Czytaj książkę: «Organische Gemeinde»
NEIL COLE
Organische Gemeinden
WENN SICH DAS REICH GOTTES GANZ NATÜRLICH AUSBREITET
GLORYWORLD-MEDIEN
1. E-Book-Auflage 2021
Die Originalausgabe erschien unter dem Titel „Organic Church“ bei Jossey-Bass, 989 Market Street, San Francisco, CA 94103-1741, USA.
© 2005 by Neil Cole
© der deutschen Ausgabe 2008 GloryWorld-Medien, www.gloryworld.de
Alle Rechte vorbehalten
Bibelzitate sind, falls nicht anders gekennzeichnet, der Elberfelder Bibel, Revidierte Fassung von 1985, entnommen.
Weitere Bibelübersetzung: LU: Lutherbibel, Revidierte Fassung von 1984
Foto auf Seite 138: Two day old human embryo at four cell stage of development x260; Stone/Yorgos Nikas
Fotos auf Seite 174: Manfred Mayer
Das Buch folgt den Regeln der Deutschen Rechtschreibreform. Die Bibelzitate wurden diesen Rechtschreibregeln angepasst.
Übersetzung: Markus Roll
Lektorat/Satz: Manfred Mayer
Cover: Vision C, www.vision-c.de
Cover-Foto: Gert Blazejewski
ISBN (epub): 978-3-95578-129-3
ISBN (Druck): 978-3-936322-29-3
Stimmen zum Buch
Neil Cole ist einer der führenden Köpfe und Praktiker organischer Gemeindeformen. Seine Vision von der Gemeinde ist so neu wie sie uralt ist. Seine eigene Geschichte und die Philosophie von CMA ist für die Gemeinde auf ihrem Weg ins 21. Jahrhundert beispielhaft.
Alan Hirsch, Autor und Gemeindegründer
Dieses Buch ist tief gehend und praktisch und trotzdem angenehm zu lesen. Es erweitert unser Denken und versetzt uns in die Lage zu erleben, dass sich das Reich Gottes in unserer Generation über die ganze Welt ausbreitet. Es kommt genau zur rechten Zeit.
John C. Maxwell, Autor und Gründer von INJOY
Mein Leben dreht sich darum, hundertfache Frucht zu sehen. Der Ansatz von Neil Cole hilft, solche Ergebnisse in Bezug auf Gemeinden zu erhalten, indem er viele neue Formen des Reiches Gottes gründet, die Tausende von Menschen erreichen. Das dramatische Wachstum der „Awakening Chapels“ und die organischen Gemeinden, die in diesem Buch beschrieben werden, zu beobachten, war für mich in den letzten Jahren eine der größten Freuden. Das neue Buch von Neil Cole erzählt nicht nur die inspirierende Geschichte, sondern beschreibt die Prinzipien dahinter, damit wir sie anwenden können.
Bob Buford, Autor und Leiter von „Leadership Network“
In einer Zeit, in der viele sagen: „Gott ja; Kirche nein!“, spüren die meisten von uns instinktiv, dass die Kirche, wie wir sie kennen, verhindert, dass es zur Kirche, wie Gott sie will, kommt. Aber wo ist der Haken? Wohin gehen wir von hier aus? Gekonnt legt uns Neil Cole eine begeisternde Einladung zur wohl aufregendsten geistlichen Pilgerreise vor, die heutzutage stattfindet: die globale Reise einer Kirche zurück nach Hause. Machen Sie mit und werden Sie Teil davon!
Wolfgang Simson, Autor von „Häuser, die die Welt verändern“
Gemeindemultiplikation ist wohl nicht das Fachgebiet der Elfenbeinturm-Theoretiker! Neil Cole hilft uns, zu verstehen, dass es dabei nicht um einen Zuschauersport geht. Dies ist das praktischste, hilfreichste und umfassendste derzeit erhältliche Buch, wenn wir die sich schnell ausbreitenden Formen des einfachen, organischen Gemeindelebens auf der ganzen Welt verstehen wollen.
Dr. Tony Dale, House2House
Dieses Buch empfehle ich von ganzem Herzen. Es ist voller tiefer Erkenntnisse; Sie werden nichts Schwammiges darin finden. Unter den Büchern über Gemeindegründung bietet es eine rare Kombination von Eigenschaften: es ist biblisch und gut geschrieben, das beschriebene Modell hat sich als effektiv erwiesen, und es ist von einem Praktiker geschrieben und nicht von einem Beobachter oder Elfenbeinturm-Theoretiker.
Curtis Sergeant, Leiter der Gemeindegründung
der Saddleback Church, Lake Forest, Kalifornien
Mir großer Freude empfehle ich dieses Buch. Die Geschichten und Erfahrungen in diesem Buch werden viele ermutigen, der Führung des Heiligen Geistes zu folgen. Neil Cole ist ein echter Pionier des Glaubens und ein Mann mit einer großen Vision, der sich entschieden hat, die Dinge, die Gott in ihn hineingelegt hat, in die Praxis umzusetzen. Ich glaube, dass dieses Buch Herzen entzünden wird, ihren Glauben in organischen Gemeinden überall auf der Welt auszuleben.
Michael Steele, Leiter Nordamerika, DAWN Ministries
Neil Cole ist ein echter Wegbereiter für die heutige Kirche. Seine Geschichte wird Sie inspirieren und Sie dafür zurüsten, den lebendigen Christus in Gemeinschaft zu erfahren.
Jonathan S. Campbell, Ph. D., Autor von „The Way of Jesus“
Inhalt
Vorwort
Vorbemerkung
Einführung
TEIL 1: WURZELN DER ORGANISCHEN GEMEINDE
1 Reite mit mir hinaus!
2 Für eine neue Art von Gemeinde erwachen
3 Die Zombie-Braut lebt!
4 Eine gefährliche Frage
TEIL 2: DIE ORGANISCHE NATUR DES REICHES GOTTES
5 Grundlagen des Reiches Gottes: Man erntet, was man sät, und man isst, was man erntet
6 Ein verzaubertes Königreich mit Zaubersamen, schnellwachsenden Bäumen und einer wunderschönen Braut, die gerettet werden muss
7 Wir alle haben als Zygote begonnen
TEIL 3: VOM MIKROSKOP ZUM TELESKOP
8 Die DNA des Leibes Christi entschlüsseln
9 Epidemisches Wachstum beginnt in den Genen
TEIL 4: DAS EPIDEMISCHE REICH UND WIE ES SICH AUSBREITET
10 Es braucht Mut, sich um Menschen zu kümmern
11 Osama und ich sind uns nahe
12 Wie sich die Epidemie ausbreitet
TEIL 5: DER RUF ZUR ORGANISCHEN GEMEINDE
13 Stilvoll fallen!
14 Bemerkenswerte Geschichten
ANHANG
Dank
Über den Autor
Vorwort
Vor einiger Zeit führte ich in einem schottischen Dorf in der Nähe von Edinburgh ein Tagesseminar für junge Leiter der Church of Scotland durch. Jerry Middleton, mein Gastgeber und Pastor der Gemeinde vor Ort, unterstützte mich dabei. Eines der Geschenke, die er mir machte, war, dass er mir von einem Erlebnis berichtete, das er einige Monate zuvor gehabt hatte.
Als er eines Tages in seiner Amtstracht durch den Ort ging, riefen ihm zwei Kinder über die Straße zu: „He, Herr Pastor, könnten Sie mal kurz aufhören, Pastor zu sein, um uns zu helfen?“ Etwas sprachlos, aber bereit, die Herausforderung anzunehmen, ging Jerry über die Straße. Dort sah er, dass die Kette eines der Fahrräder der Jungen gerissen war. Ohne zu zögern kniete er sich auf den Bürgersteig hin und fing an, das Fahrrad auseinanderzubauen, um die Kette zu reparieren. Die beiden konnten es nicht glauben, dass dieser Pastor sich tatsächlich hinkniete, um ihnen zu helfen. Und sie waren noch mehr überrascht, als sie merkten, dass er sogar fähig war, ihr Problem zu lösen.
Nachdem er fertig war, entschuldigten sie sich dafür, dass seine Hände nun so dreckig waren. Jerry tat es ab. „Kein Problem, Freunde. Wollt ihr wissen, wie man diesen Dreck wieder wegbekommt?“ „Keine Chance“, sagte der eine von ihnen, „das kriegt man nicht so leicht wieder ab.“
„Ich zeig euch, wie’s geht“, fuhr Jerry fort. Er kniete sich noch einmal auf den Boden, aber dieses Mal nahm er einfach etwas lose Erde und „wusch“ seine Hände, indem er sie mit der Erde rieb. Dann fragte er sie: „Wisst ihr, wo ich etwas Wasser finden kann?“ Die Jungen antworteten: „Wir wohnen hier gleich um die Ecke. Kommen Sie mit!“
So marschierten die drei, sehr zur Überraschung ihrer Mutter, direkt in die Küche ihres Hauses. Die Kinder baten sie, zur Seite zu rücken, damit sie das Spülbecken benutzen könnten. Mit offenem Mund starrte sie auf den Pastor, den ihre Kinder mitgebracht hatten. „Vielen Dank, dass ich hier meine Hände waschen kann“, sagte Jerry, während die Jungen beobachteten, wie seine Hände unter dem Wasser wieder sauber wurden. Die Mutter bat ihn dann, noch auf einen Tee zu bleiben. Für Jerry war dies „einer seiner verrücktesten pastoralen Besuche“, aber er bezeugte auch, dass er durch diesen einen Vorfall eine Menge lernte, wie der Dienst in einer postmodernen Kultur praktisch aussehen kann.
Erst als ich die geniale Einleitung von Neil Cole zu dem vorliegenden Buch las, fing ich an zu verstehen, wie grundlegend Jerrys Geschichte ist. Wir leben in einer nachchristlichen Kultur, die denkt, dass die Kirche nichts zu bieten hat, außer wenn sie einmal aufhört, das zu tun, was sie immer tut: „He, Pastor, könnten Sie mal kurz aufhören, Pastor zu sein, um uns zu helfen?“ Heutzutage kommen die Leute nicht mehr auf die christliche Seite der Straße. Wir müssen die Straße überqueren, wenn wir den Menschen dienen wollen. Und am besten können wir dienen, wenn wir es nicht groß planen, sondern wenn es natürlich, organisch geschieht, oft, wenn wir gerade etwas ganz anderes tun.
Es gefällt mir, wie Neil Cole es ausdrückt: „Wenn du diese Welt für Jesus gewinnen willst, dann musst du im Raucherbereich sitzen.“ Wenn die Kirche nicht bereit ist, ihre Hände (oder Lungen) schmutzig zu machen, dann findet sie kein Gehör. Die Häuser und Herzen der Menschen sind offen für das Evangelium, aber es braucht Beziehungen, damit sie es verstehen. Kirche funktioniert am besten mit zweien oder dreien – nicht mit zwei- oder dreihundert oder zwei- oder dreitausend. „Wo sich zwei oder drei versammeln, da bin ich mitten unter ihnen.“
In Organische Gemeinde geht es weniger um das, was wir tun sollen, sondern es ist ein Buch über das, was Gott schon getan hat und heute tut. Ich glaube, es ist nicht möglich, dass Sie es wieder weglegen, ohne dass das Bild, wie Gott die Kirche gemeint hat, zu einem Hologramm in Ihrem Herzen geworden ist. Lesen Sie es, und ernten Sie Samen, der gleich wieder ausgesät werden kann. Lesen Sie es, und weinen Sie eine Tränenernte über das, was sein könnte, wenn wir, wie Neil Cole es so unvergesslich ausdrückt, „die Latte, wie wir Kirche praktizieren, tiefer legen, und die Latte, was es bedeutet, ein Jünger zu sein, höher legen.“ Die eigentliche Sünde ist nicht, was in der Vergangenheit geschehen ist, sondern das, was in der Gegenwart nicht geschieht.
Dr. Leonard I. Sweet
E. Stanley Jones Stuhl in Evangelisation
an der Drew University
Dieses Werk widme ich Menschen
aus zwei Generationen in meinem Leben:
Erstens: dem Gedenken an Ray Walker,
der mir gezeigt hat, was es bedeutet,
ein Mensch zu sein, der Jesus und andere liebt.
Zweitens: Heather, Erin, Zachary
und der nächsten Generation
von „Reich-Gottes-Agenten“,
die die Gemeinde dahin bringen werden,
wo wir es im Traum nicht für möglich gehalten hätten.
Vorbemerkung
An diesem Abend regnet es sehr stark. Neo wird von einer eigenartigen Gruppe von Menschen begleitet. Sie sehen teils streberhaft, teils cool aus, aber alle benehmen sich, als seien sie schlauer als der Rest der Welt.
Mit vorgehaltener Waffe wird Neo zu einem alten, verlassenen Haus geführt, wo er angeblich den berüchtigten Morpheus treffen soll. Hier wird ihm dann ein dunkler Fremder mit reflektierender Sonnenbrille und schwarzem Trenchcoat einige Pillen anbieten – und er wird bereitwillig eine der Pillen schlucken!
Was war wohl der Auslöser, dies zu tun? Neo wird von einem Wunsch getrieben, dem er nicht länger widerstehen kann. Eine unersättliche Neugier und eine heilige Unzufriedenheit mit der Norm treiben ihn dazu, allen Zwang abzulegen. Er ist motiviert, außergewöhnliche Risiken auf sich zu nehmen, weil er nicht länger im dumpfen Einerlei eines gewöhnlichen Lebens verharren kann – einer Welt, in der alles seinen gewohnten Gang geht.
Die Begrüßung verläuft freundlich. Dann folgt ein höchst interessanter Dialog.
Morpheus beginnt, indem er Neos schwierige Situation mit der von Alice im Wunderland vergleicht, als diese in ein Kaninchenloch fällt. Er bemerkt, Neo biete den Anblick eines Mannes, der nur das akzeptiert, was er sieht, weil er sich in einem Traum befinde, kurz vor dem Aufwachen. Ironischerweise kommt das der Wahrheit sehr nahe. Morpheus erzählt Neo, warum sie ihn hierher gebracht haben: Es sei seine Chance zu erfahren, was die Matrix ist. Morpheus fragt ihn, ob er das möchte.
Neo nickt bedächtig, aber ohne zu zögern, als würde er erkennen, dass es sich hier um einen Wendepunkt in seinem Leben handelt, durch den sich alles für immer verändern würde. Morpheus erklärt: „Die Matrix ist überall. Sie ist um uns herum, sogar jetzt in diesem Raum. Du kannst sie sehen, wenn du aus deinem Fenster blickst oder wenn du deinen Fernseher einschaltest. Du kannst sie fühlen, wenn du zur Arbeit oder zur Kirche gehst und wenn du deine Steuern zahlst. Es ist die Welt, die man über deine Augen gestülpt hat, um dich für die Wahrheit blind zu machen.“
Neo fragt, um welche Wahrheit es gehe.
„Dass du ein Sklave bist, Neo. Wie jeder andere auch, bist du in die Sklaverei hineingeboren, in ein Gefängnis, das du nicht riechen, nicht anfassen und nicht fühlen kannst. Ein Gefängnis für deinen Geist.“
Morpheus öffnet eine kleine silberne Box, nimmt zwei Pillen heraus und erklärt Neo, dass eine bloße Beschreibung nicht ausreiche. Er müsse es selbst sehen, um zu verstehen. Dann beugt sich Morpheus nach vorne, in jeder Hand eine Pille.
„Das ist deine letzte Chance. Danach gibt es kein Zurück mehr. Wenn du die blaue Pille nimmst, hört die Geschichte auf; du wachst in deinem Bett auf und glaubst, was immer du willst. Wenn du die rote Pille nimmst, bleibst du im Wunderland, und ich zeige dir, wie tief das Kaninchenloch reicht.“
Neo greift langsam, aber entschlossen, nach der roten Pille.
Morpheus sagt ihm plötzlich, er biete ihm nur die Wahrheit an, nicht mehr und nicht weniger. Neo schluckt die rote Pille und das Abenteuer beginnt.
Er wacht auf und findet heraus, dass er sich vorher in einer künstlichen Welt befunden hatte, die „Matrix“ genannt wird. Alles, was er als Wahrheit gekannt hatte, war in Wirklichkeit eine Maske, die die Wahrheit verhüllte und ihn und alle anderen in einer Lüge gefangen halten sollte.
So weit die Handlung aus dem Kinofilm „The Matrix“ von den Wachowski-Brüdern. Darin kommt etwas zum Ausdruck, was ebenfalls wahr ist: Es gibt so etwas wie eine rote Pille, die unsere Augen für eine weitaus lebendigere Realität des Reiches Gottes öffnet. Es ist die Wahrheit des Wortes Gottes, die wir brauchen, um frei zu werden und um die Kraft seines Reiches auf diesem Planeten freisetzen zu können. Die Bibel enthielt schon immer die Wahrheit, aber unser Denken ist durch eine verzerrte Wahrnehmung der geistlichen Realität geblendet. Dieses Buch möchte uns die Augen dafür öffnen, dass wir die Kirche, das Reich Gottes und unsere Rolle in beiden Bereichen klarer und realer erkennen.
Viele Menschen suchen nach mehr. Mit der Gemeinde, wie wir sie heute kennen, sind sie nicht mehr zufrieden. Sie befassen sich mit der Gemeinde, die im Neuen Testament beschrieben wird, und ihre Neugier erwacht. Was sie dort lesen, ist jedoch weit entfernt von dem, was sie jede Woche erleben. Sie hören auch davon, wie schnell sich die Gemeinde in China und Indien derzeit ausbreitet, und das ermutigt sie. Werden auch sie wagen, von mehr zu träumen? „Kann ich dieselbe Kraft erleben?“, fragen sie sich. „Kann Gott auch hier, an diesem Platz, wirken? Wird sich das Reich Gottes auch in einer Gesellschaft wie der amerikanischen, die davon noch gar nichts ahnt, rasant ausbreiten?“ Ja! Ja!
„Dein Reich komme, Dein Wille geschehe, auf Erden wie im Himmel“ (Mt.6,10).
Bevor Neo im Film die rote Pille schluckte, wurde ihm noch eine andere Möglichkeit offen gelassen.
„Stoppt das Auto!“, befiehlt ein Mitglied der eigenartigen Sekte, die ihn entführt hat, um Morpheus zu begegnen. Mit einer Pistole in der Hand dreht die Frau sich nach Neo um und verlangt, dass er sich entweder vollkommen ihrem Plan unterwirft oder aussteigt und weggeht. Er reagiert trotzig. Als er die Autotür öffnet und aussteigen will, hält Trinity, eine hübsche und talentierte Hackerin, ihn auf und sagt ihm, er solle ihr vertrauen. Er fragt sie, weshalb er jemandem trauen solle, den er gerade erst kennengelernt hat.
Sie blickt die dunkle Straße hinunter, während es unaufhörlich regnet, und antwortet: „Weil du bereits dort warst, Neo. Du kennst diese Straße. Du weißt genau, wo sie endet. Und ich weiß, dass du da nicht sein möchtest.“
Neo steigt langsam wieder ins Auto und hat sich unbewusst damit abgefunden, einer roten Pille zu begegnen.
Sieht man sich die herkömmliche Gemeinde in den USA und das, was sie zu bieten hat, an, ist es, als würde man eine alte, durchnässte Straße hinunterstarren. Man hat keine Lust, da weiterzugehen. Noch mehr Visionsbeschreibungen, christliche Konzerte, Predigten oder Entwürfe für größere Gemeindegebäude reichen einfach nicht aus.
Es wird Sie überraschen, was Menschen für Jesus tun, was sie aber nicht für eine Gemeindevision tun. Es gibt etwas Besseres. Muss es geben. Jesus ist nicht dafür gestorben und auferstanden, damit wir bessere Gemeindebriefe oder bequemere Kirchenbänke haben.
Morpheus, der fiktive Prophet aus „Die Matrix“, würde es wohl so formulieren: „Ich sage Ihnen, warum Sie hier sind. Sie sind hier, weil Sie etwas wissen. Was Sie wissen, können Sie nicht erklären, aber Sie können es fühlen. Sie haben es schon Ihr ganzes Leben lang gefühlt: Mit der Kirche stimmt etwas nicht. Sie wissen nicht, was es ist, aber wie ein Splitter in Ihrem Gehirn bringt es Sie zum Wahnsinn. Dieses Gefühl hat Sie zu diesem Buch gebracht. Sie wissen, wovon ich rede.“
Wenn Sie das Buch gelesen haben, möchten Sie womöglich nicht zurück. Durch die Gedanken, die hier vorgestellt werden, wurden andere schon für die normale Kirche ruiniert. Das ist die letzte Warnung!
Überall auf der Welt nehmen Menschen die rote Pille und kehren nicht zurück. Die Kirche, wie Sie sie kennen, wird sich ändern. Jetzt ist der Moment gekommen, in der Sie sich entscheiden müssen. Dies ist Ihre rote Pille.
Das Kaninchenloch wartet. Das Abenteuer soll beginnen.
Einführung
Man hat das Christentum hinter Kirchenmauern begraben und mit den Fesseln des Dogmatismus festgezurrt.
Lasst es wieder los, damit es in unsere Mitte kommt und uns Freiheit, Gleichheit und Liebe lehrt.
Minna Canth
Schon seit vielen Jahren gehe ich immer seltener in die Kirche, weil ich dort so wenig von dem finde, nach dem ich mich sehne. Die Gegenwart Gottes zu spüren – danach verlangt es mich.
Frederick Buechner
„Houston, wir haben ein Problem.“
Dieses historische Understatement gab am 14. April 1970 Kommandant James A. Lovell von sich, als er an Bord der Apollo 13 Hunderte Meilen von der Erde entfernt ziellos in einer kleinen Metallkapsel im All umhertrieb. Etwas war völlig schiefgelaufen. Der Sauerstoff und die Triebkraft reichten nicht mehr aus, um sicher nach Hause gelangen zu können, sodass die Crew der Apollo 13 und das Expertenteam der NASA in Houston vor einer großen Herausforderung standen. Ron Howard dokumentierte diese kritische Episode in dramatischer Weise in dem Film „Apollo 13“, deren Ausgang entweder in einer schrecklichen Tragödie enden oder zu einem großen Erfolg für die NASA führen konnte. Dieser Hilferuf aus dem All führte dazu, dass kreative Lösungen für ein komplexes Problem gesucht wurden.
Die Gemeinde kann heute etwas Ähnliches sagen: „Himmel, wir haben ein Problem.“
Die Worte in diesem Buch sind wahrscheinlich nicht unbedingt das, was Sie hören wollen, so wie auch Houston den Hilferuf nicht hören wollte. Aber wenn wir nicht bereit sind, uns unseren Problemen zu stellen, werden wir unseren Weg nie korrigieren können. Aus Liebe zu Jesus und seiner Kirche, seiner Braut, habe ich dieses Buch geschrieben.
Meinungsforscher berichten, eine große Anzahl von Nichtchristen habe zwar Interesse an Jesus, jedoch nicht daran, in die Kirche zu gehen. Es gibt einen Autoaufkleber, auf dem steht: „Ich liebe Jesus; es sind die Christen, die ich nicht ausstehen kann.“
Bevor Mel Gibsons „Die Passion Christi“ in den Kinos erschien, konnte ich diesen Film in einem speziellen Treffen gemeinsam mit mehreren Tausend Pastoren ansehen. Die gängige Meinung bei diesem Treffen war, dass dieser Film zu einem großen Erfolg werden und viele Menschen zurück in die Kirchen bringen würde. Es gab für diesen Zweck schon Predigten für Suchende, die aus dem Internet heruntergeladen werden konnten. Buntes Werbematerial wurde gedruckt, um die Massen in unsere Gottesdienste zu locken. Ganze Kinos wurden gemietet, um den Film in eigenen Veranstaltungen zu zeigen, weil man meinte, die Menschen, die man eingeladen hatte, würden Christen und dann auch selbstverständlich Kirchgänger werden.
Zur großen Überraschung aller wurden sogar mehr Tickets als erwartet verkauft, und weltweit spielte der Film über 600 Millionen Dollar ein. Aber vielleicht noch überraschender ist, dass sich dies nicht positiv auf die Zahl der Gemeindemitglieder ausgewirkt hat.
Das zeigt uns, dass viele Menschen die Botschaft von Jesus zwar hören wollen und auch daran glauben, aber mit der Kirche als Institution, wie wir sie derzeit haben, nichts zu tun haben wollen. Das sollte für uns alle eine klare Warnung sein. Wir haben ein Problem.
Offensichtlich sind die Leute an Jesus interessiert, aber mit seiner Frau (die Kirche ist die Braut Christi) wollen sie keine Zeit verbringen. Leider haben wir die Botschaft des Evangeliums so verkürzt, dass sie untrennbar mit der Institution Kirche verbunden ist. Selbst wenn sie nur etwas über Jesus hören wollen, sagen wir den Leuten, sie müssten die bittere Pille „Kirche“ schlucken. Die meisten sterben jedoch lieber an der Krankheit, als diese „Medizin“ zu schlucken.
Die Ortsgemeinde ist inzwischen so unattraktiv geworden, dass sie viele, selbst unter den überzeugten Christen, gänzlich ablehnen. In seinem Buch „The Present Future: Six Questions for the Church“ (Die gegenwärtige Zukunft: Sechs Fragen an die Kirche) macht Reggie McNeal die alarmierende Beobachtung: „Eine wachsende Zahl von Menschen verlässt die institutionelle Kirche aus einem neuen Grund. Sie gehen nicht, weil sie ihren Glauben verloren haben, sondern um ihren Glauben zu bewahren.“1 Das sind harte Worte. Könnte es sein, dass die „verkirchlichte Kultur“ geistlich gesehen toxisch ist? Wir haben ein Problem.
Die Zahl der Gottesdienstbesucher ist allerdings kein Barometer dafür, wie es um die Christenheit steht. Letztendlich sollte das Evangelium doch eine Transformation bzw. Veränderung bewirken. Es reicht nicht aus, unsere Kirchen zu füllen; wir müssen unsere Welt verändern. Wenn die Kirche wirklich effektiv ist, sollte sich die Gesellschaft und Kultur verändern. Geht die Kirche auf die Menschen zu und werden diese durch die gute Nachricht des Reiches Gottes verändert? Wo dies geschieht, wird die Anzahl der Christen sicherlich steigen. Das Reich Gottes dreht sich aber nicht darum, dass wir einmal in der Woche den Gottesdienstraum füllen. Wir tun Jesus unrecht, wenn wir sein Leben und sein Wirken auf so traurige Statistiken wie Besucher- oder Mitgliederzahlen reduzieren.
Inwieweit die Kirche einen Einfluss hat, sieht man in der Gesellschaft – auf den Straßen, nicht in den Kirchenbänken.
Die USA stehen nicht alleine da, was diesen Niedergang der Gemeinde angeht. Überall auf der Welt, wo die Kirche dem westlichen, institutionellen Muster folgt, nimmt ihr Einfluss ab.
Unlängst war ich in Japan und sprach in einer Kirche vor hauptsächlich jungen Japanern. Meine Frau und ich waren die einzigen Weißen in dem Gebäude, vielleicht sogar in der gesamten Stadt. Ich erwähnte, dass in Japan weniger als ein Prozent der Bevölkerung Kirchenmitglieder sind. Seufzend nickten sie alle und zeigten damit, dass sie angesichts dieser Realität müde geworden waren. Ich sagte dann, dass ich vor einigen Monaten schon einmal bei ihnen gewesen war und dass damals die Prozentzahl ebenso niedrig war. Nichts hatte sich geändert. „Was ist los mit euch?“, fragte ich. Sie lachten, als wäre die Erwartung, dass sich etwas ändern könnte, lächerlich.
Ich fuhr fort und erzählte ihnen, ich sei auch schon vor drei Jahren in Japan gewesen, und auch damals seien weniger als ein Prozent Kirchenmitglieder gewesen. Dieses Mal lachten sie nicht. Dann sagte ich ihnen, dies sei auch schon zehn Jahre vorher so gewesen und fragte sie: „Wisst ihr, wie hoch der Anteil der Christen vor hundert Jahren war?“ Sie waren den Tränen nahe, als ich meine eigene Frage beantwortete: „Ebenfalls weniger als ein Prozent!“ Nach einer Pause sagte ich: „Da stimmt etwas nicht, wie wir hier in Japan Kirche praktizieren.“ (An dieser Stelle sei bemerkt, dass wir aus dem Westen es waren, die ihnen beigebracht haben, wie die Kirche funktioniert.
Damit Japan verändert wird, muss Jesus den Leuten etwas Neues und Wirkungsvolles geben. Dasselbe gilt für uns im Westen. Nicht die Ortsgemeinde wird die Welt verändern, sondern Jesus. Der Gottesdienstbesuch am Sonntag verändert das Leben der Menschen nicht. Nur Jesus in ihren Herzen ist der, der diese Veränderung hervorrufen kann.
Die westliche Kirche hat so viel von dem aufgegeben, was sie sein soll, dass sie für die Verlorenen bedeutungslos geworden ist. Christliche Organisationen, wie Bibelschulen, Missionsgesellschaften, seelsorgerliche Beratungsstellen und Evangelisationswerke sind entstanden und haben inzwischen einen Großteil der Arbeit übernommen, für die Gott eigentlich die Gemeinde berufen hatte. Die Kirche erwartet, dass andere evangelisieren, Führungskräfte heranbilden und soziale Dienste tun. Menschen mit ernsten Problemen schicken wir zu den Psychologen.
Wenn man Nichtchristen fragt, wozu die Ortsgemeinde wichtig ist, dann fallen ihnen meist nur zwei Dinge ein: Man heiratet dort und man wird dort beerdigt. Viele von ihnen versuchen mit aller Macht, beides zu vermeiden. Ist es das, wofür Jesus gelitten hat und gestorben ist? Ist dies das Beste, was wir mit der Kraft der Auferstehung anfangen können? Wir haben ein Problem!
Unternimmt die Ortsgemeinde dann schon einmal den Versuch einer Evangelisation, ist es meist nicht mehr als ein „Kommt doch alle mal vorbei“. Im Prinzip schmeißt die Kirche eine Art Party und erwartet, dass die Menschen zu ihr kommen. Unter der Devise „Wie können wir die Leute außerhalb der Kirche erreichen?“ verbringen wir viel Zeit damit, neue Wege zu finden, wie wir die heilige Stunde am Sonntag so relevant für Suchende machen können, dass sie auch kommen wollen. Es gibt unzählige Bücher, Seminare, CDs, Zeitschriften und Internetseiten zu dem Thema, wie wir die Gottesdienste so interessant machen können, dass die Verlorenen ebenfalls unseren Jesus wollen. Glauben wir wirklich, dass wir sie damit so beeindrucken können, dass sie in die Kirche eintreten wollen? Ist das Ziel, dass sie in die Kirche kommen, hinreichend?
Wie weit gehen wir, um Menschen in unsere „Gottesdienst-Show“ zu bekommen? Wie viele Kompromisse gehen wir ein, um die Besucherzahlen zu erhöhen? Der extremste Fall, von dem ich gehört habe, hat sich im Nordwesten der USA zugetragen. Dort warb eine Kirche damit, es mit Geld zu belohnen, wenn jemand mindestens einen Monat lang jeden Sonntag in den Gottesdienst käme. Sie bezahlten die Leute dafür, dass sie in ihren Gottesdienst kamen! Dieses Beispiel ist nicht gerade einfallsreich, aber fällt uns tatsächlich nichts Besseres ein, als Besucher mit unserer professionellen Musik, unseren Predigten und Vorführungen zu „kaufen“? Ich denke, wir haben mit der ganzen „Sucherfreundlichkeit“ den Bogen überspannt. Wir haben ein Problem!
Warum müssen Menschen sonntags früh aufstehen, sich fein anziehen, um zu einem Ort zu fahren, wo sie sich in Reihen hinsetzen und den restlichen Morgen auf den Hinterkopf ihres Vordermannes gucken müssen, während jemand, den sie nicht kennen, ihnen das neueste Rezept auftischt, wie man in drei Schritten zu einem besseres Leben kommt? Soll diese Erfahrung wirklich ihr Leben für immer verändern?
Eine Missionarsfamilie, die in einer der gefährlichsten Gegenden der Welt organische Gemeinden gründet, machte einmal Heimaturlaub in den USA. An ihrem ersten Sonntag besuchten sie eine große Baptistengemeinde, von der sie unterstützt werden. Da der Missionar an diesem Tag im Gottesdienst sprechen sollte, kamen sie schon früh in ihren besten Kleidern an. Seine Frau saß mit den beiden Kindern in der ersten Reihe. Sie sahen beim Soundcheck und Stimmen der Instrumente zu. Das älteste Kind fragte: „Mama, wird es gleich eine Show geben?“ Die Kinder hatten Gemeinde bisher nur als familiäre Atmosphäre in Privathäusern und Wohnungen erlebt. Diese Art von Gemeinde erschien ihnen absolut fremd. Ich bin davon überzeugt, dass die meisten von uns mit unserer Art, Gemeinde zu leben, viel zu sehr vertraut sind, als dass wir noch erkennen könnten, wie seltsam unsere Bräuche eigentlich sind.
Es erstaunt mich, wie viel Energie und Ressourcen (Zeit, Geld, Menschen) für eine einzige Stunde in der Woche verbraucht werden. Wir haben Kirche in eine religiöse, sonntägliche Show verwandelt. Nach der Show gehen wir dann alle wieder nach Hause, bis die Kirche eine Woche später zur selben Zeit und am selben Ort neu beginnt. Ist das wirklich die Braut Jesu?
Laut Missionsbefehl ist es unsere Aufgabe, „in alle Welt zu gehen“, aber wir haben das Ganze umgedreht: „Kommt her und hört unsere Botschaft!“
Wir erwarten, dass die Leute in die Kirche kommen, um zu Jesus zu kommen, aber die Menschen in der Welt wollen mit der Kirche nichts zu tun haben. Wir sind von unserem religiösen Club so eingenommen, dass wir denken, diejenigen, die nicht in die Kirche gehen, seien diejenigen, die keine Beziehung zu Jesus haben. Als würde es ausreichen, dass jemand sonntags eine Stunde im Gebäude sitzt, um zu sagen, er sei Christ. Aber unsere Errettung hängt nicht davon ab, was wir sonntags tun und ob unser Name im Mitgliederverzeichnis auftaucht. Natürlich ist uns das lehrmäßig klar, aber trotzdem teilen wir die Bevölkerung in Kirchgänger und Nicht-Kirchgänger ein, als würde alles davon abhängen, dass sie Teil unserer Organisation sind. Kein Wunder ist unsere Botschaft so verworren. Wir haben unseren Hauptauftrag vergessen und denken, die Menschen müssten so wie wir werden statt wie Jesus.
Anstatt Menschen in die Kirche zu bringen, damit wir sie dann zu Jesus bringen, sollten wir doch besser Jesus zu den Menschen bringen, dorthin, wo sie sich aufhalten und leben. Dann erleben wir möglicherweise, dass daraus eine neue Art von Kirche entsteht, eine Kirche, die ihre Mitte mehr im Leben und am Arbeitsplatz hat, wo die Botschaft wirklich einen Unterschied machen sollte. Was wird geschehen, wenn wir den Samen des Reiches Gottes dort aussäen, wo sich das Leben abspielt und wo die Gesellschaft geformt wird. Ist es nicht genau das, was Jesus für seine Kirche beabsichtigt hat?
Wie wäre es, wenn Gemeinden auf organische Weise entstünden, wie kleine geistliche Familien, aus dem Boden der Verlorenheit geboren, weil hier der Same Gottes ausgesät wurde? Diese Gemeinden könnten sich reproduzieren, wie es alle lebendigen und organischen Dinge tun.
Wir haben erlebt, dass sich solche Gemeinden in Restaurants, Büros, in Privathäusern und -wohnungen, an Hochschulen, Schulen oder Stränden trafen. Andere hatten ihre Treffen in Bars, Kaffeehäusern, Parks oder Schließfachräumen. Eines unserer Gemeinde-Netzwerke hat sich zum Ziel gesetzt, dass es in Las Vegas für jeden Einwohner eine Gemeinde gibt, die er zu Fuß erreichen kann.“ Ein anderes proklamiert: „Jeder Christ ist ein Gemeindegründer, jedes Haus und jede Wohnung ist eine Gemeinde, und jedes Gemeindegebäude ist ein Trainingscenter.“ Das ist eine völlig neue Art, die Gemeinde Jesu zu sehen, und genau das passiert heute überall in der westlichen Welt. Ich glaube, dass dies eine ansteckende Bewegung ist, die mit den vielen Menschen in Kontakt kommt, die sich von der herkömmlichen Kirche gelöst haben, aber auf der Suche nach Jesus sind. Wir müssen Jesus in das Leben der Menschen bringen, und dies muss im Rahmen von Beziehungen geschehen.
In der Zeitschrift eines bestimmten Gemeindeverbands fand ich einmal einen Artikel, in dem die Evangelisationsmethode einer örtlichen Gemeinde herausgestellt wurde. Zur Weihnachtszeit hatten sie ihren Chor in ein großes Einkaufszentrum geschickt, um dort durch Weihnachtslieder die Botschaft Jesu zu verkünden. Dies wurde als erfolgreiche Aktion dargestellt, obwohl sie niemand angesprochen, zu keinem eine Beziehung hergestellt hatten. Keiner der Besucher des Einkaufszentrums konnte diesen kirchlich-religiösen Menschen in den fremdartigen Roben eine Frage stellen. Sie hörten lediglich Lieder, mit denen sie ohnehin schon über die Lautsprecher berieselt wurden. Wie eine Flugbegleiterin vor jedem Abflug verkündete auch der Chor lebenswichtige Informationen, die aber von kaum jemand beachtet wurden. Und trotzdem waren die Mitglieder dieser Gemeinde davon überzeugt, dass sie eine großartige Arbeit für Gott geleistet hatten. Mann, wir haben wirklich ein Problem!
Wenn wir diese Welt für Jesus gewinnen wollen, müssen wir uns wohl oder übel in die Raucherecken setzen, denn dort finden wir die verlorenen Menschen. Aber wenn wir verlangen, dass sie ihre Zigarette ausmachen, um die Botschaft zu hören, werden sie nur an eines denken, nämlich: „Wann kann ich wieder eine rauchen?“
Der Kern unserer Botschaft ist doch, dass Gott von uns nicht erwartet, dass wir zu ihm in den Himmel kommen. Er kam zu uns. Er lebte sein Leben zu unseren Bedingungen und auf unserem Terrain. Er inkarnierte sich. Dies ist ein theologischer Begriff und bedeutet so viel wie, dass er „im Fleisch“ oder in „in einem menschlichen Körper“ war. Wenn ich mir Chili „con carne“ bestelle, bestelle ich Chili mit Fleisch, mit Substanz. Jesus war der inkarnierte Gott. Er war die Wahrheit im menschlichen Körper, sodass jeder sie sehen konnte. Er „… wurde Fleisch … und wir haben seine Herrlichkeit angeschaut, eine Herrlichkeit als eines Eingeborenen vom Vater, voller Gnade und Wahrheit“ (Joh 1,14).
Die Lieder des Chores hatten genau dies zum Inhalt, aber die Menschenmassen gingen einfach daran vorbei, ohne auch nur darüber nachzudenken. Als Jesus kam, trug er weder eine bunte Robe, noch blieb er distanziert, noch sang er den Leuten Lieder vor. Er kam genau wie wir nackt durch den Geburtskanal. Jemand musste seine Windel wechseln, und für eine gewisse Zeit konnte er sich wie alle anderen Menschen seit Adam und Eva nur durch Schreien verständigen. Er war arm und lebte unter uns. Er machte seine Hände schmutzig und diente den Menschen. Schließlich, nach seinem Leben, seinem Tod und seiner Auferstehung kam er irgendwann im 20. Jahrhundert auch zu mir. Wir müssen ihn auch heute zu den verlorenen Menschen kommen lassen.
Jesus ist immer noch inkarniert: Jetzt sind wir seine Füße, seine Hände, seine Augen und sein Mund. Wir sind der Leib Christi. Wir sind sein Tempel, und der Heilige Geist wohnt in unserem Fleisch (vgl. 1 Kor 6,19). Wir sind nicht die Gottheit, aber die Gottheit wohnt in uns, und ich finde, dass diese Wahrheit eine Realität ist, die unser Leben so dramatisch verändert, dass andere dies bemerken sollten.
Sir Walter Moberly schrieb 1949 das Buch The Crisis in the University (Die Krise in der Universität). Er hatte festgestellt, dass Evangelikale es nicht schafften, die Hochschulen mit dem Evangelium zu durchdringen. Für alle, die vorgeben, Jesus nachzufolgen, haben seine Worte von damals auch heute noch Biss: „Wenn auch nur ein Zehntel von dem, was ihr glaubt, wahr ist, dann solltet ihr zehnmal begeisterter sein.“2 Das sind die Worte eines Nichtchristen, der unsere Predigten gehört und unser Verhalten studiert hatte. Es tut weh, weil es wahr ist. Wir müssen anfangen, das Wort Jesu und den Geist Gottes so reichlich in uns wohnen zu lassen, dass seine göttliche Gegenwart spürbar ist. Das ist es, wofür Jesus gestorben ist.
Der Theologe Lesslie Newbigin sagt ganz richtig: „Die Kirche ist in die Welt gesandt, um das fortzuführen, wofür Jesus gekommen ist, und zwar in der Kraft desselben Heiligen Geistes Menschen mit Gott zu versöhnen“3 (vgl. Joh 20,19-23).
Dieses Buch ist ein Aufruf, zu unseren Wurzeln zurückzukehren. Die Gemeinde soll lebendig, organisch und im Fleisch sein. Sie soll dort hervorkommen, wo sie am meisten gebraucht wird. Die Kirche soll fruchtbar sein, sich multiplizieren und die Erde füllen, wie es Jesus beabsichtigte, als er dafür bezahlte.
Im Film „Apollo 13“ kam ein engagiertes Team hingegebener Leute bei der NASA zusammen, um ein schwieriges Problem zu lösen. Unter Ausnutzung einfacher Komponenten, die schon an Bord der Raumkapsel waren, fanden sie eine kreative Lösung, um die Astronauten zurück zur Erde zu bringen. Was sich schnell zum größten bisher dagewesenen Problem der NASA entwickelt hatte, wurde stattdessen ihr heldenhaftester Moment. Was wäre passiert, wenn die beteiligten Leute geleugnet hätten, dass es ein Problem gab? Wenn wir das Problem nicht erkennen, fehlt die kreative Energie, um Lösungen zu finden.
Der Anfang einer jeder großen Errungenschaft ist, dass ein Problem erkannt wird. Zusammen mit einem klaren Ziel und kreativer Energie kann durch diese Erkenntnis viel erreicht werden. Gott hat uns bereits alles gegeben, was wir brauchen. Wir müssen nur die einfachen Dinge in einem neuen Licht betrachten. Es gibt Lösungen, die auf der Hand liegen, wenn wir nur unsere Augen und Ohren für das öffnen, was der Heilige Geist den Gemeinden mitteilen will. Gott schweigt nicht; er hat sich nicht zurückgezogen, sondern er ist aktiv beteiligt und motiviert. „Bittet und ihr werdet empfangen“ (vgl. Mt 7,7).
Beim Lesen dieses Buches werden Sie vielleicht überrascht sein, wie einfach und naheliegend die Lösungen sind. Das Buch ist praktisch gehalten; es geht aber nicht um ein bestimmtes Gemeindemodell, sondern darum, wie die Wahrheit, die wir in der Bibel finden, heute Fleisch werden kann. Wenn Sie tiefgehende, komplexe und methodisch ausgeklügelte Antworten suchen nach dem Schema „Wie mache ich …?“, werden Sie enttäuscht werden. Die Antworten finden wir nicht in unseren Modellen, Methoden und menschlichen Systemen, sondern in der Wahrheit des Wortes Gottes und indem wir vom Heiligen Geist erfüllt und geführt werden. Ich hoffe, dass dieses Buch Sie wachrüttelt, sodass Sie die alte, vertraute Stimme wieder hören – die leise, säuselnde Stimme des Geistes –, die uns aufruft, neu und wieder mit ihm zu gehen. Alles, was komplizierter ist, ist nur zum Scheitern verurteilt.
Himmel, wir haben ein Problem. Zeige uns die Lösung und öffne unsere Herzen, damit wir sie empfangen können.
1 McNeil, R., The Present Future Church, Jossey-Bass, San Francisco 2003, S. 4.
2 Moberly, Sir W., The Crisis in the University, SCM Press, London 1953.
3 Newbigin, L., The Gospel in an Pluralistic Society, Eerdmans, Grand Rapids, Mich. 1989, S. 230.
TEIL 1: WURZELN DER ORGANISCHEN GEMEINDE
In der Schule mussten wir in Biologie einen Frosch sezieren. Einige der Mädchen waren ein wenig angeekelt, aber diese Übung half uns, das Tier von innen her zu verstehen. Bevor wir die potentielle Dynamik beschreiben, die in der Kirche schlummert, müssen wir sie zuerst analysieren und untersuchen, wie sie funktioniert.
Teil 1 verschafft uns eine Grundlage, um die Gemeinde verstehen zu können. Wir beschäftigen uns damit, welche Sicht Jesus selbst von der Gemeinde hat. Wir definieren die Gemeinde und lernen kennen, was sie so besonders macht. Wir beschäftigen uns auch mit einer wahren Geschichte über eine Reise in ein Königreich, das mit einem Samen, dem kleinsten aller Samen, beginnt und dann immer weiter wächst, um in kürzester Zeit Einfluss auf die Welt zu nehmen.
Kapitel 1: Reite mit mir hinaus!
Wann hört die Kirche endlich mit ihren kläglichen und nichtssagenden Träumen auf, „in der Welt etwas bewirken“ zu wollen, und fängt stattdessen an, Gottes Träume zu träumen, wie sie die Welt verändern kann? Vermag die Kirche diese postmoderne Zukunft zu erfinden und zu verhindern, zu erlösen und neu zu träumen?
Leonard Sweet („Soul Tsunami“)
Nichts ist dem unmöglich, der nicht auf die Vernunft hört.
John Belushi (in dem Film „Animal House“)
In dem Film „Der Herr der Ringe“ schafft Peter Jackson eine wunderschöne Darstellung von Tolkiens Welt der Mittelerde. Mittelerde ist ein fiktiver Ort voller Zauberer, Elfen, Zwergen, Drachen, Orks und Kobolden. Es gibt dort auch die Hobbits, einfache, sehr kleine Landbewohner. Sauron, der finstere Herrscher des Bösen in dieser Welt, schuf vor etlichen Jahrhunderten einen Ring der Macht, der einen großen Teil seines bösen Einflusses enthält. Dieser Ring ging verloren, gelangt aber schließlich irgendwie in den Besitz eines Hobbits namens Frodo Baggins. „Der Herr der Ringe“ ist die epische Geschichte einer kleinen, verschworenen Gruppe von Wesen aus den freien Völkern der Mittelerde, die mit einer riesigen Anzahl von Feinden und überwältigenden Schwierigkeiten konfrontiert ist. Sie brechen auf, um diesen Ring der Macht und somit auch Saurons wachsenden Einfluss zu zerstören.
Im zweiten Film, „Die zwei Türme“, verbünden sich die Guten mit dem Volk Rohan, das durch seine Reiter und schnellen und mutigen Pferde weltberühmt ist. Sie stoßen auf die Vorhut einer bösen Armee von Kobolden, die die gesamte Menschheit zerstören will.
Irgendwann trifft die Gruppe der Ringzerstörer im Thronraum von Theoden ein, dem König von Rohan. Als der König die Gefahr erkennt, muss er schwierige Entscheidungen treffen. Man rät ihm, „hinauszureiten und sie zu treffen“, aber er sorgt sich um das Wohlergehen seines Volkes. Krieg ist schrecklich und bringt große Verluste mit sich. In der Vergangenheit hatten sie immer Sicherheit in der Burg „Helm’s Deep“ gefunden. Mit seinem Hirtenherzen und seinem Wunsch, die Menschen, für die er die Verantwortung trägt, zu beschützen, verkündet er: „Ich werde mit meinen Leuten keinen offenen Krieg riskieren.“ Aragorn, ein Krieger mit dem wahren Herzen eines Königs, antwortet darauf: „Der offene Krieg steht dir bevor, ob du ihn riskieren willst oder nicht.“
Diese Worte sind auch heute noch wahr. Wir stehen einer bösen Macht gegenüber, die auf dem Vormarsch ist und die Welt zerstören will. Unser Feind, Satan, rückt vor und macht täglich Boden gut. Christliche Leiter wie Theoden befinden sich in einer ähnlichen Krise und müssen Entscheidungen zum Wohl ihrer Leute treffen.
Theoden entscheidet sich für die Festung Helm’s Deep, die sich als Illusion der Sicherheit herausstellt. Nach dieser Entscheidung zeigt der Film, wie die Menschen dem Bösen gegenüber immer mehr an Boden verlieren. In der Festung wiegen sich die Menschen zunächst in Sicherheit, aber die Mauern werden durchbrochen und sie müssen weiter in den Bergfried zurückweichen. Schließlich erobern die Feinde die gesamte Festung bis auf einen kleinen Raum mit verbarrikadierter Tür.
Als der Rammbock gegen die letzte Tür schlägt, die die Menschen von ihrer Vernichtung trennt, ruft der König hilflos: „Was kann ein Mensch gegen diesen ruchlosen Hass unternehmen?“ Aragorn gibt dem König denselben Rat wie zuvor: „Reite mit mir hinaus!“
Mit dem Rücken zur Wand und ohne Hoffnung, gegen eine zehntausendköpfige Armee siegen zu können, erscheint dieser Vorschlag lediglich als Möglichkeit, noch einen ehrenhaften Tod zu sterben. Theoden erwidert: „Ja, für den Tod und die Ehre!“ Aber Aragorn korrigiert ihn: „Für dein Volk!“ Theoden antwortet voller Leidenschaft: „Lass dies die Stunde sein, in der wir gemeinsam unsere Schwerter ziehen!“ Sie steigen auf ihre Pferde und greifen den Feind frontal an. So werden sie doch noch zu den echten Kriegern, die sie schon immer hätten sein sollen. Sie stürzen sich waghalsig und mutig in den Kampf, was den Feind überraschenderweise verunsichert, sodass er schließlich zurückweicht. In diesem Moment trifft Verstärkung ein, und am Ende ist die Schlacht gewonnen. Das Böse wird in die Flucht geschlagen, und der Sieg gehört den mutigen Helden, die wider alle Umstände dem Feind entgegengetreten waren.
Dies ist ein Gleichnis für unsere heutigen Gemeinden. Trotz guter Absicht wohlmeinender Leiter ist die Kirche in eine defensive Haltung zurückgefallen und sucht Zuflucht in ihren eigenen Festungen von Gebäuden und Programmen, „christlichen“ Geschäften, Schulen und Diensten. In dem Versuch, der Bedrohung auszuweichen, die wir eigentlich hätten vereiteln sollen, haben wir immer mehr an Boden verloren, bis wir nun nicht weiter zurückweichen können und vom Bösen umgeben sind. Heute sieht man uns als unfähige und ängstliche Gruppe an, die sich vor der Welt und der Realität, die uns umgibt, versteckt. Wir haben zugelassen, dass der Feind die Kultur und die Gesellschaft übernimmt, und beschweren uns darüber aus der Sicherheit unserer so genannten christlichen Festungen heraus.
Wer ist Jesus für Sie?
Aber so hat sich Jesus die Kirche nicht vorgestellt. Zweimal sprach er direkt von der „Kirche“ bzw. „Gemeinde“. Das erste Mal erwähnte er sie, als er mit seinen Jüngern unterwegs nach Cäsarea Philippi war (vgl. Mt 16,13-20). Jesus führte mit den Jüngern einen unangekündigten Test durch. Lehrer haben gute Gründe für solche Tests: Diese zeigen ganz deutlich auf, wie es um das Wissen der Schüler wirklich steht.
Die erste Testfrage war einfach: „Was sagen die Leute, wer ich bin?“ Das machte den Jüngern Spaß, alle wollten sich beteiligen und jeder hatte seine eigene Theorie. Es ist immer einfach, über die Fehler der anderen zu reden. Was die Jünger aber nicht merkten, war, dass dies nur eine Aufwärmfrage war.
Die zweite Frage war dann die eigentliche Prüfung – die wichtigste Frage, die man jemals beantworten kann. Jesus fragte: „Ihr aber, was sagt ihr, wer ich bin?“ Die Bibel erwähnt das zwar nicht, aber ich kann mir gut vorstellen, dass es plötzlich äußerst still geworden ist. Ich kann mir auch vorstellen, dass die Blicke, die gerade noch so voller Enthusiasmus waren, sich nun langsam zu Boden senkten. Diese Frage ist wesentlich schwerer zu beantworten, weil es eine persönliche Frage ist. Beantworten wir sie falsch, sind wir es, die im Unrecht sind. Diese eine Frage möchten wir auf keinen Fall falsch beantworten, denn daran hängt schließlich die ganze Ewigkeit.
Das Gewicht dieser Frage erzeugte eine starke Spannung. Ich stelle mir vor, dass die Jünger langsam ihre Köpfe zu Petrus hindrehten, in der Hoffnung, er würde, wie schon so oft, das Wort übernehmen und für sie in die Bresche springen. Petrus fand die Stille wahrscheinlich unangenehm und war bereit, den Kopf hinzuhalten. In einem einzigartigen Moment erhob er kühn und voller Kraft seine Stimme und sagte: „Du bist der Christus, der Sohn des lebendigen Gottes!“
Wahrscheinlich lächelte Jesus daraufhin, und die Anspannung verflog sogleich. Petrus war wohl ein wenig stolz auf sich (später musste er gedemütigt werden). Jesus sprach dann einen Segen über Petrus aus, der sowohl dessen Leben als auch das unsrige für immer berühren sollte: „Du bist gesegnet, Simon, Sohn Jonas, weil du im Test geschummelt hast!“ (meine Umschreibung). „Du hast die Antwort nämlich von einem anderen bekommen. Fleisch und Blut haben dir dies nicht offenbart, sondern mein Vater im Himmel.“ Letztendlich betrügen wir ja alle den Tod und das Gericht, da wir alle unsere Antwort von Gott und seinem Sohn bekommen. Es gibt keinen anderen Weg. Wir alle brauchen Hilfe vom Himmel, wenn wir Jesus kennenlernen wollen. Wir schaffen es nicht mit Hilfe eines hohen IQ oder indem wir die richtigen Bücher durcharbeiten. Weder die Intelligenz noch die Familienherkunft noch die Nationalität bringen uns in den Himmel; es ist die Gnade Gottes. Nur wenn wir seine Hilfe annehmen, können wir Jesus wirklich kennenlernen.
Um was es mir wirklich geht, ist Jesu Verständnis von seiner Gemeinde in Vers 18. Zunächst möchte ich den Kontext darlegen, damit wir verstehen, wie Jesus vorging. Wenn wir darüber sprechen wollen, was die Gemeinde wirklich ausmacht, müssen wir an dieser Stelle ansetzen. Alles über die Gemeinde beginnt und endet mit der einen Frage: Wer ist Jesus für dich? Jesu Aussage über die Gemeinde steht in einem Zusammenhang, der damit beginnt, dass Gottes Gnade die Identität Jesu offenbart, und sie endet mit Jesu Werk am Kreuz und seiner unfassbaren Auferstehung drei Tage später (vgl. Mt 16,21). Selbst wenn wir alles andere richtig machen, sind wir nicht wirklich die Gemeinde, wenn wir diese wichtige Frage auslassen. Gemeinde beginnt mit Jesus: wer er ist und was er getan hat. Alles dreht sich um Jesus, und wenn wir mit der Zeit andere Dinge in den Mittelpunkt stellen, entspricht die Gemeinde nicht mehr dem, wie Jesus sie gemeint hat.
Bevor wir über Gemeindegründung und -wachstum reden, müssen wir uns also mit der Frage auseinandersetzen: „Wer ist Jesus für mich?“ Auch wir müssen die Antwort von unserem Vater im Himmel erhalten und nicht durch ein Buch oder ein Seminar. Die Gemeinde ist geistlich. Mit ihr ist ein Geheimnis und eine Offenbarung verbunden.
Wenn wir auf die Frage antworten, dass Jesus der König der Könige ist, dann wird unsere Gemeinde genau das reflektieren. Hat Jesus alle Macht im Himmel und auf Erden und ist immer gegenwärtig, dann wird die Gemeinde anders sein. Ist Jesus aber fügsam, passiv und gleichgültig, dann wird es unsere Gemeinde ebenfalls sein.
Ich denke, eines unserer Probleme ist, dass wir vergessen, uns diese Frage zu stellen, wenn wir neue Gemeinden gründen wollen. Die Folge sind schwache Gemeinden. Wir reden mehr über unseren Stil und das Modell unserer Gemeinde als über den Herrn der Herren, der in ihr regiert. Wir erklären den Leuten, weshalb unsere Gemeinde anders oder besser ist als andere Gemeinden vor Ort und hoffen, dass die Menschen uns dann attraktiv finden; stattdessen sind sie gar nicht interessiert. Nur wenn wir zu unserer ersten Liebe zurückkehren und auf Jesus ausgerichtet sind, werden sich viele angezogen fühlen. Sie werden gedrungen sein, Jesus zu gewinnen, statt einen religiösen Gottesdienst zu besuchen.
Die Gemeinde, die Jesus vor Augen hatte
Jesus sagte weiter: „Aber auch ich sage dir: Du bist Petrus, und auf diesem Felsen werde ich meine Gemeinde bauen, und des Hades Pforten werden sie nicht überwältigen“ (Mt 16,18). In einem einzigen Satz sagt Jesus mehr darüber aus, wie die Gemeinde sein soll, als unzählige Theologen in ihren Büchern, die ganze Bibliotheken füllen. Ich möchte Ihnen fünf Dinge aufzeigen, die Sie über die Gemeinde, die den Vorstellungen Jesu entspricht, erkennen sollten.
1. Jesus baut die Gemeinde
Es gibt viele Bücher, Kassetten, Seminare und CDs, die uns helfen sollen, die Gemeinde zu bauen; aber wenn wir die Gemeinde bauen, ist es nicht die Gemeinde. Jesus hat nicht gesagt: „Auf diesen Felsen werdet ihr meine Gemeinde bauen.“ Jesus und nur Jesus baut die Gemeinde. Wenn wir eine Gemeinde bauen, die auf einer charismatischen Persönlichkeit, einer innovativen Methodik oder sonst etwas basiert, dann haben wir eine Gemeinde, die von minderer Qualität ist als die, die Jesus bauen würde.
2. Die Gemeinde gehört Jesus
Jesus hat die Gemeinde mit seinem eigenen Blut erworben (vgl. Apg 20,28). Er hat nicht versprochen, dass er unsere Gemeinde bauen wird. Die Gemeinde gehört Jesus. Er baut seine Gemeinde.
Es gibt eine Geschichte über einen Bauunternehmer, der in einem kleinen Ort in Europa Häuser baute. Die meisten Häuser baute er für die Menschen in dem Dorf. Er war ein begabter Zimmermann. Leider konnte er sich nie selbst so ein Haus leisten. Eines Tages kam der reichste Einwohner zu ihm und bat ihn darum, ein Haus zu bauen. Er sagte: „Ich möchte, dass du das beste und schönste Haus baust, das dir möglich ist. Kosten spielen keine Rolle. Ich muss jetzt verreisen, und wenn ich wieder da bin, soll das Haus fertig sein.“
Der Unternehmer nahm den Auftrag an und begann mit der Arbeit. Währenddessen kam ihm jedoch ein Gedanke: „Dieser wohlhabende Mann hat schon einige Häuser. Ich habe keines. Ich werde minderwertige Materialien nehmen, schnell arbeiten, zusehen, dass es gut aussieht, und nehme ihm dann die volle Summe ab. So kann ich das gesparte Geld einstecken und mir selbst ein Haus bauen. Es wird kein großes Haus sein, aber es wird mir gehören.“ Genauso tat er es auch.
Als der reiche Mann zurückkehrte, wollte er sein Haus besichtigen. Er war sehr beeindruckt. Von weitem sah es wunderschön aus. Dann ging er zu dem korrupten Unternehmer und sagte: „Das Haus sieht ja toll aus! Ich bin so froh, dass du keine Kosten gescheut hast, denn ich will das Haus einem guten Freund schenken, der so ein Haus wirklich verdient.“ Und damit gab er dem Unternehmer den Schlüssel und sagte: „Hier ist dein neues Zuhause, mein Freund.“ Der Unternehmer nahm den Schlüssel für sein neues Haus dankbar an, aber sein Herz wurde schwer, als er erkannte, was er getan hatte.
Welche Mühe hätte sich der Mann wohl gegeben und in welch guter Qualität hätte er das Haus wohl gebaut, wäre ihm klar gewesen, dass er und seine Familie einmal darin wohnen würden? Die Gemeinde ist Jesu Bauprojekt, und er hat die volle Absicht, darin zu wohnen. Wenn Jesus seine Gemeinde baut, wird sie wunderschön und solide. Er macht keine schlampige Arbeit. Wenn unsere Gemeinden zerfallen und kränkeln, dann nicht, weil Jesus schlecht gearbeitet hätte, sondern weil wir die Aufgabe an uns gerissen haben.
3. Die Gemeinde soll wachsen
Sie sind bestimmt schon einmal an einem Gebäude vorbeigegangen, das sich noch im Bau befand. Wenn Sie dann irgendwann zum zweiten Mal vorbeikamen, war es sicher nicht kleiner als vorher. Wenn etwas gebaut wird, wird es größer und nicht kleiner. Jesus baut seine Gemeinde, und sie sollte wachsen. Sie sollte geistliches Wachstum erleben, und dazu gehört auch, dass Menschen neu ins Reich Gottes gebracht werden.
Das bedeutet nicht, dass jede lokale Gemeinde immer größer und größer werden sollte. Die meisten Warmblüter wachsen bis auf eine bestimmte Größe und reproduzieren sich dann. Auch der Leib Christi sollte auf diese Weise wachsen. Die riesigen Megagemeinden des letzten Jahrhunderts wird man einmal als Anomalie, nicht als Norm für unsere Zeit betrachten.
4. Die Gemeinde, die wächst, wird auf Widerstand stoßen
Jesus sagte, die Gemeinde würde auf Widerstand stoßen, wenn sie wächst, und die Feindseligkeit würde aus dem Hades kommen. Dort, wo die Gemeinde lebendig ist und wächst, wird die Hölle versuchen, dies zu bekämpfen.
Feindseligkeit aus der Hölle ist also ein Zeichen dafür, dass eine Gemeinde gesund ist. Ein Prediger sagte einmal: „Wenn du am Morgen aufwachst und nicht geradewegs dem Feind begegnest, dann gehst du vielleicht in die falsche Richtung.“ Ed Silvoso betont ganz richtig, dass in der Bibel nicht steht: „Ignoriert den Teufel, und er wird vor euch fliehen.“1 Wir müssen standfest bleiben und dem Feind widerstehen.
In dem Buch „Releasing Your Church’s Potential“ von Robert Logan und Tom Clegg steht: „Ich glaube, dass der Feind die Menschen in zwei Kategorien einteilt: Diejenigen, die er ignorieren kann, und diejenigen, die er bekämpfen muss. Ich möchte zu denen gehören, die er bekämpfen muss.“ Weiterhin zitieren sie einen Bomberpiloten aus dem Zweiten Weltkrieg: „Wenn du ins Flakfeuer gerätst, weißt du, dass du in der Nähe des Zieles bist.“2
5. Die Gemeinde, die Jesus baut, kann man nicht aufhalten
Der Feind, mit dem wir es zu tun haben, ist stark. Schon seit Anbeginn der Zeit ist er zugange und studiert unsere Stärken und Schwächen. In seinem ersten Versuch, das menschliche Leben zu zerstören, ging er gegen einen perfekten Mann und eine perfekte Frau vor, die Teil einer perfekten Umgebung und nicht durch eine sündige Natur behindert waren, aber er hatte Erfolg. Seit dieser Zeit hat er sein Handwerk noch weiter perfektioniert. Er kennt all unsere Schwächen und unsere Verwundbarkeit. Er hat ein Heer von Soldaten unter seinem Kommando. Er und alle seine Truppen sind unsichtbar und übernatürlich, und sie umgeben uns. Sie beobachten uns schon unser Leben lang.
Betrachte ich unsere Situation aus dieser Perspektive, dann sehe ich die Gemeinde als Zufluchtsort oder Unterschlupf. Ich sehe sie als eine Festung, in der wir die Heiligen vor dem grausamen Wolfsrudel verteidigen, das uns umlagert und jeden von uns verschlingen will. Aber diese Beschreibung der Gemeinde entspricht nicht dem, was Jesus in diesem Vers (Mt 16,18) sagt.
Jesus hat gesagt, dass die Pforten der Hölle seine Gemeinde nicht besiegen können. Die meisten unter uns haben zu Hause ein Tor oder eine Pforte. Eines Tages dämmerte mir, dass ein solches Tor keine Angriffswaffe ist. Man braucht keine spezielle Erlaubnis, um ein Tor kaufen zu können, wie etwa bei einem Gewehr. Die Polizei führt keine geladenen Tore mit sich. Terroristen halten Opfer nicht mit einem Tor in Schach. Wir senden keine Waffeninspektoren ins Ausland, um Tore der Massenvernichtung ausfindig zu machen. Und es gibt auch keine Hunde, die mit einem kleinen Schild „Vorsicht vor Toren“ um den Hals herumrennen.
Tore sind keine Bedrohung; sie sind defensiv, und die Tore, von denen Jesus gesprochen hat, sind auch keine perlenbesetzten Tore, sondern es sind die Tore der Hölle! Die Gemeinde soll in der Offensive sein, nicht defensiv. Die Gemeinde ist bereits zu lange als Geisel am Tor festgehalten worden. Es wird Zeit, dass wir damit aufhören, uns von einem Tor einschüchtern zu lassen. Es ist an der Zeit, dass die Gemeinde dem Teufel wieder auf den Fersen ist, statt umgekehrt.
Leider hat die Gemeinde im Westen meist eine defensive Haltung eingenommen. Christen sind dafür bekannt, gegen andere Institutionen zu sein. Als ob das nicht schon genug wäre, fühlen wir uns sogar häufig voneinander bedroht. Einige unter uns fühlen sich nicht wohl, wenn wir nicht in der Defensive sind, als ob es eine Sünde wäre, offensiv zu sein. Wir sind so defensiv, dass es schon wieder anstößig ist.
Können Sie sich vorstellen, was passieren würde, wenn eine Football-Mannschaft nur ihre Defensive einsetzen würde? Die Defensive könnte sie nicht zum Sieg führen, denn sie brauchen ja auch Spieler, die Punkte erzielen.
Einmal spielte ich Schach gegen einen zehn Jahre alten Jungen. Es war sein allererstes Schachspiel, und er war mir ebenbürtig. Gegen Ende des Spiels, als er schon seine Dame verloren hatte, begann ich seinen König über das ganze Brett zu jagen. Er machte einen Zug, dann ich: „Schach!“ Er machte wieder einen Zug, ich ebenfalls: „Schach!“ So ging das eine ganze Weile, und irgendwann fragte ich mich, wann dieses Spiel wohl einmal enden würde. Während ich in meinem Selbstvertrauen vor mich hin träumte, überlegte sich der Junge eine Strategie. Er stellte mir eine Falle, in die ich glatt hineintappte. Dadurch verlor ich meine Königin, und jetzt beherrschte er das Feld. Schnell wechselte ich von der Offensive zur Defensive. Nun verfolgte er mich. Großmütig wie ich bin, ließ ich den Jungen schließlich gewinnen.
Wie dieser Junge, muss auch die Kirche heute von der Defensive zur Offensive umschalten, wenn wir wirklich all das sein wollen, was Jesus mit uns vorhat.
Vor einigen Jahren war ich in Frankreich, um für Missionare in Europa einige Führungsseminare zu halten. Bevor ich losreiste, besuchte ich noch eine Party, die Freunde aufgrund der Geburt eines Kindes gaben. Dana und ich waren die einzigen Christen dort. Eine Freundin, die mitbekam, dass wir nach Paris reisen würden, meinte, wir müssten unbedingt das Rodin-Museum besuchen.
Der Franzose Auguste Rodin war ein impressionistischer Bildhauer. Obwohl sein Name nicht sehr bekannt ist, ist doch den meisten seine Arbeit vertraut. Er schuf die Skulptur „Der Denker“. Was Ihnen aber vielleicht nicht bewusst ist, ist, dass der Denker eine Studie für sein bestes Meisterstück, „Die Pforten der Hölle“, war. Er sollte dort ganz oben angebracht werden. Jahrelang haben wir uns gefragt, woran der Denker wohl denkt. Nein, er fragt sich nicht, wo er die Nacht zuvor seine Klamotten verloren haben könnte. Der Denker denkt darüber nach, was es bedeutet, dazu verurteilt zu sein, eine Ewigkeit von Gott getrennt zu sein. Er ist Dante, der sich das Inferno vorstellt.
Unsere Freundin von der Party begann uns die Pforten der Hölle zu beschreiben. Es ist ein hohes und schwermütiges Werk mit scheinbar zahllosen Figuren, die sich vor Leid, Schmerz und Todesqualen krümmen und zu ihrem Gericht hinabgleiten, während der Denker über dem allem in einer reuigen und nachdenklichen Haltung sitzt. Jede Figur hat ihre eigene Geschichte und Identität und hat einen Bezug zu Dantes Inferno oder einer anderen mythologischen Geschichte. Als unsere Freundin damit begann, jede einzelne Figur mit ihrer Geschichte zu beschreiben, wurde sie vor lauter Begeisterung ganz euphorisch und sagte erstaunt: „Ich glaube, ich könnte für immer auf die Pforten der Hölle starren!“
Diese Worte blieben bei uns nicht ohne Wirkung und es entstand eine lange Pause in unserem Gespräch. Einige gaben ein unbehagliches, leises Lachen von sich, als sie begriffen, wie bedeutsam ihre Worte waren. Mir fiel in diesem Moment nichts Besseres ein, als zu sagen: „Hoffentlich nicht!“
Dies macht uns deutlich, welche Folgen es hat, wenn die Kirche in einer passiven, defensiven Haltung verharrt. Wenn wir uns vor lauter Angst, was uns bedrohen könnte, in unserer Festung zurücklehnen, bleiben zahllose Seelen an die Mächte der Hölle gebunden. Wir müssen in die Offensive gehen, die Pforten bestürmen und die Gefangenen befreien. Das ist die Gemeinde, die Jesus sich vorstellt.
Als wir nach Long Beach in Kalifornien gingen, um eine Gemeinde zu gründen, wollten wir zunächst ein Kaffeehaus eröffnen. Gott zerstörte aber unsere Pläne, indem er uns vorschlug, stattdessen in die bestehenden Kaffeehäuser zu gehen, in denen schon verlorene Menschen waren. Wir begannen, regelmäßig ein lokales Kaffeehaus mit dem Namen „Coffee Tavern“ aufzusuchen. Dort lernten wir Sean kennen.
Eine Frau aus unserem Team erkannte Sean, weil sie zusammen in einer Band am College der Stadt spielten. Sean war ein außergewöhnlicher Musiker, bis er durch seine Drogensucht alles verloren hatte. Später vertraute er mir an, er habe bei unserem ersten Treffen gerade auf seinen Drogendealer gewartet. Sean ging es ganz offensichtlich schlecht. Seine Kleidung war schmutzig, seine Haare fettig und er sah ungepflegt aus.
Sean hatte seine ganzen Instrumente verkauft, um sich Speed kaufen zu können. Er hatte immer wieder seinen Job verloren, weil er oft stahl, um seinen Drogenkonsum finanzieren zu können. Er war kurz davor, ganz unterzugehen.
Wir luden Sean zu mir nach Hause in die Gemeinde ein. Ehrlich gesagt war ich sehr überrascht, als er dann tatsächlich kam und seine Besuche schließlich immer häufiger wurden. Mit der Zeit taute er auf und fing an, auf uns einzugehen.
Bei unserer ersten Taufe war er dabei und machte Fotos. Das zeigte mir, dass er kurz davor war, selbst ein Teil der Familie Gottes zu werden. Ich fragte ihn, ob er getauft werden wolle. Er antwortete: „Nein, ich habe ja Jesus noch nicht angenommen, aber das werde ich bald tun.“ Einige Wochen später taufte ich ihn im Meer.
Nach seiner Taufe feierte er mit Speed. Wir beide trafen uns jede Woche, um einander Rechenschaft über unser Leben zu geben. Bei jedem Treffen bekannten wir uns gegenseitig unsere Sünden, und jede Woche erzählte er davon, dass er wieder einmal seiner Sucht nachgegeben hatte. Gerichtlich war ihm schon die Teilnahme an einem 12-Schritte-Programm auferlegt worden, auch musste er sich regelmäßig auf Drogen überprüfen lassen. Der Erfolg blieb aber aus. Jüngerschaft und unsere Rechenschaftstreffen funktionierten ebenfalls nicht, weshalb wir die Sache eine Stufe intensiver angingen und ihn einige Zeit bei uns wohnen ließen. Er ließ die Finger von den Drogen, solange er bei uns wohnte, sobald er aber wieder in seine eigene Wohnung ging, wurde er rückfällig. Ich wusste nicht, wie ich ihm helfen konnte, sodass ich ein Rehabilitationszentrum vorschlug. Diese Idee gefiel ihm überhaupt nicht und er bettelte um eine andere Möglichkeit. Ich sagte: „Nun, es gibt noch einen anderen radikalen Weg, den wir versuchen könnten.“
Er sagte: „Super, und das ist?“
Ich sagte: „Wir beide setzen uns jetzt ins Auto und fahren zu deinem Dealer und erzählen ihm von Jesus.“ Mit einem Lächeln fügte ich hinzu: „Sollte dein Dealer Jesus annehmen, würde dadurch deine Drogenquelle wegfallen.“
Sean lächelte, weil er nicht wusste, ob er mich ernst nehmen sollte – aber ich meinte es todernst. Ich sagte zu ihm: „Bruder, hör jetzt mal zu. In deinem Leben gibt es eine dunkle Stelle! Wie können wir dich davon befreien? Können wir sie mit dem Staubsauger wegsaugen? Können wir sie einfach beiseite wischen? Nein, Dunkelheit kann nur auf eine Weise beseitigt werden: Wir brauchen Licht! Paulus sagt in Römer 12,21: Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit dem Guten!“ Sean erkannte nun, dass ich es ernst meinte.
Er antwortete: „Ok, in Ordnung, aber es geht nicht, dass du dabei bist. Ich ziehe das besser alleine durch.“ Offensichtlich sehe ich eher wie ein Drogenfahnder als ein Süchtiger aus. Ich stimmte zu, verlangte aber, dass er es bis zum nächsten Tag erledigte. Ansonsten würde ich ihn doch begleiten müssen.
Er fand seinen Dealer (nicht schwer für einen Süchtigen) und erzählte ihm von Jesus. Sie stellen sich diesen Dealer wahrscheinlich als einen finsteren Mann vor. Es war aber eine Frau, sogar eine Mutter. Drogen sind eine Möglichkeit, leicht Geld zu verdienen. Sie lebte nebenan im Ghetto und verkaufte Drogen an die Jugendlichen in der Umgebung.
Von dem Zeitpunkt an nahm Sean keine Drogen mehr. Er war frei. Die Kraft des Evangeliums, das er selbst empfangen und schon an andere weitergegeben hatte, veränderte sein Herz. Es ist Gottes Kraft zum Heil für die, die glauben (vgl. Rö 1,16). Indem Sean das Evangelium an die weitergab, die Einfluss auf ihn hatten, verinnerlichte er es und konnte es noch besser glauben. Oft sind wir sehr schnell dabei, nach anderen Wegen zu suchen, den Menschen zu helfen, und übersehen das, was am wirksamsten ist: die einfache Botschaft von Jesus, verinnerlicht und an andere weitergegeben.
Seans Dealerin wurde an jenem Tag noch keine Christin, dafür aber ihr 14-jähriger Sohn. Sean taufte ihn. Nach rund einem Jahr war auch die Mutter so weit, nachdem man ihr ihren Sohn weggenommen und sie ins Gefängnis gesteckt hatte. Schließlich führte Sean auch noch einige Freunde des Jungen zu Jesus und taufte sie. Er begann in seinem Stadtviertel eine neue Gemeinde, eine Gemeinde für Jugendliche, die nach etwas Besserem für ihr Leben suchen. Heute ist er immer noch wie ein Hirte für sie und stellt mir immer wieder junge Menschen vor, die Jesus kennengelernt haben.
Eines Abends kam Sean in die Gemeinde und verkündete, er habe eine neue Gemeinde gegründet. Sie treffen sich mittwochs um drei Uhr morgens auf dem Parkplatz eines Supermarktes im Stadtzentrum von Long Beach. Warum hatte er eine Gemeinde gegründet, die sich zu einer derart ungewöhnlichen Uhrzeit und an einem solchen Ort trifft? Sean arbeitete damals als Sicherheitsbeauftragter in Long Beach. Er fand einige an Jesus hingegebene Christen, die nachts arbeiteten und tagsüber schliefen. Nun gab es auch für sie eine Gemeinde.
Die Gemeinde ist eine lebendige, authentische Demonstration der Liebe und Wahrheit Jesu in dieser dunklen Welt, und mit Jesus am Steuer ist sie unaufhaltbar. Wir sollten vor Drogendealern und der Dunkelheit nicht flüchten. Denn wenn wir tatsächlich das Licht der Welt sind, dann sollten wir in die Dunkelheit hineinrennen – und zwar mit dem Verständnis, dass uns die Dunkelheit nichts anhaben kann. Wir sollten das Licht nehmen und es der Dunkelheit direkt in den Rachen stoßen.
Dana, meine Frau, ist Lehrerin von Beruf. Früher arbeitete sie in einer christlichen Schule, aber in den vergangenen Jahren wollte sie lieber in einer öffentlichen Schule arbeiten – in einer üblen Gegend von Los Angeles. In ihrer ersten Woche an dieser Schule kam sie mit einem breiten Lächeln und einem Leuchten in den Augen nach Hause. Sie sagte diese unvergesslichen Worte, die mich noch immer stolz machen: „Es macht so viel mehr Spaß, ein Licht in der Dunkelheit zu sein als ein Licht im Licht!“
Ich denke, wir sollten alle lernen, mehr Spaß zu haben!
Jesus hat gesagt: „Ihr seid das Licht der Welt“ (Mt 5,14). Er hat uns nicht befohlen zu leuchten. Er meinte nicht, wir sollten heller werden. In Wirklichkeit sagte er: „Ihr scheint bereits; ihr seid ein Licht – das ist, was ihr seid!“ Dann fügte er noch hinzu, ein Licht sei nutzlos, wenn man es unter ein Gefäß stelle. Eine Lampe gehöre auf ein Lampengestell, damit sie die ganze Dunkelheit in ihrer Umgebung erleuchten könne (vgl. Mt 5,15).
Normalerweise steht im Griechischen ein Pronomen bzw. ein Subjekt erst weiter hinten im Satz, aber Jesus hat „ihr“ an den Anfang gesetzt. Das fiel allen auf. Das Pronomen ihr wird extra betont, als wolle er sagen: „Ihr – ja ihr – seid das Licht der Welt.“ Er spricht zu Ihnen, ja Ihnen!
Unsere größte Bedeutung findet sich in der Dunkelheit, nicht im Licht. Das kleinste Licht besiegt das Dunkel der Nacht. Wir sind dazu geboren, Krieger zu sein, und dazu wiedergeboren, um die Dunkelheit zu verjagen. Wie die Reiter von Rohan müssen wir uns daran erinnern, wer wir sind, und dann hinausreiten und dem Feind begegnen. Dann sind wir wirklich die, die wir immer schon sein sollten. Die Gruppe von Feiglingen, die sich in der Festung mit den Buntglasfenstern versteckt, das ist die Karikatur davon!
Liebe Leser, der offene Krieg steht uns bevor. Reiten Sie mit mir hinaus, um dem Feind entgegenzutreten. Befreien wir die Gefangenen und schlagen wir den Feind in die Flucht.
Dies soll die Stunde sein, in der wir gemeinsam „die Schwerter ziehen“!
1 Silvoso, E., … dass niemand verloren geht, Campus für Christus, 1999, S. 89.
2 Logan, R. E., und Clegg, T., Releasing Your Church´s Potential, ChurchSmart Resources, Saint Charles, Ill. 1998, S. 4-12.
Kapitel 2: Für eine neue Art von Gemeinde erwachen
Risiken sollten nicht nach ihren Erfolgsaussichten beurteilt werden, sondern nach dem Wert der Ziele.
Ralph Winter
Es gibt einen Unterschied zwischen dem Kennen des Weges und dem Gehen des Weges.
Morpheus in dem Film „The Matrix“
Bevor wir die organische Gemeinde beleuchten und untersuchen, wie sie wächst und sich vermehrt, bis sie zu einer Bewegung wird, die sich spontan multipliziert, ist es wichtig, dass ich Ihnen das Gesamtbild aufzeige und eine kleine geschichtliche Einführung gebe. In diesem Kapitel erzähle ich unsere eigene Geschichte, damit Sie verstehen, wie wir sozusagen in eine Bewegung hineingestolpert sind. Das tue ich nicht, damit Sie unsere Vorgehensweise nachahmen und versuchen, unseren Erfolg zu klonen, das wird nicht funktionieren. Nein, unsere Geschichte erzähle ich, damit Sie den Mut finden, Ihre eigene zu entdecken. Sie werden darin die Grundprinzipien erkennen, damit Sie das Wesentliche einer organischen Gemeindebewegung verstehen lernen. Dieses Kapitel erzählt die Geschichte eines Pastors einer ganz normalen Gemeinde, der durch Gottes Führung eine Gemeindemultiplikationsbewegung entdeckt hat.
Die Geschichte der beiden Steves
Acht Jahre lang war ich Pastor einer ziemlich normalen Gemeinde in einer südkalifornischen Vorstadt. In dieser Zeit bildeten wir Leiter aus, die neue Gemeinden gründen sollten. Letztendlich wurden drei Tochtergemeinden gegründet. Bereits in den Anfängen spürte ich, dass mein Dienst dort zeitlich begrenzt sein und ich irgendwann etwas anderes tun würde. Mit den Jahren sah ich Veränderungen im Leben vieler Menschen, Leiter entwickelten sich und der Dienst gedieh. Ich fühlte mich dort immer wohler. Es war eine großartige kleine Gemeinde, und ich dachte, dass ich dort auf Dauer bleiben könnte. Viele Male hatte ich die Gelegenheit, die Gemeinde zu verlassen, aber immer wenn ich mit Gott darüber redete, fühlte ich mich bestärkt, dort zu bleiben.
Dann veröffentlichte ich zusammen mit meinem Freund Bob Logan Materialien zur Entwicklung von Leitern.1 Sobald diese Aufgabe erledigt war, hatte ich den Eindruck, dass ich von meinem Ruf für diese Gemeinde befreit war. Es schien sich ohne Vorwarnung und in einer Zeit, in der ich nicht danach gefragt hatte, in Luft aufzulösen, aber ich war mir nicht sicher, zu welcher neuen Sache ich berufen war.
Es war in dieser Zeit, in meinem siebten Jahr als Pastor dort, dass wir einige offene Angriffe des Feindes zu spüren bekamen. Am Anfang waren es scheinbar unbedeutende Dinge, die unser Gelände betrafen, aber dann baute sich die Opposition zu einer großen Sache auf.
Das Gelände unserer Gemeinde hatte eine Größe von etwa zwei Hektar und befand sich in einem Vorort in den Ausläufern eines Berges in Alta Loma. Davon benutzten wir aber nur ein Fünftel. Das umliegende Gelände war ebenfalls nicht bebaut, sodass unsere Gemeinde etwas isoliert und abgelegen lag.
Als Erstes entdeckte ich, dass Jugendliche Marihuana auf unserem Gelände anbauten. Dann fand ich wiederholt morgens benutzte Kondome auf dem Parkplatz unserer Gemeinde. Diese Dinge ärgerten mich. Ich wusste, dass es nur Jugendliche waren, die hier herumhingen. Sie taten mir leid, und ich war wütend auf den Feind, dass er sie auf unserem Gelände für seine Zwecke benutzte. Die Entrüstung darüber, dass er Sünde und Missbrauch direkt auf unser Gelände brachte, ließen mir keine Ruhe. Unsere Gemeinde kam zu dem Schluss, dass es sich um einen geistlichen Angriff handelte, und wir begannen, inbrünstig zu beten. Das machte den Feind aber nur noch wütender, was in dem übelsten Ereignis gipfelte.
Wenn ich allein im Gemeindegebäude war, überkamen mich des Öfteren seltsame und dunkle Gedanken. Ich stellte mir vor, ich würde einen jungen Mann finden, der sich erhängt hatte, nahm allerdings an, dass das Unsinn sei und schob die Gedanken beiseite. Als ich eines Samstagmorgens im Büro war, sah ich, dass Polizei und Feuerwehr anrückten, allerdings ohne in Eile zu sein. Ich folgte ihnen zu der alten Eiche am anderen Ende des Grundstücks, und dort erblickte ich genau das, was ich zuvor in Gedanken befürchtet, aber immer wieder verdrängt hatte. Ein junger, gut und gesund aussehender Mann hatte sich erhängt. Er trug brandneue, teure Schuhe und hatte etwas Geld bei sich. Ich erfuhr, dass er Steve hieß, dreißig Jahre alt war und Probleme mit seiner jungen Ehefrau gehabt hatte.
Im Verlauf einer einzigen Woche waren Drogen, Sex und der Tod auf unser Gemeindegelände gebracht worden. Das war offensichtlich nicht normal. Es herrschte Krieg.
Als ich den leblos umherschaukelnden Körper des Mannes betrachtete, erinnerte ich mich an all die Eindrücke der letzten Zeit. Mir kam es vor, als würden einige Jahre der Führung Gottes an diesem Platz ihren Höhepunkt finden. Ich wusste, dass dies ein wichtiger geistlicher Moment war, und so betete ich fast instinktiv: „Herr, was ging in diesem Mann vor, als er von diesem Ast sprang und im nächsten Leben landete?“
Bald sollte ich entdecken, dass dies ein gefährliches Gebet war. Der Herr beantwortete es sehr schnell. In allen Bereichen meines Lebens wurde ich durch die Menschen, die ich liebte, herausgefordert. Die Ereignisse überschlugen sich förmlich, wie Wellen, die über mir zusammenbrachen – und das alles innerhalb von nur wenigen Wochen. Die Prüfungen schienen sich auf alle meine Beziehungsebenen auszuweiten.
Als Erstes durchlebte mein ältester und bester Freund eine kurze depressive Phase und übte mit aller Heftigkeit Kritik an meiner Person. Er nannte mich einen Schwindler, der nichts im gemeindlichen Dienst zu suchen habe. Dann verbreitete ein Gemeindeglied in der Gemeinde unwahre Geschichten über mich; das Schlimme daran war, dass ihm einige meiner langjährigen Befürworter Glauben schenkten. Ein Pastor aus meiner Gegend stellte meinen Charakter, meine Kompetenz und meine Berufung vor meinen Kollegen in Frage. (Ist es nicht typisch für einen Pastor, dass er gleich drei Punkte aufzählt?) Dann flog aus merkwürdigen Gründen ein anderer Pastor aus meinem Gemeindeverband vom anderen Ende des Landes nach Arizona, um dort einen unserer Gemeindegründer zu beschuldigen, er sei ein Ketzer und solle besser unseren Gemeindeverband verlassen. Ich flog sofort nach Arizona, um ihn zu verteidigen, und erfuhr dabei, dass auch ich unter Verdacht geraten war. Dann fühlte ich mich im Stich gelassen, als mein Co-Autor aufgrund unserer gemeinsamen Arbeit viele Einladungen, in Gemeinden zu dienen, bekam, während ich scheinbar den Anschluss verpasst hatte. Es sah so aus, als würden meine geliebten Freunde, meine Gemeinde, meine Kollegen, mein Gemeindeverband und auch das Reich Gottes insgesamt mich nicht mehr respektieren. Es gab nicht einen Lebensbereich, in dem ich nicht durch Menschen, die mir eigentlich so nahe standen wie Brüder und Schwestern, persönlich verletzt wurde, unabhängig davon, ob sie es absichtlich oder unabsichtlich taten.
Mitten in dieser Zeit bekam ich dann einen Anruf von einem anderen Pastor aus meiner Gegend, den ich nur selten sah. Damals fungierte ich als regionaler Vorsitzender für meinen Gemeindeverband. Dieser Pastor behauptete nun, in den vergangenen Jahren habe es viele grauenhafte Sünden in unseren Gemeinden gegeben, und forderte mich auf, als Leiter die volle Verantwortung dafür zu tragen, auf die Knie zu fallen und Gott um Vergebung und Heilung zu bitten. Das war genau das, was ich in dieser Krisenzeit noch brauchte.
Während ich ihm so zuhörte, hatte ich den Eindruck, dass er wahrscheinlich recht hatte. Ich warf mich flach auf den Boden und flehte Gott an, die Sünden meiner Leute zu vergeben.
An diesem Nachmittag besuchte mich mein Mentor Tom Julien. Er lebt in einem anderen Bundesstaat, und normalerweise halten wir übers Telefon oder die Treffen unseres Gemeindeverbands Kontakt. Dieses Mal kam er aber zu mir in mein Büro, um mich persönlich zu sehen. Ich hatte ihn gar nicht gebeten zu kommen; er war nur zufällig gerade in der Gegend. Dies war sogar das einzige Mal, dass mich Tom in meinem Büro aufsuchte. Es war ein von Gott arrangiertes Treffen in einer wichtigen Zeit, und ich bin dankbar, dass er seinem Gott gegenüber so sensibel ist.
Er fragte mich, wie es mir ginge, und ich erzählte ihm von den letzten Wochen, die für mich die Hölle gewesen waren. Er war sehr interessiert und betroffen. Dann begann er die einzelnen Ereignisse miteinander in Verbindung zu bringen. Ich wurde von meinem besten Freund verleugnet, wurde von einem engen Kollegen verraten, von meinen Kollegen in Frage gestellt, von meinen eigenen Leuten als falscher Lehrer betitelt und dann noch aufgefordert, vor Gott für ihre Sünden einzustehen. Ich erlebte sozusagen ein Stück weit die Leiden Christi. Das war eine Chance für mich, zumindest einen Teil von dem zu verstehen, was mein Herr für mich hatte durchmachen müssen.
Mein Mentor sah mich an und sagte: „Das hört sich so an, als würdest du für irgendetwas gestählt werden!“ Ich erwiderte: „Ich habe eher das Gefühl, dass ich weichgeklopft werde!“ In der Tat wurde mein Herz immer weicher. Ich konnte die Leiden Jesu besser nachfühlen. Ich hatte Erbarmen mit den Leuten, die mich angriffen. Vor allem hatte ich Mitleid mit den jungen Menschen, die wie Steve keine Hoffnung hatten, die von den Menschen um sie herum nicht geliebt wurden und kurz davorstanden, sich umzubringen.
Nach diesem aufschlussreichen Gespräch mit Tom kehrte sich plötzlich alles um. Mein Freund wurde vom Arzt mit einer chemisch induzierten Depression diagnostiziert. Daraufhin entschuldigte er sich demütig bei mir. Heute sind wir enger als je zuvor befreundet. Das Gemeindeglied wurde zurechtgewiesen und die Gemeinde erholte sich. Der Pastor, der meinen Charakter vor meinen Kollegen in Frage gestellt hatte, gab sogar die Anregung, die schließlich dazu führte, dass ich die leitende Position für Gemeindegründung in unserem Gebiet übernahm. Seitdem gehört er zu meinen stärksten Unterstützern. Der Gemeindeverband reagierte auf die Anschuldigung der Ketzerei und forderte den, der meinen Freund und mich angeklagt hatte, auf, seine Anschuldigungen zu unterlassen. Alle meine Beziehungen wurden wiederhergestellt, aber in mir hatte sich für immer etwas verändert. Ich spürte nun einen neuen Ruf, die Hoffnung Jesu den Menschen zu bringen, die zerbrochen und verloren sind und nicht mehr leben wollen.
Trotz der Verletzungen, die mir die Menschen, die ich liebte, zugefügt hatten, hatte ich nie das Gefühl, dass mein Retter mir den Rücken zuwandte. Jesus war immer bei mir, egal, was andere Menschen sagten und taten. Ich verlor nie die Hoffnung.
In dieser Zeit berief Gott auf sehr radikale Weise einen anderen Mann namens Steve. Er war einer der Ältesten unserer Gemeinde und von Beruf Klempner. Genau wie der andere Steve, war auch er ungefähr 30 Jahre alt. Wir ließen Steve sonntags meist die Ankündigungen machen, da er gute Witze erzählen konnte und einen lebendigen Charakter hatte. Eines Sonntags änderte er sich jedoch. Er ging auf das Podium und sagte: „Alle Infos, die ihr braucht, findet ihr im Gemeindebrief. Schlagt jetzt bitte mit mir Offenbarung 5 und 6 auf.“ Dann fing er an zu beschreiben, wie der Himmel einmal aussehen würde. Denjenigen, den ich bisher als Klempner gesehen hatte, konnte ich plötzlich als Pastor sehen.
Zwei junge Männer Anfang dreißig hatten beide den Namen Steve; der eine war ohne Hoffnung, während der andere eine innere Berufung und Leidenschaft verspürte, das Leben auszuleben, das Jesus in ihn hineingelegt hatte. Durch dieses Erlebnis wusste ich, dass Gott mich dazu berufen hatte, jungen, kaputten Menschen wie Steve die Hoffnung und das Leben Jesu zu bringen, damit sie zu Menschen werden, die spüren, dass sie eine Berufung und eine Leidenschaft für das Leben im Überfluss haben … wie Steve.
Etwas Neues beginnt
Nachdem ich ein Jahr lang Steve als Mentor gedient und die Gemeinde entsprechend vorbereitet hatte, erhielt meine Familie den Auftrag, in Long Beach in Kalifornien etwas Neues zu starten. Wir wurden ausgesandt, um Menschen wie den ersten Steve zu finden und zu erreichen, Menschen, die in großen Probleme steckten und alle Hoffnung verloren hatten. Unsere Aufgabe war es, ihnen wieder Hoffnung und einen Sinn für ihr Leben zu geben, ähnlich wie es beim zweiten Steve war. Wir wurden ausgesandt, um unter den postmodernen Leuten der Stadt neue Gemeinden zu gründen, die wir „Awakening Chapels“ nannten.
Eine einzelne Gemeinde zu gründen, war keine Option für uns; wir waren fest entschlossen eine Gemeindemultiplikationsbewegung zu starten, und wir wollten auf alles verzichten, was uns von diesem Ziel abbringen konnte, selbst auf bewährte Dinge. Ich habe herausgefunden, dass es viele effektive Methoden im christlichen Dienst gibt, die aber gleichzeitig eine Multiplikation verhindern. Erfolg, wie ihn fast das gesamte moderne Christentum definiert, ist oft kontraproduktiv für eine gesunde Reproduktion. Wir waren gewillt, alles aufzugeben, was keine Multiplikation gesunder Jünger, Leiter, Gemeinden und Bewegungen zur Folge hatte. Deshalb gründeten wir auch eine neue Organisation mit dem Namen „Church Multiplication Association“ (CMA), um die nötigen Ressourcen zu entwickeln, damit wir unseren Auftrag erfüllen konnten.
Wir wählten Long Beach, weil uns drei Dinge wichtig waren: ein städtisches Zentrum, ein Gebiet mit einem großen Hochschulkomplex mit vielen jungen Menschen und ein Strand in der Nähe (natürlich nur, um Taufen durchführen zu können).
Wir kamen mit ein paar Methoden, die sich für das Reproduzieren von Jüngern als wirksam erwiesen hatten, und einem Team aus zwölf radikalen Christen, die bereit waren, etwas Neues auszuprobieren. Weit wichtigere Eigenschaften waren unser Wunsch zu lernen und dass wir Herzen hatten, die hören wollten, was der Geist uns zu sagen hatte. Die Gemeinden, die Gott anfing, entsprachen nicht dem, was wir geplant hatten, doch als wir der Führung des Herrn der Ernte folgten, entdeckten wir, wie wir neue Gemeinden gründen konnten, die gesund waren und sich reproduzieren konnten. Diese neuen Gemeinden waren klein und trafen sich meist in Privathäusern.
Ich hatte nie beabsichtigt, „Hauskirchen“ zu gründen, und bin immer ein wenig überrascht, wenn man mich als eine Autorität auf diesem Gebiet sieht. Wir nennen sie nicht Hauskirchen. Stattdessen nennen wir sie „organische Gemeinden“. Damit wollen wir betonen, was uns wichtig ist: das gesunde Leben und die natürliche Art und Weise der Reproduktion.
Wir vermeiden den Begriff Hauskirche aus verschiedenen Gründen. Zum einen hat die Hauskirche in den USA in einigen Kreisen den Ruf, aus verärgerten und nonkonformistischen Leuten zu bestehen, die sich von anderen isolieren und Waffen im Keller lagern. Natürlich trifft das in den meisten Fällen nicht zu, aber der Begriff ruft negative Bilder hervor.
Ein weiterer Grund, weshalb wir diesen Begriff vermeiden, ist, weil Jesu Gemeinde nicht an irgendwelche Gebäude gebunden ist, egal, ob diese einen Schornstein oder einen Turm auf dem Dach haben. Wir haben Gemeinden entdeckt, die sich an den unterschiedlichsten Orten treffen: auf leeren Grundstücken, in Parks oder auf Parkplätzen. Und trotzdem nennt man sie nicht „Parkplatz-Gemeinden“. Ich habe von Gemeinden gehört, die sich in Umkleideräumen treffen, in Studentenvereinigungen und in Firmen. Einer unserer Gemeindegründer hat eine Arbeit mit dem Namen „Jesus in der Bar“ begonnen; sie treffen sich in einer Kneipe. Ich habe sogar von einer Frau gehört, die wegen ihres Mitgefühls für von Männern missbrauchte Frauen eine Gemeinde in einem Strip-Club gründete! Wir halten deshalb jetzt keine Seminare zum Thema „Wie starte ich eine Gemeinde in einem Strip-Club“ – auch wenn wir zweifelsohne viele Menschen für einen solchen Workshop begeistern würden. Natürlich hoffen wir, dass die Gemeinde irgendwann den Strip-Club verlässt, aber ich habe nichts dagegen einzuwenden, dass das Reich Gottes auch einen solchen Ort beeinflusst.
Wir verlangen von unseren Gemeinden nicht, dass sie klein bleiben und sich in Privathäusern treffen; das würde am Ziel vorbeigehen. Unser Ziel ist, dass die Gemeinden gesund sind und sich reproduzieren. Der Grund, weshalb unsere Gemeinden eher klein bleiben, ist die dynamische, lebensverändernde Eigenschaft einer „Clique“ von Brüdern und Schwestern, die aktiv miteinander einem Auftrag nachgehen. Unsere Art von Gemeinden sind also von Haus aus so angelegt, dass sie klein, vertraut und missionarisch sein wollen.
Diese neuen Gemeinden waren anders als die, zu denen wir bisher gehört hatten. Sie waren die Folge dessen, dass wir den Samen (des Evangeliums) in guten Boden aussäten und beobachteten, dass sich die Gemeinde auf natürliche, organische Weise entwickelte. Diese organischen Gemeinden schossen praktisch überall aus dem Boden, wo wir den Samen säten: in Cafés bzw. Kaffeehäusern, Hochschulen, Firmen und in Privathäusern oder Wohnungen. Wir glauben, dass Gemeinde überall da stattfinden sollte, wo sich das Leben abspielt. Es sollte nicht so sein, dass wir das Leben verlassen müssen, um zur Gemeinde zu gehen.
Weil wir Gemeinde als etwas Lebendiges sahen, als ihrem Wesen nach organisch, folgten wir gewissen natürlichen Entwicklungsphasen. Dies hatte eine Multiplikation auf allen Ebenen des Gemeindelebens zur Folge: Jünger, Leiter, Gemeinden und schließlich Bewegungen. Bei allem Leben beginnt die Reproduktion auf der Stufe der Zelle: Durch Multiplikation und Verwandlung entstehen daraus schließlich komplexere lebendige Einheiten. Das Leben reproduziert sich und entwickelt sich normalerweise vom Mikro- zum Makro-Organismus. Auch bei unserer Bewegung war es so.
Wenn wir neue Dinge entdeckten, teilten wir dies anderen mit, und bald entstanden in den ganzen USA und auf der ganzen Welt solche organische Gemeinden. Es sieht vielleicht so aus, als hätten wir klar verstanden, was wir taten, aber wir hatten keinen ausgeklügelten Plan. Es war eher so, dass wir aus unseren Fehlern und unseren zufälligen Erfolgen lernten.
Ursprünglich hatten wir die originelle und einzigartige Idee, ein Kaffeehaus zu eröffnen. Erkennen Sie hier den Sarkasmus? Wir hatten alles genauestens geplant: Wer backt Muffins und anderes Gebäck, wer kocht den Kaffee, wer spielt Gitarre und singt coole Jesus-Lieder in der Ecke? Wir hatten sogar schon ein Ladenlokal dafür angemietet. Dann trat der Herr dazwischen und flüsterte mir zu: „Warum wollt ihr Kaffeehäuser eröffnen, um die Verlorenen anzuziehen? Warum geht ihr nicht in die Kaffeehäuser, wo sie schon sind?“
Das war für uns ein Wendepunkt. Unsere ursprüngliche Strategie erfordert, dass wir die Leute von den Kaffeehäusern, in denen sie zu Hause waren, zu unserem Kaffeehaus „bekehrten“, um dann ein paar davon zu Jesus zu bekehren. Der Herr der Ernte hatte aber wieder einmal eine bessere Idee. Er gab uns eine einfache Umdenk-Lektion: Statt nur eine weitere „Kommt alle zu uns“-Form von Gemeinde zu sein, die möglichst attraktiv für die Leute sein will, wollte er, dass wir eine „missionale“2 und inkarnatorische Gemeinde sind, die zu den Verlorenen geht. Sechs Jahre später sind die Auswirkungen davon nun schon in 32 Bundesstaaten der USA und in 23 Ländern zu spüren.
Die meisten Christen versuchen herauszufinden, wie sie Menschen zu Jesus bringen können. Für die Gründung von Gemeinden, die sich auf natürliche Weise reproduzieren, ist jedoch entscheidend, Jesus zu den verlorenen Menschen zu bringen. Wir sind nicht daran interessiert, eine regionale Gemeinde zu gründen, sondern wir möchten Jesus für die ganze Region verfügbar machen.
Die ersten sieben Wochen in Long Beach waren meine Familie und ich ohne Zuhause. Ein befreundetes Paar besaß ein Haus, das sie uns vermieten wollten, also packten wir unsere Sachen, um umzuziehen. Dann mussten wir aber feststellen, dass die vorhergehenden Mieter ihre Meinung geändert und das Haus nicht verlassen hatten. Uns blieb nichts anderes übrig, als all unser Hab und Gut in meinem Büro unterzustellen und die Nächte auf geliehenen Betten und Sofas oder in Motels zu verbringen. Wir waren wie Nomaden, die umherzogen – mit einem Hund, einer Katze, einem Vogel und drei Kindern. Zwei Wochen verbrachten wir in einem Motel, aber wir konnten die Haustiere dorthin nicht mitnehmen. Sie blieben in meinem Büro. So musste ich mehrmals am Tag meinen Hund ausführen. Ich weiß noch, wie ich eines Abends mit dem Hund auf den Signal Hill hinaufging, um den die Stadt Long Beach herumgebaut ist. Während der Hund an jedem Busch schnüffelte, hatte ich mit Gott eine heiße Diskussion. Warum hatte er uns von unserem Zuhause weggeführt? Ich fragte ihn, was er mir durch das alles sagen wollte, und er gab mir eine Antwort.
In dieser Nacht hörte ich die Stadt, und Gottes Stimme sprach zu meinem Herzen. Ich hörte, wie sich Ehemänner und Ehefrauen gegenseitig anschrien. Ich hörte Hunde bellen, Autos quietschen, Sirenen heulen und Pistolen schießen. Ich hörte die Dinge, die Jesus hört, wenn er der Stadt zuhört, und ich fing an zu weinen. In diesem Moment brach der Herr mir das Herz für diese Stadt und für diese Menschen, die in der Dunkelheit versklavt sind. Ich flehte Gott an, er möge die Gefangenen freilassen und in Long Beach sein Reich, wie es im Himmel besteht, zu errichten.
Nach dieser Begebenheit wurde das Haus, in das wir ursprünglich einziehen sollten, frei und wir zogen ein. Das neue Haus war in einer schmalen Gasse, etwas nach hinten versetzt, aber ohne Garten. Da wir aber immer noch den Hund hatten, ging ich jeden Abend mit ihm auf einen Gebetsspaziergang raus – also zumindest ich betete, ich kann natürlich nicht für den Hund sprechen. Ich entdeckte ein Kaffeehaus in der Nähe, das voller junger Leute war, die jeden Abend dort waren. Ich betete für diesen Ort und die Leute, die ich dort jeden Abend sah, wenn ich mit dem Hund unterwegs war. Ich verbrachte Stunden damit, Gott um die Seelen dieser jungen Menschen zu bitten. Dann fing ich an, regelmäßig mit einigen Mitarbeitern in dieses Kaffeehaus zu gehen.
Wir spielten Schach, Dame oder Domino mit den Stammgästen und wurden so langsam Teil der Gruppe. Wir hörten ihnen aufmerksam zu und boten denen, die Probleme hatten, an, leidenschaftlich für sie zu beten. Wir hielten ihnen keine Predigten, aber sie fragten uns immer wieder nach unserem geistlichen Leben. Es muss etwas Attraktives an uns gewesen sein, denn viele wollten mehr über Jesus erfahren.
Bald war mein Wohnzimmer mit neuem Leben erfüllt. Aber anstatt ein größeres Haus zu suchen, schickten wir kleine Gruppen von zwei bis drei Leuten in andere Kaffeehäuser, um andere Gemeinden zu gründen.
Eine Bewegung wird geboren
Im ersten Jahr begannen wir zehn neue Gemeinden. Im zweiten Jahr gründete CMA (Church Multiplication Associates) 18 neue Gemeinden. Im darauffolgenden Jahr kamen 52 hinzu. Diese Eigendynamik übertraf all unsere Erwartungen. Im Jahr 2002 waren es im Schnitt schon zwei neue Gemeinden pro Woche, insgesamt 106 Neugründungen. Im folgenden Jahr waren es ungefähr 200 neue Gemeinden. Unsere Schätzung für das Jahr 2004 betrug knapp 400 Gemeinden, aber das Zählen der Gemeinden ist inzwischen schwierig geworden. Während ich dieses Buch schreibe, sind nun innerhalb von sechs Jahren fast 800 neue Gemeinden in 32 Bundesstaaten und 23 Ländern weltweit gegründet worden.
Diese Gemeinden, die wir gründeten, waren klein (durchschnittlich sechzehn Leute) und einfach strukturiert. Der Begriff einfache Gemeinde gewann an Popularität, denn wir schätzten das einfache Leben der Nachfolge und vermieden viele der komplexen Vorgänge einer konventionellen Gemeinde. Komplexe Dinge gehen kaputt und werden nicht weitergegeben. Einfache Dinge dagegen sind stark und leicht zu vervielfachen. Ganz normale Christen waren in der Lage, die außergewöhnliche Arbeit zu tun, eine Gemeinde zu gründen und zu leiten, weil die Aufgaben einfach, die Ergebnisse aber gewaltig waren.
Wir begannen, das nachhaltige Ziel für CMA zu formulieren: „Wir wollen die Latte niedriger legen, wie Gemeinde praktiziert wird, und dafür die Latte höher legen, was es bedeutet, ein Jünger zu sein.“ Wenn Gemeinde so einfach ist, dass jeder in der Lage ist, es zu tun, wenn sie aus Menschen besteht, die ihr Kreuz auf sich nehmen und Jesus voll und ganz nachfolgen, dann werden Gemeinden entstehen, die gewöhnliche Christen bevollmächtigen, die ungewöhnliche Arbeit Gottes zu tun. Gemeinden werden dann gesund und fruchtbar und reproduzieren sich.
Die Führung und Organisation einer konventionellen Gemeinde ist so kompliziert geworden, dass nur wenige Personen, die speziell dafür ausgebildet sind, diese Arbeit Woche für Woche tun können. Viele sind der Meinung, wenn wir den Anspruch, wie Gemeinde praktiziert wird, senken, grenze das an Gotteslästerung, weil Jesus mit der Gemeinde das Reich Gottes auf Erden darstellen wolle. Da Gemeinde aber kein Ereignis ist, das einmal pro Woche stattfindet, sondern die Menschen umfasst, die zur Familie Gottes gehören, haben diese Leute in Wirklichkeit ihre Absicht ins Gegenteil verkehrt. Ist die Gemeinde nämlich sehr kompliziert, kann sie nicht mehr mit gewöhnlichen Christen funktionieren, sondern wird an wenige, talentierte Experten übergeben. Das Ergebnis ist dann eine passive Gemeinde, deren Mitglieder sich eher wie Zuschauer verhalten und nicht als ermächtige Vertreter des Reiches Gottes.
Die organische oder einfache Gemeinde ist, mehr als jede andere, bestens vorbereitet, eine Region flächendeckend zu durchdringen, da sie informell, beziehungsorientiert und mobil ist. Sie ist nicht mit großen Allgemeinkosten belastet und kann an den unterschiedlichsten Orten gegründet werden. Auch reproduziert sie sich schneller und breitet sich weiter aus. Die organische Gemeinde kann ein dezentraler Ansatz für eine Region, Nation oder eine bestimmte Menschengruppe sein. Sie ist nicht auf einen ausgebildeten Klerus angewiesen.
Der Auftrag von CMA ist klar und einfach: Gesunde Jünger, Leiter, Gemeinden und Bewegungen zu reproduzieren, um die Erde mit dem Reich Gottes zu füllen. Wir haben einige einfache Strategien entwickelt, wie die Kraft der Multiplikation auf jeder dieser Ebenen des Lebens und Wachstums im Reich Gottes freigesetzt werden kann. Die Erde mit gesunden und vitalen Jüngern zu füllen, ist unser Auftrag. Es sieht so aus, als würde Gott unsere tiefsten Wünsche erfüllen.
Die kleinste Einheit unserer Bewegung ist nicht die organische Gemeinde, sondern die „Life Transformation Group“ (LTG; dt.: „Minigruppe“). Diese Gruppe besteht aus zwei oder drei Leuten des gleichen Geschlechts, die sich wöchentlich treffen, um sich gegenseitig darin herauszufordern und zu unterstützen, ein authentisches geistliches Leben zu führen. Die Mitglieder geben einander jede Woche Rechenschaft darüber, wie sie ihr Leben mit dem Herrn geführt haben. Dazu gehört das gegenseitige Sündenbekenntnis und auch das Lesen längerer Abschnitte der Bibel. LTGs sind auch missional, da sie aktiv für ihre Freunde, Familien, Kollegen und Nachbarn beten, die noch keine Christen sind. Das ist der Kontext, wie wir Jünger multiplizieren. Dies muss der Multiplikation von Gemeinden vorangehen. Mehr dazu in Kapitel sieben.3
Wachstum durch Multiplikation beginnt langsam, kommt aber mit der Zeit in Schwung und gerät schließlich außer Kontrolle. Wir freuen uns auf die Zeit, wenn wir über die rasante Ausbreitung des Reiches Gottes nur noch staunen werden.
In einer meiner eigenen Gemeinden fragte mich eines Abends Michael, der als Maler arbeitet, etwas über die Gemeinde in der Gaviota Street in Long Beach. Diese Straße ist nur wenige hundert Meter von dem Haus, in dem ich damals wohnte, entfernt. Ich sagte ihm, wir hätten dort keine Gemeinde. Aber er lächelte und sagte: „Doch, haben wir.“ Er erzählte mir, er habe beim Streichen eines Hauses bemerkt, dass auf der gegenüberliegenden Seite Autos ankamen und parkten. Leute hätten Gitarren, Bongos und Bibeln ausgepackt und seien in eines der Häuser gegangen. Er sei dann hinübergegangen, um sich vorzustellen und mitzuteilen, dass auch er eine Gemeinde bei sich zu Hause habe. Als sie ihn sahen, erkannten sie ihn und meinten, auch sie seien Teil des Netzwerkes. Eine Gemeinde war nur unweit von meinem Haus gegründet worden, und ich wusste überhaupt nichts davon. Als ich diese Geschichte hörte, hatte ich den Eindruck, dass wir nun ein Ziel der spontanen Reproduktion erreicht hatten: so langsam gerieten die Dinge außer Kontrolle. Wir müssen immer noch viel lernen, aber Gott scheint uns den Weg zu zeigen, wie man spontane Multiplikation auslöst.
Ein Ehepaar von einer unserer „Awakening Chapels“ begann eine neue Gemeinde in einem Apartmentkomplex im spanischsprachigen Viertel im Osten von Los Angeles. An einem Samstag gingen wir in diese Anlage, um zu grillen und neue Christen zu taufen. Als wir ankamen, war ich überrascht, einen unserer anderen Gemeindegründer dort zu sehen. Auch er war überrascht, mich zu sehen. Er wohnte im selben Block und leitete dort eine spanischsprachige Gemeinde, die er gegründet hatte. Plötzlich gab es dort zwei Gemeinden, eine englischsprachige und eine spanischsprachige. War es nun schon so, dass wir uns gegenseitig in die Arme liefen?
Vor kurzem reiste ich mit Phil Helfer, einem der Schlüsselpersonen und Mitbegründer von CMA, nach Asien. Auf unserem Rückflug lernten wir eine Flugbegleiterin kennen, die ihr erstes Kind erwartete. Im Gespräch erfuhren wir, dass sie einmal in Long Beach gelebt hatte und Christin war. Aber erst Wochen später erfuhren wir, dass sie zu einer unserer Gemeinden gehörte. Es ist unfassbar für mich, dass wir in einer solch kurzen Zeit überall auf Leute aus unserer Bewegung stießen – sogar 11 000 m über dem Pazifik.
Nach fünf Jahren zeichnete ich den Stammbaum unserer Awakening Chapel auf. Ich war verblüfft, was in dieser kurzen Zeit aus einem einfachen Gemeindenetzwerk entstehen konnte. Folgendes fand ich heraus:
• Die Gründung von 68 organischen Gemeinden in fünf Bundesstaaten und fünf Ländern.
• Es gab fünf Generationen von Gemeinden: Es gab Tochtergemeinden, Enkelgemeinden, Urenkelgemeinden, Ururenkelgemeinden und Urururenkelgemeinden.
• Aus dem ersten Netzwerk entstanden fünf weitere Netzwerke. Awakening ist nur eines von über 90 Netzwerken, die bisher in unserer Bewegung entstanden sind.
Dieses Buch ist das Ergebnis dessen, was wir bisher auf unserer Reise gehört und gelernt haben. Ich werde nun beginnen, indem ich aufzeige, was meiner Meinung nach das Wesentliche der Gemeinde ist. Es ist wichtig, dass wir die grundlegenden Konzepte verstehen und unsere Vorstellung von Gemeinde und Reich Gottes verändern lassen. In den folgenden Kapiteln untersuchen wir die organische Natur des Reiches Gottes und sehen, wie die Gemeinde entsteht, sich entwickelt und sich auf natürliche Weise reproduziert.
1 Logan, R., und Cole, N., Raising Leaders for the Harvest, ChurchSmart Resources, Saint Charles, Ill. 1995.
2 Eine „missionale“ Gemeinde bedeutet zum einen, dass Mission das Grundwesen der Gemeinde darstellt, nicht eine Eigenschaft von vielen (wie z.B. missionarisch). Zum anderen liegt der Akzent darauf, dass man „in die Welt“ hinausgeht bzw. sich in sie hineinbegibt und dort bleibt. Hieran wird insbesondere der Unterschied zu Gemeinden deutlich, die versuchen, durch ein attraktives Angebot andere anzulocken.
3 Weitere Ausführungen findet man in meinem Buch Klein und stark - Minigruppen, C & P Verlag, Emmelsbüll, 2001.
Kapitel 3: Die Zombie-Braut lebt!
Das Christsein ist keine Theorie oder Spekulation, sondern ein Leben; keine Lebensphilosophie, sondern ein Leben und ein lebendiger Prozess.
Samuel Taylor Coleridge
Die Bibel sagt: „Gehe“, aber unsere Kirchengebäude sagen: „Bleibe.“ Die Bibel sagt: „Sucht die Verlorenen“, aber unsere Gemeinden sagen: „Sollen doch die Verlorenen die Kirche suchen.“
Howard Snyder in „The Problem of Wineskins“
In der Bibel schrieb der Prophet Joel: „… eure Greise werden Träume haben, eure jungen Männer werden Gesichte sehen“ (Joel 3,1). Im Jahr 1991 hatte ich, als ich mich spätabends auf dem Weg ins Bett befand, eine Vision (ich hatte mich noch nicht hingelegt). Seitdem hatte ich keine Visionen mehr, nur Träume. (Wahrscheinlich ist nun auch Gott der Meinung, ich sei alt!) In einem einzigen Moment, schneller als ich denken konnte, war ich vollkommen von diesem Bild eingenommen. Es verschwand so schnell, wie es gekommen war, aber es hat sich für immer und ewig in mein Gedächtnis eingebrannt.
Die Vision handelte von einer Braut, die auf einem Sofa lag und so schwach war, dass sie sich nicht einmal aufsetzen konnte. Sie war so krank, dass sie wie tot aussah, wurde jedoch gerade noch so – gegen alle Regeln der natürlichen Welt – auf übernatürliche Weise am Leben erhalten. Es wirkte wie ein schlechter Film über Zombies. Ihre Haut war hellgrün und fiel fast schon von ihrem Gesicht ab. Ihr Kleid war am Zerfallen und voller Staub ganz grau, ihr Haar dünn und ungekämmt. Aber das Erstaunliche war, dass sie ein Lächeln auf ihren Lippen hatte, als würde sie jede Sekunde ihren Bräutigam erwarten.
Rechts neben dem Sofa war ein Fenster mit einem Spitzenvorhang. Auf einmal wurde der Vorhang in das Zimmer hineingeblasen und das Sonnenlicht brach durch. Dann war die Vision zu Ende.
Ich brauchte dafür eigentlich keine Interpretation. Ich wusste, dass dies ein Bild für die heutige Gemeinde in Amerika war: Krank, durch übernatürliche Kräfte am Leben erhalten, aber immer noch im Glauben, sie sei gesund und bereit, Jesus zu begegnen. Es gibt Hoffnung, dass bald ein frischer Wind und Licht einströmen werden.
Durch diese Vision schwirrten in meinem Kopf alle möglichen Gedanken über die Gemeinde als Leib und Braut Christi herum. Ich ging die Treppe hinunter und fing an, meine Gedanken aufzuschreiben. Diese Notizen waren der erste Entwurf zu meinen Ideen über die organische Gemeinde. Lange Zeit behielt ich diese Vision für mich. Zum einen, weil ich mich in meinem eigenen Gemeindeverband nicht sicher fühlte, über solche Themen zu sprechen, aber darüber hinaus hatte ich den Eindruck, dass die Vision für mich bestimmt war, und ich wollte nicht, dass andere dachten, meine Arbeit stütze sich in erster Linie auf eine Vision. Inzwischen bin ich eher geneigt, sie mitzuteilen, da eine gewisse Zeit vergangen ist und die Arbeit sich als erfolgreich erwiesen hat. Die Diagnose der Gemeinde, so wie sie in der Vision enthüllt wurde, ist allerdings immer noch real.
Es scheint mir, als habe die Gemeinde ihre Identität verloren. Sie hat ihre Bestimmung vergessen. Carol Davis, ein guter Freund und Mentor von mir, sagte, die Gemeinde habe ihr Gedächtnis verloren, nicht durch Gedächtnisschwund, sondern eher durch den langsamen Zerfall, wie er für die Alzheimerkrankheit charakteristisch ist. Ein unter Gedächtnisschwund leidender Mensch verliert das Kurzzeitgedächtnis, behält jedoch das grundlegende Wissen um die eigene Identität und kann noch „funktionieren“. Die Alzheimerkrankheit dagegen nimmt einem langsam das Erinnerungsvermögen sowohl daran, wie man funktioniert, als auch wer man ist. Opfer dieser Krankheit vergessen häufig, wer sie sind und worum es in ihrem Leben geht. Sie vergessen, wer ihre nächsten Verwandten sind und glauben teilweise sogar, ihre Familienmitglieder seien Feinde, die einen finsteren Plan hätten, ihnen Böses zuzufügen. Ihr Gehirn wird getäuscht. Im Gegensatz zu jemand, der unter Amnesie leidet, erkennt eine Person mit Alzheimer möglicherweise nicht, dass etwas falsch läuft. In vielen Fällen findet sogar eine Persönlichkeitsveränderung statt. Im fortgeschrittenen Stadium kann der Körper sogar vergessen, wie natürliche Funktionen, beispielsweise die Nahrungsaufnahme, ausgeübt werden. Der Patient stirbt schließlich an Komplikationen in Zusammenhang mit Unterernährung oder Ähnlichem.
Die Gemeinde leidet in vielen Aspekten genauso. Sie erinnert sich nicht mehr an die grundlegenden Wahrheiten über ihre eigene Identität. Gerade die Dinge, die wertvoll sind und uns zu unserem Wohlergehen gegeben sind, werden als unglaubwürdig verworfen. Wie die Braut in meiner Vision, täuscht sie sich in dem Gedanken, dass es ihr gut geht, obwohl sie doch in Wahrheit todkrank ist. Dieser Zustand hat dazu geführt, dass die Gemeinde ihre rechtmäßige Persönlichkeit verloren hat und vergessen hat, wer ihre erste Liebe wirklich ist (vgl. Offb 2,4).
Das Heimtückische am Zustand der Selbsttäuschung ist, dass man sich der Täuschung nicht bewusst ist. Jemand, der sieht, dass sein Hosenladen offensteht, schließt diesen umgehend, man lässt ihn nicht bewusst offenstehen.
Genau diesen Punkt wollte ich einmal mit befreundeten Pastoren auf übertriebene Art und Weise klarmachen. Wir waren alles Männer, und in der lockeren Atmosphäre einer Klausurtagung dachte ich, dass ich sie mal ein wenig auf meine Kosten fordern könne. Ich stand auf, um ihnen etwas zu erzählen, wobei ich absichtlich den Reißverschluss meiner Hose offen gelassen hatte. Vorher hatte ich einen Freund eingeweiht und ihn gebeten, mich aus dieser peinlichen Situation zu befreien, indem er mein Problem vor allen Anwesenden anspräche. Er nutzte die Situation ein weniger länger aus, als ich gehofft hatte, und lächelte mich die ganze Zeit an. Schließlich sagte er: „Ich glaube, es zieht hier“, worauf ich den anderen den Rücken zudrehte, um meinen Reißverschluss zu schließen. An meinem Rücken war ein Zettel mit der Aufschrift „Tritt mich!“ befestigt. Außerdem hing über mein Hinterteil ein langes Stück Toilettenpapier. Alle fingen an zu lachen, aber ich hatte mein Ziel erreicht. Selbsttäuschung ist für alle eine unangenehme Sache – außer für den Getäuschten, weil er oder sie sich der Sache nicht bewusst ist.
Im Gegensatz zur Alzheimerkrankheit gibt es für unser Problem ein Heilmittel. Wir können unser Gedächtnis zurückgewinnen, müssen aber zuerst die falschen Identitäten hinter uns lassen, die wir als die unseren angenommen haben. Erst wenn wir unsere Täuschung erkannt haben, können wir die Wahrheit finden und frei werden. Wir müssen uns an den Großen Arzt wenden, um geheilt zu werden.
In der Bibel gibt es diverse Briefe, die von prominenten Leuten an Gemeinden von damals geschrieben wurden, unter anderem von Paulus, Jakobus, Petrus und Johannes. Es gibt aber noch einen, der an diverse Gemeinden schrieb: Jesus. In Offenbarung 2 und 3 diktiert Jesus sieben Briefe an sieben Gemeinden in Asien. Diese tiefgründigen Briefe zeigen uns, wie Jesus die Nöte, die wir in seiner Gemeinde heute haben, ansprechen würde.
Es gibt sogar einen Brief, der an eine Gemeinde gerichtet ist, die aufgrund einer Täuschung an einem Identitätsverlust litt. Darin beschreibt Jesus nicht nur die Ernsthaftigkeit der Lage einer solchen Gemeinde, sondern verschreibt ihr auch ein Rezept zur Heilung.
Jesus sagt zu der Gemeinde in Laodizea: „Du sagst: Ich bin reich und bin reich geworden und brauche nichts, und weißt nicht, dass du der Elende und bemitleidenswert und arm und blind und bloß bist“ (vgl. Offb 3,17).
Jesus weist diese Gemeinde an: „Sei nun eifrig und tu Buße!“ (Offb 3,19). Das heißt: „Verliere keine Zeit und kehre um, denn es ist dringend.“ In diesem Zusammenhang sprach Jesus die berühmten Worte: „Siehe, ich stehe an der Tür und klopfe an; wenn jemand meine Stimme hört und die Tür öffnet, zu dem werde ich hineingehen und mit ihm essen, und er mit mir“ (Offb 3,20). Lange Zeit hat man diese Worte fälschlicherweise in der Evangelisation benutzt, aber tatsächlich sprach Jesus zu seiner Gemeinde: „Öffne mir und lasse mich ein!“
Er schließt seinen Brief an die Gemeinde in Laodizea mit den Worten: „Wer ein Ohr hat, höre, was der Geist den Gemeinden sagt!“ (Offb 3,22). Wir alle täten gut daran, zuzuhören.
Sechs Wahrheiten, die sechs Mythen über die Gemeinde entlarven
Es folgen nun sechs grundlegende Gedanken aus der Schrift, die gängige Zerrbilder über die Gemeinde widerlegen.
1. Die Gemeinde ist ein lebendiger Organismus, keine statische Institution
So wie Gott am Anfang der Zeit Leben in den Menschen hauchte (vgl. 1 Mo 2,7), hauchte er zu Beginn einer neuen Ära auch seiner Gemeinde Leben ein (vgl. Joh 21,21-23; Apg 2). Die Gemeinde lebt; sie ist organisch.
Gottes erstes Gebot an die Menschen hatte nichts mit der Frucht an einem Baum oder der Pflege eines Gartens zu tun. Es war grundlegender und wurde immer wieder bestätigt und nie aufgehoben. Sogar die schlimmsten Sünder befolgten dieses Gebot. Gott sagte: „Seid fruchtbar und vermehrt euch, und füllt die Erde“ (1 Mo 1,28; 9,1.7). Den gleichen Auftrag gab er auch der Gemeinde (vgl. Apg 1,8).
Die meisten Gleichnisse und Erläuterungen zum Reich Gottes und der Gemeinde im Neuen Testament benutzen natürliche Bilder, um sie zu bestimmen und zu beschreiben: der Leib, die Braut, die Reben, das Weizenfeld, das Senfkorn, die Familie, die Herde, der Sauerteig, das Salz und das Licht. Wenn im Neuen Testament ein Gebäude als Metapher für die Gemeinde verwendet wird, folgt schnell der Zusatz, dass dieses aus lebendigen Steinen besteht (1 Petr 2,5).
Als Leiter in der Gemeinde wäre es für uns viel besser, von den Bauern zu lernen, als mit dem Vorstandsvorsitzenden einer Firma zu studieren. Wir müssen endlich erkennen, dass die Gemeinde in den Feldern beginnt, nicht in den Scheunen (vgl. Spr 24,27). Wir verbringen so viel Zeit damit, nette Scheunen mit gepolsterten Stühlen, klimatisierten Hallen und den modernsten Soundsystemen zu bauen, dass wir darüber die Felder vernachlässigt haben. Wir sind so dumm wie der Bauer, der eine Scheune baut und dann im Tor steht und alle Früchte aufruft, hereinzukommen und es sich gemütlich zu machen. Es ist an der Zeit, dass die Gemeinde sich die Hände schmutzig macht im Boden des Lebens der verlorenen Menschen.
2. Die Gemeinde ist sehr viel mehr als ein Gebäude
Mindestens viermal lesen wir in der Bibel, dass Gott nicht in Gebäuden wohnt, die von Menschenhand gemacht sind. Die erste Wohnung, die er sich schuf, war sozusagen ein Mobilheim (die Stiftshütte), weil er mit seinen Leuten unterwegs sein wollte. David wollte Gott unbedingt ein beständigeres Haus bauen, erhielt aber nicht die Erlaubnis dafür. Schließlich baute Salomo, Davids Sohn, den ersten Tempel. Bei der Einweihung des Tempels stand Salomo im Schatten des großartigen Gebäudes und sagte: „Ja, sollte Gott wirklich auf der Erde wohnen? Siehe, die Himmel und die Himmel der Himmel können dich nicht fassen; wie viel weniger dieses Haus, das ich gebaut habe!“ (1 Kö 8,27).
In Jesaja 66,1 steht geschrieben: „So spricht der HERR: Der Himmel ist mein Thron und die Erde der Schemel meiner Füße. Wo wäre denn das Haus, das ihr mir bauen könntet, und wo denn der Ort meines Ruhesitzes?“
Machen wir einen Sprung zu Apostelgeschichte 7, in der wir eine Schlüsselszene in der Geschichte des Reiches Gottes finden. Im Schatten eines anderen wundersamen Tempels, den König Herodes erst kurz vorher gebaut hatte, um die Juden zu beschwichtigen, verkündigt Stephanus das Evangelium einer Gruppe von jüdischen Leitern. Er geht vor einem aufmerksamen Publikum durch die wichtigsten Ereignisse des Alten Testaments und sagt schließlich: „Aber der Höchste wohnt nicht in Wohnungen, die mit Händen gemacht sind“ (Apg 7,48). Dann zitiert er die oben genannten Worte von Jesaja. Weiter sagt er in Vers 51: „Ihr Halsstarrigen und Unbeschnittenen an Herz und Ohren! Ihr widerstrebt allezeit dem Heiligen Geist; wie eure Väter, so auch ihr.“ Als die Menschenmenge das hörte, wurde sie so erregt, dass sie Steine nahmen und – mit dem Segen von Saulus – Stephanus töteten. Dies setzte eine von Gott inszenierte Bewegung, seine Gemeinde durch Verfolgung zu dezentralisieren, in Gang.
Zehn Kapitel weiter predigt Saulus, inzwischen Paulus genannt, in Athen zu den stoischen Philosophen auf dem Marshügel. Es handelt sich hier um ein heidnisches Publikum, dem das Alte Testament weitestgehend unbekannt ist. Nichtsdestotrotz sagt er im Schatten des großen Tempels, dem Pantheon auf der Akropolis: „Der Gott, der die Welt gemacht hat und alles, was darin ist, er, der Herr des Himmels und der Erde, wohnt nicht in Tempeln, die mit Händen gemacht sind, auch wird er nicht von Menschenhänden bedient, als wenn er noch etwas nötig hätte, da er selbst allen Leben und Odem und alles gibt“ (Apg 17,24.25).
Es sieht nicht so aus, als habe Jesus Pläne für Gebäude gehabt. Eines Tages ging er an dem schönem, von Herodes erbauten Tempel vorbei. Seine Jünger waren von diesem Gebäude sehr beeindruckt und dachten bei sich: „Hier wohnt sicher Gott!“ In Markus 13,2 lesen wir: „Und als er aus dem Tempel heraustrat, sagt einer seiner Jünger zu ihm: Lehrer, sieh, was für Steine und was für Gebäude!“ Jesus war nicht beeindruckt. Im nächsten Vers antwortet er mit einer bemerkenswerten Prophetie: „Siehst du diese großen Gebäude? Hier wird nicht ein Stein auf dem anderen gelassen werden, der nicht abgebrochen werden wird.“ Tatsächlich zerstörten die Römer 70 n. Chr. den Tempel in einem solchen Ausmaß, dass nicht ein Stein auf dem anderen liegen blieb.
Wir sollten festhalten, dass die frühe Kirche in den ersten etwa dreihundert Jahren keine Gebäude besaß. Mein Freund Thom Wolf sagte heutigen Gemeindegründern, sie sollten einen 300-Jahres-Gebäudeplan in ihre Strategie mit einbauen. Er weist sie darauf hin, dass die Gemeinde bis ins vierte Jahrhundert keine Gebäude besaß und trotzdem gut funktionierte, und schlägt vor, die erste Phase des Gebäudeprojektes erst nach dem dreihundertsten Jahr anlaufen zu lassen. Wenn wir wissentlich auch nur den Gedanken an den Bau eines Gebäudes mindestens 300 Jahre lang verwerfen, dann ändert sich etwas in unserem Ansatz. Ich war beeindruckt, dass Rick Warren von der bekannten Saddleback-Gemeinde trotz des unglaublichen Wachstums der Gemeinde fünfzehn Jahre wartete, bis er Land für den Bau des ersten Gebäudes kaufte.1 Stellen Sie sich einen Plan vor, der 300 Jahre in die Zukunft gerichtet ist, bevor die erste Phase eines Gebäudeprojektes beginnt. Wenn man 300 Jahre damit warten kann, ist natürlich klar, dass man letztlich überhaupt keine Gebäude benötigt. Ich denke, wenn wir herausfinden, wie Gemeinde ohne Gebäude funktionieren kann, sind wir besser dran.
Gebäude sind nicht falsch oder unmoralisch. Die Gebäude sind ja nicht das eigentliche Problem. Aber leider gehen wir oft davon aus, dass Gebäude unsere Lebensader sind. Das würde zwar keiner von uns offen zugeben, doch meinen wir einfach, wir bräuchten sie, als hinge unser Gemeindeleben von ihnen ab. Oft besteht eine Gemeinde noch lange nachdem die „Seele“ der Gemeinde bereits verstorben ist weiter, weil das Gebäude die Gemeinde in Gang hält. Dadurch kann ein Gebäude eine Gemeinde künstlich am Leben erhalten.
Man kann sich leicht vorstellen, wie sich acht ergraute Menschen jeden Sonntag in einem alten Gebäude treffen, das eine Million Dollar wert ist und in dem Hunderte von Menschen Platz hätten. Sie erfüllen treu ihre gottesdienstlichen Pflichten und gehen dann nach Hause. Das Gebäude steht dann eine ganze Woche leer, bis dieselben acht Leute wieder kommen … gleiche Zeit, gleicher Ort. Solche Szenen spielen sich in der ganzen westlichen Welt jede Woche von Neuem ab.
Jemand sagte einmal: „Zuerst formen wir unsere Gebäude und dann formen sie uns.“ Nicht nur, dass Gebäude unser Wachstum hemmen, sie schränken auch unser Verständnis des Reiches Gottes ein. Auch unser Denken kann, genauso wie unser Tun, hinter vier Wänden gefangen gehalten werden.
Wir brauchen ja noch nicht mal ein Gebäude, um an dieses Denken gebunden zu sein. Bevor wir CMA gegründet haben, erzählte mein Freund und Kollege Paul Kaak von seiner Reise nach Indien, die er unternommen hatte, um sich persönlich eine Gemeindegründungsbewegung anzusehen. In dem Versuch, alles, was mit Institutionalismus zusammenhängt, zu vermeiden, lehnt es eines der von ihm besuchten Netzwerke ab, eigene Gebäude zu besitzen. Die Gemeinden unterzeichnen sogar einen Vertrag, in dem sie sich dazu verpflichten, keine Immobilien zu besitzen. Wenn sie es doch tun, müssen sie das Netzwerk verlassen. Das ist sehr extrem, doch bin ich mir sicher, dass sie diese Tradition aus den richtigen Gründen begonnen haben.
Allerdings kann man auch ohne Mauern, Büros und Personal ein institutionelles Denken haben. Eine dieser Gemeinden in Indien traf sich oft im Freien. An der Stelle, an der das Treffen stattfand, rollten sie jedes Mal einen Teppich aus. Einer der Leiter berichtete Paul von folgendem Ereignis: Nach dem Gottesdienst rannten eines Tages die Kinder spielend umher; eines der Kinder rannte dabei quer über diesen Teppich. Die Eltern hielten das Kind auf und sagten streng: „Hör auf, in der Kirche herumzurennen!“ Unser Problem hat nichts mit Steinen und Zement zu tun; es befindet sich in unserem Kopf.
3. Die Gemeinde ist nicht an einen speziellen Standort gebunden
Eines heißen, trockenen Tages hatte Jesus eine interessante Unterhaltung mit einer Samariterin. Als sie mitbekam, dass er ein Prophet war, warf sie eine Frage auf, die sie schon ihr Leben lang beschäftigt hatte: „Unsere Väter haben auf diesem Berg angebetet, und ihr [die Juden] sagt, dass in Jerusalem der Ort sei, wo man anbeten müsse.“ Jesus antwortete: „Frau, glaube mir, es kommt die Stunde, da ihr weder auf diesem Berg, noch in Jerusalem den Vater anbeten werdet. Ihr betet an, was ihr nicht kennt; wir beten an, was wir kennen, denn das Heil ist aus den Juden. Es kommt aber die Stunde und ist jetzt, da die wahren Anbeter den Vater in Geist und Wahrheit anbeten werden; denn auch der Vater sucht solche als seine Anbeter“ (Joh 4,20-23).
Wir stellen immer die falsche Frage: Wo? Die richtige Frage jedoch lautet: Wen? Wo man betet, ist bei weitem nicht so wichtig wie die Frage, wen man anbetet. Als Jesus die Frau (und auch uns) belehrt, wird deutlich, dass es nicht darum geht, dass man Gott an einem besonderen Ort anbeten und suchen muss; er wartet ja auf uns, wo auch immer wir uns gerade befinden – selbst an einem alten Brunnen außerhalb eines Dorfes der Samariter. Wir arbeiten schwer an unseren sogenannten „sucherfreundlichen Gottesdiensten“, aber die Bibel sagt doch: „… da ist keiner, der Gott sucht … auch nicht einer“ (Röm 3,11-12). Ein echter Gottesdienst für Suchende ist einer, der auf den Vater ausgerichtet ist, der seine Anbeter in Geist und Wahrheit sucht. Er allein ist der „Suchende“. Er will uns finden, und wir sind es, nach denen er sich von Herzen sehnt.
4. Die Gemeinde ist viel mehr als ein einstündiger Gottesdienst, der einmal die Woche gehalten wird
Das einzige Mal, dass Anbetung und Gottesdienst in der Bibel gemeinsam vorkommen, hat nichts mit Soundsystemen, Sitzbänken, Predigten oder Lobpreisbands zu tun. Es geht stattdessen darum, dass Jesu Leben ständig in uns zum Ausdruck kommt – 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche. In Römer 12,1-2 schreibt Paulus, dass wir unseren Körper als seinen Tempel darbieten sollen. Er schreibt: „Ich ermahne euch nun, Brüder, durch die Erbarmungen Gottes, eure Leiber darzustellen als ein lebendiges, heiliges, Gott wohlgefälliges Opfer, was euer vernünftiger Gottesdienst ist. Und seid nicht gleichförmig dieser Welt, sondern werdet verwandelt durch die Erneuerung des Sinnes, dass ihr prüfen mögt, was der Wille Gottes ist: das Gute und Wohlgefällige und Vollkommene.“
Es ist bemerkenswert, welche Ressourcen, Energie und Zeit in einen Gottesdienst, der nur einmal die Woche gehalten wird, investiert werden. Man möchte meinen, dass bei der Wichtigkeit, die diesem Ereignis beigemessen wird, es konsequenterweise zahlreiche biblische Anweisungen geben müsse, um sicherzustellen, dass auch alles richtig ausgeführt wird. Aber die Suche nach derartigen Geboten oder Anordnungen bleibt im gesamten Neuen Testament ohne Erfolg. Stattdessen findet man Verse, Kapitel und ganze Bücher, die davon handeln, wie wir als geistliche Familie miteinander leben sollen. Man findet Gebote und Anordnungen, dass wir dienen und anbeten sollen, aber nicht nur an einem Tag der Woche. Wie kommt es, dass wir uns so weit von den einfachen und klaren Prioritäten der Bibel entfernt haben?
William Law war ein englischer Autor und Mystiker des 18. Jahrhunderts. Er hinterließ einen starken Eindruck bei John Wesley und der Gemeindegründungsbewegung der Methodisten. Law machte schon vor vielen Jahren folgende Beobachtung, die ein Schlag ins Gesicht seiner Zeitgenossen war, aber immer noch aktuell ist: „Es ist klar zu sehen, dass wir im gesamten Evangelium kein einziges Gebot in Bezug auf einen öffentlichen Gottesdienst finden können; es handelt sich also wahrscheinlich um eine Gepflogenheit, auf die die Bibel kaum Wert legt. Dass wir regelmäßig einen solchen Gottesdienst besuchen sollen, wird in der Bibel nie erwähnt, während die Frömmigkeit und Hingabe, die unser normales Handeln im Alltag bestimmen sollen, fast in jedem Vers der Bibel zu finden sind. Unser gesegneter Herr und seine Apostel beschäftigten sich nur mit solchen Dinge, die mit dem alltäglichen Leben zu tun haben.“2
Darmowy fragment się skończył.