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NATASCHA N. HOEFER
Im Westen - gegen den Strom

NATASCHA N. HOEFER
Im Westen - gegen den Strom

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar
Autorin und Verlag spenden gemeinsam je verkauftem Buch 1,00 Euro für das Deutsche Pfadfindermuseum in Baunach.
1. Auflage, April 2021
© Spurbuchverlag, 96148 Baunach info@spurbuch.de, www.spurbuch.de
Ausführung: pth-mediaberatung GmbH, Würzburg
ISBN 978-3-88778-614-4
eISBN 978-3-88778-926-8
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Für Clelia
Für Jérôme
Für Jo
Inhaltsverzeichnis
1.Rauch über Spézet
2.Der grüne Tunnel
3.Singing in the rain
4.Ziemlich beste Freunde
5.Auf dem Mond
6.Streit
7.Zwei Reisende
8.Daten sind Gold
9.Enthüllungen
10.Reisen zu zweit
11.Blaue Stunde
12.Schräglagen
13.Aufbegehren
14.Rote Blumen, blaue Läden
15.In der Schlucht des Corong
16.Unter Freundinnen
17.Verhärtete Fronten
18.Neuland
19.Spannungen
20.Aufdem Weg nach Rostrenen
21.Die Nacht danach
22.Erhitzte Gemüter
23.Ein neues Gesicht
24.Haus der Erinnerung
25.Bekenntnisse
26.Alarmglocken
27.Täuschung
28.Coming-Out
29.Am Meer.
30.Schockstarre
31.Wut und Viren
32.Protesttanz
33.Feierstimmung
34.Fest Noz
35.Goldener Regen
36.Feuer
37.Verdacht
38.Kurzschluss
39.Abschied
40.Ende des Sommers
41.Rückkehr
42.Epilog
1. Rauch über Spézet
Die schwarze Wolke zog sich am tiefblauen Himmel hoch wie die Schwinge eines riesigen Raben. Yohann beschleunigte. Vom Rücksitz schob sich eine witternde schwarze Nase über seine Schulter. »Riechst du das Feuer, Babou?«, fragte er und schob die Hündin behutsam zurück. Die Rauchschwinge schien immer weiter anzuschwellen, sich auszudehnen; sie lag ziemlich genau vor ihm - und vor ihm lag Spézet! Was war es, das im Nachbardorf brannte?
Endlich passierte er das Ortsschild Spézets; ein beißender Geruch drang über das Gebläse in den Wagen. Die Rußwolke stand jetzt links von ihm am Himmel; er bog aufs Geratewohl von der Hauptstraße ab - und da sah er es: Ein Haus stand in Flammen!
Er hielt am Straßenrand, flüsterte seiner Hündin ein paar beruhigende Worte zu, stieg aus und ging auf eine Gruppe Schaulustiger zu. Als er näher kam, schnappte er Wortfetzen auf: »Die armen Meuniers!« »Schrecklich, in ihrem Alter!« »Was soll aus ihnen werden?« Dann entdeckte er, einige Schritte von dem Grüppchen entfernt, Roland Leroux. Er steuerte auf den Bürgermeister von Spézet zu und registrierte, wie ihm hier, nicht mehr weit von den Feuerwehrfahrzeugen, der heiße Rauch in Augen und Nase brannte und die Hitze der Flammen ihm sengend ins Gesicht schlug. Doch die Feuerwehr hatte den Brand anscheinend im Griff: Der Dachstuhl auf der rechten Seite des Bruchsteinhauses war verbrannt, aber gelöscht; nun richteten sich alle Schläuche auf die linke Hausseite, wo ein Rest des Schieferdaches noch stand und wo durch ein Fenster letzte Flammen hochzüngelten.
Er musste husten; erst das schreckte den Bürgermeister auf und ließ ihn den Neuankömmling bemerken. »Ah, Yohann! Sind Sie gekommen, um zu helfen?«, fragte Leroux, mit leichter Ironie.
»Ich war unterwegs und habe den Rauch am Horizont gesehen«, gab Yohann schlicht zurück und sah beklommen auf den verwüsteten Garten, die Osterglocken im Qualm. Ein Teppich gelber Osterglocken, nun niedergestampft. »Was ist mit den Bewohnern?«
Der Bürgermeister hustete und wies nach links. »Da hinten. Das alte Ehepaar.«
Yohann sah hinüber zu dem schlohweiß behaarten, hageren Mann, der mit seinem gebeugten Rücken nicht größer war als das Weiblein in Küchenkittel an seiner Seite, dem er den Arm um die Schultern gelegt hatte. Der Alte wollte seine Frau stützen und hatte selbst Mühe, sich auf den eigenen Beinen zu halten. Ihr Anblick gab Yohann einen Stich. Da regten die alten Leute sich plötzlich. Der Mann suchte mit dem Blick den Bürgermeister, er sah zornig aus; die Frau legte ihrem Gatten eine Hand auf den Arm und schien ihn beschwichtigen zu wollen. Aber er ließ sich nicht aufhalten, sondern kam, auf seinen Stock gestützt, langsam, doch unaufhaltsam auf Leroux zu. Seine Frau folgte ihm mit unsicheren Schritten.
»Monsieur le Maire«, rief der alte Mann schon von weitem, »ich weiß, warum das Feuer ausgebrochen ist!«
Der Bürgermeister hob abwehrend die Hände. »Jaja, Kurzschluss in der Waschmaschine, habe ich bereits erfahren.«
Nun war Meunier angekommen, baute sich so aufrecht wie möglich vor dem Bürgermeister auf. »Ja und nein, Monsieur le Maire, ja und nein. Es war die Waschmaschine; aber die war fast neu. Seit zwei Monaten hatten wir sie, und sie funktionierte! Aber heute Morgen, da haben wir ein anderes Gerät neu gekriegt. Es war der Linky!«, und Meunier ballte die Hand zur Faust.
Yohann sah den alten Mann erschrocken an; der Bürgermeister aber winkte ab: »Ach was!«
»Der Linky wurde heute Morgen um neun Uhr installiert; und zwei Stunden später, Feuer!«, beharrte Meunier, und seine Frau, die sich dicht neben ihn gestellt hatte, nickte bekräftigend.
»Es war Ihre Waschmaschine, haben Sie gesagt. Entschuldigen Sie, ich muss Sie kurz verlassen.« Und der Bürgermeister wandte sich ab und ging ein paar Schritte fort, um ein Telefon aus der Tasche zu ziehen und es sich ans Ohr zu halten.
»Monsieur, das war kein Zufall!«, wandte der alte Mann sich beschwörend an Yohann.
Der nickte vorsichtig. »Verstehe ich Sie richtig: Heute ist Ihr mechanischer Stromzähler gegen einen digitalen ausgetauscht worden?«
»Genau! Und kaum zwei Stunden später - Feuer! Und der eine Installateur, der jüngere Mann, der hatte noch gesagt, unsere Stromleitungen seien zu alt. Das hat er seinem Kollegen leise gesagt, aber wir haben es gehört, nicht wahr, Louise?«
»Ja, das hat er gesagt«, stimmte die alte Frau matt zu. »Aber es funktionierte doch alles! Und sie haben uns trotzdem den guten alten Zähler weggenommen und den neuen montiert.«
Yohann fuhr sich über die Stirn. »Ist der neue Zähler, der Linky, verbrannt?«
Alle drei sahen sie zu dem verkohlten Haus. Das Feuer war gelöscht; die Rauchschwaden stanken, Ruß wirbelte um sie herum.
»Am Treppenaufgang hing er. Der ist bestimmt hin«, murmelte Meunier.
»Die Brandursache wird untersucht werden. Sie muss untersucht werden«, versicherte Yohann.
Doch der alte Mann sackte buchstäblich um einige Zentimeter mehr in sich zusammen. Seine zornige Anklage hatte ihm den letzten Rest Energie geraubt, und er brachte nur noch heiser hervor: »Wer wird da was untersuchen? Die, die den Linky montiert haben? Die werden kaum zugeben, dass das Ding an allem Schuld war.«
Konnte Meunier damit Recht haben? Yohann suchte nach tröstlichen Worten, die ihm nicht kommen wollten; da näherte sich eine jüngere Frau mit schwarzen Haaren und energischem Schritt. »Louise!«, rief sie aus, und in dem Moment, in dem sie die alte Dame in die Arme nahm, begann diese plötzlich zu weinen. Erst leise; dann schluchzte sie, immer lauter, immer ungehemmter.
Betroffen schaute Yohann sich nach dem Bürgermeister um. Es lag auf der Hand, dass die Meuniers unter Schock standen und Hilfe brauchten. Auch näherte Leroux sich nun der Gruppe und sprach den alten Leuten zu, zunächst mit ihrer Nachbarin, der Schwarzhaarigen, mitzugehen, um sich bei ihr hinzusetzen und auszuruhen.
Als die Meuniers gegangen waren, fragte Yohann mehr sich selbst: »Was wird mit ihnen geschehen? - Und wenn etwas dran wäre?«
Der Bürgermeister hatte ihn gehört und fuhr auf: »Der Linky als Brandursache? Unsinn!«
»Ich habe Berichte über ähnliche Fälle gelesen«, meinte Yohann nachdenklich.
»Oh nein! Kein Wort mehr! Wenn wir aus der Mairie plötzlich Panik machen, nur weil es mal eine Neuerung gibt...«
Yohann hob die Brauen. »Was lässt Sie so sicher sein, dass der neue Zähler nichts mit dem Kurzschluss in der Waschmaschine zu tun hatte?«
Leroux erwiderte von oben herab: »Ganz einfach. Unser Staat würde kaum wollen, dass im Zuge der nächsten Jahre jeder Haushalt mit einem potentiellen Brandherd ausgestattet würde! Fragen Sie mal Ihren Chef, ob der nicht genauso wie ich denkt.«
Yohann biss sich auf die Lippen. Sein Chef, das war Pierric Le Bihan, der Bürgermeister von Saint-Hernin; und ja, natürlich würde er mit dem reden! Vorerst konnte er hier aber nichts weiter tun; so verabschiedete er sich von Leroux und ging.
Er fühlte sich aufgewühlt, schockiert, zutiefst beunruhigt. Und er dachte an den Brief; den Brief, den Simon ihm gestern gezeigt hatte. Simon war der erste von ihnen aus Saint-Hernin, der einen solchen Brief erhalten hatte: die Ankündigung eines neuen Stromzählers; eines - also wirklich brandgefährlichen Linkys?
Zurück am Auto, wurde Yohann von einer verunsicherten Babou begrüßt. Er kraulte sie hinter den Ohren, und sie beschnüffelte aufgeregt seinen Arm. Er musste durch und durch nach Lagerfeuer stinken - ein Geruch, den er loswerden wollte, möglichst schnell! Er musste sich umziehen und dann raus, in die Natur, einen langen Spaziergang mit Babou machen. Und darüber nachdenken, was nun zu tun war.
Als er Spézet verließ, prasselten erste Regentropfen aus finsteren Wolken. Zu spät, um beim Löschen zu helfen.
2. Der grüne Tunnel
Es war, als würde die Welt um sie herum grün werden und langsam. Genauer war es der Zug, der langsam war, diese Bummelbahn nach dem TGV; und genauer war es die Natur, die frisch ergrünte, eine Natur, die üppig war, dicht, geradezu aufdringlich. Der Zug fuhr durch einen grünen Tunnel; die Zweige des zart belaubten Buschwerks berührten fast die Panoramafenster des Waggons. Dann öffnete sich der Hohlweg, und der Wechsel von Schatten zu Licht - eine Lichtfülle, die ihr aus Paris her fremd war - ließ sie die Augen geblendet zusammenkneifen. Doch als sie sich an die strahlende Sonne gewöhnt hatte, sah sie erst recht auf Grün, Grün in verschiedenen Schattierungen: Da waren saftig-grasgrüne Wiesen, umwallt mit Bäumen, die erstes zartgrünes Laub zeigten und umrankt waren von dunkelgrünem Efeu; hier und da flimmerte ein Tupfen leuchtendes Gelb auf, das waren Stechginsterbüsche. Nur selten mal sah sie, in einer Talmulde oder auf einer Anhöhe, ein bräunlich-graues Feldsteinhaus, dessen schwarzes Schieferdach unter der Sonne nass glänzte; die Gegend schien unglaublich ruhig und friedlich - und weitgehend menschenleer.
Dieser letzte Gedanke wäre für Lina noch vor wenigen Wochen beunruhigend gewesen, für sie, die geborene Großstädterin. Doch nun ... Sie fühlte sich leer. Zum ersten Mal seit langem fühlte sie sich nicht verzweifelt, wütend, in sich zerrissen, schuldbewusst und voller Scham, nicht einmal zweifelnd - sie fühlte sich einfach nur leer. Und das war, verglichen mit dem, was vorher gewesen war, eine relative Wohltat.
So saß sie da, die Arme verschränkt, den Rucksack zwischen den Beinen, den Kopf seitlich an die Fensterscheibe gelehnt, so dass sie in den Hohlwegen den Eindruck hatte, die grünen Zweige würden ihr gleich die Schläfe streicheln. Kein Zweifeln mehr - nicht im Augenblick. Sie atmete ruhig, wartete ab, schreckte nur manchmal zusammen, wenn der Zug plötzlich trompetete wie ein fröhlicher Elefant. Sie saß da und sah ruhig und leer der Zukunft entgegen, bis der Zug verlangsamend an mit Graffiti besprühten Mauern entlang strich; dann hielt er vor einem bescheidenen Bahnhofsgebäude: Carhaix-Plouguer.
Und es war vorbei mit Linas Ruhe. Jetzt musste sie wieder handeln. Musste aufstehen. Den Zug verlassen. Pierre wiedersehen, den sie seit über acht Jahren nicht mehr gesehen hatte. Würde er sie überhaupt noch erkennen? Sie atmetet tief durch und griff nach ihrem Gepäck.

Jean-Yves wartete nervös vor dem Bahnhof. Wie sollte er die Fremde erkennen? Pierric war gut! Jung und schön, das war keine Beschreibung, das war nur einer von seinen Sprüchen! So, jetzt hatte er sie auch noch verpasst, da kam niemand mehr aus dem Bahnhofsgebäude. Nur der Junge. Oder wartete Pierrics Freundin etwa am Bahnsteig? Jean-Yves ging nachsehen, aber vergeblich.
Als er wieder den Bahnhofsvorplatz betrat, stand nur noch der Junge da, der mit der weiten Hose, der Kapuzenjacke und der komischen Schlumpfmütze. Der sah irgendwie verloren aus. »Hallo, hat dich jemand versetzt?«, sprach Jean-Yves ihn an.
Der Junge wandte sich abrupt zu ihm und antwortete erst nach einem längeren Zögern: »Sieht so aus, ja.«
Jean-Yves stutzte; das war keine männliche Stimme gewesen. Er fuhr sich durch das spärliche Haar. Das konnte nicht sein, oder? Dennoch fragte er: »Verzeihung, aber - kennst du Pierric?«
Sein Gegenüber machte einen kleinen Schritt zurück und meinte unsicher: »Ich warte auf einen Pierre. Le Bihan. Kennen Sie den?«
Jung und schön! Da hatte Pierric ihm einen ganz schönen Bären aufgebunden! Dieses blasse, dünne, knabenhafte Wesen hier - aber etwas hatte das junge Ding an sich, das einem zu Herzen ging, mit seinen großen, dunklen, müden Augen. Er räusperte sich und sagte: »Wenn du Lina bist - ich bin Jean-Yves! Pierric hat mich geschickt, ich bringe dich nach Saint-Hernin«, stolz wies er auf sein Fahrzeug. Die Antwort war ein entgeisterter Blick. Naja, sie war Pariserin, hatte Pierric gesagt. Aber entweder das oder gar nichts. Jean-Yves ging zum Mini-Quad und reichte der Pariserin den Beifahrerhelm. Sie sollte sich nicht so anstellen; schließlich sah sie gar nicht nach einer richtigen Pariserin aus.
»Ich glaube - ich fürchte, es wird auf dem Sitz zu eng für Sie und mich mit dem Rucksack«, wehrte Lina rundweg ab und nahm den Helm nicht entgegen.
»Dafür ist ja der Anhänger da«, versicherte Jean-Yves und schob den Rucksack - wenig Gepäck für eine Pariserin, zugegeben - in die rollende Metallbox, die er selbst konstruiert hatte. Er schloss die Gittertür und erklärte: »Die Box ist super, ist viel Platz drin; normal fährt nämlich Dudu mit, mein Hund.«
»Warum ist Pierre nicht selber gekommen?«, fragte Lina nach einem langen Atemzug.
»Das hat er gewollt, aber man kann nicht immer, wie man möchte, was? Lehrer am Lycée und Bürgermeister - und heute macht er eine Fortbildung. Da hat er uns gefragt, Julien und mich. Julien ist mein Großneffe«, Jean-Yves lächelte stolz. »Der hätte dich mit dem Auto vom Bahnhof abgeholt; aber das ging dann doch nicht, weil er arbeiten musste. Erst vor kurzem hat er einen Job gefunden, zum Glück!«
Die Pariserin sah ihn stumm und merkwürdig an.
»Das ist hier nicht so einfach für junge Leute, weißt du? Hier ist nicht die Großstadt«, erklärte Jean-Yves ernst.
Sein Gegenüber hob ironisch die Augenbrauen und sah nochmals ängstlich zum Mini-Quad.
Jean-Yves verstand, dass er die Pariserin beruhigen musste. Er erklärte: »Pierric hat mich geschickt, weil er wusste, bei mir bist du in sicheren Händen.« Erneut streckte er ihr den Beifahrerhelm entgegen und versuchte es mit einem Scherz: »Die Mütze würde ich aber abziehen, sonst geht der Helm nicht drüber. Oder er geht drüber, aber nachher nicht mehr vom Kopf.«
Was sollte sie machen? Irgendwie musste sie in ihr Quartier. Mutlos und resigniert zog sie den Beanie ab.
Jean-Yves erschrak. »Bist du krank? Das wusste ich nicht«, entfuhr es ihm.
Mit einem schwer zu deutenden Lächeln streifte sich die junge Frau den Helm über die nur Millimeter langen dunklen Stoppeln.
3. Singing in the rain
Sie saß etwas bequemer, als sie es befürchtet hatte. Auch wenn es ihr höchst unangenehm war, sich an diesem seltsamen alten Mann festzuhalten, der sie so unpassend und hartnäckig duzte. Und der sie ohne Mütze gesehen hatte. Warum hatte Pierre gerade so einen geschickt? Und wohin fuhren sie überhaupt? Pierre hatte behauptet, das Haus läge nur wenige Kilometer entfernt von der Achttausend- Seelen-Stadt Carhaix-Plouguer; aber aus dem Nest waren sie gefühlt ewig heraus! Nun tuckerten sie eine Steigung hinauf, auf einer engen Landstraße zwischen Wällen, die nach oben hin von den Ästen hoher Bäume umschlossen wurden. Jetzt öffnete sich die Aussicht auf rundliche Hügel, gelb blühenden Stechginster und frischgrüne Felder; aber keine Häuser zu sehen. Was war das? Sie waren schon wieder daran vorbei, ein alter Kalvarienstein? Nun doch ein einsames Haus am Rande der Landstraße - aber hier, in dieser Einöde, hielt der alte Mann nicht, zum Glück! Sie hatte wirklich keine Ahnung, was sie erwartete, und kämpfte gegen ein Gefühl der Hilflosigkeit und Beklemmung.
So schlängelte sich das Mini-Quad immer weiter hoch, auf die Hügel der Montagnes Noires, der Schwarzen Berge, bis sie endlich an einem Ortsschild mit zwei Aufschriften vorbeiknatterten. Saint-Hernin - Sant-Hern; das Zweite war wohl der Ortsname auf Bretonisch, begriff Lina - und es kam ihr komplett unwirklich vor, so weit weg von der Zivilisation zu sein. Aber sie hatte es so gewollt. Genau das hatte sie so gewollt.
Langsam kurvten sie eine Häuserzeile entlang; ein winziges Nest, das war wohl schon das Zentrum, rechts die Bar neben dem Laden mit der Osterdekoration im Schaufenster, links die Kirche, natürlich aus Bruchstein und mit Schieferdach und ziemlich groß für so ein Minidörfchen - aber nun fuhr Jean-Yves daran vorbei und - wieder dorfauswärts? Das konnte nicht sein, nicht noch weiter in die Provinz? Doch da schwenkte das Quad schwungvoll über die Gegenfahrbahn, hielt auf dem breiten Gehweg und der Motor verstummte.
Lina stieg vorsichtig ab, zog den Helm vom Kopf, griff automatisch in die Hosentasche und streifte die Mütze über. Sie zeigte auf die Reihe der drei kleinen Bruchsteinhäuser und fragte unsicher: »Hier?«
»Das linke.«
Aha. Pierre hatte zwar gesagt, es sei klein, aber doch nicht bloß für einen Hobbit?
»Klein, aber fein, nicht wahr?«, strahlte Jean-Yves. »Und hier«, er griff in die Jackentasche - dann in die andere; in die Hosentaschen, eine nach der anderen, immer hastiger. »Wo ist er, der verflixte Schlüssel?«, fragte er Lina, als ob sie das wissen könnte!
»Es sieht aus, als würde es gleich regnen«, bemerkte sie scharf und wies nach oben. Wie aus dem nichts hatten sich dicke Wolken vor die Sonne geschoben. Typisch Bretagne! Wobei eine Wolke am Horizont merkwürdig war; sie hing so tief und sah geradezu schwarz aus.
»Wo habe ich den Schlüssel nur hingetan«, murmelte Jean-Yves unterdessen, »oder hat Pierric vergessen, ihn mir zu geben?«
»Und jetzt?«, Lina fuhr auf, »ich habe den ersten Tropfen abgekriegt. Ich bin müde, wirklich kaputt - nicht nur von der Reise. « Sie biss sich auf die Lippen.
Jean-Yves sah bestürzt, dass die Pariserin plötzlich mit den Tränen kämpfte.
»Warum rufen Sie ihn nicht an? Ich würde Pierre ja selber anrufen, aber ich - ich habe kein Handy«, erklärte die junge Frau nun beschämt und rang sichtlich um Fassung.
»Ein Handy? Habe ich nicht. Aber ich fahre sofort los. Ich habe den Schlüssel wahrscheinlich zuhause liegen gelassen; und wenn er da nicht ist, rufe ich Pierric an - Festnetz hab ich! Und - wir kriegen das schon hin!« Jean-Yves stieg schnell auf das Mini-Quad, brauste los und ließ Lina buchstäblich im Regen stehen.
Sprachlos sah sie ihm nach. Dann wischte sie sich einen Regentropfen aus dem Gesicht und sah mutlos auf das Häuschen, das sie nicht einlassen wollte. Niedlich, irgendwie, und rustikal; es schien gar keinen ordentlichen Neunzig-Grad-Winkel zu haben! Trotz seiner Miniaturgröße wirkte es andererseits wie der Turm eines Ritterschlösschens, mit seinen dicken bruchsteinernen Mauern; und das gefiel ihr. Sie sah auf die zwei Fenster, eines neben der Haustür und eines im ersten Stock, zur Hälfte mit bretonischen Spitzengardinen verhängt. Türen gab es, bemerkte sie jetzt, auch zwei; nebst der Haustür im Erdgeschoss führte an der Seite des Häuschens eine schmale Holzstiege hoch, anscheinend zu einer zweiten Eingangstür direkt zur Etage. Wie das Gebäude im Ganzen, so waren allerdings auch die Fensterchen und Türchen ihrer Kleinheit nach für Menschen der Größe von Hobbits gemacht, dachte sie kopfschüttelnd und musste doch lächeln.
Sie sog tief die Luft ein, in der, vielleicht getragen durch die Feuchtigkeit, ein süßlich-herber Duft lag. Das waren nicht die Forsythien, die hellgelb und fast schon verblüht aus dem Vorgärtchen hervorleuchteten; nein, der an Kokos erinnernde Duft kam von dem kräftigen gelben Stechginster . Sie trat näher an den Busch heran und schloss kurz die Augen. Roch gut. Als sie den Miniaturgarten abschritt, entdeckte sie im Gras grüne Primeln, Gänseblümchen, Vergissmeinnicht, gelbe und blaue Wildblumen, die sie nicht kannte, und dann, zu ihrem Erstaunen, an dem Rosenstrauch neben der Gartenbank eine erste, wunderbar erblühte Rose.
Okay, der Garten war hübsch, fast bezaubernd, aber Regen und Wind verstärkten sich und ihr wurde kalt. Wie lange konnte es dauern, bis dieser Jean-Yves mit dem Schlüssel zurück war? - Bestimmt ewig! Nein, hier warten wollte sie nicht. Sie musste sich bewegen. Sie stellte ihren Rucksack vor der verschlossenen Haustür ab (in dieser menschenleeren Provinz würde wohl kaum jemand ihn stehlen?) und ging los. Zurück Richtung »Zentrum«, wenn man den Kirchplatz so nennen wollte.
Hier hatte sie sich schnell umgesehen. Dem großen Kirchportal gegenüber sah sie sogleich Pierres Arbeitsplatz, ein langgezogenes Bruchsteinhaus mit dem Schild »Mairie« über dem Eingang. Aber da Pierre nicht da war, nützte ihr das nichts; so schlenderte sie unschlüssig an der Kapelle, dem Kalvarienstein, dem Beinhaus, den drei Keltengräbern und dem alten Waschbrunnen vorbei, die allesamt bestimmt wahnsinnig bretonisch und sehenswert waren; nur war sie zum Sightseeing nicht in Stimmung! Es regnete immer stärker, von Jean-Yves oder seinem Mini-Quad keine Spur, und so folgte sie schließlich, um sich durch die Bewegung aufzuwärmen, dem Wegweiser zu einem Wanderpfad, den sie am Ende der Kirchgasse entdeckte.
Und nach wenigen Metern war sie in der Wildnis! Sie schritt über weichen Erdboden, durch einen Hohlweg; rechts von ihr gluckste ein Bachlauf hinter noch braunem Farn und hellgrünen Büschen den Abhang hinab, links erhoben sich mächtige Eichen. Seltsam war, dass der Regen die Vögel nicht störte - sie jubilierten fröhlich und gaben ein Konzert, wie Lina lange keines gehört hatte; wobei manche der Vogelstimmen ihr ganz fremd erschienen und sie sich fragte, was das wohl für Vögel waren? Wo war sie hier hingeraten? Es kam ihr alles mal märchen-, mal alptraumhaft vor; allein die Einsamkeit war ihr bald unheimlich, bald unglaublich beruhigend, und sie bremste ihren eiligen Schritt: Hier würde, hier konnte sie niemand mehr verfolgen!
Und dann schreckte sie plötzlich zusammen. Sie war doch nicht allein. Da war eine Stimme. Eine Männerstimme. Der Mann sang ... und zwar ... ja, sie kannte dieses alte Lied. Sie blieb stehen. Eben hatte ihr enger Pfad sie auf einen breiteren, besser befestigten Weg geführt. Durch die tropfnassen Zweige hoher Bäume erblickte sie ein steiles Gefälle und unten im Tal einen kleinen Fluss. Das Singen wurde lauter, kam von hinter der nächsten Kurve; Rückzug oder Stehenbleiben und Mr. Singing in the rain begegnen? Da schoss etwas auf sie zu und an ihr hoch, ein Hund! Erschrocken schrie Lina auf und fing gleichzeitig die nassen Pfoten auf. Sie starrte dem Tier, das allerdings weder riesig, noch besonders schwer war, in die neugierigen Kulleraugen zwischen den Hängeohren. »Babou, hier!«, rief der Regensänger, und da stand er: Eng anliegende Gummistiefel bis zu den Knien, ein wasserabweisender Trenchcoat, eine Art irische Zwanziger-Jahre - Mütze unter großem Regenschirm.
Yohann kniff die Augen zusammen. Durch den Regen, der jetzt wie in Bindfäden vom Himmel fiel, konnte er nicht sofort erkennen, wen er da vor sich hatte. So oder so, die Person hatte sich erschreckt, und er beeilte sich zu versichern: »Verzeihen Sie, Babou ist aufdringlich in ihrem Überschwang, aber nicht böse. Ich hoffe, sie hat Sie nicht verdreckt?«
Welchem Jahrhundert war der denn entsprungen, fragte sich Lina? »Mir ist nichts passiert, danke«, murmelte sie undeutlich unter ihrer Kapuze hervor.
Der Stimme nach eine Frau, begriff Yohann, und er fragte höflich: »Haben Sie sich verlaufen?« Er hatte nicht erwartet, bei dem schlagartig schlecht gewordenen Wetter jemandem zu begegnen, und wäre gerade jetzt, gerade heute gerne mit seinen Gedanken alleine gewesen; aber die Gestalt vor ihm sah so durchnässt und unglücklich aus ...
»Alles gut, ich weiß genau, wo ich bin«, log Lina und machte Anstalten, ihren Pfad schnell zurückzugehen.
Er hätte sie ihrem Schicksal überlassen können. Aber irgendwie konnte er es nicht. Er rief ihr hinterher: »Entschuldigen Sie, ich will nicht aufdringlich sein wie mein Hund, aber - wenn Sie zurück zum Dorf wollen, ist dieser Weg hier bequemer. Der Pfad da wird schnell zum Morast.«
Sie blieb stehen, wandte sich langsam um. »Warum meinen Sie eigentlich, dass ich Hilfe brauche?«, fragte sie irritiert zurück.
»Sie tragen keine Gummistiefel.«
In diesem Moment war lautes Donnergrollen zu hören.
Sie schloss kurz die Augen. »Na gut.«
Ihre Anspannung wuchs aber, als der Fremde sie ungefragt zu begleiten begann. »Wollten Sie nicht in die andere Richtung?«, protestierte sie ruppig, aber so leise, dass er es gerade so hören konnte.
Gleichmütig gab er zurück: »Angesichts der Wetterlage ziehe ich es doch vor, zurückzugehen. Mein Schirm ist übrigens groß«, und er hielt das gute Stück einladend ein wenig höher.
Sie wäre gerne auf Abstand geblieben. Aber die Nässe wollte durch jede Naht ihrer Kleidung kriechen. Sie würde sich eine Grippe holen, und wer wusste schon, wie die medizinische Versorgung in der Provinz war . Sie näherte sich dem Schirm und spähte verstohlen zu dessen Träger. Er war nicht viel größer als sie, schmal und mit einem länglichen, feinen Gesicht, das zu seiner sanften Stimme passte; er hatte nichts Furchterregendes an sich. Sie machte noch einen Schritt zur Seite, unter den Regenschutz. Und da sie den Fremden, durch die Kapuze bedingt, nicht mehr misstrauisch aus den Augenwinkeln beobachten konnte, zog sie die lieber ab - vorsichtig, damit die Mütze nicht verrutschte. »Was haben Sie da vorhin gesungen?«, fragte sie, nur um das verlegene Schweigen zu brechen. Irrte sie sich oder sah er scheel auf ihren Beanie?
»Ach das«, winkte er schnell ab und wurde etwas rot, »das passiert mir manchmal so, beim Nachdenken zu singen.«
»Das alte Partisanenlied der Résistance? Das hört sich nach rebellischen Gedanken an«, bemerkte sie nun doch und unterdrückte ein Grinsen.
Yohann räusperte sich und schwieg. Als sie ihn aber weiterhin groß und fragend aus dunklen Augen ansah (ausdrucksstarke Augen hatte sie), zuckte er zuletzt mit den Achseln und sagte wahrheitsgemäß: »Das Lied passte zu meiner Stimmung. Ich war etwas aufgebracht, weil - vielleicht habe ich heute etwas erlebt, was das Ergebnis einer großen Ungerechtigkeit war; oder mehr, einer großen Sauerei. Vielleicht war es aber auch nur ein schrecklicher Unfall. - Aber hören Sie bitte nicht auf mich, Sie merken schon, ich bin zu verwirrt und aufgewühlt, um mich besser zu erklären.« Er schüttelte den Kopf und seufzte. Was stammelte er hier vor dieser Fremden herum, die garantiert eigene Schwierigkeiten hatte?
Lina runzelte die Stirn. Sie hätte ihren rätselhaften Begleiter gerne gefragt, was er gemeint und was er erlebt hatte, doch das war ihr zu persönlich. Also fragte sie nur: »Wo sind wir hier eigentlich, was ist das für ein Fluss?«
Erleichtert darüber, dass sie nicht nachhakte, hielt er ihr einen kleinen Vortrag über den Nantes-Brest-Kanal. Idee Napoleons - natürliche Flussläufe - von Häftlingen ausgegrabene Verbindungen - Transport des bretonischen Schiefers - Konkurrenz durch innerbretonische Eisenbahn - diese stillgelegt in den sechziger Jahren - an Lina rauschten seine Erläuterungen halbwegs vorbei. Sie fragte sich ständig: Was soll ich tun, wenn Jean-Yves gleich mit dem Schlüssel noch nicht zurück ist?
»Aber Sie interessieren sich nicht für Geschichte?«, fragte er sie unversehens.
»Oh - doch, doch. Was ist ein Treidelweg?«, fragte sie, aufs Geratewohl eines der von ihm zuletzt benutzten Wörter aufgreifend.
»Der Weg, auf dem die Pferde früher die Lastkähne zogen - der Weg auf der anderen Kanalseite! Wir gehen eben über die einstige Eisenbahntrasse. - Geht es Ihnen gut?«
Da erklärte sie ihm in ihrer Ratlosigkeit und Verzweiflung ihr Problem; natürlich nur ihr akutes, das Schlüsselproblem, und das auch lediglich in den gröbsten Zügen.
Eine Freundin von Pierric war sie also? Verstohlen warf Yohann ihr einen Seitenblick zu. Warum war Pierric immer zufällig gerade nicht da, wenn man ihn brauchte? Er seufzte und hob an: »Ich habe mich noch gar nicht vorgestellt: Yohann Kervigné.«
Yohann; ein Name aus einer anderen Zeit, das passte, fand sie. »Lina Vincenti«, stellte sie sich ihrerseits vor.
»Sie sind Italienerin?«, fragte er interessiert.
»Meine Mutter«, gab sie knapp zurück. »Ich bin Französin.«
Er nickte. »Da vorne steht mein Auto. Ich fahre Sie nach Saint- Hernin und dann sehen wir weiter, ja?«
Sie zuckte ergeben mit den Achseln.
Sein Auto war ein hellblauer Renault vier, wie sie ewig keinen mehr gesehen hatte. Yohann hielt ihr die Beifahrertür auf, blieb selbst aber noch minutenlang ohne Schirm im Regen stehen, während er die auf der Rückbank sitzende Babou mit einem großen Tuch abrieb. Im Rückspiegel sah Lina, wie das Tier ihm brav eine Pfote nach der anderen reichte und sich dann wie ein Mensch direkt auf den Po setzte, den Rücken an die Rückenlehne gelegt, um ihrem Herrn Brust und Bauch zu präsentieren. Während er rubbelte, gab sie ihm Nasenküsse. Eine hübsche Szene, und auch beruhigend. In Paris wäre sie niemals mit dem erstbesten Fremden in die Karre gestiegen; aber etwas sagte ihr, dass das hier kein perverser Verbrecher war.
Das Einzige, was sie dann doch unangenehm fand, war der Geruch nach nassem Hund. Nur schwerlich überdeckte er noch etwas anderes: Irgendwie roch das Autoinnere - angeräuchert? Aber zum Glück war die Fahrt ins Dorf überraschend kurz. Der Renault vier kurvte schwungvoll ein enges Landsträßchen hoch, dann kam schon nach wenigen Minuten ein Ortsschild, Saint-Hernin, und die Landstraße mündete in eine Kreuzung. Yohann wollte eben fragen, wo sie nun hinmüssten, als Lina überrascht ausrief: »Ich glaube, das ist es schon. Genau vor uns. «
»Welches, das Linke der drei? Dann ist Jeanne Ihre Vermieterin?«, begriff Yohann.
»Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht. Pierre hat sich um alles gekümmert. Ich weiß nur, wie viel, oder besser, wie wenig Miete ich zahlen soll, wochenweise. « Sie verstummte. Das war schon mehr als sie hatte preisgeben wollen. Sie wollte doch nichts über sich erzählen.
Während er parkte, erklärte Yohann munter, dass die Dorfbewohner die drei Reihenhäuschen immer nur »die drei« nannten, seitdem sie 1898 von drei Geschwistern erbaut worden waren. Jeanne sei die letzte Nachfahrin dieser Geschwister, eine sehr kleine, sehr alte Dame, die zu ihren Enkeln in den Süden gezogen sei. Das mittlere Haus gehöre inzwischen Engländern, die seit Jahren nicht mehr kämen, und das rechte einer sehr sympathischen Autorin mit Hund, die drei- bis viermal im Jahr in Saint-Hernin sei, derzeit aber nicht.
Lina deutete ein Nicken an. Das klang eher gut, fand sie. Das klang nach Ruhe. Wenn sie nur erst den Stress mit dem Reinkommen hinter sich hatte.
Sie gingen zur Haustür; da lag ihr durchnässter Rucksack - aber die Tür war nach wie vor verschlossen.
Yohann meinte, in den Augen seiner Begleiterin einen Anflug von Panik zu lesen. Ruhig fragte er: »Und oben? Haben Sie bei der oberen Tür nachgeschaut?«
Lina schüttelte den Kopf. Warum sollte die obere Tür offen sein? Aber Yohann forderte sie mit einer Geste auf voranzugehen, und so stiegen sie hintereinander die enge Holztreppe zur Tür im ersten Stock hoch. Lina drückte die Klinke - abgeschlossen, natürlich. Doch Yohann rief aus: »Hat sie sich nicht bewegt? Vielleicht klemmt sie nur bei Feuchtigkeit.« Er drängte sich an Lina vorbei, drückte seinerseits die Klinke und stemmte sich mit der Schulter gegen die Tür, die ruckartig nachgab.»Voilà«, sagte er und machte eine einladende Geste.
Verblüfft trat Lina über die Schwelle.
Ein ganz kleines Zimmerchen mit übergroßem Kamin - der war allerdings mit breiten Bohlen verschlossen. Ein schön geschnitztes Bett, ein passender Nachttisch und ein Kleiderschrank mit Spiegeltüren; ein altes Schreibpult mit Stuhl. Das war sie, die Einrichtung. »Und wie soll man hier heizen?«, fragte Lina. Sie fand es hier drinnen fast kälter als draußen.
»Unten ist noch ein Kamin; vermutlich mit eingebautem Holzofen. Die heizen sehr gut, die Wärme steigt bis hier oben. Wollen wir nachsehen?« Yohann wies auf die Treppe zum Erdgeschoss.
Vorsichtig tastete Lina sich nach unten. Wie er gesagt hatte - im Erdgeschoss nahm der Kamin fast eine ganze Wandbreite ein; ein schwarzer Holzofen stand darin. Vor dem Kamin standen eine kurze Couch und ein kleiner Sessel; ansonsten blieb in dem Zimmerchen gerade mal Platz für eine Küchenzeile an der Rückwand, der Haustür gegenüber, und für ein Esstischchen mit zwei Stühlen.
»Für Hobbits. Sagte ichs doch«, murmelte Lina für sich.
»Wie bitte?«, fragte Yohann.
»Ach, nichts. Ich habe noch nie mit Holz geheizt. Und viel Brennholz sehe ich hier auch nicht.«
»Hinter dem Haus ist ein Schuppen, da könnte noch mehr Holz zu finden sein. Soll ich Ihnen ein Feuer machen?«
Überrascht hob Lina die Brauen. »Das kriege ich schon hin«, wehrte sie dann ab; in ihren eigenen Ohren klang es zu schroff. »Und was ist in dem geheimnisvollen Kasten da, in der Ecke neben der Haustür«, setzte sie daher in gespielt heiterem Tonfall nach.
»Vermutlich der Stromzähler«, antwortete er, ohne nachzudenken - und sah plötzlich wieder das brennende Haus der Meuniers vor sich, roch den beißenden Qualm. Es fröstelte ihn; er nahm sich zusammen und ging zu dem Kasten. Der war nur mit einem Häkchen verschlossen, er öffnete es, zog die Tür auf - und da war er, der alte Zähler.
Es war so dämmrig, so merkwürdig intim in diesem winzigen Zimmer, dass Lina eine gewisse Verlegenheit verspürte und das Bedürfnis, sie mit einer belanglosen Bemerkung zu überspielen; so sagte sie: »Bei uns in Paris ist letzte Woche der Stromzähler ausgetauscht worden, gegen einen digitalen.« Prompt biss sie sich auf die Lippen. Warum sprach sie von Paris?! - Falsches Thema!
»Ach ja?«, fragte Yohann sofort, und es lag ihm auf der Zunge, nun doch von dem Vorfall in Spézet zu erzählen; aber dann riss er sich zusammen. Sicherlich wollte die Durchnässte sich aufwärmen, ausruhen und allein sein, statt mit seinen persönlichen Sorgen belästigt zu werden! Er schaltete den Strom an. »Jetzt können Sie Licht machen. Bei dem Unwetter ist es dunkel wie am Abend, nicht?«
Sie fand den Lichtschalter. Im diffusen Licht der Deckenlampe sahen sich die beiden das erste Mal richtig an, in die Augen. Seine waren hellbraun, fast caramelfarben, mit durchdringendem und doch gütigem Blick. Sie hielten einen Moment Blickkontakt, dann lösten sie ihn und jeder tat so, als würde er das Zimmer genauer betrachten.
»So, ich sollte jetzt gehen«, kündigte er an, und als sie ihn nicht aufhielt, ging er zurück in den ersten Stock. Lina sah sich noch einmal kurz um, dann folgte sie ihm.
Er hatte den Schlafzimmerschrank geöffnet und zog eine Decke hervor. »Hier. Sie sind ganz durchgefroren. - Ah, ich meine, ein Auto gehört zu haben! Waren Sie mit Pierric verabredet? Das wird er sein. Also dann - willkommen in Saint-Hernin!« Er machte eine kleine Verbeugung und verließ hastig das Zimmer.
»Danke!«, rief Lina ihm hinterher, die Treppe hinunter, wobei sie bemerkte, dass der Regen aufgehört hatte.
Unten auf dem Bürgersteig kreuzten sich die Wege der beiden Männer.
»Yohann?«, rief der Ankömmling überrascht aus.
»Salut Pierric! Ich weiß nicht, ob du schon davon gehört hast, aber heute brannte es in Spézet...«
»Ach ja?« Pierric sah zum Linken der drei und war sichtlich mit den Gedanken bei einer anderen Sache.
»Reden wir morgen darüber? Deine Freundin ist oben«, informierte Yohann lakonisch, »schönen Abend noch.«
Pierric, den Haustürschlüssel in der Hand, sah ihm nach, wie er im Auto verschwand. »Und was machst du überhaupt hier? - Der ewige Helfer, hat doch wieder zugeschlagen«, murmelte er kopfschüttelnd. Dann blickte er auf. Im Rahmen der oberen Haustür stand eine vermummte Silhouette. Er atmete auf, freute sich auf die Begegnung. Lina!
4. Ziemlich beste Freunde
»Salut! Was gibt es Neues?« Pierric trat an den Schreibtisch seines sécrétaire adjoint, seines Stellvertreters, und griff nach der Post.
Yohann blickte von seiner Arbeit auf und erklärte: »Das sind die Kostenvoranschläge von drei Unternehmen für die Gestaltung des Gartens hinter der Mairie. - Hast du einen Moment Zeit?«
»Danke. Hast du reingesehen?«
»Ich würde Le Gall nehmen. Hast du Zeit? Wir müssen über den Brand in Spézet...«
Aber Pierric fiel ihm ins Wort: »Ich weiß über die Sache Bescheid. Jetzt sehe ich mir erst einmal diese Unterlagen an.« Er verschwand im Nebenzimmer, seinem Bürgermeisterbüro.
Yohann ließ die Finger nervös über die Schreibtischplatte trommeln. Sollte er ihm folgen? Aber dann wandte er sich doch vorerst wieder seiner Arbeit zu.
Die Dorfbibliothek war seine Idee gewesen. Sie nahm einen großen Teil des kleinen Rathausvorzimmers ein, das nicht viel Platz für Bücher und Filme bot. So hatte er mit dem bretonischen Bibliotheksverband die Lösung gefunden, den kleinen Bestand alle vier Monate zur Hälfte durch Leihgaben aus anderen Bibliotheken zu ersetzen. Die nächste Leihe bereitete er eben vor. Doch war er heute nur halb bei der Sache; er hatte einen großen Teil des Morgens an Recherchen zum Linky gesessen.
Hinter der offenen Tür des Bürgermeisterbüros hörte er Papierrascheln, ein Hüsteln, dann erschien Pierric im Türrahmen und fragte: »Sag mal, wie kam es gestern zu deiner Begegnung mit Lina?«
Pierric und seine Freundinnen. Yohann zuckte mit den Achseln und antwortete: »Sie ging im Regen spazieren, ich habe sie ins Dorf zurückgefahren.«
»Ja, aber was für einen Eindruck hat sie auf dich gemacht?«
»Einen durchnässten.«
»Scherzkeks. Du weißt schon, was ich meine.«
Er hatte durchaus eine Ahnung davon, worauf sein Freund und Vorgesetzter hinaus wollte, wollte darauf jedoch nicht eingehen. Er setzte die Brille ab, die er zum Arbeiten am Rechner trug, und lehnte sich zurück. »Sie war wirklich durchnässt. Und sie wirkte orientierungslos, ein wenig verloren .«
»Hm.« Pierric steckte die Hände in die Hosentasche und lehnte sich gegen den Türrahmen. »Ich war schockiert, als ich sie sah.«
Yohann hob fragend eine Augenbraue, doch widerwillig neugierig gemacht.
Durch Pierric ging ein Ruck und er begann, gleichzeitig zu gestikulieren und zu reden: »Das war nicht Lina! Wenn du sie gesehen hättest, vor zehn Jahren, du hättest sie jetzt nicht wiedererkannt! Ich habe sie nicht wiedererkannt! Sie war damals - unglaublich!« Er rang mit den Händen. »Sie war nicht nur schön, Lina hatte eine Aura! Einen Charme - sie war so mitreißend energiegeladen; sie war kreativ, intelligent, ja, und witzig: Sie hatte so einen eigenen, scharfsinnigen Humor.«
»Wo habt ihr euch kennengelernt?«, unterbrach Yohann Pierrics Redefluss.
»Wir waren in derselben Clique, an der Sorbonne .«
Yohann verdrehte die Augen. Er kannte diese Art, in der Pierric Sorbonne sagte, wie beiläufig und doch immer betont. Er selbst hatte nicht an der Pariser Elite-Universität studiert, und Pierric erinnerte ihn hin und wieder subtil daran.
»Sie war ein paar Jahre jünger als ich«, sinnierte der jetzt, »ich schon in der Abschlussphase und sie noch am Beginn ihres Studiums; aber der Kontakt hat noch gehalten, als ich mit dem Examen fertig war .« Er verstummte und schien ganz in seinen nostalgischen Träumereien zu versinken; dann setzte er abrupt nach: »Wir waren nie zusammen.«
»Nein?«, rutschte es Yohann heraus.
»Sie war zu gut für mich - zu gut für uns alle. Und ich verstehe immer noch nicht, wie sie ihr Leben dermaßen verpfuschen konnte! Erst ist sie Sozialarbeiterin geworden, obwohl ihr Soziologieprofessor sie dazu aufgefordert hatte, an der Uni zu bleiben, Professorin zu werden - sie war sein Shooting Star, weißt du; und dann, ein paar Jahre später, hat sie diesen unsäglichen, arroganten Typ geheiratet, diesen Schwätzer und Besserwisser - er war zu alt für sie, hatte ein Kind aus erster Ehe ...«
Yohann hatte genug gehört. Er zog die Brille auf und begann zu tippen.
»Was?«, protestierte Pierric, »ich erzähle von einem tragischen Menschenschicksal und dich berührt das nicht? Hörst du mir zu?«
Er sah lächelnd auf. »Fragst du mich als Chef oder als Freund?«
Pierric stützte sich mit den Ellenbogen auf den Schreibtisch auf und sah Yohann tief in die Augen. Schöne Augen hatte Pierric, groß, tiefblau mit schwarzen Wimpern, und das wusste er. Er zwinkerte leicht, als er sagte: »Jetzt lass mal deine Feinheiten und sage mir lieber, wo ich ein Fahrzeug für sie auftreiben kann. Lina ist das Dorfleben nicht gewohnt, sie muss mal wegfahren können.«
»Aha, das hört sich gleich vernünftiger an«, lachte Yohann. »Ich werde mich umhören. - Übrigens, egal ob deine Freundin Eheprobleme oder andere Schwierigkeiten hat, sie wirkte auf mich so, als bräuchte sie Ruhe .« Er sah Pierric vielsagend an.
Der richtete sich auf und stützte die Hände in die Hüften. »Sehe ich da einen moralischen Zeigefinger, mein pragmatischer und diskreter Freund? Aber mach dir keine Sorgen. Sie hat mich seit Jahren das erste Mal kontaktiert, über Facebook, und gefragt, ob ich eine günstige Unterkunft für sie auftreiben könnte, bei uns in der tiefsten Bretagne. Das habe ich gemacht und keine Fragen gestellt. Jetzt ist sie hier, in dem Zustand . Also, ich verspreche dir, ich lasse die Finger von ihr. Sowieso, ich bin viel zu gestresst mit Nelly, um ...«
»Ich dachte, mit Nelly wäre es aus?«
»Das dachte ich auch, aber es ist kompliziert.«
»Wie immer«, murmelte Yohann.
Achselzuckend wandte Pierric sich ab und seinem Büro zu. »Irgendein Fahrzeug für Lina, ja? Das braucht sie ganz sicher«, sagte er, schon über die Schulter hinweg.
»Warte! - Wir haben noch nicht über den Brand gestern gesprochen und über ...«, begann Yohann hastig, aber Pierric sagte laut und plötzlich im Chef-Tonfall: »Später! Ich habe doch gesagt, ich weiß über den Brand Bescheid, ich habe längst mit meinem Kollegen Leroux telefoniert! Und jetzt habe ich weitere wichtige Telefonate zu erledigen, die ich auf keinen Fall bis nach Ostern verschieben kann«, und er zog die Tür hinter sich zu.
Yohann sah die geschlossene Tür vorwurfsvoll an. Dann murmelte er für sich: »Nein, Pierric, ich denke nicht, dass du über alles Bescheid weist. Aber gut; wer nicht hören will, lässt die anderen machen. Dann kümmere ich mich eben darum. Ist ja nicht das erste Mal. Und um ein Fahrzeug für diese Lina ...« Er sah sie vor sich, grazil und zerbrechlich in ihrer zu weiten Kleidung, ihren ausdrucksstarken dunklen Blick. Dieses ganze Gefasel eben von ihrer einstigen Schönheit - Pierric war blind, um nicht die weit anrührendere, innere Schönheit seiner geheimnisvollen Freundin zu sehen. Sie wirkte nur, ja, gefangen in sich; wie geknebelt durch etwas - Trauer? Wut? Und dann, ihre abrupten Stimmungsschwankungen . Sie wirkte angegriffen, ziemlich labil. Was hatte sie wohl durchgemacht?
Er schüttelte den Kopf, fuhr sich durch das Haar und machte sich wieder an die Arbeit. Das alles ging ihn im Grunde nichts an.
5. Auf dem Mond
Um zwölf Uhr verließ Yohann die Mairie; am Nachmittag würde Lucie, die Sekretärin, ihn ablösen. Pierric war schon vor ihm in die Mittagspause gegangen, er hatte noch Unterricht am Lycée Paul Sérusier in Carhaix. Er hatte sich heftig darüber aufgeregt, dass die Schüler am Karfreitag sowieso keine Lust mehr auf Schule hätten; und wenn Pierric sich aufregte ... Schmunzelnd bei dem Gedanken an die kleine Abschiedsszene schlenderte Yohann die Hauptstraße herunter. Er pflegte jeden Mittag seine Baguette in Elaines Laden zu holen. In Saint-Hernin gab es keine Bäckerei, aber die kleine Épicerie diente als Brot-Depot. So konnte man ziemlich sicher sein, vor einer der drei Mahlzeiten jemand anderem aus dem Dorf beim Brotkauf zu begegnen.
»Ah, da kommt er«, sagte im Ladeninneren Elaine, die Yohann durch das Schaufenster hindurch erspäht hatte.
Lina sah ihn auch. Sie tauschte mit der alten Dame, die ihr vorhin stolz unterbreitet hatte, seit sechsundfünfzig Jahren die Épicerie zu führen, einen verschwörerischen Blick; noch eben hatten sie über ihn gesprochen. Das Glöckchen an der Tür klingelte; Yohann sah Lina, blieb verblüfft stehen, lächelte, ging aber nicht auf sie zu, sondern zu den Brotregalen.
»Sehen Sie? Er ist schüchtern, wie ich gesagt habe«, flüsterte Elaine.
Lina sah zu Boden. Sie wollte nicht, dass Yohann mitbekam, dass sie über ihn tuschelten.
Nun kam er und machte eine kleine, höfliche Verbeugung. »Guten Tag«, grüßte er, »haben Sie gut schlafen können in der ungewohnten Umgebung?«
»So ist er, immer besorgt um die anderen«, nickte Elaine, als stünde Yohann nicht direkt vor ihr.
Er wurde rot. »Elaine, jetzt ist es aber gut! Lina, Sie dürfen nicht auf alles hören, was man Ihnen hier so erzählt.«
»Er meint, über sich, weil es nur Gutes ist«, erklärte Elaine unbeirrt.
»Gut, ich gehe«, entschied Yohann und legte das Geld für seine Baguette auf den Tresen.
»Ich wollte auch gerade gehen«, beeilte Lina sich zu sagen und hob ihre große Tüte auf. Sie hatte sich etwas Gutes für das lange Wochenende kaufen wollen und war immer noch erschrocken darüber, wie viel Geld sie ausgegeben hatte. In diesem kleinen Laden gab es lauter feine, qualitativ hochwertige Sachen, viele Bioprodukte. Das war schön; nur würde sie es sich auf Dauer nicht leisten können, davon zu leben. Im nahen Carhaix würde es natürlich Supermärkte geben - aber ohne Fahrzeug war Carhaix gar nicht so nah. Sie traten auf den sonnigen Bürgersteig, und Lina fragte Yohann schnell, bevor er davoneilen würde: »Pardon, aber - gibt es Busse von hier nach Carhaix?«
Er blieb stehen. »Aber ja. Allerdings fahren sie nicht sehr häufig, daher ...« Er verstummte; er sollte ihr lieber kein Fahrzeug versprechen, bevor er es nicht gefunden hatte.
Hm. Besonders hilfreich war das nicht. »Ich habe gehört, dass Sie in der Mairie arbeiten, mit Pierre«, sagte sie, als sie die Verlegenheit ihres Gegenübers bemerkte, jedoch nicht recht begriff.
Yohann sah sie kurz an. Sie hatte »mit Pierre« gesagt, nicht »für Pierre«. Er lächelte und antwortete: »Ja, dort arbeite ich. In der Mairie finden Sie übrigens alles Mögliche - von Busfahrplänen bis zu gelben Säcken und von Wanderkarten der Gegend bis hin zu Büchern und Filmen, die Sie ausleihen können. Heute Nachmittag ist die Mairie ab zwei Uhr wieder geöffnet; ansonsten erst wieder Dienstag, nach Ostern. Kommen Sie ruhig vorbei, wenn Sie Fragen haben!« Er sah, wie schwer ihre Tüte war, und griff unversehens danach. Als ihre Finger sich flüchtig begegneten, ließ sie die Tüte schnell los.
Auch er war leicht zusammen- und von ihr weggezuckt. »Ich begleite Sie die paar Schritte, wenn Sie wollen«, schlug er dann vor, als ob nichts wäre.
»Sie müssen meine Tüte nicht tragen«, protestierte sie.
»Ich tue es gerne«, gab er zurück.
Das passte ja so sehr zu allem, was sie von ihm gehört hatte! Als er sich zu ihr umwandte und ihren Blick fragend erwiderte, hob sie schnell an: »Warum nennen alle hier Pierre >Pierric<? Ist das ein Spitzname?«
»Pierric ist die bretonische Verkleinerungsform. Sie wird als Kosename benutzt, oder in diesem Fall als Freundschaftsname.«
»Dann ist Pierre wohl sehr beliebt?«
»Oh ja. Jeder kennt Pierric, und er kennt Gott und die Welt.«
Sie widersprach nicht. Dabei hatte die alte Dame in der Épicerie gesagt, dass eigentlich Yohann alle Welt kenne und dass ohne ihn gar nichts laufen würde im Dorf.
Schnell waren sie am Gartentor des Häuschens angelangt. »Wollen Sie reinkommen, etwas trinken?«, lud Lina ihren Begleiter zögernd ein.
»Aber nein, ich habe gar keine Zeit. Das heißt -« Sollte er sie doch noch auf den Linky ansprechen? Er ließ sich von ihr die Tüte abnehmen, und als sie ihn abermals einlud, begleitete er sie in den Garten, wo er auf sie warten wolle, sagte er. Die Sonne sei so schön.
Während sie also mit ihren Lebensmitteln im Haus verschwand, schlenderte er in die anheimelnde Ecke mit der Gartenbank und roch an der einen, schon voll erblühen Rose, die einen zarten Duft verströmte, der sich mit dem herberen des üppig blühenden Stechginsters daneben vermischte. Er setzte sich auf die Bank, lehnte sich zurück und lauschte dem Frühlingsgezwitscher der Vögel. Laut gurrten zwei Tauben vom Dach. Er schloss die Augen und wandte das Gesicht der warmen Sonne zu.
So fand ihn Lina, als sie mit zwei Gläsern zurückkam. »Es ist nur Orangensaft, ich habe keinen anderen Aperitif anzubieten«, entschuldigte sie sich.
»Orangensaft ist gerade richtig, danke!« Er nahm das Glas entgegen, darauf bedacht, sie nicht noch einmal versehentlich zu berühren wie vorhin.
Sie setzte sich und sah ihn aufmerksam an. Unwillkürlich rückte er ein kleines Stück weg von ihr, wobei er so tat, als wolle er mehr in den Schatten. »Blendet ganz schön«, murmelte er, ehe er etwas abrupt fragte: »Sie haben mir gestern erzählt, in Paris sei Ihr Stromzähler ausgetauscht worden?«
Sie verschluckte sich fast und sah auf ihre Knie. Warum musste er damit anfangen? Sie wollte nicht über Paris sprechen!
»Und - wie war das mit dem Linky? Nachdem er installiert worden war, gab es da Auffälligkeiten? Schwierigkeiten?«, hakte er jetzt auch noch nach.
»Aber nein, wieso denn?«, fragte sie abweisend.
Was hatte sie plötzlich, fragte er sich, erklärte ihr aber: »Vorgestern war ein alter Herr bei mir in der Mairie; Simon hatte die Benachrichtigung erhalten, sein Stromzähler solle gegen einen digitalen Linky ausgetauscht werden.«
Entnervt fragte sie: »Und der Linky ist ein Problem für den alten Herrn?«
Er sah sie ernst an. Dann betonte er: »Es könnte sein, der Linky ist ein Problem für uns alle.«

Zu dieser Zeit in Edern, vierzig Kilometer von Saint-Hernin entfernt, stiegen zwei Männer in gelben Overalls in einen Lieferwagen.
»Hast du gesehen, wie einfach es war?«, fragte der Ältere, der sich ans Steuer setzte.
»Es war okay«, nickte der Jüngere, der mit den Dreadlocks.
»Die haben doch nur Panik gemacht in der Firma«, meinte der Ältere verächtlich, »und dafür dieser ganze Kursus von wegen was ihr machen müsst, wenn die nicht wollen, und so weiter .«
Der jüngere Mann sah nicht überzeugt aus. »Das waren Engländer«, gab er zu bedenken, »und es war nur ihr Ferienhaus.«
»Die vorher waren alle von hier, und gab es Probleme?« Der Ältere startete.
Der Jüngere sah beim Vorbeifahren auf das Haus, in dem sie eben den Zähler ausgetauscht hatten. Ihm war nicht wohl bei der Sache; vor allem nicht seit dem, was am Vortag passiert war. Das bereitete ihm echte Bauchschmerzen. »Hör mal, Michel, hast du etwas von dem Feuer gehört, gestern in Spézet?«
Michel schüttelte den Kopf.
»Echt nicht? Ich - ich fürchte, das war das Haus, in dem wir am Morgen einen Linky installiert hatten. Weißt du noch? Das Stromnetz war weit entfernt von den neuen Standards.«
Michel starrte ihn an. Dann zog er mit geübter Geste seinen silbernen Taschenkamm aus der Hemdtasche und sich damit zweimal durch das schütter werdende Haar, an jeder Schläfe vom Haaransatz nach hinten zurück.
»Wie kannst du dich ruhig frisieren, nach dem, was ich dir eben gesagt habe?«, platzte es aus dem jungen Mann heraus.
»Kämmen täte dir auch mal gut, Julien, weißt du«, grinste Michel. »Aber was Leute mit veralteten Stromleitungen betrifft - selbst schuld. Wo müssen wir als nächstes hin?«
»Selbst schuld? Hast du nicht gehört? Das Haus von den alten Leuten ist abgebrannt!«
»Hatte mit uns nichts zu tun.« Michel schüttelte entschieden den Kopf.
»Der neue Linky und das alte Stromnetz - Mensch, Michel, was ist, wenn es doch an uns lag?«
»Unmöglich. Die Dinger sind sicher.«
»Was, wenn nicht?«
»Julien. Wer ist hier der echte Elektriker, he?«
Julien rollte die Augen.
»Sag schon, wer ist hier der echte Elektriker?«
»Du bist Elektriker, Michel, okay, aber ...«
»Und wer hat nur den Schnellkurs zum Austauschmonteur gemacht, he, wer?«
»Ach, halt doch den Rand«, Julien schaute weg.
Michel lachte. »Nichts für Ungut, Kleiner. Du denkst zu viel. Kann ja sein, dass es in Spézet gebrannt hat. Das hat aber garantiert nichts mit uns zu tun.«
Julien gab keine Antwort.
»Hey«, Michel boxte ihn gegen die Schulter. »Siehs mal so. Das hier ist ein Start für dich. Auf jeden Fall gibts Knete.«
Julien antwortete noch immer nicht und starrte aus dem Wagenfenster.
»Also, wo müssen wir hin?«, wiederholte Michel seine Frage.
Widerwillig und langsam zog Julien seine Liste hervor.

»Und diese Meuniers meinten, der Linky wäre die Brandursache gewesen?«, wiederholte Lina zweifelnd.
Yohann versicherte: »Ja! Und wissen Sie, in anderen Regionen Frankreichs erschienen in verschiedenen Zeitungen auch schon Berichte zu Brandfällen in Häusern, in denen ein Linky installiert worden war. Kann das Zufall sein? Und das ist nicht das einzige, das mir Sorgen bereitet. Es könnte sein, dass der Linky weitere Nebenwirkung hat, wie höhere Kosten, den Verlust unserer Intimsphäre, Krebsrisiko.«
Lina starrte ihn von der Seite an. »Glauben Sie das?« Sie kniff die Augen zusammen. »Davon müssten wir längst etwas wissen.«
»Man kann es ja erfahren, via Internet.«
»Aber Sie wissen doch, wie das ist, jeder Idiot kann irgendwelchen Quatsch ins Netz setzen .«
»Es wären immerhin Idioten aus den USA, Großbritannien, Österreich, Italien und Frankreich - nur um einige Beispiele für Länder zu nennen, in denen digitale Stromzähler bereits laufen.«
Lina schüttelte den Kopf. Was er da sagte, regte sie auf, und sie hatte wirklich in der letzten Zeit, und genauer seit acht Jahren, genug Aufregung gehabt! Daher rief sie scharf abwehrend aus: »Das ist Panikmache, das ist ausgedacht!«
»Aber warum sollte jemand das tun?«, ereiferte auch er sich, verletzt durch ihren Tonfall.
»Um sich wichtig zu machen?« Sie sah ihn herausfordernd an.
»Warum damit?«
»Um Aufmerksamkeit zu bekommen?«
»Da gäbe es bessere Mittel!«
»So? So einfallsreich sind die Leute nicht! Lesen Sie keine Posts auf Facebook? Aber nein, Sie sind nicht auf Facebook, stimmt's?«
»Nein, kein Facebook.«
»Twitter?«
»Ich heiße nicht Trump.«
»Whats app?«
»Auch nicht, und?«
Sie sahen sich fest in die Augen. Ihre Gesichter waren sich beim Schlagabtausch unmerklich näher gekommen. Yohann war der erste, der sich zurückzog. »Ich lebe nicht auf dem Mond, wenn Sie das meinen. Zugegeben, Saint-Hernin ist manchmal wie der Mond, doch im positiven Sinne. Vermutlich verstehen Sie das nicht; aber sollten Sie länger hierbleiben«, er machte eine fragende Pause, die Lina nicht füllte, »sollten Sie länger hierbleiben, dann würden Sie erkennen, dass die Menschen hier durchaus mit der Zeit gehen, aber dass manches erfrischend langsamer oder provinzieller ist, wie Sie wohl sagen würden.«
Sie wurde rot. Das Wort »provinziell« hatte sie sich natürlich gedacht, ihm gegenüber aber nie fallen lassen. »Ich wollte Ihr Dorf und Ihre Lebensweise nicht angreifen«, versicherte sie, »aber wenn hier der Linky eingeführt werden soll, werden Sie das nicht aufhalten können.«
Etwas blitzte in seinen Augen. »Sie wissen nicht, wozu Bretonen fähig sind.« Er trank seinen Orangensaft auf einen Zug aus, reichte ihr das Glas, verbeugte sich und ging.
Amüsiert sah sie ihm nach. Amüsiert und nachdenklich. Sie hatte wieder Pierres Stimme im Ohr. Er hatte sie zu sich zum Essen eingeladen, gestern Abend; sie hatten einigen Rotwein getrunken und dabei ein langes Gespräch geführt. Es war ihr gelungen, seine Fragen nach den Gründen ihres Hierseins weitgehend abzublocken; dafür hatten sie viel von der gemeinsamen Vergangenheit gesprochen, ehe er ausführlich sein jetziges Leben und seine Tätigkeiten als Bürgermeister von Saint-Hernin beschrieben hatte. So waren sie auch auf seinen Stellvertreter gekommen - den »ewigen Helfer«, den »letzten der drei Musketiere«, den »hochintelligenten, sensiblen, einfallsreichen« und »übrigens stockschwulen« Yohann. - Es hatte ihr nicht gefallen, wie abfällig Pierre das Letzte gesagt hatte.
»Lina?«
Sie schreckte zusammen. Da war er schon wieder!
Vom Gartentörchen rief er ihr zu: »Ich habe vergessen zu sagen, dass Pierric ein Fahrzeug für Sie auftreiben wird. Damit Sie hier nicht festhängen.«
Ein Fahrzeug? »Ich - wieso - danke; aber ich habe um kein Fahrzeug gebeten«, wehrte sie erschrocken ab. Was sollte das jetzt? Über die Miete für das Häuschen hinaus konnte sie sich keinesfalls eine Mietgebühr für ein Fahrzeug leisten!
»Es wird allerdings nichts Grandioses sein«, meinte Yohann, um keine falschen Erwartungen zu wecken, »die Leute hier sind sehr hilfsbereit, aber nicht unbedingt wohlhabend; dementsprechend wird sich vielleicht ein klappriges Auto oder ein altersschwacher Roller auftreiben lassen. Und das sicherlich erst nach den Feiertagen. - Sind Sie versorgt über Ostern? Möchten Sie an einem der Feiertage irgendwo hin?«
»Nein - nein, danke«, stammelte sie.
»Dann bis bald«, er lächelte und ging diesmal wirklich.
Bis bald! - Nein danke!! Er hatte es sicherlich gut gemeint, aber ... Es war schon unangenehm, überaus unangenehm, Pierre ihre Unterkunft zu verdanken; sie hatte eben keinen anderen Ausweg gesehen. Doch darüber hinaus wollte sie weder Pierre, noch Yohann, noch sonst jemandem irgendetwas schuldig sein - und erst recht nicht über ihren Kopf hinweg zu Ausgaben gezwungen werden, die schlichtweg unmöglich für sie waren! Sie wollte keine aufgedrängte Hilfe, und diese Art von Hilfe, die in Wahrheit keine war, schon gar nicht!
Den ganzen Tag über verfolgte sie dieser Gedanke - wie sie nicht die Ruhe finden würde, die sie so dringend brauchte; wie sich andere anmaßen würden, sich in ihre Angelegenheiten einzumischen. Sie versuchte, sich nicht in diese Befürchtungen hineinzusteigern, doch sie ließen sie nicht los; auch in den nächsten Tagen nicht. Nach Ostern wusste sie, sie musste etwas unternehmen.
6. Streit
Am Dienstagmorgen, seinem ersten Arbeitstag nach Ostern, fand Yohann einen gelben Zettel vor, den Lucie ihm an den Rand des Monitors geklebt hatte: »Eine Lina hat nach Dir gefragt. Sie will wiederkommen.«
Er lächelte, als er den Zettel neben die Tastatur legte.

Lina betrat die Mairie. Yohann saß hinter seinem Bürotisch, war aber nicht allein; vor ihm standen eine jüngere Frau und Jean-Yves, der Mini-Quad-Fahrer, der sie nun erkannt hatte und auf sie zu trat. »Hallo, wie geht es, Lina?«, fragte er zu laut für die Enge des Zimmers, »hast du ein gutes Osterfest gehabt?«
»Hm - danke«, brachte sie sarkastisch hervor, bei dem Gedanken an die Einsamkeit, Verlorenheit, die Weinkrämpfe. Dann kam von hinter Jean-Yves ein weiteres vertrautes Wesen angewedelt - sofern man die Bewegung dieses Mini-Schwanzes als Wedeln bezeichnen konnte. »Babou«, sagte sie laut und das Schwänzchen zuckte noch schneller hin und her. Wie ein Mini-Metronom, dachte sie und musste wider Willen lächeln. Sie streichelte die Hündin, die sich sogleich an sie drängte; dann war plötzlich ein zweiter Hund da, anders als die braun-weiß gefleckte Babou schwarz-weiß. »Das ist meine Dudu«, verkündete Jean-Yves stolz, während im Hintergrund die junge Frau Yohann fragte, wie lange sie das Buch ausleihen könne, das sie einem der hohen Wandregale entnommen hatte. Was Yohann antwortete, verstand Lina nicht, weil Jean-Yves meinte, ihr mitteilen zu müssen: »Dudu fährt immer mit mir, in dem Anhänger, du weißt schon.«
»Jaja«, murmelte sie und dann, weil sie nicht weiter wusste: »Warum kupiert man diesen armen Hunden die Schwänze?« Mittlerweile hatte sich Dudu an ihr rechtes Bein gedrängt, das linke nahm Babou ein, und Lina streichelte beidhändig. Sie hatte noch nie so aufdringlich verschmuste Hunde erlebt.
»Aber das sind Epagneuls bretons - Jagdhunde; und man kupiert ihnen die Schwänze nicht«, entrüstete sich Jean-Yves.
»Nein?«, fragte sie und setzte ironisch hinzu: »Dann werden die Hunde wohl so geboren?«
»Genau!«, bestätigte Jean-Yves, angetan davon, dass die Pariserin so schnell von allein darauf gekommen war.
Da verließ die Frau mit dem Buch endlich die Mairie und Yohann lächelte scheu: »Guten Tag, Lina. Jean-Yves und ich sind gleich fertig; wir waren im Gespräch, als Patricia kam.«
Sie nickte zerstreut. Patricia - das musste die Buchausleiherin sein. Gab es in Saint-Hernin keine Nachnamen? Sie hörte mit Hundestreicheln auf und ging zum Bücherregal neben der Eingangstür, möglichst weit weg von den beiden Männern, die sie in ihrer Unterhaltung nicht stören wollte. »Und du meinst, das geht wirklich, dass man einfach so nein sagt?«, hörte sie Jean-Yves trotzdem. Verblüfft horchte sie auf. Es war, als hätte der alte Mann ihren eigenen Gedanken laut ausgesprochen; so antwortete sie ihm im Stillen: Aber sicher kann man nein sagen, wenn man es muss.
Yohann antwortete unterdessen: »Aber sicher. Es muss sein.«
Lina lächelte ironisch und spitzte unwillkürlich die Ohren. Was hatten die vor?
»Na gut. Und wenn die Ärger machen?«, wollte Jean-Yves wissen.
Yohann zuckte die Achseln. »Wir werden sehen.«
»Du hilfst mir doch, oder?«
»Natürlich.«
»Weil - ich will garantiert keinen Linky.«
Aha, dachte sie sich, darum geht es! Die wollen wirklich rebellieren? - Typisch Bretonen! Nur mit halbem Ohr hörte sie danach zu, wie Jean-Yves beklagte, seinen Neffen, der ihm normalerweise bei Papierkram helfe, kaum mehr zu Gesicht zu bekommen; er, Jean- Yves, habe nicht einmal verstanden, was Juliens beanspruchender neuer Job sei - »irgendwas Technisches, hat er gesagt, mehr nicht.« Der alte Mann holte tief Luft. »Aber zumindest verdient er etwas. Und es ist nicht gut für die jungen Leute, wenn sie zu Hause herumhängen und keine Arbeit finden. Sie haben den Eindruck, dass niemand sie will. Nein, so ist es wohl besser.«
Yohann nickte und spähte nach Lina, die so tat, als hätte sie nichts von der Unterhaltung mitbekommen. »Gut, Jean-Yves, machen wir es wie besprochen, ja?«, fragte er.
»Geht in Ordnung, Yohann. Kenavo!« Jean-Yves wandte sich zum Gehen. »Kenavo, Lina! So verabschiedet man sich auf Bretonisch!«
»Soso. Dann kenavo, Jean-Yves.« Sie atmete auf, als der Alte aus dem Raum war, und trat endlich an Yohann heran. »Guten Tag. Ich - ich wollte gelbe Säcke. « Das war geflunkert. Sie hatte sich am Freitagnachmittag gelbe Säcke geholt. Aber sie brauchte das Ausweichmanöver für den inneren Anlauf.
»Gelbe Säcke liegen in der Kiste, drüben auf dem Stuhl.« Er wies in besagte Richtung.
Sie nahm sich schnell eine Rolle aus dem Karton, ihr Blick schweifte dann zu der halb geöffneten Tür zum Nebenzimmer.
»Pierric ist nicht da«, sagte Yohann, ihrem Blick folgend.
»Gut, egal. Sie sind ja da .«
Er sah sie abwartend an.
»Was ich sagen wollte«, begann sie abrupt, »was ich sagen will ist: Ich will kein Fahrzeug!«
Er hob unmerklich die Augenbrauen, sah von Linas zusammengepressten Lippen zu ihrem fast bösen Blick, dann zu ihren geballten Fäusten. »Kein Problem«, sagte er sanft.
»Ich meine, niemand hat mich gefragt, ob ich ein Fahrzeug will, ja?«, fuhr sie fort, als ob sie seine Worte nicht gehört hätte. »Das ist nämlich nicht der Fall. Und ehrlich gesagt, ich könnte mir eine Miete auch gar nicht leisten, also - nein!«
»Aber niemand sprach von einer Miete«, wandte Yohann sachte ein, doch sie erwiderte höhnisch: »Ach kommen Sie! Auf unserer Welt bekommt man nichts für nichts; aber sowieso, ich brauche kein Fahrzeug! Und vor allem keine Leute, die mir sagen, was ich tun und lassen soll! Ich brauche keine Hilfe, klar?« Sie atmete aus, war ganz rot im Gesicht.
Babou sprang Yohann auf den Schoß und schmiegte sich schutzsuchend an ihn. Hund und Mann hatten, nun auf Augenhöhe, denselben erschrockenen Blick. Es hatte fast etwas Komisches. Lina riss sich zusammen. Das war genug, was machte sie da?
»Kein Fahrzeug, ich werde es Pierric ausrichten«, sagte Yohann vorsichtig.
Sie nickte und rang nach Atem.
Er wartete ab, dass sie sich beruhigen würde. Er spürte, wie peinlich ihr Auftritt ihr war. Er wollte schon fragen: Sonst noch etwas, kann ich helfen?, aber das wäre definitiv Selbstmord gewesen. Er schwieg und streichelte Babou.
Lina räusperte sich, wollte sich nervös über die Haare streichen. Unversehens hielt sie ihre Mütze in der Hand - und sah seine aufgerissenen Augen. Auch das noch! Wehe, wehe wenn er etwas sagen würde! Hastig setzte sie die Mütze wieder auf den geschorenen Kopf und funkelte ihn an. Dann spürte sie, wie alle Scham in noch mehr Aggression umschlug, und sie hörte sich höhnisch ausrufen: »Wissen Sie was, Yohann? Sie sind viel zu lieb! Ich stehe hier vor Ihnen und schnauze Sie an, und Sie sitzen da, voller Geduld und Nachsicht! Meinen Sie, das kriegen Sie zurück? Meinen Sie, Sie werden nicht ausgenutzt?«
Seine Augen weiteten sich noch mehr.
Und sie setzte nach: »Ja, Sie wundern sich, wie ich, eine Fremde, mich so in Ihre Angelegenheiten einmische, nicht wahr? Aber das ist es eben: Ich sage Ihnen das, weil ich eine Fremde bin! Die Leute hier, die Sie kennen, die werden Ihnen nie die Wahrheit ins Gesicht sagen, weil es den einen zu bequem ist, einen so lieben Trottel für sich arbeiten zu lassen, und die anderen haben Sie zu gern, um Ihnen zu sagen, dass Sie nichts anderes sind, als zu gut, zu blöd!« Hastig atmete sie aus.
»Gut. War es das?«, fragte er angespannt nach ein paar Sekunden.
»Und was den digitalen Zähler betrifft: Man kann nicht ewig auf dem Mond leben, und auch wenn man das möchte, wollen es die, die das Sagen haben, eben nicht! Also, nein sagen wird in dem Fall nicht funktionieren! Und Sie werden sehen, am Ende stehen Sie sowieso allein damit da; naja, allein mit Jean-Yves . So, ich denke, das war es.« Sie nickte und stürmte aus der Mairie.
Er starrte ihr nach, Babou an sich gedrückt. Dann griff er nach dem gelben Klebezettel mit der Aufschrift: »Eine Lina hat nach Dir gefragt. Sie will wiederkommen.«, zerknäulte ihn und warf ihn in den Papierkorb.

Wenn Lina gehofft hatte, sich nach der Abschreckung Yohanns besser zu fühlen, kam das nicht sofort. Und schon am nächsten Tag bereute sie fast, was sie getan hatte.
Dabei fing der Tag erst gut an, mit der Entdeckung des Fahrrads. Sie fand es beim Holzholen, im Schuppen hinter dem Haus. Das Damenrad musste viele Jahrzehnte alt sein; die Chromteile waren voller Rost, und auch am schwarz lackierten Rahmen nagte er stellenweise. Aber nachdem sie es geputzt und aufgepumpt hatte, war es tatsächlich fahrtüchtig. Ein Fahrrad - ein Fahrzeug, frohlockte Lina, und machte sich gleich auf zu einer ersten Runde. Da sie nichts anderes von der Gegend kannte, fuhr sie dorthin, wo sie (leider) Yohann im Regen begegnet war: an den Nantes-Brest-Kanal. Um nicht dauernd an ihren unerwünschten Helfer zu denken, nahm sie aber bewusst den anderen Spazierweg den Kanal entlang - den einstigen Treidelweg. Der entpuppte sich schnell als sehr angenehmer Radfahrweg, denn er war gut befestigt, fast eben und ganz ohne Autoverkehr. Der Kanal neben ihr sah nach einem idyllischen Flüsschen aus, mit ruhig dahinströmendem Wasser, eingebettet zwischen Wald und bretonischem Wiesengrün.
Sie strampelte fest, ging in den größten, den dritten Gang. Sie konnte nicht super schnell sein, aber sie kam sich so vor, und hatte plötzlich das Gefühl, frei zu sein - ein Gefühl, das sich verstärkte, als sich die Schreie von Möwen in den Gesang der Vögel über ihr mischten; Seemöwen kreisten über dem Kanal! Hier gab es nur sie und diese freien Vögel - und gelbe Schmetterlinge, die neben ihr schwebten - und links von ihr hohe Alleebäume, dahinter ein Bach und mal Wald, mal Wiesen mit weidenden Kühen darauf; rechts von ihr immer das lautlos dahinfließende Wasser, und dahinter der Wald - dabei keine Spur von Menschen, nicht das leiseste Geräusch eines Autos oder ein sonstiges Anzeichen menschlicher Nähe - und jetzt, plötzlich, brach der bislang graue Himmel auf und die Sonne erschien hinter den Wolken!
Es war, als hätte jemand das Licht angemacht und die Welt flugs mit Farben überzogen: Das Grün der Wiesen, der Büsche und erster Bäume sprang ihr nun gelb-grün ins Auge; das Blau des Himmels hinter den aufreißenden Wolken spiegelte sich in dem nun funkelnden Wasser; weiß leuchteten die Blüten der Obstbäume auf, an denen sie eben vorbeiflog, und rote, gelbe und blaue Wildblumen leuchteten aus dem hohen Gras der Uferböschung - da zog eine Wolke vor die Sonne, und der Zauber war wieder vorbei. Doch nicht für lange! Die störende Wolke wehte der Wind gleich wieder fort; und dann dauerte es keine Viertelstunde und die Wolken waren alle vertrieben und die intensive Sonne strahlte ungehemmt und erstaunlich warm von einem makellosen, tiefblauen Himmel.
Und dann hörte sie ein Rauschen, ein Rauschen, das lauter wurde, als sie immer dichter an die Schleuse heranfuhr. Neben dem Schleusentunnel für Wasserfahrzeuge überbrückte ein Wehr den Kanal, und von dem schoss das funkelnde Wasser in einem kräftigen, breiten Strahl hinunter, ein richtiger Wasserfall! Am Rande des Weges, direkt bei der Schleuse, stand aber ein Haus, das sie entzückte: teilweise hell verputzt, teilweise aus unverputztem Naturstein, war seine Front geschmückt durch rote Rosen und üppige, violette Glyzinien. Wie schön musste es sein, hier zu wohnen!
Sie strampelte weiter, immer begeisterter von diesem Weg, dieser Entdeckung. Sie wollte mehr davon sehen, immer mehr! Am nächsten Schleusenhaus, das sie passierte, begegnete sie dann doch einem Menschen, einem einsamen Angler. Grüßend fuhr sie an ihm vorbei und schnell weiter; links neben ihr erstreckte sich nun, hinter einer Reihe alter Kastanien, ein sumpfig aussehendes Terrain mit hohen Gräsern; auf der anderen Kanalseite stand kühl und schattig der dichteste Wald. Ihre des Radelns ungewohnten Beine begannen allmählich, sich bemerkbar zu machen, so wie auch ihr Gesäß auf dem recht harten Sattel; aber bis zur nächsten Schleuse noch, nahm sie sich vor! Noch einige Kilometer, noch einige Kurven, dann fuhr sie auf eine alte Brücke mit verrostetem Eisengeländer zu - hier wechselte ihr Weg die Kanalseite. Und nach der Brücke kam dann die nächste Schleuse.
Sie stieg vom Fahrrad, um auszuruhen. Hier war kein Angler, hier war überhaupt niemand, auch kein Auto stand vor diesem Schleusenhaus, das sie sogar besonders hübsch fand. Es war verputzt und weiß gestrichen, mit Haustür und Läden in Dunkelblau. Umgeben war es von einem Garten, der voller bunter Blumen war und - in dem zwei Palmen standen! Sie trat näher. Tatsache! Palmen im bretonischen Grün!
Sie legte ihr Fahrrad ins Gras, machte ein paar Schritte und dehnte sich. Als sie die Schleuse näher betrachtete, fiel ihr auf: Die führte nicht über die ganze Kanalbreite, sondern auf eine kleine Kanalinsel. Sie konnte nicht widerstehen und ging hinüber, um die zu erkunden.
Eine Wäscheleine war zwischen zwei Pfosten gespannt; ansonsten schien die Insel wild überwuchert mit Gräsern, Wildblumen, Gestrüpp und ein paar knorrigen Bäumen. Dann entdeckte Lina einen ausgetretenen Pfad, dem sie folgte. Er führte sie, immer am Ufer entlang, auf die andere Seite der Insel - und zu einem meterhohen Wehr, von dem das Wasser hinabstürzte! Vorsichtig balancierte sie das Geländer des Wehrs entlang und beugte sich darüber, um dem Stürzen des Wassers zuzusehen und dem Rauschen nachzulauschen; dann, als ihr etwas schwindelig wurde, tastete sie sich weiter, bis sie an der anderen Kanalseite ankam. Hier erspähte sie, hinter den noch kahlen Zweigen alter Eichen, mehrere Gebäude um einen Hof: eine alte Mühle. Aber hier im Schatten war es ihr zu kalt, und so beschloss sie, zurück in die Sonne zu gehen.
Als sie wieder auf der Kanalinsel war und das hübsche Schleusenhaus vor sich erblickte, hielt sie inne. Diesmal hatte sie eine unangenehme Entdeckung gemacht: Vor dem Haus stand ein gelber Kleintransporter; in roter Schrift stand darauf ein Firmenname, Macrotech. Wo kam denn der her? - Sie überquerte die Schleuse und hob ihr Fahrrad auf; da sah sie die beiden Männer, in gelben Overalls. Die machten sich an dem Strommast zu schaffen, der einen Steinwurf von dem Haus entfernt stand.
Sie schob das Fahrrad an dem Kleintransporter vorbei und stieg auf. Jetzt fuhr sie langsam auf die Männer zu. Was machten die da? Erst, als sie an ihnen vorbei war, begriff sie - und bremste. Sie wandte sich um.
Ja. So war es. Dass an dem Strommast ein Zähler gehangen hatte, war ihr vorhin gar nicht aufgefallen. Aber jetzt hing plötzlich ein lindgrüner Zähler daran, und diese Farbe kannte sie: Das war doch ein Linky!
»Guten Tag«, grüßte einer der Männer; er hatte bemerkt, wie sie ihn anstarrte.
»Guten Tag«, gab sie zurück.
»Wohnen Sie hier?«, wollte der Mann wissen und nickte Richtung Schleusenhaus. Klang er misstrauisch?
»Nein«, erwiderte sie. »Ist der Linky für dieses Haus?«
»Wir tun hier nur unsere Arbeit«, fuhr der andere Mann sie barsch an.
Sie sollte weiterfahren. Das hier ging sie nichts an. Trotzdem musste sie nachhaken: »Aber die, die hier wohnen, wissen schon, dass Sie das machen?«
»Alle kriegen den Linky, Madame, und alle wissen das«, gab der, der sie zuerst angesprochen hatte, zurück und grinste.
Da fuhr sie ab. Unangenehm berührt von dem, was sie gesehen hatte - wobei sie nicht ganz sicher war, was sie da genau gesehen hatte. In diesem Moment verspürte sie plötzlich das Bedürfnis, Yohann von der Sache zu erzählen. Aber das kam natürlich nicht in Frage, schalt sie sich.
Das Wetter blieb schön, und die Landschaft war dieselbe; und doch konnte Lina auf dem Heimweg nicht in die begeisterte Stimmung zurückfinden, die sie auf der Hinfahrt getragen hatte. Ein Missklang schien sich in den Gesang der Vögel zu mischen; auf einmal sah sie nur noch Komplikationen. Weit, schier endlos erschien ihr der Rückweg; die letzte Steigung zum Dorf musste sie das Fahrrad hochschieben. Vollkommen erschöpft kam sie vor dem Linken der drei an.
Zwei Wochen. Noch zwei Wochen musste sie hier aushalten; dann hatte sie ihren Termin in Paris. Und dann? Dann konnte es im schlimmsten Fall sein, dass sie in Paris bleiben, dass sie wieder arbeiten musste, und das sah sie nicht. Angst überkam sie. Sie würde froh sein müssen, hierher zurückkommen zu dürfen - hierher, weil ihr nichts anderes blieb! Wo sollte sie sonst hin? Wo sonst wäre sie in Sicherheit? Und doch - sie wusste nicht, ob sie das wirklich konnte. Leben in der tiefsten Provinz. Ganz allein.
7. Zwei Reisende
Zwei Wochen waren seit Ostern vergangen - er wusste nicht, wo die Zeit geblieben war! Nachdenklich stieg Yohann in den Zug nach Guingamp, setzte sich ganz nach hinten und sah gedankenverloren durch das Fenster. Ja, er hatte zu wenig getan, die Sache schleifen gelassen. Recherchieren im Internet, das genügte nicht. In dieser Linky- Geschichte war wirklich der Wurm drin; der Zeitungsartikel, den er dabei hatte, bewies es. Nur gut, dass er nach Paris fuhr. Er würde die Gelegenheit nutzen und seinen Cousin Philippe ausfragen; vielleicht wusste der auch mehr über diese interessante Protestbewegung mit dem treffenden Namen: Stop Linky. Er schlug die Zeitung auf und begann, den Artikel, der ihn hartnäckig beschäftigte, noch einmal zu lesen.
Unterdessen, auf dem Bahnhofsvorplatz, sprang Lina vom Mini- Quad. »Danke, Jean-Yves«, rief sie und rannte schon los, um den Zug nach Guingamp noch zu erwischen. In ihrer Hektik hätte sie fast das Entwerten des Tickets vergessen; eben noch steckte sie es in den gelben Automaten und sprang dann in das nächstbeste Zugabteil. Dass ganz hinten im Zug Yohann saß, sah sie nicht; und er blickte nicht auf von seiner Zeitung.
In Guingamp hastete Lina aus dem Waggon, um den TGV nach Paris nicht zu verpassen. Ihr Zeitplan war eng getaktet, und sie würde sich, in Paris angekommen, fast unverzüglich auf den Weg zu ihrem Termin machen müssen.

Yohann verließ seinerseits die Regionalbahn und schlenderte durch die kleine Unterführung zum Gleis, an dem der TGV nach Paris-Montparnasse in sieben Minuten halten würde. Dass unter den Wartenden in einiger Entfernung von ihm Lina auf und ab tigerte, sah er nicht; und sie blickte angespannt auf ihr Bahnticket, um sich die Sitzplatznummer zu merken.

Im TGV ging Yohann in den Waggon mit der Cafeteria, um einen Cappuccino zu trinken und einen Brownie zu essen.
Kurz nachdem er an der Tür zur Toilette vorbeigegangen war, öffnet die sich und heraus kam Lina. Sollte sie einen Kaffee trinken gehen, überlegte sie kurz? Aber dann ging sie doch zurück zu ihrem Sitzplatz, wo sie, an ihrem Daumennagel kauend, an den Termin dachte, der ihr nun so bald bevorstand. Sie mochte sich kaum ausdenken, was wäre, sollte es das schon gewesen sein, mit ihrer bretonischen Auszeit! Zwei, drei Wochen - das genügte einfach nicht, das musste ihr Arzt doch auch so sehen? Ihr wurde vor Nervosität geradezu schlecht.

In Paris wartete an Gleis dreizehn eine große stattliche Frau mit auffallend roter Haarmähne, die, als sie Lina unter den anderen Fahrgästen aus dem Waggon steigen sah, auf sie zuschoss und fest in die Arme nahm. Lina verschwand buchstäblich in der Umarmung, schloss die Augen und sah nicht, dass Yohann haarscharf hinter ihnen vorbeiging.
Die große Frau trat einen Schritt zurück, beäugte sie intensiv und fragte eindringlich: »Und? Wie geht’s?«
»Ach Estelle - bin ich froh, dich zu sehen!«
»Dito«, rief Estelle aus und lachte. »Gehen wir?«
Es war unwirklich, wieder hier zu sein. Die sich drängenden Menschen, die Geräuschkulisse, die schlechte Luft in den langen unterirdischen Gängen vom Bahnhof zur Metro, in denen Lina froh war, nicht mehr als ihren leichten Rucksack zu tragen. Die Metro war dann überfüllt und stickig, und sie bemerkte überrascht, dass sie das nicht mehr gewohnt war. Alles erschien ihr zugleich von fern her vertraut und doch völlig entfremdet.
Eingequetscht zwischen den anderen Fahrgästen, sah Estelle auf ihrem Handy nach der Uhrzeit und fragte: »Haben wir Zeit für ein Mittagessen?«
»Leider nicht. Ich muss direkt zum Ärztehaus.«
Estelle machte eine Schnute. Sie liebte essen und hasste es, wenn eine Mahlzeit ausfiel.
»Fahr schon heim und iss etwas, es könnte länger werden; zum goûter kaufe ich uns Gebäck aus deiner Lieblingsbäckerei, und heute Abend gehen wir ins Restaurant«, vertröstete Lina ihre Freundin und hätte sich am liebsten auf die Zunge gebissen: Als ob sie das Geld für einen Restaurantbesuch hätte! So atmete sie auf, als Estelle protestierte: »Ach was, heute Abend koche ich! Gegen ein Stück Mohnkuchen zum goûter hätte ich allerdings nichts einzuwenden. Hey Lina, du bist ja ganz verkrampft. Mach dir mal keine Sorgen, das wird schon gutgehen, beim Arzt! Ach Kleine - du hast mir gefehlt. «
»Du hast mir auch gefehlt, Große«, seufzte Lina und fühlte sich etwas besser. Wenn sie bei ihrer besten Freundin war, ihrer Freundin seit Kindertagen, fühlte sie sich stärker.

Yohann nahm in einer engen, nichtssagenden Straße im Bereich zwischen Gare de l’Est und Sacré-Coeur in einem kleinen und unscheinbaren Restaurant sein Mittagsmenü ein. Das Essen war hervorragend, das Restaurant ein echter Geheimtipp. Die Kellner kannten ihn; jedes Mal, wenn er in Paris war, kam er her. Er probierte seinen Wein. Gut. Er lächelte versonnen, freute sich auf den Nachmittag im Marais-Viertel. Dort wollten sie sich treffen. Mehr als diesen Nachmittag würden sie dieses Mal leider nicht füreinander haben; schon zum Abendessen wurde er bei Philippe und Florence erwartet. Aber immerhin. Ein Grund mehr, die kurze gemeinsame Zeit zu genießen.

Unendlich erleichtert, aber ganz schwach vor Hunger trat Lina aus dem Ärztehaus: Sie brauchte Nahrung, ihre Nerven auch. Und sie hatte Estelle ihr Lieblingsstückchen versprochen. Also machte sie sich auf den Weg zum jüdischen Viertel.
Dort angekommen, war sie bald vor der Bäckerei, die sie suchte, und sah im Schaufenster auf die verlockenden Auslagen. Sie hob den Blick - und erstarrte. Sie blinzelte, aber die Erscheinung blieb. Unmöglich. Sie trat näher an die Scheibe heran. War ihr müdes Gehirn verwirrt? Aber nein - diese Ähnlichkeit war ungeheuerlich. Ein echter Doppelgänger. Man könnte wirklich meinen ... Sie sprang vom Schaufenster zurück, machte hastig jeweils einen Schritt nach links, nach rechts, dann wieder nach links, wo sie endlich hinter Passanten in Deckung ging.
Jetzt verließen die beiden Männer die Bäckerei. Aber - es war auch seine Stimme. Nein, sie irrte sich nicht; aber dann - was machte er in Paris? Ihm in dieser Millionenstadt zu begegnen, musste den Zufallsfaktor eines Lottogewinns haben. Da wäre ihr der Lottogewinn aber lieber gewesen. Sie duckte sich tiefer, als er und sein Begleiter nahe an ihr vorbeigingen. Schockiert und betroffen sah sie ihnen nach. Sie plauderten, lachten. Und Yohann hatte dem allerdings sehr hübschen, sehr jungen Mann den Arm um die Schultern gelegt; jetzt zog er ihn an sich . Schockiert wandte sie sich ab.

Später saß sie gedankenverloren in ihrem Kaffee rührend an Estelles winzigem Wohnzimmertisch. Ihre Tasse und die Teller mit den beiden Riesen-Mohnstücken passten kaum darauf; dennoch liebte Estelle es, Kuchen am Wohnzimmertisch zu essen. Nun kam sie mit ihrer Tasse, die auch noch ihren Platz finden musste. Estelle schob sie auf den äußersten Rand der Tischplatte und ließ sich Lina gegenüber auf einen marokkanischen Pouf fallen. »Jetzt ist Erholung angesagt«, seufzte sie. »Also, alles glatt gegangen, ja?«
Lina nickte und sah zu Boden. »Ich bin weiter krankgeschrieben.«
»Du bist nicht krankgeschrieben, du bist attestiert arbeitsunfähig«, korrigierte Estelle streng. »Gut. Für wie lange?«
»Ich soll in vier Wochen wiederkommen.«
Estelle nickte und sah ihre Freundin prüfend an. Vier Wochen, das hörte sich viel an. Aber Linas Probleme würden nicht in vier Wochen gelöst sein.
»Ich verstehe einfach nicht«, brach es aus der heraus. »Ich bin unsagbar froh darüber, noch Schonzeit zu haben; nur, warum kann ich nicht arbeiten? Wo ich es doch muss! Ich kann doch nicht ewig so weitermachen wie jetzt; alles ist im Argen, alles ist in der Schwebe, und darunter lauert der Abgrund, so kommt es mir vor. «
Estelle beugte sich über das Tischchen und legte ihr eine Hand auf die Schulter. »Lass es. Nimm die Situation an. Schritt eins. Nur so kannst du sie ändern.«
Lina biss sich auf die Lippen. Sie sah einfach nicht, wie sie aus der Sackgasse herauskommen sollte!
»Und jetzt, erzähle mir endlich vom Ende der Welt. Wie sieht er aus, dein alter Freund Pierre? Noch immer der Apollo von früher?« Estelle grinste und nahm einen Bissen Kuchen.
Lina strich sich über Augen und Stirn. »Oh ja«, sie lächelte müde. »Keine Geheimratsecken, kein Bauchansatz. Sie nennen ihn alle >Pierric<. Ein Kosename.« Auch sie probierte einen Happen.
»Wahnsinn«, ließ Estelle so andächtig fallen, dass die Freundinnen beide mit vollem Mund lachen mussten. Estelle war seinerzeit total in Pierre verschossen gewesen; wie so viele. »Und wie er dir jetzt hilft«, setzte sie träumerisch hinzu, als sie ihren Kuchen heruntergeschluckt hatte.
Lina zuckte amüsiert mit den Achseln. »Stimmt, er hat mir mein Quartier verschafft; aber er ist nicht Supermann. Niemand ist perfekt, jeder hat seine Fehler.« Unwirsch dachte sie an den anderen - die Lottogewinnbegegnung von vorhin.
»Hast du ihn oft gesehen?«, wollte Estelle wissen.
Für einen Moment wusste Lina wirklich nicht, wen ihre Freundin meinte; dann antwortete sie schnell: »Pierre? - Nein. Ich habe ihn abgewimmelt. Ich habe alle abgewimmelt, ich musste einfach mal für mich sein.«
»Jetzt sage nicht, du warst die letzten zweieinhalb Wochen immer allein?«, fragte Estelle alarmiert.
Lina schluckte und sah weg. »Doch. - Ich gebe zu, das Handy hat mir sowas von gefehlt! In den ersten Tagen bin ich fast wahnsinnig geworden. Da habe ich kapiert, wie abhängig ich von dem Ding war, und dass das, was ich durchmachte, ein regelrechter Entzug war. Naja, ich habe es durchgezogen .«
»Immer allein mit deinen Gedanken«, Estelle schüttelte bestürzt den Kopf. »Ich dachte, du hast in Pierre einen Freund da! Und was hast du gemacht, die ganze Zeit?«
Lina machte eine hilflose Geste, begann aber zu lächeln. Und sie erzählte. Von den Rad- und von den Wandertouren, vom Nantes- Brest-Kanal und von den Schwarzen Bergen. Sehr weit war sie zwar weder zu Fuß, noch mit dem alten Rad herumgekommen, aber was sie gesehen hatte, hatte ihr gefallen; und geholfen hatte es ihr auch. Sie erklärte: »Immer, wenn ich es mit mir und meinen Erinnerungen nicht mehr aushielt, ging ich raus in die Natur. Und ich bemühte mich, nicht wieder in meinem inneren Morast zu versinken, sondern die Augen aufzutun, und auch die Ohren und die Nase! Die Natur dort ist nämlich wunderschön - üppig, grün, blühend, friedvoll und idyllisch, und trotzdem zugleich wild. Weißt du, diese Natur dort wirkt so stark und unbändig, als könnte ihr der Mensch auf Dauer nichts anhaben. Klingt irre, nicht? Aber ich habe das so empfunden, und daher - in diese Natur zu gehen, das war für mich ein Tanken reiner Energie!«
»Bist du unter die Esoteriker gegangen?«, spöttelte Estelle und schob sich das letzte Stück Kuchen in den Mund.
Lina verschränkte die Arme. Auch der zuweilen spöttische Ton ihrer Freundin war ihr wohl, wie so vieles in Paris, etwas fremd geworden.
Doch Estelle merkte, dass sie Lina gekränkt hatte, und sie versicherte schnell: »Verstehe, deshalb trägst du diese - das sind doch Wanderklamotten? Sind die nicht etwas groß für dich? Wo hast du die her?«
Gespielt gleichmütig zuckte Lina mit den Achseln. »Habe ich im Angebot gekauft. In Carhaix gibt es einen Décathlon. Es gab nur noch diese Größe. Immerhin habe ich zwei Sets, die ich abwechselnd wasche. Ich sage nicht, dass meine neue Garderobe schön ist, aber sie ist praktisch, und von schön habe ich die Nase gestrichen voll, also ...« Sie grinste schief, doch sie hätte heulen mögen. Sie wusste nur zu gut, dass sie in dieser grauen Verhüllung nicht sie selbst war - aber das war es ja, sie wusste nicht mehr, wer sie selbst war. Es war so hart, mit nichts bei null anzufangen! Anzufangen? Konnte das überhaupt ein Anfang sein, steckte sie nicht vielmehr fest, auf dem Tiefpunkt? Sie ballte die Fäuste, Tränen traten ihr in die Augen, da ließ Estelle sich neben sie auf die Couch plumpsen und legte ihr einen Arm um die Schultern. Sie riss sich zusammen, unterdrückte das Weinen. Stattdessen begann sie erneut zu reden, erst stockend, dann immer hastiger - über das andere, das, was ihr durch Kopf und Gemüt gegangen war, wenn sie es nicht hatte verdrängen können: die ohnmächtige Wut, die quälende Scham, die sie zerreißende Trauer, und die Angst - Angst vor der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft. Und dann die Schuldgefühle.
Doch da schüttelte Estelle sie ein wenig. »Rede nie wieder von Schuldgefühlen! Du weißt, was ich davon halte! Wenn du das Wort >Schuldgefühle< nur aussprichst, werde ich aggressiv . Willst du eine Zigarette? Ich brauche jetzt eine.« Und sie stand auf, die Schachtel und das Feuerzeug holen.
Lina schüttelte den Kopf. »Du weißt doch, dass ich nicht mehr rauche.«
Estelle zündete sich eine Zigarette an. »Weiß ich, aber vielleicht gehst du doch ein bisschen hart mit dir ins Gericht. Kein Handy mehr, keine Zigaretten mehr, und dann diese Zwangsmärsche und Radtouren. Für mich wären es ja Rad-Tortouren, aber gut. Isst du zumindest regelmäßig?«
Lina winkte ab. »Ich komme klar. Ich weiß, was ich tue. - Verdammt, gib mir eine.«
»Sicher?«
»Gib mir eine Zigarette, los!«
Erstaunt über den scharfen Tonfall, hielt Estelle der Freundin die Schachtel hin. »Sieh an; hast du in der Bretagne wieder gelernt zu sagen, was du willst?«
Lina sog hastig an der entzündeten Zigarette und schloss die Augen, als sie den Rauch ausstieß. »Das ist die letzte«, murmelte sie, und dann lauter: »Ich übe. Ich übe vor allem das Neinsagen«, sie grinste schief, wedelte den Rauch weg und es lag ihr auf der Zunge hinzuzusetzen, dass das Neinsagen schließlich eine bretonische Spezialität sei. Aber dann hütete sie sich doch davor, ihrer Freundin auch nur ein Wort über Bretonen wie Yohann mit seinem Linky- Problem zu sagen. Dann müsste sie ihr alles erzählen, die ganze Geschichte, wie sie ihn kennengelernt, wie er ihr geholfen und wie sie ihn dafür letztlich brutal abgewimmelt hatte; Estelle würde Frage über Frage stellen und am Ende doch nur irgendwelchen Unsinn vermuten. Dass ein Mann ohne Hintergedanken einer Frau helfen könnte, passte nämlich nicht in ihr Weltbild. So bat Lina die Freundin nur, den Rechner benutzen zu dürfen; sie müsse sich bei Sarah melden.
Als Estelle etwas später nach Lina schaute, sah sie in ein entgeistertes Gesicht. »Alles klar?«, fragte sie.
»Sie hat blonde, ganz glatte Haare, gibt auf einem Foto einem Mädchen einen Zungenkuss und ist auf den meisten Bildern sehr leicht bekleidet zu sehen. Jetzt gerade ist sie schon wieder am Feiern und will nicht skypen.«
Estelle zuckte die Achseln. »Deine Tochter genießt ihre Freiheit! Meinst du nicht, es ist an der Zeit? - Los, iss deinen köstlichen Kuchen.« Sie hielt Lina den Teller hin.
Die schüttelte den Kopf. »Nein danke, ich mag nicht mehr.« Ihre Stimme hatte fast tonlos geklungen und Estelle kannte diesen Gesichtsausdruck.
»Vergiss es. Frag nicht nach ihm«, knurrte sie.
Lina senkte den Blick.
8. Daten sind Gold
Der schöne Nachmittag war wie im Fluge vergangen; dann war Yohann zu seinem Cousin Philippe und dessen Frau Florence gefahren. Er kam immer bei seinen Verwandten unter, wenn er in Paris übernachten musste. Früher schlief er auf der Couch im Wohnzimmer; jetzt, wo sein Neffe und seine Nichte ausgezogen waren, hatte er die Wahl zwischen zwei Schlafzimmern.
Bis eben hatten sie gemeinsam zu Abend gegessen; auf den entspannten Moment danach hatte Yohann gewartet.
»Zigarillo?« Philippe beugte sich vor und hielt ihm die Schachtel hin.
Er hob abwehrend die Hand.
»Auf dem Balkon«, rief Florence mahnend aus der Küche.
Philippe zog eine unglückliche Grimasse. »Gelobt sei der Tag, an dem hohes Alter und Schwerhörigkeit meine werte Gattin einholen werden«, brummte er. Dennoch stand er auf und ging mit Zigarillo und Weinglas brav Richtung Balkontür. »Kommst du mit, Cousin?«
Auf dem Balkon erwartete Yohann die überwältigende Aussicht auf die Dächer und Lichter von Paris. Wenn er sich über die rechte Ecke des verschnörkelten Metallgeländers beugte, konnte er in einiger Entfernung den Eiffelturm sehen. Heutzutage hätte selbst ein Philippe de Kervigné sich eine solche Wohnlage nicht mehr leisten können. In den benachbarten Gebäuden dieses Viertels zogen, für wenige Wochen oder Monate im Jahr, mehr und mehr saudiarabische Familien ein, die zum Shoppen nach Paris kamen.
Im Dunkeln leuchtete Philippes Zigarillospitze orangefarben auf. »Wann ist morgen deine Eigentümerversammlung?«, fragte er.
»Um zehn.«
»Meinst du, sie wird lange dauern?«
»Ich glaube nicht, alles Routine.«
»Dann kannst du mit uns zu Mittag essen?«
»Ich denke schon.«
»Gut«, Philippe stieß genüsslich den Rauch aus.
Die Cousins schwiegen, während Philippe seinen Zigarillo fertigrauchte und Yohann sich in den Anblick der spätabendlichen Großstadt versenkte. Erst als sie wieder zurück in das Wohnzimmer gingen, bat er Philippe, den mitgebrachten Artikel zu lesen. Philippe ließ sich in seinen Ohrensessel sinken, setzte die Lesebrille auf und überflog den Text. »Soso«, sagte er dann nur und gab ihm die Zeitung zurück.
Yohann kannte seinen Cousin: Der hörte sich allzu gerne selbst reden, wollte aber darum gebeten werden. »Was denkst du über die Sache?«, fragte er daher.
Philippe schlug ein langes Bein über das andere. »Nun«, hob er an, »in einem Haus in - wie heißt der Ort? Spézet? - in diesem Haus, bewohnt von einem älteren Ehepaar, bricht Feuer aus, ausgehend von einem Kurzschluss in der Waschmaschine. Das Haus ist stark beschädigt, nicht mehr bewohnbar. Nach Löschung des Feuers meldet das Ehepaar, wenige Stunden vor Beginn des Brandes einen Linky bekommen zu haben. Die Enedis kommt, holt und untersucht die Reste des Zählers. Das Resultat: Der Linky sei nicht die Brandursache gewesen. Akte geschlossen. So steht es da, nicht wahr?«
»Ich wollte keine Textzusammenfassung, ich wollte wissen, was du über die Sache denkst«, erinnerte Yohann, doch etwas ungeduldig. Es war nicht umsonst, dass er seinen Cousin danach fragte: Als Ex- Manager, Politiker und nicht zuletzt als Abgänger der Eliteschule ENA, der Ränkeschmiede par excellence, war Philippe extrem gut vernetzt und entsprechend informiert.
Nun lächelte er ironisch. »Meinst du, es ist das erste Mal, dass so etwas passiert?«
Yohann seufzte. »Nein. Ich habe gelesen, dass die Enedis nach jedem ähnlichen Brandfall den Linky untersucht und als Brandursache ausgeschlossen hat. Aber gerade das ist doch suspekt, und es macht mich fassungslos! Wenn du die alten Leute gesehen hättest - ihr Häuschen war alles, was sie hatten. Ihr ganzes Leben steckte darin und ging in Flammen auf.«
Philippe hob abwehrend die Hand. »Erspare mir bitte die Details, ich kann es mir vorstellen.« Er legte den Kopf schief und ein sarkastischer Ausdruck trat in seine Augen. »Aber was erwartest du? Was soll die Enedis denn tun? Die Enedis ist die Kleine-Schwester-Gesellschaft der EDF - der staatlich dominierten Elektrizitätsgesellschaft Frankreichs. Und sie hat den Auftrag erhalten - und zwar vom Staat -, in ganz Frankreich die mechanischen durch >intelligente<, soll heißen digitale Stromzähler zu ersetzen. Damit der Rezipient diese mag, haben sie einen lustigen Namen: die Linkys. Im pseudo-englischen Namen >Linky< steckt auch das, was das Gerät de facto kann: Es ist verlinkt. Es ist nämlich in Wahrheit nicht intelligent, sondern lediglich kommunikativ: Es empfängt und sendet Daten.«
Yohann verschränkte die Arme. Er hatte ja gewusst, dass es ein abendfüllender Vortrag werden würde.
Philippe schlürfte an seinem Wein und fuhr fort: »Zugegeben, der Linky ist sogar ausnehmend kommunikativ. Er gibt nicht nur den aktuellen Energieverbrauch eines Haushaltes an die Enedis durch - er kann dabei sogar auswerten, welches Gerät soeben wieviel Energie konsumiert. Er erkennt den Kühlschrank, die Lampe, den Toaster, den Fön . Wann und wie oft pflegt Yohann Kervigné, seinen Fön zu benutzen? Hat er etwa keinen? Wenn doch, weiß Enedis, wie oft Yohann Kervigné sich die Haare wäscht.«
Yohann schüttelte sich. »Das weiß Enedis nicht, denn Yohann Kervigné hat keinen Linky.«
»Noch nicht.«
»Ich werde nein sagen.«
Philippe lächelte mitleidig. »Daten sind das Gold des einundzwanzigsten Jahrhunderts. Um Gold wurde stets skrupellos gekämpft. Es wurde gestritten, geraubt, gemordet.«
»Soweit wird Enedis kaum gehen.«
»Nein; aber doch so weit, nach Hausbränden geschwind die verkohlten Linkys abzuholen und zuverlässig zu versichern, dass diese nicht als Brandursache in Frage kommen. Nicht wahr?«
Yohann schüttelte den Kopf, noch immer fassungslos, noch immer skeptisch.
Philippe beugte sich vor. »Zugegeben, nach außen hin geht es beim Linky um etwas anderes: um die Einhaltung des EU-Abkommens von 2015, die erstrebte Senkung des Energieverbrauches betreffend. Damit die Franzosen weniger Energie konsumieren, erhalten sie einen Linky. Aber was kann der für sie tun? Wie gesagt, er sendet Enedis live die Energieverbrauchsdaten - und dafür kann der Verbraucher sich bei Enedis über diese Daten informieren. Das geht ganz leicht, du loggst dich auf deiner Kundenseite ein, und voilà. Aber was dann, wirst du vielleicht fragen?«
Yohann fragte nicht, sondern nahm einen Schluck Wein.
»Blicken wir einmal nach Australien, zum Beispiel. Da gibt es, unter dem Namen Smart Meter, den digitalen Stromzähler schon so lange, dass Studien dazu vorliegen. Denen zufolge erschreckte es die Australier zunächst tatsächlich zu sehen, wie viel Strom sie konsumierten, und sie senkten ihren Verbrauch; aber: Nach vier Monaten war der Effekt schon wieder vorbei! Es war zu mühselig, sich ständig über den aktuellen Stromverbrauch zu informieren; manche Dinge wie Kochen oder Wäschewaschen ließen sich sowieso nicht vermeiden, und so kehrten die Australier zu ihren alten Angewohnheiten zurück.«
»Das konnte auch gar nicht funktionieren! Man müsste die Menschen besser aufklären und dazu erziehen, weniger Strom zu verbrauchen«, warf Yohann ein.
»Du willst den heutigen Menschen, der von klein auf zum Konsumenten erzogen wird, dazu erziehen, weniger Strom zu verbrauchen? Und das in unserer immer digitalisierteren Welt? Kein Handy, kein Computer, keine Spiele mehr? Weg mit dem Riesen- Flachbildfernseher und zurück - etwa zum Buch?«
»Keine Frage, ich persönlich fände das nicht schlecht«, lächelte Yohann. »Aber - du meinst also, als bloßes Messgerät für den Stromverbrauch sorgt der Linky nicht dafür, dass die Menschen weniger Energie konsumieren; folglich ist er kein Energiespargerät - und kann deshalb auch nicht das richtige Mittel sein, um dem EU- Abkommen Folge zu leisten und den französischen Stromverbrauch zu senken?«
Philippe nickte bedeutsam. »Wohl auch aus dem Grund haben sich erst gar nicht alle EU-Mitgliedstaaten zum Einsatz digitaler Zählern verpflichtet. Belgien zum Beispiel hat sich gegen die Einführung des Linkys entschieden; Portugal hat angedeutet, vielleicht in fünfzig Jahren darüber nachzudenken.«
»Interessant! - Und du meinst wirklich, die andere, tiefere Absicht hinter dem Linky hat mit unseren Daten zu tun?«
»Yohann, Enedis ist ein Unternehmen! Sagen wir, der Linky rüttelt uns Franzosen auf und wir reduzieren freiwillig unseren Energiekonsum. Dann kaufen wir weniger Strom - und Enedis verdient weniger an uns. Nennen wir das Option eins. Nun zu Option zwei. Wir senken unseren Stromverbrauch nicht; dann bleibt Enedis der Trost, weiterhin gut an uns zu verdienen - und jede Menge Daten von uns zu sammeln! Solche Informationen zu den Geräten, die jemand verwendet, sowie zur Häufigkeit ihrer Verwendung liefern ein präzises Bild vom Lebensstandard und vom Budget eines Haushalts. Diese Daten lassen sich doch hervorragend für die Art von Werbung verwenden, die es mehr und mehr geben wird - die personalisierte! Wie praktisch, wenn jemand genau weiß, dass dein Kühlschrank sieben Jahre alt ist, nicht mehr aktuellen Energiestandards entspricht und dass dein Budget den Kauf eines neuen Kühlschranks im Wert von, sagen wir mal, vierhundert Euro ermöglichen würde. Dann erhältst du ein entsprechendes verführerisches Werbeangebot und brauchst nur noch zuzugreifen. Die Sache mit dem selber Denken ist ja auch zu anstrengend, und kaufen macht so viel Spaß .«
»Ach komm, Philipp, das hört sich zu schrecklich an! Nicht alle Menschen wollen verdummen! Außerdem - gibt es Beweise, konkrete Beweise dafür, dass es Enedis um unsere Daten geht?«
»Philippe Montloubou, Präsident der Enedis, hat sich öffentlich als >Operator für Big Data< bezeichnet. Zugegeben, er hat nicht direkt angekündigt, mit unseren Daten Handel betreiben zu wollen. Aber sagt Facebook das von sich?«
»Aber das darf doch nicht sein!«, rief Yohann aus. »Wie du vorhin gesagt hast, Enedis ist die Schwester der EDF, und die EDF ist staatlich.«
»Mein lieber moralischer Cousin, wenn alle so wären wie du, wäre die Welt wohl besser«, spöttelte Philippe.
Yohann wurde rot. Zu gut, zu blöd, so hatte diese unberechenbare Lina ihn genannt. Dachten alle so von ihm? Hatten sie Recht? Unmerklich schüttelte er den Kopf. Er konnte nicht so werden wie sie, so bitter, so sarkastisch! Er ging in die Gegenoffensive: »Philippe, du erzählst mir das alles so unbeteiligt, als ob es dich nichts angehen würde. Habt ihr denn schon einen Linky?«
»Nein; und so ein Ding kommt mir nicht in die Wohnung!«
Die Männer wandten sich um. Florence hatte das Wohnzimmer betreten und setzte sich mit einem Glas Wein zu ihnen.
Yohann lächelte. Er hatte Verstärkung bekommen. »Du glaubst also an das Neinsagen, Florence?«, fragte er.
»Natürlich werden wir nein sagen«, stellte Florence klar.
Philippe verdrehte die Augen. »Es wird nicht helfen«, maulte er.
»Man muss es versuchen!«, protestierte Florence.
»Sie kennt diese Stop Linky-Leute«, bemerkte Philippe süffisant. »Hätte sie mich nicht unterbrochen, ich hätte dir von dem Verein erzählt.«
Yohann war ganz Ohr. Darüber hatte er mehr wissen wollen!
Florence protestierte: »Stop Linky ist kein Verein, und ich muss gestehen, auch nicht aktiv bei dieser Bewegung dabei zu sein. In Paris tut sich diesbezüglich nicht viel; Stop Linky geht von der Provinz aus.«
Yohann beugte sich aufgeregt vor. »Erzähl bitte mehr, Florence.«
»Ich kenne niemanden von Stop Linky - aber ich kenne Annie Lobé! Sie ist freie Wissenschaftsjournalistin und hat einen richtig guten, kritischen Artikel zum Linky verfasst.«
»Wo finde ich sie? Meinst du, sie würde mir einige Fragen beantworten?«
»Ich hole mein Telefon.« Florence sprang auf.
Philippe trank pikiert seinen Wein aus. Er mochte es gar nicht, in den Hintergrund gedrängt zu werden; schon gar nicht von seiner Frau.
Doch Yohann war Feuer und Flamme, als er zehn Minuten später mit Annie Lobé ein Treffen ausgemacht hatte, für den kommenden Nachmittag um halb drei Uhr in einem Bistrot des Quartier latin.
9. Enthüllungen
Lina zog die Decke fester um sich. Im Schneidersitz saß sie auf dem Bürostuhl vor Estelles Rechner. Die hätte sich über die Sitzposition ihrer gelenkigen Freundin lustig gemacht, wäre sie bereits wach gewesen. Aber Estelle schlief tief und fest zu dieser frühmorgendlichen Stunde. In Sidney war der Tag jedoch achteinhalb Stunden älter als in Paris, und um halb vier Uhr nachmittags konnte sie ihre Tochter wohl erreichen?
Diesmal klappte es mit dem Skypen; Sarah erschien auf dem Bildschirm, stutzte und begrüßte sie mit den Worten: »Hey Lina! Schön, dich auch mal wiederzusehen! Wie siehst du denn aus?« Sie grinste matt und machte eine vage Geste Richtung Kopf.
Aber Lina konnte nicht sofort und ohne Vorbereitung erklären, warum sie den Beanie trug, was geschehen war. Deshalb fragte sie ausweichend zurück: »Und du, deine rosa-gelben Haare? Ist das in in Australien?«
Sarah strich sich langsam eine rosa Strähne ihres ungewohnt glatten Haars hinter das Ohr und versuchte zu lächeln. Doch eine erneute Schmerzwelle durch ihren Kopf ließ ihre Mimik zu einer Grimasse werden.
»Geht es dir nicht gut?«, fragte Lina sofort.
Sarah zuckte leicht mit den Achseln. »Kopfschmerzen. Echt krasse. Ich werde nicht lange reden können; wenn ich sitze, ist es noch schlimmer und mir wird erst recht schlecht.«
Lina sah sie groß an. Hatte Sarah zu lange gefeiert, zu viel getrunken? Sie wollte nicht direkt danach fragen, da fuhr die junge Frau fort: »Ich habe diese Kopfschmerzen öfter in letzter Zeit, und die sind so schlimm, da kann ich nicht arbeiten. Kellnern geht einfach nicht. Ich hab’s neulich versucht, aber Joey, mein Chef, hat gesagt, ich sähe aus wie ein Zombie und würde mich wie eine Schnecke mit Zahnweh bewegen; da hat er mich wieder nach Hause geschickt.«
Wider Willen musste Lina über die Schnecke mit Zahnweh lachen, doch im Grunde war die Situation nicht witzig. Work and travel funktionierte nur, wenn man auch arbeitete - war Sarah dabei, wegen ihrer Party-Kopfschmerzen ihren Job zu verspielen? Besorgt sah sie ihre Tochter an, die wirklich ausnehmend elend aussah: Wie schmerzgekrümmt sie da saß, und diese tiefen Ringe unter ihren Augen.
»Lina, echt jetzt, was hast du mit deinen Haaren gemacht?«, fragte Sarah da, erneut mit kritischem Blick auf den Beanie.
Unwillkürlich fuhr sie sich an ihre Mütze. »Nichts. Das heißt - die Haare sind weg.«
»Oh! - Das ist ja schrecklich! - Und was sagt er dazu?«
Sie räusperte sich hart. »Nichts.«
Sarah sah sie voller Unglaube an. Dann schien es ihr zu dämmern: »Wo bist du gerade - bei Estelle? Seit wann?«
Sie schluckte. »Ich bin nur für ein paar Tage bei Estelle. An sich wohne ich seit zweieinhalb Wochen am Ende der Welt. Im Finistère, in der Bretagne.«
Sarah riss die Augen auf. »Nein! Du hast es gemacht? Du hast es wirklich gemacht, du bist weg? - Das ist mega, das ist - wow, das hätte ich nie gedacht, dass du das schaffen würdest!«
»Ich habe es getan, ja«, bestätigte sie und verspürte selbst etwas zwischen Erstaunen und Stolz, zugleich aber Scham, abgrundtiefe Scham für die Jahre der Schwäche, der Ohnmacht, der Unfähigkeit. »Vielleicht hätte ich es nicht geschafft, wenn du nicht zuerst gegangen wärest«, gestand sie ihrer Tochter leise.
Die zeigte sich trotz der niederdrückenden Kopfschmerzen ganz aufgeregt und fragte eifrig: »Aber warum die Bretagne? - Weiß er, wo du bist?«
»Ein Studienfreund hat mir ein Quartier vermittelt - und nein. Dein Vater hat keine Ahnung. Das ist ja das Gute. «
Sarah griff sich an die Stirn, hinter der der Schmerz plötzlich noch heftiger pochte. »Er wird dich suchen. Der macht dir das Leben zur Hölle, wenn er dich findet.«
»Die Hölle war es doch schon«, versuchte sie zu scherzen, aber der Tonfall gelang nicht. Sie zog die Decke fester um sich und versicherte: »Da, wo ich mich begraben habe, wird er mich nicht finden. Ich habe kein Handy mehr, orten kann er mich nicht. Mach dir keine Sorgen um mich.«
»Mensch, deshalb hast du dich nicht mehr gemeldet? Kein Handy? Krass!! Aber wenn er käme, wie würdest du Hilfe rufen?«
»Er wird nicht kommen. Wie gesagt - er hat keine Ahnung davon, wo ich bin.«
Sarah biss sich auf die Lippen. »Pass bloß auf dich auf.«
Sie versprach es.

Nach dem Skypen ging Lina wieder ins warme Bett, konnte aber nicht wieder einschlafen. »Pass auf dich auf« - »der macht dir das Leben zur Hölle, wenn er dich findet«, hörte sie wieder und wieder Sarahs Stimme. Aber es waren ihre eigenen Gedanken, die Sarah laut ausgesprochen hatte. Die Gedanken, die sie jeden Tag zu verdrängen suchte. Trotzdem musste sie, Stunden später, beim Brunch mit ihrer Freundin endlich fragen: »Hat er nach mir gesucht?«
»He! Wir wollten nicht über ihn reden!«
»Ich muss es aber wissen! Hat er?«
Estelle seufzte. »Ich habe ihm gesagt, ich weiß nichts.«
»Er ist keiner, der locker lässt.«
»Stimmt; er hat es ein paar Mal versucht.«
»Er hat Psychoterror gemacht.« Es war keine Frage.
»Ich habe die Lage im Griff, das kannst du glauben«, grinste Estelle. Von dem Theater, das der Kotzbrocken bei ihr auf der Arbeit gemacht hatte, und von seinen Versuchen, ihr an der Haustür aufzulauern, sagte sie nichts.
Lina mochte sich ihren Teil denken, wagte es aber nicht, nachzuhaken. Nur wünschte sie sich - obwohl sie so froh darüber war, bei ihrer besten Freundin zu sein -, sie könnte sofort aus Paris abreisen und nicht erst am späten Nachmittag.

Yohann kam sich vor wie bei einem Rendezvous mit einer Kontaktanzeigen-Bekanntschaft. Er trug zwar keine rote Rose im Knopfloch, aber Annie Lobé hatte ankündigt, eine rote Bluse als Erkennungszeichen zu tragen. Tatsächlich erspähte er sofort den roten Fleck im Bistrot und ging schüchtern auf die fremde Frau zu.
Die erhob sich und streckte ihm, ganz maskulin, die Hand entgegen. »Monsieur de Kervigné?«
»Yohann Kervigné. Bonjour, Madame Lobé. Danke, dass Sie für mich Zeit haben.«
Sie setzten und beäugten sich. Lobé mochte Anfang vierzig sein. Sie war eine ganz attraktive Frau mit leicht zusammenwachsenden Augenbrauen, die Yohann an Frida Kahlo erinnerten.
Nun lehnte sie sich entspannt zurück und fragte: »Warum nennen Sie sich Kervigné, ohne >de<? Aus Bescheidenheit? Ich bin Journalistin und wissensdurstig; ich hoffe, Sie entschuldigen meine indiskrete Frage.«
»Mein Vater verzichtete auf seinen Titel; er hat ihn verkauft.«
»Verkauft?« Die Journalistin lachte ungläubig auf. »Ich wusste nicht, dass so etwas möglich ist! - Aber wir treffen uns ja aus einem anderen Grund. Der Linky. - Einen Kaffee?«
Sie bestellten Getränke und Yohann holte Kladde und Stift aus der Tasche, um sich Notizen zu machen.
»Eins vorneweg«, sagte Annie Lobé bedeutsam. »Ich arbeite als freie Wissenschaftsjournalistin und habe meinen Artikel zum Linky nicht im Auftrag von Stop Linky geschrieben. Er beruht auf intensiven Recherchen. Aber einzelne Stop Linky-Vereinigungen sind nach der Veröffentlichung auf mich zugekommen, und ich habe ihnen erlaubt, meinen Text als Info-Material zu verwenden. Hier sind ein paar ihrer Adressen; und hier ist der Artikel selbst.« Sie schob Yohann die Dokumente zu.
»Vielen Dank! Wie ist das mit Stop Linky, gibt es eine zentrale, landesweite Organisation?«
»Nein.«
Sie nahmen vom Kellner ihre Kaffees entgegen und Lobé wartete, bis der Mann sich wieder entfernt hatte. Dann fuhr sie fort: »Zumindest bisher gibt es nur regionale Einzelgruppen, die aber gut vernetzt sind. Sobald der Linky an einem Ort neu eingeführt wird, findet sich in der Regel bald jemand, der im Netz auf eine Stop Linky- Homepage stößt und Kontakt sucht.«
Yohann nickte. »Beim Recherchieren gewann ich den Eindruck, dass vorzugsweise kleine Kommunen mit dem Linky bedacht wurden, kaum große Städte, und das in ganz unterschiedlichen Regionen Frankreichs. Steckt dahinter ein Konzept?«
Die Journalistin nahm einen Schluck Kaffee und beugte sich verschwörerisch vor. »Das Leopardenfell-Prinzip. Stellen Sie sich die Landkarte Frankreichs vor und darauf möglichst gleichmäßig weit auseinanderliegende Punkte. Die Punkte stehen für die Orte, in denen der Linky installiert wurde, ohne große Erklärungen, möglichst ohne Wirbel.«
»Aber es hat doch Wirbel gegeben, wenn es Probleme mit dem Linky gab?«
»Ja; aber wer führt sofort den Brand eines Elektrogeräts auf den neuen Stromzähler zurück? Oder eine höhere Stromrechnung? Oder den Umstand, dass die Sicherung oft herausspringt? Oder Kopfschmerzen und Übelkeit? Und wenn jemand die Verbindung zwischen solchen Vorfällen und dem Linky doch herstellte und es kam in die Presse, dann war das die Regionalpresse. Bis zu den großen, landesweiten Medien drangen solche Fälle nicht vor. Als Einzelfälle und Unfälle eingestuft, kamen sie oft nicht einmal ausführlich in die Lokalmedien.«
»Und Sie meinen, das war Absicht - von Enedis - oder letztlich von der Regierung?«, fragte Yohann gespannt.
»Es sieht danach aus. Sonst hätte der Linky auf einen Schlag landesweit installiert werden können. Aber vor einem Frontmachen der Bevölkerung, einem Widerstand hatte man wohl Angst, und so entschied man sich für das Unterschieben - die allmähliche Einführung des Linkys nach dem Leopardenfell-Prinzip. Dessen Hintergedanke ist, dass die Punkte oder mit Linkys versorgten Orte sich nach und nach zu Landstrichen ausweiten, bis sie zuletzt zu ganz Frankreich zusammenwachsen.«
»Ich verstehe, bin aber doch erschüttert«, bekannte Yohann. »Dieses Verstohlene des Verfahrens, das hört sich geradezu unlauter an.«
»Man wünschte es sich anders«, stimmte die Journalistin zu.
»Aber es erklärt, warum nicht Paris die erste Stadt war, den Linky zu erhalten. Das ist in unserem zentralistischen Land geradezu unerhört«, spöttelte er.
»Das ist richtig. Die erste Großstadt, die in Sachen Linky >privilegiert< wurde, war Lyon. Dort wurde der Linky schon ab 2011 testweise eingeführt.«
»Aber niemand erfuhr etwas davon. Wir, die Franzosen, hatten keine Ahnung!«
»Nein; doch mittlerweile gibt es klare, und zwar negative Erfahrungswerte. Und eine Lücke im Plan der Linky-Verfechter: Auch wenn Enedis den staatlichen Auftrag erhalten hat, die alten Zähler durch Linkys zu ersetzen, gibt es kein Gesetz, das uns, die Verbraucher, dazu verpflichten würde, den Linky anzunehmen! Entgegen dem, was von den Firmen behauptet wird, die wiederum von Enedis mit der Installation der Linkys beauftragt werden, existiert kein staatliches und auch kein europäisches Zwangsinstrument, das einen zum Jasagen zwingen könnte.«
»Davon bin ich ausgegangen; aber ist das wirklich sicher?«, musste Yohann sich vergewissern.
»Absolut.«
»Und wenn sie das Gesetz ändern?«
»Möglich. Aber noch ist es nicht der Fall.«
»Ich glaube, auch wenn es ein neues Gesetz gäbe, könnte ich das nicht stillschweigend hinnehmen«, sagte Yohann langsam.
Sie sahen sich einvernehmlich in die Augen.
»Gut«, er beugte sich über sein Notizblatt. »Bevor ich Sie speziell zu Stop Linky ausfrage, verraten Sie mir bitte eines: Denken auch Sie, dass mit einem Datenmissbrauch zu rechnen ist?«
»Hinter dem Linky stehen sicherlich mehr wirtschaftliche als umweltfreundliche Interessen«, nickte die Journalistin finster.

Zur gleichen Zeit, über fünfhundert Kilometer westlich von Paris, in Châteauneuf-du-Faou. Eben war Julien mit einem Auftrag erfolgreich fertig geworden und schloss seine Werkzeugtasche. Dabei versuchte er, die unglücklichen Blicke der alten Leute zu ignorieren. Warum musste er immer zu den Alten, die sich am schlechtesten wehren konnten? Das war gut für den Geldbeutel, aber schlecht für das Gewissen. Er biss die Zähne zusammen. Bezahlt wurde für jeden ausgewechselten Zähler. Er brauchte das Geld.
»So, jetzt besteht kein Risiko mehr, dass man Ihnen den Strom abdrehen kann«, versicherte er. In Wahrheit zweifelte er ohnehin daran, dass man Leuten den Strom abdrehen konnte, nur weil sie nein zum Linky sagten. Er war jedoch dazu angeleitet worden, diese Drohung zu verwenden.
»Junger Mann, seit drei Wochen sind wir durch Anrufe Ihrer Firma belästigt worden und haben uns nur deshalb dazu breitschlagen lassen, dieses Gerät anzunehmen, weil wir diese Telefonate nicht mehr ertragen konnten; und jetzt können wir nicht einmal mehr den Zählerstand ablesen?«, rebellierte der alte Monsieur Chevance nun doch.
»Das geht schon; man muss sich den Zählerstand anzeigen lassen«, erklärte Julien.
»Ja, wie denn?«
Er klappte die Front des Linkys auf. »Sehen Sie diese Tasten? Hier haben Sie den Punkt Menü; hier können Sie sich mit Links- oder Rechtsdruck durchklicken.«
Die Chevances sahen sich erschrocken an.
»Wir kennen uns mit so etwas nicht aus«, sagte die alte Dame entschuldigend.
»Es ist etwas kompliziert, aber Sie erhalten in ein paar Tagen per Post eine Gebrauchsanleitung.«
»Warum in ein paar Tagen, warum haben Sie keine mitgebracht?«, fragte Monsieur Chevance misstrauisch, und seine Frau piepte: »Der alte Zähler war gar nicht kaputt und ganz leicht zu verstehen!«
»Ist das Ding hier defekt? Da fehlt ein Teil«, entrüstete sich nun der Alte.
Julien zwang sich zur Geduld. Er musste es möglichst einfach erklären. »Diese Aussparung im Inneren des Linkys ist normal. In einiger Zeit werden Sie ein Gerät erhalten, das genau da reinpasst.«
»Noch ein Gerät? Wozu denn?«
Langsam nervte der alte Mann. Andererseits - was wunderte er sich? Julien antwortete: »Das Gerät verbindet sich mit Ihrem Smartphone, und dann können Sie, zum Beispiel wenn Sie auf Reisen sind, die Temperatur Ihrer Heizung oder Ihres Kühlschranks verändern. Sie können abends Ihre Fensterläden schließen und sie morgens wieder aufmachen, alles aus der Entfernung. Oder Sie finden raus, was Sie noch im Kühlschrank haben und was Sie sich bestellen müssen, über Internet, dann wird es sofort geliefert.«
»Aber das brauchen wir nicht«, sagte die alte Frau zaghaft.
»Das ist die Technologie von morgen«, Julien zuckte mit den Achseln. »Sie müssen sie nicht benutzen.« Er zwang sich zu einem Lächeln und ging. Aber er hasste es, Leuten etwas anzudrehen oder eher aufzuzwingen, das sie nicht wollten. Und die Sache mit dem Hausbrand bei dem alten Ehepaar in Spézet bereitete ihm noch immer schlaflose Nächte. Nur, daran durfte er nicht denken. Sonst würde er alles hinschmeißen - und was dann?
10. Reisen zu zweit
Am Bahnsteig eilten Reisende den langen TGV entlang. Die Freundinnen hatten Linas Waggon gefunden.
»Dann sehen wir uns erst am Himmelfahrtswochenende wieder«, klagte Estelle, nahm Lina bei den Schultern und bat sie: »Pass auf dich auf - iss ordentlich! Und, wenn ich dir noch einen Rat geben darf: Geh mehr unter Leute! Dieses ewige Alleinsein, das ist nicht gut für dich. - Ach, es ist schwer, dich nicht erreichen zu können! Komm her, Kleine!« Sie umarmten sich fest.
Als Lina sich aus der Umarmung löste und einen Schritt zurücktrat, stieß sie gegen einen Passanten. »Pardon«, entschuldigten sie und der Mann sich gleichzeitig, und dann, nach einem Moment der Sprachlosigkeit: »Lina?« - »Yohann?«
Estelle beäugte neugierig den Fremden.
»Ich wusste nicht, dass Sie die Bretagne verlassen haben«, murmelte Yohann im Versuch, Überraschung, Schreck und Verlegenheit zu überspielen.
»Habe ich nur vorübergehend, ich fahre zurück«, brachte Lina hervor. Sie blickte schnell um sich. Sein junger Lover war nirgends zu sehen.
»Ich bin Estelle, Linas Freundin«, schaltete die sich nun ein und machte Anstalten, Yohann die bises zu geben, die unter Bekannten und Bekannten von Bekannten üblichen Freundschaftsküsschen. War es Zufall? Yohann schien ihre freundschaftliche Geste zu übersehen und band sich den Schuh neu.
Lina warf Estelle ein leises Kopfschütteln zu, das die mit unschuldigem Achselzucken quittierte.
Nun kam er aus der Hocke wieder hoch, hatte sich gefangen und sagte höflich: »Verzeihen Sie - Yohann Kervigné, sehr erfreut.« Dann verbeugte er sich noch gentlemanmäßig.
»Leben Sie auch in Saint-Hernin?«, wollte Estelle wissen.
»So ist es; hm, ich muss los, der Zug fährt gleich . Au revoir!« Und weg war er.
»Estelle, der arme Yohann ist extrem schüchtern«, tadelte Lina.
»Süß, der hat was. Diese kleinen, geschmeidigen Männer können ganz schön attraktiv sein. Und diese Eleganz ...«
»Der ist doch gar nicht dein Typ!« Lina schüttelte perplex den Kopf.
»Wer ist er?«, fragte Estelle unbeirrt.
Lina überlegte kurz, bevor sie antwortete: »Der beste Mensch, der mir je begegnet ist, oder der abgründigste. Das habe ich noch nicht entschieden. Er arbeitet in der Mairie, als sécrétaire adjoint von Pierre. Ich glaube, er ist ein verkappter Rebell - und er hat Angst vor mir.«
»Was hast du dem armen Kerl angetan?«
»Ach, nicht so wichtig.«
»Ich mag Rebellen. Vielleicht sollte ich dich bald mal besuchen? Aber vielleicht mag er große Frauen nicht?«, befürchtete Estelle.
Lina sah ihn wieder vor sich, den jungen Mann an sich ziehend. »Körpergröße stört ihn nicht; aber er mag keine Frauen.«
»Wie bitte?« Estelle riss die Augen auf. Sie starrte eine Sekunde, dann spie sie aus: »Perlen vor die Säue, sage ich dir, Perlen vor die Säue!«
Diese Worte und vor allem die Grimasse, die Estelle dazu machte, waren zu viel. Es geschah etwas, das Lina seit vielen Jahren nicht mehr passiert war: Sie bekam einen Lachkrampf! Es schüttelte sie buchstäblich, und Estelle musste sie in den Zug schieben, den sie sonst verpasst hätte. Die Türen schnappten hinter ihr zu; sie wandte sich um und sah durch das Fensterglas und durch ihre Lachtränen hindurch noch eben Estelles Silhouette; dann rauschte der Bahnsteig immer schneller am Zug vorbei.
Sie seufzte, wischte sich die Tränen weg und betrat ihren Waggon. Und da saß er. Als sie an ihm vorbei musste, drehte sie sich von ihm weg, um nicht schon wieder an die Perlen und Säue und an Estelles Grimasse zu denken. Die Lachlust verging ihr jedoch sehr bald. Sie hatte einen Fensterplatz - und einen Sitznachbar, der überaus raumgreifend war, zumal, als er das Notebook öffnete. Sein dicker Arm drängte sich ungeniert auf die Armlehne zwischen den beiden Sitzen und Lina fühlte sich zunehmend unwohl und bedrängt. Sie bat den Mann, sie aufstehen zu lassen, und ging, ohne zu müssen, auf die Toilette.
Yohann saß offenbar allein, überlegte sie beim Händewaschen. Aber Yohann! - Sie hatte ihn wirklich nicht gerade freundlich behandelt, das letzte Mal, als sie sich sahen. Sie hatte ihn loswerden wollen, und das hatte perfekt funktioniert. Manchmal, wenn die Einsamkeit ihr besonders zugesetzt hatte, hatte sie sich allerdings gedacht, dass ihr Abschreckungsmanöver vielleicht sogar zu gut funktioniert hatte. An Estelles Rat, mehr unter Menschen zu gehen, war wohl etwas dran. Aber was nun? Nach dem Brückenabreißen von vor zwei Wochen jetzt wieder Brücken aufbauen? Und würde er überhaupt darauf eingehen? Andererseits - sie wüsste zu gern, wie er reagieren würde auf die Frage, was er in Paris gemacht hatte! Sollte sie es allein deshalb wagen und ihn ansprechen? Was hatte sie schon zu verlieren?
Durch diesen Gedanken ermutigt, strich sie den Gang entlang und blieb neben dem freien Platz stehen (Yohann saß am Fenster). Sie räusperte sich. Beim zweiten Räuspern sah er von dem Buch auf, hinter dem er sich verschanzt hatte.
»Verzeihen Sie«, hob Lina errötend an und fragte sich, warum sie schon genauso zu reden anfing wie er, »würde es Sie stören, wenn ich mich hierher setzen würde?«
»Hierher?«, entfuhr es Yohann mit hochgezogenen Brauen.
Sie zeigte stumm auf den leeren Sitzplatz. »Ich verfüge über dreißig Prozent eines Platzes, den Rest nehmen der Arm und das Notebook meines Sitznachbars ein, daher ...«
Es war an Yohann, sich zu räuspern. Er räusperte sich ziemlich lange. Dann sagte er zuletzt: »Nun, unter diesen Umständen .«
Wie immer höflich, dachte sich Lina; laut sagte sie aber: »Danke, ich hole schnell meinen Rucksack.« Und kaum war sie weg gewesen, war sie schon wieder zurück, ließ sich auf den Sitz fallen und schob den Rucksack zwischen ihre Füße. Sie passte sehr darauf auf, die Armlehne zwischen sich und Yohann freizulassen, damit er sie benutzen könne; Yohann passte sehr darauf auf, die Armlehne zwischen sich und Lina freizulassen, damit sie sie benutzen könne, und so blieb die Armlehne zwischen ihnen frei. Er las oder gab vor zu lesen, und sie versank in ihren Gedanken.
Irgendwann wurde ihr das zu langweilig. Zum Anschweigen hatte sie sich nicht zu ihm gesetzt. »Ich bin froh, neben Ihnen zu sitzen; ich mag es nicht, mit Fremden Smalltalk zu machen«, hob sie an.
»Ach?« Er sah kaum von seinem Buch auf.
»Yohann - ich möchte mich bei Ihnen entschuldigen. Unser letztes Gespräch - das in der Mairie - es war, ich meine ...«
Er ließ das Buch sinken. »Sagen Sie nichts. Schnee von gestern, wie meine Großmutter zu sagen pflegte.« Er lächelte leicht und wandte sich wieder seiner Lektüre zu.
Doch sie fragte: »Hat sie es geschafft, Ihre Großmutter?«
»Bitte, was?«
»Den Schnee von gestern liegenzulassen - nicht mehr an Dinge zu denken, die vergangen waren.«
Er überlegte kurz. Dann antwortete er: »Ich denke, meine Großmutter konnte die Vergangenheit ruhen lassen, wenn sie es wollte. So lange, wie sie ihre Gedanken und Erinnerungen im Griff hatte. Aber sie wurde in ihren letzten Jahren dement. Da kam es vor, dass der Schnee von gestern sie als Lawine überrollte.«
»Oh. Das kenne ich jetzt schon, ohne Demenz«, sagte sie bitter.
Er sah überrascht auf. Er wurde nicht schlau aus ihr. Sie hatte ihn die letzten zwei Wochen lang ignoriert, nach dem Auftritt in der Mairie, und nun diese Annäherung. Er wartete ab, ob sie mehr sagen würde, doch sie tat es nicht. Behutsam schlug er das Buch zu. »Und Sie? Haben Sie noch Großeltern?«, fragte er schließlich.
Sie schüttelte den Kopf. »Das heißt, es ist kompliziert. Ich habe eine nervende Mutter, deren Eltern nicht mehr leben, und irgendwo auf der Welt einen biologischen Vater, über den ich nichts weiß, weil meine Mutter mir nichts über ihn sagen wollte. Wenn der noch Eltern hat, habe ich theoretisch gesehen noch Großeltern. - Es wäre spannend, sie zu kennen.«
»Ich habe auch nur meine Großeltern mütterlicherseits gekannt; zu denen auf der Vaterseite gab es keinen Kontakt. Und sonst? Haben Sie Geschwister?«
»Nein. Ich habe nur Sarah, meine Tochter. Meine Stieftochter, müsste ich genauer sagen, aber das Wort klingt so unschön. Und Sie, haben Sie Geschwister oder Ki - oder andere Verwandte?«, verbesserte Lina sich. Dass Yohann keine Kinder hatte, stand ja wohl fest.
»Ich habe einen Cousin, Philippe. Er und seine Familie, seine Frau Florence und ihre Kinder Paul und Virginie, sind für mich meine letzten Verwandten. Ich war eben bei ihnen, in Paris.«
Sie sah ihn ironisch an. Seine Verwandten. Dennoch musste sie kichern. »Sie heißen nicht wirklich so, die Kinder - Paul und Virginie?«
»Hm - doch «, beteuerte er.
»Wie dieses unglückliche Liebespaar aus dem alten Schinken? Wie war das, Virginie ertrinkt am Ende, oder?«
»Und Paul, der sie nicht retten konnte, stirbt vor Kummer, genau.«
»Ist es nicht etwas grausam, seine Kinder nach solchen Vorbildern zu benennen?«, spöttelte sie.
Er lächelte und zuckte mit den Schultern. »Philippe hat einen eigenartigen Humor«, urteilte er nachsichtig. »Der Vorteil ist, dass nicht viele Leute mehr Bernardin de Saint-Pierres Roman von 1788 kennen.«
Sie sah ihn schräg von der Seite an. »Sind Sie Literaturwissenschaftler?«
»Ich bin Leser«, gab er schlicht zurück.
»Soso. - Wo ist Babou?«, fiel ihr plötzlich ein.
Ein Strahlen glitt über sein Gesicht, seine hellbraunen Augen leuchteten. Das Lächeln stand ihm, dachte sie sich - was sie prompt an Estelles Gefallen an ihm und leider auch an die Grimasse und das geflügelte Wort mit den Perlen und Säuen denken ließ. Sie wandte sich schnell ab und gab vor zu husten.
»Ist Ihnen wohl?«, fragte er besorgt.
Sie hustete, räusperte sich, machte glucksende und krächzende Geräusche; die Reisenden, die um sie herum saßen, starrten schon.
»Geht wieder«, brachte sie endlich hervor und wischte sich die Tränen aus den Augen.
»Wie wäre es mit etwas zu trinken?«, schlug er vor.
Sie gingen Richtung Restaurantwagen, als ein junger Mann ihnen entgegen kam. Der TGV hatte seine Höchstgeschwindigkeit erreicht, man musste sich ein wenig wie auf einem Schiff fortbewegen, auf nicht ganz sicherem Boden. Der junge Mann ging zu schnell, wankte beim Gehen zur Seite und stieß Lina hart gegen die Schulter. Sie verlor das Gleichgewicht und meinte zu fallen, als sie sich von zwei Armen aufgefangen fühlte.
»Passen Sie doch auf! So geht das nicht«, hörte sie Yohanns empörte Stimme dicht an ihrem Ohr.
»Pardon, war keine Absicht«, brummte der junge Mann.
»Keine Absicht - Sie können nicht einfach so Ihre Körpermasse einsetzen, um leichtere Menschen umzuwalzen«, fuhr Yohann erbost fort, und dann sanft zu Lina, wobei er sie losließ: »Haben Sie sich weh getan?«
»Nein, alles gut. Kommen Sie.« Und sie zog ihn am Ärmel mit sich.
In der Warteschlange vor dem Tresen des Restaurantwagens wandte sie sich zu ihm: »Ich habe nicht gewusst, dass Sie so heftig werden können. Vielen Dank.«
»Gegen wen war ich denn heftig?«, wunderte er sich.
»Na, gegen den jungen Kerl, der das Pech hatte, mich anzurempeln.«
»Ach, das!« Er wurde rot. »Der war ein Rüpel! - Wollen Sie auch etwas essen?«
»Ich habe zwei köstliche, riesige Stücke Tarte au citron in meinem Rucksack, von meiner Freundin Estelle gebacken. Sie versorgt mich immer mit zu großen Portionen. Möchten Sie eines?«
»Liebend gern. Dann gehen die Getränke auf mich. Was nehmen Sie?«
»Übrigens - so wie Sie eben hat sich selten jemand für mich eingesetzt. Das weiß ich wirklich zu schätzen.« Sie sah ihn zerknirscht und dankbar an.
Er schluckte. Offenbar meinte sie es ernst. »Wie - wie wäre es mit Cappuccino?«, schlug er vor.
Später saßen sie an ihren Plätzen, prosteten sich mit ihren Cappuccinos zu und lobten Estelles Kuchen. Zu Linas Überraschung war Yohann seit dem Vorfall mit dem Rempler aufgetaut und gar nicht mehr schüchtern, und es entwickelte sich eine leicht dahinfließende, amüsante Unterhaltung, wie man so schön sagte, über Gott und die Welt oder in diesem Falle über essen und reisen, Bücher und Filme, Paris und Saint- Hernin.
Als die baldige Ankunft des TGV in Guingamp angekündigt wurde, waren beide verblüfft.
»Wirklich unglaublich, wie schnell der TGV ist«, rief sie aus. »Nicht mal drei Stunden für die Strecke, Wahnsinn!«
»Aber nicht nur der Zug, auch die Zeit scheint geflogen zu sein«, lächelte er.
Sie stiegen aus und wechselten den Bahnsteig. Zu Linas Verwirrung warteten zwei optisch identische Züge auf dem Gleis, doch Yohann erkannte an der Zugnummer, welcher der nach Carhaix war.
In den Zug eingestiegen, blieb er stehen und sah sie fragend an.
»Was denn?«, wollte sie wissen.
»Wollen wir uns nebeneinandersetzen oder möchten Sie lieber für sich sein?«
Es war eine dieser Fragen, die sie verwirrten. »Es würde mich freuen, auch weiterhin Ihre Gesellschaft zu genießen«, antwortete sie schließlich, wobei ihre Mundwinkel zuckten und sie hoffte, er möge es ihr nicht übel nehmen, dass sie seine Redeweise ein wenig parodierte. Aber das tat er nicht, sondern lud sie dazu ein, ganz vorne zu sitzen, weil man dort, über den Kopf des Zugführers hinweg, die volle Aussicht durch die Frontscheibe plus die durch die seitlichen Panoramascheiben des Zuges genieße. Dem konnte Lina nur zustimmen.
Es waren wieder die grünen Tunnel, durch die sie fuhren, nur war das Grün noch dichter, üppiger, bedrängender geworden, und nun, am letzten Tag des Monats April, blühte die Bretagne geradezu unbändig in vielfachen Farben; man sah es, obwohl es zu dämmern begann, und es passte dazu, dass der Zug erneut wie ein fröhlicher Elefant trötete.
Lina drückte ihre Freude an dieser Landschaft aus, die sie in den letzten Wochen mit dem Rad und zu Fuß erkundet habe, und Yohann sah sie aufmerksam von der Seite an. »Das Argoat, das Innere der Bretagne, ist wunderschön; aber es ist selten, dass Bretagne-Reisende nicht auch das Armor sehen wollen, die Küste«, meinte er.
»Das Meer, ja .« Eine unbestimmte Sehnsucht nach Salzluft und Möwenrufen und Wellenrauschen überfiel sie. Dann sah sie ihn offen an und gestand: »Es wäre schön, weitere Ausflüge zu unternehmen, aber - mein Aufenthalt in der Bretagne ist kein Urlaub. Ich muss mich in allem beschränken. Zurzeit lebe ich von Krankengeld. Deshalb war ich in Paris: um zu meinem Arzt zu gehen. In vier Wochen muss ich das nächste Mal hin, aber vier Wochen, das ist gar nichts .« Sie seufzte - und wunderte sich über sich selbst. Niemand anderem aus Saint-Hernin hätte sie das gesagt, sogar Pierre gegenüber hatte sie geschwiegen. Warum jetzt ihm? Es war ihr so rausgerutscht - am Ende dieser überraschend netten Zugreise.
Yohann nickte betroffen. Er ahnte, dass hier ein Tabuthema vorlag, und war darüber erstaunt, dass sie es überhaupt berührt hatte. »Ich war in Paris, weil ich eine Wohnung dort habe. Sie ist vermietet, und einmal im Jahr findet die Eigentümerversammlung statt«, erklärte er seinerseits seine Reise und setzte noch hinzu: »Aber dieses Mal hatte ich in Paris zusätzlich ein Rendezvous, das ich nicht hätte versäumen mögen.«
Sie fuhr zu ihm herum. »Ja?«
»Mit Annie Lobé, einer Journalistin.«
»Ach so.«
»Ich erfuhr einiges über den Linky - und über Menschen, die sich gegen das Ding organisieren. Die gibt es wirklich - auch wenn Sie ja nicht an den Protest gegen den Linky glauben«, zog er sie etwas auf, um zu sehen, wie sie darauf reagieren würde.
Prompt wurde sie rot und murmelte: »Ich glaube nur nicht daran, dass protestieren viel nützt - aber grundsätzlich bin ich auch nicht dagegen. Und Sie wollen das jetzt ernsthaft tun? Rebellieren?«
»Genau das.« Er grinste.
»Und was wollen Sie konkret tun?«
»Nicht sofort auf die Barrikaden gehen, wenn Sie das befürchten. Zuerst müssen die Leute überhaupt einmal aufgeklärt werden. Erst wenige haben die Ankündigung des Zählerwechsels erhalten; im Augenblick weiß noch niemand so recht, was das soll. Das muss sich ändern. Es muss eine Bürgerversammlung geben. Pierric muss alles erklären.«
»Pierric? Warum der? Meinen Sie, der wird mit Ihnen auf die Barrikaden gehen? Da wäre ich mir nicht so sicher. Im Reden, darin ist er gut, aber ... Und überhaupt, Sie haben sich zum Linky informiert, da sollten Sie auch die Leute im Dorf über das Ding aufklären, finde ich. «
Er schüttelte den Kopf und hob abwehrend die Hände. »Das muss schon Pierric machen, er ist der Bürgermeister! - Oh, wir sind gleich in Carhaix. Wie kommen Sie denn nach Saint-Hernin?«
Sie sah ihn halb bittend, halb schelmisch an. »Mit Ihnen?«
Er blinzelte. »Wenn Sie mich so ansehen, kann ich wohl kaum widerstehen«, sagte er und stand auf. Sie waren angekommen.
Lina, noch überrumpelt von seiner letzten Bemerkung, folgte ihm.
Er führte sie auf den Parkplatz seitlich des Bahnhofsvorplatzes, wo sein Renault vier parkte, und öffnete ihr galant die Beifahrertür.
Bevor sie starteten, wandte er sich noch einmal zu ihr. Seine Augen leuchteten, als er ankündigte: »Ich muss allerdings einen Haken fahren, über meine Freundin Sophie. Babou ist bei ihr.«
»Kein Problem«, gab Lina lächelnd zurück.
»Schön. Es ist auch wirklich nur ein kleiner Umweg.«
»Kein Problem«, wiederholte sie und dachte für sich: Merkwürdig, wie das so gekommen ist.
»Schön«, wiederholte er, lächelte vor sich hin und dachte für sich: Merkwürdig, wie das so gekommen ist.
11. Blaue Stunde
Lina fragte sich, ob der Umweg nach Saint-Hernin nicht doch größer würde. Die Strecke, die Yohann fuhr, war nicht ansatzweise die, die sie kannte. Ihre zweispurige Straße führte durch ein Tal; links von ihnen stieg eine ginsterbewucherte Felswand steil in die Höhe; rechts schlängelte sich ein Flüsschen, doch bei der zunehmenden Dunkelheit und dichten Vegetation konnte sie nicht viel davon erkennen. Erstaunt registrierte sie, dass sie unter einer hohen Autobahnbrücke durchfuhren.
»Sind Sie enttäuscht?«, fragte Yohann, ihrem Blick folgend.
»Worüber sollte ich enttäuscht sein?«
»Darüber, dass das Ende der Welt via Autobahn zu durchqueren ist. Auch wenn man nur mit Tempo hundertzehn darauf fahren darf. Dafür sind diese Autobahnen kostenfrei - hier, in der tiefsten Provinz.«
Sie hörte mehr sein spöttisches Lächeln, als dass sie es sah. Sie fühlte sich erröten und wusste nicht, was sie sagen sollte. Es war nun einmal so - für Pariser war Paris die Metropole, der Rest Frankreichs die Provinz; dass die Halbinsel im äußersten Westen als tiefste Provinz galt, konnte da nur einleuchten.
»Sind Sie in Paris geboren?«, fragte er.
»Ja, und Sie?«
»In Carhaix. - Da muss das hier ein richtiger Kulturschock für Sie sein.«
»Auf dem Mond ist es anders, und das ist sehr schön«, sagte sie, und sie meinte es.
Auf dem Mond, das hatte er damals in ihrem Gespräch gesagt, sie saßen im Garten, vor ihrem Haus, bei den Rosen. Die Sonne beschien ihr blasses, ausdrucksstarkes Gesicht. Damals hatte er gedacht, sie könnten Freunde werden. Yohann erinnerte sich, lächelte und schwieg.
»Da! Wir müssen wenden, da war das Schild nach Saint-Hernin«, rief sie aus.
»Wir nehmen den nächsten Abzweig«, beruhigte er sie, »wir fahren über Moulin-Neuf.«
Lina wurde bewusst, wie sehr sie sich in den vergangenen Wochen in Saint-Hernin und in sich selbst verschanzt hatte. Nicht einmal einen Blick auf eine Landkarte der Region hatte sie geworfen. Moulin- Neuf, das sagte ihr gar nichts! »Sie könnten mich wirklich ans Ende der Welt entführen und ich würde es nicht merken. Ich habe keine Ahnung davon, wo wir sind«, gestand sie.
»Die Idee einer Entführung finde ich grundsätzlich nicht schlecht, aber Babou wartet auf mich und wir sind gleich da.«
Tatsächlich verließen sie kurze Zeit später die zweispurige Landstraße, kurvten hügelaufwärts und bogen dann in einen noch engeren Weg ein. Vor ihnen zeichnete sich schwarz vor dem tiefblauen Abendhimmel die Silhouette einer Häuserreihe ab, links ein großes Haus, rechts daran gebaut ein niedrigeres, ganz rechts ein noch kleineres Gebäude. »Wohnhaus, Atelier, Ausstellungsraum«, erklärte Yohann. »Sophie ist Töpferin.«
Töpferin, das weckte Linas Neugierde.
Er hielt an und betrachtete einen Moment lang den Abendhimmel, der dunkel und doch transparent blau war - tintenblau, noch nicht schwarz. »Blaue Stunde«, murmelte er und stieg aus. Dann hörte Lina einen Aufschrei, hoch und schrill, und begriff im nächsten Moment, dass es ein hündischer Laut gewesen war, denn Babou sprang winselnd und zärtlich bellend an ihrem Yohann hoch. Auch er lachte glücklich, während er die Hündin zu beruhigen suchte. Er hockte sich hin, sie stieg mit den Vorderpfoten auf seine Knie und näherte sich mit der Schnauze seinem Gesicht; er zog sie an sich und flüsterte ihr Zärtlichkeiten zu.
»Die große Liebe. Ich muss immer fast heulen, wenn ich die beiden so sehe.«
Lina fuhr herum. Sie war so fixiert auf Yohann und seine Babou gewesen, dass sie das Herantreten der Frau nicht bemerkt hatte. Yohanns Freundin stellte sich nun als Sophie vor und gab ihr selbstredend die bises. Sie roch nach Heu, Tabak und Seife. Dann wurde Lina von einer feuchten Nase angestupst; es war nicht Babou, sondern ein großer und schwerer Hund. »Komm, Tatar«, rief Sophie ihn, und dann: »Kommt alle rein, es ist frisch!«
Sie betraten das Haus; schüchtern und doch auch neugierig sah Lina sich um. Ein großer offener Raum, aber mit Wohnnischen. Links die Kaminecke - mit gusseisernem Ofen, in dem ein Feuer flackerte. Vor dem Ofen, auf einem Kuhfell, ein niedriger Tisch und darum herum Couch, Sitzsack und Sessel. An der Wand der Couch gegenüber, auf der Haustürseite, eine leise tickende Standuhr und ein Regal mit Büchern und Fernseher. Das war Sophies Wohnbereich. Die Treppe zum ersten Stock teilte ihn von Küche und Essecke ab, die wiederum durch einen Tresen mit Barhockern getrennt wurden. Unwillkürlich blieb Linas Blick an dem schönen alten Büffet hängen, das an der Kopfseite des rustikalen Esstisches stand, ehe er weiterglitt zur Fensterbank - von der aus eine braungetigerte Katze sie scharf beäugte.
»Setzt euch. Wollt ihr etwas trinken? Einen weißen Porto?«, fragte Sophie und fügte entschuldigend hinzu: »Ich hoffe, es ist euch nicht zu warm; ich fand es kalt für Ende April und musste heizen.«
»Ich finde das sehr angenehm«, versicherte Lina und besah sich bei Licht Sophie genauer, während die von hinter dem Tresen eine Flasche mit gelber Flüssigkeit hervorholte. Mit ihrer Kurzhaarfrisur, dem ausgelutschten Öko-Wollpulli und der verblichenen Kargohose wirkte Sophie auf den ersten Blick burschikos. Doch lag in ihren Augen etwas Verletzliches, und das passte zu der Bemerkung, die sie vorhin gemacht hatte: sie müsse fast weinen, wenn sie Yohanns und Babous große Liebe sehe. Das fand Lina sympathisch. Ja, diese Sophie war ein vollkommen anderer Typ Frau als sie, Lina - vor allem ein anderer Typ Frau, als sie noch vor wenigen Wochen gewesen war. Vor einem Monat hätte sie in figurbetonter Designerkleidung hier gestanden, mit hochhackigen Schuhen und raffinierter Hochsteckfrisur - das heißt, nein. Hier gestanden hätte sie eben nicht. Doch jetzt stand sie hier, Chemie ließ sich nicht erklären und sie wusste einfach, dass sie und Sophie sich bestens verstehen würden.
»Im Büffet neben dir sind Gläser«, sagte Sophie ihr nun, als wäre sie ein vertrauter Gast. Sie nickte und holte drei Gläser aus dem schönen Büffet; Bechergläser, sie sah nur diese. Sophie nahm sie entgegen und schenkte großzügige Portionen aus. Yohann hatte es sich unterdessen auf dem Sessel gemütlich gemacht, und Babou lag quer über seinem Schoß.
»Es ist nicht gut, was du machst; du bringst ihr bei, dass sie auf den Sessel darf«, tadelte Sophie.
»Aber sie ist nicht auf dem Sessel, sie ist auf mir«, gab er zurück, träge und zufrieden.
»Sie ist schlau und weiß, dass dein Schoß die Vorstufe ist. Das nächste Mal, wenn du nicht hinsiehst, springt sie auf deinen Sessel, du wirst schon sehen.«
»Ach«, winkte Yohann ab und sah weg.
»Er sieht weg. Sie tut es schon«, sagte Sophie zu Lina.
»Sieht ganz danach aus«, stimmte die zu.
Yohann hob eine Augenbraue und sah zu den Frauen. »Genau, verbündet euch gegen uns. Siehst du, Babou, so sind sie. Dabei bist du nie auf meinem Sessel, wenn ich heimkomme, nie. Du bist immer ganz brav im Körbchen, und wieso der Sessel so warm ist, das weißt du doch nicht, hm?« Er kraulte die langen weichen Ohren und Babou schenkte ihm hechelnd ein hündisches Lächeln.
»Da hast dus«, wandte Sophie sich an Lina. »Also, Tatar bleibt immer in seinem Korb.«
»Soso«, sagte Yohann spöttisch.
»Klar doch!«, behauptete Sophie, bekam aber rote Ohren.
»Nur gut, dass außer Tatar, Minette und Chamalot nicht auch noch Noisette, Léla und Eglantine ins Haus dürfen. Sonst würde es auf deiner Sitzgarnitur zu eng«, witzelte Yohann.
»Er spricht von meinen anderen Tieren, von meiner Familie eben. - Und woher kennt ihr beiden euch?«
Sie tauschten einen Blick.
»Wer in Saint-Hernin kennt nicht Yohann?«, fragte Lina dann leichthin und erklärte, dass sie seit Ostern im Linken der drei wohne. Sie kamen ins Gespräch über Saint-Hernin, doch als Sophie nach Linas Bretagne-Eindrücke fragte, geriet die ins Stocken. »Ich habe bisher nicht viel gesehen, außer dem Dorf und seiner Umgebung«, gestand sie und warf Yohann einen unsicheren Blick zu. Der würde doch jetzt nicht ausplaudern, was sie ihm vorhin im Zug über ihre Situation verraten hatte?
Nein; er fragte Sophie, um das Thema zu wechseln: »Machst du noch deine Töpferkurse?«
»Du bist Töpferin?«, hakte Lina gleich dankbar nach.
Sophie zeigte ihr einige ihrer Objekte, die sie im Haushalt benutzte - eine main de sei, ein großer, kugelförmiger Behälter mit einem Loch in der Vorderseite, für Kochsalz; einige mugs, große Tassen, und bols, die landestypischen Trinkschalen; eine filigrane, fast japanisch anmutende Vase, in der eine weiße Orchidee stand. Die Gegenstände zeichneten sich durch die schlichte Eleganz ihrer Form aus sowie durch ihre Farben, überwiegend Blautöne, unter denen aber Grün, Violett und Ocker durchschimmerten. Mineralische Farben, erklärte Sophie, während Lina bewundernd über die glatte Glasur eines bols strich.
»Hast du schon einmal getöpfert?«, fragte Sophie.
»Nein, noch nie.«
»Magst du es ausprobieren?«
Lina war überrascht über das Angebot - das sie so gerne angenommen hätte, aber ablehnen musste! »Ich habe momentan leider nicht genug Geld für einen Kurs«, erklärte sie nach einem befangenen Zögern.
»Ich will doch kein Geld von dir«, erwiderte Sophie schroff. »Komm ruhig vorbei, wenn du mal drehen willst. - So, habt ihr Hunger?«
Diese Frage stellte sich im Grunde kaum mehr, denn sie hatte in den letzten Minuten nebenher ein Abendessen zubereitet, den Mengen nach für mehr als eine Person. Wie zur Antwort, klopfte es an der Tür und ein großgewachsener Mann mit pfeffer- und salzfarbenem Haar und Brille trat ein. »Salut, Sophie«, grüßte er laut. »Ah, Yohann. Guten Abend, ...?« Fragend sah er Lina in die Augen. Die streckte die Hand aus und nannte ihren Namen; der Mann nahm ihre Hand und gab ihr die bises.
»Willst du mitessen, Bernard?«, fragte Sophie, wartete aber keine Antwort ab, sondern bat Yohann, vier Teller und Besteck aus dem Büffet zu holen.
»Wie heißt du nochmal? Ich habe dich eben nicht ganz verstanden, ich muss meine Hörgeräte ersetzen«, erklärte Bernard Lina, begann aber dann, ohne eine Antwort abzuwarten, umständlich von seinem letzten Arztbesuch zu erzählen, während er den Hunden, die ihn beschnüffelten, die Hälse kraulte. Sophie putzte Salat, wendete die Makrelen und ließ die Kartoffeln abtropfen, um sie mit einem ordentlichen Brocken Butter wieder auf kleine Flamme zu setzen. »Yohann, machst du die Salatsauße?«, bat sie, als Bernard mit seinem Bericht geendet hatte, und kurz darauf stellte sie den Fisch auf den Tisch. »A table!«, rief sie aus.
Lina setzte sich. Sie fragte sich, wie sie unversehens zu diesem geselligen Abendessen gekommen war. Allein in ihrer Unterkunft, hätte sie getoastete Weißbrotreste und Käse geknabbert.
»Bedient euch«, forderte Sophie alle auf.
Lina griff zu. Sie sah in die Runde. Keiner hatte sie gefragt, warum sie die Mütze zu ihrer übergroßen grauen Funktionskleidung trug, warum sie so kaputt aussah, warum sie hier war. Lag es an Gleichgültigkeit? Nein; sie wurde auch jetzt, bei den Tischgesprächen, immer wieder nach ihren Ansichten gefragt, sie wurde nicht außen vor gelassen. Aber es würden keine unangenehmen Fragen kommen, begriff sie; sie wurde so akzeptiert, wie sie war. Sie atmete auf, begann, sich zu entspannen. Und so ließ sie es zu, dass sich unerwartet und beiläufig etwas wie von selbst klärte, das sie gar nicht gewollt hatte. Sophie war es, die fallen ließ, es sei doch unpraktisch, dass Lina kein Fahrzeug habe; wie solle sie da zum Töpfern kommen? Worauf Bernard erwiderte: »Dann nimmt sie den weißen Volvo«, und zu Lina: »Er hat über vierhunderttausend Kilometer drauf, aber er fährt. Das ist Qualität gewesen.«
»Aber - du willst mir dein Auto leihen?«, meinte Lina zu begreifen. Sie wurde von Sophie und Bernard geduzt und tat es ihnen gleich; nur von Yohann wurde sie weiterhin gesiezt, respektvoll und höflich. Sophie und Bernard wunderten sich vielleicht darüber, gaben aber keine Kommentare dazu ab. Dann protestierte sie: »Aber das geht doch nicht.«
»Das ist schon in Ordnung, Bernard hat drei Volvos«, grinste Sophie.
»Ich habe drei Volvos«, wiederholte Bernard. »Wann wollt ihr den weißen holen? Jetzt gleich?«
»Oh nein.«, wehrte Lina erschrocken ab.
»Lass sie das Auto bei Tageslicht abholen«, meinte Sophie, und ehe Lina wusste, wie ihr geschah, hatten die anderen einfach so geregelt, dass Yohann sie am morgigen Nachmittag gegen drei Uhr zu Bernard fahren würde, um den weißen Volvo in Empfang zu nehmen.
Überrumpelt schüttelte sie den Kopf. Und doch - ein Auto würde ihr Unabhängigkeit geben. Sie würde jederzeit in Carhaix einkaufen und wirklich mal einen Ausflug machen können. Vielleicht sogar ans Meer? - Aber. Ein Auto. Wann war sie überhaupt das letzte Mal Auto gefahren?
Darmowy fragment się skończył.