily Mirror und Sun in Gang gesetzt. Doch das gesamte anzügliche Medieninteresse an Nortons Person muss in einem historischen Kontext gesehen werden. In der Zeit unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg war Australien ein sowohl in sozialer, als auch politischer Hinsicht konservatives Land, regiert von dem äußerst traditionsbewussten Premierminister Sir Robert Menzies, der eine strenge Position gegenüber der Zensur vertrat. Norton wurde in der Boulevardpresse als eine teufelsanbetende Hyäne dargestellt, die es darauf abgesehen hatte, allgemein akzeptierte soziale Konventionen vorzuführen; und zwar in einer Zeit, da der angemessene Platz einer Frau am Herd war und diese sich um die häuslichen Belange sowie die Nöte des Ehemannes und der Kinder zu kümmern hatte. In den 1960er Jahren begann Australien aufgrund des sich verstärkenden Zuzugs von Migranten aus vielen europäischen und asiatischen Ländern langsam zu einer echten multikulturellen Gesellschaft zu werden, in der sich viele unterschiedliche religiöse Glaubensrichtungen ansiedelten.2 Doch lange bis in die Zeit unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg hinein war Australien noch ein konventionell christliches Land. Über 80 % der Gesamtbevölkerung war dabei anglikanisch, presbyterianisch, methodistisch oder Römisch-Katholisch.

Da die Hexerei lange an die mittelalterliche und frühneuzeitliche Dämonologie westlich-christlicher Ausprägung3 angebunden war, überrascht es kaum, dass Norton in den meisten Pressedarstellungen der 1950er und 1960er Jahre als eine „Abtrünnige“ der Mainstream-Gesellschaft, als antichristliche Teufelsanbeterin und „schwarzmagische“ Praktikerin dargestellt wurde. Diese öffentliche Wahrnehmung ihrer Person jedoch war verzerrt und vollkommen ignorant. Tatsächlich war Norton eine Pantheistin und praktizierende Hexe, die einer Reihe uralter heidnischer Gottheiten huldigte, welche mit den Urkräften der Natur und der Unterwelt in Verbindung standen. Zu Letzteren gehörten auch Pan und Hekate, denen Norton ihre rituellen Altäre weihte. Sie beschäftigte sich auch mit Sexualmagie und verfolgte dabei verschiedene Formen ritueller Praxis, die teilweise von Aleister Crowleys okkulten Lehren beeinflusst waren. Und obwohl die australische Boulevardpresse Norton als eine Teufelsanbeterin bezeichnete, glaube ich nicht, dass sie eine praktizierende Satanistin im wörtlichen Sinne gewesen war. Meine Gründe dafür werde ich später im Verlaufe dieses Buches darlegen. Dennoch war Norton sehr der Nachtseite der Magie zugewandt und ihre okkulte Bilderwelt, die sie als visionäre Künstlerin erschuf, ist mit den Qliphoth oder den dunklen Energien des Kabbalistischen Lebensbaumes verknüpft – ein zentrales Motiv in der Magie von heute. Ihre esoterischen Ansichten, ihre Kosmologie und die visionäre Kunst sind miteinander verwoben – und reflektieren ihren einzigartigen Ansatz, das magische Universum zu verstehen.

Einen besonderen Aspekt ihres Lebens, welchen die Leser der in den 1950er Jahren in Sydney verlegten Boulevardmagazine wahrnahmen, stellte die Tatsache dar, dass Norton von Natur aus eine Trance-Künstlerin war. Im Jahre 1940, im Alter von 23 begann sie mit Selbsthypnose zu experimentieren; und als Ergebnis ihrer visionären Entdeckungsreisen durch Trance-Zustände fing sie damit an, in ihren Gemälden und Zeichnungen eine große Anzahl verschiedener übernatürlicher Lebewesen darzustellen. Norton glaubte, dass der große Gott Pan, die Hauptgottheit in ihrem persönlichen, magischen Pantheon, nicht nur einfach eine Gestalt aus der alten griechischen Mythologie, sondern eine als Schwingung existente, lebendige und archetypische „Gegenwart“ in dieser Welt sei. Indem sie dem Gott Pan in Ritualen huldigte, wollte sie sich zur Erde als geheiligter, lebendiger Organismus in Beziehung zu setzen. In diesem Sinne kann sie als eine bedeutsame Vorläuferin jener Bewegungen verstanden werden, die sich der Umwelt verschrieben, die Spiritualität der Göttin verehren und seit den späten 1970er Jahren die Notwendigkeit zur „Re-Sakralisierung“ der Erde befürworten. Auch diese Aspekte ihrer magischen Philosophie muss eine ausgeglichene Bewertung von Nortons Person notwendigerweise umfassen.

Ich traf Rosaleen Norton nur einmal – wir hatten im Jahre 1977 ein längeres Gespräch in ihrem Apartment in Kings Cross. Zu dieser Zeit wurde sie von den meisten Leuten nur „Roie“ genannt; und die Roie, an die ich mir erinnere, war schlank, hatte dunkles, eher ungepflegtes, lockiges Haar, schnell aufblitzende Augen und geheimnisvoll gebogene Augenbrauen. Während der 1950er Jahre trug Norton farbenfrohe Blusen, paffte Zigaretten mit einem gravierten Mundstück und gab manchmal, spärlich bekleidet mit ritueller Garderobe, Presseinterviews. Als ich sie traf, lebte sie jedoch schon sehr abgeschieden und war keine öffentliche Person mehr. Über viele Jahre hinweg suchte sie nach einem Weg, dem Blick der Öffentlichkeit zu entfliehen und hatte sich sehr weit in ihre eigene, private Welt zurückgezogen.

Wie bereits erwähnt, machte Norton zu einer Zeit auf sich aufmerksam, da eine prüde und puritanische Mentalität in Australien vorherrschend und die Mainstream-Gesellschaft keineswegs derart kulturell vielfältig und tolerant war wie heute. Die australische Öffentlichkeit der 1950er Jahre war über Nortons gewagte Gemälde und Zeichnungen erstaunt, in denen sie nackte Hermaphroditen, Phalli, die sich in Schlangen verwandeln, und leidenschaftliche Begegnungen mit schwarzen Panthern darstellte. Während Norman Lindsays freizügige Kunst auf halbem Wege dazu war anerkannt zu werden – eine Art verhaltener Voyeurismus machte es möglich, die nackten, umher tollenden Gestalten, die in seinen Gemälden und Zeichnungen gezeigt wurden, als „Kunst“ zu bezeichnen – war es für Norton keinesfalls leicht, diese Akzeptanz zu finden. Wie sie es selbst ausdrückte, waren Lindsays Gestalten Kreaturen des Tages und besaßen frivole Frohnaturen, wogegen Nortons Kompositionen ausnahmslos auf die Gestalten der Nacht fokussiert waren – Phantasmen aus den dunkleren Bereichen der Seele.

Norton stellte sich selbst der Öffentlichkeit ursprünglich als Trance-Künstlerin vor. Von frühem Alter an besaß sie die bemerkenswerte Gabe, die visionären Tiefen ihres Unterbewussten zu erforschen, und die archetypischen Lebewesen, die ihr dabei begegneten, wurden zum Schwerpunkt ihrer Kunst. Erst später, als sie als Hexe bezeichnet und als solche in der Boulevardpresse beschrieben wurde fing sie an, auch die Persönlichkeit auszubilden, welche dieser Beschreibung gerecht wurde. Als dieser Prozess mehr und mehr Bedeutung annahm, verstärke Norton selbst schließlich die Versuche, aller Welt zu zeigen, dass sie als Hexe geboren worden war. Denn sie hatte etwas spitze Ohren, kleine blaue Male auf ihrem linken Knie und Fleisch und Haut hingen ihr von den Achseln bis zur Hüfte hinunter – eine Variante der zusätzlichen Brustwarze, die den Hexen des Mittelalters manchmal nachgesagt wurde.

Dennoch bin ich der Ansicht, dass vieles von dem Dargestellten nur der Entwicklung ihrer eigenen Mystik zuzuschreiben ist. Seit frühester Kindheit wollte Norton anders sein. Es machte ihr Spaß, der schräge Vogel zu sein, der seine Schulkameraden provoziert. Sie stritt unablässig mit ihrer Mutter und „hasste“ Autoritätspersonen wie Schulleiterinnen, Polizisten, Politiker und Priester. Sie hatte keine Zeit, sich um institutionelle Religion zu kümmern; und die Götter, die sie verehrte – eine Ansammlung alter Gottheiten rund um Pan – waren natürlich durch und durch heidnisch. Für sie war Pan der Gott des Unendlichen Seins. Traditionell ist dieser im alten Griechenland als der Gott der Schafherden und Hirten bekannt. Er wurde in dieser Tradition als halber Mensch, halbe Ziege abgebildet, spielte auf einer Flöte, die aus sieben Holzröhren bestand und wurde dabei als der Herr der Natur und aller Formen wilden Lebens erachtet. Darüber hinaus war er ziemlich lüstern und hatte zahlreiche Liebesaffären mit den Nymphen – besonders mit Echo, Syrinx und Pithys.

Ohne Zweifel war es recht ungewöhnlich, dass dieser griechische Gott von einer jungen Frau im Australien der 1950er Jahre verehrt wurde. Doch Norton war anders, und das bereits in einer Zeit, in der es weitaus schwerer war, sich von anderen zu unterscheiden, als heute. Sie war unkonventionell, bisexuell, freimütig, rebellisch und vollkommen unabhängig in einer Zeit, da die meisten jungen Frauen, die an Sydneys Nordufer aufwuchsen, nur daran dachten, zu Hause mit Ehemann und Kindern glücklich zu sein. Norton fürchtete sich nicht davor das auszusprechen, was sie dachte und zeichnete ihre heidnischen Bilder auf Gehsteige oder gab ihre okkulten Ansichten auf den Seiten der Boulevardpresse zum Besten. Für die meisten Leute, die in den Tageszeitungen und Magazinen über sie lasen, war sie einfach nur empörend.

Wie ich bereits angedeutet habe, lebte Roie Norton bereits zurückgezogen, als ich sie traf – dennoch war es einem Freund von mir namens Barry Salkilld und mir gelungen, eine Person ausfindig zu machen, die Danny hieß und Norton kannte. Danny arbeitete in einem Juwelierladen in Kings Cross und wir erklärten ihm, dass wir ein aufrichtiges Interesse an Nortons magischen Techniken und Praktiken hatten und mit ihr über ihre persönlichen Ansichten zur Magie und ihre Wahrnehmung der Welt sprechen wollten. Die Botschaft gelangte irgendwie zu ihr und uns wurde ein Interview gewährt. Norton lebte in einer dunklen Kellerwohnung, die sich am Ende eines langen Korridors in einem alten Gebäude in Roslyn Gardens befand und nur wenige Schritte von Kings Cross in Richtung Rushcutters Bay entfernt war. Die Künstlerin war ein wenig schwach, doch sehr geistesgegenwärtig, hatte ausdrucksstarke Augen und ein herzliches Lachen. Sie lud uns sogar zu einem gemeinsamen LSD-Trip ein, doch in den düsteren Räumlichkeiten ihrer Kellerwohnung erzitterten wir bei dem Gedanken an die schattenhaften Wesenheiten, welche wir durch diese starke psychedelische Droge entfesseln könnten, sodass wir beide dankend ablehnten. Später fand ich heraus, das Norton periodisch LSD nahm, um sich in visionäre Zustände zu versetzen und dass der Sinn für sie darin bestand, ihr Bewusstsein als Künstlerin zu erweitern. Sie benutzte die Droge also nicht nur zur Entspannung, denn sie war sich ihrer Kraft wohl bewusst.

Bei diesem Treffen sprachen wir über die Gottheiten, die Norton im Trance-Zustand begegnet waren, über ihre Ansicht, dass Pan in der „Zurück-zur-Natur“-Bewegung, wie sie von Kulturen, die gegen die etablierte Gesellschaft waren unterstützt wurde, lebendig war, und auch über ihre starke Bindung zu Tieren. Roie erzählte uns von ihrem Glauben, dass die meisten Tiere mehr Integrität besitzen würden als menschliche Wesen und ihrem Gefühl, dass besonders Katzen in beiden Welten gleichzeitig, d. h. sowohl in der normalen Wachwelt, als auch in der inneren geistigen Welt, agieren konnten. Sie erinnerte sich sogar an die Zeit einer früheren Inkarnation. Sie glaubte, dass sie schon einmal in einem vergangenen Jahrhundert in Sussex gewohnt hatte, und zwar in einem wackeligen Holzhaus inmitten einer gelben Wiese irgendwo bei Beachy Head. Es gab dort mehrere Tiere – Kühe, Pferde, etc. – und sie selbst war ein Poltergeist, ein körperloser Geist. Sie erinnerte sich daran, dass wenn „normale“ Leute in die Nähe dieses Hauses kamen, diese von ihrer Gegenwart beängstigt waren und die Existenz von Poltergeistern oder anderer „übernatürlicher“ Wesen nicht akzeptieren konnten. Tiere aber sahen sie so, wie sie war – als Teil der natürlichen Ordnung.

Für Roie war dies die Erklärung für die Liebe zu ihren Haustieren, und ihr ganzes Leben lang war sie von Kreaturen aller Art umgeben – von Echsen und Spinnen bis hin zu Mäusen, Schildkröten und Katzen. In ihrem dunklen und sehr privaten Wohnzimmer in Kings Cross sammelte sie ihre tierischen Freunde um sich, zu denen sie ein positiveres Verhältnis hatte, als zu ihren menschlichen Nachbarn in der Welt des Tageslichts. Man konnte sich im zwielichtigen Reich ihrer Kellerwohnung in Kings Cross des Eindrucks nicht erwehren, dass sie sich hier ganz zuhause fühlte. Sie verspürte auch keinen starken Wunsch mehr, regulären Kontakt zur Außenwelt zu halten.

Dieses Buch behandelt nicht nur das Leben von Rosaleen Norton und die Zeit, in der sie wirkte, sondern beschreibt auch ihre komplexe und ungewöhnliche Weltanschauung. Ihre persönlichen Ansichten umfassen eine eklektische Mischung aus Magie, Mythologie und Fantasie, die im Wesentlichen aus ihren mystischen Erfahrungen der inneren Welt entstand und für sie vollkommen real war, denn Norton war keine Theoretikerin. Ich bin der Ansicht, dass ihre Verachtung für die Öffentlichkeit teilweise von der Tatsache herrührt, dass sie in sich den Zugang zu einem wundersamen, visionären Universum besaß, während die meisten Menschen um sie herum eine enges, bigottes und angstbestimmtes Leben führten. Roie war ein Freigeist und sehr wohl eine Abenteurerin und sie liebte es, durch die Welten zu fliegen, die sich ihr durch ihre Imagination eröffneten.

Die Reflektion davon ist ihre Kunst. Sie war die Passion ihres Lebens, ihr hauptsächlicher Daseinszweck. Sie hatte keine Karrierepläne; alles, was sie wollte, war die Mächte, welche sie in ihrem Wesen fand, in die Außenwelt zu reflektieren und diese psychischen und magischen Energien auf die Art und Weise manifest werden zu lassen, wie ihr es beliebte. Wie mir Roies Schwester Cecily später erzählte, stellte die Kunst den Mittelpunkt ihres Lebens dar; und Norton war sehr stolz über die kurzfristige Anerkennung, die ihr zuteilwurde, als sie im Jahre 1970 zusammen mit Norman Lindsay4 von dem englischen Kunstkritiker und Landschaftsmaler John Sackville-West als eine von Australiens begabtesten Künstlern beschrieben wurde. Dies war Lob von unerwarteter Seite und gab ihr beträchtlichen Mut, weil sie fühlte, dass wenigstens ein Mensch ihre Kunst verstand und auf sie positiv reagiert. Allzu oft gingen ihre Kritiker nur auf ihr äußeres Erscheinungsbild und damit auf die bizarre und oftmals verzerrte Persönlichkeit ein, die von den Medien erschaffen wurde. Doch das hatte nichts mit der „wirklichen“ Roie gemein.

Meine Absicht für das Verfassen dieses Buches besteht darin, ein erhellendes Licht auf die Einzigartigkeit von Rosaleens außergewöhnlichem Leben und ihrer magischen Philosophie zu werfen, da wir seit ihrem Tode im Jahre 1979 keinen Menschen wie sie mehr kennen lernen durften. Sie war eine erstaunliche Person, eine Frau mit starken Überzeugungen und ungewöhnlichen Ansichten und als solche weitaus komplexer, als die sensationslüsternen Geschichten der Boulevardpresse vermuten lassen. Als Australiens berühmteste Hexe und Pantheistin war Rosaleen Norton ihrer Zeit weit voraus, doch sie blieb, besonders in den 1950er und 1960er Jahren, weitestgehend von der Öffentlichkeit unverstanden. Ich hoffe, dass dieses Buch einen kleinen Beitrag dazu leisten kann, diese immer noch bestehenden Missverständnisse aus dem Weg zu räumen.

Nevill Drury

Milton, New South Wales, Australia


KAPITEL EINS

Die Tochter des Pan

Als würde das Schicksal die spektakulären Ereignisse ihres späteren Lebens vorwegnehmen, wurde Rosaleen Norton in Dunedin, Neuseeland, während eines heftigen Gewitters geboren. Es war am 2. Oktober 1917 gegen 4.30 Uhr morgens, und wie Norton später erzählte, war dieses Gewitter vielleicht der Grund dafür, warum sie eine zeitlebens anhaltende Schwäche für Stürme und die Nachseite des Lebens entwickelte. „Stürme bewirken in mir ein merkwürdiges Gefühl der Begeisterung, ja fast der Trunkenheit, “ erinnerte sie sich im Jahre 1957. „Die Nacht ist für mich die Zeit, in der alle meine Sinne alarmiert sind; ich mich wacher fühle als sonst und am besten funktioniere. Diese Idiosynkrasie war ein ständiger Grund für Auseinandersetzungen mit meiner Mutter, denn mich zum ins Bett gehen zu überreden war für sie keine einfache Aufgabe – genauso wenig wie mich morgens aufzuwecken.“ Rosaleen Norton war als die jüngste von drei Schwestern von Anfang an ein unkonventionelles Kind. Cecily und Phyllis waren zwölf und zehn Jahre älter als sie. Die Familie gehörte der Britisch-Orthodoxen Kirche an, und Norton beschreibt ihre Eltern als „nicht tief religiös, aber gottesfürchtig.“ Für sie war das Befolgen religiöser Vorgaben „mehr eine Frage der Gewohnheit denn persönliche Überzeugung und ihr sporadischer Besuch des Gottesdienstes mehr ein Zeichen der Höflichkeit als alles andere.“1

Nortons Vater Albert Thomas Norton, der aus England stammte, war als Kapitän mit großem Patent bei der neuseeländischen Dampfschifffahrtsgesellschaft tätig und seit seiner Zeit als Deckhand im Alter von 16 Jahren zur See gefahren. Viel später dann, als Italien im Jahre 1940 in den Zweiten Weltkrieg eintrat, wurde er Kapitän auf der Remo, einem italienischen Schiff, das in Melbourne stationiert und als Kriegsbeute wieder in Dienst gestellt worden war. Auch in den 1920er Jahren war er oft sehr lange auf See und besuchte Orte wie Vancouver, San Francisco und die pazifischen Inseln. In Anbetracht seiner häufigen Reisetätigkeit war man der Ansicht, dass Sydney für diese Fahrten ein besserer Ausgangspunkt sei als Dunedin, sodass die Nortons im Juni 1925 nach Australien auswanderten und sich in Lindfield am Nordufer Sydneys niederließen. Die Familie lebte in einem solide gebauten Backsteinhaus in der Wolseley Street, auf der westlichen Seite der Stadt und unweit der Bahnlinie. Die Nortons waren recht wohlhabend, und wie Rosaleens Schwester Cecily sich später erinnerte, führten sie ein glückliches und komfortables Leben – ihr Zuhause war ein Ort „voller Tiere, Musik und Bücher.“ Albert war ein warmherziger und freundlicher Mann und der Vetter des Komponisten Ralph Vaughan Williams, dem er äußerlich auch ähnlich sah. Doch wegen seiner längeren Aufenthalte auf See fiel die tägliche Pflicht der Kindererziehung notwendigerweise seiner Frau Beena zu, welche sich dieser Aufgabe als verantwortungsbewusste Mutter auch ganz und gar widmete.


Rosaleen im Alter von fünf Jahren

Cecily und Phyllis neigten dazu, ihre jüngere Schwester zu verhätscheln und zu verwöhnen, sodass sich die kleine Rosaleen daran gewöhnte, stets ihren Willen zu bekommen, was nicht verwunderlich war. Für Beena war es manchmal schwer, sie unter Kontrolle zu halten, doch sie liebte ihre Jüngste abgöttisch; und obgleich Rosaleen sich vielleicht ein wenig unterdrückt gefühlt haben mag, gibt es keinen Zweifel, dass sie ihre Mutter sehr mochte. Ein Brief, den sie einmal im Urlaub an ihre Mutter schrieb, begann mit den Worten: „Meine allerliebste, wertvollste Mami … “ und war am Rande mit gezeichneten Küssen versehen. Später jedoch beschrieb sie ihre Mutter als eine „konventionelle, hoch emotionale Frau, die viel zu sehr mit ihrer Familie beschäftigt war“, und in einem Interview im Jahre 1949 mit dem Psychologen L.J. Murphy an der University of Melbourne stellte sie ihre Mutter als eine „sehr schwierige Frau“ dar, „die hysterisch, emotional und besitzergreifend war.“ Auf ihre Kindheit zurückblickend schien es, dass Norton einen Groll gegen ihre Mutter hegte, weil diese, wie sie es ausdrückte, „nicht mit fairen Mitteln kämpfte.“ Nach Nortons Ansicht war sie regelmäßig in Tränen ausgebrochen, hatte beteuert, wie sehr sie ihre Tochter liebte und sie dadurch dazu gedrängt, die Dinge so zu machen, wie sie es wollte. Ihren Vater dagegen respektierte sie. Obwohl er nur sporadisch zuhause war, hatte Norton zu ihm eine klar definierte Beziehung, die mehr nach ihrem Geschmack war. „Er kämpfte mit fairen Mitteln“, sagte sie dem Universitätspsychologen. „Wenn ich als Kind ungehorsam war, gab er mir eine Backpfeife und zwang mich zu dem, was er wollte, und zwar ohne die ganzen emotionalen Querelen, die ich mit meiner Mutter auszustehen hatte.“

Als die Familie nach Lindfield zog, hatten Nortons zwei Schwestern bereits die Schule verlassen; Rosaleen, welche die Schule im Alter von vier Jahren in Dunedin begonnen hatte, wurde nun zuerst auf eine Privatschule für Kinder und anschließend auf die Mädchenschule der Church of England in Chatswood am Nordufer von Sydney geschickt. Von Beginn an hatte sie einen Hang zum Ungehorsam. An das rebellische Kind, was sie gewesen war erinnerte sie sich später:

Ich mochte die Schule nicht und ich mochte die anderen Kinder nicht – ich hasste die Art und Weise, wie sie sich dem Lehrer „anbiederten.“ Ich liebte es, die Lehrer in den Wahnsinn zu treiben, indem ich die anderen Kinder dazu brachte, ungehörige Dinge zu machen. Sie taten, was ich wollte; doch ich denke nicht, dass sie mich mochten. Dabei übernahm ich immer die Verantwortung, wenn irgendwas schief ging.2

Vielleicht übertrieb sie, wenn sie von den Spannungen in ihrer frühen Kindheit sprach und ihr frühes Leben als eine „allgemein ermüdende Periode sinnloser Plattitüden, herumschnüffelnder Erwachsener, abscheulicher oder depressiver Kinder, die sie leiden können sollte, sowie elterlicher Vorwürfe“ beschrieb. Dies alles führte jedenfalls nicht zu einem besonderen Gefühl von Unabhängigkeit, was nicht überrascht:

Als Kind war mein Hauptziel, auf mich allein gestellt zu sein, und um dies zu erreichen führte ich sogar einen Hungerstreik auf, um das Recht durchzusetzen, meine Mahlzeiten allein einnehmen zum können (was ich gerne auf dem Dach des Hauses oder an anderen seltsamen Orten tat). Nach ein paar Tagen kapitulierte meine Mutter – es war ihr offenbar nicht bewusst, dass ich Zugang zu einem gut gefüllten Vorratsschrank hatte. Kurz darauf kaufte ich mir ein Zelt, welches ich im Garten aufstellte und das mein Schlafgemach wurde, bis es drei Jahre später in Fetzen auseinanderfiel.3

Es war zur Zeit jener Eskapaden im Garten, da die junge Rosaleen eine spezielle Vorliebe für Insekten und besonders für Spinnen entwickelte, die später in ihren makabren Zeichnungen auftauchen sollten. Tatsächlich nahm sie sich in der Zeit, als sie im Garten übernachtete, ihr erstes Haustier:

Eine große, haarige Nachtspinne aus der Gattung der Radnetzspinnen begann schon bald damit, ihr Netz des Nachts über den offenen Eingang meines Zeltes zu weben. Ich begann dieses Wesen, das ich – unabhängig von seinem Geschlecht – Horatius nannte, sehr zu mögen, da es mich ganz allein vor dem Eindringen anderer Menschen in mein Zelt bewahrte. Die meisten Mitglieder meiner Familie fürchteten sich vor der Spinne, sodass ich bis in die Morgenstunden wach bleiben konnte, wenn ich es wollte; solange die Spinne in ihrem großen runden Netz über meinem Zelteingang saß, war ich sicher vor Störungen.4

Dies war für Rosaleen Teil des instinktiven Prozesses, sich der Natur anzunähern und eine zunehmende Vertrautheit mit den Myriaden von Kreaturen in der Wildnis und im Garten aufzubauen. Als Kind hatte Rosaleen immer viele Lieblingstiere – zu unterschiedlichen Zeiten waren es Katzen, Echsen, Mäuse, Meerschweinchen, ein Opossum, ein Ameisenigel, eine Ziege, Schildkröten, Hunde und verschiedene Kröten. Sie verbrachte Stunden damit, in ihren Biologiebüchern zu lesen. „Ich war von Zoologie und Entomologie begeistert“, erinnerte sie sich später beim Gedenken an ihre Kindheit. „Und im Alter von neun oder zehn Jahren wäre ich in der Lage dazu gewesen, an einem Quiz über prähistorische Tiere teilzunehmen und hätte eine reelle Chance gehabt, den Jackpot zu gewinnen.“ Rosaleen fand mehr Trost bei den Tieren und Insekten als bei den meisten Mitgliedern ihrer Familie: „Familiengefühl hat mir nie etwas bedeutet, und obwohl ich zwei Verwandte – meine älteste Schwester (Cecily) und eine meiner Tanten – mochte, tat ich es wohl nur, weil ich sie eher als Freunde denn als Familie betrachtete.“

Norton demonstrierte ihre bemerkenswerte Neigung für das Zeichnen bereits in früher Kindheit, doch ihre handwerklichen Fähigkeiten sollten schon bald unvorhergesehene und dramatische Folgen haben. An der Mädchenschule der Church of England fing Norton damit an, für ihre Klassenkameradinnen ungewöhnliche Zeichnungen zu produzieren, die in einer Interpretation von Saint Saens Danse Macabre kulminierten, in welcher Vampire, Ghoule und Werwölfe dargestellt waren. Nach Nortons Aussage stellte diese Zeichnung „ … jegliche Art grotesken Schreckens, die ich zu zeichnen in der Lage war, in einer großen Höhle unter der Erde dar.“5 Ihre Lehrer hielten die Zeichnungen für inakzeptabel und empfanden Nortons Verhalten als störend. Die Schulleiterin schrieb nach diesen Vorkommnissen an ihre Mutter und beschwerte sich, dass die Vierzehnjährige eine verruchte Natur besaß, welche die Unschuld der Mitschüler korrumpieren würde. Kurz danach wurde Norton der Schule verwiesen. Daraufhin schrieb sie sich am Technischen Kolleg im Ostens Sydneys ein, wo sie zwei Jahre lang bei dem anerkannten Bildhauer Rayner Hoff Kunst studierte, welcher zu dieser Zeit die Kunstschule leitete. Hoff förderte Nortons Kreativität und sie wiederum schätzte seine Unterstützung:

Er befreite mich aus den Fängen der Routine und ließ mich meine Zeit mit Figurenzeichnen und Komposition verbringen, und da ich zum ersten Mal in meinem Leben richtig ermutigt wurde, kontinuierlich an meiner eigenen Kunstform zu arbeiten, wurde ich zu einer Vorführ-Studentin.6

Während ihrer Zeit am Technical College begann Norton darüber nachzudenken, welche Karrieremöglichkeiten sich aus ihrem Kunststudium ergeben könnten. Mit fünfzehn Jahren hatte sie mehrere Geschichten von ihr an das bekannte, breitformatige Smith Weekly Magazine geschickt, welche von dessen Chefredakteur namens Frank Marien sofort angenommen worden waren.7

Folglich erwog Norton Journalistin zu werden, auch wenn dies für sie nicht die erste Berufswahl darstellte. Norton besuchte Marien in den Geschäftsräumen des Smith Weekly zum ersten Mal im Jahre 1934, als sie sechzehn Jahre alt war. Nach ihrem Gespräch stellte Marien Norton wohl hauptsächlich auf Grundlage der eingereichten Geschichten als Jungjournalistin ein.

Nortons frühe Dichtung

Nortons frühe Dichtung ist deshalb so interessant, weil sie einen Einblick in ihre Imagination gewährt. Ihre erste Geschichte handelt von einem jungen Mann, der nachts eine fremdartige Straße erkundet, als er plötzlich auf ein Wachsfigurenkabinett stößt – der Eintritt kostet sechs Pence. Da er Wachsfiguren mag, entscheidet er sich einzutreten:

Eine hexenartige Frau ergriff seine sechs Pence mit einer „grauen Klaue“ und führte ihn die wackeligen, wurmzerfressenen Stufen hinauf …

Der junge Mann fand sich schließlich in einem riesigen Raum wieder, der von tiefschwarzen Kerzen erleuchtet wurde. Höhnisch grinsende, verunglückte Formen kreisten ihn ein und warfen kreuzartig verschränkte Schatten auf den Fußboden. Es sah aus wie das Gemälde eines dekadenten Genies. Warten sie nur auf ein Signal von ihrem Meister, dem Teufel, um von ihren hölzernen Podesten hinunterzusteigen und sich in einer höllischen Saturnale zu ergehen? Durch diese Atmosphäre verängstigt, versuchte der Mann zu fliehen, doch er sah, dass er eingeschlossen war. Irgendwo schlug eine Uhr Mitternacht und eine leise, klar zu vernehmende Musik drang in den Raum hinein. Sie wurde von den Flöten eines wächsernen Satyrs erzeugt. Carls Geist rotierte in einer Ekstase des Grauens. Die Teile der Wachsfiguren stiegen von ihren Podesten hinunter … das Licht erlosch …

Am darauffolgenden Morgen vernahmen zwei Polizisten einen gellenden Schrei. Als sie das leere, verlassene alte Haus betraten, in dem sich einst ein Wachsfigurenkabinett befand, fanden sie die kläglichen Überreste von etwas, das einmal ein junger Mann gewesen war … seine Augen waren die eines Menschen, der Dinge gesehen hatte, die Sterbliche nicht sehen sollten.8

Nachdem Frank Marien Nortons erste Geschichte erhalten hatte, bat er sie um eine weitere Kurzgeschichte, und sie schickte ihm ein Stück mit dem Titel Das Gemalte Grauen, eine Geschichte, die noch verstörender war als die erste. Sie handelte von einem jungen Künstler, der beim Malen in seinem Atelier bemerkte, wie seine Hand auf geheimnisvolle Weise dazu gebracht wurde, eine „gigantische, ekelerregende Masse rosafarbenen, aufgedunsenen Fleisches“ zu malen, „die aussah, als ob sie aus einem Meer des Verfalls aufgestiegen sei und von einem untersetzten, grinsenden, halbmenschlichen Kopf mit großen, dicken und blutbesudelten Fingern, die sich wie Würmer wanden, überragt wurde … Dieser riesige Körper kauerte auf der Leinwand und war scheinbar jederzeit dazu bereit, den Betrachter anzuspringen.“9 Diese mysteriöse Macht in der Geschichte ernährte sich so lange vom Geist und der Seele des Künstlers, bis dieser eines Morgensauf dem Fußboden seines Ateliers vorgefunden wurde, „in Fetzen gerissen und aufgefressen.“ Ein Polizist, der diesen bizarren Todesfall nicht aufklären konnte, merkte an: „Merkwürdiger Weise wies eine große Leinwand in seinem Atelier ein großes Loch auf, ganz so als wäre irgendetwas aus ihr heraus oder durch sie hindurch gesprungen.“10

Marien war von diesen Geschichten aus der Feder eines fünfzehnjährigen Mädchens so beeindruckt, dass er noch eine weitere Geschichte von ihr zur Veröffentlichung anforderte. Nortons dritte Zusendung trug den Titel Mond-Wahnsinn und handelte von einem Mädchen, das unter dem Einfluss des Vollmondes in einem Obstgarten seine Schwestern einer Marmorstatue, die einen Jüngling darstellt, opfert. Der folgende Auszug steht stellvertretend für die ganze Geschichte:

Plötzlich war da Corinnes gellender Schrei, als Viviennes Zähne in ihre Halsschlagader eindrangen. Ein Schrei, kurz und grauenerregend, als würde er von einem gefangenen Kaninchen kommen – doch es war niemand da, der ihn hören konnte … nur die dünnen, gemeißelten Lippen des Jünglings schienen zu lächeln, als das warme Blut des Opfers über seine Füße lief.11

Marien war beeindruckt von Nortons imaginativen, wenn auch gruseligen Fähigkeiten als Autorin und entschied sich, ihr eine Stelle als Jungjournalistin anzubieten, obwohl ihm gleichzeitig bewusst war, dass es nötig sein würde, die kreativen Energien der Schreiberin in eine Form zu bringen, die für die Leser verdaulicher war. Bald darauf jedoch bestand Norton darauf, als Graphikkünstlerin und nicht als Journalistin angestellt zu werden. Marien war sich ihrer künstlerischen Talente nicht sicher und machte ihr klar, dass die Zeichnungen, die der Smith’s Weekly abdruckte, humorvoll und geistreich waren und das Hauptanliegen darin bestand, die Leser zum Lachen zu bringen. Norton versicherte ihm, dass sie in der Lage dazu wäre, Illustrationen im angemessenen Stil zu produzieren.12

Leider erwiesen sich die ersten Zeichnungen, die Norton für den Smith’s Weekly anfertigte, als kommerziell inakzeptabel. Die erste Komposition, die sie Marien anbot, zeigte eine Anzahl von Frauen, die auf einer Art Gras im Kreis saßen und sich darüber amüsierten, wie sie ihre Neugeborenen bissen. Auf einer anderen, mit einem Kommentar versehenen Zeichnung sah man zwei Mädchen vor einem Tigerkäfig im Zoo stehen. Eines der Mädchen schaute zu dem Zoowärter hinüber und bemerkte gegenüber ihrer Freundin: „Wäre das nicht ein Spaß, wenn die Tiere ihn auffressen würden!“

In den darauffolgenden Monaten bat Marien Norton, ihre Werke in einem für die Allgemeinheit zugänglicheren Stil anzufertigen. Doch Norton war nicht in der Lage, die Art von Illustrationen zu produzieren, die von der Leserschaft des Smith’s Weekly angenommen wurden. Nach acht Monaten verließ sie den Smith’s Weekly, und sie konnte von da ab malen und zeichnen, wie es ihr beliebte.

Das Leben nach dem Smith’s Weekly

Norton entschied sich, nicht nur eine für ihre Kunst günstigere Umgebung als den Smith’s Weekly zu finden, sondern auch ihre Familie in Lindfield zu verlassen. Nortons Mutter war kurz zuvor gestorben und nun gab es keinen emotionalen Druck mehr für die Tochter, zuhause zu bleiben. Sie hinterließ ihrem Vater und ihren Schwestern eine handgeschriebene Notiz auf dem Kaminsims, packte ihre Sachen zusammen und ging zum Bahnhof, der ganz in der Nähe des Hauses lag. Doch ihr wurde schnell klar, dass sie ihre Abreise nicht richtig geplant hatte:

Die einzige Sache, die ich übersehen hatte, war Geld. Am Bahnhof wurde mir klar, dass ich nicht einen Penny bei mir hatte. Und ich konnte mit zwei schweren Koffern nicht in die Stadt laufen, so borgte ich mir zwei Schilling von dem hiesigen Bibliothekar. Das brachte mich triumphierend mit dem nächsten Zug in die Stadt.15


In der Stadt angekommen trat sie sofort mit mehreren Kunstateliers in Kontakt, da sie Arbeit als Künstlermodel suchte. Nach Aussage von Cecily Boothman, Nortons älterer Schwester, stand sie auch mehrere Male für Norman Lindsay Modell, als sie ihn zuhause und in seinem Atelier bei Springwood in den Blauen Bergen westlich von Sydney besuchte, wo sie ihm auch einige ihrer Zeichnungen zeigte. Lindsay hielt Nortons übernatürliche Kunst für roh und eindimensional, doch zweifelsohne hatte er auf ihren Stil einigen Einfluss. In den frühen 1950er Jahren wurde Norton für genau denselben bacchanalischen Kunststil – heidnische Feste, herumtollende unbekleidete Frauen und Satyrn – bekannt, der Norman Lindsays frühe Strichzeichnungen zu einem so kontroversen Gegenstand werden ließ. In den 1930er Jahren hingegen war Norton noch dabei, die rudimentären Grundlagen ihres künstlerischen Stils zu formulieren und entwickelte in dieser Zeit ihre eigene, einzigartige Bandbreite albtraumhafter Bildwelten. Dennoch war sie auch häufig als Model angestellt:

Man hielt mich für ein gutes Model; nicht wegen meiner Kurven, deren Nichtvorhandensein ihren eigentlichen Reiz ausmachte; da ich aber selbst Künstler war, wusste ich, welche Posen sich am besten zeichnen ließen. Es gab viel zu tun, vieles lag vor mir. Als ich meinen gegenwärtigen Freund kennen lernte, erfuhr ich, dass auch er seine Arbeit verloren hatte; dennoch aber war genug Geld da, um in einem der märchenhaften alten Gebäude in der Gloucester Street – dem früheren „Ship and Mermaid Inn“, dem ersten Pub in Sydney, – ein Zimmer (damals acht Schilling) anzumieten. Später wurde dieser Pub ein Treffpunkt für Künstler, Musiker und Alkoholiker.14

Das „Ship and Mermaid Inn“, das im Jahre 1841 gebaut wurde, lag genau gegenüber dem Circular Quay von Sydney. Es war in der Zeit, als sie dort wohnte, da Norton anfing, esoterische Literatur zu lesen, unter anderem auch Werke zur mystischen Kabbala, zu vergleichenden Religionswissenschaften und mittelalterlicher Dämonologie. Damals begann sie auch ihr Interesse an dem griechischen Gott Pan zu entwickeln. Während ihres Aufenthaltes im „Ship and Mermaid Inn“ nahm sie verschiedene Teilzeit-Arbeiten an und war zeitweilig als Küchenhilfe in einem Krankenhaus, als Designerin für einen Spielzeughersteller und als Kellnerin in einem Nachtclub der Bohème von Sydney tätig.

Irgendwann im Jahre 1935 lernte Rosaleen auf einer Veranstaltung in Bellevue Hill einen jungen Mann namens Beresford Conroy kennen. Sie waren beide erst siebzehn zu dieser Zeit und entwickelten schnell Sympathie für einander. Beresford war gut gebaut und attraktiv und ein frühes Foto zeigt das junge Paar glücklich, lächelnd und in Zweisamkeit vereint. Sie heirateten am 24. Dezember 1940, machten sich danach, wie Rosaleen es ausdrückte „auf den Weg“, und fuhren per Anhalter zuerst von Sydney nach Melbourne, dann weiter nach Norden Richtung Brisbane und Cairns. Als sie zurück in Sydney waren, zogen sie in ein altes Sandsteingebäude in der Bayswater Road, wo sich heute das Seniorenheim der Church of England befindet. Doch leider hielt die Ehe mit Beresford nicht lange. Von einem Schwall von Patriotismus erfüllt, der mit den schnell eskalierenden Spannungen des Zweiten Weltkriegs kam, ging Beresford als Freiwilliger zur Armee, verließ Australien, um in Neu Guinea zu dienen und ließ seine junge Frau allein zurück. Norton war davon nicht beeindruckt, und als er aus dem Krieg zurückkam, reichte sie die Scheidung ein, obwohl sie erst 1951 wirklich geschieden waren. Beresford und Roie gingen nun auseinander, und sie zog in ein altes Steingebäude, das den Namen Merangaroo trug und welches so farbenfroh war wie Beggary Barn.

Es war ursprünglich von Sträflingen gebaut worden, lag unweit der Garrison Church im Rocks Bezirk, und wurde von einer exzentrischen Eigentümerin namens Mrs. Carter geführt. In diesem Haus lebten alle Arten von Menschen – Künstler der Bohème, Seeleute und sogar ein englischer Geheimagent, der einmal einen mutmaßlichen Nazi-Sympathisanten drei Wochen lang in seinem Schlafzimmer gefangen hielt. Es war ein exotischer und unberechenbarer Ort – jene Art exzentrischer Gemeinschaft, in der Norton voller Freude lebte. Die Zeit im Merangaroo regte ihre Fantasie an und brachte sie dazu, die besten Seiten ihres Talents gedanklich zu ergründen.

Bald darauf kehrte Norton in die Welt der Zeitschriften und Boulevardblätter zurück. Da der Smith’s Weekly für sie nicht mehr in Frage kam, begann sie eine geeignete Plattform für ihre Zeichnungen und Schriften zu suchen. Diese fand sie schließlich bei einer kleinen Zeitschrift namens Pertinent, ein taschenbuchgroßes Monatsblatt, das sich selbst als Mischung aus „Fiktion, Fotos und Fakten“ bezeichnete.

Als der Zweite Weltkrieg ausbrach, gab es in Australien nur zwei „kleine Zeitschriften“, die Bohemia, in der häufig auch Avantgarde-Texte veröffentlicht wurden und ein Journal, das den Namen Venture trug. Dann kamen in den letzten Monaten des Jahres 1939 drei neue Zeitschriften auf den Markt: The People’s Poetry, Western Writing und Southerly. Weitere dieser Art folgten schon bald, sodass es schließlich schien, als hätte der Krieg die Gründung neuer Zeitschriften tatsächlich gefördert. Zurückzuführen war dies größtenteils auf die Beschränkung des Imports von Publikationen als Teil der Rationierung des „Luxus“ in dieser Zeit. Daher hatten die Leute mehr Geld zur Verfügung, um es für die heimischen Produkte auszugeben.

Der Redakteur des Pertinent war der Dichter Leon Batt, und die ersten zwei Ausgaben, die im August und September 1940 erschienen, kosteten im Handel sechs Pence. Später stieg der Verkaufspreis auf einen Schilling. Pertinent unterschied sich sehr vom Smith’s Weekly, es hatte ein anderes Hauptthema und definierte seine redaktionelle Herangehensweise prägnant: „Was es nicht will“, kündigte Leon Batt in einer offiziellen Bekanntgabe des Zeitschriftenhandels an, „sind sentimentale Klischees, konventionelle Dramen, einen chauvinistischen Patriotismus und romantische Verklärung. Cartoons, Ideen für Cartoons und ungewöhnliche Foto-Geschichten sind das, was es braucht, denn das Pertinent ist eine der wenigen nicht-intellektuellen Publikationen mit einem bestehenden Interesse an der Dichtung.“15

Es war der freidenkerische, innovative Ansatz des Pertinent, der Norton als eine potenzielle Mitarbeiterin anzog. Ihre ersten Zeichnungen, die zur Veröffentlichung angenommen wurden, waren zwei Fantasy-Werke, die geisterhafte Elementarkräfte darstellten, sowie eine Bleistift-Studie, die den Titel The Borgias trug und in der dritten Ausgabe abgedruckt wurde, welche im Oktober 1941 erschien.

In den November- und Dezember-Ausgaben des Jahres 1941 waren Leitartikel über ihr Werk enthalten. Der Eröffnungsabsatz eines solchen in der Dezember-Ausgabe las sich wie folgt:


Bleistiftzeichnung von Norton mit dem Titel The Borgias, im Pertinent abgedruckt.

Wenige, wenn überhaupt irgendjemand unter Australiens Künstlern, hat so viel Erstaunen und fachliche Kontroverse hervorgerufen wie Miss Rosaleen Norton. Weitere Studien dieser höchst bemerkenswerten Kunstentdeckung werden in den zukünftigen Ausgaben des Pertinent erscheinen. Die Originale dieser Werke können käuflich erworben werden.16

Die November-Ausgabe des Pertinent aus dem Jahres 1941 enthielt drei visionäre Zeichnungen: The Rite of Spring zeigt einen bärtigen Zentauren, The Dream eine Mischung aus ägyptischen und saturnalischen Bildern und Sorcery einen gehörnten Merlin, der einen konischen turmhaften Hut trägt und von einer Horde grinsender Ghoule und Hobgoblins umringt ist. Der Begleitartikel trug keinen Autorennamen und wurde wahrscheinlich von Batt selbst verfasst. Nach der Behandlung der heidnischen Einflüsse auf Nortons Kunst stellte der Verfasser fest, dass das Werk der Künstlerin, „abgesehen von seiner angeblich thematischen und bildnerischen ‚Unorthodoxie‘, unzweifelhaft über das Gewöhnliche hinausreicht. Man zollt ihm nun mehr Interesse und Aufmerksamkeit als in der Vergangenheit.“ Diese Aussage bezog sich möglicherweise auf den Smith’s Weekly und Frank Marien, der Nortons künstlerische Talente nicht anerkannte. Leon Batt glaubte ganz sicher, dass der Pertinent mit den Kunstwerken Rosaleen Nortons eine wichtige Entdeckung gemacht hatte: „Der Pertinent fühlt, dass mit Miss Rosaleen Norton eine Künstlerin entdeckt wurde, die es wert ist, mit einigen der besten Zeitgenossen des Kontinents, sowohl Amerikas und Englands verglichen zu werden.“

Für die Dezember-Ausgabe aus dem Jahre 1941 lieferte Norton weitere Bildwerke. Der Artikel More from the Folios of Miss Rosaleen Norton’s Art wurde mit einer Zeichnung in Aquarellfarben und Bleistift eröffnet und zeigte den „Bock von Mendes“, eine stilisierte Interpretation des Teufels als ein grinsendes, ziegenköpfiges Ungeheuer. In dem Artikel enthalten waren auch noch zwei andere Zeichnungen: Nightmare und Desolation. Norton wurde von der Berichterstattung über ihre Person zu dieser Erweiterung der Publikation ermutigt, denn für sie bedeutete die Anerkennung, die ihr damit zuteilwurde, einen Durchbruch, auch wenn es sich bei The Pertinent nur um ein kleineres Blatt handelte. Einen bedeutenden Effekt auf ihr Leben würde Nortons Verbindung zu dieser Zeitschrift allerdings in anderer Hinsicht haben, denn der Pertinent würde schon bald damit beginnen, die Werke eines jungen Schriftstellers zu veröffentlichen, welcher Nortons Liebhaber und später sogar ihr Partner in magischen Ritualen werden sollte: Der Dichter Gavin Greenlees.

Gavin Greenlees und seine Dichtung

Gavin Greenlees war ohne Frage ein frühreifes Talent; zwei seiner frühen Gedichte wurden im Jahre 1943 im Pertinent veröffentlicht. Zu diesem Zeitpunkt war er gerade mal dreizehn Jahre alt.17 Greenlees wurde am 15. April 1930 in Armadale, einem Vorort von Melbourne, geboren. Seine Eltern gehörten, wenn sie auch nicht sehr wohlhabend waren, dennoch der Mittelklasse an. Sein Vater, Gavin Senior, war von Beruf Journalist; seine Mutter Gladys war als Sozialarbeiterin beschäftigt. Greenlees‘ Eltern versuchten, in ihrem Sohn die Liebe zur Literatur zu entflammen und stellten sicher, dass er eine umfassende und strenge Erziehung genoss.


Gavin Greenlees im Jahre 1949

Er wurde auf der Elwood Public School eingeschult und besuchte später das Christian Brother’s College und weiterhin St. Patrick’s, Ballarat und die Melbourne High School.

Im Alter von zwölf Jahren gewann Greenlees dreimal hintereinander Dichterwettbewerbe, die von der australischen Medienkommission gesponsert wurden, und mehrere seiner Werke erschienen später in dem Australian Weekend Book. In den frühen 1940er Jahren wurden mehrere von Greenlees‘ Gedichten auch im ABC Weekly und im Australia Monthly publiziert.

Greenlees‘ frühesten künstlerischen Einfluss übte der Surrealismus aus, den er entdeckte, als er zwölf Jahre alt war. In einem persönlichen Kommentar zu The Art of Rosaleen Norton – eine Kollaboration von Norton und Greenlees, die erstmalig im Jahre 1952 veröffentlicht wurde – merkte Norton an, dass der Surrealismus „seine Fantasie derart anregte, dass er besessen davon wurde … Mit seiner Intuition erfühlte er geheimnisvolle, unbekannte Welten und auch die Möglichkeit, diese heraufzubeschwören … “

Es ist unwahrscheinlich, dass Norton Greenlees in den frühen Jahren des Pertinent persönlich kannte, denn zu dieser Zeit war er noch ein Schuljunge, der in Victoria lebte; doch es steht außer Zweifel, dass es letztendlich das Journal als gemeinsamer Publikationsort war, welches die beiden letztlich zusammenbrachte.

Ein Artikel über Nortons okkulte und visionäre Kunst erschien in der Juni-Ausgabe des Pertinent im Jahre 1943, und in derselben Ausgabe wurde auch ein Gedicht von Norton, das den Titel Winter Night Thoughts trug, veröffentlicht. Der neue Artikel über Norton war untertitelt mit A Vision of the Boundless, und Norton wurde darin als Hellseherin präsentiert, die Auskunft über „verborgene Welten“ geben kann und als Mystikerin, die in der Lage ist, jene Dimensionen des Bewusstseins zu durchdringen, die von Normalsterblichen nur schemenhaft wahrgenommen werden können. Erst kurz zuvor war Norton eine Gemäldeausstellung im Pakie’s Club in Sydney angeboten worden; ein bekannter Treffpunkt für Nachtschwärmer in der Elisabeth Street, der von Künstlern, Journalisten und Vertretern der Bohème regelmäßig besucht wurde. Der Pertinent-Artikel, von einem Autor verfasst, der sich nur einfach „Paul“ nannte, war eine kritische Betrachtung dieser Ausstellung. Paul erklärte dem Leser, dass „viele der Bilder“ auf den ersten Blick „unangenehm erschienen, weil sie Darstellungen des Bösen“ waren. Die meisten Arbeiten ekelten ihn an, doch er gab nicht der Künstlerin, sondern sich selbst die Schuld daran:

Wenn ich diese Gefühl offen und ehrlich analysieren soll, finde ich nur eine Erklärung: Für das Unreine ist alles unrein. Es gibt nichts Ekelhaftes dabei, nicht einmal jene Bilder, die grauenhafte, erschreckende, ja sogar abstoßende Ideen oder Darstellungen zeigen. Alles in allem sind die Zeichnungen und Gemälde stilistisch perfekt ausgeführt; und auch wenn sie aufgrund des Gegenstandes etwas flüchtig wirken, so sind sie doch gut balanciert, erdacht und in sich vollständig.18

Paul präsentierte Norton als eine Person, die Interesse an „okkulten und psychischen Phänomenen“ hatte und sich mit ihnen gut auskannte. Er betonte auch, dass Norton eine Praktikerin war, also jemand, der diese Phänomene an sich selbst erfuhr:

Aus einer Praxis der Selbsthypnose heraus hatte sie die höchst außergewöhnliche Fähigkeit entwickelt, die Dimension der Psyche wirklich zu betreten, ihre Persönlichkeit auf andere Ebenen als die physische zu transportieren und mit ihren Sinnen das wahrzunehmen, was für die meisten von uns für immer im Verborgenen bleibt …19


Nortons Zeichnung mit dem Titel Nightmare

Der Artikel enthielt auch drei Zeichnungen von ihr. Eine trug den Titel Challenge und zeigte eine nackte Frau, die mit einer Spinne kämpft. Eine andere, Medieval Scene, stellte eine Ansammlung jovialer Mönche, Magier, Hexenmeister und Hofnarren dar. Nightmare zeigte eine archetypische Gottform, die aus dem nackten, liegenden Körper einer Frau aufsteigt, bei der es sich deutlich um Norton selbst handelte.


Norton mit der Zeichnung Nightmare

Nightmare bildete das menschliche Bewusstsein ab, das die Grenzen der Zeit transzendiert und die astralen und mythischen Dimensionen durchdringt. Damit manifestierte Norton in ihrer Kunst eine deutliche Darstellung von Trance-Zuständen. Die Zeichnungen waren der Vorläufer vieler visionärer Illustrationen, die später Greenlees‘ Gedichte in der limitierten Ausgabe von The Art of Rosaleen Norton begleiten sollten.

Es ist nicht bekannt, wann Norton und Greenlees sich zum ersten Mal trafen, doch Mitte Juli 1949 reisten sie beide per Anhalter von Sydney nach Melbourne, um dort einen Ort für eine Ausstellung mit den aktuellen Werken der Künstlerin zu finden. Nachdem sie Kontakt mit einem Studenten namens Ian Stapelton20 von der University of Melbourne aufgenommen hatten, wurde eine Galerie der Rowden White Bibliothek derselben Universität für eine Ausstellung gebucht. Unter den sechsundvierzig ausgewählten Werken befanden sich einige von Nortons bis zu diesem Zeitpunkt besten Zeichnungen: Timeless Worlds, Lucifer, Triumph, The Adversary, The Initiate, eine frühe Version von Individuation, Merlin und Loosing (sic) of the Whirlwind. Viele dieser Werke wurden in Farbe fotografiert, obgleich diese Farbdias erst im Jahre 1982 auftauchten.


Norton, Greenlees und Stapelton

Die Ausstellung war hauptsächlich für Studenten und Akademiker konzipiert, doch nur zwei Tage nach ihrer Eröffnung betrat die Polizei von Victoria die Galerie und konfiszierte vier der ausgestellten Gemälde. Später wurden auf Grundlage der Strafrechtsverordnung aus dem Jahre 1928 Anzeigen gestellt, bei denen Nortons Witches’ Sabbath, Lucifer, Triumph und Individation als dekadente und obszöne Kunstwerke bezeichnet wurden, durch welche der Betrachter möglicherweise zu ungesunden sexuellen Gelüsten verführt werden könnte.

Während der nachfolgenden Gerichtsanhörungen am Carlton Court in Melbourne, dem Rat der Krone und Repräsentant der Polizei von Victoria, wurde argumentiert, dass Norton Werke ausstellte, die durch mittelalterliche Dämonologie inspiriert wurden. Nortons Verteidiger A.L. Abrahams entgegnete, dass die angeblich obszönen Bilder der Künstlerin harmlos waren im Vergleich zu Illustrationen, die in dem Buch The History of Sexual Magic abgedruckt worden waren. Diese Publikation wurde trotz ihrer Darstellungen von der Zensur genehmigt und war überall in Australien erhältlich. Abrahams führte des Weiteren an, dass Nortons Kunst, um sie für schuldig im Sinne der Anklage befinden zu können, von einer Art sein müsste, die „schädlich für alle jene Menschen ist, deren Geist unmoralischen Einflüssen gegenüber offen ist.“ In seinem Abschlussplädoyer befand der Bepfründete Richter Addison schließlich zu Nortons Gunsten, ließ die Anklagen gegen sie fallen und verhängte eine Gesamtkostenauferlegung gegen die Polizei.


Witches’ Sabbath aus dem Jahre 1949

Während sich Norton in Melbourne aufhielt, wurde sie von Professor Oeser kontaktiert, der die Psychologische Abteilung der University of Melbourne leitete. Daraufhin stellte sie sich bei dessen Kollegen, dem Psychologen L.J. Murphy für den Rorsbach-Behn-Test Verfügung. Die faszinierenden Einsichten in Nortons magische und künstlerische Prozesse, die sich aus diesem Test ergaben, sowie das Interview, das Murphy mit ihr führte, werden in einem späteren Kapitel behandelt.

Die Bohème von Kings Cross

Nach ihrer Rückkehr aus Melbourne zogen Norton und Greenlees in ein Viertel Sydneys namens Kings Cross, ein Vorort der Stadt, der Exzentriker, Dichter, Landstreicher und Künstler anzog und für seinen unbürgerlichen Lebensstil bekannt war. Viele farbenfrohe Charaktere wohnten in Kings Cross – das Viertel war Sydneys Gegenstück zu Greenwich Village in New York und Soho in London. Ursprünglich war diese Gegend um die Bayswater Road, die Darlinghurst Road und Victoria Street ein exklusiver Wohnort der Wohlhabenden. Im Viktorianischen und Edwardianischen Zeitalter hatten erfolgreiche Händler hier ihre Stadthäuser errichtet und aus der Gegend einen Ort eleganter Zurückgezogenheit gemacht. Doch dann gab es demographische Veränderungen und Kings Cross wurde, wie Frederick C. Folkhard in seinem Buch The Rare Sex feststellte, in den 1920er Jahren zum „Treffpunkt für Schriftsteller, Dichter, Maler, Bildhauer, Musiker und Gammler.“21

In dieser Zeit gab der junge Amerikaner „Wild Bill Kelley“, Sohn eines kalifornischen Millionärs, in seiner Wohnung am Royston Square eine Reihe scheinbar endloser Partys; und in dieser aufrührerischen, dunstigen Stimmung schien es so, als würde jeder gleichzeitig trinken, singen, zechen, diskutieren, Sex haben oder Faustkämpfe austragen. Diese Partys liefen unablässig – solange, bis ein Mädchen namens Dell Hutton bei einer dieser Zusammenkünfte in einer Sommernacht des Jahres 1926 an einer Drogenüberdosis starb.

Dulcie Deamer, die berühmte australische „Königin der Bohème“ führte zu dieser Zeit ebenfalls ein wildes Leben und sollte später behaupten, sie hätte über zweitausend Partys in Kings Cross miterlebt. Auf dem Künstlerball des Jahres 1924 trug Dulcie ein sensationelles Leopardenkostüm und war als eine Dame bekannt, die auf den Tischen der Café-Häuser einen Spagat zu machen pflegte. Einmal verlangte einer ihrer Vermieter, dass Dulcie ihre Wohnung verlassen solle; und sie war darüber so erbost, dass sie sich ein ruhiges altes Pferd besorgte und es in die Wohnung brachte. Dann füllte sie die Badewanne mit Wasser, legte ein wenig Heu in eine Ecke und verließ unbemerkt das Haus – und ließ das Pferd zurück.

Dulcie war eine lustige Person, facettenreich und extrovertiert, doch es gab auch Betrüger und Drogendealer in Kings Cross. „Phil, der Jude, verkaufte Kokain und gepanschten Alkohol und stand mit den sogenannten „Razor Gangs“ der 1920er Jahre in Verbindung. Er wurde reich, indem er eine Kette von heruntergekommenen Absteigen unterhielt, die er nach außen hin als Nachtclubs deklarierte. Sie trugen Namen wie „Fifty-Fifty Club“ und „Four Hundred Club“ und wurden zu Treffpunkten für Kleinkriminelle. Sogar die berüchtigte Verbrecherin Kate Leigh hinterließ ihre Spuren in Kings Cross. Sie war in den benachbarten Surry Hills von Sydney als „Königin der Unterwelt“ bekannt – eine hartgesottene und gesetzlose Frau, die eine Armee von Prostituierten, Zuhältern, Dieben, Schlägern und Geldeintreibern befehligte. Auch sie führte ein Geschäft mit gepanschtem Alkohol in der Liverpool Street, direkt im Herzen von Kings Cross.

So hielt sich ein ganzes Pantheon exotischer Charaktere in Kings Cross auf, einige von ihnen bezaubernd und einige von ihnen gefährlich. Roie und Gavin kannten Dulcie Deamer gut und Norton steuerte eine Phantasie-Zeichnung zu Dulcies Gedichtband The Silver Branch bei, dessen Umschlagillustration von Norman Lindsay angefertigt wurde. Dulcie und Roie liebten beide das Übernatürliche und Geheimnisvolle.

Als Norton und Greenlees aus Melbourne zurückkehrten, muss Kings Cross für sie zweifelsohne wie ein Heimathafen gewirkt haben. Sie mieteten eine Wohnung in einem dreistöckigen Reihenhaus in der Brougham Street Nr. 179 – nahe dem „Rotlichtviertel“ von Kings Cross. Ihre Wohnung befand sich nur wenige Schritte von der William Street entfernt; ein kurzer Spazierweg zu Adressen wie dem „Mansions Hotel“ in der Bayswater Road und dem „Arabian Café“ in der Darlinghurst Road. Im „Arabian Café“ hingen einige von Roies Gemälden an den Wänden, und man konnte oben auf einem Balkon sitzen, der farbig erleuchtet war, oder im Erdgeschoss ein intimeres Gespräch in einer spärlich beleuchteten Ecke führen. Es gab dort aber auch den „McGowan’s California Coffee Shop“, wo sich ungehobelte und entwurzelte Amerikaner trafen, sowie den schäbigen Glanz der Nachtclubs und Stripteaselokals, die dort seit dem Krieg ansässig waren.22

In Kings Cross war wie ein Fluss des Lebens, und zwar in jeder Hinsicht. Menschen überschwemmten das Viertel in der Nacht, angetrieben von einer immer wieder erwachenden Leidenschaft. Es war lebendig, aufregend, und man konnte sich in diesem Viertel verlieren, denn alles, was im Cross geschah, schien ewig anzudauern. Es war ein Ort, an dem man kommen und gehen konnte, wie man wollte, wo die Leute nicht zu viele Fragen stellten und wo jeder zugleich Fremder und Freund war. Dies liebte Norton, denn hier konnte sie ihre Visionen auf Leinwand bringen, die entlegenen Winkel ihrer Seele erkunden und trotzdem die schützende Erdverbundenheit der Menschen um sie herum fühlen. Da draußen, jenseits des Schleiers aus Tand, erwachten ihre Götter zu neuem Leben.

Zu dieser Zeit waren Norton und Greenlees bereits ein Paar, obwohl Roie noch offiziell mit Beresford Conroy verheiratet war. Es scheint allerdings, dass die Gelegenheit zu einer sexuellen Beziehung nicht der ursprüngliche Grund für die Anziehung zwischen den beiden gewesen war. Ohne Zweifel war es ihre gemeinsame Arbeit für den Pertinent, die sie zusammengeführt hatte – Roie als visionäre Künstlerin und Gavin als ein aufstrebender visionärer Dichter. Nach Cecilys Aussagen zu urteilen, war es der Altersunterschied zwischen Norton und Greenlees, der in erster Linie zu ihrer befruchtenden Beziehung führte. Norton war dreizehn Jahre älter als Greenlees und wurde sein Beschützer: Sie ermutigte ihn zu dichten, gab ihm Wärme und Freundschaft und bot ihm einen Grad an emotionaler Sicherheit, die ihm von seiner eigenen Familie, besonders von seinem Vater nicht zuteilwurde.

Das Reihenhaus in der Brougham Street war ursprünglich mit Ornamenten besetzt, und das breite Fenster neben der Eingangstür besaß zwei dekorative Paneele; seine Rahmen hatten den Betrachter einstmals durch ein kontrastierendes Braun bestochen. Doch nun waren die Schindeln zerbrochen, die Farbe sehr schuppig geworden, das Schieferdach musste repariert werden und das Haus wurde von Gammlern und Vertretern der Bohème bewohnt.


Das Hauses in der Brougham Street 179, Kings Cross

Bevor sie später gemeinsam in die Dachkammer ziehen konnten, lebten Roie und Gavin anfänglich zusammen mit einigen Hauskatzen im Kellergeschoß des Hauses – ein heruntergekommener Raum, der in Wirklichkeit eine umgebaute Waschküche war. Oben in der Dachkammer wohnte ein Mann namens Mick, der nur eine Hand hatte, stapelweise Tageszeitungen hortete und nur dann und wann das Haus verließ, um seinen täglichen Angelegenheiten nachzugehen. Der Raum, den Roie und Gavin bewohnten, war mit Krimskrams vollgestellt – Tierschädel, Knochen, Muscheln und Steine lagen überall verstreut inmitten alter Zigarrenkartons und vergessener Kaffeetassen. Die Hauptausstattung des Raumes bestand aus einem alten Sessel, einem großen Spiegel, der mit farbigen Perlen geschmückt war, und einem orangefarbenen, aus Krepp bestehenden Lampenschirm, der an einem langen Kabel von der Decke herabhing. Durch zerbrochene Deckenlatten waren Teile des Putzes locker geworden und fielen bröckelnd von den Wänden, und den weniger beleuchteten Bereichen des Raumes verliehen Spinnweben ihren Charme. Doch auch unter diesen Umständen übertrieb Roie noch zusätzlich und machte ihrem Ruf als Exzentrikerin alle Ehre. Auf einem Schild im Flur vor der Wohnung stand „Die Gammlerin“ und auf einem Plakat an der Tür stand geschrieben: „Willkommen im Haus der Geister, Kobolde, Werwölfe, Vampire, Hexen, Zauberer und Poltergeister.“

Die Brougham Street 179 wurde zunehmend zu einem Mekka für Neugierige. Besucher dieses heruntergekommenen Hauses konnten zu jeder Zeit eine interessante Person auf der Treppe treffen, denn die unterschiedlichsten Menschen waren dann und wann in ihm vorzufinden und es wurden keine Fragen gestellt. Sogar die Polizei schaute manchmal auf eine Tasse Tee vorbei, um sich eine Pause von der Langeweile auf ihren täglichen Runden zu verschaffen. Doch diese glückliche Beziehung hielt leider nicht lange. Bald schon erreichte Sergeant Francis Farrell – der bei allen als „Stoßstange“ bekannt war – die Nachricht, dass Hausnummer 179 eine besondere Lasterhöhle sei und Roie und Gavin dafür verantwortlich wären. Im Neusüdwales des Jahres 1951 galt es als rechtlich bindend, dass Mieter eines Hauses in der Lage dazu sein mussten, sichtbare Finanzmittel nachzuweisen. Wurde dieser Nachweis nicht erbracht, konnte das eine Anzeige wegen Landstreicherei nach sich ziehen. Im September 1951 wurden Norton und Greenlees als Landstreicher festgenommen. Sie wurden später an das Zentralgericht verwiesen und bekamen zwei Wochen Zeit, um eine ausreichend bezahlte Arbeit zu finden.


Norton, Pan, Greenlees in den 1950ern – dieses Foto wurde in der Brougham Street 179 aufgenommen


Walter Glover, ca. 1951

Zu dieser Zeit machten sie die Bekanntschaft eines Mannes, der eine Hauptrolle in ihrem zukünftigen Leben spielen sollte – Wally Glover. Glover selbst hatte eine gemischte Karriere hinter sich.

Er wurde im Jahre 1911 geboren, hatte die Schule mit dreizehn Jahren verlassen und für verschiedene Handelsjournale wie Decoration und Glass, Package Parade und Signs and Showcards gearbeitet. Mit dem Beginn des Zweiten Weltkrieges hatte er als Sergeant der Australischen Armee in Neuguinea gedient und war schließlich sogar in den Dienstgrad eines Captains in der Ausbildungsdivision der Armee erhoben worden. Nach dem Krieg wurde er freischaffender Verleger und arbeitete halbtags als Redakteur des Pastrycook’s Review. Glover erinnerte sich später: „Ich kam auf die Idee, mich an die Hauptwache der Polizei zu wenden und zwei Leuten, die mir unbekannt und die wegen Landstreicherei in Untersuchungshaft genommen worden waren, eine Arbeitsmöglichkeit anzubieten.“ Später arrangierte er für sie ein Treffen in seinem Büro:

Sie kamen an späten Nachmittag in mein Büro, beide hatte sich frisch gemacht und sahen blendend aus, als ob sie gerade aus der Badewanne kamen – aber sie waren wie Hippies gekleidet und damit ihrer Zeit zwanzig Jahre voraus. Gavin hatte eine Vorliebe für Kupfer; die Brille, die er auf der Nase trug, wurde von einem Kupferdraht zusammengehalten, so wie auch seine ausgetragenen Schuhe. Rosaleen war mehr mit Dämonen beschäftigt, obwohl sie zu dieser Zeit noch nicht die markanten Merkmale, die ihr späteres Erscheinungsbild ausmachten, kultivierte. Sie zeigten mir ihre Arbeiten, die nicht für diesen Zweck ausgemacht, jedoch außergewöhnlich waren. Sie stellten einen echten Querschnitt von Rosaleens künstlerischen Fähigkeiten dar und unterschieden sich so sehr von allem, was ich bisher zu Gesicht bekommen hatte, dass ich von diesem offensichtlichen Potenzial nur beeindruckt sein konnte.23

An dieser Stelle ist vorauszuschicken, dass Wally Glover nicht den symbolischen Gehalt der Werke selbst verstand, und zu dieser Zeit keine Absicht bestand, ein Buch mit ihnen zu veröffentlichen. Glover suchte nur nach Assistenten, die ihn bei seiner freiberuflichen Werbetätigkeit und seinem Journalismus unterstützten. Nach und nach aber fasste er den Gedanken, dass eine Publikation der Werke eine lohnende Sache sein könnte, wenn man die Dinge phasenweise angehen würde. Anfangs hatte er die Idee, Roies Illustrationen auf Blättern drucken zu lassen, dafür seine lithographische Presse im Büro zu verwenden und dann die Blätter mit einem pinkfarbenen Band zusammenzubinden. Aus diesem Grunde beauftragte er seinen Rechtsanwalt Bob Benjafield, einen Vertrag für Roie und Gavin aufzusetzen, durch den die beiden Honorare als Vorschuss auf zukünftige Auszahlungen aus Buchverkäufen erhalten konnten. Als ein Honorar von 15 % sollte Wally Roie und Gavin offiziell jeweils 8 Pfund pro Woche zahlen, was sich auf ein Maximum von 200 Pfund erhöhen konnte. Tatsächlich aber war die Summe, die zum Schluss an die beiden ausgezahlt wurde aufgrund der Tatsache, dass die Herstellung des Buches ein ganzes Jahr dauerte, erheblich höher. Doch die Zahlungen erfolgten nicht nur in eine Richtung. Wally erhielt einen Vertrag, in dem er als Urheberrechtshalter aller bereits angefertigten, gegenwärtigen und zukünftigen Kunstwerke Roies genannt wurde. Glover erinnerte sich später, dass es mit der Entscheidung, das Buch zu verlegen zu einer plötzlichen Veränderung seiner finanziellen Situation kam:

Geld tauchte einfach so wie durch Magie auf. Jobs, die Geld einbrachten, kamen aus den am wenigsten erwarteten Quellen. Ich wurde aus meinem klitzekleinen Ein-Pfund-pro-Woche-Büro, das ich in einem wie ein Kaninchenstall anmutendem Komplex in der Innenstadt bewohnt hatte, zwangsgeräumt; doch als der Portier des Gebäudes von meinem Elend erfuhr, bot er mir eine Alternative an, bei der es sich um ein gesamtes Stockwerk handeln sollte! Als Gegenleistung für schöne 300 Pfund pro Woche gab der Portier die Schlüssel einem Werbeagenten, welcher mir wiederum aus Dankbarkeit seine ehemaligen Büroräume zeigte.

Das Büro war leer, doch an diesem Tag traf ich noch einen Bekannten aus der Zeit vor dem Krieg wieder, der in der Immobilienbranche tätig gewesen war. Er erzählte mir, dass er in der folgenden Woche ins Gefängnis gehen müsse und ich mir geeignete Büromöbel aus einem bestimmten Möbellager aussuchen könne, wo diese sonst voraussichtlich für die kommenden fünf Jahre verbleiben müssten. Rosaleen feierte unsere Anschaffung, indem sie ein riesiges Wandgemälde von Baphomet, dem mythischen Gott der Energie, schuf …24

Rosaleen Nortons Kunst – und was sie Bewirkte

In den darauffolgenden Monaten waren Roie und Gavin intensiv mit der Auswahl von Werken für ein neues Buch beschäftigt. Gavins okkulte und metaphysische Gedichte sollten die besten von Roies fantastischen und evokativen Illustrationen begleiten. Es war eine Zeit intensiver Gespräche; mehrmals wurden Texte umgeschrieben und abgeändert, was laut Roie wiederholte Male Auslöser dafür war, dass „Gavs Nerven blank lagen.“ Die Zeichnungen reflektierten nunmehr jede Dimension ihrer fruchtbaren Phantasie.

Unter diesen ausgewählten Bildern waren Arbeiten zu Lilith, die Königin der Luft und Finsternis und eine Personifikation der Mächte der Nacht; zu einem gehörnten Teufel namens Fohat, dessen Phallus die Form einer Schlange hatte; und zu einer Löwen-Gottheit namens Eloi, die einen alten persischen Monarch verkörperte. Auch dabei waren Rites of Baron Samedi, Nortons persönliche Impression einer rituellen Invokation und Black Magic, das nach ihrer Ansicht die „Vereinigung mit der Nacht“ darstellte. In diesem Werk wurde das „Unbekannte“ durch einen schwarzen Panther personifiziert.

Nicht alle Bilder waren düster und dämonisch. Eine ihrer Arbeiten, Entombment of Count Orgaz, stellte die Parodie auf ein gefeierten Gemäldes El Grecos dar. A Room at Castle Issusselduss bildete Uhren, Vasen und Stühle ab, die auf magische Weise und wie in einem Märchen zu leben anfangen; Mosque of Eidolons und Fisher of Men waren einfach boshafte Karikaturen von Kirchengestalten und Edith Sitwell war ein Tribut an einen Schriftsteller, dessen Werk Roie kürzlich gelesen hatte. Gavin war unterdessen damit beschäftigt, einige seiner evokativsten Gedichte zusammenzustellen. Das folgende Gedicht begleitete The Angel of Twizzari, ein Werk, das die Traumwelt als einen Aspekt der „Astralebene“ darstellen sollte.25

Er ist das Schloss der Echos

Und die Wandernde Mühle, Nebeneffekt-Attraktion jenseits des Schlafes

Wir erschufen jene sich auflösenden, beweglichen Korridore

Aus dem traumvertrackten, archaischem Fleisch

Der Riesen, die nicht mehr sind.

Einheiten der Schwerkraft, die in einem Schwindelanfall die Wissenschaft befruchtet haben

Er ist ein lebendiges Wörterbuch jener Arten und Weisen

Wo im Innern dieser eleganten Suiten,

Die pelz- und spiegelgetäfelt, frucht- und edelsteinbesetzt, Botschafter einherschreiten

Und ihre Verstandesteile einsammeln.

Wie Jäger falsche Silhouetten durch die langen

Nachtwachen beobachten.

Und seltsam gestaltete Diplomaten in Schweigen gehüllt

Ihre Rechte einfordern für Ländereien, die ihnen unbekannt und

Bei Tageslicht ihre Arbeit anerkennen oder verdammen.

„Nacht, Nacht“ … Hier sind jene Szenen, die wir alle proben

Wenn das Profil des Fixierten und offensichtlichen Zwecks dahinschwindet.

Hier herrschen jene eisernen Notwendigkeiten, die im Getrippel der vergehenden Zeit ihre Kinder formen,

Gezeugt in den sich drehenden Spiegeln der Welt,

Der Du zu entgehen scheinst, wahrhaftiger verborgen als alles andere.

Wenn die bekannte Musik des Tageslichts die sichtbaren Lampen verdunkelt,

Obgleich es unter ihnen einen anderen gibt, der gemacht aus dem rastlosen Anderen in uns, dort lebt

Ein Arbeiter in den Dunkelkammern des Raumes,

Bewegt sich entlang einer Brücke, gemacht aus königlichen Herzen,

Die, sich kümmernd um die inwendigen Tänze,

Alle Liebe und alle Aufruhr in sich aufnehmen.

Hier sind sie, alle unsere verspielten Lieblingsgeister –

Die Séance der Hände, der Reisebericht mittelalterlicher Städte

In denen einmal ein großer Gelehrter im Schweiße seines Angesichts arbeitete,

Verstört von den Jahrhunderten, die ihre Dämmerlehre trocken vor sich hin murmeln

Hinter einem Vorhang, inmitten kurioserer Ausstellungsstücke –

Gestalten, geboren aus dem sich verändernden Labyrinth,

Doch überspannt vom Regenbogen seiner siegreichen Kunst.

Während einige Gedichte einfach imaginative Arbeiten darstellten, waren andere – wie Esoteric Study – scheinbar von Norton selbst inspiriert worden:

Aus sich selbst heraus erschuf die Erde ihre wachenden Gesichter

Und, indem sie die Gesetze annahm, die sie ihr gaben,

Erschuf sie aus sich selbst heraus

Kreaturen, um ihr zu dienen – Tiere, Gedichte,

Vergessene Lebewesen, Männer, Frauen …

Aus sich selbst heraus erschuf sie die Großartigkeit der Dinge

Und den Glauben daran, aufrichtig oder ermattet.

Aus diesem einen Glauben heraus

Haben alle an verschiedenen Gussformen geglaubt,

Und manchmal, wenn sie ihr näher waren,

Haben einige wenige gelebt, denen die Wächter lehrten das

Wissen um die stillen Waldgewässer und Bögen,

An die sich die flachen, unsichtbaren Schattenhäuser

Anhängt haben.

Und die ganze Welt ist lebendig mit jenen Schöpfern,

Die, so spindeldürr wie ihre Mission, einher kriechen durch die

Stille der Ehrfurcht.

Die alten Namen waren angestaubt. Darum erschuf die Rede

Aus sich selbst heraus Gargos, Anubine und Fom.

Gargos ist der Herr der Hüllen

Und er findet seinen Halt im Zerfall,

Lasst uns lernen und das Museum bewundern,

Das aus seinen beeindruckenden Terrassen besteht,

Gemacht für Zigeuner, die ausgelassen in den Wäldern des unendlichen Neptuns umherlaufen

Und unbeirrt verzehren

Das Aas der vielen Weltanfänge.

Anubine ist das Gedächtnis, das die Dinge bewahrt

Als ein Licht der Einheit,

Wann immer sich Dein Gesicht auf

Dem inneren Strom widerspiegelt,

Verhöhnt sein gelassenes „Gesicht“ den Verhöhnenden,

Der „Spiegel“ schreit, auf seiner Seite das Gesetz,

Das in der Ruhe eines jeden grenzenlosen Akteurs besteht.

Form, auf deren Braue sich der Diamant des ultimativen Tageslichts niederließ.

Ist der Mund, aus dem jene Worte stammen,

Für die selbst das graue Erdenrund nur kurze Amanuensis ist.

Eines der Gedichte, als höchst evokatives Werk zu Black Magic verfasst, wurde von Rosaleen selbst geschrieben und mit ihren Initialen versehen. Es ist nicht verwunderlich, dass es eines der Aufschlussreichsten von allen darstellt, denn es ist ein persönlicher Bericht über Roies magische Begegnung mit den Mächten der Nacht:


Esoteric Study.

Bild XII in The Art of Rosaleen Norton

Des Lichts Schwarze Majestät – Mitternachtssonne: Herr der wilden und lebendigen Sterne:

Seele der Magie und Gebieter des Todes;

Panther der Nacht … schließ mich in Deine Arme.

Nimm mich auf, dunkler Leuchtender; vermische mein Wesen mit Deinem,

Pirsche und räubere umher in meinem Geist mit tiefglücklichem Schnurren,

Sei in mir lebendig, Du, der Du Schrecken und Ekstase verleihst,

Berühre mich mit Flammen aus schwarzem Feuer.

Nähre mich mit dem Feuer am Mittelpunkt des Schwarzen Opals,

Ich trinke lebendiges Silber in monderwachten Straßen,

Und Sternenstimmen klingen:

Alle Fremdartigkeit ist mit mir,

Ragt auf, unsichtbar, die Erde verändernd.

Hass und Himmel vermischen sich in mir: Sie schlagen mit dem Puls der Sterne,

Denn ein Gott ruft in meinem Herzen mit urzeitlichem Glanz

„Kind des Schattens, Ich hasse die Menschheit!„

Die Nacht, die launische Nacht, befreit mich …

Arme Narren, schlaft auf Euren Totenbetten des Lebens! Mein Heim ist das Haus der Winde,

Mit seinen gewaltigen Liedern des Raumes, die wild in meinen Ohren klingen,

Deren rufendes Herz sich zu ihrer Melodie bewegt.

Ich verhöhne die Formen, die sich mühselig dicht gedrängt durch das Lampenlicht vorwärtsbewegen:

Dumm und grausam – oder freundlich –

Sie sind Fremde, das Andere. Unruhe berührt mich …

Furcht vor diesen Menschen … und gleite zur Seite hinfort:

Doch wohlwissend in meiner Furcht, in meiner lautlosen Entrücktheit,

Weiß ich, dass sie Sie sind und ich bin Ich.

Die Häuser alter Städte winden sich spiralförmig über mir, von der Nacht beschworen, aus der Zeit erstehend.

Und ich höre, durch das Aufschäumen luminösen Schweigens –

In sich gekehrt, schwingend, der Klang der Einsamkeit –

Den Ruf derer, die so sind wie ich.

Leise kommen sie herbei, flattern sanfteren Flügels als Geheimnisse; leichtfüßig, samten, schnell …

Mit grün glänzenden Augen, züngelnde Flamme des Opals.

Verwandt … wir signalisieren, dass wir uns in der Kürze des Augenblicks wiedererkannt haben.

Ich bin Ich … doch ich weiß, wir sind wir

Panther des Schweigens; Gottheit der Nacht; Herr der ungezähmten, unmenschlichen Sterne;

Du gehörst zu mir; wimmelnde Seele der Einsamkeit.

Hier gibt es kein Alleinsein, geheimer Gebieter –

Du, Dunkler Geist, bist bei mir.

R.N.

Während Roie und Gavin an den Gedichten und Illustrationen arbeiteten, war Wally Glover mit den logistischen Vorbereitungen zu Druck und Veröffentlichung des Buches beschäftigt. Hochwertiges Büttenrand-Papier der Sorte „Glastonbury Antique“ wurde bei B.J. Ball bestellt. Tonecraft of Marrickville wurden als Drucker beschäftigt, und ein pensionierter Pilot namens Alan Cross – der seine Karriere bei New Guinea Airways gemacht hatte – wurde als Buchbinder ausgewählt. Cross war allerdings keine sehr passende Wahl. Seit seiner Pensionierung hatte er sein Geld mit dem Binden alter Familienbibeln verdient, und Wally kontaktierte ihn über eine Werbezeige im Sydney Morning Herald. Sie einigten sich darauf, fünfhundert Exemplare von The Art of Rosaleen Norton für einen Betrag von 1 Pfund pro Stück in Leder zu binden. Davor hatte es tatsächlich Gespräch darüber gegeben, ob man nicht einige Exemplare des Buches in gebräunter Fledermaushaut binden sollte, da es zuvor im selben Jahr in Sydney eine Flughund-Plage gegeben hatte! Doch Wally und Alan einigten sich darauf, dass der Standard-Ledereinband die praktischere Lösung sein würde.

Trotz seiner Verhandlungen mit Alan Cross und den Druckern behielt es Wally für sich, dass er nicht genügend Finanzrücklagen auf der Bank hatte, um alle Kosten zu decken, die sich aus der Produktion ergeben würden. Ob seine Zulieferer bezahlt würden oder nicht, würde hauptsächlich davon anhängen, wie sich das Buch auf dem Markt verkaufen ließ.


Titelseite von The Art of Rosaleen Norton

Als The Art of Rosaleen Norton endlich Mitte August des Jahres 1952 erschien, war es deutlich, dass man keine Mühen gescheut hatte, um daraus eine ansehnliches Buch zu machen. In rotes Leder gebunden, hatte es einen goldenen Blocksatz und einen tiefblauen Umschlag, auf dem eine beeindruckende Strichzeichnung von Norton abgedruckt war. Der Preis für das Buch lag bei acht Guineas pro Exemplar – ein beträchtlicher Betrag zu jener Zeit. Doch seine Veröffentlichung wurde schon bald zu einem Trauma. Am selben Tag, an dem Vorabexemplare des Werks von Alan Cross erwartet wurden, starben sowohl Walter Glovers als auch Rosaleen Nortons Vater, wodurch die Veröffentlichung des Buches in ein Chaos gestürzte wurde. Walter Glover erinnerte sich später an die Ereignisse dieses Tages:

Ich eilte zum Haus meinen Eltern in der Vorstadt, um bei den Beerdigungsmodalitäten behilflich zu sein. Ich fuhr mittags los, traf Alan Cross, holte die Bücher ab und brachte auf dem schnellsten Wege jeweils ein Exemplar zu den Zeitungsredaktionen. Exemplare des Buches wurden nach New York, London und zu meinem Repräsentanten nach Paris geschickt. Dann aber brach alles zusammen. Wir hatten keine Bücher mehr und auch keinen Vertrieb. Die entstandene Publizierung brachte Nachfrage ein, doch niemand wusste, wo man die Bücher kaufen konnte …26

Die Angelegenheit wurde sogar noch komplizierter, als dem Hauptpostmeister wegen „unverschämter Publikation“ strafrechtliche Verfolgung angedroht wurde. Gewisse weibliche Gestalten waren in den Illustrationen aufgefallen, die vollständig und nur mit Schamhaaren bedeckt abgebildet wurden. In der Zwischenzeit kündigten Tageszeitungen im ganzen Land die Veröffentlichung des „eklatantesten Beispiels von Obszönität“ an, „das jemals in Australien verlegt wurde.“ Der Sydney Millions Club, der eines von Nortons Ölgemälden in seiner kommenden Charity-Auktion versteigern wollte, nahm das Werk aus seiner Ausstellung, und der Sponsor der anstehenden Buchpräsentation zog seine Unterstützung zurück.

Doch dann nahmen die Ereignisse eine seltsame Wende. Im Sky Ballroom in der Elizabeth Street war zu Ehren des Großmeisters einer Freimaurerloge eine große Party organisiert worden. Unerwarteter Weise – doch nichtsdestoweniger zu einem bemerkenswert günstigen Zeitpunkt – verstarb der Ehrengast und Essen und Getränke konnten verwendet, der großartige Veranstaltungsort anderweitig gebucht werden. Die Gelegenheit für die Präsentation von The Art of Rosaleen Norton war nun gegeben und konnte doch noch vonstattengehen. In einem Bericht wurde davon gesprochen, dass die Veranstaltung „mit teuflischer Freizügigkeit“ ablief und man ihr in einem nationalen Wochenblatt daraufhin sogar eine ganze Seite widmete.

Das Buch hatte offensichtlich eine große Wirkung, da der amerikanische Konsul ein in Fledermausleder gebundenes Exemplar bestellte und das Pakistanische Konsulat sowohl die Künstler als auch den Verleger dazu einlud, ein erotisches Kunstbuch zu produzieren, das auf der mythischen Bilderwelt gewisser Tempel in Pakistan beruhen sollte. Die Gefahr einer Verfolgung für die Beteiligten durch die australische Regierung wuchs jedoch weiter an und ließ sich nicht mehr abschütteln.

Hart auf hart kam es schließlich am 27. August, als Wally Glover offiziell wegen Herstellung einer obszönen Publikation angezeigt wurde. Er erschien zum ersten Mal am 25. November 1952 vor dem Zentralgericht und plädierte auf „nicht schuldig.“ Als Repräsentant der Krone war D.J. Vine-Hall anwesend; Wally Glover wurde von seinem Verteidiger Jack W. Shand vertreten. Der Zeitungsmagnat Frank Packer, der ein persönliches Interesse an dem Fall hatte, erklärte sich einverstanden, Glovers Gerichtskosten zu übernehmen.

Bei der Eröffnung der Gerichtsverhandlung vor Richter Solling erklärte der Anwalt der Krone, das Buch selbst würde den notwendigen Beweis für eine Anklage wegen Obszönität liefern. Doch der Fall stellte sich als nicht so einfach erklärbar heraus. Die Debatte zum Inhalt des Buches erwies sich als eine langwierige Angelegenheit, die sich bis zum Februar des darauffolgenden Jahres hinzog; und im Zuge der Verhandlung musste Norton selbst ihre Zeichnungen vor Gericht erläutern.

Mr. Vine-Hall lenkte besondere Aufmerksamkeit auf die Illustrationen eines schwarzen Panthers (Black Magic), eines geflügelten Androgyn (Individuation) und einer nackten Frau, die aus einem Ei emporsteigt (Esoteric Study). Norton antwortete in geistvoller Weise, sprach über die Psychologie Jungs und Freuds und erklärte, dass sich viele ihrer Werke auf die „Fusion des Bewussten mit dem Unbewussten“ bezogen. Bei der Beschreibung von Black Magic, eine jener Arbeiten, die während des Obszönitäts-Prozesses in Melbourne erfolgreich verteidigt werden konnte, sagte sie einfach, dass der schwarze Panther die geheimen Mächte der Nacht versinnbildlichen würde, während Esoteric Study eine „verborgene Seite der Religion“ symbolisiere, „welche nur wenige Auserwählte überhaupt erkennen könnten.“

Richter Solling schloss den Fall schließlich ab, indem er Glover eine Strafe von fünf Pfund sowie die Gerichtkosten zahlen ließ. Weiterhin wurden im Urteilsspruch zwei von Nortons Werken, The Adversary und Fohat, als „Obszönität und als Angriff auf Keuschheit und Delicacy“ befunden, und in existenten Exemplaren des Buches müssten die entsprechenden Seiten geschwärzt werden.27 Zwischenzeitlich schrieb Norton ein Epitaph, in dem sie resümierte, was sie von der Entscheidung des Richters hielt:

Odium Psychopathologicum

Schauet her, meine Freunde, dieser leere Raum,

Der diesem Buch solch Ungnade widerfahren lässt,

Die Zeichnung, die ihn ausfüllen sollte, ist verschwunden:

Gebannt

Und

Indiziert!

O wütende Puritanische Hyäne!

Eure Brut allein hat diese Ungnade in die Welt gebracht,

Die sich spiegelte und im Gespiegelten ihr eigenes verfaultes Gesicht sah;

Mit einem Geist so leer wie jener leere Raum,

Deren Kultur (O Zeitalter der Erleuchtung!)

Wie eine fehlende Seite ist.

Erzürnter Caliban

(Dessen Wissen, begrenzt wie dieses Buch, Dich verschwinden lässt);

Der Du die Kunst zum Ausdruck ihrer selbst zerschnippelst,

Das sind die Geheimnisse Deiner eigenen Unterdrückung,

Heul Deine Bosheit hinaus in die Welt! Banne –

Doch wisse, O kleingeistiger Affe

„Honi soit qui mal y pense!”28

Nun wurde das Buch populär und Rosaleen verdiente gut mit künstlerischen Auftragsarbeiten. Dennoch gab es auch weiterhin Probleme mit der Justiz – dieses Mal in Übersee. Exemplare des Buches, die man nach New York geschickt hatte, wurden konfisziert und von der amerikanischen Zollbehörde verbrannt, womit es in Australien automatisch zu einem verbotenen Importprodukt wurde. Niemand, der ein Exemplar ausführte, konnte es legal wieder einführen.

Auch fand Walter Glover zunehmend, dass das Buch zu schwer zu bewerben sei, und der gesamte Vertrieb wurde schließlich aufgelöst. Bis zum Jahre 1957 war er offiziell bankrott; die Publikation des Buches hatte beträchtlich zu seiner Insolvenz beigetragen. Die Urheberrechte für die Kunstwerke im Buch, die ihm im Vertrag mit Rosaleen Norton und Gavin Greenlees zugesprochen worden waren, gingen nun auf den Konkursverwalter über, und wurden bis Mai 1981 nicht wieder auf ihn rückübertragen.

Die Gerichtsverhandlung hatte jedoch einen positiven Nebeneffekt: Der Buchbinder Alan Cross bekam natürlich sein Geld nicht und daher ermutigte Wally Glover ihn, so viele Exemplare der Seiten wie möglich zu binden und zu verkaufen, um damit zur Kostendeckung beizutragen. In einer beschwichtigenden Geste bat Glover Cross sogar an, er und seine Frau könnten sich eine von Roies Originalzeichnungen als Entschädigung aussuchen. Alan Cross hatte eine Schlange auf seinem Körper tätowiert und so suchte sich seine Frau Fohat aus – die erotische und angeblich obszöne Illustration, die von richterlicher Seite indiziert worden war. Der schlangenförmige Phallus, den Fohat abbildet, würde genauso aussehen wie die Tätowierung ihres Mannes, sagte sie.

Norton und der „Teufelskult“

Nach der Veröffentlichung von The Art of Rosaleen Norton und der darauffolgenden Kontroverse erlangte Norton zweifelsohne öffentliche Berühmtheit in Kings Cross und wurde zu einer Person, welche die Menschen auf der Straße neugierig machte. Bestimmte Coffee-Shops wie das Apollyon und das Kashmir standen im Ruf, Treffpunkt ihres „Teufelskultes“ zu sein und wurden nun von neugierigen Passanten belagert, welche hofften, Norton zu treffen. Häufig kamen Besucher sogar in die Coffee-Lounges und baten hinter vorgehaltener Hand um eine Tasse Fledermausblut! Die Inhaberin eines der Coffee-Shops – eine Mrs. Pixie Robinson – beklagte sich darüber, dass sie immer gefragt wurde, ob sie die „Hexe von Kings Cross“ sei – und zwar nur, weil sie des Öfteren schwarze Hosen und einen dazu passenden Sweater trug. „Nein“, antwortete Mrs. Robinson wie mechanisch und voller Verzweiflung, „Sie wollen nicht zu mir, Sie wollen zu Roie … “

Das Apollyon war ein besonders bunter Treffpunkt und so etwas wie eine Institution im Cross Viertel. Die oberste Etage war nur dazu da, um eine Tasse Kaffee zu trinken, doch unten ging es eher wie bei Pakie’s zu – ein Club für Leute mit alternativem Lebensstil, die sich dort trafen und sich bis spät in die Nacht unterhielten. Roie hatte dort in einem großen Raum, der nach hinten hinaus gelegen war eine dauerhafte Ausstellung ihrer Gemälde; und für eine gewisse Zeit wurde das Café zu einem Synonym für ihre übernatürliche Kunst.

So kamen also die Touristen und hofften, in der Menschenmenge der „Hexe von Kings Cross“ zu begegnen, und sie waren immer fasziniert von den beeindruckenden Gemälden, welche die Wände zierten. Einige der Fans jedoch gingen mit ihrer Verehrung zu weit und liefen die William Street bis zu Nortons Wohnung in der naheliegenden Brougham Street hinunter, um Souvenirs mitgehen zu lassen. Einige Passanten nahmen die okkulten Symbole von der Wohnungstür, und einmal sogar verschwand die gesamte Tür. Dieses Verhalten verärgerte Roie sehr, denn trotz der Flut an exotischen Zeitungsgeschichten über sie war sie im Herzen eine sehr zurückgezogene Person. Ein etwas gruseliges Image war eine Sache – harmlos und spaßig – aber das Ganze wurde für sie zu einer leidigen Angelegenheit, wenn die Menschenmenge zu dicht an sie herankam.



Als Gerüchte um Roies okkulte Praktiken weiter die Runde machten – und diese immer fantastischer undbunter ausgeschmückt wurden – stieg die Wahrscheinlichkeit, dass irgendjemand früher oder später von Schwarzen Messen berichtete, die in der Brougham Street 179 abgehalten werden würden. Eine solche Offenbarung erfolgte schließlich am 14. September 1955 aus dem Munde einer gewissen Anna Karina Hoffmann. Hoffmann war eine Einwanderin aus Neu- seeland und nach ihrer Ankunft in Australien nach Kings Cross gekommen, um „ein neues Leben zu beginnen.“ Zu dieser Zeit verfügte sie nur über 76 Pfund: 75 davon lagen in ei- ner Bank in Auckland und 1 Pfund auf einem Sparkonto in Kings Cross. Sie führte ein recht erbärmliches Leben als Teilzeit-Kellnerin und lebte ziellos in den Tag hinein; oft schlief sie nachts bei Bondi Beach oder in der Umgebung dessen.

Eines Nachts bemerkte Detective Ikin von der Polizeistation in Darlinghurst Anna Hoffmann in der Darlinghurst Road in Begleitung eines Mädchens, das als mutmaßliche Kriminelle galt. Hoffmann beschimpfte Ikin, als er sich ihr näherte; doch dann flehte sie ihn an: „Ich kann mein Leben nicht mehr ertragen. Ich habe seit Tagen nichts mehr gegessen. Bitte fick mich, solange ich noch bei klarem Verstand bin … “ Als sie immer hysterischer wurde, behauptete sie, der Hauptgrund für ihren Ruin sei eine Schwarze Messe gewesen, der sie „bei Roie – der Hexe von Kings Cross“ – beigewohnt hätte. Ikin nahm Hoffmann wegen Landstreicherei fest, und sie musste vor dem Zentralgericht erscheinen.

Eine Woche später erschien Hoffmann vor dem Bepfründeten Richter Blackmore; zuerst weigerte sie sich, den Eid zu leisten, indem sie behauptete keine Christin zu sein. Später gab sie bei dem Gericht an, sie sei Buddhistin und prophezeite überdies, dass das „böse Auge Buddhas Detective Ikin für den Rest seines Lebens verfolgen würde.“

Diese übertriebene Drohung hätte ein klares Indiz für Hoffmanns Geisteszustand sein sollen, dennoch aber wurden weiteren „Beweisen“ entnommen, dass sie den Ritualen eines Teufelskults mit Rosaleen Norton beigewohnt hatte und dass alle Teilnehmer dort schwarz getragen hatten – die Farbe des Teufels. Außerdem, so sagte Hoffmann, hätten sie eine Schwarze Messe zelebriert. Auf die Frage, was diese bedeute, antwortete sie: „Sexorgien und Parties.“ Später gab Anna Hoffmann an, dass sie nicht tatsächlich an einer Schwarzen Messe teilgenommen hatte und beteuerte, die angebliche „Verbindung“ zu Rosaleen Norton beruhe auf reinem Hörensagen. Hoffmann wurde zu zwei Monaten Haft verurteilt und von Richter Holden in einer Gerichtsanhörung sogar als eine „Bedrohung“ beschrieben.

Trotzdem nahm Roies ohnehin angeschlagener Ruf als Folge der flächendeckenden Berichterstattung über die Anschuldigungen Hoffmanns beträchtlichen Schaden. Sie musste später noch ausführlich erklären, dass der gehörnte Gott Pan in keiner Weise mit Luzifer, dem Gott der Satanisten, in Verbindung stand und dass sie niemals an einer Schwarzen Messe teilgenommen hatte.

Kurz danach veröffentlichten zwei Nachrichtenreporter aus Sydney einen detaillierten Augenzeugenbericht über ihren Besuch einer Schwarzen Messe in Kings Cross, bei der sie eine in Robe gekleidete Hexe und einen Hexenmeister beobachtet hatten, die eine christliche Messe nachahmten, bei der ein Hahn geopfert wurde. Dieser Vorfall verärgerte Roie besonders – denn sie hätte etwas Derartiges, wobei ein Tier verletzt wird, niemals geduldet. Später kam heraus, wie dieser Vorfall fabriziert worden war: Die Teilnehmer der „Schwarzen Messe“ waren Universitätsstudenten, die sich zeremonielle Roben angezogen und Knochen aus der Anatomieabteilung der Universität verwendet hatten, um die bizarre, satanistische Atmosphäre eines „Opferrituals“ zu kreieren. Leider trugen solche Episoden nur dazu bei, dass das Interesse der Öffentlichkeit an Roie weiter stieg und Berichte über angebliche „Hexerei und Schwarze Magie“ in Kings Cross veröffentlicht wurden. So wurde z. B. Anfang November 1955 David Goodman, der Besitzer des Kashmir, vom Central Summons Court in Sydney wegen der angeblichen Obszönität dreier von Nortons Gemälden angeklagt, die in seinem Café hingen – Schwarze Magie, Belphegor und Beelzebub. Am 19. November 1955 wurde Goodman von Richter K.M. Dash für schuldig befunden, obszöne Kunstwerke auszustellen und musste eine Strafe von 5 Pfund plus 1 Pfund Gerichtskosten zahlen.

Einige Wochen zuvor – am 3. Oktober 1955 während einer Razzia, die sich noch als folgenschwer erweisen sollte – betrat die Sittenpolizei der Polizeiwache von Darlinghurst das Haus in der Brougham Street 173 und erstellte Anzeige gegen Norton und Greenlees wegen der Ausübung „eines unnatürlichen sexuellen Aktes.“ Der Grund für diese Polizeirazzia war die Entdeckung einer Sammlung von Filmnegativen, die angeblich Beweise für einen Hexenkult in Kings Cross lieferten. Während der darauffolgenden Gerichtanhörungen stellte sich heraus, dass zwei Männer namens Francis Honer und Raymond Ager – die, wie später ermittelt wurde, Mitglieder von Nortons Zirkel waren – dem Sydney Sun „obszöne“ Fotos angeboten und versucht hatten, diese für 200 Pfund zu verkaufen. Weiter wurde festgestellt, dass Honer die Filmnegative aus Nortons und Greenlees‘ Wohnung gestohlen hatte. Die Fotos zeigten angeblich Norton und Greenlees bei einem Geißelungsritual. Norton soll dabei mit den Hand- und Fußgelenken an einen Sockel gefesselt und Greenlees in eine zeremonielle Robe gekleidet gewesen sein. Es wurde der Beweis erbracht, dass die Fotos kurz zuvor bei Nortons Geburtstagsfeier gemacht worden waren: Honer hatte die Filme von einer Couch in der Wohnung gestohlen, während Norton und Greenlees zeitweilig nicht da waren. Die beiden Männer wurden schließlich zu vier Monaten Gefängnis verurteilt; doch die Gerichtsverhandlung und die anschließenden Anhörungen mit Norton und Greenlees wurden von der Boulevardpresse mit umfassenden Berichten aufgegriffen. Roie war gezwungen, ihren Glauben an den Pantheismus vor Gericht zu verteidigen, und zwar indem sie ihn als eine heidnische Verehrung alter griechischer Götter beschrieb.

Die Hexe und der Dirigent

Eine der bedeutendsten Episoden in Nortons Leben drehte sich um ihre höchst kontroverse magische Beziehung zu dem herausragenden englischen Dirigenten und Komponisten Sir Eugene Goossens (1893 - 1962), der sich bereits musikalisch etabliert hatte, bevor er im Jahre 1947 nach Australien kam. Er wurde am 26. Mai 1893 in London geboren und besuchte das College of Music in Liverpool. Er wurde zu einem professionellen Geiger und spielte von 1912 bis 1916 im Queen’s Hall Orchestra. Goossens fing im Jahre 1912 auch mit dem Dirigieren an; 1916 wurde er von Sir Thomas Beecham dazu ermutigt, sich auf diesen speziellen Aspekt der klassischen Musik zu konzentrieren. Im Juni 1921 gab Goossens eine Reihe von Konzerten in London, unter anderem auch seine erste von der Kritik gelobte Konzertaufführung von Strawinskys Le Sacre du Printemps, bei der Strawinsky selbst anwesend war. Goossens dirigierte im Jahre 1922 auch Diaghilews Les Ballets Russes und das Carl Rosa Opern-Ensemble in Covent Garden.

Im Jahre 1923 wurde Goossens Dirigent des Rochester Philharmonic Orchestra im Staate New York und 1931 dann als Nachfolger von Fritz Reiner dauerhafter Dirigent des Cincinnati Symphony Orchestra – ein Posten, den er fünfzehn Jahre innehatte. Im Jahre 1947 wurde Goossens schließlich Direktor des Konservatoriums von New South Wales und der erste ansässige Dirigent des Sydney Symphony Orchestra. Zu dieser Zeit war Goossens bereits ein Ritter der Ehrenlegion (Ernennung im Jahre 1934); später sollte er außerdem noch im Buckingham Palace für seine Dienste an der Musik zum Ritter geschlagen werden (Ritterschlag im Jahre 1955). Er gilt auch als der ursprüngliche Initiator des Opernhauses von Sydney. Trotzdem war es seine Faszination für das Heidentum und die Magie, die ihn zu Rosaleen Norton bringen und ihn schließlich in seinen beruflichen und persönlichen Ruin führen würde.


Sir Eugene Goossens

Kurz nach der Veröffentlichung von The Art of Rosaleen Norton erstand Goossens ein Exemplar des Buches in einer Buchgalerie in Sydney, wodurch sein altes Interesse an der Magie und dem Okkulten wiedererweckt wurde. Während er in den 1920er Jahren in England gelebt hatte, war Goossens ein enger Freund des britischen Komponisten Philip Heseltine (1894 – 1930, auch als Peter Warlock bekannt) gewesen. Heseltine war seinerseits sehr an der Goetia und der Sexualmagie von Aleister Crowley interessiert, und es war nach Aussage von Goossens jüngerer Schwester Dame Sidonie Goossens Millar (1899 – 2004) Heseltines Beschäftigung mit Magie, die ihren Bruder zum Okkulten brachte. Nachdem er sich ein Exemplar von The Art of Rosaleen Norton gekauft hatte, schrieb Goossens Norton einen Brief, in dem er seine Bewunderung für das Buch und ihre künstlerische Arbeit ausdrückte. Norton lud Goossens daraufhin in ihre Wohnung in der Brougham Street in Kings Cross ein, die in der Nähe der Übungsräume der Australischen Fernsehkommission gelegen war, wo Goossens ab und zu arbeitete. Er erzählte Norton, dass er ihre authentische Herangehensweise an das Heidnische bewunderte, und es begann sich eine Freundschaft zwischen den beiden zu entwickeln. Goossens wurde in Folge dessen eingeladen, Mitglied der kleinen magischen Gruppe zu werden, die sich in bestimmten Abständen in Nortons Wohnung traf, um magischen Ideen zu besprechen und Rituale zu vollziehen, in denen sie Pan heiligten.

Goossens Beziehung zu Norton entwickelte schnell eine sexuelle Intensität. Als Goossens Dirigentenarbeit ihn nach Sydney führte, schrieb er ihr detaillierte Briefe über ihre Rituale und okkulte Paraphernalien, in denen er nach einer intimen magischen Beziehung zu Norton suchte. Er schrieb: „Aus vielen Gründen brauche ich Deine physische Präsenz so sehr. Wir müssen viele Rituale durchführen und uns anderen magischen Dingen hingeben.“29 Leider waren es genau diese aus Europa nach Australien eingeführten „okkulten Paraphernalien“ und anderen verbotenen Artikel, die sich später als der Grund für den Niedergang und die Zerstörung von Goossens beruflicher Karriere und seiner magischen Beziehung zu Norton und Greenlees erweisen sollten.

Am 9. März 1956 wurde Goossens nach seiner Rückkehr von London nach Australien von Zollbeamten am Mascot Airport von Sydney festgenommen. Der Zoll entdeckte, dass Goossens über 800 erotische Fotos, eine Filmrolle, eine Anzahl ritueller Masken, sowie Weihrauchstäbchen mit sich führte. Er wurde nach Abschnitt 233 der Zollverordnung offiziell angeklagt, nach welcher der Besitz oder die Einfuhr „blasphemischer, unanständiger oder obszöner Werke oder Artikel“ verboten war.


Goossens in Haft

J.M. McCauley, Bepfründeter Richter am Gericht für Bagatelldelikte von Martin Place, lud Goosens Verteidiger zusammen mit dem eingeschriebenen Anwalt der Krone Jack Shand, der als Rechtsberater des Komponisten fungierte, vor. Der Dirigent selbst erschien nicht zu den Gerichtsanhörungen, doch er wurde für „schuldig“ befunden und zu einer Höchststrafe von 100 Pfund verurteilt. Kurz danach trat Goossens von seinen Posten am Konservatorium von New South Wales und dem Sydney Symphony Orchestra zurück und beendete damit sowohl seine Karriere als international bekannter Dirigent, als auch seine persönliche Beziehung zu Norton und Greenlees. Nachdem er Australien über den Mascot Airport wieder verlassen hatte, veröffentlichten Goossens Anwälte eine Verlautbarung, in dem die folgenden Worte Goossens zitiert wurden: „Es ist mein Unglück, dass ich es zuließ, mich nach andauernden Drohungen gegen meine Person für die Einfuhr verbotener Dinge in dieses Land missbrauchen zu lassen und andere Menschen in diese Angelegenheit mit hineinzuziehen.“ Im Rückblick auf diese Ereignisse ist es klar, dass diese Verlautbarung sowohl naiv und irreführend, als auch ein deutlicher Versuch war, die Schuld für Goossens Niedergang auf Norton und ihren okkulten Zirkel zu schieben. Wie wir noch sehen werden, war Goossens ein williges und enthusiastisches Mitglied von Nortons Zirkel und hatte ihr sogar angeboten, sie in die „schwarzmagischen Techniken“ einzuweihen, die mit der Goetia in Zusammenhang standen. Den Abschriften eines Interviews zufolge, das Bert Trevenar, Beamter der Sittenpolizei, im Juni 1999 gab, versuchte Goossens sogar Musiker des Sydney Symphony Orchestra für Nortons Zirkel zu rekrutieren.30 Dennoch war Goossens Fall in Ungnade äußerst unglücklich und die Folgen für seine musikalische Karriere sowohl gravierend als auch unbeabsichtigt. Goossens Beteiligung an sexualmagischen Praktiken mit Norton und Gavin Greenlees wird in allen Einzelheiten in einem späteren Kapitel besprochen.

Einige Monate vor der Festnahme von Sir Eugene Goossens am Mascot Airport von Sydney wurde Greenlees in das Krankenhaus von Callan Park in Rozelle, einem Vorort von Sydney, eingeliefert. Einzelheiten zu Greenlees‘ Gesundheitszustand wurden während der Anhörungen zu den Honer/​Ager-Obszönitätsanklagen am Gericht von Darlinghurst an Richter Clegg weitergeleitet. Einem Befund zufolge, der von Dr. S.G. Sands, dem Medizinischen Leiter des Callan Park Krankenhauses angefertigt worden war, war Greenlees als Schizophrenie-Patient behandelt worden, der von Stimmen halluzinierte, die ihn ständig quälen und lächerlich machen würden. Dr. Sands zufolge war Greenlees „von Sex besessen“ und „wollte der realen Welt entfliehen.“ Er setzte sich mit Büchern in eine Ecke seines Zimmers und „konnte nur durch beharrliches Anstoßen zu irgendeiner Reaktion gebracht werden.“ Dennoch aber markierte Greenlees gesundheitlicher Niedergang nicht das Ende seiner Beziehung zu Norton. Sie unterstützte ihn weiterhin, und zwar auf emotionale und mütterliche Weise, so wie sie es seit Beginn ihrer Beziehung getan hatte; auch besuchte sie ihn regelmäßig im Krankenhaus von Callan Park, brachte ihm Bücher und zeigte ihm Zeichnungen und Skizzen, die sie kürzlich vollendet hatte. An zugewiesenen Ausgangstagen war es Greenlees erlaubt, Norton in Kings Cross zu besuchen. Sie blieb sein wertvollster Kontakt mit der Außenwelt, und sie unterhielten einen regulären Austausch während der gesamten langen Zeit, in der Greenlees sich in medizinischer Obhut befand Erst im Jahre 1983, fast vier Jahre nach Nortons Tod, wurde er vollständig entlassen.

„Die Hexe von Kings Cross“

In der Boulevardpresse Sydneys wurde in den gesamten 1950er Jahren sehr viel über Rosaleen Norton berichtet; besonders intensiv war die Berichterstattung allerdings gegen Ende des Jahrzehnts, nachdem Goossen Australien verlassen hatte. Diese Artikel förderten das Medien-Image von Norton als die „Hexe von Kings Cross“ mit dunklen, hinterhältigen Augen, ausgezupften Augenbrauen und einem teuflischen Grinsen. Oft wurde Norton fotografiert, wenn sie neben ihrem Altar vor einem Wandgemälde von Pan saß. Verschiedene Gegenstände waren auf diesen Fotos zu erkennen: Mehrere an der Wand aufgehängte Geweihe, ein ritueller Dolch, auch Athame genannt; zeremonielle Kerzen und ein phallusartiger Schlangenkopf. Norton bezeichnete sich während der Gerichtsanhörungen zu den vorgebrachten Obszönitäts-Anklagen gegen ihre Person nicht als „Hexe“, sondern beschrieb sich immer als eine Pantheistin, eine Verehrerin Pans, der alten griechischen Naturgottheit. Für eine Reihe autobiographischer Artikel in der Australasian Post schlug Norton einen anderen Weg ein und ließ ich bereitwillig mit einem konischen Hexenhut ablichten, was ihrem öffentlichen Ansehen als böse Hexe nur zuträglich war.31

Zu dieser Zeit wurden in der Australasian Post Artikel veröffentlicht, die Norton mit ihren Lieblingskatzen zeigen, ein deutlicher Hinweis auf das klassische Bild der mittelalterlichen Hexe mit ihren tierischen Freunden. In einem Interview, das sie Dave Barnes gab, welcher leitender Redakteur der Australasian Post und Verfasser dreier maßgeblicher Artikel über die kontroverse „Hexe von Kings Cross“ war, merkte Norton an: „Wenn Pan der Teufel ist, dann bin ich eine Teufelsverehrerin, “ Sie erzählte Barnes auch, dass okkulte Kräfte ein natürlicher Bestandteil des Lebens wären, dass sie von den psychoanalytischen Vorstellungen Carl Jungs beeinflusst worden war und viele Religionen als Teil ihres spirituellen Glaubenssystems anerkannte: „In der Unendlichkeit ist alles möglich … Ich glaube an viele Götter, Buddha und sogar den christlichen Gott.“


Norton in den 1960ern

Bis in die Mitte der 1960er Jahre hinein war Roie damit beschäftigt, ihre Persönlichkeit als praktizierende Hexe zu entwickeln. Das Britische Hexengesetz aus dem Jahre 1735 war in New South Wales noch nicht aufgehoben – das sollte nicht vor dem Jahre 1971 geschehen – doch Roie verdiente sich ihren Lebensunterhalt mit der Anfertigung von Talismanen und nahm für wenige Kunden auftragsweise Verhexungen vor. Dann und wann gab sie neue okkulte Gemälde zum Verkauf heraus. Die Preise rangierten von 5 Pfund für ein kleines Werk bis 100 Pfund für eine große Leinwand. Auch überarbeitete sie Gemälde zu Themen, die ihr persönlich wichtig waren, wie z. B. Porträts von Pan und Luzifer.

Norton vor dem Altar, 1956 In dieser Zeit zog Roie mehrere Male um. Einige Jahre lang lebte sie in der Hargrave Street 8 im Osten Sydneys, und zwar in einem Haus, das den Eltern von Gavin Greenlees gehörte. Am 17. Januar 1964 wurde Gavin zeitweilig aus dem Krankenhaus entlassen, verursachte aber ein Durcheinander und drohte damit, Roie mit einem Messer zu töten und ihre Möbel und ihre Ritualgegenstände aus dem Fenster auf die Straße zu werfen – es war eine seiner schizophrenen Attacken. Sergeant Harry Giles, der von verängstigten Nachbarn zum Haus gerufen wurde, fand Gavin in einer dieser Situationen mit einem Messer an seiner Kehle über ein Waschbecken gelehnt.

„Haben Sie jemanden verletzt?“ fragte Giles ängstlich.

„Noch nicht, “ antwortete Greenlees, „aber es ist an der Zeit, sie zu töten.“

Dann deutete er mit dem Finger in den Keller.

„Da ist sie drin … “

Giles fand Roie vor dem Altar kniend und Worte vor sich hin murmelnd; dann nahm er Gavin und Roie wegen Landstreicherei fest. Roie wurde zudem wegen „Erregung öffentlichen Ärgernisses“ und dem „Gebrauch unanständiger Worte“ angeklagt. Später wurde die Anklage wegen Landstreicherei wieder fallengelassen und eine Strafe von 2 Pfund wegen des Gebrauchs unanständiger Worte gegen sie verhängt. Gavin musste wegen des Tragens eines Messers und der Absicht, jemandem damit Schaden zuzufügen für einen Monat ins Gefängnis – eine lächerliche Haftstrafe in Anbetracht seiner geistigen Verfassung.

Nach diesem Vorfall zog Roie für eine Zeitlang mit ihrer Schwester zusammen, die in Kirribilli eine Wohnung mit Blick auf den Hafen hatte. Cecily hatte Roie immer nahe gestanden und gab ihr das Gefühl, willkommen zu sein, wann immer sie einen „Rückzugsort“ brauchte. Sie war Roies einzige überlebende Verwandte – Phyllis war im Jahre 1946 gestorben, nachdem sie fast ihr gesamtes Eheleben in Armidale verbracht hatte. So war es nur natürlich, dass Roie in Zeiten der Krise zu Cecily kam. Sie blieb mehrere Monate bei ihrer Schwester, und um ihren Kopf von den Ärgernissen im Cross frei zu bekommen, meditierte sie für gewöhnlich viele Stunden unter einer großen Moreton Bay Fichte, die im Garten unweit des Strandes wuchs und sich heute noch an diesem Ort befindet. Dieser Baum wurde zu einem Symbol in mehreren von Roies späteren Gemälden – eine Art Märchenbaum, der bis in den Himmel aufragte und der sowohl Naturgeistern als auch Roie selbst einen sicheren Schutz bot.


Norton in den 1960ern

Doch Roie blieb nicht dauerhaft in Kirribilli und bis Juni 1967 hatte sie sich von dem Trauma von Gavins Angriff erholt und ging zurück ins Cross – dieses Mal bezog sie eine eher heruntergekommene Wohnung in der Bourke Street, zwischen William Street und Woolloomooloo gelegen. Roies neues Heim war eines der verlassenen Gebäude, von denen die meisten völlige Ruinen und Anwärter für den Abriss waren. Dieses war jedoch noch eines der besser erhaltenen Häuser – gelbbraun angestrichen, mit teilweise zerbrochenen Steinen, an der Vorderseite mit Ziegeln, von denen die Farbe abblätterte und mit zerschlagener Eingangstür und verbogenem Geländer.

Roie lebte hier in einem kleinen Zimmer, das gerade mal 10 x 6 Fuß maß und nur spärlich von einer Öllampe beleuchtet wurde. Sie hatte sich im Kamin einen neuen Altar gebaut und sich mit ihrem vertrauten okkulten Schmuck umgeben – verschiedene Masken, Porträts von Pan, Schmuckstücke, ein Gong aus Metall und mehrere kleine Kobra-Statuetten. Auch hier hatte sie ihre Lieblingstiere – eine Ratte namens Percy und ihren Freund, der Moonstone hieß. Etwa ein Jahr später kam sie, als sie im Centennial Park spazieren ging, zu einer Schildkröte als Haustier. Während dieses besonderen Spazierganges rutschte sie in einen Weiher und als sie wieder herauskam, hatte sie eine kleine Schildkröte in der Hand! Sie deutete dies als ein Geschenk von Pan.

Als Nan Javes, Journalist bei der Sun, im Februar 1969 mit Roie Kontakt aufnahm, wohnte sie noch in der Bourke Street und bezeichnete sich nun als „Hexenzirkel-Meisterin.“ Vielleicht hatte sie bemerkte, dass ihr unbürgerliches Image ein wenig verblasste und sie schnell zu einer Gestalt aus der Vergangenheit wurde und darum eine aggressivere Haltung eingenommen. Sie beschrieb sich und die ungenannten Mitglieder ihres Hexenzirkels als potenziell feindlich gesinnt und gefährlich:

Es ist lächerlich zu sagen, dass wir niemals jemandem Schaden zufügen. Wenn wir nicht befähigt wären, Leute mit Flüchen und Talismanen zu bekämpfen, könnten wir nicht überleben. Doch wir sind hier im 20. Jahrhundert, und wir sind stärker als je zuvor. Natürlich tun wir manchmal auch Gutes. Die Art Leute, die ich mit einem Fluch belege, sind jene, die mir wehtun oder jemanden Schaden zufügen, der mir nahesteht. Ich würde es nicht sofort tun, wenn die Umstände ungünstig sind, aber sie können ihr Leben darauf verwetten, dass ich es rechtzeitig tun werde – und dass es klappt!32

Dann erklärte Roie Javes, dass sie gegenwärtig in ihrer Wohnung Zeremonien zu Ehren der vier hauptsächlichen Hexensabbats – Mariä Lichtmess, Walpurgis, Petri Kettenfeier und der Abend vor Allerheiligen – abhalten und ihre Verantwortung sehr ernst nehmen würde. „Es ist nicht einfach, eine Hexe zu werden“, betonte sie, während sie mit ihrem Zigarettenhalter, der die Form einer Rabenklaue hatte, magische Zeichen in die Luft schrieb. „Es gibt viele Leute, die gerne zu uns stoßen, jedoch nur eine Last sein würden. Millionen versuchen uns, an unserer Arbeit zu hindern, doch sie werden uns niemals auslöschen können.“

Wie Nan Javes berichtete, behauptete Roie jetzt, zweihundert Anhänger in Sydney und Hunderte mehr im ganzen Land zu haben. Ihre Bemühungen, Neophyten für das Heidentum anzuwerben wären wahrscheinlich größtenteils unbeachtet geblieben, hätte es keinen Protest seitens der Anglikanischen Kirche gegeben. Einige ausgesprochene Fundamentalisten innerhalb der ultra-konservativen Diözese von Sydney waren schon seit langem der Ansicht, dass okkulte Kräfte bereits Einfluss auf Schulkinder ausübten und es ein anwachsendes und alarmierendes Interesse an solch heidnischen Dingen wie Astrologie, Tarot und Hexenbrettern geben würde. So war es dann keine Überraschung mehr, als der Anglikanische Erzbischof Marcus Loane im Jahre 1974 der Einrichtung einer Untersuchungskommission zum Okkulten zustimmte. Dies war in einem protestantischen Land erst die zweite gegründete Untersuchungskommission seit dem Mittelalter.

Das ganze Thema des Okkulten war durch den Filmstart von The Exorcist im Jahre 1974 an die Öffentlichkeit gelangt, denn der Film hatte in kirchlichen Kreisen für großes Aufsehen gesorgt. Es gab sogar einen Andrang an Bewerbungen für das Amt des Kirchen-Exorzisten, sowie eine weitverbreitete Verdammung des Films wegen der Anstachelung zu teuflisch Bösem – ungeachtet der Tatsache, dass der Film eigentlich von einem Mädchen erzählt, welches durch seine Beschäftigung mit einem Hexenbrett besessen wird und dass in der gesamten Geschichte klar zwischen Gut und Böse unterschieden wird. „Sprich vom Teufel und er wird erscheinen“ schien das Motto jener gewesen zu sein, die den Film The Exorcist in abgedruckten Kommentaren verurteilten. Letztendlich hatte der Film den Effekt, die Aufmerksamkeit der Presse auf die Wiedergeburt des Okkulten zu ziehen, die seit der frühen 1970er Jahre weltweites Aufsehen erregt hatte. Kirchenobere berichteten von vielen Menschen, die Exorzisten aufsuchten und aufgrund des Films, den sie gesehen hatten, geheilt werden wollten; in der australischen Presse erschienen weiterhin okkulte Sensationsberichte, in denen man von Hexen und Hexenmeistern sowie von einem Satanismus in den Vorstädten sprach und auch von den Gefahren, die beim Spielen mit Hexenbrettern bestünden. Schlagzeilen wie diese, welche das ganze Jahr 1974 über erschienen, trugen weiter zur Hysterie bei: „Kirche fürchtet, dass Voodoo überhandnimmt“, „Schwarzmagisches Mädchen spricht zur Öffentlichkeit“, „Teufelskult in Sydney“, „Studenten versuchten bereits im Alter von 10 Jahren, Schwarze Magie zu praktizieren“ und „Unsere Kinder sind dem Okkulten verfallen.“

Den Vorsitz der Untersuchungskommission der Anglikanischen Kirche hatte der Dekan von Sydney namens Lance Shilton inne und an dieser Kommission nahmen vier Priester der Anglikanischen Kirche teil, von denen ein paar bereits ihre glühende Opposition zu allem, was nur im Entferntesten mit dem Okkulten in Verbindung stand, ausgedrückt hatten. Dies betrifft unter anderem den Pfarrer Peter Hobson, der in St. Michaels in Surry Hills bereits wegen der Austreibung von „Geistern“, der Hare Krishnas, des Tabakrauchens, der Theosophie, Homosexualität, des Spiritismus und vielen anderen „abartigen“ Praktiken zu einiger Bekanntheit gelangt war. Die Kommission sollte gegen diese Dinge dreierlei unternehmen:

– die gegenwärtige Faszination des Okkulten, besonders bei jungen Leuten, ausloten

– die biblische Grundlage des Spiritismus und verwandter Praktiken untersuchen, sowie Warnungen gegen die Beschäftigung mit dem Okkulten herausgeben

– verschiedene gegenwärtige Ausdrucksformen des Okkulten und ihre Wirkungen untersuchen

Der Bericht der Untersuchungskommission sollte dann veröffentlicht werden, um Richtlinien „zur empfohlenen Einstellung der Christen und der Handlungsweise der Kirche als Gesamtes“ darstellen zu können.

Die Untersuchungskommission wurde in der breiten Öffentlichkeit bekannt und es gab Einsendungen von allen möglichen Leuten – Christen, Okkultisten, christlichen Okkultisten, Akademikern, Lehrern und Psychologen – und am 13. August 1975 wurde besagter Bericht schließlich veröffentlicht. Einleitend wurde darin behauptet, dass die „finsterste“ aller modernen „Hysterien“ Okkultismus und Satanismus wären, die durch die Massenmedien Verbreitung fänden; desweiteren würden beide schnell zu Ansehen gelangen. Man stellte die Vermutung auf, das Interesse an dem Okkulten stände mit der Zunahme von Gewalt und Pornographie in der Literatur in Zusammenhang, da im Okkultismus Pornographie „mit einer religiösen Grundlage ausgestattet sei, von welcher die Praktizierenden ausgehen könnten.“

Die Schlussfolgerung der Untersuchung zur Frage, warum es gegenwärtig eine derartige Faszination am Okkulten gäbe, reflektierte die Meinungen mehrerer Kirchenmänner: Sie beinhaltete das Versagen der organisierten Kirche, den Verlust der persönlichen Identität und des Lebenssinnes, der sich aus der Sterilität der modernen, technologischen Gesellschaft herleite, sowie die Tatsache, dass genau dies ein Vakuum bei den Menschen hinterließe, welches mit alternativen von der Kirche nicht akzeptierten Glaubenssystemen gefüllt werden würde. Die Kommission war besonders an der Meinung des teilnehmenden Psychiaters Dr. David Collison interessiert, der das Konzept eines „Besessenheitssyndroms“ entwickelt hatte. Dabei handelte es sich um eine mentale Störung, die nach okkulten Praktiken auftreten würde, doch es war schwer, diese mit den Mitteln konventioneller Medizin zu definieren und zu behandeln. Tatsächlich vermutete man, dass eine konventionelle Behandlungsweise den Zustand nur noch verschlimmern würde. Dr. Collison glaubte daher, dass Exorzismus doch wirksam sein könnte und hatte bereits mit Patienten, die von diesem Syndrom betroffen waren, in diese Richtung gearbeitet. Er beriet auch mit seinen Kollegen darüber, dass sich diese psychiatrischen Störungen immer mehr verbreiteten und zu großen mentalen Leiden und sogar Selbstmord führen könnten.

Die Kommission war besonders über die okkulten Paraphernalien besorgt – Tarotkarten, Hexenbretter und verschiedene „alternative Publikationen“ – und schlug vor, die Rechtsprechung zum Schutz von Kindern gegen entflammbare Schlafanzüge vielleicht auch für den Schutz der Kinder gegen das Okkulte anzuwenden! Desweiteren schlug sie vor, dass die Medien den Okkultismus auf eine realistische Art und Weise darstellen und seine schädliche Faszination und deren Effekte erwähnen sollten. Die Untersuchenden erklärten auch, dass es eine Notwendigkeit zur Einschränkung okkulter Literatur und Ausstattungen gäbe, da es ja auch Beschränkungen für Gegenstände geben würde, die mit Gewalt und Pornographie in Verbindung standen. Auch empfahl die Kommission, dass der Raum, der in bekannten Magazinen und Tageszeitungen der Veröffentlichung von Horoskopen und Zukunftsdeutungen eingeräumt wurde, lieber Artikeln über den christlichen Glauben zur Verfügung stehen sollte, da diese Religion wäre „von der Mehrheit namentlich akzeptiert werden würde.“

Der Bericht präsentierte seine spektakulären Ergebnisse in den Zeitungen und über Wochen las man in der Boulevardpresse dramatische Schlagzeilen zu diesen. Dabei wurden auch zahlreiche Illustrationen mittelalterlicher Hexen, Bilder aus dem Film The Exorcist und düstere Fotos von modernen Okkultisten mit abgedruckt. Es war abzusehen, dass die Journalisten nun begierig darauf waren, eine Antwort auf all das von Rosaleen Norton zu bekommen.

Als Gus de Bito vom Sunday Mirror Roie im August 1975 aufspürte, lebte sie im Keller eines Häuserblocks in Roslyn Gardens, unterhalb des El Alamein-Brunnen in Richtung Rushcutters Bay. Sie sah ein wenig verwahrlost, doch „hexenhaft“ wie immer aus; trug ein okkultes Medaillon um den Hals und äußerte sich, in der Eingangstür ihrer Wohnung stehend zu den Entdeckungen der Kirche.

Überraschenderweise stimmte sie mit Dean Shiltons Ansicht überein, dass Amateure, die sich nur nebenbei mit dem Okkulten beschäftigen, in tiefes Fahrwasser gelangen können. „Magie kann mit einem ganz schön was machen“, sagte Roie mit einem Augenzwinkern. „Sie ist so gefährlich wie Drogen.“ Sie erläuterte auch, dass die wirkliche Gefahr von Leuten ausging, die ohne Wissen über Magie oder Hexenwesen Rituale ausprobierten, über die sie irgendwo etwas gelesen hatte. „Sie können verschiedene Entitäten in die Welt bringen, über die sie nichts wissen“, sagte Roie. „Solche Leute wissen nicht, wie sie mit diesen Entitäten umgehen müssen … “ Allerdings war Roie nicht mit dem Vorschlag einverstanden, Hexenbretter aus dem Handel zu verbannen. Theoretisch, gab sie zu, könnten Schulkinder mit einem Gerät wie diesem mit Geistern in Kontakt treten, doch sie persönlich konnte „keine Gefahr darin sehen.“33


Norton 1975

Dieser Auftritt in der Boulevardpresse war eine von Rosaleen Nortons letzten Medienverlautbarungen. Sie war bereits dabei, sich vollkommen zurückzuziehen und ihre täglichen Kontakte auf einige wenige enge Freunde und ihre Schwester Cecily zu beschränken, die jetzt nur einige Wohnungen den Gang hinunter im selben Häuserblock lebte. Es war eine zunehmend private Existenz, und das war das Leben, wie Norton es liebte. Wie mir Cecily später erzählte, war Roie dabei mit sich selbst ganz zufrieden. Gemeinsam mit ihren zwei Hauskatzen lebte sie inmitten von alten Staffeleien, Gemälden und Büchern, und mochte es, die Fische in ihrem Aquarium dabei zu beobachten, wie sie graziös darin umher schwammen. Sie verbrachte auch viel Zeit damit, klassische Musik zu hören – Mozart, Strawinsky, Beethoven, Bach und Sibelius gehörten zu ihren Lieblingskomponisten. Und obwohl ihre Wohnung ein dunkles und etwas düsteres Wohnzimmer hatte, war es zu einem Hinterhof mit viel Grün hinaus gelegen – eine abgeschirmte Naturoase. In den Sommermonaten liebte Roie es, bei ihren französischen Fenstern in der Sonne neben einem roten Topf mit einer Leuchterblume zu sitzen und ihre Bücher über Magie und Mystik zu lesen. Sie hatte auch ihre Gewohnheit aus der Jugendzeit beibehalten, am Abend viele Stunden in der Badewanne zu verbringen. Als „Nacht„-Mensch, der sie immer gewesen war, liebte sie es, im Seifenbad zu liegen, an Orangen zu lutschen, endlos Tee zu trinken oder aber an italienischem Kräuterschnaps zu nippen. Für sie war das der wahre Luxus des Lebens.

Dennoch hatte sie in den letzten Jahren an immer wieder auftretenden Krankheitsschüben gelitten, was sie nicht weiter alarmierte, obgleich sie sich manchmal schlapp fühlte. Doch gegen Ende des Jahres 1978 wurde sie plötzlich krank, und Untersuchungen im Krankenhaus waren notwendig. Ihr Doktor teilte ihr schließlich mit, dass sie ein krebsartiges Geschwür in ihrem Dickdarm habe und eine Operation unabdingbar wäre. Anfangs dachte man, dass die Operation erfolgreich verlaufen war, doch dem war nicht so. Der Krebs kam schnell wieder zurück.

Gegen Ende November 1979 wurde Roie in das Römisch-Katholische Heiligherz-Hospiz für die Sterbenden am St. Vincents Krankenhaus eingeliefert, ihr Ende war deutlich abzusehen. Kurz bevor sie starb sagte sie zu ihrem Freund Victor Wain: „Ich kam mutig in diese Welt, und ich werde sie mutig wieder verlassen.“ Und sie sprach die Wahrheit: Unnachgiebig und ohne Reue in ihrer Verehrung Pans, ohne sich von den Kruzifixen um sie herum im Hospiz einschüchtern zu lassen und eine Heidin bis zum Schluss, verließ sie dieses Leben am 5. Dezember 1979.

Auktionen und Erinnerungen

Rosaleen Norton war gegangen, aber mit Sicherheit nicht vergessen. Es gab nach ihrem Tod sofort Bemühungen, eine große Sammlung ihrer Gemälde zu auktionieren, welche bisher eingelagert und nur sehr wenigen Menschen bekannt waren. Der Mann hinter diesen Bemühungen war Don Deaton, ein Druckmacher, der auch mehrere Pubs und Hotels besaß, in denen Roies Werke über die Jahre hinweg gezeigt worden waren.

Die Verbindung von Roie und Deaton lag schon mehrere Jahre zurück. Deaton war der Besitzer des Hotels Manly und des Prince of Wales in Haymarket und auch Inhaber eines Pubs in Collector am Federal Highway nördlich von Canberra. Roie ging regelmäßig in den Prince of Wales und bezahlte ihre Gin Tonics mit Gemälden. Als das Apollyon-Café in Kings Cross im Jahre 1970 zum Abriss freigegeben wurde, um Platz für die neue Autobahn in die östlichen Vorstädte zu machen, fragte Roie Deaton, ob er die Gemälde, die im Café ausgestellt wurden, an sich nehmen und sie im Keller des Prince of Wales einlagern würde. Alle Gemälde, die auf der Auktion präsentiert wurden, gehörten zu dieser Sammlung. Deaton behauptete später, die Gemälde wären kraft einer Vereinbarung mit Roie sein Eigentum – etwas, das von Roies Schwester Cecily stark bestritten wurde. Sie glaubte, dass die Gemälde als Roies nächster Verwandte nun ihr gehörten.

Im Februar 1981 erschienen Anzeigen in mehreren Tageszeitungen Sydneys, die eine Kunstauktion im Wentworth Hotel ankündigten. Unter den Hammer sollten am 2. März sollten Werke wie Changing Times von Sali Herman, Bomboro Castle von Sir Arthur Streeton, Wimmera Landscape von Arthur Boyd und zwölf Werke von Rosaleen Norton gehen. Darunter waren Masque of Eidolons, eine Zeichnung, die in dem Buch The Art of Rosaleen Norton veröffentlich worden war, ein großes und farbenfrohes Ölgemälde mit dem Titel Devil Worship, und weniger wichtige Werke wie The Rabbit und The Gomblins. Nur wenige dieser Gemälde wurden auf der Wentworth-Auktion auch verkauft, und man konnte sie erst nahezu zwei Jahre später in Wally Glovers Neuveröffentlichung des Buches The Art of Rosaleen Norton wiederfinden.

Wally Glover hatte sich schon lange von der Tätigkeit als Redakteur der Pastrycook Review zurückgezogen, doch trotz der Anzeige wegen Obszönität, die seine finanzielle Pleite in den 1950er Jahren verursacht hatte, hegte er den innigen Wunsch, das Buch noch einmal neu zu verlegen. Dieses Mal war das Glück auf seiner Seite. Er konnte im Mai 1981 die Urheberrechte für Rosaleens Gemälde von seinem Konkursverwalter zurückerhalten, was zeitlich mit einer Unfallregresszahlung an ihn in Höhe von 11 000 Pfund zusammenfiel. Wally wusste, dass er nun genug Geld zur Verfügung hatte, um das Buch als Faksimile neu herauszugeben.

Wally kontaktierte mich etwa zu dieser Zeit. In Australien war gerade ein Buch über das Okkulte mit dem Titel Other Temples, Other Gods erschienen, an dem ich als Co-Autor mitgewirkt hatte, und so beauftragte er mich, eine Einleitung für die neue Ausgabe des Werks zu verfassen. Abgesehen von vier neuen Farbabbildungen und der neuen Einleitung, würde The Art of Rosaleen Norton in demselben Format wie die Ausgabe aus dem Jahre 1952 wiederveröffentlicht werden. Dieses Mal würde es 1000 Exemplare für den allgemeinen Buchhandel und eine limitierte Auflage von Exemplaren in rotem Leder für Sammler geben. Es schien unwahrscheinlich, dass es dieses Mal Anzeigen wegen Obszönität geben würde und man hoffte, nun keine Abbildungen im Buch mehr schwärzen zu müssen. Die Publikation konnte unter minimaler Anstrengung vonstattengehen.

Zuvor hatte Wally Glover Don Deaton vorgeschlagen, eine Auswahl von Rosaleens Werken in einer Galerie auszustellen und damit die Veröffentlichung der Faksimile-Ausgabe zu begleiten. So veranstaltete Deaton vom 1. bis 7. Oktober 1982 eine Ausstellung in der Galerie im ersten Stock des Exiles Bookshop unweit des Taylor Square. Diese Ausstellung hatte es sich zum Zweck gemacht, die verbleibenden Gemälde in einer „langsamen Auktion“ zu veräußern. Besucher, welche die Absicht hatten zu kaufen, wurden gebeten, die von ihnen ausgewählten Gemälde anzuzeigen und ein Höchstgebot für das jeweilige Werk abzugeben. Deaton würde dann später die erfolgreichen Bieter über ihre Käufe informieren.

Nur wenige der 37 ausgestellten Werke verrieten die Kunstfertigkeit von Roies frühen Gemälden und Zeichnungen. Die Sammlung enthielt unter anderem The Cauldrons, Asmodeus, Dionysus, The Bells, ein großes Werk, das The Seance genannt wurde, und ein seltsames und eher amateurhaftes Gemälde mit dem Titel Fur Fur the Storm Demon. Wie sich später herausstellte, gingen die Gemälde nicht an einzelne Käufer, sondern an einen Sammler namens Jack Parker, der sie alle zusammen für 5000 Pfund kaufte. Wie Deaton war auch Parker im Hotelgewerbe tätig und beanspruchte Rosaleens Werke, um sie in seinem Southern Cross Hotel in St. Peters, einem Industrievorort im Süden Sydneys auszustellen. Doch die Gemälde gefielen den Gästen seines Hotels nicht sehr. In einem Interview, das am 22. Dezember 1984 im Daily Telegraph abgedruckt wurde, berichtete Parker, dass zwei Drittel seiner Gäste, zumeist LKW-Fahrer, keinen Hehl daraus machten, dass sie die Werke hassten. Parker verkaufte die Gemälde dann an einen privaten Käufer weiter.

Während Parkers Sammlung zum größten Teil aus geringer wertigen oder schlecht ausgeführten Werken bestand – die Sorte Gemälde, die Roie hastig fertigstellte, um ein bisschen Geld extra zu verdienen – lieferte eine neue Veröffentlichung, die etwa zur selben Zeit schien, als Parker seine Sammlung veräußerte, einen klaren Hinweis auf die wirklichen Fähigkeiten Roies als Künstlerin.

Im Jahre 1984 brachte Wally Glover ein Werk heraus, dem er den Titel A Supplement to The Art of Rosaleen Norton gab. Diese kleine Ausgabe mit Spiralbindung und Farbabbildungen, deren Exemplare einzeln auf cremefarbenen Kunstpapier gedruckt wurden, ist sehr interessant, da es Reproduktionen von 19 Werken enthält, die im Jahre 1949 an der University of Melbourne gezeigt worden waren. Zur Zeit der Faksimile-Publikation im Jahre 1982 waren viele dieser Gemälde noch unbekannt. Jedoch hatte Wally Glover nach einem Radio-Interview den Brief einer gewissen Mrs. Y. Raphael-Oeser erhalten, deren verstorbener Mann zur Zeit der Ausstellung an der Universität dort Professor für Psychologie gewesen war. Glücklicherweise waren damals viele von Roies Originalen als Farbdiapositive fotografiert worden, sodass eine qualitativ hochwertige Reproduktion der Gemälde möglich war. Diese Werke stellten die Hauptattraktion des neuen Buches dar.

Es schien so, als wäre die Geschichte Rosaleen Nortons mit der zweiten Publikation von Wally Glover abgeschlossen gewesen. Doch es sollte nach ihrem Tod noch zwei bedeutsame Ereignisse geben – die Bühnenaufführung eines kurzen Zweiakters, der auf Roies Leben beruhte und der vorzeitige Tod von Gavin Greenlees.

Im Dezember 1982 erhielt ich einen Anruf von Wally Glover. Er erzählte mir, dass bald ein Theaterstück mit dem Titel Rosaleen – Böse Hexe aus dem Cross im Tom Mann Theater in Sydney uraufgeführt werden würde. Es wäre von Barry Lowe geschrieben worden, Regie würde Roddie Thomas von der Hullabaloo Theatre Company führen. Jane Parker würde Rosaleen und Alan Archer Pan spielen.

Durch die Einladung zur Uraufführung bekam ich die Gelegenheit, Gavin Greenlees das erste Mal persönlich zu treffen. Es war ihm kurz zuvor gestattet worden, das Alma Mater Heim in Kensington zu verlassen und so konnte er nun mit Wally zusammen zum ersten Mal sich selbst auf der Bühne sehen. Wally Glover wurde von Peter Laurence und Gavin von Christopher Lyons gespielt.

Leider wies das Stück selbst alle Schwächen einer Amateur-Produktion auf – es war nicht überzeugend gespielt und erntete keine guten Kritiken. Dennoch aber hatte es den Versuch unternommen, Rosaleen einfühlsam als ein „Opfer einer Zeit“ zu porträtieren, „in der keine Hoffnung darauf bestand, dass ihr Lebensstil verstanden werden würde.“ Der Inhalt des Stückes verdeutlichte auch, dass das Skript zwar auf dem Leben Rosaleen Nortons und der Epoche, in der sie wirkte, beruhte, „einige Episoden ihres Lebens allerdings mit einiger dichterischen Freiheit dargestellt wurden und wohl keine Absicht bestand, ein im strikten Sinne des Wortes faktisches Stück darzubieten.“34

Wally Glover, der stets ein jovialer Typ war, schien sich über das Theaterstück sehr zu amüsieren, während es für Gavin etwas darstellte, das zu seiner fernen und oft schmerzhaften Vergangenheit gehörte. Schwach und mitgenommen von den vielen Jahren, die er in Krankenhäusern und psychiatrischen Einrichtungen zugebracht hatte, war Gavin über Roies Tod erschüttert und so am Boden zerstört, dass er nicht in der Lage gewesen war, zu ihrer Beerdigung zu gehen. Obgleich er immer noch Roies Schwester Cecily ab und zu sah, erzeugte der Verlust von Roie selbst eine große Leere in seinem Leben.

Glücklicherweise hatte er andere Dinge, die ihn zeitweilig von seiner Niedergeschlagenheit ablenkten. Er erzählte mir, dass seine Hauptinteressen nun im Schreiben eines Romans und dem Enthusiasmus für europäische Literatur bestanden und er sich auch auf eine Reise nach Deutschland vorbereitete, zusammen mit seinem Sprachlehrer. Doch wie sich schließlich herausstellte, reichten seine Interessen nicht aus, um ihn psychisch zu halten.

Ich sah Gavin nicht wieder, erfuhr aber von seinem Tod noch im selben Jahr, wie die meisten anderen Leute auch aus der Tageszeitung. Gavin war aus Deutschland zurückgekehrt und hatte in einer Wohnung in Woolahra, einem Vorort von Sydney gelebt. Sein Körper wurde über einem Tisch gefunden, kollabiert neben einer Suppenschüssel. Die Polizei, die den Todesfall untersuchte, sagte, es gäbe dabei keine verdächtigen Umstände. Gavin war erst 54 Jahre alt und sein Todestag der 5. Dezember 1983 – auf den Tag genau vier Jahre nach dem Tod von Rosaleen Norton.


Untitled – von der Titelseite des Buches The Art of Rosaleen Norton


KAPITEL ZWEI

Begegnungen im Magischen Universum

Ihr ganzes Leben lang behauptete Rosaleen Norton hartnäckig, dass sie als Hexe geboren worden und im wesentlichen Autodidakt war. In einer Reihe informativer, autobiographischer Artikel, die Mitte der 1950er Jahre1 veröffentlicht wurden, beschrieb sie, wie es dazu kam: „Wenn du eine Hexe bist, muss dir niemand etwas beibringen. In meinem Fall kam es natürlich, und niemand musste mir etwas lehren.“ Als sie später in einem Interview gefragt wurde, ob sie ein „Teufelszeichen“ an ihrem Körper trüge – als „Beweis“ dafür, dass sie eine authentische Hexe war – bestätigte Norton, dass sie einige ungewöhnliche Körpermerkmale hätte, die sie mit ihrer Identität als Hexe in Verbindung bringen würde: „Meine körperlichen Auffälligkeiten sind ein Paar unnatürlicher Muskeln (die von den Achseln auf beiden Seiten bis zum Beckenknochen hinunterreichen), die ein Mensch normalerweise nicht hat“ und „eine seltene atavistische Formung der oberen Ohrenpartie, die „Darwins Spitze“ genannt wird. Sie bezog sich zudem auf „zwei kleine blaue Flecke auf ihrem linken Knie, welche zu den traditionellen Hexenzeichen gehörten“, sowie auf ihre „gleichsam katzenhafte Sehkraft – schärfer und klarer bei abgedunkeltem als hellem Licht.“ In einer ihrer Artikel mit dem Titel „I was born a Witch“ („Ich wurde als Hexe geboren„), erwähnt Norton, dass die zwei deutlich sichtbaren, blauen Flecken plötzlich auftauchten, als sie noch ein Kind war:

Mit sieben Jahren erschienen plötzlich zwei kleine blaue Flecken dicht nebeneinander auf meinem linken Knie, und dort sind sie noch heute. Später hab ich erfahren, dass zwei (oder manchmal drei) blaue oder rote Flecken zusammen auf der Haut als traditionelle Hexenzeichen gelten. Obwohl ich das natürlich damals nicht wusste, erinnere ich mich daran, dass sie mir auffielen, als wir in Australien ankamen und ich mich darüber wunderte, was sie wohl bedeuten würden; sie schienen auf eine Weise wichtig, die ich nicht definieren konnte.2

Hexen und übernatürliche Themen wurden für die junge Rosaleen zur Normalität. In der vierten Schulklasse entwickelte sie eine Vorliebe für Dracula und spielte eine Titelrolle in einem improvisierten Stück über den berühmten Vampir. Gehüllt in Tafellappen und mit geöffneten Regenschirmen, die ihr als Flügel dienten, gab Norton mehrere geistreiche Vorstellungen, die schließlich aber von einer erzürnten Klassenlehrerin beendet wurden. Sie behauptete, Rosaleens Schreie „Gebt mir Blut zu trinken“ würden die Internatsschüler vom Essen abhalten! Doch für die junge Rosaleen war die Gestalt Draculas sowohl dramatisch also auch provokativ – genau das, was man brauchte, um die Mitschüler auf der exklusiven Mädchenschule der Church of England aufzuwühlen. Ihre Vorliebe für Vampire und für Dracula im Besonderen reflektierte ihre sich sehr schnell entwickelnde Faszination für alle heidnischen Dinge, und schon bald würde sie einen weiteren Schritt auf diesem Weg gehen. Als Rosaleen die alte griechische Mythologie erforschte, stieß sie auf die uralte Gottheit namens Pan – Gott der wilden, ungezähmten Kräfte der Natur. Für sie persönlich war die Entdeckung Pans von größter Bedeutung. Rosaleens Sichtweise der äußeren Welt – eine Sichtweise, die sehr schnell über die Grenzen ihrer exklusiven anglikanischen Erziehung hinaus reichen würde – sollte danach nie mehr dieselbe sein.

In der klassischen griechischen Mythologie wurde Pan entweder als der Sohn des Hermes und der Nymphe Dryope oder als Abkömmling von Zeus und Callisto gedacht. Pan war teilweise Mensch, teilweise Ziegenbock und wurde mit Hörnern, Schwanz, Hinter- und Vorderhufen eines Bockes, sowie mit einer flachen Stupsnase und Bart dargestellt. Manchmal wurde er mit Eselsohren, einem Symbol scharfer Wahrnehmung, abgebildet. Die Musik und den Tanz liebend, wurde Pan mit Hirten und dem Wald assoziiert und besaß prophetische Kräfte. Da der Wald des Nachts als ein Ort der Furcht galt und Pan oft unachtsamen Reisenden Schrecken einflößte, ging aus dem Namen Pan die Vorstellung von „Panik“ oder „Aufgeregtheit“ hervor. Pan selbst wurde als unberechenbar, lasziv und lüstern beschrieben. Seine charakteristische Hirten- oder Panflöte, die laut der Mythologie seine eigene Erfindung war, wurde aus sieben Rohren hergestellt und als Syrinx bezeichnet. Pans Name bedeutet wörtlich „alles“, und dem philosophischen und religiösen Konzept des Pantheismus (abgeleitet von einer Kombination des griechischen pan = alles, und theos = Gott) liegt die Vorstellung zugrunde, das Universum als Ganzes sei göttlicher Natur und dass es keine andere Gottheit als dieses Universum und die Natur geben würde.3

Einem Artikel zufolge, der im Squire im April 1965 veröffentlicht wurde, fiel Nortons tiefe emotionale Bindung zu dem alten griechischen Gott Pan zeitlich mit der Ablehnung des christlichen Glaubens ihrer Familie und besonders des Wunsches ihrer Eltern, sie solle im Alter von 12 Jahren im anglikanischen Glauben „konfirmiert“ werden, zusammen. Nortons Interesse an der mythischen Gestalt des Pan führte wiederum zu improvisierten magischen Ritualen:

Sie begann mehr als nur ein flüchtiges Interesse an Pan zu entwickeln … der gehörnte griechische Gott, der halb Mensch, halb Ziegenbock war, und der die meiste Zeit damit verbrachte, auf den grünen Wiesen Arkadiens junge Nymphen zu schwängern. Dieses Interesse, generiert von der Verwirrtheit, welche die Pubertät mit sich bringt und angeheizt durch Roies innere Rebellion, wurde zu einem Fetisch. Sie dachte sich Rituale zur Verehrung Pans aus, benutzte Roben, chinesische Räucherstäbchen und Wein, den sie aus einem Vorratslager ihrer Eltern abzweigte. Zu dieser Zeit war ihr die wirkliche Bedeutung der hellen blauen Flecken, die vor wenigen Jahren so geheimnisvoll auf ihrem Knie erschienen waren, noch nicht bekannt. Sie lehnte das Christentum vollkommen ab, ihre Religion war der Pantheismus … die Identifizierung Gottes mit allem, was existiert …. Roie glaubte, dass alle Dinge gleichermaßen eine Manifestation ihres Gottes – oder besser ihrer Götter – seien, da sie ihre Gottheit in mehrere Götter unterteilte. Diese sind satanische Geistwesen, die sich ihr gegenüber in der klassisch satyrhaften Gestalt manifestierten. „Ich sehe sie oft“, sagte sie dem Squire.4

Norton gab uns auch einen Bericht über ihren Glauben an Pan in einem autobiographischen Artikel, der im Januar 1957 in der Australasian Post erschien:

Einige okkulte Theorien gehen davon aus, dass die Sterne und Planeten die Körper großer Lebewesen sind, und das denke ich auch. Ich denke, der Gott Pan ist der Geist, dessen Körper – oder das, was davon in diesen vier Dimensionen (die vierte Dimension ist die Zeit) erkannt werden kann – der Planet Erde, und welcher, in einem sehr realen Sinne der Herrscher und Gott dieser Welt ist. Vielleicht ist das der Grund, warum man ihm den Namen ‚Pan’ gab, das Wort, das im Griechischen „alles“ bedeutet, denn er ist die Gesamtheit des Lebens, der Elemente und der Lebensformen – organisch, ‚anorganisch’, etc., eben den Planeten als Ganzes umfassend: So wie ein Tierkörper die Gesamtheit seiner Myriaden von Zellen, Bakterien, etc. darstellt, in dessen geordnetem Ganzen alles lebt und funktioniert, und die Dinge ihre eigene ‚Intelligenz’ und spezifische Wahrnehmung besitzen. Solch ein Körper würde für jeden seiner Mikroorganismen die ‚Welt’ schlechthin sein, das integrierte Bewusstsein des eigentlichen Körper-Inhabers aber würde in einer anderen ‚Welt’ und auf einer anderen Existenzebene als dieser existieren.5

In diesem besonderen Artikel spekulierte Norton auch über die Natur dieses metaphysischen Wesens, das ihrer Ansicht nach über die Welt herrschte:

Wenn ein Mensch mit einer seiner Körperzellen auf dessen eigener Existenzebene kommunizieren könnte, würde diese Zelle auf die ihre spezifische Erkenntnisweise ihren ‚Gott’ erkennen. Um ihn zu sehen wie er selbst ist, d. h. als ein Mensch, müsste das Zellbewusstsein wie das des Menschen werden, und zwar in einer Welt außerhalb all dessen, was innerhalb ihres gesamten eigenen Erfahrungshorizontes liegt. Natürlich ist das nur eine Parallele und sollte nicht als exaktes Gleichnis verstanden werden: Ein Gott ist natürlich eine ganz andere Form des Lebens, schließt andere Gesetze und Dimensionen mit ein und könnte sich (soweit ich weiß) an mehreren Orten und in mehreren Formen gleichzeitig manifestieren und zwar gegenüber jenen, die Teil von ihm oder von anderen sind, ohne dabei irgendeine Ebene seines multiplen Bewusstseins und seiner Aktivitäten an einem anderen Ort zu stören.6


The Blueprint, ein Bild von Pan aus den 1940er Jahren

Nortons Kosmologie basiert auf dem Verständnis, dass die Natur und der Kosmos Inbegriffe des Heiligen sind. Die Göttlichkeit wird in eine Anzahl von Göttern und Göttinnen aufgeteilt und diese herrschenden Gottheiten – angeführt von Pan – können in mehr als einer Dimension der Realität existieren und funktionieren. Nortons Vorstellung von der Hierarchie der Geister, die von Pan angeführt werden – ‚dessen Körper die Erde ist’ – erinnert an die alten gnostischen Archonten, von denen angenommen wurde, sie würden unterschiedliche Regionen des Himmels regieren, während sie ihre Herrschaft über die Erde innehalten.7 Archonten waren himmlische Herrscher – „Torwächter“, die den Zugang zu den höheren Sphären bewachten – und ihre Kräfte transzendierten und umfassten alle Aspekte menschlichen Handelns. In Nortons Vorstellung entsprach Pan der Gesamtheit menschlicher Erfahrung und Existenz – sie dehnte diesen Einflussbereich sogar noch aus, sodass er für sie schließlich die Gesamtheit oder den „Urgrund“ allen Seins umfasste. In einem gewissen Sinne verkörperte und repräsentierte Pan für sie die entferntesten Bereiche des geheiligten Universums – und dehnte sich in alle Himmelsrichtungen bis in die Unendlichkeit aus. Es ist umso bemerkenswerter, dass Norton dieses Konzept des Gottes Pan zu entwickeln begann, als sie noch in der Pubertät war. Für sie führte dies zur Ausbildung eines instinktiven Wunsches nach Ritualen als emotionale und verehrende Antwort auf die mysteriösen Mächte, die sie zu umgeben schienen und welche verlangten, dass sie ihre kindlichen Frivolitäten gegen eine ernsthafte und respektvolle heidnische Verehrung eintauschen sollte:

Wenn das Königreich Pans immer mit mir war, dann war es zumeist im Hintergrund gewesen, überlagert von dem, was Realität genannt wird. Jetzt hatte es begonnen aus der Tiefe aufzusteigen und diese Realität zu durchdringen. Das Bewusstsein dafür, dass diese öde Kindheitswelt nicht wirklich eine Rolle spielte, wurde immer stärker und stärker, weil es die Essenz all dessen war, was mein innerstes Wesen ansprach: Die Nacht und wilde Dinge und Geheimnisse, Stürme, bei mir selbst und frei von anderen Menschen zu sein. Die Ahnung von einem tief verborgenen Wissen, das sich an der Rückseite des Bewusstseins bemerkbar macht; und das durch und durch existierende Gefühl, dass es ein geheimes, bewusstes Leben gibt, welches eine Allianz mit mir eingegangen war, aber das andere Menschen nicht wahrnahmen oder vor dem sie sich fürchteten, weil es nicht menschlich war.

So galt mein erster Akt zeremonieller Magie dem gehörnten Gott, dessen Flöten Magie und Mysterium symbolisieren und dessen Hörner und Hufe für die Energien der Natur und eine leichtfüßige Freiheit stehen: Dieser Ritus war auch gleichzeitig mein Treueschwur und meine Konfirmation als Hexe. Ich erinnere mich gut an meine Gefühle dabei, sie haben noch heute Gültigkeit: Wenn Pan der ‚Teufel’. (der fröhliche Bocksgott entstammt wahrscheinlich orthodoxen Vorstellungen) ist, dann bin ich wirklich eine ‚Teufels-Verehrerin’.8

Norton zeigt an dieser Stelle, dass sie ihren Intuitionen auch als Erwachsene noch vertraut und ihren Geist den wilden Kräften der Natur öffnet. Vielleicht als Vorahnung ihrer entstehenden Verbundenheit mit den ketzerischen Mächten der Magie fühlt sie bereits, dass sie sich auf einem Pfad begab, der sie in das Reich eines „tiefen verborgenen Wissens“ führen würde. Sie stand vor einer Art von Einweihung in Geheimnisse und Mysterien und wusste sogar schon als Jugendliche, dass sie sich jenseits der Grenzen konventioneller Religion begab. Sie war bereit, Pan anzuerkennen, der von anderen – darunter die „orthodoxeren“ christlichen Mitglieder ihrer Familie und ihres sozialen Umfelds – sehr wahrscheinlich als die Inkarnation des Teufels angesehen werden würde.

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Ograniczenie wiekowe:
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Data wydania na Litres:
22 grudnia 2023
Objętość:
534 str. 91 ilustracji
ISBN:
9783944180366
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