Czytaj książkę: «Sehnsucht»

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Nataly von Eschstruth

Sehnsucht

Saga

Sehnsucht

German

© 1917 Nataly von Eschstruth

Alle Rechte der Ebookausgabe: © 2016 SAGA Egmont, an imprint of Lindhardt og Ringhof A/S Copenhagen

All rights reserved

ISBN: 9788711472903

1. Ebook-Auflage, 2016

Format: EPUB 3.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach Absprache mit Lindhardt und Ringhof und Autors nicht gestattet.

SAGA Egmont www.saga-books.com – a part of Egmont, www.egmont.com

Erstes Kapitel

Frühlingssehnsucht auf der Heide.

Weit hinten im Westen, hinter dem schmalen, violett gefärbten Waldstreifen, sank die Sonne wie ein blutroter Feuerball, dessen Flammengarben Himmel und Erde in ein Meer von Licht und Herrlichkeit tauchten.

Das flache nordische Land lag todesstill und einsam.

Auf den Marschen weideten die Viehherden, Heidelerchen stiegen mit leisem Abendlied zu dem lichten Firmament empor, bis sie als kleine, dunkle Punkte in Purpur und goldigem Gelb verschwanden.

Ganz fern von einem Bauernhof herüber bellte ein Hund, dem der bissige Dobermann vom Gutshof bald zornige Antwort gab.

Dann war es wieder still. Nur die letzten Bienen summten noch geschäftig an dem jungen Mädchen vorüber, das unter den knospenden Zweigen der wilden Rose und des Schlehdorns am Grashang der Heide saß und mit tiefernstem Antlitz in das Abendgold starrte, das immer roter und roter, wie ein heißes, süßes, zauberhaftes und unbegreifliches Rätsel fern in einer anderen Wunderwelt, erglühte.

Es war Ebba, die einzige Tochter des wortkargen Klaus Raßmussen, des hellblonden Riesen und seiner zarten, kränklichen Hausfrau Friederike, die weltfern und ganz zurückgezogen auf dem Gut wohnten und außer dem Postboten, Arzt und Hausierer nie einem fremden Menschen die Tür des Heidehauses öffneten.

Klaus Raßmussen hatte sich durch ein mühsames und arbeitsreiches Leben bis zum Besitzer des schönen Gutes emporgerungen, das der Traum und Inhalt seines Lebens war.

Als er, noch blutjung, als Volontär auf einem Rittergut im Holsteinischen lernte, verliebte er sich in die bildhübsche junge Erzieherin der kleinen Komtessen, und Friederike Galzau erwiderte seine Gefühle, schwur ihm Treue und gelobte zu warten, bis er sich seßhaft gemacht hatte.

Dies geschah nicht allzu schnell. Aber Klaus Raßmussen war zäh und treu und fest wie das Holz der Esche, die die Zweige ehemals über sein Vaterhaus gebreitet hatte. Als er das kleine Gut am Rand der Heide erworben hatte, holte er seine Friederike heim, obwohl die Lehrerin nicht mehr allzu jung und an einer Stadtschule über die Maßen elend und nervös geworden war.

Dennoch ging es als Hausfrau besser, als man dachte.

Sie erholte sich sogar in den ersten drei Jahren sichtlich, bis im vierten ein flachshaariges Töchterlein geboren wurde.

Hatte es an richtiger Pflege und Fürsorge gemangelt, oder fehlte dem zarten Körper nur der Anstoß, um in sich zusammenzubrechen, Frau Friederike kränkelte seit der Taufe des Kindes, und obwohl ihr Mann alles zu ihrer Genesung tat, sie blieb eine zarte, stets leidende Frau, die nur noch vom Lehnstuhl aus ihr Haus befehligen konnte.

Was ihr eigentlich fehlte?

Der Doktor hob die Schultern.

Er hatte gesehen, wie Frau Friederike am Fenster saß und mit den schönen, schwermütigen Augen voll weher Sehnsucht in die Ferne starrte, wo die große, bunte, interessante Welt mit all ihren Freuden und Anregungen flutete.

Er schüttelte seufzend den Kopf.

Stadtdämchen gehören nicht in die Einsamkeit der Heide, dachte er; und wer so viel geistige Interessen hat wie eine Lehrerin, die krankt nicht am Körper, sondern am Geist, den die Sehnsucht nach einem verträumten Glück nicht losläßt.

Er schlug eine Reise vor.

Aber Klaus Raßmussen haßte solches Larifari und konnte außerdem nicht von der Ernte weg.

Da verschrieb der Arzt viele und gute Bücher für die einsame Frau.

Und derweil der Gatte in den schweren Kniestiefeln tagein, tagaus über seine Schollen stampfte und einen Acker nach dem andern zu dem sich immer großartiger entwickelnden Gut kaufte, saß Frau Friederike im Lehnstuhl am Fenster und las, las, las, bis die schwermütigen Augen rote Ränder bekamen und an den Wimpern die Tränen glänzten.

Ebba wuchs anfänglich mehr im Sinn des derben, realistischen Vaters auf, frei, frisch, von früh bis spät unter Gottes freiem Himmel.

Da gedieh das blonde Friesenkind wie die wilde Rose, die rings die Hänge des Heidelandes umwucherte.

Das blonde Haar lockte sich um ein reizendes Gesicht, das die frischen Farben, den roten, schwellenden Mund und die stumpfe kleine Nase vom Vater geerbt hatte, aber dabei aus denselben tiefblau sinnenden und träumerischen Augen der Mutter schaute.

Frau Friederike bestand darauf, ihr Kind selber zu unterrichten; und von dem Augenblick an, an dem Ebba mit Schiefertafel und Griffel zu Füßen der Mutter saß, änderte sich ihr Wesen.

War sie zuvor die ständige Begleiterin des Vaters durch Felder und Wiesen gewesen, so wurde sie von nun an plötzlich die unzertrennliche Gefährtin der Mutter; und je größer sie wuchs, desto inniger schloß sie sich der einsamen Frau an, desto glücklicher leuchtete es in Friederikes Augen auf und desto wortkarger und rauher schritt Klaus Raßmussen durch Wind und Regen, Sonnenbrand und Winterkälte über sein weltentrücktes Besitztum. Mit gefurchter Stirn dachte er an das widerwillig dreinschauende Gesicht seiner Einzigsten, wenn er sie von irgendeinem der lyrischen Schmöker wegholte, daß sie mal im Milchkeller und in der Vorratskammer nach dem Rechten sähe.

Sie tat es gewissenhaft und wußte gut Bescheid in Haus und Hof, aber sie war nicht mit Leib und Seele Gutsfrau. Sie hatte das unglückselige Erbe der Mutter angetreten, stunden- und nächtelang über Romanen und Gedichtbüchern zu sitzen, sich den Kopf mit überspannten Zukunftsbildern zu füllen und sich in der Sehnsucht nach einem unerreichbaren Glücksideal selber unglücklich zu machen.

Ach, wie haßte Klaus Raßmussen die Bücher, die ihm Weib und Tochter stahlen, das Heidehaus verwaisten und nichts anderes unter sein Dach trugen als die Unzufriedenheit.

Wenn es Abend wurde, schritt Ebba hinaus an den Hekkenrosenrain und starrte mit träumerischen Augen hinaus in das Purpurglühen am Himmel, in die wabernde Lohe, hinter der ein ihr so fremdes Götterkind in tiefem Schlaf lag – die Liebe.

Wird sie die Süße, Heißersehnte je mit Augen schauen?

Wird sie je die bunte, lachende und lustige Welt kennenlernen, von der die Mutter mit verschleiertem Blick erzählt wie von einem verlorenen Paradies?

Ach, wie leidenschaftlich regte sich die Sehnsucht in Ebbas Herzen, die Freuden solch eines Wunderlebens zu genießen, zu lachen, zu tanzen und zu schauen, in eines Mannes Armen zu liegen und zu lieben und sich lieben zu lassen wie die Heldinnen in den Romanbüchern, die für die Liebe lebten oder starben, ohne dieselbe aber verschmachteten wie Blumen, über die keine Sonne scheint.

Der junge Walter Stur vom nächsten Gutshof war wohl ihr Freier, aber er hatte nichts gemein mit all den interessanten Helden ihrer Bücher, die alle so hinreißend in ihrer Eigenart waren und durch Schönheit, Geist und Romantik fesselten. Ach, wie kläglich nahm sich der ungeschickte Walter dagegen aus, der ja im Grunde doch nur ein Bauer war so wie der Vater, dem jeder Sinn für hohe Ideale, für Kunst und Rittertum abging. Der Pfarrer vom Heidedorf, der vor Jahresfrist Witwer geworden war, hatte auch ein Auge auf sie geworfen, und er würde dem Vater auch willkommen sein; aber Ebba fröstelt, wenn sie in die kalten Augen sieht, die sie mustern wie eine Ware.

Nein! Den Mann, den sie lieben wird, der muß von anderem, ganz anderem Schlag sein: außergewöhnlich, mit zwingenden Augen, ein Kavalier von feinster Art, toll, keck, leichtsinnig, so wie die Liebhaber in den Romanbüchern.

Ach wie herrlich, wenn alles so gegen den Strich des Altgewohnten geht, wenn sich die Verlobung so romantisch abspielt wie jüngst in einem Buch, dessen Heldin von dem Geliebten entführt wird.

Dieses wonnevolle Glück hat Ebba schlaflose Nächte gemacht, und ihre junge, allen Idealen zugeneigte Seele träumt sich in eine immer heißere Sehnsucht hinein, auch derartige Poesie zu erleben und ihrem Zukünftigen auf dem Pfad des Abenteuers zu begegnen.

Auch heute starrte Ebba mit wehem Blick in die goldrot ziehenden Abendwolken empor.

Leidenschaftlicher als je brennt ihr die Sehnsucht nach erträumtem Glück im Herzen.

Wo soll sie es finden, wo?

Hier auf weltferner Heide? Nie!

Hier in der Todeseinsamkeit? Nie!

Sie muß hinaus! Sie muß voll seligen Glaubens an die Liebe in die Welt wandern, um die Wunderblume zu suchen und zu pflücken!

Ein ungewohntes Geräusch wurde hörbar: rollende Räder, knatternde Hufe, lautes Schreien und Peitschenknallen.

Das junge Mädchen schrickt empor und starrt nach der Chaussee hinüber, die mit ihren ausgefahrenen Gleisen dicht am Gutshaus vorbeiführt.

Da kommt der Postwagen, mit drei neuen Pferden bespannt, die der Posthalter erst vor acht Tagen auf dem Viehmarkt im Städtchen gekauft hat.

Die Hammel weiden auf dem Hufeland, und der Spitz, der sie mit der kleinen Mike zusammen hütet, schießt kläffend herzu, seine Pflegebefohlenen von der Landstraße zurückzutreiben.

Die neuen, noch wenig eingefahrenen Postpferde aber verstehen diese Fürsorge falsch und nehmen wohl an, daß der bissige kleine Köter einen Überfall auf ihre Beine plant. Sie steigen hoch auf, und ehe der verdöste Postillon sie fester in die Zügel nehmen kann, brechen sie seitlich aus und toben in den Graben hinein.

In demselben Augenblick wird die Tür der gelben Postkutsche aufgerissen, ein Herr springt heraus – zu spät! Schon reißen die Gäule das ungefüge Gefährt herum, daß es krachend in den Graben hineinschlägt.

Ebba stößt einen Schrei des Entsetzens aus.

Sie sieht, wie der Reisende zu Boden gerissen wird und der Wagen über ihn stürzt.

»Ich komme! Ich komme!« schreit sie laut auf und jagt wie auf Sturmes Flügeln über die Heide.

Auch vom Gutshaus hat man den Unglücksfall beobachtet.

Die Tür wird aufgerissen, Klaus Raßmussen springt mit weiten Sätzen herzu und packt das Handpferd, ehe es von den Knien hoch und aus dem Graben herauskann.

Seitwärts aus dem Garten eilen der alte Brischau und seine Gehilfen herbei, und die drei Männer bändigen mit sehniger Faust die Gäule und kommen dem Postillon zu Hilfe.

Den fremden Herrn hat wohl noch niemand bemerkt.

Atemlos, mit hochroten Wangen, ist Ebba zur Stelle. Ihre jungen, kraftvollen Arme recken sich, sie packt das Rad und versucht es zu heben.

»Vater! Brischau! Helft, ehe es ihn zermalmt!« schreit sie auf.

Da sind auch die Pferde hoch, reißen noch einmal die Stränge wild an, und die Postkutsche ruckt ein Stück vor.

Gottlob, der Körper des Fremden liegt frei. Das Rad ist ihm anscheinend nur über die Beine gegangen.

Ebba wirft sich mit leisem Jammerlaut neben ihm nieder.

Der Hut ist zur Seite geschleudert worden, ein dunkellockiges Haupt liegt wie betäubt im staubigen Gras, die Augen sind geschlossen. Lang hingestreckt liegt die schlanke, elegante Gestalt.

Das junge Mädchen starrt atemlos in das Antlitz des Fremden, der die langen, nachtschwarzen Wimpern schon wieder hebt und sie wie geistesabwesend anstarrt.

Alles Blut schießt nach Ebbas Herzen. Ihre Lippen zittern, als wollten sie sich zu einem Schrei des Entzückens öffnen: Herrgott im Himmel, wie ist er so schön! Ein blasses, edelgeformtes Antlitz, tief brünett, mit dem bläulichen Schimmer auf den glattrasierten Wangen, von denen Ebba so oft in den Romanen gelesen hat. Ein kleiner, dunkler Schnurrbart, die Nase gerade und über den Lippen keck abgestumpft, die Mundwinkel geneigt wie in spottendem Hochmut.

Und erst die Augen! Groß, nachtschwarz, überwölbt von edel geschwungenen Brauen. Ach, welch ein Aufblitzen! Welch ein Ausdruck selbst jetzt in ihnen, als der Blick die junge Samariterin trifft.

Er scheint nicht bewußtlos gewesen zu sein. Er überschaut die Situation sofort und versucht lächelnd, sich mit schnellem Ruck aufzurichten.

Ein leises Stöhnen, ein Zucken des Schmerzes um die Lippen.

»Können Sie mich ein wenig unterstützen, mein Fräulein?« sagt er leise in gebrochenem Deutsch. »Das eine Bein will mir nicht gehorchen.«

Ebba erglüht noch heißer.

»Bleiben Sie liegen! Um Gottes willen, seien Sie vorsichtig! Es könnte gebrochen sein!«

Brischau steht schon neben ihr und mustert prüfend mit Kennerblick das Bein des Fremden.

»In Ordnung ist das nicht, gequetscht wohl auf alle Fälle. He, Andres, pack ihn mal unter die Schultern, ob er wohl stehen kann!«

Der Gärtnerbursche springt herzu und starrt den Reisenden sekundenlang neugierig an, dann nimmt er ihn derb unter die Arme, und Brischau stützt ebenfalls.

Schnell legt auch Ebba mit Hand an, und sie erglüht dabei bis auf den weißen Hals herab.

Ein kurzer, halberstickter Schmerzensschrei, ein paar unverständliche Worte in ausländischer Sprache, und der Fremde sinkt schwer gegen Andres zurück.

»Laß aus! Liegen lassen!« ruft Klaus Raßmussen von den Pferden herüber. »Erst einen Arzt zur Stelle!«

»Unmöglich, Vater!« schüttelt Ebba aufgeregt den Kopf. »Die Erde ist viel zu kalt, die Nebel steigen schon. Einen Augenblick! Ich hole mit den Mägden eine Matratze, und dann tragen wir ihn ins Haus.«

»Recht so! Ja, das ist gut«, nickte der alte Brischau mit bedenklichem Gesicht, »die Kutsche ist hin. Damit kann er nicht mehr in die Stadt kommen, und ich meine auch, ein Dach muß solch ein Kranker über sich haben.«

Frau Friederike hat den ganzen Vorfall vom Fenster aus beobachtet. Sie ist schnell verständigt und gibt die Erlaubnis. Ebba aber stürmt ins Fremdenzimmer, heißt die beiden Küchenmägde ihr folgen und reißt die große Roßhaarmatratze aus einem der Betten; sie faßt selber mit an, und nach wenigen Minuten liegt das Bett auf der Fahrstraße neben dem Fremden.

Der Postillon hat sich hinkend an den Meilenstein am Wegrand geschleppt und wacht über die Pferde, die Klaus Raßmussen zusammengekoppelt und an den kleinen Lindenstamm gebunden hat. Der Gutsbesitzer selber ist ebenfalls neben den Fahrgast der Postkutsche getreten und besichtigt das anscheinend schwer verletzte Bein.

»Ja, in die Stadt kommen Sie damit nicht«, sagt er in seiner wortkargen Weise. »Ist’s recht, wenn Sie den Doktor bei mir im Haus abwarten?«

Der Fremde blickt empor und sieht in Ebbas atemlos lauschendes Gesicht.

Trotz der Schmerzen blitzt es in den dunklen Augen auf. Er nickt, so gut er es vermag, und sagt abermals mit eigenartigem Klang und Akzent in der Stimme: »Sie sind sehr freundlich! Ich bitte darum.«

»Dann faßt mal vorsichtig an!« kommandiert Raßmussen, und sorgsam wird der Fremde gestützt und auf die Matratze gelegt.

Als das Bein gehoben wird, beißt er wohl die Zähne zusammen, aber als sich das junge Mädchen angstvoll über ihn neigt, lächelt er, daß die prachtvollen weißen Zähne durch das dunkle Bärtchen blitzen, und sagt leise: »Das ist ja nicht schlimm, mein Fräulein.«

Behutsam fassen all die kräftigen Fäuste an und tragen den unerwarteten Gast ins Gutshaus.

Ebba stürmt fiebernd vor Aufregung voran und reißt die Tür zu einem der Parterrezimmer auf.

»Gleich hier herein! Dies ist die sonnigste Stube und bequem für alle zur Pflege.«

Frau Friederike ist bis zur Tür geschlichen und blickt mit großen, forschenden Augen auf den Verletzten.

Sie ruft ihm ein freundliches Wort zu und reicht ihm die Hand. Beinah erschrocken über das Unerwartete, will sie dieselbe zurückziehen, als der Fremde ihre Finger mit halbgeschlossenen Augen ebenso respektvoll wie galant an die Lippen zieht. Sie wechselt einen schnellen Blick mit ihrer Tochter, und das junge Mädchen macht eine kaum merkliche Bewegung mit dem Kopf, als wollte es sagen: »O Mutter, ganz so wie in unsern Büchern!«

»Feuer im Ofen machen! Das andere Bett richten!« befiehlt Klaus Raßmussen lakonisch, sich an die Mägde wendend, und dann mit kurzer Handbewegung gegen die Männer: »Faßt noch einmal hier an, daß wir ihn bequem unterbringen! Bis der Doktor kommt, kann’s lang dauern, und bis sie ihn in das Stadtlazarett schaffen, erst recht. So! Na, mein Herr, wie wärs mit einem Kognak oder mit einem Glas Rotwein? So ein Abenteuer nimmt die Nerven mit. Ebba! Er nickt zum Wein. Gib ein Glas Bordeaux her!«

Nach wenigen Minuten neigt sich die Genannte über den Verletzten, das Glas mit dem rotleuchtenden Wein in der Hand.

Sie muß den Arm unter den Kopf des Fremden schieben und ihm den Trunk an die Lippen halten, denn seine Hand, die er hebt, ist verschwollen und zeigt einen blutigen Striemen, wo sie das Rad anscheinend auch gestreift hat.

Er trinkt, und dann blickt er seiner Samariterin mit einem unbeschreiblichen Blick in die Augen und flüstert: »Ich sage dir tausend Dank, du guter Engel.«

Ebba zittert dermaßen vor Aufregung und Entzücken, daß sie kaum das Glas halten kann, und die süße Verwirrung, die ihr Antlitz widerspiegelt, scheint dem Fremden nicht zu entgehen. Trotz aller Schmerzen lächelt er abermals.

»Das Bett ist bezogen. Soll es angewärmt werden?« fragt Antje und wischt die blauroten Hände eifrig an der Küchenschürze ab.

»Nix warm! Liebe es kalt«, flüstert der Unbekannte mit einem tiefen Seufzer, und Klaus Raßmussens rauhe Stimme dröhnt durch das große, luftige Eckzimmer: »Na, dann marsch hinaus, ihr Weibsleute! Wir wollen den Herrn betten, so gut es geht. Wenn ich nachher rufe, dann bringt Licht! Und du, Ebba, sorg für eine kräftige Fleischsuppe! Sowie der Jochen mit dem Ochsengespann im Stall ist, soll er den Braunen satteln und zum Doktor reiten, es sei dringend! Der Herr sei überfahren!«

»Wird besorgt!« nickte Antje, während Ebba und Fieken hastig, ihr voran, hinter der Tür verschwinden.

Frau Friederike steht noch harrend auf der Schwelle des Wohnzimmers.

Ebba wartet, bis die Mägde verschwunden sind, dann wirft sie sich voll jäher, bebender Aufregung an die Brust der Mutter.

»Wie ist er so schön, so schön!« stößt sie halb erstickt vor Erregung hervor.

»Ja, sehr schön! So schwarze, blitzende Augen und so fein und vornehm! Anscheinend ein Ausländer. Hat er einen Ring am Finger? Ist er wohl ein Ehemann?«

Daran hatte das blonde Friesenkind noch gar nicht gedacht. Sie schrickt zusammen.

»Ich werde gleich sehen, sowie ich wieder hineindarf«, murmelt sie, und das erst so glühende Gesicht erbleicht.

»Es ist wie in einem Roman«, flüstert Frau Friederike mit verklärtem Blick und tätschelt liebkosend das helle Lockenhaar ihrer Einzigen.

»Ja, Mutter!Ach, wie lang haben wir darauf gewartet!«

»Sorg dich um eine gute Fleischbrühe für ihn! Paßt ja schön, daß das Kalb geschlachtet ist. Wenn er Hunger hat, brat ein Schnitzel, und spar die Eier nicht in der Suppe!«

Ebba hört kaum noch die letzten Worte. Mit fiebernden Pulsen eilt sie in die Küche und wirft geschäftig dürres Reisig in die Glut. Wie das emporprasselt und Funken sprüht!

Ebba starrt mit weit offenen Augen ins Feuer und lächelt. »Wie lang habe ich auf dich gewartet, du heißes, flammendes Liebesglück! Nun endlich bist du gekommen und leuchtest mir aus zwei dunklen Augen entgegen!«

Zweites Kapitel

Als Klaus Raßmussens Tochter die köstlich duftende Suppe für den Kranken hereintrug, hatte man seinen Koffer und die lederne Handtasche, die er in der Postkutsche mit sich geführt hatte, ins Zimmer gebracht, und der Gutsherr probierte den Sicherheitsschlüssel, den ihm der Fremde aus dem Portemonnaie gereicht hatte, um die Tasche zu öffnen.

Der erste Blick Ebbas galt den schlanken, vornehmen Händen ihres Gastes.

Ein tiefes Aufatmen hob ihre Brust. Gottlob, er trug keinen Ring am Finger, der Roman brauchte nicht als Drama zu enden.

»So, hier ists offen! Soll ich Ihnen etwas reichen, mein Herr?«

Der Reisende richtete sich ein wenig im Bett empor. »Das Portefeuille, bitte! Oh, ich danke verbindlich! Ich möchte nicht versäumen, mich Ihnen vorzustellen, damit Sie wissen, wen Sie so freundlich unter Ihre Obhut genommen haben. Ich bin ein Graf von Giöreczy, komme aus Ungarn, wo ich Unterleutnant im Regiment der Honved gewesen bin. Hier meine Karte, gnädiges Fräulein, ich küsse die Hand. Sprechen Sie Französisch? Ich bin in Frankreich erzogen, da meine Mutter dort starb und mich zurückließ.«

Ebba hatte sich gerade über den Sprecher geneigt, um die Suppentasse zum Trunk bereitzuhalten; bei den Worten »ich bin ein Graf von Giöreczy« zuckte sie aber derart zusammen, daß das Porzellan der Tassen leicht klirrte.

Alles Blut stieg ihr zu Kopf, sie fühlte, wie sie erglühte, und dunkle Schatten flirrten ihr vor den Augen.

Kaum daß sie vermochte, den Kopf des Kranken zu stützen.

»Ah, ein Ungar und in Frankreich groß geworden?« Das klang etwas gedehnt von Klaus Raßmussens Lippen. »Da haben Sie wohl gar den Krieg anno siebzig mitgemacht?«

Der junge Offizier sah ihn überrascht, beinah etwas betroffen an, dann nickte er. »Ich war sehr jung, verheißener Kriegsruhm reizte mich. Man packte mich in Uniform, ehe ich selber recht wußte, was es heißen will, eine solche Feuerprobe zu bestehen.«

Der Friese schob den Ärmel an seiner Düffeljoppe empor. »Da, sehen Sie noch den Säbelhieb? Ein Andenken an Epinal!«

»Ich beglückwünsche Sie zu diesem Zeichen des Heldenmuts«, lächelte der Graf sehr verbindlich. »Sie haben mit diesem Arm den Lorbeer gepflückt, ich griff nur vergeblich danach!«

»Und Sie kommen nach Deutschland herüber?« fuhr der Gutsherr, sich leicht räuspernd, fort, ein wenig unsicher und unbeholfen der gewandten Art des jungen Kavaliers gegenüber.

Er hatte die Franzosen seit dem Feldzug gehaßt und nie ein Hehl daraus gemacht. Auch jetzt hätte er gern ein grimmiges Wort hervorgestoßen, daß er zwei Brüder und einen Vetter vor Metz auf dem Feld der Ehre geopfert hatte, aber er war doch wieder zu gebildet und zu gutmütig, einen Kranken, den der Zufall ihm ins Haus getragen hatte, zu beleidigen.

»Ja, ich kam nach Deutschland, weil mir Land und Leute hier sehr sympathisch sind«, versicherte der Reiteroffizier abermals mit verbindlichstem Ausdruck, und sein Blick traf dabei Ebba, als wollte er stumm hinzufügen: »Vor allen Dingen die deutschen Damen.«

»So, das freut mich«, nickte Klaus Raßmussen besänftigt und drehte die Visitenkarte zwischen den derben, schwieligen Händen. »Ich denke, der Doktor kommt gleich. Bis dahin lassen Sie den kalten Umschlag auf dem Bein liegen. Ich verstehe mich noch vom Lazarett darauf. Das verhindert die Geschwulst. Nach einer kleinen Weile komme ich wieder und mache ihn frisch. Können Sie allein die Tasse halten? Geht schlecht? Na, dann halt sie ihm an die Lippen, Ebba, und machs hübsch geschickt, der Herr leidet Schmerzen!«

Er stampfte zur Tür, wandte sich auf der Schwelle noch einmal um und sagte: »Mit dem Gepäck stimmt es doch? Oder fehlt etwa noch ein Stück? Hat sich alles kunterbunt im Graben herumgetrieben.«

»Ich danke Ihnen, mein Herr! Es stimmt, ich führte nur Handgepäck mit mir.«

Der blonde Riese nickte und verschwand hinter der Tür. In Ebbas Hand aber zitterte die Tasse, und sie atmete wie im Traum.

»Sie sind so gut«, lächelte der Graf von Giöreczy ihr zu, »ich möchte Ihnen auch sagen, daß Sie sehr schön sind, aber ich denke, das wissen die Damen ganz von allein.«

Beinah erschrocken blickten ihn die großen, veilchenblauen Augen an, und als sie dem sprühenden Blick des jungen Offiziers begegneten, senkten sich die Wimpern tief herab.

»Leiden Sie Schmerzen?« stieß sie kurz hervor, um doch etwas zu sagen.

Er lächelte und beobachtete als Kenner ihre holde Verlegenheit.

»Ja, meine Gnädige, das Bein schmerzt, aber ich bin hart und Derartiges gewöhnt.«

»Ob es wohl gebrochen ist?« fuhr sie fort und wußte selber nicht, was sie eigentlich sprach.

»Ich hoffe es!«

»Sie hoffen es?«

Da huschte wieder das seltsame Lächeln über sein schönes Gesicht.

»Gewiß! In diesem Fall kann ich nicht so schnell in die Stadt gebracht werden und darf mich noch länger an dem Anblick der reizendsten aller Samariterinnen erfreuen.«

Sie wollte die Schale heben, setzte sie aber jäh wieder nieder.

Er sah, wie ihre rundliche kleine Hand bebte.

»Würde es Ihnen eine große Last sein?« fuhr er leise fort.

Sie schüttelte beinahe heftig den Kopf. »Gewiß nicht! Es ist ja so einsam hier ... und ich ... ich ...« Sie wandte sich kurz ab, lief zum Ofen und warf noch ein Stück Holz in die flackernde Glut.

Sein Blick folgte ihr; voll ehrlichen Entzückens umfaßte er ihre kraftvoll schlanke, so biegsam junge Gestalt, wie sie ihm in gleicher Frische und von gleich edlem Wuchs weder in Frankreich noch in Ungarn begegnet war.

Auch das sehr blonde Haar war ihm neu und übte einen besonderen Reiz aus. Und das Antlitz in seiner rosigen Anmut schien ihm wie eine fremde Blüte, die selten, fast nie in der schwülen Atmosphäre der Großstadt erblüht.

»Wie heißen Sie?« fragt er plötzlich.

Sie wendet sich um und lächelt.

»Ebba Raßmussen!«

»Ebba!«

Mit welch weichem Klang er alles ausspricht. Seine Stimme klingt in den Ohren des Friesenkindes, das nur eine harte und rauhe Sprache gewöhnt ist, wie Musik.

Sie muß ihm den Namen buchstabieren.

»Wie schön und eigenartig er ist«, sagt er und wiederholt noch einmal mit ganz besonderem Ausdruck: »Ebba!«

Und nach einer kurzen Pause, während der er voll Interesse beobachtet, wie sie die vollen Arme hebt und die weißen Gardinen vor das Fenster zieht, ruft er: »Fräulein Ebba! Mich dürstet!«

Sie eilt herzu und reicht ihm die Suppe. Er aber trinkt nicht, sondern hält ihre Hand fest und drückt sie an die Lippen. Das ist zu ungewohnt und zuviel.

Das blonde Mädchen schrickt empor und flieht wie ein scheues Reh aus dem Zimmer. –

Auf dem Nähtischchen, vor Frau Friederike, liegt die Visitenkarte des jungen Ungarn.

»Lajos, Komte de Giöreczy.«

Mutter und Tochter berauschen sich geradezu an dem Wohlklang solch eines Namens.

Sie haben verschiedene Bücher gelesen, in denen elegante, vornehme und galante Ausländer die Hauptrolle spielten, und nun wird die Erinnerung an diese Romanhelden bei Mutter und Tochter wieder wach, nimmt Form und Gestalt an und verkörpert sich in dem Grafen, der, schon jetzt zum Ideal verklärt, die Phantasie erfüllt, als wirke eine Narkose.

Ebba verschränkt die bebenden Hände und drückt sie gegen die Brust, um zu überlegen, ob sie noch einmal das Zimmer des Gastes betreten und nach eventuellen Wünschen fragen soll, als das scharfe Rasseln eines kleinen Einspänners vor dem Haus erklingt. Der Doktor!

Klaus Raßmussen scheint ihn erwartet zu haben.

Man hört seine schweren Schritte auf den Steinfliesen des Flurs, dann wird die Tür aufgeklinkt, und die Stimme des Gutsbesitzers tönt vor dem Fenster.

»Gut, daß Sie schon da sind, Doktor! Drinnen liegt ein ungarischer Offizier, dem ist die Postkutsche über das Bein gegangen. Heda! Andres! Stell den Gaul unter!«

Der Arzt antwortete etwas Unverständliches; beide Männer traten ins Haus und begaben sich ins Krankenzimmer.

Ebba zitterte wie Espenlaub.

»Nun werden sie ihm sehr weh tun!«

»Frag an der Tür, ob sie Hilfe brauchen.«

»Handtücher, Wasser, Seife – alles liegt bereit! Für heißes Wasser sorgt Antje.«

Ebba schleicht angstvoll davon, sie sieht so blaß aus wie die weißgescheuerten Dielen, über die sie schreitet. Nach wenigen Augenblicken kehrt sie zurück.

»Sie brauchen mich nicht, aber wenn Vater ruft, soll ich noch mehr Rotwein bringen.«

»Wohl zur Stärkung für den Grafen«, nickte Frau Friederike, und dann sitzen Mutter und Tochter eng aneinandergeschmiegt im Dämmerlicht und starren auf die Schatten, die tiefer und tiefer ins Zimmer dringen.

Draußen braust der Frühlingssturm über die Heide. Er kommt wieder von der Nordsee herüber, frisch und scharf, und die jungen Knospen am Gesträuch erschauern unter seinem kalten Atem.

»Horch, schreit der Verletzte nicht auf?«

Nein, das Hoftor kreischt in den Angeln, und die Zweige des Flieders schlagen gegen die Fensterscheiben. Sonst ist alles still.

»Wie schrecklich ist solch ein Warten! Ob er wohl sehr leiden muß? Ob das Bein gebrochen ist?«

Endlich, endlich öffnet sich die Stubentür.

»Ebba!«

Das junge Mädchen schnellt empor, wie vom Alpdruck befreit, greift hastig nach dem Tablett mit Flasche und Gläsern und eilt ins Krankenzimmer.

Ihr erster angstvoller Blick gilt dem jungen Offizier.

Er liegt still und etwas bleich und erschöpft in den Kissen, aber sein Blick leuchtet ihr entgegen, und um seine Lippen huscht dasselbe Lächeln, das dem blonden Mädchen alles Blut zum Herzen jagt.

Der Doktor trocknet sich gerade die Hände ab, er hat den stummen Gruß der beiden jungen Leute bemerkt und spitzt die Lippen unter dem borstigen graumelierten Bart, wie einer, der sich mit schlauem Augenzwinkern eins pfeifen möchte.

»Na, Ebbachen! Können Ihrem Pflegebefohlenen gratulieren! Ganz hübscher glatter Bruch ohne alle Komplikation, nicht mal kleine Splitter oder nennenswerte Quetschung. Hat Glück gehabt, der junge Herr! Wärs über den Leib gegangen, säh es vielleicht faul aus! Na, und die Hand ist nur aufgerissen und verschwollen, die wollen wir schon bald wieder in Ordnung haben!«

»Aber mit dem Bein dauert es wohl lang, Herr Doktor?« fragt Ebba, nachdem sie dem Kranken heiß erglühend zugenickt hat, und es scheint dem alten Arzt, als klänge die Stimme mehr wie eine heimliche Bitte als wie eine Frage.

Er ist nicht umsonst ein urfideles, bemoostes Haupt auf der Würzburger Universität gewesen.

Er hob bedenklich die Schultern.

»Solche Sachen wollen Zeit haben, mein liebes Ebbachen.«

Klaus Raßmussen reckte sich etwas strammer in die Höhe; er hatte das Gefühl, als ob die Narbe, die ihm anno siebzig der französische Säbel geschlagen hatte, anfing zu brennen.

»Sie schicken wohl morgen die Ambulanz, Doktor, daß sie den Herrn in das städtische Krankenhaus holt?« fragte er.

Der Doktor hatte Ebba die Hand gereicht. Er fühlte, wie ihre Finger zuckten und seine Rechte erschrocken umklammerten. Wieder huschte sein Blick über ihr angstvoll bebendes Gesicht.

Er versteht und lächelt, ja er möchte sogar laut auflachen.

Er weiß, daß sich der verwitwete Herr Pfarrer bis über die Ohren in die schöne Ebba verguckt hat, daß er auch voll praktischen Sinns mit der sehr vermögenden einzigen Tochter des Gutsbesitzers rechnet. Der Pfarrer und der Doktor aber sind die erbittertsten Feinde, die man sich denken kann, nicht nur scharfe politische Gegner, die sich anläßlich der letzten Wahlen nach jeder Möglichkeit entgegenarbeiten, sondern auch von früher her grimmig verfeindet, als sich die beiden Gattinnen in übler Klatschgeschichte gegenseitig das Haus verboten.

Solch ein Haß schläft in einer kleinen Stadt nie ein, ja er währt noch über das Grab hinaus, und dem Doktor scheint der Gedanke, seinen Feind bis in das tiefste Herz und berechnende Gehirn zu treffen, geradezu entzückend.

Ihm den Rivalen vor die Nase setzen! In das Heidehaus des Klaus Raßmussen ein Kuckucksei legen, das jeden anderen Freier sicher verdrängen wird, das ist ein Spaß, den sich der Doktor schon lange gewünscht hat.

So hebt er auch jetzt mit wahrhaft despotischem Ausdruck in den verquollenen Augen die Hand, als wollte er die Worte des Hausherrn auf das energischste zurückschlagen.

»Ausgeschlossen, mein lieber Raßmussen! Jeder Transport ist vorher geradezu ausgeschlossen. Ich möchte wenigstens auf keinen Fall die Verantwortung übernehmen. Darüber sprechen wir noch. Zunächst bitte ich, den Kranken in voller Ruhe hier zu lassen, bis ich sehe, ob der Gipsverband so bleiben kann.«

Ebbas leuchtender Dankesblick trifft den Sprecher, der Graf aber dreht den schönen Kopf nach Klaus Raßmussen und fragt mit einem leichten Seufzer: »Ich störe Sie sehr, verehrter Herr Raßmussen? Sie und Ihre Damen sind sehr derangiert durch mich.«

Da ist ein Weigern vor dem Arzt doch peinlich, und das gute Herz des blonden Mannes wehrt sich gegen eine Unbarmherzigkeit.

Er schüttelt den Kopf.

»Nicht um unsertwillen, Herr Graf. Aber wir sind einfache Landmenschen, und ich fürchte, wir werden Sie nicht so pflegen können, wie es für Sie nötig ist.«

»Darüber lassen Sie sich keine grauen Haare wachsen«, ruft der Doktor vergnügt und packt seinen Verbandkasten wieder zusammen, »heute nacht kann sich der Andres einen Strohsack hier auf die Erde legen und die Wünsche des Herrn erfüllen; ich werde ihn instruieren. Morgen schicke ich den alten Philipps zur Wartung, der ist geschickt, willig und billig. Na und unsre kleine Ebba wird schon die Suppe kochen und den Patienten tagsüber verpflegen, davon bin ich überzeugt. Nun mal meinen Braunen vor den Wagen, Raßmussen, ich hab’s eilig!«

Der Graf von Giöreczy streckt dem Hausherrn mit stummem Dank die Hand entgegen, und der Gutsbesitzer faßt sie mit bieder derbem Druck und nickt freundlich. »Ich freue mich, daß Sie bleiben, mein Herr. Was an uns liegt, soll geschehen, daß Sie gut versorgt sind.«

Der Doktor ist weggefahren, das Ehepaar Raßmussen hat dem Fremden eine Gute Nacht gewünscht, und Frau Friederike saß sogar ein paar Minuten am Bett des Grafen, um sich an seinen galanten Dankesworten zu berauschen; dann hat Ebba noch für das Nötigste zur Nacht gesorgt und Andres ein Lager bereitet.

Nun tritt sie an das Bett und fragt, ob der Graf noch Wünsche habe.

»Nein, meine Gnädige, ich danke von Herzen; doch sehne ich mich in diesem Augenblick nur nach etwas Schlaf und hoffe, daß ich ihn trotz der Schmerzen finden werde. Ist es der Fall, so träume ich von meinem blonden Engel, und muß ich wach liegen, so denke ich an ihn. Gute Nacht, Fräulein Ebba!«

Wieder hält er ihre Hand fest und zieht sie an die Lippen, und diesmal flieht sie nicht vor solcher Galanterie, sondern lächelt wie verklärt zu ihm nieder und sagt: »Gott behüte Sie! Gute Besserung!«

Das sind selige, unvergleichliche Tage. Draußen stürzen die Regenfluten über das keimende und knospende Land, es stürmt und tost in den Nächten und hüllt am Tag die Welt in graue Schleier ein.

Was kümmert das zwei junge Herzen!

Ebba sitzt am Lager ihres Schützlings, der immer lebhafter und frischer plaudert und erzählt, je großartiger die Heilung von Bein und Hand fortschreitet.

»Sie müssen vorzügliche Säfte und eine außergewöhnliche Heilhaut haben«, sagt der Doktor, »so schnell habe ich den Heilungsprozeß noch nie verlaufen gesehen.«

»Es ist die herrliche Pflege«, lächelt der Ungar, mit leuchtendem Blick in Ebbas Augen schauend.

»Wenn die Caritas selber an einem Krankenlager waltet, muß ja ein Wunder geschehen!«

Der Doktor schmunzelt und macht ein Gesicht, als wollte er sagen: »Hab ich doch meine Freude dran!«

Die Tage vergehen, es werden Wochen daraus, und der Honvedoffizier kann, auf einen Stock gestützt, durch das Zimmer schreiten, ja, der Doktor erlaubt es sogar mit ganz besonderem Ausdruck in Blick und Stimme, daß der Genesende an Ebbas Seite hinaus in das erste wonnige Frühlingsduften der Heide wandert.

Die Winterstürme sind dem Wonnemond gewichen, und die Stunde kommt, in der Graf Lajos de Giöreczy voll glühender Zärtlichkeit den Arm um seine Pflegerin schlingt und das glückzitternde Mädchen an die Brust drückt, um Mund und Wangen mit brennenden Lippen zu küssen.

Es liegt etwas Leidenschaftliches, Zwingendes in seiner Liebe, das sieghaft zu eigen nimmt und keinen Widerstand duldet. Und Ebba wehrt sich auch nicht.

Ihre ganze Seele ist jauchzende, schwärmerische, alles vergessende Liebe.

Sie hat in die dunklen Augen geschaut und ist in ihre Glückstiefe versunken.

»Ich liebe dich, du blondes, stilles Kind, ich will dich zu eigen nehmen, du sollst mein Weib sein!« flüsterte er, und sie sitzen am Wegrain unter den blühenden Heckenrosen, Arm in Arm, fest und innig aneinandergeschmiegt.

Da erzählt er ihr sein Lebensschicksal.

Er entstammt einer vornehmen, ehemals reichbegüterten Familie. Als sein Vater starb, war er ein Knabe, und der große Landbesitz wurde von der Mutter verwaltet. Daß dies sehr gewissenlos geschah, ahnte er nicht, und als die lebensfrohe Frau in Paris starb und die Güter stark verschuldet hinterließ, kümmerte ihn das Defizit wenig, denn er war noch immer reich und verblieb auch zuerst in dem berauschenden Seine-Babel, wo er genug Freunde gefunden hatte, um sein Leben am Hof der schönen Kaiserin Eugenie zu genießen.

Er hatte wohl Glück bei den Frauen, aber weniger beim Spiel; er war ein toller Geselle voll schäumender Lebenslust, der nichts wehren konnte.

Da kam der Krieg mit Deutschland.

Sein Besitztum in Ungarn war völlig heruntergewirtschaftet, viele Gebäude durch ein Gewitter niedergebrannt, was Wunder, wenn er sich der französischen Armee anschloß.

Als er nach dem Friedensschluß als nervöser, unzufriedener Mann nach Ungarn heimkehrte und versuchen wollte, zu retten, was noch zu retten war, da zeigte es sich, daß er ohne Kapital auf dem Trümmerhaufen der schon so gewissenlos verwüsteten Besitzungen bankrott geworden war. Er verkaufte die Ländereien für ein Spottgeld, trat bei den Reitern ein und verjubelte in kurzer Zeit den Erlös.

Die Verhältnisse in dem Vaterland, das ihm beinah fremd geworden war, machten ihm aber den Dienst als Offizier in einem flotten Kavallerieregiment nicht mehr möglich.

Abenteuerlustig und heißblütig, wie er war, quittierte er als Mittelloser, um aus dem einzigen Talent, seinen großartigen, schier meisterlichen Reitkenntnissen, Kapital zu schlagen.

Er wurde Schulreiter; erst bei einem kleinen englischen Zirkus, dann bei dem renommierten Loisette, der ihm, dem bald sehr gefeierten und umjubelten Liebling des Publikums, brillante Gage bezahlte und ihn für eine Tournee nach Deutschland verpflichtete. Ein kleines Liebesabenteuer mit einer Nichte des Direktors, die er sich weigerte zu heiraten, lösten seinen Kontrakt.

Er gastierte aber bei anderen Unternehmen mit viel Erfolg und Glück und stand soeben im Begriff, von Bremen nach der kleinen Stadt O. zu fahren, um bei einem dort vorübergehend weilenden Zirkus ein Engagement anzunehmen, als die Überschwemmung und ein Dammrutsch bei M. die Eisenbahn für etliche Tage außer Betrieb setzten.

Da es eilig war, beschloß Lajos, eine kurze Strecke mit der Post zu fahren, um die gefährdete Strecke zu umgehen und den Zug bei X. aufs neue zu besteigen. Wie seine Pläne durchkreuzt wurden, hatte Ebba erlebt.

»Und nun«, schloß der Graf, »werde ich zu deinem Vater gehen und ihm und deiner Mutter meine Verhältnisse klarlegen. Ich habe zwar keine feste Anstellung, aber immerhin als Künstler sehr hohe Einnahmen, und da gute Schulreiter sehr gesucht sind, so bin ich auch nie ohne Engagement. Ich werde um deine Hand anhalten, meine Ebba, und hoffe zuversichtlich, daß du mir als mein zärtlich geliebtes Weib in die bunte, fröhliche, so unbeschreiblich schöne Welt folgen darfst.«

Das junge Mädchen legte die Arme voll banger Sorge um ihn. »Erhoff nicht zuviel! Mein Vater liebt die Zirkusreiter nicht, er ist in der Stadt vom Pfarrer Wallerthür durch freche Hänseleien, daß er dich so lange beherbergt, aufs äußerste gereizt. Ich fürchte, du wirbst vergeblich, Geliebter!«

»Ebba! Das wäre unser Tod!« fuhr er mit zorngeschwellter Ader leidenschaftlich auf.

Sie drückt sich fester in seinen Arm und blickt ihn wunderlich, mit flimmerndem Blick an. »Er trennt uns nicht, Lajos! Ich folge dir, wohin du mich führen willst!«

Ein halb erstickter Jubelschrei von den Lippen des Grafen. »Ebba, schwörst du es?«

Ja, sie schwört es ihm. Sie verrät ihm auch, daß die Mutter von ihrem Entschluß weiß und ihn billigt, daß sie helfen wird, den Vater zu versöhnen, wenn er sieht, wie stark und groß die Liebe seines Kindes ist.

Welch ein seliges Flüstern, Beraten, Herzen und Küssen! Alles wird zur Flucht vorbereitet, und Ebba breitet mit fieberndem Blick die Arme nach der sinkenden Sonne aus und murmelt: »Ich folge dir, goldenes Licht! Die Zeit ist gekommen, in der die Liebe an mein Gefängnis klopft und die Ketten sprengt.«

Graf von Giöreczy hielt bei Klaus Raßmussen um die Hand seiner Tochter an und wurde mit ingrimmigem Lächeln höflich, aber sehr energisch abgewiesen.

Die Lichter verlöschten im Heidehaus. Frau Friederike lag mit zitternden Gliedern im Bett und rang die Hände im Gebet. Da huschte es leise in ihr Zimmer. Es waren Ebba und Lajos.

Noch einmal Herz an Herz. Friederike begreift es, daß ihr Kind nicht anders handeln kann. Sie muß weinen und möchte doch jauchzen, daß ihr Liebling ein solch traumhaftes Glück gefunden hat.

Um zwei Uhr nachts geht die Post am Haus vorüber, um drei Uhr führt der Schnellzug die Liebenden nach Hamburg, von da nach England zur Trauung.

Lebt wohl! Lebt wohl!

Die Schritte verklingen, leise wird die Haustür geschlossen. Wie ein Seufzer der Sehnsucht weht der kühle Seewind über den blühenden Flieder.

Drittes Kapitel

Es war eine schlimme Zeit im Heidehaus gewesen.

Als Klaus Raßmussen die Flucht seiner Tochter entdeckte, tobte er wie ein wildes Tier und schlug die sehnigen Fäuste gegen die Stirn, als wollte er sich selbst zermalmen. Dann wurde er still, finster und verschlossen. Von einer Verfolgung der Liebenden nahm er Abstand.

Wozu? Wenn sein einziges Kind mit einem Schnurranten davonlief, heimlich bei Nacht und Nebel das Vaterhaus verließ, so war es nicht wert, daß es Elternliebe gewaltsam vom Abgrund zurückriß. Ebba hatte gewählt, und die Eltern fügten sich in den undankbaren Willen ihres Kindes. Frau Friederike versuchte zu trösten und zu besänftigen, aber umsonst.

Zum erstenmal im Leben stieß Klaus Raßmussen die bittend erhobenen Hände seines Weibes mit gerunzelter Stirn zurück.

»Nenn den Namen der Pflichtvergessenen nicht zum zweitenmal, sonst gibt es ein Unglück!« donnerte er.

Da waltete tiefes, bleiernes Schweigen.

Einmal schritt Klaus Raßmussen die Chaussee entlang, als ihm der Postbote begegnete und mit wunderlichem Blick einen Brief aus England darbot.

Er sah nicht, daß die Hand, die danach griff, zusammenzuckte, er sah nur das steinerne Gesicht des Gutsbesitzers, um dessen eckige Stirn der Wind die ersten grauen Haarsträhnen wehte.

Er nickte stumm und schritt weiter dahin, wo das Röhricht über sumpfiger Wiese knistert.

Ein Brief von seinem Kind. Aus England. Dort ist sie vielleicht das Weib des ungarischen Kunstreiters geworden, vielleicht auch nur seine Dirne, deren er jetzt schon überdrüssig geworden ist und im Elend hat sitzen lassen.

Vielleicht rechnet er auch noch mit dem deutschen Narren, dem erbärmlichen Michel, den ein paar rührende Worte wie Butter schmelzen lassen. Er soll verzeihend die Arme öffnen, und der ehrlose Mädchenräuber und die pflichtvergessene Tochter kehren freundlich zurück, die Hände nach dem väterlichen Erbe auszustrecken.

Was wollen sie weiter? Sein Geld!

Klaus Raßmussen beißt wie in wildem Schmerz die Zähne zusammen, und ohne den Brief zu öffnen, zerreißt er ihn in zahllose Stücke, sticht mit dem Krückstock ein tiefes Loch in den Sumpf und vergräbt die Kunde vom Kunstreiterliebchen.

Frau Friederike erfuhr es nie, daß ihr Kind geschrieben hatte.

Die Zeit schleppte sich träge dahin; das Heidehaus gähnte mit seinen dunklen Fenstern dem Wanderer entgegen wie ein offenes Grab.

Klaus Raßmussen arbeitete rastlos von früh bis spät, und Friederike saß blaß und krank am Fenster, schaute mit weher Sehnsucht dem Postboten entgegen und trocknete die heimlichen Tränen.

Aber dennoch glänzte etwas in ihrem Auge, eine stille Genugtuung, daß ihr Kind von einem Grafen entführt war und besser an ihrer schwärmerischen Liebe zugrunde ging, als daß sie ein solches Glück nie kennengelernt hätte.

Und wieder brausten die Frühlingsstürme über das flache Land.

Da hielt eines Abends die Post vor dem einsamen Gutshaus, eine weibliche Gestalt in Diakonissentracht stieg aus. Sie trug ein wohlverhülltes Bündel im Arm und klopfte an der Tür des Klaus Raßmussen. Der war nicht daheim, und sein Weib war krank und sah niemand.

Da legte die barmherzige Schwester das Bündel in Antjes Arm und gab ihr einen Brief.

»Ich habe keine Zeit, ich muß zu einer Sterbenden weiter. Hier, gib Kind und Brief an die Großeltern ab, es ist der letzte Gruß der armen Ebba, die vor drei Wochen bei uns im Spital gestorben ist. Der Knabe ist ihr Kind.«

Antje wollte vor Schreck und Staunen aufschreien, aber sie starrte nur, an allen Gliedern zitternd, auf die Fremde, die nach der Post zurückschritt, einstieg und weiterfuhr.

Da regte es sich in dem Bündel, eine kräftige kleine Stimme hub an zu schreien.

Das brachte die Magd zu sich.

Ganz verstört stürzte sie zu Frau Friederike, hielt ihr Kind und Brief entgegen und keuchte: »’s ist der Ebba ihres ... und die Ebba ist tot!«

Wie war die schwache, kranke Frau so stark!

Sie nahm den Brief und öffnete ihn.

Ein Geburtsschein fiel ihr entgegen, der des Kindes.

»Hubert Graf von Giöreczy.«

Und dann ein paar mit Bleistift gekritzelte Zeilen ihrer Einzigen:

»Mutter! Vater! Ihr habt nie geantwortet auf meinen Brief, ob ihr vergeben habt. Gott gebe es. Ich rufe zum letztenmal Eure Liebe und Barmherzigkeit an und schicke Euch unser Kind. Ich war über alle Begriffe glücklich als Lajos’ eheliches Weib. Es ging uns gut, solange er verdiente. Da verunglückte er bei einem Hürdensprung und brach den Rücken. Ich bekam von der Direktion das Reisegeld in die Heimat. Hier in H. konnte ich nicht weiter, ich schenkte einem Knaben das Leben und weiß, daß ich selber sterben werde. Die Diakonissin will das Kind zu Euch bringen, wenn ich wieder mit dem Lieb vereinigt bin. Nehmt es auf und habt es lieb, um Gottes Barmherzigkeit willen. Ich bitte noch einmal um Verzeihung für meinen Gatten und mich; wir hatten uns so lieb, und die Liebe war stärker als mein Gehorsam. Dennoch vergaß ich Euch nicht. Erbarmt Euch des Kindes, daß Gott der Herr sich Euer erbarme. Eure Ebba, Gräfin Giöreczy.«

Frau Friederike starrte auf die Papiere nieder, die Heiratsurkunde, der Taufschein, Ebbas Totenschein. Es stimmt alles.

»Reich mir ihr Kind!«

Antje legte es in ihren Arm.

Mit großen, nachtschwarzen Augen schaut ein bildschönes Büblein zu der Großmutter empor.

Ein Grafenkind – ihr Enkelsohn.

Die Kranke richtet sich beinah feierlich empor.

»Schaff alles her, Antje! Hol Ebbas Wiege vom Boden, die Kiste mit der Kinderwäsche! Und vor allen Dingen wärmt Milch für das Kind, warten will ich den kleinen Grafen, bis eine Pflegerin kommt.«

Als Klaus Raßmussen heimkehrt, ist das stille Heidehaus ein anderes geworden, und sein erst so krankes Weib steht hoch aufgerichtet im Zimmer neben Ebbas Wiege, in der ein Kind schreit.

Es liegt ein wunderbarer Ausdruck im Auge Friederikes, das sich voll brennender Drohung auf ihren Mann richtet.

»Du hast einen Brief von Ebba unterschlagen, der an uns beide gerichtet war!« klingt es ihm schrill entgegen.

Er zuckt zusammen, sein Gesicht wird kreidebleich.

»Mörder!« klingt es gellend in sein Ohr. »Ebba ist tot!«

Klaus Raßmussen taumelt einen Schritt zurück und starrt auf die Wiege.

»Lies!« schrillt es abermals von seines Weibes blassen Lippen, und sie schleudert ihm die Papiere entgegen.

Der Gutsbesitzer tastet danach und schaut mit gläsernem Blick darauf.

Ein gurgelnder Laut ringt sich von seinen Lippen.

Wie ist der große, kräftige Mann so schwach!

Er sinkt auf einen Stuhl und vergräbt das fahle Gesicht in den schwieligen Händen. Seine breite Brust keucht, leises Stöhnen entringt sich ihr.

Es bleibt minutenlang still.

Dann legt sich eine zitternde Hand auf seine Schulter.

»Möge Gott dir vergeben, was du an deinem eigenen Fleisch und Blut getan hast«, murmelt Frau Friederike, und es scheint Klaus Raßmussen, als stehe die Nemesis neben ihm, um ihn zu richten.

»Den Toten kannst du nichts Liebes mehr tun, die sind an deines Herzens Härte zerschellt, aber hier ... hier klagt dich ein verwaistes Kind an, und seine Stimme dringt zum Himmel. An ihm magst du sühnen, was du an Ebba und mir gesündigt hast.«

Er will auffahren, will voll trotzigen Zorns sein Weib in die Schranken weisen und sie daran erinnern, daß seine Tochter eine Landstreicherin geworden sei, die aus freiem Willen dem Elternhaus entflohen war, aber vor seinen Augen liegt ein weißes Blatt Papier – ihr Totenschein. Der deutsche Riese bricht in sich zusammen wie ein geknicktes Rohr und ächzt, ohne die Lippen zu öffnen.

Wie lieb er seine süße, blonde, kleine Ebba gehabt hatte, das sieht er erst jetzt.

Aber er ist nicht der Mann dazu, sich vom Schicksal brechen zu lassen.

Biegen und Beugen für wenige Minuten, aber dann schnellt das zähe Mark und Bein wieder empor und läßt nicht von seiner Art.

Er erhebt sich, wühlt die Hände in das ergraute Haar und blickt seinem Weib fest in die Augen.

»Sie hat es so gewollt, Friederike, sie hat geerntet, was sie gesät hat.« Und dann mit einer kurzen Geste nach der Wiege: »Wenn du dir die Last machen willst, den kleinen Ungarn großzuziehen, so tu es, ich lege dir nichts in den Weg.«

»Er ist unser Enkelsohn, Klaus Raßmussen!«

Der Alte hebt nur die Schultern, wendet sich, ohne einen Blick nach dem Kind zu tun, und verläßt mit dröhnenden Schritten das Zimmer.

Eine neue, wunderliche Zeit im Heidehaus.

Die einst so kranke, elende Frau Raßmussen lebte neu auf, entwickelte eine schier fieberhafte Tätigkeit für ihr Enkelkind, von dem sie mit einer gewissen Feierlichkeit nie anders sprach als »von dem jungen Gräflein«. Sie wartete und pflegte es, daß der Doktor nicht genug den Kopf schütteln und sagen konnte: »Also ein Enkelkind ist das Zaubermittelchen gewesen, das Ihnen wieder auf die Füße geholfen hat! Ja, hätte ich das gewußt, wäre es ja ganz unnötig gewesen, die teuere Kinderfrau aus der Stadt zu verschreiben!«

Frau Friederike sah den Sprecher fast vorwurfsvoll an und sagte: »Für den Hubert kann gar nicht genug Bedienung sein! Was wäre für Ebbas Kind zu teuer oder überflüssig? Gott sei gelobt, daß er so prächtig gedeiht!«

»Schade, daß er der Mutter so gar nicht ähnelt«, bedauerte der Doktor, »der Junge scheint aufs Jota das genaue Ebenbild des Vaters zu sein. Wär’s anders, würde es Klaus Raßmussen lieber sein.«

Frau Friederike krauste die Stirn. »Würde wohl kaum etwas ändern. Recht angeschaut hat er den Großsohn noch nicht ein einziges Mal. Nun, und ich denke wiederum, es ist schön, wenn der Kleine ein echtes Grafenblut hat und ein edler Giöreczy ist. Das wird ihm auch in Deutschland zustatten kommen.«

So stolz die Großmutter auf ihr Enkelkind war, so völlig fremd und gleichgültig hielt sich ihm Klaus Raßmussen fern. Für ihn blieb das Kind ein fremdartiges Kuckucksei, welches ihm ein nobler Landstreicher in das Nest gelegt hatte. Die Pflege und Erziehung überließ er ganz seiner Frau, und weil Friederike sich lieber umgebracht hätte, als ihrem kleinen Abgott einen Wunsch zu versagen oder gar seine Liebhabereien zu unterbinden, so wuchs Hubert Giöreczy in ungezügelter Freiheit heran, wild und keck, voll jauchzenden Übermuts, schön wie ein junger Adler unter Krähen, wenn er die Kinder der Bediensteten in seinen tollen Spielen kommandierte.

»Man sieht ihm den edlen Grafensproß schon auf hundert Schritt an«, lächelte Frau Friederike stolz, und selbst Klaus Raßmussen stand oft heimlich hinter einem Erlenbusch und beobachtete scharfen Blickes, was sich für ein hochgemuter Prachtkerl aus dem schwarzäugigen Büblein entwickelte. Ja, er zuckte nur mit leisem Knurren die Schultern, wenn aus dem Dorf die Klagen kamen, daß der Hubert wieder die besten Katzen und Hunde erschossen oder die höchsten Obstbäume erstiegen und geplündert habe. Er schalt nicht, sondern zog schweigend die Börse und zahlte; ja er wurde nicht einmal zornig, wenn das sechsjährige Bürschlein die Pferde bestieg und voll tollkühnen Wagemuts über die Heide galoppierte; immer sicherer, immer gewandter und strammer meisterte er die Pferde, und Klaus Raßmussen streifte sein begeistertes Weib nur mit einem spöttischen Blick und sagte: »Wundert’s dich? Vergißt du, was sein Vater war?«

Dennoch stand er heimlich und sah zu, und in seinem Auge blitzte es auf wie Genugtuung.

Hubert Giöreczy war ein absonderliches Kind. Tagsüber wild und toll wie ein kleiner Bandit, und wenn es Abend wurde und sich das flache Land in roten Lichtfluten badete, dann saß er oft still und sinnend auf demselben Wegrain unter den Heckenrosen wie ehemals die Mutter und schaute hinauf in den klaren, tiefen, hohen Himmel und folgte mit sehnsüchtigem Blick den Lerchen, die emporstiegen auf leichten Flügeln und die die einzigen waren, denen er nicht folgen konnte in die fremde, blaue Wunderwelt über den Sternen

Eine Leidenschaft von ihm war es, Papierdrachen steigen zu lassen.

Dann konnte er voll endloser Geduld die dicksten Rollen Bindfaden abwickeln und sein buntes Vöglein hinaufsteigen lassen in azurblaue Fernen, hoch und immer höher, bis er es kaum noch sah und sein Herz in heißer Sehnsucht erglühte. »Ach, könntest du folgen! Könntest du dir auch Flügel schaffen, um jene Ferne zu erreichen, um einmal herabzuschauen vom Himmel auf die Erde!«

Was Hubert vormachte, ahmten die Kinder der Knechte und Arbeiter aus dem Dorf voll respektvollen Interesses nach.

Da versammelten sich die flachshaarigen Burschen und Dirnlein und hatten sich auch Papierdrachen geklebt und von den Eltern den Faden erbettelt, und nun gab es einen Jubel und Wettstreit, welcher »Flieger« am höchsten stieg.

Mit glühenden Wangen und bitzenden nachtschwarzen Augen stand Hubert inmitten der Schar, als kleiner König sie befehligend, fremd, eigenartig, selber wie ein »Findling«, der vom Himmel schon oft auf die Heide niedergefallen war.

So stand er auch eines Nachmittags und war bereit, seinen großen, goldglänzenden Drachen durch kecken Anlauf in die Luft zu bringen, als sein Blick auf einen der Felsblöcke fiel, die grau und verwittert aus dem rotblühenden Heidekraut emporragten.

Dort saß ein kleiner Junge und weinte bitterlich.

Hubert stutzte und schaute schärfer hin.

Es war Sören, der Junge vom Vordrescher, ein armer, verwachsener Knabe, der mit seinem schiefen Körper nicht an den wilden Banditenspielen der andern teilnehmen konnte, meist verspottet und durch die rohe Grausamkeit, die so oft Kindern eigen ist, zurückgestoßen in trostlose Einsamkeit.

Hubert hat schon oft seine Hände schützend über den Armen gebreitet, und auch jetzt regen sich Mitleid und Edelsinn in seinem Herzen.

Er tritt schnell neben den Weinenden.

»Was ist denn los, Sören? Was heulst du? Hat dich einer geschlagen?«

Da sehen ihn zwei tieftraurige blaue Augen wie hilfeflehend an.

»Nein, Hubert, heut nicht. Aber ich hab hier auch einen kleinen Drachen geklebt, in der Form einer Taube. Und nun dachte ich es mir so schön, ihn einmal fliegen zu lassen.«

»Na, dann laß ihn doch steigen!« Der kleine Giöreczy blickt voll unverhohlenen Interesses nach dem seltsamen Papiergebilde, das die schmale, feingliedrige Hand des verwachsenen Kindes hinter dem Felsen hervorzieht und es mit ängstlichem Forschen hinhält.

Wirklich, wie ein richtiger großer Vogel aus Papier, mit breiten Flügeln, einem steifen Schwanz und Kopf sah es aus.

»Das ist ja famos, Sören! Wirklich fein hast du das gemacht! Du ganz allein?«

Die verweinten Augen leuchten auf, ein Blick innigen Dankes trifft den kleinen Grafen für dieses gute Wort; es ist eine seltene Kost für den verspotteten Jungen.

Er nickt. »Ganz allein! Und ganz schnell gings!«

Hubert hält die Taube in der Hand, sein lebhaftes Gesicht färbt sich.

»Das Ding wird gut fliegen, und lustig aussehen muß es als großer Vogel auch«, ruft er und prüft den primitiven Drachen aus Zeitungspapier.

»Mal flink in die Luft mit ihm! Wo hast du denn die Strippe, Sören?«

Da quollen wieder heiße Tränen aus den Augen des Kindes.

»Ich hab keine! Die Mutter gibt keinen Bindfaden, weil der für die Wäsche zum Aufhängen ist, und Vater schlägt mich, wenn ich um etwas bitte, was Geld kostet.«

Huberts schönes Gesicht spiegelt das tiefe Mitleid wider, das er empfindet.

»Na, sei still! Ich hole von der Großmutter eine feine Rolle, sie hat ja so viel!« Die anderen Kinder haben sich mit Interesse herangedrängt.

»Natürlich! Du kriegst ja so viel, als du nur willst, Hubert«, grinste Willem, der große, schlaksige Bengel mit den boshaft zwinkernden Augen, »und dann nimmst Sören den Vogel weg und läßt ihn für dich steigen!«

»Ja, ja! Das tu! Das tu!« johlt und kreischt es im Kreis, und alle Blicke richten sich auf Sörens blasses Gesicht, das bei diesen Worten zu erstarren scheint.

Ein Zittern geht durch die Glieder des Verwachsenen, wie in flehender Qual haftet sein Blick auf Huberts Antlitz.

Der kleine Graf runzelt unwillig die Brauen.

»Bin ich ein Dieb, du frecher Lümmel?« läßt er den Willem heftig an, daß sich der Bauernbub so scheu duckt wie der Hund vor seinem Herrn. »Was der Sören sich geklebt hat, gehört ihm, und den Drachen läßt er nachher steigen, so will ich das!« Der Sprecher winkt dem Weinenden und sagt: »Komm mit, daß es die Großmutter auch sieht, wie hübsch diese Taube ist.«

Ein seliges Aufatmen! Wie ein Leuchten höchster Begeisterung und Liebe geht es durch die tränenfeuchten Augen des Kindes. Er springt auf und geht, so schnell er mit der schiefen Hüfte kann, neben Hubert dem Heidehaus zu.

»Kommst wohl außer Atem?« fragt der Erbe des Klaus Raßmussen, dem seine Beschützerrolle Spaß macht. »Na, stopp ab! Ich gehe langsamer.« Wieder dieser Blick unbeschreiblicher Dankbarkeit in Sörens Augen.

»Weißt du, Hubert«, sagt er, »ich hab immer die Vögel beneidet, daß sie empor zum Himmel konnten, und wir mit unseren schweren Gliedern müssen so erbärmlich an der Erde kleben. Weißt du, Hubert, es muß schön sein, wie ein Vogel zu fliegen, das wünsch ich mir schon lang!«

Die dunklen Glutaugen des kleinen Deutsch-Ungarn heften sich aufblitzend auf den Sprecher. »Du auch, Sören? Ja, wie kommst denn du auf solche Gedanken?«

»Ich sitz so viel allein im Heidekraut, und das lahme Bein läßt es nicht zu, daß ich mit euch springe und spiele; da sehe ich zu, wie die Vögel so hoch, hoch hinauffliegen. Und weißt du, Hubert, da kommt mir manchmal der Gedanke, daß das schön sein muß. Möcht wohl wissen, wie es im Himmel ist.«

Giöreczy bleibt stehen und blickt seinen Freund groß und nachdenklich an. »Du bist der erste, Sören, der so denkt wie ich. Die andern sind Esel und fragen nach nichts.« Er blickt nachdenklich empor in das graudunstige Gewölk, das hoch über ihnen wie feine Rauchschwaden dahinzieht. »Hast recht, Sören. Es muß schön da oben sein. Weißt du so die ganze Welt zu Füßen! Ich denke mir, wenn man so hoch hinaufkönnte, wie unsre Drachen steigen, muß man bis Berlin sehen können und das Meer ... vielleicht auch Italien, wo die Apfelsinen wachsen.«

»Ja, ja, gewiß wohl! Und die Vögel können hoch und wir nicht«, seufzt der Verwachsene. Da flammt es wieder in Huberts dunklen Augen, die leidenschaftliche Sehnsucht, der tolle, kühne Wagemut, der eiserne Wille, der schon jetzt erzwingen möchte, was er begehrt. »Hab schon manchmal gedacht, Sören, ich möcht mal einen großen, ganz riesig großen Drachen kleben, weißt du, einen, der was aushält, vielleicht von schwarzem Schürzenzeug wie der Antje ihre bunten, nicht von Papier, weil das reißt. Und dann ...«, Hubert neigt sich flüsternd näher, »dann möchte ich mich dranhängen und mich hoch hinauftragen lassen, siehst du, Sören, dann hätt’ ichs erreicht!« Ein fast anbetender Blick trifft den Sprecher. Sören kann kaum sprechen, so schnell geht sein Atem.

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