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NATASCHA N. HOEFER

Woanders – am Ende der Welt


NATASCHA N. HOEFER

Woanders – am Ende der Welt

EIN BRETAGNE-ROMAN

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische

Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar

Autorin und Verlag spenden gemeinsam je verkauftem Buch

1,00 Euro für das Deutsche Pfadfindermuseum in Baunach.

2. verbesserte Auflage, März 2019

© Spurbuchverlag, 96148 Baunach

info@spurbuch.de, www.spurbuch.de

Ausführung: pth-mediaberatung GmbH, Würzburg

Umschlaggestaltung: Sven Grosse

ISBN 978-3-88778-556-7

EISBN 978-3-88778-925-1

Weitere Bücher des Spurbuchverlages finden Sie unter www.spurbuch.de

Für Clelia

Für Jérôme

Inhaltsverzeichnis

1. Neuanfang

2. Verlassen

3. Unterwegs

4. Erste Eindrücke

5. Gute Freunde

6. Folgen des Lambig

7. Verhängnisvolle Begegnungen

8. Von einer Maus und einem Rat

9. In den Seegrotten

10. Am Abgrund

11. Zur Insel, und ihren Mauern des Schweigens

12. Sog der Vergangenheit

13. Nachforschen und nachstochern

14. Streit hier, Streit dort

15. Sabotage

16. Rotschwarzer Granit

17. Fest Noz

18. Im Krankenhaus, am 14. Juli

19. Das Familienfest

20. Ende des Festtags

21. Überraschendes und Besorgniserregendes

22. Der Verdacht

23. Katzensitting

24. Ausflug zu viert

25. Unter der Erde

26. Postume Botschaft

27. Ausflug zu zweit

28. Die Flucht

29. Ins Verderben

30. Die Aussprache

31. Letzte Aufzeichnungen

31. Am wilden Wasser

32. Vermasselt

32. Qui voit Sein

33. In Aufruhr

34. Ar Guéveur

35. Kammerspiel

36. Einst

37. Bekenntnis eines alten Kriegers

38. Überraschung

39. Rückkehr des Tagebuches

40. Festival du Bout du Monde

41. Das alte Haus der Cadious

42. Ein neuer Tag

43. Behutsame Begegnungen

44. Das große Familienfest

45. Der Tag danach

46. Abschied

Mein herzlicher Dank gilt

1. Neuanfang

Marie stand auf, sah sich in ihrem Behandlungsraum noch einmal um. Sie hatte aufgeräumt, mit persönlichen Dingen den Raum ohnehin nie überfrachtet. Undenkbar, jetzt einfach hier fortzugehen, schoss es ihr durch den Kopf! Und prompt musste sie an ihre Patienten denken – Noirot, der scheue Kater, der sich nur von ihr berühren ließ … Der alte Milou, der immer knochiger wurde, immer blinder und schwerhöriger; aber wie er sich freute, sie an ihrem Geruch zu erkennen, wenn er kam, damit sie mit ihm seine Ergotherapie machte … Milou und Noirot, sie waren angemeldet für morgen, aber sie würde morgen nicht da sein, wie sollte es gehen ohne sie? – Sie musste sich auf den Schreibtisch aufstützen, weil ihr plötzlich die Kraft fehlte. Sie liebte ihre Patienten, sie liebte ihren Job als Veterinärin! Und jetzt musste sie das alles aufgeben, weil es ja doch so nicht weitergehen konnte, nein, es ging nicht länger!

Entschlossen raffte Marie sich auf, verließ das Zimmer. Doch schon im Flur knickte sie wieder ein, verschwand in der Toilette, anstatt direkt bei Sylvain reinzugehen. »Zieh es durch, Marie«, beschwor sie ihr Spiegelbild über dem kleinen Waschbecken. Und doch kam er hoch, der Schwall der Erinnerung.

Der Tag ihres Vorstellungsgespräches. Sie war hier drin gewesen, um sich kurz frischzumachen. Der Mann, dem sie beim Verlassen des Toilettenraums die Tür fast ins Gesicht gerammt hätte. Seine braunen Augen, dieser Blick, voller Bewunderung, aber zugleich voller spitzbübischer Galanterie. Komplizenhaft hatten sie sich zugelächelt. Als hätten sie es beide vom ersten Moment an gewusst.

Sie hatte den Job bekommen, natürlich, war jetzt seine Kollegin (und Ludovics; aber der war nur ein harmloser Kollege, der sich aus ihrer ganzen Geschichte dezent raushielt). Ihr erstes Röntgen also; Patient: Brutus, ein humpelnder und gereizter Rottweiler-Dogge-Mischling.

»Wie viel wiegt der Kerl?« (Frage vom erfahrenen Doktor Sylvain an die junge Novizin.)

»Keine Ahnung, nicht so wichtig.« (Keck zurück.)

»Wie wollen Sie ihn dann zum Röntgen narkotisieren, Mademoiselle Cadiou?« (Mit charmantem Lächeln.)

»Gar nicht, Monsieur Cozic.« (Lächelnd zurück.)

»Was soll das heißen, gar nicht?« (Zu perplex bis hin zu beunruhigt, um weiterzulächeln.)

»Vertrauen Sie mir nicht? Sie haben mich doch eingestellt …« Und Sylvain hatte zugesehen, wie sie es gemacht hatte: Beruhigung des Tiers durch Zureden und Akupressur, d.h. Massieren bestimmter Druckpunkte – et voilà. Ruhig und brav auf den Röntgentisch, und zack, schon gab es die schönsten Aufnahmen. Danach hatte Sylvain sie nur noch »die Hundeflüsterin« genannt. Und ihr später, sehr viel später gestanden, er habe seit dem Tag, an dem er ihre zarten Finger Brutus’ Nacken und Rückgrat massieren sah, davon geträumt, wie es wäre, selbst von ihr so berührt zu werden …

Ja, berührt hatten sie sich, und es war unglaublich gewesen.

Jener verhängnisvolle Abend, drei Jahre später – volle drei Jahre hatten sie es platonisch miteinander ausgehalten! Aber dann. Vorgeblich hatten sie beide geglaubt, die unliebsame Bereitschaftsschicht zu Heiligabend zu haben. Marie hatte sehr gut gewusst, dass nur sie sie gehabt hatte. Er war trotzdem aufgetaucht. Und dann … sie hatten die Kontrolle verloren. Der Anfang von etwas … Unbeschreiblichem. Sie hatte nicht gewusst, dass zwei Menschen sich wirklich derart verfallen konnten; wirklich, nicht nur in Büchern oder in Filmen!

Sylvain, zu den unmöglichsten Uhrzeiten vor ihrer Wohnungstür.

»Du bist da – mein Gott, Marie, tut es gut, dich zu sehen. Komm her!« Seine Umarmungen, seine Liebkosungen. Als ob sie der Rettungsanker seines Lebens wäre. Aber sie, jedes Mal, mit flatterndem Herzen: »Wie viel Zeit hast du?« »Eine Stunde; die Kinder sind im Musikunterricht …« »Béatrice ist mit den Kindern bei ihren Eltern – Marie, wir haben ein Wochenende für uns!« »Sie ist beim Yoga, die Kinder sind bei Freunden – bestimmt anderthalb Stunden noch …« Geraubte Augenblicke – wie schön das klingt! Aber das reicht nicht für ein Leben!

»Schluss damit!«, zischte Marie ihrem Spiegelbild zu. »Schluss mit dem ewigen Warten und Hoffen! Ich kann nicht mehr! Es ist genug! Du weißt es, Marie, du weißt es! Die Kinder sind ausgewachsene Teenager inzwischen, und er hat nicht vor, sein Versprechen einzulösen! Er wird nie zu dir stehen, er hat keinen Mumm! Was er hat, Familie und Geliebte all inclusive, das will er nicht verlieren – aber wenn er seine Familie nicht verlieren will, verliert er zuletzt eben mich … Ist auch überfällig, verdammt!«

Marie drehte heftig den Wasserhahn auf, trank einen Schluck aus der zitternden Hand und verließ die Toilette.

»Hey, du bist da?« Sylvain strahlte sie an und sprang vom Rechner auf.

»Ich bin schon seit drei Tagen wieder zurück aus Paris.«

»Ich weiß; und ich wollte die ganze Zeit schon mit dir reden – nur, diese Woche war für mich extrem schwierig. Béatrice war krank – bzw., sie ist es immer noch; schwere Erkältung, da musste ich pünktlich heim, und sie rief hier dauernd an, weil ich ihr noch Medizin und so mitbringen sollte …«

Marie verschränkte die Arme.

»Aber ich hatte so sehr darauf gehofft, heute Abend einen ruhigen Moment mit dir zu haben. Wie war es also auf dieser Beerdigung? Deine Tante war das, nicht wahr?«

»Meine Großtante, Elodie, die Schwester meines Großvaters Erwann!«, empörte sich Marie nun doch wider Willen. Sie hatte ruhig bleiben wollen, aber erst die übliche Béatrice-Leier, und dann hatte er sich nicht einmal gemerkt, wer Elodie war!!

»Großtante Elodie – sollte ich die kennen?«, fragte Sylvain jetzt auch noch arglos. Aber dann schob er rasch nach: »Hör zu, mein herzliches Beileid natürlich, und jetzt erinnere ich mich, klar: Großtante Elodie aus Paris; das war die Modemacherin, die du mal im Altenheim besucht hast, oder?«

Marie nickte, sie konnte nicht reden, wischte sich stumm die Tränen weg.

Sylvain wollte sie in den Arm nehmen. »Ich wusste nicht, dass du ihr so nahe … Komm her, lass dich trösten.«

»Lass dich trösten – als ob das so einfach wäre!«, platzte es aus Marie heraus und sie stieß ihn weg. »Weißt du, wie ich mich auf dem Friedhof gefühlt habe? Vor ihrer Urnenwand – es war nicht mal ein echtes Grab, nur eine Urnenwand! Und sie hätte in der Bretagne beerdigt werden sollen, sie war Bretonin! Sie hat die Bretagne geliebt, diese ganze blöde Zeremonie in Paris war ganz falsch!«

»Mein armer Schatz. Warum hast du mir das nicht vorher erzählt?«

»Das hast du mir doch gerade erklärt – Béatrice hin, schwere Erkältung her! Du warst nicht sprechbereit. Aber diesmal stecke ich das nicht mehr weg, Sylvain. Vor Elodies Urne ist mir etwas klar geworden. Ein menschliches Leben ist zu kurz, um es mit so etwas wie unserer Affäre zu verschwenden.«

»Du weißt sehr gut, dass das zwischen uns mehr als eine Affäre ist.« Sylvain war blass geworden.

»Ich stand allein vor Elodies Urne. Natürlich, meine Familie war auch da; aber ich fühlte mich allein, auf mich zurückgeworfen. Ohne einen Lebensgefährten, der mit mir mitfühlen und dessen Liebe mich in meiner Trauer stützen würde.«

»Ich fühle mit dir mit. Immer. Jetzt.«

»Aber du warst nicht da! Niemand aus meiner Familie hat dich jemals gesehen. Niemand weiß von dir. Niemand von deiner Familie weiß von mir – natürlich nicht! Wir sind in niemandes Augen ein Paar, wir sind Schatten im Leben des anderen. Ich hätte dich gebraucht, bei dieser Bestattung, nicht als Schatten, sondern ganz real neben mir. Aber du warst nicht da.«

Sylvain blähte die Backen auf, rang die Hände.

»Und sag jetzt bitte nichts. Erneuere keine Versprechen, die du nicht halten willst. Du willst deine Frau in Wahrheit nicht verlassen. Jetzt sagst du, weil die Kinder noch da sind; aber wenn die einmal ausgezogen sind, wirst du sagen, du kannst Béatrice erst recht nicht allein lassen.«

»Marie, das…«

»Nein, ich bin noch nicht fertig!« Sie holte Atem. »Ich habe Elodies Haus und eine gewisse Summe geerbt. Damit kann ich mir meine Freiheit leisten. Es ist aus zwischen uns. Ich gehe fort aus Brest. Es tut mir leid, enorm leid für die Praxis. Aber es geht nicht anders.«

»Gehen? Was soll das heißen, wohin willst du denn gehen?«

»Nach Mengleuff. Das ist auf Crozon.«

Sylvain schloss langsam die Augen, blinzelte, als wolle er aus einem Alptraum erwachen. »Marie, ich – ich kann nicht aufhören, dich zu lieben.«

Marie wandte sich ab und ging.

Wenn er sie aufhalten, wenn er sie an sich reißen, wenn er sich jetzt entscheiden würde, für sie! Aber er tat es nicht.


Marie startete den Wagen. Minuten lang hatte sie nur dagesessen und gehofft, inbrünstig gehofft, er würde noch kommen – darum kämpfen, sie nicht zu verlieren! Nicht einmal das.

In fiebriger Hast verließ sie das Zentrum der Großstadt, fuhr auf die Schnellstraße Richtung Quimper auf, zwang sich, wegen der Radarkontrollen nicht schneller als hundertzehn zu fahren.

Wie lange war sie nicht mehr in Mengleuff gewesen? An Elodies vierundachtzigstem Geburtstag, vor zehn Jahren, hatte diese verkündet, sie sei zu alt, um in die Bretagne zu fahren. Damit hatten Maries sommerliche Besuche bei ihrer Großtante aufgehört. Aber einmal noch war sie vor ein paar Jahren nach Mengleuff gefahren, um von außen das vereinsamte Haus ihrer Vorfahren zu sehen und sich in den verwilderten Garten zu schleichen, das Paradies ihrer Kindheit … Doch es hatte zu wehgetan, das Verwildern und den Verfall mitanzusehen und sich dabei zu sagen: Elodie wird nie mehr kommen; nie mehr, weil sie in einem Altenheim in Paris sitzt … und dort sitzen wird bis zu ihrem Tod.

Da war sie endlich, die Ausfahrt nach Châteaulin – auch hier war Marie ewig nicht mehr gewesen. Sie überquerte das Stadtzentrum und den breiten Fluss Aulne über die einstige Eisenbahnbrücke, verließ Châteaulin über die Weststadt wieder und bald wurde die Landschaft um sie wilder, rauer. Die Landstraße stieg an, um seitlich am Berg Ménez-Hom vorbeizuführen; dahinter erstreckte sich die Halbinsel Crozon, und dann dauerte es nicht mehr lange und Marie fuhr durch Telgruc, an der Dorfkirche vorbei, und dann Richtung Meer … Endlich kam der unscheinbare Abzweig, der rechts in die Senke hinunterführte und dann wieder hinauf, zu dem winzigen Dorf, das Mengleuff war. Marie holperte über den Feldweg, der ringförmig um den Dorfkern führte, und da lag es, das Haus. Elodies Haus – nein, ihres.

Sie verlangsamte, ließ den Blick über das alte Gemäuer aus Feldstein schweifen, hielt aber noch nicht an. Der Weg vor dem Haus war zum Parken zu eng. Sie fuhr um die nächste Kurve und hielt dort am Rand eines Feldes. Alles wie früher, stellte sie fest. Es gab ihr ein unerwartetes Gefühl der Ruhe.

Ohne Hast nahm sie den Schlüssel ihres Hauses aus dem Handschuhfach und stieg aus. Schwalben sirrten um sie herum, sie hörte die Schreie der Möwen, die höher als die Schwalben flogen. Das Brummen eines entfernten Traktors drang an ihr Ohr. In der Nähe zirpten Grillen. Sonst war es still.

Sie ging am Hof des Nachbarhauses vorbei und warf einen Blick hinüber. Das Haus stand leer, war in schlechtem Zustand. Dann wandte sie sich – und ihr Herz klopfte dabei – ihrem eigenen Haus zu. Kaum zu glauben, sie hatte ein Haus! Sie hatte nie zu hoffen gewagt, sich von ihrem kargen Einkommen ein Haus leisten zu können; aber dass Elodie an sie, Marie, gedacht hatte, dass sie selbst, Marie Cadiou, das alte Haus ihrer Vorfahren bewohnen würde …

Und es sah gar nicht so heruntergekommen aus, wie sie es befürchtet hatte. Der allgegenwärtige Efeu musste regelmäßig beschnitten worden sein, auch wenn das letzte Mal wohl ein Jahr her sein konnte, so wie das Grünzeug sich über die Regenrinne hinaus hochwand. Riesig geworden war das Hortensienmassiv, das um die rechte vordere Hausecke wuchs; aber leider war es vertrocknet. Oder doch nicht ganz? »Ich gieße euch gleich«, versprach Marie den Hortensien. Mit der Fingerspitze schabte sie ein Stück Farbe von einem geschlossenen Fensterladen. Blau, nicht mehr braun. Sie würde Tür und Läden blau streichen. Die duftenden Rosensträucher neben den Fenstern bogen sich weit über den Feldweg vor; sie mussten zurückgeschnitten werden, waren aber nicht vertrocknet. Marie sah nach oben. Das Schieferdach sah noch gut aus, zumindest auf dieser Seite des Hauses.

Sie steckte den Schlüssel in das alte Schloss und drehte. Die Tür schwang auf, ein Geruch nach Feuchtigkeit schlug Marie entgegen. Aber nicht so schlimm, wie sie befürchtet hatte. Wer auch immer den Efeu gebändigt hatte, er hatte hin und wieder gelüftet.

Im Halbdunkel tastete sie sich nacheinander zu den Fenstern, öffnete sie und schlug die Läden zurück. Ja, alles hier drinnen sah aus wie in ihrer Erinnerung, nur schien das Ganze geschrumpft zu sein. War dieser Raum, der Hauptraum des Hauses, schon immer so klein gewesen?

Sie ging in den Anbau mit dem Badezimmer, öffnete die Luke im Dach; ging dann über die Holztreppe nach oben. Ihr wurde bewusst, dass sie niemals im Obergeschoss gewesen war; Elodie hatte es nicht erlaubt. Gespannt drehte sie den Knauf der linken Tür. Ein eisernes Bettgestell und ein alter Schrank, sonst nichts. Aber aus den Erzählungen ihres Großvaters Erwann wusste sie, dass er und seine Brüder hier geschlafen hatten, vor … bald hundert Jahren, ja … Beklommen trat Marie ein, öffnete auch hier Fenster und Dachluke, sah sich noch einmal nach dem Bettgestell einer anderen Zeit und dem schweren Schrank um, verzichtete vorerst darauf hineinzusehen und betrat stattdessen den Raum rechts des Treppenabsatzes. Elodies Schlafzimmer.

Der alte Schrank hier war mit seinen Schnitzereien und der Spiegeltür schöner als der im Nebenraum; aber das kurze alte Bett unter dem Kruzifix an der Wand wollte Marie nicht gefallen; brrr, sie konnte sich nicht vorstellen, darin zu schlafen. Es war noch gemacht; es sah aus, als erwartete es Elodie – eine Tote …

Marie ging wieder nach unten. Da war es noch, das einstige Schrankbett. Das war einmal Elodies erstes Bett gewesen, als Kind hatte die Arme kein eigenes Zimmer gehabt. Und da – da war das Büffet mit dem alten Geschirr ihrer Vorfahren – und da – das indische Schränkchen… Marie trat darauf zu, strich flüchtig mit den Fingern darüber. Sie hinterließen eine Spur in der Staubschicht. Kurz zog sie einen Türflügel des kleinen Möbelstücks auf. Alle noch da, ihre Schätze. Als wäre die Zeit stehengeblieben…

Marie blinzelte. Für einen Moment war sie wieder das kleine Mädchen gewesen, das nach dem Crêpes-Essen mit den Dingen aus diesem Schrank spielen durfte. Sie drückte die Tür des Schränkchens wieder zu, ließ sich auf einen staubigen Stuhl fallen, stützte die Arme auf den hölzernen Esstisch auf und weinte.


Drei Stunden später hatte Marie Strom und Wasser in Betrieb genommen, einen Eimer aufgetrieben und die Hortensien begossen, altes Putzzeug gefunden und das Hausinnere gereinigt, bis sie es einigermaßen hygienisch fand. Jetzt fühlte sie sich zermalmt von den Ereignissen des Tages. Aber sich auf Elodies altem Bett ausstrecken, konnte sie einfach nicht.

Sie holte Reisetasche, Schlafsack und Isomatte aus dem Auto und suchte das zugewucherte Heckenloch, durch das man vom Feldweg aus den Garten betrat. Ihren Garten. Sie bahnte sich einen Weg durch das hüfthohe Gras. Die Feldsteine an der Rückwand des Hauses fühlten sich unter ihren Händen noch warm an. Nahe der Wand trampelte Marie das hohe Gras nieder und breitete Isomatte und Schlafsack aus. Sie setzte sich in das Nest, das sie sich zwischen den hohen Grashalmen geschaffen hatte. Die Grillen zirpten jetzt neben ihr, das Gras duftete herb. Marie holte einen Apfel und eine Flasche Wasser aus ihrer Reisetasche. Langsam aß und trank sie. Mit der Dämmerung kam ein kühler Luftzug. Marie legte sich auf den Rücken und deckte sich halb mit dem Schlafsack zu.

Es war der vierzehnte Juni. Sie würde sich dieses Datum merken. Der Tag ihres Neuanfangs, in Mengleuff. Sie versuchte, ihren Kopf von allen Gedanken zu leeren. Sah zu, wie der Himmel über ihr sich allmählich dunkelblau färbte. Fledermäuse huschten über den Garten hinweg, eine Eule rief, hell traten die ersten Sterne vom klaren Himmel hervor. Irgendwann kroch Marie in ihren Schlafsack, drehte sich auf die Seite, zog die Knie an und schlief ein.

2. Verlassen

Florian drehte den Schlüssel und drückte die Wohnungstür auf. Ein Schwall stickig-warmer Luft drängte sich ihm entgegen. Die Wohnung lag im zweiten Stock, es war ein besonders heißer fünfter Juli gewesen und die Sonne hatte den ganzen Tag gehabt, um den Altbau trotz seiner dicken Mauern und hohen Räume aufzuheizen.

»Hallo, ich bins!«, rief Florian aus, während er den Schlüssel an das Bord neben der Tür hing. Keine Reaktion. Katharina war noch nicht zuhause.

Im Bad schlüpfte Florian aus seiner verschwitzten Kleidung, stellte sich unter die Dusche und drehte das kalte Wasser voll auf. Während er einfach nur dastand und sich köstlich kalt berieseln ließ, schloss er die Augen und atmete tief durch. Was für ein anstrengender Tag! Diese Frau Breidenstein brachte ihn noch zum Wahnsinn. Wenn das so weiter ging mit ihren plötzlichen Sonderwünschen, würde der Hausbau nie fertig werden. Er sah sie schon am Tag der Fertigstellung vor ihm auftauchen, um ihm zu verkünden: »Eigentlich wäre es doch besser gewesen, noch zehn Quadratmeter mehr Grundfläche zu haben. Können Sie das noch arrangieren, Herr Reinart?«

Florian drehte das Wasser aus, schnappte sich sein Duschtuch und begann, sich heftig abzurubbeln. Das Tuch um die Hüften gewickelt, ging er ins Schlafzimmer, um frische Kleidung überzustreifen. Nachdenklich musterte er sein Bild in der Spiegeltür des Kleiderschranks. Er beugte sich vor. War das ein graues Haar, an seiner Schläfe? Es gelang ihm, das Haar herauszureißen. Grau war es nicht, eher farblos. Ich werde alt, schoss es ihm durch den Kopf. Angewidert ließ er das farblose Haar zu Boden fallen. Er fühlte sich auch abgespannt in letzter Zeit. Boris hatte Recht, er sollte endlich Urlaub machen. Wollte er ja, aber nicht ohne Katharina!

Was war nur mit ihr los? Natürlich, als Stewardess war sie andauernd auf Reisen. Aber früher hatten sie trotzdem gemeinsame Auszeiten genommen. Sie waren nie in den Urlaub geflogen, sie waren gefahren, mit Florians Auto – dem Karmann Ghia Cabrio von 1957. Das war die Art zu reisen, die Florian liebte: sich den Wind um die Ohren wehen lassen und in gemächlichem Reisetempo über kleine Landstraßen kurven, über die Alpen nach Italien oder die Loire entlang oder nach Südfrankreich … Wie sehr hatten sie beide diese gemeinsamen Fahrten genossen. Er vermisste das. Sie brauchten so etwas mal wieder. Auch, um sich nicht voneinander zu entfremden.

Florian erschrak über diesen Gedanken. War das wirklich der Fall? Entfremdete er sich von seiner Frau – oder sie sich von ihm? Eines stand fest: die Romantik war irgendwo hinter der Alltagsroutine verschwunden. Nun, derzeit war der Karmann in der Werkstatt; aber sobald er wieder fit sein würde, würde Florian Katharina festnageln: Wann verreisen wir zusammen?

Beschwingt von diesem Gedanken beschloss er, ein Abendessen zu improvisieren, ein Candlelight-Dinner auf dem lauen Balkon.


Das Essen war vorbereitet – Tomate-Mozzarella-Salat mit Walnüssen, da sie keine Pinienkerne mehr hatten, und Basilikum vom eigenen Balkon; und für danach, Risotto mit Krabben. Der Balkontisch war mit dem guten Geschirr gedeckt, Florian faltete noch die Papierservietten zu Fächern. Was jetzt? Unter dem Risotto hatte er den Herd ausschalten müssen, damit es nicht zu trocken wurde; hoffentlich kam Katharina bald.

Aber sie kam nicht. Florian setzte sich erst an den Tisch und trank langsam ein Glas kühlen Weißwein; dann aß er einen kleinen Teller Tomate-Mozzarella-Salat; und als das Risotto längst abgekühlt war, nahm er sich ein Tellerchen auch davon, setzte sich enttäuscht und ungeduldig vor den Fernseher und sah unkonzentriert irgendwelchen Kram an, der über die Mattscheibe flimmerte.

Endlich, endlich hörte er die Wohnungstür in das Schloss rasten. Erleichtert sprang er auf, zwang sich aber dazu, seiner Frau nicht entgegenzustürmen und ihr schon gar keine Vorwürfe zu machen. Lass sie erst einmal in Ruhe ankommen, sagte er sich. Er rief lediglich: »Hallo, Katharina! Bin im Wohnzimmer!«

»Hallo«, kam es gedämpft aus dem Flur zurück.

Dann hörte Florian, wie sie ins Bad verschwand, wo sie eine ganze Weile lang blieb.

»Hey, schön, dass du da bist«, lächelte Florian, der den Fernseher ausgeschaltet hatte, als sie endlich zu ihm ins Wohnzimmer kam, im Bademantel und frisch duftend nach irgendeinem zitronigen Duschgel. Verführerisch, fand Florian, und stand auf. Aber dann lag plötzlich etwas anderes in der Luft, die Stimmung war nicht die, die es sein sollte – nein nein; und später würde es ihm beinah so vorkommen, als hätte er gewusst, was kommen würde, noch ehe es geschehen war; obwohl die Szene so irreal war, wie die eines schlechten Films oder einer missglückten Soap-Opera, die Florian im selben Moment zu betrachten schien, in dem er eine der beiden Hauptrollen spielte.

»Hallo Florian«, sagte Katharina müde und wehrte seinen Versuch einer Umarmung ab. Ein schmerzlicher Zug lag um ihren Mund, als sie anhob: »Wir müssen reden.«

Florian riss die Augenbrauen hoch und sagte: »Klar.«

»Klar, klar«, ereiferte Katharina sich plötzlich. »Bei dir ist immer alles klar, in Ordnung, okay, was weiß ich. Dabei ist gar nichts klar und in Ordnung zwischen uns, und das seit langem nicht mehr! Das kann doch nicht sein, dass du das nicht siehst! Du willst das nicht sehen, oder?«

Florian zwinkerte mit den Augen und hob hilflos die Hände. Abrupt wandte Katharina sich ab, stürmte an ihm vorbei in die

Küche. Langsam ging er ihr nach. Von der Türschwelle aus sah er zu, wie Katharina irritiert die Casserole mit dem Risotto anstarrte, sich ein Glas mit Leitungswasser füllte und es auf einen Zug leer trank.

»Was ist los?«, fragte er leise.

Katharina setzte das Glas hart neben der Spüle ab, sah Florian in die Augen und antwortete: »Ich liebe einen anderen.«

Florians Hand suchte den Türrahmen. Ihm war flau.

»Ich kann nichts dafür. Es ist so.«

Er brachte kein Wort heraus. Der Schock war zu groß.

Katharina senkte den Kopf. »Tut mir leid. Ich hätte das nicht so abrupt – aber lass uns rübergehen, im Wohnzimmer reden.«

»Worüber denn noch? Die Tatsachen scheinen vollendet zu sein«, hörte Florian sich krächzen. Er räusperte sich.

»Wir müssen auch gar nicht reden, weißt du?«, fuhr Katharina bitter auf und wollte sich an ihm vorbei aus der Küche drängen, doch er hielt sie am Arm fest. »Katharina. Sag’ bitte, dass das nicht wahr ist. Das kann doch nicht sein.«

»Lass mich los«, fuhr Katharina ihn an.

»Aber das kann doch nicht sein«, wiederholte Florian fieberhaft, »wir gehören zusammen, du und ich! Ich wollte dich heute Abend fragen, ob wir nicht endlich mal wieder verreisen wollen, nur wir beide, um Zeit miteinander zu haben …«

»Hör auf, dazu ist es zu spät! Dinge ändern sich!«

»Dinge, wie das klingt! Wir reden von Gefühlen, von uns – unseren Plänen, unserem Leben, das wir teilen! Ich verstehe nicht, was los ist, du kommst nach Hause und knallst mir das so einfach in das Gesicht, so ganz ohne Vorwarnung, einfach so – «, Florian schnappte nach Luft. »Wer ist es überhaupt?«

»Das spielt im Grunde keine Rolle«, sagte Katharina, plötzlich ruhig und fest. »Ich wusste, dass wir uns trennen müssen, bevor ich ihn kennengelernt habe. Ich habe nicht vor, ihn zu heiraten. Ich habe vor, mein Leben, mit dem ich unglücklich bin, zu verändern. Denn ich bin unglücklich mit meinem Leben, Florian. Unglücklich mit dir. Wir sind doch schon lange kein Paar mehr, wie wir es mal waren. Nein«, Katharina wehrte Florians Versuch ab, ihre Hand zu ergreifen. »Ich bin müde. Ich möchte schlafen, allein.«

»Du – du willst uns nicht mal mehr eine Chance geben?«

»Gute Nacht.«

Sie ließ ihn stehen. Fassungslos hörte Florian das Klicken des Schlosses, das verriet, dass sie die Schlafzimmertür abgesperrt hatte. Dieses Klicken gab ihm den Rest. Glaubte sie, er würde ihr wie eine Bestie hinterherstürmen? Das tat weh. Richtig weh.

Florian stand komplett neben sich. Langsam ging er hinaus, auf den Balkon. Er ließ sich auf einen Stuhl fallen, starrte auf die zum Fächer gefaltete Papierserviette auf seinem Teller. Und griff nach der Weinflasche.


Die Sonne schien ungehindert auf die Couch. Florian blinzelte, hielt sich den Kopf und schaute auf den Wohnzimmertisch vor sich, auf die leeren Weinflaschen. Naja, die zweite war nicht ganz leer. Er stöhnte auf. Seine Zunge fühlte sich pelzig an. Wann war er vom Balkon in das Wohnzimmer umgezogen? Dann war plötzlich der Schock wieder da, die volle Erinnerung: Katharina!

Er schlich zur Schlafzimmertür und klopfte sacht an die Tür. Keine Reaktion. Er drückte die Klinke. Sie hatte wirklich abgeschlossen. Er biss sich auf die Lippen. Was sollte er tun? Und sein Kopf dröhnte, er konnte nicht mal klar denken!

Er schlich ins Bad, hielt den Kopf unter kaltes Wasser. Wusch sich, putzte sich die Zähne. Streifte ein frisches Hemd über und ging aus dem Haus. War er selbst das, dieses schleichende Elend? Irgendwie schaffte er es, von seiner Wohnung am Nahrungsberg zum Architekturbüro in der Gartenstraße zu kommen. An sich war es ein Katzensprung, doch seine Beine fühlten sich so schwer an, wie mit Zementklötzen an den Füßen, und das Zwitschern der Vögel und der blendende Sonnenschein quälten seine angespannten Nerven.

Er atmete auf, als er den silbernen Porsche Cayenne halb auf dem Bürgersteig parken sah. Boris war also schon da. Nicht, dass Boris über besonders viel Fingerspitzengefühl in Gefühlsdingen verfügte, aber irgendjemandem musste Florian von seinem Schock und dem Schmerz erzählen.

»Hey Boris«, grüßte er leise, während er das gemeinsame Büro betrat.

»Hey. Was ist denn mit dir los, unter die Zombies gegangen?« Boris sah ihn schief an.

»Es ist Katharina. Sie will – mich verlassen.« Hilflos und verlegen und wütend über sich selbst spürte Florian seine Augen nass werden. Er wandte sich ab.

»Ah«, hörte er Boris nur sagen. Nichts weiter.

Florian räusperte sich. »Sie sagt, sie habe einen anderen. Und dass es zwischen uns längst aus gewesen sei.«

Boris pfiff leise. »Hm, Beileid. Und was willst du jetzt tun?«

»Weiß nicht.« Florian ließ sich auf seinen Schreibtischstuhl fallen und begrub das Gesicht in den Händen.

Boris betrachtete ihn von der Seite. »Hau einfach ab für ein paar

Tage«, brach er zuletzt das Schweigen.

»Abhauen?«, entgeistert sah Florian auf.

»Gegen die Frauen sind wir völlig wehrlos. Unsere einzigen Waffen sind Schweigen und Abwesenheit. Widersprich nie. Regel Nummer eins. Und wenn es Zoff gibt, geh weg. Regel Nummer zwei. Wenn du jetzt für zwei oder drei Wochen weg bist, arbeitet ihr schlechtes Gewissen für dich. Erst ist sie wütend, dann findet sie sich zu hart und dann kriecht sie bei dir zu Kreuze und du diktierst die neuen Regeln.«

»Boris – das funktioniert nie!«

»Aber klar doch! Bei Katharina deine einzige Chance. Wenn du sie anflehst, also Schwäche zeigst, trampelt sie nur auf dir rum. Sie muss von allein darauf kommen, was sie verloren hat.«

»Und du meinst nicht, dass sie wegfahren als wegrennen interpretieren würde und damit als die größte Schwäche überhaupt?«

»Naja, das Risiko würde ich eingehen. Wie gesagt, anflehen bringt bei ihr nichts.«

Unglücklich musste Florian sich eingestehen, dass etwas an Boris’ Einschätzung wahr sein konnte. »Aber wohin sollte ich denn gehen? Ich habe gar keine Lust auf Urlaub! Ich wollte Urlaub mit ihr!«

»Da hätte ich schon eine Idee …«

»Ach Boris, vergiss es …«

»Pass auf: Ich habe vor ein paar Jahren einem Bekannten ein Ferienhaus abgekauft, in der Bretagne. Der meinte, ein Architekt könnte aus der Bude ’was Feines machen; stimmt auch; nur hatte ich noch keine Zeit dazu. Das Problem ist, es ist echt weit weg, nämlich am Ende der Welt, und das wörtlich: im Finistère, finis terra, kapiert? Aber für deine Zwecke ist das Haus dadurch ideal. Da wird Katharina dich nie finden; und es ist eine reizvolle Gegend da zum Ablenken und Urlaub machen. Es gibt Strände, mit netten Mädels …«

»Boris, jetzt mach mal halblang. Ich fahre bestimmt nicht von Gießen bis ans Ende der Welt, um aus Rache an Katharina fremde Strandgängerinnen aufzureißen.«

»Die Schlüssel und so weiter muss ich allerdings von zuhause holen, aber das kann ich gleich tun; dauert nicht lange«, fuhr Boris unbeirrt fort und sprang auf.

»Moment! Ich habe nicht ja gesagt!«, protestierte Florian nachdrücklich.

»Nicht nachdenken. Mach’ es oder lass’ es. Nachdenken ist

Frauensache.«

Florian hob abwehrend die Hände und schüttelte den Kopf. »Sogar wenn ich wegfahren wollen würde, es würde nicht gehen: Ich habe kein Auto! Der Karmann ist in der Werkstatt, und Katharinas Mini kann ich schlecht nehmen.«

Boris blähte die Backen auf. »Für wie lange ist dein Auto noch weg?«

»Bis Mittwoch nächster Woche.«

»Du musst aber gleich abhauen, sonst funktioniert die Strategie nicht. Dann nimm eben meinen Wagen, verdammt, ich hole dann den Karmann von der Werkstatt ab.«

»Tauschen?«, fragte Florian ungläubig.

»Ich behandle deinen Oldie wie ein rohes Ei, versprochen. Dasselbe erwarte ich von dir mit dem Cayenne – du weißt, dass das ein echter Freundschaftsdienst ist, oder?«

Florian nickte. Boris liebte seinen neuen SUV abgöttisch.

»Gut, abgemacht«, wollte Boris die Diskussion schon schließen, aber Florian schüttelte abermals den Kopf. »Boris, deine Idee ist aberwitzig! Ich werde nicht darum herum kommen, mit Katharina zu reden, sogar wenn es nichts bringen sollte. Versuchen muss ich es. Aber mal abgesehen davon, meine Eltern sind im Urlaub. Wenn ich auch weg bin, besucht niemand meine Oma.«

»Besuch’ sie gleich und erklär’ ihr alles. Das versteht die schon. Deine Eltern kommen doch bald zurück, und so lange kümmern sich die Leute aus dem Altenheim um deine Oma. Dafür ist sie schließlich im Altenheim, oder?«

»Und was wäre mit dem Bau am Breidenstein-Haus?«, gab Florian zuletzt zu bedenken.

»Oh, um die Breidenstein kümmere ich mich. Attraktive Frau, die Frau Breidenstein. Nervend, aber attraktiv. Wünsch mir Glück!« Boris grinste anzüglich.

Manchmal fragte Florian sich schon, wie er die Gesellschaft seines Kompagnons an fünf Tagen pro Woche ertragen konnte.


Marlene Braun saß an der offenen Balkontür ihres Zimmers und las Zeitung. Richtige Balkons gab es nicht in dem Seniorenheim in der Moltkestraße, nur sogenannte französische: Statt eines normalen Fensters war eine Balkontür eingebaut, vor der ein Gitter einbetoniert war. Florian hatte diese Lösung schon immer missraten gefunden. Nach wie vor tat es ihm weh, seine Oma hier zu sehen, anstatt in ihrem Nest, ihrem eigenen Häuschen. Das Reihenhaus der Brauns war klein gewesen, aber vollgestopft mit persönlichen Dingen – Dingen, die die kleinen Räume anheimelnd gemacht hatten; Dingen, die Florians Großeltern ein Ehe- und Familienleben lang angesammelt hatten. Wie wenig davon hatte seine Oma in das Heim mitnehmen können! Wenn Florian allein an die vielen Bücher dachte, die zum Teil noch von seinem Opa stammten …

Seine Oma hatte aufgeblickt und ein Strahlen ging durch ihre blauen Augen. »Florian! Guten Tag!« Sie legte rasch die Zeitung beiseite, um sich von ihrem Enkel, ihrem ganzen Stolz, einen Kuss geben zu lassen.

Der ließ sich auf die Bettkante fallen. Es gab nur den Sessel seiner Oma und das Bett als Sitzmöglichkeiten in dem engen Zimmer.

»Geht es dir gut?«, fragte Marlene erschrocken, jetzt wo sie ihren Enkel auf Augenhöhe genauer ansah.

»Nicht so wirklich. Ich glaube, ich sollte mal Urlaub machen. Boris will mich jedenfalls dazu überreden, in sein Ferienhaus zu fahren.«

»Ach, Boris hat ein Ferienhaus? Wo denn? Wann wollt ihr denn hinfahren?«

Florian schluckte, seine Kehle brannte. »Nicht wir, nur ich. Katharina würde nicht mitkommen. Sie …« Er konnte nicht weiterreden. Schon wieder war er nahe am Weinen, das ging nicht!

»Was ist los, Florian?«, fragte seine Oma weich und streckte eine Hand nach ihm aus. Er nahm die alte kleine Hand, die sehr zarten Finger mit den noch immer sorgsam gepflegten Fingernägeln in seine jungen Hände und versuchte zu lächeln. Dann räusperte er sich und sagte schlicht: »Katharina liebt einen anderen. Sie will mich verlassen.«

Bestürzt sah Marlene ihren Enkel an, bestürzt und ungläubig. Wie, ihren Florian? Diesen wunderbaren Jungen? Das konnte nicht sein! Aber ihr Junge begann nun, erst abgehackt, dann immer schneller sprechend von den Geschehnissen am vergangenen Abend zu erzählen.

»Ja, so ist das, Oma«, endete er schließlich. »Ich kann es selbst nicht fassen. Ich hatte keine Ahnung… Das heißt, ich hatte schon in letzter Zeit den Eindruck, wir würden etwas auseinanderdriften, im Alltagsstress – aber dass sie – einen anderen – das ist so ein Schock!«

»Das glaube ich. Nur, Florian, das wirst du doch nicht so stehenlassen? Du liebst doch deine Katharina? Dann musst du um sie kämpfen! Wegfahren ist die ganz falsche Idee!«

»Boris meint, erst der Abstand würde Katharina klarmachen, was sie an mir hätte. Und sie anflehen würde ohnehin nichts nützen. Die Wahrheit ist, ich fühle mich dieser Sache einfach nicht gewachsen!«

Marlene kannte ihren Florian, und sie kannte seine Katharina. Möglich, dass er sich seiner Frau nicht ganz gewachsen fühlte, in dieser Situation. Aber dann musste er sich eben ermannen! »Jetzt hör’ mal zu«, hob sie an, »wenn man im Leben seine große Liebe gefunden hat, dann darf man nicht wegrennen, sobald sie gefährdet ist! Gefährdet heißt noch nicht verloren. Nichts ist schlimmer, als seine große Liebe zu verlieren – und dann auch noch kampflos! Katharina braucht einen neuen Liebesbeweis von dir. Ach, wenn ihr nur Kinder hättet …«

Florian hob abwehrend die Hand. »Ich bin nur froh, dass wir keine haben; das würde jetzt alles noch schlimmer machen! Nein. Ich weiß im Augenblick nicht, was ich tun soll. Der Gedanke, dass Katharina einen anderen liebt, macht mich rasend, und wie soll unser Zusammenleben in der Wohnung aussehen? Wird sie ihren Kerl etwa mitbringen? Ich will Katharina nicht verlieren, aber im Augenblick fühle ich mich so – so ohnmächtig vor lauter Schock; ich muss den erstmal verdauen. Vielleicht ist Boris’ Idee wirklich nicht übel. Abstand, um den Kopf freizukriegen, die Balance wiederzufinden, verstehst du? Und ich werde ihr nicht sagen, wo ich hingehe; soll sie sich ruhig Sorgen machen! Die Bretagne ist so weit weg …«

»Die Bretagne?«, echote seine Oma.

»Ja, da ist Boris’ Ferienhaus.«

»Wo – ist das Haus genau?« Marlene sah ihren Enkel unverwandt an.

»In einem Dorf, ich habe den Namen vergessen. Egal, es liegt auf der Halbinsel Crozon, ganz im Westen.«

Marlene schloss die Augen, atmete tief durch. »Ich weiß, wo Crozon ist. Ich war auch einmal in der Bretagne«, sagte sie dann langsam. »Im Krieg. Da war ich als Funkhelferin auf Crozon stationiert.«

»Nein!« stieß Florian aus. »Du? Du warst im Krieg? Als Funkhelferin?«

Wortlos rappelte seine Oma sich von ihrem Sessel auf und ging an den Kleiderschrank.

»Was tust du? Soll ich dir helfen?«, fragte Florian schnell, als er sah, wie seine Oma – seine liebe, sanfte Oma, die im Krieg gewesen war?! – sich vor dem geöffneten Schrank auf die Zehenspitzen stellte, um mit den Händen im obersten Fach herumzutasten. Sie wusste genau, irgendwo hinter ihren Hüten musste es liegen … Endlich spürten ihre Finger den Karton des Einbandes. Sie bekam das Buch zu fassen und zog es heraus.

Die Buchdeckel waren einst tiefschwarz gewesen, mittlerweile aber zu einem Dunkelgrau-Lila verblasst. Gedankenverloren sah Marlene ihr teures Buch an und schlug behutsam die erste Seite auf. Sie biss sich auf die Lippen. Wie lange das her war! Am anderen Ende ihres Lebens.

»Was ist das?«, fragte Florian vom Bett aus.

Ruckartig klappte Marlene die Kladde zu und zögerte. Sollte sie wirklich? Sie sah in das arglose Gesicht ihres Enkelsohns. »Ausgerechnet Crozon«, sagte sie halblaut und mehr zu sich selbst. Ein Wink des Schicksals, setzte sie in Gedanken hinzu. Dann ging sie zu Florian und hielt ihm das Buch hin. »Ich möchte, dass du das mitnimmst, in die Bretagne. Würdest du es lesen?«

Florian schlug seinerseits die Kladde auf. »Ist das ein Tagebuch? Etwa aus dem Krieg?«, fragte er schwach, mit Blick auf die Jahreszahl 1942. Das einzige, das er ohne weiteres entziffern konnte.

»Genau«, Marlene nickte.

»Das ist in Sütterlin geschrieben«, murmelte Florian, intuitiv voller Abwehr gegen die ungeahnte Vergangenheit seiner Großmutter, ihre aktive Teilnahme an diesem unsäglichen Krieg.

»Das ist gar keine Sütterlinschrift, das ist die Offenbacher Schrift!«, korrigierte Marlene ihren Enkel.

»So.« Florian zog eine Augenbraue hoch.

»Ja. Kannst du die nicht mehr lesen? Das lässt sich schnell lernen.« Florian sah seine Oma bittend an. Konnte sie nicht verstehen, dass

es ihm ohnehin schlecht ging und dass es nicht der richtige Zeitpunkt war, ihm ihre Kriegserinnerungen zum Lesen zu geben? Kriegserinnerungen! Von der Westfront, so sagte man wohl?

»Schon gut, wenn du nicht willst«, sagte Marlene bekümmert und hastig und wollte das Tagebuch wieder an sich nehmen.

Florian hielt die Kladde fest und zwang sich zu einem Lächeln.

»Natürlich werde ich dein Tagebuch lesen, Oma, wenn du das möchtest. Bestimmt gibt es im Internet Schrifttabellen der Sütterlinschrift.«

»Offenbacher Schrift, Sütterlin war davor. Schön. Schön schön«, murmelte Marlene, halb erleichtert, halb alarmiert.

»Oma – erwarten mich da sehr schreckliche Enthüllungen in deinem schwarzen Buch? Hast du deshalb nie jemandem von uns verraten, dass du mal an der Westfront warst? Oder weiß Mama davon?«

Marlene befeuchtete ihre Lippen, ehe sie antwortete: »Deine Mutter weiß nichts. Aber – ich habe auf Crozon etwas ganz Wunderbares erlebt, etwas Unvergessliches. Zugleich war es auch schrecklich, ja; daher, wer wollte nach dem Krieg schon über solche Dinge reden? Und dennoch: Wenn ich die Zeit zurückdrehen könnte, ich würde es nie, niemals ungeschehen machen! Und wenn du am Ende alles gelesen haben wirst, wirst du verstehen, warum.« Sie sah ihren Enkel an; treuherzig, bittend, ängstlich.

»Ich lese dein Tagebuch Oma«, wiederholte Florian sein Versprechen und nahm die alte Frau in die Arme.


Nachdem ihr Enkelsohn gegangen war, konnte Marlene sich nicht einfach wieder in den Sessel setzen und Zeitung lesen. Crozon! Dass ihr Tagebuch nach Crozon reisen sollte, ohne sie, aber mit Florian, das bewegte sie zutiefst. Was würde er von ihr halten? Und war es richtig gewesen, ihn abreisen zu lassen? Hätte sie darauf beharren sollen, dass er bleiben möge, um mit seiner Katharina zu reden? Für seine Ehe war die Reise in die Bretagne nicht gut, bestimmt nicht! Und doch hatte sie, seine Oma, nichts getan, um ihren Enkelsohn aufzuhalten. Nein. Sie hatte ihm die Kladde gegeben und ihn aufgefordert, sie dorthin mitzunehmen – ja, sie hatte sich sofort in die Vorstellung vernarrt, wie Florian die Orte sehen würde, an denen es damals geschah – diese Orte, die mittlerweile in ihrem Gedächtnis verschwommen waren, doch manchmal, in Träumen, erschütternd real wiederauftauchten … Ach, was würde er von ihr und alledem halten? Fortan würde sie keine ruhige Minute mehr haben. Sie würde mit dieser Frage leben müssen: Wie viel weiß er schon?


Zu Florians Erleichterung war Katharina nicht da, als er nachhause kam. Er packte eine kleine Reisetasche mit Kleidung, schob das Tagebuch seiner Oma dazu, suchte und fand im Internet eine Buchstabentafel mit der Offenbacher Schrift und druckte sie aus. Dann suchte er per Routenplaner eine Reiseroute nach Mengleuff auf der Halbinsel Crozon, fand zwei Varianten und druckte die kostengünstigere Nordroute über die Normandie ebenfalls aus. Boris’ Protzauto hatte zwar ein Navigationssystem, aber Florian hatte keine Lust, sich damit vertraut zu machen.

Fast hätte er das Wichtigste vergessen, den Haustürschlüssel, die Bretagnekarte und das Blatt mit Tipps und Regeln, das Boris ihm noch gegeben hatte. Er steckte alles zu den anderen Dingen in die Reisetasche. Dann ging er an das Telefon, griff nach einem Zettel und einem Stift. »Bin für ein paar Tage weg, Florian«, schrieb er, drehte den Stift zwischen den Fingern, setzte aber nichts weiter hinzu. Er legte die Mini-Nachricht auf den Küchentisch, dann fiel ihm ein, den Wasserkocher mitzunehmen. Und ein Glas Schnellkaffee. Nur für alle Fälle, um an seinem ersten Morgen in der Bretagne zumindest damit versorgt zu sein. Boris hatte aufreizend wenig zur Ausstattung seines Ferienhauses gesagt.

Vor dem Haus erwartete ihn der Porsche Cayenne. Florian stieg ein und runzelte die Stirn. Zu viel Hightech-Schnick-Schnack, für seinen Geschmack. Sowieso, er mochte keine SUVs. Er startete. Vor ihm lag eine Reise von tausendzweihundert Kilometern. Genug Distanz zwischen ihm und Katharina.


Ein Lichtblitz riss Florian aus seinen Gedanken. Wie hatte er das Vergessen können? In Belgien waren nur hundertzwanzig Stundenkilometer auf der Autobahn erlaubt! Zermürbt rieb er sich die müden Augen. Er brauchte eine Pause.

In einem Rasthof bei Lüttich aß Florian ein lappiges Sandwich und trank dazu Kaffee. Währenddessen holte er das Handy aus der Tasche und schaltete es ein. Sofort piepte es los, er hatte mehrere neue Nachrichten. Hastig schaute Florian die Absender durch. Da! Vier von Katharina! Und eine von Boris. Er zwang sich dazu, die von Boris zuerst zu lesen: »Habe Verwalter informiert«, stand auf dem Display. Soso, es gab sogar einen Verwalter. War echt freundschaftlich von Boris, ihm so beizustehen. Nein, er würde ihm jetzt nicht den Tag versauen durch die Ankündigung eines Strafmandates. Das würden sie später regeln, wenn es soweit war. Und – Katharina? Nein. Nein, es war ausgeschlossen, dass ihre Nachrichten Zärtlichkeiten enthielten. Eher das Gegenteil. Er schaltete das Handy aus und verließ die Raststätte.


War es die hohe Temperatur, war es seine Müdigkeit bei gleichzeitiger innerer Unruhe? Von dem Moment an, in dem er in Nordostfrankreich von der Autobahn abfuhr, um Mautgebühren zu sparen, geriet Florian in einen merkwürdigen Zustand. Wie in Trance sah er eine Landschaft an sich vorüberziehen, die er trostlos fand wie seine Stimmung. Weite, ebene Flächen; riesige Felder, auf denen Heuwürfel sich stapelten. Weiler, die nur aus einer Durchfahrtsstraße bestanden mit Häusern aus dunkelrotem Backstein. Dann wieder Menschenleere, nur die Spitzen entfernter Kirchtürme zeigten hier und da verstreute Ortschaften an. Friedhöfe lagen an der Landstraße, lauter Soldatenfriedhöfe aus dem ersten Weltkrieg.

In Amiens rüttelte Florian sich wach, stärkte sich mit Pizza und weiterem Kaffee, entdeckte auch ein sympathisch aussehendes Hotel nahe der Kathedrale, war aber zu aufgewühlt, um an Schlafen zu denken. Also weiter. Immer weiter, Richtung Westen, vorbei an riesigen Feldern von Windrädern. Im Gegenlicht der untergehenden Sonne sahen sie schön aus, mit ihren regelmäßigen, majestätischen Flügelbewegungen, aber auch bedrohlich, wie Wesen mit einem Eigenleben aus einem Science-FictionFilm. An Aumale vorbei, in die Normandie. Die Landschaft nun hügelig, mit Dörfern aus alten Fachwerkhäusern. Forges-les-Eaux, ein Miniatur-Kurort mit Kasino und einem See, über den weiße Schwäne ihre Kreise zogen. Und dann – zack! Florian blinzelte. Der zweite Blitzer des Tages! »Sorry, Boris«, sagte Florian laut und bretterte trotzig weiter.

Doch nach Caen und dem zweiten Sekundenschlaf sah er ein, dass er bald ein Hotel suchen musste. Bayeux, der Name sagte ihm etwas; war da nicht dieser uralte Teppich mit den Bildern der NormannenSchlacht? Florian gähnte – und fuhr zusammen, als er dem dritten Wegelager des Tages in die Falle ging! War ganz Frankreich gespickt von solchen Dingern?! – Prompt verließ Florian Bayeux wieder, um über die nächstbeste Landstraße nach Porte-en-Bessin-Huppain zu gelangen, aber kein Hotel in dem Kaff zu sehen. Also weiter, in den nächsten Ort. Florian ließ die Fensterscheibe herunter, der salzige Geruch des nahen Meeres weckte ein wenig seine Lebensgeister. Und dann, nachdem er das Ortsschild von Colleville-sur-Mer passiert hatte, sah er es, an einem älteren Gebäude: das Wort »Hôtel«. Er bremste scharf und parkte am Straßenrand.

»Après douze heures, sonnez s. v. p.«, stand auf einem Schild am Eingang. Darunter auf Englisch: »After midnight, ring the bell please«.

Es war gegen ein Uhr morgens. Florian drückte den Klingelknopf. Eine Weile tat sich gar nichts. Sollte er etwa im Cayenne übernachten? Er klingelte noch einmal.

»J’arrive!«, rief eine tiefe Stimme aus dem Inneren des Hauses.

Jemand schloss die Tür auf und dann stand Florian vor einer alten gebeugten Frau in Morgenmantel und Pantoffeln, die ihn misstrauisch von unten anschaute.

»Can I have a room for one night, please?«, fragte Florian. Er war zu kaputt, um zu versuchen, Französisch zu reden. Er hatte zwar von der siebten bis zur elften Klasse Französisch in der Schule gehabt, aber das war lange her, und er war damals zu faul gewesen, um regelmäßig Vokabeln und Grammatik zu lernen.

Die alte Frau nickte und trat einen Schritt zurück, um ihn hineinzulassen. Florian folgte ihr an den Tresen, auf dem nichts stand als eine Vase mit drei kleinen Flaggen. Der französischen, der britischen und der amerikanischen. Wo bin ich denn hier hingeraten, fragte Florian sich, während die Alte in einem Buch blätterte und ihm dann einen Schlüssel reichte. »7«, stand auf dem Plastikschild daran.

»American?«, fragte sie.

»No, German«, antwortete Florian vorsichtig und sein Blick schweifte zurück zu der Vase mit den drei kleinen Flaggen. Er begriff: Der Sturm auf die Normandie, der Einfall der Alliierten – das musste sich irgendwo hier abgespielt haben, an dieser Küste.

»Ah«, knurrte die Alte, und Florian meinte, einen scheelen Blick von ihr einzufangen.

»C’est en haut«, sagte sie und wies mit der Hand Richtung Treppe.

»Merci«, erwiderte Florian doch auf Französisch, was ein winziges Lächeln in die zuvor nach unten gezogenen Mundwinkel seines Gegenübers zauberte.

Zimmer Nummer 7, das Florian rechts am Ende eines engen, dunklen Korridors fand, war mit einem Doppelbett, einem Schrank, einem Tisch und einem Stuhl möbliert. Auf dem Tisch stand ein kleiner dickbauchiger Fernseher. Florian legte sich auf das Bett. Nur kurz ausruhen, dachte er, und dann die Tasche aus dem Auto holen.

3. Unterwegs

Es führte zu nichts, länger im Bett zu bleiben und zur Decke zu starren. Überhaupt, dieses schreckliche Bett! Nach ihrer ersten Nacht im Garten war Marie doch in Elodies Schlafzimmer eingezogen. Nur, bei jedem Herumwälzen, und Marie schlief unruhig, quietschten die Federn der alten Matratze wie eine Katze, der man auf den Schwanz tritt, und das ganze Bett geriet ins Wanken wie eine Boje auf hoher See.

Wie eine Greisin schob Marie in Zeitlupe erst das linke, dann das rechte Bein von der Matratze. Sie griff sich an den Kopf. Schon wieder Kopfschmerzen, nach einer weitgehend durchwachten Nacht. Aber sie hatte sich vorgenommen, keine Schlaftabletten mehr einzuwerfen. Und jede zweite oder dritte Nacht gelang es ihr doch, vor Übermüdung zu schlafen.

Sie tappte hinunter ins Erdgeschoss und öffnete die Fensterläden. Aus dem linken Fenster beugte sie sich weit hinaus, um ihre Hortensien zu bewundern. Seitdem sie in Mengleuff war, hatte sie sie Tag für Tag und Woche für Woche mit viel Wasser und Liebe und gutem Zureden vor dem Vertrocknen gerettet. Sie liebte die zwischen rosa und hellblau changierende Farbe der prächtigen Blüten, den Duft, den sie verströmten. Sie liebte die den Pflanzen innewohnende Kraft, die eine solche Wiederauferstehung ermöglicht hatte. Die Hortensien sahen wieder prächtig aus, keine Fragen. Und wie ihre Hortensien, so würde auch sie selbst, Marie Cadiou, aus ihrem Tief wieder herauskommen, schwor sie sich – wie jeden Morgen, beim Öffnen der Läden. Aber leicht war das nicht.


Licht drang durch Florians geschlossene Augenlider. Dann die Erinnerung, der Schlag in die Magengrube. Langsam öffnete er die Augen.

Eine Weile starrte er nur an die Decke, versuchte zu verdauen, dass das alles kein bloßer Alptraum war, sondern die Realität. Katharina. Wie konnte sie ihm das antun?

Endlich rappelte er sich auf und kam am Bettrand zum Sitzen. Wie hässlich das primitive Hotelzimmer bei Tageslicht war. Die großgeblümten Tapeten wiesen in den Ecken des Raumes Risse auf und ihr weißer Grund war vergilbt. Eine leichte Übelkeit überkam Florian, er musste aufstehen und zum Fenster gehen, er brauchte Luft. Doch als er die alte Gardine beiseite zog, schreckte er zusammen. Sein Blick fiel auf schier endlose Reihen von weißen Kreuzen.

Er rieb sich die Augen. Das war doch ein Alptraum. Er musste weg hier. Duschen, frühstücken, weg hier. Halt, seine Tasche. Ans Auto musste er zuerst.

Draußen roch es nach Seeluft. Das tat gut, Florian sog begierig die salzige Luft ein. Auch den Cayenne vor dem Hotel vorzufinden, hatte etwas Beruhigendes. Er holte sein bescheidenes Gepäckstück aus dem Kofferraum und ging zurück in das Hotel, das bei Tageslicht auch von außen noch trostloser aussah.

Er fand die Dusche am anderen Ende des Korridors auf der Etage seines Zimmers; und keine halbe Stunde später saß er mit feuchten Haaren in dem kleinen Frühstücksraum. Es war gerade neun Uhr. Wortlos stellte die alte Frau, deren Bekanntschaft er in der Nacht

gemacht hatte, einen Korb mit Baguettestücken vor ihn. Dazu stellte sie einen Teller mit verpackten Butterstücken und kleinen Plastiktöpfchen mit Marmelade. Schade, keine Nutella. »Du café ou du thé?«, fragte die Alte dann, und nachdem Florian Kaffee bestellt hatte, schlurfte sie aus dem Raum.

Während Florian auf den Kaffee wartete, sah er durch das Fenster auf die unbelebte Straße. Vielleicht lag es daran, dass der Himmel bedeckt war, aber die verwitterten Fassaden der Häuser und das halb verrottete Schild »A vendre« im Ladenhaus gegenüber wirkten auf ihn bedrückend. Dieser Ort sah aus, als wäre er vom Aussterben bedroht. Aber vielleicht sah er das nur so, weil es ihm selbst so schlecht ging.

Die alte Frau kam mit dem Kaffee. Eine große Tasse voll, er roch gut, eine dünne Schicht Milchschaum lag auf der Oberfläche. Neben die Tasse stellte die Frau eine Dose Zucker.

Der Kaffee schmeckte ausgezeichnet, stark, aber nicht bitter, und die Baguette war frisch und eben so, wie französische Baguette sein sollte. Erst beim Essen merkte Florian, dass er Hunger gehabt hatte. Während er auf einen zweiten Kaffee wartete, sah er schon munterer durch den Frühstücksraum. Erst jetzt fiel ihm das Tischchen in der Ecke neben der Eingangstür auf, auf dem verschiedene Prospekte lagen. Er schlenderte hin und überflog den Flyer eines »D-Day-Museums«. Jaja, so war das. Der Zufall hatte es so gewollt, dass er hier gelandet war, an diesem Ort, der direkten Bezug zum zweiten Weltkrieg hatte und zur Westfront – einen Bezug zu seiner eigenen Oma … Florian seufzte und legte den Flyer zurück. Das D-Day-Museum im benachbarten Arromanches würde er nicht besichtigen; aber vor der Abreise würde er noch einen Blick auf den Friedhof werfen, dessen Anblick ihn nach dem Aufstehen so erschreckt hatte.

Sechzehntausend amerikanische Soldaten seien hier beerdigt, las Florian auf einem Informationsschild, ehe er nach dem Auschecken den Friedhof durch ein breites Tor betrat. Er sah um sich. Parallele Reihen von weißen Kreuzen, ein riesiges Feld davon. Er begann, aufs Geratewohl eine Reihe abzuschreiten, las beiläufig Namen und Geburtsdaten, begann, im Kopf zu rechnen. Hier waren nur junge Männer beerdigt. Richard Brown, knappe zwanzig geworden; Euston McCullom, einundzwanzig; Jeffrey Pendleton, zwanzig … Ich lebe schon fünfzehn Jahre länger als Jeffrey Pendleton; in fünf Jahren habe ich doppelt so lange gelebt wie dieser junge Mann, der 1944 in das Abwehrfeuer der Deutschen gelaufen ist.

»Hey, guys, come here!«

Florian fuhr herum. Zwei Kreuzreihen weiter sah er sie, die drei Männer. Sie waren mittleren Alters, trugen Armeehosen, Baseballkappen und große Fotoapparate in den Händen. Jetzt lichteten sie sich gegenseitig vor einem Grab ab. Lachend, laut und aufgeregt durcheinander redend.

Irritiert wandte Florian sich ab. Was waren das für merkwürdige Typen? Touristen, die die »D-Day-Küste« life erleben wollten? So etwas gefiel ihm gar nicht. Er verließ den Friedhof und stieg in den Cayenne.


Jeden Tag machte Marie sich ein straffes Programm; es gab immer genug zu tun, in Mengleuff, und sich abrackern war der beste Weg, um die Trauer abzuarbeiten; oder fortzuschieben, zumindest. Die Trauer um den Mann, an den sie nicht mehr denken durfte und nicht mehr denken wollte; denn er hatte nicht vor – nach fast drei Wochen ohne Lebenszeichen von ihm hatte er wirklich nicht vor, um sie zu kämpfen. (Aber die Hoffnung stirbt leider immer zuletzt; und dieses allmähliche Absterben tat weh, so weh …) Wenn Marie aber einmal Pause machen und mit einem Menschen reden wollte, der ihr ein kleines Gefühl der Geborgenheit gab, dann ging sie zu Yvonne Le Roux.

Yvonne war mittlerweile die Dorfälteste und gehörte für Marie untrennbar zu Mengleuff. Sie war »schon immer« da gewesen; nämlich soweit Maries Erinnerung an Mengleuff reichte. Yvonne strahlte eine unglaubliche Ruhe und gewitzte Weisheit aus; und sie hatte den schönsten Garten des Dorfes. Die alte Dame liebte Blumen. Sie hatte ein Meer verschiedenster Sorten davon, dazu aber auch nutzbare Pflanzen: Gemüse, Himbeer- und Stachelbeerbüsche und alte Apfelbäume. Dazwischen gackerten freilaufende Hühner. Deshalb hatte das Haus mit dem idyllischen Garten ein Gartentor, das niemals offenstehen durfte.

Marie lehnte sich über dieses Tor und rief: »Bonjour! Darf ich reinkommen?«

Yvonne saß auf dem Bänkchen neben der Haustür und schälte Kartoffeln. Die Schalen ließ sie in ihre karierte Schürze fallen, die geschälten Kartoffeln plumpsten in einen zerbeulten Eimer aus Blech. »Komm nur, Marie Cadiou, aber schließe das Törchen, wegen der Hühner!«

Marie tat es und setzte sich auf eine Geste der alten Dame hin neben diese auf die Bank.

»Na, hast du dich inzwischen gut eingelebt?«, erkundigte sich

Yvonne. Sie konnte schälen, fast ohne hinzusehen.

»Ich komme gut voran mit dem Renovieren«, antwortete Marie ausweichend. »Den Dielenboden musste ich gar nicht abschleifen, ölen genügte. Meinen Teppich aus der alten Wohnung habe ich in das Schlafzimmer gelegt, ein Berber in warmen Farben, sieht gleich ganz anders aus. Die Tapeten im Schlafzimmer sind cremeweiß, unten habe ich weiß mit einem Hauch von gelb gestrichen. Ist wirklich schön. Aber die Plackerei mit dem Entleeren und Verschieben aller Möbel! Und dann gibt es noch ein Zimmer komplett zu renovieren, in dem hat früher mein Großvater geschlafen, als Kind …« Marie musste gähnen.

»Du arbeitest zu viel. Warum hilft dir niemand? Hast du keinen Freund?«, fragte Yvonne geradeheraus.

Marie wollte aufspringen. Die Vernunft hielt sie davon ab. »Ich habe einen besten Freund, er heißt Pierre, der wird mir bei den noch ausstehenden Möbeltransporten helfen«, brachte sie hervor.

»Und deine Eltern?«

»Bloß nicht!«

Verblüfft hielt Yvonne mit dem Schälen inne, und Marie erklärte müde: »Sie wissen vielleicht, dass mein Vater Elodies Patensohn war. Da dachte er … oder besser, meine Eltern dachten beide, sie würden ihr Haus erben. Wie ich mittlerweile erfahren habe, sind sie die letzten zehn Jahre lang, als Elodie nicht mehr kam, regelmäßig hierher gefahren, um das Haus instand zu halten. Ich wusste davon nichts; und überhaupt, ich kann nichts dafür, dass Elodie mir das Haus vermacht hat – warum auch immer!«

Yvonne Le Roux legte den Kopf schief. »Hauptsache ist, dass das alte Haus der Cadious wieder bewohnt ist. Es stehen so viele Häuser leer. Auch das neben deinem. Wie schade. Früher lebte die Familie Lévénès darin. Fünf Kinder. Was aus denen allen geworden ist? Der Vater war Dachdecker.«

»Dann ist es aber lange her, dass die Familie Lévénès nicht mehr in dem Haus wohnt! Ein Dachdecker hat sich dem Dach ewig nicht mehr genähert. Die losen Schieferplatten fallen herunter wie Regen.«

»Siehst du, schade. To pa ri ti, Pa ri ti to1, sagt das Sprichwort. Dein Haus braucht ein Dach, und solange das Dach hält, kannst du dein Haus retten. Ist das Dach futsch, hast du bald eine Ruine.«

»Wem gehört das Haus denn inzwischen?«

»Einem deutschen Monsieur. Aber den habe ich nur einmal vor Jahren gesehen. Ab und zu kommt ein Mann, der ein bisschen Rasen mäht und Efeu zurückschneidet. Aber das genügt nicht. Das Haus verfällt, wenn nicht bald etwas geschieht. Der deutsche Monsieur müsste kommen. Schade, schade.« Yvonne zuckte die Achseln.

Schade? Im Gegenteil! Marie war erleichtert. So hatte sie im Garten ganz ihre Ruhe, und wenn sie nur daran dachte, dass sie einen männlichen Nachbar hätte haben können, kamen heftige Abwehrgefühle in ihr auf. Sie hatte die Nase voll von Männern; jedenfalls hatte sie keinen Bedarf an einem fremden Mann, der sie über die Grenzbüsche zwischen beiden Gärten hinweg anglotzen, anlabern oder im schlimmsten Fall anmachen könnte!

Nach ihrer Rückkehr von Yvonne machte Marie sich den Spaß, einmal um das leere Nachbarhaus herumzuschleichen. In gewisser Hinsicht hatte Yvonne natürlich recht: Es war ein altes Haus wie ihres und der Garten war ähnlich groß, ohne knorrige alte Apfelbäume allerdings, dafür mit einigen interessanten Felsblöcken, die aus dem hohen Gras ragten. War das Natur oder hatten einmal die keltischen Vorfahren Hand angelegt? Das war oft schwer zu sagen. Einer der Felsen sah nach menhir aus; ein anderer nach dem flachen Deckstein eines dolmen.

Marie ging bis zu den gelb blühenden Grenzbüschen und schaute hinüber in ihren eigenen Garten. Die Büsche waren hoch, aber natürlich gab es Sichtlücken. Nein nein, es war wirklich ein Glück, durch keine neugierigen Blicke gestört zu werden!

Gedankenverloren zupfte sie eine Blüte ab, die wärmer gelb war als die des Ginsters: eine verlorene Stechginsterblüte. Sie hielt sich die Blüte an die Nase, schloss die Augen und sog ihren Duft ein, der herb und süß zugleich war, ein wenig wie der von Kokos.

Sie würde jetzt hochgehen, in papys altes Schlafzimmer. Sie würde sich überlegen, was sie daraus machen würde – ein Gästezimmer? Ein Arbeitszimmer mit Leseecke und Schreibtisch? Oder beides kombiniert?

Oben im Zimmer war es warm und stickig. Marie öffnete Fenster und Dachluke. Dann wandte sie sich um, zu dem Bettgestell, das wirklich nicht mehr zu gebrauchen war, und seufzte. Noch etwas, das entsorgt werden musste. Aber der Schrank? Besonders schön war er nicht, aber stabil, aus Massivholz.

Sie drehte am Schrankschlüssel, um hineinzusehen, doch der Schlüssel drehte sich nur zur Hälfte. Ungeduldig ruckelte und drückte sie daran herum, bis er doch knackend nachgab. »Mit dem klemmenden Schloss kommst du doch weg«, beschimpfte Marie den Schrank, während sie die schweren Türen aufzog. Sie stieß einen leisen Schrei aus und sprang zurück, dann begriff sie: Die Augen, die sie aus dem Schrank heraus anstarrten, gehörten einer Figur aus bemaltem Holz.

»Was machst du denn im Schrank?«, fragte Marie laut in das leere Zimmer, um auch den letzten Rest ihres Schreckens loszuwerden. »Du bist mir ja eine schöne Heilige, mit der Oberweite«, grinste sie dann. Die dargestellte Heilige war eine junge Frau mit langem blondem Haar und stattlichem Dekolleté. In den Händen hielt sie einen kleinen Turm; ihre Miene hatte einen leidenden Ausdruck. Marie legte den Kopf schief. Es war eine Figur, wie sie in Kapellen stehen, nicht in Wohnhäusern und schon gar nicht in Schränken. Wo die beiden Schranktüren rechts und links der Heiligen zurückgeschlagen waren, sah das allerdings ein wenig wie ein Altar aus. Ein Haus-Altar?

Marie sah von der Figur zu ihrem Sockel; aber es war gar kein Sockel, es war eine Truhe. Eine hölzerne Truhe, mit Eisen beschlagen. Was war darin? Sofort wollte Marie es wissen! Sie hatte keine Lust, die Heilige anzufassen, hob sie aber doch aus dem Schrank, um den Deckel der Truhe zu öffnen. Sie sah hinein. Ha, da waren sie also, die alten Fotoalben! Sie hatte sich schon gefragt, wo Elodie ihre persönlichen Dinge aufbewahrt hatte.

Marie griff nach dem obersten Album. Es enthielt jedoch keine Fotos, das Album entpuppte sich als Mappe mit Zeichnungen.

Auf dem Rand des alten Bettgestells sitzend, blätterte Marie langsam die Zeichnungen durch. Sie waren alle datiert und signiert; Marie konnte den Namen »Elodie Cadiou« entziffern. Es waren Modezeichnungen aus den sechziger Jahren, und Marie hatte ja gewusst, dass ihre Großtante Modemacherin gewesen war, und keine unbekannte. Trotzdem hatte sie nicht gewusst, dass Elodie so gut, so künstlerisch zeichnen konnte. Marie ließ sich Zeit zum Bewundern jedes einzelnen Blattes, bevor sie sich die nächste Mappe holte. Es gab davon in der Truhe, soweit sie es im Halbdunkel des Schrankes erkennen konnte, zwei dicke Stapel.


Marie hatte alles um sich herum längst vergessen. Fasziniert war sie Mappe für Mappe durchgegangen und hatte nebst den Modeentwürfen aus verschiedenen Jahrzehnten die Zeichnungen von Menschen entdeckt – Portraits, die Elodie von Freunden oder Geliebten gemacht hatte, und Aktzeichnungen (die eine oder andere erotische Zeichnung hatte Marie in Verlegenheit gebracht). Aber das, was sie jetzt in den Händen hielt, war anders. Ganz unten aus der Truhe hatte sie diese grün-schwarz eingebundene, an den Kanten beschabte Mappe gehoben. Und die enthielt Bilder von – Heiligenfiguren! Lauter akkurat und aus mehreren Perspektiven gezeichnete Heiligenfiguren! Das fiel nun wirklich aus dem Rahmen. Und dann sah Marie auf das Datum unterhalb einer Signatur. 1943. Sie blätterte weiter. 1943, 1943 … Und da jetzt, 1944 … Aber da war doch Krieg gewesen! Elodie hatte im Krieg Heiligenfiguren gezeichnet? Warum? Und wo? Die stammten garantiert nicht aus einer Kirche, nicht einmal aus einer sehr großen!

Immer erstaunter über die Anzahl der Figuren und die große Präzision der teils mit Aquarellfarbe kolorierten Bilder blätterte Marie den ganzen Stapel durch, war nun fast unten. Da fiel ein kleineres Blatt ihr in die Hände. Sie zog eine Augenbraue hoch. Eine Liste der gezeichneten Figuren. Nach Monaten sortiert. Wie ein Heiligenkalender. Merkwürdig, wirklich merkwürdig.

Sie ließ die Liste sinken und schaute auf die unterste Heiligenzeichnung – heho, das war die Heilige, die vor ihr stand! »Wenn du reden könntest«, warf Marie der Blonden mit der Märtyrermiene bedauernd zu. Dann hob sie die Zeichnung hoch, um sie ins Licht zu halten. Da entdeckte sie, dass doch noch ein letztes Blatt unter ihr verborgen gewesen war. Mit spitzen Fingern nahm sie das Werk aus der Mappe und sah es sich mit gerunzelter Stirn an.

Das war kein Heiliger gewesen. Helle Augen, eine klassisch-gerade Nase, hohe Wangenknochen, ein energisches Kinn. Ja, der Portraitierte war regelrecht schön gewesen – nur – die militärische Mütze mit dem Adlerzeichen darauf, die war doch die eines Deutschen! Marie las hastig das Datum unter der Signatur: 25. Dezember 1943. Weihnachten. Im Krieg! Was hatte Elodie Weihnachten 1943 bei diesem deutschen Offizier gemacht? Hatte er sie gezwungen, ihn zu portraitieren? Aus einer Ahnung heraus wandte Marie das Blatt um. Und da stand es: »Pour mon amour.« Für meinen Geliebten.

Erschrocken ließ sie das Blatt los. Es glitt zu Boden, von wo aus der deutsche Offizier sie höhnisch anzusehen schien. »Nein, das ist unmöglich«, wies Marie sich zurecht und bückte sich nach der schockierenden Zeichnung. Sie verglich die Signatur mit der Schrift auf der Rückseite. Doch ja, dieselbe Schrift, kein Zweifel. Pour mon amour.

»Hier stimmt etwas nicht. Dafür gibt es eine andere, sinnvolle Erklärung«, sagte Marie sich laut, legte fast böse das Portrait zurück in die Mappe, schlug diese zu, warf sie in die Truhe auf den bereits durchgesehenen Stapel, wuchtete die Heiligenfigur darauf, schloss die Schranktüren und drehte den klemmenden Schlüssel. »Nicht zu fassen«, murmelte sie befremdet und beschloss, im Garten Unkraut mit Wurzel auszugraben, anstatt den zweiten Stapel Mappen durchzusehen, der ruhig länger in der Truhe vor sich hinmodern sollte!


Florian hatte die kleinen Straßen genommen. Er hatte die normannische Schweiz kennengelernt, eine Gegend mit sanft geschwungenen Hügeln, weidenden Kühen und Pferden und weiten Aussichten. In der Bucht von Avranches hatte er die berühmte Silhouette des MontSaint-Michel erspäht, jener beeindruckenden Klosteranlage, die auf einer Flutinsel aus Granitfelsen errichtet war und deren höchster Turm wie ein Pfeil in den lichtdurchfluteten Himmel geragt hatte. Dann war er entspannt die Bucht von Cancale entlang gefahren, hatte die alten Windmühlen an den Straßenrändern ebenso bestaunt wie in den kleinen Badeorten die phantasievollen Villen mit ihren Aussichtstürmchen und den großen Balkons. In Saint-Malo hatte er auf der hohen Altstadtmauer gesessen und ein riesiges Eis gegessen, mit Blick auf das glitzernde Meer mit den kleinen Granitinseln darin, bis – und das war ein Schock gewesen – eine große Sturmmöwe ihn attackiert und einen Teil seiner Eiswaffel erbeutet hatte. Zwei äußerst hübsche Bretoninnen hatten ihn gefragt, ob alles »bien« sei; und er hatte die Hürden der Sprachlosigkeit empfunden und kein vernünftiges Wort den beiden Schönen gegenüber herausgebracht.

Später am Tag hatte es dann noch einen Schrecken gegeben, als er die – zumindest kostenfreie – bretonische Autobahn benutzt hatte, aber dafür mit mehr als hundertzehn Kilometern pro Stunde über der Schlucht von Saint-Brieuc geblitzt worden war. Sorry nochmals, Boris. Seitdem fuhr er wieder auf kleinen Straßen; zu weit nördlich, er wusste es, aber er hatte ja Zeit; und die Aussichten, die er soeben genoss, waren atemberaubend. Die ganze Steilküste und die ihr vorgelagerten Inseln, alles war aus rosa Granit! Im goldenen Abendlicht erglühte der Stein fast orangefarben. Die Versuchung auszusteigen, sich auf einen der orange-rosa Felsen zu setzen und den Sonnenuntergang zu erwarten, war schon groß. Aber er widerstand ihr; er wollte nicht erst spät in der Nacht in Mengleuff ankommen.

Andererseits hatte er Zeit genug, um die Eindrücke auf sich wirken zu lassen. Fortan fuhr Florian langsam, langsamer als erlaubt, und den einen oder anderen Fahrer hinter ihm nervte das. Die meisten überholten ihn einfach und gut war’s. Aber irgendwann war da dieser eine, der sich auf das Lichthupen versteifte. Florian war empört und fuhr erst recht nicht schneller. Da setzte der Hintermann im großen Renault endlich zum Überholen an. Shit. Der Renault blinkte nach rechts, als Signal, auch Florian solle an den Rand fahren. Es war ein Auto der Gendarmerie. Florian blieb nichts anderes übrig, als zu gehorchen. Er hielt hinter dem Polizeiwagen, und prompt stiegen aus dem gleich zwei Gendarme aus. Florian ließ resigniert die Seitenscheibe herunter.

»Vos papiers!« Der eine der beiden war an sein Fenster getreten und streckte fordernd die Hand aus.

»Sorry, but I wasn’t too fast«, stellte Florian klar, beugte sich aber trotzdem zu seiner Tasche, die auf dem Beifahrersitz lag. Durch das Beifahrerfenster schaute nun der zweite Gendarm in den Cayenne, mit verschränkten Armen, in einer selbstgefälligen Pose. Florian konnte nicht umhin, den Mann halb amüsiert, halb verächtlich anzugrinsen – was der überraschenderweise erwiderte.

Florian reichte dem Gendarm an seiner Seite des Autos seinen Führerschein. Der nahm sich Zeit, das Dokument zu studieren, oder zumindest so zu tun, als täte er das. Dann verkündete er endlich:

»Quatrevingt-dix. Vous pouvez rouler à quatrevingt-dix, pas à soixante. Ninety, d’accord? Bonnes vacances«, der Gendarm nickte und ging tatsächlich zurück zum Streifenwagen.

Florian atmete auf. Der andere Gendarm mit dem unerwarteten Grinsen nickte Florian seinerseits zu, grinste nochmals breit und unwiderstehlich und folgte seinem Kollegen. Florian schüttelte den Kopf und musste lachen.

Wenig später lachte er nicht mehr, denn er hatte sich hoffnungslos verfahren und fand die bretonische Ausschilderung miserabel.


Marie streckte sich und massierte sich den unteren Rücken. Nur noch die Hortensien gießen, dann war es mit der Gartenarbeit genug. Mit beiden Gießkannen ging sie zu der quietschenden Wasserpumpe. Die vollen Kannen schleppte sie um das Haus herum zu ihren geliebten Blumen, die sie reichlich begoss. Kurz begrub sie die Nase zwischen den duftenden Blütenblättern. Eine leichte Brise schien direkt vom Meer hochzuziehen und fuhr ihr durch das verschwitzte Haar. Marie beschloss, noch hinunterzugehen, in ihre kleine Lieblingsbucht am Fuße der Steilküste, und zu baden.


»Plouescat« stand auf dem Ortsschild, an dem Florian vorbeifuhr. Er stoppte und studierte die Landkarte. Verdammt, wo war das? War das Kaff zu klein, um in der Karte verzeichnet zu sein? Im Zentrum von Plouescat wendete Florian und fuhr die Strecke, die er gekommen war, zurück.

Cléder. Kurz darauf passierte Florian die Stelle, an der ihn die Gendarme gestoppt hatten. Saint-Pol-de-Léon, las er einige Zeit später, aber hier hatte er nicht hinfahren wollen. Dann eine Kreuzung. Links ging es nach Santec, rechts nach Plouénan, geradeaus nach Roscoff. Florian entschied sich für Roscoff. Als er das Städtchen erreicht hatte, wusste er, dass er noch falscher war als zuvor. Er war auf einem Zipfel ganz im Norden gelandet; vom Hafen aus meinte er fast, Großbritannien am Horizont zu erahnen. Das konnte aber nur Einbildung sein, das Licht der Abendsonne auf dem Meer blendete ihn.

An einem Restaurant in Hafennähe pries eine Tafel in ungelenken Buchstaben ein Menu touristique für zehn Euro an. Immerhin, das kam gut; Florian hatte großen Hunger und Durst. Er parkte den Cayenne vor dem Restaurant und betrat es.

»Tiens, bonsoir, Monsieur«, begrüßte ihn laut eine Stimme. Der Gendarm, der vorhin seinen Führerschein kontrolliert hatte!

»Bonsoir«, gab Florian perplex zurück.

»Sit down, s’il vous plaît«, forderte der Gendarm ihn auf, und der andere, der mit dem ansteckenden Grinsen, schaute kurz von seinem Teller auf und nickte ihm zu. Sollte er wirklich? Im Grunde hatte er keine Wahl, denn der laute Gendarm winkte schon der Bedienung, die vor Florian ein weißes Papierdeckchen ausbreitete. »Le plat du jour, c’est très bon«, verkündete der Mann dann, bevor Florian etwas sagen konnte.

Achselzuckend fügte Florian sich. Was würde als nächstes passieren? Während er auf sein Essen wartete, entlockte der Laute ihm mit Gesten und einer Mischung aus Französisch und Englisch sein Reiseziel und amüsierte sich köstlich darüber, dass der Deutsche sein Navigationsgerät nicht beherrschte. Dass der Porsche nicht ihm gehörte, wollte Florian nicht erklären. Dann kam die Bedienung mit zwei Gläsern, einem für Wasser und einem für Wein. Prompt bot der Laute Florian Wein an, aber der schüttelte dankend den Kopf und griff nach der Wasserkaraffe.

»Sie trinken unter Polizeischutz, da kann Ihnen nichts passieren.«

Das war plötzlich der andere Gendarm gewesen, und er hatte wieder dieses breite Grinsen im Gesicht.

»Sie sprechen Deutsch?«, stieß Florian aus.

»Ah, lui! Il adore tous ce qui est allemand«, rief der laute Polizist aus.

»Er sagt, ich liebe alles Deutsche. Olivier Rivoal.« Rivoal legte das Messer beiseite und hielt Florian die Hand hin.

Es wurde ein überraschend unterhaltsames Abendessen. Olivier Rivoal erwies sich als zuverlässiger Übersetzer und amüsanter Unterhalter. Es war seine Idee, sie sollten sich nach Feierabend alle (einschließlich Florian) mit den Vornamen ansprechen. Dass sie dabei trotzdem beim »Sie« blieben, belustigte Florian insgeheim. Der andere Gendarm hieß André; und Florians Namen sprachen die Bretonen französisch aus, mit Nasal am Ende.

Nachdem sie bezahlt hatten, fragte Florian Olivier verlegen, ob der ihm helfen könne, das Navigationsgerät des Porsches zu bedienen.

»Warum, Sie können das wirklich nicht?«, fragte Olivier ungläubig.

»Nein. Für gewöhnlich lese ich lieber Landkarten.«

Olivier verkniff sich eine weitere Bemerkung und kam zum Cayenne mit, um im Handumdrehen »Mengleuff« in das Navi einzuprogrammieren.

»Vielen Dank«, sagte Florian erleichtert, nachdem das gemacht war. In diesem Moment überquerte eine Frau mit Hund nahe bei ihnen die Straße.

Es war noch nicht ganz dunkel, das letzte Rot des Sonnenuntergangs am Himmel zu sehen, und Florian konnte erkennen, dass die Frau lange Haare hatte und figurbetonend gekleidet war. Sie warf ihnen, oder dem Auto, über die Schulter hinweg einen neugierigen Blick zu.

»Seien Sie vorsichtig«, tuschelte Olivier.

»Wie bitte? Was meinen Sie?«, fragte Florian laut.

»Ich meine die bretonischen Frauen. Sie sind sehr schön und flirten gern, aber viele sind Zicken«, raunte Olivier.

»Ich will ganz bestimmt nicht flirten«, wehrte Florian ab und wollte schon erklären, dass er verheiratet sei – da durchfuhr ihn die schmerzliche Erkenntnis, dass er im Grunde ja ein Anrecht auf Flirten hatte, da Katharina einen anderen liebte. Was für ein Blödsinn, wies er sich sofort innerlich zurecht. Er war Katharina niemals fremdgegangen, er würde es auch jetzt nicht tun.

Olivier zuckte die Achseln. »Sie wollen nicht flirten? Aber das liegt nicht in Ihrer Hand, Florian, das entscheiden die bretonischen Zicken! Glauben Sie mir, ich weiß Bescheid, ich war mit einer verheiratet!«

Florian lachte gezwungen. Olivier war also ein geschiedener Mann. Armer Kerl.

Sie verabschiedeten sich herzlich voneinander, und Florian ließ sich vom Navi auf die richtige Landstraße leiten.


Die viele Gartenarbeit, das Schwimmen und ein reichhaltiges Abendessen hatten Marie so müde gemacht, dass sie schnell in einen Halbschlaf fiel. Doch in diesem Zustand zwischen Wachen und Träumen tauchte plötzlich das markante Gesicht des deutschen Offiziers auf, den Elodie Weihnachten 1943 portraitiert hatte. Das Gesicht wurde lebendig, die hellen Augen sahen Marie spöttisch an, der Mund bewegte sich zu einem Flüstern. »Mon amour«, hauchte der Offizier Marie zu, die die Augen aufriss und für einen Moment wieder hellwach war. Dann wälzte sie sich im Bett herum und versuchte, an nichts mehr zu denken.


Mengleuff. Erleichtert las Florian den winzigen Wegweiser, der nach rechts in die unbeleuchtete Nacht wies. Zuletzt war er durch Telgruc gefahren, ein Nest, von dem Boris gesagt hatte, Mengleuff sei fast ein Teil davon, so nahe liege es dabei. Von wegen! Aber gut, er hatte sein Ziel trotz allem gefunden. Der Cayenne holperte in eine Senke. Erste links, Rechtskurve, dann links auf den Hof einbiegen und du stehst vor dem Haus, hatte Boris gesagt. Das Navi war bereits am Ziel angekommen; einen Straßennamen und eine Hausnummer hatte Olivier nicht eingeben können, weil es in Mengleuff beides nicht gab.

Müde lenkte Florian den breiten Wagen in ein Gässchen, das immer enger wurde. Dann kam die angekündigte Rechtskurve und Florian fühlte sich stark beengt, als er zwischen dichten Büschen hindurchfuhr. Er sorgte sich um die Rückspiegel und lauerte auf die Hofeinfahrt, die er endlich erahnte, hinter einem weiteren großen Busch. Erleichtert zog er daran vorbei, registrierte aber erschrocken, dass die Pflanzen an dem Cayenne kratzten. Hoffentlich war der Lack nicht beschädigt, Boris würde ihn sonst killen! Florian parkte direkt vor dem kleinen Bruchsteinhaus, das im Scheinwerferlicht angestrahlt wurde, ehe es in der Nacht versank, als er den Motor ausmachte.


Hatte sie das tiefe Brummen eines Motors gehört? Mitten in der Nacht? Unmöglich. Marie wälzte sich auf die andere Seite und versuchte, endlich zu schlafen.

1 Setze ein Dach, wenn du baust, wenn du baust, setze ein Dach.

4. Erste Eindrücke

Staub tanzte in dem Lichtstrahl, der durch die Dachluke eindrang. Staub bedeckte den Nachttisch neben dem Bett. Staub überzog wie Puderzucker den Schirm der Lampe, die auf dem Nachttisch stand, und Staub lag als sichtbare Schicht auf dem Dielenboden. Florians Blick blieb an dem schweren Schrank aus dunklem Holz hängen, der die karge Einrichtung vervollständigte. Der war nicht nur mit Staubflocken bedeckt. Die Fäden eines immensen Spinnennetzes spannten sich von seinen oberen Kanten zur Zimmerwand. Die war aus Feldstein und nur bis auf Mannshöhe verputzt. Weitere Spinnweben zierten die alten Dachbalken und den Rahmen der Dachluke. Die Spinnen selbst bevölkerten gut sichtbar ihre Behausungen.

Danke, Boris, dachte Florian. Und in diesem Moment freute er sich auf das Gesicht seines Kompagnons, wenn der das belgische und die – wie viele waren es? – drei? –, also die drei französischen Strafmandate erhalten würde …

In der letzten Nacht hatte Florian nur noch Strom und Wasser in Betrieb gesetzt und herausgefunden, wo eine Toilette war (Erdgeschoss neben Treppenaufgang; historisches Toilettenbecken mit Kette) sowie das nächstliegende Waschbecken (keines im Toilettenraum, dafür in der Küche). Nun stieg er aus dem Bett, stakste auf den Fußballen über den schmutzigen Boden. Vielleicht hatte er nicht genug geschlafen, ihm fröstelte es; im Schrank mit den Spinnweben fand er einen nur leicht versifft aussehenden Bademantel, den er überzog, und ein paar Schlappen.

Er verließ das Schlafzimmer und erkundete die Räume des Hauses bei Tageslicht. Oben, dem Schlafzimmer gegenüber, fand er eine Rumpelkammer und ein Bad mit Warmwasserboiler und einer Badewanne unter der Dachschräge, mit Wasserhahn und Duschschlauch. Sollte man da etwa im Liegen duschen? Unten befanden sich, abgesehen von der famosen Toilette, die Küche und der Hauptraum des Hauses, der dominiert wurde durch einen langen Esstisch aus massiver Eiche. Dieser Tisch war das erste Möbelstück, das Florian in Boris’ Haus gefiel. Die kleine Wohnecke am allerdings imposanten Kamin hingegen – nun ja; sie bestand aus einer verblasstroten Sitzgarnitur, einer niedrigen Truhe mit einem dickleibigen Fernsehgerät darauf und einem Rattanregal mit ein paar Büchern. Florian zog eines heraus und blies die Staubflocken fort. Ein Bretagne-Reiseführer, auf Deutsch. Immerhin.

Die Küche war ebenso staubig, von Spinnen bewohnt und museumsreif eingerichtet wie der Rest des Hauses. In einem Hängeschrank, dessen Tür ihm beinah ins Gesicht schlug (eine Halterung fehlte) fand Florian wider Erwarten ein paar Lebensmittel: eine Packung Spaghetti, eine Dose Kekse und ein Glas Kaffeepulver; doch das Pulver roch seltsam, und die Kaffeemaschine sah auch nicht vertrauenserweckend aus. So saß Florian am Ende an dem kleinen Tisch mit der Resopalplatte, eine bretonische Trinkschale mit seinem deutschen Schnellkaffee vor sich, den er zubereitet hatte mit Hilfe seines Gießener Wasserkochers. Hoffentlich vermisste Katharina den – hoffentlich vermisste Katharina ihn, ging es Florian durch den Kopf, und er fühlte sich wie zerschmettert.

Aus Frust aß er die halbe Dreihundert-Gramm-Dose der gefundenen Kekse auf, »Galettes bretonnes, pur beurre«. Sie schmeckten erstaunlich lecker. Und dann kam ihm eine Idee, was er tun konnte, um zumindest vorübergehend das Gefühl der Vereinsamung und Trostlosigkeit beiseitezuschieben, das Besitz von ihm ergriffen hatte, und etwas Sinnvolles zu tun. Er holte das Tagebuch seiner Oma und die Tabelle zum Dechiffrieren der alten Schrift.

Im Wohnzimmer setzte er sich an den großen Tisch. Behutsam, neugierig und furchtsam zugleich schlug er das alte Buch auf und begann, angestrengt zu entziffern: »15. August 1942. Die Marineschule war große Klasse. Jetzt geht es in den Krieg, ich weiß gar nicht, ob ich mich freuen soll.« Die weißen Kreuze, Colleville-sur-Mer, der Soldatenfriedhof. Freude auf den Krieg?! Stockend entzifferte er weiter, fand mühsam in die ungewohnten Schwünge, Bögen und Haken der Offenbacher Schrift hinein, vergaß die Zeit und die Umgebung um sich und allmählich wurde aus dem Entziffern ein langsames Lesen und die Geschichte seiner Oma vor Florians innerem Auge lebendig …

Mit einem lauten Schnaufen kommt die Dampflok vor ihnen zum Stehen. Hektische Betriebsamkeit herrscht um sie herum auf dem Bahnhof von Stralsund. Auf dem Bahnsteig sind sie angetreten, die sechzig Funkhelferinnen, darunter Marlene.

Marlene ist stolz und etwas aufgeregt. Fertig dazu ausgebildet, den Funkverkehr mit der U-Bootwaffe zu führen und feindlichen Funkverkehr aufzuzeichnen, wartet sie mit ihren Kameradinnen auf den ersten, echten Einsatz! Ihre Aufgabe ist verantwortungsvoll, hat man ihr und den anderen eingebläut. Die U-Boote müssen die Feinde von der europäischen Küste fernhalten und die Konvois des Nachschubs für das Reich sichern. Ja, der Krieg – jetzt wird es ernst damit. Nicht nur für die Blitzmädchen, wie die Landser die jungen Funkhelferinnen nennen. Neben ihnen stehen hundertzwanzig frisch gebackene Unteroffiziere der Marine am Gleis. Die Stimmung ist angespannt, aber freudig. Alle wissen, der Krieg ist in die entscheidende Phase getreten. Seitdem die deutschen Truppen an der Atlantikküste stehen, ist er so gut wie gewonnen! Fahren sie bis dorthin, bis an den Atlantik?

Der Waggon, der die Funkhelferinnen zu ihrem Einsatzort bringen soll, ist ein betagter Passagierwaggon, mit Plattformen an beiden Enden. Die Fenster sind mit dunklem Papier verklebt. Marlene trägt einen großen Koffer, ihre Kameradin und alte Freundin Gisela einen Seesack über der Schulter.

»Ich wollte, ich hätte auch so einen Seesack«, seufzt Marlene.

»Wenn du willst, tauschen wir, ich hätte lieber einen Koffer«, lacht

Gisela und rempelt Marlene absichtlich leicht an.

»He«, protestiert die und beeilt sich, hinter Gisela das Abteil zu betreten.

Die Abteile sind einzeln, für jeweils sechs Personen. Jedes hat eine eigene Tür zum Bahnsteig. Durch den Waggon gehen, wie es in den modernen Zügen der Reichsbahn möglich ist, geht hier nicht.

Im Abteil, das sie mit Traute (ausgerechnet!) und drei weiteren Kameradinnen teilen, zieht Gisela sofort ihr Federmesser aus der Tasche und schneidet ein Loch in das Tintenpapier, das auf die Fenster geklebt ist.

»Was machst du, das ist verboten«, protestiert Traute, die so gerne ein Spielverderber ist.

»Du brauchst ja nicht rausgucken«, versetzt Gisela und grinst.

»Hört auf zu streiten«, mahnt Marlene und lässt sich gegenüber

Gisela auf den Fensterplatz fallen.

In der Abteiltür erscheint Leutnant zur See Rosen. »Nun, die Damen, alles zu Ihrer Zufriedenheit?«, fragt er, und als sie ihm das versichert haben, wirft Rosen mit Schwung die Abteiltür zu.

»Haben wir ein Glück, dass der mitfährt«, seufzt Gisela und lockert sich die Schulter, über der sie den Seesack getragen hat. Rosen ist ein schneidiger Bursche, blond, aber mit dunklen Augen; die Funkhelferinnen schwärmen für ihn.

Um neun Uhr setzt sich der Zug in Bewegung. Im Zentrum des Reichs ist vom Krieg nicht viel zu spüren. Alles ruhig draußen, der Zug nimmt rasch Fahrt auf und gut zwei Stunden später stehen die Waggons auf dem Anhalterbahnhof in Berlin.

»Berlin!«, ruft Marlene sehnsüchtig aus und schaut zu Gisela.

»Wir werden nicht aussteigen dürfen«, gibt die bedauernd zurück. In diesem Moment wird die Abteiltür aufgerissen. »Sie dürfen sich jetzt am Bahnhof die Beine vertreten, der Zug zu Ihren Einsatzorten wird im Laufe des Tages zusammengestellt und dann soll es morgen früh weitergehen«, verkündet Rosen mit strahlendem Lächeln.

»Wo schlafen wir denn?«, will Gisela wissen.

»Ihr Waggon ist ein Schlafwagen, die Sitze werden zu Liegen gemacht und dann können Sie darauf schlafen«, erklärt Rosen.

Marlene und ihre Kameradinnen gehen in der großen Bahnhofshalle spazieren. Es herrscht reger Betrieb, viel Feldgrau ist zu sehen. Soldaten, die auf Heimaturlaub sind; Soldaten mit Marschbefehlen in das ganze Reich, aber auch ein paar Zivilisten, vorwiegend Frauen, eilen zu ihren Zügen. Die vielen Uniformen und die Plakate mit Aufschriften wie »Feind hört mit«, »Gib, was du kannst, für das Winterhilfswerk« sind aber das einzige, was daran erinnert, dass Krieg herrscht.

Den Nachmittag verbringen die Funkhelferinnen aus Marlenes Abteil mit Spielen. Verpflegung kommt aus der Gulaschkanone. Am Abend richten die jungen Frauen bald ihre Betten und gehen schlafen.


Was ist das? Von draußen hört Marlene das Getrappel vieler Stiefel. Das hat sie geweckt. »Gisela, bist du wach?«, fragt sie ins Dunkel. Jetzt sind Flugzeuge zu hören – Explosionen!

»Wir müssen raus«, ruft jemand; dann gibt es viel Gedränge im Abteil, bis sie sich auf den Bahnsteig schieben. Dort hallen Kommandorufe wider, Rosen eilt auf sie zu. »Es gibt nicht genug Schutzräume«, ruft er ihnen aufgeregt entgegen. »Der Feind kommt aus dem Westen. Die Bolschewiken haben keine Flugzeuge mit solcher Reichweite!«

Die Flieger scheinen gleich über dem Bahnhof zu sein, wie nah und laut die Explosionen über ihnen! Aber dann – nein, Marlene irrt sich nicht – entfernen sich die feindlichen Flieger. Ist die Gefahr vorbei? Wirklich? Doch nach Minuten scheint es wirklich so. Die Frauen sehen sich an, wollen wieder in ihr Abteil gehen.

Gisela drückt Marlene flüchtig die Hand.

»Meinst du, unser Viertel …«, beginnt Marlene besorgt …

Florian hielt inne. Was sollte das heißen, unser Viertel? Die Funkhelferinnen waren in Berlin – seine Oma stammte aus Wetzlar! Ein flaues Gefühl beschlich ihn. Er hatte nicht einmal geahnt, dass seine Oma im Krieg Funkhelferin gewesen war, und jetzt wollte das Tagebuch ihn mit einer weiteren überraschenden Information konfrontieren? Er kannte doch seine Oma – meinte doch, sie zu kennen! Mit neuer Anspannung las er weiter.

»Meinst du, über unserem Viertel …«, beginnt Marlene besorgt, aber bevor Gisela antworten kann, ruft Rosen von hinten: »Wir warten noch! Vielleicht kommt noch eine Angriffswelle.«

Müde und verstört warten Marlene und ihre Kameradinnen eine ganze Zeit lang, bis Rosen endlich Entwarnung gibt.

»Der wollte sich doch nur wichtigmachen«, schimpft Gisela, endlich im Abteil.

Marlene liegt noch lange wach. Sie ist im Krieg. Sie hat den Bombenangriff unversehrt überstanden. Und ihre Familie? Neuigkeiten von daheim werden sie erst erreichen, wenn sie an ihrem Einsatzort ist und den Eltern geschrieben hat, wo sie sich befindet.


Der Zug fährt durch eine wunderschöne Landschaft. Auch die brave Traute nutzt inzwischen jede Gelegenheit, durch die verbotenen Löcher zu schauen, die Gisela in die Papierverdunklung geschnitten hat. Zweiundzwanzig Personenwaggons und dazu mehrere Tieflader mit militärischem Gerät ziehen die beiden Dampflokomotiven durch das fremde Land. Auf dem ersten und dem letzten Tieflader sind Flugabwehrgeschütze aufgebaut. Doch bislang mussten sie noch nicht eingesetzt werden.

Sie sind in Frankreich, in der Normandie. Doch hier werden sie nicht bleiben. Rosen hat von den neuen U-Boothäfen am Atlantik gesprochen. Sie fahren also in die Bretagne, noch viel weiter in den Westen! Von dort werde der Krieg entschieden, hat der Leutnant feurig gesagt.

Von Berlin war der Zug zunächst einen Tag und eine Nacht Richtung Frankreich gefahren. Die vielen Stopps hatten auf die Stimmung gedrückt. Am achtzehnten August hatte der Zug dann im Bahnhof Metz gestanden – die Strecke nach Paris war gerade zerstört gewesen. Gestern Abend haben sie endlich Dieppe erreicht. Auch hier sind Geleise zerstört; aber die Eisenbahnpioniere arbeiten hart an der Reparatur, so Rosen. Nun steht der Zug also bei Dieppe auf einem Abstellgleis. Verlassen darf niemand die Waggons, trotz der brütenden Hitze. Erst abends erlaubt Rosen, zumindest für eine Weile die Türen zu öffnen.

Vier Tage in dem Abteil haben dazu geführt, dass die jungen Frauen noch vertrauter miteinander sind, als sie es in der Marineschule schon waren. Das hilft, die Strapazen der Reise zu überstehen. Es ist gut, solche Kameradinnen um sich zu haben.


Marlene schreckt hoch. Es muss mitten in der Nacht sein, sie hat tief geschlafen. Doch plötzlich, heftiges Maschinengewehrfeuer, Explosionen! Gisela und sie spähen angestrengt durch ihre Gucklöcher. Überall Feuergefechte und feindliche Soldaten! Im Licht der Flakscheinwerfer sieht Marlene Fallschirmspringer zu Boden schweben. Manche werden noch in der Luft von den Maschinengewehrsalven getötet. Traute hat sich auf ihrer Liege zusammengekrümmt und weint leise vor sich hin.

Zwei Stunden dauert der Spuk, dann wird es am Bahnhof endlich ruhig. Heftige Gefechte sind nur noch aus der Ferne zu hören. Rosen öffnet die Abteiltür. »Es ist vorbei, meine Damen«, verkündet er heftig.

Die Frauen steigen unsicher aus dem Waggon. Rosen hat einen Karabiner, den er ständig im Anschlag behält. Sie sind noch keine fünf Schritte gegangen, da löst sich aus dem Dunkel die Silhouette eines Mannes, eines Mannes mit erhobenen Armen. »I surrender«, ruft er laut und tritt ihnen entgegen.

Rosen reißt den Karabiner hoch und schießt. Der Mann fällt auf sein Gesicht.

»Aber – aber er hat sich doch ergeben!« Marlene kann nicht fassen, was sie angesehen hat.

Rosen fährt zu ihr herum. Marlene schreckt vor dem harten Glanz seiner Augen zurück.

»Das war ein Trick, der Feind ist heimtückisch«, sagt Rosen, mühsam beherrscht. Dann spielt ein merkwürdiges kleines Lächeln um seine Lippen, als er hinzusetzt: »Sie müssen noch viel lernen, Fräulein Probst …«

Marlene sieht weg.

Sie und ihre Kameradinnen gehorchen wortlos, als der Leutnant sie zurück in den Waggon drängt.

Schweigend sitzen sie in ihrem Abteil.

»So ein Schwein«, sagt Gisela in die Stille.

Marlene geht Rosens kalter Blick nicht aus dem Kopf, sein merkwürdiges Lächeln, seine herablassende, gönnerhafte Belehrung. Und diesen Mann hatte sie attraktiv gefunden? Eine Gänsehaut überkommt sie. Und: Oh nein, es gibt Dinge, die ich nicht lernen will und niemals lernen werde, rebelliert sie innerlich!

Der Gefechtslärm ist jetzt weit weg. Die Frauen legen sich wieder auf ihre Liegen. Doch an Schlafen ist nicht zu denken. Sie warten. Horchen in die Nacht und warten.


Irgendwann, Marlene weiß nicht, wie lange sie so lagen, reißt Rosen die Tür auf. Draußen ist es dämmrig, ein neuer Tag beginnt.

»Alles wieder ruhig«, versichert Rosen. Ein Versuch der feindlichen Armee, am Strand von Dieppe zu landen, sei erfolgreich abgewehrt worden.

Keine der Frauen lächelt den attraktiven Marinesoldaten an. Nicht nur Marlene ist Rosen nach dem Schuss auf den unbewaffneten Soldaten unheimlich geworden.

»Die Eisenbahnpioniere sorgen dafür, dass es weitergeht, meine Damen«, sagt Rosen aufmunternd und lässt sie unter sich.

Schon bald ruckt der Waggon an, die Fahrt geht weiter. Marlene und Gisela schauen wieder durch ihr Guckloch am Fenster; doch die Landschaft kommt ihnen nicht mehr so schön vor wie am Tag zuvor.


21. August 1942. Der Zug steht im Bahnhof von Brest. Requirierte Lastwagen stehen zur Weiterfahrt bereit. Marlene hat in den sechs Tagen im Eisenbahnabteil den Vorteil eines Koffers zu schätzen gelernt. Gisela muss mehrmals am Tag ihren Seesack komplett auslehren, weil das, was sie sucht, wieder ganz nach unten gewandert ist. Marlene hat in ihrem Koffer ihre penible Ordnung problemlos wahren können.

Die Frauen besteigen die Ladefläche eines Renault-Lastwagens. Marlene setzt sich auf ihren Koffer. Die LKW-Plane ist an den Seiten aufgerollt. Der Fahrer ist ein grobschlächtiger Matrose, der sich als Robert vorstellt. »Auf geht’s in die Sommerfrische«, ruft er. Rosen setzt sich auf den Beifahrersitz und die Fahrt geht los.

Es ist merkwürdig still um sie herum, merkwürdig friedlich. Die Geschehnisse der Reise scheinen wie weggewischt, dieser Aufbruch hat wirklich etwas von einer Fahrt in die Sommerfrische. Marlene kann sich an der neuen Umgebung nicht satt sehen. Wie gut tut es, die Meeresluft einzuatmen, nach der stickigen Luft des Zugabteils! Sie staunt, als sie die Granitfelsen sieht, schwarz und zerklüftet, denn sie fahren auf einer Küstenstraße oberhalb des fremden Meeres entlang. Das also ist der Atlantik!

Die Lastwagen fahren im Konvoi in Richtung einer Halbinsel namens Crozon. Marlene freut sich fast wie ein Kind, als die Lastwagen nach einigen Kilometern auf eine Fähre auffahren. Eine Schifffahrt! Danach geht es wieder auf einer Küstenstraße weiter. Plougastel, liest Marlene auf einem Ortsschild. Sie weiß nicht, wie der fremde Name ausgesprochen wird. Loperhet, Daoulas; nach Le Faou ist die Landstraße bald von dichtem Wald umgeben und wird kurvig und eng. Plötzlich fährt der Konvoi aus dem Wald heraus auf eine lange Hängebrücke. Der Fluss tief unter ihnen glitzert in der Sonne.

»Was ist das für ein Fluss?«, fragt Marlene laut.

Gisela beugt sich seitlich über die Ladefläche des Lastwagens. »Robert, was ist das für ein Fluss?«, ruft sie.

»Aulne, der fließt in die Bucht von Brest. Das ist die Bucht, an der wir entlangfahren«, dröhnt Robert zurück.

Hat er »Olln« gesagt? Oll findet Marlene den Fluss unter ihr gar nicht. Sie muss lachen.

»Voilà, die Halbinsel Crozon«, verkündet Robert laut, als sie auf der anderen Seite der Brücke angekommen sind.

Marlene ist nicht die einzige, die von der Fahrt durch die fremde Landschaft regelrecht berauscht ist. Die Sonne brennt; links erhebt sich jetzt ein rundlicher Berg, laut Robert der Ménez-Hom, Möwen schreien über ihnen, obwohl sie inzwischen auf dem Festland der Halbinsel sind und sich von der Küste weiter entfernen. Nach einiger Zeit nähert sich der Konvoi einem Ort, sie sehen Häuser und darüber einen spitzen Kirchturm.

»Telgruc, Ihr Kurort, meine Damen«, ruft Robert, als er am Rande des Dorfes anhält.

»Absitzen«, befiehlt Rosen.

Zwei Baracken an der Straße. Es riecht nach frischem Holz und Teer. Ein paar junge Männer in Zivil, sehr einfach, fast armselig gekleidet, stehen vor dem Eingang der rechten Baracke. Es müssen Einheimische sein, Kriegsgefangene.

»Allez, Allez!«, ruft Rosen.

Die Kriegsgefangenen kommen zögernd näher. Marlene sieht, dass einer klobige Holzschuhe an den Füßen trägt.

»Vite, vite«, schnauzt Rosen die fremdartigen Gestalten an.

Diese ergreifen die Gepäckstücke der Frauen. Marlene hält zögernd ihren Koffer fest, als einer, mehr Junge als Mann, auf sie zukommt.

»S’il vous plaît, Mademoiselle«, sagt der Junge, seine Stimme klingt sanft.

Marlene schaut ihm in die schwarzen Augen und lässt unwillkürlich den Koffer los.

»Vite«, brüllt Rosen und stößt dem Jungen den Kolben seines Karabiners in den Rücken.

Erschrocken und empört sieht Marlene Rosen in das Gesicht und in seine kalt glänzenden Augen. Der Leutnant zieht die Mundwinkel spöttisch nach unten und wendet sich ab. Schnell schaut Marlene zurück zu dem jungen Mann mit ihrem Koffer. Der hat sich einige Schritte von ihr entfernt, dreht sich plötzlich zu ihr zurück – und zwinkert ihr zu.

Florian zuckte zusammen. Jemand klopfte vehement an die Haustür. Der Verwalter? Und er war noch im Bademantel! Egal, er sprang auf.


Der Mistkerl war groß, Marie musste zu ihm hochschauen, aber ansonsten war er eine jämmerliche Erscheinung: unrasiert, ungekämmt, blaue Ringe unter müden Augen, die ganze Gestalt in einen vertrieften Bademantel gehüllt. Dass der Jammerlappen sie seinerseits vom Kopf bis zu den Füßen taxierte, machte Marie nur noch wütender! Na und? Dann trug sie eben ihren ausgelutschten Pyjama und die alten charantaises an den Füßen! »Was fällt Ihnen ein, meine Blumen zu töten?«, barst es aus ihr heraus.

Die erschrockenen Augen des Typs weiteten sich. Auch das noch, der konnte nicht einmal Französisch! Marie kramte aus den Kammern ihres Gedächtnisses nach passenden deutschen Worten. »Sie haben getötet meine hortensias!«, fuhr sie den Dreckskerl an und zeigte hinter sich, Richtung Tatort.

Der Deutsche reckte sich, um über sie hinwegzuspähen, behauptete aber: »Ich verstehe nicht.«

Aber dass der sich dumm stellte, kam gar nicht in Frage! Entschlossen packte Marie den Mann am Ärmel und zog ihn hinter sich her, quer über den Hof bis zu ihrer Hausecke mit dem Desaster. »Voilà«, stieß sie traurig triumphierend hervor. Doch der Typ gab sich aalglatt und zuckte die Achseln, als würde ihn das alles nichts angehen! So nicht, dachte Marie und packte ihn erneut am Ärmel, um ihn zu seiner Protzkarosse zu ziehen, auf deren Kotflügel die abgerissenen Blüten für sich sprachen. Und endlich zeigte der Hortensienmörder ein Lebenszeichen: »Oh nein!«, rief er aus, »das war es also! Oh nee, Scheiße …« Und er streichelte dem Kotflügel die Blüten herunter – um nach Kratzern im Lack zu suchen!

Das war Marie zu viel. »Heho, das dicke Auto lebt, aber nicht meine hortensias«, brüllte sie, im vollen Bewusstsein dessen, dass sie eben die Kontrolle verlor.

Der Deutsche richtete sich auf und sah plötzlich gar nicht mehr hilflos aus wie ein Kaninchen. »Jetzt schreien Sie nicht so«, schrie er zurück, »das ist gestern Nacht passiert, es war dunkel ohne Straßenlaternen, ich habe das nicht gesehen!«

»Nicht gesehen? Und das? Mein Haus? Sie haben es auch nicht gesehen, vielleicht? Sie sind fast gefahren in mein Haus! Fast in mein Haus gefahren«, korrigierte Marie ihre Wortstellung und spie noch aus: »Eh, merde!«

»Das stimmt, ja, oh Mann, das war knapp … Wenn dem Cayenne was passiert wäre …«

»Ho, la pauvre Cayenne, das arme, arme Auto!«, Marie äffte übetrieben einen mitleidigen Tonfall nach, dann fixierte sie den Saukerl gnadenlos und brüllte: »Und meine hortensias?« Sie ballte die Fäuste und stampfte auf.

Der Fremde hob abwehrend die Hände. »Das ist eben blöd gelaufen, das kann schon mal passieren, auf so einem engen Feldweg …«

»Das ist kein enger Feldweg, das ist die alte Straße! Und sie ist nicht eng für normale Autos; nur für Panzer!« Marie schnappte nach Luft. Ha, sie war stolz darauf, sich an dieses Wort zu erinnern: Panzer, das hatte sie von Paul gelernt, dessen Brüder in der Résistance gekämpft hatten, gegen feindliche Panzerfahrer wie diesen!

»Was reden Sie da von Panzern?«, fragte der Fremde halb erschrocken, halb irritiert. »Wir sind nicht mehr im Krieg, seit 1945! Aber es tut mir aufrichtig leid, dass ich Ihre Hortensien angefahren habe, und ich werde Ihnen den Schaden bezahlen.«

Marie presste die Lippen zusammen, ehe sie verkündete: »Ich weiß nicht, wie das ist in Ihrem Land, aber hier in der Bretagne denken die Menschen nicht, alles ist mit Geld zu bezahlen!« Sie wandte sich ab. Dass ihr die Tränen gekommen waren, durfte der bescheuerte Deutsche nicht sehen. Ihre geliebten Hortensien! Wenn der wüsste, was sie ihr bedeuteten … Aber so einem wie dem da war das doch egal!

»Ist ja dramatisch«, ließ der Deutsche jetzt fallen, »aber Ihre Hortensien wachsen wirklich ganz schön in den Fahrweg hinein…«

»Sie wollen sagen, ich bin schuld?« Marie fuhr noch einmal herum. Das war nun wirklich … Sie rang nach Luft, dann stieß sie aus: »Meine Hortensien haben das Recht, in diesem Land, das ist ein freies Land, in Freiheit zu wachsen – en liberté, c’est clair? Wenn Sie noch einmal eine Blüte mit ihrem Panzer berühren, dann …« Sie blitzte ihn drohend an und ließ ihn stehen. »Grand niais germanique«, fauchte sie noch vor sich hin (großer germanischer Trottel) und wischte sich wütend die Tränen fort, egal, ob er das sehen würde oder nicht.


Da hatte Olivier wohl Recht, mit seiner Warnung vor bretonischen Zicken, sagte Florian sich bitter. So ein Konflikt hatte ihm gerade noch gefehlt. Aber hatte sie geweint, als sie gegangen war? – Unmöglich. Und wenn, dann bloß aus lauter Wut. Gift und Galle war sie gewesen, eine Furie!

Er brauchte jetzt eine Dusche. Ob die Badewanne dreckverkrustet war oder nicht, war ihm egal, er musste jetzt duschen!

Während er in zusammengekauerter Körperhaltung unter der Dachschräge hockte und das ganze Bad vollzuspritzte (musste ja ohnehin geputzt werden), ging Florian wider Willen die Nachbarin nicht aus dem Kopf. Was hatte die gehabt, das war doch eine totale Überreaktion von ihr gewesen? Aber natürlich war es blöd, dass das mit den Hortensien passiert war. Nur mal ehrlich, was sollte er tun, wenn sie nicht zumindest seine materielle Entschädigung annehmen wollte? Und sie hätte ihn wirklich nicht derart anschreien müssen!


Der Verwalter kam nicht, und Florian bekam Hunger. Die Mittagszeit war längst rum, und er musste irgendwoher etwas zu essen beschaffen. Außerdem machte es ihn halb wahnsinnig, dieses Warten. Er würde jetzt einen Rundgang durch Mengleuff machen.

Er verließ das Haus und folgte dem Feldweg (oder der alten Straße, wie die Furie den sagenhaften Weg also nannte), in entgegengesetzte Richtung ihres Hauses. Der eigentliche Dorfkern lag wohl rechts von ihm, lauter Feldsteinhäuser mit ummauerten Höfen, auf unübersichtliche Weise ineinandergeschachtelt; sein Weg aber, die famose alte Straße, führte ringförmig um diesen Dorfkern herum.

Florian hatte das Dorf fast komplett umrundet, als er es vorzog, umzukehren; bis zum Haus der Furie wollte er nicht gehen! So kam er ein zweites Mal an einem Haus vorbei, das bereits zuvor seine Aufmerksamkeit erregt hatte, und blieb davor stehen. Dieses Gebäude war nicht besonders schön mit seinem grauen Verputz, der an der Schlechtwetterseite rötlich verfärbt war; aber der Garten … Ein reines Meer von Farben und Düften, von Blumen und blühenden Sträuchern! Und um das alles noch pittoresker zu machen, erschien nun eine alte Dame mit einem Eimer, aus dem sie Korn unter ihre frei umherlaufenden Hühner warf.

Die Dame war alt, aber hellwach. Obwohl Florian keinen Laut von sich gegeben hatte, hatte sie ihn sofort entdeckt. »Degemer mat«, sagte sie und trat an das Gartentor.

»Wie? – Äh, bonjour«, gab Florian zurück.

»Je peux vous aider?«, fragte die Alte.

»Do you speak English?«, versuchte es Florian.

Die Alte lachte und machte eine abwehrende Handbewegung.

»Hm, supermarché?«

Die alte Dame sagte etwas von »Telgruc« und »dimanche«, das hieß Sonntag. Das Kopfschütteln dazu sprach für sich.

»Das dachte ich mir«, Florian zuckte resigniert die Achseln.

Nun stellte die alte Dame ihm eine Frage, in der das Wort »habiter« vorkam. »Ich wohne da hinten, là«, Florian zeigte vage in Richtung seiner Unterkunft.

»La maison à côté de celle de Marie? C’est vous, le propriétaire?« Florian blähte die Backen auf. Marie – hieß so seine schreckliche

Nachbarin?

»Attendez, Monsieur«, sagte die alte Dame und wies ihm an, am

Gartentor stehenzubleiben. Was hatte sie vor?

Sie verschwand in ihrem Haus und kam kurz darauf mit einem Eierkarton und einer Flasche Wasser zurück. »Tenez«, sagte sie und hielt ihm beides hin. »Des oeufs tout frais!« Sie strahlte ihn an, ehe sie hinzufügte: »Trista tra ’zo er béd: Eun oaled heb tan, Eun daol heb bara, Eun ti heb maouez2.«

»Wie bitte?«, fragte Florian zurück. War diese Sprache etwa Bretonisch gewesen?

»Pour vous, pour vous! Ah, attendez!«, rief die alte Dame, schlug sich an die Stirn und verschwand noch einmal in ihrem Haus. Was jetzt noch, fragte Florian sich und musste lächeln. Als seine Wohltäterin eine Untertasse mit einem großen Stück Butter auf dem Eierkarton platzierte, hatte er Mühe, seine Gaben festzuhalten.

»Du bon beurre, du beurre breton! Ça ira?«, fragte seine neue Bekannte.

Brot, Ein Haus ohne Frau.

»Klar, ça va«, grinste Florian. Er wollte der alten Dame vorschlagen, ihre Lebensmittel zu bezahlen. Doch dann fielen ihm die Worte dieser Marie ein: »In der Bretagne denken die Menschen nicht, alles ist mit Geld zu bezahlen!« Starker Spruch, echt bühnenreif, dachte Florian ironisch. Trotzdem wollte er nicht noch einmal ins Fettnäpfchen treten. Also sagte er nur: »Merci, merci beaucoup. Hm, à propos: Je m’appelle Florian Reinart.«

»Moi, c’est Yvonne Le Roux«, gab die alte Dame heiter zurück. Sie winkte ihm zu und fuhr fort, ihre Hühner zu füttern.

Yvonne Le Roux. Ein warmes Gefühl stieg in Florian auf. Es gab also doch auch freundliche Nachbarinnen in der Bretagne.

Zurück in Boris’ Küche, drehte Florian todesmutig am Verschluss der Gasflasche – er hatte keine Erfahrung damit – und schaffte es, eine Herdflamme zu entzünden. Das war schon mal etwas. Dann machte er sich Rührei, in Butter gebraten. Er fragte sich, was Yvonne Le Roux ihren Hühnern zu fressen gab, ein so orange-gelbes Eigelb hatte er noch nie gesehen. Die Butter schmeckte salzig, und das nicht wenig. Das war praktisch, so musste er nicht würzen, und Gewürze gab es nicht in Boris’ famosem Ferienhaus. Als Nachtisch aß Florian von den leckeren Frühstückskeksen. Danach holte er sich den Bretagne-Reiseführer und setzte sich hinter das Haus in den Garten. Gartenstühle gab es nicht, aber einen Felsstein, dessen glatte Oberfläche zum Sitzen einlud.

Florian reckte sich und ließ den Blick schweifen. Aus dem Grundstück konnte man etwas machen, fand er. Es war groß, mit Wildblumen und diesen interessanten Felsbrocken hier und da im hohen Gras. Um den Garten herum lief eine uralt aussehende Mauer aus Feldstein, die, wie die Rückseite des Hauses, teilweise mit Efeu, Rosen und Brombeerzweigen überrankt war. Nur zum Nachbargrundstück hin (zum Glück war nichts von der Kratzbürste zu sehen!) ersetzten blühende Ginsterbüsche und pieksige Stechginsterbüsche die Umfriedungsmauer. Auch das Haus, so ungepflegt es war, war an sich ein reizvoller historischer Bau. Es war ein Fehler, es so herunterkommen zu lassen. Das Ensemble hier könnte ein kleines Idyll sein. Das musste man der Furie von drüben lassen, ihr Haus mit dem Garten und dem alten Nebengebäude war ein kleines Idyll.

Florian seufzte und öffnete den Reiseführer. Crozon waren mehrere Seiten gewidmet. Steilklippen und Grotten, Strände und Fischerorte mit bunten Häusern, die Fotos sahen vielversprechend aus. An einem davon blieb sein Blick hängen. Es zeigte eine Hafenansicht; in den Hafen hinaus führte eine schmale Landzunge, die das Hafenbecken schützend umschloss. Auf der Landzunge standen eine kleine Kapelle und ein blockartiger historischer Wehrturm aus rotem Stein. Der Ort hieß Camaret-sur-Mer. Der Reiseführer sprach auch von einem hervorragenden Fischrestaurant, Chez Philippe.

Florian schlug den Reiseführer zu. Die Möwen kreischten über ihm und sprachen von der Nähe des Meeres. Es war ein herrlicher Sommertag, und er hatte keine Lust, länger auf den Verwalter zu warten.


»Ah, du lebst noch.« Wie zu erwarten, hörte Isabelle sich am anderen Ende der Leitung pikiert an.

»Mehr oder weniger, ja. Aber es geht mir nicht gut«, gab Marie aufrichtig zurück und reckte sich dabei, das Telefon am Ohr, um durch das Fenster Richtung Ginsterhecke zu sehen. War er im Garten? Von hier aus sah sie es nicht. Verdammt, sie wollte in den Garten, aber nicht, wenn der bescheuerte Deutsche in seinem war!

Isabelle seufzte hörbar. »Ich kann mir denken, dass du am Boden zerstört bist. Nach all den Jahren, in denen du gehofft hast … Willst du mir endlich alles erzählen?«

»Euh – nein. Ich – kann noch nicht darüber reden, ohne die Fassung zu verlieren und so weiter. Deshalb konnte ich mich auch bei niemandem melden, nicht mal bei dir. Aber ich spüre, jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, um wieder ein bisschen unter Menschen zu gehen. Du fehlst mir. Wollen wir nicht ausgehen? Den Sommerabend genießen, etwas Leckeres essen … Ich lade dich ein!«

»Bei dir, in deinem neuen alten Haus?«

»Lieber ein anderes Mal; ich würde gern wegfahren. Wie wär’s?« Nachdem Isabelle zugesagt hatte, fühlte Marie sich erleichtert.

Heute Abend würde sie nicht in dumpfem Brüten versacken, sie würde mit ihrer Freundin lecker essen gehen, und vorher, jetzt gleich, würde sie schwimmen!

Die Küste lag zwei Kilometer von Mengleuff entfernt, Marie war die Strecke schon zu Fuß gegangen, aber heute hatte sie Lust auf Fahrtwind. Auf ihrem alten Rennrad strampelte sie eilig am Nachbarhof vorbei (er war irgendwo da; das Drecksauto parkte an derselben Stelle im Hof wie am Morgen), dann ging es den Hügel hoch und aus dem Dorf hinaus. Sie erreichte die Kuppe, von hier an ging es nur noch abwärts. Vor sich, oder genauer unter sich, sah sie das Meer; es war, als würde sie mit dem Fahrrad gleich von der Landstraße abheben und über den Ozean fliegen …

Plötzlich war das Auto hinter, jetzt direkt neben ihr – Marie schwenkte nach rechts, bremste, konnte dem Graben eben noch ausweichen … Schwer atmend stand sie und schaute dem Auto nach, das sie fast von der Straße gedrängt hatte. Natürlich, ein silberner Porsche Cayenne … War das Absicht gewesen?! »Das geht zu weit! Wir sind nicht wirklich im Krieg«, rief sie ihm nach. Dann atmete sie tief durch und fuhr weiter.

Der Cayenne parkte auf ihrem Parkplatz. Wütend kettete Marie ihr Fahrrad an einer Aussichtsbank fest. Aber klar war er hierhergefahren. Alle parkten hier, die zum Strand der großen Bucht wollten. Zum Glück lag ihre Lieblingsbucht woanders.

Marie folgte dem Küstenwanderweg, der an dem Parkplatz losging. Zwischen Heidekraut und Ginster wand er sich am Abgrund entlang. Nach einem knappen Kilometer bog sie auf den schmalen Pfad ab, der die Steilküste hinunterführte, zu einer kleinen, geschützten Bucht. Kaum jemand hatte Lust, das Strandzeug bis dorthin zu schleppen. Für gewöhnlich hatte Marie ihre Bucht für sich alleine. Umso größer der Schock, als es heute anders war.

Entgeistert starrte Marie auf das männliche Wesen, das in einigen Metern Entfernung arglos auf dem Bauch lag und sich die Sonne auf die blasse Haut knallen ließ. – Langsam und leise trat sie den Rückzug an. Sie war lange nicht mehr in der großen Bucht schwimmen gewesen, vielleicht doch keine schlechte Idee, für einmal. Aber nur für einmal! Das ging nicht an, dass dieser Deutsche hier auftauchte, sich an ihren Hortensien verging, sie selbst fast umfuhr mit seinem Panzer, dann ihre Bucht in Besitz nahm und sie obendrein zur FKKZone erklärte!


Florian war begeistert. Obwohl der Autositz im sonnenverbrannten Rücken sich nicht angenehm anfühlte, genoss er seine erste Erkundungsfahrt über die Halbinsel Crozon. Diese Landschaft, er war dabei, sich in sie zu verlieben! Diese Ausblicke auf das Meer! Immer, wenn man es wiedersah, hatte es eine andere Farbe, leuchtendes Türkis, tiefdunkles Blau oder Hellblau mit weißer Schaumkrone. Hinter jeder Kurve konnte es auftauchen, die Küste war so zerklüftet. Mal führte die gewundene Straße auf einen Hügel, mal hoch hinauf auf die Steilküste, dann wieder talwärts direkt an den Meeresrand, zu größeren oder kleineren Stränden. Felsnasen rahmten sie ein, weit streckten sie sich vor in die See. Hier und da tauchten Granitinselchen zwischen den Wellen auf. Es war schön, einfach schön!

Und nicht nur die Landschaft sprach Florian an, auch die Architektur. Hier standen wirklich überall alte, teils uralt aussehende Häuser aus bräunlichem Feldstein, erfrischend wenig oder gar nicht modernisiert. Die meisten hatten dunkelgrau-glänzende Schieferdächer, wenige waren strohgedeckt. Alle hatten sie hölzerne Fenster und Türen, die im Kontrast zu den Farben des Steins und des Schiefers in kräftigen Farben gestrichen waren. Und genau so ein Haus hatte Boris! Und er machte nichts daraus! Nein wirklich, das konnte er nicht verstehen. Er würde die Läden an Boris’ Haus übrigens blau streichen. Ein intensives Mittelblau, ähnlich wie an dem Haus der unmöglichen Nachbarin. Geschmack hatte die Frau schon, das ja. Aber Geschmack ist in manchen Fällen nicht alles.

Jetzt fuhr er eine steile Anhöhe hinauf und vorbei an zwei Ortsschildern: das obere war auf Französisch, das untere auf Bretonisch. Bretonisch hieß Camaret also Kameled. Dann bremste Florian abrupt, denn die Aussicht, die sich jenseits der Hügelkuppe vor ihm auftat, war überwältigend. Tief unter ihm lag der Hafen, wie aus der Vogelperspektive sah man auf ihn, mit seinen weißen Segelchen auf dem tiefblauen Wasser und mit einem roten Punkt, das musste der Wehrturm aus dem Reiseführer sein, und daneben, ganz winzig, ein graues Kirchlein …


Marie und Isabelle fielen sich vor dem Chez Philippe in die Arme. Ach, es war doch schön, sich wiederzusehen! Sie setzten sich an einen Tisch auf der Terrasse, und als der Kellner kam, bestellte Isabelle Kir mit Cidre als Aperitif.

»Warum das? Gibt es etwas zu feiern?«, fragte Marie.

»Natürlich«, erwiderte Isabelle vergnügt. »Das Leben ist schön, besonders, wenn man seine beste Freundin nach langer Zeit wiedersieht und sie eine richtige Entscheidung getroffen hat. Aber ich weiß schon, du kannst oder willst nicht darüber reden, du freie Frau!«

Marie musste wider Willen lachen. Isabelle war wunderbar. Sie strahlte ihre eigene Heiterkeit aus und einen schier unermüdlichen Optimismus.

Der Kellner kam und stellte Brot, ein Töpfchen Butter und eine Karaffe Wasser auf den Tisch. Sobald er weg war, beugte Isabelle sich vor und rüttelte ihre Freundin am Arm. »Seit Januar wusste ich genau, dass es dieses Jahr Zeit war für deinen Schritt! Und du wusstest es auch, gib es zu.«

Marie runzelte die Stirn. Und das war das Nervende an Isabelle: dass sie im vergangen Jahr auf Esoterik gekommen war. Sie hatte diese verrückte Hellseherin entdeckt, die unschuldigen Opfern die Zukunft mit Karten auslegte oder sie mit einem Bleilot auspendeln wollte. Isabelle war so begeistert von der Frau gewesen, dass sie Marie einmal mitgeschleppt hatte, damit auch die in den Genuss einer Wahrsagung käme. »Was hat die Hellseherin dir noch einmal wörtlich gesagt?«, fragte Isabelle jetzt, vertraulich leise.

»Da kommt der Kir«, lenkte Marie ab.

Sie warteten, bis der Kellner wieder gegangen war. Dann prosteten sie sich zu und kosteten das erfrischende Getränk.

»He, du hast noch nicht auf meine Frage geantwortet«, griff Isabelle den Faden dann wieder auf. »Die Hellseherin hat dir gesagt, dass du bald dem Mann deines Lebens begegnen wirst!«

»Na, der lässt dann wohl auf sich warten, oder hast du ihn schon gesehen?«, fragte Marie ironisch. »Überhaupt, solche Sprüche kannst du in jedem Groschenmagazin nachlesen, findest du nicht? Du glaubst doch nicht wirklich an solche Prophezeiungen?«

»Hm, ich bin nicht ganz sicher. Weißt du, die Hellseherin hat mir schon Dinge vorhergesagt, die dann wirklich passiert sind.«

»Ah. Dass dein Freund dich einmal mehr betrogen hat?« Marie biss sich auf die Lippen. »Entschuldige. Das war gemein.«

Isabelle zog einen Flunsch. »Genau, das war es! Aber dafür wiederhole ich dir, was dir die Hellseherin geweissagt hat, sie sagte: Ich sehe einen Mann, der dich in Todesgefahr bringt, und ich sehe einen Mann, der dir gut tun wird. Dieser Mann stand dir immer schon nahe, auch wenn du ihn nie gesehen hast. Er wird dein Leben verändern, denn er ist deine Bestimmung. Siehst du? Ich habe nicht vergessen, was du mir damals erzählt hast! Und du hast es auch nicht …«

Verlegen sah Marie sich nach allen Seiten um. Hoffentlich hatte niemand den Unfug gehört! »Isabelle, das ist Blödsinn«, zischte sie. »Und zum Glück! Ich habe gar keine Lust darauf, einem Mann zu begegnen, der mich in Todesgefahr bringt.«

»Dafür kommt dann der andere, der dir gut tut und deine Bestimmung ist. Ich finde das nicht übel.«

Marie verdrehte die Augen, musste aber grinsen. »Es gibt übrigens wirklich einen neuen Mann in meinem Leben«, sagte sie verschwörerisch.

Isabelle riss die Augen auf.

»Ein Deutscher, mein neuer Nachbar. Um es dir aber gleich zu sagen: Der hat weder das Zeug zum Mann fürs Leben, noch zu einem, der mich in Lebensgefahr bringt. Wobei – ja doch! Heute hätte er mich fast umgefahren, als ich mit dem Rad unterwegs war …«

»Erzähl!«

»Dann mach dich auf das Schlimmste gefasst.«


Florian streckte die Beine unter dem Tisch aus. Das musste ein gutes Restaurant sein, die Terrasse war voll, und er hörte um sich nur Französisch: lauter Einheimische. Zum Glück hatte er einen der Tische am Rand der Terrasse erwischt, von dem aus er die Aussicht zum Meer hin genoss. Die Sonne stand noch immer hoch am Himmel und spiegelte sich auf dem stillen Wasser des Hafenbeckens; am Horizont zeichneten sich die Silhouetten der tour Vauban und der kleinen Kapelle ab. Im roten Wehrturm war er nicht gewesen, aber in der Kapelle. Dass die Engländer ihr den Turm abgeschossen hatten, 1697, hatte ihn weniger beeindruckt als die MG-Einschusslöcher im Dachgebälk. Das waren, dem Reiseführer nach, Spuren der Befreiung Camarets durch die Amerikaner.

Aber es war ein zu schöner Abend, um über den zweiten Weltkrieg nachzugrübeln und über das Tagebuch seiner Oma. Der Kellner kam und Florian gab seine Bestellung auf. Er hatte sich für die Meeresfrüchteplatte entschieden; so etwas war hier sogar erschwinglich.


»Am liebsten würde ich den Typ vergraulen, und zwar schnellstmöglich! Hast du keine Idee, wie ich das machen könnte?« Marie sah Isabelle flehentlich an.

»Nein, aber weißt du was? Ich bin froh, dass dieser neue Nachbar da ist.«

»Wie bitte?«

»Wie es scheint, lenkt der dich von deinem Kummer ab.«

»Wie meinst du das jetzt?«, fragte Marie verblüfft.

»Den ganzen Abend hast du nur über einen Mann gesprochen, und es ist nicht der, von dem ich gedacht hatte, eine Menge zu hören.«

»Hm. Vielleicht ist sogar etwas dran. Vielleicht habe ich heute wirklich weniger an – ihn gedacht …«

»Kannst du wirklich nicht einmal seinen Namen aussprechen?«

»Doch«, sagte Marie langsam, »heute Abend vielleicht schon. Sylvain.« Sie wartete, aber die gewohnten Tränen wollten nicht kommen. Also holte sie tief Luft und begann, erstmals einem anderen Menschen von ihrer Trennung zu erzählen.


Florian riss die Augen auf, als die Meeresfrüchteplatte vor ihn gestellt wurde. »This is for one person?«, hakte er beim Kellner nach und hob einen Finger. Der Kellner nickte, wünschte ihm »bon appétit« und ließ ihn mit der Pyramide von Meeresfrüchten allein. Na denn, sagte sich Florian und musterte die ungewohnten Bestecke, die neben der Meeresfrüchteplatte ihrer Benutzung harrten. Vorerst griff er dann doch zur herkömmlichen Gabel und pulte eine Miesmuschel aus ihrer Schale. Miesmuscheln hatte er schon gegessen, mit denen kam er klar; für den Hummer gab es die Schere, für die Austern das Messer und die Spießchen mussten für die Meeresschnecken sein. Er würde das schon in den Griff kriegen.


»Sag mal, du lachst doch nicht über meine Probleme?«, fragte Marie schroff ihre Freundin.

Isabelles Gesicht wurde ernst. »Blödsinn, ich lache doch gar nicht, und schon gar nicht über dich! Was denkst du! Ich habe jedes Wort über dich und den Dreckskerl gehört! Ich lache nur ein bisschen über den da. Dreh dich mal unauffällig um. Er sitzt schräg rechts hinter dir. Unauffällig!«

Marie tat es – und ließ die Gabel los, die in die Hummersauce fiel. »Oh nein!« stieß sie hervor, aber nicht wegen der Soßenspritzer auf ihrem T-Shirt.

Isabelle, die den Ausruf ihrer Freundin noch anders interpretierte, beteuerte nachdrücklich: »Doch, das ist es ja eben. Das macht der schon die ganze Zeit! Der hat von Meeresfrüchten keine Ahnung«, sie kicherte. Der Mann, den sie beobachtet hatte, kämpfte eben mit der Schere, die ihm helfen sollten, den Hummer zu bewältigen. Besonders geschickt war er aber nicht …

Marie beugte sich zu ihrer Freundin vor und zischte: »Das ist er!«

»Wer?«, fragte Isabelle laut zurück.

»Na er – der Panzerfahrer und Hortensienmörder!«, raunte Marie entnervt.

»Echt?« Isabelles Blick schoss noch einmal zu dem Mann hin. »Der sieht gar nicht aus wie ein Deutscher«, stellte sie fest.

Marie verdrehte die Augen. »Warum, weil er nicht blond ist?«

»So oder so, der ist niedlich. Was ist der für ein Sternzeichen?«

Marie starrte ihre Freundin an. »Niedlich? – Mal ehrlich, willst du unbedingt ein Dessert? Ich würde gern gehen.«

»Du bist viel zu emotional, wie immer«, bemerkte Isabelle. »Ist doch nicht schlimm, wenn dein Nachbar zufällig im selben Restaurant mit uns sitzt. Ich werde jedenfalls nicht wegen ihm auf mein Dessert verzichten. Und das solltest du auch nicht.«

»Na toll, soll ich dir vielleicht seine Telefonnummer beschaffen?«

»Das Sternzeichen würde mir vorerst genügen.«

»Aïe!« Etwas Hartes hatte Marie am Hinterkopf getroffen. Sie hob das Geschoss vom Boden auf. Eine Meeresschnecke. Langsam wandte sie sich um. Auch er sah zu ihr – sein Gesicht annähernd so rot wie der Hummer auf seinem Teller.

»Sorry. Aus den Fingern geflutscht«, rief er zu ihnen hinüber und lächelte zerknirscht.

»Wirklich süß«, gluckste Isabelle. Aber Marie war der Appetit vergangen und sie setzte sich bald damit durch, das Restaurant ohne Dessert zu verlassen und ihrer Freundin stattdessen ein italienisches Eis in der Waffel zu spendieren.


Florian tat es leid, seine Nachbarin und ihre Freundin gehen zu sehen. Er hätte sich gerne richtig bei ihr entschuldigt – für sämtliche »Pannen« des Tages. Er hätte sie zu etwas einladen sollen, zu einem Nachtisch oder einem Wein. Aber plötzlich schien diese Marie es ja sehr eilig zu haben; und er kämpfte seinerseits noch immer mit seinem Hummer und Co … So blieb Florian noch einige Zeit im Chez Philippe und rundete sein Festmahl zuletzt mit einer köstlichen Mousse au chocolat blanc ab. Die war leichter zu essen; mit Löffeln kannte er sich aus.

Auf seinem Rückweg nach Mengleuff musste Florian später anhalten und aussteigen. Wegen des Sonnenuntergangs, über einer Bucht. Die Sonne war eben hinter der Horizontlinie des Meeres versunken; trotzdem war die Atmosphäre noch voller Licht. Durchdrungen von einem Licht, das intensiv violett war. Der Himmel hatte dieselbe Farbe wie das Meer. Nur durch die gekräuselte Spur der Wellen konnte man Wasser und Luft voneinander unterscheiden. Dann riss plötzlich die dünne Wolkenschicht auf und legte den kristallklaren Abendhimmel frei, transparentes Blau mit einem Hauch Gelb-Orange … Florian überkam eine Gänsehaut angesichts dieses bezaubernden Naturschauspiels. In diesem Moment meldete sein Handy, das er ohne zu überlegen nach dem Restaurantbesuch eingeschaltet hatte, eine Nachricht. Auf dem Display sah er ihren Namen: Katharina.

Er hatte eben an Katharina gedacht, den magischen Augenblick mit ihr teilen wollen, nun meldete sie sich von sich aus. Sofort las er ihre SMS: »Wo bist du? Es gibt viel zu regeln! Ich will die Scheidung.« Etwas in Florians Bauch zog sich zusammen, und es war nicht der Hummer. Er versuchte tief durchzuatmen, den plötzlichen Brechreiz zu bekämpfen. Aus einem Impuls heraus startete er einen Rückruf – die Mailbox ihres Handys sprang an, sie hatte das Gerät ausgeschaltet.

»Scheiße! Verdammt, Katharinaaa!«, schrie er ihren Namen über das Meer; aber was nützte das? Sie war tausendzweihundert Kilometer weit weg, und innerlich noch viel weiter …


Marie hatte gleich gewusst, dass es regnen würde. Wenn der Sonnenuntergang so violett war, kündigte das einen Wetterwechsel an. Sie zog die Strickjacke fester um sich und setzte sich mit der Mappe auf das alte Bettgestell vor dem Altar-Schrank.

Es war mitten in der Nacht, aber wie so oft konnte Marie keinen Schlaf finden. Daher fing sie an, in Elodies alten Mappen zu blättern. Denn einen Stapel davon hatte sie ja noch nicht durchgesehen, und die Neugier war stärker als die Abschreckung durch das unheimliche Fundstück von neulich, das Portrait des deutschen Offiziers. Und so saß Marie da, bis sie dreizehn Mappen durch hatte. Alles Modezeichnungen, aus den neunziger bis fünfziger Jahren (nach unten hin wurden die Mappen des Stapels älter). Eine beachtliche Sammlung. Und dazwischen, immer wieder, Portraits, Portraits, Portraits. Gesichter von Menschen, die Marie nie gekannt hatte. Bis sie zur letzten, untersten Mappe kam. Und das waren keine Modezeichnungen mehr, nein; das waren die Zeichnungen der ganz jungen Elodie, aus der Bretagne!

Marie war zutiefst bewegt, als sie vertraute Landschaften wiedererkannte – gewisse Blicke von der hiesigen Steilküste; nahe Wegekreuzungen mit Kalvariensteinen; knorrige alte Apfelbäume – und ihr Haus, von der Rückseite! Und da, da war auch die Wasserpumpe! Noch nicht sichtbar verrostet. Wie seltsam, sie so auf Papier zu sehen, festgehalten von Elodies jugendlicher Hand! Und dann … Zutiefst gerührt hob Marie das Blatt heraus, ein Portrait ihres papys als Junge. Dem Datum nach war der kleine Erwann zwölf Jahre alt gewesen; aber diesen wachen und verschmitzten Blick, den kannte sie gut, das war noch immer ganz der ihres papys!

Lange konnte sie sich von dem Anblick dieses Bildes nicht lösen; als sie es doch beiseitelegte, erschien darunter ein verblasstes Schwarz-Weiß-Foto, auf dicke Pappe gezogen. Ein Mann mit schwarzem Haar und Schnurrbart; er trug eine Seemannsuniform. Um eine Ecke des Fotos war ein schwarzes Trauerband geklebt. Marie ahnte, wen sie vor sich hatte. Sie wandte das Foto um. Da stand es, in Elodies Handschrift: »Andenken an meinen geliebten Vater.« Marie schluckte. Ihr Urgroßvater Cadiou war bei einem Unwetter auf See ertrunken. Wann war das gewesen? Sie wusste es nicht genau.

Unter dem Trauerfoto lagen noch ein brauner Postumschlag und darunter vereinzelte Postkarten, anscheinend von Freunden an Elodie geschrieben, viel später, als sie bereits in Paris lebte. Marie hatte keine Lust mehr, das weiter durchzusehen. Sie fühlte sich ausgelaugt, vielleicht würde sie jetzt schlafen können.

Eine wahre Sturzflut prasselte auf das Dach; eingelullt von dem Tosen, schlief Marie wirklich bald ein.


Vergeblich wälzte Florian sich im Bett herum. Ihm gingen die Worte durch den Kopf, die er noch eben gelesen hatte. Seine Oma hatte ihre ersten Eindrücke von der »Fremde« beschrieben; sie hatte von dem Heimweh geschrieben, von der Sehnsucht nach ihren Eltern und von der Einsamkeit in ihrer Kammer, im Haus einer schweigsamen Witwe namens Madame Keroas. Einsamkeit in der Fremde, ja, das konnte er nachvollziehen. – Seine Oma hatte so genau geschildert, wo ihr Quartier in Telgruc gelegen hatte; würde er das Haus dort noch finden, am Kirchplatz?

Lange lag er noch wach, dachte mal an Katharina, mal an die junge Marlene, allein im Haus der Witwe Keroas. Er konnte innerlich nicht abschalten, obwohl er zutiefst erschöpft war. Er lag nur da und lauschte, lauschte auf das Prasseln des Regens auf dem Dach, eines Regens, der plötzlich losgegangen war, mit Urgewalt, niemals hätte Florian mit Regen gerechnet… Er schlief ein.

2 Die drei traurigsten Dinge auf Erden: Ein Herd ohne Feuer, Ein Tisch ohne

5. Gute Freunde

Florian ging auf die Rückseite des Hauses. Das Gras durchnässte ihm Schuhe und Strümpfe. Die Hände in die Seiten gestemmt, sah er nach oben und meinte zu erkennen, wo das Problem lag: Zwei Schieferplatten des Daches hatten sich gelöst und waren heruntergerutscht. Er fand sie unweit seiner nassen Füße im Gras. An einer der Platten war eine Ecke abgebrochen, die andere war unversehrt. Wenn er auf das Dach kletterte, konnte er versuchen, sie an ihren Platz zurückzuschieben. Unter der oberen Schieferschicht verkantet, würden beide Platten vorläufig halten; wenn er Glück hatte …

In der Gerümpelkammer des Hauses hatte er eine Leiter entdeckt, er ging sie holen. Wieder im Garten, stellte er die Leiter an die Hauswand, nahm die Schieferplatten an sich und stieg hinauf.

Die Stelle mit dem Loch lag höher, als es von unten ausgesehen hatte. Florian musste bis auf die oberste Sprosse der Leiter steigen. Nicht nach unten sehen, beschwor er sich; er hatte Höhenangst. Das Dach war glitschig. Nun lag er bäuchlings darauf und spürte, wie die Nässe in seine Kleider kroch. Vorsichtig streckte er sich, so weit es ging, er wollte nicht durch falsche Bewegungen weitere Schieferplatten zum Fallen bringen. Die Platten waren in gebogene Nägel geschoben, aber diese Nägel waren verrostet. Behutsam schob er die erste Schieferplatte an ihren Platz. Sie hielt. Dadurch motiviert, schob er die zweite daneben. Prompt fiel ihm die erste entgegen und schlitterte an ihm vorbei das Dach hinunter. »Mist«, knurrte Florian zwischen den Zähnen und fing zumindest die andere auf. Er schob sie wieder nach oben, drückte – sie schien zu halten. Oder doch nicht? Aber sie musste! Mit einem Ruck stellte Florian sich auf die Zehenspitzen und drückte den rechten Arm durch, um die Platte mit etwas Gewalt unter die darüber liegende zu zwingen. Da rutschten seine Zehen von der Leiter; er suchte vergeblich Halt, stürzte …

Nach dem Aufprall auf dem nassen Erdboden fragte er sich kurz, ob seine bisherige Reparatur funktioniert hatte und wo die vom Dach geschlitterte Platte lag. Dann erst spürte er einen stechenden Schmerz im Handballen.


Marie hielt sich die Ohren zu, es half nicht. Das Bollern hörte nicht auf. Dann war sie wach genug, um zu verstehen, dass das Geräusch von der Tür kam. War das schon Pierre? Der wollte erst um zehn kommen. So spät konnte es noch nicht sein?

Sie raffte sich auf und ging nach unten. Müde öffnete sie dir Tür – kein Pierre. Aber sie sah gleich, was los war. Sie wollte nicht, aber es musste sein. Sie ließ den Deutschen hinein.

Der humpelte zum erstbesten Stuhl am Esstisch und ließ sich darauf fallen. »Yvonne Le Roux hat gesagt, ich soll zu Ihnen gehen«, erklärte er matt, wie zur Entschuldigung.

Ohne ein Wort zu verlieren, füllte Marie eine Schüssel mit warmem Wasser und griff sich ein sauberes Tuch. Sie schüttelte den Kopf, als sie das bakterienverseuchte Ding sah, das er sich um die blutende Hand gewickelt hatte, und entfernte den blutgetränkten Lappen mit geschickten Fingern. Aïe. Das sah schmerzhaft aus. Prüfend sah sie dem Deutschen in das Gesicht, es war weiß wie ein Laken. »Sie können kein Blut sehen«, stellte sie fest.

»Zumindest nicht meines.« Er stöhnte auf, als sie seine Hand bewegte, um den langgezogenen Schnitt durch den Handballen aus einem anderen Winkel zu untersuchen.

»Es ist nicht tief«, murmelte sie.

Florian zwang sich, auf seine Hand zu sehen. Alles voller Blut, er konnte da gar nichts erkennen. »Haben Sie das gesehen, ja?«, fragte er skeptisch.

Einen Moment lang sahen sie sich in die Augen. Abwesend bemerkte Florian, wie groß und dunkel Maries waren, mit langen, gebogenen Wimpern.

Marie lächelte grimmig. »Nicht weinen, das ist nicht tödlich. Ich wasche es aus… Et voilà. Nicht tief, sehen Sie?«

»Lieber nicht.«

Wortlos ließ sie seine Hand los und ging ins Badezimmer, um Desinfektionsmittel, Klammerpflaster und Verbandszeug zu holen. Das würde genügen, zu nähen war nichts. Das deutsche Ekel hatte wirklich Glück. Es war ihr Vater, der leidenschaftliche Arzt, der seinen Töchtern eingebläut hatte, man müsse stets Klammerpflaster und Verbandszeug im Haus haben.

Als Marie aus dem Bad zurückkehrte, hing der Deutsche buchstäblich in den Seilen, genauer über der Stuhllehne. Der wollte jetzt nicht auch noch ohnmächtig werden? Der musste reden, damit er bei der Stange blieb! Also wusch Marie die Wunde nochmals aus und begann dabei mit einem kleinen Verhör. »Was ist passiert?«

»Da war … Au! Da waren Schieferplatten herausgerutscht … Wasser im Haus … Ich bin hochgestiegen, um das zu reparieren … Aber ich bin abgerutscht und habe mich an etwas geschnitten, an einer scharfen Schieferplatte oder einem rostige Nagel oder was weiß ich … Alles ging so schnell. Ist die Verletzung schlimm?«

Er sah sie an, wie … Irgendwie hatte dieser erwachsene Mann etwas von einem kleinen Jungen. Pah, geschah ihm ganz recht. Marie setzte ein strenges Gesicht auf. »Die Hand muss – wie sagt man für amputer?«, fragte sie.

»Amputieren?! Ach so, kleiner Scherz, ja?« Florian versuchte, tapfer zu lächeln, auch wenn er Maries Humor etwas morbide fand.

Grimmig sah sie von den blauen Kinderaugen zurück auf die Wunde. »Ich tue das darauf«, sie hielt ihm die Flasche Desinfektionsmittel vor die Nase. »Achtung, das brennt«, kündigte sie mit einer gewissen Genugtuung an.

Die Hand in der ihren zuckte bei dem Kontakt des Wattestäbchens mit der Verletzung, aber der Deutsche gab keinen Laut von sich. Marie griff zum Klammerpflaster.

»Es tut mir wirklich leid mit Ihren Hortensien«, murmelte er jetzt und schaute sie treuherzig an.

Was war nur los mit ihr? Sie würde doch jetzt nicht auf diese Jammerlappennummer reinfallen und weich werden? Energischer als nötig klammerte Marie die Wunde zusammen, wobei der Verletzte zischend die Luft ausstieß.

»Sie denken vielleicht, wir sind nun Freunde, weil ich Sie verbinde, aber das ist nicht wahr! Sie haben meine Hortensien getötet und das ist Ihnen egal, in Wahrheit! Sagen Sie nicht das Gegenteil. Leuten mit solchen Autos glaube ich nicht! Und ich will sie nicht als Nachbar. C’est clair? Die Hand! Für den Verband!« Marie streckte wütend ihre Hand nach seiner aus; er hatte sie ihr vor Schreck entrissen.

»Die Hand«, wiederholte sie ungeduldig. Weil er sie ihr nur zögerlich reichte, berührten ihre Fingerspitzen sich plötzlich ganz leicht – und beide zuckten zurück. Verwirrt sahen sie sich in die Augen, dann beide gleichzeitig weg. Keiner der beiden kommentierte das durchkribbelnde Gefühl bei der Berührung. Kein Schmerzgefühl; damit hatte es nichts zu tun gehabt.

»Also, die Hand?«, fragte Marie vor Schock extra patzig.

Florian reichte sie ihr noch einmal. Beide atmeten auf. Vielleicht, weil Marie gleich kräftig zugegriffen hatte, kam es nicht noch einmal zu unpassenden Nebenwirkungen.

Was war das eben, fluchte Marie innerlich und konnte nicht umhin, beim Bandagieren zu bemerken, wie groß seine Hand in ihrer war, aber dennoch feingliedrig, mit für einen Mann merkwürdig zarten Fingern. Nicht die Hände eines Mannes, der damit arbeiten muss, folgerte sie – und ärgerte sich sofort über sich: Was ging es sie an, ob dieser Mann Bauarbeiter oder kein Bauarbeiter war? Marie schnaubte und zog den Verband allzu fest zu.

»Hey, geht das etwas behutsamer?«, brachte Florian heraus. Wie konnte jemand mit so kleinen Händen und geradezu zart aussehenden Fingern dermaßen brutal zupacken?!

Wütend funkelte sie ihn an, lockerte den Verband aber.

»Ist doch wahr. Eine deutsche Ärztin hätte mich vorsichtiger verbunden«, murmelte Florian entnervt. Warum konnte sie ihn immer nur böse anstarren?

Marie grinste und sagte sanft: »Ich bin Veterinär.«

Sie wechselten kein Wort mehr, bis der Verband befestigt war. Endlich stand der Deutsche auf und ging zur Haustür. Er hielt

schon die Klinke, wandte sich aber noch einmal um. »Hören Sie«, begann er, »Sie haben mir geholfen, dabei wissen Sie gar nicht, wer ich bin. Mein Name ist Florian Reinart. Und Sie heißen Marie, nicht wahr?« Er wartete auf eine Antwort, aber Marie verschränkte nur die Arme und sah ihn schief an.

»Na gut. Dann Entschuldigung für gestern und nochmals danke für heute. Ich meine es ernst. Aufrichtigen Dank.«

Marie nickte ganz leicht, das musste ihm wohl genügen. Also nickte auch er und ging.

Sobald der Deutsche aus dem Haus war, stöhnte Marie auf. Zu viel Aufregung für einen Morgen. Und bald kam Pierre! Hastig räumte sie das Verbandszeug weg und ging duschen.

Draußen, im Hof vor Boris’ Haus, standen zwei alte Clios, einer weiß, der andere rot. Ein Mann und eine Frau warteten vor der Haustür. Nun kam der Mann, untersetzt und grauhaarig, auf Florian zu. »Monsieur Reinart?«, rief er. »Bonjour. Monsieur Rapp m’a téléphoné.«

Der Verwalter, es gab ihn wirklich! Er stellte sich als Monsieur Le Guern vor und die Frau als Madame Tanguy. Madame Tanguy würde putzen. Florian atmete auf. Zumindest etwas, das sich von selbst regelte.

»A propos, the roof is damaged«, Florian zeigte auf das Dach.

Der Verwalter und die Putzhilfe sahen sich an, dann ihn; dann ließ Le Guern etwas von »téléphoner« und »Monsieur Rapp« fallen. Na gut, das Dachproblem würde sich offenbar nicht so schnell und schon gar nicht von allein lösen. Florian senkte den Kopf und ging voran in das Haus.


»Salut, Marie!« Pierre Manac’h strahlte sie an und beugte sich hinunter, um ihr die bises zu geben. Er roch stark nach Aftershave.

»Du bist früh«, stellte Marie fest und schob ihn weg. »Willst du einen Kaffee?«

Pierre lachte. »Na, das ist ja eine schöne Begrüßung dafür, dass wir uns das letzte Mal vor einem Monat gesehen haben und ich zum ersten Mal in deinem Haus bin!«

Marie seufzte. »Ich weiß, ich weiß. Isabelle hat gestern auch schon die Gekränkte gespielt. Aber ich musste eben mal ganz allein sein.«

»Jetzt entschuldige dich bloß nicht. Ich versteh’ schon, was mit dir los war.« Er lächelte sie mitfühlend an.

Marie lächelte leise zurück. Das liebte sie so an ihrem besten Freund: Er zickte nie lange rum und war immer für einen da, wenn man ihn brauchte.

Sie führte ihn durch das Haus, erklärte ihm, welche Möbel zum Schrottplatz mussten und welche aus Brest zu holen waren und kochte ihm einen Kaffee. Er hatte sich extra frei genommen, ließ er beiläufig fallen; sie sah ihn dankbar und schuldbewusst und ein wenig forschend an. Manchmal wusste sie nicht genau, ob Pierre aus Freundschaft allein so immer für sie da war.


Florian fragte sich, was er mit seinem Vormittag machen sollte. Weggehen, solange die Putzfrau da war, wollte er nicht. Im Tagebuch seiner Oma lesen? Aber bei dem Brummen des Staubsaugers konnte er sich doch nicht konzentrieren, und er war obendrein hundemüde. Nun stoppte das Geräusch des Saugers und Madame Tanguy erschien, um vielsagend einen zum Bersten vollen Staubsaugerbeutel in die Höhe zu halten.

»Verstehe. Sie brauchen einen neuen«, interpretierte Florian die Geste. »Wait, please – attendre, s’il vous plaît!«

»Attendez«, korrigierte Madame Tanguy.

»Attendez«, murmelte Florian verlegen und huschte an der Putzfrau vorbei die Treppe hoch. Irgendwo in der Rumpelkammer hoffte er Staubsaugerbeutel zu finden.

Nachdem er tatsächlich fündig geworden war, verließ er mit dem vollen Beutel das Haus, um nach einer Mülltonne zu suchen. Er ging einmal um das Haus herum, aber da war keine. Als er mit seinem Beutel ratlos inmitten des Hofes stand, rollte ein schrottreifer VWBus Baujahr 1970 oder so langsam an ihm vorbei. Das Fenster auf der Fahrerseite war heruntergekurbelt, Florian konnte nicht anders, als hineinzusehen. Sein Blick kreuzte den eines Womanizers mit Locken und Dreitagebart. Auf dem Beifahrersitz saß Marie.

War ja klar, dass so eine Frau einen Freund hatte; aber so einen? Das war ganz klar einer von denen, die sich selbst am meisten lieben. Nun, was regte er sich auf? Konnte ihm doch egal sein, mit wem die sich abgab …


»Wer war der Typ mit dem Müllbeutel und dem bohrenden Blick?«, wollte Pierre wissen, nachdem er um die Kurve gebogen war.

»Der Nachbar. Ein Deutscher.« Marie zuckte die Achseln. Etwas hielt sie davon ab, mehr ins Detail zu gehen.

»Ist der okay?«, hakte Pierre nach. »Der guckte so komisch.«

»Ich kenne ihn kaum«, gab Marie ausweichend zurück.

»Ich mag keine Typen mit solchen Protzautos«, verkündete Pierre.

»Ich auch nicht«, sagte Marie entschieden, und das ließen beide so stehen.

»Schön ist Brest nicht«, stellte Pierre dann fest, als sie eine Dreiviertelstunde später durch das Zentrum der Großstadt fuhren. Elodies muffige Couch hatten sie unterwegs entsorgt; sie waren auf dem Weg zu Maries Wohnung.

»Nein, schön ist Brest nicht«, stimmte Marie zu. »Aber es ist voller Leben. Eine echte Studenten- und Arbeiter- und Hafenstadt, da langweilt man sich nie.«

»Soll die Rue de Siam nicht etwas verrucht sein?«, raunte Pierre.

»Unbedingt. Eine echte Hafenstraße. Wenn du brav bist, nehme ich dich mal mit.«

»Ist das ein Versprechen?«

»Wenn du darauf bestehst …« Marie lachte. Aber etwas störte sie heute an seinen Blicken, seinem Tonfall.

Sie hatten Glück, direkt vor dem Eingang des Häuserblocks, in dem Marie gewohnt hatte, fanden sie einen Parkplatz.

Das Gebäude sah von außen heruntergekommen aus, von innen war es in Ordnung gewesen. Marie hatte ihre Wohnung sowieso nur als Zwischenlösung angesehen (das allerdings seit Jahren). Die Wohnung aufzugeben, war jetzt nur schwer wegen der Erinnerungen an Sylvain. Wie oft war er heimlich bei ihr gewesen … Etwas von seiner Präsenz haftete noch an den fast gänzlich entleerten Räumen. Deshalb hatte Marie Angst davor, die erinnerungsgeschwängerte Wohnung nochmals zu betreten. Aber mit Pierre würde es gehen.

Mit Pierre und mit Kev, ihrem durchgeknallten Ex-Nachbarn. Der half ihnen, ihre Couch – ihre eigene, geliebte Kuschelcouch! – die drei Stockwerke hinunter zu schleppen. Die Couch war so groß, dass sie gerade mal so in den VW-Bus passte, Kühlschrank und Bett würden sie in einer Extrafahrt holen müssen. Aber damit hatte Pierre schon gerechnet.

»Dein Ex-Nachbar war komisch«, bemerkte er auf dem Weg aus der Stadt hinaus.

Marie lockerte sich Schulter- und Nackenmuskulatur und meinte: »Kev ist okay. Der lebt nur in zwei Welten gleichzeitig, ein bisschen in unserer und viel mehr in einer virtuellen. Der bräuchte eine Freundin. Jemanden, der ihn erdet und ihm einen Schubs in die richtige Richtung gibt«, analysierte Marie.

»Ja. Die richtige Frau an seiner Seite ist für jeden Mann wichtig, lebenswichtig«, betonte Pierre und sah Marie dabei durchdringend an.

Leicht irritiert hob sie eine Braue und gab ihrem besten Freund keine Antwort.


Florian sah auf die Uhr. Fast zwölf, er hatte schon den Eindruck gehabt, das Putzen würde niemals ein Ende nehmen. Doch nun war Madame Tanguy endlich fort, und er hatte Hunger. Er musste dringend einkaufen. Das Beste war, er fuhr dazu nach Telgruc. Und ja, dann konnte er dort auch nach dem Haus suchen, in dem die junge Marlene einst gewohnt hatte … Eine merkwürdige Aufregung überkam ihn bei dem Gedanken, das von seiner Oma Beschriebene, das bislang nur als Bild in seiner Vorstellung existierte, bald mit dem leibhaftigen Auge zu sehen.

Er wollte schon in den Porsche steigen, da rollte ein anderes Auto auf den Hof. Ein schwarzer VW Golf, nicht neu, aber gewienert. Wer war das? Irgendwie kam ihm der Fahrer bekannt vor.

»Bonjour, Florian Reinart!«, rief der Ankömmling aus, zog die

Sonnenbrille ab und zeigte ein unwiderstehliches Grinsen.

»Olivier Rivoal!«, erkannte Florian jetzt den freundlichen Gendarm, »heute nicht in Uniform?

»Nein, ich habe Urlaub. Da dachte ich, ich sehe nach, ob die Porsche den Weg nach Mengleuff gefunden hat.«

Sie schüttelten sich die Hände, wobei Olivier erschrocken auf Florians verbundene Linke sah. »Was haben Sie, eine Verletzung?«, erkundigte er sich sofort.

»Ich bin vom Dach gefallen, aber gut verarztet worden, es ist nicht so schlimm«, winkte Florian tapfer ab. »Ich wollte eben nach Telgruc, etwas essen. Wollen Sie mitkommen?«

»Gut, aber wir nehmen die Porsche, nicht wahr?«

»Den Porsche? Na gut.«

»Der Porsche, d’accord – die Artikel in Ihrer Sprache sind sehr, sehr schwer zu lernen! Aber die deutschen Autos sind wirklich die besten«, begeisterte Olivier sich dann beim Anschnallen.

Florian startete den Wagen. »So? Boris, der Besitzer des Hauses, würde Ihnen zustimmen. Das hier ist nämlich sein Auto. Er hat es mir geliehen.«

»Warum?«, fragte der Gendarm, beinahe ungläubig.

Florian musste lächeln. »Weil mein Auto in der Werkstatt ist. Boris wird es morgen abholen. Wir haben getauscht, sozusagen.«

»Dann ist er ein sehr guter Freund von Ihnen, Boris?«

Du fragst gar nicht, was ich für ein Auto habe, dachte sich Florian, verkniff sich aber eine Bemerkung. Stattdessen antwortete er: »Boris ist jedenfalls ein sehr guter Kollege. Und ihm gehört, wie gesagt, das Haus, das Sie gesehen haben.«

»Tiens?« Olivier zog ungläubig die Augenbrauen hoch.

»Warum erstaunt Sie das jetzt?«

»Ich dachte, die Deutschen sind ordentlich.«

»An dieses Vorurteil würde ich nicht unbedingt glauben«, gab

Florian schmunzelnd zurück.

Sie fanden einen Terrassenplatz in einer Brasserie am Kirchplatz. Das war günstig; hier ganz in der Nähe musste das einstige Quartier seiner Oma sein. Sie hatte von ihrer Kammer aus direkt auf den

Kirchturm gesehen, hatte sie geschrieben.

Sie bestellten beide das Tagesgericht, ein Meeres-Cassoulet mit verschiedenen Fischsorten. »Und was haben Sie vor, in Ihren vacances?«, fragte Olivier und schenkte Florian Weißwein ein.

»Wollen wir uns nicht einfach duzen?«, fragte Florian zurück und probierte den Wein. »Hm, nicht zu herb, nicht zu fruchtig; sehr gut.«

Olivier legte den Kopf schief. »Très bien, mein Freund«, sagte er langsam. »Aber du musst aufpassen. Wenn du einen Franzosen zu schnell anredest mit du, findet er das aufdringlich. Wenn du einen Bretonen zu schnell anredest mit du, findet er das aufdringlich und er wird misstrauisch. Die Bretonen waren Jahrhunderte auf ihrer Halbinsel unter sich. Sie misstrauen den Fremden.«

»Also, bretonische Frauen sind zickig und Bretonen insgesamt sind misstrauisch gegenüber Fremden. Gibt es sonst noch etwas, was ich wissen sollte?«, fragte Florian amüsiert.

»Ah, du hast dir behalten, dass Bretoninnen Zicken sind. Das ist gut. Bretonen sind außerdem stur und rebellisch«, versicherte Olivier.

»Misstrauisch, stur und rebellisch; wenn weiblich, dann außerdem zickig. Warum bist du noch nicht ausgewandert?«, schmunzelte Florian und lehnte sich zurück.

»Ich weiß nicht«, Olivier schien nachzudenken. »Ich liebe das

Meer«, sagte er dann. »Und ich bin einer von ihnen.« Er grinste.

»Also, was hast du vor, in deinen vacances?«

Florian mochte diesen Mann, den er kaum kannte. Plötzlich verspürte er ein starkes Bedürfnis danach, ihm alles über Katharina anzuvertrauen. Aber dass er Olivier mit dem Duzen überfallen hatte, war wohl vorerst genug.

Sie unterhielten sich über belanglose Dinge, genossen ihr Cassoulet und ihren Wein. Es war erst gegen Ende des Essens, dass Florian schweigsam und nachdenklich wurde, bis der Gendarm, dem nichts entging, ihn fragte, was los war. Und so erklärte Florian ihm, dass seine Großmutter im Krieg auf Crozon stationiert war und dass sie hier, in Telgruc, gewohnt hatte.

»Wie interessant«, rief Olivier aus. »Du weißt, wo?«

»In etwa. Es muss hinter dieser Brasserie liegen, gegenüber vom Kirchturm.«

»Ah ça …« Der Gendarm sah auf die Tischplatte, auf die seine Finger trommelten.

»Wollen wir nachher nach dem Haus suchen?«, fragte Florian.

»Aber zuerst, ein Kaffee!«


Der Kirchplatz war umfasst von einer niedrigen Mauer mit einem höheren Rundbogentor, durch das sie traten. Florian musterte die Kirche vor sich. Sie war relativ groß und langgestreckt, mit schlankem Turm. Sie bestand ganz aus Granit; aber etwas damit stimmte nicht. Florian fing einen Seitenblick Oliviers auf. »Was denkst du, als Architekt?«, fragte der Gendarm, dem Florian beim Essen gesagt hatte, was sein Beruf war.

»Etwas stört mich. Diese Kirche ist nicht genügend verwittert. Entweder, man hat sie zu gründlich gereinigt, alle Patina entfernt; oder …«

»Oder?«, fragte Olivier, während sie das Eingangsportal fast erreicht hatten.

Da fiel Florians Blick auf eine Informationstafel. Er studierte die Reproduktion des alten Fotos und er nickte. »Diese Kirche ist nach dem Krieg neu aufgebaut worden«, sagte er. »Sie war ja fast komplett zerstört … und alles um sie herum auch. Aber das würde ja heißen …«, Florian wandte sich nach links.

Der Gendarm folgte seinem Blick und zuckte die Achseln. »Ich wollte es nicht sagen. Ich befürchtete schon, dass das Haus, das du suchst, nicht mehr existiert.«

Florian nickte enttäuscht. Da, wo er das Haus vermutet hätte, auf der Rückseite der Brasserie und einer angrenzenden Bäckerei, erstreckte sich ein Parkplatz. »Schade«, sagte er. »Sehr schade.«

»Es gibt andere Orte mit vielen Spuren des Krieges, weißt du«, hob Olivier an. »Wenn du Hilfe brauchst, für deine Recherchen, rufe mich an. Ich gebe dir die Nummer von meinem Handy.«

»Recherchen? Ich hatte nicht vor … Andererseits, warum nicht …« Florian verstummte. Aber ja, natürlich. Katharina drohte ihm mit der Scheidung; seit gestern Abend trug er diese Last mit sich herum, die ihn lähmte. Aber er würde nicht zu ihr zurückfahren, um seinen Teil dazu zu tun, die Scheidung noch zu beschleunigen. Vielleicht wollte Katharina keine Auszeit; aber er wollte genau das, für sich selbst und für sie! Er würde hierbleiben, für eine Weile, sich und Katharina Zeit geben, alles gründlich zu durchdenken. Überstürzt handeln war niemals gut. Nein; er würde in der Bretagne bleiben, und die Suche nach den Orten, an denen seine Oma gewesen war, würde ihm eine Aufgabe geben. Denn verdammt, er konnte nicht immer und ununterbrochen gedanklich um seinen Liebesschmerz kreisen! »Was für Spuren des Krieges hast du konkret gemeint?«, fragte er Olivier.

»An den Küsten findest du überall Kriegsanlagen der Deutschen. Ich kenne sogar welche, die heute geheim sind. Versteckt, unter der Erde«, das letzte hatte Olivier mehr geflüstert.

Ein Anflug von Misstrauen überkam Florian. »Olivier, warum sprichst du eigentlich so gut Deutsch?«, fragte er wie beiläufig.

»Oh, meine Schwester lebt in Essen, seit vielen Jahren. Ich habe sie oft besucht.«

»Ach so. Und was dein Kollege gesagt hat, stimmt das wirklich? Begeisterst du dich für alles, was deutsch ist?«

»Für alles? Nein. Aber für deutsche Autos!« Olivier lachte. »Und ich interessiere mich auch für deutsche Bunker etcetera, denn Geschichte fasziniert mich. Wenn ich studiert hätte, ich hätte Geschichte studiert. Aber mein Abitur war nicht gut genug, wegen Mathe …« Olivier schnitt eine Grimasse.

»Dann freue ich mich darauf, mit dir diese unterirdischen Bunker anzusehen, wenn du sie mir zeigen willst. Und deine Idee mit den Recherchen, die finde ich überhaupt gut. Ich habe gesehen, dass der Mann am Nachbartisch mit seinem Notebook im Internet war; offenbar gibt es in der Brasserie Internetzugang …«

»WIFI, ja, es stand an der Wand über den Fenstern.«

»Schön. Mein Notebook in Gießen ist uralt; ich denke, ich könnte ein neues gebrauchen. Ich muss ohnehin einkaufen. Wo finde ich ein Notebook, am besten in der Nähe von Lebensmitteln?«

»Du hast Glück, mein Freund, mich getroffen zu haben«, verkündete Olivier.

»Das denke ich auch.«


Wieder in Mengleuff, luden Marie und Pierre mit einiger Mühe die Couch aus dem Bus und stellten sie an ihren künftigen Platz. Außer Atem, aber glücklich ließ Marie sich auf ihr Kuschelmöbel fallen – jetzt war die Wohnecke am Kamin wirklich ihre! Als Pierre sich neben sie plumpsen ließ, sprang sie schnell wieder auf. »Komm, lass uns Elodies Bett abbauen und die Sache hinter uns bringen, ja?«

»Sklaventreiberin«, lachte Pierre, folgte Marie aber ins Schlafzimmer.

Später entsorgten sie Elodies auseinandergenommenes Bett und den brummenden Kühlschrank und fuhren danach zum zweiten Mal zu Maries alter Wohnung. Ihr Bett dort war bald auseinandergebaut; neben die Einzelteile passte noch gerade der große Kühlschrank in den VWBus. Damit war die Wohnung bereit für die Rückgabe.

Es war merkwürdig, noch einmal zum Abschied durch die leeren Räume zu wandeln. Sie wirkten ohne die Einrichtung kleiner. Da war das Bücherregal gewesen, da der marokkanische Couchtisch; da die Couch selbst, bis noch vor kurzem. Auf der Couch hatten sie, Sylvain und Marie … Sie hatten eigentlich überall mal. Es war so eine leidenschaftliche Liebe gewesen. Affäre. Liebe – Marie ging zur Balkontür und öffnete sie. Sie brauchte Luft. Pierre trat hinter ihr auf den engen Balkon und stellte sich neben sie an das Geländer.

»Das sind aber keine harmlosen Küchenkräuter, die dein Kev da unten anbaut«, bemerkte er.

»Ich weiß«, sagte Marie und sah gleichfalls auf Kevs mit Topfpflanzen vollgestellten Balkon. Sie sah wieder auf – und erstarrte. Sylvain. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Er stand da und schaute zu ihr nach oben. Der Wind strich ihm die rebellische Haarsträhne in die Stirn. Ihre Blicke fanden sich. Marie zwinkerte. Der Gehweg dem Haus gegenüber war leer. – Was sollte sie tun, wenn Sylvain sie jetzt schon als Halluzination verfolgte?! Marie sah plötzlich nichts mehr. Heiß rann es ihr die Wangen hinab. »Marie«, hörte sie Pierre erschrocken flüstern und sie spürte seinen Arm um ihre Schulter. Sie ließ sich gegen seine Brust fallen und verlor gänzlich die Fassung.


Florian und Olivier landeten in einer Mall bei Quimper. Dort fanden sie alles, was Florian brauchte, vom Notebook zu Lebensmitteln und vom Französisch-Deutsch-Wörterbuch bis zu wander- und schwimmtauglicher Kleidung. Das Tüpfelchen auf dem i war für Florian aber das Gartencenter.

»Du musst Hortensien in der Bretagne nicht düngen, wirklich nicht! Sie wachsen hier ganz alleine. Und warum arbeitest du in deinen vacances? Es ist nicht dein Garten!«, protestierte Olivier noch immer, als sie den großen gelben Sack schon im Auto verstaut hatten. Aber Florian lächelte nur stumm vor sich hin.

Bis sie in Mengleuff vor Maries Haus standen. Hier kamen sie nicht weiter, denn der schrottreife VW-Bus des Womanizers versperrte die alte Straße und damit den Weg zu Boris’ Hof. Florian hupte. Niemand kam, um den Bus wegzufahren. Hoffentlich war das Teil nicht liegengeblieben. Aber dann sah Florian, dass die seitliche Schiebetür offen stand. Das sah eher nach einer Ausladeaktion aus. Da kam endlich der Womanizer aus Maries Haus gesprungen und zerrte ein sperriges weißes Objekt aus dem Bus – eine Matratze. Ehebettformat, deutlich über eins vierzig breit.

»Wer ist das?«, wollte Olivier wissen. Nun war Marie herausgekommen, um dem Womanizer tragen zu helfen.

Florian zuckte entnervt die Achseln. »Die Nachbarin, sie heißt Marie. Wie er heißt, weiß ich nicht.«

Olivier sah ihn scharf von der Seite an, dann lachte er leise.

»Was?«, fragte Florian gereizt.

»Was habe ich dir gesagt, hein? Schön, aber zickig. So sind die Bretoninnen. Und oft schon vergeben.«

»Ich will nichts von der, keine Sorge.« Er drückte nochmals auf die Hupe.

»Er fährt schon, er fährt«, sagte Olivier beschwichtigend, und wirklich hatte der Womanizer die Karre gestartet und blies ihnen stinkendes Abgas zu.

Auf Boris’ Hof bremste Florian scharf und stoppte den Motor.

»Du willst wissen, wie du mit ihr umgehen musst?«, fragte Olivier.

»Nein.«

Olivier grinste breit. »Hör zu, mon ami. Ich gebe dir Unterricht. Du musst lernen de draguer. Kennst du das Wort? Draguer. Merke es gut. Es ist wichtig.«

»Für mich nicht, danke.«

Doch Olivier fuhr unbeirrt fort: »Draguer, es heißt herangehen an die Frau, du verstehst?«

»Du meinst anmachen; aber dazu hat sie schon einen, der kann das sicher super gut.«

»Hör zu, so machst du es: Du siehst sie an, du sprichst sie an, und du berührst sie. Nicht zu viel, sonst wird sie böse. Eine Hand hier hin«, Olivier zeigte auf Florians Hüfte, »eine Hand an die Schulter, und die Finger natürlich, nur un peu, du verstehst?«

»Sag mal, geht’s dir zu gut? Und überhaupt, gleich berühren? So ein Blödsinn, wenn man jemanden kaum kennt!«

»Si, si, die Franzosen machen das so. Die Frauen erwarten das. Sonst sehen sie nicht, dass du sie willst«, raunte Olivier verschwörerisch.

»Klasse. Das ist noch atemberaubender als Boris’ übliche Ratschläge.«

»Wichtig ist: Der Mann muss ergreifen die Initiative!«, schärfte Olivier ihm nun auch noch ein.

Florian verdrehte die Augen, dieser Mann hier war jedenfalls nicht zu stoppen. »Wieso überhaupt der Mann?«, protestierte Florian aus Prinzip, »kann das nicht auch mal die Frau tun? Was ist denn das für eine veraltete Vorstellung, die ihr habt, in der Bretagne?«

»Bien sûr der Mann! Es geht nicht anders!«

»Ach.« Florian hob ironisch eine Augenbraue. Damals hatte Katharina die Initiative ergriffen. Aber das war nicht das richtige Thema. »Wollen wir die Sachen ausladen und das Notebook ausprobieren?«, fragte er.

»D’accord, on y va, aber ich habe heute nicht mehr viel Zeit«, antwortete Olivier überraschend bereitwillig und sprang aus dem Porsche.

»Gut, ich habe nachher auch noch etwas zu erledigen«, murmelte Florian für sich.


Marie ließ sich auf ihre Kuschelcouch fallen. Ihre bequeme Herumlümmelcouch!

Pierre setzte sich neben sie. »Na, wie haben wir das gemacht?«

»Perfekt«, lächelte Marie. Der Kühlschrank stand an seinem Platz; das Bett oben war aufgebaut, danach hatte sie Pierre schnellstmöglich aus dem Schlafzimmer gelotst, er war ja heute so seltsam … Obwohl Pierre natürlich ein Gentleman war. Er würde ihren Schwächeanfall vorhin auf dem Balkon bestimmt nicht ausnutzen, um später … Nein, nein. Zufrieden dehnte und reckte sie sich. Und fing einen intensiven Seitenblick von Pierre auf, allzu intensiv. Schnell fragte sie: »Einen Kaffee?«

»Nein«, Pierre schüttelte den Kopf. Er sah sie noch immer unverwandt an.

»Ein Glas Wein?«, fragte Marie. »Wir könnten uns auch etwas zu essen machen. Ich hasse es, das Mittagessen zu überspringen, und sterbe vor Hunger!«

Pierre sagte nichts. Er sah sie nur an. Dann war sein Gesicht plötzlich vor ihrem, seine Hand an ihrer Wange, seine Lippen drückten sich auf ihren Mund, seine Zunge drängte sich zwischen ihre Zähne, doch das war genug!

Sie wusste nicht, wie sie sich aus seiner Umarmung befreit hatte, aber als sie wieder klar denken konnte, stand Marie bebend vor der Couch, auf der Pierre saß und schuldbewusst zu ihr hochsah. »Was sollte das?«, fuhr sie ihn an.

»Entschuldige Marie, aber ich dachte …«

»Du dachtest was? Weißt du, was das für ein Schock war? Das war Vertrauensbruch, verdammt!«

Pierre war blass geworden.

»Entschuldige«, Marie strich sich fahrig die Haare zurück. »Entschuldige, Pierre«, sagte sie noch einmal, setzte sich wieder und legte ihre Hand an seine Wange. Pierre ließ den Kopf auf ihre Schulter sinken. Er tat ihr ja leid. Doch die tröstliche Geste war ein Fehler gewesen. Pierres Lippen suchten ihren Hals.

»Nein«, sagte Marie erschrocken und drückte seinen Kopf mit beiden Händen von sich.

»Warum nicht?«, fragte Pierre mit sehnsüchtigem Blick.

Marie konnte es ihm nicht sagen. Diese Welle des Widerwillens, die sie eben überkommen hatte, als seine Zunge nach der ihren suchte. Jetzt überkam sie diese Regung erneut. Sie ging schnell zum Wasserhahn und trank ein paar Schlucke. Sie wischte sich über den Mund. Pierre sah sie an. Er erwartete eine Antwort.

»Du bist mein bester Freund«, hob Marie an, »ich habe immer den besten Freund in dir gesehen, verstehst du?«

»Ich weiß, du hast Jahre lang nicht viel anderes gesehen als Sylvain und deine hoffnungslose Liebe für ihn. Sonst hättest du es bestimmt bemerkt. Dass ich dich liebe.« Pierre verstummte.

Oh nein. Er hatte es gesagt. Marie ging nervös im Raum auf und ab. Pierre fuhr fort. »Ja, ich liebe dich, und nicht erst seit gestern. Aber weil ich dich liebe, wollte ich dein Glück. Und wenn Sylvain dich glücklich gemacht hätte, hättest du niemals ein Wort von mir über meine Gefühle gehört. Die ganze Zeit, solange du darauf gehofft hast, dass ihr noch einmal offiziell zusammenkommt, habe ich durchgehalten, war einfach nur als Freund für dich da, obwohl ich davon überzeugt war, dass es mit euch nichts würde. Der Mann hat dich nicht verdient, Marie. Ich weiß, wie sehr du jetzt leidest, aber es war Zeit, dich von Sylvain zu befreien.«

»Aber wenn du weißt, wie es mir jetzt geht, dann musst du auch wissen, dass ich mich nicht von heute auf morgen neu verlieben kann. Auch nicht …« Sie verstummte. Die Finger des Deutschen, die sanfte Zufallsberührung, das geradezu elektrische Kribbeln … Für den Bruchteil eines Augenblicks war das plötzlich wieder da gewesen, im Gedächtnis ihres Körpers. Verwirrt sah sie um sich, wie jemand, der aus einem déjà vu erwacht. Ihr Blick fiel auf Pierre.

»Dann werde ich warten«, sagte er schlicht.

Marie sah ihn betroffen an. Sie konnte ihm keine Hoffnung machen. Etwas sagte ihr, dass sie ihn niemals lieben könnte – nie anders als einen Freund. Aber sie fühlte sich erschöpft, dermaßen erschöpft … Dann klopfte es an der Tür. Schicksalsergeben ging sie hin und öffnete.

»Hallo«, grüßte Florian, und als er den Womanizer hinter Marie sah, zu diesem: »Bonjour!«

Pierre zog die Augenbrauen hoch und deutete ein Nicken an; Marie schaute entnervt vom einen zum anderen.

»Ich wollte nur etwas abgeben«, wandte Florian sich an Marie und reichte ihr einen schweren, gelb-grünen Sack. »Für Ihre Hortensien.« Perplex nahm Marie den Sack entgegen. Düngemittel, las sie. Auf

so eine Idee konnte auch nur dieser Deutsche kommen. »Et bien, vielen Dank«, sagte sie hastig. Sie spürte förmlich, wie Pierres Blicke sich ihr in den Nacken bohrten. »Wie geht es der Hand?«, fragte sie trotzdem.

»Ganz in Ordnung soweit. Sie tut weh, aber der Verband hält.«

»Wenn sie anschwillt, können Sie sie kühlen. Mit Eiswürfeln in einem Tuch. Nicht zu lange, vielleicht zehn Minuten, zwei-, dreimal am Tag.«

»Okay, alles klar. Nochmals vielen Dank. Und schönen Abend noch, Ihnen beiden.« Er nickte, hob linkisch die verbundene Hand und ging schnell nach draußen.


»Schönen Abend noch, Ihnen beiden. Klasse Spruch. Fein gemacht, Florian, ganz hervorragend. Wollen Sie nicht das Ehebett ausprobieren? Peinlich, peinlich hoch zehn«, beschimpfte Florian sich selbst, während er langsam in Boris’ Haus zurückging. Er war nur froh, dass Olivier nicht mehr da war, um die Schmach als Zeuge mitzuerleben.


»Du hast gesagt, du kennst den Typ kaum«, brach es aus Pierre heraus, kaum dass die Haustür hinter dem Deutschen geschlossen war.

»Das stimmt auch«, trumpfte Marie auf. »Er hat meine Hortensien angefahren, wir haben uns gestritten und jetzt kauft er mir Düngemittel, na und?« Sie ließ den Sack Dünger neben der Tür auf den Boden fallen.

»Und seine Hand? Hast du die verbunden?«

»Dir ist klar, Pierre, dass man dazu verpflichtet ist, erste Hilfe zu leisten? Natürlich habe ich ihn verarztet. Er ist vom Dach gefallen und hat einen miesen Schnitt im Handballen!«

Pierre holte tief Luft. Dann stieß er hervor: »Mal ehrlich, Marie –

macht er dich an, der schöne boche?«

Entgeistert starrte Marie ihren Freund an. »Dass du, mein bester Freund, solche Ausdrücke in den Mund nimmst, das hätte ich nie gedacht! Boche! Das ist Kriegsvokabular! Ich meine, unsere Großeltern haben den Weltkrieg mitgemacht; wenn noch jemand aus deren Generation verbittert gegen die Deutschen ist – aber wir, wir sind doch eine andere Generation! Ich bin mit dem Schulaustausch in Deutschland gewesen, mehrere Male, ich fand es schön da und immer wurde ich herzlich aufgenommen!«

Pierre war blass geworden. »Scheiße, du hast was mit diesem Deutschen«, stieß er aus.

»Was?« Marie meinte, sich verhört zu haben.

»Ja, klar, wenn du die Deutschen so verteidigst.«

»Was ist das denn für eine Logik, das ist ja absurd!« Marie kochte vor Wut.

»Na gut, das ging zu weit«, räumte Pierre ein, »aber warum regst du dich dann so auf? Das mit dem boche ist mit nur so rausgerutscht. Außerdem beschönigst du die Tatsachen. Die Leute, die dich in Deutschland aufgenommen haben, mochten Franzosen, na gut; aber es gibt auch andere. Hast du nie von diesem Kriegstourismus gehört, der gerade boomt? Da kommen Touristen in die Bretagne und in die Normandie, nur weil sie scharf darauf sind, Nazi-Bunker und so etwas zu sehen! Zu sehen, und zu filmen, und zu fotografieren …« Marie schüttelte unwirsch den Kopf. »Ich habe davon gehört, ja. Soweit ich weiß, gibt es verrückte Engländer und Amerikaner, die so etwas machen. Von Deutschen habe ich so etwas noch nicht gehört, und diesen Florian zu so einem abzustempeln, geht zu weit, auch wenn ich ihn nicht leiden mag. Pierre, du hast mir heute enorm geholfen, aber ich bekomme gerade Kopfschmerzen und es ist besser, du gehst.«

Pierre sah sie ungläubig an. »Du wirfst mich raus?«

»Nicht böse gemeint, aber ja.«

Pierre stand auf. »Darf ich dich noch einmal in den Arm nehmen?«, bat er, als er schon an der Tür stand.

Es war Marie, die Pierre an sich zog. Sie hasste Streit, auch wenn manchmal ihr hitziges Temperament dazu führte, dass sie damit anfing. Sie standen eine Minute da, eng umschlossen, dann beendete Pierre abrupt die Umarmung. Marie ließ die Tür hinter ihm in das Schloss fallen. Ihr Blick fiel auf den Sack Blumendünger. Sie hob die Hand an den schmerzenden Kopf.

6. Folgen des Lambig

Florian fühlte, er würde keine Ruhe finden, obwohl er vollkommen fertig war. Aber was sollte er tun, so ganz allein tun? Es gab nur einen Menschen, von dem er sich vorstellen konnte, freundlich aufgenommen zu werden. Kurz entschlossen schnappte er sich das neue Wörterbuch und die Packung Rocher, die er für Yvonne Le Roux gekauft hatte, und ging sie besuchen.

Er fand die alte Dame vor ihrem Haus auf der Bank sitzend. Sie strickte.

»Bonjour«, grüßte Florian vom Gartentor aus.

Yvonne sah auf. »Tiens, c’est vous. Alors, elle va comment, votre main? Ar hleñved kuit; Gand al louzaouer ez a ar gounid3.«

Florian begriff, dass die alte Dame nach seiner verbundenen Hand fragte, und sagte: »Alles gut – très bien! À propos: Merci, pour vous«, und er hielt ihr die Rochers hin.

Verblüfft, aber erfreut nahm die alte Dame die Süßigkeiten entgegen. »Vous voulez un apéritif?«, fragte sie dann.

Warum nicht? Florian nickte.

»Alors venez«, lud Yvonne ihn ein, ihr in ihr Haus zu folgen.

Ein enger Korridor, links und rechts jeweils zwei Türen; geradeaus die Treppe zum ersten Stock; unter dem Treppenabsatz eine weitere Tür, bestimmt zur Toilette. An den Wänden des Flurs eine großgeblümte Tapete, grün-weiß. Florian folgte Yvonne durch die erste Tür rechts und stand in der Küche.

»Asseyez-vous«, forderte die alte Dame ihn auf, und er setzte sich auf einen der vier Stühle an den rechteckigen Tisch. Während sie aus einem mit gedrechselten Säulen, Schnitzereien und Nägeln verzierten Küchenbüffet zwei geschliffene Gläser holte, ließ er den Blick weiter durch den kleinen Raum schweifen. Und staunte. Der hohe Kühlschrank mit dem verchromten Griff sah nach fünfziger Jahren aus. Das emaillierte Spülbecken daneben wirkte eher älter als jünger, auch wenn der Wasserhahn darüber neu war. Ein einfacher Gasherd und eine schöne alte Standuhr aus rötlichem Holz vervollkommneten die Einrichtung.

Nun stellte Yvonne eine Flasche auf den Tisch, dessen Platte durch eine gewachste Decke geschützt war. Man sah genau, wo Yvonne zu sitzen und zu essen pflegte, denn da war die einst blaue Decke mit ihren gelben Blumen ausgebleicht vom regelmäßigen Sauberwischen.

»C’est du Lambig breton«, erklärte Yvonne stolz, schenkte ein und schob ihm ein Glas zu. Sie setzte sich, hob ihres und rief aus: »Yehermat!«

»Yehermat«, wiederholte Florian, nahm einen Schluck und hustete.

»An tamm hag al lomm, A ra dezañ kaoud lamm.4 C’est fort, mais c’est bon«, sagte Yvonne, zufrieden schmatzend. Sie hatte ihr Glas auf einen Zug geleert.

»Jaja, sehr gut«, sagte Florian mit rauer Stimme. Er hatte nur nicht mit etwas so Scharfem zum Aperitif gerechnet. Er nahm die Flasche und las: »Lambig. Eau de vie de Cidre. 40%.«

»Encore un?«, fragte Yvonne, sobald auch Florian sein erstes Glas Cidre-Schnaps geleert hatte.


Auf dem kurzen Rückweg zu Boris’ Haus schwirrte Florian der Kopf und Mengleuff schien ein wenig zu wanken. Der Lambig war gut gewesen und das neue Wörterbuch war gut gewesen, denn jetzt wusste Florian, dass Yvonne Witwe war. Sie hatte zwei Kinder, Colette und Gilbert. Colette lebte in Paris und Gilbert in Quimper. Gilbert – Quimper. Das reimte sich, Florian kicherte. Enkel und Urenkel hatte Yvonne auch. Ganze sieben, Florian hatte Fotos gesehen.

Er fummelte den Schlüssel in das Schloss. Endlich bekam er die Haustür auf. Drinnen ließ er sich auf die Couch fallen. Wie viele Gläser von dem Zeug hatten sie noch gekippt? Es war jedenfalls Zeit, schlafen zu gehen. Aber warum war es dann noch so hell? Nein, da konnte man noch nicht ins Bett! Er rappelte sich von der Couch auf, ging in die Küche und drehte den Wasserhahn voll auf. Das kalte Wasser über dem Kopf brachte ihn ein wenig zu sich.

Mit dem Küchentuch rubbelte Florian sich die Haare ab, während er zurück in den Wohnraum ging und sich erneut auf die Couch fallen ließ. Sein Blick fiel auf das Tagebuch seiner Oma.

Schwungvoll blätterte er die Kladde auf. Er fand den Eintrag über das Haus der Madame Keroas wieder, wo die junge Marlene einquartiert worden war – das Haus, das noch im Krieg zerbombt worden war – und dann las er den nächsten Eintrag, vom 8. September 1942 …

»Obs stüürmt ooder schneit«, singt Traute, aber Gisela protestiert. Sie wollen ein Wanderlied singen, also Das Wandern ist des Müllers Lust. Marlene fällt mit ein, und zuletzt schließt auch Traute sich ihnen an.

Der Pfad ist zu eng, um nebeneinander zu gehen. Marlene führt den Zug an, ihr folgt Gisela, und Traute, die Langsamste, bildet das Schlusslicht. Jetzt wird der Pfad aber noch steiler, und Traute ruft von hinten: »Halt! Ich kriege keine Luft mehr!«

»Das Atmen ist der Traute Frust«, singt Marlene, und Gisela schüttelt sich vor Lachen.

»Habt ihr schon einmal etwas so Schönes gesehen?«, fragt Marlene ihre Freundinnen und lässt sich auf einen Felsbrocken sinken. Weit, weit unter ihnen liegt das Meer, und seine Farbe ist türkisblau.

»Ein echter Sommerfrischetag!«, ruft Gisela aus.

»Aber lasst uns weitergehen, zum deutschen Dorf«, drängelt Traute.

»Du hast doch gesagt, du kriegst keine Luft mehr beim Wandern«, bemerkt Gisela. Sie und Marlene wechseln einen Blick. Traute wollte unbedingt mitkommen bei ihrem Wanderausflug, dem ersten richtigen Ausflug, den sie machen. Dabei wandert Traute nicht gern, und manchmal ist sie ja so ein Spielverderber.

Marlene steht auf. Sie können auch weitergehen, wenn Traute das will. Gisela sagt, dann soll Traute auch vorgehen. Die gibt zurück, dass sie dann auch das Lied aussuchen will. Also singen sie doch das Panzerlied, aber nur einmal. Marlene weiß sowieso, warum Traute das singen will: weil ihr Bruder in der Wehrmacht und ein Held ist, behauptet Traute. Giselas Bruder ist in der Luftwaffe. Nur Marlene hat weder Bruder, noch Schwester, und kann da nicht mitreden.

Mit dem Schatten der Pinienhaine ist es bald vorbei, vor ihnen erstreckt sich baumlose Heidelandschaft.

»Könnt ihr irgendwo eine Ziege sehen?«, fragt Gisela, wegen des lustigen Namens des Südkaps von Crozon, Cap de la Chèvre.

»Nö«, sagt Marlene. »Nur Heidekraut, Farne und Brombeerranken. Und den Himmel und das Meer.«

»Aber das Dorf, das muss gleich kommen, oder?«, beharrt Traute.

»Jaaa«, sagen Marlene und Gisela im Chor.

Als Marlene sie auf das Summen der Bienen aufmerksam macht, meint Gisela, das gebe Heide-Honig. Die Bemerkung macht den Freundinnen Appetit und sie rasten, um ihre Stullen zu essen. Traute hat hartgekochte Eier mit, die sie teilen, und Marlene drei Äpfel. Was für ein Festessen! Wie schön ist es, Freizeit zu haben! Heute merkt man gar nichts vom Krieg. Heute ist es, wie Gisela gesagt hat: ein echter Sommerfrischetag!


Nach dem Essen haben sie Durst, aber kein Wasser mehr. Das Dorf taucht noch immer nicht auf, auch nicht nach einer Dreiviertelstunde weiterwandern. Das neue Dorf oder das deutsche Dorf, wie es genannt wird, ist ihnen zur Einkehr empfohlen worden. In Windeseile wurde es als Unterkunft für ihre Soldaten gebaut; was die zum Leben gebraucht haben, wurde angesiedelt. Jetzt ist es ein richtiges Dorf, und es wächst weiter.

Traute meint, vielleicht sind sie schon an dem Dorf vorbei, aber Marlene sagt, das kann nicht sein, sie sind immer die Steilküste entlang gegangen. Eben, erwidert Traute, das Dorf liegt bestimmt nicht so nah am Abgrund. Also schlagen sie sich nach rechts in die Heide. Tatsächlich geraten sie bald auf einen richtigen Feldweg, und dann sehen sie ein einsames Haus. Als sie näherkommen, lesen sie auf einem roten Schild über der Tür: Chez Gégé.

»Da können wir etwas trinken«, freut sich Gisela. Sie waren noch nie in einem einheimischen Lokal, ein echtes Abenteuer!

Drinnen müssen sich ihre Augen erst daran gewöhnen, dass es hier so viel dunkler ist. Ein Tresen, fünf oder sechs Tische. Nur ein alter Mann sitzt allein an einem Tisch. Sonst niemand.

»Es ist komisch hier, lasst uns zum Dorf weitergehen«, murmelt

Traute.

»Ach, papperlapapp!« Gisela setzt sich an einen Tisch, Marlene neben sie.

Der Wirt, den sie gar nicht gesehen hatten, kommt auf sie zu. »Bonjour, les demoiselles. Vous voulez boire quelque chose?«

»Cidre, s’il vous plaît!«, ruft Gisela aus.

»Du willst Alkohol trinken, am Nachmittag?«, fragt Traute entgeistert, als der Wirt gegangen ist.

»Wir sind nicht im Dienst, oder?« Gisela lacht.

Der Wirt kommt mit zwei Flaschen und drei Trinkschalen aus glasierter Keramik. »Trois bolées, du Doux et du Brut. Pour goûter«, der Wirt zwinkert ihnen zu.

Gisela schenkt ein. Sie stoßen an und sind überrascht: Der Apfelwein ist süß und süffig. Sie haben Durst, die Flasche ist schnell geleert. Sie haben nicht den Eindruck, viel Alkohol getrunken zu haben. »Deshalb hat er gleich zwei Flaschen hingestellt«, meint Marlene und schenkt aus der zweiten Flasche nach. Aber das ist ein anderer Cidre, herber als der erste. Sie streiten sich darüber, welcher der bessere ist.

Unterdessen hat sich die Bar gefüllt. Nach und nach sind immer mehr Leute gekommen. Alles nur Männer. Sie werden verstohlen von allen Seiten beobachtet, stellt Marlene fest; verstohlen und misstrauisch.

Aber der Wirt ist freundlich. »Alors, c’est bon, le Cidre?«, ruft er ihnen von hinter dem Tresen zu.

Die Freundinnen nicken und strahlen ihn an.

»Vous voulez goûter autre chose?«

»Was will er?«, fragt Traute, die nicht so gut Französisch kann.

»Er bringt uns noch etwas anderes zum Trinken«, erklärt Gisela. Auf dem Tablett des Wirts stehen drei kleine Gläser und zwei neue Flaschen. Er stellt alles vor ihnen auf den Tisch und schenkt aus der dunkelgrünen Flasche zuerst ein. Die Flüssigkeit in den Gläsern ist goldbraun.

»Das ist was Starkes«, sagt Traute misstrauisch.

»Komm schon, probiere«, sagt Marlene und hebt ihr Glas.

Ein Mann mit Mütze nickt ihr zu. »C’est bon, le Chouchenn«, ruft er. Marlene probiert. Sehr süß, und sehr stark, wie Traute gesagt hat.

»Schmeckt nach Honig«, sagt Gisela.

»Schmeckt nach Medizin«, sagt Traute und verzieht den Mund. Ein paar Einheimische lachen.

»Et après, le Lambig«, sagt der Wirt und zeigt auf die andere Flasche.

»Oh nein, tut es nicht, Mädels«, warnte Florian.

»Ich werde betrunken, wenn ich so viel und schnell trinke«, kichert

Marlene.

»Siehste, Oma.«

»Auf ex!« Gisela trinkt erst einmal das Glas mit dem Honigschnaps leer.

Kaum, dass sie ausgetrunken haben, schenkt der Wirt von dem anderen Zeug ein. Es sieht nicht sehr viel anders aus als das von eben.

»Yehermat«, ruft der alte Mann am Nachbartisch ihnen zu.

»Prost«, rufen sie zurück und trinken.

Marlene hustet, das brennt! Der alte Mann, der ihnen zugeprostet hat, lacht und klopft auf den Tisch. Aber Traute setzt ihr Glas ab und sagt: »Das ist lecker!«

»Dann nimm noch einen«, und Gisela gießt Traute nach.


Als sie aus der Bar in die Sonne treten, fühlt Marlene sich leicht und lustig. Jetzt weiß sie, was ein echter Schwips ist.

»Au revoir«, ruft Gisela lachend über die Schulter zurück.

»A la prochaine«, hören sie den Wirt zurückrufen.

Traute hat Mühe, geradezugehen. Sie hat am meisten von dem Lambig getrunken.

»Was singen wir jetzt?«, fragt Marlene.

Traute fängt schon wieder mit dem Panzerlied an, aber Marlene und Gisela übertönen sie mit Oh Tannenbaum. Danach einigen sie sich auf Kling Glöckchen klingelingeling.

»Jetzt sind wir schon wieder falsch«, ruft Traute aus, als sie bald darauf an den Abgrund treten.

»Hu, mir ist schwindelig«, giggelt Gisela.

»Wir wollten zum Dorf«, mault Traute.

»Du mit deinem Dorf! Du willst dir wohl ’nen Soldaten anlachen!« Gisela lacht überdreht.

Marlene muss mitlachen.

»Sei du nur still«, faucht Traute sie an, »so wie du bei Leutnant Rosen Liebkind machst!«

»Was? Rosen?!«, ruft Marlene aus, mehr belustigt, als empört.

»Stimmt schon, dass er dich auffallend oft anspricht«, bemerkt Gisela und legt den Kopf schief. »Viel Spaß mit dem. Gratulation, Marlene!«

»Du spinnst ja«, protestiert Marlene, nun doch verärgert.

»Nein, Gisela hat Recht«, setzt Traute nach.

»Und du, sei still! Du willst ja nur in das Dorf, weil du sowieso zu faul zum Wandern bist!« Und sie äfft Trautes Gejammer von vorhin nach: »Ich krieg’ keine Luft mehr! Ich bin außer Atem! Oh lasst uns atemlos das Panzerlied singen!«

Gisela kann nicht aufhören zu lachen.

Traute reißt die Augen auf, wendet sich ab und beginnt zu laufen.

»Was ist jetzt?«, fragt Marlene.

»Jetzt ist sie beleidigt«, gibt Gisela prustend zurück.

»Traute, es war doch nur Spaß«, ruft Marlene halbherzig, aber die Beleidigte rennt nur noch schneller.

»Vorsicht!«, ruft Gisela noch, plötzlich nüchtern, aber da passiert es: Traute rutscht auf dem Geröll aus – und stürzt in den Abgrund!


Sie weiß nicht, wie sie dorthin gekommen ist, aber als Marlene wieder klar denken kann, starrt sie in die Tiefe.

»Traute! Nicht bewegen!«, schreit Gisela neben ihr.

Gut vier Meter unter ihnen liegt Traute auf dem Rücken. Ein Auswuchs des Felsens hat sie gerettet. Unter ihr, gähnende Leere; dann, ganz weit unten, das anrollende Meer. Trautes Bein sieht merkwürdig verrenkt aus.

»Wir brauchen Hilfe«, sagt Marlene, »aus der Bar!«

»Du oder ich?«, fragt Gisela. Marlene stürzt los.

Der Schock hat sie ernüchtert. Sie läuft, was sie laufen kann. Der

Weg kommt ihr weit vor. Endlich, das Chez Gégé!

»Hilfe, à l’aide«, bringt Marlene hervor. Sie sieht in fragende, fast irritierte Gesichter. Sind die Leute hier noch mehr geworden? Alles ist so verqualmt.

Der Wirt tritt auf sie zu.

»Traute, mon amie! Tombée!« ruft Marlene verzweifelt.

Der Wirt nickt langsam. Er verschwindet in einem Nebenraum. Als er zurückkommt, trägt er ein zusammengerolltes Seil und eine Schaufel über der Schulter. Vier weitere Männer begleiten sie zu der Absturzstelle.


»Endlich!«, ruft Gisela ihnen entgegen.

Der Wirt schaut hinab. Traute liegt noch so da wie vorhin. Sie schluchzt hysterisch, will oder kann sich nicht bewegen.

Während einer der Männer das Seil um seine Hüften knotet, gräbt ein anderer eine Rille. Marlene begreift. Die Rille soll den Füßen der Männer Halt geben, die das Seil halten werden.

Es ist so weit. Der Angeseilte klettert zu Traute. Er beugt sich über sie, tastet sie ab. »C’est son genoux!«, ruft er nach oben.

Die Männer beraten sich. Marlene und Gisela schauen sich bange an.

Einer geht fort. Kommt Minuten später wieder, mit einem weiteren Seil und in Begleitung eines Einheimischen, der auffallend muskulös und groß ist. Der trägt eine Bahre, wie die aus dem Feldlazarett, und eine Decke. Wo haben die diese Bahre her, fragt sich Marlene? Aber sie geht dieser Frage nicht nach. Hauptsache, sie retten Traute!

Der Große wird abgeseilt. Marlene beugt sich vor. Jetzt ziehen sie den Mann, der Traute untersucht hatte und der bei ihr geblieben war, wieder nach oben. Dann binden sie die Bahre und die Decke an das Ende des Seils und lassen beides herunter. Auf der Felsnase ist kaum Platz, um die Decke über der Bahre auszubreiten. Der Große muss sich breitbeinig über Traute stellen, um das zu tun.

Marlene tritt einen Schritt zurück. Sie kann nicht länger hinabsehen. Ihr wird schlecht, sie erbricht sich. Wortlos reicht ihr einer der Umstehenden ein Taschentuch.

Es dauert noch lange, bis Traute auf die Bahre gebettet, in die Decke gerollt und mit dem Seil an der Bahre festgezurrt ist. Dann ziehen die Männer sie nach oben.

Am späten Nachmittag kommen Marlene und Gisela in dem Dorf an, das Traute so gerne sehen wollte. Sie liegt apathisch auf der Bahre, die stets zwei ihrer Helfer abwechselnd tragen.


Wochen später bestätigt sich die Befürchtung des Arztes: Trautes Knie ist steif. Sie wird ihr Leben lang lahm bleiben.

Es ist ihre Schuld, Marlenes. Ihre und Giselas; sie haben sich beide über Traute lustig gemacht. Deshalb ist die zu nah am Abgrund fortgerannt und hinuntergestürzt. Aber noch mehr ist es ihre Schuld, weiß Marlene; sie hat Traute zuletzt nachgeäfft. Sieht Gisela das genauso? Marlene weiß selbst nicht, wie es dazu kommt, es passiert einfach: Ihr Schuldbewusstsein schiebt sich zwischen sie und ihre einst beste Freundin. Marlene und Gisela verlieren Kontakt. Sie grüßen sich noch, wenn sie sich sehen, aber mehr nicht.

Traute redet mit Marlene kein Wort mehr. Wie es zwischen Traute und Gisela steht, weiß Marlene nicht.

Jetzt ist sie ganz allein in dem fremden Land.

Florian ließ das Tagebuch sinken. Er musste an Hildegard denken. Die beste Freundin seiner Oma war vor zwei Jahren gestorben. Das war ein harter Schlag für seine Oma gewesen. Danach hatte sie verkündet, sie sei alt und wolle in ein Heim. Florian hatte ihr zugeredet, es nicht zu tun. Aber sie – sie hatte sich aufgegeben, irgendwie. Ja, indem sie ihr Haus aufgegeben hatte, hatte sie ihr Leben aufgegeben. Seitdem wirkte sie ruhig und gelassen und – komplett gelangweilt, in diesem Heim, für das sie noch zu fit war. Gut, sie las, sah fern und lebte viel in ihren Gedanken. Aber war das noch leben? Sie war nicht wirr und auch körperlich noch ganz gut beieinander. Ihr fehlten Erlebnisse, neue Anregungen. Sie hätte reisen sollen, anstatt sich im Heim zu begraben!

Wenn ihm Boris‘ Haus gehören würde, dann würde er seine Oma einmal hierher mitnehmen. Oh ja, das wär’s. Ein Haus in der Bretagne. Und warum nicht wirklich dieses hier? Boris schien es doch gar nichts zu bedeuten; der ließ es verfallen, kam nie hierher. Wenn er ihn einfach fragen würde? Hey Boris, willst du dein Haus in Mengleuff nicht verkaufen?

Gut, nun aber zurück zur Geschichte seiner Oma. Er spürte, dass er noch immer zu aufgekratzt war, um an schlafen zu denken. Im Bett lauerten die Gedanken an Katharina. Nein! Dann lieber weiterlesen, bis zur kompletten Erschöpfung. Doch zuvor nahm er sich einen Zettel. Er schrieb darauf: Cap de la Chèvre; Bar Chez Gégé; deutsches Dorf. Recherchieren, das war ab heute seine selbstgestellte Aufgabe. Recherchieren und Fotos machen oder zeichnen, für seine Oma. Um ihr Lust zu machen, mit ihm nochmal herzukommen. Also, dieses Cap würde er sich ansehen, gleich morgen.

Aber als Florian weiterlas, wurde ihm klar, dass er am nächsten Tag nicht zum Südkap von Crozon fahren würde. Etwa einen Monat nach Trautes Unfall, im Oktober 1942, war etwas viel Einschneidenderes passiert, und den Ort dieses Geschehens musste er als ersten sehen.

Das tat er dann allerdings nicht gleich am nächsten Tag; an dem hatte er einen totalen Durchhänger, verschuldet durch Yvonnes Lambig und eine durch Liebesschmerz bedingte Antriebslosigkeit. Während Marie nebenan verbissen Rasen mähte, Efeu kürzte und (schnell und leise, um bloß nicht von Florian dabei bemerkt zu werden) seinen Dünger auf die Erde unter den ramponierten Hortensien verstreute, lungerte Florian den Großteil des Tages im Bett herum, dann im Garten. So war es am Mittwoch, seinem dritten Tag in der Bretagne, dass Florian sich, das Tagebuch seiner Oma im Rucksack, auf den Weg zu »dem Berg« machte, wie die Einheimischen den Ménez-Hom laut Reiseführer nur nannten.

3 Die Krankheit kommt zu Pferd angeritten; Aber sie kehrt zu Fuß zurück.

4 Der Krumen und der Tropfen halten den Menschen aufrecht.

7. Verhängnisvolle Begegnungen

Sie reden kein Wort. Marlene starrt aus dem Fenster der Limousine. Sie hat sich rechtfertigen müssen, erklären, wo sie die Nacht über geblieben ist und warum sie die Botschaft nicht überbracht hat. Sie hat den durchweichten Umschlag zurückgegeben. Der Oberst hat sie durchdringend angesehen, als er das geöffnete Siegel sah. Aber er hat nichts dazu gesagt. Dann hat sie die Geschehnisse wahrheitsgemäß erzählt – aus der Ich-Perspektive, sie hat nie »wir« gesagt. Sie hat seine Rolle, die Rolle ihres neuen, einzigen und unmöglichen Freundes, im Unklaren gelassen. Sie hat gefürchtet, dass man nach ihm ruft, um auch ihn auszufragen. Der Oberst tat es nicht. So hat sie alles andere erzählt – nur den Fremden in der Kapelle hat sie weggelassen. Hat der Oberst ihr trotzdem etwas angemerkt? Sobald sie auf die Kapelle kam, ist er hellhörig geworden. Warum will er die Kapelle jetzt sofort sehen? Marlene hat Angst. Angst davor, Spuren vorzufinden, des fremden Mannes von letzter Nacht und der Kameraden, die er haben könnte. Er kannte ihn, diesen Mann; er könnte Ärger bekommen, sollten sie ihn erwischen. Sie hofft, er ist schon weit weg. Dabei weiß sie, sie dürfte das nicht hoffen.

»Wie weit noch?« Der Oberst dreht sich zu ihr und sieht sie an, forschend.

»Noch ein paar Kilometer, Herr Oberst. Die Kapelle liegt direkt an der Straße, auf der linken Seite.« Marlene bemüht sich um präzise Aussagen.

Der Oberst dreht sich wortlos zurück.

Sie sehen den Kirchturm aus der Ferne. Sie muss nichts sagen, der Oberst befiehlt dem Chauffeur, rechts am Straßenrand anzuhalten. Er steigt aus der Limousine und überquert die Landstraße. Soll Marlene mit? Der Oberst hat keinen Befehl dazu gegeben. Marlene bleibt sitzen und beobachtet ihn, wie er über die steinerne Schwelle den Kirchhof betritt.

Nach wenigen Minuten kehrt der Oberst zurück. »Abgeschlossen«, sagt er.

Seltsam, schießt es Marlene durch den Kopf. Letzte Nacht stand die Kapelle offen. Wer hat abgeschlossen seitdem, wann? Und dann, warum hat der Oberst nicht den Chauffeur geschickt, um zu überprüfen, ob das Kirchenportal offen ist? Er hatte es eilig, die Kapelle zu sehen, allein. Hat er einen Verdacht? Gegen wen? Marlenes Gedanken überstürzen sich.

Der Chauffeur fragt: »Aufbrechen, Herr Oberst?«

»Nein. Die Deutschen sind kein Volk der Barbaren. Wer hat den

Schlüssel zu diesem Gotteshaus? Finden Sie das heraus!«

Der Befehl geht an den Chauffeur, der aus der Limousine steigt. Er steuert die Tür des nächstgelegenen Hauses an. Ein relativ großes Haus, vielleicht das des Pfarrers.

Die Tür öffnet sich nicht unter den anhämmernden Fäusten. Der Chauffeur versucht es bei den anderen der wenigen Häuser. Doch alles ist verlassen. Keine arbeitenden Menschen, keine spielenden Kinder. Die Stille um sie ist unnatürlich.

Im letzten Haus, bei dem der Chauffeur es probiert, öffnet sich doch eine Tür. Eine gebeugte Alte humpelt heraus. Der Chauffeur spricht mit ihr; die Alte antwortet und schüttelt den Kopf.

»Sprach nur den Kauderwelsch von hier, Herr Oberst«, meldet der Chauffeur. »Aber sie sagte etwas vom curé in Promodern. Das ist dieses größere Dorf im Südosten.«

»Plomodiern. Gut. Fahren Sie nach Plomodiern und holen Sie den Schlüssel beim Pfarrer«, befiehlt der Oberst. »Sie bleiben hier«, dies an Marlene.

Sie steigt aus der Limousine, der Chauffeur startet und fährt ab.

»Kommen Sie«, fordert der Oberst sie auf. »Wir sehen uns die Kapelle genauer an.«

Marlene ist verwirrt, als der Oberst eine kleine galante Verbeugung macht, um ihr den Vortritt in den Kirchhof zu lassen. Folgsam tritt sie über den Schwellenstein. Sie kommt sich ungelenk vor, spürt den Blick des Obersts in ihrem Rücken.

»Wissen Sie, welchen Zweck diese steinernen Schwellen erfüllen?«, fragt er.

»Nein, Herr Oberst.«

»Sie tragen eine symbolische Bedeutung. Sie grenzen den heiligen

Kirchengrund vom Bereich des profanen Lebens ab.«

Marlene nickt, ohne zu begreifen. Worauf will der Oberst hinaus? Er ist schon ein paar Schritte weitergegangen und umrundet die drei Kalvariensteine. Vor dem höchsten, dem mittleren, bleibt er stehen.

»Diese kniende Figur ist bemerkenswert«, sagt er.

Marlene sagt nichts. Was soll sie auch dazu sagen?

»Ich vermute, dass es sich um eine Darstellung der Maria Magdalena handelt. Eine schöne junge Frau mit sanften, regelmäßigen Gesichtszügen und langen, offenen Haaren. Sie betet Jesu an, und das gleich zweifach: direkt über ihr liegt er tot auf dem Schoß seiner Mutter – und darüber hängt er noch einmal, leidend am Kreuze. Obwohl der Granit steingrau ist, sieht man doch: Maria Magdalenas Locken sind rotblond.« Der Oberst schaut zu Marlene.

»Ja, jawohl, Herr Oberst«, stammelt sie.

Er lächelt. Mitleidig? Herablassend? »Wie alt sind Sie?«

Marlene fühlt sich erröten. »Siebzehn Jahre, Herr Oberst«, antwortet sie.

Der Oberst wendet den Blick zurück zu der knienden Maria Magdalena. »Aus welcher Richtung sind Sie vergangene Nacht bei dieser Kapelle angekommen?«, fragt er beiläufig.

»Von dort, Herr Oberst«, sie zeigt in Richtung des Berges. Jetzt beginnt das Verhör, denkt sie.

Doch sie irrt sich. Der Oberst befiehlt: »Kommen Sie«, und sie umrunden gemächlich die Kapelle. Er weist sie auf die grotesken Zierfiguren und auf die Wasserspeier hin – ein dicker Mann, ein affenähnliches Wesen, das aber ein Löwe sein soll, mit Mähne; langgezogene Mäuler, durch deren Zahnreihen bei Regen das Wasser herausschießt. Gestern Nacht muss es so gewesen sein. Ein ganzer Sturzbach muss zwischen diesen scharfen Zähnen hervorgeschossen sein, denkt Marlene. Heute ist der Himmel blau und rein, ohne Wolken. Nur das Gras durchnässt ihre Schuhe. Die Nacht ist hier draußen wie fortgewischt. Doch drinnen – was wird drinnen sein? Wo bleibt der Chauffeur mit dem Schlüssel?

Zerstreut hört Marlene die Worte, mit denen der Oberst die Architektur der Kapelle beschreibt. Renaissancekuppel, Barocktor, drei Galerien, Rhythmisierung des Kirchturms – vergeblich versucht Marlene, dem Sinn dieser Begriffe zu folgen. Wo ist er jetzt? In Sicherheit?

Endlich das ersehnte Motorgeräusch. Marlene blickt rasch zum Oberst, der in seinen Erläuterungen gestockt hat. Seine Wangen sind gerötet, in seinen Augen, die in Richtung Landstraße spähen, liegt ein Funkeln, das Marlene beunruhigt. Sie beißt sich auf die Lippen. Was erwartet der Oberst in der Kapelle? Mittlerweile weiß sie genau, was geschieht, wenn sie, die Deutschen, auf Konspiratorennester stoßen. Die Einheimischen wissen es auch. Haben sie deshalb den Ort verlassen? Und die gebeugte Alte? Vielleicht wollte sie nicht. Lieber zuhause sterben.

Der Oberst hat sie wortlos stehengelassen und ist auf dem Weg zum Kirchenportal. Eigenhändig schließt er auf. Lautlos schwingt die Tür in ihren Angeln – unerwartet lautlos für eine so alte Tür. Der Oberst atmet ein, senkt den Kopf, als ob er sich durch ein niedriges Tor bücken müsste, und verschwindet im dunklen Kircheninneren.

Marlene zögert. Dann geht sie ihm nach.

Es ist drinnen gar nicht so dunkel. Nach einigen Sekunden haben sich Marlenes Augen an das Dämmerlicht gewöhnt.

Der Oberst steht mit dem Rücken zu ihr, vor der Altarwand der Kirche. Der Goldglanz und die kräftigen Farben sind noch überwältigender als bei Nacht, im bloßen Schein der Öllampe. Marlene tritt selbst fasziniert näher, um die Reihe der bunten Figuren, der plastischen Bilder und des bewegt wirkenden Schnitzwerkes zu betrachten. Es stellt Ranken dar, erkennt sie, Blätter und Traubenreben, Schleifen um Engelsköpfe, alles goldschimmernd, voller Schnörkel und Kurven, ein einziges Gewimmel.

Marlene fühlt sich befremdet von dem Gold und dem Glanz, der Pracht und Verspieltheit dieses Kirchenschmuckes. Er ist so anders als der von zuhause, aber auch zu der Welt der armen Bauern- und Fischerhäuser von hier will er nicht passen. Noch weniger zu der Welt der Bomben und Maschinengewehre.

Sie tritt ganz nah an die hölzerne Balustrade heran, die den Altarbereich vom Kirchenschiff abtrennt, beugt sich ein wenig darüber. Nichts. Keine Decke, keine Öllampe mehr. Sie atmet auf. Schnell späht sie zum Oberst hinüber. Hat die Richtung ihres suchenden Blickes ihm etwas verraten? Nein. Der Oberst hat kein Auge für sie. »Ha. Direkt vor der Haustür«, stößt er heiser aus. Er schreitet die Altarwand von rechts nach links und von links nach rechts ab, ein Heiligenbild nach dem anderen fixierend. Er seufzt tief auf, blickt zu Marlene und sagt:

»Gehen wir.«

Florian schlug die Kladde zu und blickte auf die Kapelle vor sich. Es war anders, den verstörenden Eintrag ein zweites Mal zu lesen – vor Ort, dort, wo alles passiert war.

Er saß auf dem Sockel des größten der drei Kalvariensteine, dem mit der knienden Maria Magdalena. Er hob den Kopf. Ja, diese Figur war schön. Er griff in den neuen Wanderrucksack und holte den gleichfalls neuen Skizzenblock und die Bleistifte heraus. Er hatte auch den Fotoapparat dabei; aber die Lust, einmal wieder zu zeichnen, hatte neulich in Camaret von ihm Besitz ergriffen. Wenn er zeichnete, war das eine andere, eine intensivere Art, Gegenstände, Orte oder Menschen zu erforschen.

Er stand auf und entfernte sich vom Kalvarienstein, um die Maria Magdalena aus günstigerer Perspektive zu skizzieren. Im Stehen, ohne feste Unterlage, war das nicht einfach; trotzdem verspürte er am Ende eine lange nicht mehr empfundene Zufriedenheit angesichts seiner gelungenen Skizze. Er setzte sich wieder auf den Sockel des Kalvariensteins, um jetzt die Kapelle zu umreißen. Ihren Turm mit der Kuppel, aus dem ein schmalerer, wiederum oben abgerundeter Türmchenabschluss erwuchs. Die Kuppelform war typisch für Renaissance- und Barockarchitektur; Marlenes Oberst hatte Bauzeit und Stil der Kapelle richtig eingeschätzt, der Mann hatte sich mit Architektur und Kunstgeschichte ausgekannt.

Florian hatte den Eintrag zur Entstehung der Kapelle an einem uralten Wegekreuz im Reiseführer nachgelesen, aber was ihn eigentlich interessierte, stand nicht darin: Welche Bedeutung hatte die Chapelle Sainte-Marie im zweiten Weltkrieg gehabt? War sie ein Konspiratorennest gewesen? Diese Frage stellte er sich zeichnend erneut; ehe er den Skizzenblock wegsteckte und aufstand, um die Kapelle zu umrunden.

Die groteske Figur des dicken Mannes, vielleicht ein Mönch, und das affenartige Löwenviech waren noch da, auch die brutal aussehenden Wasserspeier. Einen davon musste er doch noch skizzieren; dieser Wasserspeier glich einem Krokodilmaul mit Riesenzähnen, die ineinander verkantet waren. Vorne sah man das Loch für das abfließende Wasser. Florian setzte ein paar letzte Striche auf das Blatt und hielt inne. Sie war unheimlich, diese Begegnung mit den steinernen Zeugen der Vergangenheit seiner Oma. Es war fast, als würde er eine Zeitreise machen und Dinge sehen, die niemand sehen durfte. Andererseits wollte seine Oma, dass er sie sah. Sonst hätte sie ihm ihr Tagebuch nicht gegeben.

Plötzlich hatte er keine Geduld mehr zum Weiterzeichnen. Von wo aus hatte seine Oma sich damals der Kirche genähert? Jetzt sah er es. Nur nach hinten, zum Berg hin, war in der Kirchhofmauer eine Öffnung, eine Einfahrt. Von dort also. Von dort musste Marlene in den Kirchhof gefahren sein, bei Nacht und Unwetter auf einem Motorrad, festgeklammert an diesen Kriegsgefangenen, den sie nur den

»Jungen« oder einfach »er« nannte oder einmal ihren »neuen und einzigen und unmöglichen Freund«.

Florian betrat die Kapelle. Diesen Augenblick hatte er sich für zuletzt aufgespart. Würde sie noch so aussehen, wie Marlene es beschrieben hatte?

Es war nicht mehr 1942, und für die modernen Touristen hatte man Scheinwerfer angebracht, die die Altarwand beleuchteten. Florian überkam eine Gänsehaut. Er tat es dem Oberst nach und schritt die Reihe der Heiligenfiguren ab, deren Farben nicht verblasst waren. Sie schienen unheimlich lebendig in ihren Nischen oder auf ihren Sockeln für ihn zu posieren.

Hatte der Oberst das hier sehen wollen? Und zwar unbedingt, nicht als Barbar, sondern dank des Schlüssels, den der Chauffeur aus dem nächstgrößeren Dorf holen musste? Für Konspiratoren hatte der sich doch nicht interessiert! Dabei, dieser Mann, der bei Nacht und Gewitter in der Kirche aufgetaucht war, war der nicht im Widerstand gewesen? Und der junge Kriegsgefangene selbst? Konnte er im Widerstand und zugleich ein Kriegsgefangener gewesen sein?

Florian trat hinaus in das blendende Licht. Er würde zu Fuß den Berg besteigen, beschloss er. Er hatte gesehen, dass es von der Kapelle aus einen Wanderweg zum Gipfel gab.


Marie fuhr an der Chapelle Sainte-Marie vorbei auf den Parkplatz. Es war ein idealer Tag zum Wandern – klarer Himmel, heiße Sonne, aber ein erfrischender Wind. Sie hatte die Nase voll von Gartenarbeit, sie brauchte mal eine Abwechslung.

Sie holte den Rucksack aus dem Kofferraum. Er enthielt zwei große Baguette-Sandwiches, einen Apfel und eine Flasche Wasser zum Picknicken. Dass der deutsche Cayenne am anderen Ende des Parkplatzes stand, bemerkte sie nicht.

Sie machte einen Haken über den Kirchhof und grüßte die schöne, aber etwas finstere Kapelle. Dann ließ sie sie im Rücken, um der Landstraße ein Stück weit zu folgen. Die wand sich, begleitet von einem glucksenden Bachlauf, in ein Tal hinunter. Aber Marie wollte hinauf; also bog sie bald in einen steilen Schotterweg ein, dessen Steine in der heißen Sonne weiß aufleuchteten. Auch die staubige Erde war weißlich-beige. Nach ein paar Hundert Metern endete der Weg vor einem Schild, das daran erinnerte, dass man sich in einem Naturschutzgebiet befand, in dem Fahrzeuge verboten waren. Der Fußpfad, auf dem es jetzt weiterging, wäre ohnehin für kein Fahrzeug befahrbar gewesen, meinte Marie kopfschüttelnd.

Sie kraxelte über Felsbrocken und Wurzeln, die sich hartnäckig im Boden festkrallten. Auf dieser Höhe des Berges wuchsen noch spärliche Haine aus windgebeutelten Kiefern. Nachdem sie eine Kieferngruppe durchschritten hatte, schaute Marie sich um: Unter ihr, bereits in der Ferne, lag die Chapelle Sainte-Marie, umgeben von gelben Feldern mit Heuballen und frischgrünen Weidewiesen. Weiter links erstreckten sich die Hügel in Richtung Châteaulin, bedeckt mit Feldern und Wäldern. Rechts sah man einen Streifen Blau am Horizont – das Meer.

Marie atmete auf und schritt weiter. Der Wind zerzauste ihr Haar. Der Wind war auf dem Ménez-Hom immer da, oft genug stürmisch. So stieß sie bald nur noch auf vereinzelte Bäume, denen man ihren Kampf mit den Stürmen ansah: Ihr Astwerk war dünn, an der Nordseite manchmal gänzlich abgebrochen, so dass die Bäume wie Schilder gen Süden zeigten. Hin und wieder ragten ganz nackte Stämme wie Pfähle aus dem Boden. Die hohen Gräser, die den Ménez-Hom überzogen, neigten sich und blitzten in der Sonne auf wie grüne Wellen.

Ganz oben, auf dem yed, würden Menschen sein; ein Fahrweg führte dorthin, der Genuss der Panoramaaussicht war beliebt. Doch hier, um Marie herum, war keine Menschenseele. Nur Weite, Stille, das Rauschen des Windes. Und dann doch eine einsam dahinwandelnde Silhouette – ein zweiter Wanderer hatte zum Besteigen des Berges seine Füße dem Auto vorgezogen.

Sie folgte ihm in einiger Distanz, bis sie bemerkte, dass der Abstand zu ihm sich verringerte. Zunächst beschloss sie, ihrerseits langsamer zu gehen. Dann wurde ihr das zu nervend, zumal die Person stehengeblieben war, um etwas zu fotografieren. Was hatte der Wanderer entdeckt, fragte Marie sich? Einen Hinkelstein oder den Rest eines Hünengrabs? Die Kelten hatten auf dem Ménez-Hom Belen gehuldigt, dem Gott des Lichts. Außerdem gab es hier noch Mauerreste zu sehen, bei denen man nicht mehr wusste, ob sie von den Kelten stammten, von der Festung Aiqins des Normannen oder schlichtweg vom Teufel, wie der Volksmund behauptete. Manche Grundsteine hatten den Umriss eines marc’h, eines Pferdes, was schließlich nicht mit rechten Dingen zuging.

Als der Wanderer sich umdrehte, um seinen Rucksack aufzuheben, blitzte etwas weiß an seiner Hand auf. Ein Verband. Oh nein! Er!

Aber auf ein Treffen mit diesem Florian hatte Marie nun gar keine Lust! Entsprechend erleichtert war sie, als sich ein paar Minuten später ihre Wege trennten: Der Deutsche überquerte die Fahrstraße zum Gipfel und folgte weiter dem Fußpfad; Marie würde folglich den Fahrweg hochgehen. Als sie sich wenig später noch einmal umwandte, hatte der blöde Kerl es sich allerdings anders überlegt. Er ging nun hinter ihr die asphaltierte Straße hoch. Na toll!

Auf dem Parkplatz am Ende der Straße schloss Marie sich kurzerhand einer Gruppe von Ausflüglern an. Sie wandte sich um, wo war er? Da! Schnell wandte sie ihm den Rücken zu, als er an ihrer Gruppe vorbeiging. Jetzt schlurfte er auf den steinernen Rundtisch zu, der den höchsten Punkt des Berges markierte, stemmte die Hände in die Hüften und schaute um sich. Unschlüssig schlenderte er ein paar Schritte weiter, blieb dann abrupt stehen. Er zückte den Fotoapparat und drückte ab. Aber da war doch gar nichts, wunderte Marie sich. Nur die gelbe Markierung des Wanderweges. Jetzt schaute der Deutsche sich eifrig nach allen Seiten um. Er schien etwas Interessantes entdeckt zu haben, denn er hastete los.

Marie trat aus der Ausflüglergruppe heraus. Sie musste wissen, was ihren Nachbar derart gefesselt hatte. Der stapfte durch hohes Gras auf ein Buschmassiv zu. Vielleicht musste er mal, dachte sie und blieb lieber stehen. Aber dann zückte er wieder die Kamera – und fotografierte die Büsche. Er ging um die Büsche herum und knipste sie aus anderer Perspektive. Dann hatte er ein weiteres Buschmassiv entdeckt – es gab nicht viele hier oben – und nahm Kurs darauf. Hatte der einen Knall?

Marie näherte sich ihrerseits dem Grünzeug, das Florian begeistert und systematisch abgelichtet hatte. Und jetzt sah auch sie es: Inmitten des Buschmassivs war eine Treppe! Unten war das Fundament eines Kellers, überwuchert von Efeu, Farn, Gräsern, Brennnesseln und Dornenranken. Ein Keller? Nein! Das Baumaterial war Beton, erstaunlich intakt, nur hier und da von lichen überzogen, gelblichem Moos. Der Rest eines Bunkers.

Marie stieß einen leisen Pfiff aus. Sie sah nach ihrem Nachbar. Der machte gerade Fotos des zweiten Buschmassivs, das er entdeckt hatte. Eine zweite Bunkerruine? Marie sah mit neuem Argwohn um sich. Ja. Es war ihr vorher nie aufgefallen. Aber die einzigen Büsche, die auf der Bergkuppe wuchsen, standen hier, ganz oben auf dem yed, und zwar in ringförmiger Anordnung. Yed bedeutete

»Ausguck«. Seitdem Menschen den Ménez-Hom bestiegen hatten, hatten sie den Berg strategisch genutzt: Von hier aus hatte man ein Dreihundertsechzig-Grad-Panorama und konnte die umliegende Gegend kilometerweit im Auge behalten. Die verdächtigen Buschmassive zeigten wie die Ziffern einer Uhr in alle Richtungen.

Marie ging ein paar Schritte zurück, sie musste etwas überprüfen. Ja, so war es: Dieser Mann, dieser Florian, der ihr gestern Blumendünger geschenkt hatte, dieser Mann hatte vorhin nicht das gelbe Zeichen des Wanderwegs fotografiert. Das Zeichen war aufgemalt auf ein Stück deutschen Weltkriegsbeton.

Marie griff sich an den Kopf. Sie war erschüttert. Sie hatte immer so gerne die Landschaft von hier oben aus gesehen – die Windungen des Flusses Aulne, der in die Bucht von Brest einmündete; die Hügelketten im Osten; die Küsten der Bucht von Douarnenez und von Crozon, die wie zwei gebogene Arme am Horizont aufeinander zustrebten, dazwischen das schimmernde Meer. Sie hatte das alles nie mit einem militärischen Blick angesehen, und es plötzlich zu tun, war ein Schock für sie.

Der noch größere Schock war aber die andere Erkenntnis. Marie fühlte sich schwach. Sie hatte gewusst, dass ihr Nachbar ein rücksichtsloser Klotz mit einem Protzauto war, der auf Blumen und Nachbarinnen keine Rücksicht nahm. Aber das hätte sie ihm doch nicht zugetraut. Pierre hatte Recht gehabt. Florian war kein gewöhnlicher Tourist. Er war in die Bretagne gekommen, um Nazi-Bunker zu fotografieren. Und wenn ein Deutscher das tat, und zwar derart begeistert, dann … war Florian selbst ein Nazi?! Dann war er wohl ein Nazi.

Sie hatte den Eindruck, sich setzen zu müssen; genau in dem Moment setzte er sich, und zwar in den Schatten eines Nazi-Mauerrests, und nun blätterte er in einem schwarzen Heft. Marie wollte gar nicht wissen, was das für ein Heft war! Und diesen Mann – Marie wurde von Schamgefühl überkommen –, diesen Mann hatte sie vorgestern, widerwillig immerhin, beinah sympathisch gefunden; aber nein, es war schlimmer: Bei der Berührung ihrer Finger hatte buchstäblich etwas zwischen ihnen gefunkt!

Sie machte auf dem Absatz kehrt und ging. Sie hatte keine Lust mehr auf wandern.


Vergeblich versuchte Florian sich vorzustellen, wie dieser Berg mit der sagenhaften Aussicht unter deutscher Besatzung ausgesehen hatte. Hier war seine Oma hingeschickt worden, um irgendeinem Offizier diese merkwürdig nichtssagende Nachricht des Obersts zu überbringen. Er holte die Kladde aus dem Rucksack hervor. Also noch einmal, wie war das alles gewesen? Da war die Passage, so hatte alles angefangen …

Marlene ist im Büro des Obersts, auf der Kommandantur. Sie ist überrascht, fast erschrocken darüber, dem hohen Befehlshaber gegenüberzustehen. Er ist noch nicht lange da, gerade eine knappe Woche. Vorher war er im Landesinneren gewesen, Kommandant auf Schloss Trévarez, eine zentrale Schaltstelle der deutschen Besatzung. Mehr weiß Marlene von ihm nicht. Was will er von ihr, einer einfachen Funkhelferin? Sie weiß nicht, was sie erwartet.

Der Oberst fragt, ob sie schon einmal auf dem Ménez-Hom war. Sie bejaht das. Er legt ein Couvert vor ihr auf den Tisch. Es ist versiegelt. Es enthalte eine Botschaft für Oberstleutnant Hähnel. Ob sie sich den Namen merken könne? Jawohl, das kann sie. Die Botschaft sei persönlich abzugeben, an den Oberstleutnant selbst. Der Oberst legt einen von ihm unterzeichneten Passierschein daneben. Er soll den Durchlass zu Hähnel garantieren.

Marlene nimmt beide Dokumente mit klopfendem Herzen an sich. Warum gerade sie? Doch Befehl ist Befehl.

Als sie zögernd stehenbleibt, will der Oberst wissen, ob sie noch Fragen habe. Ja. Wie soll sie auf den Berg kommen? Sie kann nicht fahren. Der Oberst ruft Leutnant Rosen herein. Rosens Blick streift sie, dann steht Rosen vor dem Oberst stramm. Dem verdankt sie also ihre Mission, ahnt Marlene. Als ob sie seine Bevorzugung wollen würde! Rosen erhält den Befehl, einen Fahrer und ein Fahrzeug bereitzustellen. Nach einigen Minuten erscheint er mit einem Jungen. Viel mehr als das ist der Kriegsgefangene nicht. Es ist der, der Marlene zugezwinkert hat, als sie vor Monaten in Telgruc ankam. Aus der Entfernung hat sie ihn seitdem hin und wieder gesehen.

Der Oberst hebt skeptisch die Augenbrauen. Aber Rosen sagt: »Das ist ein fixer Junge. Fährt jedes Fahrzeug, spricht Französisch und sogar etwas Deutsch. Stimmt’s, Erwin?«

»Jawohl«, sagt der Junge, der bestimmt nicht Erwin heißt, und seine Mundwinkel zucken. Macht er sich über Rosen lustig? Und das vor dem Oberst?

»Der Erwin ist zuverlässig«, betont Rosen, »der ist in seiner Gesinnung fast deutsch.«

»Breiz a tao?«, fragt der Oberst. Marlene hat von den bretonischen Nationalisten gehört, die für Hitler sind, weil sie glauben, der Führer überlasse ihnen nach dem Endsieg die Bretagne.

»Nein«, hebt Rosen an, aber …« Den Rest versteht Marlene nicht, weil Rosen sich zum Oberst beugt und flüstert.

Der Junge tut ganz unbeteiligt.

»Gut«, beschließt der Oberst.

Man hat ihnen einen Kübelwagen gegeben. Sie fahren langsam vom Hof, an einer Gruppe Soldaten vorbei. »He, Erwin«, ruft einer, »grüß deine Schwester von uns! Lad sie mal ein!« Die Soldaten lachen. Warum? Was ist mit seiner Schwester? Verstohlen sieht sie den Jungen an. Der beißt sich auf die Lippen.

Schweigend brausen sie die Landstraße entlang, als der Wind plötzlich da ist, urplötzlich. Kein Wind – ein Sturm! Wütende Böen rütteln am Wagen. Es ist, als hätte man das Licht ausgemacht. Sie hätten noch knappe zwei Stunden Tageslicht haben müssen, aber mit einem Mal ist es fast dunkel. Wie schnell die Wolken bleigrau geworden sind! Erste Tropfen fallen auf die Windschutzscheibe. Marlene fröstelt.

Der Junge lenkt den Kübelwagen konzentriert durch die Kurven. Der Weg steigt allmählich an. Dann erkennt Marlene die Kreuzung, an der sie links abbiegen müssen – die Straße zum Gipfel des Berges.

Sie haben mehr als die Hälfte des Weges geschafft, doch am liebsten würde Marlene umkehren. Das hier ist erst die Ruhe vor dem Sturm, ahnt sie, und jetzt schon fühlt sie sich in dem bebenden Wagen auf dem kahlen, einsamen Berg ungeschützt und verloren. Unsicher blickt sie zu dem Jungen hinüber, doch der sagt nichts. Er hat das Tempo gedrosselt, oder der Wagen kann nicht mehr schneller, denn der Sturm peitscht ihnen entgegen. Kiesel, Sand, die Zweige von Buschwerk schlagen prasselnd auf das Glas der Windschutzscheibe. Kann ein Kübelwagen von bloßem Wind fortgerissen werden, schießt es Marlene durch den Kopf?

Ein Blitz zuckt über den Himmel. Der Donnerschlag, der unmittelbar folgt, ist eine Explosion. Dann geht es los. Hagelkörner schlagen auf sie nieder, die Scheibenwischer stocken im Druck von zu viel Ansturm, die Atmosphäre ist fast schwarz um sie, mit orangefarbenen Schimmern, nur wenn die Blitze den Himmel überziehen, leuchtet fahl die karge Landschaft auf und das niedergedrückte Gras wird für Bruchteile von Sekunden grell sichtbar. Dann tut es einen Schlag, eine Bewegung vor ihnen, der Junge reißt den Lenker herum, der Wagen steht – was war das?! Der Junge öffnet die Tür des Fahrzeugs, der Wind reißt sie ihm aus der Hand, Hagelkörner springen in die Fahrerkabine, das Tosen ist noch lauter hörbar. Der Junge springt hinaus – Marlene folgt ihm. Der Sturm ergreift sie, sie fasst nach der Tür, die plötzlich auf sie zuschlägt, doch sie fühlt sich zur Seite gerissen. »Ça va?«, ruft der Junge. Dann zeigt er nach vorn: »Der Baum!«

Der Baumstamm liegt quer über der Straße. Ein bloßer Pfahl, ohne Äste, die Reste eines toten Baums. Wäre das Ding auf das Verdeck des Kübelwagens gefallen, sie hätten selbst tot sein können. Das ging noch einmal gut. Aber jetzt kommen sie hier nicht weiter.

Der Junge schiebt sie zurück in den Wagen. Mit Mühe gelingt es ihm, die Tür zu schließen. Jetzt sitzen sie fest, auf halber Höhe dieses entsetzlichen Berges, der der Hölle gleicht! Marlene hat Angst. So etwas hat sie noch nie erlebt, nicht für denkbar gehalten. Sie krallt die Hände in die Sitzbank, jedes Mal, wenn ein neuer Donnerschlag ihr die Ohren zerreißt. Der Wagen steht, aber er vibriert verdächtig, manchmal ruckt er so, dass sie denkt, nun reißt der Sturm sie fort in das Tal. Und dann, dieser Auftrag! Selbst wenn sie es könnte, sie darf nicht zurück. Sie muss ja nach da oben!

»Wir warten«, sagt der Junge und lächelt ihr zu. Zaghaft lächelt Marlene zurück.

Sie weiß nicht, wie lange sie schon da sitzen. Das Unwetter tobt mit unablässlicher Wucht. Nur hagelt es nicht mehr. Regenfluten stürzen auf sie herab. Blitze überziehen noch immer den Himmel, der nun komplett schwarz ist. Marlene hält sich noch immer mit beiden Händen am Sitz fest.

»Du hast Angst?«, fragt der Junge.

Sie sollte ihm das vertrauliche »Du« verweisen. Aber die Frage kam so freundlich. Marlene schießen Tränen in die Augen. Die Frage kam wie von einem Freund. »Ja«, sagt sie und wendet das Gesicht ab.

»Ça ira«, hört sie den Jungen sagen, »es wird gehen.«

»Ich hoffe, es wird bald weggehen«, versucht Marlene ein Wortspiel. Sie weiß nicht, ob der Bretone das versteht.

»Bald heißt bientôt, nicht wahr?«

Marlene bejaht das.

»Es wird bald weggehen«, behauptet der Junge. »Aber nicht sehr bald«, fügt er hinzu.

»Das dachte ich mir.«

Sie sitzen wieder eine lange Zeit schweigend. Marlene ist in ihren Gedanken zuhause, bei ihren Eltern, von denen sie seit Wochen nichts mehr gehört hat.

»Jetzt wird es bald weggehen«, verkündet der Junge nach einiger Zeit und reißt sie aus ihren Träumen.

Ach ja? Noch immer regnet es in Sturzbächen, es blitzt und donnert. Aber es stimmt, die Abstände dazwischen sind größer geworden, und der Kübelwagen ruckt nicht mehr so bedrohlich im Sturm.

»Nach oben?«, fragt der Junge.

»Ja, nach oben«, gibt Marlene entschlossen zurück.

»Auf einem anderen Weg«, sagt er.

»Gut«, stimmt sie zu. Ihr ist bewusst, dass der Erfolg ihrer Mission damit ganz von dem Jungen abhängt. Sie weiß nicht, wo sie sind und wie sie jemals den Gipfel erreichen sollen.

Der Junge dreht den Zündschlüssel. Nichts. Er versucht es noch einmal. Der Motor des Kübelwagens bleibt stumm. »Dame, ha!«, schimpft der Junge.

Marlene ist erschrocken. Nun hängen sie wirklich fest, in Nacht und Einöde. Sie friert und ist hungrig. Und sie hat einen Auftrag. »Was machen wir?«, rutscht es ihr heraus. Sie schämt sich, sie weiß, sie sollte Befehle erteilen.

»Warte«, sagt er und springt hinaus, in das verregnete Chaos. Marlene reißt ihre Tür auf. »Wo willst du hin?«, schreit sie, sie kann

ihn nicht sehen.

»Warte im Auto«, hört sie ihn, dann nichts mehr. Marlene schließt die Wagentür. Jetzt ist sie allein.


Marlene hat sich auf dem Sitz zusammengerollt, die hochgezogenen Knie hält sie zwischen den Armen. Sie hat einmal versucht, aus dem Wagen zu steigen und zu Fuß Richtung Gipfel zu gehen, aber sie musste nach wenigen Metern zurück in den Schutz des Wageninneren. Sie weiß nicht, ob der Junge zurückkehren wird. Wahrscheinlich nicht. Warum sollte er? Es ist seine Chance, der Kriegsgefangenschaft zu entfliehen.

Obwohl sie steif vor Kälte ist, nickt sie ein. Ein Geräusch bringt sie zu sich – das Geräusch eines Motors. Sie rappelt sich auf, öffnet die Tür. Ein gelbliches Licht ist hinter dem Wagen aufgetaucht – der Scheinwerfer eines Motorrads

»Tu viens?«, ruft der Junge.

Während sie ungelenk aus dem Laster klettert, fragt Marlene sich, wo er das Motorrad herhat. Nun hat er es gewendet. Sie steigt hinter ihm auf. Sie ist noch nie Motorrad gefahren. Zögernd legt sie die Arme um ihn. Dann ruckt es, als er Gas gibt, und sie drückt sich fester an ihn.

Er fährt nicht schnell, trotzdem reißt die Luft an ihnen, es ist noch genug von den stürmischen Windböen da. Der Regen peitscht ihr in das Gesicht, sie drückt den Kopf auf die Schulter des Jungen. Sie fahren bergab. »Wir müssen hoch«, ruft sie ihm ins Ohr.

»Je sais«, ruft er zurück.

Sie legt das Gesicht wieder auf die schützende Schulter. Sie gleiten durch Nacht und Regen. Es fühlt sich nach Gefahr an, aber es ist kein nur schreckliches Kribbeln. Bis sie von der Straße abbiegen. Plötzlich hüpft das Motorrad, sie fahren über Erde und Stein. Das Hinterrad rutscht manchmal kurz weg, auf dem nassen und unebenen Boden, Marlene muss sich mit aller Kraft ihrer taub werdenden Hände am Jungen festhalten, um nicht vom Beifahrersitz zu gleiten. Lange wird sie diese Fahrweise nicht mehr aushalten. Doch sie fahren bergauf – es kann nicht mehr weit sein?

Ein Donnerschlag lässt sie zusammenzucken. Marlene fällt auf, wie lange nur noch das Prasseln des Regens und das Rattern des Motors zu hören gewesen waren, sonst nichts mehr. Wo kommt der Donner erneut her? Ein Netzwerk von Blitzen überspannt den Himmel. Sie sieht eine Mondlandschaft um sich, ohne Bäume, hier und da weiße Formen, Gestein. Der Junge flucht, stoppt das Motorrad. »Ça recommence«, stellt er fest.

Es geht wieder los, ja, Marlene sieht es. Das Motorrad steht, mit laufendem Motor.

»Ist es noch weit?« schreit Marlene, um den Donner zu übertönen. Aber in dem Moment weiß sie schon selbst, dass der Gipfel des Berges zu weit unter diesen Umständen ist.

»Nach unten! Wir müssen!«, hört sie den Jungen.

»Ja«, ruft sie. Und dann geht es wieder los. Der Wind ist kein Wind mehr, er nimmt ihnen den Atem, der Junge hat Mühe, das Motorrad auf seiner Spur zu halten, sie rasen bergab, der Junge bremst nicht, er weiß, es ist ein Wettlauf mit der Zeit, das Unwetter wird schlimmer werden! Es ist ein Sturzflug, Marlene hat Panik, zigmal meint sie, sie stürzen, aber es geht immer weiter, sie springen über etwas, das im Weg lag, das Motorrad kommt schlingernd wieder auf, und weiter, nach unten, immer weiter, nur geben Marlenes jetzt taube Hände nach, sie spürt es … Der Junge schreit etwas, sie kann ihn nicht verstehen, aber es wirkt: Sie nimmt sich zusammen, drückt ihre Finger, die sie nicht mehr fühlt, um den Körper zusammen, an den sie sich festhält, der ihr einziger Halt ist.

Dann rollen sie plötzlich über Asphalt. Das Motorrad beschleunigt. Die Hoffnung gibt Marlene neue Energie. Sie spannt den schmerzenden Körper an, das Motorrad jagt einen Hügel hinauf, sie rollen langsamer, dann an einer Mauer vorbei auf weichen Untergrund. Die Räder drehen durch, lassen Schlamm auffliegen, dann greifen sie, und langsam schlingern sie auf ein Gebäude zu. Sie halten an der Wand der Kirche.

Mit zittrigen Beinen steigt Marlene ab. Fast sinkt sie zu Boden. Sie ist am Ende. Sie lehnt sich an die Kirchenwand, neben das Motorrad. Der Junge nimmt sie am Ellenbogen, zieht sie mit sich. Sie gehen immer an der Kirchenwand entlang, dann stoßen sie auf ein Portal. Der Junge drückt die schwere Klinke, zu Marlenes Überraschung schwingt das Portal auf. Sie treten ein.

Es riecht muffig. Die Kälte ist nicht geringer als draußen. Doch es ist trocken hier, und das Tosen des Unwetters dringt nur gedämpft durch die dicken Mauern.

Der Junge bewegt sich sicher durch den finsteren Raum, springt über etwas hinweg. Dann ein Zischen, eine Flamme. Das Zündholz erlischt, doch wird sein kleines flackerndes Licht durch das warme, größere einer Öllampe ersetzt. Wo kommt sie her? Der Junge steht hinter einer Balustrade. Er steht in einem hellen Glanz, der nicht nur von der Lampe herkommt. Marlene staunt. Sie tritt näher an die Balustrade heran. Goldgeflimmer überall, Augen, die über sie hinweg in die Kirche schauen, dramatische Gesten, rote und blaue und gelbe Gewänder – es sind nur die Statuen von einem Altaraufbau, aber der erstreckt sich über den Lichtschein der Öllampe hinaus über die ganze Rückwand der Kirche.

»Voilà«, der Junge reicht ihr etwas über die Balustrade, es ist weich, eine Decke. Marlene legt sie sich ungelenk um. »Komm«, fordert der Junge sie auf und leuchtet ihr den Weg bis zum Altar, wo die Balustrade sich öffnet. Marlene scheut sich ein wenig davor, den Altarbereich zu betreten, aber der Junge nimmt sie an der Hand und zieht sie zu sich. Er stellt die Öllampe auf den Boden und macht Marlene Zeichen, sich zu setzen. Dann lässt er sich neben sie fallen.

»Die Schuhe«, sagt er schlotternd und zieht seine Schuhe aus. Marlenes Finger sind taub. Der Junge muss ihr helfen, ihre durchnässten Schuhe auszuziehen. »Die Jacke«, sagt er dann mit klappernden Zähnen. Er zieht seine aus und hängt sie über die Balustrade, dann die von Marlene. Der Junge wickelt sie fest in ihre Decke. »Le reste séchera«, versichert er.

»Ich glaube nicht, dass hier etwas trocknet«, antwortet Marlene, deren Zähne ebenfalls klappern.

»Tu parles français?«, bringt der Junge heraus.

»Ein wenig.«

Sie schweigen, lauschen dem Gewitter da draußen und dem Klappern ihrer Zähne. Die Decke tut gut, aber sie reicht nicht aus. Und der Junge hat gar keine.

»Tu as froid?«, bringt er nach einer Weile schlotternd hervor.

»Weniger als du«, sagt Marlene. Sie wickelt sich aus ihrer Decke und reicht ihm einen Teil. Er rückt näher an sie heran und sie legen die Decke um sie beide. Es ist das erste Mal, dass Marlene einem Jungen so nah ist. Sie berührt aus Versehen seine Hand, sie ist eiskalt. Nach und nach hört Marlene auf zu zittern und die Erschöpfung überwältigt sie. Im Halbschlaf lässt sie sich fallen, gegen den Jungen, wie sie noch restweise wahrnimmt. Er fühlt sich angenehm warm an.


Ein Lichtschein dringt durch ihre geschlossenen Augen. Blinzelnd versucht Marlene zu erkennen, was los ist. Jemand leuchtet ihr in das Gesicht. Der Junge brummt wie ein verschlafenes Kind, das nicht geweckt werden will. Dann plötzlich ist er doch wach, springt auf, verfängt sich in der Decke. Er sagt etwas zu der Person mit der Lampe. Die Worte kann Marlene nicht verstehen, sie sind bretonisch. Aber die Stimme des Jungen klingt erleichtert. Er kennt den Eindringling offenbar.

Leise stellt der dem Jungen knappe Fragen. Er leuchtet ihr erneut voll in das Gesicht. Marlene dreht sich fort. Sie versteht: Der Fremde will wissen, was sie hier zu suchen hat. Wer ist das? Was macht er hier, mitten in der Nacht? Will auch er sich vor dem Unwetter schützen? Was machte er dann da draußen? So lange nach Sperrstunde! Wer schleicht nach der Sperrstunde noch herum, wenn nicht …? Diese Decke und diese Öllampe in der einsamen Kapelle, die nicht abgeschlossen war. Marlene drückt sich mit dem Rücken an die Balustrade, an der sie lehnt, intuitiv zieht sie die Decke um sich zusammen. Weglaufen würde nicht helfen. Wohin sollte sie? Sie meint, in der Hand des Mannes, die er in seiner Jackentasche hält, etwas Eckiges, Großes zu erkennen – eine Waffe. Es ist kein Problem für den Fremden, sie auf der Stelle zu töten. Niemand sieht es, niemand hört es. Marlene schaut flehentlich zu dem Jungen.

Überraschend ruhig antwortet der dem Fremden. Ist seine Ruhe nur vorgetäuscht? Marlene weiß es nicht, aber sie fühlt sich selbst ein wenig ruhiger. Sie beobachtet den Mann, dessen Züge sie, noch immer geblendet von der Lampe, nicht ausmachen kann. Doch auch er hat aufgehört mit seinen brüsken Schritten vor und zurück, mit seinen zackigen Gesten. Er hört den Erklärungen des Jungen zu, den Rechtfertigungen, warum sie, Marlene, hier ist. Ihr Herz pocht wild. Der Mann ist noch nicht zufrieden mit den Erklärungen, seinerseits hebt er zu einer Rede an, es klingt wie ein Sermon, er liest dem Jungen die Leviten, aber nicht mehr so böse, mehr wie ein großer Bruder den kleinen zurechtweist. Der Junge hört sich alles an, dann sagt er wieder ein paar Sätze in diesem Tonfall, der eine so große Ruhe ausstrahlt.

Der Fremde senkt den Kopf. Jetzt wird über sie gerichtet, weiß Marlene. Noch kann sie aufspringen, durch die dunkle Kapelle rennen, sich zumindest nicht wie ein zusammengekauertes Kaninchen erschießen lassen. Sie fängt einen Blick des Jungen auf. Hat er ihr zugezwinkert?

Der Mann brummt etwas vor sich hin und boxt den Jungen gegen die Schulter. Der legt dem Mann einen Arm um den Hals. Der Mann gibt ihm einen Klaps auf den Hinterkopf. Dann stellt er ihre Öllampe ab und geht. Marlene sieht ihm nach, wie er im Dunkeln außerhalb des Lichtkegels verschwindet. Sie kann es kaum fassen. Da dreht sich der Fremde noch einmal um und sagt etwas, das ermahnend klingt, trotz allem bedrohlich. Marlene will, dass er endlich weggeht! Das Kirchenportal schlägt zu. Danke, lieber Gott. Sie ist nicht besonders gläubig, aber sie wiederholt innerlich ihr Stoßgebet.

Der Junge setzt sich neben sie, sie reicht ihm seinen Teil der Decke und er legt ihn wortlos um sich. Er lächelt ihr zu. »Alles gut«, sagt er. Ja, sie weiß das. Sie hat keine Scheu mehr davor, sich an ihn zu lehnen, den Kopf an seine Schulter. Sie schließt die Augen und schläft wieder ein.


Sie wacht auf, weil etwas fehlt. Seine Wärme, sein Geruch. Marlene schaut um sich. Dämmerlicht erfüllt die Kapelle. Sie steht auf, er ist fort. Ja, fort, seine Jacke und Schuhe liegen nicht mehr an ihrem Platz. Natürlich, jetzt endlich hat er die Gelegenheit ergriffen zu fliehen.

Marlene zieht ihrerseits Jacke und Schuhe an. Alles noch klamm, aber nicht mehr triefend. Sie tritt vor die Kapelle. Die Sonne steht noch niedrig, ein leichter Dunst liegt über der Erde. Aber regnen tut es nicht mehr. Es riecht nach Feuchtigkeit und Laub – zum ersten Mal riecht es nach Herbst, nach Oktober. Marlene wandelt von der Kirche fort, um sich einen versteckten Ort für ihr Bedürfnis zu suchen und die steifen Glieder zu bewegen. Sie geht einmal um die Kapelle herum. An der Frontseite, am Rande der Landstraße, steht der Junge neben dem Motorrad, dessen Sitze er mit dem Ärmel abwischt. »On y va?«

Marlene strahlt ihn an. Sie kann nicht anders.

Sie besteigen das Motorrad und brausen los. Das Wasser der nassen Straße spritzt unter ihren Reifen. Sie sehen den Sonnenaufgang nicht, die Sonne ist ihnen im Rücken. Aber sie sehen ihren eigenen langen Schatten, der vor ihnen her huscht. Und sie sehen das Licht der Sonne. Sie fahren aus dem Dunst heraus, und die Sonne färbt die Landschaft vor ihnen goldgelb. Es ist ein lebendiges Goldgelb, nicht das feierliche, verfallend-alte des Altaraufbaus in der Kirche. Das goldgelbe Licht tönt die Farne, die Büsche, die Bäume, die weiten Wiesen um sie herum noch grüner. Der gelbe Stechginster am Straßenrand glüht ihnen entgegen, rauscht an ihnen vorbei, liegt schon wieder hinter ihnen. Goldgelb glänzend erstreckt sich zu ihrer Linken das Meer.

Sie rasen die Straße entlang, bergauf, bergab, neigen sich in die Kurven, Marlene fühlt sich schwerelos, frei wie eine Möwe. Sie möchte auch schreien wie eine Möwe, aber sie tut es nicht. Sie legt ihren Kopf auf seiner Schulter ab, nur noch einmal. Sie wünscht, dieser Augenblick möge nie zuendegehen.

Das Motorrad verlangsamt, als Telgruc vor ihnen auftaucht. Der Junge hält an. Marlene begreift. Sie steigt ab. Jetzt ist der Moment des Abschieds gekommen. Sie weiß nicht, was sie empfinden soll. Sie ist wie ein Seemann, der wieder festen Boden unter den Füßen hat, fühlt noch den Rausch dieser einzigartigen Fahrt. Aber da sind noch die anderen Gefühle … Sie steht neben ihm, sie sehen sich an, keiner sagt etwas. Dann grinst er plötzlich und fragt: »Comment t’appelles-tu?«

Marlene nennt ihren Namen. Er nennt auch seinen. Sie versteht ihn nicht. Er sagt ihn noch einmal. Marlene wiederholt ihn. Er nickt. Dann wendet er das Motorrad auf der nassen, goldglänzenden Landstraße und rast davon, der Sonne entgegen.

Marlene schaut ihm nach, bis er verschwunden ist.

Wenn die Botschaft nicht gewesen wäre, wäre das alles nicht passiert. Die Botschaft. Marlene holt das Couvert hervor. Es ist feucht, das Siegel hat sich gelöst. Marlene zögert. Sie ist vollkommen allein, niemand sieht sie. Sie will wissen, wofür das alles gut war. Behutsam zieht sie das zusammengefaltete Blatt hervor. Es ist kaum mehr als eine Notiz. Die Tinte ist großteils verlaufen, aber die Schrift ist noch lesbar: »Lieber Hähnel, herzlichen Dank bezüglich Ave Maria! Alles gut angekommen. Deine Kiste Champagner erwartet Dich.« Gruß und Unterschrift. Das war es. Mehr nicht.

Marlene faltet das Blatt wieder zusammen, schiebt es in das Couvert zurück. Dafür also. Dafür also?! Dafür die Stunden des Frierens und Hungerns, sie kann kaum mehr stehen vor Hunger und kaum mehr denken! Dafür die Stunden der Angst, vor dem Unwetter, vor dem Fremden in der Kapelle! Dafür – ja dafür auch alles andere …

Marlene geht los. Aber sie geht langsam. Vielleicht wird sie noch mehr Ärger bekommen, je später sie meldet, dass sie ihre Mission nicht erfüllt hat. Wobei sie nicht glaubt, dass die Sache in irgendeiner Weise wichtig war oder eilig. So oder so. Sie will, dass er einen Vorsprung hat, wenn sie anfangen, ihn zu suchen.

Florian ließ die Kladde sinken. Wer war er gewesen, der junge Kerl? Aber er konnte verstehen, warum seine Oma nie seinen Namen notiert hatte. Wie sicher war so ein Tagebuch damals gewesen, in dieser Zeit, in der so viele Nazi-Deutsche ihre Nachbarn, Kollegen, Freunde und Familienangehörigen ausspionierten? Dass sie seinen Namen nicht verraten hatte, war also verständlich; noch immer nicht verstehen konnte Florian aber, was damals weiter geschehen war.

Denn als Marlene später am Tag mit dem Oberst von der Kapelle zurückgekommen war, hatte der Kübelwagen, den sie auf dem Berg gelassen hatten, im Hof der Kommandantur gestanden, und daneben – er selbst, der Junge. Er war zurückgekommen, war nicht geflohen. Stand da, als hätte er nichts Besseres zu tun, als heimlich Marlene zuzuzwinkern – genau das hatte er nämlich getan. Also, Mut hatte der junge Mann gehabt, aber ein bisschen blöd war er wohl auch gewesen, sich so eine Chance entgehen zu lassen. Und seine Oma? War hin- und hergerissen gewesen, zwischen Erleichterung, Fassungslosigkeit und … unsinniger Freude.

Ach Oma. Was für eine schreckliche Zeit. Und wie konntest du das nur aufschreiben? Name hin, Name her, wenn dir jemand Böses gewollt hätte, wäre so eine Geschichte auch so kompromittierend genug gewesen! Seine Oma …

Bestürzt und nachdenklich schob Florian die Kladde tief in den Rucksack. Seine Hand stieß dabei an das Handy. Mechanisch zog er es heraus. Keine Nachrichten, von niemandem. Dabei musste Boris heute den Karmann Ghia aus der Werkstatt abholen. Es war Zeit, ihn zu kontaktieren; später. Aber jetzt … Er konnte nicht anders, er musste anrufen … Natürlich ging niemand dran. Aber nach dem sechsten Freizeichen kam das Klicken des Anrufbeantworters, und dann: »Dies ist der Anschluss von Katharina und Florian Reinart. Bitte hinterlassen Sie eine Nachricht, wir rufen gerne zurück.«

Florian drückte schnell den Knopf mit dem roten Hörerzeichen. Er wollte keine Nachricht hinterlassen. Er wollte nur Katharinas Stimme hören; sie hatte das Band besprochen. Er wählte seine Nummer noch einmal.

8. Von einer Maus und einem Rat

Unterhalb der Kathedrale, die dem heiligen Corentin geweiht war, erstreckte sich die Fußgängerzone von Quimper mit ihren schiefen Fachwerkhäusern und den verwinkelten Plätzen; hier steuerte Marie den großen Marktplatz an. Jenseits der Markthalle lag ihr Treffpunkt mit Isabelle.

Die saß schon an einem der bunten Tische am Ufer des Steir und winkte ihr zu. Die Freundinnen gaben sich die bises. »Schön, dass du so spontan kommen konntest«, sagte Marie dann. »Ich hoffe, Momo ist nicht sauer darüber, dass du ihn im Laden allein lässt?« Isabelles unsteter Lebenspartner war zugleich ihr Geschäftspartner. Die beiden hatten einen kleinen Laden, in dem sie hochwertiges Kunsthandwerk und Wohnaccessoires aus Marokko verkauften.

Isabelle zog einen Flunsch. »Oh, ich habe ihm keine Wahl gelassen. In letzter Zeit ertrage ich ihn kaum mehr.«

»So schlimm?«

»Sagen wir es mal so: Hast du das Sternzeichen deines Nachbars für mich herausgefunden?«

Maries kritische Augenbraue zuckte nach oben, sie wollte schon mit ihrer neuesten Entdeckung loslegen, aber da kam die Bedienung und kaum, dass sie bestellt hatten, verkündete Isabelle, sie müsse auf die Toilette.

Ihr Handy hatte Isabelle auf dem Tisch liegen gelassen. Marie griff danach; sie hatte ihres nicht mit, denn sie hatte mit einer Entziehungskur begonnen. Sie ertrug es selbst nicht mehr, wie sie zigmal am Tag – nein, wenn sie es bei sich hatte, zigmal pro Minute auf das Display starrte, in der absurden Hoffnung, er würde sich melden … Ah, Sylvain. Sie verstand selbst nicht, warum etwas in ihr an ihm festhielt.

Marie wusste die Nummer der Schifffahrtsgesellschaft Penn ar Bed auswendig. Sie reservierte einen Platz für die Acht-Uhr-Überfahrt zur Insel Sein in zwei Tagen und rief danach gleich ihren papy an, um ihm ihren baldigen Besuch anzukündigen.

»Das ist aber schön!«, freute sich Erwann Cadiou.

»Ich freue mich auch«, gab Marie aus tiefstem Herzen zurück.

»Ich wollte dich schon längst sehen, aber ich hatte so viel zu tun mit

Elodies Haus …«

»Das kann ich mir denken. Und gibt es sonst etwas Neues? Von dem unseligen Syl…«

»Ein Nachbar. Ich habe einen neuen Nachbar«, unterbrach Marie ihren papy schnell. »Oh papy, es ist schrecklich! Dieser Mann ist Deutscher, und er ist – wie soll ich sagen – eine unhaltbare Lebenszumutung!«

In diesem Moment kam Isabelle zurück, die den letzten Satz ihrer

Freundin aufgeschnappt hatte und sich kopfschüttelnd setzte.

»Ein Deutscher, der eine unhaltbare Lebenszumutung ist, soso«, hörte Marie ihren papy neugierig und eher amüsiert sagen.

»Es ist wahr!«, protestierte sie. »Er hat meine Hortensien überfahren und dann fast mich selbst, bevor er meine Lieblingsbucht okkupiert und mich mit einer Meeresschnecke beschossen hat, und – was gibt es da zu lachen?«

»Die Liste der Missetaten war etwas komisch«, gab ihr papy zurück und Marie meinte, ihn schmunzeln zu sehen. Unwillkürlich schmunzelte sie mit. »Ich finde die Situation aber gar nicht komisch«, beteuerte sie. »Heute hat der Deutsche Nazi-Bunker auf dem MénezHom fotografiert. Der ist mir unheimlich, ich will den loswerden!«

»Gib mal den Hörer«, hörte Marie eine bekannte Stimme aus dem Hintergrund. Paul, der beste Freund ihres papys, war also bei ihm. Im nächsten Moment sprach Paul in den Hörer: »Du willst einen Deutschen loswerden? Sehr gut, das ist alte bretonische Tradition!«

»Naja, seit siebzig Jahren nicht mehr, aber ich habe gute Gründe«, gab Marie etwas vorsichtiger zurück. Sie dachte an Pierre. Nein, sie war bestimmt keine, die Deutsche »boches« nannte.

»Du weißt doch, was die Résistance damals gemacht hat«, fuhr

Paul unbeirrt fort. »Sabotage! Telefonkabel durchschneiden, Reifen von deutschen Fahrzeugen durchstechen, Züge entgleisen lassen und so weiter …«

»Paul, du hast mir oft genug von der Résistance und deinen Brüdern erzählt, aber …«

»Kein aber, wenn du ihn ernsthaft loswerden willst. Und wenn der

Mann die alten Gefechtsbunker fotografiert, dann ist das seltsam.«

»Ich weiß; aber ich kann dem Typ doch nicht einfach die Reifen seines Porsches durchstechen. So ein Protzauto fährt der nämlich. Der zeigt mich an und ich lande hinter Gittern.«

»Du kannst uns mehr von deinem Nachbar erzählen, wenn du bei uns bist«, sagte ihr papy, der den Hörer wieder an sich genommen hatte. »Bis dahin, lass seine Reifen bitte heil und ihn selbst am Leben.«


»Sabotage – du wirst alt, mein Freund, und vergisst wohl, welches Jahrtausend wir haben«, bemerkte Erwann dann, nachdem er den Telefonhörer aufgelegt hatte.

»Das tue ich nicht! Ich bin absolut klar im Kopf, auch wenn die

Gelenke nicht mehr so wollen«, hielt Paul dagegen.

»Dann solltest du Marie keinen Floh ins Ohr setzen. Du kennst sie, sie ist so impulsiv. Nachher macht sie wirklich irgendwelchen Unsinn«, gab Erwann zu bedenken.

»Und wenn schon«, knurrte Paul, »das kann dem boche doch nicht schaden. Ein Mann, der sich für die Gefechtsstationen der Nazis auf dem Ménez-Hom begeistert, pah!«

»Ein Tourist, der überraschend alte Kriegsanlagen entdeckt hat, das denke ich eher. Ist doch immer spannend, Ruinen und so etwas zu finden. Ich wusste gar nicht, dass da noch etwas zu sehen ist, du?«

Paul zuckte die Achseln.

Erwann versank im Nachdenken. Dann schüttelte er den Kopf.

»Diese jungen Menschen von heute, die wissen gar nicht mehr, was diese Anlagen bedeuteten.«

»Hm.« Paul schob die Unterlippe vor. »Bald sind wir tot, und dann weiß es niemand mehr. Nur noch die Geschichtsbücher, und die liest keiner.«

»Ist heute schlimm, mit deiner Arthritis, wie? Mein armer Alter. Komm, lass uns an den Strand gehen, die Sonne genießen«, Erwann klopfte Paul aufmunternd auf die Schultern.

»Ist gut, Erwann«, brummte Paul. Sie hakten sich ein, damit Paul sich mit seinen schlechten Knien auf Erwann stützen konnte. Fridu, Erwanns bretonischer Spaniel, sprang Möwen jagend um sie her, als sie langsam in Richtung Strand liefen. Zwei alte Männer und ein junger Hund, auf den Quais der Île de Sein.


»Sag mal, was hast du da von deinem süßen Nachbar erzählt, das mit den Bunkern?«, fragte Isabelle ungläubig, sobald Marie das Telefonat beendet hatte.

Die Bestellung kam, ein Crumble und zwei Latte Macchiato aus in Quimper geröstetem Kaffee. Marie wartete, bis die Bedienung sich wieder entfernt hatte, dann brach es aus ihr heraus: »Ich habe es mit eigenen Augen gesehen! Ich war auf dem Ménez-Hom wandern; und er war zufällig auch da; das heißt, für ihn war es eben gar kein Zufall, nein, der wusste bestimmt, was er auf dem suchte: Da sind Reste von Bunkern, Isabelle, von Gebüschen überwuchert, und ich habe es noch nie bemerkt! Er schon. Er fotografierte, einen Bunker nach dem anderen, aus allen Perspektiven, systematisch. Er wirkte regelrecht high dabei. Ich will nicht neben so einem wohnen!« Marie machte eine brüske Protestgeste mit ihrem Kaffeelöffel, so dass der Milchschaum ihrer Freundin ins Gesicht spritzte.

»Danke«, meinte Isabelle und wischte sich mit der Papierserviette ab. »Du bist ja nicht besser als dein Deutscher mit seiner Meeresschnecke.«

»Mein Deutscher? Jetzt hör endlich auf! Du hast doch gehört, der ist ein Nazi!« Maries Augen funkelten zornig.

Doch Isabelle kannte diese Ausbrüche ihrer Kindheitsfreundin und meinte nur: »Iss erstmal deinen Crumble, sonst wird er kalt. Dann erzähle ich dir solange, was Momo diesmal verbrochen hat.«

Der Crumble war zu lecker, um ihn erkalten zu lassen; schicksalsergeben schob Marie sich den ersten Löffel in den Mund, Flap Jack-Stücke, verrührt mit einem Kompott aus roten Früchten, Apfelstücken und Walnüssen … Langsam und genüsslich aß Marie ihre Nervennahrung, während Isabelle ihr im Grunde nichts Neues erzählte. Momo hatte sich mit einer anderen Frau getroffen, obwohl er mit Isabelle verabredet gewesen war, und so weiter und so weiter … Marie schloss die Augen, als sie den letzten Bissen der Köstlichkeit in den Mund schob. Als sie sie wieder öffnete, sah sie in die traurigen Augen ihrer Freundin, die mit ihrem Bericht fertig war. »Was soll ich sagen?«, fragte Marie ertappt, aber mitfühlend.

»Seitdem du mit Momo zusammen bist, kannst du dich nicht dazu entscheiden, ihn zu verlassen. Mach Schluss, Isabelle, ein für alle Mal. Wie lange willst du dich noch mit ihm herumquälen?«

»Ich weiß, es wäre Zeit für etwas Richtiges, etwas Ernstes. Wenn die magische Schwelle der dreißig einmal überschritten ist … Komisch, ich fühle mich noch gar nicht so uralt. Aber meine Eltern sehen in mir eine alte Jungfer – da sie ja Momo geflissentlich übersehen –, und was die Produktion von Enkelkindern betrifft, bin ich für sie längst ein hoffnungsloser Fall.«

Marie streckte die Hand nach der ihrer Freundin aus. »Sprich nicht so bitter. Du hörst dich gar nicht an wie du selbst. Eltern sind manchmal bescheuert. Ich kenne das.« Sie wechselte das Thema und berichtete von Pierres schockierendem Annäherungsversuch.

Isabelle sah nicht sonderlich überrascht aus und murmelte nur ein paar Teilnahme ausdrückende Worte. Dann runzelte sie die Stirn und fragte: »Dieser mysteriöse Nachbar – wie heißt der eigentlich?«

»Florian«, seufzte Marie abwehrend, »aber warum fängst du schon wieder von dem an?«

»Flori-yann?«, hakte Isabelle nach.

»Du weißt doch, die Deutschen haben keine Nasale.«

»Floriyann, das ist hübsch. Und du bist sicher, dass du den nicht insgeheim magst und dass er der Richtige ist, du weißt schon, der Mann fürs Leben der Wahrsagung?«

Marie verschluckte sich an ihrem Kaffee.

»Ich meine, du bist so betroffen darüber, dass Florian ein Nazi sein soll«, beharrte Isabelle.

Marie hörte endlich auf zu husten und brachte hervor: »Du bist unverbesserlich! Ich habe dir x-mal gesagt, dass ich an Hellseherei und Schicksal nicht glaube; und abgesehen davon: Die Wahrsagerin prophezeite mir einen Mann, der mir immer schon nahe gewesen sein soll; aber wo kommt Florian her? Aus Deutschland. Das ist nicht gerade nah, oder? So, reicht dir das? Lässt du mich jetzt mit dem Nazi in Ruhe? Oder willst du noch immer sein Sternzeichen für den Eigenbedarf?«

»Jetzt bist du es, die viel zu sarkastisch klingt. – He, lass uns das Leben genießen! Lass uns mal wieder tanzen gehen! Das haben wir ewig nicht mehr gemacht, und Sonntag ist der 14. Juli! Da gibt es das ganze Wochenende überall Fest Noz. Wie wär’s: Ich komme auf deine Halbinsel, und du suchst aus, wo wir hingehen.«

»Tanzen?«

»Aber klar!« Isabelle lachte. »Und heute kaufen wir dir einen heißen Fummel.«

So klapperten die Freundinnen, nachdem sie das Café verlassen hatten, ein Geschäft nach dem anderen ab und probierten die verrücktesten Kleider an, manche nur so, zum Spaß, weil sie sie so furchtbar fanden. Dann hatte Marie »ihr« Kleid gefunden, fand Isabelle. Marie stand vor dem Spiegel und zupfte am Dekolleté herum.

»Ich komme mir ein bisschen nackt vor«, stellte sie fest und zog eine

Schnute.

»Du siehst toll aus, in Rot«, versicherte Isabelle, »grandios! Da fangen die Kerle gleich an zu sabbern.«

»Dann nehme ich es garantiert nicht!«

»Klar nimmst du’s.«

Am Ende kaufte Marie wirklich das rote Kleid. Es würde ohnehin abends frisch sein, da konnte sie ein Jäckchen überziehen.

Zum Abschied nahmen die Freundinnen sich lange in die Arme.

»Du«, hob Marie zaghaft an, bevor sie sich vor der Kathedrale endgültig trennten.

»Ja?«

»Meinst du, Florian ist wirklich ein Nazi?«

»Nein, Marie. Ich habe den Mann gesehen. Der sah vollkommen harmlos aus.«

»Jaja, und süß, hast du gesagt«, spottete Marie. »Er hat trotzdem diese Bunker fotografiert.«

»Vielleicht interessiert er sich für Geschichte«, schlug Isabelle eine

Erklärung vor.

»Eben – für Nazi-Geschichte«, bestätigte Marie.

»Wenn du dich in eine Idee verbohrst, ist es sowieso egal, was ich sage. Du bist ja so stur!« Isabelle stemmte die Hände in die Hüften.

Marie machte eine Grimasse. »Ich bin nicht stur. Ich will nur nicht neben einem Nazi wohnen. Übrigens ist er vom Dach gefallen und ich musste ihn auch noch verbinden.«

»Ach, und das erfahre ich erst jetzt?!«

»Was sollte ich tun, er blutete, da musste ich helfen. Jetzt bereue ich es beinahe. Soll ich tatsächlich anfangen, ihn zu sabotieren? Ich frage mich, wie ich das machen sollte.«

»Marie, du spinnst«, schimpfte Isabelle. »Du verurteilst den armen Florian, ohne ihn im Geringsten zu kennen. Ich sehe ein, dass es heikel wäre, ihn direkt nach seinen politischen Gesinnungen zu fragen. Andererseits – ich würde erstmal abwarten. Mir allmählich ein Urteil bilden. Ich meine – ich weiß auch nicht. Behalte ihn einfach erstmal im Auge.«

Behalte ihn im Auge – diesen Rat fand Marie gar nicht mal schlecht, als sie später auf der Heimfahrt darüber nachdachte.


Florian wachte auf und streckte sich. Er war nach seiner Wanderung auf dem Ménez-Hom erschöpft auf der Couch eingeschlafen. Jetzt hatte er Hunger. Er schlurfte in die Küche und öffnete den Küchenschrank. Zwei schwarze Äugelein. Dann war die Maus hinter seine Vorräte gehuscht.

»Scheiße«, schrie Florian und begann hastig, den Küchenschrank auszuräumen. Wo war das Viech hin? Bei jedem Griff in den Schrank hatte er Angst, es werde hinterrücks zubeißen. Da war sie! Der Schrank war fast leer, die Maus konnte sich nicht mehr verstecken. Nur noch das Glas mit dem alten Kaffeepulver, und dann – für den Bruchteil einer Sekunde sahen Maus und Mensch sich in die Augen. Dann rannte die Maus panisch los, nach rechts, nach links, sie fand keinen Ausweg, Florian näherte seine Hand zögernd dem Schrank, da schoss die Maus auf ihn los, machte einen Satz auf seine Schulter, er spürte ihre kralligen Pfötchen seinen Arm hinabhuschen, dann sprang die Maus wie ein Geschoss auf die Spüle, von der Spüle auf den Boden, ehe sie in der Ritze zwischen Küchenschrank und Hauswand verschwand.

Florian stolperte zurück und ließ sich auf einen Küchenstuhl fallen.

»Horror«, stieß er aus. Dann schnappte er sich sein Wörterbuch und rannte aus dem mäuseverseuchten Haus.

In dem Garten mit dem duftenden Blumenmeer spazierten wie stets Hühner umher. Immerhin attackierten die einen nicht, dachte Florian. Er klopfte heftig an Yvonnes Haustür. »Bonjour«, grüßte die alte Dame und sah ihm fragend in sein bestürztes Gesicht.

Maus, Florian suchte das Wort hastig im Wörterbuch. »Souris!«, stieß er aus, »dans ma maison!«

»Ah ça, c’est moche«, Yvonne Le Roux schüttelte den Kopf.

»Und was mache ich jetzt?«, fragte Florian verzweifelt.

»Vous avez besoin d’une trappe«, sagte die alte Dame.

Besoin, brauchen, aber was hieß trappe? Er fand das Wort, es hieß Falle. »Ja klar«, jammerte er, »aber wo kriege ich eine Falle her? Ich habe so etwas noch nie gemacht. Gibt es zumindest Lebendfallen in Frankreich?« Er suchte das Wort »Lebendfalle«, während Yvonne geduldig wartete, fand es aber im Wörterbuch nicht.

»Il y a des trappes au supermarché, je pense. Ou bien au bricomarché. Il y en a un à Châteaulin«, überlegte Yvonne.

»Bricomarché, Châteaulin, alles klar«, rief Florian aus. »Merci!« Der Baumarkt von Châteaulin war ausgeschildert, Florian fand

ihn zum Glück ohne Schwierigkeiten. Als er dann aber vor dem Regal stand, zu dem ein Angestellter ihn geführt hatte, gingen die Probleme erst recht los. Er fühlte sich überfordert. Ein Fach vor ihm war leer. Vielleicht waren darin die Lebendfallen gewesen. Im Fach daneben lagen die guten alten Schnappfallen. Er stellte sich vor, wie er die Mauseleiche entsorgen musste, das könnte er niemals tun. Der Fallentyp im dritten Fach sah schließlich nach Bastelbogen aus. Ein flaches Stück Pappe. Florian war vollkommen unklar, wie die Pappfalle funktionieren sollte. Doch sie konnte kaum so brutal wie die Schnappfalle sein, und er musste eine Falle kaufen. Also nahm er die Pappfalle mit an die Kasse.

Zuhause angekommen, öffnete Florian die Verpackung und sah sich den Zettel an, der den Aufbau der Falle erklärte. Es war ganz einfach: Man musste die Pappe an drei Falzstellen falten und zu einer Röhre zusammenfügen. Dafür waren Klebestellen vorgesehen. Nachdem er einen Streifen Schutzfolie entfernt hatte, begriff Florian: Das war der Boden der Röhre, deshalb mit einem Klebefilm bedeckt. Nicht schlecht. Wenn die Maus darauf festpappte, konnte man sie in der Falle nach draußen in ein Feld tragen und wieder befreien. Er legte ein Stück Käse in die Pappröhre und legte sie auf den Küchenboden. Dann ging er ins Wohnzimmer und wartete.

Nicht lange, und ein entsetzliches Geräusch ließ ihn hochfahren: Die Maus schrie. Sie schrie schrill und fiepte – er hatte noch nie im Leben etwas Herzzerreißenderes gehört! Die Maus schrie um ihr Leben.

Florians Herz schlug wild. Was sollte er machen? Er traute sich kaum in die Küche. Aber er musste!

Die ganze Falle bebte und zuckte auf dem Küchenboden. Die Maus war so leicht gewesen, dass sie nicht in der Mitte der Pappröhre festgeklebt war. Mit den Vorderpfoten hatte sie es nach draußen geschafft, nur das Hinterteil klebte fest. Das Stück Käse hatte sie fallengelassen und sie versuchte, sich mit den freien Pfoten aus der Falle zu ziehen – vergeblich!

Florian kam sich schändlich vor. Etwas musste geschehen. Er konnte das Tier nicht so leiden lassen. Er griff nach den neuen Spülhandschuhen und suchte die Schere. Er zog die Handschuhe über, er wollte die Maus nicht berühren, und hob die Falle samt Maus vorsichtig hoch. Mit der Schere in der anderen Hand eilte er nach draußen.


Marie fuhr am Hof des Nachbarhauses vorbei. Er war zuhause, da stand unübersehbar das Protzauto. Sie fuhr weiter, parkte hinter der Kurve am Feldrand. Sie stieg aus und ging an den Kofferraum, um den Wanderrucksack und die Tüte mit dem neuen Kleid herauszuholen. Doch dazu kam sie nicht. Sie erstarrte. Mitten im Feld hockte er, Florian. In seiner rosa behandschuhten Rechten hielt er eine Schere – und in der anderen Hand, der mit dem Verband, hielt er etwas Längliches, von dem ein fiependes Mäuschen baumelte. Sadist war er auch noch!

Sie schoss auf den Unhold los. »Was machen Sie?«, rief sie aus, bebend vor Emotionen.

Der Deutsche blickte zu ihr auf, ohne das Stück Pappe mit der Feldmaus loszulassen. »Helfen Sie mir«, bat er. »Die Maus zappelt so, ich habe Angst, sie zu verletzen.«

»Was machen Sie?«, fragte Marie noch einmal, diesmal perplex.

»Sie ist festgeklebt, ich will sie befreien«, erklärte Florian. »Können

Sie die Pappe festhalten? Dann kann ich besser schneiden.«

Marie hockte sich ebenfalls hin und nahm das Stück Pappe, von dem die arme Maus zappelte. Ihr fehlten die Worte.

Jetzt, wo er beide Hände frei hatte, gelang es Florian, mit vorsichtigen Schnitten das klebende Pappstück um die Maus Stück für Stück zu verkleinern. »Sie ist hübsch, nicht?« Er sah Marie an.

Die Maus war klein und braun mit weißem Bauch. Ihre Öhrchen waren fast durchscheinend zart, ihre Augen groß und schwarz. Marie lächelte. »Bien!«, rief sie dann lobend aus. Der Maus war es durch eine ruckartige Windung ihres Körpers gelungen, die Hinterpfoten von der Pappe zu befreien. Nun blieb von der Falle nur noch ein dünner Streifen, der an der Schwanzwurzel des Tiers festklebte.

Florian hielt inne. »Das kriege ich nicht ganz weg, fürchte ich.« Er sah fragend Marie an.

»Noch ein bisschen«, sagte sie.

»Und wenn ich ihr wehtue?«

»Wir tauschen.«

Florian mühte sich, seinen Handschuh auszuziehen, und reichte ihn Marie.

»Nicht für mich«, sagte sie ungeduldig.

Es ließ sich nicht vermeiden, dass sich ihre Finger berührten, als er ihr den dünnen Pappstreifen abnahm. Marie riss sich zusammen, um sich ganz auf die Maus zu konzentrieren. Mit ruhiger Hand schnippelte sie so lange um die Verklebung im Fell des Tierchens herum, bis das Pappstück nicht breiter als der Mauseschwanz war.

»Nach unten«, dirigierte sie Florian. Der senkte die Hand, die Maus wand sich und zappelte wilder. Mit einem Schnappen der Schere zertrennte Marie die Pappe ganz dicht am Schwänzchen, die Maus schoss davon.

»Uff«, stöhnte Marie, stand auf und dehnte sich.

»Au revoir, Maus«, sagte Florian, der sich gleichfalls erhob. Marie reichte ihm die Schere. Eine verlegene Pause entstand.

»Warum haben Sie die Falle gekauft, wenn Sie die Maus rennen lassen?«, fragte Marie dann.

»Sie ist auf mich gesprungen, aus dem Küchenschrank. Die Maus, nicht die Falle, ist ja klar.« Was redete er da für einen Unsinn, dachte Marie sich, ohne zu ahnen, dass Florian sich soeben dieselbe Frage stellte. Laut fuhr er fort: »Ich musste irgendetwas machen, aber Lebendfallen gab es nicht.«

»Lebendfallen?«

»Kennen Sie das nicht? Die Maus geht in die Falle, man trägt sie raus und lässt sie laufen, ohne diese Klebergeschichte.«

»Und die Maus geht vom Feld zurück in das Haus.« Marie nickte ironisch.

»Nein, wieso?«, ereiferte sich Florian. »Die Maus hat eine negative Erfahrung gemacht, sie will nicht noch einmal in eine Falle geraten, also kehrt sie nicht in das Haus zurück.«

»Sie geht in das Haus der Nachbarin«, Marie grinste.

»Ich hoffe nicht«, sagte Florian ernst.

»Hm. Vergessen Sie nicht Ihre schönen Handschuhe«, sagte Marie, drehte sich um und ließ Florian stehen.

Während sie im Haus in ihre charantaises schlüpfte, fiel ihr auf, dass sie den Rucksack und das Kleid im Auto vergessen hatte. Egal, später! Sie wollte diesem Florian nicht noch einmal begegnen. Wie hatte Isabelle ihn genannt? Den mysteriösen Deutschen. Nicht ganz unpassend, er war wirklich nicht zu ergründen. Ein Nazi, der keine Maus töten wollte? Was sollte sie davon halten? Einmal mehr hatte er sie völlig aus dem Konzept gebracht.

Nun, es gab einen Weg, der Verwirrung ein Ende zu bereiten. Sie musste tun, was Isabelle ihr geraten hatte. Sie musste ihn im Auge behalten. Konsequent gedacht hieß das, sie würde ihn beschatten. Gleich morgen. Um zu sehen, ob er wieder auf die Suche nach NaziBunkern gehen würde.


Nach dem Abendessen telefonierte Florian längere Zeit mit Boris. Der hatte den Karmann Ghia aus der Werkstatt geholt und schlug sich wacker mit dem Hausbau für die gute Frau Breidenstein herum. (Flachgelegt, wie er es charmant ausdrückte, hatte er die bislang noch nicht.) Von Katharina hatte Boris nichts zu melden, wollte aber wissen, ob Florian schon »eine bretonische Mieze gerissen« habe. Er habe schließlich ein Anrecht auf Spaß, wo Katharina ihn betrogen habe. Danach sprachen sie noch über das Haus in Mengleuff, und Boris sagte vorsichtig, er werde darüber nachdenken, ob ein Verkauf für ihn in Frage käme.

Nachdem Florian das Telefonat beendet hatte, fragte er sich, ob es nicht einfacher wäre, so unromantisch zu sein wie Boris. So ungebunden wie er. Nehmen, was man kriegen kann, keine Verpflichtungen eingehen. Aber könnte er das? Unwillkürlich musste er an Marie denken. Eine schöne Frau. Sexy (sogar, wenn sie schreckliche alte Pyjamas und Opi-Pantoffeln trug). Eine interessante Frau, temperamentvoll und schlagfertig – ein wenig zu sehr sogar, wenn man es genau nahm. Wäre er Boris, er würde sie anmachen. Wäre er Olivier, würde er draguer. Aber wie kam es, dass beide angebliche Frauenhelden allein waren?

Nein, er war nicht Boris und auch nicht Olivier. Er war … noch Katharinas Mann; und außerdem ein Enkel, der seiner Oma ein Versprechen gegeben hatte. Er holte ihre Kladde.

Aber es war ein Fehler, darin weiterzulesen. Anstatt ihn zu beruhigen, ihn müde zu machen, alarmierte die Lektüre ihn und machte ihn hellwach. Er wollte Olivier anrufen, sofort, aber dazu war es zu spät; dabei musste er ihn fragen, wo es auf Crozon solche Grotten gab. Dann fiel ihm Boris’ Reiseführer ein. Er holte ihn, und nach einigem Herumblättern fand er tatsächlich einen Hinweis auf Seegrotten, bei Morgat. Bei Morgat, das zu Füßen des Cap de la Chèvre lag. Marlene musste einst durch Morgat gekommen sein, um von da auf das Cap zu wandern – wo Traute dann von der Steilküste gestürzt war, nach dem ausgiebigen Genuss alkoholischer Getränke in dieser Bar, dem Chez Gégé. War seine Oma danach noch einmal in den Ort mit den berühmten Seegrotten zurückgekehrt, diesmal mit ihrer verbotenen Liebe?

Florian schlug den Reiseführer zu und stierte finster vor sich hin. Seine Ausflugsziele für morgen standen fest.

Darmowy fragment się skończył.

Gatunki i tagi

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Objętość:
652 str. 4 ilustracji
ISBN:
9783887789251
Właściciel praw:
Bookwire
Format pobierania:

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