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Nataly von Eschstruth

Nachtschatten

Roman

Saga

Ebook-Kolophon

Nataly von Eschstruth: Nachtschatten. © Nataly von Eschstruth. Alle Rechte der Ebookausgabe: © 2015 SAGA Egmont, an imprint of Lindhardt og Ringhof A/S Copenhagen 2015. All rights reserved.

ISBN: 9788711472781

1. Ebook-Auflage, 2016

Format: EPUB 3.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach Absprache mit Lindhardt und Ringhof und Autors nicht gestattet.

SAGA Egmont www.saga-books.com - a part of Egmont, www.egmont.com.

Erstes Kapitel.

Die Sonne sandte ihre letzten schrägen Strahlen in das kleine Hinterzimmer und malte die Muster der dicken Häkelspitze, die die schmalen Mullschals der Gardinen säumte, auf die weiss gescheuerten Dielen.

Sie huschte über die Blumentöpfe auf dem schmalen Fensterbrett, auf die blassfarbene Erika, die roten, gefüllten Primeln und die prächtigen, lila- und rosagefärbten Fackeln der Hyazinthen, die in hohen Gläsern dufteten.

Sie flimmerte auch über den tiefgeneigten, zierlichen Mädchenkopf und tauchte jedes einzelne der weichen, nachtschwarzen Löckchen in goldenes Licht. Die kleinen Hände arbeiteten voll beinahe nervöser Hast, und doch lag auf dem lieblichen Antlitz ein Ausdruck sinnender Zerstreutheit, als seien die Gedanken hinter der weissen Stirn weitab von den groben Küchenhandtüchern, deren Löcher und Risse die fleissigen Finger so sorgsam stopften.

Und sehr heiter und sonnig schienen die Bilder nicht zu sein, die die Phantasie des jungen Mädchens malte.

Ein beinahe schwermütiger Ernst lag auf dem schönen Angesicht, ein feiner Leidenszug senkte sich um die Lippen, und die auffallend grossen, tiefdunklen Augen, von schwarzen, langen Wimpern verschleiert, blickten so traurig in die Welt, als ob nie eine Sonne voll Glück und Liebe darinnen scheinen könnte! Und doch stand neben dem gesenkten Haupt ein blühender Myrtenstock, und ein schmaler, glatter Goldreif blitzte an der Hand, — ein Verlobungsring.

So oft der Blick des jungen Mädchens ihn traf, wehte es wie ein Schatten über die klare Stirn, ein leiser Seufzer entrang sich den Lippen, und die Hände bebten, als liesse ein jäher Schreck den schlanken Körper erschauern. Die Arbeit sank in den Schoss, die grossen, so wundersam umschatteten, eigenartigen Augen aber starrten müde und traurig hinaus in die blühenden Hintergärten, über deren lautlos und regungslos ragenden Wipfeln die letzten Lichtfunken des scheidenden Tages zitterten.

Margret von Uttenhofen dachte zurück an die letzten, trostlosen Jahre ihres Lebens. Sie war Waise, die einzige Tochter eines frühverstorbenen Beamten, das einzige Glück der blassen, stillen Mutter, die den schweren Kampf um Leben und Dasein kämpfte, bis der Tod ihre müden Augen für immer schloss. Margret blieb allein und mittellos zurück, ihr einziger Anverwandter, der Bruder ihres Vaters, ein schrullenhafter, weiberfeindlicher Gelehrter, brachte das Opfer, sie in einer Pension erziehen zu lassen.

Bis zu ihrem achtzehnten Jahre blieb sie da, dann hiess es abermals: wohin mit ihr? —

Hervorragende Talente hatte die Natur ihr nicht verliehen, wohl aber sie mit einer so eigenartigen, rührenden Schönheit und Anmut ausgestattet, dass ihren Erziehern der Gedanke gekommen war, auf der Bühne vermöge Margret wohl am sichersten ihr Glück zu machen.

Ein Brief voll bitterster Entrüstung und heftigen Zornes, von der nervös zitternden Hand des Professors geschrieben, antwortete auf diesen Vorschlag, und Fräulein von Uttenhofen atmete auf wie erlöst, denn bei ihrem schüchternen, mimosenhaft bescheidenen Wesen deuchte ihr die Karriere einer Bühnenkünstlerin geradezu furchtbar.

Professor von Uttenhofen berief seine Nichte zu sich. Es sei in seinem Hause Platz für das junge Mädchen; unter Anleitung seiner vortrefflichen Wirtschafterin, der Frau Agnes Hauser, könne sich Margret noch im Kochen und Wirtschaften vervollkommen, nun, und dann werde sich schon das Weitere finden.

Mit den besten Wünschen und voll freudiger Zuversicht entliess man sie aus der Pension. Margret ist ja so schön! So ganz etwas Besonderes mit ihren grossen, grossen rätselhaft dunklen Augen und dem bläulichschwarzen, glänzendweichen Haar — sie wird alle Herzen gewinnen und bald heiraten, das wird die beste Lösung der Frage sein.

Ja, ihre Schönheit! Jedermann glaubte, dass dieser herrliche Freibrief fraglos die Zaubergerte sei, mit der die sieben Riegel vor dem Tor des Glückes sieghaft gesprengt werden mussten, und doch war es gerade diese Schönheit, die ihr den harten, einsamen Lebensweg noch besonders erschwerte!

Wohl hatte der Professor voll Entzücken in das liebliche Antlitz geschaut und kein Hehl daraus gemacht, dass die junge Nichte einen ausserordentlich günstigen Eindruck auf ihn mache, — aber er war nicht Menschen- und Weiberkenner genug, um solchen guten Geschmack sorgsam vor Frau Agnes Hauser, der Wirtschafterin, zu verbergen.

Ein bitterböser Blick aus den verschwollenen Augen der „Unfehlbaren“ traf den jungen Gast, ein Blick, der, so stumm er auch war, doch eine ganze Kriegserklärung voll giftiger Worte enthielt.

Wittib Agnes war sowieso nicht sehr erbaut von dem neuen Zuwachs ihres Hauswesens. Sie hatte dem Professor in ihrer resoluten und scharfen Art erklärt: Beluxen und ausspionieren liesse sie sich nicht von der Mamsell Grasaff, und eine Aufpasserin liesse sie sich erst recht nicht vor die Nase setzen! Wenn das Fräulein etwa versuchen wollte, sie hier aus dem Hause hinauszubeissen, so wolle sie lieber gleich gehen, denn sie hätte dem Herrn Professor nicht an die achtundzwanzig Jahre treu und selbstlos gedient, um noch auf ihre alten Tage von einem Gelbschnabel geschuriegelt zu werden!

Herr von Uttenhofen war entsetzt. Seine Agnes! Seine unfehlbare Agnes, die einzige, die mit all seinen Eigentümlichkeiten Bescheid wusste, die einzig so kochte, wie er es liebte und wie sein Magen es vertrug, — diese Agnes sollte er verlieren? Nimmermehr!

Heilige Versicherungen, Geschenke und die besten Worte vermochten es endlich, den alten Drachen zu bewegen, Magret im Hause aufzunehmen. Und nun war sie gekommen, schön wie ein Engel, voll warmherzigster Liebenswürdigkeit, und der Professor sass da und rieb sich die Hände und schmunzelte: „Gelt, Agnes? Die kann sich sehen lassen! Was werden die Leute sagen, dass ich solch eine Nichte habe! Ja, ja, die Uttenhofens waren alle schöne Leute!“ —

Agnes brummte etwas sehr Unwirsches vor sich hin und meinte dann achselzuckend: „Die Schönheit sei ein Teufelsgeschenk und habe schon viel Unheil in die Welt gebracht! So ein glattes Lärvchen will gefallen und nimmt’s mit der Treue und Tugend nicht so genau! Da würde ja der Herr Professor eine schöne Last bekommen, die Fräulein Nichte zu bewachen!“ —

„Oh! oh!!“ — hatte der Professor sehr betroffen und ängstlich geseufzt, und Frau Agnes hatte die Tür schmetternd ins Schloss geschlagen.

Draussen stand sie und stemmte zornmutig die Hände iin die Seiten.

„Das wäre ja alles, was da fehlte, wenn der Herr Professor noch Heiratsgedanken bekommen wollte! Wenn der Grasaff sich’s etwa nach der Hausfrauenwürde gelüsten liesse! Oha! da war denn die Frau Agnes auch noch da! und es müsste doch mit dem Teufel zugehen, wenn sie nicht das Heft in der Hand behalten sollte!

Welch eine trostlose, schreckliche Zeit für Margret! — Was sie auch tat, die tyrannische, mürrische Person freundlich zu stimmen, es nützte doch nichts, sie war und blieb ihre geheime, erbitterte Feindin, die ununterbrochen Ränke spann, Onkel und Nichte zu entzweien und letztere aus dem Hause hinauszubeissen.

Margret arbeitete voll rastlosen Eifers von früh bis spät, bescheiden und demütig auch die schwerste Mägdearbeit verrichtend, die Agnes ihr hämisch zuschob. Die einzige Freude und Erholung waren ihre Musikstunden, die sie um so eifriger betrieb, als ihr sehr gütiger und bedeutender Lehrer ein doch nicht unbedeutendes Talent, zu präludieren und zu phantasieren, an ihr entdeckte. — Sie hatte viel Eifer und lernte leicht, namentlich amüsierte es sie, verschiedene Instrumente zu spielen, und wenn auch der Professor etwas ungeduldig die Achseln zuckte: „Du sollst doch kein Kapellmeister werden!“ so blickte er doch voll schmunzelnden Interesses auf das reizende Mädchen, als sie ihm eines Tages mit glühenden Wangen und Augen, die in der Begeisterung noch grösser und dunkler aussahen wie sonst, auf der grossen Harfe ihres Lehrers eine ganz eigenartige, schwermütige Weise vorspielte.

Herr von Uttenhofen überraschte Frau Agnes eines Tages mit dem Entschluss: „Ich will mit der Margret Besuche machen! Der Winter zieht ins Land, es gibt in unserem kleinen Städtchen nicht viele, aber doch einige Vergnügungen, die soll sie mitmachen!“

„Und zu welchem Zwecke?“ — keifte die Alte ingrimmig. „Glauben Sie, Herr Professor, die Ballkleider kosten nichts?“

„Gleichviel! Das Opfer muss gebracht werden! Wie soll Margret sonst einen Mann bekommen? Hier im Hause laufen die Freier nicht umher, und es wird doch Zeit, dass wir uns nach einer passenden Partie für das Kind umsehen, denn für ewig können wir sie doch nicht im Hause behalten! Sagst doch selbst, Agnes, dass sie es neulich gewesen ist, die meinen Lieblingsmeerschaumkopf beim Staubwischen zerschlagen hat! — Und den Homer — sagst du — habe sie neben den Horaz gesteckt, wo er doch absolut nicht hingehört ...“

Frau Agnes hatte hoch ausgehorcht. Wie eine Leuchte der Erkenntnis flammte es in ihr auf.

Heiraten! Die Magret muss heiraten — einen anderen Mann als wie den Professor! Ei, du liebe Zeit, dass ihr der ausgezeichnete Gedanke nicht schon längst gekommen war!

Natürlich heiraten! Gab es ein besseres Mittel, sie hier im Hause los zu werden? —

Zum erstenmal seit ihrer Anwesenheit lachte Frau Agnes die junge Schutzbefohlene mit zwinkernden Augen an, als Fräulein von Uttenhofen von dem Boden herunterkam, auf dem sie den Obstvorrat für den Winter auf breiten Strohschichten ausgelegt hatte.

Ja, sie lächelte Margret an, — und doch war dieses Lächeln nur ein Wetterleuchten, das noch böser Zeit voranging.

Der Professor führte die Nichte während des Winters aus, und es gewährte ihm auch eine grosse Genugtuung, dass das junge Mädchen von allen Herren in der lebhaftesten Weise ausgezeichnet und angebetet wurde.

Wo sie sich zeigte, feierte ihre wundersame Schönheit Triumphe, die anderen jungen Damen verblichen neben ihr wie Sterne vor der Sonne, und je begeisterter und glühender die Herren der reizenden Königin der Saison huldigten, um so feindlicher stellte sich die Damenwelt zu ihr.

Neid und Eifersucht spielen in der ganzen Welt eine leider sehr bedeutsame Rolle, nirgends aber eine grössere, als wie in kleinen Städten, wo die Unduldsamkeit gegen Rivalinnen die mannigfachsten und giftigsten Blüten treibt.

In der Regel herrscht in kleinen Städten Herrenmangel, jeder Zuwachs an Damen wird sowieso mit scheelen Augen angesehen; kommt aber gar eine solche sieghafte Schönheit, wie die der Margret von Uttenhofen, die Liebenswürdigkeit, Herzensgüte und viel gutes Wissen mit sich vereinigt, dann schäumen die Wogen der Eifersucht über, und die Maulwurfsarbeit beginnt heimlich, aber emsig ihr Werk, Schlingen und Netze zu legen, um das in den Staub zu stürzen, was den Spiessbürgerinnen und alternden Jungfrauen zu hochgewachsen dünkte!

Rügenfurt war eine kleine Provinzialstadt, die ein Bataillon Infanterie in ihren Mauern beherbergte. Die jungen Offiziere waren wohl die beliebtesten Tänzer, nicht aber Heiratskandidaten, mit denen die Mütter rechneten.

Sie sowohl, wie Väter und Töchter wussten, dass eine Offiziersehe ohne Mittel ein Unglück, dass die zu stellende Kaution eine eiserne, nicht zu umgehende Notwendigkeit ist.

Die Familien jedoch, die derart gestellt waren, dass sie sich den Luxus eines „militärischen“ Schwiegersohnes gestatten konnten, wurden von Jahr zu Jahr spärlicher, denn selbst die Gutsbesitzer der Umgegend hatten mit den schlechten Zeiten zu rechnen.

So sahen es die Ballmütter voll ironischer Gelassenheit, dass der hübsche, ritterliche und wohl auch etwas leichtlebige Leutnant Olmütz sich zum Schatten der reizenden Margret machte, ihr bei jeder Gelegenheit voll glühender Begeisterung huldigte und gar nicht das mindeste Hehl daraus machte, dass er bis über die Ohren in Fräulein von Uttenhofen verliebt war! Mochte er es! Was lag daran?

Wenn auch die schöne Margret noch so heiss bei seinem Anblick erglühte und ihre dunklen Märchenaugen noch so gross und flehend zu ihm emporschauten, wie bei einer Taube, die den Falk über sich kreisen sieht, so lag doch nicht die mindeste Gefahr vor, dass dieser Falk die weisse Taube kraft eines soliden Trauringes entführte, — er hatte nichts, und sie hatte nichts, — und die Weisheit des alten Kerkermeisters aus dem Fidelio, der da philosophiert:

„Wo sich nichts mit nichts verbindet,

Bleibt die Summe immer klein,

Wer bei Tisch nur Liebe findet,

Wird nach Tische hungrig sein!“ —

war mit der Zeit auch bis Rügenfurt gedrungen und zur Überzeugung aller Eltern und heiratsfähigen Töchter gemacht worden. Wohl folgte auch aus den Augen junger Mädchen dem interessanten Olmütz manch grollender Blick, wenn er um der neuen Sonne willen die alten Sterne so völlig vergass, und der armen Margret ward es vollends durch manch spitze Bemerkung und gehässiges Ignorieren kundgetan, dass sie auf die Sympathie der Rügenfurter Gesellschaft, wenigstens auf den weiblichen Teil derselben, nicht im mindesten zu rechnen hatte!

Wenn schon das Echo in der grossen Welt ein sehr weittönendes und indiskretes ist, so scheint es in kleinen Städten direkt in das Reich der Wunder zu gehören, denn auch ohne Telephon hörte man in Rügenfurt ganz genau am nördlichen Ende der Stadt, was am südlichen ganz, ganz leise geflüstert wurde, und was im Osten unter dem Siegel der Verschwiegenheit eine liebe Freundin der andern anvertraute, das pfiffen in der nächsten Stunde im Westen die Spatzen schon auf dem Dach.

Was Wunder, wenn auch Frau Agnes haarklein erfuhr, dass Fräulein Margret auf dem besten Wege sei, sich mit Leutnant Olmütz in eine völlig aussichts- und hoffnungslose Liebschaft einzulassen, dass dies bei einem so heissblütigen und lebenslustigen jungen Mann doch höchst bedenklich sei, und dass es wohl gut wäre, wenn das Fräulein beim Schlittschuhlaufen und auf einsamen Promenaden durch Feld und Wald etwas besser beaufsichtigt würde.

Agnes war wütend.

Darum also wurden die teuren Ballkleider angeschafft, damit die Mamsell Grasaff sich in einem Monsieur Habenichts verguckte, bei dem weder an Verloben noch Verheiraten zu denken ist?

O nein, so hatte sie denn doch nicht gewettet, und es war hohe Zeit, dass sie die Angelegenheit einmal in ihre energischen Hände nahm; denn dass Fräulein von Uttenhofen bis zum Mai oder spätestens Juli unter der Haube und hier aus dem Hause heraus sein musste, das war bei ihr beschlossene Sache.

Sie rupfte voll ingrimmiger Nachdrücklichkeit die fette Ente, die sie just für die Pfanne präparierte, und überlegte, was da am besten zu tun sei.

Vor allen Dingen liess sie die wenigen heiratsfähigen Männer, die Rügenfurt aufweisen konnte, Revue passieren, und weil diese Zahl gar erschreckend klein war, so kam sie schnell zum Schluss.

Der Amtsrichter! der Amtsrichter Hettstädt! Der war der Gesuchte, der Brauchbare.

Ein sehr solider, ernster, gesetzter Herr mit gutem Einkommen und gesicherter Lebensstellung, ein bisschen kränklich freilich, und wie seine Köchin sagte: ein Knickstiefel, der vor lauter Engherzigkeit, Hochmut und Umständlichkeit gar nicht zum Behagen käme! — aber was genierte das Frau Agnes. —

Die schöne Margret, dieser Erzengel an Holdseligkeit, mag ja sehen, wie sie mit ihm fertig wird!

Der Amtsrichter wird’s; — damit basta.

Und die Fleischmasse der Frau Wirtschafterin wälzte sich sofort in das Arbeitszimmer des Herrn Professors — gleichviel, ob derselbe gestört sein wollte oder nicht —, postierte sich sehr selbstbewusst und energisch vor ihn hin und erklärte ihm kurz und bündig, dass das so mit dem Fräulein nicht weitergehe. Der Herr Leutnant Olmütz könne ihr absolut nichts nützen, die Liebelei mit ihm müsse ein Ende nehmen!

Der Professor schaute mit seinen müde gelesenen Augen erstaunt über die Brille hinweg.

„Was heisst das, Agnes? Ich denke bestimmt, dass er heute oder morgen kommt, um um meine Nichte anzuhalten!“

Ein hartes Auflachen. „Das denken Sie, Herr Professor, weil Sie eben über Ihrem gelehrten Kram ganz vergessen, wie es in der Welt aussieht! Zum Heiraten gehört Geld! Fürnehmlich bei einem Leutnant, denn von der Gage allein kann keiner mit Weib und Kind leben! Na — und was hat sie? — und was hat er? — So viel! und das ist zu wenig.“

Die Sprecherin pustete verächtlich durch die Finger, und der Professor starrte sie verdutzt an: „Ach so ... die Kaution ... hm ... daran hatte ich noch gar nicht gedacht! Fatal, sehr fatal! Ja, was tun wir da, Agnes?“

Frau Agnes stemmte die blauroten Fäuste in die Hüften.

„Wir suchen einen andern!“ sagte sie trocken.

„Einen andern?“ Herr von Uttenhofen fuhr mit der Hand über die hohe Stirn und sah ganz fassungslos aus: „Glaubst du denn, Agnes, dass unter den Offizieren ein vermögender Mann ist?“

„Nein, — und darum darf’s eben kein Herr Offizier sein! Gibt es denn nicht noch andere achtbare Männer hier?“ ...

„O ja ... gewiss ... aber ... weisst du denn, ob einer von ihnen unsere Margret liebt?“

Wieder ein kurzes Auflachen: „Darauf kommt’s nicht an. Was nicht ist, kann immer noch werden!“

Der Professor rückte ängstlich auf dem Stuhl hin und her: „So! so! — Und wen meinst du, liebe Agnes?“

Die liebe Agnes strich gewichtig über die steifgestärkte Schürze. „Den Amtsrichter Hettstädt mein’ ich! Der passt für sie, und der wird’s!“

„Der Amtsrichter? Hm ... nicht übel, — ein sehr ansehnlicher Mann — aber ... ja, soviel ich weiss, macht der bei Doktors stark den Hof — —“

„Bei Doktors? Der Hopfenstange Lina etwa, die ein Gesicht hat, als ob sich schon mal einer aus Versehn draufgesetzt hätte? — Na, mit der nehmen wir’s noch auf! —“

„Sie hat aber etwas Vermögen ...“

„Na, wieviel denn? Die paar Kröten sind doch gar nicht der Rede wert! Und was nützt ihm das bei dem Geiz von der Alten! Bah! Was kocht sie ihm denn? Letzten Dienstag, als er zur Abendvisite bei ihnen war, hat sie grüne Heringe und Bratkartoffeln aufgetischt! Ist das eine Bewirtung für einen Freier? Und was die Müllern ist, die nebenan wohnt — die sagt —: ‚Alles macht die Doktern mit Margarine! Kein Lot Butter kommt mehr ins Haus; und wenn der Amtsrichter zum Kaffee kommt, streicht sie ihm auch eine Musstulle!‘ Nu bitt’ ich Sie, Herr Professor! Eine Musstulle für einen Freier!! Der klebt ja fest, wenn er danach die Lina auf die Backe küsst!“

„Ja aber ... du kochst ja ganz vorzüglich, liebe Agnes, und Margret versteht es wohl auch schon etwas ... Aber wie kann ich das dem Amtsrichter erzählen ...“

„Schnickschnack! Erzählen! — Von ’ner gemalten Wurst wird keiner satt. — Wenn Sie den Amtsrichter heute abend im ‚Löwen‘ sehn, dann laden Sie ihn für morgen zum Essen ein ...“

„Zu uns? — Hierher? — Zum Essen?!“ Herr von Uttenhofen sah aus, als drehe sich die ganze Stube im Wirbel, so dass der Virgil über den Horaz und der Homer unter den Kalender von 1881 zu stehen käme —: „Hierher zu uns?!“

„Na gewiss! Im Gasthaus kann ich ihm nicht kochen. Sie sagen, morgen sei Ihr Geburtstag ...“

„Aber der ist ja im September ...“

„Weiss das jemand? — Und schliesslich — so ein zerstreuter Bücherwurm verwechselt auch schon mal den eigenen Geburtstag! Also morgen ist Ihr Geburtstag, Herr Professor — und dazu laden Sie sich den Amtsrichter ein. Alles andere überlassen Sie man mir, — das werde ich schon fingern!“

Der Professor schielte schon wieder sehnsüchtig nach seinem Manuskript: „Hm ... wie du meinst, liebe Agnes, du weisst ja alles am besten ... und zum Essen also ... um zwölf Uhr meinst du? ...“

„Nein, — um ein Uhr, — das ist feiner. Je später, desto feiner, heisst’s heutzutage. Der Landrat hat neulich sogar mal um drei Uhr geladen, — aber vor solcher Übertreibung soll mich Gott bewahren! Das heisst ja, die ganze Weltordnung über den Haufen stossen, wenn es erst Mittag gibt, wo andere Christenmenschen schon wieder ihren Stippekaffee trinken! Um ein Uhr, — das ist reichlich spät, aber es ist noch keine Auflehnung gegen die göttlichen Naturgesetze!“

„Gewiss nicht, liebe Agnes!“

„Und ich esse mit am Tisch! Die Margret trägt auf, — das macht einen wirtschaftlichen Eindruck.“

„Hm ... hm ...“ Der Professor sass schon wieder tief über sein Werk geneigt: „Gewiss, liebe Agnes!“

— — — Am anderen Tage erschien der Amtsrichter, und wenn auch Margret voll freudigsten Eifers in der Küche geholfen hatte — zu ihrem grenzenlosen Erstaunen gestattete Frau Agnes, dass „die Kleine“ bei der Zubereitung der Speisen hilfreiche Hand leistete und belehrte sie sogar voll herablassender Huld, wie dies und jenes Gericht herzustellen sei —, so empfing Fräulein von Uttenhofen den Gast selber, jedoch nur voll höflicher Gleichgültigkeit.

Der pedantische Herr mit der goldenen Brille, dem kränklich spitzen Gesicht und dem Ausdruck stets nörgelnder Unzufriedenheit oder arrogantester Überhebung in den früh gealterten Zügen, war ihr nie sehr sympathisch gewesen, und in ihrer Herzensunschuld, die die Herren noch nicht auf ihre Eigenschaften als gute Partie prüfte, begriff sie nicht den ungeheuren Enthusiasmus, mit dem die Damen von Rügenfurt für Herrn Hettstädt schwärmten. Man riss sich um seine Gunst, man buhlte um sein Wohlwollen, und die Aufregung der Mütter im Ballsaal erreichte ihren Höhepunkt, wenn der Herr Amtsrichter, — ganz hochfürstlich erst dann, wenn alle Welt versammelt war, — als Gnadensonne in der Tür aufstieg, um mit sauersüssem Lächeln seine Tänze zu vergeben, wie ein König, der Almosen austeilt. Margret war so unerhört leichtsinnig und unbedacht gewesen, nie auf den gestrengen Herrn zu warten, — sie liess ihre Tanzkarte ohne Ansehen der Person von Freunden und Verehrern füllen, und darum nahm es auf dem letzten Ball um so mehr wunder, als der Herr Amtsrichter sich beim Souper an die „andere“ Seite des Fräulein von Uttenhofen setzte und sogar geruhte, sich sehr scharmant mit dem dummen Ding, das nie die mindeste Rücksicht auf ihn nahm, zu unterhalten.

Ah! Die Frau Rätin hatte recht, wenn sie plötzlich auf den Gedanken kam, die ganze „Gleichgültigtuerei“ des Fräulein Margret sei raffinierteste Koketterie, um den Freier dadurch aufs äusserste zu reizen!

Margret ahnte nichts von dieser Konduite, die Neid und Missgunst ihr ausstellten. Sie fand den Amtsrichter weder sehr angenehm noch sehr unangenehm. Er war ihr vollkommen gleichgültig, und nur die Höflichkeit und ihr so von Herzen liebenswürdiges Wesen liessen sie mit ihm plaudern, wie mit allen andern Herren auch.

Sie war sehr überrascht, als Onkel Max sich zur Feier seines Geburtstages gerade diesen Herrn als Gast eingeladen hatte, aber die Freude über das so selten freundliche Wesen, das Agnes heute zeigte, der Eifer, in der Küche helfen und lernen zu können, strahlte aus ihren Augen, und so begrüsste sie den Amtsrichter so heiter und frisch und sah so bezaubernd anmutig aus, dass der gestrenge Herr mit wohlwollendem Lächeln ihre Hand länger drückte, als just nötig war.

Zweites Kapitel.

Margret hatte den Geburtstagstisch so sinnig und hübsch geschmückt, wie es bei den bescheidenen Mitteln, über die sie verfügte, möglich war. Grosse Sträusse schlanker Weiden- und Nusskätzchen, die ersten gelben Blüten der Herlizia, Krokus und Fürwitzchen, untermischt mit bescheidenen, rotgeränderten Gänseblümchen und weissen Anemonen, kurz alles, was der erste, junge Lenz an Blüten und Knospen über die erwachende Welt streut, blühte auf dem weissen Damasttuch!

Selbstgebackener Mandelkuchen duftete auf buntgemalter Platte, schlanke Weinflaschen sorgten für das festliche Gepränge, und Margret hatte auf Befehl der Frau Agnes das lichtblaue Kleid anlegen müssen, welches ihr so ganz besonders hübsch zu Gesicht stand! —

Der Amtsrichter blickte denn auch mit unverkennbarer Huld auf die zarte, schmiegsame Mädchengestalt, und schien nicht zum angenehmsten überrascht, als Frau Agnes ihm mit viel selbstbewusster Würde den Stuhl an ihrer Seite anwies, während zu seiner Linken der Professor Platz nahm.

Herr von Uttenhofen schien auch etwas erstaunt über dieses Arrangement.

„Soll unser verehrter Gast denn nicht zwischen den beiden Damen sitzen, liebe Agnes?“ fragte er mit schüchternem Versuch, auch einmal eine Anordnung zu treffen, — Frau Hauser aber schöpfte gelassen die Suppe aus und sagte sehr ruhig und bestimmt: „Nein, Herr Professor, die Kleine ist heute eine zu ungemütliche Nachbarin, — Sie wissen, dass sie es sich heute ebensowenig wie sonst nehmen lässt, uns zu bedienen, und da würde der Herr Amtsrichter zumeist neben einem leeren Stuhl sitzen. — Das Tischgebet, Margret!“ —

„Wie du willst, liebe Agnes!“ —

Und dann sprach die weiche, melodische Stimme des jungen Mädchens, die bei den so überraschend gnädigen Worten der Alten heiss erglüht war, das schlichte Sprüchlein.

Man setzte sich, und der Amtsrichter machte mit galanter Verbeugung gegen Fräulein von Uttenhofen die treffende Bemerkung: „Vis-à-vis — noch besser wie nah dabi!“ — eine Artigkeit, die den Professor veranlasste Frau Agnes einen strahlenden Blick zuzuwerfen, der soviel ausdrückte, als wie: „Hast du’s gehört? Er hat wirklich Absichten!!“

Aber Frau Hauser löffelte vollständig gleichgültig ihre Suppe und sagte nur: „Na, jetzt haben Sie’s ja raus, Gretchen, wie man eine gute Fleischbrüh’ kocht!“ —

Margret starrte sie ganz verdutzt an, der Amtsrichter aber lächelte höflich: „Das gnädige Fräulein ist wohl Ihre Schülerin in der edlen Kochkunst, Frau Agnes? Nun, da kann man ihr freilich gratulieren!“

„Ihr und wohl auch demjenigen, der sie mal heimführt!“ lächelte die Matrone verschmitzt. „Nicht wahr, Kleine? Wenn der Mann so hungrig und müde vom Dienst nach Hause kommt und viel Staub geschluckt hat ... na, na — dies böse Gesicht! — Da hier — mein Suppenteller! Sie können uns gleich den Fisch holen!“— und damit wischte sich die Sprecherin mit breitem Lachen den Mund, nahm die Teller von ihren beiden Nachbarn zusammen und reichte sie dem jungen Mädchen. „Mit Verlaub, Herr Amtsrichter, es geht ganz gemütlich bei uns zu. Auf Gäste sind wir nicht eingerichtet — Lohndiener sind bei uns nicht, — man muss fürlieb nehmen!“

Margret war über die Art und Weise der Alten, sie plötzlich mit einem Offizier zu necken, so perplex, dass sie schleunigst mit den Tellern verschwand. — Auch der Professor sah ganz fassungslos aus, und Herr Hettstädt kniff mit saurem Gesicht die kurzsichtigen Augen zusammen und wiederholte gedehnt —: „Ah — dom Dienst? Also Fräulein Margret wünscht sich einen Herrn Offizier zum Gatten?“

Agnes neigte sich vertraulich näher: „Nein, das tut sie eben nicht! Sie macht sich nämlich nicht viel aus dem doppelten Tuch! — Hihi! Sahen Sie nicht ihr böses Gesicht? Aber, du liebe Zeit! Ich denke mir, es wird doch noch mal ein Leutnant! Da ist namentlich einer, der ist ganz toll in das Mädel! Rein von Sinnen! Ich sehe ja, wie er das Pflaster vor dem Hause glatt läuft!“

„Hm! Hm!“ —

„Nicht wahr, Sie merkten es auch schon?“

„Olmütz! Pah — grüner Laffe — kein Geld ... der kann ihr nichts nützen!“

„Sagen Sie das nicht! Hübsch ist er aber! Und schmuck und fein! Und in vier Jahren Hauptmann. So lange kann eine Achtzehnjährige wohl warten!“

Die Sprecherin schenkte dem Gast sehr freundlich Wein ein, der Professor sass wie ein steinernes Bild und stöhnte leise: „Aber Agnes — liebe Agnes ...“

Der Amtsrichter nahm jedoch mit sauertöpfischem Gesicht einen Schluck und zuckte die Achseln. „Sagten Sie aber nicht, Fräulein Margret mache sich nichts aus dem Militär?“ —

„Tut sie auch nicht!“

„Nun also!“ —

„Manches Mädchen hat schon den Falschen genommen, wenn der Rechte nicht kam! Ob sie Olmütz mal erobern wird? Das glaube ich kaum! Aber der Berliner ...“

„Der Berliner?!“

„Ja, sehen Sie, Herr Amtsrichter — ganz unter uns gesagt — von der Pension her hat sie auch einen Anbeter, einen flotten, reichen Husar sogar, der ein Schloss und Geld wie Heu hat. Du liebe Zeit, wem fiele das bildschöne Mädchen nicht auf —“

„Ein Husar?!“

„Liebe Agnes ... ein reicher Husar ... ei, davon weiss ich ja kein Sterbenswörtchen!“ —

„Woher denn auch? — Einem Manne und alten Onkel machen die Mädchen keine Geständnisse ...“

„Also doch Geständnisse —! Da ist die Sache wohl schon klipp und klar?“

„I, wo denken Sie hin, Herr Amtsrichter! Das ist ja das Wunderliche, dass das närrische Ding ihn auch nicht mag! Hat sich ja vor ihm hierher zu uns geflüchtet ... im Vertrauen gesagt, Herr Hettstädt!“ —

„Aber liebste Agnes ... hierhergeflüchtet?“ — und Onkel Max machte ein so unbeschreiblich überraschtes Gesicht, dass er vollständig vergass, den Mund wieder zu schliessen.

„Pst!“ sagte Frau Hauser. „Das liebe kleine Ding kommt!“

Und Margret setzte mit glühenden Wangen einen herrlich gebläuten Karpfen auf den Tisch, lachte den Amtsrichter ganz harmlos und lediglich aus Freude über das ihr gelungene Anrichten mit strahlenden Augen an, und huschte leichtfüssig zurück, um Kartoffeln und Sauce zu holen.

Frau Agnes aber sass dick und breit auf ihrem Stuhl und legte die Hände behaglich über dem Magen zusammen.

„Nun sieh mal an — wie sie’s ’raus hat!“ sagte sie mit anerkennendem Kopfnicken, mehr zu sich, wie zu den Herren, und dann schenkte sie dem Amtsrichter abermals ein. „Fisch will schwimmen und nun, bitte, mal zugelangt! Ich weiss aus dem Löwen her, dass Sie den Kopf lieben — mit Verlaub, wenn ich Ihnen vorlege!“

Herr Hettstädt strahlte vor Freude, hielt den Teller hin und nahm dankend sein Lieblingsstück in Empfang.

„Ganz recht, ganz recht! Der Kopf, ja dafür habe ich eine Schwäche! Aber sagen Sie um alles, beste Frau Agnes — wie erfuhren Sie das?!“

Die Matrone sah unendlich harmlos aus. „Ei, die Margret hat es mir wohl gesagt. Solch ein junges Ding weiss immer mehr wie andere Leute ... pst ... sie kommt.“

Voll ausgesuchtester Höflichkeit wandte sich der Amtsrichter der jungen Dame zu, die Unterhaltung schien die schönsten Blüten treiben zu wollen, als Frau Hauser energisch die Hand hob. „Beim Fisch wird nicht gesprochen! Essen Sie mal in Frieden Ihren Karpfenkopf, Herr Amtsrichter, die Margret hält sich nie lange mit Messer und Gabel auf, und wenn sie mit ihrem Teller im klaren ist, sagt sie uns mal das hübsche, lustige Gedicht vom Ritter Kunz und seiner Schwiegermutter auf.“

„Ja, das ist sehr spasshaft!“ nickte der Professor kauend, und der Amtsrichter, der nichts mehr liebte, als wie beim Fischessen gut unterhalten zu werden, ohne dass Ansprüche an seine Suade gestellt wurden, applaudierte mit scharmantestem Lächeln und war entzückt von der Idee.

„Aber liebste Frau Agnes, dieser alte Witz“ — — wehrte Margret verlegen ab.

„Schnickschnack! Trinken Sie mal! tüchtig, das ganze Glas aus! — So, und nun seien Sie ganz so lustig und gesprächig, wie Sie es stets bei Tische sind. Vor dem Herrn Amtsrichter brauchen Sie sich nicht zu genieren!“

„O gewiss nicht!“ Fräulein von Uttenhofen sah ganz verklärt aus. So liebenswürdig war ihre gestrenge Widersacherin ja noch nie zu ihr gewesen.

Ein Gefühl der Glückseligkeit überkam sie. Welch ein schöner Freudentag war es heute! — Wahrlich, da konnte man lustig und guter Dinge sein, schon dem Onkel zuliebe, der sie auch so bittend ansah.

Lachend rezitierte sie die schauerliche Ballade von dem Ritter Kunz, deren Wiege wohl auch die Fliegenden Blätter gewesen, und die sie ehemals bei heiterem Fest in der Pension dramatisch dargestellt hatten.

Ritter Kunz kann der Gespenster in seiner Burg nicht Herr werden.

Die grausigen Unholde toben Nacht für Nacht weiter, und der arme Schlossherr wendet alle nur erdenklichen Mittel an, um sie zu verscheuchen.

Umsonst! Die schauerlichen Spukgestalten spotteten jedweder Beschwörung, bis der geplagte Ritter auf ein letztes Mittel verfällt.

Er ruft seine Schwiegermutter zu Hilfe.

Just als der Höllenspektakel im fahlen Mondlicht der Rüsthalle wieder seinen Höhepunkt erreicht hat, öffnet sich die Tür, und in einer Nachttoilette, die das Entsetzen der bleichen Geister nur zu begreiflich erscheinen lässt, mit drohend erhobenem Besen erscheint die Schwiegermama auf der Schwelle.

Da ward’s still. —

In heillosem Schreck stieben die Gespenster auseinander und flüchten in wilder Hast aus dem Bereich der alten Dame.

Sie, die nichts in die Flucht schlagen konnte, packte bei dem Anblick einer Schwiegermutter bleiches Grauen.

Die Dichtung wirkte ungeheuer erheiternd auf die kleine Tischrunde, der Professor wischte sich die Lachtränen aus den Augen und sagte doch voll kopfschüttelnden Mitleids: „Die armen Schwiegermütter! Solange wie der Deutsche noch seine Witze macht, werden sie die Kosten derselben tragen müssen. Ein wunderlicher Widerspruch! — Keine Nation stellt ihre Frauen so hoch, hält sie so heilig und wert wie der Deutsche, dem das Wort ‚Mutter‘ ein Stücklein Religion umschliesst, — und doch macht er mit Vorliebe seine Scherze über dieses so teure Wort, wenn ihm die Silben ‚Schwieger‘ voranstehen!“ —

„Erklären wir es mit der ebenfalls sehr deutschen Eigentümlichkeit, dass das — was sich liebt — sich gerne neckt!“ lächelte der Amtsrichter in bester Laune, hob sein Glas und trank auf das Wohl der Damen.

Frau Agnes zuckte die Achseln. „Na — mit der ‚Liebe‘ wollen wir es in diesem Falle nicht zu genau nehmen. Es gibt Exemplare von Schwiegermüttern, die furchtbar sind. Davor möge Gott einen jeden Mann bewahren. Ich habe da selbst gar manches mit angesehen — und am schlimmsten sind sie, wenn sie das Geld in Händen haben und obendrein geizig sind. Da glaubt mancher, er nimmt sich eine wohlhabende Frau — und wenn’s zum Klappen kommt, sitzt die Schwiegermutter auf dem Geldsack und lässt die lieben Kinder hungern! Hat sich schon mancher die Zähne an Musbrot ausgebissen, der lieber Butter darauf gegessen hätte, — und statt Karpfen — grüne Heringe. Und statt Hühnerbraten einen Stallhasen! — Übrigens — ist denn das wohl wahr, dass die Doktorn neulich ein wildes Karnickel gebraten hat? — Gott soll mich bewahren, nächstens wird sie noch die Ratten und Mäuse spicken! — Sehen Sie, Herr Amtsrichter — ich will nichts gesagt haben — aber ich bin eine ehrliche Person und rede die Wahrheit. — Sehen Sie, die Doktorn, das ist so eine Schwiegermutter, von der die Männer auch beten können: ‚Davor bewahr’ uns, lieber Herrgott!‘ — — Ei, warum sehen Sie denn plötzlich so verlegen aus, mein Goldkindchen? Bei Ihnen kommt ja doch nie ein Mann in Verlegenheit wegen der Schwiegermama, Margret, — Ihr Zukünftiger kann sich ins Fäustchen lachen! — So, und nun holen Sie uns mal den Hühnerbraten, Kleine, — die Kompottschüsseln haben wir schon auf dem Tisch, fehlt also noch der Kartoffelsalat und die Sauce dazu!“ —

Margret hatte mit Schreck die sehr verdüsterte Miene des Amtsrichters gesehen, als Agnes so ungeniert von der Doktorn sprach. Du liebe Zeit, ahnte denn die Alte gar nicht, dass Herr Hettstädt der erklärte Freier von Doktors Lina war? — —

Sie ward dunkelrot vor Verlegenheit, erhob sich hastig und wechselte die Teller, um alsdann nach der Küche zu eilen.

Der Amtsrichter nickte mit grämlichem Gesicht vor sich hin. „Hm ... die Frau Doktor ...“ murmelte er. „Sie haben wohl recht, beste Hauser ... die Frau ist mehr wie sparsam. Das Karnickel hat sie in der Tat gebraten und behauptet, solch ein Lapin sei eine Delikatesse. — Schrecklich!“ —

„Behauptet sie? — Die Heuchlerin!“ rief Agnes voll sittlicher Entrüstung. — „Das Dienstmädchen hat erzählt, wie Schwamm hätte das Vieh geschmeckt, und so unappetitlich sei’s gewesen, dass sie lieber Hunger gelitten hätte, als so was über die Lippen zu bringen. Und das will was heissen! Denn bei Doktors werden die Mägde wirklich mit Heringsgräten gesuttert. Trotz alledem hat die Madame schon wieder neue Karnickel bei dem Forstläufer bestellt. Ja, ja, schütteln Sie sich man, Herr Amtsrichter! Wenn Sie in der nächsten Zeit hingehen, bekommen Sie auch Lapinbraten vorgesetzt, also bleiben Sie man lieber weg!“

„Ja — das werde ich wohl ... obgleich ... Sie verstehen, mein lieber Professor, so als Junggeselle und einsamer Mensch bedarf man eines gewissen Familienanschlusses. Ich bin Gemütsmensch, eine traute Häuslichkeit zieht mich an! Ja, wenn man es als Hagestolz so herrlich haben kann wie Sie, verehrter Freund. So versorgt und gehegt und gepflegt werden — eine solch meisterliche Küche ... o — ja dann“ —

„Hm ... allerdings ... meine gute Agnes ...“

„Ich will Ihnen mal was sagen, Herr Hettstädt: Wenn es Ihnen um Gemütlichkeit zu tun ist, dann kommen Sie zu uns, sooft Sie Lust haben! Wenn der Professor auch arbeitet — ei, so sind wir Frauenzimmer doch da, um Sie zu unterhalten. Bei mir gibt’s keine Karnickel und Musstullen, und die Margret spielt Ihnen was auf dem Klavier. So, da wären ja die Hühner! Haben Sie recht brav gemacht, Kindchen! So goldgelb knusprig müssen sie aussehn — und tüchtig Sahne an die Sosse? Schmeckt delikat. — Na ja, ich sage ja, die Magret kocht bald noch besser wie ich!“

Der Amtsrichter kniff sehr huldvoll lächelnd die Augen zusammen.

„Wissen Sie auch, Fräulein Margret, — dass meine lieben Freunde hier mich soeben aufforderten, recht häufiger Gast in diesem behaglichen Hause zu sein?“

Das junge Mädchen war so glückselig und verwirrt durch das Lob der Frau Agnes, dass sie nur mit leuchtenden Augen den Sprecher anblickte und ihm freundlich zulächelte: „O, das ist ja sehr nett! Dann darf ich Frau Hauser hoffentlich jedesmal in der Küche helfen!“

„Das versteht sich!“ nickte die Alte und schnitt mit kraftvoller Hand ein saftiges Hühnerbein ab, um es voll sorgender Höflichkeit allsogleich auf den Teller des Gastes zu legen. „Sie sollen jetzt tüchtig kochen lernen, Fräuleinchen, damit Ihr Mann mal ein gutes Leben hat, wenn Sie heiraten! Viele Zeit haben wir nicht mehr! Am Neujahrstag hat mir geträumt, dass ich Kuchen backte und einen Kranz flocht, das bedeutet eine Braut im Hause!“

„Ah — sieh an! — ei, ei, Fräulein Magret!“ —

„Hm — sollte mich freuen!“ schmunzelte der Professor und hob sein Glas: „Darauf wollen wir anstossen!“

„Aber Onkel!“

„Schnickschnack! Angestossen!“

„Ich erlaube mir, mein schönes Fräulein!“

„Nicht wahr, der kann lachen, der die mal kriegt?“ kicherte Frau Agnes und stiess den Amtsrichter mit den Ellenbogen sanft in die Seite. —

Der gestrenge Herr füllte sich gerade Kompott auf.

„Das glaube ich selbst! Eine Frau, die hübsch ist, gesund — gut kocht —“

„Hihi! und keine Schwiegermutter mit ins Haus bringt —“

„Sehr beachtenswert!“ —

„Und von feiner Familie ist —“

„Hm — darauf lege ich nicht viel Wert.“ — Das Gesicht des Sprechers bekam wieder etwas Säuerliches. — „Titel sind überflüssig: wenn nicht die Mittel dazu da sind, genieren sie höchstens. Aber die Mittel sind doch eine rechte Hauptsache!“ —

„Oho!“ Frau Agnes setzte sich in Positur. „Sagen Sie das nicht! Grässlich, wenn die Frau auf ihre Geldsäcke pocht! Eine reiche Frau hat stets im Hause die Hosen an! Die kommandiert und schikaniert und lässt bei jeder Gelegenheit den Mann merken, dass sie die Musikanten hat! Eine arme Frau ist viel bequemer! Die muss sich ducken, sich fügen, fein demütig gehorchen und dem Mann alle zehn Finger küssen, dass er sie durchfuttert! Solch eine arbeitsame, stille, gefügige Frau ist ein Glück — während ein Geldprotz immer ein Unglück ist!“ —

Der Amtsrichter sah plötzlich ganz nachdenklich aus. „In dieser Beleuchtung, allerdings — —! Hm ... Die Sache hat etwas für sich — — Sie haben vielleicht recht, Frau Hauser ...“

„Prosit! Darauf trinken Sie mal aus! Magret, schenken Sie dem Herrn Hettstädt ein!“

Das junge Mädchen war viel zu ahnungslos und harmlos, um sich bei diesem Gespräch das mindeste zu denken.

In ihrer frohen Stimmung sah sie die Welt durch rosafarbene Schleier an und dachte nicht darüber nach, ob dieselben das Auge täuschten. Sie wusste, dass kein ernsthafter Freier auf meilenweit für sie in Sicht war, darum lachte sie arglos über den Traum der Alten und über die Heiratsgedanken, mit denen man sie neckte.

Und weil sie gern in den heiteren Ton einstimmte und wieder necken wollte, so dachte sie daran, dass der Amtsrichter mit Doktors Lina verlobt gesagt wurde, hob ihr Glas und lachte ihm schalkhaft zu: „Gehen Sie nur mit gutem Beispiel voran, was das Heiraten anbetrifft, an mir wird’s dann auch schon nicht fehlen!“

Er nickte ihr mit wahrhaftem Gönnerblick zu. „Wer weiss, — wer weiss! Manch Mädel hat schon durch Kochkünste sein Glück gemacht!“ —

Und dann rückte er wiederum die Brille gravitätisch auf der Nase zurecht und begann zu erzählen, was für enorme Schwierigkeiten er mal wieder in der letzten Zeit in seiner einflussreichen Stellung überwunden habe, wie seine Vorgesetzten ihn gar nicht genug loben und rühmen könnten, wie man ihm eine ganz enorme Karriere voraussage!

Der Weihrauch, den er mit immer volleren Händen auf den Altar seiner eigenen Herrlichkeit streute, qualmte wie ein Fabrikschornstein, und die hagere, engbrüstige Gestalt des Herrn Amtsrichters schimmerte immer sagenhafter und göttergleicher aus den dichten Wolken, und Frau Agnes faltete die Hände über dem dicken Magen und starrte bewundernd auf den Mann der Zukunft, vor dem selbst alle Exzellenzen und Reichskanzler zusammenschrumpften wie Schatten vor der Sonne. Welch ein Mensch! —

Auch der Professor versagte ihm nicht die schuldige Hochachtung, nur Margret sass und blickte an dem salbadernden, hochbedeutenden Mann vorbei durch das Fenster, vor dem die volle, sonnengoldene Pracht des Frühlings flutete, und es zog wie eine stille, heisse Sehnsucht durch ihr Herz, nach Maienglück und junger Liebe ...

„Ja, ein geistig hochbedeutender Mann gebraucht eine Frau, die als demütiger, wesenloser. Schatten neben ihm herschreitet, — eine Verkörperung strengsten Pflichtgefühls, ein Wesen, das nur dient, nur gibt — und opfert — ohne für sich das mindeste zu verlangen, — eine Magd und Dienerin, eine Krankenpflegerin und bescheidene Dulderin, ein Weib — das nur sein Glück in der Sorge für den teuren Gatten findet!“ — Herr Hettstädt sagte es mit viel Pathos und Anmassung, und Frau Agnes nickte eifrig Beifall, — Margret aber hörte kaum, was er sprach, — sie sehnte sich hinaus in das Duften und Blühen goldener Lenzespracht, die so wundersame, wonnige Märchen von süsser Liebe und idealen Träumen in das Ohr junger Mädchen haucht ...

Sie seufzt leise auf. —

Der Amtsrichter kam wieder, — und kam immer öfter, aufs dringlichste und schmeichelhafteste von Frau Agnes geladen!

Anfänglich war Margret noch völlig unbefangen, ja sie freute sich sogar auf die Besuche, weil sie alsdann jedesmal in der Küche helfen, etliche Speisen sogar selbständig kochen durfte.

Die kleinen Anspielungen und Scherze der Frau Hauser verstand sie nicht, — ebensowenig legte sie den mindesten Wert auf die paar süsslichen Redensarten des Herrn Hettstädt, die ihr sogar unsympathisch und fatal waren. Dass sie dieselben als „Courmacherei“ aufzufassen habe, kam ihr gar nicht in den Sinn. Es lag eine so trockene, nüchterne Art und Weise in dem ganzen Amtsrichter, eine so grenzenlose Selbstüberhebung und herablassende Huld, dass Margret nur den ältlichen, kränkelnden Mann in ihm sah, den Egoisten und eingefleischten Bureaukraten, der dem Frühling und der Liebe so fern stand, wie die Nacht dem Tage. In welch anderer Weise huldigten ihr die jungen Offiziere!

Vor allen Dingen Olmütz!

Aber auch dieses war nicht nach ihrem Geschmack. Das feurig leidenschaftliche Werben des jungen Leutnants ängstigte und erschreckte sie. Sein Blick, seine verstohlenen Händedrücke, seine Worte, die er mit heissem Atem oft in ihr Ohr flüsterte, entsprachen nicht ihrem holden, schüchternen Mädchentraum von heilig ernster, himmelhochtragender Liebe! Was bei dem Amtsrichter zuwenig war, tiefinniges, zärtliches Empfinden, das war bei Olmütz zuviel; — was bei jenem fehlte, schäumte bei diesem über, was bei dem einen kaum als armseliges Fünkchen glimmte, drohte bei dem andern als verderblicher Brand in wilden Gluten emporzulodern. Und das eine gefiel Margret so wenig wie das andere.

Sie schuf sich selber in stillen Träumen die Idealgestalt ihres Glückes, und weil dieselbe so hoch, ach so unerreichbar hoch in den Wolken schwebte, kam es ihr gar nicht in den Sinn, dass sich auf niederer Erde eine barbarische Hand finden könne, die ihr das süsse Zauberbild in Stücke schlagen könne!

Sie war dem Amtsrichter gegenüber völlig unbefangen, bis eines Tages zum erstenmal an dieser Harmlosigkeit gerüttelt ward. Sie begegnete auf der Strasse Doktors Lina, wollte sie freundlich begrüssen und ihr die Hand reichen, — zu ihrer grossen Bestürzung jedoch funkelte das alternde Fräulein sie hasserfüllten Blickes an und wandte ihr, ohne den Gruss zu erwidern, den Rücken. Ganz betroffen von dem Unerwartenen fragte Margret eine just des Weges kommende, ihr befreundete Dame, was dies beleidigende Benehmen Linas bedeuten solle.

Die andere lachte ein wenig ironisch auf. „Aber meine Beste, Sie können doch nicht verlangen, dass man einem Mädchen, das einem den Freier abspenstig macht, noch um den Hals fliegen soll?“

„Den Freier abspenstig macht?!“

„Himmel, was können Sie kleiner Schalk für erstaunte Augen machen!! Glauben Sie denn, es bliebe in Rügenfurt unbemerkt und unbesprochen, wenn ein junger Herr plötzlich fahnenflüchtig wird? Früher war Hettstädt das tägliche Brot bei Doktors! Die Damen stickten sogar schon die Ausstattung, und nun plötzlich betritt er nicht mehr ihre Schwelle, sondern ist beinahe ein um den andern Tag bei Ihnen!“

„Bei mir?!“ Wie ein Schrei der Entrüstung klang es von den erbleichten Lippen Margrets.

„Nun — bei Ihnen oder in dem Hause Ihres Onkels, das ist doch gleichviel! Wegen des Herrn Professors oder der dicken Agnes wird er doch nicht kommen!“

„Doch tut er’s! Nur um des Onkels willen!“ stiess Fräulein von Uttenhofen mit bebender Stimme hervor. „Der Amtsrichter ist mir völlig gleichgültig — o, ich versichere Ihnen ...“

„Na, na! Diese Versicherungen kennt man!“ — ein Achselzucken und Auflachen — „das hat schon manche gesagt! Aber nun adieu, Kleine! Möchten Sie den besten Erfolg haben!!“

Schwarze Schatten schwirrten vor Margrets Augen. Wie gehetzt stürmte sie heim.

„Agnes! Agnes! — Wissen Sie, was man sagt?“ und sie berichtete mit entsetzten Augen das soeben Erlebte.

Die Alte zuckte gelassen die vollen Schultern. „Na, einmal muss es ja doch bekannt werden! In solch kleiner Stadt kann man nun mal nicht mit Verlobungen überraschen!“

„Verlobung!!“ —

Da fasste die Alte mit energischem Griff den Arm des jungen Mädchens. „Danken Sie dem lieben Gott auf den Knien, wenn ein solch gutgestellter Mann wie Hettstädt um Sie wirbt! Auf was wollen Sie warten? Einer Mamsell Habenichts fliegen die Prinzen und Grafen nicht in die Arme. Wollen Sie dem Onkel etwa ewig zur Last liegen, sich zeitlebens von dem alten Mann durchfuttern lassen? Er hat’s jetzt schon satt. Er darbt um Ihretwillen, er kann nicht mal seine notwendige Sommerreise machen, weil wir nun einen Fresser mehr im Hause haben. — Bitten Sie den lieben Gott, dass Hettstädt sich Ihrer erbarmt und Sie nimmt, ein grösseres Glück könnte Ihnen gar nicht blühen!“ — Schier drohlich funkelten sie die grauen Augen an, dann schlug die Tür schmetternd hinter der Sprecherin zu, — Margret aber fühlte ihre Knie erzittern. Als habe sie jählings ein Faustschlag zu Boden gestreckt, sank sie auf den Stuhl nieder. Sie weinte und seufzte nicht. Leichenblass, regungslos wie ein Bild von Stein starrte sie in den Frühling hinaus.

Drittes Kapitel.

So kam es Schritt um Schritt näher, das Elend.

Als der Amtsrichter am nächsten Abend erschien, um seine Partie „Schach“ mit dem Professor zu spielen, hob Margret das bleiche Antlitz voll herber Entschlossenheit und sagte zu Frau Agnes: „Entschuldigen Sie mich mit Krankheit, — ich mag nicht in die Stube gehen.“ —

Da gab es einen bösen Austritt.

Das junge Mädchen aber entfloh in ihr Stübchen, schloss sich ein und war selbst dem zornigsten Klopfen der Wirtschafterin gegenüber taub.

Herr Hettstädt wunderte sich, dass Fräulein von Uttenhofen weder vor noch nach dem Essen erschien, und auch der Professor fragte erstaunt, wo seine Nichte denn bleibe?

„Sie hat sich beim Kochen die Hand verbrüht!“ seufzte Frau Agnes. „Du liebe Zeit, das arme Seelchen will es immer so besonders gut machen, wenn der Herr Amtsrichter kommt, dass sie jede Vorsicht und Schonung hintenansetzt!“

„Oh! Oh!“ nickte der ältliche Freier voll wohlwollender Rührung. „Es ist schön, wenn ein Weib so selbstlos und wirtschaftlich veranlagt ist!“

„Ei, da muss ich doch mal nach ihr sehn —“, sagte der Professor und schob das Schachbrett zurück, die liebe, gute Agnes aber hielt ihn energisch am Ärmel fest und befahl: „Sie bleiben hier! Das Mädel ist jetzt besser allein! Aber ein neues Paketchen Tabak können Sie geben, Herr Professor, der Beutel ist leer, und der Pfeifenkopf unseres lieben Gastes dampft kaum noch!“

„O, ich bitte Sie ... das hat noch Zeit ...“ wollte der Amtsrichter bescheiden ablehnen, — Frau Agnes schob aber ihren Brotherrn bereits dem Nebenzimmer zu.

Als sie die Tür hinter ihm geschlossen, lehnte sie sich freundlich und gewichtig auf den Sessel des Amtsrichters. Na, wie hat das Kalbskopffrikassee heut abend geschmeckt?“

„Ah — grossartig! Delikat!“ schmunzelte Hettstädt und sah noch bei der Erinnerung ganz verklärt aus.

„Das ist eher zu kauen, als wie wilde Karnickel und Musbrot?“ kicherte die Alte, und dann nickte sie seufzend vor sich hin: „Hat die Margret so schön gekocht, — das arme Wurm das!“

„Armes Wurm, — ei so ... wegen der Hand ...“

„Ach was! Hand! — Die ist ja längst wieder gut, wegen solcher Kleinigkeit verzieht ein Mädchen wie unsere Kleine überhaupt keine Miene! Nein, nein, — dem armen Kind liegt ein anderer Kummer auf dem Herzen ...“

„Ei, ei! — Doch nicht etwa der Leutnant?“

„Narrheit! Wo denken Sie hin!“

„Hm, — wäre mir auch ärgerlich!“

„Nein, es ist was anderes!“ — und Frau Agnes seufzte noch tiefer.

„Können Sie es mir nicht anvertrauen, meine liebe Freundin? Sie wissen, das Mädchen interessiert mich!“

„Je nun — wenn Sie es denn durchaus wollen — es betrifft nämlich auch Sie ...“

„Auch mich? — Ei, das wäre ja! —“

„Sie wissen ja, wie die Leute hier sind — —“

„Und ob ich das weiss!“

„Na, sehen Sie, da haben so ein paar giftige Zungen dem kleinen Unschuldslamm zu hören gegeben, sie angele nach Ihnen und wolle Sie dem alten Reff, der Doktorslina, abspenstig machen! Als ob Sie je an die gedacht hätten ... die mit den Salzheringen und dem wilden Karnickel ...“

„Ich denke nicht daran! Kein Pferd denkt daran!“ fuhr Herr Hettstädt entrüstet auf.

„Sag’ ich’s nicht! Und nun machen Sie schon wieder die Margret und Sie zum Stadtklatsch! Na, das mag ja kein anständiges Mädchen leiden, noch dazu, wenn ihr Herz dabei getroffen wird ...“

„Ihr Herz?!“

„Na, na, Sie Schäker, das haben Sie doch längst gemerkt, dass das Mädel bis über die Ohren in Sie vernarrt ist? Den Leutnant, trotz aller Schönheit und Schneidigkeit, haben Sie glänzend aus dem Sattel gehoben!“ —

„Was der Tausend!!“ Der Amtsrichter machte ein etwas sauersüsses Gesicht, teils geschmeichelt, teils etwas ängstlich besorgt um seine so viel begehrte Hand.

„Und weil dem nun mal so ist, kann die Margret das Geklatsch erst recht nicht aushalten!“ fuhr Frau Agnes fort und stemmte die Arme resolut in die Seiten. „Und darin hat sie recht, denn ein feines Fräulein darf nicht in den Mund der Leute kommen, und unsere Margret am wenigsten. Wenn Sie nicht Ernst machen und um sie anhalten, schadet ihr das Gerede furchtbar, und wenn der Berliner Anbeter davon hört, dann zieht er sich womöglich zurück. Das geht aber nicht, denn er ist reich und kann heiraten. Die Margret ist aber eine arme Waise — freilich beerbt sie später mal den Professor — und das ist ein tüchtig Stück Geld — vorläufig aber muss sie noch sehen, wie und wo sie unterkommt. Und da wird sie eben den Husar nehmen müssen, falls eben ein anderer nicht zuvorkommt —“

„Na, so eilig ist die Sache doch nicht —“

„Doch sie ist eilig! Der Berliner kommt noch im Laufe des Monats her — und da darf kein Geklatsch mehr sein, bis dahin müssen Sie wieder zu Doktors gehn —“

„Ich? Fällt mir gar nicht ein!“ Der Amtsrichter rückte sehr unbehaglich auf dem Sessel hin und her, während Frau Agnes ihm seufzend das Glas voll Wein schenkte.

„Was hilft’s? Sie müssen, lieber Freund, denn hierher können und dürfen Sie nicht mehr kommen —“

„Wa — was da?!“

„Nein, es geht nicht. Sie bringen dadurch unser armes Mädel ins Gerede. Entweder verloben mit ihr — — oder wegbleiben! — Schade, schade! Das liebe Kind wollte gerade für das nächstemal so eine feine Leberpastete mit Trüffeln machen, und der Professor hat ein neues Fass Moselwein bestellt — wenn die Krebszeit anfängt, Herr Amtsrichter — wir essen viel Krebse ... o und die arme Margret ... ihr wird ja das Herz brechen, wenn Sie wegbleiben!“ —

Die Sprecherin hob den Schürzenzipfel an die Augen und schütterte vor innerlichem Schluchzen derart, dass ihre massige Gestalt wogte: „Die schlechten Menschen! — Die abscheulichen Klatschmäuler, wie waren wir so harmlos froh mitsammen!“ — Der Amtsrichter war aufgesprungen und fuhr mit gespreizten Fingern durch sein spärliches Haar. Mit grossen Schritten rannte er in der Stube auf und nieder.

„Ja, diese Elenden — diese Gottvergessenen! Infame Bande hier!!“ schimpfte er ingrimmig, und dann blieb er mit blinzelnden Augen vor Frau Agnes stehen: „Aber sagen Sie, Liebe, Teuerste! Liesse sich denn kein Ausweg finden? Wenn ich nun zum Beispiel öffentlich erkläre, dass ich überhaupt niemals zu heiraten gedenke, dass ich weder die eine noch die andere nehme ... dass ich nur aus Freundschaft für den Professor hier so viel im Hause verkehre — —“

Frau Agnes kniff entschlossen die Lippen zusammen.

„Glaubt ja kein Mensch! Im Gegenteil — das stellt die Margret erst recht bloss. — Nee, nee, Freundchen, is nich. Entweder verloben, oder wegbleiben!“

„Aber teuerste Frau — ich verspreche Ihnen, dass der Ruf des Fräuleins ...“

„Entweder verloben — oder wegbleiben!“ wiederholte Frau Hauser mit erhobener Stimme und schlug zur Bekräftigung mit der flachen Hand den Kork tief in die Weinflasche. —

Hettstädt zuckte mit tückischem Blick die Achseln. „Je nun, so will ich’s mal überlegen ...“

„Schön, überlegen Sie. Am Mittwoch gibt’s die Leberpastete mit Trüffeln, — schmeckt uns auch alleine gut.“

Leberpastete mit Trüffel! Just das, wofür auch der Amtsrichter ohne Besinnen das Recht der Erstgeburt hergegeben hätte! Aber jetzt gleich ... nachdem die Alte ihm derart das Messer an die Kehle gesetzt ...

Nein, ein bisschen zappeln lassen musste er sie auch.

Verstimmt warf er sich in den Sessel zurück und schob mit nervöser Hast die Schachfiguren auf dem Brett zusammen.

Der Professor trat wieder ein.

Er war ganz harmlos.

„Liebe Agnes ... ich finde trotz alles Suchens den Tabak nicht, und hatte ihn doch wie immer in der dritten Schublade liegen ... aber vielleicht können wir heute mal die guten Zigarren probieren, mir ist gerade so lecker darauf! ... Was meinst du, liebe Agnes ... diese hier — —“

Ganz betroffen und erschreckt verstummte der Sprecher, denn seines Hauses milde Hüterin hatte ihm das Kistchen sehr gelassen und sehr bestimmt aus der Hand gerissen.

„Diese Zigarren, wo das Stück fünfzig Pfennig kostet? Aber Herr Professor! Sie wissen doch, dass das die Verlobungszigarren sind! Die hat der brave Herr Vetter ehemals für ganz besondere Ereignisse bestimmt, weil es eine ganz grossartige, fürstliche Zigarre sei, wie in Rügenfurt noch keine geraucht worden ist! Da haben Sie doch selber gesagt: ‚Die soll mal der Bräutigam unserer Kleinen rauchen!‘ — na — und Sie wissen doch, dass der Husar sich schon angemeldet hat!“

„So, so! — Wirklich, liebe Agnes?“ stotterte Herr von Uttenhofen und sah voll Sanftmut und Geduld der energischen Hausdame nach, die mit den Zigarren im Arm gravitätisch durch die Tür wuchtete.

Der Amtsrichter hatte die Nüstern schon aufgeblasen und mit aufleuchtenden Augen das Kistchen angestarrt, das durch sein vielverheissendes Etikett zu den grossartigsten Hoffnungen berechtigte.

Jetzt sanken diese Hoffnungen in ihr ödes Nichts zusammen.

Nicht der zärtlichste Blick folgte der Entschwindenden, und mit leisem Seufzer setzte sich auch der Professor wieder in seinen Sessel zurück.

„Wir wollen weiter spielen!“ —

Schweigsam, langweilig sassen sich die Herren gegenüber. Dieses dumme kleine Ding, die Margret, dass sie so empfindlich war! Wie angenehm war es doch gewesen, wenn sie mit ihrer Handarbeit neben dem Amtsrichter am Tisch sass und ihn so freundlich anlächelte ...

Potzwetter ja, hübsch war die kleine Hexe! Das liess sich nicht leugnen, der junge Pastor hatte neulich erst im „Löwen“ behauptet: „Fräulein von Uttenhofen ist eine hervorragende Schönheit, wie kommt diese Perle in die so sehr gewöhnliche und unbedeutende Muschel Rügenfurt?! —“

Und Leutnant Olmütz sollte bei dem letzten Liebesmahl in der Sektlaune geäussert haben: „Margret ist das wonnigste Weib unter der Sonne — und ich werde sie besitzen, um jeden Preis!“

Wahrlich, wird er? — Je nun, wenn der Herr Amtsrichter Hettstädt nichts dagegen hat! Wenn er den Rivalen nicht glänzend aus dem Sattel wirft! —

Nächsten Mittwoch also Leberpastete mit Trüffeln — und die famosen Zigarren ... schade, wenn die ein Mensch wie der Olmütz rauchen würde ...

Hm — wollen einmal sehen ...

„Amtsrichterchen — Sie müssen aufpassen! Sie sind nicht bei der Sache!“ schmunzelte der Professor. „Wenn Sie die Königin nicht sicher nehmen, werden Sie mattgesetzt! —“

„Hihi! nehmen Sie man die Königin sicher!“ lachte Frau Agnes spöttisch von der Tür herüber, „sonst ist sie plötzlich futsch, und ein anderer isst die Pastete und die Krebse ...“

„Wie meinst du, liebe Agnes?! —“

„O, Frau Hauser scherzt ein wenig mit mir! —“ lächelte Herr Hettstädt und umkrallte mit gierigen Fingern die arme, kleine Königin.

Welch furchtbare Tage!

Wenn jemals ein hilfloses Menschenkind erfahren hatte, was es heisst, unter der Gehässigkeit und Bosheit eines rachsüchtigen Weibes zu leiden, so war es Magret von Uttenhofen. Wenn Frau Agnes ihr das Haus des Onkels nie zu einem angenehmen Aufenthalt gemacht hatte, so verwandelte sie ihr dasselbe jetzt zur wahren Hölle.

Voll Verzweiflung rang das junge Mädchen die Hände.

Was sollte sie beginnen, um diesem — oder dem künftigen Elend zu entrinnen?

Ach, kein rettender Ausweg zeigt sich.

Schon früher hatte sie monatelang vergeblich sich um eine Stelle als Kinderfräulein oder Gesellschafterin bemüht, — doch trotz der bescheidensten Ansprüche fand sie nichts Geeignetes.

Hervorragende Talente besass sie nicht, die Lebensstellung einer Bühnenkünstlerin widerstrebte ihr, — was sollte sie tun?

Hier im Hause war ihres Bleibens nicht länger, das sah sie ein.

Sie war eine Last, eine Bürde, unter der der alte Onkel doppelt litt.

Er musste die furienhafte Laune seines Faktotums Agnes ertragen und ausserdem noch namhafte Geldopfer bringen, um den Lebensunterhalt der Nichte zu bestreiten.

Nicht einmal ein heilsames Bad konnte er mehr besuchen, — um ihretwillen!

Tränen der Verzweiflung stürzten aus den Augen des unglücklichen Mädchens.

Was blieb ihr anderes übrig, als wie eine Heirat?

Eine Heirat mit dem Amtsrichter!

Sie schauderte bei diesem Gedanken. Schrecklich, sie liebte ihn nicht. Weder ihn noch einen andern. Dieser letztere Umstand erleichtert ihr den schweren Schritt. Sie kennt noch die Liebe nicht, die grosse, heilige, allgewaltige Liebe, vor der jedes Todesgrauen zusammenschrumpft wie ein Schatten vor der Sonne.

Sterben! — Ja, sie hat schon daran gedacht. Aber ihr junges, lebenswarmes Herz schlägt angstvoll und erschreckt bei solchem Gedanken. Ach, das Sterben ist so schwer; und ihr Leid ist noch nicht so gross, um es dadurch beenden zu müssen.

Wie viele Mädchen haben schon ungeliebte Männer geheiratet, ohne dadurch für ihr ganzes Leben unglücklich zu werden.

Wie schnell kann sich oft ein Schicksal wenden, wie wundersam sind oft die Lebenspfade verschlungen und führen über Dorn und Stein doch schliesslich in selige Lande der Verheissung!

Nein, das Leben schaut sich nicht rosig an und malt Margret keine lieblichen Bilder voll Sonnenschein, Lenzesglück und Liebeslust, aber so verzweifelt, um sie in den Tod zu treiben, — nein, so schlimm steht es gottlob doch nicht.

Sie teilt das Los von unzähligen Mitschwestern, die ohne Liebe heiraten, um nicht zu verhungern. Wieder und immer wieder sagt es sich das junge Mädchen, und eine gewisse Resignation überkommt sie, eine Gleichgültigkeit gegen sich, das Leben und die ganze Welt. —

Wie oft hatte ihre Mutter mit herzzerreissendem Dulderlächeln gesagt: „Man lebt, um zu leiden! Geh auf einen Kirchhof! Schau die stillen, ernsten Kreuze an! Decken sie mehr Glück — oder mehr Schmerz und Weh? — O, welche Untiefe, welch ein Abgrund ist solch ein Grab — und wie überhoch füllen es dennoch die Tränen und das Herzeleid aus!“

Margret verschlang seufzend die Hände.

Der Glückskinder auf dieser Welt sind es so wenige, warum sollte gerade sie zu ihnen gehören?

Warum will sie ein besseres Los verlangen wie ungezählte andere?

Und Agnes sagt, einen Mann, wie den Amtsrichter, zu heiraten, sei für jedes Mädchen ein Glück. Was will sie mehr, als wohl versorgt zu sein?

Glück? seliges, junges Liebesglück?

O phantastischer Traum, der jedes Mädchenherz berückt und so wenigen doch zur Wahrheit wird!

Margret drückte die kühle kleine Hand gegen die Augen, dass sie sich öffnen, dass sie ruhig und wunschlos in das Leben schauen und die lichten Bilder und Traumgespinste vergessen, die ihnen so lockend vorgegaukelt. —

Nein, so schlimm, dass sie sterben möchte, ist das Leben doch nicht.

Der Mittwoch kam, und Frau Agnes triumphierte mit einem mächtigen Spiegelkarpfen im Netz und einem recht vielverheissenden Kalbskopf im Arm an der Wohnung des Herrn Amtsrichters vorüber, just in dem Momente, wo der gestrenge Herr gähnend am Fenster stand und den Trommeln und Pfeifen der vorüberziehenden Soldaten lauschte. Das tat er stets; Agnes wusste es und hatte sich voll kluger Berechnung dein Bataillon angeschlossen.

Und sie ward bemerkt!

Herr Hettstädt kniff die rotgeränderten Augen noch schmaler zusammen und nickte ihr mit huldvollster Miene zu, — ja, er öffnete sogar das Fenster und sprach die Alte an.

„Wie geht’s, wie steht’s?“

Frau Hauser hatte nicht viel Zeit. Die Pastete bedürfe grosser Vorbereitungen, ein so delikates Essen könne nicht in einer halben Stunde zusammengeschüttelt werden, noch dazu, wo der Professor noch einen Karpfen befohlen habe!

Wie sehnsüchtig der Herr Amtsrichter sie ansah, — wie locker er den Mund spitzte und schluckte, er sah schon im Geist Karpfen, Kalbskopf und Pastete vor sich. —

Aber die liebe, gute Agnes verstand „seiner Augen stummes Weinen“ nicht. Ungerührt schwenkte sie links um und wuchtete mit Karpfen und Kalbskopf davon, und ihr Gesichtsausdruck und die Haltung des Kopfes markierten es dem Freier voll unverkennbarer Deutlichkeit: „Entweder anhalten — oder wegbleiben.“ Wie schwer war das letztere. Gerade heute. Ausserdem hatte der Amtsrichter just diese Nacht von Fräulein von Uttenhofen geträumt, — einen Traum, der merkwürdig lyrisch und wonnesam für seine sonst so kühle Art und Weise war.

Ja, hübsch war der kleine Racker ... und Leutnant Olmütz war ein unverschämter Flegel.

Er war auch soeben wieder vorübermarschiert, ohne den Herrn Amtsrichter eines Blickes, geschweige eines Grusses zu würdigen.

„Warte, Bürschchen, das soll dir eingetränkt werden. Glaubst, mit deinen Zigeuneraugen ein so grosses Feuer in Margrets Herzen entflammt zu haben? — Haha! Die Schönste von allen gebührt dir noch lange nicht, — berufenere Hände sind da, die die Rose pflücken werden!“

Und unter der Wucht der momentanen Eindrücke, beeinflusst von Karpfen, Kalbskopf, Traum und Leutnant, liess sich Herr Hettstädt vor seinem Schreibtisch nieder, putzte die Brille und schrieb kurz und bündig an den Professor von Uttenhofen, dass er, der Endesunterfertigte, sich hiermit erlaube, in aller Form und Feierlichkeit um die Hand seiner Nichte Margret anzuhalten.

— — Frau Agnes hatte gerade den Karpfen in eine Wanne voll Wasser gesetzt, als das grosse Amtsschreiben des Herrn Hettstädt gebracht wurde.

„Aha!“ sagte sie, und ihre Augen blitzten Triumph, sie drückte das Kinn so steif und stolz gegen den Kleiderkragen, dass ein vierfacher Ring darum herquoll.

Dann trocknete sie die Hand am Schürzenzipfel, nahm den Brief zwischen zwei Finger und trug ihn zu ihrem Brotherrn in das stille Studierstübchen.

„So, Herr Professor, — den hätten wir!“

„Wie du meinst, liebe Agnes!“ nickte der Gelehrte zerstreut und schob den Brief mechanisch zur Seite. Da rüttelte sie ihn unsanft aus seinem Sinnen wach, und Herr von Uttenhofen starrte fassungslos auf den Heiratsantrag.

„Ja, — ja ... ich weiss aber doch nicht recht ..., sag’ mal, beste Agnes ... liebt das Kind ihn denn auch?“

Über solch eine Gefühlsduselei schlug Frau Hauser die Hände über dem Kopf zusammen, und dann ergoss sich ein Wortschwall über den alten Herrn, dass an keinerlei Widerspruch mehr zu denken war.

Sollte der Professor wahrlich noch an dem Glück seiner Nichte gezweifelt haben, so machte es ihm sein Faktotum jetzt sonnenklar, dass sich gar keine bessere Partie auf der ganzen Welt für Margret finden liesse, wie dieser solide, wohlsituierte, angenehme Mann, der doch die vollste Garantie für die Zukunft biete.

„Welch ein Segen, dass das Mädchen so brillant unterkommt, dass Sie die Waise noch derart versorgen können! Nützen ihr die Luftikusse von Leutnants etwas? Nicht das geringste! Und wenn Sie mal die Augen zutun, Herr Professor, was soll dann aus dem armen Wurm werden, die keinen roten Heller zu eigen hat? Danken Sie Gott, dass sich ein Mann wie der Amtsrichter für das arme Seelchen findet, bei dem ist sie geborgen, sitzt im warmen Nest, und braucht nicht Hungers zu sterben! Nun können Sie mal ruhig sterben, Herr Professor, nun sind Sie die Sorge los!“

Herr von Uttenhofen war stets ein kränklicher, etwas weichlicher Herr gewesen, den jede Anspielung auf sein eventuelles Ableben aufs tiefste rührte.

Auch jetzt ward er weich — so weich, dass er mit feuchten Augen seufzte und nickte und in schluchzendem Ton wiederholte: „Nun kann ich ruhig sterben — ach du lieber Gott, ja — nun kann ich sterben, — wie du meinst, liebe Agnes!“

Und als ihn die kraftvollen Hände seiner Wirtschafterin samt dem Heiratsantrag zur Tür schoben, „damit er dem Fräulein das Glück selber zutrage“ — da seufzte und schluchzte der alte Herr voll tiefster Wehmut noch immer: „Ach ja! Gott sei Dank — nun kann ich ruhig sterben!“

Und diese Worte — und die tränenfeuchten Augen des Onkels erschreckten Margret zuerst aufs äusserste.

Dann, als sie den Brief las, ging es wohl wie ein kalter Schauer durch ihr Herz, aber sie vergass beinahe den Inhalt des Briefes über den Anblick des alten Mannes.

Der Professor war auf einen Stuhl gesunken, hatte die Hände gefaltet und wiederholte immer wieder voll tiefster Wehleidigkeit: „Ach ja, nun kann ich ruhig sterben — nun bist du versorgt!“

Margret schlang die Arme um den alten Herrn. „Ach Onkel — freust du dich wirklich darüber? Ist es dir wirklich eine Beruhigung?!“

„Mein Herzenskind — welch eine Beruhigung! Wenn ich nun die Augen zutue ...“

Er vollendete nicht, die Rührung übermannte ihn, und Margret, die die weichherzige Natur des Hypochonders nicht so genau kannte wie Frau Hauser, war aufs höchste betroffen und ergriffen von der Wirkung, die ihr vermeintliches Glück auf den alten Herrn ausübte.

Auch ihre Nerven waren durch all die Aufregung und Qual der letzten Tage nicht die stärksten, die Sentimentalität findet sowieso keinen bessern Grund und Boden als wie bei jungen Mädchen, und so übte der Anblick des Onkels eine doppelte Wirkung aus.

Erstlich rührte es Margret aufs tiefste, dass der alte Mann so innigen Anteil an ihr nahm, und zweitens überkam sie ein neues, ihr bisher noch ganz fremdes Gefühl eines Martyriums, in dem sie sich erhobenen Herzens, geduldig und freudig für das Wohl eines Mitmenschen opfert. —

Konnte sie es nach dem Anblick dieser feuchten Augen wohl je über sich gewinnen, den Antrag des unsympathischen, ungeliebten Mannes abzulehnen? O wahrlich nicht!

Sie sah es jetzt voll herzbewegender Deutlichkeit, wie hoch es den alten Herrn beglückte, sie versorgt zu wissen, wie unaussprechlich er sich über den schrecklichen Brief freute.

Es wäre geradezu ein Verbrechen, ihm diesen liebsten und letzten Trost zu nehmen.

Für empfindsame Seelen hat es stets einen grossen Reiz, sich in eine erhabene, poesievolle Lebensaufgabe hineinzudenken, und namentlich liegt es in der weiblichen Natur, sich voll süsser Schwärmerei in den Dienst des Samaritertums zu stellen.

Der Wunsch, sich zu demütigen — zu dienen — sich aufzuopfern im Dienste der Barmherzigkeit ist ein Charakterzug der weiblichen Tugend.

Wie manches kaum erwachsene Mädchen erblickt ein Ideal darin, Diakonissin zu werden, oder einen kranken, zum Krüppel geschossenen Mann zu heiraten, nur um ihn pflegen und sich selber für ihn hingeben zu können.

Der Opfermut ist des Weibes ewiger Anteil, und nirgends gefällt sich die schwärmerische Phantasie der Jugend besser, als auf dem Leidenswege interessanter Selbstverleugnung. Auch Margret konnte sich dem Reiz dieses neuen Empfindens nicht verschliessen.

Was ihr vor wenigen Stunden noch als unerträgliche, widerwärtige Bürde erschienen, das lud sie jetzt mit dem Lächeln der Dulderin als selbsterwähltes Kreuz auf sich, das trug sie geduldig in dem Bewusstsein, eine edle Tat zu vollbringen. — Wie begeistert war sie seit jeher für alles Ideale, Hochherzige gewesen, wie glühte in ihrem jungen Herzen noch das heilige Feuer des Glaubens und Vertrauens auf das wahrhaft Gute! Das Leben bot ihr nur rauhe, nüchterne Höflichkeit und Prosa, sie aber wob sich selber einen glänzenden Schleier voll zauberischer Poesie darüber, der täuschte ihr Auge und schlug es mit wohltätiger Blindheit.

„Soll er kommen, Gretchen?“ flüsterte der Professor mit der Miene eines Sterbenden, und das junge Mädchen kniete an seiner Seite, hob das bleiche Gesichtchen und lächelte mit krankem Herzen:

„Ja, Onkelchen, — er soll kommen!“ —

An der Tür aber horchte Frau Agnes und rieb sich vergnügt die Hände. Das war besser gegangen, als wie sie dachte. Du liebe Zeit! Was doch so ein bisschen Sentimentalität tut!!

So ward Margret von Uttenhofen — Braut.

Viertes Kapitel.

Amtsrichter Hettstädt hatte seiner Braut einen blühenden Myrtenstock geschickt und ihr den goldenen Reif an den Finger gesteckt, aber die weissen Myrtenblüten rieselten welk und matt zu Boden, als sei das kräftige Stämmchen plötzlich krank geworden, seit der müde, resignierte Blick der jungen Braut es getroffen, — und der Ring, so hell er auch blinkte, war zu weit für das schlanke Fingerchen und fiel von ihm ab wie etwas Fremdes, Ungehöriges, was absolut nicht für sie passte.

Frau Agnes war wie umgewandelt.

Die Katze hatte die Krallen eingezogen und zeigte nur Samtpfötchen.

Freundlich grinsend begab sie sich an das Werk, die Ausstattung für die junge Braut zu beschaffen. Man hatte dazu den letzten kleinen Vermögensrest, den die Witwe des Justizrats ihrem Töchterchen hinterlassen, flüssig gemacht, und der Professor überliess es dem praktischen Sinn der lieben, guten Agnes, die junge Braut beim Einkauf der nötigen Dinge zu beraten. Frau Hauser tat sehr bescheiden und meinte, es sei doch gut, wenn die künftige Frau Amtsrichter schon jetzt etwas selbständig würde und ihre Wünsche selber, nach eigenem Gutdünken verwirklichte! Sie bestand infolgedessen darauf, dass Margret die paar hundert Mark ihres Vermögens selber in Verwahrsam nahm, und hatte nur zeitweise zu drängen und zu treiben, dass die so wenig eilige und gleichgültige Braut Einkäufe an Wäsche und Leinen machte, welch letzteres doch noch zu verarbeiten war.

Und diese viele eilige Arbeit war das Morphium, das die junge Märtyrerin in ein wohltätiges Traumleben versetzte und ihr Herzeleid betäubte. Nie war sich Margret einsamer und verlassener vorgekommen, als seit dem Tage, der sie zu einer Braut gemacht.

Das Aufsehen, das ihre Verlobung machte, war ein ungeheures, aber durchaus kein erfreuliches und beglückendes!

Sie hatte seit jeher allein gestanden, der Anhang und die Sippschaft der „Doktorslina“ hingegen war gross, durch die Patienten des Vaters erstreckte er sich über ganz Rügenfurt, und so war es kein Wunder, wenn die gesamte Einwohnerschaft Partei für die „unglückliche, verlassene“ Braut — denn als solche hatte man Fräulein Lina bereits erachtet — nahm.

Für die Fremde hatte man nie grosse Sympathie gehabt, höchstens die Herren, und da auch diese es nicht recht leiden mögen, wenn sich eine von ihnen gefeierte Dame mit einem anderen verlobt, so liefen auch bald die ehemaligen Anhänger Margrets in das feindliche Lager über.

Selbstverständlich gab man Fräulein von Uttenhofen einzig und allein die Schuld an dem Ereignisse.

Sie war eine ganz empörende, abgefeimte Kokette, die kein Mittel gescheut hatte, den armen, netten, harmlosen Hettstädt in ihre Schlingen zu ziehen.

Sie hatte ihn mit den unerlaubtesten Mitteln der unglücklichen Lina abspenstig gemacht, hatte sich nicht geschämt, voll kalter Selbstsucht die Hände nach fremdem Gut auszustrecken. Das war himmelschreiend! Das war empörend! Fräulein Lina gefiel sich ausnehmend in der Rolle der Dulderin, sie rang die Hände und weinte sich an jedweder Brust, die sich ihr voll Mitgefühl dazu darbot, so recht aus tiefster Seele aus, — und darum steigerten sich die Gerüchte über ihr „gebrochenes, gemordetes Herz“ geradezu ins ungeheuerliche; denn wehe, wenn die Phantasie der Rügenfurter Klatschbasen losgelassen! — Nur Leutnant Olmütz hielt nach wie vor voll fanatischer Anbetung an der armen Margret fest.

Es war der einzige, der der jungen Braut seinen Glückwunsch in Form eines Blumenstockes schickte, der nach wie vor zu den Fenstern seines „Ideals“ emporschmachtete.

„Aha!“ sagten die bösen Zungen, „der leichtsinnige Fant träumt sich in die Rolle des Hausfreundes! Und weil die vortreffliche Braut seine Rosen und Gelbveiglein nicht, wie sich das gehört hätte, auf die Strasse warf, hat er sicherlich recht leichtes Spiel mit ihr! O der arme, betörte Amtsrichter, dem die holde Auserwählte schon jetzt die Narrenkappe über die Ohren zieht! Was wird er noch an ihr erleben!“

Fräulein von Uttenhofen ahnte nichts von dem Sturm, der ihr aus der ganzen Stadt entgegenblies, bis man ihr denselben so fühlbar und empfindlich machte, dass sie wie versteinert, mit tränenlosen Augen zu Agnes aufsah und flüsterte: „Wissen Sie, was man mir in der Stadt für bösen Leumund macht?“

Die Alte lachte und zuckte die Achseln. „Neid! Ganz gemeiner Neid, Fräuleinchen! Darum lassen Sie sich kein graues Haar wachsen! Wer das Glück hat, führt den Bräutigam heim! Aber eins wollte ich Ihnen doch noch sagen: Dem Amtsrichter liegen die Klatschbasen natürlich auch in den Ohren und machen ihm mit allen möglichen Andeutungen die Hölle heiss! Da müssen wir sehr auf dem Posten sein, solchen Pfeilen die Spitze abzubrechen! Die Lina blökt ja in der ganzen Stadt herum, wie sehr sie Hettstädt geliebt hätte, — und das ist wahr, — wie die reine Schmeichelkatze ist sie ihm immer um den Bart gegangen, und hat die Augen verdreht, als wolle sie vor Liebe gleich den Geist aufgeben! Sie aber, Fräulein Gretchen, sind überhaupt nicht wie eine Braut! Du lieber Himmel, so kühl und ‚weit ab‘ und ‚rühr’ mich nicht an‘ wie eine Nonne! — Neulich hat der Amtsrichter sich schon darüber beschwert, dass Sie ihm niemals entgegenlaufen und so wenig Zärtlichkeit hätten —! Was denken Sie sich denn um alles in der Welt? — Da muss ja der Mann schliesslich glauben, sie hielten’s heimlich noch mit dem windigen Schlingel, dem Olmütz! — Wenn Hettstädt heute abend kommt, dann ziehen Sie mal andere Saiten auf! Keine Marmorbraut, die wie Eis im Arme liegt ...“

„Ich kann’s nicht — ich kann nicht anders sein!“ stöhnte Margret leichenblass.

„Unsinn! Kann nicht! Wenn ich solch ein albernes Geschwätz höre!“ Frau Hauser vergass alle Freundlichkeit und fuhr mit bissigem Ton in ihrer so brutalen Weise auf: „Wenn Sie sich so auf die zimperliche Prinzess spielen wollen, dann werden Sie sehr bald verspielt haben! Eine Tränenweide, einen Holzklotz mag keiner freien! Und wenn der Amtsrichter jetzt noch zurückzupft, was soll dann werden? He? Überlegen Sie mal selbst, wie Sie dann dastehen würden! Solch eine Schande über Ihren alten Onkel bringen — das wäre sein Tod! Geradeswegs sein Tod! Und der Hohn und Spott in der Stadt! Da könnten Sie sich gleich mit begraben lassen ...“

„Ach, Agnes ... wie furchtbar ...“

„Ja, so als Mörderin von seinem Wohltäter ... und als solche würden Sie dastehn, wenn den unglücklichen alten Mann der Schlag rührte ...“

„Barmherziger Gott!“ —

„Na, nur kein Geheule! Das hilft nichts! Aber wenn der Amtsrichter heute abend kommt, dann mal alle Minen springen lassen! Wer so hübsch ist wie Sie, kann schon einen Mann toll machen, dass er um Ihretwillen der ganzen Stadt trotzt! Also zärtlich! Sehr zärtlich! Schätzchen hier — und Schätzchen da! Und dann vergessen Sie nach Tisch sein Bullrichsalz nicht! Sie wissen, dass er es einnehmen muss! Und ausserdem können Sie ihm einen hübschen, grünen Augenschirm sticken, Sie wissen, dass er kranke Augen hat — —“

Wie vernichtet sank Margret auf den Stuhl und nickte nur stumm und mechanisch vor sich hin. — Wie Schauer des Entsetzens rieselte es durch ihre Glieder.

Ach, so schwer, so furchtbar schwer hatte sie sich ihr Martyrium doch nicht gedacht!

Wehe ihr, dass sie den Ring an ihren Finger gestreift, nun lag er als schwere, erdrückende Kette an ihr, nun konnte keine Macht der Welt ihn wieder lösen und zerbrechen, — und sie musste die qualvolle Last durch das Leben schleppen — durch ein ganzes, langes — trostloses Leben!

Frau Agnes war gegangen.

Margret regte die bebenden Hände so fleissig wie zuvor, stopfte die groben Küchenhandtücher und schaute mit grossen, glanzlosen Augen in den dämmernden Lenz, der mit tausend jungen Blütenknospen hinaus — weit fort und hinaus lockte, während die Myrtenblüten an ihrer Seite trauernd die bleichen Blättchen streuten, als fehle ihnen Kraft und Mut, zu der grossen, lügenhaften Tragödie einer Vernunftsheirat die lieblichsten Symbole zu leihen.

Die Uhr nickte und holte zum Schlage aus. Margret hob jählings das Köpfchen, wie aus schweren Träumen erwachend.

Ein weiches, wehmütiges Lächeln huschte über ihr bleiches Antlitz.

Sieben Uhr! Die Stunde, wo sie hineilen durfte zu ihrem guten, freundlichen Musiklehrer, bei träumerischen Klängen und süssen Harmonien das Elend ihres Lebens zu vergessen!

Margret erhob sich hastig, faltete ihre Arbeit zusammen und schob sie in den Flickkorb. Dann griff sie nach Mantel und Hut, öffnete ihr Fensterchen und eilte lautlos und hastig, als liesse die Sehnsucht ihr Flügel wachsen, die Treppe hinab.

Weiche, wonnige Frühlingsluft wehte ihr entgegen.

Die letzten Glutengarben des Abendrotes flammten noch über den westlichen Himmel, während über ihr, auf blassblauem Meer der Unendlichkeit, die matte Mondscheibe schwebte wie eine einsame, verlassene Seele, die kein rettendes Ufer mehr erreichen kann.

Ohne rechts und links zu blicken, eilte Margret die einsame Allee entlang, deren rechte Seite nur vereinzelte Häuser säumten, während sich zur Linken weite Felder dehnten.

Hier ausserhalb der Stadt, wo die meiste Ruhe herrschte und die beste Luft wehte, hatte der Professor seine Wohnung gemietet, und auch der Musikdirektor wohnte in einer der freiliegenden Vorstadtstrassen, weil hier die Quartiere noch billig und geräumiger waren, ja, wo er sich den Luxus eines Gartens gestatten konnte, was bei seiner zahlreichen Familie immerhin ein grosser Vorteil war.

Musikdirektor Halm gehörte zu jenen Stiefkindern des Schicksals, die es trotz alles Fleisses und bester Begabung nicht zu wirklichen Erfolgen bringen können.

Zu schüchtern und gutmütig, um sich in der Grossstadt voll rücksichtsloser Energie durch alle Kabalen und sperrenden Hindernisse Bahn brechen zu können, liess er sich wieder und immer wieder von anderen zur Seite schieben und überflügeln, und trotz seiner Begabung und seiner recht bedeutenden Kenntnisse musste er schliesslich froh sein, bei sehr schmalem Gehalt als Leiter der kleinen Stadtkapelle in Rügenfurt angestellt zu werden.

Zwar verdiente er noch durch Privatmusikstunden und kleine Konzerte, die er in der Umgegend arrangierte, aber dennoch blieb der Wohlstand seiner kinderreichen Familie fern.

Seine tapfere kleine Frau mühte und quälte sich redlich, den grossen Haushalt mit Hilfe nur eines einzigen jugendlichen Mädchens zu bestreiten, und Margret hatte schon oftmals in freier Stunde die wilde, kleine Schar „gehütet“, wenn Mutter und Magd voll edlen Wetteifers in Küche und Keller tätig waren.

Auch heute hallte Fräulein von Uttenhofen ein lärmender Jubel aus dem Garten entgegen, der ihr schon von weitem bewies, dass die Kleinen sich ungebundenster Freiheit erfreuten.

Selbst das Allerkleinste sass noch weinend in dem niederen Holzwägelchen, sicherlich hungrig und müde, und dennoch fand sich keine hilfreiche Hand, es droben zu betten.

Beim Anblick des jungen Mädchens stürmte die ausgelassene Schar sofort auf sie ein.

„Fräulein Margret! Fräulein Margret! Die Mama ist schlimm gefallen! Sie liegt im Bett! Und wir dürfen heute aufbleiben, solange wie wir wollen!“

„Gefallen?!“ Erschrocken schob Fräulein von Uttenhofen die lärmenden Trabanten beiseite und stürmte die Treppe empor.

Alle Türen standen sperrangelweit offen, und aus dem Schlafzimmer tönte ihr die leise klagende Stimme der Musikdirektorin entgegen. „Marie! bist du wieder da? Ach, hole doch Lieschen schnell herauf, ich höre das Kind schon seit einer halben Stunde schreien!“ —

Margret trat auf die Schwelle, und die Kranke ward dunkelrot vor Schreck.

„Ach, Sie sind es, gnädiges Fräulein! O, vergeben Sie, dass die Stunde nicht abbestellt ist, — ich hatte keine Menschenseele zum Schicken ...“

„Frau Halm! Sie sind krank? Um alles in der Welt, was ist passiert?! —“

Die Kranke drückte herzlich die dargebotene Hand. „O, gottlob nichts Allzuschlimmes! Es hätte sehr viel übler ablaufen können. Wir wollten Gardinen aufstecken ... die Leiter rutschte ... und da habe ich mir den Fuss gebrochen! Besser doch den als den Hals!“

„Und liegen so ganz allein?“

„Mein Mann ist telegraphisch für drei Tage nach Lutzenburg gerufen, — die Marie hat erst den Doktor geholt und ist nun zu meiner Freundin, der Registratorin, ob sie wohl zur Hilfe herkommen kann? Ich hoffe es! Sie hat keine Kinder, und der Mann ist so gut! — Na, und nun toben die Kinder im Garten, keins lässt sich hier oben blicken, und Lieschen schreit so sehr ...“

Ein angstvoller Ausdruck trat auf das Gesicht der Kranken, und die heisse Röte ihrer Wangen vertiefte sich. Ungeduldig strebte sie empor: „Ach, welch ein Unglück, so hilflos liegen zu müssen! Sie glauben gar nicht, wie schwer es ist, wenn man ...“

Margret stand neben der Sprecherin und drückte sie mit sanfter Hand in die Kissen zurück. „Liegen Sie ganz still, Frau Halm, und regen Sie sich nicht auf! Ich hole Lieschen und bringe es zu Bett!“ —

„Ach, Sie wollten? O, Sie Liebe, Beste ...“

Schon war das junge Mädchen mit hastigem Schritt davongeeilt; nach wenig Augenblicken verstummte das Geschrei im Garten, und zärtlich kosend und die Kleine beruhigend, trat Fräulein von Uttenhofen alsbald wieder, mit dem Kinde auf dem Arm, in das Zimmer.

Kaum, dass Frau Halm sie anzuleiten brauchte, besorgte sie schnell das Nötige, setzte die Milch auf den Herd, bereitete das kleine Lager im Kinderwagen und begann das Baby zu waschen.

Lieschen wehrte sich zwar ein wenig gegen die fremde Dame, aber die weiche, liebevolle Stimme Margrets wirkte wie ein holder Zauber auf die übermüdete Kleine, sie schluchzte noch ein paarmal auf, verlangte zur Mutter und liess sich dann wohlbefriedigt zur Seite der Kranken im Wägelchen betten.

Nun noch die Flasche ... ein paar gierige Züge, und die Augen fielen bereits zu. —

„Nun gehe ich und hole die andern! Die Hafersuppe, die auf dem Feuer brodelt, ist wohl das Abendessen?“ flüsterte Margret.

„Mit Brotschnitten dazu! O, liebes, gnädiges Fräulein — wie soll ich Ihnen danken — —“

„Pst!“ lächelte das junge Mädchen und legte den Finger an den Mund. — Ihre Augen strahlten, und die Wangen färbten sich mit zartem Rot. Welch eine Freude war diese ungewohnte Tätigkeit für sie! Welch eine Genugtuung und Befriedigung war es, der Kranken behilflich und den Kindern nützlich zu sein!

Leichtfüssig eilte sie wieder in den Garten, während die arme Kapellmeisterin mit tiefem Seufzer der Beruhigung auf ihr schlummerndes Kind blickte.

Drunten im Garten entspann sich fürerst ein hitziger Kampf.

Die Buben wehrten sich mächtig gegen die Beschränkung ihrer Freiheit, und die Mädels stoben zwitschernd wie die jungen Vögelchen nach allen Seiten auseinander und jauchzten: „Fang’ uns erst, Tante Margret! Fang’ uns!“

Und das tat das junge Mädchen unter Lachen und Scherzen, und ihre frische, liebenswürdige Art entzückte die Kinder und lockte sie unwiderstehlich in die aus-ausgebreiteten Arme.

Bald hing die wilde Schar an ihren Kleiderfalten, und wie weiland der Rattenfänger von Hameln zog Margret durch die Haustür.

„Wenn ihr ganz ruhig und artig seid, erzähle ich euch während des Abendessens eine Geschichte!“

„Ach ja, eine Geschichte!!“

„Von Indianern? Sonst höre ich nicht zu!“

„Indianern? Nein, aber von Seeräubern ...“

„Och fein! Dann man los!“

„Aber ihr esst in der Küche und macht keinen Lärm! Lieschen schläft!“

„Lass sie man! So ein bisschen Radau stört die Krabbe nich!“

„Pfui, Gustav!“ —

„Ach erzähl’! Erzähl’! Fang’ jetzt schon an!“

„Gut! Hört zu. Also, es war einmal ein reicher, reicher Kaufmann —“

„Hatte er hunderttausend Geld?“

„Ja, hunderttausend und noch mehr. Der wohnte in Hamburg!“ — Und Margret schloss die Küchentür hinter sich und begann während der Erzählung die Mahlzeit herzurichten. Die grösseren Kinder halfen die Teller aufstellen und die Löffel legen, sehr leise und behutsam, damit sie kein Wort der Geschichte versäumten.

Und welch eine herrlich interessante und endlos lange Geschichte war das!

Sie fesselte die Zuhörer noch immer, als man fertig gegessen und nun flink „gekämmt und abgewaschen“ wurde, ja, sie näherte sich kaum dem Ende, als Margret ihre Schar in das grosse, langgestreckte Schlafzimmer führte, wo Bett an Bett längs der weissgetünchten Wände stand.

„Aber erst fertig erzählen, sonst schlafen wir nicht!“

„Gut! Ich setze mich noch zu euch und erzähle den Schluss; aber dann müsst ihr auch sofort einschlafen!“

Ein gedämpftes Hurra, Liebkosungen und Schmeicheleworte, — die Grossen entkleideten sich allein und huschten in ihre Nester, die Kleineren besorgte Margret und legte sie zur Ruh.

Dann zog sie die gelbgeblümten Vorhänge zu und setzte sich an das Lager des Kleinsten, um weiterzuerzählen, während die andern, auf dem Bauche liegend und den Kopf in die Hände gestemmt, sich ihr zudrehten, wie die Sonnenblumen dem strahlenden Himmelsgestirn.

Die erst so aufregende Geschichte ward sanfter und sanfter. Die armen, geraubten Kaufmannskinder waren glücklich aus den Händen der Seeräuber befreit und in die Arme der Eltern zurückgeführt, und nun lebten sie still und behaglich, assen ihr Süppchen, liessen sich auskleiden und ins Bettchen legen und fingen an zu träumen. Das erste vom Christkindchen ..

Leise und leiser ward die Stimme der Erzählerin, die Äuglein der Kinder schlossen sich, und die auf dem Bauche liegenden drehten sich langsam um und gähnten — und bald tönten aus diesem und jenem Bettchen tiefe Atemzüge — fest und ruhig ...

„Ich wache noch, Tante Margret! Komm zu mir!“ flüsterte es vom Fenster her, — und Fräulein von Uttenhofen wechselte lautlos den Platz.

Es hatte längst neun Uhr geschlagen, als sie endlich wieder in das Zimmer der Kranken trat.

Frau Halm drückte voll unbeschreiblicher Dankbarkeit wieder und wieder die Hände ihrer geliebten Helferin in der Not und erzählte, dass der Doktor während der Zeit nochmals dagewesen sei, dass er ihr eine beruhigende Medizin für die Nacht verschrieben, die Marie soeben noch in der Apotheke besorge!

„Und wird Ihre Freundin kommen?“

„Ja, sie will heute nacht bei mir schlafen, in meines Mannes Bett — und auch morgen bei mir bleiben, bis Paul zurückkommt! Ich denke, sie kann jeden Augenblick hier sein!“

„Schön, so lange bleibe ich noch bei Ihnen! Vielleicht kann ich während der Zeit das Bett frisch beziehen, damit Sie nachher bald zur Ruhe kommen!“

„Aber nein! Liebstes Fräulein Margret! Wie könnte ich das annehmen! Sie haben schon so unendlich viel Güte für mich gehabt ...“

„Still, still! Das ist ja alles so selbstverständlich! Wo liegt die frische Wäsche? In dem Spinde hier? Richten Sie sich doch, bitte, nicht auf, — ich finde ja alles!“

Und lautlos, wie ein guter Geist waltete das junge Mädchen ihres Amtes, richtete das Bett her, schaffte Ordnung im Zimmer und stellte eine Flasche frischen Wassers bereit.

Endlich kam die Frau Kalkulator, ebenso Marie, und nach letzten Abschiedsworten und Wünschen für gute Besserung eilte Margret nach Hause.

Es schlug vom Kirchturm die zehnte Stunde, als sie vor das Haus trat, und jetzt erst fiel ihr mit Schrecken ein, dass sie über die Gebühr lange ausgeblieben sei.

Ihr Bräutigam war gewiss recht ungeduldig geworden! Aber Agnes sowohl wie er wussten es, dass sie bei Halms war, konnte er ihr nicht entgegenkommen, sie abholen?

Ein tiefer Seufzer entrang sich ihrer Brust. Wie hätte wohl jeder andere Liebhaber voll Entzücken die Gelegenheit wahrgenommen, mit dem herzlieben Schatz durch den Zauber dieser stillen, mondhellen Nacht zu wandeln!

Die Blüten dufteten in den Gärten, die ersten Nachtigallen sangen der Liebe ihre seligen Psalter, und die Sterne standen so hell und klar an dem fleckenlosen Nachthimmel, wie brennende Kerzen auf dem Altar traumhafter Glückseligkeit!

Ach, welch ein Wandeln wäre das jetzt im Arm der Liebe! Geleitet von dem, den sie als das Ideal aller Männlichkeit so oft mit klopfendem Herzen in süssem Sinnen geschaut, von dem — der so jung, so männlich schön — so stolz und edel war, dass sie vor ihm niedersinken möchte mit dem demütigen Schluchzen: „Darfst mich niedre Magd nicht kennen, hoher Stern der Herrlichkeit!“ —

Ach, wie anders — wie furchtbar anders aber war der Mann, der in Zukunft ihr Herr sein sollte! —

Da war kein schwärmerisch seliges Kosen und Minnen, kein begeistertes Aufflammen zu himmelhochjauchzender Wonne, — der Amtsrichter fragte nichts nach Mondesglanz und Maienduft, — er hasste die Nachtluft und sass griesgrämlich vor den Schüsseln der Frau Agnes, die kranken Augen vom Lichtschirm geschützt, die Gedanken voll Weltschmerz und ungeheurer hausbackener Prosa ...

Margret presste wie in stummer Qual die Hände gegen die Brust, und unwillkürlich schreitet sie langsamer, als müsse sie so lang wie möglich die Zeit geniessen, wo sie ihm fern sein kann.

Zärtlich zu ihm sein! Ihn umschmeicheln mit Worten, die himmelschreiende Lügen sind! Wie soll sie es nur möglich machen, wie soll sie das Widerwärtige ertragen!

Ach, noch nie deuchte ihr das Los, das ein unbarmherizges Schicksal ihr bestimmt, so bitter hart wie gerade jetzt, wo ihr junges Herz unter dem Zauber dieser mondeshellen Maiennacht so weich — so weit — so sehnsuchtsvoll der Liebe entgegenschlug!

Wie still ist’s um sie her!

In den Häusern brennt wohl Licht, aber auf den Strassen ist es totenstill, nur weiter unten trabt eine Schar Knaben in angstvoller Eile, — sie haben bei Spiel und Freuds wohl vollständig die Zeit vergessen.

Noch ein paar Schritte wandelt Margret des Weges, — da stutzt sie plötzlich und weicht mit leisem Schrecksschrei zurück.

Vor ihr, halb in den Strassengraben niederhängend, liegt eine dunkle Gestalt, starr — regungslos, wie tot.

Im ersten Augenblick will sich das junge Mädchen entsetzt zur Flucht wenden, dann aber beisst sie energisch die Zähne zusammen und sagt sich, dass es heilige Pflicht sei, näherzutreten, um Hilfe zu bringen, falls sie erforderlich ist.

Und beherzt schreitet sie herzu.

Abermals ein leiser Laut höchster Betroffenheit. Das helle Mondlicht blinkt auf goldenen Knöpfen, eine Mütze liegt seitlich auf der Strasse, ein Säbel starrt querüber ...

Ein Offizier! — Hier ist ein Unglück geschehen!

Vergessen sind Scheu und Angst, voll sorgender Angst wirft sich Margret neben der starren Gestalt nieder und richtet mit Aufbietung aller Kraft den Oberkörper, der in den Graben niederhängt, empor.

Das Mondlicht beglänzt ein totenblasses Antlitz mit geschlossenen Augen.

Blondes Haar hängt wirr in die Stirn, ein kleiner Schnurrbart deckt die Lippen.

Wer ist es? — Ein Fremder?

Margret entsinnt sich nicht, dieses schöne, schmale Antlitz jemals gesehen zu haben.

Schwer, — unerträglich schwer hängt der starre Körper in ihren schwachen Armen.

Ist er schon tot? — Stirbt er? —

Namenlose Angst überkommt das junge Mädchen.

„Hilfe! Hilfe!“ ringt es sich von ihren Lippen.

Umsonst, niemand hört sie, — es ist so still und einsam hier ...

Was tun? „Allmächtiger Gott, hilf mir!“

Noch einmal ruft sie. Keine Antwort, kein — Laut. Aber der starre Körper in ihrem Arm zuckt leise zusammen, ein Aufstöhnen trifft ihr Ohr. —

Er lebt! Er muss Hilfe haben!

Ein schneller Entschluss reift in Margrets Seele. Sie bettet den Kranken, so gut sie kann, in das Gras, reisst ihr Tuch ab und schiebt es als Kissen unter sein Haupt, und dann stürmt sie, fiebernd vor Erregung, die Chaussee entlang nach dem ersten Haus, hinter dessen Parterrefenstern noch Licht schimmert.

Als sie just die Haustür öffnen will, tritt ihr ein Soldat, die Hände in den Taschen, pfeifend entgegen.

Margret ruft ihn an, schildert mit wenig Worten die Lage des fremden Offiziers und bittet um Hilfe.

„Alle Donner — dann mal schnell, Fräuleinchen!“ ruft der Bursche und trabt mit ihr die stille Strasse entlang.

Kraftvoll packt er den Bewusstlosen und schaut ihm ins Gesicht.

„I gar! Das ist ja ein fremder Ulan! Wie kommt denn der hierher? — Und wissen Sie, Fräulein — ich glaube, er hat höllisch einen über den. Durst ...“

Margret starrt auf ihr helles Tuch. „Diese Flecken ... wo er mit dem Kopf auflag! Allmächtiger Gott, er blutet!“

Sie tastet zitternd nach seinem Haupt, feuchtwarm rieselt es über ihre Finger.

„Donnerwetter ja! Eine Wunde hat er! Na, da fassen Sie mal mit an, Fräulein — da müssen wir ihn auf dem Leutnant sein Bett schleppen ... uff! Der hat sein Gewicht!“

Zitternd vor Entsetzen stützt Margret die leblose Gestalt, mit grösster Anstrengung schaffen sie den Verwundeten in das Haus.

Fünftes Kapitel.

Margret fand nicht Zeit, sich in dem einfachen Schlafzimmer, das sie betraten, umzuschauen; ihre ganze Aufmerksamkeit richtete sich voll zitternder Angst auf den Verwundeten, und die ungewohnte Anstrengung, die schwere Last zu tragen, trieb ihr dicke Tropfen auf die Stirn. Einen Augenblick sank sie, auf das äusserste erschöpft, auf den Stuhl neben dem Bett nieder, während der Bursche die bereits brennende Lampe aus dem Nebenzimmer holte.

Dann richtete sie sich energisch empor und winkte dem Soldat, ihr zu leuchten.

„Es scheint eine schwere Wunde am Hinterkopf zu sein! Sie blutet noch stark, wir müssen sofort Kompressen auflegen!“

Das Lampenlicht fiel abermals auf die ernsten, regelmässigen, jetzt so todesbleichen Züge des fremden Offiziers, und das junge Mädchen neigte sich, heldenhaft gegen ein Gefühl des Grausens ankämpfend, und suchte in dem dicken, blutverklebten Blondhaar die Wunde.

„Hier — rechts am Hinterkopf — o Herr des Himmels, sie scheint tief und gefährlich!“

„Wissen Sie, Fräuleinchen ... es war heut Liebesmahl im Kasino, da hat der arme Kerl hier sich feste die Nase begossen und ist auf dem unbekannten Wege hingeschlagen! Gewiss mit dem Kopf auf einen Stein! Na — der kann auch von Glück sagen, dass just wir beide ihn aufgefunden haben, denn wissen Sie, Fräuleinchen, wenn so ein Offizier betrunken aus dem Strassengraben aufgelesen wird, und es wird dem Obersten gemeldet, dann kostet es ihm rettungslos den Kragen!“

Der Bursche sprach flüsternd, mit einem Ausdruck, der zwischen Mitleid, Wichtigkeit und Vertraulichkeit schwankte, und Margrets Augen blickten noch entsetzter wie zuvor, und sie hob wie beschwörend die Hände: „O, dann wollen wir die Sache um Gottes willen geheimhalten, damit der Arme nicht noch Ungelegenheiten bekommt! Nicht wahr, Sie versprechen mir, zu schweigen?!“

„Na, Fräulein, das versteht sich, — so ein schlechter Kerl bin ich doch nicht!“ —

„Und nun schnell, schnell einen Arzt herbei! Wissen Sie, wo der Militärarzt wohnt?“

„Das versteht sich!“ —

„Holen Sie ihn! Er muss augenblicklich kommen, sonst verblutet sich der Kranke!“

„Ja aber ... allein kann der Herr Leutnant doch nicht bleiben ... wenn ich weglaufe, dann müssen Sie solange bei ihm sein, — Bergmanns oben sind verreist, — wir sind man allein im Haus ...“

„Gewiss! Ich muss ja bleiben und ihm Umschläge auflegen! — Kann ich diese Handtücher nehmen, ja?“

„Man immer zu! — Ich denke, der Leutnant kommt auch bald nach Hause! Na, und nu lauf’ ich, was die Stiefeln halten!“ und damit zog er die Tür hinter sich zu, und Margret hörte seine schweren Nägelschuhe über die Strasse traben.

Wie still, wie dämmerig — wie unheimlich war es, so allein mit diesem bleichen, blutüberströmten Manne zu sein!

Wenn er nun stirbt? Wenn er ...

Mit zitternden Händen windet das junge Mädchen das Tuch aus dem kalten Wasser und legt es mit weicher, sorgender Hand auf die Wunde.

Das Haupt des Verletzten liegt auf der Seite, das starre, farblose Antlitz wendet sich ihr zu.

Ein jähes Zucken — eine ruckhafte Bewegung, als das kalte Wasser das Haupt berührt, ein tiefer, leiser Seufzer, — und dann liegt der Offizier wieder regungslos, wie tot.

Margret setzt sich an seinem Lager nieder. Eine wundersame Ruhe überkommt sie plötzlich, ein Gefühl wundervoller Befriedigung.

Zum zweitenmal an diesem Tage konnte sie Hilfe in der Not bringen, konnte armen Mitmenschen nützlich und wert sein. — Wie schön ist das! Welch einen Wert gibt das dem inhaltlosen, freude- und glücksarmen Leben!

Welch eine eigenartige Fügung Gottes, dass just sie gerade des Weges daherkam, diesen jungen Mann aufzufinden. Der Weg war so einsam, möglicherweise hätte der Verwundete die ganze Nacht unter freiem Himmel zubringen müssen, es war gegen Morgen noch empfindlich kühl — welch schwere, ernste Folgen hätte das haben können!

Oder aber — es wären beim Morgengrauen die Fabrikarbeiter zum entfernten Fabrikdorf hinausgegangen, — sie hätten den Offizier gefunden, und bei ihrer demokratischen Gesinnung wären sie wohl nicht allzu schonend mit ihm verfahren.

Welch ein Stadtgespräch! Der Oberst hätte Kenntnis von dem Vorfall erhalten, und wie der Bursche eben sagte, hätte das den Abschied des jungen Mannes zur Folge gehabt.

Welch eine Schande, welch ein Elend für ihn! —

Margret atmet hoch auf. Ein warmer, leuchtender Blick trifft den Bewusstlosen, und gleichsam, als wolle sie ihn abermals schirmend in die Arme nehmen, neigt sie sich über ihn und lächelt wie ein holder Schutzengel zu ihm nieder.

Welch ein ernstes, schönes, edles Gesicht!

Könnte sie nur einmal seine Augen schauen! Alles Blut strömt ihr heiss zum Herzen, ein wundersames, nie gekanntes Gefühl überkommt sie, — es ist nicht das Mitleid allein, es ist ein Gemisch von Weh und Glück, ein Sehnen nach etwas Fremdem — Unbekanntem, der qualvolle Seufzer: „Ach, warum gleicht dein Verlobter nicht ihm!“ —

Das junge Mädchen erschrickt vor ihrem eigenen Gedanken.

Sie erhebt sich jählings und wechselt abermals die Kompresse.

Ihre Hände gleiten über sein Haupt, — sie legt die kühle Rechte auf seine Stirn, und er atmet tief auf. —

„Er lebt! O Herrgott des Himmels — wie dank’ ich dir!“ —

Wundersam, — er sieht so gar nicht aus, als ob er von einem Trinkgelage käme. Da ist kein Zug in dem schmalgeschnittenen Antlitz, der auf Unmässigkeit, auf allzu grosse Genusssucht schliessen liesse.

Möglicherweise hat er sich krank gefühlt, hat das Kasino früher verlassen, — ist auf dem unbekannten Wege gestürzt. —

Werden das aber die Menschen glauben? Gewiss nicht. Die skandalsüchtige Welt liebt es, „das Glänzende zu schwärzen“ und jedwedes Vorkommnis so übel und schmutzig wie möglich zu deuten. O, wie gut, wie gut, dass die Menschen niemals erfahren werden, was sich in dieser Nacht ereignet! —

Der Bursche wird sicher schweigen, und sie? —

Margret presst die schmalen Lippen zusammen und lächelt wie verklärt. Auch sie wird schweigen, — um jeden Preis. —

Und dann ruht ihr Blick wieder voll süsser, mädchenhafter Schwärmerei auf seinem Antlitz — sie lächelt und sinnt. —

Die Uhr tickt, sie schlägt die elfte Stunde. —

Da schrickt sie plötzlich aus all ihren Träumen empor.

Wie wird Agnes auf sie warten!

Wie wird Hettstädt ihr zürnen!

Gleichviel, wenn sie ihnen mitteilt, welche Not sie im Hause des Konzertmeisters gefesselt, werden sie bald versöhnt sein.

Gott sei Dank — endlich hört sie auch eilige Schritte auf der Strasse ... der Bursche kommt zurück, er bringt den Arzt.

Zum erstenmal fliegt ihr Blick durch das Zimmer. Wo ist sie eigentlich? Wer wohnt hier?

Und dann zuckt sie jählings empor und alles Blut schiesst ihr schwindelnd in die Schläfe, — hier wohnt Olmütz! —

Sie hat das Empfinden, als müsste sie erschreckt davonfliehen, doch öffnet sich die Türe bereits, und der junge Offizier steht ihr gegenüber.

„Margret!“ — Wie ein Aufschrei leisen, namenlosen Entzückens klingt es von seinen Lippen, er eilt ihr entgegen und reicht ihr beide Hände dar. Sie umklammert mit den ihren die Stuhllehne, ihre schlanke, elfenhafte Gestalt scheint zu wachsen. Sein Ausruf — der Ausdruck seines Gesichts erscheinen ihr geradezu beleidigend.

„Leutnant Olmütz — wir haben einen Kranken in Ihr Zimmer gebracht, — verzeihen Sie ...“

Schon steht er neben ihr und fasst ihre Hand. So kühl, so ruhig und unberührt das bleiche Antlitz des Verwundeten vor ihr in den Kissen liegt, so weinerhitzt und unberechenbar in leidenschaftlicher Glut, neigt sich ihr das Gesicht des anderen entgegen. Unwillkürlich weicht sie zurück.

„Margret — endlich — endlich —“, murmelt Olmütz. — „O, ich wagte es kaum zu glauben, als der Bursche es mir eben ins Ohr flüsterte — Sie hier! Sie bei mir, Margret — in dunkler, verschwiegener Nacht — — o endlich, Margret — endlich ...“

Ein Schauer des Entsetzens rieselt durch ihre Glieder, ein Abscheu erfasst sie vor dem Sprecher, der mit heissem Atem nur allzu deutlich verrät, dass er vom Liebesmahl kommt. Mit wenigen Schritten steht sie an der Tür. Ihr Auge blitzt voll zorniger Drohung zu ihm auf.

„Meine Anwesenheit hier ist wohl überflüssig, da Sie jetzt da sind, den Kranken zu warten!“ sagt sie hoch erhobenen Hauptes. „Mein Werk als Samariterin ist getan — gute Nacht!“ —

„Fräulein von Uttenhofen — um alles in der Welt, habe ich Sie beleidigt?!“ ruft Olmütz, plötzlich nüchtern werdend, und er folgt der Entfliehenden, reisst die Haustür auf und starrt ihr nach. „Margret!“ wie ein leiser, flehender Ruf der Sehnsucht und der Bitte um Vergebung klingt’s. Umsonst, wie ein Schatten huscht ihre schlanke Gestalt die Treppe, die in den Vorgarten führt, hinab. Margret stürmt mit fiebernden Pulsen in die Nacht hinaus, sie reisst die kleine Gartentür auf und taumelt auf die Strasse; gleicher Zeit weicht sie entsetzt zurück.

Ihr entgegen kommen vier Gestalten — sie treffen auf dem Fusssteig just mit ihr zusammen.

„Herr des Himmels!“ schreit eine schrille Frauenstimme, „Herr Amtsrichter! Ihre Braut!“

„Wie? Was?“ tönt eine tiefere Altstimme dazwischen, „und kommt bei Nacht und Nebel aus dem Hause des Leutnants Olmütz?!“

Ein knirschender Laut der Wut. Margret fühlt ihren Arm erfasst, sie blickt in das wutentstellte Gesicht ihres Verlobten.

„Also hier steckst du, und lässt mich daheim vier Stunden vergeblich auf dich lauern? Hier — im Hause deines Anbeters, — du ehrloses Geschöpf — du — du — schamlose ...“

Ein leiser Wehelaut. —

Margret taumelt gegen das Gitter zurück und schlägt voll Verzweiflung die Hände vor das Antlitz.

„Annchen! Komm, mein Kind, mein Liebling! Fort aus der Nähe dieser Person!“ schreit Mama Bürgermeisterin auf und zieht die Tochter an sich.

„Albert,“ — stöhnt Margret auf, — „Albert, höre mich!“ —

Ein höhnisches Lachen antwortet ihr: „Ich verbitte mir diese Anrede! Nach dem, was ich soeben hier vor Zeugen erlebte, erkläre ich jedwede Beziehung zwischen — uns gelöst, — du Dirne!“ —

Etwas Blankes fliegt blitzend durch den Mondschein und schlägt hart vor Margret auf: der Verlobungsring, den der Amtsrichter von seinem Finger gestreift und dem jungen Mädchen vor die Füsse geworfen hatte. —

Dann wendet ihr Hettstädt mit dem zürnenden Stolz eines Theaterhelden den Rücken und folgt Bürgermeisters, die so eilig ihren Weg fortsetzen, als sei die Luft um Fräulein von Uttenhofen her verpestet.

Margret klammert sich an das Staket, um nicht zu Boden zu sinken. Sie hat das Gefühl, als habe sich die Erde vor ihr aufgetan, um sie in gähnend schwarzer Tiefe zu verschlingen. Was war geschehen?

Sie reibt sich mit eiskalten, bebenden Fingern die Stirn, um das Furchtbare, Entsetzliche zu fassen! Und als ihr das Verständnis kommt, als das furchtbare Wort „Dirne!“ ihr wie ein Todesurteil in den Ohren gellt, da ringt sich ein leises Stöhnen über ihre erbleichten Lippen, ein Frösteln geht durch ihre Gestalt, wie eine Blume zittert, wenn sie ein mordender Rauhreif getroffen.

Sie wankt weiter, — sie starrt mit tränenlosen Augen zu dem klaren Nachthimmel empor, — wie ein Aufschrei qualvoller Erbitterung geht es durch ihre Seele: „Lohnst du die Werke der Barmherzigkeit also — du Gott, der sich die Barmherzigkeit selber nennt?!“ —

Die Nachtigallen schlagen im Gebüsch, weiche, balsamische Frühlingsluft weht um ihre Stirn, und das Mondlicht flimmert über Margrets Haupt wie segnende Geisterhände. —

Da fluten Tränen über ihr Angesicht, heisse, erlösende, rettende Tränen! —

Dunkel und still ist es in dem Hause, dessen Tür glücklicherweise noch nicht verschlossen war. Wie eine Nachtwandlerin, mechanisch, müde steigt Margret die schmale Holzstiege empor.

An der Flurtür erscheint Frau Agnes, bereits im Negligé, die Fäuste in die Seiten gestemmt, das feiste, rote Gesicht entstellt von Zorn und Brutalität, — das vollendete Bild des bösen Weibes.

Eine Flut von Schmähungen ergiesst sich über die Nahende.

Das sollte die versprochene Zärtlichkeit und Holdseligkeit gegen den Herrn Bräutigam sein, wenn die Mamsell Habenichts überhaupt nicht zum Abendessen erschiene und ohne jedweden triftigen Grund sich die halbe Nacht herumtriebe. Der Amtsrichter sei empört, aufs höchste beleidigt, und das mit Recht! Und wenn es die Mamsell nicht morgen wieder ins reine brächte, und es womöglich dahin käme, dass Herr Hettstädt ihr aufschriebe, dann möchte sie nur gleich ihr Bündel schnüren, denn der Professor habe auch keine Lust, liederliche Weibsbilder durchzufüttern!

Margret antwortet nicht, sie verschlingt die bebenden Hände voll stummer Qual vor der Brust, und Frau Hauser scheint auch gar keine Rechtfertigung zu erwarten, sie schlägt die Tür schmetternd hinter sich ins Schloss, und das junge Mädchen tastet sich im Dunkeln nach ihrem Stübchen.

Mondschein füllt es mit silbernem Licht, und wie vernichtet vor Leid und Weh sinkt Margret auf die Knie und presst das Antlitz in die Hände.

Was ist geschehen?

Ach, dass sie selber das Furchtbare, Entsetzliche fassen und begreifen könnte!

Vernichtet! Moralisch gemordet! Ihre Ehre aufs rettungsloseste gebrandmarkt! O Herr des Himmels, solch eine Schmach ist ja gar nicht auszudenken!

Kann sie jemals vor der Welt wieder gerechtfertigt werden?

Wenn der Bursche die Wahrheit aussagt, wie sie den Verwundeten fanden und unter das erste beste Dach schleppten — —

Aber nein! Das würde ja den jungen Offizier aufs äusserste blossstellen, würde es stadtbekannt machen, in welch unwürdigem Zustand er sich befunden, und die Folge würde sein, dass er den Abschied bekäme, — sagte der Bursche nicht so? —

Dann ist die Existenz eines jungen Menschen, der vielleicht noch viel Gutes und Nützliches in der Welt wirken kann, für immer vernichtet, und warum? Um ihr armseliges, nutz- und zweckloses Dasein dem Elend zu erhalten. Nimmermehr! — Sie muss und wird schweigen, um ihn zu retten, — was liegt an ihr? —

Und doch ... wenn Olmütz auf sein Ehrenwort versicherte ...

Margret schüttelt leidenschaftlich das Haupt. Umsonst! Kein Mensch würde ihm Glauben schenken! Was nützen Worte angesichts der vernichtenden Tatsache, dass ein junges Mädchen in der Nacht die Wohnung eines Herrn verlässt? —

Ach, es bedurfte nicht der bitteren, feindseligen Stimmung der ganzen Gesellschaft gegen sie, um sie durch diese Tatsache für ewige Zeit zu richten.

Verlassen und verloren! Wie der Stein auf den Strassen — so schutzlos allein! —

Die Würfel sind gefallen.

„Schnüre dein Bündel! Deines Bleibens ist’s in diesem Hause nicht länger!“ — sagte es Agnes nicht schon heute abend? Ach — und was wird sie erst sagen, wenn sie morgen die ganze furchtbare Wahrheit erfährt, — wenn sie hört, was geschehen ist, was der Amtsrichter der Braut angetan! — Margret schaudert, voll Entsetzen springt sie empor und krampft die Hände um die Stuhllehne. Nur das nicht erleben!

Soll sie denn den Leidenskelch noch bis zum letzten Tropfen auskosten?

Ihres Bleibens in diesem Hause ist nicht länger; sie muss gehen, — und je eher sie es tut, desto besser.

Mechanisch greift sie nach dem Licht und entzündet es; mit unsicher tastenden Händen, voll fieberischer Hast beginnt sie ihre wenigen Habseligkeiten zu packen.

Auf dem Tisch liegen Zeitungen, sie wickelt ihre Sachen darein, öffnet den kleinen Koffer und füllt ihn mit dem Notwendigsten. Und während sie, halb tot vor Angst und Sorge, davor kniet, wirbeln die Gedanken hinter ihrer Stirn —: wohin? Wohin in der grossen, fremden, schrecklichen Welt! — Gott mag es wissen, — ihm vertraut sie sich an! — Und in ihrer höchsten Not faltet sie die Hände und hebt sie voll inbrünstigen Flehens zum Himmel: „Da die Menschen mich verlassen in meinem Elend, erbarme du dich meiner, du barmherziger Vater droben! Ich habe ja keinen anderen Helfer in der Not, wie dich allein!“

Und es wird stiller in ihrem Herzen, eine wundersame Zuversicht überkommt sie plötzlich, und sie hört die Stimme des Predigers, als er ihr die Hand segnend auf das Haupt legte und ihr den Konfirmationsspruch mit auf die lange Pilgerfahrt des Lebens gab: „Aus sechs Trübsalen will ich dich erretten, und in der siebenten soll dich kein Übel rühren!“

Nun will sie des Herrn harren, — er wird es wohl machen.

Zuerst kehrt sie zurück in die Pension, wo sie ehemals so liebevoll aufgenommen war, — von da aus finden sich dann wohl schon Mittel und Wege, für ein Unterkommen zu sorgen. Die müden, umschatteten Augen beleben sich bei diesem Gedanken, eifriger noch schaffen die bebenden Hände! Und als Margret abermals ein Stück Zeitung fasst, einen Schuh hineinzuschlagen, treffen ihre Blicke eine grossgedruckte Anzeige.

Das Licht flackert, — mechanisch hebt Fräulein von Uttenhofen das Blatt.

„Frauen und Jungfrauen gebildeter Stände, die das herzliche Verlangen und den Beruf in sich fühlen, sich der Krankenpflege zu widmen, respektive als Diakonissinnen einzutreten, finden jederzeit freundliche Aufnahme in der Kinderheilstätte Bethesda.“ — Der Namen einer grossen Stadt folgt sowie die Unterschriften des Vorstandes. Wie ein leiser, halb erstickter Jubellaut ringt es sich von Margrets Lippen.

Sie rafft sich empor, sie liest ein-, zweimal, und ein verklärendes Leuchten zieht über das bleiche, tränenfeuchte Angesicht —: Jederzeit! Jederzeit findet sie Aufnahme! —

Diakonissin! —

Hochauf schlägt ihr Herz in freudigem Entzücken. Wie war es möglich, dass ihr dieser Gedanke nicht schon längst gekommen!

Welch ein anderer Beruf möchte ihr so zusagen, wie just dieser!

Diakonissin! —

Hat sie es nicht erst heute erprobt, welch eine Fülle von Seligkeit und froher Genugtuung in dem Samariterdienst liegt?

Stand sie nicht am heutigen Tage schon zweimal an seiner Schwelle, just, als sei ein Ruf an sie ergangen: Komm! Eile dem Elend und der Not zu Hilfe! Hier wohnt Glück und Frieden, kehre ein bei den Kranken und Hilflosen, sie rufen nach dir und geben deinem Leben den Wert, der es vor Gott wohlgefällig macht! Sie hatte aber diesen Ruf nicht verstanden, sie strauchelte blind und gleichgültig auf ihrem dornigen Pfade weiter ... und Gottes Hand musste erst nach ihr greifen und sie mit einem wehen, harten Schlag der Zuchtrute dem rechten Ziele zuweisen.

O, nun versteht sie den Willen des Allmächtigen, der selber von sich sagt: Meine Wege sind nicht eure Wege! —

Wie eine Flut von Licht wogt es plötzlich vor Margrets Blicken und lässt ihr armes, gequältes Herz hoch aufschlagen in gläubigem Entzücken. Sie hat eine Heimat gefunden!

Eine Tür ist vor ihr aufgetan, darinnen steht im weissen Kleid die Barmherzigkeit, die breitet die Arme nach ihr aus und lächelt sie mit dem Blick heiliger Liebe an: Kehr ein bei mir, du armes, verwaistes Kind, ich will hinfort deine Mutter sein! —

Nun kennt Margret ihr Vaterhaus.

Wie ein Aufatmen der Erlösung geht es durch ihr ganzes Wesen und Sein.

Ihre Lippen lächeln, ihre fleissigen Hände schaffen doppelt so schnell, und bald sind ihre wenigen Sachen gepackt; sie steht und blickt voll Wehmut durch das stille, kleine Stübchen. Und dann schreibt sie voll fliegender Hast noch ein paar Zeilen an den Onkel, dankt ihm voll warmer Herzlichkeit für all das Liebe und Gute, das er an ihr getan, und schwört es ihm, beim Andenken an ihre teuern Eltern, dass sie schuldlos sei, so sehr auch aller Schein gegen sie sein möge! Sie könne keine Beweise zu ihrer Entlastung bringen, Gott sei’s geklagt, und darum werde die Meinung der Stadt gegen sie sein und sie aufs härteste verdammen, — dennoch sei ihr Gewissen rein und ihre Ehre makellos. — Immerhin könne und wolle sie ihm unter diesen herben Anschuldigungen nicht länger zur Last fallen. Sie wolle sich ihren Weg durch das Leben bahnen und hoffe, ihm nach Jahren den Beweis bringen zu können, dass sie seinen Namen in Ehren gehalten. Er möge nicht nach ihr forschen, sondern sie ihrem Schicksal überlassen, es werde sich alles zum besten wenden. Wie gern hätte sie persönlich Abschied von ihm genommen, doch sei es besser, die Aufregung bliebe ihm erspart. — Noch einmal ein Lebewohl und die Versicherung inniger Dankbarkeit, — dann schloss Margret den Brief und legte ihn recht auffällig mitten auf den Tisch.

Das Licht der Kerze fiel auf ihre Hand und leuchtete auf den schmalen Goldreif an ihrem Finger.

Das junge Mädchen zuckte zusammen.

Langsam streifte sie den Reifen ab und legte ihn auf das Schreiben.

Und dabei war es ihr plötzlich, als habe sie eine erdrückend schwere, demütigende Last von sich geworfen.

Sie hob die Arme und breitete sie voll schwärmerischen Entzückens dem mondhellen Nachthimmel entgegen.

„Erlöst! — O Herrgott des Himmels, habe Dank!“ stammelte sie, — küsste den roten Streif, den der Ring auf ihre Haut gezeichnet, und lächelte wie verklärt. „Ich habe ihn geduldig getragen, wie ein Joch, das mir dein Wille, o Herr, auferlegt! Nun hast du es voll Barmherzigkeit selber von mir genommen, und das dank’ ich dir in Ewigkeit!“ —

Frei! — Ja sie war frei! —

So entflieht ein Vögelchen dem Käfig, hinter dessen Gittern es in qualvoller Gefangenschaft geschmachtet. Frei! Los und ledig von all dem Elend, das sie hier umgeben.

Nun will sie einem neuen Leben entgegengehen.

Freundliche Sterne zeigen ihr den Weg, und der ganze Frühling voll Duft und Klang zieht mit ihr und gibt das Geleit!

Ach, wie so ganz verändert lächelt Margret jetzt in seinen wonnigen Zauber hinaus! Ihr Blick schweift über die träumenden Wipfel und haftet auf dem fernen, dunklen Dach, unter dem ein bleiches, zu Tode erschöpftes Antlitz in den Kissen ruht. —

Wie heisst er, dem sie Hilfe gebracht, um dessentwillen sie selber bei Nacht und Nebel entfliehen muss, einem unbekannten Schicksal entgegen?

Ihn hielt sie barmherzig im Arm, derweil ein Blitzstrahl vernichtend ihr eigen Nest getroffen. Ach, dass sie seinen Namen wüsste! —

Aber wozu? — Die Wege, die sie künftighin wandelt, werden fernab von der Welt und ihrem Glücke liegen.

Und sie wird sich nicht danach sehnen. Unter dem Schleiertuch der Diakonissin ist kein Platz für die Myrte, wohl aber für die Erinnerung, die ihre bleichen Immortellen um das Bild eines fremden Mannes flicht.

Eines fremden Mannes! Wie kommt es, dass ihre Gedanken wieder und immer wieder zu ihm zurückkehren? — Dass sie sein Antlitz noch immer schaut, ob sie auch die Augen schliesse?

Sie wird ihn nie wiedersehen im Leben, das weiss sie, — aber sie weiss auch ein anderes: dass sie ihn nicht vergessen wird. —

Vier Schläge von der Kirchturmuhr. —

Margret richtet sich entschlossen auf und greift nach Mantel und Hut, steckt das Ledertäschchen, das das Geld für ihre Ausstattung birgt, zu sich und fasst den kleinen Reisekorb.

Er ist so leicht. —

Noch einen Abschiedsblick über den stillen Raum. Dann öffnet sie die Tür und schreitet lautlos die Treppe hinab.

Um ein halb fünf Uhr geht der Schnellzug, der sie in wenig Stunden zu dem ersehnten Ziele bringt.

Der Bahnhof ist nicht weit, dennoch reichen ihre Kräfte nicht aus, den Korb zu tragen.

Voll sorgender Angst steht sie auf der stillen Strasse und blickt um sich, ob keine Menschenseele zu ihrer Hilfe naht.

Da rumpelt es heran. Der Milchwagen aus der Vorstadtmolkerei. Margret kennt den alten Mann, der ihn lenkt. Sie ruft ihn an — sie bittet! Und nach wenig Augenblicken ist der Korb aufgeladen, sie selber sitzt neben dem freundlichen Helfer und fährt dem Bahnhof entgegen.

Die ersten roten Strahlen flammen am östlichen Himmel auf.

Die Nacht versinkt, — voll sieghafter Pracht steigt die Sonne empor.

Margret wendet ihr voll lächelnder, hoffnungsfroher Zuversicht den Blick entgegen, — ihr Begleiter aber schüttelt nachdenklich den Kopf und sagt: „Es steht noch eine Nebelwand davor! — Wollen sehen, ob die Sonne sie niederzwingt!“ —

Sechstes Kapitel.

Im nördlichen Deutschland, nahe der Küste des wogenden Bernsteinmeeres, liegt Schloss Triberg.

Mächtige, uralte Waldungen umgeben es, kleine Seen spiegeln das Bild dunkler, melancholischer Tannen, und auf den trutzig stumpfen Türmen thront die Einsamkeit und starrt mit schläferigem Blick über das weite, flache Land, das den weitgedehnten Besitz der Majoratsherren Doos von Thüngen ausmacht.

Ehemals sassen die Freiherren wie kleine Könige inmitten ihres ungeheuren Besitzes, abgeschnitten von dem Verkehr mit der Aussenwelt, denn die Eisenbahn durchquerte das Land noch nicht, und die Nachbargüter lagen so weit ab, dass man sie bei den schlechten, oft grundlosen Wegen nur selten, und dann nur mit Schwierigkeiten, erreichen konnte.

Als vor etlichen Jahren aber eine Zweigbahn angelegt wurde, erreichte es der alte Erbherr von Triberg, dass sein Schloss eine Haltestelle im Wald bekam, und nun konnte man mit der angenehmen Möglichkeit rechnen, binnen einer Stunde zu der nächsten Provinzialstadt zu gelangen, die freilich für den Verkehr auch so gut wie nichts bot, da ihre Mauern nicht einmal Militär beherbergten. Immerhin war es in wirtschaftlicher Beziehung von grossem Vorteil, und wenn man sich auch in dem öden, recht schmutzigen Trinowo nicht sonderlich amüsieren konnte, so bildete die kleine Stadt doch bei besonderen Anlässen den Sammelplatz für die Gutsbesitzer der Umgegend und bot durch ihr Sommertheater oder durch ein Winterkonzert, das durchreisende Künstler veranstalteten, etwas Abwechslung.

Der bejahrte Freiherr Doos von Thüngen, der seit langen Jahren Schloss Triberg bewohnt, hatte nicht viel Wert auf Zerstreuung gelegt.

Er lebte mit seiner sehr kränklichen Frau in kinderloser Ehe, war ein unzugänglicher, mürrischer alter Mann, dem das Leben von Jugend auf die liebsten Wünsche versagt hatte, den es an Liebe und Glück bettelarm gelassen, obwohl es ihm den feudalsten und herrlichsten aller Besitze als schwarze Perle in den Schoss geworfen.

So war Baron Georg ein stiller, verschlossener Mann geworden, der sich von der Welt, die ihn so wenig mehr befriedigte, hinter die gewaltigen Mauern seines Schlosses zurückzog und nur noch Interesse für seine Bücher hatte — „die treuesten und selbstlosesten Gesellschafter“, wie er sagte, „die einzig imstande sind, der Phantasie das verlorene Paradies von Glauben, Liebe und Treue neu zu erschliessen“.

Die Bewirtschaftung des Gutes interessierte ihn nicht.

„Für wen soll ich schaffen und arbeiten?“ grollte er. „Einen Sohn besitze ich nicht, meinen Erben kenne ich nicht, — was kümmert es mich!“

Trotzdem wies er jeden Versuch seiner Cousine, ihm den zukünftigen Besitzer von Triberg zuzuführen, ebenso eigensinnig wie unfreundlich zurück.

„Der Knabe ist mir gleichgültig,“ antwortete er in seiner schroffen Weise der Mutter des jungen Maurus; „warum eine Komödie verwandtschaftlicher Zuneigung aufführen? Ich sehe in Ihrem Sohn lediglich einen Menschen, der voll Ungeduld auf meinen Tod wartet.“ —

Was war gegen solche Feindseligkeit zu machen? Baron Georg war zu erbittert und gönnte der verwitweten Cousine nicht das, was ihm selber so grausam versagt geblieben, — einen Sohn.

Glücklicherweise lag die Verwaltung des grossen Besitzes in sehr treuen und zuverlässigen Händen, so dass durchaus geregelte und günstige Verhältnisse vorgefunden wurden, als Baron Georg ziemlich unerwartet an einer Lungenentzündung starb.

Seine Cousine, die Mutter des nunmehrigen Besitzers von Triberg, war ebenfalls einem langjährigen Leiden erlegen, und Maurus stand als junger Ulanenoffizier in der Residenz und war so mit Leib und Seele Soldat, dass er noch keinerlei Lust verspürte, sich in jungen Jahren schon in der Einsamkeit des alten Schlosses zu begraben.

Er wusste die Güter ja in besten Händen, liess die Verwaltung derselben in nämlicher Weise wie bisher bestehen und traf nur zu dreitägigem Aufenthalt auf Triberg ein, um sich seinen Beamten als neuer Herr und Besitzer zu zeigen und etliche Formalitäten zu erfüllen.

Seine Tante bekam er nicht zu sehen.

Die Kranke war durch den Tod des Gatten aufs tiefste erschüttert und leidender wie je; sie durfte das Bett nicht verlassen und liess dem Neffen nur durch ihre Kammerfrau die Bitte aussprechen, „der junge Herr Baron möge doch die Pietät haben und den letzten Willen des Verstorbenen respektieren“.

Dieser letzte Wille war dem Testament in einem Briefe an Maurus beigefügt.

Der Verstorbene sprach den Wunsch aus, bei den ungeheuren Raumverhältnissen des Schlosses, seiner Gemahlin ihre jetzige Wohnung zeitlebens als Witwensitz zu belassen, da sie zu krank sei, um noch einen Wohnungswechsel ertragen zu können.

Maurus schrieb einen sehr herzlichen und ritterlicheleganten Brief an die unbekannte Tante, in dem er ihr sein wärmstes Beileid aussprach und ihr versicherte, dass er es sich zur besonderen Freude und Ehre anrechnen werde, wenn die gnädigste Tante ihren Aufenthalt auch ferner auf dem Schlosse nehmen und ganz wie in bisheriger Weise als Herrin in demselben schalten und walten würde! Er selber gedenke vorläufig noch seinem Säbel treu zu bleiben, und wenn er auch später einmal eine junge Gattin nach Triberg führen werde, so solle dadurch die Stille und Behaglichkeit der sehr verehrten Tante nicht gestört werden!

Die Kranke las den Brief unter Tränen.

Wie gern hätte sie dem Schreiber die Hand dafür gedrückt und ihn kennengelernt, — hörte sie doch von allen Seiten nur die besten und anerkennendsten Worte über den jungen Offizier, der die Verkörperung aller Liebenswürdigkeit und edler Männlichkeit sein sollte. —

Die Kammerfrau beschrieb ihn als schlanken, hochgewachsenen Herrn, mit ernsten, aber sehr sympathischen Gesichtszügen, mit blondem Haar und dunkelblauen Augen, für seine Jahre auffallend gesetzt, und von vornehmer Zurückhaltung, die jedoch nicht im mindesten steif und hochmütig wirke.

„Nun, — so Gott will, erlebe ich es noch, ihn einmal kennenzulernen, er wird doch öfters hier zu tun haben!“ — nickte Frau Alma in ihrer sehr leicht weinerlichen und wehleidigen Art, „und nicht wahr, liebe Buschmann, — solange wird mich ja der Barmherzige noch bei euch lassen?!“

„Das versteht sich, Frau Baronin, — viel länger noch! Nun wird es ja von Tag zu Tag besser!“ — ein Trost, den die alte Frau schon seit langen Jahren mit demselben ängstlichen Forschen und derselben Zuversicht glaubte.

Der neue Majoratsherr war abgereist, und es ward für die Witwe seines Vorgängers noch viel einsamer und trauriger, als wie je zuvor.

Früher hatte ihr Gatte manche Stunde lang an ihrer Chaiselongue gesessen und vorgelesen; das konnte aber weder Frau Buschmann, noch die Wirtschafterin, noch ein anderes Wesen im Schloss, und die Augen der Kranken vermochten es nicht, anhaltender Lektüre zu pflegen.

Auch die Karten-, Schach- und Damespiele hatten nun ihr Ende, und Baronin Alma weinte von Tag zu Tag trostloser in ihr Spitzentaschentuch und jammerte nach dem Verstorbenen, ohne dessen Pflege und Unterhaltung sie wirklich nicht mehr leben könne!

Frau Buschmann und der Arzt tuschelten zusammen und schüttelten bedenklich die Köpfe, und dann setzte sich der Doktor neben seine Patientin, drückte den Knopf des altmodischen Rohrstocks an das Kinn und sagte: „So geht das nicht mehr weiter, Frau Baronin. Sie brauchen Gesellschaft; irgendein junges, frisches Wesen, das Sie zerstreut und aufheitert!“

„Eine Gesellschafterin? Eine Fremde hier in das Haus?“ schrak Frau Alma empor. „O, niemals, bester Doktor, — wo denken Sie hin!“ —

Frau Buschmann trat resolut näher.

„Und warum nicht, gnädige Frau? Ehemals war es doch nur der Herr Baron, der keine unbekannten Gesichter um sich leiden mochte und behauptete, solch fremde Frauenzimmer genierten ihn! — Aber jetzt fällt doch dieser Grund fort, — uns allen wäre so ein nettes, munteres Fräulein, das Leben und Heiterkeit hier in die dunklen Zimmer trüge, sehr willkommen! Sie könnte musizieren, vorlesen, Dame spielen, — kurz alles, was zur Unterhaltung nötig ist!“ —

„Eine Fremde! Aber liebste Buschmann, — wie sollte ich alle Traditionen, — alle Wünsche und Vorurteile meines teuren Georgs so über den Haufen werfen! — Das wäre ja treulos! Das wäre doch schlecht!“ — und die alte Frau drückte abermals das Taschentuch gegen die Augen und weinte schon wieder.

Der Doktor und die Kammerfrau wechselten einen schnellen Blick des Einverständnisses.

„Nun, eine Fremde braucht es ja nicht gerade zu sein!“ sagte der Arzt im Tone freundlichen Zuredens. „Es wäre sogar noch viel besser und angenehmer, wenn irgendeine Verwandte, eine junge Nichte oder Cousine den Platz an Ihrer Seite ausfüllen könnte!“

„Eine Cousine? Ich wüsste wahrlich keine ... und eine Nichte ... ausser den Kindern meiner Schwester besitze ich überhaupt keine ... und die ...“

„Nun, die Komtesse Joriède!“ — rief Frau Buschmann eifrig, — „da hätten wir ja gleich eine!“

„Ich will’s überlegen, — bitte, drängen Sie mich nicht!“ wehrte die Kranke nervös ab, — und man wechselte das Thema.

Als der Doktor sich verabschiedet hatte, wandte die Baronin den Kopf jählings zu der treuen Dienerin.

„Sie waren vorhin beleidigt, liebe Buschmann, dass ich nichts von der Joriède wissen wollte, aber ... sehen Sie, — ich will ganz aufrichtig mit Ihnen sprechen! Wir stehen uns nicht sonderlich mit den Perpignaus! Als meine Schwester den französischen Attaché heiratete, erregte die Ehe sowohl in unserer wie in seiner Familie gerechten Unmut. Deutsch und französisch taugt nicht zusammen, ohne irgendwie fanatisch zu sein! — Es ist nun mal seit altersher ein zu scharfer Riss zwischen dort und hier, — und wenn auch zwei Ausnahmemenschen sich mal liebgewinnen, so kittet das doch die Extreme nicht zusammen! Wir boten alles auf, meine Schwester von der Heirat abzureden, und die Familie des Vicomte tat das Ihre, — es nützte nichts. — Nun, man gab nach. Der Vicomte Gournay de Perpignau war ein ebenso vornehmer wie vermögender Mann, meine Schwester, als Sprössling eines alten Adelsgeschlechtes, bildhübsch und auch sehr gut gestellt, konnte überall als Schwiegertochter nur hochwillkommen sein. — Sie heirateten also, und die Familien erzeigten sich auf der Hochzeit die formellen Höflichkeiten; nur mein Mann, der ja stets etwas absonderlich war, konnte sich durchaus nicht an den welschen Schwager gewöhnen. — Immerhin kam es zu keinem Zerwürfnis. Jahre vergingen. Ein Kind nach dem andern ward bei Perpignaus geboren, und du kennst in dieser Beziehung die Eifersucht meines armen Mannes, dessen höchstes Sehnen ein Sohn war. Acht Kinder im Hause der einen Schwester, — in dem der andern keines. Die gute Susanne, meine Schwester, war auch nicht sehr zartfühlend, sie schrieb so viele Dinge, die Georg noch mehr verdrossen, — er verbat sich ein für allemal den Besuch der Familie. Mein Schwager Raoul lebte in der grossen Welt, er hatte noble Passionen, er war durch seine Stellung verpflichtet, ein grosses Haus zu machen, — doch dies allein wäre von den vorhandenen Mitteln zu bestreiten gewesen. Mein Mann behauptete indes seit jeher, der Vicomte habe keinen guten Charakter. Er sei masslos egoistisch, rücksichtslos und falsch, — eine Konduite, über die wir andern natürlich lächelten, denn wir glaubten in der Eifersucht auf die acht Kinder die Wurzel dieses Vorurteils zu kennen. So ganz ungerechtfertigt war dasselbe jedoch nicht, das zeigte sich nach meines Schwagers Tode. Man munkelte, dass sich der Legationsrat in gewinnsüchtiger Weise Indiskretionen habe zuschulden kommen lassen, — gewisse Intrigen seien von ihm eingefädelt, und an seinen plötzlichen Tod infolge eines Schlaganfalls glaubte niemand so recht, — am wenigsten mein Mann. Die Vermögensverhältnisse stellten sich als recht zerrüttet heraus, — es blieb meiner Schwester gerade nur das Notdürftigste, um mit ihrer grossen Familie standesgemäss leben zu können. Selbstredend haben die Töchter keine Mitgift zu erwarten, und fünf unverheiratete Mädchen im Hause ist eine Sorge für meine Schwester. Nach dem Tode meines Mannes legte sie es mir schon sehr nahe, dass ich Joriède, die Älteste, zu mir nehmen und sie zu meiner Erbin machen solle, — aber ich besitze selber kein nennenswertes Vermögen mehr, habe dreimal in den ersten beiden Jahren meiner Ehe, als wir uns noch einbildeten, für Leibeserben zu sorgen, grössere Kapitalien gegeben, um diesen Schlossflügel auszubauen und neue Wirtschaftsgebäude auf dem alten Vorwerk aufführen zu lassen, dann bezahlte ich meinem Bruder Stephan die Schulden, — und schliesslich liess ich noch die recht kostspielige Beleuchtung und Zentralheizung hier einrichten, — Sie wissen ja, Buschmann, was das alles besagen will! — Also auf eine nennenswerte Erbschaft ist bei mir nicht mehr zu rechnen, und ausserdem werde ich nun und nimmermehr eines meiner Geschwisterkinder bevorzugen, am wenigsten Joriède, denn wie ich von verschiedenen Seiten hörte, soll gerade sie die meiste Ähnlichkeit mit dem Vater haben. Ich habe nun meiner Schwester auf all ihre Wünsche ablehnend schreiben müssen, und das nahm sie sicher sehr übel!“

„Haben sich denn Frau Baronin niemals ein Bild von der Komtesse schicken lassen, vielleicht hat sie doch etwas recht Ansprechendes in ihrem Äussern! Wie alt ist sie wohl?“

Frau von Doos-Thüngen wiegte einen Augenblick nachdenklich das ergraute Haupt.

„Sie muss mindestens sechs- oder gar siebenundzwanzig Jahre zählen ... sie ist die älteste der Töchter, zwei Söhne wurden vor ihr geboren. Und ansprechend?— Ach, liebe Buschmann, was lässt sich nach einer Photographie beurteilen, auf der die Augen, diese Spiegel der Seele, die uns in der Wirklichkeit soviel sagen — doch nur mehr oder minder schwarze Punkte sind!“ — Die Sprecherin unterbrach sich und wandte das bleiche, hagere Antlitz dem Diener zu, der auf der Schwelle erschien und respektvoll wartend neben der seidenrauschenden Portiere stehenblieb. „Was bringen Sie, Friedrich?“

„Die Posttasche, — zu Befehl, Frau Baronin.“

„Nehmen Sie ab, Buschmann, und reichen Sie mir den Inhalt! — Ach, diese furchtbaren, schwarzgeränderten Briefe, wie tut ihr Anblick meinem Herzen so weh!“

Und abermals zitterten Tränen, diese ständigen Gäste, in den müden Augen der alten Frau.

Frau Buschmann schüttelte den Inhalt der grossen Ledermappe auf den Tisch.

Journale, Zeitungen, die Lieferung eines Werkes, auf das der verstorbene Baron noch abonniert, ein paar Karten und Trauerbriefe.

Die Kammerfrau neigte sich jählings und blickte schärfer auf einen der Umschläge.

„Ah — soviel ich mich auf die Schrift entsinne, ist dies wieder ein Schreiben von Madame la Komtesse de Perpignau! Das würde ja zu recht gelegener Zeit eintreffen!“

„Ah? Tatsächlich von meiner Schwester? — Das freut mich, dass sie mir nicht grollt ...“

„Und wie ein Wink vom Himmel ist’s!“

„Meine Brille, Friedrich! Dort auf dem Tischchen neben der Chaiselongue! — Die Mappe kann fürerst hier liegenbleiben, der Postbote soll in der Küche gespeist werden. — Es ist gut, Friedrich, ich danke Ihnen!“

Frau Buschmann hatte das steife Kuvert mit der silbernen kleinen Schreibtischschere aufgeschnitten, legte den Brief voll eleganter Umständlichkeit auf eine Cuivreschale und präsentierte ihn der Herrin. Dann wandte sie sich bescheiden zur Tür. Ihre Gebieterin aber machte eine jähe Handbewegung: „Bleiben Sie, meine Getreue! Möglicherweise können wir unser Thema von vorhin weiter ausspinnen.“

Sie neigte sich näher zum Fenster und las. Mehrere Male nickte sie wie zustimmend vor sich hin, eine gewisse Betroffenheit malte sich in ihren Zügen, sie lächelte ein wenig und las eifrig weiter. Die Vikomtesse de Perpignau aber schrieb:

„Meine einzig geliebte Alma!

Tausend Dank für Deine soeben erhaltenen Zeilen, die mir durch ihre rückhaltlose Offenheit am besten beweisen, dass Dein Herz noch in der alten Liebe und Treue für die Schwester schlägt. Und in diesem gleichen Gefühl herzlichen und ehrlichen Vertrauens will ich Dir antworten und Dir auch die geheimsten Gedanken meiner Seele kundtun. Du weisst, wie die Verhältnisse bei uns liegen. Glänzender Titel — wenig Mittel — viele Kinder, die versorgt werden müssen. Die beiden ältesten Söhne kosten als Offiziere in guten Regimentern sehr viel, Charles und Dodo sollen studieren, — die Kleine hat wenigstens Passion und sehr viel geistige Fähigkeiten — je nun — und heutzutage gehört es ja zum guten Ton, auch Mädchen zu Doktoren zu machen. Was aber soll mit den andern Töchtern werden? Kein nennenswertes Talent, keine glänzende Begabung — die jüngsten sind wenigstens hübsch, während das bei Joriède Geschmackssache ist. Man findet sie interessant — pikant — und sie hat auch genug Anbeter, aber keinen darunter, der eine Frau ohne Mitgift heiraten kann. Arme Joriède! Sie wird nun siebenundzwanzig Jahre, und Du wirst es mir als Mutter nachfühlen, dass es meine grösste Sorge ist, ihre Zukunft gesichert zu wissen. Dass Du, meine teure Alma, ehemals Dein Vermögen in das Gut stecktest, ist ja nur begreiflich, da Ihr den Besitz auf der Höhe erhalten wolltet — in dem Gedanken an einen Sohn. — Gott hatte es anders beschlossen. Ach wie gern hätte ich Dir einen von meinen Prachtjungens abgegeben. Immerhin ist es doch sehr zu beklagen, dass Dein Vermögen — Lassowsches Geld, nicht unserer Familie, sondern derjenigen Deines Gatten zugute kommt. Für einen Dir wildfremden jungen Mann hast Du Dein Hab und Gut hingegeben, während Dein eigen Fleisch und Blut, Deine Neffen und Nichten darben müssen. Ich kann mir nicht denken, dass dies Gottes Willen. Eine gewisse Gerechtigkeit, ein Ausgleich macht sich doch in allen Menschenschicksalen bemerkbar, und wo er nicht von selber eintritt, sind wir wohl berechtigt, ihm durch ein wenig Intelligenz und Klugheit zu Hilfe zu kommen! —

Ahnst Du, liebste Alma, welche Gedanken mein Hirn durchkreuzen? — Findest Du nicht selber, dass es der beste Weg wäre, Dein Geld wieder Deiner eigenen Familie zuzuführen, wenn Dein Neffe Maurus, der jetzige Majoratsherr, unsere Joriède heiratete? Ich finde, dieser Gedanke ist zu schön, um nur ein Traum zu sein! Und wie leicht liesse sich das wohl arrangieren! Wenn Du unter dem Vorwand, ein junges Wesen zur Zerstreuung und Erheiterung um Dich zu haben, Joriède nach Triberg kommen liessest? Fraglos wird Maurus im Herbst zu den Jagden auch nach dort kommen, — wenn nicht, kannst Du ihn ja so gut einladen, ‚weil es Dich so lebhaft interessiert, ihn näher kennenzulernen!‘ — Auch hat er doch wohl öfters geschäftliche Angelegenheiten auf dem Gute abzuwickeln. Wenn sich zwei junge Menschen in der Einsamkeit täglich sehen und miteinander verkehren, so führt sie das besser und sicherer zusammen, wie sechs Wintersaisons mit allen Bällen und all der Konkurrenz, die eine Dame der andern macht. — Du kannst auch Dein Teil dazu tun, liebste Alma, kannst Maurus den Gedanken etwas nahelegen, indem Du ihm in zarter Weise andeutest, dass Jorièdes Erbteil in dem Besitze stecke! — Joriède ist ganz Persönlichkeit, einen Mann zu fesseln, sie wird sich fraglos sehr geschickt benehmen, denn — du liebe Zeit, dem armen Wurm sitzt nun das Messer an der Kehle, und Besitzerin von Triberg zu werden ist keine Bagatelle. Auch hörten wir, dass Dein Neffe ein sehr hübscher, vornehmer, ernst denkender und solider Mann sein soll; auf ihn wird die moralische Verpflichtung gegen Joriède mehr Eindruck machen, wie auf einen leichtlebigen Sausewind!

Also Herzens-Alma! Hilf uns! Sieh, ich habe Dir mein ganzes Herz rückhaltlos bis in das innerste Fältchen aufgedeckt! Ach, Du kennst nicht die Angst und Sorge einer Mutter um ihr Kind, — sie entschuldigt alles, selbst dieses Heiratsprojekt, das Dir vielleicht recht frivol und unweiblich vorkommt! Nicht wahr, meine inniggeliebte Alma, Du versagst dem armen Mädchen Deine Hilfe nicht? Vorläufig weiss Joriède noch nichts von diesem Plan, sie ist nur erfüllt von dem Gedanken, zu Dir eilen zu dürfen, Dich zu hegen, zu pflegen, zu zerstreuen und zu amüsieren! Leider ist sie nicht sehr musikalisch, aber ein paar einfache kleine Lieder singt sie! — Und ein goldenes Herz hat das Kind! — Sie opfert sich auf in der Sorge für mich und ihre Geschwister, gewöhnt zu dienen und zu helfen, — o, sie würde Dich auf Händen tragen und Dein guter Engel sein! Anspruchslos und bescheiden ist sie, — gewillt, sich überall nützlich zu machen! In vielen Dingen freilich auch noch ein wenig unerfahren! Ich habe die Kinder stets durch viel Liebe und Güte verwöhnt, ich hatte ja nichts anderes mehr auf der Welt als wie sie! — Das fühlt mir Dein armes, wehes Herz wohl am besten nach, meine Alma! Du hast ja soeben auch Dein Liebstes und Einzigstes begraben, Du weisst, wie der Witwenschleier jedes Sonnenlicht verfinstert, wie furchtbar es ist, zurückbleiben zu müssen, wenn die kalte Erde alles verschlingt, was uns das Leben noch teuer und wert machte! O, diese Vereinsamung! Sie ist das furchtbarste Schicksal! Und bedenke, wie einsam, wie todesverlassen meine unglückliche Joriède ihr Leben lang sein wird, wenn ich einmal von ihr gerufen werde, — wenn Du jetzt nicht erbarmend Deine Hände nach ihr ausstreckst — —“

Die Leserin liess den Brief leise aufschluchzend niedersinken. So geteilt ihre Gefühle auch anfänglich bei der seltsamen Lektüre gewesen waren, so sehr gewann jetzt die Rührung die Oberhand, und namentlich die letzten Zeilen, die so sehr auf die Tränendrüsen wirkten, verfehlten ihre Wirkung nicht.

Baronin Doos von Thüngen war eine von Herzen gutmütige und nicht allzu scharfgeistige Frau, und da sie auch nie Gelegenheit im Leben gehabt, viel Energie zu betätigen, so war sie leicht zu beeinflussen.

Die Aufrichtigkeit ihrer Schwester tat ihr wohl, wenngleich sie anfänglich ihren Plan nicht sonderlich billigte, und wenn sie es bedachte, so recht nachdrücklich überlegte — ja, dann hatte die Vikomtesse wirklich recht! Es war eine Ungerechtigkeit, dass sie ihr Geld den eigenen Angehörigen entzog, um es einem Fremden zu geben. Und schliesslich — war Joriède Vikomtesse Gournay de Perpignau nicht eine vortreffliche Partie für Maurus? Bei ihm kam es doch wahrlich nur auf die Titel und nicht auf die Mittel an! — Ist es ausserdem nicht ein erfreulicher Gedanke für sie, dereinst die eigene Nichte und nicht eine fremde, gleichgültige, unsympathische Dame als Herrin und Nachfolgerin im Besitz von Triberg zu sehen? Wahrlich, der Plan der Schwester war so übel nicht. Wenn sich die Herzen der jungen Leute in Liebe finden, wird Baronin Doos die herzlichste Freude darüber empfinden!

Sie trocknete die überströmenden Augen, seufzte ein paarmal tief auf und blickte dann ganz erschrocken auf Frau Buschmann, — sie hatte die Anwesenheit der Getreuen ganz vergessen. „Ah — Sie warten noch auf Antwort, liebe Buschmann!“ lächelte sie und strich mit der nervös zitternden Hand über den Brief: „Ja, es bleibt nichts anderes übrig! Lassen Sie zwei Zimmer für die Komtesse herrichten, sie wird für längere Zeit zu uns kommen!“

„O, welch eine Freude! Das wird ein neues, frohes Leben geben!“ knickste die Kammerfrau freudestrahlend und küsste die Hand ihrer kranken Gebieterin.

Darmowy fragment się skończył.

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9788711472781
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